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Der Schrecken von Grauheim

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7.3.2019 22:36
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

Einen wie ihn hatten sie hier noch nie gesehen. Zwar rasteten öfters Männer aus dem Norden im verschlafenen Grauheim, doch waren diese als Händler zu erkennen. Dieser hier wirkte durch seine derbe Lederkleidung jedoch ungleich wilder. Dass er aus den nördlichen Landen kommen musste, ließen vor allem sein stattlicher Bartwuchs und die Vorliebe mit dichten Fell besetzte Kleidung zu tragen vermuten.

Am späten Abend war er in der schummrigen Schenke Zum Alten Knurrhahn aufgetaucht, sprach nur wenige Worte mit dem Gastwirt und machte es sich ausgiebig in einer Ecke bequem. Nun thronte sein massiger Körper an einem Eichentisch und er verschlang gierig und schmatzend eine stattliche Schinkenkeule. Dazu kippte er beachtliche Mengen des würzigen Schwarzbiers in sich hinein und ließ keinen Zweifel aufkommen, dass es ihm wunderbar schmeckte. Doch noch etwas ließ Hagal alle Blicke auf sich ziehen: Neben seinem Reisesack in beunruhigend naher Griffweite zu ihm lehnte eine riesige zweiblättrige Axt aus geschwärztem Stahl an der Wand.

»Also dieser ... dieser Kerl da, wenn du mich fragst, der sieht nach Ärger aus. Hat er irgendetwas gesagt, ...was er hier will oder so?«, lallte neugierig ein leicht angetrunkener Stammgast beim Ausschank.

Der Wirt schüttelte den Kopf. »Nein, hat er nicht. War nicht sehr gesprächig, wollte nur - wie es aus seinem Munde kam - was ordentliches zu fressen und ein einfaches Zimmer für die Nacht. Außerdem.«, der Wirt räusperte sich«, fragte er nach Stoßmaiden, aber das hier ist ein anständiges Haus! Jedenfalls, ich vermute, er ist wegen des Aushangs am Schwarzen Brett hier. Diese Trollsache, weißt du?«

Der Gast runzelte die Stirn und seine Blicke wanderten erneut über Hagals Axt zum kahl geschorenen Haupt des Fremden. Mit wilden Blick, biss er abermals wie ein Tier mit seinen weißen Zähnen in den saftigen Schinken. Das Fett lief ihm auf beiden Seiten die Wangen runter.

»Hm, ich hoffe, dass du recht hast.«

Das wichtigste, wenn man einen guten Preis aushandeln will, ist zu zeigen, aus welchem Holz man geschnitzt ist. Das hatte Hagal bei seinen Streifzügen durch die wilden Lande nur zu gut gelernt. Grobe Arbeit und Blutwerk sorgten für ein gutes Einkommen und als er am Vortag davon gehörte hatte, dass er lediglich einen Tagesmarsch weit von einem äußerst gewinnbringenden Auftrag entfernt sei, schnürte er seinen Reisesack und machte sich auf nach Grauheim.

Nachdem er sich abends im Gasthaus Zum Alten Knurrhahn ausgiebig gestärkt hatte, trug er am folgenden Morgen kurz nach dem Aufstehen den größten Teil seines Gepäcks direkt am Körper: eine massive Rüstung aus dem gehärteten Leder der sagenhaften Orokbullen, zwar grob gefertigt, aber davon zeugend zahlreiche Kämpfe bestritten zu haben. Hagal zog noch rasch den Riemen seines Brillenhelmes stramm, kämmte sich den Bart über die Brust, schulterte seine mächtige Axt und schritt aus der kleinen Gaststube geradewegs hinaus auf den Hauptweg des kleinen Fischerdorfes Grauheim. Die Bewohner folgten mit ihren Blicken jeden seiner Schritte und tuschelten. Einige stellten ihm sogar bis hin zum Hause des örtlichen Vogts nach. Energisch klopfte Hagal zahlreich an die schwere Eichentür des Anwesens.

Kurz darauf hörte man es hinter der Tür fluchen: »Herrje, seid ihr von allen guten Geistern verlassen! Ich werde euch ...«, die Tür öffnete sich, »...oh, wie, eh, was wollt ihr?«, drang es trocken aus dem Mund des als Diener erkennbaren Mannes.

