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Kein Gefühl

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14.04.24 17:09
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

"Willst du es behalten?", fragt er Lilly.

Seine Stimme klingt so eiskalt, dass man glauben könnte, dass der Winter mitten im Raum eingebrochen wäre. Plötzlich friert sie und zittert am ganzen Körper. Was will er jetzt hören? Angst durchflutet ihren Leib und am liebsten möchte sie weglaufen, bevor er dazu kommt etwas Schlimmes zu tun. Sie möchte es ihm sagen, aber ihre Worte stecken in ihrer Kehle wie ein Felsbrocken voller Stacheln, sich festgesetzt haben.

"Falls du es behalten willst, dann sollst du wissen, dass ich die Verantwortung voll und ganz übernehme. Aber ich werde nicht am Leben dieses Kindes teilhaben. Es soll euch an Nichts fehlen. Schick mir einfach die Rechnung und ich überweise dir sofort die Summe. Es soll auch eine gute Schule besuchen und falls es später auch ein Thema ist, auch zur Uni gehen. Aber mehr werde ich nicht tun, lass dir das ein für allemal gesagt sein."

"Aber..."

"Spar dir deine Worte. Es bleibt dabei. Ich zahle und das muss reichen."

"Aber, ich will...."

"Abbrechen? Mach doch, was du willst. Wie gesagt: Schick mir einfach die Rechnung."

Er kehrt ihr den Rücken zu und verlässt die Wohnung. Kennt sie ihn so schlecht? Warum ist er plötzlich so eiskalt? So hat sie ihn doch nicht kennen gelernt. Er war so liebevoll, so zärtlich und so voller Humor. Es kommt ihr so vor, als ob mit ihrer Schwangerschaft dieser wunderbare Mann zu einer vollkommen Person geworden ist. Was soll sie jetzt tun? Die Verwirrung ist so heftig, dass sie gerade nicht im Stande ist klar zu denken. Kurz danach folgen die Tränen und Verzweiflung. Eine Welt, die vorher so schön war, zerbricht wie Glas. Versucht sie die Scherben zusammen zu setzen, dann verletzt sie sich erst Recht.

"Ich habe dich betrogen und sie geschwängert"

Der Schock packt sie mit voller Wucht. Sie ist wie erstarrt und gleichzeitig durchflutet sie der pure Zorn, da sie nicht glauben kann, was er ihr da erzählt. Warum ist ihr nichts aufgefallen? Es war doch alles so gut. Beide haben doch schöne Zeiten erlebt mit Reisen, Unternehmungen mit Freunden mit ihrer tollen Tochter. Jetzt ist das Kind erwachsen und sie hatte das Gefühl, dass durch diese neu gewonnene Freiheit ihre Liebe wieder voll erblüht. Doch in diesem Moment glaubt sie einen völlig Fremden vor sich stehen zu haben.

"Was sagst du da?! Wie lange läuft das schon!"

"Lang genug, dass etwas zu Stande kommen konnte. Ich habe ihr gesagt, dass ich zahlen werde, aber nichts mit dem Kind zu tun haben will. Sie wäre dumm, wenn sie es behalten würde, weil sie gerade dabei ist eine gute Position zu ergattern. Ich muss noch einen Termin machen."

"Was für einen Termin?"

"Ich will eine Vasektomie."

" Was....?...Damit du weiter herumficken kannst? Jetzt, da du endlich dein zweites Kind bekommst, weil ich es dir nicht geben wollte?!"

"Ich habe mit diesem Kapitel abgeschlossen und du wirst es akzeptieren müssen."

"Soll das jetzt die Rache dafür sein, dass ich damals abgetrieben habe, weil du dieses Kind unbedingt wolltest?"

"Ach, Anna, glaubst du wirklich, dass es mir darum geht? Ich bin jetzt 49 und habe keine Lust mehr nochmal von vorne anzufangen. Ich will nur noch meine Ruhe haben. Unsere Tochter ist jetzt aus dem Haus und das soll auch so bleiben. Vielleicht schenkt sie uns zwei Enkelkinder. Die kann man ja wieder abgeben. Ich werde mir keine Geliebte mehr nehmen. Dass verspreche ich dir."

