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Eingeschlossen

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19.01.26 18:47
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

Samstag. 11. Oktober

Die Sonne fiel schräg durch das Küchenfenster und zeichnete helle Streifen auf den abgewetzten Holztisch. Es roch nach Butter und Erinnerungen.

Die Kartoffeln dampften, als Ulrike Thomsen den Topf auf den Tisch stellte. „Ich habe extra die kleinen genommen. Die schmecken besser, wenn man sie mit Schale kocht.“

Jonah schob ihr Handy beiseite und griff zum Salz. „Du weißt schon, dass ich heute eigentlich was anderes vorhatte, oder?“

„Du hast jeden Tag was anderes vor“, sagte ihre Mutter und setzte sich. „Aber heute geht’s um Leben und Tod.“

Nora sah auf. „Was meinst du?“

„Die Tauben sind unruhig“, erwiderte ihre Mutter und schnitt ihr Ei mit der Präzision einer Chirurgin. „Zwei haben heute nicht gefressen. Und gestern lag eine tote auf dem Balkon.“

Jonah verdrehte die Augen. „Eine tote Taube. Wow. Die Welt geht unter.“

„Irgendwas stimmt nicht. Ihr habt’s doch auch gehört. Ist ja überall in den Medien.“

Nora runzelte die Stirn. „Die Vogelgrippe? Ich hab das von den Kranichen in Brandenburg gehört.“

Ihre Mutter nickte und aß einen weiteren Bissen. Sorge stand in ihren Augen, als sie ihren Blick hob und ihre Töchter ansah. „Tausende. Allein in Linum. Die armen Tiere.“

Jonah schnaubte. „Vielleicht war deine Taube auch einfach alt. Oder hat sich verschluckt. Gibt’s bei Vögeln so was wie Herzinfarkt?“

„Jonah“, mahnte Nora beschwichtigend. „Überall in Brandenburg sterben die Vögel. Irgendwo mussten sie sogar massenhaft Puten töten.“

„Und es gab schon Fälle in Berlin,“ fügte ihre Mutter hinzu.

Jonah kaute langsam, während sie ihre Schwester und ihre Mutter musterte. „Und was sollen wir jetzt machen? Einen Impfpass für Vögel beantragen?“

„Ich will einen Schlag bauen“, sagte ihre Mutter, ohne auf den Kommentar ihrer Tochter einzugehen.

„Mich trifft gleich der Schlag“, entgegnete Jonah und stopfte ihre Gabel in den Kartoffelberg auf ihrem Teller.

„Einen richtigen“, fuhr ihre Mutter ungerührt fort. „Mit Draht, mit Dach, mit allem. Als Schutz vor Wildvögeln.“

„Hast du so was nicht?“, fragte Nora.

„Sie hat Unterstände“, erwiderte Jonah. „Die hält allein die Vogelscheiße noch zusammen.“ Kurz verzog sie ihr Gesicht und krümmte ihren Rücken, als schaudere sie. „Hättest du dir nicht einen Wellensittich zulegen können? Oder wenigstens nette, weiße Brieftauben? Warum diese geflügelten Stadtratten?“

Ulrike Thomsen nahm ihre Brille ab und blinzelte ihre Tochter an. „Weil ich Tauben mag. Außerdem habe ich was übrig für Außenseiter.“

Jonah seufzte und schlürfte mit angewidertem Gesicht Spinat von ihrer Gabel. „Und verletzte Viecher. Ja, ja.“

Nora schob ihr Essen auf dem Teller hin und her. Dann nahm sie einen Schluck Wasser. „Ich weiß nicht mal, wie man so was baut.“

„Ich habe eine Anleitung im Internet gefunden. Ist gar nicht so schwer.“

„Na dann viel Spaß.“ Jonah grinste ihre Mutter an.

„Werde ich haben“, schnappte Ulrike. „Ihr müsstet mir nur die Sachen aus dem Baumarkt besorgen. Ich gebe euch eine Liste. Ein paar Dinge habe ich schon hier. Dauert nicht lange.“

„Mann, es ist Samstag. Es wird voll sein wie sonst was.“ Jonah stöhnte laut, während Nora innerlich seufzte. Sie hatte genauso wenig Lust wie ihre Schwester, am Wochenende zum Stadtrand zu kurven und endlos lange Gänge nach Schrauben und Brettern abzusuchen.

„Können wir nicht einfach alte Bettlaken vor deine Unterstände spannen?“, fragte Nora.

„Nein, die reißen die Tiere runter. Lasst es uns gleich richtig machen.“

„Aber ich hatte heute wirklich was vor“, maulte Jonah. „Ich wollte zu Leo. Wir wollten das Regal aufbauen.“

„Das Regal läuft nicht weg. Meine Tauben schon.“

„Und ich habe Rückenschmerzen.“

„Du hast immer Rückenschmerzen, wenn jemand Hilfe braucht.“

Jonah schüttelte den Kopf, grinste aber.

„Bitte?“, fragte Ulrike in die Runde. „Ihr wisst, dass ich nicht mehr fahren kann. Ich kann das Zeug schlecht in den Öffentlichen mit mir herumschleppen. Ihr müsst doch nur schnell ins Auto springen.“

Jonah seufzte, schob den Teller zur Seite. „Spinat braucht eh kein Mensch. Also?“, wandte sie sich an ihre Schwester.

Nora nickte. „Fährst du?“

„Ist doch dein Auto.“

„Ja, aber … Du weißt, dass ich ungern durch die Stadt fahre.“

„Na gut. Obwohl ich auch keinen Bock habe, durch Berlin zu gurken.“

„Prima“, sagte Ulrike und strahlte ihre Töchter an. „Ich hole die Liste.“

Sobald die Mutter die Küche verlassen hatte, tippte Jonah Nachrichten in ihr Handy, vermutlich an jenen Leo, den Nora nicht kannte, wie so viele aus dem schier endlosen Bekanntenkreis ihrer Schwester. Weil Jonah nicht länger mit ihr redete, drehte sie das kleine Küchenradio lauter und lauschte der routinierten Stimme des Moderators.

„…und erneut Berichte über tote Vögel in mehreren Regionen. Besonders betroffen: Norddeutschland und Brandenburg. Experten vermuten eine aggressive Mutation des Vogelgrippe-Virus. Inzwischen wurden tausende tote Kraniche nahe dem Nationalpark Unteres Odertal entdeckt…“

Filmreif, dachte Nora und drehte das Radio wieder leiser. In der Stille hörte sie das Gurren der Tauben vom Balkon. Sie stand auf, ging zum Fenster und betrachtete die Vögel, die über den laubbedeckten Boden scharrten und Körner aufpickten. Als sie die Gardine beiseiteschob, flatterten sie erschrocken auf.

Samstag. 11. Oktober

Auf dem Parkplatz und im Baumarkt herrschte Gedränge. Durch die Gänge und zwischen den Regalen floss ein stetiger Strom aus Einkaufswagen, Menschen und Stimmen. Es roch nach Holz, Erde, Plastik, Dünger und Maschinenöl. Nora spürte, wie erste Kopfschmerzen sich ankündigten. Zu viele Menschen, zu viel künstliches Licht aus Neonröhren, zu viele Geräusche, zu viele Gerüche, zu viel klimatisierte Luft.

Jonah war schon ein paar Schritte voraus, schob einen Wagen mit einem metallischen Quietschen durch die Reihen. Nora trottete ihr nach, zog die Liste aus der Jackentasche und reichte sie ihrer Schwester.

„Draht, Holz, Dachpappe, Desinfektionsmittel“, murmelte diese, ohne stehen zu bleiben. „Fehlt nur noch ein Bausatz für 'ne Arche. Mann, diese Vogelgrippe gibt’s doch jeden Herbst. Wegen der Zugvögel.“

„Sie sorgt sich halt“, sagte Nora. „Sie sorgt sich um alles und jeden.“

Die beiden betraten das Gartencenter. Dieses bestand aus einer inneren Abteilung und einer Art Gartenmarkt, der im Freien lag, und den sie nun ansteuerten. Dieser Teil wirkte wie eine grüne Insel inmitten des Klotzes aus Beton, Metall und Glas. Tief atmete Nora die frische Luft ein und genoss die spärlichen Sonnenstrahlen. Jemand hatte die unzähligen Pflanzen in den Kübeln und Töpfen kürzlich gegossen. Rinnsale und kleine Pfützen bedeckten den betonierten Boden. Ein paar Meter weiter stand ein älterer Mann in einem grauen Hemd und studierte eine Packung Rasensamen. Eine junge Frau filmte sich vor einem Regal mit Solarleuchten, redete in ihr Handy. Zwei Kinder stritten um eine Schubkarre. Ein Mann in den Vierzigern hielt eine Packung Kabelbinder wie etwas Zerbrechliches und sah sich um, als würde er etwas suchen.

Jonah hielt auf einen Mann zu, dessen rote Latzhose und rote Jacke ihn als Mitarbeiter auswiesen, und reckte ihm die Liste entgegen.

„Gartenhaus oder Tiergehege?“, fragte er, als Nora hinzutrat.

„Taubenschlag. Aber stabil.“

„Nichts soll rein oder raus“, schlussfolgerte der grauhaarige Mitarbeiter und schob sich die schwarze Brille zurück auf die Stirn.

„Sie haben es erfasst.“

„Dann brauchen Sie Volierendraht. Ist hinten bei den Holzplatten.“

Sie machten sich auf den Weg, passierten Paletten mit Blumenerde und Hochbeetsets. Immer wieder blieb Nora stehen, betrachtete Dachpappen und Gießkannen in grellen Farben, nahm Drahtrollen in die Hand, las die Etiketten und verglich Maschenweiten, während Jonah schimpfend den bockigen Wagen schob und mit den Füßen trat.

In einer wenig beachteten Ecke fand Nora in Plastik verschweißte Schutzanzüge. Sie nahm einen in die Hand, drehte ihn um und las halblaut die Beschreibung. „Für chemische Belastung und biologische Risiken.“

Jonah tauchte mit einer Rolle Volierendraht unter dem Arm neben ihr auf. Sie sah verschwitzt aus. „Willst du die Tauben impfen oder ein Labor bauen?“

Schnell legte Nora die Packung zurück auf den Haufen. „Nein, ich ...“

„Konzentrier dich. Ich will hier nicht den ganzen Tag verbringen.“

Nora präsentierte ihr den Draht, den sie aufgestöbert hatte.

„Der ist doch viel zu dünn.“

„Ich dachte, zum Befestigen. Von ... irgendwas.“

Jonah sah sie skeptisch an, dann zuckte sie mit den Schultern und bugsierte ihre Drahtrolle auf den Wagen. „Wirf mit rein.“

„Und da hinten ist Dach ...“

Ein lautes Klatschen unterbrach sie und das Stimmengewirr um sie herum. Aus dem Augenwinkel sah Nora, wie etwas auf einen Präsentationstisch mit Kräutertöpfen plumpste. Erde spritzte nach allen Seiten, ein Topf zerbrach, Basilikumblätter rieselten zu Boden. Mehrere Menschen schrien erschrocken auf, eine ältere Frau mit eisengrauen Locken griff sich an die Brust. Ein Kind brüllte.

Gleichzeitig fuhren Nora und Jonah herum.

„Was war das?“, fragte jemand.

Schnell bildete sich eine Traube rund um den Tisch. Auch die Schwestern schoben sich näher heran; Jonah mit rabiater Ellenbogengewalt, Nora mit vorsichtigen Schritten.

Das Tier lag zuckend auf dem Rücken, die Flügel verdreht, der Schnabel offen. Die Augen waren milchig. Blut sickerte aus dem Gefieder.

„Ein Vogel“, murmelte Nora mit tauben Lippen und wich zurück.

„Krähe“, präzisierte Jonah. „Ganz schöner Brocken.“

Ein Mann trat sanft gegen den Vogel. Die Frau an seiner Seite quietschte protestierend, hielt ihr Handy jedoch weiterhin auf das Tier gerichtet, das jetzt auf die Seite rollte und eine schmierige Blutspur hinterließ.

„Ihhhh“, schrien einige Umstehende auf, blieben jedoch mit derselben morbiden Neugier stehen wie die filmende Frau.

„Zurück!“, rief eine helle Männerstimme. „Nicht anfassen!“

Plötzlich taumelte ein älterer Mann in der Nähe, griff nach einem Regal, riss eine Reihe Düngerpackungen heraus und sackte zusammen. Eine Frau sprang erst erschrocken zur Seite, dann beugte sie sich über ihn und rief nach Hilfe.

Im selben Augenblick sackte ein weiterer Mann zu Boden. Entsetzt sah Nora, wie seine Haut sich grau färbte und seine Lippen bläulich anliefen. Er röchelte, dann krümmte sich sein Körper wie unter Strom.

Jonah ging einen Schritt zurück. „Was zur Hölle ...“

Nora zog sie am Ärmel. „Komm weg von hier.“

Doch Jonah sträubte sich gegen die Berührung, zog ihr Handy aus der Tasche ihrer Jeansjacke und aktivierte die Kamera. „Warte kurz.“

„Hör auf“, drängte Nora. „Gehen wir. Schnell. Das ist mir nicht geheuer.“

Sie war nicht die Einzige mit diesem Gedanken. Eine Frau stieß einen Einkaufswagen zur Seite und rannte davon. Die ältere Frau mit den Locken sprang überraschend behände nach hinten, schlängelte sich durch die Umstehenden und verschwand in den Tiefen der Halle, während sie panisch in ihr Handy sprach. Einige Jugendliche spurteten davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

„Jonah“, sagte Nora gehetzt. „Komm weg.“

„Gleich.“

„Los jetzt! Mach schon!“

Widerstrebend ließ Jonah sich von ihrer Schwester mitziehen. „Übertreib doch nicht“, stieß sie aus, während sie immer weiter zurückwichen.

„Das gefällt ...“

Sie kam nie dazu, ihren Satz zu beenden, denn ein Mitarbeiter drängte sich durch die Menge und sprach atemlos in sein Funkgerät.

„Medizinischer Notfall im Gartenmarkt.“

Zusammen mit den Gaffern beugte er sich über den Mann, der am Regal zusammengesackt war. Dieser lag mittlerweile mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem feuchten Boden. Er zuckte unkontrolliert, dann wurde er still. Aus seiner Nase lief dunkelgelber Schleim, dick wie Öl.

Die Stimme des Mitarbeiters überschlug sich. „Schickt jemanden, schnell, verdammt. Der ... ich glaube, herrje, ich glaube, der stirbt.“

Noras Augen sprangen zwischen dem bewusstlosen Mann und der Krähe hin und her. Sie wich zurück, stieß gegen einen Stapel Holzfliesen.

„Jonah“, flüsterte sie. „Das ist das Virus. Das Grippevirus. Es ... es springt über, glaube ich.“

Der Mitarbeiter schwitzte jetzt und verschluckte sich beim Sprechen. „Ddd ... der andere sagt nichts auch nichts mehr. Gar nichts mehr.“

Im selben Augenblick sank der Mann, der den Vogel mit dem Fuß berührt hatte, ohne Vorwarnung zu Boden. Man konnte das Knacken hören, als er hart mit dem Kopf auf den Betonplatten auftraf. Blut breitete sich in erschreckender Schnelligkeit um ihn aus. Die Frau mit dem Handy, offensichtlich seine Begleiterin, kniete sich neben ihn und legte ihm die Hände auf die Brust. Auch er begann wie wild zu zucken, sodass die Frau zur Seite fiel.

Die Stille, die nun einsetzte, war ohrenbetäubend, aber nur für die Länge eines Lidschlags. Dann begannen die Menschen zu schreien und Kinder zu weinen. Ein Hund bellte irgendwo.

Die Stimme des Mitarbeiters übertönte die panischen Geräusche. „Schickt die Kavallerie! Sofort! Alle, die ihr kriegen könnt! Schnell!“

Die Menschentraube löste sich auf, zerfloss in alle Richtungen gleichzeitig. Männer und Frauen rannten überall hin, die meisten blindlings und kopflos. Einzelne fielen hin. Andere trampelten über sie oder fielen ebenfalls. Einige schafften es zurück auf die Beine, doch zwei Frauen blieben stöhnend liegen.

In der allgemeinen Auflösung war das Knistern der Lautsprecher kaum zu vernehmen. Umso klarer hörte Nora die Stimme eines Mannes, der über die Anlage sprach. „Liebe Kundinnen und Kunden, hier spricht Wolf Armund, Ihr Marktleiter. Wir haben Kontakt zu Rettungskräften und der Polizei aufgenommen. Hilfe ist unterwegs. Bitte bleiben Sie ruhig. Aus Sicherheitsgründen wird der Markt jedoch vorübergehend geschlossen.“

„Was?“, schrie Jonah empört, zeitgleich mit vielen anderen.

Dann erklang ein metallisches Klacken.

„Die Türen“, sagte eine junge Frau in Noras Nähe. „Das sind die Türen. Sie verriegeln sie. Die schließen uns ein. Mit denen da.“ Angeekelt und fassungslos wies sie auf die gestürzten Menschen und den verendeten Vogel am Boden. Die beiden Töchter der Frau schmiegten sich weinend an sie.

Nora spürte, wie die Luft sich veränderte. Plötzlich schien sie schwerer, dichter, als würde sie sich auf die Haut legen. Die Lautsprecher knisterten weiter, doch niemand schenkte den Durchsagen mehr Beachtung. Menschen flohen. Eine Frau stieß einen Gitterwagen mit Setzlingen um, stolperte über einen Schlauch, fing sich an einem Regal mit Pflanzenschutzmitteln. Ein Mann ließ seinen Einkaufswagen stehen, griff nach dem Arm seiner Begleiterin und zog sie hinter sich her, quer durch die Pfützen und über die rutschigen Steinplatten. Die Kinder mit der Schubkarre schrien, ließen das Spielzeug los und sprinteten in entgegengesetzte Richtungen. Ein kleiner Junge in einer zu großen Kapuzenjacke wurde von einer jungen, blassen Frau auf den Arm gehoben, sein Gesicht vergraben in ihrer Schulter. Sie drängte sich durch die Menge, stieß gegen den älteren Mann im grauen Hemd, der sich an einem Sack Blumenerde festklammerte, als wäre er ein Rettungsring.

Jonah filmte das Chaos mit zitternden Händen. „Oh Mann. Der reinste Horror.“

Nora sah sich um, registrierte die Schutzanzüge in der Ecke, griff mechanisch nach den Packungen, klemmte sie sich unter den Arm. „Pack endlich das Handy weg“, rief sie ihrer Schwester zu, bevor sie sie mit sich zog, weg vom offenen Gartenmarkt, hinein in die Halle.

Mit ihnen ergoss sich ein Schwall von Menschen durch den Durchgang ins Gebäude. Die automatische Tür am anderen Ende der Halle war noch offen, aber die roten Warnlichter blinkten bereits. Ein metallisches Summen lag in der Luft, wie das Anlaufen eines Motors. Die Menschen drängten sich hindurch, schoben, schubsten, schrien. Ein Einkaufswagen verkeilte sich im Türrahmen, jemand trat dagegen, ein Rad brach ab, das Gestell kippte zur Seite.

Jonah übernahm die Führung, zog Nora am Arm. Beide wurden mitgerissen, stolperten über einen umgekippten Sack Rindenmulch, fingen sich an einem Regal mit Gartenscheren. Der Mann mit den Kabelbindern war plötzlich neben ihnen, die Packung noch immer in der Hand, die Augen weit aufgerissen. Er sagte nichts, wich einem rennenden Paar aus, das sich gegenseitig festhielt.

Ein Kind fiel hin, wurde von einem Fremden hochgerissen. Die Mutter schrie, rannte hinterher. Der Hund, der zuvor gebellt hatte, jaulte nun.

Die Tür begann sich zu schließen. Langsam, aber unaufhaltsam. Ein metallisches Zischen begleitete die Bewegung. Die letzten Besucher und Angestellten drängten sich hindurch, sprangen über den umgekippten Wagen, stießen ihn beiseite, rutschten auf dem Boden aus. Einer blieb liegen, wurde von einem anderen überrannt, schrie auf, hielt sich das Bein. Dann schloss sich die Tür mit einem hydraulischen Klacken. Das rote Licht erlosch.

Mit ihm erlosch die Hysterie. Nur das panische Keuchen der Atemlosen, das Schluchzen der Kinder und das ferne Piepen eines verlassenen Handys auf dem Boden durchbrachen die jählings herrschende Stille. Nora stand zwischen den Regalen, die Hand noch immer um die Schutzanzüge gekrallt. Jonah stützte sich neben ihr auf ihre Knie, das Handy gesenkt, die Stirn feucht. Sie sahen sich an. Dann musterten sie die Menschen, die sich verstört im Inneren des Baumarkts sammelten.

Nora blickte zurück auf das Gartencenter, dachte an die Toten und Verletzten, die nun unerreichbar unter freiem Himmel lagen. Sie betrachtete die glatten Betonmauern, die den Gartenmarkt umgaben, dachte an die Zäune und Pfähle, die neben Kübeln, Steinfliesen, Drahtrollen und Plastikfässern lagerten. Mit ihnen gelangte man über die Wände. Leichtverletzte würden sich retten können. Rettung holen können. Sie klammerte sich an diesen Gedanken, blickte auf das Stück Himmel, das sie von hier aus sehen konnte, sah die Vögel, die über ihnen kreisten. Schrie mit den anderen auf, als ein weiterer Vogel - ein kleinerer diesmal - auf die Erde strudelte.


Jonah starrte auf die verriegelte Tür. „Die können uns doch nicht einfach einsperren.“

Wenigstens haben wir hier ein Dach über dem Kopf, dachte Nora, sprach den Gedanken aber nicht laut aus.

Jonah trat gegen den Einkaufswagen. „Scheiße.“

Ein jüngerer, bulliger Mann in ausgebeulten Jogginghosen und einem Sweatshirt rüttelte an der Tür, trat dagegen, fluchte. Andere folgten ihm, drängten sich an die Ausgänge, schoben Einkaufswagen beiseite. Sie zerrten an den Türgriffen, hämmerten gegen das Glas. Mehrere Männer kamen mit Werkzeugen angerannt, die sie aus den Regalen gezerrt hatten, und versuchten, die Verriegelung zu lösen, schlugen gegen das Glas. Andere liefen die Seitenflure entlang, suchten nach Notausgängen, Lieferantenzugängen, Lüftungsschächten. Doch die Türen blieben verschlossen, die Wege endeten am Sicherheitsglas, in Beton oder an Gittern und Schranken.

Ein junger Mann mit mokkafarbener Haut und in der roten Uniform der Angestellten versuchte, die aufgebrachte Menge zu beruhigen, trat schließlich vor und hob seinen Arm. „Das bringt nichts“, rief er mit dunkler Stimme in einem kaum wahrnehmbaren Akzent. „Das ist ein automatisches Sicherheitssystem. Es blockiert alle Zugänge. Liefereinfahrt, alles.“

Die Leute hielten inne, einige keuchten, andere starrten ihn an.

Eine hellere Männerstimme meldete sich aus der Menge. „Das ist richtig. Die Verriegelung ist wahrscheinlich elektrisch und mechanisch gekoppelt. Sobald das System eine Bedrohung erkennt, schließen sich die Türen und verriegeln sich doppelt – innen wie außen. Eine Sicherheitsmaßnahme gegen Einbruch und Panikflucht.“

Nora blickte sich nach dem Mann um, erkannte den älteren Mann im grauen Hemd. Dessen Adamsapfel hüpfte auf und nieder, als er mehrfach schluckte.

Der Mann in Jogginghose schnaubte. „Und wer bist du? MacGyver oder so?“

Einige Umstehende lachten. Ein nervöses, gleichermaßen befreiendes Lachen.

„Ich war Elektriker“, entgegnete der ältere Mann nach einem Räuspern. „Und Bastler, wenn Sie so wollen.“

„Aha.“ Der Jogginghosenmann wirkte nicht gerade beeindruckt, gab aber Ruhe.

„Kann man nicht einfach den Strom ausschalten?“, fragte ein junger Kerl mit Basecap.

Der ältere Mann schüttelte den Kopf. „Die Türsysteme hängen wahrscheinlich an einem separaten Notstromkreis. Und wenn der ausfällt, verriegeln sie sich komplett. Dann geht gar nichts mehr.“

Nora atmete erleichtert auf. Der Gedanke, die Türen zu öffnen und weitere Vögel vom Himmel fallen zu sehen, erschreckte sie.

Ein anderer Mann, groß, breitschultrig, mit aufgerissener Jacke und aufgerissenen Augen, trat nach vorn und starrte den Baumarktmitarbeiter aggressiv an. „Ich will die Marktleitung sprechen. Sofort!“, bellte er drohend.

Der Angestellte zuckte nicht zurück, musterte den größeren Mann nur aus dunklen Augen. Dann verschränkte er die Arme vor der Brust und wälzte einen Kaugummi von einer Wangentasche in die andere. „Sofort“, wiederholte er. „Na klar. Der Kunde ist schließlich König.“

„Ey.“ Der breitschultrige Mann schob sich noch einige Zentimeter vor.

„Nun bleiben Sie mal friedlich“, mischte eine schmale Frau mit fusseligen, ergrauten Haaren in einer ausgebeulten Windjacke sich ein und schob sich zwischen die Männer. Dann wandte sie sich an den Mitarbeiter, las dessen Namensschild auf der roten Jacke, die offen stand und ein T-Shirt der Band Slipknot nur zur Hälfte bedeckte.

„Tarek“, begann sie freundlich, wurde jedoch sofort unterbrochen, als der Angesprochene „Herr Al-Mansour“ knurrte.

„Entschuldigung. Herr Al-Mansour. Vielleicht könnten Sie tatsächlich die Marktleitung bemühen? Wir brauchen jemanden, der uns mit Informationen versorgt.“ Sie ließ ihren Blick über die Menschen kreisen, die sich um die leere Auskunftstheke versammelten. „Schließlich hat man uns alle hier eingeschlossen.“

Tarek Al-Mansour kaute auf seinem Kaugummi, bevor er nickte.

„Okay. Gut. Und wo sitzt die Marktleitung?“

„Genau“, knirschte der Mann mit der aufgerissenen Jacke und schlug sich mit der Faust in die Handfläche.

„Bewahren Sie Ruhe“, beschwichtigte die Frau erneut. „Dies hier ist eine Ausnahmesituation.“

„Ja, genau.“

„Es nützt niemandem was, wenn du dich hier aufspielst.“

Zu Noras Entsetzen bahnte Jonah sich einen Weg durch die Menge zu dem aufgebrachten Mann. Ihre Haare klebten an der Stirn, ihr kantiges Gesicht war angespannt. Das Tattoo an ihrem Hals pulsierte im Schlag ihres Pulses.

Der Typ glotzte sie an, dann verzogen seine Lippen sich zu einem geringschätzigen Lächeln. „Oje, die Emanze rückt an.“

Niemand lachte.

„Die Lady hier hat recht“, verkündete Jonah laut. „Wir müssen Ruhe bewahren.“ Dann wandte sie sich an die Frau. „Was halten Sie davon, wenn Sie und ich zur Marktleitung gehen?“

„Ich komme mit“, bellte der breitschultrige Mann. „War schließlich meine Idee.“

„Aber nur, wenn Sie schön friedlich bleiben“, erwiderte Jonah. „Nora“, rief sie dann, „kommst du auch?“


Tarek führte sie zu einem Büro, dessen Tür weit offen stand. Nora betrachtete die halb leeren Kaffeebecher, das vor sich hin dudelnde Radio, die angeschalteten Computer. Ein Bürostuhl war in eine Ecke gerollt, ein anderer gegen den Schreibtisch gekippt.

Der breitschultrige Mann knirschte mit den Zähnen und ballte die Fäuste. „Ich hab’s gewusst. Die haben uns hier eingesperrt und sind abgehauen.“

Er blickte Tarek an, als sei das Ganze dessen Schuld. Tarek hob nur müde die Achseln. Erst jetzt fielen Nora der Dreitagebart und die dunklen Schatten unter dessen Augen auf.

Ein Murmeln ging durch die Reihen der wenigen Menschen, die ihnen zum Büro gefolgt waren. Angst, aber auch Wut spiegelte sich in ihren Mienen. Der breitschultrige Mann entfernte sich und schlug mit der Faust frustriert gegen die Wand. Jonah, die schmale Frau und Nora sahen sich hilflos an.

„Tja“, sagte Jonah schließlich. „Schöne Scheiße. Was nun?“

„Wir sollten jemanden finden, der hier das Sagen hat“, erwiderte die Frau.

Jonah wandte sich zu Tarek um. „Gibt es noch jemanden hier?“

„Den Azubi hab ich gesehen. Sven. So’n Typ mit fettigen Haaren.“

„Sonst niemanden?“

„Hab nicht drauf geachtet.“

„Wie viele arbeiten denn in einer Schicht?“

„Was weiß ich. Fünfzehn? Zwanzig? Schraube ist noch da, glaube ich.“

„Schraube?“

„Cem. Unser Haustechniker. Der wurstelt hier bestimmt noch irgendwo rum.“

„Hm. Dann sollten wir ihn suchen gehen“, meinte Jonah.

„Vielleicht funktioniert ja die Lautsprecheransage noch“, flüsterte Nora.

Jonahs Brauen hoben sich. „Ist die Lautsprecheranlage auch hier drin?“

Stumm wies Tarek auf einen unscheinbaren Kasten mit Mikrofon und mehreren Tasten.

Jonah ging zu dem Gerät und studierte mit gerunzelter Stirn die Beschriftungen. Danach drückte sie eine Taste und beugte sich über das Mikrofon. „Ähm, hallo“, sagte sie zögerlich. „Also. Falls ihr mich hört: Alle, die noch hier sind, kommen mal bitte zur Gartenabteilung. Zur, äh, zur Info-Theke. Auch alle Mitarbeiter, bitte. Und, Leute, bleibt chillig.“


Das künstliche Licht ließ die Gesichter der Versammelten fahl aussehen. Überall saßen oder standen Menschen, manche mit verschränkten Armen, andere mit leerem Blick auf ihre Handys starrend. Einige lehnten an Regalen, andere lungerten auf den Ausstellungsstücken der Gartenabteilung herum. Die Luft war stickig. Ein Kind weinte laut. Nora erkannte den Jungen an der Jacke mit den Dinosauriern wieder. Seine Mutter hielt ihn fest, versuchte, ihn zu beruhigen.

Jonah kletterte auf den Tresen der Informationstheke, damit alle sie sehen konnten. Ihre Sneakers quietschten auf dem Holz, als sie sich aufrichtete. Die halblangen Haare fielen ihr ins Gesicht und sie strich sie zur Seite. Ihre hellgrauen Augen blickten ernst in die Runde.

Nora sah, wie sie tief einatmete, bevor sie zu sprechen begann. „Wir sind zweiundsechzig Menschen hier drin. Sieben davon arbeiten hier, haben also die meiste Ahnung vom Gebäude.“

Ein Murmeln ging durch die Menge. Einige zählten im Kopf mit, andere sahen sich um, als müssten sie die Zahl überprüfen.

„Alle Ausgänge sind verriegelt. Die Haupttüren, die Seiteneingänge, die Lieferantenzugänge. Wir haben alles abgesucht. Es gibt keinen Weg nach draußen. Ähm, Alfred.“

Der Elektriker im grauen Hemd trat neben die Theke und nickte. „Die Türen sind vermutlich doppelt gesichert – elektrisch und mechanisch. Sobald das System eine Bedrohung erkennt, verriegelt es sich vollständig. Selbst wenn man den Strom abschaltet, bleiben sie zu. Das ist eine Sicherheitsmaßnahme.“

„Sicherheit wovor?“, rief jemand.

Jonah warf einen langen Blick auf Nora, bevor sie antwortete. „Vorhin fiel eine Krähe draußen in den Gartenmarkt. Sekunden später sind drei Leute umgekippt. Aus heiterem Himmel sozusagen.“

Reflexartig drehten sich alle Köpfe in Richtung Außenbereich.

„Dasselbe ist auf dem Parkplatz passiert“, rief eine Frau, die auf einem Campingstuhl kauerte. „Ich konnte es durch die Tür sehen. Leute fielen um. Einfach so.“

Mehrere Köpfe nickten.

„Und nicht nur hier“, ergänzte ein hagerer Mann mit Glatze und unsichtbaren Augenbrauen und wedelte mit seinem Handy. „Meine Frau schreibt, auf dem Parkplatz von LIDL ist auch jemand umgekippt. Da ist aber der Laden noch offen.“

„Mein Sohn ist gerade in der Altstadt“, berichtete eine schlanke Frau in gemusterten Leggins. „Dort sind mehrere Vögel auf die Marktstände gefallen. Und dann fielen Leute um. Es gab eine Panik. Er schreibt, er sitzt jetzt in der Kirche. Und wir sind nicht mal religiös.“ Sie schlug die Hände vor das Gesicht.

Plötzlich redeten alle wild durcheinander. Offenbar hatte jeder ähnliche Nachrichten über die sozialen Medien bekommen.

Ein dunkelhäutiger Mann schrie über die Köpfe der anderen hinweg. „Was unternimmt die Marktleitung jetzt? Wie lange schließt man uns ein? Ist Hilfe unterwegs?“

Jonah winkte mit beiden Armen, bis die Menge sich wieder ein wenig beruhigte. „Es sieht aus, als wäre niemand mehr da von der Leitung.“

Diese Wahrheit führte zu erneuter Unruhe. Ein Raunen ging durch die Gruppe. Nora spürte die Wut wie eine Welle, die sich langsam aufbaute.

„Was ist, wenn ich lieber raus will? Kann man den Strom kappen?“, fragte ein nervöser Teenager.

Alfred schüttelte den Kopf. „Wie ich schon sagte: Die Türen bleiben verriegelt. Und wenn wir am Strom rumspielen, kappen wir im schlimmsten Fall die komplette Versorgung.“

„Oh, mein Gott“, murmelte eine junge Frau und versenkte ihr Gesicht in den Armen.

„Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren“, sagte Jonah. „Ruhig abwarten.“

„Wie lange denn?“, schrie jemand.

„Bis man uns rauslässt.“

„Die Versorgung sollte noch mehrere Tage stabil laufen“, sagte Alfred.

„Mehrere Tage?! Und was ist, wenn ich zu meiner Familie will?“, schrie der Teenager. Seine Stimme kippte und geriet ins Weinerliche. Mehrere Menschen nickten und raunten zustimmend. Einzelne reckten die Fäuste.

„Leute“, rief Jonah laut, beinahe beschwörend. „Behaltet die Ruhe.“

Ein keuchender Hustenanfall unterbrach sie.

In der Nähe der verschlossenen Tür zum Außenbereich erkannte Nora eine ältere Frau mit Kopftuch und glasigen Augen, die sich schwer auf einen Einkaufswagen lehnte. Ihr Gesicht war blass. Sie hustete erneut, würgte und keuchte, als würde sie an ihrem eigenen Schleim ersticken.

