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Halo - Apollyon

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15.5.2019 17:30
16 Ab 16 Jahren
In Arbeit

37 Charaktere

Cameron "Cam" Grey

Protagonistin / mürrische Linkshänderin, die vieles (eigentlich fast alles) nicht mag

Ramin Hopkins

Protagonist / verpeilter Nerd, der allergisch auf Licht und frische Luft reagiert

Gabriel Fisher

Protagonist / ein stets quasselnder Quälgeist, der Süßigkeiten über alles liebt

Vicky & Viola Adams

Seraphiel Armstrong

Aurora Austin

Baker, Campbell, Collins, Lee Yoona, Smith & Turner

- Lehrer am Cunningham College

Meg "die Dämonin" Branton

Danielle Brown

Béatrix Chevalier

Harriet Clayton

Timothy Cole

Tom Cook

Jo Cox

Auriel, Michael & Raphael Fisher

Gabriels ältere Geschwister

Valentine Fox

Oma & Richard Grey

Cams Familie

Jasmine & Bella

Diana & Gerry Johnson

Cedric Ajith Kumar

Charlotte Lynch

Lizzy Cecily McCormick

Latischa & Mary McDonald

Peregrine Montgomery

Kimberley "Kim" O

Derek Page

Minh Thao Phan

Sean Rogers

Schwester Maria

Scarlett Sinclair

Hailey Haniel Sullivan

Hanan Şahin

Rex Alvin Wayne

Zoe Winter

Samantha & Kian Hopkins

Ramins Eltern

Nicky

Metatron (Fisher)

1. Monster

Mitte September 2011

Kennt ihr das, wenn ihr von ungefähr einem Dutzend Monster betrachtet werdet? Wie sie euch mit hungrigen Augen von oben bis unten mustern, jedes noch so kleine Detail entdecken wollen, damit sie genau sehen, dass ihr Angst bekommt?

Unwohl fühlte ich mich, ja tatsächlich, aber fürchten tat ich mich sicher nicht. Ich stand schon viel zu oft und viel mehr Monstern gegenüber, als dass diese hier mich abschrecken könnten. Mein finsterer Blick schweifte über die Gesichter dieser Biester und ich verfluchte meinen Vater, dass er mich hierher geschickt hatte. Mit Sechzehn konnte ich ja wohl bereits eigene Entscheidungen treffen, aber natürlich fragte er mich mal wieder nicht nach meiner Meinung.

Ihr Name ist Cameron Grey. Bitte seid nett zu ihr“, lachte die kleine dicke Dame vergnügt und klatschte sich in die pummeligen Hände. Ihre schulterlangen braunen Locken hüpften dabei hoch und runter und ihre runde Brille rutschte ein Stück ihre Nase hinab. Sie hatte sich mir als Mrs Smith vorgestellt. Die Monster, meine Mitschüler, sahen mich alle mit großen Augen an. Es war so nervig dauernd die Neue zu sein. Man wurde von diesen anfangs ach so freundlichen Biestern angesehen, als wäre man ein einzigartiges Tier im Zoo. Aber sobald sie einen besser kannten, zeigten sie ihre wahre Natur, wie gemein sie sein konnten und wie oberflächlich. Auf diese Scheiße hatte ich langsam keine Lust mehr.

Möchtest du noch etwas von dir erzählen?“, mit einem liebevollem Lächeln wandte sich Mrs Smith mir zu. Stumm schüttelte ich den Kopf. Lehrer. Immer wieder das Gleiche. Sie taten lieb und nett, doch eigentlich waren sie Folterer, die Kindern das Leben zerstörten. Ich hasste sie.

Mrs Smith schien mein Schweigen als Schüchternheit zu interpretieren, denn sie legte mir eine Hand auf die Schulter und schob mich zwischen zwei Tische.

Du brauchst keine Scheu zu haben, wir sind alle ganz nett“, kicherte sie und ich musste es mir verkneifen, die Augen zu verdrehen. Meine neue Klasse beäugte mich neugierig, doch hatte ich nur argwöhnische Blicke für sie übrig. Ein Junge in der hintersten Reihe meldete sich.

Ja?“, rief Mrs Smith ihn auf.

