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Stimulus

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18.6.2019 17:24
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Stimulus (lat.) = ein aus psychologischer Sicht bezeichneter Reiz, der eine Reaktion auslöst

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Das Leder des Handschuhs knarzte hörbar, als die Faust darin geballt wurde. Der zusammengepresste 
Kiefer und die Enttäuschung seiner Augen untermauerten die kommende Aktion. Blitzschnell schoss er nach vorne und erwischte ihn. Ein Sekundenbruchteil später folgte auch schon der tiefsitzende, beißende Schmerz. Die laute Stimme des Angreifers hallte derweil durch die Dunkelheit der alten, bröckeligen Mauern.
 
Der zu Boden geworfene junge Mann kicherte hämisch, als er sich nun, mit dem Gesicht nach unten, auf dem staubigen Betonboden abstützte. Nicht aufgrund seines Humors, sondern wegen seines hervorragenden Gehörs.
Was für ein Schlag!, dachte er und setzte seine ausdruckslose Miene wieder auf. Dann drehte er sich vorsichtig um und sah zu seinem Kontrahenten auf. Sein Anblick fesselte ihn. Die wohltuende Erkenntnis, wieder einen Sieg eingefahren zu haben, durchfuhr seinen schmalen Körper. Zumal es schon an ein Wunder grenzte, dass sein Angreifer überhaupt aufgekreuzt war.
Doch sei es drum. Viel wichtiger und ein noch erstrebenswerteres Erfolgserlebnis war die unsichtbare Reaktion einer ganz anderen Person. 
Der junge Mann hatte genau gehört, wie eben diese Person in das Mikrofon gebrüllt hatte... kurz bevor er den Schlag kassierte. ER war tatsächlich laut geworden!
Dieser wichtige Triumph hatte er nur seinem feinen Hörsinn zu verdanken. Durchschnittliche Menschen erreichten ein solches Hörvermögen nie. Nur Monster. Monster wie er. 
Nein, Monster wie sie…
 
Fast hätte ihm dieser Gedanke wieder ein Kichern entlockt. Jedoch nur fast. Er zwang seinen Fokus wieder ins Hier und Jetzt. Grimmig stellte er fest, dass seine Gedanken in letzter Zeit stark abschweiften. An einem Ort wie diesem konnte und durfte er sich diesen Luxus nicht leisten! Also konzentrierte er sich wieder. Unterstützt durch eine ganze Reihe Glückshormone.
Seine mit tiefen Schatten umringten Adleraugen richteten sich wieder auf seinen ‚Besucher‘.
Gegen ihn hatte er, zumindest körperlich, keine Chance. Trotz des recht hohen Alters seines Gastes. Schließlich war er nicht nur als Spion und Kontaktmann ausgebildet, sondern auch als Killer. Die ersten beiden Tatsachen waren dem jungen Mann von Nutzen; die Letzte wiederum war ihm völlig schnurz. Denn töten würde ihn die graue Eminenz auf gar keinen Fall. Zumindest lief die Wahrscheinlichkeit gegen Null. Ein reizvolles Gefühl der Übermacht breitete sich in ihm aus. Alleine für dieses Gefühl würde es sich zu sterben lohnen… und in seinem Blick drückte er gleichzeitig Belustigung und Überlegenheit aus. Sicher auch der Grund des Faustschlags.
 
Aufs Neue dröhnten Schmerzen durch seinen Kopf. Seine Gesichtsmuskulatur jedoch zuckte nicht einmal. Der Aufprall war recht hart gewesen und das Blut, welches er nun seitlich auf den trostlosen Betonboden spie, wirkte pechschwarz. Die klägliche Beleuchtung flackerte einige Male nervös. 
Hier waren sie nun. 
Gefangen in der Düsterheit; fernab jeglicher ernstzunehmenden Zivilisation. Doch das war gut so.
Der junge Mann wollte sein Erwachen nämlich ungestört kundtun. Das hatte schließlich viel mehr Stil, als andere die Drecksarbeit machen zu lassen. Und mit ‚andere‘ war wiederum die Person gemeint, die mit Abwesenheit glänzte. Die Person, deren ‚Backup‘ er war. 
Er selbst war sozusagen der leibhaftige ‚Plan B‘.
 
Für die Ausarbeitung des großen Finales war dieser alte Lagerhauskomplex einer ruhenden Firma sehr gut geeignet. Schon vor einigen Tagen wurde er auf den toten Betonriesen aufmerksam. Sie hatten etliche Gemeinsamkeiten und von vornherein fühlte er sich wie durch eine unsichtbare Kraft zu dem maroden Gebäude hingezogen. Die alten, schwarz verfärbten Holzbalken, die ein undichtes Dach stützten, erinnerten ihn an den Brustkorb eines todbringenden Ungeheuers.
Schon bald würde es hier vor Polizeibeamten nur so wimmeln. Mit Sicherheit waren diese noch schwerer bewaffnet, als der Mann im schwarzen Mantel vor ihm.
Ihm blieb also nicht mehr viel Zeit. 
 
Doch der Krampf in seinem Kopf wollte nicht nachlassen. Und während er auf dem Boden hockte, seine staubbedeckten Finger vorsichtig seine pochende Gesichtshälfte berührte, fühlte er die angenehme Kühle des Bodens durch den Stoff seiner Jeans entlangkriechen. Den Schmerz unterdrückend, sah er zu einer jener Öffnungen in den Mauern, die einmal Fenster beherbergt hatten und deren spitze Reste zu tausenden Teilchen zersplittert auf dem Boden verstreut waren.

