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My (little) secret

6
04.12.22 16:06
12 Ab 12 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

[ Canon Divergence nach Part 5 der Hauptstory / Spoiler weil Ende von Part 5 für Anime-only ]

[ Riku Nanase/Tenn Kujou || Gaku Yaotome/Tenn Kujou/Ryuunosuke Tsunashi (mehr fluffy-cuddling als richtig Pairing; TRIGGER halt)]

Es dauerte nicht mehr lange.

Nur noch wenige Stunden bis zum Start des Musicals. Bis zu seinem letzten Auftritt.

Riku wusste, dass es sein letzter Auftritt sein würde. Dass diese Zeit, in der er sich hinter einer Fassade versteckt hatte, bald vorbei sein würde.

Die Zeit, in der er das strahlende, lächelnde Idol, in der er IDOLiSH7’s Center, gespielt hatte, würde bald vorbei sein. Er wusste von Anfang an, dass es irgendwann ein abruptes Ende geben würde.

Eigentlich hatte er auch nie ein zu enges Band zu irgendjemandem in dem Idolbusiness aufbauen wollen. Er wollte kein besonderes Band zu IDOLiSH7 aufbauen. Er wollte kein besonderes Band zu TRIGGER, Re:vale oder ZOOL aufbauen.

Einfach, weil er wusste, dass es irgendwann vorbei sein würde.

„Bist du so weit, Riku?“

Die Frage holte ihn zurück in die Realität und sorgte gleichzeitig dafür, dass er sich fragte, wie er das alles wieder komplett in seiner unwichtigen Vergangenheit verschwinden lassen konnte.

Er spürte, wie er sich absichtlich nicht umdrehte, um in dieses Gesicht zu sehen. „Natürlich bin ich bereit, Tenn-nii!“, sagte er so enthusiastisch, dass es selbst in seinen Ohren so komplett falsch klang. Er war sich sicher, dass Tenn es ebenfalls bemerkte.

Er war nur froh, dass Tenn noch hinter ihm stand und ihm nicht ins Gesicht sehen konnte. Er war sich nicht sicher, wie gut er gerade verbergen konnte, was eigentlich los war oder wie er sich fühlte.

„Riku?“, fragte Tenn nach, seine Stimme klang eindeutig besorgter. Riku war nur froh, dass Tenn weiterhin hinter ihm blieb und ihn nicht direkt ansah. „Ist alles in Ordnung?“

Riku schluckte, atmete ein wenig tiefer ein und aus, während er einen Moment seine Augen schloss. Er musste sich beruhigen. Tenn durfte nicht erfahren, was wirklich war. Das war doch das, was er sich geschworen hatte, nachdem er gesehen hatte, dass Tenn mit TRIGGER debütiert hatte.

Er wusste, dass er Tenn, ausgerechnet Tenn, nicht so einfach etwas vormachen konnte, wie allen anderen.

Nur langsam drehte Riku sich zu ihm, als er das Gefühl hatte, sich zumindest halbwegs beruhigt zu haben. „Es ist alles gut, Tenn-nii“, sagte er daraufhin, sorgte dafür, dass er ihn wieder anlächelte.

Er musste sich beruhigen. Er durfte niemandem etwas sagen. Es war seit dem ersten Moment doch klar, dass das hier alles irgendwann enden würde und er zurückgerufen wurde, weil ihre Mission im Hintergrund beendet war.

Auch, wenn das bedeutete, dass er IDOLiSH7 verlassen musste, ohne die Chance zu haben, ihnen zu sagen, dass er ging und nicht zurückkommen würde. Auch, wenn das bedeutete, dass er niemanden von ihnen je wiedersehen würde.

Riku sah wieder konzentrierter zu Tenn, als er bemerkte, wie er von ihm an den Armen berührt wurde. Tenns Blick war immer noch so besorgt. Erwartete Riku wirklich, dass sich sein Zwillingsbruder so einfach beruhigen ließ, wo er selbst bemerkte, dass er sich gerade eher zu einem Lächeln zwang?

Es war gefährlich, wenn er länger hier war, mit Tenn alleine, wo er genau wusste, dass Tenn dabei war, ihn zu durchschauen.

Konnte nicht irgendjemand gerade zu ihnen kommen, der dafür sorgte, dass sie nicht mehr alleine waren?

„Du zitterst, Riku“, flüsterte Tenn ihm entgegen, während er langsam nach Rikus Händen griff, während sie sich immer noch so direkt in die Augen sahen. „Was ist–“,

„Tenn-nii“, flüsterte Riku mehr, als er spürte, wie er nicht mehr wirklich eine Kontrolle darüber hatte, was er tat. Er wollte gerade einfach nur von Tenn festgehalten werden und ihm gestehen, was los war und das er nicht wegwollte.

Dabei durfte er das nicht. Er durfte Tenn nichts sagen. Er durfte ihn nicht dort mit reinziehen.

Das Einzige, was Riku wollte, war doch, dass sein Zwillingsbruder weiter als das Idol strahlte, was er immer geliebt hatte. Nicht Riku war ein Idol, sondern Tenn.

Für ihn war es immer nur eine Rolle gewesen, die er gespielt hatte.

„Riku? Riku!“, sagte Tenn erneut, diesmal etwas lauter, während er Riku kurz darauf in die Polster eines Sessels in der Kabine drückte und sich vor ihn kniete, „ganz ruhig, ja? Du weißt, dass du dich nicht überanstrengen darfst.“

„Nicht“, flüsterte Riku etwas mehr, schluckte, schüttelte ernster den Kopf, „es ist nicht–“, fing er an, stoppte sich selbst. Er wusste, dass er weit davon entfernt war, eine Asthmaattacke zu bekommen. Aber dennoch konnte er nichts sagen, sondern blickte einfach nur in diese so besorgten Augen. Tenn-nii, nicht. Du darfst nicht in meiner Nähe sein.

„Bist du wirklich fit genug?“, fragte Tenn nach, sah ihn weiterhin so ruhig an, während er ihn die ganze Zeit nicht losließ.

Riku nickte, weil er sich gerade nicht sicher war, ob er seiner eigenen Stimme traute. Ob er alles, was er nicht sagen durfte, verbergen konnte, wenn er sprach.

Immerhin ging es auch darum, dass er wenigstens noch ein letztes Mal auf der Bühne stehen durfte. Auch, wenn er kein Abschiedskonzert mit IDOLiSH7 haben durfte. Immerhin durfte er einen letzten Auftritt mit Tenn haben.

„Riku“, flüsterte Tenn.

Riku atmete noch einmal tief ein und aus, bewegte seine Lippen dann zu einem Lächeln, umfasste Tenns Hände ebenfalls etwas mehr. „Mir geht es gut, Tenn-nii.“

So gut, wie es ihm gehen konnte, wenn er nachher seinen letzten Auftritt hatte. Aber er wusste, dass er das alles verstecken musste.

Er wusste, dass er das alles nach Incomplete Ruler hinter sich lassen musste. Ganz egal, ob es IDOLiSH7, TRIGGER, Re:vale oder ZOOL war. Er durfte niemanden von ihnen mehr sehen.

„Riku“, fing Tenn erneut an, verengte seine Augen ein wenig, „glaubst du wirklich, dass du mich täuschen kannst?“

„... Nein“, antwortete Riku nach einer längeren Stille, spürte, wie sein Lächeln eher gequält war. Er wusste doch die ganze Zeit, seit er mit Tenn alleine war, dass er diese Fassade nicht wirklich aufrecht halten konnte. „Aber es ist einen Versuch wert, oder, Tenn-nii?“

Er kicherte ein wenig, stand aus dem Sessel auf und zog Tenn mit ins Stehen, da sie sich immer noch an den Händen festhielten. Erst danach ließ Riku ihn los, machte einen Schritt rückwärts von Tenn weg, drehte sich aber nicht von ihm weg. „Du solltest nichts mehr mit mir zu tun haben, Tenn.“

Seine Stimme hatte einen ernsteren Ton angenommen, der vermutlich mit dafür sorgte, dass Tenn ein wenig seine Augen geweitet hatte. Nicht nur die Tatsache, dass er ihn nicht Tenn-nii genannt hatte.

„Riku, was– was meinst du damit?“, fragte Tenn schließlich nach.

„Was ist daran so schwer zu verstehen?“, fragte Riku nach, legte den Kopf schief, während er spürte, wie er sich langsam wieder beruhigt hatte, so dass er sich umso mehr hinter seiner eigentlichen Fassade verstecken konnte, „ich werde nach Incomplete Ruler verschwinden. Das Idol Nanase Riku hat es nie gegeben. Es war alles nur eine falsche Identität.“

Warum sagte er das alles? Wieso hörte er nicht auf, Tenn etwas zu erzählen?

War der Plan nicht, dass er nach dem Musical einfach verschwand? Es war doch nur dieser Abend, den er als Zusatz bekommen hatte, damit er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder auftreten konnte. Damit er einen letzten Moment mit Tenn auf der Bühne hatte.

„Wovon redest du, Riku?“, fragte Tenn nach, „wie kannst du sagen, dass das alles nur eine falsche Identität war?“

„Es ist genau das“, zuckte Riku mit den Schultern, grinste etwas mehr, während er wirklich froh war, dass er sich ein wenig gefangen hatte, „ein Fake. Ich habe es nur als Zwischenmoment genutzt, aber das war es.“

Tenn starrte ihn einfach nur weiter an, trat wieder auf ihn zu und blickte ihm ernster entgegen. „Du hast das alles nur gespielt? Bist du sicher?“

Natürlich nicht, Tenn-nii. „Ich habe alles nur gespielt, Kujou Tenn“, sagte Riku antwortend, auch, wenn es in ihm anders aussah. Auch, wenn er das alles nicht so abwertend sagen wollte. „Bist du enttäuscht, weil dein Zwillingsbruder so anders ist? Mir sind meine Fans egal. Oder IDOLiSH7.“

Tenn sah ihn einfach nur ausdruckslos an. „Und du glaubst, dass ich dir das glaube, ja?“

„Es ist die Wahrheit“, erwiderte Riku ruhig lächelnd zurück. Nicht einmal Tenn sollte durch diese Fassade, die er all die Jahre aufgebaut hatte, erkennen können, wie es wirklich in ihm aussah. Wie sehr er schreien wollte, dass er das alles sehr wohl liebte und es nicht aufgeben wollte.

„Du wärst niemals so erfolgreich bei deinen Fans, wenn du das alles nur gespielt hättest“, sagte Tenn eindeutig ernster, „IDOLiSH7 wäre nicht so erfolgreich, wenn ihr Center so ein falsches Spiel spielen würde.“

„Du hast doch das Gegenteil gesehen, oder, Tenn?“, erwiderte Riku ruhig weiter, legte den Kopf schief.

