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Postkarten eines jungen Mannes

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13.01.17 19:54
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Dass die Postkarte echt war, wusste ich, nachdem ich den ersten Satz der Nachricht überflogen hatte.

„Der Vertrag steht noch!", stand da und ich erinnerte mich augenblicklich an dieses prätentiöse Schriftstück, das wahrscheinlich zusammen mit einem ganzen Haufen schlechter Lyrik verbrannt worden wäre, damals, als ich das Gefühl gehabt hatte, mich mit meiner Mittelmäßigkeit arrangieren zu müssen, wenn nicht ein emotionaler Anflug von Erinnerungswahn mich davon abgehalten hätte. Er hatte mich getroffen wie ein Kopfschuss und ich hatte es einfach nicht tun können.

Stattdessen legte ich einen Ordner an und seitdem sammele ich Abschiedsbriefe. Ich sortiere sie alphabetisch nach dem Nachnamen ihrer Verfasser. Zuerst wollte ich sie chronologisch abheften, aber dann fiel mir auf, wie wenig das Datum über den Inhalt eines Briefes aussagte und dass es die Personen waren, auf die es ankam. Ein Mensch, der sich im 17. Jahrhundert das Leben nahm, fühlte den gleichen Schmerz, wie jemand, der es heute tut und es ist ein Fehlschluss, diese persönlichen Nachrichten in Epochen einordnen zu wollen. Es gibt keine Selbstmordmoden oder trendige Depressionen. Wahrscheinlich gibt es überhaupt nicht sowas wie einen Zeitgeist, sondern lediglich einen Haufen verirrter Seelen, die irgendwie versuchen, zurecht zu kommen. Die, die es nicht schaffen, landen in meiner Sammlung.

Oben auf dem Ordner heftete als Deckblatt der lächerliche Vertrag zwischen Tom und mir, der besagte: „Wenn eines Tages einer der beiden Vertragspartner in Erwägung zieht, einen Selbstmord zu begehen, so ist er verpflichtet, den anderen zuvor davon in Kenntnis zu setzen."

Wir wollten es gemeinsam machen. Irgendwann, wenn wir beide bereits dazu waren. Wenn die beiden Linien sich kreuzten. Wir waren sensibel genug, den jeweils anderen nicht alleine zu lassen – dachte ich. Wir waren stark genug, es nicht zu tun, wenn der andere noch nicht einwilligen würde – dachte ich.

Wir unterschrieben beide das Dokument und erzählten niemals jemandem davon. Es war wie ein geheimer Militärpakt oder eine Strategie, die uns in jedem Fall den Sieg sichern würde. Der ultimative Plan B, der ausgestreckte Mittelfinger gegen alle, die nicht glaubten, dass es uns ernst miteinander war. Der unmissverständlichste Vertrauensbeweis. Ein undurchdachtes Spiel zweier morbider Geister, die vielleicht mehr Zeit an der frischen Luft und im Sonnenschein hätten verbringen sollen.

„Der Vertrag steht noch!", schrieb er und ich wusste sofort, was das bedeutete. Ich hatte ihm Unrecht getan all die Jahre, in denen ich geglaubt hatte, er hätte mich betrogen. Es waren unreife Gedanken gewesen, aber in den ersten Jahren hatte das Gefühl der Wut und der Enttäuschung über seinen mutmaßlichen Vertragsbruch die Trauer überlagert. Wie hätte ich über einen trauern sollen, der mich so schmählich missachtete? Ich hätte es ihm gesagt, wenn ich es hätte tun wollen, sagte ich mir immer wieder. Ich hätte mich an die Vereinbarung gehalten. Ich hatte mich an die Vereinbarung gehalten.

Er nicht. Er verschwand eines Tages und das war's dann. Ich ging in den Garten, entzündete ein Feuer und verbrannte meine Jugend, leerte mein Leben und war wild entschlossen, es mit irgendetwas Nützlichem zu füllen. Das einzige jedoch, was ich füllte, war dieser idiotische Ordner...