»Ich bin Hagal », sprach Hagal ruhig und bedeutungsschwanger, als sei damit alles gesagt. Bevor der Diener die Stirn runzeln konnte, fuhr Hagal mit fester Stimme fort: »Dieser Troll, von dem auf dem Aushang die Rede ist, den erledige ich für deinen Herren. Ich verlange dafür allerdings das Doppelte. Bis zum Morgengrauen seid ihr das Drecksvieh los.«

Der Diener des Vogts stotterte ungläubig »Das Doppelte?!«

Hagal entgegnete nur mir einem brummenden »Aye!«. Als er merkte, dass seine Redekunst den Diener offenbar noch nicht genug überzeugt hatte, fuhr er fort: »Nun, wie mir zu Ohren gekommen ist, hängt der Aufruf schon einen halben Sonnenlauf am Brett dieses stinkenden Kaffs angeschlagen und offenbar hat sich noch niemand gefunden sich der Sache anzunehmen. Es ist eure Entscheidung. Entweder ihr seid den Troll bis zum Morgengrauen los oder er macht weiter eure Wälder unsicher und frisst das Wild des Vogts«

Unerwartet donnerte eine Stimme vom oberen Fenster des Hauses herab: »Genug Gerede!«. Der Vogt, ebenfalls durch Hagals Verprügeln der Eingangstür aufgeschreckt, hatte versteckt vom Fenster aus die Unterhaltung von Anfang an belauscht. »Du siehst mir wahrhaftig aus, als könntest du es mit dem Troll aufnehmen. Geh nur, versuch dein Glück und der geforderte Preis soll dein sein! Es gibt allerdings eine Bedingung: Ein ... nun ... ein gewisses Anliegen. Mein Diener Barlo weiß Bescheid. Tritt herein, er wird es dir erklären. Ich habe zu tun!« Unleidlich knallte der Vogt das Fenster zu.

Barlo führte Hagal in das prachtvolle Haus des Vogts, reich an Vertäfelungen und feinen Möbeln. Ihm wurde edler Wein zu Trinken gereicht und ein Platz angeboten. Mürrisch ob der mysteriösen Andeutungen des Vogts machte es sich Hagal auf einem hübschen, mit Wildleder bezogenen Stuhl bequem. Erstaunt musterte der Wilde den Raum. Er schätzte durchaus ein bequemes Lager, jedoch verwunderte ihn die Vorliebe für Tand, bei jenen die in festen Hütten hausten.

Der Diener schloss die Tür, setzte sich zu Hagal, und begann schließlich leise und mit Bedacht zu sprechen »Also ... bei dieser Sache, es gibt ... nun ja, es gibt da einen besonderen Wunsch meines Herren.« Hagal setzte den Becher ab, legte den Kopf schief und hob höchst gespannt eine Augenbraue. Der Diener fuhr verstohlen fort: »Dieser Troll ... also soviel wissen wir, es ist ein männliches Exemplar. Er, hmm, hat etwas ... etwas nachdem mein Herr trachtet.« Hagal begann unheilvoll zu ahnen, worum es sich handeln könnte, hielt sich aber noch zurück. »Nun, und zwar wie soll ich sagen ... mein Herr möchte die Hoden des Trolls«.

Nun konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Hagal prustete den just genommen Schluck Wein quer über den verzierten Tisch und brach in schallendes Gelächter aus: »Im Ernst?! Er will die stinkenden Klöten eines Trolls?! » Dem sonst so stoischen Hünen schossen vor Lachen die Tränen in die Augen und er klopfte auf den Tisch.

»Pssst, pssst! Nicht so laut«, mahnte aufgeregt der Diener. »Bedenke, auch für deine Verschwiegenheit wird dir der doppelte Preis gezahlt!«

Hagal rang darum die Fassung wieder zu erlangen, räusperte sich und versuchte aufs Neue wie ein ernster Verhandlungspartner zu wirken. »Was, beim großen Bären hat es damit auf sich? Einen Troll zu erlegen ist kein Kinderspiel, ich muss alles wissen was mit der Sache zutun hat!«

Der Diener wiegte ungehalten den Kopf und antwortete zögerlich: »Nun, es heißt hierzulande, dass den genannten Teilen eines Trolles eine besondere Energie innewohnt und ein Mann kann in gewissen Stunden davon profitieren und verloren geglaubte Kraft zurückerlangen.«