Die ganze Gegend hatte er ausgekundschaftet. Kannte sie wie seine Westentasche. Angefangen vom Treppenhaus neben dem leeren Aufzugschacht. Von da ab infiltrierte er den einst prunkvollen Eingang in jedes Stockwerk. Natürlich auch in den Keller, einem stadtbekannten Drogenlabor. Dessen Gestank, eine Mischung aus Cannabis, kochendem Crystal Meth, Schweiß und sonstigen Ausdünstungen würde er in der kurzen Zeit, die ihm noch bleiben würde, sicher nicht vermissen.
Die ersten beiden Etagen wiederum boten Pennern und illegal eingereisten Personen, gelegentlich auch ein paar ausgerissenen Jugendlichen einen trockenen Unterschlupf. Tagsüber war das Gebäude wie leergefegt. I Hinterhof wurden kleinere und größere Drogendeals abgewickelt. Regelmäßige Razzien fanden hier schon lange keine mehr statt, wie er beruhigt feststellte. Es interessierte schlichtweg niemanden mehr, was hier vor sich ging.
Diejenigen, die hier landeten, waren bereits allesamt kriminell, verloren und vergessen oder wurden es auf kurze Distanz. Irgendwann würde man sie entweder tot oder im State Prison wiederfinden.
Auf seinem Infiltrationsgang stellte er fest, dass es in den anderen Bauten des Lagerhauskomplexes noch viel armseliger aussah. Diese Gebäude waren bereits abbruchreif und nicht mehr sicher. Das vorherige Gebäude war wenigstens noch ein einigermaßen akzeptabler Schlafplatz, obwohl an Gemütlichkeit und Entspannung hier kaum zu denken war.
Durchtrennte Kabel lugten aus dem Mauerwerk heraus. Noch größer, als die aneinandergereihten Einschusslöcher. Mit seinen nackten Fingern fuhr er die  an die Wand gesprühten Graffitis nach. Kunstwerke, wie ‚Dying is my Chance‘ dienten ihm als persönliches Omen. Die rostigen Nägel, die aus den Decken und Wänden herausragten, erinnerten ihn an die eiserne Jungfrau, einem Folterinstrument aus dem Mittelalter. 
Die gemauerten Stücke, die einmal Räume abgegrenzt hatten, waren bis auf wenige Ausnahmen in sich zusammengefallen. Nur die stabileren Tragwände waren noch übrig und er errechnete, dass sie noch ein paar weitere Jahre halten würden. Und das, obwohl sie bereits haufenweise Wutanfälle der Verzweiflung ausgebadet hatten. 
Bis auf ein wenig marodes, dennoch nutzbares Mobiliar, welcher von Pennern oder Herumtreibern in die unteren Stockwerke geschleift wurde, war hier sonst nichts Nennenswertes. Hier und da, neben den alten Bettgestellen und deren versiffte Matratzen oder Laken, hingen Kreuze an den Wänden. Auf seinem Rundgang fand er in sämtlichen Ecken benutzte Spritzen oder zahlreiche andere Gegenstände, womit hier der Drogensucht gefrönt wurde. Dem einzigen Ausweg, den es hier noch zu geben schien.
Je weiter man sich in das Gebäude wagte, desto gefährlicher wurde es. Nach hier oben, zu ihm, direkt unter dem durchlässigen Dach, traute sich niemand. Wusste der Himmel, weshalb?
Der Vorteil war, dass er hier seine Ruhe hatte, wenn er plante oder schlief. 
Er selbst benutzte nie den Haupteingang, sondern gelangte über das Dach eines kleinen Anbaus in das Gebäude. Keine einhundert Meter Luftlinie entfernt lag der Temescal Canyon Park. Ein weiterer Rückzugsort von ihm. Tief im Schutze der Natur verborgen, beschlagnahmte er für sich einen verlassenen Schutzbunker des National Park Services.
 
Was hätte A wohl von alldem hier gehalten? Diese Frage spukte ständig in seinem Kopf herum. Eine Antwort würde er jedoch nicht mehr erhalten…
 
Alles, worauf er und seine Taten abzielten war, seinen stärksten Gegner herauszufordern. Um ihm aufzuzeigen, dass sein ausgeklügeltes System Lücken hatte. Nicht viele, aber es gab sie. Und es war sein größtes Bestreben, ihm all diese Lücken restlos aufzeigen. Lücke für Lücke.
Der alte Schutzbunker spielte hierbei eine wichtige Rolle. Hier konnte er diverse Hilfsmittel sicher aufbewahren, ohne Befürchtung, dass irgendjemand dort hineinplatzen würde.
 
Lässig und entspannt wirkend hievte er seinen schmerzenden Körper empor. 
Er fühlte die Taubheit seines Kiefers, als er ihn kreisen ließ. 
Die roten Flecken auf seinem weißen Shirt ergaben ein nahezu kunstvolles Muster.
Blut empfand er schon immer als eine faszinierende Körperflüssigkeit.
Erneut drehte er den Kopf und inspizierte seinen Angreifer ein weiteres Mal: Er trug den obligatorisch ins Gesicht gezogene Hut und den aufgestellten Mantelkragen. Der lange, schwarze Mantel, der seinen mal mehr, mal weniger schwer bewaffneten Körper umhüllte. Die tödlichen Hände umgaben edle Lederhandschuhe. Alles Maßnahmen, damit Außenstehende nie dahinterkommen würden, wer sich dahinter verbarg.
Zusätzlich war er mit der modernsten und besten Technik verkabelt, damit dessen Hintermann auch ja alles mitbekam! Folglich war er also nie alleine anzutreffen. Und dadurch noch unverwüstlicher und noch viel gefährlicher, als er es ohnehin schon war.  Man durfte ihn also keineswegs unterschätzen. Und das würde der junge Mann gewiss nie tun. Welch glücklicher Umstand also, dass ihm der Angreifer nicht wirklich ans Leder wollte, sondern vielmehr einen kläffenden Yorkshire-Terrier darstellte. 
Der gefährliche Bullterrier, das Objekt seiner Begierde, lauerte im Hintergrund.
Obwohl diese Beschreibung auch auf ihn selbst zutraf.
 
Wieder ertönte das herrliche Knacken des Abhörgeräts. Der eine Teil dessen befand sich kaum sichtbar im Ohr des Angreifers. Ein kleines, ca. 0,5 cm rundes, hautfarbenes Klangwunder. Mit ihm hörte er, was sein Hintermann zu sagen pflegte. Der andere Teil verbarg sich im Inneren seines Kragens und war multipel als Mikrofon einsetzbar. Damit zeichnete das Gerät sämtliche Geräusche in der näheren Umgebung auf.
Somit konnte der im Hotel verbliebene Bullterrier alles mithören. Ständig und zu jeder Zeit! 
Immerhin war er seines Zeichens Privatdetektiv.
Und das ‚privat‘ konnte man hier wortwörtlich nehmen.
Ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit klärte er all seine Fälle auf. Niemand, bis auf wenige
Auserwählte wussten, wer er war und wie er aussah. Hinter vorgehaltener Hand sagte man, er würde nie selbst an einen Tatort gehen. Als seine Augen, Ohren und Hände agierte stets sein Assistent. Loyal und vertrauensvoll. Jener Angreifer im schwarzen Mantel, der ihm den harten Schlag verpasst hatte.
Der junge Mann hatte ihn bereits vor ihrem Treffen beobachtet. Der Yorkshire-Terrier hatte das Gebäude zuvor auch ausgespäht. Es war überdies sehr aufschlussreich, ihn und den Bullterrier bei ihrer 'Kommunikation‘ zu beobachten. Diese Information könnte sich irgendwann einmal als lebensrettend erweisen.

Eine Wahrscheinlichkeitsberechnung ergab, dass genannter Detektiv bereits seit geraumer Zeit damit beschäftigt war, die Situation zu deeskalieren. Möglichst ohne den Beamten eine Verbindung zwischen einer mysteriösen Ankündigung, gerichtet an das Los Angeles Police Department und dem noch kommenden Einsatz offensichtlich werden zu lassen. 
Er würde dem aufgeschreckten Chief of Police also einiges auftischen müssen…
Der junge Mann war schon sehr auf das Ergebnis gespannt. Denn nur so war es ihm möglich, weitere Details zu entschlüsseln, die er für sein weiteres Vorgehen benötigte.
 