Seitdem machte ich den Ordner für mein Scheitern verantwortlich und mit ihm Kurt und Richey und Ian oder wen wir sonst noch aus krankhafter Todesfaszination heraus bewunderten.

Es heißt immer, die Sommer der Kindheit seien wärmer, sonniger und farbiger als die, die wir als Erwachsene erleben, wenn wir genug Verstand besitzen, um die Wunder der Welt und den Zauber des Lebens geflissentlich zu ignorieren. Ich habe derartige Nostalgie immer als wehmütiges Gejammer betrachtet, denn wenn ich mich an die Sommer meiner persönliches Kindheit zurückerinnere, dann sehe ich nichts weiter als blass-graue, in die Unendlichkeit führende Flure, in denen die verschwitzte Luft von einer übelgelaunten Klimaanlage zu einer fade und ausgelaugt schmeckenden Sauerstoffsuppe umgewälzt wurde - eine Art Ersatzdroge für „Frische".

Ich erinnere mich an Stunden, die ich ruhig sitzend auf harten Stühlen verbrachte, wartend und mich darin übend, nichts zu denken - auch nicht an rosa Elefanten. Sommer, die dahinzogen, wie Wolken. Jenseits der Wände, unerreichbar und irgendwie auch ziemlich langweilig.

Meine Sommer rochen nicht nach Blumen, Sonnencreme, Früchten, gemähtem Gras oder Meerwasser. Ich erinnere mich an Desinfektionsmittel, Putzmittel mit Zitronenaroma und lieblos gekochte Mahlzeiten auf Plastiktellern. Die Bettdecken waren nie richtig. Entweder man froh oder man schwitzte, aber richtig wohl fühlte man sich nie. Der Klang von watschelnden Schritten auf lächerlich sauber gewienerten Fußböden ließ einem Schauer über den Rücken laufen und um ein Fenster öffnen zu dürfen, brauchte man eine besondere Genehmigung, ein gutes Führungszeugnis und eine Menge Geduld.

Und das war die schönste Jahreszeit. Tom lernte ich an einem vernieselten Septembertag kennen, der sich nicht recht entscheiden konnte, ob er spätsommerliche Abkühlung oder frühherbstliche Nässe bringen wollte. Tom jedenfalls brachte eine nahezu sibirische Eiseskälte mit, welche die Therapiegruppe um einige Sitzungen zurückwarf. Ich begrüßte diesen neuen Geist der uns alle daran erinnerte, wie sinnlos dieser ganze Scheiß war. Was hier drinnen vielleicht funktionierte, was man uns hier drinnen an Lippenbekenntnissen abrang, war da draußen keinen Pfifferling wert. Worte, Versprechungen und Beteuerungen waren eine Währung und hier drinnen zahlte man andere Preise als draußen. Es war, als gäbe es zwei Welten, die von einem alten, peinlich in Stand gehaltenen Zaun voneinander getrennt wurden.

Tom hatte im Alkoholrausch versucht, seine kleine Schwester zu ersticken. Daraufhin riss man seine Familie auseinander. Wo die Eltern steckten, wusste er nicht. Ebenso hatte man ihm verheimlicht, wo man seine Schwester hingebracht hatte. Er war hierhergekommen. Das Jugendamt und irgendein sachverständiger Psychologe hatten es so angeordnet. Tom war 11 Jahre alt, als er zu mir sagte: „Ich wollte nur nett zu ihr sein." Und ich erstarrte in Ehrfurcht vor so viel Selbstlosigkeit.

Jetzt schrieb er mir, dass der Vertrag noch stehe und ich fragte mich, was er damit sagen wollte. Dass er jetzt bereit war und ich es ihm gefälligst gleichtun sollte? War das eine Drohung? Ich wurde nervös, ob dieser offensichtlichen Selbstsucht.

Die Postkarte zeigte eine stilisierte Stierkampfszene, die irgendein verzweifelter Kitschmaler hingeschmiert hatte, um den Touristen, die seine Heimat unbewohnbar machten, das Geld aus der Tasche zu ziehen. Briefmarke und Poststempel stammten wie das geschmacklose Motiv aus Spanien. Ich beschloss, niemals dorthin zu reisen, wo sie solche Bilder auf Postkarten druckten. Stolz, Patriotismus, Tradition... so schaffte man es, seine gesamte Identität durch den Dreck zu ziehen.

