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Stimulus

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6.5.2019 18:30
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Stimulus
Stimulus (lat.) = ein aus psychologischer Sicht bezeichneter Reiz, der eine Reaktion auslöst
 

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Das Leder des Handschuhs knarzte hörbar, als die Faust darin geballt wurde. Der zusammengepresste Kiefer und die Enttäuschung seiner Augen untermauerten die kommende Aktion.

Blitzschnell schoss er nach vorne und erwischte ihn. 

Ein Sekundenbruchteil später folgte auch schon der tiefsitzende, beißende Schmerz.

Die laute Stimme des Angreifers hallte derweil durch die Dunkelheit der alten, bröckeligen Mauern.

 

Der zu Boden geworfene junge Mann kicherte hämisch, als er sich nun, mit dem Gesicht nach unten, auf dem staubigen Betonboden abstützte. Nicht aufgrund seines Humors, sondern wegen seines hervorragenden Gehörs.

Was für ein Schlag!, dachte er und setzte seine ausdruckslose Miene wieder auf. Dann drehte er sich vorsichtig um und sah zu seinem Kontrahenten auf. Sein Anblick fesselte ihn.

Die wohltuende Erkenntnis, wieder einen Sieg eingefahren zu haben, durchfuhr seinen schmalen Körper. Zumal es schon an ein Wunder grenzte, dass sein Angreifer überhaupt aufgekreuzt war.

 

Doch sei es drum.

Viel wichtiger und ein noch erstrebenswerteres Erfolgserlebnis war die unsichtbare Reaktion einer ganz anderen Person. Der junge Mann hatte genau gehört, wie eben diese Person in das Mikrofon gebrüllt hatte... kurz bevor er den Schlag kassierte.

ER war tatsächlich laut geworden!

Dieser wichtige Triumph hatte er seinem feinen Hörsinn zu verdanken. Durchschnittliche Menschen erreichten ein solches Hörvermögen nie. Nur Monster. Monster wie er.

Nein, Monster wie sie…

 

Fast hätte ihm dieser Gedanke wieder ein Kichern entlockt. Jedoch nur fast.

Er zwang seinen Fokus wieder ins Hier und Jetzt. Grimmig stellte er fest, dass seine Gedanken in letzter Zeit stark abschweiften. An einem Ort wie diesem konnte und durfte er sich diesen Luxus nicht leisten!

Also konzentrierte er sich wieder. Unterstützt durch eine ganze Reihe Glückshormone.

Seine mit tiefen Schatten umringten Adleraugen richteten sich wieder auf seinen ‚Besucher‘.

Gegen ihn hatte er, zumindest körperlich, keine Chance. Trotz des recht hohen Alters seines Gastes. Schließlich war er nicht nur als Spion und Kontaktmann ausgebildet, sondern auch als Killer.

Die ersten beiden Tatsachen waren dem jungen Mann von Nutzen; die Letzte wiederum war ihm völlig schnurz. Denn töten würde ihn die graue Eminenz auf gar keinen Fall.

Zumindest lief die Wahrscheinlichkeit gegen Null.

Ein reizvolles Gefühl der Übermacht breitete sich in ihm aus.

Und für dieses Gefühl würde es sich zu sterben lohnen…

Mithilfe seiner diabolischen Augen drückte er Belustigung und gleichzeitige Überlegenheit in einem Blick aus. Sicher auch der Grund des Faustschlags.

 

Aber aufs Neue dröhnten Schmerzen durch seinen Kopf.

Seine Gesichtsmuskulatur zuckte noch nicht einmal.

Der Aufprall war recht hart gewesen und das Blut, welches er nun seitlich auf den trostlosen Betonboden spie, wirkte pechschwarz.

Die klägliche Beleuchtung flackerte einige Male unheilvoll. Hier waren sie nun.

Gefangen in der Düsterheit; fernab jeglicher ernstzunehmenden Zivilisation.

Doch das war gut so.

Der junge Mann wollte seine Nachricht nämlich ungestört überbringen.

Das hatte schließlich viel mehr Stil, als andere die Drecksarbeit machen zu lassen.

