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Auf der Lauer auf der Mauer

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29.03.24 11:56
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
Asexualität
Fertiggestellt

Ich habe Angst, will davon laufen, aber ich bin so starr vor lauter Furcht, dass ich mich überhaupt nicht rühren kann. Ich sehe diese langen Finger, die dürren Spinnenbeinen ähneln; Mit scharfen, sichelartigen Krallen, die sich in das Fleisch des Opfers schneiden. Eine Frau, die vor lauter Schmerzen schreit. Kurz danach sind die ersten Blutstropfen auf dem Asphalt zu erkennen.

Plötzlich schaut sie mit einem erschöpften Gesichtsausdruck zu mir, und ich drohe mir in die Hosen zu scheißen. Sie ruft zu mir rüber. Ich kann es nicht richtig verstehen. Ich spüre die Verzweiflung und ihre Angst. Ich horche genau und erfasse die Worte: "Bitte, reden Sie mit ihr!", schreit sie schon so schrill, dass es schon in meinen Ohren dröhnt.

Hat die'n Knall? Ich soll dieses Monster auf mich aufmerksam machen, damit es mich auch noch verputzt? Aber woher weiß sie, dass diese Kreatur weiblich ist? Ich muss schwer schlucken, als dieses Ding mir direkt in die Augen sieht. Dieser Blick ist so leer, da die Augen nur dieses tote, grelle Weiß haben. Aber der pure Hass und Zorn ist sehr deutlich. Als es auf mich zukommt, da spüre ich den kalten Schweiß auf meiner Stirn, sowie mein Herz, dass rasend gegen meinen Brustkorb hämmert, sodass es schon schmerzt. Es dauert nicht lange und ich bin nass geschwitzt.

Ich presse meine Augenlieder zusammen und hoffe darauf, das es schnell geht. Ich warte, und warte, und warte. Doch Stille umzingelt mich. Ich weiß nicht, was gerade geschieht. Hab aber zu viel Schiss, um nachzusehen.

Ein Aufschrei lässt meine Augen aufreißen. Das Blut gefriert mir in den Adern als ich sehe, dass diese Frau unter einem Stück der Berliner Mauer liegt. Sie hat Glück und nur ihre Beine oberhalb der Knie liegen darunter. Damit hat sie gute Überlebenschancen. Trotzdem muss sie höllische Schmerzen ertragen und ihr Gesicht ist durchnässt von Tränen.

Diese Kreatur schnappt sich auf einmal noch ein Stück von der Mauer, als ob es nur ein Stück Pappe wäre. Es schaut die Frau triumphierend an und plötzlich spricht es mit einem sehr hallenden Flüstern.

"Du liebst doch die Mauer. Jetzt wirst du sie knutschen"

"Nein, bitte!!", schreit diese Frau und hält ihre Arme schützend über sich.

"Hör auf, bitte!!!", rufe ich zu dieser Kreatur.

Abrupt schaut sie zu mir rüber und betrachtet mich lange. Erst jetzt kann ich dieses Ding richtig Mustern. Der Schädel sieht aus wie ein menschlicher ohne Muskelfasern, mit rasiermesserscharfen Zähnen, die an das Gebiss eines T-Rex erinnern. Ihre Gestalt ähnelt allgemein einem menschlichen Skillet. Mit genauerer Betrachtung, kann ich erkennen, dass es Brüste wie eine Frau hat. Es ist grauweiß wie Kalk. Plötzlich schmeißt es das Mauerstück mit voller Wucht auf den Boden, sodass eine enorme Druckwelle zu spüren ist. Dann folgt wieder ein schriller Schrei. Erleichtert atme ich auch, als ich bemerke, dass die Person unter der Mauer noch am Leben ist.

"Bitte, reden Sie mit ihr!", schluchzte diese Frau heftig.

Bevor ich es tue, muss ich eins wissen. Meine Lähmung löste sich von meiner Entschlossenheit und ich stellte mich direkt über diese Fremde, sodass sie mir von unten direkt in die Augen sehen konnte.

