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Der Sieben-Federn-Fluch

21
2.10.2017 12:12
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Autorennotiz

Diese Oneshot-Sammlung war ein Beitrag zu einem meiner Schreibprojekte auf einem anderen Fanfiction-Archiv. In diesem Projekt ging es darum (gerahmt von einem Eingangs- und einem Schlusskapitel, in dem sie alle vorgestellt werden), aktuelle Plotbunnys in Oneshots zu verwursten. Mein Projektbeitrag umfasst folgende Oneshots:

- Wahlverwandtschaft: Albus Dumbledore hat eine Entscheidung zu treffen, die das Leben des zwölfjährigen Severus Snape für immer verändern könnte.
- Großmutters Stolz: Neville Longbottom erfährt in den Ferien zum sechsten Schuljahr etwas Entscheindens über seine Vergangenheit und Zukunft. (basiert auf Idee, dass Voldemort sich bei der Prophezeiung für Neville entschied)
- Der Aufstand: Ein konspiratives Treffen der Sklaven der Zauberer
- Zeitung, Feder, Pergament: Albus Severus denkt über ein paar Gegenstände nach, die in Verbindung mit einem düsteren Phantom stehen - und seinen Namensvätern
- Akademisches Viertel: Severus Snape lauscht einem Vortrag Albus Dumbledores und gerät ins Grübeln
Fast wie damals: Wurmschwanz lässt es sich bei den Weasleys gut gehen
- Von Ende bis Anfang: Ron hilft in Gedanken versunken Harry dabei, Snapes Erbe zu verwalten und erlebt eine Überraschung.

Irgendetwas stimmte nicht. Ich wusste nicht was, doch ich spürte es intuitiv. Schon als ich die Augen aufschlug und mir eine Woge warmer Luft um die Nase wehte. Ein Luftzug in einem Zimmer, dessen Fenster verriegelt waren. Doch vielleicht entsprang der Wind nur einem meiner wirren Träume? In letzter Zeit war ich sehr produktiv gewesen. Ein bisschen zu sehr vielleicht. Denn meine Ideen und Charaktere, wenn auch nur geliehen, verfolgten mich schon in meine Träume. Manchmal kamen sie mir fast wie reale Menschen vor, die neben mir standen und mir über die Schulter schauten, wenn ich ihre Geschichten in die Tasten haute. Die allzu rege Fantasie einer Hobbyautorin.

Schlaftrunken drehte ich den Kopf zur Seite und blickte mich um, suchte die Quelle des unerwarteten Lüftchens. Im fahlen Schein des Anzeigelichts meines Digitalweckers sah ich verschwommen die Schemen meines Schlafzimmers um mich. Nichts schien ungewöhnlich. In den Regalen ringsumher reihten sich die Bücher – Rücken an Rücken, wie es sich gehörte. Kein Wälzer flog durch die Luft. Kein Monster rumpelte in meinem Kleiderschrank. Keine Vinylscheibe drehte sich ohne mein Zutun auf dem Plattenspieler und erfüllte den Raum mit unheimlichen Tönen. Der Fernsehbildschirm war schwarz und der Monitor tat es ihm gleich. Mein Schlafzimmer sah aus wie in jeder Nacht, sobald ich das Licht gelöscht hatte und zu Bett gegangen war. Und doch: Woher kam dieser warme Luftzug? Hatte ich vergessen, die Heizung auszustellen? Und wenn es nur die Heizung war, warum packte mich auf einmal dieses mulmige Gefühl. Dieses Gefühl, nicht in meinem Schlafzimmer zu sein, sondern in einem Raum hoch oben in einem alten Turm, abgeschnitten vom Rest der Welt?

Ich hob meine Beine aus dem Bett, wollte zum Lichtschalter laufen. Doch ich hatte ihn noch nicht erreicht, als mir auf einmal etwas ins Auge stach. Etwas auf dem Boden, den ich zuvor nicht beachtet hatte. Unscheinbar wie eh und je lag es vor meinen Füßen und zog doch meine ganze Aufmerksamkeit auf sich: Mein Notizheft. Jenes kleine, karierte Büchlein, in dem ich all meine Ideen für Geschichten festhielt.  Jenes kleine, karierte Büchlein, das von meinem Schreibtisch herabgefallen sein musste, wo es normalerweise die Nacht über lag. Die Seiten blätterten sich wie wild hin und her, als würde der Wind damit spielen. Ich runzelte die Stirn. Wie eigenartig! Gewiss spürte auch ich den warmen Luftstrom an meinen blanken Füßen. Doch war er nur ein Hauch, ein Lüftchen, kein Sturm, der ein solch wildes Seitenrascheln erklären könnte. Etwas sehr Merkwürdiges war hier im Gange, fast etwas Magisches. Verwundert beugte ich mich hinab und streckte meine Hand nach den karierten Seiten aus. Ich wollte mein Notizbuch nur aufheben. Doch kaum berührte meine Fingerspitze das Papier -  da passierte es.

Ein grünes Licht. Direkt hinter mir. Es blitzte auf, rauschte durch mein Zimmer. Ich war noch dabei mich umzudrehen, als ein Wind aus heißer Luft, viel stärker als der warme Strom zuvor, durch meine Haare fegte. Gerade noch sah ich aus den Augenwinkeln, wie es die eiserne Klappe zum Schornsteinschacht hinfort riss. Und dann: Flammen! Grüne Flammen schlugen empor! Angstvoll krallte ich meine Finger in mein Notizbuch. Taumelte rückwärts, drängte mich an den Schreibtisch. Da trat aus den Flammen eine Gestalt hervor. Eine Gestalt in einer langen, schwarzen Kutte, die Kapuze über den Kopf gezogen.

Zögerlich trat sie ins Zimmer. Mit jedem ihrer Schritte stockte mir der Atem mehr und mehr. In der Mitte des Raumes blieb sie stehen, schien sich umzublicken.
„Das ist nicht Hörsaal 7 ½ der Merlin Akademie“, erklang eine ärgerliche, ölige Männerstimme. Ich wagte nicht zu antworten. Der Anblick des Mannes ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Wer war er? Und wie in Teufels Namen kam er in mein Zimmer? Im grünen Schimmer des erlöschenden Feuers sah ich schattenhaft, wie er einen länglichen Gegenstand unter der Kutte hervorzog und auf meine Zimmerdecke deutete.

Eine Sekunde später leuchteten die Birnen meiner Deckenlampe auf. Dann drehte der Mann sich um, so dass Licht auf sein Gesicht fiel. Und hatten sich meine Finger gerade noch angstvoll in das Holz meines Schreibtischs zu krallen versucht, so ließ ich die Platte jetzt schlagartig los. Mit offenem Mund und aufgerissenen Augen starrte ich den Mann an. Unter der Kapuze schaute ein blasses Gesicht hervor. Ein blasses, längliches Gesicht mit einer großen Hakennase und dunklen, kalten Augen, über die Strähnen fettigen, schwarzen Haares fielen.

„Severus Snape!“, rief ich voller Überraschung und ließ mein Notizbuch fallen, auf dem zufällig gerade eine meiner Ideen für eine Geschichte über ihn aufgeschlagen war. Doch Snape schien mich nicht wahrzunehmen. Ja, er behandelte mich wie Luft.

Dass ich tatsächlich so etwas wie Luft für ihn sein musste und es nicht nur pure Ignoranz war, wusste ich, als er im nächsten Moment auf meinem Bett niedersank und die Hände im schwarzen Haar vergrub. Eine Geste, die sich Severus Snape niemals vor fremden Augen erlauben würde. Ich runzelte die Stirn. Wie konnte es sein, dass ich in meinem eigenen Zimmer unsichtbar war? Aber wo Romanfiguren mir nichts dir nichts durch den Schornsteinschacht hereinspazierten, gehörte wohl auch dies zur Normalität.
„Verdammt. Da will man sich einmal, nur einmal heimlich einen Vortrag von Dumbledore anhören und dann geschieht gleich sowas“, keuchte Snape, „Verhaspelt und in irgendeinem Schlafzimmer von wer weiß wem gelandet und noch nicht mal Flohpulver da, um hier wieder weg zu kommen!“
Er presste die Augen zusammen, als bestehe die Welt aus Ungerechtigkeiten über Ungerechtigkeiten.
Und erst jetzt fiel mir auf, dass er viel jünger wirkte als ich mir Severus Snape immer vorgestellt hatte. Eher wie Mitte Zwanzig als Mitte Dreißig. Merkwürdig! Damit war er ja genauso alt wie in meiner Geschichte, die sich seiner Jahre zwischen Lilys Tod und Harrys erstem Schuljahr widmen sollte.

Noch zerbrach ich mir den Kopf über diese Absonderlichkeit, als ich plötzlich aus dem Augenwinkel etwas erhaschte. Ein erneuter Windstoß fegte durch die Seiten des Notizbuchs, blätterte sie um. Den Bruchteil einer Sekunde später loderte im schwarzen Schornsteinschacht wieder grünes Feuer auf. Reflexartig wich ich vom Schacht zurück, bis ich an der anderen Seite des Zimmers stand, direkt vor dem Fenster.

Severus Snape blickte auf. Durch die Öffnung schob sich ungelenk ein korpulenter Mann in den Raum, hustete, klopfte sich Ruß und Asche vom Mantel. Ich rätselte noch, wer dies nun wieder war, als Snapes ungläubige Stimme wie ein Pfeil durchs Zimmer schoss.

„Professor Slughorn?“

Der Mann blickte auf und schien Snape erst jetzt zu bemerken. Dann von einer Sekunde auf die andere weiteren sich seine Augen wie von großer Überraschung gepackt.
„Du meine Güte, sind Sie das, Severus?“
„Ja“, antwortete Snape und beäugte Slughorn skeptisch.
„Bei Merlin. Sie sind ja ganz schön gewachsen. Und das von einer Sekunde auf die andere. Ich muss wohl träumen. Gerade noch ein Zwölfjähriger und jetzt ein junger Mann.“
Nun runzelte Snape die Stirn.
„Wenn Sie träumen, tue ich es auch, Professor. Ich bin so real wie Sie.“
Horace Slughorn starrte ihn an, sichtlich irritiert.
„Na, hier scheint mir aber sehr sonderbare Magie im Spiel zu sein“, stammelte er ungläubig.
„Offensichtlich“, bemerkte Snape kühl.
„Nun, wie auch immer“, fuhr Slughorn fort, versuchend, sich zu fassen, „Mein herzliches Beileid zum Tod Ihrer Eltern.“
„Danke“, sagte Snape und nun war er es, der ein wenig verwundert wirkte, „Wenn auch ein paar Jahre zu spät“.
„Ja, das kann man wohl sagen“, bemerkte Slughorn und musterte Snape geistesabwesend. Dann schüttelte er den Kopf und atmete tief ein.  
„Eigentlich wollte ich ja zu Professor Dumbledore, den Fall mit ihm besprechen“, fuhr er fort und schaute sich nervös im Zimmer um, „Aber dies scheint mir nicht sein Büro zu sein. Ich hoffe, ich bin nicht in seinem Schlafzimmer gelandet. Das wäre mir sehr peinlich.“
„Welchen Fall?“, fragte Snape und hob die Augenbraue.
„Na den Fall Ihrer Vormundschaft“, erklärte Slughorn beiläufig, während er meinen Bücherschrank inspizierte.
„Meiner was bitte?!?“ Snape stand auf. In seinem Gesicht spiegelte sich tiefste Überraschung. Er schien nicht den blassesten Schimmer zu haben, wovon sein ehemaliger Hauslehrer sprach.
Ich hingegen schon. Slughorns Worte kamen mir seltsam bekannt vor.
„Na, Ihrer Vormundschaft, die Dumbledore übernehmen soll“, erklärte dieser auch prompt, „Sie werden sich doch wohl noch an unserer Gespräch erinnern, als Sie zwölf waren – oder wie alt Sie jetzt auch sein mögen. Haben Sie etwa heimlich Alterungstrank gebraut?“
„Nein, nicht im Geringsten!“ sagte Snape und die beiden Männer starrten sich einen Moment lang gegenseitig entgeistert an. Noch immer schien keiner von ihnen mich bemerkt zu haben.

„Zumindest scheinen wir beide uns wohl auf dem Weg zu Dumbledore verirrt zu haben“, brach Snape schließlich das Schweigen.
„Ach was!“, witzelte ‚Slughorn, „Sie etwa auch, Severus?“
„Ja“, knirschte Snape bedrückt, „Ich wollte eigentlich in die Merlin Akademie“
Slughorn schien ihm nicht zuzuhören.
„Nun, ich hoffe unser Schulleiter hat seine Kaminaddresse nicht ge-“

Das Geräusch von knackendem Holz zerschnitt Slughorns Worte abrupt. Ich spürte, wie ich leicht zu frösteln begann, als ein heißer Wind durchs Zimmer wehte. Wieder bewegten sich die Seiten meines Notizbuchs, wurde eine neue aufgeschlagen. Slughorn wandte sich um, starrte zum Schornstein.
„Du meine Güte, was geht denn hier vor sich?“, fragte er ahnungslos.
„Vermutlich bekommen wir Besuch“, bemerkte Snape nüchtern. Und schon im nächsten Augenblick dröhnte Stimmengewirr aus dem Schornsteinschacht, der bald in grünem Licht aufloderte.
„Meinst du, wir sind richtig, Al?“, drang eine noch sehr junge Stimme aus dem Schacht.
Die Zweite klang schon etwas älter: „Würd mich wundern. Ins Zaubereiministerium kommt man nicht einfach so“
„Einen Versuch war es wert“, bemerkte eine Dritte – deutlich im Stimmbruch.
„War klar, dass du das sagst, James“, meinte wieder die Zweite.
Und noch während sie sprach, schob sich ein roter Haarschopf ins Zimmer, gefolgt vom rosigen Gesicht eines etwa elfjährigen Mädchens.

Wer war nun wieder dieses Kind? Zuerst dachte ich an Lily Evans. Doch ihre Augen waren braun, nicht grün.
Severus Snape musste es ähnlich ergangen sein, denn er war erbleicht, hatte sich reflexartig ans Herz gefasst, dann aber ausgeatmet und wieder auf meinem Bett Platz genommen.

„Oh seht mal, wir sind in einem Schlafzimmer gelandet“, rief das Mädchen, während hinter ihr ein Junge mit wildem, dunklen Haar und grünen Augen aus dem Kaminschacht kletterte.
„Wunderbar!“, keuchte ein Weiterer hinter ihnen, „dann kriegen ich und Al ja doch noch ein Gemeinsames.“
Der erste Junge wandte sich panisch um und sah zu wie der zweite - ein rothaariger, etwa um die vierzehn -  feixend aus dem Schacht kletterte.
„Mann, war doch nur Spaß, Al!“, rief dieser, als der andere sich noch immer nicht abwandte.

Das Mädchen indessen erstarrte. Ihr Blick war auf Snape und Slughorn gefallen. Mir schenkte sie keine Beachtung.
„Oh… oh… Verzeihen Sie. Wir wollten nicht stören. Wir haben uns nur verirrt“, stammelte sie aufgebracht und versuchte, die beiden Jungen schon wieder in den Schacht zurück zu drängen.
„Was ist denn?“, fragte der jüngere der beiden Jungen hinter ihr.  
„Wir sind nicht allein“, flüsterte sie ihm zu.
„Nicht allein?“, sagte der zweite Junge, „Lasst mich mal sehen!“
„Nicht!“, rief das Mädchen. Doch da hatte er die beiden schon zur Seite gestoßen.
„He, schaut euch mal den Mann an“, sagte er plötzlich mit verwundert aufgerissenen Augen und deutete ungeniert auf Severus Snape, „Sieht der nicht fast so aus wie Severus Snape? Vielleicht ist das ein Sohn von ihm oder so und kann uns weiterhelfen, mehr über Snape heraus zu finden.“
„Allerdings werde ich ihnen weiterhelfen!“, donnerte Severus Snapes Stimme plötzlich durch den Raum.
„Ich bin Severus Snape höchstpersönlich, Tränkemeister von Hogwarts“, Slughorn hob die Augenbrauen, putzte sich die Ohren und kratzte sich an der Schläfe, „Und damit Ihr Lehrer. Dürfte ich wohl bitte Ihre Namen erfahren, damit ich Ihrem Haus für diese Unverschämtheiten die angemessene Punktzahl abziehen kann?!?“
Das Mädchen stöhnte schwer.
„Albus, James und Lily Potter“, ratterte sie herunter.
„Albus, James und Lily Potter, soso“, wiederholte Snape höhnisch, „Sie kommen sich wohl sehr lustig damit vor, sich nach Hexen und Zauberern zu benennen, über die Sie vor ein paar Jahren jeden Tag in der Zeitung lesen konnten. Ihre echten Namen, wenn ich bitten darf!“
„Das sind unsere echten Namen“, beteuerte das Mädchen verzweifelt, „Ehrlich!“

Und anders als Snape wusste ich, dass sie die Wahrheit sagte. Harry Potters Kinders. Darum also hatte ich sie zunächst nicht erkannt. Ihr Auftritt in den Büchern hatte nur sieben Seiten in Anspruch genommen. Und zwei in meinem Notizbuch. Warum musste ich gerade jetzt daran denken? Wie war dieser merkwürdige Zufall zu erklären?

