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Toni und Gregor und die Dinge dazwischen

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14.8.2018 22:14
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

Langsames Erzähltempo

Dass der Tag scheisse werden würde war Toni schon klar, als er sich beim Aufstehen in seiner Decke verhedderte, aus dem Bett auf den Boden fiel und sich unsanft die Schulter prellte. Beim Frühstück brannte ihm der Toast an, im Bus zur Schule war kein Platz mehr frei und als sie vor dem Klassenzimmer warteten und der Lehrer schon in Sichtweite war, fiel ihm ein, dass er die Mathehausaufgaben vergessen hatte und sie schnell noch von Lydia oder Max abzuschreiben war völlig unmöglich. Natürlich kam er dann als Erster an die Reihe, als die Hausaufgaben abgefragt wurden und er war sich schon sicher, dass die Erwähnung im Klassenbuch der Höhepunkt dieses Tages wäre.

Bis seine Mutter ihm die Tür öffnete, als er endlich und viel zu spät zu Hause ankam, weil ihm der Bus vor der Nase weggefahren war. Wenn sie ihm die Tür öffnete, obwohl doch deutlich zu hören war, dass er sie grade aufschloss, war irgendetwas Schwerwiegendes vorgefallen. Schlechte Nachrichten teilte sie ihm meistens an der Haustür mit.

"Was ist passiert?" wollte er wissen und ging im Kopf schon mögliche Szenarien durch angefangen von wieder einmal angebranntem Essen bis hin zu der Aussicht, in neun Monaten ein Geschwisterchen zu haben. Schließlich sprachen Peter und seine Mutter schon länger darüber und irgendwann musste es dann ja mal passieren. Bei dem Gedanken verzog Toni das Gesicht. Ein Baby, das rumschrie, ihn beim Schlafen störte, seine Bücher zerriss und überall mit verschmierten Fingern hinpackte war genau das, was er absolut nicht gebrauchen konnte.

Seine Mutter hatte, während er nachdachte, bereits angefangen zu erzählen und erst waren ihre Worte mehr oder weniger ungehört an ihm vorbeigerauscht, bis er die Schlagworte ,Portugal' und ,leider nicht' aufschnappte. Ein heftiger Stich durchschoss seinen Körper. "Wir fahren nicht nach Portugal?!" fiel er seiner Mutter fassungslos ins Wort.

Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. "Tut mir Leid. Aber du hast doch mitbekommen, dass Peter und ich uns im Moment nur noch streiten. Da kann ich nicht drei Wochen in Portugal mit ihm zusammenhocken! Wir müssen erst mal wieder auf einen grünen Zweig kommen."

"Dann fahren wir eben ohne ihn!" rief Toni. Das wäre ihm sowieso am liebsten gewesen. Aber natürlich keine Option für seine Mutter. Sie sah ihn mit grunzelter Stirn an und schüttelte den Kopf. "Nein, wir fahren nicht ohne ihn! Ich versteh nicht, wieso du nicht mal probierst, mit ihm klarzukommen. Er versucht immer alles und du blockst jedes Mal ab!"

"Er behandelt mich wie ein Kind," erwiderte Toni. Er spürte, dass er wütend wurde, aber Wut war hier völlig verschwendet, denn sie würde sowieso nichts ändern. Er versuchte deswegen, sie zu verdrängen und die Wut verschwand mehr und mehr- bis seine Mutter entgegnete: "Du bist doch auch ein Kind!" Da war sie mit einem Schlag wieder da, heiß stieg sie ihn ihm hoch und jetzt kam er nicht mehr dagegen an. "Ich bin vierzehn!" rief er. "Ich bin kein kleines Kind mehr! Und das soll er einfach einsehen!"

Ein amüsiertes Lächeln umspielte die Mundwinkel seiner Mutter, was Tonis Zorn nur noch einen erneuten Schub versetzte. Doch bevor er irgendetwas sagen konnte, von dem er noch gar nicht genau wusste, was es sein würde, aber irgendetwas musste es einfach sein um seiner Mutter klarzumachen, was das hier für eine ernste Sache war, sagte sie: "Gut, dann muss Toni der Erwachsene sich jetzt damit abfinden, dass er nicht drei Wochen nach Portugal fliegt sondern zu seiner Tante aufs Land fährt."

Toni riss die Augen auf. "Das ist doch ein Witz, oder?!"

"Nein, ist es nicht. Ich hab grad schon mit Nadja gesprochen, sie freut sich schon total, dich mal wiederzusehen. Überleg mal, du warst sechs, als wir das letzte Mal da gewesen sind. Und du wirst Kamilla wiedersehen. Ihr habt früher so gerne zusammen gespielt. Auf ihrer tollen Burg. Na komm, denk nur mal kurz dran zurück, dann wird dir einfallen, wie super das war."

"Es ist doch gar nicht ihre Burg!" schnappte Toni. "Sie haben da doch bloß die Gärtnerei!" Ziemlich idiotisch jetzt mit sowas zu kommen, als ob das Argument war, nicht zu seiner Tante zu fahren. Es gab doch sowieso keine Argumente, die er vorbringen konnte, denn letztendlich war er ja doch nur ein Kind, das gegen seinen Willen herumgeschubst werden konnte. Aber Wut und Enttäuschung, die sich in ihm zu etwas sehr Ungemütlichem vermischt hatten, bestanden darauf, dass er hier auf keinen Fall einfach nachgab und auch unsinnige Argumente waren besser als gar keine.

Seine Mutter verdrehte die Augen. "Ja, Herr Neunmalklug, ist schon recht. Es ist nicht ihre Burg. Aber das ändert nichts daran, dass du es da früher ganz toll fand. Also versuch dich an diese Zeit zu erinnern, dann findest du es vielleicht bald auch ganz toll, hinzufahren."

"Und außerdem ist Kamilla jetzt auch nicht mehr so wie damals. Sie ist ja jetzt auch 8 Jahre älter," versuchte Toni es weiter, während er seiner Mutter in die Küche folgte. "Sie ist bestimmt jetzt auch so'n dummes Mädchen."

Seine Mutter drehte sich zu ihm um und lachte. "Ein dummes Mädchen? Was ist das denn für eine Aussage für jemanden, der schon so erwachsen ist? Was ist denn ein ,dummes Mädchen'?"

Ein Teil in Toni pflichtete ihr bei, ja es war wirklich eine sehr blöde Aussage, allerdings konnte er jetzt auch nicht mehr zurück, das ließ weder sein Stolz noch sein Dickkopf zu. Egal, wie blöd es jetzt wurde und als er sagte "Sie lackiert sich die Nägel, redet nur über Pferde und kreischt ständig rum!" wurde es sogar noch blöder. Aber er steckte nicht zurück. Er stand da und sah seiner Mutter fest in die Augen.

Die zog die Nase kraus. "Aha? Aber lackiert Lydia sich nicht auch die Nägel. Ich hab sie auf jeden Fall schon mit welchen gesehen. Ist sie dann auch ein dummes Mädchen? Oder doch nur ein halbdummes, denn auf Pferde steht sie ja, soweit ichs mitbekommen habe, nicht."

Weiterhin sah Toni sie starr an, den Triumph, den Blick abzuwenden und ihr zu zeigen, dass er grade nach Worten suchte, gönnte er ihr nicht. Doch während er noch suchte und immer mehr in Panik geriet, weil das Argument, mit dem er diese Auseinandersetzung haushoch für sich entscheiden würde, einfach nicht kam, legte seine Mutter ihm die Hand auf die Schulter und sagte: "Ich versteh ja das du enttäuscht bist und ich bin es auch. Ich wäre auch total gern nach Portugal gefahren. Doch du musst auch mich verstehen. Das mit Peter kann ich nicht einfach zur Seite schieben. Aber ich verspreche dir, wir werden definitiv hinfahren und dann gucken wir uns alles an was sehen du willst!"

"Hm," machte Toni nur. Er brauchte das Mitleid, denn es war definitiv Mitleid, von seiner Mutter nicht, denn es kam nur, weil er vorher so einen Stuss gefaselt hatte. Aber zumindest hatte es dafür gesorgt, dass er jetzt aus dieser Situation verschwinden konnte.

Er knallte seine Zimmertür hinter sich in Schloss. Eigentlich gab es gar keinen Grund dafür, aber er konnte sich selbst nicht davon abhalten. Dann warf er sich aufs Bett und vergub das Gesicht im Kissen.

Selbstverständlich spielten sich jetzt Dutzende von Szenarien vor seinem inneren Auge ab, in dem er erwachsen und vernünftig mit seiner Mutter diskutierte und es fielen ihm lauter gute Sachen ein, die er hätte sagen können. Er stöhnte einmal frustriert auf, wälzte sich auf den Rücken, starrte an die Decke und versuchte Erinnerungen an damals heraufzubeschwören. Es waren nur undeutliche Bilder, aber so sehr er sich auch bemühte sich sicher zu sein, dass es furchtbar gewesen war, er konnte es nicht.

Er wusste nicht mehr viel von damals, aber dass die Burg so gewesen war, wie er sich immer eine richtige Ritterburg vorgestellt hatte, daran erinnert er sich genau. Sie hatte eine Zugbrücke, einen Burgraben und einen hohen Turm gehabt und natürlich hatten sie Ritter und König gespielt und war einfach herrlich gewesen, so sehr Toni auch versuchte, das vor sich selbst zu leugnen.

Bis ihm plötzlich die Erkenntnis kam, dass es, da er ja sowieso nicht an den Ganzen ändern konnte, vielleicht besser wäre, einfach zuzulassen, dass es ihm damals gefallen hatte und dass es sicherlich nicht so schlimm würde, wie er es sich grade ausmalte. Es wäre zwar mit Portugal nicht zu vergleichen, aber dass er dahocken und kreuzunglücklich sein würde, würde auch nicht passieren.

Doch als er sich später noch mit Lydia und Max an ihrem üblichen Platz auf dem Spielplatz trafen wurde sein Vorsatz allerdings noch auf eine harte Probe gestellt. Denn nachdem er ihnen alles erzählt hatte, bedachten sie ihn mit mitleidigen Blicken. "Das ist ja echt scheisse," meinte Lydia und legte ihm die Hand auf den Arm. "Kannst du nicht irgendwas dagegen machen?"

Toni lachte einmal freudlos. Nachdem er sich vorhin schon einigermaßen mit seinem neuen Urlaubsziel angefreundet hatte, verließ er diese Position jetzt nur allzugern wieder. "Meinst du, ich hab nicht gesagt, dass ich da nicht hinwill?! Aber das ist ihnen doch total egal. Noch können sie mit mir ja machen, was sie wollen."

"Ja, leider," erwiderte Lydia nur, aber aus ihrer Stimme hörte Toni genau das heraus, das sie nicht ausgesprochen hatte: ,Du armer Kerl, musst dich auf dem Land langweilen, während ich mit meiner Familie nach Las Vegas fliege'. Von Max hätte er sicher eine ähnliche Botschaft empfangen, schließlich fuhr der nach Italien in ein total schickes Hotel, von dem er Toni und Lydia schon voller Vorfreude einen Prospekt gezeigt hatte, aber er war viel zu beschäftigt, Marie anzuhimmeln, in die er jetzt schon ewig lange verknallt war.

Während Toni sich noch selbst bemitleidete und düsteren Gedanken nachhing, war für Lydia das Thema erledigt und sie knuffte Max. "Jetzt geh doch endlich zu ihr hin und sprech sie an."

"Nein!" erwiderte Max und knuffte sie zurück.

"Soll ich sie für dich ansprechen?" fragte Lydia und stieß sich von der Wand ab.

"Nein bloß nicht!" rief Max erschrocken, packte sie am Handgelenk und zog sie zurück. Die beiden fingen an, sich freundschaftlich herumzustreiten, was komplett an Toni vorbeirauschte. Von seiner halbwegs optimistischen Grundlage war nichts mehr übrig geblieben. Auch der Vorschlag seiner Mutter, mit ihm vorher noch Bücher einkaufen zu gehen, als er mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter am Esstisch saß, tröstete ihn kaum. Das würden richtig ätzende Sommerferien werden.

Die Tatsache, dass nach den zwei Wochen, die er zu seiner Tante sollte, noch über die Hälfte der Ferien übrig waren, ignorierte er dabei ohne jede Mühe.

Die Stimme riss Toni mit einem Ruck aus seiner Versunkenheit in sein neues Buch. Er blickte auf und brauchte erst einmal eine Sekunde, um in die Realität zurückzukehren und herauszufinden, was die Frau, die neben ihm stand, von ihm wollte. Als er nicht sofort reagierte, runzelte sie die Stirn und streckte die Hand nach ihm aus und jetzt dämmerte es ihm, weswegen sie hier war. Und gleichzeitig fiel ihm auf, dass sie die Uniform trug und das komische kleine Gerät in der Hand hielt, wie alle Schaffner, mit denen er es bis jetzt zu tun gehabt hatte.

Er angelte sein Portmonnaie aus seinem Rucksack neben ihm, holte die Fahrkarte heraus und gab sie ihr. Die Schaffnerin warf einen Blick drauf, der Toni doppelt so lang vorkam wie der von ihren Vorgängern und er bekam schon ein ungutes Gefühl im Bauch. Aber dann stempelte sie die Karte wortlos ab und gab sie ihm zurück, aber nicht, ohne ihn noch mit einem mißtrauischen Blick zu bedenken.

Nachdem sie weiter gegangen war, sank Toni mit einem Seufzer zurück in seinen Sitz. Er war nicht nur erleichtert, dass sein Fahrschein gültig war und er jetzt nicht mitten in der Pampa aussteigen musste, sondern es war auch gar nicht so leicht, aus der aufregenden Welt seines Buchs wieder in die nüchterne Realität zurückzukommen. Die da hieß zwei Wochen in der oben erwähnten Pampa auf einer elendig langweiligen Burg.

Noch nicht einmal die drei neuen Bücher, die er seiner Mutter abschwatzen konnte, auch, wenn ihm nach wie vor klar war, dass es sich nur im Mitleidsgeschenke handelte, konnten seine Laune bessern, die seit Lydias verstecktem Bedauern, durchgehend im Keller gewesen war. Er hatte deswegen auch einige Auseinandersetzungen mit seiner Mutter gehabt, von denen er, da er ja nur ein dummes Kind war, keine einzige gewonnen hatte.

Allerdings hatte er wohl doch einen Eindruck hinterlassen, dann seine Mutter hatte sich dann dazu entschlossen, dass er die fast vierstündige Zugfahrt mit dreimal Umsteigen alleine machen durfte. Peter hatte natürlich protestiert, dass man ,Kinder' doch nicht einfach so alleine fahren lassen konnte, aber seine Mutter hatte sich, sehr zu Tonis Freude, endlich mal durchsetzen können. Denn normalerweise hatte Peter immer das Sagen. Bestimmt war auch er es der entschieden hatte, dass sie nicht nach Portugal fuhren.

Am Anfang war das Alleinefahren auch richtig aufregend gewesen. Sie waren vorher noch die Verbindungen durchgegangen, die Toni nehmen musste, wo er umsteigen musste und auf welchem Gleis der nächste Zug kam und die Niederschrift des Ganzen befand sich sicher verpackt vorne in dem kleinen Fach in seinem Rucksack. Er würde sie aber nicht mehr brauchen, denn er saß jetzt im letzten Zug, der ihn bis zu dem kleinen Kaff bringen würde, das seine Endstation war.

Als er, nach einer schnellen Umarmung von seiner Mutter, am lauten und trubeligen Großstadtbahnhof in den Zug gestiegen war, hatte sein Herz vor Aufregung geklopft und irgendwie hatte er auch weiche Knie gehabt. Beim ersten Umstieg war er so aufgeregt gewesen, dass er das richtige Gleis nicht finden konnte, weil er die Zahlen vor lauter Nervosität nicht hatte lesen können. Erst, nachdem er jemanden gefragt hatte, stand er endlich am richtigen Bahnsteig, als der Zug schließlich einfuhr.

Aber irgendwo zwischen dem ersten und dem zweiten Umsteigen verschwand die Aufgeregtheit und er fühlte sich wie ein Profi, der jahrelang nichts anderes gemacht hatte als Zug zu fahren. Und als er dann in die letzte Bahn gestiegen war, wurde es einfach langweilig weil es draußen vor dem Fenster nichts weiter zu sehen gab als Bäume, Bäume, Bäume und Wiesen, Wiesen, Wiesen und zwischendurch, jede gefühlte Stunde, ein einzelndes Haus. Toni, der voher gespannt am Fenster geklebt und sich fast die Nase plattgedrückt hatte, verlor jetzt jegliches Interesse und fing stattdessen eins von seinen neuen Büchern an.

Auch jetzt hatte sich die Sicht aus dem Fenster nicht verändert und er fragte sich, ob es hier wirklich eine Stadt gab. Aber dann tauchte vor seinem Fenster das erste Haus auf, dann das zweite, dritte, es wurden immer mehr und gleichzeitig wurde der Name seiner Station durchgesagt. Der Zug bremste spürbar ab und Toni griff resigniert nach seinem Ruckstand, stand auf, warf ihn sich über eine Schulter und ging zur Tür.

Mit ihm zusammen stiegen nur zwei weitere Leute aus und der Zug war insgesamt nicht besonders voll gewesen. Kein Wunder. Wer wollte auch schon hierher? Außer die, die gezwungen wurden bestimmt.

Der Bahnhof war winzig und man konnte ihn auch nicht wirklich Bahnhof nennen. Es gab nur einen Bahnsteig und ansonsten nichts. Kein Vergleich zum Bahnhof zuhause.

Andererseits war es vielleicht auch gar nicht so schlecht, dass hier alles so klein war und es kaum Menschen gab, denn so sah er Nadja und Kamilla sofort und musste nicht erst herumirren oder warten. Nein, so konnte er sofort seinem elendigen zweiwöchigen Schicksal zugeführt werden.

Er zwang sich ein Lächeln auf, das hoffentlich nicht ganz so gezwungen aussah, wie es sich anfühlte, als die beiden ihm entgegenkamen. Er spürte die Abneigung gegen die üblichen ,Nein, was bist du groß geworden'-Rituale in sich aufsteigen. An ihnen würde definitiv kein Weg vorbeiführen. Schließlich hatten sie sich schon jahrelang nicht mehr gesehen und er war wirklich groß geworden. Und hätte er sich vorher nicht Fotos von Nadja, Thorsten und Kamilla angesehen, hätte er vorallem Kamilla niemals wiedererkannt.

Nadja schlug die Hände vor der Brust zusammen als sie beieinander angekommen waren. "Nein," rief sie. "Deine Mutter hat Recht, du bist ja wirklich riesig geworden." Dann grinste sie und Toni entnahm diesem Grinsen erleichtert, dass das Begrüßungsritual damit abgeschlossen war. Denn anstatt der nach dem Protokoll jetzt zwingend folgenden Umarmung packte Nadja Kamilla an den Schultern und schob sie vor sich. "Deine Cousine kennst du ja sicher auch noch. Ist sie nicht auch groß geworden?!" meinte sie scherzhaft.

Kamilla bedachte Toni mit einem zurückhaltenden Lächeln. "Hallo," sagte sie nur leise.

"Hallo," erwiderte Toni und Nadja nickte einmal. "Gut, damit wäre die Begrüßung dann ja erledigt. Komm, gib mir mal deinen Rucksack."

Sie streckte die Hand aus und Toni gab ihn hier. Sie runzelte die Stirn. "Nicht besonders viel Gepäck," stellte sie fest und Toni zuckte mit den Schultern, "Na ja, du kannst meine Sachen ja waschen, wenn sie dreckig sind," meinte er und war gespannt auf ihre Reaktion. Halb rechnete er jetzt damit, dass sie sich aufregen würde, wie seine Mutter es getan hätten und als sie ihn für einen Moment perplex ansah war er kurz davor, sie auch in die Kategorie 'Spießig' einzuordnen, doch dann grinste sie breit und tätschelte ihm den Oberarm. "Aha, also noch jemand, der es sich gerne einfach macht."

"So ist es," erwiderte Toni und erwiderte ihr Grinsen. Die Anspannung, die er schon die ganze Zeit unterschwellig gespürt und vor sich selbst geleugnet hatte, denn schließlich wollte er das alles hier nicht, also gab es auch keinen Grund, irgendwie angespannt zu sein, lockerte sich etwas. Auch, wenn der ganze Rest scheiße sein würde, Nadja schien es wenigstens nicht zu sein.

Sie verließen den Bahnhof durch den winzigen Vorbau in dem es nicht weiter gab, als einen passenden winzigen Kiosk und traten hinaus auf einen kleinen Platz mit einem Springbrunnen umgeben von Fachwerkhäusern und obwohl Toni beschlossen hatte, dass ihm die Provinz jetzt schon auf die Nerven ging, schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, wie schön das aussah, Wenn er sich den Springbrunnen wegdachte, sah es fast so aus wie er sich die Städte vorstellte, die in den Fantasyromanen vorkamen, die er ab und zu ziemlich gerne las. Es juckte ihm in den Fingern, seinen Fotoapperat rauszunehmen, gegen den er sich vehement gewehrt und den seine Mutter ihm schließlich aufgezwungen hatte, und ein Foto zu machen. Aber dann ließ er es lieber sein. Er wäre sich dann nur bescheuert vorgekommen.Vorallem vor sich selber.

Neben dem Bahnhofsgebäude befand sich ein kleiner Parkplatz auf dem ein weißer Lieferwagen mit dem Logo und den Namen der Gärtnerei stand. Es gab keine Rückbank, sodass sie sich zu dritt nach vorne setzten, was Toni unglaublich lustig fand. Und das, wo er doch jede Sekunde, die er hier war, hassen wollte. Aber der Hass hatte sich jetzt schon zum zweiten Mal kurz verabschiedet.

Und während er noch darüber nachdachte, was er genau er jetzt fühlen sollte, legte Nadja den Rückwärtsgang ein und fuhr schwungvoll aus der Parklücke heraus. Dann bremste sie so abrupt ab, dass irgendetwas im hinteren Teil des Wagens schepperte und als Toni den Kopf drehte, sah er, dass die Ladefläche voll mit Gartengeräten und Blumentöpfen gestellt war.

Das Scheppern begleitete sie für den Rest der Fahrt, weil Nadja eine furchtbare Fahrerin war, sich wie ein Rennfahrer in die Kurven legte und oft so heftig auf die Bremse trat, dass Toni in seinen Gurt gedrückt wurde. Zwischendurch erkundigte sie sich nach dem Verlauf von Tonis Reise, wie es seiner Mutter ging, was Toni nur mit einem ,Gut' beantwortete und Details, wie zum Beispiel Peter, verschwieg, und ob er Hunger hatte. Natürlich hatte Toni Hunger. Das, was seine Mutter ihm für die Reise eingepackt hatte, hatte er bereits in der ersten Stunde aufgegessen und da er sich nicht getraut hatte, sich etwas auf einem der zwei Bahnhöfe zu kaufen, um ja nicht den Anschluss zu verpassen, war sein Magen jetzt ein einziges Loch. Vorallem, nachdem Nadja ihn danach gefragt hatte.

Ansonsten herrschte Schweigen, was Toni keine Sekunde unangenehm war. Er hatte nämlich absolut keine Lust auf gezwungen Smalltalk. Stattdessen blickte er, wie die konsequent stille Kamilla, aus dem Fenster. Dort gab es allerdings nicht viel zu sehen, außer den obligatorischen Bäumen und Wiesen und schließlich den Burgberg, bei dem sich das schon etwas betagte Fahrzeug ziemlich quälte.

Dann war die Steigung geschafft und gleichzeitig tauchte vor ihnen die Mauer der Burg auf. Und der hohe Turm, an den Toni sich noch erinnern konnte. Aber die Erinnerung an die Zugbrücke stellte sich als falsch heraus. Sie war bloß eine langweilige Steinbrücke, die über den ausgetrockneten Burgraben führte. Sie fuhren durch einen Torbogen und Toni bermerkte zu seinem Erstaunen, die furchtbar dick die Mauer war. In ihrer Mitte befand sich sogar eine Tür, mit der man sicher auf den Gang oben auf der Mauer gelangte.

Er spürte, wie ein angenehmes Kribbeln durch seinen Körper lief, identifizierte es als Vorfreude und versuchte deswegen sofort, es zu unterdrücken. Denn worauf sollte er sich hier schon freuen?

Sie rumpelten und klirrten über das unebene Pflaster des Burghofes auf ein graues Steinhaus zu, das sich etwas abgelegen von den anderen Häusern in der linken Ecke des Hofes befand, und dann beanspruchte Nadja die Sicherheitsgurte zum letzten Mal, als sie heftig bremste und das Auto zum Stehen brachte.

Sie stiegen aus und auch, wenn Toni es eigentlich nicht wollte, konnte er sich selbst nicht davon abhalten, sich einmal umzusehen. Die zum Halbkreis angeordneten mehrstöckigen Steinhäusern mit ihren vielen Erkern und Balkonen, der Brunnen in der Hofmitte, die Holzgänge an den Mauern... Wenn die geparkten Autos, die Plastikstühle und der Sonnenschirm auf einer Rasenfäche nicht gewesen wären, hätte man auch hier ganz leicht das Gefühl bekommen können, wieder im Mittelalter zu sein.

Wie tief Toni in den Ablick vor ihm versunken war, merkte er erst, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und ihn fast zur Tode erschreckte. "Schön, nicht wahr?" sagte Nadja schelmisch neben ihm. "Vielleicht findest du es ja jetzt nicht mehr ganz so schlimm, dass du hergekommen bist."

Toni sah sie an und öffnete den Mund, um höflich aber bestimmt zu protestieren, während er sich gleichzeitig darüber ärgerte, dass seine Mutter solche Dinge einfach weitergetratscht hatte, aber Nadja kam ihm zuvor.

"Ich versteh das. In deinem Alter unternimmt man lieber andere Sachen als auf einer Burg rumzuhängen. Aber jetzt bist du hier und da sollten wir einfach gucken, dass wir das Beste draus machen. Nicht wahr?" Sie tätschelte seinen Oberarm. "Du hattest doch Hunger, oder? Und wie jeder Mensch hast du doch sicher nichts gegen Spaghetti Bolognese einzuwenden, stimmt's?"

Das kilometertiefe Loch in Tonis Magen machte sich wieder bemerkbar und er hätte jetzt eigentlich alles essen können. Aber Spaghetti standen auf dieser Liste definitiv ganz oben. "Auf jeden Fall," rief er deswegen beinahe schon enthusiastisch. Alles hier zu hassen wurde mit jeder Sekunde schwerer.

"Na, dann komm," sagte Nadja und während sie auf die an der Haustür wartende Kamilla zugingen erzählte sie, dass ihr Haus früher der Pferdestall gewesen war, man davon jetzt aber natürlich nichts mehr sah und sie das auch nur wusste, weil es ihr erzählt wurde, als sie damals eingezogen waren.

Die untere Etage war ein komplett offener Raum. Nachdem sie eingetreten waren, befand sich links in der Ecke eine große Küche, dann kam ein Esszimmertisch nebst Stühlen und dann das Wohnzimmer, das durch einen großen zweiteiligen und jetzt im Sommer offenen Vorgang abgetrennt war. Vom Wohnzimmer aus führte die Treppe in die obere Etage.

"Ich würde vorschlagen, Kamilla zeigt dir dein Zimmer und ich fange mit dem Kochen an," schlug Nadja vor und so stieg Toni hinter seiner Cousine die enge Holztreppe hinauf. Oben gab es Holzfußboden und einen engen Flur, von dem vier Türen abgingen. Kamilla wies auf die einzelnen Türen und erklärte, was dahinter lag, ihr Zimmer, das ihrer Eltern, das Badezimmer, und öffnete dann die vierte Tür. Hierzu sagte sie nichts, aber Worte waren auch überflüssig, denn das war eindeutig das Gästezimmer. Das Bett nahm in dem kleinen Zimmer den größten Raum ein, daneben gab es einen kleinen Tisch, einen Sessel und einen winzigen Kleiderschrank. Durchs Fenster sah man auf die Grünfläche mit den Plastikstühlen und dem Sonnenschirm und auf einen Teil des Turms.

Kamilla stand in der Tür und hielt seinen Rucksack fest. Zuerst fragte Toni sich, wieso sie ihn nicht einfach abstellte und dann, ob seine Cousine auch damals schon so still gewesen war. Aber er fragte natürlich nicht, sondern ging zu ihr hin und nahm ihr den Rucksack ab. "Danke," sagte er und Kamilla bedachte ihn zum zweiten Mal an diesem Tag mit ihrem scheuen Lächeln. "Ich geh dann mal und helfe Mama beim Essen machen." Sie hatte den Satz kaum ausgesprochen, da war sie schon wieder verschwunden.

Toni vertrieb sich die Zeit bis zum Essen damit, seinen Rucksack auszupacken und seine wenigen Klamotten in den Schrank zu hängen. Dann legte er sein aktuelles Buch auf den Nachttisch und stellte sich ans Fenster. Draußen passierte gar nichts, keine Menschenseele war zu sehen und er fand heraus, dass er die Turmspitze sehen konnte, wenn er sich vors Fenster kniete und den Kopf verdrehte. Und dann rief Nadja, dass das Essen fertig sei.

Die Spaghetti waren gut und Tonis Hunger riesig, sodass er erst nach der vierte Portion komplett satt war. Er lehnte sich im Stuhl zurück und seufzte einmal zufrieden.

"Gesunder Appetit," bemerkte Nadja sich, die ihn belustigt beobachtet hatte. "Und was willst du jetzt machen, nachdem du deine Mutter angerufen hast um ihr zu sagen, dass du gut angekommen bist? Schlafen? Oder eine Burgführung? Kamilla zeigt dir sicher gerne alles, nicht wahr?" wandte sie sich an ihre Tochter.

"Soll ich nicht lieber Papa helfen?" fragte Kamilla leise und Nadja machte eine wegwerfende Handbewegung. "Heute nicht. Heute steht die Unterhaltung unseres Gastes auf dem Programm."

"Burgführung," entschied Toni sich sofort. Eine andere Alternative gab es da grade nicht.und am liebsten wäre er sofort losgegangen. Deswegen fiel das Gespräch mit seiner Mutter auch entsprechend kurz aus und er spielte gekonnt herunter, dass es ihm, wider Erwarten, doch ganz gut gefiel. Diese Genugtuung gönnte er seiner Mutter absolut nicht. Danach gab er den Hörer an Nadja weiter und war startbereit.

Die Führung begann hinter dem Haus, wo sich, zu Tonis Überraschung, ziemlich viel Platz bis zur Burgmauer befand. Und dieser Platz wurde genutzt für Blumenbeete, ein Gewächshaus und ein kleines Steinhaus und erst jetzt fielen Toni die Wegweiser auf, auf denen ,Laden' stand und die direkt zu dem Steinhaus hinwiesen. Dort fanden sie seinen Onkel hinter dem Tresen. Kunden, die die bemalten Blumentöpfe, kleine Handwerksarbeiten oder Samentüten kaufen wollten gab es grade nicht.

Thorsten, Tonis Onkel, war, genau wie seine Tochter, kein Freund vieler Worte. Er schüttelte Toni die Hand und nach einem ,Schön, dass du da bist,' war die Begrüßung für ihn erledigt und die Führung, soweit es die Gärtnerei betraf, für Toni abgeschlossen. Aber nicht für Kamilla. Sie führte ihn zwischen den Beeten hindurch, erklärte ihm eifrig, was hier alles wuchs und was sie selbst angepflanzt hatte und dann warfen sie auch noch einen Blick in das Gewächshaus.

Toni, der sich nicht wirklich für Pflanzen oder Bäume interessierte, war ziemlich schnell gelangweilt aber er sagte nichts. Normalerweise hätte er sich eher nicht mit seiner Meinung hinterm Berg gehalten, aber irgendetwas hatte Kamilla an sich, das bewirkte, dass er den Mund hielt, hinter ihr herstiefelte und sich brav alles anguckte, was sie ihm zeigte und dem zuhörte, das sie ihm erklärte.

Leider war sie dann nachher nicht mehr so gesprächig, als sie sich endlich wieder der Burg zuwandten. Toni hatte gehofft, vielleicht auf die Mauer zu steigen oder in ein paar von den Häusern zu gehen und er war sich völlig sicher, dass er das damals gekonnt hatte, auch, wenn er keine konkreten Erinnerungen mehr daran hatte.