Wie genau die Reaktion des Detektivs ausfiel, würde sich sicher sehr bald feststellen lassen. Inhaftieren konnten sie ihn, ohne Vorliegen oder Verdacht auf ein Verbrechen nicht. Auch nicht im Bundesstaat Kalifornien. Er fragte sich, ob der Detektiv wohl schon etwas ahnte? Sie mochten nämlich beide die gleiche Art von ‚Herausforderung‘. Doch für den klugen jungen Mann war es weit mehr als das. 
Es handelte sich hierbei nämlich um die Generalprobe. Dann würde er in die Vollen gehen.
Aber noch nicht heute. Erst in einigen Tagen. Voraussichtlich Ende Juli.
Einige Vorbereitungen waren noch zu treffen.
 
Als von irgendwoher ein Schrei ertönte, störte das keinen von beiden. Beide waren konzentriert und atmeten dieselbe, zum Zerreißen gespannte, Luft ein. Ganz langsam setzte sich der barfüßige junge Mann in Bewegung und drehte seinem Angreifer tatsächlich den Rücken zu. Er ignorierte ihn vollends und lehnte sich lässig mit beiden Händen auf einen staubbeschichteten Vorsprung ab. Sinn und Zweck war es, endlich frische Luft einzuatmen, die den Gestank der nächtlichen Drogenherstellungsprozesse aus seiner blutigen Nase wehte.
Millionen Lichter strahlten ihm entgegen. Weit entfernt und kaum erkennbar, tummelten sich die riesigen Wolkenkratzer von Los Angeles, umgeben von hellen, winzig kleinen Lichtquellen.
Los Angeles, dem Mekka für Luft- und Raumfahrt sowie der Musik- und Filmindustrie. 
Nicht allzu weit entfernt lag der Stadtteil Santa Monica mit seinem berühmten Pier.
Luxuriöse Geschäfte, schillernde Bars, teure Restaurants und ein Vergnügungspark lag sozusagen gleich neben dem alten, verdreckten Lagerhauskomplex. Reich und Schön neben Verbittert und Verdorben.
Eine passende Metapher.
Genauso, jedoch in einem etwas kleineren Rahmen, stand es um seine ‚Familie‘, einem 
ebensolchen Beispiel an Paradoxität.

Sein früheres Zuhause würde er nicht mehr betreten. Er selbst hatte es so entschieden.
Trotzdem blickte er gerne auf all die Jahre zurück, in denen er als ‚Backup‘ ausgebildet wurde:

Schon als kleiner, unschuldiger Junge bewohnte er eines der renommiertesten Waisenhäuser der Welt: Wammy’s House.
An die Zeit davor hatte er kaum mehr Erinnerungen.
Und auch an sein erstes Zusammentreffen mit dem Direktor konnte er sich noch ganz genau entsinnen. Der sagte nämlich, er habe den Intellekt und die Möglichkeit, später etwas Großartiges zu leisten. Doch zuvor müsse man sein Können noch testen. 
Und so spielte der kleine Beyond aufregende Spiele, welche er noch nie zuvor gespielt hatte. Er mochte sie sofort und sie fielen ihm unsagbar leicht.
Auch das zufriedene Lächeln des Direktors brannte sich in seinen Kopf. 
Und so nahm das Schicksal seinen Lauf:
Jahrelang formte man aus ihm das Genie, was er heute war.
Und er tat dafür, was man von ihm verlangte.
Das Lernen flog ihm regelrecht zu. Und das Wenige, in was er ‚unterdurchschnittlich‘ war, trainierte er wie ein Besessener. Ebenso wie A.
Dann, an seinem achtzehnten Geburtstag offenbarte man ihm endlich eines der wohlbehütetsten Geheimnisse der heutigen Zeit.
Roger Ruvie und Quillsh Wammy, die Direktoren, baten ihn um ein Gespräch.
Alleine. In einem Raum, den er noch nie zuvor betreten hatte. Ohne A.

Mit leuchtenden Augen und zufrieden, dass er den Grund schon einige Zeit zuvor enthüllt hatte, verließ er jenes Zimmer wieder. A wartete bereits auf ihn und sah ihn mit großen Augen an.
Am liebsten hätte er alles erzählt – doch er durfte nicht!
Nicht hier. Denn dieses Haus hatte Augen und Ohren überall.
Also verpackte er das Geheimnis in ein Rätsel. Natürlich hatte es A innerhalb kürzester Zeit gelöst.

Und diese fast winzig kleine Tatsache war der Anfang vom Ende. Dieses Ereignis läutete jenen verhängnisvollen Tag ein, der in die Geschichte von Wammy’s House eingehen und zu unabwendbaren Veränderungen führen würde.
Mit einem Schlag war alles anders!
Alles…
Der Mark erschütternde Schrei, der an jenem schwarzen Tag aus Beyond Birthdays Kehle rann und durch das alte Herrenhaus schmetterte, schreckte alle Anwesenden auf. An jenem Tag, als B zum ersten Mal sämtliche Gesichtszüge entglitten waren und er erkannte, was für Monster sie wirklich waren.
Heute verzog er an die Erinnerung daran keine Miene mehr. Es gab nichts mehr in ihm, was diesen menschlichen Aspekt hätte zum Vorschein bringen können. Er nahm sein wahres Wesen endlich an: Egoistisch, rechthaberisch und vor nichts zurückschreckend.
Nach diesem Vorkommnis reifte in seinem Kopf ein mörderischer Plan und ganz allmählich kam der Tag, an den er den ersten Teil davon in die Tat umsetzen würde.

»Weshalb tust du das, B?«, hörte er die ihm vertraute Stimme hinter sich. Schweigsam und amüsiert über die tiefe Traurigkeit in dessen Stimme, legte er seinen Kopf schief und starrte weiterhin wie gebannt auf die Skyline von L.A. - der Stadt der Engel.
War es Zufall, dass er sich genau hier aufhielt? Wohl kaum.
»So sag mir, Watari… weshalb sollte ich es nicht tun?«, gab er eintönig zur Antwort, während er seinem einstigen Ziehvater und Direktor von Wammy’s House noch immer den Rücken zudrehte.
»Solch eine Rücksichtslosigkeit passt überhaupt nicht zu dir!«, entgegnete der alte Mann mit schwerer Stimme.
»Ach, wirklich?«, entgegnete B erneut und bohrte seine Hände in die Hosentaschen. »Und das sind die Worte des Mannes, der uns Monster erschaffen hat?«
Das Zischen in Beyonds Stimme ließ Watari dessen geistige Überlegenheit spüren.
                                                 
»Ihr seid keine Monster!«, erwiderte Watari bestürzt.
Der geschockte Unterton Wataris ließ Bs rissige Lippen erneut zucken. Jedoch nur für einen Sekundenbruchteil. Jetzt noch nicht, dachte er sich. Und schon hatte er seinen Lachanfall wieder unter Kontrolle.
Sofort durchzog ihn wieder dieser grässliche Kopfschmerz.
Diese Plage begann bereits im frühen Kindesalter und wurde in den letzten Jahren immer schlimmer. Manches Mal sah er sich sogar gezwungen, sich zu übergeben. Aber auch das hatte er mit den Jahren gelernt, zu beherrschen. Noch ein Grund mehr, sobald wie möglich mit seinem Plan zu beginnen.