Ich wusste, dass Tom wusste, wie scheußlich ich diese Art von kulturellem Ausverkauf fand und er hatte sich hier wohl einen Spaß erlaubt. Oder er wollte mir beweisen, wie wenig Rücksicht die Welt auf meine Ansichten nahm...

„Der Vertrag steht noch!" – genau wie die dumme, gierige Welt, die einen aussaugte und sich in all den Jahren nicht verändert hatte. Das Stierkampf-Bild machte mich krank. Ich überlegte, ob ich es in einen Bilderrahmen stecken und auf meinen Schreibtisch stellen sollte.

„Das Wetter ist schön. Ich wünschte, du wärst hier. Aus dem sonnigen Spanien grüßt dich..." Er ist ein Meister der Unverbindlichkeit, erinnerte ich mich. Deswegen hatte er es auch nie ernst gemeint, wenn er zu mir sagte: „Ja, eines Tages machen wir's zusammen!"

Nichts hatte er gemacht. Und ich auch nicht. Drückeberger, Feiglinge waren wir.

Seine Schrift war akkurat und auf eine obszöne Weise ästhetisch ansprechend, wie der Pinselstrich eines Künstlers und ich beneidete ihn dafür. Toms Klarheit und Unmissverständlichkeit zeigten sich deutlich in Buchstaben, die ein Architekt hätte konstruieren können. Schwungvoll, selbstsicher, stabil. Ich hasste jeden einzelnen von ihnen.

Einmal sollten wir in einer Gruppentherapiesitzung die Zeit totschlagen und ein Bild anfertigen. „Malt einen Menschen", lautete die Aufgabe, die nur deshalb so wenig kreative Herausforderung in sich barg, weil man Leuten wie uns einfach überhaupt nichts zutraute. „Malt einen Menschen!" – nur getoppt von „Malt euch selbst!"

Jedenfalls schuf Tom damals ein Bild von derart unsterblicher und reiner Schönheit, dass es ihm zwei Wochen Intensivtherapie einbrachte. Ich fahler, weißer Körper hing schlaff von einem Galgen herab, wie ein Abziehbild der gesamten Menschheit. Das ist, was wir sind, was wir sein werden und was wir vom Leben erwarten können. Die einzige gesicherte Definition von „Menschlichkeit" ist die Gewissheit des eigenen Todes und ich kenne nichts, was einen Menschen einem Gott ähnlicher werden lässt als Furchtlosigkeit im Angesicht seines Schicksals.

Ich rahmte die Postkarte nicht ein, wie ich es vorgehabt hatte, sondern stanzte zwei unschöne Löcher in sie, die klaffen sollten wie zwei Wunden und heftete das unheilvolle Stück Pappe auf jenen unheilvollen Ordner, weil ich fand, dass es dort hingehört.

Ich sammelte Abschiedsbriefe, weil er keinen hinterlassen hatte und ich das nie verstanden hatte. Selbst wenn er nur weggelaufen war, so hätte er sich verabschieden können! So lautete das vorläufig endgültige Urteil, das ich fällte, als ich die Karte verstaute, den Ordner zuklappte und nicht mehr daran denken wollte.

Die zweite Postkarte traf mich genauso unerwartet in einem Zustand zwischen Vergessen und wehmütigem Erinnern wie die Erste. Ich hatte die Sache zu den Akten gelegt, mich abgeregt und noch keine Zeit gefunden, sie ein zweites Mal hervorzuholen, um meinen Ärger am Ende doch verrauchen zu lassen. Tom verstand es, Emotionen als die Irrlichter zu entlarven, die sie waren. Immer, wenn man an etwas zu glauben begann, kam er und erinnerte einen daran, dass es nicht so war, wie man es gerade akzeptiert hatte.

„Der Vertrag steht immer noch!"