Aber das Einzige, was sie machten, war, die einzelnen Stationen abzulaufen, davor stehen zu bleiben und sich alles von außen anzugucken. Als sie den für ihn äußerst unbefriedigenden Rundgang schon fast abgeschlossen hatten, entschied er sich schließlich dazu, endlich mal den Mund aufzumachen. "Sag mal," fing er an. "Können wir nicht mal in eins von den Häusern reingehen? Oder auf die Mauer steigen? Als ich damals hier war konnten wir das doch, oder?"

"Da waren ja auch noch die alten Besitzer hier und da durften wir überall hin," erklärte Kamilla. "Aber die neuen restaurieren alles, weil sie möchten, dass noch mehr Besucher herkommen. Und jetzt dürfen wir nirgendwo mehr hineingehen." Wortlos blieb sie plötzlich so abrupt stehen, dass Toni es erst auffiel, als er schon ein paar Schritte weitergegangen war. "Was ist los?" wollte er wissen, als er zu ihr zurückgegangen war.

Kamilla wandte sich halb ab. "Da hinten sind die Söhne von den neuen Besitzern. Lass uns besser hier weggehen."

Toni runzelte die Stirn. "Warum denn?" wollte er wissen.

Kamilla zog unbehaglich die Schultern zusammen. "Vielleicht wollen sie ja nicht, dass wir hier einfach so herumlaufen."

Toni lachte einmal. "Also das können sie uns ja wohl kaum verbieten. Dass wir nirgendwo reingehen können, okay, aber dass wir hier herumlaufen, da kann ja wohl niemand was gegen haben. Schließlich wohnst du ja auch hier!" Er ergriff Kamilla sanft am Arm. "Na komm," forderte er sie auf, aber ihm war von Anfang an klar, dass er, wenn sie sich weigern würde, einfach alleine weitergehe würde. Und wenn er ehrlich war, dann war er schon ein bisschen neugierig darauf, wie die Kinder von Burgbesitzern wohl so tickten.

Kamilla gab seinem leichten Druck nach und ließ sich mitziehen, wobei sie aber immer ein Stück hinter Toni blieb.

Die Besitzer-Söhne saßen auf den Plastikstühlen am Plastiktisch unter dem Sonnenschirm und vor ihnen lagen ein paar Bücher und Hefte, was Toni kurzzeitig in Erinnerung rief, dass er hier in einem anderen Bundesland war, in dem die Sommerferien noch nicht angefangen hatten. Aber diese Erkenntnis währte nicht lange, denn in diesem Moment hoben die beiden Jungen synchron die Köpfe und sahen ihnen entgegen.

Toni musterte sie einen Moment und war schon fast enttäuscht, dass an ihnen eigentlich nichts Besonderes war. Bis auf ihre rötlichen Haare vielleicht. Aber das war ja auch nicht wirklich ein Alleinstellungsmerkmal für Burgbesitzerkinder.

Nachdem sie sich einen Augenblick gegenseitig gemustert hatten, stand der Ältere von den beiden auf und kam ihnen entgegen. "Hallo Kamilla," sagte er und lächelte sie freundlich an, während er Toni mit einem schnellen Seitenblick streifte. Dann ging seine Stimme ins Neckende über, als er grinsend sagte: "Stellst du uns jetzt endlich mal deinen Freund vor?"

Kamilla war ziemlich rot im Gesicht geworden. "N...nein," stotterte sie nur. Sie versuchte, ihren Arm aus Tonis Griff zu befreien, vermutlich, um wieder zu gehen.

Toni hielt es für besser, sich endlich auch mal zu Wort zu melden. "Ich bin Toni, ihr Cousin," entgegnete er. "Und du?"

"Johann," antwortete der Junge und behielt sein freundliches Lächeln bei, als er seine Aufmerksamkeit von Kamilla zu Toni hinwandte. Mit dem rechten Arm machte er eine lässige Geste nach hinten. "Und der Pumuckl da hinten ist mein kleiner Bruder Gregor."

"Nenn mich nicht immer Pumuckl, du Blödmann!" rief Gregor und Johann drehte sich zu ihm um. "Ach komm, sei doch nicht gleich beleidigt, Pumuckl."

Jetzt stand Gregor auch auf und machte ein Gesicht, als wolle er sich gleich auf seinen Bruder stürzen, entschied sich dann aber anders und stürmte davon.

Johann drehte sich wieder zu Toni um, der inzwischen Kamillas Arm losgelassen hatte. Sie war immer noch da, stand aber weiter hinter ihm.

"Also, was führt dich her?" erkundigte Johann sich und Toni erklärte es ihm kurz. Dass er eigentlich gar nicht hier sein wollte, verschwieg er dabei. Stattdessen sagte er: "Die Burg ist wirklich toll. Nur schade, dass man nicht viel von ihr sehen kann."

Johanns Augen fingen an zu glitzern. "Ach, seid ihr hier auf einer Burgführung?" Und als Toni nickte, klatschte er einmal in die Hände. "Na, da hast du aber Glück, dass du mich getroffen hast. Komm mit, ich mach jetzt n Rundgang par ecxellence mit dir. Und du kannst natürlich auch mitkommen," sagte er zu Kamilla, aber die schüttelte den Kopf. "Ich sollte lieber meinen Eltern helfen," murmelte sie und diesmal hielt Toni sie nicht auf, als sie ging.

"Also gut." Johann machte eine Kopfbewegung in Richtung der Häuser. "Dann lass uns mal loslegen."


 

Toni kam jetzt voll auf seine Kosten. Nicht nur, dass er mit Johann überall hereinkam, er wusste auch ganz genau über die Burg und seine Geschichte Bescheid und konnte alles sehr anschaulich erzählen. Die unzähligen Räume durch die sie kamen und in denen entweder gar nichts, alte staubige Möbel oder Baugerüste standen wurden so vor Tonis innerem Auge lebendig. Vorallem der Rittersaal mit seinen zwei restaurierten Ritterrüstungen und den großen Buntglasfenstern war ziemlich faszinierend. Über dem riesigen Kamin hing das Wappen der Familie, zwei gekreuzte Lanzen und drei Türme und Johann erklärte, dass diese für die drei Hauptburgen der Familie standen.

"Nachdem meine Oma hier nicht mehr alleine klar gekommen ist, sind wir auch hergezogen," erzählte er, während sie die Treppe zur Galerie hochstiegen, die um den kompletten Saal verlief. "Meine Mutter war ganz schön schockiert, dass alles so heruntergekommen ist, weil meine Oma hier nur das Nötigste gemacht hat und die Brauerei und die Gärtnerei sowieso nicht genug abgeworfen haben um hier groß Arbeiten durchzuführen. Und meine Mutter will hier alles für Touristen fertig machen mit 'nem Hotel und allem Schnickschnack was so für Touristen zu einer richtigen Burg gehört. Normalerweise ist hier auch mehr los, irgendjemand rennt hier immer rum nur eben sonntags nicht." Johann klopfte sich einmal mit dem Daumen auf die Brust. "Und ich führ die Touristen, die jetzt schon kommen herum und krieg dafür immer massig Trinkgeld."

"Super," war das Einzige, das Toni als Erwiderung einfiel weil er von den ganzen Eindrücken, Johanns Redefluss und der ziemlich beeindruckenden Geschichte der Familie etwas erschlagen war.


Außerdem hatte er inzwischen völlig die Orientierung verloren und wäre hier ohne Johann, der sich mit schlafwandlerischer Sicherheit durch alle Räume und Flure bewegten, rettungslos verloren gewesen. Er hätte nicht gedacht, dass die Burg so riesig war, denn von außen machte sie gar nicht den Eindruck. Er wusste nicht, wieviel Stunden sie inzwischen schon hier herumliefen und inzwischen taten ihm auch schon etwas die Füße weh.

Aber sie waren noch lange nicht am Ende angekommen, denn nachdem sie durch die nächsten von gefühlten tausend Türen gegangen waren kamen sie auf einen langen Flur von dem geschätzt ein Dutzend Türen abgingen.

"Das sollen mal Hotelzimmer werden," erklärte Johann und öffnete die Tür direkt gegenüber. Sie kamen in einen Raum, dessen Boden komplett mit einer Plane bedeckt war. Neben einem Tapeziertisch in der Ecke befand sich hier auch eine Frau mit einem riesigen tropfenden Kleisterpinsel in der Hand, die Johann als seine Mutter vorstellte und die in ihrer Jeans und ihrem verschmierten T-Shirt auch so gar nicht nach Burgbesitzerin aussah. Oder nach jemandem, der seinen Stammbaum über 800 Jahre zurückverfolgen konnte.

Toni gab ihr artig die Hand. "Eine tolle Burg," sagte er, sie seufzte einmal und strich sich mit der freien Hand durchs Haar. "Ja, toll ist sie, wenn sie nicht so heruntergekommen wäre. Wenn ich dran denke, was hier noch alles erledigt werden muss..."

"Oh nein Mama," unterbrach Johann sie. "Bitte nicht wieder einen Vortrag." Er zog Toni am Hemd. "Lass uns hier lieber abhauen, bevor sie dir en detail aufzählt, was noch alles zu erledigen ist."

Gehorsam trottete Toni hinter ihm her, als sie aus dem Zimmer zurück in den langen Flur kamen. Von jetzt auf gleich war ihm die Lust vergangen, auch noch den Rest der Burg zu erkunden allerdings traute er sich nicht, es zu sagen, nachdem Johann soviel Aufwand betrieben hatte, ihm hier alles zu zeigen. Doch seine Gedanken schlugen sich anscheinend deutlich in seiner Körpersprache nieder, denn nach ein paar Schritten blieb Johann stehen und grinste ihn an. "Keinen Bock mehr?"

"Nein, irgendwie nicht," erwiderte Toni ehrlich und erwartete für einen Moment, dass Johann ihm das übel nahm, aber zu seiner Erleichterung lachte er nur. "Ja, genau deswegen bieten wir hier auch mehrere themenbezogene Touren an um nicht immer alles abzulaufen. Also willst du jetzt komplett abbrechen?"

Toni fielen die Burgmauer und der Turm ein. Aber auf die vielen Stufen des Turms hatte er keine Lust aber auf die Mauer wollte er unbedingt. Er schlug es Johann vor. "Wenn das in Ordnung ist?" schob er hinterher und Johann grinste. "Aber klar ist das in Ordnung."

Zu Tonis Erleichterung mussten sie nicht mehr quer über den Hof bis zur Tür unter dem Torbogen laufen um auf die Mauer zu kommen, denn auch in der Nähe der Tür, durch die sie wieder auf den Hof kamen, befand sich ein Aufgang. Die alte Holztür schloß Johann mit einem riesigen verrosteten Schlüssel auf, der an seinem riesigen Schlüsselbund hing.

Sie kamen in einen winzigen Vorraum, von dem links eine Tür abging und sich vor ihnen die Stufen in die Höhe schraubten die noch durchgetretener waren als die anderen Stufen, die Toni bis jetzt hier hochgelaufen war.

Von dem Wehrgang aus hatte man eine tolle Aussicht über die bewaldeten Hügel, die grünen Wiesen und auf das Dorf. Johann wies nach Westen. "Da hinten im Wald gibts noch n Dorf, das zu dieser Burg gehört, das schon vor ein paar hundert Jahre aufgegeben wurde, ich weiß allerdings noch nicht wieso, aber ich forsche da noch noch." Er warf Toni einen Seitenblick zu. "Man kann die Ruinen von der Mauer aus sehen. Sie sind zwar zwischen den Bäumen etwas versteckt aber ich kann sie dir zeigen. Ich gehe aber mal nicht davon aus, dass du noch Lust hast, bis dahin zu laufen?"

Toni hatte nicht nur keine Lust sondern mit einem Schlag auch so einen Hunger, dass er jetzt zu nichts anderem mehr fähig war, als zu essen. Deswegen verabschiedete er sich hastig von Johann, bedankte sich für die tolle Burgführung und beeilte sich dann, die Stufen herunterzusteigen. Vergessen war seine Müdigkeit, als er über den Hof auf das graue Steinhaus zulief.

 

Die Tür war nicht abgeschlossen aber es war niemand da. Normalerweise hätte er jetzt etwas gezögert, einfach an irgendwelche Schränke zu gehen, aber er wurde komplett von dem Loch in seinem Magen beherrscht. So schnell es ging schmierte er sich vier Brote und hielt sich erst gar nicht damit auf, sich an den Tisch zu setzen sondern aß sie gleich im Stehen. Danach hatte er zwar nicht mehr so großen Hunger aber richtig satt war er immer noch nicht, sodass er nach den Broten noch eine ihm unbekannte Creme die aber unglaublich lecker schmeckte aus einer abgedeckten Schüssel im Kühlschrank aß. Danach konnte er wieder klar denken und als er die sorgfältig ausgekratzte Schüssel ansah bekam er ein ziemlich schlechtes Gewissen. Aber er würde sich bei Nadja entschuldigen, sobald er sie sah. Er war sich ziemlich sicher, dass sie sich irgendwie auf dem Gelände der Gärtnerei aufhielt, war aber grade zu faul um hinzugehen und er hatte jetzt auch erst einmal genug von Gesellschaft.

Um auch noch das allerletzte Anzeichen von Hunger zu verscheuchen nahm er sich noch einen großen Apfel aus der Obstschüssel. Dann holte er sein Buch aus seinem Zimmer und überlegte, wo er jetzt hingehen sollte. Bei dem schönen Wetter wollte er auf keinen Fall im Haus bleiben deswegen beschloss er, sich irgendwo ein schattiges Plätzchen zu suchen.

Als wieder aus dem Haus kam, sah er Kamilla und Gregor in einer Ecke an der Mauer stehen. Kamilla schenkte ihm ihr scheues Lächeln aber Gregor erdolchte ihn praktisch mit seinem mißbilligenden Blick, aber da Toni sowieso nicht geplant hatte, mit den beiden rumzuhängen, beachtete er sie auch nicht weiter oder fragte sich, was Gregors Blick zu bedeuten hatte.

Er fand schließlich sein Plätzchen in einer Mauerecke, in der es eine kleine Grasfläche und einen Baum gab, der Schatten spendete, aber die meiste Zeit verbrachte er damit, zu dösen anstatt zu lesen. Dass er seit heute morgen acht Uhr auf den Beinen war und nach der langen Zugfahrt auch noch stundenlang in der Burg herumgelaufen war, forderte schließlich seinen Tribut.

Als es dämmerte, nahm er das Buch, in dem er, wenn es hochkam, höchsten vier Seiten gelesen hatte und ging zurück zum Haus. Hinter den Fenstern im Erdgeschoß brannte Licht und als er eintrat stand Nadja in der Küche und spülte. Die Schüssel, die er vor ein paar Stunden so gierig leergegessen hatte stand schon sauber auf der Abtropffläche und nachdem er in erst einmal nicht mehr daran gedacht hatte, holte ihn jetzt sofort wieder das schlechte Gewissen ein. "Tut mir Leid," sagte er zu Nadja und spürte, wie er rot wurde. Also, dass ich die Schüssel leer gegessen hab."

Sie drehte den Kopf zu ihm und lächelte ihn an. "Ach, mach dir nichts draus. Ich mach einfach neue Creme, die ist einfach hinzubekommen. Und ich zieh vielleicht keinen pubertierenden Jungen groß, aber bei deiner Länge hab ich mir schon gedacht, dass sowas passieren wird."

Toni wusste zwar, dass es nicht so gemeint war, aber bei diesem Kommentar fühlte er sich auf einmal wie ein kompletter Vielfraß. Das Bedürfnis, Nadja einen Spruch zurückzuschicken wurde übermächtig und er biss sich auf die Lippen um es zu verhindern. Eigentlich wollte er sich nach dem Abendessen erkunden, aber die Frage verkniff er sich jetzt. Stattdessen sagte er nur Gute Nacht und ging in sein Zimmer. Um sich dann kurz nach Mitternacht als alle anderen schliefen wieder zum Kühlschrank zu schleichen und zu essen, was er fand bis er satt war. Ein schlechtes Gewissen erlaubte er sich dann aber nicht, denn schließlich rechnete Nadja ja mit sowas.

Toni wurde von lautem Stimmengewirr wach. Er schlug die Augen auf, sah die fremde Zimmerdecke und brauchte einen Moment, um sich zurecht zu finden. Dann stand er auf, ging zum Fenster, von wo die Stimmen herkamen, und sah vorsichtig hinaus.

Unten vor dem Haus stand eine Gruppe Menschen, einige mit Kameras um den Hals, die einem großen Mann mit rötlichem Haar zuhörten, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Johanns Vater war. Und die anderen waren auf jeden Fall Touristen auf einer Burgführung.


Als alle synchron ihre Kamera hoben und auf das Haus richteten, machte Toni, dass er vom Fenster verschwand, um nicht aus Versehen auf irgendein Bild zu kommen.

Dann zog er sich an und ging nach unten. Wo wieder niemand war, was, nachdem er einen Blick auf die Uhr an der Wand ihm gegenüber geworfen hatte, auch kein Wunder war. Um neun Uhr an einem Montag war Kamilla in der Schule und Nadja und Thorsten in der Gärtnerei beschäftigt. Er war also ganz für sich und als sein Magen laut knurrte war ihm sofort klar, was er als erstes machen würde.

An den Kühlschrank war ein Zettel gepinnt auf dem ,Bedien dich' stand und daneben war ein lachendes Gesicht gemalt. Toni kannte zwar ihre Schrift nicht, aber das konnte nur Nadjas Werk sein. Wütend, weil er sich aus irgendeinem Grund wieder vorkam wie ein totaler Idiot, riss er den Zettel ab, knüllte ihn zusammen und warf ihn in den Mülleimer. Seine Wut hinderte ihn aber nicht daran, sich ein gutes Frühstück zu machen und es sich schmecken zu lassen. Danach saß er noch eine ganze Weile am Tisch, vor sich den leeren Teller und war einen Moment überfordert mit der totalen Freiheit die er grade hatte.

Zuhause war es seiner Mutter immer wichtig, zu wissen, wie er seine Tage verbrachte und sie ließ keine Gelegenheit aus ihn zu etwas zu ermuntern, dass in ihren Augen ,wichtig für seine Entwicklung' oder ,sehr lehrreich' war. Ermunterungen, denen er in den wenigstens Fällen nachging und sie machte dann auch keinen Aufstand, aber hier wurde er ja noch nicht einmal zu irgendetwas ermuntert. Und gestern, als er bei Dämmerung wiederkam hatte ihn niemand gefragt, wo er gesteckt hatte. Er konnte machen was er wollte.

Eigentlich wäre er gerne im Wald herumgestreut und hätte sich das verlassene Dorf angeguckt, von dem Johann erzählt hatte, aber da hätte er sich sicher verlaufen und dann gar nicht wieder zurückgefunden. Nein, Herumspazieren im Wald schied definitiv aus.

Er ging nach oben und holte sein Buch, in der festen Absicht, diesmal mehr zu lesen. Dann öffnete er die Tür zum ummauerten Garten, auf dessen Terrassen zwei Liegestühlen unter einem großen Sonnenschirm standen. Hier verbrachte er den Vormittag, teilweise mit Lesen, teilweise mit Tagträumen und teilweise mit der Frage, was Lydia und Max jetzt wohl so taten und wie sehr er sie um ihre tollen Urlaube beneidete, während er hier auf dieser totlangweiligen Burg herumgammelte. Die er eigentlich gar nicht mehr so langweilig fand, aber es fiel ihm nach wie vor schwer, das vor sich selbst einzugestehen.

Ein Rumpeln riss ihn aus seinem Schläfchen und als er neugierig ins Haus trat, stand Nadja in der Küche. Die Gartentür fiel von selbst hinter ihm mit einem leichten Knall in Schloß, Nadja hob den Kopf und winkte ihm lächelnd zu. "Hallöchen," sagte sie gutgelaunt. "Das Mittagessen hast du leider verpasst, das gibt's immer so gegen zwei wenn Kamilla aus der Schule gekommen ist. Soll ich dir schnell was aufwärmen?"

Keine Frage, dass Toni wieder Hunger hatte. "Ja bitte," sagte er, ging zu Nadja und setzte sich an den winzigen Küchentisch.

"Und, was hast du heute so den ganzen Tag getrieben?" erkundigte sie sich während sie einen Teller mit Kartoffelpüree und Fischstäbchen für ihn fertig machte. Da in ihrer Stimme nichts anderes mitschwang als Interesse antwortete Toni wahrheitsgemäß: "Im Garten geschlafen." Denn viel gelesen hatte er schon wieder nicht.

"Das ist gut," antwortete Nadja. "Wenn man sich erholen kann, sollte man da jede Minute nutzen."


Sie stellte Toni den Teller hin. "Dann lass es dir mal schmecken. Und wenn du noch einen Nachschlag willst, dann sag Bescheid." Sie zwinkerte ihm zu und machte sich daran, die Arbeitsplatte abzuwischen.


Toni beschloss diesmal, sich von diesem leidigen Thema nicht den Appetit zu verderben und machte sich über das Essen her und hatte dann auch kein Problem, um einen Nachschlag zu bitten.

Er war grade mit der zweiten Portion fertig geworden, als es an der Tür klopfte.

"Komm rein," rief Nadja, als wusste sie schon ganz genau wer draußen stand. Zu Tonis Überraschung war es Gregor. Er hatte ihn zwar gestern zusammen mit Kamilla gesehen, aber nachdem sie vorher so einen Aufstand gemacht hatte, hätte er nicht damit gerechnet, dass sie sich näher kannten. Denn natürlich war Gregor wegen Kamilla hier. Und selbst, wenn Toni sich da nicht sicher gewesen wäre, der Todesblick, den er ihm zuwarf sagte schon alles.

In Toni stieg das Bedürfnis auf, sich gegen diese unfaire Behandlung zu wehren. Er hatte schließlich nichts gemacht, womit er sowas verdient hatte. Hier ging es auch nicht darum, dass es ihm wichtig war, dass Gregor warum auch immer nicht mehr sauer auf ihn war, sondern hier ging es um Prinzip. Aber im Moment und vorallem vor Nadja war der falsche Moment für so etwas. Stattdessen blieb er ruhig am Tisch sitzen, während sich Nadja zu Gregor umdrehte und ihn anlächelte. "Sieht man dich auch wieder. Wie gehts dir?"

 

Gregor zuckte mit den Schultern. "Geht so," murmelte er.

"Und deinen Eltern?" fragte Nadja weiter und jetzt runzelte er die Stirn. "Geht so," wiederholte er. "Ist viel zu tun. So, als ob das nie aufhört."

"Ach ja," machte Nadja und stüzte sich mit einer Hand am Küchentisch ab. "Da haben sie sich auch ganz schön was vorgenommen. Aber schon mal gut, dass jetzt schon ein paar Leute kommen, um sich das Durcheinander anzugucken."

Gregor schien kein Freund dieser Unterhaltung zu sein, denn er zog unbehaglich die Schultern zusammen und Nadja erlöste ihn schließlich, in dem sie sagte: "Ich schau mal nach, ob Kamilla Lust hat, runter zu kommen. Du weißt ja, wie sie manchmal ist." Sie ging zur Treppe und rief nach oben: "Milla Schatz, Gregor ist hier. Komm mal runter."

Es dauerte nicht lange, da klappte oben eine Tür und Kamilla kam die Treppe runter. Nadja strich ihr liebevoll übers Haar, als sie an ihr vorbeilief und dann kam sie zurück in die Küche, wo Toni am Tisch saß und nicht wusste, ob er sich in diese Situation irgendwie einbringen sollte. Kamilla nahm ihm die Entscheidung schließlich ab, indem sie ihm zuerst zunickte und ein leises "Hallo," sagte und Toni sofort wieder Gregors glühenden Blick auf sich spürte aber seine Stimme war weder wütend noch grummelig wie vorher, als er "Hi," zu Kamilla sagte. "Draußen ist es total warm, ich dachte, wir gehen schwimmen. Wenn du Lust hast."

"Ich weiß nicht, ob ich nicht vielleicht helfen muss," antwortete Kamilla und sah Nadja an die den Kopf schüttelte. "Es ist im Moment alles ruhig. Wir sagen dir Bescheid, wenn wir deine Hilfe wieder brauchen. Geh ruhig mit schwimmen. Du weißt ja, wo dein Badeanzug ist."

Kamilla nickte und lief los um die Sachen zu holen und Nadja wandte sich wieder an Gregor wobei sie in einer scherzhaften Geste mit dem rechten Zeigefinger wackelte. "Aber nicht wieder so spät kommen wie beim letzten Mal. Sonst gibts Ärger."

"Natürlich nicht," erwiderte Gregor steif, ohne auf Nadjas neckende Art einzugehen.


Nachdem Kamilla und Gregor verschwunden waren und Nadja die Küche zuende aufräumte überlegte Toni sich, dass er ja auch eine Badehose und ein Badetuch dabei hatte und Lust zu schwimmen hatte er auch. Er würde sich jetzt einfach dazugesellen, Todesblicke hin oder her.

Er räumte seinen Rucksack bis auf diese beiden Dinge aus, warf ihn sich über die Schulter und lief aus dem Haus hinter Kamilla und Gregor her, die erstaunlich schnell gingen und schon einen ziemliche Vorsprung hatten. Er musste laufen, um sie einzuholen, was ihn ganz schön ins Schwitzen brachte. Aber am Ende des Weges würde ja ein kühler See oder Fluß auf ihn warten, denn die Umgebung machte nicht unbedingt den Eindruck, als würde es hier ein Freibad geben.

Kamilla und Gregor drehten sich gleichzeitig um, als Toni nah genug bei ihnen war, dass sie das Geräusch des Schotters unter seinen Füßen hören konnten.

Als er bei ihnen angekommen war, musste Toni erst einmal wieder zu Atem kommen bevor er sagte: "Ich hab mir gedacht, ich komm mit schwimmen."

Gregor verschränkte die Arme vor der Brust und machte den Eindruck, als wolle er dazu etwas sagen, aber er schwieg und stattdessen sagte Kamilla: "Klar," und lächelte Toni an.

In diesem Moment ergriff Gregor sie am Arm und zog sie ein Stück von Toni weg, sodass sie wenigstens einigermaßen aus seiner Hörweite waren. Dann redete er eifrig auf Kamilla ein und auch, wenn Toni kein Wort von dem Geflüstere verstehen konnte, war ihm doch klar, was Gregor für ein Problem hatte und er war gespannt, wie Kamilla reagieren würde. Nach zwei Tagen konnte er sie noch nicht wirklich einschätzen.

Gregor war inzwischen fertig mit seinem Vortrag und Kamillas Erwiderung bestand aus ein paar kurzen, mit ruhiger Stimme vorgetragenen Sätzen bevor sie zu Toni zurückkam. "Es ist noch ein Stück bis zum See," sagte sie, für Toni das Zeichen, dass sie sich durchgesetzt hatte, was er eher nicht erwartet hatte.


Sie bogen nach rechts ab und gingen über die Wiese an der Burgmauer entlang und jetzt war es Gregor, der mit gesenktem Kopf hinter ihnen hertrottete.

Kamilla hatte mit ihrem ,ein Stück bis zum See' ziemlich untertrieben denn tatsächlich war es noch eine halbe Stunde bis sie ihr Ziel erreichten. Oder es fühlte sich für Toni, der als echtes Großstadtkind bei solchen Entfernungen den Bus oder die Straßenbahn nahm und lange Fußmärsche über unebenes Gelände nicht wirklich gewohnt war, so an. Er war schon nach kurzer Zeit völlig verschwitzt weil die Sonne gnadenlos vom blitzblauen Himmel auf sie niederbrannte und als sie den Burgberg auf der westlichen Seite hinunterstiegen, wo es noch nicht einmal einen Schotterweg gab, stolperte er einige Male und konnte sich grade noch so eben fangen, bevor es ein Unglück gab, während Kamilla neben ihm den Abhang mit der Leichtigkeit einer Gämse meisterte. Wie es bei Gregor war konnte Toni nicht sagen, weil er konsequent drei oder vier Schritte hinter ihnen ging.

 


Glücklicherweise entkamen sie der unbarmherzigen Hitze dann endlich, als sie in das schattige Dickicht des Waldes eintauchten, der unmittelbar am Fuß des Burgbergs begann. Aber auch hier hatte Toni ganz schön mit dem ziemlich dichten Unterholz zu kämpfen. Doch die anstrengende Reise wurde dann schließlich mit einem wunderbaren Ziel belohnt: einem völlig einsam daliegenden See.

Kamilla und Gregor hatten in weiser Voraussicht ihre Badeklamotten bereits unter ihre anderen Sachen gezogen während Toni sich erst eine abgelegene Stelle suchen musste, an der er sich umziehen konnte.

Als er wieder zurück zum Ufer kam, plantschen Kamilla und Gregor bereits im Wasser. Toni war zwar schon in ein paar Seen geschwommen war aber trotzdem bei den ersten Schritten ins Wasser vorsichtig. Als der Boden dann aber plötzlich ein ganzes Stück abfiel kam das für ihn trotzdem völlig unerwartet, er stolperte und tauchte komplett unter. Das wenige Sonnenlicht, das durch die Baumkronen der sehr dicht stehenden Bäume am Ufer fiel hatte das Wasser nicht wirklich aufgewärmt und die Kälte versetzte Toni erst einmal einen heftigen Schock. Er schwamm so schnell wie möglich zurück an die Oberfläche und schnappte nach Luft.

Er hörte Gregor laut lachen und hätte auch sofort mitgelacht, weil, jetzt, wo er sich vom ersten Schrecken erholt hatte, fand er das Ganze eigentlich auch ziemlich lustig, wenn das Lachen nicht so gehässig gewesen wäre.

Kamilla kam hastig zu ihm hingeschwommen. "Hast du dir weh getan?" fragte sie besorgt und schlug dann die Augen nieder. "Ich hätte dich warnen müssen. Es tut mir Leid."

Jetzt gelang Toni es doch zu lachen. "Nein, alles gut, ist ja nichts passiert," beruhigte er sie.
Sie sah ihn ernst an. "Wirklich?"

"Wirklich, ehrlich!" versprach Toni und zum Beweis dafür schwamm er einmal um Kamilla herum. "Siehst du?" Und da war sie dann wieder beruhigt und bedachte ihn mit ihrem scheuen Lächeln.

Da das hier nicht das Schwimmbad in der Stadt war und Kamilla weder Max noch Lydia blieb alles ruhiger, als Toni es gewohnt war. Er sprang zwar ein paar Mal von dem Baumstamm, der quer über dem Wasser hing, aber da Kamilla nicht dazu zu bewegen war, mitzumachen und immer nur ein bisschen quietschte, wenn er neben ihr aufkam und sie einen Schwall Wasser abbekam, verlor er irgendwann die Lust.

Und Gregor, der vielleicht mitgesprungen wäre, wenn er nicht aus irgendwelchen Gründen etwas gegen Toni hatte, war ans andere Ende des Sees geschwommen.

"Sag mal, was hat er eigentlich für ein Problem mit mir?" erkundigte Toni sich bei Kamilla als sie für eine kurze Verschnaufpause ans Ufer geschwommen waren und auf ihren Handtüchern in einem Sonnenfleck saßen und Gregor beobachteten, der sich in sicherer Entfernung von ihnen im Wasser treiben ließ.

"Ich weiß es nicht," antwortete Kamilla. "Aber selbst, wenn ich es wüsste, dann will ich mich in so etwas nicht einmischen."

"Ich habe ihm absolut gar nichts getan," beschwerte Toni sich. "Ich hab noch nichtmals n Wort mit ihm gewechselt! Er hat also kein Recht, sich so scheiße zu verhalten!"

"Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich dazu sagen soll," murmelte Kamilla und da entschied Toni sich, dass der Tag viel zu schön war, sich wegen so etwas aufzuregen. Wer war Gregor denn schon?

Sie waren jetzt wieder einigermaßen aufgewärmt und gingen zurück ins Wasser, um noch ein wenig zu schwimmen, denn die vernünftige Kamilla hatte nach einem Blick auf ihre im Gras liegende Armbanduhr festgestellt, dass sie sich bald auf den Weg zurück machen mussten.

Toni stellte fest, wie wunderbar es war, sich auf den Rücken zu legen, zu den Baumkronen hinaufzublicken, zwischen denen in unregelmäßigen Abständen die Sonnenstrahlen hindurchblitzten und auf das leise Plätschern des Wassers und dem Rauschen der Bäume zu lauschen.

Nachher schwammen sie noch einmal zum gegenüberliegenden Ufer und zurück, was nicht besonders lange dauerte, da der See nicht sehr groß war. Und da sie beide sich so leise verhielten konnten sie noch ein paar Enten beobachten.

"Ich sag Gregor eben Bescheid, dass wir jetzt gehen," informierte Kamilla Toni, als sie auf Gregors Höhe angekommen waren, der sich seit der Zeit, die sie jetzt hier waren, kaum von der Stelle bewegt und sich, da war Toni fest von überzeugt, zu Tode gelangweilt hatte.

