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Königinnenball

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16.12.23 20:49
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Der Garten ist das Einzige, was von dem ehemaligen Schloss übrig geblieben ist. Ordentliche Kieswege ziehen sich wie ein lächerlich simples Labyrinth durch knöchelhohe Hecken. Sie führen alle in eine Mitte, in der sich die Tanzfläche im Becken des ehemaligen Springbrunnens befindet. Licht strahlt aus kleinen Scheinwerfern am Boden und verleiht den Gästen ein totenkopfartiges Aussehen. Der Rest des immensen Schlossgartens liegt im Dunkeln. Im Hintergrund lassen sich die Ruinen des ehemaligen Schlosses erahnen.

Die schwüle Sommerabendluft drückt schwer von oben herab. Die tanzende Menge schiebt sich wie ein einziger bunter Organismus über die Tanzfläche. Zwischen all den albern verkleideten Partygästen in ihren plüschig-bunten, ausladenden Kleidern fühle ich mich mit meinem schwarzen Ganzkörperanzug ziemlich überlegen. Ich bin nicht zum Feiern hier, sondern zum Arbeiten. Für diesen Auftrag hatte ich nicht nur ein Ziel genannt bekommen, sondern auch eine Zeit und ein Ort.

Mich bucht man nicht für schnell und effektiv. Da geht es nicht nur um das Ergebnis, sondern um ein Statement. Tod mit Eventcharakter. Das gilt ganz besonders, wenn ich aus Versehen den Killer-Duftstoff über mich selbst und einen ganzen Pulk unschuldiger Beistehende verschütte. Elender Mist.

Aber ich habe sie gesehen.

Bei der Entfernung, in der ich die Bienen platziert habe, dauert es zwei Minuten, bis sie hier sind. Es gibt kein Entkommen, wenn man den Duftstoff an sich hat.
Waschen, Duschen, ins Wasser springen - kein Erfolg. Sich in einen Misthaufen werfen oder eine Flasche Parfum über sich schütten - hilft leider auch nichts. Fliehen? - keine Chance, sie sind hinter dir her und irgendwann kriegen sie dich.
Sich einzuschließen funktioniert zumindest kurzfristig. Aber irgendwann musst du wieder raus. Sie halten länger durch als du. Trotzdem wähle ich meinen Einsatzort immer so, dass diese Möglichkeit gar nicht erst besteht, denn ich möchte ja mit meinen Bienen schnell wieder verschwinden. Mein vorausschauendes Handeln beißt mich jetzt in den Hintern. Kein Versteck. Keine Möglichkeit, Zeit zu gewinnen. Und das alles nur, weil ich sie gesehen habe. Zwischen all den Gesichtern. Nur einen Augenblick, bevor sie schon wieder in der Menge verschwunden war.

Wie würde sie jetzt aussehen? Sie wäre älter. Graue Haare, kleine Fältchen um die grauen Augen, aber immer noch verdammt glamourös. So würde sie jetzt aussehen. Wie ich.

Aus dem im Dunkeln liegenden Garten dringt schon das Summen meiner Bienen. Und ich stehe hier mit dem Geruch ihrer sterbenden Königin. Sie sind auf dem Weg. Auf dem Weg zum Königinnenball.

Ich war noch ein Mädchen, als ich den Königinnenball kennenlernte. Genau wie sie, das Mädchen mit den Bienen. Den ganzen Sommer verbrachte sie draußen auf den Wiesen. Und ich war immer dort, wo sie zu finden war. Sie hatte ihn entdeckt, den Bienenstock, so groß wie eine Eiche. Mit Bienen, jede einzelne beinahe so groß wie unsere schmalen Oberkörper. Jeden Tag saßen wir unter dem für uns absurd großen Bienenstock und kauten die goldenen Honigwaben, die sie einfach mit der Hand aus dem Stock herausbrach. Die Bienen schwirrten friedlich um uns herum, während uns der Honig aus den Mundwinkeln lief.

Aber Bienen sind kaltblütig. Nicht bösartig, nur eiskalt logisch. Wenn ihre Königin zu schwach wird, töten sie sie und ziehen sich eine neue Königin heran. Die Königin eines Bienenvolkes ist keine wirkliche Königin. Sie ist eine Sklavin des Kollektivs. Und wenn sie dem Kollektiv nicht mehr nutzt, wird sie entsorgt. Wenn Bienen den Geruch ihrer sterbenden Königin wahrnehmen, bilden sie einen lebenden, wuselnden Ball um sie herum. Sie ersticken die Königin, stechen auf sie ein, bis sie tot ist.

Als sie die Königin am Boden vor dem Bienenstock sah, nahm sie sie in den Arm. Sie merkte gleich, dass die Königin im Sterben lag und wollte ihr beistehen. Und das tat sie. Auch als der Bienenschwarm kam.

Ich stand daneben. Sah nur zu, wie es geschah. Und seitdem, habe ich jedes Mal zugesehen. Und jedes Mal löst es in mir eine Genugtuung aus. Darüber, dass sie es nicht ist, die dort schreit und sich windet und verzweifelt versucht, sich zu befreien. Doch gegen diese riesigen Bienen, hat niemand eine Chance. Sie haben bisher noch niemanden entkommen lassen.

Das weiß ich, als ich mich halbherzig nach Fluchtmöglichkeiten umsehe. Verdammt schade um mich. Und verdammt schade um meine Bienen. Ihre Bienen.

Das Summen übertönt nun die nervtötende Musik. Da ich weiß aus welcher Richtung sie kommen, schiebe ich mich hinter die Gruppe, die den Killer-Duftstoff abbekommen hat. Sie stehen schwatzend und lachend beieinander und ahnen nichts von ihrem unmittelbaren Schicksal. Immerhin ist mein eigentliches Ziel auch dabei. Schließlich werde ich im Voraus bezahlt.

Ich bin mir nicht sicher, wie viele ich tatsächlich erwischt habe, fünf dürften es mindestens sein. So viele Opfer auf einmal haben meine Bienen bisher noch nicht gehabt. Ein Teil von mir ist neugierig, ob sie das schaffen, wenn ich auch kaum daran zweifele. Ich schiebe die Bedauernswürdigen wie ein Schutzschild vor mich. Vielleicht habe ich eine Chance. Es gibt immer nur eine Königin. Wenn ich Glück habe, geben sie nach einer Tötung auf.

Da ist sie wieder. Die junge Frau sieht tatsächlich so aus, wie sie damals. Sie trägt ein blaues Kleid, ganz ähnlich dem Kleid, dass sie fast jeden Tag in unserem letzten Sommer trug. Nichts weiter als eine zufällige Ähnlichkeit. Diesmal folge ich ihr. Sie ist es nicht. Natürlich nicht. Sie kann es nicht sein. Ich möchte sie nur noch einmal ansehen.

Ich löse mich von der Menge, in der gerade Tumult ausbricht. Die Schreie höre ich nur gedämpft, als wären sie weit entfernt. Sie schiebt sich geschickt durch die Menge, die erstarrt ist und die ungleiche Schlacht beobachtet. Sie stehen nur da. Sehen zu, wie es geschieht. Ich schiebe mich hinterher.

Sie blickt kurz zurück und sieht mich an. Dann verschwindet sie im Dunkel des Gartens. Ich gehe ihr nach. Ohne zu zögern trete ich hinein die Dunkelheit. Weg vom Königinnenball.

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Kurzbeschreibung

Eine Auftragskillerin trifft auf Schatten ihrer Vergangenheit.