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Die Villa

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18.11.2017 18:47
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

„Jetzt hört mir doch endlich mal zu! Wir gehen da hin und dann sehen wir doch, was wahr ist.“, sprach der selbst ernannte Anführer der Gruppe, der sich Hendrix nannte. „Könnt nur bitte aufhören zu diskutieren?“

„Ich wiederhole doch nur, was Colin meinte. Colin weiß sowas einfach. Er sagt, der Besitzer ist ein Wissenschaftler und der führt da in der Abgeschiedenheit geheime Geheimexperimente durch. Und Colin hat mich noch nie angelogen.“, sprach Rose, ein eigentlich hübsches, junges Mädchen mit kurzem, braunen Haar, runder Brille und Zahnspange.

Aber heute schimmerte ihr Haar rosa, ihre Klamotten waren zerrissen und in einem dunklen Schwarz gehalten und sie trug eine fetzige Plastikgitarre vor sich her. Aber mit dieser fragwürdigen Modeentscheidung war sie an diesem Abend nicht alleine. Schließlich war Halloween. Auch Jimmy, Arnold und Sandra waren in ähnlicher Tracht gekleidet. Nach Hendrix Ansicht musste sich so eine gute Punkrockband eben kleiden. Flippig und bunt, zumindest was den Kopfschmuck betraf, aber düster und schlicht, was den Rest anging. Es war offensichtlich, dass der selbsternannte Bandleader seine Informationen bezüglich dieses Subgenres nur aus einschlägigen Jugendzeitschriften bezogen hatte, die sich in den Hinterlassenschaften seiner Geschwister befunden haben mussten. Seine Geschwister, die etwa fünf bis fünfundzwanzig Jahre älter gewesen sein mussten als er.

Hendrix war natürlich Gitarrist und Sänger, Rose spielte jedoch die Hauptgitarre, Arnold war Bassist und Sandra am Schlagzeug (Das aufgrund des Budgets nur ein aufblasbares Exemplar gewesen war, das sich bereits vor etwa drei Stunden auf der 5th Street in tausend kleine Fetzen aufgelöst hatte. Alles was ihr blieb waren die Sticks). Und Jimmy... Jimmy war eben Jimmy. Selbst in Hendrix fiktiven Punkrockband konnte er für Jimmy keinerlei Verwendung finden. Davon abgesehen, hätte sein Name in Kombination mit dem des Bandleaders, bei den Kritikern vermutlich nur für unnötige Verwirrung geführt. Also war Jimmy nur ein Fan, ein Groupie, oder einfach nur jemand mit einem sehr gewöhnungsbedürftigen Kleidungsstil.

„Colin lügt dich ständig an, Rose.“, sagte Sandra, „Dein Bruder ist sozusagen der größte Lügenbaron, den ich kenne. Wie war das nochmal mit der Schuhcreme? Die Haut des Menschen ist im Grunde auch Leder?“

„Hey, ja? Das war keine Lüge. Ich hab ihn einfach nur falsch verstanden.“, antwortete Rose leicht empört und verschränkte die Arme vor ihrer Plastikgitarre. „Wie auch immer! Dieses Mal ist es anders. Ich meine, ihr habt die Geschichten doch auch gehört. Niemand hat den Mann je gesehen. Soweit wir wissen könnte er auch Brad Pitt sein. Oder Tom Cruise!“

„Oder Christopher Lee.“, warf Jimmy ein.

„Halt die Klappe, Jimmy.“, meinte Hendrix verärgert. „Ich will nichts mehr davon hören.“

Für einen Moment war es ruhig und die Gruppe zog einfach wortlos weiter, durch die rot-orangenen Straßen. Für einen sehr kurzen Moment, der sich innerhalb weniger Sekunden wieder verflüchtigte.

„Außerdem war das mit der Creme gar nicht so schlimm. Man sieht die Flecken wirklich fast gar nicht mehr. Siehst du?“ Zackig schob Rose den schwarzen Ärmel ihrer Lederjacke hoch und hielt ihn förmlich in Sandras Gesicht.

„Ist ja schon gut.“, murmelte sie einfach nur und versuchte sich nicht zu fragen, ob die roten Stellen auf ihrer Haut noch zu dem Flammen-Tattoo gehörten. „Ist ja in Ordnung, Rose. Nimm bitte deinen Arm da weg. Das ist sozusagen ein Eingriff in meine Privatsphäre.“

Schnell zog Rose ihren Arm weg und verlangsamte ihren Schritt, sodass Sandra an ihr vorbei gehen konnte. Nachdem die grünen Haare an Rose vorbei geweht waren, machte sie Sandra mit einer Grimasse nach und erntete dafür von dem blond getupften Arnold Anerkennung in Form einer High-Five und ein diebisches Grinsen.

„Meint ihr der Doktor erschafft da Monster?“, fragte Jimmy, der etwas abgeschlagen hinter den anderen lief.

„Halt die Klappe, Jimmy.“, meinte Arnold und drehte sich nicht einmal zu ihm um.

„Wissenschaftler.“, korrigierte ihn Rose und hob mahnend ihren Pink-lackierten Finger in die Luft. „Colin sagte er sei ein Wissenschaftler. Einer der verrückten Sorte. Also wäre es nur logisch, wenn er in einem seiner geheimen Geheimexperimente auch ein Monster erschaffen hätte. Wäre ich ein verrückter Wissenschaftler, wäre das vermutlich das erste, was ich machen würde.

Colin meinte auch, dass ihn noch nie jemand gesehen hat. Also den Wissenschaftler, nicht Colin. Das ist schon seltsam, oder? Ich meine, die Stadt ist zwar nicht winzig, aber trotzdem hätte man sich doch ab und zu mal über den Weg laufen müssen. Aber ihn? Niemand hat ihn je mit eigenen Augen gesehen. Manche sind sich nicht mal sicher, ob da überhaupt jemand wohnt.

Wenn das nicht verrückt ist, dann weiß ich auch nicht.“

„Hm...“, gab Jimmy von sich und nickte zustimmend. „Klingt logisch.“

„Ach, halt die Klappe, Jimmy.“, meinte Arnold und winkte ab. „Das ist doch Blödsinn. Meine Mama sagt, er ist nur ein ganz normaler Typ.“

„Du redest mit deiner Mama über den irren Wissenschaftler in der verlassenen Villa?“, fragte Rosa erstaunt.