Sie kann neben mir sitzen. Sie hat ihre Bücher schließlich noch nicht“, breit grinsend schielte der Junge zu mir. Braunes Haar fiel ihm ins Gesicht und seine goldenen Augen funkelten schelmisch. Der war nervig, das wusste ich jetzt schon.

Das ist eine prima Idee, Gabriel!“, lobte Mrs Smith und klatschte erneut ihre Hände zusammen.

Na los, Cameron, sei nicht schüchtern“, gluckste sie und brachte mich zu meinem neuen Platz. Ich bin alt genug, dass ich alleine gehen kann, grummelte ich in Gedanken. Es gab an dieser Privatschule nur Einzeltische, immerhin hatte ich dadurch meine Ruhe vor nervigen Plappertaschen.

Meinen schwarzen Vans Rucksack warf ich gegen eines der Tischbeine und sobald ich saß, rückte dieser Gabriel mit seinem eigenen Tisch direkt neben meinem. Mrs Smith begann ihren Unterricht. Sie schrieb einige Aufgaben an die Tafel und daneben eine Matheformel, die wir anscheinend für die Lösungen brauchen würden.

Hi“, flüsterte Gabriel und stupste mir leicht gegen den Arm. Ich warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. Hoffentlich bekam ich schnell meine Bücher, damit ich nicht mehr auf ihn angewiesen war. Ich hasste es hilflos zu sein.

Hi“, wiederholte sich Gabriel und dieses Mal sah ich ihn direkt an. Zwar war sein Gesicht ganz hübsch, aber er hatte nun mal eine null – acht – fünfzehn Frisur, goldbraunes Haar und er war zwar nicht klein, aber besonders groß nun auch wieder nicht. Also stinknormal und langweilig.

Was ist?“, zischte ich, konzentrierte mich auf die Aufgaben. Immerhin hatte Gabriel sein Buch aufgeschlagen, so dass ich arbeiten konnte. Dieses Thema hatte ich bereits in meiner alten Schule in Mathe gehabt, deswegen gab es keine Schwierigkeiten bei den Aufgaben.

Der Junge neben mir hielt mir seine Hand hin. Misstrauisch betrachtete ich sie.

Ich bin Gabriel“, stellte er sich leise vor.

Ich weiß“, erwiderte ich trocken, nahm seine Hand nicht an, sondern fokussierte mich wieder auf das Buch vor mir. Gabriel kicherte über mein Verhalten. Meine Güte. Normale Menschen wären jetzt beleidigt oder würden sich wenigstens etwas vor den Kopf gestoßen fühlen. Dieser Junge war komisch.

Aus den Augenwinkeln bekam ich mit, wie sich Gabriel nun endlich einen Stift schnappte und begann seine Aufgaben zu lösen. Jedoch schielte er ab und zu auf mein Blatt hinüber.

Pass auf, dass dir deine Augen nicht herausfallen“, brummte ich und er grinste breit.

Das wird nicht passieren, wenn du dein Blatt ein bisschen mehr zu mir legen würdest“, versprach er mir, zwinkerte und ich schnaubte. Absichtlich rückte ich bis an den Rand meines Tisches und legte zusätzlich einen Arm über mein halbes Blatt. Gabriel zog einen Schmollmund, doch nur für einen kurzen Moment. Ein Grinsen schlich sich erneut auf sein Gesicht.

Es ist ganz schön fies, einer armen Seele wie mir, nicht zu helfen“, flötete er unschuldig. Ich ignorierte ihn. Sollte er doch heulen.

Zum Glück verstand er endlich, dass er mich nervte, doch war mir meine Ruhe immer noch nicht vergönnt. Mrs Smith kam zu mir und hockte sich neben mich.

Kommst du klar?“, flüsterte sie, allerdings war sie so schlecht darin, dass es wirklich jeder der Klasse gehört haben musste. Knapp nickte ich.

Sehr gut“, lobte sie mich und schielte nun ebenfalls auf mein Blatt.

Oh, du bist gut“, stellte sie fest, erhob sich und schritt wieder nach vorne zur Tafel.

Tatsächlich, brummte ich gedanklich. Der Unterricht ging nur schleppend vorwärts. Das Thema war nichts Neues für mich, deshalb langweilte ich mich. Zum Glück ließ Gabriel mich wenigstens in Ruhe.

