Fanfictions > Games > Assassins Creed > Even when your kind appears to triumph ... Still we rise again!

Even when your kind appears to triumph ... Still we rise again!

93
25.05.20 19:46
16 Ab 16 Jahren
Workaholic

Autorennotiz

Wie immer sei angemerkt, dass mir die Charaktere, bis auf meinen OC, nicht gehören. Die Rechte liegen immer noch bei Ubisoft. Ich verdiene hiermit auch kein Geld!

„ICH BIN EIN EXPERTE IM UMGANG MIT DEM SCHWERT. ICH BIN GESCHULT IM HANDWERK DES TODES. TÖTEN BEREITET MIR KEINE FREUDE - ICH BIN NUR SEHR GUT DARIN.“

(Haytham Kenway, Zitat aus dem Buch „Forsaken“ von Oliver Bowden)

Erklärung

Zur Erklärung für diejenigen, die AC III und Rogue gespielt haben. Ich erzähle hier nicht die Geschichte, wie sie exakt im Spiel passiert ist. Mein OC oder das Universum welches ich nutze, ist ein klein wenig anders. Daher verläuft nicht alles so, wie ihr vielleicht vermutet. Aber es gibt genügend Parallelen, die die Verbindung wieder herstellen und... seien wir ehrlich, ich MUSS ja in der zeitlichen Geschichte bleiben und berücksichtigen wer wann anwesend war, oder eben NICHT, oder nicht MEHR ;-)

6 Charaktere

Edward J. Kenway

Britischer Pirat und Freibeuter, geboren am 1. März 1693 in Swansea, Wales. Er ist der Vater von Haytham Kenway und Großvater von Ratonhnhaké:ton (Connor). 1711 traf Edward im Alter von 17 auf Caroline Scott. Die Mutter seiner Tochter Jennifer.

Haytham Edward Kenway

Haytham E. Kenway, Sohn von Edward J. Kenway, geboren 04. Dez. 1725, London, gestorben 16. Sep.1781, New York, durch die Hand seines eigenen Sohnes Connor Kenway. Haytham war ein sehr vornehmer Engländer, der jedoch immer bereit war, alles zu tun was nötig war um sein Ziel zu erreichen. Er verachtete den Assassinenorden, hielt die Ziele, die sie vor hunderten von Jahren hatten, aber für ehrenhaft.

Alexandra Frederickson

Das ist ein von mir selbst ausgedachter Charakter.

Shay Patrick Cormac

Shay Patrick Cormac (12.09.1731-Unbekannt) war einst ein Assassine, der später ein Mitglied des Templerordens wurde, im Atlantik während des Siebenjährigen Krieges tätig war, und den Kolonialen Assassinenorden mit anderen Templern fast vollständig auslöschte.

Thomas Hickey

Thomas Hickey war ein Templer während der Amerikanischen Revolution. Auch er war daran beteiligt den verborgenen Tempel der Ersten Zivilisation zu finden. (geb. unbekannt + 1776) Hickey durchlief verschiedene Positionen im Revolutionskrieg. Zu Beginn noch an der Front stationiert, wurde er bald zur persönlichen Wache Washingtons. Zudem war er für die Finanzen der Kontinentalarmee zuständig.

Charles Lee

Charles Lee (*6. Februar 1732 in Cheshire, England;† 2. Oktober 1782 in Pennsylvania) war ein Templer und ein General während der Amerikanischen Revolution. Er wurde kurz nach der Ankunft von Haytham Kenway in Boston von den Templern rekrutiert, obwohl er bereits mit ihnen sympathisierte. Er arbeitete sich sehr schnell in der Hierarchie nach oben und wurde bald die rechte Hand des Großmeisters.

Vorwort

 

Es vergingen über 10 Jahre nach meiner letzten Heimkehr, bis ich die Ereignisse einigermaßen verdaut hatte und wieder auf den Boden der Tatsachen kam. Leider ging meine Beziehung mit Marius in die Brüche und ich blieb mit Yannick alleine.

 

Bis heute habe ich aber ein gutes Verhältnis mit ihm, denn für unseren Sohn wollte ich ein friedliches Umfeld schaffen. Der Kleine ist jetzt auch schon 16 und wird bald in meine Fußstapfen treten. Noch ist er in seiner Ausbildung als Novize, denn zur Schule muss Yannick ja nun auch noch. Da führt kein Weg daran vorbei.

 

Ich erzählte ihm von meinen Reisen und die Geschichte, wie ich die Jackdaw bekam. „Könnten wir nicht einfach noch einmal zurück? Ich würde zu gerne auch einmal echte Piraten sehen!“ Bei diesem Satz musste ich schon schmunzeln, denn man hatte ja eine sehr romantisch verklärte Vorstellung von diesen Plünderern.

 

Nein, ich denke, das wäre keine gute Idee. Aber vielleicht kannst du später einmal alleine so eine Reise antreten. Ich habe genug gesehen von dieser Zeit!“ Ich lächelte ihn an und ich meinte es auch ernst.

 

Und so forschten wir noch weiter und versuchten die Vergangenheit anderer Assassinen auszugraben. Das stellte sich schwieriger dar, als erwartet. Denn irgendwann um 1760 wurde zum Beispiel die koloniale Bruderschaft unter dem Meisterassassinen Achilles Davenport ausgelöscht. Fast alle Aufzeichnungen wurden vernichtet, so das es fast unmöglich war, noch an Daten zu kommen. Doch irgendwann tauchten wieder Beschreibungen über Achilles auf und um 1770 ungefähr blühte die Siedlung Davenport wieder auf.

 

Also versteifte ich meine Suche in diese Richtung. Wie ich bei weiteren Recherchen herausfand war ein junger Mann für den Wiederaufbau verantwortlich, ein Halbindianer. Seine Mutter war Kaniehtí:io, eine amerikanische Ureinwohnerin des Mohawk-Clans und sein Vater war kein geringerer als Haytham Kenway! Das war mal eine Neuigkeit! Ich wusste ja, das er Templer wird, aber habe mich nie weiter mit diesem Thema beschäftigt. Also ging Haytham irgendwann nach Amerika, aber WARUM? Und... wie ist denn diese Verbindung zu Stande gekommen?

 

Verdammt, fing ich jetzt an, Templern hinterher zu jagen? Oder sollte ich lieber dem jungen Assassinen folgen? Wenn ich der einen Vergangenheit nachging, kam ich ja unweigerlich auf die andere. Das wäre ja mal eine nette Herausforderung!

 

Nur ich müsste mir ein Zeitlimit setzen... ich konnte ja schlecht einige Jahre dort verbringen! Also... weiter suchen um einen etwas genaueren Zeitpunkt zu finden. Oder aber... ich ging noch mehr als einmal hinüber. Das war aber nicht unbedingt das, was ich wollte. Denn diese Reisen sind schon anstrengend und ich meine das nicht nur körperlich sondern auch emotional.

 

Vielleicht sollte ich einfach mal eine Nacht darüber schlafen und dann entscheiden!

 

 

Kapitel 1

 

Meine Nacht war unruhiger als mir lieb war. Denn ich hatte die seltsamsten Gedankengänge. Meine Neugierde, was aus dem kleinen Haytham denn geworden ist, reizte mich schon. Aber genauso war ich begierig darauf zu wissen, wie Edwards Enkel aussieht und wie er so aufwächst.

 

Eine Entscheidung hatte ich immer noch nicht getroffen. Was jetzt? Vielleicht sollte ich eine Münze werfen? Oder ich ließ meine Kollegen für mich entscheiden?

 

Unausgeschlafen und müde kam ich in unserer Werkstatt an. Ich ging zur Küche, holte mir Kaffee und wir trafen uns im Besprechungszimmer. „Ich habe keine Ahnung, wohin ich soll, wie lange ich bleiben kann oder soll, WARUM ich überhaupt gehe! Ich habe gerade mal so gar keine Meinung. Lasst uns Pro und Contra Listen aufstellen und schauen, was dabei herum kommt.“

 

Ich glaube, das ist nicht wirklich nötig.“ meldete sich Frank unser Itler zu Wort. „Du solltest als erstes zu Haytham reisen und schauen, was er so fabriziert hat. Und wenn wir dann mit ruhigem Gewissen feststellen, dass er harmlos ist... sorry WAR … dann kannst du immer noch zu seinem Sohn reisen!“

 

Da hatte er schon recht und wenn ich ehrlich bin, war ich schon sehr gespannt, wie sich Haytham entwickelt hat. Ist er immer noch die Arroganz in Person oder hat man ihm noch ein paar andere Manieren beigebracht? Reginald hatte ja nicht unbedingt den Ruf eines liebevollen Menschen. Eher der strenge Mensch, welcher Disziplin über alles liebte und immer auf alles vorbereitet war.

 

Auch Yannick war an diesem Morgen mit dabei, denn es war Samstag und er hatte keine Schule. Und da er hier gerne immer mal an einigen technischen Dingen herumbastelte, war er mitgekommen. „Du hast selber gesagt, dass du wissen willst, was aus ihm geworden ist. Auch wenn du keine gute Meinung zu ihm hast, besser gesagt wir alle, da Haytham ja wirklich so etwas wie den Erzfeind darstellte, solltest du einen Blick wagen. Wir können ja jederzeit aufbrechen und wieder verschwinden.“

 

Das stellte er sich jetzt zwar etwas vereinfacht vor, aber wäre dennoch durch aus im Bereich des Möglichen.

 

Also schön, dann muss... wie hieß der Junge nochmal... „ fragte ich in die Runde. Einstimmig kam CONNOR, obwohl er ja einen anderen Namen hatte. „Ok, Connor muss dann noch warten!“

 

Yannick, was heißt eigentlich WIR können einfach aufbrechen?“ Ich sah meinen Sohn ironisch grinsend an.

 

Ich komme mit, Mum. Oder glaubst, jetzt wo ich alt genug bin, lasse ich mir so eine Chance entgehen?“ über seine Cola warf er mir ein ebensolches ironisches Grinsen zu. Verdammt, ja, er war alt genug. Vielleicht lernte er ja noch etwas daraus?

 

Das hieß für uns, wir mussten uns überlegen, ob wir mit der Brigg reisen oder lieber unauffällig zu Fuß die Vergangenheit besuchten. Die Entscheidung nahm mir dann Yannick ab: „Darüber denkst du ernsthaft noch nach? Natürlich mit der Jackdaw! Ich wollte die ganze Zeit schon einmal mit ihr segeln. Das wäre so geil! Bitte Mum...“ Ein Dackelblick und ich war überzeugt.

 

Packen, wir mussten packen und Vorräte aufs Schiff schaffen. Und das aller wichtigste war natürlich einen Zeitpunkt wählen. Ich wälzte mich noch durch ein paar Aufzeichnungen und durch Emails aus Amerika, welche unsere Kollegen zusammen gestellt haben.

 

Ich stolperte über ein Datum, Haytham war 1755 in die Kolonien aufgebrochen. War aber dann noch einmal von dort fort gewesen und zwar, laut der Tagebücher seiner Schwester Jenny, um eben sie zu befreien. Außerdem hatten sie Reginald danach endlich zur Strecke gebracht. Jenny war im Laufe der Jahre immer „weitergereicht“ worden, als Kurtisane. Das wusste ich auch noch, wenn auch nicht konkret wohin. Erst jetzt las ich mir alles durch. Bei Odin, sie tat mir einfach nur leid. Und mich plagte ein schlechtes Gewissen!

 

Im Jahr 1759 taucht der Großmeister des kolonialen Ritus, wie er jetzt ja genannt wird, wieder in den Kolonien auf. Und dort treibt er prompt auch weiter sein Unwesen und macht sich nicht unbedingt Freunde, wenn man den Berichten Glauben schenken darf!

 

 

Kapitel 2

 

Dann sollte es wohl 1759 sein, im September! Yannicks 17. Geburtstag würde vermutlich dann dort gefeiert werden. Oder eben nachfeiern, denn wir würden ja früher aufbrechen! Zwei Kalender im Auge behalten hieß es für mich! Aber wer kann schon von sich sagen, dass er seinen Ehrentag so verbringen konnte!

 

Nachdem ich alles an entsprechenden Münzen und Waffen der Zeit verpackt hatte, machte ich mich daran, meine persönlichen Dinge zusammen zustellen.

 

Es fiel mir dieses mal aber sehr schwer. Denn ich wusste nicht, was uns erwartete. Es könnte uns auch genauso gut der pure Horror in den Kolonien erwarten. Die Rotröcke dort hatten keinen guten Ruf zu dieser Zeit. Ich musste mich also auf mein Können und die Ausbildung meiner Crew verlassen. Und natürlich auch auf meinen Sohn, den wir gut unterrichtet hatten.

 

Yannick hatte tatsächlich ein halbes Jahr Fecht- und Schwerttraining bekommen. Ebenso wie ich, denn ich wollte nicht wieder durch pures Nichtbeherrschen verletzt werden. Außerdem habe ich meinem Sohn noch einige Stunden in Benimmunterricht für das 18. Jahrhundert angedeihen lassen. Schließlich konnte er nicht in seiner so flapsigen Art dort ankommen.

 

Im April 2019 brachen wir schließlich auf. Die Brigg lag in Cuxhaven in einem Trockendock. Die Werft wusste aber Bescheid und hatte sie schon zu Wasser gelassen und wir konnten sofort an Bord, als wir eintrafen.

 

Die Jackdaw schien nur darauf zu warten, wieder in See stechen zu können. Es war für mich das erste Mal, dass ich mit ihr durch den Spiegel ging. Die Schenkungsurkunde und alle Neuzeitpapiere waren sicher verstaut in einer Ledermappe in einer abschließbaren Schublade im Schreibtisch meiner Kajüte. Dort hatte ich jetzt Quartier bezogen, Yannick wollte lieber unten bei der Mannschaft bleiben. Verständlich, wenn man mich fragte!

 

Als alles verstaut war, ließ Rafael, mein erster Maat, die Segel hissen und die Brigg nahm langsam Fahrt auf. Wir hatten uns eine kleine unscheinbare Ecke ausgesucht, von der aus wir ins Jahr 1759 reisen konnten. Kribbelig wartete ich darauf, dass wir dort ankamen. Es brauchte ungefähr einen Tag, bis wir an dem Punkt angelangten.

 

Die Nacht war, mal wieder, unruhig für mich. Ich hatte wirre Träume von Edward, der sich mit mir stritt wie so oft und mir sagte, ich solle nicht so unwirsch mit seinem Sohn umgehen. Ich träumte von einem Mann, der mich mit kalten grünen Augen musterte. Das war ja schon fast wie ein Albtraum! Am Morgen brauchte ich erstmals eine Runde dumme Videos (solange ich noch die Möglichkeit dazu hatte!), damit ich nicht mehr an diese Vorstellungen denken musste. Der obligatorische Kaffee tat den Rest .

 

So ging ich an Deck und gesellte mich zum Rudergänger. Es dauerte nicht mehr lange und wir waren an unserem ersten Etappenziel angelangt. Dann konnte es ja losgehen. Ich speiste Datum und Koordinaten für New York ein und hoffte inständig, dass die Aufzeichnungen nicht falsch waren und dass wir richtig landeten.

 

Dann tauchte vor der Jackdaw dieses wabernde Gebilde auf und langsam bewegten wir uns darauf zu. Meine Brigg ächzte ganz schön und wurde durchgeschüttelte, als würde man über eine Schotterpiste mit voller Geschwindigkeit fahren. Mir wurde ein wenig schwindelig, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, schwerelos zu sein. Dieser Moment war aber schneller vorbei, als gedacht.

 

Und plötzlich herrschte Stille um uns herum und die Luft schien wie durch einen Filter gereinigt worden zu sein. Es war ein unglaublich klarer Blick auf dem Meer. Die Sonne stand hoch, also war es Mittag. Und ich konnte sogar von weitem Land erkennen.

 

Wir waren angekommen!

 

Kapitel 3

 

Ehrfürchtig stand Yannick neben mir und bewunderte die Klarheit der Luft hier. Er atmete tief durch und musste husten. „Boah, das ist ja WAHNSINN. Ich rieche nur Meer. Nichts anderes. Das ist... Wahnsinn!“

 

Ja, da hatte er Recht. Es war wirklich erstaunlich, wie wir an verschmutzte Luft gewöhnt waren und etwas so unbelastetes zu atmen uns in eine Hochstimmung versetzen konnte.

 

Plötzlich stieß mich mein Sohn an und deutete auf ein etwas von uns entferntes Schiff. Nicht so groß wie eine Brigg, aber größer als ein Schoner. So wirklich kannte ich mich nicht mit den Schiffsbezeichnungen aus. Ich konnte dunkle Segel erkennen, jede Menge Breitseitenkanonen und einen interessanten Anstrich hatte sie. Schwarz und rot, soweit ich das von hier aus erkennen konnte. Ansonsten waren keine Schiffsbewegungen zu erkennen. Hübsch war diese... ja, was war sie denn nun? Ich sollte mich vielleicht schlau machen, aber das erst später.