Und mit ‚andere‘ war wiederum die Person gemeint, die mit Abwesenheit glänzte.

Die Person, deren ‚Backup‘ er war. Er war sozusagen der leibhaftige ‚Plan B‘.

 

Für die Ausarbeitung des großen Finales war dieser alte Lagerhauskomplex einer ruhenden Firma sehr gut geeignet. Schon vor einigen Tagen wurde er auf den toten Betonriesen aufmerksam. Sie hatten etliche Gemeinsamkeiten und von vornherein fühlte er sich wie durch eine unsichtbare Kraft zu dem maroden Gebäude hingezogen. Die alten, schwarz verfärbten Holzbalken, die ein undichtes Dach stützten, erinnerten ihn an den Brustkorb eines todbringenden Ungeheuers.

Schon bald würde es hier vor Polizeibeamten nur so wimmeln. Mit Sicherheit waren diese noch schwerer bewaffnet, als der Mann im schwarzen Mantel vor ihm.

Ihm blieb also nicht mehr viel Zeit. 

 

Doch der Krampf in seinem Kopf wollte nicht nachlassen. Und während er auf dem Boden hockte, seine staubbedeckten Finger vorsichtig seine pochende Gesichtshälfte berührte, fühlte er die angenehme Kühle des Bodens durch den Stoff seiner Jeans entlangkriechen.

Den Schmerz unterdrückend, sah er zu einer jener Öffnungen in den Mauern, die einmal Fenster beherbergt hatten und deren spitze Reste zu tausenden Teilchen zersplittert auf dem Boden verstreut waren.

 

Die ganze Gegend hatte er bereits ausgekundschaftet. Kannte sie wie seine Westentasche.

Angefangen vom Treppenhaus neben dem leeren Aufzugschacht. Von da ab gelangte man vom einstig prunkvollen Eingang in alle Stockwerke. Natürlich auch in den Keller, einem stadtbekannten Drogenlabor. Dessen Gestank, eine Mischung aus Cannabis, kochendem Crystal Meth, Schweiß und sonstigen Ausdünstungen zog bis in die oberen Stockwerke. Die ersten beiden Etagen wiederum boten Pennern und illegal eingereisten Personen, gelegentlich auch ein paar ausgerissenen Jugendlichen einen trockenen Unterschlupf. Außerdem wurden im Hinterhof kleinere und größere Drogendeals abgewickelt. Regelmäßige Razzien fanden hier schon lange keine mehr statt. Es interessierte schlichtweg niemanden, was hier vor sich ging.

Diejenigen, die hier landeten waren bereits allesamt kriminell, verloren und vergessen oder wurden es auf kurze Distanz. Irgendwann würde man sie entweder tot oder im State Prison wiederfinden. In den anderen Bauten des Lagerhauskomplexes sah es noch armseliger aus. Diese Gebäude waren bereits abbruchreif. Dieses hier war wenigstens noch ein einigermaßen akzeptabler Schlafplatz. Obwohl an Gemütlichkeit und Entspannung hier kaum zu denken war.

Durchtrennte Kabel lugten aus dem Mauerwerk heraus, noch größer, als manche der aneinandergereihten Einschusslöcher. Graffitis ohne ein Fünkchen Hoffnung zierten die Wände. ‚Dying is my Chance‘ prangerte das klar und deutlich an. Die Nägel, die aus Decken und Wänden herausragten, waren allesamt rostig. Die gemauerten Stücke, die einmal Räume abgegrenzt hatten, waren bis auf wenige Ausnahmen in sich zusammengefallen. Nur die stabileren Tragwände waren noch übrig. Und das, obwohl sie bereits haufenweise Wutanfälle der Verzweiflung ausgebadet hatten. Und bis auf ein wenig marodes, dennoch nutzbares Mobiliar, welcher von Pennern oder Herumtreibern in die unteren Stockwerke geschleift wurde, war hier nichts mehr Nennenswertes. Hier und da, neben den alten Bettgestellen und deren versiffte Matratzen oder Laken hingen Kreuze an den Wänden. In sämtlichen Ecken verteilten sich benutzte Spritzen und zahlreiche andere Gegenstände, womit man seiner Drogensucht frönen konnte. Dem einzigen Ausweg, den es hier noch zu geben schien.