Sobald die Klingel läutete und das Ende der Stunde ankündigte, war ich nicht die Einzige, die erleichtert aufseufzte. Hastig griff ich nach meinem Rucksack, sortierte meine Sachen darin und wollte aus dem Raum hetzten, bevor jemand auf die Idee kam mich anzusprechen, doch stellte sich mir Gabriel in den Weg.

Komm, ich zeig dir die Schule“, lachte er, schien genau zu wissen, dass ich ihm am liebsten an die Kehle springen würde. Kurzerhand griff er nach meiner Hand und zerrte mich aus Mrs Smiths Raum.

Das war unser Matheraum“, begann Gabriel, zog dabei einen Schokoriegel aus seiner Hosentasche und biss von diesem ab, sobald er das Papier drumherum entfernt hatte.

Ach, tatsächlich?“, unterbrach ich ihn.

Ja, stell dir vor“, gluckste der Junge. Seine goldenen Augen funkelten herausfordernd. Dadurch, dass er nicht gerade der Größte war, musste ich meinen Kopf nicht allzu sehr in den Nacken legen, um in sein Gesicht sehen zu können. Na gut, an dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich mit nicht mal einen Meter sechzig auch nicht besonders hoch gewachsen war.

Gabriel führte mich durch die Gänge und dabei redete er ununterbrochen. Er stellte mir jeden einzelnen Raum und Gang vor. Das Schulgebäude, in dem unterrichtet wurde, war ein großes altes Schloss aus der viktorianischen Zeit. Es gab noch zwei weitere Gebäude auf dem großflächigen Gelände, aber das waren die Wohnhäuser des dazugehörenden Internats dieser Privatschule.

Als es klingelte, brachte Gabriel uns in den Keller der Schule.

Hier werden wir immer Kunst haben“, erklärte er und stieß eine alte Holztür auf. Der Keller war heller als ich angenommen hatte. Breite Fenster bedeckten fast den kompletten oberen Teil der Wände. Man konnte das Gras des Schulhofes vor ihnen sehen, doch fiel das Licht der Sonne genau so in die Fenster hinein, dass die Lampen an der Decke nicht angemacht werden mussten.

Meine anderen neuen Klassenkameraden saßen bereits auf ihren Plätzen und unterhielten sich leise miteinander. Einige sahen neugierig zu mir hinüber, doch würdigte ich sie keines Blickes. Der Kunstraum hatte fünf lange Tische, an denen bis zu drei Schüler sitzen konnten. Perfekt für solch kleine Klassen, wie ich in einer war. Von meinem Vater wusste ich, dass diese Privatschule immer nur bis zu fünfzehn Schüler in eine Klasse steckten, um besser zu unterrichten.

Ein älterer Herr mit grauen zerzaustem Haar saß hinter dem Lehrertisch am anderen Ende und blätterte in einer Zeitschrift herum. Seine Füße hatte er auf seinen Tisch abgelegt.

Mr Turner“, begrüßte Gabriel den Kunstlehrer, welcher den Jungen missbilligend betrachtete, ehe er sich mir zu wandte.

Und du bist?“, seine Stimme war tief und ähnelte dem Brummen eines Bären.

Cameron Grey, sie ist neu“, fiel mir Gabriel ins Wort, bevor ich auch nur den Mund aufmachen konnte. Finster betrachtete ich ihn.

Und kann sie nicht für sich selbst sprechen?“, gelangweilt schaute Mr Turner in seine Zeitschrift.

Ja, das kann ich, nur komme ich nicht zu Wort“, erwiderte ich und warf Gabriel einen vielsagenden Blick zu.

Mr Gabriels Redefluss ist mir bekannt“, kam es schroff zurück und ich blinzelte. Warum fragte Mr Turner dann, ob ich reden könne?

Setze dich wohin du willst, Miss Cameron. Es ist mir egal, solange du still bist und meinen Unterricht nicht störst, wie es gewisse Andere tun“, brummte der Kunstlehrer und warf Gabriel einen scharfen Blick zu. Leises Gekicher der anderen Schüler war zu hören.

Ich steuerte einen einzelnen Tisch an, bevor ich wieder von Gabriel geschnappt und neben ihn verfrachtet wurde.