 

Jetzt war es aber an meinen Männern zu schauen, wie wir im Hafen anlegen konnten. Aber Rafael hatte sich schon Gedanken gemacht und daheim dies bezüglich recherchiert. Ein Beiboot wurde zu Wasser gelassen und mein erster Maat, zwei Crewmitglieder und Yannick ruderten gen Hafen. Dort angekommen, sollten sie sich mit dem Hafenmeister in Verbindung setzen und die Ankunft der Jackdaw ankündigen, einen Ankerplatz ausmachen und die Gebühr dafür schon einmal entrichten. So lief es, laut Aufzeichnungen, damals ab.

 

Also wartete ich und nutzte die Zeit, um mich stilecht in die Kostümerie des 18. Jahrhunderts zu zwängen. Ein Kleid aus blauem Wollstoff, mit weißem gestärkten Schultertuch und jede Menge Unterröcke. Nichts extravagantes, denn das musste noch warten. Ein Kleid lag noch in meiner Kiste, welches wirklich nur für besondere Anlässe gedacht war, aber sicher nicht für den Alltag! Ein weiteres bürgerliches Kleid in unscheinbaren beige, hatte ich ebenfalls noch dabei.

 

Ich wäre ja lieber in meinem Ornat losgezogen, aber vorerst sollte ich mich noch bedeckt halten. Meinen Ornat hatten wir in schwarz gehalten. Ein weißes Hemd, darüber ein schwarzes Mieder. Dazu eine schwarze feste Leinenhose und Strümpfe, welche man aber nicht sah, da ich Oberchenkelhohe Stiefel in schwarzem Leder hatte. Der Gehrock war in feinstem, aber dicken schwarzem Leder gehalten. Mit diversen Schnürungen und versteckten Taschen. Aber DAS müsste ebenso noch warten, ich freute mich schon, ihn anlegen zu können.

 

Nach ungefähr 4 Stunden schipperten die Jungs wieder in Richtung Jackdaw. Rafael hatte einen etwas alarmierten Ausdruck im Gesicht und eilte mir entgegen. „Alex, ich glaube, dass war keine gute Idee mit der Brigg hierher zureisen. Erst machte der Hafenmeister große Augen und ich sah aus dem Augenwinkel, wie ein Mann davon eilte, als er den Namen des Schiffes hörte!“

 

Das muss nichts heißen, vielleicht ist es einfach nur die Neugierde, dass ein neues Schiff im Hafen vor Anker geht?“ versuchte ich mich auch selber zu beruhigen. Das wollte mir aber nicht so gut gelingen. Jetzt war es aber zu spät und wir setzten Kurs auf den Hafen und je näher wir kamen um so mulmiger wurde mir.

 

Als wir nur noch ein kleines Stück entfernt waren und die kleinen Boote die Taue zum Ziehen der Jackdaw annahmen, sah ich, dass der Kai voller Schaulustiger war. Bei Odin, was hatte ich gemacht? Was hatte ich mir nur gedacht? Dieses Schiff dürfte eigentlich nicht mehr existieren. Aber... wer hätte sich denn bitte den Namen gemerkt? So bedeutend Edward auch war und die Bruderschaft in der Karibik, aber das konnte doch nicht solche Kreise gezogen haben?

 

Hatte ich etwa schon wieder etwas nicht bedacht? Etwas überlesen? Verdammt, es war zu spät. Die Menge schaute in aller Seelenruhe zu, wie wir in den Hafen gezogen wurden und den Anker warfen und anlegten. Und ich stand da und wäre am liebsten von Bord gesprungen in meine eigene Zeit.

 

Dafür blieb mir keine Zeit, denn die Gangway war bereit und die Mannschaft hatte sich auch schon für den Landgang fertig gemacht, zumindest der Teil, der gerade keine Wache schieben musste. Denn so ganz unbeaufsichtigt wollte ich mein Schiff nicht lassen.

 

Dann mal los. Es war tatsächlich soweit, wir würden das alte New York sehen, zu dem Zeitpunkt, wo das große Feuer noch nicht ausgebrochen war.

 

Mit erhobenem Kopf und aufrechtem Gang ging ich von Bord und unten am Steg erwartete mich der Hafenmeister persönlich. Aber nicht nur dieser war dort anwesend!

 

Kapitel 4

 

Ich darf euch hier in New York wahrscheinlich als Erster herzlich willkommen heißen, Mrs. Frederickson!“ Mit roten Backen stand der kleine untersetzte Hafenmeister vor mir und grinste breit.

 

Es freut mich, dass wir hier anlegen konnten, Mr. …?“ sah ich ihn fragend an.

 

Oh, verzeiht Madame, wo sind meine Manieren? Elias Bent! Zu euren Diensten!“ es folgte der obligatorische flüchtig gehauchte Handkuss.

 

Mr. Bent! Wie ich bereits sagte, es freut mich ebenfalls hier zu sein.“ meinerseits ein höfliches Lächeln.

 

Der Hafenmeister freute sich sichtlich, ein neues Schiff in seinem Hafenbereich zu haben und deutete dann auf meine Crew. „Ich habe eurem ersten Maat bereits einige Unterkünfte für eure Mannschaft genannt, die preiswert sind. Und euch, Mrs. Frederickson, empfehle ich eine der vielen kleinen Pensionen hier in der Stadt. Wenn ihr Hilfe benötigt, mein Lehrling wird euch sicher gerne behilflich sein!“ Natürlich wäre er das, gegen ein nettes Trinkgeld.

 

Ich danke euch, Mr. Bent, aber das wird nicht nötig sein. Vorerst werde ich an Bord übernachten. Und wenn ihr mich jetzt entschuldigt, ich habe noch einige Besorgungen zu erledigen.“ Ich nickte ihm zu und... der Handkuss!

 

Als ich mich nach links abwandte und Richtung der gepflasterten Straßen gehen wollte, sah ich eine Gruppe von Herren an ein paar herrenlosen Kisten stehen. Vier waren es und alle richteten aufmerksam ihren Blick auf die Jackdaw und auf mich! Mir stach einer dieser Herren besonders ins Auge, denn seine Kleidung war Militärisch angehaucht und er starrte nur mich an mit diesen stachelbeergrünen stechenden Augen. Sie passten überhaupt nicht zu seinem schwarzen Haar und überhaupt, machte ihn das unheimlich.

 

Daneben stand ein Mann mit völlig unauffälliger Kleidung. Allgemein nicht auffällig, wenn er nicht so am schwanken gewesen wäre. Wie konnte man um diese Uhrzeit schon blau sein? Aber was fragte ich in diesem Jahrhundert nach den Trinkgewohnheiten?

 

Die anderen beiden verhielten sich bedeckter. Der linke Neugierige trug einen schwarzen Gehrock aus Leder mit roter Weste darunter und Bewaffnung bis an die Zähne, würde ich mal sagen. Ich konnte nicht genau erkennen, WAS über seinen Rücken ragte, aber es sah nach einer Art Gewehr aus. Auffällig war eigentlich nur die Brosche mit dem Yggdrasil, dem Baum des Lebens!

 

Mein Blick wanderte zu dem Herren in blauem Gehrock und dem farblich passenden Dreispitz. Die Kleidung war tadellos, weißes Hemd, rote Weste. Weiße Hosen und Überzieher, braune saubere Schuhe, welche hier wirklich selten zu sein schienen. Seine Waffen hielten sich in Grenzen, Schwert, Pistole und … da sah plötzlich verräterische Ausbuchtungen an den unteren Handgelenken! Versteckte Klingen? Aber nicht nur bei Blaurock, sondern auch bei dem Herren in Schwarz daneben!

 

Ich stand eine Weile so da und beobachtete die Gruppe, aber keiner machte Andeutungen, auf mich zuzukommen oder zu verschwinden. Sie taten absichtlich einen auf Unauffällig und standen einfach nur da. Gut, dann konnte ich ja erst einmal gehen, denn ich hatte nicht den ganzen Tag Zeit!

 

So langsam bekam ich Hunger und Durst und wir suchten eine der Tavernen auf, die uns der Hafenmeister empfohlen hatte. Vermutlich machte er das nicht ohne eine ordentlich Provision zu bekommen! Aber mir sollte es recht sein.

 

Somit begann das Abenteuer New York jetzt!

 

Kapitel 5

 

Wir steuerten die erwähnte Schenke an, die einigermaßen sauber und nicht zu schäbig aussah. Und wir sollten Glück haben, denn auch von innen sah sie annehmbar aus. Nur mein Sohn war noch skeptisch. Wir hatten ihm alle bereits von den Zuständen in diesem Jahrhundert berichtet, damit Yannick nicht völlig überrumpelt wird. Aber, es erzählt bekommen und dann tatsächlich zu erleben, sind zwei verschiedene paar Schuhe. Und ich musste grinsen, als ich sah, wie er leicht würgen musste, bei den vielen Gerüchen die uns entgegenschlugen!

 

Unsere Gruppe setzte sich in die Nähe der hinteren Tür und der dortigen Fenster. Eine Treppe vor unserem Platz führte in das obere Stockwerk. Aber ich wollte lieber vorerst unten bleiben. Eine wuchtige Bedienung kam auf unsere Tische zu, die wir zusammen geschoben hatten,und fragte nach unseren Getränkewünschen! Einstimmig: Ale. Denn … es würde vermutlich keine wirklich große Auswahl geben.

 

Man beäugte mich die ganze Zeit schief. Wie konnte eine Frau einfach so in einer Taverne am Tisch mit diesen Seeleuten verweilen und dazu auch noch trinkend? Soviel zum Thema, ich wollte ja nicht unnötig auffallen.

 

Außerdem wurden noch zwei große Pfannen mit Fleisch und Gemüse aufgetischt. Denn Hunger hatten wir auch. Und es war köstlich. Erwähnte ich schon mal, dass die Kochkünste im 18. Jahrhundert hervorragend waren?

 

So saßen wir beisammen, tranken, aßen und unterhielten uns über die nächsten Schritte. Angedacht war, dass ich mich mit Yannick zusammen auf die Suche nach Haytham machen sollte. Das war aber leichter gesagt als getan. Denn ich wusste weder wie er aussah, noch wusste ich, wo er residierte. Also mussten wir dann morgen anfangen und uns durchfragen!

 

Aber bis dahin wollte ich einfach nicht mehr daran denken und so freundete man sich mit den Einheimischen, wenn man sie so nennen konnte, an und sang und trank und feierte. Ich muss ehrlich sagen, es war entspannend. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so locker ablaufen würde. Die Zungen lockerten sich natürlich, aber auf meine Crew war Verlass. Sie sangen lautstark die Lieder mit oder brachten ebenfalls einiges zum Besten, aber sie gaben keinen Anlass zum Misstrauen.

 

Mir machte aber irgendwann leider ein ziemlich voller Kandidat das Leben schwer und ich hatte es nicht leicht, diesen Anzüglichkeiten zu entgehen. „Ochhhh Schäääääätschen... nu hab dich nich sooooo...ich will nix böses...“ Er zog mich im Vorübergehen auf seinen Schoß und seine Hände wanderte unter mein Schultertuch und wollten zu gerne Forscher in meinem Ausschnitt spielen... Sein Atem hätte auch die Tapeten von der Wand geholt, wenn es hier welche gegeben hätte. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm eine zu langen! Erstaunt sah er mich an, schüttelte wie ein nasser Hund seinen Kopf und schubste mich runter und stand auf. „Hey... was für ne Kratzbürste... die braucht nur nen echten Kerl...“

 

Und du glaubst, du bist der Richtige für diese Aufgabe?“ Ich funkelte ihn an und stieß ihn von mir. Dabei verlor er das Gleichgewicht und krachte gegen einen andere Tisch, der prompt in seine Einzelteile zerbrach. Benommen lag Mr. Right am Boden und versuchte heraus zu finden, was gerade passiert war.

 

Sach ma... was bist du... du...“ Aber zu mehr kam er nicht, denn einer meiner Mannschaft schnappte sich den Kerl und schleifte ihn nach draußen auf die Straße unter lautem Gegröle und Beifall der anderen Gäste!

 

Warum wurden Männer aber auch immer so... seltsam? Ein Grinsen konnte ich mir aber dennoch nicht verkneifen. In unserer Zeit hätte ich anders gehandelt, aber... das stand mir hier einfach nicht zu!

 

Weit nach Mitternacht verließ ich mit Yannick und einigen Männern meiner Crew die Schenke, um die wohlverdiente Nachtruhe anzutreten auf der Jackdaw. Aber wie damals in Nassau, hatte ich ein kribbeln im Nacken, so als würde uns jemand beobachten.

 

Kapitel 6

 

Aber nicht nur ich hatte dieses unangenehme Gefühl, sondern Yannick auch. „Mum, irgend jemand beobachtet uns oder folgt uns.“ flüsterte er mir zu. Ich signalisierte meinen Männern, dass sie wachsam bleiben sollen und konzentrierte meine Sinne.

 

Im ersten Moment konnte ich nur unauffällige blaue Umrisse oder leicht goldene erkennen. Ich sah wie beiläufig auch nach oben und ließ meinen Blick schweifen ... und siehe da. Auf einem Dach eines zweistöckigen Hauses zu unserer Linken entdeckte ich etwas Rotes! Einen meiner Männer machte ich darauf aufmerksam und wollte diesem roten Schatten schon nachstellen, als mir einfiel, dass ich noch in einem Kleid unterwegs war! Verdammter Mist!

 

Lass mich das machen! Ich versuche ihm oder ihr dort oben zu folgen!“ flüsterte mein Sohn mir zu.

 

Aber sei vorsichtig!“ ich drückte seine Hand um ihm Mut zu zusprechen und schon war er verschwunden. Jetzt würde sich zeigen, wie gut seine bisherige Ausbildung war!

 

Wir gingen unterdessen friedlich weiter, so als wäre nichts gewesen. Innerlich machte ich mir aber dennoch Sorgen, was passiert, wenn man Yannick erwischte? Oder wenn mein Sohn einfach noch nicht gut genug vorbereitet war? Oder wenn er unbedacht handelte? Ich machte mir vermutlich viel zu viele unbegründete Sorgen.

 

Von Oben vernahm ich keinerlei Geräusche, weder Schritte noch Kampfgeräusche. Vorsichtig sah ich noch einmal hoch und sah den leicht rot schimmernden Umriss wieder und direkt dahinter war eine goldene Aura zu sehen. Du bist zu nah dran, lass dich ein Stück weiter zurückfallen, sonst wird der Verfolgte auf dich aufmerksam. Als wenn er meine Gedanken gehört hätte, wurde der Abstand ein wenig größer zwischen den beiden!

 

Wir näherten uns jetzt meinem Schiff, es waren nur noch wenige Meter bis zum Kai und somit auch das Ende der Möglichkeiten auf Dächern die Verfolgung fortzusetzen. Wir vernahmen einen dumpfen Aufprall der von links kam. Also hatte der Verfolger nicht die Straßenseiten gewechselt und war jetzt zwischen den Häusern am Boden unterwegs.

 

Die Straßen waren mittlerweile fast wie leergefegt, hier und da traf man auf einen Betrunkenen oder auf Britische Soldaten. Wie man uns jetzt noch weiter nach stellen wollte, war mir ein Rätsel. Aber meine Frage erübrigte sich, als mein Sohn neben mir auftauchte und Bericht erstattete.

 

Es war dieser Typ, den wir vorhin schon am Kai gesehen hatten. Weißt du noch? Dieser in schwarz gekleidete mit diesem Baumsymbol am Gürtel!“ Ja, an den konnte ich mich noch erinnern, aber wer war das?

 

Hat er irgendetwas gemacht? Sich, mal abgesehen von unserer Beschattung, eigenartig verhalten?“

 

Nein, nicht wirklich. Er verringerte hin und wieder sein Tempo und blieb stehen und sah hinunter zu euch. Aber als es keinen Weg mehr über die Dächer gab, kam nur ein Gemurmel was sich wie fluchen anhörte! Und dann war er schon unten und schlich in Richtung dieses Forts dort drüben!“ Yannick deutete auf ein von hohen Steinmauern umgebenes Fort zu unserer linken. Bei Tag hatte ich nicht so darauf geachtet, weil mir anderes durch den Kopf ging. Ich ließ meine Männer schon vorgehen und ging mit meinem Sohn in Richtung des Forts.

 

An der rechten Seite konnte man über einen Steg fast direkt an das Fort gelangen. Dort am Ende angekommen, standen wir da und sahen hinter dem Gebäude ebenfalls einen Anlegeplatz, an dem ein Schiff ankerte. Hatte ich dieses nicht schon gesehen? Schwarz-roter Anstrich wenn mich nicht alles täuschte, aber es war ziemlich dunkel.

 

Dann würden wir morgen mal sehen, WER sich dort so herumtreibt und wer so ein Interesse an uns hat.

 

 

Kapitel 7

 

Dann konnten wir uns ja jetzt unbehelligt zum Schiff begeben. Wirklich beruhigt war ich jetzt nicht, aber ich war ja nicht alleine an Bord. Und meine Leute waren gut ausgebildet.

 

Yannick verzog sich gleich nach unten in seine Hängematte, er hatte den Schlaf redlich verdient. Und ich zog mich, nachdem ich nochmal alle Männer instruiert hatte, ebenfalls zurück in meine Kajüte. Endlich aus diesem Kleid raus!

 

Ich machte mich bettfertig. Eine Wohltat, sich kaltes Wasser ins Gesicht zu jagen und Zähne zu putzen! Ich warf mir mein Schlafshirt über und verkroch mich in mein Bett. Das hatte ich bei der Restauration wieder einbauen lassen, denn ich fand es besser als eine Hängematte. Irgendwann ist man zu alt für so etwas!

