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Nirgendwo

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30.8.2017 22:53
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
Bisexualität
Asexualität
In Arbeit

Im Grunde war es nicht seine Schuld. Wie konnte es? 

Was auch immer bei seiner Geburt schief gelaufen war, egal welche Hexe seine Mutter mit dem bösen Blick gestreift hatte, es war schon immer in ihm gewesen. Wenn er darüber nachdachte, in sich nachforschte, wann es begonnen hatte, fand er keinen Anfang. Es war ein Teil seiner selbst bevor er überhaupt begriff, was es bedeutete. Und weder die Schläge seines Vaters noch Gebete seiner Mutter änderten etwas daran.

Vielleicht war das der Grund, dass er irgendwann einfach aufgab. Mit fünfzehn Jahren, als er blutend am Boden lag und sein Vater ihn anbrüllte, akzeptierte Tarn, dass er es nicht los werden würde. Mit sechzehn Jahren stand er so knietief in Sünde, dass er, hätte er jemals gebeichtet, bis an sein Lebensende hätte Rosenkränze beten müssen. Zu diesem Zeitpunkt war er längst verloren. Er hatte sich damit abgefunden, dass er so, wie er war, niemals ein Zuhause finden würde. Nirgendwo.

Aber es war nicht seine Schuld. Was hätte er gegen dieses unbezähmbare Verlangen tun sollen?

Hätte man ihn gefragt, was es war, das ihn an Männern anzog, er hätte viele Antworten geben können, und doch verfehlten sie alle den wahren Grund; er war zu komplex, zu vielseitig, und doch so einfach und eindeutig. Es war ein Zusammenspiel aus vielen, kleinen Dingen, und selbst wenn der Unterschied manchmal minimal war, so bedeutete er auf der anderen Seite doch alles. Frauen mit breiten Schultern, schmalen Hüften und kantigen Gesichtern gab es schließlich genug. Aber nein, keine Frau, egal wie schön und sanftmütig, egal wie stark und robust, verursachte die gleiche Aufregung, die nervöse Unruhe oder die tiefe Erregung in ihm. Es gab keinen rationalen Grund, aber das war die Wahrheit. Es war so sicher und so unbegreiflich wie die Tatsache, dass er blonde Männer besonders liebte. So wie Antoine.

Tarn hätte seine Hände stundenlang in seinem dichten Haar vergraben können, und er spielte abwesend mit einigen Strähnen, die die selbe Farbe hatten wie das Stroh unter ihnen. Ein paar verirrte Lichtstrahlen streiften sie und ließen sie leuchten, und er bewunderte für einen stillen Moment den Glanz.
Er lebte für diese kurzen, völlig ruhigen Momente, in denen alles in weite Ferne rückte. Die Geräusche der Pferde und Menschen im angrenzenden Stall, die Rufe, der Lärm der Arbeit um sie herum, alles das existierte nach wie vor, aber es wurde seltsam unwichtig, verblasste zum reinen Hintergrundmurmeln. Der Strohboden der Scheune, auf dem sie sich verbargen, wurde zu einer eigenen Welt, nur geschaffen für sie beide. Es waren nur ein paar Minuten, die sie sich davon stahlen, und die Gefahr entdeckt zu werden war groß, aber seltsamerweise kümmerte Tarn das in diesem Moment nicht.

Viel wichtiger war der warme, atmende Körper unter ihm, der sich ihm entgegen streckte und jede seiner Berührungen gierig in sich aufnahm. Antoine atmete schwer, die Lippen halb geöffnet, aber er war auch still, und das war gut, denn jedes laute Geräusch hätte sie verraten können. Auch deshalb ließ er seine Hand, die er um Antoines Glied geschlossen hatte, nur langsam auf und ab gleiten. Stürmisch zu sein bedeutete nur, unnötig viel zu riskieren, und einer von ihnen beiden musste konzentriert bleiben und lauschen, also mussten sie sich notgedrungen abwechseln. Aber Tarn nahm gern hin, dass er erst als zweites an die Reihe kam, auch wenn seine Erregung jetzt schon kaum noch auszuhalten war. Es würde umso intensiver sein, wenn er erst zum Zug kam. Und bis dahin hatte Tarn viel Zeit, Antoine zu bewundern.

Mit der freien Hand streichelte er über den breiten Brustkorb, die Bauchmuskeln, die jetzt deutlich angespannt waren, und die Spur dunkelblonder Haare, die sich von dort bis hinunter zur Scham zogen. Antoine war, obwohl er nur ein Jahr älter war, einen halben Kopf größer und doppelte so breit wie Tarn, stark wie ein Ochse und deshalb auch genauso beschäftigt wie ein gutes Lastpferd. Die erwachsenen Männer verzichteten selten auf ihn, wenn es schwere Arbeit zu tun gab, und er war jetzt schon ein unentbehrlicher Teil des Haushaltes des Fürsten.
Das schlug sich in seinem Ansehen nieder, und er war der heimliche Traum vieler Mägde, die natürlich, wie es der Anstand gebot, immer Abstand zu ihm hielten und ihn aus der Ferne bewunderten. Pech für sie, da sie ihre Träume ganz umsonst träumten. Tarn durfte Antoine vielleicht nicht unverhohlen anhimmeln, aber hier, in den wenigen Minuten, die sie allein waren, gehörte er ganz ihm. Und Tarn wusste, wie er selbst den stärksten Männern weiche Knie verschaffte. Von den anderen Dingen ganz zu schweigen.

Der Gedanke trieb ihm ein Grinsen ins Gesicht, und immer noch lächelnd griff er ein wenig fester zu. Er hatte schon eine Idee was er als nächstes tun könnte, und er hörte zu seiner Zufriedenheit, wie Antoine leise aufstöhnte. Tarn hob noch einmal den Kopf und lauschte, ergründete das Gewirr der Stimmen, das Stampfen der Pferde, ferne Hammerschläge. Nein, alles keine Bedrohung für sie, niemand war in ihrer direkten Nähe; also konnte er zur Tat schreiten.

Langsam ließ er los, umarmte seinen Geliebten, fuhr mit den Händen in das weiche Haar, küsste ihn zärtlich. Antoine öffnete die Augen, die er eben noch hingerissen geschlossen gehalten hatte, und sah ihn fragend an, auch wenn er gleich darauf lächelte und den Kuss erwiderte. Für einen Moment lagen sie nur Körper an Körper, ganz ruhig, braune Augen versunken in blass grünen. Dann zog Antoine Tarn näher an sich heran und flüsterte „Hör doch nicht auf” in sein Ohr, und Tarn lächelte und küsste seine Schläfe. „Komm her, das wird dir gefallen”, flüsterte er ebenso leise zurück und zog ihn mit sich, ließ ihn über sich knien, legte seine Hände auf Antoines Hüften und öffnete den Mund, schloss seine Lippen um die zuckende Erektion.

Antoine stöhnte auf, und seine Hüften schoben sich automatisch vorwärts, und Tarn musste ihn festhalten, damit er nicht zu heftig vorstieß. Antoine hielt sofort inne, und ein besorgter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. Anscheinend wurde ihm gerade bewusst, dass er durchaus zu weit gehen konnte. „Alles in Ordnung? Ich will dir nicht weh tun”, murmelte er atemlos, aber Tarn nickte nur. Wäre Antoine ein egozentrischer Mistkerl gewesen und hätte nur seine eigene Befriedigung im Kopf gehabt, hätte er ihn jetzt wirklich verletzen können. Aber das war er nicht, und er war vorsichtig, lauschte mit all seinen Sinnen auf die kleinen Signale, die ihm verrieten, wann es zu viel wurde, und sanft zog Tarn ihn wieder zu sich, und ließ ihn dann seinen eigenen Rhythmus finden. Antoine stieß nur vorsichtig zu, aber sein hastiger Atem verriet, dass es völlig ausreichte. Tarn schmeckte Salz und wusste, dass es fast soweit war, und gleichzeitig stellte sich dieses besondere Gefühl ein, das sich immer seines Körpers bemächtigte, wenn er kurz davor war einen Mann zu befriedigen. Genugtuung, Stolz. Es gab kaum etwas in seinem Leben, auf das er stolz war, aber in diesem Moment wurde er gebraucht. 

Das Gefühl verflog nicht, aber es wurde unvermittelt und heftig in den Hintergrund gedrängt, als Antoine nach ihm tastete und noch während er in seinen Mund stieß seine Hand um Tarns Erektion schloss. Es war wohl besser, dass er den Mund voll hatte, weil sein Aufstöhnen nur dadurch gedämpft wurde, bevor er stoppte und etwas ärgerlich zu seinem Geliebten aufblickte. 

„He”, murmelte er warnend. Egal wie gut sich das gerade anfühlte, er würde viel zu abgelenkt sein, um noch zu lauschen, was um ihn vorging. Genau das vermied er immer, weil sie nur so verhindern konnten doch einmal durch Zufall entdeckt zu werden, und Antoine wusste das auch. Aber seltsamerweise schien es ihm wichtig zu sein, und in seinen Augen lag ein flehender Ausdruck.
„Nur heute”, flüsterte er, und nach einem Moment des Zögerns gab Tarn ihm nach. „Na schön”, murmelte er ein wenig ärgerlich; er machte nicht gern Kompromisse, und absichtlich beugte er sich zwar vor, ließ seine Zunge aber nur sacht und spielerisch über sein Glied gleiten und hielt ihn noch stärker als zuvor zurück, als er sich ihm erwartungsvoll entgegen lehnte. Wenn er die Regeln bestimmen wollte, konnte er auch warten, und Tarn würde ihn auch warten lassen.

Er hätte diesen Vorsatz gern aufrecht erhalten, aber Antoines warme, von der Arbeit rauhe Hand griff wieder nach ihm und begann ihn zu massieren. Seine ganze aufgestaute Lust, die er mühsam schon die ganze Zeit zurück gehalten hatte, traf ihn wie ein Hammer, und diesmal stöhnte er ohne dass er den Laut dämpfen konnte. Er jagte seinen Ärger zum Teufel, den brauchte er jetzt nicht, und zog Antoine zu sich heran, nahm ihn so tief wie möglich in sich auf, und auch das fachte sein eigenes Begehren nur noch mehr an. 
Er musste auch nicht lange Rätsel raten, ob es nun das gewesen war, was Antoine gewollt hatte, denn er ergoss sich mit einem kaum hörbaren Seufzer schon nach wenigen Stößen in Tarns Mund, und noch während er reflexartig schluckte kam er selbst zum Höhepunkt und verkrallte sich hilflos in Antoines Hüften.

Und so schön es auch gewesen war, damit war es schon wieder vorbei. Tarn wischte sich den Mund, schwer atmend, aber er dachte schon daran, wie er verschwinden konnte. 

Was hätte er auch anderes tun sollen? Je länger sie der Arbeit fern blieben, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit, dass sie ertappt wurden, und selbst der Umstand, dass sie nur zu zweit hier waren, würde auf manche verdächtig wirken. Tarn hatte eine gewisse, nur heimlich geflüsterte Reputation, die ihm keiner nachweisen konnte und die erst recht niemand an die Öffentlichkeit bringen wollte, zumindest nicht ohne einen Beweis. Nicht, wenn er der Sohn des Stallmeisters war, der das liebste Gut des Fürsten hütete. Aber das Eis auf dem er sich bewegte war dünn.

Hastig stand er auf und benutzte Stroh, um das Gröbste abzuwischen, und schob seine Kleidung zurück an den Ort, an den sie gehörte. Er wandte sich zu Antoine um, der sich zwar ebenfalls wieder angekleidet hatte, aber immer noch da saß und ihm zusah. Er machte keine Anstalten zu verschwinden, und Tarn ergriff eine gewisse Gereiztheit. „Wir müssen gehen”, sagte er, aber Antoine schüttelte nur den Kopf. „Hast du nicht noch einen Moment?”, fragte er, und Tarn konnte nicht anders als inne halten.

Was sollte das jetzt? Er war viel zu verwirrt zu widersprechen, als Antoine ihm die Hand hin streckte, und nach einem Moment des Zögerns ließ er sich auf den mit Stroh bedeckten Holzboden sinken und ergriff seine Hand, die warm und kräftig in seiner eigenen lag. Dennoch hielt er noch einmal inne, lauschte in die Umgebung, nur um sicher zu gehen, und wandte sich erst dann wirklich Antoine zu. „Was ist denn?”, fragte er verwirrt. Die Antwort war Stille, dann fragte Antoine leise: „Wollen wir uns nicht öfter sehen? Ich meine, einmal in der Woche… das ist zu wenig.” 

Tarn lachte auf, und er musste sich zwingen damit aufzuhören. Am Ende wurden sie deswegen noch entdeckt. Aber die Frage kam für ihn aus heiterem Himmel. „Wie stellst du dir das denn vor? Denkst du, dafür habe ich Zeit?”, fragte er, vielleicht heftiger, als es nötig war, denn Antoine ließ etwas resigniert die Schultern hängen. „Ich dachte nur-”, murmelte er, und Tarn unterbrach ihn unwirsch: „Was? Was dachtest du denn?” „Ich dachte… musst du dich denn unbedingt auch mit Joel und Thomas treffen?” 
Tarn traute seinen Ohren nicht, und innerlich ging er sofort auf die Barrikaden. Er erinnerte sich gerade noch rechtzeitig daran, seine Stimme zu dämpfen, aber es fehlte ihm trotzdem nicht an Empörung. „Wozu? Damit du dann den ganzen Spaß allein hast, während ich-”, begann er seine geflüsterte Tirade, aber Antoine schnitt ihm das Wort ab, bevor er ausreden konnte: „Ich habe keine anderen, nicht mehr. Da war sowieso nie viel. Ich meine es ernst, verstehst du? Ich will dich öfter sehen. Kannst du nicht wenigstens darüber nachdenken?” Jetzt klang er wirklich verletzt, und es bereitete Tarn sofort Unbehagen, aber gleichzeitig war es ihm auch völlig unverständlich. 

Er begriff den Sinn und Zweck des Ganzen nicht, zumal Antoine anscheinend nicht wusste, dass Tarn es zu seltenen Gelegenheiten auch noch mit ein paar anderen trieb, aber das wollte er ihm nicht gerade jetzt auf die Nase binden. Antoine erhoffte sich irgendetwas aus diesem Gespräch, das war ihm anzusehen, nur dass Tarn absolut keine Ahnung hatte, was das sein sollte. Natürlich sahen sie sich nicht zu oft, das war die einzige Art, auf die sie nicht entdeckt wurden. Wenn der Personenkreis groß genug wurde, fiel das was sie taten nicht mehr so auf, und er hatte sich dieses Netz aus Kontakten schließlich nicht aufgebaut, um am Ende alles zusammen fallen zu lassen. Er hatte schließlich auch Bedürfnisse.
„Warum? Warum sollte ich das tun?”, fragte er direkt, und  Antoine schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ist das denn so schwer zu verstehen? Ich bin in dich verliebt. Und ich dachte… ich dachte, wir könnten-” 

„Was?” Er musste aussehen wie ein Idiot, aber Tarn entglitten in diesem Moment tatsächlich die Gesichtszüge. Und obwohl er ihn schon beim ersten Mal verstanden hatte, widerholte Antoine, fast trotzig, seine Worte: „Ich bin in dich verliebt. Vielleicht… vielleicht nicht seit dem ersten Mal, aber… eine ganze Weile.”

„Bist du nicht”, antwortete Tarn, und er lachte, aber plötzlich war er auch wütend. Antoine starrte ihn verwirrt an. Er hatte alles erwartet, aber nicht diese plötzliche und heftige Ablehnung. „Doch”, versuchte er gegen den Widerspruch anzugehen, aber Tarn ließ ihm überhaupt keine Zeit, noch mehr zu sagen, weil er wütend ausspieh: „Das bildest du dir ein! Und wie stellst du dir das überhaupt vor? Denkst du das hat irgendeinen Sinn? Denkst du, das bleibt lange geheim?” „Und wenn nicht, na und?”, fragte Antoine plötzlich ebenso heftig, und griff grob nach Tarns Schulter. „Wir könnten auch einfach abhauen, und es wäre doch auch egal, oder? Wir schlagen uns irgendwo anders durch! Du kannst so viel wie ein Stallmeister, und ich kann schuften bis zum Umfallen! Wir könnten-”

„Es gibt kein »Wir«”, sagte Tarn mit Grabesstimme und schlug seine Hand weg, und damit beendete er es. Er konnte es in Antoines Gesicht sehen.

Und war es nicht besser so? Ja, natürlich. Antoine hatte etwas Besseres verdient. Er sollte nicht blutend auf dem Boden liegen und sich anhören, was für eine Missgeburt er war. Und er wollte im Grunde nicht Tarn. Er wollte das, was alle Männer irgendwann hatten, die Grundpfeiler eines normalen, stabilen Lebens. 
Das war schließlich das, was auch die anderen sagten, was sie Tarn im Vertrauen erzählten. Das was sie taten war nur eine Ablenkung, ein Ausbrechen aus der Routine. Wenn sie nicht sofort verschwanden, sondern einen Moment erschöpft neben ihm lagen, waren sie manchmal in der Stimmung zu reden, und die Ziele, von denen sie sprachen, klangen alle gleich. Tarn wusste, dass Antoine irgendwann das gleiche wollen würde: Ein Zuhause, eine Frau, ein paar Kinder; lauter kräftige Söhne mit dem gleichen, blonden Haar wie ihr Vater. Antoine würde es weit bringen, mit Stärke und Geduld, und irgendwann würde er vergessen, dass er sich einmal, für ein paar verwirrte Tage in seiner Jugend, eingebildet hatte, er hätte sich verliebt. Wenn Tarn selbst schon wieder irgendwo anders war. 

Irgendwo anders, nur nicht hier. Tarn rappelte sich auf, und ohne sich noch einmal umzudrehen stieg er vom Strohboden und verließ die Scheune, und niemand hielt ihn auf. In einer schwachen Sekunde fragte Tarn sich, was er getan hätte, wenn Antoine darauf beharrt hätte, dass sie zusammen sein sollten. Wenn er ihm gefolgt wäre, nicht locker gelassen hätte.

Aber warum hätte er das tun sollen? Wo wären sie hin gegangen? Wo gab es schon einen Ort, an dem sie unbehelligt sie selbst hätten sein können? Nirgendwo.

Tarn hatte zu tun; zumindest die Pferde brauchten ihn, aber es gab auch genug andere Arbeiten. Das war das wesentliche an Arbeit, sie nahm kein Ende. Zäune mussten ausgebessert, Zaumzeug geflickt, Tränken gefüllt werden. Stupide Arbeiten, bei denen er sich heute, selbst wenn es die Gelegenheit gab, aus allen Gesprächen heraus hielt. Für den Rest des Tages war er allein mit sich selbst und seinen Gedanken. Aber war er das nicht immer?

Er ging spät nach hause, wie immer. Meist blieb er nach der Arbeit eine Weile bei den Pferden, redete ihnen gut zu und untersuchte sie auf Anzeichen von Krankheit, auch wenn es meist unnötig war. Er arbeitete länger als viele andere, aber er tat es nicht, weil er die Arbeit an sich so liebte, auch wenn sie ihn nicht störte. Er tat es, weil er wissen musste, wie die Stimmung war, bevor er seinem Vater unter die Augen trat, und das konnte er nur, wenn der schon heimgekehrt war.

Heute war kein guter Tag, das hörte er schon wenige Meter vor dem winzigen Haus. Es gab einige wenige Häuser im Inneren Bereich der Burg, der Rest des Dorfes erstreckte sich außerhalb. Vielleicht war es früher einmal ein Privileg gewesen dieses Haus zu besitzen, denn Tarns Großvater hatte nur einen Sohn gezeugt und war dann unerwartet von einem Pferd zu Tode getreten worden. Doch statt einer Witwe mit ihrem einzigen Sohn, die das winzige Haus als Zuflucht bekommen hatten, wurde es jetzt von einer Familie mit vier Kindern bewohnt.

Aber vielleicht war der geringe Platz nicht einmal das Problem. Vielleicht wäre alles einfacher gewesen, wenn sie eine glückliche Familie gewesen wären. Oder wenigstens eine ruhige. Nichts davon war ihnen vergönnt, und Tarn hörte schon von weitem den Lärm.
Sein Vater brüllte jemand an, wer auch immer es gerade war, und etwas zerbrach mit lautem Klirren, das ihn zusammen fahren ließ. Er blieb stehen, lauschend. Für einen unbeteiligten Betrachter hätte er wie ein Hund ausgesehen, der den Kopf schief legte und auf die Stimme seines Herren horchte. Ein armseliger, geprügelter Hund, treu, aber mit eingeklemmten Schwanz, immer Schläge erwartend.

Er hörte den Unterton, die ineinander zerfließenden Worte, schließlich heraus. Er war gut darin geworden, ihn zu erkennen, und noch besser darin, den Grad der Trunkenheit zu ermitteln. Heute hatte er kein Glück. Sein Vater war betrunken, aber längst nicht genug, um bald bewusstlos umzukippen. Wie oft hatte Tarn sich gewünscht, dass er endlich, in einer gnädigen Nacht, nicht mehr aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte? Aber dazu war es natürlich nie gekommen.

Ohne zu zögern drehte Tarn um. Heute würde er im Stall schlafen, irgendwo im Heu. Wie so oft; die Nächte, die er zuhause verbrachte, nahmen ab. Er riskierte nichts, blieb seinem Zuhause, sofern man es so nennen konnte, schon bei den geringsten Anzeichen von Ärger fern. Und außerdem war es sowieso zu eng. Sie teilten sich zwei schmale, zusammen geschobene Betten zu viert, und Hers klammerte sich entweder so fest an ihn, als wolle sie in ihn hinein kriechen, oder strampelte, weil sie wieder Alpträume hatte. Er konnte es ihr nicht verübeln, bei dem, was sie immer häufiger von ihrem Vater zu sehen bekam.

Es wurde schlimmer, und ohne es zu bemerken bezog Tarn es auch auf sich. Es war ein Abstieg, der sich seit Jahren abzeichnete, aber die Wut und die ständige Trunkenheit seines Vaters hatten zugenommen, seit er wusste, dass sein ältester Sohn eine verdorbene Missgeburt war. Es war ihm verhasst, dass all die Mühe, all das Wissen und all seine Zeit in die Ausbildung einer so minderwertigen Kreatur investiert hatte. Als ältester Sohn hätte Tarn das Werk seines Vaters fortführen und selbst irgendwann Stallmeister werden müssen, und oberflächlich gesehen brachte er alle Vorraussetzungen dafür mit. Er kam gut mit Pferden zurecht, schmiedete passable Hufeisen, beschlug die Pferde sorgsam und kümmerte sich gut um ihre Gesundheit, alles Dinge, die den Fürsten zufrieden stimmten. Aber seine Vorlieben machten ihn, ohne dass der Fürst es jemals erfahren durfte, völlig unbrauchbar, und nachdem Tarns Vater ihn nicht tot geschlagen hatte, Gott weiß, wieso, hatte er ihm befohlen, so bald wie möglich zu verschwinden.

Und Tarn war verschwunden. Für ein paar Wochen zumindest. Aber wo hätte er hin gehen sollen? Instinktiv begriff er, dass, wenn er zuhause nicht willkommen war, er es nirgendwo sonst sein würde. Für eine Weile suchte er in einem Dorf Zuflucht, arbeitete, hielt den Kopf unten. Und erstaunlicherweise funktionierte es, für eine Weile. Er funktionierte. Und dann packte ihn Heimweh, und er zerschlug alles mit der Wahrheit und ließ dieses kurze, neue Leben zurück. Kehrte heim.

Es kümmerte niemand, dass er weg gewesen war. Schon am ersten Tag entband er eine trächtige Stute, zusammen mit seinem Vater, und auch wenn es zwischen ihnen keine große Zuneigung gab, so herrschte doch zumindest Ruhe. Oberflächlich war alles gut. Eine Weile. 
Dann ging es wieder von vorn los, die Beschimpfungen und die Schläge wurden häufiger, und immer öfter fragte er sich, warum er überhaupt zurück gekehrt war. So lange, bis er zum zweiten Mal verschwand.

Inzwischen war er schon drei mal für ein paar Wochen verschwunden, und fast schien es ihm, dass es wieder Zeit wurde. All seine Beziehungen, so nannte er sie in Ermangelung eines besseren Wortes, waren flüchtig und nur Zeitvertreib. Sie pausierten, so lange er fort war, und wurden dann ebenso kommentarlos wieder aufgenommen. Warum auch nicht? Liebe… was für ein Blödsinn.

Er schlief im Stall, und am nächsten Morgen verließ er ohne Abschied sein Zuhause, wanderte weiter, als er jemals gekommen war. Und irgendwann kehrte er zurück, und Antoine war fort, selbst auf Wanderschaft gegangen. Und obwohl es ihm einen Stich versetzte, akzeptierte er es.

Die Welt drehte sich ohne ihn weiter, das hatte er begriffen. Und im Gegenzug hinterließ er nie mehr als die vage Erinnerung, dass er irgendwann einmal da gewesen war.  Es spielte keine Rolle, wo er hin ging oder was er tat. Kaum jemand vermisste ihn. Nicht wirklich.
Seine Mutter begrüßte ihn wie immer, wenn er durch die Tür ihres winzigen Hauses trat, egal ob er für eine Stunde oder zwei Wochen verschwunden gewesen war, und sie fragte nie, wohin er gegangen war. Sie sah ihn nur mit dem gleichen, besorgten Blick an, und dann schwieg sie. Seine Geschwister, vor allem Hers, wichen ihm ängstlich aus, bis sie sich wieder an seine Anwesenheit gewöhnten. Aber er sah in ihren Augen, dass sie immer mit den Zweifeln lebten, wann er wieder gehen würde. Wann er sie mit ihrem Vater allein ließ.

Im Grunde war es nicht seine Schuld. Das redete er sich immer wieder ein. Wie konnte es? Wie konnte man von ihm erwarten, ein guter Mensch zu sein, wenn die Welt ihm nur die Zähne zeigte? Wie konnte er irgendwo ein Zuhause finden, wenn er nicht einmal wusste, wie es aussehen könnte?

Aber die Wahrheit war, dass er seinen Schmerz nicht hätte verwenden müssen, um andere zu verletzen. Dieser Schmerz würde sich noch viel tiefer fressen, ihn aushöhlen und zu einem Menschen machen, den andere fürchteten. Er war kurz davor, sich selbst zu verlieren, und für lange Jahre würde er nur ein Schatten seiner selbst sein. Das verstand er viel später, und auch diese Erkenntnis war eine von vielen Narben, die er sich selbst zufügte. 

Doch jetzt war er sechzehn, und das Schlimmste stand ihm noch bevor. Er war irgendwo zwischen Kindheit und Erwachsensein, und im Grunde war ihm alles egal. Manchmal verharrte er für einen Moment an einem Ort, und dann wurde ihm bewusst, dass nichts von Dauer war, und er zog weiter, und verließ doch nie wirklich sein Zuhause. Und er ließ keine Liebe zu, weil er tief in seinem Inneren wusste, dass er nicht geliebt werden konnte. Nicht so.

Am tiefsten Punkt, nach einem langen, qualvollen Abstieg in die Dunkelheit, ohrfeigte ihn Anssi ins Leben zurück.

„Ich will ihn haben.” 

Er hörte diese Worte am dunkelsten Punkt seines Lebens, als er schon längst aufgegeben hatte.

Er hatte nicht einmal damit gerechnet, dass er sein Leben überhaupt behalten durfte. Die Brandmarkung, die ihn auf Lebzeiten zu einem Schuldsklave von Artem Karvash machte, besiegelte fast sein Schicksal. Und im Grunde war er selbst davon überzeugt, dass es eine gerechte Strafe gewesen wäre, eine Rückzahlung für das, was er getan hatte. Vielleicht war er deshalb so überrascht, dass ihm vergönnt war weiter zu leben. Und auch das entsprach im Grunde nicht den Tatsachen; letztendlich erlaubte ihm Anssi simpel nicht, zu sterben.

Vielleicht war es eine Gnade, dass Anssi seinen Willen gegen den alten Karvash durchsetzte und Tarn für sich beanspruchte. Aber es kam Tarn bestimmt nicht wie eine vor. Der herbeigeholte Arzt wagte es nicht einmal, ihm mehr als eine leichte Betäubung zu geben, aus Angst, dass er sonst nicht mehr erwachen würde. Und während er mit konzentriertem Gesicht die eitrige Brandwunde auf Tarns Schulter ausschnitt, stand Anssi mit verschränkten Armen neben ihnen, sah mit kalter Gelassenheit zu und hielt Tarn mit Schlägen ins Gesicht wach, wenn er drohte ohnmächtig zu werden. Am Ende dieser Tortur, nach einer Ewigkeit der Qualen, beantwortete der Arzt Anssis Frage danach, ob Tarn leben würde mit einem vagen: „Vielleicht? Schwer zu sagen. Ich würde keine Wetten darauf abschließen. Ihr solltet die Nacht abwarten.”

Und obwohl er vor Schmerzen halb ohnmächtig war, hatte Tarn gelacht. „War die Sache wirklich den ganzen Ärger wert?”, hatte er gemurmelt, und Anssi hatte nur kalt gelächelt. „Das werden wir noch sehen. Bis dahin verbiete ich dir, zu sterben.”

Anscheinend hatte er schon damals Befehle von Anssi entgegen genommen, denn er starb nicht - nicht in dieser Nacht, und nicht in den folgenden Nächten, in denen er wach lag, weil er vor Schmerzen nicht schlafen konnte, und das Schicksal um seinen Tod anbettelte. Er wurde gesund, gegen alle Wahrscheinlichkeit und alle Vorzeichen. 
In den qualvollen Wochen, in denen er sich wieder aufrappelte und seine Wunde zu einem wirren Geflecht von Narben heilte, war er ein Gefangener. Es dauerte einen Monat, bis er stark genug war, sein Bett zu verlassen und sein neues Leben beginnen konnte. Nicht als Prostituierter, wie Karvash es vorgesehen hatte, denn der hatte ihn an seinen Günstling verschenkt. Ab dem Moment, an dem Anssi ihn unter seinen Schutz stellte, war Tarn wieder das, was er immer gewesen war: Ein Pferdeknecht.

Artem Karvashs Bordell war nicht gerade das, was man ein Zuhause nennen konnte, das begriff Tarn schon bevor er gesund genug war, um aufzustehen. Er sah es in der Art, wie sich die Diener duckten - es gab keine offene Grausamkeit, aber auch keinen Spielraum für Fehler. Karvash war ein kalter und gleichgültiger Herr, doch in seinem Schatten hielt sich das teure Anwesen passabel. Er war nicht klug genug, alle seine Ausgaben und Geschäfte im Auge zu behalten, aber er hatte ein Händchen dafür, die richtigen Leute zu finden, die es in seinem Namen taten, und alle von ihnen waren kühle, unnahbare Männer wie er selbst. In Folge dessen lief alles unter seiner Hand wie eine gute geölte Maschinerie, aber die Atmosphäre des Hauses wurde ebenfalls davon bestimmt. Abweichungen wurden schwer bestraft, und selbst wenn die Regeln gerecht waren und die Bedingungen gut, wagte niemand sich zu wohl zu fühlen.
Umso erstaunlicher war es, dass Karvash nichts zu teuer und kein Aufwand zu hoch war, um seine Lieblinge zu versorgen. Karvash war ein Pferdenarr und suchte immer nach fähigen Männern, die sich um seine Tiere kümmerten. So kam es, dass Tarn bereits am ersten Tag, an dem er überhaupt wieder aufrecht stehen konnte, mit einem sauberen Stapel schlichter Kleidung versorgt und in die Ställe beordert wurde. Anssi hatte sich zwar seit dem Tag, an dem Tarns entzündete Wunde behandelt worden war nicht blicken lassen, und doch schien er unsichtbar im Hintergrunde die Fäden gezogen zu haben. Er hatte in Erfahrung gebracht wie Tarn sich nützlich machen könnte, aus welcher Quelle er diese Information auch bezog, und zielsicher dafür gesorgt, dass er eine Chance erhielt seinen Wert unter Beweis zu stellen. 
In gewissem Sinne war auch das eine Ironie; nachdem Tarn geglaubt hatte mit seinem alten Leben abgeschlossen zu haben, stand er, nach einem konfusen Irrweg durch das weitläufige Anwesen und dem Umweg über mehrere Nebengebäude, unvermittelt wieder mitten darin. Ohne dass er es wollte war er heimgekehrt zu dem, was er kannte.

Eines musste man Karvash lassen, seine Ställe waren so sauber und ordentlich, dass Tarn auf den ersten Blick nicht einmal etwas zu tun fand, als er sie zum ersten Mal betrat. Das Nebengebäude schien, im Gegensatz zu den uralten Mauern des Hauptanwesens, neueren Ursprungs zu sein, oder es war schon einmal abgerissen und von Grund auf neu aufgebaut worden. Alles sah gut gepflegt aus, frisch gereinigt oder gut in Stand gehalten wie die aufgehängten Geschirre. Und seltsamerweise war der Stall auch völlig menschenleer, aber da es Mittagszeit war, machten die Knechte vermutlich gerade eine Pause. Tarn hatte schon mitbekommen, dass zumindest das in Karvashs Haushalt üblich war. Und im Grunde war es ihm so Recht; er wollte sowieso alles zunächst allein erkunden.

Tarn sah sich um, so neugierig, wie es seine verletzte Schulter zu ließ, und während er sich an den Perden vorbei bewegte, konnte er sein Staunen kaum verbergen. Die Tiere waren ausnahmslos schön, kräftig und gesund, und wie es schien auch alle von sanftem Gemüt. Er trat an mehrere heran, streichelte Hälse und Nasen und blickte in sanfte braune Augen, und für einen Moment vergaß er sogar seine Schmerzen. Routiniert musterte er die Gelenke, erlaubte sich sogar einen schnellen Blick auf die Zähne, prüfte, welche der Hengste kastriert waren. Anscheinend züchtete Karvash, denn längst nicht alle Hengste waren kastriert, und eine der Stuten war trächtig und in einem eigenen Pferch von den anderen separiert. 
Ohne Bedenken betrat er den Pferch der Stute, und nachdem er sie beruhigt und sich ein wenig vertraut mit ihr gemacht hatte, tastete er sie vorsichtig ab und spürte die Bewegungen ihres Jungen. Sie würde tatsächlich bald abfohlen, in zwei, höchstens drei Wochen, und so gesund und zufrieden, wie die Stute aussah, konnte das eigentlich nur gut gehen. Schön. Er lächelte und streichelte das glänzende Fell, und die Stute schnaubte leise und zufrieden.

„Na, wie lang gibst du ihr noch?” Tarn schrak zusammen, und er war froh, dass er die Stute damit nicht aufstörte. Langsam wandte er sich zu der tiefen, freundlichen Stimme um, die ihn angesprochen hatte. Es war ein grob wirkender Mann um die vierzig, mit unauffällig braunem Haar, das bereits schütter zu werden begann. Er stand am Eingang des Pferchs, hatte die Arme vor dem Körper verschränkt und betrachtete ihn. Obwohl er einen ziemlich abgerissenen Eindruck machte, schien er sich viel auf sich selbst einzubilden, denn er wirkte ziemlich selbstsicher. Sein Blick war wachsam und intelligent, und Tarn war vom ersten Moment an auf der Hut. Der Kerl sah wie einer aus, der ihm Schwierigkeiten bereiten oder sich in seine Belange einmischen würde, und beides konnte er überhaupt nicht leiden.

Auch deshalb murmelte Tarn nur halblaut: „Woher soll ich das wissen?” Das fehlte noch, dass er sich am ersten Tag zu sehr hervor tat. Am Ende wurde ihm doch nur die ganze Drecksarbeit aufgehalst, darauf konnte er gern verzichten. Außerdem hatte er nicht vor, mehr Worte als nötig mit diesem Neuankömmling zu wechseln. Für einen Moment hatte er sich fast wohl gefühlt, ganz allein und ohne störende Menschen. Pferde waren, so lange man sie gut behandelte und sich ihnen gegenüber durchsetzte, angenehme Zeitgenossen. Von Menschen konnte man das nicht behaupten. Er hoffte nur, dass sich sein ungebetener Besuch bald wieder verziehen würde, oder zumindest den Stallmeister holte, damit er sich diesem vorstellen konnte. Aber mit einem abgerissenen Kerl wie dem, der sich für wichtig hielt, hatte er nun wirklich nichts zu schaffen.

Der Knecht, der sich zu ihm gesellt hatte, wartete ab, ob das seine einzige Antwort bleiben würde, und ergriff dann selbst erneut das Wort: „Du scheinst dich mit Pferden auszukennen. Sieht man auf den ersten Blick. Tarn, oder?” „Kann sein”, antwortete Tarn und wandte sich wieder der Stute zu, streichelte ihren Hals und die Nase. Wenn es nach ihm ging, sollte dieser Kerl ruhig so viele Fragen wie er wollte, er würde ihn sowieso ignorieren.

Doch wenn er geglaubt hatte, sein Gesprächspartner würde sich von seiner Einsilbigkeit beeindrucken lasse, dann hatte er sich gründlich getäuscht. Der Knecht dachte gar nicht daran, locker zu lassen, sondern gesellte sich zu ihm und streichelte ebenfalls den Hals der Stute, die sich ihm zutraulich zu wandte. Wer auch immer der Kerl war, er schien die Pferde genauso zu lieben und zu schätzen wie Tarn, man sah es in seinem Blick. Es hätte Tarn fast etwas Respekt abgerungen, wenn er sich nicht so vehement dagegen gewehrt hätte.

„Kann sein?”, fragte der Andere jetzt mit einem Lächeln. „Wenn das nicht dein Name ist, gebe ich dir selbst einen. Fällt mir bestimmt einer ein. Zum Beispiel байстрюк.” Tarn stutzte nur einen Moment, und fast hätte er den Mund geöffnet und zugegeben, dass er kein Wort verstanden hatte, aber dann hielt er sich zurück. Stattdessen sagte er einsilbig: „Ich soll hier arbeiten.” Sein Gegenüber schnaufte amüsiert. „Man hat dich schon angekündigt, байстрюк”, erklärte er und benutzte den Spitznamen, was auch immer er bedeutete, mit großer Zufriedenheit. „Hat mich ziemlich überrascht; sonst teilt uns Karvash neue Knechte zu, und nicht seine Prostituierten. Also nehme ich an, dass du entweder sehr viel Glück oder sehr viel Pech hattest, je nachdem, was du vorhattest in diesem Haus zu werden.” Er verschränkte erneut selbstsicher die Arme und ordnete an: „Ich denke, um die Tiere kennen zu lernen teile ich dich für die nächsten Tage zum Ausmisten ein, байстрюк. Sollte dich jedenfalls nicht überfordern. Mit Pferden kennst du dich ja nicht aus, da sollten wir klein anfangen, was?” 

Es war eine Herausforderung. Keine bösartige, aber sie war trotzdem deutlich. Tarn runzelte die Stirn, und unbewusst ahmte er die Geste seines Gegenübers nach, verschränkte ebenfalls die Arme vor dem Körper. „Ich nehme keine Befehle von irgendwem an”, knurrte er gereizt, ohne jedoch die Stimme zu erheben. „Habt ihr in diesem Dreckloch keinen Stallmeister?” 

Der Knecht lachte laut auf, ein dröhnender, uriger Laut, der seltsam vertrauenerweckend war, dann sagte er: „Oh doch, und der steht genau vor dir. Mein Name ist Jefrem! Und wenn du mir jetzt noch einmal deinen sagst, dann werde ich dich den anderen auch nicht als байстрюк vorstellen.” „Was soll das überhaupt bedeuten?”, spie Tarn, um seine Überraschung zu überspielen. Er hätte niemals angenommen, dass ausgerechnet dieser abgerissene, schlecht rasierte Kerl vor ihm der Stallmeister war. „Bastard”, antwortete Jefrem vergnügt, und in seinen Augen funkelte es verräterisch. Er hätte dieses Spiel weiter durchgezogen, einfach nur, weil Tarn sich stur stellte, und er hatte seinen Spaß daran. Den gönnte Tarn ihm aber beim besten Willen nicht, deshalb antwortete er mürrisch: „Ich heiße Tarn.” Jefrem nickte zufrieden. „Gut, dann stelle ich dich den anderen vor, und da man mir schon erzählt hat, dass du verletzt bist, belassen wir es heute bei leichter Arbeit. Komm. Wir wollen sehen, was du hier ausrichten kannst.”

Er hatte kaum geendet, als die anderen Knechte angetrabt kamen und sie im Herannahen neugierig musterten. „He, Jungs”, verkündete Jefrem gut gelaunt, und seine kräftige, schwielige Pranke landete auf Tarns schmaler Schulter und zog ihn mit sich. Es war eine grobe Geste, aber es mangelte ihr nicht an Herzlichkeit. Tarn wusste nicht, warum er die Hand nicht abschüttelte. Er verabscheute Jefrems Art jetzt schon, und besonders seine laute, kräftige Stimme, als er für alle hörbar sagte: „Wir haben hier endlich jemand, der im Gegensatz zu euch Schwachköpfen was von Pferden versteht. Vielleicht, weil er so ein sturer Esel ist. Tarn heißt er.” 

Er hasste das alles. Er wusste gar nicht, warum seine Mundwinkel nach oben zuckten.

Sein erster Tag war eine Tortur. Nicht, weil Jefrem ihn schinden wollte, sondern weil er körperlich überhaupt nicht in der Lage war, mitzuhalten. Er war gewohnt hart zu arbeiten, und umso mehr entsetzte es ihn, dass er nach nur einem Monat Ruhe all seine Kraft eingebüßt zu haben schien. Die geringste Anstrengung trieb ihm die Schweiß auf die Stirn, ließ seine Schulter pochen. Er kämpfte verbissen mit seinen Aufgaben und musste neidisch dabei zusehen, wie die anderen Knechte um ihn herum das Doppelte schafften, oder in manchen Fällen sogar das Dreifache. Besonders Mischa, ein Knecht etwa in Jefrems Alter, schien ein menschlicher Ochse zu sein. Er packte Heuballen, die andere zu zweit greifen mussten, und trug sie völlig ohne mit der Wimper zu zucken durch die Gegend.

Jefrem verordnete Tarn irgendwann Zwangspausen, und er hasste sie von der ersten bis zur letzten Minute. Er hasste die Erleichterung, wenn er die Chance bekam sich auszuruhen, und er hasste die qualvollen Schmerzen, wenn er sich zwang weiter zu arbeiten. Er hasste, wie oberflächlich freundlich alle waren, und wie wenig Jefrem auf Disziplin achtete. Besonders hasste er es, als einer der schmächtigeren Knechte, ein Mann namens Viljo, sich einen Moment zu ihm setzte. Er grinste und meinte aufmunternd: „Mach dir nichts draus. Du schlägst dich gut, vor allem für den ersten Tag.” „Verzieh dich”, knurrte Tarn zur Antwort. Von seinem Vater oder einem der Knechte unter ihm hätte er sich dafür eine Ohrfeige gefangen, aber Viljo hob nur abwehrend die Hände. „Schon gut”, sagte er nachsichtig und entfernte sich. Schwach, dachte Tarn abfällig, und er presste die Lippen aufeinander.

Obwohl sie ihr Tagewerk ohne größere Anstrengung beendeten, fiel Tarns Urteil am Ende des Tages vernichtend aus. Er konnte sich nicht vorstellen, wie der Stall so gepflegt aussehen konnte, wenn Jefrem völlig ungeeignet war, irgendetwas zu organisieren. Er verteilte kaum Aufgaben, sondern vertraute darauf, dass jeder wusste was er zu tun hatte oder ihm vorschlug, was zu tun sein könnte. Er überprüfte nur selten etwas, als glaube er, wenn er dem faulen Pack den Rücken zu drehte würden sie weiter arbeiten. Die Knechte diskutierten sogar mit ihm, stellten sein Urteil in Frage, und im Gegenzug fragte er sie sogar selbst nach ihrer Meinung. Tarn ballte die Fäuste, als er es sah. Er wäre fast aufgesprungen um ihm zu sagen, dass es so nicht gehen konnte. Wo war der Respekt, wo waren die festen Regeln? Jefrem war schwach, er hatte seine Knechte nicht unter Kontrolle, selbst wenn sie sich oberflächlich zu fügen schienen. 

Er war froh, als Jefrem auf ihn zu trat und ihm mit ruhiger Stimme befahl: „Die Arbeit ist für heute erledigt. Anssi wollte, dass du nach der Arbeit zu ihm kommst. Vielleicht berichtest du deinem Herren, was du heute geschafft hast.” „Und was soll ich ihm darüber sagen?”, fragte Tarn mit ätzendem Sarkasmus in der Stimme, und Jefrem betrachtete ihn einen Moment, bevor er eine Spur nachdenklich sagte: „Kannst ihm ruhig sagen, dass du gut arbeitest. Wenn das auch deine Meinung ist.” 
Tarns Hände zuckten, und für einen Moment hätte er ihn gern angeschrien, dass das überhaupt keine Rolle spielte. Seine Meinung konnte nicht zählen, er war ein Untergebener, ein Arbeiter. Aber er lächelte nur bitter und nickte schwach, und damit war er entlassen.

Er brauchte fast eine halbe Stunde, bis er sich zu seinem Ziel durchgefragt hatte, und eigentlich hätte er nervös sein müssen. Das wenige, das er während seiner Gefangenschaft an Informationen aus den Dienern heraus geholt hatte deutete darauf hin, dass er zwar Karvashs Sklave war, aber der Mann, der sich ihm als Anssi vorgestellt hatte, jetzt über ihn zu bestimmen hatte. Es half nicht gerade, dass er keinen von beiden öfter als zweimal zu Gesicht bekommen hatte. Er wusste weder, was von ihm erwartet wurde, noch wieso ihm überhaupt noch Aufmerksamkeit zuteil wurde. Er arbeitete schließlich, war das nicht alles, was sie überhaupt mit ihm anfangen konnten?
Diese Fragen hätten ihn unruhig machen müssen, aber stattdessen fühlte er sich nur müde und gleichgültig. Und tief unten, begraben unter allen anderen Gefühlen, brodelte Ärger in ihm, aber er hielt ihn unter Verschluss. Er hatte sich schließlich von Anfang an keine Illusionen gemacht, was ihn hier erwartete. Er war von einer Hölle in eine neue gewechselt. Was spielte es für eine Rolle, was mit ihm geschah? 

Letztendlich hatte er den Großteil des Bordells abgegrast, einen üppigen Ziergarten durchquert, eine Orgie gestört, ein Dutzend Räume durchkämmt und Anssi immer noch nicht gefunden. Als letzter Ort blieb sein Zimmer, in das er sich manchmal schon früh zurückzog. Das hatte ihm zumindest eine junge Dienerin, eine graue Maus mit einer verblichenen Haube, unter Stottern erklärt, als er sie auf einem der Gänge erspäht und am Arm gepackt hatte. Der Raum befand sich im ersten Stock des Hauptgebäudes, und nachdem er entnervt, aber höflich geklopft hatte, wurde er tatsächlich herein gerufen.

Er hatte von Anssis Wohnquartier nicht weniger als Prunk erwartet, aber der Luxus der sich ihm darbot spottete jeder Beschreibung. Es war, als wäre er aus dem schlichteren Teil der Welt in einen Königspalast gestolpert. Glänzendes Holzmobiliar, teure Tapeten, schwere Vorhänge, Spiegel, Ziergegenstände und teure Stoffbespannung, so weit das Auge reichte, alle in weiß, creme und gold gehalten. Der großzügige Raum wurde von einem ausladenden Bett dominiert, und eine weitere Tür führte vermutlich in ein Ankleidezimmer, doch trotzdem machte das Zimmer nicht den Eindruck, ein reines Schlafzimmer zu sein. Der Raum beherbergte sowohl Bücherregale als auch Sofas und Sessel, die zu einer Sitzgruppe zusammengestellt waren, und einen Schreibplatz. Es hätte deplaziert wirken müssen, als hätte sich der Hausherr nicht entscheiden können, zu welchem Zweck er den Raum nutzen wollte, aber da alles aufeinander abgestimmt war und die einzelnen Bereiche sich strikt von einander trennten, war das Gegenteil der Fall. Der Raum wirkte aufgeräumt und wurde tagsüber vermutlich durch die bodentiefen Fenster enorm aufgehellt. Jetzt, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, sorgte ein Dutzend Öllampen und Kerzen für Beleuchtung.

In all diesem Prunk saß Anssi, entspannt zurückgelehnt in einem Sessel und las in einem Buch, selbst Teil des Gesamtkunstwerks. 
Tarns Erinnerung an seine Gefangenschaft war, auch dank seines Fiebers und der Schmerzen, stark verschwommen, und er wäre nicht überrascht gewesen, wenn er seinen ersten Eindruck von Anssi hätte revidieren müssen. Bei ihren ersten Begegnungen hatte er schön und makellos gewirkt, zu perfekt, um nicht das Produkt seines Fiebers zu sein. Doch der Eindruck blieb auch jetzt, bei klarem Verstand und im hellen Licht der Öllampen der gleiche. 
Anssi war sehr groß, sehr schlank und hatte eine androgyne Erscheinung. Dieser Eindruck wurde durch sein langes blondes Haar und das schmale Gesicht verstärkt und durch seine teure Kleidung noch mehr in Szene gesetzt. Das einzige, das Tarn stutzen ließ war die Tatsache, dass er trotz des warmen Wetters eng anliegende Handschuhe aus hellem Leder trug - bis auf sein Gesicht war sein Körper so vollständig verhüllt.
Er reagierte zunächst gar nicht auf Tarn, bis er die Seite beendet hatte, das Buch zu schlug und aus der Hand legte. Erst dann wandte er ihm seine Aufmerksamkeit zu und betrachtete ihn einen Moment kritisch. Was er sah schien ihn nicht unbedingt zu überzeugen. 

„Da bist du ja, ich habe mich schon gefragt, wann du auftauchst”, begann er. „So wie es aussiehst, hat Jefrem dich nicht geschont. Aber dich zu waschen bevor du hier rein spazierst war dann wohl zu viel verlangt?”, fragte er spöttisch, und Tarn zuckte mit den Achseln. „Ich hatte nur den Befehl her zu kommen”, sagte er laut und fügte gedanklich ein rotziges »du Arschloch« hinzu. Natürlich war er dreckig und verschwitzt, er hatte den ganzen Tag gearbeitet. Was bildete sich der Kerl ein? Dachte er ernsthaft, dass jeder auf seinem Hintern sitzen und faulenzen konnte? Er hatte sich nicht mit seiner Verletzung durch diesen endlos langen Tag gequält, um sich diesen Dreck anzuhören. Er wusste noch nicht einmal, wofür er hierher zitiert worden war.

Anssi ließ sich nicht von seiner Feindseligkeit beeindrucken, sondern lächelte nur spöttisch. „Egal, jetzt bist du einmal hier. Wasch dich. Nebenan ist eine Waschschüssel.” Tarn stutzte und suchte in dem Gesicht seines Gegenübers nach einem Zeichen dass er scherzte, aber  Anssi sah ihn nur auffordend an und wies ihn mit einer Hand auf die Tür, die zu dem Nebenraum führte. „Hier? Jetzt?”, fragte er perplex nach, und Anssi seufzte. „Nein, du sollst dich nach draußen stellen und warten bis es regnet. Natürlich hier und jetzt. Denkst du ich fasse dich in diesem Zustand an?” Tarn starrte ihn nur sprachlos an, und als Anssi begriff, dass er nicht damit gerechnet hatte, setzte er hinzu: „Was denn, dachtest du ich rufe dich hier her um eine Konversation zu führen? Ich dachte, ich hätte mich damals klar genug ausgedrückt. Ich will dich haben. Also, zieh dich aus und wasch dich, oder komm später wieder, wenn du bereit bist.” Er trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Einband seines Buches, das immer noch neben ihm lag, und fügte hinzu: „Und entscheide dich gleich, ich vergeude meine Zeit ungern mit sinnlosem Geplänkel. In den Minuten, die du mit deinen Gestammel verschwendet hast, hätte ich lesen können.”

Tatsächlich kämpfte Tarn mit seiner Überraschung. Natürlich erinnerte er sich an Anssis Worte, er hatte sie mehrmals wiederholt. Ich will ihn haben. Aber dass er das so wörtlich gemeint hatte, hatte er nicht geahnt, auch wenn sein Gegenüber jetzt keinen Hehl daraus machte, und auch das warf ihn aus der Bahn. Er hatte sich selbst immer für offen gehalten und nie lange darum herum geredet, wenn er an jemand interessiert war, aber Anssi setzte dem ganzen noch einen drauf. Er fragte nicht einmal mehr, er ordnete nur an, als wäre allein der Gedanke, dass jemand seine Avancen ausschlagen könnte absurd. Es war zu gleichen Teilen Arroganz und Desinteresse an Tarns Meinung, und allein das wäre Grund genug gewesen, ihn stehen zu lassen.

Dennoch hatte die Vorstellung für Tarn einen gewissen Reiz, ganz davon abgesehen, dass es eine interessante Erfahrung war mit jemand ins Bett zu steigen den er gar nicht kannte. Jetzt sah Anssi vielleicht gelassen aus und sonnte sich in seiner Überlegenheit. Er war kurz angebunden, beinahe unnahbar, aber wie lange würde das anhalten, wenn Tarn ihn aus seiner Kleidung holte und auf dem riesigen Bett durchvögelte, bis er genau so verschwitzt und dreckig war wie Tarn jetzt? Er wäre nicht der erste gewesen, der sich großspurig als der Überlegene gab, nur um dann die errötende Jungfrau zu spielen. Und rein körperlich gab es, zumindest auf den ersten Blick, nun wirklich nichts an ihm auszusetzen. Im Gegenteil, Tarn ergriff eine tiefgreifende Neugierde, warum er seinen Körper so sorgfältig verhüllte.
Es war genug Anreiz fürs erste zuzustimmen. Wenn sich diese blonde Halbgott als langweilige Randepisode heraus stellte, was machte das schon? Dann taugte er eben als Zeitvertreib, bis sich jemand anders fand.

Kurz entschlossen nickte Tarn und antwortete gelassen: „Gut, warum nicht”, und ging ohne weiteres Zögern in den Nebenraum. Er hatte eigentlich erwartet, dass Anssis Augen ihm folgen würden, möglicherweise überrascht, oder zumindest interessiert. Aber der griff sein Buch, klappte es an der selben Stelle wieder auf und las weiter. Entweder war er wirklich an dem Inhalt darin interessiert, oder er demonstrierte Gelassenheit, um sich überlegen zu fühlen. So oder so war es Tarn egal. Wie gelassen Anssi jetzt auch vorgab zu sein, er würde bestimmt nicht mehr so eiskalt und unnahbar sein, wenn Tarn mit ihm fertig war.

Der angrenzende Raum war schmal und deutlich schlichter. Tarn entzündete eine der Lampen und sah sich einen Moment um, aber es gab nicht viel zu sehen außer einem Diwan, einem Waschtisch mit einer Wasserschüssel und einer Karaffe und ein paar sauberen Tüchern zum Abtrocknen.
Er zog sich aus und warf seine dreckige Kleidung nachlässig zu Boden, dann goß er sich Wasser ein und begann damit, sich den Schweiß und Dreck des Tages vom Körper zu waschen, und das war tatsächlich angenehm. Hätte er nicht den Befehl dazu bekommen, hätte er vermutlich tagelang in der selben Kleidung gesteckt und sich eine ordentliche Dreckschicht zugelegt, darum kam er jetzt herum. Und da er sich vorstellen konnte, dass Anssi keine Nachlässigkeit diesbezüglich zuließ, wusch er sich gründlicher als sonst, spülte sich sogar die Haare aus.

Er griff gerade nach einem Tuch um sich abzutrocknen, als Anssi herein trat und sich gelassen an den Türrahmen anlehnte, das Buch immer noch aufgeschlagen in der Hand. Sein Blick glitt forschend über Tarns nackten Körper, und der grinste in sich hinein. So viel zum vorgespielten Desinteresse, das hatte ja nicht lange angehalten. Er wollte gerade etwas sagen, als Anssi mit einem hintergründigen Lächeln zitierte: „Der ersten Unschuld reines Glück, wohin bis du geschieden? Dein Edengarten blüht nicht mehr; Verwelkt durch Sündenhauch ist er, durch Menschenschuld verloren.”

Tarn stutzte einen Moment, ohne zu wissen, was er dazu sagen sollte. Die Worte klangen gut aus Anssis Mund. Seine gelassene und wohl modulierte Stimme schien geradezu dafür gemacht zu sein, Gedichte vorzutragen, und im Gegensatz zu sonst hatte er nicht einmal einen spöttischen Unterton heraus gehört, der sonst ständig präsent zu sein schien. Doch ohne es zu wollen zuckte Tarn innerlich zusammen, als er das Wort Sünde hörte. Es war ihm zu nah, selbst wenn sein Vater tot war und nicht mehr über ihn richten konnte. 
„Und diesen Quatsch liest du da drin?”, fragte er deshalb gereizter, als er eigentlich wollte und deutete mit einem Kopfnicken auf das Buch, doch Anssi lächelte nur nachsichtig. „Dieser »Quatsch«, wie du es nennst, sind die Worte eines Philosophen. Nicht, dass ich erwartet hätte, dass du etwas von Lyrik verstehst. Ich fand es nur passend.” Tarn schnaubte spöttisch und rieb sich energisch die Haare trocken. „Passend? Passend wozu?” 

Anssi stieß sich vom Türrahmen ab, warf das Buch nachlässig auf den Diwan und stellte sich direkt vor ihn, und Tarn unterdrückte den Impuls, zurück zu treten. „Natürlich passend zu dir.  Wie alt bist du, achtzehn?” Tarn schluckte unbehaglich, weil er diese Frage nicht erwartet hatte, und weil sie ihm bewusst machte, dass Anssi trotz seiner Schönheit und seines jugendlichen Aussehens älter als er sein musste. Wie viel älter konnte er nicht sagen, aber es spielte auch keine Rolle; er spürte plötzlich deutlich, dass er unterlegen war. 

„Fast achtzehn”, antwortete er mit rauer Stimme. „Erst siebzehn, und trotzdem völlig ohne Schamgefühl”, sagte Anssi und ignorierte seine nach oben korrigierte Angabe spöttisch. Er hob die Hand, um durch Tarns feuchtes Haar zu streichen, durchkämmte es mit seinen Fingern, ließ sie dann über seinen Hals gleiten, die Schultern entlang. Tarn erschauderte, und er war sich so stark wie selten bewusst, dass er völlig allein war, völlig nackt und im Grunde ausgeliefert, und sein Herz hämmerte in seiner Brust. Warum hatte er plötzlich das Gefühl, in die Höhle eines Raubtiers gelaufen zu sein? Und schlimmer noch, warum fürchtete er sich nicht?

„Als ich dich das erste Mal sah, da war mir klar, dass du keinen Funken Unschuld mehr im Leibe hast”, fuhr Anssi fort, „Und bestätigt hast du es mir gerade eben.” „Ich habe gar nichts getan”, knurrte Tarn defensiv, aber Anssi lachte nur, strich mit seinen Fingern tiefer, über seine nackte Brust. Das Leder seiner Handschuhe war weich und hatte seine Körperwärme angenommen, aber es war seltsam unpersönlich, und Tarn wünschte sich, er würde sie ausziehen. Ihn wirklich berühren. 
„Du hast nicht einmal protestiert, als ich dir gesagt habe, dass ich dich will. Was habe ich in den letzten Jahren schon für langweilige Ausreden gehört, über Sünde, Verantwortung, Moral… Geschwätz, das du mir erspart hast. Du hast nicht einmal gezögert.” Er umkreist Tarn, bis er hinter ihm stand, ließ seine Hand über seine Schulter seinen Rücken hinunter wandern, trat so nah an ihn heran, dass sein Atmen seinen Nacken streifte, senkte die Stimme fast zu einem Flüstern. „Jetzt stehst du hier, nackt, vor einem fremden Mann, und hast nicht einmal Angst. Sag mir, wieviele Männer hast du dir schon genommen?”, fragte er und schlang die Arme um Tarns Oberkörper, ließ seine Hände hinabgleiten zu seinem Bauch, und er erzitterte unter der Berührung.

„Ich weiß nicht… zwei Dutzend vielleicht?”, mutmaßte er, aber er konnte sich kaum noch auf seine oder Anssis Worte konzentrieren. Von einem Moment auf den anderen war seine Erregung erwacht; derartig heftig und abrupt war er noch nie hart geworden. Es ärgerte ihn regelrecht; er hatte sich vorgenommen, Anssi aus der Fassung zu bringen, und jetzt war er es, der um Fassung rang und wie Wachs in den Händen dieses arroganten Kerls war. Dabei hatte er ihn noch nicht einmal wirklich berührt, nur auf ihn eingeredet. Wie schaffte er es, in so kurzer Zeit so nah an ihn heran zu kommen? 
Tarn drehte sich um, um die Arme um seine Taille abzuschütteln und wenigstens ansatzweise das Gefühl zu haben, noch Herr der Lage zu sein, und spürte doch, dass er das keinesfalls war, als er in Anssis grauen Augen sah. Der lächelte immer noch gelassen und wirkte völlig unbeeindruckt von der Zahl Tarns früherer Liebhaber, stattdessen stellte er sachlich fest: „Also nicht allzu viele. Nun gut, man kann nicht alles haben. Zumindest fange ich nicht ganz von vorn an.” 

Tarns erster Reflex war, wütend dagegen zu halten, aber bevor er überhaupt den Mund öffnen konnte, wurde er gepackt und näher gezogen. Anssi küsste ihn, drückte ihn eng an sich, und Tarns Widerstand schmolz wie Schnee in der Sonne. Er fühlte sich so heiß und erregt wie lange nicht mehr, und er hätte fast aufgestöhnt, als Anssis Hand der Linie seiner Wirbelsäule folgte, immer tiefer hinunter bis zu seinem Gesäß. Er hob reflexartig die Hände, schlang sie um die schmale Taille seines Gegenübers, fühlte die Wärme des fremden Körpers durch den Stoff. 
Er verstand es nicht; wie konnte dieser arrogante Mistkerl ihn mit ein paar Berührungen so reizen? Und wie konnte er selbst gleichzeitig so wütend sein und doch alles geschehen lassen? Es wurde nicht besser dadurch, dass Anssi von ihm ab ließ und immer noch völlig gefasst fort fuhr: „Aber das macht nichts. Nach dem dritten oder vierten Mal wirst du schon merken, worauf es ankommt.”

Allein dafür hätte Tarn ihm gern ins Gesicht geschlagen; was bildete der Kerl sich ein? Dass mit ihm zu schlafen eine einmalige Erfahrung war, auf die man sich erst vorbereiten musste? Bissig konterte er: „Oder du suchst dir jemand anderen, der deinen hohen Ansprüchen genügt.” Seltsamerweise amüsierte sich Anssi darüber, und es war fast, als würde er ein wenig nachgeben. „Nichts da”, antwortete er erstaunlich milde und strich erneut durch Tarns Haar, küsste ihn wieder, raubte ihm den Atem. „Ich sagte doch, dass ich dich will.” 

Und das erste Mal, ohne dass Tarn wusste warum, drangen die Worte bis in sein Innerstes vor. Zerrten an ihm, lenkten ihn sogar von seiner Erregung ab. „Warum ich?”, fragte er und fühlte sich plötzlich verloren, weil er ahnte, dass die Antwort auf diese Frage banal war. Er war einfach da, zur rechten Zeit am rechten Ort. Es hatte nichts mit ihm zu tun. Es hatte nie etwas mit ihm zu tun. Und trotzdem, getrieben von vager Hoffnung, fragte er: „Warum ausgerechnet ich?” 
„Weil du schön bist”, antwortete Anssi, völlig ohne Ironie. Seine Finger fuhren spielerisch über seine Armmuskeln, seine Schultern. „Stark. Und nicht dumm. Hast du dich hier mal umgesehen? Vermutlich noch nicht. Karvash hat keinen Sinn für Schönheit, das wirst du noch merken. Allein der Gedanke es mit einem dieser Halbaffen zu treiben, die er hier hält, widert mich an. Ich habe dich ausgesucht. Ist das so abwegig? Und wenn ich etwas will, dann bekomme ich es normalerweise auch”, schloss er, und jetzt klang er wieder so arrogant wie zuvor. 

Was für ein Arschloch, dachte Tarn, aber irgendwie musste er auch lächeln. Vielleicht war es eine Illusion, oder nur Schauspiel, aber er hatte fast das Gefühl, dass sich Anssi ihm ein wenig öffnete. Ein schwachsinniger Gedanke, den er schnell verbannte. „Du bildest dir wirklich ein, dass du hier herum stolzieren und die Regeln machen kannst, was?”, fragte er provokant, und Anssi lachte. „Einbilden? Du bist immerhin hier”, sagte er, und seine Selbstüberschätzung war offen sichtbar, und dennoch seltsam einnehmend. Er sah gut aus wenn er lachte. Tarn stellte sich vor, wie gut er erst aussehen würde, wenn er kam, und seine Erregung war zurück, noch heftiger als zuvor. „Noch kann ich gehen”, antwortete er dennoch spöttisch, einfach nur, um das Spiel etwas länger aufrecht zu erhalten, und fast hatte er das Gefühl, ein wenig seiner Selbstsicherheit zurück zu gewinnen. Aber er hätte inzwischen ahnen müssen, dass er längst nicht gegen Anssi ankam. Der trat auf ihn zu, zog in mit einer Hand zu sich und umschloss mit der anderen Tarns Erektion. Diesmal konnte Tarn nicht verhindern, dass er aufstöhnte, und Anssi flüsterte ihm zu: „Aber das wirst du nicht. Du denkst du gerade an nichts anderes, als es mit mir zu treiben.”

Natürlich hatte er Recht, und Tarn dachte auch gar nicht daran, noch mehr Worte darüber zu verlieren. Nicht, wenn es so viel anderes zu tun gab. Er küsste Anssi, vergrub seine Hände in seinem blonden Haar, so wie er es schon die ganze Zeit hatte tun wollen, zog ihn zu dem Diwan und ließ sich mit ihm darauf fallen. Es war seltsam, weil er plötzlich den Ton angab, obwohl er doch so hoffnungslos unterlegen war. Anssi, eigentlich einen halben Kopf größer als er, saß auf seinem Schoß und ließ ihn gewähren, ließ zu, dass er ihn durch den Stoff seiner Kleidung berührte. Jetzt stöhnte auch er, und im Gegensatz zu seinem arroganten Gerede konnte Tarn von diesem Laut nicht genug bekommen. 
Er griff nach Anssis Handschuhen, streifte sie ab, berührte seine Hände und ließ sich von ihnen berühren. Endlich. Nachdem er so lange darauf verzichtet hatte, erschien es ihm wie eine Erlösung, endlich Haut zu spüren. Er zitterte, als Anssis Finger sich um sein Glied schlossen, ihn gleichmäßig massierten, und er griff ungeduldig nach Anssis Jacke, wollte sie abstreifen… und wurde vehement davon abgehalten.

„Nein”, sagte er, und plötzlich war seine Stimme so kalt wie Eis. Tarn sah zu ihm auf, unfähig zu begreifen, was gerade vor sich ging. „Warum nicht?”, fragte er perplex, und Anssi schüttelte nur ungehalten den Kopf. „Das brauchst du nicht zu wissen.” Es war kein Scherz, das erkannte Tarn, als er in seinem Gesicht forschte. „Hör zu, so funktioniert das nicht”, grollte er, „Wie soll das hier Spaß machen, wenn ich nicht an dich rankomme?” Er war frustriert, auch wenn er den wahren Grund dafür nicht preisgab. 
Die Wahrheit war, dass er Anssi berühren wollte. Er wollte seine Haut spüren, ihn schmecken, die Wärme spüren. Und er wollte ihn das spüren lassen, was er selbst spürte, das selbe unbezähmbare Verlangen. Es trieb ihn zur Weißglut, dass er selbst völlig nackt war und das einzige, was er von seinem Liebhaber zu spüren bekommen würde seine Hände waren.

Aber Anssi schmetterte ihn einfach ab. „Mach einfach weiter wie bisher”, befahl er, und als Tarn zu einem nörgelnden „Aber-” ansetzte, schickte er ihm einen so wütenden Blick, dass er den Mund schloss und tatsächlich einfach fort fuhr. Verdammt, es sollte ihm recht sein, er war nicht derjenige, der zu kurz kam, Anssis Hände verwöhnten seinen nackten Körper nach wie vor. Er kam nicht einmal dazu, sich besonders lang um seine Erfahrung betrogen zu fühlen; Anssi reagierte auf seine Berührungen nicht weniger stark als er auf seine, neigte sich ihm entgegen, küsste ihn begierig. Es dauerte nicht lange, bis er zu seinem Höhepunkt kam. 

Tarn beobachtete in konzentriert, nahm jede Regung seines Gesichts in sich auf, und er musste grinsen. Er hatte richtig vermutet, Anssi sah schön aus, völlig versunken und entspannt. Sensibilisiert dadurch, dass er seine Haut nicht berühren konnte, spürte er das Zucken seines Gliedes dennoch unter seiner Hand, spürte das Beben seines Körpers durch die Lagen von Stoff. Ohne lange zu überlegen verstärkte er seinen Griff, spürte jeder Regung unter seinen Händen nach, und kostete es aus. 

Er war so kurz davor selbst zu kommen, als irgendein Vollidiot an der Tür zur Anssis Zimmer hämmerte. Er ignorierte es zunächst völlig, aber er musste feststellen, dass er im nächsten Moment völlig allein war. Anssi war ohne zu Zögern aufgesprungen und verließ das Ankleidezimmer, ging zur Tür seines Zimmers und öffnete sie. Tarn starrte ihm perplex hinterher. Was zum Teufel war so wichtig, dass er dafür einfach sitzen gelassen wurde?

Ein geflüstertes Gespräch wurde geführt, und das einzige was Tarn verstand war ein genervtes „Was, jetzt?!”. Bevor er begriff, was vor sich ging, stand Anssi wieder vor ihm. „Zeit, zu verschwinden”, sagte er. „Aber-”, begann Tarn völlig verunsichert, doch Anssi schüttelte nur den Kopf. „Eine Kundin” waren die einzigen Worte die er äußerte, und seiner Meinung nach war das wohl genug Erklärung.
Im nächsten Moment stand Tarn auf dem Gang, vollständig bekleidet und komplett unbefriedigt und fragte sich, was gerade passiert war. Er starrte die geschlossene Zimmertür an und fragte sich, was er falsch gemacht hatte. 

Die Antwort war natürlich: Nichts. Er war einfach nicht wichtig genug. Er war nicht wichtiger als eine späte Kundin, die Lust verspürte, ihren Abend mit einem hübschen jungen blonden Mann zu versüßen. Dass der anderweitig verpflichtet war, war für sie natürlich irrelevant.
Verpflichtet, ätzte sein eigener Verstand ihn an. Von wegen. Ein Zeitvertreib, das warst du. Nicht mehr. Es schmerzte, aber natürlich war es die Wahrheit. Warum machte er sich Illusionen darüber?

Er trottete schlecht gelaunt in Richtung der Ställe, weil dort die Quartiere der anderen Knechte lagen, und lief einem weiteren Kunden in Begleitung eines anderen Prostituierten über den Weg. Und weil er nichts zu tun hatte, bot er sich an. Warum auch nicht? Anssi hatte Recht. Es mangelte ihm an Schamgefühl.
Er machte sich nicht einmal schlecht, und er kam zu seinem ersehnten Orgasmus, aber mit seinen Gedanken war er weit fort. Er dachte an blondes Haar, an weiche Hände und die Weigerung, Haut zu zeigen. Er küsste fremde Lippen und ließ spöttische Worte in seinem Kopf widerhallen. 

Ich will dich haben.

Niemand hatte ihn je gewollt, hatte überhaupt Anspruch darauf erhoben. Niemand außer Antoine vielleicht, und der hatte nachgegeben. Tarn wusste nicht, ob er über diesen Besitzanspruch glücklich sein oder ihn zurückweisen sollte. Und dann schob er es beiseite, weil es lächerlich war. 

Er hatte diese Art von Gefühlen nicht umsonst vor so langer Zeit verbannt.

Warnungen:
- Sex (I), (II)

Warum blieb er? Vielleicht, weil er es schon immer, für eine gewisse Zeit, ausgehalten hatte. Die Zähne zusammenbeißen, weitermachen, das hatte er gelernt. Nach außen den Anschein erwecken, dass er durchhielt, das war so tief in ihm verankert, dass er es nicht einmal wahr nahm, egal wie sehr er sich damit quälte.

Er verbrachte die erste Hälfte der Nacht im Quartier der Knechte und Diener, ein vollgestopfter, stickiger Raum im Bedienstetentrakt, und fand trotz der großzügig bereitliegenden Decken und Matten keinen Schlaf. Zu viele atmende, schnarchende, sich hin und her werfende Menschen, geflüsterte Gespräche, ersticktes Husten, das Schluchzen eines Alpträumenden. Kurz nachdem die Glocken der Uhrentürme zwei Uhr nachts geschlagen hatten rappelte er sich auf und stahl sich zu den Ställen, legte sich in einen Heuhaufen und war innerhalb von Sekunden eingeschlafen.

Geweckt wurde er von einer rauen Hand, die ihn behutsam, aber nachdrücklich an der Schulter rüttelte. Als er die Augen öffnete, entpuppte sich der Störenfried natürlich als Jefrem. „Morgen!“, polterte er gut gelaunt. Obwohl es vor Sonnenaufgang war und sogar noch weit vor der Zeit, zu der Tarn aufzustehen pflegte, sah Jefrem entnervend wach und frisch aus. Nicht, dass er weniger abgerissen wirkte oder gar sauber, aber er strahlte trotzdem mit dem ersten zaghaften Glühen am Horizont um die Wette. Es war beinahe ekelerregend, dass jemand um diese Uhrzeit so munter sein konnte.

„Ich sag ja nichts gegen Einsatz bei der Arbeit”, fuhr er heiter fort, „aber hier schlafen musst du trotzdem nicht! Für sowas haben wir Schlafplätze, mit Decken und wenn du Glück hast und es jemand klauen kannst, einem Kissen. Hat dir gestern niemand den Weg gezeigt?“ „Doch“, murmelte Tarn ärgerlich und verschlafen und hätte sich gern seine Decke über den Kopf gezogen, wenn er denn eine gehabt hätte. Weil er sicher war, dass das Jefrems nächste Frage sein würde, fügte er nach einer Sekunde bissig hinzu: „Ich konnte dort nicht schlafen. Ist das ein Problem?“

Jefrem zuckte gleichgültig mit den Achseln, aber sein Gesichtsausdruck deutete trotzdem darauf hin, dass er es keineswegs so gelassen hin nahm, wie er sich gab. „Mich stört's nicht, und die Pferde auch nicht. Aber woran liegt's? Das hier kann ja wohl kaum bequemer sein!“ Er deutete mit einem Kopfnicken auf das Heu, doch Tarn murmelte nur ein mürrisches „Geht so”, rappelte sich auf und wollte davon traben, um sich vor dem Beginn der Arbeit zumindest das Gesicht zu waschen. Seit dem gestrigen Tag hatte sich nichts geändert, er traute diesem Kerl nicht, Stallmeister hin oder her.
Und warum sollte er Jefrem erklären, wieso er sich von anderen fern hielt? Hätte das einen Sinn gehabt? Bestimmt nicht. Während Tarn sich im Gehen streckte und Jefrem den Rücken zudrehte, grinste er grimmig. Der abgerissene alte Zausel mit seinen bohrenden Fragen verstand vielleicht etwas von Pferden, aber sonst hatte er genauso wenig Ahnung von Tarns Leben wie jeder andere auch.

Doch Jefrem wäre nicht er selbst gewesen, wenn er zugelassen hätte, dass man ihn so einfach stehen ließ. „Tja, nicht jeder hat es mit anderen Menschen! Man kann sie auch schwer die ganze Zeit ertragen, was?“, kommentierte er gut gelaunt, als hätte er Tarns Gedanken gelesen, und ließ ihn tatsächlich verblüfft inne halten. „Menschen stellen ständig Fragen, erwarten dass man mit ihnen redet, ihnen zuhört, tut, was sie sagen. Mit Pferden ist es einfacher; da weiß man, woran man ist, und es gibt keine großen Erwartungen.“

Widerwillig wandte sich Tarn zu Jefrem um und wollte widersprechen, und erkannte im gleichen Moment, dass er nur aus der Reserve gelockt worden war, bevor er sich überhaupt vollständig umgedreht hatte. „Ich bin kein Einzelgänger“, knurrte er dennoch abwehrend, aber das war nur teilweise die Wahrheit. 
Es suchte die Einsamkeit nicht, aber er brauchte auch niemand. Keine Freunde, keine Familie, niemand, der sich um ihn kümmerte. Das war sowieso nichts für ihn, für seinesgleichen. Seine Liebhaber reichten ihm völlig aus, und mit denen kam er gut zurecht. Er konnte sehr umgänglich sein, wenn er jemand fand, an dem er Interesse hatte, aber sonst? Alles andere war sowieso nur Zeitverschwendung, und die, die es wert waren dass er seine Zeit mit ihnen verbrachte sahen das genauso. Anssi zum Beispiel hatte es verstanden. Und er hat dich noch am selben Tag abserviert, erinnerte er sich ungebeten, aber er schüttelte diesen Gedanken schnell ab.

Jefrem zuckte nur mit den Schultern und lächelte weiterhin. „Und wenn du’s wärst, kümmert das niemand, da bist du nicht der einzige. Nicht jeder hier legt Wert auf viel Gesellschaft. Mischa zum Beispiel.” Tarn sagte nichts, obwohl er gern das Gesicht verzogen hätte. Das, was er bisher von diesem Hünen mitbekommen hatte deutete darauf hin, dass er langsam im Kopf war, gerade schlau genug, schwere Gegenstände zu heben; mit dem wollte er beim besten Willen nicht verglichen werden. Wenn er es Recht bedachte, wollte er mit keinem dieser Trottel die für Karvash und Jefrem arbeiteten auf eine Stufe gestellt werden. Aber er hielt den Mund, weil er das untrügliche Gefühl hatte, dass diese Gesinnung ihm Ärger eingehandelt hätte.
„Schlaf, wo du willst, zieh dich zurück, wenn dir das lieber ist”, fuhr Jefrem ruhig fort, „Aber zumindest bei der Arbeit musst du zurecht kommen mit den anderen. Lass es zumindest auf einen Versuch ankommen. Und wenn es Probleme gibt, mit einem der Jungs, oder mit der Arbeit, dann kannst du damit auch zu mir kommen.“

Tarn betrachtete ihn misstrauisch, als wolle er überprüfen, ob Jefrem das ernst meinte. Anscheinend schon. Aber Tarn hatte keine Probleme, noch nicht, und wenn er doch welche bekam, dann löste er sie auf seine Art. Er musste sich nur noch bei passender Gelegenheit ein Messer beschaffen und den richtigen Leuten klar machen, dass man ihn besser in Frieden ließ. Das hatte ihm früher Ärger vom Hals gehalten, und das würde es auch jetzt.
Trotzdem erschien es ihm unklug, dieses Angebot völlig auszuschlagen und Jefrem am Ende gegen sich aufzubringen, also nickte er einfach, in der Hoffnung, dass die Belehrung damit beendet war.

Das war sie anscheinend, denn Jefrem schlug mit Elan und einem breiten Lächeln die Hände zusammen, rieb sie und verkündete: „Ich könnte mich jedenfalls daran gewöhnen, nicht der erste im Stall zu sein! Kann sowieso nicht schaden, wenn Alva kurz vorm Fohlen nachts nicht allein ist. Aber komm, jetzt müssen wir uns Hufeisen ansehen.“
Warum lächelte der Kerl immer? Es gab keinen Grund, Tarn anzulächeln, er hatte nichts Besonderes getan, sich noch überhaupt nicht bewiesen. Mit seiner Verletzung und seinen geminderten Kräften war er gestern allen nur ein Klotz am Bein gewesen. Aber er hielt den Mund, stellte es nicht in Frage, und ging mit Jefrem an die Arbeit.

Es wurde zu seiner Hauptbeschäftigung in den nächsten Tagen und Wochen – seinen Ärger im Zaum zu halten, nicht zu widersprechen, auszuhalten, dass es unter Jefrems Anleitung anders zuging, als er es gewohnt war. Es fiel ihm schwer diese neue Umgebung zu akzeptieren, und fast trotzig hielt er an seinen eigenen Arbeitsmethoden fest und ärgerte sich gleich im Anschluss noch mehr darüber, dass niemand ihn dafür bestrafte. Im Gegenteil, oft wurde er gefragt, warum er dieses oder jenes anders machte, von den Knechten, dann und wann sogar von Jefrem. Oft wurde er korrigiert und nahm es widerwillig hin, aber manchmal wurde seine Arbeitsweise sogar akzeptiert und übernommen. 
Auch das verwirrte ihn. Einerseits erfüllte es ihn mit Stolz, gab ihm das Gefühl, Einfluss zu haben, und andererseits schämte er sich dafür, dass er das überhaupt zuließ. Er war nicht der Stallmeister, er hatte nicht vorzugeben, wie die Pferde gefüttert wurden, welche Hufeisen brauchbar waren, wie ein sauber ausgemisteter Stall auszusehen hatte. Und doch behielt er jeden dieser Erfolgsmomente im Gedächtnis, drehte und wendete die Erinnerung in seinem Geist und grübelte darüber nach, wenn er allein war.

Er wuchs in die Gemeinschaft hinein, und blieb doch immer der Neue und der Sonderling. Und unentschlossen, in welche Richtung er sich wenden wollte, war er weder ein Teil der Gemeinschaft noch ein Außenseiter. Mochte ihn jemand? Sah ihn jemand als seinen Freund an? Manchmal glaubte er, dass zumindest Jefrem ihn als einen Freund ansah, aber genau wusste er das nicht, und er wollte es auch nicht wissen. Er hasste es, wenn jemand nett zu ihm war, und hasste es allein zu sein, ausgeschlossen oder ignoriert zu werden. 

Sporadisch schloss er Freundschaften und brach sie bald wieder ab, nahm sich Liebhaber, ließ sie unvermittelt fallen, bediente aus einer Laune heraus Kunden und ließ es sofort wieder sein. Manchmal führte er lange Gespräche mit Jefrem, ließ sich über die Pferde erzählen, um die er sich sein Leben lang gekümmert hatte, und kam fast zur Ruhe. Und dann hasste er ihn schon Stunden später aus nichtigen Gründen. Es gab keine Konstanten. 

Bis auf eine Ausnahme: Anssi. Falls Tarn gedacht hatte, ihr Zusammentreffen wäre eine einmalige Angelegenheit gewesen, hatte er sich getäuscht, und zu seiner Überraschung hielt Anssi gleichzeitig hartnäckig an ihm fest und ließ ihm doch völligen Freiraum. Sein Interesse war so wechselhaft und unberechenbar wie Tarns eigener Gemütszustand, was vielleicht auch der Grund war, wieso sie überhaupt auf einen gemeinsamen Nenner kamen. 