Barlo zwinkerte Hagal zu. Dieser kratzte sich indes das geschorene Haupt und entgegnete: »Puh, verstehe. Und ich dachte, es ginge darum, das Volk vor dem Troll zu schützen. Wie auch immer, nun gut, ich bring euch, was ihr wollt. Eins noch, gibt es hier einen Obstbauern oder so was?«

Der Diener wunderte sich zwar, konnte aber weiterhelfen: »Am heutigen Tage sollten die fahrenden Händler wieder in der Stadt sein. Haltet am Marktplatz in der Dorfmitte Ausschau.«

Hagal nickte. »Nun gut, ich treffe meine Vorbereitung,« sprach er und stapfte sogleich zur Tür hinaus.

Um die Jagd auf Trolle ranken sich viele Sagen und Legenden und ebenso viele Volksweisen beschreiben, wie man Trollen am besten den Garaus machen kann. Doch eines wird gemeinhin verschwiegen: Trolle lieben faules Obst. Womöglich kommt es den meisten nicht in den Sinn, da Trolle vor allem für ihre Körpergröße sowie gewunden Hörner und langen, scharfen Hauern bekannt sind; denn damit pflegen sie für gewöhnlich fette Schafe und andere Tiere zu reißen. Wehe dem Menschen, der ihnen in die Quere kommt! Grausige Knochenreste zeugen von mutigen Burschen, die ihr jähes Ende als Kothaufen eines Trolles fanden. Hagal war die Vorliebe dieser Bestien für süßes Obst bekannt, und so deckte er sich auf dem Markt für wenige Kupferstücke mit überreifen Äpfeln und Birnen ein.

Die Sonne hing tief am Himmel und erster Nebel zog über dem feuchten Gras auf, als Hagals sich bereit machte, das gefürchtete Waldstück des Trolls aufzusuchen. Es war schon mehr als einen halben Sonnenlauf her, dass sich erste Gerüchte im verschlafenen Grauheim verbreiteten. Zunächst waren es die Hirten, die beim Anblick ihrer gerissenen Schafe blankes Entsetzen überkam. Wenn ein Wolf ein Schaf reißt, so ist es danach noch als Schaf zu erkennen, ein Troll hingegen hinterlässt nur einen abstoßend hervorgewürgten Klumpen aus schleimigen Fell und Knochen. Auch die Jäger und Wildhüter hatten begonnen sich dem Waldstück fernzuhalten, nachdem sie gigantische Kratzspuren und säuerlich stinkende Markierungen an den Bäumen entdeckten. Nach kurzer Zeit berichteten nächtliche Wanderer von furchterregenden Geräuschen und einem unheilvoll riesenhaften Schatten zwischen den Bäumen. Bald darauf wagte niemand mehr, das Waldstück zu betreten.

All dies war Hagal bekannt, und das Wichtigste: es hielt ihn wachsam, als er sich durch das Unterholz des knorrigen alten Waldes schlich. Wenn sein Plan aufgehen sollte, durfte er keine Zeit verlieren, sonst würde der Troll den Köder wittern, bevor Hagal ihn auslegen konnte. Vorbei an dunklen Eichen und hohen Farnen bahnte er sich rasch, aber vorsichtig einen Weg zu der Lichtung, die er am Nachmittag ausgekundschaftet hatte. Willst du dem Feinde ebenbürtig sein, so musst du stets seine Umgebung und ihre Gegebenheiten kennen - hatte in alten Tagen Hagals Vater nur zu gerne von sich gegeben. Lächelnd dachte Hagal wie so oft an den Alten zurück, denn das vorherige Auskundschaften hatte sich gelohnt: Die Lichtung war gut einsehbar und würde dafür sorgen das er die Bestie bei Mondschein erspähen konnte. Rasch leerte den Obstsack mitten auf der Lichtung aus und legte sich sogleich am Rande des Waldstückes auf die Lauer. Das vorbereitete Versteck bestand aus einer flachen Grube, bedeckt mit modrigen Tannenzweigen. Unter diesen machte es sich Hagal gemütlich und bat mit Blick zu den Sternen den großen Bären darum, dass dieser über ihn wachen möge.

