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Eisinsel - Unterwegs

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29.01.21 19:53
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

Sie hatte zwei Nächte nicht geschlafen. Erst als die Augen ihr beim Gehen zufielen und sie Gefahr lief, in eines der tödlichen Moorlöcher zu stolpern, war sie in den Yoanag gestiegen. Jetzt registrierten ihre überanstrengten Sinne Feuerspitzen, beißenden Qualm, panische Schreie, metallisches Klirren und knackendes Holz. Allerdings dauerte es Sekunden, bis es ihr gelang, die Einzelheiten zu einem Gesamtbild zusammenzufügen.
Der Sumpf brennt.
Vorsichtig richtete sie sich auf und befreite sich von den Schlingwurzeln, in die sie sich gehüllt hatte. Sie verließ die natürliche Plattform aus verschlungenen Ästen und Zweigen, über die sie ihren Mantel gelegt hatte, und kroch einen breiten Trieb hinauf, um durch das Blätterdach zu lugen.
Der Ast begann unter ihrem Gewicht zu wanken. Weit über den Wipfeln der Farnbäume und Nadelgewächse legte sie sich bäuchlings auf das Holz, starrte in die Dunkelheit, die von Flammenzungen erhellt wurde. Abgesehen davon war nicht viel zu erkennen, nicht einmal, als sie sich mit dem Handrücken über die Augen fuhr, um die Schlaftrunkenheit wegzuwischen. Die schwüle Hitze des Tages war zu klammen Schwaden abgekühlt. Die allgegenwärtige Feuchtigkeit schuf einen Schleier, der die Sicht behinderte.
Aus Gewohnheit sah sie dennoch nach den Sternen, schätzte, dass die vierte Tagesstunde angebrochen war, was bedeutete, dass sie mehr als sechs Stunden geschlafen hatte. So fest, dass es eines Waldbrandes bedurft hatte, sie aufzuwecken. Der Gedanke machte sie schlagartig munterer.
Rauchgeschwängerte Luft reizte ihre Kehle, gemahnte sie, ihre Sinne auszurichten und die Umgebung abzusuchen.
Frarn lag viele mühselige Tagesmärsche hinter ihr im Süden. Auf einer geraden Straße hätte sie nicht mehr als vier Tage hierher gebraucht. Allerdings gab es im Herzen der Insel keine ausgebauten Wege. Die Bewohner der verborgenen Dörfer wagten sich nur auf den uralten Pfaden der Vorfahren in die Sümpfe. Die waren schwarz hier, so zähflüssig, dass man nicht in ihnen schwimmen konnte, blubberten und grummelten, als verspürten sie Hunger. Die Menschen gingen behutsam und mit Pfählen bewaffnet, stets Ausschau haltend nach den versteckten Wegemarken, die ihnen das Leben retteten. Nur Einheimische wussten von dem geheimen Netz dicht bewachsener Pfade, die man lesen musste wie eine mysteriöse Schatzkarte.
Sie war den Stegen gefolgt, die ihre Mutter ihr vor langer Zeit gezeigt hatte. Sie hatte nicht allzu oft auf sie gehört, aber hier draußen, in der Wildnis, war sie eine gelehrige und aufmerksame Schülerin gewesen. Dennoch hatte sie jedes Quäntchen Achtsamkeit und jede Unze Kraft gebraucht. Sie hatte häufiger rasten müssen, als sie es in den lichteren Wäldern und flacheren Sümpfen des Südens tat. Hindernisse zwangen sie zu Umwegen und Schleifen, Regenfälle zu unfreiwilligen Pausen. So war viel Zeit vergangen, seit sie Frarn verlassen hatte, das brennende Kommandantenhaus und erschrockene Schreie im Rücken. Sie hatte sich nicht umgedreht, war immer weiter gelaufen, nach Norden, nach Fedaj, das in ihrer Kindheit noch einen anderen Namen getragen hatte.
Vielleicht wäre der Weg durch den Waeastrom schneller gewesen. Doch an der Küste gab es Fischerdörfer. Die ihres eigenen Volkes und die der Fremdlinge. Außerdem bevorzugten Fallensteller und Pelztierjäger die luftigeren Gefilde entlang des Meeres. Soldaten patrouillierten regelmäßig an den Stränden oder suchten sie auf, um dem fauligen Geruch des Morasts zu entkommen. Zu viele Möglichkeiten, entdeckt zu werden. Überdies erschöpfte sie Schwimmen rascher als Laufen.
Der Marsch durch die Sümpfe war anstrengend, aber er barg Vorteile. Auf gefährliche Tiere musste sie weniger achten, denn an den öligen Wasserlöchern stand kein Räuber, um zu trinken. In den zähen Lachen hielten sich nicht einmal Schlangen und Krokodile auf. Natürlich umschwirrten sie Insekten, manchmal so groß wie Jungvögel, doch jede nackte Stelle ihres Körpers war sorgfältig mit einer dicken Schicht Kadosos bestrichen. Ihr größter Feind war der Sumpf mit seinen tückischen Moorlöchern, die sich hinter Schilfkämmen oder schneidenden Gräsern verbargen.
Jetzt jedoch schien eine neue Gefahr heraufzudämmern. Sie sah und roch das Feuer, das in der Ferne wütete, hörte Menschen rufen und schreien, erkannte Worte ihrer Sprache. In der näheren Umgebung existierte nur ein Ort, in dem genügend Frâgg lebten, um dieses Stimmengewirr auszulösen.
Malardh.
Ihr erster Impuls war aufzuspringen. Nach Malardh zu rennen. Aber vor ihr lag undurchdringliches Gelände, das sich schmatzend und saugend um die Fesseln legte und beständig versuchte, einen in tödliche Tiefen zu ziehen. Sie konnte von hier aus unmöglich einschätzen, wie ausgedehnt der Brand war, wie weit sie sich an ihn heranwagen konnte. Möglicherweise würde das Feuer in den feuchten Nebelbänken bald ersticken. Andererseits mochte Sumpfgas es neu entzünden. Oft genug schillerten die Oberflächen wie Pech. Wenn Boden und Gewässer brannten, würde sie in ihr Verderben laufen. Malardhs Bewohnern konnte sie nicht helfen. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde sie ohnehin zu spät kommen.
Sich aus dem Gefahrenbereich zu entfernen, schien klüger, doch wohin sollte sie gehen? Die Sümpfe umgaben sie in allen Richtungen. Wohin würde der Brand sich ausdehnen?
Zurückgehen kam nicht in Frage. Sie hatte Jodanams Tod wie einen Unfall aussehen lassen, war unerkannt entkommen. Man musste das Schicksal nicht herausfordern.
Sie beschloss, auf dem Baum zu bleiben. Vorläufig war sie hier am sichersten. Zumindest bis zum Tageslicht wollte sie sich gedulden, abwarten, das Feuer beobachten.
Wie ist es entstanden?
Es war Winter. An den Nachmittagen gingen Regenschauer nieder. Schwüler Dunst hüllte die Sümpfe ein. Boden und Luft waren durchtränkt von Feuchtigkeit. Es hatte nicht gewittert. Was sollte ein Flammenmeer entfachen? Es am Leben erhalten?
Ihre Augen blitzten auf.
Jemand hat es gezündet.
Sie legte den Kopf auf das zerklüftete Holz des Yoanag, ungeachtet der Ameisen, die an ihrem Körper entlangliefen, stets auf einen sicheren Abstand bedacht. Die Fähigkeit der Tierchen, Hindernissen auszuweichen und dennoch an ihrem Weg festzuhalten, hatte sie immer beneidet. Während sie die Wanderwege der Insekten studierte, horchte sie in den Wald. Diesmal hörte sie gezielter, auf Einzelheiten konzentriert.
Die Schreie klangen gedämpft. Nur hin und wieder stiegen schrille Töne in den Nachthimmel.
Todesschreie.
Jedes Mal, wenn ein weiterer Mensch Opfer der Feuersbrunst wurde, ballte sie die Fäuste.
Dann vernahm sie andere Laute. Geräusche, die fremd waren an diesem Ort. Stiefeltrampeln. Waffengeklirr. Befehle in der verhassten Sprache der Unterdrücker. Soldatenflüche.
Ihr Herz pumpte übermäßig Blut in ihre Adern, trieb sie an, jagte sie hoch. Sie zwang sich, liegen zu bleiben, die Hände um den Ast gekrallt, den Kopf auf der harzigen Rinde.
Stunden vergingen, die sie bewegungslos überstand, obwohl die Ameisen sie irgendwann nicht mehr als Hindernis betrachteten und begannen, über ihre Beine zu krabbeln. Die Kälte der Morgenstunden machte ihre Haut gefühllos, während der Hass in ihr brodelte und Erinnerungsfetzen durch ihre Seele flatterten wie Raben. Smarten. Burdan. Jodanam. Gillok.
Tarolf.
Was willst du? Deinen eigenen Stamm ins Verderben stürzen?
Sie lag da, beobachtete, wie das Feuer wütete, weite Flächen verschlang, einen Aschehaufen hinterließ im dunkelgrünen Herzen der Insel. Gemessen an der ungeheuren Ausdehnung der Sumpfwälder und morastigen Auen war er winzig, bedeutungslos, kaum größer als der helle Fleck, der Malardh über Jahrhunderte gewesen war.
Sie hörte, wie die Soldaten sich am Morgen entfernten. Leise, fast wie auf Zehenspitzen. Sie kamen nicht in ihre Richtung. Sie wäre ohnehin übersehen worden so weit über dem Boden, geschützt von einem dichten Blätterdach, reglos ausgestreckt als wäre sie selbst aus Holz, der Körper vom Unrat der Wälder bedeckt, mit schwarzem Schlamm gesprenkelt.
Sie wartete, bis der Morgendunst sich silbrig glänzend wie ein Spinnennetz von den Sümpfen erhob. Dann schob sie sich rückwärts an den Baumstamm zurück, nahm Köcher und Bogen, legte sich den Umhang über die vor Kälte dampfenden Schultern. Bedachtsam stieg sie von dem Baum hinunter. Die letzten Meter ließ sie sich von Ast zu Ast fallen.
Sicher landete sie auf beiden Beinen und sah sich prüfend in alle Richtungen um. Unter der getrockneten Paste war ihr Gesicht grau wie der Nebel, ihre grünen Augen sturmumwölkt, ihre Kiefer aufeinandergepresst.
Eine Weile stand sie so. Starrte nach Norden. Fedaj lag hinter den Sümpfen, umgeben von hohen Forsten, die sich sehr von den stickigen Wäldern des Südens unterschieden.
Die Toten lagen in und um Malardh.
Der Weg zum Ostmeer war weit, das Wasser kälter.
Soldaten löschten die verborgenen Dörfer aus.
Rache schuf Rache, ein blutiger Strom, der nicht abriss, bis der letzte Tropfen versiegt war. Ihr Leben war nichts mehr wert.
Sie wandte sich nach Westen.

Land.
Er wollte lächeln, befand aber, dass die Anstrengung zu groß war. So begnügte er sich damit, den Kopf wieder auf das Holzbündel zu legen, auch wenn Bartsträhnen sich in den abgesplitterten Enden der Äste verfingen.
Minutenlang lag er so da. Indessen schwappte Salzwasser ihm in Augen und Mund und sein Körper bewegte sich im Schlag der Wellen auf und ab. Er unternahm keine Versuche, den Kurs zu halten. Alle Kraft brauchte er, um sich an das Bündel zu klammern, das ihn vor dem sicheren Tod rettete. Er war ein guter Schwimmer, aber die beiden Tage im Ozean hatten seine Gliedmaßen starr gemacht. Ließe er los, würde er wie ein Bleigewicht auf den Meeresboden sinken.
Wasser, das in seine Nase schoss, zwang ihn, den Kopf erneut zu heben. Hustend richtete er seine von Salz, Wind und Schlafmangel rot geäderten Augen auf die schemenhafte Uferlinie. Die Insel lag im Dunst verborgen, doch hinter der Nebelbank vermeinte er, Sonnenflecke zu sehen. Möglicherweise ein winziges, unbewohntes Eiland wie das halbe Dutzend, das sie bereits passiert hatten. Ein weiterer nutzloser Flecken Erde, erschaffen aus einer Laune heraus von einem unterseeischen Vulkan. Vielleicht aber auch endlich Kânegg.
Angestrengt blinzelte er gegen den Horizont. Ihm kam die Uferlinie länger vor, die Silhouette größer, nicht wie die kegelartigen Erhöhungen zuvor.
„Akim.“ Verwundert stellte er fest, dass seine Stimme kaum zu hören war. Wassermangel und die Elemente hatten ihr zugesetzt.
Der Knabe lag quer über dem Schwimmbündel. Im Stillen beglückwünschte Jonoy sich für den Moment der Geistesgegenwart kurz nach ihrem überstürzten Aufbruch. Längst wären sie voneinander abgetrieben, hätten sie die Bündel nicht schnell noch miteinander vertäut. Außerdem konnten sie sich abwechseln mit dem Paddeln, ihre Kräfte sparen.
Akim blickte apathisch zu ihm hinüber. In seinen Haaren hing getrocknetes Salz. Der Junge war so ausgemergelt, dass es ein Wunder war, dass er noch lebte. Für ihn, der Wasser als das wertvollste Gut überhaupt betrachtete, musste das Umgebensein von all dem nutzlosen Nass wie eine Strafe der Götter sein.
„Da vorn“, krächzte der Schmied und schob das Kinn in die Richtung, die er meinte. „Siehst du auch Land?“
Der Wüstenläufer brauchte Sekunden, um die Insel zu fixieren. Immer wieder klappten seine Lider hinunter. Erst nach mehreren Versuchen ging ein Ruck durch seinen Körper.
„Siehst du es? Kannst du es sehen?“ Jonoys Stimme klang dünn. Als ängstige er sich vor der Antwort.
„Ja.“
„Es ist größer diesmal, nicht wahr? Eine richtige Insel?“
„Ich glaube schon.“
Jonoy jauchzte erleichtert. Seine starken Arme schaufelten durch das Wasser.
Das Auflachen riss Adiv aus ihrem Dämmerschlaf.
Sie war abgemagert in den Tagen auf dem Wasser. Ihre nasse Kluft schlotterte um ihren Körper. Locken hingen verfilzt zu beiden Seiten ihres verbrannten Gesichtes herab. Ihre Lippen waren rissig und aufgesprungen.
Doch ihre müden Augen belebten sich, als sie begriff, dass ihre kleine Flotte sich auf Land zubewegte. Trotz ihrer Furcht vor Seeschlangen und Haien versenkte sie die Hände in dem türkisfarbenen Nass und schloss sich den Bemühungen ihrer Gefährten an. Schmerzlich langsam paddelten sie vorwärts.
Die Brandung warf sie schließlich an den Strand. Entkräftet blieben sie in dem feinen Sand liegen, unfähig, auch nur einen Finger zu regen.
Der Wüstenjunge ruhte auf der Seite, zusammengekrümmt wie im Leib seiner Mutter. Jonoy rollte sich auf den Rücken, genoss das Gefühl eines festen Untergrunds. Wenn er die Augen zumachte, spürte er noch immer das Rollen der Wogen. Bestimmt sah er aus wie ein Strauchdieb mit der verbrannten Haut und den aufgesprungenen Lippen.
Erst die Kälte, dann die Hitze.
Nebensächlich. Sie lebten. Gegen jede Wahrscheinlichkeit, allen Gefahren und Unbilden zum Trotz. Sie waren den Häschern entkommen, dem Tod entronnen. Sie hatten nicht ihren Verstand eingebüßt da draußen in der Einsamkeit, waren nicht verrückt geworden vor Sonnenlicht, Hunger und Durst.
Adiv lag, wie sie gestrandet war: auf dem Bauch, beide Arme über den Kopf ausgestreckt, die Beine leicht gespreizt, dankbar für die praktische Bekleidung ihrer Mutter. Schaudern erfüllte sie, wenn sie daran dachte, wie ihr Kittelkleid sich mit Wasser vollgesogen hätte. Sie war am Ende ihrer Kräfte, so abgezehrt, dass ihr schwindelte. Ihre Eindrücke waren ein Durcheinander farbiger Flecken und rauschender Töne, unzusammenhängend, losgelöst von der Wirklichkeit. Indes: Tief in sich spürte sie einem unbekannten Gefühl nach. Die diffuse Regung festigte sich zu einer Erkenntnis, strömte durch ihren Körper wie eine Kugel aus Wärme und Licht.
Ich bin frei.
Sie hob den Kopf, auf einmal mit ungeahnter Leichtigkeit. Keine Zäune, keine Mauern, keine Türme. Kein einziges Gebäude säumte die sanft ansteigende Küste. Nur Sand. Weicher, weißer, warmer Sand, feinporig und anschmiegsam. Angespültes Seegras, Quallen und Krabben, ein Stück weiter oben Büschel von Salzkraut und unbekannten Gewächsen. Keine Menschen. Niemand, der vorbeikommen und ihr Kleid lüpfen konnte, um einen Blick auf ihre Schenkel zu erhaschen.
Ihr Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. Es schmerzte, da ihre Haut brannte und spannte, aber sie scherte sich nicht darum. Grübchen erschienen neben ihren Mundwinkeln, zwei auf jeder Seite, und ihre kobaltblauen Augen leuchteten inmitten des Sonnenbrands wie das Meer.
Ich bin frei.
Am äußersten Rand ihres Geistes lauerte die Vernunft, bereit, sich ihrer wieder zu bemächtigen. Doch jetzt, hier, an einem Stück Strand im Südwestzipfel Kâneggs, umgeben von Wärme, Wind, Wasser und Licht, war Adiv glücklich.


