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Die Teppichklopferin

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14.05.20 17:40
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Hau! Rums! Schepper! Paff, paff, PAFF!!

Da kann keiner in der Küche sein, der sein Wiener Schnitzel platt macht… ich wache auf. Blick auf die Anzeige, Samstag, 6.30 Uhr. In der Küche ist niemand, ich schau rüber, wir schliefen ja beide noch.

Paff paff paff!

Schon wieder…

Ich stehe auf und schlurfe durchs Wohnzimmer, um aus dem Fenster zu schauen. Dort kommt’s doch her. Ein Blick durch die Balkonscheibe und der Fall ist geklärt. Da steht eine im abgewetzten Trainingsanzug und hebt einen wuchtigen, schweren, bärenfarbenen Teppich auf die Stange. Teil zwei von ihrer morgendlichen Stör- und Weckaktion. Der eben erledigte Perserteppich liegt auf einem Fahrradanhänger und lässt alle Viere hängen.

Die haben tatsächlich noch so eine Stange, wie man sie früher überall sehen konnte. Ein Relikt aus den 60ern und 70ern. Als noch Zucht und Ordnung herrschte und Flokatis und andere Textilsünden an der Tagesordnung waren. Die haute man, wie freche Kinder im Schulunterricht. Überhaupt wurde mit dem Teppichklopfer nicht nur gedroht, sondern auch regelmäßig geschlagen. Das steht sogar in der Enzyklopädie.

Danach kamen Tibeter, so schön phantasievoll eingefärbte. Oft in Pastelltönen, so sanft wie ein glücklich machendes Aquarell. Die Teppiche wurden mit wendigen Staubsaugern gepflegt, und heute surren Roboter über den heimischen Parkettboden. Denn Teppiche gelten als hygienisch bedenklich.

Aber zurück zur Teppichmörderin im Streetfighter-Look. Sie schlägt wieder auf das zweite Teil ein, als hätten sie eine Rechnung offen, die jetzt endlich beglichen wird. Sie holt aus, mit ihrem Teppichklopfer, drei- viermal hintereinander, und nie scheint ihr dabei bewusst zu sein, dass sie für das ganze Quartier eine Show abzieht. Die Teppichstange steht mitten auf dem Rasen, auf einer kleinen betonierten Aussparung. Direkt an der Hauptstraße. Alle Nachbarn haben freie Sicht vom Balkon auf die Gratisdarbietung. Aber zu sehen ist niemand, der sie verfluchen oder anfeuern würde. Keine Seele. Die Leute sind so abgebrüht, man könnte ein bekanntes Model im Tanga aussetzen und sie Capoeira kampftanzen lassen. 

Normalerweise streiten ja Kinder auf der Wiese und ziehen sich an der Stange hoch. Ich habe Dialoge mitgekriegt, die man von Sechsjährigen nicht erwarten würde:

«Du blöde Kreatur, Du! Dein Vater hat nicht einmal ein neues Auto!»

«Und deine Mutter bringt dich auf Rollschuhen ins Spital, wenn du noch etwas sagst».

Ich verstehe manchmal die Logik nicht, aber amüsant ist es allemal:

«Ich gehe jetzt im Sandkasten spielen und baue deine Katze aus Sand nach, dann steck ich ihr eine Karotte als Nase ins Gesicht, damit sie besonders hässlich aussieht!»

«Karotten steckt man in Schneemänner und nicht in Sandkatzen! Verschwinde aus meinem Revier oder ich hole die Po-li-zei! Oder... ich schlage dich!»

Geschlagen wird aber nur verbal.

Das war gestern. Heute: rums, rums, rums.

Die Vorstadtkriegerin hat ihre Trainingsjacke ausgezogen und steht im T-Shirt da. Ich sehe sie nur von hinten. Was wohl auf ihrem T-Shirt stehen mag? Sie dreht sich um, als könnte sie mich hören. Es ist ein simples, unifarbenes Shirt. Ich steh immer noch angelehnt am Fenster und bräuchte mal einen Kaffee. Blick auf die Uhr: 6.45. Ich leg mich nochmals hin.

Aber es fängt ja schon wieder an.

«Lass mich los, Jeannette! Lass mich runter». Die tiefe Stimme eines Mannes.

War der bärenfarbene Teppich womöglich ein echter Mann und gar kein Perserteppich? Ach du meine Güte.

«Wie kannst du es wagen, wieder die Single-Packung anstatt die Family-Box nach Hause zu bringen?! Willst du mir was sagen damit?! Sind wir Single? Hä?!»

«Jeannette, du brauchst Hilfe!.... Hilfe!!!»

«DU brauchst Hilfe».

Man hört weitere Stimmen. «Sie lässt ihn runter, ihr könnt die Patrouille wieder annullieren. Ich meine, ihr könnt denen sagen, dass, na ja, ihr wisst schon».

Eine Kinderstimme mischt sich ein: «Oh, nein, jetzt hängt sie Frau Leclanché über die Stange, das ist die Kassiererin vom Quartierladen!»