„Ich kenne Sie nicht“, sagte Snape kühl.
„Aber wir Sie!“, polterte Lily Luna los, „Sie hängen als Porträt im Schulleiterbüro. Sie haben im zweiten Voldemort-Krieg als Spion für den Phönixorden gearbeitet. Mein Bruder ist nach Ihnen benannt und Sie und Albus Dumbledore wussten irgendetwas, das uns vielleicht weiterhelfen kann.“
Snape starrte das Mädchen mit gerunzelter Stirne an. Und wenn ich seine Miene richtig deutete, so fragte er sich in diesem Moment wohl, ob er einen schlechten Zaubertrank getrunken hatte oder die Kinder. Slughorn neben ihm hatte sich inzwischen die Schläfe blutig gekratzt.

Ich wollte mich gerade räuspern, als…

Zschhht

Wieder grünes Feuer, wieder heißer Wind in meinem Notizbuch. Wieder Stimmengewirr im Schornsteinschacht. Und eine dunkle Vorahnung überfiel mich, als ich auf einmal eine junge Frauenstimme rufen hörte: „Du hast genuschelt, Ron!“.

Nur den Bruchteil einer Sekunde später folgte die Antwort: „Es war deine Idee übers Flohnetzwerk zu reisen, Hermine, also beschwer dich nicht.“
„Ja, weil es der schnellste Weg vom Grimmauldplatz aus war. Du weißt, dass wir in Hogwarts nicht apparieren können!“

Mehr an Beweisen  brauchte es nicht. Jetzt war ich mir sicher. Die Seiten, die der Wind in meinem Notizbuch aufgeschlagen hatte, gehörten zu einem ganz bestimmten Sequel. Auch das noch!

Ron und Hermine stiegen aus dem Schornsteinschacht.
„Tante! Onkel!“, riefen drei Kinderstimmen im Chor – erschrocken, doch irgendwie auch fröhlich -, als die beiden Gesichter aus der Dunkelheit tauchten.
Völlig verdattert tauschten die Angesprochenen ratlose Blicke. Fragezeichen standen in ihren Gesichtern geschrieben. Ob sie wohl auch darüber nachdachten, welchen Zaubertrank sie zuletzt getrunken hatten? Oder lag ihnen der Gedanke an einen Verwechslungszauber näher?

Was immer ihnen auch durch den Kopf gegangen sein mag, sie hatten nicht lange Zeit, darüber nachzudenken. Plötzlich wurde es dunkel im Zimmer, als hätte jemand unbemerkt ein „Nox“ gezaubert  - und kalt. Eisig kalt. So kalt, dass ich zu frieren begann, richtig zu frieren. Und wieder fegte ein Wind durchs Zimmer. Sturmwind, Nordwind, Schneewind. Etwas geschah. Etwas Unheimliches. Ich spürte es. Alle spürten es. Denn jedes Gespräch war augenblicklich verstummt und niemand rührte sich auch nur einen Millimeter. Wie die warme Briese zuvor fuhr auch dieser kalte Wind durch mein Notizbuch, riss die Seiten hin und her, bis er das Buch fallen ließ - wie leblos, wie tot. Kein grünes Feuer flackerte im Schornsteinschacht auf. Dafür erhob sich in der Ecke zu meiner Linken ein Wirbelwind. So nah, dass der Zug mir über die Haut strich.  

„Her-mi-ne, was passiert hier?“, rief Ron, der direkt an mir vorbeistarrte, käsebleich. Doch noch ehe er antworten konnte…
Ein Gesicht! Ein blasses, schlangenartiges Gesicht manifestierte sich im Wirbelwind. Rote Augen starrten in den Raum. Dann – ein Schatten vor dem Bett. Er sprang auf, raste auf mich zu und
„STUPOR!“

Für einen Moment stockte mir der Atem. Ich dachte, ich wäre getroffen. Doch dann atmete ich aus, als ich hörte, dass etwas schwer wie ein Mehlsack links neben mir zu Boden ging. Dieses Etwas war niemand Geringeres als Lord Voldemort höchstpersönlich. Vor dem Bett stand Snape mit zitterndem Zauberstab und einem Gesicht, in dem der blanke Hass geschrieben stand.
„Guter Schuss, Severus“, bemerkt Slughorn anerkennend, während beide durch mich hindurch zu schauen schienen.  
Severus blinzelte und ein Schüttelfrost packte ihn, als ob ihm erst jetzt klar würde, was er getan hatte.
Auch in Hermine kam Bewegung. Sie stürzte vor, lief direkt an mir vorbei und beuge sich über den reglosen Dunklen Lord.
„Bei Merlins Unterhose! Und ich dachte, er wäre seit dem letzten Sommer endlich erledigt“, rief sie entsetzt.
„Ach“, antwortete Ron trocken, „Auch nach allem, was die letzten Wochen in der Schule passiert ist? Wir haben ja kaum die Trauerfeiern und Ehrungen hinter uns gebracht, als es wieder los ging mit den ganzen Rätseln.“
„Rätsel in Hogwarts wird’s wohl immer geben und böse Schwarzhexen und Schwarzmagier auch“, seufzte Albus Severus Potter. Doch niemand schien ihm zuzuhören.
„Ja, aber da steckt doch nicht ER dahinter“, zischte Hermine, drehte sich zu ihm um und stand wieder auf.  
„Sicher? Woher willst du das wissen? Vielleicht haben wir ja irgendwas übersehen.“
„Weil… ach vergiss es, Ron. Wir sollten zusehen, dass wir nach Hogwarts kommen. Harry und McGonagall haben noch immer nicht alles von Snapes Erbe ausgeräumt.“
„Meinem Erbe?!?“, rief Snape, halb perplex und halb wütend.
„Verzeihen Sie bitte die Störung“, wandte sich Hermine förmlich an die Anwesenden, die sie bisher nicht richtig in Augenschein genommen hatte und drängte ihren Freund in Richtung Schornsteinschacht.
Sie hatte ihren Fuß schon in das Loch gesetzt. Dann, plötzlich, hielt sie inne.  

Ich wusste, was geschehen würde. Ich wusste es, als aus dem Schornsteinschacht ein warmer Luftstrom ins Zimmer blies und mein Notizbuch auf jener Seite aufschlug, die ich mit der Zeichnung einer Statue von Dobby verschönert hatte.

Verwundert starrte Hermine in das Loch, als schon die grünen Flammen emporschlugen.
„Nanu, wer kommt denn da?“, rief sie und wich vom Schornsteinschacht zurück. Doch es war kein Mensch, der diesmal aus dem Feuer trat.

Ein ganzes Bündel von verzauberten Flugblättern flatterte im wahrsten Sinne des Wortes ins mein Zimmer. Neugierig schnappte sich Hermine eines, begann es halblaut vorzulesen.

Wie Sie Ihren Meister dazu bringen, Ihnen Kleidung zu schenken… Jede Elfe hat das Recht… Fünf einfache Tricks, die Freiheit zu erlangen… Gezeichnet die Elfenfront…

Ihre konzentrierten Züge wandelten sich zu einem Lächeln, dann zu einem Strahlen.
„Sie tun es, Ron! Endlich tun Sie es!“, rief sie voller Begeisterung und fiel ihrem ahnungslosen Freund stürmisch um den Hals.
„Wer tut was?“, stammelte Ron völlig verdattert.
Doch seine Frage sollte sich von selbst beantworten. Im gleichen Augenblick noch erschallten Schlachtrufe im Schornsteinschacht.
„RECHTE FÜR ELFEN – WIR WOLLEN NICHT MEHR HELFEN!“
Und aus den Flammen traten zwei Hauselfen mit Plakaten an Besenstilen. Auf dem einen: Dobby  in einem weißen Gewand und mit einem Heiligenschein versehen. Auf dem anderen die Parole: Elfen-Ehre heißt Freiheit

Die beiden Elfen hatten wohl gerade bemerkt, dass das Flohnetzwerk sie nicht zur gesuchten Demonstration gebracht hatte, als direkt neben mir plötzlich ein eiskaltes Lachen erschallte. Voldemort hatte sich vom Schockzauber erholt, erhob den Zauberstab und:
„Avada Kedavra!“
Ein grüner Blitz rauschte durchs Zimmer, direkt auf die Elfen zu. Doch bevor er sie erreichen konnte, flog mein Notizbuch vom Boden, rauschte dazwischen.

Der Todesfluch zerbarst am karierten Papier zu tausend grünen Funken. Und dann ging alles furchtbar schnell. Ron und Hermine fuhren zu Voldemort um. Ihre Nichte und ihren Neffen zogen die Zauberstäbe. Die Elfen rannten los. Snape und Slughorn ebenso. Aus vier Richtungen stürmten sie alle auf die Ecke zu, in der Voldemort sich wieder aufgerappelt hatte – und kollidierten mitten im Raum.

In der Hektik bemerkte keiner, dass mein Notizbuch sich wieder wie wild umblätterte. Dass hinter ihnen der Schornsteinschacht erneut grün aufflammte. Dass ein kleines Nagetier herauskrabbelte und hastig über den Boden huschte. Das hieß – fast keiner bemerkte es. Denn sogleich rauschte ein weiterer Blitz durch den Raum und in der dunklen Ecke zu meiner Rechten ertönte ein schmerzhafter Schrei. Die Ratte verwandelte sich in einen untersetzen Mann, der sich den Hintern rieb, dann umdrehte. Er blickte auf zu Voldemort mit seinem erhobenen Zauberstab und erbleichte vor Entsetzen.
„Mein Lord, Ihr lebt?!?“, ein fassungsloses Quieken.  
Harry, Ron und Hermine starrten ihn vom Boden aus an, während sich der Elfen- und Menschenknoten langsam löste. Sie schienen über den Fragesteller das Gleiche zu denken – wie schätzungsweise über so ziemlich alle, die sich gerade im Zimmer befanden.
„Natürlich lebe ich, Wurmschwanz“, höhnte Voldemort drohend, „Doch was dich angeht, wäre ich mir dessen nicht mehr so lange sicher. Wo verstecken sich die Longbottoms? Ich will den Jungen! Ich will ihn vernichten, ehe er zur Gefahr wird. Sprich!“
„Neville?!?“, flüsterte Ron, „Aber ich dachte, ich dachte, Harry wäre der Auserwählte?“
„Schscht“, zischte Hermine, „Ich muss zielen“.
Wurmschwanz warf sich vor Voldemort auf den Boden und begann zu zittern und zu keuchen.
„Ich… ich weiß nicht, mein Lord“, flehte er, „Aber... aber wenn mein Herr es befiehlt, so halte ich für ihn die Ohren offen im Hause der Weasleys, wo ich derzeit lebe.“
Ron hob die Augenbrauen.
„Das doch ist Jahre her“, sagte er, während Hermine ihren Arm aus dem Knäul streckte und ihre Stimme erbeben ließ: „EXPELLIARMUS“.
Voldemorts Zauberstab fiel augenblicklich zu Boden.
„Also wenn das kein schlechter Traum ist“, keuchte Ron und rappelte sich auf,  „dann… dann glaube ich, sind wir jetzt soweit, dass der ganze Ärger uns hat verrückt werden lassen.“

Er hatte es gesagt und für eine Sekunde herrschte Stille im Raum, als hätte er ausgesprochen, was allen durch den Kopf ging. Dann plötzlich erklang eine Stimme. Eine sanfte, gelassene, beruhigende Stimme.
„Oh, aber nicht doch, Mr Weasley. Es gibt keinen Grund, sich über Ihren Geisteszustand Sorgen zu machen. Mit ihren Kopf und auch dem aller anderen hier im Raum ist alles in bester Ordnung. Nicht immer liegt die Antwort auf ein Rätsel darin, dass jemand den Verstand verloren hat.“
Alle Köpfe wandten sich um. Alle Augen blickten in die Richtung, aus der die Stimme kam. Hinüber zum Schornstein, direkt mir gegenüber. Der Schornstein, vor dem nun – ganz ohne Wind und grünes Feuer - ein Mann mit einem langen Silberbart und einer schneeweißen Robe stand: Albus Dumbledore.

Voldemort kniff wütend die Augen zusammen. Wurmschwanz nutzte die Ablenkung, um als Ratte unter das Regal zu fliehen. Harrys Kinder begannen aufgeregt zu tuscheln. Ihr Onkel und ihre Tante tauschten irritierte Blicke. Die beiden Hauselfen starrten Dumbledore verwundert an und Snape hob skeptisch die Augenbraue. Doch es war Horace Slughorn, der das Wort ergriff.
„Was meinst du damit, Albus? Worauf willst du hinaus?“

Dumbledore lächelte.
„Wie mir scheint, befinden sich in diesem Raum elf Menschen oder Wesen, die den gleichen Respekt verdienen. “
Er zwinkerte den Hauselfen zu, dann sprach er weiter.
„Elf, die ein Schicksal teilen und doch auch wieder nicht. Elf Charaktere, die aus sieben unterschiedlichen Geschichten stammen und deren Wege in diesem Zimmer zusammenführen.“
Ron starrte ihn an.
„Geschichte? Wege? Ich versteh nur King’s Cross“.
„Nun, es mag Sie verwundern, vielleicht auch erschrecken, Mr Weasley, aber die Wahrheit ist: Sie sind nichts weiter als eine Romanfigur. Genau wie ich, wie ich sagen darf und Ihre Freunde und jeder, den Sie in diesem Raum sehen können.“
Ron starrte ihn noch immer an. Jetzt mit einem Blick, als ob es nun Dumbledore wäre, der den Verstand verloren hätte und nicht er selbst. Hermine neben ihm jedoch hatte nachdenklich den Finger an ihre Lippen gelegt.
„Moment mal“, sagte sie, „Das ergibt Sinn. Denk doch mal nach, Ron. Wenn wir alle Romanfiguren sind und alle aus unterschiedlichen Geschichten stammen, dann ist es auch kein Widerspruch mehr, dass Wurmschwanz lebt, obwohl er eigentlich tot ist oder dass Voldemort Neville jagt oder dass das da unsere Nichte und unsere Neffen  sind. Das ist einfach nur so, als würde man sieben Bücher aufschlagen und sie nebeneinander auf den Boden legen und alle gleichzeitig lesen.“
Dumbledores Lächeln verwandelte sich in ein Strahlen.
„Sie haben das Prinzip erfasst, Miss Granger!“
„Aber wenn wir alle nur Romanfiguren sind, wie kommen wir überhaupt hier her? Müssten wir nicht alle in unseren eigenen Geschichten sein?“, fragte Snape scharf, „Und vor allem: Wie kommen wir wieder von hier fort?“
„Ich bin froh, dass du das ansprichst, Severus“, antwortete Dumbledore sanft, „Nun, der Grund, warum wir hier sind, liegt in einem uralten Fluch aus dem Bereich der elementaren Magie begründet. Ich bin selbst nur durch Zufall bei meinen Forschungen auf ihn gestoßen, doch weiß ich genug darüber, um sagen zu können, dass er unter Schriftstellern, ganz gleich ob sie Muggel oder Zauberer, Berufs- oder Hobbyautoren seien, weiter verbreitet ist als man annehmen mag. Derivate dieses Fluchs sind jedem Schriftsteller vertraut. Es handelt sich um das bekannte Phänomen, dass Ideen zu Geschichten, wenn sie nur skizziert und nicht geschrieben werden, dazu neigen, ein Eigenleben zu entwickeln. Sie quälen den Autor, sie rauben ihm den Schlaf, sie geißeln so lange seine Gedanken, bis die Geschichte geschrieben ist.“

Mir war, als spräche Dumbledore direkt aus meinem Herzen und darum spitzte ich meine Ohren, um ihm nur noch besser lauschen zu können. Wenn einer die Lösung für all diese Rätsel wusste, dann doch wohl er!

„In seltenen Fällen nun“, fuhr Dumbledore fort, „Das heißt, wenn ein Autor sich einer magischen Geschichte widmet, kann es passieren, dass diese Entwicklung eines Eigenlebens den Bereich des Metaphorischen verlässt. Oder mit anderen Worten: Die Geschichten werden tatsächlich lebendig, genauer gesagt die Charaktere daraus. Dies geschieht, sobald ein Autor sieben unfertige Geschichten in seinem Notizbuch skizziert hat, also sieben Mal seine Feder in die Hand genommen hat, ohne das Werk wirklich zu schreiben. Daher spricht man auch vom Sieben-Federn-Fluch. Romanfiguren, die durch den Sieben-Federn-Fluch zum Leben erweckt wurden, sind zusammen mit dem Notizbuch in einem Raum gefangen. Sie können in weder verlassen, noch in ihre angestammte Welt der Gedanken zurückkehren. Es gibt nur ein Mittel, das diesen Zustand beheben kann“
„Und das wäre?“, fragte Snape.
Dumbledore atmete tief ein: „Die Geschichte muss geschrieben werden, zumindest in Teilen“.