Eine Karte aus Südfrankreich. Sie zeigte Strand, Sonnenschirme und die Paradies gescholtene Ödnis eines nichtssagenden Meerblick-Panoramas.

Einmal hatte Tom mich gefragt, ob ich schon mal am Meer gewesen sei und ich musste beschämt verneinen.

„Man hat das Gefühl am Rand der Welt zu stehen", hatte Tom gesagt, „Hinter einem das drohende Leben, vor einem der drohende Tod. Man drängt sich selbst in eine Sackgasse, wenn man zum Meer fährt. Dort enden die Wege. Dort beginnt das Chaos."

Wir haben uns danach noch oft darüber unterhalten, dass es irgendwie gruselig war, wenn man bedachte, dass alle Straßen irgendwie zusammenhingen und man immer und überall erreicht und gefunden werden konnte. Ich weiß nicht, ob Tom diesen Gedanken später als Wettbewerb aufgefasst hat. Vielleicht dachte er, man müsse einfach schneller sein, um nicht eingeholt zu werden.

„Alle Wasserwege enden im Meer", gab ich zu bedenken, „Für das Wasser ist es keine Sackgasse."

„Aber selbst der reißendste Strom löst sich auf, sobald er auf der Meer trifft", sagte Tom.

Wir hatten eine etwas seltsame Beziehung zu fließendem Wasser. Einerseits, weil das Wasser es schaffte, diesem Klinikkomplex ohne weiteres zu entkommen, weil es durch Gitter einfach hindurchfloss, andererseits, weil es das perfekte Instrument war, um Dinge verschwinden zu lassen. Dinge wie Tabletten oder Essensreste.

„Du musst sie ins Klo werfen", hatte ich Tom ganz zu Anfang erklärt, „Wenn du sie irgendwo versteckst, finden sie sie irgendwann und dann musst du die Medikamente immer unter Aufsicht nehmen."

„Sie wollen mich davon abhalten, Alkohol zu trinken, in dem sie mir Drogen geben", hatte Tom kommentiert.

Irgendwann landeten alle unsere Tabletten und Wirkstoffe im Meer, stellten wir uns vor. Wir verseuchten den ganzen Planeten. Es war unsere kleine private Form der Rache. Sollten doch die Haifische high werden, oder die Muscheln, oder die Krabbenfischersfrauen beim Krabbenpuhlen.

„Es regnet", schrieb Tom, als wollte er das lächerliche Postkartenfoto relativieren.

Wasser vor ihm, Wasser von oben, Wasser, Wasser, überall Wasser. Als wollte die Welt uns verhöhnen, indem sie uns subtil mitteilte, was für ein dummer Fehler es gewesen war, sich Lungen statt Kiemen wachsen zu lassen.

„Würzige Grüße..."

Würzige Grüße? Wirklich? Voller Zorn rammte ich zwei Löscher in die dümmliche Karte und heftete sie an ihren Platz.

Von Tom hätte ich etwas Eleganteres erwartet, dachte ich. Tom war immer derjenige gewesen, der das ausdrücken konnte, was mich vor allem deshalb quälte, weil ich keine Worte dafür hatte. Und jetzt sehen seine Nachrichten aus wie seelenlose Urlaubsgrüße, die nicht verraten wollten, wie sehr sie den Angeschrieben eigentlich verachteten.

Oder vielleicht verachtete er mich inzwischen... Und verspottete mich mit seinen ständigen Hinweisen auf diesen kindischen Vertrag. Glaubte er wirklich, dieses Stück Papier hätte für mich noch irgendeinen Wert oder eine Bindung? Für wie zurückgeblieben hielt er mich? Es war nicht so, als bedürfte ich derartiger Absicherungen. Ich war frei, zu tun und zu lassen, was ich wollte. Er selbst hatte es genauso gehandhabt.