Sie regten sich gleichzeitig, als die einsetzende Flut die ersten Wellen auf sie warf. Schwerfällig kamen sie auf die Beine, lockerten ihre verkrampften Muskeln.
„Wir sollten uns vom Strand entfernen“, schlug Jonoy vor. „So sehen uns Verfolger nicht sogleich.“
„Oder Inselmenschen“, ergänzte Akim.
„Einheimische? Wo?“ Adiv trat an die Männer heran.
„Ich sehe keine Spuren in der Nähe. Aber das Wasser ist laut. Das Salz überdeckt Gerüche. Ich bin nicht sicher, ob die Gegend menschenleer ist. Wir sind vorsichtig.“
Aufgeschreckt suchten Adiv und Jonoy den Strand nach Menschen ab, entdeckten jedoch niemanden. Indes zerschlug Akim die Bündel, warf die Überreste ins Meer. Danach verteilte er die Schwerter und zeigte auf den Waldrand. „Hinter der Düne suchen wir Schutz. Schatten und Wasser. Dann jagen wir.“
„Jagen? Das kann ich nicht“, gab Adiv zurück.
„Ich bringe es dir bei.“
Adiv warf Jonoy einen Blick zu, den er mit einem Achselzucken kommentierte. Sie rückte den Rucksack zurecht, fasste ihr Schwert wie einen Gehstock und stapfte Akim hinterher, der bereits den Kamm der Düne erreicht hatte. „Bleibt in meinen Spuren“, rief er. „So gibt es nur eine Fährte, die ich leicht verwischen kann.“
„Tun wir, was er sagt“, raunte der Schmied, als er schwer atmend auf der Kuppe anlangte.
„Damit ist er jetzt wohl unser Anführer.“


Im Wald war es stickig und dämmerig. Es roch modrig. Ein undurchdringliches Blätterdach breitete sich über ihnen aus, ließ weder Sonnenlicht noch Wind hindurch. Bald schon wünschten sie sich an die offene, umtoste Küste zurück.
Die Baumstämme wuchsen stetig in Umfang und Höhe. Efeu kletterte an ihnen empor. Pilze, groß wie Wagenräder, sprossen aus dem Holz. Moos klebte auf umgestürzten Bäumen, die ihnen den Weg versperrten. Darauf liefen Ameisenkolonien, um die Akim vorsichtshalber einen Bogen schlug.
Jonoy tat sein Bestes, dem Jungen die fremde Umgebung zu erklären. „Diese Ameisen sind größer als die in meiner Heimat. Sie bilden ein Volk mit festgelegten Aufgaben, benutzen eigens angelegte Pfade, auf denen sie Nahrung und Baumaterial transportieren. In solchen Massen können sie immensen Schaden anrichten. Es ist besser, sie zu meiden.“
Adiv hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie war darauf konzentriert, durch die Nase zu atmen, um keine Insekten zu verschlucken, herabhängende Zweige wegzuschlagen und den Moorlöchern und Grashügeln auszuweichen, die unvermutet vor ihnen auftauchten. Die feuchte Luft sorgte dafür, dass unter der nassen Kleidung Schweißbäche ihren Körper hinab liefen. Für ein oder zwei mühsame Luftstöße lang sehnte sie sich nach der Gebirgsluft Kaadaas. Dann dachte sie an Mauern und zerfallene Gebäude, an unterirdische, kaum erleuchtete Gänge und an feiste Männergesichter mit begierigen Augen. Das half ihr, sich voran zu schleppen.
„Südkânegg ist berüchtigt für sein schwülwarmes Klima. Hier gedeiht alles prächtig, was kriecht oder mehr als vier Beine hat“, erläuterte Jonoy mit grimmigem Gesicht. „Genauso wie alle möglichen Reptilien. Schlangen, Saura, Echsen, Alligatoren. Für die meisten ist Kânegg ein Höllenloch. Versumpft, verrottet, fieberverseucht. Eine Insel der Extreme. Winzige Insekten, unsichtbare Parasiten, monströse Schuppenbiester. Und alles ist giftig.“
„Na, wunderbar“, knirschte Adiv. „Vom Regen in die Traufe.“
„Im Norden herrscht ein völlig anderes Klima. Oft schneidend kalt. Es gibt Stürme, Orkane, lange, dunkle Winter. Doch hier unten … das. Und das sind nur die Ausläufer. Die eigentlichen Sumpfwälder liegen im Landesinneren.“
Jonoys Kleidung dampfte. Schweiß stand ihm auf der roten Stirn. Er schnappte nach Luft, sprach abgehackt, weil er unablässig Schlingpflanzen aus dem Weg hackte.
„Beruhigend.“
Der Wüstenjunge sagte gar nichts. Adiv wusste nicht, ob er dem Schmied überhaupt zuhörte. Er lief gebeugt. Leichtfüßig, unter den Blättern durchtauchend. Während sie und Jonoy mühsam über umgestürzte Stämme krochen, schwang er sich über diese hinweg. Bei alledem geriet er kaum außer Atem.


Der Nachmittag schleppte sich dahin.
Adiv vermochte kaum mehr einen Fuß vor den nächsten zu setzen. Ihre Kehle brannte vor Durst. Flirrendes Laub blitzte vor ihren Augen. Hinter ihr torkelte der Schmied, der seit geraumer Zeit kein Wort mehr gesagt hatte, sondern nur noch auf seine Füße stierte. Wie sie hatte er rote Striemen auf Stirn und Wangen, weil er kaum mehr die Kraft aufbrachte, Zweigen auszuweichen oder sie wegzuschlagen.
Akim hingegen lief wie ein Tier auf Nahrungssuche, den Kopf dicht über dem Boden, die Augen weit offen, die Ohren gespitzt, die Nase schnüffelnd. Als er unvermittelt stehen blieb, prallten Adiv und Jonoy gegen ihn.
„Was ist los?“, lallte Adiv.
„Wir rasten hier.“
Sie klappte zusammen wie eine Gehenkte, die man vom Strick abgeschnitten hatte.


Am Abend erwachte sie hungriger und durstiger als je zuvor in ihrem Leben.
„Hier. Trink das.“
Das Wasser schmeckte brackig, aber es war Süßwasser und unsagbar köstlich. Sie schluckte und schluckte, wollte immer mehr davon, doch Jonoys Pranke verschloss das tönerne Fläschchen, das sie als Eigentum ihrer Mutter erkannte. Der Gedanke, dass Jonoy in ihrem Lederbeutel gewühlt hatte, rief leichtes Unbehagen hervor.
Der Schmied lächelte. „Nicht zu viel auf einmal. Wie geht es dir?“
Weil das Sprechen zu anstrengend war, schwenkte sie die Hand hin und her.
Es ging mir schon besser, aber ich bin wohlauf.
„Akim ist aufgebrochen, um zu jagen. Als wir hier ankamen, fing er zwei Echsen, die sich auf dem Stein dort drüben wärmten, riss sie auseinander, trank das Blut und verspeiste eine so schnell, dass ich es kaum bemerkte. Die andere ist noch da, falls du Appetit verspürst.“
Sie schüttelte so heftig den Kopf, dass ihr erneut schwindlig wurde. Jonoy lachte gutmütig und ließ sich schwerfällig auf gekreuzten Beinen neben ihr nieder. Adiv sah sich um. Der Boden bestand aus weicher Erde. In der Nähe erblickte sie ein Wasserloch.
„Er hat den Platz sorgfältig ausgewählt“, sagte Jonoy, der ihrem Blick gefolgt war. „Es gibt nur wenige Lichtungen wie diese hier. Trockener Untergrund, Steine, Trinkwasser. Ringsherum dichtes Buschwerk und hohe Bäume.“ Er stockte kurz. „Ich habe unsere Kleidung zum Trocknen aufgespannt. Das solltest du auch tun. Ich suche solange Feuerholz. Ich mag mein Fleisch gebraten.“
Er legte ihr die schwielige Hand auf die Stirn. Adiv empfand die Berührung als angenehm, auch wenn sie sich anspannte bei dem Gedanken, mit einem fremden Mann allein in einem entlegenen Wald zu sein. Doch der Alte lächelte gütig und seine Pranke verließ ihre Stirn sogleich wieder.
„Ich glaube, du hattest einen Hitzschlag. Dein Kopf ist immer noch ziemlich heiß, aber das Wasser wird dich abkühlen. Wir haben beschlossen, einen Tag zu rasten. Akim hat keine Anzeichen menschlichen Lebens entdeckt. Vorerst sind wir sicher. Ruhe und Nahrung werden dich bald wieder auf die Beine bringen.“
Sie nickte, langsamer diesmal.
„Akim ist schon eine Weile weg. Zieh deine Sachen aus und hänge sie an die Äste dort drüben. Die Sonne wird noch ein oder zwei Stunden scheinen. Wenn du möchtest, leihe ich dir meinen Mantel. Der sollte dich ausreichend verhüllen.“
Adiv entspannte sich. Sie lächelte zaghaft und reichte Jonoy ihre Hand. Er stützte sie, als ihr schwarz vor Augen wurde, dann ließ der Schwindel nach und sie konnte allein stehen. Wenn sie sich vorsichtig bewegte, würde es gehen.
„Versuche, in kleinen Schlucken zu trinken. Immer nur ein paar Tropfen. Dein Magen muss sich erst wieder daran gewöhnen. Setze dich hin, wenn du merkst, dass es dir schlechter geht. Ich werde dort drüben hinter den beiden verkrüppelten Bäumchen sein, ganz in der Nähe, und bald zurückkehren. Dann überlegen wir, wie wir ein Feuer entfachen.“
Mit einer zuvorkommenden Geste reichte er ihr den Umhang. Sie wartete, bis er hinter den Bäumen verschwunden war. Danach entledigte sie sich, argwöhnisch um sich blickend, ihrer Kleidung, verbarg ihre Blöße unter dem sonnengewärmten Mantel. Ihre Sachen hing sie in das Geäst. Hernach stand sie still auf der Lichtung und überließ sich dem angenehmen Gefühl trocknender Haut.


Ein übertriebenes Rascheln kündigte Jonoy an. Kurz darauf erschien er mit einem Stapel trockener Zweige auf den Armen. Ganz oben hatte er ein Büschel Gras gehäuft, sowie Holzspäne aus dem Inneren eines ausgehöhlten Stammes.
„Ich weiß nicht, ob der Zunder trocken genug für unsere Zwecke ist“, begrüßte er Adiv, während er sie besorgt musterte.
„Es geht mir besser“, wehrte sie mit einer Stimme ab, die wie Mehlstaub knirschte. „Dein Mantel ist sehr bequem. Danke, dass ich ihn tragen darf.“
„Oh. Gern. Deine Kleidung ist noch nass?“
„Kaum noch. Keine Angst, du musst nicht noch einmal Holz sammeln gehen. Es genügt, wenn du dich abwendest.“
Ihre Augen und Zähne blitzten in ihrem sonnenroten Gesicht. Der Alte sah sie ertappt an und schmunzelte. „Das werde ich, sei versichert. Und nun verrate mir, wie ich diesen Holzstapel zum Brennen kriege, wenn all unser Zunder durch das Wasser verdorben ist. Ich habe nur noch einen Feuerstein, aber es bräuchte einen zweiten, um Funken zu schlagen. Ich fürchte, die Steine dort hinten sind nicht von Nutzen.“
„Darüber habe ich nachgedacht.“
Adiv ließ den verdutzten Schmied stehen, lief zu ihrem Beutel, durchwühlte ihn und kehrte mit einem handtellergroßen Gegenstand zurück.
„Ein Leseglas. Die sind ausgesprochen selten. Sehr kostspielig. Wie gelangt ein Mädchen wie du zu solch einem Schatz?“
„Meine Mutter gab es mir bei unserem Abschied.“ Das Bild der Sterbenden drang in ihren Geist. Sie schloss die Augen und schluckte. „Es hat meinem Vater gehört. Er benötigte es, um Bücher lesen zu können.“
„Dein Vater war schriftkundig? Das ist eine Überraschung.“
„In der Boragha galt er als gelehrt. Er konnte lesen, schreiben, beherrschte mehrere Sprachen und verschiedene Schriften. Er war tagein, tagaus damit beschäftigt, in Papieren zu wühlen und seltsame Zeichen zu malen.“
„Was las er denn?“
„Ach, stets dieselben Bücher. Solange ich mich erinnern kann. Woher sollten auch neue kommen? Es ist ja nicht so, als gäbe es einen Markttag im Gefängnis. Schriftstücke sind nicht gerade Schmuggelgut. Vor einigen Jahren wurde das Archiv, in dem man die Schriften der Wärter lagerte, ihre Rechnungsbücher und dergleichen, in ein größeres Gebäude verlegt. Meine Mutter und ich halfen, die Rollen und Kladden zu transportieren und das Archiv zu säubern. Irgendwie gelangte mein Vater an einige der Dokumente. Es war ein Festtag für ihn.“
„Irgendwie?“
Adiv wurde unter dem Sonnenbrand noch eine Spur dunkler, ihre Stimme bissig. „Also gut. Meiner Mutter gelang es, die Schriften … verschwinden zu lassen.“
Indem sie mich als Versteck benutzte.
„Wo hat dein Vater all sein Wissen erworben? War er an einer Schule tätig?“, ging Jonoy über ihre Auskunft hinweg.
„Er war Lehrer.“
„Dann stammte er aus begütertem Hause?“
Adiv zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Meine Eltern hatten ihr früheres Leben bereits abgeschlossen, als ich zur Welt kam. Sie kamen lange vor meiner Geburt in die Boragha und sprachen so gut wie nie über ihre Vergangenheit.“
„Kannst du lesen und schreiben?“
„Vater hat versucht, es mir beizubringen. Doch er und ich standen nicht gerade auf vertrautem Fuß und ich konnte die Buchstaben nicht behalten. An einige kann ich mich erinnern, aber ich glaube nicht, dass es mir gelänge, mehr als drei oder vier Worte aus ihnen zu bilden.“
„Das ist schade. Lesen und Schreiben ist eine Kunst, die zu beherrschen sich lohnt.“
Verächtlich stieß Adiv die Luft durch die Nase. „Wozu? Meinen Vater haben die Buchstaben und Zeichen wirr gemacht. Er malte sogar die Wände mit ihnen voll, kritzelte auf jedes Stück Papier und Pergament, das er auftreiben konnte. Ein nutzloser Zeitvertreib.“
Jonoy hielt nachdenklich den Zeigefinger an seine Kartoffelnase. „Wenn du dich da mal nicht irrst.“
„Was meinst du?“ Adiv zog die Stirn kraus.
„Im Gefängnis hast du von der Karte berichtet, die eine vertraute Person angefertigt habe. Das war dein Vater, nicht wahr?“
„Nein. Meine Mutter zeichnete sie. Aus dem Gedächtnis.“
Sie kannte den Weg von der Insel?“, fragte Jonoy ungläubig. Dann lachte er leise auf. „Sie muss eine kluge Frau gewesen sein.“
„Sie war schlau. Aber auch … durchtrieben, auf ihre Art.“ Die Worte schmerzten, aber sie waren die Wahrheit.
„Also stiehlt deine Mutter Aufzeichnungen aus den Archiven. Sie bringt sie zu deinem Vater, der sie studiert, über Jahre hinweg. Rechnungsbücher, Bilanzen. Karten.“
„Sie haben zusammen gearbeitet. All die Jahre“, bestätigte Adiv. „Dabei… Sie verstanden sich nicht. Ständig haben sie gestritten, aneinander herumgenörgelt, sich beleidigt. Ich dachte immer, sie gehen einander auf die Nerven. Es war alles Tarnung. Bei Kaa, war ich blind.“ Adivs Fuß stob Erde auf.
Jonoy lächelte sanft. „Kinder haben Geheimnisse vor ihren Eltern und Eltern haben Geheimnisse vor ihren Kindern. Sie haben die Flucht geplant, nicht wahr?“
Plötzlich klang ihre Stimme dick und belegt. „Meine Mutter erzählte es erst kurz vor ihrem Ende. Sie haben alles vor mir geheim gehalten!“
„Weil sie dich schützen wollten. Gewiss hätten sie dich mitgenommen.“
Sie schwieg, bedrückt und in sich gekehrt.
Er gönnte ihr ein paar Minuten, dann rückte er näher an sie heran. „Das Leseglas. Ich nehme an, du wolltest es als Brennglas benutzen?“
Sie nickte.
„Dann schnell, bevor die Sonne so weit sinkt, dass ihre Strahlen nicht mehr zu uns dringen.“