Auf der gegenüberliegenden Hofseite grölten derweil ein paar Männer. Sowohl das, als auch das Pfeifen des Windes, der zwischen dem morschen Dachstuhl hindurchfegte, bekräftigen den beißenden Schmerz in Bs Kopf.
Wieder einmal übermannten ihn die Erinnerungen aus Kindheitstagen und der dazugehörigen unzähligen Trainings seines zu verbessernden Gehörs. Ebenso wie die Übungen zur Optimierung seiner Sehfähigkeit. Dessen Parameter betrug vor ein paar Wochen noch 1,8. Normalerweise lagen diese Parameter bei Zwanzigjährigen zwischen 1,0 und 1,6. Mit dem Alter jedoch nahmen sie immer mehr ab. Der Bullterrier würde also irgendwo dazwischen liegen. 
Beyond wartete noch einige Zeit. Er würde sich erst zum richtigen Zeitpunkt umdrehen und Wataris dunkle Gestalt ganz und gar in sich aufsaugen. Denn es war vermutlich das letzte Mal, dass sie sich begegnet waren. Der alte Mann gehörte nicht weiter zu seinem Plan.
Dann war es soweit. Leichtfüßig drehte er sich um, hielt seinen Kopf jedoch unten. Dabei wischte er sich theatralisch das Blut aus dem Gesicht. Der weiße Ärmel war nun durch ein bräunlich-rotes Muster besudelt. Dabei seufzte er.
»Schau hin! Schau doch ganz genau hin!«, zitierte er seinen einstigen Mentor rüde. Den Satz, den er sich so oft in all den Jahren anhören musste. Sein trauriger Unterton wirkte dabei täuschend echt.
Nur seine maskenhafte Gesichtsmimik wollte einfach nicht dazu passen.

Wataris Lippen blieben aufeinandergepresst. Seine Augen lagen zwar im Schatten seines Huts verborgen. Sie folgten B jedoch überall hin.

Nun würde B auch seinen Kopf heben, sodass Watari das volle ganze Ausmaß des Elends mitansehen musste. Es wirkte, denn er zuckte tatsächlich leicht zusammen.
Quillsh Wammy zuckte!
B analysierte ganz genau, was der alte Mann dachte. Er konnte es sogar spüren. Watari wandte sich regelrecht gegen die Vorstellung, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Der allgegenwärtigen Wahrheit, nicht nur EIN Monster erschaffen zu haben. Und viele weitere würden noch folgen. 
Der Kreislauf sah nicht vor, zu enden.

Der Welt war es egal, was für ein Monster der Bullterrier war. Er genoss hohes Ansehen.
Jedoch nicht aufgrund seiner Großherzigkeit oder seines Mitgefühls.
Sondern aufgrund seiner Perfektion.
Jeden noch so kniffligen oder scheinbar unlösbaren Fall klärte er restlos auf. Und das in einer Zeitspanne, die als unmenschlich galt.
Unmenschlich…auch hier war es wieder… das Monster!
Sollte man einen Menschen nicht hinterfragen, der ‚Unmenschliches‘ vollbrachte?
Diese Tatsache sollte doch zum Nachdenken anregen, oder?
Doch er erledigte unangenehme Dinge schnell und unkompliziert. Ohne großes Aufsehen zu erregen. Regierungen, Geheimdienste und Menschen mit sehr viel Macht waren wohl sehr froh, ein solches Monster zu haben.

Fast überall strebte man mittlerweile eine solche Perfektion an. Zumindest in den Industrienationen. Vorrangig Firmen, um noch mehr Geld zu verdienen. Selbst die normale Bevölkerung strebte diesem Ideal inzwischen nach. Wie ein Kind, dass das Verhalten der Eltern imitiert.
Alle wollten perfekt sein, perfekt aussehen und natürlich alles perfekt machen. Egal, ob im Privat- oder im Berufsleben. 
Was für eine schwere Last dies doch für den so fehlerbehafteten Homo sapiens bedeutete.
Was würde also passieren, wenn dieser ‚unmenschliche Mensch‘ eines Tages seine Arbeit nicht mehr ausführen konnte? Sei es durch Krankheit, Tod oder sonstigen, unvorhersehbaren Ereignissen?
Nun… ganz genau dafür war B schlussendlich ausgebildet worden.
Um dann seinen Platz einzunehmen. Ohne, dass irgendjemand Wind davon bekommen würde…
Doch dazu würde es nicht mehr kommen!

B und Watari standen sich mit einigem Sicherheitsabstand gegenüber. Sahen sich gegenseitig an. Wie ein Vater und der ‚perfekter Klon‘ seines ‚Erstgeborenen‘.
Seit jenem verhängnisvollen Ereignis konnte B in keinen Spiegel mehr sehen.
Denn er selbst existierte schon seit einigen Jahren nicht mehr.
Er sah nur noch ihn!
- Den Bullterrier. Seinen Zwilling. Das Original.
Nur noch ein einziges Mal würde er in einen Spiegel blicken. Nämlich um das, was durch jahrelanges Lernen, Training und Arbeit erschaffen worden war, vollends zu zerstören. Und das auf äußerst schmerzhafte und brutale Weise, zu welcher nur ein Monster fähig sein würde.

Beyond Birthday wurde speiübel. Er begann am ganzen Leib zu zittern; trotz angenehmer kalifornischer Temperaturen. Er sank in Hockposition auf den Boden und krallte die Finger in seine zerzausten, schwarzen Haare. Seine nackten Füße, die verblichene Jeans, das blutige Shirt und der schmerzende Kopf verschmolzen zu einem blutigen Knäuel.
Doch Watari blieb trotz des bemitleidenswerten Anblicks auf Abstand. Womöglich aus Furcht; aber vor allen Dingen aus Scham. So erhoffte es sich jedenfalls B, obwohl er wusste, dass Watari die Schuld nicht bei sich suchen würde. Denn er war selbst gefangen. Gefangen in einer Welt, in der sich alles nur um ihn drehte:
L.
Dem berühmten Privatdetektiv, der in der Weltöffentlichkeit unglaublich hohes Ansehen genoss.
Aufgrund seiner Perfektion. Und dafür brauchte man Intelligenz, Skrupellosigkeit, Neugierde, Manipulationsvermögen, Beziehungen, Macht und Geld.
Ohne Rücksicht auf Verluste erledigte er jeden einzelnen seiner schier unlösbaren Fälle.
Wie ein König saß er dabei auf seinem Thron und herrschte über die ganze Welt.
B kannte sämtliche seiner Vorgehensweisen, seiner Berechnungen und seiner Lügen, denn er war schließlich sein vielversprechender Nachfolger, der ihm nicht nur ebenbürtig, sondern sogar überlegen war.
Den Kopf zwischen die Knie gepresst, lächelte Beyond. 
Er lächelte ein durch und durch grausames Lächeln.