Der Abend verlief zunächst ruhig, doch schon bald war auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung ein lautes Knacken trockener Zweige hörbar. Hagal spitzte die Ohren und atmete flach, dann vernahm er ein leises Schnaufen und Schnüffeln. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen, denn plötzlich war ein schemenhafter Umriss auf der Lichtung zu sehen und dieser übertraf alles, was er erwartet hatte. Der Troll war nicht einfach nur groß, er war riesig und würde selbst Hagal um mindestens vier Köpfe überragen. Als das Ungetüm näher zur Mitte der Lichtung stapfte, waren seine stattlichen Hauer gut zu erkennen. Es musste ein Galravischer Troll aus den östlichen Landen sein, der sich hierher verirrt hatte. Das erkannte Hagal an den großen spitzen Ohren, der knolligen Nase und dem dunklen Fell. Außerdem prangten stattliche Hörner auf dem kantigen Schädel des Untiers. Der Troll stieß ein grunzendes Geräusch aus, als seine Pranken den Obstköder ertasteten. Nach und nach landeten gärende Äpfel und Birnen in seinen gierigen Schlund, die er geifernd zermalmte.

Hagal lauerte einem günstigen Moment entgegen und zum Glück wendete sich der Wind tatsächlich alsbald in seine Richtung, sodass er leise und ohne Witterung zu erzeugen, seinem modrigen Verschlag entstieg und sich hinterrücks an das Wesen heranpirschte. Sicher hätte er schneller handeln und mit einem lauten Schrei aus dem Gebüsch springen können, aber Hagal war erfahren genug um zu wissen, wann es klüger war listig vorzugehen. Zahlreiche Narben zeugten davon, dass dies nicht schon immer so war.

Langsam näherte er sich mit angehaltenem Atem dem Ungetüm, das sich weiterhin gebannt seines Festmahls erfreute. Als er sich nah genug herangeschlichen hatte, holte Hagal mit seiner mächtigen Doppelaxt zum Schlag aus. Ein unbarmherziger Hieb, der mit einem Mal alles beenden sollte, mitten auf den wuchtigen Nacken des Trolls herabsausend. Doch es kam anders. Irgendetwas musste diese verdammte Krähe hinter Hagal aufgeschreckt haben, sodass sie mit nervösem Krächzen gen Himmel schoss. Plötzlich drehte sich der misstrauische Troll um, erblickte mit aufgerissen Augen Hagal und seine riesige Pranke schoss instinktiv auf seinen Gegner zu. Mit Wucht getroffen prallte Hagal auf den Boden und verlor seine Axt. Der eiserne Geschmack von Blut füllte seinen Mund und bleierne Benommenheit betäubten für einen Augenblick die Sinne. Es konnte nur seinem Gebet an den großen Bären geschuldet sein, dass er es rechtzeitig schaffte, sich aufzurappeln, um der folgenden Sprungattacke des Trolls mit einer Seitwärtsrolle auf dem Boden auszuweichen. Der Unhold schnaubte vor Wut. Schnell tastete Hagal auf dem Boden nach seiner Streitaxt, doch konnte sie nicht finden. Der Troll stürmte heran, um Hagal mit seinen Stoßzähnen zu zerfleischen, doch hielt er unverhofft inne und schrie jäh auf, als Hagals Wurfmesser knapp sein Auge verfehlte und stattdessen einen klaffenden Schnitt auf dem monströsen Haupt hinterließ. Dunkles Blut floss über Stirn und Augen des Trolls und nahm dem Ungetüm einen kurzen Moment die Sicht.

Hagal nutzte die Gelegenheit und fuhr hastig mit seinen Händen durch die Grasbüschel, in denen er seine Doppelaxt vermutete. Erleichtert ertastete er den lederumwickelten Schaft der Waffe. Ab jetzt würde es hässlich werden. Der Troll, der sich nun gewiss war, kein leichtes Spiel mit dem Eindringling zu haben, begann Hagal drohend und grollend zu umkreisen. Angriffsbereit und mit angespannten Gliedern folgte Hagal den Bewegungen des Trolls.