Er folgte Kamilla natürlich nicht, sondern schwamm zurück zum Ufer und trocknete sich kurz mit seinem Handtuch ab. Dann stopfte er es zusammen mit seiner Hose in den Rucksack und behielt stattdessen seine Badeshorts an. Wenn sie gleich in der Sonne zurückgingen, würde sie im Nu wieder trocken sein und bis dahin würde sie für ein wenig Kühle sorgen. Er hatte zwar eine Menge Spaß gehabt, aber das kilometertiefe Loch in seinem Magen war wieder da und jetzt war er nur noch froh, dass es zurück zur Burg ging.  

Natürlich schwamm Gregor  ein ganzes Stück hinter Kamilla her und ließ sich dann Zeit damit, seine Sachen zusammenzupacken. Wenn es nach Toni gegangen wäre, dann hätten sie gar nicht auf ihn gewartet, doch Kamilla sah das natürlich anders und Toni, der seinem Orientierungssinn nicht wirklich vertraute, folgte ihrem Beispiel widerwillig. Mit dem Ergebnis, dass Gregor mit riesigen Schritten losstürmte und ihnen schon ein ganzes Stück voraus war, als sie aus dem Wald kamen. Toni hörte Kamilla neben ihm einmal tief aufseufzen und er hätte sie jetzt gerne noch einmal nach ihrer Meinung gefragt, aber inzwischen konnte er sie gut genug einschätzen um zu wissen, dass dabei sowieso nichts herauskommen würde.

Der anstrengende Weg hin, der anstrengende Weg zurück und dazwischen das stundenlange Schwimmen forderten ihren Tribut von Toni, sodass er direkt nach dem Abendessen ins Bett ging und sofort einschlief, nachdem sein Kopf das Kissen berührt hatte.

Als er am nächsten Morgen wieder von Stimmengerwirr geweckt wurde, interessierte ihn das nicht mehr sonderlich, denn er wusste ja jetzt was es war und er würde unter der Woche bestimmt jeden Tag von diesen Stimmen geweckt werden, weil das vermutlich eine von den Burgtouren war, die Johann erwähnt hatte.

Im Gegensatz zu gestern hatte Toni jetzt noch nicht wirklich Lust, aufzustehen. Erst einmal, weil in den Ferien lange schlafen für ihn unbedingt dazu gehörte und dann, weil er einen ziemlichen Muskelkater vom Schwimmen hatte. Natürlich, schließlich war er kein besonderer Fan von Sport und schon gar nicht vom Schulsport und hatte sich gestern mehr als üblich bewegt.

Also drehte er sich auf die Seite und schloß die Augen, aber er merkte schon nach fünf Sekunden, dass er defintiv zu wach war, um wieder einzuschlafen. Also öffnete er die Augen wieder und starrte stattdessen die Wand an, während er nachdachte.

Kamilla war ja wirklich ein nettes Mädchen aber so ruhig und irgendwie auch ziemlich langweilig. Wenn er jetzt für den Rest der Ferien mit ihr herumhing, dann würde es hier doch noch richtig öde werden.
Johann stellte auch keine wirkliche Alternative dar. Immerhin war er, so schätzte Toni jedenfalls, zwei Jahre älter als er und als er das letzte Mal mit Leuten zu tun gehabt hatte, die zwei Jahre älter gewesen waren, war es nicht nur unglaublich schwer gewesen, so zu tun, als wäre er auch schon so erwachsen und lässig wie sie, er hatte sich auch, kurz nach seinem vierzehnten Geburstag, in dem verzweifelten Versuch, anerkannt zu werden, ziemlich heftig betrunken. Dafür bekam er dann von seiner Mutter nicht nur eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte, sondern obendrein noch drei Wochen Hausarrest.

Und wenn ihn das nicht beeindruckt hätte, einen ganzen Tag kotzend über dem Klo zu hängen und nichts essen zu können, obwohl ihm vor Hunger schwindelig gewesen wäre, wenn das nicht der Kater übernommen hätte, hätten es dann sicher getan.

Und wenn er nicht ins Dorf hinuntergehen und wie ein totaler Idiot irgendwelche fremden Leute in seinem Alter ansprechen wollte, blieb wohl nur noch Gregor. Er machte auf Toni zwar den Eindruck, als würde er den ganzen Tag nur mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter herumlaufen, worauf er auch nicht wirklich Lust hatte, aber vielleicht lag das auch einfach nur daran, dass er wer weiß was gegen Toni hatte.

Der hatte sich inzwischen dagegen entschieden, ihn direkt drauf anzusprechen. Keine Ahnung, wie er herausfinden konnte, ob er sich mit ihm nicht doch ganz gut verstehen würde, wenn Gregor endlich wieder klarkam, aber hinterherlaufen würde er ihm jedenfalls nicht.

Also blieb dann doch erst mal nur Kamilla übrig, aber als sie aus der Schule nach Hause kam, war sie noch stiller als sonst und verschwand direkt nach dem Essen in ihr Zimmer.

"Stör sie jetzt besser nicht," sagte Thorsten, der heute für das Mittagsessen zuständig gewesen war, zu Toni. "Sie braucht jetzt ihre Ruhe." Weiter ging er nicht darauf ein und Toni hakte auch nicht nach. Er würde ja sowieso nicht mehr aus seinem Onkel herausbekommen. Es war schließlich eindeutig, von wem Kamilla ihr stilles Wesen geerbt hatte.

Er stand jetzt also ganz alleine da und für einen Moment regte sich in ihm der Protest. Er war hier schließlich Gast, sollte man sich da nicht darum kümmern, dass er angemessen unterhalten wurde?

Andererseits, wenn er sich jetzt beschwerte, dann würde er vielleicht für irgendeine Arbeit eingespannt werden. Es war nicht schwer zu sehen, dass eine Gärtnerei zu betreiben ziemlich aufwendig war.    

Und damit er nicht zufällig in die Schusslinie geriet weil er hier untätig herumsaß, schnappte er sich sein Buch mit dem Vorsatz, in seine Ecke mit dem Baum zu gehen und diesmal wirklich etwas zu lesen.

Draußen war allerdings viel zu viel los für ungestörtes Lesen. Überall liefen Leute herum, es wurde gehämmert und gebohrt um die Burg touristengerecht fertig zu machen. Und die Touristen, die jetzt schon da waren, liefen in dem ganzen Getümmel auch noch herum, diesmal geführt von Johann, der Toni einmal zunickte, als er an ihm vorbeikam.

Unschlüssig, was er jetzt machen sollte, schlenderte Toni ein wenig herum und beobachtete, was so um ihn herum passierte. Bis er um die Ecke bog und so heftig mit jemandem zusammenstieß, dass er zurückprallte und ihm sein Buch aus der Hand auf den Boden fiel.

Toni hatte noch nie wirklich über Schicksal nachgedacht, aber dass er hier ausgerechnet mit Gregor zusammenstieß, das war sicher Schicksal. Er war unschlüssig, was er jetzt machen sollte, während Gregor ihn mit seinem üblichen wütenden Blick anstarrte. Allerdings verfehlte dieser diesmal seine Wirkung. Vermutlich, weil er dafür einfach zu verheult aussah. Seine Augen waren rot und geschwollen und ihm liefen immer noch Tränen über die Wangen. Heftig wandte er sich von Toni ab und rannte weiter.

Toni hob hastig sein Buch auf und folgte ihm. Bei Gregor war eindeutig mehr im Gange als irrationaler Hass und Toni würde dieses Missverständnis jetzt erst einmal aufklären.

 

 

Gregor ging mit so riesigen Schritten, dass Toni kaum hinterher kam. Außerdem tat ihm immer noch alles weh, es war heiß und er schwitzte. Deswegen dachte er für einen Moment darüber nach, das Ganze für heute auf sich beruhen zu lassen, schließlich konnte Gregor ihm doch total egal sein, aber dann verschwand der in einem Spalt zwischen zwei Gebäuden und jetzt war Toni viel zu neugierig um ihm nicht weiter nachzulaufen. Also quetschte er sich ebenfalls durch den Spalt der gerade breit genug war, dass er mit den Schultern nicht anstieß. Auf der anderen Seite lag ein kleiner Garten mit drei Blumenbeete und einer Rasenfläche, auf der ein Tisch und drei Stühle standen. An einem kleinen Vordach, das sich über einer halb offen stehenden Tür befand, hing ein Windspiel. Vor ihnen erhob sich die massive Burgmauer.

Das Alles hatte etwas Bezauberndes an sich, sodass Toni Gregor für einen Moment vergaß und einfach nur da stand. Dann fragte er sich, wieviele von diesen versteckten Ecken es noch in der Burg gab, die die Touristen und sicher auch er niemals zu Gesicht bekommen würden. Wobei er hatte ja zumindest mal eine Ecke gefunden, weil er Gregor hinterher gelaufen war.

Als er soweit gedacht hatte, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem zu, weswegen her hiergekommen war. Gregor stand mit dem Rücken zu ihm an der Mauer und als Toni vorsichtig näher heranging sah er, dass er ein paar Mal wuchtig gegen die Steine trat. Dazu hatte er die Fäuste geballt und Toni fragte sich, ob es wirklich klug von ihm war, hier zu sein. Wer weiß ob Gregor, wenn er so drauf war, nicht auf ihn losgehen würde. Und für eine Prügelei tat ihm grade eindeutig alles viel zu weh.

Also wollte er sich umdrehen um unbemerkt wieder zu verschwinden, aber er hatte grad den ersten Schritt gemacht, als ein wütendes: "Was willst du denn hier?!" gegen seinen Rücken prallte. Also holte er einmal tief Luft und drehte sich wieder um, nur um mit einem "Verpiss dich!" bedacht zu werden.

Jetzt hatte Toni natürlich kein Interesse mehr daran, einer Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Stattdessen verschränkte er die Arme vor der Brust. "Jetzt reg dich mal ab," erwiderte er mit ruhiger Stimme, um Gregor nicht noch mehr zu provozieren. "Ich hab dir nix getan. Aber weil...."

"Nix getan?!" spie Gregor ihm entgegen und kam mit einem roten Gesicht auf ihn zu. "Zuerst hängst du mit meinem scheiss Bruder rum und dann meinst du echt, du kannst dir alles erlauben und einfach mitkommen anstatt bei meinem scheiss Bruder und seinen scheiss Freunden zu sein, wo du hingehörst!"

Toni starrte ihn ungläubig an. "Deswegen stellst du dich so an?" sagte er ungläubig. Mit allem hatte er gerechnet, auch, dass Gregor wegen Kamilla eifersüchtig auf ihn war, aber nicht damit, dass Johann der Grund war. Er wollte noch etwas sagen, aber wieder kam Gregor ihm zuvor. "Ich stell mich gar nicht an!" brüllte er. "Mein Bruder ist ein dummer Drecksack und alle seine Freunde sind..."

Toni hatte jetzt die Nase voll davon, dass Gregor ihm dauernd ins Wort fiel und brüllte deswegen genau so laut wie er: "Er ist gar nicht mein Freund! Er hat mir nur die Burg gezeigt, verdammt! Und weißt du, wieso? Weil Kamilla es nicht wollte!"

Sein Gebrülle hatte Gregor anscheinend beeindruckt, denn er schwieg einen Augenblick. "Ach komm, verarsch mich nicht," erwiderte er dann und wandte sich ab. "Du bist doch bloß hier, weil Johann gesagt hat du sollst mir irgendeinen Streich spielen. Vermutlich, damit du dann zu seiner scheiss Gruppe gehörst." Etwas an seinem Gesichtsausdruck und seiner Stimme sorgte dafür, dass Toni jetzt nicht sauer wurde, dass er einfach nicht einsah, dass Johann hier seine Finger nicht im Spiel hatte. "Johann hat hiermit echt nichts zu tun!" sagte er fest. "Aber ich seh schon, dass ich eh sagen kann, was ich will, du glaubst mir ja sowieso nicht. Also werd ich jetzt mal wieder gehen."

"Weswegen bist du überhaupt hergekommen?" wollte Gregor wissen, ohne sich ihm wieder zuzuwenden.

"Weil ich dachte, wir beide könnten was machen," antwortete Toni. "Kamilla ist mir nämlich irgendwie zu langweilig."

Jetzt sah Gregor ihn wieder an. "Und Johann hat dir echt nicht gesagt, dass du herkommen und das sagen sollst?"

Toni seufzte einmal innerlich und unterdrückte den Impuls, die Augen zu verdrehen. "Nein, hat er nicht," erwiderte er ruhig. "Er hat mir bloß die Burg gezeigt, mehr nicht." Und in der Hoffnung, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken, fügte er hinzu: "Es ist übrigens eine ganz tolle Burg."

"Nein, ist es nicht!" schrie Gregor und die Tatsache, dass er von einer Sekunde auf die andere wieder komplett ausrasten konnte, sorgte dafür, dass Toni einen Schritt zurücktrat. Mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. Nachdem Johann so stolz auf die Burg war, war Toni davon ausgegangen, dass es bei Gregor genau so war. Aber sein wutverzerrtes Gesicht zeigte ihm, dass es anscheinend genau gegenteilig war.

Für einen Moment überlegte Toni, ob es nicht besser war, jetzt einfach abzuhauen und den Rest seines Urlaubs mit Kamilla und seinen Büchern zu verbringen. Es waren ja nicht mehr ganz zwei Wochen. Nicht mehr ganz zwei Wochen, die er nicht wirklich mit Vulkan Gregor verbringen wollte, der offensichtlich jederzeit grundlos ausbrechen konnte.

Aber dann wischte Gregor sich einmal über die Augen und Toni wurde bewusst, dass er eigentlich nur deswegen grundlos ausrastete, weil Toni die Gründe nicht kannte. Die Frage, ob er trotzdem noch weiter versuchen wollte, sich mit Gregor irgendwie anzufreunden, war noch nicht beantwortet stellte sich in diesem Moment aber nicht, weil Toni grade ziemlich Mitleid hatte. Er ging zu Gregor hin, dessen Schultern inzwischen angefangen hatten zu beben. "Was ist denn los?" erkundigte er sich sanft und erwartete, dass Gregor ihn wieder anschrie, womit das Maß aber für Toni dann endgültig voll gewesen wäre.

Aber Gregor schrie nicht. Er sah Toni aus schwimmenden Augen an und murmelte: "Es ist diese verdammte Burg. Meine Eltern streiten sich ständig nur wegen all dem Scheiss, der hier noch erledigt werden muss. Entweder sind sie sich nicht einig, wie es aussehen soll, oder einer sagt, es kostet zuviel Geld und der andere sagt, es muss trotzdem gemacht werden...." Er schniefte einmal. "Ich hab keinen Bock mehr drauf! Ich will hier nicht mehr wohnen! Ich will eine ganz normale Wohnung! Oder ein Haus! In dem nicht ständig gestritten wird!"

"Und du meinst, in ner Wohnung oder nem Haus ist es besser?" erkundigte sich Toni und Gregor zuckte mit den Schultern. "Weiß nicht. Aber wenigstens können sie dann nicht mehr darüber streiten ob hier was restauriert werden soll oder nicht."

Toni schluckte einmal. Er hatte zu diesem Thema auch etwas zu sagen, was er allerdings nicht besonders gern tat. Aber irgendwas an Gregor brachte ihn dazu, es trotzdem zu tun. "Weißt du, meine Eltern waren nie verheiratet. Sie haben bloß zusammengewohnt. Und als meine Mutter schwanger mit mir wurde, da hat mein Vater sie verlassen. Weil er kein Kind wollte. Er hat einfach seine Sachen gepackt und war weg, als meine Mutter von der Arbeit wiederkam. Meine Mutter wollte unbedingt ein Baby und mein Vater hat ihr nie gesagt, dass er keins wollte und sie war ziemlich wütend auf ihn, als sie's dann rausgefunden hat. Und als er dann aufgehört hat, Unterhalt für mich zu bezahlen, weil er geheiratet hat und doch noch ein Kind bekommen hat, das er auch wirklich wollte, ist sie ziemlich ausgeflippt. Sie ist zum Anwalt gegangen und ich musste dann sogar mit zum Gericht. Und in der Verhandlung ist meine Mutter richtig ausgerastet und hat meinem Vater gesagt, dass er ein Hurensohn ist. Und sie sagt ja noch nichtmals scheisse oder so. Deswegen war das ganz schön hart." Toni atmete einmal tief ein, als er an diese Episode seines Lebens zurückdachte, an die er sich noch sehr gut erinnern konnte, da sie ja grade erst einmal zwei Jahre her war. Andererseits hatte er das alles als so krass empfunden, dass er es vermutlich nie vergessen würde. "Mein Vater hat dann wieder angefangen zu zahlen aber er hat absolut kein Interesse an mir. Ich hab ihn im Gericht erst zum zweiten Mal in meinem Leben gesehen. Na ja, es ist mir auch egal, ich kenn ihn ja sowieso nicht. Aber ganz schlimm ist, dass meine Mama irgendwann Peter kennengelernt hat und der ist richtig übel. Er denkt ich wär noch ein kleines Kind. Und nur weil meine Mama und er sich jetzt auch wieder streiten konnten wir nicht nach Portugal fahren und ich musste hier her kommen." Er biss sich auf die Lippen und fügte dann hinzu. "Was jetzt aber gar nicht mehr so schlimm ist." Und es fiel ihm gar nicht mal schwer, das zu sagen. Aber er musste doch einen Moment wehmütig an Portugal denken. Und auch an Lydia und Max.

Für einen Moment sagte keiner von ihnen ein Wort.

"Sie hat ihn echt einen Hurensohn genannt?" rief Gregor dann. "Im Gericht? Wurd sie dann rausgeschmissen?"

"Nein, wurde sie nicht. Der Richter hat ihr nur gesagt, sie soll so etwas nicht noch einmal sagen. Aber wenn sie es gemacht hätte, dann hätte sie sicher rausgehen müssen," antwortete Toni.

"Das ist ja echt heftig," meinte Gregor und Toni grinste einmal. "Na ja, du siehst, es wird auch in Wohnungen gestritten. Oder jedenfalls streiten sich auch die Leute, die in Wohnungen leben."

Gregor erwiderte sein Grinsen. "Ja, es ist wohl überall der gleiche Scheiss." Er trat einmal gegen einen kleinen Stein. Dann sah er Toni von der Seite an. "Also, wenn du die Burg so toll findest, willst du dann vielleicht mal mein Zimmer sehen?"

"Na klar," sagte Toni wie aus der Pistole geschossen. Er wusste jetzt schon, wie Burgbesitzer-Kinder aussahen aber nicht, wie sie wohnten. Das, was er bis jetzt von der Burg gesehen hatte, hatte ja nicht wirklich wohnlich ausgesehen und er war ziemlich neugierig, wie man auf so einer Burg eigentlich lebte.

"Das ist wirklich schön hier," sagte Toni als sie nebeneinander zu der angelehnten Tür gingen und warf noch einen Blick zurück zu den Blumenbeeten.

Gregor zuckte mit den Schultern. "Ja schon," erwiderte er desinteressiert, fügte dann aber noch hinzu: "Hier komm ich immer her, wenn ich nachdenken muss. Hier läuft wenigstens nicht ständig einer rum."

Gregor mochte die Burg vielleicht nicht, aber er kannte sich hier mit der gleichen schlafwandlerischen Sicherheit aus, wie sein Bruder, während Toni gefühlt schon nach der zweiten Kurve die Orientierung verloren hatte. Aber anders als sein Bruder redete Gregor kein Wort während sie durch die Flure liefen, er warf Toni nur hin und wieder einen prüfenden Blick zu und Toni spürte seine Anspannung. Anscheinend war er sich nach wie vor sicher, dass das hier ein Streich von Johann war und Toni jede Sekunde etwas in der Richtung machen würde.

Obwohl es Toni auf der Zunge kribbelte, entschloss er sich, nichts dazu zu sagen. Auch nicht, als Gregor ihn vorgehen ließ, als sie eine knarzende Holztreppe in einem sehr engen Treppenhaus hochstiegen. Es ging nur eine Etage höher, dann standen sie vor einer Tür, die Gregor mit einem alten Schlüssel aufschloss.

Sie kamen wieder nach draußen auf einen kleinen Absatz und vor ihnen führte eine steile Steintreppe hoch zu einem weiteren Gebäude, während neben ihnen der Berg, auf dem die Burg gebaut war, ziemlich steil abfiel. Toni sah Kamillas Haus und dahinter die Beete und das Gewächshaus der Gärtnerei. Wieder packte ihn diese unbestimmte Verzauberung, wie schon grade in dem kleinen Garten und er konnte absolut nicht verstehen, wie man diese Burg nicht mögen konnte und überging dabei geflissentlich die Tatsache, dass es eine Zeit gab, in der er auch alles scheisse gefunden hatte.

Und gleich nach diesem Gedanken fiel ihm dann ein, dass er hier ja nur zwei Wochen blieb und es selbstverständlich etwas völlig anderes war, hier zu wohnen. Während er neben Gregor die Steintreppen hochstieg wurde ihm bewusst, dass es ihn auch stören würde, wenn ständig irgendwo irgendwelche fremden Menschen herumliefen und Krach machten und im Winter würde es hier bestimmt schlecht warm werden. Gab es hier überhaupt Heizungen? Bis jetzt hatte Toni immer nur Kamine gesehen.

Sie waren inzwischen oben an der Treppe angekommen und Gregor schloss die nächste Tür auf. In dem Flur, in den sie jetzt kamen, lag ein dicker Teppich auf dem Boden und es hingen auch Teppiche an den Wänden, auf manchen befanden sich mittelalterliche Szenen und lateinische Innenschriften, die Toni zeigten, wie alt sie waren. Er war ziemlich beeindruckt und hoffte halb, Gregor würde irgendetwas dazu sagen, hatte es aber nicht erwartet und Gregor entsprach dann auch dieser Erwartung, als er einfach weiterging, ohne den Teppichen auch nur einen Blick zu gönnen.

Sie folgten dem Flur, versanken in dem dicken Teppich und Toni konnte nicht umhin, in die Räume, an denen sie vorbeikamen, einen kurzen Blick zu werfen. Da war das Esszimmer, an dem nicht nur der Raum riesig war, sondern auch der Eichentisch, der in der Mitte stand, das Wohnzimmer, bei dem Toni in erster Linie das riesige Sofa auffiel und dann noch ein Raum in dem, wenn Toni richtig gesehen hatte, ein Klavier stand. Dann machte der Flur eine Biegung und es kamen keine Räume mehr, sondern es ging wieder eine Treppe hoch. Diesmal war es eine Wendeltreppe und sie endete nicht im ersten Stock sondern schraubte sich weiter in die Höhe.

Die ganze Lauferei war Tonis immer noch sehr schmerzenden Muskeln nicht sehr zuträglich und so kam es ihm vor wie eine Ewigkeit, bis sie endlich zu einem kleinen Absatz mit einer Tür kamen. Die Treppe ging zwar noch höher, aber zu Tonis Erleichterung öffnete Gregor die Tür und sie kamen in einen großen viereckigen Raum mit dem obligatorischen Kamin und einem ähnlich dicken Teppich auf dem Boden, einem Bett, einem Schrank, einem Schreibtisch, einem vollgestopfen Bücherregal und in der Ecke stand ein Fernseher.

"Mein Zimmer," sagte Gregor, Toni sah sich einmal genau um und nickte dann anerkennend. "Das ist wirklich ziemlich cool," meinte er und Gregor grinste einmal schief. "Oh ja, total cool. Vorallem wenn du mitten in der Nacht pinkeln musst und dann die ganzen Treppen wieder runtersteigen musst, mit einer Kerze, weil es im Flur kein elektrisches Licht gibt." Er ging zur gegenüberliegenden Seite, wo durch zwei Fenster und eine Tür mit einer Glasscheibe helles Sonnenlicht fiel.

Die Tür führte auf einen Balkon, der verdammt weit oben lag. Unter ihnen befand sich die Burgmauer und noch weiter unten die kleinen Häuser des Dorfes. Und ganz in der Ferne blitzte das Wasser eines Flusses im Sonnenlicht. Rechts und links erstreckten sich Felder und Wälder soweit das Auge reichte.

"Das ist ja der Wahnsinn," rief Toni, noch beeindruckter, als er es inzwischen von der Burg überhaupt schon war. Wenn er hier wohnen würde, dann würde er sicherlich die meiste Zeit hier stehen und einfach nur gucken.

Gregor neben ihm machte eine wegwerfen Handbewegung. "Ja, ja, ich hab mir schon gedacht, dass du das sagen wirst," meinte er nur und Toni hätte ihn beinahe ungläubig gefragt, wie ihn diese Aussicht denn nicht beeindrucken konnte, bis ihm dann wieder die Relation zwischen ,jeden Tag sehen' und ,zum ersten Mal sehen' klar wurde. Ebenso wie, dass er, wenn das hier sein Zimmer war, auch nicht jeden Tag hier stehen würde. Aber in diesem Moment hielt ihn die Ausicht komplett gefangen und so standen sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander, bis Toni sich einigermaßen sattgesehen hatte.

"Einer meiner Vorfahren ist hier runtergesprungen und hat sich umgebracht," meinte Gregor irgendwann beiläufig.

"Hier runter?" rief Toni entsetzt und blickte nach unten auf den Hof. Eine Gänsehaut lief ihm den Rücken runter bei dem Gedanken, die ganze Strecke zu fallen mit der sicheren Gewissheit, am Ende tot zu sein.

"Seine Geliebte hat ihn mit einem anderen betrogen und er war deswegen so fertig, dass er gesprungen ist," erzählte Gregor und wieder überlief Toni ein Schauer morbider Faszination. Er hätte gerne noch mehr über diese Geschichte erfahren, war sich aber sicher, dass Gregor darüber auch nicht gerne sprechen würde und verkniff sich jegliche Nachfragen. Stattdessen nickte er, als Gregor ihn fragte, ob er Lust hatte, sein neustes Autorennspiel auf der Playstation zu spielen.

Sie zockten, bis es an der Tür klopfte und Gregors Mutter hereinkam. "Es gibt..." fing sie an, dann fiel ihr Toni auf und sie hielt mitten im Satz inne. "Ach, du hast Besuch. Wie nett," rief sie dann. Toni stand höflich auf, um ihr die Hand zu geben. Sie musterte ihn einmal von oben bis unten. "Woher kenne ich dich?" fragte sie aber bevor Toni etwas sagen konnte, beantwortete sie sich die Frage selber: "Du warst das, dem Johann die Burg gezeigt hat, nicht wahr?"

Toni nickte. "Ja, das war ich," erwiderte er und hoffte, dass Gregor jetzt nicht wegen Johanns Erwähnung ausrastete.

"Gefällt dir die Burg immer noch so gut," erkundigte sich Gregors Mutter, aber bevor Toni dazu etwas sagen konnte, redete sie schon weiter: "Trotz der ganzen Sachen die hier noch gemacht werden müssen? Das bringt mich manchmal echt zur Verzweifelung, wenn ich daran denke..."

"Man, Mama!" fiel ihr Gregor wütend ins Wort. "Jetzt erzähl doch nicht ständig von diesem ganzen Mist! Das will keiner hören!"

Sie stemmte die Arme in die Seiten, sagte aber mit nach wie vor ruhiger Stimme: "Junger Mann, wie oft haben wir schon darüber gesprochen, dass du dich nicht immer so aufführen sollst?! Schon gar nicht, wenn Gäste da sind! Und jetzt mach die Konsole aus, das Abendessen ist fertig!" Sie wandte sich wieder an Toni. "Du musst dann jetzt gehen. Aber du kannst gerne morgen wiederkommen."

"Das entscheide ja wohl immer noch ich!" schnappte Gregor.

"Nicht, wenn ich mich entscheide, dir für ein unmögliches Verhalten morgen Hausarrest zu geben!" entgegnete seine Mutter, immer noch ruhig.

Toni war das Wortgefecht inzwischen nicht nur ziemlich peinlich, bei der Erwähnung von Abendessen hatte er natürlich auch gleich wieder Hunger bekommen. Er wäre jetzt gerne sofort gegangen, aber dann fiel ihm ein, dass er nicht wirklich Ahnung hatte, wie er wieder zurück kam. Deswegen stieg er dann zusammen mit Gregor und seiner Mutter die Treppe herunter und während Gregor wortlos in Richtung Esszimmer ging, ließ seine Mutter Toni durch den Haupteingang raus. Er musste dann zwar einige Stufen hinuntersteigen, aber zumindest hatte er Kamillas Haus die ganze Zeit vor Augen, sodass es keine Chance gab, sich zu verirren.

Er warf noch einen kurzen Blick zurück zu dem Haus, das eigentlich mehr ein Palast war und sich beeindruckend vor ihm auftürmte. Und dann fiel ihm der große Turm an der Seite auf und er sah auch den Balkon, auf dem er vor ein paar Stunden noch gestanden hatte und die Tatsache, dass Gregor nicht einfach in diesem Gebäude wohnte sondern in einem echten Turm machte das Ganze für Toni noch beeindruckender.

Er dachte allerdings auch noch kurz über Gregor nach, während er zurückging. Mit ihm abzuhängen hatte eigentlich Spaß gemacht. Auch, wenn Toni immer noch peinlich berührt davon war, wie Gregor mit seiner Mutter umgegangen war. Seine Mutter hätte ihm schon längst eine geknallt, das war sicher.

Nichtsdestotrotz war Gregor eindeutig die bessere Alternative zu Kamilla und sie mussten ja auch nicht die besten Freunde werden. Er hatte ja schließlich beste Freunde. Aber für die zwei Wochen würde das alles sicher funktionieren. Und lesen konnte Toni ja den ganzen Vormittag.

Gregor bekam für den nächsten Tag keinen Hausarrest, denn als Toni noch im Garten lag und sich überlegte, wie zum Teufel er ihn heute finden sollte, da sie keinen Treffpunkt ausgemacht hatten, öffnete Nadja die Gartentür. "Hier ist er," sagte sie über die Schulter und dann kam Gregor auf die Terrasse und nickte Toni zu. "Hi," sagte er kurz angebunden. "Bock, das Spiel von gestern weiterzuzocken? Ich dachte, nachdem du gestern so scheiße gewesen bist, bekommst du heute noch ne Chance von mir."

"Okay," sagte Toni  sofort, denn diese Stichelei konnte er natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Und dazu kam dann noch, dass es gestern Spaß gemacht hatte und er auch nicht gewusst hätte, was sie sonst hätten machen können. Denn er kannte Gregor ja gar nicht und hatte keine Ahnung, woran er Spaß hatte. Vielleicht ja auch gar nicht an den selben Dingen wie Toni. Und da er Vulkan Gregor nicht wieder zum Ausbrechen bringen wollte, hielt er sich mit Vorschlägen lieber zurück und ließ Gregor entscheiden.

Was dazu führte, dass sie dann eben wieder in seinem Zimmer an der Playstation saßen. Alles war fast wie gestern und Toni auch noch genau so schlecht, mit dem Unterschied, dass sie sich dabei unterhielten. Das hieß, Toni erzählte ein wenig von sich und Gregor hörte zu. Aber eher nicht, weil er ein guter Zuhörer war, sondern weil er nach wie vor davon überzeugt war, dass Toni hier irgendeine linke Nummer abzog. Er strahlte genau die gleiche Anspannung aus wie gestern, aber Toni hatte jetzt keine Lust mehr, dazu irgendetwas zu sagen. Irgendwann würde Gregor sich schon wieder abregen.

Was dann aber noch drei weitere Tage dauerte. Denn dann bestand Toni Gregors Test als sie nebeneinander über den Hof zum Wohnhaus gingen und ihnen Johann entgegenkam. Er begrüßte Toni freundlich und blieb sogar stehen und wollte dann noch etwas sagen. Natürlich hatte Gregor, der so schon immer verdammt schnell ging, woran Toni sich erst noch gewöhnen musste, seine Geschwindigkeit fast noch verdoppelt. Schon alleine deswegen konnte Toni nicht stehen bleiben. Aber wenn er sich jetzt mit Johann unterhalten hätte, dann wäre er bei Gregor komplett unten durch gewesen. Und das wollte er auf keinen Fall.

Denn Gregors Reserviertheit, die immer noch eisern Bestand hatte, hatte ihn neugierig gemacht und jetzt wollte er unbedingt wissen, was unter der abweisenden Schale steckte und ob der meistens meckernde und schimpfende Gregor noch eine andere Seite hatte. Er nickte Johann also nur stumm zu und beeilte sich Gregor einzuholen, was ihm erst an der Haustür gelang. Gregor sah ihn einmal groß an. "Kein Schwätzchen mit meinem ach so tollen Bruder?" fragte er bissig.  