Akim roch den Rauch des Feuers schon aus großer Entfernung. Das beunruhigte ihn, wenngleich ihm bei dem Gedanken an geröstetes Fleisch das Wasser im Mund zusammenlief und sein Magen vor Hunger schmerzte. Angst vor dem Verhungern hatte er allerdings nicht. Vielerorts wuchsen Beeren und Pilze. Der Schmied würde wissen, welche davon essbar waren.
Es war ein Leichtes gewesen, die Tiere zu fangen. Nun hingen sie, an Vorder- und Hinterläufen verschnürt, an einem kerzengeraden Ast, den er mühsam von einem Baum geschlagen hatte, dessen Holz außergewöhnlich widerstandsfähig war. Aus der Wärteruniform konnte er Streifen reißen, um den Stein an dem Ast zu befestigen. Der Stein würde eine hervorragende Speerspitze abgeben, wenn er ihn erst einmal bearbeitet hatte. Vielleicht konnten sie auch einen neuen Stecken für Jonoy herstellen.
Sechs Nager hatte er erbeutet: Kaninchen, Wasserratten und ein größeres Tier mit langen Schneidezähnen und breitem Schwanz, das er beim Abnagen eines Stammes aufgestöbert hatte. Es war das einzige mit fehlendem Kopf und blutverschmiertem Fell. Alle anderen wiesen ein gebrochenes Genick auf. Er hatte sie mit einfachen, aus biegsamen Zweigen hergestellten Fallen gefangen. Verglichen mit der kargen Tierwelt Berlens war Kânegg ein Märchenland, gesegnet von den Göttern.
Unweit des Lagers hörte er eine gemurmelte Unterhaltung und atmete auf. Sie war erwacht und offenbar bei guter Gesundheit. Adiv. Es gefiel ihm, dass ihr Name so kurz war wie sein eigener, und ähnlich klang. Das schuf eine Verbindung zwischen ihnen. Der Name passte zu ihrer urwüchsigen Lebendigkeit. Er konnte kaum glauben, dass etwas Temperamentvolles wie sie an einem solch furchtbaren Ort wie dem Gefängnis hatte gedeihen können. Unter ihrer borstigen Schale schien sie auf verstörende Weise herzlich und den Menschen zugetan.
Sein Gesicht wurde rot, als er ihre Kleider zwischen den Bäumen hängen sah. Rasch schlug er die Augen nieder. Er war erleichtert, als er sie in Jonoys Mantel gehüllt fand. Ihm fiel ein, dass auch er ihn einst um sich gezogen hatte – nie würde er die Kälte vergessen, mit der Yruish ihn empfangen hatte – und sein Herz setzte einen Schlag aus.
Die beiden saßen mit glänzenden Gesichtern um die Flammen und empfingen ihn mit freundlichem Lächeln.
„Das Feuer ist zu hell“, sagte er. „Man sieht es zu weit. Wir müssen vorsichtig sein.“
Die fremde Mundart behagte ihm nicht. Er sprach fehlerhaft, rang mit der Aussprache bestimmter Laute. Doch die Worte fanden schon viel schneller ihren Weg in seinen Kopf und er konnte sich auf eine umständliche Art verständlich machen.
Sofort zog Jonoy Stöcke aus dem Holzhaufen, die er in der Erde ausdrückte.
„Droht Gefahr?“, fragte Adiv aufgeschreckt.
„Keine Menschen. Nicht jetzt. Vielleicht in der Ferne.“
„Brauchen wir das Feuer nicht, um Tiere fernzuhalten?“
„Ein kleines Feuer. Tiere greifen uns nicht an, wenn wir zusammen sind. Wir haben Waffen.“ Er zeigte ihnen den Stock und den Stein. „Ich werde den Stein spalten. Hier, hier und hier. Ihn mit einem anderen Stein behauen und ihn schärfen. Es wird ein guter Speer. Besser als der alte. Länger und härter. Schneller.“
Er nickte zu jedem seiner Sätze, die mit Worten in seiner Sprache gespickt waren, wog den Stein in der Hand. Für Adiv sah er aus wie ein gewöhnlicher Stein, grau, an einigen Stellen silbrig glänzend. Der Wüstenläufer sah das, was er aus dem Brocken schaffen würde. Sie war beeindruckt.
„Du hast eine Menge Tiere erbeutet“, sagte Jonoy. „Willst du, dass ich sie ausnehme?“
Der Junge sah hoch. „Ausnehmen?“
„Häuten. Die Innereien herausnehmen. Gedärme und Organe.“ Jonoy tippte mit den Fingern auf dem eigenen Bauch herum.
Akim schüttelte den Kopf. „Nein. Wir essen alles. Es ist nahrhaft. Wir brauchen Kraft.“
Jonoy verzog bei dem Gedanken das Gesicht. Adiv, die Fleisch in Form blutiger, übel riechender Brocken kannte, die einmal in der Woche an die Gefangenen verteilt wurden und als faserige Suppeneinlage endeten, betrachtete die Tiere mit sichtlicher Abscheu.
„Iss du, wie du isst. Ich gebe dir gern ab, was ich nicht mag“, beschloss der Schmied.
„Esst alles. Es ist gesund“, wiederholte Akim.
„Vielleicht in Zeiten größerer Not“, räumte Jonoy ein. „Im Augenblick reicht mir das Fleisch. Darauf freue ich mich wie ein Kind.“
Während die Männer sich um die Essenszubereitung kümmerten, schlüpfte Adiv in sicherer Entfernung in ihre trockene Kleidung. Als sie zurückkehrte, steckten einige Tiere auf Zweigen, die Akim behutsam ins Feuer hielt. Andere brutzelten aufgeschnitten auf flachen Steinen, die Jonoy wie einen Herd in die Flammen geschichtet hatte. Das Fleisch verströmte einen appetitlichen Duft, der selbst Adiv begierig darauf machte. Kein Wunder nach all den Wurzeln, Nüssen, Samen und Beeren, die sie auf den Inselchen gesammelt hatten, und dem aufgeweichten Brot aus den Taschen ihrer Mutter.


„Glaubt ihr, die Wärter sind uns auf den Fersen?“
Jonoy hob den Kopf zur Seite, um die junge Frau zu betrachten. Auch Akim wendete den Blick von den Sternen. Unter dem Blätterdach sah er zu wenig, um Zeit und Richtungen genau bestimmen zu können, doch der Anblick der Götterfackeln beruhigte ihn.
Adiv lag mit halb geschlossenen Lidern auf der Seite, den Kopf in der Armbeuge, das Gesicht dem niedergebrannten Feuer zugewandt. Dann und wann stocherte sie mit einem Zweig in der Glut oder warf einige Stücke Holz nach, um die Flammen am Leben zu erhalten. Sie war todmüde, aber in ihrem Geist türmten sich die Eindrücke der vergangenen Tage. Zu viel war in zu rascher Abfolge geschehen. Die Frage war ihr in den Sinn geschossen, wanderte wie eisige Fingerspitzen ihr Rückgrat hinauf.
Akim und Jonoy zögerten mit ihrer Antwort.
„Ich weiß es nicht“, gab der Schmied leise zu. „Vielleicht hatten wir Glück. Der junge Wärter am Strand …“
„Chries.“
„Chries, ja. Er hat uns geholfen. Ich hoffe, er hat ihnen eine Lügengeschichte aufgetischt. Falls wir überhaupt gesehen worden sind am Strand.“
„Du glaubst nicht, die Soldaten von K’yr hätten uns beobachtet?“
„Ich glaube, dass es viele Arten von Kontrolle gibt. Auch erfundene Geschichten schüren Ängste.“
„Du meinst, K’yr ist ein Märchen?“
„Nicht unbedingt. Aber es ist denkbar, dass die Umgebung K’yrs nicht so gut bewacht wird, wie man sich erzählt. Man kann Menschen allein durch Gedanken und Hirngespinste in Fesseln halten.“
„Die toten Soldaten“, mischte sich Akim ein. „Irgendwann findet man sie. Man wird uns vermissen.“
„Das ist wahr. Doch du kennst die Gänge und verwinkelten Stollen. Mit ein wenig Glück nehmen die Wärter an, dass wir im Gefängnis verschwunden sind. Und die Verbindung zwischen uns und Adiv? Wer sollte darauf kommen, dass wir uns kennen? Das Gefängnis gemeinsam verlassen haben? Es gilt als ausbruchssicher. Außer Chries weiß niemand von einem Fluchtweg. Hoffentlich.“
Sie schwiegen lange, überdachten Wahrscheinlichkeiten, malten sich Szenarien aus.
„Selbst wenn sie uns haben fliehen sehen oder Chries es ihnen gesagt hat, wissen sie nicht, wohin wir unterwegs sind“, überlegte Adiv laut. „Wir könnten überall sein. In Staleph, auf dem Weg nach Yruish, auf dem Meeresboden. Ertrunken. Von Haien gefressen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie an demselben Küstenabschnitt anlanden wie wir, ist gering.“
„Ausgesprochen gering“, nickte Jonoy.
Aber nicht unmöglich.
Der Wald erwachte zu neuem Leben, als die Nachtjäger sich auf Beutezug begaben. Einige Geräusche konnte Adiv nicht zuordnen. Gackern. Gurgeln. Hohe Trillertöne, tiefes Grollen. Sie ängstigte sich davor, aber nicht so sehr wie vor dem Gedanken, Jorgen und seine Männer könnten durch das Unterholz brechen.
„Wohin sind wir unterwegs?“ Die Glutaugen des Wüstenjungen waren in der Düsternis kaum zu sehen. Nur das Weiße schimmerte. Er klang wie ein Kind.
„Das ist die entscheidende Frage“, seufzte Jonoy.
Adiv beobachtete die Männer im schwindenden Feuerschein. „Habt ihr ein bestimmtes Ziel?“ Sie wollte gleichgültig klingen, doch das Schweigen, das folgte, verriet, dass es ihr nicht gelungen war.
Akim fühlte das zarte Vertrauen zwischen ihnen schwinden. „Wir suchen jemanden“, sagte er mit einem raschen Seitenblick auf Jonoy. „Wir wissen nicht, wo er ist. Wir gehen zur Kaiserin. Wir bitten um Hilfe. Sie lässt uns sterben.“ Die Bitternis in der Stimme passte nicht zu seinem kindlichen Aussehen.
„Und du? Wohin willst du? Warum die überstürzte Flucht? Was ist geschehen?“ Jonoys tief liegende Augen ruhten auf ihr.
„Ich habe etwas gesehen, was ich nicht hätte sehen dürfen.“
„Das sagtest du schon einmal. Was hast du gesehen?“
„Einen Mord“, gab sie mit brüchiger Stimme zurück. „Einen abscheulichen, grauenhaften Mord.“
Akims Mund öffnete sich. Adiv hörte, wie er nach Luft schnappte, sah das Entsetzen in Jonoys Miene, rollte sich auf den Rücken und suchte Trost in den Sternen. „Aan. Das war meine beste Freundin. Meine einzige Freundin. Es gibt nicht allzu viele junge Frauen im Gefängnis, mit denen man sich anfreunden möchte. Aan war … anders. Freundlich. Lustig. Hilfsbereit. Unverdorben. Ihr Leben war hart; viel Schlimmes war ihr zugestoßen. Draußen und drinnen. Sie sprach nicht darüber, aber es gab Tage, da sah man es ihr an. Die Trauer, den Schmerz, die Angst. Doch sie ... lachte. Könnt ihr euch das vorstellen? In der Boragha? Lachen, herrje.“ Verstohlen wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen. „Wir wollten uns treffen, abends nach der Arbeit. Das haben wir oft getan. Ich lief zu ihr, bog um die Ecke … und … fand ihre Tür offen …“
Erneut brach sie ab, weil sie mit den Bildern kämpfte, die als blutige Flut in ihren Kopf strömten und alles Denken besudelten. Sie schluchzte auf, presste die Fäuste gegen ihre Stirn. Akim wollte aufspringen, doch Jonoys Arm schoss aus dem Dunkel heran und hielt ihn am Boden fest.
Sie weinte wie unter Krämpfen. Akim konzentrierte sich auf den Geräuschteppich der Dschungelnacht, blendete das erstickte Schlucken aus. Es tat weh, fast so, als erlebte man es selbst. Zwischen Schniefen, Hicksen und Schnäuzen gelang es ihr schließlich, zu erzählen, wie sie Aan gefunden hatte, zerfetzt und entstellt.
„Das Auge war das Schlimmste. Bis ich ihn sah.“
„Einen Wärter?“, fragte Jonoy.
„Jorgen“, spuckte sie aus. „Ein Schwein von einem Mann. Er stand neben ihr. Besudelt. Sah mich. Ich rannte los. Traf meine Mutter, versteckte mich. Und hier bin ich nun.“
„Hals über Kopf.“
„Ohne Plan. Ohne Ziel.“
„Aber in Sicherheit.“
„Vorerst.“
„Du bist eine starke Frau, Adiv. Nicht viele Menschen bewältigen etwas derart Schlimmes wie du.“
„Bewältigung, he? Ja, das eben war ausgesprochen stark.“ Sie stieß einen Zweig in die Luft, als zielte sie auf einen unsichtbaren Feind.
„Es war notwendig. Und du hast nicht das letzte Mal um deine Freundin getrauert. Um deine Eltern. Um dich. Das ist menschlich.“
„Ich möchte nicht trauern. Ich will wütend sein. Bärenkräfte haben. Es ihnen heimzahlen. Sie ... Ach, ich weiß auch nicht.“ Sie warf die Gerte frustriert ins Feuer.
„Du willst Rache. Das ist natürlich. Aber Vergeltung bringt die Toten nicht zurück. Viel wichtiger ist, dass du eine Zukunft hast. In Freiheit.“
Adiv schwieg nachdenklich, bevor sie den Mund wieder öffnete. „Weißt du, was seltsam ist? Ich habe keine Ahnung, wie Freiheit funktioniert. Was, in Kaas Namen, soll ich denn jetzt tun?“

Der niedrige Raum war schief. Unzählige Rußspuren bedeckten einst weiß getünchte Wände. In sie hatte man Vertiefungen eingelassen, um die krummen Kerzen darin aufzunehmen, die das Zimmer mit blakendem Licht erhellten. Auf allem lag ein Film jahrelanger Ablagerungen. Knarrende Balken hielten die Herberge mehr schlecht als recht aufrecht. Nägel in ihrem wurmstichigen Holz dienten als Kleiderhaken. Für hochgewachsene Menschen wie Ylaiy konnten sie den Verlust des Augenlichts bedeuten, wenn sie sich nicht vorsahen.
Welch ein Unterschied zu den Herbergen entlang der Straßen Yruishs! Zu Kas, Debenhoor und dem grenznahen Kortach. Sogar die Hängematte in der Kajüte war bequemer gewesen als die durchgelegene, von Ungeziefer befallene Bettstatt in diesem Flecken, nach dessen Namen er in seiner Erinnerung kramen musste.
Samel. Nach Art der Sta betont auf der zweiten Silbe. Er schnaubte, als ihm die Übersetzung des Ortsnamens einfiel: Grasland.
Am vergangenen Abend waren sie hier angekommen, müde und durchfroren nach der Überfahrt und einem langen Ritt. Auf der Inselmitte herrschten Salzwiesen und Kleeweiden vor, doch hier draußen sah man nichts als eintönige Steppe. Gras mochte es reichlich im Frühling und Sommer geben. Jetzt ragten allerorts stachlige Halme in den Himmel.
Immerhin war der Boden angenehmer als die mit Furchen und Löchern übersäte Straße, die kaum mehr war als ein ausgetretener Feldweg. Schon nach Minuten war das Geschaukel in der Kutsche nicht mehr zu ertragen gewesen. Sein Kopf war gegen die ungepolsterte Decke gestoßen und sein Magen hatte rebelliert. Sila hatte die Pferde zum Stillstand gebracht. In den Mienen der Eskorte hatte ein hämisches Lächeln gestanden, als er aus der Kutsche gerutscht war. Er hatte die Männer keines Blickes gewürdigt, war rasch zu seinem Pferd gegangen. In dem Bewusstsein, die Augen aller im Rücken zu haben, hatte er das Tier bestiegen, bemüht, seine Bewegungen ebenso geschickt aussehen zu lassen wie Videm. Zum Glück hatte er genügend Reitstunden und Ausritte absolviert, sodass er den Aufstieg ohne peinliche Szenen hinter sich gebracht hatte.
Gras. Heu. Stroh, das die Leute auf ihre Bettstatt schütteten. Das ihn durch die dünnen Wolldecken in Rücken und Gesäß pikste.
Mürrisch schwang er die Beine zur Seite und unterdrückte einen Aufschrei, als die nackten Fersen die kalten Bodendielen berührten. Er hatte vergessen, dass das aus rohen Brettern zusammengehauene Nachtlager sich zu ebener Erde befand. Einen Augenblick blieb er mit schmerzendem Rücken hocken, sehnsüchtig an sein Lager am Hofe denkend.
Schlaftrunken erhob er sich, tastete sich vorsichtig durch das Halbdunkel, um den niedrigen Balken zu entgehen. Dann stieß er die schnarrenden Fensterläden auf und reckte sein Gesicht in die Morgenluft.
Die Sonne stand erst zwei Fingerbreit über dem Horizont. Wenn er nicht aufpasste, wurde er zum Frühaufsteher. Bei dem Gedanken verzogen sich seine Mundwinkel zu einem Grinsen, das sich sogleich legte, als er die Grasebene betrachtete. Sie dehnte sich vor ihm Richtung Osten aus wie ein Ozean, flach wie eine Bratpfanne, abgesehen von einer Hügelkette, die aus dem Frühnebel schimmerte.
Der Pfannenrand.
Vielleicht wurde es dahinter abwechslungsreicher. Bis dahin lagen allerdings Stunden eintönigen Reitens vor ihm. Er seufzte tief.
Von unten vernahm er die Geräusche morgendlicher Verrichtungen. Sila betrat den Hof, rotwangig, ausgeruht und bester Laune. Ylaiy straffte die Schultern, trat zur Waschstätte und machte sich daran, sich mit Brunnenwasser vom Reisestaub zu säubern. Die Kälte fuhr ihm bis in die Fingerspitzen, aber sie vertrieb nachhaltig seine Schläfrigkeit.