„Weg von ihr!“, schrie sie, aber die Warnung war unnötig. Die Menschen wichen bereits von der Frau zurück, die sich nun krümmte und neben dem Wagen zusammenbrach. Nur ein Mann rannte auf die Frau zu und kniete sich neben sie.

„Nein!“, rief Nora. „Gehen Sie weg von ihr!“ Sie wedelte mit den Armen und wiederholte ihre Worte mehrfach, aber der Mann hatte sich bereits über sie gebeugt und versuchte ihr zu helfen.

Hektisch sah Nora sich um. Ihr Blick fiel auf die verschweißten Plastikanzüge. „Jonah“, brüllte sie ihrer Schwester zu, die wie erstarrt auf der Theke stand. „Hol mir eine Maske. Handschuhe.“

„Was?“, fragte Jonah verwirrt.

Ein pickeliger Teenager mit fettigen Haaren schoss los, verschwand in dem Labyrinth der Regalreihen. Ein Zollstock wippte in der Seitentasche seiner Arbeitshose.

Nora riss indes die Zellophanhülle auf, faltete den weißen Schutzanzug auseinander und schlüpfte hinein, gemahnte sich selbst zur Ruhe, damit sie das dünne Material nicht zerriss. Gerade als sie die Kapuze überstülpte und den Reißverschluss zuzog, tauchte der Teenager wieder auf. Er schlitterte geradezu vor ihre Füße und hielt ihr eine Malermaske hin. „FFP 3“, sagte er, beinahe stolz. „Und Handschuhe. Und das hier.“ Er wedelte mit einer Rolle Malertape.

„Danke“, entgegnete Nora und streifte sich die Maske über, „Bist du Sven?“

Der Teenager schaute verdutzt, dann nickte er und riss die Tapeverpackung mit den Zähnen auf. Er half Nora, die Handschuhe anzuziehen, und verschnürte dann ihre Handgelenke mit dem Tape. „Silo“, erklärte er nebenher. „Coole Serie. Das gute Tape rettet ihr das Leben. Bisschen übertrieben vielleicht, aber man weiß ja nie.“

Nora verstand nur die Hälfte, war aber dankbar für die Reaktionsschnelligkeit des Azubis.

Sobald er fertig war, rannte sie zu der Frau, die reglos am Boden lag. Sie schob den Mann mit einer Entschuldigung beiseite, kniete sich hin und tastete am Hals nach dem Puls der Frau; den Schleim, der aus Mund und Nase gelaufen war, ignorierend. Danach beugte sie sich nah über Mund und Nase der Bewusstlosen, legte ihr Ohr auf den Brustkorb, hieb darauf, horchte erneut. Schließlich sank sie zurück auf ihre Fersen.

Der Mann, der versucht hatte zu helfen, sah sie fragend an.

Nora schluckte einen Kloß in ihrer Kehle herunter. „Sie atmet nicht und ich spüre keinen Puls. - Notruf!“, brüllte sie dann.

„Das machen schon einige“, sagte der Mann. „Was ist mit Beatmung?“

„Sie ist voller Sekret. Sputum. Herz-Druck-Massage.“

„Hier.“ Winkend näherte sich Sven, eine Maske vor Mund und Nase. Vorsichtig schob er Nora einen rot-gelben Kasten hin. „Defibrillator. - Hatte vor einer Woche meinen Ersten-Hilfe-Kurs“, fügte er erklärend hinzu.

„Sind Sie Ärztin?“, fragte der Mann, der ihr half, die Oberbekleidung der Frau aufzureißen und die Elektroden zu befestigen.

„Krankenschwester. Und Sie?“

„Sachbearbeiter. - Ähm, Carsten“, stellte er sich vor. Trotz der angespannten Situation lächelte er freundlich.

Fieberhaft schob Nora Carstens Hände weg und hantierte mit dem Gerät. „Gehen Sie! Suchen Sie sich was zum Desinfizieren und eine stille Ecke weit weg von den anderen. Und legen Sie sich eine Maske an.“

Carstens Gesicht wurde starr.

„Bei der Feuerwehr geht niemand ran!“, schrie jemand aus der Menge.

„Egal“, flüsterte Nora tonlos nach wenigen Sekunden und starrte auf ihre behandschuhten Hände, in denen sie noch das Gerät hielt. „Sie ist tot.“

Mit steifen Beinen erhob sich Carsten. „Bringen wir sie weg von den anderen. Ich bleibe in ihrer Nähe.“


Eine Stunde später saßen Jonah und Nora auf einer aus Paletten gefertigten Gartencouch. Nora hatte sich aus der Schutzkleidung befreit, die sie in einen Papierkorb in einer entfernten Ecke des Baumarktes gestopft hatte. Sven hatte ihr Desinfektionsmittel und Reinigungstücher aus der Haushaltswarenabteilung geholt und sie hatte sich auf der Toilette Finger und Gesicht geschrubbt, dabei in den Spiegel und danach auf ihre zitternden Hände gestarrt. Ihre Haare zu einem neuen Zopf gebunden. Sich noch einmal die Hände gewaschen.

Als sie zurückkehrte, war ihr die veränderte Stimmung aufgefallen. Die Menschen waren still geworden, in sich gekehrt. Einige wanderten mit leeren Augen herum, die meisten starrten auf ihre Handys. Niemand schien mehr aufgebracht oder wütend. Es war dunkler geworden hinter den schmalen Fenstern, die unter der Decke entlang verliefen. Irgendwo brummte ein elektrisches Gerät, die Leuchten in der Lampenabteilung knisterten leise, die Neonröhren knackten und summten. Von draußen hörten sie Alarmanlagen, die Martinshörner von Polizeiwagen, Feuerwehren und Rettungswagen, hin und wieder ein dumpfes Knallen. Und vereinzelt Einschläge auf dem Dach.

In einer Ecke nicht weit von ihnen saß eine junge Frau auf einer umgekippten Wanne, ihren Sohn fest umklammernd. Nora erkannte seine Kapuzenjacke wieder. Das Gesicht der Frau war blass, ihre Lippen bebten. Der Junge starrte mit verweinten Augen vor sich hin. Seine Finger krallten sich in die Strickjacke seiner Mutter, die ihn leicht wiegte.

Ein paar Meter entfernt stand ein Mann, die Hände in den Taschen, den Blick auf die Szene gerichtet. Er war groß gewachsen, von unbestimmtem Alter, mit markanten Gesichtszügen und einem gepflegten Bart. Er trug eine dunkle, wetterfeste Jacke, Jeans und robuste Stiefel. Er hatte sich nicht bewegt, nicht gesprochen. Seine Haltung wirkte entspannt, beinahe lässig. Als Nora ihn ansah, begegnete er kurz ihrem Blick. Dann wandte er sich ab und verschwand zwischen den Regalen.

Erneut polterte es auf dem Dach und Nora zuckte zusammen. „Noch einer“, sagte sie. „Ein größerer. Taube vielleicht.“

Jonah scharrte mit ihren Füßen, blickte dann Nora an. „Vogelgrippe? Ernsthaft?“

Sie zog ihr Handy aus der Tasche und tippte darauf herum. Kurze Zeit später hielt sie Nora das Display unter die Nase. „Hier. Da steht: Fieber, Husten, Halsschmerzen. Grippe halt. Da steht nichts von Toten. Von literweise Rotz, an dem man erstickt.“ Bei der Erinnerung schüttelte sie sich.

„Doch“, sagte Nora matt. „Da. Tödliche Verläufe. Besonders bei Menschen mit Vorerkrankungen. USA und Mexiko. Und schwere Verläufe bei uns.“

„Bei Mitarbeitern von Milchvieh- und Geflügelbetrieben“, las Jonah den KI-generierten Text halblaut vor. „Glaubst du, die Toten von heute haben alle auf Höfen gearbeitet? Ich nicht.“

„Muskelschmerzen, Bindehautentzündung, Atemnot, Durchfall, Erbrechen“, zählte Nora auf, die Augen noch immer auf Jonahs Smartphone gerichtet. „Ganz schön viel.“

„Aber das erklärt nicht das vorhin. Die sind einfach umgefallen und haben gezuckt. Und dann sind sie gestorben. Innerhalb von Minuten. Hier steht was von zwei Tagen Inkubationszeit.“

Nora fuhr sich mit der Hand über ihr Gesicht. Es fühlte sich heiß an. „Heute Mittag sagten sie im Radio was von einer aggressiven Mutation. Vielleicht hatte die Krähe diesen Erreger. Und die Toten zusätzlich Vorerkrankungen.“

„Shit.“ Jonah schaltete ihr Handy aus und spielte mit ihren Ohrringen. Das tat sie nur, wenn sie nervös oder verunsichert war. Was selten vorkam. Einige Sekunden hockte sie stumm neben Nora und starrte zu Boden. Dann sah sie wieder auf. „Glaubst du, es breitet sich noch mehr aus?“

Nora zuckte mit den Schultern. „Müssen wir abwarten. Die ersten Leute starben in der Nähe des Vogels. Eines einzigen Vogels. Und jetzt fallen sie vom Himmel. Überall. Es ist in allen Nachrichten.“

Jonah stöhnte auf. „Scheiße. Richtig miese Kacke.“

„Ich hoffe, die Frau mit dem Kopftuch hat sich an dem Vogel angesteckt.“

Stirnrunzelnd sah Jonah sie an. „Wo denn sonst?“

Nora zögerte, bevor sie flüsterte: „An einem anderen Menschen.“

„Aber das hieße ja ...“

„Hier drin“, vollendete Nora Jonahs Satz. „Und das hieße: Niemand hier drin ist mehr sicher. Aber draußen noch weniger. - Wir müssen die Leute beobachten“, raunte sie eindringlich. „Und sie beim ersten Anzeichen von Kontakt isolieren.“

„Du meinst Quarantäne?“

„Ich meine eine absolute Null-Toleranz-Abschottung von allen anderen.“

Jonah legte ihren Kopf in den Nacken und stöhnte noch einmal. „Das wird eine richtig miese Nacht.“

„Ja“, stimmte Nora zu. „Hast du was von Mama gehört?“

„Es ging ihr gut, bis ich ihr gesagt habe, sie müsse sich unbedingt unter allen Umständen von ihren Tauben fernhalten. Die Fenster zumachen und die Viecher in Ruhe lassen. Auch im worst case. Bestimmt geht ihr voll die Muffe.“

„Sie schafft das schon“, beruhigte Nora ihre Schwester. „Sie ist tough. Was von James und Ben?“

„James ist auf einer Konferenz in Boston. Hab ihm eine Nachricht hinterlassen. Ben treibt sich gerade in Budapest rum. Dort ist es in den Nachrichten. Es geht ihm gut. Er sagt, die Flughäfen in Deutschland wurden schon geschlossen. Niemand darf raus oder rein. Er sagt, spätestens morgen rufen sie den Notstand aus. Er ... war ganz schön fertig, sagt, wir sollen uns jeden Morgen und Abend melden.“

„Solange die Handys mitmachen. Es wäre besser, wenn nicht alle Leute gleichzeitig telefonierten. So könnten wir die Handys schonen und gezielter nach Informationen suchen.“

„Noch können wir Handys ja aufladen. Nachher machen wir noch eine Versammlung. Diese Frau, die mit uns im Büro war, Judith, und Alfred scheinen ganz fit zu sein. Dein Azubi auch. Wir sollten schauen, dass wir uns mit denen teamen.“

„Habt ihr euch selbst zu Anführern erkoren?“

Jonah schnaubte. „Quatsch. Aber irgendjemand muss den Hut aufhaben. Sonst läuft hier alles ganz schnell aus dem Ruder. Denk mal an Mister Ich-Will-Den-Chef-Sehen-Und-Zwar-Sofort.“ Sie ahmte den aggressiven Mann so gut nach, dass Nora leise auflachte.


Draußen brach die Dämmerung herein und tauchte die Gänge in kaltes Licht.

Wie schon Stunden zuvor stand Jonah auf dem Tresen, flankiert von Judith und Alfred. Sven stand in der Nähe und knabberte nervös an seinen Fingernägeln. Neben ihm wippten Tarek und ein etwa dreißigjähriger muskelbepackter Türke mit gutmütigem Gesicht, ölverschmierten Pranken und einem Werkzeuggürtel um die Hüften auf ihren Fersen. Er war irgendwann aus den Tiefen des Marktes aufgetaucht und hatte erstaunt überdimensionale Kopfhörer von seinen Ohren gerissen, aus denen laute Rap-Musik schallte, und sich vorgestellt. „Cem. Haustechniker und Mädchen für alles, ihr könnt mich Schraube nennen“. Dann hatte er Tarek auf die Schulter geschlagen und ihnen erzählt, dass er an einem kniffligen Verkabelungsproblem gearbeitet hätte. Von dem Einschluss inklusive Lautsprecheransage hatte er nichts mitbekommen. In der letzten Stunde hatte er intensiv auf seinem Handy Nachrichten gelesen und telefoniert und war immer stiller geworden.

Um sie und vor ihr hockten Menschen auf Sesseln, Eimern, Paletten oder auf dem Boden, andere lehnten an Einkaufswagen und Regalen, standen verloren zwischen den Auslagen oder lagen auf zusammengerollten Teppichen. Ausnahmslos alle wirkten erschöpft. Erschlagen von den Ereignissen dieses langen Tages, den Hiobsbotschaften in den Medien, von Furcht und Sorge und Ratlosigkeit.

Jonah sah nicht frischer aus als die anderen, aber ihre Stimme drang klar durch die klimatisierte, kühler werdende Luft. „Einundsechzig. So viele sind wir noch. Hoffen wir, dass es so bleibt. Wir müssen beobachten, uns selbst beobachten. Wir müssen schauen, ob jemand Symptome zeigt.“

„Symptome von was?“, fragte jemand.

„Einer schweren Grippe.“ Jonah zählte die Anzeichen, die sie vorhin mit Nora diskutiert hatte, an den Fingern ab. „Aber auch Unruhe, Verwirrung, Kreislaufprobleme.“

„Wir sollten Wächter einteilen“, schlug ein mittelgroßer, schmal gebauter Mann mit dünnen, zerzausten Haaren und randloser Brille vor. Er war Nora schon früher aufgefallen, da er oft auf einem kleinen Block Notizen schrieb wie die Polizeikommissare aus Fernsehserien.

„Das ist eine gute Idee“, stimmte Jonah zu und lächelte ihn an. „Außerdem sollten wir für den Fall der Fälle eine Quarantäne-Station einrichten.“

Halblautes Protestgemurmel setzte ein.

„Das muss sein“, beharrte Jonah. „Ihr habt doch alle die Frau gesehen.“ Sie wies auf Nora. „Meine Schwester ist Krankenschwester und würde sich darum kümmern. Gibt es noch mehr medizinisch geschulte Leute?“

Zögernd hob Sven die Hand. „Erste-Hilfe-Kurs“, murmelte er halblaut.

Judith meldete sich ebenfalls. „Ich war mal Arzthelferin. In einem früheren Leben.“

Ein junger Mann, der seinen Zivildienst in einem Seniorenheim geleistet hatte, schloss sich ihnen an. Nora erkannte ihn an seinem Basecap wieder.

Der Mann mit dem Notizblock hob den Arm. „David“, stellte er sich vor. „Ich bin kein Mediziner, aber ich habe ebenfalls mehrfach einen Erste-Hilfe-Kurs besucht. Und ich unterrichte Werken und Arbeitslehre. Ich kann ganz gut Dinge entwerfen und bauen.“

Jonah strahlte ihn an und reckte einen Daumen in die Höhe. „Weiter. Für die Nacht brauchen wir Schlafplätze.“

„Und was zu essen“, rief der breitschultrige Mann mit der zerrissenen Jacke. „Mein Magen knurrt. Und ich bin Ingo. Nur fürs Protokoll.“

„Darum würde ich mich kümmern“, sagte eine Frau von etwa sechzig Jahren mit kräftiger Statur und grauen, zu einem strengen Zopf gebundenen Haaren. „Ich habe mich vorhin schon mal umgeschaut. Viel ist es ja nicht. Ein paar Grillsachen, bisschen Instant-Kram und eine Handvoll Konserven für Campingkocher, Snacks und Getränke in der Kassenzone, zum Glück reichlich kalorienhaltiges Zeug wie Schoki und Energydrinks.“

„Was ist mit dem Bäcker?“, rief jemand.

„Da bedienen wir uns zuerst“, erwiderte die korpulente Frau. „Wir sollten das gerecht verteilen. Ich übernehme das gern.“

„Bist du Ernährungswissenschaftlerin oder so?“, fragte Tarek.

„Ich arbeite in der Logistik. Früher in Großküchen. Schulen und so.“

„Passt ja“, gab Tarek zurück. „Wir haben auch Tiernahrung im Angebot. Nur, falls das hier länger dauert.“

„Gut“, gab die Frau ungerührt zurück. „Menschen können das meiste davon essen.“

Die Umstehenden verzogen die Gesichter. Einige gaben Geräusche des Ekels von sich.

Die Frau breitete die Arme aus. „Wir können hier kochen“, rief sie. „Grillen! Da schmeckt sogar Hundefutter, wenn man richtig Hunger hat.“

Eine verhärmte Frau mit grauer Gesichtshaut und roter Latzhose meldete sich zu Wort. „Ich würde da mitmachen.“ Sie sprach mit starkem Berliner Akzent. Ihre Stimme war die einer langjährigen Raucherin. „Ariane. Ich arbeite hier. Teilzeit. Carmen auch.“ Sie wies auf ihre Nachbarin, eine kleine, rundliche Asiatin. „Wir können gleich mal zusammen eine Runde drehen und Inventur machen. Auch durch die Büros. Da liegt bestimmt noch was zu Futtern rum.“

„Klingt gut“, sagte die ältere Frau freundlich. „Ich heiße übrigens Brigitte. - Ach, und wir sollten sofort rationieren. Vorsichtshalber. Das hier ist kein Supermarkt. Erst mal trinken wir nur Wasser aus den Hähnen und essen das Bäckerzeug.“

„Rationieren heißt, niemand geht einfach so ans Essen“, präzisierte Jonah. „Wir brauchen also Patrouillen zum Kontrollieren.“

„Und wer kontrolliert die Patrouillen?“, schrie Ingo und erntete Gelächter und empörte Ausrufe gleichermaßen.

„Wir kontrollieren uns alle gegenseitig“, erwiderte Alfred ruhig. „Ich schlage außerdem vor, dass wir alles Essen, das wir bei uns haben, auf einen Haufen legen.“

„Aber das haben wir selbst bezahlt“, rief eine Frau wütend.

„Dafür bedienen wir uns am Baumarkt. Heute Nacht und wer weiß, wie lange.“

„Für umme“, sagte Ingo.

Jonah rang sich ein Grinsen ab. „Wir sollten den Markt in Bereiche aufteilen. Ein Sanitärbereich bei den Toiletten. Die Isolierstation.“

„Eine Vorratskammer“, fügte Brigitte hinzu. „Vielleicht eine Küche.“

„Am besten im Mitarbeiterbereich. Da gibt’s Mikrowellen, einen kleinen Herd, Spülbecken, Wasserkocher und so“, schlug Ariane vor.

„Einen Friedhof.“ David, der Lehrer, verzog das Gesicht, blickte aber herausfordernd in die Runde. „Wir können die Tote doch nicht einfach herumliegen lassen.“

„Gibt genug Säuren hier“, brummelte Cem, der Techniker. „Oder Kalk.“

Die blasse, junge Frau zog ihren Sohn enger an sich. Einige protestierten.

„Auf keinen Fall“, sagte Nora entschieden. „Vielleicht müssen sie später untersucht werden. Für einen Impfstoff oder so. Gibt es einen Keller?“

Cem wischte sich mit der Hand unter der Nase entlang. „Nee. Alles ebenerdig.“

„Wir müssen die Frau auf jeden Fall weit weg von uns lagern. Am besten isoliert.“

„Na ja, wir haben jede Menge Folien zum Einwickeln.“

„Das ist ein Anfang.“

„Wir könnten einen Pool aufbauen. Die gibt’s im inneren Bereich des Gartenmarktes. Oder eine Sauna. Ein Zelt nehmen.“

„Die Zelte und Schlafsäcke behalten wir besser für uns“, warf Jonah ein. „Außerdem die Teppiche, Kissen, Decken, Arbeitsklamotten. Alles, was warm hält und halbwegs weich ist. Schade, dass ihr keine Betten anbietet.“

„BOSS ist gleich um die Ecke. JYSK auch.“ Cem grinste.

„Tja. Schade auch.“ Jonah warf Nora einen fragenden Blick zu. „Der Pool?“

„Warum nicht. Den erkennt man auf Anhieb.“

„Bauen wir in der Tierwelt auf“, entschied Cem. „Nachdem wir alles rausgeholt haben, was von Nutzen sein könnte. Tarek, das machst du.“

Tarek nickte. „Ich brauche aber Hilfe. Ein paar kräftige Arme.“

„Ich schaue mal, ob ich die Temperatur in der Tierwelt herunterdrehen kann“, schob Cem nach. „Nicht gerade wie in einer Leichenhalle, aber so kalt wie es geht.“

Bei seinen Worten verzogen einige Umstehende das Gesicht. Nora beschloss, ihr Wissen über Verwesungsprozesse aufzufrischen.

Jonah klatschte in die Hände. „Na schön. Dann wären da noch die Handys. Wir sollten sie sinnvoller einsetzen. Nicht jeder muss die ganze Zeit scrollen. Wir teilen uns auf – wer sucht nach Nachrichten, wer nach Kontakten, wer nach offiziellen Meldungen. Infos. Ratschläge.“

„Warum?“, fragte die junge Mutter. Es war das erste Wort, das sie laut aussprach. „Ich möchte in Kontakt bleiben. Mit meinem Mann.“ Liebevoll sah sie auf ihr Kind. „Er dreht fast durch vor Sorge zu Hause. Und Strom gibt es doch. Ich habe ein Kabel zum Aufladen dabei.“

Alfred räusperte sich. „Noch steht die Versorgung. Wir haben Strom, Licht, Internet, fließendes Wasser, Toilettenspülung, Belüftung. Solange das Stromnetz draußen stabil bleibt und die Wasserwerke funktionieren. Selbst, wenn draußen die Welt untergeht, sollten wir die nächsten Tage keine Probleme bekommen. Mittel- und langfristig ... Na ja. Würde es kritisch werden.“

Unruhiges Gemurmel kam auf, also mischte Cem sich schnell ein. „Deshalb sollten wir jetzt schon behutsam mit allen Ressourcen umgehen.“

„Man kann so was bestimmt berechnen“, warf David ein. „Wasserbedarf. Kalorienbedarf. Sollte nachher mal jemand googlen.“

Jonah nickte zum Zeichen, dass sie einverstanden war. „Dafür teilen wir jemanden ein.“

„Nachher“, sprach Cem weiter, „schalten Alfred und ich die Notbeleuchtung an. Ganz dunkel machen wir es nicht. Ihr könntet euch sonst verletzen.“

Jonah schaute in die Runde, nachdem Cem geendet hatte. „Also los“, sagte sie dann. „Teilen wir Teams ein.“

„Das ist ja alles gut und schön. Aber denkt ihr, dass das wirklich alles nötig ist? Ich, meine, wie lange, glaubt ihr, sitzen wir denn hier fest?“ Der Einwand kam von dem dunkelhäutigen Mann. „Ich meine, es gibt doch bestimmt so eine Art Notfallprotokoll.“

Alle sahen zu Jonah, die mit den Achseln zuckte.

Nora sprang ihr bei. „Normalerweise wäre innerhalb von ein paar Stunden ein Einsatzkommando aufgetaucht. Ärzte, Sanitäter, Gesundheitsamt, Seuchenkontrolle. Sicherheitskräfte. Katastrophenschutz. Die hätten hier alles auf den Kopf gestellt, alle getestet, vielleicht eine Quarantänestation aufgebaut. Mit Zelten, Vollversorgung und so weiter. Aber sie sind nicht aufgetaucht. Weil dort draußen, hinter diesen Mauern, dasselbe abgeht wie hier. Nur in größeren Dimensionen. Weil die da draußen gerade größere Probleme haben als uns.“

Ihre leisen Worte schlugen ein wie Granaten. Die meisten starrten sie an, einige scharrten mit den Füßen, andere bargen ihre Gesichter in den Händen. Vereinzelt sah sie Tränen, die verstohlen abgewischt wurden.

„Wir sind auf uns gestellt, Leute“, fasste Jonah zusammen. „Also machen wir das Beste daraus.“


Jonah übernahm die Einteilung der Patrouillen und koordinierte, wer sich welcher Gruppe anschloss. Zufrieden stellte sie fest, dass sich ein halbwegs geordneter Ablauf ergab. Fast alle halfen, so gut sie konnten. Manche schwiegen, andere redeten zu viel. Nur wenige schienen von der Situation so überfordert, dass sie keine Energie mehr aufbrachten etwas anderes zu tun, als vor sich hinzustarren. Ihnen standen Sorge und Angst ins Gesicht geschrieben.

Die ersten Schlafplätze entstanden in der inneren Gartenabteilung. Dort war die Luft etwas frischer. Paletten wurden zu improvisierten Betten, zusammengerollte Teppiche dienten als Matratzen. Gartenmöbel – Liegestühle, Sitzgruppen, sogar Hängematten – wurden aufgestellt. Einige nutzten die Verpackungsfolie aus dem Lager als Decken, andere stapelten Kartons zu Sichtschutzwänden. Zwei Männer und eine Frau schleppten Zelte und Schlafsäcke herbei, die sie an Jonah, Nora, Alfred, Judith, Brigitte und die drei Mitarbeiter verteilten, so, als honorierten sie stillschweigend deren Engagement und Führungsrollen.

Brigitte, Ariane und Carmen organisierten das Abendessen. Sie plünderten den Bäckerstand und verteilten Brot und Gebäck an alle. Jeder, der keine eigene Trinkflasche bei sich trug, erhielt eine, mit der Aufforderung, die Flasche als Behälter aufzubewahren. Am späteren Abend kochten sie mehrere Kannen Tee und Kaffee. Alle Lebensmittel, die sie finden konnten, brachten sie in einen verschließbaren Mitarbeiterraum, in dem ein Kühlschrank stand. Brigitte notierte alle Mengen und Vorräte akribisch. Ariane und Carmen sortierten alles säuberlich in Regale, die sie mit Vorhängeschlössern sicherten.

Alfred kümmerte sich um eine Gruppe von Freiwilligen, die sich bereit erklärten, auf ihren Handys gezielt nach Informationen zu suchen. Steckdosen wurden gesucht, Mehrfachstecker aus dem Elektrobereich herangeschleppt. Carl, ein weiterer Mitarbeiter, loggte sich in einem der internetfähigen Computer ein und verwaltete auf diesem alle wichtigen Ratschläge.

Nora, David und Judith koordinierten den Aufbau der Quarantänestation. Sie nutzten Trennwände und Paletten, schleppten Erste-Hilfe-Kästen herbei, stapelten Handschuhe, Masken und Schutzanzüge, stellten Wasser, Lappen und Desinfektionsmittel bereit. Der Defibrillator hing an seinem Platz.

Carsten, der am Nachmittag lange neben der mutmaßlich infizierten Frau gesessen hatte, wirkte blass, aber unruhig und tatkräftig. Nora warf ihm einige Bücher zu, die sie im Kassenbereich aufgestöbert hatte.

Gegen Mitternacht sanken die Leute völlig erschöpft auf ihre Lager. Nora und Jonah lagen nebeneinander und versuchten, ein wenig Schlaf zu finden; kein leichtes Unterfangen angesichts der Umstände und permanenten Geräusche ringsherum. Die Notbeleuchtung summte und warf lange Schatten über die Regale; Menschen husteten, stöhnten oder weinten. Die junge Mutter redete leise mit ihrem Sohn.

Sonntag. 12. Oktober

Irgendwie musste sie doch eingenickt sein, denn als jemand sie an der Schulter rüttelte, schrak sie aus einem Traum hoch. David, der Lehrer, hockte vor ihr. Sie sah ihn nur schemenhaft, erkannte ihn an seiner randlosen Brille, die im Schein der Notbeleuchtung aufblitzte.

„Was?“, brachte sie mit belegter Stimme hervor.

„Wir haben ein Problem.“

Sie schaute zu Jonah hinüber, die auf der Seite lag und gleichmäßig atmete. Leise erhob sie sich und tapste hinter David her zur improvisierten Quarantäne-Station. Sven lag in einem Campingstuhl und sah ihnen müde entgegen. Er sah aus, als hätte er nicht eine Minute Schlaf bekommen.

„Hey“, begrüßte Nora ihn.

„Selber hey.“ Der sonst so freundliche Azubi wirkte übellaunig.

„Alles klar?“

„Hast du einen Joint? Etwas, das mich runter bringt? Dann ja.“

Shit, dachte Nora. Ein Junkie. Das fehlte noch.

„Ich schau nachher mal die Medikamente durch. Vielleicht finden wir was. - Also?“, wandte sie sich an David.

„Carsten.“

„Oh verdammt. Ist er krank?“

„Ich denke ja. Vor einer knappen Stunde hat er angefangen zu husten und zu schniefen. Davor war er schläfrig, klagte über Kopf- und Gliederschmerzen. Jetzt sagt er gar nichts mehr. Ich habe ihn ein paar Mal gerufen, aber er antwortet nicht.“ David sprach konzentriert und ohne überflüssige Bemerkungen. Das gefiel Nora.

„Warst du bei ihm?“

Er strich sich mit der Hand über sein zerzaustes Haar. „Nein. Ich wüsste nicht, was ich tun sollte. Und ich hatte Angst. Tut mir leid.“

„Muss es nicht.“ Nora schlüpfte aus ihrer Jacke und begann sofort zu frieren. Dann streifte sie die Schutzkleidung über. „Wie viele von diesen Einweg-Overalls haben wir?“

„Zweiunddreißig“, antwortete Sven sofort. „Mit dem, den du anhast. Dann noch ein paar Maleranzüge. Masken: massenhaft, aber nur ca. 50 FFP 3. Handschuhe: quasi unendlich.“

„Das sind doch gute Nachrichten.“

Vermummt wie eine Mitarbeiterin bei der Spurensicherung in einem englischen Krimi näherte sie sich Carsten. Schon aus mehreren Metern Entfernung sah sie, dass sein Brustkorb sich nicht bewegte. Auf ihr Näherkommen reagierte er nicht. Als sie sich über ihn beugte, starrte er sie aus milchigen Augen an. Seine Haut schimmerte fahl, beinahe bläulich. An seinem Mund klebte Erbrochenes, an seiner Nase Schleim. Vor dem Palettenbett entdeckte sie eine kleine Pfütze. Sie musste sich nicht bücken, um sie zu identifizieren; der stechend-saure Geruch sagte ihr genug.

Sie legte Carsten eine Hand auf den Brustkorb. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte ihn nicht gekannt, nicht einmal seinen Nachnamen, aber sein Tod machte sie traurig. Er war ein netter Mensch gewesen, der einer fremden Frau hatte helfen wollen.

„Er ist tot“, rief sie David und Sven halblaut zu. „Wir müssen ihn isolieren. Wie wir es besprochen haben. Das Bett desinfizieren.“

Mit den Bewegungen eines alten Mannes erhob Sven sich aus dem Stuhl. „Ich hole die Plastikbahnen und Tape.“ Er sprach erstickt, schien aber froh, etwas Sinnvolles zu tun zu haben.

David zückte seinen Notizblock, schaute auf seine Uhr. „12. Oktober. 4:51. Carsten ...“ Er schaute auf. „Hat er einen Ausweis bei sich?“

Noras behandschuhte Hände fuhren bereits in die Taschen der Jacke, die neben den Paletten über einem Stuhl hing, fanden nichts außer einer Rolle Schokodrops. Sie steckte sie in ihre Kitteltasche, tastete über die Hosentaschen des Mannes. Autoschlüssel. Sie nahm auch die Schlüssel an sich. Dann drehte sie ihn um. In der Gesäßtasche fand sie eine dünne Brieftasche.

„Carsten Emmanuel Prahl“, las sie vor. „Er ist letzte Woche 42 geworden. Wohnhaft in Brieselang.“

David schrieb mit, stockte kurz beim Alter des Toten. „So alt wie ich“, murmelte er betroffen.

„Er hat Kinder“, flüsterte Nora. „Drei.“

„Lass das“, fuhr David hoch. „Tu das nicht. Bleib ... sachlich.“

Nora schluckte und nickte. „Offensichtliche Symptome: Husten, Schnupfen, starke Sputumbildung, Erbrechen. Kopf- und Gliederschmerzen. Möglicherweise Fieber. Klassische Grippe-Symptome. Abnorm schnelle Ansteckung, abnorm schneller Verlauf.“

Sie atmete tief ein und aus, während David ihre letzten Worte wiederholte und mitschrieb.

„Wir sollten die anderen befragen, ob sie ihn in der Nähe eines Vogels gesehen haben.“

„Habe ich schon. Die Antwort lautet Nein. Er hat sich definitiv bei der Frau angesteckt.“

„Oder er war schon infiziert, bevor er herkam.“

„Möglich“, gab David zu. „Aber angesichts der Ereignisabfolge unwahrscheinlich.“

„Wie hieß die Frau?“

David klappte seinen Block zu. „Wir haben nicht daran gedacht, sie zu identifizieren. Nun liegt sie eingewickelt und desinfiziert im Pool. Wir müssen die Rettungskräfte darauf hinweisen. Auch auf die Toten draußen.“

Beide fuhren herum, als sie Schritte vernahmen. Jonah trat zu David. Ihre Augen waren gerötet. „Wir müssen die Namen von allen hier aufschreiben.“

David nickte. „Auf Malerkrepp. Kann man sich an die Kleidung kleben. Außerdem schreiben wir eine Liste, auch für Brigitte. Wir sind jetzt nur noch sechzig.“


Brigitte, Ariane und Carmen versorgten alle mit Tee, Kaffee und aufgebackenen alten Brötchen, die sie mit geschmolzenen Schokoriegeln beschmiert hatten. Danach bekam jeder, der wollte, einen Kaugummi für die Mundhygiene und ein Bonbon.

Gar nicht mal so schlecht, dachte Nora und beobachtete die Menschen um sich herum. Sie alle waren hungrig, aber nicht so sehr, dass sich jemand beschwerte. Die halb vollen Mägen ließen sich mit Flüssigkeit auffüllen. Gegen die bleierne Müdigkeit, die den meisten in den Knochen saß, half nur Bewegung oder ein weiteres Nickerchen. Die meisten entschieden sich für die Bewegung, da ihre kreisenden Gedanken, vor allem nach dem Verkünden des Todesfalls, sie nur schwer zur Ruhe kommen ließen.

