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Wie das Leben so spielt

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10.1.2020 18:45
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Autorennotiz

Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen.
Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur
wenige erwählen wir zu unseren Freunden.

Ludwig Feuerbach

Ganze acht Jahre lang waren wir zur Schule gegangen und nun war Schulzeit an ihrem Ende angelangt. Endlich sollten wir von der Last der Schule befreit sein und wir hofften irgendwie alle auf eine goldene Zukunft. Das war natürlich reine Illusion, denn die Voraussetzungen für das, was auf uns zukam, waren alles andere als gut. Wir saßen in einer Klasse, in der zwei Jahrgänge gleichzeitig unterrichtet wurden. Es herrschte ziemliches Gedränge. Immerhin saßen wir zu über siebzig Schülern beisammen, vielleicht schriebe ich besser, wir drängten uns auf zu wenigen Schulbänken. Weitere ungünstige Faktoren kamen hinzu. Fast alle Schüler kamen aus Elternhäusern, für die man heutzutage das Wort bildungsfern erfunden hat. Väter waren dank des verbrecherischen Krieges Mangelware. Waren Väter vorhanden, waren ihre Erziehungsmethoden oft von dem geprägt, was ihnen an der Front und in der Kriegsgefangenschaft widerfahren war. Die Wohnsituation war gelinde gesagt, einfachster Art. Der Stadtteil, in dem wir wohnten und in dem die Schule lag, war damals weitgehend ländlich geprägt und von daher vom Bombenkrieg fast total verschont geblieben, obwohl sich große Industrieanlagen in direkter Nachbarschaft befanden. Es hatte viele ehemalige Bewohner der Innenstadt hierher verschlagen, deren dortige Wohnungen dem Bombenhagel zum Opfer gefallen waren. So war der Wohnraum knapp und meist überbelegt. Teilweise lebten die Menschen in behelfsmäßigen Unterkünften, eilig, während und direkt nach dem Krieg errichtet. Andere lebten zusammengedrängt in meist uralten ehemaligen Bauernanwesen. Ein Großteil meiner Klassenkameraden wurde nach Schulschluss direkt bei der Gartenarbeit eingesetzt, denn viele Familien lebten von dem, was der Garten hergab. Da blieb kaum Zeit für Hausaufgaben. Für die fehlenden Hausaufgaben gab es dann in der Schule Prügel.

Ich gehörte zu denen, deren Familien durch den Bombenkrieg an den Stadtrand verdrängt worden waren. Die Straße, in der wir wohnten, war abgetrennt von allem, was eine Stadt ausmacht. Es war ein Mikrokosmos – eine geschlossene Gesellschaft. Vom eigentlichen Stadtteil abgesondert durch einen Ring aus Getreidefeldern, einer städtischen Müllkippe, einer Kiesgrube und den Mauern der Industrieanlagen – vom Nachbarstadtteil getrennt durch einen Bahndamm mit zwei Durchlässen für Fußgänger und Radfahrer. Durchschnitten wurde dieses Gebiet vom damaligen südlichen Autobahnzubringer, der heutigen Autobahn A46. Der Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln war nur durch einen mehrere Kilometer weiten Fußweg möglich. Für den minimalen täglichen Bedarf gab es einen eher schlecht sortierten Tante-Emma-Laden. Der Milchmann kam täglich, alle weitergehenden Einkäufe erforderten gute Füße oder ein Fahrrad. Die Ureinwohner hatten eine eigene Sprache entwickelt. Sie sprachen weder Hochdeutsch, noch das damals verbreitete Plattdeutsch. Zum Schrecken meiner Mutter hatte ich mir diese Sprache innerhalb von Wochen angeeignet, schließlich sprachen alle Nachbarn diese Sprache. Ich habe sie im Laufe der Jahre so verinnerlicht, dass ich sie noch heute sofort erkenne und wenn mich, was heute nur noch sehr selten vorkommt, jemand in dieser Sprache anspricht, verfalle ich sofort wieder in diesen Dialekt.