Kleine Kinderfüße rannten eines Abends durch die Hallen von Wammy’s House. Beyond spürte die Kälte der eleganten Marmortreppe unter seinen nackten Fußsohlen. Sein Herz schlug schnell, denn ein grandioses Spiel wartete auf ihn. Noch nicht einmal die strengen Herren Direktoren wussten davon.
Laute und deutliche Stimmen drangen aus dem mit Holz vertäfelten Büro, als er an ihm vorbeischlich. Erneut auf dem Weg in ein großes Abenteuer. Am Ende des Flurs verschwand er in einem Raum, dessen Möbelstücke von weißen, staubbedeckten Laken umhüllt waren. Nun verwandelten sich die Stimmen aus dem Büro bestenfalls zu dumpfen Geräuschen.
Kurz vor einem ebenfalls verdeckten Piano kam er zum Stehen.
Durch einen kalten Luftzug hatte er überhaupt erst von dem Durchgang hinter dem alten Musikinstrument erfahren. Er zwängte sich auf allen Vieren hindurch, da das Piano zu schwer war, um es zu bewegen.
Staub und Spinnweben erwarteten ihn in einem langen, schmalen Gang, an dessen Ende sich eine alte Wendeltreppe befand, die zum Dachboden hinaufführte. B mochte den einsamen Ort, an dem ihn niemand fand. Es wurde zu seinem persönlichen Rückzugsort. Eine 4,56 Quadratmeter große Nische im alten Dachboden von Wammy’s House.
Das alte Holz der Nische zierten unzählige, eingeritzte Symbole. Rätsel und mathematische Formeln warteten nur darauf, von ihm gelöst zu werden. Der Schwierigkeitsgrad war beachtlich und forderte seine ganze Aufmerksamkeit. Für ihn war es ein kleines Paradies, als er mit seinen schmalen Kinderfingern die eingeritzten Symbole nachfuhr.
Natürlich fragte er sich schon bei Entdeckung, wer dies alles zurückgelassen haben könnte und gleichzeitig war es das Rätsel, welches sich am meisten zu entschlüsseln lohnte.
B war ganz versessen darauf und verbrachte dort fortan jede freie Minute, um hinter das Geheimnis zu kommen. Nach und nach entschlüsselte er das Mysterium.

 

Beyond hatte L nie persönlich kennengelernt. Er entschlüsselte jedoch seine Rätsel und erfuhr so einiges über den mittlerweile berühmten Privatdetektiv.
Noch nicht einmal annährend hatte Beyond so etwas schon einmal erlebt. Er fühlte sich ihm so nah wie kein Zweiter. Vor ihm wurde der große Meisterdetektiv lebendig, je mehr Rätsel er löste.
Diese Erkenntnis hatte ihn immer beflügelt. L persönlich hatte sich und seinem Nachfolger hier oben einen eigenen, kleinen Kosmos erschaffen.
Damals hatte B beschlossen, noch besser zu werden. Einzig und allein für L.  
Koste es, was es wolle…
Daran hatte sich bis heute auch nichts geändert. Trotz der Katastrophe, die in der Zwischenzeit passiert war.

Den eisenhaltigen Geschmack im Mund schluckte B ein weiteres Mal hinunter, als er aufsah. Es war das erste Mal, dass er eine geballte Faust in seinem Gesicht spürte. In Wammy’s House gab es keine Gewalt. Dort galten andere Erziehungsmaßnahmen - wenn auch nicht weniger wirkungsvoll.
Außerdem wusste er, dass Wataris ‚Aussetzer‘ von eben ihm selbst um einiges mehr weh tat.
Der alte Herr schüttelte erneut den Kopf.
»Kannst du dir vorstellen, was ich in dir sehe, B?«, fragte Watari.
»Natürlich kann ich das!«, antwortete Beyond monoton, dessen Kopfschmerzen endlich nachließen. Wieder schüttelte Quillsh Wammy den Kopf.
»Kannst du nicht! Denn ich sehe einen der brillantesten Köpfe, die mir je untergekommen sind. Direkt vor mir. Er kauert im Dreck und suhlt sich in Selbstmitleid, was er weder nötig hat, noch brauchen kann. Verflucht nochmal! Komm nach Hause und lass dir helfen!«

Das war der Moment, in dem B seinem Lachanfall freien Lauf ließ und mit einem schrillen Kichern beendete. Dann verformte sich sein Gesicht zu einer bösen Grimasse, wie es selbst Watari in all seinen Berufsjahren noch nie erlebt hatte.

‚Wie konnte es nur so weit kommen?‘ dachte Watari, der erneut die Faust ballte und die Lippen zu einem schmalen Strich aufeinanderpresste.
Die glasigen und bösen Augen B‘s starrten ihn hasserfüll an. Dessen gesammelte Wut zentrierte sich. In seinem Kopf schien die Hölle losgebrochen zu sein. Der Junge war aktuell nicht mehr der, der er einmal gewesen war. Seine behütete Zeit in Wammy’s House war vorüber. Er selbst hatte es leider so gewollt. Und Watari, alias Quillsh Wammy, konnte einfach nicht glauben, dass sie ihn auf diese hässliche Art und Weise verloren hatte.
Hatte er als Direktor versagt? Oder als Mensch?
Jedoch war momentan keine Zeit für solche Fragestellungen. Er musste L’s Warnung ernstnehmen und durfte sich nicht von Gefühlen leiten lassen. Wie immer in solchen Einsätzen. 

Diese Situation jedoch war eine der Wenigen, in der er innere Unruhe verspürte. Er konnte es förmlich riechen, dass sich in naher Zukunft etwas Übles zusammenbrauen würde. B war wohl ganz und gar nicht abgeneigt, sich mit L anzulegen. 
Das Gefährliche daran war, dass beide gerne gefährliche ‚Spielchen‘ spielten. 
Ein Kräftemessen braute sich zusammen. 
Quillsh konnte nur hoffen, dass B nicht bis zum Äußersten gehen würde. Auch, wenn das die Sache für L wiederum erst interessant machte.
Natürlich wäre L dann äußerst erpicht darauf, B das Handwerk zu legen – das hatte sein Blick im Hotelzimmer bereits verraten. Er wusste, dass B etwas ausheckte und Quillsh Wammy wusste es auch. Die Frage war nur, wie weit er gehen würde?
Watari hielt B in seinem jetzigen Zustand für eine tickende Zeitbombe. Schmerzlich vermisste er den ruhigen und ausgeglichenen Jungen, der er einmal gewesen war. Und es zerriss ihm fast das Herz, ihn so zu sehen. Er würde später unbedingt mit L über das weitere Vorgehen reden müssen.
Watari hoffte, dass das Sondereinsatzkommando bereits auf halbem Weg zu den alten Lagerhäusern war. L hatte bereits gewisse Vorkehrungen getroffen und Watari hatte seine Befehle ausgeführt. Die Sache war zwar nicht gerade angenehm gewesen, aber leider notwendig. Dabei hielt sich L immer mehrere Hintertürchen gleichzeitig offen, um notfalls seinen Plan ohne Probleme angleichen zu können.