„Nein“, sagte Tenn ruhig weiter, „und wir könnten Incomplete Ruler niemals so gut gemeinsam singen, wenn du so falsch wärst.“

Riku schluckte, sah wieder eindeutiger zu ihm, streckte einen Arm aus und berührte Tenn an der Wange, sorgte dafür, dass er nicht mehr lächelte. „Warum Tenn-nii?“, fragte er dann nach, „warum kannst du nicht akzeptieren, dass ich verschwinden muss?“

„Warum musst du gehen? Wieso willst du das alles aufgeben?“, fragte Tenn nun ebenfalls ruhiger nach.

Riku schüttelte daraufhin nur den Kopf, legte Tenn einen Finger auf die Lippen. „Ich habe viel zu viel gesagt. Versprich mir, dass du niemandem etwas sagst.“

Er bemerkte diesen eindeutig fragenden Blick in Tenns Augen, bevor er kurz sah, wie er nickte.

Nur langsam zog Riku seine Hand zurück. „Ich kann dir nur so viel sagen, dass Incomplete Ruler mein letzter Auftritt als Idol ist. Versuch nicht, mich danach zu finden und sag niemandem etwas davon, was ich dir erzählt habe.“

„Du willst wirklich einfach verschwinden, Riku?“, fragte Tenn leise nach.

„Hast du mir damals etwas gesagt, als du einfach verschwunden bist?“, erwiderte Riku ein wenig bedrückter, schüttelte dann den Kopf, „... aber ja. Ich habe meine Zeit schon ausgebaut, weil ich noch ein letztes Mal mit dir singen wollte.“

„Es geht nicht um mich, Riku“, sagte Tenn und sah ihm ernster entgegen. Riku hatte durchaus gemerkt, dass er ihn kurz ein wenig bedrückter angesehen hatte. „Aber deine Freunde–“,

Riku lächelte ihn nur wieder bitter an. „Ich kann nicht. Es ist besser so, wenn sie nicht länger Kontakt zu mir haben.“

„Ich kann dich nicht umstimmen?“, entgegnete Tenn ein wenig leiser.

„IDOLiSH7 wird nicht weiter existieren. Zumindest nicht mit Nanase Riku“, sagte Riku daraufhin ruhig, schüttelte den Kopf.

Langsam bewegte er seine Lippen wieder zu einem Lächeln, griff nebenbei erneut nach Tenns Händen. „Aber vielleicht ... finde ich eine Möglichkeit, dass wir uns zwischendurch sehen können.“

Auch, wenn Riku wusste, dass es eigentlich auch zu gefährlich war.

Er musste den Kontakt zu seinen Freunden und Kameraden abbrechen, wenn er nicht wollte, dass ihnen etwas passierte.

Er musste eigentlich noch mehr den Kontakt zu seinem Zwillingsbruder abbrechen, um zu verhindern, dass Tenn mitbekam, was wirklich passiert war.

Doch konnte Riku das tun, was er sollte? Konnte er nach dieser Zeit den Kontakt zu Tenn komplett abbrechen?

Ein wenig tiefer seufzend blickte Tenn auf sein Handy, während er nebenbei etwas durch Rabitter scrollte.

Es waren etwas mehr als vier Monate her, seit er nichts mehr von Riku gehört hatte. Ungefähr die gleiche Zeit, seit verkündet wurde, dass IDOLiSH7 eine Weile eine Auszeit nahm.

Tenn konnte sich vorstellen, dass es ebenfalls war, weil Riku so plötzlich verschwunden war, auch, wenn sie es natürlich nicht so nach außen sagen konnten.

„Du siehst nicht so aus, als hättest du irgendwas Neues gehört“, hörte er Gaku neben sich, wobei er aufsah und erst wieder realisierte, dass sie noch an ihrem Frühstückstisch saßen. Auch, wenn sie das Frühstück inzwischen weitestgehend beendet hatten.

„Nein, nichts“, sagte Tenn, schüttelte den Kopf, wechselte dennoch kurz auf den Chat mit Riku. Auch, wenn er wusste, dass er keine Nachricht von ihm bekommen hatte.

Die letzte Nachricht, die Riku ihm geschickt hatte, war immer noch von der Zeit vor dem Musical und das er sich so sehr freute, zusammen mit ihm auf der Bühne stehen zu können.

„Es ist seltsam, oder?“, murmelte Ryuu nebenbei ein wenig nachdenklicher, „dass ausgerechnet Nanase so einfach verschwindet und nicht einmal irgendetwas zu den anderen sagt.“

Tenn nickte still vor sich hin. Er wusste, dass er vermutlich der Einzige gewesen war, der überhaupt irgendetwas von Riku dazu gehört hatte, bevor sein Zwillingsbruder verschwunden war.

„Er hat wirklich nichts gesagt? Nicht einmal zu dir, Tenn?“, fragte Gaku nach, richtete seine Aufmerksamkeit komplett zu ihm.

Tenn starrte einfach nur vor sich, blickte zu Gaku, seufzte etwas mehr. „Nicht wirklich“, sagte er ein wenig leiser. Er wusste ja, dass es nicht wirklich gelogen war. Wirklich gesagt hatte Riku ihm nichts, auch, wenn er zumindest gewusst hatte, dass Riku nach Incomplete Ruler verschwinden würde.

„Ein bisschen wie bei Zero, oder?“, flüsterte Ryuu ein wenig mehr.

„Hoffen wir, dass es nicht so ähnlich ist“, entgegnete Gaku, verdrehte etwas die Augen, „auch wenn es normal ist, dass man daran denkt.“

Tenn sah zwischen ihnen hin und her, lächelte langsam etwas mehr. „Ich hoffe drauf, dass er sich irgendwann bei mir meldet. Ich vertraue drauf, dass er sich melden wird.“

„Bleibt uns nichts anderes übrig, oder?“, fragte Gaku nach, „ich hoffe nur, dass sie die Zeit überstehen.“

„Solange sie noch so präsent sind, selbst ohne Riku“, murmelte Tenn etwas vor sich hin, „haben sie auch die Chance auf ein Comeback.“

„Ich habe so ein merkwürdiges Gefühl, dass du doch mehr weißt, als du uns sagst, Tenn“, entgegnete Gaku und sah ihn etwas skeptischer an, „als wenn Nanase dir noch irgendetwas gesagt hätte.“

Tenn blickte ihn zurück an, zuckte mit den Schultern, lächelte ein wenig bitterer. „Wir haben vor Incomplete Ruler geredet. Nicht über irgendetwas. Aber ... es klang, als wenn er zu viel vor uns geheimhalten wollte“, sagte er schließlich dennoch etwas antwortend, „und ...“, er schluckte, während er sich dieses Gespräch zurück in seine Erinnerungen holte, „... er meinte, dass er kein Idol ist. Dass es alles nur ein Fake war. Dass er das nie ernstgemeint hatte.“

Er war sich ziemlich sicher, dass es gelogen war, auch, wenn Riku alles daran gesetzt hatte, so gut zu verstecken, wie er sich fühlte. Tenn war sich ziemlich sicher, dass er seinen Zwillingsbruder besser lesen konnte. Riku hätte damals jeden anderen täuschen können, aber nicht ihn.

„Was?“, kam es geschockter von Gaku und Ryuu, wobei er von seinen Kameraden überraschter angesehen wurde.

„Wenn ihr denkt, dass ich ihnen so etwas erzähle“, fing Tenn an, schmunzelte ein wenig mehr.

„Nein, nicht zu ihnen“, sagte Ryuu daraufhin, bevor Tenn weitersprechen konnte.

„Nanase hat davon gesprochen, dass er das nie ernstgemeint hatte?“, fragte Gaku noch einmal nach, „und das sollen wir glauben, nachdem wir IDOLiSH7 gesehen haben?“

Tenn nickte nur knapp. „Er meinte, ihm ist das alles egal. Ihm wäre IDOLiSH7 egal“, sagte er dann weiter, „und das er nur noch für unser Musical, für Incomplete Ruler, da wäre, um danach zu verschwinden.“

Still starrte Tenn einfach nur vor sich. Selbst jetzt, wenn er wiederholte, was Riku ihm gesagt hatte, fühlte es sich an, als wenn es einfach nur falsch war.

„Du willst ihnen nicht sagen, was Nanase gesagt hat, oder?“, sagte Ryuu ein wenig fragender.

„Es ist besser, wenn sie nichts wissen. Wenn sie erfahren, dass Riku so einfach sagen kann, wie egal ihm das alles ist“, sagte Tenn ein wenig betrübter, „so können sie weitermachen. Ich habe Riku eigentlich eh versprochen, dass ich nichts sage, aber ... wenn“,

„Wir schweigen, Tenn“, unterbrach Gaku ihn, bevor er weitersprechen konnte, während Ryuu ebenfalls zustimmend nickte, „und wenn er sich wirklich meldet, können wir immer noch gucken, ob wir herausfinden, wie wir ihn zurückholen.“

Ein wenig erleichtert war Tenn schon, als er seine Kameraden ansah, aber in gewisserweise hatte er auch nichts anderes erwartet. Immerhin wussten sie, dass sie sich gegenseitig vertrauen konnten, ganz egal, um was es ging. Erst recht nach allem, was sie durchgemacht hatten.

 

––––

 

Über den Tag verteilt hatte Tenn zumindest genug Termine, so dass er nicht wirklich darüber nachdenken konnte, was mit Riku war. Davon abgesehen, dass es ihn den Tag über ablenkte, wenn er seinem normalen Tagesablauf nachging.

Es war zumindest der Vorteil, dass es dafür sorgte, dass er gar nicht dazu kam, sich zu viele Gedanken über Riku zu machen.

Den letzten Termin des Tages hatte er alleine, so dass er sich danach auch alleine auf den Weg nach Hause machte. Vermutlich würden Gaku und Ryuu auch erst später zurücksein, wenn er es richtig in Erinnerung hatte.

Während er ein wenig gemütlicher durch die Stadt ging, blickte er sich etwas um. Er wollte einfach noch ein bisschen die Zeit genießen, in der er unterwegs war, ohne wirklich zu einem weiteren Termin zu müssen.

„Hey, hast du gehört? Vielleicht tritt IDOLiSH7 demnächst wieder auf!“

„Hmm? Du meinst, dass sie davon geschrieben haben, bald wieder zurück in Japan zu sein, oder?“

Tenn hob ein wenig eine Augenbraue, sah unter seiner Cappie hinweg zur Seite, ohne wirklich seinen Kopf weiter anzuheben. Er war sich ziemlich sicher, dass es nicht jeden von ihnen betraf.

„Aber Riku-kun hat immer noch nichts wieder gepostet, oder?“

Ein wenig bitterer lächelnd zog Tenn seine Cappie nach unten, bewegte sich an der Menschengruppe vorbei, die scheinbar gerade über IDOLiSH7’s mögliches Comeback redeten.