 

Mein Vorhaben, noch ein wenig zu lesen, gab ich nach zwei Sätzen auf, denn mir fielen die Augen zu und so löschte ich die Kerze und war sofort eingeschlafen.

 

Ich saß in einer Art feuchtem Keller. Angebunden an einen Stuhl. Vor mir wanderte ein Mann hin und her. Kein Soldat, aber dennoch einen Gehrock mit militärischen Abzeichen trug er. Seine langen schwarzen Haare waren ungeordnet und er hatte einen leicht gehetzten Ausdruck im Gesicht.

 

Plötzlich drehte er sich zu mir um und diese stechenden hellen Augen starrten mich an! Ich erschrak und zuckte zurück, aber viel Spielraum hatte ich durch meine Fesseln nicht!

 

Und jetzt noch einmal, Miss! Wer seid ihr und woher kommt ihr? Und ich rate euch, dieses mal die Wahrheit zu sagen! Ich lasse mich nicht gerne hinhalten!“

 

Warum wollte er das wissen? Ich schüttelte nur meinen Kopf und presste meine Lippen aufeinander. Ich würde ihm gar nichts sagen, solange ich nicht wusste, was hier los war.

 

Mit einem Krachen flog die Tür auf und ein greller Lichtstrahl traf meine Augen und ließ mich fast erblinden!

 

Das Licht tat wirklich in den Augen weh. Langsam realisierte ich, dass ich in meiner Kajüte und nicht in diesem Kellerverlies saß. Es war hell draußen und dieser Lichtstrahl kam von einem reflektierenden Glas auf dem Regal!

 

Dann konnte ich mich auch gleich fertig machen und während dessen über diesen eigenartigen Traum nachdenken. Der Mann, der mich da verhört hatte, war der gleiche, den ich auch am Kai gestern gesehen hatte. Er scheint einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Aber irgendwie kam er mir bekannt vor, zuordnen konnte ich ihn aber leider überhaupt nicht.

 

Als ich fertig angekleidet war, dieses mal entschied ich mich für fein bürgerliche Kleidung, ging ich an Deck und hinunter zur Messe zum Frühstücken. Wir besprachen, was für heute geplant war und ich teilte die Wachen für den Tag und die Nacht schon einmal ein.

 

Mein Sohn erschien völlig verschlafen und mit zerzausten Haaren neben mir und legte seinen Kopf auf meine Schulter. „Mein Kopf tut weh, ich hätte wohl kein Ale trinken sollen.“ Ich grinste, er hatte zwar drei dieser Krüge gehabt, aber so viel ist es ja nicht. Sollte er ruhig seinen Kater genießen.

 

Dann leg dich mit einem kalten Tuch wieder hin und trink ordentlich was.“

 

Brauchst du mich denn heute nicht? Wir wollten doch zusammen los ziehen und diesen Templergroßmeister finden!“ Das war der Plan, aber ich würde langsam anfangen.

 

Nein, kurier den Kater aus und dann sehen wir weiter! Ich werde erstmal das Fort inspizieren.“

 

Mein Sohn schlich wieder zu seinem Schlafplatz mit einem Krug Wasser und einem Eimer und ich machte mich auf den Weg, unseren Verfolger von gestern Nacht auf zustöbern.

 

 

Kapitel 8

 

Also machte ich mich daran, in die Nähe dieser Befestigung zu kommen. Gestern Nacht konnte ich vom Steg aus nicht mehr viel erkennen, also versuchte ich es jetzt bei Tage. Nun konnte ich auch den Namen des Schiffes erkennen „Morrigan“ . Sie war hübsch, klein und hatte einen interessanten Anstrich. Wem dieses Schiff gehörte, der steckte sein Herzblut darein, dass sah man einfach an ihrem Zustand. Top in Schuss, keine Beschädigungen oder ähnliches.

 

Vielleicht könnte ich über den Hafenmeister etwas über das Schiff erfahren? Das wäre ein guter Anfang, also dann mal los. Als ich auf das Büro zukam, traten zwei Männer hinaus. Und instinktiv versteckte mich hinter einer Hausecke, denn es war der blau gekleidete mit Dreispitz-Typ und unser Verfolger von letzter Nacht.

 

Hatten die beiden die gleich Idee wie ich, dass man über das Schiff mehr über seinen Eigentümer erfuhr? Wenn ja, dann würden sie ja bei mir nichts herausfinden, was sie weiterbringen würde. Denn, mich gab es ja noch gar nicht und man kannte mich hier nicht.

 

Ich ließ die beiden vorbeiziehen und bekam nur ein gemurmeltes „Dann müssen wir eben weiter graben!“ mit. Viel Spaß meine Herren!

 

Als die Luft rein war, betrat ich den kleinen Raum und stand vor einem ziemlich genervt aussehenden Mann. Es war nicht der Hafenmeister, der mich hier gestern noch begrüßt hatte. „Was wollt ihr, Miss?“ maulte er mich an.

 

Verzeiht, wenn ich störe. Aber ich hätte eine Frage bezüglich eines Schiffes.“ mit meinem höflichsten Lächeln sah ich ihn an.

 

Er sah auf und musterte mich von oben bis unten „Und warum solltet ihr euch dafür interessieren? Sucht ihr nach Kundschaft? Ich habe für so einen Unsinn keine Zeit und jetzt schert euch raus. Heute scheint wohl jeder irgendeine Information über ein Schiff haben zu wollen!“ schnaubte er und beugte sich wieder über seine Papiere.

 

Ich suchte nach Kundschaft? Es dauerte, bis bei mir der Penny fiel, er dachte ernsthaft ich wäre eine Prostituierte? Bei Odin, wie sah ich denn aus? „Ich bin keine Dirne und suche ganz bestimmt keine Kunden, Mr. …?“

 

Thompson, Harold Thompson! Und verzeiht, wenn ich euch für eine dieser Huren gehalten habe.“ er seufzte „Warum wollt ihr denn dann Informationen haben? Sucht ihr nach eurem untreuen Mann? Oder nach Verwandten? Einer Mitreisegelegenheit?“

 

Da brachte er mich auf eine Idee „Ja, Mr. Thompson, da habt ihr Recht. Ich suche nach meinem Onkel. Er schrieb mir, er hätte auf der Morrigan angeheuert, aber wir haben jetzt schon so lange nichts mehr von ihm gehört, dass ich den Kapitän dieses Schiffes persönlich sprechen möchte. Ich mache mir Sorgen, das meinem Onkel etwas zugestoßen ist!“ Auf die Tränendrüse drücken, konnte nicht schaden.

 

Miss, den Kapitän der Morrigan habt ihr gerade verpasst. Fünf Minuten vor euch, war er hier und hat ebenfalls Erkundigungen eingeholt. Über diese Brigg die gestern eingelaufen ist.“ Aha, das war ebenfalls gut zu wissen.

 

Mr. Thompson, wie ist denn der Name des Kapitäns und wann wird er wieder aufbrechen? Ich möchte nicht zu spät kommen und ihn verpassen!“

 

Soweit ich weiß, wird er die nächsten Wochen bleiben. Näheres könnt ihr sicher von ihm persönlich erfahren.“ Ja, das ist ja schön. Wie hieß der Kapitän denn jetzt?

 

Etwas ungehalten fragte ich ihn: „Und wie ist jetzt der Name?“

 

Oh, achja... sein Name ist Shay Cormac! Er bewohnt derzeit das alte Fort Arsenal!“ Mit einem vielsagenden Lächeln hielt er seine Hand auf.

 

Ich danke euch, Mr. Thompson!“ und warf ihm ein paar Münzen in seine offene Hand und begab mich wieder nach draußen.

 

 

Kapitel 9

 

Nun gut, wenigstens wusste ich jetzt wie er hieß. Und bei dem Namen klingelte es in meinem Hinterkopf. Wenn ich mich recht erinnerte, war Kapitän Cormac DER Verräter der Bruderschaft schlecht hin. Er hatte seine Brüder und Schwestern hintergangen. Aber leider fand man nie Berichte oder Aufzeichnungen über ihn, so als wäre es gewollt, dass sein Name in Vergessenheit geriet. Doch wie es sich mit solchen Mysterien immer hält, je weniger man findet, desto mehr wird hinzu gedichtet.

 

Wie interessant, so konnten wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Etwas über den Schandfleck der Bruderschaft erfahren UND ich konnte noch weiter nach Haytham suchen. Irgendwo hier musste er sich ja herum treiben.

 

Jetzt wusste ich aber immer noch nicht, wie ich IN das Fort gelange. Einfach hinein marschieren und meine eben dargebotene Geschichte erzählen, ging nicht. Denn das würde sofort auffliegen.

 

Ein Plan... wie wäre es, wenn ich mir eine Anstellung als Hausangestellte, Küchenmagd oder ähnliches hier suchte? So groß wie das Ganze war, hatte man sicher immer Bedarf an Helfern. Trotzdem, ich sollte vorher noch einmal kurz zur Jackdaw und kundtun, was ich vorhatte, nur für den Fall, dass mir etwas zustieß!

 

Meine Crew sah mich skeptisch an: „Bist du dir sicher, dass du das tun willst? Wer weiß, wie die Bediensteten behandelt werden. Und vor allem, wo übernachtest du und wie können wir dann in Kontakt mit dir treten?“

 

Das waren natürlich alles berechtigte Fragen und auch Zweifel. Aber irgendwie wollte ich nicht einfach so ein Überfallkommando starten, sondern bedacht und leise vorgehen. Vielleicht fand ich interessante Kleinigkeiten heraus. Das einzige, was mir Sorgen machte, war die Zeit. Wie LANGE bräuchte ich dafür und ist es nötig, dass die gesamte Mannschaft noch hier bleibt?

 

Yannick kam irgendwann dann auch endlich zum Gespräch und ich brachte ihn schnell auf den neuesten Stand. Meine Gedanken bezüglich der Crew und der Jackdaw teilte er, aber er meinte, es sei besser, wenn Verstärkung direkt vor Ort ist. Und zwar von Menschen, die man kennt und weiß, man kann sich auf diese verlassen. Guter Punkt.

 

Die Mannschaft und die Brigg blieben, sollten aber in den nächsten Tagen mit gekürzter Crew für ein paar Tage von der Bildfläche verschwinden, sprich: Einen unauffälligen Ort suchen und dort ankern.

 

Ich würde mir ein paar meiner Sachen schnappen und mich um einen Posten als Magd oder Zimmermädchen oder sonst etwas kümmern. Mein Sohn sollte aber mitkommen. Denn so konnte ich sicherstellen, dass wir eine rührselige Geschichte hatten. Witwe, kein Geld, mittellos etc.

 

So standen Yannick und ich dann vor dem Fort Arsenal und zögerten. Beide waren wir nervös, wer weiß, wie man uns behandelt. Aber mehr als uns abweisen konnten sie nicht. Die Wachen am Tor beäugten uns misstrauisch. „Halt, ihr könnt hier nicht einfach so reinmarschieren! Was wollt ihr?“

 

Schüchtern ergriff ich den Arm von Yannick und trat auf die Wache zu: „Sir, verzeiht mir, aber ich habe mich gefragt, ob ihr vielleicht eine Anstellung für mich hättet?“

 

Für euch? Was könnt ihr denn? Und was kann der Junge?“ Abwertend sah er uns an.

 

Ich kann kochen und den Haushalt führen und mein Sohn kann in den Ställen aushelfen oder Gartenarbeiten verrichten! Sir bitte, ich weiß nicht weiter. Wir wurden einfach vor ein paar Tagen hier im Hafen ausgesetzt, weil ich die Weiterreise nicht bezahlen konnte. Und jetzt habe ich kein Geld um eine Unterkunft zu bezahlen. Oh bitte, Sir, ich verlange ja nicht viel...“ schluchzend brach ich theatralisch vor ihm zusammen und mit mir kniete mein Sohn und hielt mich umklammert!

 

Kapitel 10

 

Der junge Mann schien den Köder geschnappt zu haben, denn er half mir auf und brachte uns auf den Innenhof. Ein großer Springbrunnen prangte in der Mitte und verlieh dem ganzen ein sehr angenehmes Aussehen.

 

Die Wache klopfte an der dunklen Eichentür. Es dauerte eine Weile, bis uns eine kleine Hausangestellte mittlerer Jahre öffnete. „Was gibt es denn? Wenn ihr noch etwas zu Essen wollt, dann seid ihr zu spät. Kommt später wieder und dann bitte hinten durch den Bediensteten Eingang. Das wisst ihr doch!“ Etwas unwirsch wollte sie schon die Tür zuschlagen, als sie Yannick und mich sah und innehielt.

 

Marge, ich bitte dich, diese beiden hier suchen eine Anstellung. Sie sind mittellos und wissen nicht wohin. Hätte Master Cormac nicht noch Verwendung für ein Zimmermädchen und einen Stallburschen oder vielleicht sucht er noch einen Matrosen für die Morrigan?“

 

Sie sah uns zweifelnd an. „Ihr seht nicht gerade sehr kräftig aus, Miss. Habt ihr schon einmal in einem Haushalt gedient? Und du Junge, du bist so schmächtig, harte Arbeit bist du auch nicht gewohnt oder?“ Du meine Güte, was für ein Verhör. Aber da ICH ja etwas wollte, sollte ich wohl weiterhin höflich bleiben!

 

Also ich habe schon in einigen Haushalten gearbeitet und das auch sehr zuverlässig. Und mein Sohn ist schon kräftig und kann zupacken. Ich bitte euch, wenn ihr für uns ein gutes Wort einlegen könntet?“ Ich lächelte sie mit meinem tränenverschleierten Augen an und hoffte, sie wäre so solidarisch von Frau zu Frau!

 

Na schön...“ seufzte sie „Dann kommt herein und wartet hier, ich sage Master Cormac Bescheid!“ Wir betraten die kleine Eingangshalle und standen nun etwas unbeholfen herum. Vor uns erstreckte sich eine breite dunkle Holztreppe nach oben, von wo aus sich links und rechts eine Galerie erstreckte und einige Zimmer abgingen.

 

Im unteren Bereich sah ich links eine offen stehende Tür und konnte einen großen Raum erkennen mit einem Tisch geradeaus. Mehr jedoch nicht. Und rechts war eine breite Doppeltür, durch welche Marge verschwunden war. Im hinteren Rechten Bereich befand sich eine kleine Tür, welche vermutlich in die Küche führte. Aber das würde man mir sicher noch zeigen.

 

Da standen wir nun und warteten. Ich hörte ein ziemlich genervtes „Was glaubst du, was wir hier sind? Wenn sich das herumspricht, werden sich immer mehr hier vorstellen, weil sie mittellos sind! Aber gut, wenn sie noch da sind, sollen sie hereinkommen!“

 

Die kleine Hausangestellte kam in die Halle und bat uns in das Zimmer. Es war das Arbeitszimmer von Master Cormac. Rechts ragten hohe Sprossenfenster in die Höhe, der Raum war dunkel vertäfelt und hatte in der oberen Hälfte eine grüne geblümte Tapete. Direkt geradeaus stand ein mächtiger Schreibtisch, hinter dem unser eventuell zukünftiger Arbeitgeber saß und nicht sehr begeistert aussah.

 

Ich tat weiterhin schüchtern und stupste Yannick an, ebenfalls eine bescheidene Art anzuschlagen. Denn WIR wollten etwas und mussten es jetzt so durchziehen, um nicht gleich aufzufallen!

 

Master Cormac, das sind...“ sie sah mich fragend an, denn ihr fiel ein, dass sie das gar nicht wusste!

 

Mrs. Alexandra Masterson und das ist mein Sohn Yannick!“ Ich knickste und mein Sohn verbeugte sich leicht. Im letzten Moment war mir eingefallen, dass ich einen anderen Namen nutzen musste!

 

Shay blickte auf und sah uns abwartend an.

 

In mir fing ein kleiner Funke an, sich auszubreiten. ER war ein Verräter an der Bruderschaft und ich musste hier freundlich bleiben.

 

Ich versuchte zu lächeln und hoffte, es käme auch in meinen Augen an.

 

 

Kapitel 11

Wir standen da wie bestellt und nicht abgeholt. Was wurde denn jetzt von uns erwartet? Aber wir hatten Glück, denn Cormac ergriff das Wort.

„Mrs. Masterson, ihr habt also schon in anderen Haushalten gearbeitet? Als was, wenn ich fragen darf? Und habt ihr Referenzschreiben?“ Mit vor dem Mund gefalteten Händen saß er da und musterte mich.

„Ja, ich sagte Mrs. Marge bereits, dass ich einige Jahre an Erfahrung habe. Ich habe alle möglichen Aufgaben übernommen. In der Küche geholfen, gekocht, die Zimmer gemacht und mich um Wäsche und ähnliches gekümmert. Auch habe ich als Kindermädchen eine Weile gearbeitet.“ Mit anderen Worten, ich habe meinen eigenen Haushalt geführt und bin Mutter eines Sohnes. Hoffentlich reichte das.