B starrte Watari noch immer an. Wie ein Jäger seine Beute. 
Diesen Blick kannte Watari nur allzu gut. 
B‘s Urteilsvermögen war messerscharf – ebenso wie L‘s.
Was die Sache leider nicht gerade vereinfachte und nur ebensolche Genies verstanden.
Da Watari nicht hochbegabt war, wollte er es sich nicht anmaßen, die Sache aus deren Sicht zu beurteilen. Was er aber wahrnehmen konnte, war die Tatsache, dass B unheimlich mitgenommen aussah. Fast ungepflegt. Und in seinem Blick lag der Wahnsinn. 
Bereits als Kind lag in seinem Blick etwas Übernatürliches. Keiner wusste, was es genau damit auf sich hatte. Das abgewischte, angetrocknete Blut verteilte sich über sein ganzes Gesicht. Watari hatte ihm das Nasenbein gebrochen, da er gehofft hatte, dass ihn der Schlag vielleicht außer Gefecht hätte setzen können. Doch vergebens - seine Schlagkraft hatte aufgrund seines Alters sehr viel eingebüßt. Früher wäre es kein Problem für ihn gewesen. Quillsh Wammy bemerkte sein Alter stets, denn auch sein Herz wollte nicht mehr so recht mitmachen. Seine Nachfolge stand bereits fest: der aktuelle Verwalter von Wammy’s House, *Edward Thompson. Doch auch über seine Nachfolge zu philosophieren, fehlte Watari die Zeit. 

Es war erstaunlich, wie viel B trotz seiner gebrechlichen Gestalt einstecken konnte. Am liebsten hätte er ihn kurzzeitig ausgeschaltet. Jedoch trug er nur seine Pistole und die Garrotte am Körper. Beides Mordwerkzeuge, die zwar auch zum Verletzen geeignet waren, doch Watari würde B weder die Kniescheibe zerschießen, noch bis zur Ohnmacht würgen wollen. Den Schutzkoffer mit dem Betäubungsmittel hatte er im Wagen gelassen. Es wäre ein Leichtes gewesen, B damit außer Gefecht zu setzen. Doch dann wäre er nicht mehr zur Flucht fähig und B musste laut L‘s Plan fluchtfähig sein und darauf würde es letztendlich hinauslaufen, wenn Watari die Vorbereitungen, die L im Vorfeld angeordnet hatte, richtig deutete.
Zu seinem Job gehörte also vor allen Dingen, Befehle von L zu befolgen. Und zwar blind; ohne sie in Frage zu stellen. Denn L wusste ganz genau, was er tat. In seiner gesamten Laufbahn hatte es Watari nie erlebt, dass L einen Fehler begangen hatte.
Doch auch B war ein brillanter junger Mann, der L in kaum etwas nachstand. Ja, er übertraf ihn sogar in manchen Dingen. In seiner jetzigen Verfassung war er eine große Gefahr. Ansonsten hätte L keinen laufenden Fall unterbrochen.
Das Angebot, nach Wammy’s House zurückzukehren, kam von Herzen. Und sicher wäre es dann möglich, für beide Parteien eine zufriedenstellende Lösung zu erarbeiten. 
Es war ein harter Schlag für Wammy’s House gewesen, als er ging. Er war schließlich ein Wammy-Kind und würde es auch immer bleiben.

Die krampfartigen Migräne-Attacken, an denen B seit seinem achten Lebensjahr litt, zeigten Watari deutlich, dass er unter extremen Stress stehen musste. B selbst hasste sein Leiden so sehr, dass er gelernt hatte, die schlimmsten Schmerzattacken für einen gewissen Zeitraum zu unterdrücken. In etwa so, wie Shaolin-Mönche mit Meditation und Atemübungen ihr Schmerzzentrum ausschalten konnten.
Watari erinnerte sich noch sehr gut an den Tag, an dem man ihm berichtete, wie B schreiend bei A‘s Leiche gefunden wurde. Damals war er nicht mehr fähig, den Schmerz zu unterdrücken und so schlug er mehrmals mit dem Kopf so hart auf den Boden, dass ihn vier erwachsene Männer fixieren mussten. Es musste ein grauenhafter Anblick gewesen sein. 
Auch zeigte es deutlich, wie gnadenlos B zu sich selbst war. Und das mitansehen zu müssen, schmerzte vor allem die Menschen, die ihn gerne hatten. Ab jenem Zeitpunkt schlug er jegliche Ermahnung zur Vernunft aus. Und nun wusste er nicht mehr wohin mit den inneren Dämonen aus seiner Vergangenheit. Sie zerfraßen ihn innerlich.

Immer noch starrten sich beide nur an. 
Jeder versuchte etwas über den anderen in Erfahrung zu bringen, um es gegen den jeweils anderen verwenden zu können. Auch L wartete im Hintergrund, um gegebenenfalls eingreifen zu können.
Ein sehnsüchtiges Rauschen ertönte in Wataris Ohr.
»Die Personenbeschreibung des Toten liegt dem zuständigen Sondereinsatzkommando vor«, sprach L sachlich. Bald schon würde Wataris Einsatz kommen. Solange musste er B beschützen. 
Das Schützen B‘s war der eigentliche Grund, weshalb Watari überhaupt erst an diesem trostlosen Ort aufgetaucht war. L hatte ihn gewarnt. Hatte ihn sogar gebeten, nicht zu gehen. 
L hatte sogar angeboten, Watari zu begleiten. Doch dieses risikohafte Unterfangen lehnte er sofort ab. B schien verzweifelt genug, sie alle in Gefahr zu bringen. Zumal er seinem auserkorenen Idol selbst noch nie begegnet war. Watari war unklar, ob B vielleicht sogar L die Schuld an A’s Tod gab und sich rächen wollen würde. L widersprach jedoch dieser These.
‚Aber wir dürfen B nicht ignorieren. Das wäre fatal‘, hatte L nach Wataris Argumentation dann doch klein beigegeben. Also setzte sich Watari letzten Endes doch über die Bitte seines Schützlings hinweg.
Wataris enorme Menschenkenntnis besaß nämlich ein Fünkchen Hoffnung, dass man B zur Vernunft bringen könne. Unter ‚normalen Umständen‘ hätte er sich ihm gegenüber nie so verhalten. Hinzu kam die Angst, B könnte sich vielleicht selbst etwas antun. Doch das würde Watari nicht zulassen. Nicht hier und nicht jetzt!

