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Krankhafte Wildnis

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02.07.21 11:06
12 Ab 12 Jahren
Pausiert

Krankhafte Wildnis 

 

Ich rannte immer weiter. Ich wusste nicht, wie lange ich schon durch die Wildnis des Waldes rannte. Allerdings wusste ich, dass ich, dass ich nicht anhalten durfte. Sonst würde ER mich einholen. ER würde mich kriegen und das durfte nicht passieren. Plötzlich stolperte ich über eine Wurzel und fiel hin. Ich musste weiter! ER durfte mich nicht kriegen! Bevor ich mich aufrappeln konnte, stand ER bereits über mir. Das wusste ich, da ich nun SEINEN kalten Atem in meinem Nacken spürte. Als ich mich auf meinen Rücken drehte, sah ich IHN in SEINEM Umhang vor mir stehen. SEINE Kapuze hatte ER, wie immer wenn ich IHN sah, tief ins Gesicht gezogen, sodass ich nicht erkennen konnte, wer darunter steckte. Mir fiel auf, dass ich, in all der Zeit, in der ich IHN – zumindest glaubte ich, dass es ein ER war, allerdings konnte es durchaus auch eine SIE sein – bisher gesehen hatte, IHN noch nie...wirklich gesehen hatte. Zumindest was sein Gesicht anging. ER riss mich aus meinen Gedanken, als  ER mit seiner röchelnden Stimme – die mich ein wenig an Darth Vader erinnerte (nur ohne Maske) – mir zurief: „Jetzt hab ich dich!“. Nun stand ER über mir, sodass ich nicht mehr fliehen konnte, hob eine Hand zu seiner Kapuze, um sie sich aus dem Gesicht zu reißen... 

Das Schrillen meines Weckers weckte mich aus meinem schrecklichen Traum. Einerseits erleichtert, andererseits enttäuscht, da ich geglaubt hatte, der Antwort, wer oder was mein mysteriöser Verfolger ist, näher denn je zuvor zu sein, und es nun doch immer noch nicht wusste, stieg ich aus dem Bett und rieb mir verschlafen über mein Gesicht. Zwei Wochen lang hatte ich nun schon den gleichen schrecklichen Traum. Seit dem Zeitpunkt, an dem mir verkündet wurde, dass ich... 

Mittlerweile wusste ich auswendig, was als nächstes passieren würde. Und jedes Mal, wenn sich mein geheimnisvoller Verfolger zu erkennen geben wollte, wachte ich auf.  

Mein Blick fiel auf das hölzerne Kreuz, das meinem Bett gegenüber hing. „Jonas, aufstehen!“, kam es aus der Küche. Also stand ich auf, zog mich an und ging in die Küche, wo bereits zwei frisch gemachte Brote und ein volles Glas mit frischem Orangensaft auf mich warteten. 

Während ich herzhaft in eines der Brote biss und einen großen Schluck Orangensaft trank, erinnerte mich meine Mutter: „Denk daran, ich hole dich heute nach der Schule ab, weil wir ja heute direkt nach der Schule noch ins Krankenhaus müssen“. „Schon wieder...“, murmelte ich. „Ja, schon wieder, die Ärzte haben gesagt, sie wollen dich regelmäßig zur Kontrolle da haben, wenn du schon daheim bleiben willst!“, erwiderte meine Mutter tadelnd. „Schon gut...“, beruhigte ich sie. „Also, ich muss los in die Arbeit, bis mittags!“, rief mir meine Mutter hektisch zu, bevor sie im nächsten Moment zur Haustür hinaus verschwand.  

Ich machte mich nun auch fertig für die Schule und war nach fünf weiteren Minuten ebenfalls draußen.  

In der Schule angekommen, klatschte ich mich erst mit meinen beiden besten Freunden Alex und Leo ab. Und dann kam wieder der alltägliche Spruch, den ich nun schon auswendig kannte: „Jonas, wenn ich bemerken darf... Dein Kopf sieht heute ja mal wieder ganz besonders kahl aus...“. Beide lachten und grinsend erwähnte ich: „Ach ja, noch kahler als gestern!? Und als vorgestern!?“.  