„Klar. Wir quatschen am Essenstisch dauernd sowas. Sie lässt mich sogar jeden Horrorfilm gucken, den ich will. Ehrlich. Aber ich würd’s auch so machen, ohne Mist jetzt.“, meinte Arnold und schwang seinen Bass stolz wie ein Schwert vor sich hin und her. „Aber er ist kein Wissenschaftler. Nein, nein. Meine Mama weiß sowas. Aber irre ist er auf jeden Fall. Beziehungsweise ein Genie. Aber Mama sagt, da ist ein schmaler Draht zwischen Genie und Wahnsinn.“

„Grat.“, warf Hendrix genervt ein. „Ein schmaler Grat.“

„Was? Ne, ne. Das hat nichts mit der Temperatur zu tun. Ohne Mist.“, versuchte Arnold zu erklären, „Draht. Wie beim Telefon. Man muss nur eine Zahl falsch wählen und plötzlich ist es ein Ferngespräch nach Australien.“

„Ach, das kommt mir aber bekannt vor, oder Rose?!“, schaltete sich Sandra plötzlich wieder ein. „War das nicht auch eine von Colins tollen Ideen?“

„Es war ein Zahlendreher, okay?“, antwortete Rose und verdrehte die Augen.

„Könnt ihr Weiber mal aufhören, mir dazwischen zu schnattern? Ich versuche hier eine Geschichte zu erzählen. Ohne Witz.“, sagte Arnold und holte tief Luft. „Also... Meine Mama meint, der Typ ist einfach nur Milliardär. Vermutlich hat er eine Internetfirma. Irgendetwas mit Schwips und Fights...“

„Bits und Bytes...“, murmelte Hendrix.

„Ne, ne, man. Ich glaub der Typ war ein ziemlicher Säufer und hat sich ständig mit seiner Frau gestritten. Deswegen hat sie ihn auch verlassen und er verbringt den ganzen Tag jetzt damit in seiner Villa zu sitzen und Videospiele zu spielen. Ohne Witz. Virtual Reality und sowas. Richtiger Nerd ist der Typ.“

„Hat er Playstation oder Oculus?“

„Halt die Klappe, Jimmy.“, entgegnete Arnold ihm harsch, „Er ist Milliardär. Er hat sicher Vive und Playstation und Oculus und ein eigenes Holodeck. Du weißt schon, wie bei Star Wars.“

„Star Trek!“, unterbrach Hendrix seinen Freund und drehte sich zu seiner Band um, „Und jetzt hör endlich auf, so einen Blödsinn zu erzählen. Wir sehen es doch gleich. Also können wir jetzt bitte alle runterkommen? Ich will es endlich sehen.“

Der Bandleader machte einen sportlichen Satz nach vorne und rannte los. Der Drummer, der Bassist, die Gitarristin und Jimmy folgten ihm durch die weiten, in orange getauchten Straßen. Immer wieder mussten sie in der Dunkelheit schemenhaften Gestalten wie Geistern, Werwölfen und die eine oder andere kleine, völlig in pink gekleidet Prinzessin, ausweichen. Überall standen kleine, ausgehöhlte Kürbisse und der stechende Geruch von Süßigkeiten durchzog die Luft des kleinen Städtchens. Sandra fand schon immer, dass sie es ein wenig zu Halloween übertrieben.

Nach einem fünf minütigen Spurt, der sie etwas außerhalb des Städtchens führte, erreichten sie ihr Ziel endlich. Zumindest erschien es so anfangs. Die Villa war wohl noch immer rund 500 Meter von dem massiven Metallzaun entfernt, der die Band von dem Grundstück trennte. Ein schmaler Sandweg führte geradezu in Schlangenlinien durch einen dichten Wald, über dem, auf einer Erhebung, das alte Bauwerk thronte. Sandra schätzte, dass es bestimmt schon etwa 400 Jahre alt sein müsste. Allerdings war sie erst dreizehn und sie hatten diese Zeit im Geschichtsunterricht noch nicht durchgenommen. Es wäre genauso gut möglich gewesen, dass die Villa aus grauem Stein und dunklem Holz 2000 Jahre alt gewesen war. Aus der Ferne war es schwierig zu beurteilen, ob das vierstöckige Gebäude, mit den zahlreichen kleinen Türmchen, nun mehrere Jahrhunderte alt war oder nur zwanzig Jahre. Vielleicht hatte es auch ein Hollywood-Schauspieler aus Europa geholt und hier wieder aufbauen lassen. Sicherlich war er deswegen jetzt auch so verschuldet, dass er jedes Jahr etwa 10 Filme mit sehr schwankender Qualität drehen musste.

„Wow, so im Dunkeln sieht es noch viel beeindruckender aus.“, sagte Rose und war im Begriff sich gegen den Zaun zu lehnen, doch dann griff eine Hand von hinten nach ihr.

„Sei vorsichtig. Vielleicht ist da Strom drauf.“, meinte Hendrix und tat so, als würde er mit einem fachmännischen Blick herausfinden können, ob sich auf dem dunklen Metallzaun, der etwa zwei Meter hoch war, wirklich Strom befand. Ihm war offensichtlich nicht klar, dass man Strom weder sehen noch hören konnte. Dabei war er der älteste in der Band.

Dann schepperte es. Der Blick der Bandmitglieder folgte dem Geräusch. Es war Jimmy, der mit dem Kopf zuerst gegen das Tor geknallt war und jetzt daran herunterrutschte. Hinter ihm stand Arnold der seine Arme in die Luft warf, sodass sein Bass auf den Boden fiel.

„Offensichtlich ist kein Strom drauf, oder Jimmy?“, meinte er grinsend. Rose lachte, Hendrix verdrehte die Augen und Sandra verschränkte genervt die Arme.

Mit einem schrecklichen Quietschen öffnete sich das Tor, als Jimmy auf dem Sandboden aufkam. Hendrix ging voraus und hielt den anderen das Tor auf.