Direkt vor Wataris Augen spielte sich wieder eine Szene ab, in der B mit größter Anstrengung versuchte, seinen Migräneanfall unter Kontrolle zu bringen. Wie ein Häufchen Elend stand er in vornüber gebeugter Haltung da. Sein zierlicher Körper zitterte und er blinzelte wenige Male. Einem Unbeteiligten würden diese Bewegungen kaum auffallen.
Damit wurde Watari auch erneut bewusst, wie machtlos er eigentlich war. Zumal er gerade als Schnittstelle zwischen L und B diente. Abermals hallte ihm L‘s Gebrüll durchs Ohr, als er nicht mehr an sich halten konnte und B den kräftigen Schlag verpasste. L wurde selten laut. Aber solch eine Situation hatten sie beide noch nicht erlebt.

Der Kampf der beiden hatte bereits begonnen – natürlich nicht auf körperlicher Ebene.
Noch nicht einmal Watari war sich wirklich sicher, wer von ihnen der bessere Spieler war. Noch dazu wusste niemand, wie die weiteren Umstände ablaufen würden.
L verfügte über viele Jahre ‚Berufserfahrung‘, doch B war jünger und weitaus ‚wahnsinniger‘.
Und das könnte eine kaum in Worte zu fassende Katastrophe bedeuten. Seine inneren Dämonen verwandelten B. Und das wiederum würde L gnadenlos auszunutzen wissen.
Watari beschloss in jenem Moment, nicht der Spielball zu sein, der zwischen ihnen hin- und hergeschlagen werden würde. Auch das würde er mit L noch klären. Er wollte sich weder für den einen, noch gegen den anderen entscheiden müssen. In dem nachfolgenden Spiel also, falls es je eins geben würde, musste jemand anders der Spielball sein. 

Noch einmal würde es Watari wagen und versuchen, die Situation zu entschärfen und B vor sich selbst zu schützen. Sollte B sein Angebot jedoch erneut ablehnen, so musste er die Konsequenzen ziehen und es L überlassen, was mit ihm geschehen sollte.

Der Wind, der etwas Staub durch die Halle wehte, hatte sich gelegt. Stille brach über das Dachgeschoss des alten Gemäuers herein. Und auch das kleine Licht flackerte unheilvoll. 
Und B bewegte sich. Er sah sich um und es schien so, als würde er etwas wahrnehmen. Watari atmete tief aus und wieder ein. Dann hob er unvermittelt und vorsichtig die rechte Hand und umfasste seine Hutkrempe. Bedeutungsvoll zog er sich den Hut vom Kopf. 
B registrierte diese Geste. Ohne sichtbare Reaktion. Wie immer. 
In jenem Moment gab Watari das Schützen seiner Identität auf. B wusste bereits, wer er war und sonst befand sich niemand im Gebäude. Denn wenn es jemand tat, so würde es ihm L’s Stimme unverzüglich über den winzigen Knopf in seinem Ohr mitteilen. 
B starrte wie eine leblose Schneiderpuppe einfach nur geradeaus und hatte aufgehört, sich zu bewegen. Er starrte direkt auf Watari, der sein Gesicht bislang niemals in der Öffentlichkeit gezeigt hatte.
»Ich bitte dich, B. Wir finden gemeinsam eine Lösung. Komm zurück nach Hause!«, lauteten Wataris ernstgemeinte Worte. Erneut vergrub B seine Hände in der Hosentasche. Der Migräneanfall schien vorüber und ein leises Kichern war zu hören. 
»Und was soll ich dort deiner geschätzten Meinung nach tun?«
Der ironische Unterton entging Watari nicht.
»Das ist vorerst nicht wichtig. Ich werde dir umgehend ein Rückflugticket nach London ausstellen. Wir finden eine Lösung – versprochen!«
B sah auf sein blutverschmiertes Shirt und kratzte sich am Kopf. Die ganze Szene sah so surreal aus. Hinter B lauerte die durchlöcherte Außenmauer. Wie ein Zugang zu einer Bühne und die dahinter befindliche Beleuchtung von Los Angeles schien das begeisterte Publikum darzustellen.
Watari ging auf diese ‚versöhnliche‘ Art nur selten mit Menschen um, die sich ihm und L in den Weg stellten. Es war eine ganz neue Erfahrung für ihn, den flehenden Bittsteller zu spielen. Aber mit Aggression würde er B auf gar keinen Fall umstimmen können. Dessen war er sich sicher. 
Und auch L Schweigen drückte unterschwellig dessen Zustimmung aus. Bislang zumindest.

»Nein, Watari. Meine Mission ist nun eine andere. Ich habe in Wammy’s House nichts mehr verloren!« Von der fast schon resignierten Tonlage B’s wollte sich Watari nicht ins Boxhorn jagen lassen. Ein weiteres Knacken ertönte in Wataris Ohr.
»Watari lass es gut sein.«
Daraufhin ließ Watari den Hut noch weiter nach unten sinken und schlug die Augen nieder. Auf seine eigene Art und Weise hatte L ihm gerade mitgeteilt, dass B niemals Hilfe annehmen würde und weitere Mühen vergebens sein werden. L wusste weshalb, denn sie waren sich so ähnlich.
»Was denn? Bist du etwa traurig, alter Mann?«, kicherte B, nahm die Hände aus den Hosentaschen, verschränkte die Arme und starrte Watari mit einem bösen Lächeln im Gesicht an.

Dann jedoch ertönte ein weiteres Knacken. L sprach mit verzerrter Stimme:
»Eins an Dreiundsiebzig – bitte Kommen! Der Gesuchte befindet sich 34° 3′ N, 118° 15′ W im Erdgeschoss der Außenwand in Richtung Vordereingang. Sie haben Tötungsbefehl: Bleiben Sie mit dem Hubschrauber auf größtmöglichem Abstand und exekutieren Sie durch ein Scharfschützengewehr! Schicken Sie anschließend den Wagen. Watari ist vor Ort und hat die Lage unter Kontrolle. Kommen!«, ließ L Watari seine Funkorder mithören.
Watari verstand. L hatte sich also tatsächlich für diesen Weg entschieden.