Warum muss ich immer neben dir sitzen?“

Das ist bisher nur unsere zweite Stunde“, widersprach der Junge, grinste frech und tat so, als würde er konzentriert Mr Turners Unterricht folgen. Der alte Kunstlehrer hatte sich mittlerweile erhoben und stolzierte vor seinem Lehrertisch auf und ab.

Willkommen in meinem Unterricht, bla bla bla. Dieses Geleier hängt mir schon aus den Ohren heraus“, schnaubte Mr Turner und ein Mädchen mit dunklem Haar und großen schwarzen Augen kicherte. Einer der Mundwinkel des alten Kunstlehrers hob sich für einen kurzen Moment, ehe er wieder ernst wurde.

Miss Cameron, wir haben als aktuelles Thema Stillleben. Kannst du was damit anfangen? Wenn nicht, wende dich bitte nach dem Unterricht an deine Mitschüler, sollte Gabriel dir nicht schon vorher alles bis ins kleinste Detail erklärt haben“, seufzte Mr Turner und stolzierte zurück zu seinem Stuhl. Wieder kicherten die anderen.

Holt eure Kunstsachen heraus und malt an euren Projekten weiter. Miss Cameron, ich erwarte nächste Woche ein Bild in A5 Format. Ob mit Bleistift oder Tusche gemalt, ist egal. Hauptsache du gibst etwas ab“, mit diesen Worten wandte sich Mr Turner wieder seiner Zeitschrift zu. Ich hob eine Augenbraue, ehe ich mich nach Zeichenpapier umsah. Gabriel reichte mir schließlich ein Blatt.

Danke“, knirschte ich und er grinste.

Gern geschehen“, flötete er, richtete seine Aufmerksamkeit auf sein eigenes Bild. Er war schon relativ weit, aber was interessierte mich, was diese Nervensäge so trieb. Aus meinem Rucksack zog ich meine schwarze Federtasche hervor und kramte einen zerbrochenen Bleistift heraus. Das fing ja schon gut an. Ach, ich hasste Kunst. Meine künstlerischen Fähigkeiten beschränkten sich auf ein paar hässliche Strichmännchen, denen ich gelegentlich noch Schwerter oder Speere dazu zeichnete, damit sie nicht ganz so traurig aussahen.

Ich stützte meinen Kopf auf meiner Hand ab und begann lustlos ein paar Striche über mein Blatt zu ziehen. Was Stillleben war, wusste ich zwar, aber warum konnten sich Menschen für ein paar blöde Äpfel begeistern, die einfach nur in einem dunklen Raum rumlagen. Das war jedenfalls meine Definition von Stillleben. Gabriel schien da andere Ansichten zu haben. Ein Blick auf sein Zeichenpapier sagte mir, dass er das dunkle Stillleben zwar auch ätzend und langweilig fand, aber dafür sah das bereits knallbunte Bild ästhetisch aus. Das kleine Gemälde war, soweit ich Kunstbanause das beurteilen konnte, fast fertig und sah verdammt nochmal jetzt schon perfekt aus.

Gabriel schien zwar ein Loser in Mathe zu sein, aber malen konnte er. Frustriert betrachtete ich die mickrigen Striche auf meinem Papier.

Wow“, kommentierte mein Sitznachbar mein Kunstwerk und ich funkelte ihn wütend an. Er grinste aber nur wieder dämlich und rückte näher zu mir.

Ich nehme an, du weißt was Stillleben ist?“, fragte er mit einen belustigten Blick auf mein Blatt.

Natürlich“, gab ich trotzig zurück.

Ah ja. Sieht schon gut aus. Guck mal. Hier könntest du noch eine Birne hinzeichnen“, mit diesen Worten begann Gabriel die Frucht aufzuzeichnen. Mit einigen schnellen Bewegungen zauberte er kurzerhand eine fast realistische Abbildung einer Birne.

Danke“, murmelte ich perplex, doch er grinste nur weiter.

Du kannst noch etwas in den Hintergrund malen und schon bist du fertig“, mit diesen Worten widmete er sich seinem Pinsel, den er nun erneut ansetzte.