Im Zimmer nebenan schreckte Videm mit einem erstickten Schrei in die Höhe. Er presste die Fingernägel in die Handflächen, bis der Schmerz die Panik aus seinem Verstand drängte und die Dunkelheit auflöste.
Der Name des Ortes wollte ihm nicht einfallen. Eine Tagesreise zu Pferd von der Meerenge entfernt, die sie überquert hatten. Schaudernd dachte er an die Nacht unter Deck, an das beständige Schaukeln und Rütteln.
Aus dem Nebenraum hörte er gedämpfte Schritte und das Knarren der Fensterläden. Der Prinz war bereits wach, obwohl er wieder die halbe Nacht in seinen Pergamenten gelesen hatte. Die Morgengeräusche halfen ihm, die Nachwehen des Albtraums zu verdrängen. Derselbe Traum wie in den Nächten zuvor. Sein Vater starb in einer Blutlache, Worte murmelnd, die er nicht verstand. Nie fand er heraus, warum er starb, nie konnte er den Tod verhindern.
Immer erwachte er mit hämmerndem Herzen und dem Rauschen kochenden Bluts in den Ohren, das Lager zerwühlt, die Kleidung verrutscht, Kiefer und Zähne schmerzend.
Er hörte eine Tür ins Schloss fallen, die Stiefeltritte des Prinzen auf der Treppe. Taumelnd stand er auf, suchte blinzelnd nach dem Waschtisch.
Das Wasser war erquickend. Er ließ es über die Handflächen laufen, benetzte Schläfen und Nacken. Ein neuer Tag begann.


Trostlos, trostlos, trostlos.
In Ylaiys Kopf hallte das Wort im Takt der Hufe.
Sie ritten über Stoppelfelder mit messerscharfen Grashalmen, später über baumlose, mit Flechten bewachsene Steppen. Wegen der Kutsche kamen sie nur langsam voran. Erst am Mittag erreichten sie die Ausläufer der Hügelkette, die Ylaiy vom Gasthaus aus gesehen hatte. Die öde Weite des Landes ließ alle verstummen. Gespräche starben ab wie die Stängel unter den Hufen der Pferde.
Wenigstens war das Wetter mild. Die Sonne schien und über ihnen spannte sich ein blauer Himmel mit weißen Wölkchen, die wie von Kinderhand gemalt aussahen.
Ylaiy war dafür nicht empfänglich. Zu sehr schläferte die Gleichförmigkeit der Umgebung ein. Unter gerunzelten Brauen warf er Blicke auf seine Mitreisenden. Was er sah, verdross ihn noch mehr. Außer ihm, Rana und einem Soldaten mit hellbraunen Locken und einem verwegen gestutzten Bart, der am Kinn in drei Enden auslief, schien sich niemand an der Eintönigkeit zu stören.
Sila hatte ihr herzförmiges Gesicht in die Sonne gereckt. Träge hielt sie die Zügel. Ihr Kleid war bis auf die Knie zurückgerafft, sodass ihre schlanken Beine, die in Männerhalbschuhen steckten, zu sehen waren. Sommersprossen sprenkelten Nase und Ausschnitt. Ihr Haar leuchtete wie Weizen. Sie strotzte vor Gesundheit und Lebensfreude, lachte weit häufiger als am Hof.
Baraten saß aufrecht im Sattel, das Zaumzeug locker in den Händen. Ihm war anzusehen, dass er oft und gern zu Pferd unterwegs war. Er sprach wenig, schien unablässig zu grübeln, wirkte aber nicht unzufrieden.
Videms kantiges Antlitz strahlte glücklich. Eine Hand auf das Hinterteil des Pferdes gestützt, schaute er sich neugierig um. Kleinste Dinge schienen ihn zu erfreuen: ein Schwarm Schmetterlinge, eine Eidechse, die sich zum Sonnen auf einen Feldstein gelegt hatte, eine Wolke, die ihre Gestalt veränderte.
Der Prinz verstand die Sehnsucht des Burschen, der in Studierzimmern und Kampfringen aufgewachsen war. Andererseits fand er, dass der verklärte Ausdruck Videm töricht aussehen ließ.


Die Hügelkette entpuppte sich als höher und steiler als aus der Ferne angenommen. Sie zeigte sich schroff und felsig. Geröll türmte sich auf den mit Flechten und Moosen bewachsenen Schiefern. Die vielen Steine, Senken und Stufen boten ausreichend Verstecke und die Höhe gewährte guten Ausblick auf die Ebene. Ideal für einen Angriff.
Ylaiy sah, wie die Soldaten sich zunickten und die Schwerter aus den Scheiden zogen. Seine Angespanntheit verwandelte sich in Angst, als Sila und Rana ihn und Baraten energisch in die Kutsche winkten.
Videm wirkte alarmiert wie die anderen, aber in seinem Gesicht stand auch ein Hauch von Abenteuerlust. Der Prinz empfand spontane Abneigung gegen den Sohn Baratens. Dennoch war er froh, als Videm sich neben der Kutschentür postierte. Ihm war der kraftstrotzende Körper nicht entgangen.
Das Heulen kündigte sie an.
Es war das grässlichste Geräusch, das Ylaiy jemals gehört hatte. Ein lang anhaltendes kreischendes Jaulen in hoher Tonlage. Seine Nackenhaare stellten sich auf. In das Geheul mischten sich heiseres Kläffen und wütendes Gebell, das ihm durch Mark und Bein ging. Entsetzt drückte er sich auf die harte Bank, fühlte, wie seine Hoden sich in den Bauch zurückzogen. Baraten lehnte sich aus dem Wagenfenster und rief seinem Sohn etwas zu, das Ylaiy nicht verstand.
Dunkelbraune Flecken mit hellen Tupfern erschienen zwischen dem Geröll. Sie formten sich zu lang gestreckten Tierleibern, die in atemberaubender Geschwindigkeit auf die Gruppe zurasten.
Ylaiys Körper war wie gelähmt, aber sein Geist unbegreiflicherweise noch in der Lage, sich an Dinge zu erinnern.
Asèë.
Steppenhunde. Eine Unterart des Wolfes, von Zweigstämmen der Sta domestiziert, bis ein verheerender Ausbruch der Feuchtpocken das Hirtenvolk dezimierte. Die Hunde kehrten in die Wildnis zurück. Dort vermehrten sie sich rasch. Bald galten sie als angriffslustiger als ihre größeren Verwandten. Ihr Fell war struppig und verfilzt, von geringem Wert für Pelzjäger. Das Fleisch schmeckte ranzig. Menschen töteten Asèë nur aus zwei Gründen: Weil sie ihre Haustiere angriffen und weil sie die Tiere, die in Notzeiten auch die eigenen Nachkommen fraßen, schlichtweg verabscheuten.
Ylaiys Gedächtnis summte wie eine gut geölte Maschine, während er steif auf der Rückbank der Kutsche hockte. Es spulte Fakten ab, die zwar beeindruckend, aber von keinerlei praktischem Nutzen waren. Er nahm kaum wahr, dass Baraten ausstieg und sich mit gezogenem Säbel neben Videm stellte.
Indes stob das Rudel heran wie ein Sturm. Es warf sich auf die vorderen Pferde und biss auf deren Beine ein, ungeachtet der Schwertstreiche ihrer Reiter. Nach Sekunden waren Tiere und Soldaten in Staub und hochfliegende Pflanzenteile gehüllt. Das Jaulen und Bellen ging im panischen Wiehern der Pferde unter, wich bald lautem Schmatzen und Knacken.
Schleunigst sprangen die Soldaten von ihren Rössern. Zwei Kameraden lagen bereits im Dreck, bedroht von geifernden Schnauzen, zuschnappenden Zähnen und scharfen Krallen. Die beiden Männer rollten über den aufgewühlten Boden, mit Armen und Beinen rudernd, um die wütenden Geschöpfe abzuwehren. Tiefe Bisswunden verunstalteten ihre Hände. Der kleinere Reiter hatte die Augen geschlossen und das Gesicht vor Ekel verzogen, da der stinkende Hundeatem ihm entgegenschlug. Die Uniform des größeren war von seinem und dem Blut seines Pferdes besudelt, das neben ihm zusammengebrochen war.
Den anderen Soldaten gelang es, sich die Bestien mit ihren Schwertern vom Leib zu halten, sogar gezielte Streiche auszuführen. Winselnd wälzten sich die ersten Asèë im Gras.
Mit angstgeweiteten Augen beobachtete Ylaiy, wie die überlebenden Hunde, darunter ein kräftiges Leittier, sich zurückzogen. Sie fauchten die bewaffneten Männer mit gefletschten Zähnen und blutunterlaufenen Augen an.
Die Soldaten formierten sich zu einem schützenden Halbkreis um die Gestürzten. Hinter der Menschenmauer rappelte sich der größere Soldat hoch, blickte mit starrem Gesicht auf den aufgerissenen Bauch seiner Stute. Das schien ihn mehr zu erschüttern als seine eigenen Verletzungen, denn er fiel zurück auf die Knie und kroch zu dem zuckenden Warmblüter, der die Augen ins Schädelinnere gedreht hatte.
Unterdessen schienen die Steppenhunde sich auf eine neue Vorgehensweise zu einigen. Es mutete fast so an, als würden sie sich auf geheime Art verständigen. Das Leittier, ein großer Rüde, sprang mitten in die Phalanx der Soldaten, gefolgt von zwei weiteren Männchen. Die restlichen vier Tiere schlugen einen Bogen, steuerten auf die Kutsche zu.


Für den Rest seines Lebens würde Ylaiy sich für das Quieken schämen, das er ausstieß, als die Asèë sich näherten.
Kurz vor dem Wagen teilten sie sich nochmals. Die ersten beiden pirschten mit gesenktem Bauch und auf dem Boden schleifenden Schwänzen auf Baraten und Videm zu. Ylaiy sah, wie Videm sich mit erhobenem Schwert vor seinen Vater schob, das Kinn energisch vorgestreckt. Aufmerksam studierten seine Augen das Muskelspiel der Tiere. Angst zeigte er nicht. Seinem Vater sah man die Anspannung an, doch auch er blieb besonnen.
Hingegen begann Ylaiys Körper zu schlottern wie der einer Gliederpuppe. Zu seinem Entsetzen hetzten die hinteren beiden Hunde plötzlich um die Kutsche herum. Sein Herzschlag setzte aus, als er durchschaute, dass sie ihn einkreisen wollten. Offenbar hatten sie seine Furcht gewittert, in ihm den schwächsten Gegner erkannt und damit die leichteste Beute.
Als der vordere der beiden Asèë zum Sprung ansetzte, warf sich Ylaiy mit der letzten Unze Verstand von innen gegen das Kutschtürchen. Es hielt, doch der heftige Aufprall trieb den Thronfolger zurück auf die schmale Sitzbank. Von draußen hörte er ein Aufjaulen, dann den Aufschlag des Tierkörpers auf dem Boden.
Er presste die Lider zusammen und wappnete sich für den Angriff des zweiten Hundes.
So sah er die Schlange nicht, die sich von oben vor dem Fenster entrollte, auf dem Hundekopf landete und Fellfetzen mitriss.


Auf der anderen Seite der Kutsche rückten die Asèë ebenfalls vor. Videm sprang ihnen entgegen, wirbelte das Schwert um den Kopf. Vor der blitzenden Klinge wichen die Tiere zurück. Videm schritt hinter ihnen her, die schwingende Waffe in der Hand. Er sprach kein Wort. Die Augen unablässig auf die Tiere gerichtet, schien er jede ihrer Bewegungen im Voraus zu ahnen. Kaum setzte der erste Hund zum Sprung an, zuckte das Schwert in Richtung des Rumpfes. Tief drang die Klinge in den Bauch des Asèë ein, schlitzte ihn der Länge nach auf. Ein zweiter Hieb, noch flinker als der erste, trennte den Schädel vom Rumpf.
Der andere Hund wich zurück, den Schwanz zwischen die Hinterläufe geklemmt. Baraten, der einen altertümlichen, gekrümmten Säbel in der Hand hielt, machte einen Ausfallschritt. Ihm fehlte Videms Waffengeschick, und so verfehlte er.
Sein Sohn hingegen schnellte vor, das Schwert nun wie eine Keule in den Fäusten. Der Streich spaltete die Schnauze. Der Asèë gab ein Knurren von sich und schnappte nach den Beinen Baratens, der mit dem Ziersäbel nach ihm stocherte und dabei stolperte. Er traf das Tier am Rücken, konnte jedoch nicht verhindern, dass die gelben Zähne sich im Stoff des Beinkleides verbissen.


Einige Meter von der Kutsche entfernt tobte ein weiterer Kampf. Die drei Rüden sprangen an den Soldaten empor, so kraftvoll, dass sie die Männer nahezu umwarfen. Dem Leithund gelang es, die Zähne in den Hals seines Opfers zu schlagen, bevor dessen Kameraden ihn herunter rissen, um mit Schwertern und Fäusten auf ihn einzuprügeln.
Bald lag der Asèë zappelnd und aus vielen Wunden blutend im staubigen Gras. Aus seiner Kehle drang ein angestrengtes Fiepen, das kurz darauf verstummte.
Neben ihm lag sein Opfer und hielt sich mit beiden Händen die klaffende Halswunde zu. Blut sprudelte über seine Unterarme. Sein Freund kniete hinter ihm, riss Fetzen aus seiner Uniform, die er dem Verwundeten auf den Hals presste, unablässig beruhigende Worte murmelnd.
Um die Männer wogten Arme und Beine, knackten Knochen, scharrten Hundeläufe. Die Kämpfenden schrien Warnungen und Anweisungen, brüllten die verbliebenen Bestien an, die immerfort auf sie lossprangen und nach ihnen schnappten.


Ylaiy bekam von alldem nicht allzu viel mit. Er hockte starr auf der Rückbank. Als der Angriff des Hundes ausblieb, öffnete er die Augen zu Schlitzen, sah Videm und Baraten, die Staubschwaden, die Männer und Tiere aufwirbelten, darin grotesk verzerrte Körper.
Dann zuckte erneut die Schlange vom Himmel.
Seine Neugier siegte.
Mit verkrampften Gliedern rutschte er zu dem Fensterchen und lugte nach draußen. Was er sah, entsetzte und verzückte ihn gleichermaßen.
Der Asèë, dessen Beute er geworden wäre, kroch geduckt über den Boden wie ein geprügelter Stallbursche. Sein Schwanz klopfte unterwürfig auf den Untergrund. Erleichtert konstatierte Ylaiy, dass von dem Tier zumindest im Moment keine Gefahr mehr drohte.
Die Schlange knallte am Fenster vorbei, hinterließ einen Striemen auf dem Rücken des Hundes.
Eine Peitsche.
Ylaiy sammelte die Scherben seines Verstandes ein und zog sein Schwert, bevor er den Türknauf drehte und einen Fuß auf das Treppchen setzte. Mit dem Fuß schob er angewidert den Kadaver des ersten Asèë beiseite.
Der zweite starrte ihn gebannt an. Ein hungriger Ausdruck erschien in seinen gelben Augen. Gleich darauf sauste die Knute erneut herab und bändigte das Tier, sodass er mit wackligen Beinen aussteigen konnte. Seine Blase drohte, jeden Augenblick nachzugeben.
Breitbeinig wie ein Kerl stand Sila auf dem Kutschdach. Jetzt, da sein Gehör wieder funktionierte, vernahm er ihre Stimme, heiser von der Flut der Schimpfworte und Drohungen, die sie dem Hund entgegen brüllte.
Rana saß auf dem Bock, mit aller Kraft die panischen Pferde zügelnd, sich gleichzeitig besorgt nach ihrer Tochter umdrehend, die die Peitsche zwar beherzt, aber ungeübt schwang.
Sila war mit dem Herzen noch immer im Kampf. „Gib ihm den Todesstoß“, rief sie dem Prinzen zu. Ranas Gesicht verzog sich missbilligend bei der vertraulichen Anrede. Ylaiy blickte zwischen Sila und dem Hund hin und her, das Schwert zwischen schweißnassen Handflächen.


Indessen betrachtete der Inquisitor das schwer verletzte Tier, das wie im Rausch an seinen Beinkleidern zerrte. Beinahe verdrossen hob er den Säbel und hieb in den Hunderücken, was der Asèë in seinem entrückten Zustand nicht spürte. Dann war Videm da, um ihn mit einem Schwertschlag in den Nacken des Tieres zu erlösen.
Baraten musterte die ruinierte Hose, während Videm das Bein inspizierte. „Nur ein Kratzer.“
Der Vater starrte auf den Hinterkopf seines Sprösslings. „Jetzt hast du mich gerettet.“
Videm schaute hoch, runzelte die Stirn. „Ich helfe den anderen“, entgegnete er schließlich und erhob sich.
Baratens Gesicht verdüsterte sich, als er ihm hinterher sah. Nie würde er den reglosen Gesichtsausdruck vergessen, den Videm im Kampf getragen hatte, oder die unheimliche Ruhe, mit der er die beiden Geschöpfe getötet hatte.