Stille. Verwunderte Blicke. Ratlosigkeit. Diese Antwort war wohl nicht das gewesen, was die Anwesenden erhofft hatten.

Voldemort lächelte eiskalt.
„Oh fürwahr, der weise Dumbledore hat gesprochen. Du hoffst wohl, mich zum Narren halten zu können, alter Mann. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Ich bin in meinem Wissen über die Magie viel weiter gekommen, als du mir je an Verwandlungszaubern beibringen konntest. Viel weiter, als du auch nur ahnst. Ich brauche niemanden, der eine Geschichte über mich schreibt. Schon gar keinen unwürdigen Muggel“.
Dumbledore erwiderte sein Lächeln.
„Oh, ich ahne mehr über dein Wissen als dir lieb ist, Tom. Und ich kann dir versichern, Du wirst keine andere Wahl haben. Doch falls es dich beruhigt: Ich habe den leisen Verdacht, dass Mr. Longbottom in der Geschichte, aus der du stammst, ohnehin die tragendere Rolle spielt als du. Ist es nicht so?“
Voldemort schien dies keineswegs zu beruhigen. Seine Hände krampften sich in seinen Zauberstab, als wolle er jede Sekunde einen Fluch losschicken. Doch nachdem ihm schon einmal ein Avada Kedavra misslungen war, schien er diesmal davon abzusehen.
„Nun“, sagte er leise, bedrohlich, „Wie sieht dein Plan aus, alter Mann? Möchtest du etwa einem der Hauselfen den Befehl erteilen, deine Biografie zu schreiben? Ach nein, ich vergaß ja, dass du ihren lächerlichen Aufzug hier auch noch für gut befindest. Wie schade.“
Unter dem Regal erklang ein quiekendes Kichern.

Dumbledore zuckte nicht einmal mit der Wimper.
„Gewiss nicht“, sagte er sanft, „Der Zauber würde nicht wirken, wenn einer von uns zur Feder greifen würde. Dies muss schon derjenige tun, der uns erst in diese Lage gebracht hat.“
„Sie sprechen vom Autor!“, rief Albus Severus Potter.
„Ja, mein Junge, das tue ich.“
„Und wie kriegen wir den hier her?“, platze Lily-Luna heraus.
„Oh“, lächelte Dumbledore, „Das dürfte nicht allzu schwer sein.“

Und dann geschah es. Zwei bohrende, hellblaue Augen blickten mich an. Mich, die ich geglaubt hatte, für alle hier im Raum unsichtbar zu sein. Sie schauten mir direkt ins Gesicht, direkt in die Augen. Kalter Schweiß lief mir den Rücken herab. Albus Dumbledore konnte mich sehen. Er konnte mich wirklich sehen. Vielleicht schon die ganze Zeit über! Verwundert wandten sich nun auch die anderen um und auch sie schienen mich zum allersten Mal zu erkennen. Ich sah in neun verblüffte Gesichter. Voldemort beäugte mich nur abfällig und Wurmschwanz lugte vorsichtig unter dem Regal hervor.

„Pro -Professor Dumbledore“, stotterte ich, während mein Herz wie panisch schlug, „Ich wollte das nicht. Ich wollte niemandem solche Schwierigkeiten bereiten. Ich wusste nichts von diesem Fluch.“
Er lächelte.
„Gemach, Miss Augurey. Dass einem zu viele Ideen durch den Kopf gehen und man sie gerne ablegen möchte, kann jedem passieren. Manch einer hat dafür ein Denkarium, ein anderer ein Notizbuch. Entscheidend ist nicht, was geschehen ist. Entscheidend ist, was geschehen wird. Sie wissen und haben gehört, wie Sie uns befreien können. Walten Sie Ihres Amtes!“

Ich zögerte nicht, als Dumbledore meinen Blick hielt und mir zunickte.
Eine kurze Erwiderung, dann trat ich zum Schreibtisch und - begann zu schreiben…

Es war spät geworden. Zu spät, um die Zeit noch Nachmittag nennen zu können. Vor den Fenstern senkte sich bereits die rötliche Septembersonne hinab auf die feuerfarbenen Bäume, die sich am Rande des Verbotenen Waldes zum Himmel erstreckten wie züngelnde Flammen in einem Krematorium. Der Herbst war eingekehrt in die Schlossgründe. Der Herbst, die Zeit des letzten Aufbegehrens der Natur gegen das Sterben.

Hinter den Scheiben im Turm stand ein alter Mann. Der lange, silberne Bart fiel unbewegt hinab auf eine bordeauxrote Robe. Die klaren, kühlblauen, bohrenden Augen im faltigen Gesicht folgten dem Lauf der Sonne. Albus Dumbledore runzelte die Stirn, dachte nach. Hinter ihm auf dem Schreibtisch lagen die Dokumente, die er aus dem Zaubereiministerium angefordert hatte. Weiß und unberührt. Das Feld für die Unterschrift war leer.

Es war spät am Nachmittag gewesen, als er mit Horace Slughorn jenen Spaziergang durch die Schlossgründe unternommen hatte. An einem Tag wie diesem, ganz genau wie diesem, der noch nicht einmal eine Woche zurücklag. Ein sonniger Tag im frühen September, noch immer mehr Sommer als Herbst, obwohl die Ränder der Blätter schon begonnen hatten sich rot und golden zu färben. Ankündigten, was bald geschehen würde. Kein Wölkchen am Himmel hatte das heitere Wetter getrübt und doch ahnte Albus schon als er seinen Fuß vor das Eichenportal setzte, dass sich irgendwo ein Unwetter zusammenzubrauen begonnen hatte.
„Du wolltest mich sprechen, Horace?“, hatte er ruhig gefragt, während sein alter Freund und Kollege nervös die Hände knetete.
„Ja, Albus, das wollte ich. Lass uns doch ein wenig durch die Schlossgründe laufen. Ein Spaziergang vor dem Essen regt den Appetit an.“
Sie taten es.
„Nun, worum geht es dir?“, fragte Albus, als sie eine Weile gewandert waren und nur noch die Waldstille ihnen lauschte.
„Um einen meiner Schüler, ein Zweitklässler. Äußerst begabter Junge, zumindest was Zaubertränke betrifft“, sprach Horace, während er mit verklärten Augen den blätterbedeckten Kiesweg hinabblickte.
Albus runzelte die Stirn.
„Und darum wolltest du mich hier draußen unter vier Augen sprechen? Ich denke die Leistungen der Schülerschaft gehören wohl mehr auf die Lehrerkonferenz.“
„In diesem Fall nicht“, erklärte Horace geheimnisvoll, „Und es geht auch nicht um seine Leistungen. Der Schüler bereitet mir Sorgen.“
Albus wurde hellhörig. Etwas in ihm mahnte ihn gleich einer Warnglocke eines anderen Schülers Slughorns, um den man sich einst Sorgen machen musste.
„Inwiefern?“, fragte er vorsichtig.
„Mir ist da einiges zu Ohren gekommen, Albus, das ich lieber nicht gehört hätte“, fuhr Horace fort,  „Er soll andere Schüler verflucht haben, von den Dunklen Künsten fasziniert sein. Ganz üble Gerüchte. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. So ein lieber, stiller, begabter Junge. Ich kann mir gar nicht glauben, dass es etwas Böses in ihm geben soll. Aber das ist noch nicht alles.“
Albus hob die Augenbraue, doch noch ehe er etwas sagen konnte, zog Horace einen Briefumschlag aus seiner Robentasche und drückte ihn Albus in die Hand.
„Was ist das?“
„Lies es, es wird alles erklären.“
Albus zog den Brief heraus, überflog ihn.

Sehr geehrter Mister Slughorn… bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass Tobias Snape und Eileen Snape geb. Prince, die Erziehungsberechtigen Ihres Schülers Severus Snape am gestrigen Abend… leider verstorben sind… Mit freundlichen Grüßen, K. Reuter, Zaubereibeamter

Ein Anflug von Mitleid ergriff Albus. Er wusste nur zu gut, was es bedeutete, eines Morgens von seinem Hauslehrer die Nachricht überbracht zu bekommen, dass ein Elternteil verstorben war.
„Mein Beileid für den Jungen“, sagte er und reichte den Brief an Slughorn zurück, „Sollten derartige Neuigkeiten nicht aber zuerst über meinen Schreibtisch gehen?“
Noch war er der Schulleiter und daher auch der Erste, der über alles Wichtige seine Schüler betreffend informiert wurde, ehe er es an die Hauslehrer weitergab.
„Ich vermute, die Eule war falsch adressiert. Oder Mister Reuter noch nicht lange Zaubereibeamter“
„Ja, das kann durchaus sein“, antwortete Albus nachdenklich. Das Ministerium hatte in jüngster Zeit einige neue Mitarbeiter eingestellt, darunter war, wenn Albus sich recht erinnerte auch ein Deutscher, der mit der Personalbesetzung Hogwarts natürlich nicht vertraut war. Aber ob dieser Reuter hieß, konnte Albus nicht sagen. Er schüttelte den Kopf.
„Der Junge wird doch wohl einen Verwandten haben, der sich um ihn kümmern kann?“, fragte Albus eher beiläufig, während er einen Blick hinauf in eine wuchtige Kastanie warf, deren Früchte schon unter einem Panzer aus Stacheln reiften.
Horace atmete tief ein.
„Nein“, sagte er schließlich, „Das genau ist ja das Problem“.
Überrascht wandte sich Albus zu ihm um.
„Keine Tante, keinen Onkel, der die Vormundschaft übernehmen könnte?“
„Nicht in Großbritannien. Es gibt wohl eine Tante in den Vereinigten Staaten, eine Schwester des Mugglevaters. Aber ich fürchte, die Familie hatte lange keinen Kontakt zu ihr. Das Ministerium konnte mir nicht einmal ihre genaue Adresse nennen.“
„Wie tragisch“
„Allerdings. Der Gedanke, dass so ein begabtes Kind vielleicht unter der Vormundschaft einer Frau steht, die von unserer Welt nichts weiß, die ihm vielleicht sogar Steine in den Weg legen könnte. Welch ein Verlust für die Zaubererwelt. Aber genau darum wollte ich dich sprechen, Albus.“
Sie blieben stehen. Albus schaute seinen Kollegen verwundert an. Schaute in das Gesicht, auf dem Schweißtropfen glänzten. Schaute in die Augen, die sich hektisch umblicken. Schaute auf die Hände, die einander nervös kneteten – wieder einmal.
„Ich würde es ja selbst tun, Albus. Aber das Schulgesetz, das Schulgesetz. Du weißt, ich als Lehrer… das geht nicht. Aber du… du hast gute Kontakte zum Ministerium. Vielleicht würdest sie bei dir ein Auge zudrücken.“
Albus riss die Augen auf, als er verstand, endlich verstand, worauf sein alter Freund und Kollege hinauswollte.
„Horace“, sagte er langsam, „Du willst doch nicht etwa, dass ich die Vormundschaft für den Jungen übernehme.“
„Nur pro forma. Nur deine Unterschrift auf einem Stück Papier. Mehr wäre es nicht, Albus.“
„Du weißt wie ich, Horace, dass es weit mehr bedeutet als das. Ich könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, die Vormundschaft für ein Kind zu übernehmen, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass ich den Verpflichtungen, die daran geknüpft sind, aus vollstem Herzen nachkommen könnte.“
„Dem Jungen droht das Waisenhaus“, sagte Horace ernst, „das Waisenhaus, Albus, das ihn jederzeit von der Schule nehmen könnte. Wie schade um ein Talent wie ihn.“
Albus presste die Augen zusammen und atmete tief ein.
„Ich werde es mir überlegen, Horace“, sagte er streng, „Gib mir etwas Bedenkzeit. Wir sehen uns zum Abendessen. Einen schönen Tag“.

Und er hatte sich umgewandt und war zum Schloss zurückgekehrt. Durch die bunten Herbstblätter, die nun der unmerklich aufgezogene Wind, wie Regentropfen auf ihn herabfallen ließ.

Waisenhaus - Dieses Wort war ihm seit diesem Spaziergang von knapp einer Woche nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Wie gut erinnerte er sich noch an einen anderen kleinen Jungen, der einst dort aufgewachsen und dann sein Schüler gewesen war. Wie gut gedachte er noch seiner Verwirrung und Verunsicherung, die dieses sonderbare Kind in ihm ausgelöst hatte. Wie gut wusste er noch, wie er den Zeichen der Zeit nicht genug Beachtung geschenkt, sie nicht weitergetragen hatte, da er dem Jungen nicht hatte zumuten wollen, dass schon ein Urteil über es gefällt würde, ehe Albus Verdacht sich bewiesen hätte. Und wie sehr betrübte es Albus zu wissen, was aus diesem Jungen geworden war. Wie schwer wurde sein Herz, wenn er daran dachte, dass der Grund dafür war, dass dieses Kind nie gelernt,  nie erfahren hatte, was es hieß, geliebt zu werden. Gezeugt unter dem Einfluss von Amortentia; die Mutter Stunden nach der Geburt gestorben; der Vater schon vorher aus deren Leben verschwunden; vergessen, halbherzig gepflegt und großgezogen in einem Waisenhaus. Ohne viel Hunger, doch im stetigen Mangel an dem, was eine junge Menschenseele am dringendsten an Nahrung brauchte: Elternliebe.

Albus seufzte schwer, kehrte langsam zurück ins Jetzt und Hier. Das Schicksal eines anderen Waisenjungen lag nun in seiner Hand. Und er konnte nicht leugnen, dass vieles, das Horace ihm über seinen Schüler berichtet hatte ihn an den jungen Tom Riddle erinnerte. Ein begabter Junge, Halbblut, der Vater Muggle, die Mutter Hexe, Slytherin und scheinbar tief fasziniert von den Dunklen Künsten. Ein Kind aus ärmlichen Verhältnissen, wie er aus den Akten erfahren hatte, vielleicht verwahrlost, vielleicht in Gefahr tief abzurutschen. Und das mit gerade einmal zwölf Jahren.

Zögerlich wandte Albus sich zum Zimmer um. Auf dem Schreibtisch lagen die Dokumente, der Vormundschaftsvertrag. Blitzblank, unangetastet. Er hatte ihn aus dem Ministerium angefordert, doch noch immer keine Entscheidung getroffen. Er konnte sie guten Gewissens nicht fällen, ehe…

POCH… POCH…

Das musste er sein! Schnell wandte Albus sich um, zog den Zauberstab, ließ die Klinke der Türe nach unten fahren. Er hatte sich nicht getäuscht. Im Rahmen erschien ein junges, blasses Gesicht mit dunklen, kühlen Augen. Schwarzes, fettiges Haar hing lang zu beiden Seiten wie ein Vorhang herab auf einen zerschlissenen Schulumhang, auf dem ein silbrig-grünes Abzeichen angebracht war. Für einen Augenblick mustere Albus den Jungen. Nicht, dass er ihn noch nie zuvor gesehen hätte. Wenn man in einem Internat wohnte, war es unmöglich jedem Schüler nicht mindestens einmal am Tag über den Weg zu laufen. Doch hatte er den Jungen noch nie so intensiv in Augenschein genommen wie jetzt. Er wirkte ungewaschen, ungepflegt. Seine Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Oder besser gesagt hing sie sackartig als alter, mottenzerfressener Umhang um die schmächtigen Schultern. Der Verdacht der Verwahrlosung, den Albus schon gehegt hatte, drängt sich ihm wieder unangenehm ins Bewusstsein. Und wieder musste er an den jungen Tom Riddle auf der Pritsche eines Waisenhauszimmers denken.
„Professor Slughorn sagte, Sie wollten mich sprechen, Sir?“, fragte der Junge kalt. Keine Ehrfurcht lag in seiner Stimme, keine Scheu, keine Angst vor der Autorität des Schulleiters. Doch auch kein Aufbegehren. Nichts an Emotionen, rein gar nichts. Albus spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten, ganz sanft. Die Gefühlskälte dieses Kindes war ihm nicht geheuer. Schon einmal hatte er einen Jungen in etwa diesem Alter erlebt, der so unnahbar und reglos erschien.

„Ja, das wollte ich, Severus“, sagte Albus ruhig und winkte den Jungen zu sich heran. Stumm nahm er auf dem Stuhl vor dem Schulleiterpult Platz, ehe Albus selbst sich setzte und ihm tief in die dunklen Augen schaute. Seine Menschenkenntnis sagte ihm, dass es nicht schaden könne, hier ein wenig Legilimentik anzuwenden.
„Du weißt, warum du hier bist, Severus?“, sprach er auf den Jungen ein, während die Abendsonne das Büro in rotes Licht tauchte,  „Du weißt, warum ich dich zu diesem Gespräch gebeten habe?“
Severus Snape hielt seinem Blick stand, blinzelte nur und warf einen Seitenblick zum Fenster hinüber, wo ein aufziehender Herbststurm an den Läden rüttelte.
„Wegen meiner Eltern“, antwortete er schließlich tonlos und drehte sich wieder zu Albus um. Die kalten, dunklen Augen in seinem Gesicht blickten Albus  leer und trübe an. Trauer! Trauer stand in ihnen geschrieben. Gut versteckte Trauer zwar, doch noch immer Trauer. Trauer, die wie ein Boot auf einem Meer aus kaltem Zorn zu treiben schien. Die sich hinter einer Maske aus Enttäuschung verbarg. Tiefer Enttäuschung.
Albus runzelte die Stirn. Er hatte nicht erwartet, solche Gefühle im Geist eines Kindes zu lesen, das gerade seine Eltern verloren  hatte. Die Trauer freilich schon. Doch nicht dieser blanke Zorn, nicht diese Enttäuschung, nicht diesen Funken von verbitterter Genugtuung, hinter der noch immer der maßlose Schmerz durchschimmerte, endgültig verlassen worden zu sein. Wie die Einlösung eines bösen Versprechens, einer unausgesprochenen Drohung.