Mit einem gewaltigen Satz und die Axt schwingend sprang Hagal geradewegs auf den Troll zu. Dieser wich unerwartet schnell mit seinem sonst behäbig wirkenden Leib in einer grotesken Drehung aus, doch stolperte er dabei fast über die eigenen Füße. Hagal konnte so den Schwung seiner schweren Axt nicht rechtzeitig stoppen und rammte diese an seinem Gegner vorbei in den weichen Waldboden. Bevor er sie für eine neue Attacke aus dem Untergrund ziehen konnte, erwischte ihn der Troll mit seinen Krallen am Rücken. Hagal schrie vor Schmerzen. Zwar waren die Schnitte nicht tief genug, um seine Innereien verletzt zu haben, jedoch klafften nun zwei tiefe Wunden seitlich über seiner Hüfte, brannten erbärmlich und ließen Blut in dicken Tropfen herabrinnen. Der Troll senkte hinter ihm seinen Kopf, um Hagal die gewundenen Hörner tief in den Leib zu rammen. In Hagal entflammte abgrundtiefe ungezügelte Wut. Mit aller Kraft zog er die schartige Axt mit einer Drehbewegung aus dem Boden und ohne nachzudenken, was er genau hinter sich treffen würde, schwang er die Waffe um die eigene Achse. Der schwere Axtkopf sauste durch den linken Arm des Trolls. Sauber teilten sich Fasern und Knochen oberhalb des Ellenbogens und nur knapp glitt die Klinge an der Brust des Biestes vorbei. Der Troll stieß einen gellenden Schrei aus. Seinen Körper durchfuhren zuckende Wellen der Pein und weit aufgerissen blickten seine grünen Augen auf den blutspeienden Stumpf an seiner Seite hernieder. Er sackte stöhnend auf die Knie.

Hagal stemmte sich keuchend auf seine Axt und spuckte dem Troll ins Gesicht. »Sei froh, dass ich dich erlösen werde, bevor ich dir die Eier abschneide!« Mit einem wohl gezielten Hieb trennte die Axt den Kopf vom Rumpf des Ungetüms. Ein Schwall von Blut erbrach sich aus dem Hals des Wesens und blies hinauf in den nächtlichen Himmel. Mit einen kräftigen Tritt gegen die Brust sorgte Hagal dafür, dass der durchnässte Körper rückwärts zusammenbrach. Er zückte sein Jagdmesser und machte sich daran, den Auftrag wie abgemacht zu Ende zu bringen.

Die Nacht war klar und die Sterne funkelten hell am Himmel, als Hagal das Dickicht des Waldes verließ. An seinem Gürtel baumelte ein blutiger und gut gefüllter Leinenbeutel für seinen Auftraggeber. Daneben behelfsmäßig festgeschnürt, die beiden Hörner des Trolls. Sie sollten ihm einst als ehrfurchtgebietende Helmzierde dienen. Die Wunde an seiner Seite pochte und mühsam schleppte er sich in Richtung Grauheim.

Als Hagal am folgenden Morgen die Augen öffnete, schien die Sonne durch den Frühnebel in sein Zimmer im Gasthaus Zum Alten Knurrhahn. Irgendwie musste er es noch zurückgeschafft haben, ehe er zusammengebrochen war. Wie er auf sein Zimmer gelangt war, wusste er nicht mehr. Die Verletzungen hatten letztendlich ihren Tribut gefordert. Jemand kundiges hatte ihn verarztet, davon zeugte der saubere Leinenverband, der seinen beachtlichen Bauch umschlug und an den Wundstellen mit heilendem Moos gefüllt war.

»Du solltest dich noch schonen.« Hagal blinzelte, als er die glockenhelle Stimme vernahm. Langsam kam er wieder zu Sinnen und erblickte eine liebreizende Frau mit vollen Lippen und lebhaften Augen. Sein Blick wanderte über die honigblonden Locken und blauen Augen hin zu den erfreulich ausladenden Brüsten, bei denen seine Augen einen Moment verweilten.

Die Heilerin räusperte sich tadelnd: »Bist du ganz bei Sinnen?!«

Hagal entgegnete, wenn auch etwas geistesabwesend »Oh ja ... eh, ich nehme an, du hast mich verbunden ... und so?«

«Aye, ganz recht, ich bin Alma und du musst der Kerl sein, der den Troll erschlagen hat.«