Ebenso wie der Matheunterricht zog sich die Kunststunde wie Kaugummi in die Länge und als es klingelte, war ich doch tatsächlich schneller als Gabriel draußen. Darüber erfreut, sprintete ich die Treppe aus dem Keller nach oben und stürzte auf den Schulhof nach draußen. Die frische Luft tat gut. Der Geruch von Ölfarbe, Tusche und Bleistiften hatte mir Kopfschmerzen bereitet.

Immerhin hatte ich nun meine Ruhe.

2. Diana

 

Das Wetter war für Irlands Verhältnisse erstaunlich gut. Die Sonne schien an diesem Herbsttag angenehm warm und ich genoss es, dass mir keiner ein Ohr abkaute.

Mag sein, dass ihr mich für griesgrämig haltet und es wirkt, als würde ich alles und jeden hassen, was zwar auch stimmte, aber ich hatte meine Gründe.

Zum Einen wäre da mein alter Herr. Meine Mutter hatte sich von ihm geschieden, als ich zwei Jahre alt war und seit dem hatte er das Sorgerecht für mich, weil meine Erzeugerin mich los werden wollte. Hatte sie letztendlich auch geschafft. Ich vermisste sie auch nicht wirklich.

Mein Vater arbeitete allerdings sehr viel und musste schon sehr oft wegen seiner Arbeit umziehen. Zu meinem Leidwesen. Denn jedes Mal musste ich mitkommen. Dementsprechend viele verschiedene Schulen hatte ich schon kennen gelernt. Zwar achtete mein Vater stets darauf, dass es Privatschulen waren, die einen guten Ruf hatten, doch lange blieb ich sowieso nie auf diesen. Deswegen war die Zahl meiner Freunde gleich null.

Da ich allerdings eher eine Einzelgängerin war, war ich ganz froh darüber. Wer braucht schon soziale Kontakte? Das Problem an dieser ganzen Sache war allerdings meine Oma. Sie hatte meinem Vater den Floh ins Ohr gesetzt, dass ich endlich wie ein normaler Teenager Freunde finden und mein Leben leben sollte. Hieß, dass mich mein alter Herr kurzerhand in ein Internat gesteckt hatte.

Das Cunningham College war ursprünglich ein kleines Schloss des englischen Grafen Cunningham, das er einige Kilometer von der Stadt Ballycastle in der Grafschaft Mayo Mitte des neunzehnten Jahrhunderts errichten ließ. Als 1845 jedoch die große Hungersnot in Irland ausbrach, verließ er sein Schloss und spendete es 1850 der Gemeinde Ballycastle, welche die drei Gebäude und das dazugehörende große Gelände als Schule umfunktionierte. Und in dieser steckte ich nun fest.

Ich konnte mich noch genau an meinen Vater und meine Oma erinnern, wie sie mir versuchten das Cunningham College schmackhaft zu machen. Letztendlich hatten sie ein Machtwort gesprochen. Ich sollte hier in ungefähr zwei Jahren meinen Abschluss machen. Na, mal sehen wie lange ich wirklich hier bleibe, hatte ich mir zu erst gedacht. Doch sobald mich mein Vater hier abgesetzt und sich verabschiedet hatte, war ich mir nicht mehr so sicher. Auf der Fahrt hatte er mir nämlich erzählt, dass er in die USA reisen wird und erst in fünf Monaten zu Besuch kommen könnte. Kurz gesagt: Ich saß hier wirklich fest.

Vor ein paar Jahren hätte ich mich noch gefreut, endlich ein richtiges Zuhause zu haben, aus dem ich nicht nach ein paar Monaten wieder ausziehen musste, doch die Freude hielt sich nun in Grenzen.

Mittlerweile hatte sich eine Abneigung bei mir entwickelt, neue Menschen kennen zu lernen und das würde ich hier definitiv. Angefangen hatte es ja schon bei diesem Gabriel. In der Nähe von Menschen musste ich mich normal verhalten, um nicht als Freak abgestempelt zu werden. Hieß, ich konnte beispielsweise nicht mehr laut mit mir selbst diskutieren, weil ich mir ein Zimmer mit zwei anderen Mädchen teilen musste.

Ich stellte es mir schrecklich vor, zu Dritt in einem Raum zu wohnen. Bisher war ich meistens allein Zuhause und unsere Wohnungen waren nicht gerade klein. In diesem Raum mit den anderen beiden Mädchen würde ich eingehen. Definitiv.

