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Kleines Glück

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27.9.2017 0:17
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Autorennotiz

Im Grunde ist dies ein Ausschnitt aus einem größeren Projekt, welches bis heute nie wirklich geschrieben wurde |D

Kim hatte die kleine Kneipe zuerst entdeckt.
Und Mitch hatte die Tür mit einem kräftigen Tritt geöffnet.
Das Holz splitterte und mit einem lauten Knall krachte die Tür an die steinerne Wand.
Auf leisen Sohlen bahnte er sich einen Weg in den dunklen Raum und rümpfte die Nase, als ihm der leichte Gestank nach Verwesung entgegen schlug – ein Geruch, an den sie sich mittlerweile jedoch gewöhnt hatten.

„Eve?“
Sie trat an seine Seite, als er nach ihr fragte, die Waffe am Anschlag und nickte leicht zur Bestätigung, dass sie nun die Kneipe nach Gefahren absuchten, ehe sie den Rest herein holten.

Es brauchte seine Zeit. Der kleine Restaurantbereich war schon im Chaos versunken. Stühle und Tische waren umgeworfen worden, Gläser zerbrochen, Servietten, Bierdeckel, alles lag auf dem Boden verstreut und einige Abschnitte der Wände wiesen Schmauchspuren auf.
Das Feuer hatte sich aber nicht so weit ausgebreitet, dass es hier größere Schäden hinterlassen hatte.

Die Küche war leer, was menschliche Lebewesen anging. Die paar Ratten, die sich hier herum trieben verschwanden direkt, kaum dass sie den Raum betraten. Und es hatte sicher nicht mehr viel gefehlt und das ganze vergammelte Essen aus den Kühlhäusern hätte folgen können.
„Hier ist niemand“, Mitch ließ die Waffe sinken und warf seiner Begleiterin einen kurzen Blick zu, ehe er mit einem strahlenden Grinsen wieder zu den anderen zurück ging, um sie zu holen.

„Leute, verrammelt die Tür und setzt euch an die Bar. Vielleicht gibt es heute sogar mal wieder was Warmes zu essen“, Kim stürmte sofort an ihm vorbei und zog einen Barhocker hervor, damit sie sich darauf niederlassen konnte.
Phil und Jonas schoben derweil die halb zerstörte Jukebox vor die soeben aufgetretene Tür, damit sie wieder etwas Schutz bot. Und kaum war die Tür zu, war das Einzige, das ihnen Licht spenden konnte, die Taschenlampe.

„Ich glaube ihr solltet hier warten. Jonas kommt mit mir. Der Sicherungskasten muss irgendwo dahinten sein. Möglicherweise kriegst du den ja wieder zum Laufen, damit wir etwas Strom haben.“
„Willst du nicht lieber mich dabei haben?“, das Grinsen auf Mitch's Gesicht wurde noch breiter, falls das überhaupt möglich war – immer das Selbe, wenn sie einen sicheren Ort fanden; sofort fiel die Anspannung von ihnen und die Jungs waren mehr zu Scherzen aufgelegt, als zuvor.

Eve drückte den Großen jedoch einfach beiseite: „Kümmer du dich darum, dass hier wirklich alles abgesichert ist, vielleicht findest du ja sogar ein Buch über Technik und wenn du dann etwas gelernt hast, nehme ich dich mit“, sie sah Mitch warnend an und packte Jonas schon gröber, als es nötig gewesen wäre am Arm, damit sie nach dem Stromkasten gucken konnten.

„Kim, hilfst du dem alten Mann mal?“, Phil fuhr sich mit einer Hand schon über den Rücken, als wenn dieser unheimlich schmerzen würde, während er sich über einen, der wenigen heilen Tische beugte.
Das kleine Mädchen sprang sofort auf, um ihm zu helfen das Ding hochzustemmen und zwischen die montierten Bänke zu schieben, damit sie einen wesentlich bequemeren Sitzplatz hatten, welcher dazu noch sogar an einem – wenn auch verbarrikadiertem – Fenster lag.

„Sicherer geht’s nicht“, Mitch kam wieder zu ihnen und ließ sich gleich auf eine der Bänke fallen, während seine Füße schwungvoll auf dem Tisch landeten, „Fort Knox ist es zwar immer noch nicht, aber besser als gar nichts, oder?“
„Nimm deine Drecksfüße da runter, wir wollen da auch noch drauf essen!“, das junge Mädchen hatte ein unglaublich lautes Organ, was man ihr, abgesehen von ihren 13 Jahren auch von ihrem Aussehen her nicht zugetraut hätte.