Er wusste, dass er nicht weiter zuhören musste, weil er sehr genau wusste, dass Riku, seit ihrem gemeinsamen Auftritt, nicht mehr auf Rabitter aktiv gewesen war.

Dafür hatte er in letzter Zeit zu sehr darauf geachtet, ob sein Zwillingsbruder sich meldete oder irgendwo aktiv war.

Kurz vor der Wohnung, die er mit seinen Freunden bewohnte, stoppte Tenn, blinzelte ein wenig zur Seite.

Er war sich ziemlich sicher, dass niemand ihn in den letzten Wochen verfolgte, dazu hatte er es auch zu genau überprüfen lassen, aber dennoch hatte er immer mal wieder das Gefühl, dass ihn jemand beobachtete.

Schließlich seufzte er, zuckte mit den Schultern und machte sich daran, die Tür zu ihrer Wohnung aufzuschließen und ins Innere zu gehen.

Drinnen war es still, aber immerhin hatte Tenn gewusst, dass weder Gaku, noch Ryuu, um diese Zeit schon zurück sein konnten.

Nachdem er seine Jacke an die Garderobe gehangen und aus seinen Schuhen geschlüpft war, um danach in seine Hausschuhe zu schlüpfen, ging er in die Küche, setzte sich etwas Wasser für einen Tee auf und lehnte sich während der Wartezeit gegen die Anrichte.

Ein wenig gedankenverloren sah er auf sein Handy und überflog ein paar Benachrichtigungen von Rabitter, klickte sie allerdings relativ schnell weg.

Eigentlich wollte er sein Handy schon wieder weglegen und seinen Tee aufgießen, als ihm der Anfang einer Chatnachricht angezeigt wurde. Zusammen mit dem Namen, mit dem er nicht mehr wirklich gerechnet hatte.

Er klickte den Chat auf und blickte zu der Nachricht, die Riku ihm geschickt hatte.

 

Tenn-nii, hast du heute Abend Zeit?

21 Uhr. Sag niemandem etwas und komm alleine!

Ich schicke dir die Adresse.

 

Einige Minuten starrte Tenn einfach nur auf die Nachricht, bevor er sich schließlich davon losriss und stattdessen auf die Uhr auf seinem Handy sah. Es war 18:20. Eigentlich war er sich sicher, dass er um diese Zeit nicht noch unterwegs sein sollte. Erst recht, wo er wusste, dass sie am morgigen Tag relativ zeitig einen Termin hatten.

Allerdings konnte Tenn auch nicht sagen, dass er diese Chance verstreichen lassen wollte, wenn er nicht wusste, wann sich Riku das nächste Mal bei ihm meldete.

Immerhin bekam er jetzt endlich mal eine Reaktion von ihm und hatte die Chance, dass er ihn treffen konnte.

 

Ich kann es mir einrichten.

 

Er wusste, dass es riskant sein konnte, erst recht, wenn er nicht wusste, wo Riku sich treffen wollte.

Aber immerhin war es eine Möglichkeit, dass er ihn sehen und mit ihm reden konnte.

Wenn sie auch nur irgendwie einen Schritt weiterkommen wollten, um Riku dazu zu bekommen, zurückzukommen, dann musste er doch jede Chance nutzen, oder?

Tenn schluckte, sah auf die Antwort, die Riku ihm nur wenige Minuten später schickte, indem er ihm die Adresse und das Foto einer Bar schickte.

Ein wenig nach acht Uhr abends saß Tenn in einer Bahn, die ihn zu dem Ort bringen sollte, wo er sich mit Riku treffen sollte.

Die Gegend war, laut der Karte, die er noch etwas genauer geprüft hatte, ein Stück außerhalb und nicht gerade dort, wo ansonsten viel los war. Er konnte sich auch nicht erinnern, dass er dort schon einmal wirklich gewesen war.

 Tenn drückte den Mantel, den er übergezogen hatte, etwas mehr zu, während er ansonsten sein Gesicht unter einer Cappie und Maske versteckt hatte und einfach etwas nach draußen blickte.

Er hatte Gaku und Ryuu nur kurz geschrieben, dass er den Abend nochmal losmusste, allerdings nichts Genaueres. Er konnte ihnen auch schlecht sagen, dass er Riku traf, erst recht, nachdem sein Zwillingsbruder so eindeutig geschrieben hatte, dass er alleine kommen und niemandem etwas sagen sollte.

Er würde sich allerdings vornehmen, dass er Riku erneut darauf ansprach, wieso er so sehr verschwunden war und warum er sich bei niemandem mehr melden wollte. Auch, wenn Tenn kaum damit rechnete, dass er irgendeine andere Antwort bekam, als damals. Er wollte nicht so einfach akzeptieren, dass Riku einfach so verschwinden und seine Freunde alleine lassen konnte.

Nachdenklich blickte Tenn auf sein Handy, scrollte ein wenig durch die Rabitter Timeline, blickte über die letzten Postings der anderen Mitglieder von IDOLiSH7, wie sehr sie sich darüber freuten, wenn sie wieder auftraten.

Sie wirkten alle so fröhlich und erholt, während sie darüber schrieben, dass sie es nicht erwarten konnten, wieder aufzutreten.

Es sorgte dafür, dass sich etwas in ihm verkrampfte, während er an Rikus Worte zurückdachte. Wie er davon gesprochen hatte, dass ihm IDOLiSH7 egal wäre, dass er kein Idol war, dass es alles nur eine falsche Identität gewesen war, die er gespielt hatte.

Tenn wusste, dass es gelogen war, auch, wenn Riku alles gegeben hatte, um es ihm vorzuspielen. Aber es fühlte sich dennoch schmerzhaft an, zu lesen, wie sich die anderen Mitglieder von IDOLiSH7 auf ihre Rückkehr freuten, während Riku so einfach so etwas sagen konnte.

Wie konnte Tenn ihnen nur erklären, dass Riku das alles nur gespielt hatte? Oder das er diese Dinge so einfach gesagt hatte?

Er sah ein wenig nachdenklicher auf die Postings, stoppte beim Scrollen und blickte auf ein Foto von Yotsuba Tamaki, zusammen mit Aya, wie sie scheinbar an einem Flughafen waren.

Es sorgte dafür, dass er zumindest ein wenig lächelte. Er würde noch nichts sagen, aber er würde noch einmal versuchen, mit Riku zu reden. Er musste einfach mit Riku reden und ihn dazu bringen, zurückzukehren. Jetzt, wo alles langsam wieder so war, wie es sollte.

Wie konnte Riku ausgerechnet jetzt einfach verschwinden und ihm einfach so sagen, dass er das alles nie ernstgemeint hatte?

„Ich frage mich, ob IDOLiSH7 demnächst wirklich zurück auf die Bühne kommt“, drang eine leise Stimme zu ihm durch, so dass er etwas seinen Kopf zur Seite drehte und zu einer Frau mit langen, zusammengebundenen, braunen Haaren blickte, „oh, sorry, ich wollte nicht– ich hab nur gesehen, dass du ihre Postings verfolgst.“

„Schon gut“, murmelte Tenn, drehte seinen Kopf wieder von ihr weg, „... du bist ihr Fan?“

„Ich hab durch sie einen Neuanfang geschafft“, sagte sie ein wenig schmunzelnder, „es wäre schade, wenn sie aufhören. Immer wenn ich Nanase Riku so breit lächeln sehe, spüre ich, dass es mir neue Energie gibt. Uh, du findest das nicht komisch, oder?“

Tenn blickte erneut zu ihr, schüttelte dann nur den Kopf. „Nein“, sagte er schließlich, während er daran dachte, wie glücklich es ihn selbst gemacht hatte, wann immer er Rikus Lächeln gesehen hatte.

Egal, ob in ihrer Kindheit, wenn es nur in den Momenten war, in denen Tenn ihn etwas abgelenkt hatte oder später, wenn er bei IDOLiSH7’s Auftritten gestrahlt hatte. Oder wenn sie sich begegnet waren und er ihn so angelächelt hatte, dass Tenn ihn am liebsten einfach nur festhalten und bei sich halten wollte. Er hatte nie vorgehabt, ihn so deutlich von sich zu stoßen, auch wenn er es gemusst hatte. Aber er hatte immerhin dafür sorgen müssen, dass sie nichts weiter als Fremde oder später Bekannte waren.

„Uh, alles okay?“, fragte diejenige neben ihm, wobei er bemerkte, dass er ein wenig abwesend wirkte.

„Hmhm, alles gut“, murmelte Tenn, schluckte etwas, rieb sich mit einem Ärmel über seine Augen, „und entschuldige mich“, sagte er dann, als er bemerkte, dass er kurz vor der Station war, wo er aussteigen musste.

Sie nickte ihm nur lächelnd zu, als er sein Handy wegsteckte und sich daran machte, aufzustehen um schließlich auszusteigen.

An dem Bahnhof atmete er einen Moment tiefer ein und aus, bevor er sich schließlich daran machte, den Weg entlang zu dem Ort zu gehen, den Riku ihm geschrieben hatte.

Die Luft draußen sorgte dafür, dass er sich zumindest ein wenig beruhigte, während er seine Hände in den Taschen seines Mantels vergraben hatte.

Die Gegend war ein wenig am Stadtrand, so dass er zwischendurch noch ein wenig die Karte studierte, die Riku ihm geschickt hatte, wie er zu dem genauen Ort kommen sollte.

Er stoppte vor einem größeren Gebäude. Der Eingang war wohl eher unterirdisch, da er eine Treppe erkennen konnte, die zu der einzigen Tür auf der Vorderseite führte. Die oberen Fenster wirkten eher wie normale Wohnungen, deren Fenster allerdings durch Vorhänge verdeckt waren.

Ein wenig sah Tenn sich um, blickte dann noch einmal auf den Rabbitchat mit Riku.

 

Bin hoffentlich gleich da. Warte vor dem Gebäude auf mich.

 

Nebenbei warf er einen Blick auf die Uhrzeit, die 20:57 anzeigte. Schließlich zuckte er mit den Schultern und lehnte sich gegen die Außenwand des Gebäudes.

Er zog ein wenig seine Cappie so, dass er darunter hervorgucken konnte, während er ein wenig die Menschen beobachtete, die in der Nähe vorbeiliefen.

Während er wartete, dachte er darüber nach, was genau er Riku eigentlich sagen sollte oder wie er mit ihm über IDOLiSH7 reden konnte. Er wusste, dass er es tun musste. Er wollte immerhin wirklich nicht, dass sie so einfach aufhören mussten. Ganz davon abgesehen, dass er nicht wollte, dass Riku seine Freunde einfach so alleine ließ, ohne etwas zu sagen.

Auch, wenn sich Tenn sicher war, dass es nicht das war, was Riku wollte, so sehr er all diese Dinge gesagt hatte. Es musste einfach eine Möglichkeit geben, wie er mehr erfahren konnte.