Seufzend ließ ich mich auf den Rasen nieder.

Die Leute um mich herum sahen mich schräg an, weil ich die Einzige ohne Schuluniform war. Noch trug ich meine normalen Sachen, welche sich auf schwarze Röhrenjeans, einen schwarzen Batman – Pullover und schwarzen Sneakern begrenzten. Viele nannten mich Emo. Ich nannte mich cool.

Jemand setzte sich neben mich. Hoffentlich war es nicht Gabriel, der mich gefunden hatte und mir wieder etwas unwichtiges erzählen wollte, doch es war nur das schwarzhaarige Mädchen mit den großen dunklen Augen.

Hi“, sie lächelte mir schief zu. Knapp nickte ich. Sichtlich nervös fuhr sie sich über die nackten Knie. Ihr Rock war ein Stück nach oben gerutscht, weshalb man sie sehen konnte. Ansonsten ging dieses hässliche graue Teil fast bis zu den Schienbeinen.

Ich heiße Diana Johnson. Freut mich, dich kennen zu lernen“, fuhr sie fort und lächelte mich leicht an.

Cameron“, erwiderte ich knapp. Ich wollte keine Freunde. Freunde beanspruchten nur wertvolle Zeit.

Wir werden uns ein Zimmer teilen. Zusammen mit Jo“, fügte Diana hinzu und ich nickte verstehend. Bisher wirkte sie recht ruhig. Jemand nerviges wie Gabriel hätte ich nicht in meinem Zimmer ertragen können.

Nervös fummelte Diana an ihrem Rocksaum herum, ehe sie wieder zu mir sah. Sie erhob sich und hielt mir die Hand hin.

Komm mit. Gabriel hat dir bestimmt nicht die Mensa gezeigt. Dieses Schleckermaul hatte sicher Angst, dass du ihm den Vorrat an Kuchen dort weg essen könntest“, lachte Diana und zögerlich ergriff ich ihre Hand. Sobald ich stand, machten wir uns auf dem Weg.

Er sieht nicht so aus, als würde er viel Süßes essen“, meinte ich leise und erneut lachte meine Zimmerpartnerin auf.

Du wirst kaum glauben, wie viel Zucker der pro Tag vertilgt und das ohne zu zunehmen. Da könnte man glatt eifersüchtig werden“, gluckste Diana und führte mich in einen großen Raum im Erdgeschoss. Hier standen unzählige Tische und Stühle, welche alle von Schülern beansprucht wurden.

Da drüben kannst du dir Essen holen. Morgens gibt es hier von sieben Uhr bis neun Uhr Frühstück. Mittag bekommst du zwischen dreizehn Uhr und fünfzehn Uhr und Abendessen wird ab achtzehn Uhr bereitgestellt. Bis einundzwanzig Uhr kannst du dir dann was holen. Du kannst an den Aushängen neben der Ausgabe nachlesen, was es in der Woche für Menüs gibt. Zwischen zwei bis drei verschiedenen Speisen kannst du wählen“, erklärte Diana.

Mal abgesehen von den drei Hauptmahlzeiten gibt es immer Süßigkeiten oder Gebäck. Getränke bekommst du hier auch immer.“

Das war die Hölle. Ganz gewiss. Diana bemerkte meinen finsteren Blick und kicherte leise, doch blieb ihr das Lachen im Halse stecken. Fragend sah ich zu ihr und folgte dann ihren weit aufgerissenen Augen mit meinen Eigenen. Am anderen Ende der Mensa saß ein Junge, ungefähr in unserem Alter, und starrte zu uns hinüber. Sein Haar war blond und er hatte strahlend blaue Augen. Der Mädchenschwarm schlechthin, was die Gruppe von Fangirls um ihn herum bestätigte.

Das ist Seraphiel“, raunte Diana mir zu.

Muss ich den kennen?“, erwiderte ich gelangweilt und handelte mir nicht nur von Diana, sondern auch von ein paar Mädchen in unserer Nähe, entsetzte Blick ein.

Er ist der schönste und beliebteste Junge der ganzen Schule! Selbst Michael und Derek sind nicht so begehrt wie Seraphiel!“, quietschte Diana und ich verdrehte die Augen. Dieser blonde Kerl wird einfach nur ein halbstarker Möchtegern sein.