Während sie versuchte die Beine von Mitch wieder vom Tisch zu zerren, machte Phil sich bereits auf die Suche nach etwas Brauchbarem. Er kramte sich durch die halbe Bar. Gläser lagen zersplittert auf dem Boden und die Scherben knartschten unter seinen schweren Schuhen. Auch hier schwebte ein leicht saurer Geruch in der Luft. Alkohol würde er hier sicher nicht mehr finden; wenn er Pech hatte.

Aus der Küche konnte er die leise Unterhaltung von Jonas und Eve hören. Anscheinend hatten sie Schwierigkeiten damit, den Strom wieder herzustellen. Das wunderte ihn schon gar nicht mehr.
Doch verblüfft hob er den Kopf, als es mit einem Mal ruhig war.
Das Schlagen einer Tür ließ ihn aufmerken und er drehte sich schon leicht in Richtung Küche.
Waren die beiden noch da?
Was trieben sie denn da hinten?

Der alte Mann umfasste den hölzernen Türrahmen, bereute es jedoch gleich wieder. Es fühlte sich eklig, klebrig an. Sofort wischte er die Hand an seiner nicht minder dreckigeren Jeans ab und wagte sich weiter vor, als sie mit einem Mal um die Ecke stürzten.
Er gab einen überraschten Laut von sich und fasste sich direkt an die Brust, als sich sein Herz für einen Moment schmerzhaft zusammenzog.

Mit einem lauten Poltern landeten Dosen auf dem Boden und ein weiterer Schrei folgte, als eine der besonders Schweren auf dem Fuß des Mannes fiel.

„Oh Phil, entschuldige“, Jonas sah ihn besorgt an, fasste an seine Schulter, während der Verletzte durch die Gegend hüpfte und sich an den Fuß packte. Mit wehleidigem Ausdruck sah er hilfesuchend zu Eve, welche bereits dabei war die Dosen wieder aufzusammeln, sich jedoch nicht weiter um sie kümmerte.
„Das war wieder so typisch“, grummelte Phil vor sich hin, doch mit einem Mal holte er fast schon geschockt Luft.

„Und ich dachte schon es wäre alles verloren!“, wo gerade noch leichte Wut in der Stimme mitschwang, war nun pure Freude zu hören. Phil hockte sich hin, seinen Schmerz hatte er anscheinend schon vollkommen überwunden und zerrte an einer Bodendiele herum.
Sie hörten in der Dunkelheit das Holz brechen und Eve leuchtete mit der Taschenlampe auf die betroffene Stelle, runzelte jedoch die Stirn, als sie sah, was zum Vorschein kam.

„Scotch“, triumphierend hielt der Alte die Flasche aus dem geheimen Versteck hoch, „Und nicht gerade wenig davon“, als er nach einem weiteren Tauchgang erneut auftauchte, hielt er eine zweite Flasche in der Hand.
„Ist der überhaupt noch gut?“, eher desinteressiert murmelte die rothaarige Frau die Frage vor sich hin und suchte bereits nach einem Weg durch das ganze Chaos zu den anderen zu kommen.

„Meine Liebe, das Zeug wird mit den Jahren nur besser, genauso wie ich“
„Ja ja“

Jonas fuhr sich durch seine sich leicht kringelnden, blonden Haare und seufzte lautstark.
„Jetzt sei nicht so melodramatisch. Lass uns essen“, Eve warf ihm einen warnenden Blick zu und legte einige der Dosen auf die unbesetzte Bank, ehe sie die Kerzen auf den wieder aufgestellten Tisch legte und die Taschenlampe endlich abstellen konnte.
Wieder war ein Seufzen seitens Jonas zu hören, doch schlussendlich folgte er.

„Mitch, dein Feuerzeug“
Beschwerden kamen von dem jungen Mann, der auch direkt wieder von dem Mädchen an seiner Seite in die Schranken gewiesen wurde.
Das Klicken des Zippos war leise zu vernehmen und mit einem Mal erhellte die Flamme ihre kleine Runde. Eve hielt die Flamme unter die Kerzen und wartete, bis der Boden schmolz. Tröpfchenweise fiel geschmolzener Wachs auf das dunkle Holz.