Toni zuckte mit den Schultern. "Warum denn? Ist doch eh alles nur uninteressantes Zeug, was der so redet." Was natürlich absolut nicht stimmte, aber das war genau das, was Gregor hören wollte. "Ja absolut," rief er und rammte den Schlüssel ins Schloß. "Er macht den Mund auf und es kommt nur Mist raus!"

Und dann, von jetzt auf gleich war jegliche Reserviertheit von ihm abgefallen und hatte er vorher so gut wie gar nichts von sich preisgegeben, überschüttete er Toni jetzt förmlich damit, ganz so, als sei er froh, endlich jemanden zu haben, mit dem er das alles teilen konnte.

Er erwähnte nie etwas von irgendwelchen Freunden und da er jeden Tag nach der Schule getreulich bei Toni auftauchte, ging der irgendwann davon aus, dass es gar keine Freunde gab. Außer vielleicht Kamilla, aber weder verlor Gregor auch nur ein Wort über sie, noch schlug er vor, sie in ihre Unternehmungen mit einzubinden. Dass sie was miteinander machten war vermutlich nur so eine Zweckgemeinschaft gewesen. Allerdings erfüllte sie dabei wohl eher ihren Zweck für Gregor, denn Kamilla schien völlig damit zufrieden zu sein, entweder ihren Eltern in der Gärtnerei zu helfen oder einfach für sich zu sein.  

Es dauerte nicht sehr lange und Toni stellte fest, dass Gregor und er mehr gemeinsam hatten, als er gedachte hatte. Gregor war ebenfalls ein begeisterter Leser und es gab ziemlich viele Bücher, die sie beide gelesen hatten. Er zeigte Toni nicht nur sein eigenes vollgepacktes Regal, sondern auch die über zwei Etagen gehende Bibliothek der Burg. Nur leider waren die meisten Regale leer und die Bücher, die es gab waren eher neuen Datums.

"Meine Mutter hat die ganzen alten Bücher zum Restautor gegeben, damit sie nachher alle für die Touristen hübsch aussehen," erklärte Gregor und verzog das Gesicht. "Sie hat sogar unsere Familienchronik weggegeben. Obwohl die erst vor ein paar Jahren restauriert worden ist. Aber für die Besucher ist natürlich das Beste grad genug." Er verschränkte die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn.

Toni überlegte einen Moment, ob er jetzt das sagen sollte, was ihm im Kopf rumging, oder ob Gregor dann ausrasten würde. Aber dann entschied er sich, es einfach drauf ankommen zu lassen. "Ihr habt eine Familienchronik?"

Von jetzt auf gleich strahlte Gregor über beide Ohren. "Na klar. Und sie ist wirklich toll. Jetzt wird zwar meistens einfach nur aufgeschrieben was alles so passiert, aber ganz früher haben sie immer noch so tolle Bilder dazu gemalt." Er warf die Hände in die Luft. "Das würd ich dir ja jetzt echt gern zeigen aber geht ja nicht weil sie ja un-bedingt auch restauriert werden musste."

"Schade," sagte Toni und meinte es auch genau so.

Gregor nickte einmal heftig. "Ja, richtig ätzend. Aber komm, ich kann dir was Ähnliches zeigen."

In dem Raum, in dem das Klavier und ein Haufen nicht zueinander passender Möbel standen war quer über eine ganze Wand der riesige Stammbaum von Gregors Familie gemalt zusammen mit dem Familienwappen, das Toni auch schon so überall aufgefallen war.

"Das Einzige, was an diesem ganzen Umbauscheiss gut gewesen ist, ist, dass mein Vater wollte, dass das hier aufgemalt wird," sagte Gregor und zeigte Toni stolz seinen Namen auf einem der untersten Äste.

"Ziemlich cool, nicht wahr?" Er strahlte und selbst, wenn Toni das Alles nicht selbst ganz toll gefunden hätte, wäre es ziemlich schwer gewesen, sich von Gregors Enthusiasmus nicht mitreißen zu lassen.

Gregor mochte vielleicht kein Interesse an der Burg haben, aber dafür umso mehr an seiner jahrhunderalten Familie. Die Geschichte über seinen Vorfahren, der sich vom Balkon gestürzt hatte, war nur der Anfang gewesen. Gregor hatte hunderte weiterer solcher Geschichten zu erzählen und er hielt sich damit nicht zurück, als er merkte, was für ein begeisterter Zuhörer Toni war.

Denn so, wie Johann das Talent hatte, das Leben auf der Burg durch seine Berichte lebendig werden zu lassen, besaß auch Gregor die Gabe, Geschichten zu erzählen. Zwar spielten sie noch Playstation und gingen auch oft an den See zum Schwimmen, weil das Wetter nach wie vor sommerlich warm war und Gregor dann schließlich auch Ferien bekam. Doch meistens saßen sie irgendwo zusammen, in dem kleinen Garten, in Gregors Zimmer oder in irgendeiner anderen versteckten Ecke der Burg, die Toni jetzt nach und nach kennenlernte und Gregor wählte aus einem schier unerschöpflichen Repertoire die Geschichte des Tages aus.

Wie jede ordentliche Burg hatte auch diese ihr ganz persönliches Gespenst und Gregor erzählte Toni eine Geschichte voll mit Intrigen und Eifersucht, die schließlich damit endete, dass eine der Mätressen des Burgherrn von einer eifersüchtigen Nebenbuhlerin die Treppe runtergestoßen wurde, sich dabei das Genick brach und seitdem als rachsüchtiger Geist in weißem Nachthemd nachts durch die Gänge strich, in der Hoffnung, ihre Mörderin wiederzufinden.

"Machmal, wenn man in ein Zimmer kommt, sind die Möbel verrückt und Kissen liegen auf dem Boden und die Decke ist völlig zerknüllt," flüsterte Gregor mit tiefer Stimme und machte große Augen. "Und dann weiß man, dass sie da gewesen ist und nach Kungundt gesucht hat. Aber da sie sie niemals finden wird, wird sie bis zum Ende aller Tage durch die Flure schweben." Er stieß zischend seinen Atem aus und Toni lief ein Schauer über den Rücken. Er war nämlich ein ziemlicher Schisser, dem man sehr leicht Angst machen konnte, vorallem mit solchen Geschichten. Was er sich natürlich jetzt nicht anmerken ließ.

Und auch, als Gregor dann von der Bank aufstand, auf der sie bis jetzt gesessen hatten um Toni die Treppe zu zeigen, auf der sich das Ganze abgespielt hatte, sagte er nicht, dass er das eigentlich gar nicht sehen wollte.

Der Tatort befand sich in einem kleinen Nebengebäude, in dem, das wusste Toni von Johann, früher die Bediensteten untergebracht waren. Jetzt wurden die Zimmer erst mal als Abstellkammern genutzt, aber Gregor erklärte, dass seine Eltern hier ein Restaurant für das Hotel draus machen wolltren.

Die besagte Treppe war ein besonders steiles Exemplar, das in den Keller führte. Und da es hier auch noch kein elektrisches Licht gab, lag alles in einem gruseligen Halbdunkeln. Toni beäugte die Treppe und wieder bekam er eine Gänsehaut. Er drehte sich zu Gregor um, um irgendetwas zu sagen, was bewies, dass er ein ganz harter Kerl war und ihn das hier nicht im Mindestens beeindruckte, aber Gregor war nicht mehr da.

Tonis Herz machte einen erschrockenen Hüpfer und für einen Moment war sein einziger Gedanke, dass Gregor von der weißen Frau geholt worden war. "Gregor?" flüsterte er, bekam aber keine Antwort.

Plötzlich raschelte etwas und Toni fuhr panisch herum und starrte mit wild klopfendem Herzen die dunkle Treppe hinunter, in der festen Überzeugung, dass von dort gleich der Geist auftauchen würde. Eigentlich wäre es ja besser, wegzulaufen, aber er konnte sich nicht bewegen. Und dann bekam er auf einmal von hinten einen heftigen Stoß versetzt. Er sah die Stufen auf sich zurasen und war sich völlig sicher, dass es das jetzt für ihn gewesen war- da schlangen sich zwei Arme um ihn und Gregor drückte ihn an sich. Dabei lachte er laut. "Na, jetzt hast du n fetten Schreck bekommen, was?!"

Tonis Herz, das für ein paar Schläge ausgesetzt hatte, nahm stotternd seinen Dienst wieder auf um dann mit wahnsinniger Geschwindigkeit loszupumpen. Er hätte Gregor gerne gesagt, wie absolut mies es von ihm gewesen war, ihm einen solchen Streich zu spielen, aber sein Gehirn entschied sich dann lieber, etwas anderes zu bemerken. Nämlich wie furchtbar angenehm es auf einmal war, von Gregor festgehalten zu werden und dass es Toni irgendwie bedauerte, als Gregor ihn wieder los ließ.

Diese Entdeckung ließ Toni für einen Moment etwas verwirrt zurück und als Gregor ihm die Nische zeigte, in der er sich, genau wie die Nebenbuhlerin damals, versteckt hatte, war er nur halb dabei. Die andere Hälfte war grade viel zu sehr damit beschäftigt, die angenehme Wärme zu registrieren, die jetzt Tonis ganzen Körper erfüllte.

Als sie aus dem kühlen Gebäude zurück auf den Burghof kamen und sie die Hitze wie ein Hammerschlag traf, war die Wärme in Toni verschwunden. Zurückgeblieben war nur die Gewissheit, dass jetzt irgendetwas anders war. Aber er konnte weder sagen, was es war noch warum es so war.

Er warf Gregor einen unaufälligen Seitenblick zu. Er sah natürlich auch so aus wie vorher und grinste immer noch über seinen Streich.

Allerdings war Tonis Seitenblick doch nicht so unauffällig gewesen, wie er gedacht hatte und als Gregor ihn bemerkte, verschwand sein Grinsen mit einem Schlag und machte der wütenden Grimasse Platz, die er eigentlich meistens mit sich herumtrug. "Was ist los?!" schnappte er. "Bist du jetzt beleidigt, weil ich dich verarscht hab?! Uhuu bist du 'n kleines Baby, das Angst gehabt hat?!"

Es war nicht das erste Mal in den Tagen, an denen sie jetzt zusammen rumgehangen hatten, dass Gregor sich so aufführte und hatte Toni am Anfang immer noch Contra gegeben, war ihm irgendwann klar geworden, dass das sowieso nichts brachte. Im Gegenteil, es stachelte Gregor eigentlich nur noch mehr an, sodass sie sich schon ein paar Mal ziemlich gezofft hatten. Blieb Toni aber einfach ruhig, dann regte sich Gregor ziemlich schnell wieder ab und sie machten einfach weiter mit dem, was sie vorher gemacht hatten, so, als ob gar nichts passiert war.

"Der Streich war gut," erwiderte Toni, obwohl er dazu eigentlich gar keine Meinung hatte, denn anstatt über den Streich an sich konnte er die ganze Zeit nur über dieses seltsame Gefühl nachdenken, aber diese Anerkennung sorgte sofort dafür, dass Gregor wieder grinste.

Doch die Genugtuung gönnte Toni ihm trotzdem nicht. "Aber Angst hatte ich nicht! Warum auch? Das ist doch nur eine Geschichte und Geister gibt es nicht!"

Gregor sah ihn mit großen Augen und hochgezogenen Augenbrauen an und sagte mit seiner Erzähl-Stimme: "Wer weiß das schon?!"

"Ich weiß es," erwiderte Toni bestimmt. Er hatte jetzt keine Lust mehr, weiter über das Thema zu sprechen. Nachher bekam Gregor doch noch spitz, dass er wirklich Angst gehabt hatte.

"Also gut, dann hast du halt keinen Schiß gehabt," meinte Gregor und es war seiner Stimme deutlich anzuhören, dass er es nicht wirklich glaubte. Aber anstatt weiter in diese Kerbe zu hieben, meinte er: "Was machen wir jetzt?"

"Schwimmen?" schlug Toni vor, aber Gregor schüttelte den Kopf. "Nee, nee, ich hab echt keinen Bock bei der Hitze durch den Wald zu rennen. Komm, wir gehen weiterzocken."

Toni wäre gern schwimmen gegangen, aber da Gregor schon etwas Anderes geplant hatte, hätte er sich auf den Kopf stellen und ihn damit trotzdem nicht umstimmen können. Darauf, alleine schwimmen zu gehen hatte Toni keine Lust und darauf, Kamilla zu fragen, ob sie mitkommen wollte, auch nicht. Aber wenigstens würde es in Gregors Zimmer kühl sein.

Das Gefühl des Anderssein blieb natürlich und im Laufe des Tages fand Toni zwar keine Antwort auf das Was und das Warum, aber auf das Wer, auch, wenn er sich diese Frage erst einmal gar nicht gestellt hatte.

Aber das Kribbeln in seinem Bauch, jedes Mal, wenn Gregor und er unbeabsichtigt mit den Schultern zusammenstießen oder er ihn anstubste oder ihm auf die Schulter hieb, sprachen eine deutliche Sprache.

Genau wie die Tatsache, dass Toni ihn immer wieder angucken musste. Obwohl Gregor natürlich immer noch nicht anders aussah als vorher. Aber die Art, wie sein Haar fiel, wie er die Augen zusammenkniff, wenn er sich konzentrierte und wie er lachte und andere Kleinigkeiten, die Toni vorher herzlich egal gewesen waren, fielen ihm nun auf einmal überdeutlich auf. Als er sich gegen neun Uhr auf den Weg zurück machte, um noch etwas vom Abendessen abzubekommen, fühlte er sich innerlich, nicht nur wegen des wieder einmal kilometertiefen Lochs in seinem Magen, irgendwie ausgehöhlt.

Diese Nacht fiel es Toni sehr schwer, einzuschlafen. Das lag natürlich an Gregors gruseliger Geschichte und dass er beinahe diese Horrortreppe runtergestürzt wäre. Und ganz sicher nicht an diesen komischen Gefühlen, die er fast den ganzen Tag gehabt hatte. Denn die hatte er ja nur gehabt, weil mit Gregor irgendetwas passiert sein musste. Es konnte gar nicht anders sein.

Und weil es gar nicht anders sein konnte, versuchte Toni auch nicht weiter drüber nachzudenken wieso er sich heute so komisch verhalten und absolut keinen Einfluss drauf gehabt hatte, sondern zu schlafen. Was ihm aber erst gelang, als es draußen bereits dämmerte

Diesmal schlief er wie ein Stein und wurde noch nicht einmal, wie die Tage vorher, von dem Stimmengewirr der Touristenführung wach.

Das zaghafte Klopfen an seiner Tür war das Erste, das er wieder wahrnahm. "Ja?" sagte er während er gleichzeitig einen Blick auf den Wecker warf, der auf dem Nachttisch stand. Es war elf Uhr und das war das Zeichen für seinen Magen, sofort Hungeralarmstufe Rot auszugeben.

Kamillas Kopf erschien in der Tür. "Oh, du liegst ja noch im Bett," stieß sie hastig hevor. "Ich komm dann besser später wieder."

"Ach Quatsch," rief Toni und setzte sich auf. "Komm doch einfach rein."

Sie tat es und stand dann mit verlegenem Lächeln neben seinem Bett und sah ihn nicht an, als sie sagte: "Ich... ich dachte, du und Gregor ihr würdet heute vielleicht schwimmen gehen und ich könnte dann mitkommen, wenn das in Ordnung ist." Sie holte einmal tief Luft. "Es ist nämlich ganz schön heiß draußen. Mehr als gestern."

Verschlafen, wie er war, hatte Toni die Sache mit Gregor noch gar nicht wieder auf dem Schirm gehabt. Bis Kamilla seinen Namen erwähnt hatte und alles mit einem Schlag wieder da war. Bei dem Gedanken, ihn gleich wiederzusehen, fühlte Toni wieder dieses Kribbeln. Allerdings kam das sicher eher daher, dass er ziemlichen Hunger hatte.

"Schwimmen klingt gut," sagte er deswegen, schlug die dünne Decke zurück und stand auf. "Gibt's noch Frühstück?"

Es gab noch welches. Besser gesagt schlug eine grinsende Nadja für Toni gerne noch ein paar Eier in die Pfanne, während er sich schnell ein Brot schmierte. Nadjas Grinsen ignorierte er dabei mühelos. Sie hatte immer noch Spaß daran, ihn wegen seines beinah unstillbaren Hungers aufzuziehen, aber Toni war inzwischen darüber hinweg, sich davon provozieren zu lassen. Er warf ihr lediglich einen überlegenen Blick zu, bevor er sich an den Tisch setzte und sich bemühte, das Essen langsam und zivilisiert zu essen, wo er es doch eigentlich am liebsten einfach in sich hineingestopft hätte, um endlich das Loch in seinem Magen zu füllen.

Er war noch mitten beim Essen, als es an der Haustür klopfte und Gregor hereinkam. Es war die übliche Zeit, zu der er immer auftauchte, denn auch er war der Meinung, dass man in den Ferien lange schlafen sollte und im Gegensatz zu Toni gelang ihm das auch immer. Aber er wurde ja auch nicht jeden Morgen von seinem Vater und ungefähr zehn weiteren Personen geweckt, die redend unter seinem Fenster standen.

Tonis und Gregors Blick trafen sich für einen Moment und während Gregor ihn, wie immer zur Begrüßung, schief anlächelte, machte Tonis Herz einen heftigen Satz und sein Hals wurde auf einmal ganz eng. Dann verschluckte er sich am Rührei und griff heftig hustend nach seinem Glas Wasser, während Nadja ihm fürsorglich auf den Rücken klopfte. Als Toni dann endlich wieder Luft bekam, war ihm die ganze Sache ziemlich peinlich und am liebsten wäre er jetzt einfach abgehauen, aber zuerst musste ja noch das Programm dieses Tages abgesprochen werden.

Bei der Hitze hatte Gregor dann auch nichts gegen einen Ausflug zum See einzuwenden, er hatte sogar selbst vorgehabt es vorzuschlagen und deswegen auch schon seine Badehose an.

Toni war den Weg den Burgberg hinunter durch den Wald zum See jetzt auch schon einige Male gegangen und konnte ohne Mühe mit Gregor und Kamilla mithalten, sodass er genug Muße hatte, Gregor zu beobachten, um endlich herauszufinden, was an ihm plötzlich so anders war. Wenn seine Gedanken nicht grade bei den Vorfällen in der Küche waren, die ihm nach wie vor peinlich waren. Am meisten seine komische Reaktion, als Gregor ihn angesehen hatte. Das Verschlucken danach war angesichts dessen dann gar nicht mehr so tragisch.

Die Frage, was jetzt so anders an Gregor war, war natürlich immer noch nicht beantwortet, als sie den See erreicht hatten und so langsam wurde Toni klar, dass es nicht Gregor war, mit dem etwas nicht stimmte, sondern er selbst. Warum sonst machte sein Köper die ganze Zeit Sachen, mit denen er gar nicht einverstanden war?  

Denn nachdem sie, als sie beim See angekommen waren, ihre Handtücher ins Gras gelegt hatten, und Gregor sich sein T-Shirt über den Kopf zog, konnte Toni gar nicht anders, als ihn anzustarren, während wieder alles in ihm kribbelte. Und dieses Kribbeln fühlte sich jetzt noch ein bisschen anders an, als vorher.

Gregor, der glücklicherweise mit dem Rücken zu Toni stand, bekam von der Starrerei nichts mit, denn er hatte es viel zu eilig, in den See zu kommen und erst, als er schon mit der Hüfte im Wasser war, konnte Toni sich auch endlich dazu aufraffen, ihm zu folgen.

Toni hatte sich beim Schwimmen nie auch nur ansatzweise verausgabt. Wenn er keine Lust mehr gehabt hatte, vom Baustamm zu springen, hatte er am liebsten auf dem Rücken gelegen, sich treiben gelassen, zu den Baumkronen hochgeschaut und das angenehme Geräusch des Wassers genossen.

Bis zu diesem Tag. An dem sich etwas in ihm dazu entschieden hatte, dass es jetzt an der Zeit war, sich zu verausgaben. Zu zeigen, wie schnell er von einem Ende des Sees zum anderen kraulen konnte. Wie weit er vom Baumstamm springen konnte. Wie lange er unter Wasser die Luft anhalten konnte. Und das alles nur, um einen anerkennenden Blick von Gregor zu bekommen. Denn auch, wenn Toni es sich selbst nicht eingestand, aber das war genau das, was er haben wollte. Und was jetzt auch erst seit Neustem ein Bedürfnis war.

Von Gregor bekam er allerdings keine Anerkennung, denn Tonis plötzlicher Drang nach Höchstleistung stachelte ihn nur an und so wurde aus Tonis Versuch, Gregor zu beeindrucken ein knallharter Wettbewerb, den Toni nachher immerhin zwei zu eins gewann. Gregor konnte zwar weiter springen als er, aber beim Kraulen und Tauchen konnte er Toni nicht schlagen.

"Nicht übel, Mann," meinte er, als Toni neben ihm wieder hochkam und nach Luft schnappte.

Mehr Anerkennung bekam er nicht, aber dieser eine knappe Satz reichte völlig aus, dass Toni sich für einige Zeit wie der König der Welt fühlte.

Danach waren sie ziemlich kaputt und die Lust am Schwimmen war ihnen erst mal vergangen. Sie zogen ihre Handtücher in die Sonne und während Gregor sich hinlegte und beinahe sofort eingeschlafen war, saß Toni da und konnte nicht aufhören, ihn anzusehen. Die nassen Haare klebten ihm am Kopf wie eine Kappe und auf seinem nackten Oberkörper glitzerten die Wassertropfen.

Toni fing an sich zu fragen, wie es sich wohl anfühlen würde, ihn anzufassen. Ihm vielleicht die Wassertropfen wegzuwischen. Der Impuls, genau dies zu tun, war auf einmal so stark, dass er schon die Hand ausgesteckt hatte, sie aber grade noch rechtzeitig zurückziehen konnte, bevor er Gregor wirklich berührte.

Dann schlang er vorsichtshalber, damit so etwas nicht noch einmal vorkam, beide Arme um seine Beine, legte den Kopf auf die Knie und zog es vor, von jetzt an lieber Kamilla zu beobachten, die im See geblieben war.

Toni war ein Kind der Mediengesellschaft. Er hatte genug Bücher gelesen und genug Fernsehen gesehen um zu wissen, wie sich Verliebtsein anfühlte. Auch, wenn er noch nie verliebt gewesen war. Aber das anscheinend auch nur bis jetzt.

Er dachte an Max und fragte sich, ob er sich genau so fühlte, wenn er Marie ansah. Oder mit ihr sprach. Aber sie war ja ein Mädchen. Bestimmt fühlte es sich anders an. Vielleicht irgendwie... richtiger. Tonis Gefühle fühlten sich zwar auch nicht falsch an, aber vielleicht waren sie es ja. Weil Gregor eben kein Mädchen war.

Toni schwirrte der Kopf und er schloß die Augen, in der Hoffnung, sie so vielleicht verscheuchen zu können.

Die Gedanken blieben, allerdings überfiel ihn dazu noch eine bleischwere Müdigkeit. Er streckte sich auf dem Handtuch aus und innerhalb von ein paar Minuten war er auch eingeschlafen.

Ein Schwall kaltes Wasser weckte ihn wieder und als er die Augen öffnete, stand Gregor über ihm und grinste breit. "Mittagsschlaf ist zuendeee!" rief er und klatschte einmal in die Hände.

Toni richtete sich gähnend auf und rieb sich einmal die Augen. Als er die Hände wieder sinken ließ, sah er, dass sich Kamilla inzwischen auch zu ihnen gesellt und dazu ihr Kleid wieder angezogen hatte. Auch Gregor trug sein T-Shirt und bevor Toni sich doof vorkam, als Einziger nur in Badehose dazusitzen, griff er nach seinem und zog es sich über den Kopf.

"Also," fing Gregor an und ließ sich im Schneidersitz auf seinem Handtuch nieder. "Ich hab absolut keinen Bock mehr auf Schwimmen! Hier in der Nähe ist doch das alte Dorf. Lasst uns da mal hingehen!"

"Das ist doch verboten!" warf Kamilla leise ein und Gregor lachte einmal abfällig. "Das ist doch scheissegal! Alle tollen Dinge sind doch immer verboten! Also, wenn man Spaß haben will, dann muss man halt verbotenes Zeug machen!"

"Mache ich aber nicht," murmelte Kamilla und Gregor zuckte mit den Schultern, auf eine Art die deutlich ,War mir schon klar' sagte. Dann wandte er sich an Toni und sah ihn auffordernd an. "Aber du kommst mit, stimmt's?"

Toni nickte schon eifrig, bevor sein Gehirn die Frage überhaupt verarbeitet hatte.

Kamilla warf ihm einen besorgten Blick zu, aber das war ihm völlig egal. Genau wie die Aussicht, dass sie ihn bei Nadja und Thorsten anschwärzte. Die Aussicht, mit Gregor zusammen loszuziehen und zum Dorf zu gehen, das er sich ja schon die ganze Zeit einmal angucken wollte, waren in diesem Moment alles, was zählte.

Sie standen auf und packten ihre Sachen zusammen und dann trennten sich ihre Wege. Kamilla ging nach rechts und Toni und Gregor nach links, tiefer in den Wald hinein.

Entfernungen mussten für die Menschen auf dem Land eine andere Bedeutung haben. Erst Kamillas  ,ein Stück bis zum See' und jetzt Gregors , hier in der Nähe' und beides stellte sich nachher als gefühlt einstündiger Fußmarsch heraus.

Und dazu kam, dass das Unterholz immer dichter wurde und damit für Toni zu einer echten Stolperfalle. Er schaffte es meistens, sich noch zu fangen, bevor er wirklich hinfiel, aber dann verhakte sich sein Fuß in einer besonders dicken Wurzel und diesmal wäre es defintiv zu spät gewesen, wenn Gregor ihn nicht aufgefangen hätte. Für einen Moment lag Toni in seinen Armen und das Gefühl war so intensiv, dass es ihm den Atem raubte. Kein Vergleich zu dem Vorfall an der Treppe, bei dem Gregor ihn an sich gedrückt hatte.

Er stellte ihn lachend wieder auf die Füße. "Alles klar, du Tollpatsch?"

Toni nickte und musste erst den Kloß in seinem Hals runterschlucken, bevor er krächzend: "Ja, alles ok," antworten konnte.

"Ist auch nicht mehr weit," sagte Gregor und klopfte ihm einmal jovial auf die Schulter bevor er weiterging.


Toni folgte ihm mit weichen Knien.

Das Dorf war nicht viel mehr als drei verfallene Steinhäuser, vier von denen bloß noch das Fundament vorhanden war und einer winzigen Kirche, die zwar auch schon ziemlich nach Ruine aussah, aber immerhin noch als Kirche erkennbar war. Wäre Tonis Gefühlswelt grade nicht anderweitig ausgelastet gewesen, wäre er enttäuscht gewesen. So aber folgte er Gregor wie in Trance zwischen den Häusern hindurch zur Kirche hin.

Sie blieben im Eingang stehen und sahen ins Innere. Der hintere Teil der Kirche war fast gänzlich zerfallen und durch das riesige Loch fielen Sonnenstrahlen hinein. Der Boden und die paar verrotteten Holzbänke waren voller Laub, das durch die großen Löcher im Dach gefallen war und jetzt  unter ihren Füßen knackte, als sie darüber liefen. In der Mitte blieben sie stehen und sahen sich um.

Eigentlich war dies ein genau so verzauberter Ort, wie die kleine Ecke in der Burg mit den Blumenbeeten und dem Windspiel, aber Toni hatte grade keinen Sinn dafür. Jedenfalls nicht so wie sonst. Er sah sich zwar um, aber alles in seinem Inneren war auf Gregor ausgerichtet, der die Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf schräg gelegt hatte. "Das ist ziemlich cool," meinte er und dann griff er nach Tonis Arm und zog einmal daran. Toni zuckte erschrocken zusammen und hörte kaum, wie Gregor zu ihm sagte: "Guck dir das mal an!" Er ließ Toni wieder los und wies in eine Ecke, in der eine alte Leiter stand die auf die hölzerne Galerie führte, die früher sicher einmal um den kompletten Innenraum gelaufen, jetzt aber nur noch teilweise vorhanden war.

"Komm, da klettern wir jetzt hoch!" rief Gregor begeistert und lief zur Leiter hin. Toni folgte ihm etwas langsamer und als er ankam, war Gregor schon oben. Er winkte ungeduldig mit der Hand. "Jetzt mach endlich!" drängte er und Toni holte einmal tief Luft und setzte seinen Fuß auf die unterste Sprosse.

Die Leiter knarrte, hielt aber sein Gewicht und er kam heil oben an.

Auch auf der Galerie lag Laub und während Toni noch da stand und nicht so genau wusste, was er von alldem jetzt halten sollte wurde er plötzlich von einem Haufen getroffen. "Hey, Trantüte," rief Gregor und breitete die Arme aus. "Reiß dich mal zusammen und hör auf n Schlafwandler zu sein!"

Mit Laub beworfen zu werden konnte Toni dann doch nicht auf sich sitzen lassen. Er bückte sich, scharrte einen Haufen zusammen, ergriff ihn mit beiden Armen und setzte Gregor hinterher, der lachend losgelaufen war. Die kleineren Lücken zwischen den Holzbrettern übersprangen sie mit Leichtigkeit, aber schließlich war Gregor auf einer Plattform angekommen, auf der das nicht mehr ging. Er blieb stehen und sah Toni herausfordernd entgegen. Der nahm Anlauf, setzte etwas ungeschickt über und schmiss mit der gleichen Bewegung dem immer noch lachenden Gregor das Laub entgegen.

"Hah," rief er triumphierend und machte einen Schritt auf Gregor zu. In diesem Augenblick knarrte es bedrohlich, dann gaben die Bretter unter ihnen nach, die Welt kippte zur Seite und ehe sie sichs versahen, fanden sie sich auf dem Rücken liegend auf dem Boden wieder, um sie herum verteilt die Holzbretter.

Obwohl sie auf einem Haufen Laub gelandet waren, war der Aufprall so hart gewesen, dass es ihnen die Luft aus den Lungen getrieben hatte und es einen Moment dauerte, bis sie wieder zu Atem gekommen waren. Dann fingen sie gleichzeitig so heftig an zu lachen, dass ihnen die Tränen über die Wangen liefen.

Schließlich richtete sich Toni auf und presste die Hände gegen den Kopf, in dem in diesem Augenblick ein schmerzhafter Ball explodierte. "Heilige Scheisse!" stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hevor.

Gregor streckte ihm die Hand entgegen. "Hilf mir mal!"

Toni griff nach seiner Hand und zog ihn vorsichtig hoch. Auch Gregor verzog schmerzhaft das Gesicht und ohne seine Hand loszulassen, erkundigte Toni sich besorgt. "Auch Kopfschmerzen?"

Gregor nickte. Er sah ganz schön mitgenommen aus. Im Gesicht hatte er ein paar Schrammen, sein blaues T-Shirt war verdreckt und voller Laub, genau wie seine Haare.

Toni ließ seine Hand los und begann, ihm vorsichtig die Blätter von seinem Shirt zu streichen. Dabei raste sein Herz so heftig, dass Toni sich sicher war, dass Gregor es sehen konnte. Er spürte seine Schultern, seine Brust, seinen Rücken durch das dünne T-Shirt und wandte sein heißes Gesicht ab, damit Gregor nicht sehen konnte, wie rot er geworden war.

Gregor saß da ohne sich zu bewegen und ohne etwas zu sagen und als Toni es dann wagte, den Kopf zu heben saß er da und starrte ihn an. Mit einem Blick, den Toni noch nie vorher an ihm gesehen hatte, aber es war definitiv keiner, der anzeigte, dass Vulkan Gregor wieder kurz vor dem Ausbruch stand.

Toni schluckte einmal hart, als er beide Hände auf Gregors Schultern legte. Das Kribbeln tobte in seinem ganzen Körper von den Haarspitzen bis in den kleinen Zeh, verdrängte sogar die Kopfschmerzen und formte sich schließlich zu einem Gedanken, zu einer Handlung, zu einem Zwang, dem Toni absolut gar nichts entgegenzusetzen hatte.

Er beugte sich vor und drückte seine Lippen unbeholfen auf Gregors. Er schloss die Augen und dann stand die Zeit für einen Moment still. Aber nur so lange, wie das letzte Brett brauchte, um sich auch noch aus der Verankerung zu lösen und mit voller Wucht hinunter auf eine der Bänke zu fallen.