Wir wohnten komfortabel. Heißt, wir hatten fließendes Wasser und ein Wasserklosett. Zwar war das Klosett nur durch eine einfache Wand aus Presspappe vom übrigen Zimmer abgeteilt – aber immerhin ein Wasserklosett. Der einzige Wasserhahn befand sich ebenfalls hinter dieser Presspappe. Andere hatten es lange nicht so komfortabel, Plumpsklo hinter dem Haus und Wasserpumpe auf dem Hof war der Standard. Wir Kinder kannten es nicht anders, eine andere Schulsituation war für uns nicht vorstellbar und so genossen wir, wenn dann endlich alle ihre Gartenarbeiten und sonstigen häuslichen Aufgaben erledigt waren, die unendliche Freiheit der weitläufigen Felder, Weiden und Wälder in der Umgebung. Niemand konnte uns dort überwachen, wir spielten da, wo es verboten war. An und auf der Bahnstrecke, die uns vom Nachbarstadtteil trennte, überquerten ungeniert den Autobahnzubringer, lagerten in den Flakstellungen, die vom Krieg in den Feldern zurückgeblieben waren oder fuhren mit den Fahrrädern in weiter entfernte Wälder und bis ins Neandertal.

Aber zurück zur Schule. Der Schulweg war bedrückend, wir hatten Angst vor der täglich verabreichten Prügel. Gefördert wurden wir nicht. Ein Großteil, der mit mir aus der Schule entlassenen Kameraden verdingte sich sofort nach Entlassung aus der Schule als Hilfsarbeiter in den nahen Industrieanlagen und folgte damit der Familientradition. Finanziell war das durchaus lukrativ, denn ein vierzehnjähriger Hilfsarbeiter bekam einen Lohn, der den eines gleichaltrigen Lehrjungen bei Weitem überstieg. Dabei weiß ich mit meinem heutigen Wissen, unter meinen Kameraden gab durchaus hoch- und höchstbegabte Menschen. Dazu gehörte ich leider nicht, ich war aber einer der besten Schüler in der Klasse und ergatterte eine Lehrstelle. Das ist durchaus kein Widerspruch. Hochbegabung drückt sich nicht unbedingt in guten Noten aus. Erkannt werden muss diese Begabung, nur dann wird ein Schuh daraus. Am Ende der Schulzeit konnte ich mühsam lesen und einigermaßen fehlerfrei schreiben, wenn auch die Buchstaben ungelenk aussahen, da man mich zwangsweise zum Rechtshänder umerzogen hatte. Bei Diktaten hatte ich Schwierigkeiten. Weil ich die Buchstaben eher malte, als schrieb, konnte ich bei der vom Diktierenden vorgegebenen Schreibgeschwindigkeit kaum mithalten. Die vier Grundrechenarten beherrschte ich leicht, da Zahlen meine Welt waren. Ich hatte sogar ein wenig Ahnung von Geometrie – Raumlehre hieß das Fach bei uns und wir hatten auch nicht Mathematik, sondern Rechnen. Ich kannte Hauptwörter, Tätigkeitswörter, Eigenschaftswörter, Fürwörter und so was. Uns die lateinischen Begriffe dazu beizubringen hielt man für überflüssig und noch heute habe ich Schwierigkeiten beim Zuordnen dieser grammatischen Feinheiten. Für Adverb, Adjektiv usw. suche ich meist erst die deutsche Übersetzung, damit ich weiß um was es geht (man muss sich eben nur zu helfen wissen). Nein, ich bin nicht verbittert, aber ich halte das, was damals geschah für einen Komplott. Die Eltern waren mit dem Wiederaufbau beschäftigt und die Lehrer hatten kein Interesse an uns Arbeiterkindern. Im Nachhinein vermute ich, diese haben an uns ihren Frust darüber ausgelassen, dass dazu verdammt waren, an einer minderwertigen Schule zu lehren.

Dann kam der wirklich allerletzte reguläre Schultag. Lernen brauchten wir nicht mehr, sogar der sadistische Klassenlehrer war guter Dinge. Ein einziger meiner Kameraden, wir nannten ihn Goofy, hatte Klavier spielen gelernt und durfte uns den ganzen Vormittag am Klavier unterhalten. Es herrschte eine absolut entspannte Stimmung. Dann schlug die Stunde eines Hochbegabten, nein besser gesagt, eines Höchstbegabten. Wir beide waren sehr eng befreundet und von daher hatte ich früh den Verdacht, dass ich in praktischen Dingen ein armes Würstchen gegen ihn war. Im Laufe unserer Schulzeit wurde aus diesem Verdacht Gewissheit. Die ganzen Jahre in der Schule hatte er sich so lala durchgeschlagen. Immer am unteren Limit arbeitend. Im Gegensatz zu mir, sprach er auch im Unterricht die heimische Sprache, das stempelte ihn per se als minderwertig ab. So wurde er von den Lehrern wenig beachtet, aber da seine Intelligenz locker ausreichte den Lehrstoff, ohne weitere Förderung zu begreifen, kam er eigentlich nie in die Gefahr, das Klassenziel nicht zu erreichen. Bei ihm zu Hause ging es rustikal zu. Mein Freund charakterisiert heute sein damaliges zu Hause als Favela. Den Vater schätzte ich damals, wie auch heute noch, als gewalttätig ein – zumindest was die Kindererziehung betraf. Die Familie lebte in einem behelfsmäßigen Lehmbau ohne fließend Wasser, Kanalisation und Müllabfuhr, an einem bei Regen matschigen, bei Trockenheit staubigen Feldweg. Das ganze Leben war so weit, wie irgend möglich auf Selbstversorgung ausgelegt, was dazu führte, dass für die Familie die Mitarbeit der Kinder im Garten wichtiger war, als eine gute Schulbildung.