„Wie verschwindet man einfach?", hatte er mich einmal gefragt und ich hatte geantwortet, dass man dafür eine Menge vorbereiten müsste und dass es klug wäre, es irgendwie so aussehen zu lassen, als gäbe es nichts mehr zu finden. „Man muss die Suche unattraktiv gestalten", sagte ich, „Man muss Fährten legen, die irgendwohin führen, nur nicht dahin, wo man sich wirklich aufhält. Man muss falsche Schlussfolgerungen nahelegen."

„Mit anderen Worten", hatte Tom gesagt, „man muss seinen Tod vortäuschen."

„Oder einen Gedächtnisverlust", fiel mir ein.

Irgendwie mussten wir die langen, watteartigen Winter in der Anstalt verbringen und so dachten wir uns Szenarien aus. Gestohlene Identitäten, falsche Ausweispapiere, fingierte Entführungen, gelegte Spuren.

„Warum sollte man verschwinden wollen?", fragte ich an der Grenze zwischen Unschuld und Erkenntnis – auch genannt: Adoleszenz.

„Weil man etwas Schlimmes gemacht hat, mit dem man nicht mehr leben will", sagte Tom.

„Man kann doch nicht vor sich selbst davon laufen. Man kann sich doch nicht einfach zwingen, etwas zu vergessen", erwiderte ich.

„Aber man kann rennen und man kann sich verstecken. Wenn man damit beschäftigt ist, hat man keine Zeit mehr, sich zu erinnern."

„Bereust du irgendwas?", fragte ich, „Irgendwas, weswegen du davon laufen würdest?"

„Nein." Offensichtlich eine Lüge.

Warum wollten Menschen sich selbst aufgeben, um jemand anderer zu sein? Glaubten sie, jemand anderer wäre erfolgreicher oder glücklicher, obwohl er die gleichen Voraussetzungen wie man selbst mitbrachte?

„Schlechtes Wetter ist wohl mein Schicksal für diesen Sommer", stand auf der dritten Postkarte. Ich wollte sie verbrennen, bevor ich sie zu Ende gelesen hatte.

Das Colosseum – bei Nacht von einer komplizierten Lichtinstallation angestrahlt, sodass es in unnatürlichen Farben kitschig leuchtete wie ein Hologramm oder eine mystische Botschaft aus einer tief in unseren Seelen vergrabenen Vergangenheit. Auf keinem Flecken der Welt sind mehr Menschen gestorben als hier. Nirgendwo ist der Boden so nachhaltig mit Blut getränkt.

Schlammlawinen in Italien. Davon hatte ich gelesen. Diesen Sommer spielte das Wetter verrückt. Ich fragte mich, wie viele Partikel von diesem Jahrtausende alten Blut wohl mit fort geschwemmt werden würden, wie viel davon schließlich in meinem Trinkwasser landete und ob ich es herausschmecken konnte, wenn ich mich nur fest genug konzentrierte.

„P.S.: Denk an unseren Vertrag!"

Der Locher tat seine Pflicht, die Karte landete im Ordner. Ich weigerte mich, mich zu wundern oder diese ganze Geschichte zu hinterfragen. Sie machte mich zu wütend. Ich hatte Tom verdrängt, wie man eine peinliche Begebenheit aus der Vergangenheit verdrängte. Ich hatte ihn in mir totgeschwiegen, weil er geschwiegen hatte, als er sich mutmaßlich getötet hatte.

Abschiedsbriefe. Ich besaß hunderte von Abschiedsbriefen, aber keiner davon war an mich gerichtet gewesen und das ärgerte mich. Ich konnte stellvertretend einen van Gogh betrauern, der Schmerz aber blieb... falsch.

Erst als ich die vierte Karte aus Griechenland erhielt, die eine alte ziemlich mitgenommene Statue abbildete, kam mir die Idee, dass ich ja zurückschreiben könnte. Aber als ich mir einen schönen, schmissigen Text überlegt hatte, fiel mir ein, dass ich ja gar nicht wusste, wohin ich meine Nachricht schicken sollte. Und dann fiel mir ein, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, woher Tom eigentlich meine Adresse hatte.