"Ach, und das soll ich dir glauben?! Hast du schon Mal darüber nachgedacht, dass ich vielleicht doch ein zweites Kind möchte!"

"Dazu sage ich nur: My Body my Choice."

Bei diesen Worten fällt ihr nichts mehr ein. Anna schweigt, da sie jetzt am eigenen Leib erfährt, was diese Aussage bedeutet. Genau das hat sie auch zu ihm gesagt als sie sich dazu entschlossen hat die Schwangerschaft abzubrechen. Soll das jetzt ihre Strafe sein oder will er lediglich seine Macht über seinen Körper an ihr demonstrieren? Er schaut sie regungslos an. Absolut kein Ausdruck ist die n seinem Gesicht zu erkennen. Es kommt ihr so vor, als ob er keine Seele mehr hätte.

"Da fällt mir gerade ein, dass ich noch einkaufen muss. Schreib mir eine WhatsApp, falls du etwas bestimmtes möchtest."

Er nimmt sich zwei Taschen und verlässt dann das Haus. Was ist bloß mit Manuel geschehen? Anna versteht es einfach nicht.

Warum ist das so?

Eigentlich müsste ich froh über dieses Kind sein, doch ich spüre absolut nichts. Noch nicht Mal, als Lilly mir sagte, dass sie das Kind behalten will. Sie versucht mich zu überzeugen, zu den Untersuchungen mitzukommen, aber das werde ich nicht tun. Sie muss da alleine durch, weil ich kein Bock mehr darauf habe.

Das Geld muss ihr reichen. Das betone ich immer und immer wieder. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht dazu verpflichtet fühle ihr zu helfen. Selbstverständlich, passe ich auf das Kind auf, wenn es absolut notwendig ist. Ich gehe auch für Lilly einkaufen, wenn sie zu krank ist, um es selbst zu machen. Ich hole das Kind auch von der Kita und Schule ab, wenn es sein muss.

Ich habe ihr auch meine Nummer gegeben, damit sie mich als Notfall-Kontakt angeben kann.

 

Mein Sohn ist jetzt offiziell ein Anwalt und hat eine gute Anstellung bekommen. Er verdient gut, er und sein Freund sind schon sehr lange zusammen. Er glaubt, dass ich ihn ablehne, weil er homosexuell ist. Aber soll er doch glauben, was er will, denn er braucht sich nicht einbilden, dass ich ihm eine Erklärung schuldig bin. Er kennt die Fakten, und damit muss er sich zufrieden geben.

Beide bekommen Nachwuchs: Zwillinge. Die beiden Mädchen sind süß, aber es ändert nichts an meinen Gefühlen. Ich kann nur sagen, dass ich stets bemüht bin ein guter Großvater zu sein. Leider gelingt es mir nicht immer. Einmal habe ich den Geburtstag von dem Kind meiner Tochter vergessen. Es war mir auch total egal, weil ich ein sehr wichtiges Projekt hatte, das ich pünktlich abliefern wollte. Ihre Wut war auch kein Grund für mich, mich zu entschuldigen. Es hat mich einfach nicht interessiert. Ich habe ihr Geld gegeben als Entschädigung, doch sie hat es mir heulend vor die Füße geworfen und gesagt, dass ich mein scheiß Geld behalten kann.

Sie hat sehr lange ihrer Mutter die Schuld dafür gegeben, dass ich jetzt so bin wie ich bin. Da habe ich ihr klar gemacht, dass sie ihre Mutter mit Respekt behandeln und nicht so undankbar sein soll. Immerhin durfte sie geboren werden und das Kind nach ihr hatte nicht dieses Privileg.

Einmal hat sie mich gefragt, ob ich so geworden bin, weil ihre Mutter abgetrieben hat. Da habe ich ihr gesagt, dass ich es schon gar nicht mehr weiß. Es ist einfach passiert und ich weiß auch nicht, was ich dagegen tun kann.

 

Warum ist Lilly schwanger geworden?