„Na los, steh auf, Jimmy.“, meinte Arnold, nachdem sie alle über den kleinen, armen Jungen herüber gestiegen waren. Seufzen strich Jimmy sich den Dreck aus Gesicht und Haar und klopfte den Sand aus seiner Lederjacke, bevor er auf die anderen aufschloss. Sie waren etwa fünfzig Meter in den langen Sandweg in totaler Dunkelheit entlang gelaufen, als plötzlich etwas im Unterholz raschelte.

Rose gab ein schrilles Quieken von sich und warf sich Hendrix um den Hals. Arnold blieb hinter ihnen stehen und versuchte sich offensichtlich auch hinter dem Bandleader zu verstecken. Nur Sandra machte einen Schritt nach vorne und hob die Fäuste. Mit ihr war nicht zu spaßen, sie hatte eine Schnupperstunde beim Judo mitgemacht und sämtliche Jackie Chan Filme gesehen. Oft hatte sie von so einer Möglichkeit geträumt. Es ist eben eine von diesen seltsamen Fantasien, die man nun mal als junges Mädchen in diesem Alter entwickelt. Man würde niemals wirklich aus eigenem Antrieb heraus einen Kampf anfangen, aber wenn es dann doch unausweichlich dazu kommen würde, weil ein Dieb ihren Rucksack geklaut hat oder ein irrer Spanner aus dem Dickicht auf sie zugesprungen kam, hatte sie ja gar keine andere Wahl als sich zu verteidigen, oder? In ihrer Vorstellung rannte sie dem Spanner hinterher, knockte ihn wie einer dieser bekannten Footballspieler, auf die ihr Dad so stand, um und verprügelte ihn bis zur Unkenntlichkeit. Sandra war gewiss keine gewalttätige Person, aber wer wusste schon, was im Herzen und vor allem im Kopf eines jungen Teenagers so abging. Das meiste davon ergab sowieso keinerlei Sinn, oder?

Dem Moment der Stille folgte ein Moment des Schreckens. Oder vielmehr des Erschreckens.

„AHHH, er hat mich!!“, stieß Arnold einen Schrei aus und fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden. „Der Internetmilliardär!“

Kurz darauf hörte man einen zweite Körper zu Boden gehen und ein hysterisches Mädchen mit pinken Haaren wegrennen. Sandra hob die Fäuste und kam ihrem Bandkollegen zur Hilfe. Als sie nah genug war, musste sie aber erkennen, dass es hier niemanden zu retten gab.

„Jimmy...“, murmelte sie gelangweilt und zog den kleinen, armen Jimmy von Arnold weg. „Was machst du schon wieder für Sachen.“

„Mein Schnürsenkel muss sich gelöst haben, als Arnold mich vorhin...“, versuchte Jimmy sich zu erklären, aber Arnold schubste ihn erneut und unterbrach ihn so.

„Geh weg von mir, Jimmy! Was stimmt denn nicht mit dir? Ohne Witz, ich mach dich fertig. Echt jetzt!“ Arnold hob die Fäuste und wollte auf den kleinen Jimmy losgehen, aber wurde direkt von Sandra aufgehalten, der ihn einfach am Kragen seiner Lederjacke festhielt.

„Hört endlich mit diesem Theater auf. Und seid gefälligst nicht so laut.“, sagte Hendrix und die Band verstummte. Jetzt sang der Leader Acapella. „Reißt euch gefälligst zusammen. Es wäre ein echte Wunder, wenn uns hier niemand gehört hat!“

Wieder herrschte Stille. Nur ein paar verärgerte Blicke wurden in dem Zwielicht hin und her geworfen. Die langen Schatten der Baumkronen zeichneten sich in Hendrix Gesicht ab, als er stumm auf die Erhöhung schaute, auf der sich das massive Bauwerk befand. Dann war da plötzlich wieder ein Rascheln. Ein Rascheln ohne Wind.

Die Vier schauten sich an und dann alle zu Jimmy, der nur die Arme in die Luft warf. Sandra nahm ihre Fäuste wieder hoch und versuchte zu horchen, vorher das Geräusch kam. Doch dann schien das Rascheln plötzlich vor ihnen, hinter ihnen und über ihnen zu sein. Sandra war bereit für den Kampf mit dem Spanner, aber als sie sich umsah, waren die anderen vier verschwunden. Ihr Blick fiel Richtung des Tores und sie konnte erkennen, wie die Band zurück in Richtung Licht rannte. Sandra folgte.

Völlig außer Atem kam sie an dem Tor an. „Können wir jetzt einfach zurück zu Ians Party gehen?“

„Dass du lieber bei deinem geliebten Ian sein wirst, ist uns allen klar.“, sagte Rose zickig und verschränkte die Arme.

Sandra wurde leicht rot. „Du bist doch die erste gewesen, die weggerannt ist! Ich stand da sozusagen plötzlich ganz alleine, dabei wollte ich von Anfang an auf der Party bleiben!“

„Ich finde Sandra hat Recht.“

„Ach, halt die Klappe, Jimmy!“ Arnold gab dem armen Jimmy einen Klapps auf den Hinterkopf. „Wegen dir wären wir doch erst fast erwischt worden. Nur weil du nicht mal geradeaus laufen kannst. Ich meine, ohne Witz, Jimmy. Das ist nicht so schwer und nicht einmal das bekommst du hin.“

Der arme Jimmy schaute bedrückt zu Boden, doch niemand widersprach.

„Lasst uns einfach zurückgehen. Ich darf eh nur bis 11 Uhr draußen bleiben und die Zeit will ich sicher nicht damit verschwenden, euch dabei zuzugucken, wie ihr hier vor diesem Tor rumlungert, weil ihr zu viel Angst habt, rein zu gehen.“

„Wir wissen, dass du die Zeit statt in einem dunklen Eichenwald lieber mit einem gewissen jemand in einem dunklen Eichenschrank verbringen willst.“, spottete Rose und streckte Sandra die Zunge heraus.

„Das ist gar nicht wahr!“ Sandra wurde rot und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Wieso konnte Rose nicht einfach ihre Handtasche stehlen oder mit einem Fernglas im Busch sitzen?