Natürlicherweise hatte ich mich seit Jahren nicht mehr um ihn gekümmert. Er war nicht mehr mein Fall, sondern einer für die Polizei und den Leichenbeschauer, so man denn irgendwann seine sterblichen Überreste hätte finden sollen, was natürlich nie passiert ist. Man glaubte gemeinhin, er hätte sich „weggeworfen", weil er seinen Körper als eine Art Abfallprodukt der Natur betrachtete.

„Was glaubst du, wie hoch der Materialwert eines Körpers ist?", hatte er mich einmal gefragt und ich hatte grob überschlagen: „So etwa zwölf Kilo Hackfleisch."

„Glaubst du, wir sind mehr als unser Körper?"

Ich wusste nicht, was ich glauben sollte und sagte unbestimmt: „Haben Gedanken einen Wert?"

„Wenn sie sich zu Geld machen lassen."

Woher hatte er meine Adresse? Wen hatte er danach gefragt? Wen kannte er, den ich kannte? Die Auswahl war sehr klein, denn ich kannte nicht viele Leute. Oder hatte er bei irgendeinem Amt nachgefragt? Oder war er in irgendein Archiv eingebrochen? Hatte er einen Computer gehackt, um an meine Daten zu kommen?

Und plötzlich fand ich alles, was ich ihm hätte schreiben wollen, ziemlich dumm und substanzlos. Was hatte ich ihm den zu sagen? Einem Toten, der zurück ins Leben, der zurückgekrochen kam und sich an etwas festklammerte, das er vor Jahren unterschrieben hatte, weil er ein Feigling war und geblieben ist?

„Der Vertrag ist nichtig!" vielleicht? War er das denn? Ich hatte es in all den Jahren sehr gut verstanden, vor diesen Überlegungen und Entscheidungen davonzulaufen.

„Leben ist Vermeidung", hatte ich mal gesagt, „Man vermeidet, das Offensichtliche zu sehen, zu denken und zu tun. Denn wenn wir es sehen, denken und tun würden, würden wir nichts mehr sehen und nichts mehr denken und nichts mehr tun. Leben ist Beschäftigungstherapie, das ist alles!"

Hätte ich ihn vielleicht fragen sollen, wo er gewesen war und wie er es geschafft hatte, sich so lange zu verstecken? Hätte ich ihn fragen sollen, warum? Oder wieso er sich jetzt zurückmeldete? Hätte ich ihn fragen sollen, warum er nur weggelaufen war und sich nicht gleich ganz entsorgt hatte? Hätte ich ihm sagen sollen, dass ich tun und lassen kann, was ich will und er mich in Ruhe lassen soll mit seinen Anspielungen auf unsere einstige Partnerschaft?

Ich war froh, dass ich darüber nicht ernsthaft, sondern nur spielerisch nachdenken musste. Grübeln ist eine gute Möglichkeit, den Tag zu verbringen und ich freue mich immer über Impulse für schlaflose Nächte und getriebene Tagesabläufe.

Ich schloss den Ordner mit samt dem Vertrag und den Postkarten in einen Schrank ein, damit ich ihn nicht ständig vor Augen hatte wie ein Fremdkörper in einer so wunderbar auf sich abgestimmten Welt. Es war, als gäbe es nur zwei Dinge, die nicht zu ihr passten: Der Ordner und ich. Wir beide gehörten irgendwie zusammen und das wollte ich nicht. Ich trennte als meinen Blick von ihm, wie man ein Baby von der Nabelschnur trennt.

Aber die Aura dieses Dings ätzte sich durch das Möbelstück. Weil ich wusste, dass er da war, konnte ich ihn nicht verstecken. Er sollte sich selbst entzünden, fand ich. Die Dinge sollten den Menschen hin und wieder diesen Gefallen tun...

Eine fünfte Postkarte aus Deutschland erinnerte mich daran, dass Tom einmal gesagt hatte: „Jeder Konflikt ist ein Krieg. Jede Meinungsverschiedenheit und jede Kritik sind Gewaltakte."

Er schrieb: „Hier atmet man Geschichte ein."

Ich dachte: „Man vergiftet sich daran!"

