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Nenn mich Lydia

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30.12.21 18:56
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

Einen Geist ohne Gesicht, so nennen sie mich.

Wesen ohne Gnade, fern ab von Mitgefühl.

Erbarmungslos, kalt und weit entfernt davon, die schönen Dinge aufzuzeigen.

Ich nenne mich Vergangenheit, Zeit, die längst verstrichen ist und nur dann wiederkehrt, wenn ich es will.

Nenn mich ruhig Lydia, denn das ist mein Name, unter dem ich dich mitnehme, dir zeige, dass nicht alles Leben rosig ist.

Begleite mich, lausche meiner Stimme und den vielen Geschichten, die ich zu erzählen habe.

Sie alle sind passiert, haben sich so zugetragen und führen vor Augen, wie wertvoll Leben und ein Mensch ist.

Verurteile nicht und erhebe deinen Finger gegen Menschen, deren steinigen Weg du nicht kennst.

Richte sie nicht, wenn du selbst ein Leben frei von Kummer und Sorgen hast.

Nicht jeder ist mit Liebe gesegnet und nicht jedem fällt alles in den Schoss.

Ich kenn all ihre Geschichten, ihren harten Weg und so manches Leid, welches sie ertragen mussten.

Viele gaben auf und einige kämpfen weiter.

Sie sind Helden und über jene berichte ich.

Folge mir, lerne sie und ihre Geschichten kennen.

Betrachte den Geist der Vergangenheit und lerne Dankbarkeit dem eigenen Leben gegenüber. 

 

 

Mit vierzehn Jahren ist man frei von Sorgen und doch gibt es dieses Mädchen, das anders ist. Keiner ist da und hört ihr zu. Jeder schaut weg oder belächelt ihren Kummer. Denke nicht, dass man in diesem Alter unbeschwert ist, ein Teenager, der irgendwo noch ein Kind ist.

Nicht alle sind gleich und sie erst recht nicht. Seit Kindergartentagen ausgestoßen, von anderen Kindern gemieden und verspottet. Das alles nur, weil sie nicht hübsch und reich ist. Nicht mal ein Dorf, sondern ein Stadtkind ist und auch das sorgt für Unmut unter ihren Mitschülern. Hinzu kommt, dass sie schmal gebaut ist, eine Brille trägt und ihre Haare weißblond sind. Blasse Haut und schmale Lippen. Blaue, traurige Augen, selten ein Lächeln im Gesicht.

Kein Kinderlachen, keine unbeschwerte Kindheit. Kummer, der hinter einer Fassade versteckt wird und auszubrechen droht. Die Not sieht man nicht, keine ihrer Verletzungen, die sie sich aus Verzweiflung selbst zufügt. Kein Schrei, kein Wort. Nur traurige Augen, die in den Spiegel und neidvoll auf glückliche Teenager blicken.

Sie ist anders, eine Bohnenstange, ein Spargeltarzan und BMW. Ungeliebt, weil man sie nicht richtig kennt. Niemand ist da, jeder spielt ihr etwas vor, verrät, belügt und betrügt. Ihre Seele schreit, ihre Lippen formen nach Hilfe rufende Worte. Nichts passiert. Es ist die tückische Ruhe vor dem Sturm, der mehr noch ein Orkan ist und sie mit in die Tiefe mitreißen wird.

 Es ist die tückische Ruhe vor dem Sturm, der mehr noch ein Orkan ist und sie mit in die Tiefe mitreißen wird

 

Freitag den dreizehnten kennen alle und einige glauben fest daran, dass dieser besondere Tag Unglück bringt. Humbug dachte sich eine Person vor etlichen Jahren und lachte leise über Abergläubige Mitmenschen. Unwissend, dass das Karma gnadenlos sein konnte und sie doppelt und dreifach strafen würde. Vielleicht sollte man ab und zu vorsichtiger sein, sich zurücknehmen und daran denken, dass es eventuell höhere Mächte gibt, die man erzürnt und die Quittung erhält. Daran dachte sie aber nicht und lebte diesen Freitag wie jeden anderen auch. Nichts deutete darauf hin, dass heute ein tragisches Unglück passierte und ihr Leben veränderte. 


