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Experiment mit Guppy

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25.05.20 20:51
Fertiggestellt

Als ich zu mir kam, lag ich hustend in einer Wasserlache. Die Sonne schien in unser Wohnzimmer, aber weniger befremdlich war der Moment deshalb noch lange nicht. Kaum hatte sich die Atmung normalisiert, fiel mir der ungewöhnliche Geschmack auf dem Gaumen auf. Schnell spuckte ich alles aus. So, als hätte ich aus einer Verwechslung heraus etwas in den Mund genommen, was zum Speiseplan einer anderen Gattung gehört. Es schmeckte nach..., nicht möglich, oder...? Ich untersuchte die Essensreste auf meinen Fingern genauer. Es gab keinen Zweifel: Ich hatte tatsächlich das Fischfutter meiner Guppys und Mollys gegessen. Sie schauten auch schon so komisch durch die Aquariumsscheibe auf mich herunter. Noch immer lag ich auf dem Parkett. Meine Kleidung war durchnässt und roch nach Algen, roch nach einem versehentlichen Bad im Fluss. Schwerfällig richtete ich mich auf. Die Fische glotzten. „Was ist? Geht spielen“, murrte ich. Alle schwammen ertappt davon, nur einer blieb, bewegte sachte seine Flossen.

Ich zog meine Kleider aus und brachte sie in die Waschküche. Im Haus herrschte untypische Stille. Es war einer dieser seltenen ruhigen Momente, wie ein Sonntag in Pantoffeln. Aber heute war doch erst Mittwoch. Bestimmt war ich spät dran und hatte meinen Zug schon längst verpasst. Rasch blickte ich auf die Uhr: Sonntag. Seltsam. Ich konnte mich nicht daran erinnern, meine Arbeit in der Redaktion erledigt zu haben. Dort lagen doch noch Stapel unfertiger Übersetzungen herum.

Wo war eigentlich meine Frau? Wollten wir nicht zusammen in die Stadt fahren? Auf unserem Wandkalender checkte ich die laufende Woche ab. Montag und Dienstag: keine außergewöhnlichen Einträge. Mittwoch: Experiment X. Donnerstag bis Sonntag: leer. Das gab’s sonst nie. Britt und ich hatten ständig Termine. Ich holte ein Badetuch aus dem Schrank und begab mich wieder ins Wohnzimmer, um den Boden aufzuwischen.

Als ich in Unterwäsche den Raum betrat, schwamm der blaue Guppy von vorhin immer von links nach rechts und zurück, dazu bewegte er den kleinen Mund. Er klopfte gegen die Scheibe und sprach mich an, als wäre nichts dabei. „Herr Waser, könnten Sie bitte wieder ins Becken steigen? Sie wollten uns doch helfen, den Schatz zu heben.“

Entgeistert schaute ich ihn an. „Sie meinen ...mich?“ Ungläubig zeigte ich auf meine Brust.

„Ja doch. Sie können doch nicht mittendrin weglaufen!“ Der Guppy schwamm zum Beckenboden und zeigte auf die kleine Plastikkiste, die zur Hälfte aus dem Sand ragte.

Verstohlen blickte ich in die verspiegelte Bar. Mein Gesicht sah aus wie immer, ich war nicht zu einem Zwitterwesen mutiert. Übergeschnappt war ich auch nicht. Aber der Fisch...?

„Herrje, Waser, Sie müssen uns wirklich helfen, alleine schaffen wir das nie!“

Ich ging ganz nahe an die Scheibe heran und schaute dem Guppy in die Augen. Ich wusste, dass ich ihn besser kannte. Aber wieso? Plötzlich spürte ich eine eiskalte Hand auf meinem Nacken. Elektri­sierend!

„Hallo Liebling“, flüsterte die vertraute Stimme. Dummkopf! Natürlich stand Britt hinter mir, wer sonst? „Hast du den Code geknackt?“, fragte sie fröhlich. Zusammen schauten wir ins Aquarium. „Du wolltest ein paar Tage für dich alleine, um das Experiment durchzuführen, weißt du nicht mehr? Rudi!“

„Ich, ...es scheint geklappt zu haben.“ Langsam erinnerte ich mich wieder.

„Du kannst es also wirklich?!“ Sie gab mir einen anerkennenden Schubs in die Seite. „Du sprichst wie DIE DA! Lass hören!“

Ich bat sie, den Badeanzug anzuziehen und mir die Badehose mitzubringen. Alle Teile fügten sich wie ein Puzzle zu einem Ganzen: Neben meinem Tagesjob war ich Sprachforscher. Sprachbarrieren wollte ich überwinden; auch zwischen Mensch und Tier. Am liebsten spielerisch. Alle zusammen hievten wir angebliche Schätze aus der Tiefe. Britt erschien mit ihrer Kamera. Alles sollte festgehalten werden.

Wir machten uns ganz klein, kletterten ins Becken, tauchten ab, aßen nebenbei sogar eine Portion Fischfutter.

Zuvor hinterließen wir eine Notiz für die Nachwelt (man kann nie wissen): sind im Aquarium.

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Sillys Profilbild
Silly Am 26.05.2020 um 22:38 Uhr
Du hast Ideen! Irre! Und total toll. :-)) Echt tolle Geschichte und klasse geschrieben.
Ich hatte mal Guppys und Mollys, die ich sogar streicheln konnte...
Silly
funnybitss Profilbild
funnybits (Autor)Am 27.05.2020 um 7:23 Uhr
lach, so cool! guppys und mollys hatte ich früher auch :)) die sind unglaublich zutraulich. vielen dank für die bewertung!

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