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Giftige Scherben

08.02.26 16:52
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Es ist, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich mich für jemanden eingesetzt habe – für einen Menschen, der mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Jemand, der nie erfahren hat, wer ich geworden bin. In dieser Zeit bemerkte ich eine Eigenschaft an mir, die weit über das hinausging, was man gewöhnlich Empathie nennt.

Ich spürte nicht nur die Gefühle anderer. Ich nahm sie in mich auf, als würden sie durch meine Grenzen hindurchgleiten und sich in mir festsetzen. Ihre Emotionen wurden zu meinen, und meine eigenen rückten in den Hintergrund, bis ich sie kaum noch unterscheiden konnte.

Mit jedem dieser Momente geriet ich in einen inneren Konflikt: Was fühlte ich wirklich – und was war nur ein Echo der Menschen um mich herum?

Immer wenn ich die Gefühle anderer aufsaugte, hatte ich das Gefühl, dass ein kleines Stück meiner inneren Stabilität dafür verschwand. Als würde in mir etwas zerbrechen, und durch diese feinen Risse drangen fremde Gefühle ein, die nicht immer gut für mich waren. Manche davon wirkten wie ein leises Gift – nicht laut, nicht sofort spürbar, aber doch stark genug, um mich von innen heraus zu verändern.

Je länger ich dieses Gift in mir trug, desto mehr verwischten die Grenzen zwischen mir und den anderen. Ich begann, Entscheidungen zu treffen, die nicht aus meinem eigenen Kern kamen. Ich reagierte auf Situationen, als würde ich das Leben eines anderen leben. Und irgendwann fragte ich mich, ob ich überhaupt noch wusste, wer ich ohne diese fremden Gefühle war.

Es war ein seltsamer Zustand: Einerseits wollte ich helfen, wollte verstehen, wollte da sein. Andererseits spürte ich, wie ich mich selbst verlor, Stück für Stück, fast unmerklich. Nicht, weil jemand es von mir verlangte, sondern weil ich es nicht anders konnte.

Manchmal fühlte es sich an, als würde ich in einem Raum stehen, der langsam mit Nebel gefüllt wird. Erst ist er dünn, kaum sichtbar. Dann wird er dichter, schwerer, und irgendwann erkennst du die Konturen deiner eigenen Gedanken nicht mehr. So war es mit den Gefühlen, die ich in mich aufgenommen hatte: Sie legten sich über meine eigenen wie ein Schleier, der nie ganz verschwand.

Und doch… trotz all der Verwirrung, trotz der inneren Risse, trotz des Gifts, das sich in mir ausbreitete, blieb ein Teil von mir wach. Ein kleiner Rest, der sich weigerte, vollständig zu verschwinden. Vielleicht war es dieser Rest, der mich später dazu brachte, meine Geschichte aufzuschreiben. Nicht, um Schuld zu verteilen. Nicht, um jemanden bloßzustellen. Sondern um zu verstehen, wie ich zu dem Menschen wurde, der ich heute bin.

Denn dieses Gift ist bis heute in mir. Nicht zerstörerisch, nicht lähmend – aber spürbar. Es zeigt sich in Momenten, in denen Erinnerungen nicht als klare Bilder auftauchen, sondern als Gefühle. Manchmal warm, manchmal schwer, manchmal verwirrend. Und genau diese gefühlten Erinnerungen werfen mich bis heute zurück in Zeiten, die längst vergangen sind, aber in mir weiterleben.

Und genau dann frage ich mich: War es das wert? War es richtig, mich selbst so weit zu öffnen, dass fremde Gefühle in mir Wurzeln schlagen konnten? War es richtig, mich selbst zu vergiften, nur um anderen zu helfen, die nie verstanden haben, was es mich gekostet hat?

Ich weiß die Antwort bis heute nicht. Vielleicht gibt es sie auch nicht.

Aber manchmal, an den ruhigeren Tagen, frage ich mich etwas anderes: Ob es irgendwann einen Menschen geben wird, der dieses alte Gift erkennt. Der nicht davor zurückschreckt. Der versteht, was es bedeutet, so viel von anderen in sich zu tragen. Und der mir hilft, das zu lösen, was sich damals in mir festgesetzt hat.

Nicht indem er es mir abnimmt. Sondern indem er mir zeigt, wie ich es selbst verwandeln kann...

Autorennotiz

Dieser Text ist ein Teil meiner eigenen Geschichte. Ich schreibe ihn, um zu verstehen, was damals in mir entstanden ist – und warum es bis heute nachhallt. Vielleicht erkennt sich jemand darin wieder. Vielleicht hilft es jemandem, seine eigenen Scherben einzuordnen.

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Autor

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Sätze: 32
Wörter: 656
Zeichen: 3.703

Kurzbeschreibung

Ein Mensch, der zu viel fühlt. Ein Herz, das fremde Emotionen in sich trägt, als wären sie die eigenen. Und ein Gift, das sich leise in den Rissen der Vergangenheit festgesetzt hat. „Giftige Scherben“ ist ein persönlicher Einblick in die Frage, was es bedeutet, sich selbst zu verlieren, während man versucht, andere zu retten. Ein Text über Empathie, innere Brüche und die Hoffnung, eines Tages jemanden zu finden, der hilft, das alte Gift zu verwandeln.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Bildung auch in den Genres Alltag und Nachdenkliches gelistet.

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