Wie wohl mochte Severus‘ Verhältnis zu seinen Eltern ausgesehen haben? Er konnte sich nicht vorstellen, dass es ein gutes gewesen war. Der Junge wirkte auf nicht gerade wie ein Kind, das innig geliebt worden war. Eher wie eines, dem Liebe bitter fehlte. Für einen Augenblick zog Mitleid Albus das Herz zusammen.

„Du musst sehr traurig darüber sein, dass sie nicht mehr da sind“, sagte er vorsichtig.
Der Junge kniff die dunklen Augen zusammen, blitze Albus zornfunkelnd an.  
„Kein Stück“, krächzte er - so patzig, so bitter, dass die Lüge offensichtlich war.
„Verstehe“, sagte Albus ruhig, wissend, dass er ins Schwarze getroffen hatte „Dann hat dir also nicht so viel an ihnen gelegen, nehme ich an?“
„Nein“, schnaubte der Junge trotzig, „Ihnen lag nichts an mir. Zumindest nicht meinem Vater. Ich war ihm immer scheißegal. Also ist es mir jetzt auch egal, dass er tot ist. Er hat mich gehasst. Er hat mich nie gewollt, weil ich zaubern kann.“
„Dein Vater mochte dich nicht, weil du ein Zauberer bist?“, fragte Albus vorsichtig und fühlte sich auf peinliche Weise berührt. Er konnte nicht leugnen, dass das Schicksal des Jungen ihn bewegte. Ihm näher ging, als er eigentlich vorgehabt hatte, es an sich heranzulassen.
„Ja“, keuchte Severus zornig und verschränkte die Arme. Doch in seinen Augen glitzerten bereits heiße Tränen, „. Ich hasse ihn, ich hasse die Muggel. Es tut mir gar nicht leid, dass er fort ist. Er war nie wirklich mein Vater. Er sagte immer, ich wäre gar nicht sein Sohn, sondern nur eine Missgeburt“
Und aus den dunklen Augen des Jungen brachen endlich die Tränen offen hervor und seine Worte gingen unter in Stöhnen und Wimmern. Doch es war nicht sein Schluchzen, das Albus beinahe das Herz brach.

Es war dieser letzte Satz, den Severus Snape über seine Lippen gebracht hatte. Dieser Satz, der seine Zweifel wie ein Kartenhaus einstürzen ließ. Dieser Satz, der ihn vollends erweichte: „Er sagte immer, ich wäre gar nicht sein Sohn, sondern nur eine Missgeburt“.

Für eine Sekunde schienen die Zeiger an der Wanduhr rückwärts zu wandern. Das Schulleiterbüro verschwamm vor Albus Dumbledores geistigem Auge und er stand wieder im Wohnzimmer in jenem Bauernhaus in Mould-on-the-Wold, in dem er die ersten zehn Jahre seines Lebens verbracht hatte.
„Albus“, dröhnte Percivals Stimme voll Freude und Überschwang in seinen Ohren, „Ich bin stolz auf dich. Stolzer als ich es sagen kann. Du bist ein Zauberer, genau wie Mutter und ich. Hast du gehört, ein Zauberer!“
Und die große Hand seines Vaters streichelte ihm über den Kopf. Albus blinzelte, verstand nicht ganz, was geschehen war. Er war fünf Jahre alt und es war der Tag gewesen, an dem er zum allerersten Mal unwillkürliche Magie gewirkt hatte.
„Und was wenn ich ein Squib wäre, Vater?“, kam es fast von selbst über seine Lippen. Er hatte ein paar Tage zuvor gehört, dass viele Zauberer ihre magisch unbegabten Kinder als Missgeburten ansahen und ganz schreckliche Dinge mit ihnen anstellten.
Doch Percival lächelte nur.
„Na dann wäre ich genauso stolz auf dich. Ich bin stolz auf dich, was immer du auch bist und tust. Denn du bist mein Sohn und das allein macht mich schon stolz auf dich.“
Und er gab Albus einen dicken Schmatzer auf die Stirn und Albus lächelte. Die Uhr lief vorwärts und das Wohnzimmer schwand. Das Schulleiterbüro nahm Gestalt an und Albus war wieder ein alter Mann.  

Er zögerte keine Sekunde länger. Unverzüglich tauchte er seine Feder ins Tintenfass und setzte sie aufs Pergament.
„Ab heute, Severus, hast du einen Vater. Einen echten. Einen, der dich nicht dafür verachtet, dass du zaubern kannst. Sondern einen, der dich nach besten Kräften darin unterstützten wird. Der dich so akzeptiert wie du bist – als Zauberer“
Severus blickte auf. Für einen Moment erlosch der Zorn in dem geröteten Gesicht, machte tiefer Verwunderung Platz.
„Wen?“, fragte er ungläubig.
„Mich“, sagte Albus lächelnd und zog die Feder über den Vertrag.
Auf dem einst weißen Feld glänzten in versiegender Tinte die engen, geschwungenen Buchstaben auf.

Unterschrift des Vormunds:
Albus Dumbledore  

Irgendwie würde er es schon schaffen. Irgendwie musste er es schaffen, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie. Aber er hatte keine andere Wahl, oder?

Die Nachmittagssonne fiel grellleuchtend durch die Fenster, glitzerte und reflektierte sich in den Kristallen der Kuchenplatte auf der Spitzendecke. Es war schwül. Es war heiß. Es war ein Sommertag mitten in den großen Ferien. Doch Neville fror. Neville zitterte. Neville wünschte sich, er hätte nie diese Frage gestellt, die ihm gerade über die Lippen gekommen war. Hier zwischen Tee und Kuchen am Wohnzimmertisch seiner Großmutter. Der Zeiger rückte langsam auf fünfzehn nach fünf.

Sie waren ins Gespräch darüber gekommen. Über den Orden, über das Artefakt. Über den Kampf dort unten im blauschwarzen Raum. Dort unten in der Mysteriumsabteilung mit all ihren Glaskugeln, die in jener unsäglichen Nacht zerbrachen. Es war nicht seine Idee gewesen, dort hin zu gehen. Harry wollte es und er war nicht aufzuhalten gewesen, nachdem Neville ihm von seinen Alpträumen berichtet hatte. Die Alpträume, die ihn immer stärker quälten, seitdem ER zurückgekehrt war.

„Wir müssen dort hin“, hatte Harry gesagt.
„Wir müssen herausfinden, was ER dort unten will“, hatte Harry gesagt.
Sie waren dort hingegangen. Sie hatten versucht, herauszufinden, was er dort unten wollte.
Und – sie waren gescheitert.

Erst hier, zwischen Buttercreme und Sahne, Silberlöffeln und Porzellan sollte Neville die Wahrheit erfahren: „ER wollte eine Prophezeiung. Eine Prophezeiung über dich. Eine Prophezeiung, laut der du vermutlich der Einzige bist, der ihn besiegen kann.“

Neville ließ den Blick sinken. Noch immer dröhnten ihm seine unbedachten Worte in den Ohren: „Ich frag mich, was ER da unten gewollt hat“, beiläufig geflüstert.
Noch immer sah er Augustas Gesicht vor sich, so ernst wie er es selten zuvor gesehen hatte. Sie hatte minutenlang überlegt, bis sie mit schwerer Stimme erklärt hatte: „Ich denke, du bist jetzt alt genug Neville, um die Wahrheit zu erfahren.“

Die Wahrheit, die Wahrheit. Oh hätte er nie nach ihr gefragt! Hätte er sich nur die Ohren zugehalten.  
Zögerlich nippte Neville an seiner Tasse. Der Tee schmeckte bitter. Trotz allem Zucker schmeckte er bitter. Oder war es vielleicht gar nicht der Tee? War es etwas ganz anderes? Sein Schicksal vielleicht? Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ihm war schlecht. Schlecht von dem süßen Geschmack in seinem Mund. Schlecht von dem Brodeln in seinem Magen. Ohne aufgegessen zu haben, schob er das Stück Cremetorte von sich weg. Großmutter Augusta stopfte sich derweil ungerührt die Kuchengabel in den Mund. Der ausgestopfte Geier auf ihrem Kopf wippte, als hätte er ein schmackhaftes Stück Aas erspäht.
„Das ist der Grund, warum sich deine Eltern damals mit dir versteckt haben. Der Grund, warum ER sie umgebracht hat“, sagte sie kühl, nachdem sie mit einer Serviette die Sahnereste von ihren Lippen getippt hatte. „ER hält dich für seine größte Gefahr. Ich will hoffen, Neville, du wirst dieser Aufgabe gewachsen sein und ihnen Ehre machen. Sonst wäre ihr Tod vergebens gewesen.“
Ehre machen? Der Aufgabe gewachsen sein? Er - Neville Longbottom?!? Er war doch ein Versager, ein Nichtsnutz. Ein halber Squib. Wie sollte er denn da Lord Voldemort besiegen? Er hatte es ja nicht einmal geschafft, Fluffy einzuschläfern, als seine Freunde und er sich aus dem Gryffindorturm stahlen. Im zweiten Jahr hatten ihn Wichte am Kerzenleuchter aufgehängt und dass er nicht einmal an Peeves vorbeigekommen war, ohne dafür seine Unterhose verbrennen zu müssen, war auch noch nicht so lange her. Wie er das Trimagische Turnier überlebt hatte, war ihm noch immer ein Rätsel. Ohne ein Heer an Lehrern und Freunden, die ihn aus jeder Gefahr gerettet hatten läge er jetzt wohl auf dem Grund des Sees oder im Magen eines Drachen oder unter den Büschen des Irrgartens. Das Einzige, was er wirklich gut konnte, war Bubotubler ernten. Aber würde er damit auch den größten Schwarzmagier aller Zeiten besiegen können?
„Ich werd‘ das nie schaffen“, keuchte Neville, „Ich kann niemanden besiegen“. Eigentlich hatte er diesen Gedanken für sich behalten wollen, doch er war ihm schneller herausgerutscht, als er ihn hatte aufhalten können.
„Ach Papperlapapp“, meinte Großmutter Augusta salopp und kippte den Rest ihres Earl Greys hinunter, „Albus Dumbledore hielt damals ohnehin nicht viel von der Prophezeiung und ich wage zu bezweifeln, dass er seine Ansichten geändert hat. Sie ist nur wichtig, weil ER glaubte, dass sie wichtig sei. Vermutlich besteht alles, was du tun musst, darin den Lockvogel zu spielen, bis der Orden des Phönix IHN fassen und vernichten kann.“
Neville lächelte müde. Nur der Köder zu sein war schon eher eine Aufgabe, die ihm auf den Leib geschrieben stand. Aber das machte die Sache nicht besser.

Er trieb in seinen Gedanken wie ein Boot auf einem See. Einem See aus finsteren Wassern, in dessen Tiefen Ungeheuer lebten - als Großmutter Augusta plötzlich aufstand und den Zauberstab zückte.
„Locomotor Geschirr“ rief sie und „Ratzeputz“. Dann griff sie sich ihre rote Handtasche und sagte knapp: „Mach dich fertig, Neville!“

Neville blickte auf. Völlig verdattert, völlig überrascht.
„Was hast du vor, Großmutter?“
„Wir müssen heute noch zu Ollivander und es geht auf sechs zu.“
„Zu Ollivander?“
„Natürlich zu Ollivander. Wo sonst sollen wir denn einen Zauberstab für dich herbekommen?“
Neville rieb sich die Ohren. Er musste sich verhört haben.
„Einen eigenen Zauberstab – für mich?!?“
„Natürlich für dich. Wer mit seinen Freunden gegen Todesser kämpft und sie besiegt, hat den besten Zauberstab der Welt verdient. Ein Zauberstab, der einem Auroren würdig ist, wie deinem Vater. Außerdem will ich, dass du in Verwandlung einen guten UTZ machst und das geht mit einem eigenen Zauberstab viel besser“.

Ungläubig schaute Neville seine Großmutter an, schaute sie einfach nur an. Und Augusta - lächelte. Sie lächelte selten. Doch diesmal lächelte sie. Nun hielt Neville nichts mehr. Schnell stand er auf raffte seinen Umhang. Er wagte ihr nicht zu sagen, dass er lieber Zauberkunst belegen wollte nachdem er den ZAG in Verwandlung kaum geschafft hatte. Großmutter Augusta hielt Zauberkunst für Zeitverschwendung.

Die Reise ging schnell. Sie warfen das Flohpulver in den Kamin, sie tippten auf die Steine im Hinterhof des Tropfenden Kessels. Sie liefen Winkelgasse hinab, sie passierten die Schwelle, sie standen im Laden. Das Maßband zurrte, Ollivander rauschte von Regal zu Regal. Und dann hielt Neville ihn in der Hand: Den Zauberstab. Seinen Zauberstab. Der Zauberstab, der sich ihn ausgesucht hatte. Kirschholz und Einhornhaar

Neville spürte das Kribbeln in seinen Fingern, als er den Griff berührte, spürte sein Herz schlagen vor Aufregung, als der Stab rote und gelbe Funken sprühte. Spürte, wie sich auf einmal etwas in ihn erhob. Ganz tief aus den verborgensten Winkeln seiner Seele. Etwas, das jahrelang, vielleicht sein ganzes Leben, dort schon geschlafen haben musste: Stolz.  Stolz auf sich selbst.

Wieder vor der Türe des Ladens hielt Neville kurz inne und atmete tief durch, während die Nachmittagssonne ihm ins Gesicht stach, ihn fast schon neckisch aus der ungläubigen Verträumtheit wachkitzelte, die ihn bei Ollivander überkommen hatte.

Irgendwie würde er es schon schaffen. Irgendwie musste er es schaffen, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie. Aber er hatte Freunde, die ihm beistanden; Lehrer, die ihn unterstützten und endlich, nach so vielen Jahren, auch eine Großmutter, die ihn glaubte. Eine Großmutter, die noch immer ruppig, streng und kurz angebunden war. Doch eine, die überzeugt davon war, dass er schon schaffen würde, was immer auch auf ihn zukäme. Es war ein ganz neues Gefühl. Ein Gefühl, das Neville sechzehn Jahre lang nicht gekannt hatte. Ein Gefühl, das ihm gut tat, das ihm unheimlich viel Kraft gab. Und vielleicht, vielleicht war das ja alles, was er brauchte. Dieses Gefühl – und einen guten Zauberstab.

Einmal noch fuhr Neville über das Holz, dann packte er ihn mit einem Lächeln weg und folgte seiner Großmutter durchs Gedränge nach Hause.

Die zugigen Fenster waren finster. Vernagelt mit zahlreichen Brettern. Kaum ein Lichtstrahl ging hindurch, um das Haus aus seinem Dämmerschlaf zu wecken. Nur der Wind pfiff zwischen den Ritzen, klagte sein unheimliches Lied. Ein Lied von Leid und Schmerz, von düsteren Zeiten. Doch auch vom Flüstern hinter vorgehaltenen Händen, von keimenden Träumen, von schwelenden Feuern der Wut, die irgendwo in der Finsternis – heimlich, verborgen – längst schon zu schwelen begonnen hatten. Auf dem Boden unter den Fensterbänken streuten sich Glasscherben. Ein Rest der zersplitterten Scheiben hinter den Brettern. Das Haus ächzte vor Gebrechlichkeit. In jedem Winkel, in jeder Ecke nisteten Schimmel, Dreck und Staub. Der Verfall hatte die Regentschaft übernommen. Putz blätterte ab, die Balken waren morsch. Für die Zauberer wäre es mit ein wenig Schweiß und Spucke ein Leichtes gewesen, das Gebäude wieder auf Vordermann zu bringen. Doch es war ihnen die Mühe nicht wert. Nicht für dieses Haus. Sie nannten es abfällig „Die Heulende Hütte“. Für die anderen aber hieß es „Zufluchtsstätte“, „Hauptquartier“, „Versteck“ und für nicht wenige unter ihnen auch „Mein zuhause“.