Für Sven hatte Brigitte einen Baldrian-Tee aufgetrieben. Nach der durchwachten Nacht, dem Schrecken und dem anschließenden Arbeitseinsatz am frühen Morgen lag er jetzt auf einer der Gartenliegen und schlief.

Brigitte und ihre Helferinnen beschäftigten sich weiter mit ihrer Vorratsinventur, David und Jonah schrieben Identitäten auf. Einige Frauen hatten sich zusammengetan und putzten die Toiletten, Männer füllten unzählige Behälter mit Wasser. Tarek trieb Tabletten aus dem Campingbedarf auf, von denen sie einige in die größeren Wasserwannen warfen, damit das Wasser sauber blieb. In einige Behälter kippte Brigitte zuckerhaltige Getränke für ein paar Kalorien mehr. Alfred und Cem bastelten eine Art Notbeleuchtung aus LED-Bändern, nur für den Fall der Fälle, wie beide sagten.

Nora nippte an ihrer zweiten Tasse Kaffee und lächelte, als sie den kleinen Jungen sah, der zwischen all dem Chaos auf einem der Kinder-Einkaufswagen hockte, eine kleine Magnettafel auf seinen Knien, die eigentlich für Werkstattnotizen gedacht war. Seine Zunge lugte aus seinem Mundwinkel.

„Worüber lächelst du?“ Ächzend ließ Jonah sich neben ihr nieder.

Nora hielt ihr die Tasse für einen Schluck hin.

„Nee, lass mal“, wehrte Jonah ab. „Lieber nicht. Nach heute Morgen.“

Nora schlug sich gegen die Stirn. „Natürlich. War ein Reflex. Aber wir hocken ja eh aufeinander.“

„Man muss es ja nicht unnötig riskieren.“

„Du hast absolut recht.“

„Das höre ich höchst selten.“ Jonah grinste und folgte Noras Blick. „Was macht er?“

„Schreibt irgendwas.“

„Er heißt Felix. Felix Lorenz. Ist fast sieben. Seine Mutter heißt Mina.“

„Kennst du schon alle Leute hier?“

„Nee. Aber er ist das einzige Kind. Ansonsten gibt’s noch ein paar Teenager.“ Jonah klatschte sich selbst auf die Knie. „Pause beendet. Du solltest nachher mal nach Alfred schauen.“

Noras Miene verdüsterte sich. „Hat er Symptome?“

„Glaube nicht. Aber Brigitte sagt, dass er hin und wieder sehr schwach wirkt. Ist ja auch nicht mehr der Jüngste mit zweiundsiebzig.“

„Klingt eher nach dem Ältesten.“

Jonah stand auf. „Bis jetzt ist er das.“ Sie hielt Nora ihre Hand hin und diese ließ sich hochziehen. „Sieh zu, dass du nachher mal einen Power Nap machst. Siehst ganz schön fertig aus.“

„Und du strotzt vor Energie?“

„Geht so. Tatsächlich. Na ja, bin kurze Nächte gewohnt. So long.“ Mit einem Grinsen verschwand Jonah.

Nora trank ihre Tasse aus und schlenderte hinüber zu Felix und seiner Mutter. Beide waren so in ihre Tätigkeit versunken, dass sie die unauffällige Frau mit dem dunkelblonden Haar nicht bemerkten.

Mit einem abwaschbaren Marker schrieb Felix gerade langsam und konzentriert: Sonntag, 12.10.2025. Die Buchstaben waren krumm, aber lesbar.

Mina hockte neben ihm, die Stirn leicht gerunzelt. „So ist es jetzt prima“, sagte sie und zeigte auf das Komma. „Diesmal hast du daran gedacht.“

Felix nickte ernst. „Frau Schilling sagt, das ist wichtig.“

„Das machen wir jeden Morgen“, schlug Mina vor. „Du schreibst das Datum und ich kontrolliere. Das ist dein Amt. Das Datumsamt.“

„Und dann wischen wir es ab, wenn der Tag vorbei ist. Damit wir nicht vergessen, dass wir hier sind. Eigentlich wären aber ab morgen Arda und Jolina dran.“

„Die sind aber nicht hier. Wir schreiben außerdem noch die Zahl 1 hierhin. Weißt du, wofür?“

Felix dachte nach. „Für einen Tag hier drin?“

„Ganz genau.“ Mina wuschelte ihrem Sohn durch die Haare.

David trat hinter einem Regal hervor, seinen Notizblock in der Hand. Er sah übernächtigt aus, lächelte aber, als er die kleine Gruppe sah. „Nanu? Schule im Baumarkt?“

„Felix schreibt das Datum“, erklärte Mina.

David nickte. „Eine super Idee. Ich schlage vor, wir hängen die Tafel gut sichtbar auf. Vielleicht bei den Toiletten – da kommt jeder vorbei.“

Felix nickte grinsend und entblößte dabei mehrere Zahnlücken. Danach blickte er seine Mutter an. „Dürfen T-Rex und ich noch mal mit dem Buggy fahren, Mama?“

„Aber nur, wenn T-Rex nicht wieder so rast.“ Scherzhaft drohte Mina dem Stoffhasen mit dem Finger.

Während Felix sich anschickte, durch die Gänge zu rollen, erhob sich Mina.

„Dinosaurierphase?“, erkundigte sich David.

Mina rollte mit den Augen. „Zum Glück habe ich sein Buch eingepackt und vorn bei den Auslagen gibt es noch eines. Ich gehe mal nachschauen, ob ich noch was zum Spielen finde.“

„Wie läuft’s?“, erkundigte sich Nora bei dem Lehrer, nachdem Mina gegangen war.

„Ganz gut. Bis auf den großen schweigsamen Wolf und Stänker-Ingo waren bis jetzt alle sehr kooperativ.“

„Der schweigsame Wolf?“

„Na, der Einzelgänger. Du hast ihn garantiert schon gesehen. Lungert immer irgendwo herum und beobachtet. Raucht viel. Hilft nie irgendwo mit.“

„Ach der. Der ist irgendwie gruselig.“

„Hm. Hat uns nur verraten, dass er Lars heißt, mehr nicht. Andere erzählen uns ihre halbe Lebensgeschichte, mindestens aber Vor- und Zunamen, Alter und Beruf. Der tut so, als hätte er was zu verbergen.“

„Vielleicht hat er das ja. - Wolltest du zu mir oder Jonah? Die schwirrt schon wieder irgendwo herum.“

„Alles klar, ich gehe sie suchen.“

„Bis nachher.“


Achtsam drehte Nora eine Runde durch den Markt. Ihre zweite heute Morgen. Aus einem Impuls heraus blickte sie auf ihre Smartwatch und stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass sie fast 4000 Schritte auf der Uhr hatte. Wenn sie bis zum Abend so weiterlief, käme das einem ausgedehnten Spaziergang gleich. Ihr Gehirn verband Spazierengehen automatisch mit frischer Luft, Sonne, Natur, Vogelzwitschern und dem Rauschen von Wasser oder Blättern. Sie schaute nach oben zu der schmalen Fensterfront und seufzte laut. Sie nahm sich vor, später in den Eingangsbereich zu gehen. Dort gab es eine breite Glasfront mit Blick auf den Parkplatz. Besser als Betonwände, dachte sie.

Nach wenigen Minuten erregte ein kleiner Menschenauflauf ihre Aufmerksamkeit. Sie beeilte sich und drängte sich zu dem hageren Elektriker vor. Sofort sah sie, dass dessen schütteres weißes Haar an seinem Kopf klebte. Sie nahm seine rauen Hände, bemerkte das Zittern in ihnen, und führte ihn zu einem Stapel Säcke mit Mischbeton. Schwach sank er darauf nieder.

„Alfred?“, fragte sie behutsam.

„Das hatte er heute schon einmal“, sagte Brigitte mit besorgter Miene.

„Es geht schon“, erwiderte Alfred, der seine Brille abnahm und sich die Augen rieb.

„Hast du Fieber?“, fragte Nora und registrierte erst in diesem Moment, dass sie keine Schutzkleidung trug. Innerlich schalt sie sich für ihre Nachlässigkeit. „Leute“, sagte sie zu den Umstehenden. „Haltet mehr Abstand. Geht am besten zurück an eure Arbeit. Ich kümmere mich um ihn.“

Die Umstehenden entfernten sich. Nur Brigitte verschränkte die Arme vor ihrer imposanten Brust und blieb.

„Also. Fieber?“

Alfred schüttelte den Kopf. „Es ist nur ein kleiner Schwächeanfall.“

„Hast du gegessen und vor allem getrunken?“

„Ja, schon. Denke ich.“

„Geschlafen?“

„Mehr schlecht als recht. Selbst auf einer Luftmatratze. Alte Knochen.“ Er hustete ein verlegenes Lachen.

„Atemnot, Engegefühl, geschwollene Beine?“

„Nicht so schlimm. Müdigkeit eher.“

„Kein Wunder. Wir befinden uns in einer Stresssituation.“

Alfred senkte den Kopf. „Zweifellos.“

„Nimmst du Medikamente?“

„Bis jetzt nur Betablocker gegen den Bluthochdruck. Ansonsten ist mein Arzt ganz zufrieden. Ich habe die Tabletten nicht bei mir.“

„Hm. Hier müssen wir ein bisschen improvisieren. Schonung steht da ganz oben, also leichte Bewegung, Anstrengung vermeiden, nichts Schweres heben. Eine ruhige Ecke nur für dich. Leg dich zwischendurch hin. Wir besorgen mehr Kissen, damit du aufrechter liegst. Falls deine Beine anschwellen: kein Salz, weniger trinken, Beine hoch.“ Nora sah Brigitte an. „Baldrian-Tee, wenn du noch welchen hast. Oder Hibiskus.“

Brigitte nickte. „Im Nebenraum vom Vorratslager steht eine Erste-Hilfe-Liege. Da kann man das Kopfteil hochklappen. Und es ist ruhig.“

„Perfekt.“

Gemeinsam halfen sie Alfred hoch, dessen Schwächeanfall erst einmal vorüber schien, denn er schwankte nur leicht und konnte allein gehen.“ Nora atmete tief ein und aus, schaute auf ihre Uhr. Zeit, ihre Kontrollrunde zu beenden.


Nach einem kargen Mittagessen - ein halbes Stück trockener Streuselkuchen, zwei Gummibärchen, zwei dünne Scheiben Gurke, eine Tasse Tee - und einem Stündchen nachgeholtem Schlaf drehte Nora ihre dritte Runde. Jetzt, am frühen Nachmittag, herrschte eine ruhige, etwas bedrückende Atmosphäre. Viele schliefen oder ruhten, einige lasen in Büchern, Zeitungen oder Prospekten. Die meisten hingen ihren Gedanken nach. In vielen Gesichtern erkannte sie Sorge, Angst und Niedergeschlagenheit. Ein paar Leute schlenderten wie sie durch die Gänge. Sie wirkten ziellos und gelangweilt, studierten Etiketten oder nahmen Werkzeuge in die Hand.

Auf dem Weg zum Eingangsbereich traf sie auf Felix und T-Rex, die auf dem Plastikwagen wilde Kurven drehten.

„Nicht so schnell!“, rief sie dem Jungen zu.

Felix lenkte an ihre Seite. „Wo gehst du hin?“

„Aus dem Fenster schauen.“

Felix schüttelte den Kopf. Traurigkeit überschwemmte seine Züge, dann drehte er ab und verschwand hinter einem Regal. Stirnrunzelnd ging Nora weiter, durchschritt den Kassenbereich und erreichte die breite Glasfront.

Im ersten Moment sog sie den Anblick der dünnen Herbstsonne geradezu in sich auf, schloss die Augen und lehnte die Stirn ans Glas. Es fühlte sich warm an. Angenehm. Dann öffnete sie die Augen und japste. Der Parkplatz wirkte nicht gerade wie aus einem Katastrophenfilm, eher leer und verlassen, dennoch sah man deutlich die Spuren von überstürztem Aufbruch. Drei Autos, ineinander verkeilt, mit offenen Türen. Umgestürzte oder achtlos abgestellte Einkaufswagen. Fallen gelassene Einkäufe - Blumentöpfe, Bilderrahmen, Farbdosen, von denen einige aufgeplatzt waren, ein Schuh. Der einzelne Schuh verstörte sie, mehr noch als die beiden Leichen, von denen eine sie aus offenen, milchigen Augen anklagend anstarrte. Der Schuh gehörte der zweiten Toten, einer jungen Frau, deren blutiger Kopf auf einer steinernen Einfassung klebte.

Nora riss die Hände vor ihren Mund. „Oh Gott!“

Offenbar war die Frau unglücklich gestürzt. Unwillkürlich dachte sie an die Panik gestern, an die Hast, mit der die Menschen nach draußen gestürmt waren, an die beiden Frauen im Außenbereich des Gartencenters. War sie gestolpert? Geschubst worden? Ohnmächtig geworden?

Noras Augen wanderten so unruhig weiter wie ihr Geist, entdeckten vier Vögel. Zwei Spatzen, als flauschige Knäuel im Laub kaum zu erkennen, eine Elster, die nicht weit entfernt von der Eingangstür lag, und eine Krähe, nur Zentimeter entfernt von der älteren Leiche. Sie erkannte sie wieder. Eisengraue Locken, athletische Gestalt, trotz des fortgeschrittenen Alters.

„Bist nicht weit gekommen, was?“, fragte Nora gegen die Scheibe, die von ihrem Atem beschlug. Ihre Stimme klang brüchig.

Plötzlich erfasste sie Panik, eine verzweifelte Welle von Angst. Entgegen der neu aufgestellten Regel riss sie ihr Handy heraus und rief ihre Mutter an, die nach dem ersten Klingeln abhob, als hätte sie neben dem Gerät gewartet.

„Mama“, sagte sie atemlos. „Mama. Bist du da?“

„Ich bin da“, entgegnete ihre Mutter mit ruhiger Stimme. So leise und liebevoll, dass Nora die Tränen kamen. „Haltet ihr noch durch, du und deine Schwester? Geht es euch gut?“

„Nein.“ Nora unterdrückte ein Schluchzen und schluckte mehrfach. „Ja. Gesundheitlich ja. Sonst - nein. Na ja, es geht. Irgendwie.“

Ihre Mutter gluckste. „Irgendwie, hm?“

Nora atmete tief ein und aus. Als sie weitersprach, war das Zittern aus ihrer Stimme verschwunden. „Es ist nur ... Fünf Menschen sind tot. Und zwei liegen auf dem Parkplatz. Und ... es werden mehr werden, Mama.“

Ein kurzes Schweigen am anderen Ende. „Ja. Wahrscheinlich. Aber ihr lebt und seid in Sicherheit.“

„Das Virus ist hier drin. Aber wir haben Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Isolierung. Eine Quarantäne-Station.“

„Sehr gut.“

Sie plauderten eine Weile. Nora merkte, wie sie sich langsam beruhigte. Ihrer Mutter ging es gut, ihr Bruder steckte immer noch in Ungarn, ihr Stiefvater hatte sich aus Boston gemeldet. Die Nachricht von der Epidemie wanderte bereits um die Welt.

„Ich habe genug Lebensmittel und Getränke für mehrere Wochen“, schloss ihre Mutter. „Du kennst ja meine unendliche Speisekammer.“

Nora lächelte mit Tränen in den Augen. „Der Schrank nach Narnia.“

Ihre Mutter gluckste. „Genau. Dazu Masken aus der Corona-Zeit und noch ein oder zwei Kittel von früher. Wir Krankenschwestern sind eben allzeit bereit für Katastrophen.“

Nora lachte über den Scherz und wischte sich die Tränen ab. „Stimmt.“

„Du trägst eine Verantwortung“, sagte Ulrike Thomsen dann. „Für die Gesundheit der anderen.“

„Ich versuche mein Bestes.“

„Das weiß ich doch. Wie hält sich deine Schwester?“

Nora zog die Nase hoch. „Sie hat das Kommando übernommen.“

„Wie überraschend.“

„Ja. Aber sie macht ihre Sache gut.“

„Pass auf sie auf, ja? Du weißt ja: harte Schale und so.“

„Na klar. Mach’s gut, Mama.“

„Lass uns morgen telefonieren. Spart eure Akkus.“

Sie tauschten Küsschen aus, dann legte Nora auf. Danach sprintete sie zum Gartencenter, verfolgt von neugierigen und überraschten Blicken, presste ihr Gesicht gegen die verriegelte Tür, entdeckte einen Stapel aus Paletten, Blumenerdesäcken und Leitern vor einer der Wände. Weg. Sie waren weg. Alle beide. Innerlich jauchzte sie auf. Und wünschte ihnen alles Gute.


„Hier steckst du.“

Noras Kopf ruckte herum. Jonah näherte sich von der Seite. Ihre Haare waren strubbelig und klebten an ihrer Stirn.

„Bist du krank?“, fragte Nora erschrocken.

„Was? Nein. Aber ich renne seit dem Morgen fast nur rum. Es gibt so viel zu organisieren. Um irgendwas muss man sich ständig kümmern.“

„Niemand zwingt dich, hier die Chefin zu spielen.“

Jonahs Augen verengten sich. „Was soll das jetzt?“

Nora hob die Arme. „Ich ... tut mir leid ... ich stehe ein bisschen neben mir. Sorry, war nicht so gemeint.“

Schlagartig verdrängte Sorge den Ärger auf Jonahs Gesicht. „Bist du krank? Du siehst auch nicht gerade taufrisch aus.“

„Ich bin okay.“

„Du hattest den meisten Kontakt, deswegen.“

„Geschützt. Was wir übrigens immer machen sollten. Uns schützen. Wir sollten Masken verteilen.“

„Wir machen heute Abend wieder eine Versammlung. Da geb ich das bekannt. Aber jetzt solltest du mitkommen.“

Augenblicklich war Nora alarmiert. „Wieso?“

„Renate und Tim. Beide haben Fieber.“

Nora setzte sich in Bewegung. „Wo sind sie?“

„David und Sven haben sie zur Krankenstation gebracht.“

Während sie sich unterhielten, strebten sie zur Bauabteilung. Jemand hatte das Viereck mit Flatterband abgesperrt und große Plastikfolien rundum gespannt. Sie waren mit Draht, Kabelbindern und einer Menge Malerkrepp auf etwa zwei Meter Höhe befestigt.

Wann ist das entstanden?, dachte Nora, schnappte sich Maske und Handschuhe, die am Eingang des Provisoriums in abgedeckten Behältern lagerten, und trat auf die beiden Neuerkrankten zu. Zu ihrem Entsetzen entpuppte Tim sich als der ehemalige Zivi, der sich als Freiwilliger für die Quarantänestation gemeldet hatte. Sein Basecap lag auf seinem Bauch. Seine blonden Haare waren schweißnass.

Renate kannte sie nicht, aber den auffälligen Schal, den die Frau um Hals und Schultern trug, hatte sie schon einmal gesehen. Sie wusste nur nicht mehr, wo.

„Hallo“, grüßte sie in die Runde.

Sven winkte träge, David lächelte. Beide trugen Masken und Handschuhe.

Tim und Renate blinzelten sie aus glasigen Augen an. Nora brauchte kein Thermometer, um das Fieber zu diagnostizieren.

„Beide klagen über Schwindel“, übernahm David das Reden. „Beide haben heftige Kopfschmerzen. Tim ist außerdem übel. Erbrochen hat er sich nicht.“

„Falls er sich erbricht, dann unbedingt in etwas, das wir abdecken können.“

„In Ordnung. Tarek und ein paar Männer arbeiten in der Haustierabteilung an einer Art Grube. Darin versenken wir alles, was infiziert sein könnte und bedecken es. Wir basteln an einer Lösung, wie wir das neutralisieren können.“

„Schläfst du eigentlich jemals?“, fragte Nora.

„Zwischendurch immer mal wieder. Wie eine Katze.“

„Sieh zu, dass du dich genug ausruhst.“ Nora wandte sich zu Renate, deren Gesicht vor Hitze glänzte, und legte ihr den Handrücken an die Stirn. „Ihr Fieber ist hoch. Außerdem sind Ihre Augen entzündet.“ Sie sah auf ihre Uhr. „Meine letzte Runde liegt weniger als zwei Stunden zurück. Wann tauchten die ersten Symptome auf? Ehrliche Antworten, bitte.“

„Heute Morgen bin ich mit Halsschmerzen aufgewacht“, gab Tim heiser zurück. „Gegen Mittag hab ich mich eierig gefühlt. Hab gedacht, es liegt am wenigen Essen.“ Er hustete. „Ich bin Schwimmer. Normalerweise esse ich mehr. Dann merkte ich, wie mir warm wurde. Da bin ich hierher gekommen.“

Renate nieste heftig, bevor sie antwortete. „Bei mir ging es mit den Augen los. Dachte, es liegt an der Klimaanlage. Trockene Luft und so. Kopfschmerzen seit ein paar Stunden, erst ganz leicht, mittlerweile ziemlich heftig.“

„Wart ihr in der Nähe von Vögeln?“

„Im Gartenmarkt. Gestern. Ich habe versucht, dem Mann zu helfen.“

Jetzt erinnerte Nora sich an die Frau.

Tim schüttelte den Kopf und verzog dabei das Gesicht. „Glaube nicht“, flüsterte er. „Aber ich habe die tote Frau mit weggeschafft und das Erbrochene von diesem Carsten aufgewischt. Glaubst du, ich hab mich bei denen angesteckt?“, fragte er und Tränen stiegen in seine Augen. „Sterbe ich jetzt auch?“

Nora streichelte seine Wange. „Wir tun alles, was wir können. Kalte Umschläge, Ibuprofen, Ruhe. Bestimmt wird alles gut.“


Es wurde nicht gut.

Drei Stunden, nachdem Nora die beiden Erkrankten untersucht hatte, gab es einen dumpfen Knall. Sven und Nora, die auf Klappstühlen vor dem Krankenzelt hockten, sprangen auf. Tim lag auf dem Boden, die Augen ins Innere seines Schädels verdreht. Sein Körper zuckte, als kämpfe er gegen unsichtbare Feinde. Speichel stand vor seinem Mund. Er röchelte und keuchte.

Minuten später lag er still und erschlaffte.

Sven hockte sich im Schneidersitz auf den Boden. Seine Kehle zog sich krampfartig zusammen. Lange Zeit sagte keiner von beiden etwas, dann schluckte Sven erneut. „Er hat nach seiner Mutter gerufen“, murmelte er. „Immer wieder. Ich will auch zu meiner Mutter. Aber sie geht nicht ans Telefon. Sie meldet sich nicht. Verstehst du?“

Nora widerstand dem Impuls, dem langen Azubi über den Kopf zu streichen. Stattdessen legte sie ihm mitfühlend eine Hand auf die Schulter. „Tut mir sehr leid, Sven“, flüsterte sie. Dann ging sie, um Hilfe zu holen, wie betäubt und langsam wie eine alte Frau.

Renate starb vierunddreißig Minuten später.

Dienstag. 14. Oktober

„Guten Morgen“, begrüßte Jonah die Versammelten vom Tresen aus. Neben ihr standen Nora, Brigitte, Cem, Tarek und David etwas erhöht auf Paletten. Sie nickte Felix zu. „Fangen wir an.“

Felix hielt seine Tafel hoch, seine Mutter übernahm das Reden. „Heute ist Dienstag, der 14. Oktober 2025. Heute ist der 3. Tag.“

„Niemand hat heute Geburtstag“, setzte der Junge ernst hinzu.

Spärlicher Beifall erklang und Felix lächelte. Dann nahm ihn Lennard, der stets nervös wirkende Zehntklässler, an der Hand und verschwand mit ihm und T-Rex in Richtung Innenausstattung.

„Nora“, sagte Jonah knapp, sobald die beiden Jüngsten außer Hörweite waren.

„Wir haben drei weitere Leute verloren“, erwiderte Nora. Sie sprach sachlich, beinahe emotionslos. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen. Ihr Haar knisterte, als sie darüber strich. „Alle zeigten die bekannten Symptome.“

David räusperte sich und zückte seinen Block. „Wir verabschieden uns von Martina Kaperija. Sie war verheiratet mit Igor Kaperij, stammte aus der Ukraine und war Reiseleiterin. Sie hinterlässt zwei Katzen, Smokey und Paco.“

„Auf Wiedersehen, Martina“, raunte die Menge im Chor. Schniefend strich Brigitte einen Namen auf ihrer Liste durch.

„Wir verabschieden uns von Yannick Oostergard. Yannick hinterlässt seinen Verlobten Marek, seine Eltern und seine Geschwister. Yannick war Belgier, der in Potsdam Sozialwissenschaften studierte.“

„Auf Wiedersehen, Yannick.“

„Wir verabschieden Susanne Eberhardt. Susanne war waschechte Spandauerin, verwitwete Hausfrau und vierfache Mutter. Sie hinterlässt ihre Kinder und ihren Lebensgefährten Björn. Und ihren Hund Derrick.“

„Auf Wiedersehen, Susanne.“

Vereinzelt brachen Menschen in Tränen aus. Die allermeisten jedoch starrten betäubt vor sich hin.

„Wir sind einundfünfzig Überlebende“, fasste Jonah zusammen. Ihre Stimme klang tiefer und rauer als sonst, aber sie zitterte nicht. Ihr Gesicht wirkte so stoisch, dass es beinahe wie eine Maske aussah.

„Derzeit liegen weitere vier Personen auf der Krankenstation“, fuhr Nora fort. „Zwei zeigen schwere Symptome, zwei weitere befinden sich im Anfangsstadium. Wir möchten euch noch einmal eindringlich ermahnen, ständig eure Masken zu tragen und so viel Abstand zueinander wie möglich zu halten.“

„Wie soll das gehen?“, rief der bullige Mann in Jogginghosen erbost. „Wir essen zusammen, wir schlafen zusammen, wir arbeiten zusammen, herrje, wir scheißen zusammen. Wie sollen wir Abstand halten?“

Andere Anwesende, unter ihnen Ingo und Peter, der dunkelhäutige Mann, brummten zustimmend. Auch Tarek und Cem nickten.

Jonah hob beruhigend die Hand. „Krzystof. Wir wissen, wie schwierig das ist. Die Bedingungen hier sind alles andere als optimal. Versucht zumindest, immer eure Masken zu tragen. Ihr tut das ja auch für euch selbst.

„Optimal“, echote Krzystof verächtlich.

Nora spürte förmlich, wie das Herz ihrer Schwester raste. Sie sah das Tattoo an der Halsschlagader pulsieren. Aber Jonah riss sich zusammen. Ihre Stimme und ihre Haltung blieben ruhig. Sie musterte die drei Männer, die immer wieder für Unruhe sorgten. Krzystof, Ingo und Peter. Jonah und sie nannten sie Troublemaker. Noch blieb es bei kleineren Sticheleien wie eben, aber Nora spürte, wie sie unter der Oberfläche vor Wut brodelten. Diese Wut war ansteckend. Sie erkannte es an Cems und Tareks zustimmenden Mienen, an Svens zunehmender Verzweiflung, an ihrer Schwester selbst. Ihre Blicke schweiften über die Menge, suchten weitere Anzeichen. Sie blieben wie so oft an dem schweigsamen Mann hängen, der wie immer abseits stand und mit emotionsloser Mimik jedes Wort, jede Interaktion verfolgte.

„Er steht immer da und beobachtet“, hatte Jonah bei mehr als einer Gelegenheit gesagt. „Der macht mich kirre. Ich kann ihn nicht einschätzen. Und immer schleppt er diesen Rucksack mit sich rum. Selbst aufs Klo.“

„Er tut niemandem was“, hatte Nora jedes Mal entgegnet. „Vielleicht spricht er einfach nicht gern.“

„Er treibt sich immer in der Nähe der Türen herum. Alfred und Judith haben ihn an den Schlössern fummeln sehen.“

„Vielleicht ist er nicht gern eingesperrt.“

Ihre Theorie schien sich soeben zu bestätigen, denn Lars - mehr wussten sie immer noch nicht über ihn - zog immer wieder mit seinen Fingern an seinem Hemdkragen, als sei ihm dieser zu eng.

„Die Leute meiden ihn“, hatte Jonah noch hinzugefügt. „Selbst die Troublemaker haben ihn noch nicht in ihr heiliges Triumvirat aufgenommen.“

„Sei doch froh. Drei Querschläger reichen ja wohl.“

Sie zwang ihre Gedanken zurück in die Gegenwart. Gut sah er aus, dieser einsame Wolf, gestand sie sich ein. Selbst wenn sein Bart nach drei Tagen nicht mehr ganz so gepflegt daherkam. Immerhin glänzte sein kurzes Haar nicht fettig wie das vieler anderer.

„Die Proviantlage ist noch entspannt“, verkündete Brigitte. „Wir rationieren weiter, aber wir müssen die Rationen nicht kürzen.“

„Logisch, wenn jeden Tag Leute abnippeln“, sagte Ingo laut genug, dass jeder es hören konnte.

Zum Glück sprangen seine Kumpane auf den Kommentar nicht an und der Rest der Anwesenden bekundete lautstark seinen Unmut.

Nora bemerkte, wie Lars den breitschultrigen Mann unauffällig musterte. Seine Miene verriet jedoch nichts.

Jonah warf Ingo einen scharfen Blick zu, der ihre Gefühle deutlich verriet. Ihre Kiefer pressten sich aufeinander. „Danke, Brigitte“, sagte sie aber ruhig. „Cem?“

„Technik läuft so weit“, sagte der türkischstämmige Mann. „Alfred und ich haben LED-Bänder an den Gängen angebracht. Falls doch mal was ist, findet ihr immer den Weg auf’s Klo.“

Gelächter brandete auf.

„Internet ist stabil, scheint aber langsamer zu werden. Allerdings gab es schon zwei, drei kleinere Ausfälle. Also hört auf, heimlich zu telefonieren.“

Leises Gemurmel setzte ein. Diese Regel würden sie nie durchsetzen können, ahnte Nora. Selbst sie und Jonah verstießen dagegen. Nichts hielt die Menschen davon ab, mit ihren Angehörigen und Freunden zu kommunizieren und die Nachrichtenlage mit wachsender Furcht zu checken. Deswegen war das, was Tarek jetzt zusammenfasste, nicht neu für die meisten.

„Im Land kommt es zu starken Stromschwankungen und ersten Stromausfällen. Die Vogelgrippe hat sich europaweit ausgeweitet, am schlimmsten in Polen und Tschechien. Wahrscheinlich auch in Russland, aber das gibt niemand zu. Außerdem auf der gesamten Route der Zugvögel. Tatsächlich sind Brandenburg und MeckPomm aber die Hotspots der Epidemie.“

„Pandemie“, murmelte jemand.

„Mit Todeszahlen hält man sich zurück. Aber das Virus ist mutiert, da ist man sich einig, und hochaggressiv. Die Ansteckung von Mensch zu Mensch gilt als gesichert. Wie wir hier selbst schon vermutet hatten, wird das Virus auch über Oberflächen übertragen. Unsere Vorsichtsmaßnahmen sind also gut und richtig.“

Und ungenügend, dachte Nora, behielt den Gedanken aber für sich.

„Wen es wie stark erwischt, weiß man noch nicht. Es gibt wohl kein Muster, nur eine extrem hohe Sterblichkeitsrate. Der Notstand ist weiterhin intakt. Viele Orte sehen aus wie verwaist. Plünderungen, Raubzüge, der ganze miese Scheiß, haben begonnen. Die ersten Betriebe sind schon lahmgelegt, Krankenhäuser überfüllt, alles zu.“ Tarek ratterte die verstörenden Fakten herunter wie ein Grundschüler einen schlechten Gedichtvortrag.

„Fallen noch Vögel vom Himmel?“, fragte eine zierliche Frau in die Stille hinein. „Ich höre keine mehr auf dem Dach. Nicht mehr so viele jedenfalls.“

Die Frage brachte Tarek aus dem Konzept. Er zuckte mit den Schultern.

„Ich meine, vielleicht ist der Spuk ja hier bald vorbei“, fuhr die Frau fort.

„Lass es uns hoffen, Ratna“, mischte sich Judith freundlich ein. „Es ist ein Mut machender Gedanke.“

Die Troublemaker verdrehten die Augen, aber Judiths Bemerkung hob die Stimmung sichtlich.

„Löschkalk“, nahm Jonah den Faden wieder auf. „Einige von uns sind immer noch dafür. Er beseitigt zuverlässig alle Erreger, ist aber nicht ungefährlich.“

„Auf gar keinen Fall“, mischte David sich ein. „Ich habe noch mal recherchiert. Nicht in geschlossenen Räumen!“

„Ach, komm“, rief Cem. „No risk, no fun. Das kriegen wir hin.“

„Wir haben bessere Alternativen. Spiritus, zum Beispiel. Oder Streusalz. Reinigungsessig für Oberflächen haben wir hier genug.“

Cem, Tarek und Jonah sahen sich an. Dann kratzte Cem sich am Kopf und Jonah zupfte an ihren Ohrringen. „Stimmen wir ab“, sagte Jonah schließlich.

Die Mehrheit lehnte Löschkalk ab, was Tarek verdrießlich das Gesicht verziehen ließ. Cem schien ein besserer Verlierer zu sein. Er zuckte mit den Achseln und brummelte ein gutmütiges „Tamam“.

„Okay“, meinte Jonah. „Letzter Punkt vor dem Frühstück: Duschen.“

„Oha“, riefen mehrere Stimmen gleichzeitig.

„Ja, ich weiß, ein brennendes Thema. Wir haben überlegt, einen Plan aufzustellen.“

„Schon wieder einen Plan“, murmelte Peter. „Schlimmer als in der Schule.“

Krzystof und Ingo lachten polternd.

Jonah räusperte sich ungehalten. Nora sah, wie sie ihren wachsenden Ärger zu bändigen versuchte. „Laut Cem gibt es vier Duschkabinen im Verkaufsbereich. Zwei davon könnten wir in der Nähe der Toiletten aufstellen und installieren.“

„Ich nehme die mit Regendusche“, brüllte Ingo.

„Mann, halte endlich deine dämliche Klappe“, rief ein Mann. Nora erkannte den Glatzkopf, der in den letzten Tagen noch hagerer geworden war. „Du nervst!“

Ingo hielt inne und musterte den hageren Mann mit zusammengekniffenen Augen. „Wie war das?“

„Du hast mich schon verstanden. Mach doch selbst mal einen Vorschlag.“

Ingo verschränkte die Arme vor der Brust. Eine bedrohliche Pose. „Wie wäre es, wenn wir den ganzen Kindergarten-Scheiß einfach lassen? Soll doch jeder duschen oder essen, wie er mag. Es ist genug da.“

„Blödsinn.“ Der Glatzkopf ereiferte sich. „Meine Frau steckt seit drei Tagen in einem verdammten LIDL fest, verstehst du?“

„Cool. Genug zu fressen.“ Ingo grinste boshaft.