Er sieht dich direkt an, Cameron“, flüsterte Diana aufgeregt. Ich zuckte nur mit den Schultern und marschierte zu dem Aushang. Diana hatte vorhin Gebäck angesprochen, vielleicht sollte ich mal nachsehen, was es leckeres gab. Meine Zimmerpartnerin folgte mir auf Schritt und Tritt.

Oh mein Gott, Cameron, er kommt auf uns zu“, fiepte Diana plötzlich und verwirrt drehte ich mich zu ihr. Wer kam zu uns? Bevor ich allerdings fragen konnte, trat Seraphiel zu uns.

Hi, Batgirl“, grinste er und ich sah kurz zu meinen Batman – Pullover hinunter.

Hallo, Prinz Charming“, erwiderte ich trocken und Seraphiel grinste breit. Hinter ihm tauchte ein riesiger Kerl mit kurz geschorenen Haaren und muskulösen Armen auf, sowie ein, im Vergleich zu dem Riesen, lächerlich kleiner und dicker Junge.

Du bist hübsch“, stellte Seraphiel fest und hob seine Hand, um mir durch das schwarze Haar zu streichen, da ich in einem lockeren Dutt heute trug und einige Strähnen herausgerutscht waren. Doch zog ich meinen Kopf zurück, bevor er mich berühren konnte.

Danke“, brummte ich freudlos und entdeckte aus den Augenwinkeln, wie Gabriel in die Mensa kam. Er schien mich sofort zu sehen, denn er kam schnurstracks auf mich zu. Dabei sah er zu meiner Überraschung ziemlich ernst aus, doch erschien sein breites Grinsen, sobald er sich zwischen mich und Seraphiel gedrängelt hatte.

Prinz Charming wirkte nicht sehr erfreut seinen brünetten Mitschüler zu sehen, denn er machte gleich einen Schritt nach hinten.

Hallo, Sera“, flötete Gabriel und das Gesicht des Blonden verfinsterte sich noch mehr.

Gabriel“, schnaubte Seraphiel, während mein Mitschüler mir einen Arm um die Schultern legte.

Komm, ich zeig dir, wo es Kuchen gibt. Der Zitronenkuchen hier ist der beste!“, schwärmte Gabriel und drängelte mich leicht in Richtung Aushang.

Warte“, hielt Seraphiel uns zurück und lächelte mir freundlich zu. Ich hörte Diana hinter mir verträumt seufzen.

Kann ich deine Nummer haben?“

Die steht in meiner Schülerakte“, erwiderte ich kalt.

Und verrätst du mir dann wenigstens, wie dein Name lautet?“, versuchte Seraphiel weiterhin sein Glück, doch hob ich nur eine Augenbraue.

Der steht über meiner Nummer“, mit diesen Worten zog ich Gabriel und Diana weg. Letztere fächelte sich schwer atmend Luft zu.

Du hast gerade ernsthaft Seraphiel zurückgewiesen?“, stammelte sie. Ein Blick nach hinten bestätigte mir, dass es sein erster Korb war.

Na, und?“, konnte ich mir dann trotzdem nicht verkneifen. Fassungslos schüttelte Diana den Kopf.

Seraphiel Armstrong weist man nicht zurück“, meckerte sie mit mir.

Scheinbar ja doch“, mischte sich nun auch Gabriel ein, der immer noch einen Arm um meine Schultern liegen hatte. Kurzerhand drückte ich ihn von mir.

Ich mag es nicht, berührt zu werden“, grummelte ich und betrachtete dann den Aushang. Heute Abend würde ich Spagetti mit Tomatensauce oder Bolognese geben und wer beides nicht mochte, konnte sich für Kartoffeln mit Spinat entscheiden. Na, lecker.

Länger darüber nachdenken konnte ich jedoch nicht, denn Gabriel zerrte mich trotz meines Anfassverbots zu der Essensausgabe und bestellte kurzerhand drei Kuchen. Die Küchendame belächelte seine Bestellung müde und reichte ihm das Gebäck. Diana und ich folgten ihm anschließend zu einem freien Tisch. Zahlreiche Augenpaare beobachteten uns, während wir uns setzten und begannen den Kuchen zu essen. Dieser Zitronenkuchen war wirklich lecker, stellte ich nach dem ersten Bissen fest.