Dicht an dicht drängten sie sich zusammen. Sie, die kleinen Wesen mit den Fledermausohren. Alle blickten sie nach vorne auf den klapprigen, alten Tisch, auf den jemand eine rote Tischdecke gebreitet und einen Kandelaber entzündet hatte. Alle fühlten sie vor Aufregung ihr Herz wie wild gegen die Brust schlagen. Manche blickten skeptisch drein, andere neugierig und unwissend oder von Wut und wilder Entschlossenheit gepackt. Männer und Frauen, Jungen und Mädchen. Eine junge Frau hatte in einer Ecke des Zimmers einen wohl gestohlenen Zauberstab auf einen Stapel Papiere gerichtet, der sich augenblicklich verdoppelte und von dem einzelne Blätter wie Vögel ins Halbdunkel des Raums entflatterten. Ein junger Mann hatte sich mit einem Pinsel in der Hand über eine Reihe von Pappbögen auf dem Boden gebeugt und malte Worte und Buchstaben aufs Papier. Wenige im Raum trugen Geschirrtücher um die Lenden oder Kissenhüllen als Kleider. Die meisten davon standen weiten hinten – in der Dunkelheit, im Schatten und drängten sich dicht an die Wände. Als hätten Sie Angst, als wollten sie nicht entdeckt werden. Der Rest trug Kleidung. Abgetragene, schmutzige, wirr übereinander gezogene Kleidung. Ein Wolltrumpf am einen, ein Nylonsöckchen am anderen Bein. Ein altes Puppenkleid um den Leib, eine Babymütze auf dem Kopf und Strickjacken voller Fehler, Löcher und fallengelassener Maschen.

Sie, die Vogelfreien, Ausgestoßenen, Verbannten und Wachgerüttelten. Sie, die entlaufenen, freigelassenen Sklaven und die wenigen, die sich erst zu widersetzen begonnen hatten. Die, die das Schicksal ereilt hatte und die, denen es noch drohte. Sie, die Hauselfen, die das Haus ausradieren und nur noch Elfen sein wollten. Die zutiefst Gedemütigten und doch vom grimmigen Stolz gepackten. Der Zündfunke des Feuers, das bald zu brennen beginnen und alle Ketten schmelzen würde.

Über die Szenerie, den Auflauf hinweg, blickten die steinernen, kalten Augen einer Statue. Einer Statue, die fleißige Elfenhände gefertigt hatten. Das Denkmal, das sie einem der ihren errichtet hatten. „Ermordet im Frühling 1998“, lauteten die letzten Worte der Inschrift am Sockel. Und durch die Türe, seitlich zum Denkmal, trat aus der lauen Frühlingsnacht, eine junge Elfe herein. Die Menge verfiel in Schweigen, machte ihr Platz, während sie auf den Tisch mit der roten Decke hinauf kletterte, ein Bündel Papier in der Hand, das sie nervös sortierte.

Auf dem Tisch, im Schein des Kandelabers hielt die Elfe für einen Augenblick inne. Und die Welt mit ihr. Gebannt, was nun geschehen würde. Dann blickte die Elfe mit wachen Augen hinab auf die schweigende Menge. Absolute Entschlossenheit sprach aus ihrem Blick.
„Kindly ist heute hier, um zu euch zu sprechen“, sagte sie, „Zu euch zu sprechen, weil heute vor drei Jahren Meister Dobby ermordet wurde.“
Mitten aus der Menge erklang ein tiefes Schluchzen. Eine Hauselfe in einem hellblauen Kleid schnäuzte fest in ein Stofftaschentuch, während aus ihren Augen Tränen über Tränen quollen. Ein alter, grimmig dreinblickender Hauself, tätschelte ihre Hand. Sie beide trugen nicht zusammenpassende, selbstgestrickte Strümpfe.
„Wir alle sind heute hier um Meister Dobby zu gedenken“, sprach die junge Elfe weiter, „Uns zu erinnern, was er für uns getan hat und weiterzumachen, womit er begonnen hat. Kindly möchte dazu eine Rede vorlesen, die eine Hexenfreundin geschrieben hat.“

Die Elfe räusperte sich. Niemand sprach. Niemand rührte sich. Nur das Kerzenlicht auf dem Kandelaber flackerte, züngelte. Wild, gierig, wie eine Flamme, die nach dem Großbrand lechzte und das Holz schon spüren konnte.

„Liebe Freunde, Elfen, Verbündete“, begann die Rednerin vorzutragen, „Wir sind heute hier, um uns des grausamen Todes eines des unseren zu erinnern. Uns zu erinnern und fortzuführen, wozu er in nicht mehr gekommen ist. Dobby war ein Hauself wie wir. Doch er war noch viel mehr als das. Dobby war ein Held. Er war ein Held, weil er nicht mehr länger dulden wollte, ein Sklave zu sein. Er war ein Held, weil er den Mut hatte, aufzustehen und zu sagen:‚Dobby hat keinen Herrn. Dobby ist ein freier Elf!‘* kurz bevor ein Messer ihn in die Brust traf. Dobby fiel als Held im Krieg gegen Lord Voldemort, dem mächtigsten Schwarzmagier der Geschichte, der dafür bekannt wurde, in seinem Wahn vom reinen Blut, die Muggel und Halbmenschen unterdrücken zu wollen.“

Dann plötzlich hob sie die Stimme.

„Freunde, Elfen, Verbündete! Was Voldemort mit den Muggeln und Halbmenschen tun wollte, ist für uns seit Jahrhunderten grausige Realität. Die Zauberer haben den Elfen niemals Würde und Freiheit zugestanden. Doch welches Recht haben Sie, über uns zu bestimmen? Tausende und Abertausende von und schuften Tag und Nacht bis zum Zusammenbruch für ihren Wohlstand. Und welchen Lohn erhalten wir dafür? Kindly will es euch sagen: Schläge, Tritte und den Befehl, sich die Hände zu bügeln oder den Kopf gegen Türpfosten zu schlagen, bis wir vor Schmerzen nur noch Schreien können. Manche Elfen glauben noch immer, was die Zauberer uns seit Jahrhunderten erzählten. Dass es unsere Aufgabe sei, grenzenlos zu dienen. Unsere Würde, unsere Ehre. Doch es ist der Sklavenstand wirklich würdig? Ist er eine Ehre? Nein! Er ist ein Verbrechen. Es ist ein Verbrechen, was den Elfen angetan wird und ein Verbrechen, es ohne Widerspruch zu dulden. Denkt an Dobby, erinnert euch an ihn, vergesst nie, was er tat. Dobby starb als freier Elf. Jawohl, als freier Elf und nicht als Sklave.  Und er schämte sich nicht seiner Freiheit. Er war stolz auf sie!  Und mit diesem Stolz trat er Lord Voldemort und seinen Gefolgsleuten entgegen. Mit diesem Stolz starb Dobby an der Seite seiner Freunde für die Freiheit und gegen die Unterdrückung. Freunde, wenn Dobbys Tod nicht umsonst gewesen sein soll, dann ist es unsere Pflicht, seinem Weg zu folgen. Dann ist es unsere Pflicht für unsere Freiheit zu kämpfen wie er es tat! Lasst uns auf die Straße gehen, für Dobby!“

Sie blickte auf, blinzelte und fügte hinzu: „Das wollte Kindly euch sagen.“

Die Menge hielt den Atem an, lauschte. Noch hatte keiner ein Wort gesprochen. Noch hielt die Welt in ihrem Drehen inne, als ob sie auf etwas warten würde. Die Zeiger einer alten Wanduhr, die irgendwo in einer staubigen Ecke lag, rückten auf die volle Stunde.

Dann flog erneut die Türe zur Seite der Statue auf. Eine junge Menschenfrau mit buschigem, braunem Haar trat ein, gefolgt von einem Tross an Hexen und Zauberern. Die Elfe auf dem Podest lächelte, da kletterte die Menschenfrau auf den Tisch.

„Ich, Hermine Granger, die Vorsitzende des Bunds für Elfenrechte, darf euch allen verkünden, dass es mir gelungen ist, der ‚Demonstration der Freiheit‘ zu Ehren des Helden Dobbys einen Geleitschutz aus gut ausgebildeten Hexen und Zauberern - darunter Auroren und ehemalige Widerstanskämpfer gegen das Voldemortregime – zur Seite zu stellen. Für die Freiheiten! Für gleiche Rechte! Für die Elfenfront!“

Und nun geschah es. Wie ein Lauffeuer ging es durch die Reihen. Die Rakete hatte gezündet, die Bombe war explodiert. Die züngelnden Flammen hatten das Holz gefunden. Und die Menge brannte,  lichterloh, gröhlte so laut sie kommte: „Für die Freiheiten! Für gleiche Rechte! Für die Elfenfront!“

In die dunklen Ecken kam Bewegung. Die, die sich gerade noch schüchtern, ängstlich in die Schatten gedrängt hatten, traten hervor, wurden mitgerissen mit dem Strom der Wut, der endlich durch den Damm der Angst brach. Selbst die flatternden Flugblätter schienen nervös zu werden. Es kaum noch erwarten zu können, hinaus auf die Straße zu segeln und ihre Botschaft herauszuschreien. Auf Ihrem Papier stand in gedruckten Lettern geschrieben:

Wie Sie den Meister dazu bringen, Ihnen Kleidung zu schenken

Jede Elfe hat das Recht, ein würdiges Leben zu führen. Der Sklavenstand ist kein würdiges Leben. Er ist nichts als Unwürde. Nur die Freiheit ist würdig. Doch wie kommen Elfen zur Freiheit? Jede Elfe weiß, dass der Meister ihr dazu Kleidung schenken muss. Doch kein Meister tut das freiwillig. Daher muss die Elfe ein wenig erfinderisch sein. Wir sagen Ihnen, was Sie tun können.

Fünf einfache Tricks, die Freiheit zu erlangen
Es gibt zwei Wege, wie der Meister der Elfe Kleidung schenken kann. Er kann sagen „Nimm das!“ oder „Trag das!“ oder „Zieh das an!“. Und er kann ihr die Kleidung direkt vor die Füße werfen. Für beides gibt es ein paar Tricks, die fast immer funktionieren.

1.)     Lassen Sie schmutzige Kleidung einfach liegen. Fassen Sie sie nicht mehr an und waschen Sie sie nicht. Wenn der Meister Sie auffordert oder schimpft oder schlägt, tun Sie so, als wäre nichts gewesen. Der Meister wird irgendwann so wütend sein, dass er Ihnen die Kleidung für die Füße werfen wird.
2.)     Statt schmutzige Kleidung liegen zu lassen, können Sie auch Löcher in die Kleidung machen und „vergessen“ sie zu flicken
3.)     Legen Sie die Kleidung dem Meister in den Weg. Wenn er sich auf das Sofa setzen will: Legen Sie Kleidung dort hin. Wenn er sein Glas auf dem Tisch abstellen will: Legen Sie Kleidung dort hin. Der Meister wird sicher bald auf die Kleidung deuten und rufen wollen: „Nimm das da weg!“. Bevor er „da weg“ sagen kann, zaubern Sie einen schweren Stein in die Luft und lassen Sie ihn auf den Fuß des Meisters fallen. Der Meister schreit nun „Nimm das – AU!“. Damit hat der „Nimm das“ gesagt.
4.)     Wenn Sie dem Meister den Hut oder Mantel abnehmen, laufen Sie damit ziellos durch die Wohnung als wüssten Sie nicht wohin damit. Der Meister wird Sie auffordern, die Kleidung zur Garderobe zu bringen. Machen Sie weiter, bis er rufen will: „Trag das in die Garderobe“. Bevor er „in die Garderobe“ sagen kann, tun Sie das Gleiche wie in zwei.  
5.)     Holen Sie heimlich eine Socke aus dem Wäscheschrank des Meisters. Ziehen Sie Ihr Geschirrtuch oder Ihre Kissenhülle aus. Dann legen Sie es auf den Sessel oder eine andere gut sichtbare Stelle und verstecken Sie die Socke darin. Jetzt laufen sie nackt durch die Wohnung. Der Meister wird auf das Geschirrtuch oder die Kissenhülle deuten und sagen „Zieh das an!“. Er hat Ihnen damit auch befohlen, die Socke anzuziehen.

Viel Erfolg,  gz. die Elfenfront


Sie knickten sich, schlugen ihre Ecken gegeneinander, als wollten sie applaudieren. Dann flatterten sie dem Tross hinterher, der sich die Plakate griff und lärmend, scheppert, grölend aus der „Heulenden Hütte“ brandete.

„RECHTE FÜR ELFEN – WIR WOLLEN NICHT MEHR HELFEN!“, skandierten sie – Menschen und Elfen, Elfen und Menschen.

Gemeinsam setzten sie ihren Fuß hinaus auf die Erde vor der Heulenden Hütte. Die Erde, die bald schon nicht mehr dieselbe sein würde, wenn das Feuer erst einmal das Dorf erreicht hatte.
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* Zitat stammt aus J.K. Rowling, Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, S. 482

Sie lagen ausgebreitet auf der Bettdecke, die Pergamente. Zerfleddert, vergilbt, mit Stockflecken übersät, wellig. Wellig von modriger Nässe. Von der Feuchtigkeit, die in den vergangen fünfundzwanzig Jahren in die die Kiste eingedrungen war. Die Jahre ihres Verstecks im moosigen Mauerwerk eines abgelegenen Kellerverlieses unter dem See. Sie mussten mit einem Zauber belegt gewesen sein. Denn beim Zustand der Kiste war es undenkbar, dass sie andernfalls zweieinhalb Jahrzehnte überstanden hätten. Der Verfall nistete in der morschen Kiste. Sand hatte den Boden bedeckt, Löcher klafften in den Seitenwänden. Würmer und Maden hausten im Holz. Doch auf den alten Pergamenten waren noch immer klare Buchstaben und Worte zu erkennen. Fast so, als hätte jemand gewollt, dass sie eines Tages gefunden würden. Und vielleicht war es tatsächlich so. Vielleicht hatten die Männer, deren Briefwechsel sich vor Albus Severus ausbreitete, ihr Geheimnis nur mit sich ins Grab genommen, um es erst Jahre nach ihrem Tod preisgeben zu können. Zwei Handschriften zierten die Papiere. Eine ausladende, geschwungene, verschnörkelte und eine enge, karge, fast schon abgehackte. Albus Severus betrachtete sie mit weiten, offenen, konzentrierten Augen, während er dem Lauf der Schrift folgte. Während das flackernde Licht der Öllampe über die Pergamente strich. Schwarz wie die Nacht schimmerten die Initialen am Ende der Briefe. Initialen, die Albus Severus gut kannte. A.D. und S.S. – Albus Dumbledore und Severus Snape. Die Initialen seiner Namensväter, deren Porträts noch immer über dem Schreibtisch der Schulleiterin hingen.  

3. März 1996 war oben am Kopf des Briefs zu lesen, den Albus gerade aufgehoben hatte. Alle waren sie zwischen 1995 und 1997 datiert. Dieser hier bestand aus einem einzigen Satz. Einem Satz, aus dem Albus nicht schlau wurde.

Die Waldkrähe ist ein Singvogel, VW drohen unsägliche Kopfschmerzen. Nicht nur Schneekugel glitzert. S.S.

Große Teile des Textes waren ähnlich rätselhaft. Verschlüsselt und codiert sahen sie fast aus wie Hieroglyphen, wie alte Runen. "VW" zumindest hatte Albus inzwischen entziffern können. Es musste ein umgedrehtes und rückwärts geschriebenes „MA“ sein. Sollte es für Mysteriumsabteilung stehen? Das wäre ein merkwürdiger Zufall und doch - irgendwo passend. Nachdenklich senkte Albus den Blick. Ließ ihn auf den Zeitungen verweilen, die unter dem Briefestapel hervor blitzten.

GEWALTSAMER EINBRUCH INS MINISTERIUM

So lautete die Schlagzeile auf der ältesten Ausgabe. Sie stammte vom ersten Tag der Weihnachtsferien. Noch ein Mal überflog Albus Severus den Bericht, wie schon gefühlte tausend Mal zuvor.

…Am gestrigen Abend…Einbruch in die Mysteriumsabteilung…zwei Auroren schwer verletzt… Drahtzieherin festgenommen… Ex-Todesserin Alecto Carrow… vor wenigen Wochen aus Askaban entlassen… überführt durch Bekennerschreiber

Wie gut kannte Albus Severus diese Zeilen. Wie oft hatte er sie gelesen, am Tag als sie erschienen waren. Und das, obwohl er längst schon wusste, was geschehen war, ehe der Tagesprophet davon berichtet hatte. Das war der Vorteil und manchmal auch der Nachteil, wenn man der Sohn des Leiters der Aurorenzentrale war: Was am nächsten Tag in der Zeitung stehen würde, wusste man schon am Abend zuvor. Und an diesen Abend erinnerte sich Albus Severus so als ob er erst gestern gewesen wäre. Er hatte mit seinen Geschwistern und seiner Mutter am Tisch gesessen und mit knurrendem Magen zugesehen, wie das Essen allmählich kalt wurde. Dass etwas nicht stimmte, wusste jeder, auch wenn keiner darüber sprach. Normalerweise kam Harry Potter nie zu spät nachhause. Nur dann, wenn etwas Schlimmes geschehen war. Die Zeit verstrich und Albus begann unruhig zu werden, als endlich der Kamin grün aufgeleuchtet und sein Vater schweißgebadet aus dem Feuer gestiegen war.  
„Was ist passiert, Harry?“, hatte Albus‘ Mutter sofort gerufen und war augenblicklich vom Stuhl aufgesprungen.
Sein Vater aber hatte nur gekeucht: „Es hat einen Einbruch gegeben, in die Mysteriumsabteilung“ und dann hatte er alles erzählt, was geschehen war.