„Das hört sich ja schon mal nicht schlecht an, aber ihr habt meine Frage nach den Referenzen nicht beantwortet!“ Weiterhin sah er mich seelenruhig an und ich wurde nervös. Sein Blick verriet nämlich, dass er seinen Sinn einsetzte, das hatte ich nicht bedacht und ich konnte nur hoffen, dass wir als harmlos eingestuft wurden.

„Master Cormac, Sir, nein, ich habe diesbezüglich keinerlei Schreiben.“

Er hob eine Augenbraue „Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“

Herr Gott noch mal. Musste es jetzt echt noch kompliziert werden? Wenn ich behaupten würde, dass die Schreiben abhanden gekommen sind, könnte man verlangen, dass ich neue anforderte oder er selber sich daran machte, meine „früheren Herrschaften“ anzuschreiben. Wenn ich aber sagte, dass ich einfach keine bekommen hätte, sähe es so aus, als wäre ich wegen schlechter Arbeit, Ungehorsam oder sonstigem gekündigt worden.

Ich ging das Risiko ein, dass meine Unterlagen einfach bei der Überfahrt in einem Sturm abhanden kamen und ich auch nur zwei Schreiben gehabt hätte. Und dass diese Familien ebenfalls in die Kolonien aufgebrochen sind und ich nicht wüsste, wo genau sie sich aufhalten würden.

„Das ist natürlich etwas ärgerlich. Aber ich werde euch eine Chance geben, damit ihr euch beweisen könnt. Ihr könnt als mein Zimmermädchen anfangen, denn das letzte musste Hals über Kopf gehen aus … persönlichen Gründen!“ Ahja, war sie etwa schwanger? Hoffentlich war Cormac nicht der Vater, dachte ich zynisch. Er sah nicht schlecht aus, das musste man ja einfach mal sagen. Und hatte bestimmt ein Händchen für die Damenwelt. „Ihr findet irgend etwas amüsant, Mrs. Masterson?“

Oh, hatte ich jetzt wirklich bei diesem Gedanken so offensichtlich ein Grinsen auf dem Gesicht? Ich lief dunkelrot an und hätte mich sofort dafür Ohrfeigen können, denn es sah so aus als würde ich IHN anhimmeln. Wie peinlich!!

„Master Cormac, nein, mir ging nur gerade durch den Kopf, dass ich ja eigentlich Glück habe, dass gerade jetzt eine Stelle frei wurde!“ schüchtern senkte ich den Blick und betrachtete den Teppich eingehender.

„Ja, sowas nennt man dann wohl Glück und ich gehöre gerne zu denen, die ihr Glück selber in die Hand nehmen! Aber nun zu euch Junge! Was könnt ihr so? Ihr habt bisher noch gar nichts gesagt!“

Mein Sohn sah zuerst mich an und dann zu Shay und stotterte „Ich … also … ich kann … ähm … ich mag Pferde!“

Mit einem erstaunten und äußerst belustigten Ausdruck im Gesicht erhob sich Shay und kam um den Schreibtisch herum. „Ah... ihr mögt Pferde! Das ist … schon mal ein Anfang!“
 

Kapitel 12


Yannick stand einfach da und war so nervös, dass er an seinem Reisebündel rumspielte und den Blick nicht davon lassen konnte.

„Yannick? Das ist doch richtig?“ sprach Cormac ihn jetzt noch einmal an und mein Sohn nickte nur. „Dann solltet ihr mit Marge nach draußen gehen und sie bringt euch zu meinem Stallmeister! Ihr könnt euch dort dann zeigen lassen, was alles zu erledigen ist!“

„Na klar, auf jeden Fall!“... im selben Moment zuckte mein Sohn erschrocken zusammen und sah mich ängstlich an.

Shay sah ihn mit großen Augen an und sagte dann langsam „Dann ist das abgemacht, geht jetzt!“ Die kleine Hausangestellte ging mit meinem Sohn hinaus und ich blieb mit Cormac zurück.

„Master Cormac und was soll ich nun machen?“ mein Blick wanderte ordnungsgemäß wieder gen Fußboden.

„Ich werde euch jetzt zeigen, wo ihr schlafen könnt und dann werde ich euch zeigen, was ihr für Aufgaben haben werdet!“

So folgte ich ihm und er führte mich nach rechts aus dem Zimmer hinaus zu der kleinen Tür, von der ich vermutet hatte, sie führe zur Küche. Aber von dort ging es eine kleine schmal Treppe nach oben zu einem dunklen Flur. Dort waren drei Zimmer, von denen mein Sohn und ich eines beziehen sollten. Weiter ging es wieder hinunter und die große dunkle Treppe hinauf. Auf der rechten Galerie gab es zwei Türen und auf der linken Seite nur eine. Wir gingen nach rechts und betraten das Schlafzimmer von Shay.

Auch hier waren die Wände dunkel vertäfelt, aber die Tapeten waren aus feinem Stoff und in dunkelrot mit goldenem Rankenaufdruck. Wie unten schon, ließen rechts zwei große Sprossenfenster genügend Licht hinein und dunkle schwere Samtvorhänge zierten die Seiten. Geradeaus stand das große Bett mit Baldachin. Es war wunderschön und ich ertappte mich dabei, wie ich mir vorstellte wie bequem es wohl sein mochte. OHNE Shay wohlgemerkt!!

Ich schrak ein wenig zurück, denn … ja, ich sollte als Zimmermädchen arbeiten, aber ein Schlafzimmer ist halt immer sehr persönlich und ich fühlte mich mit ihm gemeinsam hier gerade nicht sehr wohl. Er bemerkte meine Unsicherheit: „Ihr werdet hier halt das Übliche machen. Das Bett richten und beziehen, wenn nötig. Meine persönlichen Sachen ordnen. Aber in meinem Ankleidezimmer habt ihr definitiv mehr zu tun!“ er grinste mich an, wohl in der Hoffnung, dass ich etwas entspannter wurde.

Ich nickte nur höflich und folgte ihm ins nächste Zimmer. Gegenüber der Tür waren kleinere Fenster, die aber genügend Helligkeit brachten. Rechts und links an der Wand des schmalen Raumes stand jeweils ein großer, hoher Kleiderschrank. Und links neben dem Eingang befand sich eine geräumige Kommode mit einem Kerzenleuchter darauf und einer Waschschüssel mit Krug und Rasierzeug und diversen Toilettensachen.

„Ihr müsst dafür sorgen, dass meine Kleidung immer in Ordnung ist und dass alles an seinem Platz ist. Ich möchte nicht immer erst suchen müssen, bis ich etwas finde! Und morgens und abends erwarte ich einen Krug mit frischem Wasser! Außerdem, wenn es von Nöten ist, seid ihr auch für ein Bad für mich zuständig!“ Ich starrte ihn mit großen Augen an!

„Ich bin … was?“

Er lachte laut auf, sah mich an und ließ eine Erklärung folgen: „Ihr werdet mir das Wasser einlassen! Was dachtet ihr denn von mir?“ Mit einem Zwinkern schob er mich vor sich her auf den Flur.

Na, das konnte ja jetzt spaßig werden.

Kapitel 13


Wieder unten angekommen, entließ mich Shay in die Hände von Marge und ging zurück in sein Arbeitszimmer.

Und jetzt begann meine richtige Einweisung in diesen Haushalt. Was die Arbeit als Zimmermädchen anging, so hatte ich auch noch andere Tätigkeitsfelder. Besucher in Empfang nehmen, die Wäsche waschen, das Essen mit auftragen, Gäste bewirten und und und … Eigentlich war ich mehr ein Mädchen für alles schien es mir.

Aber zu aller erst bekam ich entsprechende Kleidung. Ein schwarzes Überkleid mit Haube und Schürze. „Ihr habt selber dafür zu sorgen, dass ihr immer präsentabel ausseht und pünktlich morgens aufsteht. Ebenso seid ihr für euren Sohn verantwortlich, dass dieser auch zeitig im Stall ist. Um 5 Uhr solltet ihr spätestens aufstehen und um 6 Uhr gibt es für die Angestellten Frühstück. Danach werdet ihr Master Cormac um 7 Uhr wecken und ihm beim Ankleiden helfen, sofern er es wünscht. Dann bringt ihr ihm das Frühstück in sein Arbeitszimmer um 8:30 Uhr. Danach habt ihr Zeit, das Schlafzimmer aufzuräumen und zu reinigen! ….“ Und so ging die Litanei an Aufgaben für den Tag weiter. Immer im Hinterkopf, dass es auch durchaus Abweichungen geben kann, sollte Master Cormac überraschend abreisen müssen oder Gäste hier mit übernachten.

Ich seufzte tief „Das ist ja eine ganze Menge, damit habe ich ehrlich gesagt noch gar nicht gleich gerechnet. Aber wenn ich Fragen habe, darf ich mich an euch wenden?“ flehentlich sah ich sie an.

„Natürlich und auch die anderen Bediensteten könnt ihr fragen! So, aber nun macht euch fertig, denn Master Cormac erwartet gegen 15 Uhr noch einen Besucher! Und da dieser wichtig ist und eine gehobene Stellung hat, werde ich euch diesbezüglich heute noch einweisen!“

Mit diesen Worten ließ sie mich mit meinen neuen Sachen alleine, damit ich mich ankleiden konnte. Ich betrachtete mich in dem kleinen Spiegel über unserer Kommode, diese hatte ich mit unseren persönlichen Sachen bereits bestückt. So schlecht sah ich in dieser Aufmachung gar nicht aus, stellte ich fest und grinste.

Das Schlagen der Standuhr im Eingang wies darauf hin, dass es bereits ein Uhr Mittags war. Aber da ich jetzt den Vormittag mit den Vorträgen von Marge und Shay beschäftigt war, hatte ich noch gar nichts weiter gegessen und mein Magen knurrte. Ich ging hinunter zur Küche und fragte, ob noch etwas vom Essen übrig sei. Mir wurde mit einem Gekicher geantwortet. „Alex, Mittagessen ist um 12, wer nicht anwesend ist, geht leer aus. Aber da du es ja noch nicht wissen konntest, hier ist noch ein bisschen Eintopf und ein Stück Brot für dich!“ Ein junges rotwangiges Mädchen reichte mir die Schüssel und einen Löffel.

„Danke, das ist sehr nett von euch. Also werde ich mir noch mehr Zeiten merken müssen!“ Ich grinste sie an und sie nickte nur wissend.

Als ich fertig gegessen hatte, war ich ein wenig unschlüssig, was ich denn jetzt machen sollte. Aber man kam mir zuvor und gab mir einen Stapel mit Handtüchern und Bettwäsche. Ich sollte die oberen Zimmer machen. Denn heute würde der besagte Gast hier übernachten.

Bewaffnet mit der Wäsche ging ich nach oben und machte mich daran die Betten frisch zu beziehen und Staub zu wischen. Ich wechselte die Handtücher und sah mich in dem Gästezimmer zufrieden um. Ja, so konnte man es lassen. Dann machte ich mich an das Schlafzimmer von Shay. Mir war immer noch ein wenig mulmig zumute, aber das würde sich sicher in den nächsten Tagen legen!

Als ich gerade über dem Bett hing um das Laken auf der Matratze gerade zu rücken, trat Master Cormac ein. „Lasst euch nicht stören, ich wollte mich nur ein wenig frisch machen!“ Mit diesen Worten ging er hinüber ins Ankleidezimmer. Na, dann mal weiter im Thema, man glaubt gar nicht, wie schnell man doch Spannbettlaken vermissen kann!

 

Kapitel 14

Ich tingelte auf die andere Seite des Bettes um das Laken von dort aus noch zu richten, als mein Blick auf den offenen Türspalt zum Ankleidezimmer fiel. Shay stand vor der Kommode und wusch sich schnell, aber... so ohne Hemd und … er stand so da … mir schoss das Blut in die Wangen und ich versuchte mich auf das Laken zu konzentrieren.

Aus dem Nebenzimmer kam ein Räuspern und er stand in der Tür, immer noch ohne Hemd und sah mich grinsend an. „Alexandra, ihr werdet doch wohl schon einmal einen Mann ohne ein Hemd gesehen haben, oder irre ich mich? Denn ihr habt ja schließlich einen Sohn!“ Wie fies er doch sein konnte.

Immer noch mit hochrotem Kopf stand ich am Bett und versuchte meine Atmung und meine Gedanken wieder runter zufahren! „Master Cormac, ich... es tut mir leid, ich wollte nicht … Sicher habt ihr recht, aber … ich kenne euch noch nicht richtig. Da …. es ist ...“ stammelte ich vor mich hin.

Shay drehte sich mit leisem Lachen um und ging zum rechten Kleiderschrank und fischte sich ein frisches Hemd heraus. Als er es übergezogen hatte, bat er mich, ihm bei den Ärmeln zu helfen, die Schnüre an den Handgelenken ließen sich nicht richtig schließen. Die Bänder waren beim Waschen irgendwie verdreht worden und knotig, so dass ich mich entschloss einfach ein Paar neue einzufädeln. Ich bat ihn, das Hemd noch einmal auszuziehen und sich vorerst ein anderes zu nehmen. Cormac tat gehorsam um was ich ihn gebeten habe, aber ließ mich dabei nicht aus den Augen.

Mit dem Hemd über meinem Arm rannte ich förmlich aus dem Zimmer und hinunter zur Wäschekammer. Dort wusste ich, gab es entsprechende Bänder. In meinen Gedanken machte ich mir eine Notiz Nie wieder Zeitreisen, nie wieder der Lebensgeschichte anderer Männer hinterher jagen! Das ist nicht gut für die Nerven!!

Wer auch immer die Manschetten mit Bändern erfunden hatte, gehörte geteert und gefedert! Was für eine Fummelei! Aber ich hatte es irgendwann geschafft und war auf dem Weg zurück, um das Hemd in den Kleiderschrank zu legen, als Marge mich abfing.

„Wo wart ihr denn, Alex? Wir haben euch schon gesucht!“ Sie hatte einen leicht gehetzten Ausdruck im Gesicht.

„Entschuldigt, Miss Marge, aber ich habe nur neue Bänder für ein Hemd gesucht und eingefädelt. Was ist denn passiert? Habe ich etwas vergessen?“ ein wenig mulmig wurde mir, denn ich fand es immer schrecklich, wenn ich eine Aufgabe vergaß.

„Es ist nichts passiert, aber es ist 15 Uhr. Ihr solltet bereits hier unten warten und den Gast empfangen und zu Master Cormac bringen!“ Ja, aber er war ja noch gar nicht da.

„Wer ist es denn eigentlich, es wäre schön, wenn ich ihn gleich mit Namen ansprechen könnte.“

Doch wir wurden unterbrochen, denn es klopfte bereits an der Tür und ein junger Diener griff einfach nach dem Hemd über meinem Arm und verschwand nach oben! Völlig überrumpelt stand ich da und schaute von Marge zur Tür.

„Mädchen, nun macht schon auf! Soll der Herr ewig warten?“

Die Tür! Ja natürlich... wie begrüßte man eigentlich jemanden, wenn er kein Freund war und man nicht in seiner eigenen Wohnung war? Mir war gerade alles entfallen und meine guten Manieren waren dahin!

Ich ging zum Eingang und öffnete die Tür und hätte vor lauter Schreck am liebsten dieselbe wieder zugeschlagen!
 

 

Kapitel 15


Niemand geringerer als Mr. Blaurock stand vor der Tür und bat um Einlass. Aber was mich irritierte waren diese doch sehr kalten grauen Augen! Prüfend und abwertend zugleich sah er auf mich herab, der der Mund einfach offen stand und die nichts sagen konnte. Aus meiner Lethargie holte mich dann aber Marge „Master Kenway, es ist schön, euch einmal wieder hier begrüßen zu dürfen! Folgt mir, Master Cormac erwartet euch sicher schon!“ Sie rollte mit den Augen in meine Richtung und führte den Herren Richtung Arbeitszimmer.

Aber ich stand immer noch wie vom Blitz getroffen da und versuchte mir alles zusammen zu reimen! Shay und Haytham? Sie kannten sich? … Aber natürlich! Und da fiel es mir ein. Warum war ich nicht gleich darauf gekommen? Ich war doch so blöd. Da Master Kenway ja nun einmal den Rang des Großmeisters des kolonialen Ritus inne hatte, war Shay, da er zu den Templern übergelaufen war, NATÜRLICH ihm unterstellt! Warum hatte ich das nicht bedacht? Mir widerstrebte aber, ihn mit Master Kenway ansprechen zu müssen, denn er war einfach... ein erwachsener Mann. Er war keine 9 Jahre alt mehr. Also musste ich mich wohl zusammen reißen.

Dazu kam aber jetzt ein anderes Problem. Was, wenn Haytham mich doch wiedererkannte? Was, wenn er mich auffliegen ließe? Ich meine, noch hatte ich nichts getan, sondern lediglich eine Arbeit gesucht. Doch bei den Templern wusste man ja nie, wie ihre Gedanken so tickten und was sie sich so zusammen sponnen!

Ich atmete tief durch und ging Richtung Küche, um die Erfrischungen zu holen, die bereits vorbereitet waren. Dort angekommen nahm mich Marge beiseite: „Alex, was war denn auf einmal los mit dir? Du sahst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen!“

So ähnlich war es ja auch! „Ach Marge, es ist nur... ich bin das alles hier noch nicht gewohnt und war einfach überfordert. Es war ein anstrengender Tag und ich muss noch so viel lernen. Es tut mir leid. Ich hoffe, ich habe den Herren jetzt nicht mit meiner Art beleidigt?“ tat ich unschuldig und unwissend!

