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Friedland 1953

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18.1.2019 22:29
12 Ab 12 Jahren
Pausiert

Der Waggon wackelte hin und her und die Räder des Zuges quietschten auf den holprigen Schienen. Reinhardt und Elmar standen eng aneinander gedrängt in einem der Stehabteile. Elmar hielt in der einen Hand seinen Beutel fest, in dem sein ganzes Hab und Gut verstaut war. Nur das, was er sich noch in Russland von seinem Arbeitslohn gekauft hatte. 1040 Rubel. Sie sollten alles vor Ort ausgeben. In Deutschland sei das Geld wertlos. Er hatte sich eine gebrauchte russische Leica Kamera gekauft. Von nun an wollte er sein Leben wieder einfangen, sichern, umklammern. Die schönen Dinge, die auf ihn zu kamen, sollten gesammelt werden. Die Erinnerungen an die eiskalte Hölle, an Workuta, an Stalingrad, würden verblassen. Losgelassen. Fortan sollte alles festgehalten werden. Er würde Fotos entwickeln lassen. Sein erstes Essen in der Heimat. Jeden einzelnen Verwandten wollte er porträtieren. Den Garten. Sein Zimmer. Die Frauen, die er kennenlernen würde. Er hatte auch Halbschuhe aus Leder erstanden, die er in Erfurt beim Zwischenstopp angezogen hatte. Seine russischen Schnürstiefel lagen ganz unten im Beutel. Er war sich nicht sicher gewesen, ob es in Deutschland im März noch kalt sein würde. So hatte er sie noch einmal eingesteckt. Obwohl er sie eigentlich wegschmeißen wollte. Sie erinnerten ihn an seine letzte Arbeit in Asbest. Die letzte Baubrigade. Dort hatte er bereits wieder an Gewicht zugelegt, doch seine Knochen hatten jede Nacht gebrannt wie die Öfen, an denen er arbeiten musste. Um die Kamera lagen drei Zigarettenstangen, die er von seinem letzten Geld besorgt hatte. Er war zwar kein Raucher, doch wusste er, dass diese Währung auch in Deutschland einzulösen war. Mehr hatte er nicht. Alles auf dem langen Weg hierher abhandengekommen. Umso robuster hielt er seinen Beutel fest, der für ihn die Zukunft bedeutete. Sein Start in ein neues Leben. In die Freiheit. Mit der freien Hand hielt er sich an einer Holzplanke fest. Reinhardt hatte seinen Beutel zwischen die Stiefel geklemmt und hielt sich mit beiden Händen fest. Ihre Schultern berührten sich im Takt der Schiene. Kalter Fahrtwind schoss durch die Ritzen. Es roch nach feuchtem Holz und öligem Eisen.

„Ich glaube immer noch nicht so ganz, dass wir gleich zuhause sind. Frei,“ sagte Reinhardt mit Blick auf seinen Beutel.

„Wir haben es verdient!“ entgegnete Elmar.

„Oh ja.“

Einige Männer, die um sie herumstanden, nickten. Elmar kannte nur Reinhardt. Sie hatten sich in Stalingrad bei einem Häuserabriss kennengelernt und waren dann ein knappes Jahr zusammen von Baustelle zu Baustelle geschickt worden.

„Was machst du wohl zuerst, wenn du frei bist?“ fragte Reinhardt nachdenklich.

„Zuerst will ich rausfinden, wie es meiner Familie geht. Meiner Mutter und der kleinen Alice. Weißt du? Werner ist wohl tot, wie Vater. Aber die Mutter und Alice. Die will ich doch erst einmal suchen gehen.“

„Kommen sie dich nicht abholen?“

„Ich glaube nicht. Alice würde die Reise sicher nicht überstehen. Sie ist doch so schwächlich.“

„Wer kommt dich denn dann abholen?“

„Da fragst du mich was.“

Kurz öffnete Elmar seinen Beutel und schaute hinein. Er strich kurz über die Leica und redete weiter:

„Höchstens mein Onkel. Der aus Detmold. Das ist nicht so weit. Aber ich weiß es doch nicht. Nach all den Jahren.“

Reinhardt nickte bedächtig.

„Und wenn du wieder zuhause bist. Na bei deiner Mutter und der kleinen… Wie heißt sie noch?“

„Alice.“

„Ja Alice. Was dann?“

„Ich werde mir ein Weib suchen. Heiraten verstehst du? Kinder kriegen. Ich bin schließlich schon dreißig. Dann Abitur nachholen. Studieren. Maschinenbau.“

Reinhardt blickte runter auf seinen Beutel. Dann schloss er mit gesenktem Kopf einige Sekunden die Augen.

„Na was ist? Klingt das nicht nach was?“ Elmar stupste Reinhardt an und hielt sich dann wieder fest.

„Doch Elmar. Klingt klasse. Ich weiß nur nicht…“

„Was weißt du nicht?“

„Na ob wir direkt Kinder kriegen sollten und solche Sachen. Können wir überhaupt eine Frau glücklich machen nach all dem, was wir erlebt haben? Ich glaube, ich brauche erst einmal Zeit für mich.“

„Sag mal Reinhardt was faselst du denn da? Zeit für dich? Zeit für mich hatte ich jetzt dreizehn Jahre. Auf Achse. Hier mal einer Wirtin zugezwinkert, da mal einer Krankenschwester unter die Schürze geschielt.“

„Na ich meine ja nur.“

„Zeit für mich. Haha. Habt ihr das gehört Kameraden? Der Reinhardt will Zeit für sich. Vielleicht noch ein paar Mauern hochziehen im schönen Russland?“

Die Männer um sie rum lachten gehemmt und steckten wieder ihre Köpfe zusammen.