„Huh? Hast du dich verlaufen, Kleiner?“

Die plötzliche Stimme direkt bei ihm sorgte dafür, dass Tenn ein wenig erschrocken zusammenzuckte, während er kurz darauf spürte, wie er am Handgelenk festgehalten wurde. „Oder willst du mir sagen, dass jemand so ein hübsches Ding wie dich ausgesetzt hat?“

„Ich warte auf jemanden“, entgegnete Tenn, zog ein wenig seine Augenbrauen zusammen, nachdem er sich von dem kurzen Schock erholt hatte. Er hatte immerhin genug Erfahrungen, sich zu verstellen und sich keine Emotionen anmerken zu lassen.

„Oh, also wurdest du versetzt?“, grinste der Typ ihm entgegen, bewegte seine andere Hand zu Tenns Wange, während er geradewegs diese dunklen Augen vor sich erkannte, „du kommst mir bekannt vor. Magst du mir auf die Sprünge helfen, Kleiner?“

„Sorry, aber du musst mich verwechseln“, erwiderte Tenn ernster, „wie wäre es, wenn–“, er stoppte erschrocken, als er spürte, wie der andere ein wenig über seinen Hals fuhr, nachdem er den Kragen seines Mantels etwas zur Seite geschoben hatte.

„Oh, du scheinst ja niemandem zu gehören“, flüsterte der Kerl weiter, leckte sich ein wenig über die Lippen, während er weiterhin so direkt zu ihm blickte, „wie wär’s? Ich könnte dir ein bisschen was bieten, wenn du–“,

„Fass ihn weiter an und ich werde dich töten!“

Tenn zuckte erneut heftiger zusammen, auch wenn er gleichzeitig spürte, wie dieser Kerl ihn losließ und einen großen Schritt zur Seite machte.

Dennoch war sich Tenn ziemlich sicher, dass diese Stimme wie Rikus geklungen hatte, nur so komplett anders. Er konnte sich nicht erinnern, dass Rikus Stimme so scharf und schneidend gewesen war. Andererseits konnte er sich sowieso nur an einen Riku erinnern, der ihn so hell und strahlend angelächelt hatte.

„Nanase-san“, hörte er die eindeutig panischere Stimme dieses Kerls, was in dem Moment so falsch in Tenns Ohren klang, „ich wusste nicht, dass er– er trägt kein Halsband.“

Tenn blinzelte noch einen Moment zu diesem Kerl, der nun eher verängstigt aussah, so dass er kurz darauf seinen Kopf zur Seite drehte. Riku stand ein Stück neben ihm, während er seine Arme vor sich verschränkt hatte. Er trug eine schwarze Hose und einen schwarzen Kapuzenpullover. An seinen Ohren hing jeweils ein kleiner, goldener Ohrring mit einem roten Stein.

„Dann weißt du ja jetzt, dass er zu mir gehört“, sagte Riku weiterhin so scharf, dass es in Tenns Ohren so unwirklich klang. Wenn er ihn nicht gerade ansehen würde oder seine Stimme so genau kennen würde, er wäre sich nicht sicher, dass er Riku wiedererkennen würde.

„Sicher“, murmelte dieser Kerl eindeutig eine Spur leiser und scheinbar deutlich eingeschüchtert.

Riku sah eindeutig ernster zu Tenn, trat schließlich auf ihn zu und griff einfach nur nach seiner Hand. „Gehen wir. Nächstes Mal solltest du aber zeigen, wem du gehörst.“

Tenn konnte nicht einmal wirklich etwas erwidern, als Riku ihn einfach mit an dem Kerl vorbeizog und schließlich durch den Eingang der Bar ging. Er hatte keine Ahnung, wovon Riku überhaupt geredet hatte, aber er spürte auch, dass gerade nicht der richtige Zeitpunkt war, das anzusprechen.

Den ganzen Weg durch die Bar ließ Riku ihn nicht los, während er allerdings auch nicht wirklich auf irgendetwas achtete, außer sich einen Weg durch die Massen zu bahnen und schließlich durch eine Tür am anderen Ende zu gehen.

Es sorgte dafür, dass Tenn sich einfach mitziehen ließ und ihm folgte, ohne irgendetwas zu sagen.

Erst, als Riku in dem Aufzug gestoppt, auf eine Zahl gedrückt hatte und sich die Türen geschlossen hatten, lehnte er sich gegen die Wand und ließ Tenn langsam los. „Sorry Tenn-nii.“

„Was ... schon gut, Riku, aber ...“, fing Tenn an, stoppte allerdings direkt, während er nicht einmal komplett sicher war, was er überhaupt sagen wollte oder womit er anfangen sollte.

„Ich hatte eigentlich gehofft, dass ich vor neun da bin, damit so etwas nicht passiert“, entgegnete Riku, als bereits die Aufzugtüren aufgingen und er auf den Flur trat, so dass Tenn ihm erst einmal nur wieder folgte.

Riku öffnete eine der Türen auf der Etage und ließ sie in ein größeres Zimmer ein, welches an ein großes Hotelzimmer erinnerte. Auf einer Seite war eine Sitzecke mit einem Sofa, einem Sessel und einem Regal, in dem ein Fernseher stand, während an der Seite eine kleine Bar zu erkennen war. Auf der anderen Seite befanden sich ein Kleiderschrank, eine Kommode und ein großes Bett.

„Lass es uns bequem machen“, sagte Riku kurz darauf, bevor er zu der Sitzecke trat und sich auf dem Sofa niederließ, schließlich wieder zu Tenn lächelte, „du hast Fragen, oder?“

Tenn nickte langsam, zog seinen Mantel aus und hängte ihn an der Seite an eine Garderobe, bevor er ebenfalls seine Cappie und Maske zur Seite legte und schließlich Riku folgte.

„Ich antworte dir auf alles, was nichts mit IDOLiSH7 oder irgendetwas davon zu tun hat“, entgegnete Riku ernster, bevor er Tenn neben sich auf das Sofa zog.

Für einen längeren Moment sah Tenn einfach nur in Rikus klare, rote Augen, die ihn so direkt anblickten.

„Was genau ... war das eben?“, fragte er schließlich nach, auch, weil er nicht so genau wusste, mit was er sonst anfangen sollte. Außerdem schien Riku wirklich nicht so einfach über seine Idolkarriere oder IDOLiSH7 reden zu wollen.

„Dieser Typ dachte, er könnte dich erwerben?“, fing Riku an, sah ihn etwas fragender an, „ist so ein Ding hier. Jede Woche findet unten in der Bar auch so etwas, wie eine Auktion, statt, in der du jemanden als dein persönliches Eigentum erstehen kannst. Manche bleiben länger bei einem, andere wechseln regelmäßig. Sind auch häufig die, die sich freiwillig anbieten und ersteigern lassen.“

Tenn blinzelte ihm ein wenig entgegen. Wo genau war sein Zwillingsbruder hier gelandet? „Das klingt ein wenig ...“, murmelte er, stoppte, da er nicht wirklich wusste, wie er es beschreiben sollte.

„Komisch, huh?“, vollendete Riku, zuckte mit den Schultern, „ich mag es auch nicht und lehne es ab, jemanden zu besitzen. Na ja ... bis jetzt.“

„Warum bist du dann hier?“, fragte Tenn nach, sah wieder ernster zu ihm, ignorierte dieses Gefühl, was genau Riku vorher gesagt hatte, als er ihn wohl genau davor gerettet hatte.

„Es ist ein netter Ort, wo man sich gut zurückziehen kann und niemand weitere Fragen stellt“, sagte Riku daraufhin, legte seinen Arm über die Lehne des Sofas.

„Das beantwortet nicht, wieso du überhaupt ...“, fing Tenn an, stoppte, senkte etwas seinen Blick.

„Sorry, Tenn-nii. Es ist besser, wenn du nicht mehr darüber weißt“, sagte Riku ruhig, lächelte ihn ein wenig mehr an, auch, wenn Tenn durchaus bemerkte, dass dieses Lächeln nichts von dem hatte, was Riku sonst zeigte. Es wirkte anders, als das, mit dem er ihn in ihrer Kindheit angesehen hatte. Oder mit dem er seine Fans angestrahlt hatte, wenn er mit IDOLiSH7 auf der Bühne gestanden hatte.

„Du willst wirklich niemandem etwas sagen?“, fragte Tenn dann nach, schluckte etwas mehr, sah ihm ernster entgegen, „du willst einfach so verschwunden bleiben?“

„Es ist schon riskant genug, dass ich dir etwas gesagt habe oder dich hierhin gerufen habe“, sagte Riku daraufhin, zog etwas seine Augen zusammen, „ich hoffe wirklich, du hast niemandem gesagt, dass du mich triffst.“

„Keine Sorge, ich habe niemandem etwas gesagt“, sagte Tenn, schüttelte den Kopf daraufhin, „aber du weißt, dass du viele dort draußen traurig machst?“

„IDOLiSH7 bedeutet mir nichts“, sagte Riku, sah ihn ernster an, „ich habe es dir bereits gesagt, oder? Es war nur vorübergehend. Sie werden einen Ersatz für mich finden müssen, aber wenn nicht ... ist es mir auch egal.“

„Riku“, fing Tenn an, starrte ihn zurück an, auch, wenn er nicht wusste, was er weiter sagen konnte. Er hatte bereits damals gespürt, dass es nicht Rikus wahre Gefühle waren. Er spürte auch jetzt, dass er nicht ehrlich war, aber seine wahren Gefühle nur mehr hinter einer Maske versteckte.

„Eigentlich habe ich auch gesagt, dass ich dir nur antworte, solange es nicht um IDOLiSH7 geht“, sagte Riku, legte den Kopf schief, schmunzelte etwas mehr.

„Du erwartest, dass ich das einfach stillschweigend hinnehme, dass du das alles zurücklässt?“, fragte Tenn nach, sah ihm ernster entgegen.

Riku lächelte ihm einfach nur entgegen, beugte sich etwas vor und strich ihm mit einem Finger über die Lippen. „Würdest du dich von mir küssen lassen, Tenn-nii?“, fragte er dann ruhig nach, kurz bevor er Tenn nach hinten auf das Sofa drückte.

„Was–“, fing Tenn an, blinzelte ihm etwas verwirrter entgegen, spürte, wie er leicht rot wurde. Er wusste, dass er sich lange nichts sehnlicher wünschte, nur, dass er immer gedacht hatte, dass Riku in ihm nur seinen Zwillingsbruder sah oder geschwisterliche Gefühle für ihn hatte.

„Oh, normalerweise müsste ich nicht fragen, jetzt, wo ich dich praktisch zu meinem Eigentum gemacht habe“, entgegnete Riku, lächelte ihn nur breiter an, „erst recht, wo du eine meiner Regeln bezüglich der Fragen gebrochen hast, nee.“

Tenn starrte ihm weiter einfach nur entgegen, bevor er etwas seinen Kopf zur Seite drehte. „Ist es nur deswegen? Willst du das nur deswegen?“, fragte er schließlich leiser nach, ohne in Rikus Gesicht zu sehen. Er wusste, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als Riku zu küssen.