Mit jedem seiner Worte waren die Augenbrauen in Ginny Potters Gesicht ein Stückchen weiter nach oben gewandert. Und Albus Severus hätte alles gegeben, um ihre Gedanken lesen zu können. Ihm war es, als ob seine Eltern über etwas sprachen, in das er nicht eingeweiht war und sich wortlos verstanden. Als sprächen sie über ein Geheimnis aus jener dunklen Vergangenheit, von der Albus Severus wusste, nicht nur weil sie in seinen Geschichtsbüchern stand, doch die er nie mit eigenen Augen gesehen hatte.  
„Carrow?!? Alecto Carrow?“, rief Ginny schließlich, „Die steckte dahinter?“
„Ich wollte es auch nicht glauben“, versicherte Harry, „Und irgendwie fällt mir das noch immer schwer.“
„Warum?“, war Lily Luna herausgeplatzt, „Fehlen denn noch Beweise, dass sie es war?“
„Das nicht“, hatte Harry erklärt, „Das Bekennerschreiber stammt eindeutig aus ihrer Feder. Das hat die Untersuchung zweifelsrei ergeben. Aber nach allem, was wir über sie wissen - ich finde, es passt nicht zu ihr.“
„Alecto Carrow hatte damals im Schuljahr unter Voldemort ‚Muggelkunde‘ unterrichtet“, ergänzte ihn Ginny, den Kopf Albus und seinen Geschwistern zugewandt, „Sie war eine furchtbare Frau, brutal und gewalttätig. Aber - sie war immer eine Frau fürs Grobe, immer nur eine Handlangerin gewesen. Im Hintergrund arbeiten, Drahtzieher sein. Das ist nicht Alecto Carrow,“
Und mit diesen Worten hatte sie sich umgewandt, umgewandt zu Albus‘ Vater und ihn mit großen, angstvollen Augen angeblickt. Albus war zumute gewesen, als wäre ein Hauch des Winters durch die Fenster eingedrungen. Als wäre ein eisiger Wind durch die warme Stube gefegt, als sie die Lippen öffnete, um auszusprechen, was wohl allen am Tisch durch den Kopf ging. Was wohl auch sein Vater hinter seinen geschlossenen, zusammengepressten Lippen und der gerunzelten Stirn mit der Blitznarbe befürchtete.
„Harry, was wäre, wenn Alecto Carrow nur das Bauernopfern war? Die Handlangerin eines großen Unbekannten im Hintergrund? Ich kann nicht sagen, wieso, aber ich habe das Gefühl, dass das nur der Anfang von etwas Größerem ist.“

Sie sollte Recht behalten.

ERNEUTER EINBRUCH INS MINISTERIUM - AUROREN MACHTLOS
UNSÄGLICHE VERFLUCHT UND ENTFÜHRT
MINISTERIUMSZAUBERER TOT AUFGEFUNDEN


Die Ereignisse überschlugen sich. Eine Schreckensbotschaft jagte die nächste. Noch ehe Weihnachten gekommen war, glich Großbritannien einem Wattstrand, der von einer dunklen Flut überrollt worden waren, einem ausgedörrtem Wald, in dem gleich mehrere Feuer auf einmal ausgebrochen waren. Die Zauberer waren wie aus dem Winterschlaf gerissen, während dichter Schnee noch immer ihre Dächer bedeckte. Und die Erwachsenen unter ihnen, von der Generation von Albus‘ Eltern aufwärts, tauschten stumm bedeutungsschwere Blicke, als wollten sie sagen: „All das haben wir schon einmal erlebt und es bedeutete nichts Gutes.“

Eine Gänsehaut breitete sich auf Albus‘ Rücken aus, wenn er an diese Weihnachtsferien zurückdachte. An die gedrückte Stimmung, an das Schweigen, an den wissenden Blick in den Augen seiner Eltern im Grimmauldplatz. Zwischen den Jahren ließen die Meldungen über Einbruchsversuche und Entführungen nach. Doch wer immer dahinter steckte, geistere nachwievor wie ein Phantom durch die Nachrichten. Nun waren es nicht die Taten selbst, die Schlagzeilen machten, sondern die Stimmen jener, die darüber spekulierten, wie es dazu kommen konnte und wer wohl hinter all dem stecke. Und während die einem vom Versagen der Auroren und die anderen von einer Verschwörung im Ministerium schrieben, berichtete Albus Vater zwischen Knallbonbons und Silvesterbowle von einer Reihe mysteriöser Nachrichten an den Tatorten, die noch zu untersuchen seien. Nachrichten, die mit „Lilith, der Schatten“, „Lilith, der schwarze Phönix“ oder einfach nur „Lilith“ unterschrieben waren. Nachrichten, denen stets ein kleiner, weicher Gegenstand beigelegt war wie der Fingerabdruck des Täters.

Die letzte Schlagzeile aus den Weihnachtsferien lautete:
AUGUREYFEDER GIBT AURORENZENTRALE RÄTSEL AUF

Albus lächelte gedrückt, schob das Zeitungpapier beiseite. Dann wandte er sich um und hob sie vom Kissen auf. Langsam drehte er sie zwischen seinen Fingern, betrachtete sie im flackernden Licht, fuhr durch ihre Fasern. Mit ihrem grünlichschwarzen Schimmer kam sie ihm vor wie das Negativ einer Phönixfeder.

„Mach dir keine Sorgen, Albus“, hatte seine Mutter ihm am letzten Abend im Grimmauldplatz gut zugeredet, ehe sie die Gaslichter zur Nachtruhe löschte, „Das ist Sache der Erwachsenen, die euch nicht betrifft und über die ihr euch keine Gedanken zu machen braucht. Ich bin mir sicher, dass die Auroren ‚Lilith‘ bald gefasst haben werden“.

Ja, es war eine Sache der Erwachsenen gewesen, die Albus nicht betraf. Ihn nicht betraf bis zu jener Nacht. Jener Nacht, in der die Hauslehrerin von Slytherin verschwand und nach Stunden völlig verwirrt im Verbotenen Wald aufgefunden worden war. Bis zu jener Nacht, in der sein guter Freund Scorpius Malfoy einem Schatten in Kerkern gefolgt war und die verborgene Kammer unter dem See entdeckt hatte wie er Albus kreidebleich beim Frühstück erzählt hatte. Bis zu jener Nacht, in der die beiden Grabmale, das weiße von Albus Dumbledore und das schwarze von Severus Snape, aufgebrochen worden waren, scheinbar nur der Zerstörungswut willen. Und die Professoren von Hogwarts keine andere Spur dort gefunden hatten als die Feder des Augurey und ein Zettel, auf dem nur einziges Wort stand: „Lilith“.

Fröstelnd blickte Albus hinüber zu den Bogenfenstern, wo Eisblumen die Sicht auf die Nacht verschleierten. Es war Ende Januar und bitterkaltes Wetter hielt Hogmeade und das Schloss fest in seinem eisigen Griff. Doch Albus zitterte nicht vor Kälte. Unter seiner Decke war ihm wohlig warm. Nein, die Kälte war es nicht, die ihm einen Schauer den Rücken hinabtrieb. Es war die dunkle Vorahnung, dass etwas Düsteres in sein Leben getreten war, dem er sich nicht entziehen konnte. Wie das Gefühl, seinen Kopf in die Schlinge des Galgens gelegt zu haben. Konnte es Zufall sein, dass gerade dort unten in der Kammer, die Scorpius entdeckt hatte, diese Pergamente versteckt gewesen waren? Konnte es Zufall sein, dass genau in der Nacht, als sie wieder aufgetaucht waren, die Gräber ihrer Verfasser geschändet wurden? Konnte es Zufall sein, dass sie von der Mysteriumsabteilung sprachen, wo alles mit einem Einbruch in die Mysteriumsabteilung begonnen hatte?

Was für sinnlose Fragen! Als ob Albus die Antwort nicht längst schon wusste. Er spürte sie in jeder Faser. Die Nacht hinter dem Eisblumenschleier war finster, wie ein dunkler Mantel, unter dem man sich gut verstecken konnte. Wer konnte sagen, ob Lilith, das Phantom, nicht gerade in dieser Sekunde wieder einen neuen Einbruch plante? Ob nicht wieder Unsägliche überwältigt und entführt wurden? Ob in dieser Nacht irgendwo da draußen nicht wieder Menschen umgebracht wurden?

Und der Schlüssel zu allem lag hier, mitten in Albus‘ Schoß. Wie Puzzleteile waren sie - die Pergamente, die Zeitungsberichte, die Augureyfeder. Puzzleteile, die nur darauf warteten, zusammengefügt zu werden. Und vielleicht war es genauso wenig Zufall, dass sie gerade ihm in die Hände gefallen waren. Ihm, dem Sohns des berühmten Harry Potters, des Auserwählten, der einst Lord Voldemort besiegt hatte. Ihm, der nach den beiden Männern benannt war, deren Briefe vor ihm lagen, deren Ruhestätten aufgebrochen worden waren. Vielleicht war es Albus Severus‘ Schicksal sich bei dieser Abstammung Lilith entgegen zu stellen. In die Fußstapfen seiner Väter zu treten. Die seines leiblichen und seiner beiden Namensväter. Harry Potter, Albus Dumbledore und Severus Snape, die damals Voldemort gemeinsam gestürzt hatten.

Einmal noch blinzelte Albus, während er zum Fenster hinausblickte, die Feder geistesabwesend durch die Finger gleiten ließ. Dann raffte er Pergamente und Zeitungen zusammen, legte sie zusammen in die morsche Kiste unter seinem Bett und löschte das Licht. Schon morgen würde er mit seinen Geschwistern sprechen und versuchen, gemeinsam mehr herauszufinden, entschied Albus und schloss die Augen.

Auf dem Nachttisch neben seinem Kopf lag die Augureyfeder und ein kühler Hauch des Winters, ein eisiger Wind strich durch die Fasern.

Es war exakt sechs Uhr. Die beiden Zeiger der Wanduhr, der große und der kleine, bildeten eine einzige Linie. Eine Viertelstunde blieb Severus noch. Eine war vergangen. Er stand genau in der Mitte. In der Mitte der Zeit und – in der Mitte des Korridors. Schritte hallten über den gefliesten Boden. Junge Hexen und Zauberer drängten sich durch die Flure der altehrwürdigen Akademie. Drängten sich links und rechts an Severus vorbei. Die einen gingen, die anderen kamen. Große Beachtung schenkte Severus niemand. Er fiel nicht auf, ging unter in der Menge. War einer der ihren. Genau in dem Alter, das man von jemanden hier erwartete. Älter als siebzehn, doch noch keine siebenundzwanzig. Hinter ihm loderte einer der drei Besucherkamine grün auf. Das Feuer reflektierte sich in den Schachbrettfliesen, glänzte bis hinauf unter das hohe Gewölbe. Merlin Akademie prangte der Schriftzug auf einem goldenen Schild über den Kaminen.

Merlin Akadamie - so lange war es noch nicht her, dass Severus hier ein- und aus gegangen war. Ein paar Jahre nur. Damals, nach Hogwarts, als er hier an der zauberchemischen Fakultät studierte und sein Zaubertrank-Examen machte. Und doch hatte die Zeit ausgereicht, um ihm diese Welt fremd werden zu lassen. Um sich in diesen weiten Fluren zu verirren. Um den Weg zu verlieren, der ihm damals noch so klar gewesen war. Severus blickte sich um, suchte die Richtung. Hörsaal 7 ½. Er war noch nie dort gewesen. Die Zaubertrank-Vorlesungen fanden in den Hörsälen 9 ¼ - 11 ½ statt. 7 ½ teilten sich Fakultät für Verwandlung und - die Muggel-Ethnologie. Ein Fachbereich, den Severus damals halb belächelt und halb verachtet hatte. Eine lachhafte Kuriosität im Kabinett der Studiengänge und ein Parasit im Fell der Wissenschaften. Zauberer sollten stolz sein auf ihr Blut und die Gelder der Akademie nicht für unwürdige Muggle verschwenden. So hatte Severus damals gedacht. Und heute? Er horchte in sich hinein. Stille, nichts als Stille. Alles in ihm schwieg. Seiner alten Weltsicht hatte es an einem frühen Novembermorgen für immer die Sprache verschlagen. Und keine andere Moral hatte es seitdem gewagt, seine Stimme in ihm zu erheben. Würde er jemals wieder etwas hören?

Severus überquerte die Aula, nahm den Flur zum linken Flügel. Er hatte inzwischen den Wegweiser zu Hörsaal 7 ½ gefunden, war auf direktem Weg dorthin. Andere schlossen sich an. Severus schlug sich die Kapuze seines Reiseumhangs über den Kopf, zog sie tief in sein Gesicht. Er wollte nicht erkannt werden. Nicht von den anderen Studenten und Besuchern, doch vor allem nicht von dem Mann, der heute Abend den Gastvortrag hielt. Severus wollte nicht, dass ER erkannte, dass er ihm gefolgt war. Wollte nicht, dass ER vielleicht merken würde, dass ihn das Thema gar nicht interessierte. Wollte nicht, dass ER durchschauen würde, dass Severus nur wegen seinetwegen gekommen war. Gekommen war, um seinen Worten zu lauschen. Um aus ihnen vielleicht heraus zu hören, wie er dachte. Um ihn endlich begreifen zu können, zu verstehen, wer er war. Der Gastdozent für diesen Abend hieß - Albus Dumbledore.  

Der Hörsaal war schon voll, als Severus eintrat. Als er sich einen Platz suchte. Ganz hinten in einer dunklen Ecke. Weg, weit weg vom Rednerpult. Es war nicht das erste Mal, dass Severus ihm heimlich gefolgt war, seinem Arbeitgeber, seinem Vorgesetzten, seinem Retter. Lange Zeit war Lily alles gewesen, das umtrieb. Lily war die Luft, die er atmete. Lily war jeder Gedanke, den er dachte. Jede der ungezählten Tränen, die er vergoss. Und Albus Dumbledore,war nicht mehr gewesen als eine verschwommene Silhouette irgendwo hinter dem Schleier seiner Tränen. Ein Leuchtturm am fernen Rand dieses Meeres aus Trauer, Schmerz und Verzweiflung. Eine Hand, die sich Severus entgegenstreckte, die er ergriffen hatte, um sich ans Ufer ziehen zu lassen, doch ohne den Blick zu heben und in das Gesicht des Menschen zu sehen, dem sie gehörte.

So war es ein Jahr lang gegangen, vielleicht auch zwei. Severus wusste es nicht mehr. Doch an einem Abend, wahrscheinlich an dem ersten, am der nicht weinend ins Bett gefallen war, war etwas in ihm aufgebrochen. Noch immer war die Luft von Lilienduft erfüllt. Noch immer trug jede Träne ihren Namen. Doch der Schleier Tränen lichtete sich ein kleines Stück und die verschwommene Silhouette klärte sich zum Gesicht eines altes Mannes. Und Severus sah, dass er nicht alleine war. Dass unbemerkt jemand in sein Leben getreten war, mit dem er niemals gerechnet hätte. Sah, dass an der Hand, die ihm aus dem Meer seiner Verzweiflung gezogen hatte ja ein ganzer Mensch hing.  

Von dem Moment dieser Erkenntnis an, waren das Rätseln und das Grübeln zu Severus‘ treuesten Weggefährten geworden. Er hatte begonnen, sich zu fragen, wer sein Retter war. Was bewog einen Mann wie Albus Dumbledore dazu, gerade ihm, Severus Snape, einem Todesser, eine zweite Chance im Leben zu geben? Was – was war es, das Albus Dumbledore dazu gebracht hatte, sich für ihn vor dem Zaubergammot zu verbürgen, als Karakroff Severus verraten hatte?

Einmal hatte Severus sich eingebildet, zu wissen, wer dieser Mann war. Schon drei Namen hatte er gehabt, seitdem Severus ihm zum ersten Mal gesehen hatte. Damals am ersten September als der Hut auf seinem Kopf ,Slytherin!‘ gerufen hatte. Der erste Name war ‚Professor Dumbledore, der Schulleiter‘ gewesen, der zweite ‚Der Erzfeind, der gestürzt werden muss‘, der dritte schließlich ‚Der Einzige, den Er je fürchtete und die letzte Hoffnung‘. Einst hatte Severus geglaubt, dass diese drei Namen zu wissen ausreichte, um Albus Dumbledore zu kennen. Aber er hatte sich geirrt. Der Schulleiter; der Erzfeind; der Einzige, den ER je fürchtete: Sie waren nichts als Schall und Rauch. Wer oder was Albus Dumbledore wirklich war, ließ sich nicht an einem Namen bemessen. Severus erschien er wie ein einziges Rätsel. Er konnte nicht begreifen, warum ihm Gnade gewährt worden war. Warum dieser alte Mann ihn, den Feind, nicht vom Schloss gejagt hatte, als er in dessen Büro zusammengebrochen war. Immer hatte Severus geglaubt, dass es im Leben nur eine Richtung gäbe. Einen Weg, den man einschlug und keinen Rückweg. Und der Dunkle Lord hatte von jedem, der seinen Weg verließ die Maut eines Menschlebens eingefordert. Doch Albus Dumbledore war – anders. Er hatte ihn nach Hogwarts geholt, obwohl Severus Todesser gewesen war. Obwohl er so tief gefallen war, zu Lilys Mörder zu werden. Albus Dumbledore hatte eine Brücke zurück geschlagen. Und das war es, das Severus nicht fassen konnte. Etwas, das er nie zuvor erfahren hatte: Gnade.