„Aber niemand, der dafür sorgt, dass es gerecht verteilt wird. Folge: Anarchie. Irgendwelche Typen, die sich anmaßen, sich als Bosse aufzuspielen. Bei denen sterben die Leute nicht an dem verdammten Virus, sondern weil sie sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Nur, weil Typen wie du denken, die Welt gehöre ihnen. Die sich aufspielen, als wären sie was Besonderes.“

„Ich geh dir gleich an die Gurgel, du Lauch“, fuhr Ingo auf.

„Komm doch!“, fauchte der Hagere.

„Gregor.“ David stieg von der Palette und stellte sich direkt vor den Glatzkopf. „Lass dich nicht provozieren.“

„Aber der...“

„Der hat genauso Angst wie du. Wie wir alle. Wir gehen nur unterschiedlich damit um.“

„Ich hab keine Angst!“, brüllte Ingo. Spucke flog aus seinen Mundwinkeln. Glücklicherweise behielten Peter und Krzystof die Nerven und zogen Ingo zurück.

„Meine Frau hat Angst!“, schrie Gregor und brach plötzlich in Tränen aus. „Und ich hab auch Angst. Um sie, verstehst du? Um unsere Kinder, die allein zu Hause sind und fürchterliche Angst haben, begreifst du das, du Idiot? Die Leute hier halten uns am Leben!“

„Einen Scheiß machen sie“, keifte Ingo zurück. „Wir sterben wie die Fliegen hier drin. Hast du’s noch nicht gerafft? Scheißegal, was unser toller Rat veranstaltet: Wir verrecken hier drin!“

Gregors Kopf zuckte zurück, gleichzeitig mit Noras, deren Wangen brannten, als hätte Ingo sie geohrfeigt.

Absolute Stille setzte ein.

„Du Arschloch!“, fegte Jonahs Stimme plötzlich über sie alle hinweg. „Dann geh doch und verrecke! Wir versuchen wenigstens, am Leben zu bleiben. Euch am Leben zu halten. So viele wie möglich!“

Wutentbrannt funkelte Ingo Jonah an. „Du blöde Schlampe! Wer hat dich eigentlich gefragt? Wer dich gewählt?“

Tarek und Cem erwachten aus ihrer Starre und stiegen von der Palette hinunter.

„Schluss jetzt!“, riefen David und Judith gleichzeitig.

„Geht“, sagte David dann und schob sein Haar hinter die Ohren. „Geht alle. Wir beenden die Versammlung. Geht euch abreagieren. Alle.“

Schwer atmend entfernten Gregor und Ingo sich voneinander; letzterer flankiert von seinen Freunden. Sie hatten keine Partei für Ingo ergriffen, fiel Nora auf. Nicht, als die Situation drohte, zu eskalieren.

Sie zog sich in eine Ecke zurück, wehrte Davids und Jonahs besorgte Fragen ab, wollte allein sein.

Alles bricht zusammen, dachte sie finster. Sie merkte, dass sie mit den Zähnen knirschte und zwang sich, die Augen zu schließen und tief zu atmen. Als sie sie wieder öffnete, starrte sie in die eisblauen Augen des einsamen Wolfes. Er musterte sie sekundenlang, dann zog er an seiner Zigarette und verschwand zwischen den Regalen.

Mittwoch. 15. Oktober

„Mama?“

„Mir geht es gut, Ben und James ebenfalls. In Budapest ist man vorsichtig, aber noch ist nichts passiert. James macht sich große Sorgen. Dagegen lässt sich nichts tun.“

Nora schluckte. „Weitere drei sind gestorben, Mama.“

Nora hörte ihre Mutter atmen, bevor sie antwortete. „Das tut mir leid, mein Kind. Jonah sagte gestern, dass ihr mit weiteren Toten rechnet. Sie macht sich Sorgen um dich. Weil du das Ableben dieser Menschen persönlich nimmst.“

„Vierzehn Tote seit dem Einschluss. Miese Quote. Brigittes Liste schrumpft.“ Nora kniff sich in die Nasenwurzel, um die Tränen zurückzuhalten.

„Du bist nicht dafür verantwortlich, Kind! Du und deine Helfer tun, was sie können. Selbst James mit all seiner Hightech-Ausrüstung wäre gegen das Virus machtlos. Zu diesem Zeitpunkt, zumindest. Ich erzähle ihm alles weiter, weißt du. Er lobt dich immer. Euch und euren Erfindungsreichtum.“

Nora zog die Nase hoch. „Es sind keine Unbekannten mehr, Mama. Anfangs ... war es auch schlimm, aber die Leute waren Fremde. Jetzt kenne ich ihre Namen, ein bisschen von ihrem Leben. Carl, Jenny, Thomas.“

„Nora“, unterbrach ihre Mutter sie. „Hör auf, dich zu quälen. Das ist das Schwierigste an unserem Job. Du musst Mitgefühl zeigen, den Menschen helfen, aber gleichzeitig musst du dich emotional von ihnen lösen.“

„Wie soll das denn gehen?“

„Na, wie im Krankenhaus auch. Du hast Menschen ins Hospiz geschickt, sie sterben sehen, sie nach Hause geschickt im Wissen, dass sie nur noch ein paar Wochen haben. Auch das war schwer, auch das hat dich mitgenommen, aber du hast es geschafft. Du hast es überstanden. Du kannst das, Noralein. Du bist dafür gemacht. Es wird vorüber gehen. Jede Epidemie ist irgendwann zu Ende.“

„Ist denn draußen schon was zu Ende?“

Ulrike Thomsen schwieg kurz. „Nein. Aber es ist schwer, zu sagen, ob es noch das Virus ist oder die Menschen, die es überleben. Ich habe mal irgendwo gehört, dass Zivilisation nur ein dünnes Gewand ist. Scheint so, als löse sie sich gerade auf. Punktuell zumindest. Hier gehen Fensterscheiben kaputt und Keller werden aufgebrochen. Niemand holt den Müll ab, niemand ist draußen. Bis auf die, die Böses im Schilde führen. Manchmal höre ich jemanden schreien. Von draußen und drinnen.“

Nora dachte an die Troublemaker, an Gregors Frau, die in einem Supermarkt festsaß, der Gnade und den Launen irgendwelcher Typen ausgesetzt. Sie dachte zurück an die Lockdowns der letzten Jahre, an die Berichte misshandelter Ehefrauen und Kinder. Nachts hörten sie hin und wieder lautes Knallen. Waren das Schüsse gewesen?

„Hey, das ist nicht Amerika, Mama“, sagte sie in den Hörer und merkte schnell, dass sie vor allem sich selbst beruhigte. „Nur in Filmen gehen die Leute sich gegenseitig an die Gurgel und erschießen einander.“

„Sicher“, gab ihre Mutter zurück. „Ich habe mich trotzdem eingeschlossen. Bin in den Keller und auf den Dachboden und habe mich mit allem eingedeckt, was ich finden konnte. Sogar die Uralt-Einmachgläser von deiner Oma habe ich hochgeholt.“

Was gäbe ich nicht alles für eine eingemachte Gurke. Oder einen Löffel Apfelmus.

„Kerzen, Batterien, alles, was ich finden konnte. Ich habe immer die Fenster zu und die Gardinen vor. Nur morgens lüfte ich kurz und schaue nach den Tauben. Aus der Entfernung.“ Bei der Erwähnung ihrer Lieblinge wurde Ulrike Thomsen leiser und hörbar betrübter.

„Wie viele?“, fragte Nora.

„Acht. Ich kann sie nicht wegbringen, also ist es nur eine Frage der Zeit, bis weitere erkranken. Einige sind nicht zurückgekehrt.“

„Es tut mir so leid, Mama.“

„Hey“, lenkte ihre Mutter das Gespräch zurück zu Nora, „was ist denn mit dem vierten Patienten? Jonah sagte was von vier neuen Patienten.“

„Anja. Ja. Sie hat heftige Symptome, aber sie lebt noch.“

„Es gibt auch noch andere Krankheiten, weißt du. Normale Erkältungen zum Beispiel. Es ist immerhin Oktober.“

„Stimmt. Einer der Männer, Alfred, leidet unter einer altersbedingten Herzinsuffizienz. Er hat ein gesondertes Lager. Brigitte versorgt ihn, wenn er sich ausruhen muss. Sind irgendwie süß zusammen, die beiden.“ Nora erschrak fast, als sie bemerkte, dass sie lächelte. „Aber Anja hat ziemlich sicher das Virus. Die Augen sind ein deutliches Symptom.“

„Bindehautentzündung?“

„Hm. Sie hat außerdem Durchfall und Erbrechen, aber ihre Atemwege scheinen freier als die der anderen. Husten und Schnupfen ja, aber ohne die enorme Schleimproduktion.“

„Wenn sie überlebt ...“

„Ja. Das wäre ein echter Hoffnungsschimmer. Ein Sonnenstrahl.“

Nora nahm Bewegungen wahr. „Ich muss los Mama. Morgen ruft Jonah an. Bis übermorgen also. Küsschen, auch an Ben und James.“

Sie legte auf und sah sich um. Jonah kam ihr entgegen und reichte ihr eine Tasse dampfenden Kaffee. „Genieße ihn. Ist der letzte Kaffee, den wir haben.“

Nora verschluckte sich beinahe. „Ernsthaft? Ich dachte, es gäbe mehrere Päckchen; allein vom Bäckerstand.“

„Tja, und Brigitte und ihre Leute kochen mehrere große Kannen am Tag. Wir sind immer noch fast fünfzig Leute, da geht was weg.“

Die Zahl versetzte Nora einen erneuten Stich.

„Geht es Mama gut?“, erkundigte sich Jonah und zog Nora mit sich zu ihrem Lieblingsplatz im Eingangsbereich, dem Kassenband. Sie kletterten darauf und ließen die Beine baumeln, während Nora das Gespräch mit ihrer Mutter zusammenfasste.

„Sie ist ganz schön gewieft, was?“, sagte Jonah mit hörbarem Stolz in der Stimme. „Konserven aus dem Keller und so.“

„Das hast du von ihr. Den Erfindungsreichtum, den Pragmatismus.“

„Dafür hab ich euer Helfersyndrom nicht geerbt.“

„Stimmt. Du bist das schwarze Schaf, was das anbelangt.“

„Hey!“

„Aber das hier ... Das machst du echt gut.“

„Na ja. Gestern ja wohl nicht. Diese Stänkerfritzen gehen mir so auf den Geist. Hab die Nerven verloren.“

„Passiert“, gab Nora zurück und für eine Weile schwiegen sie und genossen die Sonne, die durch die Glasfront fiel. Seit ihrem ersten Ausflug hierher vermied Nora es, auf den Parkplatz zu schauen. Sie hatte keine Lust, mehr tote Vögel zu sehen, oder lebendige Vögel, die an den beiden toten Frauen pickten.

„Warum hast du dein Studium abgebrochen?“, fragte Jonah plötzlich.

Nora zuckte mit den Achseln und trank ihren Kaffee. „Ich war zu dumm.“

„Hä? Du hattest ein Einser-Abi.“

„Trotzdem war ich überfordert. Ich fand keinen Anschluss. Die anderen wirkten alle so selbstbewusst, so intelligent, so fokussiert, verstehst du?“ Sie atmete tief durch, dann lächelte sie. „Ich war das Mäuschen. Niemand nahm mich wahr, niemand traute mir etwas zu. Ich mir am allerwenigstens.“

„Das ist doch Bullshit“, widersprach Jonah.

„Ach ja? Du hast mir doch auch nie etwas zugetraut. Du hast immer alles geregelt; auch Dinge, die nichts mit dir zu tun hatten.“ Jonah wollte protestieren, aber Nora hob ihre Hand. „Lass es. Wir wissen beide, dass ich recht habe. Ich bin ein Mäuschen. Das ist okay. Aber wie sollte so jemand Ärztin sein? Entscheidungen treffen? Entscheidungen, die Leben oder Tod bedeuten? Operieren? Ein Team führen? Das war nichts für mich. Das war nicht ich. Als Krankenschwester habe ich meine Nische gefunden.“

„Hm“, war alles, was Jonah erwiderte. Sie wirkte nachdenklich.

„Was ist mit dir? Warum kellnerst du?“

„Was ist verkehrt am Kellnern?“

„So weit ich mich erinnere, hast du ebenfalls Abitur. Und im Gegensatz zu den Storys, die du so gern bei Familienfeiern erzählst, hatte es ebenfalls eine Eins vor dem Komma, oder?“

„Hm. Ich war nie so der Lerntyp. In der Oberschule war ich mehr auf dem Klo kiffen als im Unterricht.“

„Oder Party machen, auch in der Woche.“

Jetzt grinste Jonah. „Das mache ich immer noch.“ Dann wurde sie wieder ernster. „Ich hatte die mega Streberin zur Schwester. Alle dachten immer, wir sehen gleich aus, also müssen wir auch gleich sein. Aber ich bin nicht wie du.“

„Ich war keine Streberin.“

Jonah schnaubte. „Und ob.“

Nora lächelte wehmütig. „Okay. Bücher liegen mir halt mehr als Menschen.“

„Wenn das so wäre, wärst du Bibliothekarin und keine Krankenschwester.“

„Du weißt, was ich meine. Wie machst du das? Immer so vorlaut vorneweg. Vor anderen reden. Mit anderen streiten.“

„Keine Ahnung“, gab Jonah zu. „Bin halt so. Und in der Gastro brauchst du ein loses Mundwerk und Durchsetzungsvermögen.“

„Hast du immer noch den Traum von der eigenen Kneipe?“

„Partytempel. Eventlocation. Jep. Mir fehlt nur immer noch ein dicker Batzen Kohle. Mal sehen, ob sich mit Leo was entwickelt. Er verdient ganz gut als Informatiker.“

„Seid ihr zusammen?“

Jonah wiegte ihren Kopf hin und her. „Ist alles noch ziemlich frisch und lose.“

„Geht’s ihm gut?“

„Stubenhocker. Solange er Strom hat, kann er zocken und coden.“

Wieder schwiegen sie. Nora war ihrer Schwester dankbar, dass sie das Thema „Männer“ nicht weiter ausführte. Sie hätte nicht viel beizutragen gehabt. „Johanna“, sprach sie stattdessen in die Stille hinein, bewusst den Geburtsnamen ihrer Schwester wählend, den diese verabscheute. Mit entsprechend düsterer Miene sah Jonah sie an. „Ich versuche mal, das so nett wie möglich zu sagen. Du müffelst.“

Das brachte Jonah kurz aus der Fassung. Sie hob den Arm, zog ihre Jeansjacke auseinander und schnüffelte. Danach verzog sie das Gesicht.

„Ich rieche wahrscheinlich nicht besser. Das bisschen Deo und die Reinigungstücher tun es auf Dauer nicht.“

„Du glaubst nicht, wie gern ich mir die Zähne putzen würde“, gab Jonah säuerlich zurück. „Oder die Haare waschen. Von meiner Intimzone ganz zu schweigen.“

„Auf der anderen Seite des Parkplatzes ist eine Tankstelle“, sagte Nora wehmütig. „Die haben bestimmt auch Kosmetika und Zahnbürsten.“

„Und Essen.“

„Snacks, meinst du.“

„Besser als nichts.“

„Über kurz oder lang brauchen wir alle was Frisches. Vitamine. Proteine. Nicht nur Kohlehydrate und Zucker.“

„Hab schon an Supplements gedacht.“

„Ich weiß nicht, ob es das an der Tanke gibt.“

„Die Tanke ist eh ein Wunschtraum. Wir kommen hier nicht raus. Und ich will hier auch nicht raus. Draußen geht die Welt unter.“

Nora stützte ihre Hände hinter sich ab und legte den Kopf in den Nacken. „Ich schon. Mittlerweile.“

Jonah richtete sich auf. „Du spinnst.“

„Willst du nicht zu Mama? Oder zu Leo? Lieber sitze ich in einer kleinen Wohnung als hier mit lauter Fremden. Mama hat eingemachte Gurken und Apfelmus.“

„Du spinnst“, wiederholte Jonah, sprang vom Kassenband und ergriff Noras Schultern mit beiden Händen, zwang sie, auf den Parkplatz zu schauen. „Das erwartet dich da draußen.“

„Wir könnten das Auto nehmen und direkt zu Mama fahren.“

„Da liegen überall infizierte Vögel. Und infizierte Menschen! Die Nachrichten sind voll von Aufständen, Plünderungen, Bränden. Hier sind wir wenigstens halbwegs sicher.“

„Hier sterben wir genauso“, widersprach Nora. „Ingo und seine Kumpane werden über kurz oder lang was anzetteln. Die Vorräte halten nicht ewig und wenn der Strom ausfällt, geht hier alles schneller vor die Hunde, als du dir vorstellen kannst.“

„Nora!“ Jonah sah sie entsetzt an. „Ich dachte, wir wuppen das hier zusammen. Draußen ist es gefährlicher als hier drin. Wir kriegen das in den Griff.“

„Wie lange denn? Ernsthaft, Jonah, ganz realistisch: Wie lange willst du hierbleiben?“

„Bis die gröbste Scheiße vorbei ist.“

„Und wann soll das sein? Vielleicht fängt die richtig große Scheiße auch gerade erst an.“

„Du spinnst.“ Jonah drehte sich um und ging in Richtung des Marktinneren. Kurz vor dem Durchgang zur nächsten Abteilung drehte sie sich um. „Ach, übrigens. Duschen. Du und ich sind heute dran. Punkt 14:00 Uhr. Zwanzig Minuten. Handseife habe ich schon besorgt, T-Shirts und Latzhosen auch. Unsere Klamotten weichen wir in Sammelkanistern ein und hängen sie zum Trocknen hier vorne auf. Hier ist es am luftigsten und wärmsten.“

„Aye, aye“, murmelte Nora und sah ihrer Schwester nach. Jonah hatte abgenommen. Ihre hautenge, schwarze Jeans schlabberte an ihr und war fleckig und staubig.

Als sie nach ihrer Tasse griff und sich zum Gehen umwandte, sah sie eine Bewegung hinter einem der mannsgroßen Aufsteller.

Erbost trat sie der Gestalt entgegen. „Spionierst du schon wieder?“

Der einsame Wolf verzog keine Miene.

„Hast du nichts Besseres zu tun, als uns alle zu beobachten?“

„Beobachten ist wichtig“, erwiderte er ruhig.

„Oh, es kann sprechen.“

„Du beobachtest doch auch ständig.“

„Aha.“

Seine eisblauen Augen fixierten sie. Sie waren vollkommen ausdruckslos, aber von auffallender Intensität. „Wenn ihr rausgeht, nehmt ihr mich mit.“ Seine Stimme klang angenehm dunkel und kratzig.

„Ist das ein Befehl?“

Er drehte sich um und ging.


Zum Glück schwankte der Strom erst, nachdem sie geduscht und sich in die ungewohnte Kleidung gehüllt hatte. Sven hatte Thermounterwäsche aus einem kleinen Lagerraum aufgetrieben, die noch nicht im Verkauf und als Winterangebot gedacht gewesen war. Nora und Jonah waren dankbar, dass sie nicht ohne Unterwäsche in die steifen Latzhosen steigen mussten.

„Kriegen nicht alle“, hatte Sven betont. „Ingo zum Beispiel ist leider zu fett. Ihr müsst zu Gregor und Anita gehen; die verwalten die Kleidung.“

„Du siehst lächerlich aus“, hatte Jonah festgestellt, nachdem sie sich gemeinsam umgezogen hatten. Die Kleidung - T-Shirt, Latzhose, Regenjacke - war zu groß. Sie musste Ärmel und Beine hochrollen. Jonah trug statt der Regenjacke eine Warnweste über einem karierten Männerhemd in Größe XXL.

„Ist doch nur vorübergehend“, hatte Nora erwidert und ihre Klamotten in einer Schüssel mit Seifenlauge eingeweicht. Während sie die tropfenden Kleidungsstücke auf improvisierte Leinen im Kassenraum aufhängten - der umsichtige Tarek hatte große Verpackungskartons aufgeschnitten und unter die Leinen gelegt, damit niemand ausrutschte - flackerte das Licht. Da die Sonne schien, fiel es ihnen erst auf, als sie Rufe aus dem Marktinneren hörten.

Menschen liefen ihnen aufgeregt entgegen. Stimmen redeten durcheinander.

„Das Licht flackert.“

„Meine Handyverbindung ist weg.“

„Meine auch.“

„Der Strom ist weg.“

Jonah drehte sich zu Nora. „Scheiße.“


Das Flackern brachte Bewegung in die geschrumpfte Menge. Einige verfielen in Panik, tippten hysterisch auf ihren Handys herum, schüttelten die Geräte, brüllten ihren Frust heraus. Gregor, der hagere Glatzkopf, war kaum zu beruhigen. Er lief durch die Gänge, zeterte laut, wurde dann wieder beängstigend still. Einmal herrschte er Felix an, der ihm mit seinem Einkaufsbuggy vor die Füße fuhr. Er entschuldigte sich sofort und strich dem scheuen Jungen über den Kopf, danach brach er beinahe in Tränen aus. Sonja, deren Sohn die Kirche schon vor mehreren Tagen verlassen hatte und nun mit seiner Schwester und seinem Vater zu Hause auf sie wartete, verlor ebenfalls die Nerven. Sie boxte unentwegt gegen eine Wand, bis Krzystof sie wegzog und in seine Arme schloss, wo sie hemmungslos zu heulen begann, was Felix dazu brachte, sein Stofftier zu umklammern und im Schoß seiner Mutter Schutz zu suchen. Von dort beobachtete er das Geschehen aus großen, braunen Augen und mit dem Daumen im Mund.

Anderen versetzte das Flackern einen Energiestoß. Mehrere Männer füllten die Trinkwasservorräte auf. Tarek, Cem und Alfred spannten weitere LED-Bänder um die Krankenstation. Wieder andere, unter ihnen hauptsächlich Frauen, verschwanden in den Duschkabinen und in den Toiletten, um sich zu waschen. Brigitte, Ariane und Carmen lauschten ängstlich auf das immer wieder aussetzende Brummen des Kühlschrankes und baten Sven, Peter und David, sich nach Alternativen für Wasserkocher, Herdplatten und Kaffeemaschinen umzusehen.

Nora beobachtete das Treiben wie betäubt. Erst allmählich drang zu ihr durch, was es wirklich für sie bedeutete, wenn der Strom komplett ausfiel. Zuerst das Naheliegende: Licht, Heizung, Lüftung. Keine Kommunikation mehr nach außen. Kein fließendes Wasser mehr. Und damit würde die Hygiene zum Problem werden. Die Toiletten würden verstopfen und stinken. Die Leichen würden stinken. Die mageren Vorräte würden vielleicht verderben.

Und am schlimmsten: Die Menschen würden durchdrehen.

Sie schrak zusammen, als die Lautsprecheranlage knisterte und die Stimme ihrer Schwester an ihre Ohren drang.

„Leute“, sprach Jonah mit absurd gefasster Stimme. „Bitte beruhigt euch. Panikanfälle bringen jetzt gar nichts.“

Noch mehr Lärm setzte ein. Es wurde protestiert, gelacht, geflucht, diskutiert. Davon bekam Jonah im Büro der Marktleitung nichts mit, deshalb sprach sie unvermindert weiter, auch wenn kleinere Schwankungen ihre Stimme immer wieder abrupt abschnitten.

So ging es minutenlang weiter. Jonahs beherrschte, hin und wieder abgehackte Stimme aus den Lautsprechern gegen den zunehmenden Geräuschpegel der aufgeregten, verunsicherten Gruppe.

Und dann ging das Licht aus und die Lautsprecher erstarben. Es war ein Schock, obwohl sie es hatten kommen sehen. Obwohl sie es geahnt, befürchtet hatten. Obwohl sie darauf vorbereitet gewesen waren.

Draußen dämmerte es gerade erst, deshalb wurde es nicht stockdunkel, zumal die LED-Bänder ein schwaches Licht verbreiteten. Dennoch standen sie vor Entsetzen wie gelähmt. Felix fing laut an zu weinen, schrie nach seiner Mutter und nach seinem Vater.

Mama, dachte Nora erschrocken und tastete nach ihrem Handy, das sie umständlich aus der tiefen Hosentasche fingern musste. Überall um sie herum leuchteten Displays auf.

„Keine Verbindung“, sagte jemand tonlos.

„Tja, Leute“, meinte Judith mit leicht zitternder Stimme. „Das war’s wohl. Wir haben soeben den Kontakt zur Außenwelt verloren.“

Nora spürte, wie Verzweiflung ihr die Luft abschnürte, zwang sich zu tiefen, kontrollierten Atemzügen.

Jonah kam durch die halbdunklen Gänge zu ihnen gelaufen. Vorwurfsvolle, teils boshafte Blicke hagelten auf sie ein, unter denen sie zu schrumpfen schien.

„Es ist nicht ihre Schuld“, sagte Nora laut.

Die Blicke wurden sanfter, zwei oder drei Leute murmelten eine Entschuldigung, doch Jonahs Haltung blieb geduckt. Die meisten wandten sich ab, still, geschockt, gelähmt, resigniert; wanderten zu ihren Schlafplätzen, wollten allein sein. Gregor lehnte seinen Kopf gegen ein Regal. Sonja stand stocksteif, wie eingefroren, als hätte ihr Organismus sich abgeschaltet. Felix hatte sich um seine Mutter geschlungen und schluchzte. David stand stumm daneben und knetete T-Rex. Ingo, Krzystof und Peter bildeten einen kleinen Kreis, starrten auf ihre Telefone, diskutierten miteinander. Ausnahmsweise wirkten sie jedoch nicht angepisst, sondern betroffen.

Nora fiel auf, dass sie nichts von diesen drei Männern wusste. Ingo wirkte wie einer dieser Typen, die ohne Helm auf Motorrädern herumfuhren, in Kneipen abhingen und ansonsten ihre Steuergelder verprassten, und Krzystof wie ein Fernfahrer, der überall Ärger suchte und aneckte. Peter hingegen war gut gekleidet und akkurat frisiert. Ein BWL-Typ, redegewandt und von einnehmendem Wesen. Ein Macher in der Welt draußen. Aber stimmte das? Vielleicht war Ingo ein liebevoller Familienvater, Krzystof ein großer Teddybär und Peter in seiner Freizeit ein Mann, der seiner Freundin jeden Wunsch erfüllte und beim Anblick von Kätzchen dahinschmolz. Sie versuchte, Sympathie für die drei aufzubringen, aber es gelang ihr nicht. Wann immer sie sie anschaute, vor allem, wenn sie die Köpfe zusammensteckten wie jetzt, überrollten sie Argwohn und Ärger.

Sie schreckte aus ihren Gedanken, als sie sah, dass der einsame Wolf, wie immer seinen Rucksack auf dem Rücken, in Richtung des Kassenbereiches ging. Seine Schritte wirkten zielstrebig. Neugierig folgte sie ihm, verharrte aber im Durchgang, drückte sich in den Schatten.

Er blieb vor der Tür stehen, stemmte die Arme in die Hüften und musterte die Türkonstruktion. Zunächst tat er nichts, stand nur da, schien zu warten. Lauschte er auf etwas? Nach einigen Minuten drückte er fest gegen Tür, als versuchte er, sie aufzuschieben, scheiterte jedoch. Als er sich umwandte, meinte Nora, zum ersten Mal so etwas wie eine Emotion über sein Gesicht huschen zu sehen. Frustration? Verärgerung? Im Zwielicht waren Einzelheiten nicht gut zu erkennen.

Er entdeckte sie und die maskenhafte Starre legte sich wieder über seine markanten Züge. „Spionierst du diesmal mir nach?“

Sie trat aus dem Schatten. „Was ist mit der Tür?“

Er zögerte kurz, dann kam er näher. „Der Strom ist weg. Ich dachte, sie würden sich öffnen.“

„Aber Alfred hat doch gesagt, dass das nicht passiert.“

„Dass das wahrscheinlich nicht passiert“, korrigierte Lars knapp. „Die Chancen standen fifty-fifty. Normalerweise müssen Fluchtwege frei gemacht werden, wenn der Strom ausfällt.“

„Aber...“

„Aber es gibt Sonderregelungen. Gefängnisse oder die Psychiatrie zum Beispiel.“

Logisch, dachte Nora und stellte sich vor, wie Häftlinge einfach ihre Türen öffneten oder irre Gewalttäter auf die Straßen strömten. Sie schauderte, als ihr bewusst wurde, dass genau das vielleicht draußen geschah.

„Die haben einen Notstromkreis, sodass die Türen zubleiben. Erst mal.“

Nora schluckte. „Erst mal?“

„Notstrom hält nicht ewig.“

„Wie lang?“

„Ein paar Tage. Maximal. Eher weniger.“

„Also wolltest du kontrollieren, ob sie zu sind?“

„Ich wollte schauen, ob sie offen sind.“

„Willst du fliehen?“ Nora purzelte die Frage über Zunge und Lippen, noch bevor sie nachgedacht hatte. Sie räusperte sich, blickte Lars aber weiterhin an.

„Sagen wir, ich mag geschlossene Räume nicht so gern.“

„Klaustrophobie?“

„Sagen wir, ich würde gern den Himmel sehen und echte Luft atmen.“

„Fühle ich“, murmelte Nora. „Aber es ist nicht sicher draußen.“

„Ich komme ganz gut zurecht.“

Das bezweifelte Nora keinen Moment, ohne dass sie hätte erklären können, warum. Der Rucksack, entschied sie. Er sah aus wie ein Survival-Paket. „Wenn die Türen aufgehen“, sinnierte sie laut, „werden die Leute fliehen.“

Lars sah sie an. „Na und? Du kannst sie nicht einsperren.“

„Aber es ist nicht sicher.“

„Das muss jeder für sich entscheiden.“

Nora dachte nach. „Was ist besser? Drinnen oder draußen?“

„Das ist die Ein-Millionen-Dollar-Frage. Aber vielleicht gehen die Türen gar nicht auf. Nie mehr. Das ist das, was Alfred meinte. Manche Türen verriegeln nach einem Stromausfall vollständig. Fail-Secure. Gut vorstellbar bei einer biologischen Gefahr.“

„Aber irgendwann sterben die Leute drinnen.“

„Kollateralschaden.“ Lars Entgegnung klang gnadenlos und löste in Nora widersprüchliche Gefühle aus. Sie zuckte zurück, gleichzeitig verstand sie.

Lars schien ihr den Gefühlssturm anzusehen. Seine Miene wurde ein wenig weicher. „Manchmal kann man die Türen dann manuell entriegeln. Vielleicht gibt es irgendwo einen Schlüssel oder Schalter.“

„Müsste Cem das nicht wissen?“

Lars erwiderte nichts.

„Er ist der Haustechniker“, schob Nora hinterher.

Lars griff in seine Brusttasche und zog ein zerknittertes Päckchen hervor, schüttelte sich eine Zigarette heraus, hielt Nora die Schachtel hin. Nachdem diese abgelehnt hatte, trat er einige Schritte zurück in den Inneneinrichtungsbereich, schob seine Maske unter das Kinn, zündete sich die Kippe an und sog mehrfach daran. „Möglichkeit A“, sagte er dann. „Er weiß nichts von einer Entriegelung. Zum Beispiel, weil nur der Marktleiter darauf Zugriff hat.“

Nora runzelte die Stirn, folgte aber Lars Überlegungen schweigend.

„Ein Problem, falls wir wirklich einmal hinaus müssten, aber für die Gruppendynamik am besten. Weniger interne Konflikte.“

Nora nickte langsam.

„Möglichkeit B. Er kennt den Mechanismus.“

„Warum hat er dann nichts gesagt?“

„Möglichkeit B1: Vergesslichkeit.“

Nora schnaubte.

„Möglichkeit B2: Arglist, wahrscheinlich zu seinem eigenen Vorteil.“

„Cem wirkt nicht wie der verschlagene Typ.“

„Möglichkeit B3: Unterschlagung zum Wohle der anderen. Gepaart mit Loyalität.“

„Wem gegenüber?“

„Seiner Arbeitsstelle. Seiner Funktion. Er ist eine Art Eingeweihter mit der besonderen Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen. Es ist sein Baumarkt, sein zweites Zuhause. Er beschützt es, hält es für sicher. Sicherer als das, was draußen ist.“

„Hm.“

„Möglichkeit B4: Angst. Unsicherheit. Und damit Verdrängung der Entscheidung.“

„Wenn die Türen aufgehen, gehen sie eben auf“, sagte Nora nachdenklich. „Nicht seine Entscheidung. Falls nicht ... tja.“

„Ich finde, wir sollten mit Cem reden.“ Lars drückte die Zigarette mit der Stiefelsohle aus, hob den Stummel auf und schob ihn zurück in die Packung.

„Vielleicht sagt er nicht die Wahrheit.“

„Einen Versuch ist es wert, denkst du nicht?“

Nora fühlte sich überrumpelt von der Argumentation des rätselhaften Mannes. Alles hörte sich durchdacht an. Nachvollziehbar. Aber sie brauchte Zeit, um darüber nachzudenken, sich eine eigene Meinung zu bilden. Momentan hatte sie das Gefühl, keine einzige Entscheidung treffen zu können. „Jetzt?“, fragte sie lahm.

Lars schaute sie noch einen Augenblick an. „Zu lange sollten wir nicht warten.“ Dann wich er ihrem Blick aus, kniff die Lippen zusammen, machte auf dem Hacken kehrt und ließ sie stehen.

Merkwürdigerweise verstand Nora dieses Verhalten. Er war ein Grübler und Beobachter, so wie sie selbst. Bisweilen musste man sich dann jemandem anvertrauen, die eigenen Gedanken laut aussprechen, sich Dinge erklären. Nora redete oft mit sich selbst, wenn sie sich sortieren musste. Lars wirkte nicht wie ein Mensch, der Selbstgespräche führte. Nora tippte auf einen Hund. Erstaunlich war, dass er sie bei der Unterhaltung mit Cem dabei haben wollte. Ein unbestimmtes, aber warmes Gefühl breitete sich in ihr aus.

Nachdenklich machte sie sich auf den Rückweg zur Info-Theke, die im Laufe der Tage zum zentralen Sammelpunkt, zu einer Art Marktplatz geworden war. Dort fand sie Jonah, Judith, Brigitte und Alfred vor.

Jonah musterte sie mit einer Mischung aus Missmut und Neugier. „Wo bist du denn gewesen? Sven kümmert sich um Anja.“

Plötzlich fühlte Nora sich müde. Ausgelaugt geradezu. „Hat ihr Zustand sich verschlechtert?“

„Nein, aber trotzdem. Und Alfred geht’s nicht so berauschend.“

Der alte Elektriker winkte ab. Dunkle Schweißflecken bedeckten sein graues Hemd und seine Maske war feucht von der Atemluft. Er roch abgestanden. „Nur der Blutdruck“, flüsterte er. „Der Schock, vermute ich. Ich gehe mich hinlegen.“

Nora legte ihm die Hand auf die Stirn, bat ihn, die Brille hochzuschieben, kontrollierte die alterstrüben Pupillen. „Keine Grippesymptome“, stellte sie fest und gab ihm einen Klaps auf den Arm.