Liebevoll fütterte sie ihren kleinen Bruder, wickelte ihn, spielte mit seinen kleinen Fingern und übergab ihn ihrer gemeinsamen Mutter. Nach drei Mädchen war das Glück der Familie endlich perfekt und vollkommen. Dieser kleine Junge wurde von allen geliebt und liebevoll umsorgt. Kein Leid sollte ihm widerfahren und doch schlug das Schicksal grausam zu und Gevatter Tod nahm den Säugling in seine Obhut.

Auf leisen Sohlen, mitten in der Nacht und nicht vorhersehbar trat er ein, griff nach dem Baby und riss es still aus dem Leben. Zurückblieben trauernde Eltern und Großeltern, Schwestern, die nicht begriffen und Freunde, denen das Herz bei diesem Anblick brach. 
 

Plötzlicher Kindertod.

Grausig, leise und unerwartet.Schneeweiß mit blauen Lippen.

Kalte Finger, die nicht mehr zugriffen.

Ein Lachen, was nicht mehr gehört, ein Herzschlag, der auf ewig verstummt und das an einem Freitag den Dreizehnten.

 

 

Sie war müde, erschöpft von ihrem kurzen Leben. Der Wille weiter leben zu wollen, war lange schon weg. Zu viel Leid hatte sie schon erfahren, hatte es satt und war bereit dem Tod gegenüberzutreten.

Das sechzehnjährige Mädchen war sich sicher, niemand würde sie vermissen, keiner würde trauern und um sie weinen. Für viele war sie nur ein Klotz am Bein, ein unbeliebtes Mädchen, das keine Freunde hatte.

Ihr Tod war unausweichlich und willkommen. Angst hatte sie nicht, eher davor, weiterleben zu müssen. Jeden verdammten Tag die Hölle zu durchleben. Nein, damit sollte Schluss sein. 

Keine Träne wollte sie mehr weinen, keinen Schmerz fühlen, keine Angst haben in die Schule zu gehen. Mobbing hatte sie gebrochen. Falsche Freunde hatten sie verraten, betrogen und frech ins Gesicht gelogen.

Zu viel für ihre schwache Seele, genug für ihren Körper, der endlich Erlösung finden würde. Zitternd schluckte sie die letzte bittere Pille und überlebte. Ihr Tod war zu früh, ihre Hölle noch nicht zu Ende. 

 

Meterhoch drangen die Flammen durch den Dachstuhl, fraßen sich gnadenlos durch das gesamte Gebäude und vernichteten sämtliche Habseligkeiten der Hausbewohner. Von Weitem sah sie dieser Tragödie zu und während alle Schaulustigen unter Schock standen, legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen.

Vor wenigen Tagen noch hatte sie selbst in diesem Haus gewohnt und wie es schien, nahm das Karma grausame Rache an all jenen, die weggesehen und ihr nicht geholfen hatten. Eine Genugtuung für das junge Mädchen, das in diesem Haus durch die Hölle gegangen war. Dabei fing alles so schön an und doch endete es mit Tränen und Gewalt. Erst belog er sie, dann betrog er und am Ende prügelte er sie vor den Augen der Nachbarn die Treppe herunter.

Jetzt war er obdachlos, hatte seine Strafe erhalten und sie hatte Gerechtigkeit. Das Leben spielte oft nach gewissen Regeln und Karma war nur eine. Man sah sich meist zweimal im Leben und sogar ein drittes Mal, wie sie einige Jahre später feststellen musste.

Doch war sie gewachsen, hatte die Vergangenheit hinter sich gelassen, blickte nach vorne und belächelte ihn stumm in diesem kleinen Café. Er war gezeichnet, sie hingegen das blühende Leben mit Freunden, Arbeit und einer neuer Liebe. 

 

Erst war es Twitter, dann folgte YouTube und am Ende Facebook. Niemand sollte ihn mehr finden, mit Fragen belästigen oder ihn müde belächeln. Das Maß war voll, er hatte die Faxen dicke und wäre das nicht genug, brach er Kontakte ab. Es war seine Familie, niemand hatte das recht zu urteilen, ihn zu abwertend anzusehen.

Keinen ging es etwas an, was sich in seinem Leben abspielte, vor allem mit wem. Er war bereit diesen Schritt zu gehen und es traf Menschen, die er eigentlich sehr gerne hatte. Seine beste Freundin, die er in ihren dunkelsten Stunden kennengelernt und gerettet hatte. Sie traf es am meisten, als er von einem Tag auf den anderen verschwand, sich nicht mehr meldete. Es war, als wäre er unsichtbar, nicht erreichbar, sogar verstorben. 