Er hörte, wie Riku leise lachte, bevor er eine Hand an seiner Wange spürte und bemerkte, wie Riku ihn dazu brachte, wieder zu ihm zu sehen. „Ich will das hier“, flüsterte er ihm entgegen, kurz bevor Riku ihm einen kurzen, federleichten Kuss auf die Lippen gab, „... schon viel zu lange tun, Tenn-nii.“

„Riku“, flüsterte Tenn ihm entgegen, legte seine Arme um den anderen, „wenn du es nicht nur deswegen ... tun willst.“

Riku lächelte ihm nur weiter entgegen, küsste ihn dann erneut, diesmal eindeutig gieriger, so dass sie eine Weile länger darin versanken.

Tenn war sich nicht sicher, wie lange sie sich wirklich küssten, während er nur sah, wie sich Riku ein Stück zurückzog, während er allerdings weiterhin den Blickkontakt hielt. Nebenbei bewegte er einen Finger über seinen Hals. „Wenn wir uns allerdings häufiger treffen sollten, brauchst du etwas, was zeigt, dass du zu mir gehörst.“

„Du könntest auch zu mir kommen. Wir könnten Momente finden, in denen wir alleine sind“, entgegnete Tenn etwas leiser, auch, wenn er spürte, dass Riku vermutlich nicht darauf eingehen würde.

„Nein“, sagte Riku, schüttelte etwas den Kopf, „das hier ist die einzige Möglichkeit.“ Er seufzte etwas mehr. „Entweder du gehst darauf ein oder wir können uns nicht weiterhin treffen.“

„Du hast wirklich nicht vor, zurückzukommen?“, fragte Tenn etwas leiser nach, „war das hier auch dein Plan, als du gesagt hast, ich soll hierhin kommen?“

„Ich kann kein Idol mehr sein. Ich war nie ein Idol“, sagte Riku und lächelte etwas bitterer, „... mein Plan? Ich hatte nie vor, dich zu meinem Eigentum zu machen, aber wenn ich es nicht getan hätte, hätte dieser Kerl dich benutzt.“

Tenn schluckte, ignorierte das komische Gefühl bei dem Gedanken daran, dass Riku ihn damit gerettet hatte. „Du bist ein Idol. Du bist IDOLiSH7’s Center, Riku. Daran ändert sich nichts.“

Riku verdrehte etwas die Augen, rutschte dann zurück ins Sitzen und zog Tenn mit hoch. Schließlich seufzte er etwas mehr. „Nicht mehr. Tenn-nii ist ein Idol, nicht ich“, sagte er schließlich mit einem ernsteren Blick, „es ist Tenn-niis Aufgabe, als Idol zu strahlen, nicht meine. Sorg dafür, dass ihr weiterhin erfolgreich seid.“

Tenn schluckte, versuchte sich an einem Lächeln, während er Riku ansah, auch, wenn er selbst spürte, dass es gezwungener war als jedes andere Mal. „Ich habe nicht vor, aufzugeben. Solange wir können, werden wir weitermachen.“

Riku nickte langsam. „Gehst du auf mein Angebot ein?“, fragte er dann ruhiger nach.

Tenn seufzte etwas mehr, nickte allerdings langsam. „Wenn es die einzige Möglichkeit ist, dass wir uns sehen können.“

Außerdem war er sich weiterhin sicher, dass er nicht so einfach aufgeben würde, bis er eine Möglichkeit gefunden hatte, Riku zurückzuholen. Er wollte unter keinen Umständen, dass IDOLiSH7 so einfach verschwand.

Riku lächelte ihn daraufhin an, hauchte ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen. „Du hast morgen einen Termin, oder?“

„Hm“, nickte Tenn daraufhin.

„Ich begleite dich zum Bahnhof“, sagte Riku, stand auf und ging durch das Zimmer, „und ich lasse dir demnächst etwas zukommen.“

Tenn nickte erneut, folgte Riku dann durch das Zimmer, lächelte ihn ruhig an und zog ihn kurz darauf in einen erneuten, etwas längeren Kuss, bevor er sich daran machte, seine Sachen wieder anzuziehen. „Du meldest dich vermutlich wieder, wenn du kannst.“

„Sobald ich Zeit für ein Treffen habe“, entgegnete Riku ruhig zurück, „und ich hoffe weiterhin, dass du dein Versprechen hältst und niemandem etwas sagst. Tu einfach so, als wenn Nanase Riku und Kujou Tenn nichts weiter als Rivalen waren.“

„Ich verspreche es dir, Riku“, sagte Tenn daraufhin, lächelte ihn ruhig an. Er ignorierte dieses Gefühl, dass sich dieser Satz aus Rikus Mund so seltsam anfühlte. Dabei war es doch das, was er die ganze Zeit selbst gewollt hatte.

 

––––

 

Es war bereits nach ein Uhr nachts, während Tenn auf seinem eigenen Bett lag und einzig über sich an die Zimmerdecke sah.

Er wusste, dass er schlafen sollte, immerhin hatten sie einen relativ frühen Termin, aber er konnte nicht wirklich.

Seit Riku ihn am Bahnhof verabschiedet hatte, erinnerte er sich an diesen einen Moment und an die Worte, die Riku ihm noch gesagt hatte, bevor er in die Bahn dort eingestiegen war.

„Ich liebe dich, Tenn“, flüsterte Riku ihm entgegen, während sie noch an dem Bahnhof gestanden hatten. Riku hatte die Kapuze seines schwarzen Pullovers über seinen Kopf gezogen, so dass einzig nur seine Augen darunter zu erkennen waren, „ich liebe es, dich mit TRIGGER auf der Bühne zu sehen. Ich will nicht, dass euch irgendetwas passiert.“

Es hatte dafür gesorgt, dass er sich nur noch mehr fragte, was genau es war, wieso Riku so einfach ohne ein Wort zu einem von ihnen verschwunden war. „Tu einfach so, als wenn Nanase Riku und Kujou Tenn nichts weiter als Rivalen waren.“

Warum sorgte dieser Satz aus Rikus Mund so sehr dafür, dass es ihn nur mehr schmerzte, obwohl es nichts anderes war, als das, was er die ganze Zeit gewollt hatte?

Er seufzte, richtete sich auf, schüttelte ernster den Kopf und stand dann auf, bewegte sich durch das Apartment und in die Küche. Er füllte sich ein Glas mit Wasser und lehnte sich gegen die Anrichte, trank einen großen Schluck und schloss ein wenig die Augen. Er musste unbedingt auf andere Gedanken kommen, damit er wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf finden konnte.

Seufzend stellte er das leere Glas in die Spüle, nachdem er den Rest getrunken hatte, und ging wieder zurück, stoppte ein wenig überlegend und klopfte dann gegen eine der anderen Zimmertüren, öffnete diese und blinzelte durch die Dunkelheit. „Ryuu?“, flüsterte er leise, bemerkte, wie der andere halb unter der Decke lag und friedlich schlummerte.

Tenn seufzte, trat zu ihm und ließ sich auf der Bettkante nieder. „Ryuu ...“, flüsterte er erneut, berührte ihn vorsichtig an einem Arm.

„Hmmmm ... Tenn?“, kam es leise nuschelnd von ihm, während er nur sah, wie Ryuu ein wenig ein Auge geöffnet hatte, kurz bevor er etwas rutschte und die Decke ein Stück anhob, „komm“, brummelte er dann, bevor er das Auge wieder schloss.

Tenn rutschte neben ihn unter die Decke, kuschelte sich gegen Ryuus Oberkörper und spürte kurz darauf, wie er von ihm festgehalten wurde. „Danke“, entgegnete er nur leise, auch, wenn er sich nicht sicher war, ob Ryuu es überhaupt noch hörte.

Eigentlich hatte Riku nicht vorgehabt nach dem Treffen mit Tenn noch vor diesem großen Gebäude zu stoppen.

Es war das Hauptgebäude der Organisation seines Bosses, auch wenn es eher wie ein ganz normales Firmengebäude aussah. Nichts daran ließ erschließen, dass es alles andere als das war.

Riku hasste es, hier zu sein, und dennoch bewegte er sich durch die Gänge und auf den Aufzug zu, um damit in die fünfte Etage zu fahren.

Seine Schritte führten ihn zu einer Tür, neben der ein Schild hing, auf dem „Nanase Riku“ stand. Er angelte nach seinem Schlüssel und wollte gerade die Tür zu seinem Büro aufschließen, als sein Blick zu einem Umschlag glitt, der halb unter der Tür durchgeschoben war.

Es war durchaus ungewöhnlich, dass ihm jemand einen Brief schrieb und ihn bei seinem Büro hinterließ, da er eigentlich so gut wie nie hier war.

Er öffnete erst einmal die Tür, beugte sich dann zu dem Umschlag und nahm ihn in die Hand. Erst danach trat er ins Innere des Büros und schloss die Tür wieder hinter sich. Seinen Schlüssel ließ er erst einmal wieder in seiner Tasche verschwinden.

Mit einem tiefen Durchatmen ging er durch den Raum, rutschte auf seinen Schreibtischstuhl und sah wieder auf den Umschlag in seiner Hand. Es stand nichts auf dem Umschlag, weswegen er ihn nach einer kurzen Begutachtung aufriss.

Er holte einen zusammengefalteten Brief, so wie ein Foto, heraus, faltete allerdings zuerst den Brief auseinander und sah auf die Zeilen.

 

Hallo Riku-kun,

du bist bestimmt hier, weil du dein kleines Geschenk holen willst, nicht?

Du weißt, dass ich mich nicht täusche, deswegen habe ich dir diesen Brief auch hier hinterlassen.

Im Dezember ist doch unsere Jubiläumsfeier.

Jetzt, wo du endlich jemanden gefunden hast, wirst du doch auftauchen, oder?

Es wäre doch zu schade, wenn du dich weiterhin weigerst.

Ich wüsste nicht, ob du deine Eltern zu Weihnachten wiedersehen könntest.

 

Riku zuckte heftig zusammen, drückte den Zettel mit einer Hand zusammen, blickte auf das Foto, welches dabei gelegen hatte, welches er in seiner anderen Hand hielt.

Es war von dem heutigen Abend. Von Tenn und ihm. Scheinbar hatte jemand sie in der Bar fotografiert.

Er war sich ziemlich sicher, dass hier niemand Tenn erkennen würde. Weder als TRIGGER’s Center, noch als seinen Zwillingsbruder.

Ganz davon abgesehen, dass niemand außer seinem Boss hier wusste, dass Riku einen Zwillingsbruder hatte.