Gabriel zwinkerte mir vielsagend zu, doch Diana schob ihren Teller mit dem unberührten Kuchen von sich.

Magst du den nicht?“, kam es sofort von Gabriel, der nach ihrem Kopfschütteln förmlich über das Stück herfiel.

Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du Seraphiel einen Korb gegeben hast“, nuschelte Diana nach einem knappen Räuspern. Ich zuckte nur mit den Schultern. Hoffentlich war die Pause bald vorbei. Das Gestarre und Getuschel der anderen Schüler nervte mich.

Ich fand's witzig. Sein Blick war goldig“, wandte Gabriel ein und Diana schnaubte abfällig.

Dass du das lustig findest, ist keine Überraschung“, zischte sie und ihr brünetter Mitschüler kicherte. Er sah zu mir hinüber.

Du kannst mich übrigens Gabe nennen, Cupcake“, er grinste mir zu und ich hob eine Augenbraue.

Wieso sollte ich und warum zum Teufel hast du mich 'Cupcake' genannt?“, fauchte ich. Gabriel grinste schelmisch.

Weil wir Freunde sind und Freunde geben sich gegenseitig Spitznamen“, erklärte er und nickte bestimmend.

Wir sind keine Freunde. Wir kennen uns nicht mal vier Stunden“, knurrte ich. Gabriel zuckte mit den Schultern.

Das ist mir egal. Ich mag dich. Also bist du meine Freundin“, beschloss er und leckte sich genüsslich über die Lippen, als er das letzte Stück seines Kuchens aufgegessen hatte. Nun war ich diejenige, die fassungslos den Kopf schüttelte. Zum Glück klingelte es just in diesem Moment. Um Gabriel nicht länger sehen zu müssen, schnappte ich mir Diana samt unseren Taschen, die wir die Zeit über auf den Rücken getragen hatten, und eilten aus der Mensa.

Natürlich folgte uns Gabriel, schließlich gingen wir mit ihm in eine Klasse, doch schien auch Diana von ihm genug zu haben. Deshalb stapften wir beiden wortlos vor ihm her zu unserer letzten Unterrichtsstunde.

Eine dieser so genannten 'Blöcke' dauerte ungefähr neunzig Minuten und wir hatten fast jeden Tag vier. Da ich ihm zweiten Block erst dazu gekommen bin, war dies nun mein letzter. Zum Glück.

Diana und ich betraten gerade unseren Chemieraum, als wir von einem Blitz geblendet wurden. Erschrocken zuckten wir zusammen und starrten das Mädchen mit den kurzen knallrot gefärbten Locken und der Kamera in den Händen an. Sie grinste.

Willkommen auf unserer Schule. Vorhin hatte ich noch keine Zeit ein Willkommensfoto von dir zu machen, geschweige denn mich dir vorzustellen. Ich heiße Jo Cox und ich teile mit dir und Diana ein Zimmer. Schön dich kennen zu lernen. Das Foto kommt jedenfalls in die Schülerzeitung. Und jetzt hopp hopp, der Unterricht beginnt gleich“, sprudelte es aus dem zierlichen Mädchen hervor und sie setzte sich an einen der Einzeltische in unserem Chemieraum, ohne auf eine Antwort meinerseits zu warten.

Perplex blinzelte ich. Es war Diana, die mich schließlich auf einen freien Platz verfrachtete, ehe unser Lehrer kam.

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Autor

Jokeruls Profilbild Jokerul

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Kapitel:2
Sätze:341
Wörter:4.435
Zeichen:26.090

Kurzbeschreibung

„Dein Loverboy versucht ein ziemlich gefährliches Arschloch zu bändigen“, stellte Ramin fest und legte die Lutherbibel neben unser Geschichtsbuch. Einen Moment war es still, bis er mir einen anerkennenden Blick zu warf. „Respekt, dass er während der Schulzeit den Engel des Abgrundes und des Verderbens bewachen kann.“ „Im Moment ist er anders beschäftigt, also spar' dir das“, grollte ich schlecht gelaunt. „Außerdem ist er nicht allein.“

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch in den Genres Liebe, Mystery, Freundschaft und Familie gelistet.