„Nein, ich denke nicht. Versuch aber jetzt wenigstens höflich zu sein und bring das Tablett ins Arbeitszimmer!“ Sie klopfte mir aufmunternd auf die Schultern und ich lächelte ein wenig gequält.

Die Tassen und Teller klirrten wie verrückt, als ich beladen damit zu den beiden Herren ging. Ich war nervöser als bei einem Vorstellungsgespräch. Es war wie eine Feuertaufe jetzt. Ich musste mein Talent als Schauspielerin, welches ich nicht hatte, beweisen. Das würde noch spaßig werden.

Ich klopfte und balancierte das Tablett auf der anderen Hand. Als man mich hereinbat, schritt ich mit erhobenem Haupt hinein und stellte die Erfrischungen auf den Schreibtisch. Den Tee goss ich in die Tasse ohne zu kleckern und reichte jedem Herren seine Tasse! Unfallfrei! Aber ich vermied es, Haytham anzusehen und nickte dann Shay zu: „Habt ihr noch einen Wunsch, Master Cormac?“

„Nein, das wäre vorerst alles! Ich werde nach euch rufen lassen, wenn es etwas gibt, Alexandra!“ Damit war ich entlassen und sehr erleichtert, den Raum wieder verlassen zu können. Aber ich spürte ein Kribbeln im Nacken, also beobachtete man mich doch tatsächlich.

Ich schloss die Tür und lehnte mich mit einem tiefen Ausatmen dagegen! Ich brauchte dringend frische Luft! Mein Weg führte mich in den hinteren Bereich des Arsenals, wo man einen unglaublich schönen Blick auf das Meer hatte. Dort setzte ich mich auf die dicke Steinmauer und ließ die Ereignisse ein wenig auf mich wirken. Ich durfte mir einfach nichts anmerken lassen.

Solange Kenway nichts sagte, ging ich davon aus, dass er auch nichts ahnte. So meine Hoffnung!
 

Kapitel 16


Als ich mich innerlich wieder beruhigt hatte, ging ich hinein, denn ich hatte noch ein paar Kleinigkeiten, die erledigt werden mussten.

Es vergingen ungefähr zwei Stunden in denen keine weiteren Wünsche geäußert wurden, was mich freute. So lief ich niemandem sonst über den Weg.

Erst als es um das Abendessen ging, herrschte plötzlich Hektik. Warum, verstand ich nicht, denn nur ein Gast ist kein Grund zur Besorgnis. Aber man brachte mich auf den neuesten Stand. Es würden noch vier Gäste zusätzlich zum Essen kommen. Bitte lass es nicht noch mehr von den Templern sein, aber das war wohl ein dummer Wunsch.

Also wurde der Tisch im großen Raum gegenüber des Arbeitszimmers eingedeckt. Man zeigte mir, wie das Besteck und die Gläser gerichtet wurden, wie ich mich beim Auftragen des Essens zu verhalten hatte … es war ja schlimmer wie bei einer Ausbildung!

Bevor jedoch die anderen Herrschaften erschienen, ging ich noch kurz in mein Zimmer und überprüfte meine Erscheinung. Ein wenig kaltes Wasser im Gesicht tat mir gut und ich genoss diese Kühle, die sich auf meine Haut legte.

Meine Haube saß ordentlich, meine Haare gut verstaut darunter ohne eine Strähne, die herausragte und meine Schürze war auch immer noch tadellos. So konnte ich mich dann wohl wieder in die Höhle des Löwen wagen.

Gerade als ich wieder in die Eingangshalle trat, klopfte es und die Uhr schlug sechs Mal. Es war Zeit fürs Dinner! Ein letztes Mal durchatmen, Sinne sammeln und dann los! Mit einem Schwung öffnete ich die Tür und sah mich vier weiteren Herren gegenüber.

Zu meinem Glück war Marge mal wieder zur Stelle und konnte mir auf ihre unkonventionelle Art die Herren vorstellen, ohne das diese Verdacht schöpfen würden, dass ich keine Ahnung hatte, wer dort stand.

„Master Weeks, Master Lee, Master Hickey und ich sehe ihr konntet euch freimachen Master Johnson! Folgt mir bitte, Masters Kenway und Cormac erwarten euch sicherlich schon!“ Die Herren gingen folgsam hinten drein in Richtung des, ich nenne es jetzt einfach mal, Esszimmers. Ihnen wurden die Plätze zugewiesen und nun hieß es, das Essen auftragen.

Ich hoffte inständig, dass mir keine Patzer mehr passierten. Als Shay und Haytham den Raum betraten, hatte man das Bedürfnis, ehrfürchtig auf die Knie gehen. Kenway hatte eine solche Präsenz, die nichts anderes zuließ! Doch genau in diesem Moment schoss mir die Erinnerung an den kleinen Haytham in den Kopf. Arrogant und überheblich, weil er der Meinung war, nur er wäre privilegiert genug. Leise Wut stieg in mir auf und ich ballte meine Hände. Nicht jetzt, nicht jetzt! Denk jetzt nicht daran! Er ist ein erwachsener Mann und sicher auch weiser geworden!

Zum Glück kam meine Ablenkung! Die Vorspeise stellte eine Suppe dar, ich vermutete mal eine Hühnerbrühe mit Gemüse. Denn bei der Zubereitung war ich nicht anwesend. Aber da es Hühnchen im Hauptgericht gab, war anzunehmen, dass es eben daraus war. Das Ganze verlief reibungslos, auch wenn man mich hin und wieder beobachtete. Man kannte mich ja noch nicht. Und ich hoffte, es würde auch erst einmal so bleiben.

Die Nachspeise wurde gereicht und es war heißer Vanillepudding mit Früchten. Mein Magen knurrte verdächtig laut und ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Wie peinlich! Die Herren sahen mich auch leicht grinsend an, wenn ich neben ihnen stand und das Dessert auftat.

„Ich glaube, ich habe noch gar nicht erwähnt, dass Master Kenway heute Nacht mein Gast sein wird. Sorgt bitte dafür, dass alles hergerichtet wird.“ kam es von auf einmal von Shay in meine Richtung und gleichzeitig ergriff Haytham meine Handgelenk und sah zu mir auf. „Habt ihr eventuell schon in einem anderen Haushalt gedient? Ich könnte schwören, ihr kommt mir bekannt vor!“

Ich stand sprachlos dort und wusste nicht worauf ich zuerst reagieren sollte.
 

Kapitel 17


Oh nein... nicht jetzt. „Master Kenway, verzeiht aber das glaube ich kaum. Ich war vor meiner hiesigen Anstellung in … Hannover bei einer Familie im Dienst!“ Ich hätte schon fast wieder Deutschland gesagt. Ich lächelte unschuldig und er ließ mich los, sah mich aber trotzdem prüfend an und … da war er … dieser Schleier. Jetzt konnte ich nur hoffen, dass ich nicht als gefährlich für ihn eingestuft wurde!

Ich sah hinüber zu Shay, der mich ebenfalls fragend ansah. „Also ich wüsste nicht, dass wir uns schon einmal begegnet sind!“ versuchte ich mich hinauszureden und gab einen Löffel auf seinen Teller. Es schien, als wäre das ganze damit vorerst beendet und die Herren unterhielten sich weiter angeregt über... Belanglosigkeiten! Es war noch nicht einmal interessant. Wir Angestellten warteten, bis alle Anwesenden gegessen hatten, um dann abzuräumen. Marge hatte mir erklärt, das man danach noch Brandy serviert und die Herren den Abend so ausklingen lassen würden.

So hatte ich nichts mehr zu tun. Ich wollte mich gerade bei Shay abmelden, als Haytham sich zu Wort meldete. „Alexandra, tut mir einen Gefallen, es ist schon recht kühl heute Abend. Sorgt dafür, dass der Kamin in meinem Zimmer angefeuert ist!“

„Sehr wohl, Master Kenway!“ Ich musste mir ein leichtes Zähneknirschen verkneifen, denn es widerstrebte mir, ihn so zu nennen. Denn NUR sein Vater war MASTER Kenway. ER war nur Master Haytham. Ich knickste und ging beladen mit dem Geschirr des Nachtisches in die Küche. Ich bat einen der Diener, Holz nach oben in das Gästezimmer zu bringen, damit ich den Kamin anheizen konnte. Das Prozedere hatte man mir gezeigt, denn so einfach wie in meiner Zeit ist es halt nicht gewesen. Kein Wunder, dass hier darauf geachtet wurde, ein Feuer möglichst nicht ganz ausgehen zu lassen.

Wir werkelten in der Küche und gegen 22 Uhr ging ich nach oben, zuerst in Shays Zimmer. Auch er hatte darum gebeten, dass man ein Feuer machte. Und es war tatsächlich sehr frisch und kühl hier. Ich richtete sein Bett und legte seine Nachtkleidung zurecht.

Danach ging ich hinüber zum Gästezimmer und zündete den Kamin an, auch für Haytham legte ich seine Nachtsachen zurecht und machte das Bett fertig. Als ich an der Kommode stand und Wasser aus dem Krug in die Schüssel goss, öffnete sich die Tür und Kenway betrat den Raum. Erschrocken drehte ich mich um und vergoss dabei ein wenig Wasser. „Master Kenway, verzeiht, ich werde es sofort aufwischen!“ Geflissentlich nahm ich eines der Handtücher und wischte den Boden trocken. Danach ging ich mit gesenktem Kopf an ihm vorbei.

„Alexandra, ich hätte gerne noch ein Glas Portwein!“ Hol dir deinen Wein doch selber, dachte ich nur, erwiderte aber „Natürlich, Master Kenway! Ich bringe euch den Wein sofort!“ Mit einem knirschenden Kiefer verließ ich sein Zimmer.

Sollte doch jemand anderes ihm das Gesöff bringen. Ich setze keinen Fuß mehr darein, sonst garantiere ich für gar nichts mehr.

Unten in der Küche bat ich ein Mädchen, den Wein nach oben zu bringen. Sie sah mich an, als hätte ich ihr eine Ohrfeige verpasst. „Warum sollte ICH das machen? Er hat DICH darum gebeten! Zumal ich dafür auch gar nicht zuständig bin!“ Ja, toll...

Dann mal los, ich holte den Wein und ein Glas und goss es voll. Damit ging ich die Treppe hinauf und fühlte mich, als ginge ich zu einer Hinrichtung. Ich klopfte in einer Lautstärke, die wahrscheinlich auch noch auf einem anderen Kontinent zu hören gewesen wäre, nur, damit er auch sofort reagieren kann. Aber... erst einmal kam gar nichts.

Also noch einmal klopfen, vielleicht sollte ich es mit gegen die Tür treten versuchen? Aber dieser Versuch wurde unterbunden, denn er öffnete und bat mich, das Glas auf dem Nachttisch abzustellen. Ich tat wie mir geheißen und verschwand schnell wieder. Denn... diese Wut wollte einfach nicht weichen!
 

Kapitel 18


Gegen Mitternacht waren wir mit den Aufräumarbeiten fertig und gingen zu Bett. Mein Sohn war schon etwas früher zu Bett gegangen. Leise schlich ins Zimmer und zog mich aus, wusch mich und putzte mir die Zähne. Dann legte ich mich schlafen und war eingeschlafen bevor mein Kopf das Kissen berührte. So etwas hatte ich selten erlebt, diese Arbeiten waren doch anstrengender als man vermutete.

Am nächsten Morgen stand ich ich tatsächlich pünktlich auf, machte mich fertig, weckte Yannick und wir gingen hinunter. Das Frühstück tat gut und ich genoss für einen Moment das Nichts-Tun! Doch schon kurz darauf ging der Alltag los.

Vorsichtig ging ich in Shays Zimmer, zog die Vorhänge auf und weckte ihn. Mürrisches gälisches Gemurmel aus Richtung des Bettes, zeigte mir, dass mein Weckkommando erfolgreich war. Dann stellte ich den Krug mit frischem Wasser bereit und legte sein Rasierzeug parat.

Danach ging ich zum Gästezimmer. Als ich klopfte, hörte ich ein „Herein“ und ich öffnete die Tür vorsichtig. „Guten Morgen, Master Kenway, ich hoffe, ihr hattet eine angenehme Nachtruhe?“ Dieses Knirschen meiner Zähne ließ sich nicht verhindern.

Haytham war schon wach und war dabei sich bereits anzuziehen. Ich ging an ihm vorbei und stellte den Krug mit dem frischen Wasser auf die Kommode. Er sagte nichts, sondern sah wie durch mich hindurch. Etwas überrascht aber auch sehr erleichtert verließ ich das Zimmer wieder. „Das Frühstück ist dann gleich angerichtet!“ Keine Antwort, nur ein Nicken! Ja, dann halt kein Wort am frühen Morgen. Aber irgendwie konnte ich das verstehen. Ohne Kaffee gab es mit mir morgens auch keine Konversation.

Ich ging wieder hinunter und half dabei, das Frühstück für die beiden herzurichten. Yannick war schon hinüber zu den Ställen und war mit der Versorgung der Tiere beschäftigt. Wenn ich hier gleich fertig war, sollte ich mal schauen, was er so macht!

Cormac und Kenway erschienen ungefähr zeitgleich. Aber … entweder täuschte ich mich oder es lag an meiner Unkenntnis, der anerzogenen Höflichkeiten. Aber die beiden waren sehr schweigsam, nicht unangenehmes Schweigen, sondern einvernehmliches! Sollte mir recht sein, obwohl ich zu gerne noch etwas mehr erfahren hätte.

Danach räumte ich mit Marge ab und wir kümmerten uns um das Aufräumen. Danach hatte ich ein wenig Zeit und besuchte meinen Sohn in den Ställen. Er war damit beschäftigt, auszumisten und die vier Pferde zu striegeln. Wunderschöne Tiere wie ich fand, auch wenn ich keine Ahnung hatte, WAS für welche es waren. (dass es sich um Pferde handelt, weiß ich, ich meine die Rasse)

„Mum, darf ich dir das tierische Personal vorstellen?“ Er war in seinem Element wie es schien und ging hier völlig drin auf. Das freute mich, denn es beruhigte mich und ich wusste meinen Sohn in guten Händen. Auch der Stallmeister war sehr umgänglich und geduldig.

Die vier Pferde hießen: Ceasar, Billy, Icarus und Raffael. Ich betrachtete Raffael genauer: „Stimmt, er sieht auch wie ein erster Maat aus. Er weiß, wo es lang geht!“ Ich musste lachen, denn die Ähnlichkeit war verblüffend.

„Mum, lass ihn das bloß nicht hören, der kündigt sonst noch!“ Wir beide mussten lachen.

Die Tiere zu füttern und ein wenig diese majestätisch Art zu genießen, war eine Wohltat für meine Nerven. Ich wäre gerne länger geblieben, aber meine Pflichten riefen.

Nach dieser Pause ging ich wieder zum Haus zurück und wollte gerade am Springbrunnen vorbei durch den Durchgang nach hinten, als ich oben auf der Empore Haytham stehen sah.

Die Hände gestützt auf die Balustrade sah er auf mich herab, obwohl ich nicht sicher war, ob er wirklich mich ansah oder einfach nur in Gedanken versunken war. Es war einfach nur unheimlich! Also ging ich schnell weiter und verschwand im Dienstboteneingang.

Kapitel 19


Es wurde Zeit für die Wäsche. Meine Zeit als Dienstbotin war genau zu dem Zeitpunkt, wo auch Waschtag war. Na toll... ich liebte ja waschen und trocknen und … wenn eine Waschmaschine da ist. Aber so? Ich seufzte nur und ergab mich meinem Schicksal.

Das ganze Unterfangen war schweißtreibender als ich geahnt hatte. Und schon nach kurzer Zeit hätte ich am liebsten alles hingeworfen und wäre abgereist. Aber... nein, das halten wir durch, dass haben schon ganz andere vor uns geschafft. Und wieder kam mir ein Gedanke, den man so nicht unbedingt hat. Waren wir in meiner Zeit wirklich so verweichlicht? Wir kannten kaum noch diese körperlichen Arbeiten im Haushalt! Es gab Geschirrspüler, Waschmaschinen...

Ich hatte während wir die Wäsche einweichten Zeit genug, darüber nachzudenken und ich kam zu dem Schluss, dass ich den Frauen in dieser Zeit einfach einmal meinen Respekt zollen sollte. Wir machten uns doch gar kein Bild von diesen Zuständen.

So war ich in meine Gedanken vertieft und mit der Arbeit beschäftigt, dass ich erst sehr spät bemerkte, dass wir nicht mehr alleine waren und man mir regelrecht auf die Schulter haute.

„Mrs. Masterson!“ es war einer der männlichen Dienstboten, die im Moment mit ein paar kleineren Reparaturen am Gebäude beschäftigt waren. „Master Cormac fragt nach euch. Ihr sollt zu ihm kommen!“ meinte er mit einem säuerlichen Ton in der Stimme. Mir rutschte mein Herz in die nicht vorhandene Hose.

„H...hat er gesagt, ...w...worum es geht?“ fragte ich zitternd.