Er schrieb: „Alles verändert sich so schnell."

Ich dachte: „Nur wir bleiben statisch, während sich die Zeit um uns dreht."

„Wir sollten aufhören zu existieren, weil jeder Effekt, den wir haben, ein Akt der Zerstörung ist", fand Tom und ich stimmte ihm zu.

„Jede Schöpfung, jede künstliche Ordnung ist ein Eingriff die ursprüngliche Schönheit des Chaos. Man sollte Gott lästern, ob seiner liederlichen Taten!", der Stuhlkreis hatte gekichert. Ein wenig Aufheiterung konnten wir damals alle vertragen.

„Ich hoffe, du denkst weiterhin an deine vertragliche Verpflichtung!", schrieb er und ich hatte das Gefühl die verschlossene Schranktür schmolz unter meinem Blick.

Es funktioniert nicht, stellte ich fest. Niemand kann verschwunden bleiben. Nichts kann sich auf ewig verstecken.

Endlose Jahre , in denen man uns eingesperrt und vor den Augen der entsetzten Normalität verborgen hatte, sind stumme Zeugen dieser Erkenntnis. Denn irgendwann hatten sie uns gehen lassen müssen. Der Zaun öffnete sein abscheuliches Maul und spie uns aus, als wären wir ihm mit der Zeit lästig geworden, als ließen wir uns nicht verdauen oder schmeckten ihm zu bitter.

Ich ging zuerst. Das letzte Mal, das ich ihn sah, war an jenem Tag, an dem ich meine spärlichen Habseligkeiten zusammenpacken sollte und davon gejagt wurde in eine Welt voller Leute, deren Absicht es war, mich allein zu lassen und zu beobachten, was nun mit mir passierte.

Das letzte Mal von ihm hörte ich etwa drei Wochen später, nachdem er spurlos aus der Anstalt verschwunden war. Er hatte irgendeinen Weg gefunden, wie das Wasser durch den Zaun zu schlüpfen und es ärgerte mich, dass er mich nicht in seine Pläne eingeweiht hatte.

Ich machte Bekanntschaft mit allen möglichen interessanten Menschen: Polizisten, Detektiven, Psychologen, Forensikern, Jugendamtsmitarbeitern, Journalisten und einem Mädchen, das behauptete Toms Schwester zu sein. Ich glaubte keinem von ihnen ein Wort und zog es vor, nachhaltig und demonstrativ zu schweigen.

Es gibt nur eine Möglichkeit, ungesehen zu bleiben: Ausrottung! Ich hatte lange darüber nachgedacht und war schließlich zu der Erkenntnis gekommen: Wenn einer nicht mehr der sein will, der er ist, dann ist das wie eine Selbsttötung. Es machte also keinen Unterschied, ob Toms Körper noch lebte oder nicht. Wenn er seinen Gedanken davon laufen wollte, war er nicht mehr derjenige, den ich mal gekannt hatte.

„Man muss sich die Gedanken herausbrennen", hatte Tom gesagt, „Wenn sie nicht mehr da sind, ist es ganz leicht. Dann geht es mechanisch." Leider fanden wir nicht heraus, wie man das mit dem Herausbrennen machte und so blieb Tom am Ende wohl nur der Wettlauf mit ihnen.

Ich ertappte mich dabei, wie ich mir vornahm, einfach nie wieder meinen Briefkasten zu öffnen, bis die Briefe und Postkarten sich vor der Haustür stapelten und mich einmauern würden. Ich dachte unentwegt an die Befriedigung, die es mit sich bringen würde, einfach zu ignorieren, was irgendein Irrer mir mitteilen wollte.

Ich kontrollierte den Briefkasten zweimal täglich, weil ich mir Befriedigung nicht erlaubte. Ich beobachtete den Briefträger vom Fenster aus. Ich überlegte, ob er vielleicht wüsste, von wo diese Postkarten aufgegeben sein könnten. Natürlich würde er es nicht wissen.