Nach seinem zweiten Arbeitstag machte sich Tarn nicht die Mühe bei Anssi anzutreten. Auch wenn er in den folgenden Tagen oft heimlich daran dachte ihm einen Besuch abzustatten, hielt er sich von den Zimmern der Prostituierten fern, mied sogar den ganzen Teil des Anwesens. Anssi hatte bekommen was er wollte, seinen Spaß gehabt und Tarn ohne weiteres Nachdenken vor die Tür gesetzt, also hatte sich die Sache damit wohl erledigt. Tarn hätte es niemals zugegeben, aber er war auch in seinem Stolz verletzt; so schnell und sauber hatte ihn noch niemand abserviert, vor allem nicht während es noch zur Sache ging.

Umso erstaunter war er, als er eines Abends, es musste eine Woche vergangen sein, in den Schlafraum der Knechte zurückkehrte und plötzlich eine Dienerin vor ihm stand und ihn nervös ansah. 
„Bist du Tarn?“, fragte sie unbehaglich und versuchte, die Erheiterung der anderen Knechte zu ignorieren, die sie alle musterten und halblaute Kommentare abgaben. Sie stand klein, verloren und mit verschränkten Armen da und sah sich immer wieder im Raum um, als erwarte sie angegriffen zu werden. Eigentlich war es den Dienern strikt verboten Quartiere zu betreten, die nicht die ihren waren, um Diebstahl, Streit und Übergriffe zu verhindern. Nicht, dass diese Regeln nach Einbruch der Dunkelheit viel genützt hätten, aber zumindest tagsüber wurden sie eingehalten und auch kontrolliert. Allein die Tatsache, dass sie sich trotzdem am helllichten Tag her wagte sprach entweder für große Dummheit, sehr viel Mut oder einen direkten Befehl. Und noch bevor sie überhaupt gesagt hatte woher sie kam oder wer sie geschickt hatte, regte sich eine vage Hoffnung in Tarn. 

„Ja, was ist?“, fragte er brüsk, und sie trat betreten von einem Fuß auf den anderen, während sie schnell und monoton herunter leierte: „Herr Eravier ist sehr ungehalten, dass du in letzter Zeit nicht bei ihm erschienen bist! Du sollst dich sofort auf dem Weg zu ihm machen, sonst wird er sich eine sehr unangenehme Strafe für dich überlegen! Das soll ich dir ausrichten!“ Ihr schien bewusst zu sein, wie lächerlich die Drohung aus ihrem Mund klang, aber statt der erwarteten Heiterkeit sah sie in Tarns Gesicht zunächst nur offene Verwirrung. Und diejenigen Knechte die ihre Worte mitbekommen hatten starrten sie jetzt ebenfalls verwundert an, bevor sie einhellig begannen, Tarn anzuglotzen. „Wer? Anssi?“, fragte er nach, und sie erbleichte. „D-du darfst die Herren des Hauses doch nicht beim Vornamen nennen!“, stotterte sie hektisch, aber auch erbost, sehr zur Erheiterung der Umstehenden. 

Tarn zuckte nur mit den Schultern und ignorierte das Gelächter. Vermutlich fragten sich einige, was Anssi von ihm wollte, und nicht wenige von ihnen zogen sicher auch die richtigen Schlüsse. Aber nachdem Tarn seine erste Überraschung überwunden hatte wurde ihm klar, dass das überhaupt keine Rolle spielte. Was konnte ihm schon passieren? Er lief nicht Gefahr angezeigt oder bestraft zu werden. Das war immerhin ein Bordell, und er auf Wunsch eines der Prostituierten hier, also hatte er nicht einmal einen Ruf  zu verlieren. 
Außerdem hatte er inzwischen mitbekommen, wie die Dinge hier in Karvashs Haus gehandhabt wurden. Innerhalb der Mauern des Anwesens war es völlig unerheblich wie die Welt über jede Form von Liebe urteilte, egal ob käuflich oder echt, körperlich oder romantisch. Karvash war nicht dumm, er stellte keine Fragen und ließ seine Kunden frei wählen, mit wem sie sich die Zeit vertrieben. Und diese Einstellung übertrug sich, wenn auch diskreter und weniger auffällig, auf die Dienerschaft und die Knechte. Als Tarn das erste Mal gesehen hatten, wie eine Dienerin eine andere auf den Mund küsste, hatte er sie nur perplex angestarrt. Dann hatte er die Augen geöffnet, angefangen sich umzusehen und bemerkt, dass sie nicht die einzigen waren. Das, was anderswo im Königreich geächtet und verfolgt wurde, war in Karvashs Anwesen akzeptiert, und plötzlich war Tarn keine Ausnahme mehr. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis er sich daran gewöhnte. 

Nun, Anssis Befehl war vermutlich eine gute Gelegenheit, mit dem Eingewöhnen anzufangen. „Ich gehe sofort“, sagte er an die Dienerin gewandt, die erleichtert nickte und sich ohne ein weiteres Wort zu sagen aus dem Staub machte. „Sieh an“, tönte einer von den herumstehenden Männern provozierend. Tarn drehte sich zu ihm und musterte ihn, aber gehörte nicht zu Jefrems Leuten. Tarn kannte ihn nicht, deshalb sparte er sich jegliche Zurückhaltung, grinste ihn nur kalt an und sagte spöttisch: „Nur keinen Neid.“ Er wurde prompt mit leisem Gelächter der Umstehenden belohnt, während sein Gegenüber ärgerlich die Stirn runzelte und brummte: „Gibt nichts, worauf man da neidisch sein könnte.“ „Wenn du das wirklich denkst, dann bist du entweder blind oder dumm. Ich schätze beides“, sagte Tarn, und ohne einen weiteren Kommentar verließ er das Quartier. Im Gegensatz zu diesen unwichtigen Handlangern wurde er schließlich erwartet.

Auf halbem Wege durch das Anwesen fiel ihm ein, dass er sich das letzte Mal an diesem Morgen gewaschen hatte, und das auch nur grob, und keine saubere Kleidung trug. Ärgerlich blieb er stehen und betrachtete sich, klopfte sich seine Hosen ab und fuhr sich durchs Haar. Aber natürlich nützte das nicht besonders viel, er war immer noch verschwitzt und dreckig. Wollte er wirklich so bei Anssi auftauchen? Würde der ihn nicht einfach weg schicken?
Nun, vermutlich nicht. Anssi hatte direkt und ziemlich nachdrücklich nach ihm verlangt, also würde er ihn sicher nicht aus diesem lächerlichen Grund wieder wegschicken. Im Gegenteil, vielleicht würde er jetzt sogar bereiter als vorher sein, ein paar Kompromisse einzugehen. Die Vorstellung dass er ungeduldig erwartet wurde gab Tarns angekratztem Stolz unverhofften Aufwind, und er nahm sich vor, Anssi diesmal zappeln zu lassen. Er kannte das Spiel inzwischen, und die Anspannung, die er beim ersten Mal gefühlt hatte rührte sicher nur daher, dass er nicht gewusst hatte was auf ihn zu kam. So einfach würde er diesmal nicht aus der Fassung zu bringen sein.

Seine Illusion darüber, wie dringend Anssi ihn sehen wollte erhielt allerdings einen deutlichen Dämpfer, als er an seiner Tür klopfte und niemand ihn herein bat. Er wartete, lauschte, klopfte nach einer Weile noch einmal, und erhielt immer noch keine Reaktion.
Ausgeflogen? Irgendwie konnte Tarn sich das nicht vorstellen. Oder hoffte er einfach nur, dass es nicht der Wahrheit entsprach? Denn das hätte bedeutet, dass er zum zweiten Mal kommentarlos versetzt worden war. Nein, mit dieser Erklärung wollte er sich auf keinen Fall zufrieden geben. Entweder war Anssi wirklich nicht da, oder er hatte ihn schlicht und ergreifend nicht gehört. In beiden Fällen musste er zumindest nachsehen. Kurz sah Tarn sich auf dem Gang der zu Anssis Zimmer führte um, doch niemand war anwesend, und vorsichtig und so leise wie er konnte drückte er die Klinke herunter und trat hastig in den prunkvollen Raum. Er kam sich vor wie ein Dieb, als würde er etwas Verbotenes tun. Das war natürlich Unsinn und seine Vorsicht nur Gewohnheit, doch erst als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, entspannte er sich und wagte sich umzusehen. 

Alles sah aufgeräumt aus, nur eines der bodentiefen Fenster war geöffnet und ließ laue Luft in den Raum. Er entdeckte Anssi nicht sofort, doch wie sich heraus stellte war er gleichzeitig da und hatte Tarn trotzdem nicht hören können. Er lag auf seinem Bett und schien tief zu schlafen. 
Tarn zögerte eine Sekunde, erwog sich schnell wieder zurück zu ziehen und Anssi in Ruhe zu lassen, doch ohne dass er es wollte regte sich sofort wieder seine Neugier. Es konnte noch nicht lange her sein, dass Anssi die Dienerin zu ihm geschickt hatte, und dennoch fand er ihn jetzt schlafend vor. Warum? Langsam und leise ging er auf das Bett zu, in der vagen Hoffnung, eine Erklärung zu finden. Zumindest war das eine genau so gute Ausrede wie alles andere.
 
Anssi erwachte nicht, als Tarn neben sein Bett trat und ihn betrachtete. Er war fast vollständig bekleidet, bis auf seine Jacke hatte er überhaupt nichts abgelegt, nicht einmal seine Handschuhe. War er nur zu müde gewesen war oder schlief er immer auf diese Art? Im Grunde wäre beides gleich wahrscheinlich gewesen. Zumindest ließ sich erkennen was er getan hatte, bevor er eingeschlafen war. Ein Buch lag aufgeschlagen neben ihm, und der Wind spielte mit den offenen Seiten, sodass Tarn unmöglich hätte sagen können, was er gelesen hatte. Nicht, dass er das sonst gekonnt hätte; niemand hatte ihm jemals Lesen beigebracht. Vorsichtig nahm er den, wie er vermutete, Gedichtband, schlug ihn zu und legte ihn beiseite, bevor er sich wieder Anssi zuwandte und sein Gesicht studierte.

Sonst machte er sich nichts daraus, Menschen beim Schlafen zu betrachten, aber Anssi wirkte jetzt noch mehr als sonst wie ein Engel, alterslos und irgendwie nicht von dieser Welt. Er sah völlig unschuldig aus, und viel zu schön, um wahr zu sein. Tarn hob die Hand, weil er durch sein blondes Haar streichen wollte, und widerstand dem Drang dann, als er bemerkte, wie schmutzig seine Hände waren. Sein Blick fiel auf die Handschuhe, und sie bestärkten ihn nur in seinem Beschluss. Nein, so ungewaschen würde er ihn nicht anrühren. Instinktiv wusste er, dass er damit alles zunichte gemacht hätte, auch ohne dass er die wahren Konsequenzen kannte. Aber eigentlich war das nicht einmal ausschlaggebend. Etwas in ihm sträubte sich dagegen, ihn gerade auf diese Art herauszufordern, an diesem wunden Punkt zu rühren.

Diese Gedanken waren untypisch, passten kaum zu ihm; warum sollte er so viel Rücksicht auf jemand nehmen, den er weder kannte noch besonders mochte? Soweit Tarn bisher mitbekommen hatte, war Anssi ein egoistisches Arschloch, ohne guten Grund von sich selbst überzeugt, oberflächlich, kompliziert und, wenn man seine Weigerung sich auszuziehen mit einbezog regelrecht frigide. Er war ein Bastard mit einem hübschen Gesicht, und damit erschöpften sich seine Qualitäten.

Nur, dass Tarns das alles eigentlich nichts ausmachte. Ich will dich haben. Ein sanfter Schauer lief über seinen Rücken, und er wusste, warum er hier war, warum er Anssi nicht einfach schlafen lassen wollte. Er wollte es wieder hören, die selben Worte, mit dem gleichen Ausdruck. Und er wollte ihn wieder spüren, und diesmal bis zur Vollendung. Nur deshalb war er hier; er war hier noch nicht fertig. Danach… vermutlich würde seine Faszination nachlassen, und Anssi würde ihm gleichgültig werden. Je eher, desto besser. 

Er beschloss Anssi zu wecken, sobald er sich gewaschen hatte, und dann würde er vielleicht endlich das bekommen, was er schon seit einer Woche wollte. Leise ging er in den Nebenraum, tat auch ohne Aufforderung das, was von ihm verlangt wurde. Er wusch sich gründlich, nahm sich sogar die Zeit, den Dreck unter den Fingernägeln heraus zu kratzen. Um sich die Zeit zu vertreiben dachte er darüber nach, wie er Anssi wecken würde, wenn er bis dahin nicht erwachte. Natürlich konnte er ihn einfach wach rütteln. Oder vorsichtig durch das blonde Haar und über sein Gesicht streichen, das wenige an Haut, das ihm erlaubt war zu berühren. Oder etwas riskieren, sich zu legen, ihn umarmen und wach küssen, ungefragt. Schließlich wollte er doch den Spieß umdrehen, diesmal Überlegenheit demonstrieren. Was war dafür besser geeignet als ein überraschendes Erwachen in Gesellschaft?
Die Vorstellung gefiel Tarn, aber irgendwie bezweifelte er, dass jemand, der nicht einmal seine Haut Preis gab und so viel Wert auf Sauberkeit legte ihn in seinem Bett liegen lassen würde. Ganz davon abgesehen, dass Anssi wohl kaum sein Einverständnis geben konnte, wenn er schlief. Also schlug er sich das aus dem Kopf. Er konnte auch noch charmant und überlegen sein, wenn Anssi wieder wach war. 

Er war fast fertig, als er Geräusche aus Anssis Zimmer hörte – das Rascheln von Stoff, ein verhaltenes Gähnen, dann Schritte und ein Knirschen, das darauf hindeutete, dass das offene Fenster geschlossen wurde. Anscheinend war Dornröschen aus seinem Schlaf erwacht. Tarn wurde bewusst, dass er noch gar nicht auf sich aufmerksam gemacht hatte, deshalb trocknete er sich schnell ab, schlang sich eines der Tücher um die Hüfte und kehrte in das Zimmer zurück.

Anssi stand immer noch am Fenster, die Arme verschränkt. Er sah verträumt aus, noch nicht ganz wach, und sah hinaus in den Innenhof, der begann im abendlichen Dunkel zu versinken. Er hatte lediglich einen der Fensterflügel geschlossen, und die leise Brise, die immer noch durch den Raum strömte, bewegte sein vom Schlafen zerzaustes Haar. Tarn erinnerte sich daran, wie weich es sich angefühlt hatte als er ihn geküsst hatte, und das schürte nur sein Verlangen. Er musste sich zwingen, die Vorstellung aus seinem Kopf zu verbannen, und in diesem Moment verfluchte er seine rege Fantasie. Er hätte sich vermutlich wesentlich überlegener geben können, wenn sie ihn nicht ständig zum Träumen verführt hätte.

„He“, sagte er, und Anssi wandte sich zu ihm hin, ruhig und kein bisschen überrascht. „Ah, du bist es.“ Er strich sich das Haar aus der Stirn, musterte Tarn von oben bis unten und lächelte zufrieden. Er machte keinen Hehl daraus, dass ihm gefiel was er sah, und vermutlich machte das einen Teil seiner Anziehungskraft aus. Er hatte Tarn attestiert, dass er schamlos wäre, aber er selbst war anscheinend keinen Deut besser, und obwohl es Tarn verunsicherte, reizte es ihn gleichzeitig. Sein ganzes Leben hatte daraus bestanden, dass sich seine Liebhaber von ihm distanzierten, ihn geheim hielten, sich ihrer Anziehung unsicher waren oder sogar schämten. Diese Offenheit war neu und brachte ihn aus dem Konzept.

Um keine Stille entstehen zu lassen fuhr er fort: „Man sagte mir, du würdest mich erwarten.“ Anssi nickte. „Ja. Eigentlich wollte ich mich vorher nur einen Moment ausruhen, aber dann bin ich wohl eingeschlafen. Aber gut, dass du gleich gekommen bist. Ich dachte, ich müsste dich wirklich bestrafen.“ 

Er lächelte schmal, und Tarn wusste im gleichen Moment, dass er nicht scherzte. Aus dem Mund der Dienerin hatten seine Worte komisch gewirkt. Sie hatte nicht die Stimmlage oder den Ausdruck in Anssis Gesicht wiedergeben können, und deshalb war völlig unklar gewesen, ob die Worte tatsächlich eine Drohung oder nur eine Doppeldeutigkeit waren.
Doch jetzt wurde Tarn klar, dass die Bestrafung kein Scherz und keine Anspielung war. Erneut jagte ihm ein Schauer über den Rücken, aber diesmal kein angenehmer, und unbewusst trat er einen Schritt zurück. Die meiste Zeit über hatte Anssi beherrscht, aber doch zugänglich gewirkt, schwer zu beeindrucken und noch schwerer zu verärgern. Doch in diesem kurzen Moment wirkte er kalt und gleichgültig, seine Mimik versteinert, und in Tarn keimte der Verdacht, dass er zu der Sorte Menschen gehörte, die man besser nicht gegen sich aufbrachte. 

Anssi musste seinen verunsicherten Blick bemerkt haben, denn so schnell wie der Ausdruck in seinem Gesicht erschienen war, verschwand er und wurde durch ein warmes Lächeln ersetzt. Es war so einnehmend, dass Tarn fast vergessen hätte, dass er sich vor Sekunden noch unwohl gefühlt hatte, und er zuckte nicht zurück, als Anssi näher auf ihn zu trat. „Aber jetzt bist du hier“, sagte er und fügte lächelnd hinzu: „Und diesmal sauber.“ Er war zu seinem spöttischen Ton zurückgekehrt, und Tarn ließ sich nur zu gern darauf ein, allein um die Anspannung loszuwerden, die ihn vor Sekunden noch ergriffen hatte. Und hatte er sich nicht überlegen geben wollen?

Um etwas Boden zu gewinnen hielt er Anssi vor: „Du hättest mir auch eher Bescheid sagen können. Woher hätte ich wissen sollen, dass du mich erwartest? Du hast mich schließlich vor die Tür gesetzt.” Seine Worte hatten eigentlich herausfordernd wirken sollen, aber Anssi lächelte nur und trat noch näher an ihn heran. Ohne Hemmungen schlang er seine Arme um Tarn und zog ihn zu sich. Aus der Nähe wurde erst sichtbar, wie müde er eigentlich war. 
„Ich musste dich weg schicken. Glaub mir, ich hatte mehr mit dir vor, aber die Arbeit ist wichtiger“, murmelte er, plötzlich versöhnlich. So nah an seinem Ohr war Anssis Stimme tiefer und rauer, und der Klang ließ Tarn innerlich vibrieren. Anssis Körper schmiegte sich an ihn, warm und geschmeidig, wie eine Katze, die sich einen warmen Schlafplatz suchte, und entgegen seiner Pläne war er schon wieder völlig unfähig ihm zu widerstehen.

Wie konnte er auch? Immer wenn er sich gerade auf eine Stimmung dieses launenhaften Bastards eingestellt hatte, gab er sich im nächsten Moment völlig anders, erst abweisend, dann spöttisch, dann anschmiegsam. Und irgendwie schien es, dass er sich nur so verhielt weil er genau wusste, dass er Tarn damit einfing, und das löste nur noch mehr Chaos in ihm aus. Anssi wollte ihn für sich gewinnen, wollte ihn in der Hand haben. Oder nur lange genug an sich binden, um das zu bekommen was er wirklich wollte?

Tarn war es egal, er umschloss sein Gesicht mit den Händen, küsste ihn, und gestand sich ein, dass er sich die ganze Woche danach gesehnt hatte. Nicht nach irgendeinem Kuss, nach diesem, und nur diesem. 
So weit war es also schon gekommen. Er hätte eher zurück kehren müssen, er hätte diese Gefühle von Anfang an bekämpfen müssen. Er nahm sich vor, sich diesmal nicht abspeisen zu lassen, bevor er noch einmal eine Woche damit zu brachte sich nach einem einzigen, bedeutungslosen Kuss zu verzehren. Er musste seine Unabhängigkeit beschützen, und seinen Stolz.

(I) Aber er verbuchte es als Sieg, dass er Anssi nicht kalt ließ, im Gegenteil. Der entledigte sich seiner Handschuhe, auch ohne dass Tarn ihn darum bitten oder sie selbst abstreifen musste. Dann löste er das noch feuchte Tuch um Tarns Hüften, ließ es achtlos zu Boden fallen, und genüsslich ließ er seine Hände über seine nackte Haut wandern. Er stöhnte leise auf, als Tarn seine Erektion durch den Stoff seiner Kleidung berührte und drängte sich ihm weiter entgegen, forderte ihn regelrecht auf, mehr zu tun.

„Warum hast du nur so lange gewartet zurück zu kommen?“, fragte er, und Tarn konnte nicht anders als ehrlich zu antworten. „Du hast mich raus geworfen. Ich dachte, damit hat sich das erledigt.“ Anssi hielt für einen Moment inne, schnaubte amüsiert und schüttelte den Kopf. „Du denkst doch nicht, dass einmal genug ist. Ich bin noch längst nicht mit dir fertig, und außerdem schulde ich dir noch etwas.“
Er hatte also nicht vergessen, wie er Tarn zurückgelassen hatte. Das Versprechen auf Wiedergutmachung gab Tarns ohnehin schon strapazierten Geduld den Rest. „Dann fang endlich an“, sagte er drängend und schob Anssi nachdrücklich in Richtung des Ankleidezimmers, in der Erwartung, dass es so ablaufen würde wir beim letzten Mal. Zu seiner Überraschung hielt Anssi ihn ab und schüttelte den Kopf. „Nicht dorthin. Komm ins Bett.“ 

Diesmal war es Tarn, der inne hielt und Anssi ungläubig anstarrte. Hatte er sich gerade verhört? Sicherheitshalber fragte er nach: „Im Ernst?“ „Warum nicht? Was sollte uns davon abhalten?“, antwortete Anssi gelassen. „Ich weiß nicht. Ich meine, es ist dein Bett. Du schläfst hier, oder? Wenn es schmutzig wird-“, begann er, aber Anssi unterbrach ihn zu gleichen Teilen amüsiert und ungeduldig: „Mach dich nicht lächerlich. Ich lasse jeden Tag die Laken wechseln.“ 
Tarn blieb der Mund offen stehen. Jeden Tag? Das war Irrsinn, einfach unbegreiflich. Aber es passte. Es passte zu all diesem verschwenderischen Luxus, zu den Handschuhen, dieser Fixierung auf Sauberkeit.

Bevor er überhaupt Gelegenheit gehabt hatte, diese Information zu verarbeiten, schob Anssi ihn schon weiter, und als seine Knie an die Kante des Bettes stießen gab er einfach auf. Wollte er sich wirklich darüber beschweren, dass er im Bett seines Liebhabers landen würde? Das war doch albern.
Er legte sich nicht hin, sondern lehnte sich mit dem Rücken an den protzigen Betthimel an, und Anssi folgte ihm und stieg auf seinen Schoß. Tarn konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, weil es die gleiche Position wie beim letzten Mal war. Sie küssten sich, aber Anssi hielt sich nicht lange damit auf und ließ seine Zunge und seine Hände über Tarns ganzen Körper wandern, schlossen sich schließlich um sein Glied und begannen ihn zu massieren. Tarn wollte ihn ebenfalls berühren, aber Anssi schob ihn sanft von sich. „Lass mich meine Schuld begleichen“, sagte er, und Tarn nickte und schloss die Augen, ließ sich treiben. Dennoch wanderte seine Hand wie von selbst in Anssis Nacken, vergrub sich in dem weichen Haar, und er betete stumm, dass wenigstens diesmal niemand kommen und sie unterbrechen würde.

Als er gerade dachte, dass er es nicht mehr lange aushalten würde, erhob sich Anssi. Tarn öffnete die Augen und wollte schon protestieren, doch statt Anssis Händen spürte er im nächsten Moment seinen Mund, der sich heiß und feucht um sein Glied schloss. Verdammt, er hatte Erfahrung in dem was er da tat, und reflexartig spannte sich Tarns Körper an. Er stöhnte auf und warf den Kopf zurück, und wurde im nächsten Moment von Anssi zurück gezogen. „Sieh mich an“, befahl er, und er wartete so lange ab, bis Tarn tatsächlich den Kopf senkte und zu ihm hinab sah, direkt in seine kühlen blaugrauen Augen. Ja, er wollte es sehen, er wollte jeden einzelnen Moment davon miterleben, und Tarn wurde plötzlich klar, dass sie darin übereinstimmten. Stolz. Er war stolz auf sein Können, auf seine Fähigkeit ihm Lust zu bereiten.

Er konnte nicht weiter darüber nachdenken, weil er im selben Moment seinen Höhepunkt herannahen fühlte. Reflexartig griff er in Anssis Haar, hob ihm sein Becken entgegen, versenkte sich so tief wie er konnte in ihm. Anssi lächelte während er kam und dabei aufschrie, und er ließ nicht eher nach, bis Tarn ihn zurück hielt. „Genug“, flehte er, und Anssi ließ von ihm ab, stand auf und ging in den Nebenraum. Während er sich den Mund ausspülte, ließ Tarn sich erschöpft zurück fallen und atmete stoßweise, aber er musste auch grinsen. Einerseits weil er jetzt tatsächlich seine ersehnte Befriedigung bekommen hatte, und andererseits weil er mit sich selbst gewettet hatte, ob Anssi so weit gehen würde zu schlucken. Natürlich nicht, damit hatte er fast gerechnet. Ein Wunder, dass er sich nicht sofort die Zähne putzte.

Im nächsten Moment kehrte Anssi schon wieder zurück, sah ihn grinsen und hob fragend eine Augenbraue, aber Tarn winkte ab. „Nichts“, sagte er amüsiert. Er war in viel zu versöhnlicher Stimmung, als dass er Anssi jetzt damit aufgezogen hätte, stattdessen stand er auf und zog ihn wieder zu sich aufs Bett, und Anssi ließ es bereitwillig geschehen. „Mehr?“, fragte er, und Tarn wiederholte seine Worte, bemühte sich sogar seinen Tonfall zu imitieren, als er sagte: „Du denkst doch nicht, dass einmal genug ist.“ 
Anssi lachte, tatsächlich amüsiert, und das machte alles nur noch besser, erfüllte Tarn mit dem selben Stolz den er fühlte, wenn er ihn befriedigte. Er lachte so selten, aber umso mehr faszinierte es Tarn, und umso mehr nahm er sich vor, mehr von diesen Momenten aus ihm heraus zu holen. Nicht das spöttische, kühle Lachen, das er schon von ihm gehört hatte, sondern ein ehrliches, amüsiertes Lachen. Aber zuerst würde es ihm ausreichen, wenn er sich einfach nur hingab.

Tarn zog Anssi zu sich, küsste ihn wieder, und begann, seinen Körper durch seine Kleidung hindurch zu reizen. Anssi gab sich dem bereit willig hin und blieb selbst nicht untätig, erforschte Tarns Körper weiter mit seinen Händen.
Aber je länger es dauerte, desto weniger gefiel es Tarn. Es war nicht so, dass die Kleidung ihn behinderte; Es war mühsam, Anssis Erektion durch zwei Lagen Stoff zu stimulieren, aber nicht unmöglich, und so viel er spürte und hörte, arbeitete er sich gerade zielgerichtet auf seinen Orgasmus zu. Aber es genügte Tarn nicht, und je länger er Anssi berührte, desto frustrierter fühlte er sich, dass er seine Haut nicht berühren konnte. Das letzte Mal hatte es ihm nichts ausgemacht, weil mit Anssi zu schlafen neu und ungewohnt war, aber jetzt störte es ihn.

Irgendwann bemerkte selbst Anssi, dass etwas nicht stimmte und hielt inne. Einen Moment sahen sie sich schweigend an, dann begann Tarn wie von selbst: „Kannst du wenigstens-“ „Nein“, war die kalte Antwort, und Tarn versuchte gar nicht erst so zu tun, als wüssten sie nicht beide worum es ging. „Und was wäre so verdammt schrecklich daran?“, begann er, und ließ sich auch nicht davon abhalten, dass Anssis Miene sich weiter verdüsterte. Er verfluchte sich dafür, gerade jetzt einen Streit vom Zaun zu brechen, aber er hatte das Gefühl, sonst wahnsinnig zu werden. Er wollte mehr, er brauchte mehr, mehr als nur diesen Abklatsch einer echten Berührung. Gott, es war ihm völlig egal, was oder wie viel, nur mehr als sein Gesicht und seine Hände. Er hätte sich mit einem verdammten Arm zufrieden gegeben, so verzweifelt sehnte er sich nach irgendeiner Form von direkter Berührung. „Es geht schließlich auch ohne die verdammten Handschuhe. Wenn-“

Er kam nicht weiter, weil er plötzlich gepackt und mit einer Kraft, die er Anssi nicht getraut hätte, gegen den Betthimmel geworfen wurde, und es trieb ihm die Luft aus den Lungen. Seine Arme wurden gepackt und zurück gebogen, so grob, dass er schmerzerfüllt auf zischte, und über seinem Kopf zusammen gehalten. In diesem Moment wurde ihm klar, dass er zu weit gegangen war. Er hatte keine Angst, noch nicht, aber mit einem Blick in Anssis versteinertes Gesicht wusste er, dass er jetzt vorsichtig sein musste. Sonst was?, fragte ein rebellischer Teil seiner selbst. Was soll er tun? Er ist größer als du, aber er wiegt vermutlich weniger, und im Gegensatz zu dir hat er sich vermutlich nie mit jemand geschlagen. Du könntest ihn säuberlich zusammen falten. Und dann? Wäre es vorbei, und alles in ihm sträubte sich dagegen. Er war nicht bereit, nachzugeben, aber er wusste jetzt auch, dass es eine Grenze gab. Wie weit konnte er sie ausreizen?

Er wehrte sich nicht, sondern ließ sich stumm festhalten, während Anssi ihn wütend anstarrte. „Ich hasse es, mich zu wiederholen“, zischte er, „Aber aus reiner Güte werde ich es für dich ein letztes Mal ausformulieren: Nein.“ Tarn hielt seinem Blick stand, auch wenn seine Handgelenke schmerzten. „Du weißt, dass du damit das Beste verpasst?“, fragte er leise, und obwohl er es hasste sich so anbiedern zu müssen, wusste er doch, dass es sein stärkstes Argument war. Und Anssi wusste das auch, Tarn sah es in seinen Augen. 
Das, und noch mehr. Mit einem Mal begriff er, dass Anssi Angst hatte. Wovor? Er hatte keine Ahnung. Aber was es auch war, es war mächtig genug, um diese starke Abwehr bei ihm hervor zu rufen, und obwohl er es versuchte, konnte er diese Furcht nicht überspielen. Nicht einmal, als Tarns Handgelenke noch fester als zuvor zusammen drückte und sagte: „Die Frage ist doch, was versprichst du dir davon? Was willst du eigentlich? Ich bin so großzügig, dir dein wertloses Leben zu retten, und jetzt stellst du Forderungen? Was willst du?“

Tarn konnte es selbst kaum erklären. Was wollte er eigentlich? Plötzlich stellte er selbst in Frage, warum er sich überhaupt mit Anssi anlegte. Warum machte er sich überhaupt die Mühe, wenn er überall etwas Besseres und Unkomplizierteres fand? Und weil er es selbst nicht wusste suchte er Zuflucht in den Worten, wegen denen er überhaupt hier war. 

„Ich will dich haben“, sagte er. 
Es schien gleichzeitig das Richtige und das Falsche zu sein, denn obwohl sich Anssis Augen verengten hörte er auf, Tarns Handgelenke so fest zu umfassen. Er musterte ihn mit einem grimmigen Blick, dann sagte er bitter: „Du weißt gar nicht, was du dir da wünschst“, und bevor Tarn wusste wie ihm geschah, legte er seine linke Hand über seine Augen. Reflexartig schloss er sie, und Dunkelheit umfing ihn. Anssi ließ auch seine andere Hand los, verlagerte sein Gewicht, und Tarn wollte gerade fragen was er vor hatte, als seine rechte Hand ergriffen und geführt wurde. Er berührte warme Haut und schloss reflexartig die Hand darum, fühlte die Weichheit der Haut und die Härte darunter. Anssi atmete aus, mehr ein Seufzen als ein Keuchen. „Das war das, was du wolltest, nicht wahr?“, raunte er Tarn zu, und obwohl er erregt klang, hörte Tarn nach wie vor deutlich, dass er auch wütend war. Vielleicht noch wütender als zuvor. „Fang an.“

Tarn nickte stumm, begann ihn zu massieren, und reflexartig ließ er den anderen Arm ebenfalls sinken, wollte nach Anssi greifen, aber er wurde von ihm aufgehalten. „Lass das“, keuchte er, und fixierte seine zweite Hand wieder über seinem Kopf, genauso grob wie zuvor, und Tarn bis die Zähne zusammen. Alles was er bekam war ein verdammter Kompromiss. Er konnte Anssi berühren, aber weder konnte er seine Hände wandern lassen, noch konnte er ihn betrachten und den Ausdruck seines Gesichtes sehen. Mit wachsender Verzweiflung erkannte er außerdem, dass seine eigene Erregung zurück gekehrt war, vielleicht schon seit der Sekunde, in der er endlich Haut gefühlt hatte. Und jetzt konnte er nicht einmal etwas dagegen unternehmen; nicht, wenn seine zweite Hand nach wie vor von Anssi festgehalten wurde. 

Es war frustierend, aber er schob alles beiseite, konzentrierte sich darauf zu fühlen und zu lauschen, um zu wissen, ob er den richtigen Rhythmus hielt. Und war das alles nicht irgendeine Art von Fortschritt? Ein Eingeständnis? Wenn er sich geschickt anstellte, wenn er nur genug Zeit investierte, würde er am Ende die Oberhand behalten.
Aber würde er das wirklich? Anssi küsste ihn, und sein warmer Atem streifte Tarns Oberkörper, verursachte eine Gänsehaut überall auf seinem Körper, die nur stärker wurde, als seine nackte Haut von Anssis Zunge liebkost wurde. Er quälte Tarn, schürte während er sich befriedigen ließ sein Verlangen. Und obwohl er völlig abhängig davon war dass Tarn einfach weiter machte, hatte er ihn doch in der Hand.

Warum wehrte er sich nicht? Warum ließ er sich dominieren? Tarn hatte keine Antwort darauf, nur dass er es gleichzeitig hasste und liebte, und sein Bestes gab in der vagen Hoffnung, dass es sich am Ende lohnen würde.

Dann stöhnte Anssi auf, und während er sich, noch gefangen in seinem Orgasmus, Tarn entgegen lehnte und ihn innig küsste, zuckte Tarns gefesselte Hand ihm entgegen. Wollte ihn berühren, nur fühlen, dass er es richtig gemacht hatte, die Bestätigung im hämmernden Herzschlag und dem Schweiß auf der erhitzten Haut finden. Und erhielt nichts davon. Heißer Samen lief über seine rechte Hand, und als er endlich los ließ, ihn zumindest mit dieser Hand berühren wollte, wurde sie weg geschlagen. Unsauber. Als ob er es nicht geahnt hätte.

Bevor er etwas sagen konnte und ohne dass er seine zweite Hand endlich befreien konnte, rückte Anssi seine Kleidung zurecht, erst dann ließ er von ihm ab. Tarn öffnete die Augen. Obwohl nur Minuten vergangen waren erwartete er irgendwie, dass die Nacht hereingebrochen sein musste. Und obwohl sein ganzer Körper sich heiß fühlte und nach Befriedigung schrie, rückte alles in den Hintergrund, als er sah dass Anssi ihn grimmig anstarrte. Befriedigung oder nicht, er war immer noch wütend, oder noch wütender als zuvor. „Da hast du, was du wolltest“, sagte er schwer atmend, und ohne ein weiteres Wort erhob er sich vom Bett, griff seine Jacke und ging zur Tür. (I)

Tarn starrte ihm perplex hinterher, bis er begriff, dass das kein Scherz war. Schon wieder? Er wurde schon wieder einfach sitzen gelassen?
Anscheinend ja. Anscheinend war er wie dafür gemacht, benutzt und weggeworfen zu werden, und dieser Gedanke machte ihn fast rasend. Wütend sprang er auf und folgte Anssi. „Achso, war‘s das jetzt? Darf ich jetzt gehen?!“, fragte er aggressiv, und Anssi wandte sich um und gab ihm einen Stoß vor die Brust, der ihn einen Schritt zurück warf, bevor er ihn geringschätzig musterte und sagte: „Du bist entlassen, wenn ich keine Verwendung mehr für dich habe.“ Er klang gelassen, geschäftsmäßig, und er war innerhalb von Sekundenbruchteilen zu seiner hochmütigen, spöttischen Tonlage zurück gekehrt. „Bis dahin wirst du dich hier einfinden, wenn ich nach dir rufe, und tun, was ich von dir verlange. Du bist mein Eigentum, und ich entscheide, was mit dir geschieht.“ „Denkst du, du kannst mich hier einfach so sitzen lassen? Schon wieder?!“, spie Tarn wütend, „Denkst du, das lasse ich mir jedes Mal gefallen?! Ich kann auch zum nächsten gehen!“ Anssi zuckte gleichgültig mit den Schultern, und sein Blick war eisig. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie wenig mich das interessiert. Du kannst vögeln wen du willst und wann du willst.“ Er öffnete die Tür, zog sich seine Jacke über, warf ihm einen letzten, drohenden Blick zu und sagte: „Aber wenn dein Herr dich ruft, bist du zur Stelle.“
Damit verließ er den Raum und warf die Tür hinter sich ins Schloss.

Tarn stand für einen Moment völlig perplex da. Das zweite Mal! Er war wirklich das zweite Mal einfach stehen gelassen worden! „Fahr zur Hölle!”, fluchte er die geschlossene Tür an, aber natürlich hörte ihn Anssi nicht mehr. Weiß der Teufel, wohin er unterwegs war oder was er jetzt tun würde. Tarn war sich jedoch sehr sicher, was er selbst als nächstes tun würde. 
Er wusch sich, zog sich an und stapfte in Richtung der Quartiere der Knechte, mit dem festen Ziel, jemand zum Aufreißen zu finden und seine ganze Wut und aufgestaute Energie an ihm abzulassen.

Das dauerte weniger lange, als er gedacht hatte. Auf halbem Weg lief er dem Diener über den Weg, der ihn vor kurzem noch verspottet hatte. Er erkannte ihn, und setzte zu einer Bemerkung an, bis er bemerkte, in welchem Zustand Tarn war. Sein Blick glitt über sein zerzaustes Haar, sein gerötetes Gesicht und blieb, vermutlich ohne dass er es zuerst beabsichtigt hatte, an seiner deutlich sichtbaren Erektion hängen. Tarn ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, er hatte keine Zeit für Unsinn, stattdessen fragte er gerade heraus: „Immer noch neidisch? Du hast Glück, das lässt sich gerade ändern. Entscheide dich schnell, sonst suche ich mir den nächsten.“
Natürlich fühlte der Andere sich ertappt, aber es ging schließlich nur um ein paar Minuten in einem dunklen Abstellraum, und deshalb war die Antwort wie so oft ein „Ja“. Der Kerl war ein absoluter Anfänger, aber Tarn war so überreizt, dass es keine Rolle spielte, und im Gegenzug schickte ihn mit seinem Mund in den siebten Himmel und war schon verschwunden, bevor sie auch nur dazu kamen ein einziges weiteres Wort zu wechseln. 

Und damit hätte es eigentlich enden können. Vielleicht hätte es an diesem Punkt enden sollen. Aber wenn die Kränkung, die Wut und die schmerzenden Fingerspuren an seinen Handgelenken, dort, wo Anssi ihn gepackt und festgehalten hatte eines bewirkten, dann nur, dass Anssi noch mehr als zuvor durch Tarns Kopf spukte, egal ob er wach war oder schlief. Noch häufiger, wenn er träumte.
War es das, was Anssi wollte? Wer konnte das schon sagen. Es vergingen drei Tage, in denen die blauen Flecke auf Tarns Handgelenk sich erst lila und dann grünlich färbten. 

Dann kehrte Tarn zurück, und er redete sich ein, dass er endlich einen Schlussstrich ziehen wollte. Er brachte sogar die Willenskraft auf, völlig ungewaschen zu erscheinen, unangemeldet und wütend. Anssi warf ihm einen einzigen Blick zu und kippte eine Kanne Wasser über ihm aus. „Was an dem Wort »sauber« verstehst du nicht?“, fragte er spöttisch, und bevor Tarn ihn zusammenschlagen konnte,  schliefen sie miteinander, und er ließ es sein. Und beim nächsten Mal. Und beim nächsten Mal. Das Spiel begann jedes Mal von vorn.

Warum? Warum ließ er es zu? Vielleicht, weil er es schon immer, für eine gewisse Zeit, ausgehalten hatte. Vielleicht, weil er überhaupt keine Vorstellung davon hatte, was er sonst hätte haben können. Weil Schläge und Liebe schon immer eins gewesen waren.

Die Zusammentreffen zwischen ihnen waren nicht immer so chaotisch, aber eine gewisse Spannung herrschte immer zwischen ihnen. Manchmal entlud sie sich in Wortgefechten, manchmal in Gewalt, am häufigsten in Sex, auch wenn Tarn irgendwann aufgab zu versuchen, näher an Anssi heran zu kommen. Seine Haut tatsächlich zu berühren war und blieb Tabu, und jegliche Ausnahme wurde widerrufen, sobald alles vorbei war.
Manchmal mieden sie einander und sahen sich tagelang nicht, aber wie Magneten zog es sie aus irgendeinem Grund doch immer wieder zueinander. Und immer wenn Tarn kurz davor war aufzugeben, kehrte er doch zurück und begann von Neuem.

Vielleicht, weil es ein Spiel war. Wenn er an jemand Interesse hatte, dann gab er den Ton an, stellte die Regeln auf. Er ordnete sich nicht unter, und er ging keine Kompromisse ein. Und plötzlich hatte er nicht die Oberhand, und statt sich umzudrehen und zu gehen wollte er sich durchsetzen. Er hatte immer wieder das Gefühl, dicht davor zu sein, nur um dann zu erkennen, dass er nicht mit Anssi spielte, sondern er mit ihm.

Natürlich blieb nicht geheim, auf welche Art sie miteinander verbunden waren, aber zumindest hielt sich der Klatsch in Grenzen. Vielleicht, weil Tarn sich hartnäckig ausschwieg, wenn irgendjemand versuchte in ihn zu dringen. Es war nervtötend genug die Blicke zu ignorieren, die ihm seine blauen Flecke einbrachten. Zuerst versteckte er sie, aber irgendwann wurde er auch das Leid. Sie heilten von selbst, und er bekam nicht ständig neue, nur wenn sie sich stritten oder besonders rücksichtslos zur Sache gingen, und letzteres war ihm im Grunde auch egal.
Nur einmal sah Karvash sie. Der Alte legte keinen Wert darauf Tarn zu überwachen, aber als sie sich über den Weg liefen musterte er die frischen blauen Flecken, die Tarn sich erst am vorigen Tag zugezogen hatte, und er lächelte unangenehm. Er verlor kein Wort dazu, allein deshalb, weil sie sich nur im Vorbeigehen begegneten und Karvash konzentriert auf einen seiner Verwalter einredete. Aber für einen Sekundenbruchteil war Tarn sicher, dass Karvash ganz genau gewusst hatte, warum er Anssi freie Hand gelassen hatte, was ihn anging. 

Und wenn das der Wahrheit entsprach, war er dann einfach ein Idiot, der die Wahrheit nicht sehen wollte? Dass Anssi seine Strafe war?

Und dann schob er alles von sich, weil es lächerlich war. Er hatte die Situation unter Kontrolle. Er hatte den Klatsch unter Kontrolle. Und es konnte nicht so schlimm sein. Das wusste er, weil derjenige, der sonst das meiste Interesse an ihm zeigte, ihm nie Fragen zu diesem Thema stellte.

Nicht, dass Jefrem ihn nicht beachtete oder gar beobachtete, im Gegenteil, er entwickelte ein reges Interesse an Tarn und seinen Fähigkeiten. Wie sich heraus stellte war Tarn allerdings nicht der alleinige Fokus seiner Bemühungen, sondern jeder seiner Knechte. Er griff sich immer wieder einzelne von ihnen heraus, meist wenn es gerade etwas ruhiger war oder eine Aufgabe nicht unbedingt alle Hände erforderte. Das begriff Tarn erst, als er zum ersten Mal Zeuge dessen wurde, was Danilo »Jefrems Schule« nannte.

„Was soll das heißen?“, fragte er, als er das erste Mal hörte wie Danilo und Viljo darüber sprachen, und sie sahen erstaunt zu ihm herüber, weil es selten war, dass er vor ihnen das Wort ergriff. Tatsächlich mied Tarn die anderen Knechte in den ersten Wochen, wenn er damit durch kam. Manche akzeptierten es, aber der harte Kern um Jefrem ließ sich, genau wie Jefrem selbst, nicht davon abschrecken.
Viljo und Danilo hielten sich öfter in Tarns Nähe auf, versuchten ihm zu helfen wenn sie sahen, dass seine Schulter ihm zu schaffen machte. Immer wieder begannen sie Gespräche mit ihm, und widerwillig musste er zugeben, dass sie ihr Handwerk gut verstanden und er auch einiges von ihnen lernen konnte. Aber er hatte sie trotzdem noch nie von sich aus angesprochen. 

Jedenfalls schienen sie die seltene Gelegenheit nutzen zu wollen, denn Danilo beeilte sich eine Erklärung zu finden. „Wirst du vermutlich auch bald zu spüren bekommen. Manchmal greift sich Jefrem einen von uns, und bringt uns irgendwas bei.“ „Und was?“, fragte Tarn, weil das bemerkenswert vage klang. „Was wir noch nicht können“, sprang Viljo ein, „Nicht jeder, der her kommt, weiß so gut über Pferde Bescheid. Die meisten sind einfach Arbeiter. Jefrem bringt uns alles bei, was wir lernen oder verbessern müssen. Beschlagen, Hufeisen schmieden, Krankheiten erkennen. Ich glaube, Mischa bringt er Lesen bei.“ 

Tarn hörte unwillig zu. Was war das nun wieder? Verschwendete Jefrem wirklich seine Zeit, um Kerlen wie Mischa etwas beizubringen? Menschlichen Mauleseln, deren einziger Nutzen darin bestand schwere Lasten zu tragen? „Sollte er nicht lieber seinen Nachfolger ausbilden?“, fragte Tarn mürrisch, und Danilo zuckte mit den Schultern. „Bisher hat er keinen. Er sagt, er weiß noch nicht, wer von uns geeignet ist. Wir hätten alle das Zeug dazu, aber müssten noch viel lernen. So ist er einfach“, fügte er schnell hinzu, als er sah wie Tarns Miene sich mit jedem Wort verdüsterte, als wäre er gerade persönlich beleidigt worden.

In gewissem Sinne fühlte er sich auch so. Sein eigener Vater hatte Jahre in die Aufgabe investiert seinen Sohn sorgfältig auszubilden, ihn frühzeitig in alles eingewiesen für den Fall, dass er ein so schnelles Ende wie Tarns Großvater nahm, und Jefrem? Vertrödelte Zeit, bildete mehrere Männer aus, hatte keinen festen Nachfolger! Was für ein Idiot. Aber das würde er ganz bestimmt nicht vor diesen beiden ausbreiten; die hatten keine Ahnung und waren durch und durch Jefrems Leute. Vermutlich hätten sie jede seiner hirnrissigen Entscheidungen gerechtfertigt. 
„Verstehe“, murmelte er abweisend und ging, während Danilo und Viljo sich ansahen und mit den Schultern zuckten. Wirklich schlau wurden sie nicht aus seinem Verhalten.

Es dauerte nicht lange, bis Jefrem auch Tarn beiseite nahm. Tarn hatte damit gerechnet, aber gleichzeitig hatte er hochmütig beschlossen, dass es nichts mehr gab, das man ihm beibringen konnte. Sein Vater hätte ihn vielleicht noch weiter ausbilden können, aber er bezweifelte, dass Jefrem mehr wusste als er. Umso überraschter war er, als Jefrem ihm eines Morgens seine Pranke auf die Schulter legte und verkündete: „Komm, Junge, wir haben auswärts zu tun!“
Tarn hatte gerade Pause gemacht, denn an diesem Morgen gab es kaum etwas zu tun. Karvash war mit einigen der Pferde unterwegs, der Stall sauber, und keine Arbeit liegen geblieben. „Auswärts wo?“, fragte er perplex. Er hatte bisher immer gedacht, dass es ihm nicht erlaubt war das Anwesen zu verlassen, aber vielleicht galt diese Regel ja nicht für altgediente Sklaven wie Jefrem. Der stapfte jedenfalls bedenkenlos mit Tarn im Schlepptau quer durch das Anwesen und aus dem Haupteingang, wobei er einen der Wächter grüßte, und erklärte: „Ein Freund von mir hat einen Freund, der jemand kennt, der ein Problem mit seinen Pferden hat. Werden wohl immer wieder krank. Wir werden uns das ansehen!“

Von einem Moment auf den anderen hob sich Tarns Laune beträchtlich. Das klang nach einer Aufgabe, die er gern übernahm und vielleicht sein Können forderte. Er sorgte auch gern für Karvashs Pferde und dankte dem Himmel, dass sie so gesund waren, aber gleichzeitig war das keine Herausforderung. Früher, unter seinem Vater, hatte er mit ihm auch Pferde behandelt die die Dörfler zu ihnen brachten oder die Reittiere von Reisenden die Rat bei ihnrn suchten, und deshalb hatte er viel zu tun gehabt und es mit allen möglichen Krankheiten zu tun bekommen. Aber Karvashs Tiere bekamen alles was sie brauchten, wurden selbst im Einsatz gut behandelt und ständig versorgt. Selbst ihre leichten Verletzungen heilten unter diesen Bedingungen innerhalb kürzester Zeit, und krank wurden sie selten. Wenn Tarn jetzt Gelegenheit bekam sein Wissen anzuwenden, dann ergriff er sie gern. Voller Erwartung folgte er Jefrem aus dem Tor und hinaus, und vor Vorfreude vergaß er sogar, dass er sich vor kurzem noch gesträubt hatte etwas Neues zu lernen.

Unerwartet genoß er außerdem, dass er endlich etwas von der Stadt zu sehen bekam.  Er war bei Nacht in Luteija angekommen, von Karvashs Handlangern wie Vieh transportiert, und danach war er die ganze Zeit im Anwesen eingesperrt gewesen und hatte die Außenwelt nur durch Fenster betrachtet. Umso neugieriger sah er sich jetzt um.
Es war noch früh am Tag, und die Straßen von Luteija dicht bevölkert. Während Tarn darauf achtete Jefrem nur nicht zu verlieren betrachtete er die mehrstöckigen Häuser, die zahlreichen öffentlichen Gebäude, Geschäfte und Werkstätten, mehr, als er jemals zu Gesicht bekommen hatte. Sie überquerten auch ein oder zweimal kleine Plätze, aber hauptsächlich schien die Stadt aus endlosen verwinkelten Gassen zu bestehen, manchmal mit groben Steinen gepflastert, manchmal völlig im Schlamm versunken. Über allem lag der Gestank nach Abfall, Rauch und tausenden von Menschen, aber dann und wann, wie eine kleine Wohltat, war eine Gasse erfüllt mit dem Geruch nach frischen Brot oder scharfen Kräutern, und zumindest dort wagte Tarn auch durchzuatmen.

Er bemerkte gar nicht, wie Jefrem ihn beobachtete, und vermutlich wurde ihm auch gar nicht bewusst, dass der Alte mehrmals die Richtung änderte. Noch fand sich Tarn nicht im Wirrwarr der Straßen zurecht und wusste deshalb nicht, dass Jefrem einen weiten Umweg nahm, aber vielleicht würde es ihm später irgendwann auffallen, wenn er sich besser zurecht fand. Jefrem hatte eigentlich nicht geplant Tarn herumzuführen, aber konfrontiert mit so viel Neuem, das ausnahmsweise weder Tiere noch andere Menschen direkt betraf, schien der Junge aufzublühen. Er sah sich wach um, beobachtete seine Umgebung genau, und so gönnte Jefrem ihm die Gelegenheit, sich umzusehen solange noch alles neu für ihn war, und schmunzelte in sich hinein.

Sie waren wohl eine halbe Stunde quer durch die Stadt unterwegs bis sie schließlich ihr Ziel erreichten. Auf den letzten hundert Metern nahm der Gestank allerdings immer weiter zu. Bevor Tarn fragen konnte, nickte Jefrem in eine bestimmte Richtung und erklärte: „Der Fluss. Ein verdammtes Dreckloch, sag ich dir. Man kann ihn bis hierher riechen.“
Der Pferdeverleih, den sie schließlich erreichten, schien nah am Ufer des Flusses gebaut. Schon beim Hereinkommen fiel Tarn auf, dass hier anscheinend wesentlich nachlässiger als in Jefrems Stall gewirtschaftet wurde, aber es war auch viel Betrieb. Pferde wurden herein und heraus geführt, und einer der Knechte stritt sich lautstark mit einem jungen Mann, der neben einem völlig abgehetzten Pferd stand und es anscheinend einfach wieder abgeben wollte. Jefrem warf nur einen Seitenblick hinüber, musterte kurz die teure Kleidung und das hochmütige Gebaren des Mannes und murmelte etwas Abfälliges, das Tarn nicht verstehen konnte, dann stapfte er weiter.

Auf halbem Weg kam ihnen ein Knecht entgegen, der sich nicht mit Geschwätz aufhielt. „Was für ein Pferd wollt ihr mieten?“, fragte er kurz angebunden, aber Jefrem schüttelte nur den Kopf. „Gar keins, wir wurden gerufen, um uns die Pferde anzusehen. Dein Stallmeister, wie hieß er noch… Deegan?“ Er stolperte etwas über die Aussprache, fasste sich aber schnell und fuhr fort. „Oder so ähnlich. Melde uns beim ihm.“ Der Knecht betrachtete sie misstrauisch, sowohl den völlig abgerissenen Jefrem, als auch Tarn, der ihm wohl zu jung vor kam. Nach einer Bedenksekunde drehte er jedoch um und verschwand im Getümmel.

„Nicht gerade der beste Stall“, murmelte Tarn und warf kritische Blicke auf die angebundenen Pferde und die, die herein geführt wurden. Es war wahrhaft ein Unterschied wie Tag und Nacht zwischen diesen Tieren und denen, die er den ganzen Tag in Karvash Stall versorgte. „Die Tiere haben hier viel mehr auszustehen, und manchmal werden sie von den Kunden auch völlig ruiniert“, meinte Jefrem. „Kerle wie der da draußen leihen sich ein Tier, lassen ihm keine Pause, reiten es manchmal bis es zu Schanden geht, und schaffen es dann hierher zurück, um für einen laufenden Kadaver noch ihr Pfand zurück zu bekommen.“ Tarn horchte auf, weil er Jefrem selten wütend erlebt hatte; jetzt schien Ärger in ihm zu brodeln, gerechter, mächtiger Zorn auf jemand, der so etwas einem Pferd antun konnte. Und Tarn konnte nicht anders als ihm zustimmen. „Kann man nichts dagegen tun?“, fragte er, und Jefrem schüttelte traurig den Kopf. „So ist das Verleihgeschäft leider. Kann sich keiner leisten, zwielichtige Kunden weg zu schicken.“

Bevor er noch mehr sagen konnte, kehrte der Knecht zu ihnen zurück. In ihrem Schlepptau folgte ihm ein junger Mann, nur drei oder vier Jahre älter als Tarn. Er war so stämmig wie Jefrem und hatte leuchtend orangerotes Haar, das Tarn spontan an Karotten erinnerte. Er sah die beiden, und sein müdes und ein wenig besorgtes Gesicht hellte sich auf. „Willkommen!“, grüßte er offenherzig und mit einem breiten Akzent, packte Jefrems Pranke mit seiner eigenen und schüttelte sie so kräftig, dass er ihn fast aus den Schuhen hob. Danach kam Tarn an die Reihe, der gleich darauf das Gefühl hatte, dass seine Hand nur noch Brei war. 
Allerdings schien der Kerl nicht aus bösem Willen so fest zu zupacken, denn er grinste breit und fragte: „Also schön, welcher von euch zweien ist Jefrem?“ „Wer bist du überhaupt?“, fragte Tarn zurück, und der junge Mann lachte. „Ah, wo bleiben meine Manieren, die mir meine Ma so fleißig eingeprügelt hat? Ich bin Deegan, der Stallmeister hier.“ Er bemerkte ihre verwunderten Blicke und fügte hinzu: „Nachfolger meines seligen Vaters, möge er in Frieden ruhen! Er ist leider zu früh von uns gegangen, und seitdem bin ich hier für alles verantwortlich!“ „Ich bin der, den du sehen wolltest“, antwortete Jefrem gutmütig, „und der da ist Tarn. Er wird mir helfen bei der Untersuchung der Pferde. Also, wo liegt denn das Problem?“ „Na, das möchte ich am besten von euch wissen“, meinte Deegan.

Während er sie herumführte, erklärte er: „Wir haben ein Problem damit, dass sich die Hufe der Pferde immer wieder entzünden. Kann aber nicht sagen, woran das liegt. Wir sind nicht nachlässig damit, sie auszukratzen. Wir haben schon einiges versucht, aber die Strahlfäule kommt immer wieder.“ Er führte sie zu einem der Pferde, einem armen Tier, das matt wirkte und trübe Augen hatte. „Können wir uns die Hufe mal ansehen?“, fragte Jefrem, und Deegan nickte und forderte sie mit einer Handgeste auf, näher zu treten. Jefrem gab Tarn einen Wink, und er hob den Huf des Pferdes. Der faulige Gestank warf ihn fast um. "Ziemlich weit fortgeschritten", murmelte er und besah sich alles genau, ließ sich einen Kratzer geben und kratzte etwas von der feuchten Erde beiseite, die sich im Huf gesammelt hatte. Der Huf war eigentlich so weit es ging ausgeschnitten, vielleicht ein bisschen schnell und nachlässig, aber die Fäule war noch da.
„Ihr habt versucht ihn mit Hufteer zu schließen?“, fragte er, als er die Reste davon sah, und Deegan nickte. Tarn sah nicht, dass er Jefrem einen Blick zu warf, der aber nur mit den Achseln zuckte und ihn wieder auf Tarn verwies. Lass ihn machen, er weiß was er tut, war die stumme Botschaft, und Deegan nickte und antwortete: „Ja, hat aber leider nicht viel gebracht. Wir würden die Tiere gern mehr ruhen lassen, damit sie nicht so anfällig sind, aber wir müssen sie verleihen, und da werden sie nun mal nicht geschont.“ Tarn stand auf, sah sich um, scharrte mit den Füßen über den gestampften Boden.  Oberflächlich sah er trocken aus, doch als er mit dem Fuß weiter scharrte war die Erde darunter sehr feucht. 

„Ist der Boden hier immer so?“, fragte er. „Wie, so?“, fragte Deegan irritiert zurück. „So feucht. Merkt das hier keiner? Das muss vom Fluss kommen, der fließt in der Nähe, oder?“, mutmaßte er weiter und grub mit der Hacke seines Fußes tiefer. Es wurde immer schlammiger, je weiter er kam. „Der Wasserstand muss hier sehr hoch sein. Ihr denkt die Pferde stehen trocken, aber sie haben ständig nasse Füße. Da wird jeder krank“, redete Tarn vor sich hin, jetzt völlig sicher in dem was er tat. „Die Feuchtigkeit weicht den Huf auf, und sie stehen hier zu lange und vermutlich zu selten auf festem Boden. Ihr braucht Einstreu, genug, dass die Pferde wirklich trocken stehen, oder müsst sie öfter anderswo hin führen. Die Hufe werden ja regelmäßig ausgeschnitten?“ „So oft wie wir können“, sagte Deegan. Er war zuerst selbstsicher aufgetreten, doch Tarns plötzlicher Kommandoton und seine kurzen und präzisen Anweisungen verunsicherten ihn sichtlich. Er schien unentschlossen, ob er dagegen halten oder einfach akzeptieren sollte, dass ihm jemand die Sachlage erklärte. 

Tarn nickte. Er glaubte Deegan, und er war sich sicher, dass er seine Tiere nicht quälen wollte. „Das ist gut. Lasst den Teer sein. Wenn die Furchen tief sind, müsst ihr Stofffetzen mit Medizin rein schieben, bis es sich auswächst. Nichts, das zu viele Fäden verliert, das ist nur noch mehr Dreck. Was ihr für die Medizin braucht kann ich aufschreiben, aber fürs erste reicht Essig. Wenn das Einstreu nichts nützt müsst ihr sie irgendwo anders unterstellen. Wenn es schlimmer wird geht es ins Blut, und dann war‘s das. Könnte für den Armen hier schon zu spät sein“, meinte er leise und streichelte den Hals des Pferds, das matt schnaubte. „Sie brauchen trockenen Grund und viel Pflege. Alles verstanden? Übrigens, ist das da eine Entzündung an deinem Arm?“

Es dauerte eine Weile, bis alles zur Zufriedenheit geklärt war. Die drei Männer feilschten eine Weile darüber, welches das beste Rezept für eine Medizin war, und als sie sich darüber einig wurden, nahm sich Tarn, einfach nur weil er gerade in Schwung war, Deegans Arm vor. Auch das war schließlich nichts Neues für ihn, alle möglichen Leute waren früher zu seinem Vater gekommen, um sich bei ihm Rat oder Medizin abzuholen. Was die Gesundheit anging unterschieden sich Pferde und Menschen nicht derartig fundamental.

Eines störte Tarn jedoch die ganze Zeit, und das war das penetrante Grinsen auf Jefrems Gesicht. Hätte er nicht eigentlich verärgert sein müssen, dass er Tarn heute nichts Neues beigebracht hatte? Aber das genaue Gegenteil war der Fall. Jefrem hatte ihm auf die Schulter geklopft und ihn gelobt, und während sie auf dem Rückweg waren betrachtete er Tarn immer wieder von der Seite. Tarn konnte seine Laune nicht einordnen, obwohl er zu gerne gewusst hätte, was dem Alten durch den Kopf ging.

„Was?“, fragte er schließlich mürrisch, nachdem sie schon die Hälfte des Rückwegs geschafft hatte.  Jefrem ließ sich wie immer nicht von seiner guten Laune abbringen. „Dachte nur gerade, dass ich richtig überlegt hatte. Als Stallbursche taugst du nicht wirklich was.“ 
Tarn stockte im Gehen. Er hatte gerade alles richtig gemacht, hatte jemand weiter geholfen, und dann das? Wütend wollte er protestieren, aber Jefrem sprach sofort weiter: „Versteh mich nicht falsch, du machst deine Arbeit! Hab manchmal das Gefühl, du würdest Mischa am liebsten übertrumpfen mit dem, was du schleppst. Aber mit dem was du weißt hat‘s wirklich keinen Sinn, dich dafür zu verschwenden. Du bist ein guter Rossarzt, und für Menschen wärst du wohl auch kein schlechterer. Ich werd‘ zusehen, dass ich dich an die richtigen Leute bringe.“

Deshalb hatte Jefrem ihn heute also mitgenommen. Tarn wusste nicht, ob er stolz oder wütend sein sollte, denn anscheinend hatte der Alte tatsächlich keine Sekunde angenommen, dass er ihm noch etwas über Medizin beibringen konnte. Dafür war ein ganz anderes Defizit angegangen: Dass Tarn sich von allen anderen fern hielt. Dass er das aus gutem Grund tat und keine Lust hatte, von Jefrem zu mehr Kontakt gezwungen zu werden, war ihm vermutlich gleichgültig.
Aber selbst wenn er mitspielte und sich einen Namen machte, was nützte ihm das? „Die richtigen Leute? Wozu? Ich bin ein Sklave. Ich kann mir wohl kaum woanders Arbeit suchen“, knurrte er, aber Jefrem lachte nur. „Du bist ein Sklave, richtig. Und die werden manchmal verkauft, für viel Geld und mit viel Prestige.“ Er blieb stehen und legte eine Hand auf Tarns Schulter, drückte sie, und widerwillig sah Tarn ihn an. „Nur weil du jetzt ein Zeichen auf der Schulter hast, ist dein Leben noch nicht vorbei! Wäre verflucht dumm, deswegen alles schleifen zu lassen und nichts mehr zu lernen. Sei nicht zu stolz dafür“, sagte er ernst. Dann ließ er ihn los und setzte seinen Weg fort, und ließ Tarn mit diesen Worten allein.

Sei nicht zu stolz dafür. Dieser Satz wurde zu einem Standardspruch, einem festen Bestandteil all ihrer Unterhaltungen. Jedes Mal wenn Tarn sich zurück zog, wenn er unwillig war zu lernen, wenn er keine Hilfe annehmen wollte, mahnte ihn Jefrem mit diesen Worten. Und er ließ Tarn zwar den Freiraum zu arbeiten wie er es für richtig hielt, aber er ließ ihn niemals allein mit seinen Aufgaben, und das machte er zum Prinzip. 

Selbst als die trächtige Stute reichlich verspätet in einer ruhigen, kühlen Sommernacht ohne Komplikationen abfohlte überließ er nicht Tarn allein, die Geburt zu überwachen. Zu diesem Zeitpunkt war Tarn schon zwei Monate Karvashs Sklave, und kannte sich im Stall inzwischen so gut aus wie jeder der anderen Knechte. Dennoch teilte Jefrem sowohl Viljo als auch Danilo für die Wacht ein, für den Fall, dass sie los gehen und einen weiteren Rossarzt hinzu ziehen mussten. Auch er selbst blieb die ganze Zeit wach, selbst wenn er am Ende nur bestätigte, was Tarn Jefrem direkt sagen konnte, nachdem das Fohlen sich unsicher auf seine kleinen, dünnen Beine gestellt hatte und bei seiner Mutter trank. Beide Tiere waren gesund, das Abfohlen gut verlaufen.

Jefrem schickte Viljo, der Danilo vor ein paar Stunden abgelöst hatte daraufhin ins Bett, was der auch dankbar annahm, und nachdem er eine gute Nacht gewünscht hatte, trabte er herzhaft gähnend ab. Doch Tarn stand nach wie vor mit verschränkten Armen da, betrachtete das Fohlen und die Stute und machte keine Anstalten sich selbst schlafen zu legen. Wie so oft war in seinem Gesicht nicht zu lesen, was er eigentlich dachte. Jefrem war über die Zeit besser darin geworden zu erkennen, in welcher Stimmung er gerade war, aber manchmal versagte sein Gespür auch, wie in diesem Moment. Und obwohl er nicht viel darauf gab, welche Launen Tarn gerade wieder beherrschten, fragte er sich doch manchmal, was diesem Jungen in seinem Leben schon zugestoßen war, dass er seine Gefühle oft so perfekt unter Verschluss hielt. Unnahbar war er, das hatte sich Jefrem nicht erst von den anderen Knechten erzählen lassen müssen, hart, und furchtbar stolz, und doch hatte er so viel Potential. Nur, dass es sich so schwierig und so mühsam in die richtigen Bahnen lenken ließ. Immerhin hatte er angefangen zu reden, zuerst nur widerwillig, jetzt öfter und bereitwilliger, auch wenn er dafür immer eine Menge Anlauf brauchte.

Wie jetzt zum Beispiel. Jefrem wusste schon dass Tarn etwas sagen wollte, bevor er überhaupt zu sprechen anfing, aber statt ihn anzusprechen löschte er geschäftig die Lampen im Stall und wartete ab. Manchmal brauchte es seine Zeit, bis Tarn mit etwas heraus rückte, und er musste diesmal auch nicht allzu lange darauf warten. Alles was er tun musste war, im Plauderton zu verkünden: „Für mich geht‘s auch ins Bett! Willst du hier bleiben und weiter Wache halten?“ Mit einem Mal begann Tarn, völlig unvermittelt und ohne ihm auf seine Frage zu antworten, aber wie gewohnt sofort wütend: „Wozu war das jetzt alles gut? Ich habe keine Hilfe gebraucht! Selbst wenn es Probleme gegeben hätte, ich wäre schon damit fertig geworden!“

Jefrem seufzte innerlich, griff sich die Leuchte, die er eigentlich für den Rückweg in sein gemütliches Bett bereit gestellt hatte, stapfte zu Tarn und machte sich auf eine Diskussion gefasst. Das war eine Debatte, die sie immer wieder führten, und ein Punkt, in dem Jefrem auch niemals nachgab, auch wenn das meist bedeutete, dass er alles in die Länge zog. „Möglich“, antwortete er neutral, „aber manchmal kommt eben alles anders. Deshalb war ich dabei.“ 
Wie immer war Tarn viel zu starrsinnig, um zu begreifen, was er ihm sagen wollte. „Das heißt doch nur, dass du denkst ich hätte es vergeigt. Traust du mir überhaupt nichts zu?” Jefrem sah ihn lange und ernst an, und dann schüttelte er langsam, bedeutungsvoll, den Kopf. Es war keine Verneinung seiner Frage, sondern eine Ablehnung von allem, was er gerade gesagt hatte. „Ich traue dir einiges zu, Junge. Ich hätte dich trotzdem nicht damit allein gelassen. Du hast Vertrauen in das was du kannst. Gut, sage ich. Aber helfen lässt du dir trotzdem nie, selbst wenn‘s nötig ist. Und solcher Stolz ist tückisch. Der lässt dich glauben, du hättest alles in der Hand, und reißt dir dann, zack, den Boden unter den Füßen weg! Wenn‘s nach mir geht, dann lieber hundert Mal umsonst um Hilfe gefragt, als unnötig ein Pferd zu verlieren.”

Damit wollte er das Gespräch eigentlich als beendet sehen. Er war müde, er hatte ein ganzes Tagewerk geschafft und danach noch die Nacht durchgewacht, und jetzt war er am Ende seiner Kräfte, deshalb wandte er sich zum Gehen. Nur dass die Debatte für Tarn natürlich noch nicht vorbei war und er ihm einfach folgte, hinaus aus dem Stall und hinein in den Bedienstetentrakt, während er auf ihn einredete. „Und wann soll das aufhören? Soll etwa bei jedem Handgriff den ich tue jemand dabei stehen?“ „Fürs erste ja“, meinte Jefrem, schon etwas weniger freundlich, „oder zumindest so lange bis ich sicher bin, dass dadurch niemand zu Schaden kommt. So handhabe ich das.“ „Das ist lächerlich“, knurrte Tarn, und Jefrem zuckte mit den Schultern. „Mag sein. Ich gehe auf Nummer sicher, und mache mir viele Sorgen. Oft zu viele“, gab er zu, „aber das gehört dazu, wenn man auf so viele Dummköpfe Acht geben muss!“
Er hatte es nicht so harsch gemeint, aber mit seinen Worten hatte er wohl einen Nerv bei seinem Schützling getroffen. Tarn folgte ihm nicht länger, sondern überholte ihn, stellte er sich ihm direkt in den Weg, sodass er stehen bleiben musste und starrte ihn wütend an, die Fäuste geballt.

„Ich bin kein Dummkopf!“, sagte Tarn wütend, aber am liebsten hätte er nicht mehr geredet, sondern einfach zugeschlagen. Unbewusst, ohne dass er es wirklich wahr nahm, hallten all die Beschimpfungen in seinem Kopf nach, die ihm Zeit seines Lebens an den Kopf geworfen worden waren. Und das Schlimmste war, dass er sie eigentlich hätte gewohnt sein müssen, aber aus Jefrems Mund schmerzten sie plötzlich so heftig wie früher. Und umso mehr wehrte er sich dagegen, umso weniger wollte er sich diese Worte annehmen. „Ich brauche keine Hilfe, und niemand der mir sagt was ich zu tun habe“, sagte er, „Ich kann auf mich selbst aufpassen! Ich brauche keinen Rockzipfel zum festhalten, ich komme auch allein zurecht!“

Er erwartete, dass Jefrem ihm widersprechen würde, ihm sagen würde, was er für Defizite hatte, was er alles nicht konnte und wie dumm er sich anstellte, und er war bereit, jedes Argument zu entkräften. Aber stattdessen sah der Alte ihn nur müde an, besorgt, und irgendwie traurig. „Wirklich?“, fragte er. „Ist das wirklich so?“ Sein Blick glitt über Tarn und blieb bei den blauen Flecken an seinen Handgelenken hängen.

Er hatte sie also letztendlich doch bemerkt. Die Erkenntnis traf Tarn wie ein Eimer kaltes Wasser. Vielleicht hatte er sie schon vom ersten Tag an gesehen. Reflexartig verbarg er die Hände hinter seinem Rücken, und fast wäre er weg gelaufen. Aber Jefrem hob ganz langsam die Hand, und vorsichtig, behutsam, griff er nach seinem Arm, zog ihn hervor. Tarn wusste nicht, warum er das zuließ, aber plötzlich fühlte er sich elend. Verloren, noch mehr als sonst.

Jefrem schwieg, und er sah sehr ernst aus, als er Tarns Handgelenk drehte, die blauen Flecken betrachtete, die frischen, und die fast ausgeheilten, gelben und grünlichen, die darunter lagen wie eine hässliche Erinnerung. Obwohl Tarn sich nicht verteidigen wollte, begann er trotzdem wie von selbst: „Das ist nichts.“ „Für Nichts ist es ziemlich blau und lila. Das scheint ein ziemlich schmerzhaftes Nichts zu sein“, sagte Jefrem langsam und ruhig, und irgendwie schaffte er es, keine Wertung in diese Worte zu legen. Es war eine Feststellung, keine Anklage. „Ich hab mich nur-“, begann Tarn mit einer Ausrede, aber er wurde sofort unterbrochen. „Ich brauche keine Erklärung“, sagte Jefrem fest, und Tarn schwieg irritiert. Einerseits hatte er nicht erwartet, dass er sich nicht rechtfertigen musste, und andererseits war er diese Ernsthaftigkeit von Jefrem nicht gewohnt. 
„Ich weiß, man traut es mir nicht zu, aber ich habe schon einiges gesehen, und einiges gehört“, fuhr Jefrem fort. „Für manche gehört das was du da hast einfach dazu. Wenn beide einverstanden sind, was geht’s mich an? Ich habe nur nicht das Gefühl, dass die hier zu dieser Sorte gehören. Oder zumindest nicht alle davon.“

Tarn wollte erneut ansetzen zu protestieren, aber Jefrem ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, und jetzt war es fast, als würde er sich verteidigen statt anklagen. „Kann aber auch sein, dass ich mich täusche! Damit kann ich leben! Ist mir Recht, wenn ich mir keine Sorgen mehr machen muss über Dinge, die mich gar nichts angehen. Aber wenn du jemals jemand brauchst, mit dem du reden kannst… oder einfach Ruhe, um nachzudenken, oder einen Ort an dem du sicher bist, dann komm damit zu mir.“ 

Er sah auf, sah direkt in Tarns Gesicht, besorgt, müde. Er wirkte jetzt unendlich alt, als hätte er mehr Schmerz und Trauer gesehen als jeder andere, und Tarn wurde bewusst, dass er Jefrem überhaupt nicht kannte. Oder vielleicht nicht diesen Jefrem. „Ich bete dir das tagein tagaus vor, und vielleicht kommt‘s dir dadurch vor, als könnte ich das nicht ernst meinen, aber ich meine es wirklich todernst: Lass dich nicht von deinem Stolz beherrschen! Wenn du Hilfe brauchst, dann musst du mit jemand reden!“
 
Hör auf damit, wollte Tarn sagen. Hör auf, mich zu bemitleiden. Hör auf, dir wegen mir Sorgen zu machen. Das bin ich nicht wert. Und das machte ihn plötzlich, und ohne dass er begriff warum, unglaublich wütend. „Ich bin kein Schwächling!“, zischte er, „Wenn mir jemand Probleme macht, dann löse ich das selbst!“ Aber was er eigentlich sagen wollte war: Bring den anderen Jefrem zurück. Diesen sorglosen alten Bastard, den nichts erschüttern kann. Mach dir verdammt nochmal keine Sorgen um mich. Nicht um mich.
„Das ist keine Frage der Stärke, Junge“, sagte Jefrem bekümmert. Er legte seine große, warme Hand auf seine Schulter, und Tarn zuckte nicht zurück. Es war tröstlich, und das war nicht richtig. Er hatte keinen Trost verdient. Nicht für seine eigene Dummheit.
Und als hätte Jefrem seine Gedanken gelesen, fuhr er fort: „Es hat auch nichts mit Klugheit zu tun, oder Willensstärke. Jeder macht sich irgendwo verwundbar, jeder Mann und jede Frau. Wenn einem was an einem anderen liegt, dann ist das so, anders kann es gar nicht sein. Das ist niemandes Schuld, und bestimmt keine Schwäche. Du bist kein schlechter Kerl, Tarn. Musst dich also auch nicht wie einen behandeln lassen. Verstehst du das?“ 

Tarn nickte, auch wenn er nicht wirklich wusste, ob er wirklich all das verstand was Jefrem ihm gesagt hatte. Er hatte die Worte gehört, aber gleichzeitig herrschte ein Chaos aus widerstreitenden Gefühlen in ihm. Jefrem drückte seine Schulter noch einmal fest und sagte dann: „Dann mach jetzt erstmal, dass du zum Schlafen kommst. Der Tag war lang genug, für uns alle. Wenn du willst, reden wir morgen weiter.“ 

Und damit stapfte er davon. Das Licht seiner Laterne leuchtete, bis er um eine Ecke bog, und Tarn blieb in Dunkelheit zurück. Plötzlich wünschte er sich, er hätte mitkommen können, statt ihm Dunkeln zurück zu bleiben. Allein zu sein. Er hätte sich von Jefrem noch mehr erzählen lassen können. Wenn es sein musste auch Ermahnungen und Vorträge, das war ihm einerlei. Nur eine tiefe, brummende Stimme, die mit ihm sprach und ihn nicht allein ließ, wenn er einschlief.
Aber das war albern. Er war kein Kind, das sich im Dunkeln fürchtete, und deshalb zündete er auch kein Licht an, als er zum Stall zurück ging und ins Stroh fallen ließ.

Aber schlafen konnte er lange nicht. Er dachte darüber nach, was Jefrem gesagt hatte, was er ihm angeboten hatte. Wenn du jemals jemand brauchst, mit dem du reden kannst… oder einfach Ruhe, um nachzudenken, oder einen Ort an dem du sicher bist, dann komm damit zu mir.
Er verstand die Aufforderung, und wusste sie gleichzeitig nicht einzuordnen. Was steckte dahinter? Denn irgendetwas musste dahinter stecken, wenn man erst einmal darüber nachdachte, was Jefrem wirklich sagte. Im Grunde hatte er Tarn angeboten, ihn zu verstecken, ihn abzuschirmen. Vielleicht sogar, ihn irgendwo anders unterzubringen, auch wenn er das nur andeutete, vermutlich, weil es ihn selbst in Gefahr bringen konnte. Ein Ort, an dem er sicher war. Vielleicht in einem anderen Anwesen, unter einem anderen Herren. Seltsam, aber Tarn zweifelte keinen Moment daran, dass Jefrem Himmel und Hölle in Bewegung setzen konnte, wenn er es sich nur in seinen sturen alten Schädel setzte.

Was ihn aber wieder zu der Frage zurückbrachte: Wozu? Niemand machte so ein Angebot uneigennützig, legte sich vielleicht mit seinem eigenen Herrn an. Er hatte nicht weniger versprochen, als dass er Tarn vor Karvash und Anssi beschützen wollte. Zu welchem Zweck? Was hatte er davon? Tarns Misstrauen war geweckt, und er entwickelte Theorien und spielte mehrere Möglichkeiten in seinem Kopf durch, ohne dahinter zu kommen, welche Gründe Jefrem haben könnte, was der Nutzen daraus für ihn war. Er wusste einfach zu wenig von ihm, und auch das grämte ihn. Zwei Monate, und er konnte den Alten immer noch nicht einschätzen.

Also fasste er einen Entschluss. Sein Gewissen meldete sich für einen Sekundenbruchteil und sagte ihm deutlich, dass er damit zu weit ging, aber er schob diesen Gedanken beiseite. Er musste wissen, ob und wie weit er Jefrem trauen konnte. Wenn er tatsächlich einmal in Schwierigkeiten geriet, wenn er wirklich Hilfe brauchte, so unwahrscheinlich das auch war, dann musste er wissen, ob er auf dieses Angebot von Jefrem zählen konnte. Und dazu musste er mehr über ihn erfahren, wer er war, was ihn antrieb, oder vielleicht, was er über seine Knechte dachte. Als er einschlief, hatte er einen Plan.

Die Umsetzung dieses Plans stellte sich allerdings als nicht ganz einfach heraus, und es kostete Tarn Wochen und schließlich Monate, mehr über Jefrem herauszufinden. 
Er begann bei den Dienern, weil er das Gefühl hatte, dass sie noch am wenigsten an Jefrem weitertragen würden, dass er mehr über ihn heraus zu finden versucht. Nur leider bedeutete das im Umkehrschluss, dass niemand Genaues über Jefrem wusste, zumindest nichts von Belang. Er schien eine halbe Ewigkeit in Karvashs Diensten zu stehen, und er hatte sich schon immer um die Pferde gekümmert, erst als Stallknecht, und später, als der alte Stallmeister gestorben war, als dessen Nachfolger. Er arbeitete viel und verließ das Anwesen nur selten, und wenn er Kontakte zur Außenwelt hatte, dann wussten zumindest die Diener nichts davon. Jefrem fiel nicht auf, er kam gut mit jedem zurecht und stellte selten Ansprüche. Sparsam war er, das wusste jeder.
Warum, das erfuhr Tarn, als er sich bei den anderen Stallknechten umhörte. Dass er in der Armee gewesen war, vor unendlich langer Zeit, und sich schon dort um Pferde gekümmert hatte, das hatte Tarn von ihm selbst erfahren. Was er nicht gewusst hatte war, dass ihn anscheinend diese Zeit gelehrt hatte derartig sparsam zu sein, was wohl auch erklärte, warum er immer so abgerissen aussah. Er trug und benutzte alles, bis es entweder völlig entzwei war oder nur noch als Putzlumpen zu gebrauchen. Und anscheinend waren ihm aus dieser Zeit einige Kontakte übrig geblieben, Kameraden, mit denen er sich in unregelmäßigen Abständen zu treffen schien, und er hatte die Erlaubnis von Karvash, dafür das Anwesen zu verlassen. Dann besaß er ein weitreichendes Netz von Kontakten zu anderen Züchtern wie Karvash und einer Reihe Stallmeister, aber zu denen pflegte er nur lose, oberflächliche Freundschaften. 