„Nein, hat er nicht. Das geht mich auch nichts an. Ich sollte euch nur suchen und zu ihm bringen!“

Also folgte ich ihm und er führte mich zum Arbeitszimmer von Shay. Dieser war aber nicht alleine. Wie sollte es anders sein, Haytham war ebenfalls anwesend. Innerlich verdrehte ich nur die Augen und hoffte gleichzeitig, dass es um banale Dinge ging.

Ich knickste „Master Cormac, ihr habt nach mir geschickt?“

Der Ire sah mich ein wenig verärgert an. „Ja, Alexandra, das habe ich. Ihr kennt eure Aufgaben hier doch, oder? Marge hat euch gestern entsprechend eingewiesen, wie ich hörte!“

Etwas irritiert schaute ich von einem zum anderen. „Ja, Sir, sie hat mir erklärt, was ich zu tun habe und wo ich alles finde. Habe ich etwas übersehen?“ fragte ich jetzt einfach, denn ich wurde immer nervöser.

„Das habt ihr in der Tat! Master Kenway war gerade in seinem Zimmer, um sich umzuziehen und fand es unaufgeräumt vor. Ebenso ist mein Schlafzimmer ein einziges Durcheinander! Was habt ihr den ganzen Vormittag gemacht, dass ihr es nicht einmal geschafft habt, diese Kleinigkeiten zu erledigen?“ polterte er drauf los.

„Gutes Personal finden, ist nicht so einfach, Shay. Ich hatte euch gewarnt, dass ihr lange suchen werdet!“ ließ sich Haytham über mein Verhalten aus. Und da war wieder diese Arroganz, welche mich damals schon zur Weißglut gebracht hatte!

Mit einiger Mühe schluckte ich meinen Zorn darüber hinunter und versuchte das Beste aus der Situation zu machen. Ich musste mir eingestehen, solange ich nicht auffliegen wollte, sollte ich mir eine demütige Art angewöhnen und immer mein loses Mundwerk zu zügeln.

„Verzeiht, Master Cormac, das war ein Versehen. Aber ich habe nach meinem Sohn gesehen, ob er mit seiner Arbeit zurecht kommt. Und dann ist heute ja auch Waschtag...“ Zu mehr kam ich nicht, denn er fuhr mir über den Mund.

„Es ist mir herzlich egal, WAS gerade ist. Ihr habt Aufgaben zu erledigen und solltet es prompt tun. Für diese Woche werde ich eure Bezahlung einbehalten, damit so etwas nicht wieder passiert!“

Ja, das ist großartig. Ganz toll!

 

Kapitel 20


„Es tut mir leid, Master Cormac. Ich werde sofort die Zimmer herrichten. Es wird nicht noch einmal vorkommen!“ Noch demütiger ging es nicht.

„Ich glaube, ihr solltet euch auch bei Master Kenway entschuldigen. Schließlich ist er Gast hier und soll sich wohlfühlen! Also, worauf wartet ihr noch?“ maulte Shay mich weiter an.

Meine Hände arbeiteten und mein Kiefer tat mir schon weh, so knirschte ich mit den Zähnen. Mit einem, hoffentlich gut gelungenen, demütigem Lächeln und Augenaufschlag, drehte ich mich zu Haytham um. „Verzeiht, Master Kenway, es wird nicht wieder vorkommen.“ Ich knickste und hoffte, ich wäre jetzt damit entlassen und könnte wieder meiner Arbeit nachgehen. Hauptsache raus hier.

Haytham sah mich nur an und grinste mit einer Genugtuung, die ich ihm am liebsten aus dem Gesicht geschlagen hätte. Ich atmete tief durch, denn so langsam kochte es immer mehr in mir. „Alexandra, das will ich hoffen. Denn ansonsten werde ich eure Arbeit persönlich überwachen! Und glaubt mir, das wird kein Vergnügen. Weder für euch noch für MICH!“ Was meinte er denn jetzt damit?

„Ihr könnt jetzt gehen!“ Mit einem Wink schickte er mich hinaus.

Noch ein Knicks an beide Männer gerichtet und ich drehte mich um und verschwand aus dem Zimmer!

Erleichtert, aus dieser Situation heile herausgekommen zu sein, lehnte ich kurz an der Wand. Und dann hörte ich, ungewollt, ihr Gespräch!

„Haytham, es widerstrebt mir, so mit meinen Angestellten umzugehen. Sie ist erst seit gestern hier und hatte es in den letzten Wochen wohl nicht leicht!“ meinte Shay in einer viel freundlicheren Stimme als gerade eben noch.

„Shay, glaubt mir, irgend etwas stimmt an der Sache nicht. Erst taucht hier die Brigg meines Vaters auf, welche eigentlich nicht mehr existieren dürfte. Die Eigentümerin ist eine Preußin und hier nicht aufzufinden. Und urplötzlich habt ihr zwei neue Bedienstete? Ich bitte euch...!“ der Großmeister schnaubte verächtlich.

„Das mag ja sein. Es könnte aber auch reiner Zufall sein. Was schlagt ihr dann vor?“

Ich hörte, dass sich jemand erhob und einen Stuhl schob. „Ich werde Charles auf sie ansetzen und beobachten lassen. Wenn wirklich etwas faul ist, dann wird ihr irgendwann ein Fehler unterlaufen!“

Ich glaube, es ist an der Zeit, dass die Jackdaw Segel setzt und vorerst verschwindet und mit ihr auch Mrs. Frederickson. Vielleicht konnte ich so von mir ablenken. Haytham ahnte ja, dass ich nicht zufällig hier bin. Und ich wollte noch nicht auffliegen!

Jetzt hieß es aber, dass ich schnell handeln musste, bevor mir dieser Charles auf der Pelle hockte. Es war dieser unheimliche Typ mit diesen hellen Augen, das war mir von gestern noch in Erinnerung geblieben.

Aber erstmal musste ich mich jetzt um die Zimmer der beiden kümmern. Ja, die hatte ich wirklich vergessen, aber keiner hatte mir einen Wink gegeben. Sehr freundlich die Solidarität unter den Dienstboten!

Zuerst ging ich nach oben in Shays Zimmer, machte das Bett, wechselte das Wasser in der Schüssel und reinigte das Rasierzeug. Seine Kleidung nahm ich mit, denn wenn wir schon wuschen, war ein Hemd mehr nicht schlimm.

Dann ging ich hinüber zum Gästezimmer und räumte dort auf. Viel war es nicht, denn der Großmeister war von Natur aus ein ordentlicher Mensch, nicht so wie der Ire, der gerne alles dort liegen ließ, wo er es auszog.

Als ich meiner Meinung nach fertig war und mich noch einmal umgesehen hatte, nahm ich die Wäscheteile auf den Arm und ging hinaus. Ich prallte prompt mit Haytham zusammen, der vor der Tür stand, als hätte er nur darauf gewartet, dass ich erscheine. „Verzeiht, Master Kenway!“ sagte ich nur mit gesenktem Blick und huschte an ihm vorbei die Treppe hinunter.
 

Kapitel 21

Es war irgendwie nicht mein Tag.

Bis zur Mittagszeit waren wir mit der Wäsche fertig und konnten, so der Plan, am Nachmittag mit dem Bügeln und Verräumen anfangen. Beim Essen fragte ich Yannick, ob er eventuell noch in der Stadt etwas zu erledigen hätte. Denn ich hatte die Hoffnung, er könnte eine Nachricht an unsere Mannschaft überbringen. Wir mussten sie warnen und mitteilen, dass sie sich vom Acker machten und zwar zügig.

„Ja, ich muss mit dem Stallmeister zum Schmied und einige Nägel abholen. Warum?“

„Dann kannst du Raffael ja eine Nachricht überbringen?“ fragte ich ihn.

„Warum sollte ich dem Araber.... Oh... natürlich, ja, mache ich Mum. Er ist ein wirklich kluges Tier!“ kam es von Yannick, als bei ihm der Groschen fiel! Draußen gab ich ihm entsprechende Anweisungen, nur um sicher zugehen, dass keiner sonst mithörte.

Dann hätten wir das schon mal. Ich war gespannt, wann mir mein Spitzel anfangen würde zu folgen!

Lange warten musste ich nicht, denn schon einige Stunden später kündigte sich Besuch an und als ich die Tür öffnete stand Master Lee vor mir. „Master Lee, kommt herein. Masters Cormac und Kenway erwarten euch schon!“ ich lächelte ihn übertrieben freundlich an und er folgte mir mit einem gemurmelten „Ja, das dachte ich mir schon!“

Als wir ins Arbeitszimmer traten, standen die beiden anderen auf und begrüßten den Besucher. „Alexandra, bitte bringt etwas zu trinken für unseren neuen Gast!“

Ich knickste und ging. Dieser Lee war mir wirklich unheimlich, er war ungefähr so groß wie Haytham, also mal locker einen Kopf größer als ich und diese Augen, die einfach nicht zu seinem Erscheinungsbild passen wollten!

Also ging ich zur Küche und holte das bereits vorbereitete Tablett und brachte es ins Arbeitszimmer. Meine Absicht, ein wenig das Gespräch belauschen zu können, schlug leider fehl, denn man rief nach mir, wegen der Wäsche.

So verging der Nachmittag, ohne dass ich die Herren Templer noch einmal zu Gesicht bekam. Was für eine Wohltat! Gegen Abend kam Yannick von seinem Ausflug zum Schmied zurück und berichtete, dass er Bescheid gegeben hätte und kein Grund zur Sorge bestünde. Raffael ginge es gut!

Hoffentlich ging mein Plan auf.

Der Abend verlief wie der gestrige, Essen auftragen, dieses mal aber nur für drei Personen und danach abräumen, aufräumen und und und … Weder Shay noch Haytham sagten etwas über mein Fehlverhalten oder brachten irgendwie etwas ähnliches zur Sprache. Auf der einen Seite war es beruhigend, auf der anderen aber eben nicht.

Es war, als würden sie lauern und abwarten wollen. Ein Schelm wer böses dabei denkt, aber man bekam den Eindruck, das geschah mit Absicht. Druck aufbauen! Denn genau dieser kam langsam auf! Und das nach so kurzer Zeit hier. Aber ich baute auf meine eigen Stärke und sagte mir immer wieder „Du schaffst das!“ Und ich hoffte es wirklich!

Es war Donnerstagabend und für den folgenden Tag standen nur übliche Pflichten an. Shay würde den Tag außerhalb verbringen und erst gegen Abend wieder zum Essen im Hause sein.

Das würde ja ein wenig entspannter ablaufen und ich könnte in Ruhe meiner Arbeit nachgehen. Dachte ich mir!

 

Kapitel 22


Am nächsten Morgen war ich früh wach und fühlte mich wie erschlagen. Meine Arme taten mir weh, vom gestrigen Wäschetag, sodass ich fast nicht meine Haare kämmen konnte. Yannick half mir kurzerhand, damit ich nicht ungepflegt herumlief.

Beim Frühstück wurde der Tagesplan besprochen. Wie vorher gesagt, würde es entspannter sein, da niemand zugegen war, der Extrawünsche äußern konnte. So ging ich dann nach oben und betrat das Schlafzimmer meines Arbeitgebers. Eine Fahne wie ein ganzes Wirtshaus schlug mir entgegen. Aber ich weckte ihn und zog die Vorhänge auf, halt der übliche Ablauf. Gerade als ich wieder hinaus wollte um zu unserem Gast zu gehen, kam ein Murmeln aus dem Bett! „Alex, bringt mir bitte mein Frühstück auf mein Zimmer. Ich fühle mich nicht so wohl heute morgen.“

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, hatte er ernsthaft einen Kater? Was hatte er denn alles getrunken gestern Abend. Das ist mir überhaupt nicht aufgefallen. „Sehr wohl, Master Cormac. Soll ich vielleicht nach einem Arzt schicken?“ tat ich übertrieben fürsorglich und unwissend.

„Nein, nein … nicht nötig. Ich brauche nur noch ein wenig Schlaf!“ mit einem Stöhnen ließ er sich wieder in die Kissen sinken. Ich ging hinüber zum Ankleidezimmer und tunkte ein Tuch in das kalte Wasser und legte es Shay dann auf die Stirn, das sollte seine Kopfschmerzen wohl ein bisschen lindern. „Ich danke euch.“ brachte er gequält heraus.

„Ich werde dann euer Frühstück hoch bringen lassen! Was soll ich Master Kenway sagen?“ Es wäre schon unhöflich, ihn alleine essen zu lassen.

„Ist mir egal...“ DAS war nicht hilfreich.

Ich drehte mich um und ging erst einmal hinunter zur Küche und gab Bescheid, dass Shay unpässlich sei und deshalb auf seinem Zimmer frühstücken wollte und wie es aussah, auch alleine. „Ich werde alles fertig machen, du kannst es dann gleich hochbringen, wenn du Master Kenway geweckt hast!“ Moment...

„Warum muss ich ihm das hochbringen?“

„Weil du sein Zimmermädchen bist und für sein persönliches Wohl verantwortlich bist?“ Das klang ja gerade so, als wäre ich sein Schutzengel und müsste auf ihn aufpassen!

„Dann... bereitet alles vor. Ich bin gleich wieder da!“seufzte ich resigniert.

Ich eilte die Treppe hinauf zu Haytham und als ich klopfte kam ein ebenso gequältes „Herein!“

Sagt mir nicht, die beiden hatten sich gemeinsam die Kante gegeben letzte Nacht?? Dann sind sie aber sehr diskret vorgegangen, denn niemand hatte etwas gehört oder gesehen. Beeindruckend! Betrunkene polterten ja für gewöhnlich herum oder sprachen lauter als gewöhnlich...

Ich trat ein und mir schlug ein sehr unangenehmer Geruch nach Erbrochenem entgegen. Na toll! Das darf nicht wahr sein! Soviel zum Thema entspannter Freitag! Jetzt galt es gleich ZWEI verkaterten Männern wieder auf die Beine zu helfen. Aber das würde ich ganz bestimmt nicht ALLEINE machen.

Ich öffnete vorsichtig die Vorhänge und das Fenster, um ein wenig Licht und vor allem frische Luft einzulassen! Und der Anblick der sich mir bot, rief gleich den Samaritareffekt in mir hervor. Haytham lag halb bekleidet auf dem Bett, zugedeckt hatte er sich nicht mehr, mit einem Stiefel, der andere lag am Boden. Neben dem Bett stand ein Eimer, der bereits erwähnte Gerüche von sich gab.

Verdammt... dieser Anblick. Er tat mir einfach leid! Was sollte ich denn jetzt machen?
 

Kapitel 23


Ich trat zum Bett „Master Kenway, soll ich euch beim Ankleiden helfen? Oder möchtet ihr genauso wie Master Cormac euer Frühstück auf dem Zimmer einnehmen?“ Ich stupste ihn ein wenig an, denn er lag wie tot da.

„Hmmmm... ich würde gerne einfach liegen bleiben! Helft mir nur ins Bett!“ Ähm... er war im Bett, naja fast zumindest.

„Sir, ihr müsstet euch vielleicht erst entkleiden. Ihr tragt ja noch eure Sachen von gestern.“ Etwas unbeholfen stand ich jetzt da.

„Dann helft mir einfach dabei. Herr Gott, muss man euch alles erklären?“ Du undankbares Stück … mein Wohlwollen wich allmählich wieder meiner alten Wut auf Haytham. Und ich ließ es jetzt ein stückweit raus.

Ich zog ihn einfach an einem Arm hoch, damit er wenigstens schon sitzt. Er verzog das Gesicht vor Schmerzen. DAS geschieht dir recht! Seine Stiefel und Strümpfe waren nicht das Problem und auch das Hemd machte keine Schwierigkeiten. Ich hatte einfach doch dezente Berührungsängste, als es um seine Hosen ging. Aber ich ließ ihn so und bat ihn sich wieder hinzulegen, deckte ihn zu und verabreichte ihm ebenfalls einen kalten Lappen!

„Das tut gut...!“ Seufzte er nur und schloss wieder die Augen!

Ich ging hinunter zur Küche und erstattete meinen zweiten Bericht. Wir konnten uns alle nicht weiter beherrschen, denn niemand konnte sich den Großmeister in so einer misslichen Lage vorstellen. Es wurde ein zweites Tablett fertig gemacht. Das für Shay brachte ich schon einmal hoch.

Im Schlafzimmer meines Arbeitgebers hörte ich nur seliges Schnarchen. Also stellte ich das Frühstück vorsichtig auf den Nachttisch und ging leise wieder hinaus. Aber nicht ohne das Fenster geöffnet zu haben und den Lappen noch einmal zu wechseln.

Wieder unten in der Küche schnappte ich mir Haythams Frühstück und marschierte wieder nach Oben. Ich fragte mich, ob ich irgendwann Kilometergeld bekommen würde. Auf jeden Fall sparte man sich hier das Fitness-Studio!

Als ich ins Gästezimmer trat, hing Haytham kopfüber aus dem Bett über dem Eimer. Großartig! Ich stellte schnell das Tablett auf den Nachttisch und rief nach einem Mädchen. Sollte doch bitte jemand anderes diese Sauerei wegräumen. Mein Magen war dafür nicht gemacht.

Nachdem Kenway sich beruhigt hatte und wieder in den Kissen lag, nahm ich wieder einen Lappen und legte diesen wieder auf die Stirn. Tiefes und dankbares Seufzen deutete darauf hin, dass es genau das Richtige war!