Brigitte atmete erleichtert aus, hakte sich bei Alfred unter und zog ihn mit sich.

„Wie lange kann er so weitermachen?“, fragte Judith, als die beiden außer Hörweite waren.

„Ohne Medikamente? Keine Ahnung.“ Nora strich sich über die Stirn. „Ich gehe nach Anja sehen.“

Jonah nickte. „Genug Aufregung für einen Abend. Gehen wir ins Bett, Leute. Die erste Nacht im Dunkeln.“

Donnerstag. 16. Oktober

„Wir verabschieden uns von Helge Penning. Er hinterlässt seine Frau Camilla und seine Tochter Carla.“

„Auf Wiedersehen, Helge.“

„Wir verabschieden uns von Sandra Arnez. Sie hinterlässt ihre Eltern und Großeltern.“

„Auf Wiedersehen, Sandra.“

„Wir verabschieden uns von Tobias Siegmund. Er hinterlässt viele Freunde. Sie nannten ihn Toby.“

„Auf Wiedersehen, Toby.“

„Wir verabschieden uns von Anita Caruso. Sie hinterlässt eine wilde Horde von Verwandten überall auf der Welt, die hoffentlich an ihrem Grab tanzt, anstatt zu heulen. Ihre Worte, nicht meine.“

Kurzes Gelächter. „Auf Wiedersehen, Anita.“

Freitag. 17. Oktober

Gegen Mittag nahm Nora den ersten Geruch wahr. Er breitete sich aus der Nähe der Tierwelt aus. Zuerst war es nur ein kaum wahrnehmbarer Hauch zwischen den Regalen, etwas, was Nora unbewusst die Nase rümpfen ließ. Doch mit jeder Stunde wurde er deutlicher, schwerer, süßlich und faul zugleich. Es gab nichts, das ihn zerteilte oder vertrieb. Die Luft stand still in der Halle. Weder hörte man das Summen der Lüftung noch das Brummen der Kühlaggregate.

Am Nachmittag durchquerte sie mehrere Abteilungen, gelangte wenig später zum Friedhof, wie sie die Tierwelt nun nannten. Dort steuerte sie David, Jonah, Sven und Tarek an, die eine Gruppe von Menschen dirigierten.

„Wie sieht’s aus?“, fragte Nora. „Klappt alles wie besprochen?“

David nickte. „Die Leichen haben wir doppelt in Säcke eingeschlagen. Der Boden des Pools ist mit Karton, Katzenstreu, Holzkohle und Sägespänen ausgelegt, um die Flüssigkeiten aufzufangen. Noch hält es ganz gut, aber wie du sehen kannst, sammelt sich Kondenswasser an den Nähten. Zum Glück ist es einigermaßen kühl.“

„Merkt man“, sagte Nora und zog ihre Jacke enger um sich.

„Schlecht für die Lebenden, aber gut für die Toten“, murmelte Jonah und erschauerte.

„Die Autolyse setzt trotzdem ein“, entgegnete Nora.

„Du meinst die Gase?“, fragte Jonah.

„Ja. Körpereigene Enzyme. Das Gas bildet sich in den Bauchhöhlen.“

„Sieht es deswegen so aus, als würden die Säcke atmen?“, fragte Tarek und fuhr sich über das bärtige Kinn, welches die Maske kaum verdeckte. „Scheiße, hab ich einen Schreck bekommen!“

Nora nickte. „Die Gase blähen sie auf. Schwefelwasserstoff, Ammoniak und Methan.“

„Stinkt wie die Hölle“, sagte Sven, ein Würgen unterdrückend, obwohl er Nase und Mund unter seiner Jacke verbarg.

Nora musterte die Männer und wenigen Frauen um sich. Alle hielten sich an ihre Anweisung, trugen zwei Masken übereinander, doppelte Handschuhe und Overalls. Dennoch wuchs die Sorge in ihr. Den Toilettengeruch würden sie mit Streu, Torf und literweise Desinfektionsmitteln halbwegs unter Kontrolle bekommen, aber das hier, das war Material für einen echten Horrorschocker. Bereits jetzt war die Luft in der Nähe des Friedhofs unerträglich, drückte die Geruchslast wie eine unsichtbare Hand auf die Brust, zwang die Menschen zu Pausen. Immer wieder scherten einzelne zur Seite aus, wo sie sich würgend nach vorn beugten.

„Können diese Säcke platzen?“, fragte Sven.

„Das weiß ich nicht“, erwiderte Nora ehrlich.

„Sollten wir nicht doch den Löschkalk drauf kippen?“, wollte Tarek wissen.

„Nein“, sagte Nora scharf. „Hier entwickeln sich Gase. Chemikalien. Wer weiß, was passiert, wenn Gemische entstehen.“

„Wir müssen lüften“, sagte David langsam und sah sie ernst an. „Das hier ist ein Todesstreifen.“

„Ja“, flüsterte Nora.

Jonah kaute schweigend auf ihrer Unterlippe, dann gab sie sich einen Ruck. „Das hier wird zur roten Zone“, beschloss sie. „Zutritt nur für ganz wenige. Wir müssen eh mit den Masken und Anzügen haushalten.“

„Die Anzüge besprühen wir mit Essig. Die können wir mehrfach nutzen“, hielt David dagegen.

„Ok, dann bekommt jetzt jeder, der hier arbeitet, zwei Anzüge mit Namen drauf. Allen anderen ist der Zugang verboten.“

„Hier will sowieso niemand freiwillig her“, brummte Tarek und fuhr sich erneut über das Kinn. Dann rief er einige Männer herbei. Nora erkannte Peter, Gregor und zwei weitere Männer, die sich als Julian und Hussein vorstellten.

„Okay“, sagte Tarek zu ihnen, „ihr habt euch gerade zu Totengräbern qualifiziert. Zusammen mit Sven, David und meiner Wenigkeit.“

„Super“, entgegnete Julian sarkastisch. „Ein Traum wird wahr. Leichen, nasenbetäubender Gestank und wahrscheinlich bald Scharen von Maden und Fliegen.“ Er reckte übertrieben einen dreckigen Handschuhdaumen in die Höhe.

„Mach nen Song draus“, warf ihm Hussein, ein schlanker, kleiner, sehr aufrecht gehender Mann hin. „Ich vermarkte ihn dann.“

Jonah schnaubte und zog Nora mit sich in Richtung der Krankenstation. „Dir ist schon klar, dass das mit dem Lüften utopisch ist?“

„Jonah.“

„Ich lasse das nicht zu“, zischte ihre Schwester und bog an der nächsten Ecke verärgert ab.

Nora seufzte und ging Judith entgegen, die mit sorgenvoller Miene auf sie wartete.

„Drei weitere Infizierte“, sagte die ehemalige Arzthelferin ohne Umschweife. „Johanna, Mailin und Cem. Uns gehen die Betten aus. Und die Pfleger.“

Bei dem Namen Johanna zuckte Nora kurz zusammen, sodass ihr der letzte Name zunächst entging. „Cem?“, fragte sie dann ungläubig. „Shit. - Geh schon mal vor, Judith“, sagte sie hastig. „Ich komme gleich nach. Gib mir zehn Minuten.“


Nora sprintete die endlosen Regalreihen entlang, lugte in jeden Seitengang. Schließlich fand sie den einsamen Wolf unweit des Eingangsbereiches, wo er scheinbar ziellos an den Wänden entlang schritt, wie immer seinen Rucksack über die Schulter geworfen.

„Cem!“, rief sie schon von Weitem. „Er ist infiziert!“

Lars setzte sich sofort in Bewegung. Er rannte nicht, aber seine langen Beine überholten Nora mühelos. Während er lief, schulterte er den Rucksack vollständig, nestelte eine zweite Maske aus seiner Jackentasche und zog sie über die erste. Geduldig ließ er sich von Nora Handschuhe reichen, verzichtete jedoch auf einen Overall.

„Ich fasse nichts an und halte Abstand“, versicherte er.

Nora nickte, abgelenkt von der Aufregung und Lars Geruch nach Leder, Zigaretten und unaufdringlichem Deo. Ein angenehmer Geruch, alles in allem, besonders nach dem olfaktorischen Inferno, dem sie soeben entronnen war.

Sekunden später beugte sie sich über den Haustechniker. Cem hatte deutlich an Körpermasse verloren. Seine Haut glänzte ölig und schimmerte in ungesundem Gelb. Als er die Augen öffnete, schwammen sie in einer trüben Flüssigkeit und hatten Mühe, zu fokussieren.

„Hey“, begrüßte Nora ihn freundlich.

„Mich hat’s erwischt“, stellte der gutmütige Mann ohne Umschweife fest. „Scheißdreck aber auch. Ist mein Werkzeug hier?“

Nora blickte sich um. „Ja, dein Gürtel hängt über dem Stuhl.“

„Pass gut drauf auf, ja?“

„Klar. - Wie geht’s dir?“

Cem hob matt die Schultern. „Beschissen. Schlapp. Zum Glück bleibt mein Magen- und Darminhalt noch drinnen. Na ja. War eh kaum was.“ Er rang sich ein Lächeln ab. „Kein Essen für einen anständigen Mann. Was futterst du als erstes, wenn du raus kommst?“

Hilfesuchend sah Nora zu Lars.

Dieser schob sich einen halben Schritt nach vorn. „Kennst du einen guten Dönerladen?“

„Nur, weil ich Türke bin?“ Cem feixte. „Vergiss den Döner-Scheiß, Mann. Meine Frau kocht uns was Richtiges. Rouladen.“ Genießerisch verdrehte er die entzündeten Augen. „Ihr seid eingeladen. Ihr alle. Der ganze verdammte Laden.“

„Abgemacht“, sagte Lars und zum ersten Mal sah Nora, wie seine stoppeligen Wangen sich zu einem Lächeln verzogen. Einem halben Lächeln, denn unter den Masken blieb vieles verborgen. Aber es erreichte seine Augen und ließ sie heller funkeln als ohnehin schon.

„Du kannst ja reden“, brachte Cem heraus, bevor ein Hustenanfall ihn unterbrach. Nora half ihm ein Stückchen auf, sodass er besser Luft bekam. Sorge wühlte sich durch ihre Eingeweide, vor allem, als sie die Hitze spürte, die von dem Techniker und Rapliebhaber ausströmte.

Es dauerte, bis Cem sich wieder so weit unter Kontrolle hatte, dass er sprechen konnte. Bevor er ansetzte, würgte er einen dicken Batzen Speichel hinunter. „Die Tür“, stieß er dann hervor. „Deshalb bist du doch hier, Dirty Harry.“

Lars Wangen verzogen sich erneut. „Dirty Harry?“

„Hab dich an den Schlössern fummeln sehen. Wolltest mich verhören, bevor ich abkratze, hm?“

„Cem“, sagte Nora, erschrocken und schuldbewusst gleichermaßen.

Cem hob schlaff die Hand und grinste schief. „Schon gut, Doctor House.“

„Gibt es einen Schlüssel? Eine Notentriegelung?“, fragte Lars und bohrte seine Eisaugen in Cems riesige Pupillen.

„Nein.“ Cem schüttelte den Kopf. Seine schwarzen Haare hinterließen Flecken auf den Papiertüchern, die sie auf die Kissen gelegt hatten.

„Bist du sicher?“ Lars Stimme wurde eine Nuance dunkler.

„Ja, Mann. Ich zumindest kenne keine Notentriegelung. Und einen Schlüssel habe ich bis heute nicht gefunden. Nirgends.“ Er hustete erneut. Mehr Schweiß trat auf seine Stirn. Wieder schluckte er Speichel hinunter. „Hab versucht, Armund telefonisch zu erreichen, mehrmals sogar. Niemand nahm ab. Sein Stellvertreter, Brams - wie der Komponist, nur ohne h - hatte keine Ahnung, wovon ich rede und es war ihm auch scheißegal. Die sind alle mit sich selbst beschäftigt. Oder tot. Na ja.“

Rotz lief aus Cems Nase. Er wischte ihn mit dem Handrücken ab, glotzte darauf und schmierte ihn dann an seine Hose. „Das geht schnell mit diesen Symptomen, Doc“, sagte er mit belegter Stimme zu Nora. „Ist das normal?“

„Ich bin keine Ärztin“, entgegnete Nora.

„Ein Jammer“, sagte Cem und grinste. „Wärst der Knaller in jedem Krankenhaus. Hübsch und intelligent ... Du weißt, dass es von uns nur wenige gibt, oder?“ Sein Zwinkern geriet eher zu einer Grimasse, aber Nora musste trotzdem schmunzeln. Verstört stellte sie fest, dass ihr dennoch Tränen in die Augen stiegen. Sie blinzelte sie weg und zog die Nase hoch.

Lars beobachtete sie. Zum Glück sagte er nichts.

„Also kein Ausweg, Dirty Harry“, fasste Cem zusammen. „Zumindest nicht über die Türen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich darüber froh bin oder nicht.“

Nora runzelte die Stirn. Dann fiel ihr Lars Bemerkung über die Last der Entscheidung ein.

„Vielleicht, wenn der Strom länger ausfällt“, meinte Lars nachdenklich.

„Glaub ich nicht“, widersprach Cem. „Überleg mal. Wenn in einem beschissenen Baumarkt die Türen verriegeln, dann, weil was drin bleiben soll. Also bleibt es drin.“

„Stimmt.“ Nora hörte das leichte Schaben, als Lars sich über das Kinn fuhr.

„Reicht euch das? Ich würde nämlich jetzt gern meine Augen zumachen. Mein Kopf dröhnt ganz schön.“

„Alles Gute, Mann“, sagte Lars.

Cem antwortete nicht mehr. Er schlief bereits.

Lars murmelte etwas, das Nora nicht verstand. Dann verschwand er ohne Abschied.

Samstag. 18. Oktober

Die Verabschiedung von Sonja fühlte sich anders an. Die Stimmung war noch bedrückter als sonst und Unheil lag in der Luft. Nora betrachtete die Umstehenden. Sie waren geschrumpft. Nicht nur ihre Anzahl hatte sich weiter dezimiert, auch die Menschen selbst schienen nicht nur dünner, sondern auch kleiner zu werden, in ihrer Kleidung geradezu zu verschwinden.

Vier weitere Personen waren gestorben, alle im Laufe eines Tages und einer Nacht. Juliane, Martin, Johanna und Mailin. Es war erschreckend, wie schnell sie gegen die Todesmeldungen abgestumpft waren. Doch Sonjas Tod war anders. Sie war die Erste, die nicht vom Virus dahingerafft worden war. Sonja hatte sich umgebracht. Und zwar auf die erdenklich blutigste, brutalste Art, die Nora sich vorstellen konnte. Gestern waren Felix und Lennard erkrankt. Nora vermutete, dass das das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Der berühmt-berüchtigte letzte Tropfen.

In der Nacht war Nora von einem lauten Krachen wach geworden, gemeinsam mit fast allen anderen. Wie übernächtigte Gespenster waren sie der matt leuchtenden LED-Spur in Richtung Gartencenter gefolgt. Dort waren sie gemeinsam Zeugen geworden, wie Sonja gegen die verriegelte Tür rannte. Kopf voran, immer wieder. Schreiend, später lallend. Niemand hatte sie aufgehalten. Sie alle hatten dagestanden wie festgefroren. Krzystof war der Erste gewesen, der sich in Bewegung gesetzt hatte. Seine Jogginghose, dunkel vor Dreck und mittlerweile wie eine orientalische Pumphose aussehend, war von seinem Hintern gerutscht, aber Krzystof hatte sich nicht darum geschert, war auf die Frau mit dem blutverschmierten Gesicht zugestürzt.

Er hatte sie nicht halten können. Die schlanke, nun magere Frau schien übermäßige Kräfte entwickelt zu haben. Sie hatte geschrien und geschrien und ihm Schläge versetzt, sich aus seinen Armen gewunden und war erneut gegen die Tür gerannt. Ein hässliches Knirschen hatte sie alle den Atem anhalten lassen, dann war Sonja zu Boden gerutscht, einen schmierigen Streifen Blut auf dem Glas hinterlassend.

Alles bricht zusammen, dachte Nora jetzt, am Morgen danach. Ein Gedanke, der es sich mittlerweile sehr heimisch gemacht hatte in ihrem Geist, der wie ein Mantra in ihrem Inneren ablief.

Unbewusst zählte sie die Anwesenden. Dreiunddreißig. David kümmerte sich irgendwo im Markt um Mina, die unentwegt zu ihrem Sohn wollte, Sven beobachtete die Infizierten auf der Station. Anja zumindest lebte noch, schien tatsächlich auf dem Weg der Besserung, aber die beiden Jüngsten hatten hohes Fieber, vor allem Lennard, der vor Stunden ins Delirium gefallen war. Kein Kalenderdienst, kein Kaffee, kein kollektiv gemurmeltes „Auf Wiedersehen“. Stattdessen bedrückendes Schweigen und zum Frühstück Gummibärchen, einen Schokoladenriegel und ein paar Löffel eines Breis aus dem Campingzubehör, dessen Inhaltsstoffe niemand identifizieren konnte.

„Okay“, sagte Jonah matt. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, ihr dunkelblondes Haar stand wirr nach allen Seiten ab. „Bestandsaufnahme.“

Niemand murrte. Auch dies war außergewöhnlich. Normalerweise rümpften Ingo und Peter an dieser Stelle die Nasen und Krzystof lächelte schief. Heute wirkte Krzystof geistesabwesend und die beiden anderen Troublemaker trübsinnig. Noras Augen wanderten zu Lars. Seit ihrer Unterhaltung gestern hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Nora war mit den Kranken mehr als beschäftigt gewesen und in den kurzen Pausen schien er ihr aus dem Weg zu gehen. Jetzt sah sie ihn am Rand stehen, aber er vermied es, sie oder irgendjemanden sonst anzusehen.

Brigitte trat vor. Die ältere Frau wirkte immer noch rüstig. Sie trug eine fleckige Arbeitsschürze. Ihr graues Haar war in den gewohnten strengen Zopf geflochten, schien aber heller geworden zu sein. „Die Vorräte gehen weiter zur Neige. Wir haben noch Wasser und andere Getränke, aber wir müssen weiter sparsam sein. Das Wasser in den Behältern riecht abgestanden.“

„Ich werfe noch ein paar Tabletten rein“, erwiderte Tarek, dessen struppiger schwarzer Bart aus der Maske quoll.

„Müssen wir stärker rationieren?“, fragte Jonah.

„Es wird immer wahrscheinlicher.“

Stöhnen aus der Menge. Viele von ihnen litten mittlerweile unter Bauchschmerzen und Verstopfung. Schwächeanfalle, vor allem bei den Frauen, häuften sich. Selbst Jonah, die nicht allzu viel Wert auf regelmäßige, ausgewogene Mahlzeiten legte, war gestern plötzlich leichenblass geworden und hatte sich hinsetzen müssen.

„Hey“, sagte Brigitte mit erhobenen Armen. „Wir tun, was wir können, aber wir sind keine Zauberinnen.“

„Können wir nicht was anpflanzen?“, rief die zierliche Ratna. „Wir haben doch alles hier. Samen, Erde, Gewächshäuser. Baustrahler als Lichtquelle. Wir brauchen ja auch mal was Frisches. Gemüse und so.“

„Gemüse“, echote Ingo. „Ja, klar.“

„Schon mal was von Skorbut gehört?“, fuhr Ratna zu ihm herum.

„Na na“, sagte Judith. „Da sind wir noch nicht. Noch haben wir zum Beispiel die Saftpackungen. Da ist zwar mehr Zucker drin als alles andere, aber immerhin.“

„Anpflanzen ginge momentan nur draußen“, mischte Tarek sich ein. „Klar haben wir alles, was man zur Aufzucht braucht, aber künstliches Licht nur mit Akkus oder Batterien wird nicht viel bringen. Und das Wasser brauchen wir für uns.“

„Regenwasser wäre gut“, entgegnete Ratna versonnen.

„Stimmt. Aber da ist ja noch das klitzekleine Problem, dass wir nicht rauskommen. Nicht mal in den Gartenmarkt.“

Nora blickte unwillkürlich zu Lars, aber dessen Gesicht blieb ausdruckslos.

„Trotzdem keine dumme Idee“, sagte Jonah. „Wir sollten das im Auge behalten.“

„Ich lass mir das mal durch den Kopf gehen“, brummte Tarek.

„Not macht erfinderisch“, sagte Judith und lächelte ihn und Ratna an.

„Nachrichten von draußen?“, fragte Jonah weiter.

Alfred schüttelte den Kopf. „Funkstille.“

„Nichts über das Radio?“

Cem hatte im Campingzubehör ein kleines, batteriebetriebenes Kurzwellenradio aufgestöbert, bevor er erkrankt war.

„Nein. Die Welt schweigt. Zumindest der Teil, den wir über Kurzwelle empfangen.“

„Könnten wir den Empfang verstärken? Über eine Antenne oder so?“

Alfred nickte. „Klar. Eine Antenne hätten wir. Aber die müsste sinnvollerweise aufs Dach.“

„Mist“, murmelte Jonah.

„Leute“, mischte sich Ingo ein. „Merkt ihr was? Wir müssen raus. Das Essen geht uns aus. Da hinten stapeln sich die Leichen und die Leute krepieren weiter. Es stinkt! Und ich meine das wörtlich. Wir stinken. Die Toiletten stinken. Die Leichen stinken, egal, wie viel Salz, Spiritus und weiß Gott was noch wir draufkippen. Und ich kriege langsam einen Lagerkoller.“

Ausnahmsweise stimmte Nora dem Mann zu. In allen Punkten.

„Du könntest dir eine Beschäftigung suchen“, entgegnete Judith.

„Willst du sagen, ich mache hier nichts“, begehrte Ingo sofort auf. „Ich sitze hier nicht nur rum wie manch andere.“

Judith hob eine Hand gegen den stämmigen Mann, wich jedoch keinen Zentimeter zurück und hielt seinem empörten Blick stand. „Das meinte ich nicht. Du arbeitest, das sehen wir, aber davon abgesehen könntest du dir eine Beschäftigung suchen. Wie zu Hause, wenn du Freizeit hast.“

„Ja? Dann zeig mir mal den Großbildfernseher, die Spielekonsole und einen Fußballplatz. Bin dabei. Malen und Vogelhäuschen bauen ist nicht so meins.“

Einige Leute hatten tatsächlich angefangen, die kahlen Wände mit bunten Farben zu bemalen. Andere schnitzten oder bauten kleine Dinge aus Holz, Metall und Plastik.

„Da draußen herrscht Funkstille“, mischte sich Alfred in seinem gewohnt ruhigen Altmännerbariton ein. „Gibt dir das nicht zu denken?“

Ingo blitzte Alfred an. „Die Welt ist am Arsch. Das habe ich begriffen.“

„Aber ist dir klar, was das tatsächlich bedeutet?“ Der ältere Mann hatte sich aufgerichtet. Seine Hände zitterten leicht. Seine Haut war zerknittert wie Papier und seine Lippen schimmerten bläulich. Sein Haar lag wie ein Helm an seinem Kopf. „Mittlerweile sind hier drin mehr als zwei Dutzend Menschen gestorben. In weniger als einer Woche. Nach allem, was wir wissen, ausgehend von einem Vogel. Vielleicht auch von ein paar mehr. Rechne mal hoch, was dann dort draußen los ist. Der Strom ist weg. Die Menschen sind weg. Niemand hat bislang an unsere Tür geklopft. Ich höre keinen Verkehr, keinen Alarm, keinen Hubschrauber, sehe keine Sirenen, niemanden. So, als wäre da niemand mehr.“

Ingo war weiß geworden. Und still, so wie alle anderen. Dann trat er auf Alfred zu, nicht aggressiv, sondern respektvoll und irgendwie vorsichtig. „Ich weiß“, sagte er. „Ich weiß das alles. Ich weiß auch, dass all der Abschaum jetzt nach oben spült. Verbrecher, Möchtegernanführer, Psychos. Ich habe genug Horrorfilme und Zombieserien gesehen.“ Er breitete die Arme aus, als wolle er den Raum umarmen. „Aber hier drin krepieren wir. An der Seuche, an Hunger, an Entkräftung, an anderen Krankheiten. An dem Irrsinn. Wir schlagen uns die eigenen Köpfe ein wie Sonja oder wir gehen aufeinander los.“ Er blickte an Alfred vorbei zu Jonah. „Das kannst du nicht aufhalten, verstehst du?“

„Irgendwann muss Hilfe kommen“, entgegnete Jonah. „Es muss nur koordiniert werden. Sobald das Virus durch ist.“

Ingo schnaubte. „Wie naiv bist du eigentlich?“

„Das reicht“, rief Judith energisch.

„Aber er hat recht“, sagte Peter dazwischen. „Wir benötigen Vorräte. Wasser.“

„Zahnbürsten“, schrie Krzystof.

„Tampons“, flüsterte Ratna und zog den Kopf ein.

„Spielzeug“, sagte Mina, die sich, begleitet von David, mit tränengerötetem Gesicht zu ihnen gesellte.

„Ich schlage einen Ausflug vor“, erscholl auf einmal eine dunkle Stimme.

Überrascht verstummten alle.

Lars bewegte sich nicht, blieb am Rande der Gruppe stehen. „Ein Ausflug zur Tankstelle. Über den Parkplatz und zurück. Raus und wieder rein.“

„Raus und rein?“, wiederholte Ingo mit zusammengekniffenen Augen.

„Wir checken die Lage, holen Vorräte. Wenn andere nicht schneller waren.“

„Und wie kommen wir raus?“, schaltete sich Sven ein. „Die Türen sind dicht.“

Lars blickte nach oben. „Fenster.“

„Du spinnst doch!“ Jonah baute sich vor dem einsamen Wolf auf und stemmte die Arme in die Hüften. „Niemand geht raus.“

Lars musterte sie ohne sichtbare Regung. „Das ist nicht deine Entscheidung.“

„Deine auch nicht. Aktionen wie diese gefährden uns alle. Wer weiß, was ihr von draußen rein schleppt.“

Seine Augen verengten sich. „Nichts, was es hier drinnen nicht schon gibt.“

Zustimmendes Gemurmel brandete auf.

„Aber hier drin haben wir zumindest eine gewisse Kontrolle. Auch über uns. Was ist, wenn euch jemand beobachtet?“ Jonah blinzelte an Lars vorbei zu Ingo. „Du hast es selbst gesagt. Psychos und andere Arschlöcher. Banden womöglich. Was ist, wenn ihr sie anlockt?“

Auch ihre Worte erhielten Zustimmung.

„Die würden auch so hier rein kommen“, hielt Peter dagegen.

Jonah fuhr zu ihm herum. „Nicht, so lange die Türen zu sind.“

„Nun übertreib mal nicht“, sagte Krzystof in beinahe väterlichem Ton, obwohl er im selben Alter war wie die Zwillinge. „Du hast zu viel The Walking Dead gesehen, Mädel.“

„Ich Mädel dir gleich eine!“ Zorn mischte sich in Jonahs Stimme. Ihre Augen glitzerten wütend. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.

In den Gesichtern der meisten umstehenden Frauen las Nora dieselbe Verärgerung. Krzystof war schlau genug, abwehrend die Arme zu heben und eine Entschuldigung zu brummeln. Nachgeben wollte er jedoch nicht. „Es gibt eine Notlage. Das ist nicht das Ende der Welt. Herrgott!“

„Sechsundzwanzig Tote in einer knappen Woche! Wie nennst du das?“

Nora sah, wie ihre Schwester um ihre Fassung rang. Sie spürte förmlich, wie Jonah gegen die Wut atmete, ihre Stimme zu normaler Lautstärke zwang. Gewöhnlich handelte Jonah impulsgesteuert und ohne über Folgen nachzudenken, aber die Tage hier drin hatten sie verändert. Äußerlich wirkte sie hagerer, ihre Konturen definierter, was ihrem Gesicht eine neue Härte verlieh. Vom Wesen her schien sie erwachsener, kontrollierter. Nora gefiel das.

„Eine Tragödie“, gab der Pole leise zurück. „Aber das bedeutet nicht, dass die Welt aus den Fugen ist. Denk mal an Corona. An die Lockdowns. Da stand auch alles still, aber die Erde dreht sich noch.“

Sie diskutierten noch lange weiter, ohne zu einer Einigung zu kommen. Argumente und Gegenargumente wiederholten sich, wurden immer wieder aufgegriffen und variiert, ohne dass es neue Erkenntnisse gab. Sie drehten sich im Kreis. Nora registrierte, dass die Menschen sich im Laufe des Abends unbewusst zu drei Gruppen zusammenfanden. Eine bildete sich um die Troublemaker und Lars, der jedoch bald wieder an den Rand trat. Eine andere formte sich um Jonah, Alfred, Judith und Brigitte. Die Unentschlossenen bildeten den losesten Haufen, standen weiter auseinander, flossen mal mehr zu Krzystof, Peter und Ingo, mal zurück zu Jonah.

Nora blickte zu Lars. Dieser hatte die Lippen zusammengekniffen und die Arme vor der Brust verschränkt, schaute ein wenig düsterer als sonst, schien aber weder verärgert noch enttäuscht.

Sonntag. 19. Oktober

Mitternacht war längst vorüber, als Nora zu ihrem Schlafplatz schlich. Erschöpfung und Müdigkeit drückten ihre Schultern nieder und hinter ihrer Stirn pochte es. Sie kannte diese Art von Kopfschmerzen aus den langen Krankenhausschichten, deshalb war sie nicht beunruhigt. Vorsichtshalber legte sie dennoch ihren Handrücken gegen die Stirn und fühlte nach der eigenen Temperatur.

„Bist du okay?“, murmelte Jonah schlaftrunken und rutschte zur Seite, um Nora Platz zu machen.

„Nur platt. Lennard macht mir Sorgen. Er deliriert und hat mehrfach erbrochen.“

„Shit“, erwiderte Jonah, ohne die Augen zu öffnen.

„Ja. Shit.“

Seufzend sank Nora auf die Bettstatt, die sie sich seit einer Woche mit ihrer Schwester teilte. Eine seltsame Erfahrung. Selbst als Kinder hatten sie selten ein Bett geteilt. Jonah war schon immer eine Nachteule gewesen, ganz im Gegensatz zu ihr selbst. Auch nach Jahren des Schichtdienstes ging sie am liebsten mit den Hühnern schlafen. Hier, im Baumarkt, hatten sich die Rollen vertauscht.

Eine kühle Hand legte sich auf ihre und drückte sie. „Du tust, was du kannst“, sagte Jonah, jetzt mit offenen Augen.

Die simple Geste berührte Nora. „Danke.“

„Anja und Cem leben noch. Und Felix auch. Oder?“

„Ja. Anja scheint wirklich über den Berg. Felix und Cem nicht. Aber sie fiebern nicht so stark wie die anderen.“

„Na, siehst du. Es wird.“

Dein Wort in Gottes Ohr, dachte Nora, lächelte aber tapfer und wollte gerade die Augen schließen, als sie ein Rumpeln hörte. Sofort saßen sie und Jonah aufrecht und sahen sich an.

Jonah rappelte sich auf. „Das kam von hinten.“

„Hinten?“, echote Nora, die langsamer auf die Füße kam.

„Mitarbeiterräume.“

In Noras Kopf klopfte es im Rhythmus ihrer Schritte. Sie konzentrierte sich darauf, Jonah durch die düsteren Gänge zu folgen, ohne gegen etwas zu stoßen oder über jemanden zu stolpern. LED-Bänder sprenkelten die Dunkelheit, erleuchteten sie nur spärlich. In den ausgedehnten Hallen klangen ihre Tennisschuhe unnatürlich laut.

Plötzlich rumpelte es wieder und weitere Geräusche erklangen. Rufe, unterdrückte Flüche, Türenknallen, Getrappel.

„Haltet ihn fest!“, hörte sie die aufgeregte Stimme ihrer Schwester, gleich darauf Warnrufe und Schreie.

Etwas Schweres rumpelte auf sie beide zu.

„Jonah, pass auf!“, rief Nora. Schemenhaft nahm sie den Körper ihrer Schwester wahr, der den Gang vor ihr blockierte. Im selben Augenblick rammte ein Mann mit der Wucht einer Dampfwalze in Jonah hinein und schob sie gegen die Regale. Jonah stöhnte auf, als sie gegen die Eisenstreben krachte.

„Jonah!“, schrie Nora.

Weitere Gestalten preschten heran, aber niemand war schnell genug, um den Fausthagel abzufangen. Jonah hob die Arme, aber Nora hörte das Klatschen, als eine Faust auf ihrer Wange landete. Mit einem dumpfen Laut sackte ihre Schwester zu Boden.

„Jonah!“, flüsterte sie und fiel noch im Laufen auf die Knie. Den letzten Meter schlitterte sie über den Boden, den Beinen um sie herum ausweichend. Sie erkannte Lars, Tarek und David, die Jonahs Angreifer einkreisten.

„Ingo“, hauchte Nora und fühlte heiße Wut in sich aufsteigen.

Der breitschultrige Mann fluchte und setzte sich heftig zur Wehr. Mit seiner Pranke wischte er David die Brille von der Nase und landete mehrere Treffer auf Tareks Armen und Oberkörper.

Lars beendete das Ganze mit einer einzigen undeutlichen Bewegung. Sein Arm schoss hervor, ein Ellenbogen zischte durch die Luft, dann hörte Nora ein unangenehmes Knacken und daraufhin Ingos Brüllen, dessen Ausfälle sofort erlahmten.

Lars brachte den schwereren Mann mit zwei Fußtritten in die Kniekehlen zu Fall und schlang seinen Arm um dessen fleischigen Hals. „Gib Ruhe“, sagte er zu Ingo. „Sonst breche ich dir auch noch den Kiefer.“

Ingo erschlaffte.

„Wie geht’s ihr?“, fragte Lars mit einem Seitenblick auf Jonah.

„Na ja“, entgegnete Nora und schüttelte ihre Schwester.

Tarek hielt ihr eine Taschenlampe hin, während David seine Brille gerade rückte, Ingo einen bösen Blick zuwarf und sich anschließend neben Nora kniete. Gemeinsam richteten sie Jonah auf, sodass Nora ihr ins Gesicht leuchten konnte.

Jonah sah sie benommen an. Tränen standen in ihren Augen und Blut tropfte von ihrer Nase. Vorsichtig tastete Nora Nase, Wangen und Kiefer ab, auch wenn Jonah zischend den Kopf zurückwarf und ihren Fingern auswich.