Hagal war etwas verdutzt. »Woher weißt du das?«

Alma lachte: »Nun Schwachkopf, zunächst einmal hattest du diese hässlichen blutfrischen Hörner am Gürtel, bei denen ich nicht wüsste, was für ein Vieh die sonst tragen sollte. Des Weiteren müssen dich zwei ernsthaft große Krallen erwischt haben. Außerdem ... die Leute reden. Und jeden anderen verlausten Kerl hätte der Gastwirt in der Pissrinne liegen lassen, statt den Vogt höchstpersönlich zu verständigen. Übrigens, sein Diener war noch mitten der Nacht hier, nachdem er nach mir schickte. Dieser bestialisch stinkende Leinenbeutel, den du bei dir hattest, schien für ihn äußerst wichtig zu sein. Er lässt dir seinen Dank ausrichten und will, wenn die Sonne hoch steht, vorbeikommen, um nach dir zu sehen und die Schuld des Vogts zu begleichen«. Hagal nickte nur brummend. »Schlaf noch ein wenig«, fuhr Alma mit sanftem Lächeln fort. »Es ist noch sehr früh und dieses Moos wird erst zum höchsten Sonnenstand seine Wirkung entfalten. Sehr bald wirst du wieder auf den Beinen sein.« Hagals Augenlider gingen zu.

Etwas rüttelte an Hagals Schulter. Aus tiefem Schlaf fuhr er auf und packte sein Gegenüber fest am Handgelenk. »Ho! Immer mit der Ruhe!« Hagal erkannte Barlo, den Diener des Vogts und ließ langsam dessen Hand los. Hagal presste ein mürrisches »Tschuldigung« über seine Lippen.

»Schon gut.«, seufzte Barlo. »Ich bin nur vorbeigekommen, um dir deinen gerechten Lohn zu überreichen. Ich hielt es nicht für ratsam, ihn in deinem Zimmer zu platzieren, während du schliefst« und fügte bissig hinzu: »Wie ich soeben gespürt habe, bist du wieder wohlauf.« Hagal betastete vorsichtig den Verband. Es schmerzte noch, aber es war erträglich.

»Ja, da war diese Frau.«

»Bitte sehr, betrachtet ihre Dienste als Obolus für deine Diskretion in der gewissen Sache. Du hast dies hoffentlich nicht vergessen«, sagte Barlo im scharfen Tonfall.

»Jaja, besten Dank. Wo ist mein Lohn?«

»Hier!« Der Diener des Vogts warf Hagal einen schweren Beutel entgegen, den dieser sofort auffing. Hagal erfreute sich am Gewicht des Beutels, schaute hinein und wirkte zufrieden. »Jawoll, ausgezeichnet«, sprach er begeistert.

»Dann gibt es für mich keinen Grund mehr, länger hier zu bleiben.« Barlo runzelte die Stirn: »Willst du dich nicht noch etwas erholen?«

Hagal schüttelte den Kopf. »Nein, deine Heilerin versteht ihr Handwerk, mir geht es gut genug, um zu wandern. In Siedlungen werde ich schnell übellaunig, ich versorge mich mit Proviant und mache es mir heute Abend an einem Feuer bequem. Aber sag, was ist mit meinem Mitbringsel passiert?« Hagal setzte ein süffisantes Grinsen auf.

Der Diener seufzte: »Nun, ich weiß nicht, was mein Herr genau damit getan hat. Er verschwand noch mitten in der Nacht mit den ... eh ... mit diesen Trophäen in der Küche. Kurz darauf war ihm speiübel und er verbrachte die Nacht auf dem Abort statt in den herrschaftlichen Schlafgemächern«.

Hagal brach in schallendes Gelächter aus. »Na, immerhin seid ihr den Troll nun los - unglaublich ... Leute wie dein Vogt nennen mich für gewöhnlich einen abergläubischen Wilden« spottete er.

Die Sonne stand inzwischen hoch am Himmel. Almas Moos hatte ihn noch nicht vollständig geheilt, aber weit genug genesen lassen, um zu laufen. Der Barbar hatte fürs Erste genug von Siedlern. Er packte eilig seine Sachen zusammen, verabschiedete sich in aller Kürze von Barlo und schritt schnurstracks zur Tür des Gästezimmers hinaus in Richtung Ausgang. Der Diener blickte ihm vom Fenster aus noch eine ganze Weile hinterher. So einen wie ihn hatte er hier noch nie gesehen.

Ende.

 

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Kurzbeschreibung

Der Barbar Hagal bekommt den Auftrag eine besondere Trophäe zu erjagen. Eine abgeschlossene Geschichte für Freunde des Sword & Sorcery Fantasy.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Abenteuer auch in den Genres Fantasy, Action und Horror gelistet.

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