Letztendlich lief Tarn mit jeder dieser Informationen in eine Sackgasse. Jefrem war umgänglich, freundlich wenn er konnte, auch hart, wenn es die Situation erforderte, aber bis auf das Hörensagen wusste niemand, was ihn umtrieb. Wenn er irgendwo eine Familie hatte, eine heimliche Geliebte oder auch nur ein paar Kumpane zum Kartenspielen, dann ohne dass jemand davon wusste. Jefrem verbarg sein Privatleben so sorgfältig wie kein anderer vor dem Rest der Welt. Dem Grund, warum er Tarn vielleicht im Notfall helfen würde war er jedenfalls keinen Schritt näher gekommen.

Letztendlich blieb Tarn deshalb nur eins, und das war, ihm auf einer seiner Ausflüge mit seinen ehemaligen Kameraden zu folgen und zu sehen, ob er auf diese Weise etwas herausfinden konnte. Und da er dafür die Erlaubnis brauchte das Anwesen zu verlassen, musste er sie sich bei Anssi erschleimen. Ironischerweise lief das sogar einfacher als gedacht, wenn auch aus anderen Gründen als Tarn zunächst angenommen hatte. 

(II) Natürlich fragte er erst, nachdem er Anssi ein wenig milder gestimmt hatte. Sie hatten es wieder einmal im Ankleidezimmer getrieben, weil des Abtrocknens nach dem Waschen sich unverhofft zu mehr entwickelt hatte. Tarn hatte, versunken in seine Gedanken über seinen Plan und was er am besten sagen sollte herum getrödelt, und irgendwann war Anssi die sowieso nur spärlich vorhandene Geduld ausgegangen. Selbstsicher war er in den Raum stolziert, hatte verkündet dass er das Warten Leid war und von hinten eins der Abtrockentücher um Tarns Hüfte geschlungen. Dann hatte er sein von Stoff verhülltes, bereits steifes Glied ergriffen und nicht aufgehört, bis Tarn sich stöhnend in das Tuch und seine Hand hinein ergoss. Tarn wollte gar nicht wissen, wer all die besudelten Abtrockentücher die er hier immer hinterließ waschen musste, geschweige denn die besudelte Kleidung von Anssi, denn natürlich war er selbst auch nicht untätig geblieben.(II)

Als sie danach in Anssis Bett umgezogen waren und gerade eine Pause einlegten, fragte Tarn ihn beiläufig danach, ob ihm erlaubt war das Anwesen für einen Abend zu verlassen.
Anssi horchte auf, und bevor Tarn noch ein Wort der Erklärung mehr verlieren konnte fragte er spöttisch: „Ist das Teil deiner neusten Lieblingsbeschäftigung?“ Tarn stellte sich vorsichtshalber unwissend und fragte: „Lieblingsbeschäftigung?“, aber das war in diesem Fall die falsche Vorgehensweise. „Ich hasse es belogen zu werden, hast du das schon vergessen? Ich weiß, dass du  diesen Jefrem beschattest“, sagte Anssi ungehalten, und Tarn hob beschwichtigend die Hände. „Schon gut, du hast Recht“, gab er zu und beschloss ärgerlich, dass er heraus finden musste woher Anssi immer seine Informationen bezog. Manchmal schien es, als würde nichts im Anwesen geschehen ohne dass er davon erfuhr.
„Ich frage mich nur, was du damit bezweckst“, fuhr Anssi fort, und obwohl er immer noch verärgert schien, zog er Tarn trotzdem zu sich heran. „Welches Interesse könntest du an diesem fetten alten Sack haben?“, murmelte er in sein Ohr, bevor er seinen Hals küsste, und Tarn zuckte mit den Schultern. „Er geht mir auf die Nerven“, sagte er und bemühte sich, kalt und gleichgültig zu klingen. „Aber ich hab nichts gegen ihn in der Hand, falls ich ihn ein bisschen einschüchtern wollte. Oder loswerden.“ Anssi schnaubte amüsiert, während seine Finger über Tarns Schultern spielten. „Und deshalb willst du ein bisschen spionieren gehen? Hm… warum nicht. Meinetwegen, geh ihm nach. Aber wenn du etwas Interessantes heraus findest, will ich es zuerst hören. Und jetzt mach dich nützlich.“ 

Er zog ihn noch näher zu sich, schon wieder bereit und ungeduldig, und Tarn tat was er verlangte und machte sich nützlich. In diesem Moment kam ihm alles idiotisch vor, sein ganzer Plan, die ganze Mühe, die er investierte. Vor wem oder was hatte er hier so viel Angst, dass er Jefrems Schutz brauchte? Vor dem Mann, in dessen Bett er gerade lag und der in diesem Moment Wachs in seinen Händen war?
Aber tief im Inneren wusste er, dass er sich damit selbst belog. Vielleicht konnte er leugnen, dass Anssi manchmal furchteinflößend war, grob oder einfach nur grausam wenn ihm danach war. Aber die blauen Flecken lösten sich nicht einfach auf, nur weil er ihre Existenz leugnete oder sie ignorierte. Und so zählte er die Tage und wartete auf seine Chance.

An einem warmen Sommerabend war es so weit. Wie immer wenn Jefrem sich einen freien Abend genehmigte machte er viel Wind darum, dass in seiner Abwesenheit nichts schief ging, auch wenn das noch nie der Fall gewesen war. Deshalb hörten die Knechte mit Augenrollen zu, wie er sie alle noch einmal belehrte, bevor er sich dann verabschiedete und los stapfte. Tarn, der den Alten schon den ganzen Tag beobachtet hatte, folgte ihm unauffällig durch das Anwesen, aus dem Tor und hinaus in die Gassen. 

Es war einfach sich im Gedränge zu verbergen, denn da das Wetter schön war und der der Mond in voller Pracht schien dachte niemand daran, zeitig in die Häuser zurück zu kehren. Die Straßen waren bevölkert; Familien und Freunde saßen in der lauen Abendluft zusammen, und wo jemand ein Instrument hatte, wurde auch musiziert, gelacht, gesungen, geschwatzt. Über allem lag der süße Duft von blühendem Jasmin. Es wäre ein wundervoller, magischer Abend gewesen, aber Tarns Nervosität ließ ihn alles wie durch einen Schleier wahrnehmen. Er war so konzentriert darauf, Jefrem ja nicht zu verlieren, dass er mehrmals in andere Leute hinein lief, und die Stimmen und Musik lenkten ihn nur ab.

Schließlich schien Jefrem sein Ziel zu erreichen, denn er stieß zu einer Gruppe von fünf Männern, die alle nur wenig jünger oder älter als er schienen. Alle waren große, grobe Kerle wie Jefrem selbst, auch wenn nicht alle von ihnen so abgerissen wirkten. Sie begrüßten sich mit Handschlag, und ihre gut gelaunten, dröhnenden Stimmen waren für alle gut hörbar, als sie Witze rissen und besprachen, zu welcher Schenke sie sich aufmachen wollten. Sie debattierten eine Weile lautstark, dann trabten sie los, und Tarn folgte ihnen auf dem Fuß, wobei er immer darauf horchte, worüber sie sich austauschten. 

Und zum ersten Mal schien es ihm, dass er tatsächlich Glück haben könnte, denn einer der Männer, ein dunkelhaariger Kerl mit einem Kreuz so breit wie Mischa, begann sofort Jefrem über die neusten Ereignisse auszufragen, und so schwatzten sie eine Weile über das, was in letzter Zeit im Stall vorgefallen war. Als Wegzehrung ließen zwei der Männer eine Flasche herum gehen, vermutlich Schnaps, und obwohl Jefrem es doch bedachter anging, lehnte er auch nie ab, wenn die Flasche zu ihm wanderte, und mit der Zeit wurde er sogar noch mitteilsamer. Tarn konnte sein Glück kaum fassen. Wenn er nur gut zuhörte würde er am Ende des Abends vermutlich alles wissen, was es über Jefrem zu wissen gab.

Er folgte den Männern durch die Gassen, wobei er sich im Schatten hielt, und lauschte, wie sie sich an alte Kameraden erinnerten, an Späße und große Gelage, und wer dabei unter den Tisch gesoffen worden war. Normale Gespräche. Jefrem war anscheinend nicht immer der Vernünftigste gewesen und hatte ordentlich auf den Putz gehauen, und im Kreis seiner alten Kameraden konnte man ihn sogar darüber prahlen hören. Ohne dass Tarn es wollte grinste er mit, während er den zotigen Geschichten der Männer lauschte. 
Leider war nichts von dem was er hörte nützlich für ihn, auch wenn es ihm nach einer Weile seltsam gleichgültig wurde. Er hörte einfach nur zu, wie die Männer sich unterhielten, und ihm wurde bewusst, dass er solche Gespräche bei seinem Vater selten belauscht hatte. Er war wie Tarn immer ein Einzelgänger gewesen, mit wenigen Freunden, denen er kaum nahe stand. Jetzt war es, als würde eine Lücke in Tarns Leben gefüllt, und plötzlich sehnte er sich selbst nach Gesellschaft. Vielleicht würde er nie so umgänglich wie Jefrem werden, aber jetzt wünschte er sich, er hätte zumindest mit einem oder vielleicht zwei Freunden an einem Abend wie diesen durch die Stadt ziehen können. Es war ihm eigentlich egal, ob sie dabei etwas getrunken oder einfach nur geredet hätten, und unwichtig, wohin sie unterwegs gewesen wären. Nur Freunde, die durch die Nacht stapften und Witze rissen, sich unterhielten, oder für eine Minute einträglich schwiegen. Selbst die sechs Männer brachten das manchmal für einen kurzen Moment zustande, und es war keine peinliche Stille, nur ein gemütliches, vertrauensvolles Schweigen, bevor jemand ein neues Thema aufgriff, oder plötzlich einen derben Scherz machte.

Eine Weile folgte er den Männern schon, als die Gruppe auf einmal anhielt. In einer windgeschützten Gasse mit überhängenden Dächern waren sie auf  zwei Frauen gestoßen. Prostituierte.
„He, ihr Hübschen“, dröhnte einer der Männer, und sie begannen eine Unterhaltung, die Tarn nur bruchstückhaft mitbekam. Die Frauen schienen ihre Dienste anzubieten und waren wohl nicht abgeneigt davon, dass ihre potentiellen Kunden trotz ihrer Ausgelassenheit doch recht höflich und gesittet waren. Tarn beobachtete, wie sie die Männer umgarnten und lachten, ein Reigen, den er im Bordell schon tausendmal gesehen hatte und der ihm deshalb wohl bekannt war.
Eine der beiden, eine dralle und wirklich hübsche Blondine, schob sich näher an Jefrem heran, und er wies sie mit Nachdruck, aber sanft wieder von sich. „Mädchen, bei dem brauchst du das nicht versuchen!“, sagte der Mann, der sich vorher so angeregt mit Jefrem unterhalten hatte laut und gut gelaunt. „Hast du einen hübschen Bruder? Den nimmt er sicher!“ Die Männer gröhlten vor Gelächter, und Jefrem schmunzelte mit, vermutlich, weil er nicht als Spielverderber dastehen wollte. „Wie sieht‘s überhaupt aus?“, fuhr der Mann gut gelaunt fort, während die anderen schon mit dem Feilschen begannen, „Du bist doch praktisch an der Quelle! Ich meine, all die Stricher, und dann deine Jungs im Stall… davon erzählst du gar nichts!“

Den Rest hörte Tarn nicht mehr, weil er sich umdrehte und das Weite suchte. Zuerst ging er langsam, aber irgendwann, ohne dass er es merkte, beschleunigte er seine Schritte, bis er fast rannte. Er achtete nicht mehr auf die Menschen um ihn herum, und nicht auf die Musik oder das freundliche Mondlicht. Sein Herz hämmerte in seiner Brust, und irgendwann wurde ihm übel. Er fühlte sich kalt, obwohl die Nacht lau war, und halb blind, obwohl die Gassen hell erleuchtet waren.
Das war es also. Eigentlich hätte er gleich darauf kommen sollen. Irgendwie, ohne dass er wusste warum, tat ihm plötzlich alles weh. Er konnte kaum schlucken, seine Kehle schmerzte und war wie zugeschnürt.

Du bist doch praktisch an der Quelle… all die Stricher… deine Jungs im Stall…

Die Worte dröhnten in seinem Kopf, und er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Aber endlich, auf eine schreckliche Weise, ergab alles einen Sinn. All dieses Gerede von Stärke, die zutrauliche Hand auf der Schulter, dass er immer zu ihm kommen konnte, die Momente allein, um ihm etwas »beizubringen«. Stricher. Der Alte hatte es auch nur darauf abgesehen, ihn irgendwann zu vögeln. 

Natürlich, wozu war er sonst gut? Ganz ehrlich, was hatte er gehofft, in einem Bordell zu werden? Was war er denn? Was tat er die ganze Zeit für Anssi? Hatte er wirklich, in einem Moment geistiger Umnachtung, gedacht jemand Vertrauenswürdigen in einem verdammten Bordell zu finden, das von einem sadistischen Despot wie Karvash geführt wurde? Er war wirklich ein Narr. Dummkopf, Vollidiot, Trottel, Spatzenhirn. Er hämmerte sich jedes Schimpfwort, das sein Vater ihm jemals an den Kopf geworfen hatte in den Verstand. Er hatte es verdient. 

Während er endlich seinen Schritt verlangsamte, sich zwang nicht zu rennen wie der Idiot, der er nun mal war, machte er sich klar, dass es das alles auch eine gute Seite hatte. Er hatte seine Rückversicherung, wenn auch anders als gedacht. Einen letzten Ausweg, wenn seine Verbindung zu Anssi wirklich auseinander fiel. Oder zumindest eine Ablenkung, bevor er sich aus dem Staub machte. Das einzige was er dafür tun musste war vermutlich, mit einem alten Sack ins Bett zu gehen, und das war nun wirklich eine seiner leichtesten Übungen. Alles war großartig.

Aber es fühlte sich nicht großartig an, sondern eher, als würde er sterben. Warum kämpfte er eigentlich mit den Tränen? Das war doch albern. 

Er schlief diese Nacht nicht im Stall und nicht im Quartier der Knechte. Er suchte sich einen der dunklen, verlassenen Kellerräume, wo alles erstickt von Staub war und das Mondlicht ihn nicht erreichte. Und als er am nächsten Morgen erwachte, hatte er es hinter sich gelassen; niemand bemerkte einen Unterschied an ihm, als er zu seiner Arbeit zurück kehrte. Nicht einmal Jefrem. Nur, dass er nicht mit ihm über Anssi sprach. Oder über seine Verletzungen. Die blauen Flecke kehrten zu dem zurück, was sie vorher gewesen waren: Ein offenes Geheimnis, auf das ihn niemand ansprach. Er spielte seine Rolle gut. Manchmal lächelte er sogar.

Die Zähne zusammenbeißen, weitermachen, das hatte er gelernt. Nach außen den Anschein erwecken, dass er durchhielt, das war so tief in ihm verankert, dass er es nicht einmal wahr nahm, egal wie sehr er sich damit quälte.

Warnungen:

- Knochenbrüche/Fleischwunden (I)
- Operation (Blut, Knochen, Messer, medizinisches Nähen) (II)
- Sex (III)

Das Ende war nicht abwendbar, war es nie gewesen; im hintersten Winkel seines Verstandes hatte Tarn das immer gewusst. Sein Abschied von diesem Leben war so unvermeidlich wie das Ende des Sommers, und alles was er tat nur eine kurze Ablenkung. Es gab keinen Ort auf der Welt, an den er wirklich gepasst hätte, an dem er Akzeptanz gefunden hätte. Also hatte er sich geschworen, sich keine Illusionen darüber zu machen, was ihn hier erwartete.

Und dennoch.

Die Hoffnung war stur; sie beeinflusste seine Gedanken, wucherte wie Unkraut in seiner Wahrnehmung, hartnäckiger als jemals zuvor. 

Was hoffte er? Er wusste es selbst nicht. Er sah, dass Jefrem ihn anscheinend mochte und sich um ihn sorgte, und spürte, dass Anssi auf ihn fixiert war und seine Nähe und Aufmerksamkeit suchte. Und bei beiden glaubte er zu wissen, dass er nur ein Mittel zu einem Zweck war, der sich erschreckend glich. Es verletzte ihn auf eine Art, die er nicht begriff; war er nicht gewohnt, benutzt zu werden? War das nicht längst ein Teil von ihm? Es hätte ihm egal sein müssen, aber stattdessen hoffte er. Dass er sich irrte. Dass sich etwas änderte. Oder dass seine irrationale Trauer ihn in Frieden ließ, und die Gleichgültigkeit zurück kehrte.

Nichts davon geschah, und die ständige Ungewissheit ließ seine Zweifel schließlich über ihn hinaus wachsen. Als der Sommer endete, die Tage kürzer wurden und es langsam immer kühler und regnerischer wurde, zog sich Tarn in sich zurück. Er mied die anderen Knechte, verkroch sich in den Nächten meist irgendwo, wo ihn niemand finden konnte, und schlief allein. Er ließ seinen achtzehnten Geburtstag verstreichen, ohne auch nur irgendjemand davon zu erzählen. 
Manchmal stand er kurz davor, wieder mit Jefrem zu reden. Dann und wann bemerkte er, dass der Alte ihn nachdenklich musterte, als versuche er zu ergründen, was in ihm vorging. Doch Tarn wandte sich immer von ihm ab, und Jefrem ließ ihn in Frieden. Vielleicht kümmerte es ihn einfach nicht genug.

Natürlich war das genaue Gegenteil der Fall. Schon nach wenigen Tagen fiel Jefrem eine Veränderung an Tarn auf, und er beobachtete über die Wochen hinweg besorgt, dass er noch wortkarger und unzugänglicher wurde als zuvor. Aber Jefrem war nicht dumm, und außerdem war er geduldig genug, abzuwarten. Tarn war launisch, manchmal unberechenbar. Von einem Tag auf den anderen konnte seine Stimmung von grüblerisch zu angriffslustig wechseln, von still und in sich gekehrt zu redselig, zumindest nach seinen Maßstäben.

Doch je länger Jefrem abwartete und ein Auge auf seinen Schützling behielt, desto mehr begriff er, dass es sich nicht um eine reine Laune handelte, sondern dass Tarn dabei war sich völlig von ihm zu lösen. Ihre Gespräche wurden seltener, egal ob alltägliche Unterhaltung oder handfester Schreit. Es hätte Jefrem kaum gekümmert, wenn er Anzeichen dafür gesehen hätte, dass der Junge Zuspruch oder Gesellschaft an anderer Stelle gefunden hatte, aber das war anscheinend nicht der Fall. Im Gegenteil, Tarn wurde immer mehr zum absoluten Einzelgänger. Er erledigte seine Arbeit, er wurde auch immer häufiger hinzu gezogen, wenn es kleinere Verletzungen auf dem Anwesen gab. Aber das gab ihm nur eine Ausrede, noch häufiger aus Jefrems Reichweite zu gelangen und sich von den anderen Knechten zurückzuziehen.

Und der Junge beobachtete ihn, warf ihm stumme, abschätzende Blicke zu, wenn er dachte, dass niemand es bemerkte. Für jeden anderen wäre das vielleicht ein Grund gewesen, nervös zu werden, aber Jefrem ließ sich nichts anmerken und forschte umso hartnäckiger nach einem Grund dafür. Ihm ging schließlich auf, dass Tarn nach Anzeichen irgendeines Verhaltens bei ihm suchte, als lauere er darauf, dass er ein Verbrechen beging oder etwas Verachtenswertes an sich preisgab. Was er fürchtete zu sehen? Das blieb ein Rätsel, und Jefrem hatte keine dunklen Geheimnisse.

Allerdings hatte er den Verdacht, dass ihm vielleicht so ein „Geheimnis“ unter geschoben worden war. Er beschuldigte andere nicht gern, erst Recht nicht, wenn er keine Beweise hatte, aber er war auch nicht auf den Kopf gefallen. Tarn stand unter Anssis Einfluss, und mit diesem Jungen hatte er zwar keinen Streit, aber das musste er nicht unbedingt. Anssi war dafür bekannt, Ärger anzuzetteln, wenn ihm etwas quer lief. Wenn er beschlossen hätte, Tarn von allen anderen zu isolieren, hätte er vermutlich auch gelogen oder Halbwahrheiten verbreitet. Letzteres wäre Jefrem nicht wichtig gewesen; er bildete sich nichts auf einen Ruf ein, und übles Gerede fürchtete er nicht. Aber die Möglichkeit, dass einer seiner Schützlinge am Ende allein und isoliert dastehen würde, das besorgte ihn.


An einem schwülen, regnerischen Vormittag versuchte Jefrem schließlich ein klärendes Gespräch mit Tarn zu führen, auf dem Hof, der zwischen der umzäunenden Mauer des Anwesens und dem Bedienstetentrakt lag.

Die Pferdeknechte halfen oft aus, wenn anderswo im Anwesen Not am Mann war, so wie an diesem Nachmittag, als sie mit einigen Dienern bestellte Waren entgegen nahmen und die gelieferten Kisten und Fässer ins Anwesen trugen. Der Regen und die schwüle Hitze machten aus dieser Arbeit eine Tortur; alle Straßen waren schlammig, das Pflaster des Hofes durch den Regen glatt, und so schleppten, rutschten und fluchten die Männer um die Wette. Die Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit ließen sie erbärmlich schwitzen, und am Ende gab es keinen von ihnen, dessen Kleidung nicht von Schweiß oder Schlamm durchweicht war. 

Trotz Hilfe ging das Ausladen deshalb nicht so voran wie gedacht, und die zwei Wagenführer sorgten für zusätzlichen Unmut, weil sie für diesen Tag weitere Lieferungen eingeplant hatten und ihre Zeit vertrödelt sahen. Sie schimpften, drängelten und machten ihre Pferde unruhig, denen das schwüle Wetter und die schwer beladenen Wagen schon genug zusetzten.

Jefrem hätte normalerweise geholfen, aber an diesem Vormittag war er verpflichtet gewesen, Karvash einen ausführlichen Bericht darüber zu liefern, wie es derzeit um die Pferde stand. Erst als er ihm eine Weile Rede und Antwort gestanden hatte, war er endlich entlassen worden, und er vertrödelte keine Zeit und stieß zu seinen Kameraden.

„Wie geht die Arbeit voran?“, fragte er gut gelaunt, als er auf den Hof trat und den missmutigen Arbeitstrupp vor sich sah. Alle seine Knechte wandten sich ihm zu, um ihn zu begrüßen, oder zumindest ihren Unmut kund zu tun.

Mischa brummte nur etwas Unverständliches, das stark danach klang, als wünsche er Jefrem die Pest an den Hals und stapfte an ihm vorbei, einen Stapel Kisten in den schlammbespritzten Händen. Er war so dreckig, als hätte er ein Bad in einer Pfütze genommen, und triefte vor Nässe.
Tarn wiederum warf Jefrem einen dieser kurzen, abschätzenden Blicke zu, senkte den Kopf und trabte hinter Mischa her, selbst schwer beladen. Obwohl er ebenfalls missmutig wirkte, musste Jefrem leise schmunzeln. Tarn bewegte sich wieder einmal in Mischas Windschatten und versuchte, sein Arbeitstempo einzuhalten oder sogar zu übertreffen. Nun, er hätte hundert Kilo schwerer und zwei Köpfe größer sein müssen, um das zu bewerkstelligen, aber das hielt ihn nicht davon ab, es zu versuchen.

Danilo grüßte mit einer Handgeste, und Viljo, wie immer gelassen und heiter, grinste Jefrem an und erwiderte: „Wir sind fast fertig, aber es ist trotzdem noch genug Arbeit für alle da, auch für dich!“ Als der kleinste der Männer verschwand er fast hinter der Kiste, die er in seinen sehnigen Armen hielt. „Das hat Arbeit so an sich, würde ich sagen!“, sagte Jefrem. „Los, gib her, wenn du das schon in den Pfoten hast! Ein alter Mann soll sich nicht ständig bücken!“

Sie schleppten einträchtig ihre Last, während Jefrem sich erzählen ließ, wie weit sie gekommen waren und was sie schon verladen hatten. Er lachte herzlich, als er hörte, warum Mischa so übel gelaunt und dreckig war: Er war wohl ausgerutscht und bäuchlings im Matsch gelandet, und über das folgende Gelächter hatte er sich fast schwarz geärgert, von der nassen Kleidung ganz zu schweigen. „Getan hat er sich nichts, aber geflucht hat er wie ein Landsknecht!“, erzählte Danilo, und Jefrem erwiderte vergnügt: „Was Fluchen angeht, kann man von Mischa noch was lernen!“

Zumindest hatte Viljo recht gehabt, sie waren bald fertig mit der Arbeit, und Jefrem hatte nicht einmal sehr viel dazu beitragen müssen. Zufrieden wischte er sich den Schweiß von der Stirn und sah sich um, ließ seinen Blick über seine Knechte schweifen. Vermutlich hatte es keinen Sinn, sie nach dieser Schlammschlacht sofort weiter arbeiten zu lassen, also würde er eine Pause genehmigen. Ein bisschen frisches Wasser und vor allem trockene Kleidung würden den Unmut vertreiben und vielleicht sogar Mischas Stimmung heben, der immer noch mürrisch mit verschränkten Armen da stand und sich bereits nach einer neuen Aufgabe umsah. „Komm, geh und wasch dich“, sagte er ihm im Vorbeigehen und klopfte ihm einmal kurz und kräftig auf die Schulter, und nach kurzen Zögern nickte er und trabte ab.

Jefrem steuerte gerade auf Danilo zu, als er bemerkte, dass er Tarn nirgendwo gesehen hatte. Dabei war er vorher immer in Mischas Nähe geblieben, vermutlich in der begründeten Annahme, dass der ihn nicht mit einem Gespräch belästigen würde.

Also hatte er sich aus dem Staub gemacht. Jefrem hatte bis bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen Entschluss gefasst, aber er fasste ihn nun. Die Gelegenheit war so gut wie jeder andere; Er würde Tarn finden und zur Rede stellen um endlich herauszufinden, was ihn beschäftigte.

Nieselregen setzte ein, als er sich in Bewegung setzte, kein leichtes Tröpfeln, sondern unangenehmer, lauer Sprühregen. Zum Glück musste er nicht allzu lange suchen; Jefrem kannte inzwischen die meisten Orte, an die Tarn sich zurück zog um nachzudenken oder ungestört zu sein. 

Die Mauer, die das Anwesen umschloss, war ein Flickenteppich, immer wieder aufgemauert, erweitert und um diverse Wirtschaftsgebäude gezogen worden. An manchen Stellen schmiegte sie sich dicht an die Gebäude des Anwesens, schuf Nischen und kleine Hinterhöfe.
Einer dieser Orte grenzte direkt an den Hof, auf dem sie gearbeitet hatte. Die Mauer und die Wände eines angrenzendes Lagers schufen eine Gasse, die nur einen reichlichen Meter breit war. Unter dem überhängenden Dach des Gebäudes wurde geschichtetes Feuerholz gelagert. Es war kein gemütlicher, aber zumindest ein trockener Ort.

Er fand Tarn auf einem der Holzstapel sitzend, ein Knie an den Körper gezogen. Er starrte auf etwas in seinen Händen, das Jefrem nach genauerem Hinsehen als einen Fetzen Papier erkannte, gefüllt mit gekritzelten Buchstaben. Er bemerkte Jefrem im ersten Moment nicht einmal, so konzentriert war er darauf, dem Zettel seinen Inhalt abzutrotzen.

Jefrem musste schmunzeln, und wie so oft fühlte er in diesem Moment ehrliche Zuneigung für Tarn. Er wusste, dass sich offenbar niemand die Mühe gemacht hatte dem Jungen Lesen oder Schreiben beizubringen, obwohl sein Wissen in anderen Bereichen erstaunlich umfassend war. Dass er sich die Mühe machte etwas Neues zu lernen gefiel Jefrem, auch wenn er sich gut vorstellen konnte, woher dieser Wunsch stammte. Anssi war soweit er wusste belesen, also war das vermutlich ein weiteres Zeichen dafür, dass Tarn sich seinen Erwartungen anpasste. Es bestätigte nur Jefrems Verdacht, dass er die treibende Kraft hinter Tarns Rückzug war.

Jefrem wollte ihn gerade ansprechen, als Tarn aufsah und zusammen zuckte. Reflexartig schloss er die Hand und zerknüllte das Papier in seinen Händen, als wäre er bei etwas ertappt worden. Und wie immer, wenn er unsicher war oder nicht wusste was er sagen sollte, flüchtete er sich in Ärger.
„Was ist?“, fragte er gereizt und sprang von dem Holzstapel herunter, „Was zu tun?“ „Nein, ich will mit dir reden“, antwortete Jefrem. 

Tarns Gesichtsausdruck fror ein; er schien innerlich in Abwehrstellung zu gehen. „Hab dir nichts zu sagen“, murmelte er halblaut und wollte an ihm vorbei aus der schmalen Gasse flüchten. „Zwischen nichts zu sagen haben und nichts sagen wollen gibt es einen Unterschied“, erwiderte Jefrem und trat ihm kurzerhand in den Weg, und sah erstaunt, dass Tarn blitzartig zurückwich, als wolle er um jeden Preis Abstand halten. Sehr verdächtig, das Ganze.

„Du weichst mir aus“, stellte er fest, aber Tarn schweig beharrlich. Er musste auch keine Zustimmung geben, weil Jefrem wusste, dass er sich in diesem Punkt nicht täuschte. Aber vielleicht hatte er sich vertan, vielleicht war jetzt einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Es stand Tarn ins Gesicht geschrieben, wie wenig er diese Unterhaltung führen wollte, und wie sehr er sich in die Ecke gedrängt fühlte. Jefrem wusste, dass er weder sich selbst noch ihm einen Gefallen damit tun würde, wenn er ihn jetzt zu sehr einschüchterte. 

Also lenkte er von selbst ein, trat zur Seite und sagte beschwichtigend: „Wenn’s so ist kann ich wohl nichts dagegen tun. Ist deine Entscheidung. Geh mir aus dem Weg, wenn dir das gefällt. Aber ich frage mich doch, was der Grund dafür ist. Oder der Grund dafür, dass du mich beobachtest.“ 

Tarn hatte sich gerade ein wenig entspannt, doch bei diesem Vorwurf zuckte er ertappt zusammen; anscheinend hatte er mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass Jefrem das bemerken würde. Er öffnete den Mund und wollte vermutlich auch sofort alles abstreiten, aber Jefrem ließ ihn nicht zu Wort kommen: „Ist mir gleich, ob du mich im Auge behältst; Ich hab’ nichts verbrochen. Aber da bist du wohl anderer Meinung. Also los, raus mit der Sprache: Wozu das Ganze?“ 

Jetzt sah Tarn wieder zu Boden, beschämt und gleichzeitig wütend. Aber Jefrem glaubte dennoch, dass er nicht so hartnäckig an seinem Schweigen fest hielt wie zuerst gedacht. Er wollte ausweichen, aber er wollte auch reden, und in diesem Moment war er Jefrem froh, dass er dieses Gespräch überhaupt begonnen hatte. Vermutlich würde sich jetzt alles klären.

Tarn öffnete den Mund, aber er kam nie dazu, ein einziges Wort zu sagen. Ein lautes, knirschendes Splittern ertönte, gefolgt von Gepolter, überraschten Ausrufen, einem Aufschrei, dem Geräusch von Hufen, ängstliches Wiehern… und dann die alles durchdringenden Schmerzensschreie eines Mannes.

Sie sahen sich an, für einen Moment wie gelähmt, aber die Schreie verstummten nicht, und ohne ein weiteres Wort stürzten sie zurück auf den Hof.


Was war das Erste, das er wahr nahm? Tarn schämte sich später dafür, aber im ersten Moment ignorierte er die Menschen um sich herum völlig, konzentrierte seine gesamte Aufmerksamkeit auf die Pferde, die vor die zwei Karren gespannt waren. 

Das erste Gespann war nur erschrocken, aber eines der Pferde aus dem zweiten Gespann war gestürzt und rappelte sich gerade auf, das andere tänzelte nervös, beide wieherten und schnaubten ängstlich. Der Mittelholm des Karrens, den sie gezogen hatten, stand schräg und musste das Pferd das gestürzt war getroffen haben. Erst jetzt erfasste Tarn, dass der Wagen in Schräglage auf einer Achse auflag. Ein Rad war gebrochen, und der alte, schlecht gepflegte Unterbau des Wagens war auf dem Boden aufgeschlagen und, dem Geräusch nach zu urteilen,  gesplittert.

Noch im Laufen sah er erleichtert, dass den Pferden sonst nichts zu fehlen schien, und erst jetzt, als er mit Jefrem den Wagen umrundete, wurde ihm klar, wer geschrien hatte.

„Чорт забирай!“, fluchte Jefrem neben ihm. Ohne inne zu halten kniete er sich in den Schlamm neben Danilo, zu der Person, die am Boden lag. Viljo. Er schrie vor Schmerzen, wand sich und versuchte verzweifelt sich zu befreien. Fuß und Unterschenkel seines linken Beines waren unter dem zusammengebrochenen Wagen eingequetscht, das Knie in einem unnatürlichen Winkel abgeknickt. 

Jefrem versuchte gar nicht erst ihn unter dem Wagen hervor zu zerren, er packte Viljo an der Schulter und gab Danilo einen Wink das selbe zu tun und redete mit brüchiger Stimme auf ihn ein: „Halt still, du machst alles nur noch schlimmer! Still, um Gottes Willen!“

Tarn glaubte erst nicht, dass irgendjemand zu Viljo durchdringen würde, dass die Schmerzen ihm jede Vernunft raubten, aber er griff blind nach Jefrem, und der packte seine Hand. „Jefrem-“ „Ja, ich bin hier! Reiß dich zusammen, Mann! Wir holen dich hier raus!“ 

„Es- es- tut- so weh“, keuchte Viljo fast besinnungslos, und Jefrem drückte seine Hand, so fest, dass es schmerzen musste. „Ihr-ihr müsst- irgendetwas tun.“ Er holte schluchzend Luft. Seine sonst braune Haut wirkte aschfahl, und die Schlammspritzer auf seinen Armen und seinem Gesicht zeichneten sich wie gemalt darauf ab. „Ihr müsst-“ „Ja, aber dazu musst du jetzt wach bleiben!“, unterbrach Danilo ihn und drückte seine Schulter. „Bleib wach!“ Er sah flehend zu Jefrem, die Augen voller Angst. „Was sollen wir tun?“, fragte er.

Jefrem blieb still, antwortete nicht, und erst glaubte Tarn, dass er selbst nicht wusste, was zu tun war. Dass er genauso gelähmt vor Entsetzen war wie die Diener und Knechte, die um sie herum standen. Sie alle hatten die Schreie gehört, und wie versteinert umringten sie Viljo, ein stummer Kreis aus weit aufgerissenen Augen und vor den Mund geschlagenen Händen.

Tu etwas, dachte Tarn, tu irgendetwas. Sonst werden sie alle untätig herum stehen bis er verblutet ist. Und in diesem Moment wusste er, dass er Jefrem vertraute. Trotz allem, was er wusste oder glaubte zu wissen, vertraute er darauf, dass Jefrem das Richtige tun würde. Er würde Viljo jetzt nicht im Stich lassen. 

Der Regen verdichtete sich, bildete große, schwere Tropfen und begann auf sie herunter zu prasseln. Und als wäre das sein Signal gewesen, richtete Jefrem sich auf. Zuerst noch mühsam, als stemme er eine schwere Last. Doch dann straffte er die Schultern, wandte sich um und fixierte die Menge. 

Sein Blick schweifte einmal über die vielen blassen Gesichter, die unentschlossenen Mienen, und dann öffnete den Mund und begann zu brüllen: „Was steht ihr da rum und glotzt?! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“ 

Er durchbohrte die Gaffer mit seinen Blicken, die wie ein Mann zusammenzuckten und sich duckten, und niemand wagte es zu widersprechen, als er begann Befehle zu erteilen: „Du da, und du, ihr lauft zu Karvash und sagt ihm was geschehen ist!“, wies er zwei der herbei gelaufenen Wachen an, bevor er sich auf die Diener konzentrierte. „Du da, wir brauchen heißes Wasser, sag drinnen Bescheid! Du da! Feuerholz, das ist deine Aufgabe! Und ihr zwei sucht einen Ort wo wir ihn versorgen können, irgendwo wo es ruhig ist! Mädchen, du suchst saubere Tücher, irgendetwas, das wir benutzen können um ihn zu verbinden! Und wir brauchen eine Trage, denkt euch was aus! Los, wir haben keine Zeit zu verlieren!“

Die Angesprochenen flohen regelrecht, und mehrere derjenigen die nur geglotzt hatten folgten ihnen auf dem Fuß, als wäre ihnen jetzt erst klar geworden, wo sie waren. Niemand von ihnen schien Jefrem je so wütend oder entschlossen gesehen zu haben, und einige fürchteten vielleicht, was er ihnen befehlen würde, wenn sie blieben. 

Sie hasteten in Richtung des Bedienstetentrakts und wurden sofort mit der nächsten Überraschung konfrontiert, als Mischa ohne nach links oder rechts zu sehen auf sie zu stapfte, das Gesicht voller grimmiger Entschlossenheit. Die, die nicht rechtzeitig auswichen schob er grob beiseite, und so bahnte er sich seinen Weg hin zu Jefrem.

Er war immer noch voller Schlamm, aber nur noch im Hemd, das im prasselnden Regen innerhalb von Sekunden durchweicht war. Anscheinend hatte ihm niemand sagen können oder wollen, was überhaupt geschehen war, denn als er endlich vor dem Wagen angelangt war blieb er ruckartig stehen. Für einen endlos scheinenden Moment stand er nur da, ein vor Nässe triefender Koloss.

Und dann setzte er sich in Bewegung, so bedrohlich und unaufhaltsam wie ein Erdrutsch. Er stapfte auf den Führer des Wagens zu, der immer noch verzweifelt versuchte die verstörten Pferde zu beruhigen, packte ihn am Kragen, hob ihn hoch wie eine Puppe und schüttelte ihn in der Luft. „Was zur Hölle hast du angerichtet?!“, brüllte er ihn an. 

Tarn hatte noch nie gehört, wie er die Stimme erhob, und er wünschte auch, er hätte es nie. Von dem beherrschten, ein wenig wortkargen Riesen war nichts mehr übrig; er hatte einem rasenden, unkontrollierbaren Irren Platz gemacht, einem Mann, der Knochen brechen und Schädel einschlagen wollte. Es gab niemand, der sich nicht duckte, und der Wagenführer zitterte am ganzen Leib. „Ich habe nichts getan!“, rief er und versuchte verzweifelt sich zu befreien, aber er hätte genau so gut versuchen können mit einem Berg zu ringen. 

Sowohl Jefrem als auch Danilo waren mit einem Satz bei ihm. „Lass ihn runter, Mischa! Das bringt uns nicht weiter!“, befahl Jefrem und packte ihn am Arm. Tarn erwartete, dass Mischa ihn niederschlagen würde, und er sah, dass seine Augen tatsächlich einen Moment in seine Richtung zuckten, genau wie seine riesigen Pranken, bereit, zuzuschlagen.

„Mischa, nicht.“ Es war nur ein entkräftetes Flüstern, das Viljo zustande brachte, im prasselnden Regen kaum verständlich, aber es war das Einzige, das den Ausschlag gab. Mischa hielt inne, und einen Moment lang hielt er den Mann einfach nur weiter über seinen Kopf, wo er zappelte wie ein Fisch an Land. 

Dann ließ er ihn los, lies ihn regelrecht fallen. Er sah hinab zu Viljo, der immer noch bleich da lag und mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen Blick erwiderte. „Tut mir Leid“, murmelte er, und Viljo rang sich ein klägliches, blasses Lächeln ab, eine traurige Imitation des Grinsens, das er sonst immer zeigte. „Nichts passiert“, krächzte er, „das ist doch die Hauptsache.“ Mischa nickte langsam, und jetzt sah er nicht mehr wütend aus, nur noch todunglücklich. Er gestikulierte vage in Richtung des Wagens und brummte: „Das kommt wieder in Ordnung, mein Freund.“ 

Und dann, ohne dass ihn jemand aufhalten konnte, trat er an den Wagen heran, schob seine Hände unter das zerbrochene Holz des Unterbaus und stemmte. Tarn glotzte mit offenem Mund, unfähig zu glauben, was er sah. Mischas Gesicht lief knallrot an, und seine Sehnen und Muskeln vibrierten in seinen Armen, kämpften mit dem unmöglichen Gewicht. Aber seine Kraft war ungeheuerlich. Mit einem gequälten Ächzen und Knirschen hob sich der hölzerne Unterbau aus dem Schlamm im Hof, erst nur eine Hand breit, dann immer höher. 

Viljo schrie auf und wand sich vor Schmerzen. Aber Jefrem zögerte keine Sekunde als er begriff was Mischa vorhatte, und er nahm auch keine Rücksicht. Er sprang vor, packte Viljo unter den Achseln und schleifte ihn mit einem Ruck in Sicherheit. 

„Jetzt!“, rief er Mischa zu, und der ließ einfach los. Mit einem lauten Krachen fiel der Wagen zurück auf seinen zerbrochenen Unterbau. Schlamm spritzte hoch. Die Pferde tänzelten, verstört von der Gewichtsverlagerung am Geschirr und dem Geruch nach Blut, und die zwei Wagenführer hatten alle Hände voll zu tun sie zurück zu drängen und zu beruhigen, damit sie nicht durch gingen.

Jefrem achtete gar nicht darauf; Viljo drohte ohnmächtig zu werden, und Jefrem schlug ihm ins Gesicht, nicht brutal, aber fest genug, dass er bei Bewusstsein blieb. „Bleib wach, Mann! Mischa! Wir müssen ihm das Bein abbinden, so fest wie möglich! Wir brauchen einen Gürtel!“

(I) Den Rest bekam Tarn nicht mehr mit. Er stand immer noch wie versteinert da und starrte auf Viljos Bein. Der Aufprall und das Gewicht des Wagens hatten den Beinknochen an mehreren Stellen zertrümmert, das Knie mit Wucht zur Seite verdreht. Blut floss aus mehreren offenen Wunden, tiefe, heraus gefetzte Krater im Fleisch. 
Die Übelkeit setzte nicht sofort ein. Im ersten Moment glaubte er, er könnte sie beherrschen, fühlte nur leichten Schwindel. Im nächsten Moment drehte er sich um und rannte, und zum Glück hielt ihn niemand auf, denn er übergab sich am Rande des Hofes und kämpfte minutenlang um sein Bewusstsein.
(I)

Am Rande seiner Wahrnehmung hörte er noch mehr Anweisungen von Jefrem und wie er Mischa zusammen brüllte, dass er etwas derartig Verrücktes gewagt hatte. Und dann begann Danilo darüber zu sprechen wo sie auf die Schnelle einen Arzt her bekommen sollten, und Tarn riss sich zusammen. Viljo brauchte Hilfe, schnell, und Tarn glaubte nicht, dass sie wussten wie schlimm es wirklich um sein Beins stand. 

Er stolperte zurück, auf Jefrem zu, der sich mit Mischa und Danilo beriet. Viljo wurde gerade weg getragen, was vielleicht eine Gnade war angesichts dessen, was Tarn Jefrem sagen wollte, der sich sofort besorgt zu ihm umwandte.

„Alles in Ordnung?“, fragte er, und Tarn schluckte trocken, kämpfte mit seiner Übelkeit, und nickte trotzdem. „Sein Bein-“, begann er, und Danilo quälte sich zu einem schmalen Lächeln, vermutlich in dem Versuch, in aufzumuntern. Es misslang kläglich; er war blass, und seine Augen blickten starr, als müsse er sich zwingen, sie nicht nervös zucken zu lassen. „Viljo wird sicher-“, begann er, aber Tarn fiel ihm sofort ins Wort. „Er hat drei oder vier Knochenbrüche und sein Knie ist weg. Er blutet zu stark. Wir verlieren ihn, wenn wir nichts tun.“

Danilo sah ihn verständnislos an, Mischa mit leerem Blick, und er begriff, dass sie nicht verstanden, was er ihnen damit sagen wollten. Oder nicht verstehen wollten. Hilfesuchend sah er zu Jefrem, der ebenfalls grau im Gesicht war, aber traurig nickte. Er hatte vermutlich schon viel eher begriffen, wie schlimm es um Viljo stand.

„Tarn hat Recht“, sagte er leise, „Darüber wollte ich mit euch reden. Viljo macht es nicht, bis ein Arzt da ist. Nicht so. Wir haben so fest abgebunden wie’s geht, und er blutet trotzdem noch wie ein abgestochenes Schwein. Und was von seinem Bein übrig ist…“ Er unterbrach sich, und schüttelte dann traurig den Kopf. 
Und jetzt verstanden sie. Sie standen unter Schock, aber die Bedeutung von Jefrems Worten erreichte sie endlich. „Was zum Teufel heißt das?“, fragte Danilo heftig, und Jefrem antwortete schließlich unglücklich: „Er wird sein Bein verlieren. Oder zumindest alles unterm Knie. Und wir müssen uns darum kümmern.“

Tarn hätte geglaubt, dass es Mischa sein würde, der begann zu toben, und er fürchtete sich davor, aber stattdessen war es Danilo, der sie wütend anbrüllte: „Hast du völlig den Verstand verloren?!“ „Lass es sein“, murmelte Mischa und packte ihn an der Schulter, damit er nicht handgreiflich werden konnte, aber Danilo ließ sich davon nicht abhalten Jefrem weiter anzubrüllen. „Wir sind alle keine Ärzte! Was wissen wir denn schon von solchen Wunden oder Knochenbrüchen! Wenn wir jemand holen, der-“ 

Er hätte wohl endlos so weiter gemacht, aber selbst Jefrems so ausdauernde Geduld war in diesem Moment am Ende. „Hast du nicht zugehört?!“, brüllte er Danilo unvermittelt an und verpasste ihm einen groben Stoß gegen die Schulter, der ihn zurück warf und überrascht schweigen ließ. „Wir haben keine Zeit! Und der Junge hat völlig Recht, Viljo verliert zu viel Blut! Entweder wir helfen ihm, jetzt sofort, oder du kannst ihn genauso gut wieder in den Schlamm werfen und den Leichenwagen rufen! Also halt dein Maul und besorg uns eine Säge und ein scharfes Messer, das schärfste, das du findest! Mischa, du gehst zu Viljo und bereitest alles vor.“ Sein wütender Blick schweifte zu Tarn, und er erstarrte. „Und du Tarn, du wirst mir helfen!“

Für einen Moment stand Tarn wie versteinert da, unfähig zu begreifen, was Jefrem von ihm verlangte, dann schüttelte er den Kopf. „Ich kann das nicht“, sagte er, und seine Stimme schien nicht ihm zu gehören. 

Doch jetzt bekam er es mit einer Variante von Jefrem zu tun, die er noch nicht kannte. „Du kannst, und du wirst, und du wirst jede verdammte Sekunde wach bleiben und nicht kotzen“, sagte er, und seiner Stimme war so hart und mitleidlos wie noch nie zuvor. „Und wenn er stirbt?! Wenn er-“, fragte Tarn völlig aufgelöst, aber das ließ Jefrem ebenfalls nicht gelten. Völlig ruhig sagte er: „Er stirbt so oder so, wenn wir nichts tun. Das weißt du auch.“ 

Tarn schüttelte abwehrend den Kopf. Nein. Nein. „Ich kann das nicht, ich kann nicht-!“, begann er erneut, und Jefrem schlug ihm so heftig ins Gesicht, dass er zwei Schritte zurück geschleudert wurde. 

„Reiß dich endlich zusammen“, sagte er leise und drohend, und Tarn verstummte instinktiv und duckte sich. Diesen Tonfall kannte er, erkannte er. Er dachte nicht einmal bewusst an seinen Vater, aber die Erinnerung war so tief eingebrannt, dass sein Körper von allein reagierte. „Ja“, sagte er leise.


Notgedrungen, weil sie sowohl Feuer als auch heißes Wasser brauchten, war Viljo in einen der alten Heizräume gebracht worden, die das Wasser des Badehauses früher erwärmt hatten. Zwei Diener hatten einen Tisch gebracht und Viljo darauf nieder gelegt. 

Er war irgendwann ohnmächtig geworden, und niemand war so grausam gewesen ihn weiter wach zu halten. Sein Hosenbein war bereits entfernt worden, und die notdürftigen Verbände, die den Rest seines Beines irgendwie zusammen hielten, troffen trotz des Abbindens vor Blut. Es stank nach Eisen, süß und durchdringend, und Tarn wurde sofort übel. Es half nicht, dass das hastig angefachte Feuer qualmte und der Abzug der Öfen seit Jahren ungenutzt war und den Rauch nur notdürftig ableitete.

Jefrem, der die Säge inspizierte und das scharfe Messer das man ihm gebracht hatte noch nach schärfte, blieb während der Vorbereitungen stumm und in sich gekehrt. Tarn fragte sich abwesend, ob Jefrem das was er vorhatte früher schon einmal getan hatte. Er hoffe es bei Gott, weil er keine Ahnung hatte, ob er in der Lage war durchzuhalten. Seine Hände zitterten, und sein Puls raste.

Er sah hinüber zu Viljo. Sein Gesicht war farblos, fast grau und schrecklich eingefallen. Er wirkte im Schlaf nicht einmal friedlich, nur zu Tode erschöpft. An seinem erstem Tag hatte er sich zu Tarn gesetzt, ihn angesprochen, versucht ihn aufzumuntern.
Mach dir nichts draus. Du schlägst dich gut, vor allem für den ersten Tag.

Tarn wünschte plötzlich, er hätte mehr über ihn gewusst. Und gleichzeitig graute es ihm davor. Um wessen Leben kämpfte er hier? Hatte Viljo eine Familie? Brüder, Schwestern, Eltern? Er wusste vage, dass er eine Geliebte hatte, schon eine Weile. Was würde sie empfinden, wenn Viljo unter den Händen eines Fremden verblutete, den weder sie noch ihr Geliebter kannten?
Er hätte sich nicht so abkapseln dürfen. Jetzt bereute er es, dass er nie heraus gefunden hatte, wer die Menschen um ihn herum waren. Und gleichzeitig, hätte er es ertragen zu wissen, wer Viljo war?

„Er mag dich.“ Tarn fuhr zusammen und wandte sich zu Mischa um, der jetzt neben ihm stand. Er sah traurig auf Viljo hinunter, die Fäuste geballt. Sie waren dick verbunden, weil er sich bei seiner wagemutigen Tat die Hände an dem gesplitterten Holz des Wagens aufgerissen hatte.
„Ist aber kein Wunder. Viljo mag jeden“, fuhr er leise fort. „Hat nie ein böses Wort für irgendwen. Sieht immer in jedem Trottel noch was Gutes.“ 
Er sah auf, und in diesem Moment wirkte er trotz seiner Größe schwach und hilflos. Es lag jetzt nicht mehr in seiner Hand, seinem Freund zu helfen; seine Körperkraft war hier völlig nutzlos. Der Schmerz darüber stand ihm ins Gesicht geschrieben. 

„Er hat’s nicht so weit gebracht, um jetzt so räudig zu verrecken“, sagte Mischa heiser, „Hilf ihm. Tu was du kannst, tu was Jefrem sagt. Wenn das einer schafft, dann ihr zwei.“ „Ich tue was ich kann“, versprach Tarn, aber seine Stimme zitterte dabei. Er wusste nicht, wie er damit zurecht kommen sollte, dass Mischa plötzlich so ernst zu ihm sprach oder so viel Verantwortung auf seine Schultern legte. Es war irreal. 

Aber Mischa nickte und beließ es dabei. „Gut. Bist kein übler Kerl, wenn man dich kennt“, brummte er und schlug ihm auf die Schulter, und es erinnerte Tarn unheimlich an Jefrems Worte.
Du bist kein schlechter Kerl, Tarn. Musst dich also auch nicht wie einen behandeln lassen.

„Tarn“, rief Jefrem ihn leise, und mit Gewalt riss er sich aus seinen Gedanken. Kein Zögern mehr.

(II)
Jefrem winkte Danilo und Tarn heran und erklärte ihnen, was zu tun war: „Also, passt auf, so sieht es aus: Wir müssen ihn ringsherum aufschneiden, damit wir an den Knochen kommen. Tarn fängt an, wenn er so weit ist, müssen wir ausbrennen, wenn wir nicht wollen, dass er uns doch noch verblutet. Ich nehme die Säge. Wir brauchen Wasser, wenn ich säge, sonst läuft sie vielleicht heiß. Tarn, du hast die ruhigste Hand, du wirst ihn nähen. Verstanden?“ 
„Und was tue ich?“, grollte Mischa, und Jefrem seufzte. „Du bleibst hier und betest, dass er das überlebt.“


Und dann begannen sie; Jefrem überließ Tarn das Messer. 

Er schloss für einen Moment die Augen, beruhigte das Zittern in seinen Händen. Er war kein Arzt, aber er hatte seinem Vater geholfen, hatte schon in lebendiges Fleisch geschnitten, selbst wenn er nur eine Vereiterung ausgeschnitten hatte. Es war das selbe. Er redete es sich verzweifelt ein. Es war alles das selbe.

Er schnitt. Als er begonnen hatte, setzte er nicht mehr ab, dachte nicht mehr nach. Er tat einfach das was er konnte, was er tun musste, während das Feuer prasselte und Schweiß seine Schläfen hinab lief. Ein umlaufender Schnitt über dem Knie. Blut floß träge aus der Wunde, und er biss sich auf die Zunge, um die Übelkeit und den Schwindel zu verbannen. Er zog die Haut zurück, schnitt tiefer, trennte die Muskelstränge, die Gefäße im Bein, aus denen schubweise Blut quoll, im Takt mit Viljos Herzen. Er dankte dem Himmel, dass sein Bein so fest abgebunden war, sonst wäre er innerhalb von Minuten verblutet.

Es war Danilo, der das glühende Eisen aus dem Feuer holte und Jefrem übergab, und er schloss damit die Gefäße, stoppte den Großteil des Blutflusses. Er sah grau aus, als er nach der Säge griff, als wäre er in einem schrecklichen Alptraum gefangen, und Tarn wusste, wie er sich fühlte. Sie waren alle Teil des selben Alptraums.

Aber sie durften nicht zögern. Jefrem schob das Fleisch über dem Knochen nach oben und begann mit seiner Arbeit. Seine Hände zitterten wie die eines Greises, aber als er einen Ansatz gefunden hatte, wurde das unwichtig. Die Säge kreischte, fräste sich durch den lebendigen Knochen, während Danilo immer wieder Wasser nach goss. 

Zwischendurch musste Jefrem Mischa das Feld überlassen, weil ihn seine Kraft verließ, aber schließlich war der Knochen durchtrennt. Jefrem hob das abgetrennte Körperteil auf und legte es beiseite. Wie eine Hähnchenkeule, dachte Tarn, und er musste sich mit Macht auf die Zunge beißen, sonst wäre er ohnmächtig geworden. 

Halb blind griff er nach der Nadel, und dann nähte er die Wunde zur Hälfte zu, bevor Jefrem ihn zur Seite schob und den Rest übernahm. Er ließ es geschehen; er zitterte inzwischen so unkontrolliert wie Jefrems Hände zuvor, er konnte keinen geraden Stich mehr setzen.

Und dann war es vorbei. Sie verbanden den Stumpf so gut es ging, und hatten ihre Arbeit endlich beendet. Es kam Tarn vor als wäre eine Ewigkeit vergangen, aber er wusste, dass es nicht mehr als eine halbe Stunde gewesen sein konnte, gut ein Drittel davon oder länger hatten sie die Wunde genäht. Es war schnell gegangen, und vielleicht würde das Viljos Leben retten. 
(II)

Für einen Moment standen sie alle nur stumm und still da. Jeder einzelne von ihnen hatte blutige Hände und war blass und abwesend, aber Tarn sah am schlimmsten aus. Seine Arme waren bis zu den Ellenbogen verschmiert.

„Lebt er überhaupt noch?“, fragte Jefrem schließlich, und er klang unendlich erschöpft. Tarn wurde bewusst, dass er das die ganze Zeit nicht überprüft hatte.  Vielleicht hatten sie einer Leiche das Bein amputiert. Langsam, traumwandlerisch hielt er die blutverklebte Hand unter Viljos Nase und dankte Gott, als er seinen schwachen, aber gleichmäßigen Atem spürte. „Er ist am Leben“, sagte er leise. „Noch“, ergänzte Danilo bitter.


Es regnete nach wie vor, und die schweren, kalten Regentropfen prasselten genauso gleichförmig vom Himmel herunter wie zuvor. Zuvor, das war vielleicht eine Stunde, und fühlte sich an wie ein Jahrhundert. 

Tarn saß auf dem Boden, unter dem vorspringenden Dach das Anwesens und starrte ins Leere. Er war zu keinem Gedanken, keiner Handlung mehr fähig. Er hörte dem Regen zu und bewegte keinen Muskel.
Irgendwann, ohne dass er wusste woher, war Jefrem plötzlich da, ließ sich neben ihm sinken. 

Sie saßen schweigend da, eine lange, lange Zeit. 

„Du hast es gut gemacht“, begann Jefrem schließlich. „Wenn Viljo durchkommt, schuldet er dir sein Leben.“ Er klang unendlich müde, aber auch ruhig. „Wenn er durch kommt“, murmelte Tarn. Sie beide wussten, dass das nicht sicher war. Es würde davon abhängen, ob sich die genähte Wunde entzündete, ob er Fieber bekam, oder ob er einfach zu viel Blut verloren hatte. Nichts war sicher.

„Wer entscheidet, wer lebt und wer stirbt? Wer legt das fest?“, fragte Tarn plötzlich.

Jefrem runzelte die Stirn. Es war eine wütende, fast kindliche Frage. Und eine sehr alte Frage, auf die doch niemand jemals eine Antwort gefunden hatte. Wer entschied über ihr Leben und ihren Tod? Gab es einen vorbestimmten Plan? Oder nur Zufall, Pech und keine Gerechtigkeit? Man konnte lange darüber nach grübeln, ohne jemals einen Schluss zu finden.

Aber gleichzeitig hatte Jefrem das Gefühl, dass mehr hinter dieser Frage stand als er begriff, und fast hätte er gefragt, auf wen Tarn sich bezog. Auf Viljo? Oder jemand anderen? Aber selbst wenn er diese Frage gestellt hätte, Tarn hätte ihm vermutlich nicht geantwortet.

„Niemand legt das fest“, brummte er schließlich, und blieb damit bei dem, woran er selbst glaubte. „Es ist nicht gerecht, und ganz sicher gibt’s keinen guten Grund. Vielleicht einen himmlischen Plan, aber wenn, was haben wir mit dem zu schaffen? Könnten wir den überhaupt begreifen? Wenn’s nach mir geht: Es geschieht, egal ob wir das verstehen oder nicht, und wir müssen sehen, wie wir damit zurecht kommen.“

Tarn schwieg lange, dann nickte er. „Kein Grund“, murmelte er, und obwohl Jefrem nicht das Gefühl hatte, dass ihm diese Antwort gefiel, schien er sie doch zu akzeptieren. So, wie man den Tod nun einmal akzeptieren musste, früher oder später, weil er vor niemand Halt machte.

„Aber sprechen wir nicht von Viljo, als wär’s schon aus mit ihm“, brummte Jefrem um das Thema zu wechseln. „Er ist ein zäher Kerl, und er hat es weit gebracht. Jetzt wird er nicht so einfach aufgeben.“ 
Tarn runzelte die Stirn. Etwas an Jefrems Worten schien ihn zu beschäftigen. Schließlich fragte er: „Mischa hat vorhin etwas Ähnliches gesagt. Viljo wäre so weit gekommen. Was soll das überhaupt heißen?“ 

Die Antwort war nur Stille, und sie irritierte Tarn nur noch mehr. Er hob den Kopf, wandte sich Jefrem zu und fixierte ihn. „Was hat er durchgemacht?“, fragte er noch einmal. 

Jefrem erwiderte seinen Blick, aber er schien auch mit sich zu hadern. „Das ist nicht so schnell erzählt“, brummte er unbehaglich, aber er sah an Tarns Blick, dass er nicht nachgeben würde.

Also seufzte er, suchte nach einem Anfang, und sagte schließlich: „Normalerweise würde ich jetzt nichts sagen. Tratsch und Gerüchte, mit sowas geb’ ich mich nicht ab. Aber Viljo will nicht, dass wir lügen. »Wenn dich jemand danach fragt, sagst du die Wahrheit«. Ist seine Art, damit umzugehen, und da rede ich ihm nicht rein.“ „Was soll das heißen?“, fragte Tarn. Er hatte das Gefühl, dass seine Verwirrung nur größer wurde. „Umzugehen mit was?“

Jefrem schwieg wieder, doch dann rang er sich zu einer Antwort durch. „Kann sein, dass du’s schon bemerkt hast. Oder vielleicht auch nicht, wer weiß. Die meisten wissen inzwischen, dass Viljo nichts Stärkeres anfasst als sehr dünnes Bier. Himmel, er hat schon versucht nur Wasser zu trinken, aber dafür taugt das Wasser hier in der Stadt nun wirklich nicht. Heutzutage hält er sich aus allem Ärger raus. Aber als er hierher kam, da war er öfter voll als nüchtern. Er war ein Trunkenbold, ein Taugenichts.“ 

Er pausierte, starrte hinaus in den Regen, versunken in seine eigenen Gedanken, und versunken in seinen Erinnerungen. Viele davon waren schmerzhaft, manche fast komisch, andere grauenhaft. Es war nicht leicht gewesen, das war es nie.
„Aber das ist lange her, und heute ist Viljo-“, fuhr er schließlich fort, wandte sich zu Tarn um, und brach verwirrt ab. 

„Er war ein Säufer?“, fragte er tonlos, und Jefrem konnte unmöglich deuten, was in seiner Stimme lag. Wut? Mitleid? Hass? Trauer? Er versuchte sich einen Reim darauf zu machen, zu erkennen, was Tarn plötzlich so aufwühlte, aber sein Gesicht war eine undurchdringliche Maske. „Ein Säufer“, wiederholte er langsam, „Und ich habe ihm geholfen.“ 

Plötzlich sprang er auf, und Jefrem begriff sofort, dass er weglaufen wollte, und  machte einen verzweifelten Versuch ihn davon abzuhalten. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht, hatte Tarn zutiefst verletzt, und zum ersten Mal ergriff ihn Angst, was Tarn in diesem Zustand tun würde. Er packte ihn an der Schulter und hielt ihn fest. „Ja, du hast ihm geholfen“, sagte er unbeholfen, „Was hättest du denn sonst tun sollen?“ 

Tarn riss seine Hand grob von seiner Schulter und warf ihm einen Blick zu, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Ich hätte ihn verrecken lassen sollen, wie er es verdient hat“, zischte er, und dann drehte er sich um und lief.

Und Jefrem, unfähig zu begreifen, was gerade geschehen war, folgte ihm nicht.


Tarn hatte kein bewusstes Ziel, keinen Ort, zu dem er wollte. Er ging einfach weiter, quer durch das Anwesen, ohne auf seine Umgebung zu achten oder inne zu halten. Er war blind für jeden, der ihm begegnete, und blind für die entsetzten Blicke, die seinen blutverschmierten Händen galten. Er nahm nichts wahr außer seinem Hass und seinen verwirrten Gedanken, alle widerstreitend, unsortiert, jeder eine Stimme die versuchte alle anderen nieder zu brüllen.

Ich hätte ihn sterben lassen sollen, dachte er hasserfüllt. Nein, ich hätte sogar nachhelfen sollen. Und während ein Teil seiner selbst sich an dieser Vorstellung weidete, war der Rest erfüllt von Stimmen, die dem heftig widersprachen, die an ihm zerrten, ihn quälten und alles in Frage stellten.

Mach dir nichts draus

Viljo mag jeden

Hat nie ein böses Wort für irgendwen

Du schlägst dich gut, vor allem für den ersten Tag

Heutzutage hält er sich aus allem Ärger raus

Er hat’s nicht so weit gebracht, um jetzt so räudig zu verrecken

Sieht immer in jedem Trottel noch was Gutes

Er mag dich

Lasst mich doch alle in Frieden, heulte sein Verstand, und er war kurz davor den Kopf gegen eine Wand zu schlagen. Er wollte das alles nicht. Er ertrug das alles nicht.

Sie atmet nicht

Er ist am Leben

Viljo hatte es nicht verdient zu leben. Was hatte er getan, als er noch getrunken hatte? Vermutlich hatte er Menschen verletzt, wie Tarns Vater. Sich nicht damit zufrieden gegeben, sein eigenes Leben zu zerstören, und das anderer Menschen mit sich gerissen.

Du weißt es nicht.

Warum hatte er sein Leben retten können und nicht ihres?

Irgendwann, er wusste nicht wie und warum, stolperte er wieder ins Freie, in einen der versteckten Innenhöfe des Anwesens, von denen er längst noch nicht alle kannte. Der Regen prasselte immer noch unvermindert vom Himmel, was auch der einzige Grund war, warum er überhaupt wahrgenommen hatte, dass er das Gebäude verlassen hatte. 

Verloren sah er sich um. Die Wände, viele der Fenster und die Säulen des winzigen Bogengangs, der Schutz vor dem Regen bot, waren üppig mit Efeu überwuchert und raubten dem Ort noch mehr Tageslicht. Die wenigen Fenster, die nicht überwachsen waren, waren vor dem Regen verschlossen worden, und so war der Hof bis auf das endlose Prasseln des Regens völlig still und verlassen.

Tarn hätte sich unterstellen können, aber stattdessen setzte er sich auf eine grobe Steinbank, die unter freiem Himmel stand und ließ sich berieseln. Was machte es noch? Er sah auf seine Hände, die immer noch verklebt mit Blut waren. Der Regen wusch die Spuren langsam, aber stetig von seinen Händen. Gut. Er hatte schon einmal Blut von seinen Händen geschrubbt, bis seine Haut rot und rissig gewesen war. Er wollte das nicht noch einmal tun.

Ist es nicht eher deine Schuld? Du bist doch der, der alles weiß und alles kann. Also, warum hast du sie nicht gerettet?

Er stöhnte auf und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Er wollte nicht daran denken. Er wollte sich nicht erinnern. Aber er hatte das Gefühl, dass alles dicht unter der Oberfläche lauerte. Das Blut. Viljos Gesichtsausdruck. Nur deshalb erinnerte er sich.

Leider war es in diesem Moment auch mit seiner Einsamkeit vorbei. Ein Paar betrat den Innenhof, und eine Frauenstimme sagte: „Oh, es regnet immer noch. Warum wolltest du ausgerechnet hierher kommen?“ „Willst du bei dieser brütenden Hitze lieber in einem stickigen Zimmer sein, oder hier draußen?“, fragte Anssi zurück, und Tarn fuhr zusammen.

Das war seine Stimme, aber er klang trotzdem nicht wie er selbst. Zuckersüß und falsch. Er hatte noch nicht viel von dem mitbekommen, was Anssi seinen Kunden bot, aber er wollte es auch nicht sehen. Jetzt war er unfreiwilliger Zeuge davon, wie Anssi eine Frau bezirzte, und er konnte nicht einmal flüchten, das wurde ihm im nächsten Moment bewusst. Der einzige Grund, warum die beiden ihn noch nicht entdeckt hatten war, dass sie im Bogengang verharrten und das dichte Efeu ihnen im Moment noch die Sicht versperrte.

Tarn flehte stumm, dass sie verschwinden würden. Er wollte Anssi jetzt nicht sehen, er wollte ihm nicht so unter die Augen treten. Er sah wieder auf seine Arme hinab, betrachtete seine Hände, die trotz des Regens immer noch mit eingetrockneten Blut verkrustet waren, und seine Kleidung, die schon vor diesem Tag nicht mehr ganz sauber gewesen war und jetzt getränkt war mit Regen, Schweiß und Schlamm. 

„Aber wenn uns hier jemand sieht-“, wandte Anssis Begleiterin ein. Das war nur spielerischer Protest, eine Aufforderung, sie zu überzeugen. „Und wenn es so wäre?“, fragte er, und sie lachte auf, nervös und aufgeregt. „Oh, ich würde sterben vor Scham!“, behauptete sie. „Dann sollten wir uns wirklich nicht sehen lassen“, flüsterte Anssi ihr zu und zog sie offenbar weiter, denn jetzt gerieten die beiden in Tarns Blickfeld, und er unfreiwillig in ihres.

Anssis Begleiterin, sie mochte Mitte dreißig sein, sah sich als erstes um und wurde auf ihn aufmerksam. Anssi folgte ihrem Blick. In ihrer Reaktion glichen sie sich verblüffend: Wortlose Überraschung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Aber während Anssi sich sofort fing, weiteten sich die großen, mausbraunen Augen der Frau vor Entsetzen. Ihr Blick fiel sofort auf seine Arme, die getrockneten Blutspritzer und Flecken, die durch den Regen rotbraune Rinnsale bildeten. 

„Oh mein Gott, ist das Blut?!“, flüsterte sie, und bevor sie auch nur ein weiteres Wort gesagt hatte, griff Anssi sie und führte sie sanft ein paar Schritte zurück, redete flüsternd auf sie ein. Sie warf immer wieder entsetzte Blick auf Tarn, der nur da stand und nicht wusste, wie er reagieren sollte. Hätte er auch nur einen falschen Schritt gemacht, hätte sie vielleicht um Hilfe geschrien.

Doch Anssis Worte schienen sie so weit zu beruhigen, dass sie schließlich, nicht ohne einen letzten, schockierten Blick auf Tarn zu werfen, das Weite suchte.

Anssi kehrte zu ihm zurück, trat zu ihm hinaus in den Regen, und betrachtete Tarn stumm. Der Ausdruck seines Gesichts war unergründlich. Einerseits sah er ruhig aus, unbeteiligt, und das passte zu ihm. Aber hätte Tarn ihn nicht besser gekannt, hätte er geglaubt in diesem Moment mehr in seinem Blick zu sehen. Sorge. Aber das war absurd.

Ist es Blut?“, fragte er schließlich, und Tarn nickte. „Hast du jemanden ermordet?“ Tarn lächelte schmal und erwartete, dass Anssi zurück lächeln würde zum Zeichen, dass es nur ein Scherz gewesen war, doch sein Ausdruck änderte sich nicht. Tarn begriff, dass er seine Frage ernst gemeint hatte. 

Zuerst wollte er sich verteidigen, wütend werden. Aber war seine Frage wirklich so abwegig? Er hatte Anssi gegenüber nie etwas erwähnt, aber das spielte vermutlich keine Rolle. Er war nicht dumm. Er wusste, unter welchen Umständen Tarn hierher gekommen war, und vielleicht reicht ihm das aus, um die offensichtlichen Schlüsse zu ziehen.
„Nein“, antwortete er schließlich, und Anssis Anspannung schien sich sichtlich zu lösen. „Gut“, sagte er, und das spöttische Lächeln kehrte auf sein Gesicht zurück. „Das erleichtert alles. Komm.“


Tarn wusste nicht, warum er Anssi in sein Quartier folgte. Sicher, es gab einen logischen Grund, es war ihm befohlen worden, aber er widersetzte sich auch nicht.  Eigentlich hatte er allein sein wollen, und wenn eines sicher war, dann, dass er von Anssi keinen Trost bekommen würde. Es gab keinen mitleidloseren Bastard als ihn.

Aber vielleicht war es besser so. Inzwischen fror Tarn erbärmlich, und er zog eine Spur von Regenwasser und Schlamm hinter sich her. Die Aussicht, genug Wasser und einen ruhigen Ort zum Waschen zu bekommen wurde mit jeder Minute verlockender. Was Anssi danach mit ihm vor hatte war ihm im Grunde auch egal. Vermutlich das Übliche.

„Zieh deine Sachen aus und wasch dich“, war das einzige, was Anssi sagte, als sie über die Schwelle seines Zimmers traten, und Tarn gehorchte mechanisch. Noch im Gehen streifte er sich seine nassen Sachen ab und warf sie im Ankleidezimmer auf den Boden, während Anssi nach einer Dienerin rief und ihr befahl, saubere Kleidung für ihn aufzutreiben.

Der Ankleideraum war dunkel und still. Das graue Licht, das durch die Fenster herein fiel, vermochte ihn kaum zu erhellen. Regen prasselte gegen die Scheiben, plätscherte durch die Rinnen und Abläufe. Der Spiegel im Raum warf bleiche, geisterhafte Reflektionen zurück, und noch bevor er sein letztes Kleidungsstück abstreifte machte er Licht. Er hätte die Dunkelheit nicht ertragen. Nicht heute.

Dann wusch er sich, abwesend und langsam, und nicht nur deshalb dauerte es eine Ewigkeit. Das Wasser färbte sich erst rot, dann schlammig grau, während er sich von Kopf bis Fuß ab schrubbte. Blut und Dreck klebten in seinen Haaren, unter seinen Fingernägeln, überall auf seinem Körper. Er versuchte sparsam mit dem Wasser umzugehen, aber er brauchte alles auf, und selbst als er sicher war sauber zu sein, fühlte er sich noch schmutzig. Er wusste, dass es nur ein Gefühl war, aber es war schwer zu ertragen. Er würde es nicht so schnell wieder loswerden.

Schließlich warf er das letzte Abtrockentuch zu Boden; ein Dutzend davon türmte sich zu einem schlammig braunen Haufen auf dem Boden, zusammen mit seiner Kleidung. Dann löschte er das Licht, und der Raum versank wieder in Dunkelheit.

Er wollte sich gerade zum Gehen wenden, als er hinter sich eine Bewegung wahr nahm, die ihn aufschreckte. Er drehte sich um, blickte in ein blasses Gesicht und trat einen Schritt zurück, nur um zu erkennen, dass er sich selbst sah. Sein Spiegelbild. 
Die Grenzen zwischen Reflektion und Realität verschwammen im Halbdunkel. Der Raum wirkte größer, tiefer, verlor sich in Schatten. Und für einen unheimlichen Moment sah er sich und sah sich auch nicht, sah stattdessen seine Schwester vor sich. Der selbe Gesichtsausdruck. Die Leere, die Fassungslosigkeit, die Unfähigkeit zu begreifen.

Was ist mir ihr?
Mama?

Es war ein übermächtiger Reflex. Ich will das nicht sehen. Er holte aus, und schlug mit der geschlossenen Faust gegen den Spiegel. Es klirrte, und spinnwebgleiche Risse breiteten sich über das Glas aus. Splitter fielen zu Boden. Er schlug noch einmal zu. Er blutete und nahm es nur am Rande wahr.

Sie atmet nicht mehr

Seine Körper zitterte unkontrolliert. Er versuchte an etwas anderes zu denken, nichts zu fühlen, aber das war unmöglich. Er konnte nicht mehr. Er hatte es schon die ganze Zeit von sich ferngehalten, und jetzt kehrte doch alles wieder zurück. Er ertrug es nicht. 
Erinnerungen überlagerten sich. Braune Augen, die ihn entsetzt anstarrten. Verblasste braune Augen, die ziellos ins Leere starrten. Verkrampfte Hände, die sich hilflos an ihm fest hielten. Verkrampfte Hände, weiß wie Schnee, geschlossen wie erfrorene Blütenknospen, kalt wie der Regen. Blut. So viel Blut.

Er ließ sich auf den Diwan sinken, ließ seinen Kopf auf seine Arme sinken und weinte. Ich will das nicht sehen. Aber er sah es. Es war lächerlich. Und es zerriss ihn innerlich.


Er wusste nicht, wann Anssi neben ihm auftauchte. Wie lange er ihn stumm beobachtete. Aber er spürte das Zittern in seinen Händen, als er Tarns Arm hob, ihn sorgfältig verband. Blut. Er musste Blut berühren, nur seinetwegen. Tarn wagte nicht, ihm ins Gesicht zu sehen, aber er musste es, als Anssi eine Hand unter sein Kinn legte und es anhob. Er machte ihm keine Vorwürfe, er küsste ihn nur. 

Es war warm, und tröstend. Es fühlte sich echt an, selbst wenn es das nicht wahr. Er ließ sich betrügen von seiner Sehnsucht. Von seiner Hoffnung. Die verdammte, hartnäckige Hoffnung, die er einfach nicht los wurde. Die wie Unkraut in ihm wucherte, je länger er blieb. Nur eine schöne Illusion, und doch ließ er sich davon verführen.

Anssi zog ihn auf die Füße, aber er strauchelte, und bevor er protestieren konnte, wurde er hoch gehoben, getragen. Er ließ es geschehen, er hatte keine Kraft sich dagegen zu wehren. 
Anssi trug ihn nur die wenigen Meter zu seinem Bett und setzte ihn ab. Einen Moment betrachtete er ihn nachdenklich, und Tarn öffnete den Mund, wollte eine Erklärung finden. „Kannst du es in zwei Sätzen erklären?“, unterbrach Anssi ihn. Es klang schon wieder spöttisch. Zumindest oberflächlich. „Nein“, antwortete Tarn. „Dann versuch es nicht. Ruh dich aus.“ 

Mit diesen Worten verließ er ihn, kehrte ins Ankleidezimmer zurück. Das Rascheln von Stoff sagte Tarn, dass er sich umzog.

Er hat Blut berührt. Deinetwegen.

Tarn atmete zitternd aus, schloss die Augen, vergrub sein Gesicht wieder in seinen verschränkten Armen. Das letzte was er jetzt brauchte waren Selbstvorwürfe.

Er sah nicht auf, als Anssi zurückkehrte und sich neben ihn setzte, und er schien es nicht zu erwarten. Stattdessen nahm Tarn plötzlich einen durchdringenden Geruch wahr, nach Kräutern und Honig. Es dauerte einen Moment, bis er den Duft identifizierte - Lavendel. Er richtete sich auf, aber Anssi drehte ihn an der Schulter herum, sodass er ihm den Rücken zu wandte.

„Schließ die Augen“, war das Einzige, das er sagte, und Tarn gehorchte, sagte kein Wort. Anssis Hände legten sich auf seine Schultern, und er begann ihn zu massieren. Deshalb also der Duft nach Lavendel. Öl. 
Die Berührung war warm, vertrieb die Kälte und Steifheit aus seinen Muskeln, und langsam, fast unmerklich fiel die Lähmung von ihm, der Schrecken und die Taubheit. Tarn ergab sich Anssis Händen und dem Duft nach Lavendel, der ihn einhüllte, und genoss die Berührung. Er war oft sanft, aber jetzt hatte seine Zuwendung eine andere Bedeutung. Er zog keine eigene Befriedigung aus dem was er tat, er kümmerte sich nur um ihn. Stellte sich zurück, ein einziges Mal.

Es tat gut. Tarn fühlte sich, als wäre er zerbrochen gewesen und würde aus seinen Einzelteilen wieder zusammengesetzt, als füge sich endlich alles wieder so zusammen, wie es gehörte. 
Regen prasselte an die Scheiben, und er lauschte, träumte halb mit geschlossenen Augen, während die Hände tiefer wanderten, über seinen Rücken hinunter, die Wirbelsäule entlang. Er wünschte, dass es es niemals enden würde.

Dann schlossen sich warme Arme um ihn, zogen ihn hinab aufs Bett, und er ließ sich fallen, lag auf der Seite, ruhig und entspannt. Er glaubte fast, dass Anssi ihn einschlafen lassen würde, und in diesem Moment war die Vorstellung tröstlich. Nur schlafen, in den Armen seines Geliebten träumen, sicher und geborgen.

(III) Aber die Hände kehrten zurück, legten sich auf seine Hüften, spielten über den Grund seiner Wirbelsäule, und er schauderte und seufzte auf. Anssi wusste, was diese Berührung in ihm auslöste, und machte sich diesen Umstand inzwischen gern zunutze. Mehr Öl tröpfelte auf seinen Körper, und Anssis warme Hände verteilten es gleichmäßig auf seinen Schenkeln und seinen Gesäß, massierten weiter, verfolgten die Muskelstränge, und dann glitt eine Hand tiefer, zwischen seine Pobacken.

Tarns Herz schlug schneller. Er glaubte zu wissen was Anssi vorhatte, worauf er in den letzten Minuten hin gearbeitet hatte. Es war nicht völlig neu; wenn Anssi in Stimmung war und ihn mit dem Mund befriedigte waren seine Finger schon tiefer gewandert, hatten ihn massiert, aber zu mehr war es schon deshalb nicht gekommen, weil Tarn das nicht lange aushielt. Wenn Anssi alles einsetzte was er konnte, kam er unweigerlich innerhalb von Minuten zum Höhepunkt.

Aber das hier war mehr, und im selben Moment in dem Tarn das begriff wusste er, dass er es wollte. Dass es das war, was er jetzt brauchte, wonach er sich sehnte. Er musste dieses Verlangen nicht in Worte fassen, er gab sich nur Anssis Händen hin, öffnete unbewusst die Schenkel, machte es ihm leichter. Die unterschwellige Erregung, die er schon die ganze Zeit gespürt hatte, verdichtete sich zu einem tiefen, glühenden Verlangen nach mehr. 

Anssis ölige Finger massierten ihn, reizten ihn, glitten schließlich in ihn hinein, aus ihm heraus, in einem steten Rhythmus, und Tarn spürte dass er es zulassen konnte, dass sein Körper sich daran gewöhnte. Zuerst war das Gefühl fremd, aber es wandelte sich zu angenehm. 

Er konzentrierte sich so auf die Bewegungen, dass er fast nicht wahr nahm, wie sich Anssis Hand auch um sein Glied schloss, aber unbewusst begann er sein Becken zu bewegen, drängte sich in seine Hand, zog sich zurück um seine Finger weiter aufzunehmen, fand bereits einen Rhythmus, und er hätte ihn liebend gern bis zum Ende verfolgt. Doch dann zogen sich Anssis Finger zurück, und er seufzte unwillig auf. 

„Du willst das wirklich, oder?“, flüsterte Anssi in seinem Nacken. Sein warmer Atem streifte ihn, war eine zärtliche Berührung. Seine Finger spielten immer noch mit Tarns Glied, fast nachlässig, hielten nur seine Erektion aufrecht. Tarn konnte sein Gesicht nicht sehen, aber er hörte die Begierde in seiner Stimme, den tiefen, vibrierenden Unterton. Er glaubte seinen Herzschlag zu fühlen, nicht rasend, aber schnell, erregt. Sie wollten beide mehr, und doch ließ Anssi ihm Zeit zu antworten, lauschte still darauf, was er sagen würde. 

Aber Tarn brauchte keine Zeit; er brauchte Anssi, in sich. Je eher, desto besser. „Ja“, flüsterte er heiser, und seine ungeduldigen Hände tasteten nach ihm, wollten ihn näher zu sich ziehen. „Warte“, murmelte Anssi und hielt ihn auf. „Lass mich zuerst eine Frage stellen. Ich weiß wie viele Männer du hattest, aber wie viele waren in dir?“ 

Tarn schüttelte nur stumm den Kopf, und das schien zu genügen, als hätte Anssi die Antwort schon geahnt. Niemand. Es war zu riskant gewesen. Allein die Möglichkeit verletzt zu werden und damit Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen war eine zu große Gefahr gewesen.