Der dumpfe Knall riss Toni zurück in die Gegenwart. Erschrocken über sich selbst zuckte er zurück. Weg war das Kribbeln und zurück die Kopfschmerzen, zu denen sich jetzt noch Schmerzen im Rücken und in den Armen gesellten.

Gregor saß noch immer mit geschlossenen Augen da, aber er hatte die Stirn auf eine Art gerunzelt, die Toni genau zeigte, dass er gleich ziemlich ausrasten würde.

Toni war sofort klar, dass er keine Kraft hatte, sich gegen Gregor zu wehren. Er hatte ihn geküsst und dadurch jeglichen Schutz verloren. Der Häme und dem Spott, mit denen Gregor ihn gleich sicherlich überschütten würde, hätte er absolut nichts entgegenzusetzen, aber bevor er sich dermaßen verletzen ließ, ergriff er lieber die Flucht.

Er dachte in diesem Moment nicht mehr darüber nach, dass er keine Ahnung hatte, wie er wieder zurückkommen sollte. Er stand einfach auf und lief aus der Kirche. Hauptsache nur weg von hier.

Glücklicherweise gab es in Tonis Gehirn einen Teil, in dem nicht die komplette Panik ausgebrochen war, sondern der noch einigermaßen nachdenken konnte und ihn darauf hinwies, dass sie vom See weg ja eigentlich nur geradeaus gegangen waren. Wenn er also einfach geradeaus zurücklief, dann würde er auch bald beim See ankommen.

An seinem Problem mit dem Unterholz hatte sich natürlich nichts geändert und weil er jetzt eine ziemliche Geschwindigkeit drauf hatte und kein Gregor da war, um ihn aufzufangen, schlug er ein paar Mal lang hin und schrammte sich die Hände und Knie noch mehr auf. Allerdings brachte ihn das nicht dazu, langsamer zu werden, im Gegenteil, er rannte danach nur noch schneller. Gregor konnte ja dicht hinter ihm sein.

Auch, wenn Toni neben dem Geräusch seiner eigenen Schritte und dem rasenden Klopfen seines Herzens in seinen Ohren nichts weiter hörte. Aber er könnte trotzdem da sein! Und Toni konnte ihm jetzt auf keinen Fall gegenüber treten. Und das eigentlich nicht nur jetzt, sondern nie wieder.

Die ganze Sache mit dem Kuss war ihm so unglaublich peinlich und sein Kopfkino sorgte dafür, dass es während des ganzen Rückwegs auch nie aufhörte, peinlich zu sein. Es spielte ihm die Szene nicht nur immer wieder vor, sondern dazu sagte eine Stimme mit einer Mischung aus Tadel und Spott immer wieder , Du hast Gregor geküsst! Du hast Gregor geküsst!' bis er die Hände gegen die Ohren presste und einmal laut aufschrie, in der Hoffnung, sie so endlich zum Schweigen zu bringen.

Ihm kam es irgendwann so vor, als wäre er schon eine Ewigkeit durch den Wald gelaufen, ohne beim See angekommen zu sein und für eine Sekunde verscheuchte die Vision von ihm nachts ganz allein in diesem Wald, aus dem er vielleicht doch nicht wieder herausfinden würde, alles andere. Er blieb keuchend stehen, holte ein paar Mal tief Luft und sah sich um, in der Erwartung, dass alles gleich aussehen würde. Allerdings war es ihm, als würde er zwischen den Bäumen ein Glitzern sehen und als er darauf zuging, fiel ihm ein Stein vom Herzen, als es wirklich der See war.

Der Weg zurück zur Burg war jetzt natürlich kein Problem mehr und Toni war heilfroh, als er endlich die Tür zum Haus öffnete. Unten war niemand und Kamillas Schuhe fehlten. Sie war sicher wieder für sich unterwegs. Was sie häufiger war, wie Toni festgestellt hatte, als er einmal in ihr Zimmer gesehen hatte, in der Erwartung, sie dort zu finden, aber sie nicht da gewesen war und auch nirgendwo sonst im Haus oder im Garten.

Diesmal verzichtete er darauf, nachzusehen, sondern ging ins Gästezimmer, warf seinen Rucksack in die Ecke, kroch ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Ihm tat alles weh, seine Hände, seine Knie, seine Füße, aber ganz besonders sein Inneres. Er verbot sich zu weinen, obwohl er es gerne getan hatte.

Aber das wäre dann nur noch peinlicher gewesen und er war ja auch kein Baby mehr. Stattdessen biss er ins Kissen und presste die Augen so fest zusammen, dass vor seinen Lidern bunte Funken explodierten. Er lag eine ganze Weile so da und versuchte gleichzeitig so verzweifelt, an gar nichts zu denken, dass sein Körper schließlich gnädigerweise entschied, dass es Zeit für eine Pause war und einfach abschaltete.

Als Toni nach fast zwei Stunden wieder aufwachte, lag er auf der Seite und hatte sich ziemlich in die Decke verheddert. Arme und Beine taten ihm immer noch weh und sein Kopf schmerzte so heftig, dass er sich einmal über die Stirn rieb, ohne wirklich dran zu glauben, dass es helfen würde. Tat es auch nicht. Und dass er gleich wieder an Gregor und den Kuss denken musste, würde es sicher noch schlimmer machen.

Allerdings kam Toni das alles plötzlich vor, als wäre es weit weg. So, als wäre es eigentlich gar nicht passiert. Auch, wenn es doch passiert war.

Und es war Toni immer noch so peinlich, dass er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Aber jetzt, wo alles so weit weg war, fing er an sich zu fragen, wie es überhaupt passieren konnte. Vorgestern war Gregor doch einfach nur Gregor gewesen. Mit seinem tollen Zimmer im Turm. Seinen Geschichten. Und seinen Ausrastern und seinem Gemecker, was Toni manchmal einfach nur anstrengend fand.

Wenn er in seiner Klasse gewesen wäre, dann wären sie sicher keine Freunde und hier waren sie welche, weil sonst niemand da war. Wenn man überhaupt von Freundschaft reden konnte, denn eigentlich war es für Toni doch auch nur Mittel zum Zweck gewesen.

Bis gestern. Als aus Gregor irgendjemand anderes geworden.

Toni seufzte einmal tief, drehte sich auf den Rücken, starrte an die Decke und musste wieder an die Treppe denken und wie Gregor ihn festgehalten hatte. Er fühlte einen heißen Stich und das Kribbeln war wieder da. Es fühlte sich an, als würde er auf einer kleinen Wolke schweben, als er an Gregor dachte und zwar nicht an das, was peinlich gewesen war. Sondern einfach an Gregor. Seine Stimme, wenn er irgendetwas erzählte oder sich selbst begeistert beim Zocken anfeuerte. Wie er lachte. Wie er auf seinem Handtuch gelegen hatte.

Als Toni zu der Szene kam, in dem er ,Nicht schlecht, Mann' zu ihm gesagt hatte, wurde er wieder rot, allerdings war ihm gleichzeitig überall ganz warm. Und dann der Kuss, der, ohne das ganze unangenehme Drumherum, einfach nur unglaublich gewesen war.

Aber für Gregor bestimmt nicht. Weswegen Toni ihn ja jetzt nie wieder sehen konnte. Die Erkenntnis war ihm zwar schon vorher gekommen, aber jetzt tat sie richtig weh. Mehr als seine Schrammen und die Kopfschmerzen zusammen. Seine Augen brannten und diesmal konnte er nicht verhindern, dass er anfing zu weinen. Aufschluchzend vergrub er sich wieder unter der Decke.

Das Geräusch der in Schloß fallenden Haustür schreckte ihn auf und er fuhr sich einmal hastig durchs Gesicht. Es wäre eine echte Katastrophe, wenn ihn jemand so sehen würde. Er stieg hastig aus dem Bett und als er an sich heruntersah, wurde ihm wieder bewusst, dass er immer noch seine Badeshorts und sein völlig verdrecktes T-Shirt trug, das einmal weiß gewesen war. Nadja hatte seine Klamotten erst gestern gewaschen und sauber gefaltet in den Schrank gelegt. Toni zog achtlos eine kurze Hose und ein frisches T-Shirt heraus, ließ das Chaos Chaos sein und schloß die Schranktür wieder.

Dann steckte er vorsichtig den Kopf aus seinem Zimmer und als niemand da war, schlich er schnell aufs Badezimmer und schloß die Tür hinter sich ab. Als er in den Spiegel sah, starrte ihm sein dreckiges Gesicht entgegen. Und seine Arme und Beine sahen auch nicht viel besser aus. Zeit für eine Dusche.

Danach war ihm absolut nicht mehr anzusehen, dass er geheult hatte. Er sah aus wie immer und zwang sich, sein Spiegelbild anzulächeln. Auch, wenn er sich innen drin einfach nur beschissen fühlte.

Um sich abzulenken ging er nach unten, um zu sehen, wer da gekommen war und ob er nicht vielleicht Hilfe brauchte. Toni hatte keine Lust auf irgendeine Arbeit, aber rausgehen konnte er nicht und im Haus konnte er ja nichts anderes machen als rumliegen und lesen oder fernsehen. Und nichts davon würde ihn besonders ablenken.

Er hörte die leise Unterhaltung schon, als er die Treppe runterstieg und ihm fiel wieder ein, dass Kamilla ihn vielleicht verpetzt hatte. Sein Herz machte einen Hüpfer. Er fühlte sich innerlich so kaputt, wenn Nadja und Thorsten oder gleich beide jetzt mit ihm schimpfen würden, dann würde er bestimmt wieder anfangen zu heulen und alles wäre umsonst gewesen.

Er war kurz davor, wieder umzudrehen und zurück in sein Zimmer zu gehen, aber in diesem Moment ging Nadja mit einer Tüte im Arm an der Treppe vorbei und sah ihn da stehen. Sie lächelte ihn an. "Ach guck an, was machst du denn hier? Um diese Uhrzeit hab ich eigentlich noch nicht mit dir gerechnet."

Toni zwang sich, sie anzusehen und zuckte nur mit den Schultern. Das Bedürfnis, behilflich zu sein, war mit einem Schlag verschwunden.  

Nadja machte eine Kopfbewegung Richtung Küche. "Na komm mal runter. Dann kann ich euch beiden ja gleich die große super Neuigkeit mitteilen."

Toni überlegte, ob das vielleicht irgendetwas mit seinem Besuch in dem verbotenen Dorf zu tun hatte, obwohl in Nadjas Tonfall nichts darauf hindeutete, dass es hier um eine Bestrafung ging. Aber als Kamilla, die in der Küche stand und Einkäufe in die Schränke räumte, ihm einen ihrer undefinierbaren Blicke zuwarf, stieg eine unangenehme Vorahnung in ihm auf. Er lehnte sich gegen den Küchentisch, verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte sich innerlich gegen das, was gleich kommen würde, zu wappnen.

Aber anstatt ihm Hausarrest oder sonst irgendeine ätzende Strafe aufzubrummen, sagte Nadja fröhlich: "Also Toni, wir haben uns überlegt, dass wir ja eigentlich keine besonders guten Gastgeber gewesen sind.

Du warst hier ja die meiste Zeit einfach dir selbst überlassen. Aber jetzt haben wir es mal geschafft, uns ein paar Stunden freizuschaufeln und deswegen werde ich mit Kamilla und dir morgen in den Freizeitpark fahren, der gar nicht mal so weit weg von hier ist. Auch, wenn man denken könnte, wir leben hier komplett ab vom Schuss."

Sie lachte einmal und Toni, der mit etwas ganz anderem gerechnet hatte, hob den Kopf und starrte sie an. Er wusste nicht so ganz, was er von der Sache halten sollte. In einen Freizeitpark zu fahren war eigentlich eine super Sache, aber das hieß, den ganzen Tag weg von der Burg und weg von Gregor zu sein. Aber dann fiel Toni ein, dass er ihn ja sowieso nicht mehr sehen konnte und obwohl er sich in diesem Moment wieder unglaublich elend fühlte, zwang er sich zu sagen: "Das ist ja 'ne super Idee!" und hoffte, dass es auch genau so begeistert klang, wie er es wollte.

Aber das schien der Fall zu sein, denn Nadja sah ihn nicht komisch an, sondern nickte zufrieden. "Sehr schön. Aber denk dran, das heißt heute früh ins Bett gehen und morgen früh aufstehen!"

Toni nickte nur und merkte, wie seine Gedanken wieder Richtung Gregor abdriften wollten und dass es vielleicht besser war, zurück in sein Zimmer zu gehen. Allerdings riss ihn Nadja mit voller Wucht wieder zurück in die Gegenwart, als sie ihn einmal von oben bis unten musterte und "Ist alles in Ordnung mit dir?" fragte.

"Na klar," erwiderte Toni, krampfhaft bemüht, lässig zu klingen. "Warum sollte was nicht in Ordnung sein?"

"Erst mal, weil du ziemlich zerschrammt bist, dunkle Ringe unter den Augen hast und du bist ziemlich blass," zählte Nadja auf.

"Ach was!" sagte Toni wegwerfend, konnte aber nicht verhindern, Kamilla einen schnellen Blick zuzuwerfen. Sie sah ihn zwar mit gerunzelter Stirn an, aber wenn sie vorgehabt hätte, ihn zu verpfeifen, dann hätte sie das ja bis jetzt schon getan.

Nadja lächelte ihn immer noch an und legte den Kopf schräg. "Hör mal, ich weiss, ihr hört sowas nicht gerne, aber wenn du Probleme hast, dann kannst du darüber immer mit deiner super coolen Tante reden!"

Jetzt grinste sie wieder und Toni war das alles so unangenehm, dass er spürte, wie er wieder rot wurde. Deswegen wandte er den Kopf zur Seite und sagte nur: "Ja, ja." Dann stieß er sich vom Küchentisch ab und ging zurück auf sein Zimmer.

Wieder in seinem Zimmer kroch Toni zurück ins Bett, zog sich die Decke über den Kopf und starrte in die Dunkelheit. Natürlich kannten seine Gedanken kein anderes Thema als den Kuss und die unglaublich angenehme Wärme und das Kribbeln wechselte sich ab mit unangenehmen Stichen und  der immer noch sehr peinlichen Tatsache, einen Jungen geküsst zu haben.

Irgendwann bekam er dann unter der Decke, unter der es inzwischen auch viel zu warm geworden war, Zustände. Er schlug sie zurück und schnappte einmal nach Luft. Als er merkte, wie sich das Gedankenkarussell wieder zu drehen begann, nahm er sich sein Buch vom Nachttisch und schlug es bei der umgeknickten Ecke auf. Er las eine Seite, um am Ende festzustellen, dass er zwar die Wörter gesehen aber nicht begriffen hatte, was sie bedeuteten. Er las die Seite nochmal und biss die Zähne dabei zusammen in dem Bemühen, sich nicht mehr von seinen Gedanken ablenken zu lassen.

Aber am Ende lag er wieder da, starrte auf den Schrank, der gegenüber dem Bett stand, den Finger im Buch und sein Kopf war voll mit Gregor. Mit seinem Lachen, seiner Stimme, wenn er erzählte, sich die Haare aus dem Gesicht strich.... Allerdings war das auch nicht besser, denn irgendwann tat es einfach nur noch weh, weil er all das nie wieder sehen oder hören würde. Der Schmerz hüllte ihn von Kopf bis Fuß ein wie eine schwere Decke, das Atmen fiel ihm schwer und die Tränen drängten sich ihm so heftig auf, dass er wieder die Zähne zusammenbiss.

Doch dann rettete ihn ausgerechnet Nadja vor einer erneuten Heulattacke, als sie an die Tür klopfte. Toni wischte sich einmal hastig über die Augen, falls doch ein paar Tränen durchgekommen waren und setzte sich auf, bevor er ,Herein' rief.

Nadja trat ein und stutzte einmal kurz, als sie ihn sah. "Na, du nimmst das mit dem .Früh ins Bett gehen' aber sehr ernst, was?", meinte sie dann und lachte. "Ich muss dich jetzt allerdings wieder hochscheuchen, denn es gibt Abendessen und das willst du ja sicher um nichts in der Welt verpassen." Sie lachte wieder und Toni wurde wütend. Auf der einen Seite wollte er auf keinen Fall, dass sie auch nur ansatzweise mitbekam, was grade in ihm los war, auf der anderen Seite sollte sie gefälligst aufhören zu lachen, während er hier lag und litt. Aber das konnte er ihr natürlich nicht sagen. Und ebenso wenig konnte er das Abendessen ausfallen lassen, obwohl sein Magen wie zugeschnürt war. Denn das würde ihn nur noch verdächtiger machen als überhaupt schon. Er versuchte einmal den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken, was nicht klappte und sagte dann mit krächzender Stimme: "Ja, ich komme."

"Gut, dann bis gleich", erwiderte Nadja, zwinkerte ihm zu und schloss die Tür wieder.

Das Abendessen wurde für Toni zu einer echten Herausforderung. Nicht nur, dass er eine für ihn üblich große Portion an dem Kloß in seinem Hals in seinen unwilligen Magen zwingen musste, er musste sich auch an den Gesprächen beteiligen, weil er das immer tat, auch wenn er sich jetzt kaum darauf konzentrieren konnte. Er war erleichtert, als er endlich aufstehen und in seinem Zimmer verschwinden konnte. Aber anstatt sich wieder ins Bett zu legen setzt er sich auf den Stuhl am Fenster und starrte hinaus. Um diese Uhrzeit war draußen nichts mehr los, ein krasser Gegensatz zu dem Gewimmel, das tagsüber hier herrschte.

Als dann eine Gestalt mit rötlichem Haar um die Ecke bog und direkt am Haus vorbeiging, setzte Tonis Herz einen Schlag aus, um dann umso heftiger weiterzupumpen als er erkannte, dass es nicht Gregor sondern Johann war. Er hatte sich halb von seinem Stuhl erhoben und ließ sich jetzt mit einem Seufzer wieder zurücksinken. Und selbst wenn es Gregor gewesen wäre, was wäre dann schon passiert? Er wäre sicher nicht hergekommen oder hätte hochgeguckt und Toni am Fenster gesehen. Und selbst, wenn doch, dann hätte er ihm sowieso nur einen seiner Todesblicke zugeworfen und wäre weitergegangen.

Toni seufzte noch einmal und kroch wieder zurück ins Bett, denn nach dem Gedanken hielt ihn jetzt nichts mehr am Fenster.
Wie vor einiger Zeit schon mal hatte er sich irgendwann müde gedacht und schlief schließlich ein, ohne es zu merken. Allerdings wachte er gefühlt nach einer Minute wieder auf, weil er furchtbare Bauchschmerzen hatte. Das gezwungene Abendessen war natürlich nicht ohne Folgen geblieben.
Bei Bauchschmerzen machte seine Mutter ihm immer Pfefferminztee und nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand mehr unten war, ging er in die Küche, machte das Licht über der Arbeitsplatte und den Wasserkocher an und durchsuchte leise die Schränke nach Teebeuteln. Er fand glücklicherweise ziemlich schnell welche und ließ den Tee dann nur ein paar Minuten ziehen, denn es war inzwischen wirklich schlimm geworden.

Nicht nur der Tee tat unglaublich gut, denn er hatte schon nach den ersten drei Schlucken das Gefühl, dass die Schmerzen nicht mehr so schlimm waren, es hatte auch etwas Beruhigendes, in der dunklen stillen nur von dem kleinen Licht über der Arbeitsplatte erhellten Küche zu sitzen. Auch seine Gedanken kamen endlich einmal zu Ruhe und er konnte auch wieder an etwas Anderes denken als an Gregor. Zum Beispiel daran, dass es nur noch drei oder vier Tage waren, bis es für ihn wieder zurück nach Hause ging. Und zuhause würde er Gregor ganz schnell vergessen und dann würde er irgend ein süßes Mädchen finden, genau wie Max Marie gefunden hatte. Und dann sollte er vielleicht auch endlich anfangen, sich auf morgen zu freuen, denn in einen Freizeitpark zu fahren war wirklich eine ganz tolle Sache.

Mit diesen Gedanken und beinahe komplett schmerzfrei ging er zurück ins Bett und brauchte gar nicht lange, bis er eingeschlafen war.

Doch so einfach, wie er dachte, war es dann doch nicht, Gregor zu vergessen.

Das Wetter war schön und warm und es waren Ferien, also war der Park voll. Die Schlangen vor den einzelnen Attraktionen waren entsprechend ziemlich lang, sodass sie stets einige Zeit warten mussten und Toni genug Muße hatte, sich umzusehen. Und immer, wenn er jemanden mit rötlichem Haar sah, egal wie groß oder wie alt, war Gregor sein erster Gedanke. Tonis Herz fing dann jedes Mal heftig an zu klopfen und er musste sich zusammenreißen, sich nichts anmerken zu lassen. Vor allem gegenüber Nadja, die ihn die ganze Zeit mit Argusaugen beobachtete. Aber er machte definitiv eine unglückliche Figur, so oft, wie sie ihn ansprach und es einige Zeit dauerte, bis er aus seinen Gedanken zurück war, um ihr zu antworten. Und es war auch nicht von Vorteil, dass sein Magen nach wie vor wie zugeschnürt war und er sich zum Essen zwingen musste. Aber diesmal war er vorsichtiger, denn er wollte auf keinen Fall wieder so schlimme Bauchschmerzen bekommen.

Vor allem hier nicht. Denn wenn man mal von dem irgendwie allgegenwärtigen Gregor absah, war es ein toller Tag. Dank Kamilla, die Toni wirklich überraschte, denn egal, wie bedrohlich die Achterbahn sich vor ihnen auftürmte, oder das Karussell aussah, sie war überall mit dabei, etwas, mit dem Toni nicht gerechnet hatte.

Sie blieben, bis der Park schloss und dann war es noch eine zweistündige Fahrt nach Hause, die Toni größtenteils verschlief. Erst, als sie von der Autobahn abbogen und sie die Burg schon in der Ferne sehen konnten, fing er an, sich darüber Gedanken zu machen, wie er die letzten Tage hier verbringen wollte. Er wollte auf keinen Fall nur noch auf seinem Zimmer sitzen und schließlich war die Burg groß und er kannte inzwischen bestimmt alle Orte, an denen Gregor sich rumtrieb - es dürfte deswegen eigentlich nicht besonders schwer sein, ihm aus dem Weg zu gehen.
Mit leichtem Herzen stieg er aus dem Auto und wollte sich Kamilla und Nadja anschließen, die zur Haustür gingen, als hinter ihm eine erboste Stimme sagte: "Da bist du ja!"

Er drehte sich um und da stand wirklich Gregor mit einem Buch in der Hand. "Den ganzen Tag hock ich schon hier und warte auf dich, weil du einfach abhaust, ohne irgendwas zu sagen!", schrie er Toni an. Seine Augen funkelten und er verschränkte wütend die Arme vor der Brust. Es gab keinen Zweifel, dass Vulkan Gregor ausgebrochen war.

Toni war für einen Moment so schockiert, Gregor vor sich zu sehen, wo er sich doch so sicher gewesen war, ihn nie wieder zu sehen, dass er für einen Moment unfähig war, sich zu bewegen oder zu denken. Und als sein Gehirn dann seinen Betrieb wieder aufnahm, da wurde ihm klar, dass es besser war, hier auf der Hut zu sein. Der Grund, wieso Gregor hier war, lag auf der Hand und vermutlich würde er auch nicht lange zögern und Toni zeigen, was er von dem Kuss hielt.

Toni sah sich über die Schulter nach Kamilla und Nadja um, denn solange sie da waren, würde Gregor sicher nicht auf ihn losgehen, aber beide waren schon im Haus verschwunden.

Tonis Mut sank auf ein Minimum und er ballte schon einmal vorsorglich die Faust, um sich wenigstens etwas zu verteidigen.

"Jetzt sag gefälligst mal was!", fuhr Gregor ihn an. Toni zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück. "Ähm", begann er, die Worte tanzten in seinem Kopf, aber es gelang ihm einfach nicht, aus ihnen einen vernünftigen Satz zu formen.

Gregor runzelte die Stirn. "Was ist dein Problem?!", rief er. "Hast du Schiss vor mir!?"

Nach dieser Aussage hatte Toni auf einmal keine Lust mehr darauf, sich hier wie das Opfer zu fühlen. Und warum hatte er eigentlich Angst davor, sich mit Gregor zu prügeln? Er war vielleicht nicht stärker, aber dafür größer und das war bestimmt auch ein Vorteil. Er schob das Kinn vor und erwiderte mit fester Stimme: "Warum sollte ich Schiss vor dir haben?"

Gregor zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Du hast ja auch vor Geistern Schiss, die es gar nicht gibt."

"Ach, halt die Klappe", erwiderte Toni, dem die Szene an der Treppe teilweise immer noch unangenehm war.

"Halt du die Klappe", echote Gregor. Sie sahen sich für einen Moment stumm an und dann grinsten sie beide. Und dann war auf einmal alles vergessen. "Bock zu zocken?", erkundigte sich Gregor und Toni nickte eifrig. Es war zwar schon acht Uhr und Gregors Mutter würde ihn bestimmt wieder genau um neun Uhr rauswerfen, aber Nein zu sagen hätte er jetzt absolut nicht geschafft.

Sie gingen los, Seite an Seite und Toni erzählte Gregor von seinem Tag im Freizeitpark.

Ganz wie Toni es wartet hatte, tauchte Gregors Mutter Punkt neun Uhr auf und bat ihn, freundlich aber bestimmt, jetzt zu gehen. Es war eine komische Stunde gewesen. Am Anfang war Toni sich absolut sicher gewesen, dass Gregor wegen der Sache in der Kirche noch ausrasten würde. Er konnte sich kaum auf das Spiel konzentrieren. Aus dem Augenwinkel sah er, dass Gregor ihm häufiger einen kurzen Seitenblick zuwarf, was dafür sorgte, dass er ständig angespannter wurde und sich noch weniger konzentrieren konnte.

Aber als die Zeit verging und absolut nichts weiter passierte als ihre üblichen Neckereien und das Gefluche, wenn es nicht so lief, wie sie es haben wollten, hatte Toni irgendwann die Nase voll von der Anspannung. Als er merkte, wie Gregor ihn wieder ansah, drehte er den Kopf und erwiderte den Blick. Zuerst herausfordernd, um Gregor zu zeigen, dass er von seinem kleinen Spielchen wusste, aber die Herausforderung verschwand sehr schnell aus seinem Blick. Denn Gregor sah ihn einfach nur an, ohne gerunzelte Stirn oder funkelnde Augen oder sonstigen Sachen, die zeigten, dass er wütend war.

Als sich ihre Blicke trafen, schenkte er Toni ein beinah scheues Lächeln und sah wieder weg. Wieder war Toni zuerst überrascht, weil alles ganz anders lief, als er erwartet hatte, aber gleichzeitig löste das Lächeln ein unglaublich angenehmes Gefühl in seinem ganzen Körper aus.

Es war nicht das letzte Mal, dass sich ihre Blicke trafen und jedes Mal war Toni so erfüllt von etwas, für das er keine Worte hatte, dass ihm manchmal fast der Atem stockte. Alles um sie herum war auf einmal ganz weit weg, der Controller in seiner Hand, die Musik aus dem Fernseher, das Gefühl des weichen Teppichs, auf dem er saß, das Einzige, was er überdeutlich wahrnahm, war Gregor.

Dass sie aufgehört hatten zu reden, verstärkte noch den Eindruck, dass sie sich grade in ihrer ganz eigenen Welt befanden und als Gregors Mutter an die Tür klopfte, zuckten sie beide erschrocken zusammen und Toni fühlte sich für einen Moment, als habe man ihn aus einem Traum gerissen.

Seine Knie waren ziemlich weich, als er danach hinter Gregor die Treppe hinunterstieg.
Gregor öffnete die Tür und Toni trat nach draußen, aber es war ihm unmöglich, jetzt einfach zu gehen. Er drehte sich um und sah Gregor an, der seinen Blick kurz erwiderte und dann wieder weg sah. "I...ich komm dann morgen zu dir", murmelte er.

"Ok", erwiderte Toni mit nicht mehr ganz so fester Stimme und nachdem ihre Blicke noch einen Moment ineinander gehangen hatten, stieg er auf unsicheren Beinen die Treppe runter und machte sich auf den Weg zum Haus.

Auch in dieser Nacht brauchte Toni einige Zeit, um einzuschlafen. Aber diesmal nicht, weil seine Gefühle Achterbahn mit ihm fuhren. Oder er die Szene in der Hütte zwanghaft immer und immer wieder durchspielen musste.

Nein, diesmal fühlte es sich einfach nur gut und absolut nicht peinlich an. Denn das, was er in seinem Kopf immer und immer wieder abspielte, waren Gregors kleine scheue Lächeln und wie sie sich angefühlt hatten, überhaupt wie sich diese ganze Stunden angefühlt hatten. Jetzt, wo Toni darüber nachdachte, war das alles irgendwie total unwirklich gewesen.
Genau wie die Tatsache, dass Gregor den Kuss mit keinem Wort erwähnt hatte. Dabei war das doch eigentlich eine sehr große Sache, zumindest für Toni. Es war sein erster Kuss gewesen und, da war sich ziemlich sicher, auch für Gregor. Er hätte irgendwie gerne gewusst, was er darüber dachte, aber nie im Leben hätte er ihn danach gefragt. Allein der Gedanke, mit irgendjemandem darüber zu sprechen, war unerträglich peinlich. Es reichte schon, es sich bloß vorzustellen, damit er wieder einmal rot wurde.

Aber damit hielt Toni sich nicht allzu lange auf. Lieber ließ er seine Gedanken wieder zurück zu der Zeit zwischen acht und neun Uhr wandern.
Als er am nächsten Morgen um kurz nach zehn aufwachte, nahm er ein Geräusch wahr, das er schon lange nicht mehr gehört hatte: Regen. Er stand auf und ging ans Fenster. Der Himmel war stahlgrau ohne irgendetwas Blaues dazwischen und es schüttete wie aus Kübeln.

Für einen Moment war Toni enttäuscht, denn Regen hieß, kein Schwimmen und kein ,Draußen-irgendwo-in-einer-versteckten-Ecke-herumlungern'. Aber dann dachte er daran, dass Gregor in einer halbe Stunde kommen würde und sein Herz fing erwartungsvoll an zu klopfen.

Die Klamotten von gestern, die er ausgezogen und dann auf den Stuhl geworfen hatte, wollte er heute nicht mehr anziehen, irgendwie waren sie auf einmal nicht mehr.... gut genug. Er öffnete den Schrank, in dem Nadja kommentarlos wieder Ordnung gemacht hatte und sah die wenigen Klamotten durch, die er mitgenommen hatte. Aber in seinen Augen war davon auch gar nichts gut genug und für einen Moment ärgerte er sich das erste Mal seitdem er hier war darüber, dass er nur so wenig Sachen eingepackt hatte.

Aber jetzt musste er mit dem klarkommen, was da war. Er griff sich die ausgewählten Sachen, ohne sich darum zu kümmern, dass im Schrank wieder alles durcheinander fiel, schloss die Tür und ging ins Badezimmer.

Vorher war ihm seine Frisur herzlich egal gewesen. Er war einmal mit der Bürste durch die Haare gegangen ohne auch nur in den Spiegel zu sehen. Aber auch das war jetzt nicht mehr gut genug und er verbrachte einige Zeit damit, vor dem Spiegel seine Haare hin- und her zu kämmen, bis er mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden war.

Er war so aufgeregt, dass er eigentlich keinen Hunger hatte und sein Frühstück nur aus einer Schüssel Müsli bestand. Wie immer in den letzten Tagen, an denen er so spät aufgewacht war, fiel das gemeinsame Frühstück aus. Meistens war es Nadja, die den Kaffee machte um ihn dann mit zur Gärtnerei rauszunehmen, aber diesmal stand Thorsten an der Maschine, als Toni die Treppe herunter kam. Thorsten nickte ihm einmal kurz zu und brummte ein ,Morgen'. Toni grüßte zurück und war ganz froh, dass er mit ihm nicht noch einmal den ganzen letzten Tag durchkauen musste, so, wie es mit Nadja gewesen wäre. Die es sich sicher auch nicht hätte nehmen lassen, ihn noch einmal zu fragen, ob mit ihm alles in Ordnung war.

Toni stürzte das Müsli hinunter, aber da Gregor beschlossen hatte, nicht um elf sondern zehn Minuten früher zu kommen, war er noch mittendrin, als es klopfte. Thorsten, der mit der Thermoskanne bereits an der Tür war, öffnete sie, nickte dem eintretenden Gregor einmal kurz zu und schloss die Tür hinter sich.
Mit einem Schlag hatte Toni jetzt überhaupt keinen Hunger mehr. Und auch, dass in der Schüssel noch Müsli und Milch war, war grade völlig unwichtig geworden. Er stand einfach auf und ging zu Gregor.