„Master Kenway, ihr solltet versuchen etwas zu trinken!“ sagte ich nur, bemüht nicht allzu besorgt zu klingen, denn wer mich in so einem Zustand anmeckern kann, der kann auch alleine seinen verdienten Kater auskurieren.

„Nein, ich kann jetzt nichts trinken...“ War das einzige, was er über die Lippen brachte. Plötzlich nahm er meine Hand, drehte sich damit auf die Seite und war wieder eingeschlafen.

Ich hing halb liegend auf IHM und dem Bett... Und sein Griff war erstaunlich fest, ich zerrte an meinem Arm um ihn wieder frei zu bekommen. Aber vergebens. Er hatte ihn unter seinem Arm verkeilt. Verdammt!

Und natürlich genau in diesem Moment muss das Mädchen erscheinen, welches sich um den vor dem Bett stehenden Eimer kümmern sollte!

Kapitel 24


Oh nein... sie sah mich an und wollte schon wieder hinaus rennen, als ich sie nur bat, mir bitte zu helfen. Fragend sah sie mich an und ich legte mir nur einen Finger auf die Lippen, um ihr zu deuten, leise zu sein. Vereint zogen wir an meinen Arm und meine Hand unter Haytham weg. Er hatte sich ein wenig entspannt.

Ich dankte ihr und das Mädchen nahm den Eimer und ging schon einmal, konnte sich aber das Kichern nicht verkneifen. Das gab ein wunderbares Tischgespräch und Gerede unter den Angestellten.

Ich hingegen stand auf und sah auf Haytham hinunter. Leise ging ich hinaus, aber nicht ohne einen weiteren Eimer ans Bett zu stellen und noch einmal den Lappen zu wechseln. Draußen auf der Galerie überlegte ich, was ich denn jetzt noch machen sollte. Zimmer herrichten konnte ich nicht. Abräumen musste ich nichts. Wäsche... die war schon erledigt. Also ging ich noch einmal zu Shay hinüber um nachzusehen, ob er noch etwas brauchte.

Aber als ich eintrat, hörte ich nur das sonore Schnarchen. Also gut. Die beiden Männer waren versorgt und ich wollte zum Stall hinüber, um nach Yannick zu sehen.

Ich trat nach draußen in die Sonne, der Tag war warm und angenehm. Tief durchatmen... hinter mir ertönte ein Räuspern und ich schreckte herum. Es war Charles Lee! Was machte der denn jetzt hier? Ach ja... er sollte ja auf mich aufpassen!

„Master Lee, ihr habt mich erschreckt! Kann … kann ich euch behilflich sein?“ höflich lächelnd sah ich zu ihm auf.

„Nein, ich denke nicht!“ Mit diesen stechenden Augen musterte er mich eingehend „Lasst euch durch mich nicht stören! Ich gehe davon aus, das Master Kenway und Master Cormac noch nicht zu sprechen sind?“ grinste er wissend.

Hatte er etwa mit der Alkoholeskalation zu tun? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, denn gerade Haytham war eigentlich die Disziplin in Person. Bei Shay war ich mir nicht ganz so sicher, aber man weiß ja nie. „Sir, die beiden Herren sind heute morgen unpässlich. Aber ich richte ihnen aus, dass ihr nach ihnen gefragt habt!“ Damit drehte ich mich wieder um und wollte zum Stall hinüber gehen, als Lee mich am Arm packte und mich an die Mauer des Durchgangs drückte.

„Ihr wisst sehr wohl, warum ich hier bin. Ihr seid nicht auf den Kopf gefallen. Vielleicht solltet ihr etwas freundlicher mir gegenüber sein! Dann verkneife ich mir vielleicht ein paar Anschuldigungen, die euch in ein schlechtes Licht rücken würden!“ Ich konnte seine schlecht gewaschene Kleidung riechen und ich roch Hund. Bei Odin, die Aufzeichnungen über ihn stimmten. Er war wirklich ein Hundefreund und nicht sehr beliebt... Aber ich kam aus diesem Griff hier nicht weg, also musste ich es MAL WIEDER auf die unschuldige freundliche Art versuchen.

„Master Lee, ich weiß nicht, wovon ihr redet. Mein Sohn und ich stehen völlig alleine da. Ich brauchte eine Anstellung, damit wir überleben können. Was ist daran schlecht?“ Ich drückte ein paar Tränen hinaus und sah ihn traurig an in der Hoffnung, dass es wirkte.

Weit gefehlt, er war kalt wie ein Fisch und beließ seinen Griff um meine Arme. Sein Gesicht näherte sich immer weiter und ich konnte diesen unangenehmen Atem auf meinem Gesicht spüren. Instinktiv drehte ich meinen Kopf zur Seite und sah zu meinem Glück den Stallmeister um die Ecke kommen. Ich betete, dass er mir wohlgesonnen ist und mir hier raus half.

„Master Lee! Ist etwas nicht in Ordnung?“ rief er Charles entgegen. Dieser ließ mich wie eine heiße Kartoffel los und zog sich zurück.

„Ja, es ist alles in Ordnung. Ich denke … es war nur ein Missverständnis zwischen mir und Mrs. Masterson!“

Mein Puls raste immer noch, als Lee am Stallmeister vorbei, das Arsenal verließ.

Hatte er nicht etwas vergessen? Er sollte mich doch im Auge behalten.

Kapitel 25


Ich schaute ihm nach und dankte dann dem Stallmeister, dass er erschienen war. „Ihr wart meine letzte Rettung. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was Master Lee von mir wollte. Wie kann ich euch danken, Mr. …?“ Ich sah ihn fragend an, mal wieder hatte ich nicht darüber nachgedacht, einen Namen vorher zu erfragen!

„Blome, Michael Blome! Ihr braucht mir nicht danken, dieser Master Lee ist ein sehr unangenehmer Zeitgenosse und ich bin froh, dass er euch nicht zu nahe getreten ist.“

Ich nickte ihm erleichtert zu „Das ist wirklich sehr freundlich von euch, Mr. Blome! Ich wollte gerade zu den Ställen, um zu schauen, wie mein Sohn sich so macht. Ich hoffe, er macht keine Umstände?“

„Nein, er scheint Pferde sehr zu mögen. Er ist pünktlich und höflich und macht seine Arbeit sehr gewissenhaft. Wenn er sich weiter so anstrengt, kann er es noch bis zum Stallmeister machen!“ Michael lachte herzlich auf!

„Euch wird niemand ersetzen können, Mr. Blome! Das kann ich euch versichern!“ Mit diesen Worten gingen wir hinüber und ich sah Yannick schon von weitem mit Ceasar hantieren.

„Mum, sieh ihn dir an. Ist er nicht einfach prächtig? Wie gerne würde ich so einen Hengst selber besitzen!“ Es fehlten nur die Herzchen in seinen Augen. Er hatte seine Liebe gefunden. Und ein kleiner Stich grub sich in mein Herz, wenn ich daran dachte, dass mein Sohn das alles bald wieder zurücklassen musste.

„Ja, Ceasar ist ein wunderbarer Hengst!“ Bewundernd stellte ich mich zu meinem Sohn.

Und da drehte er sich zu mir und flüsterte „Ja, ich weiß, dass ist nicht für immer, aber es macht mir großen Spaß hier!“ Und dann hatte ich einen Kuss auf der Wange.

Michael grinste uns nur an und verschwand hinten im Stall um das Heu zu holen. Um mein Kind musste ich mir definitiv keine Sorgen machen und das war sehr beruhigend.

Auf einmal flitzte Marge um die Ecke und sah sich hektisch um. „Ahhh, da seid ihr ja, Mrs. Masterson, Master Cormac fragt nach euch!“ Erstaunt sah ich sie an, aber folgte ihr.

Ich betrat vorsichtig das Schlafzimmer und Shay saß in seinem Bett mit dem Tablett auf dem Schoß. „Schön, dass ihr auch endlich mal erscheint. Warum hat mich niemand geweckt?“ Er wollte mich auf die Probe stellen, richtig? Oder Fangfrage, eventuell ein Blackout?

„Master Cormac, ich war heute pünktlich bei euch, um euch zu wecken. Aber ihr wolltet nicht weiter gestört werden. Also bin ich wieder gegangen und habe euch schlafen lassen!“

„Ich hatte heute wichtige Termine! Jetzt ist es bereits zu spät dafür! Wie stehe ich denn jetzt da?“ Ich würde mal sagen, du wirst als Trunkenbold dargestellt, der sich nicht im Griff hat!

„Sir, wie hätte ich euch denn bitte aus dem Bett holen sollen? Ihr habt selber darum gebeten, dass ich euch noch schlafen lasse! Ich habe nur EURE Anweisungen befolgt, genauso, wie IHR es mir gestern noch aufgetragen habt!“

Dieser erstaunte und sprachlose Blick war … erfreulich, denn Shay begriff, dass ich genau DAS tat, was ER wollte. Aber das war wohl auch nicht richtig.

Ich konnte mir meinerseits ein zufriedenes Grinsen aber nicht verkneifen!

Kapitel 26


Shay kaute sauer auf seiner Unterlippe herum und sah mich dabei immer noch böse an. Oder besser, er versuchte es. Aber ihm wurde klar, dass ich nur seinen Anweisungen folgte und er nichts erwidern konnte.

„Trotzdem hättet ihr mich darauf hinweisen sollen, dass es Zeit ist aus dem Bett zu kommen.“

„Das habe ich versucht, aber ihr seid sofort wieder eingeschlafen. Ich habe noch versucht, eure Kopfschmerzen erträglicher zu machen!“ Ich deutete auf den feuchten Lappen auf seinem Kopfkissen.

„Ihr wart das? Danke!“ Sein Blick wurde etwas entspannter. „Wie geht es denn Master Kenway überhaupt? Ich hoffe, er konnte wenigstens seine Termine einhalten und hat ein ordentliches Frühstück bekommen!“

Ich räusperte mich: „Sir, nein, Master Kenway war genau wie ihr auch ... ähm … unpässlich heute morgen! Ich habe ihn zwar ebenfalls versucht zu wecken, aber es war mir nicht möglich.“

„Das ist natürlich ärgerlich. So kenne ich ihn gar nicht. Schaut bitte, ob er noch etwas benötigt und gebt mir dann wieder Bescheid. Ich werde mich dann jetzt fertig machen und schaue dann selber nach ihm.“

„Sehr wohl, Master Cormac!“ Ich ging hinaus und suchte Haytham auf.

Auf mein Klopfen reagierte niemand, noch einmal etwas lauter! Immer noch nichts. Vorsichtig öffnete ich die Tür einen Spalt und linste hinein: „Master Kenway? Seid ihr wach? Ich komme jetzt herein!“ Mir schlug nur wieder dieser widerliche Geruch nach Erbrochenem entgegen. So langsam machte ich mir ernsthafte Sorgen, dass war doch nicht normal, oder?

Langsam trat ich ans Bett, er lag unter der Decke vergraben und atmete friedlich vor sich hin. Vorsichtig legte ich meine Hand auf seine Stirn, seine Haut war schweißnass. Gerade als ich ihn loslassen wollte, griff er mit einer Schnelligkeit nach mir, dass ich vor Schreck aufschrie. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Mit einem fiebrigen Blick sah er mich an: „Was wollt ihr von mir?“ Meine Hand ließ er dabei nicht los.

„Master Kenway, ich bin es. Mrs. Masterson! Ich arbeite für Shay Cormac! Habt ihr das schon vergessen? Ich sorge mich nur um euch. Ihr seid schweißgebadet und ihr habt weder etwas getrunken noch etwas gegessen. Wir haben bereits Mittag!“ In meiner Panik versuchte ich mich von seinem Griff zu lösen, aber es war wie vorhin, er verstärkte ihn nur. Aber er sagte nichts, sondern sah wie durch mich hindurch!

„Jetzt lasst mich los! So kann ich euch nicht helfen, verdammt!“ Mit einem frustrierten Aufstöhnen und in dem ich mein Körpergewicht einsetzte, konnte ich mich befreien. Dabei zog ich ihn allerdings fast aus dem Bett.

Erst jetzt sah ich, wie blass er war und er war wirklich klatschnass. „Bleibt einfach liegen, Master Kenway, ich hole Hilfe um euch neu einzukleiden und um das Bett neu zu beziehen!“ Was hätte er auch anderes machen sollen, so schwach wie er eigentlich war!

Ich hatte nicht mit seiner Zähigkeit gerechnet UND seiner Sturheit. Die lag anscheinend in der Familie! Er richtete sich mit den Ellbogen auf, schwang die Beine aus dem Bett, die sich aber in der Decke und dem Laken verfingen. Wütend zerrte er daran herum! Als er sich befreit hatte, stand er auf und ich konnte es nicht verhindern, ich war nicht schnell genug.

So kippte mir Haytham einfach zur Seite weg und begrub mich halb unter sich. Du meine Güte, war dieser Mann schwer! Ich rief um Hilfe, denn ich wusste mir jetzt beim besten Willen nicht zu helfen.

Die Hilfe kam, aber nicht in Form eines Dieners oder eines Mädchens! Shay warf die Tür auf und stand mit aufgerissenen Augen im Eingang!

 

Kapitel 27


Na großartig! Das ist doch alles nicht wahr. Ich rollte nur mit den Augen und mein nächster Satz kam etwas ungehaltener rüber als ich es wollte!

„Master Cormac, jetzt steht nicht nutzlos in der Gegend herum! Helft mir, Haytham wieder ins Bett zu bringen!“ stöhnte ich etwas genervt unter dem Templer!

„Warum in Gottes Namen liegt Master Kenway überhaupt auf dem Boden? Noch dazu... WAS habt ihr denn mit ihm gemacht?“ Auf seinem Gesicht breitete sich ein Grinsen aus, welches er nicht kontrollieren konnte und sah von mir zum Großmeister.

„Das ist nicht witzig, Sir, er wollte aufstehen, um zu beweisen, wie gut es ihm doch ginge! Und dabei ist er ohnmächtig geworden. Er hat noch nichts zu sich genommen und wie ihr sehen und sicher auch riechen könnt, nur alles von gestern Abend von sich gegeben!“ Ich versuchte mich jetzt ohne Shays Hilfe zu lösen!

„Wartet! Ich helfe euch ja schon!“ Gemeinsam hatten wir ihn wieder im Bett und es kam noch einer der Diener. Mit vereinten Kräften bezogen wir die Matratze neu, wuschen den Großmeister und zogen ihm frische Wäsche an. Also, der Diener machte das, ich ging derweilen die dreckigen Sachen in die Waschküche bringen!

Als ich wieder im Zimmer erschien, lag Master Kenway immer noch bewusstlos oder schlafend da, das konnte ich nicht beurteilen.

„Master Cormac, Sir, ich möchte nicht unhöflich sein. Aber was in drei Teufels Namen habt ihr gestern alles getrunken, dass es ihm so erbärmlich geht?“ Wollte ich jetzt einfach pauschal wissen.

„Hmmm...!“ Shay überlegte kurz und dann schien ihm etwas einzufallen. „Wir waren noch in einer Taverne, glaube ich! Und … auf dem Weg zurück … wurden wir von zwei Reitern überrannt. Und … es könnte sein, dass Master Kenway ungünstig gestürzt ist. Dabei ist er auf einen Treppenabsatz mit dem Kopf aufgeschlagen. Ich … bin mir aber nicht mehr so sicher!“ Das könnte eine Gehirnerschütterung sein, das würde einiges erklären!

„Oh, das hört sich ja nach einem spannenden und spaßigen Abend an.“ Ich konnte es mir einfach nicht verkneifen und grinste ihn einfach an. Aber auch Shay war sichtlich amüsiert. Trotzdem mussten wir den Großmeister irgendwie wieder auf die Beine bekommen.

„Ich werde nach einem Arzt schicken, das klingt, als hätte er eine Gehirnerschütterung. Aber mir wäre wohler, wenn er untersucht würde, nicht das doch noch etwas anderes hinter seiner Übelkeit steckt!“ Ich wollte schon hinaus gehen, als ich es würgen hörte hinter mir. Oh nein, nicht schon wieder.

„Lasst nur, Mrs. Masterson. Ich gehe, bleibt ihr bitte hier und passt auf, dass nichts passiert und er IM Bett bleibt!“ Was sollte ich machen? Ihn anketten?

„Ja, Master Cormac.“ Ich knickste und holte ein frisches Tuch, welches ich in das kalte Wasser der Waschschüssel tunkte und Haytham auf die Stirn legte. Sein Gesicht entspannte sich etwas und er ließ sich wieder in die Kissen sinken.

Einer der Diener brachte einen sauberen Eimer und etwas Tee. Aber ich bezweifelte, dass Haytham irgend etwas bei sich behalten konnte. Wenn er irgendwann einen wachen Moment hatte, würde ich es einfach versuchen müssen.

Es dauerte nicht lange, bis der Arzt erschien. Es war ein deutschstämmiger Doktor namens Ambrosch. Klein, untersetzt, graue leicht gelichtete Haare und ca. 60 Jahre alt, mit einem freundlich lächelndem Gesicht. Ich mochte ihn auf Anhieb.

„Na, dann schauen wir uns den Patienten einmal an.“ Sagte er fröhlich und wandte sich an den schlafenden Templer, der die Untersuchung überhaupt nicht mit bekam.
 