„Elmar.“ Reinhardt rückte näher an Elmar ran und senkte die Stimme. „Meine Seele ist schwarz. Tiefschwarz. Es tut weh. Verstehst du? Wenn ich schlafe, höre ich Schüsse. Wenn ich aufwache, brennen mir die Knochen. Wenn ich träume, heule ich wie ein kleines Mädchen. Was will ein Weib mit mir? Was will gar ein Kind mit mir?“

„Reinhardt hör mal zu. Der Herrgott hat uns Jahre gestohlen. Mir dreizehn und dir elf. Doch er hat uns viel viel mehr geschenkt. Die Jahre, die jetzt vor uns liegen. In der Freiheit. Verstehst du das denn nicht? Vergeude doch nicht noch mehr Lebenszeit.“ Elmar packte Reinhardt am Kragen. „In wie vielen Romanen habe ich von der Liebe gelesen. Ich will sie kosten. Leibhaftig. Und du auch. Wofür hast du diesen Wahnsinn überlebt Reinhardt. Wofür?“

„Ich habe Angst, dass…“

Der ohnehin brüchig ausgesprochene Satz wurde verschlungen von einer Lautsprecheransage. Alle Männer standen plötzlich kerzengerade. Gebannt. Gefasst. Alles konnte kommen, nur kein weiterer Rückschlag. Die Freiheit. Bitte.

„HEIMKEHRER HERGEHÖRT. HEIMKEHRER HERGEHÖRT. IN WENIGEN MINUTEN ERREICHEN WIR DAS GRENZLAGER FRIEDLAND. ICH WIEDERHOLE, DAS GRENZLAGER FRIEDLAND. BEGRÜßEN SIE IHRE VERWANDTEN UND BEGEBEN SIE SICH ANSCHLIEßEND UMGEHEND ZUR ÄRZTEBARACKE. ICH WIEDERHOLE, ÄRZTEBARACKE. DORT WERDEN SIE ABERMALS DESINFIZIERT UND EINER LEIBESVISITATION UNTERZOGEN. WEITERE ANWEISUNGEN VOR ORT. DIE FREIHEIT RUFT KAMERADEN!“

Stille. Nur das Rattern der Planken. Das Quietschen der Räder. Dann Jubel, Tränen, Gebete.

„Vater unser im Himmel…,“ fing Elmar an. Mit geschlossenen Augen dankte er Gott für die Freiheit. Was auch immer die Freiheit war. Er war bereit. „…und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

Reinhardt weinte große Tränen. Elmar tätschelte ihm die Schulter und hielt sich wieder fest.

„Hast du nicht gehört Reinhardt? Die Freiheit ruft. Friedland ist unser Tor zur Freiheit.“

„Ich habe es gehört Elmar. Wundervoll.“

„Na was weinst du dann? Ist doch alles gut nicht wahr?“

„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, hörst du? Jetzt wo ich am Tor der Freiheit stehe, weiß ich nicht, ob ich überhaupt noch einmal frei sein kann. Ob mich die Fesseln der Erinnerung nicht ewig martern. Ich wünschte, ich könnte mich auch so freuen, wie du. Weib. Kinder. Söhne. Töchter.“

„Reinhardt Neugier. Neugier ist die Triebfeder unseres Lebens. Und ich bin neugierig auf die Liebe. Auf die Freiheit. Auf…“

Die Räder des Zuges quietschten plötzlich so laut, dass einige ihre russischen Pelzmützen fest auf ihre Ohren drückten. Dann hielt der Zug an. Die Abteiltür wurde schwungvoll aufgeschoben. Frische Luft drang in das Abteil. Dann sprangen die Männer raus. In die Menge. In die Menge von Menschen, die warteten, die suchten, die Taschentücher schwangen und Namen riefen. Elmar stapfte zur Tür. Er merkte nicht, dass Reinhardt stehen blieb. Reinhardt bückte sich zu seinem Beutel und blieb eine Weile so. Er legte seine Augen in die Armbeuge. Dumpf schallte der Lärm der Menge in den nun leeren Waggon. Reinhardt wollte beten, sich bedanken, sich auf das Gute besinnen. Doch es kreiste nur der letzte russische Satz durch seinen Kopf, den er gehört hatte.

Do svidaniya. Do svidaniya. Do svidaniya.“ Reinhardt schlug sich auf die russische Pelzmütze. „Kein Russisch mehr. KEIN RUSSISCH MEHR. Do svydaniya. Do svydaniya. Leb wohl. Doch wie wohl leben mit dem, was ihr mir angetan habt? Wie? Neugier. Neugier ist die Triebfeder. Doch wie neugierig sein, wenn alles, was vor mir liegt, unter einem düsteren Gewand verborgen ist? Wie…“

Plötzlich drang Musik in den Waggon. Eine Blaskapelle. Unmittelbar einsetzender Gesang. Sehr viele Menschen sangen da. Schöne Frauenstimmen.

Der uns von Mutterleib

Und Kindesbeinen an

Unzählig viel zu gut

Bis hierher hat getan.

Reinhardt richtete sich auf und ging zur Öffnung. Eine große sich umarmende und singende Menschenmenge. Elmar war fort. Reinhardt klemmte sich den Beutel unter den linken Arm und sprang in die Freiheit.

 

 

 

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