Langsam legte er das Foto auf seinen Schreibtisch, blickte wieder auf den Brief.

Wenn er auf diese Jubiläumsfeier gehen musste, hieß das, dass er jemanden als sein Haustier bei sich haben musste. Jemanden, der ihm gehörte, damit er sein Statussymbol war.

Er wollte eigentlich unter keinen Umständen Tenn in diese Dinge mit reinziehen, aber wenn er sich weigerte, würde sein Boss es nicht so einfach hinnehmen. Riku wusste, dass er diese Drohung ernstnehmen musste.

„Verdammt“, fluchte Riku etwas leiser, legte den Brief ebenfalls vor sich ab und öffnete schließlich die Schublade seines Schreibtisches. Immerhin war das der eigentliche Grund, wieso er überhaupt hier war. Wenn er überhaupt zulassen durfte, dass er Tenn ein weiteres Mal sehen konnte.

In der Schublade lagen nur ein paar Papiere, die ihn nicht interessierten. Allerdings lag darauf noch ein silberner Anhänger mit einem rot leuchtenden Edelstein.

Er hatte diesen Anhänger bekommen, als er ein richtiges Mitglied in der Organisation geworden war. Damals, als er fünfzehn gewesen war.

Riku wusste, dass jedes Halsband dafür sorgte, dass jemand gekennzeichnet war. Allerdings schützte es bei Weitem nicht so gut, wie der Anhänger, der eindeutig zeigte, dass jemand zu ihm gehörte.

Es gab kaum jemanden, der sich freiwillig mit jemandem von der Organisation oder mit ihm anlegte. Riku wusste, dass es ihm lieber war, wenn Tenn zumindest eindeutig als sein Eigentum galt, wenn sie sich trafen.

Mit einem tiefen Seufzen verstaute er den Anhänger in seiner Tasche, faltete den Brief zusammen und griff wieder nach dem Foto. „Wenn ich dich noch einmal treffe ...“, flüsterte er gegen das Foto, richtete sich auf und ging um den Schreibtisch, drehte das Foto ein wenig.

Erschrocken stoppte Riku erneut, bewegte das Foto so, dass er die Rückseite ansehen konnte, während er sich gegen seinen Schreibtisch stützte und die Zeilen las, die auf der Rückseite des Fotos standen. 

 

Solltest du dich entscheiden, jemand anderen mitzubringen. Ich kann auch deinen Zwillingsbruder und nicht deine Eltern leiden lassen.

 

Riku schluckte, verstaute den Brief und das Foto in seiner Jackentasche und holte den Schlüssel von seinem Büro raus.

Mit schnellen Schritten trat er auf den Flur zurück, schloss die Tür ab und rannte einfach nur durch den Flur und das Treppenhaus aus dem Gebäude.

Er wusste doch, dass es ein Fehler gewesen war, Tenn noch einmal zu treffen, obwohl er nach Incomplete Ruler mit allem abschließen wollte.

Er wusste nicht, wie lange er brauchte, bis er in seiner Wohnung war, wo er die Tür von innen abschloss und sich einfach nur auf sein Bett fallen ließ. Schwer atmend, aber es war Riku in dem Moment egal. Er hatte einfach nur so schnell, wie möglich, von dort weggewollt.

Er ballte langsam seine Hände zu Fäusten, starrte an die Decke über sich. Wenn er weiterhin seine Familie schützen wollte, musste er zusammen mit Tenn zu dieser Feier.

Es gab keinen anderen Ausweg aus dieser Situation, oder?

Er wusste, dass es ein Fehler war, dass er sich überhaupt noch einmal mit Tenn getroffen hatte. Er hätte den Kontakt zu ihm genauso abbrechen müssen wie zu jedem anderen.

 


 

Die sanfte Berührung an seinem Nacken sorgte dafür, dass Tenn ein wenig verschlafen seine Augen öffnete und verwirrt blinzelte, während er bemerkte, dass er bei Ryuu lag und sich in dem Shirt des anderen festgekrallt hatte.

„Ryuu“, flüsterte Tenn ein wenig verschlafener, rutschte ein Stück zurück, auch wenn er dabei bemerkte, dass Ryuu keine Anstalten machte, ihn wirklich loszulassen, so dass er nur etwas seinen Kopf so drehte, damit er in die Augen des anderen blicken konnte.

„Alles in Ordnung, Tenn?“, fragte Ryuu leise nach, während er ihm weiterhin über den Nacken strich.

„Hmhm“, machte Tenn ein wenig die Berührung genießend, „wie spät ist es?“

„Gleich neun“, antwortete Ryuu ruhig, kurz bevor er ihm einen kurzen Kuss auf die Stirn hauchte, „keine Sorge, wir müssen nicht so früh raus.“

„Huh?“, blinzelte Tenn ihm entgegen, auch, wenn er durchaus froh war, noch eine Weile so bei Ryuu liegen zu können. Es sorgte dafür, dass es ihn entspannte und er ein wenig vergessen konnte, was am vorherigen Abend gewesen war. Dennoch wusste er auch, dass sie eigentlich einen Termin hatten. „Sollten wir heute Vormittag nicht zu einem Termin?“

„Gaku hat mit Anesagi-san gesprochen, als er dich hier gesehen hat“, sagte Ryuu daraufhin, „hab ihm gesagt, dass du heute Nacht zu mir kamst.“

Tenn schluckte ein wenig, drückte sein Gesicht einfach wieder gegen Ryuus Oberkörper, spürte weiterhin die Berührung an seinem Nacken. Er war sich nicht einmal komplett sicher, wieso er in der Nacht zu ihm gegangen war, aber er wusste auch, dass er niemals alleine hatte schlafen können. Nicht, nach der ganzen Sache mit Riku zuvor.

„Willst du darüber reden? Du hast uns nur geschrieben, dass du nochmal wegmusstest“, sagte Ryuu leise weiter, „und du bist scheinbar erst spät zurückgekommen.“

Tenn wusste, dass es besser war, wenn er darüber sprach, aber er wusste auch, dass er Riku versprochen hatte, nichts zu sagen. Er konnte nicht sagen, dass er sich mit Riku getroffen hatte. Er konnte nicht darüber reden, worüber sie gesprochen hatten.

Er hatte ihnen eh schon genug davon erzählt, was er eigentlich nicht sagen sollte.

Ohne, dass er etwas sagte, spürte er, wie Ryuu ihm ein wenig beruhigend über den Rücken strich. „Du kannst auch einfach noch eine Weile hier liegenbleiben. Es ist okay, Tenn.“

Es war genau das, was Tenn in dem Moment brauchte. Er wusste, dass er bei ihm einfach nur kuscheln konnte, wenn er es brauchte. Er wusste auch, dass Ryuu ihn niemals dazu zwang, etwas zu sagen, was er nicht erzählen wollte. Auch, wenn Tenn eigentlich sogar darüber reden wollte.

Nur konnte er mehr sagen, als er schon getan hatte, wenn Riku so klar gemeint hatte, dass er nichts sagen sollte?

„Ich liebe es, dich mit TRIGGER auf der Bühne zu sehen. Ich will nicht, dass euch irgendetwas passiert.“

Warum klang dieser Satz nur so sehr nach etwas, dass Riku das alles machte, um ihn zu schützen? Nur vor was?

Tenn schluckte, rutschte nun doch ein Stück zurück, sorgte dafür, dass Ryuu aufhörte, ihm über den Rücken zu streichen, und er ihm einfach nur still in die Augen sehen konnte. „Ryuu ...“, fing Tenn an, bemerkte, wie Ryuu ihn eine Spur besorgter ansah.

„Tenn, weinst du?“, unterbrach Ryuu ihn, strich mit einem Finger über Tenns Wange, so dass Tenn ein wenig zusammenzuckte. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er angefangen hatte, zu weinen.

„Ich ...“, fing er langsam an, stoppte allerdings erneut, schluckte etwas, spürte kurz darauf, wie Ryuu ihn zu sich zog, so dass er sich gegen dessen Halsbeuge lehnte.

„Beruhig dich erst einmal, Tenn“, flüsterte Ryuu so dicht bei ihm, hielt ihn einfach nur weiterhin so dicht bei sich, dass er sich ankuscheln konnte.

Tenn schluckte ein wenig, drückte sich weiter gegen ihn. „Ich– ich habe Riku getroffen. Letzte Nacht.“

Er wusste, dass er es nicht erzählen durfte. Oder sollte. Aber er wusste auch, dass er das nicht alles für sich behalten konnte.

„Was?“, fragte Ryuu und weitete etwas seine Augen, „du– was. Wo– wo ist er?“

Tenn schüttelte den Kopf, lächelte ihn eindeutig gequälter an, spürte, wie ihm immer noch ein paar Tränen kamen. „Ich weiß es nicht wirklich und– sag niemandem etwas. Ich– ich hab es Riku versprochen und ... er meinte irgendwas davon, dass er nicht will, dass uns etwas passiert.“

Er wollte das eigentlich nicht für sich behalten. Aber er wusste auch, dass es der falsche Moment war, wenn er etwas erzählte. Er hatte keine Ahnung, was es war, was Riku dazu veranlasste, einfach verschwunden zu sein. Was dafür gesorgt hatte, dass er seine Idolkarriere für beendet erklärt hatte.

„Es ist gut, Tenn, du brauchst nicht weiterreden“, sagte Ryuu, während er ihn langsam wieder ein Stück losließ, damit er ihn wieder ruhiger ansehen konnte, „und du weißt, dass ich nichts sagen werde, wenn du das nicht willst.“

Tenn war sich nicht sicher, wie es dazu gekommen war, dass er den Tag über mit Gaku und Ryuu in dem Wohnzimmer ihrer Wohnung auf dem großen Sofa saß, während er sich in eine Decke eingekuschelt hatte.

Es war eigentlich keiner ihrer freien Tage, aber er war dennoch froh darüber gewesen, dass er nicht noch irgendwohin musste und so tun musste, als wenn alles in Ordnung wäre.

Er hatte keine Ahnung, was genau Gaku und Ryuu gemacht hatten, aber er wusste, dass er ihnen vertrauen konnte und sie sich nur um ihn sorgten, während sie einfach nur bei ihm waren, selbst wenn er nicht wirklich erzählen konnte, was ihn bedrückte. Auch, wenn er Gaku später ebenfalls zumindest erzählt hatte, dass er Riku getroffen hatte.

Tenn wusste, dass er unter keinen Umständen wollte, dass Riku ihm nicht vertrauen konnte, aber er wusste auch, dass er mit diesen Informationen nicht alleine klarkommen konnte. Nicht, wenn Riku ihn vor irgendetwas beschützen wollte und deswegen so einfach verschwunden war.

Ganz egal, wie gleichgültig und kalt Riku geklungen hatte, wenn er über seine Idolkarriere oder IDOLiSH7 gesprochen hatte, Tenn war sich ziemlich sicher, dass es nicht seine wahren Gefühle waren und das er viel mehr verbarg, als er ihm erzählte. Oder erzählen konnte?