„Wir müssen da wieder rein.“, unterbrach der Anführer dieses Kindertheater wieder, schaute aber weiterhin abwesend in Richtung des Hauses, „Wir müssen da rein...“

„Ja, aber ihr habt doch alle einfach viel zu viel Angst davor.“ Sandra verschränkte die Arme und versuchte die Röte aus ihrem Gesicht mit einem strengen, überlegenen Ausdruck zu verbannen. Der leicht beleidigte Unterton in ihrer Stimme war dennoch nicht zu überhören.

„Nein, nein. Wir hatten nur die falsche Strategie.“, erklärte der Leader, „Wir dürfen nicht alle zusammen gehen. Dann finden sie uns leichter. Zusammen sind wir eine wilde, laute Horde. Aber einzeln sind wir leise und können und schnell und elegant über das Gelände bewegen.“

„So wie ein Elefant in der Muckibude.“, sagte Arnold.

„Was?“

„Na, das sagt man doch so. Wie ein Elefant im Protzelanladen. Protzel... Verniedlichung von Protz... Muskelprotz? Ohne Witz, bin ich denn der Einzige hier, der sich mit irgendetwas auskennt?“

Die Damen verdrehten genervt die Augen.

„Du hast doch nur selbst Schiss und willst dich drücken.“, sagte...Jimmy? Wirklich? Jimmy sagte das? „Einzeln da hinein zu gehen ist wirklich die bescheuertste Idee, die du jemals hattest, Kevin. Und sieh uns doch an. Wir sehen aus wie Green Day in 2002. Ich glaub, Arnold trägt sogar Lidstrich. Es wäre absolut dämlich sich in eine solche Situation völlig alleine zu begeben, nur weil du Angst hast, dass der Besitzer dieses Grundstücks vielleicht dein Vater sein könnte, oder noch schlimmer, dass er es nicht ist und du weiterhin mit der Ungewissheit leben musst, mit dem deine Mutter hier noch so durch die Betten gehüpft ist. Ich hab gehört Arnolds Vater...“

„Ach, halt die Klappe, Jimmy!“, rief Sandra nun plötzlich und schuppste den armen (?) Jimmy gegen den Metallzaun.

„Hey, das ist meine Catchphrase!“ Jetzt war Arnold anscheinend plötzlich beleidigt. Oder zumindest so schien es. Darauf folgte eine Reihe von wirklich sinnlosen und absolut bescheuerten Kinderspielerein, die zu absolut nichts führten. Also sagen wir mal, dass etwa 15 Minuten verstrichen, ohne das etwas Nennenswertes passierte, das man nicht in der vier Seitigen Fotostory einiger einschlägiger Jugendzeitschrift hätte entnehmen können.

Nach dieser Zeit fand sich die Band beim Streichhölzer Ziehen wieder. Arnold, Jimmy und Rose waren schnell raus. Blieben also nur noch zwei: Sandra und Hendrix. Mit zitternder Hand zog Sandra das letzte Holz. Nicht etwa, weil sie Angst hatte, durch den dunklen Wald zu gehen und dann in die Villa einzubrechen, was der Straftat des Hausfriedensbruchs und vermutlich kleineren Delikten der Sachbeschädigung gleichkam, sondern weil sie Angst hatte diese eine Möglichkeit Ian beeindrucken zu können, vielleicht verstreichen lassen musste, nur um eine bescheuerte Mutprobe zu bestehen. Und in einem alternativen Universum, wäre diese Angst vielleicht unbegründet gewesen. In diesem Zeitstrang wäre sie zurück zur Party gegangen, hätte Ian gesucht und gefunden, hätte sich ihm um den Hals geworfen und das getan, was im Rahmen der Gesetzes des Landes, in dem sie lebte, für 15 Jährige noch in Ordnung war. Aber nicht in dem Universum, in dem sie sich befand.

Sandra zog den Kürzeren und fand sich kurz darauf alleine in dem stockfinsteren Wald wieder. Ein seltsamer, kühler Wind zog durch die dicht stehenden Bäume. Das Rascheln der Blätter erschrak das junge Mädchen mit den grünen Haaren immer wieder (Allerdings nicht im Sinne von wirklicher „Paranormal Activty“-Angst, sondern eher im Sinne von übertriebenen Jump-Scares im Sinne von „Paranormal Activity 4“). Aber schließlich erreichte sie den kleinen Hügel und stieg die dreihundertvierundsiebzig Stufen hinauf bis zur absurd großen Eingangstür des alten Hauses. Sie war aus dunklem Holz gefertigt, der offenbar aus den eigenen Wäldern zu stammen schien. Die Holzarbeit war solide gewesen, aber die Verzierungen zeigten seltsame Gesichter, Figuren und schienen sogar alte Geschichten, vielleicht sogar Legenden erzählen zu wollen. Nun war Sandra klar: Es war eindeutig mehrere hundert Jahre alt, obwohl die eine Verzierung sie etwas an den Hobbit erinnerte und zwar nicht die Tolkien Version, sondern die Peter Jackson Version.

Ein schwerer Metallring, der aus den Nasenlöchern eines kuhähnlichen Wesens kam, das sie glaubte bei Tumblr schon einmal gesehen zu haben, schien als altmodische Türklingel zu fungieren. Sandra schaute sich fragend um. Sollte sie wirklich „läuten“? Es brannte in keinem der Zimmer Licht und auch ihre Freunde konnten sie vom Tor aus gar nicht mehr erkennen. Wieso sollte sie nicht einfach nur behaupten, dass sie drin war, nichts gefunden hat? Sie könnte einfach zurück zur Party gehen und alle wären glücklich. Die anderen hatten sowieso viel zu viel Schiss, um es selbst herauszufinden.

Sandra ließ den Ring wieder los und machte einen Schritt zurück. Sie hatte sich gerade umgedreht, als sich die schwere Eingangstür mit einem Quietschen öffnete. Ein schwacher Lichtstrahl fiel auf Sandras Gesicht, als sie erstaunt zurückschaute. In einer alternativen Realität, in der Sandra genauso viele Horrorfilme gesehen hatte wie Arnold und hätte sie vermutlich gewusst, dass es nicht unbedingt die klügste Idee war, ein verlassenes Haus, dessen Tür sich gerade von alleine geöffnet hatte, völlig alleine zu betreten. Allerdings war Sandra in dieser alternativen Realität wohl auch weniger neugierig und hatte sich weniger erhofft auf einen, sich hinter einem Fernglas versteckenden, Spanner zu treffen.