Gregor trug eine gelbe Regenjacke und sein schiefes Begrüßungslächeln war dem Lächeln von gestern gewichen. Hätte Toni allein von seinem Anblick nicht schon wieder ein Kribbeln im ganzen Körper gehabt, jetzt hätte er es bestimmt. Er konnte gar nicht anders, als Gregors Lächeln zu erwidern und dann räusperte er sich einmal so unauffällig wie möglich, damit seine Stimme ihm einigermaßen gehorchte, als er "Hallo", sagte.

"Hallo", erwiderte Gregor und dann standen sie sich einen Moment gegenüber und sahen sich wortlos an. Es war, als hielt Toni eine Macht fest, der er nichts entgegenzusetzen hatte und er wollte es eigentlich auch überhaupt nicht.

Schließlich wandte Gregor den Blick ab und damit wurde Toni auch aus seiner Erstarrung gerissen. Als ihm bewusst wurde, dass er Gregor für einen Moment einfach nur angeguckt hatte, spürte er, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Er sah er ebenfalls hastig weg und schluckte einmal. "Schwimmen ist wohl heute nicht", murmelte er.

"Ja", erwiderte Gregor ebenso leise. "Aber ich dachte, ich zeige dir einfach mal, wo ich bei Regen immer hingehe. Also... wenn du es sehen willst."

"Klar", erwiderte Toni, schaffte es aber immer noch nicht, ihn anzusehen.

Er zog sich eilig die Schuhe und seine Jacke an und nahm einen von den Schirmen, die an der Garderobe hingen.
Nachdem er ihn draußen aufgespannt hatte, gesellte Gregor sich wortlos zu ihm. Sie gingen dicht beieinander, sodass zufällige Berührungen nicht ausblieben, wobei sie von Tonis Seite aus nicht ganz so zufällig waren, weil es sich einfach nur großartig anfühlte, Gregors Arm zu streifen.

Sie hatten noch nie viel geredet, wenn sie zusammen waren, es sei denn, Gregor erzählte eine seiner Geschichten. Aber da das jetzt nicht der Fall war, schwiegen sie und das Trommeln des Regens auf dem Schirm war das einzige Geräusch. Es begleitete sie den Weg quer über den Hof zu dem Haus, hinter dem sich der kleine Garten befand.

Hintereinander stiegen sie die ziemlich durchgetretene Treppe bis zum Dachboden hoch. Es war ein riesiger Raum, der sich über die gesamte Breite des Hauses zog und vollgestellt war mit altem Krempel.

Durch die kleinen Fenster sickerte das graue Licht des Tages. Unter einem dieser Fenster stand in einer Ecke ein altes, aber frischbezogenes Bett, das ziemlich quietschte, als Gregor sich draufschmiss, nachdem er die Regenjacke und die Schuhe ausgezogen hatte. Toni stand etwas unschlüssig da und hielt den tropfenden Schirm in der Hand. Er wusste nicht, wie er sich diesen Ort vorgestellt hatte, aber so nicht.

"Na komm schon", sagte Gregor und lächelte ihn an und jetzt wäre Toni für ihn auch bis ans Ende der Welt gegangen. Er ließ den Schirm achtlos fallen, zog sich ebenfalls die Schuhe und die Jacke aus und gesellte sich zu Gregor aufs Bett. Sie lagen auf dem Rücken und sahen an die Decke, wieder so dicht nebeneinander, dass sie sich jedes Mal berührten, wenn sich einer von ihnen bewegte.

Gregor seufzte einmal tief. "Ich finde das echt schön, hier zu liegen, und dem Regen zuzuhören und einfach mal gar nichts zu machen."

Toni warf ihm einen Seitenblick zu. Gregor hatte die Augen geschlossen und sah friedlich und gelöst aus. Toni tat es ihm gleich und er musste feststellen, dass das Prasseln des Regens auf dem Dach wirklich eine unglaublich beruhigende und entspannende Wirkung hatte.

Eine Weile lagen sie so da und schwiegen, bis plötzlich ein grelles Licht den Dachboden für den Bruchteil einer Sekunde erhellte, gefolgt von einem heftigen Donner.

Dass Toni ein ziemlicher Schisser war, galt nicht nur für gruselige Geschichten oder Geister. Auch Gewitter fand er verdammt unangenehm und deswegen war es damit mit der Entspannung vorbei. Und direkt unterm Dach war es noch schlimmer, denn da war er ja viel näher am Gewitter. Natürlich hatte er nicht vor, darüber auch nur ein Wort zu verlieren, sondern zog nur unbehaglich die Schultern zusammen und verschränkte die Hände vor der Brust.

Gregor, der ihn beobachtet hatte, zog leider die richtigen Schlüsse aus seinem Verhalten und fragte: "Hast du Angst?" Und obwohl an der Art, wie er es sagte, nichts darauf hindeutete, dass er Toni aufziehen wollte, erwiderte der ziemlich brüsk: "Quatsch. Ich hab vor gar nichts Angst!"
Gregor gluckste einmal. "Ja und damals an der Treppe hattest du auch keine Angst."

"Hatte ich auch nicht, wie oft soll ich das denn noch sagen?!", rief Toni.

Gregor drehte sich auf die Seite und sah ihn an, aber Toni blieb stocksteif auf dem Rücken liegen. Die Situation gefiel ihm grade absolut nicht und er wollte zurück zu dem Moment, bevor das Gewitter richtig losgelegt hatte.

"Okay", meinte Gregor gedehnt. "Wenn du also vor nichts Angst hast, dann küss mich doch nochmal, ohne danach wegzurennen."

Toni war sich zuerst völlig sicher, sich verhört zu haben. Er richtete sich auf und starrte Gregor an, während sein Herz einen heftigen Salto machte.

Gregor erwiderte seinen Blick mit einem Lächeln, das deutlich machte, dass er es ernst meinte.

Toni schluckte einmal hart, aber bevor er jetzt anfing, nachzudenken beugte er sich vor, Gregor kam ihm entgegen und dann trafen sich ihre Lippen.

Und genau wie in der Kirche war das Gefühl unbeschreiblich. Es hüllte Toni von Kopf bis Fuß ein und er hätte kein Problem damit gehabt, wenn es nie wieder weggegangen wäre.

Diesmal war es auch Gregor, der den Kuss unterbrach und sich zurück aufs Bett fallen ließ. Er grinste zu Toni hoch. "So küsst man doch nicht," meinte er. "Du musst den Mund aufmachen. So, wie im Film. Komm, ich zeig's dir."

Seine Hand schloss sich um Tonis Schulter und zog ihn zu sich runter. Ihre Lippen fanden sich erneut und diesmal öffnete Toni den Mund, so, wie Gregor es gesagt hatte. Zuerst fühlte es sich komisch an und Toni wusste nicht, ob er es gut finden sollte. Aber dann fanden sie ihren Rhythmus und es wurde perfekt .

Und fast genau so perfekt wie der Kuss fühlte sich Gregors Hand an seiner Schulter an.

Doch als draußen ein Donner so laut wie ein Paukenschlag ertönte, konnte Toni nicht anders, als zusammenzuzucken.

"Na komm", sagte Gregor, schlang beide Arme um ihn und zog ihn an sich, sodass Tonis Kopf auf seiner Brust lag. "Ich beschütz dich vor dem großen bösen Gewitter."

In der Welt, in die Toni jetzt eintauchte gab es dann kein Gewitter mehr. Nur Gregor und seine Wärme, die Toni einhüllte wie eine Decke. Und die Art, wie er roch, den Schlag seines Herzens, den er hören konnte und wie er sich anfühlte, als Toni etwas unbeholfen den Arm um ihn legte. Dann schloss er die Augen.

Auch als aus dem Gewitter nur noch ein leises Grollen in der Ferne geworden war und der Regen auch soweit nachgelassen hatte, dass das Trommeln auf dem Dach nicht mehr ganz so laut war, lagen sie immer noch genau so da. Irgendwann hatte sich Gregors Hand in Tonis Haar gegraben, wo sie jetzt immer noch war.

Toni hatte die Nase in Gregors T-Shirt und fühlte sich wie damals, als er sich so heftig betrunken hatte, aber bevor der furchtbare Kater gekommen war:  irgendwie schwebend und angenehm beduselt. Allerdings hatte sein Gehirn nicht ganz abgeschaltet und er traute sich nicht, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen, aus Angst, Gregor damit irgendwie aufzuschrecken und darauf zu bringen, dass das hier doch irgendwie komisch war.

Denn auch, wenn Toni sich vorher noch nie so gut gefühlt hatte, wie in diesem Moment, konnte er das komische Gefühl nicht so ganz loswerden und wenn er es nicht konnte, dann Gregor doch sicher erst recht nicht. Schließlich hatte er so wütend die Stirn gerunzelt, als Toni ihn in der Kirche geküsst hatte, sodass er sich sicher gewesen war, dass er nie wieder ein Wort mit ihm reden würde.

Allerdings hatte er das dann ja doch. Sie hatten sich danach dann sogar noch zweimal geküsst. Bei dem Gedanken musste Toni einmal breit grinsen. Und letztendlich war es doch ganz egal, ob das hier komisch war. Es fühlte sich einfach super an und das war das Einzige, was wichtig war.

Doch als Gregor sich dann plötzlich abrupt aufsetzte und Toni zwangsläufig mit hochgezogen wurde, machte sein Herz einen enttäuschten Hüpfer, dass sein Szenario jetzt anscheinend doch eingetroffen war. Aber dann hörte er Stimmen und Gepolter und das war es sicher, was Gregor aufgeschreckt hatte.

Gregor schob Toni ganz sanft von sich, sprang vom Bett und lief in den Korridor. Er verschwand um die Ecke und kam einen Augenblick später mit wutzblitzenden Augen und der Toni sehr bekannter gerunzelter Stirn wieder. Bevor er nachfragen konnte, was passiert war, brüllte Gregor auch schon los: "Ich hasse diese verdammten Renovierungen! Dauernd laufen hier irgendwelche Menschen rum und gehen mir auf die Nerven und machen Krach! Warum brauchen diese ätzenden Touristen ein verdammtes Restaurant?! Oder ein verdammtes Schwimmbad?! Sollen sie doch in dem scheiss See schwimmen gehen. Meine Eltern können dafür dann ja auch Eintritt verlangen! Und wehe, sie machen hier in diesem Raum auch irgendwas für die blöden Leute!" Er trat mit solcher Wucht gegen den Bettpfosten, dass das Bett für einen Moment erzitterte.

Toni, der wusste, dass jetzt jedes Wort falsch gewesen wäre, saß nur stumm da und sah ihm bei seinem Wutausbruch zu. Doch dann kamen die Stimmen und das Gepolter näher und jetzt hielt er es auch für besser, aufzustehen.

Gregor starrte ihn wütend an, als ob er an allem Schuld war, aber das tat er in solchen Situationen immer und wie an vieles andere, was Vulkan Gregor betraf, hatte Toni sich inzwischen auch daran gewöhnt und ließ sich nicht mehr provozieren. Stattdessen lächelte er Gregor an, was vermutlich falsch war und ihn nur noch mehr auf die Palme bringen würde, aber Toni konnte einfach nicht anders.

Doch zu seiner Überraschung erwiderte Gregor das Lächeln und es war ganz und gar nicht gezwungen. Und wie die Male vorher, die er ihn anlächelte, hatte Toni auch jetzt wieder dieses warme Gefühl im Bauch, er beugte sich vor und küsste Gregor einmal kurz. Danach grinste der nur noch mehr und nahm Tonis Hand: "Komm, wir hauen hier ab!"

Er zog ihn zum anderen Ende des riesigen Raums, wo sich im Boden eine Falltür befand, ergriff den Ring in der Mitte und hob sie hoch. Toni, der von der Tatsache entzückt war, dass diese Falltür aussah wie im Film, blickte durch die entstandene Öffnung und sah auf den Steinboden des Raumes darunter. "Du zuerst", sagte Gregor und Toni, der das Ganze wegen der Falltür jetzt unglaublich aufregend fand, ließ sich das nicht zweimal sagen.

Allerdings landete er in keinem hinter der Wand versteckten Gang oder einem geheimen Zimmer, wie er gehofft hatte, sondern einfach in einem leeren Raum, der sich nur dadurch von den anderen unterschied, dass er kein Fenster hatte.

Mit einem leisen Plumps landete Gregor neben ihm. In der Hand hielt er ein Seil und als Toni nach oben blickte, zog er daran und die Klappe fiel mit einem dumpfen Knall wieder zu.

Er hätte Gregor jetzt gern nach der Falltür gefragt, wieso es sie gab und ob dieser Raum hier, trotz seines gewöhnlichen Aussehens, vielleicht einmal etwas Besonderes gewesen war, aber nach seinem Ausbruch von grade verkniff er sich die Fragen lieber. Er hatte keine Lust, dass Gregor sich wieder aufregte. Wie er es eigentlich meistens tat, wenn Toni ihn irgendetwas über die Burg fragte. Und da er sich in den meisten Fällen in seine Wut hineinsteigerte, kamen die Themen Johann und Renovierung auch immer gerne dran und auf die hatte Toni noch weniger Lust.

Also ging er wortlos hinter Gregor her, der mit riesigen Schritten losstürmte, dann aber anhielt, als er merkte, dass Toni nicht ebenso schnell hinterherkam. Er drehte sich zu ihm um und hielt ihm seine Hand hin. Toni ergriff sie, sie verflochten ihre Finger miteinander und gingen etwas langsamer zum Ausgang.

Sie hörten zwar noch den Krach der Renovierer, begegneten aber auf ihrem Weg niemanden und kamen natürlich an einer ganz anderen Stelle heraus, als der, an der sie hineingegangen waren.
Als ob sie sich abgesprochen hätten, ließen sie sich los, als sie nach draußen getreten waren und schlugen den Weg zum Wohngebäude ein. Am Ende landeten sie, wie so oft, in Gregors Zimmer vor der Konsole. Aber was diesmal anders war, war, dass sie sich öfters einmal einfach nur ansahen und lächelten. Oder Gregor legte den Arm um Tonis Hals, zog ihn zu sich heran und sie küssten sich einen Augenblick, diesmal schon viel sicherer als die ersten Male.

Um kurz vor neun ließen sie dann das Spiel Spiel sein, Toni legte den Kopf auf Gregors Schulter und schloss die Augen. Gregor nahm seine Hand und sie saßen so schweigend da während die ruhige Musik des Autorennspiels sie einhüllte und genossen die letzten Minuten, die ihnen noch blieben. Bis Gregors Mutter an die Tür klopfte und Toni daran erinnerte, dass es Zeit war, zu gehen.

Wie sonst auch brachte Gregor ihn noch zur Tür, aber anstatt sie nach einem kurzen Abschiedswort zu schließen, lehnte er sich gegen den Rahmen und sah Toni mit einem bedauernden Lächeln an. "Echt scheisse, dass du schon gehen musst." Er räusperte sich einmal und sah auf den Boden. "Also... ich kann ja meine Mama mal fragen, ob du morgen hier pennen kannst. W...wenn du das auch willst."

Natürlich musste Toni keine Sekunde darüber nachdenken. "Klar will ich das!", rief er und bei dem Gedanken, morgen bei Gregor zu schlafen, erfüllte wieder dieses angenehme Gefühl seinen ganzen Körper.

Gregor strahlte. "Super." Er sah einmal über die Schulter, dann beugte er sich vor und küsste Toni schnell. "Gute Nacht", sagte er liebevoll.

"Bis morgen", erwiderte Toni und dann sahen sie sich noch einen Moment an, bevor Toni sich umdrehte und die Treppe herunterstieg.

Seine Knie waren weich, sein Herz klopfte und er hatte das Gefühl, als würde er auf einer kleinen Wolke schweben. Als er sich dem Haus näherte, wurde er sich des breiten Lächelns auf seinem Gesicht bewusst. Er versuchte, es abzustellen, aber es war unmöglich.  Ihm blieb deswegen nur die Hoffnung, dass gleich niemand da war, der ihn fragen würde, weswegen er so breit lächelte. Vor allen Dingen nicht Nadja.

Nadja, Thorsten und Kamilla waren zwar alle da, aber sie saßen auf der Couch vor dem Fernseher, mit dem Rücken zur Treppe und Toni gelang es mit einem flüchtigen ,Gute Nacht' an ihnen vorbei zu huschen. Er sah zwar aus den Augenwinkeln, dass Nadja sich umdrehte, aber dann war er auch schon oben.

In seinem Zimmer angekommen, schloß er die Tür sorgsam hinter sich, zog sich seine Schlafsachen an und kroch ins Bett unter die Decke. Aber diesmal, um in der kompletten Dunkelheit selig vor sich hinzuträumen.

Am nächsten Morgen wachte Toni um halb neun auf und eigentlich hätte er sich jetzt noch einmal umgedreht und weitergeschlafen, aber seine Gedanken waren sofort wieder bei Gregor gelandet und die Vorstellung, heute vielleicht bei ihm zu übernachten, sorgte dafür, dass er nicht mehr einschlafen konnte.

Er stand auf und ging zum Fenster. Am ansonsten blauen Himmel waren zwar noch ein paar Wolken, aber es waren weiße Schäfchenwolken und keine grauen Schlechtwetterwolken. Ein weiterer Grund für Toni, trotz des, für seine Verhältnisse, frühen Aufstehens einfach nur gut gelaunt zu sein.

Doch dann knurrte sein Magen und von jetzt auf gleich bestand er nur noch aus Hunger. Er hatte gestern ja weder mittags noch abends etwas gegessen, einfach, weil er gar nicht hungrig gewesen war. Wenn er mit Gregor zusammen war, gab es auch nur Gregor. Für so etwas Profanes wie Hunger und Essen war kein Platz. Aber jetzt, ohne Gregor, war nichts mehr, das den Hunger zurückhielt und am liebsten wäre Toni gleich nach unten gelaufen und hätte sich den Bauch mit irgendwas vollgeschlagen. Allerdings bestand um diese Zeit die Möglichkeit, dass Kamilla, Nadja, Thorsten oder vielleicht sogar alle zusammen unten waren. Toni hatte absolut keine Lust, sich zu ihnen zu setzen und gefragt zu werden, wieso er gestern so gegrinst hatte, denn das hatte Nadja bestimmt gesehen.

Also legte er sich zurück aufs Bett und griff nach seinem Buch, um dann Seite um Seite zu lesen, ohne mitzubekommen, was dort stand. Ihm war vor Hunger mittlerweile sogar richtig schlecht und schließlich war auch der letzte Rest Willensstärke aufgebraucht und er konnte nicht anders, als nach unten zu gehen, wo, wie erwartet, Nadja und Kamilla am Tisch saßen und aßen.
"Sieh an, sieh an, wer kommt denn da?!", rief Nadja lachend. "Um diese Uhrzeit hatten wir gar nicht mit dir gerechnet."

Der Satz rauschte beinah ungehört an Tonis Ohren vorbei, denn alle seine Sinne waren auf den Frühstückstisch mit dem Korb Brötchen, dem Marmeladenglas und dem Teller mit Aufschnitt gerichtet. Zu einem ,Guten Morgen' war er noch in der Lage, bevor er sich auf einen Stuhl fallen ließ, zwei Brötchen auf einmal nahm, unkoordiniert aufschnitt und sich gar nicht damit aufhielt, sie mit Margarine zu bestreichen, sondern einfach vier Scheiben Wurst verteilte und anfing zu essen.
Nach der dritten Brötchenhälfte ging es ihm besser und er nahm auch wieder die Dinge um sich herum wahr, die nichts mit Essen zu tun hatten. Wie Nadjas Blick, mit dem sie ihn ansah. Er erwiderte ihn natürlich nicht, sondern starrte angestrengt auf sein Brettchen, während er darauf wartete, dass sie etwas sagte.

Aber sie schwieg, genau wie Kamilla, bei der Schweigen ja nichts Ungewöhnliches war. Aber bei Nadja schon und irgendwann war Toni so angespannt, dass es ihm auf einmal lieber gewesen wäre, wenn sie etwas sagen würde, worauf er dann mit irgendeinem Spruch reagieren konnte.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach die Stille und Toni zuckte zusammen, während sein Herz einen freudigen Hüpfer machte. Es war zwar noch nicht mal ansatzweise elf Uhr, sondern grade einmal zehn, aber das war natürlich Gregor.

Toni merkte, wie sich das breite Grinsen zurück auf sein Gesicht schlich- während Nadja ihm gegenüber saß. Er versuchte, seine Muskeln zu entspannen was ihm auch so lange gelang, wie Kamilla brauchte, um zu Tür zu gehen, sie zu öffnen und Gregor hereinzulassen.

Toni stopfe den letzten Rest Brötchen in sich hinein, stand auf und ging zu Gregor, sodass er mit dem Rücken zu Nadja stand. Er spürte zwar weiterhin ihren Blick auf sich gerichtet, aber sie konnte ja nicht sehen, wie er Gregor anstrahlte.

Gregor strahlte zurück. "Hej", sagte er. "Lust, schwimmen zu gehen?"

"Na klar", quetschte Toni an dem Brötchen in seinem Mund vorbei. "Ich hol nur eben meine Badesachen." Er warf sich herum und rannte die Treppe hoch in sein Zimmer. Jetzt, wo seine kleine Welt wieder voll mit Gregor war, war die Bemühung, sich vor Nadja betont lässig zu geben, vergessen. Auch die Tatsache, dass sie sich, als er wieder herunter kam, über die Küchentheke beugte, ihn mit einem undefinierbaren Lächeln ansah und "Viel Spaß ihr zwei", trällerte, beachtete er nicht sonderlich.

Schweigend gingen sie nebeneinander über den Hof zum Burgtor. Eigentlich hätte Toni ja gerne Gregors Hand genommen aber irgendwie ging das hier, wo sie jemand sehen konnte, nicht. Der Gedanke, seine Hand festzuhalten fühlte sich hier nicht einmal ansatzweise so gut an, wie sonst. Und auch Gregor machte keinen Versuch, nach seiner Hand zu greifen.

Allerdings konnte Toni nicht damit aufhören, ihn hin und wieder anzusehen. Und Gregor ging es anscheinend genau so, so oft, wie sich ihre Blicke trafen. Wenn das passierte, bekam Toni von Gregor jedes Mal dieses scheue Lächeln, bei dessen Anblick er sich einfach nur wunderbar fühlte.

Toni konnte inzwischen mühelos mit Gregors schnellem Schritt mithalten und so dauerte es nicht lange, bis sie den Hof überquert hatten und durch das Tor getreten waren. Sie wandten sich nach rechts um an der Mauer entlang zu gehen und waren grade um die Ecke gebogen als Gegor plötzlich so abrupt stehenblieb, dass Toni vor Überraschung beinahe gestolpert wäre, als er sich bemühte, ebenfalls anzuhalten.

Er drehte sich um und ging zu Gregor hin, in der Erwartung, dass wieder irgendetwas passiert war, das ihn aufgeregt hatte und er sich wieder auf Gemecker einstellen konnte, doch stattdessen sah Gregor ihn einen Moment stumm an und blickte dann zur Seite. "Ich... ich muss dir was sagen," murmelte er und Tonis Herz fing in banger Vorahnung an zu klopfen. Die Gedanken, die er gestern auf dem Dachboden gehabt hatte, waren wieder da, ja eigentlich waren sie nie ganz weggewesen und sicher mit der Grund, wieso er Gregors Hand auf dem Hof, wo sie jederzeit jemand sehen konnte, nicht hatte nehmen können. Und da Gregor es auch nicht versucht hatte, hatte er sicherlich ähnliche Gedanken und Toni wappnete sich schon einmal gegen die furchtbare Enttäuschung, wenn er ihm jetzt gleich sagte, dass er das doch alles komisch fand und sie deswegen damit aufhören mussten.

Gregor schwieg immer noch, Toni sah, wie er die Hände ineinander krampfte und er war inzwischen so angespannt, dass er ihn gerne aufgefordert hätte, doch endlich zu sagen, was los war. Aber stattdessen blieb er ruhig und starrte Gregor an, der einmal tief Luft und holte und, ohne ihn anzusehen, sagte: "W...weißt du, ich... ich muss ständig an dich denken. Irgendwie auch, wenn du da bist. Ich kann einfach nicht aufhören." Er wurde rot. "Und... und deswegen wollte ich fragen, ob das hier auch alles okay für dich ist. Ich meine, wir haben uns zwar schon geküsst und so.... aber es kann ja sein, dass du es trotzdem komisch findest."

Er sagte zwar nicht, dass er das alles, was da zwischen ihen war, auch komisch fand, aber wenn es nicht so wäre, dann hätte er die Frage sicher nicht gestellt. Trotzdem fiel die Anspannung von Toni ab wie ein tonnenschwerer Stein und er war sich in diesem Moment ganz sicher, dass er noch in seinem Leben erleichterter war als jetzt. "Nein, nein ich finde es nicht komisch", beeilte er sich zu versichern. Dann schluckte er einmal, weil er plötzlich einen Kloß im Hals hatte und er spürte, wie auch sein Gesicht heiß wurde, als er sagte: "Und mir geht's auch so, denn... denn ich kann auch nur noch an dich denken."

Nach diesem Geständnis dauerte es einen Moment, bis er Gregor wieder ansehen konnte, aber als er es tat, strahlte der ihn an, machte einen großen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn. Und wie immer, wenn er ihm so nah war, stand für Toni die Zeit einen Moment still. Danach küsste sie sich, kurz und immer noch ein wenig unbeholfen, aber trotzdem hatte Toni danach weiche Knie und ihm war etwas schwindelig. Gregor grinste ihn schief an und hielt ihm die Hand hin. "Komm, wir gehen schwimmen." Mit einem Lächeln griff Toni nach seiner Hand und sie gingen weiter.  

Was vorher an dem Tag, an dem sie sich in der Kirche geküsst hatten, passiert war, war für Toni vom dichten Nebel der Vergangenheit völlig verschluckt worden, aber die Erinnerung kam ziemlich schnell zurück, nachdem Gregor sein Handtuch auf der Wiese ausgebreitet hatte und sich dann das T-Shirt über den Kopf zog.

Sofort war das Kribbeln wieder da- nur diesmal tausendfach verstärkt. Tonis Augen saugten sich an Gregors nacktem Oberkörper fest und alles in ihm schien sich in diesem Moment auf seinen Unterleib zu konzentrieren. Als ihm das bewusst wurde, war es ihm unglaublich unangenehm und endlich schaffte er es, den Blick von Gregor abzuwenden. Er blickte an sich herunter und der Anblick war genau der, den er erwartet hatte und der die ganze Sache noch peinlicher machte: die Beule in seiner Badehose war unübersehbar. Und das durfte Gregor auf keinen Fall mitbekommen; Toni war sich sicher, dass er dann vor Scham sterben musste. Allerdings stand er in seiner Panik für einen Moment wie angewurzelt da und wusste nicht, was er jetzt machen konnte. Jeden Augenblick konnte Gregor ihn ansehen.

Tonis Gedanken schwirrten in seinem Kopf herum und als Gregor sich bewegte, zuckte er erschrocken zusammen. Aber glücklicherweise packte er sein T-Shirt nur sorgsam in seinen Rucksack und diese weitere Sekunde Unentdecktheit nutzte Tonis Kopf dafür, endlich einen klaren Gedanken zu fassen und ihn darauf hinzuweisen, dass kaltes Wasser bei sowas doch helfen konnte und das Wasser im See war ja immer ziemlich kalt.

Also rannte er los zum Wasser und versuchte, sich nicht von der atemraubende Kälte abhalten zu lassen, die seine Beine hochkroch, sobald er nur mit den Füßen drin stand. Er biss die Zähne zusammen und ging weiter, bis er es bis zu den Knien geschafft hatte.

Allerdings hatte Gregor es als Herausforderung gesehen, dass Toni unvermittelt losgelaufen war und er war hinter ihm hergerannt, holte ihn aber erst ein, als Toni schon im Wasser war und sprang ihm mit einem gröhlenden Schrei und ziemlicher Wucht in den Rücken. Toni, der damit natürlich absolut nicht mit gerechnet hatte, verlor den Halt und fiel vornüber ins kalte Wasser, immer noch mit Gregor auf dem Rücken.

Natürlich raubte ihm das kalte Wasser, jetzt, wo er komplett drin lag, erst recht den Atem aber zusammen mit dem Schock sorgte es dafür, dass sich sein Problem von jetzt auf gleich gelöst hatte. Worüber Toni so glücklich war, dass er, als er prustend wieder hochkam, es einfach hinnahm, als Gregor neben ihm triumphierend sagte: "Du warst zwar schneller, aber ich hab trotzdem gewonnen!"

Der Rest des Tages war dann auch weiter mit kleinen Wettkämpfen ausgefüllt. Toni hatte zwar nach wie vor das Bedürfnis, Gregor zu beeindrucken, aber da er ja jetzt wusste, dass weites Springen vom Baumstamm oder langes Tauchen nicht die Ergebnisse brachten, die er gern gehabt hätte, gab er ihm nicht nach, sondern versuchte einfach, besser als Gregor zu sein.

"Deine Lippen sind ganz blau," stellte Gregor irgendwann fest, nachdem sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander im Wasser gelegen hatten.

Toni war wirklich schon ziemlich kalt, die wenige Sonne, die durch die Bäume schien, war schon vor einiger Zeit verschwunden, die Schatten wurden länger und sorgten dafür, dass das Wasser noch kälter wurde. Aber niemals hätte Toni das zugegeben, wo Gregor doch keine Anzeichen zeigte, dass es ihm genau so ging. Aber als Toni sich aufrichtete und ihn ansah, hatte Gregor ebenfalls blaue Lippen. "Deine sind auch blau," erwiderte Toni und Gregor seufzte einmal. "Dann sollten wir besser rausgehen. Wenn ich krank werde, darf ich mir wieder was anhören."

Toni erwartete jetzt eine Schimpftirade, aber Gregor schwieg, packte ihn sanft am Arm und zog ihn mit zum Ufer.

Toni achtete darauf, ihn beim Abtrocknen und Anziehen nicht zu beobachten und als Gregor sein T-Shirt wieder anhatte, war die Gefahr vorbei- solange Toni nicht daran dachte, wie er ohne T-Shirt aussah, Gedanken, die zwar im Hintergrund lauerten, aber von ihm erfolgreich unterdrückt wurden.

Hand in Hand und schweigend gingen sie durch den dunklen Wald und erst, als sie den Berg hochgestiegen waren, sagte Gregor: "Ich hab meine Mutter gefragt, ob du heute bei mir pennen kannst." Er strahlte Toni an. "Und sie hat ja gesagt."

Toni strahlte zurück aber als Gregor dann wissen wollte, ob er auch gefragt hatte, verschwand das breite Lächeln und machte Verlegenheit Platz. Denn Toni hatte ja aus dem Grund nicht gefragt, weil er heute morgen nur ans Essen hatte denken können, was ihm jetzt ziemlich peinlich war.
Und als er dann endlich die Brötchen gegessen und wieder einigermaßen funktioniert hatte, da war auch Gregor schon gekommen und dann hatte er an so etwas erst recht nicht mehr denken können.

Er senkte den Kopf. "Nein, hab ich nicht," murmelte er und er spielte für einen Moment mit dem Gedanken, gar nicht zu fragen, sondern gleich einfach seine Sachen zu nehmen und mit zu Gregor zu gehen. Natürlich, um Nadja zu umkurven. Doch dann fiel ihm ein, dass er ja auch ebensogut Thorsten fragen konnte. Der würde sicher nicht nur nicht nein sagen, sondern auch keine weiteren Fragen stellen. Und wenn er es nachher Nadja erzählen würde, dann wäre das ja nicht mehr Tonis Problem, weil der ja dann schon nicht mehr da war.

Während Toni sich noch seinen Plan zurecht legte, fragte Gregor schüchtern: "Aber du willst doch auch, oder? Du sagst das nicht einfach so?!"

Toni sah ihn erschrocken an. "Klar will ich!" rief er, beschleunigte seinen Schritt und zog Gregor an der Hand hinter sich her.

Thorsten war meistens in dem kleinen Häuschen der Gärtnerei zu finden, in dem die verschiedenen Sachen verkauft wurden. Allerdings war die Tür zu Tonis Enttäuschung jetzt abgeschlossen und draußen war Thorsten nirgendwo zu sehen. Vermutlich war er bereits zuhause.