In Silas Gesicht mischten sich Verwunderung und Ärger. „Wieso zaudert er?“
„Lass ihn“, raunte Rana zurück. „Es ist nicht seine Natur.“
„Dann sollte er es aus Gnade tun. Sonst wird der Hund einen langen Tod sterben oder als Krüppel enden.“
Alle drei wurden der Entscheidung enthoben, als Videm um die Kutsche kam, zu dem Tier schritt und einen kräftigen Hieb ausführte. Mit einem widerlichen Klatschen fiel der Asèë auf die Erde. Ylaiy verzog das Gesicht.
Videm sah den Prinzen nur kurz an. Sein Antlitz wirkte distanziert, seine Augen ausdruckslos. Dann lief er zu den Soldaten, die den letzten verbliebenen Hunden den Garaus gemacht hatten. Jetzt standen sie im Halbkreis um die Kadaver und ihren Kameraden, schwer atmend, blutend, schwitzend. Einer wischte sich mit dem Ärmel über die Lippen.
Sila tastete sich vom Dach auf den Kutschbock und sank auf ihm nieder, als wäre jählings alle Kraft aus ihr gewichen. Sie vergrub das Gesicht an der Schulter ihrer Mutter, der es gelungen war, die Pferde zu beruhigen.
Ylaiy stand abwesend neben der Kutsche und betrachtete die verendeten Hunde, die im Tod kleiner wirkten.
Videm trat neben die Soldaten. Sie nickten ihm anerkennend zu. Lautes Lob blieb aus. Die Stille, die sich über den zerstampften Boden gesenkt hatte, war greifbar.
Grell strahlte die Sonne auf das Gras. Halme waren abgebrochen und schwammen in Blutpfützen.
„Ist er tot?“ Baratens Stimme klang heiser. Die Kavalleristen bejahten stumm, zwei wandten sich ab. Der Inquisitor beugte sich zu dem Mann mit der zerfetzten Kehle. Sein Freund kniete noch immer hinter ihm, blutdurchtränkte Kleidungsfetzen in der Hand, die Augen leer.
„Wie war sein Name?“
Der Soldat musste zweimal ansetzen, bis die Stimme ihm gehorchte. „Anders, Herr. Sein Name war Anders.“
„Ruhe sanft, Anders.“ Baraten drückte dem Toten die Augen zu. Dann nahm er den Kameraden bei den Schultern und zog ihn zu sich hoch, Worte des Trostes murmelnd.
Zögernd gesellten sich Ylaiy und die Frauen zu den Männern. Sila verbarg ihre Tränen nicht, schmiegte sich an ihre Mutter. Die leichte Bewegung weckte Videm aus seiner merkwürdigen Abwesenheit. Er blinzelte die unterdrückt schluchzende Frau an, schluckte und musterte den Prinzen, der wie betäubt auf den leblosen Reiter stierte.
Unterdessen schritt Baraten den Kampfplatz ab, stieß mit dem Stiefel an die Hundekörper, streichelte die Pferde, deren glasige Augen auf den Himmel gerichtet waren. Neben einer der Stuten saß der größere der beiden Soldaten, die Opfer der ersten Attacke geworden waren. Er hatte die Hand auf den Hals des Pferdes gelegt.
„Bist du schwer verletzt?“
Ylaiy erkannte in dem Angesprochenen den Lockenkopf mit dem eigentümlichen Bart wieder. Er sah viel jünger aus als vorhin.
„I… ich weiß nicht, Herr.“
„Lass mich sehen“, bat Baraten und griff nach den Armen des Mannes.
Dieser ließ sein Pferd nur zögernd los. Die Hände, die er dem Inquisitor hinhielt, zitterten. Zwei Finger fehlten. Die Wundränder waren grob und ausgerissen, der Ärmel blutdurchtränkt.
Baraten sah Rana an. Ylaiy musste daran denken, wie der Inquisitor ihr auf dem Hof nachgesehen hatte. Die kaiserliche Magd nickte, befreite sich von ihrer Tochter und lief zurück zur Kutsche, in deren Unterboden sie einen Teil ihrer Sachen aufbewahrte.
Sila schniefte, dann rannte sie ihrer Mutter hinterher.
„Das muss behandelt werden.“ Baratens Stimme war trocken vor Staub. „Untersucht ihr euch inzwischen gegenseitig. Wenn ihr Wunden habt, wascht sie aus. Verbindet sie. Sind sie großflächiger, bittet Rana um Branntwein.“
Er nickte in Richtung der Frauen, die zu dem verwundeten Lockenkopf eilten. Videm beobachtete sie. In seinem Gesicht stand tiefe Nachdenklichkeit, als er sich Ylaiy zuwandte und ihn nach Verletzungen absuchte.

Das Stöhnen des Wüstenjungen war leise, unterdrückt selbst im Schlaf, holte sie dennoch aus dem Abgrund der eigenen Träume.
Wolken verdeckten die Sterne. Sie stierte in rabenschwarze Dunkelheit. Unter den Bäumen meinte sie, Raubtieraugen funkeln zu sehen. Stocksteif lag sie, die Handflächen auf den Erdboden gepresst. Furcht kroch in sie, spielte mit ihrem Verstand. In ihrer Einbildung schleiften Schuppen über Holz, zischten giftbewehrte Wirbellose, huschten Insekten über ihre Haut, verhakten sich Spinnenbeine in ihrem Haar. Es brauchte allen Widerstand, nicht aufzuspringen.
Also zählte sie. Mit den Zahlen kamen die Erinnerungen. Die Buchstaben ihres Vaters. Ihre ungelenken Schreibversuche. Damals hatte sie noch Zahnlücken gehabt und auf dem Schoß ihrer Eltern gesessen.
Die Krakeleien an den Wänden des Verschlags stiegen in ihr hoch. Sie sah sich selbst vor den unverständlichen Zeichnungen stehen. Manchmal war sie mit dem Finger die Kohlenstriche nachgefahren.
Was ist das?
Berechnungen. Lass die Hände davon!

Die Verbote waren zorniger geworden mit den Jahren. Er hatte die Faust geschüttelt. Sie weggescheucht. Und so war sie gegangen. Weg von ihm.
Das Stöhnen des Jungen wurde lauter. Sie tastete nach einem Zweig und stocherte in der Glut. Rot flammte auf.
Akim lag auf der Seite, die Knie an den Bauch gezogen, die Arme angewinkelt, den neuen Speer neben sich. Das Erste, wonach er greifen würde, wenn er erwachte. Sein Kopf warf sich vor und zurück, die Muskeln zuckten. Worte drangen zwischen seinen Lippen hervor. Worte, die sie nicht verstand. Eins wiederholte sich, immer und immer wieder.
Kian.
Er murmelte es. Zog es in die Länge. Stieß es so schnell aus, dass die Silben zu einem Laut zusammenflossen.
Kjann.
Er sprach es deutlich, als wäre er wach. Dann wieder schleifte er die Töne ab. Seine Fäuste öffneten sich. Schlossen sich, öffneten sich erneut. Seine Beine fingen an zu rennen, während er schlief. Und wieder die Silben, in immer rascherer Abfolge.
Kiankiankian.
Sie richtete sich auf, als er hektischer zu strampeln und fuchteln begann.
Neben ihr wuchs plötzlich Jonoy in die Höhe. Gemeinsam krochen sie zu Akim, der sich hin und her warf, unablässig dieses eine Wort artikulierend.
Dann schrie er, schrill und durchdringend.
Im Wald verstummten alle Geräusche. Sekunden später setzten sie gleichzeitig wieder ein. Meckernd, erschreckt, angriffslustig. Ohrenbetäubend.
Akim schlug die Augen auf, starrte sie an.
Adiv sprach als Erste. „Was ist kian?“


Ein Name. Natürlich. Eine Person.
Jonoy erklärte es ihr. Akim stand abseits, so unbeweglich, dass er sich kaum von den Bäumen unterschied. Adiv hörte mit wachsender Entgeisterung der Erzählung des Schmieds zu. Schwieg lange, nachdem er geendet hatte.
„Dieses Eisland, Drahórsul, wo befindet es sich?“
„Im Norden. Die Angaben sind vage. Mehr als vage.“
„Ist es euer Ziel?“
Jonoy runzelte die Stirn. Akim, dessen scharfe Ohren Adivs Worte vernommen hatten, drehte sich um.
„Alles weist auf es hin. Der Traum vom Fliegen. Er endet dort, nicht wahr? Im Schnee. Im Eis. Im Weiß.“
„Ja“, zupfte sich der Schmied am Bart. „Aber das gibt uns noch keinen Hinweis, wo das Eisland liegt.“
„Du bist doch herumgekommen, warst überall. Stell dir das Dran’bara vor. Berlen, wie sieht es aus?“
„Wie eine Schlange. Lang gestreckt von Westen nach Osten, schmal von Süden nach Norden. Südlich liegen Yruish und Prant, im Osten und Norden Staleph. Sieh her.“
Mit der Handfläche wischte Jonoy den Boden glatt, während Adiv das Feuer entfachte und Akim näher trat. Jonoys Zeigefinger zeichnete Figuren in die Erde. „Die beiden länglichen Inseln sind Berlen und Staleph. Sie umschließen Yruish und Prant. Der Halbmond hier unten ist Kaadaa, deine Heimat. K’yr müsste in etwa hier oben im Osten liegen, denn über diese Meerenge sind wir hinüber getrieben nach Kânegg.“
„Dein Traum begann in der Wüste“, beugte Adiv sich über den Grundriss.
„Von dort aus flog ich über blaue und türkisfarbene Flächen.“
„Das Meer. Das könnte in jede Richtung sein.“
„Nicht ganz. Stalephs Norden ist gelblich, das Wasser von einem hellen Grün. Ich aber sah Grün in allen Schattierungen.“
„Von Staleph bist du aufgebrochen. Das Schicksal sendet dich nicht zurück zum Anfang“, warf Akim ein.
„Wer kennt schon die Wege des Schicksals? Alles, was ich habe, sind mein Gefühl und die verschwommenen Landschaften eines Traums. Beide weisen nicht auf Staleph, aber deswegen kann ich mich immer noch irren.“
„Was ist mit Prant?“, fragte Adiv.
„Ausgeschlossen“, gab der Schmied ohne Zögern zurück. „Prant besteht aus Ortschaften. Aus Häusermeeren, Schulen, Ausbildungsstätten, Handwerkshöfen, mehrstöckigen Gebäuden. Ich sah nichts davon.“
Adiv wischte die kleinste Insel weg. „Yruish?“
„Schwer zu sagen. Auch hier gibt es viele Orte. Du hast sie gesehen, Akim, sie reihen sich aneinander wie Perlen auf einer Kette. Aus der Luft müssen sie aussehen wie Punkte. Gut möglich, dass ich sie gesehen habe. Ich war schnell und Punkte fließen zusammen. Es gibt Felder, Wiesen, Gras, Wälder. Seen.“
„Der Palast“, gab Akim zu bedenken. „Er ist riesig.“
Jonoy schlug sich gegen die Stirn. „Die Palastanlage! Sie hätte ich sehen müssen. Und all die Straßen. Wie Bänder aus der Luft. An sie kann ich mich nicht erinnern.“
„Also nicht Yruish?“ Adivs Hand schwebte über der Hauptinsel.
„Eher nicht. Aber nicht auszuschließen.“
„Überlegen wir weiter.“
„Kaadaa habe ich gewiss nicht gesehen. Die Boragha zieht sich über die gesamte Insel. Es gibt Türme, Gebäude, Mauern, Zäune, und das in so enormen Dimensionen, dass ich sie wahrnehmen hätte müssen.“
Adivs Zeigefinger landete auf der östlichsten Insel. „Kânegg.“
„Jedenfalls gibt es Grün hier in Hülle und Fülle.“
„Dann müssen wir über diese Insel“, sagte Akim. „Nach Norden.“
„Durch die Sümpfe? Auf einen Verdacht hin? Du ahnst nicht, was uns bevorsteht.“
„Wir haben nur deinen Verdacht.“
Jonoy schüttelte den Kopf. „Das ist absurd“, murmelte er. „Das alles. Bizarr. Vollkommen verrückt. Ich bin verrückt. Das Schmiedefeuer hat meinen Verstand versengt. Träume. Visionen. Flüge. Hirngespinste.“
„Kian ist keine Fantasie!“, stieß Akim aus.
„Nein“, sagte Adiv versonnen. „Und ich glaube, da ist noch mehr.“
Die Köpfe der Männer wandten sich ihr zu.
„Aan hatte einen Sohn: Arlen. Er ist verschwunden. Seit jener Nacht.“


„Ungeheuerlich. Das ist … unglaublich. Das, das kann nicht wahr sein.“
Jonoy schritt vor ihnen auf und ab, die Hände abwechselnd in seinem Bart, dem wirren Haupthaar oder gestikulierend in der Luft.
Adiv und Akim betrachteten ihn schweigend, während das erste Tageslicht durch die Baumwipfel sickerte und der Dschungel sich beruhigte. Es war die Zeit, in der die Nachtjäger sich gesättigt schlafen legten und die Tiere, die das Licht bevorzugten, noch nicht erwacht waren, Menschen sich in einen letzten Traum flüchteten, Mond und Sonne in geschwisterlicher Eintracht am Himmel standen.
„Warum sträubst du dich plötzlich so dagegen?“ Adivs Wangen brannten. Schon bereute sie, ihre Gedanken geäußert zu haben.
Der Schmied blieb stehen. Er musterte seine jungen Gefährten, die mit gekreuzten Beinen nebeneinandersaßen, die Köpfe in die Handflächen gestützt, übernächtigt und an den Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit. „Weil es zu viele Zufälle sind. Meine Enkelin, Akims Bruder und nun der Sohn deiner Freundin. Es scheint, als ob jeder Mensch, den ich treffe, in die Angelegenheit verwickelt ist.“
„Es ist nicht unwahrscheinlicher als Flügelwesen oder Zauberer. Als ein Junge, der von einem Felsen geradewegs in deine Arme fällt, oder eine Flucht aus dem sichersten Gefängnis der Welt. Oder als eine Fahrt über das Meer auf Holzbündeln“, gab das Mädchen bissig zurück.
Der Alte strich sich über den fusseligen Bart. Dann warf er die Arme nach oben. „Also gut! Nehmen wir an, dies alles wären keine Zufälle. Lassen wir unseren Verstand, unsere Logik, all das, was unsere Vergangenheit uns gelehrt hat, hinter uns. Akzeptieren wir, dass wir hier sind. In einem Wald auf Kânegg, im sechsundzwanzigsten Jahr unter der Herrschaft Ylaives aus der Dynastie der Yrvois.“
Die Worte des Schmieds stiegen zwischen den Wipfeln empor, legten sich um sie drei, vereinte sie.
„Auf der Suche nach Kian, der entführt wurde von den Bur-an-gnea, mythischen, uralten Geschöpfen. Der Legende nach bringen sie Kinder nach Drahórsul, wo sie an das dort lebende Volk, tja, verfüttert werden. Zeitgleich wird in meinem Traum meine tote Enkelin geraubt. Auch ich sehe Flügelwesen und Soldaten, habe verworrene Visionen von einem Flug, der mich vielleicht ins Eisland führt. Und dann ist da Arlen. Er verschwand … wann? Vor einer Woche?“
Adiv rechnete nach. „Vor fünf Tagen.“
„Über einen Monat später als Kian und Jonoypret.“
„Es ist ein langer Weg von Berlen nach Kaadaa. Ihr kennt die Strecke.“
„Sie fliegen“, gab Akim zu bedenken. „Sie sind schneller als wir.“
„Vielleicht haben sie dazwischen noch mehr Kinder entführt.“
„Bei meiner Seele!“, schrak Jonoy zusammen. „Das ist nicht so weit hergeholt, Adiv. Kian und Arlen sind möglicherweise nur zwei von vielen Opfern!“
Bedrückt schwiegen sie. Dann nahm Jonoy den Faden wieder auf. „Dennoch passt Arlen nicht ins Bild. Es geschah ein Mord und die Wesen hätten auf einem bewachten, überbevölkerten Areal landen müssen.“
„Schlimmer. Aan und Arlen lebten unter der Erde, wie viele von uns. Die Flügelwesen hätten durch mehrere Meter Erdreich stoßen müssen. Das ist ganz und gar unmöglich.“
„Also doch nur ein Zufall? Auch wenn ich herzlos klinge: Könnte es sein, dass du dich an einen Strohhalm klammerst? Dass du glauben willst, Arlen wäre entführt worden, weil das bedeutet, dass er noch am Leben sein könnte?“
„Ich dachte die ganze Zeit, er wäre tot. Doch dann hörte ich Akims Geschichte. Und nicht nur das! Ich sah deine Skizzen.“ Adivs Finger stieß in die Zeichnung des Inselreichs. „Und das.“ Sie zeigte auf den Kreis in der Mitte Berlens. „Der Schwarze Felsen, wie du ihn nennst. Oder Blutfelsen. Mein Vater nannte ihn Knochenfels.“
„Was?!“
Ihre Augen bohrten sich in seine. „Diese Karte befand sich an unserer Wand. Mein Leben lang. Und eines der Kreuze war an eben dieser Stelle. Da, wo du einen Kreis gezeichnet hast. Der Felsen. Mein Vater kannte ihn. Und Arlen kannte ihn auch.“
Erinnere dich.
„Meine Eltern sprachen nie von diesen Dingen. Den Schriften, den Zeichen, den Skizzen, ihrer Vergangenheit. Natürlich fragte ich. Als kleines Kind. Irgendwann hörte ich damit auf. Die Antworten waren vage, ausweichend, aggressiv. Ich verlor das Interesse an dem wirren Zeug, das mein Vater den ganzen Tag über brabbelte.
Dann kam Aan und mit ihr Arlen. Er war immer mit dabei. Ich brachte sie mit nach Hause. Nicht oft. Dreimal, viermal vielleicht. Arlen ist ein neugieriger Junge, der Wissen aufsaugt wie ein Schwamm. Er fragte meinen Vater aus. Meine Mutter. Auf beinahe magische Weise schlich er sich in ihre Herzen. Sie mochten den Kleinen. Auf ihre besondere, sehr … herbe Art.
Ehrlich gesagt hörte ich fast nie hin, wenn meine Eltern ihm Geschichten erzählten. Lieber nutzten Aan und ich die Zeit, um uns davon zu stehlen oder zu plaudern. Doch ich bekam mit, dass mein Vater von diesem Felsen faselte. Dem Knochenfelsen. Manchmal nannte er ihn auch Knochenstein. Er beschrieb Zeremonien, die auf dem Felsen stattfanden, Zauberei, obskure Magie. Ich hielt das für Geschwätz, dachte, er wolle Arlen mit Kindergeschichten beeindrucken. Und sie zeigten Wirkung. Arlen saß still, machte große Augen, hörte gespannt zu. Ich weiß, dass ihn die Geschichten noch Nächte später beschäftigten.
Das ist es, was mich umtreibt, seit du mir von dem Felsen erzählt hast. Arlen kannte ihn. Nun ist er verschwunden. Was ist, wenn Aan gar nicht das Ziel war? Wenn sie einfach beseitigt werden musste, weil sie im Weg war?“
„Das löst nicht das Rätsel, wie die Flügelwesen unter die Erde gelangt sind.“
„Das mussten sie nicht“, warf Akim ein. „Denk an deinen Traum. Du hast von Soldaten gesprochen. Ich denke, sie hatten Hilfe. Die Wärter haben Arlen nach oben gebracht. Von dort holten die Bur-an-gnea ihn ab.“
„Das hätte doch jemand gesehen!“
„Nicht, wenn die Insassen die Feiern zur Letzten Nacht vorbereiteten oder der Ankunft des Gefangenentransportes beiwohnten, der euch nach Kaadaa brachte“, hielt Adiv dagegen.
Jonoys Mund stand offen, während er nach Luft schnappte.
„Kian war auf der Insel. Zur gleichen Zeit wie wir?“ Akim schlug verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen.
„Einen Monat nach seiner Entführung? Nein, ich glaube nicht.“ Adivs Stimme wurde sanft. „Kian war längst an einem anderen Ort. Vermutlich auf der Eisinsel. Ich denke, sie haben Arlen danach geholt und ebenfalls dorthin gebracht.“
„Wo sie verfüttert werden“, sagte Akim tonlos. Seine Nasenflügel bebten.
„Das wissen wir nicht. Lass uns weiter hoffen. Sie suchen, solange, bis wir Sicherheit haben.“
„Wo?“
Erinnere dich.
Das Mädchen zeigte auf die Zeichnung im Erdreich. „Ich sagte ja: Mein Vater hatte dieselbe Illustration an der Wand. Ich hatte sie mein Leben lang vor Augen und habe sie doch nie richtig gesehen. Aber etwas ist mir vorhin eingefallen. Die Karte war anders. Es gab eine zusätzliche Insel hier oben, nördlich von Kânegg. Eine große Insel. In ihr stand kein Name, dagegen gab es ein weiteres Kreuz und andere Symbole, an die ich mich nicht erinnern kann. Ich denke, dass diese Insel eure geheimnisvolle Eisinsel ist. Dorthin müssen wir. Nach Norden.“
„Durch die Sümpfe“, sagte Jonoy erschüttert.
„Möglicherweise finden wir einen besseren Weg. Gibt es einen Hafen im Norden Kâneggs?“
„Nicht direkt. Aber eine Garnison. Die letzte Bastion vor dem unbekannten Land. Fedaj.“