Aber das war nicht alles. Er hatte nie genug Vertrauen gehabt, um es sich zu wünschen oder zuzulassen. Er stand niemand nahe genug, um so weit zu gehen, jemand so an sich heran zu lassen. Nur einmal hatte er daran gedacht, hatte es Antoine fast angeboten, bevor er mit seinem Liebesgeständnis alles zerstört hatte.

Aber daran wollte er jetzt nicht denken. Er wollte alles vergessen, wollte nur dieses dämmerige hier und jetzt, in dem seine Vergangenheit und seine Zukunft keine Rolle spielten. „Keine Fragen mehr? Dann tu es endlich“, flüsterte er, und Anssi lachte an seinem Ohr. „Was soll ich tun?“, fragte er trotzdem noch einmal nach, während er seine Kleidung abstreifte, und Tarn hätte ihn schon wieder ohrfeigen können. 

Wie er es genoss, ihn vorzuführen, ihn zu zwingen seine Wünsche auszusprechen, über die er nie hatte offen sprechen können. Nur Andeutungen, nur verschleierte Botschaften, nur halblaut geflüsterte Bitten, und nichts davon nützte ihm hier etwas. Er musste alles aussprechen, alles bestätigen.

Tarn drängte sich an ihn, öffnete seine Schenkel und ließ Anssis Glied dazwischen gleiten, bot sich ihm an, schamlos. Er hatte immerhin keinen Funken Unschuld in sich. „Nimm mich. Nimm mich einfach“, sagte er, und er wusste selbst nicht ob er wütend war oder nicht. 

Du fesselst mich. Du befreist mich. Ich hasse, was du mit mir tust.

Anssi seufzte auf, drängte sich seinem willigen Körper entgegen, packte ihn an den Hüften. „Wie du willst. Komm her“, sagte er, und Tarn gehorchte, griff nach seinem Glied, führte ihn, schob ihm sein Becken entgegen, und ließ ihn in sich eindringen, langsam, vorsichtig. 

Aber ich hasse nicht dich. Ich könnte dich niemals hassen. Keine Sekunde lang.

Im ersten Moment fühlte es sich falsch an, nach zu viel, und zu schnell. Aber er wollte es trotzdem, alles davon. Noch mehr, als Anssi an seinem Ohr stöhnte, ihn fester griff, sich noch weiter an ihn drängte, in ihn drängte, so tief wie möglich. „Du fühlst dich gut an“, murmelte er, und jetzt war es Tarn, der ungläubig auflachte. Er klang so völlig hingerissen, wie er ihn noch nie erlebt hatte, und das nur wegen ihm. Hatte er es wirklich geschafft, Anssi aus der Fassung zu bringen? Nur ein einziges Mal?

„Lach mich nicht aus“, sagte Anssi amüsiert, zog sich etwas zurück und stieß sanft zu, und Tarn hatte keine andere Wahl als ihm zu gehorchen. Er konnte nur stöhnen, griff hinter sich, verkrallte sich in Anssis Hüfte, zog ihn näher, tiefer, und von da an war es nur Rausch.

Anssi gab ihm Zeit, begann sanft, und obwohl es das einzig richtige war, quälte es Tarn. Er wollte alles, sofort, und er trieb Anssi an, forderte mehr, flüsterte ihm sinnlose Worte zu. Nimm mich. Mehr. Weiter. Hör nicht auf. Ja.

Und Anssi gab ihm nach, verlor schließlich seine Vorsicht und seine Beherrschung. Seine zurückhaltenden Stöße wurden härter, selbst dann noch als Tarn ihn nicht mehr anbettelte ihm mehr zu geben. Wie hätte er das auch tun sollen, wenn er nicht einmal mehr fähig war ein einzelnes klares Wort heraus zu bringen? Er passte sich nur noch an, ließ sich nehmen, versank in der Lust, die Anssi ihm verschaffte. Er berührte sich nicht einmal selbst, ließ auch nicht zu, dass Anssi es für ihn tat, obwohl er fast schmerzhaft hart war. Noch nicht. Wenn er erst begonnen hatte, hätte es kein Zurück mehr gegeben. 

Seine zitternden Hände griffen stattdessen nach dem blonden Haar, das ihm über die Schulter fiel, seinen Körper streichelte, vergruben sich darin. Anssis lustvolles Stöhnen bildete den Kontrapunkt zu seinem eigenen. Er verbiss sich in Tarns Schultern, hauchte heiße Küsse in seinen Nacken, hinterließ rote Spuren auf seinen Schenkeln dort, wo er ihn fest hielt, ihn führte. Er genoss es, vielleicht noch mehr als alles was sie sonst miteinander taten. Ob er das schon länger geplant hatte? Heimlich daran gedacht hatte, ihn endlich zu nehmen? Sich zu der Vorstellung selbst befriedigt hatte? Der Gedanke ließ Tarn erschauern, brachte ihn fast um den Verstand. 

Als hätte Anssi seine Gedanken gelesen griff er nach seinem Glied, flüsterte heiser in sein Ohr: „Komm, ich bin fast so weit.“ „Gleich“, antwortete er und hielt ihn noch ab, zögerte es hinaus, solange er konnte, bis Anssi noch drängender sagte: „Tarn.“ „Ja.“ Er brauchte nur ein paar schnelle Bewegungen, Tarn war viel zu erregt, um es noch länger hinaus zu zögern. Er spürte, wie Anssis Glied in seinem Inneren zuckte, wie er noch einmal mit aller Macht in ihn drang. Er vergrub sein heißes Gesicht in seiner Halsbeuge, stöhnte laut auf und ergoss sich in ihn, und das gab Tarn den Rest. Er kam heftig, verspritzte seinen Samen in Anssis Hand und über seinen eigenen Unterkörper.

Dann lagen sie still da, schwer atmend, und Anssi lockerte seinen Griff. Er keuchte immer noch, aber jetzt rang er nur um Atem, bettete seine heiße Stirn an Tarns Schulter, die gezeichnet war von seinen Bisspuren, küsste sie. Tarn drehte sich ihm zu, sah in sein Gesicht. Er sah erschöpft aus, sein Körper glühte, aber wenn Tarn seinen Ausdruck richtig deutete, waren sie beide absolut befriedigt.

Tarn lächelte und erinnerte sich an den Tag, an dem er das erste Mal mit Anssi geschlafen hatte. Wie er daran gedacht hatte, ihn zu vögeln, bis er verschwitzt und dreckig war und ihn um mehr anbettelte. Da hatte er ihn noch kaum gekannt, und nicht gewusst, wie beherrscht und unnahbar er sein würde, selbst wenn sie miteinander schliefen. Aber jetzt hatte er doch triumphiert, oder? Gut, es war nicht alles so abgelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte, aber seiner Vorstellung war er doch verdammt nah gekommen.

Er wartete darauf, dass Anssi sich erheben würde. So lief ihre normale Routine ab; sie vögelten, sie wuschen sich, er wurde weggeschickt. 

Er wartete und wartete, bis er begriff, dass das heute nicht passieren würde. Anssi  blieb entspannt neben ihm liegen. Er hob die Hand, und seine Finger glitten ziellos über seine Schulterblätter, eine Liebkosung so zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. 

„Geht es dir besser?“, fragte er schließlich, und jetzt stutzte Tarn tatsächlich. Anssi hatte ihn nie danach gefragt wie es ihm ging, zumindest nicht, soweit er sich erinnerte. „Wieso?“, fragte er nach, und Anssi zuckte mit den Schultern. „Du schienst nicht ganz du selbst zu sein“, sagte er gelassen. „Und bisher hast du davon abgesehen, meine Einrichtung zu zerschlagen. Oder blutverschmiert im Regen herumzustehen. Ich bin ein Freund von Rätseln, aber dieses kann ich nicht lösen.“  

Tarn zuckte mit den Schultern. „Alles um uns, alles in uns ist ein Rätsel, dessen Lösung zu erraten dem Menschen nicht gegeben ist“, zitierte er und triumphierte gleich zum zweiten Mal an diesem Tag. Er hatte Anssi nicht nur abgelenkt, er lachte sogar amüsiert auf. 

„Ah, er ist des Zitierens inzwischen mächtig und versucht mich damit zu verführen“, sagte er und drehte Tarn an der Schulter zu sich herum, küsste ihn. „Funktioniert es?“, fragte er nach, und Anssi zog ihn an der Hüfte näher zu sich. Tarns Herz schlug schneller, als er begriff, dass er sich nicht wieder angekleidet hatte. Diesmal nicht. „Besser als ich zugeben mag“, sagte er leise, und Tarn spürte sehr direkt, dass das keine Lüge war. „Gut genug, um zu tauschen?“, strapazierte er sein Glück.

Anssi sah überrascht aus, und einen Moment auch nachdenklich, aber dann wiegelte er ab. „Dafür wirst du mehr lernen müssen als nur zu zitieren“, sagte er und schob sein Knie zwischen seine Schenkel, drehte ihn auf den Rücken und beugte sich über ihn. „Und wenn ich mich recht erinnere gefiel es dir gerade noch recht gut, von mir genommen zu werden. Und es scheint seinen Reiz noch nicht eingebüßt zu haben.“ 

„Ach, denkst du“, murmelte Tarn, und wusste doch, dass er absolut Recht hatte. Vielleicht würde er nicht immer dazu in Stimmung sein, aber gerade jetzt wollte er Anssi genau so, und im Grunde war es ihm egal wie hemmungslos er wirkte. Er schob ihm willig sein Becken entgegen, spreizte die Beine. Er schämte sich und schämte sich doch nicht. 

„Du lernst schnell“, flüsterte Anssi ihm zu. Seine linke Hand legte er auf seine Hoden, streichelte sie, dann drang er mit zwei Fingern der rechten Hand in ihn ein. Tarn könnte nicht anders, er stöhnte auf und lehnte sich ihm entgegen, seine Hände krallten sich hilflos in das Laken unter ihm. Er fühlte Schmerz, wusste, dass er seinem Körper schon viel zu viel zugemutet hatte. Aber die Lust war stärker, so roh und unverfälscht, dass er mehr wollte, mehr haben musste. Und er wusste, dass Anssi diese Lust in seinen Augen sah, aus seiner flehenden Stimme hörte.

Er griff nach seiner Erektion, und obwohl er ihn in sich gespürt hatte, schauderte er dennoch. Wie oft hatte er ihn wirklich berührt? Drei oder viermal? Würde es jetzt immer so sein? „Komm“, flüsterte er, „Mach schon!“ 

Anssi tat was er verlangte, und diesmal war das Gefühl der Fremdheit nur einen Augenblick präsent. Oder vielleicht ignorierte Tarn das Gefühl, so wie er den unterschwelligen Schmerz ignorierte. Es gab Wichtigeres. Er konnte Anssi ins Gesicht sehen, ihn küssen, seinen Körper durch den Stoff seines Hemdes hindurch berühren. 

Er ließ seine Hüften kreisen, genoss die wechselnde Intensität, die Anspannung, die er in Anssis Körper fühlte. Er hatte ihn so oft zum Höhepunkt gebracht, aber nicht so. Er war ihm völlig ausgeliefert, ließ sich von führen, hatte keine Kontrolle, und hatte sie doch vollständig, allein dadurch, wie er sich unter ihm bewegte. Er fühlte sich ihm näher als jemals zuvor. 
Diesmal kam er nicht mit Anssi zum Orgasmus, aber nachdem er sich aus Tarn zurückgezogen hatte, senkte Anssi seine Lippen auf sein hartes Glied, ließ ihn gleichzeitig seine Finger spüren, und er kam innerhalb von Sekunden. Er keuchte noch, als Anssi ihn zu sich heranzog, ihn küsste. Er stand nicht auf, um sich den Mund auszuspülen. Er zog Tarns heißen Körper an sich und schloss die Augen. (III)

Vielleicht war es nur eine Laune. Eine Ausnahme. Vielleicht auch nicht.

Hoffnung. So viel Hoffnung. 

 

Tarn wusste nicht wie lange er geschlafen hatte, aber als er erwachte, fand er sich immer noch in Anssis Umarmung. Für einen Moment lag er völlig still, sah nur auf den schlafenden Menschen neben ihm. 

Anssi sah entspannt aus. Glücklich. Und es faszinierte Tarn, ihn so zu sehen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er diesen Ausdruck nicht kannte, ihn nie zu Gesicht bekommen hatte. Er kannte Anssi nicht glücklich.

Sanft strich er durch das blonde Haar, über das makellose Gesicht, seinen feingliedrigen Körper. Es war albern, aber er hatte das Gefühl ihn zum ersten Mal zu sehen. In gewissem Sinne stimmte das sogar. Er sah Dinge, die er nie zu Gesicht bekommen hatte. Vielleicht war er bisher unfähig gewesen, zu ihm vorzudringen. Vielleicht hatte er Zeit gebraucht. Vielleicht hatten sie beide Zeit gebraucht. Unwichtig. 

Dann wurde ihm bewusst, dass seine Kleidung verrutscht war; er sah einen Teil seiner Unterarme und seiner nackten Brust. 

Er sah mehr als das. 

Narben. Sie begannen knapp oberhalb seiner Handgelenke und auf der Höhe seiner Schlüsselbeine. Weiß, erhaben, leicht aufgeworfen. Ältere und neuere.

Er wusste sofort, dass er sie nicht hatte sehen sollen. Aber war das der Grund für seine Furcht? Oder nur eine Auswirkung davon? 

„Anssi?“, flüsterte er, und Anssi streckte sich. „Hm? Ja?“ „Bist du wach?“ Er seufzte unwillig, vergrub sein Gesicht in Tarns Halsbeuge. „Fast“, murmelte er. „Darf ich dich berühren?“, fragte Tarn. „Warum nicht“ war die verschlafene Antwort.

Er ist nicht wach. Er hat das gerade nicht so gemeint.

Es war ihm bewusst, und gleichzeitig zweifelte er. Es war dumm, dass er der Versuchung nachgab. Sehnsucht. Hoffnung. Beides führte ihn in die Irre.

Tarn streckte seine Hand aus, und seine Fingerkuppen strichen über die zerstörte, zerrissene Haut an seiner Brust, so vorsichtig, wie er nur konnte. Er fürchtete, dass Anssi zurück zucken, ihn weg stoßen würde, aber er öffnete nicht einmal die Augen, und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. 

Vorsichtig, zärtlich, ließ Tarn seine Finger weiter wandern, streichelte ihn. Sein Herzschlag dröhnte so laut in seinen Ohren wie noch nie. Ich berühre ihn. Es war so eine lächerlich simple Tatsache, und doch so unendlich bedeutsam für ihn. Für sie. 

Plötzlich ergriff Tarn so eine tiefe, unvermittelte Zuneigung, dass es fast schmerzte. Es war ein schrecklich uferloses Gefühl, auf das er nicht vorbereitet war. Er hatte so hart darum gekämpft, es niemals zu spüren, und jetzt, ohne dass er es geplant hatte, überfiel es ihn so plötzlich. Und das Schlimmste war, dass es richtig schien. 

Vielleicht, weil sie sich so ähnlich waren. Weil sie überhaupt nichts mehr von der Welt erwarteten - kein Wunder, kein Mitleid, und erst Recht keine Geschenke. Zum ersten Mal ging Tarn auf, dass er vielleicht lieben konnte, wenn er jemand liebte, der so unperfekt war wie er selbst; genauso wütend, so ziellos, so ohne jeden Halt. Abgeschnitten von einer Familie, einem Sinn im Leben oder einer Zukunft.

Sie gehörten zusammen.

„Was sind das für Narben?“, fragte er leise, und Anssi erstarrte. 

Er hat es vergessen. Er hat für eine Sekunde vergessen, dass er sie hat.

Und Tarn hatte ihn daran erinnert. Schlimmer noch, er hatte sie berührt, und alles in ihm zog sich vor Furcht zusammen. Und gleichzeitig protestierte der rationale Teil seines Verstandes, erklärte das Alles als lächerlich.

Es sind nur Narben.

Aber für Anssi waren es nicht nur Narben. Er stieß ihn von sich, so heftig er konnte, und Tarn machte den Fehler, nach ihm zu greifen. Er war hilflos, und deshalb tat er das, was Jefrem bei Viljo getan hatte, er packte ihn fest an den Schultern, wollte seinen Körper zur Ruhe zwingen. „Hör auf! Bleib ruhig! Ich wollte nicht-“ 

Weiter kam er nicht. Anssi riss seinen Arm los, schlug ihm mit der Faust ins Gesicht, und er wurde zurück geworfen. Er landete auf dem Rücken, und bevor er irgendetwas tun konnte legten sich Anssis Hände an seinen Hals und drückten zu.

Er konnte nicht atmen, und verzweifelt verkrallte er seine Hände in Anssis Handgelenke, riss an ihnen, bekam sie nicht los. Seine Lunge kämpfte um Luft, während er in Anssis sturmgraue, mitleidlose Augen starrte. Vielleicht wusste er nicht was er tat. Vielleicht wusste er es. Egal was davon die Wahrheit war, er ließ Tarn plötzlich los, und er atmete krampfhaft ein, hustete, und wurde im nächsten Moment mit einem Fußtritt vom Bett geworfen. Er schlug ungebremst auf dem Boden auf und schrie vor Schmerz.

Er kroch von Anssi weg, rappelte sich auf, lief zur Tür, und drehte sich trotzdem noch einmal um. Er wusste nicht was geschehen war. Aber er hoffte in diesem Moment, dass Anssi ihn aufhalten würde. Dass es ein Missverständnis war. Ein Ausbruch von Wut. 

Anssi starrte ihn nur an. Das war der zweite Gesichtsausdruck heute, den Tarn nicht kannte, und alles in ihm zog sich zusammen. Hass. Grenzenloser Hass. „Verschwinde“, flüsterte er tonlos. „Ich entlasse dich aus meinem Dienst. Lass dich hier nie wieder blicken, oder ich bringe dich um.“


Jefrem teilte sich den Schlafplatz nicht mit den anderen Knechten, eines seiner vielen Privilegien. Er bewohnte eine winzige Kammer im Keller, oder wie er es manchmal nannte, seinen „Kerker“.

Das Anwesen war weiträumig unterkellert, und viele der Anlagen hatten vor langer Zeit, als das Gebäude noch ein Badehaus gewesen war, zu dessen Beheizung gedient. Teile davon wurden noch immer dafür genutzt, aber längst nicht in vollem Umfang. Der Rest beherbergte jetzt hauptsächlich Lagerräume, aber einige der geschätzteren Diener, die keine Familie hatten und deshalb nicht mehr als das benötigten, erhielten einzelne Schlafplätze. 
Im Winter wurde es etwas kalt, aber im Sommer war die Kühle eine Wohltat, und durch ein schmales Fenster nahe der Decke fiel immer noch genug Licht herein, dass die Morgensonne ihn rechtzeitig weckte.

Jefrem schätzte es außerdem, dass sein Schlafplatz so deutlich näher zu den Ställen lag und trotzdem nicht zu weit von den Knechten entfernt. Es hatte sich außerdem als hilfreich erwiesen, die Sorgen, die seine Schützlinge manchmal plagten, in Ruhe und ohne neugierige Ohren zu besprechen, und auch dafür bot sich Quartier an. 

Nur eines hatte er strikt abgelehnt und über die Jahre hinweg seine eigene Regel auch nie verletzt: Er teilte sein Bett hier mit niemand. Er hatte in den Jahren seiner Knechtschaft Liebhaber gehabt, sogar mehr, als die meisten vermuteten, aber er hatte sie niemals in diesen Raum gebracht. Er schlief aus Prinzip allein, und zu den Gelegenheiten, zu denen jemand nachts seine Hilfe brauchte, war er nie in die Verlegenheit gekommen die Anwesenheit einer weiteren Person erklären zu müssen.


Jefrem teilte sich den Schlafplatz nicht mit den anderen Knechten, eines seiner vielen Privilegien. Er bewohnte eine winzige Kammer im Keller, oder wie er es manchmal nannte, seinen „Kerker“.

Das Anwesen war weiträumig unterkellert, und viele der Anlagen hatten vor langer Zeit, als das Gebäude noch ein Badehaus gewesen war, zu dessen Beheizung gedient. Teile davon wurden noch immer dafür genutzt, aber längst nicht in vollem Umfang. Der Rest beherbergte jetzt hauptsächlich Lagerräume, aber einige der geschätzteren Diener, die keine Familie hatten und deshalb nicht mehr als das benötigten, erhielten einzelne Schlafplätze. 
Im Winter wurde es etwas kalt, aber im Sommer war die Kühle eine Wohltat, und durch ein schmales Fenster nahe der Decke fiel immer noch genug Licht herein, dass die Morgensonne ihn rechtzeitig weckte.

Jefrem schätzte es außerdem, dass sein Schlafplatz so deutlich näher zu den Ställen lag und trotzdem nicht zu weit von den Knechten entfernt. Es hatte sich außerdem als hilfreich erwiesen, die Sorgen, die seine Schützlinge manchmal plagten, in Ruhe und ohne neugierige Ohren zu besprechen, und auch dafür bot sich Quartier an. 

Nur eines hatte er strikt abgelehnt und über die Jahre hinweg seine eigene Regel auch nie verletzt: Er teilte sein Bett hier mit niemand. Er hatte in den Jahren seiner Knechtschaft Liebhaber gehabt, sogar mehr, als die meisten vermuteten, aber er hatte sie niemals in diesen Raum gebracht. Er schlief aus Prinzip allein, und zu den Gelegenheiten, zu denen jemand nachts seine Hilfe brauchte, war er nie in die Verlegenheit gekommen die Anwesenheit einer weiteren Person erklären zu müssen.


Als Jefrem in dieser Nacht erwachte wusste er dennoch, dass er nicht allein war. 

Zuerst war es nur eine vage Ahnung, ein unbestimmtes Gefühl, dass ihn jemand beobachtete. Dann hörte er den leisen Atem, ganz in seiner Nähe. Jemand war in diesem Raum, betrachtete ihn beim Schlafen. 

Im ersten Moment wusste er nicht, wie er reagieren sollte. Er fühlte keine Bedrohung, aber er war verwirrt. Sein Verstand wollte seine Wahrnehmung als Hirngespinst abtun, weil er in letzter Zeit tatsächlich unter Beobachtung gestanden hatte. Aber dann wurde ihm klar, dass er sich genauso beobachtet fühlte, weil es der selbe Beobachter war. Tarn. Er war also tatsächlich zu ihm gekommen. Als hätte er nicht geahnt, dass dieser Tag irgendwann kommen würde.

Er rappelte sich auf und wandte sich um, mit dem festen Vorsatz, ihn trotz seines nächtlichen Einbruchs freundlich zu begrüßen, nur um irritiert inne zu halten. Für einen Moment erwog er ernsthaft, sich die Augen zu reiben oder selbst zu ohrfeigen um zu sehen, ob er noch träumte. Aber nein, egal wie lange er bewegungslos da saß und starrte, das Bild änderte sich nicht. Tarn saß splitterfasernackt auf seinem Bett und sah ihn eindringlich an.

Er sah räudig aus, selbst im blassen Mondlicht, noch schlimmer als zu dem Zeitpunkt, zu dem er vor Jefrem davon gelaufen war. Blass, hohlwangig, völlig erledigt. Und jemand hatte ihn geschlagen. Er hatte einen Bluterguss auf der Wange, und jemand musste ihn gewürgt haben, weil sein Hals mit roten Fingerspuren bedeckt war.

Und vermutlich war dieser jemand niemand anderes als Anssi. Jefrem hatte gehofft, dass Tarn irgendwann begreifen würde, dass er in Gefahr schwebte, und ihn jetzt so verletzt zu sehen bestätigte ihm nur all seine düsteren Vorahnungen.

Wann war das passiert? Vielleicht gerade eben erst. Vielleicht war er Hals über Kopf geflohen, so wie er gerade war. Das war zumindest eine von zwei logischen Erklärungen, die ihm einfielen, warum der Junge nackt auf seinem Bett hockte. Natürlich gab es auch eine zweite Möglichkeit, die ihm allerdings wesentlich weniger behagte. Aber das würde er schon herausfinden. Fakt war, dass Tarn zu ihm geflohen war, und damit war er erst einmal in Sicherheit. Wenn irgendetwas zählte, dann das.

Alle diese Gedanken schossen ihm in Sekunden durch den Kopf, und bevor er zu lange zögerte entschloss er sich, einfach direkt zu fragen. „Also, was wird das, wenn’s fertig ist?”
Tarn, der seine Reaktion ruhig verfolgt hatte, zuckte mit den Schultern, eine Geste, die wohl gleichgültig wirken sollte, aber nur zeigte, wie unsicher und angespannt er tatsächlich war. „Keine Lust auf Gesellschaft?”, fragte er provokant, und Jefrem seufzte nur. Also doch. Er hatte gehofft, dass er sich irrte, aber das hier war ein ziemlich dummer und aussichtsloser Versuch, ihn zu verführen.

Er schwang die Beine aus dem Bett, griff sich eine seiner Decken und warf sie Tarn zu, während er erklärte: „Ich würde nicht behaupten, dass ich dich nicht mag, Tarn. Aber das, was du hier erwartest, wird nie passieren. Verstanden? Und jetzt zieh dir was über, du holst dir den Tod.” 

Dann stand er auf und warf sich selbst ein weiteres Hemd über, brachte etwas Abstand zwischen sich und den Jungen. Tarn, der die Decke betrachtete und dann demonstrativ zur Seite warf, folgte ihm stirnrunzelnd mit den Augen; er hörte die Abfuhr, aber er akzeptierte sie nicht. Dazu war er zu stolz, und er hatte sich zu sehr dazu durchgerungen, her zu kommen. 

„Warum nicht?“, begehrte er auf. „Du bist immer in meiner Nähe. Fasst mich an. Ich weiß, dass du es mit Männern treibst.” „Woher?“, fragte Jefrem, und Tarn öffnete den Mund, schloss ihn wieder. 

Ah. Entweder hatte er auf eigene Faust spioniert, oder jemand hatte geplaudert, den er nicht verraten wollte. Während sich alle Räder in seinem Kopf so schnell drehten wie sonst nie um diese nachtschlafende Zeit, befiel Jefrem noch eine weitere Erkenntnis. Er verstand endlich, was der Junge die ganze Zeit gehofft hatte zu sehen: Dass er sich anderen Männern annäherte, seine Neigungen verriet, um den Verdacht zu bestätigen zu. Nun, da kannte er ihn schlecht.

„Mal ganz davon abgesehen, dass das meine Sache ist, habe ich trotzdem eine einfache und leicht zu merkende Regel”, erklärte er ruhig und entzündete eine Lampe, bevor er sich seinen kleinen Schemel heran zog und sich mit etwas Abstand vor Tarn niederließ. „Sie heißt: Nie mit Untergebenen. Sollte dir einleuchten, Junge.” 

„Du lügst“, zischte Tarn, aber Jefrem schüttelte nur langsam den Kopf, verschränkte die Arme, ruhig und entschlossen. „Ich werd nicht so tun, als ob ich nichts mit Männern hätte. Habe ich. Aber darauf gebe ich dir mein Wort, und darauf schwöre ich: Meine Knechte fass’ ich nicht an. Frag wen du willst, wenn du wissen willst ob’s stimmt. Bin kein Freund von Tratsch, aber wenn es sein muss, frag’.“

Das war nicht das, was Tarn hören wollte. Jefrem sah die Anspannung, die Art, wie er die Hände verkrampfte, sich bereit machte, zu widersprechen. Es ließ ihn nur noch jünger, noch verletzlicher wirken. Und er war zu dünn, das erkannte Jefrem aus der Nähe, und ja, er spürte etwas. Aber es war nicht das, was der Junge sich erhoffte. Jefrem spürte Mitleid und väterliche Zuneigung. 

Instinktiv, vielleicht vom ersten Tag an, hatte er begriffen, dass Tarn noch ein Kind war. Es gab einige Achtzehnjährige, die schon fast so reif wie Männer waren, aber Tarn gehörte nicht dazu, und Jefrem konnte es ihm nicht verübeln. Er kämpfte so offensichtlich mit seinen eigenen Dämonen, dass es selbst den anderen Knechten aufgefallen war. 

Mischa hatte ihn schon einmal darauf angesprochen, in seiner ruhigen, wortkargen Art. Er wusste nicht einmal mehr, wie sie darauf zu sprechen gekommen waren, aber er erinnerte sich an Mischas Worte: „Ist wie ein Hund, den man zu oft getreten hat”, hatte er gebrummt, und nach einem Moment des Nachdenkens hinzugefügt: „Weiß nicht ob er beißen oder weglaufen soll. Tut einem Leid.”

Jetzt sah er so aus. Unsicher. Unentschlossen. Er verschränkte die dünnen Arme vor dem Körper. „Und wenn ich dich darum bitte?“, fragte er verloren, seine Stimme fast ein Flüstern. „Würdest du es dann tun? Wenn ich sonst nirgendwo hin kann, es niemand gibt…“ Jefrem runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“, fragte er. 

„Du… bist freundlich. Nutzt niemand aus. Wahrscheinlich. Ich… mag das.“ Seine Hände verkrampften sich wieder, und er lachte abwehrend, unsicher. „Ich bin gern bei dir. Ich… ich wollte in deiner Nähe sein. Vielleicht hab ich deshalb…Wenn du mit mir schlafen würdest… vielleicht wäre es anders. Vielleicht würde ich mich… geliebt fühlen…“

Seine Stimme war immer leiser geworden, bis sie kaum noch hörbar war. Es musste ihn unendliche Kraft gekostet haben, das auszusprechen, und als er jetzt aufsah, wirkte er nicht nur geprügelt und am Ende, sondern einfach nur verlassen. Hungrig nach Liebe. Und Jefrem verstand es vielleicht zum ersten Mal wirklich, und es zerriss ihm fast das Herz. 

Was musste der Junge erlebt haben, dass seine einzige Vorstellung von Liebe darin bestand, mit jemand zu schlafen? Er wollte Nähe herstellen, er schrie danach, sie zu erhalten, und gleichzeitig wusste er überhaupt nicht, wie er sie bekommen sollte oder wonach er sich wirklich sehnte. Kein Wunder, dass er sich jedem hingab, der sich auch nur ansatzweise dazu bereit erklärte. Dass er keine Freundschaften schloss, die von Dauer waren. 

Und kein Wunder, dass er sich so schnell auf Anssi eingelassen hatte - der Junge hatte noch ganz andere Probleme, aber er hatte eine Tendenz, Menschen wie Tarn anzuziehen. Menschen, die sich ungeliebt fühlten und seiner Anziehungskraft unterlagen.

„Tarn. Das ist nicht das, wonach du suchst“, sagte er sanft. „Diese Liebe bekommst du nicht auf diese Art. Kann sein, dass andere dir das weiß gemacht haben, aber sie haben dich belogen.” 

Er sah in Tarns Blick, dass er damit den Nagel auf den Kopf traf, und jetzt regte sich Wut in ihm. Wie konnte jemand einem Kind wie ihm nachgeben? Seine Unsicherheit so ausnutzen, selbst wenn ihm ins Gesicht geschrieben stand, dass er nur nach jemand suchte, der zu ihm hielt?

Und das schien Tarn plötzlich auch aufzugehen. Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich, wurde verschlosssen, abwehrend. Er hatte einen schweren Schlag erlitten, und er kannte nur einen Weg, wie er dem entkommen sollte. Er stand auf und griff nach seinen Sachen, die er auf einem Haufen neben dem Bett geworfen hatte und ging schon zur Tür. Von einem Moment auf den anderen war alles Verletzliche, alles Kindliche wie weggewischt. Nur das schroffe Äußere blieb.

Und gerade das war nicht richtig. Er war so weit gekommen, hatte sich Jefrem schon so weit anvertraut. Wenn er jetzt zur Tür hinausging, war es vielleicht zu spät, und deshalb erhob Jefrem sich ebenfalls.

„Jetzt gehst du also einfach. Du weißt nicht weiter, als haust du ab. Ich denke, das machst du dauernd. Ist schon fast eine Gewohnheit, was?” Es waren harte Worte, und während Tarn in seine Hosen schlüpfte, zischte er hasserfüllt: „Maul halten.” 

Aber Jefrem schüttelte nur mitleidig den Kopf. „So wird das nie was. Du weißt nicht wo du hin willst. So wirst du nur weiter durch die Weltgeschichte irren. Wirst weglaufen, jedes Mal, und dich immer fragen, was du eigentlich suchst.” „Ach, und was soll das sein?”, äzte Tarn und warf sich sein Hemd über. „Einen Vater.”

Tarn versteinerte in der Bewegung, und obwohl Jefrem sein Gesicht nur im Profil sehen konnte, wusste er in dieser Sekunde, dass er laufen würde. Der Junge war kurz davor, in Tränen auszubrechen, und er konnte es verstehen. Die Wahrheit war hart, und sich ihr zu stellen war eine Qual. Sie riss Wunden auf, die so tief hinab reichten, dass das einzige verbleibende Gefühl war, bei lebendigem Leibe auszubluten. Wer wusste das besser als er selbst?

Und im selben Moment fragte er sich, ob es zu früh war, oder schon zu spät. Ob er Tarn zu wenig kannte, um zu ihm durchzudringen, oder er zu lange gelitten hatte, um noch zu ändern, wer er war.

Tarn wandte sich zu ihm um, das Gesicht wutverzerrt, und gleichzeitig liefen Tränen über seine Wangen. Er sah jung aus, viel jünger als achtzehn, und hätte Jefrem geglaubt, dass er es zulassen würde, hätte er ihn in den Arm genommen. So konnte er nur dastehen, zuhören.

„Ich suche keinen Vater“, sagte Tarn wütend. „Ich habe meinen umgebracht, um ihn endlich los zu sein, und es war die beste Entscheidung meines Lebens!“ Er lachte bitter, als er Jefrems Gesichtsausdruck sah; Entsetzen und Verwirrung.

„Wozu soll ich einen Vater brauchen? Ich brauche niemand, der mich tritt wenn ich am Boden liege! Ich brauche keinen stinkenden Säufer, der meine Geschwister verprügelt!“ Seine Stimme war immer lauter geworden, und den letzten Satz schrie er Jefrem ins Gesicht: „Ich brauche keinen Vater, der meiner Mutter den Schädel einschlägt, wenn sie mich einmal in meinem Leben verteidigt!“

Jefrem wusste darauf nichts zu erwidern, und einen Moment stand er nur da, versuchte zu verstehen, was er da gehört hatte. „Tarn“, sagte er völlig erschüttert, aber der schüttelte nur den Kopf, lachte ihn aus. „Und jetzt hast du Mitleid mit mir, und weißt du was? Das ist einen Dreck wert! Ich will kein scheiß Mitleid! Ich brauche es nicht. Ich brauche dich nicht, und Anssi nicht. Ich brauche niemanden…“

Dann wandte er sich um und ging zur Tür, und Jefrem machte einen letzten Versuch, ihn aufzuhalten. „Wohin gehst du? Wo willst du hin?“, fragte er, und Tarn lachte. „Nirgendwohin“, sagte er. Und damit verschwand er. Niemand sah ihn nach diesem Abend wieder.

Das Ende war nicht abwendbar, war es nie gewesen. Im hintersten Winkel seines Verstandes hatte Tarn das immer gewusst. Und Hoffnung?

Sie hatte ihn nur in die Irre geführt.

Warnungen:

- Sex (I)


Der Herbst hielt in diesem Jahr früh Einzug. Die Temperaturen blieben mild, aber die Sonne ließ sich nur selten blicken. Der Himmel war meist grau, und wochenlang gab es kaum einen Tag, an dem es nicht regnete. Flüsse, die den Sommer über wenig Wasser geführt hatten, schwollen an, und die Wege versanken nach einer Weile in Schlamm und Morast. Das Reisen wurde beschwerlich.

Destin Moreau wischte sich Schweiß und Regen aus der Stirn und fluchte. „Das wird nichts, Claude“, sagte er und schlug mit der geschlossenen Faust gegen das Gestell des Wagens. Regenwasser spritzte hoch, aber das war außer einem dumpfen Laut auch alles, was sie hier bewirkten. Das Fuhrwerk steckte mit einem Hinterrad in einer schlammigen Vertiefung und ließ sich, selbst mit einem Zugpferd und der Schubkraft zweier Männer, nicht befreien. „Wir bekommen den Wagen hier nicht raus, nicht ohne Hilfe“, wiederholte er zum dritten Mal. 

Sein Weggefährte, Claude Dupont, schüttelte wütend den Kopf. Wie sein Freund Moreau war er vom Regen durchweicht, und bis zu den Knien mit Schlamm bespritzt. Trotzdem war er unwillig, aufzugeben. „Wir schaffen das. Wir müssen nur-“ „Mann, lass es endlich gut sein! Wir sind schon fast eine Stunde hier zu Gange, und das einzige, was wir davon getragen haben, sind Splitter in den Händen!“, versuchte Moreau ihn noch einmal zu überzeugen. „Und die alte Mähre kann schon nicht mehr.“ „Dann machst du also die weite Reise ins Dorf, holst Hilfe, und kommst zu Fuß zurück?“, fragte Dupont, „Und ich, ich warte hier drei Stunden?“ „Wer sagt, dass du wartest?“, brummte Moreau, aber davon schien Dupont noch weniger begeistert. „Wenn einer läuft, dann ja wohl du.“

Moreau seufzte, und versuchte es dann mit einem Kompromiss: „Na komm, noch ein letztes Mal, und wenn es dann nicht geht, marschiere ich ab!“ Dupont nickte grimmig. Er pfiff, ein Signal, auf das sein Pferd zuverlässig hörte und mühsam an seiner Last zog, und zusammen versuchten sie noch einmal, das Fuhrwerk aus dem Schlamm zu befreien.

Und fast schien es, als hätten sie diesmal Glück. Das Rad schien einen trügerischen Moment lang zu greifen, und der Wagen bewegte sich vielleicht einen Zentimeter in die richtige Richtung. „Los doch, los, fast geschafft!“, schnaufte Dupont und schob mit aller verbliebener Kraft. 
Und dann rutschte der Wagen zurück, und Dupont glitt auf dem weichen Untergrund aus. Fast sah es so aus, als würde er sein Gleichgewicht zurück erlangen, und Moreau griff ebenfalls nach ihm. Doch das war bei weitem nicht das Ende ihrer heutigen Pechsträhne. Dupont fand keinen Halt und stürzte zu Boden, die Arme voran. Dann gab es einen leisen Knall, ein Geräusch, dass sie beide inzwischen nur zu gut kannten, und er schrie qualvoll auf. 

Im ersten Moment konnte Moreau nicht einmal erkennen, was sein Freund sich getan hatte, da er über und über mit Schlamm bedeckt war. Aber als er ihn am Arm auf die Füße zog, sah er gleich die Bescherung. „Ich hab mir schon wieder die verdammte Schulter ausgekugelt“, knurrte Dupont unter Schmerzen und bestätigte damit Moreaus Verdacht. Durch seine Jacke war es nicht sofort sichtbar, aber seine Schulter hing an der einen Seite tiefer. „Gott verdammt, das hätten wir jetzt nicht gebraucht“, knurrte er, und Dupont, der blass um die Nase war, antwortete wütend: „Sag’ bloß! Jetzt musst du wohl doch laufen. Es sei denn, du willst mir die Schulter einrenken. Was ist, wo starrst du hin?“

Moreau blickte an ihm vorbei, die Straße hinunter. „Da kommt jemand, zu Fuß“, sagte er. „Vielleicht haben wir an diesem verfluchten Tag ja doch noch einmal Glück. He, hallo!“ 

Die Gestalt, die sich ihnen näherte, war im strömenden Regen erst kaum zu erkennen, entpuppte sich dann aber als hagerer junger Mann, so durchnässt und schlammig wie Moreau und Dupont. Sie spähten ihm mühsam entgegen, und Moreau suchte vergeblich nach einem Rucksack, einem Bündel oder überhaupt irgendeiner Habe; anscheinend besaß der junge Mann nichts, bis auf die Kleider, die er am Leibe trug.
Dieb, war sein erster Gedanke. Wegelagerer. Vielleicht ein Lockvogel, eine Ablenkung, während seine Kumpane alles mitnahmen, dessen sie habhaft werden konnten.

Im nächsten Moment ging ihm aber auf, wie dumm diese Idee war. Sie standen seit geraumer Zeit hier auf offener Straße; wenn sie jemand hätte ausrauben wollen, hätte derjenige das wohl längst getan. Und jemand vor zu schicken hatte wohl kaum Sinn, wenn sie sowieso ganz offensichtlich in der Klemme steckten.
Aber warum war der Kerl dann so ohne alles unterwegs, als wäre er nur auf einem Spaziergang? Vermutlich spielte das keine Rolle. Moreau war geneigt, in dieser verzweifelten Lage jede Hilfe anzunehmen.

Der Junge war jetzt bis zu ihnen heran gekommen, und Wasser tropfte aus seinem dunklen, kurz geschnittenen Haar, während er von einem Mann zum anderen sah, mit einem gleichgültigen, seltsam unbeteiligten Blick. „Ja?“, fragte er einfach nur, und dann fiel sein Blick auf Duponts Schulter. Fast unmerklich schien sein Interesse zu wachsen, und etwas freundlicher fragte er: „Kann ich helfen?“ 
Dupont lachte gequält. „Wenn du weißt, wie man eine Schulter einrenkt, Bürschchen?“, fragte er, eigentlich nur als Scherz. Aber der Junge nickte augenblicklich, als wäre das die einfachste Sache der Welt. „Ich kann ihn gleich hier einrenken“, bot er an, und die beiden Männer wechselten einen Blick. Das war doch zu gut, um wahr zu sein. 

„Moment mal, woher weißt, wie das geht?“, fragte Moreau misstrauisch, und der Junge zuckte mit den Schultern. „Rossarzt. Hab auch ein paar Leute zusammen geflickt“, sagte er, als erkläre das alles. Moreau hatte zwar schon gehört und gesehen, dass Rossärzte nicht schlechter hantierten als die meisten Bader und Quacksalber, aber trotzdem war an dieser Geschichte einiges fraglich. Dupont nahm ihm die Worte aus dem Mund, als er fragte: „Was, du willst ausgelernter-?“ „Nein. Hab’s aufgegeben“, unterbrach der Junge ihn schroff. „War ein paar Jahre in der Lehre. Also, was ist? Wollen wir hier stehen und plaudern, oder soll ich mich nützlich machen? Denn sonst gehe ich weiter. In der Zeit, die ihr zögert, hätte ich ein Stück Weg hinter mir lassen können.“

Das klang wütend, arrogant… und den Bruchteil einer Sekunde seltsam gestelzt. Als hätte er sich eine Weile angewöhnt, mit jemand zu sprechen, der wesentlich gebildeter war als er selbst oder Moreau und Dupont, und hätte es auf halbem Wege wieder aufgegeben. Moreau traute dem Jungen immer weniger, je länger er bei ihnen stand. Er hatte etwas Feindseliges an sich, und etwas Verschlagenes. Als spiele er nicht mit offenen Karten und lauere nur darauf, dass man ihm das anlastete.

Doch bevor Moreau noch weitere Einwände erheben konnte, hatte Dupont eingewilligt. Es war ihm nicht zu verdenken; er hatte sich die Schulter schon zu oft ausgerenkt, um nicht zu wissen, dass der Schmerz so lange anhielt, bis das Gelenk wieder gerichtet war.
„Wenn du das irgendwie wieder hinkriegst, dann tu es gefälligst“, sagte er durch die zusammengebissenen Zähne, und der Junge nickte. „Zieh die Jacke aus“, befahl er, und dann tastete er schnell und geschickt die Schulter ab. „Schon öfter ausgekugelt?“, fragte er, und Dupont nickte grimmig. Er wechselte einen Blick mit Moreau, und in beiden Gesichtern lag die selbe Überraschung. Der Junge schien tatsächlich sein Handwerk zu verstehen. 

„Lehn dich an“, befahl er, und Dupont lehnte sich verdutzt gegen den Wagen. „Stemm dich gegen mich. Das wird jetzt weh tun“, erklärte der Junge weiter, ohne großes Mitgefühl, und dann griff er mit einer Hand die Schulter, mit der anderen Duponts kräftigen Oberarm, und zog langsam daran. Einen Moment lang geschah gar nichts, dann fuhr der Knochen mit einem Ruck ins Gelenk zurück. Es knirschte nur leise; viel lauter war Duponts Aufschrei, der jedoch kurz ausfiel. Er schnaufte gegen die Schmerzen an, und Moreau fragte besorgt: „Geht’s wieder?“ „Ja. War besser als beim letzten Einrenken. Danke Junge.“

Der junge Mann zuckte mit den Schultern. „Mach einen kühlenden Verband darum. Mit Schlamm zum Beispiel, da gibt’s hier genug“, empfahl er, einen Sekundenbruchteil mit einer Prise Humor, und wollte sich schon zum Gehen wenden. So, als würde er jeden Tag Männern am Wegesrand die Glieder wieder einrenken. Aber Moreau hielt ihn auf. „Warte mal! Wenn du einmal hier bist, kannst du uns helfen, diesen Wagen hier aus dem Schlamm zu schieben.“

Er erhielt einen misstrauischen Blick, und dann die leicht berechenbare Frage: „Und was springt für mich dabei heraus?“ „Wir nehmen dich mit“, schlug Dupont vor. „Ist nicht mehr weit bis in unser Dorf, und dort gibt es auch eine Schenke. Eine warme Mahlzeit würdest du bekommen, und ein Bier. Na, wie klingt das?“ 

Anscheinend war das Angebot zumindest eine Bedenkminute wert. Der Junge schien sorgfältig das Für und Wider abzuwägen, bis er zustimmte. „Einverstanden.“ „Gut, Hand drauf!“, sagte Moreau und hielt ihm die Hand hin, und war überrascht über den kräftigen Griff des Jungen. Er war nur ein dürrer Bursche, aber er musste harte Arbeit gewohnt sein, die Art von Arbeit, die schwielige Hände und Dreck unter den Fingernägeln einbrachte. Das war etwas, das Moreau schätzen konnte. Dupont, der ihm ebenfalls die Hand reichte, schien den selben Eindruck zu haben. „Claude Dupont. Und das ist Destin Moreau.“ Er wartete, ließ die unausgesprochene Aufforderung, seinen Namen zu nennen, eine Weile stehen, und schließlich rang der Junge sich durch zu antworten. Moreau hätte seine Haus und seine alte Mutter darauf verwettet, dass es nicht sein richtiger Name war.

„Ich heiße Mischa“, sagte Tarn.

Tatsächlich schafften sie es zu dritt, den Wagen endlich zu befreien; alles was ihnen gefehlt hatte, war die Kraft eines weiteren Mannes gewesen, und nur ein paar Minuten später waren sie schon unterwegs. Moreau und Dupont waren froh, in absehbarer Zeit aus dem Regen zu kommen. Tarn schwieg und beobachtete die beiden Männer, wie sie sich unterhielten, und antwortete manchmal knapp auf einige ihrer Fragen.

Er war nun schon eine Weile unterwegs, hatte hier und dort für ein paar Tage gearbeitet, und war schnell wieder verschwunden. Die Arbeit war meist in Ordnung, aber entweder hatte er keinen Anschluss gefunden, oder zu schnell Verdacht erregt. Ein paar Dörfer mehr, in denen er sich in Zukunft nicht mehr blicken zu lassen brauchte. 

Aber die Zeit blieb nicht stehen, und darüber grübelte er nach, während er mit halbem Ohr dem Gespräch der Männer lauschte. Der Herbst war da, er würde irgendwann in den Winter übergehen, und spätestens dann brauchte Tarn einen warmen Schlafplatz, wenn er nicht irgendwo in der Wildnis erfrieren oder verhungern wollte. 

Das bedeutete, dass er zwei Möglichkeiten hatte: Zurückkehren in das Dorf seiner Familie, wo er nicht sicher war und schlimmstenfalls sofort ausgeliefert werden würde. Oder eine feste Bleibe finden, in einem unbedeutenden Dorf, in dem keiner von Karvashs Schergen nach ihm suchen würde. Und da kamen ihm Moreau und Dupont zu Pass. 

Sie schienen ehrliche und tüchtige Männer zu sein, und er fasste den Entschluss, sich bei ihnen umzuhören. Vielleicht hatte er ja Glück und fand in ihrem Dorf Arbeit. Wenn er sich so gut anstellte, dass er nicht raus geworfen wurde, und sich sein neuer Meister nicht als absoluter Schinder entpuppte, würde er notfalls auch ohne Freunde oder Liebhaber über die kalte Zeit des Jahres kommen. Und dann, im Frühjahr, war er fest entschlossen, so weit zu wandern, wie ihn seine Füße tragen konnten, vielleicht sogar über die Grenzen des Landes hinweg. Dorthin, wo seine Brandmarkung kein Gewicht hatte und niemand wusste, wer er war.

Also begann er schließlich Fragen über die Arbeit der Männer zu stellen, über das Dorf, aus dem sie kamen, und sie erzählten ihm bereitwillig davon. 

Destin Moreau, ein breitschultriger Mann Mitte vierzig, dessen stoppeliges Kinn und unauffällig braunes Haar Tarn sehr an Jefrem erinnerte, war Werkzeugschmied. Sein Freund Claude Dupont war wohl im selben Alter, aber um einiges stämmiger als sein Freund, und er schien gewillt, sein schwindendes dunkelblondes Haupthaar mit einem mächtigen, struppigen Bart aufzuwiegen. Wie Tarn erfuhr, waren die beiden nicht nur Freunde, sondern auch jahrelange Geschäftspartner. Ein nicht unerheblicher Teil von Moreaus Arbeit ging direkt an Dupont, denn er war Wagenbauer, und benötigte viele Nägel und Beschläge, die er direkt von seinem Freund bezog, natürlich zu einem guten Preis. Das war auch der Grund, warum sie zusammen unterwegs waren; ihre Materialkäufe unternahmen sie stets zusammen.

Ihr Dorf, so erfuhr Tarn, lag nahe an einer Kreuzung zweier Handelsstraßen, und wuchs immer mehr zu einer kleinen Stadt heran. Der rege Verkehr zwischen der Hauptstadt und dem Rest des Landes, der über die Jahre hinweg nur zugenommen hatte, versorgte den Ort mit genug Arbeit, vor allem, wenn es um die Instandhaltung der Fuhrwerke der Händler ging. Gebrochene Räder und verlorene Hufeisen mussten ersetzt und Wagen repariert werden, sodass die beiden Männer zwar nicht reich wurden, aber auch längst nicht am Hungertuch nagen mussten. Was sie produzierten, aber nicht in der Umgebung verkaufen konnten, wanderte meist zu einem guten Preis mit den Händlern mit und wurde irgendwo anders im Land dankend abgekauft.

Das alles klang viel versprechend, zumal Moreau von der Hufschmiede ohne Begeisterung sprach, auch wenn er inzwischen einen nicht unerheblichen Teil seine Geldes damit zu verdienen schien. Vermutlich fehlte nur etwas Überzeugungsarbeit, um diese Arbeit an einen Lehrling abzutreten, und Tarn wusste vielleicht noch nicht alles über Hufschmiedearbeiten, aber doch einiges über das Beschlagen.

Schließlich, nach weiteren zwei Stunden im Regen, erreichten sie das Dorf und auch die versprochene Schenke, und kehrten ein. Während Moreau und Dupont schon beim Eintreten eine ganze Reihe anderer Männer grüßten, und auch gleich ihre Geschichte zum Besten gaben, blieb Tarn stumm in ihrem Windschatten und wurde neugierig gemustert. Ein paar Männer nickten ihm zu, als Dupont erklärte, dass Tarn seine Schulter wieder eingerenkt hatte, vorsichtig anerkennend. Aber die Grundstimmung blieb doch misstrauisch.

Tarn ertrug das Starren, ohne grimmige Blicke zurück zu werfen, dazu war er zu froh, im Trockenen zu sein, und im Kamin der Schankstube brannte ein warmes Feuer, das ihn ordentlich aufwärmte. Als er genau wie seine zwei neuen Freunde einen großen Krug vorgesetzt bekam, enthielt dieser überraschend gutes und kaum verdünntes Bier. Das ließ darauf schließen, dass Moreau und Dupont tatsächlich bekannte und respektierte Männer hier waren, denen man nicht einfach irgendwas vorsetzte.

„Also, Mischa, wo geht’s denn heute noch hin? Bist du zu irgendjemand unterwegs?“, fragte Dupont schließlich, während sie auf ihre Mahlzeit warteten, und Tarn zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich. Eigentlich ziehe ich nur von Dorf zu Dorf und suche mir Arbeit.“ Er sah den zweifelnden Blick, den sich die Männer zu warfen, und fügte hinzu: „Ich bin kein Dieb. Ich laufe nicht vor dem Gesetz davon, wenn ihr das denkt.“ „Wie kommt’s dann, dass du so durch die Gegend streunst?“, fragte Moreau nach. „Man müsste meinen, wer einmal anfängt als Rossarzt, wirft es nicht hin.“ Das war ein gutes Argument, und Tarn entschied sich, gleichzeitig bei der Wahrheit zu bleiben und sie so weit wie möglich zu verdrehen. 

„Mein Vater war Stallmeister, er hat mir alles beigebracht. Ist bei einem Brand gestorben. Meine Mutter war schon tot, und ich hatte nichts und niemand mehr. Also hab ich’s in der Stadt versucht. Hab nicht Fuß gefasst, war nichts für mich. Hat mich zurück gezogen aufs Land.“ „Ist das so?“, fragte Moreau und betrachtete ihn lange. Aber er konnte keine Lüge aus seiner Geschichte oder seinem Verhalten heraus lesen, und irgendwann nickte er. 

„Eigentlich suche ich einen Ort, an dem ich länger bleiben kann. Kennt ihr jemand hier, der Arbeit für mich hat?“, fragte Tarn, und die Männer wechselten einen Blick. Sie waren sich nicht sicher, was ihn betraf. Vermutlich hätte er mehr Vorarbeit leisten müssen, aber dafür war es jetzt wohl zu spät. 
„Geh und hol uns noch eine Runde, dann denken wir mal darüber nach“, sagte Dupont, und Tarn beeilte sich, zu gehorchen. Sie wollten die Sache unter vier Augen besprechen, was zumindest besser war als sofortige Ablehnung. Und sie waren gewillt, ihm ein weiteres Bier auszugeben; das war besser als nichts, falls sie ihn danach zurück auf die Straße schickten.

Während er die Krüge auffüllen ließ, beobachtete er aus den Augenwinkeln, wie sie diskutierten. Vielleicht brauchten sie einen weiteren Arbeiter, vielleicht kannten sie jemand, der einen brauchte. Aber er war nur ein daher gelaufener, zwielichtiger Wanderer, und von denen gab es genug. 

„Hier, Schätzchen“, sagte das Schankmädchen, das er bisher ignoriert hatte, und schob ihm die gefüllten Krüge hin. Sie war eine hübsche junge Frau, auch wenn ihr dunkelblondes, glattes Haar und das runde Gesicht eher unauffällig waren. Sie hatte die Art von stämmiger Figur und großzügigen Rundungen, die vor allem auf dem Land besonders beliebt waren; robust, gesund, mit roten Wangen. 

Er beschloss, den schönen Schein zumindest hier, unter all den anderen Männern zu wahren, und lächelte sie breit an. „Danke.“ „Bist du nur auf der Durchreise? Ich hab dich hier noch nicht gesehen“, fragte sie neugierig, und er zuckte mit den Schultern. „Mal sehen. Ich suche Arbeit, aber vielleicht finde ich hier nichts. Dann werde ich wohl weiter ziehen.“ „Oh, das wäre schade“, sagte sie und zwinkerte ihm zu, und er streifte wie zufällig ihre Hände, als er nach den Krügen griff. Lange genug, dass sie und jeder andere es bemerkte, aber nicht so, dass der Wirt, der sie mit Argusaugen überwachte, ungehalten wurde.

„Na, gefällt sie dir?“, fragte Dupont prompt, als Tarn zurück kehrte, und er hätte sich am liebsten für diesen gelungenen Schachzug selbst auf die Schulter geklopft. Stattdessen antwortete er demütig: „Natürlich. Aber die Landmädchen sind anständig, die haben für einen wie mich nichts übrig.“ „So, einen wie dich?“, fragte Moreau, und Tarn nickte. „Habenichtse, Wanderer.“ 

Die Männer nickten einhellig; das war ihre Weltsicht, so sollte es ihrer Meinung nach zugehen. Wohlerzogene junge Frauen, die keusch auf ihre Hochzeitsnacht warteten, und ihre Verehrer, die die Gunst des Vaters durch harte Arbeit und gutes Betragen errangen und die Mädchen schließlich als ihre rechtmäßigen Ehefrauen annehmen konnten. Innerlich lachte Tarn. Die beiden wussten gar nicht, wie leicht sie es ihm damit machten. Allein die Andeutung von Interesse reichte aus; dass er manche Frauen durchaus mochte, aber niemals den Wunsch gehegt hatte, eine zu küssen, geschweige denn um ihre Hand anzuhalten, war eine Vorstellung, die in ihren Schädeln keinen Platz fand.

Ironischerweise schien dieses kleine Schauspiel schließlich den Ausschlag zu geben. Die beiden Männer nickten sich noch einmal zu und nahmen einen Schluck von ihrem Bier, dann begann Dupont: „Also, wir haben uns beraten, und wir meinen wohl, dass du für uns arbeiten könntest. Auf Probe natürlich, erst einmal ein paar Tage lang. Um zu sehen, was du kannst.“ „Du wirst bei mir unter kommen“, erklärte Moreau, „Kann nicht schaden, jemand zu haben, der was von Pferden versteht, und Hufeisen schmieden wirst du wohl lernen können. Hufschmiede brauchen wir hier.“ „Wann kann ich anfangen?“, fragte Tarn, und die beiden Männer schmunzelten. „Sobald wir was zwischen die Zähne bekommen haben.“

Nach dem großzügigen Essen, ein großer Teller Eintopf mit Brot, fuhren sie weiter ins Dorfinnere, während der Mittag langsam in den Nachmittag überging und der Regen zu einem leichten Nieseln abebbte. 
Tarn bekam Gelegenheit, sich umzusehen, und er ließ seinen Blick aufmerksam über die Häuser, Straßen und kleinen Gassen schweifen. Anscheinend hatten die Männer nicht gelogen, das Dorf war unverkennbar im Aufschwung; viele der Häuser sahen neu oder noch nicht lange frisch verputzt aus, und wagten sich teilweise sogar über das zweite Stockwerk hinaus. Das Dorf selbst schien darauf aus, sich als Stadt heraus zu putzen, allerdings mangelte es dafür noch am charakteristischen Gestank, an Unrat und einer Vielzahl von Bettlern. 

Moreaus Schmiede und Duponts Hof lagen etwas weiter am Rand des Dorfes, nahe eines kleinen Wasserlaufs, mehr Rinnsal als Bach. Nur wenige Häuser lagen von dort aus noch zwischen ihnen und weiten Feldern. Das Dorf mochte sich dem Handel zuwenden, aber seine Wurzeln lagen im Ackerbau, und niemand schien gewillt, diese so schnell aufzugeben.

Dupont verabschiedete sich vor dem Abzweig zu seinem Hof von Moreau und Tarn. Sie sprangen von seinem Wagen, und Moreau nahm seine Besorgungen, gab auch Tarn ein paar Dinge zum tragen, und dann machten sie sich auf den Weg, folgten der Straße und bogen schließlich in einen kleineren Pfad ein.

Die Schmiede entpuppte sich als uraltes, recht verfallenes Häuschen, mit einem tausendfach geflickten Schindeldach und alten, fast gänzlich mit Moos überwachsenen Feldsteinmauern. Die Esse stand schief und schien nur durch ein Wunder noch nicht umgestürzt zu sein. Die Wiesen waren nicht gehauen und schienen über die Jahre mehr und mehr der Wege für sich vereinnahmt zu haben, die jetzt nur noch Trampelpfade waren. Das einzig neue und robuste an dem Hof schienen der Unterstand für die Pferde und eine Scheune am Rande von Moreaus Stück Land zu sein, die jedoch wirkte, als würde sie nicht dazu gehören. 

Trotz des desolaten Zustands der Schmiede schien es aber nicht an Kundschaft zu fehlen. Zwei Pferde standen angebunden unter dem Unterstand und fraßen gemütlich das hohe, grüne Gras; zumindest ihnen kam dieser Wildwuchs zu Gute.

Moreau schien allerdings sehr stolz auf sein Heim zu sein. „So, das sind wir“, verkündete er, und da er von Tarn einen Kommentar zu erwarten schien, ergriff der die Flucht nach vorn und sagte: „Hier scheint eine lange Linien von Schmieden gearbeitet zu haben.“ Moreau nickte zufrieden. „Richtig! Mein Vater, mein Großvater, und schon dessen Großvater, waren alle Schmiede.“ Und keiner von ihnen hat das Dach neu gedeckt, was?, dachte Tarn säuerlich, aber er verbiss sich diesen Kommentar und folgte Moreau lieber, der den leicht ansteigenden Pfad zu der Schmiede hinauf stapfte.

 Je näher sie kamen, desto mehr fühlte sich Tarn an sein Zuhause erinnert. Die gleichmäßigen Hammerschläge, der Geruch von Kohlefeuer und Mist, das leise Schnauben der Pferde, alles war vertraut. Allerdings deuteten die rauchende Esse und die Hammerschläge darauf hin, dass die Schmiede trotz Moreaus Abwesenheit nicht leer war. 
Als hätte Moreau seine Gedanken gelesen, erklärte er: „Ich habe noch einen Lehrling, und auf den wirst du hören, wenn ich gerade nicht da bin, verstanden? Seit einem Jahr ist er schon hier, und versteht sich inzwischen aufs Schmieden.“ Tarn nickte und war froh, dass es sich nicht um seinen Sohn handelte. Wäre er mit dem nicht ausgekommen, hätte er vermutlich schnell wieder auf der Straße gesessen. Aber vorausgesetzt, dass dieser andere Lehrling kein kompletter Idiot war, würde er sich damit schon arrangieren.

„He, Dacian!“, brüllte Moreau, und eine junge Männerstimme brüllte ein fragendes „Ja?“ zurück. „Komm her!“  

Es dauerte einen Moment, in dem Dacian wohl sein Werkzeug beiseite legte, dann trat er nach draußen. Er musste dabei den Kopf einziehen, was allerdings eher der windschiefen, winzigen Tür geschuldet war als seiner Größe.
Sein Blick fiel auf Moreau, dann auf Tarn, und für einen Moment sah er überrascht aus. „Kundschaft?“, fragte er und deutete auf Tarn, und Moreau schüttelte den Kopf. „Das ist Mischa. Haben wir auf dem Weg aufgegabelt. Er sucht nach Arbeit, hat schon mit Pferden gearbeitet. Ich bin mit Claude überein gekommen, dass wir ihm eine Chance geben.“

Der junge Mann runzelte die Stirn, als müsse er diese Informationen erst in seinem Kopf sortieren, nickte aber dann, zog sich die Handschuhe aus und hielt seine nicht gerade saubere Hand hin, und Tarn ergriff sie und schüttelte sie pflichtbewusst. „Ich bin Dacian. Schön dich kennen zu lernen“, sagte er und lächelte, und einen Moment musterten sie sich gegenseitig neugierig.

Dacian war ein paar Jahre älter als Tarn, nicht besonders groß, aber sehr breitschultrig, mit glattem hell braunen Haar, das sich in seinem Nacken leicht kräuselte. Man sah ihm an, womit er sein Brot verdiente; seine muskulösen Arme waren übersät mit kleinen und großen Brandnarben, die Hände kräftig und schwielig.
 
Tarn lächelte unverbindlich zurück, aber seine Neugier war sofort geweckt. Dacians Blick ruhte auffällig lange auf ihm, hielt sich fast liebevoll bei Details seiner Erscheinung auf. Bewusst, oder unbewusst? Hatte sich Moreau durch Zufall zwei Lehrlinge der gleichen Sorte in seine Schmiede geholt, oder fand Dacian einfach nur nichts dabei, ihn an zu starren? Das war die Frage, die Tarn sich sofort stellte. 

„Ich hoffe, ich kann mich hier nützlich machen. Ich habe schon in Ställen und mit Pferden gearbeitet, auch Hufeisen geschmiedet. Ich denke, wir können voneinander lernen“, versuchte er es mit einer harmlosen Anspielung. Dacian nickte, und sein Lächeln vertiefte sich. „Das hoffe ich auch! Aber so oder so, zu zweit geht einem die Arbeit leichter von der Hand“, antwortete er, so ehrlich und offen, ohne jede Zweideutigkeit, dass Tarn seine Hoffnung gleich wieder begrub. Hier gab es eindeutig nichts für ihn zu holen.

Moreau jedenfalls schien zufrieden damit zu sein, dass sich seine zwei Lehrlinge auf Anhieb verstanden, nickte und befahl dann: „Gut, genug gequatscht. Wir haben Aufträge, und genug Zeit vertrödelt! Mischa soll uns gleich mal zeigen, was er kann. Wenn er denn was kann!“ 

Es wurde ein langer und harter Arbeitstag, dieser so wie alle, die darauf folgten. Tarn musste sich eingestehen, dass er das Hufe schmieden längst nicht so gut beherrschte, wie er gedacht hatte, oder zumindest nicht an Moreaus Erfahrung heran kam. Moreau war nicht unzufrieden, aber auch nicht begeistert. Und dann waren da noch die Temperaturen in der Schmiede, an die Tarn nicht gewöhnt war; er schwitzte erbärmlich, und zog sich gleich die ersten Brandblasen zu.

Trotzdem war er gut gelaunt bei der Sache, weil sowohl Dacian als auch Moreau ihre Arbeit Freude zu bereiten schien. Vielleicht abgesehen von der lästigen Beschäftigung mit den Pferden, die Tarn Moreau bereitwillig abnahm, und das wiederum hob seine eigene Stimmung noch einmal beträchtlich. 
Einmal beobachtete Dacian ihn ein paar Minuten, wie er einem etwas störrischen Hengst gut zuredete, bis er sich weniger bockig gab, und sagte dann mit leiser Bewunderung in der Stimme: „Du kannst gut mit Pferden, oder?“ „Ich hab im Stall gearbeitet, seit ich Stehen kann“, antwortete Tarn leichthin, und Dacian lächelte, aber schüttelte auch den Kopf. „Das meine ich nicht. Du kannst mit ihnen umgehen, das sieht jeder Trottel. Aber du magst sie auch.“ „Ja“, gab Tarn zu, und er musste sich nicht einmal dazu durchringen, zurück zu lächeln.

Dacian war in Ordnung; nett und harmlos. Er erinnerte Tarn immer mehr Antoine; er hatte das gleiche ruhige Gemüt, die gleiche, einfache Herzlichkeit. Allerdings nahm er seine Arbeit auch viel zu ernst, um sich ständig ablenken zu lassen, sodass sie selten zum Reden kamen. Wenn er konzentriert mit seinen Hammerschlägen das Metall formte, war er vollkommen darin versunken und ließ sich nicht gern ansprechen. Tarn sah ihm gern zu, ganz offen, um sich seine Arbeitsweise ab zu schauen, und heimlich nur, um ihn zu betrachten.

An Moreau wiederum gewöhnte Tarn sich nicht so schnell. Er war oberflächlich freundlich und herzlich, gab Anweisungen und verteilte die Arbeit. Aber Tarn fühlte sich ständig von ihm überwacht. Er hätte es der Tatsache zugeschrieben, dass Moreau ihm einfach noch nicht traute, aber Dacian stand unter der selben, misstrauischen Beobachtung wie er selbst. Seltsamerweise noch mehr, wenn sie sich eine Arbeit teilten, Dacian ihm etwas erklärte oder sie beide eine kurze Pause machten und tatsächlich zum Reden kamen.

Der erste Tag endete spät, weil durch Moreaus ungeplant lange Abwesenheit Arbeit liegen geblieben war. Die Sonne war schon eine Weile untergegangen, als sie die letzten Werkzeuge ordentlich beiseite legten. Aber zumindest war Moreau in guter Stimmung und schlug Tarn auf die Schulter. „Na, das war ja ganz passabel für den Anfang. Aus dir machen wir noch einen Schmied“, meinte er, und Dacian nickte bestätigend. „Wie siehst’s aus mit Essen?“, fragte er, aber Moreau winkte ab. „Seht mal zu, ob Bernice noch etwas für euch hat, ich geb mich mit dem Rest vom Mittag zufrieden und werd’ dann gleich zu Bett gehen. Zeig Mischa alles. Und  ich vertraue darauf, dass du ihn zur rechten Zeit weckst! Verschlafen wird hier nicht!“

Damit waren sie entlassen. Während Moreau das Licht löschte und die schmale Treppe hinauf in seine kleine Behausung über der Schmiede stapfte, griff sich Dacian eine etwas verbeulte Laterne und entzündete sie.
Dann führte er Tarn im Dunkeln aus der Schmiede, auf die Scheune zu und dann an ihr vorbei. Sie überquerten eine Wiese und steuerten auf den nächst gelegenen Hof zu, der Dupont gehören musste. „Wohin gehen wir?“, fragte Tarn etwas irritiert, während sie voran stapften und ein paar Feldmäuse aufschreckten. „Wer ist Bernice, und warum bekommen wir unser Essen von ihr?“ Dacian lachte leise und erklärte: „Keine Sorge, du wirst nicht hungern müssen. Moreau hat etwas mit Dupont ausgehandelt, oder besser, mit seiner Frau.“

Inzwischen waren sie auf dem benachbarten Hof angelangt. Im Dunkel konnte Tarn nicht zu viele Details erkennen, aber dass dieser Hof deutlich gepflegter war als Moreaus Land, war nicht zu übersehen. Während sie auf das Wohnhaus zusteuerten, aus dessen Fenstern Licht drang, fuhr Dacian fort: „Du hast ja vermutlich schon gehört, dass die beiden ihre Geschäfte aufteilen. Die Scheune neben der Schmiede zum Beispiel hat Dupont gebaut, aber sie steht auf Moreaus Grund, weil er den Platz nicht braucht, und Dupont zahlt ihm nichts dafür. Dafür füttern sie uns praktisch mit durch. Sie haben noch ein bisschen Land und einen Knecht, eine Tochter und zwei Söhne, da rechnet es sich, gleich für alle zu kochen. Alles in allem, eigentlich ein gutes Tauschgeschäft für beide Seiten. Und deshalb bekommen wir von hier unser Essen“, schloss er und klopfte höflich an die Haustür. 

Es dauerte einen Moment, dann öffnete eine etwas hagere, ältere Frau die Tür, vermutlich besagte Bernice, und ließ sie freundlich hinein, um sie direkt in die Küche zu führen. Das Haus war groß, sauber und in Stand gehalten, aber Tarn fühlte sich trotzdem auf Anhieb unwohl. Er kam sich vor wie ein Eindringling, während Dacian der Frau ohne zu Zögern folgte und sich ganz wie zu hause zu fühlen schien.
„Ihr seid spät“, sagte sie, „Ist denn recht viel liegen geblieben?“ Aber Dacian winkte ab. „Nein nein, alles geschafft. Tut mir Leid, dass wir so spät noch herein platzen! Bist du ganz allein?“ „Das nun nicht gerade, aber Elaine hat sich schon schlafen gelegt, und Claude ist mit Mathieu nach dem Abendessen noch einmal in die Werkstatt. So, nun esst aber erst einmal!“, erklärte Bernice und tischte ihnen auf. 
Sie bekamen Suppe, Brot und Klatsch über die anderen Dorfbewohner, mit dem Tarn nichts anfangen konnte, an dem sich Dacian aber rege beteiligte. Dann durfte Tarn noch einmal ganz von vorn und im Detail erklären, wie er an Dupont und Moreau geraten war; Bernice schien begierig darauf, alles über ihn zu erfahren, wohin er unterwegs gewesen war, wo er vorher gewesen war, aber er speiste sie mit ein paar vagen Antworten ab. Und dann verabschiedeten sie sich auch schon zum Schlafen.

„Sie ist nett, oder?“, fragte Dacian, während sie den Weg zurück in Richtung von Moreaus Schmiede gingen, und Tarn nickte pflichtschuldig und stimmte mit einem vagen „Mm“ zu. Eigentlich hatte er gehofft, nach der Arbeit etwas Ruhe zu haben. An Klatsch oder irgendwelchen neuen Bekanntschaften hatte er wahrhaftig kein Interesse. Aber daran würde er sich wohl gewöhnen müssen, auch wenn es ihm gegen den Strich ging.

Und dann bemerkte er überrascht, dass sie nicht zu der Schmiede zurück kehrten. Stattdessen blieb Dacian vor der Scheune stehen, die auf Moreaus Grund stand, und schob das Tor auf. „Was machen wir hier?“, fragte Tarn, und Dacian antwortete: „Hier schlafen wir, zumindest so lange, bis es zu kalt wird. Moreaus hat keinen Platz zum Schlafen für uns, außer direkt in der Werkstatt, und da ist es zu schmutzig. Im Winter, wenn es richtig kalt wird, wird dir das dann nichts mehr ausmachen, aber solange es warm ist, ist es hier angenehmer.“ Damit verschwand er im Inneren der Scheune, und Tarn folgte ihm.

Drinnen war es trocken, warm und roch nach Heu und Holz. Tarn sah vor allem Arbeitsgeräte und gelagertes Material. Ein Teil der Scheune war allein für die Aufbewahrung und Verarbeitung von Holz abgetrennt; kaum Feuerholz, auch wenn es einen ansehnlichen Stapel davon gab, sondern hauptsächlich vorgeschnittenes Holz zum Bau von Wagen. Dupont schien seine Reserven hier aufzubewahren, vielleicht auch das, was er nicht zu häufig brauchte.
Über eine stabile Leiter stiegen sie auf einen Strohboden, wo Dacian die Laterne abstellte und sich zu Tarn um wandte. „Da sind wir. Ist nicht viel, aber wir haben es trocken, warm, und allzu viele Mäuse gibt’s auch nicht.“ Viel zu sehen gab es nicht. Neben den sorgfältig geschnürten Ballen von Stroh war am Rande ein Haufen davon als Lager aufgeschüttet. Zwei Decken und ein paar Gebrauchsgegenstände lagen herum, ein Schemel und Eimer, vermutlich für Waschwasser, standen an der Seite, auf dem Schemel lag ein kleiner Stapel Kleidung. Mehr hatte Tarn auch nicht erwartet, schließlich war auch Dacian nur ein Lehrling.

„Ein paar Decken für dich treiben wir auch noch auf, aber heute Nacht kannst du eine von meinen haben“, meinte Dacian, und Tarn winkte ab: „Geht zur Not auch ohne. Aber nett einsam hier. Ungestört.“ „Was meinst du?“, fragte Dacian, die Unschuld in Person, und Tarn seufzte innerlich. „Sag bloß, du hast noch nie jemand hierher mitgebracht?“, fragte er, und Dacian errötete tatsächlich und griff hastig nach dem Eimer. „Ich hol uns erstmal Wasser zum Waschen“, sagte er und trabte ab.
Das kann ja heiter werden, dachte Tarn säuerlich. Hier war er nun also, und teilte sich den Schlafplatz mit einem absoluten Unschuldslamm. Das konnte ein sehr langer Winter werden.

Die Wochen gingen ereignislos ins Land, und vielleicht war das auch gut so. Tarn war zu sehr damit beschäftigt Neues zu lernen, um sich noch Aufregung zu wünschen. Er musste sich Namen und Gesichter, Verwandschaften und Verbrüderungen einprägen, ganz zu schweigen davon, dass er Schmieden, Metall gießen, Härten und Schleifen lernen musste. Letzteres bereitete ihm nicht annähernd so viel Kopfzerbrechen wie ersteres.

Die Grundlagen waren allerdings schnell gelegt. Er hatte hauptsächlich mit Duponts Familie zu tun, mit der sie fast täglich zum Essen an einem Tisch zusammen saßen, und kam nach einer Weile auch ganz gut mit ihnen aus. 
Bernice und Claude waren einfache, aber freundliche Menschen, auch wenn ihr Hang zu Klatsch und Tratsch Tarn auf die Nerven fiel. Sie bemühten sich außerdem nicht nur redlich, ihm das Gefühl zu geben zu hause zu sein, sondern scheuten sich leider auch nicht, ihm ihre Tochter Elaine ans Herz zu legen, die zu ihrem Kummer immer noch unverheiratet war. Er wurde mit der Zeit besser darin, ihre Kuppeleien abzuwehren; einen nicht unerheblichen Anteil daran hatte Elaine selbst.

Sie hatten sich gleich zu Anfang gegenseitig signalisiert, dass sie nicht aneinander interessiert waren, und ignorierten sich seitdem erfolgreich. Tarn vermutete, dass ihr Desinteresse hauptsächlich aus ihren eigenen Ambitionen her rührte. Sie bewirtschaftete mit ihrer Mutter und dem Knecht der Familie das Feld, den Gemüsegarten und sorgte für ihre Hühner, während Dupont und sein Sohn sich dem Wagenbau widmeten. Mehr noch als ihre Mutter Bernice hatte sie den Hof und was darauf geschah in ihrer Hand, und die Aussicht, einen Hufschmied zu heiraten, selbst wenn es dazu diente, Geschäftsbeziehungen zu Moreau zu untermauern, hatte für sie wirklich keinen Reiz. Und dann war da natürlich die Tatsache, dass sie mit Duponts Knecht schlief, auch wenn Tarn dieses Wissen sorgfältig in der Hinterhand behielt.

Ihr älterer Sohn Mathieu wiederum war offiziell verlobt, und er teilte das Desinteresse seiner Schwester, was Moreau und seine Lehrlinge betraf. Wenn man bedachte, dass er sich mit der Tochter eines ansässigen Händlers verheiraten wollte, war absehbar, dass er die Zukunft der Familie nicht beim Wagenbau sah und den Kontakt zu Moreau nur auf Wunsch seines Vaters hielt.

Und was ihren jüngeren Sohn Eliot anging, der schien hauptsächlich abwesend. Auf Nachfrage erklärte Bernice, dass er auf einer längeren Reise zu seinem Onkel ein paar Dörfer weiter sei, und das war merkwürdigerweise die einzige Auskunft, die Tarn über ihn erhielt. Als er Dacian danach fragte, zuckte er mit den Achseln. 
„Er ist immer mal da, immer mal wieder weg“, hatte er gesagt, ebenfalls seltsam ausweichend. „Er hat sich letztlich Ärger eingehandelt.“ „Welche Art von Ärger?“, hatte Tarn nachgefragt, und Dacian hatte mit den Schultern gezuckt. „Frag’ mich nicht, ich hab keine Ahnung.“ Tarn hätte ihm vorwerfen können, dass er ihn rundheraus belog, und damit vermutlich auch Recht behalten, aber stattdessen hielt er den Mund.

Denn dieses Ausweichen war typisch für Dacian, ebenso wie Moreau, wie Tarn schnell fest stellte. Beide hielten sich aus jeglichem Ärger heraus und richteten sich kreuzbrav nach dem, was ihre Umgebung ihnen vor gab. Diese Tatsache hätte es Tarn erleichtern müssen, sich mit Dacian anzufreunden, oder Moreaus Vertrauen zu gewinnen, aber seltsamerweise schien beides auf der Strecke zu bleiben. 

Er verbrachte viel Zeit mit Dacian, und manchmal hatte er das Gefühl, dass sie sich inzwischen tatsächlich näher standen. Zumindest schien Dacian der Ansicht zu sein, dass sie Freunde waren. Aber dann, völlig unvermittelt, von einem Tag auf den anderen, schien er manchmal abweisend und mied Tarns Gegenwart. 
Und dann waren da die Blicke, die Dacian ihm manchmal zu warf. Die, die er nicht zuordnen konnten, weil er sie bei jedem anderen als Gefallen interpretiert hätte. Und die nachdenklichen, kühlen Blicke, bei denen er sich plötzlich fast sicher war, dass er von ihm durchschaut wurde. Enttarnt, selbst wenn er seit seiner Ankunft niemand gefunden hatte, mit dem er zusammen sein konnte, und deshalb überhaupt keinen Dreck am Stecken hatte.

Und was Moreau anging, sein Misstrauen riss nicht ab, und je länger Tarn mit ihm arbeitete, desto weniger hielt er von ihm. Er war nicht etwa ledig, sondern früh verwitwet, und dass er nie von seiner Frau sprach, sie mit keiner Silbe erwähnte, war seltsam. Er schwieg auch nicht über sie, weil er ihren Verlust immer noch betrauerte, er schien mehr daran interessiert, dass sich niemand daran erinnerte, dass es sie je gegeben hatte.
Und er vernachlässigte vielleicht nicht seine Arbeit, aber doch einiges anderes. Die Schmiede gehörte dazu, die Wiesen darum herum, aber auch der Lohn, den er Dacian und Tarn schuldete, aber viel zu oft vergaß. Er versprach gleich am zweiten Tag, sich um eine weitere Decke für Tarn zu kümmern, so wie Dacian es vorgeschlagen hatte. Nach drei Wochen kaufte Tarn sie sich von seinem Lohn, weil er sonst vermutlich nie eine gesehen hätte.

Vor anderen behauptete Moreau stets, dass Dacian und Tarn gute Lehrlinge waren, und er ihnen blind vertraute. Aber Tarn wusste, dass er hinter ihrem Rücken in ihren Angelegenheiten stocherte. Dass er ihre Gespräche manchmal belauschte, manchmal ihre Schlafplätze durchsuchte. Dacian bemerkte das vielleicht nicht, und er hatte vielleicht auch nichts zu verbergen, aber Tarn sah sofort, wenn seine wenigen Habseligkeiten durcheinander geworfen wurden.

Oberflächlich war alles gut. 
Innerlich zweifelte Tarn nie daran, dass er mit dem letzten Bodenfrost im Frühjahr verschwinden würde.

Das wenige, das er an freier Zeit hatte, saß Tarn meist in der Schenke des Dorfes. Nicht, wie Moreau zuerst vermutet hatte, weil er gern trank - wenn er eines verabscheute, dann, sich wie sein Vater voll laufen zu lassen. Stattdessen beobachtete er stundenlang die Reisenden, lauschte auf das, was sie erzählten, auch wenn er selten Gespräche mit ihnen führte und für sich blieb. Er betrachtete die Waren, die die Händler mit sich führten, lauschte auf Dialekte und stellte sich vor, woher die Menschen kamen, wohin sie gingen, und ob es ihm dort gefallen könnte. Wenn er von einem viel versprechenden Ort hörte, stellte er manchmal sogar Fragen, wie es dort war, wie weit der Landstrich entfernt war, und wie er dorthin gelangen könnte. Aber meistens lauschte er nur, oder grübelte.