Toni sah seine Felle schon davon schwimmen und Nadja zu fragen als einzige Möglichkeit, aber dann entschied er sich, dass es vielleicht doch besser wäre, erst noch im Gewächshaus nachzuschauen. Es mussten ja alle Eventualitäten ausgeschöpft sein, bevor er dann doch zu Nadja gehen musste.

Das Gewächshaus war noch offen und Tonis Herz machte einen hoffnungsvollen Hüpfer, als er durch die Scheiben ein kleines Licht sah. Und tatsächlich kniete Thorsten mit einer Schaufel in der Hand neben einem Beet.

Gregor und Toni wünschten höflich Guten Abend, Thorsten drehte sich halb zu ihnen um, nickte ihnen einmal kurz zu mit einem "N'Abend" zu und wollte sich dann wieder seiner Arbeit zuwenden, aber Toni fragte hastig: "Wäre es in Ordnung, wenn ich heute bei Gregor schlafe?"

Thorsten hob beide Augenbrauen und für einen Moment erwartete Toni, dass er so etwas sagte, wie dass das nicht entscheiden konnte und er Nadja fragen sollte, aber dann zuckte er nur mit den Schultern. "Na klar, meinetwegen", sagte er bevor er ihnen wieder den Rücken zuwandte.

Toni unterdrückte den Impuls, Gregor anzusehen, sondern machte sich so schnell wie möglich auf den Rückweg, denn zu dem, was Thorsten gesagt hatte, passte ja noch sehr gut der Zusatz ,Aber frag vorher noch Nadja.' Der Zusatz kam aber nicht mehr und als sie wieder draußen standen, schnaufte Toni einmal erleichtert durch.

Jetzt musste er nur noch seine Schlafsachen unauffällig an Nadja vorbeischmuggeln und dann war es geschafft. Natürlich war es am besten, er erledigte das jetzt sofort.

Sie gingen zum Haus und ganz, wie Toni es erwartet hatte, brannte hinter dem Küchenfenster Licht.
"Du wartest besser hier," schlug er vor, als sie an der Haustür standen. "Sonst will sie sich wieder mit dir unterhalten."

"Ja, da hab ich jetzt auch echt keine Lust drauf," bekräftigte Gregor.

Toni hatte die Klinke schon in der Hand. "Ich hol dann eben meine Sachen", sagte er und trat ins Haus.

Kamilla, die am Küchentisch saß und Nadja, die am Herd stand, drehten synchron ihre Köpfe, als Toni eintrat. Aber darauf hatte er sich ja eingestellt. "Hallo", sagte er, Kamilla nickte ihm einmal wortlos zu. Nadja wedelte mit dem Kochlöffel. "Abendessen ist gleich fertig. Und ich hab dein Lieblingsessen gemacht: ganz viel."

"Super," sagte Toni betont enthusiastisch. Er merkte zwar jetzt, wie hungrig er war und wie gut das Essen roch, aber ausnahmsweise war das einmal zweitranging, sodass er es schaffte, weiterzugehen und die Treppe hochzusteigen.

Er ging in sein Zimmer, zog seine Badehose aus und seine Jeans an, packte das nasse Handtuch aus dem Rucksack aus und seine Schlafsachen hinein und überlegte angestrengt, was er Nadja sage sollte, wenn sie wegen des Rucksacks fragte. Und sie würde definitiv fragen.

Ihm fiel allerdings auf die Schnelle nichts ein und er wollte Gregor jetzt auch nicht lange draußen warten lassen. Deswegen wandte er die Taktik an, die hin und wieder ganz gut funktionierte: Die Situation auf sich zukommen lassen und dann hoffen, dass sich sein Gehirn eine plausible Ausrede einfallen ließ, wenn es unter Druck stand.

Allerdings war Nadja so beschäftigt mit ihren Töpfen, dass sie Toni gar nicht ansah, sondern lediglich rief: "Essen ist in einer halben Stunde fertig!"

Nur Kamilla sah ihn stumm mit großen Augen an und blickte auch auf den Rucksack, aber sie hatte Toni damals schon nicht verpetzt und vielleicht würde sie es ja diesmal auch nicht machen. Und selbst wenn, Toni wäre dann ja schon weg.

Natürlich fand Toni es am tollsten bei Gregor zu übernachten wegen Gregor. Dass er heute in einem echten Turm schlafen würde in einem Gebäude, das seit Jahrhunderten von den Menschen bewohnt war, von denen Gregors Geschichten handelten war allerdings auch nicht zu verachten.

So war er erfüllt mit einer beinah feierlichen Stimmung, als sie die Treppen hochstiegen und Gregor die große Haustür öffnete. Im Flur trafen sie auf Gregors Vater, der Toni einmal lächelnd die Hand schüttelte.

"Da ist ja unser Übernachtungsgast. Bringt deine Sachen am besten gleich auf Gregors Zimmer und kommt danach direkt zum Essen." Und an Gregor gewandt: "Ich habe die Matratze schon hochgebracht. Das ist euch doch sicher lieber, als wenn Toni im Gästezimmer schläft."

Gregor runzelte die Stirn. "Man Papa!", rief er. "Ich hab schon tausend Mal gesagt, dass ich nicht will, dass einer in mein Zimmer geht, wenn ich nicht da bin!"

"Ach, du hättest die Matratze lieber alleine die Treppen hochgeschleppt?" erkundigte sich Gregors Vater und jetzt explodierte Gregor: "Ja hätte ich! Und Toni hätte mir dann geholfen! Es braucht echt niemand von euch in mein Zimmer zu gehen, wenn ich nicht da bin!"

Gregors Vater seufzte einmal tief und legte ihm die Hand auf die Schulter: "Ach Sohn, als wir deinen Namen ausgesucht haben, haben wir uns für Gregor entschieden, weil dein Vorfahre, an den wir da gedacht haben, für seine Ruhe und Gelassenheit und seine liebevolle Art bekannt gewesen ist. Aber mittlerweile glaube ich, müssen wir dich in Konrad umbennen, der in seinem Zorn das ganze Porzellan zerschlug!"

Unwirsch schüttelte Gregor seine Hand ab. "Ihr könnt mich auch Biene Maja nennen, das ist mir scheissegal!" rief er. "Nur geht nicht in mein Zimmer, wenn ich nicht da bin! Kommst du!" fuhr er Toni in einer Art an, die klar machte, dass das keine Frage gewesen war und stampfte davon.

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Toni dabei gewesen war, wenn Vulkan Gregor vor seinen Eltern, besser gesagt seiner Mutter, ausgebrochen war. Seine eigene Mutter hätte ihm dafür mindestens zwei Tage Hausarrest aufgebrummt, während Gregors Mutter immer ruhig geblieben war. Und auch der Ton, mit dem sie Gregor zurecht gewiesen hatte, war bestimmt aber trotzdem gelassen gewesen. Aber vermutlich war sie, wie Toni inzwischen, einfach zu der Erkenntnis gekommen, dass es Gregor eben nur noch mehr anstachelte, wenn jemand seiner Wut mit weiterer Wut begegnete.  

Und wie sonst auch, war Toni diese Szene immer noch furchtbar unangenehm. Ihm war das Blut ins Gesicht geschossen und er warf Gregors Vater noch einen entschuldigenden Blick zu, bevor er Gregor folgte.

Er erreichte ihn, als er grade damit beschäftigt war, eine der Kerzen anzuzünden, die in einem Halter auf dem Tischchen neben dem Turmaufgang stand. Gregor mühte sich mit einem Feuerzeug ab, aber so oft er es versuchte, es wollte einfach nicht angehen. Schließlich pfefferte er es wütend in eine Ecke, riss die Schublade auf und holte eine Packung Streichhölzer heraus. Weil seine Hände zitterten, Toni vermutete weil er so sauer war, brachen drei ab, bis er endlich eins anreißen konnte.

Toni stand neben ihm und hätte ihm gern geholfen, aber wie so oft hätte Gregor das nur mehr aufgeregt, also ließ er es sein und wartete geduldig, bis er die Kerze angezündet hatte und stieg dann schweigend hinter ihm die Treppe hoch.

Als sie in sein Zimmer kamen und die Matratze unübersehbar auf dem Teppich neben Gregors Bett lag, erwartete Toni eigentlich noch mehr Geschimpfe aber Gegor warf ihr nur einen wütenden Blick zu, blieb aber ansonsten stumm mit der Kerze in der Hand an der Tür stehen und wartete, bis Toni seinen Rucksack abgelegt hatte um sich dann wortlos umzudrehen und vor ihm die Treppe wieder herunterzusteigen.

Außer in Gregors Zimmer und dem, an dessen Wand der Stammbaum gemalt war, war Toni noch in keinem anderen Raum des Hauses gewesen, sondern hatte nur einmal vom Flur aus hineingesehen.

An dem großen Tisch aus poliertem dunklen Holz zu sitzen, der bestimmt schon ewig in Familienbesitz war, auf Stühlen, die sicher auch schon sehr alt waren aber auch leider furchtbar unbequem, war ein unglaubliches Gefühl. Das Zimmer wurde von einem riesigen Kronleuchter erhellt, der von der Decke hing und zwar keine echten Kerzen mehr hatte, aber dafür bestimmt auch wieder richtig alt war und Toni fühlte sich, als würde er die Geschichte praktisch einatmen. Allerdings hätte er sich eher die Zunge abgebissen, als Johann, der ihm gegenüber saß,nach dem Alter und der Geschichte der Sachen zu fragen, denn er wusste ja, dass das Gregor gar nicht gefallen hätte.

Es gab Gulasch mit Nudeln, irgendwie unpassend für diese Umgebung befand Toni. Was aber nicht hieß, dass es nicht schmeckte. Im Gegenteil. Er hätte sich auch gerne sattgegessen, also dass er wohl drei oder vier Teller geschafft hätte, aber da er hier weder zuhause noch bei Nadja war, beließ er es bei zweien. Auch von dem schlichten Nachtisch, Vanillepudding mit Schokosauce, aß er nur eine Schüssel und lehnte den angebotenen Nachschlag dankend aber ziemlich wehmütig ab.

Während des Essens wurde über die Renovierung gesprochen und Toni erfuhr, dass in dem Gebäude, auf dessen Dachboden sie gestern dem Regen zugehört hatten, ein kleines Burgmuseum eingerichtet werden sollte.

Nach dem Nachtisch schenkten sich Gregors Eltern ein Glas Wein ein und es hatte den Anschein, als wäre es Tradition, jetzt noch länger am Tisch sitzen zu bleiben und sich zu unterhalten, aber Gregor hatte da absolut kein Interesse dran. "Können wir bitte aufstehen?", fragte er höflich, seine Mutter warf Toni einen schnellen Blick und lächelte dann ihren Sohn an: "Aber natürlich. Macht euch einen schönen Abend!"

Wie der Blitz war Gregor von seinem Stuhl aufgestanden und aus dem Zimmer gestürmt.
Toni bedankte sich noch für das Essen, wünschte allen eine Gute Nacht und ging hinter Gregor her, der bereits mit der brennenden Kerze in der Hand neben dem Turmaufgang auf ihn wartete.

Er sah Toni lächelnd entgegen, seine schlechte Laune schien also verschwunden zu sein. Toni war erleichtert, denn es wäre wirklich schade gewesen, den Rest des Abends mit Vulkan Gregor verbringen zu müssen.

Sie spielten auf der Konsole, bis es um neun Uhr, wie üblich, an der Tür klopfte. "Toni muss jetzt zwar nicht gehen, aber macht nicht mehr so lange!", rief Gregors Mutter.

"Machen wir nicht," rief Gregor zurück, zwinkerte Toni aber gleichzeitig verschwörerisch zu. Dann beugte er sich vor und knipste die Stehlampe aus. "Sie guckt eigentlich immer nur nach, ob sie unter der Tür noch Licht sieht und wenn kein Licht an ist, dann kommt sie auch nicht weiter hoch," erklärte er Toni dann. Er griff nach der Fernbedienung und stellte den Ton leiser. "Wenn sie nichts sieht und nichts hört, dann haben wir unsere Ruhe."

Dazusitzen in der Dunkelheit und sich von den Bildern des Fernsehers berieseln zu lassen, die jetzt noch intensiver wirkten, sorgte dafür, dass Toni absolut kein Zeitgefühl mehr hatte und als er schließlich aus dem Gähnen nicht mehr herauskam und er seine Augen nur noch mit Gewalt offen halten konnte, hatte er keine Ahnung, wie spät es war. Sondern nur, dass er jetzt einfach ins Bett wollte.

"Ich kann nicht mehr," gab er deswegen unumwunden zu, obwohl Gregor noch keine Anzeichen von Müdigkeit zeigte und er nur ungern zurücksteckte.

"Ok, dann lass uns schlafen gehen," erwiderte Gregor, zu Tonis Überraschung absolut nicht genervt, womit er eigentlich gerechnet hatte.

Es war etwas schwierig, im Dunkeln den Rucksack zu finden und sich umzuziehen, aber lieber so, als bei Licht und der Möglichkeit, Gregor dabei zuzusehen. Schließlich war diesmal kein See mit kaltem Wasser in der Nähe und um zum Badezimmer zu kommen musste er erst einen ganz schönen Weg zurücklegen. Also war es schon so gut, wie es war.

Aber als Toni dann in die dünne Wolldecke eingewickelt auf der Matratze lag, da war er auf einmal wieder hellwach. Eine Weile lauschte er auf Gregors Atemzüge und versuchte so herauszufinden, ob der schon schlief, aber nach einer Weile wurde ihm klar, dass das nicht funktionierte.

"Schläfst du schon?" fragte er deswegen schließlich leise in die Dunkelheit und Gregors Antwort folgte im Bruchteil einer Sekunde: "Nein."

"Dieser Vorfahre, von dem du deinen Namen hast, kennst du den eigentlich auch?" erkundigte Toni sich und Gregor lachte einmal. "Ja klar kenn ich den. Aber der war der totale Langweiler und es gibt nichts Interessantes über ihn zu erzählen. Wenn du jetzt aber eine Geschichte hören willst, dann hätte ich da eine für dich."

"Leg los," erwiderte Toni gespannt. Er hoffte halb auf die Geschichte von Konrad, der das Porzellan zerschlug, halb aber kannte er Gregor schon gut genug, um zu wissen, was für eine Art Geschichte jetzt kommen würde, aber er hoffte, dass Gregor ihn ebenso gut kannte und wusste, dass er so eine besser nicht erzählte.

"Vor vielen vielen Jahrhunderten," fing Gregor an und an dem neckenden Unterton in seiner Stimme wusste Toni schon, was er jetzt zu erwarten hatte. Für einen Moment überlegte er, Gregor zu bitten, etwas anderes zu erzählen, aber gleichzeitig war seine morbide Neugierde wieder erweckt und er wollte jetzt diese Geschichte hören, auch, wenn sie ihn danach sicher vom Schlafen abhalten würde. Also kuschelte er sich in seine Decke und hörte gespannt zu.

"...lebte auf dieser Burg ein starker und kluger Burgherr,." Gregor war inzwischen in seine Erzählstimme gefallen. "Das Land blühte und gedeihte unter seiner Hand und er war ein getreuer Lehnsherr des Königs, der ihn sehr schätzte. Er hatte zwei Söhne. Der Ältere war stark, klug und weise, genau wie sein Vater. Das Volk jubelte ihm zu und sie wussten, selbst, wenn der alte Burgherr einmal starb, unter seinem Sohn würde es ihnen genau so gut gehen, wie jetzt.

Der Jüngere aber war dumm und verschlagen und neidete seinem Bruder seinen Erfolg und dass er von jedermann geliebt und geschätzt wurde, während er immer im Schatten stand und auch sein eigener Vater von ihm enttäuscht war. Geblendet von Hass und Neid sah er als einzigen Ausweg nur, seinen Bruder zu töten und in der Rangfolge aufzusteigen, dann Burgherr zu werden und allen zu zeigen, dass er es besser machen würde, als sein Vater und sein Bruder.

Da er aber feige war und viel zu viel Angst hatte, seinen Bruder direkt zu töten, ging er zur Hütte einer Kräuterfrau unten am Fluß. Er gab sich ihr nicht zu erkennen und bat sie um ein Gift, das tötet, wenn man es einatmet. Die Kräuterfrau bat ihn, am nächsten Abend, kurz nachdem die Sonne untergegangen war, wieder zu ihr zu kommen, dann würde sie ihm geben, was er begehrte.

Als er am nächsten Abend kam, kaum, dass die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, überreichte sie ihm eine nachtschwarze Kerze und erzählte ihm, dass derjenige, den er töten wollte, den Rauch der brennenden Kerze einatmen musste und so, wie die Flamme der Kerze erlöschen würde, sobald alles Wachs verbraucht war, so würde auch das Lebenslicht erlöschen.

Der Bruder nahm die Kerze an sich und schlich zurück zur Burg, erpicht darauf, seinen Plan noch in dieser Nacht in die Tat umzusetzen. Er hatte schon vor einer ganzen Weile die Geheimgänge gefunden, die diese Burg von Norden nach Süden, von Osten nach Westen durchziehen und von denen einer hinter der Wand des Zimmers seines Bruders endete. Er begann dort nachts, wenn alles schlief, mit einem Messer den Zement von einem Stein wegzukratzen.

Es war eine schwierige langwierige Arbeit und er war am Ende der Nacht so müde, dass er fast den ganzen Tag verschlief und in den Augen seines Vaters, seines Bruders und des Volkes ein noch schlimmerer Taugenichts wurde. Doch er war inzwischen völlig besessen davon, seinen Bruder zu töten, dass es ihn nicht störte, was andere über ihn redeten.

Schließlich, nach einer Woche und einem Tag, hatte er den Stein freigekratzt, nahm ihn heraus, stellte die Kerze in die Öffnung, zündete sie an und saß dann die ganze Nacht dort, während sie brannte und der giftige Rauch sich im Zimmer seines Bruders verteilte. Er rieb sich die Hände, als er sah, wie die Kerze immer kleiner wurde. Nicht mehr lange, nicht mehr lange murmelte er immer wieder vor sich hin.

Doch als dann die Kerze fast ganz ganz heruntergebrannt war, lag nicht nur der ältere Bruder im Sterben, sondern auch der jüngere hatte so viel von dem Rauch eingeatmet, dass er sich in Krämpfen wand und sich nicht bewegen konnte. Niemand wusste wo er war und interessierte sich dafür, sodass er drei Tage Höllenqualen litt und schließlich verstarb. So hatte der Burgherr auf einen Schlag seine beiden Söhne verloren und das Land sein Versprechen auf eine weitere goldene Zukunft.

Die, die nach dem Burgherrn regierten, wirtschafteten das Land herunter, die Felder lagen brach, das Vieh ging elendig zugrunde, das Wasser in den Flüssen verdarb und die Menschen starben. Weil er für all dies verantwortlich war, fand der jüngere Bruder nicht seinen Frieden im Totenreich, sondern ist dazu verdammt, auf alle Ewigkeiten in den geheimen Gängen dieser Burg herumzuwandern und wenn man ganz nachts ganz genau hinhört, dann hört man seine Schritte hinter der Wand und ein Kratzen, wenn er versucht, ein neues Opfer zu finden, an dem er den Hass und die Rache ausleben kann, von denen er auf Ewigkeiten erfüllt ist."

Gregor verstummte und seine Worte hingen für einen Moment bedeutungsschwer in der Luft. "Na ja," sagte er dann leichthin. "Jetzt bin ich wirklich müde. Gute Nacht." Er drehte sich auf die Seite während Toni auf dem Rücken lag, die Finger in die Decke gegraben hatte und versuchte, die Bilder und das beklemmende Gefühl abzuwehren, die in ihm hochstiegen.

Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und redete sich selbst gut zu, dass das alles nur eine Geschichte war und dass es gar keine Geister gab. Er hatte ja vor Gregor immer wieder versichert, dass ihm so etwas keine Angst machte und jetzt sollte er das auch endlich mal vor sich selbst beweisen!

Er schloss die Augen und versuchte an gar nichts zu denken. Was aber nicht so einfach war, vorallem, als er sich sicher war, leise Schritte hinter der Wand zu hören. Er riss die Augen wieder auf und lauschte in die Dunkelheit. Nein, da waren keine Schritte, ganz sicher nicht. Es gab schließlich keine Geister versuchte er sich zu beruhigen. Doch kaum hatte er die Augen wieder geschlossen da hörte er es ganz deutlich: ein leises Kratzen.

Auf einmal saß er kerzengerade im Bett, sein Herz raste und sein Atem ging schnell. Er konnte nichts dagegen machen. Schließlich waren die Schritte und das Kratzen wirklich da, ganz deutlich. Und tanzten da nicht Rauchschwaden vor seinen Augen?

Wieder versuchte Toni sich zu beruhigen und sich davon zu überzeugen, dass er das alles nur hörte, weil er es sich einbildete, aber als dann noch ein lautes Poltern ertönte, hielt er es nicht mehr aus. Er kroch zu Gregors Bett und rüttelte ihn sanft aber bestimmt. "Aufwachen!" sagte er und die Tatsache, dass Gregor einfach so eingeschlafen war, während Toni hier Höllenqualen litt machte ihn ziemlich wütend.

Aber Gregor hatte gar nicht geschlafen, denn nachdem Toni ihn kurz geschüttelt hatte, drehte er sich zu ihm um und sagte mit klarer Stimmte: "Ich wusste doch, dass du Schiss kriegen würdest." Er lachte einmal leise.

"Du bist echt ganz schön scheisse!" erwiderte Toni, der jetzt wirklich ziemlich aufgebracht war. Er ließ Gregor los, setzte sich auf die Matratze und vergrub den Kopf in den Händen.  Er erwartete, dass Gregor sich jetzt aufregen würde und wappnete sich dafür. Denn diesmal würde er sich nicht zurückhalten und warten, bis Gregor sich wieder beruhigt hatte. Er war viel zu wütend, um ruhig zu bleiben.

Aber das Gegenteil passierte, denn mit einem Schlag war Gregors Schadenfreude verschwunden. Er kroch aus dem Bett, setzte sich neben Toni und legte den Arm um ihn. "Es tut mir Leid! Ich mein, ich weiß doch, dass du Schiss hast, auch wenn du es nicht zugeben willst. Das hätt ich echt nicht machen sollen."

Toni war für eine Moment so überrascht darüber, dass er kurz davor war, ihm einfach zu verzeihen. Aber dann wollte er es Gregor doch nicht so einfach machen. "Hm," erwiderte er deswegen nur und versuchte, sich unerbittlich zu geben, obwohl diese Fassade angesichts Gregors ehrlicher Reue schon stark zu bröckeln bekann. Und sein Arm um seine Schultern fühlte sich unglaublich gut an.

"Bitte," sagte Gregor noch einmal eindringlich und mit ernster Stimme und jetzt hatte er gewonnen.

"Ja, schon gut," erwiderte Toni und lehnte sich gegen ihn. Eine ganze Weile saßen sie so im Dunkeln und schließlich meinte Gregor: "Willst du heute nacht bei mir pennen? Ich werd auf dich aufpassen. Genau so, wie ich es beim Gewitter gemacht hab."

"Okay," sagte Toni, Gregor griff nach seiner Hand und zog ihn hoch.

Zu zweit war es in Gregors schmalem Bett ziemlich eng, was beiden aber mehr als recht war. Gregor legte den Arm um Toni und zog ihn dicht an sich und Toni, der inzwischen einfach nur noch müde war,  schaffte es so endlich, sich soweit zu entspannen, dass er einschlafen konnte.

Als Toni die Augen aufschlug war das erste, das er sah, Gregors Gesicht. Er lag so dicht neben ihm, dass ihre Nasenspitzen sich fast berührten. "Guten Morgen," sagte er und lächelte etwas verlegen. "Hast du gut geschlafen? Und keinen Alptraum gehabt?"

Es war nicht zu übersehen, dass Gregor wegen letzter Nacht noch ein ziemlich schlechtes Gewissen hatte. Was Toni ein wenig überraschte. Genau wie gestern hatte er eher erwartet, dass er sich erst furchtbar aufregte und danach dann noch ein wenig stichelte, bis die ganze Angelegenheit irgendwann ausgereizt war. Aber stattdessen sah er Toni besorgt an.

Der Gedanke, einfach mal den Spieß umzudrehen und jetzt zu sticheln huschte für den Bruchteil einer Sekunde durch Tonis Gehirn, verschwand dann aber sofort wieder. Stattdessen erwiderte er sein Lächeln.

"Ich hab sehr gut geschlafen." Es war zwar etwas eng gewesen, aber das Gefühl, Gregor die ganze Zeit so nah bei sich zu haben war einfach wunderbar gewesen. Und es war auch jetzt noch wunderbar, als sie einfach nur da lagen und sich ansahen. In Toni kribbelte wieder alles und er konnte gar nicht aufhören zu lächeln, genau wie Gregor.

Nach einer Weile hob Gregor den Kopf, Tonis Herz machte einen heftigen Satz und er kam ihm hastig entgegen. Gregor zu küssen fühlte sich immer noch unglaublich an, als wäre Toni irgendwie schwerelos und der Rest der Welt würde für diesen Moment einfach nicht mehr existieren. So war es vorher auch schon immer gewesen, aber als Gregor jetzt vorsichtig eine Hand auf Tonis Schulter legte und sich an ihn schmiegte, war es dann auf einmal doch völlig anders. Gregor so nah bei ihm, zu fühlen, wie warm er war und wie gut er roch, das war noch einmal eine ganz andere Dimension.

Und als er jetzt anfing, Tonis Schulter zu streicheln, durchfuhr diesen ein heißer Stich. Er presste Gregor noch mehr an sich und ihr Kuss wurde heftiger. Gregor packte Toni fester und auch in dem stieg jetzt das Bedürfnis hoch, ihn anzufassen. Er berührte Gregors Schulter aber er gab sich nicht damit zufrieden, sie festzuhalten. Stattdessen drückte er sie nur einmal kurz, bevor seine Hand weiterwanderte, in der Hoffnung, dass es in Ordnung war.

Sein Herz klopfte heftig, als er über Gregors Hals strich, über sein Schlüsselbein und dann erschrocken inne hielt, als Gregor plötzlich den Kuss unterbrach. Halb erstarrt vor Angst weil er sich sicher war, dass er damit zu weit gegangen war, wartete Toni darauf, dass Gregor seine Hand zur Seite stoßen und dann ausrasten würde, aber er sagte nichts, sondern ließ sich mit geschlossenen Augen zurück aufs Bett sinken und presste die Stirn gegen Tonis Arm.

Toni wartete noch eine Sekunde, dann streichelte er weiter von Gregors Schlüsselbein über seine Brust und das Gefühl, das in ihm hochstieg war wieder eins, das er noch nie vorher gefühlt hatte. Er schluckte einmal hart, weil er plötzlich einen Kloß im Hals hatte. Seine Finger, die Gregors Körper durch das dünne T-Shirt berührten fühlten sich ganz anders als sonst an, so wie eigentlich grad alles an ihm.

Aber als er schließlich bei Gregors Bauchnabel angekommen war, wurden seine Bewegungen sparsamer. Sein Gehirn hatte seine Arbeit noch nicht ganz eingestellt und wies ihn darauf hin, was es bedeutete, jetzt tiefer zu gehen. Aber dann seufzte Gregor einmal tief an seinem Arm, sein heißer Atem streifte Tonis nackte Haut und diese beiden Dinge sorgten dafür, dass Tonis Gehirn jetzt vollkommen losließ und er weiter streichelte, da, wo Gregors Shirt ein wenig über dem Hosenbund hochgerutscht war. Gregor seufzte wieder und seine Hand schloss sich um Tonis Arm, erst locker, aber als Toni seine Hand weiterwandern ließ, wurde sein Griff fester.

Toni hatte vorher schon gesehen, dass es Gregor jetzt grade genau so ging, wie ihm damals am See und jetzt konnte er es auch fühlen. Das Blut rauschte in seinen Ohren und für den Bruchteil einer Sekunde dachte er darüber nach, jetzt aufzuhören, aber wirklich nur für den Bruchteil einer Sekunde. Und dann tat er das, was er in so einer Situation bei sich selbst tun würde. Gregor umklammerte seinen Arm inzwischen wie ein Schraubstock, seine Seufzer wurden mehr und lauter, je schneller Toni ihn durch seine Hose streichelte.

Toni hob den Kopf und blickte zu seinem Gesicht hinüber, das er nur im Profil sah. Aber die geschlossenen Augen und die roten Wangen lösten etwas in ihm aus, ein warmer Schauer durchlief ihn von Kopf bis Fuß und in diesem Moment spannte sich Gregors Körper an und der Griff um Tonis Arm wurde von sehr fest zu sehr schmerzhaft. Dann gab Gregor einen erstickten Laut von sich und mit einem Schlag war die Spannung aus seinem Körper verschwunden. Der Griff um Tonis Arm lockerte sich und auch Toni fühlte sich auf einmal, als hätte man ihm sämtliche Energie ausgesaugt. Schwer ließ er sich neben Gregor aufs Bett fallen und schloss die Augen, um ihn nicht anzusehen.

Jetzt, wo der Rausch, in dem er sich die letzten Minuten befunden hatte, abgeklungen war, war ihm alles plötzlich verdammt unangenehm. Sein Gehirn schaltete sich wieder ein und spielte ihm diverse Szenarien vor, wie Gregor jetzt gleich reagieren würde und keins davon gefiel Toni besonders.

Alle seine Sinne waren auf Gregor ausgerichtet und als dessen Fingerspitzen seine Hand berührten, merkte er es sofort und stellte sich auf irgendein Donnerwetter ein. Aber stattdessen verflocht Gregor seine Finger mit Tonis und jetzt traute Toni sich auch, die Augen wieder aufzumachen.

Wieder war Gregors Gesicht ganz nah bei ihm, seine Wangen waren immer noch rot und er lächelte Toni auf eine Art an, wie er es vorher noch nie gemacht hatte. "Das war ganz schön krass," sagte er leise mit heiserer Stimme.

"Ja, das war krass," bestätigte Toni und auch er hatte seine Stimme nicht ganz unter Kontrolle.

In diesem Moment klopfte es an der Tür und sie zuckten erschrocken zusammen.

"Toni, deine Tante hat angerufen," ertönte die Stimme von Gregors Mutter durch die Tür. "Du sollst sofort zu ihr rüberkommen, deine Mutter ist da!"

Toni wurde es von einer Sekunde auf die andere plötzlich eiskalt. Er hatte jegliches Gefühl für Zeit verloren und gar nicht mitbekommen, wie die zwei Wochen hier auf dieser Burg, wo er am Anfang gar nicht hingewollt hatte, an ihm vorbeigerast war. Und jetzt waren sie zuende, seine Mutter würde ihn wieder mit zurück nehmen, was neben vielen anderen Sachen, die er liebgewonnen hatte, vor allen Dingen hieß, dass es keinen Gregor mehr geben würde.

Die losgelöste Stimmung, in der er sich grade noch befunden hatte, war mit einem Schlag verschwunden. Stattdessen fühlte er sich jetzt, als hätte er einen heftigen Schlag in den Magen bekommen und er spürte, wie die Tränen in ihm aufstiegen. Aber er wollte auf keinen Fall vor Gregor heulen.

"Ich muss dann wohl aufstehen," sagte er, ohne Gregor anzusehen, kroch aus dem Bett und ging zu seinem Rucksack, um sich umzuziehen. Was auch dringend notwendig war, wie er bemerkte, als er aufgestanden war.

"Ich komm mit," sagte Gegor hinter ihm leise und Toni, der mit dem Rücken zu ihm stand, hörte, wie er die Schranktür öffnete.

Sie zogen sich hastig um, ohne sich anzusehen und trafen sich erst an der Tür wieder.

Sie blickten sich für einen Moment wehmütig an und jeder spürte vom anderen, dass er grade das Gleiche dachte. Gregor bewegte nur leicht die Arme und da hatte sich Toni schon an ihn gedrückt. Sie hielten sich für einen Moment stumm fest, bis irgendwo im Haus ein Poltern ertönte und sie daran erinnerte, dass sie hier nicht mehr ewig stehen konnten. Toni ließ Gregor bedauernd los und öffnete die Tür. Ohne ein Wort zu sagen stiegen sie die Turmtreppe hinunter.

Nadja, Thorsten, Peter und Tonis Mutter saßen auf der Terrasse am Tisch. Toni konnte sie durch die Glastür lachen sehen und die Wut stieg in ihm hoch. Er fühlte sich unglaublich elend, weil sie kamen und ihn hier wegrissen und sie lachten einfach.