In der Nacht lagerte die Gruppe am Fuß der Hügelkette. Auf Anordnung Baratens entzündeten sie Feuer, um weitere Wildhunde fernzuhalten; ein besonders großes ein Stück entfernt vom Lager. Ylaiy und Videm halfen, die Hundekadaver in die Flammen zu werfen. Zum Glück wehte der Wind in die lagerabgewandte Richtung, sodass der beißende Gestank brennenden Fleisches zu ertragen war.
Die Pferde wogen zu schwer für die Männer. Baraten entschied, sie liegen zu lassen. Der Gedanke, dass Fliegenlarven und Aasfresser sich über die Reittiere hermachen würden, behagte niemandem, aber alle sahen ein, dass es eine vernünftige Lösung war. Der Vorschlag eines Soldaten, eins der Tiere zu schlachten, stieß auf Widerstand.
Den getöteten Kameraden zu bestatten, erwies sich als schwierigste Aufgabe. Der Boden war trocken, hart und von Gestein durchsetzt. Der Inquisitor wies an, den Leichnam auf eine Anhöhe zu tragen und ihn in eine Mulde zu legen. Danach sammelten sie große Steine und Geröll, die sie auf Anders häuften. Baraten sprach einige Abschiedsworte, welche die meisten dumpf aufnahmen, bevor sie sich zur Ruhe legten.
Sila und Rana kümmerten sich um den Lockenkopf, dessen Teilnahmslosigkeit nicht schwinden wollte. Er zuckte nicht einmal, als Rana den Branntwein über die offene Wunde goss und die Wundränder mit einer glühenden Nadel schloss. Stunden später begann er unkontrolliert zu zittern. Sein Gesicht schwoll an und glühte vom Fieber.
Ylaiy, Videm und Sila fanden sich an einem der Feuer ein. Stumm und mit aufgerissenen Augen hörten sie dem Verletzten zu, der sich hin und her warf und fremde Namen in die Nacht rief.
Videm bemerkte, wie Ylaiy Silas Hand drückte. Er fühlte sich überflüssig. Am liebsten hätte er sich zu seinem Vater begeben, doch der saß neben Rana an der Seite des Fiebernden. Bisweilen blickten sie sich sorgenvoll an. Manchmal sprachen sie leise miteinander. Hier draußen war Baraten der Mann, der die Gruppe leitete und Befehle gab. Für seinen Sohn blieb keine Zeit.


Der Lockenkopf starb in der Nacht unter großen Qualen, geschwächt von Blutverlust und Wundfieber. Sie bestatteten ihn neben Anders.
Zwei weitere Reiter blickten bang auf ihre Bisswunden. Bislang zeigten sie keine Anzeichen einer Infektion, doch Baraten riskierte nichts und ließ sie in der nächsten Stadt, Ebona, in der Obhut eines Heilkundigen zurück. Jetzt begleiteten nur noch acht Soldaten die Gruppe.
Bis Trakonare verließ Ylaiy die Kutsche nicht. Zusammengesunken saß er auf der harten Bank, betrachtete abwesend die stetig flacher werdende Landschaft.
In Trakonare ließen sie die Kutsche zurück, weil die Wege sich verschlechterten. Schmale Wasserläufe und Priele weichten die Wiesen auf, bildeten immer größere Hindernisse. Die Luft wurde salziger und kühler, das Sonnenlicht gleißender.
Dann und wann warf der Kaisersohn einen verstohlenen Blick auf Videm, der neben ihm ritt und kaum ein Wort mit den anderen wechselte.
„Du kämpfst gut“, sagte er, einen Tag, nachdem sie Trakonare hinter sich gelassen hatten.
Videm blickte ihn von der Seite an. „Ihr habt dieselbe Ausbildung genossen wie ich.“
„Was nützt das, wenn man ein Hasenfuß ist und in Momenten der Gefahr nicht mehr weiß, wie man das Schwert hält?“
„Menschen sind unterschiedlich“, gab der jüngere Baraten vorsichtig zurück.
„Wie hast du es gemacht?“, stieß Ylaiy hervor. „Woher hattest du den Mut?“
„Ich weiß es nicht. Mein Verstand setzte aus. Plötzlich war da nur noch der Gedanke, meinen Vater zu schützen. Alles andere war wie weggeblasen. Als es vorbei war, hatte ich das Gefühl, aus einem Traum zu erwachen.“
„Hattest du keine Angst?“
„Ich erinnere mich nicht. Alles ist ziemlich verworren.“
„Meinst du, man kann das lernen? Nicht, wie man kämpft, sondern wie man sich überwindet zu kämpfen?“
„Das weiß ich nicht. Aber wenn Ihr wollt, können wir uns gemeinsam verschiedene Taktiken überlegen, falls es noch einmal zu einem Zwischenfall kommt.“
Zu seinem eigenen Erstaunen durchströmte Ylaiy neue Tatkraft. „Danke. Das Angebot nehme ich gern an.“ Er streckte die Hand aus und Videm schlug nach kurzem Zögern ein.

Der Schmied hatte vorgeschlagen, an der Küste entlang zu laufen. „Der Weg ist länger, dafür sollte er ungefährlicher sein. Sand ist besser zu bewältigen als Morast. Außerdem hoffe ich, dass diese Viecher in der Nähe des Wassers verschwinden.“ Ärgerlich hatte er nach einem blau schillernden Moskito geschlagen.
Das war vor vier Tagen gewesen und Jonoy hatte recht behalten. Die Insektenplage nahm deutlich ab, wenngleich für Adivs Geschmack noch immer zu viele Blutsauger unterwegs waren.
Der Marsch war weniger anstrengend, als sie befürchtet hatte. Das Wetter blieb mild, trotz der kräftigen Brise, die vom Meer herein blies. Erst am Abend, wenn die Sonne hinter den Farnwäldern versank, wurde es ungemütlich. Dann schlotterten sie am Feuer, das so winzig war, dass es kaum Wärme spendete. Ein Windfang aus Ästen, Zweigen und Blättern schützte nur unzureichend vor der kalten Meeresluft.
Die Insel geizte nicht mit Reizen. Der Ozean leuchtete an manchen Stellen so türkisfarben, dass sie sich kaum daran sattsehen konnten. Der Sand schmiegte sich weich an ihre Füße, der Himmel strahlte dunkelblau. Möwen schwebten über den Buchten und silbrig glänzende Fische schossen in den Nachmittagsstunden aus den Wellen. Doch der Anblick der Küstenlinie änderte sich nie. Immerfort liefen sie am Strand entlang, näher am Waldrand, wenn die Flut die Baien überspülte; am Wasser, wenn Ebbe herrschte und ein Heer von Sandwürmern und Krabben zum Vorschein kam.
Anfangs hatte Adiv Ausschau gehalten, nach Muscheln oder versteinerten Meeresbewohnern. Sie fand so reichlich davon, dass der Reiz der Jagd bald erlahmt war. Und so trottete sie weiter, den schaukelnden Rücken des Schmieds oder den auf Zehenspitzen laufenden Wüstenjungen vor sich. Bei jeder Landzunge leuchteten ihre Augen auf und ihre Schritte beschleunigten sich. Doch nach der Landspitze erwartete sie wieder nur der Sandstrand.
Die buschartigen, halbhohen Wäldchen, die vereinzelt zum Landesinneren hin aufgetaucht waren, verschmolzen bald zu einer endlosen Baumlinie. Sie war an manchen Stellen so dicht, dass selbst Akims Augen keinen Weg durch das verfilzte Unterholz fanden.
„Im Herzen des Urwaldes liegen Sümpfe und Moore, die einen Menschen auf ihren Grund ziehen können“, hatte Jonoy erklärt.
Adiv konnte kaum begreifen, dass das, was sie vom Wald sah, diese unaufhörliche Aneinanderreihung von Bäumen, Büschen und Sträuchern, nur die Ausläufer eines Gebiets waren, von dessen Ausdehnung sie sich keine Vorstellung machen konnte.
„Kânegg mag rückständig erscheinen, in weiten Teilen unberührt, unbezwingbar, unzugänglich und feindselig, doch seine Üppigkeit macht es begehrenswert. Wie auf Kaadaa gibt es viele Edelhölzer. Der Pflanzenreichtum ist enorm und kaum erforscht. Es wachsen eine Menge Kräuter und Nutzpflanzen und ebenso viele giftige Gewächse. Manche gedeihen nur hier. Die alten Völker wissen die Kräfte dieser Pflanzen zu nutzen, aber ihr Wissen stirbt mit ihnen aus.
Und erst die Tiere! Niemand kennt all die Arten, die allein in den Sümpfen zu Hause sind. Die meisten sind gefährlich, doch ihr Fleisch stillt den Hunger. Ihre Felle und Häute bringen Gold, aus den Sehnen macht man Nähgarn, aus den Knochen Seife, aus Reptilienhäuten Stiefel, aus den Zähnen Kunstgegenstände und Waffen.“
Akim hatte zu vielen Erklärungen des Schmiedes genickt. Sein Leben unterschied sich nicht sehr von dem der hiesigen Stämme.
Selbst der Anblick des Waldes ermüdete bald. Bei all der Pracht, welche die Natur hier im Überfluss hervorbrachte, gab es auffallend wenige Farben. Alles war grünlich, bräunlich, von einem sandfarbenen Gelb bestenfalls.
Wo es Blüte und Wachstum gab, gab es auch Tod und Verwesung. Trotz des allgegenwärtigen Geruchs nach Salz, Tang und Fisch rochen sie die verrottenden Hölzer und Blätter. Tierkadaver verwandelten sich im Gewimmel der Maden in einen Brei, der einen süßlichen Geruch freisetzte, der unter dem Laubdach keinen Weg nach außen fand. Überreife Früchte, die einer Schar von Kleinstlebewesen als Nahrung dienten, stanken faulig, genauso wie die Ausscheidungen der Tiere.
Akim beschrieb ihnen weitere Ausdünstungen, die nur seine Nase einfing: bittere Gifte an Reptilienzähnen, Spinnenbeinen, Froschhäuten und Insektenstacheln. Zitronige Giftstoffe an den Blättern gelber Blumen. Das nasse Fell der Säugetiere. Nach Brackwasser stinkende Schuppen. Modrige Luft, die über unbewegten Seen und Pfützen stand.