Da wir uns in dieser jedoch nicht befanden, ging sie schnurstracks durch die geöffnete Tür, die daraufhin direkt wieder ins Schloss fiel, nachdem sie den Innenraum betreten hatte. Der Flur war dunkel, nur hin und wieder schien so etwas wie ein Blitz von draußen den Gang zu erhellen. Der Boden war mit einem roten Teppich ausgelegt, ansonsten schien der Raum recht schlicht und karg eingerichtet zu sein. Eine kleine Kommode, aus dem gleichen Holz wie die Tür, einen großen Spiegel und ein paar alte, sehr alte Bilder. Sandra war sich mittlerweile sicher, dass dieses Haus alt, sehr, sehr alt war. Vermutlich sogar älter als Oma Eusebia. Oder es war Teil einer Geisterbahn. Allerdings sah hier wenig nur nach Plastikkulisse aus. Es musste echt sein. Sogar die Spinnenweben und der viele Staub wirkten absolut authentisch.

In ihrem Größenwahn war Sandra mehr interessiert als erschrocken. Sie schritt siegessicher den Flur entlang und öffnete die Tür am Ende des Flurs. Als sie den Tür Knauf umdrehte, hallte das Rasten des Schlosses durch den gesamten Flur und den Saal, der dahinter lag. Eine lange Tafel erstreckte sich bis zum Ende des Raumes, mit einer Art Thron an dessen Kopf. Sandra betrat den Raum erstaunt und bewunderte die rote Samttischdecke und den silbernen Kronleuchter darüber.

Doch als die Tür hinter ihr in Schloss fiel, erschrak sie und ein nervöses Zucken durchfuhr ihren gesamten Körper. Sie drehte sich um und sah im Augenwinkel eine Gestalt im Schatten herumschleichen. Erneut dreht sie sich, doch da schien niemand zu sein. Ihr sehender Sinn konnte nichts wahrnehmen, aber ihre anderen Sinne schienen geschärft und es war, als konnte sie eine Präsenz im Raum spüren. Instinktiv griff sie wieder nach dem Türknopf und drehte ihn um: Abgeschlossen. Jetzt raste ihr Herz plötzlich. Sie presste sich mit dem Rücken gegen die Tür und versuchte ruhig zu atmen, was ihr wenig zu gelingen schien. Je schneller ihre Brust sie hob und wieder senkte, umso panischer wurde sie. Mit verschwommenen Blick versuchte sie den Raum zu scannen, doch in dem Zwielicht war nicht zu erkennen. Aber da war etwas. Sie wusste es. Sie konnte es spüren und es konnte sie auch spüren.

Dann hörte sie Schritte, die auf sie zukamen. Ihre Hand wanderte in ihre Lederjacke. Die Schritte wurden lauter und die Präsenz drückender. Ein Blitz schien von außen durch die staubbesetzten Scheiben und erhellte den Raum nur für eine Sekunde, in der Sandra die Silhouette von... Etwas direkt vor ihr erkennen konnte. Mit dem Rücken zur Wand, rutschte sie von der Tür entlang des Raumes, bis sie in einer der Ecken angekommen war. Immer wieder erhellten Blitze den Raum und immer weiter kramte Sandra in ihrer Jackentasche. Die Schritte kamen näher. Sandras Hand griff zu und schnellte nach oben. Plötzlich erstrahlte ein gleisendes Licht aus ihrer Hand und erhellte so den gesamten Raum. Die Silhouette verschwand und offenbarte ihren Urheber.

„Ah... Eh... Könnten Sie dieses... dieses Ding... Ah... vielleicht aus meinem Gesicht nehmen?“, fragte der Urheber in einem britischen Akzent und hielt seine Hände schützend vor sein Gesicht, um sich von dem Licht, das von Sandras Handykamera ausging, zu schützen. „Wertes Fräulein. Ich wäre Ihnen wirklich verbunden, wenn Sie das unterlassen könnten.“

Sandras Puls normalisierte sich und ihre Panik wich der Neugierde und der Skepsis. Blasse Haut, dunkles Haar, ein maßgeschneiderter Anzug und ein seltsamer Mantel... lange, verräterische Eckzähne.

„Sagen Sie, Sir. Verkleiden Sie sich in ihrem Alter etwa immer noch für Halloween?“, fragte Sandra frech.

„Wie bitte? Verkleiden?“, fragte der alte Mann und hielt immer noch seine Hände schützend vor sein Gesicht, „Könntest du bitte endlich dieses grauenhafte Licht aus meinem Gesicht nehmen?“

„Oh.“ Sandra wandte das Licht ab und beobachtete, wie der alte Mann sich langsam wieder aufzuraffen schien. Er streckte jeden Wirbel nach und nach, riss sein Kinn nach oben und gab einen wohligen Seufzer von sich, als die Dunkelheit ihn wieder verschlang. Das Mädchen beobachtete das Schauspiel interessiert, bis es plötzlich anfing in ihrem Hirn zu arbeiten.

„Sie sind nicht verkleidet?“, fragte sie etwas verwirrt, aber auch überaus neugierig. In der Dunkelheit schaute der alte Mann zu ihr herüber. Nur seine Konturen waren durch das künstliche Licht des Handys erleuchtet.

„Wieso sollte ich mich denn verkleiden, mein liebes Fräulein?“, hallte seine dunkle, britische Stimme durch den kargen Raum. Wieder gab es einen Blitz und seine langen Eckzähne schimmerten im natürlichen Licht und strahlten anschließend im Künstlichen. „Ahh! Könntest du bitte damit aufhören?“

Sandra hatte einen ernsten Gesichtsausdruck und wandte die Kamera wieder ab. Der alte Mann seufzte wieder und schrie erneut, als sie ihn wieder anleuchtete. Seufzte, schrie. Seufzte, schrie. Sandra wiederholte das Ganze weitere fünf Male, bis sie endlich aufhörte.