„Still halten“, befahl Nora, beendete ihre Untersuchung und leuchtete Jonah in die Augen. „Es scheint nichts gebrochen“, sagte sie halblaut zu den Männern. „Keine Gehirnerschütterung, glaube ich. - Kannst du aufstehen?“

Jonah gab ein undefinierbares Geräusch von sich und richtete sich mit Tareks und Davids Hilfe auf. Sie schwankte, als sie wieder auf eigenen Füßen stand. Ihr Gesicht leuchtete geisterhaft fahl.

„Ist dir schlecht?“, fragte Nora.

Jonah schüttelte den Kopf und grunzte gleich darauf.

„Das lass mal lieber. Wir bringen dich ins Bett.“

Ohne Widerrede ließ Jonah sich von David abführen. Nora sah, wie der Mann Jonahs Arm nahm und sie bei sich unterhakte.

Sie atmete tief aus und kämpfte kurz gegen ein Schwindelgefühl an, bevor sie sich Ingo zuwandte. „Du Arschloch“, zischte sie ihn an. „Was sollte das? Eine Frau schlagen? Ernsthaft?“

„Hab sie doch gar nicht richtig gesehen“, nuschelte Ingo. „Sie stand da mitten im Weg. Das war ein Unfall.“

„Du bist volle Kanne in sie reingerannt“, korrigierte Tarek.

„Ja, weil sie mir den Weg versperrt hat.“

„Wo wolltest du denn hin, du Lappen?“

„Weg.“

„Weg“, wiederholte der bärtige Mitarbeiter, auf dessen Stirn ein roter Fleck erblüht war.

„Ja, Mann. Einfach weg.“

Nora kniff sich in die Nasenwurzel. „Klärt mich mal jemand auf, bitte?“

„Er wollte Proviant klauen“, gab Tarek zurück. „Hat Sven bequatscht. Bedroht eher. Zusammen mit diesem Peter. Als Sven nicht wollte, haben sie ihn eingekeilt, ihm Angst gemacht. - Herrje, der Junge ist neunzehn, du Held“, fuhr er Ingo an. „Was für Waschlappen seid ihr denn?“

„Hungrige“, schnappte Ingo zurück. „Verdammt! Ich musste was fressen! Von dem Müll wird doch niemand satt.“

„Wo ist Peter?“, fragte Nora und musterte düster den bulligen Mann, aus dessen Nase ebenfalls Blut lief.

„Den hat Lars k.o. gesetzt“, sagte Tarek mit eindeutigem Respekt in der Stimme. „Krass übrigens, Mann. War das so ein Karate-Scheiß?“

„Krav Maga“, gab Lars ungerührt zurück.

„Wirklich. Was passiert jetzt?“

Nora sah zu Lars. „Kannst du ihn fesseln oder so?“

„Du hast sie wohl nicht alle“, begehrte Ingo auf. „Ich bin doch kein Psycho! Und der da hat mir den Finger gebrochen.“ Anklagend verrenkte er den Kopf nach Lars.

„Du hast eine Frau verprügelt“, herrschte Nora ihn an.

„Es war ein Unfall.“ Ein wehleidiger Unterton mischte sich in Ingos Worte.

„Das Hineinrennen vielleicht. Das danach nicht mehr. Hat’s dir gefallen, du Schwein?“ Nora trat einen Schritt näher an Ingo.

„Bleib cool“, sagte Lars. „Das ist er nicht wert.“ Er stand auf und zog den schwereren Mann beinahe mühelos mit hoch. Ingo verzog das Gesicht, als Lars seine Arme auf dem Rücken überdehnte.

„Wir brauchen einen Raum, dessen Tür wir verschließen können“, sagte der einsame Wolf zu Tarek. „Zwei Räume am besten.“

„Erst eine Krankenstation, dann ein Friedhof, jetzt ein Gefängnis“, erwiderte Tarek. „Komm mit. Wir finden schon was.“

Ingo protestierte lauthals, was dazu führte, dass einige Gänge weiter Menschen erwachten. Lars drückte Ingo Arme noch ein bisschen höher. „Wenn du nicht willst, dass ich dich knebele, hältst du jetzt deine Klappe.“

Ingo gehorchte, Tarek und Nora mörderische Blicke zuwerfend.

„Sieh nach deiner Schwester. Legt euch ein paar Stunden hin. Tarek, David, Sven und ich haben alles unter Kontrolle“, sagte Lars, während Tarek nickte.


Nora gelangte ohne großes Aufsehen zurück zu ihrem Lager. Vereinzelt riefen Menschen ihr Fragen zu. Nora beruhigte und beschwichtigte, beschwor sie, sich wieder schlafen zu legen.

David wartete auf sie, musterte sie besorgt aus tief liegenden Augen.

„Alles gut“, sagte sie und berichtete in aller Kürze, was besprochen worden war.

David pfiff leise durch die Zähne. „Einsperren, ja? Das ist ja allerhand.“ Dann legte er ihr sanft die Hand auf den Rücken. „Melde dich, wenn irgendwas ist. Ich lasse euch mal allein. Mit mir wollte sie nicht reden.“

Wie vorhin kroch Nora unter die gemeinsame Decke und schmiegte sich an den Rücken ihrer Schwester. Jonah zitterte und schniefte leise.

„Hey“, sagte Nora und umarmte ihre Schwester von hinten.

„Ich bringe das Arschloch um“, nuschelte Jonah.

„Du kurierst dich erst mal aus. Was macht dein Gesicht?“

„Taub.“

„Brauchst du was gegen die Schmerzen?“

„Glaub nicht.“

„Was ist mit der Hüfte und dem Rücken? Du bist in das Regal gekracht.“

„Merke ich nicht.“

„Warte mal, bis das Adrenalin weg ist.“

„Hm.“ Ziemlich deutlich ein unterdrückter Schluchzer.

„Jonah ...“, begann Nora vorsichtig und stoppte dann.

„Was?“

„Wir brauchen mehr Vorräte. Dinge von außen. Das mit dem Arschgesicht, das war erst der Anfang.“

Jonah schnellte herum, stöhnte dann und griff sich an die Hüfte. „Verflucht! Bist du jetzt auf deren Seite?“

„Hier gibt es keine Seiten. Hier gibt es nur uns und was das Beste für uns alle ist. Hier drin werden wir verrückt. Denk an Sonja.“

„Aber ...“

„Ich kenne alle Risiken, glaube mir. Und ich verstehe alle deine Argumente. Aber Fakt ist, dass wir über kurz oder lang verhungern und erkranken. Ob am Virus oder an irgendeinem anderen Scheiß. Die vielen Leichen ... Die sind Biomüll. Gefährlich und ansteckend. Lars hat einen guten Vorschlag gemacht. Erst mal nur kurz raus, wieder rein. Dann halten wir noch ein bisschen länger durch, sollte da draußen wirklich alles vor die Hunde gehen.“

Über Jonahs Körper lief ein Zittern.

„Morgen“, sagte Nora sanft, aber bestimmt. „Jetzt schlafen wir. Du brauchst Ruhe. Einen klaren Kopf.“

Jonah schniefte laut. „Scheiße“, sagte sie dann mit brüchiger Stimme. „Ich fühle mich, als wurde ich gerade von einem Zug überrollt. Alles tut weh, aber mein Kopf ist nur leer. Oder randvoll. Ich weiß auch nicht.“

„War alles ein bisschen viel.“ Mitfühlend strich Nora ihrer Schwester eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn, suchte dann im Dunkel nach deren Augen. „Ich will hier weg, Nahnah. Ich will zu Mama.“

„Was ist mit den Leuten hier drin?“

„Du bist nicht für sie verantwortlich. Wenn sie gehen wollen, lass sie gehen.“

„Und die Kranken? Wer kümmert sich um die?“

Auf diese Frage hin verstummte Nora. Sie fühlte, wie Jonah mit kalten Fingern nach ihr griff, ihr Handgelenk umklammerte. „Du kannst sie nicht einfach hier lassen.“

„Nein“, hauchte Nora. „Aber wir brauchen Luft. Ein Fenster.“

„Dieser einsame Wolf hat dir den Kopf verdreht.“


Gestank und Geräusche weckten sie. Doch als sie die Augen aufschlug, blinzelte sie zum ersten Mal seit einer Woche in beinahe helles Tageslicht.

„Wie spät ist es?“, murmelte sie gegen den warmen Rücken ihrer Schwester.

„Zehn. Halb elf“, kam es schläfrig zurück.

Mit einem Ruck setzte Nora sich auf. „Halb elf?!“

Träge rollte Jonah zu ihr herum. „Wen juckt es, wie spät es ist? Es ist Sonntag.“

„Ach, du Scheiße“, entfuhr es Nora, als sie in das Gesicht ihrer Schwester blickte.

Jonah stutzte, dann fuhr sie sich vorsichtig mit den Fingerspitzen über die Wangen, zuckte zusammen, als sie die Schwellung unter ihrem linken Auge berührte.

„Schön dick“, kommentierte Nora. „Und blau. Deine Nase auch, an der Seite. Und ein Stückchen Oberlippe.“

„Volltreffer. Diese Arschgeige.“

„Bei einem Volltreffer hättest du Zähne eingebüßt. Und deine Nase.“

Reflexartig fuhr sich Jonah mit der Zunge über die Schneidezähne. „Fallen einem die Zähne raus, wenn man sie lange nicht putzt?“

„So schnell nicht. Außerdem haben wir zuckerfreien Kaugummi und Zahnstocher.“

„Das ist nicht dasselbe.“ Jonah warf den Schlafsack von sich, stöhnte und zuckte merklich zusammen.

„Lass mich mal sehen“, befahl Nora.

Seufzend schob ihre Schwester T-Shirt und Jacke hoch und zog ihre Jeans ein kleines Stück tiefer.

„Geprellt“, stellte Nora nach wenigen Blicken auf Hüfte und Rücken fest. „Was zu erwarten war.“

„Klopf klopf“, erscholl eine resolute Frauenstimme von der Ecke des Ganges. Brigitte näherte sich, zwei dampfende Tassen in der Hand. Auch sie hatte abgenommen, stellte Nora fest, obwohl ihre Statur noch immer kräftig und kompakt wirkte. Ihr graues Haar war wie immer in einen festen Zopf gebunden.

„Autsch“, murmelte sie mitfühlend, als sie Jonahs zerschundenes Gesicht sah. Dann ging sie behutsam in die Hocke und reichte beiden Schwestern eine Tasse.

„Kaffee“, sagte Nora verwundert und schnüffelte an dem heißen Dampf. „Ich dachte, der ist aus.“

„Rate mal, was wir in Ingos Sachen gefunden haben, als wir sie ihm bringen wollten.“

„Dieses verdammte Arschloch“, raunte Jonah und nahm vorsichtig einen Schluck. Sie verzog das Gesicht, als das heiße Getränk ihre Lippe berührte.

„Tja. Ist nur Instantpulver. Er hatte mehrere Päckchen, garantiert zusammengeklaubt aus Cafés, Cafeterias und Kneipen. Ein armes Würstchen.“

„Hatte er auch Zuckerpäckchen?“, fragte Jonah.

Brigitte streckte ihr zwei hin.

„Klasse“, murmelte Jonah und riss die Päckchen mit den Zähnen auf.

„Gib ihr noch eine Kippe und du erfüllst Jonahs Vorstellung von einem perfekten Sonntags-frühstück.“ Nora grinste Brigitte über ihre Tasse hinweg an. „Sie hat ihre Küchenschubladen voll mit Probierpäckchen. Sie steckt sie überall ein.“

Jonah warf Nora einen säuerlichen Blick zu.

„Habt ihr euch verdient“, meinte Brigitte.

„Wie war der Rest der Nacht?“, fragte Nora nach zwei unglaublich wohltuenden Schlucken Instantkaffee.

„Ruhig. Ingo und Peter sind in Einzelhaft. Sogar David schläft endlich mal länger als zwei, drei Stunden. Hatte es nötig.“

„Wie geht’s den Kranken?“

Betrübt blickte Brigitte nach unten. „Lennard wird den Tag nicht überstehen, denkt Judith. Anja schläft nur. Felix und Cem - na ja. Krank eben. Keine neuen Infizierten, aber immer mehr Leute mit Bauchschmerzen und Schwächeanfällen. Wir brauchen Nachschub. Essen.“

Mit diesen Worten schwenkten ihre Augen zu Jonah, die sich auf die Lippen biss und mit den Kiefern mahlte. Dann klopfte sie sich auf die Knie und erhob sich ächzend.

Als sie verschwunden war, nippten die Schwestern an ihrem Kaffee und schwiegen lange.

„Eigentlich ist die Entscheidung schon gefallen“, sagte Nora dann mit fester Stimme. „Du musst dir keinen Kopf mehr machen.“

Jonah stellte ihren Kaffee ab, zog die Beine an die Brust, verschränkte die Arme um die Knie und verbarg ihren Kopf in ihnen. Ihre dunkelblonden Haare standen wild in alle Richtungen ab. Als sie ihn wieder hob, stand Entschlossenheit in ihrer Miene. „Okay. Aber ich gehe.“


„Was? Wieso? Jonah!“ Erbost riss Nora ihre Schwester herum, die vor ihr durch die Gänge lief, langsamer als sonst und mit einem leichten Hinken.

„Du bist die einzige Ärztin!“ Jonah funkelte sie an.

„Und du verletzt!“ Noras Augen blitzten ebenso silbern wie die ihrer Schwester.

„Trotzdem kann ich ja wohl aus einem Fenster klettern.“

„Das kann ich auch!“

„Ach, ja? Wann hast du das letzte Mal Sport gemacht?“

Da war was dran. Jonah war ziemlich aktiv, was das anbelangte. Sie fuhr Fahrrad, ging wandern und ins Fitnessstudio, schwimmen, Ski fahren und hin und wieder in eine Boulderhalle. Noras Bewegung beschränkte sich auf Spaziergänge und gelegentliche Joggingrunden.

„Meine Arbeit verschafft mir genug Sport“, fauchte sie dennoch.

Jonah zog eine Augenbraue hoch und kräuselte die Lippen.

„Schon klar. Du kellnerst“, sagte Nora. „Trotzdem.“

„Du musst hierbleiben. Dich um die Kranken kümmern. Du darfst nicht krank werden, verstehst du? Du musst gesund bleiben. Alles hängt an dir.“ Selten hatte Jonah so ernst und eindringlich gesprochen wie jetzt.

„Ich bin keine Ärztin“, wiederholte Nora die Antwort, die sie auch Cem gegeben hatte. „Meine Möglichkeiten hier sind mehr als beschränkt. Ich betreue die Kranken nur. Heilen müssen sie allein.“

„Bullshit.“ Mit diesem Wort ließ ihre Schwester sie stehen.

„Jonah.“

Jonah drehte sich noch einmal um. „Bullshit, Nora. Sie vertrauen dir. Sie glauben an dich. Wir beide wissen, dass das mindestens so wichtig ist wie die beste OP.“

„Aber ...“

„Ich gehe. Das ist der Deal.“


Jonah und Lars standen sich gegenüber und starrten sich an wie zwei Kapitäne, die in einer Schulsporthalle ihre Mannschaften wählen. Hinter beiden hatten sich etwa zehn Leute aufgestellt.

„Das ist kein Spaziergang“, warnte Lars zum wiederholten Male. „Wir müssen klettern, hoch und draußen wieder runter, dann über den Parkplatz sprinten und in eine Tankstelle einbrechen.

„Nichts für eine Frau, meinst du?“, warf Jonah ihm hin.

„Nichts für eine verletzte Frau“, erwiderte Lars ruhig und erntete dafür geheime Pluspunkte von Nora.

„Ibuprofen“, erklärte Jonah, die Arme vor der Brust verschränkend und das Kinn entschlossen hebend. „Außerdem weiß eine Frau ja wohl am besten, was andere Frauen wollen.“

„Ich denke, Tampons und Binden finden auch Männer“, gab Lars zurück.

„Im Zweifelsfall nehmen wir alles mit, was wir finden“, sagte Krzystof grinsend.

„Sei froh, dass du überhaupt mit darfst“, knurrte Jonah.

„Wieso? Mit Ingos Plan hatte ich nichts zu tun.“

Das stimmte. Peter und Ingo hatten übereinstimmend erklärt, dass der Pole nicht dabei gewesen sei. Ob er allerdings in den Plan eingeweiht gewesen war, aber nichts gesagt hatte, war ein Geheimnis geblieben. Nora misstraute ihm, und Jonah, ihrer abwehrenden Körperhaltung nach zu urteilen, ebenso.

„Ich kann auch mitkommen“, erklärte Ratna, die zierliche Frau in Stretchjeans und Hoodie, selbstbewusst. „Ich weiß, ich sehe aus wie eine halbe Portion, aber ich bin ziemlich schnell und gelenkig.“

„Tänzerin?“, fragte Gregor.

„Turnen. Nicht mehr aktiv, aber so was verlernt man nicht.“

„Also Lars, Sven, Krzystof, Ratna und Jonah“, fasste David zusammen und sah von seinem Block auf. „Was ist mit Ingo? Er hat sich ausdrücklich bereit erklärt.“

Abfälliges Schnauben in der Menge.

„Er hat Kraft“, sagte Krzystof. „Und ist kein Angsthase. Ist vielleicht nicht die blödeste Idee.“

„Außerdem hat er was wiedergutzumachen“, schob Tarek hinterher. Seine Stimme klang bedauernd. Nora wusste, dass er zu gern mit auf die Tour gegangen wäre, aber seit Cem auf der Krankenstation lag, war er zum Mädchen für alles geworden. Zudem litt er, wie er selber zugab, ein bisschen unter Höhenangst. Nora vermutete, dass er untertrieb und seine Angst hinunterspielte wie viele Männer, die sie kannte.

„Okay“, willigte Lars nach kurzem Nachdenken ein und sah Krzystof an. „Aber ich behalte ihn im Auge.“

Dieser tippte sich an eine imaginäre Hutkrempe. „Klar, Meister.“

Innerlich zuckte Nora mit den Achseln. Und wenn er abhaut ... Kein Verlust. Gleich darauf horchte sie erschrocken in sich hinein. Seit wann war sie so abgebrüht? Aber sie fand keine Gewissensbisse. Absolut keine. Seltsamerweise empfand sie dies als befreiend.

„Lars, Sven, Krzystof, Ratna, Jonah und Ingo“, stellte David fest und schob den Bleistift hinter sein von zotteligen Haaren umwehtes Ohr. „Dann lasst uns mal schauen. Wie hoch, schätzt ihr?“

Noras Blick wanderte mit denen der anderen an der nackten Betonwand empor zu dem schmalen Fensterschlitz über dem Hintereingang.

„Vier Meter“, entgegnete Tarek wie aus der Pistole geschossen.

Das schien ihr unerreichbar hoch.

„Wir verschwenden Zeit, wenn wir nur starren,“ sagte Lars ruhig, aber mit einer Schärfe, die keinen Widerspruch zuließ. Seine Augen glitten über die Regale in der Nähe, als würde er die Lösung bereits sehen.

Jonah schnaubte, doch sie machte sich bereits auf den Weg. „Kabelbinder und Spanngurte“, sagte sie zu Tarek.

Eilfertig sprang Sven an ihre Seite. „Zeig ich dir.“

Nora schüttelte unmerklich lächelnd den Kopf. Jonah war bis zuletzt gegen diesen riskanten Ausflug gewesen, aber anscheinend hatte sie sich bereits über dessen Bewerkstelligung Gedanken gemacht. Dennoch spürte sie, wie ihr Herz vor Aufregung und Furcht raste. Vier Meter. Das war kein Pappenstiel. Aus vier Metern Höhe zu fallen, tat weh, führte zu ernsthaften Verletzungen, wenn man Pech hatte. Schlimmerem.

Sie zwang ihre Gedanken in sinnvollere Bahnen und betrachtete die Aluminiumleitern, die Lars bereits herbeischleppte. „Wir bauen eine Art Gerüst aus Leitern und Brettern“ erklärte er. „Fixieren alles mit Kabelbindern, Seilen und Spanngurten. Holzlatten als Verstärkung. David, du sicherst die Basis.“

David verzog den Mund zu einem Grinsen. „Was soll schon schiefgehen?“ Er kniete sich hin, prüfte den Boden, schickte Tarek und Gregor nach Gummimatten und Farbeimern als Gegengewicht.

Das Gerüst wuchs rasch unter der gemeinsamen Anstrengung. Nora musste zugeben, dass Krzystof und der herbeigeholte Ingo, der ausnahmsweise alle Blicke vermied und seine Klappe hielt, wirkliche Arbeitstiere waren, obwohl Ingos linker Ringfinger zusammen mit dem kleinen Finger in einer Schiene steckte. Beide schleppten mehr Material heran als die anderen, koordinierten die Zuarbeit, schnauften und schwitzten, beschwerten sich aber nicht. Metall quietschte, Holz schabte über Beton, Kabelbinder knackten, Stimmen riefen sich gegenseitig Befehle zu. Nach über zwei Stunden ragte eine fragil aussehende Konstruktion an der Betonwand auf.

„Das Fenster ist verriegelt,“ warf Nora ein. „Wie…?“

Jonah grinste und hielt ein Brecheisen hoch. „Mit Stil.“

Lars Blick war hart, aber ruhig. „Ratna, du gehst zuerst. Du bist am leichtesten. Wir sichern dich mit Gurten und Seilen über die Seite. Hoffen wir, dass das Ding nicht kippt.“

Ratna nickte, ließ sich Seile um die Körpermitte schlingen, pustete in die Handflächen und begann den Aufstieg. Das Metall ächzte, aber die Leitern schwankten keinen Zentimeter. „Ist okay“, rief sie, sobald sie oben angekommen war. „Stabil.“

Lars nickte, ein befriedigendes Lächeln im Gesicht. Dann wandte er sich an Jonah. „Du bist dran. Nimm das Brecheisen mit.“

Noras Finger wurden klamm, als ihre Schwester sich an den Aufstieg machte. Auch unter Jonas Gewicht erzitterte das Gerüst kaum. Trotz ihrer Prellungen, die ihre Bewegungen einschränkte, stieg Jonah einigermaßen gewandt an den Streben empor, gehalten von mehreren Seilen. Dennoch schluckte Nora mit trockener Kehle.

Oben stemmte Jonah das Brecheisen gegen den Fensterrahmen. Es knackte kurz, dann splitterte Glas, das Jonah und Ratna mit den Füßen hinaustraten. Kurz darauf strömte kalte Spätnachmittagluft herein.

„Seht ihr was?“, rief David von unten.

„Nicht mehr als ihr“, gab Jonah zurück. „Der Parkplatz ist leer.“

Die Haare der beiden Frauen wehten im Wind. Neid überkam Nora. Ihre eigene Kopfhaut kribbelte und sie versuchte, sich zu erinnern, wann sie und Jonah geduscht hatten. Mittwoch, dachte sie. Seltsam, dass man diese Dinge so schnell vermisst.

„In etwa zwei Stunden wird es dunkel“, sagte David zu Lars. „Sollen wir solange warten?“

„Jetzt erwecken wir weniger Aufsehen als nachher mit Lampen.“

„Na ja, der Baumarkt ist ja immer noch erleuchtet. Also falls uns jemand beobachtet ...“

„Sieht er bestenfalls Schemen“, gab Lars zurück. „Aber ich habe das Areal jeden Tag studiert. Bislang gab es keine Anzeichen von Leuten, die hier herum schleichen.“

Schlau, dachte Nora. Sie hatte keinen Gedanken daran verschwendet, dass jemand sie von außen beobachten könnte. Jetzt erschauderte sie bei der Vorstellung.

„Ich will vor der Dunkelheit zurück sein“, sagte Lars. „Im Hellen sieht man einfach besser.“

„Kaum zu glauben“, sagte David.

Lars warf ihm ein verkniffenes Grinsen zu, dann zog er sich ohne größere Anstrengung auf das Gerüst. Nach ihm stiegen Sven, Krzystof und Ingo hinauf, alle drei mit deutlich mehr Mühe als die beiden Frauen und der einsame Wolf, der allem Anschein nach einiges zu verbergen hatte. Mittlerweile tippte Nora auf Polizei oder Armee. Irgendeine Spezialeinheit vielleicht.

Nervös knabberte sie an ihren Fingerspitzen. „Wie kommen sie drüben runter?“, fragte sie.

„Draußen steht ein Hubsteiger“, erklärte David.

„Ein was?“

„So ein Gefährt mit einer ausfahrbaren Leiter. Tarek hatte die Schlüssel und Sven weiß, wie man es bewegt. Er zeigt es den anderen.“

„Reicht die Leiter bis hier rauf?“

„Dicke“, mischte sich Tarek ein. „Der Dingli schafft 14 Meter.“

„Und so was habt ihr draußen rumstehen?“

„Klaro. Brauchen wir ständig. Kann man sogar mieten.“

„Kann da jeder ran?“

„Ohne Schlüssel? Schwer. Aber bestimmt kann man ihn kurzschließen.“

„Wir müssen auf ihn aufpassen.“

„Er steht direkt vor der Scheibe. Kann man von der Krankenstation sehen.“

„Dafür habe ich kein Auge, wenn ich die Patientin betreue.“

„Du musst ja auch nicht alles machen. Gibt noch mehr Leute hier.“ Tarek grinste ohne Bösartigkeit.

„Hubsteiger, okay. Hab ich kapiert. Aber jemand muss doch erst mal runter.“

Statt einer Antwort wies Tarek auf den schlaksigen Lehrling, der eben seine Beine aus dem Fenster schwang und nach dem Tau hangelte, das Ingo aus dem Fenster geworfen hatte. Das Ende des Taus bildete eine Schlinge, in die Sven einen Fuß stellte.

Atemlos beobachteten Nora und die anderen, wie Krzystof, Ingo und Lars den Azubi hinabließen. Anscheinend war Sven schwerer als er aussah, denn alle drei Männer stöhnten und ächzten. Jonah und Ratna waren im Vergleich wohl eher Leichtgewichte, denn sie wurden schneller hinabgelassen.

Lars befestigte anschließend das Tau am Gerüst und ließ sich gewandt selbst hinunter. Danach vernahm Nora ein elektrisches Surren und der Hubsteiger rollte heran.

„Zum Glück hat er noch Saft“, sagte David halblaut. „Für wie lange? Was schätzt du?“

Tarek zuckte mit den Schultern. „Ist ein Hybrid. Solange wir an Diesel kommen, endlos.“


Der Parkplatz lag still wie eine verlassene Bühne, eine graue Fläche im grauen Licht eines bewölkten Oktobernachmittags. Wie alle anderen hatte Jonah hin und wieder aus dem Baumarkt heraus auf den Parkplatz gestarrt, aber nun mitten darauf zu stehen, draußen und an der frischen Luft, fühlte sich surreal an.

„Eine Woche“, murmelte sie und versuchte, sich zu erinnern, ob sie jemals zuvor eine ganze Woche im Inneren eines Gebäudes verbracht hatte. Mit sieben war ihr der Blinddarm herausgenommen worden und sie hatte im Krankenhaus gelegen, aber das zählte irgendwie nicht und war zu lange her. Sie konnte ein Wochenende lang mit Leo Guild Wars zocken, tanzen gehen oder eine Serie bingen, aber selbst da war sie zwischendurch rausgegangen. Zum Müll, eine rauchen oder mindestens auf den Balkon.

Sie drehte sich um und winkte Nora hinter der Scheibe, blähte ihre geschwollene Nase auf und holte tief Luft. Kein Gestank, weder nach Leichen, noch nach Ausscheidungen oder ungewaschenen Menschen, keine Enge. Für einen Moment schloss sie sogar die Augen und gestand sich ein, wie sehr sie das alles vermisst hatte. Doch als sie um die Ecke auf den Hauptparkplatz bogen, kehrte die Realität schlagartig zurück. Sie stolperte gegen Sven und Ingo, die beide unvermittelt stehen geblieben waren und unterdrückte Flüche ausstießen.

„Verfickte Scheiße“, murmelte Krzystof neben ihr.

„Ja“, brachte sie hervor und verstummte sofort wieder angesichts der schaurigen Bilder. Hier, hinter dem Gartenmarkt, von innen nicht einzusehen, lagen mehrere Tote. Jonah hatte keine Ahnung von biologischen Zersetzungsprozessen, aber sie vermutete, dass im kühlen Oktoberwetter die Verwesung nicht sehr schnell einsetzte. Jedenfalls war die Haut der Toten grünlich verfärbt und ihre Bäuche schienen aufgebläht. Ein leichter Geruch stieg von ihnen auf; jedoch nichts im Vergleich zu dem Gestank auf ihrem Friedhof. Die Toten lagen alle auf dem Boden. Einige wiesen äußere Verletzungen auf.

„Vorsicht vor den Vögeln“, warnte Lars. Unnötigerweise, denn alle machten bereits große Bögen um die gefiederten, verendeten Tiere.

Jonah vergewisserte sich, dass ihre Masken und Handschuhe richtig saßen und versuchte, die Tiere zu zählen, gab aber nach etwa einem Dutzend auf.

„So viele“, hauchte Ratna dicht hinter ihr.

„Alles Spatzen in dieser Ecke“, gab Jonah zurück. „Wahrscheinlich ein ganzer Schwarm.“

„Wenn das überall so ist ...“, begann Ratna, verstummte dann aber. Unbehagliches Schweigen blieb zurück.

Die wenigen Meter bis zur Tankstelle fühlte sich Jonah wie auf dem Präsentierteller. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, kein Geräusch zu hören außer dem Knirschen ihrer Schuhe, ihren Atemstößen, dem Rascheln der Blätter und dem sanften Rauschen der nahen Bäume. Dennoch fühlte sie sich beobachtet.

„Komm mir vor wie eine Zielscheibe“, knurrte Krzystof leise.

„Ich auch“, flüsterte Ratna. „Wie eine Verbrecherin im Visier der Polizei.“

Das stimmt, dachte Jonah, der zum ersten Mal aufging, dass sie drauf und dran standen, in eine Tankstelle einzubrechen. Ein schlechtes Gewissen überfiel sie, so sehr, dass sie Magenschmerzen bekam und die Schwellung unter ihrem Auge zu tuckern begann. Das lenkte sie ab. Kurz musterte sie Ingo, den Kerl, der ihr den Bluterguss verpasst hatte; betrachtete seine geballten Fäuste und erschrak vor deren Größe. Zum Glück war letzte Nacht alles so schnell gegangen, dass sie gar keine Zeit gehabt hatte sich irgendetwas auszumalen.

In ihren Gedanken versponnen schlich sie wie alle anderen Lars hinterher. Der einsame Wolf war wie selbstverständlich vorangegangen, lautlos und geschmeidig, geduckt und wachsame Blicke um sich werfend. In seiner Hand hielt er eine kurzstielige Axt. Sie selbst war mit der Brechstange bewaffnet; alle anderen hatten sich ebenfalls mit Werkzeugen oder Messern eingedeckt. Inständig hoffte sie, dass sie auf nichts anderes einschlagen musste als auf eine Fensterscheibe.

Nach wenigen Minuten erreichten sie die Rückseite des gläsernen Kastens. Lars trat an die Wand, schaute um beide Ecken, auch in die Waschstraße, einen dunklen Schlund aus Bürsten und Schläuchen. Dann hob er einen Arm, legte einen Finger vor den Mund und lauschte.

Nichts. Kein Geräusch.

Auch Ingo schielte um die Gebäudeecke. „Sieht leer aus,“ murmelte er und zog den Kragen seiner verschlissenen Jacke hoch. „Keine Fahrzeuge vor den Tanksäulen. Nichts. Fast ein bisschen unheimlich.“

„Gut“, entgegnete Lars knapp und bog um die Ecke zur Vorderseite. Seine Stimme klang fest. „Denkt an den Plan. Rein, Vorräte einsacken, raus. Fünfzehn Minuten, nicht mehr. Nehmt mit, was ihr könnt.“

Er winkte Sven heran, der schwarze, feste Müllsäcke an die anderen verteilte.

Jonah biss sich auf die Innenseite ihrer Wange. „Ich hoffe, wir tun das richtige.“

Lars musterte sie. „Noch kannst du draußen warten.“

„Zwischen toten Vögeln und toten Menschen? Nope. Dann lieber plündern.“

„Das oder vor Hunger verrecken“, sagte Krzystof. „Für Gewissensbisse ist jetzt kein Platz mehr.“

Jonah tauschte einen Blick mit Sven und Ratna, erwiderte aber nichts. Ihre Augen glitten über die gläserne Front, die das Innere der Tankstelle wie ein Aquarium zeigte. Trotz aller Vorbehalte jauchzte sie innerlich auf, als sie die vollen Regale sah.

Lars prüfte die Tür. Sie hatten Glück. Offenbar waren alle Mitarbeiter Hals über Kopf davon gerannt, als die Panik im Baumarkt einsetzte.

Mit Zeigefinger und Mittelfinger stieß Lars die Tür auf. Dann sprang er unversehens in den kleinen Verkaufsraum und durchquerte diesen mit vier großen Schritten. Sie hörten ihn im hinteren Teil Türen aufstoßen. „Clear“, rief er schließlich wie ein Detective aus einer amerikanischen Serie.

Im Inneren roch es nach Benzin und abgestandener Luft. Draußen setzten die Dämmerung und Nieselregen gleichzeitig ein, sodass die Regale im Halbdunkel verblassten.

„Schnell,“ befahl Lars von den hinteren Räumen. „Nehmt nur, was ihr tragen könnt.“

Jonah fegte durch die Regale wie ein Sturm, stopfte Energieriegel, Kekse, Wasserflaschen, Bierdosen und Chipspackungen in ihre Tüte. „Halleluja“, stieß sie hervor und schob sich unauffällig einen Mars-Riegel in den Mund.

Ratna schaufelte Binden, Tampons, Taschentücher, Klopapierrollen, Deos, Zahnbürsten, Zahnpasta und anderen Hygienekram in ihren Beutel; aus dem Nachbarregal Kaffeepackungen, Ketchupflaschen, Senftuben und Kondensmilch.

Krzystof räumte derweil den Thekenbereich leer. Feuerzeuge, Zigaretten, Kaugummi, Schokolade, Schnapsflaschen, Kaffee, Teebeutel. An den Schrippen mit welliger Salami und den Würstchen roch er, ließ die meisten liegen.

Ingo stand vor dem Regal mit den Konserven, packte Bohnen, Mais, Nudelsuppe, Ravioli und Gulasch ein. In einer kleineren Auflage fand er außerdem verpackte Sandwiches, Äpfel und Birnen. Er stieß einen freudigen Schrei aus, riss einen der Äpfel aus der Verpackung und biss herzhaft hinein. Mit dem Apfel im Mund stöberte er weiter.

Lars kramte hinten herum. Methodisch inspizierte er alle Räume, fand Blaumänner, Batterien und verschlossene Großpackungen mit Baguettes. „Fünf Minuten“, sagte er, als er den vorderen Raum betrat. „Konzentriert euch auf Essen und Getränke.“ Damit verschwand er um eine weitere Ecke, hinter der er den Erste-Hilfe-Kasten aufriss und dessen Inhalt komplett in seine Tüte schaufelte.