„Lumos“ schallte es durch den Hörsaal. Vorne über dem Rednerpult gingen die Lampen an. Und Albus Dumbledore trat vor die Hörer. Tausend Augen waren auf ihn gerichtet, die Erscheinung mit dem langen Silberbart und der nebelblauen Robe. Er trug eine Aktentasche aus Drachenleder, wie Severus sehen konnte. Wie passend zum Thema seines Vortrags! Der Blick aus bohrenden, blauen Augen glitt über das Publikum. Er schien Severus nicht zu bemerken. Schnell fuhren seine langen, schlanken Finger durch die Pergamente. Doch wohl nur pro Forma, Albus Dumbledore erweckte nicht den Eindruck, sie wirklich zu brauchen.
„Sonorus“ sagte er, den Zauberstab an der Kehle. Dann er blickte auf, lächelte, begrüßte das Publikum.
„Die zwölf Anwendungen von Drachenblut…“, begann er zu referieren.
Dabei streife das Licht der Gaslampen sein Gesicht, tauchte es in warmen Glanz.

Und Severus musste an ein anderes Mal zurückdenken, als er das Gesicht des alten Mannes so gesehen hatte.

Es war in den Gerichtssälen des Zaubergammots gewesen. Ein öffentlicher Prozess gegen eine Sympathisantin des Dunklen Lords, die mehrere Schlammblüter ermordet hatte. Als Großmeister des Zaubergammots hatte Albus Dumbledore vor den Zuhörern eine flammende Rede gehalten. Eine Rede über den blinden Wahn der Zauberer, über falschen Stolz auf das reine Blut und dem Rassismus, der wie ein Tropfen in einem Sauerteig sei, der alles vergiften würde. Severus war ertrunken in einem Meer aus Scham vor sich selbst. Ihm war zumute gewesen, als ob Lily neben Albus Dumbledore auf und ab ginge und jedes „die Zauberer“ durch ein „Du“, jedes „Mugglegeborene“ durch ein „ich“ ersetzte. Er war schuldig, so schuldig geworden, dass er hier eigentlich angeklagt sein müsse. Und wieder war es Albus Dumbledore gewesen, der Severus aus diesem Meer gezogen hatte. Herausgezogen hatte, als er im gleichem Atemzug davon sprach, dass jeder Mensch, so tief er auch gefallen war, noch bereuen und umkehren könne und er daher an den Zaubergammot appeliere, von der Todesstrafe durch den Kuss des Dementors abzusehen und der Beschuldigten nach der Beweislage die mildere, aber noch immer harte Strafe einer Askabanhaft aufzuerlegen. Der Zaubergammot hatte nicht auf sein Wort gehört und die Angeklagte zum Kuss des Dementors verurteilt. Doch in Severus war etwas aufgebrochen. Etwas, das ihm seinen Namen noch nicht verraten hatte. Etwas, von dem Severus hoffte, heute und hier eine Antwort zu finden.

Die Zeit floss dahin. Eine Stunde verstrich und viele Minuten. Sie kamen und gingen wieder, während Albus Dumbledores Stimme gleichmäßig über den Köpfen der Lauschenden schwebte. Severus hatte irgendwann aufgehört, zuzuhören. In keinem von Dumbledores Worten hatte er eine Antwort gefunden auf die Fragen, wie ihn quälten. Und war immer tiefer und tiefer in dem Wirbel seiner eigenen Gedanken gesunken. Hinab in eine Unterwasserwelt, in der er sich die Antworten selbst wie Sandburgen aus Kies und Muscheln bauen konnte. Ein paar Mal streiften ihn die hellblauen Augen, ließen Severus erschauern. Denn er glaubte, für Bruchteile von Sekunden den Glanz des Wiedererkennens darin aufblitzen zu sehen. Wie eigenartig! Genau in diesen Sekunden musste Severus an die wenigen Besprechungen im Büro des Schulleiters denken. Daran, dass er, so nüchtern der Inhalt des Gesprächs auch war, er sich doch wohlgefühlt hatte in diesem Raum. In diesem Refugium seines alternden Vorgesetzten, der ihm stets zuckrige Brausedrops anbot. Fast ein bisschen wie Geborgenheit, fast ein bisschen wie Wärme und Nähe.  

Die Zeit floss dahin und Severus bemerkte nicht, dass der Hörsaal auf die Tische klopfte, bemerkte nicht, dass Albus Dumbledore seine Pergamente wegpackte, bemerkte nicht, dass die Studenten und Gasthörer ihre Sachen packten und gingen. Bis Severus alleine war. Allein in seiner dunklen Ecke, allein im Hörsaal 7 ½. Das hieß, fast allein.

Albus Dumbledore war noch da. Wie ein letztes Sturmlicht, wie der Mond leuchtete seine nebelblaue Robe in der Dunkelheit, als die Lampen über dem Rednerpult erloschen. Er nahm packte seine Drachenledertasche, kam die Treppe herauf und - hielt inne. Eine unangenehme Vorahnung packte Severus, als er die Hörsaalbänke heraufschaute. Direkt zu ihm, zu der dunklen Ecke, in der er saß. Wie ertappt fühlte Severus sich, hoffte, dass es nur ein Zufall war. Dass sich Albus Dumbledore nur wunderte, warum nach der Vorlesung noch ein Zuhörer im Raum geblieben war. Doch dann geschah etwas, das Severus die Nackenhaare aufrichtete. Albus Dumbledore schaute ihn an. Blickte ihm mitten ins Gesicht unter der Kapuze.

„Guten Abend, Severus!“, sagte er warm, „Da Sie noch hier sind: Wie wäre es, wenn wir unseren Rückweg nach Hogwarts gemeinsam antreten? Es interessiert mich sehr zu erfahren, wie mein Vortrag bei den Zuhörern angekommen ist. Das letzte Mal hatten wir ja keine Gelegenheit mehr dazu.“ Und ein Lächeln huschte über seine Lippen. Ein Lächeln des Erkennens und Verstehens.

Severus wandte sich ruckartig um, zur Wanduhr in seinem Rücken. Es war exakt acht Uhr. Die beiden Zeiger auf dem Ziffernblatt, der große und der kleine, bildeten eine einzige Linie. Eine Viertelstunde blieb ihm noch. Eine war bereits vergangen. Albus Dumbledore stand vor ihm, in der Mitte des Raumes – und in der Mitte der Zeit. Sollte er sein Angebot annehmen? Der kleine Zeiger hielt für einen Augenblick inne. Severus überlegte. Dann stand fällte er seine Entscheidung.

Ein Nicken nur, nicht mehr. Und schon stand Severus auf, folgte Albus Dumbledore zu den Kaminen. Der Zeiger der Uhr aber rückte weiter als wäre nichts geschehen.

Bettwärme. Bettwärme und der Geruch von ausgekühltem Schweiß. Ein zerknittertes Laken, ein zerknautschest Kissen, Federflusen. Im Rücken die kalte Wand. Peter räkelt sich, sortiert seine Knochen. Schwanz, vier Pfoten, eine Schnauze mit Barthaar. Alles ist noch da. Wieder ein Morgen. Wieder eine Nacht vorbei, die er im Bett dieses Jungen verbracht hat. Fast an die Wand gequetscht, rote Haare im Gesicht, tiefes Schnarchen in den Ohren. Doch das Bett ist warm und weich und gemütlich. Fast wie einst sein eigenes, zuhause bei seiner Mutter. Wie es ihr wohl geht? Peter verdrängt den Gedanken so schnell wie er aufkeimt. Hastig schaut er sich um, lässt seinen Blick durchs Zimmer schweifen. Niemand da. Wie schön, wie gut, wie überaus erfreulich. Peter kann tun und lassen, was er möchte. Kein Auge sieht ihn. Er konzentriert sich,  verwandelt sich in einen Mann, wälzt sich im Bett. Einmal hin, einmal her. Es ist tatsächlich fast wie damals, fast wie in seinem eigenen Bett. Doch dann – Peter hält inne. Auf der Treppe sind Schritte zu hören. Und Stimmen dringen von der Küche herauf. Lachende, fröhliche, aufgeregte Stimmen. Die Weasley-Kinder kehren zurück. Schnell verwandelt sich Peter wieder in eine Ratte, trippelt über die Laken, huscht unter das Bett. Charlie öffnet die Türe, tritt ins Zimmer. Zielstrebig geht er auf den Schrank zu, holt Quidditchschläger und die Bälle aus dem Fach, streift den Umhang vom Bügel, wirft ihn sich über. Den gold-roten Umhang. In der rötlichen Morgensonne, die durchs Fenster fällt, sieht er fast ein bisschen aus wie James. Damals, als sie sechszehn waren, als kein Hüter seine Quaffel halten konnte. Wenn nur die roten Haare nicht wären…

Peter sieht um im Dunkel unter dem Bett, scheucht eine Spinne auf. Er beißt, sie flieht. Früher waren die Spinnen mal kleiner. Damals, als er noch auf zwei Beinen durch die Welt ging. Aber diese Zeiten sind lange vorbei. Auf dem Boden verteilen sich Krümel. Kekse, Streusel, Schokostückchen. Ein ganzes Kuchenbuffet. Unter dem Bett der Weasleys findet man immer etwas, besonders jetzt. Besonders in dieser Jahreszeit. Peter beißt in einen Krümel. Er schmeckt nach Zimt und Anis. Vor dem Fenster fallen Schneeflocken. Der Duft von Tannengrün steigt langsam ins Stockwerk herauf.

Peter könnte sich davonschleichen. Peter könnte das Zimmer hinter sich lassen. Peter könnte die Treppe hinab laufen und sich die Pracht ansehen. Den geschmückten Weihnachtsbaum, die Geschenke, die Plätzchen und Knallbonbons auf dem Tisch. Doch etwas hält Peter zurück, lässt ihn nach seinem Festmahl nur bis zum Fenster huschen. Das Fenster hinter dessen Glas die Schneeflocken fallen, der Winter Eisblumen malt. Weihnachten in der Familie. Ist es nicht wie damals? Fast wie damals? Irgendwo in der Ferne, wohl unten in diesem Muggeldorf steigt Rauch von den Kaminen auf. Wie damals, wie damals. Doch damals gibt es nicht mehr. Schon lange nicht mehr.

Draußen im Garten, im Schnee tollen die Kinder. Sieben Kinder. Sechs Jungen. Ein Mädchen. Ein Mädchen mit roten Haaren. Peter kannte auch mal eines. Hat bei ihr Kuchen gegessen, fast so gut wie der Krümel unter dem Bett. Ein Schneedrache faucht kaltes Feuer, eine flammende Plastik, gegossen aus Eis. Die Kinder holen die Besen. Jemand lässt den Schnatz frei. Sie steigen empor. Das Mädchen beginnt ihn zu jagen, die Jungen werfen Bälle auf einen selbstgebauten Ring oder versuchen sich vom Besen zu stoßen. Rot-goldene Schleier fegen durch die Schneeluft. Wie Feuer im Eis. Durchs Fenster dringt Lärm, fröhliches Lachen und Johlen. Ein ausgelassenes Spiel.

Peter schließt für einen Moment die Augen. Einst tollten auch sie so über schneebedecktes Gras. Einst landeten auch sie so erschöpft unter dem Baum, wie gerade der jüngste der Jungen. Einst konnten auch sie sich vor Lachen und guter Laune nicht mehr halten und schworen sich ewige Freundschaft. Einst…

Peter hält inne, wendet sich vom Fenster ab, lässt seinen Blick ein zweites Mal durch den Raum schweifen. Percy hat seinen Zauberstab vergessen. Unschuldig liegt er auf dem Nachttisch. Fast sieht er aus wie seiner, damals. Und doch ein bisschen anders. Peters Blick bleibt auf seiner Pfote hängen. Eine Kralle fehlt. Sollte er sich schämen? Sollte er ein schlechtes Gewissen haben? Ein Frösteln packt Peter, ein unheimliches Frösteln. Ihm wird mulmig, als sich ein Gedanke in sein Bewusstsein zu schieben droht. Doch Peter presst die Augen zusammen, drängt ihn zurück.

Damals ist lange her. Die Freundschaften lange schon begraben. Schnell wendet sich Peter vom Fenster ab, huscht wieder unter das Bett. Vielleicht versteckt sich dort noch einen Krümel vom Kuchen. Glück gehabt! Er hat einen gefunden. Seine Krallen sinken in weichen Teig. Seine Zähne beißen in Vanille. Schmeckt fast wie Lilys Kuchen damals, denkt Peter sich… aber doch nur fast.

Niemand hatte gesagt, dass es leicht werden würde. Niemand hatte gesagt, dass mit dem Ende des Krieges alles vorbei wäre. Niemand hatte gesagt, dass sich alle Schatten und Nebel lichten würden, wenn Voldemort erst einmal besiegt wäre. Und doch hatte Ron in seiner Naivität genau das gehofft, geglaubt, nicht einmal angezweifelt. Wie sehr er sich geirrt hatte! Wie sehr er sich geirrt hatte wusste er erst jetzt, da er vor der Marmortafel in der Eingangshalle stand und der Name ihm golden entgegen strahlte.

FRED WEASLEY

Ein Name. Nur noch ein Name im kalten Stein. Kein Lachen - nur ein Name. Keine Streiche - nur ein Name. Kein „für dich zehn Galleonen, weil du unser Bruder bist“ - nur ein Name. Ron mochte vor dieser Tafel in den Staub sinken, nie wieder erwachen. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er wischte sie ab, versuchte sich seine Trauer nicht anmerken zu lassen. Niemand konnte sagen, ob im nächsten Augenblick nicht Draco Malfoy die Treppen zum Kerker hinaufkam. Und vor dem wollte sich Ron keine Blöße geben.

Viel hatte er in den letzten Wochen und Monaten geweint. Um Fred, seinen Bruder und um so viele weitere Namen im kalten Stein. Im kalten Stein, in der die Inschrift prangte:

ZUM GEDENKEN DER IN DER SCHLACHT UM HOGWARTS GEFALLENEN

Mühsam riss Ron seine Blicke von der Tafel los, wandte sich schwerfällig um. Setzte gedankenverloren einen Fuß vor den anderen, während er die stillen Korridore Hogwarts‘ passierte. Die Korridore dieser alten Schule, die er so gut kannte und die ihm doch so unendlich fremd erschien. Einen Monat war es nun her, seitdem er mit Hermine und Harry hier her zurückgekehrt war. Aus den düstersten traurigsten, bedrückendsten Ferien, die Ron je erlebt hatte, obwohl er die ganze Zeit mit seinen Freunden zusammen gewesen war.

Viel hatte sich in diesen Ferien getan. Die Zaubererwelt schien allmählich aus dem dunklen Alptraum zu erwachsen, in dem sie zwei Jahre lang gelegen hatte. Im Ministerium hatte man mit einer umfassenden „Entvoldifierzieung“ begonnen. Sympathisanten des Voldemortregimes waren reihenweise entlassen worden. Die Todesserprozesse bescherten den Zaubergammot Berge und Berge von Arbeit. Die Schulbehörde hatte einen Beschluss erlassen, nachdem alle Hogwartsschüler das letzte Schuljahr Mugglekunde und Verteidigung gegen die Dunklen Künste wiederholen mussten. Auch die Schüler der siebten Klasse, die im Schuljahr unter den Carrows ihren UTZ gemacht hatten. Und das war der Grund, warum Draco Malfoy noch an Hogwarts war, wegen Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Mugglestämmige Schüler, die ausgeschlossen gewesen waren, durften gleich das ganze Jahr wiederholen. Und dies galt auch für Harry, Ron und Hermine, die Hogwarts erst Stunden von der Schlacht betreten hatten.

Ein ganzes Geschwader an fleißigen Helfern aller Arten, Menschen und Zauberwesen, hatten die Schule über die Sommermonate wieder aufgebaut. Zerstörte Mauern waren erneuert worden. Schutt und Geröll beseitigt. Aber niemand – niemand -  konnte je das Blut von den Steinen wischen, das in einer lauen Mainacht in diesen Hallen vergossen worden war. Konnte all die vielen zurückbringen, die hier ihr Leben gelassen hatten.