„Bitte. Unterlass das, Fräulein!“

„Du bist tatsächlich ein Vampir.“, stellte sie erstaunt fest und brach dann in Lachen aus. Nun war es der Vampir und Hausbesitzer, der dem mentalen Hospital näher war, als sie. Als das vorlaute Fräulein dann auch noch ein „Da bin ich ja froh.“ Von sich ließ, war die Verwirrung perfekt. Und wie sie sich wenig später im Kerzenschein an der langen Tafel wiederfinden konnten, war auch nicht weniger einfach zu erklären. Aber in diesem Universum war es nun einmal so geschehen. Der Hausherr saß auf einem kleinen Stuhl, während Sandra auf dem Thron am Ende der Tafel saß und mit ihrem Handy herumspielte.

„Du scheinst wirklich keine Angst vor mir zu haben, wertes Fräulein. Dies stellt eine nicht auszudenkende Überraschung für mich dar.“, fing der Vampir an zu erklären, als der Apparat in der Hand des jungen Fräuleins plötzlich anfing zu blitzen. „Ahh!!“ Für einen Augenblick schien der Hausherr völlig blind zu sein. Als sein Augenlicht (wenn man das bei Vampiren so nennen konnte) zurückkam, starrte das Mädchen weiterhin auf das Gerät, schien aber etwas enttäuscht zu sein.

„Man kann also wirklich keine Fotos von Vampiren machen... Toll, dann wird mir das sowieso niemand glauben.“, murrte sie.

„Könntest du das bitte unterlassen? Ich bin leider etwas empfindlich, was das Licht angeht.“

„Ich weiß.“, meinte Sandra triumphal. „Aber wenigstens glitzerst du nicht im Licht.“

„Glitzern? Wieso, junges Fräulein, sollte ich etwas Derartiges tun?“, fragte der Vampir verwirrt und Sandra hob einfach nur die Schultern und grinste. „Verzeih meine Verwirrung. Ich muss für dich sicher wie ein Wahnsinniger klingen. Aber halte mich nicht für einen Zombie. Mein Verstand sitzt bei mir noch am rechten Fleck.

Aber es ist schwierig sich nicht zu fragen, wie es denn sein kann, dass du dich scheinbar gar nicht vor mir fürchtest. Wenn ich mich vorhin nicht überhört habe, warst du sogar froh von meiner Spezies zu erfahren. Bist du etwa eine von diesen Vampirjägerinnen?“

Sandra lachte laut. „Van Helsing? Sicher nicht. Ich bin überrascht, klar. Aber warum sollte ich mich fürchten? Sie sind doch einfach nur ein Vampir. Niemand hat mehr Angst vor Vampiren. Wenn Sie ein alter, verschrumpelter Mann wären, würde ich mich ohne weiteres mehr fürchten, als jetzt. Alte Männer sind fies. Sie rufen die Polizei und verpfeifen sie bei ihren Eltern. Oder noch schlimmer: Halten einem unangenehme Standpauken. Das kann ich sozusagen echt nicht gebrauchen.“

„Aber... Hast du nicht Angst um... dein Leben? Ich vermag mich zu irren, aber bezeichnet ihr Menschen mich nicht als ‚mystische‘ Bestie?“, fragte der Vampir verwirrt und runzelte mit seiner blassen Stirn.

„Wieso sollte ich? Ich sagte doch schon: Niemand hat mehr Angst vor Vampire.“, erklärte Sandra und verschränkte überlegen die Arme, „Absolut niemand. Vor allem nicht seit Twillight. Ihr seid sozusagen weniger furchteinflößend als ein Terrier.“

„Twilight?“, fragte der Vampir interessiert und rückte die Kerzen etwas von sich weg, „Erlaubt mir diese vermutlich sehr einfältige Frage, aber was hat die Abenddämmerung mit der Entmystifizierung meines Volkes zu tun?“

„Twilight ist der Titel eines Buches, genau genommen sind es vier Bücher... und fünf Filme. Außerdem gibt es bestimmt einen ganzen Haufen Merchandising dazu... Becher, Kalender, Tagebücher, bestimmt auch Mousepads und Frühstückflocken. Ach! Bestimmt gibt’s davon auch bald einen bescheuerten Themepark.“

Der Vampir räusperte sich höflich. „Entschuldige, aber ich befürchte, dass ich dir nicht ganz folgen kann. Ich konnte fast keiner deiner Worte eine Bedeutung zuordnen. Kann es sein, dass du mich gerade mit einem Fluch belegt hast?“

Sandra lachte. „Haha. Wirklich witzig. Ich wusste gar nicht, dass Vampire einen Sinn für Humor haben können. Edward guckt immer nur traurig drein und gibt bedeutungsschwangeres Gefasel von sich.“

„Edward? Ist das dein Name?“                                                                          

„Was? Nein. Edward ist ein Männername. Wie lange bist du hier schon alleine, dass du vergessen hast, was Mann und was Frau ist?“

„Entschuldige. Natürlich kann ich noch zwischen Herren und Damen unterscheiden. Mir schwirren nur so viele neue Gedanken im Kopf herum. Ich bitte das zu entschuldigen.“

„Hm.“, gab das Mädchen zögerlich von sich, „Wie auch immer. Ich bin Sandra. Wie heißt du? Graf Dracula?“

Er schüttelte seinen Kopf. „Der Titel ist schon der richtige, aber den Namen hast du leider falsch gewählt. Man kennt mich unter dem Namen Graf Henry Zarl.“

„Zarl? Ernsthaft? Graf Zarl?“

„Graf Henry Zarl. So ist es, mein Fräulein.“, sagte der Vampir stolz und machte auf seinem Platz eine leichte, verbeugende Geste. „Aber wer ist denn nun dieser Herr Edward, von dem du sprachst? Ist das dein Ehemann?“

„Ehemann? Ich bin 15. Ich geh sozusagen noch zur Schule.“

„15 Jahre alt und noch nicht verheiratet? Das erscheint mir höchst ungewöhnlich.“

Sandra ignorierte Graf Zarl einfach, sonst würde dieses Gespräch sich wohl auf ewig in einer Spirale von Missverständnissen drehen. In einer alternativen Welt wäre das sicher sehr amüsant gewesen, allerdings war diese Welt wohl mehr die des gesprochenen Wortes, in der es Musik und Montagen gab, die das Verstreichen von Zeit auf leichtfüßige Art und Weise simulierten. In dieser Realität gab es jedoch nur das geschriebene Wort und kein wirkliches Verständnis von guten Überleitungen zum eigentlichen Thema.