Meine Gefühle sind nie wieder zurück gekehrt. Dabei habe ich alles versucht: Ich war in der Therapie mit medikamentöser Behandlung. Aber nichts ist passiert. Ich habe mich nie wieder verliebt, meine Ehe besteht zwar noch, ist aber nur noch Mittel zum Zweck, da wir beide keine Lust auf eine kostspielige Scheidung haben. Ich werde nie wieder der Alte sein. Meine Hobbys bedeuten mir nichts mehr. Nur noch aus reinem Pflichtbewusstsein komme ich zu Geburts- und Feiertagen meine Kinder und Enkelkinder besuchen. Dort fühle ich mich so fehl am Platz, da ich nur herumsitze meinen Scotch trinke. Inzwischen haben sich alle daran gewöhnt, weil mein Sohn und meine Tochter den Kindern erklärt haben, dass ich an einer bestimmten Krankheit leide, die meine Gefühle erklären.

Ich wünschte ich könnte eine logische Erklärung für mein Verhalten geben, doch die Wahrheit ist, dass selbst die besten Spezialitäten mir keine Antwort geben können. Inzwischen steht in meiner Krankenakte, dass ich untherapierbar bin. Damit bin ich ein hoffnungsloser Fall.

Ich fühle für niemanden etwas. Weder für meine Kinder, noch Enkelkinder noch für irgendwenn. Mein bester Freund hat gesagt, dass er mich nicht mehr ertragen kann, weil ich nur noch ein Herz aus Stein habe. All meine Bekannten wollen mit mir nichts mehr zu tun haben.

Ich kann sie alle verstehen, aber es kümmert mich auch nicht.

Soll das die Strafe dafür sein, dass ich meine Frau betrogen habe oder unbedingt ein zweites Kind wollte? Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich nie mit der Abtreibung klar kam? Muss ich jetzt ein Leben lang dafür Buße tun?

Ich wünschte, ich könnte heulen, aber ich spüre absolut nichts.

Mein Vater ist tot.

Auch wenn er nie Teil meines Lebens war, so spüre ich tiefste Trauer für ihn. Nicht, weil ich ihn geliebt habe, weil Liebe habe ich nie für ihn entwickelt, sondern, weil Mama mir erzählt hat wie er war bevor ich gezeugt wurde. Meine Trauer gilt seinem alten Ich, dass er meinetwegen verloren hat. Trotzdem fühle ich mich nicht schuldig, weil ich ihm nichts getan habe. Wie denn auch? Wie hätte ich als Zellklumpen ihm Schaden zufügen können?

Er hat mir alles gegeben, was ich gebraucht habe, auch wenn er keinerlei Emotionen für mich empfand. Ich erinnere mich noch gerne an den Tag als er vorbei kam, um uns die Zwillinge abzunehmen, damit mein Mann und ich endlich Mal wieder einen Abend nur für uns hatten.

Er hat sich um all seine Enkel gut gekümmert. Er hat sie noch nicht Mal schreien lassen, obwohl das jeder Psychologe von ihm erwarten würde.

Zuerst wollte ich auch keine zwei Kinder, weil ich große Angst davor hatte, dass mir das Gleiche passiert wie meinem Vater. Zum Glück ist mir das nicht passiert. Noch nicht Mal, als wir durch Zufall erfahren haben, dass unser drittes Kind sterben muss und wir danach unser viertes Kind bekommen haben.

Niemand hat je herausgefunden warum mein Vater so geworden ist. Ich habe alle gefragt und alle haben mir die gleiche Antwort gegeben. Sie könnten es sich nie erklären.

Irgendwann musste ich akzeptieren, dass es Dinge gibt für die es keine logische Erklärung gibt und einfach passieren.

Autorennotiz

Ich habe die Serie "Bauchgefühl" auf dem ZDF-Stream gesehen, was mich dazu inspiriert hat diese Kurzgeschichte zu schreiben. Da ich nicht weiß, ob der ZDF Fanfictons duldet, habe ich etwas eigenes mit eigenen Charakteren gemacht, die lediglich eine ähnliche Situation haben.

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Autor

Kleevinars Profilbild Kleevinar

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Kapitel: 6
Sätze: 131
Wörter: 1.749
Zeichen: 9.707

Kurzbeschreibung

Der Traum vom zweiten Kind scheint in greifbarer Nähe. Doch plötzlich stellt sich das Gefühl von der puren Leere ein, dass eher gar keinem Gefühl gleicht. Auf einmal ist einem alles gleichgültig, und man will nur noch die nötigsten Dinge tun, um den Schaden so gering wie möglich zu halten.

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