Ron hatte den dritten Stock erreicht, stieg von der schwenkenden Treppe, lief geistesabwesend weiter, in den Gang hinein. Diese Mainacht… die Wochen danach… es kam ihm alles noch immer so unwirklich vor. Wie ein Alptraum, aus dem er nur noch nicht erwacht war. Alles war so unwirklich gewesen, als wäre diese Zeit nur eines von Collin Creeveys Fotos, das er aus der Ferne betrachtete, nur ein Bericht im Tagesprophet, den er las. Als hätte das alles jemand ganz Anderes erlebt. Doch es war er gewesen, er selbst.

Es hatte so viele Ehrungen gegeben. Er, Hermine, doch vor allem Harry waren um ein paar Merlinorden reicher geworden. Ron hatte unzählige Feiern mit flammenden Reden erlebt. Doch Feiern, auf denen keiner gelacht hatte. Feiern, auf denen niemand tanzte. Auf denen sie alle stumm und reglos beisammengestanden hatten, die Augen leer, die Köpfe gesenkt, durchnässte Taschentücher in den Händen. Feiern ohne Festmahl. Weil jeder Bissen bitter schmeckte. Trauerfeiern und Totenmale und Ehrungen für Kriegshelden, über denen noch der Schatten der Schrecken schwebte. Selbst auf Snapes Beerdigung - selbst auf seiner! -  war Ron bedrückt gewesen.

Snape. Wie merkwürdig, dass er gerade jetzt an Snape dachte. Jetzt, wo er auf dem Weg ins Schulleiterbüro war. Dem Ort, an dem Harry auf ihn wartete. An dem dieser schon seit Stunden damit beschäftigt war, Snapes Hinterlassenschaften zu ordnen und auf Rons Hilfe hoffte. Warum sein bester Freund sich seit der Schlacht von Hogwarts so für Snape interessierte, war Ron noch immer ein Rätsel. Aber als Freund hinterfragt man nicht. Als Freund packt man mit an. Professor McGonagall hatte ihnen zu Beginn des neuen Schuljahres erlaubt, ihr beim Verwalten von Snapes Erbe und dem Ausräumen der Wohnung über dem Schulleiterbüro zur Hand zu gehen. Schließlich, als das Amt der Direktorin sie mit zeitfressenden Pflichten überhäufte, hatte sie ihnen diese Aufgabe sogar ganz überlassen.

Und so schufteten Harry, Hermine und er schon seit Tagen, um die letzten Erinnerungen an Snape zu sortieren und in Kisten zu verpacken.
„Wiederaufbau“, raunte Ron den Wasserspeiern zu, ließ sich von der Wendeltreppe nach oben tragen, passierte das Schulleiterbüro, stieg noch mehr Treppenstufen empor und stand endlich in der Wohnung. Harry hatte sich inzwischen hinter einer Wand aus Zaubertrankfachbüchern verschanzt. Nicht ohne Grund. Heute war ein besonderer Tag. Heute erwarteten sie noch hohen Besuch in diesen Räumen.
„Schon alles beisammen?“, fragte Ron nüchtern, als Harry ihn bemerkt hatte.
„Denke schon“, antwortete Harry, während er noch ein letztes Buch aus dem Regal zog.
Ron trat näher, musterte den Bücherstapel skeptisch.
„Ist ziemlich viel, oder?“
„Ja“, Harry klang nachdenklich, „Aber ich denke, Professor Milksop wird schon was damit anfangen können.“
Sie blickten sich an, lächelten verhalten.

Professor Milksop war der neue Lehrer für Zaubertränke. Slughorn hatte zu Schuljahresende gekündigt und war wieder in den wohlverdienten Ruhestand zurückgekehrt. Und Milksop in seine Fußstapfen getreten. Ein junger Mann, noch keine dreißig, frisch von der Zaubertrankakademie. Ein ziemlich komischer Kauz, wie Ron fand,  sehr nervös, fast schon schreckhafter Charakter. Oft ging er stundenlang nahe des Verbotenen Waldes spazieren und fuhr jedes Mal zusammen, wenn man ihn ansprach.  Auf sonderbare Weise erinnerte er Ron ein wenig an Quirrell.

„Wo steckt Hermine?“, fragte er, während Harry eine große Bücherkiste aufrief.
„Ihn heraufholen“, antwortete Harry ruhig.

Doch die Ruhe sollte nicht lange währen…

Gerade hatten die Jungen begonnen, die Bücher zu verpacken, als ein Geräusch sie urplötzlich aufhorchen ließ. Das Geräusch einer hastig aufgestoßenen Türe, die gerade wieder zufiel. Mit fast brachialer Gewalt riss es Ron aus seiner melancholischen Lethargie. Harry sprang auf, die Hand im Reflex sofort um den Griff seines Zauberstabs geschlossen. Da erschien im Türrahmen Hermines Gesicht. Das braune Haar zerzaust, klebte ihr an der Stirn. An der Stirn, von der Schweißperlen rannen. Die eine Hand am Türrahmen abgestützt, die andere um ein kleines Notizbuch geschlossen, rang sie um Atem. Fast so, als wäre sie den Weg von den Kerkern zum Schulleiterturm hinauf gerannt.

„Hermine, was ist los!“, rief Ron überrascht.
„Er ist weg!“, keuchte sie nur und sank vor Harrys aufgerissenen Augen zu Boden, bis sie mit dem Rücken am Türrahmen lehnte, „Weg!“
„Wie, was soll das heißen?“, stammelte Ron, „Wer ist weg?“
„Milksop“, hustete Hermine, während sie nach Luft schnappte, „Sein Büro leer. Hier!“

Und sie schob das Notizbuch über den Boden zu Ron und Harry hinüber. Im diesigen Licht der Deckenfunzel steckten sie ihre Köpfe zusammen, begannen zu lesen. Zu seiner Verwunderung stellte Ron fest, dass es sich um ein Tagebuch handelte.
„Heute!“, rief Hermine, ehe er sich vertiefen konnte.
Harry schlug die Seite auf und dann war nichts mehr so wie es einmal war.

Ich kann nicht mehr! Auf was habe ich mich nur eingelassen? Den Jungen ausspionieren, ihn in meine Gewalt bringen. Ja, ja verdammt, ich weiß es. Aber ich kann nicht mehr. Es macht mich kaputt. Ich kann wirklich nicht mehr. Ständig in Angst, ständig diese Macht in meinem Kopf. Bin ich nur ein Werkzeug? Die haben etwas auf mich gehetzt. Ich spüre es, es ist hinter mehr her. Ich weiß es. Es beobachtet mich andauernd. Ich muss weg von hier. Noch heute Nacht. Jetzt. Nein. NEIN…

Und die Worte brachen ab. Die Schrift ging unter in undeutlichem Gekritzel, dann einem einzigen Strich, als hätte wäre die Hand des Schreibers quer übers Blatt gezogen worden.  

Harry ließ das Buch sinken. Für einen atemlosen Moment starrte Ron ihn an. Ihn und Hermine. Völlig reglos. Fragezeichen standen in den Augen der beiden anderen geschrieben. Fragezeichen und der Hauch einer dunklen Vorahnung…

Niemand hatte gesagt, dass es leicht werden würde. Niemand hatte gesagt, dass mit dem Ende des Krieges alles vorbei wäre. Niemand hatte gesagt dass sich alle Schatten und Nebel lichten würden, wenn Voldemort erst einmal besiegt wäre.

Harry atmete tief ein, presste die Lippen aufeinander.  
„Ich hol die Karte des Rumtreibers. Wir treffen uns unten - in seinem Büro“, sagte er, wandte sich um und lief aus dem Zimmer. Ron und Hermine tauschten Blicke. Einen Moment nur. Dann löschten sie das Licht und folgten ihm ins Ungewisse.

Ich legte den Füller nieder, blickte hinab auf das Papier. Auf die vielen krakeligen Worte, die ich geschrieben hatte. Meine Lider waren schwer, meine Hand schmerzte. Ich hatte einen Schreibmarathon zurückgelegt, um wieder gut zu machen, was ich in meiner Unwissenheit angerichtet hatte. Um ihnen allen wieder die Freiheit zu schenken: Slughorn, Voldemort, den Hauselfen, Harrys Kindern, Snape, Wurmschwanz, Ron und Hermine. Sie alle hatten nacheinander mein Zimmer verlassen. Mit jeder Kurzgeschichte, die ich schrieb; mit jedem Kapitel, das ich beendete, war ein grünes Feuer im Kaminschacht aufgeflammt. Und aus meinem Notizbuch waren goldene Funken gestoben, die ihre Namen in die Luft zeichneten. Die Namen derjenigen, deren Zeit gekommen war, zu gehen. Wie eine Wartenummer im Rathaus. Zögerlich wandte ich den Kopf um zum Kamin und sah gerade noch Rons roten Haarschopf und Hermines braune Mähne verblassen. Die Letzten, die mein Schlafzimmer verlassen hatten.

Als das Feuer erlosch, nur noch kalter Rauch geblieben war, spürte ich, wie etwas in meinem Herzen sich zusammenzog. Wehmut! Ich war wehmütig. Wehmütig, weil ich sie vermisste. Nun gut, nicht alle. Voldemort und Wurmschwanz war ich gerne losgeworden. Aber der Rest? Ich wusste ja, dass sie nicht in meine Welt gehörten, aber sie, die Figuren meiner Lieblingsgeschichte, hier zu haben. Wer träumt nicht davon? Snape fehlte mir von allen am meisten. Ich hätte gerne noch ein paar Wörtchen mehr mit ihm gesprochen. Oder besser gesagt ihm in mancher Hinsicht gerne mal ordentlich den Kopf gewaschen. Aber auch Harrys Kinder, Ron und Hermine, die Hauselfen und ein bisschen auch Slughorn vermisste ich, obwohl es nur Stunden her war, dass sie mein Zimmer lassen hatten.

Betrübt ließ ich den Kopf hängen. Und durch die graue Betrübtheit meiner Gedanken drang mir auf einmal eine sanfte Stimme ans Ohr.
„So unzufrieden mit Ihrem Werk, Miss Augurey?“
Ich blickte auf, drehte mich in einem Ruck um. Hinter mir stand noch immer Albus Dumbledore in seiner weißen Robe. Wie merkwürdig. Ihn hatte ich ja ganz vergessen!
„Das ist es nicht“, antwortete ich mit einem Seitenblick auf die vollgeschriebenen Blätter, „Es ist mehr…“
Ich verfiel in Schweigen, wusste nicht, was ich sagen sollte. Welch Ironie! Nach all den Worten, die ich zu Papier gebracht hatte, fiel mir keines mehr ein. Als ob man Vorräte an Worten horten könnte, die sich irgendwann aufbrauchten. Oder war es eher so, dass ich Albus Dumbledore nicht zu viel von meinen Gedanken offenbaren wollte? Seine Menschenkenntnis und seine Legilimentik, die ich als Romanfigur stets an ihm schätzte, waren mir jetzt, da er vor mir stand, doch etwas unheimlich.
Doch Albus Dumbledore hatte bereits ein wissendes Lächeln aufgesetzt.
„Verstehe“, sagte er ruhig, „Nun, Sie sollten darüber nicht allzu betrübt sein. Mit dem Sieben-Feder-Fluch verhält es wie mit ERISED. Es ist nicht gut, nur in seinen Träumen zu leben. Oder wie es in diesem Fall wohl korrekter wäre, nicht gut, wenn die Träume allzu real werden. Und eines dürfen Sie auch nicht vergessen: Für einen inspirierten Autor ist das Schreiben einer Kurzgeschichte nur der Aufbruch in den nächsten Roman.“

Nun lächelte auch ich, wenn auch ein wenig verhalten.
„Das, was Sie sagen, kommt mir ein wenig abgewandelt sehr bekannt vor“, bemerkte ich ein wenig feixend, „Es erinnert mich an die Worte, die Sie Harry im ersten Schuljahr mit auf den Weg gaben.“
Albus Dumbledores Augen blitzten auf.
„Wie ich sehe, haben Sie Harrys Biografie aufmerksam studiert“, gluckste er
Wir schauten uns an und schienen uns wortlos zu verstehen. Und für einen Augenblick lang genoss ich es einfach nur, dass meine zweitliebste Figur aus dem Werk noch immer bei mir war. Dann auf einmal fiel mir etwas ein.

„Was soll ich schreiben?“, fragte ich und blickte Dumbledore direkt in die Augen hinter der Halbmondbrille. Und etwas sehr merkwürdiges geschah. Etwas das ich nicht erwartet hätte: Albus Dumbledore runzelte verwundert die Stirn, als ob er nicht verstehe, wovon ich sprach.
„Ihre Geschichte, meine ich“, ergänzte ich hastig und zugleich überrascht von diesem Anflug von Unwissen. Ich konnte mich zwar nicht erinnern, derzeit noch eine unvollendete Idee über ihn in meinem Notizbuch stehen zu haben, doch anders war seine Anwesenheit wohl nicht zu erklären, oder? Dieser Anflug von Unwissen erschien mir daher sehr rätselhaft.  
Das Lächeln kehrte auf Dumbledores Lippen zurück.
„Oh, das wird nicht nötig sein, Miss Augurey“, sagte er geheimnisvoll. Und nun war ich es, die die Stirn runzelte.
„Aber ich dachte, der Sieben-Federn-Fluch-“
„-erweckt Romanfiguren zum Leben, ganz richtig. Doch mein Leben ist nicht dem Sieben-Federn-Fluch geschuldet. Dank meiner, verzeihen Sie mir bitte die Unbescheidenheit, überragenden Intelligenz, verfüge ich über das Wissen, mich selbst lebendig zaubern zu können. Und ich hatte den Eindruck, dass meine Anwesenheit hier dringend gebraucht wurde.“
„Dann gibt es gar keine Geschichte über Sie zu schreiben?“. Zugegeben war ich reichlich irritiert.
„Nein oder vielleicht doch. Je nachdem aus welcher Perspektive man es betrachtet, oh ja“, antwortete Dumbledore und warf mit einem wissenden Lächeln einen Seitenblick zum Harry Potter Brett in meinem Bücherregal hinauf. Was er mir damit sagen wollte, blieb mir schleierhaft.
„Nun, wie dem auch sei“, fuhr er fort und schaute wieder mich an, „So angenehm es mir auch war, mich mit Ihnen zu unterhalten, Miss Augurey, fürchte ich, ist der Zeitpunkt auch unseres Abschieds gekommen. Unter uns gesagt, der Verwandlungszauber, der mich am Leben hält, wird in weniger als einer Minute zerfallen und es gibt keine Möglichkeit, ihn in so kurzer Zeit zwei Mal zu wirken.“  

Für eine Sekunde ergriff mich wieder die Wehmut, doch dann atmete ich fest durch und hielt seinen Blick.
„Nun, dann wünsche ich Ihnen eine gute Heimreise oder wie immer man es auch nennen soll, wenn ein Verwandlungszauber erlischt“, sagte ich förmlich.
Dumbledore lächelte noch immer.
„Ein gutes Gelingen, Miss Augurey. Und denken Sie an meine Worte“, sagte er ruhig und mit einem kurzen Erschrecken sah ich, wie das Licht des Digitalweckers auf einmal durch ihn hindurch schien, wie seine Gestalt sich aufzulösen begann.
„Halt!“, rief ich, „Eine Frage noch?“‘
„Ja?“
„Werde ich sie wiedersehen? Sie und die anderen?“
Er lächelte geheimnisvoll.
„Nun, Miss Augurey“, sagte er, während seine Silhouette fast nur noch ein weißes Leuchten war, „Das liegt ganz an Ihnen“.
Und er war verschwunden.

Ich ließ mich auf meinen Schreibtischstuhl sinken, starrte für ein paar Sekunden in die Luft. Dann wandte ich mich wieder dem Schreibtisch zu, betrachtete mein Notizbuch. Er hatte Recht. Nun lag es an mir, ob der Sieben-Federn-Fluch sich für meine Ideen noch einmal erfüllen würde oder nicht. Ganz allein an mir. Ich schlug das Notizbuch zu, löschte das Licht und ging wieder zu Bett.

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Autor

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Kapitel:9
Sätze:1.492
Wörter:18.593
Zeichen:111.403

Kurzbeschreibung

Eigentlich wollten sie ganz woanders hin. Doch durch einen merkwürdigen Zufall endet die Reise durchs Flohnetzwerk für Severus Snape, Wurmschwanz, Albus Severus Potter und noch weitere Harry Potter Charaktere in einem unbekannten Schlafzimmer. Zahlreiche Widersprüche und unerklärliche Zeitsprünge lassen die Figuren bald an ihrem Verstand zweifeln. Bis Albus Dumbledore das Rätsel löst: Sie alle sind Opfer des Sieben-Federn-Fluchs geworden. Ein Zauber, der Romanfiguren lebendig werden lässt, sobald ein Autor sieben Ideen in seinem Notizbuch skizziert hat. Und es gibt nur einen Weg, ihrer misslichen Lage zu entkommen: Ihre Geschichten müssen geschrieben werden... Sieben lästige Plotbunnies, sieben kunterbunte Oneshots.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit OneShot-Sammlung, Gen und Schreibprojekt getaggt.

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