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Der Spiegel im Park

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29.11.25 00:56
Fertiggestellt

An jedem Sonntagmorgen saß Marlene auf derselben Parkbank und beobachtete die Menschen. Heute fiel ihr Blick auf einen Mann mittleren Alters, der vor dem kleinen Teich stand und sein Spiegelbild betrachtete.

„Entschuldigen Sie", sagte er zu einer vorbeigehenden Joggerin, „könnten Sie mir sagen, ob mein Haar von dieser Seite besser aussieht?" Er drehte den Kopf hin und her.

Die Frau lächelte höflich und lief weiter.

Der Mann zuckte mit den Schultern und setzte sich neben Marlene auf die Bank. Ohne Aufforderung begann er zu erzählen: von seinem wichtigen Job, seinen bedeutenden Kontakten, seinem makellosen Geschmack. Marlene hörte zu und nickte gelegentlich.

„Wissen Sie", sagte er schließlich, „die meisten Menschen verstehen mich einfach nicht. Sie sind neidisch auf meinen Erfolg."

„Oder", erwiderte Marlene sanft, „sie vermissen vielleicht einfach ein echtes Gespräch."

Der Mann sah sie verwirrt an.

„Ein Gespräch, in dem auch Sie fragen, wie es anderen geht", fügte sie hinzu. „In dem nicht nur Sie im Mittelpunkt stehen."

Einen Moment lang war er still. Dann lachte er kurz auf. „Sie sind aber direkt."

„Das bin ich", sagte Marlene. „Aber ich sitze immer noch hier."

Der Mann betrachtete sein Spiegelbild im Teich, diesmal nachdenklicher. „Niemand sitzt lange bei mir."

„Dann wissen Sie ja, woran Sie arbeiten können", sagte Marlene und stand auf. „Bis nächsten Sonntag vielleicht?"

Er sah ihr nach, wie sie davonging, und zum ersten Mal an diesem Morgen dachte er über jemand anderen nach als über sich selbst.

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Beniass Profilbild Benias

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