„Ich kann nicht glauben, dass Nanase das alles so einfach beenden kann“, murmelte Gaku neben ihm, während sie gemeinsam eins von IDOLiSH7’s Musikvideos laufen hatten.

„Genauso wenig, wie, dass er das nie ernstgemeint haben soll“, sagte Ryuu ein wenig weiter.

„Ich hatte das Gefühl, als wenn Riku jemand komplett anderes war“, flüsterte Tenn etwas vor sich hin, kuschelte sich ein wenig mehr unter die Decke, „als wenn er eine komplett andere Person war.“

„Tenn“, flüsterte Gaku neben ihm, legte ihm kurz darauf einen Arm über die Schultern, „wir finden schon raus, was los ist. Du weißt, dass du da nicht alleine durch musst.“

„Genau, wir stehen dir bei, Tenn“, sagte Ryuu daraufhin, während Tenn bemerkte, wie er ihn anlächelte.

„Ich weiß, danke“, sagte Tenn daraufhin ruhig zurück, blickte etwas mehr auf, als sie die Türklingel hörten.

„Erwarten wir noch irgendwen oder so?“, fragte Ryuu darauf nach.

„Ich wüsste niemanden“, entgegnete Gaku, „Anesagi-san meinte auch, wir brauchen uns um nichts weiter zu kümmern.“

Ryuu nickte ein wenig, erhob sich dann von dem Sofa. „Ich gehe mal eben nachsehen.“

Tenn blickte ihm still nach, bevor er einfach etwas zur Seite und gegen Gakus Schulter rutschte, während er wieder auf den Fernseher sah, auch, wenn das Video inzwischen zu Ende war.

Er bemerkte nur, wie Gaku ihn ein wenig mehr bei sich hielt, ohne dass er noch etwas sagte, während sie einfach nur darauf warteten, dass Ryuu zurückkam.

Es sorgte dafür, dass Tenn ein wenig seine Augen schloss und sich wieder etwas entspannte. Er war einfach nur froh, dass er einfach nur ein wenig bei seinen Freunden liegen und kuscheln konnte.

Selbst, wenn es nur so lange dauerte, bis Ryuu zu ihnen zurückkam, während er ein kleines Päckchen in der Hand hielt.

„Jemand, der eine Lieferung für dich vorbeibringen wollte, Tenn“, sagte Ryuu dann, hob ein wenig eine Augenbraue, „erwartest du was? Ich weiß nicht, wer es war, aber er meinte, du wüsstest schon von wem.“

Tenn blickte ihn an, ohne sich von Gaku wegzubewegen. „Riku“, flüsterte er etwas mehr, machte allerdings keine Anstalten, Ryuu das Päckchen abzunehmen oder sich überhaupt wieder mehr aufzusetzen. „Er meinte was davon, dass er mir was zukommen lässt.“

„Verstehe“, sagte Ryuu ruhig daraufhin, legte das Päckchen neben ihnen auf dem Tisch ab, rutschte wieder normal auf das Sofa, „ich nehme an, du öffnest es später? Willst du noch irgendwas gucken?“ Nebenbei griff er nach der Fernbedienung, während er allerdings ruhig in Tenns Augen sah.

Tenn seufzte, schüttelte etwas seinen Kopf, streckte einen Arm in Ryuus Richtung aus, zog seine Mundwinkel etwas zu einem Lächeln. „Magst du ... herkommen?“

„Kuscheln?“, fragte Ryuu ihn, lächelte ihn sanft an, schaltete den Fernseher aus und legte die Fernbedienung wieder auf dem Tisch ab, bevor er zu ihm herüber rutschte, so dass sie zu dritt zusammen kuscheln konnten.

„Immerhin sagst du heute mal eindeutig, was du willst, Tenn“, entgegnete Gaku ein wenig mehr, während er ihn weiterhin so dicht bei sich hielt.

„Sei still“, brummte Tenn etwas leiser, wenn auch eindeutig weniger grummelig als normalerweise, bevor er sich ein wenig so bewegte, dass er Ryuu in einen Kuss verwickelte.

„Scheinbar mehr als nur kuscheln“, flüsterte Gaku hinter ihm, wobei er Tenn einen kurzen Kuss auf ein Ohr hauchte.

Tenn drückte sich ein wenig zur Seite, drehte sich um und küsste Gaku kurz darauf, bevor er ihn anfunkelte. „Wenn du sonst nicht still bist.“

Gaku grinste ihm nur ein wenig entgegen, küsste ihn diesmal noch einmal richtig.

„Zumindest klingst du wieder normal, Tenn“, sagte Ryuu ein wenig schmunzelnder, strich ihm über den Nacken, „ich glaube, der Tag hat dir mal gutgetan.“

„Hmmm“, murmelte Tenn, rutschte ein wenig so, dass er seinen Kopf auf Gakus Oberkörper bettete, „danke euch“, flüsterte er ein wenig mehr.

 


 

Nach ihrem gemeinsamen Abendessen ließ sich Tenn in seinem eigenen Zimmer auf seinem Bett nieder und blickte ein wenig nachdenklicher zu dem Päckchen in seiner Hand.

Eigentlich wollte er sich nur kurz waschen, was Neues zum Schlafen anziehen und danach wieder in Ryuus Zimmer gehen, da sie beschlossen hatten, die Nacht gemeinsam zu verbringen.

Er hatte sich zwar bereits umgezogen und war eigentlich bereit, wieder zurückzugehen, wenn er nicht gerade minutenlang zu dem Päckchen blickte. Er wusste eigentlich, dass es von Riku war. Oder sein musste.

Mit einem tiefen Seufzen öffnete er es schließlich dennoch, da er wusste, dass er sich sonst nur die ganze Nacht nicht beruhigen konnte.

Innerhalb des Päckchens war ein weißes Halsband, an dem ein silberner Anhänger mit einem kleinen, roten Edelstein befestigt war. Dabei lag ein Brief, der eindeutig Rikus Handschrift zeigte.

Er legte das Halsband zur Seite und nahm den Brief in die Hand, um die Zeilen darauf zu lesen.

 

Wenn wir uns das nächste Mal treffen, trag es bitte, ja? Es sollte dich beschützen, weil jeder dort dann weiß, dass du zu mir gehörst.

Es ist eine weitere Sicherheit, damit so etwas, wie letztlich, nicht erneut passiert.

Ich hätte es dir vermutlich vorher schicken sollen, aber ich dachte nicht, dass ich es bräuchte.

Aber ich will auch nicht, dass dir hier etwas passiert, wenn ich wirklich mal nicht rechtzeitig zu unseren Treffen kommen kann.

Ich melde mich, wenn ich wieder Zeit habe.

 

Tenn seufzte, nickte etwas vor sich hin, verstaute dann den Brief, zusammen mit dem Halsband, in einer Schublade an seinem Nachtschränkchen. Er war sich ziemlich sicher, dass er diese ganze Sache auch geheimhalten sollte.

Allerdings wollte er Gaku und Ryuu auch nicht viel mehr beunruhigen. Selbst, wenn er sich nicht sicher war, in was für einer Gegend Riku dort unterwegs war, er wusste für sich, dass er seinem Zwillingsbruder vertrauen konnte. Ganz egal, wie anders Riku wirkte, es war etwas, was er einfach tief in sich fühlte.

Erst danach machte er sich daran, sein Zimmer zu verlassen und zu Ryuus Zimmer zu gehen.

Als er das Zimmer betrat, blickte er geradewegs zu seinen Freunden, die es sich bereits gemütlich gemacht hatten und nun zu ihm sahen.

Tenn lächelte einfach nur, rutschte zwischen Gaku und Ryuu und ließ sich von ihnen festhalten. Er wusste, dass es momentan das war, was er brauchte, um nicht die ganze Zeit zu sehr daran zu denken, was mit Riku war. Er wusste, dass er einfach nur diese Nähe brauchte, die er eigentlich nur bei ihnen haben konnte.

„Alles gut, Tenn?“, fragte Gaku ein wenig leiser nach.

„Hm, ja“, erwiderte Tenn ruhiger zurück, „ich denke, mir geht es morgen wieder gut. Danke für den Tag.“

„Kein Problem“, sagte Ryuu, während er mit einer Hand die Decke nach oben über sie zog und sich zu ihm lehnte, „und morgen sehen wir mal weiter.“

„Eben, ruh dich erst einmal anständig aus“ sagte Gaku ruhig weiter.

Tenn lächelte einfach nur, rutschte etwas mehr unter die Decke, so dass er gemütlich liegen konnte, während er versuchte, einfach nur schlafen zu können.

Die nächsten Tage vergingen einigermaßen normal, auch wenn Tenn durchaus mitbekam, wie immer mehr darüber diskutiert wurde, was bei IDOLiSH7 los war und wann sie endlich zurückkamen.

Erst recht, nachdem die meisten von ihnen wieder anfingen, sich vorzubereiten und einzelne Auftritte in Shows hatten. Es war alles etwas anderes, wenn noch sehr deutlich gesagt wurde, dass sie nicht als Gruppe auftraten.

Inzwischen war es eine gute Woche, in der Tenn nichts mehr von Riku gehört hatte.

Er hatte ihm zwar zwischendurch mal geschrieben, aber keine Antwort bekommen, weswegen er vermutete, dass er wirklich darauf warten musste, dass Riku sich wieder meldete.

Es war fast ein wenig beruhigend, dass sie genug zu tun hatten, dass er sich nicht zu viele Gedanken machen musste. Er hoffte einfach wirklich, dass Riku wusste, was er tat und das er schon klarkommen würde.

Die Abende verbrachte er meistens mit Gaku oder Ryuu zusammen, auch, weil er momentan das Gefühl hatte, dass er nachts kaum zur Ruhe kam, wenn er alleine war. Er wollte sich nicht zu viele Sorgen machen, aber er konnte teilweise nicht anders, wenn er sich abends entspannte und zu sehr in seinen Gedanken versunken war.

„Oh, Kujou-san?“, drang eine ruhige Stimme zu ihm, kurz bevor er zu der Managerin von IDOLiSH7 sah, die ihm auf dem Gang entgegenkam.

„Takanashi-san, hallo“, sagte er ruhig, lächelte sie an, „gibt es etwas?“

„Vielleicht“, murmelte sie ein wenig bedrückter, drehte etwas ihren Kopf zur Seite, „können wir alleine reden?“

Tenn nickte und trat auf seine Kabine zu. „Ich hab jetzt eh Zeit, komm mit rein“, sagte er dann und hielt ihr die Tür auf, bevor er hinter ihr eintrat, so dass sie alleine sein konnten. Er konnte sich eh bereits denken, worüber sie reden wollte.