Am fünften Tag blieb Akim stehen. Warnend hob er den linken Arm, der rechte packte den Speer fester. Adiv griff sofort nach dem Schwert, Jonoy klammerte sich an seinen neuen Stock.
„Was ist?“ Unwillkürlich flüsterte der Alte.
„Ich rieche Rauch. Er riecht … ba-dagkte-gor.“
„Abgestanden. Erloschen“, übersetzte Jonoy.
„Ein verlassener Rastplatz?“, schlug Adiv vor.
„Möglich. Der Rauch ist deutlich zu riechen“, sagte Akim.
„Nicht von mir.“
Jonoy sah sich prüfend um. „Lasst uns weitergehen.“
„Ich zuerst.“
Jonoy hütete sich davor, Akim zu widersprechen. „Pass auf dich auf und entferne dich nicht zu weit.“
Dagoi“, eilte der Junge mit leichten Sprüngen voraus.
Der Schmied schob sich, den langen Stock abwehrbereit in den Händen, vor Adiv.
„Du musst mich nicht schützen. Ich bin kein Kind mehr.“
Er warf ihr einen schrägen Blick zu. „Spiel nicht die Heldin. Ich weiß, dass du auf dich aufpassen kannst. Ich erinnere mich lebhaft an den Kampf mit den Wärtern. Dennoch: Ich bin kräftiger als du und, wenngleich kein Krieger oder Soldat, so doch nicht ganz unerfahren mit Waffen.“
„Schon gut“, grummelte sie.
Akims Gestalt war nur noch schwer auszumachen. Er erinnerte Adiv an die Spürhunde der Bewacher, lief so leicht und federnd, dass die Füße kaum den Boden zu berühren schienen, die Nase nach unten geneigt.
„Er wird nicht aufgeben, solange er eine Spur wittert, solange er weiß, dass es etwas gibt, wonach er suchen kann“, sinnierte Jonoy.
Sie sahen das Dorf, als die Küstenlinie eine sanfte Biegung machte. Bevor das Feuer sein Vernichtungswerk begonnen hatte, war es vermutlich ein hübscher Flecken gewesen. Eine Fischersiedlung, abgelegen, unauffällig, Heimat für vier oder fünf Familien. Eingebettet zwischen Dünen und Wald, in einer vom Meer umspülten Bucht.
Langsam trat Adiv hinter Akim, der bestürzt vor den rauchenden Pfählen stand. Die meisten der zum Ozean hin offenen Hütten waren eingestürzt und schwelten noch. Der Ruß bildete einen starken Kontrast zum Sand. Die Pfahlstümpfe knackten leise vor sich hin, ansonsten herrschte unnatürliche Stille. Die Waldtiere waren verstummt, sogar das Meer schien sich in Trauer zu wiegen.
Adiv brauchte nicht lange, um alle Einzelheiten zu erfassen. „Oh, Kaa“, murmelte sie, als ihr aufging, dass die verkrümmt daliegenden Holzstücke Körper waren.
Jonoys Gesicht verzog sich ins Groteske. Furchen liefen darüber wie auf einem brüchigen Blatt Pergament.
„Das da hinten“, presste Adiv hervor, „das … sind …“
„Menschen“, erwiderte der Schmied tonlos. „Und Tiere. Hunde möglicherweise.“
„Dazu einige Katzen und eine Ziege“, bestätigte der Fährtenleser. Er wirkte ebenso schockiert wie das Mädchen, das neben ihm auf den Boden gesunken war.
„Warum sind sie so verrenkt?“
„Das Feuer“, erklärte Jonoy, „entzieht dem Körper Feuchtigkeit, sodass er sich zusammenzieht.“
„Sie sehen aus, als bettelten sie um Hilfe.“
„Es scheint, als wäre das Dorf im Schlaf überrascht worden.“ Jonoy strich sich nachdenklich den Bart. „Wie viele Tote seht ihr? Zwanzig? Dreißig?“
„Dreiundzwanzig“, antwortete Akim.
„Das sind viele Tote.“ Wieder fuhr er sich über den Bart. „Keine Hütte steht mehr. Merkwürdig.“
„Wieso?“ Adiv musterte den Alten gespannt.
Akim wartete die Antwort nicht ab. Stattdessen lief er eine weitere Runde um die Siedlung, den Blick auf den Boden gerichtet.
„Stell dir vor, dass in einer Hütte ein Feuer ausbricht. Jemand hat nicht aufgepasst oder ein Schlafender ist in die Glut gerollt. Vielleicht war ein Kind unvorsichtig.“
Bei dem Gedanken an Kinder verzog Adiv das Gesicht.
„Die Hütten brennen wie Zunder. Der Wind trocknet alles aus. Außerdem beschleunigt er das Feuer. Vom Qualm erwachen die Menschen. Sie husten, sehen nichts, schreien. Das Feuer zischt und faucht, Holz splittert und knackt. Die Leute hier sind daran gewöhnt, auf ungewöhnliche Geräusche und Bewegungen zu achten. Das ist ihnen schon bei der Geburt in Fleisch und Blut übergegangen. Ihre Instinkte und Sinne sind der Garant für ihr Überleben. Was tun sie also? Was würdest du tun?“
„Helfen.“
Jonoy lachte grimmig. „Der Gedanke ehrt dich, aber dies ist nicht deine erste natürliche Reaktion. Deine erste Reaktion ist Flucht. Du rennst weg, blind und ohne nachzudenken, raus aus der Gefahr. Du greifst nach deinen Kindern und fliehst. Erst, wenn du in Sicherheit bist und das Denken wieder einsetzt, wirst du helfen. Läufst zurück, um andere zu retten oder das Feuer zu löschen, aber wenn du wach wirst und ein Brand um dich wütet, dann flüchtest du.“
„Dann hätte es weniger Tote gegeben.“
„Genau. Hätte eine Hütte gebrannt, wären die Menschen aus den umliegenden geflohen.“
„Vielleicht hat das Feuer auf die anderen Hütten übergegriffen. In der Boragha breiten sich Brände oft rasend schnell aus.“
„Dort steht auch Verschlag an Verschlag, Zelle an Zelle. Aber hier ist zwischen den Hütten genug Platz.“
„Funkenflug?“
„Auf alle Unterkünfte gleichzeitig? Für mich sieht das Ganze seltsam aus. Mein Bauch sagt mir, dass hier etwas nicht stimmt.“ Der Alte wackelte mit dem Kopf. „Für mich hat es den Anschein, als hätten alle Hütten zeitgleich Feuer gefangen, sodass niemand rechtzeitig fliehen konnte.“
„Sechs Menschen sind geflohen“, tauchte Akim neben ihnen auf. „Zwei Spuren sind weniger tief, die Schritte kleiner. Frauen oder Kinder.“
„Eine Mutter mit ihrem Kind?“ In Adivs Augen stand Hoffnung.
„Möglich. Sie sind in das Wasser gelaufen, nicht in den Wald.“
„Ist das nicht logisch? Wasser ist der Feind des Feuers, während der Wald es nährt. Außerdem ist das Meer näher.“
„Der Wald ist jedenfalls intakt“, sagte Jonoy. „Es war kein Waldbrand, der übergriff.“
„Nein“, bestätigte Akim. „Doch es gibt auch Fußspuren am Waldrand. Eine Menge. Stiefelabdrücke. Die ins Wasser gingen, liefen barfuß.“
„Stiefel“, hauchte die Diebestochter und schaute sich mechanisch um. Ihr Blick blieb an dem dichten Unterholz hängen. Mit einem Mal fror sie. Aus den Tiefen des Waldes schienen sie Augenpaare anzustarren. Im Geiste sah sie, wie massige Männer mit harten Gesichtern ihre Klingen aus den Scheiden zerrten, ihre Lanzen schulterten. Sie zog den Kopf zwischen die Schultern.
„Soldaten? Brandstifter?“ Jonoy klang ungläubig. Doch die Spuren, die Akim entdeckt und gelesen hatte, waren Beweis genug, führten zu weiteren Schlussfolgerungen. „Die Soldaten kommen aus dem Wald, vermutlich nachts, weil bis auf zwei, drei Wachen alle schlafen. Sie verteilen sich und stecken die Hütten gleichzeitig in Brand?“
Er schüttelte den Kopf und sah den Jungen an, der leise fortfuhr: „Sie rechnen damit, dass einige fliehen werden, warten am Wald, um den Weg abzuschneiden. Sie stehen auch am Wasser, nur nicht ganz so zahlreich. Sechs entkommen. Einer ist verletzt.“ Akim wies auf eine dünne schwarze Spur am Boden, die Adiv für eine Brandspur gehalten hatte. Jetzt erkannte sie getrocknetes Blut.
„Meine Meinung über die Soldaten ist nicht die beste, aber du machst sie zu kaltblütigen Mördern!“ Erregt stapfte Jonoy auf und ab. Seine Hand fuhrwerkte durch den Bart.
„Ich lese nur die Spuren.“
„Du musst dich irren! Ich bin kein Soldatenfreund. Mir ist durchaus klar, dass die Art, wie sie von den Inseln Besitz ergriffen haben, bestenfalls fragwürdig, schlimmstenfalls ein Verbrechen war. Doch sie haben über Jahrzehnte in Frieden mit den Einheimischen gelebt. Heute gehen sie sich aus dem Weg. Das hier ist glatter Mord. Eine Gräueltat an einem ganzen Dorf! Du musst dich irren!“
„Die Spuren irren sich nicht“, beharrte Akim.
Jonoy lief auf und ab, starrte auf die qualmenden Überreste, die Kadaver, die Fährten, die der Junge zu lesen verstand wie andere ein Buch. Akim und Adiv saßen im Sand und sahen ihm stumm zu.
Die Sonne war schon längst über ihren Zenit gekrochen, als der Alte schließlich seufzte und sich mit der Hand über die Augen wischte. Die Bewegung kam schwerfällig, als bereite ihm das Heben des Armes Schmerzen. „Gehen wir“, sagte er heiser. „Ich fürchte diesen Ort.“
„Die Soldaten sind nicht in der Nähe“, entgegnete Akim.
„Woher…? Ach was“, winkte der Schmied ab.
„Was ist mit den Geflohenen?“, fragte Adiv. „Siehst du, ob sie zurückgekehrt sind?“
„Sie sind weg. Im Sand waren sie wendiger als die Soldaten in ihren schweren Stiefeln. Sie sind im Zickzack-Lauf ins Wasser gestürzt. Dort verlieren sich ihre Spuren.“
„Man sagt dem Sumpfvolk außergewöhnliche Schwimmkünste nach“, merkte Jonoy an. „Hoffen wir, dass die Gerüchte wahr sind.“


Nachdem sie das Dorf hinter sich gelassen hatten, wanderten sie lange schweigend und in Gedanken verloren. Adivs Augen kreisten ununterbrochen den Waldrand ab, als befürchte sie, dass uniformierte Männer aus dem Dunkelgrün stürzten. Sie lief dichter als gewöhnlich hinter Jonoy, streckte den Arm nach Akim aus, wenn er drohte, sich zu weit von ihnen zu entfernen. Jonoy hetzte vorwärts, horchte unruhig auf Geräusche. Akim lief gewohnt leichtfüßig. Manchmal zuckte sein Kopf in die eine oder andere Richtung, was Adiv augenblicklich in Alarmbereitschaft setzte. Sobald er Entwarnung gab, atmete sie hörbar aus.
Gegen Abend nahmen sie Veränderungen in der Landschaft wahr. Sie spürten sie zuerst unter ihren Sohlen. Der feine Sand wandelte sich in grobkörnigeren, dem Sand am Fuße von K’yr nicht unähnlich. Er wechselte in eine dunklere Schattierung. Es wurde schwerer und schmerzhafter, auf ihm zu gehen.
Bald darauf tauchten die ersten Steine auf. Zunächst lagen sie vereinzelt am Strand, wie von übermütigen Kindern hingeworfen; große, vom Schlag der Wellen rund gewaschene Findlinge. Sie wurden immer zahlreicher. Bei Einbruch der Nacht bildeten Gesteinswälle bereits natürliche Barrieren gegen das Wasser.
Der Wind frischte auf. Keine Frage, sie näherten sich dem Norden. Die feuchte Kälte, die vom Meer ins Land wehte, gab einen ersten unangenehmen Vorgeschmack auf die bevorstehende Witterung.
In dieser Nacht lagerten sie nicht am Strand, sondern hinter einer der Felsansammlungen. Sie kauerten dicht beieinander, drückten sich an die Steine, hielten die Köpfe unten. Akim schichtete Sand zu großen Haufen, in die sie sich hinein wühlten. Die Haufen boten mehr Wärme, als Adiv geglaubt hatte, freilich konnten sie ein Feuer nicht ersetzen. Sie aßen Grasspitzen und rohe Muscheln, tranken Wasser aus einem nahen Tümpel. Unbekannte Wurzeln und Beeren verschmähten sie.
Die Nacht blieb ohne Vorfälle, doch niemand schlief gut. Lange vor dem Morgengrauen erhoben sie sich mit steifen Gliedern in klammer Kleidung. Es war besser, sich zu bewegen und einer Gefahr zu nähern, als von ihr überrascht zu werden.
Nach zwei Stunden reckte Akim den Arm in die Luft. „Runter!“
Augenblicklich warf Adiv sich flach auf den Boden und robbte neben Jonoy hinter eine Felsgruppe.
Der Feuerschein hob sich über dem Wald als orange-rote Säule gegen den noch dunklen Himmel ab. Gleich darauf roch sie den beißenden Rauch, obwohl der Wind ihn in die Gegenrichtung drückte.
Einige Sekunden lag sie mit wild klopfenden Herzen da und starrte auf den bleichen Mond, der hinter schnell vorbeiziehenden Wolken aufblitzte wie eine gespenstische Illusion. Erst nachdem Akim den Kopf über die Oberkante der Felsen geschoben hatte, wagte Adiv, es ihm gleich zu tun.
Ihre Augen öffneten sich weit, als sie die Männer sah, die auf einer Länge von hundert Metern aus dem Wald traten und sich am Strand postierten. Dort warteten sie schweigend, die Gesichter den Bäumen zugekehrt. Adiv kämpfte gegen den Impuls an, blindlings davon zu rennen, weg von den Mördern, die Dörfer auslöschten. Jonoys Hand hatte sich wie eine Eisenklammer um ihren Oberarm geschlungen, hielt sie zurück.
Sie ließ sich wieder hinter die Steine rutschen und schloss die Augen, konzentrierte sich auf ihre anderen Sinne. Jonoy hatte recht. Ein Feuer war laut. Es lärmte regelrecht, prasselte, zischte, knackte, sirrte. Als ein Baum umstürzte, krachte es ohrenbetäubend. Sumpfgasblasen explodierten, schleuderten Fontänen von Teerwasser in die Luft. Adiv vernahm das aufgeregte Kreischen der Tierwelt, das panische Flattern tausender Flügelpaare. Sie roch brennendes Holz, stinkendes Gas und verkohltes Fleisch. Ihre aneinandergelegten Finger schlugen unablässig auf ihre Brust.
Viele Stunden später zogen die Soldaten landeinwärts ab.
Lange blieben sie zitternd hinter den Felsen liegen, die Gesichter bleich vor Grauen, bis die Kälte sie weiter trieb.
In stummem Einverständnis mieden sie es, die Brandstätte aufzusuchen. Allen war klar, dass es dort niemanden gab, dem sie helfen konnten. Wer das Flammenmeer überlebt hatte, würde sich Fremden nicht zeigen.
Jonoy stand sichtlich unter Schock, lief in einer Art Dämmerzustand. Mehr als einmal zogen Akim und Adiv ihn vor Hindernissen beiseite.
„Sie suchen uns“, unterbrach Adiv am Mittag das zermürbende Schweigen.
Ihre Begleiter blieben stehen und sahen sich unbehaglich an.
„Sicher hatten sie Boote. Sind schneller als gedacht nach Kânegg übergesetzt“, stieß Adiv hervor. „Suchen nach uns. Wir sind aus der Boragha entflohen! Das können sie nicht zulassen.“
„Das wissen wir nicht.“ Ihre Gedanken schienen Jonoy von den eigenen abzulenken, denn er gewann seine Besonnenheit zurück. „Niemand weiß, wohin wir geflohen sind. Wenn Chries nichts gesagt hat, dann ...“
„Vergiss nicht, was ich gesehen habe!“ Jetzt stand die Angst in ihren Augen. Die Selbstvorwürfe. Mit schmerzender Kehle würgte sie an dem Kloß in ihrem Hals.
„Warum sollten sie uns bei den Einheimischen vermuten?“, meldete sich Akim. „Jeder in unserer Situation würde Menschen meiden. Wegen uns müssten sie keine Siedlungen vernichten.“
„Ich könnte weiter erzählen, was ich gesehen habe.“
„Was denn? Dass du einen Wärter neben einer toten Frau gefunden hast?“, fiel Jonoy ein. „Bitte verstehe mich jetzt nicht falsch, aber wen um alles in der Welt interessiert eine einfache Gefangene? So sehr, dass eine ganze Kompanie die Zeugin, die das Verbrechen an sich gar nicht beobachtet hat, über eine Insel verfolgt und den Dschungel in Brand setzt? Bis du jemanden zu Hilfe geholt hättest, wären längst alle Beweise vernichtet. Und wem würden sie mehr glauben – dir oder einem Aufseher? Wir wissen nicht, warum die Dörfer brennen. Du solltest dich nicht mit Vorwürfen belasten.“
„Vielleicht sollten wir uns trennen. Vielleicht bin ich eine Gefahr für euch.“
„Unsinn. Wir sind alle in Gefahr.“ Er sah ihr tief in die Augen, schüttelte sie sacht. „Du hast uns das Leben gerettet. Denkst du allen Ernstes, wir lassen dich einfach so in dein Verderben laufen? So leicht wirst du uns nicht los. Akim stöbert dich sowieso wieder auf.“
„Wer sagt, dass wir nicht trotzdem ins Verderben laufen?“ Ihre Augen schwammen in Tränen.
Er zuckte mit den Schultern. „Dann sterben wir wenigstens nicht allein auf der Suche nach den Kindern.“

Doaki. Dwuorkich in der vokalreichen, mit rollenden Konsonanten durchsetzten Mundart der hiesigen Bevölkerung: krummbeiniger, von Salz und Sonne verdorrter Schauerleute und Fischer.
Der Ort lag am Buckel, dem äußersten Ende einer zur Meerseite hin abgerundeten Landzunge, die Teil der lang gestreckten Halbinsel Dors war, welche Stalephs unwirtlichen Nordosten gegen die Stürme und Springfluten der See abschirmte.
Von Trakonare aus war der geschrumpfte kaiserliche Tross einem zusehends versandenden Weg gefolgt, der sie nach vier Tagen in die entlegene Provinz Dorsare geführt hatte. Nach den Salzwiesen, Feldern und Prielen waren in immer kürzeren Abständen Schilfhaine aufgetaucht, aus denen Schwärme von Feuerkäfern aufstiegen. Im Sommer musste es in den Tümpeln inmitten des Röhrichts von Mücken und Bremsen wimmeln. Nur war das Wetter mittlerweile selbst am Tage empfindlich kühl, sodass sie von Stichen und Bissen verschont geblieben waren.
Nicht weit vor dem Dorf wurde der Sandboden dunkler. Immer größere Pfützen und Lachen sprenkelten den Weg, der kaum noch als solcher zu erkennen war. Die Löcher stanken nach Brackwasser und verrotteten Wurzeln. Schwarzer Schlick umgab sie. Die Hufe sanken tief ein, sodass die Reisegemeinschaft beschloss, die Pferde an den Zügeln zu führen.
Silas Stiefel blieben ständig in dem schmatzenden Untergrund hängen. Bald schon brannten ihre Waden und Oberschenkel vor Anstrengung. Missmutig und schwitzend stapfte sie in der Mitte des Trosses.
„Dem Himmel sei Dank“, stöhnte sie, als eine Wasserfläche vor ihnen auftauchte.
„Das ist noch nicht die Dalassa-See“, trat Ylaiy neben sie. „Dieses Gewässer ist zu flach. Es ist ein Haff. Die vorgelagerte Insel trennt es vom Ozean. Wir müssen um es herum, um nach Doaki zu gelangen.“
Sila hörte abwesend zu. Ob Ozean oder nicht - die ausgedehnte Wasserfläche war beeindruckend. Das Wasser war klar, beinahe durchsichtig. Schwärme kleiner, silberner Fische stoben über den Boden. Seegras und tellergroße Seerosen ragten aus der Oberfläche. Kröten genossen auf den harten Blättern die letzten frostfreien Stunden des Jahres.
„Seltsam, findest du nicht auch?“
Übellaunig musterte sie Ylaiy von der Seite. Seit er mit Videm Freundschaft geschlossen hatte, verbrachte er viel Zeit mit ihm. Täglich übten sie an den Waffen oder nutzten die raren Pausen für Ringkämpfe. Als er sie übermütig mit dem Ellenbogen anrempelte, stieß sie ein verärgertes Zischen aus.
„Deine Mutter und Baraten. Sie scheinen sehr vertraut. Scheinen die Nähe des Anderen zu suchen.“
„Wollt Ihr etwas Anzügliches andeuten, Herr?“
„Warum auf einmal so förmlich?“ Karamellfarbene Augen musterten sie neugierig.
„Meine Mutter ist der Meinung, unser Umgang sei eine Spur zu freundschaftlich, gezieme sich nicht für eine Bedienstete.“
„Sie hat dich gemaßregelt?“
„Gerügt. Und ja, ich finde es seltsam, wie die beiden miteinander umgehen.“
„Es fiel mir schon zu Beginn auf. Baraten sah sie vor dem Aufbruch. Ich schwöre, er sah aus, als hätte er einen Geist gesehen.“
„Tatsächlich?“, fragte sie, nur mäßig interessiert.
„Was ist los? Habe ich dich gegen mich aufgebracht?“
Sila blickte ihn an. Die Reise, so anstrengend und gefährlich sie war, tat ihm gut. Seine Augen strahlten, das Kinn war energisch nach vorn gereckt. „Nein, Prinz. Es ist alles in Ordnung. Ein wenig langweilig vielleicht, den ganzen Tag ohne Gesellschaft. Meine Mutter scheint ja die Gegenwart des Inquisitors zu bevorzugen und Ihr die Eures Waffenbruders.“
Ylaiy lächelte verkniffen. „Hmm. Wir haben letzthin wenig Zeit miteinander verbracht, aber du musst begreifen, wie wichtig mir die Lektionen mit Videm sind. Ich möchte gerüsteter sein. Das verstehst du doch?“
Deutlich stand ihr vor Augen, wie er in der Kutsche gehockt hatte. Zögernd nickte sie.
„Ich werde versuchen, mehr Zeit für dich zu finden. Ich schätze Videm, aber er reicht an gewisse Qualitäten deiner Person nicht heran“, blinzelte er ihr zu. Die Anspielung hätte verletzend sein können, doch für Ylaiy war sie so untypisch, dass Sila lächeln musste. Zum ersten Mal seit Tagen.
„Dort vorn beginnt die Ortschaft. Ich muss zu Baraten aufschließen“, verabschiedete er sich.
Doaki stellte wenig mehr dar als eine Ansammlung windgebeugter, schilfgedeckter Holzhütten hinter einem mit Grasbüscheln bewachsenen Deich. Der Küstenstreifen war mit runden Steinen übersät. Am Ufer dümpelten Boote und kleine Schiffe, abgesehen davon bot die Küste keinerlei Abwechslung.
Aus dem Augenwinkel beobachtete Sila, wie ihre Mutter zu ihr trat und auf die Brandung starrte. Krachend brachen die Wellen an den Bootswänden, sprudelten an den Strand.
„Kennst du den Leitenden Inquisitor?“
Rana sah sie erstaunt an. „Natürlich.“
„Woher? Aus einem früheren Leben?“
Ranas Brauen zogen sich zusammen.
„Es ist unübersehbar, dass ihr euch, nun ja, voneinander angezogen fühlt.“
„Du täuschst dich. Ich kenne ihn aufgrund seiner Tätigkeit und Reputation. Vor vielen Jahren, auf der Reise zum kaiserlichen Hof, war ich Gast in seinem Haus. Dort ist nichts passiert, was die Grenzen der Schicklichkeit überschritten hätte. Ich habe dort übernachtet, weil die Herrschaft, in deren Gefolge ich mich befand, gute Bekannte von Baratens Frau war. Nun hat er mich gesehen und sich an mich erinnert. Er unterhält sich gern mit mir. Alles, was du dir darüber hinaus einbildest, ist ungehörig und steht dir nicht zu.“
Sila schrumpfte unter dem tadelnden Tonfall, nickte und blickte wieder aufs Meer. Ihre Mutter wandte sich ab und ließ sie stehen. Heimweh überkam sie.