„Na, schon wieder weit weg?“, fragte ihn das Schankmädchen manchmal, wenn sie ihm den seit Stunden leeren Krug aus den Händen zog. Sie hieß Linette, und wenn sie den Argusaugen ihres Vaters ein paar Minuten entkam, setzte sie sich manchmal zu ihm und erzählte ihm irgendetwas. Mit Klatsch hielt sie sich zurück, aber sie hatte oft Nachrichten aus anderen Teilen des Landes aufgeschnappt, oder konnte ihm sagen, woher einzelne Fremde kamen, die in der Schankstube saßen. Sie beide waren so verschieden wie Tag und Nacht, sie fröhlich und gesprächig, er schweigsam und in sich gekehrt, aber dem, was man Geistesverwandte nennen konnte, kamen sie trotzdem noch am nächsten. 

Sie hatte ihn vielleicht schon am ersten Tag durchschaut, aber sich zunächst nichts anmerken lassen. „Als Sonderling erkennt man die anderen Sonderlinge. Vor allem, wenn man schon so lange in einem Wirtshaus arbeitet“, hatte sie gesagt, und er hatte es nie angezweifelt. Linette hatte das Talent, andere zu durchschauen, daran gab es keinen Zweifel. Als sie ihn fragte, ob er bleiben würde, hatte er deshalb einfach die Wahrheit gesagt: „Auf keinen Fall“, und sie hatte nur gelacht. „Wenn ich nicht wüsste, dass mein Vater mich finden und am Kragen zurück schleifen würde, würde ich auch verschwinden. Aber schade, sonst hätte ich dich glatt geheiratet. Das wäre doch die perfekte Täuschung gewesen!“ 

Und er hatte gegrinst, weil sie ihm im Vertrauen gesagt hatte, dass sie weder mit Männern noch Frauen irgendetwas anfangen konnte, und am liebsten ihre Ruhe hatte. Vermutlich hätten sie als Ehepaar in stiller Eintracht nebeneinander her existiert, aber Tarn wollte nicht in einem Gasthaus arbeiten. Allein die Andeutung, dass einer der Männer in der Schankstube zu viel getrunken hatte, ließ ihn manchmal die Flucht ergreifen. Und ein männlicher Nachfolger, der die Arbeit in der Schenke übernahm war nun einmal das, was sich Linettes Vater wünschte. „Er meint, als Erben braucht er einen Mann, der sich nicht nur ordentlich um mich, sondern auch die Schenke kümmert. Als ob ich das nicht allein schaffen würde. Er ist lieb, aber was das angeht, ist er ein Trottel“, hatte sie geseufzt, und war dann hastig aufgestanden, als besagter Trottel in den Schankraum zurück kehrte. Wenn er anwesend war, hielt sie den Schein aufrecht, dass sie auf ihn hörte und mit allem einverstanden war; etwas anderes blieb ihr auch kaum übrig.

Und auch darüber machte sich Tarn manchmal Gedanken, wenn die Schenke fast leer war und er mit seinen Gedanken allein, der Herbstregen nicht zu enden schien und Linette irgendwo den Boden schrubben musste. 
Die Welt war ein seltsamer Ort - je länger er sein angeblich normales Leben führte, desto mehr wurde ihm das bewusst. Normalität war nur die dünne Außenhaut der Dinge, wie die reflektierende Oberfläche eines ruhigen Sees; nur perfekt, so lange niemand daran rührte. Darunter lag das tatsächliche Leben, die wahre Natur der Menschen um ihn herum. Meistens kaum merkliche, manchmal charmante Eigenheiten, oft auch kleine, eher langweilige Vergehen, und selten große, unaussprechliche Abgründe. Aber nichts davon drang nach außen, und mehr als alles andere fühlte er sich meist einsam. Er fand keinen Zugang zu den Menschen, denn dazu hätten sie etwas von sich Preis geben müssen, und das vermieden sie mehr als alles andere.

In diesem Momenten sehnte er sich sowohl nach Anssi, als auch nach Jefrem. Er sehnte sich nach Anssis Offenheit, und nach Jefrems Stärke, sich selbst zu offenbaren und dadurch verwundbar zu machen. Die Art, wie sie beide auf ihre Weise nie verleugnet hatten, welche Art von Mensch sie waren. Egal ob herzlich offen und rau, oder verworren, filigran und kompliziert; beide hatten ihn nie über ihre Absichten belogen. Er sehnte sich sogar nach Viljo, Danilo und Mischa, ihrer zupackenden Art und einfachen Herzlichkeit. Nach einem Lächeln, das die Augen erreichte; etwas, das er bei Moreau niemals entdeckte. Gedanken, die tiefer gingen als nur bis zum Offensichtlichen; etwas, das er bei Dacian immer vermisste.

Und dann kam er sich dumm vor. Hatte er wirklich Heimweh nach einem Ort, der so tiefe Wunden gerissen hatte? Ganz sicher nicht.

Und so vergingen die Stunden, Tage und Wochen, in grauer Monotonie. Die Tage wurden kürzer, die Nächte kälter, die ersten Winteräpfel geerntet und eingelagert. Tarn rechnete nicht mehr damit, dass sich irgendetwas an seiner Situation ändern würde. Nicht bis zum Frühling. 

An einem ungemütlichen, stürmischen Abend, dem wieder eine völlig verregnete Woche voran gegangen war, gab Tarn seinen noch halb gefüllten Krug frühzeitig auf, um zurück zur Schmiede zu gehen. Er hatte keinen Durst, die Schenke war bis auf ein paar Dörfler völlig leer, und selbst Linette gähnte immer wieder vor Langeweile und war nicht in der Laune, Gespräche zu führen. „Heute mal eher nach Hause?“, fragte sie nur, als er sich erhob, und er nickte wortlos. „Lass dich nicht fort wehen“, empfahl sie ihm noch schmunzelnd, bevor die Tür der Schenke hinter ihm zu fiel und er allein auf die Straße hinaus trat.

Draußen, im Abenddunkel, wurde Tarn sofort vom kalten Wind getroffen, der ihn auch prompt frieren ließ. Er zog den Kopf ein und ging im Eilschritt die leeren Straßen entlang, die nur spärlich von den im Wind schwankenden Laternen beleuchtet wurden. Die meisten Dorfbewohner hatten die Fensterläden vor dem Wind und der Kälte verschlossen, und niemand war um diese Zeit und bei diesem Wetter noch unterwegs. Auch Tarn hatte nur einen Gedanken: So schnell wie möglich heim. 
Er würde sich fest in seine Decke wickeln, warm und gemütlich, und vielleicht, wenn Dacian schon schlief, ganz heimlich näher an ihn heran rücken. Natürlich nur, um sich wärmen zu lassen und sich für einen Moment der Illusion hinzugeben, dass er nicht schon seit einer gefühlten Ewigkeit keine Nähe mehr erfahren hatte. Er hätte sich schlechter dabei gefühlt, wenn Dacian nicht im Schlaf immer wieder fremde Decken geklaut oder sich herum gerollt und auf anderer Leute Ärmel gesabbert hätte. So war es nur gerecht, dass er etwas von seiner Wärme abgab.

Mit diesen vage amüsierten Gedanken bog Tarn auf den Weg ein, der ihn schließlich hinauf zu Duponts Hof und der Schmiede führen würde, als er eine einzelne Gestalt sah, die nicht weit vor ihm in die gleiche Richtung unterwegs war. Allein das war angesichts der leeren Straßen merkwürdig, aber längst nicht das Detail, das Tarn für einen Moment erstarren ließ. Das bewirkte allein das lange, blonde Haar, das von der Kapuze des Reisenden nicht gebändigt werden konnte und wild im Sturm wehte, matt erleuchtet von der Laterne, die der Fremde in der Hand trug. Und obwohl das ein absolut absurder Gedanke war, war das erste, das Tarn in den Kopf schoss: Anssi.

Im gleichen Moment wurde ihm bewusst, wie albern diese Idee war. Andererseits kannte er aber auch keinen Mann aus dem Dorf, der derartig langes, blondes Haar hatte. Die Statur der Gestalt ließ aber kaum einen anderen Schluss zu, als dass es sich um einen sehr stämmigen Mann handelte. 
Unvermittelt packte Tarn nicht nur die Neugier, sondern auch Verwirrung. Wer war um diese Zeit unterwegs, wenn nicht jemand aus dem Dorf? Ein verirrter Reisender, ein Besucher? Fast unbewusst beschleunigte er seinen Schritt, folgte dem Mann; sie nahmen so oder so den gleichen Weg. 

Er kam bis auf wenige Meter an den Fremden heran und rang noch mit sich, ob er ihn ansprechen sollte, als dieser sich selbst zu ihm umdrehte und Tarn musterte. „Guten Abend“, sagte er höflich, aber sein Tonfall war auch fragend. „Gibt es einen Grund, warum du mir folgst?“
„Eigentlich bin ich nur auf dem Weg zur Schmiede“, antwortete Tarn wahrheitsgemäß. Er ärgerte sich selbst, aber fast reflexhaft glich er das Äußere des Mannes vor ihm mit Anssi ab, und ohne dass er es wollte fielen ihm sofort einige Übereinstimmungen auf, auch wenn die Unterschiede eigentlich überwogen. 

Er war vielleicht so groß wie Anssi und vermutlich auch etwa in seinem Alter, aber auch doppelt so schwer und wesentlich breitschultriger. Sein Haar war blond, aber doch um einige Nuancen dunkler als das von Anssi, und er hatte einen kurz geschnittenen Kinnbart. Die Farbe seiner Augen konnte Tarn im schwachen Schein der Laterne nicht bestimmen, aber vermutlich waren sie dunkelgrün oder braun; auf jeden Fall nicht blaugrau. Insgesamt hatte er von seinem Äußeren wohl mehr mit Antoine gemein, aber sein Ausdruck und sein Verhalten erinnerten Tarn mehr als nur flüchtig an Anssi; es schien, als stünde der fremde Mann über den Dingen, gelassen und ein wenig spöttisch.

Allerdings verbreiterte sich sein vages Lächeln bei der Erwähnung der Schmiede, und er fragte: „Ach, bist du ein Lehrling vom alten Moreau?“ Als Tarn zustimmend nickte, fuhr er gleich fort: „Was ist mit dem letzten passiert, mit Dacian? Ist ihm die schiefe Esse auf den Kopf gefallen?“ „Der arbeitet immer noch dort, wir sind beide Lehrlinge“, antwortete Tarn wahrheitsgemäß, aber er musste auch grinsen. „Und mir wäre wesentlich wohler zumute, wenn die Esse schon umgefallen wäre, denn dann hätte ich nicht jedes Mal Angst, wenn ich auch nur in der Nähe stehe. Ich heiße Mischa. Kommst du von hier?“ „Kann man wohl so sagen“, stimmte der Fremde zu, und lächelte ebenfalls amüsiert. „Auch wenn das nichts ist, womit man angeben kann. Meine Freunde nennen mich Eli. Gehen wir ein Stück zusammen? Ich muss zu dem Hof dort“, erklärte er und deutete in die Richtung, in der Duponts Hof lag, auch wenn er in der Dunkelheit kaum auszumachen war. Tarn nickte noch einmal, und sie gingen gemeinsam weiter.

„Du bist jedenfalls nicht von hier, das sieht man sofort“, stellte Eli fest. Er hatte seinen Schritt trotz des ungemütlichen Wetters deutlich verlangsamt, fast zu einem Schlendern, und er warf immer wieder neugierige Blicke auf Tarn, die ihm allerdings nicht unangenehm waren. Er war sich nur nicht sicher, ob sie das bedeuteten, was er dachte. Er hatte sich immerhin bei Dacian getäuscht. Schon allein deshalb beschloss er, nicht vorschnell zu urteilen. 
„Ach, woran sieht man das?“, fragte er nach, und Eli grinste. „Du siehst weder so langweilig noch so gelangweilt wie der Rest der Leute hier aus. Und die sind hier noch gut dran im Vergleich. Da, wo ich gerade herkomme, gibt es kilometerweit nur Kohl und, wenn du sehr viel Glück hast, zur Abwechslung eine einzelne Kuh. Ich wäre fast durchgedreht. In dem Sinne, ein Hoch auf die Heimat, schätze ich“, spottete er, und Tarn lachte leise. Wer auch immer der Kerl war, er war ihm auf Anhieb sympathisch. 

Eli warf Tarn einen weiteren, interessierten Blick zu, bevor er fragte: „Und was treibt dich in diese Gegend?“ „Eigentlich bin ich nur durch Zufall hier. Merkwürdige Geschichte“, antwortete er und erzählte die Kurzfassung davon, wie er Moreau und Dupont getroffen hatte. „Da hatten die zwei alten Haudegen ja Glück im Unglück, dass du vorbei gekommen bist“, kommentierte Eli heiter, als Tarn geendet hatte. „Sollte ich jemals ein aufgeschlagenes Knie haben, werde ich in Zukunft vermutlich nicht mehr heulend zu meiner Mutter, sondern gleich zu dir laufen. Na ja, egal, ich schätze, ich muss hier abbiegen.“

Sie waren an der Stelle angekommen, an der sich der Weg gabelte. Höher am Hang wehte der Wind noch stärker, und langsam fühlte Tarn sich regelrecht durch gefroren. Trotzdem bedauerte er, dass er sich hier schon verabschieden musste. Nach dem langweiligen, ereignislosen Abend war dieses Gespräch eine willkommene Abwechslung, und in der Scheune wartete nur ein Heuhaufen auf ihn. Er hätte lieber noch eine Stunde draußen in der Kälte verbracht, wenn er dafür etwas Gesellschaft hatte. 

Außerdem gefiel ihm Eli, und wenn er sein Verhalten richtig deutete, seine eindringlichen Blicke, und die Art, wie er mit Tarn scherzte, beruhte das auf Gegenseitigkeit. Auch er schien auch keine Lust zu haben, sich schon hier zu trennen. Sie standen sich gegenüber, näher beieinander als gewöhnlich, und keinem von beiden machte das etwas aus. Der Wind spielte immer noch mit Elis langem Haar, und Tarn war nah genug, dass ihn einzelne Strähnen streiften. Die Erinnerung an Anssi war stark, aber ganz davon abgesehen war da auch Elis eigener Charme, sein Humor, und das breite Lächeln, wenn ihn etwas amüsierte. Er wollte Eli um sich haben, wenigstens noch ein paar Minuten.

„Schlaft ihr eigentlich immer noch in der Scheune da oben?“, fragte Eli, als wolle er ihren Abschied verzögern, und Tarn nickte. „Ist gar nicht schlecht. Trocken, und auch recht warm.“ „Ja, im Gegensatz zu dieser Ruine, die Moreau sein Zuhause nennt, ist die auch solide gebaut. Hab dabei mit geholfen“, verkündete Eli mit einem schiefen Lächeln. „Wann war das?“, fragte Tarn, in dem Bewusstsein, dass auch er einfach nur das Gespräch aufrecht erhielt und verlängerte. „Ist noch gar nicht so lange her. Vielleicht ein dreiviertel Jahr? Ich hab die Fertigstellung nicht mehr mitbekommen, ich musste weg.“ Er lächelte, und vielleicht kam die folgende Frage Tarn deshalb ohne Zögern über die Lippen: „Komm doch mit. Du kannst dich aufwärmen, und dir ansehen, wie sie fertig aussieht.“

Für einen Moment verstummte Eli, sah ihn nur fragend an. Er lächelte immer noch, aber jetzt lag etwas anderes in seinem Blick, und Tarn wusste sehr gut, dass er ihn abschätzte. Und Tarns Herz schlug schneller, weil er wusste, dass sie jetzt wieder das alte Spiel spielten. Die zaghaften Andeutungen, die harmlosen Fragen und unschuldigen Antworten. Sie riskierten beide viel, falls sie sich irrten. Aber sie hatten auch viel zu verlieren, wenn sie sich nicht gegenseitig ein Zeichen gaben.

„Könnte ich schon. Aber wie stellst du dir das mit dem Aufwärmen vor, so ganz ohne Feuer?“, fragte Eli immer noch lächelnd, und Tarn wusste, dass er an das selbe dachte. „Darum kümmere ich mich schon“, sagte er und schluckte trocken, weil er damit die Karten auf den Tisch legte. Sie wussten es beide.
Eli schmunzelte, und hob seine Laterne. „Finden wir den Weg auch ohne Licht?“, fragte er, und als Tarn nickte, löschte er sie. Die Nacht war dunkel, der Mond versteckte sich hinter den vom Wind getriebenen Wolken, und niemand würde sehen, wohin sie gingen. Um sich nicht zu verlieren griff Eli nach Tarns Hand, und ein Schauder durchlief ihn, als er hörte, wie Eli amüsiert sagte: „Ah, kräftige Schmiedhände, das habe ich vermisst.“

Dass er Dacian in der Aufregung ganz vergessen hatte, wurde Tarn erst klar, als sie tatsächlich die Scheune betraten. Es spielt aber auch keine Rolle, weil er gar nicht da war. Nachdem Tarn eine Laterne entzündet und einen Blick auf seine Sachen geworfen hatte, wurde ihm auch klar, wo er sein musste. Seine bessere Jacke war verschwunden, und bevor er verschwunden war hatte er sich anscheinend gekämmt und gewaschen, also war er wahrscheinlich bei der Abendmesse, die er manchmal zusätzlich zu den Gottesdiensten an den Sonntagen besuchte. Das hieß, er würde noch eine Weile fort sein.

Erleichtert darüber kehrte er zu Eli zurück, der sich mit verschränkten Armen umsah. „Ich denke immer, dass sich irgendetwas verändert haben müsste. Aber so lange war ich dann doch nicht weg“, meinte er, und jetzt schwang eine gewisse Wehmut in seiner Stimme mit. „Es kam mir nur endlos lange vor, schätze ich. Ich hab viel Zeit hier verbracht, als die Scheune noch im Bau war.“ „Mit wem?“, fragte Tarn, und Eli grinste. „Ah, ertappt. Tja, mit dem einzigen anderen, der Zeit mit mir verbringen wollte. Und der war auch nicht von hier“, erklärte er, während er den vorderen Teil der Scheune verließ und weiter ins Innere, zu den Stapeln gelagerten Holzes weiter schlenderte.

Tarn schüttelte sich bei der Vorstellung, völlig allein in einem Dorf wie diesem aufzuwachsen. In seiner Heimat war er zumindest nicht der Einzige gewesen. „Das heißt, die meiste Zeit warst du allein?“, fragte er, und Eli nickte, während er das gelagerte Holz prüfte, als hätte er Zeit seines Lebens nichts anderes getan. Aber vielleicht hatte er das ja auch gar nicht, vielleicht arbeitete er mit Holz. „Leider ja“, sagte er, „Es gibt hier sonst keinen wie mich… oder dich.“ Er hielt inne, fast als erwarte er, dass Tarn widersprechen würde. Ein Angebot, von dem Gesagten zurück zu treten. Aber Tarn wollte es nicht annehmen.

„Dann hatten wir ja zumindest einmal Glück“, sagte er stattdessen leise und trat näher an Eli heran, zwischen ihn und den Stapel Holz vor ihm. Sie waren allein, niemand da, der sie beobachten konnte. Und außerdem quälte er sich schon die ganze Zeit mit einer Frage, die sich nur auf eine Art beantworten ließ. Er hob die Hand und berührte Elis blondes Haar, das ihn einfach nicht los ließ, strich die blonden Strähnen hinter sein Ohr zurück. Er wollte wissen, wie es sich anfühlte. 

Eli ließ ihn gewähren, und er lächelte. „Das hat es dir angetan, was?“, fragte er, während seine breiten, kräftigen Hände sich auf Tarns Taille legten, noch zaghaft. Wie lange war er allein gewesen? Tarn wusste, dass er selbst den Überblick verloren hatte, wie lange er schon nicht mehr umarmt, berührt worden war. Stumm nickte er, und eigentlich wollte er seine Hände zurückziehen. Aber nein, er konnte sich nicht losreißen. „Einfach nur so?“, fragte Eli weiter, beugte sich ein wenig zu ihm hinunter, und Tarn hielt es für sinnlos, ihn zu belügen. „Erinnert mich an einen alten… Freund“, murmelte er, und schaffte es natürlich nicht, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Er wollte gelassen und spöttisch klingen, aber vermutlich wirkte er nur verletzt und bitter, als er sagte: „Das letzte mal, als wir uns sahen, sagte er, wenn er mich jemals wieder sieht bringt er mich um.“ 

„Das klingt hart“, sagte Eli bedauernd. „Aber das letzte Mal, als ich meinen ersten und einzigen Freund sah, haben sie ihm auch gesagt, sie bringen ihn um, wenn er wieder hier auftaucht, also sitzen wir im selben Boot.“ Er sah Tarns betroffenen Blick, und lachte leise, traurig. „Ist nicht so wichtig. Alles vorbei. Und ich will auch niemand mehr wie ihn. Das hier ist in Ordnung, aber mehr als-“, begann er, und Tarn schüttelte den Kopf. 

Nein. Nein, das wollte er auch nicht. Er konnte die Lücke, die Anssi in ihm hinterlassen hatte, für eine Weile schließen. Aber nichts konnte das ersetzen, was er sich gewünscht und heimlich ersehnt hatte. Diese Art von Beziehung wollte er nicht wieder aufbauen. Nur vergessen, alles glatt ziehen, und weiter machen. 

Er ließ seine Hände herunter gleiten, eine auf Elis Schulter, die andere in seinen Nacken, und er zog ihn zu sich heran und küsste ihn. Und Eli zog ihn ebenso an sich, schlang seine Arme um ihn. Er war warm, kräftig und muskulöser als Tarn zuerst gedacht hatte. 

(I) Mit einem Schlag war die Lust zurück, das Verlangen, dass er die letzten Wochen fast gar nicht mehr gespürt hatte. Jede Faser seines Körper schrie danach, berührt zu werden, und er ließ einfach alle Bedenken fallen. Er hatte schon einige hastige Zusammentreffen mit anderen Männern gehabt, sei es, weil einer von ihnen ungeduldig war oder schnell wieder weg musste. Aber er war sich ziemlich sicher, dass er sich, was Hemmungslosigkeit und Eile betraf, heute selbst übertreffen würde. Er keuchte hilflos auf, als Eli ihn fester packte, seine Hand zwischen seine Beine legte. Oh Gott, er hatte fast vergessen gehabt, wie gut dieses Gefühl war, und jetzt konnte er nicht mehr warten, er musste mehr davon bekommen.

Eli schien es nicht anders zu gehen. Er hob Tarn so mühelos hoch, als würde er gar nichts wiegen, setzte ihn auf den Holzstapel hinter ihnen und schob seine Schenkel auseinander, drängte sich dazwischen. Seine mühsam beherrschten Hände zitterten, als er Tarns Jacke abstreifte. Weste, Hemd und Unterhemd zog er ihm einfach im Ganzen über den Kopf; es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte ihm die Kleidung einfach vom Leib gerissen. Seine Hosen war Tarn noch schneller los, Eli trat ein Stück zurück, um sie abzustreifen, und war im nächsten Moment schon wieder bei ihm, schloss seine große, raue Hand um sein hartes Glied.

Tarn hatte seine Hände schon unter Elis Hemd, bevor der es überhaupt losgeworden war, fuhren durch das blonde Haar auf seinem Bauch und seiner Brust. Als Eli sich endlich auch um seine eigene Oberbekleidung gekümmert hatte und Tarns nackte Brust mit gierigen Küssen übersäte, war er schon dabei, seinen Gürtel zu öffnen. Langes, blondes Haar streifte immer wieder seine Haut, streichelte ihn, jagten lustvolle Schauder über seinen Körper, und in diesem Moment gab es nichts Besseres, und jeder rationale Gedanke war sinnlose Zeitverschwendung.

Endlich konnte er Elis Hosen von seinen Hüften streifen, spreizte bereits die Beine und schob ihm ungeduldig sein Becken entgegen, als Eli sich zu ihm hinunter beugte und in sein Ohr flüsterte: „Warte, wie lange hast du nicht…“, aber das war Tarn in diesem Moment völlig egal. „Scheiß drauf, mach einfach“, stöhnte er, drängte sich ihm weiter entgegen, als unmissverständliche Aufforderung. 
Vermutlich hatte er Glück, dass Eli sich besser als er selbst unter Kontrolle hatte, weil er in die hohle Hand spuckte und zumindest für etwas Feuchtigkeit sorgte, bevor er seine Schenkel noch weiter zurück schob und vorsichtig in ihn eindrang. Tarn stöhnte auf, drängte sich ihm entgegen, ignorierte die Fremdheit des Gefühls und das erste Brennen, weil er inzwischen wusste, dass es vorbei gehen würde.

Eli beugte sich tief zu ihm herunter, legte sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihm, und küsste ihn immer wieder, während er zuerst vorsichtig, dann heftiger zu stieß. Sein Stöhnen war tief, lustvoll, ein Klang, von dem Tarn nicht genug bekommen konnte, besonders direkt neben seinem Ohr. Er hätte fast geschwiegen, nur um ihm zuhören zu können, wenn Eli nicht so gut bei dem gewesen wäre, was er tat. Stattdessen stöhnte er, unfähig still zu bleiben, und als er sich zum Schweigen bringen wollte, indem er auf sein Handgelenk biss, zog Eli ihm den Arm weg. „Nicht. Ich will dich hören“, sagte er mit einem Lächeln, und Tarn gehorchte. Stattdessen suchte er Elis Blick, küsste ihn, vergrub seine Hände in dem blonden Haar, das ihn in diesem Moment nicht an irgendjemand anders erinnerte, nur an Eli selbst. 
Eli, der genau zu wissen schien, was Tarn brauchte und wie er es bekommen konnte. Eli, der genießerisch seine dunklen, waldgrünen Augen schloss, wenn Tarns Zunge über seinen Oberkörper strich, seine Brustwarzen reizte. 

Er bedauerte fast, als Eli sich irgendwann wieder aufrichtete, vermisste sofort das Gewicht auf sich und die Wärme. Aber im gleichen Moment begann Eli, mit mehr Kraft in ihn zu stoßen, und reflexartig griff er nach seinem eigenen, harten Glied. Die Spannung in seinem Körper steigerte sich ins Unendliche, und unfähig, sich länger zurück zu halten, hörte er nicht mehr auf. 
Er war so nah dran, zu kommen, als Eli noch einmal sein Gewicht verlagerte, sich wieder über ihn beugte und ihn küsste, die Hände in seinem Nacken verschränkt. Vielleicht war es lächerlich, aber in diesem Moment war es das einzige, was er noch brauchte, und er schrie und bäumte sich unter Eli auf, verspritzte seinen Samen über ihre Körper. Er realisierte kaum, dass Eli direkt nach ihm kam, für einen Moment war er schlicht überwältigt und lag nur mit geschlossenen Augen da. Er hörte sich selbst keuchen, spürte seinen rasenden Puls, und dann, irgendwann, zog sich Eli aus ihm zurück. (I)

Einen Moment schwiegen sie nur, außer Atem. Eli schien als erstes nach seinen Hosen zu greifen und stieg hinein, bevor er sich neben Tarn fallen ließ. „Wie viele Monate allein wiegt das auf?“, hörte Tarn sich selbst sagen, und er lächelte, als er Eli leise lachen hörte. „Vier? Fünf? Sag schon“, verlangte er zu wissen und richtete sich schwerfällig auf,  wobei er schmerzerfüllt zusammen zuckte. Ein Holzstapel war vielleicht doch nicht der ideale Ort für schnellen Sex. „Sagen wir mal, drei“, meinte Eli amüsiert und zog sich sein Unterhemd über, nachdem er es ein wenig ausgeschüttelt hatte. Sein langes Haar war zerzaust, aber er sah ziemlich zufrieden aus. „Was, nur drei? Und dafür habe ich jetzt Splitter im Arsch?“, witzelte Tarn. 

Eli setzte gerade zu einer Antwort an, als sie plötzlich Schritte hörten. In einem von Panik erfüllten Moment wurde Tarn klar, dass er Dacian heute schon zum zweiten Mal völlig vergessen hatte, inklusive der Zeit.
„Hallo? Mischa?“, rief er, während er sich der Scheune näherte. Noch schien er nicht misstrauisch, sondern lediglich zum Schlafen zurück zu kehren. Aber sobald er dem Lichtschein der Laterne folgte, würde er sie zusammen sehen.

Eli reagierte schneller als Tarn. „Ich lenke ihn einen Moment ab“, sagte er und warf sich hastig seine restlichen Kleidungsstücke über. „Geh hinten raus und tu so, als würdest du vom Feld kommen. Du hast ihn in der Dunkelheit verfehlt und wolltest nachsehen, wo er bleibt. Los“, befahl er ruhig, so routiniert, dass er diese oder eine ähnliche Ausrede vermutlich nicht zum ersten Mal gebrauchte. Er gab Tarn einen sanften Stoß, um ihn aus seiner Schreckstarre zu lösen, dann richtete er seine Kleidung und spazierte mit absoluter Gelassenheit Dacian entgegen.

Tarn hatte keinen besseren Plan, also griff er sich seine Kleidung und hastete nach draußen. Er war froh, dass es inzwischen so stockdunkel war, dass ihn beim besten Willen niemand hätte sehen können, auch wenn ihm im kalten Wind fast der Hintern gefror. Hastig stieg er in seine Hosen und Schuhe, steckte sich das Hemd in die Hose und zog sich seine Jacke über, bevor er, wie Eli es ihm gesagt hatte, die Scheune eilig umrundete.

Er polterte durch die Tür, und unterbrach Dacians und Elis Gespräch. Anscheinend kannten sie sich mehr als nur flüchtig, doch was Tarn nicht erwartet hatte war die Tatsache, dass Dacian Eli offenbar nicht ausstehen konnte. Er hatte sich aggressiv vor ihm aufgebaut, die Arme verschränkt, die Stirn gerunzelt. Eli wiederum schien seine Feindseligkeit gelassen hinzunehmen, mit beinahe heiterem Gleichmut.

Sie beide wandten sich um, als Tarn durch das Tor trat, und sofort, genau wie es abgesprochen war, setzte er ein überraschtes Gesicht auf. „Ach, hier bist du. Ich dachte, du wärst vielleicht noch unterwegs und bin zum Weg hinunter gegangen. Ich muss dich im Dunkeln verpasst haben“, sagte er, an Dacian gewandt, seine Geschichte auf. 

Das Stirnrunzeln in Dacians Gesicht verschwand nicht, aber zumindest vertiefte es sich auch nicht; er schien Tarns Ausrede widerwillig zu akzeptieren.  „Du hättest auch einfach hier warten können“, sagte er deutlich schlecht gelaunt. „Und wo hast du eigentlich ihn hier aufgegabelt? In der Schenke, oder was?“ 

Das klang so feindselig, wie Tarn Dacian selten erlebt hatte. „Ich sage doch, wir sind uns auf dem Weg begegnet“, antwortete Eli ruhig an Tarns Stelle, und er hielt eisern das Lächeln auf seinem Gesicht aufrecht. „Und ich wollte mir nur die fertige Scheune ansehen. Mischa hat es mir angeboten, er meinte, das würde dich nicht stören, und ich habe ihm geglaubt. Hätte ja sein können, dass du inzwischen etwas mehr Spaß verstehst.“ 
„Schön, jetzt hast du alles gesehen. Geh heim. Warten deine Eltern nicht auf dich?“, fragte Dacian kühl, und Eli schüttelte den Kopf. „Vermutlich nicht, weil ich ihnen eher schlechte Nachrichten bringe und sie nicht wissen, dass ich komme. Aber gut, ich sehe schon, ich bin hier nicht willkommen“, sagte er spöttisch. Er wirkte gegenüber Dacian überhaupt nicht mehr so freundlich und zugänglich, wie noch vor ein paar Minuten, und ohne einen weiteren Kommentar trat er hinaus in die Nacht.

Tarn blieb irritiert zurück, während Dacian hinter Eli das Tor verschloss, der Missmut in Person. „Wer ist er eigentlich? Mir hat er gesagt, er wäre zum Duponthof unterwegs. Irgendein entfernter Verwandter?“, fragte er nach, und Dacian richtete seinen Unwillen prompt auf ihn. „Soll das witzig sein? Du musst doch wissen, wer er ist.“ Tarn zuckte mit den Achseln. Niemand hatte in seiner Gegenwart einen Eli erwähnt, und er war inzwischen fast überzeugt, dass er ein schwarzes Schaf der Familie sein musste, aus offensichtlichen Gründen. Er hätte mit allem gerechnet, aber nicht mit dem, was Dacian ihm schließlich antwortete: „Das war Eliot, Mathieus Bruder. Scheint, als wäre er zurück. Was zum Teufel hat er dir denn gesagt, wer er ist? Hat er irgendwelche Lügen erzählt?“ Dacian erwartete eine Antwort von ihm, aber Tarn hörte ihm schon gar nicht mehr zu.

War er denn völlig verblödet? Eli, Eliot. Aber Eliot hatte den Namen so anders ausgesprochen, dass er die Verbindung in seinem Kopf überhaupt nicht gezogen hatte. Weil Eliot die ganze Zeit nicht präsent für ihn gewesen war, weil niemand über ihn sprach. Jetzt wusste er warum, und wusste im gleichen Moment, dass er sich gerade in den denkbar größten Schlamassel hinein geritten hatte. 

Der einzige Mensch in diesem ganzen Dorf, der so war wie er, und er war ausgerechnet Duponts jüngerer Sohn. Er hatte hier gerade mit einem von Duponts Söhnen gevögelt, in seiner Scheune, Minuten, nachdem er von seinem Exil aus Woauchimmer im Nirgendwo zurück gekommen war. Und wie er dazu gekommen war, dorthin abgeschoben zu werden, das konnte sich ja jeder ausrechnen, oder?

Verdammt, verdammt, verdammt.

Warnungen:
- Sex (I), (II)


Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt, ver-
 
„He, Mischa, alles in Ordnung? Du bist so still heute.“
 
Verdammt!
 
„Muss mir gestern eine Erkältung eingefangen haben“, murmelte Tarn abwesend als Antwort auf Moreaus Frage und beeilte sich, demonstrativ, aber nicht zu auffällig zu hüsteln.
 
Sie waren wie fast jeden Abend auf dem Weg hinüber zu Duponts Hof, um mit der Familie zu essen, Moreau stoisch voran stapfend, Tarn und Dacian nebeneinander hinterdrein. Manchmal unterhielten sie sich auf dem kurzen Fußweg miteinander, aber heute schien jeder seinen eigenen Gedanken nach zu hängen, und im Grunde war das Tarn auch recht. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, sein Pech zu verfluchen.
 
Er war wirklich nicht darauf vorbereitet, gleich mit Eli an einem Tisch zu sitzen und so zu tun, als hätten sie nichts miteinander zu schaffen. Er hatte seine wechselnden Partner nicht umsonst immer heimlich getroffen und sonst eher gemieden; auf so engem Raum, unter den Augen von einem halben Dutzend Menschen ein gemeinsames Geheimnis zu verbergen war möglich, aber auch nicht gerade einfach. Und er wollte Eli wirklich nicht in Schwierigkeiten bringen.
 
Wenn du ihn nicht schon längst in Schwierigkeiten gebracht hast, aus reiner Blödheit, dachte er und hätte sich am liebsten selbst einen Tritt in den Hintern gegeben. Warum war er nur so dumm gewesen, hatte überhaupt nicht nachgedacht? Gut, er wusste warum, er hatte es einfach dringend nötig gehabt und Eli war genau die Sorte von Mann, die er wollte. Aber dann hatte er sich auch noch in aller Öffentlichkeit mit ihm sehen lassen, ihn direkt vom Weg ins Bett gezerrt und war auch noch so dämlich gewesen, Dacian davon wissen zu lassen, wo sie sich herum trieben. Das war das Letzte was sie brauchen konnten war, dass Dacian diese Begegnung an irgendjemand ausplauderte.
 
Nur, dass Dacian kein Wort dazu gesagt hatte. Er war missmutig gewesen, hatte anscheinend schlecht geschlafen, und er hatte jedes weitere Gespräch über Eli kategorisch fallen lassen, egal wie zaghaft Tarn versuchte ihn darauf anzusprechen. Aber soweit Tarn gehört hatte, hatte er auch kein Wort zu Moreau über diesen Zusammenstoß gesagt, und das war untypisch für ihn; er gab doch sonst alles bis ins kleinste Detail weiter.
 
Müde sah er aus, was vielleicht auch der Grund war, warum Moreau ihn als nächstes fragte: „Und du, Dacian? Auch erkältet?“ Trotz der Besorgnis in seinem Gesicht entging Tarn nicht der lauernde Unterton. Die Frage war harmlos, aber trotzdem hatte Tarn in Momenten wie diesen das Gefühl, dass der Alte sie bewusst aushorchte. „Nein, ich hab nicht gut geschlafen“, sagte Dacian, und lenkte dann, schon wieder völlig untypisch für ihn, einfach ab. „Aber ich hab die Nacht gefroren. Vielleicht sollten wir bald umziehen.“
 
Sollten wir nicht, du Idiot, dachte Tarn, aber er verbiss sich den Kommentar. Er hatte keine besondere Lust, den Rest des Jahres in der baufälligen Schmiede zu schlafen und die ganze Nacht darauf zu warten, dass ihm irgendetwas auf den Kopf fiel. Und außerdem hätte Moreau dann nur noch mehr Gelegenheit gehabt, in seinen Angelegenheiten zu schnüffeln. „Wird wohl das Beste sein“, stimmte Moreau zu, und irgendetwas sagte Tarn, dass er die selben Gedanken gehabt hatte. „Aber jetzt zieht nicht so ein Gesicht, wir sind immer noch Gäste“, predigte er, während sie Duponts Hof erreichten und auf das Haus zusteuerten. „Verbreitet keine schlechte Stimmung, wenn ihr am Tisch sitzt und-“
 
Er hielt inne, als sie laute Stimmen hörten, die über den Hof schallten. Zwei Männer stritten, anscheinend Mathieu und Eliot, während Duponts tiefe dröhnende Stimme sie immer wieder unterbrach in dem Versuch, sie zur Ordnung zu rufen. Worüber sie sprachen war unverständlich, aber der tiefe Hass in Mathieus Stimme war so deutlich hörbar, dass Tarn sich augenblicklich versteifte. Völlig unbewusst lauschte er auf die Modulation; Kein Stolpern, keine ineinander zerfließenden Worte. Erleichterung breitete sich in ihm aus, und im nächsten Moment war er wütend auf sich selbst, dass er so heftig und instinktiv auf die lauten Stimmen reagierte.
 
„Geht schon hinein“, brummte Moreau und trat seinerseits einen Schritt in die Richtung, aus der das Wortgefecht zu ihnen herüber schallte, als plötzlich Mathieu wutentbrannt aus dem Wirtschaftsgebäude stapfte, in dem er und sein Vater die meisten Arbeiten verrichteten. Eliot, außer Sicht, schien irgendetwas zu seiner Flucht zu sagen, weil er sich nach drei Schritten umdrehte und fluchte: „Halt dein Maul, Eliot!“, bevor er in die zuvor eingeschlagene Richtung weiter ging, direkt auf Moreau, Tarn und Dacian zu. Er sagte kein Wort, nickte ihnen nur fahrig zu, die Kiefermuskeln angespannt und die Fäuste geballt, und stapfte an ihnen vorbei durch die Tür. Es schien ihn Willenskraft zu kosten, sie nicht mit Gewalt hinter sich zu zuschlagen.
 
Ihm folgte in einigem Abstand der alte Dupont, das Gesicht voller Gram. Trotzdem versuchte er, eine freundliche Miene aufzusetzen, als er sie erreichte und begrüßte: „Bleibt nicht hier draußen stehen! Kommt herein, lasst uns essen.“ „Was ist denn-?“, begann Moreau, aber Duponts Kopfschütteln würgte ihn ab. „Nichts. Der übliche Streit, aber sie werden sich schon wieder beruhigen. Kommt.“ Damit trat er ebenfalls ins Haus, und mit einem Schulterzucken folgte Moreau.
 
Dacian zögerte und sah zu Tarn, der seinerseits nach Eli Ausschau hielt, aber der ließ sich nicht blicken. Vielleicht wollte er abwarten, bis die Gemüter sich gekühlt hatten. „Komm schon, Mischa. Du kannst hier nichts ausrichten“, sagte Dacian leise und legte eine Hand auf seinen Arm.
Für einen Moment fragte sich Tarn, warum Dacian davon ausging, dass er irgendetwas ausrichten wollte. Er hielt sich doch genau wie Moreau und Dacian sonst immer aus allem Ärger heraus. Aber in diesem Fall hatte er sogar Recht. Tarn wollte zu Eli, selbst wenn er keine Ahnung hatte, wozu das gut sein sollte. Was hätte er schon sagen können, ein völlig Fremder, zu einer völlig undurchsichtigen Situation?
 
Nichts. Aber trotzdem.
 
Also schüttelte er den Kopf und schob Dacians Hand von sich, nicht grob, aber nachdrücklich. „Bin gleich da“, sagte er und wandte sich ab, ging auf die Werkstatt zu. Er sah sich nicht nach Dacian um, sonst hätte er bemerkt, dass er ihm nach starrte, wie er zu Eliot ging, und sich erst abwandte, als er außer Sicht war.
 
„Eli?“ Zögerlich trat Tarn in die Werkstatt ein, ein einfache Scheune mit fest gestampften Erdboden, die wie immer voller Sägespäne war. Oft war er noch nicht hier gewesen, nur ein- oder zweimal hatte er den Duponts geholfen, etwas Schweres zu tragen. Die meisten Lampen waren bereits gelöscht, und da es mit jedem weiteren Tag früher dunkel wurde, war die Werkstatt jetzt nur noch in Zwielicht getaucht und wirkte verlassen und ungemütlich.
Zum Glück musste er sich nicht lange umsehen, um Eli zu entdecken. Er räumte recht geräuschvoll hinter sich auf, legte Werkzeuge an ihren Platz, fegte Holzspäne von einem Arbeitstisch und löschte eine Lampe. Als er bemerkte, dass er nicht mehr allein war, sah er hastig auf. Vermutlich erwartete er eine Fortsetzung des Streits, öffnete schon den Mund, um etwas zu sagen, erkannte aber gleich darauf, wer vor ihm stand und ihn besorgt musterte.
 
„Ach du“, sagte er, und sein vorher grimmiges Gesicht heiterte sich sichtlich auf. „Bin gleich fertig. Ich will nur nichts liegen lassen“, erklärte er und winkte Tarn davon, bevor er geschäftig weiter aufräumte. Das war eigentlich ein deutliches Signal, dass er keine Gesellschaft wollte, und Tarn nickte zwar stumm, blieb aber trotzdem unentschlossen am Fleck stehen.
 
Warum? Zu jeder anderen Gelegenheit hätte er frohgemut das Weite gesucht und sich um seine eigenen Probleme gekümmert; aus fremden Streit hielt er sich schon grundsätzlich raus, denn Partei zu ergreifen war gefährlich.
Aber bei Eli fiel ihm das schwer. Er wusste im Grunde nichts über ihn, vielleicht abgesehen von dem, was Bernice über ihn erzählt hatte. Trotzdem erinnerte ihn die Situation schmerzlich an seine eigene Familie. Die Art, wie Mathieu Eli angeschrien hatte, und wie der alte Dupont den Streit schnell verharmlost hatte, das alles kannte er selbst nur zu gut. Und Elis Abwesenheit schien ihn in den Augen seiner Familie nicht viel geändert zu haben; niemand schien darauf aus ihn zu schonen, und niemand schien sich besonders über seine Rückkehr zu freuen. Tarn konnte nicht sagen, ob Eli tatsächlich darunter litt, aber er erinnerte sich nur zu gut, wie er selbst sich gefühlt hatte. Zurückzukehren zu dem einzigen Ort, der eine Art Zuhause darstellte, und unwillkommen zu sein.
 
Tarn wünschte, er hätte diese Gedanken in Worte fassen können, aber er wusste nicht wie. Was hätte Jefrem in so einem Fall gesagt? Irgendetwas nettes, aufmunterndes, herzliches, bei dem man sich besser fühlte. Er konnte sich nur nichts in Erinnerung rufen, und selbst fiel ihm erst recht nichts ein. „Alles in Ordnung?“, begann er unschlüssig.
 
Eli stutzte kurz, bevor er abwinkte. „Ja. Nicht der Rede wert“, antwortete er. Fast glaubte Tarn, er würde nicht mehr dazu sagen, aber nach kurzem Schweigen fuhr er fort: „Hat sich nichts geändert, weißt du? Mathieu ist immer noch ein fauler Sack, und Vater lässt es ihm immer noch durchgehen, weil er reich heiratet. Elaine will immer noch nichts mit Wagenbau zu tun haben, uns alle raus werfen und alle Energie in »ihre« Felder stecken. Eine tolle Familie sind wir“, sagte er mehr zu sich selbst, und jetzt war sein Lächeln wehmütig. „Ich dachte, wenn ich irgendwann zurück komme… naja, egal. War dumm zu erwarten, dass irgendetwas anders wäre.“
 
„Schwachsinn“, widersprach Tarn, rein aus Reflex, nur um etwas weniger heftig hinzu zu fügen: „Ich meine, ich kenne das, und es ist nicht… dumm.“
Was für ein holpriger, sinnloser Satz. In Momenten wie diesen verließ ihn selbst die bei Anssi erlernte Wortgewandtheit, und er fühlte sich nur noch unbeholfener. Er hätte besser den Mund gehalten und wäre einfach verschwunden. Trösten lag ihm nicht, noch nie. Aber zumindest schien Eli zu verstehen, was er sagen wollte; erst sah er überrascht aus, dann lächelte er schmal. „Ist auch egal. Wollen wir gehen?“, fragte er und griff sich die letzte noch brennende Laterne, bereit zum Aufbruch.
 
Aber wie schon am vorigen Tag entschieden sie vermutlich im gleichen Moment, ihr Zusammensein nicht so schnell zu beenden. Ihre Blicke trafen sich, und dann schob Tarn das Tor noch ein Stück weiter zu, bevor er sich auf einem Stapel Holz fallen ließ. „Gleich“, sagte er, und Eli schmunzelte und blieb auf halbem Weg stehen. „Vermutlich wartet eh niemand auf uns“, meinte er gelassen und stellte die Laterne wieder ab. Trotzdem ließ er seinen Blick noch einmal über die Werkstatt schweifen, als erwarte er, irgendeinen Lauscher in einer dunklen Ecke zu entdecken. Aber nach wie vor waren sie allein.
„Eigentlich wollte ich schon die ganze Zeit fragen, ob’s dir gut geht. Nach gestern, meine ich“, sagte er unvermittelt mit deutlich gesenkter Stimme. Tarn wusste natürlich, was er meinte. „Ja“, log er, obwohl er sich an dem Morgen eher mühsam aus dem Heu gequält hatte. »Mach einfach« war wohl doch eine unüberlegte Aufforderung gewesen, und er hatte sich Splitter eingezogen, aber dafür konnte Eli nun wirklich nichts. Den Kommentar zu etwas völlig anderem konnte Tarn sich trotzdem nicht verkneifen. „Aber musstest du unbedingt geheim halten, mit wem du verwandt bist?“, fragte er und nickte in Richtung Tür.
 
Er erwartete, dass Eli ihn für seine Begriffsstutzigkeit auslachen würde, aber stattdessen grinste er nur schief. Und ja, in diesem Lächeln lag eine Spur Arroganz, die ihn an Anssi erinnerte, das wurde Tarn in diesem Moment klar. Sein Hochmut war nur wesentlich charmanter verpackt in einen sonst eher gutmütigen Charakter. Er hatte Tarn wirklich bewusst im Unklaren gelassen, und das tat ihm nicht Leid.
„Wenn du das gleich gewusst hättest, wären wir getrennte Wege gegangen, oder?“, fragte er, und Tarn musste dem wohl oder übel zustimmen. „Also hast du beschlossen, mich gleich doppelt aufs Kreuz zu legen?“, fragte er grinsend nach, und Eli lachte auf und zuckte mit den Schultern. „Sagen wir mal, ich hab es dir nicht auf die Nase gebunden. Ich dachte, du zählst noch eins und eins zusammen. Blöd kamst du mir nämlich nicht vor“, stichelte er, und Tarn murrte widerwillig: „Ich war abgelenkt.“ Allerdings fiel es ihm trotz Elis Spott schwer, wütend oder beleidigt zu sein. Eli amüsiert zu sehen hatte eine ähnliche Wirkung auf ihn wie Anssis Erheiterung.
 
„Apropos Ablenkung, hast du heute Nacht noch Zeit?“, fuhr Eli schon wieder völlig unvermittelt fort, und überrumpelte Tarn damit vollends. „Heute?“, fragte er ungläubig, aber Eli nickte nur zustimmend. „Warum nicht? Du siehst doch, ist nicht so, als hätte ich irgendwelche Sympathien zu verspielen. Und ich mag dich. Ehrlich“, fügte er hinzu, als er Tarns Blick sah, eine Mischung aus Zweifel und Unbehagen.
 
Ich will dich haben.
 
Tarn hätte sich am liebsten schon wieder selbst einen Tritt verpasst. Warum dachte er jetzt daran? Natürlich, weil Eli ihm genauso offen und ehrlich sein Interesse zeigte wie Anssi. Nur, dass er das nicht von Eli annehmen konnte, oder wollte. Er wollte diese Art von Bindung nicht, jetzt nicht, und auch später nicht. Wenn Eli jetzt schon so anfing und ständig mit ihm zusammen sein wollte, schien er allerdings andere Vorstellungen zu haben. Ausweichend sagte Tarn: „Und ich dachte, ich wäre einfach nur der einzige, der da ist.“
„Auch?“, antwortete Eli ehrlich und zuckte mit den Schultern, und Tarn entspannte sich etwas. Das klang schon gar nicht mehr so anhänglich, besonders, als Eli gelassen fort fuhr: „Wenn du nicht willst, auch gut. Wir können morgen Abend auch einfach ein Bier trinken gehen. Ist ja nicht so, als hätte ich sonst unzählige Freunde hier, mit denen ich irgendwas unternehmen kann. Aber immer mal was gegen die Einsamkeit zu tun ist doch eigentlich keine schlechte Idee, oder?“
 
Er ließ Tarn einen Moment Bedenkzeit, der schließlich zögernd zustimmte. Vermutlich hatte Eli nicht gelogen; die Aussicht auf ein bisschen Spaß zwischendurch schien ihm zu reichen, also gab es keinen Grund, abzulehnen. „Ja, warum nicht“, sagte er, und Eli schien diese Zusage ziemlich zu erleichtern. „Gut! Ich hatte schon Angst, du hättest mich wegen meiner Familie abgehakt und würdest mich am ausgestreckten Arm verhungern lassen“, witzelte er. „Nachdem du so lange weg warst, solltest du das doch schon gewohnt sein“, stichelte Tarn amüsiert zurück, und Eli verdrehte die Augen. „Schlechte Gewohnheiten soll man ablegen, predigt meine Mutter immer, und ich fange gleich damit an! Außerdem hab ich immer noch einige Monate nachzuholen-“
 
Plötzlich stockte er kaum merklich, lauschte einen Sekundenbruchteil konzentriert, bevor er mit dem selben Humor, aber völlig anderen Ausdruck fort fuhr: „- was Holzbearbeitung angeht. Ich hab vor allem auf dem Feld mit gearbeitet. Wenn du was dazu lernen willst, solltest du lieber meinen Vater fragen. Moreau ist sicher einverstanden.“
 
Tarn hatte am vorigen Tag vielleicht nicht sofort begriffen was Sache war, aber der plötzliche Themenwechsel und Elis Mimik konnte er nicht fehl interpretieren. Eli nickte kaum merklich in Richtung des fast geschlossenen Tors. Anscheinend hatte sich jemand heimlich der Werkstatt genähert und harrte jetzt stumm und lauschend außerhalb ihres Sichtfelds aus.
Ohne eine Pause entstehen zu lassen griff Tarn ihr vorgespieltes Gespräch auf und antwortete: „Ich weiß nicht, was die Arbeit angeht ist er ziemlich streng, und ich will niemand zur Last fallen.“
 
„Kommt ihr zwei Männer auch zum Essen?“, erklang es plötzlich aus der Dunkelheit draußen, und dann kam Bernice langsam herein. Sowohl Tarn als auch Eli versuchten sich nicht anmerken zu lassen, dass sie ihre Anwesenheit schon bemerkt hatten, bevor sie eingetreten war, und drehten sich zu ihr herum, wobei Tarn von seinem Sitzplatz aufsprang. „Erschreck uns doch nicht so, Mama“, sagte Eli, wobei er es schaffte tatsächlich überrascht zu wirken, und trat auf sie zu, „Und warum bist du überhaupt ohne Licht unterwegs?“ „Ach, für das kurze Stück brauche ich doch keine Lampe“, log sie und strich ihrem Sohn über die Wange.
 
Zumindest zwischen ihr und Eli schien die Welt in Ordnung, so liebevoll, wie sie ihn ansah. Die gleiche Mischung aus Sorge und Stolz, mit der Tarns Mutter ihn manchmal gemustert hatte, und sein Herz schmerzte in diesem Moment. Ob Eli wusste, wie viel Glück er hatte? Vielleicht ja; er erwiderte den Blick seiner Mutter völlig offen, ohne Vorwurf oder Groll.
„Nun kommt aber, kommt mit zum Essen. Es wird noch alles kalt!“, sagte Bernice und lächelte erst ihrem Sohn und dann auch Tarn zu. „Hat Mathieu-“, setzte Eli zu einer Frage an, aber Bernice unterbrach ihn. „Ja, er hat sich beruhigt. Aber du solltest ihn heute Abend nicht mehr reizen“, sagte sie, und jetzt sah sie kummervoll aus. „Oder willst du gleich zu Bett gehen?“ „Nein, schon gut. Ich hab außerdem Hunger“, wehrte Eli ab. Er griff nach seiner Lampe, dann verließen sie gemeinsam die Werkstatt und gingen über den Hof, der langsam in Schatten zu versinken begann.
 
Doch bevor sie das Wohnhaus betraten, blieb Bernice plötzlich stehen. „Oh, ich habe völlig vergessen, dass wir noch Holz für den Herd brauchen! Mischa, sei doch so gut und hilf mir!“, ordnete sie an. „Das kann ich doch machen“, wollte Eli einspringen, und an dem Blick, den er seiner Mutter zuwarf konnte Tarn deutlich ablesen, dass er das nur für eine Ausrede hielt. Aber sie schüttelte energisch den Kopf und sagte: „Geh schon! Wir sind gleich zurück!“ Eli zuckte seufzend mit den Achseln und trabte mit einem letzten, besorgten Blick zu Tarn ab, und Bernice sah ihm einen Moment hinterher, bevor sie voraus ging, um das Haus herum, zu dem aufgestapelten Feuerholz.
 
„Ein paar Scheite sollten genügen“, sagte sie und reichte Tarn ein halbes Dutzend davon, bevor sie sich die Hände abstrich und ihn einen Moment stumm und sorgenvoll musterte. Das dauerte so lange an, dass er regelrecht nervös wurde und schließlich fragte: „Was ist denn?“ Bernice seufzte und verschränkte die Arme. Sie war klein und hager, aber in diesem Moment wirkte sie trotzdem wie ein grimmiger General, der ein strenges Regiment führte.
 
„Ich sehe, dass du dich gut mit meinem Sohn verstehst“, sagte sie. „Ja“, antwortete er, weil ihm nichts anderes einfiel. Er hatte das Gefühl, dass sie irgendeine bestimmte Reaktion auf ihre Worte erwartete, aber er wusste nicht, welche das sein sollte. Sie hatte den Kopf schief gelegt, musterte ihn immer noch, bevor sie den Blick abwandte. „Er hätte noch gar nicht zurück kommen dürfen“, sagte sie, mehr zu sich selbst. „Ein Jahr, das hatten wir mit Claudes Bruder abgesprochen. Ein Jahr sollte er etwas anderes sehen und ihnen auf dem Hof helfen, auf andere Gedanken kommen. Ein paar neue Freunde finden, die nicht- egal“, unterbrach sie sich plötzlich heftig, als würde sie sich den Mund verbieten. Sie wusste über Eli Bescheid, genau wie alle anderen in seiner Familie, das wusste Tarn nun mit absoluter Sicherheit. Aber sie sprach es nicht aus, nicht vor ihm.
 
Stattdessen sah sie ihn wieder an und erklärte: „Claudes Bruder, bei dem Eli bis jetzt gelebt hat, ist plötzlich gestorben, und sie waren schon vorher nicht gut dran. Sie werden den Hof verkaufen müssen und vermutlich hierher kommen. Uns steht eine anstrengende Zeit bevor.“ „Deshalb hat Eli gesagt, er hat keine guten Nachrichten?“, fragte Tarn verwirrt, immer noch unsicher, wo dieses Gespräch hin führen sollte. Bernice nickte. „Ja, er wurde vor geschickt, um uns die Lage zu erklären. Aber eigentlich bin ich sogar froh, so schrecklich das auch klingt.“ Sie lächelte schmal, den Kopf immer noch schief gelegt, und das ließ sie jünger wirken.
 
„Ich bin froh, dass er wieder da ist. Ich wollte nie, dass er weg geht, das haben Claude und Mathieu beschlossen, und Elaine war auf ihrer Seite. Ich weiß, eine Mutter sollte so etwas nicht sagen, aber Eli ist mein Liebling. Und er ist der einzige, der seinem Vater nacheifert, und das macht ihn stolz.“ Ihr Lächeln vertiefte sich, und ihre Liebe zu Eli war jetzt genau so offen sichtbar wie ihre Sorge. „Aber ich weiß auch, dass mein Sohn nicht unfehlbar ist“, sagte sie, und schien jetzt endlich zu dem vorzustoßen, was sie eigentlich auf dem Herzen hatte. „Er ist ein guter Junge, aber er hat sich schon immer mit den falschen Leuten eingelassen. Zuletzt mit diesem verdammten Rique. Kannst du ihm helfen, nicht wieder in Schwierigkeiten zu geraten?“
 
Tarn stutzte so sichtbar bei dieser Bitte, dass sie leise auflachte. „Du fragst dich, wie ich darauf komme. Naja, ich habe mich umgehört, was man so über dich sagt“, gab sie zu, aber das hatte sich Tarn inzwischen selbst ausgerechnet. So viel wie sie klatschte, hatte sie bestimmt alles über ihn in Erfahrung gebracht, was sie wissen wollte. Allerdings schien darunter nichts Nachteiliges zu sein. Immer noch lächelnd erklärte sie: „Ich habe gehört, dass du kein Trinker und kein Schläger bist und sparsam mit deinem Lohn umgehst. Moreau sagt, dass du fleißig arbeitest und gut zu Tieren bist, und von anderen weiß ich, dass du höflich zu den jungen Damen bist. Du gehst mit uns zur Kirche, wie es sich gehört. Das sind alles gute Eigenschaften, und daran soll Eli sich ein Beispiel nehmen! Er braucht einen guten Freund, der ein bisschen auf ihn aufpasst.“
 
Sie sagte guter Freund, aber aus ihrem Tonfall war sofort offenbar, was sie eigentlich meinte. Ein normaler Freund. Einer, der sich nicht mit anderen Männern einließ. Dass sie ausgerechnet auf ihn vertraute, war eine Ironie, die sie hoffentlich nie begreifen würde. Tarn nickte nur schüchtern, weil er nicht wagte, Einwände zu erheben. Jeder Protest hätte sie jetzt misstrauisch gemacht. „Ich kann es versuchen“, sagte er, und sie nickte und griff kurz nach seinem Arm, drückte ihn. Mütterlich.
 
Ihre Zuwendung löste ein Chaos an widerstreitenden Gefühlen aus. Tarn fühlte sich schäbig, weil er sie belog und sie in der Überzeugung ließ, dass er ein guter Freund für Eli sein würde. Sie meinte es gut mit ihm und schien ihn wirklich zu mögen, das war in diesem Moment offen sichtbar. Sie war voller mütterlicher Liebe, egal ob es sich um ihre eigenen Kinder oder Fremde wie Dacian oder ihn handelte.
Aber sie vertraute ihm auch nur deshalb, weil sie ein falsches Bild von ihm hatte. In diesem Moment wünschte Tarn, sie hätte gewusst, wie ähnlich er ihrem Sohn war. Sie liebte Eli, egal was er war, und egal wie aussichtslos ihre Bemühungen waren, ihn zu ändern, sie tat es doch, weil sie nur das Beste für ihn wollte. Oder zumindest das, was sie für das Beste hielt. Hätte sie den Mann, den sie nur als Mischa kannte, auch gemocht, wenn sie gewusst hätte wer er wirklich war? Tarn glaubte, dass die Antwort Nein war. Sie akzeptierte es nur an Eli, weil er ihr Sohn war, und das war alles. Ihre Zuneigung war an Bedingungen geknüpft, die er nicht erfüllen konnte.
 
Für Bernice schien das Thema damit erledigt, weil sie selbst ein paar mehr Scheite nahm und ihm dann zunickte. „So, nun lass uns aber wirklich gehen“, bestimmte sie fest und ging voraus, und er folgte ihr gehorsam.
 
Das Essen verlief ruhig. Die Stimmung war nach dem Streit gedrückt, auch wenn Bernice und der alte Dupont ihr Bestes gaben, sie aufzulockern. Tarn holte vorsorglich die ausdrückliche Erlaubnis ein, am nächsten Abend mit Eli zur Schenke zu gehen und ein Bier zu trinken. Der alte Dupont lächelte und nickte und wirkte sehr erfreut; anscheinend war er auch der Ansicht, dass sein Lieblingssohn in Tarn genau den Freund hatte, den brauchte. Moreau beließ es bei einem allgemeinen Vortrag darüber, dass sie sich benehmen sollten, auch wenn die Blicke, die er Eli zu warf, Tarn nicht behagten. Er kam zu dem Schluss, dass auch Moreau etwas wissen musste, wenn er nicht sogar völlig im Bilde war. Eli schien das bewusst zu sein, er blieb die meiste Zeit stumm und hielt sich zurück, und abseits von ein paar Floskeln sprach Tarn bei diesem Essen kaum noch mit ihm. „Mitternacht“, war das einzige, was er ihm in einem günstigen Moment zuflüsterte, damit sie nicht ewig aufeinander warteten. Tarn sah aus den Augenwinkeln, dass Dacian sie beobachtete und die Stirn runzelte, aber er sagte nichts, weder beim Essen, noch auf dem Rückweg. Er war so stumm und in sich zurück gezogen wie noch nie zuvor.
 
Er war in der Tat so wortkarg, dass sich Tarn schließlich doch dazu durch rang ihn darauf anzusprechen, auch wenn sich das regelrecht nach Arbeit anfühlte. Das zweite Mal heute, dass er sich in anderer Leute Angelegenheiten einmischte, stellte er bitter amüsiert fest. Er würde noch ein zweiter Jefrem werden. „Du hast heute Abend gar nichts gesagt“, meinte er möglichst beiläufig, als sie zurück in der Scheune waren und sich gerade schlafen legten.
 
Dacian schien tatsächlich überrascht über die Nachfrage, bevor er schmal lächelnd abwehrte. In diesem Moment schien er wieder ganz der Alte, freundlich, aufmerksam, ehrlich. „Ich hab wirklich nicht gut geschlafen. Morgen geht’s wieder“, sagte er und löschte demonstrativ das Licht, bevor er sich hinlegte und in seine Decke wickelte, und damit war das Gespräch für ihn auch schon beendet. Sie sprachen meist nicht mehr mit einander, wenn Dacian beschlossen hatten dass es Zeit war zu schlafen.
 
Aber während Tarn in die Dunkelheit starrte, wurde ihm Dacians Verhalten einfach immer rätselhafter. Er war nicht die Art Mensch, der sich vor anderen zurück zog. Er war zu jedem gleich höflich und freundlich, hegte nie einen Groll und ließ sich nicht provozieren. Wenn jemand einen besonders störrischen Gaul zum Beschlagen brachte und sich dann noch beschwerte, dass es länger dauerte, war es immer Dacian, der ruhig und sachlich die Lage klärte und am Ende die zusätzliche Zeit noch bezahlt bekam. Dass er Eli so feindselig gegenüber stand, passte nicht zu ihm.
 
Es sei denn… mochte er ihn vielleicht? War er deshalb so sauer gewesen, sie zusammen zu sehen, und wollte sich nicht auf ihn ansprechen lassen?
Möglich. Aber all das Rätselraten brachte Tarn nicht weiter, und Geduld hatte er auch nicht dafür. Jefrem hätte seine Zeit nicht damit verschwendet, Vermutungen anzustellen, er wäre auf wen auch immer zu gegangen, furchtlos, aber freundlich, und hätte ganz einfach gefragt…
 
„Was hast du gegen Eli?“, fragte Tarn, und bereute es im selben Moment. Das war zu direkt, zumindest für Dacian. Darauf würde er gar nicht reagieren. Und zuerst sah es aus, als würde er Recht behalten mit seiner Vermutung. Er hörte Dacian scharf einatmen, dann herrschte lange eisiges Schweigen. „Vergiss es“, murmelte Tarn schließlich, „es war nur eine Frage.“ Doch direkt nachdem er geendet hatte, antwortete Dacian doch.
 
„Er hat jemand im Stich gelassen, der mir sehr wichtig war“, sagte er leise. Es lag viel Wut in diesem Satz. Enttäuschung. „Er hieß Rique. Dein Vorgänger.“ Tarn zuckte ertappt zusammen, nur um zu begreifen, dass Dacian natürlich nicht darauf anspielte, dass sie beide mit Eli geschlafen hatten. Auch wenn vermutlich beides richtig war; wenn Tarn richtig verstand, war Rique derjenige gewesen, mit dem Eli sich vor seinem Fortgang so regelmäßig getroffen hatte. Zumindest erklärte das, warum Bernice ihn erwähnt hatte. „Er hat hier als Lehrling gearbeitet?“, fragte Tarn neugierig, und Dacian seufzte. „Ja. Aber dann, vor ein paar Monaten, ist er einfach verschwunden. Eli und er waren angeblich Freunde, aber er hat sich einen Dreck darum geschert, wohin er gegangen ist oder was aus ihm wurde.“ „Was ist denn aus ihm geworden?“
 
Die folgende Stille war zu lang. Sie dehnte sich, bis Dacian leise sagte: „Keine Ahnung. Wer weiß, wo er jetzt ist. Ich hab eine Weile versucht heraus zu finden, wo er hin ist. Kein Glück gehabt. Schlaf jetzt. Wir verquatschen nur die Nacht, und ich bin müde.“ Damit drehte er sich herum, zog seine Decke noch einmal enger um sich, und lag still. Nach einer Weile atmete er langsamer und gleichmäßiger, und Tarn nahm an, dass er eingeschlafen war.
 
Er selbst lag wach, die Augen geschlossen, vorgetäuscht ruhig. Er wartete auf den Schlag der Kirchturmuhr.
 
Dacian lag ebenfalls wach, auch wenn er den Anschein gab zu schlafen. Er wartete darauf, dass Mischa neben ihm zur Ruhe kam. Dann, wenn er sich im Schlaf ihm zu wandte, würde er selbst hoffentlich auch einschlafen können, einen Arm um ihn geschlungen. Ein abendliches Ritual für ihn, das Mischa überhaupt nicht bewusst war.
 
Zumindest vermutete Dacian, dass es Mischa nicht bewusst war. Vor allem, weil er Dacian nie darauf angesprochen hatte, und sich im wachen Zustand eher von ihm weg drehte. Erst wenn er eingeschlafen war, warf er sich herum, rutschte im Schlaf so lange näher an ihn heran, bis er Dacian praktisch im Arm lag. Vermutlich war es ein alter Reflex, und Dacian glaubte zu wissen, woher er kam. Mischa hatte beiläufig Geschwister erwähnt, und dass er früher viel weniger Platz zum Schlafen gehabt hatte. Vermutlich waren sie wenn es ging eng zusammen gerückt, hatten sich gegenseitig gewärmt und versucht, den begrenzten Platz so gut wie möglich auszunutzen.
 
Am Anfang hatte Dacian versucht Mischa weg zu schieben, und das hatte nichts gebracht, außer dass Mischa am nächsten Tag absolut unleidlich gewesen war und zugab, entsetzlich geschlafen und ständig gefroren zu haben. Man konnte auch alle Rippen an seinem Körper zählen, wie Moreau zu sagen pflegte. Dacian hatte sie nicht gezählt, aber er hatte sie gefühlt, unter seinen Händen, selbst durch mehrere Lagen Stoff hindurch, genauso wie die Wirbel seines Rückgrats und die heraus stechenden Kanten seiner Schulterblätter. Natürlich fror er, er war ein halbes Skelett. Also hatte Dacian einfach akzeptiert, dass er ihnen beiden keinen Gefallen tat, wenn er sich gegen diese nächtliche Anschmiegsamkeit sperrte. Sie hatten es beide wärmer, und er schlief eigentlich ganz gut so. Es war ihm nie wirklich unangenehm gewesen, zumindest bis gestern. Mischa schlief ruhig, schlug nicht um sich, murmelte selten im Schlaf.
 
Er mochte es. Das war das Problem.
 
Es ist eigentlich kein Problem, redete er sich verbissen ein. Das ist nur freundschaftlich. Mischa hatte manchmal einen Arm um ihn gelegt, aber das war alles. Ein oder zwei Mal, wenn er ihn aus Versehen mit einem Ellenbogen angestoßen hatte, hatte er etwas von einer Hers gemurmelt, vermutlich seine Schwester. So unschuldig war es; so unschuldig, dass er Dacian im Schlaf für seine Schwester hielt.
 
Aber warum hatte er ihm dann nicht gesagt, dass sie Nacht für Nacht einander zugewandt schliefen? Warum achtete er darauf, vor Mischa wach zu werden, damit er nicht bemerkte, wie eng sie bei einander lagen? Er hätte die Wahrheit sagen müssen. Aber er wollte nicht. Es war auch keine Lüge, und damit keine Sünde. Nur ein einziges, wohl gehütetes Geheimnis, das er nicht teilen wollte.
 
Also lag er wach, still und gleichmäßig atmend, und wartete darauf, dass Mischa vor ihm einschlafen würde. Aber er drehte sich nicht zu ihm herum. Also schlief er nicht. Er wartete auf irgendetwas, das ging Dacian schließlich auf.
Irgendwann schlug die Kirchturmuhr Zwölf, und kaum war der letzte Schlag verklungen, richtete Mischa sich langsam, vorsichtig auf. „Dacian?“, flüsterte er, „Schläfst du?“ Dacian antwortete nicht, zwang sich, ruhig weiter zu atmen, die Augen geschlossen zu halten. Er gab keinen Laut von sich, als Mischa sich aufrappelte, seine Kleidung nachlässig überstreifte und die Leiter nach unten nahm.
 
Er zählte gedanklich bis zehn. Dann stand er auf, warf sich ebenfalls eine Jacke über und folgte ihm.
 
Der Weg war nicht weit, und trotz der Dunkelheit schaffte er es irgendwie, Mischa nicht zu verfehlen. Ihn, und Eli. Natürlich, wen hätte er sonst mitten in der Nacht treffen sollen?
Sie standen eine Weile nur vor der Scheune, unterhielten sich flüsternd, dann gingen sie quer über das dunkle Feld, in Richtung des Bachlaufes am Hang, der von Weiden und Sträuchern gesäumt wurde. Die Nacht war kalt und der Mond nur ein schmaler Streifen Lichts, aber es war recht windstill, und obwohl Dacian den beiden in einiger Entfernung folgte, hörte er doch ihre Stimmen und verlor sie so nicht. Einmal hörte er Eli leise lachen, und er ballte die Fäuste. Er hatte gut lachen; er hatte eine Familie, die ihm den Rücken frei hielt. Rique hatte keine gehabt, und Mischa hatte keine. Es war immer das selbe mit Eli, er dachte nicht nach.
 
Und was ist mit dir? Denkst du gerade nach?, fragte ihn sein Gewissen, während er darauf achtete nicht gesehen zu werden, und er würgte es ab. Mischa zu folgen war erst nur eine vage Idee gewesen, aber er hatte sich inzwischen entschlossen, was er tun wollte. Es ging darum, einen Verdacht zu bestätigen, das war alles. Den Verdacht, dass Eli noch der selbe wie früher war, und dass er immer noch andere in Schwierigkeiten brachte.
Danach… keine Ahnung. Dacian wusste nicht, was er dann tun würde. Mischa warnen vielleicht, oder alles Moreau erzählen. Nein, das besser nicht. Nur Mischa warnen, und wenn er wollte, mit ihm zur Beichte gehen, um das Übel, zu dem Eli ihn verführte, loszuwerden. Denn er war nicht an sich verdorben. Sie hatten sich so viele Nächte wie Brüder in den Armen gelegen, und nichts war geschehen. Wäre er von sich aus verdorben gewesen… Dacian schluckte und ließ diesen Gedanken fallen, bevor er ihm zu nahe kam.
 
Eli schien sein Ziel erreicht zu haben, er und Mischa machten unter einer der Weiden Halt. Dacian hörte sie immer noch reden, und sie lachten mehrmals, leise, verhalten. Dann, Stille. Dacian bewegte sich im Schatten einiger Büsche näher, aber obwohl der Baum sein Laub längst abgeworfen hatte, war der Schatten darunter nahezu undurchdringlich. Er ging so weit heran, wie er wagte, und er konnte sie hören, aber kaum sehen. Aber um zu bestätigen, was er schon längst gewusst hatte, reichten die Eindrücke.
 
(I) Er sah er nur die Silhouetten, nur die Andeutung einer Bewegung. Er glaubte im Dunkeln den durch gebogenen Rücken zu erahnen. Das Schimmern von Haut, kaum sichtbar. Aber selbst ohne diese Schemen waren die Laute eindeutig; unverkennbar, obwohl er sie selbst nicht wirklich kannte. Haut die auf Haut traf, leise wie ein Flüstern, und heiseres Stöhnen aus zwei Mündern, das sich zu einem vereinte. Zwei Körper, verbunden, im Gleichklang und doch kaum gezügelt. Dacians Mund war trocken, während er konzentriert lauschte und versuchte, seine eigene Erregung zu ignorieren. Er war nur hier, um die Wahrheit zu kennen. Er wusste selbst nicht, warum er einfach stehen blieb, wie versteinert, und sich nicht dazu zwingen konnte zu verschwinden. Es ging ihm nur um die Wahrheit und sonst-
 
Und dann stöhnte Mischa lauter, die Bewegungen wurden hastiger, und Dacian machte auf dem Absatz kehrt, versuchte sich langsam und leise zurück zu ziehen. Genug. Er hatte genug gesehen und gehört, hier war die Grenze. Aber dazu hatte er zu spät reagiert, war zu lang geblieben. Er hörte Mischas Stimme, wie er heiser „Eli…“ flüsterte, dann ein letztes, lusterfülltes Stöhnen, fast ein Schrei. Ein heißer Schauder lief über Dacians Körper, und dann floh er. (I)
 
Innerhalb von Minuten war er zurück, außer Atem, mit rasendem Herzen. Hastig warf er die Kleidung ab, rollte sich wieder in seine Decke ein und stellte sich schlafend. Er betete, dass er einfach einschlafen würde, aber das konnte er natürlich nicht. Nicht, wenn sein Herzschlag in seinem Kopf hämmerte und sein ganzer Körper brannte, und sich sein Schuldbewusstsein und seine Scham zu der Erkenntnis verbanden, dass er das niemals beichten konnte.
 
So lag er nur da und lauschte, und irgendwann, eine Ewigkeit später, hörte er zaghafte Schritte, das Knarren von Holz, als Mischa die Leiter hinauf stieg, zurück kehrte. Er hielt sich mit nichts auf, sondern kroch einfach nur unter seine Decke, und lauschte eine Weile in die Stille. Schließlich fragte er leise: „Dacian? Bist du wach?“
Dacian antwortete nicht, lag nur da, versuchte ruhig zu atmen, obwohl sein Herz in seiner Brust hämmerte. Mischa lauschte lange, lange Zeit. Dann ließ er sich zurück sinken, drehte sich herum, weg von Dacian. Innerhalb von Minuten schlief er, ruhig und friedlich.
 
Und dann, kurz nachdem er eingeschlafen war, wälzte er sich wieder herum, im Schlaf, und schmiegte sich an Dacian. Er war völlig durch gefroren, und Dacian zuckte zusammen, als sein eiskalter Oberkörper ihn berührte. Seine Hände zitterten, als er versuchte, Mischa sanft von sich zu schieben, aber er murmelte etwas völlig unverständliches im Schlaf und rückte noch näher zu ihm heran. Dacian konnte ihn riechen. Ihn, und Eli, und das was sie getan hatten. Zum zweiten Mal, das wusste er jetzt mit Sicherheit.
 
Geahnt hatte Dacian es sofort, er kannte Eli schließlich. Er hatte auch über ihn und Rique Bescheid gewusst. Und als Eli am vorigen Tag aus heiterem Himmel wieder aufgetaucht war, war sein Misstrauen sofort erwacht. Die Haare leicht verworren, die Kleidung nachlässig übergestreift, wie oft hatte er Eli so gesehen? Aber er wurde damit fertig, auch wenn es ihm nicht behagte; es störte alles auf, was er so mühsam versuchte hinter sich zu lassen. Aber wenn es Eli war, kam er trotzdem damit zurecht.
 
Aber Mischa…
 
Sie schliefen direkt nebeneinander. Er kannte seinen Geruch inzwischen. Er wusste, wie er aussah, zu jeder Tageszeit. Himmel, er wusste ob Mischa Schnupfen kriegen würde, bevor er das selbst wusste. Als er sich zum Schlafen an ihn geschmiegt hatte, nein, eigentlich schon als er nahe an ihm vorbei gegangen war, hatte er gewusst, was geschehen war. Auch ohne diesen Beweis. Er hätte sein leicht gerötetes Gesicht dem Sturm und der Kälte zuschreiben können, die Atemlosigkeit dem ansteigenden Pfad zur Scheune. Aber nichts sonst konnte erklären, dass er nach Eli stank, nach Schweiß… nach Sex. So wie jetzt.
 
Es machte Dacian wütend; er fühlte sich hilflos und durcheinander. Als hätte Eli ihm etwas geraubt, das er selbst nur gestohlen hatte. Und nicht wollte. Nicht haben durfte. Niemals haben konnte. Aber auch nicht wollte. Er hatte geschworen sich Mühe zu geben, er hatte Moreau geschworen an sich zu arbeiten, das alles auszumerzen. Dafür hatte Moreau sogar darüber hinweg gesehen, dass er und Mischa so eng zusammen schliefen.
 
„Ich weiß nicht, warum er das macht. Aber im Schlaf redet er mit seinen Geschwistern. Er sagt oft den Namen seiner Schwester.“ Die Ausrede war Dacian automatisch über die Lippen gekommen, als Moreau ihn zur Rede gestellt hatte. Aber keine Lüge der Welt hätte Moreau zufrieden gestellt. Er hatte gesehen wie Dacian seinen Arm um Mischa gelegt hatte, Mischas Gesicht an seiner Brust vergraben. Er hatte Mischa von der ersten Minute an verdächtigt. Und hatte er nicht wie immer Recht behalten?
 
Aber Moreau wusste auch, dass Dacian darum kämpfte das Richtige zu tun, also bewies er wie so oft Nachsicht und Nächstenliebe. „Dann will ich das mal glauben“, hatte er düster gesagt, „aber lass dir gesagt sein, ich behalte euch im Auge. Wenn ihr vorhabt hinter meinem Rücken die Sünde in mein Haus zu bringen-“ „Nein, niemals!“, hatte Dacian hastig beteuert, und sich unter Moreaus finsterem Blick gewunden.
Und Mischa hatte nie etwas Auffälliges getan, wenn man von seiner Neigung absah sich beim Schlafen an jemand fest zu klammern. Und Moreaus Argwohn hatte langsam, in winzigen Schritten, nachgelassen, auch wenn er darauf bestand, dass sie jetzt noch öfter zur Kirche gingen, öfter beichteten und beteten. Seine Art, Dacian auf dem rechten Weg zu halten. Schläge waren nicht notwendig gewesen, denn er wollte sich bessern. Er wollte auf dem rechten Weg bleiben, egal was es kostete.
 
Alles war gut gewesen, bis gestern. Bis Eli zurück gekommen war und alles zerstört hatte, einfach so in nur einem Tag. Und warum? Weil er nach allem griff, was in seiner Reichweite war. Er hatte Rique gehabt, benutzt und dann einfach fallen gelassen. Jetzt wollte er Mischa. Hatte Mischa, benutzte ihn für seine Zwecke, brachte ihn genau wie Rique vom richtigen Weg ab. Und das durfte er nicht, nicht schon wieder, und nicht mit Mischa. Eli war nicht derjenige, an den Mischa sich nachts schmiegte, wenn er fror und nicht schlafen konnte. Dacian war schon ein paar Monate für ihn da, und er hatte keine unlauteren Motive so wie Eli. Er wollte Mischa nicht so, er wollte nur sein Freund sein. Nichts anderes. Wirklich nichts anderes. Nichts-
 
Halt dich ab jetzt einfach von ihm fern, flüsterte eine Stimme in seinem Verstand, die unheimlich nach Moreau klang. Es ist nicht seine Schuld, das ist nur Elis Einfluss, aber ihr dürft ihm nicht beide erliegen. Denk doch daran, was mit Rique passiert ist! Aber vielleicht konnte er ihn diesmal retten, wenn er schon Rique nicht hatte helfen können. Natürlich war die Gefahr groß, dass er sich verführen ließ, dass er zu den alten Gedanken zurück kehrte. Aber er glaubte, dass er inzwischen stärker als diese dunklen Triebe, zumindest redete er sich das verzweifelt ein. Stärker als die rohe Begierde, die ihn früher so hartnäckig heimgesucht hatte. Mischa reizte ihn nicht, nichts an ihm. Er konnte es beweisen.
 
In der Dunkelheit senkte er den Kopf, hinab auf Mischas Haar, atmete seinen Geruch ein. Im ersten Moment spürte er nichts, dann traf es ihn mit voller Wucht, und er schwankte innerlich. Aber er hatte sich immer noch unter Kontrolle, er war sich sicher.
 
Mischa wachte nicht auf. Aber er seufzte im Schlaf, kaum hörbar, nur ein leises Ausatmen, und trotzdem gab es Dacian den Rest. Es war seinem Stöhnen, das er in der Dunkelheit gehört hatte zu ähnlich.
 
Nein, nein, verdammt. Er musste hier weg. Jetzt.
 
Am liebsten hätte Dacian Mischa heftig von sich gestoßen, aber stattdessen löste er sich behutsam aus seiner Umklammerung und ging langsam und leise davon, stieg die Leiter hinunter, so schnell es ihm seine Vorsicht erlaubte. Dann war er unten, auf dem kalten Boden der Scheune, und fragte sich, was er überhaupt tun wollte. Unentschlossen stand er im Dunkeln, hellwach und so erregt, dass ihm fast schwindelig davon wurde. Und unendlich wütend auf sich selbst. Warum hatte er sich selbst so heraus gefordert? Er war noch nicht so weit. Moreau wäre enttäuscht gewesen, hätte er gewusst, wie schrecklich er gerade versagte. Jetzt blieb ihm nur noch, sich von Mischa fern zu halten. Nicht mehr bei ihm zu schlafen, nicht mehr mit ihm zu reden. Moreau würde misstrauisch sein, aber auch Verständnis haben.
 