Doch je höher man kam, desto ruhiger wurde es.

Nach hier oben, direkt unter das durchlässige Dach, traute sich niemand. Viel zu groß war die Angst, dass Teile des Daches einstürzen könnten. Doch die Statik, so hatte der junge Mann berechnet, war noch stark genug. Denn die meiste Zeit schlief er hier. Zwar kurz, aber effektiv.

Und er hatte vor allem seine Ruhe.

Natürlich auch, weil er nie den Haupteingang benutzte, sondern über das Dach eines kleinen Anbaus hineingelangte. Keine einhundert Meter Luftlinie entfernt lag der Temescal Canyon Park. Einem weiteren Rückzugsort von ihm. Tief im Schutze der Natur verborgen, lag ein verlassener Schutzbunker des National Park Services.

 

Was hätte A wohl von alldem hier gehalten? Diese Frage spukte ständig in seinem Kopf herum.

Eine Antwort würde er jedoch nicht mehr erhalten…

 

Alles, worauf er und seine Taten abzielten war, seinen stärksten Gegner herauszufordern.

Um ihm aufzuzeigen, dass sein ausgeklügeltes System Lücken hatte. Nicht viele, aber es gab sie.

Und es war sein größtes Bestreben, ihm all diese Lücken restlos aufzeigen.

Lücke für Lücke.

Der alte Bunker spielte darin eine wichtige Rolle. Hier konnte er diverse Hilfsmittel sicher aufbewahren, ohne Befürchtung, dass irgendjemand dort hineinplatzen würde.

 

Lässig und entspannt wirkend hievte er seinen schmerzenden Körper empor. Er fühlte die Taubheit seines Kiefers, als er ihn kreisen ließ. Die roten Flecken auf seinem weißen Shirt ergaben ein nahezu kunstvolles Muster.

Blut fand er schon immer eine faszinierende Körperflüssigkeit.

Erneut drehte er den Kopf und inspizierte seinen Angreifer ein weiteres Mal: Er trug den obligatorisch ins Gesicht gezogene Hut und den aufgestellten Mantelkragen. Der lange, schwarze Mantel, der seinen mal mehr, mal weniger schwer bewaffneten Körper umhüllte. Die tödlichen Hände umgaben edle Lederhandschuhe. Alles Maßnahmen, damit Außenstehende nie dahinterkommen würden, wer sich dahinter verbarg.

Zusätzlich war er mit der modernsten und besten Technik verkabelt, damit dessen Hintermann auch ja alles mitbekam! Folglich war er also nie alleine anzutreffen.

Und dadurch noch unverwüstlicher und noch viel gefährlicher, als er es ohnehin schon war. Man durfte ihn also keineswegs unterschätzen. Und das würde der junge Mann gewiss nie tun.

Welch glücklicher Umstand also, dass ihm der Angreifer nicht wirklich ans Leder wollte, sondern vielmehr einen kläffenden Yorkshire-Terrier darstellte.

Der gefährliche Bullterrier, das Objekt seiner Begierde, lauerte im Hintergrund.

Obwohl diese Beschreibung auch auf ihn selbst zutraf.

 

Wieder ertönte das herrliche Knacken des Abhörgeräts. Der eine Teil dessen befand sich kaum sichtbar im Ohr des Angreifers. Ein kleines, ca. 0,5 cm rundes, hautfarbenes Klangwunder. Mit ihm hörte er, was sein Hintermann zu sagen pflegte. Der andere Teil verbarg sich im Inneren seines Kragens und war multipel als Mikrofon einsetzbar. Damit zeichnete das Gerät sämtliche Geräusche in der näheren Umgebung auf.

Somit konnte der im Hotel verbliebene Bullterrier alles mithören.

Immer und zu jeder Zeit!

Immerhin war der Bullterrier seines Zeichens Privatdetektiv.