„Ich wollte dich nur fragen, ob du irgendetwas von Riku-kun gehört hast?“, fragte sie ein wenig leiser nach, „ich meine, vielleicht hat er dir etwas gesagt?“

Tenn sah ihr ruhig entgegen, legte etwas den Kopf schief. „Das letzte Mal, dass ich mit Riku gesprochen habe, war vor Incomplete Ruler“, erwiderte er dann, auch, wenn er ein wenig von sich selbst überrascht war, wie ruhig er das sagen konnte. Er hätte nicht gedacht, dass er so gut leugnen konnte, dass er Riku noch einmal getroffen hatte. Oder das er nur darauf wartete, dass sich sein Zwillingsbruder wieder bei ihm meldete.

„Oh, verstehe“, sagte Tsumugi ein wenig bedrückter, „ich dachte nur, vielleicht hätte er dir etwas gesagt oder würde zu dir noch Kontakt halten. Immerhin ...“,

Tenn schüttelte aber nur den Kopf, sah sie ruhig lächelnd an. „Was wirst du tun, wenn er nicht zurückkommt? Was passiert dann mit IDOLiSH7?“

„Ich werde nicht aufgeben, bis ich ihn gefunden habe, Kujou-san“, sagte Tsumugi eindeutig wieder entschlossener, „ich– ich habe es ihnen versprochen! Ich werde nach ihnen suchen, wenn jemand verschwindet. Niemand von ihnen kann ersetzt werden. IDOLiSH7 kann nur mit diesen sieben existieren!“

Einen Moment weitete Tenn seine Augen, bevor er schließlich sanfter lächelte. „Ich weiß nicht, wo Riku ist oder warum er so plötzlich verschwunden ist“, sagte er dann, was zumindest nicht gelogen war. Er wusste ja wirklich nicht, wo sich Riku befand. „Aber ich hoffe, dass du ihn finden kannst. Ich will nicht, dass IDOLiSH7 so endet.“

Er ignorierte das Gefühl, dass er Riku treffen konnte, wenn sich sein Zwillingsbruder bei ihm meldete und das er so noch Kontakt zu ihm haben konnte.

„Ich werde alles daran setzen, ihn zu finden!“, sagte Tsumugi weiterhin entschlossen, nickte zusätzlich bekräftigend.

„Das klingt gut“, sagte Tenn daraufhin, lächelte sie weiterhin an. Er wusste, dass er zu viel verheimlichte, aber er wusste auch, dass er Riku versprochen hatte, nichts davon zu sagen. Davon ab, dass er nicht sagen wollte, dass Riku so einfach sagen konnte, wie ihm das alles egal war.

 

–*–

 

Normalerweise war es nicht die Zeit, zu der sich Riku bereits auf dem Heimweg befand, immerhin war es noch nicht so spät am Abend.

Die Gegend, durch die er lief, war allerdings bereits ziemlich leer, wenn es nur anfing zu dämmern. Es sorgte dafür, dass er sich nicht besonders um seine Umgebung kümmerte.

Es war eine gute Woche her, seit er Tenn getroffen hatte. Seit diesem Moment dachte er auch darüber nach, was er tun sollte und wie viel er riskieren durfte.

Nicht zu der Feier gehen, wenn sein Boss ihm drohte, seine Eltern zu töten? Er wusste, dass er es nicht riskieren konnte. Seine Eltern wussten nicht, was genau passiert war oder wo genau Riku war. Außerdem standen sie zwar unter Beobachtung, allerdings ohne, dass irgendjemand sie groß einschränkte.

Riku hatte die Möglichkeit, sie zu besuchen, wenn er wollte. Allerdings beschränkte er diese Besuche meist auf sehr wenige Tage im Jahr. Er wollte nicht, dass sie mehr erfuhren. Er wollte nur, dass sie wussten, dass es ihm gutging und sie sich keine Sorgen machen mussten.

Riku wusste, dass es ausfiel, dass er nicht zu der Feier ging, aus genau dem Grund.

Er hatte mehrfach, in der vergangenen Woche, darüber nachgedacht, ob er jemanden fand, den er statt Tenn mitnehmen konnte. Aber er wusste auch, dass er schon jemanden finden musste, der seinem Zwillingsbruder zumindest ähnlich sehen musste.

Allerdings hatte er es nach einer Weile eher als schwierig abgetan, weil er genau wusste, dass sein Boss wusste, wer Tenn war und herausfinden würde, wenn Riku ihn täuschte.

„Keine Sorge“, hörte Riku kurz darauf eine leise Stimme aus einer Seitenstraße, vor der er war, was ihn etwas aus seinen Gedanken holte.

Mit einem kurzen Blick in die Richtung bemerkte er die Personen, die dort standen, während eine davon gegen die Wand gedrückt wurde.

Es war nichts, was Riku groß wunderte, weil es durchaus häufiger der Fall war, dass sich irgendwer in den Schatten dieser Straßen so zurückzog und durchaus auch mehr tat, als nur sich zu küssen.

Riku hatte diesen Personen nie besondere Beachtung geschenkt. Es war eher, dass ihn nicht nur die Stimme dazu gebracht hatte, dass er alarmiert war, sondern auch die Erkenntnis, dass er diese Personen eindeutig erkannte.

Mit einer schnellen Bewegung griff er nach der Kapuze seines Pullovers, zog sie sich über den Kopf und richtete seine Augen wieder vor sich. Wenn er schnell genug war, hätten sie ihn nicht erkennen können, oder?

„Riku?“

Er stoppte in seiner Bewegung, sagte allerdings kein Wort oder drehte sich um.

Wie groß war bitte die Wahrscheinlichkeit, dass er in dieser Gegend, auf seinem Heimweg, Yuki und Momo traf? Was machte Re:vale hier, wo er eigentlich wusste, dass es kein Teil war, wo irgendjemand von ihnen je auftrat oder zu tun hatte?

„Du bist doch Riku, oder?“, fragte Momo nach, während Riku hörte, wie sie zu ihm traten, „bist du wieder zurück? Wann tretet ihr wieder auf?“

Riku schluckte, drehte sich weiterhin nicht um, zog ein wenig an seiner Kapuze. „Ich werde nicht mehr zurückkehren“, antwortete er kalt, versteckte seine Gefühle hinter seiner Maske.

„Wie meinst du das, du kommst nicht zurück?“, fragte Yuki nun nach, kurz bevor Riku sah, wie der andere vor ihn getreten war und ihn nun ansah, „macht IDOLiSH7 nicht nur eine Pause?“

„Ich habe nichts mehr mit IDOLiSH7 zu tun“, sagte Riku darauf, hob seinen Blick etwas, starrte Yuki zurück an, „meine Idolkarriere ist beendet.“

„Was?“, fragte Momo erschütterter nach, trat neben seinen Partner, „wieso das? Ihr ward so erfolgreich! Wie kannst du das alles aufgeben, jetzt?“

„Ich werde jetzt gehen“, sagte Riku nur noch, sah zwischen ihnen hin und her, „wir sollten unser Treffen hier geheimhalten. Findet ihr nicht?“

Bevor er sich an ihnen vorbeibewegen konnte, spürte er, wie Yuki ihn am Arm festhielt.

„Wir sollen geheimhalten, dass wir dich getroffen haben?“, fragte Yuki nun nach, sah ihn aus ernsteren Augen an.

„Wir sagen nichts“, sagte Momo, lächelte ihn breiter an, strich Riku über den Kopf und dabei etwas die Kapuze zurück, zwinkerte kurz darauf.

„Momo“, murmelte Yuki, sah etwas fragender in die Richtung seines Partners.

Riku blickte zwischen ihnen hin und her, drückte sich dann zurück und befreite sich aus dem Griff, als er merkte, dass Yuki ihn nicht mehr ganz so stark festhielt. Warum hatte er das Gefühl, dass er in Momos Blick mehr lesen konnte, als er wollte? Als wenn er viel mehr wusste, als Riku gedacht hatte?

„Wenn wir Riku-kun nicht verraten, wird er uns nicht verraten“, sagte Momo kurz darauf, lächelte breiter, sah eher in Yukis Richtung, „komm, lass uns gehen. Bye, Riku!“

Einen Moment blinzelte Riku ihnen hinterher, bevor er sich wieder abdrehte, um weiterzugehen. Auch, wenn er ein mehr als mulmiges Gefühl hatte, wenn er an dieses Zusammentreffen dachte.

Er glaubte zwar wirklich, dass Momo nicht erzählen würde, dass sie ihn getroffen hatten, aber dennoch war irgendwas an diesem Blick gewesen, was dafür gesorgt hatte, dass er sich anders unwohl fühlte.

 


 

Als Riku am nächsten Tag einen weißen Umschlag aus seinem Briefkasten holte, blinzelte er eindeutig verwirrter. Einzig „Nanase Riku“ stand auf dem Umschlag, sonst nichts.

Nachdenklich setzte er sich in dem Wohnzimmer seines Apartments auf einen Sessel, öffnete den Umschlag und holte einen Zettel raus, auf dem ein paar Zeilen standen.

 

Hey Riku,

 

Keine Sorge, niemand weiß, wo du wohnst.

Ich habe meine Quellen.

Ich hatte nur gestern das Gefühl, dass du vielleicht Hilfe brauchst.

Falls ja, kannst du mich kontaktieren. Unter der unten angegebenen Nummer.

Wenn nicht, werde ich keine weiteren Versuche machen, dich zu kontaktieren oder aufzusuchen. Du hast vermutlich deine Gründe.

Genauso, wie Yuki und ich unsere Gründe hatten, dort zu sein.

Wir sagen nichts, du sagst nichts.

 

Pass auf dich auf!

Momo

 

Riku blickte danach auf die Nummer, die am unteren Rand stand, knüllte den Brief zusammen und hielt ihn einen Moment fest.

Schließlich seufzte er, machte ihn wieder auseinander und stand auf, um ihn in einer Schublade einer Kommode an der Seite unter einigen anderen Sachen zu verstauen. Er wusste, dass er niemanden von ihnen einschalten wollte.

Er hatte für sich selbst entschieden, einen Schlussstrich zu allem, was mit seiner Idolkarriere zu tun hatte, zu ziehen. Aber etwas an diesem Zusammentreffen gestern, in Momos Blick und in dem Brief des anderen, sorgte dafür, dass er dieses Schreiben zumindest nicht einfach wegschmeißen konnte.

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Statistik

Kapitel:7
Sätze:616
Wörter:12.230
Zeichen:70.172

Kurzbeschreibung

Vor TRIGGER’s Musical und dem Duett mit Riku, erfährt Tenn, dass dieser Auftritt, ihr gemeinsame Song, Nanase Rikus letzter Auftritt als Idol sein soll. Danach verschwindet Riku spurlos, ohne das irgendjemand weiß, warum.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Romanze, Schmerz und Trost, Angst und Fluff getaggt.