An diesem Tag nun traute sich mein Freund etwas, was er sich wohl nie getraut hätte, wäre es nicht der letzte Schultag gewesen. Aus irgendeinem Grund, wurde der Lehrer mitten in der Schulstunde zur Rektorin gerufen. Er forderte Goofy auf, weiter Klavier zu spielen und die Anderen sollten derweil Ruhe bewahren. Auf dem Klavier wurde irgendetwas Lustiges geklimpert und wir hielten wirklich Ruhe, einigermaßen zumindest. Dann erhob sich mein Freund, öffnete den Spind des Lehrers und entnahm diesem die schuleigene Geige. Er bat Goofy um den Kammerton A, stimmte die Geige und begann zu spielen. Er spielte hinreißend und es wurde mucksmäuschenstill in der Klasse. Außer Goofy und mir, war wohl keinem unserer Mitschüler bekannt gewesen, dass unser Freund sich selbst das Geigenspiel beigebracht hatte und überhaupt äußerst musikalisch war. Was er spielte und wie lange das Spiel dauerte, weiß ich wirklich nicht mehr. Irgendwann hatte wohl der Lehrer wieder den Raum betreten. Wir haben ihn nicht beachtet, sondern weiter still den Melodien gelauscht. Erst als der letzte Ton verklungen war, machte sich der Lehrer bemerkbar. Er machte einen eher betretenen Eindruck und vielleicht ist ihm in diesem Moment aufgegangen, wie viel Talent in einer Horde ungebildeter Kinder schlummern kann.

All das zählt heute nicht mehr wirklich. Mein Freund hat einen Beruf erlernt, ich auch. Er hat seinen Beruf nach der Lehre nie mehr ausgeübt, ich habe mich einige Jahre noch durch den erlernten Beruf gequält. Ich brauchte noch zwei weitere Berufe, bis ich meine Berufung fand. Mein Freund war beruflich weniger anspruchsvoll, tat sich aber sonst hervor. Er malte, schnitzte, baute eigenhändig ein Haus, konstruierte und baute eine Dschunke, baute und spielte absonderliche Musikinstrumente, wie zum Beispiel ein Didgeridoo, restaurierte alte Autos, ach ich weiß nicht was noch alles. Doch, das fällt mir noch ein, er restauriert immer noch uralte Nähmaschinen.

In einem gleichen wir uns ungemein, wir sind beide über fünfzig Jahre verheiratet und offensichtlich glücklich dabei. Passt noch besser, mein Freund heiratete eine Frau, die aus unserem direkten Umfeld stammt und die wir beide seit Kinderzeiten kannten. Ich habe meine Liebe erst im Erwachsenenalter kennengelernt, aber, oh Wunder, auch meine Liebe stammte direkt aus unserem gemeinsamen Umfeld.

Wir beide Freunde hatten uns jahrzehntelang aus den Augen verloren, unser erneutes Aufeinandertreffen war unbeschreiblich. Wir gingen, wie gewohnt spazieren, erzählten uns wie gewohnt, von unseren großen und kleinen Problemen und mein Freund erklärte mir seine Visionen und Träume, wie gewohnt eben. Wie gewohnt, erwartete er meine Meinungen, Vorschläge und Kommentare dazu.

Ein weiterer Punkt eint uns, die Wut darauf, dass uns als Kindern der Zugang zu umfassender Bildung verweigert wurde. Mein Freund nennt den Lehrer einen Drecksack – ich bin ein böserer Mensch und deshalb verbietet es sich das Wort, mit dem ich diesen Lehrer charakterisiere, hier zu veröffentlichen.

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Kurzbeschreibung

Die Erinnerung an eine Kindheit in der Nachkriegszeit und dem, was davon bis heute geblieben.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Heimat auch im Genre Freundschaft gelistet.

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