Dann wieder die Stimme von der rabiaten Hau-Frau. «Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du meinem Mann nicht immer das Falsche mitgeben sollst? Und hör auf ihn anzumachen!»

«Unglaublich, Leute, jetzt werden Polizisten über die Stange gehängt. Sie versohlt auch denen den Hintern!» Hau! Rums! Schepper! Paff, paff, PAFF!!

Bevor die ganze Welt durchgewalkt wird, weckt mich mein Hund. Er leckt mir das Gesicht ab, während ich noch panisch schreie: «Nein, bitte, nicht lecken. Dann doch lieber hauen!» Dann bin ich vollständig wach.

Es klingelt Sturm. Der Hund schaut mich fragend an, bellt aber nicht. Er geht nur skeptisch zur Tür, knurrt ganz leise, schnuppert, setzt sich abwartend bei der Tür hin. Ich soll entscheiden. Ihm ist nicht mehr klar, was wir hier haben: Freund oder Feind? Still sein oder kämpfen?

Ich schleich mich zur Wohnungstür. Auch so ein Phänomen. Man ist doch bei sich zu Hause und kann entscheiden, wem man öffnen will und wem nicht. Warum soll der Störenfried denken, man wäre nicht da? Faszinierend. Was sind wir doch alle leicht zu verunsichern. Es klingelt wieder. Gleichzeitig poltert jemand mit voller Kraft gegen die Tür. Ich schau durchs Guckloch (durch den «Spion»). Es ist die Kampfmaschine.

Jetzt bellt der Hund ungeniert, kläfft, hustet sich aus, bellt weiter.

«Aufmachen! Ich weiß, dass du da drin hockst! Nur bei dir war vorhin Licht! Mach die Tür auf».

«…öh, was wollen Sie von mir?»

«Ich brauch ein Pflaster. Ich hab mich an einer scharfen Perser-Kante geschnitten!»

«…öh, fragen Sie doch Ihren Mann».

«Meinen Mann!?! Seh ich aus, als hätte ich einen Mann?!? Erledigt ist der. Endgültig!»

«…öh, ich hab kein Pflaster».

«Und was tust du, wenn du dich schneidest?»

«…ich…äh…öh…ich schneide mich nie!»

«Bullshit!»

Mein Hund kommt mit der Pflasterbox angelaufen. Will wohl sagen: Gib ihr was sie will, dann verschwindet sie endlich.

Ich schleich mich von der Tür weg und schaue zum Fenster hinaus. Draußen stehen diverse Polizeifahrzeuge, eine Ambulanz, verletzte Beamte, ein weinendes Mädchen, ein Mann oben ohne mit Striemen am Rücken. Oh-oh… doch nicht geträumt. Einer mit Megafon stellt sich hin und startet seine Durchsage. «An alle Mieter. Die Frau ist gefährlich. Öffnen Sie auf keinen Fall die Tür. Sie könnte Salz verlangen oder ein Ei oder vielleicht ein Pflaster! Öff-nen-Sie-nicht! Ich wiederhole: öffnensienicht!»

Der Hund springt ins Bett und deckt sich zu. Memme!

«Gib mir endlich mein Pflaster, du Vorhangwackler! Ich verblute hier. Kannst du einer armen, wehrlosen Frau nicht helfen?!»

Ich räuspere mich, versuche einen milden Ton anzuschlagen, so wie man vermutlich zu jemandem spricht, der tatsächlich gemeingefährlich ist, nach dem Motto: bloß nicht provozieren!

«Liebe gute Frau, wenn ich eines dieser gewünschten Hilfsmittel tatsächlich hätte, ich würde keine Minute zögern, es Ihnen zu überreichen, das können Sie mir ganz fest glauben…»

Meine Güte, so habe ich noch nie geredet.

«Mach die Tür auf, ich muss aufs Klo! Eine Toilette hast du doch wohl, oder?!»

«…ich…öh… nein».

«Nein?!»

«Nein, bedaure, gnädige Frau, Pflaster habe ich nicht, und auch eine Toilette habe ich nicht».

Dann kommt Bewegung in die Sache. Sie wird überwältigt. Ich schaue durch den Spion, sehe, wie man sie zu fünft wegträgt. Einer schreit noch: «Danke, Vorhangwackler, dass du sie so gut abgelenkt hast. Super gemacht. Wir haben sie. Wiedersehen, schönen Tag noch».

Und was lernt man daraus? Wenn man schon «spionieren» will, was in der Welt da draußen abgeht, dann bitte vor dem Wackeln immer das Licht ausmachen.

Der Hund fiept. Er will noch eine Runde schlafen. Einverstanden!

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funnybitss Profilbild
funnybits (Autor)Am 15.05.2020 um 18:36 Uhr
Lach, so cool. Vielen Dank für dein Feedback! :-))
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Sillys Profilbild
Silly Am 15.05.2020 um 16:48 Uhr
Eigentlich war ich hundemüde nach meinem Frühdienst. Aber durch deine Story hab ich mich "wachgelacht". Echt gute Geschichte - aus dem Leben und nach dem Mund geschrieben. :-)

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