„Genug jetzt! Edward ist ein Vampir. So wie du. Na ja. Nicht ganz genauso wie du. Er ist eher ein Teenager. So maximal 18 Jahre alt. Er sieht gut aus, ist cool und alle Mädchen stehen auf ihn.“

„Stehen auf ihn? Wieso sollten sie auf ihn...“

„Ohaarr... Sie sind in ihn verliebt, klar? Die meisten jungen Mädchen fürchten sich gar nicht mehr vor Vampiren, sondern verlieben sich sozusagen sogar in sie.“

Graf Zarl lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Das alte Holz knarrte. Sandra hatte das Gefühl sein Gesicht würde noch bleicher werden als es sowieso schon war. „Holde Mädchen verlieben sich in unser Volk? Aber... Aber Terror, Angst und Schrecken war doch schon immer unser Steckenpferd. Ja, die Aufgabe der unseren war es stets den Menschen den Spiegel vorzuhalten... Wenn sie sich der Gier und der Grausamkeit zuwandten, könnten sie wie wir enden... Aber wenn der Mensch keine Angst mehr vor uns hat, sondern uns liebt, heißt das etwa... Dass der Mensch zu dem geworden ist, vor dem wir ihm warnen wollten?“

Sandra rutschte nervös auf ihrem Thron herum. Aber nicht etwa, weil sie gerade eine alles veränderte Rede von einem Fabelwesen gehört hatte, die ihre Sichtweise auf die Welt verändern würde, sodass sie von nun an ein veränderter Mensch war und heraus in die Welt gehen würde, um sie zum Besseren zu verändern. Dass sie die Gier zerstören würde, den Neid und den unbegründeten Hass vor der Fremde und die Menschen so näher zusammen führen würde… all das stand absolut außer Frage. Sandra war 15 Jahre alt und gehörte zur Generation „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“, die sich maximal um sich und ihre drei Katzen kümmern konnten.

„Ja, aber es liegt auch nicht nur an der ganzen Twilight Geschichte. Ich meine, wenn Sie ein Mensch wären, hätte ich wirklich Angst um mein Leben haben müssen. Menschen sind hartnäckig und haben im Grunde keine besonderen Schwächen. Klar, sie sind gewissen Limitationen ausgesetzt. Ich weiß jetzt nicht, zu welcher Gattung Vampir Sie gehören, aber ein Mensch kann sich beispielsweise nicht in eine Fledermaus verwandeln oder so. Aber dafür hat ein Mensch auch keine wirklichen, außergewöhnlichen Schwächen.

Ich meine, sogar Superman ist einfacher zu besiegen als ein Mensch, wenn man seine Schwachstelle kennt. Ist doch logisch. Wenn ich mit einer Pistole zu einem Messerkampf komme, hab ich sozusagen schon gewonnen.

Und bei Vampiren ist das ganze halt wirklich extrem. Ich wüsste nicht, wie ich mich gegen einen Mann Ihrer Größe durchsetzen könnte. Aber ich hab keinerlei Probleme mich mit Ihnen als Vampir zu messen.“

Der Graf lehnte sich wieder nach vorne. Dieses Mal wirkte er herausgefordert. „Ach ja, mein Fräulein? Du glaubst es also wirklich, es mit mir aufnehmen zu können. Mit deinem grünen Haar und deinem dunklen Kostüm könnte man doch vermutlich doch für eine Hexe halten.“

„Ich bin Punkrocker. Keine Hexe.“

„Schweig! Keine weiteren Flüche.“

Sandra seufzte genervt und rieb sich die Schläfen. „Also wirklich... Ein Vampir hat so viele Schwachstellen, es ist geradezu lächerlich. Oder haben Sie mein Licht etwa schon wieder vergessen?“

Der Graf schwieg.

„Und das ist nur eins. Ich meine...“ Sandra sah sich um und deutete dann auf den Kronleuchter über dem Tisch. „Das ist sicherlich echtes Silber. Damit könnte ich Sie locker umbringen. Und ich müsste mir nicht einmal Mühe geben. Ich könnte vermutlich einfach nur ein kleines Stück davon abbrechen und Sie würden direkt zurück zu Ihrer Vampir Mami laufen.“

Sandra lachte und öffnete dann ihre Lederjacke ein Stück. „Oder was ist hier mit? Ich wette Sie haben sogar Angst vor meinen Drum Sticks. Immerhin kommt das einem Pflock schon sehr nahe, oder? Vampire sind so lächerlich und hier ist der beste Beweis dafür.“

Sandra öffnete ihre Lederjacke noch einen Stück und griff in ihren Ausschnitt. „Ich weiß nicht genau, wie damit funktioniert.“, sagte sie als sie ihre Kette präsentierte, „Aber vor Kruzifixen habt ihr doch auch Angst, oder?“

Der Graf schwieg weiterhin.

„Ich wette du könntest mich nicht einmal berühren, wenn ich vorher eine gehörige Portion Gyros esse.“ Sandra lachte schäbig. So schäbig wie beinahe nur ein Dämon lachte. Donner und Blitz stimmten in ihrem diabolischen Gelächter ein. Der Raum fing an zu flackern und plötzlich saß der Graf nicht mehr auf seinem Platz zu Sandras rechten.