Phil beobachtete das ganze mit deutlichem Missmut und fuhr sich über seinen Bart: „Wenn ihr das so macht, such ich lieber schon mal Wasser“, nicht das sie es nachher waren, die das Haus hier nieder brannten.
Er kramte sich durch die Bar, auf der Suche nach einem heilen Glas und probierte sich dann an den Wasserhähnen, musste aber feststellen, das diese kein Wasser mehr ausspuckten.
Kurz darauf verschwand er schon in der Küche.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Kerze soweit geschmolzen war, das eine knappe handvoll von ihnen einen sicheren Halt hatten. Kaum hatten sie auch die letzte angezündet, kam der Älteste wieder zu ihnen, in der einen Hand einen zur Hälfte gefüllten Eimer mit Wasser und in der anderen eine Decke.
„Sicher ist sicher“, antwortete er auf ihre fragenden Blicke und reichte die Decke sofort an Kim weiter, ehe er sich zu ihr auf die Bank quetschte, „Jetzt zeigt uns doch mal, was ihr gefunden habt“

Eve schob ein paar Dosen beiseite, damit sie und Jonas auf der anderen Bank platz nehmen konnten.
„Wir haben keinen Strom und hinten in der Küche stehen Elektroherde. Also gibt es wohl mal wieder kaltes Essen, aber wir haben ein paar tolle Sachen gefunden“
„Nicht zu vergessen den Scotch!“
„Scotch?“, natürlich merkte Mitch bei dem Wort auf und langte auch schon nach einer der Flaschen, die auf den Tisch gestellt wurden.

„Männer“, Kim schüttelte leicht den Kopf und beugte sich weiter nach vorne, um im Kerzenschein ein paar der Dosen inspizieren zu können. Kaum hatte sie eine in der Hand, beugten sich auch die beiden Herren an ihrer Seite nach vorne, um ihr gefundenes Essen genauer betrachten zu können.

Keine Sekunde darauf war der Alkohol vergessen und das Bedürfnis nach fester Nahrung drängte sich wieder in den Vordergrund. Vollkommen egal, ob das Essen kalt war, oder ob es nicht frisch zubereitet war.
Ein freudiges Quietschen ließ sie aufmerken.
„Pfirsiche“, Kim krallte sich die Dose und hielt sie sofort Mitch vor, damit dieser sie öffnen konnte, „Ich liebe Pfirsiche“, sie hüpfte in freudiger Erwartung auf und ab, während der junge Mann auf der Bank neben ihr die Dose mit seinem Taschenmesser öffnete.

Phil begann donnernd zu lachen, als er das Strahlen in ihren Augen sah, die leicht rosane Färbung ihrer Wangen. Auch Mitch wühlte sich nun durch das Essen und war sofort begeistert – auf seine eigene Art und Weise eben: „Alter, wie geil. Mais, Bohnen, wir könnten ja fast schon einen Salat machen“, er grinste vor sich hin, wie ein Weltmeister.
„Zu dumm nur, das die Kühlungen alle ausgefallen sind und das Fleisch vor sich hingammelt“, warf Phil von der anderen Seite der Bank ein und drehte ein kleines Döschen in der Hand.

Eve und Jonas tauschten einen Blick aus und mit einem schüchternen Lächeln nickte er leicht, bevor er etwas hervor zauberte, dass die Männer sofort zum Brüllen brachte.
„Trockenfleisch!“
„Ich dachte schon, wir würden hier nichts Vernünftiges kriegen“, in Anbetracht ihrer Situation wirkte dieser Satz vollkommen arrogant, doch das darauf folgende Lachen lockerte ihre Stimmung wieder.

Gerade in diesen Zeiten konnten sie nicht allzu wählerisch sein und nach all den Tagen hatten sie sich an diese niederen Standards gewöhnt.

Jetzt, wo sie hier saßen. In einer infizierten Welt. In einer verlassenen Kneipe. Wohlig eingewickelt in einer Decke, bei Kerzenschein und in der Hand eine Dose Mais; dann war das sicher das größte Glück, das sie finden konnten.

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Kurzbeschreibung

Es ist nicht einfach in einer Welt voller Untoter zu überleben und manchmal bedeuten schon die kleinsten Sachen das größte Glück.