„Kahler als alle Tage davor!“, kam die Antwort. „Ach, werde ich denn auch schon blasser!?“, fragte ich grinsend weiter. „Häh, nein, vielleicht ein ganz kleines bisschen, wieso?“, erkundigte sich Alex verwirrt. „Naja, ich hab Krebs im Endstadium, ihr könnt jetzt dann vielleicht bald damit rechnen, dass ihr mit nem Geist redet, solange ich in die Schule darf...“, scherzte ich. Betroffene Stille. Als mir die Ruhe irgendwann zu lang wurde, bemerkte ich: „Hey, Leute, ich weiß, der Arzt hat gesagt, er würde ab jetzt nur noch in Wochen rechnen und dass es rein theoretisch jeden Tag passieren kann, aber...anstatt zu trauern sollten wir doch die restliche Zeit, die wir noch haben, genießen. Jeden einzelnen Augenblick...“. Nach einer Weile räusperte sich Leo und entgegnete: „Du hast recht, Jonas. Tut mir leid...“ „Ja, mir auch. Es ist nur so...du bist unser bester Freund und dass du plötzlich nicht mehr da sein könntest...“, äußerte sich nun auch Alex. „Schon gut, ich verstehe euch ja, mir macht der Gedanke auch Angst, aber eben weil wir nicht mehr viel Zeit haben, sollten wir jede Sekunde zusammen nutzen...“, signalisierte ich ihnen nochmal, „kommt, lasst uns rein gehen, sonst kriegen wir wieder Ärger von Frau Knecht...“. „Die Olle mit ihrem Mathe...“, stöhnte Alex. Ich lachte nur dann machten wir uns auf den Weg rein. „Hattest du wieder diesen Traum von dem mysteriösen Verfolger mit dem Umhang und der Kapuze?“, erfragte Leo. „Natürlich, so wie jeden Tag halt...“, teilte ich ihm mit. „Und, weißt du jetzt, wer oder was er ist?“, forschte Alex weiter. „Nein, aber ich sag euch, irgendwann finde ich es heraus...“, verkündete ich ihnen, „meine Therapeutin meinte ja, dass mein Verfolger meine Ängste signalisieren und an der Stelle, an der ich stolpere und er mich einholt, das auch meine Angst zu sterben signalisiert und da der Krebs mich ja mittlerweile schon fast umschlingt, wie die Wildnis ein verfallenes Haus, spielt sich mein Traum auch immer in der Wildnis unserer Wälder ab...und so was halt...“. „Okay, das klingt einerseits logisch und andererseits echt creepy...“, entgegnete Leo. Wir lachten alle und verschwanden dann schnell im Schulhaus. 

Nach der Schule blieben wir noch eine Weile zusammen auf dem Pausenhof, um auf meine Mutter zu warten. Es war Freitag, das heißt, nach dem Termin im Krankenhaus wartete bis Montag wieder die Freiheit auf uns. Ich atmete die frische Luft tief ein und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Da sah ich meine Mutter kommen. „Also, ich muss dann mal...“, verabschiedete ich mich. Dann lief ich in Richtung meiner Mutter. Nach ein paar Metern wurde mir auf einmal furchtbar schwindlig und bevor ich irgendwas dagegen tun konnte, lag ich bereits auf dem warmen Boden. Ich hörte noch das panische Kreischen meiner Mutter, dann wurde mir schwarz vor Augen. 

Irgendwann wachte ich in einem fremden Bett wieder auf. Als ich mich umsah, erkannte ich, dass ich im Krankenhaus war. Neben dem Bett stand eine Stange mit einer Transfusion, auf der anderen Seite neben meinem Bett stand ein Stuhl, auf dem meine schlafende Mutter saß. Ich registrierte die getrockneten Tränenspuren in ihrem Gesicht, die davon zeugten, dass sie geweint hatte. Als ich mich aufsetzen wollte, schreckte sie auf. „Mum...“, beruhigte ich sie. „Jonas!“, schrie sie erleichtert, umarmte und küsste mich stürmisch. „Wie lange hab ich...“, fragte ich sie vorsichtig. „Beinahe zwölf Stunden...“, informierte sie mich und ihr liefen neue Tränen über ihr Gesicht. Ich sagte nichts, da ich die Information erst mal verarbeiten musste. „Und...wann kann ich wieder nach Hause?“, erkundigte ich mich zögerlich. Meine Mutter schüttelte bedauernd den Kopf. „Sie sagten, dir ginge es jetzt immer schlechter und daheim könnten sie dir nicht mehr richtig helfen, also...“. „Muss ich hierbleiben...“, beendete ich ihren Satz und schluckte. Mein Blick streifte das hölzerne Kreuz, dass dem Bett gegenüber hing. Ich seufzte leise.  

Die nächsten Tage ging es mir tatsächlich immer schlechter, ich hatte allmählich den Eindruck, ich würde mich wirklich in einen Geist verwandeln, ich wurde immer erschöpfter und konnte mich bald überhaupt nicht mehr bewegen.  

Eines Tages, als der Arzt mich mal wieder untersucht hatte, sprach er den Satz aus, denn ich schon solange gefürchtet hatte: „Es ist soweit...“, dann lies er mich und meine Mutter alleine. „Mum...“, flüsterte ich kraftlos.  

Sie schüttelte den Kopf. „Ist schon gut. Wir wussten doch dass der Tag kommen würde...“, sie nahm meine Hand und drückte sie ganz fest. „Alles wird gut...“, sie versuchte zu lächeln, was ihr aber nicht gelang. Tränen liefen über ihr Gesicht. „Mum, ich...ich habe keine Angst mehr...“. „Das ist gut. Das ist gut...“, bermerkte sie, „ich bin so stolz auf dich...“. Sie küsste mich auf die Stirn. „Mum, ich...ich bin so müde...“. „Es ist okay, schlaf ruhig ein, ich bin bei dir. Ich bin bei dir...“, schluchzte sie. Ich sah ihr verheultes Gesicht noch einmal, dann schlief ich ein. 

 

Ende 

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Diese Story wird neben Vermischtes auch in den Genres Alltag, Trauriges, Nachdenkliches und Schmerz & Trost gelistet.