Noch nie hatte sie Ylaiy derart aufgebracht gesehen.
Seit mehr als einer Stunde liefen sie nun durch den Sand, besprüht von der Gischt, beäugt von wortkargen Männern. Diese maßen das Gefolge mit düsteren Blicken unter herabgezogenen Schirmmützen. Geringschätzig verzogen sie ihre Mundwinkel nach unten. Brauner Tabaksaft spritzte neben ihre Stiefel. Doaki begegnete ihnen unverhohlen feindselig.
„Hier wimmelt es von Booten!“, schimpfte der Prinz.
Samel, die trostlose Grenzstadt inmitten der Grasebenen, hatte bereits die Herzlichkeit und Untertänigkeit der Elboin vermissen lassen. Die Bewohner dort waren nicht übermäßig diensteifrig gewesen, aber immerhin hilfsbereit. Im geschäftigen Trakonare hatte man sie mürrisch bedient, doch das Mahl war gut gewesen, ebenso die Unterkunft. Seither waren die Orte armseliger geworden. Baraten musste häufiger zu den Münzvorräten der Kaiserin greifen und Trinkgelder verteilen. Die verwanzten Betten mussten sie bezahlen, die Stallplätze, das Essen für die Menschen, das Heu für die Pferde. Niemand schien mehr geehrt, dem kaiserlichen Trupp Kost und Logis anzubieten. Eher verdrossen blickten die Leute auf das Gefolge, rechneten im Stillen, ob sie sich deren Unterbringung und Verpflegung leisten konnten. All dies übersah Baraten mit stoischer Miene und der Gelassenheit des erfahrenen Staatsmannes. Er schnippte mit den Fingern und Soldaten brachten die Säcke, in denen Münzen verschiedener Währungen klimperten. Immer wieder wies er sie an, die Höflichkeit zu wahren.
Doaki schien nur aus verwachsenen Männern zu bestehen. Trotz des Fischreichtums und der Brutplätze der Tölpel fristeten sie ein karges Auskommen. Darüber alterten sie vorschnell. Selbst die jüngeren Fischer hatten weiße Strähnen in Bart und Haaren, krumme Beine und gedrückte Rücken. Ylaiy hatte Sila erzählt, dass die meisten Völker des Dran’bara nicht die Körpergröße der Elboin und Prant erreichten, dennoch verblüffte sie der Kleinwuchs der hiesigen Bevölkerung.
Frauen und Kinder hielten sich in den windgebeutelten Hütten auf. Sie nähten Netze, webten Kleidung aus der Wolle der Schafe und Ziegen, die auf den Salzwiesen grasten und verfroren in die Einsamkeit blökten. Möwen kreisten über dem Strand, standen minutenlang im Wind, stießen kreischend auf die Abfälle hinab, die die Fischer ins Meer warfen.
Sila fand die Gegend geisttötend. Eine traurige Verlassenheit umgab Menschen, Tiere und Häuser. Sie fröstelte, wenn sie an den bevorstehenden Winter mit den langen Stunden der Dunkelheit, den Seestürmen und Schneefällen dachte. Kinderlachen fehlte, das Singen junger Mädchen, die Zoten der Jünglinge, das Keifen alter Frauen. Die Männer waren schweigend mit dem Ausnehmen ihres Fangs beschäftigt, die Händler boten ihre Ware ohne die üblichen Ausrufe und Witze feil.
Es gab gute Gründe, Doaki auf schnellstem Wege wieder zu verlassen. Doch kein Fischer war bereit, ihnen ein Boot zu leihen oder sie an die Nordwestküste Kâneggs überzusetzen, wiewohl Bantafej nur einen Katzensprung entfernt lag. Selbst Baraten war dabei, seine Geduld zu verlieren.
Schließlich trat Ylaiy auf einen der Händler zu, der Tabak schmauchend neben einem verwitterten Ruderboot stand und Entenmuscheln und Vogeleier anbot. Der Kaufmann war größer als die anderen, trug kürzeres Haar und keine Kopfbedeckung. „Verzeiht. Wir müssen nach Kânegg übersetzen, da uns dringende Angelegenheiten nach Fedaj rufen. Augenscheinlich ist niemand bereit uns zu helfen. Ihr seht nicht aus wie ein Einheimischer, aber die Fischer scheinen Euch zu akzeptieren. Habt Ihr einen Ratschlag?“
Der Händler kaute auf seiner Pfeife, bevor er sich zu einer Antwort entschloss. „Die Menschen erwarten, dass man sie in ihrer Sprache anspricht. Dies hier ist Staleph, Dorsare, einst unabhängige Provinz. Man versteht Yr, spricht es aber ungern.“
„Weshalb? Yr ist Reichssprache, dazu gedacht, die Verständigung zu erleichtern.“
Der Mann spuckte aus. Ein Klumpen Tabak landete zu Ylaiys Füßen. Ärgerlich wich der Prinz einen Schritt zurück. Videm legte ihm die Hand auf den Rücken, schüttelte unmerklich den Kopf.
„Weil, junger Herr, die Leute hier eine eigene Sprache haben und sich ganz wunderbar in ihr mitteilen können. Die Kaufleute, die von Kânegg oder aus anderen Landesteilen hierher kommen, haben sich schon vor langer Zeit Brocken der einheimischen Mundart angeeignet. Ihr tätet gut daran, das Gleiche zu tun.“
„Also gut“, gab Ylaiy beherrscht zurück. „Ich glaube, ich kann mich an einige Worte erinnern.“
„Dann ist da noch“, fuhr der Händler gedehnt fort, „Euer Benehmen. Ihr führt Euch auf, als gehöre Euch der Ort.“
„Das ist nicht wahr!“
„Nein? Nun, Ihr vergreift Euch im Ton, schreitet mit geschwellter Brust über den Strand, stolziert herum mit Euren Soldaten. Ihr fordert ein Boot, Ihr fordert eine Unterkunft. Ihr fordert. Ihr bittet nicht. Die Leute hier sind misstrauisch gegenüber Fremden. Sie treffen nicht oft auf unbekannte Gesichter. Die Gegend ist rau, die Menschen sind es auch, so ist das nun einmal. Ihnen mit Geringschätzung und Überheblichkeit zu begegnen, vereinfacht die Dinge nicht.“
„Wir haben nichts getan, um diese Menschen zu beleidigen!“
„Ihr habt aber auch nichts getan, um sie für Euch einzunehmen.“
„Unsinn“, protestierte der Prinz. „Dies hier ist kaiserliches Territorium. Staleph ist seit Generationen anerkannte Schwesterinsel Yruishs und der Kaiserin unterstellt. Es gelten elboische Gesetzgebung und elboische Sprache!“
„Herr“, warnte Sila mit unterdrückter Stimme.
Videm zog ihn am Arm fort. „Ihr macht die Sache nur schlimmer.“
„Weil ich die Wahrheit spreche? Nun denn, so sei es!“ Der Prinz sprach so laut, dass die umstehenden Fischer ein missbilligendes Brummen von sich gaben. Der Händler hob den Arm zum Zeichen, dass alles in Ordnung sei.
Als er einen Schritt auf Ylaiy zumachte, fuhren die Hände der Soldaten an die Waffen. Diesmal reckte sich Baratens Arm in die Höhe, um sie zu stoppen.
Der Händler hielt inne. Ein zynisches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Seht Ihr? Das meine ich. Ihr benehmt Euch wie Herren, nicht wie Gäste. Ihr schafft Euch Feinde, anstatt Euch anzupassen.“
„Ich muss mich nicht anpassen“, begehrte Ylaiy auf. „Dies ist anerkanntes kaiserliches Territorium.“
„Anerkannt? Von wem?“, schleuderte der Kaufmann ihm plötzlich entgegen. „Glaubt Ihr, die Menschen hier wurden gefragt, als sie zu Untertanen wurden? Glaubt Ihr, man ließ sie abstimmen, ob sie eine neue Sprache lernen oder eine neue Kultur annehmen wollten? Hier ist gar nichts anerkannt, Herr!“
„Das ist Hochverrat!“, flüsterte Ylaiy empört.
Videm zog ihn am Ärmel mit sich. Baraten und Rana sprachen beruhigend auf ihn ein, während Ylaiy wie ein wütender Stier um seinen Freund stapfte. „Dein Vater sollte diesen Kerl sofort in Haft nehmen. Er ist ein Verräter, ein Aufständischer, ein Rebell, ein, ein … argh!“
„Er ist ein einfacher Mann, der versucht hat, uns zu helfen!“
„Du nimmst ihn in Schutz? Er hat meine Familie beleidigt!“
„In seinen Augen haben wir ihn beleidigt. Für ihn sind wir Eindringlinge.“
„Es gibt einen Unterschied zwischen Majestätsbeleidigung und einer kritischen Meinung, Prinz. Der Unterschied ist fein, aber Ihr müsst lernen, wohlwollender und weniger harsch zu sein. Die Welt besteht nicht nur aus Schwarz und Weiß.“ Baratens klare Stimme mischte sich in die seines Sohnes. „Gerade Ihr müsst das lernen. Prinz oder Kaiser zu sein ist Euer Geburtsrecht, aber es gibt viele Menschen, die es anzweifeln. Die meisten im Reich sind einfache Menschen, weniger erzogen im höfischen Umgang, weniger gebildet und weniger loyal Eurer Mutter gegenüber. Hier draußen bewegen wir uns in einer sensiblen Randzone, in einem Grenzgebiet, das teilweise noch nicht erschlossen ist. Die Leute hier mögen aufständisch scheinen, wild, gefährlich. Aber wir wollen sie nicht gegen uns aufbringen, sondern sie auf unsere Seite ziehen, ins Reich eingliedern. Das erfordert Geduld und Anpassung.“
Väterlich stieß er Ylaiy in die Seite. Der Prinz zauderte, beruhigte sich nur langsam, kaute an Baratens Worten. Schließlich verneigte er sich, kaum verständliche Entschuldigungen murmelnd, vor dem Händler. Stimme und Blick verrieten seinen Widerwillen.
Der Kaufmann setzte ein Verhandlungslächeln auf. „Nun denn, die Herrschaften. Beginnen wir von vorn! Wie wäre es mit frischen Eiern?“


„Woher hätte ich wissen sollen, dass all das Gerede nur ein Vorwand war? Der Kerl hat uns hereingelegt!“
Sila grunzte amüsiert bei der Erinnerung an den gerissenen Händler.
„Du findest das komisch?“
„Mittlerweile schon“, gab sie zu, mit dem Finger träge um seine Brustwarzen fahrend. „Morgen früh werden wir nach Bantafej übersetzen. Ihr habt gewonnen.“
„Immerhin das“, sagte er und lauschte auf den Orkan, der an den morschen Fensterläden rüttelte.
Nachdem sie den halben Bestand des Händlers und der Fischer aufgekauft hatten, waren die Einheimischen plötzlich in die Reichssprache gewechselt. Sie hatten erklärt, dass ein Sturm sich zusammenbraue und deswegen kein Boot vor Morgengrauen die Insel verlassen könne. Flüche in den kalten Himmel schreiend, war Ylaiy auf die Salzwiesen gerannt, nahe davor, einem Schaf einen Tritt zu versetzen. Sila und Videm hatten ihn in die unansehnliche Stadt gezogen.
Dort waren sie durch die Gässchen gelaufen, bis sie an einen winzigen Platz gelangten, auf dem sich Marktstände drängten. In der Hauptsache boten sie billige, aus Resten genähte Kleidung und Decken an. Außerdem Stiefel aus Seehundleder, Haushaltsgegenstände, Baumaterial aus angespültem Holz, sowie einige Nahrungsmittel, die nicht aus dem Meer gefischt wurden.
„Ihr habt Muskeln bekommen“, sagte Sila. Ihr Finger kreiste über seine Brust. „Ich kann sie spüren.“
„Reisen scheint ein gutes Training zu sein.“
„Zudem ist Euer Gesicht gebräunt und Ihr habt einen Bart.“
„Ich werde ihn stutzen.“
Es tat gut, hier mit ihm zu liegen. Die Unterkunft war zugig, aber sie hatten Räume auf zwei Stockwerken gemietet, sodass Sila unbehelligt in sein Zimmer hatte schlüpfen können. Der Liebesakt war schnell und heftig gewesen, hatte sie beide befriedigt zurückgelassen.
„Meine Mutter kennt Baraten von einer früheren Begegnung her. Abgesehen davon schwört sie, dass nichts zwischen ihnen sei.“
„Glaubst du ihr?“
„Meine Mutter ist ein anständiger Mensch. Lügen oder irgendwelche Bettgeschichten passen nicht zu ihr.“
„Na gut“, seufzte er übertrieben. „Wieder kein Melodram, kein Geheimnis. Mal sehen, wie Videm es aufnimmt. Hast du gesehen, was er alles auf dem Markt erstanden hat? Stiefel, eine Otternfellmütze, einen Mantel. Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist.“
„Die Bekleidung passt zur hiesigen Witterung.“
„Die besten Gerber des Reiches haben die Felle vorbereitet, aus denen meine Winterbekleidung besteht. Herausragende Kürschner haben sie zusammengenäht. Die Kleidung gefüttert, gepolstert, gegen die Witterung geschützt. Ich besitze Wollhemden und Wollhosen, dicke Strümpfe und die weichsten Stiefel des Landes.“
„Ihr seid ein Angeber. Und eitel. Das ist neu.“
„Videms Sachen sind von ähnlich guter Qualität. Warum, um alles in der Welt, sollte man sie eintauschen gegen minderwertiges Zeug?“
„Anpassung. Ehrerbietung. Der Versuch, den Menschen näher zu kommen, sie als seinesgleichen zu behandeln.“
„Ich bin der Thronfolger. Er ist der Sohn des zweithöchsten Beamten im Reich.“
Silas Gesicht war ernst, als sie zu ihm aufschaute. „Ich glaube, das interessiert hier keine Menschenseele mehr, Prinz.“

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Kapitel:7
Sätze:1.683
Wörter:19.107
Zeichen:113.838

Kurzbeschreibung

Dritter Teil des Romans "Eisinsel". Während Syriakin sich allein auf den gefahrvollen Weg nach Fedaj macht, quälen Adiv, Jonoy und Akim sich durch die Sümpfe Kâneggs. Ylaiy und Videm schlagen sich mit dem kaiserlichen Tross durch die Wildnis Stalephs.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch im Genre Abenteuer gelistet.