Im Herzen aber war er noch immer, in den Gedanken, auf wenigen Bildern, die wie ein Schatz gehütet wurden. Vergessen ging nicht, verdrängen ebenfalls und die Hoffnung blieb bestehen, dass er eines Tages wieder auftauchen würde. 

 

"Du wirst nicht fahren!"

"Ich möchte das nicht!"

"Wer war denn das?"

"Was wollte die denn?"

"Ich komm dann, wenn sie schläft."

"Kannst du wenigstens?"

"Tu es für mich."

"Ich, ich, ich..."

 

Sätze, die sie immer wieder zu hören bekam. Über einige Jahre und irgendwann war es  neben den Handlungen zu viel. Er verbot ihr nicht nur Dinge, er mischte sich überall ein, kontrollierte und diskriminierte sie.  Die Stimmung war an jenem Tag, als er ungefragt auf ihrer Arbeit auftauchte, eisig. Keiner gab sich mit ihm ab, jeder ignorierte ihn und war erleichtert, als er wieder verschwand.

Nicht das erste Mal, dass er das tat, ungebeten aufkreuzte und so tat, als würde er dazugehören. Bemerkt hatte er es nicht, sich nur gewundert, wenn sie alleine ging, ihn nicht mitnahm, weil sie Ruhe brauchte. Besonders von seinem Egotrip. Alles musste nach ihm gehen und kaum war er da, hatte er nur eines im Sinn. Bekam er es nicht, drehte er sich um und ging. Ein Schlag ins Gesicht, machte es deutlich, worum es ihm ging. 

Die lieblichen Worte zuvor, allesamt gelogen. Er war Psycho, wollte über sie und ihr Leben bestimmen, es nach seinen Vorstellungen formen und sie verbiegen. Sie war stärker, hatte sich zuvor von ihm losgerissen, die Liebe sterben lassen und ihn abgeschossen.

 

Damals schon hatte er gelogen, hatte behauptet anders zu sein und stieß einigen böse vor den Kopf. In der Schule begann diese Lüge und noch heute lebte er sie. Die Wahrheit kam nur heraus, weil jemand schlauer war, sein süßes Geheimnis im Internet fand.

Ob sie davon wusste, war unklar, doch ihr Frust über eine nicht funktionierende Ehe sprach Bände. Da half auch kein Kind, welches ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war und hoffentlich mehr nach der Mutter kam. Wenigstens vom Charakter her. 

Unglaublich, dass man fast sein gesamtes Leben schon log und das nur, weil man nicht den Arsch in der Hose hatte und zu seiner Sexualität stand. Wie oft hatte er Frauen, obwohl er sich in der Schule als schwul geoutet hatte?

Nach der vierten Freundin hatte sie aufgehört zu zählen, zweifelte an ihm und seinem Verstand. Die Hochzeit aber traf sie wie ein Schlag, machte deutlich, dass er sich nie geändert hatte und über seinen Schatten sprang. Traurig, dass man sich verstellen musste, nur weil man in einem Dorf aufwuchs, wo Schwulsein noch immer als Sünde galt.

 

 

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Miras Profilbild
Mira Am 01.12.2021 um 13:25 Uhr
Ich weiß nicht wieso, aber dieses Kapitel hat mich wirklich gefangen. Vor allem der Part "Gevatter Tod nahm den Säugling in seine Obhut" und "still aus dem Leben reißen." Irgendwie haben mich diese Passagen sehr berührt.
Man kann sich sehr genau etwas vorstellen und auch die Atmosphäre super erzeugt!
Pragomas Profilbild
Pragoma (Autor)Am 29.12.2021 um 12:25 Uhr
Ich danke dir :) Alles Dinge, die passiert sind und die ich bereit bin, niederzuschreiben. Nicht im Detail, aber so, dass es verfasst und abgehakt wurde.

Autor

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Bewertung

Eine Bewertung

Statistik

Kapitel:8
Sätze:93
Wörter:1.679
Zeichen:9.633

Kurzbeschreibung

Niemand sagt, dass das Leben einfach wird, nach einem Plan verläuft und auf rosa Luftschlössern aufgebaut ist.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Drama auch im Genre Trauriges gelistet.