Die weibliche Antwort kam prompt: »Dreiundsiebzig hört! So verstanden! Haben Sie weitere Anweisungen? Bitte Kommen!«
»Eins hört. Watari hört. Keine weiteren Anweisungen! Eins Ende.«

Ja, L war stets die Nummer Eins im Polizeifunk. Wenn ‚Eins‘ einen Dienstbefehl erteilte, war dessen Befolgung Gesetz. Niemand hatte es je gewagt, ihm zu widersprechen oder sich nicht an seine Anweisungen zu halten.
Sofort widmete sich L wieder seinem Vertrauensmann:
»Watari. In spätestens fünf Minuten werden sie hier sein! Tu, was wir besprochen haben!«
Für Watari galt es nun, die Vereinbarung zwischen ihnen auszuführen, die sie im Vorhinein getroffen hatten.
Nun begann also sein eigentlicher Einsatz. Das Sondereinsatzkommando war mit einem Hubschrauber zum Lagerhauskomplex unterwegs und würde sehr bald hier sein.
Watari legte seinen Kopf an seinen Mantelkragen und sprach in das dort befestigte Mikrofon:
»Verstanden! Watari Ende!«
B‘s Aufmerksamkeit lag wieder voll und ganz auf Watari. 
Nun wurde es Zeit, andere Seiten aufzuziehen und B’s Spiel vorzeitig zu beenden. Watari zückte seinen Hut und setzte ihn auf. Blitzschnell verschwand seine Hand in der Seitentasche seines Mantels, um dann das Fadenkreuz seiner geladenen Pistole direkt auf B’s Kopf zu richten.
B’s Mund formte ein überraschtes O.
»Wirklich? L‘s genialer Plan lautet also mich in die Flucht zu schlagen? Dann bleiben uns ja nur noch zwei bis drei Minuten, bis der Hubschrauber endlich hier ist!«
Doch nun umhüllten Wataris Lippen ein kleines Lächeln.
»Nicht ganz, B! Du weißt doch bestimmt noch, dass bald A’s Todestag ist, nicht wahr?«, fragte Watari kühl.

Dieses Thema war gefährlich - das wusste Watari! 
Dennoch war es eine der wenigen Optionen, die ihm blieben.

B kniff die Augen zusammen.
»Ja, richtig! Und es verwundert mich, dass ausgerechnet du das Thema anschneidest!«
Fast nachlässig sah B nach hinten in Richtung L.A. 
Die Pistole in Wataris Hand folgte seinem Ziel. Nun hörte auch Watari die näherkommenden Rotorgeräusche eines Hubschraubers des Sondereinsatzkommandos.
Drohend ergänzte Watari: »Und ob, denn das trifft sich ganz hervorragend!«
B rollte übertrieben mit den Augen.
»Glaubst du wirklich, dass ich auf dieses Theater hereinf...«
Ein lauter Schuss dröhnte durch die Lagerhalle.
B musste diese Kugel förmlich neben dessen Ohr vorbei einschlagen gehört haben. Ein kleiner Anflug des Schocks huschte kaum wahrnehmbar über B‘s blasses Gesicht, während Watari die Waffe wieder sicherte. »Die nächste trifft, B! Und jetzt verschwinde von hier, solange du noch kannst!«, schrie Watari ihm entgegen.
Der Hubschrauber kam derweil immer näher. Er war sehr deutlich zu hören.
»Erwarte bloß keinen Dank von mir!«, entgegnete B gelangweilt und schaute zum Fenster hinaus. Auch B kannte den einzigen Fluchtweg aus diesem Stockwerk ganz genau. Er hatte sich ebenfalls bestens über das Areal informiert und kannte, genau wie Watari, jeden einzelnen Staubpartikel.
Dennoch machte B keinerlei Anstalten, sich zu bewegen. 
Das leise Klicken verriet, dass Watari im Begriff war, die Waffe erneut zu entsichern. Dabei fegte ein kühles Lüftchen durch die leere Halle und verteilte den widerlichen Gestank der Drogenküche aus dem Untergeschoss.
Langsam schritt Watari auf B zu. Der wiederum hob gespielt erschrocken die Hände.
»Ruhig, Watari. Ich werde ja gehen. Und übrigens, Danke! Du hast mir einen großen Dienst erwiesen!«
Watari legte seinen Finger an den Abzug und hielt die Luft an, um besser schießen zu können.
Währenddessen nahm B Anlauf und verschwand durch das ehemalige Fenster auf den darunterliegenden Anbau. Watari hechtete hinterher. Und als er aus dem Fenster sah, war B schon im Begriff, vom Anbau zu springen und in der Dunkelheit zu verschwinden. 

Keine 200 Meter entfernt, schien sich der Hubschrauber aufzuhalten, der auf der Stelle fliegen würde, um dem Tötungsbefehl Folge zu leisten. Also keine Zeit für Watari, sich den erfrischenden Nachtwind um die Nase wehen zu lassen. Er musste sich beeilen. 
Erleichtert atmete er aus und machte sich ans Werk.
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*Sorry, aber der musste sein ^^

Autorennotiz

*Sorry, aber der musste sein ^^

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Augureys Profilbild
Augurey Am 16.06.2019 um 23:35 Uhr Mit 1. Kapitel verknüpft
Hallo Ohayo,
habe gerade das erste Kapitel deiner Fanfiction gelesen. Bevor ich mehr schreibe, muss ich vorausschicken, dass ich vom Fandom absolut keine Ahnung habe und daher alles, was das betrifft, nicht beurteilen kann. Aber so als Außenstehende gelesen, fand ich es nicht schlecht. Ich mochte deinen Einstieg. Mitten ins Geschehen geworfen zu werden, ist immer sehr lebendig. Interessant war auch die Verwirrung, mit der du spielst, weil es erst scheint, dass der junge Mann sich über den eingesteckten Schlag freut (es aber eigentlich ja um die Person im Hintergrund ging). Hier und da sind mir ein paar Patzer aufgefallen „Einem weiteren Rückzugsort von ihm“ – müsste eigentlich „ein weiterer“ heißen und "Blut fand er schon immer eine faszinierende Körperflüssigkeit"klint in meinem Gehörtgang auch nicht ganz rund. Die Beschreibung der Gebäude fand ich ein wenig trocken, das hätte noch mehr in die Handlung eingeflochten werden können. Der Bogenschlag zurück zu aktuellen Szene hat mir dagegen wieder gut gefallen. Und ich mochte es sehr, dass du keine Namen genannt hast, so hatte das alles noch etwas Rätselhaftes. Weiterlesen werde ich vermutich nicht, da ich spüre, dass mir Fandomwissen fehlt. Aber ich wollte dich wissen lassen, dass der Einstieg ganz gut war. Grüße, Augurey
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Ohayo (Autor)Am 17.06.2019 um 20:37 Uhr
Hallo Augurey,
erst einmal vielen lieben Dank für dein Kommentar :)
Vor allem, weil es konstruktiv ist.
Natürlich ist es von Vorteil, wenn man das Fandom kennt. Aber die Meinung von jemandem, der eben eben nicht kennt, ist auch sehr aufschlussreich.
Die Patzer habe ich bereits korrigiert - damit hast du vollkommen recht!
Spätestens morgen lade ich eine kleine Überarbeitung hoch. Heute komme ich leider nicht mehr dazu; dein Kommentar wollte ich aber doch noch beantworten.
Es hat mich sehr gefreut und finde es schon ein wenig schade, dass du nicht weiterliest.
Grüße, Ohayo
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Kapitel:3
Sätze:488
Wörter:7.170
Zeichen:43.474

Kurzbeschreibung

Eine verlassene Lagerhalle im Westen von L.A. wird Schauplatz einer Szene, deren Ende für die einen großes Unheil und für die anderen ein ganz besonderes Kräftemessen bedeuten wird.

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