Völlig ziellos ging Dacian durch die Scheune. Er überlegte, wo er schlafen könnte, wenn nicht im Heu, in Mischas Nähe. Es gab genug Holzstapel, auf denen man liegen konnte, nicht bequem, aber zumindest wärmer als direkt auf dem Boden. Er strich mit einer Hand über einen Stapel Holz und zischte schmerzerfüllt auf, als er Splitter spürte. Wenn er hier liegen wollte, würde ihm am nächsten Morgen alles weh tun.
 
Unwillkommen erinnerte er sich daran, wie steif Mischa am Morgen gewesen war. Dacian hatte es gar nicht beachtet, er war viel zu unkonzentriert und verwirrt gewesen, hatte mit seinem Verdacht gehadert. Aber das ergab Sinn, oder? An dieser Stelle hatte er Eli gesehen, gestern. Ohne dass er es verhindern konnte zog sein Verstand die offensichtlichen Schlüsse, und spulte ihm eine Myriade von Bildern ab, die er nicht wollte. Ob Mischa auf einem der Holzstapel gelegen hatte? Oder hatten sie gestanden, wie vorhin? Hatte er sich genauso angehört? Noch zügelloser, hingerissener?
 
(II) Irgendetwas in ihm brach entzwei, ein Staudamm in seinem Inneren. Er ließ sich auf einen Holzstapel fallen, zerrte seine Kleidung weg, griff grob nach seinem harten Glied. Allein die Berührung ließ ihn gequält aufstöhnen. Denk an etwas anderes, etwas normales. Das sind nur verwirrte, vom Teufel eingegebene Gedanken, dröhnte Moreaus Stimme in seinem Kopf. Er versuchte es, aber er konnte nicht, er konnte nicht an Mädchen denken, oder einfach an gar nichts, nicht, wenn sein ganzer Körper vor Lust schmerzte.
Und trotzdem wusste er nicht, wie er sich Mischa vorstellen sollte. Er hatte keine Ahnung was er getan hätte, wenn Mischa zugelassen hätte dass er ihn berührte. Egal. Die Vorstellung, dass er es tun könnte, dass er ihn tatsächlich berühren könnte, war genug. Dass er ihm im Dunkeln diese Töne entlocken könnte, dass er die Kurve seines durch gebogenen Rückens vor sich sehen könnte. Er stöhnte auf und hielt sich selbst den Mund zu, weil er Angst hatte, er könnte Mischa wecken, und wünschte gleichzeitig, dass er das tun würde. Mischa würde ihn hören, zu ihm kommen, sodass er ihn berühren konnte, seine Lippen auf sich spüren-
 
Die Vorstellung reichte aus. Mit einem erstickten Aufschrei kam er, und der Samen brannte heiß auf seinen eiskalten Händen. Atemlos ließ er sich einen Moment zurück sinken, aber die Scham und die Angst holten ihn sofort ein. „Verdammt“, flüsterte er in die Dunkelheit hinein.
(II)
 
Du musst ihn los werden, flüsterte Moreau in seinem Verstand. Entweder du schaffst es euch beide zu retten, oder du musst ihn loswerden. Sonst wird er dich zu Grunde richten.
 
„Willst du mich loswerden, oder warum rennst du so?“
„Geh halt etwas schneller, lahme Ente!“
„Würde ich, wenn ich könnte, du Arsch! Kann ich aber seit gestern nicht mehr! Also ras nicht so!“
 
Eli grinste und hielt inne, um auf Tarn zu warten, der nicht wirklich hinterher kam. Das lag einerseits daran, dass Eli größer war und längere Schritte machte, und andererseits daran, dass Tarn es hätte besser wissen müssen. Warum hatte er diesem Treffen um Mitternacht noch zugestimmt? Einen Tag später fiel ihm dafür kein vernünftiger Grund mehr ein. Das war eindeutig zu viel des Guten gewesen, wobei die Betonung auf »gut« lag. Deshalb war sein Protest auch nicht wirklich wütend, sondern vor allem scherzhaft. Und sehr zahm, weil sie an diesem Abend tatsächlich von allen Seiten beobachtet wurden, während sie der Straße vom Hof der Duponts hinunter in Richtung des Dorfzentrum folgten, jetzt in etwas gemächlicherem Tempo.
 
Sie waren früh dran, und noch genügend Menschen auf den Straßen unterwegs, die sie neugierig beobachteten. Sie kannten Eli, und sie kannten Tarn, aber zusammen waren sie noch nicht gesehen worden. Tarn wettete fast, dass Eli früher ebenso als Einzelgänger wie er selbst gegolten hatte.
„Warum hast du es eigentlich so eilig?“, fragte er, während sie bereits auf die Schenke zusteuerten. „Ach, es gibt da jemand, den ich dringend wiedersehen will“, erklärte Eli. Er versuchte gleichgültig zu wirken, schaffte es aber nicht, seine Vorfreude zu verbergen. „Ich hätte mich eigentlich gestern schon bei ihr melden sollen, aber es gab zu viel zu tun.“ „Ihr?“, fragte Tarn perplex, während er die Tür aufstieß und als erster eintrat, und Eli nickte. „Klar. Du müsstest Linette eigentlich kennen.“
 
Bevor Tarn irgendetwas sagen oder seiner Überraschung Ausdruck verleihen konnte, waren er und Eli schon eingetreten und wurden von den anderen Besuchern der Schenke gemustert. Und von Linette, die gerade einen Krug Bier abstellte und sich dann zu ihnen umdrehte.
 
Der Ausdruck auf ihrem Gesicht wechselte in Sekunden, von Zweifel zu Erkennen, dann Erstaunen, und, was Tarn am meisten verblüffte, unglaublicher Freude. „Eliot, du Schuft! Ich dachte, du würdest dich überhaupt nicht mehr blicken lassen!“, rief sie in einer Mischung aus Ärger und Vergnügen, ging im Eilschritt auf ihn zu und fiel ihm dann lachend und vor aller Augen um den Hals. Tarn blinzelte verwirrt und sah von Eliot zu Linette und wieder zurück, während sie sich innig umarmten. „Ich wusste nicht, dass ihr befreundet seid“, sagte er schließlich, nachdem er seine erste Überraschung überwunden hatte. „Befreundet ist untertrieben“, sagte Eli und grinste, während er sie an der Hand hielt. „Sie ist meine Fast-Verlobte.“
 
„Fast, so wie in, wenn mein Vater endlich einsieht, dass er sonst niemand findet und ich auch sonst niemand nehme“, stellte Linette leise klar, als sie endlich Zeit fand, Eli und Tarn ein Bier zu bringen und sich einen Moment zu den beiden an den Tisch zu setzen. Die Zeit dazwischen hatte Tarn versucht, aus dieser ganzen Sache schlau zu werden. „Aber ich dachte-“, begann er, und Linette zuckte mit den Schultern. „Mach nicht so einen Wind darum. Ich hab dir nur das selbe angeboten, weil ich nicht wusste, dass mein Liebster so schnell aus seinem Exil zurück kehrt! Und mir dann nicht mal sagt, dass er wieder da ist!“ Sie sprach »Liebster« mit so viel Spott aus, dass Eli noch breiter grinste als zuvor. „So ist das also!“, sagte er mit gespielter Entrüstung, „Hinter meinem Rücken machst du anderen Junggesellen schöne Augen, du Luder!“ „Und was wenn, du Flegel?“
 
Sie zankten sich mit so viel Vergnügen, dass Tarn bei jedem anderen Paar davon ausgegangen wäre, dass sie wirklich verliebt waren. Aber anscheinend waren sie einfach schon ewig befreundet, so wie sich bei ihnen ein Wort das andere gab. „Ich dachte du wolltest weiter für deinen Vater arbeiten und nicht Gastwirt werden?“, unterbrach Tarn ihren kleinen Zwist. „Ha, nein, hier arbeiten will ich wirklich nicht“, wehrte Eli ab. „Mal ganz davon abgesehen, dass ich Lini nur im Weg stehen würde. Sie kann ihre Schenke auch allein führen. Das sieht ihr Vater nur nicht ein.“ „Ich könnte Eli Wischwasser als Bier vorsetzen, und er würde es nicht bemerken! Mit so jemand kann ich kein Gasthaus führen!“, lästerte Linette übermütig. Etwas an Elis Charakter schien ansteckend auf sie zu wirken; sie war immer offen gewesen, und vielleicht lag es nur daran, dass sie sich über Elis Rückkehr freute, aber jetzt war sie regelrecht übermütig.
 
Sie ließ sich sogar Zeit, als ihr Vater wieder herein kam und sie bei Tarn und Eli sitzen sah. Letzterem schenkte er einen besonders grimmigen Blick. „Ich muss weiter arbeiten“, sagte sie leise, „aber wie sieht es aus? Heute Nacht, ihr beide?“ „Ich bin da. Was den da angeht, keine Ahnung“, antwortete Eli, während Tarn schon wieder verwirrt drein schaute. „Kommst du?“, fragte Linette jetzt an Tarn gewandt. „Mädel, hör auf zu tratschen!“, donnerte ihr Vater in diesem Moment, und bevor sie noch mehr Ärger bekam, nickte Tarn schnell, und Linette lächelte erfreut und hastete wieder davon.
 
„Was zum Teufel sollen wir nachts mit Linette?“, fragte Tarn perplex, nachdem die Aufmerksamkeit nicht mehr völlig auf ihm und Eli lag, und er lächelte. „Nicht das, was du denkst“, antwortete er amüsiert, und Tarn sparte sich den Protest, weil das albern war. „Nein, ernsthaft, ich dachte, hier wäre es so langweilig?“ „Ist es auch“, bestätigte Eli. „Meistens ziehen wir rum, suchen uns einen Ort zum reden, oder Linette fällt irgendetwas ein, das sie schon immer tun wollte. Auf den Kirchturm klettern zum Beispiel. Im Winter sind wir allerdings nicht so oft und nicht so lange draußen.“ „Und wie lange macht ihr das schon?“, fragte Tarn, und Eli zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, zehn Jahre oder so? Ewigkeiten. Ich weiß, dass sie zwölf war, als sie vom Baum gefallen ist und sich den Arm gebrochen hat, aber da waren wir schon eine Weile unterwegs gewesen. Wir sind schon immer zusammen gewesen.“
 
Das war kaum zu übersehen, und Tarn fühlte sich, wenn auch nicht ausgeschlossen, doch irgendwie außen vor. „Bist du sicher, dass ich dann mitkommen soll?“, fragte er unschlüssig, aber davon wollte Eli nichts hören. „Sie hat dich gefragt, das heißt, sie mag dich. Also sei kein Frosch und komm mit. Wir Außenseiter halten zusammen, wie sich das gehört.“
 
Also schlich Tarn sich in dieser Nacht zum zweiten Mal hinaus, zum Sterne beobachten, wie Linette bestimmte. Der Himmel war völlig klar, und der erste Bodenfrost überzog die Felder. Sie erklommen einen Hügel nicht allzu weit entfernt vom Dorf, starrten in den Nachthimmel und unterhielten sich leise, über alles mögliche. Vor allem darüber, was Eli und Linette früher angestellt hatten, als sie noch zu zweit los gezogen waren. Anscheinend hatte sie ihre enorme Langeweile so ziemlich alles ausprobieren lassen, vom einfachen Hühner ärgern über das heimliche »Ausleihen« von Pferden bis zu gewagten Klettertouren über alle möglichen Gebäude. Vor allem Linette schien dabei die besten Einfälle zu haben.
 
Und dann war da natürlich die Geschichte, wie sie im Alter von fünfzehn für kurze Zeit meinten, ineinander verliebt zu sein. „Was sich liebt, das neckt sich, und so weiter. Und alle meinten, dass es sich so gehört, sich irgendwann in einen Jungen zu verlieben“, meinte Linette und zuckte mit den Achseln. „Sie hat ganz schön dumm geschaut, als ich sie geküsst habe. Und dann hat sie sich angeekelt den Mund abgewischt und mir gesagt, dass sie das ihrem Vater petzt, wenn ich jemals wieder damit anfange! So hat mich noch niemand abblitzen lassen“, erklärte Eli und lachte, als Linette ihn in die Seite stieß.
„Er hat mich regelrecht angeschlabbert!“ „Ja, das war ziemlich feucht-“ „- und widerlich! Mitten auf den Mund, wie so ein Rüpel!“ „Und ohne Vorwarnung, weil ich Angst hatte, was du sagen würdest.“ „Du fandest es aber auch scheußlich!“ „Damals war sie noch süß“, lästerte Eli, „Jetzt ist sie eine Furie und - aua! Siehst du was ich meine?“, fragte er Tarn, nachdem Linette ihm einen sanften Klaps gegeben hatte, und sie schnaubte amüsiert.
 
Den beiden zuzuhören, wie sie ihre Geschichten zum Besten gaben war unterhaltsam, aber anstrengend, weil sie sich gegenseitig ständig ins Wort fielen, sich gegenseitig korrigierten, weitere Details hinzufügten oder auf den starken Spruch des anderen noch einen drauf setzten. Wie Geschwister, stellte Tarn mit einem Schmunzeln fest, und als Eli einen Arm um Linette legte, weil sie in der Kälte zitterte, kam es ihm nicht merkwürdig vor. Es gab keine Romantik zwischen den beiden, das war offensichtlich. Nur eine unkomplizierte, jahrelang gewachsene Freundschaft, auf die Tarn fast eifersüchtig gewesen wäre, wenn sie ihn nicht so bereitwillig einbezogen hätten.
 
Irgendwann fiel aber selbst den beiden keine Geschichte mehr ein, und eine Weile starrten sie nur in den Himmel, jeder in seine eigenen Gedanken versunken.
„Ich wünschte Rique und Dacian wären auch hier“, meinte Linette irgendwann. Ihre Stimme klang wehmütig, und als Tarn ihr einen fragenden Blick zuwarf, erklärte sie: „Wir waren mal zu viert unterwegs, ein paar Monate... Du hättest Rique gemocht. Er war ein Spaßvogel, ungefähr wie dieser Rüpel hier“, sagte sie und deutete auf Eli. Doch der stieg diesmal nicht darauf ein. Er sah plötzlich unbehaglich aus, oder wütend. Vielleicht beides. „Fang nicht wieder davon an“, murmelte er und starrte stoisch in den Himmel, und Linette seufzte.
 
Tarn war allerdings mehr damit beschäftigt sich vorzustellen, was Dacian in ihrer Runde zu suchen gehabt hatte. „Reden wir vom selben Dacian? Langweilig, groß und langweilig?“, fragte er, und Eli lachte leise auf. „Der war gut“, murmelte er, aber Linette sah nicht glücklich aus. „Ja, der Dacian. Und so langweilig ist er nicht, wenn man ihn besser kennt. Rique hat sich jedenfalls gut mit ihm verstanden. Als Dacian damals ins Dorf kam-“ „Dacian ist ein Idiot, und ich will weder über ihn noch über Rique reden“, knurrte Eliot zwischen den Zähnen hindurch. „Jetzt hör aber auf! Er ist kein Idiot, und das weißt du auch“, empörte sich Linette, „Er ist nur… schüchtern. Vielleicht ein bisschen kompliziert. Und er hat nicht gut verkraftet, dass Rique verschwunden ist!“ „Während ich deswegen tanze und singe, was?“, ätzte Eli, und jetzt schien er tatsächlich verletzt.
 
Linette spürte es auch, und das Lächeln wich nun endgültig aus ihrem Gesicht. „Tut mir Leid. Aber du bist nicht gerecht, wenn es um Dacian geht, und ich vermisse ihn. Außerdem zerstreitest du dich doch sonst mit kaum jemand!“ „Er ist eben die Ausnahme“, grollte Eli. „Außerdem giftet er mich an, wo immer er mich gehen und stehen sieht.“ „Er ist nett und höflich, wenn er zu mir ins Gasthaus kommt. Vielleicht musst du einfach den ersten Schritt-“ „Nein. Lass es einfach sein.“ Das schien das letzte zu sein, was Eli zu dem Thema sagen wollte. Eine Weile schwiegen sie, Linette traurig, Eli wütend, Tarn immer noch verwirrt. Dann begannen sie von Neuem und sprachen über etwas völlig anderes.
 
Trotzdem grübelte Tarn auf dem Weg zurück unentwegt über das, was Linette erzählt hatte. Dacian hatte also sowohl Eli als auch Linette früher näher gestanden. Das konnte er nicht mit dem vereinbaren, was er von ihm gesehen hatte. Ausgerechnet Dacian sollte sich nachts hinaus geschlichen haben, um sich unerlaubt mit Freunden zu treffen? Der selbe Dacian, der immer die Regeln einhielt, ständig in er Kirche hockte und darauf achtete, immer auf der sicheren Seite zu sein?
 
Als er sich zurück zu seinem Schlafplatz schlich und leise unter seine Decke kroch, starrte er eine Weile in die Dunkelheit, dorthin, wo Dacian lag. Ein Teil eines großen Rätsels, das sich um diesen seltsamen Rique spann. Je mehr Tarn von ihm hörte, desto neugieriger wurde er, was für eine Art Mensch er gewesen war. Auch wenn er immer mit dem Gefühl kämpfte, dass er seine Stelle eingenommen hatte, ohne an ihn heran zu reichen. Irgendwie hatte er jedenfalls eine Verbindung zwischen zwei so gegensätzlichen Menschen wie Eli und Dacian hergestellt.
 
Oder diese Verbindung war schon da gewesen… zerbrochen, als Rique verschwunden war. Das war ein merkwürdiger Gedanke, aber wenn Tarn sich Dacians Reaktion auf Eli ins Gedächtnis rief, schien es ihm nicht so, als trauerten sie nur um das Verschwinden eines gemeinsamen Freundes. Hat er irgendwelche Lügen erzählt?, hatte Dacian gefragt. Lügen worüber? Hatte er gefürchtet, dass Eli ihn schlecht dastehen lassen würde?
 
„Kannst du nicht schlafen?“ Tarn schrak zusammen, als er Dacians müde Stimme hörte. Er hatte ihn im Dunkel angestarrt, ohne ihn wirklich anzusehen. Anscheinend war er aber inzwischen aufgewacht und hatte irgendwie erraten, dass Tarn wach war, vielleicht schemenhaft gesehen, dass er aufgerichtet neben ihm saß. „Ich hatte einen merkwürdigen Traum“, redete Tarn sich heraus, „aber ich glaube, es geht wieder.“ „Wer hat die nicht manchmal“, murmelte Dacian. Fast hätte Tarn ihn gefragt, was er damit meinte, aber dann ließ er das sein. Es war schon spät, und zwei Nächte nacheinander spät auf zu sein forderte seinen Tribut. Er legte sich hin, zog die Decke über die Schultern und drehte sich weg, wie er das aus Gewohnheit jeden Abend tat. Und weil es schon spät war, driftete er auch gleich in den Schlaf.
 
Er meinte, später aufgewacht zu sein, als eine Hand über seinen Rücken strich. Aber vermutlich hatte Dacian ihn nur im Schlaf gestreift.
 
 
Zumindest war er nicht der einzige, der von den heimlichen Abstechern in die Freiheit erschöpft war, sodass er die nächsten Nächte Gelegenheit bekam, seinen Schlaf nachzuholen. Aber während die Tage relativ ereignislos ins Land gingen und sich der Strom der Reisenden, die das Dorf passierten deutlich ausdünnte, waren sie doch manche Nächte unterwegs, manchmal zu zweit, öfter aber zu dritt. Eli und Linette zeigten Tarn die Aussicht vom Kirchturm, einige umliegende Wäldchen, alles, was ihnen annähernd interessant erschien. Und mit der Zeit fühlte sich Tarn auch mehr und mehr aufgenommen, weniger als ein schlechter Ersatz für Rique, oder, falls das jemals eine Rolle gespielt hatte, für Dacian.
 
Er schlief manchmal mit Eli, irgendwann vor allem aus Gewohnheit, und weil es einfach sonst niemand gab. „Entweder wir zwei, oder gar niemand, schätze ich“, hatte Eli es irgendwann spöttisch grinsend zusammen gefasst. Und darauf lief es letztendlich hinaus; sie waren Freunde, mehr nicht, alles darüber hinaus geschah aus praktischen Gründen, und Tarn war irgendwann auch froh darüber. Eli konnte charmant sein, und meistens war er freundlich, aber er verbot sich nie den Mund, und sein Spott konnte beißend und sehr persönlich sein. Tarn wusste nicht, warum er das gerade bei Eli nicht aushielt, wenn Anssis Spott und Hochmut ihn eher zum dagegen halten angestachelt hatten. Aber so was es nun einmal. Überhaupt stellte er mit der Zeit fest, dass die beiden sich trotz einiger Gemeinsamkeiten nicht wirklich ähnlichen waren.
 
„Also liebst du ihn nicht?“, fragte Linette, als er ihr einmal erklärte, was ihn an Eli störte. Sie waren nicht immer zu dritt, und nicht immer nachts unterwegs. Wie zuvor saß Tarn manchmal allein in der Schenke, Linette bei ihm. Sie sprachen dann über Dinge, die sie vor Eli nicht ausgesprochen hätten.
„Nein, bestimmt nicht“, hatte er geantwortet, und sie hatte genickt. „Ihr wärt auch ein schreckliches Paar. Wirklich zusammen passt ihr nicht.“ Das war sehr direkt gewesen, aber wie immer hatte sie natürlich Recht. „Warum dann aber überhaupt der ganze Aufwand?“, hatte sie gefragt, und meinte natürlich, dass sie trotzdem miteinander schliefen. „Ich verstehe das nicht.“
 
Das war das Besondere an Linette. Ihr Desinteresse an jeglicher Form von Romantik bedeutete nicht, dass sie nicht Anteil an Tarns und Elis Beziehung nahm, wenn auch auch auf eine Art, die nicht immer einfach war. Manchmal kam Tarn sich vor, als wäre mit irgendjemand zu schlafen oder überhaupt romantisches Interesse zu hegen eine merkwürdige Angewohnheit, die Linette einfach grotesk und unnötig erschien, auch wenn sie das nie so ausgedrückt hätte.
 
Und weil sie fragte, dachte Tarn viel über ihre Fragen nach, und über das, was er die letzten Jahre als selbstverständlich betrachtet hatte. Über Antoine, der ihm seine Liebe gestanden hatte, über Eli, mit dem er Zuwendungen wie einen gegenseitigen Gefallen tauschte. Und Anssi, den er heimlich vermisste, wann immer ihm offensichtlich war, wie wenig Eli ihn ersetzen konnte.
 
Linette hatte schließlich spekuliert: „Ist das so, wie wenn dein Rücken juckt, und du einfach nicht ran kommst, um zu kratzen?“ Tarn war aus seinen verworrenen Gedanken aufgetaucht, hatte gelächelt und geantwortet: „Manchmal. Manchmal eher, als hätte dich seit Wochen keiner umarmt“, erklärte er. „Das verstehe ich“, hatte sie gesagt und zurück gelächelt.
 
Linette wurde gern umarmt, von Eli, und von ihm. In der Öffentlichkeit konnte sie das natürlich nicht, vor allem, wenn ihr strenger Vater sie im Auge behielt und immer lautstark eingriff, wenn Linette zu viel Zeit bei ihnen verbrachte. Aber nachts, wenn sie unterwegs waren, griff sie nach Elis Hand, und irgendwann, beim dritten oder vierten Ausflug, auch nach Tarns Hand. Sie legten einen Arm um sie, wenn sie sie wärmten. Manchmal nahmen sie sie in ihre Mitte, verschränkten die Hände in ihrem Rücken, und sie lächelte und freute sich. Selten brachten Tarn oder Eli sie heim, aber wenn das geschah, saßen sie gemeinsam auf ihrem schmalen Bett und flüsterten miteinander. Die Flechten ihres langen blonden Haars waren dann schon gelöst, sie nur noch im Nachtgewand. Auch so hatte sie Tarn schon umarmt, ein Skandal für jeden, der sie zusammen gesehen hätte.
 
Aber Tarn mochte es. Sie hielt ihn im Arm, und ihr großer, weicher Körper war warm und tröstlich. Er musste an Arize und Hers denken, und vermisste sie, und war trotzdem froh. Linette war wie eine dritte Schwester, und oft begann er wie von selbst zu erzählen, was ihm gerade durch den Kopf ging. Bei Linette fiel ihm das Reden leicht, er musste nicht darauf achten, ob seine Worte eine Grundlage für Spott von Eli bargen.
 
Fast war er zurück Zuhause.
 
Vielleicht war er Zuhause?
 
In den Wochen, nachdem Eli aufgetaucht war, beschlich ihn dieses Gefühl manchmal. Und ironischerweise war Dacian ein weiterer Grund dafür.
 
Vor anderen hätte Tarn auch vor Elis Auftauchen behauptet, dass er mit Dacian befreundet war. Aber ihre Beziehung ging über ein simples nebeneinander her leben nicht hinaus. Außerhalb der Arbeit und der Mahlzeiten hatten sie wenig Zeit zusammen verbracht, und Tarn hatte auch kein Interesse daran.
 
Umso überraschter war er, als Dacian sich eines Abends vor Tarn aufbaute. „Ich gehe zum Abendgottesdienst. Kommst du mit?“, fragte er. Die Frage hatte er noch nie gestellt, und fast hätte Tarn einfach abgelehnt. Er hatte er sich mit Eli verabredet und auch den ganzen Tag darauf gefreut, aber er war so überrascht, dass er stattdessen perplex fragte: „Wieso?“
 
Dacian zuckte mit den Schultern und fragte zurück: „Hast du was anderes vor?“ Hätte Tarn nicht genau gewusst, dass Dacian völlig ahnungslos war, hätte er in dem Moment gewettet, dass er auf sein Treffen mit Eli anspielte, bevor er fort fuhr: „Vielleicht gefällt es dir besser als sonntags. Es ist ruhiger, man wird weniger beobachtet. Außerdem werden mehr Lieder gesungen, weniger gepredigt. Das ist der Teil, der dich Sonntags immer besonders langweilt“, erklärte er, und lächelte schmal.
 
Tarn wusste nicht, worüber er erstaunter sein sollte; dass Dacian genau wusste, welcher Teil des Gottesdienstes ihn regelmäßig dazu verführte, die Augen zu schließen und einzuschlafen, oder dass er tatsächlich etwas Humor bewies. Und anscheinend hatte er auch bemerkt, dass Tarn nicht alles an dem ganzen Prozedere gegen den Strich ging. Auch wenn er selbst keinen geraden Ton heraus brachte, dem Gesang und dem Klang der Orgel konnte Tarn wenigstens etwas abgewinnen. Dummerweise nützte ihm das nichts; er saß immer neben Moreau, dessen laut dröhnende Stimme alles und jeden übertönte. Er sang mit voller Kraft, vermutlich, um den Teufel damit zu vertreiben; hätte der Teufel neben ihm gesessen, hätte er ihn jedenfalls das fürchten gelehrt. Stattdessen saß Tarn neben ihm und sorgte sich meist, ob er jemals wieder würde hören können.
 
„Ich weiß nicht, ob-“, setzte er an, und wurde von Dacian unterbrochen, der ihn jetzt regelrecht bekniete: „Wir können auf dem Weg auch reden. Worüber du willst.“ Über Rique, wenn du willst, das schwang in seiner Stimme und seinem Blick deutlich mit, und die stumme Bitte, wenigstens einen Versuch zu wagen.
Letzteres hätte Tarn kaum gleichgültiger sein können. Er musste sich schließlich weder bei Dacian noch bei Moreau derartig einschleimen, dass er gesteigertes Interesse an den Gottesdiensten vortäuschte, selbst wenn er sonntags pflichtschuldig mit ging. Aber das Angebot, mehr über Rique zu erfahren reizte ihn doch. Bei Eli hatte er jedenfalls auf Granit gebissen, der hielt dicht und wurde regelrecht ungehalten, wenn Tarn versuchte ihn zum reden zu bewegen. Er wollte sich nicht darüber auslassen, was an Dacian er nun eigentlich nicht mochte oder was überhaupt vorgefallen war.
„Na schön. Ich hab ja nichts zu tun“, lenkte er ein, und bekam dafür ein ehrliches, breites Lächeln. „Gut. Lass uns gleich los gehen.“
 
Also setzte Tarn an diesem Abend, zu Moreaus großer Überraschung, von dem sie die Erlaubnis dafür einholten, völlig freiwillig einen Fuß in eine Kirche. Einen Moment bedauerte er, dass er Eli nicht Bescheid sagen konnte, aber vermutlich würde der damit zurecht kommen. Notfalls würde Tarn die Schuld eben auf Dacian schieben und etwas von einem Zwangsbesuch erzählen.
 
Der Abend war lau, der Himmel unter einer dichten Wolkendecke verborgen. Der stürmische Wind fegte händeweise Blätter von den Bäumen, aber er war weder kalt noch unangenehm. Obwohl der Himmel Regen verhieß, blieb es trocken. Es schien, als atme die Erde vor dem unvermeidlichen Einbruch des Winters noch einmal auf, aber die Straßen blieben wegen des verhangenen Himmels recht leer.
Sie waren kaum hundert Meter von der Schmiede entfernt, als Dacian sich Tarn halb zu wandte und sagte: „Also, was willst du wissen?“ Er machte sich nicht einmal die Mühe, seine Stimme zu dämpfen; der Wind trug alles davon, niemand hätte sie belauschen können. Tarn schwieg eine Weile, und entschloss sich dann, mit dem einfachsten anzufangen. „Wer war Rique? Außer dass er bei Moreau gelernt hat? Wie lange war er hier?“
 
Dacian schien seine Gedanken zu sortieren, zog den Kopf gegen den Wind ein, der ihm die braunen Haare zerzauste, bevor er antwortete. „Ich weiß nicht genau, wie lange er schon hier war, aber das kann damals auch nicht viel länger als ein Jahr gewesen sein. Er war nett, aber er hat nie viel geredet. Zumindest, als ich ihn kennen gelernt habe. War mir damals recht, weil ich auch nicht unbedingt gesprächig war. Ganz im Gegensatz zu heute, ich weiß“, fügte er hinzu.
Da war es schon wieder, das überraschende Auftauchen eines Funken Humors, den Tarn Dacian gar nicht zugetraut hätte. Wo hatte er den auf einmal her? Es schien fast, als würde allein Riques Erwähnung etwas aus ihm hervor holen, das er nicht so oft zeigte. Plötzlich erschien es Tarn gar nicht mehr so unwahrscheinlich, dass er sich irgendwann vielleicht doch mit Eli verstanden hatte.
 
Dacian schien das Erstaunen das er auslöste nicht zu bemerken, weil er ohne inne zu halten fort fuhr: „Ich wollte mich gern mit ihm anfreunden. Auch, weil Moreau das so wollte, wir schliefen damals noch beide in der Schmiede, und das war ziemlich eng. Wir wären uns vermutlich gegenseitig auf die Nerven gefallen, wenn wir uns nicht verstanden hätten.
Tja, und dann war da Eli. Rique hat ihn irgendwie bewundert, er wollte unbedingt mit ihm befreundet sein, aber ich glaube, er wusste nicht, wie er das anfangen sollte. Wir sahen uns alle zum Essen, aber irgendwie ergaben sich selten Gespräche.
Aber damals gab es schon den Plan die Scheune zu bauen, und ich hab vorgeschlagen, dass wir alle daran mitarbeiten. Zuerst hab ich hab mich mit Eli angefreundet, und dann Rique mitgenommen, wenn ich konnte. Tja, und dann waren wir irgendwie… zu viert.“ Er hielt inne, als er Tarns verdutzten Gesichtsausdruck jetzt doch bemerkte, und lächelte. „Ich weiß, schwer vorstellbar, dass Eli und ich miteinander auskommen würden.“
 
Nur, dass das bei weitem nicht das Detail war, das Tarn am meisten erstaunte. Wenn er das richtig verstand, dann war es tatsächlich Dacian gewesen, der Eli und Rique erst zusammen gebracht. Wissentlich als Freunde, und unwissentlich auf noch ganz andere Art. Man musste kein Genie sein um sich auszurechnen, warum Rique sich tatsächlich nicht getraut hatte, Eli anzusprechen. Vermutlich war er bis über beide Ohren verliebt in ihn gewesen, und gleichzeitig eingeschüchtert von seiner bissigen Art und seiner engen Beziehung zu Linette.
 
Nur, warum waren Dacian und Eli dann so schlecht aufeinander zu sprechen, wenn Eli es eigentlich Dacian verdankte, dass er überhaupt in Kontakt mit Rique gekommen war? Weil alles in die Brüche gegangen war? Wenn es so war, dann war Elis Zorn tatsächlich nicht gerechtfertigt.
 
Tarn wollte gerade zu einer neuen Frage ansetzen, als Dacian sich nach vorn wandte und sagte: „Wir sind fast da. Lass uns auf dem Rückweg weiter reden.“
Tatsächlich waren sie schon fast vor der kleinen Kirche angekommen, die das Zentrum des Dorfes bildete. Der Strom der Menschen die darauf zu gingen hatte stetig zugenommen, und inzwischen war die Wahrscheinlichkeit belauscht zu werden größer geworden.
 
Also nickte Tarn nur und betrachtete stattdessen die vorbei eilenden Menschen, grüßte wie Dacian die, die sie kannten, und betrachtete die Kirche. Licht floss aus den bunten Fenstern in den Abend hinaus, warm und einladend. Beim Näherkommen hörte Tarn Gemurmel aus dem Inneren und die ersten Klänge der Orgel. Obwohl er das nicht wollte, steckte ihn die Stimmung und die Ruhe, die Dacian verbreitete, ein wenig an. Es war so viel schöner, bei Anbruch der Nacht hierher zu kommen, und die vom Tag erschöpften Menschen waren stiller, weniger aufmerksam, kaum darauf aus, jemand zu beobachten, so wie Dacian gesagt hatte.
 
Ein weiterer unschätzbarer Vorteil nur mit Dacian hier zu sein offenbarte sich gleich darauf, als sie die Kirche betraten: Dacian setzte sich bewusst ganz nach hinten in die letzte der unbequemen Holzbänke. Freundliche Angebote, sich doch weiter nach vorn zu setzen, wehrte er mit der denkbar besten Ausrede ab. „Ich sehe und höre noch gut, ich muss nicht so weit nach vorn. Es gibt sicher andere, die den Platz dringender brauchen“, sagte er, und die kräftige Frau, die ihm das Angebot unterbreitet hatte, nickte beifällig und ging weiter nach vorn. Tarn war dankbar, diesmal ganz hinten zu sitzen und nicht ständig Blicke in seinem Nacken zu spüren. Und für den Fall, dass ihn diese ganze Sache hier anödete, konnte er immer noch unauffällig verschwinden; die ersten Antworten, mit denen er Eli weiter ausquetschen konnte, hatte er schließlich schon.
 
Dann begann der Gottesdienst. Dacian hatte auch hier nicht gelogen, sie sangen viel, und da Moreau nicht neben ihm saß, konnte Tarn ausnahmsweise sogar die Melodie verfolgen ohne dass ihm die Ohren bluteten. Er versuchte gar nicht erst mit zu singen, sondern sah nur geradeaus und lauschte. Er ließ seine Gedanken treiben, schloss irgendwann die Augen. Dacian stieß ihn nicht an, er ließ ihn sitzen, wo er saß, und warf ihm nur manchmal Blicke aus den Augenwinkeln zu. Er sang ganz gut, tief und eher zurückhaltend. Wenn er die Töne nicht traf, dann war es unmerklich.
 
Wann war er eingeschlafen? Er wusste es nicht. Tarn erwachte, als ihn jemand sanft an der Schulter rüttelte. Sein Nacken fühlte sich ein wenig steif an, aber gleichzeitig fühlte er sich ausgeruht und irgendwie wohl. Er erinnerte sich, Dacians Stimme gelauscht zu haben, direkt neben seinem Ohr. Er sang erstaunlich fehlerlos, das hatte Tarn irgendwann gedacht, halb zwischen Schlafen und Wachen.
Verwirrt hob er den Kopf, der auf Dacians Schulter geruht hatte. Wer wusste schon wie lange? Dacian vermutlich, aber der lächelte nur leise zu ihm herunter und sagte: „Komm, du musst aufwachen, es ist gleich zuende. Sonst wird jeder sehen, dass du geschlafen hast.“ Verwirrt sah Tarn sich um, und erkannte, dass der Pfarrer gerade die Segensworte sprach, bevor er seine Gemeinde heim kehren lassen würde. Das war buchstäblich die letzte Minute des Gottesdienstes, und Tarn hatte bestimmt die Hälfte der Zeit geschlafen.
 
Eigentlich wollte er sich nicht entschuldigen, und er war selbst überrascht von sich, als er murmelte: „Tut mir Leid.“ „Du warst hier“, erwiderte Dacian gelassen, „Das ist das Wichtigste.“ Tarn war sich nicht sicher, ob er dem zustimmen konnte. Soweit er wusste bekam man seinen Segen nicht durch bloße Anwesenheit, und erst recht nicht, wenn man beim Gottesdienst einschlief. Trotzdem schien Dacian seltsam zufrieden. Vielleicht hatte er auch allen Grund dazu. Tarn war schließlich den ganzen Gottesdienst geblieben, auch wenn er am Anfang erwogen hatte zu verschwinden.
 
Der Rückweg zog sich, und trotz der milden Nacht waren die Temperaturen gefallen. Außerdem fror Tarn, als er aus der Kirche trat; auf Dacians Schulter zu schlafen war angenehm warm gewesen, der Innenraum durch die Anwesenheit der vielen Menschen aufgeheizt. „Willst du noch etwas wissen?“, fragte Dacian, während sie den Hang hinauf gingen, und Tarn schüttelte den Kopf. „Ich will einfach nur heim und schlafen“, sagte er, und meinte das ausnahmsweise auch so. Seine ganze Neugier war angesichts seiner Müdigkeit und der Aussicht auf eine warme Decke verpufft.
 
Nur, dass er sie nirgends finden konnte, als sie schließlich die Leiter hinauf gestiegen waren und sich zum Schlafen gehen bereit machen wollten. Suchend sah Tarn sich um, sah überall nach, ob er sie vielleicht in Gedanken abgelegt hatte, aber sie war nicht zu entdecken. Nichts anderes von seinen Habseligkeiten fehlte, nichts war angetastet. Nur seine Decke, die war nicht auffindbar.
 
Natürlich hatte Tarn einen Verdacht, wer sie mitgenommen hatte. Offensichtlich hatte sich jemand dafür gerächt, dass er zum verabredeten Zeitpunkt nicht da gewesen war. Eine simple, aber effektive Methode ihn zu ärgern. Eli.
Allerdings fand Tarn diesen Streich kein bisschen komisch, vor allem weil er keine Möglichkeit hatte, seine Decke heute noch zurück zu holen. Was hätte er denn Dacian sagen sollen? „Entschuldige, ich muss kurz weg und meinen Deckendieb stellen. Er ist nur sauer, weil ich heute keine Zeit für ihn hatte“? Nein. Und so müde wie er war, fiel ihm auch keine passable Ausrede ein. Also würde er die ganze Nacht frieren.
 
Er hatte diesen Gedanken kaum zuende geführt, als Dacian endlich auch bemerkte, dass Tarn etwas fehlte. Er runzelte die Stirn, sah sich um, erkannte das Problem und sagte dann: „Ach, fängt Eli jetzt an, dir Streiche zu spielen? Bei Rique hat er das auch immer mal gemacht. Leider teilt nicht jeder seinen Humor.“ Tarn öffnete den Mund, und schloss ihn dann wieder, weil er gar nicht wusste, was er dazu sagen sollte. „Ja. Keine Ahnung, was er sich dabei denkt“, bestätigte er lahm. „Nimm eine von meinen Decken, bis du deine wieder hast“, schlug Dacian vor. „Und vielleicht sagst du ihm, dass er mit dem Blödsinn aufhören soll. Obwohl ich kaum glaube, dass das irgendwas bringt. Rique hat es jedenfalls nicht geschafft, ihn davon abzuhalten.“ „Bist du sicher?“, fragte Tarn nach. „Ich meine, dass du mir deine Decke geben willst. Du wirst frieren.“ Aber Dacian schüttelte langsam den Kopf. „Nein, bestimmt nicht.“ Was ihn so sicher machte, wusste Tarn nicht, aber er würde den Teufel tun und dagegen halten. Hauptsache, er hatte seine Decke.
 
Wenig später lagen sie zusammen im Dunkeln, so gut eingepackt wie es eben ging. Es war nicht wirklich warm, aber erträglich, und eigentlich wollte Tarn schlafen. Aber eine Frage spukte doch in seinem Kopf herum. Zwischenzeitlich hatte er sie vergessen, völlig ausgeblendet, aber in der Dunkelheit drängte sie sich wieder in den Vordergrund.
 
„Dacian?“, fragte er leise, und bekam als Antwort ein leises „Hm?“ zurück. „Warum wolltest du mich heute unbedingt mitnehmen?“ Stille folgte, so lang, dass Tarn glaubte, Dacian wäre zwischenzeitlich eingeschlafen. Dann antwortete er doch. „Warum nicht? Hast du denn irgendetwas Wichtiges verpasst?“
 
Tarn konnte den Ausdruck in seiner Stimme nicht deuten. Aber irgendetwas daran ließ ihn trotz seiner Schläfrigkeit aufhorchen. Und der Teil seiner selbst, der immer auf der Hut war, weil er gelernt hatte die Gefahr vorherzusehen, flüsterte: Er weiß es. Er muss es wissen.
 
Aber das war lächerlich. Wie hätte er irgendetwas wissen können? Und hätte er etwas gewusst, wäre er nicht als erstes damit zu Moreau gegangen, und hätte haarklein vor ihm ausgebreitet, was er wusste? Nein, das konnte einfach nicht sein. „Nichts. Nichts Wichtiges“, murmelte er nur.
 
Vielleicht irrte er sich, aber bevor er einschlief meinte er zu hören, wie Dacian seine Worte leise wiederholte. „Richtig. Nichts Wichtiges.“
 
 
Eigentlich hatte Tarn sich geschworen, dass es bei diesem einen Mal bleiben würde; er würde Dacian nicht noch einmal in die Abendmesse begleiten. Aber auf der anderen Seite wollte er mehr über Rique wissen, und stieß bei Eli nach wie vor auf die selbe Mauer aus Schweigen. Und nachdem es Dacian einmal gelungen war, ihn mit dem Versprechen zu ködern, gelang es ihm ein zweites Mal. Ein drittes Mal. Und jedes Mal warf das Wenige, das er in der kurzen Zeit erzählen konnte, nur mehr Fragen auf, oder stillte Tarns Neugier nur unzureichend.
 
Tarn erfuhr häppchenweise mehr über Rique. Wie er ausgesehen hatte, dass er sehr gut Werkzeug schmieden konnte. Dass er Waise war und Moreau ihn, genau wie Tarn und Dacian, im Grunde von der Straße aufgelesen hatte. Er war der erste gewesen, den Moreau aufgenommen hatte, und sehr lange hatte er keine Erwartungen enttäuscht. Aber er war deutlich übermütiger und zugänglicher geworden war, als seine Freundschaft mit Eli andauerte. Anscheinend hatten er und Eli sich einiges geleistet und damit selbst Linettes Ideenreichtum was Unsinn betraf noch weit übertroffen.
Dieses wenige Wissen klaubte Tarn innerhalb von einigen Wochen zusammen. Der kurze Fußmarsch zur Kirche und zurück reichte kaum aus, um viel zu erzählen, und während des Gottesdienstes ließ Dacian nicht mit sich reden. Und ironischerweise war es schließlich Tarn selbst, der die Gespräche zu dieser Zeit mied.
 
Manchmal holte er im Gottesdienst nur Schlaf nach, den er bei den nächtlichen Ausflügen mit Eli und Linette verpasst hatte. Aber immer öfter lauschte er auch einfach dem Gesang und hörte auf zu grübeln, der einzige Moment, in dem ihm das wirklich zu gelingen schien. Er lernte zu schätzen, dass in dieser Zeit niemand auf ihn achtete, dass er für die Welt zeitweise unsichtbar war, selbst wenn er eigentlich inmitten vieler Menschen saß.
 
Das einzige Störende war, dass Dacian oft genau dann zur Kirche ging, wenn sich Tarn mit irgendjemand verabredet hatte. Einerseits ergab das Sinn; wenn das Wetter etwas besser war und sich die Gelegenheit ergab, draußen zu sein, war der Fußmarsch zur Kirche hinunter keine Hürde. Bei schlechtem Wetter hatte selbst Dacian keine Lust dazu. So überschnitten sich die Verabredungen immer wieder. Eine Weile war Eli deswegen regelrecht beleidigt, aber Linette hatte ihn wohl deswegen zur Ordnung gerufen, denn er beschwerte sich irgendwann nicht mehr. Linette wiederum ließ sich von den Gottesdiensten erzählen, bot sogar an, ebenfalls zu kommen, aber Tarn lehnte ab. Er mochte Linette, aber ihre Gegenwart änderte die Lage. Er war dann nicht mehr mit Dacian allein. Und seltsamerweise mochte er Dacian lieber, wenn sie allein waren.
 
Er mochte den Dacian lieber, der hin und wieder scherzte. Der nicht so zurückgezogen, so undurchdringlich und schwer zu fassen war. Der nicht zu allem Ja und Amen sagte. Aber den schien es nur zu geben, wenn niemand anders als Tarn in seiner Nähe war.
Er mochte Dacian mit jedem Tag mehr; die Erkenntnis erstaunte Tarn selbst. Aber irgendwann sträubte er sich nicht mehr dagegen, und immer öfter stieg er nicht auf Elis Scherze ein, die auf Dacians Kosten gingen. Sie entsprachen nicht dem, was er von ihm kannte. Dacian war nicht dumm, nicht humorlos, und nicht langweilig. Er war nur anders als Eli.
 
Auf der anderen Seite fiel es ihm auch schwer, zuzuhören, wenn Dacian über Eli sprach. Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit, und genauso wie Eli nicht bereit war, die guten Eigenschaften an Dacian zu sehen, war der umgekehrt auch nicht gewillt, ein gutes Haar an Eli zu lassen. Leider musste Tarn ihm auch in vielen Belangen recht geben. Eli war egoistisch, manchmal gedankenlos, zu sehr davon überzeugt, dass er der Mittelpunkt von allem war. Allerdings waren das Eigenschaften, mit denen Tarn meistens zurecht kam. Es schien eher, als hätten Dacian und Eli andere Gründe für ihre Abneigung, und würden nur ihre gegenseitigen Charakterfehler vor schieben. Aber wie diese Gründe aussah, das konnte Tarn nicht sagen.
 
Also grub er weiter, stellte Fragen, fiel Eli auf die Nerven und suchte Dacians Nähe. Er wusste nicht einmal wieso - was kümmerte es ihn, was geschehen war? Was hätte er davon gehabt, wenn er die Wahrheit wusste?
 
Nichts. Und trotzdem schien es ihm wichtig.
 
Dann fiel der erste Schnee, eine dünne, pulvrige Schicht, die schnell wieder schmolz. Aber der Winter war damit eingeläutet, und die lange Winterkälte hielt endgültig Einzug. Nachts, wenn Tarn mit Eli und Linette unterwegs war, oder abends, wenn er mit Dacian zur Kirche ging, bildeten sich dichte Atemwolken vor ihren Gesichtern. Manchmal waren die Fenster der Schmiede morgens mit Eisblumen bedeckt.
 
„Na, wirst du schon nervös?“, fragte Linette eines abends, als Tarn seit langer Zeit wieder einmal allein in der Schenke saß, und er sah sie völlig verständnislos an. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was sie meinte. Sie sah seinen verdutzten Blick, und lächelte. „Du hast keine Ahnung wovon ich rede, oder?“, fragte sie amüsiert, und er nickte. Linette sah sich kurz um, um sicher zu sein, dass ihr Vater sie nicht beobachtete, dann beugte sie sich vor und flüsterte in sein Ohr: „Der Winter steht vor der Tür, Neujahr ist nicht mehr weit. Du musst bald fort.“ Er sah sie völlig perplex an. „Wer sagt das?“, fragte er, und sie schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Wer wohl? Du. Das war dein Plan. Erinnerst du dich nicht?“
 
Und verwirrt musste Tarn sich eingestehen, dass sie recht hatte. Das war immer sein Plan gewesen, im Frühjahr von hier zu verschwinden, dieses Dorf hinter sich zu lassen. Aber er hatte ihn zwischenzeitlich völlig vergessen. „Willst du gar nicht mehr weg?“, fragte sie, und er hatte keine Antwort darauf.
 
Er stellte sich vor, wie es wäre, einfach davon zu gehen, zu einem anderen Ort, und… konnte es nicht.
 
Wie hätte er sein Zuhause einfach verlassen können?

Warnungen:
- Sex - (I), (II), (III)
- Allgemeine Gewaltwarnung - Dieses Kapitel enthält vor allem im letzten Drittel sehr viel Gewalt


Gehen, oder Bleiben?

 Eigentlich war das keine Frage, denn Tarn wollte nicht gehen. Nicht mehr. Er hatte schließlich alles, was er brauchte; seine Ruhe, ein paar Freunde, eine gute Arbeit, die er nicht hasste. Er fühlte sich wohl, verdammt. 

Warum dachte er dann so oft darüber nach, wie es wäre, im Frühjahr seine wenigen Habseligkeiten zu nehmen und einfach zu verschwinden?

Die Wahrheit war, dass Linette mit ihren Worten ein tiefes Loch in seine Gedankenwelt gerissen hatte. Natürlich unbeabsichtigt, denn sie schien ihn gern um sich zu haben; das letzte was sie wollte war vermutlich, ihn zu vertreiben. Aber seit dem Tag, an dem sie seinen möglichen Weggang angesprochen hatte, hatte ihn eine Unruhe ergriffen, die er nicht mehr los wurde.

Er erinnerte sich plötzlich, warum er überhaupt geplant hatte weiter zu ziehen. Und hatte sich zwischenzeitlich irgendetwas an diesen Gründen geändert, nur weil er jetzt Freunde gefunden hatte und so etwas wie Zugehörigkeit erfuhr? Nein. 
Er lebte eine Lüge, auch wenn er das bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreich verleugnet hatte. Mischa war eine bloße Figur, eine Maske, die Tarn übergestreift hatte wie so oft, wenn er an einem anderen Ort neu angefangen hatte. Eine Maske, die begann ihn zu ersticken. Mischa wurde geduldet, weil Mischa all das verkörperte, was Tarn nicht war; ehrlich, unschuldig, gottesfürchtig. Normal. Und es spielte kaum eine Rolle, dass Eli oder Linette einen Teil der Wahrheit kannten, denn letztendlich wussten sie dennoch nichts über sein wahres Wesen. Was er getan hatte, wo er gewesen war, davon hatten sie keine Ahnung. Sie kannten und mochten Mischa, aber was sie von Tarn gehalten hätten, wer wusste das schon?

Er wollte nicht gehen, weil er nicht das verlieren wollte, was er bereits hatte. Aber was war mit den Dingen, die ihm fehlten? Die außerhalb seiner Reichweite lagen? Liebe, Familie, eine sichere Zukunft, all das gab es nur für Mischa, in einem engen, begrenzten Rahmen. Für Tarn es unerreichbar.

Und dann hätte er sich gern selbst geohrfeigt und gefragt, was er sich eigentlich dabei dachte. Liebe? Er wollte keine Liebe, er hatte nie welche gebraucht

bis Anssi ihm diese merkwürdige Vorstellung davon in den Kopf gesetzt hatte

und er war vor seiner Familie geflohen, immer und immer wieder, also warum sollte er sich so etwas jemals wünschen? Er würde niemals eine Frau oder Kinder haben

aber Jefrem hatte eine Familie, weil er jeden seiner Knechte wie einen Sohn oder Bruder behandelte

Schwachsinn! Die Vorstellung, wie einer dieser Idioten zu klingen, die ihn gevögelt und dann vergessen hatte, die nichts lieber wollten, als dem Rest der Welt Normalität vor zu spielen, machte ihn krank. Das passte nicht zu ihm, hatte überhaupt nichts mit ihm zu tun. Und doch rieb er sich daran auf. An der vagen Ahnung, dass es irgendwo, irgendwie, etwas Besseres als das geben musste. Dass es einen Ort geben musste, an dem er so akzeptiert wurde, wie er war.

Je länger er über all das nach grübelte, desto unwichtiger und lachhafter erschien ihm, dass er sich für einen Moment tatsächlich zuhause gefühlt hatte. Und mit jedem Tag wurde ihm das Leben, das er als Moreaus Lehrling führte, gleichgültiger, erschien ihm die Lüge der Mühe nicht mehr wert. Die Furcht davor, was geschehen würde, wenn jemand die Wahrheit über ihn aufdeckte, verblasste. Zurück blieb kalte Gleichgültigkeit. Leere, von der er gar nicht wusste, wie er sie füllen sollte. Er existierte im Schatten seiner eigenen, begrenzten Rolle, und alles andere lag brach.

Er wurde nachlässiger darin, seine Treffen mit Eli oder Linette zu verstecken. Er widersetzte sich Moreau öfter, gab weniger auf sein Misstrauen. Er hatte es satt, immer die Wogen zu glätten. Sollte er Verdacht schöpfen, sollte er endlich alles offen legen, was kümmerte es ihn? Die Vorstellung war gleichzeitig schrecklich und seltsam befreiend. 
Und was Dacian anging… manchmal dachte Tarn daran, ihm rundheraus die Wahrheit zu sagen. Er wollte keine scheinheiligen Ausreden mehr erfinden, wo er hin ging, warum er ihn nicht zur Kirche begleiten wollte oder warum er spät nachts wach war. 

Manchmal, wenn sie abends auf dem Weg hinunter ins Dorf waren, schwiegen sie nur, und Dacian sah ihn mit einem schmalen Lächeln von der Seite an. In diesen Momenten hätte er gern etwas gesagt. Den eisernen Schraubstock seiner Lügen nur ein wenig gelockert, um sich jemand anzuvertrauen, von dem er glaubte, dass er ihn nicht verraten würde. Er redete sich ein, dass Dacian ihn nicht verurteilen würde, und schreckte dann doch davor zurück. Wegen dem Ort zu dem sie gingen, dem immer gleichen Sermon, den gleichen verstockten Regeln, die sich nicht mit dem vereinbaren ließen, was Tarn wirklich war.

Natürlich verursachten seine Nachlässigkeit und sein Trotz neuen Ärger; nicht für Eli oder Linette, aber sehr wohl für Dacian. Immer öfter bekam Tarn Moreaus Zorn zu spüren, wenn er unkonzentriert oder einfach gleichgültig gegenüber seiner Arbeit war. Doch aus irgendeinem Grund machte Moreau hauptsächlich Dacian dafür verantwortlich; manchmal entlud sich seine ganze Wut allein auf ihn, oft in Tarns Abwesenheit.

„-wolltest dich darum kümmern, dass er sich zusammen reißt“, hörte Tarn einmal Moreau knurren, als er draußen ein Pferd beschlagen hatte und zurück kam, weil er zu wenig Nägel mitgenommen hatte. Dass Dacian nur wenig Einfluss auf Tarn hatte und ihn trotz freundlicher Ermahnungen zu nichts zwingen konnte schien Moreau dabei egal. Er war wütend, und der Tonfall seiner Stimme ließ Tarn instinktiv zusammen fahren. 
Dacian stand nur stumm da und nickte, die Schultern eingezogen, geschrumpft unter Moreaus wütender Tirade. Er war unschuldig, und das hätte ihm eigentlich klar sein müssen, aber er machte auf Tarn trotzdem nicht den Eindruck, als würden die Worte an ihm abprallen. Im Gegenteil, er schien sich alles zu Herzen zu nehmen.

„Was war vorhin los?“, fragte Tarn ihn leise, als er später wieder herein kam und sich mit den Händen die Kleidung abbürstete. Untypisch für die Jahreszeit tobte schon den ganzen Tag ein regelrechter Schneesturm, auch wenn die Flocken, groß, nass und mit Regen vermischt waren. Moreau war für den Moment außer Sicht, und Dacian immer noch sichtbar niedergeschlagen. 
Er arbeitete an seinem Werkstück, das vermutlich irgendwann ein Messer werden sollte. Allerdings schien er nicht bei der Sache, auch wenn er sich zu einem schmalen Lächeln durch rang, als Tarn ihn ansprach. „Nichts. Mach dir keine Gedanken.“ „Aber was er gesagt hat-“ „Lass es gut sein.“ „Aber er hatte kein Recht-“ „Lass es gut sein“, wiederholte Dacian, und zum ersten Mal seit Langem klang seine Stimme scharf und angespannt. „Er ist einfach enttäuscht. Er will, dass du dich mehr bemühst, und damit hat er auch Recht. Kannst du jetzt mit dem Schleifen weiter machen?“, fragte er und deutete auf zwei weitere Messerklingen, die schon bereit lagen.

Einen Moment lang wollte Tarn erneut widersprechen, aber dann seufzte er ergeben und gab klein bei. Es hatte keinen Sinn, sich mit Dacian zu streiten, erst Recht nicht über etwas, das Tarn nur halb mitgehört hatte. Auch wenn er das Gefühl hatte, dass Moreau im Unrecht war.
Stattdessen griff er sich die ungeschliffenen Klingen. Moreau hatte eigentlich schon lange versprochen, dass Tarn selbst mit dem Schmieden von Messern anfangen könnte, aber seine letztliche Unzufriedenheit hatte ihn das verschieben lassen. So blieb Tarn nur das Schleifen und das Anbringen der Griffe. 

Eine Weile schwiegen sie, Tarn am Wetzstein, Dacian beim Schmieden, jeder in seine jeweilige Arbeit vertieft. „Kommst du heute Abend mit?“, fragte Dacian schließlich. Es war selten, dass er sich bei der Arbeit durch Gespräche ablenkte, aber anscheinend wollte er den Frieden wiederherstellen. Nur, dass Tarn das nicht wollte. Er ließ sich vielleicht von Dacian ausnahmsweise den Mund verbieten, aber so tun als wäre alles in Ordnung wollte er auch nicht. Dacian wollte Moreau in Schutz nehmen? Schön, aber ohne ihn. 
„Nein, keine Lust“, antwortete er, und dann, nur aus Trotz, schob er hinterher: „Und keine Zeit.“ Dacian hielt inne, und er runzelte so sehr die Stirn, dass es fast komisch gewesen wäre, wenn er nicht so besorgt ausgesehen hätte. „Was kannst du schon vorhaben? Es stürmt und schneit, da wirst du nicht auf eigene Faust los wollen, oder?“ „Was kümmert’s dich?“, schoss Tarn zurück und starrte verbissen auf seine Arbeit. Er sah allerdings auf, als Dacian den Hammer sinken ließ und sein Werkstück zurück ins Schmiedefeuer legte, obwohl es nicht annähernd abgekühlt war. Im nächsten Moment war er zu ihm herüber gegangen, baute sich vor ihm auf und musterte ihn streng. „Du willst heute Nacht wieder abhauen, oder?“, fragte er.

 Tarn erstarrte und hätte beinahe das halb geschliffene Messer fallen lassen, das er in der Hand hielt. Warum hatte er diese verdammte Andeutung machen müssen? Dann ging ihm auf, dass Dacian »wieder« gesagt hatte; er wusste, dass er mehrmals nachts weg gewesen war. Aber warum hatte er ihn dann nicht schon längst verpfiffen?
Vermutlich, weil er nur wusste dass Tarn wegging, aber nicht, wohin und was er dort tat. Reflexhaft griff Tarn auf das einzige zurück, das ihm einfiel, und das war, alles zu leugnen. „Blödsinn, ich bin nie-“, begann er, aber Dacian ließ ihn gar nicht zu Wort kommen. „Du triffst dich mit Eli, genau wie Rique damals. Denkst du, das wäre mir nicht klar? Für wie dumm hältst du mich eigentlich?“, fragte er leise, und zum ersten Mal schien er wirklich wütend zu sein.

Ja, für wie dumm? Dumm genug, um nicht eins und eins zusammen zu zählen? Tarn wollte etwas sagen, aber in diesem Moment versagte ihm regelrecht die Sprache. Dacian wusste also doch, wohin er nachts ging. Woher? Hatte er es erraten? Hatte sich Eli irgendwie verraten, oder er selbst?
„Das geht dich nichts an“, versuchte er abzuwiegeln, aber Dacian schüttelte nur traurig den Kopf. „Das geht mich nichts an? Ich bin der Ältere, ich bin für dich verantwortlich! Und Moreau ist schon wütend, du kannst es dir nicht leisten, schon wieder zu verschwinden! Ernsthaft, was los mit dir? Du lässt hier alles schleifen, und ich verstehe nicht mal warum! Er wird dich noch raus werfen!“

Ist doch egal. Das wird er früher oder später sowieso. Wenn du ihm alles erzählst, oder wenn er es selbst heraus findet. Letztendlich ist das alles hier sinnlos.

Tarn sprach es nicht aus, aber plötzlich fühlte er sich nur noch elend. Er sah zu Dacian auf, dessen Gesichtsausdruck sich von wütend zu tief besorgt wandelte. Er spürte, dass etwas nicht stimmte.
Aber wie hätte Tarn ihm erklären sollen, dass alles hoffnungslos war? Dass er niemals würde bleiben können? Und wohin er ging, wer wusste das schon? Nirgendwohin. Es spielte keine Rolle.

Du weißt nicht wo du hin willst. So wirst du nur weiter durch die Weltgeschichte irren. Wirst weglaufen, jedes Mal, und dich immer fragen, was du eigentlich suchst.

„Oder willst du raus geworfen werden?“, fragte Dacian plötzlich leise. Ernst und traurig. Und irgendwie gab das Tarn den Rest. Er öffnete den Mund, wollte die Wahrheit sagen, die ganze Wahrheit, einfach loswerden, was-

In diesem Moment kam Moreau zurück gestapft, einen Sack Kohle über der Schulter. „He, hier wird keine Pause gemacht!“, brummte er schlecht gelaunt, als er sie da stehen sah, nicht bei der Arbeit. „Mischa hatte eine Frage zum Schleifen“, redete Dacian sich fast ohne merkliches Zögern heraus, aber das hätte er besser nicht getan. „Er sollte es inzwischen verdammt nochmal beherrschen!“, herrschte Moreau ihn übellaunig an und redete über Tarn hinweg, als wäre er gar nicht anwesend. „So wenig wie er heute geschafft hat, könnte man meinen, er schläft beim Arbeiten. Und das da“, er zog Tarn ohne abzuwarten das halb geschliffene Messer aus den Fingern, „ist Dreck. Schmilz es ein, und fang’ von vorne an!“ 

Demonstrativ warf er das unfertige Werkstück auf den Haufen alten Metalls zum Einschmelzen, bevor sein wütender Blick wieder zu Dacian zurück kehrte. „Was ist mit dem anderen Messer, das du angefangen hattest? Hast du das wenigstens-“ Sein Blick schweifte zum Schmiedefeuer, und Dacian wurde blass, noch bevor er sich ebenfalls danach umdrehte. Er hatte es vergessen, und inzwischen war das Metall zu heiß geworden, hatte vermutlich schon in der Qualität gelitten. Das war nicht gut.

Moreaus Fäuste ballten sich, ließen locker, ballten sich wieder. Er sah so finster aus, dass Tarn sich ohne es zu bemerken duckte. Dann ging er zu dem Schmiedefeuer, zog sich einen Handschuh über, nahm das Werkstück heraus, und warf es Dacian mit solcher Wucht vor die Füße, dass er entsetzt zurück springen musste, um nicht davon getroffen zu werden. Die unfertige Klinge polterte zischend und klirrend über den Boden und blieb schließlich liegen, verkohlte den rohen Boden. Die Steinfliesen knackten bedrohlich, dehnten sich durch die enorme Hitze aus, die vom Metall ausging. 

Tarns Herz hämmerte in seinen Ohren, und plötzlich war er sich sicher, dass er es jetzt mit dem wahren Moreau zu tun bekam. Der, der tief unten, unter der Oberfläche des erlernten Anstands, verborgen war. Dessen Anwesenheit er schon lange, schemenhaft, gespürt hatte. 
„Verschwinde, du hast für heute Schluss“, sagte er leise und drohend zu Tarn, und seine Fäuste ballten sich, schlossen sich. Er wollte zuschlagen, Tarn spürte es mit jeder Faser seines Körpers - er hatte nicht fast achtzehn Jahre in Gegenwart eines Schlägers verbracht, um das nicht zu wissen. „Wenn du morgen wieder hier auftauchst, ohne ordentlich arbeiten zu wollen, wirst du den Tag verfluchen, an dem du geboren wurdest. Verstanden?!“ 

Tarn schluckte trocken und nickte. Er wünschte, er hätte etwas sagen können, aber er funktionierte nicht, nicht in diesem Moment. Nicht, wenn er jemand gegenüber stand, der seinem Vater so ähnlich wie nur irgend möglich war. Alles in ihm krümmte sich, wollte sich ducken. Dass Moreau klar und bei Verstand statt betrunken war, machte alles nur noch schlimmer.
Trotzdem sah er instinktiv zu Dacian; so wie er instinktiv zu seinen Geschwistern gesehen hatte, so lange sie noch in der Reichweite seines Vaters waren. So wie er seine Mutter flehend angesehen hatte, sie stumm angebettelt hatte, dass sie gehen, sich in Sicherheit bringen sollte, wenn sie sich zwischen ihren Mann und ihre Kinder stellte. Aber sie konnten nicht entkommen. Das konnten sie nie. Dacian lächelte ihn an, beruhigend. „Geh schon“, sagte er leise. Ich halte dir den Rücken frei.

Tarn wollte nicht den Rücken frei haben, er wollte nur nicht allein gehen. Aber er zwang sich trotzdem dazu, weil in diesem Moment jeder Widerstand die Situation verschlimmert hätte. Auch das wusste er. Also drehte er sich um und verließ die Schmiede, trat hinaus in den Sturm und die nasse Kälte.

Aber er entfernte sich nicht weit, nur ein paar Meter ging er an der Außenwand entlang und achtete darauf, sich unter den winzigen Fenstern hindurch zu ducken. Er presste sich an die kalte, windschiefe Steinwand, fühlte trockenes Moos unter seinen Fingern und lauschte, so gut er konnte. Er verstand nur Fetzen von dem, was Moreau sagte, wenn er brüllte, und noch weniger von dem, was Dacian leise und ruhig sagte, mit unsteter Stimme, als müsse er sich zusammen reißen, nicht zu stocken oder zu stottern. Der heulende Wind trug das meiste davon. „- war deine Verantwortung! Du vernachlässigst deine eigene Arbeit, um-“, brüllte Moreau, und wurde von Dacian unterbrochen, so leise, dass Tarn es nicht verstehen konnte. „Alles getan?! Nichts hast du getan! Ich warne dich, wenn ich mitbekomme-“ Plötzlich schien er sich zu zügeln, seine Worte gingen unter. Kurz schien es, als würde das Gespräch friedlich weiter laufen, denn Tarn hörte nichts mehr, nur Gemurmel, und er lauschte noch angestrengter, auf jede winzige Nuance.

Das laute Klatschen und der Aufschrei, gefolgt von dem unmissverständlichen Aufprall eines Körpers auf dem Boden, war so laut, dass Tarn erschrocken zusammen fuhr. Sein Herz, das sich gerade wieder beruhigt hatte, machte einen Satz und hämmerte in seiner Brust, und er musste mit aller Gewalt den Drang nieder kämpfen, in die Schmiede zurück zu kehren. Du kannst nichts tun. Du kannst wirklich nichts tun. Du machst alles nur noch schlimmer, versuchte er sich in den Schädel zu hämmern, aber sein Körper wollte ihn betrügen. 

Also lief er. Weg von der Schmiede, zur Scheune, so schnell, wie ihn seine Beine trugen, damit sie ihn nicht verraten konnten. Er schob das Tor auf, stieg hastig die Leiter hinauf, und stand verloren auf dem Heuboden. Schnee taute in seinem Haar und lief über sein Gesicht, und der Wind heulte und schüttelte die Scheune, aber dennoch war es unheimlich still. So still, dass er das Blut in einen Ohren rauschen hörte.
Was sollte er tun? Am liebsten hätte er sich hingelegt und die Decke über den Kopf gezogen, wie ein Kind. Stattdessen setzte er sich mit zitternden Händen auf das Stroh, zog die Knie an den Körper. Er konnte nichts anderes tun als warten.

Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, hörte er, wie Dacian zurück kehrte. Seine Schritte waren schwer und langsam, und als er die Leiter hinauf stieg, wagte Tarn kaum auf zu sehen und zwang sich doch dazu, aufzustehen und ihm entgegen zu gehen. 

Dacian lächelte immer noch. Schmal, ein bisschen traurig. Ein hässlicher, lilafarbener Bluterguss zog sich über seine Wange, da wo Moreau ihn geschlagen hatte, und die Art, wie er seine rechte Seite hielt sagte Tarn, dass er auch dort verletzt war. Vielleicht durch einen wütenden Tritt, als er am Boden lag. Wie automatisch hob Tarn die Hand, um seine Wange zu berühren, und zwang sich, sie sinken zu lassen. „Nicht so schlimm“, sagte Dacian und ließ sich seinerseits auf seiner Decke fallen, wobei er schmerzerfüllt zusammen zuckte.

„Nicht so schlimm?! Er hat dich geschlagen!“, protestierte Tarn wütend, während er ihm folgte und sich neben ihm niederließ, aber Dacian zuckte nur mit den Schultern. „Ja. Das tut er, wenn wir zu viel Mist bauen“, sagte er gleichgültig, während er abwesend seine Seite rieb, als wäre sie taub. Aus seiner Stimme war deutlich heraus zu hören, dass er diese Art von Behandlung kannte. „Er handhabt die Dinge so, weil er es gut mit uns meint, das musst du einsehen. Bitte lass es einfach gut sein.“ Damit ließ er sich zurück sinken und schloss die Augen, rieb sich die Stirn. Er klang müde und niedergeschlagen, und noch mehr als der Bluterguss auf seiner Wange war es das, was Tarn noch weiter zum Protest anstachelte. 

„Warum hat er mir dann keine verpasst?“, fragte er. „Warum bist du dran, wenn ich irgendetwas falsch mache? Ich hab dich abgelenkt, er hätte-“ „Weil ich die Verantwortung für dich übernommen habe“, fiel Dacian ihm ins Wort. „Gleich ganz am Anfang.“

Tarn schwieg einen Moment, überrascht. „Das heißt, du hast für mich gebürgt?“ Dacian nickte, immer noch mit geschlossenen Augen. „Er war enttäuscht von Rique, und er wusste nicht, was er von dir halten sollte. Ich mochte dich, und wir brauchten jemand, der Rique ersetzen konnte. Also hat er gesagt, wenn ich die Verantwortung für dich übernehme, mich darum kümmere, dass du deine Arbeit machst, kannst du bleiben. Mit allen Konsequenzen, wenn du es vermasselst. Ich habe es versprochen.“ 

Das war rührend… und wirklich dumm, und Tarn wusste gar nicht, wie er darauf reagieren sollte. Dacian hätte sich niemand schlechteren für so viel Vertrauen aussuchen können. „Warum?“, fragte er leise. „Du hättest was sagen können, ich hätte nicht-“ Dacian seufzte, das Thema schien ihm nicht zu behagen. „Können wir ein andermal darüber reden? Ehrlich gesagt bin ich sehr müde. Ich hab die letzte Zeit auch nicht genug Schlaf bekommen.“ 
Sein Ton war nicht vorwurfsvoll, aber Tarn verstand trotzdem, was er sagen wollte. „Warst du wach, wenn ich weg war?“, fragte er, und Dacian nickte. „Ich wusste nicht, ob Moreau etwas merken würde, also bin ich wach geblieben. Hab darüber nachgedacht, was ich sagen könnte, damit du nicht auffliegst.“ „Warum? Du hättest mich verpfeifen können.“ Dacian schwieg eine Weile, während er umständlich seine Decke ausbreitete und sich auf die Seite drehte, bevor er leise sagte: „Ich dachte, dass ich dich irgendwann überzeugen kann, damit aufzuhören. Tut mir Leid.“

Tarn öffnete den Mund, aber dann zwang er sich, nicht weiter zu fragen. Das alles konnte warten. Musste warten. „Schlaf gut“, murmelte er, und Dacian schloss die Augen, und war ein paar Minuten später eingeschlafen. Diesmal wirklich statt nur vorgetäuscht.


Tarn deckte sich selbst zu, die Scheune war kühl; aber er schlief nicht. Er saß nur da, ließ die Zeit verstreichen, und grübelte. Vielleicht nickte er zwischendurch immer wieder ein, aber die meiste Zeit betrachtete er Dacian. Bewachte seinen Schlaf, wie er früher manchmal den Schlaf seiner Geschwister bewacht hatte, wenn es wirklich schlimm wurde mit seinem Vater. Das war das Einzige, das er Dacian zurück geben konnte.

Dacian hatte für ihn gebürgt. Warum? Diese Frage kreiste die ganze Zeit in seinem Kopf herum. Warum das alles? Warum hatte Dacian diese Abmachung aufrecht erhalten, wenn er doch wusste, dass Mischa ihm nur Ärger bringen würde? Besonders, wenn er Moreau gegenüber so loyal war und alle seine Entscheidungen und Strafen verteidigte?

Ich mochte dich.

Vielleicht war das der Grund, den er suchte; aber wenn er es war, verstand er ihn nicht. Er verstand, warum Anssi ihn gewollt hatte, warum Eli ihn wollte; körperliches Verlangen war ihm alles andere als fremd. Und vielleicht begriff er inzwischen auch, warum Linette ihn gern hatte, warum Jefrem ihn gern gehabt hatte. Eine andere Art der Zuneigung, die nachgiebiger, weniger besitzergreifend war; Familie ohne echte Blutsbande.

Aber was war mit Dacians Zuneigung? Denn es war Zuneigung, zumindest darüber war er sich sicher. Er versuchte sie einzuordnen und konnte es nicht. Er betrachtete ihn, wie er ruhig schlief, den Kopf halb in seinem Arm vergraben. Seine Brust hob und senkte sich regelmäßig, seine sonst glatt gekämmten braunen Haare kehrten im Schlaf in ihren leicht lockigen, ungebändigten Zustand zurück und standen wirr um seinen Kopf. Er lächelte im Schlaf.
Er war nicht hässlich, aber auch nicht wirklich die Art Mann, nach der Tarn Ausschau hielt. Nur, dass ihm das seltsam egal war. Er dachte daran, wie er mit dem Kopf auf seiner Schulter geschlafen hatte, und dass er sich in seiner Gegenwart ruhig fühlte. Nicht mehr auf der Flucht. Jetzt noch mehr, nachdem er wusste, dass Dacian seine Geheimnisse kannte, und trotzdem verwahrt hatte, genau wie Elis und Riques Geheimnisse. Alles unter seiner eigenen Maske der Unschuld. Und vielleicht fühlte sich Tarn ihm deshalb so nahe - weil sie sich auf eine Art ähnlich waren wie sonst niemand, den er kannte.

Er war so in Gedanken versunken, dass das Geräusch des Scheunentors ihn regelrecht auffahren ließ. Moreau, dachte er nur, und ohne weiter nachzudenken warf er seine Decke von sich und sprang auf. Wenn der Alte Dacian noch eine verpassen wollte, musste er an jemand wirklich wütendem vorbei. Ohne inne zu halten stieg Tarn die Leiter des Heubodens hinunter, bereit es mit allem aufzunehmen.

Im nächsten Moment wäre er fast in Eli hinein gelaufen, der vorsichtig im Dunkeln herein geschlichen war. „He, immer langsam!“, sagte er und lachte leise. Er bewahrte Tarn nur davor frontal mit ihm zusammen zu prallen, indem er ihn an den Schultern packte und fest hielt. „Was machst du hier?“, fragte Tarn perplex, und Eli antwortete schon weniger amüsiert: „Im Ernst? Wir wollten uns heute treffen! Sag bloß, das hast du über dem Bibelstudium vergessen!“, zog er ihn auf, wie so oft in letzter Zeit.
Tarn ignorierte seine Bissigkeit. „Das wird heute nichts. Ich hab Ärger bekommen, ich kann heute Nacht nicht weg gehen.“ „Ach komm schon, Ärger ist doch dein zweiter Vorname“, wandte Eli scherzhaft ein, „Und so oft, wie du in letzter Zeit abgesagt hast, schuldest du mir eigentlich was.“ Er zog Tarn näher an sich heran, küsste ihn und vertraute vermutlich darauf, dass sein Charme und die Zeit, die seit dem letzten Mal vergangen waren, den Rest erledigen würden.  Umso überraschter schien er, als Tarn ihn sanft, aber nachdrücklich von sich schob. „Dacian hat einiges abgekriegt“, sagte er ernst, „Ich will jetzt nicht einfach abhauen.“ Eli runzelte die Stirn. „Und wenn schon, er hält das aus. Wäre ja auch nicht das erste Mal, dass er was aufs Dach kriegt von Moreau.“ 

Tarn glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. „Du wusstest davon?“, herrschte er ihn an, und Eli zuckte vor ihm zurück. Ein ungläubiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Beruhige dich! Natürlich wusste ich, dass er immer mal hart durchgreift. Es hat mich eher gewundert, dass er sich bei dir zurück gehalten hat, mit Rique ist er nie so zimperlich gewesen.“ 
Tarn starrte ihn nur an, sprachlos vor Zorn, und er wirkte in diesem Moment vermutlich so furchteinflößend, dass sich Eli nach einem Moment selbst unbehaglich fühlte. „Das ist doch nichts Besonderes. Himmel, manche verprügeln ihre eigenen Kinder schlimmer, wenn sie nur frech sind, da kommt ihr doch noch glimpflich weg. Mein Vater hat mir auch schon die eine oder andere Backpfeife verpasst“, versuchte er ihn zu beschwichtigen, aber mit jedem weiteren Wort verdüsterte sich Tarns Gesicht nur noch mehr.

Oh ja, er wusste nur zu gut, wie wenig er gerade aus zu stehen hatte. Vage erinnerte er sich, dass er Ohrfeigen und Schläge auf den Hinterkopf von seinem Vater früher als völlig normal angesehen hatte, ein Ausdruck seiner guten Laune statt seines Zorns. Aber inzwischen dachte Tarn anders darüber, und er hasste, wie sehr Eli ihn an sich selbst erinnerte. Er dachte an Jefrem, der ihn nur ein einziges Mal, in einer absolut chaotischen und von Panik erfüllten Sekunde, ins Gesicht geschlagen hatte. Davor und danach niemals wieder. Jefrem, der keine Gewalt brauchte, um sich durchzusetzen. Und hier stand Eli und wollte ihm erzählen, dass er froh sein sollte, dass Moreau nicht noch härter durchgriff? Dass er sich damit abfinden musste?

Eins war klar, die Lust darauf, an diesem Abend mit Eli noch irgendwo hin zu gehen, war Tarn gründlich vergangen. „Verschwinde einfach, ich bleibe heute hier“, sagte er kalt, und es tat ihm nicht Leid, als Eli ihn regelrecht verletzt ansah. „Was zum Teufel ist denn los mit dir?“, fragte er völlig verwirrt, „Was ist jetzt so tragisch daran? “ Aber Tarn wollte ihm keine Erklärung liefern. „Vergiss es. Ich bleibe hier, bei Dacian.“ Eli rang nach Worten, zum ersten Mal seit Tarn ihn kannte regelrecht sprachlos, hin und her gerissen zwischen Sorge, Unverständnis und Ärger. 

Letztendlich entschied er sich für seine Wut, immerhin hatte er das passende Ziel dafür. „Du willst ihm die ganze Nacht das Händchen halten? Na schön, wenn das deine Vorstellung von Spaß ist“, sagte er, und es war offensichtlich, dass ihm jetzt egal war, wie verletzend er wurde. „Das ist nicht-“, begann Tarn wütend, aber Eli ließ ihn nicht mehr zu Wort kommen. „Oh nein, lass dich nicht aufhalten! Betet schön, bekennt eure Sünden! Wenn ihr gerade dabei seid, kann Dacian dir auch erzählen, wie er es geschafft hat, dass Rique und ich aufgeflogen sind, und ich ihn nie wieder gesehen habe! Vielleicht geht dir dann auf, mit wem du dich abgibst!“
Bevor Tarn auch nur ein weiteres Wort sagen konnte, hatte er sich abgewandt und war aus dem Tür marschiert, hinaus in den Sturm, der ihn nach nur wenigen Schritten verschluckte.

Tarn sah ihm trotzdem nach, und Ärger und Verwirrung hielten sich die ganze Zeit die Waage. Er war nicht sicher, ob Eli diese Anschuldigung nur erfunden hatte, weil er wusste, dass er damit einen Keil zwischen ihn und Dacian treiben konnte, oder tatsächlich die Wahrheit sagte. Aber plötzlich war es ihm auch egal. Rique hier, Rique da, was zum Teufel kümmerte ihn das eigentlich? Er war hier, um eine Schuld zu begleichen, das war alles. Wenn Eli ihn völlig falsch verstehen wollte, war das nicht sein Problem.

Er hätte noch eine Weile hinaus gestarrt, aber plötzlich hörte er die Holzleiter hinter sich knarren, und Dacian stieg zu ihm herunter. Er sah verschlafen und noch nicht ganz munter aus, außerdem schien seine Körperseite immer noch zu schmerzen, er zuckte beim Hinabsteigen mehrmals zusammen. Das Wortgefecht musste ihn aus dem Schlaf gerissen haben, trotzdem schien er sofort begriffen zu haben, was vor sich ging. 

„Du hast Eli weggeschickt? Oder kommt er später zurück?“, fragte er leise, und Tarn schüttelte grimmig den Kopf. „Ich hab für heute genug von ihm.“ Er erwartete, dass Dacian sich darüber freuen würde, aber er sah nur weiter müde und besorgt aus. „Ihr habt euch gestritten“, stellte er fest, und Tarn zuckte mit den Schultern. „Was hat er gesagt?“, wollte Dacian leise wissen, und in diesem Moment wurde Tarn klar, dass er genau das, was Eli eben Preis gegeben hatte, immer gefürchtet hatte. Oder gehört hatte, wie Eli es ihm an den Kopf warf, auch das war möglich.