"Woher kennen Sie mich und warum reagiert dieses Wesen auf mich?"

"Bitte, reden Sie...."

"Beantworten Sie meine Frage!"

"Sie hat mir viel von Ihnen erzählt. Sie haben sie sehr geprägt"

"Aha? Sind Sie ein Spitzel oder nur eine miese Lügnerin?"

"Bitte, helfen Sie mir. Sie wird auf sie hören!"

Bor, was für eine Heulsuse ist das denn? Die ist ja schlimmer als so manches Mädel, dass zu blöd zum Schummeln war.

Als ich aufschaue, da ist es weg. Wo ist dieses Ding hin? Wie vom Erdboden verschluckt. Dann schaue ich wieder auf diese Frau herab. Ich hole noch meinen Rest aus meiner Jackeninnentasche und werfe es ihr zu.

"Hier sind ein paar Ibuprofen bis der Krankenwagen kommt"

Ich verziehen mich lieber, da ich kein Bock habe den Leuten vom Krankenwagen erklären zu müssen, dass ein Monster ein Stück der Berliner Mauer auf jemanden geschmissen hat. Ich war schon in der Klapse, und ein zweites Mal kann ich gut darauf verzichten.

"Du verdammter Mistkerl!!!", schreit diese hysterische Kuh hinter mir her.

Doch das ist mir so scheißegal. So habe ich mir meinen Urlaub nicht vorgestellt. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass diese Tussi es nicht anders verdient hat. Ich bin auch auf die Menschen der DDR nicht gut zu sprechen, weil diese mich mit leeren Versprechungen in die Falle gelockt haben. Ich war so naiv, habe mich von der Werbung blenden lassen, dass der Paragraph 175 dort nicht gilt und Männer, die andere Männer lieben, dort so sein dürfen wie sie sind. Alles Lüge! Nichts davon war wahr. Man brauchte dringend Arbeitskräfte und deswegen haben die sich diese Lüge ausgedacht. Ich musste eine Frau heiraten, mit ihr Kinder zeugen, sonst würden sie mich zurück in den Westen schicken, wo ich in einem tiefen Loch im Gefängnis verrotten würde.

Ich hatte nur das Glück, dass man meine Ex asexuell ist. Sie war ebenfalls dankbar dafür, dass ich überhaupt nicht intim mit ihr werden wollte. Da unsere Bude verwanzt war, mussten wir stets eine leidenschaftliche Bumshymne vorspielen. Ich hab in einen Becher gespritzt und sie hat es in ihre Muschi tröpfeln lassen.

Zu unserer Überraschung sind wir beste Freunde geworden, was für unsere Kinder für eine positive Entwicklung sorgt. Zwar waren sie geschockt als wir uns geoutet haben, aber das war für sie erträglicher als der Gedanke, dass andere Kinder nach dem Mauerfall einfach von ihren Eltern verlassen wurden. Sowas hätte wir ihnen nie angetan. Wir waren nicht für, aber auch nicht gegen Kinder, und haben uns mit der Situation arrangiert. Das Schöne an Enkelkindern ist, dass man sie wieder abgeben kann.

In den Nachrichten wird monatelang davon berichtet, dass auf mysteriöse Art und Weise zwei Mauerstücke von der Berliner Mauer heraus gerissen wurden. Die Frau, die schwer verletzt unter der Mauer geborgen wurde, kam in eine geschlossene Psychiatrie. Laut der Polizei wegen einem Trauma.

Dieser Fall erregt viel Aufmerksamkeit, da der Lügendetektor, ergeben hat, dass sie die Wahrheit gesagt hat. Auch Kratzspuren wurden entdeckt.

Einmal habe ich mich mit meiner Ex getroffen, weil ich es ihr unbedingt erzählen musste. Zuerst dachte ich, sie würde denken, dass ich den Verstand verloren habe, aber sie hat Klamotten erzählt, die mich schwer schlucken lassen.