„Hast du dich je gefragt, warum Vampire das Blut der Menschen brauchen?“, dröhnte plötzlich die Stimme des Grafens vom anderen Ende des Raumes. Er stand in totaler Dunkelheit an der Tür, die Sandra hinein geführt hatte. „Du hast Recht, mein Fräulein. Wir haben viele Schwächen. Unser Volk ist gebrandmarkt und gebeutelt. Unsere Mode leidet darunter, es gab nie ein Vampirzelt, das nicht davon geflogen ist und unsere Küche ist eine kulinarische Katastrophe. Du hast recht mit jedem deiner Ausführungen, mein Fräulein. Alles ist wahr... Aber du hast dich nie gefragt, wie es sich anfühlt damit zu leben, nicht wahr? Wenn man nicht heraus gehen kann... Wenn man gefangen ist in der Dunkelheit, weil das Licht deine Haut zu Staub zerfallen lässt.

Wenn ein Mensch nie die Wärme der Sonne auf seiner Haut spüren kann, verfällt er dem Schmerz und der Traurigkeit. Wusstest du das, mein Fräulein? Ihm bleibt nichts, als die Dunkelheit. Oder um es mit den Worten der Hexen und Zauberer auszudrücken: Das Sonnenlicht bringt gewisse chemische Prozesse in Gang, wodurch Vitamin D im Körper produziert wird. Eine Mangelerscheinung dieses Vitamins kann zu Depressionen führen.“

Blitze erhellten den Raum, die Flammen der Kerzen erloschen und dröhnender Donner hallte durch das gesamte Mauerwerk. Ein Spalt des Lichtes fiel durch die quietschende Tür, die der Graf langsam öffnete. Dahinter schien nichts weiter zu sein als Licht. Geballtes, gleisendes Licht. Sandra fühlte sich wie hypnotisiert, erhob sich und schritt in Richtung des Lichtes. Wie ein kleines Insekt.

„Das ist der Grund, warum wir das Blut der Menschen trinken, mein Fräulein.“, sprach der Graf. „Wir brauchen das Vitamin. Der Saft des Glücks. Sei nicht so egoistisch, kleiner Mensch und Teil dein Glück mit uns.“

Sandra ging in das Licht und die Tür schloss sich hinter ihr.

 

„Sie ist wirklich schon verdammt lange da drin.“, sagte ein zitternder Jimmy und schaute sich nervös um. Er hatte die Arme verschränkt und schaute zu den anderen. Arnold und Rose saßen gelangweilt am Rande der Straße und aßen ein paar Melonenscheiben, die Arnolds liebe Frau Mutter ihm mitgegeben hatte. Der Anführer, der sich selbst Hendrix nannte, stand an das Tor gelehnt und starrte immer noch in den dunklen Wald.

„Eine Stunde schon. Ich glaube wir sollten ihre Eltern verständigen.“, sprach Jimmy weiter. „Oder? Ich meine, sicher ist sicher. Nicht, dass ihr etwas zugestoßen ist.“

„Halmpf dimpf Klmafppe, Jimlfpf“, mampfte Arnold.

„Oder am besten direkt die Polizei. Wer weiß, was da drin ist. Vielleicht ist es ja ein Mord-Haus. Oder noch schlimmer: Einfach nur ein sehr morsches Haus und sie ist direkt durch die Dielen gekracht und liegt nun blutend im Keller... Kevin! Wir müssen ihr helfen. Kevin! Kevin hörst du mich?“

„Sein Name ist Hendrix.“, meinte Rose und war Jimmy einen bösen Blick zu. So böse man nun Mal gucken konnte, wenn das gesamte Gesicht mit Melonenkernen verziert war.

„Kevin. Hör mir doch zu! Wir können sie doch nicht einfach so...“, begann Jimmy aber verstummte dann, als er einen Schatten aus dem Wald kommen sah.

„Da ist sie.“, sagte Hendrix trocken und öffnete das Tor für Sandra, die langsam und bedacht über den Sandweg zurück in die Zivilisation kam. Sie war kreidebleich.  Hendrix war der Erste bei ihr und warf direkt seinen Arm über ihre Schultern.

„Was hast du gesehen?“, war der erste, was er fragte. Doch Sandra antwortete nicht, sondern starrte Hendrix einfach nur mit einem leeren Blick an. Jimmy ging ein paar Schritte auf sie zu und war erschrocken. Ihre Haut schien wie Papier zu sein, ihre Augen waren rot und scheinbar gereizt, vielleicht sogar mit Blut unterlaufen. Ihre Kleidung saß scheinbar locker, ihre Jacke war weit offen und ihre Bluse zeigte die Haut ihres nackten Halses, der ebenso bleich war wie ihr Gesicht, außer zwei roter Punkte.

Jimmy holte sein Handy hervor, schaltete das Licht ein und untersuchte Sandra genauer.

„Ist alles in Ordnung bei dir?“, fragte er, doch sie schlug ihm direkt das Licht aus der Hand, sodass es auf den Boden fiel und erlosch.

„Könntest du das bitte unterlassen?“, fragte sie den armen Jimmy. Ihr Ton war freundlich und höflich gleicher Maßen.

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Goth Am 08.10.2019 um 21:42 Uhr
Am Anfang dachte ich mir zuerst; oh, das ist mal wieder einer dieser Cliche Stories. Aber beim zweiten Teil war es schon Amüsant. Der Running-Gag mit dem "Halt die Klappe Jimmy" war für mich ein Cliche, da ich es schon so viele andere male in anderen Medien gesehen habe. Das Ende konnte man schon erwarten. Seien wir aber mal ehrlich, die Schwächen und Kräfte eines Vampirs, die wir heute kennen, sind größtenteils falsch. (Ich kann dir über Privatnachricht mehr sagen.) Und das Ende an sich konnte ich kommen sehen. Und die Story an sich ist nicht übel, aber hier und da vielleicht ein wenig verbessern und angst machte es mir so gut wie gar nicht (aber ich glaube es war so gewollt.) Grüße, Goth Mehr anzeigen

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JamesB00ns Profilbild JamesB00n

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Kurzbeschreibung

Zu Halloween, während andere um die Häuser ziehen, sucht eine Gruppe mutiger Teenager eine alte Villa am Stadtrand auf, über die man sich so einiges erzählt. Doch was sich wirklich hinter den Pforten dieses antiken Gebäudes befindet, überrascht sie alle...

Kategorisierung

Diese Story wird neben Horror auch in den Genres Komödie und Humor gelistet.

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