Er kniff die Lippen zusammen und beschloss, dass vorallem Peter nicht merken sollte, wie furchtbar er sich fühlte. In diesem Moment drehte seine Mutter den Kopf, sah ihn und strahlte. Natürlich wandten dann auch gleich alle anderen den Kopf und blickten ihnen entgegen. Damit war Tonis letzte Chance, einfach abzuhauen und sich im Wald zu verstecken, bis sie wieder verschwunden waren, vernichtet. Er öffnete die Glastür und trat auf die Terrasse.

Seine Mutter sprang auf, lief ihm entgegen und umarmte ihn. "Mein Gott, ich weiß, du hörst es nicht gerne, aber man, bis du in den zwei Wochen groß geworden." Sie lachte und wuschelte ihm durch die Haare. "Und braun auch. Sieht ja ganz so aus als wäre der Urlaub doch nicht so schlimm gewesen, wie du gedacht hast."

"Hier auf dieser Burg kann man ja auch total viele tolle Spiele spielen," bemerkte Peter und Toni knirschte innerlich mit den Zähnen.

Seine Mutter hatte inzwischen Gregor entdeckt, der hinter Toni stand. Strahlend hielt sie ihm die Hand hin. "Du musst Gregor sein," rief sie. "Nadja hat uns erzählt, dass hier in den beiden Wochen unzertrennlich gewesen seid."

Gregor ergriff ihre Hand und Toni sah ihm deutlich an, wie wenig ihm diese Situation gefiel. "Hallo," erwiderte er steif und Toni wurde schlagartig bewusst, dass er das hier alles nur für ihn in Kauf nahm. Wieder wurde er wütend, nicht nur, dass er jetzt hier weg sollte, sondern auch, dass Gregor sich deswegen absolut nicht wohl fühlte.

"Ich würd mich ja gerne noch ein bisschen mit dir unterhalten um mir sagen zu lassen, was Toni in den Wochen für Quatsch gemacht hat," sagte seine Mutter zu Gregor und stieß Toni einmal neckend in die Seite, "Aber wir müssen jetzt leider sofort los! Also pack deine Sachen, wir sind noch bei den Hofmanns eingeladen. Du weißt, die mit den Zwillingen, mit denen du dich immer gut verstanden hast und da müssen wir jetzt noch eine Stunde hinfahren. Also los, los!" Sie packte Toni bei den Schultern und drängte ihn zurück ins Haus. "Gut, dass du nicht so viel mitgenommen hast," lachte sie dabei.

Gregor folgte Toni hoch ins Gästezimmer und sah stumm zu, wie er seine wenigen Sachen in seinen Rucksack packte. Dann schlenkerte er einmal verlegen mit den Armen. "Schade, dass du gehen musst," murmelte er.

"Ja," erwiderte Toni nur. Er hätte eigentlich gerne noch mehr gesagt. Etwa, dass er nicht weg von Gregor wollte und wie sehr er ihn vermissen würde, aber er konnte es nicht. Erst einmal, weil er nicht wusste, wie er es ausdrücken sollte und dann spürte er einen harten Kloß im Hals und es war klar, dass er heulen würde, wenn er jetzt etwas sagen würde.

Gregor trat zu Toni hin und legte ihm die Arme um den Hals. Sie küssten sich liebevoll und wehmütig, bis Tonis Mutter von unten ungeduldig seinen Namen rief.

Die Verabschiedung von Thorsten und Nadja war sehr herzlich, Nadja drückte ihn einmal kräftig an sich. "Du kannst in allen Ferien immer gerne herkommen," sagte sie. "Kamilla ist schon seit heute morgen irgendwo unterwegs, aber ich sag dir jetzt einfach mal Tschüss von ihr." Sie streichelte ihm über den Rücken und flüsterte ihm ins Ohr. "Kopf hoch!"

Auch Thorsten umarmte ihn kurz und murmelte "Mach's gut und gute Heimfahrt."

Gregor nickte ihm einmal kurz zu. "Tschüss," sagte er und wandte dann den Blick ab.

Und das war dann ihr letzter Moment zusammen, denn in dieser Sekunde fuhr Peter mit dem Auto vor.

Toni blickte durch die Heckscheibe, bis sie um die Kurve gefahren waren und er Gregor nicht mehr sehen konnte. Dann ließ er sich in den Sitz fallen und jetzt konnte er nicht mehr dagegen ankämpfen, dass ihm heiße Tränen über die Wangen liefen.
 
 

Damit seine Mutter nichts von seinem heftigen Weinkrampf mitbekam, zog Toni es vor, weiterhin aus der Heckscheibe zu schauen, auch, wenn er sich dafür wegen des Anschnallgurts ziemlich verrenken musste.

Sein Blick klammerte sich an der Burg fest, so lange sie noch zu sehen war und als sie verschwunden war an dem hohen Turm, dessen Anblick sie noch eine ganze Weile begleitete. Er spürte das unglaubliche Bedürfnis, einfach aus dem fahrenden Auto zu springen und zurückzulaufen und so lange er noch ein Stück der Burg sah, erschien es ihm so möglich, dass sein Herz heftig anfing zu klopfen und seine Hand sich ohne sein Zutun um den Türgriff klammerte.

Dann fuhren sie auf die Autobahn und es verschwand auch der Turm und Toni wurde klar, dass er natürlich nicht einfach zurückgehen konnte. Diese zwei Wochen, gegen die er sich am Anfang so gesträubt hatte und die jetzt eigentlich nie hätten zuende gehen dürfen, waren vorbei und sie würden nie wieder kommen. Bei diesem Gedanken fühlte er sich, als habe ihm grade jemand das Herz herausgerissen. Was natürlich dafür sorgte, dass er nicht aufhören konnte, zu weinen. Er biss sich auf die Lippe, um das Schluchzen, das sich ihm mit aller Macht aufdrängte, zu unterdrücken. Seine Mutter durfte absolut nicht mitbekommen, wie elend er sich grade fühlte. Sie hätte ihn dann gefragt, was los wäre und eigentlich hätte er sich dann irgendeine Ausrede einfallen lassen müssen, weil sie sich von einem ,Ich will nicht darüber reden' oder einer ähnlichen Formulierung noch nie von weiteren Fragen hatte abhalten lassen.

Im Gegenteil, Toni hatte festgestellt, dass solche Sätze ihre Neugierde eigentlich nur noch mehr anstachelte und sie ihn dann gar nicht mehr in Ruhe ließ.

Und er wollte doch grade nichts anderes, als in Ruhe gelassen zu werden. Er wollte sich an irgendeinen dunklen Ort verkrichen, wo man nichts sehen und hören musste und dann wollte er da einfach nur liegen, in der Hoffnung, dass es ihm irgendwann besser ging.

Aber er war an keinem dunklen Ort, an dem er seine Ruhe hatte. Im Gegenteil, die Sonne schien mit aller Macht vom wolkenlos blauen Himmel direkt in sein Fenster hinein, sodass er die Augen zusammenkneifen musste, das Autoradio plärrte irgendwelche Nachrichten und neben ihnen drückte ein anderer Fahrer entnervt zweimal auf seine Hupe. Und dann drehte sich auch noch Tonis Mutter zu ihm um und er hatte keine Möglichkeit, sich eben noch die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, damit es nicht mehr ganz so offensichtlich war, dass er geweint hatte. Also stellte er sich schon einmal auf nervige Fragen ein, auf die er keine ausweichenden Antworten wusste.

Sie lächelte ihn an: "Es tut mir Leid, dass wir grade so schnell losmussten, aber wir sind auf dem Hinweg eine Stunde im Stau gestanden, deswegen hatten wir jetzt etwas Zeitdruck. Aber du hast doch bestimmt Hunger, wie wäre es, wenn wir zur nächsten Raststätte fahren und da eine Kleinigkeit essen? Mittagessen gibt es dann bei den Hofmanns."

Bei dem Gedanken an Essen zog sich alles in Toni zusammen. Er wollte nichts essen, am liebsten nie wieder. Aber wenn er das jetzt sagte, dann wären die Fragen, die bis jetzt wundersamerweise ausgeblieben waren, wirklich gekommen. Natürlich hätte er auch sagen können, dass er nichts essen wollte, weil er bei Gregor schon was gegessen hatte. Aber ganze Sätze zu bilden oder Gregors Namen zu benutzen, das ging einfach nicht. Deswegen sah er seine Mutter nur stumm an und nickte.

"Alles klar," sagte seine Mutter, bedachte ihn noch einmal mit einem liebevollen Lächeln und drehte sich wieder um.

An jedem anderen Tag wäre Toni ihr Verhalten absolut seltsam vorgekommen. Aber nicht heute. Heute hatte er andere Dinge, mit denen sich seine Gedanken beschäftigten. Wobei eigentlich waren es keine Dinge. Es war nur Gregor. Wie er redete, wie er lachte, wie er heute morgen ausgesehen hatte...

Er vergaß alles um sich herum, sah und hörte nichts mehr, während er seinen Kopf gegen die Autotür gelehnt hatte und blicklos aus dem Fenster starrte. In seinem kleinen Gedankekino wurden die letzten zwei Wochen noch einmal abgespielt und der Ruck, mit dem er da herausgerissen wurde, als seine Mutter die Tür öffnete, war beinah schmerzhaft.

"Da sind wir," rief sie gutgelaunt und hielt ihm die Hand hin. Toni schnallte sich ab und ließ sich von ihr aus dem Auto ziehen. Die anderen Leute auf der Raststätte, das Dröhnen der Motoren, das alles nahm er wie durch eine Blase wahr, während er hinter Peter und seiner Mutter zu dem Laden der Tankstelle trottete. Er schlenderte zwischen den Regalen herum, fand aber nichts, was ihn auch nur annährend interessierte.
Selbst die abgepackten Sandwiches, die er sonst tonnenweise hätte essen können, sorgten nicht dafür, dass er sich hungrig fühlte. Aber er nahm dann schließlich doch eins, weil es am wenigsten verdächtig wirkte.

Aber als sie weiterfuhren, saß er wieder da, starrte aus dem Fenster und hielt das immer noch verpackte Sandwich in der Hand. Und es war auch noch verpackt, als sie schließlich zwei Stunden später bei den Hofmanns ankamen.

Toni hatte keine Lust auf diese Leute. Er hatte keine Lust am Tisch zu sitzen, während sich um ihn herum alle unterhielten und erwartet wurde, dass er etwas aß. Er konnte aber einfach nicht, sondern stocherte nur auf dem Teller herum, um den Anschein zu erwecken, als würde er essen und war erleichtert, als er endlich vom Tisch aufstehen konnte.

Aber dann waren da ja noch Jana und Laura, die Zwillinge, die ihn danach nicht in Ruhe ließen, sondern ihm stolz ihre Pokale zeigten, die sie bei Tennistunieren gewonnen hatten, ihn mit Fotos von diesen Tunieren bedrängten und von beiden Seiten auf ihn einredeten, wobei jede versuchte, den Anschein zu erwecken, dass sie die bessere war.

Irgendwann konnte Toni nicht mehr. Wenn er noch eine Sekunde hierbleiben würde, dann würde er ausrasten, ohne Rücksicht auf Verluste. Deswegen gab er irgendwann vor, aufs Klo zu müssen, ging in den Flur, wo Peters Jacke an der Gaderobe hing und holte den Autoschlüssel aus der Tasche. Er schlich am Wohnzimmer vorbei, wo die Hofmanns und Peter und seine Mutter aber so ins Gespräch vertieft waren, dass er eigentlich gar nicht hätte schleichen müssen, aber es war trotzdem besser, vorsichtig zu sein. Deswegen schloß Toni die Haustür auch ganz leise hinter sich.

Dann lief er zum Auto, das auf der anderen Straßenseite stand und kroch auf die Rückbank. Dort rollte er sich zu einem Ball zusammen, vergrub das Gesicht in den Armen und konnte seinem Schmerz endlich freien Lauf lassen. Er weinte so heftig, dass er zitterte und das Polster unter ihm ganz nass wurde.

Obwohl er sich noch nie vorher in seinem Leben so elend gefühlt hatte, kam er schließlich zu einem Punkt, an dem er nicht mehr weinen konnte. Es kamen einfach keine Tränen mehr. Also lag er nur da und starrte in die Dunkelheit. Dass er schließlich einschlief, bekam er gar nicht mit. Das Geräusch der Autotür weckte ihn wieder. Er fuhr hoch und blickte direkt in Peters wütendes Gesicht.

"Also wirklich..." fing er an und in diesem Moment vergaß Toni für einen kurzen Moment seine Trauer und straffte die Schultern. Egal, was Peter jetzt sagen würde, er würde es nicht schweigend hinnehmen.

Aber da legte sich eine Hand auf seinen Arm und dann erschien das Gesicht seiner Mutter. Und sie lächelte. "Wie praktisch, dass du schon im Auto bist," meinte sie. "Dann können wir ja jetzt gleich losfahren."

"Aber Sonja..." stammelte Peter, aber wieder ließ sie ihn nicht ausreden: "Ja, Urlaub kann eben auch verdammt anstrengend sein. Also komm, es sind noch fast drei Stunden bis nach Hause und Toni gehört ja allem Anschein nach ins Bett."

Es war zwar nicht schön, wieder Zuhause zu sein, aber Toni war trotzdem erleichtert, als er endlich die Tür seines Zimmers hinter sich schließen und ins Bett kriechen konnte. Er war nicht müde, aber hier hatte er endlich das, was er die ganze Zeit hatte haben wollen: Ruhe, Dunkelheit und Einsamkeit. Er griff unter sein Kissen und zog seinen alten Stoffhund hervor.

Niemand durfte jemals von diesem Stofftier erfahren und Toni brauchte ihn auch nicht mehr so, wie er in früher gebraucht hatte, aber in solchen Momenten wie jetzt war es gut, dass er da war. Er spielte gedankenverloren mit den langen Schlappohren während er an die Wand starrte und sich fragte, was Gregor jetzt machte. Bestimmt saß er in seinem Zimmer und spielte auf der Konsole, genau, wie sie es gestern gemacht hatten. Oder vielleicht ging es ihm ja genau so schlecht wie Toni und er lag im Bett auf dem Dachboden. Und vielleicht dachte er ja auch grade an ihn,

Wieder spürte Toni einen Kloß im Hals aber jetzt war es ja kein Probleim, seinen Tränen einfach freien Lauf zu lassen.

Zurück zu sein fühlte sich absolut nicht gut an. Es war irgendwie zu eng geworden und zu gewöhnlich. Alles war da, wo es hingehörte und es gab keine Überraschungen, keine verstecken Ecken hinter irgendeiner Mauer, die Toni ohne Gregor niemals selbst gefunden hätte. Kein Erforschen von irgendwelchen Räumen, die vollgestellt waren mit altem Kram. Wenn er irgendeine Tür öffnete, dann war dahinter genau das, was er erwartete hatte und nicht irgendein anderer Raum oder ein Flur.

Es gab keine riesigen Wälder durch die man streifen konnte, kein Klettern, keinen Schotterweg. Kein Stimmengewirr, das Toni morgens aus dem Schlaf riß und vorallem keinen Gregor. Die ersten Tage waren grau und farblos und langweilig. Toni, der nicht mehr still sitzen konnte, streifte ein wenig durch die Gegend, ohne ein bestimmtes Ziel, aber da er hier groß geworden war, kannte er alles wie seine Westentasche. Aber das war besser, als im Zimmer zu sitzen.

Max und Lydia waren noch eine weitere Woche im Urlaub, aber als Toni mit sich und diesem Schmerz, den er die ganze Zeit mit sich herumtrug, nicht mehr alleine sein konnte, ging er auf den Spielplatz im Park, wo einige Leute von seiner Schule herumhingen. Toni gesellte sich zu ihnen, auch, wenn es nicht besonders spaßig war. Aber es würde sowieso nie wieder spaßig werden, weil Gregor ja nicht hier war.

Jetzt, wo Tonis Kummer zu dem dumpf pochenden Schmerz in seiner Brust zusammengeschrumpft war, konnte er sich auch über das komische Verhalten seiner Mutter wundern. Sie behandelte ihn wie ein rohes Ei, schimpfte nicht mehr, umarmte ihn häufiger und wenn ihr sein Herumgehänge auf die Nerven ging und sie ihm irgendwelche Aktivitäten vorschlug wie Museumsbesuche oder Bootsfahrten tat sie das stets mit liebevoller Stimme ohne ihn zu irgendetwas zu drängen.

Die Lösung des Rätsels fand er dann, als er am Freitag, der genau so langweilig und farblos war, wie die Tage davor, abends nach Hause kam, und auf seinem Kopfkissen ein Buch lag. Das war eigentlich nichts Ungewöhnliches wenn auch nichts, das regelmäßig vorkam. Aber seine Mutter schenkte ihm gerne einmal Bücher und äußerte sich auch hin und wieder wohlwollend darüber, dass er so viel las.

Aber dieses Buch war anders und als er den Titel auf dem bunt bedruckten Einband las wurde ihm plötzlich schwindelig. ,Schwul- und jetzt? Ein kleiner Ratgeber' schrien ihm die riesigen Buchstaben entgegen und er fühlte sich plötzlich, als habe man einen Eimer eiskaltes Wasser über ihm ausgeleert. Er starrte die sechs Buchstaben an und ihm wurde klar, dass das ganz genau das beschrieb, was Gregor und er miteinander gemacht hatten.

Diese Erkenntnis ließ ihm die Knie weich werden und er trat vom Bett zurück, um sich auf den Schreibtischstuhl zu setzen. Das zwischen Gregor und ihm, das hatte er nie im Lichte dieser sechs Buchstaben gesehen. Es war einfach immer nur komisch gewesen, dass er so für Gregor gefühlt hatte, weil er eben kein Mädchen war.

Aber von jetzt auf gleich war alles anders geworden. Toni konnte sich noch deutlich erinnern, wie Max einmal jemanden, den er absolut nicht leiden konnte, als schwule Sau bezeichnet hatte. Und nach diesem Vorfall fielen ihm noch eine ganze Reihe mehr ein. Und er wollte absolut nicht, dass ihm auch so etwas passierte!

Er schluckte einmal hart und erinnerte sich an Nadjas komischen Blick, mit dem sie Gregor und ihn angesehen hatte und dann hatte sie es seiner Mutter erzählt und die war deswegen die ganze Zeit so komisch gewesen. Und jetzt hatte sie ihm auch noch so ein Buch geschenkt.

Toni spürte, wie das Blut ihm heiß ins Gesicht stieg. Mit einem Schlag war der dumpfe Schmerz verschwunden und jetzt war das zwischen Gregor und ihm einfach nur noch etwas unglaublich Unangenehmes, das er sofort vergessen wollte.

Die ersten Tage zuhause hatte er sich gefragt, wieso er und Gregor nicht Telefonnummern oder Adressen ausgetauscht hatten, dann hätten sie vielleicht telefonieren oder sich zumindest Nachrichten schreiben können. Er hatte auch eine ganze Weile überlegt, das nachzuholen und irgendwie über Kamilla oder Thorsten Gegors Daten herauszubekommen. Aber der Gedanke an Nadja und die Tatsache, dass ihm kein vernünftiger Plan eingefallen war, sie sicher zu umgehen, hatten dem bis zum heutigen Tag im Weg gestanden. Aber jetzt war Toni heilfroh, dass es nicht dazu gekommen war.

Vordergründig hatte er also mit Gregor und seinen Erinnerungen an ihn abgeschlossen. Aber da war immer noch eine Stelle in ihm, die ihn daran erinnerte, wie unglaublich und richtig sich das alles angefühlt hatte und die er nicht verdrängen konnte.

Das einzig Richtige wäre jetzt natürlich gewesen, zu seiner Mutter zu gehen, sie wegen des Buches zur Rede zu stellen und dann gleich klar zu machen, dass er definitiv nicht schwul war und Nadja nur Unsinn erzählt hatte. Aber Toni konnte es nicht. Nie im Leben hätte er das Wort über die Lippen gebracht. Oder sich einer solchen Situation ausgesetzt. Stattdessen stand er auf und nahm das Buch mit spitzen Fingern hoch. Für einen Moment stand er vor dem Papierkorb und wollte es hineinwerfen, aber es ging nicht. Wenn seine Mutter das gesehen hätte, dann wäre er doch in diese furchtbare Situation gekommen.

Stattdessen stieg Toni auf den Schreibtischstuhl und schob es ins oberste Fach seines Bücherregals.

ENDE VIERZEHN

SIEBZEHN

Der Schlag war heftig, der Schmerz schoss heiss durch Tonis Oberarm und er konnte den Impuls, laut ,Aua' zu rufen grade noch unterdrücken.

"Alter!" ertönte Max' vorwurfsvolle Stimme. "Hör mir gefälligst zu, wenn ich dir was erzähle!"
Toni sah ihn an und zwang sich zu einem entschuldigenden kleinen Lächeln. "Tut mir Leid. Aber reg dich mal ab! Erzähl's eben nochmal."

Max ließ sich da natürlich nicht zweimal bitten, denn schließlich ging es in seinen Geschichten meistens um ihn und eine seiner Glanzleistungen. Diesmal waren es die komplizierten Sprünge, die er gestern mit seinem BMX-Rad auf der Rampe hinbekommen hatte und bestimmt schmückte er alles ein bisschen weiter aus, um noch besser da zu stehen, aber das bekam Toni nicht mit.

Denn so sehr er sich auch Mühe gab, sich auf Max zu konzentrieren, seine Worte wurden von seinen inneren Vorwürfen aber komplett übertönt. Denn wieder einmal war es Oliver gewesen, der ihn so beschäftigt hatte, dass er die Welt um Toni herum für einen Moment ausgeblendet hatte. Was erneut ein Misserfolg in seiner Mission, so normal wie alle anderen zu werden, bedeutete.

Bis vor vier Wochen hatte er von Olivers Existenz gar nichts gewusst. Bis er dann unvermittelt vor Unterrichtsbeginn bei Toni auftauchte, der alleine auf dem Schulhof stand.

"Sag Max, er soll endlich aus seinem Rattenloch rauskriechen und seinen feigen Arsch heute nach der sechsten Stunde zum Fussballplatz schleifen! Und wenn er das nicht tut, erzähl ich allen, wie er sich letzte Woche peinlich mit seinem lächerlich kleinen Fahrrad auf die Fresse gelegt hat!" zischte Oliver mit zur Faust geballten Händen.

Danach ging er, aber Toni hatte für einen kurzen Moment in seine grünen Augen gesehen, seine tiefe zornige Stimme gehört und er war wie in Trance.

Er hatte folgsam die Nachricht überbracht und so erfahren, dass Max' neue Freundin Lena vorher Olivers Freundin gewesen war, die Max ihm ausgespannt hatte, Die beiden hatten sich einen kurzen aber heftigen Kampf geliefert, der dann von einem Lehrer unterbunden wurde, der zufällig vorbeigekommen war. Lena war von diesem Verhalten absolut nicht begeistert gewesen und wollte danach weder mit Max noch mit Oliver etwas zu tun haben. Aber kein Problem für Max, er hatte drei Tage später schon wieder eine neue gehabt.

Toni beneidete ihn um diese Kunst, denn er beherrschte sie absolut nicht. Die Mädchen, die er kannte, fand er unglaublich fade. Er wusste nicht genau, worüber er sich mit ihnen unterhalten sollte und meistens waren sie ihm einfach zu anstrengend, redeten viel über lauter uninteressantes Zeug, lachten zu aufgesetzt und kleisterten sich mit zuviel Schminke zu. Bei keiner hatte sein Herz bis jetzt schneller geschlagen und er hatte sich gedacht, wie toll sie war und dass er sie unbedingt näher kennenlernen wollte.

Klar, er hatte schon ein paar Mal rumgeknutscht mit solchen Mädchen, aber weil er einfach das Gefühl hatte, er müsste es tun um irgendwie auf den Weg zurückzukommen, den alle um ihn herum eingeschlagen hatte, nur er irgendwie nicht. Und dann tauchte Oliver auf und ohne, dass er es wollte, verlor Toni diesen Weg noch weiter aus den Augen. Was ihm grade wieder mehr als deutlich gemacht worden war.

Max hatte seine Geschichte inzwischen beendet und Toni nickte anerkennend und sagte: "Wow, echt super!" Was die Reaktion war, die Max erwartete hatte, er grinste stolz, badete sich in seinem Glanz und hatte keine Ahnung, dass Toni ihm gar nicht zugehört hatte.

Allerdings hatte Max heute einen der seltenen Tage, an denen er sich nicht nur für sich, sondern auch für andere interessierte. "Wo hast du eigentlich grad die ganze Zeit hingestarrt?" wollte er wissen und drehte den Kopf, bis ihm Oliver ins Blickfeld geriet, der bei seiner Clique stand.

Denn natürlich war es Oliver, den Max sah, da war Toni sich sicher. Er spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Etwas in ihm wartete schon die ganze Zeit darauf, dass Max Verdacht schöpfte, weil Toni noch nie eine Freundin hatte, geschweige denn sich mal mit einem Mädchen getroffen hatte. Außer Lydia, aber die kannte er seit dem Kindergarten und er war unfähig, in ihr mehr zu sehen als einen Kumpel.

Einige sehr unfreundlich endende Szenarien rasten durch seinen Kopf während Max zu Oliver rüber sah und als er den Mund öffnete, stellte sich Toni schon einmal innerlich auf Verteidigung ein.

"Hast du etwa Tatjana angeglotzt?! Die Perle vom groooßen Oliver?" Max quiekte einmal vergnügt. "Pass bloß auf, der liebe Olli hat einen üblen rechten Haken."

"Ich weiß, ich war ja dabei als er ihn dir verpasst hat," neckte Toni, während die Erleichterung seinen ganzen Körper durchströmte. Er hatte eigentlich erwartet, dass Max jetzt sofort einwarf, dass er Oliver auch ein paar ziemlich harte Schläge verpasst hatte und er vergaß, worüber sie vorher gesprochen hatten, aber diesmal hatte er Pech.

Max legte ihm den Arm um die Schultern. "Alter, ich sag dir, diese Tatjana ist zwar n echt heißer Feger, aber von der solltest du besser die Finger lassen. Weißt du, wer total auf dich steht und bei der du es versuchen solltest? Unsere liebe Lydia."

Toni starrte ihn entgeistert an. "Lydia?" wiederholte er ungläubig und Max nickte eifrig. "Jap. Sie hats mir vorgestern erzählt, als sie schon n bisschen was intus hatte. Und hups," er schlug sich einmal gespielt entsetzt die Hand vor den Mund. "Ich hab versprochen, es dir auf keinen Fall zu sagen." Er zuckte mit den Schultern. "Tja, so ein Pech aber auch."

Toni schwieg einen Moment, weil er erst seine Gedanken ordnen musste. Nie hätte er erwartet, dass Lydia auf ihn stand. Sie waren beste Freunde und konnten sich alles erzählen. Ein paar Mal hatte Toni sogar schon mit dem Gedanken gespielt, ihr das zu sagen, aber es hätte sich in ihm dann vermutlich zu festgesetzt, wenn er es erst einmal ausgesprochen hätte. Denn noch bestand ja die Möglichkeit, auf den Weg der Normalen zurückzukehren.

Nachdem Toni, der natürlich jede der raren Informationen über Oliver, die er in die Finger bekam, aufsog, erfahren hatte, dass er Handball spielte, hatte er ebenfalls seine Leidenschaft für diesen Sport entdeckt und besuchte jedes Spiel, das hier in der Halle neben der Schule stattfand. Er redete sich ein, dass es wirklich das Spiel war, das ihn fesselte und nicht Oliver, der in seinem Trikot und der Hose einfach nur gut aussah.

Er hatte Lydia von seiner neuen Leidenschaft erzählt und seitdem war sie immer mit zu den Spielen gekommen und saß neben ihm auf der Tribüne. Toni hatte sich zuerst nichts dabei gedacht, sie waren eben Freunde, die Sachen zusammen unternahmen, aber jetzt erschien ihm das alles natürlich in einem anderen Licht. Es fühlte sich sehr komisch an, so über Lydia zu denken, noch komischer als bei anderen Mädchen.

Max, der Lydia ja genau so lange kannte, wie Toni, war anscheinend den gleichen Gedankengang gegangen, denn er meinte: "Ist vielleicht komisch, weil du sie ja schon kennst, als sie noch in die Windel geschissen hat, aber ich sag dir, die hat ein paar ziemlich geile Möpse bekommen." Er lachte einmal. "Als wir letztens am Kanal schwimmen waren, haben Marcel und ich uns mal die Freiheit genommen, den Mädels n bisschen beim Umziehen zuzugucken."

Er klopfte Toni einmal jovial auf den Rücken. "Also ich würde es machen. Wird sowieso Zeit bei dir. Nicht, dass die anderen noch denken, dass du schwul bist." Er lachte wieder und Toni fühlte sich, als hätte er grade einen Schlag in den Magen bekommen.

Er war ausnahmsweise mal richtig froh, dass Lydia nicht mit Max und ihm zusammen Abi machte, sondern eine Ausbildung zur Industriekauffrau in einer Firma am anderen Ende der Stadt. Nach dem, was Max ihm grade erzählt hatte, hätte Toni keine Ahnung gehabt, wie er sich ihr gegenüber jetzt verhalten sollte.

Normalerweise tauschten sie am Tag mindestens zwei Textnachrichten aus, um den anderen zu fragen, wie sein Tag war und von seinem eigenen zu erzählen. Telefonieren taten sie gar nicht, ein Umstand, der Toni jetzt sehr zugute kam, denn er war jetzt schon überfordert, ihre simple Textnachricht zu beantworten, sie sie ihm in ihrer Mittagspause geschickt hatte.

Er hatte immer noch nicht zurückgeschrieben, als er vor der Haustür stand und als er die Treppe hochgestiegen, an der Wohnungstür angekommen war und das Geschrei hörte, da wusste er, was jetzt gleich kommen würde und er war dankbar für die Ablenkung, die hoffentlich eine Gedanken endlich beruhigen würden, die immer noch durch sein Gehirn jagten.

Er war grade in den Hausflur getreten, als seine Mutter schon um die Ecke bog, das Telefon ans Ohr geklemmt und auf dem Arm die heulende Maja. Sie warf Toni einen bittenden Blick zu, als sie ihm das Kind hinhielt und Toni, der das Prozedere schon kannte, ergriff seine Schwester, die ihn für eine Sekunde stumm und mit großen Augen anstarrte, um dann gleich wieder loszubrüllen und an seiner Jacke zu zerren.

Toni seufzte einmal innerlich. Nach Majas Geburt vor fast einem Jahr hatte seine Mutter sich zwar zwei Jahre Elternzeit genommen, aber Toni hatte den Eindruck, dass sie jetzt noch mehr zu tun hatte, als vorher. Da Peter immer erst abends von der Arbeit wiederkam war die Konsequenz daraus eben, dass Toni inzwischen bestens mit kleinen Kindern umgehen konnte. Er konnte Windeln wechseln, Fläschchen vorbereiten, Strumpfhosen anziehen und Sabber wegwischen wie ein Weltmeister.

Und während er jetzt in Majas Zimmer ging um, je nach Bedarf, eines dieser Dinge zu tun, trat leider nicht das ein, was er gehofft hatte. Er musste weiter an Lydia denken und wie zum Teufel er jetzt auf diese Situation reagieren sollte. Oder besser, er fing mit den kleinen Dinge an, zum Beispiel wie er jetzt auf ihre unverfängliche Nachricht genau so unverfänglich anworten sollte. Denn das konnte ja nicht allzu schwer sein.

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Stratis Profilbild
Strati Am 03.07.2018 um 14:53 Uhr
Tolle Geschichte! Lies sich super Lesen! Bin gespannt wie es weiter geht :P
Aber wie bist du auf das Thema gekommen? :D
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Fenni (Autor)Am 03.07.2018 um 23:48 Uhr
Erst einmal vielen lieben Dank für deinen Kommi und deine Bewertung =). Und leider kann ich dir nicht sagen, wie ich auf das Thema gekommen bin. Es ploppte irgendwann einfach in meinem Kopf auf.

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Kapitel:20
Sätze:1.788
Wörter:39.674
Zeichen:225.558

Kurzbeschreibung

Als der geplante Portugal-Urlaub ins Wasser fällt, muss Toni gegen seinen Willen für zwei Wochen zu seinen Verwandten auf eine langweilige Burg. Die sich dann doch nicht als so langweilig herausstellt, weil er dort Gregor kennen lernt. Schnell wird Toni klar, dass da zwischen ihnen mehr als Freundschaft ist. Eine Tatsache, mit der er sich nicht so leicht abfinden kann. Der er aber nicht mehr entkommen kann, ebenso wenig wie er Gregor entkommen kann. Egal, wieviel Zeit vergeht.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Entwicklung, Freundschaft und Familie gelistet.