„Bäh“, rief Ratna leise aus, als sie in eine klebrige Pfütze trat. Geschmolzenes Eis war aus dem Kühlcontainer gesickert. Fluchend tapste sie zu einem versteckten Regal, in dem Erste-Hilfe-Reisesets lagerten, packte alle in ihre Tüte.

„Meine Tüte ist voll“, rief sie leise.

„Meine auch“, stellte Jonah fest, nachdem sie Y-Food, Vitamin-Kaubonbons und noch mehr Müsliriegel in ihrem Beutel verstaut hatte. „Sven, hast du noch mehr Tüten?“

Suchend sah Jonah sich nach dem Azubi um.

„Genug“, sagte Lars in diesem Augenblick. „Abmarsch. Je länger wir hier sind, desto größer ist das Risiko.“

„Wo ist Sven?“, fragte Jonah so laut, dass alle in ihren Bewegungen innehielten.

„Er war hinter dir“, sagte Krzystof. „Die ganze Zeit.“

„Sven“, rief Ratna leise, aber mit einer gewissen Vehemenz.

Ratlos standen sie da, lauschten und sahen sich an.

„Abgehauen?“, fragte Ingo schließlich.

„Vielleicht hat er Schiss bekommen und ist zurück zum Baumarkt“, schlug Jonah vor.

„Abmarsch“, wiederholte Lars nach einigen Sekunden mit eisiger Stimme. Seine Augen glitzerten kalt.

„Sollen wir ihn suchen?“, fragte Ratna.

„Nein. Wer desertiert, ist auf sich gestellt.“

„Aber er ist erst neunzehn ...“

Lars sagte nichts mehr, starrte sie nur an, bis die zierliche Frau die Schultern einzog und ihre Tüte raffte.

In Schweigen verfallend und schnaufend unter dem Gewicht der prall gefüllten Müllsäcke machten sie sich auf den Rückweg, wobei Ingo und Krzystof den beiden Frauen nach wenigen Metern die Tüten abnahmen. Da Ingo Jonah nur kurz anstarrte, bevor er eindeutig schuldbewusst die Augen von ihrem Gesicht abwandte, überließ sie ihm den Beutel ohne Widerrede. Eine Entschuldigung war eine Entschuldigung, egal, wie sie daherkam.

Danach beschleunigte sie, bis sie Lars einholte, der mit weit ausholenden, energischen Schritten voranging. „Was sollte das mit Ratna eben? Diese scheiß Einschüchterungstaktik?“, zischte sie ihm zu.

„Wir haben einen Auftrag“, gab er ausdruckslos zurück.

„Vielleicht ist ihm ja was passiert.“

„Was denn?“

„Keine Ahnung.“

„Der Junge hat entschieden, dass er gehen will. Das wissen wir beide.“

„Eine sehr dumme Entscheidung. Von einem kiffenden Jugendlichen.“

„Wenn er andere Pläne hat, können wir ihn nicht aufhalten.“

„Du bist echt ein Eisblock.“

Lars blieb stehen und wandte sich ihr zu, eine Erwiderung auf den Lippen. Doch in diesem Augenblick hörten sie, wie ein Motor aufheulte. Sekundenbruchteile später brauste ein roter Opel Corsa heran, Regenwasser nach allen Seiten verspritzend. Hinter dem Steuer hockte zusammengekrümmt ein schlaksiger Junge mit bleichem Gesicht, der starr durch die Windschutzscheibe blickte. Als er an ihnen vorbeirollte, bremste er kurz ab, dann hörten sie das Surren eines Fensterhebers, dann ein metallisches Klirren. Danach heulte der Motor erneut auf und schlitterte ungebremst über die Parkplatzausfahrt auf die Straße.

Verdutzt sahen sie den Rücklichtern hinterher.

„Das war Sven“, sagte Ratna, die als erste ihre Stimme wiederfand.

„Der haut wirklich ab“, schob Ingo hinterher. Er klang überrascht und eine Spur anerkennend.

„Er wird nicht der Einzige bleiben“, prophezeite Lars und bückte sich. „Zumindest hat er uns den Schlüssel für den Hubsteiger dagelassen.“

„Seine Tüte aber nicht“, entgegnete Krzystof. „Das war arschig.“

„Viel Glück“, flüsterte Jonah, obwohl widersprüchliche Gefühle sie beim Anblick des Corsas befallen hatten.


Ihr Ausflug zur Tankstelle war von vielen Augenpaaren teils ängstlich und hoffnungsvoll, teils neugierig und neidisch beobachtet worden. Auch Svens Flucht im roten Corsa war nicht unbemerkt geblieben und rief vor allem bei Tarek, Nora, David und Judith Enttäuschung und Sorge hervor.

Am verständnisvollsten reagierte Nora, die ihnen von Svens brennendem Wunsch nach einem Wiedersehen mit seiner Mutter berichtete.

„Na ja“, sagte David und nahm seine Brille ab, um über seine müden Augen zu wischen, „das kann ihm wirklich niemand vorwerfen. Er hat seine Sache hier gut gemacht, sehr gut sogar. Nicht allen Teenies kann man das alles hier zumuten.“

Er beschrieb einen Halbkreis mit seinem Arm, dem Nora unwillkürlich folgte. Innerlich seufzte sie und berührte Jonahs feuchtes, verstrubbeltes Haar. „Regen“, sagte sie sehnsüchtig.

Jonah lächelte und zog ein Milky Way aus ihrer Jackentasche. „Hier. Ich weiß, wie sehr du auf die Dinger stehst.“

Brigitte schob sich zwischen die Schwestern. „Hey, extra Bevorzugungen gibt’s hier nicht.“ Sie sagte es lächelnd, aber ihre Augen blieben ernst.

Jonahs Grinsen erstarb. „Ihr kriegt doch alle was.“

„Wir verteilen gerecht. So haben wir es besprochen.“

„Dann kletter doch selber aus dem Fenster!“

In dem Moment, in dem sie die Worte ausstieß, bereute Jonah sie bereits. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf, sah Brigitte kleinlaut an und gab ihr den Schokoladenriegel. „Sorry. Du hast recht. Ich wollte ihr nur was geben, weil ich weiß, dass sie sich Sorgen gemacht hat. - Sorry, Leute“, warf sie in die Runde und stob dann mit gesenktem Kopf davon.

Die Menschengruppe starrte ihr schweigend hinterher.

„Sie ist ein bisschen neben der Spur“, sagte Nora leise und sah alle außer Ingo an, dessen Wange zuckte.

„Vergessen wir’s“, rief Brigitte fröhlich und winkte Ariane und Carmen heran, damit sie ihr bei der Inventur halfen. Als sie gingen, berührte sie Nora am Arm. „Es tut mir leid“, sagte sie leise. „Sag das deiner Schwester, ja? Ich hab einfach nicht nachgedacht.“

„Du hattest eben die Gemeinschaft im Blick.“

„Ganz ehrlich? Nein. Ich war einfach gierig, schätze ich. Neidisch und gierig.“

Nora spürte ein Zupfen an ihrem Ärmel, dann ertasteten ihre Finger den Riegel in ihrer Jackentasche.

Montag. 20. Oktober

Das Frühstück war ein Festmahl, so wie das gestrige Abendessen, das sie alle seit Tagen satt gemacht hatte. Brigitte, Ariane und Carmen verteilten großzügig Kaffee, Tee und Kondensmilch, halbe Sandwiches, Waffeln und Müsliriegel und vermischten Energydrinks in großen Wannen mit Wasser.

Nora beobachtete das Ganze aufgeregt und freudig, doch Jonahs Laune hatte sich seit dem gestrigen Abend anscheinend nicht gebessert. Düster schaute sie unter zotteligen Haarsträhnen hervor. Ihre Wangenknochen mahlten.

„Es gibt Leute, die machen das, um definierte Kiefer zu bekommen“, wagte Nora einen Scherz.

Doch Jonah starrte sie nur schweigend an.

„Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Brigitte hat sich ausdrücklich entschuldigt und Ingo hat dir eine Tasse Kaffee gebracht. Ist es wegen Sven?“

Jonahs Schuhspitzen scharrten über den Boden. „Keine Ahnung. Vielleicht.“

„Warum? Du kanntest ihn doch kaum.“

„Er gehörte zur Gruppe.“

Nora verstand auf Anhieb. Rein rational betrachtet waren sie eine Schar zufällig zusammengewürfelter Menschen, die in eine Ausnahmesituation geraten waren. Aber die schlimmen Erlebnisse, die Toten und Kranken, die Trennung von Familien und Freunden, die Unsicherheit, das Unwissen darüber, was da draußen genau abging, vereinte sie, gab ihnen Zusammenhalt. „Er bringt das Gebilde zum Bröckeln“, sagte sie zu Jonah.

Jonah hieb mit der Handfläche auf den Boden. „Die anderen sterben. Das ist schlimm, klar. Aber Sven ... Das war freiwillig, verstehst du?“

„Ja. Aber Menschen haben nun mal einen freien Willen. Ich möchte auch am liebsten raus. Zu Mama und Ben und James. Einen dieser todlangweiligen Kaffee- und Kuchennachmittage mit ihnen verbringen.“

„Zuckerkoma.“ Ein Lächeln stahl sich auf Jonahs verhärmtes, blau und lila gesprenkeltes Gesicht.

„Genau. Alle wollen das. Du kannst sie hier nicht einsperren.“

„Draußen liegen mehr Tote, weißt du. Vögel. Dutzende. Und das ist nur dieser eine Parkplatz. Hast du eine Ahnung, wie es in der Stadt aussieht?“ Jonah stand auf, lief vor Nora auf und ab.

„Das wird einige trotzdem nicht abhalten. Gregor, zum Beispiel.“

„Das hat der einsame Wolf auch gesagt. Dass noch mehr abhauen.“

„Cem nennt ihn Dirty Harry.“

Jonah warf ihr einen scheelen Blick zu. „Na ja. Er sieht besser aus als Clint Eastwood.“

„Findest du?“

„Klar. Aber er ist eiskalt. Ein Gefühlslegastheniker.“

„Ich glaube, er hat etwas erlebt. Etwas Schlimmes.“

Jonah runzelte die Stirn. „Wie kommst du darauf?“

Nora hob die Schultern. „Er strahlt so was aus.“ Sie blickte in ihre Tasse und trank den letzten Schluck. „Wenigstens gibt es Kaffee.“

„Er wird nicht ewig reichen. Genauso wie das Essen. Vielleicht müssen wir noch mal rüber. Supply runs, wie in den Zombieserien. Ein Stück die Straße hoch ist noch eine Tankstelle.“

Jetzt war es Noras Miene, die sich verdüsterte. „Wenn ich mich recht erinnere, ging da immer was schief. Vielleicht solltet ihr euer Glück nicht weiter herausfordern.“

„Ja, aber je länger wir warten, desto höher ist die Chance, dass andere uns zuvorkommen. Wir müssen weiter rationieren. Gestern Abend und heute Morgen - das waren absolute Ausnahmen. Für die Moral und so.“ Jonah streckte sich und verzog das Gesicht, als ihre Prellungen sich meldeten.

„Wie lange warten wir denn?“, fragte Nora. „Ich meine, wann hauen wir ab? Endgültig? Wir können nicht ewig hier sitzen.“

„Ich hoffe immer noch auf eine Rettung von außen. Ich meine, irgendwas müssen die doch tun. Die Regierung. Die - keine Ahnung - EU. Unicef. Die UN. Wer auch immer. Irgendjemand muss doch kommen. James mit seinen Ärzten. Die Armee. Irgendjemand.“

„Was, wenn nicht?“

Jonahs Schultern sackten nach vorn. „Ich weiß es nicht.“

„Aber ich.“ Nora richtete sich auf. „Eine Woche. So lange halten die Vorräte, hat Brigitte gesagt. Wenn sie aufgebraucht sind, hauen wir ab. Allerspätestens dann. Mein Auto steht draußen. Die Straßen sind leer. In weniger als einer Stunde sind wir bei Mama.“

„Und was dann?“

„Das sehen wir, wenn wir da sind.“


Nach dem Abendessen hängte David eine aktualisierte Liste an das Flipchart neben der Informationstheke. Darauf standen sechsunddreißig Namen.

Als Nora sich umsah, blickte sie in mehrere verweinte Gesichter und verzweifelte Mienen. Auch in ihren Augen schimmerten Tränen.

Davids Stimme klang brüchig, als er die neuesten Verstorbenen verkündete. „Wir verabschieden uns von Lennard Rubinstein. Er hätte im Frühjahr seinen Schulabschluss gemacht und wollte Tierpfleger werden. Oder Polizist. Lennard hinterlässt seine Eltern, seine beiden Schwestern und seine Freundin Tina.“

Eine Träne rollte über Davids Wange. Er machte sich nicht die Mühe, sie abzuwischen.

„Auf Wiedersehen, Lennard“, erscholl es ringsum. Nicht allen gelang es, die drei Worte herauszubringen.

„Wir verabschieden uns von Cem „Schraube“ Yildiz. Cem hinterlässt seine Frau Karolina und seine beiden Kinder, Osman und Yade.“

„Auf Wiedersehen, Cem.“ Unterdrücktes Schluchzen aus den Reihen der Verbliebenen. Ariane und Carmen klammerten sich aneinander und weinten; Tareks Augen glänzten und seine Hände ballten sich zu Fäusten.

„Ihr werdet uns fehlen“, schob David traurig hinterher.

„Die wievielte Leiche war er?“, fragte Tarek plötzlich laut. Emotionen schwelten in seinen dunklen Augen. „Cem, meine ich.“

Die anderen sahen sich unschlüssig an.

„Ich meine, vielleicht sollten wir anfangen, die Toten zu zählen.“

„Tarek“, meinte Judith leise. „Beruhige dich.“

„Nein.“ Der Kopf des Mannes ruckte hoch. „Das will ich gerade nicht. Gerade jetzt würde ich gern etwas richtig Sinnloses tun. Etwas umwerfen. Jemanden schlagen. Mit dem Kopf gegen die Wand rennen wie Sonja. Irgendwas, damit das Denken aufhört. Verdammt!“ Er riss die Fäuste über seinen Kopf und ließ sie dann wieder fallen.

Nora betrachtete ihn, die verlotterte Kleidung, die sein Körper nicht mehr ganz ausfüllte, die ölig schimmernde, mokkafarbene Haut, die Augenringe, den struppigen Bart, der die Maske verschob. Alles an ihm verströmte Trauer, Angst, Wut und Hoffnungslosigkeit. Er roch geradezu nach Verzweiflung. Und wenn sie in die Gesichter der anderen blickte, sah sie Ähnliches. Nicht in derselben Intensität, aber in unterschiedlichen Schattierungen.

„Cem ist der neunundzwanzigste Mensch, der von uns gegangen ist“, sagte sie ruhig, sachlich und distanziert. „Die drei ersten Toten im Außenbereich mitgezählt. Der achtundzwanzigste Tote."

Die bloßen Zahlen erschütterten die Umstehenden. Selbst Lars, dessen Mimik wie immer kaum etwas preisgab, fuhr sich mit der Hand über das Kinn.

Tarek stand wie erstarrt. „Fast die Hälfte“, ächzte er.

„Ja.“ Nora zog ihre Nase hoch und blickte in die Runde.

„Wir sterben wirklich alle hier drin.“ Beinahe ungläubig stieß Tarek die Worte aus.

„Seit Cem hat sich niemand mehr infiziert. Das war am Freitag. Felix und Anja sind weiterhin auf der Krankenstation. Es geht ihnen besser. Beiden.“

„Na dann“, sagte Julian, der frisch ernannte Totengräber, beinahe salopp. „Wir haben eh keinen Platz mehr auf dem Friedhof.“

Bei der Erwähnung des Friedhofs verzog jeder angewidert das Gesicht. Alle Gegenmaßnahmen halfen nichts. Der Leichengestank war unerträglich, tränkte mittlerweile jeden Winkel im vorderen Teil des Baumarktes. Die Toten verpesteten die Lebenden. Und bald stand es Unentschieden.


Nora verbrachte die nächsten Stunden auf der Krankenstation. David kam vorbei, um mit ihr zu reden, Judith, danach Jonah und schließlich Brigitte mit Alfred am Arm, aber sie schickte alle fort. Sie wollte allein sein, sich Trauer und Gram überlassen, hemmungslos heulen, in Selbstmitleid versinken.

Gerade hatte sie die letzten Tränen abgewischt, war ihr letzter Schluchzer als Schluckauf verklungen, als eine Gestalt in ihr Sichtfeld trat.

„Dirty Harry“, sagte sie schniefend. „Du hast mir gerade noch gefehlt. Willst du mich anklagen, mir Vorwürfe machen, mich bemitleiden oder mich trösten?“

„Ich dachte, ein wenig frische Luft täte dir gut.“

„Was?“

„Ich nehme an, du bist gelenkig genug, da rauf zu klettern? Ich kann dir helfen.“

„Spinnst du?“

„Es regnet immer noch.“


Nora schaffte den Aufstieg nicht ohne Mühe, aber doch mit weniger Schwierigkeiten als erwartet. Lars stützte sie hin und wieder und half ihr durch das Fenster auf die schmale Plattform des Hubsteigers. Sobald sie draußen war und sich an das schmale Geländer klammerte, legte sie den Kopf in den Nacken und ließ sich Regentropfen ins Gesicht wehen. Sie kühlten ihre heißen, vom Weinen geröteten Wangen und taten unglaublich gut.

„Nie mehr werde ich über Regen schimpfen“, versprach sie, beinahe euphorisch, mit geschlossenen Augen.

„Das bezweifle ich“, gab Lars zurück. Wie immer sprach er kurz angebunden und präzise.

„Bist du Soldat?“, fragte Nora. „Du klingst so. Soldatisch. Militärisch.“

Er rümpfte die Nase. „Ex.“

„Warst du im Krieg?“

Er starrte lange in die Ferne. „Ja.“

„Afghanistan?“

„Und davor im Kosovo.“

„Du warst noch ziemlich jung, oder?“

„Jung und dumm, gelangweilt und auf Abenteuer aus.“

„Warst du auch bei einer dieser Spezialeinheiten? GSG 9 oder so?“

„Wenn, dann dürfte ich dir das nicht sagen.“

„Hast du einen Hund?“

Kurz stutzte er, dann lächelte er. Eindeutig, trotz der Maske. „Einen Schäferhund. Kojak. Ist zur Zeit bei meiner Ex-Frau. Was wahrscheinlich ein Segen ist. Außer für ihre Katze, Nelly.“

Nora schmunzelte. „Klingt nett.“

„Welcher Teil?“

„Die Tiere. Ich mag Tiere. Aber ich habe keine. Keine Zeit, verstehst du?“

„Hm.“

„Vermisst du Kojak?“

„Fürchterlich. Aber meine Ex passt gut auf ihn auf. Ich vertraue ihr.“

„Ist sie auch Soldatin?“

„Polizistin. Sie kann auf sich aufpassen. Und auf Nelly und Kojak.“

„Gehst du zu ihnen? Wenn das hier vorbei ist?“

„Auf jeden Fall.“

„Also glaubst du, dass es irgendwann vorbei ist?“

Er packte das Geländer fester, schaute weiterhin auf den Parkplatz, die verlassene Tankstelle, die Straße, den dunklen Himmel. „Auf die eine oder andere Art wird es enden.“

„Jonah hofft auf Hilfe von außen. Sie will ausharren.“

„Schlau.“

„Wirklich? Ich dachte, du wolltest unbedingt hier raus?“

„Das eine schließt das andere ja nicht aus. Ich mag keine geschlossenen Räume und muss mich bewegen, sonst ... na ja, werde ich verrückt. Aber prinzipiell sind wir hier drinnen sicherer als dort draußen. Immer noch.“

Wie zur Bestätigung stieg ein roter Feuerball in den Himmel und verpuffte mit einem Knall.

Nora zuckte zusammen. „Was war das?“

„Anarchie“, gab Lars nachdenklich zurück. „Chaos und Auflösung.“

„Kann nicht einfach etwas brennen?“

„Spielt das eine Rolle? Hörst du Sirenen? Die Feuerwehr?“

„Nein.“

„Genau. Nein.“

Nora wandte sich dem einsamen Wolf zu. „Danke für den Ausflug. Aber jetzt lass uns wieder reingehen, ja?“

Stumm wischte David die Namen weg. Sein Gesicht wirkte leer, als er sich herumdrehte. „Gregor, Tarek und Ariane.“

„Nicht überraschend“, sagt Judith, ihre Hände tief in den Taschen ihrer ausgebeulten Windjacke vergraben. „Außer vielleicht Ariane.“

„Sie hat Zigaretten mitgenommen“, murmelte Brigitte. „Hauptsächlich. Gregor und Tarek haben sich ihre Rucksäcke schön voll gepackt.“ Die ältere Frau klang wütend. Alfred griff nach ihrer Hand und zog sie an sich.

Nora verstand, dass Arianes Aktion Brigitte wie ein Verrat vorkam und musterte sie mitfühlend. Dann glitt ihr Blick über die Versammelten, deren Anzahl erschreckend geschrumpft war. An Jonah und Lars blieb er am längsten haften. In der allgemeinen Unruhe nach der Entdeckung der Flucht waren beide auffallend ruhig geblieben.

Lars erwiderte ihren Blick mit der gewohnten Zurückhaltung, doch Nora vermeinte, so etwas wie einen wärmeren Schimmer in seinen stechendblauen Augen wahrzunehmen. Eine ungewohnte Bewegung. Jonah hingegen schien durch sie hindurch zu sehen. Sie wirkte geistesabwesend; in grüblerische Gedanken versunken.

„Wir sind also noch dreiunddreißig“, fasste Peter zusammen. Seit seiner Einzelhaft hatte er sich zurückgezogen, schwieg den größten Teil des Tages und beschränkte Kontakte zu den anderen auf das absolut Wesentliche. Als Teil seiner Wiedergutmachung war er dazu verdonnert worden, sich um die Sanitäranlagen zu kümmern, so weit es eben ging. Also brachte er Eimer voller Ausscheidungen zum Friedhof, wo es eh erbärmlich stank und Fliegenschwärme sich breitmachten; schrubbte sie mit Desinfektionsmitteln und Sand, rationierte Toilettenpapier und Desinfektionstücher. Anders als Ingo hatte er sich nie bei irgendwem entschuldigt; versah lediglich stumpf und ohne Widerspruch seine ekelerregende Arbeit.

„Richtig“, bestätigte David, dessen Brille verschmiert und irgendwie krumm aussah und dessen fettige Haare hinter seinen Ohren klebten. Noch vor einer Woche hätte Nora sein Aussehen als unangenehm empfunden und in seiner Nähe wahrscheinlich unauffällig die Nase gerümpft. Mittlerweile war sie an den Anblick gewöhnt. Sie alle trugen schmutzige, teils klebrige Kleidung, sprühten sich mit Deo ein und rubbelten sich mit chemisch riechenden Tüchern ab oder beschränkten sich auf eine schnelle Katzenwäsche. Die meisten von ihnen hatten ölige oder strohige Haare, Pickel und Mitesser, kratzige Schürfwunden und rissige Fingernägel. Der Tankstellenausflug hatte ihnen ein paar Upgrades in Form von Cremes, Seife und Trockenshampoo beschert, aber sie bewirkten keine Wunder. Nora hatte schon erwogen, beim nächsten Regenguss eine kalte Dusche auf dem Parkplatz zu nehmen. Das war besser, als auf Läuse oder die Krätze zu warten. Verstohlen hatte sie gestern auf die Einwegrasierer und Scheren geschielt und sich gefragt, wann es Zeit war, sich den Kopf zu rasieren. Einige Frauen hatten bereits offen über einen Kahlschlag im Intimbereich nachgedacht.

„Ich glaube, ich möchte auch gehen“, verkündete Peter plötzlich laut. Er sah einen nach dem anderen an. „Ich will mich nicht heimlich davonschleichen wie die anderen, deshalb sag ich es einfach. Das hier drinnen halte ich nicht mehr aus. Ich möchte nach Hause.“ Damit sah er Jonah an, die ihn anblinzelte, als würde sie eben aufwachen. „Bitte“, schob er hinterher.

„Fragst du mich nach meiner Erlaubnis?“, fragte Jonah nach einem kurzen Moment der Überraschung.

„Na ja, ich weiß, dass du das hier alles zu Ende bringen wolltest. Uns alle durchbringen. Uns zusammenhalten. Danke. Dafür.“ Er begann zu stammeln, weil alle ihn anstarrten und Jonahs Gesicht sich verzerrte. „Aber ich kann einfach nicht mehr.“

„Okay“, war alles, was Jonah sagte.

„Ich will auch gar nichts haben“, fuhr Peter, mit den Händen wedelnd, fort. „Eine Flasche Wasser vielleicht und ein Sandwich. Ein paar Nüsse. Nur für den Weg. Ich, ähm, ich wohne in Moabit. Mit dem Fahrrad ist das ein Stück.“

„Du kommst auf dem Rad in einen Baumarkt?“, fragte Ingo verdutzt.

„Ich wollte nur ein paar Kleinigkeiten“, gab Peter kläglich zurück. „Schrauben. Scheiben. So was. Wir haben das alles, aber meine Freundin und ich renovieren die Küche und ich ... Ich musste mal raus. Ich hasse den Dreck in der Wohnung. Handwerken. Den ganzen Heimwerkermist.“

Ingo fing an zu lachen. Warf den Kopf in den speckigen Nacken und lachte wie ein Wahnsinniger. Peter und die anderen beobachteten ihn, bis Peter schließlich zaghaft in das Lachen einfiel.

„Oh Mann“, seufzte Ingo, nachdem sein Anfall verebbt war, und wischte sich Tränen aus den Augen. „Der ganze Scheiß wegen einer Handvoll Schrauben. Radel nach Hause, Junge, knie vor deiner Freundin nieder und bettle um Vergebung. Alles Gute, Mann.“

„Noch jemand?“, fragte Peter hoffnungsvoll in die Runde.

„Wieso? Willst du jemanden auf dem Gepäckträger mitnehmen?“, erkundigte sich Krzystof mit Grabesstimme.

„Nein, das ... war doof“, gab Peter zurück und lächelte beschämt.

Danach herrschte wieder Schweigen.

„Mach’s gut“, sagte Jonah endlich mit brüchiger Stimme, machte auf dem Hacken kehrt und verschwand in den Tiefen des Gebäudes.

„Ich mache Proviant fertig“, fügte Brigitte tonlos hinzu.


Nora machte sich daran, Jonah zu folgen, und bemerkte sogleich, dass Lars ihr hinterherkam. Das brachte sie innerlich zum Lächeln, auch wenn sie sich äußerlich nichts anmerken ließ.

Lars schloss schnell zu ihr auf. Gemeinsam liefen sie die Gänge hinunter, vorbei an mittlerweile recht geleerten Regalen. Sie redeten nicht, dennoch wurde das Schweigen nicht unangenehm. Doch sobald sie um eine weitere Ecke gebogen waren und ihre Schwester am Ende des Ganges auftauchte, stutzte Nora.

„Sie läuft anders als sonst.“

„Vom Sturz?“

„Bestimmt. Gestern hat sie sich Ibus reingepfiffen, wegen eures Ausfluges, aber heute kriegt sie die volle Dröhnung. Ich habe sie gewarnt.“

„Ich nehme an, sie hat es abgewunken.“ Lars Gesicht blieb unbewegt, aber sie hörte den verschmitzten Unterton.

„So ungefähr.“

„Für Zwillinge seid ihr ganz schön verschieden.“

„Sagt meine Mutter auch immer. Feuer und Wasser. Yin und Yang. - Jonah, warte!“

Jonah blieb stehen und schwenkte herum. Fragend blickte sie ihnen entgegen.

„Wir wollten doch was essen“, meinte Nora, als sie auf selber Höhe waren.

„Hab keinen Hunger.“ Jonah klang einsilbig, beinahe verdrießlich.

„Aber du hattest nur Kaffee zum Frühstück und keinen Mittagssnack.“

„Wie gesagt: kein Hunger.“

„Hat es dir wegen Tarek den Appetit verhagelt? Ohne ihn sind wir ganz schön angeschmiert. Jetzt ist von der Belegschaft nur noch Carmen da und ich weiß offen gestanden nicht, ob sie überhaupt Deutsch spricht.“

Jonah starrte sie eine Weile an, als wüsste sie nicht genau, von wem sie spräche. „Hm“, sagte sie dann. „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff, heißt es nicht so? Ratten. Ich hoffe, wir kriegen hier drin keine Ratten. Sie übertragen die Pest. Oder waren das die Flöhe? Die Leute sterben an der Pest. Nur noch dreiunddreißig. Nein, zweiunddreißig.“

„Was redest du denn da?“, fragte Nora verdutzt. „Hast du was getrunken? Oder bist du high von irgendwelchen Pillen? Du klingst total vernuschelt.“

„Sie ist krank“, sagte Lars, plötzlich alarmiert und zog Nora an der Schulter zurück.

„Red keinen Scheiß“, blaffte Jonah.

Lars starrte sie aus seinen unbarmherzig blauen Augen an. „Seit wann hast du Fieber?“

„Nein“, hauchte Nora entsetzt und ungläubig und wusste doch, dass Lars die Wahrheit sprach. Die Anzeichen waren da, alle miteinander. Glasige Augen, an den Rändern gerötet, rote Fieberflecken auf Stirn und Wangen, trockene Lippen, Schweißflecken am Kragen ihres T-Shirts.

Keine Jacke.

Innerlich schlug Nora sich vor die Stirn. Jonah trug nur ein T-Shirt. Ein verschwitztes T-Shirt. In einer Halle, in der seit Tagen kaum mehr als 17 oder 18 Grad herrschten.

„Mir gehts ...“, begann Jonah störrisch, dann krümmte sie sich mitten im Satz zusammen und erbrach sich auf den Gang.

„Jonah!“, schrie Nora auf.

Ihre Schwester stöhnte. „Nicht so gut“, brachte sie noch heraus, bevor sie auf dem Boden zusammensackte.

„Nein!“, flüsterte Nora mit weit aufgerissenen Augen.

In der nächsten Sekunde kniete sie neben Jonah und drehte diese auf den Rücken. „Sie glüht“, sagte sie zu Lars. „Wir müssen ihr die Medikamente geben, die ihr mitgebracht habt. Paracetamol. Dimenhydrinat. Die Reisetabletten.“

Während sie sprach, hatte Lars seinen Rucksack geöffnet, einen Schutzanzug herausgekramt und ihn sich übergestreift. Nun bückte er sich und warf Jonah über seine Schulter, als wöge sie gar nichts. „Lauf voraus“, sagte er keuchend zu Nora. „Bereite alles vor.“


Sobald Lars ihre bewusstlose Schwester auf das provisorische Bett gelegt hatte, riss Nora mit fahrigen Bewegungen Jonahs T-Shirt hoch, überprüfte die Haut, tastete nach dem Herzschlag, suchte am Hals nach einem Puls. „Sie deliriert schon. Ihr Puls rast. Bindehautentzündung, Übelkeit, Erbrechen. Klassische Symptome.“

Lars sah sie an. „Infiziert.“ Eine Feststellung, keine Frage.

„In ein paar Stunden wird sie vermutlich husten und vermehrt Schleim bilden. Himmelherrgott, Lars! Ich müsste dort liegen. Nicht sie. Sie ist die Starke.“

„Ihr schafft das. Ihr beide. Ich frage Judith wegen der Medikamente.“

Als er weg war, sank Nora auf einen Stuhl neben dem Bett und schloss die Augen. In ihren Ohren klingelte es und in ihrem Kopf herrschte Leere. „Nahnah“, flüsterte sie.

„Hey“, erscholl eine leise Stimme von der Seite.

Noras Kopf ruckte hoch. Mina Lorenz, wie immer eine Spur zu blass, lächelte sie schüchtern an. Ihre dunklen Locken hingen strähnig zu beiden Seiten ihres herzförmigen Gesichts herab. „Das wird schon wieder. Ganz bestimmt.“

Die Sterblichkeitsrate hier drin liegt derzeit bei über 90 Prozent, dachte Nora, erwiderte jedoch nichts.

„Anja und Felix werden es überleben, das verdammte Virus. Und Jonah auch. Aller guten Dinge sind drei.“

Nora wollte ihr so gern glauben.

Freitag. 24. Oktober

Der Duft von starkem Kaffee weckte sie. Benebelt schlug Nora die Augen auf und starrte auf Judiths hageres Gesicht.

„Morgen“, sagte sie heiser.

„Eher guten Abend.“ Judith wies auf die dunklen Fenster.

„Oh Shit. Wie lange war ich weg?“

„Solange, wie dein Körper es brauchte und auf diesem Stuhl aushält. Ich habe gesehen, wie du dich gerekelt hast und wusste, dass du eh bald aufwachst. Ansonsten hätte ich dich schlafen lassen.“

Nora stöhnte, als sie sich aufsetzte. „Mir tut alles weh. Ich glaube, ich werde alt.“

Judith lachte auf. „Mit Mitte Dreißig. Na klar.“

Nora balancierte die Tasse auf ihrem Knie, während sie mit der anderen Hand über ihre Stirn strich und sich in die Nasenwurzel kniff. Sofort wich Judith zurück, obwohl sie in kompletter Schutzmontur steckte. „Symptome?“

„Nur Kopfschmerzen. Vom Nacken her. Hab mich beim Liegen verdreht.“

„Beim Sitzen, meinst du.“

Nora stöhnte erneut. „Also. Wie lange war ich weg?“

„Zwölf Stunden. Circa.“

„Was?! Warum ...? Wo ist Jonah? Ist sie ...? Oh Gott, ist sie ...?“

„Wir haben sie nach hinten verlegt. Es geht ihr besser, Nora. Sonst hätten wir dich geweckt.“

„Nach hinten?“

„Ja. Felix und Anja haben wir entlassen.“ Jetzt breitete sich auf Judiths Gesicht das breiteste Lächeln aus, das Nora je gesehen hatte. „Und bei Jonah schlagen die Medikamente gut an. Diese Reisetabletten sind der Game Changer gegen die Übelkeit. Und Paracetamol kombiniert mit Ibuprofen und Aspirin senken das Fieber schneller. Felix hat ihr sein Stofftier geschenkt, als Glücksbringer. Seit heute Morgen ist sie weitestgehend ansprechbar.“

„Entlassen? Gesund?“ Anscheinend hatte Nora verlernt, in Sätzen zu sprechen.

„Ja.“ Judith deutete ein Freudentänzchen an. „David, Lars, Hussein und Julian konnten vorne mal richtig sauber machen. Alles ist komplett desinfiziert. Morgen wollen sie diese Hebebühne bis zum Dach hoch leiern. Die toten Vögel beseitigen.“

Nora stutzte. „Keine Neuinfizierten?“

„Keine. Seit Dienstag.“ Judith strahlte über beide Backen.