„Hast du ihn und Rique verraten?“, fragte er, und Dacian zuckte unbehaglich zusammen. „Ja, und nein“, murmelte er bedrückt. „Ich habe mit Moreau gesprochen… bestimmte … Dinge… die ich gesagt habe, haben seinen Verdacht geweckt. Das habe ich Eli gestanden, und seitdem denkt er, ich hätte Moreau alles über sie erzählt. Aber ich verstehe, wenn du lieber ihm glaubst als-“ 
„Es ist mir egal“, unterbrach Tarn ihn, und überraschte Dacian damit. „Ich habe-“, begann er, doch Tarn schüttelte nur den Kopf. „Es ist mir egal“, wiederholte er, während er nach draußen ging und eine Hand voll Schnee auf klaubte, die er dem verdutzten Dacian in die Hand drückte. „Euer Streit interessiert mich ab heute nicht mehr. Ich glaube nicht, dass du Rique verraten hättest. Egal was du oder Eli sagen. Und jetzt drück’ das aufs Gesicht, bevor es noch mehr zu schwillt. Und wenn du willst, kann ich sehen, ob eine Rippe gebrochen ist.“ 

Dacian sah ihn einen Moment verwundert an. Dann lächelte er endlich wieder, erleichtert und amüsiert. „Na gut.“

Nachdem sich Dacian die Leiter wieder hinauf gequält hatte, sah sich Tarn seine Verletzung an, auch wenn das beim eher trüben Schein der Lampe gar nicht so einfach war. Er musste Dacian, der unschlüssig da stand und ihm zusah, regelrecht in Position schieben, bis er endlich in einem günstigen Winkel stand, in dem die Lampe ihn möglichst gut erhellte und er selbst keinen Schatten auf ihn warf. 
Der Bluterguss an Dacians Seite war dunkel und hässlich, und Tarn war fast sicher, dass Moreaus Tritt die Leber getroffen hatte, aber der Schaden schien sich dennoch in Grenzen zu halten. „Du hast Glück. Es ist keine Rippe gebrochen“, stellte Tarn fest, während er Dacian abtastete, und gab ihm dann einen Wink, dass er sich wieder anziehen konnte. 

„Was ist damit?“, fragte Dacian und deutete auf den Bluterguss auf seiner Wange. Er war angeschwollen, und Tarn ärgerte sich, dass er nicht vorher daran gedacht hatte, ihn zu kühlen. Trotzdem versuchte er sein Bestes, ihn abzutasten. „Scheint auch in Ordnung“, murmelte er in Gedanken, und hielt inne, als Dacian untypisch lächelte. „Was ist?“, fragte er etwas ungehalten, weil er das Gefühl hatte, dass Dacian sich in diesem Moment über ihn lustig machte. „Nichts“, sagte Dacian leise. „Nur… ich frage mich, warum du dich überhaupt auf Eli einlässt. Du kannst doch auch anders.“ 

Tarn runzelte die Stirn. Im ersten Moment begriff er nicht einmal, worauf Dacian hinaus wollte. „Was meinst du?“, fragte er, und Dacian zuckte mit den Schultern. „Ich meine, mit mir kannst du anscheinend normal umgehen. Einfach so.“

Tarn schnaubte verärgert. Dacian war also überrascht, dass er ihn völlig ohne Hintergedanken versorgt hatte? Das war so typisch. „Weil ich ja auch auf jeden Kerl anspringen muss, selbst wenn er grün und blau geschlagen ist“, knurrte er und tippte nur leicht Dacians Seite an - das reichte als Rippenstoß im Moment völlig aus, und Dacian zuckte zusammen. „Au! Musste das sein?“, fragte er, aber er lächelte auch. „Lass uns schlafen gehen“, wechselte Tarn das Thema. „Mir reicht es für heute.“

Tarn holte Wasser, bei dem Wetter nicht gerade seine Lieblingsbeschäftigung, und dann wuschen sie sich nacheinander, beide schweigend. Tarn war froh, dass Dacian ihn nicht weiter ausfragte. Er wollte nichts erklären, und inzwischen machte er sich Sorgen. Eli war wütend gewesen; was, wenn er sich entschied, mehr als nur einen Streich zu spielen? Der erste war schon nicht witzig gewesen. Wäre er so abgebrüht gewesen, ihn wirklich in Schwierigkeiten zu bringen? Und Moreau schien langsam aber sicher sein wahres Gesicht zu zeigen, und es gefiel Tarn nicht. Wie sicher konnte er sein, dass er Dacian nicht weiter schikanieren würde, für jeden Fehler, den er machte? Er grübelte darüber nach, während er sich in seine Decke einwickelte und Dacian das Licht löschte. 

An Schlaf war allerdings nicht zu denken. Der Wind heulte immer noch, und der getriebene Schnee prasselte an die hölzernen Wände der Scheune.

Tarn dachte gerade ernsthaft darüber nach, ob er sich Stroh in die Ohren stopfen könnte, als Dacian plötzlich wieder eine Unterhaltung begann. Soviel zu Schlaf. 
„Mischa?“, fragte er leise, und Tarn seufzte. „Hm?“ „Ist er die Ausnahme?“ „Was?“, fragte Tarn irritiert, und Dacian, der bisher auf dem Rücken gelegen hatte, drehte sich ihm zu. „Ich hab mich nur gefragt, ob es an Eli liegt“, sagte er, und seine Stimme klang unsicher. „Ich meine, du, Rique… es scheint, als würde er andere anziehen. Egal wen.“ 
Ja, das war Tarn auch schon aufgefallen. Eli war nicht nur bei Männern beliebt, er zog auch die Aufmerksamkeit der Mädchen auf sich. Immerhin war sein Verlöbnis mit Linette noch nicht rechtens, und er der Erbe seines Vaters. Eli hatte schon einige begehrliche Blicke geerntet, wenn er sonntags in der Kirche oder mit Tarn im Dorf unterwegs war.

Auf der anderen Seite lauerte hinter dieser Frage natürlich etwas anderes. „Du denkst, ich wäre wegen ihm so“, stellte Tarn fest. „Dass ich mich von ihm beeinflussen lasse. Aber das ist Blödsinn. Vor ihm hatte ich genug andere. Das hat nichts… schön, vielleicht hat es manchmal etwas mit dem Menschen zu tun“, gab er zu. „Aber nicht bei mir.“ 

Die Antwort schien Dacian nicht zufrieden zu stellen, auch wenn er kurz schwieg, zu überlegen schien. „Das heißt aber nicht, dass es immer so sein muss“, setzte er schließlich wieder an. „Du könntest dich ändern, wenn du wirklich willst und-“ „Nein, kann ich nicht“, unterbrach Tarn ihn harsch und wandte sich jetzt ebenfalls ihm zu. Es war zu dunkel, als dass er Dacian mehr als schemenhaft vor sich erkennen konnte, aber zumindest hatte er so das Gefühl, dass er seine Worte nicht einfach ignorieren konnte. „Ich habe es versucht, zwei Jahre lang, und es hat nichts gebracht. Kannst du mir nicht wenigstens das glauben?“ „Ich glaube dir“, antwortete Dacian, und das geheuchelte Verständnis in seiner Stimme bewirkte, dass sich Tarns Nackenhaare aufstellten. „Nein, tust du nicht.“ 

Dacian stutzte, aber wenigstens gab er zu: „Gut, sagen wir du hast es versucht. Wahrscheinlich warst du mit den falschen Menschen zusammen. Wahrscheinlich wollte dir keiner helfen.“ „Hast du mich deshalb immer mit in die Kirche geschleift?“, fragte Tarn scharf, „Damit ich die »richtigen Leute« um mich habe?“ Dacian seufzte. „Ja, eigentlich schon“, gab er unbehaglich zu und drehte sich wieder auf den Rücken, starrte nach oben, zu dem Dach der Scheune, das irgendwo über ihnen in der Dunkelheit schwebte. Er schien nach Worten zu suchen, bis er schließlich heraus brachte: „Es hat mir geholfen, weißt du? Die meiste Zeit komme ich inzwischen damit zurecht. Ich dachte, wenn ich es kann, kannst du das auch.“

Tarn brauchte einen Moment, um Dacians Worte in seinem Kopf zu sortieren, wirklich zu verstehen, was er ihm damit sagte. Er starrte in der Dunkelheit zu ihm herüber… und dann, ganz langsam, fügte sich alles in seinem Kopf zusammen. „Du-“, begann er, und Dacian unterbrach ihn hastig, als hätte er Angst zu hören, was Tarn sagen würde. Vielleicht hatte er nicht geplant, sich so zu offenbaren, aber jetzt konnte er es kaum zurück nehmen, also ergriff er die Flucht nach vorn. „Ja, ich war mal wie du. Na ja, vielleicht nicht ganz so“, lenkte er schnell ein. „Ich meine, ich bin nie… ich habe nie… du weißt schon.“ Im Dunkel war es nicht sichtbar, aber Tarn konnte die Röte in seinen Wangen regelrecht aus seiner verlegenen Stimme ablesen. Das wäre witzig gewesen, wenn Tarn von diesem Geständnis nicht so überrumpelt gewesen wäre.

Aber vielleicht ergab jetzt alles einen Sinn. Warum Dacian so offen gegen seine Beziehung zu Eli war, aber ihn, Rique und Eli gedeckt hatte. Und das, obwohl Moreau nur darauf lauerte, dass sie einen Fehler begingen. Wenn Moreau nicht gar ahnte, was es mit Dacian auf sich hatte.

Nein, schlimmer. Er hatte es gewusst. Nur so konnte alles zustande gekommen sein. So hatte Moreau alles erfahren. „Du hast Moreau davon erzählt, oder?“, fragte Tarn leise. „Deshalb hat er das über Rique und Eli gewusst.“ Dacian schwieg, bevor er fast stotternd zugab: „Sie zusammen zu sehen… hat irgendetwas ausgelöst. Ich war nicht eifersüchtig, aber ich habe diese Gedanken nicht mehr aus meinem Kopf bekommen…“ Er atmete zitternd aus, und jetzt klang seine Stimme regelrecht gequält. 
„Ich wusste nicht… was hätte ich denn tun sollen? Ich habe Moreau davon erzählt, weil er sagte, wenn wir Sorgen haben, können wir mit ihm darüber reden.“ Er lachte leise, verletzt. „Das hat er dir nie gesagt. Er hat es zurück genommen, nach diesem Tag. Er wollte nichts mehr davon wissen. Er wollte nur hören, dass ich mich bessere. Dass ich bete und beichte und das alles hinter mir lasse. 
Aber so ist er nun mal. Ich nehme es ihm nicht übel. Er hat mich von der Straße aufgesammelt, er hat mir ein Dach über dem Kopf und Arbeit gegeben. Er war wie ein Vater zu mir. Es ist nicht seine Schuld, dass ich so schwierig bin.“ 

Tarn sagte nichts. Dacian mochte dem Alten verzeihen, aber er selbst hatte keinen Funken Sympathie für Moreau, nicht in dieser Sache. Und er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie Dacian sich fühlte. Als er geglaubt hatte, dass Jefrem ihn hintergehen würde, hatte er auf die selbe Art getrauert. Bei Jefrem hatte er sich getäuscht, aber Dacian hatte damit leben müssen, dass jemand, in den er so viel Vertrauen gesetzt hatte, ihn für das verachtete, was er war. Kein Wunder, dass er so verzweifelt versuchte, Moreau und sich selbst etwas vor zu spielen. 

Dacian schniefte, und das Rascheln des Strohs unter ihm deutete darauf hin, dass  er versuchte sich möglichst heimlich die Augen zu wischen, aber er sprach so unbeeindruckt weiter, als ginge es ihm nicht zu Herzen. „Und weißt du was, es ist einfacher geworden. Ich wollte nicht, dass Rique verschwindet, aber als er und Eli erst weg waren… ich habe es irgendwie vergessen. Nicht mehr daran gedacht. Wie ein Fieber. Ich hab es durchgestanden, und dann war es vorbei.“

Aber das glaubte Tarn nicht. Er glaubte nicht, dass es vorbei war, sonst hätte Dacian ihn nicht praktisch angefleht, sich zu ändern und ihn damit ebenfalls nicht in Versuchung zu führen. „Aber jetzt fängt es wieder an?“, fragte er leise. Die folgende Stille war Eingeständnis genug. „Und deshalb soll ich mich von Eli fern halten? Damit du deinen Frieden hast?“, fuhr Tarn fort. „Ich weiß es nicht.“ Dacian flüsterte er mehr, als dass er es sagte. „Ich weiß nicht, wie ich es wieder los werde. Ob ich es jemals wieder los werde.“ 

Er schämte sich. Er wusste selbst, wie egoistisch dieser Wunsch war, und doch litt er. Und konnte Tarn es ihm verübeln? Er hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass er ein Ausgestoßener war, aber er konnte das selbe nicht von Dacian verlangen. Genauso wenig wie er ihn zwingen konnte, nichts auf Moreaus Worte zu geben. Wie lange hatte er selbst gebraucht, um sich damit abzufinden, dass sein eigener Vater ihn niemals akzeptieren würde? Jahre.

Aber er konnte Dacians Wunsch erfüllen. Auf andere Weise. Gehen oder Bleiben? Jetzt hatte er seine Antwort.

„Wenn der Winter vorbei ist, verschwinde ich“, sagte er langsam, und Dacian richtete sich erstaunt in den Sitz auf, beugte sich zu ihm herüber. „Was?“ Tarn konnte in der Dunkelheit nicht erkennen ob er erleichtert war, aber das musste er sein, oder? Das war schließlich das, was er wollte.

Warum tat das so weh? Egal. Er hatte immer die Wahrheit sagen wollen, er hatte Dacian immer sagen wollen, wer und was er war. Das war der Moment. Er richtete sich ebenfalls auf, und obwohl er Dacian kaum erkennen konnte, war er in diesem Moment mit ihm auf einer Augenhöhe.

„Ich bin sowieso auf der Flucht“, sagte er und lächelte schmal ins Nichts, und irgendwie kam ihm alles so knapp und so sorglos über die Lippen, als bedeute es nichts. Als würde er nicht bis zum Grund tauchen müssen, um alles hervor zu zerren, das er so lange verborgen hatte, vor jedem, selbst vor Jefrem. 

„Ich habe jemand ermordet“, sagte er, und er war in diesem Moment froh, dass er das Entsetzen in Dacians Gesicht nicht erkennen konnte, oder die Abscheu. Sie waren da, er wusste es einfach. „Einen Mörder, falls es dich irgendwie kümmert“, sagte er. Eine Rechtfertigung, die keine war. „Ich hab seine Leiche verbrannt, und… das Feuer griff über. Der, dem ich geschadet habe… er wollte nicht, dass ich hänge. Er hat mich versklavt. Ich bin eine Weile dort geblieben, aber… irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten. Bin geflohen. Aber vermutlich sucht irgendjemand nach mir. Ich warte nur noch bis zum Ende des Winters, dann haue ich hier ab, und dann bist du mich los.“

Er wartete darauf, dass Dacian nun zufrieden sein würde. Oder zumindest, dass er sich in Abscheu abwenden würde, immerhin wusste er jetzt, mit wem er es zu tun hatte. 

Er schien tatsächlich um Worte zu ringen, aber das, was er schließlich sagte, war nicht das, was Tarn erwartet hatte. 
„Das kannst du nicht machen“, brachte er hervor. „Was ist mit Linette? Oder Eli?“ „Die kommen auch ohne mich zurecht“, unterbrach Tarn seinen Protest und lächelte bei dem Gedanken an Linette, weil sie die letzte gewesen wäre, die ihn von irgendetwas abgehalten hätte, selbst wenn sie sich so nahe standen. „Und deine Arbeit? Du hast gerade erst angefangen, und jetzt willst du alles hinwerfen?“, fragte Dacian weiter, und Tarn zuckte mit den Achseln. „Moreau findet jemand anderen. Vielleicht läuft ihm endlich mal jemand über den Weg, der keinen Ärger macht. Oder kein Mörder ist. Für ihn ist es auch das Beste, oder?“

Dacian schwieg, und das machte Tarn nervös. Warum war er nicht endlich erleichtert? Begriff er denn nicht, dass das die beste Lösung für alles war? „Sei doch froh“, sagte er leise und ließ sich zurück fallen, drehte sich herum, sodass er Dacian den Rücken zu wandte. „Das ist genau das, was du wolltest. Du wirst mich los. Moreau lässt dich in Ruhe. Du kannst Eli aus dem Weg gehen. Wird sein, als wäre ich nie da gewesen.“

Ja. Letztendlich würde sich niemand an ihn erinnern. Die Welt drehte sich weiter, auch ohne ihn.

Er hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass Dacian wütend werden würde.

„Ernsthaft? Glaubst du ernsthaft, nur weil du deine Sachen nimmst und gehst, werde ich vergessen, dass du da warst?“, brach es aus ihm heraus, und Tarn zuckte unter der Wut in seinen Worten zusammen. „Glaubst du ernsthaft, dass Linette dir einfach keinen Platz mehr bei sich frei hält und vergisst, dass du je bei ihr in der Schenke gesessen hast? Dass Bernice einfach einen Stuhl vom Tisch weg stellt, einen Teller weniger aufdeckt und die Sache damit erledigt ist? Dass niemand merkt, wenn dein Platz in der Kirche leer bleibt? Bist du wirklich so dumm?“

Das tat weh. Aber was Dacian nicht verstand war, dass genau das geschehen würde. Früher oder später würde Mischa nur eine vage Erinnerung sein, und schließlich ganz vergessen, von der Zeit ausgelöscht wie der Name eines Toten auf einem verwitterten Grabstein.

„So ist es nun mal“, sagte er leise, und er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme zitterte. „So wichtig war ich nie, dass es irgendjemand gekümmert hat.“ Aber Dacian ließ das nicht gelten. „Das glaube ich nicht! Dann hast du nicht richtig zugehört! Selbst Eli wird dich vermissen, egal was für ein Idiot er ist. Aber vielleicht sind wir dir einfach so egal, dass du nicht weißt, was du eigentlich ausmachst.“ „Ihr seid mir verdammt nochmal nicht egal!“, fluchte Tarn und setzte sich wieder auf, und er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme kippte. „Und du bist mir nicht egal, du Arschloch! Ich will dir damit helfen! Du hast selbst gesagt, dass ich dir das Leben schwer mache! Du beziehst wegen mir Prügel, wenn ich da bin lenke ich dich ab, ich-“

Weiter kam er nicht. Bevor er noch ein weiteres Wort sagen konnte, hatte Dacian ihn zu sich heran gezogen. Seine Arme schlossen sich um ihn, hielten ihn fest. Er umarmte ihn. 
Sein Körper war warm, alles an ihm so vertraut, sein Geruch, das Gefühl, so nah bei ihm zu sein. Und obwohl Tarns Herz jetzt schnell schlug, fühlte er keine Panik, und kein Unbehagen. Nicht den Wunsch zu fliehen. Nur Geborgenheit, und 

Liebe

Ein panischer Teil seines Verstandes, ein kleiner, verletzter Teil seiner selbst, der immer weg lief, schrie ihm zu, dass er ihn weg stoßen sollte. Aber das konnte er nicht. Weil er sich nach nichts mehr sehnte, als endlich fest gehalten zu werden, nicht mehr auf der Flucht zu sein. 

Das war erst das zweite Mal in seinem Leben, dass er diese Art von Liebe spürte. Ein so rares Gefühl, dass er nicht gewusst hatte, wie er es benennen sollte, auch wenn ihm jetzt endlich klar wurde, dass er es kannte, von einem einzigen, viel zu kurzen Moment, als er neben Anssi aufgewacht war. Der einzige andere Mensch, denn er auf diese Weise liebte. Kein rein körperliches Verlangen. Nicht nur Freundschaft oder die Liebe zu einem Famlienmitglied. Der Wunsch, jemand immer um sich zu haben, nie mehr los zu lassen.

„Das ist nicht wahr. Du machst mir das Leben nicht schwer“, murmelte Dacian leise neben seinem Ohr, und seine Hand strich über Tarns Rücken. Eine Berührung, die er kannte wie eine ferne Erinnerung. „Bevor du da warst hatte ich niemanden. Niemand für mich. Eli fand mich von Anfang an langweilig, Rique irgendwann auch. Ich durfte dabei sein, wenn sie unterwegs waren, aber niemand wollte wirklich mit mir zusammen sein. Du… du siehst mich. Und jedes Mal, wenn ich denke, jetzt hab ich’s endgültig übertrieben, du wirst mir übel nehmen, dass ich dich von Eli fern halte, dass ich dir deine Zeit stehle, dich einfach nur langweile… schläfst du auf meiner Schulter ein, und ich weiß, du bist nicht wütend auf mich. Du magst mich. Ich will nicht, dass du gehst. Lass mich jetzt nicht damit allein.“ „Du verstehst das nicht“, flüsterte Tarn zurück, „Ich kann nicht ändern wer ich bin, ich kann nicht-“ „Ich weiß. Ich hätte das nicht sagen sollen“, unterbrach Dacian ihn und seufzte tief. 
„Ich- ich wollte alles haben. Ich wollte dich… und trotzdem nicht gegen die Regeln verstoßen. Nicht schon wieder. Dabei ist das völlig sinnlos. Ich hab Moreau so oft angelogen, ich hab Eli und Rique tun lassen, was sie taten… verdammt, ich hab sie ja erst zusammen gebracht. Ich wusste, was passieren würde. Das ist alles schon unverzeihlich. Und bevor ich hierher kam, hab ich gestohlen, mich irgendwie durchgeschlagen. Ich wurde sogar gesucht.
Und dann war ich hier, und ich… ich wollte neu anfangen. Ein besserer Mensch sein. Ich hab so getan, als könnte ich irgendwas retten, dabei hab ich schon verloren. Wenn hier einer dumm ist, dann ich.“ Er atmete seufzend aus, ließ seine große Hand hinauf in Tarns Nacken gleiten, und ein warmer Schauer lief über seinen Rücken. „Ich kann es nicht rückgängig machen. Oder verheimlichen. Und wie es aussieht, kommen wir so oder so zusammen in die Hölle.“

Und dann, bevor Tarn noch irgendetwas sagen konnte, spürte er Dacians warmen Atem auf seinem Gesicht, bevor sich ihre Lippen trafen. Dacian zog ihn mit sich, unter sich, begrub ihn in einer Umarmung. Er war groß und schwer, drückte ihn mit seinem ganzen Gewicht nieder, aber Tarn ließ es nur zu gern zu. Dacians Körper, seine Zuneigung, alles hüllte ihn ein wie eine warme Decke.

Und endlich hob er auch die Hände, griff nach ihm, strich durch sein leichtes braunes Haar. Warum hatte er sich so darauf versteift, Anssi wieder zu finden, in irgendjemand anderem? Er hatte dabei Dacian übersehen, nur, weil die Anziehung zwischen ihnen anders war. Selbst jetzt, unter ihm liegend, fühlte er mehr als nur Erregung. Er hätte sich damit zufrieden gegeben, die ganze Nacht in seinen Armen zu liegen und zu wissen, dass er da war. 
Verrückt. Diese Art von Gefühlen hatte er immer von sich geschoben, hatte gedacht, dass sie nicht zu ihm passten. Für lange Zeit war die Bereitschaft miteinander zu schlafen das Einzige gewesen, das ihn mit den meisten anderen Menschen verbunden hatte. Und plötzlich hätte er völlig darauf verzichtet, wenn Dacian ihn einfach so weiter küsste, ihn nicht außer seiner Umarmung ließ.

Aber berühren wollte er ihn, alles von ihm. Er ließ seine Hände unter Dacians Hemd gleiten, und der zuckte leicht zusammen. „Du bist schon wieder eiskalt“, flüsterte er ihm zu, und Tarn hörte das Lächeln aus seiner Stimme, das er so gut kannte, so tief verinnerlicht hatte. „Nein, du bist einfach nur warm.“ Dacians Körper strahlte Hitze ab wie das Schmiedefeuer, an dem er den ganzen Tag arbeitete, und Tarn stellte sich vor, wie es sein würde, wenn er sich so eng an ihn schmiegte, wie er konnte, seine ganze Wärme in sich aufnahm… vielleicht ihn gleich mit. 
Verdammt, hatte er gerade gedacht, dass er aushalten würde nicht mit Dacian zu schlafen? Er hatte sich gerade um entschieden, er war hart. Aber im letzten Moment verbot er sich, diese Gedanken auszusprechen. Dacian war völlig unerfahren, er hatte gerade seine größten Geheimnisse vor ihm offen gelegt. Er war verletzlich und unsicher, und Tarn hätte ihn nur zu leicht überfordern können. Nein, er würde ihn zu gar nichts drängen. Lieber lenkte er ihn und sich selbst davon ab, indem er fragte: „Wieso eigentlich »schon wieder«?“ 

Dacian hielt inne, und jetzt schien er schon wieder verlegen zu sein. Irgendetwas hielt er schon wieder zurück, stellte Tarn irritiert fest. Er war vermutlich der letzte, der sich beschweren konnte, aber wie viele Geheimnisse konnte ein Mensch haben?
„Was?“, fragte er, und Dacian seufzte. „Eigentlich… nichts. Nur, nachts, wenn du geschlafen hast…“ Er brach ab, und plötzlich fühlte Tarn Angst. „Was? Was war nachts? Habe ich dich angefasst?“, fragte er, weil er plötzlich überzeugt war, dass es das sein musste, dass er Dacian das Leben noch schwerer gemacht hatte als er ahnte. Wenn er ihn im Schlaf berührt hatte, vielleicht, weil er glaubte bei Eli zu sein, oder bei Anssi…

Aber Dacian lachte nur leise und beruhigte ihn sofort: „Nein, nicht so, keine Angst! Du hast… du bist zu mir heran gerückt. Ich glaube du hast gefroren, deine Hände waren immer kalt. Manchmal hast du mich umarmt, oder im Schlaf gemurmelt. Aber sonst hast du nur bei mir gelegen.“
Tarn atmete seufzend aus. „Das ist alles?“, fragte er erleichtert, aber Dacian schien es damit nicht abtun zu wollen. „Alles? Ja. Aber es war mir wichtig. Ehrlich gesagt bin ich froh darüber“, sagte er leise. „Warum?“ „Weil ich deswegen gezweifelt habe, ob es nicht doch richtig ist“, erklärte Dacian leise, und etwas in seiner Stimme ließ Tarn schaudern, fachte seine Erregung nur noch mehr an. „Neben dir zu liegen war schön. Irgendwie anders als meine… anderen Gedanken. Ich hatte keine Angst davor. Ich hab mich nie geschämt.“ Seine Hände strichen über Tarns Haar, und er beugte sich wieder hinunter, küsste ihn, aber diesmal stürmischer. Verlangender. „Selbst… jetzt nicht“, hauchte er.

(I)
Er tastete nach Tarns Hand, führte sie zu sich heran, sodass sie zwischen seinen Beinen zum liegen kam. Sein hartes Glied lag in Tarns Hand, nur spärlich verhüllt von ein wenig Stoff, sodass Tarn dennoch die Hitze seiner Haut spürte, die Anspannung und Begierde.

„Dacian-“,  wollte er sagen, aber der zog ihn nur noch näher an sich heran, erstickte alle sinnlosen Worte mit gierigen Küssen, und Tarn ließ ihn nur zu gern gewähren. Dacians Hände waren überall auf seinem Körper, schoben sein Hemd hoch, seine Lippen kosteten den Geschmack seiner Haut. Tarn half ihm, zog sich seine Kleidung über den Kopf und warf einfach alles von sich. Er wollte ihn, er wollte sich in dieser Wärme verlieren, und er schauderte wohlig, als sie endlich völlig nackt bei einander lagen, Haut an Haut. Er wusste wieder, was er bei Anssi vermisst hatte, was er glaubte gefunden zu haben, als er ihn diesen einen Moment lang berührte.
Sie hatten in der Dunkelheit keine Orientierung, und Dacian auch keine Erfahrung, auf die er zurück greifen konnte, aber er machte das mit glühendem Verlangen wieder wett. Er schien jeden Zentimeter von Tarns Körper erforschen zu wollen, alles war neu für ihn, und trotz seiner Erregung behielt Tarn dieses Wissen im Hinterkopf, führte ihn, so gut er das vermochte.

Dacian war die ganze Zeit über ihm, und Tarn dachte überhaupt nicht mehr darüber nach, wie es ablaufen würde; Dacian war größer, kräftiger, er war oben, also nahm er einfach an, dass er das bleiben würde. Er spreizte die Beine leicht, versuchte Dacian zu signalisieren, dass er ihn haben könnte. Umso überraschter war er, als er sich plötzlich erhob, auf seinen Schoß setzte, nach seinem Glied griff. Anscheinend sah er die Sache etwas anders.

Irritiert setzte Tarn sich auf, hielt ihn fest, bevor er weiter machen konnte. „Warte“, flüsterte er, und Dacian hielt inne, beinahe unwillig. „Mache ich irgendwas falsch?“ Seine Hand glitt immer noch über Tarns hartes Glied, und die Ungeduld in seiner rauen Stimme hätte Tarn fast dazu verführt, ihn einfach gewähren zu lassen. Aber nein, das durfte er nicht, Dacian wusste vermutlich nicht, worauf er sich einließ. „Nein. Aber-“ „Was denn dann?“, fragte und zog ihn zu sich, küsste ihn. Anscheinend wollte er alles, nur nicht aufhören, Tarn musste sich selbst zwingen, ihn zurück zu halten. „Ich will dir nur nicht weh tun“, hauchte er.

Dacian ließ einen frustrierten Seufzer entweichen, aber er ließ Tarn los. „Kannst du nicht einfach vorsichtig sein?“ „Werde ich, aber ich kann dich trotzdem verletzten“, antwortete Tarn. „Weißt du überhaupt, was du da willst?“ Dacian zögerte, und vermutlich half diese Frage nicht weiter. „Warte, ich zeig’s dir.“ Tarn schob zwei Finger in den Mund, befeuchtete sie, dann ließ er seine Hand zwischen Dacians Beine gleiten. Er stieß ihn sanft mit nur einem Finger an, schob sich vorsichtig in ihn. Dacian, der angespannt über ihm ausgeharrt hatte, stöhnte leise auf, ein unsicherer Laut zwischen Lust und Überraschung, und Tarn fühlte, wie sein Glied zuckte. Ein Anfang. „Das ist nur ein Finger. Es wird mehr, verstehst du?“ Er hielt inne, beschloss ehrlich zu sein und fügte mit einem schiefen Grinsen hinzu: „Naja, nicht viel mehr, aber mehr. Damit hast du keine Erfahrung, oder?“

 Dacian atmete seufzend aus, aber er war plötzlich untypisch still, und inzwischen wusste Tarn schon, was das hieß. Was verheimlichte er jetzt schon wieder? „Oder?“, wiederholte Tarn und stieß wieder vorsichtig in ihn, sodass Dacian aufstöhnte und dann leise murmelnd zugab: „Keine kann man nicht sagen… Wenn du nicht da warst, unterwegs mit Eli… oder geschlafen hast... “
„Im Ernst?“, fragte Tarn und zog seine Hand zurück. Er wusste nicht, ob er amüsiert oder ärgerlich sein sollte. Erzählte ihm dieses Unschuldslamm gerade ernsthaft, dass er sich die ganze Zeit vor seiner Nase selbst befriedigt und er nichts davon mitbekommen hatte? Und das, obwohl er anscheinend der Auslöser dafür gewesen war? Gott, warum hatte Dacian ihn nicht einfach wecken können? Was er sagte konnte schließlich nur bedeuten, dass er selbst einiges ausprobiert hatte. Tarn stellte sich vor, wie Dacian eines nachts zu ihm gekommen wäre, hart und schon bereit, unfähig sich noch länger zurück zu halten. 

Dacian verstand seine Frustration natürlich prompt falsch. „Ich weiß, das kann man nicht vergleichen“, sagte er schnell und riss Tarn aus seiner Fantasie davon, was Dacian alles ohne ihn angestellt hatte und mit ihm hätte anstellen können. Er seufzte und beruhigte ihn: „Nein, das meine ich nicht. Also, wie viele Finger hattest du schon?“ „… Zwei…“, murmelte Dacian nach einigem Zögern zur Antwort. Das war nicht zu viel, aber er hatte große Hände, und alles was er gehört hatte ließ bei Tarn nur den Schluss zu, dass Dacian mehr als nur bereit war einen Versuch zu wagen. Außerdem ging ihm gerade selbst die mühsam beherrschte Geduld aus.

„Dann komm her“, sagte er nur und sorgte für etwas Feuchtigkeit, und Dacian positionierte sich wieder über ihm. Er griff nach Tarn, und seine Hände zitterten jetzt leicht. Tarn legte eine Hand auf seiner Hüfte, die andere an seinem Glied, streichelte ihn, aber er kam fast aus dem Takt, als Dacian sich langsam auf ihn sinken ließ.

Bei all der Sorge um Dacian hatte er ganz ausgeblendet, dass es auch für ihn das erste Mal war, zumindest auf diese Art. Jetzt wurde ihm bewusst, was er verpasst hatte. In Dacian zu sein ließ sich mit nichts vergleichen, das er bisher erlebt hatte. Er konnte sich nicht zurück halten, hob seine Hüften, schob sich Dacian entgegen, und seine Hände verkrallten sich in seine Schenkel. Er nahm vage am Rande wahr, dass er stöhnte, dass Dacian stöhnte und sich auf ihm bewegte, aber das war bei weitem nicht genug, und gleichzeitig viel zu viel. Wie zum Teufel hatte sich Anssi so zurück gehalten, oder Eli? 

Dacian war heiß, eng, perfekt. Er musste sich konzentrieren, nicht zu kommen, und war froh, dass Dacian anscheinend besser die Kontrolle behielt als er selbst. Er küsste ihn, streichelte über seine Brust, während er ihn ritt, erst langsam, gleichmäßig, dann immer schneller, und Tarn konnte nichts anderes tun, als ihn gewähren zu lassen, zu tun, was er wollte. Als Dacian wieder nach seiner Hand griff, sie zu seinem harten Glied führte, gehorchte er ihm einfach nur. Hatte er geglaubt, weil Dacian weniger erfahren war, weil er ihn in sich aufnahm, würde er nicht die Führung übernehmen? Er war nie so froh, sich geirrt zu haben. Er liebte es, wie Dacians Zunge über seinen Hals fuhr, seine Hände durch seine Haare gleiten ließ, wie er sich irgendwann vorbeugte, ihn wieder ganz unter sich begrub. Draußen tobte ein eisiger Sturm, die Temperatur musste in der Scheune inzwischen bis zum Gefrierpunkt gefallen sein, aber Tarn war heiß, er hatte das Gefühl in Dacians Armen zu schmelzen.
(I) 

„Ich liebe dich“, flüsterte Dacian ihm stöhnend zu, und Tarn spürte, dass er fast so weit war. „Ich liebe dich, Mischa.“ Und obwohl es wohl der dümmste Moment überhaupt war, brachte ihn irgendein fehlgeleiteter Gedanke dazu, ihm zu zu flüstern: „Nein, Tarn.“ 

Dacian hielt inne, nach Atem ringend. „Was?“, fragte er perplex, und Tarn wiederholte seine Worte. „Ich heiße Tarn. Ich hab dir meinen echten Namen nie gesagt.“ Dacian schwieg eine Sekunde. Und plötzlich lachte er, ein tiefes, aus dem Bauch kommendes Lachen, das Tarn in seinem ganzen Körper spürte. Dann küsste er Tarn, so verlangend, so liebevoll wie noch nie jemand ihn geküsst hatte. „Dion“, sagte er leise, als er von ihm ab ließ. „Das ist mein echter Name.“ 

(II)
Und Tarn musste ebenfalls grinsen. Warum hatte er das geahnt? „Musst du eigentlich immer ein Geheimnis mehr als ich haben?“, fragte er, und konnte nicht weiter sprechen, weil Dion sich wieder auf ihm bewegte, ihn jetzt wirklich hart ran nahm. Er wusste kaum noch, wie er Atem schöpfen sollte, was atmen überhaupt war. „Wieso nur eins?“, fragte Dion keuchend, und dann verstummte er ebenfalls, als Tarn wieder nach seinem Glied griff. Und in dem Moment, in dem sich Dion auf ihm anspannte, zusammen zuckte und seinen Samen auf ihm verspritzte, flüsterte er ihm abgehackt zu: „Ich- liebe dich- auch.“ Und dann kam er selbst, und wäre nicht alles um sie herum dunkel gewesen, hätte er geschworen, dass ihm kurz schwarz vor Augen wurde.
(II)

Eine Weile lagen sie nur im Dunkeln. Halb träumend, erschöpft. Dion hatte sein Gesicht in Tarns Halsbeuge vergraben, einen Arm um ihn geschlungen und wärmte seinen Rücken. Er schien es zu mögen, seinen Geruch ein zu atmen.

Irgendwann zwang Tarn sich aber doch dazu, sich noch einmal aufzurappeln. Die Hitze verflog langsam, die Scheune war kalt, er wollte sich wieder anziehen. Und bei Anssi hatte er sich penible Sauberkeit angewöhnt, und er sehnte sich danach, sich zu waschen. 
Dion murrte, als er sich aus seiner Umarmung wand und aufstand. „Was machst du?“, fragte er gähnend. „Wir sollten uns was anziehen“, antwortete Tarn. Er tastete herum und fand zuerst seine Hosen, die er nachlässig überstreifte, bevor er schließlich die Lampe entdeckte und alles was er brauchte, um sie zu entzünden. 

Er blinzelte in das trübe Licht, und Dion streckte sich. Tarn betrachtete ihn, und war für einen Moment verwirrt. Dacian und Dion, beide überlagerten sich in diesem Moment in seinem Kopf, beide die selbe Person, und doch Welten von einander entfernt. Irgendwie war es einfacher zu glauben, dass er mit Dion geschlafen hatte als mit Dacian. In seinem Kopf war Dacian immer noch der brave Kirchgänger, eher Dions stillerer Zwillingsbruder, der sein Haar nicht so wild zerzaust trug und weniger wilde Geheimnisse hatte.
Dion schien es ähnlich zu gehen. Er legte den Kopf leicht schief, und er lächelte, so unschuldig wie sonst auch. „Kommt dir das auch alles gerade richtig merkwürdig vor?“, fragte er und kratzte sich, nur um schmerzerfüllt zusammen zu zucken. Der Bluterguss an seiner Seite war immer noch da, genau wie der in seinem Gesicht. „Den hatte ich völlig vergessen“, sagte er, und seine gute Laune schien kurz zu schwinden. „Komm, wasch dich besser auch“, empfahl ihm Tarn und lenkte ihn genug ab, dass sein Lächeln wieder kehrte.

Das war das erste Mal, dass sie sich direkt nebeneinander wuschen, nicht nach einander im Verborgenen. Dion, der etwas wacklig auf den Beinen war, hatte weniger zu tun; er nutzte die Zeit, Tarn zu beobachten. Er musterte seinen nackten Oberkörper neugierig und, wie am ersten Tag, als sie sich begegnet waren, mit deutlichem Gefallen, und bei dieser Erkenntnis musste Tarn lächeln. Er hatte sich bei Dacian, verdammt, natürlich Dion, letztendlich doch nicht geirrt.

Dions Blick wiederum blieb an dem vernarbten Brandzeichen hängen. Er warf seinen Lappen zurück in den Wassereimer und trat hinter Tarn, der sich jetzt die Hose abstreifte und weiter wusch, nachdem er mühsam seinen Bauch sauber geschrubbt hatte. Er beobachtete aus den Augenwinkel, wie Dion die Hand ausstreckte, und dann berührte er die aufgeworfene, rote Haut mit der Vertiefung in Form des hässlichen, eckigen »K«. Das Brandzeichen selbst war schlicht, aber nicht so abstoßend gewesen, aber das Ausschneiden hatte einen hässlichen, fast formlosen Krater hinterlassen. Es schien Tarn endlos her, dass er gebrandmarkt worden war, aber die Wunde heilte immer noch, Schicht um Schicht, selbst nach Monaten, und vielleicht würde sie niemals ganz ausgeheilt sein. 
Dions Finger glitten vorsichtig darüber, fasziniert, bevor er ihn weiter umrundete, jede Narbe, jeden Muskelstrang unter seiner Haut betrachtete. Unwillkommen erinnerte Tarn sich an Anssi, seine Musterung, die dieser so unheimlich glich. Anssi hatte seine Faszination besser verborgen, und vermutlich hatte er auch mehr nackte Männer in seinem Schlafzimmer gehabt als das Jahr Tage hatte, aber der Blick beider Männer glich sich trotzdem. 

Dion hatte ihn jetzt umrundet, und Tarn wusste, was kommen würde. Unvermeidlich. Dions Blick glitt hinunter, über seine Hüfte zwischen seine Beine. Seine Reaktion war nicht die Schlechteste, aber auch nicht die Gelassenste. Anssi hatte überhaupt kein Interesse an seiner Besonderheit gezeigt, so wie einige andere. Antoine hatte gestutzt, so wie Dion jetzt. Die wenigen, die Abscheu gezeigt hatte, hatte Tarn fallen lassen, meist Sekunden, nachdem sich ihr Gesicht verzogen hatte. Er wünschte, er hätte das hinter sich bringen können, bevor er mit Dion geschlafen hatte, aber im Dunkeln war es praktisch nicht aufgefallen.

Jetzt warf Dion einen zweifelnden Blick auf sein eigenes Geschlecht, und die Verwirrung in seinem Gesicht ließ Tarn lächeln. Er musste sich wirklich von anderen Männern fern gehalten haben, wenn er zweifelte, wer von ihnen beiden das richtige Aussehen hatte. Aber auf der anderen Seite war das auch ein Zeichen, dass er sich selbst nicht als den Maßstab aller Dinge zu betrachten schien, und dem konnte Tarn durchaus etwas abgewinnen. 

„Keine Angst, du bist von uns beiden der »Normale«“, sagte er, und Dion errötete, wandte den Blick ab. „Tut mir Leid, ich- ich wollte nur- ich meinte nicht-“, stotterte er, und er hätte sich vermutlich endgültig in seinen Worten verheddert, wenn Tarn nicht eine beruhigende Hand auf seinen Arm gelegt hätte. „Es macht mir nichts aus“, sagte er nur, und zögerlich nickte Dion und betrachtete ihn wieder. Wie angezogen hob er die Hand, und suchte dann doch wieder seinen Blick, die Erlaubnis, ihn berühren zu dürfen. Erst als Tarn nickte, wagte er es, strich über die Haut, die sich knapp über seinem eher kurzen Glied leicht erhob, teilte, nur halb ausgeformte Schamlippen bildete. Sie zogen sich über die Hoden hinab, wenn sich die Teilung dort auch deutlich abschwächte.

„Ist das schon immer so?“, fragte Dion leise, und Tarn lächelte. „Nein. Bei meiner Geburt haben sie gerätselt, ob ich nicht ein Mädchen bin. Irgendwann mit zwölf bin ich dann weiter gewachsen, und es hat sich geklärt. Bis dahin sah ich aus wie eine Frau“, sagte Tarn, und angesichts von Dions Neugier fiel es ihm nicht einmal schwer, darüber zu sprechen.

Früher hätte er diesen direkten Vergleich allerdings rundheraus abgelehnt und jedem die kalte Schulter gezeigt, der ihn anbrachte. Vielleicht, weil sein Vater all das, was Tarn anders machte, nicht trennen konnte, zu einem großen, hasserfüllten Ganzen vermengte. Mehr als einmal hatte er ihn weibisch geschimpft, selbst, als sein Körper sich schon verändert hatte.
Aber inzwischen ging diese Schmähung Tarn nicht mehr so nahe, und konnte auch endlich in Worte fassen, wieso. Linette hatte etwas wach gerufen, dass er schon lange insgeheim gewusst hatte - dass er Frauen weder hasste, noch Ekel vor ihnen empfand, nicht vor ihrem Körper, und nicht vor ihrem Wesen. Er fürchtete sich nicht davor, ihnen in gewissen Belangen ähnlich zu sehen, selbst wenn die Gemeinsamkeiten dort aufhörten.

„Aber sonst ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Dion, und Tarn schnaubte amüsiert und zog ihn zu sich. Zufrieden bemerkte er, dass Dion nicht vor ihm zurück zuckte, sich ihm noch genauso entgegen lehnte wie zuvor. Er war verwundert, aber nicht angeekelt. „Sag du’s mir“, flüsterte er ihm zu, und Dion lächelte und zuckte mit den Schultern. „Da fragst du den Falschen, ich habe nie irgendetwas mit irgendjemand getan. So eine Frage musst du Eli stellen.“ 

Tarn schnaubte verächtlich, weil er sich nur zu gut an Elis Reaktion erinnerte. Zu dem großen Ganzen hatte er nichts gesagt, dafür hatte er sich über seine Länge lustig gemacht. Er mochte nett sein, aber manchmal konnte er sich seine große Klappe auch sonst wohin stecken. Als Tarn zaghaft angefragt hatte, ob er auch irgendwann mal unten liegen würde, hatte er „Das wäre ein kurzer Spaß!“ zum Besten gegeben und danach ewig über seinen eigenen blöden Witz gegrinst. Arschloch. 

„Denkst du, er würde das ernsthaft beantworten?“, fragte er unwillig, und Dion runzelte die Stirn. „Keine Ahnung. Vergiss es, ich hätte nicht fragen sollen. Ist mir ja auch egal, was er denkt. Ich finde dich schön“, sagte er und lächelte, als Tarn verlegen weg sah. „Das Kompliment kannst du dir für Mädchen sparen“, murmelte er, aber Dion schüttelte den Kopf und schlang seine Arme um ihn. „Du bist schön. Wirklich. Alles an dir.“ 

Er küsste Tarn, und der staunte darüber, wie warm er immer noch war, und wie wohl er sich in seinen Armen fühlte. Wie wenig es ihm ausmachte, von ihm betrachtet zu werden, wie er war. Er erinnerte sich, dass Anssi ihn so betrachtet hatte. 
Dions Hand glitt hinunter, legte sich auf sein Glied, aber Tarn schob ihn sanft weg. „He, ich muss mich noch fertig waschen“, protestierte er, und Dion nahm ihm den Lappen aus der Hand, rieb über sein halb steifes Glied, bewusst gründlich, dann weiter hinunter, ließ nichts aus. „Da, sauber“, sagte er schließlich und warf den Lappen zurück, und schon waren seine Hände wieder auf ihm, und er schob Tarn zurück zu ihrem Lager. Seine Erregung war deutlich fühlbar, und obwohl Tarn nichts dagegen einzuwenden hatte, war er doch überrumpelt. Vor Stunden hatte ihm Dacian stammelnd gestanden, dass er versucht hatte diese Leidenschaft abzulegen. Und plötzlich war er Dion, und er war wie befreit. 

Er hätte sich freuen müssen. Stattdessen fürchtete er sich plötzlich. Das war lächerlich, aber für einen Moment fürchtete er, dass Dion das tun würde, was er selbst getan hatte. Wahllos zum nächsten gehen, keine feste Bindung riskieren. Dass er ihn tatsächlich verdorben hatte, und für einen Moment hielt er ihn ab, stand nur da und sah ihn an.
„Was ist?“, fragte Dion, und in diesem Moment war er wieder mehr Dacian. Rücksichtsvoll, ein bisschen still, ruhig, vertraut, und verlässlich. „Bleibst du bei mir?“, fragte Tarn, und er schämte sich dafür. Als Antoine ihm diese Frage gestellt hatte, nicht direkt, sondern indirekt, hatte er ihn fallen lassen, ohne weiter darüber nachzudenken. Erst jetzt verstand er, wie grausam er gewesen war. Und er hatte nie zugelassen, dass ihm jemand wirklich nahe kam. Hätte er etwas Besseres verdient gehabt, als dass Dion sich letztendlich darauf besann, wie wenig er ihn brauchte? Wen er alles haben konnte, nachdem er Tarn gehabt hatte?

„Bleibst du bei mir?“, fragte Dion ihn zurück, und Tarn sah die selbe Angst in seinen Augen. „Du hast immerhin Eli. Du hattest andere. Wie gut schneide ich da im Vergleich ab?“ 

Und doch sträubte sich alles in Tarn dagegen, irgendetwas von seinen wahren Gefühlen zu offenbaren. Reichte es nicht, dass er seine Unsicherheit ein einziges Mal zugegeben hatte? Musste er das immer wieder tun?

Sei nicht zu stolz, Junge, sagte Jefrem sanft in seinem Inneren. Jeder macht sich irgendwo verwundbar, jeder Mann und jede Frau. Wenn einem was an einem anderen liegt, dann ist das so, anders kann es gar nicht sein. Das ist niemandes Schuld, und bestimmt keine Schwäche.

Warum begriff er erst jetzt, was Jefrem ihm hatte sagen wollen?

„Du bist der einzige, den ich liebe, und der mir nicht gedroht hat, mich umzubringen“, sagte er leise. Dion schwieg, ließ diesen Satz auf sich einwirken. „Und wie viele haben gedroht, dich umzubringen?“, fragte er schließlich. Aber er lächelte, und Tarn seufzte. „Jetzt kommst du dir witzig vor“, murrte er, aber Dion küsste ihn einfach. 
(III)„Ich bleibe bei dir“, sagte er leise in sein Ohr, und dann schob er Tarn weiter, zog ihn mit sich auf ihr Lager. Er küsste seinen Bauch und immer weiter hinunter, zwischen seine Schenkel, streichelte sie, hauchte Küsse auf seine Haut. Seine Zunge glitt über sein Glied, dann tiefer, und in ihn, seine Hand legte er um Tarns Erektion. 

Tarn stöhnte. Das Gefühl war fremd. Selbst die, die seine Besonderheit akzeptierten; sogar Anssi, der Dinge mit ihm getan hatte, die er bei niemand sonst zugelassen hatte; niemand hatte jemals gewagt, ihn so zu erforschen. Und er genoss es. Er fühlte sich geliebt, mit jeder Faser seines Körpers, und vielleicht fühlte sich deshalb alles so intensiv an. Sein ganzer Körper zitterte, als er sich in Dions Mund ergoss. Und als sie beide ihre Kleidung übergestreift hatten und wieder zusammen gerückt waren, verließ ihn dieses Gefühl nicht. Die Wärme, die von Dion ausging, ließ ihn friedlich einschlafen.
(III)
Nur ein Gedanke ließ ihn nicht los. Warum hatte er zu spät verstanden, was er für Anssi empfand? Und hätte er früher gewusst was er fühlte, hätte es irgendeinen Unterschied gemacht?

„Sei leise. Wenn sie aufwachen, haben wir mehr zu tun.“

Die Worte waren nur geflüstert, und sie wären im Toben des Sturms und dem Geprassel des Schnees fast untergegangen. Warum Tarn sie trotzdem hörte, oder warum er sie instinktiv verstand, wusste er nicht. Vielleicht wegen des Tonfalls, der so hasserfüllt war, und bewirkte, dass er sich mit Gewalt aus seinem halb wachen Zustand heraus riss. Neben ihm, einen Arm um ihn gelegt, lag Dion und schlief, seine Atemzüge ruhig und gleichmäßig.

Zwei Männer waren unten in der Scheune, mit abgedunkelten Laternen. „Was, wenn sie schreien?“ „Egal. Das hört niemand. Das Wichtigste ist, dass sie nicht entkommen. Dann haben sie nichts zu erzählen, und wir müssen uns nicht mit irgendjemand sonst herum schlagen.“ „Sollten wir sie bei dem Sturm nicht doch gleich hier…?“ „Vergiss es, die Sauerei hatten wir schon. Wir bringen sie in die Schmiede.“

Moreau. Und Mathieu. Er erkannte beide Stimmen sofort, und sein Herz machte einen Satz. Er hatte gedacht, dass Moreau kommen würde, um Dion erneut zusammen zu schlagen. Aber anscheinend hatte er mehr als das vor. Anscheinend wollte er gleich den ganzen Schandfleck tilgen, so wie die Bibel, die er so gern zitierte, es ihm vor gab. Und so dich dein Auge ärgert, reiß es aus und wirf's von dir.

Tarn hatte schon Ähnliches erlebt, aber noch nicht oft, und nie, wenn er schon so lange an einem Ort war. Aber vielleicht hatte Moreaus Hass Zeit gebraucht, um zu wachsen. Oder vielleicht…

Ja. Vielleicht war erst mit Elis Rückkehr alles wieder ins Rollen gekommen.

Aber Mathieu? Was hatte er mit der Sache zu tun?
Es sei denn, er war hier, um seinem Bruder endlich alle Schwierigkeiten vom Hals zu schaffen. Oder Eli war schon in Schwierigkeiten. Oder er würde in Schwierigkeiten sein, wenn die beiden da unten mit ihnen fertig waren.

Egal, was los war, das Beste war, er suchte mit Dion schleunigst das Weite. Möglichst leise setzte Tarn sich auf, griff nach Dions Schulter und schüttelte ihn. „He, wach auf. Und sag jetzt kein Wort“, flüsterte er ihm ins Ohr, aber leider war Dion weit weniger gewohnt, in einer gefährlichen Situation zu erwachen. „Hm, was?“, brummte er, und Tarn flüsterte ihm hektisch zu: „Sei leise!“ 

Aber das war schon zu viel Lärm gewesen. Plötzlich war es unheimlich still; zwei Männer hielten die Luft an, lauschten. Und dann knirschten die Stufen der Leiter hektisch, und jemand kam zum Heuboden hinauf.

Tarn zögerte keinen weiteren Moment, er sprang auf und hastete los. Er hatte in der Zeit, die er hier war, vielleicht etwas nach gelassen, aber eine Sache hatte er sich nie abgewöhnt: An einem günstigen Ort ein Messer zu platzieren, auf das er im Notfall zurück greifen konnte. Eine schmale Wandnische reichte dafür aus, und er rannte darauf zu und griff in sein Versteck, als der erste der beiden Männer das obere Ende der Leiter erreicht hatte.

Sein Messer war nicht da. Moreau musste es mitgenommen haben, irgendwann gestern oder heute, oder vielleicht auch vorher. Deshalb hatte er regelmäßig seine Sachen durchwühlt, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Tarn konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal nachgesehen hatte, ob es an seinem Platz lag. Er war zu sicher gewesen. 
„Hast du was verloren?“, fragte Moreaus Stimme gefährlich hinter ihm, und seine Schritte deuteten darauf hin, dass er sich näherte, während Dion in seinem Rücken überrascht aufschrie und mit jemand rang.

Tarn stand völlig still. Wenn er Moreau jetzt noch überrumpeln wollte, musste er schnell sein. Er zählte gedanklich bis drei, während Moreau bedrohlich auf ihn zu gestapft kam, dann warf er sich herum, wollte sich gegen ihn werfen, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Womit er nicht gerechnet hatte war, dass Moreau einen Knüppel in der Hand hatte und wusste, worauf er zielen musste. Sobald Tarn sich halb umgedreht hatte, bekam er einen Schlag gegen den Kopf. Schmerz explodierte hinter seiner Stirn, und im nächsten Moment spürte er, wie ihm Blut in die Augen lief. Der Bastard hatte ihm nicht nur eins zwischen die Augen verpasst, sondern lachte jetzt auch noch dreckig und gab ihm einen Tritt gegen das rechte Schienbein hinterher, der ihn straucheln ließ, stieß ihn grob zu Boden und packte ihn an den Haaren. 

Tarn wehrte sich, schlug nach ihm, aber Moreau war größer und schwerer als er und wich seinen konfusen Schlägen aus. Tarn wurde mit geschleift und dann einfach die Leiter hinunter gestoßen, bevor er überhaupt reagieren konnte. Er bekam den Rand des Heubodens zu fassen und versuchte noch oben zu greifen, Moreaus am Bein die Leiter hinab zu zerren, und bekam einen Tritt gegen den Kopf, der ihn hinab warf. Er schaffte gerade noch, eine Sprosse zu fassen, halb blind und nur durch Glück, sonst wäre ungebremst auf dem Boden aufgeschlagen. Stattdessen hielt sein Arm sein ganzes Körpergewicht auf, und er schrie vor Schmerz auf, dann traf ihn erneut ein Fuß, diesmal seine Hand, und er ließ los, fiel und konnte sich gerade noch auf die Füße retten, bevor Mathieu ihm hinter her kam und ihn mit einem weiteren Tritt in den Staub schickte. Er versuchte sich aufzurappeln und wischte sich brennendes Blut aus den Augen, und dann landete Dion neben ihm, und Moreau kam ebenfalls die Leiter herunter. 

Mathieu packte Dion, zerrte ihn auf die Füße, den Arm auf den Rücken verdreht. „Was soll das?! Warum tut ihr das?!“, schrie der ihn gequält an, aber Mathieu verzog keine Miene, sein Gesicht, das Tarn nur verschwommen erkennen konnte, blieb absolut mitleidslos. „Spiel nicht das Unschuldslamm“, knurrte er und riss seinen Arm noch weiter herum, und Dion stöhnte gequält auf. „Ihr zwei gottlosen Missgeburten wisst ganz genau, was das soll. Ihr denkt doch nicht, wir wüssten nicht was ihr hier treibt!“ 
„Warum war euch Rique keine Lektion, hm? Ich habe euch doch alle Möglichkeiten gegeben, etwas wieder gut zu machen“, brummte Moreau, während er Tarn umrundete, aber es fand sich kein Bedauern in seiner Stimme, nur kalte Gleichgültigkeit. „Vor allem du, Dacian“, sagte er an ihn gewandt, und wäre sein Gesicht nicht so steinern gewesen, hätte man meinen können, dass er tatsächlich enttäuscht war. „Warum hast du das getan, Dacian? Ich war doch wie ein Vater zu dir. Das alles hier hast du selbst zu verantworten.“ 

„Hör nicht auf ihn“, murmelte Tarn, aber Dions Augen waren groß, voller Entsetzen. Er glaubte ihm, er glaubte Moreau, dass er Schuld an allem war, was jetzt geschah. „Es tut mir Leid“, flüsterte er, und Moreau schüttelte traurig den Kopf. „Dafür ist es zu spät. Heute habe ich endlich alles heraus gefunden. Mit eigenen Ohren gehört, dass du alles weißt, was diese kleine Missgeburt treibt. Du beschützt ihn, du deckst alles was er tut.“ Er hatte das kurze Gespräch zwischen ihnen also belauscht. Die Erkenntnis kam spät, und Tarn verfluchte sich dafür, dass er selbst wesentlich dazu beigetragen hatte, in welcher Situation sie jetzt waren. Er, und seine verdammte Lebensmüdigkeit.

„Ich wollte doch nur-“, begann Dion verzweifelt, aber Moreau schnellte vor und ohrfeigte ihn so heftig, dass sein Kopf zurück geworfen wurde. „Du hast dein wahres Gesicht gezeigt“, sagte er, und seine Stimme war trügerisch ruhig und gefasst. „Glaubt ihr, ich lasse euch so weiter machen? Euch eines Tages meine Schmiede übernehmen? Oh nein, als ich euch heute weg geschickt hatte, wurde mir klar, dass ich das nicht länger dulden kann!“ 

„Lass uns einfach gehen“, murmelte Tarn. „Wir hauen ab. Du hast uns bestraft. Reicht das nicht?“ Er hasste den flehenden Ton in seiner Stimme, aber er blieb liegen, senkte den Kopf. Der Alte wollte ihn am Boden sehen; vielleicht würde ihn diese Unterwerfung befrieden, vielleicht wollte er sie nur eine Weile winseln und betteln sehen, sie halb tot prügeln und ihnen so eine Lektion erteilen, bevor er sie laufen ließ.

Aber Moreau hatte etwas ganz anderes im Sinn. „So, verschwinden wollt ihr“, höhnte er zu Tarn hinab, „Eure Krankheit weiter schleppen, andere ins Verderben stürzen, an einem anderen Ort! Einen neuen Meister hintergehen, der nicht so genau hinschaut! Da habt ihr euch geirrt!“ Seine Augen funkelten, und plötzlich war Tarn überzeugt, dass er nicht mehr ganz klar im Kopf war. „Ich kenne eure Sorte doch. Unehrliches, von Gott verdammtes Gesindel“, sagte er gefährlich leise. „Ich bin schon einmal darauf rein gefallen. Die kleine Hure, die mit meinem Sohn geflohen ist, in die Arme einer anderen gottlosen Hure. Oh nein, nicht nochmal!“ 
Und Tarn verstand. Hier ging es nicht um sie, nicht einmal um Dion, der war Moreau völlig egal. Es ging um schmutzige Vergeltung, für die sie nur die Stellvertreter waren, eine Vergeltung, die Moreau innerlich auf zu fressen schien, ihn mit brennendem Hass füllte.

Und doch konnte Tarn nicht anders, er musste lachen, und er lachte noch lauter, als er Moreaus empörtes Gesicht sah. „Das ist alles, deine Frau hat dich verlassen, und deshalb lässt du das an uns aus?“, fragte er, und erhielt einen Tritt in die Rippen, der ihn aufschreien ließ und ihm die Luft aus den Lungen presste. Ihm war übel, und trotzdem konnte er nicht aufhören erstickt zu kichern. Und wenigstens lenkte er Moreaus Aufmerksamkeit auf sich, statt auf Dion. Wenn er nur den richtigen Moment abpasste, konnte er sich vielleicht los reißen, und abhauen. Egal ob er Hilfe holte oder nicht, Hauptsache, er war in Sicherheit.

Tarn sah zu Mathieu, der immer noch versteinert da stand und Dion fest hielt. Dion schien kaum zu begreifen was vor sich ging, seine Augen wanderten fassungslos zwischen Moreau und Mathieu hin und her. „Hörst du, wie verrückt er ist?“, fragte Tarn Mathieu. „Du hilfst ihm, jemand zu ermorden, aus so einem irrsinnigen Grund?“ 
Mathieu sah eiskalt zu ihm hinunter, ohne Regung. „Mach dir keine Illusionen“, sagte er ruhig. „Ich bin nicht wegen dir hier, und ob du lebst oder stirbst, ist mir völlig gleichgültig. Mir geht es einzig um allein um Eliot.“ „Was hast du mit ihm vor?“, fragte Dion aufgebracht, und Mathieu drehte ihm ohne mit der Wimper zu zucken den Arm weiter herum. 

„Was soll ich denn schon mit dem missratenen Lieblingssohn vorhaben?“, fragte er kalt, während Dion vor Schmerz aufschrie und sich in seinem Griff wand. „Der, der mich als Erbe ausgestochen hat, obwohl das mein Geburtsrecht ist? Wegen dem ich jetzt etwas völlig Neues anfangen muss? Der unsere ganze Familie bloß stellt und trotzdem zurück kommen durfte, obwohl er aus dem Dorf gejagt gehört?“ „Denkst du es fällt ihm nicht auf, wenn wir plötzlich verschwunden sind? Er wollte sich heute Abend mit T- Mischa treffen“, drohte Dion mit gepresster Stimme, und Mathieu lachte auf. „Oh, keine Angst, er weiß alles. Was denkt ihr, woher wir wussten, dass ihr zu zweit hier seid, oder dass Dacian heute nicht zur Kirche gegangen ist? Er hat sich gewehrt, aber am Ende hat er alles ausgespuckt. Eigentlich interessant; ich hatte wirklich geglaubt, ich würde ihn mit dir finden“, sagte er und spuckte auf Tarn. 
„Aber anscheinend gab es da ein paar Differenzen, was? Und glaubt nicht, dass er euch zu Hilfe kommt. Der hat jetzt ganz eigene Probleme. Und morgen werden er“, er deutete auf Moreau, „und mein Vater jeder eine Nachricht finden, dass ihr zu dritt über alle Berge seid. Euer Glück zusammen versuchen wollt. Traurig für meine Mutter, aber was soll man machen? Seien wir ehrlich“, sagte er leise und mit großer Zufriedenheit, „ihr gehört doch sowieso nicht hierher. Ihr gehört in ein stilles kleines, kaltes Grab auf dem Feld, genau wie Rique.“

In diesem Moment, als Mathieu es am wenigsten erwartete, warf Dion den Kopf zurück, rammte seinen Schädel direkt und frontal in Mathieus Gesicht. Es knirschte, als seine Nase brach, und er heulte auf vor Schmerz und ließ ihn los. Moreau machte einen Satz auf die beiden zu, griff nach Dion, und in dem Moment, in dem er weit genug außer Reichweite war, wandte Dion seinen Blick Tarn zu. 
„Lauf!“, schrie er ihn an, und Tarn gehorchte, rappelte sich auf, wobei gleißende Schmerzen durch seinen Körper tobten und neues Blut in seine Augen lief. Moreau begriff schnell, und auf halbem Wege drehte er um und hastete Tarn hinterher, griff nach seiner Kleidung, und sie glitt ihm aus den Fingern. Tarn schob sich im Laufschritt durch das halb offene Tor, bekam es zu fassen, warf es im Laufen hinter sich zu und hörte befriedigt, wie Moreau aufheulte, als es ihn traf. Dann lief er hinein in den Sturm. 

Der nasse, kalte Schnee brannte an seinen nackten Füßen, und er hätte sich fast am wirbelnden Schnee verschluckt, aber er nahm es nur am Rande war, selbst als er im Laufen ausrutschte und beinahe gestürzt wäre. Die Schmiede. Er musste zur Schmiede. Moreau schmiedete nur Werkzeuge, aber wenn er erst ein Messer in der Hand hatte, würde er aufräumen.

Moreau war hinter ihm. Er wusste es, er spürte es, er hörte das Knirschen seiner Schritte und das Keuchen seines Atems hinter sich, selbst im heulenden Wind. Tarn hatte einen Vorsprung, aber er war verletzt, und er schlug sich jede Möglichkeit, irgendwo Hilfe zu finden aus dem Kopf. Bis zum Hof der Duponts war es zu weit, sonst erwarteten ihn nur Felder und Schnee.

Endlich hatte er die Schmiede erreicht, und er machte sich nicht die Mühe, die Tür hinter sich zu schließen, als er hindurch stürmte. Sie war alt und morsch, sie zu verbarrikadieren hätte Moreau nicht lange aufgehalten. 

Stattdessen sah er sich hektisch in dem stockdunklen Raum um, der nur erhellt wurde vom letzten Glimmen des Schmiedefeuers. Er ließ seine Augen über alle möglichen und unmöglichen Gegenstände gleiten. Messer, Messer, irgendwo musste es ein Messer geben. Er versuchte seinen keuchenden Atem zu beruhigen, lauschte über das Hämmern seines Herzens hinweg. Seine Hand strich kurz über den Schmiedehammer, doch dann ließ er ihn liegen. Moreau konnte damit besser umgehen als er, das war nicht die Waffe seiner Wahl. Aber die einzigen Messer, die sie nicht verkauft hatten, waren die unfertigen, und die waren nicht geschliffen, und er verwarf sie, sobald er sie sah. Zu roh, damit konnte er nicht einmal passabel zu stechen.

Geschliffen. Eine Erinnerung flackerte in seinem Geist auf, und er hätte fast verstanden, was sie ihm sagen wollte. Dann hörte er knirschende Schritte, den keuchenden Atem von Moreau, sah einen Lichtschimmer und duckte sich nur noch.

Moreau stapfte herein, schweren Schrittes. Er hatte anscheinend gesehen, dass Tarn in die Schmiede gelaufen war, gewusst, dass er von dort nicht entkommen konnte, und sich zuerst eine Laterne besorgt. 
„Von allen Orten der Welt bist du ausgerechnet hierher gelaufen… in die Falle“, sagte Moreau leise und stellte die Laterne ab, bevor er die Tür hinter sich zu schlug. Der Sturm verstummte, es wurde still im Raum. Die glimmenden Kohlen knackten, während sie abkühlten, und Moreau lauschte, auf Tarns Atem, auf eine Bewegung von ihm. 

„Zeig dich. Mathieu wird sich um Dacian kümmern, und dann wird er hierher kommen. Zeig dich lieber gleich, denn ich werde freundlicher sein als Mathieu. Er hat eine Rechnung mit dir offen, wegen seinem Bruder. Immerhin hast du ihn endgültig verdorben…“ Tarn schwieg, versuchte möglichst flach zu atmen. Moreau wollte ihn provozieren, er wollte, dass er Preis gab, wo er sich verbarg. Seine Augen wanderten hektisch über den Boden, aber bisher hatte er keinen Plan.

Vielleicht konnte er Moreau umrunden. Vielleicht war das seine einzige Chance. Moreau begann jetzt, durch die Schmiede zu gehen, sah sich um, aber sein Blick war auch auf den Schmiedehammer gerichtet. Er würde ihn ergreifen, das war die Waffe, die er am besten beherrschte, und wenn er die Gelegenheit bekam, würde er Tarn damit den Schädel einschlagen, und danach Dion, wenn er das konnte.

„Zeig dich. Ich mache es kurz, und schmerzlos. Und dann kannst du endlich zur Hölle fahren. Die wird dir wird das Böse ausbrennen, und dann kommst du vielleicht sogar noch vor das himmlische Tor“, flüsterte Moreau, und in diesem Moment klang er so unzusammenhängend und hasserfüllt wie Tarns Vater früher. Seine Aussprache war klar, aber das war auch alles, was sie unterschied, und Tarn biss die Zähne zusammen. Er hatte nicht einen Mörder überlebt, um einem anderen jetzt zum Opfer zu fallen. Er würde nicht warten, bis Moreau ihn aus irgendeinem Versteck in einem Winkel zerrte und hinrichtete.
Er griff irgendeinen Gegenstand, der er zu fassen bekam, eine grobe Feile, warf sie weit weg von der Tür, in die umgekehrte Richtung, in die er wollte, und sah befriedigt, wie Moreau in diese Richtung zuckte, dann lief er los.

Aber er hatte Moreaus Reflexe unterschätzt, und die Sperrigkeit der windschiefen Tür. Er hatte sie erreicht, riss an ihr, nur um fest zu stellen, dass er sie nicht öffnen konnte, und da hatte Moreau schon den Schmiedehammer ergriffen und stürmte auf ihn zu. Tarn riss mit mehr Kraft an der Tür, schaffte es endlich, die Verkeilung zu lösen und zerrte sie auf, da holte Moreau aus, und krachend schlug der Hammer im Türpfosten ein, dort, wo vor Sekunden noch Tarns Kopf gewesen war. Tarn wich zurück, wollte Moreau ausweichen, doch er griff wieder nach ihm, bekam ihn zu fassen, zerrte ihn an der Kleidung zurück und schleuderte ihn in den Raum hinein. Tarn kämpfte um sein Gleichgewicht, verlor es und stürzte. Er war gerade schnell genug, um sich herum zu rollen, bevor Moreaus nächster Schlag ihn auf dem Boden erwischte, und krachend schlug der Hammer auf dem Boden auf. Gesteinssplitter spritzen knapp an Tarns Gesicht vorbei, und er kroch rückwärts und fand sich in einer Sackgasse. In seinem Rücken türmte sich der Haufen alten Metalls, das eingeschmolzen werden sollte.

Moreau ging langsam auf ihn zu, den Hammer in der Hand, und jetzt lächelte er siegessicher. „Jetzt kannst du nirgendwo mehr hin“, sagte er, und er schien fast vergnügt. Das Heulen des Windes und das auf und zu Schlagen der Tür zu Schmiede übertönte ihn fast, und von selbst erhob er die Stimme. „Aber das konntest du auch vorher nicht, nicht wahr? Deshalb kriecht deinesgleichen wie Gewürm überall herum, versucht sich wie Ungeziefer bei unsereins einzunisten! Ich würde deinesgleichen überall erkennen.“

„Du hast Dacian nicht erkannt, alter Mann“, sagte Tarn leise. Er wusste, er konnte nur Zeit schinden, bis ihm etwas Neues einfiel, und dafür griff er nach jedem Strohhalm. Und er traf Moreau, er sah es deutlich. „Ach, Dacian. Rique hat ihn verdorben!“, sagte Moreau, und seine gute Laune schien zu verfliegen. „Armer Junge, er war herzensgut und frei von Sünden, als er hierher kam! Da wusste ich noch nicht, welche Abscheulichkeiten mein erster Lehrling ausbrütete! Aber du hast mir einen guten Dienst erwiesen, zu erfahren, ob er gerettet werden kann!“ Moreau lächelte jetzt, und das schwache Licht der glimmenden Kohlen ließ seine Augen funkeln. „Als ich dich sah wusste ich gleich, was für einer du sein musst! Ich wollte Claude schon ausreden, dir eine Gelegenheit zu geben, aber dann hatte ich eine Idee! Ich dachte, wenn Dacian stark genug ist, sich von einem wie dir nicht noch einmal zur Sünde verführen zu lassen, dann kann ich ihm verzeihen. Und wenn nicht, dann hätte ich ihn mit dir ausgemerzt.“ Er lächelte, selbstsicher. „Ich möchte dir danken, bevor ich dich zur Hölle schicke! Du hast bewiesen, was ich schon die ganze Zeit wusste.“ 

„Deshalb hast du ihn her geholt?“

Die letzten Worte waren nicht aus Tarns Mund gekommen, und erstaunt wandte Moreau sich um. Dion stand in der Tür, hielt sie gegen den Sturm offen. Seine Lippe blutete, er lehnte schief auf einem Bein, als müsse er humpeln, und zu dem Bluterguss auf der Wange hatte er ein blaues Auge auf der anderen Seite hinzu gewonnen. Sein Blick war leer; er starrte Moreau an, als sähe er ihn zum ersten Mal. Er hatte gehört, was er eben gesagt hatte. Und langsam sickerte Begreifen in seine Züge.

„Darum hast du Mischa her geholt? Um mich zu testen? Weil du mir nicht vertraut hast?“ Die Worte kamen nur langsam abgehackt aus seinem Mund. Moreau hörte ihm nur halb zu, er erkannte sofort, dass er jetzt allein gegen zwei kämpfen musste. Aber er war immer noch in besserer Verfassung als Tarn oder Dion, und vor allem schneller. Also behielt er sie beide im Auge und ließ gleichzeitig den Hammer sinken, wollte sie in falscher Sicherheit wiegen. 
„Dacian. Hast du Mathieu ins Reich der Träume geschickt? Oder hast du ihn umgebracht?“ Aber Dion reagierte gar nicht, sein Blick war immer noch leer. „Heißt das, du hast mir niemals vertraut?“, fragte er leise. Seine Ruhe war trügerisch, das spürte Tarn; aber Moreau war zu dumm, das zu verstehen. Er lachte wieder, spöttisch und hasserfüllt. „Denkst du, ich konnte dir noch trauen, nachdem du diese kleine Missgeburt unter meinem Dach hast wohnen lassen?“, fragte er, und Dion zuckte zusammen. 

Hätte Tarn irgendetwas an Moreau gelegen, hätte er ihn in diesem Moment gewarnt. Er war auf eine räuberische Art gerissen, aber er verstand nicht, was er gerade mit seinen Worten anrichtete. Er begriff nicht, dass er Dion bis eben noch in der Hand gehabt hatte, sein Vertrauen, seine Zuneigung, trotz allem. Stattdessen blieb er still sitzen und tastete mit den Händen in dem Haufen Metall hinter ihm nach irgendetwas, womit er Moreau schlagen konnte, der sich jetzt fast ausschließlich auf Dion konzentrierte.

„Wie hätte ich dir denn trauen sollen, nachdem du deine Sünde eingestanden hast?!“, fuhr Moreau fort. „Ich habe versucht-“, brach es aus Dion heraus, aber dumm wie Moreau war, lachte er weiter, selbst angesichts seiner Verzweiflung. „Du bist ein hoffnungsloser Fall! Genau wie diese kleine Hure da! Genau wie Rique!“ „Was habt ihr mit ihm gemacht?“, fragte Tarn, nur, um ihn weiter zu provozieren. Irgendetwas war ihm in die Hände gefallen, ein länglicher Gegenstand, der sich scharf anfühlte. Er musste nur auf den richtigen Moment warten. 
„Oh, das ist eine nette Geschichte“, sagte Moreau gut gelaunt, und er näherte sich Dion, fast unmerklich. Er wollte auf einer Höhe mit ihm sein, um ihn zu überrumpeln, und er nutzte seine Worte, um sie abzulenken. „Da hat alles angefangen. Dacian hat mich auf den Gedanken gebracht, heraus zu finden, was Rique so beschäftigt. Und als ich das heraus fand, habe ich ihn so verprügelt, dass er es sich gemerkt hat, und ihn raus geworfen.“ Er lächelte, aber seine Augen huschten immer noch zwischen Dion und Tarn hin und her, schätzten ab; Er war zu allem bereit. 
„Aber Rique ist zurück gekommen. Jemand hat ihm versprochen, dass er mit Eliot fliehen könnte. Jemand, der alles vorbereiten wollte.“ Dion schüttelte den Kopf, abwehrend. „Davon wusste niemand“, flüsterte er, „Niemand außer-“ „Junge, du solltest nicht jedem trauen“, sagte Moreau, und seine Stimme war voller falschem Mitleid. Er war jetzt fast in Dions Reichweite. „Eliot hat nichts mitbekommen von deinem Plan. Er hat deine Nachricht nie gekriegt, deshalb war er nicht da, als wir ihn erwischt haben. Elaine hat es sich anders überlegt, sie wollte nichts mehr damit zu tun haben. Stattdessen hat sie Mathieu Bescheid gesagt, und er mir.“ „Was habt ihr mit ihm gemacht?“, fragte Dion, und er fletschte regelrecht die Zähne, er war so wütend wie Tarn ihn noch nie gesehen hatte. „Oh, er hatte einen bedauerlichen Unfall. Er ist gestürzt und hat sich das Genick gebrochen. So etwas passiert.“

Und dann sprang er vor, und in diesem Moment geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Moreau riss den Hammer hoch, vielleicht in der Annahme, dass sich Dion nicht wehren würde. Der erkannte sofort, was er vor hatte, duckte sich unter seinem Schlag weg und stürzte sich auf ihn. Er war leichter als Moreau, aber er war so wütend, dass er es fast geschafft hätte, ihn umzureißen. Moreau stolperte rückwärts und ließ den Hammer fallen. 
Tarn sprang auf, was auch immer er gefunden hatte ihn der Faust und lief ihnen entgegen. In dem Moment fand Moreau sein Gleichgewicht wieder, packte Dion bei den Haaren und riss ihn regelrecht von sich los, und Dion stolperte rückwärts. Moreau wandte sich von ihm ab, wollte seinen Hammer greifen, und in diesem Moment warf Tarn sich auf ihn und rammte Moreau seine improvisierte Waffe zwischen Schulter und Schlüsselbein, zog sie in Richtung seiner Halsschlagader, trieb sie so tief hinein wie er konnte. Blut spritzte über seine Hände. 

Moreau gab einen brüllenden Schrei von sich, schlug mehrmals nach ihm, bis er ihn abschütteln konnte, und Tarn sprang hastig zurück. Moreau blickte mit wutverzerrten Gesicht auf das, was aus seiner Schulter ragte: Das unfertige Messer, das er zum Einschmelzen weg geworfen hatte. Gerade scharf genug, um ihn zu verletzen.
Und bevor er sich von diesem Schlag erholen konnte, versetzte Dion ihm einen weiteren heftigen Stoß, der ihn rückwärts taumeln ließ, fast drei Schritte, bis er stürzte. Er fiel gegen die schiefe, uralte, gemauerte Esse, der baufälligste Teil der ganzen Schmiede. Er war ein großer, muskulöser und schwerer Mann, und die Wucht seines Aufpralls reichte aus, das Haus erzittern zu lassen.

Für einen Moment lehnte er gegen die Esse, keuchend, röchelnd, und Tarn und Dion standen nur da, versteinert, atemlos. Wartend darauf, was er als nächstes tun würde, oder ob er sich ergeben würde, blutend und am Ende seiner Kräfte, oder weiter mit ihnen ringen.

Aber er tat nichts davon. 

Es begann mit einem leisen Bröckeln, dem Geräusch von uraltem Mörtel und Lehm, die leise zerfielen. Das Geräusch wurde lauter, wurde begleitet von einem Ächzen. Dann brach ein Stein aus der Esse, schlug mit Wucht in die noch glimmende Kohle, verspritzte Glut überall hin. 

Und dann begann das uralte, verwitterte Schmiede in sich zusammen zu fallen. 

Das Haus kreischte regelrecht, mahlend und knirschend verschoben sich die Steine, Holz arbeitete, stöhnte, splitterte unter dem Druck. Staub fiel aus dem geschwärzten Gebälk über ihnen, dunkel und rußig. Risse krochen über die groben Wände, der Putz schälte sich regelrecht davon ab. 
„Nein“, gurgelte Moreau, und er versuchte, sich auf zu rappeln. Blut lief aus seinem Mund, aber er stolperte vorwärts, hielt inne, sah sich taumelnd um. Er konnte nicht begreifen, dass das Haus, das schon sein Großvater bewohnt hatte, kurz vor dem Zusammenbruch stand, aber Tarn bezweifelte das keine Sekunde. Dieser ganze verfluchte Ort war so verdorben und verfault wie Moreau selbst.
 „Wir müssen hier raus!“, schrie er Dion über das Splittern und Mahlen hinweg zu, rannte auf ihn zu und zerrte ihn praktisch mit sich hinaus ins Freie, ohne Rücksicht auf Verluste. Das Letzte was er sah, als er sich noch einmal umdrehte, war ein Schauer aus Gebälk und Trümmern, die auf Moreaus fassungsloses Gesicht herab regneten und ihn unter sich begruben.

Dann, mit einem ohrenbetäubenden Splittern und Krachen, sank die Hälfte des Hauses in sich zusammen. Der Türbalken brach und hätte Tarn beinahe noch getroffen, während er Dion weg zerrte, und dann waren sie außer Reichweite.

Es regnete Trümmer, uralten Ruß, Stroh vom Dach, Schnee peitschte ihnen ins Gesicht, und für einen Moment verloren sie beide jegliche Orientierung, klammerten sich nur an einander, während das Knirschen, Splittern und Tosen andauerte, sich verlangsamte… und abebbte. Tarn fühlte Dions Herz hämmern. Oder vielleicht hörte er sein eigenes Herz hämmern.

Und dann war es vorbei. Sie blickten auf, schmutzig, zerschlagen, blutüberströmt.

Tarn starrte ins Nichts. Er fühlte sich unendlich müde und völlig ausgebrannt. Noch erschöpfter als nach Viljos Amputation. „Ich habe es langsam satt“, sagte er leise, nur zu sich selbst. Er wusste nicht einmal, ob er die Worte aussprach, oder nur dachte. „Wie viele Scheißkerle kann es denn geben, die ich umbringen muss, bevor ich endlich meine Ruhe habe?“ Er spürte nichts. Nicht die Tränen, die seine Wangen hinunter liefen, bis Dion sie ihm mit seiner rußigen Hand abwischte. Er spürte nicht, dass seine eigenen Hände verklebt waren mit Moreaus Blut, bis sie ihm von kaltem, beißenden Schnee abgewaschen wurden. 

Eine Weile saßen sie nur schweigend im Sturm, vor den Trümmern von dem, was eine Weile ihr Zuhause gewesen war.

„Komm. Jemand wird das Feuer sehen. Wir müssen weg hier“, flüsterte Dion ihm irgendwann zu. Vermutlich hatte er Recht. Die Schmiede war halbseitig zusammen gestürzt, aber das bedeutete nur, dass der Rest, der nicht in Trümmern lag, umso besser brannte. Die Esse war eingestürzt, und die glimmenden Reste des Schmiedefeuers hatten irgendetwas entzündet. Flammen züngelten bereits aus dem Schutt, und bald würde die Schmiede wie eine Fackel die stürmische Nacht durchleuchten. 