Und das ‚privat‘ konnte man hier wortwörtlich nehmen.

Ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit klärte er all seine Fälle auf. Niemand, bis auf wenige Auserwählte wussten, wer er war und wie er aussah.

Hinter vorgehaltener Hand sagte man, er würde nie selbst an einen Tatort gehen.

Als seine Augen, Ohren und Hände agierte stets sein Assistent. Loyal und vertrauensvoll.

Jener Angreifer im schwarzen Mantel, der ihm den harten Schlag verpasst hatte.

Der junge Mann hatte ihn bereits vor ihrem Treffen beobachtet. Der Yorkshire-Terrier hatte das Gebäude zuvor auch ausgespäht. Es war überdies sehr aufschlussreich, ihn und den Bullterrier bei ihrer ‚Kommunikation‘ zu beobachten. Diese Information könnte sich irgendwann einmal als lebensrettend erweisen.

 

Eine Wahrscheinlichkeitsberechnung ergab, dass genannter Detektiv bereits seit geraumer Zeit damit beschäftigt war, die Situation zu deeskalieren. Möglichst ohne den Beamten eine Verbindung zwischen einer mysteriösen Ankündigung, gerichtet an das Los Angeles Police Department und dem noch kommenden Einsatz offensichtlich werden zu lassen.

Er würde dem aufgeschreckten Chief of Police also einiges auftischen müssen…

Der junge Mann war schon sehr auf das Ergebnis gespannt.

Denn nur so war es ihm möglich, weitere Details zu entschlüsseln, die er für sein weiteres Vorgehen benötigte.

 

Wie genau die Reaktion des Detektivs ausfiel, würde sich sicher sehr bald feststellen lassen. Inhaftieren konnten sie ihn, ohne Vorliegen oder Verdacht auf ein Verbrechen nicht.

Auch nicht im Bundesstaat Kalifornien.

Er fragte sich, ob der Detektiv wohl schon etwas ahnte? Sie mochten nämlich beide die gleiche Art von ‚Herausforderung‘.

Doch für den klugen jungen Mann war es weit mehr als das.

Es handelte sich hierbei nämlich um die Generalprobe.

Dann würde er in die Vollen gehen.

Aber noch nicht heute. Erst in einigen Tagen. Voraussichtlich Ende Juli.

Einige Vorbereitungen waren noch zu treffen.

 

Als von irgendwoher ein Schrei ertönte, störte das keinen von beiden. Beide waren konzentriert und atmeten dieselbe, zum Zerreißen gespannte, Luft ein. Ganz langsam setzte sich der barfüßige junge Mann in Bewegung und drehte seinem Angreifer tatsächlich den Rücken zu. Er ignorierte ihn vollends und lehnte sich lässig mit beiden Händen auf einen staubbeschichteten Vorsprung ab. Sinn und Zweck war es, endlich frische Luft einzuatmen, die den Gestank der nächtlichen Drogenherstellungsprozesse aus seiner blutigen Nase wehte.

Millionen Lichter strahlten ihm entgegen. Weit entfernt und kaum erkennbar, tummelten sich die riesigen Wolkenkratzer von Los Angeles, umgeben von hellen, winzig kleinen Lichtquellen.

Los Angeles, dem Mekka für Luft- und Raumfahrt sowie der Musik- und Filmindustrie. Nicht allzu weit entfernt lag der Stadtteil Santa Monica mit seinem berühmten Pier.

Luxuriöse Geschäfte, schillernde Bars, teure Restaurants und ein Vergnügungspark lag sozusagen gleich neben dem alten, verdreckten Lagerhauskomplex.

Reich und Schön neben Verbittert und Verdorben.

Eine passende Metapher.

Genauso, jedoch in einem etwas kleineren Rahmen, stand es um seine ‚Familie‘, einem ebensolchen Beispiel an Paradoxität.

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Kurzbeschreibung

Eine verlassene Lagerhalle im Westen von L.A. wird Schauplatz einer Szene, deren Ende für die einen großes Unheil und für die anderen ein ganz besonderes Kräftemessen bedeuten wird.

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