„Hussein und Julian? Sind die nicht beim Friedhof?“

„Kein Toter seit Cem. Niemand seit Montag. Das könnte es sein, Nora. Ich will es nicht beschreien, wirklich nicht, und klopf auf alles Holz, das wir in diesem Baumarkt finden können, aber das könnte der Durchbruch sein. Das Virus könnte eliminiert sein. Zumindest hier drinnen.“

„Das sind fantastische Neuigkeiten, Judith. Dann ist Jonah unsere einzige Patientin?“

Nun verdüsterte Judiths Gesicht sich ein wenig. „Na ja. Alfred geht es nicht sonderlich gut. Momentan liegt er viel. Brigitte behält ihn im Auge wie eine Löwenmutter ihr Junges.“

Nora lächelte. „Süß. Ich gönne ihnen das. Mal was anderes in diesen Zeiten.“

„Dein Galan war auch ein paar Mal hier. Schaut nach dir und deiner Schwester. Mehr nach dir.“

„Mein Galan.“ Entrüstet schlug Nora nach Judiths Arm.

„Dein Aufpasser. Besser?“

„Nein. Nennen wir ihn einfach Lars, okay?“

„Wie du willst.“ Lächelnd nahm Judith Nora die leere Tasse ab und half ihr hoch.

„Und?“, fragte Nora und zog sich ihre locker sitzende Jeans glatt. „Wie viele sind noch hier?“

Judith verzog das Gesicht. Undefinierbare Emotionen spielten in ihren Zügen. „Am besten schaust du auf die Liste. David ist da immer noch sehr akkurat. Neben dem Friedhof hängt jetzt auch eine Übersicht der Toten. Für die Wissenschaft, sagt er. Wenn du mich fragst, dürfte mittlerweile nicht mehr viel biologisches Material übrig sein.“

Nora war der Gestank sofort beim Aufwachen aufgefallen, aber mittlerweile umgab er sie wie die stetige Geräuschuntermalung, die normalerweise auf belebten Plätzen herrschte. Das eingeschlagene Fenster hatte in der Hinsicht nicht viel gebracht.

„Die Todesliste ist auch für die Hinterbliebenen wichtig. Immerhin gibt sie ein Stück weit Aufklärung. Wissen, was ihnen passiert ist, verstehst du?“

Judith nickte langsam. „Du hast recht.“

„Danke für den Kaffee. Ich sehe mal nach Jonah.“


Jonah schlief, als Nora ihren Kopf durch den Plastikvorhang steckte, doch sofort sah sie, dass das Fieber verschwunden war. Dennoch sah Jonah viel zu dünn aus. Der grünlich-braune Bluterguss unter ihrem Auge betonte die Blässe ihrer Haut. Doch sie atmete tief und regelmäßig, hustete nur gelegentlich. Um sie roch es nach Erbrochenem, Essig und Desinfektionsmitteln, aber die Eimer und Schüsseln waren leer, Bettdecken und Boden sauber.

Sie schreckte auf, als eine bekannte Stimme ihren Nacken kitzelte. Für einen so großen und kräftigen Mann bewegte Lars sich erstaunlich lautlos.

„Bist du ein Ninja oder was?“, fragte sie, nachdem sie den Schreck weggeatmet hatte.

„Hab auf dem Eimer da gesessen. Bist du Nono?“ Mit dem Kinn wies er auf die Schlafende. „Sie hat den Namen ständig gesagt. Wie ein Mantra. Mama und Nono.“

Nora lächelte wehmütig. „Als wir klein waren, hat man mich so genannt. Ich war Nono, sie Nahnah. Und später kam noch Benni. Unser kleiner Stiefbruder.“

„Dann hat sie von dir geträumt. Von eurer Familie.“

„Hm. Dabei ist sie gar nicht so ein Familienmensch. Sie hing immer schon viel lieber mit ihren Freunden ab. Weihnachten, Geburtstage und so sind eher Pflichttermine. Sie kauft die Geschenke immer auf dem Weg zur Feier. Wenn wir beide Geburtstag haben, bleibt alles an mir hängen. Einladungen, Backen, Organisieren. An unserem dreißigsten war sie auf irgendeiner Insel schnorcheln und Party machen.“

„Dann bist du die Bodenständige?“

Nora lachte auf. „Die Langweilige, meinst du? Ja. That’s me.“

„Ich mag auch keine Partys.“

Nora warf ihm einen Blick zu. „Wirklich? Na, Mensch.“

Seine Mundwinkel hoben sich unter der Maske. In seinen Augen glomm erneut der warme Schimmer auf, den sie vor ein paar Tagen wahrgenommen hatte.

Mit einem Lächeln auf den Lippen wandte Nora sich ab. „Ich glaube, wir können sie schlafen lassen. Sieht tatsächlich aus, als hätte sie das Schlimmste hinter sich.“

Sie schüttelte sich bei der Erinnerung an die ersten beiden Tage. Jonah hatte das volle Programm mitgemacht. Dienstagnacht war der Husten über sie hereingebrochen und sie hatte stündlich mehr um Luft gerungen, zwischendurch immer wieder das Bewusstsein verloren. Dicker Schleim hatte zusätzlich ihre Atemwege verstopft. Ganze Batzen davon hatte sie ausgespuckt. Am Mittwochabend hatte sie bei jedem Hustenanfall angefangen zu wimmern und sich die Rippen zu halten, am Donnerstag geweint, weil ihre Kehle, ihre Lunge und ihre Bronchien wie Feuer gebrannt und ihr Kopf gehämmert hatte. Dank der Mangelernährung der letzten Tage war ihr immerhin der Durchfall erspart geblieben.

„Was hast du vor?“, fragte Lars und hob gleich darauf beide Hände. „Sorry, geht mich nichts an.“

„Mir die Beine vertreten. Klo. Was essen. Mich auf den neuesten Stand bringen.“ Sie zögerte kurz, gab sich dann einen Ruck. „Möchtest du mich begleiten?“

„Das Klo würde ich auslassen.“


Bei der Anzahl der verbliebenen Namen wurde Nora beinahe schwindelig. „Vierundzwanzig? Wirklich?“

Lars hob die Schultern. „Die meisten sind offen gegangen. Die beiden Ehepaare, die sich bei den Teppichen eingerichtet hatten, haben das gemeinsam entschieden. Sie haben erwachsene Kinder, zu denen sie wollten. Dann noch die beiden WG-Jungs, diese stille Frau mit den bunten Haaren und Krzystof.“

„Krzystof?“

„Ja. Hat sich mit Handschlag verabschiedet und den Proviant ausgeschlagen. Meinte, den Gestank hält er nicht mehr aus. Das Gefühl, mit Toten unter einem Dach zu leben. Sie verfolgen ihn in seinen Träumen. Ingo kriegte einen kleinen Wutanfall wegen so viel Blödsinn. Aber er hat Krzystof geholfen, die Tankstelle ein zweites Mal zu plündern. Hat tatsächlich noch ein paar Dinge mitgebracht. Danach sind sie in dieses Bettenhaus nebenan eingestiegen.“

Nora riss die Augen auf.

„Die Tür stand offen, aber niemand war drinnen. Die sind alle noch rechtzeitig abgehauen. Hals über Kopf.“

„Haben sie Kissen und Kerzen mitgenommen?“

„Auch die haben Mitarbeiterräume. Ein paar Flaschen Wasser, Snacks, Magnesium- und Vitamintabletten. Die hat Krzystof großherzig uns überlassen.“

„Das ist gar nicht schlecht. Vor allem die Vitamine.“

Nora wandte sich wieder der Liste zu, las halblaut einige Namen. „Elsholtz, Louis. Elsholtz, Michael, Ullrich, Uwe, Wolfhardt, Jacqueline. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nicht weiß, wer diese Leute sind.“

„Vater und Sohn, beide Küchenbauer. Uwe ist der Typ, der immer an den Fingern kaut, Jackie die mit dem Strickkleid.“

„Ich bin beeindruckt. Kennst du die alle?“

„Vom Sehen“, erwiderte Lars knapp.

„Vom Beobachten, meinst du.“

Als Lars nicht antwortete, wanderte Noras Finger über die Liste. „Wie eine Schulklasse. Und du stehst jetzt ganz oben.“

„Der Fluch des Nachnamens.“

Ein trauriges Lächeln zog über Noras Gesicht. „David ist wirklich präzise. Eine alphabetische Liste inmitten eines verriegelten Baumarktes voller vergammelnder Leichen.“

„Wir haben noch Lebensmittel für ein paar Tage. Eine Woche, wenn wir maximal strecken und keine Ausflüge mehr unternehmen. Der Friedhof ist ein einziges Massaker. Wir haben Folien davor gehängt; ihn weiträumig abgesperrt. Das hält die Fliegen noch recht gut fern.“

„Herrgott.“ Noras fuhr sich über ihre Stirn, tastete nach ihren brüchigen Haaren.

„Auf dem Dach richten wir einen Wachposten ein. David erstellt eine Rotation.“

„Wofür?“

„Bedrohungen aller Art. Wir haben ... Bewegung wahrgenommen.“

„Bewegung?“

„Menschen. Noch vereinzelt. Nicht organisiert, soweit ich das beurteilen kann. Eher Späher. Kundschafter.“

„Verzweifelte.“

Er nickte. Sein Blick wurde intensiver, als er sie ansah. „Das wird sich ändern. Irgendwann kommen sie. Plündern, nehmen, was sie brauchen. So wie wir die Tankstelle ausgeräubert haben.“

Nora schluckte einen Kloß in ihrer Kehle herunter. Sie und Jonah hatten über diese Dinge gesprochen, mehr als einmal. Alle möglichen Szenarien hatten sie sich ausgesponnen. Sie jetzt so unverblümt von einem so rationalen Mann zu hören, machte die Gefahr irgendwie greifbarer.

„Noch ist es relativ ruhig da draußen“, fuhr Lars fort. „Aber es gerät in Bewegung. Der Ausbruch ist fast zwei Wochen her, der Strom seit anderthalb Wochen weg. Die Menschen gehen raus, so wie wir. Sie suchen Schutz und Hilfe. Lebensmittel. Medikamente. Werkzeuge. Waffen. Entgegen amerikanischer Kinoszenarien werden die meisten sich zivilisiert verhalten, zumindest anfangs. Doch das wird bröckeln. Und Idioten gibt es immer und überall.“

„Die Psychos.“

Lars winkte ab. „Normale Leute. Aber Leute in einer Ausnahmesituation. Leute, die trauern und Angst haben. Das reicht schon.“

„Okay.“

„Wir haben weiterhin zwei Möglichkeiten. Eins: Wir verschanzen uns, richten uns längerfristig ein. Wachen, Stoßtrupps nach draußen, Öffnung des Gartencenters, um Gemüse anzupflanzen. Wasserwannen auf dem Dach. Verteidigungstraining.“

Noras Hände krampften sich umeinander. „Du meinst das ernst.“

„Zwei: Wir hauen ab. Koordinieren das so, dass wir möglichst gemeinsame Ziele haben, niemand allein geht.“ Abwartend sah er sie an.

„Zwei“, sagte Nora, ohne zu zögern. „Ich bleibe nicht hier. Ich bringe meine Schwester nach Hause.“

„Wir wissen nicht, wie es draußen ist. Wann Hilfe kommt. Ob Hilfe kommt.“

„Sobald Jonah halbwegs auf den Beinen ist, sind wir hier weg. Mein Auto steht vor der Tür.“

Lars starrte sie weiter an, nickte schließlich. „Gut.“


Jonah erwachte mit vor Durst brennender Kehle. „Hallo?“, krächzte sie in die von den LED-Lämpchen nur noch schwach erleuchtete Düsternis. Dann entdeckte sie den Becher auf dem Trittchen neben sich und streckte sich danach aus.

Ihre Glieder schmerzten von der geringen Anstrengung. Dennoch richtete sie sich halb auf und angelte weiter nach dem Becher. Ein paar Tropfen landeten auf ihrer Brust, aber der Großteil des verdünnten Energydrinks rann wohltuend ihre wunde Kehle hinunter.

„Langsam“, vernahm sie die Stimme ihrer Schwester. „Du willst es doch drin behalten.“

„Durst“, sagte Jonah nur und räusperte sich. Erleichtert registrierte sie, dass der Rotzpfropfen, der ihren Hals verstopft hatte, abgenommen hatte.

Nora lächelte, nahm ihr den Becher ab und füllte ihn neu.

„Ich lebe“, brachte Jonah heiser heraus, trank noch einen langen Schluck und gab Nora das Gefäß zurück.

„Oh ja. Du lebst.“

„Cool.“ Damit fiel Jonah zurück auf ihren Rücken.

„Siehst aber immer noch mies aus. Echt schlimm.“

Jonah öffnete ein Auge. „In letzter Zeit mal in einen Spiegel geschaut?“

Nora grinste. „Vorhin. Tatsächlich. Glaub mir, neben dir sehe ich aus wie eine Hollywood-Schönheit.“

„Träum weiter.“

Noras Grinsen wurde zu einem breiten Lächeln. „Lecko mio, Johanna.“

Jonah behielt die Augen geschlossen, grinste aber ebenfalls.

„Hast du Hunger?“, fragte Nora dann.

„Nein. Nur Durst.“

„Das ist okay, aber irgendwann solltest du mal versuchen, was zu essen. Du brauchst ein bisschen mehr Power, selbst wenn du nur auf der Rückbank liegst.“

Jonahs noch immer wässrige Augen öffneten sich wieder. „Wann?“

„Übermorgen. Wenn es keinen Rückschlag gibt. Sich niemand neu infiziert.“

Samstag. 25. Oktober

Der neue Tag begann im Morgengrauen mit einem Aufruhr.

Nora rollte sich von der Krankenliege, auf der sie gedöst hatte, und rannte Richtung Mitarbeiterräume. Unterwegs traf sie auf David, der sie fragend ansah. Von Weitem sahen sie Menschen, die wild gestikulierten, miteinander rangen, aufeinander einredeten, brüllten und fluchten. Als sie näher kamen, erkannte Nora zwei junge Burschen mit nassen Schöpfen und nasser Kleidung, die sich gegen die Arme der anderen wehrten, um sich schlugen und traten. Ingo versetzte dem einen gerade eine feurige Backpfeife, die den schmächtigen Kerl taumeln ließ. Dann kam Lars aus einer Ecke herbei geeilt, nach frischem Zigarettenrauch riechend, mit einer Brechstange in der Hand. Hinter ihm folgten Julian und ein untersetzter Mann mit schütterem Haar.

Luis, fiel Nora ein. Luis ohne o.

Lars fackelte nicht lange. Während Ingo und Julian den schmächtigeren Burschen festhielten und ihm drohten, ihm jeden Knochen zu brechen, wenn er jetzt nicht still halte, trat Lars dem größeren, dunkelhaarigen frontal in den Bauch und legte ihm die Brechstange unter den Hals, als er zusammenklappte.

„Das sind Beni und Finn“, stellte Brigitte ungläubig fest, sobald der größte Radau sich gelegt hatte.

„Die WG-Jungs“, murmelte Nora.

„Sie sind eingebrochen“, sagte ein stämmiger Mann mit grauen Haaren und Geheimratsecken. „Mein Sohn und ich haben sie gehört.“

„Aber ...“, fing Mina an, die Felix an sich gedrückt hatte, und zögerte dann. „Warum? Wieso? Ihr wart doch weg.“

Finn, der in Lars Klammer zappelte, spuckte aus. „Bei uns zu Hause ist nichts mehr. Alles verschimmelt und verdorben. Wir hatten Hunger.“

„Konntet ihr keinen Laden aufbrechen?“, fragte Ingo drohend.

Finn hustete und Lars lockerte seinen Griff ein wenig. „Die, die wir gesehen haben, standen schon offen. Die Fenster und Türen waren eingeschlagen. Leute sind unterwegs, denen wollten wir nicht zu nahe kommen.“

„Sieht schlimm aus“, bestätigte Beni leise. „Irgendjemand hat gekokelt. Überall schwarze Stellen und es stinkt nach Rauch. Und Leichen.“

Betroffen sahen die anderen sich an.

„Vögel?“, fragte Nora.

„Viele. Aber nicht überall. Eher so gehäuft. In manchen Straßen gar keine. Oft sind sie nur noch Skelette.“

„Vielleicht sammeln Leute sie und verbrennen sie?“, dachte David laut.

„Habt ihr Ordnungskräfte gesehen?“, wollte Lars wissen. „Polizei? Panzer?“

Die beiden sahen sich an und schüttelten die Köpfe.

„Eigentlich ist es ziemlich still. Manchmal knallt es“, sagte Finn.

„Hubschrauber“, erinnerte Beni sich. „Ich glaube, ich habe Hubschrauber gehört. Aber gesehen habe ich keinen.“

Die anderen sahen sich schweigend an, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend. Dann zog Lars Finn brutal an sich, sodass dieser japsend die Stange umklammerte. „Seid ihr allein?“

„Was?“

„Ist noch jemand mit euch gekommen?“

„Nein“, rief Beni fast beschwörend. „Nein, Mann! Wir sind allein. Niemand ist da. Der Parkplatz war so leer wie immer.“ Und als Lars keine Anstalten machte, seinen Griff zu lockern und Finns Gesicht bläulich anlief, fing er an zu heulen. „Hör auf, Mann. Ich schwöre es. Lass ihn los! Es tut uns leid! Wir hatten einfach Schiss, Mann!“

„Lass ihn“, bat Nora und trat zu Lars. „Die sind noch halbe Kinder.“

„Machen sich fast in die Hose“, polterte Ingo schnaufend.

Lars kämpfte mit sich selbst, dann ließ er Finn los, der ächzend auf ein Knie fiel. „Schert euch raus.“

„Du lässt sie gehen?“, fragte David.

„Sie haben ihre Wahl getroffen. Verschwindet.“

Finn und Beni sahen sich eingeschüchtert an, dann wichen sie in Zeitlupe von den anderen zurück. „Ww ... was ist mit Essen?“, brachte Finn heraus.

Ein kollektives Stöhnen war die Antwort.

„Ihr habt euren Proviant bekommen“, sagte Brigitte ruhig, kramte dennoch in ihren Schürzentaschen und beförderte zwei Müsliriegel und eine Packung Nüsse zutage. „Hier. Mehr haben wir nicht.“

Finn entfernte sich weiter von der Gruppe, beäugte Lars und Ingo. „Ey, komm schon. Das ist für Spatzen.“

Die Umstehenden murrten, protestierten, lachten verächtlich.

„Jungs“, sagte der stämmige Mann mit den Geheimratsecken. „Ihr solltet zusehen, dass ihr Land gewinnt.“

„Das ist so arschig!“, brüllte Finn plötzlich los. „Wir gehören doch zu euch! Wir haben mitgeholfen, das hier aufzubauen!“

„Kann sein“, sagte Nora. „Aber ihr habt euch entschieden, es aufzugeben.“

„Na und?“, schleuderte Finn ihr wütend entgegen. „Es war die falsche Entscheidung! Wo ist das Problem?“

„Vertrauen“, entgegnete Nora ruhig und sah aus dem Augenwinkel, wie David neben ihr zustimmend nickte. „Wir können euch nicht mehr vertrauen.“

„Ach ja?“ Spucke flog aus Finns Mundwinkel, als er zu Ingo herumfuhr. „Und was ist mit dem Fettarsch? Er hat uns beklaut! Aber er ist immer noch da!“

„Er hat es wiedergutgemacht.“

„Das können wir doch auch“, sagte Beni leise, fast bittend.

Aber Nora schüttelte den Kopf. „Die Situation ist eine andere.“

„Warum?“ Finn starrte sie aus finsteren Augen an.

„Alles spitzt sich zu“, übernahm David. „Unsere Vorräte schrumpfen. Menschen verändern sich. Man muss sich gut aussuchen, wem man noch vertraut.“

„Bitte“, sagte Beni flehend.

Doch auch Nora blieb hart. „Ingo und Peter wurden bestraft. Aber das geht nicht mehr. Wir füttern niemanden mehr durch.“

„Aber wenn wir krank wären“, fauchte Finn, „dann würdest du uns durchfüttern. Würdest uns den Arsch abwischen wie all den anderen.“

„Stopp“, sagte Lars hart. „Das reicht. Ihr wolltet gehen, also geht. Nehmt Brigittes Angebot an. Sucht euch einen Laden. Brecht Autos auf. Oder kommt bei Verwandten unter.“

Beni war blass geworden, schüttelte fortlaufend den Kopf, protestierte jedoch nicht weiter. Finn hingegen schnaubte böse und ballte die Fäuste.

„Mach keinen Ärger“, warnte Lars leise.

„Scheiß auf dich“, zischte Finn und rannte plötzlich auf die Tür des Vorratslagers zu, wie ein Football-Spieler den zupackenden Händen der anderen ausweichend.

Als er erkannte, dass er an dem Netz der Arme und Körper nicht vorbei kam, warf er sich wutschnaubend zwischen David und Nora. Nora spürte, wie ein Ellenbogen sich in ihren Magen bohrte und feuchte Finger nach ihren Haaren grapschten. Mit einem Mal blieb ihr die Luft weg und sie krümmte sich keuchend. David fiel neben ihr zu Boden, einen wie wild mit den Armen rudernden Finn auf sich.

Diesmal fingen Lars, der stämmige Mann und sein Sohn, der aussah wie eine jüngere Ausgabe von ihm, ihn gemeinsam ein. Finn schien kaum mehr Herr seiner Sinne. Er brüllte, boxte, bog sich, dann brach ihm Lars den Arm. Es knackte nicht einmal besonders laut. Finn jaulte auf, dann wurde er still. Schlagartig erlahmte aller Widerstand. Die Männer zerrten ihn von David herunter und drängten ihn in eine Ecke, wo sie ihn einkesselten.

Brigitte, Ratna und eine Frau in mittlerweile recht zerfasertem Strickkleid halfen erst ihr, dann David auf, der seine schon arg ramponierte Brille wieder gerade rückte und heftig atmete.

„Geht’s?“, fragte Brigitte mütterlich.

Nora nickte und David murmelte etwas Undefinierbares.

„Tja“, sagte Ratna. „Dann bleiben die beiden wohl da. Mit dem Arm kommt Finn nie im Leben das Gerüst hoch.

„Meinst du, das war Absicht?“, fragte Jacqueline, die Frau im Kleid. Sie sprach in einem seltsamen Dialekt, einer Mischung aus sächsisch und berlinerisch.

„Gut möglich“, erwiderte Nora. Sie fühlte sich erschöpft. „Ich geh mich um seinen Arm kümmern.“


Wäre Jonah nicht noch so angeschlagen gewesen, hätte sie Finn eigenhändig erwürgt, auch, nachdem Nora ihr mehrfach versichert hatte, es ginge ihr und allen anderen gut. Sie torpedierte den dunkelhaarigen Studenten mit finsteren Blicken und stummen Drohungen, bis Finn zusammengeduckt wie ein Häufchen Elend auf seiner Liege kauerte.

Jonahs Wut gab ihr aber auch neue Energie. Etwa eine Stunde, nachdem Nora Finns Arm geschient und verbunden und ihn mit Schmerzmitteln vollgepumpt hatte, verkündete sie, dass sie auf die Toilette müsse. Danach schob sie Judith und Nora beiseite und erhob sich vorsichtig.

Am Arm ihrer Schwester wankte und schwankte sie durch die Gänge zum Toilettentrakt. „Meine Beine sind wie Gummi“, beschwerte sie sich, nachdem sie sich zweimal gegen eine Wand lehnen musste.

Zurück am Bett war sie außer Atem und weiß wie ein Bettlaken.

„Langsamer“, ermahnte Nora. „Nichts überstürzen.“

„Hm hm.“

„Ja, ja. Ich weiß, dass du nicht auf mich hörst. Du warst schon immer eine schlimme Patientin.“

„Stimmt gar nicht.“

„Das hier ist ernst, Jonah. Keine Erkältung. Übertreib es nicht.“

Aber insgeheim hoffte sie auf die Widerstandskraft ihrer störrischen Schwester.

Nachdem Jonah wieder weggedämmert war, suchte sie schnurstracks Lars auf, den sie gemeinsam mit den meisten anderen bei einer frühen Tasse Kaffee und einer Zigarette im Eingangsbereich fand. Felix drehte Runden auf seinem Buggy um die Erwachsenen.

„Ich will so schnell wie möglich weg“, verkündete sie.

David, Mina und Brigitte starrten sie entsetzt an.

Nora erwiderte beinahe trotzig ihre Blicke. „Tut mir leid“, sagte sie. „Aber ich sehe hier keine Zukunft mehr. Ich will nicht warten, bis die Lage immer schlimmer wird.“

„Das ist doch verständlich“, sagte Ratna und streichelte Noras Arm. „Wir alle haben doch schon mit diesem Gedanken gespielt; und nicht erst seit Sven und Tarek. Niemand macht hier irgendjemandem Vorwürfe, verstanden?“

„So schnell wie möglich“, wiederholte Nora und sah dabei Lars an.

Dieser nahm den letzten Zug von seiner Zigarette und zertrat sie dann. „Wie weit ist sie?“, fragte er ruhig.

„Egal. Wenn sie wach wird, brechen wir auf. Irgendwie kriegen wir sie hier raus.“

David sah sie entgeistert an. „Heute noch?“

„Warum nicht? Ist ja nicht so, als hätten wir viel zu packen.“

„Wir geben den Baumarkt auf? Das alles?“

Nora zögerte nur kurz. „Ich ja.“

„Was ist mit Alfred? Und Finn?“

„Seilzüge“, murmelte Lars. „Das kriegen wir hin. Wenn alle mit anpacken, sind wir genug Leute.“

„Wir gehen also alle?“, vergewisserte sich David. Zum ersten Mal wirkte er von einer Situation überfordert.

„Das kann ich nicht bestimmen“, antwortete Nora. „Aber meine Entscheidung ist gefallen.“

„Wir könnten alles, was noch da ist, gerecht aufteilen“, schlug Brigitte vor. „Jeder kriegt Lebensmittel, Getränke, Medikamente. Nützliches wie Kerzen und Batterien. Campingzubehör.“

„Waffen“, schob Julian hinterher.

„Wir werden doch nicht belangt, wenn wir die Sachen einfach mitnehmen?“ Besorgt schaute Brigitte in die Runde.

„Ich glaube, so schnell wird der Baumarkt nicht wieder geöffnet“, erwiderte David, nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen. „Wir sollten uns in Trupps zusammenschließen. Leute, die in dieselbe Richtung wollen. Einen Autokorso oder so bilden. Damit alle sicher zu Hause ankommen. Leute, die ohne Auto sind, mitnehmen.“

„Unbedingt“, sagte Lars.

„Ich bringe Alfred nach Hause. Wir holen seine Medikamente und alles, was wir gebrauchen können, dann düsen wir zu mir.“ Brigitte nickte zu jedem ihrer Worte. „Kannst gern mitkommen, wenn niemand zu Hause auf dich wartet“, sagte sie, an David gewandt. „Ich hab genug Platz. Ehrlich.“

David nickte wie auf Autopilot, von ihrem Angebot sichtlich überrumpelt.

„Judith wird zu ihrer Frau wollen“, fügte Brigitte hinzu. „Bei denen lief es zwar nicht so rund in letzter Zeit, aber in Situationen wie diesen rückt man wieder näher zusammen. Ich sag ihr Bescheid.“

David räusperte sich. „Tja. Na ja. Dann bauen wir mal Seilzüge und sammeln alles ein. Verrückt.“

Kopfschüttelnd verschwand er in Richtung der Hallen. Die anderen tröpfelten ihm hinterher.

„Meinst du, alle gehen mit?“, wandte Nora sich an Lars, sobald die meisten außer Hörweite waren.

„Wir werden sehen. Scheint, als wäre der Markt für einige eine echte Zuflucht geworden.“

Felix kurvte herbei und kletterte von seinem Gefährt. „Gehen wir nach Hause?“, fragte er.

„Ja, mein Schatz“, sagte Mina und auf ihren blassen Wangen zauberte sich ein Lächeln.

Samstag. 25. Oktober

Ulrike Thomsen ließ beinahe ihre Stricknadeln fallen, als es an der Tür wummerte. Unwillkürlich zog sie den Kopf ein und hielt den Atem an.

„Mama!“, rief jemand im Treppenhaus. „Mama, bist du da? Mach auf!“

Ulrike war sich ziemlich sicher, dass es Noras Stimme war, die sie draußen hörte, dennoch zögerte sie. Normalerweise klang Nora eine Spur heller und weniger fordernd.

„Mama! Wenn du nicht aufmachst, komme ich rein.“

Ulrike hörte das Stochern eines Schlüssels.

„Mama!“, hörte sie dann eine zweite, schwächere Stimme, deren heiseres Timbre jedoch unverwechselbar war. „Zieh verdammt noch mal den Schlüssel ab und nimm die Kette weg. Wir sind’s.“

Erst jetzt begann die ehemalige Krankenschwester, der man Nerven aus Stahl nachsagte, zu zittern.

Erneutes Wummern. „Mama!“ Diesmal im Chor.

Sie raffte sich von der Couch hoch, legte ihre Strickarbeit beiseite. „Ja“, sagte sie, aber der Laut verpuffte in der Leere ihrer Wohnung, in der sie seit anderthalb Wochen kaum mehr geredet hatte, von gelegentlichen Selbstgesprächen und Gebeten abgesehen.

Sie räusperte sich. „Ja“, rief sie lauter und verschluckte sich beinahe. „Ja, ich komme.“

Sie eilte durch das Wohnzimmer und den langen Altbauflur entlang, schloss mit bebenden Fingern die Tür auf, nahm die Kette ab. Sekundenbruchteile später taumelten beide Töchter durch die schmale Tür, schwarze Müllsäcke hinter sich her wuchtend und ziehend, und fielen ihr gleichzeitig in die Arme.

Eine Ewigkeit standen sie im Flur und hielten sich umarmt, weinten und lachten, bis Nora sich behutsam löste. „Jonah sollte sich hinlegen. Der Weg hierher war doch nicht ganz ohne.“

„Mir geht’s gut“, protestierte Jonah, aber Ulrikes geschultes Auge entdeckte sofort die Spuren einer überstandenen Krankheit. Ohne ein weiteres Wort zog sie Jonah mit sich ins Wohnzimmer und drängte sie auf die Couch.

„Stricken“, sagte Jonah mit einem Blick auf den unvollendeten Pullover. „Echt jetzt?“

Ein Schluchzen unterdrückend, schlug Ulrike die Hände vor den Mund, drückte Jonah ein weiteres Mal an sich und hastete zurück zu Nora, die die Tür verschlossen und verriegelt hatte und nun mit den Müllsäcken kämpfte.

„Was ist denn da drin?“

„Alles Mögliche. Hauptsächlich Proviant und Medizin.“

„Hat sie sich infiziert?“

Nora hielt inne, blies die Wangen auf und sah ihre Mutter an. „Am Dienstag.“

Ulrikes Augen wurden kugelrund. „An dem Virus?“

„Es war schlimm, Mama. Richtig schlimm.“ Tränen stiegen Nora in die Augen. „Ich dachte, sie schafft es nicht.“

„Ach, Kind.“ Ulrike nahm Nora in den Arm und presste sie fest an sich.

„Bin doch nicht aus Zucker.“ Jonah lehnte im Türrahmen, eine Decke um ihre Schultern und grinste. Aber ihre Augen glänzten ebenfalls.

Ulrike lächelte und gab Nora frei. „Kommt in die Küche. Ich mache uns was zu essen. Ihr seht beide ziemlich fertig aus. Und ihr habt bestimmt viel zu erzählen.“

„Oh ja“, sagte Jonah nach einem langen Blick auf ihre Schwester. „Nora hat einen Kerl kennengelernt.“ Ihre Stimme kratzte vor Heiserkeit.

„Jonah!“ Ärgerlich fuhr Nora herum und blitzte sie an, aber Jonah schlurfte unbeeindruckt ihrer Mutter hinterher in die Küche und schob sich auf die abgesessene Eckbank, die Decke hinter sich herziehend. Nora trottete ihr nach, blieb aber auf der Schwelle stehen.

„Er heißt Lars“, berichtete Jonah im Plauderton. „Im Moment steckt er bei seiner Ex, aber er hat versprochen, in ein paar Tagen vorbeizuschauen. Er hält sich zwar für Dirty Harry oder so, aber eigentlich ist er ganz cool.“

Verwirrt schaute Ulrike zwischen ihren Töchtern hin und her. Dann öffnete sie Schränke, kramte in Schubladen und inspizierte die enge Speisekammer. „Das geht mir zu schnell. Wir seid ihr denn jetzt hergekommen? Und überhaupt rausgekommen? Wurdet ihr gerettet?“

„Wir haben uns selbst gerettet“, erklärte Nora knapp.

„Ich frage, weil ich die Hubschrauber gehört habe. Und vorgestern sind Soldaten durch die Straße gelaufen, allesamt in biologischen Schutzanzügen. Sie hatten Funkgeräte.“

Jonah und Nora maßen sich mit erschöpften Blicken. „Klingt gut“, fasste Jonah zusammen und hüllte sich enger in ihre Decke.

„Und ob. Oh, und kurz bevor der Strom ausfiel, sprach ich mit James. Er meinte, er wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, mit irgendeinem Ärztekorps rüber zu fliegen. Wir müssen nur noch ein bisschen durchhalten.“

„Das kriegen wir hin“, erwiderte Nora, die sich endlich neben Jonah auf die Bank setzte. „In den Tüten sind eine Menge Süßigkeiten, pappige Baguettes und ein paar Büchsen Gulasch. Außerdem ein Campingkocher und einige Gaskartuschen.“

„Und eine Vogeltränke“, warf Jonah ein. „Dein Taubenschlag-Zubehör haben wir nicht weggekriegt.“

Ulrike lachte laut auf und drückte beiden Töchtern einen Kuss auf die Stirn. „Eure Vorräte heben wir auf“, sagte sie dann. „Ich habe noch Kellerkartoffeln und ein paar Eier. Spinat leider nicht mehr.“

„Spinat braucht eh kein Mensch“, erwiderte Jonah, gähnte, zog einen zerdrückten Plüsch-Dinosaurier aus ihrer Tasche und setzte ihn auf den Tisch. Dann lehnte sie ihren Kopf an die gepolsterte Lehne und schloss die Augen.

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Autor

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Kapitel: 14
Sätze: 4.395
Wörter: 36.968
Zeichen: 224.657

Kurzbeschreibung

Eigentlich wollten die ungleichen Zwillinge Nora und Jonah nur kurz was im Baumarkt holen, als eine Krähe ihr Leben und das vieler anderer verändert.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Survival auch in den Genres Katastrophe und Angst gelistet.