"Dieses Wesen war bei mir Zuhause"

"Würdest du angegriffen!"

"Nein, es war sehr freundlich und sah ganz anders aus. Nicht so, wie es in den Nachrichten beschrieben wurde. Es leuchte in einem warmen, goldgelb, hatte die Erscheinung einer jungen Frau. Die Haare schwebten in der Luft wie in Wasser. Dann verschwand es plötzlich. Es löste sich einfach auf."

"Hm.. Komisch. Weißt du vielleicht wer die Tussi ist, die unter der Mauer lag?"

"Nein, und ehrlich gesagt möchte ich keine Vermutung in den Raum werfen. Auch wenn die Mauer schon lange gefallen ist, so erinnert sie mich stets daran, dass man noch nicht Mal der eigenen Familie trauen kann."

"Man hat uns beide voll verarscht."

"Meine Eltern haben mir hoch und heilig versprochen, dass sie mich so lieben wie ich bin. Plötzlich hieß es, dass ich in einer Woche heiraten und in dieses Haus einziehen werde. Oh, Gott, allein der Anblick vom Kinderzimmer ließ mich tagelang überhaupt nicht gut schlafen. Ich war einfach nur froh, dass du mich nicht anfassen wolltest."

"Ja, das war ziemlich beschissen. Aber wenigstens sind die Kinder gut geraten."

"Hätte ich heute nochmal die Wahl, dann würde ich eine künstliche Befruchtung vorziehen."

"Auf dieses Affentheater hätte ich auch gut verzichten können."

"Wie geht es deinem Mann?"

"Ganz gut, aber momentan geht er mir voll auf den Sack mit seinen Projekten, die er auf der Arbeit hat. Hast du auch jemanden gefunden?"

"Leider nicht. Ich hatte zwar ein paar Dates, aber die waren ein großer Reinfall. Nicht wegen meiner Asexualität, sondern weil keiner dabei ist, der meine Interessen teilt."

"Das wird schon. Trotzdem solltest du auch Etwas nur für dich machen. Wenn du nur in diesem Haus hocken bleibst, glaubst du nachher noch, dass die Mauer wieder da ist."

Wir haben dieses Ding nie wieder gesehen. Eines Tages, in einem schönen Sommerabend, zischte ich mein Bierchen auf'n Balkon und schaute mir den Sonnenuntergang an.

"Sieh hier!", sagte plötzlich meine bessere Hälfte.

Was denn jetzt schon wieder? Plötzlich leuchte etwas. Was ist das denn? Rosen, die goldgelb leuchten?

"Hast du das Teil abgeschleppt? Sieht radioaktiv"

"Pflanzen leuchten nicht durch Strahlung, sondern die Polarlichter. Hast du schon Mal gesehen, dass ich Rosen kaufe?"

"Weiß ich, welches Unkraut du anbaust. Deine Blumen interessieren mich nicht."

"Nenn meinen Garten nicht Unkraut, du Möchtegern-Pädagoge!"

"Jetzt regnet dich ab. Jetzt ist es da und es leuchtet doch schön."

Keine Ahnung, was das Blümchen hier soll, aber ich muss zugeben, dass es eine beruhigende Wirkung auf mich hat. Komisch ist nur, dass meine Mann, meine Ex und ich die Einzigen sind, die es so sehen können.

Einmal wurde bei uns eingebrochen, doch unsere Sachen waren noch alle da. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter als eine Leiche auf unserem Balkon lag. Sie war extrem dehydriert und sah aus wie total vertrocknetes Holz. Die Polizei und Krimi-Futzis suchen immer noch nach logischen Erklärungen. Mir ist aufgefallen, dass der Tote neben dieser Rose lag.

Ach egal, Hauptsache ich muss mich nicht mit der Versicherung herum ärgern.

 

 

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Diese Story wird neben Mystery auch im Genre Nachdenkliches gelistet.

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