Die sechste Postkarte schließlich versetzte mich in einen Alptraum, dem keine zynische Umschreibung gewachsen ist: Sie stammte aus meinem ureigenen Wohnort, zeigte ein Foto von einem langweiligen Waldstück und war im Postamt dieser Stadt aufgegeben worden.

Er war hier und er schrieb: „Ich hoffe mein Urlaub hat dir gefallen. Mittelmeerkreuzfahrt. Sehr zu empfehlen."

Ich reise nicht. Grundsätzlich. Meine Fußabdrücke sollen diese Welt nicht besudeln. Oder diese Welt nicht meine Fußsohlen?

Er, ausgerechnet er, war mit einem Schiff über das Wasser gefahren? Er versteckte sich zwischen unzähligen Leuten, die sich in einer Nussschale zusammenquetschten wie Sardinen in einer Büchse? Wie konnte er sich das leisten? Welche Dokumente hatte er dafür neben seiner Persönlichkeit fälschen müssen?

„Ich hoffe, du hast den Vertrag noch. Ich passe auf dich auf."

Plötzlich fühlte ich mich beobachtet durch die Postkarten, durch den Vertrag, durch den Ordner. Herausbrennen musste man die Gedanken!

Das war der ursächliche Fehler gewesen! Ich hätte das alles ins Feuer werfen sollen, als ich die Gelegenheit dazu gehabt hatte... Ach was, man musste sich die Gelegenheiten selbst schaffen! Jeder Akt der Zerstörung ist ein Akt der Schöpfung!

Ich rannte zur Tür hinaus, den Ordner unterm Arm. Feuer reichte nicht aus. Es brauchte eine stärkere Kraft. Eine, die sogar das Feuer bezwingen konnte. Wasser. Ich brauchte Wasser! Alles endet im Wasser! – Außerdem hatte ich keine Ahnung, wo ich in dieser Gegend ein Feuer machen konnte, ohne damit gegen irgendwelche Vorschriften zu verstoßen.

Die Straße hinunter, zum Fluss, zur Brücke und dann weg mit diesem papiergewordenen Mühlstein! Die Straße hinauf zum Postamt und nachfragen, wer diese Postkarte aufgegeben hatte. Das war der Plan, das war die Entscheidung, bis ich in etwas hineinstolperte, das vor meinen verschwommenen Augen aussah, wie eine überdimensionale Wespe.

Es war der Briefträger und er sagte: „Hallo."

Und ich sagte: „Wo zum Teufel bist du gewesen?"

 

 

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pseudonym0gDHW Am 14.01.2017 um 16:56 Uhr
Ich weiß gar nicht wirklich, was ich jetzt sagen soll.
Diese kleine Geschichte (die in Wirklichkeit doch ziemlich groß ist) hat mich auf jeden Fall gefesselt und an der einen oder anderen Stelle zum Grübeln gebracht.
Ich kann nur sagen, wirklich gute Arbeit!
pseudonym0gDHWs Profilbild
pseudonym0gDHW Am 14.01.2017 um 17:10 Uhr
Eingebildet ist es nicht, wenn man sich seiner eigenen Stärken und Möglichkeiten bewusst ist.
Ich bin mir sicher, dass das auch noch gar nicht deine Obergrenze ist und ich freue mich auf jeden Fall, weitere Texte von dir zu lesen!
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suedehead (Autor)Am 14.01.2017 um 17:06 Uhr
Danke. Ich weiß nicht, was ich anderes sagen soll. Ich mag die Geschichte auch sehr - selbst wenn das jetzt eingebildet klingt, aber ich glaube, das ist etwas, das ich nicht nicht hätte besser machen können. Das heißt im Umkehrschluss: Mehr könnt ihr nicht von mir erwarten.

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Kurzbeschreibung

Können Geister Postkarten schreiben? Oder ist der totgeglaubte Jugendfreund vielleicht aus einem selbstgewählten Exil zurückgekehrt? Und wieso pocht er nach all den Jahren noch auf die Einhaltung alter, längst überholter Vertragsverpflichtungen?

Kategorisierung

Diese Story wird neben Alltag auch in den Genres Freundschaft und Angst gelistet.