Sie waren schon weit entfernt, als die ersten Flammen das Dach erfassten. Schnee schmolz und tropfte zischend ins Feuer, aber nichts vermochte die Schmiede zu löschen, bis sie auf die Grundmauern nieder gebrannt war, egal, was die herbei geeilten Menschen versuchten.

Denn natürlich hatte jemand die Flammen gesehen und war zu Hilfe geeilt. Ein brennendes Gebäude war zu groß und zu auffällig, um übersehen zu werden. Und ein Mord zu schwerwiegend, um ihn zu ignorieren.

Und das war lächerlich, zumindest für Tarn. Die kleinen Dinge, all die Stunden, Tage, Monate und Jahre, die zu den unübersehbaren Katastrophen hin führten, blieben unsichtbar. Blaue Flecke an den Handgelenken, Blutergüsse im Gesicht, eine Platzwunde auf der Stirn, sie wurden ignoriert. Eine stolpernde, hasserfüllte Stimme im Abenddunkel, das Splittern von Glas, das alles wurde nur zu gerne überhört. Niemand sah unter die Oberfläche, wenn es so viel einfacher war, taub und blind zu sein. Erst, wenn das Schlimmste schon geschehen war, kamen sie aus ihren Löchern, und sie urteilten immer falsch. Sie verstanden nie, dass es manchmal keinen anderen Ausweg mehr gab, als die Oberfläche zu durchbrechen und jemand mit sich bis zum Grund zu zerren.

~

Sein Körper lag jetzt völlig still. Bestimmt seit zehn Minuten, vielleicht länger. Aber Tarn war nicht sicher. Er erwartete, dass sein Vater jeden Moment wieder aufstehen würde. Er sah nicht tot aus, eher, als würde er schlafen, selbst wenn seine Augen halb geöffnet waren. Selbst mit den Blutspritzern, die seinen aufgeplatzten Schädel umgaben wie einen Heiligenschein. Und wenn die keine Ironie waren, dann wusste er auch nicht.

Er war so ein unfassbarer Scheißkerl gewesen, dass Tarn am liebsten auf ihn gespuckt hätte. Aber jetzt ging von ihm keine Bedrohung mehr aus. Und für einen winzigen, einsamen Moment erinnerte er sich an die wenigen, die fast verblassten guten Momente. Eine ruhige, dunkle Stimme, die ihm gut zuredete, wenn er Trost brauchte. Ein kratzender Bartschatten, weil das dichte, dunkle Haar seines Vaters so schnell wuchs. Das dichte, dunkle Haar, das Tarn und Hers von ihm geerbt hatten. Schultern, auf denen Tarn sitzen konnte, um auf einer Höhe mit den riesigen Pferden zu sein, deren dunkle Augen jeden so treu und freundlich ansahen. Die sein Vater so liebte, dass er sie auch lieben musste und keine Angst vor ihnen hatte.

Warum hatte er so ein Ungeheuer sein müssen? Warum hatte er all das Gute, das ihn ausgemacht hatte, zunichte gemacht? Tarn konnte es nicht begreifen. Wenn er gekonnt hätte, wäre er ihm vor das jüngste Gericht gefolgt, nur um zu hören, wie all das, was er getan hatte vor ihm ausgebreitet wurde. Damit er ein einziges Mal in seinen Leben nüchtern betrachten konnte, wie viel Leid er über die Menschen gebracht hatte, die er eigentlich hätte lieben sollen.

Ha. Nüchtern.

Er war so in Gedanken versunken, dass er Arize erst bemerkte, als sie aus dem Schatten trat. Sie sah anders aus als sonst; ihre Augen wirkten in diesem seltsamen Zwielicht nicht braun, sondern schwarz und riesig, wie dunkle Seen. Sie ging auf den Leichnam ihres Vaters zu, und runzelte ihre zarte Stirn. Die schräge Narbe darauf geriet in Bewegung; ihr ewiges Andenken an ihren Vater, der sie im Zorn gegen einen Türrahmen gestoßen hatte. „Du hast ihn getötet“, sagte sie leise, erstaunt. „Das hättest du nicht tun sollen.“ „Tut mir Leid“, sagte er und meinte es auch so. „Ich wollte dir nicht zuvor kommen.“

Sie sah ihn an, mit großen Augen, nachdenklich. Sie sah ihrer Mutter so ähnlich in diesem Moment; zart, schweigsam. „Vielleicht ist es besser so. Vielleicht hätte ich ihn nicht gleich erwischt“, gab sie zu und hob das Messer, das sie in der Hand hielt. Das teuerste Geschenk, das Tarn ihr jemals gemacht hatte. Es war so scharf, dass selbst eine Berührung der Klinge die Haut ritzte. Er hatte ihr gezeigt, wie man damit umgehen konnte. Vielleicht für diesen Tag.

„Darf ich mich noch von ihm verabschieden?“, fragte sie. „Ja. Aber danach sollten wir ihn verbrennen. Alles hier. Wir werfen eine Lampe um, dann sieht es aus, als wäre es ein Unfall gewesen. Vielleicht hat er sie im Suff fallen lassen.“

Arize nickte, und vorsichtig beugte sie sich über ihn, sah ihm in die halb geöffneten Augen. Glasig starrten sie zur ihr zurück. Sie öffnete den Mund, holte tief Luft… dann holte sie mit dem Fuß aus, so weit sie konnte, und trat ihn in die Seite. Er war nie ein schwerer Mann gewesen; ihre Tritte schoben ihn über den Boden, während sie ihn anfluchte, jeder Tritt ein Schimpftwort, und Tränen über ihre Wangen liefen. „Du Mörder! Mistkerl! Ich wünschte du hättest dich bei deiner Geburt an deiner eigenen Nabelschnur erdrosselt, du Bastard! Du verdammtes Stück Scheiße!“

Sie hätte vermutlich ewig so weiter machen können, aber irgendwann hielt Tarn sie doch ab, griff sie an den schmalen Schultern und zog sie zurück. „Genug jetzt“, sagte er und strich über ihr weiches, braunes Haar, beruhigend und fürsorglich. Und sie hörte auf ihn, dieses eine Mal. „Ich bin noch nicht fertig mit ihm“, flüsterte sie, aber er schüttelte nur den Kopf. „Du wirst nie mit ihm fertig sein. Und du brichst dir noch den Fuß, wenn du weiter versuchst ihn zu Brei zu treten.“ 

Sie hielt inne, überlegte. Dann lächelte sie, tränenüberströmt. „Als Brei könnten wir ihn aber an die Schweine verfüttern. Dann wäre er doch zu irgendwas Nütze gewesen!“ Und dann lachte sie, und irgendwie lachte er mit. Sie lachten wie zwei Verrückte. Frei. Sie waren frei von dem Monster, das fast zwei Jahrzehnte ihres Lebens beherrscht hatte. Frei von dem Mörder ihrer Mutter.

Die Hölle erwartete sie. Aber keine Hölle war schrecklicher als die, aus der sie kamen. Keine.

~

Linette war früh zu Bett gegangen. Die Schenke war praktisch leer gewesen an diesem Abend, und sie hatte Kopfschmerzen gehabt, wie so oft, wenn es stürmte. „Dann zieh dich nur zurück, mein Mädchen“, hatte ihr Vater gutmütig gesagt, als sie ihm davon berichtete, und sie hatte ihm einen Kuss auf die Wange gegeben. Er war ein alter Griesgram, und sie stritt sich oft mit ihm, aber er liebte sie, und sie liebte ihn auch. 
Während sie in ihr Bett schlüpfte und zitternd die kalten Füße aneinander rieb, die in dicken, von ihr selbst gemachten Socken steckten, dachte sie daran, dass er es ohne ihre Mutter nicht leicht hatte. Vielleicht wünschte er sich deshalb unbedingt, dass sie jemand fand, der mit ihr die Schenke führte. Verständlich, aber lästig.

Der Sturm heulte ums Haus und durchs ganze Dorf, und obwohl sie immer wieder einnickte, erwachte sie oft, wenn irgendwo im Dorf lose Fensterläden im Wind schlugen oder das Heulen des Windes besonders anschwoll. Der Wechsel von Schlaf und Wachen bescherte ihr die seltsamsten Träume. In einem davon rüttelte jemand an ihrer Schulter und flüsterte immer wieder ihren Namen, um sie zu wecken. Missmutig drehte sie sich herum, versuchte ihren Kopf in ihrem Kissen zu vergraben, aber irgendjemand zündete im Dunkeln die Kerze an, die sie neben ihrem Bett stehen hatte, und berührte wieder ihre Schulter.

„Linette.“ Mischas Stimme? „Vielleicht sollten wir sie schlafen lassen.“ Dacians Stimme? 

Verwirrt richtete Linette sich auf, blinzelte ins Licht und starrte die zwei Gestalten an, die so mir nichts, dir nichts in ihrem Zimmer aufgetaucht waren. Sie spürte keine Angst, aber je länger sie die beiden anstarrte, desto mehr drängte sich das Wissen in ihren schläfrigen Verstand, dass irgendetwas nicht stimmte. Beide waren völlig verdreckt, mit Ruß verschmiert, das Haar wirr, die Kleidung außerdem vom Schnee durchweicht. Ihr Blick blieb an Dacian hängen, dem blauen Auge und dem Bluterguss auf seiner Wange, und die Erkenntnis, dass ihn jemand geschlagen hatte, bewirkte endlich, dass ihr Verstand vom halb schlafenden in den wachen Zustand übersprang.

„Mein Gott, was ist euch nur passiert?!“, fragte sie panisch und sprang auf, griff nach Mischas zitternden Händen, und bekam nur die linke. Die rechte blieb so fest in Dacians Hand verschränkt, als würden sie sich nie wieder los lassen. Die Knöchel traten weiß hervor. „Moreau ist tot“, sagte Mischa leise. „Mathieu… ich glaube er wird irgendwann aufwachen. Ich hoffe es. Ich weiß nicht was mit Eli ist, aber wenn ich wetten darf, haben sie ihn übel zugerichtet. Du musst ihn finden, und mit ihm abhauen.“ „Was? Das- ich-“ 

Sie hielt inne, atmete tief durch, schien alle Hektik und Aufregung in sich zu sammeln und dann zu verbannen. Als sie von Neuem begann, zitterte ihre Stimme, aber sie hatte sich gestrafft. Sie schwang sich aus dem Bett, griff nach ihrer Kleidung vom Vortag und begann sich an zu ziehen. „Also nochmal von vorn, warum seid ihr hier? Was muss ich machen?“, fragte sie, und Dacian lächelte schmal. „Eli muss hier weg, und du bist die Einzige, die ihm dabei helfen kann. Wenn sie uns nicht dran kriegen, ist er der nächste. Mathieu wird dafür sorgen, er hat zu viel zu verlieren, und er muss vertuschen, was er alles getan hat.“ „Aber Mathieu ist doch Elis Bruder, warum sollte er-“, begann sie verwirrt, doch Dacian schüttelte den Kopf. „Er hat mit Moreau Riques Tod verheimlicht, und er hat uns angegriffen. Er wird alles tun, damit das nicht heraus kommt. Seine Aussage steht gegen die von Eli, also hat er keine Wahl, als ihn loszuwerden. So, oder so.“ 

Linette hielt inne, und ihr Mund öffnete sich, aber im ersten Moment brachte sie kein Wort heraus. Dann flüsterte sie: „Riques- Rique ist tot?! Was in Gottes Namen habt ihr mir nur verheimlicht?!“ „Das dauert zu lange“, sagte Mischa mit einem Kopfschütteln. Er ging zum Fenster, öffnete es und schob den Riegel zurück, der die Fensterläden gegen den Sturm sicherte. Und Linette hörte sofort die Geräuschkulisse, die von der Straße zu ihr herauf schallte, selbst über den tosenden Wind. Aufgeregte Stimmen, knirschende Schritte im frisch gefallenen Schnee. Sie ging zum Fenster, sah hinaus, und sah in der Entfernung ein Feuer. „Die Schmiede“, murmelte sie. „Mein Gott.“ Ihr Blick schweifte über die Menschen, die über die Straße hasteten, die Fenster, die sich öffneten, wandte sich ab und schlug die Läden wieder zu. 

„Gut, ich verstehe kein Wort, außer dass ihr das, was ihr sagt, wirklich ernst meint und eine Menge passiert ist, und ich werde bis morgen früh vermutlich nichts davon verstehen. Und ihr wollt jetzt, dass ich mitten in der Nacht, in Sturm und Schnee, raus gehe, Eli finde, und mit ihm das Dorf verlasse, irgendwo hin. Richtig?“ Sie hatte das alles gesagt, ohne Luft zu holen, und jetzt schnaufte sie grimmig. „Wenn es jemand hin kriegt, dann du“, sagte Mischa, und Linette seufzte. „Wohin? Könnt ihr mir das wenigstens sagen?“ „Zu meiner Familie“, sagte Mischa und nannte ihr den Namen des Dorfes und wie sie dorthin gelangen konnte. „Ich habe einen Brief geschrieben. Du kannst ihn lesen. Er enthält nichts Geheimes.“

Linette griff danach, und entzifferte mühsam die nicht gerade fehlerfrei geschriebenen Worte. Sie stutzte, als sie zum Ende gelangte. „Tarn?“, fragte sie, und Mischa nickte. „Das ist mein richtiger Name.“ „Und meiner ist Dion“, sagte Dacian. „Ihr wollt mich doch veralbern“, murrte Linette, aber als sie die Blicke der beiden sah, gab sie nach. „Schön, Dion und Tarn, ist akzeptiert. Aber warum gehe ich alleine mit Eli? Wo geht ihr hin?“ „Ich kenne jemand, der uns helfen kann“, sagte Tarn langsam. „Ich bin sein rechtmäßiges Eigentum, und wenn jemand die Schuld an Moreaus Tod irgendwie ausgleichen und uns helfen kann, dann er.“ „Eigentum? Du bist ein Sklave?“, fragte Linette, und brachte Tarn dann mit einer Handbewegung zum Schweigen, bevor er überhaupt antworten konnte. „Vergiss es, ich will es bei genauerem Nachdenken wirklich gar nicht wissen! Zumindest nicht jetzt. Irgendwann wirst du mir alles erzählen. Aber wo müsst ihr dafür hin?“ „In die Hauptstadt, also in eine völlig andere Richtung. Und wir müssen gleich gehen.“

Linette betrachtete sie beide, dann seufzte sie und nickte. „Gut, dann müsst ihr das eben. Ich könnte euch sowieso nicht aufhalten, oder?“, fragte sie. Sie bei einander stehen zu sehen ließ sie leise lächeln, trotz allem. Anscheinend würden die beiden Verrückten zumindest zusammen los ziehen, und das tröstete sie. Dacian und Mischa. Hatte sie das geahnt? Vielleicht, ein bisschen. Man konnte ihr einfach selten etwas vor machen.

Sie trat auf die beiden zu, legte ihre eigene Hand auf ihre. „Ich werde euch vermissen. Euch beide. Verschwindet nicht für immer, in Ordnung? Lasst mir irgendeine Art von Nachricht zu kommen, wie es euch ergangen ist.“ „Ich weiß nicht ob-“, begann Tarn, aber Linette schüttelte heftig den Kopf. „Versprich es mir! Ihr schreibt mir, oder ihr kommt vorbei! Sonst gehe ich weder aus dieser Tür, noch finde ich heraus, wo Eli ist!“ Und endlich, nach einem Moment des Zögerns, nickte Tarn. Er trat einen Schritt auf sie zu, und dann umarmte er sie. Ihre Arme schlangen sich ebenfalls um ihn und zogen Dion gleich mit zu ihr heran. Sie drückte sie so fest, dass es weh tat. Oder vielleicht tat es einfach weh, dass sie sich verabschieden mussten. Dass sie ihre lieb gewonnen Menschen so zurück lassen musste.

Und dann huschten die beiden aus ihrer Tür, und waren in der Nacht verschwunden.

Linette zog sich warm an, stopfte alle warmen Kleidungsstücke die sie finden konnte zu einem Bündel zusammen. Dann schrieb sie selbst einen kurzen Brief an ihren Vater, der voll war mit den liebevollsten Zeilen, die sie kannte, nahm alles, was ihr nützlich erschien aus der Schenke mit, und ging. 
Sie befreite Eli, den Mathieu gefesselt und zusammen geschlagen hatte, bis er alles Preis gegeben hatte, was er wusste, auch wo Dacian und Tarn waren, und dass sie scheinbar jetzt zusammen waren. Der letzte Beweis, den sie gebraucht hatten, um beide loszuwerden, und Eli war diese Ironie bewusst. Dacian und er waren quitt.

Linette nahm Eli mit sich. Der Weg war weit, und sie hatte einige Schwierigkeiten zu überwinden. Der Brief wanderte mit ihnen. Er fand seinen Weg schließlich in Tarns Heimat, und Ciron las ihn Arize und Hers vor, während zwei durch gefrorene Gestalten, die sie nicht kannten, in der winzigen Wohnstube ihres Zuhauses standen. Zwei Fremde, die ihr Bruder zu ihnen geschickt hatte. Es war Januar, und der Frühling war noch weit.

Arize,

Bitte gib meinen Freunden Linette Cloutier und Eliot Dupont Essen und einen Platz zum Schlafen. Sie haben mir geholfen, als ich sie brauchte. Beide werden es dir wenn sie können zurück zahlen.

Hers, Ciron, und du, Arize, passt auf euch auf. Ich liebe euch.

Es geht mir gut. Ich komme zurück. Ich weiß nicht wann.

Tarn


Der Weg dehnte sich, ein sich windendes, kaum erkennbares Band in einer weißen Weite.

„Denkst du, sie schaffen das?“
„Sicher. Linette schafft alles, was sie will.“

Eine Weile war das einzige Geräusch das Flüstern des Windes und das Knirschen des Schnees unter ihren Füßen. 

„Bleibst du bei mir?“

„Wenn du bei mir bleibst?“

Ihre Hände blieben ineinander verschränkt.

Es war eisig kalt. Nicht genug, dass Tarns Atem in der Luft kondensierte, aber er zitterte trotzdem und rieb sich automatisch die klammen Hände. Langsam und vorsichtig tappte er über den Boden und versuchte, möglichst keine Geräusche zu machen.

Das eher kleine, aber gut ausgestattete Stadthaus, durch dessen Räume er schlich, war um diese Uhrzeit völlig still, vom gravitätischen Ticken einer großen Standuhr im Erdgeschoss einmal abgesehen. Und als er gerade durch das oberste Geschoss des Hauses geschlichen war, dort, wo nur noch ein winziges Dienstbotenzimmer und ein Gästezimmer lagen, war der schwere, nasse Schnee in einer kleinen Lawine und mit einem leisen Rumpeln vom Dach herunter gerutscht, und Tarn war vor Schreck fast das Herz stehen geblieben. Zum Glück hatten die Bewohner seelenruhig weiter geschlafen. Vielleicht wären sie etwas unruhiger gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass jemand durch die Flure ihres Hauses spazierte und ihre Wertgegenstände mit nahm. Nichts zu teures, dem sie hinterher trauern würden, aber doch genug, um an etwas Geld zu kommen. Das war schließlich das einzige, das Tarn interessierte.

Inzwischen war er auf dem Rückweg, aus dem Haus hinaus. Das, was er gewagt hatte mitgehen zu lassen, hatte er schon zu einem Bündel verschnürt. Nicht viel, aber immerhin genug, um wieder ein bisschen über die Runden zu kommen.
Er schlich die Treppe ins Erdgeschoss hinunter, wobei er die erste Stufe übersprang, die beim Weg hinauf verräterisch geknarrt hatte, ging auf das Fenster zu, durch das er gekommen war, entriegelte es und war im nächsten Moment schon wieder auf der Straße. Seine Füße sanken bis zu den Knöcheln im frischen Schnee ein, und sein Atem bildete sofort eine dichte weiße Wolke um seinen Kopf. Ohne noch länger zu zögern machte Tarn sich auf den Heimweg. 

Die Turmuhren schlugen gerade 1 Uhr, als er durch die schneebestäubten Gassen und über weite, weiße Plätze stapfte, während die Häuser, die an ihm vorbei zogen, immer kleiner und ärmlicher wurden. Die Straßen waren leer, die Luft schneidend und bitter vom Rauch unzähliger Öfen; niemand wollte um diese Zeit und bei diesem Wetter draußen sein. Nur dann und wann sah Tarn weiße Nebelwolken in der Kälte aufsteigen und hörte knirschende Schritte, die sich näherten. Dann verbarg er sich in einem Mauerbogen oder hinter einer Hausecke, und ließ die patroullierenden Stadtwachen vorbei ziehen. Nur keinen Verdacht erregen.

Die einzige willkommene Gesellschaft in dieser Nacht war eine räudige, humpelnde graue Katze. Sie mochte es genau so wenig wie der dürre zitternde Mensch, nasse Füße und eine kalte Nase zu haben, und strich, als sie ihn entdeckte, auf der Suche nach Wärme um seine Beine. Tarn beugte sich hinab und streichelte sie vorsichtig, auch, um sich selbst ein wenig zu wärmen. Die Katze ließ sich das gefallen, schmiegte sich eng an ihn und wollte gar nicht von ihm ablassen, selbst als er sich aufrichtete. „Tut mir Leid, ich muss wirklich heim“, flüsterte er ihr zu, und als hätte sie verstanden, folgte sie ihm durch den Schnee. Manche hätten dem Tier wohl einen Tritt gegeben, aber Tarn ließ die Katze neben sich her tappen, und als er schließlich die krumme Holztür eines winzigen, halb verfallenen Häuschens öffnete und sie ihn erwartungsvoll dabei beobachtete, ließ er sie mit hinein schlüpfen. 

Drinnen war es kaum wärmer als draußen, aber die Katze schüttelte sich trotzdem zufrieden und schnurrte. Vielleicht genügte ihr schon, dass sie keinen Schnee mehr an den Pfoten hatte. Neugierig, mit weit geöffneten Augen, schlich sie über den staubigen Boden, ihr Schwanz peitschte abenteuerlustig. Der Hauptraum des Erdgeschosses wurde von einer unordentlichen, verlassen wirkenden Schusterwerkstatt eingenommen, und vielleicht witterte sie die Mäuse, die sich hier herum treiben mussten. Tarn wiederum hielt sich nicht auf, sondern entzündete eine billige Kerze und erklomm die Stufen hinauf in den ersten Stock. 

Er versuchte leise zu sein und niemand zu wecken, aber er hätte wissen müssen, dass Madame Rabourdin ihn hören würde. Er hörte durch die geschlossene Tür ihres Schlafzimmers das Rascheln ihrer Bettdecke und ein Schaben, als sie nach ihrem Stock griff. Dann tappte sie zur Tür und öffnete sie, linste argwöhnisch hinaus in das flackernde Licht, bevor sie sich schließlich zeigte.
„Spät bist du“, brummte sie ohne weitere Begrüßung und spähte schon nach dem Bündel, das er dabei hatte; das Einzige, das sie überhaupt interessierte. „Hast du etwas? Gib’s gleich her, ich schaffe es morgen beiseite.“ Und weil Tarn wusste, dass Madame Rabourdin nicht mit sich spaßen ließ, vor allem nicht, wenn es um Geld ging, öffnete er sein Bündel und zeigte ihr, was er erbeutet hatte.

So war sie vom ersten Moment an gewesen. Mit einem strengen Blick in ihren klaren Augen hatte sie die zwei Fremdlinge gemustert, die eines Abends so mir nichts, dir nichts vor ihrer Haustür aufgetaucht waren. Sie hatte ihre Besucher herein gebeten, in die staubige, ungenutzte Werkstatt ihres verstorbenen Schwiegersohnes, aber nur, weil die Höflichkeit das so gebot, das machte sie unmissverständlich klar. „Sagt was ihr wollt, und dann verschwindet wieder.“ 
Ihr Gesicht, runzlig und braun wie eine Walnuss, hatte tiefe Missbilligung gezeigt, als Dion sie höflich gefragt hatte, ob sie in ihrem winzigen Häuschen ein Zimmer haben könnten… ein Bett… oder vielleicht einfach nur eine Ecke. Seine Stimme war unter dem sengenden Blick der Madame immer leiser geworden, die Bitte immer zaghafter. Aber sie hatten sonst keinen Platz, nirgendwo, wo sie bleiben konnten, kaum noch Geld und noch weniger Hoffnung. 

„Was? Nein, auf keinen Fall, ihr kommt mir nicht ins Haus“, hatte sie gezischt und den Kopf geschüttelt, und obwohl sie eine kleine, zierliche Frau war, hatte sie ihre Tochter und ihren Enkelsohn vor den zwei Fremdlingen abgeschirmt wie eine Wand. „Wer hat euch überhaupt gesagt, dass ihr hierher kommen sollt?!“ Pflichtschuldig hatte Dion den Namen des Mannes genannt, der ihm Arbeit gegeben hatte, und der ihm empfohlen hatte, hier nach einem Schlafplatz zu fragen. Nur hatte er natürlich nicht gewusst, dass Dion nicht allein war; er durfte es niemals erfahren. „Er? Weiß nicht, was er sich dabei gedacht hat! Zwei Männer, nein, das geht nicht!“ „Mama“, hatte Faye leise in ihrem Rücken gesagt und ihren kleinen Sohn Jean gewiegt, aber die Madame hatte nur störrisch mit dem Kopf geschüttelt. „Nein nein nein! Das sehe ich doch auf den ersten Blick, was ihr für welche seid!“ Als Tarn sie darauf hinwies, dass solche wie sie weder ihr noch ihrer Tochter etwas antun würden, hatte sie nur wütend geschnauft und mit dem Stock auf den Boden gehämmert. „Das muss ich mir nicht sagen lassen! Nun seht zu, dass ihr Land gewinnt, bevor ich ungemütlich werde!“ Und dass sie ungemütlich werden konnte, dass glaubten ihr sowohl Tarn als auch Dion aufs Wort.

Also hatte Tarn das gesagt, von dem er glaubte, dass es ihr Herz nicht erweichen, aber doch ihre Meinung ändern würde: dass sie ihnen so viel Geld verschaffen würden, wie sie benötigten. Und ja, die blassen, beinahe weißen Augen der Madame hatten ihn plötzlich ganz anders angesehen. So scharf und berechnend, wie sie jetzt drein blickten, als sie in seinem Bündel wühlte und die Silberkanne, die einzelnen Besteckteile und die etwas angelaufene Halskette hervor holte, die Tarn hatte mitgehen lassen. In ihrem kargen und mit Sorgen gefülltem Leben, das ihr von allen Kindern nur eine Tochter und einen Enkelsohn gelassen hatte, war Geld das einzige, was sie noch beeindruckte.
„So, du willst uns Geld verschaffen?“, hatte sie damals gezischt, aber Tarn hatte das Interesse in ihren Augen gesehen. Keine Gier. Nur das Wissen, dass ihr kleiner Enkelsohn Kleidung brauchen würde, Windeln, Essen und auch sonst alles, was er bekommen konnte. „Bist du ein guter Dieb? Oder ein findiger Betrüger?“, hatte sie rundheraus gefragt. Und als er gesagt hatte, dass er in letzter Zeit passabel mit Diebstählen über die Runden gekommen war, da hatte sie tatsächlich zufrieden genickt. „Kenne da jemand, der könnte das eine oder andere versetzen. Auch was einschmelzen, dann findet es kein Mensch mehr. Aber wenn ihr hier schlafen wollt, will ich einen Beweis!“

Tarn hatte ihn erbracht, schon einen Tag später. Aber natürlich genügte ein einziger Raubzug nicht, wenn das wenige Geld, das Dion verdiente, gerade so für einen reichte. Tarn musste sich immer öfter die Nächte um die Ohren schlagen. Doch zumindest für die nächsten Tage hatte er genug erbeutet, und Madame Rabourdin nickte. „Gut, gut, das nehme ich und schaue, was man da heraus holen kann! Aber was hast du dir dabei gedacht?“, verlangte sie zu wissen und hielt ihm drei Holztiere entgegen, die sie auch aus dem Bündel gefischt hatte. Sie waren wertlos, das wusste Tarn auch. „Für Jean“, murmelte er. Aber eigentlich waren sie für Faye; sie freute sich immer, wenn Tarn oder Dion Interesse an ihrem Sohn zeigten. 

Er mochte Faye Rabourdin; genug, um ihr entgegen zu kommen. Sie war sehr still, und manchmal glaubte er, Bitterkeit in ihrem Gesicht lesen zu können, aber sie versuchte freundlich zu sein. Sie war so klein und dünn wie ihre Mutter, und sie hatte die gleichen, hellen Augen, doch ihre waren immer seltsam trüb und unfokussiert. Sie stieß oft Gegenstände um, und wenn sie nähen musste, musste sie jedes Werkstück ganz dicht vor ihre Augen halten. Aber etwas anderes beherrschte sie nicht, und so arbeitete sie sich die Finger wund an ihrer schlecht bezahlten Arbeit; alles nur für ihren kleinen Jean, den sie abgöttisch liebte. Und vielleicht war es das, was Tarn heimlich so an ihr schätzte, und warum er ihr helfen wollte, selbst wenn er und Dion selbst nur mit Mühe überlebten.

Aber das hätte er der Madame niemals erklären können, dazu wachte sie zu eifersüchtig über ihre Tochter. Selbst Mitleid und das freundliche Angebot zu helfen wehrte sie ab, bevor Faye auch nur zustimmen konnte. „Bleibt bei euresgleichen!“, knurrte sie dann und hob den Stock. Sie konnte heftig damit zuschlagen. Und auch jetzt, mit den Holztieren in der Hand, starrte sie ihn so grimmig an, als könnte sie etwaige Hintergedanken mit purer Willenskraft aus seinem Schädel schälen. Sie traute ihm nicht; sie würde ihm niemals trauen.

Deshalb war Tarn froh, als sie ihren Blick plötzlich abwandte und stattdessen mit zusammen gekniffenen Augen die Treppe hinab spähte. Sie hatte die Katze bemerkt, die gerade die Stufen hinauf humpelte und dabei immer noch unentwegt schnurrte; vermutlich hatte das räudige Pelzknäuel die ganze Zeit nicht damit aufgehört. „Was ist das?!“, herrschte die Alte Tarn an, und vermutlich meinte sie: Was hast du dir dabei gedacht, das Tier hinein zu lassen? 
Trotz seiner Müdigkeit regte sich jetzt bitterer Widerstand in Tarn. „Ein Mäusefänger. Und so wie es hier von Beute wimmelt, wird sie bestimmt keinen Hunger leiden“, antwortete er scharf, beugte sich hinunter und streichelte der vorbei streichenden Katze über den Rücken. Sie gab ein rostig klingendes Krächzen von sich, das nicht viel mit einem Miauen gemeinsam hatte, machte einen weiten Bogen um die Madame und war schon um die nächste Ecke verschwunden. Sie witterte wohl, dass da noch ein anderer Mensch war, der ihr viel freundlicher gesinnt sein würde. 
„Ich behalte sie bei uns“, sagte Tarn und wandte sich zum Gehen, als Zeichen, dass es keine Diskussion geben würde, vor allem nicht mitten in der Nacht. „Darüber sprechen wir noch!“, zischte die Madame, aber nachdem sie ihm noch einen besonders grimmigen Blick zugeworfen hatte, schloss sie zum Glück für diese Nacht die Tür. Ein Riegel wurde vorgeschoben, grob und mit Kraft, damit es auch ja hörbar war. Das tat sie immer, wenn sie ihm oder Dion deutlich machen wollte, dass sie ihre Gäste eigentlich für Ungeziefer hielt, wenn auch für gut zahlendes.

Tarn seufzte und trabte weiter, zu dem winzigen Zimmer, in dem er hoffte für diese Nacht endlich Ruhe zu finden. Es lag auf der Nordseite des Hauses, ein düsterer kleiner Lagerraum mit nur einem einzigen Fenster, in dem der Putz von den Wänden bröckelte. Kalt, ungemütlich, und das Heim zahlloser Spinnen, aber der einzige Ort, den er sein Zuhause nennen konnten. 

Ihr Zuhause. Schon bevor Tarn die einen Spalt offen stehende Tür gänzlich auf schob, hörte er erneut das krächzende Miauen. „Na, wie bist du denn herein gekommen?“, erklang Dions Stimme, und die Antwort war lautes Schnurren. Tarn konnte nicht anders als zu lächeln, als er ins Zimmer trat. 
Dion, der sich halb von ihrem kargen Deckenlager aufgerichtet hatte, bemerkte ihn und erwiderte das Lächeln sofort. Er sah verschlafen aus, wie er in das schwache Licht der Kerze blinzelte. Sein Haar stand in alle Richtungen ab, und die dunklen Ringe unter seinen Augen ließen Tarn augenblicklich bedauern, dass er wach war. Dion arbeitete zu hart und zu lange, für zu wenig Geld, und er brauchte allen Schlaf, den er bekommen konnte. „Hab ich dich geweckt?“, fragte Tarn, aber Dion wehrte ab. „Nein, das war unser Besuch. Warum hast du sie herein gelassen? Madame Rabourdin bringt dich um“, sagte er immer noch lächelnd und kraulte die Katze zwischen Ohren. Sie hatte es sich gerade neben ihm bequem gemacht, als hätte sie nie etwas anderes getan. 
„Ich dachte, wenn alle Stricke reißen können wir sie essen“, antwortete Tarn, und er konnte nicht verhindern, dass sich ein bitterer Unterton in diesen Scherz schlich. Er zog sich die Jacke, die Schuhe und die vom Schnee durchweichten Hosen aus und vermied es, auf die dürren Stelzen zu starren, die von seinen Beinen übrig waren. Sie hatten beide abgenommen, aber Tarn war schon immer zu dünn gewesen und glich inzwischen einem Skelett. 

Dion schnaubte amüsiert und machte Platz, damit Tarn sich zu ihm legen konnte, und der schlüpfte dankbar unter die warme Decke. Er musste aufpassen, nicht versehentlich die Katze zu erdrücken; das freche Biest schien entschlossen, mindestens die Hälfte des Platzes für sich zu beanspruchen, und schnurrte immer noch in einem fort. Sie hatte es auch warm, im Gegensatz zu Dion, der es jetzt mit Tarns eiskalten Füßen zu tun bekam und merklich fröstelte. Trotzdem schlang er seine Arme um ihn, rieb seinen Rücken warm, aber er war vorsichtig dabei, fast zaghaft. Vermutlich spürte er jede Rippe und jede Wölbung des Rückgrats unter seinen Händen. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch Tarn kam ihm zuvor. 

„Wir sollten weg von hier, ich weiß“, sagte, auch ohne, dass Dion ihm einen Vorwurf gemacht hatte. Das musste er auch nicht, die machte er sich selbst. „Das wollte ich gar nicht sagen“, murmelte Dion zur Antwort. „Ich mach mir nur Sorgen um dich. Du musst mehr essen, sonst-“ „Es ist nicht genug da“, unterbrach Tarn ihn niedergeschlagen, „Faye und du arbeiten. Ich nicht.“ „Aber wenn du krank wirst-“ „Ich halte das aus“, wiegelte Tarn ab, grimmiger, als er eigentlich wollte. 

Danach schwiegen sie einen Moment nur. Sie hatten diese Diskussion schon zu oft geführt, und sie hätten sich nur einmal mehr im Kreis gedreht. Es gab keinen Ausweg aus diesem Dilemma, denn arbeiten konnte Tarn nicht; nicht in der Stadt, wo sich inzwischen herum gesprochen hatte, dass nicht jeder Mann frei war, der es vor gab zu sein. „Zeig mir deinen Rücken“, war das erste, was Dion zu hören bekommen hatte, als er bei dem Schmied nach Arbeit gefragt hatte. Diese Frage war selbst auf der Straße angekommen; wer sich verkaufen wollte, bedeckte die Schultern selbst bei der grimmigen Kälte nur mit einem Tuch und zeigte sie vor. Flüchtige Sklaven zu bezahlen bedeutete Ärger. Wären die Rabourdins nicht selbst so bettelarm gewesen, dass sie keine Wahl hatten, wären Tarn und Dion auch hier nicht willkommen gewesen.

Natürlich konnten sie aufs offene Land zurück kehren, untertauchen und hoffen, dass sie unentdeckt blieben. In fernen Gegenden würde ihr Name oder das Wissen darum, was sie getan hatten, vielleicht nicht auftauchen. Vielleicht würde dort niemals jemand nach einem Brandmal Ausschau halten. Vielleicht aber doch. Dann würden sie immer weiter fliehen müssen, über die Grenzen des Landes hinweg. Auch darüber hatten sie gesprochen.

Aber es gab noch einen anderen Weg, und er war der Grund, warum sie überhaupt in die Hauptstadt zurück gekehrt waren. Ein Plan, der verrückt und vielleicht aussichtslos war: Tarn musste Kontakt zu Anssi finden, und dann würde er ihn auf Knien anflehen müssen, dass er seinen Einfluss geltend machte. Karvash hatte schon einmal ein Todesurteil aufgehoben, er konnte es wieder tun, wenn ihn der Richtige darum bat.
Aber Tarn würde niemals so einfach an Anssi heran kommen; in seinem Zustand würde man ihn als Bettler hinaus werfen, oder erkennen und zu Karvash schleifen. Ohne Fürsprache würde das ziemlich sicher sein Todesurteil sein. Also musste er zuerst Zugang zu jemand finden, der zum Anwesen gehörte, aber bereit war, ihn zu decken. Und das war Tarn bisher nicht gelungen.

„Ich versuche es morgen wieder“, sagte er leise, und er war froh, dass Dion verstand und versöhnlich nickte. Seine Hände krochen unter Tarns Kleidung, strichen beruhigend über die kalte nackte Haut seines Rückens. In der Dunkelheit konnte Tarn sein Gesicht nur schemenhaft erkennen, aber er schien müde zu lächeln. „Ja. Vielleicht kommst du morgen endlich an jemand heran. He, vielleicht sogar an Jefrem.“ „Vielleicht“, antwortete Tarn, „Aber vielleicht auch nicht…“ 
Er hatte Dion von Jefrem erzählt, und Dion hatte zugestimmt, dass sie wahrscheinlich auf seine Hilfe würden zählen können. Es gab nur ein Problem: Weder Jefrem noch einer seiner Knechte hatte das Anwesen in den letzten Wochen verlassen. „Noch können wir warten“, sagte Dion leise und küsste Tarn, zog ihn noch näher zu sich heran. „Mindestens bis zum Frühling. Und wenn es wieder wärmer ist, können wir überall hin. Wir können so weit wandern wie wir wollen.“

Seine Stimme war gelassen und beinahe zuversichtlich, und seine Fingerspitzen kreisten jetzt über den Grund von Tarns Wirbelsäule. Tarn hätte sich gern von seinem Optimismus überzeugen lassen, und konnte es doch nicht. „Ich will nirgendwo anders hin“, murmelte er. „Wenn wir weg gehen, kommen wir nicht mehr zurück. Und was treibst du hier eigentlich?“ Dion, der sich gerade daran machte sein Hemd hoch zu schieben, lachte leise und küsste ihn wieder. „Ich bin jetzt wach. Deine Schuld.“ „Und ich bin müde, und nicht gerade in Form“, murmelte Tarn, selbst unsicher, was er gerade wollte. Sie kamen so selten dazu, Zeit miteinander zu verbringen, wirklich allein zu sein. 
„Willst du nicht?“, fragte Dion. Die Bitte schwang deutlich in seiner Frage mit; eine Nacht, in der sie nicht nur erschöpft nebeneinander einschlafen würden. „Doch, aber-“ Tarn verstummte, versuchte die richtigen Worte zu finden, und konnte es doch nicht. „-ich bin ziemlich müde“, schloss er unsicher. „Bleib einfach liegen“, flüsterte Dion ihm zu und hatte sich schon herum gerollt, war jetzt über ihm. Er schob sein Hemd nach oben, küsste seine nackte Brust, unter der sich die Rippen so erschreckend deutlich abhoben, und seine Finger zeichneten sie nach. „Ich muss mich sowieso beeilen. Am Ende verschwindest du vor meinen Augen“, flüsterte er, zog ihm seine Kleidung über den Kopf und warf sie neben sich. 

Die Katze, aufgestört von der plötzlichen Unruhe, setzte sich auf und schnupperte interessiert an den abgelegten Sachen, doch Dion schob sie beiläufig fort. „Husch, Kätzchen. Geh woanders hin.“ 
Sie krächzte beleidigt und tappte davon; vielleicht fing sie sich ja ein Abendessen. Tarn sah ihr nach, wie sie geschmeidig über den Boden schlich, im herein fallenden Licht des Fensters kurz inne hielt und zu lauschen schien. Dann schlängelte sie sich durch den Türspalt und verschwand in der Schwärze dahinter.
Dion musste Tarns Kopf sanft zurück zu sich drehen, damit er überhaupt bemerkte, dass er ihr selbstvergessen nach starrte. „Bist du noch da?“, fragte er, und Tarn nickte vage. Aber sicher war er sich nicht. Er wusste nicht einmal, ob er an diesem Tag überhaupt wirklich zurück gekehrt war.
(I)
Er wollte nicht abdriften, aber er fühlte sich unendlich erschöpft. Er spürte Dion, seine Lippen an seinem Hals, seine Hände, die ihn fest hielten, sein hartes Glied, das sich gegen ihn presste. Natürlich war er erregt. Aber warum war alles so blass, nebelhaft? Er hörte sich selbst stöhnen, griff nach Dion, hielt ihn fest, und musste sich doch zwingen nicht weg zu driften. 
Dion zog ihn vollends aus, schob seine Schenkel auseinander, aber dann verharrte er einen Moment nur über ihm, sah ihn an. Ein wenig nachdenklich, ein wenig besorgt; als wollte er in ihm nachspüren, was ihn so bedrückte. Und sein Blick rührte an eine Erinnerung, die Tarn fast die Tränen in die Augen trieb, und die er hastig in sich begrub. Der tief besorgte Blick aus zwei alten Augen in einem freundlichen Gesicht, das er seit Wochen so vermisste.

Hör auf damit. Hör auf, dir wegen mir Sorgen zu machen.

„Komm her“, murmelte Tarn, griff in Dions dichtes, weiches Haar, zog ihn zu sich hinunter. „Aber-“ „Bitte.“ „Ja. Warte kurz.“ Er tastete im Dunkeln nach dem Öl; Tarn hatte es irgendwo mitgehen lassen, sie hätten es niemals kaufen können. Kein Lavendel. Dions Hände und das Öl darauf waren kühl, und unvermittelt zitterte Tarn, fror plötzlich erbärmlich. Dion zog die Decke weiter über sie, während er ihn vorsichtig einrieb, dann sich selbst. Danach drückte er seine Schenkel zurück, zog ihn näher zu sich, und drang vorsichtig in ihn ein, legte sich schließlich vollends auf ihn. 
Warm. Tarn vergrub seine Hände in Dions Haar, und für einen Moment verschwand das Gefühl der Ferne, der Losgelöstheit. Die Empfindung war echt, die Lust, die er spürte endlich gegenwärtig. „Gut so?“ „Hm.“ Tarn küsste ihn hungrig, drängte sich ihm noch heftiger entgegen, verkrallte sich in seinem breiten Rücken, als könnte er Halt an ihm finden. Er wollte ihn spüren, so stark wie möglich. So lange die Hitze andauerte und sich nicht alles kalt und fern anfühlte. Und hätte er die Wahl gehabt, hätte dieser Moment ewig gewährt.

Aber dazu war er zu fordernd, und sie beide zu müde. Tarn spürte es, schon bevor Dion es ihm zuflüsterte, an seinen angespannten Muskeln, seinem flachen Atem. Er kam mit einem gedämpften Schrei, nicht so laut, dass sie irgendjemand hätten wecken können, und legte seine schweißnasse Stirn einen Moment ruhig an Tarns. Er schien glücklich, lächelte mit geschlossenen Augen. „Alles in Ordnung?“, fragte er leise, und Tarn nickte. „Ich bin nur müde. Zu müde für so ziemlich alles“, sagte er leise. „Du willst nicht-“ „Nein. Morgen vielleicht.“ 
(I) Jetzt sah Dion wieder besorgt aus, aber er nickte nur, rollte sich von ihm herunter, wusch sich schnell und kroch dann wieder zu Tarn unter die Decke. Er gähnte lang, bevor er einen Arm um Tarn legte und sich an seinen Rücken schmiegte.
„Ist doch alles gar nicht so schlimm, so lange wir zusammen sind“, murmelte er in Tarns Ohr. Innerhalb von Minuten war er eingeschlafen. 

Tarn lauschte auf seinen gleichmäßigen Atem und starrte in die Dunkelheit. Schlaflos wie schon so viele Nächte zuvor. 

Große, weiße Flocken fielen an dem kleinen Fenster ihres Zimmers vorbei. Sie erzeugten ein leises, geisterhaftes Klirren, wenn der Nachtwind sie gegen das dreckige Fensterglas trieb. 
Die Luft war selbst im Haus kalt und feucht, so kalt, dass sich Reif an den Außenwänden bildete. 
Eine Spinne lief über den rissigen Putz, an der Wand, die Tarn am nächsten war, federnd auf ihren dürren, langen Beinen.

Es war still. 

Die Welt war groß, und kalt, und leer. Durchzogen von einer Einsamkeit, die den Raum erfüllte, sich über alles hinweg dehnte. 

Alles nicht so schlimm… das war die Wahrheit, Tarn war sich dessen bewusst. 
Aber er empfand nicht so.
Jeder Tag war schwerer als der andere, und nie schien er in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.
Er träumte schlecht, hastete endlos durch dunkle Räume, verfolgt von wütendem Brüllen. Auf der Suche nach etwas, das er nicht finden konnte. Irrte durch endlose Gassen, und fand keinen einzigen bekannten Punkt, und keinen Menschen, den er nach dem Weg fragen konnte. Wenn er erwachte, war er schweißgebadet. Und wenn er wagte, abends durch die Gassen der Stadt zu streifen, den Kopf gesenkt, das Anwesen und die Umgebung umkreiste, suchte ihn das Gefühl aus den Träumen heim. Losgelöstheit. Hoffnungslosigkeit.

Warum konnte er Jefrem nicht finden?
Und was, wenn er das niemals würde? Er einfach verschwunden war? 
Und was, wenn er sich abwenden würde, im selben Moment, in dem er davon erfuhr, dass Tarn zurück gekehrt war? 
Aufgeben hatte jemand zu vertrauen, der ihn so enttäuscht hatte?

Und je länger er suchte, wartete, und hoffte, desto mehr wurde ihm bewusst, dass er nicht wusste, was er tun würde, wenn Jefrem ihn aufgeben hatte. Er hatte nichts anzubieten; kein Geld, keinen Körper. Überhaupt keine Gegenleistung. Alles war wertlos. 

Er war wertlos. Er las es jeden Tag in Madame Rabourdins Augen. In den misstrauischen Gesichtern der Menschen in den Straßen.

Letztendlich klammerte er sich vielleicht an eine absurde Hoffnung. Aber das war das einzige, was er hatte. Tarn zog die Decke enger um sich, rückte näher zu Dion heran. Aber die Leere füllte immer noch den Raum; eine Kälte, die sich nicht vertreiben ließ. Eine Sehnsucht, die er niemals hätte erklären können; die er mit sich trug seit dem Tag, als er gegangen war, und die ausgerechnet Moreau wieder geweckt hatte. Der Wunsch, noch einmal die dunkle, freundliche Stimme zu hören; zumindest ein letztes Mal.

Ich würde nicht behaupten, dass ich dich nicht mag, Tarn.

~

Die Wochen gingen ins Land, und der Winter hatte die Stadt fest im Griff. Manchmal zählte Tarn die Tage, nur um sich ausrechnen zu können, wann es wärmer werden musste, aber Trost spendete ihm das kaum. Der Januar ging in den Februar über ohne dass sich das Wetter besserte. Dion bekam erst einen Schnupfen, dann Fieber, und drei Tage lang wachte Tarn an seinem Bett, bis es ihm endlich wieder besser ging. Danach sehnten sie beide noch mehr als zuvor den Frühling herbei. Aber er wollte noch lange nicht kommen.

Tarn hielt sich mehr schlecht als recht mit Diebstählen über Wasser; die lange Kälte half ihm nicht gerade dabei. Die Einbrüche häuften sich, denn auf der Straße zu schlafen bedeutete den sicheren Tod, und daraufhin verstärkten die Wachen ihre Patroullien durch die Stadt.
Aber auch tagsüber hatte Tarn nicht mehr Glück. Er zog immer engere Kreise um das Anwesen, riskierte auch, von Karvashs Wachleuten gesehen zu werden. Irgendwann beschattete er selbst Gäste des Bordells, nur in der Hoffnung, Bruchstücke von dem zu erhaschen, was im Inneren vor sich ging. Und wenn er einen der Diener erwischte, verfolgte er ihn oft kilometerweit durch die Stadt, zu Wohnhäusern, anderen Anwesen, in Schenken. Heraus kam dabei nie etwas. Aber hatte er eine Wahl? Er konnte nicht aufgeben; er hätte nicht einmal vor Dion zugegeben können, dass er nicht weiter wusste. 
Und endlich, nach einer Ewigkeit des Wartens, erhielt er eine Chance.

Es war ein stürmischer und klirrend kalter Nachmittag gewesen, der Himmel bedeckt von schiefergrauen Wolken, die keinen Lichtstrahl durch ließen. Tarn hatte das Anwesen mehrmals vergeblich umrundet, und irgendwann aufgegeben, sich durch den beißenden Wind zu kämpfen. Stattdessen hatte er beschlossen, im Schutz einer schmalen Gasse auszuharren, ganz in der Nähe der Ställe und der Wirtschaftsgebäude. Dort hatte er zwei weitere Stunden zugebracht, oder vielleicht auch nur anderthalb, er hatte sein Zeitgefühl verloren. 
Sollte er einfach heim gehen? Das fragte er sich zum vielleicht hundertsten Mal, während er seine eiskalten Hände rieb; schon seit dem Anbruch der Abenddämmerung quälte ihn ein tiefer, pulsierender Schmerz in den Fingergelenken, den er inzwischen nur zu gut kannte. Seine Füße waren taub. Das Wetter wurde auch nicht besser: es schneite wieder, und der böige Wind tat sein Übriges, ihn von seinem Platz zu vertreiben.

Er hatte gerade den Kopf gesenkt, hauchte feuchtwarme Luft in seine Hände, als er plötzlich von fern ein vage bekanntes Gesicht erspähte: einen der Diener, die er manchmal im Gespräch mit Danilo und Jefrem gesehen hatte. Seinen Namen wusste Tarn nicht, er hatte ihn eigentlich nie so recht wahrgenommen. Der Mann war vielleicht um die sechzig, hatte sich warm eingepackt und stapfte zielstrebig, die Hand zum Gruß hebend, an den Wachen vorbei aus dem breiten Tor des Hofes, und war kurz darauf in eine Gasse eingebogen.

Fast wäre Tarn vor Unentschlossenheit und Überrumpelung einfach stehen geblieben, und er verdankte es wohl nur einem Reflex, dass er vorwärts stolperte. Dann begann sein Herz wie verrückt zu schlagen, und seine Beine nahmen ihm die Entscheidung ab; er rannte dem Mann nach, hastete um die Ecke des Hauses und hatte ihn gleich darauf wieder im Blick. Jetzt zwang er sich, ihm möglichst unauffällig zu folgen. 
Einfach war das nicht, er hatte Mühe, Schritt mit dem Alten zu halten, so in Eile schien er zu sein. Er schlängelte sich gezielt zwischen entgegen kommenden Menschen hindurch, verschwand manchmal hinter vorbei fahrenden Karren, bog immer wieder unvermittelt ab, sodass Tarn ihn mehrmals aus den Augen verlor und rennen musste, um ihn nicht ganz zu verlieren. Mehrmals dachte er, ihn endlich, irgendwo in einer ruhigen Seitenstraße, anhalten und ansprechen zu können. Doch immer, wenn Tarn gerade zu einem Sprint ansetzen wollte, kamen ihm wieder Menschen entgegen, kreuzten sich die Gassen mit geschäftigen Straßen, und machten ihm jede Gelegenheit zunichte.

Und dann war der Mann plötzlich verschwunden. Tarn stoppte abrupt, drehte sich hektisch nach links und rechts, im vollen Bewusstsein, dass die Menschen die an ihm vorbeigingen ihn anstarrten. Am liebsten hätte er laut geflucht; er hatte so lange auf diese Gelegenheit gewartet, das durfte nicht alles umsonst gewesen sein! Schließlich tat er das einzig Sinnvolle und bog aufs Geradewohl in eine weitere Gasse ein, die ihm am nächsten lag, hastete weiter und sah wie durch ein Wunder den Alten am anderen Ende verschwinden. 
Tarn begann wieder zu rennen, stieß blind jemand der im Weg stand beiseite, der ihm wüst nach fluchte, erreichte die Öffnung zwischen den Häusern, rutschte im Schnee und fiel fast, als er sich scharf nach links wenden musste, und wäre beinahe in den Verfolgten hinein gelaufen, der jetzt langsamer ging - direkt auf eine Stadtwache zu. 

Umkehren oder Anhalten war zwecklos, Tarn zog den Kopf ein und hastete wortlos und ohne sie anzusehen an den beiden vorbei, bog um eine weitere Hausecke und ging in Deckung. 
Dann lehnte er sich einen Moment keuchend an die kalte, feuchte Wand, kroch fast in sie hinein, und lauschte auf Schritte, auf Stimmen die sich ihm näherten, jede Sekunde bereit weiter zu laufen. Doch scheinbar hatte ihn weder der Diener erkannt, noch war er der Wache zu sehr aufgefallen. Niemand folgte ihm.

Als Tarn endlich wagte sich wieder blicken zu lassen, tastete er sich langsam, fast zentimeterweise, zurück zum Eingang der Gasse, und jeder Schritt im Schnee knirschte überlaut. Er hätte sich aber nicht derartig bemühen müssen; als er den kleinen Platz, auf dem er die zwei Männer zuletzt gesehen hatte, mit den Augen absuchte, sah er keinen von beiden mehr dort stehen. Eine Rotte spielender Kinder zog vorbei und bewarf sich mit Schnee, zwei Frauen schwatzen an einem Hauseingang. Das war alles. 

Verdammt.

Er ballte die Fäuste, und der aufheulende Schmerz in seinen Händen machte ihn nur noch zorniger. Wie hatte er das so vermasseln können?
Niedergeschlagen und ohne große Hoffnung zwang er sich trotzdem dazu, den Gassen zu folgen, die vom Platz aus in alle Richtungen abzweigten, eine, zwei, drei. Nichts. Nichts und wieder nichts. Als er die vierte hinter sich ließ, gab er endlich auf. Es war kalt, es wurde dunkel, und er konnte nicht Stunden durch die Stadt irren. Verloren sah er sich um, suchte nach einem Orientierungspunkt, um ungefähr die Richtung zu finden, in die er gehen musste. Nach hause, um Dion seinen Misserfolg zu gestehen.

Und dann, vielleicht zu seinem Glück, blieb sein Blick plötzlich an einem Schild hängen. Es gehörte zu einem zweistöckigen, halb verwitterten Haus, das sich eng zwischen zwei weitere Bauten schmiegte. Anscheinend eine Schenke, dem morschen Holzschild nach allerdings eine, deren beste Zeiten schon länger her waren. Wenigstens lungerten keine Betrunkenen davor herum, das hatte sie erst so unscheinbar gemacht.

Tarn trat näher und runzelte konzentriert die Stirn, als er langsam den Namen auf dem Schild entzifferte, dem zu allem Übel zwei Buchstaben fehlten, so dass es nur noch »L  Mar ite« zeigte. Mit Anstrengung schaffte er es schließlich das Rätsel zu lösen, und gleich darauf zog ein Lächeln über sein Gesicht. »La Marmite« - diesen Namen hatte er schon einmal gehört. Eine Schenke, von der die Diener auf dem Anwesen manchmal gesprochen hatten, weil ihr Ruf nicht ganz so schlecht war und das Bier sehr billig.

Was, wenn die zwei Männer hier eingekehrt waren? Der Gedanke war so plausibel, dass Tarn sich am liebsten selbst getreten hätte, dass er nicht eher daran gedacht hatte. Und noch etwas ging ihm auf: Dass die beiden dann vielleicht noch hier waren. Aber auch, dass er, wenn er jetzt eintrat, womöglich erkannt werden würde.
Tarn haderte einen Moment mit sich. Aber die Vorstellung, so kurz vor dem Ziel einfach umgekehrt zu sein zwang ihn schließlich doch dazu, einzutreten, mit gesenktem Kopf und eingezogenen Schultern. Ohne inne zu halten oder sich umzusehen stapfte er quer durch den warmen, düsteren Gastraum und setzte sich an den erstbesten freien Tisch.

Noch bevor er sich unauffällig umsehen konnte, wurde seine Anwesenheit bemerkt - die Schankmaid, eine kantige  Frau mit einem mürrischen Gesicht, ging auf ihn zu, taxierte seine abgerissene Erscheinung und fragte dann barsch: „Was willst du? Was essen? Was trinken?“ „Ich warte auf jemanden“, gab er mit leiser Stimme und nicht viel freundlicher zurück, und die Frau zuckte mürrisch mit den Schultern und ging zum nächsten Tisch. Vermutlich würde sie die Ausrede in den nächsten fünf Minuten noch gelten lassen und ihm dann befehlen, zu verschwinden, wenn er nur herum lungerte.

Möglichst unauffällig sah Tarn sich um, ließ seinen Blick über die Menschen schweifen, die am frühen Abend in der Kneipe saßen. Der Schankraum war düster, die Decke rußig, der Boden nicht besonders sauber; ein Sammelplatz für die Art von Gästen, die sich nichts Besseres leisten konnten. Tarn machte einige Handwerker aus, drei Kaufleute, die über irgendetwas debattierten, ein paar zusammengesunkene Säufer, und einige zwielichtige Gestalten, die in dunkleren Ecken des Raumes lungerten und sich flüsternd unterhielten. Keine Spur von dem Diener oder der Stadtwache. Tarn knirschte mit den Zähnen. Warum hatte er immer nur Pech?

Gerade wollte er sich erheben und unauffällig verschwinden, als die scharfe Stimme der Schankmaid ihn aus seinen trübsinnigen Gedanken riss. „Du kriegst nichts mehr, sagte ich, und wenn du mich noch einmal anfasst, wirst du das bereuen, Freundchen“, schnauzte sie einen der Gäste an, den Tarn zwar gesehen, aber bisher ignoriert hatte. Er erkannte Säufer, wenn er sie sah. Der war ein kleiner dürrer Mann, obwohl er auf den zweiten Blick nicht so alt erschien, wie Tarn ihn zunächst geschätzt hatte. Das lag vor allem an dem groben Stock, den er bei sich hatte und der ihm wohl als Krücke diente; sein steif ausgestrecktes Bein deutete darauf hin, dass er verwundet war. Jetzt hatte er sich jedoch aufgerichtet, stütze sich mühsam und leicht schwankend auf den Tisch auf. „Ich s-sagte noch einen, dummes Weibsstück!“
Keine Sekunde später hatte er sich eine schallende Ohrfeige gefangen, und Tarn war aufgesprungen und eilte auf ihn zu. Die Stimme kannte er, auch wenn er sie im ersten Moment überhaupt keinem Gesicht zuordnen konnte; so undeutlich und trotzig, beinahe boshaft, hatte er sie noch nie gehört.

Der Betrunkene indessen hielt sich die rot glühende Wange und holte gerade Luft, vermutlich um zu einer wüsten Schimpftirade anzusetzen. Er war so blau, dass er Tarn erst bemerkte, als er direkt neben ihm stand. Schwerfällig wandte er sich von der wütenden Schankmaid ab und zu ihm hin, dann glotzte er einen Moment so überrascht, wie Tarn ihn anstarrte.

„Tarn?“, fragte Viljo ungläubig, mit schwankender Stimme, „Bis’… bis’ du das? Wie komms’ du denn hierher?“ 

Viljo. Tarn konnte kaum begreifen, ihn plötzlich vor sich zu haben. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er nie damit gerechnet hatte, ihn jemals lebend wieder zu sehen. Und bestimmt nicht hier, in dieser schäbigen Absteige, als besoffenes Wrack, das die Bedienung anpöbelte.
„Hast du auf den da gewartet?“, fragte die Schankmaid und riss Tarn damit unvermittelt aus seiner Schockstarre. „Ich-“, setzte er an, und wollte eigentlich antworten, „-kenne keine Säufer.“ Dann fiel sein Blick wieder auf Viljo, und er verstummte, unschlüssig, was er sagen sollte.

Die Frau interpretierte das allerdings als Zustimmung, und richtete ihren Zorn jetzt ganz auf ihn. „Dann verschwinde mit dem Saukerl, bevor ich ihm Beine mache! Bezahlt hat er wenigstens alles!“ Viljo glotzte sie einen Moment an, dann kicherte er erstickt und ging sie gleich darauf streitlustig an: „Nur zu, gute Frau, mach mir Beine! Mach mir wenigstens eins, ich kann eins brauchen!“ Er griff nach seinem Stock.

Er schaffte es gerade noch, ihn zu greifen. Dann schnellte Tarns Hand reflexhaft vor, packte seinen Arm und hielt ihn fest, bereit ihn herunter zu reißen, wenn er es nur wagte auszuholen. Vor seinem inneren Auge hatte er schon gesehen, wie Viljo auf die wehrlose Frau einschlug, und er war nicht der einzige; mehrere Männer erhoben sich von ihren Stühlen, selbst einige der düsteren Gestalten blickten auf. Es war plötzlich eisig still im Raum.
Aber Viljo holte nicht aus. Er war auch zu betrunken um zu verstehen, warum Tarn ihn gepackt hatte. Bitter grinsend starrte er immer noch die Frau an, und dann klopfte er mit seiner Krücke gegen seinen Unterschenkel. Das dumpfe Klappern, das ertönte, als Holz auf Holz traf, hallte sehr laut wieder, und machte unmissverständlich klar: es gab keine Macht der Welt, die ein verlorenes Bein ersetzen konnte.  

„Das reicht, wir gehen“, sagte Tarn leise und zog Viljo mit sich, an der blass gewordenen Schankmaid vorbei, nach draußen. Er hatte genug gesehen, und Viljo hatte genug angerichtet. Ein weiteres Wort, eine falsche Bewegung, und die Männer im Raum hätten den Störenfried eigenhändig hinaus befördert. Ihr grimmiges Starren folgte jedem seiner torkelnden Schritte, als Tarn ihn zur Tür schob.

Viljo wiederum folgte ohne Widerstand, aber er war auch nicht klar im Kopf und begriff kaum, wie ihm geschah. Aus direkter Nähe sah er noch erbärmlicher aus. Seine Augen waren rot und sein Gesicht blass und verschwitzt, sein Atem stank nach Alkohol, und selbst durch die Schichten seiner Kleidung fühlte er sich kalt an und zitterte leicht. 
Doch obwohl Tarn ihn praktisch von seinem Platz weg gezerrt hatte, schien er trotzdem froh darüber, dass sich jemand um ihn kümmerte. Auf dem Weg nach draußen verwandelte er sich in ein zahmes Lamm, aus dem jegliche Feindseligkeit gewichen zu sein schien. „Danke…“, murmelte er heiser, als Tarn die Tür aufriss und ihn hindurch schob, und dann stolperte er hinaus in den anbrechenden Abend.

Der Wind pfiff immer noch um die Häuser und trieb Böen von Schnee vor sich her, die Wolkendecke hatte sich nicht gelichtet. Doch Viljo atmete tief durch, und fast schien es, als würde er sich sammeln. Das verschmitzte Lächeln, das Tarn von ihm kannte, war wieder da, wenn auch hohlwangig und schief. „Puh, das war nötig! Frische Luft macht nüchtern, was?“, meinte er fröhlich, und war von Nüchterheit ungefähr so weit entfernt wie der Mond von der Sonne. „Aber hast schon Recht, ich sollte jetzt heim! Warten sicher schon alle!“ Er schnaubte leise, als lachte er über einen Witz, den nur er verstand, bevor er Tarn direkt ansah. „Was is’ mit dir? Willst…- willst vermutlich nicht mitkommen, oder? Du hast vermutlich jetz’ schon genug Ärger.“
Er brauchte keine Antwort; Tarns entsetzte Miene schien ihm alles zu sagen, was er wissen musste. „Konnte ich mir denken“, sagte er leise. „Lass’ dich nicht erwischen. Ich sag’ Jefrem einen Gruß. Man sieht sich.“ Und damit wandte er sich, ohne ein weiteres Wort, in Richtung des Anwesens und wankte los; er war wohl gerade noch nüchtern genug, den Heimweg zu finden. 

Fast hätte Tarn ihn ziehen lassen; dann hätte er nichts gewonnen und nichts verloren gehabt. Viljo hätte ihn niemals verpfiffen, vielleicht sogar vergessen, dass er ihm jemals begegnet war in dieser Nacht. 
Aber während Tarn ihm dabei zusah, wie er torkelnd und rutschend durch den Schnee nach Hause stapfte, ging ihm plötzlich noch etwas anderes auf: dass Viljo vielleicht seine lange gesuchte Chance war. Vielleicht sogar die Möglichkeit, das Anwesen zu betreten. Wie genau? Das spielte keine Rolle, würde ihm einfallen, wenn es so weit war. Vielleicht als Köder, als Ablenkungsmanöver. Viljo würde zu betrunken sein um überhaupt zu bemerken, was geschah. Und letztendlich war auch ganz egal, was mit ihm passierte.

Also lief Tarn Viljo nach, holte die wenigen Schritte des Weges auf und griff wieder nach seinem Arm, um ihn zu stützen. „Ich bringe dich besser heim. Wer weiß, ob du sonst ankommst.“ „Wirklich? Das ist nett von dir“, antwortete Viljo, und lächelte erfreut, auch wenn dieses Lächeln verwirrt und leicht dümmlich wirkte. 

Tarn wandte den Blick ab, weil er ihn nicht ansehen wollte. Viljo sah im bleichen Licht des versickernden Tages noch kränker aus als vorher, unglücklich und am Ende. Er war nie so kräftig wie Mischa oder Danilo gewesen, aber inzwischen war er sichtlich abgemagert. Tarn fragte sich, wie viel er in diesem Zustand überhaupt getrunken haben konnte - vermutlich nicht viel.
Aber was spielte das für eine Rolle? Keine. Viljo kam ihm zu Pass, das war alles. Sobald er hatte, was er wollte, würde er ihn loswerden. Tarn wünschte nur, dass das bald war; er konnte den Blick abwenden, aber Viljos Fahne musste er trotzdem riechen, und der Gestank brachte nur schlechte Erinnerungen zurück. Das Klirren achtlos zertrümmerter Flaschen. Eine raue Stimme, wütendes Geschrei. Der Gestank nach Erbrochenem.

Viljo wiederum war viel zu dicht, um Tarns Stimmung zu bemerken, und was ihm an Gesichtsfarbe fehlte, machte er jetzt mit lallender Gesprächigkeit wett. „Hab ja direkt Glück, dass ich dir über den Weg gelaufen bin. Aber sag’ mal, warum- warum bist du eigentlich wieder da?“ „Lange Geschichte“, murmelte Tarn zur Antwort, und Viljo lächelte schief. „Lange- lange Geschichten sind die besten! Aber was soll’s, ich hör mir das an, wenn du Jefrem davon erzählst! Gleich wenn er- wenn er mir den Kopf gewaschen hat! Sagte ich sollte nich’ bei der Kälte raus… weißt schon, im Schnee einschlafen und erfrier’n.“ „Er weiß davon?“, fragte Tarn barsch. Er hätte alles erwartet, aber nicht, dass Jefrem Viljos neusten Absturz zuließ.

Viljo schwieg einen Moment, rieb sich die in der Kälte laufende Nase, bevor er leise antwortete: „Kennst doch Jefrem. Dem entgeht doch nichts. Is’ aber nicht seine Schuld. Er w- weiß schon, warum ich… sind die Schmerzen. Verdammte Schmerzen.“ Tarn glaubte fast, er würde weinerlich werden, doch stattdessen schien es, als würde er sich selbst einen mentalen Tritt geben. Wie aus dem Nichts fuhr er fröhlich fort: „Ach, auch egal! Ich hab ich’s doch gut getroffen, oder? Ich dachte wirklich, das war’s für mich. In einer Sekunde steh’ ich da, und dann… Das Bein weg, einfach weg. Manchmal denke ich, ich spür’ es noch! Hast du schon mal versucht dich an einem Knöchel zu kratzen, der nicht mehr da ist? Verrückt! Nur noch ein… Stumpf, wie bei einem Baum. Abgesägt. Manchmal wird mir allein übel davon, dass ich d’rüber nachdenke. Kann auch noch kaum auf dem verdammten Holzbein steh’n. Aber arbeiten geht schon… irgendwie. Nicht so lange, muss mich immer ausruhen. Aber ganz ohne Arbeit… hielte ich nicht aus. Aber das geht dir ja genau so! Ich weiß noch, wie du am ersten Tag… na, weißt du ja selbst. Fehlt uns jetzt, was du geschafft hast! Du hättest- … hättest bei uns bleiben sollen, aber…“

Er machte endlich die Pause, die Tarn schon eine ganze Weile erwartet hatte, weil Viljo nicht einmal Luft zu holen schien. Aber statt einfach nur den Faden zu verlieren, hielt er plötzlich in seinem wirren Redefluss inne und sah zu Tarn auf, so erwartungsvoll, dass Tarn nicht anders konnte als sich ihm widerwillig zu zu wenden. 
Viljos rundes Gesicht wirkte jetzt ernst, die dunklen Augen nachdenklich. Es war, als wäre er in diesem Moment völlig klar, und seine Stimme stolperte kaum, als er sagte: „Wollte nicht, dass du meinetwegen weg gehst. Jefrem sagt- sagt natürlich das wäre nicht meine Schuld gewesen, aber… das war’s doch, oder?“

Tarn zuckte zusammen, so ertappt, dass er reflexhaft zurück wich und Viljo dabei beinahe umriss. Viljo stolperte ein Stück vorwärts, humpelte ein paar weitere Schritte, bevor er sich selbst mit seinem Stock fing und schwerfällig zu Tarn um wandte.
Einen Moment lang standen sie einander stumm gegenüber, während der böige Abendwind Schnee durch die Gasse fegte, ihre Kleidung und ihr Haar flattern ließ und ihnen fast die Sicht nahm. Viljo atmete schwer, den Körper gebeugt, sein ganzes Gewicht auf seinen Stock gestützt; sein Bein musste nach diesem Beinahe-Sturz höllisch schmerzen. Nur, dass der Ausdruck in seinem Gesicht nicht dazu passte. Er schien plötzlich völlig ruhig, sein Gesicht leer, undeutbar. 
Und Tarn starrte zurück, unfähig etwas zu sagen. Wie sollte er auch reagieren, wenn er nicht einmal wusste, was Viljo von ihm erwartete. War er wütend? Reuevoll? Tarn konnte es nicht sagen. Er wollte sich verteidigen, alles abstreiten… und wusste doch, dass es sinnlos war. Viljo kannte die Wahrheit. Irgendwie.

„Und wenn?“, fragte er schließlich, und für einen Moment sah er ein Lächeln in Viljos Gesicht auf zucken; das Grinsen eines Totenschädels. „Könnte ich dir… nicht übel nehmen“, antwortete er, und der heulende Wind verschluckte fast seine unstete Stimme. „Jefrem… meint es gut… aber er ist ein Träumer. Hätte auf dich hören sollen. Hattest Recht. »Ich hätte ihn verrecken lassen sollen…“

- wie er es verdient hat.«

Wer hat dir das gesagt?


Etwas anderes als diese Frage fand im ersten Moment keinen Platz in seinem Verstand. Dabei war sie so sinnlos. Es spielte keine Rolle, er hatte es so gesagt. Mehr noch, in diesem Moment, vor so vielen Monaten, hatte er das absolut ernst gemeint.
Warum hätte ihn das jetzt treffen sollen? Warum sollte er bedauern, das gesagt zu haben?

Er starrte Viljo an. Diese schwankende, leichenblasse Gestalt, die einem Toten ähnlicher war als einem Lebenden, deren Augenhöhlen in der Dämmerung dunkle Schädellöcher waren. Und er hasste ihn. Alles an ihm. Die Erinnerungen, die an ihm klebten, die aus seinen Poren drangen wie sein erbärmlicher Gestank.

„Und?! Soll ich mich schlecht fühlen deswegen?! Sieh dich doch mal selbst an! Was ist von dir übrig?! Du bist ein besoffenes Stück Scheiße, das in billigen Kneipen versackt!“
Die Worte brachen einfach aus ihm hervor, jede Silbe hasserfüllter als die nächste.
„Du kannst nicht mal gerade stehen, geschweige denn bringst du einen klaren Satz zusammen!“
Er wusste nicht, warum er Viljo anschrie. Warum er sich die Mühe machte, wenn es nichts gab, was ihn retten konnte. Wenn Jefrem ihn nicht hatte ändern können, wer hätte es dann gekonnt?
„Warum das Ganze?! Was hast du dir dabei gedacht?! Hast du überhaupt nachgedacht?!“

Er brach ab, weil seine Kehle plötzlich schmerzte. Vor Wut, vor zurück gehaltenen Tränen, die in seinen Augenwinkeln brannten und im heulenden Wind gefroren.

Viljo gab lange keine Antwort darauf. Er sah Tarn nur an, mit diesem leeren Gesichtsausdruck.  Schließlich wandte er den Blick ab. Als er sprach, schlingerte seine Stimme wieder, noch mehr als zuvor.

„Tut mir Leid. Hättest… es wohl wissen sollen, bevor du mich vor’m Verbluten rettest. Wäre nur fair gewesen. Und wenn’s nach mir ginge… hättest du mich liegen lassen können.“
Er verstummte, starrte auf seine Hände, auf den groben Stock, den er hielt. Dann verzog sich sein Gesicht, verzerrte sich plötzlich vor Zorn, und er warf ihn mit einer wütenden Geste in den Schnee.
„Ich war immer ein er…- erbärmliches Stück Scheiße! Hättest einfach die Hände heben und dich raus halten sollen, egal, was J-Jefrem sagt. Einfach warten, bis es vorbei ist, war doch egal… letztlich hast du ‘ne Leiche zusammen geflickt! Eine besoff’nes…“

Seine Stimme brach, und er wandte den Blick ab, wischte sich heftig die Augen, das Gesicht. „Scheiße“, murmelte er, „Scheiße…Vergiss’ es…“

Und Tarn hätte nichts lieber getan; er wünschte, er hätte Viljos Worte als betrunkenes Gefasel abtun können. Aber Viljo war völlig klar. Keine betrunkene Raserei, keine entfesselte Tobsucht; nur Schmerz. Es gab keine Maske der Fröhlichkeit mehr, kein immer gleiches Lächeln, das alle täuschen konnte. Und was darunter schwärte war hässlich. Verzweiflung. Über den Mensch, der er gewesen war… der er wieder geworden war. Den er vielleicht niemals würde abschütteln können. Und das Schlimmste war, dass Tarn diese Hoffnungslosigkeit kannte;  die wunde Stelle, die niemals jemand zu Gesicht bekommen durfte. Er fror plötzlich, und sein Herz war schwer. 

„Und wenn?“, fragte er tonlos, „Wenn ich dich hätte liegen lassen, wäre dann plötzlich alles besser gewesen?“
Viljo hob den Blick, sah ihn aus wässrigen Augen an.
„Du hättest mir was erspart. Und dir auch.“

Nein. Tarn schüttelte hilflos den Kopf. Und wusste selbst nicht, warum sich plötzlich alles in ihm auflehnte. 
So sollte es nicht ablaufen; so ergab das alles keinen Sinn. Er hatte sich vorgestellt, dass er froh sein würde. Dass die Vorstellung, Viljo tot zu sehen, ihn befriedigen würde. Aber alles, was er jetzt spürte, war tiefe Trauer. Mitleid.
Und vielleicht war diese Erkenntnis das Schmerzhafteste von Allem: dass er Viljo niemals genug hassen konnte, um ihm wirklich den Tod zu wünschen, außer in seinen eigenen schwächsten Momenten. 
Genauso, wie er seinen Vater niemals hatte sterben sehen wollen. Egal wie tief er am Ende gesunken war.

„Ich hab deinen Arsch aber nicht gerettet, damit du das alles zunichte machst“, sagte er, aber Viljo lachte nur, während er den Kopf schüttelte. Ein kraftloses Geräusch, das trotzdem einschnitt wie ein Messer, wütend, trotzig. „Du hast- hast meinen Arsch gerettet, weil Jefrem das gesagt hat. Weil j-jeder tut, was er sagt! Aber weißt du was, ich brauche keine Gefälligkeiten aus Mitleid! Nicht von jemand, der mich- der mich unter der Erde sehen will…!“

Und jetzt hast du Mitleid mit mir, und weißt du was? Das ist einen Dreck wert! Ich will kein scheiß Mitleid!

Tarn schüttelte den Kopf. Er ging auf Viljo zu, und er wich zurück, reflexhaft; wie so oft, wenn jemand auf ihn zugegangen war, oder ihm plötzlich zu nahe gekommen war. 
Hatte Tarn das jemals vorher bemerkt? Hatte er es jemals wirklich verstanden?

Die Wahrheit war, dass ich dein Mitleid wollte, Jefrem. Ich wollte, dass du es verstehst.

Er überwand die Distanz zwischen ihnen, bückte sich, hob langsam den im Schnee liegenden Stock auf. VIljo nahm ihn, aber seine Hände zitterten, und er hätte fast los gelassen, als Tarn nach seinen eiskalten Händen griff. Sie fest hielt, nur einen Moment. Er wusste nicht, ob er mehr tun konnte, mehr tun sollte. Er hätte auch nicht gewusst wie; wie er diese Nähe hätte herstellen können, die Jefrem oder Linette so leicht viel. Und er hatte nie im Leben so stark empfunden, dass ihm etwas fehlte. Dass die Worte, die er sagte, nicht ausreichten.
Aber trotzdem sagte er leise: „Ich wollte nicht, dass du krepierst. Nicht so.“

Viljo sah zu ihm auf, und Tarn sah den Zweifel in seinen Augen. Er wusste, dass Viljo ihm glauben wollte. Aber auch, dass er das nicht konnte. Und vielleicht verstand Tarn zum ersten Mal wirklich, dass die tiefe, alles zermalmende Stille in seinem Kopf nicht nur ihm gehörte. Die Kälte, die sich nicht vertreiben ließ. Die Dunkelheit, die nie ganz verging. Auch Viljo trug sie mit sich. Tarn wusste nicht warum, oder wie lange schon. Nur, dass Viljo versucht hatte, etwas zum Schweigen zu bringen, das nicht zum Schweigen gebracht werden konnte. Man konnte nicht vor dem davon laufen, was man immer mit sich trug. Und es reichte nicht, einmal fest gehalten zu werden. Es hätte jemand bedurft, der so viel stärker war als er selbst.

„Viljo!“

Die Stimme schien unendlich fern, ein vom Wind getriebener Wortfetzen von nirgendwo. Aber Tarn erkannte sie trotzdem, genauso wie Viljo. Er richtete sich auf, wandte sich um, in die Richtung, aus der sein Name erklungen war. Sie fand ihr Echo in einer anderen, noch tieferen Stimme. Hallte wieder aus einer dritten Richtung.

„Viljo!“
„Viljo! He!“

Und bevor Viljo selbst reagieren konnte, rief Tarn den Stimmen zu: „Hier! Wir sind hier!“

Durch den Wind und die Schneeböen kam jetzt eine Gestalt gestapft. Die Schritte des kräftigen Mannes knirschten gleichmäßig im Schnee, als er geraden Weges auf sie zu hielt, und keuchend eine Spur weißer Wolken hinter sich her zog. Dann entdeckte er sie, wie sie da im Schnee standen, wie zwei Kinder, die den Weg nach Hause nicht gefunden hatten. Und natürlich galt sein erster, besorgter Blick einzig und allein Viljo. „Verdammt noch mal, wo hast du gesteckt?! Wir-“, setzte er an, und dann wanderten seine Augen weiter zu dem, der bei Viljo stand, und er erstarrte. Erst zeigte sich Erkennen in seinem Gesicht, dann Ungläubigkeit. Er blinzelte gegen den Schnee an, aber das Bild, das er sah, blieb dasselbe. „Da soll mich doch der Teufel holen! Wo kommst du denn her?!“

Tarn öffnete den Mund, aber er hatte keine Worte für das, was er fühlte. Jefrem. Dick eingepackt gegen die Kälte, sodass er noch mehr als sonst wie ein Fass wirkte. Die Nase rot von der Kälte, eingehüllt in eine abgewetzte Jacke und einen gewaltigen Wollschal, der sich schon halb in seine Bestandteile auflöste. Die Augen wie immer wachsam, aber auch unendlich besorgt. 
Tarn öffnete den Mund, aber er wusste nicht, was er antworten sollte. Dutzende von sinnlosen Fragen und viel zu unverständlichen Aussagen schwirrten in seinem Kopf herum.
„Ich-“, setzte er an, und in diesem Moment beugte sich Viljo vor und übergab sich, bevor Tarn auch nur einen Schritt zurück treten konnte, auf seine Schuhe. 

Das einzige, was Tarn einfiel, war das, was Jefrem sagte, wenn er keine Worte mehr fand. „Чёрт возьми!“

Autorennotiz

Diese Geschichte ist eine Sidestory zu »Verloren im Feuer«, meinem Hauptwerk. Diese Geschichte enthält Spoiler, deshalb solltet ihr in der Hauptstory mindestens schon bis Kapitel 14 gekommen sein, sonst kann es sein, dass ihr Wendungen in der Story schon vorher erfahrt. Zudem könnte es für Nichtkenner der Hauptstory schwierig sein, sich die Handlung zu erschließen, da sie in groben Sprüngen Momente aus dem Leben eines Hauptcharakters aufgreift. Die Geschichte an sich wird in sich abgeschlossen sein, das heißt, es gibt einen Schluss. Da es sich aber um eine Vorgeschichte handelt, geht es natürlich in der Hauptstory weiter.
Wie bei Verloren im Feuer handelt es sich um einen Rohentwurf eines Romans und wird nach der Fertigstellung wesentlich ausgefeilt werden. Ich poste online zur Eigenmotivation.

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Autor

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Kapitel:8
Sätze:6.315
Wörter:98.876
Zeichen:567.958

Kurzbeschreibung

Mit sechzehn Jahren stand er so knietief in Sünde, dass er, hätte er jemals gebeichtet, bis an sein Lebensende hätte Rosenkränze beten müssen. Zu diesem Zeitpunkt war er längst verloren. Er hatte sich damit abgefunden, dass er so, wie er war, niemals ein Zuhause finden würde. Nirgendwo.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Drama, Entwicklung, Erotik und Familie gelistet.

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