Kapitel 28


Der Ire erzählte, was passiert war letzte Nacht und dass man dem Alkohol doch sehr zugesprochen hatte. Das wiederum brachte den Arzt zum grinsen! Mich übrigens auch. Denn ich hätte zu gerne einen betrunkenen Haytham erlebt, so diszipliniert wie er sonst immer tat!

„Ich gehe davon aus, dass es tatsächlich nur eine Gehirnerschütterung ist und er sich, wenn er 2 bis 3 Tage Bettruhe einhält, wieder genesen sein sollte. Verabreicht ihm bitte genug zu trinken. Essen wird dem Patienten wohl noch nicht gut tun. Sollte sich aber sein Zustand verschlechtern, dann lasst mich umgehend rufen!“

Shay begleitete Doktor Ambrosch noch nach unten und kam dann wieder zurück. „Ich werde erst einmal allen Bescheid geben, dass Master Kenway vorerst keine Termine wahrnehmen kann.“ Er drehte sich um und wollte gehen, als ihm noch etwas einfiel. „Ihr werdet dafür Sorge tragen, dass es Master Kenway an nichts fehlt und er schnell wieder auf den Beinen ist.“

„Sehr wohl, Master Cormac. Aber verzeiht, ich kann mich nicht zwei teilen und ihr wollt ja auch versorgt werden.“ Gab ich zu bedenken, weil ich befürchtete, dass ich nicht allem gerecht werden würde.

„Das ist schon in Ordnung, Alexandra. Eure Pflichten mir gegenüber sind bis auf weiteres dann ein wenig … aufgehoben! Aber vergesst nicht, mich morgens trotzdem zu wecken!“ Damit drehte er sich um und ging.

Ich konnte nur noch einen Knicks machen. Etwas verloren stand ich in Haythams Zimmer, ich wusste nicht, was ich jetzt noch tun konnte. Außer Wache zu halten und aufzupassen, dass er das Bett hütete.

Plötzlich fiel mir wieder ein, dass ich ja die Anweisung gegeben hatte, dass die Jackdaw aus der Schusslinie gebracht werden sollte und dass dieser Lee mich ja im Auge behalten sollte. Ich hoffte, dass dieser Mensch hier nicht allzu oft herumlungerte, das konnte ich beim besten Willen nicht gebrauchen.

Was mein Schiff anging, so war es hoffentlich schon abreisefertig und konnte bald ablegen.

Also setzte ich mich auf einen Stuhl ans Bett, damit ich den Großmeister im Auge hatte und wartete. Einer der Diener erschien und brachte mir etwas zu essen. Hieß das, ich sollte komplett hier bleiben? Aber es wird mich doch wohl jemand auch mal ablösen! Denn ich brauchte ja auch ab und an mal eine Pause oder auch Schlaf, auch wenn viele behaupten, der wäre überbewertet.

„Das ist sehr nett, danke. Wer kann mich denn hier zwischendurch vertreten, wenn ich eine Pause brauche?“ Fragte ich den jungen Mann, Isaac hieß er.

„Miss, ihr seid alleine verantwortlich. Das ist die Anweisung von Master Cormac. Ich weiß von keiner Ablösung!“ Er sah mich völlig erstaunt an, so als hätte ich es doch wissen müssen!

„Wie bitte? Aber ich kann unmöglich 24 Stunden hier am Bett bleiben, naja, man müsste ja auch mal... ihr wisst schon!“

„Miss, ich kann nur das sagen, was man mir aufgetragen hat! Vielleicht sprecht ihr noch einmal mit Master Cormac?“ meinte Isaac entschuldigend.

„Könntet ihr ihn dann vielleicht bitten, noch einmal hinauf zukommen?“ bat ich ihn. Mit einem genervten Blick nickte er nur und ging.

Allein der Gedanke, dass ich hier auch noch die Nacht verbringen sollte, war für mich völlig absurd.

 

Kapitel 29


Und so saß ich da, tatenlos, denn ich konnte hier nichts machen, außer aus dem Fenster zu starren.

Zwischendurch stand ich auf und wechselte das Tuch. Ich sah auf ihn herab und irgend etwas in mir kippte plötzlich. Er tat mir leid, einfach nur noch leid. Nicht nur, weil er mit der Gehirnerschütterung zu kämpfen hatte, sondern auch wegen seines Lebens. Mir ging seine Geschichte wieder durch den Kopf. Er wuchs mit einer Lüge auf! Und schon damals hatte ich ein schlechtes Gewissen, ihn seinem Schicksal zu überlassen.

Plötzlich sah ich Edward vor mir, wie er voller Stolz von seinem Sohn berichtete, ich sah Jenny, wie sie an Bord der Jackdaw von mir Abschied nahm und ich spürte Tessas Hand auf meinem Arm „Ich verzeihe dir!“ … Und dann dieser letzte Blick von klein Haytham, der ein Lächeln zustande brachte, welches nicht nur aus Höflichkeit entstand.

Mein Blick verschwamm und erst jetzt spürte ich, dass mir die Tränen über die Wangen liefen! Auf einmal sah ich ein Taschentuch vor mir „Mrs. Masterson, Isaac sagte, ihr wolltet mich noch einmal sprechen!“ Oh verdammt... Ich nahm das Tuch und trocknete meine Augen, atmete tief durch und versuchte so gut es ging, ein neutrales Gesicht zu machen. Shay stand nur da und sah mich fragend an.

„Master Cormac, ich habe euch gar nicht herein kommen gehört... ich … also. Ja, ich wollte mit euch darüber sprechen, wer sich mit mir hier abwechseln könnte. Ich kann unmöglich durchgehend hierbleiben!“ schniefte ich ihn an.

„Das verlangt ja auch keiner, Marge weiß bereits Bescheid und wenn ihr eine Pause braucht, dann lasst nach ihr rufen!“ Er sah mich immer noch so fragend an. „Könntet ihr mir bitte aber mal erklären, warum ihr weinend hier am Bett von Master Kenway steht?“ Jetzt lag ein fordernder kalter Ton in seiner Stimme.

Mir schoss das Blut in die Wangen, wie sollte ich das erklären? Eine rührselige Geschichte musste her und zwar schnell. Mein Großvater hatte auch mal eine Gehirnerschütterung und ist daran gestorben? … Das könnte ich probieren.

„Master Cormac, es ist nur... ich musste gerade an meinen Großvater denken. Er hatte sich vor einigen Jahren eine schwere Platzwunde am Kopf zugezogen und lag auch bewusstlos einige Tage im Bett. Aber er erholte sich nicht richtig davon und diese Bilder verfolgten mich gerade wieder!“ Ich senkte meinen Blick in der Hoffnung, dass es der Geschichte noch mehr Nachdruck verlieh!

„Das tut mir leid zu hören, Alexandra. Aber Master Kenway hat nur einen leichten Sturz gehabt, nichts ernstes laut Doktor Ambrosch! Ihr braucht euch also keine Sorgen machen und solange ihr ihn gut betreut, kann nichts schiefgehen!“ Das klang schon wieder wie eine Drohung. Wenn etwas schief geht, bist DU verantwortlich. Aber ich wollte diese Verantwortung nicht tragen!

„Sir, ich … es ehrt mich, dass ihr mir die Gesundheit des Groß... von Master Kenway anvertraut, aber...“ ich biss mir auf die Zunge, aber leider zu spät.

Shays Blick hatte sich verändert, seine Augen waren dunkler und dieser Schleier lag auf ihnen. Er musterte mich! „Wer sollte sonst diese Pflicht übernehmen, wenn nicht ihr? Ihr scheint einige Erfahrung im Umgang mit Kranken zu haben, das trifft sich gut. Also war es demnach das naheliegendste EUCH diese Aufgabe zu überlassen, Mrs. MASTERSON!“ Er betonte meinen Namen so dermaßen, dass ich zurück zuckte!

Er drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort! Und ich stand mit zitternden Knien da und ließ mich auf meinen Stuhl sinken!
 

Kapitel 30


Neben mir raschelte das Bettzeug und holte mich aus meinen Gedanken. Ich zitterte immer noch leicht, denn in mir stieg die Angst hoch, dass die beiden schon mehr wussten, als sie mir mitteilten.

Haytham schlug die Augen auf, verzog aber schmerzverzerrt das Gesicht und murmelte nur: „Schließt die Vorhänge, dass hält man ja nicht aus!“ Wie überaus freundlich sein Ton doch wieder war, da verließ mich ja schon fast wieder der Samariter Effekt!

„Sehr wohl, Master Kenway.“ Ich machte mich daran, die Samtvorhänge zu zuziehen und wollte mich gerade wieder setzen, als er sich zu mir umdrehte.

Mit rauer Stimme fragte er plötzlich „Mrs. Masterson, was macht ihr hier eigentlich?“

„Master Cormac gab mir den Auftrag, dafür zu sorgen, dass es euch an nichts fehlt und ihr schnell wieder auf die Beine kommt. Und wo wir davon sprechen, der Arzt sagte, ihr sollt viel trinken! Soll ich euch den Becher reichen?“

Ich versuchte, immer noch zitternd, den Becher mit dem Wasser aus dem bereitgestellten Krug zu füllen. Kein leichtes Unterfangen, denn mir schwappte ständig etwas über.

„Warum zittert ihr? Geht es euch nicht gut?“ Also, das war jetzt eine eigenartige Frage.

„Ich glaube, ich bin einfach zu erschöpft im Moment, da ich bis jetzt seit heute morgen, hier bei euch saß und … nunja... euch geholfen habe!“ Ich versuchte ein neutrales Lächeln hinzubekommen.

„Aha, dann ward ihr die ganze Zeit über hier? Hat sich jemand anderes eventuell nach mir erkundigt?“ War das jetzt sein Ernst? Er muss Kopfschmerzen ohne Ende haben und er dachte über so etwas nach? Aber da fiel mir Charles ein.

„Ja, ich war die ganze Zeit hier, nur kurz war ich draußen, um … nach meinem Sohn zu sehen. Da ihr fragt, ja, es hat jemand nach euch gefragt, es war Master Lee. Wenn ich ihn noch einmal sehe, soll ich ihm dann etwas ausrichten?“ fragte ich unschuldig!

„Lasst ihm bitte eine Nachricht zukommen, dass ich wünsche ihn zu sprechen!“ Vorsichtig versuchte er sich in eine sitzende Position zu bringen. Aber er zuckte immer wieder leicht zusammen. Ich schüttelte ihm die Kissen im Rücken auf, damit er es einigermaßen bequem hatte. Ich fragte mich, ob man mit einer Gehirnerschütterung so schnell schon wieder aufrecht sitzen sollte.

„Master Kenway, ihr solltet lieber noch ein wenig liegen. Der Arzt hat...“ Der Großmeister fuhr mir harsch über den Mund!

„Ich weiß sehr wohl, was für mich gut ist! Und jetzt lasst die Nachricht überbringen!“ Und damit war meine Fürsorge und mein schlechtes Gewissen dahin. An ihre Stellen traten wieder meine Wut und der Zorn von damals! Wie gerne würde ich ein Kissen nehmen und...

„Was starrt ihr mich so an?“ brachte er mit einem eiskalten Ton zwischen den Zähnen heraus!

„Sir, ich starre nicht, ich war nur in Gedanken. Denn ich war am überlegen, wie ihr am schnellsten wieder gesund werden könntet! Aber eure undankbare Art verhindert, dass ich mir Sorgen um euch mache. Verzeiht, wenn man sich um euer Wohlergehen sorgt! Ich bin schon weg und werde jemand anderes zu euch schicken, der wohl eher dafür sorgt, dass ihr wieder genesen werdet!“ Ich haute ihm diese Worte förmlich um die Ohren und das auch noch in einer ziemlichen Lautstärke.

Ich musste mich so arg zusammen reißen, um ihm nicht noch eine Ohrfeige zu verpassen und rannte förmlich aus dem Zimmer und schlug die Tür mit einem lauten Knall hinter mir zu!

Auf der Treppe stieß ich dann auch noch mit Charles zusammen und fauchte ihn nur an: „Haytham will euch sehen und jetzt lasst mich durch!“ und rannte zu den Ställen!

Kapitel 31


Mein Kopf schwirrte wie verrückt! Was hatte ich nur gemacht? Jetzt saß ich vollends in der Tinte und zwar bis zum Hals.

Als ich im Stall bei einer Box meinen Sohn fand, war ich so unendlich dankbar und nahm ihn einfach nur in den Arm. Es war mir gerade alles ziemlich egal, ich hatte es eh vermasselt, da kam es auf diese Kleinigkeiten nicht mehr an!

„Mum, was ist denn los?“ Er drückte mich ein Stück weg und musterte mich besorgt.

„Ich bin gerade ausgeflippt! Und … ich … vermutlich hab ich jetzt ein großes Problem!“ stammelte ich nur und fing an zu heulen. Ich war so sauer auf mich selber!

„So schlimm kann es nicht gewesen sein, du lebst noch!“ grinste Yannick und wollte mich damit aufmuntern. Aber... das half mal so gar nicht.

„Oh doch, so schlimm ist es. Ich habe Haytham beleidigt und habe Charles angefahren! Oh verdammt, Yannick. Was mach ich nur? Ich bin so blöd und unvorsichtig gewesen. Aber ich war so wütend über Kenway, weil wieder alles von damals hoch kam. Ich hätte ihm am liebsten das Kissen ins Gesicht gedrückt!“

„Du wolltest was machen? Mum, das darfst du noch nicht einmal denken! Auch wenn ich Haytham nicht sonderlich mag und auch nicht kenne, aber... Mum, nein... denk nicht einmal daran!“ Er nahm mich bei den Schultern und hielt mich fest.

So langsam wurde ich wieder ruhiger und mein Gehirn versuchte eine Lösung zu finden, wie ich aus dieser Nummer wieder rauskomme. Aber mir wurde die Entscheidung mal wieder abgenommen, denn Charles erschien im Tor des Stalles.

„Mrs. Masterson, da seid ihr ja.“ sagte er mit übertrieben freundlichem Ton. „An eurer Stelle würde ich mich beeilen und mir eine gute Entschuldigung überlegen! Master Kenway ist außer sich und das in seinem Zustand! Was fällt euch ein, so mit ihm zu reden? Aber wir werden sicherlich eine Lösung für das Problem finden!“ Er grinste mich berechnend an und wies mich an, ihm zu folgen!

Als wenn Charles sich solche Sorgen um den Gesundheitszustand des Großmeisters machen würde, einschleimen wollte er sich. Mehr nicht!

Ohne ein Wort folgte ich ihm und sah noch einmal zu meinem Sohn zurück, dieser hob nur beide Daumen und wünschte mir Glück. Ich fühlte mich, als würde ich zur Schlachtbank geführt. Mir war schwindelig, meine Hände schwitzten und ich hatte Schwierigkeiten, einen Fuß vor den anderen zu setzen!

Diese blöde Treppe konnte doch nicht endlos Stufen haben! Meine Sinne spielten mir einen Streich!

Als wir im Gästezimmer ankamen, stand auch Shay schon bei Haytham am Bett und hinter mir blieb Charles stehen und schloss die Tür. Einkesselt, schoss es mir durch den Kopf. Meine Fluchtmöglichkeiten waren jetzt sehr begrenzt, eigentlich nahezu ausgeschlossen! Bei Odin... ich musste einen klaren Kopf behalten, besser gesagt, bekommen!

Ich konzentrierte mich auf meine Atmung und auf meinen Puls. Aber es half nicht.

Und dann polterte Shay auch schon los!

„Was glaubt ihr eigentlich, was ihr hier macht? Wie könnt ihr es wagen, so mit Master Kenway zu sprechen! Was ist in euch gefahren, zum Teufel noch eins!“ brüllte er mir entgegen und war bei jedem Wort näher gekommen!

Mit gesenktem Kopf stand ich da, unschlüssig was ich jetzt tun sollte!

Kapitel 32

Ich traute mich nicht, hoch zuschauen. Ich sah vor mir die Füße von Shay und mehr nicht.

„Sir, ich … ich weiß es nicht!“ Mit Mühe hielt ich meine Tränen zurück, nicht weil ich traurig war, sondern wütend. Wütend auf mich und vor allem auf Haytham.

„DAS ist keine akkurate Antwort auf meine Frage!“ bellte er zurück. „Ihr solltet euch für euer Verhalten entschuldigen und lasst euch gesagt sein, euer Lohn für die nächste Woche ist ebenfalls damit gestrichen!“

„Master Cormac, es...“ stammelte ich und zu mehr kam ich nicht.

„Mrs. Masterson, wenn ihr euch außerstande seht, euren Pflichten hundertprozentig nachzukommen, dann solltet ihr über eine Kündigung nachdenken!“ Es war Haytham, der gesprochen hatte und zwar mit einem lauernden kalten Unterton in der Stimme.

„Also, wir warten. Wir haben durchaus Zeit!“ meldete sich Charles hinter mir, der mir unangenehm nahe war. Ich konnte ihn im Rücken fühlen.

Mir wurde klar, dass ich nur mit Freundlichkeit weiterkommen würde und um eine Entschuldigung nicht herum kommen würde. Es sei denn, ich wollte meine Identität auffliegen lassen. Wobei ich mir immer noch nicht sicher war, ob die Herren nicht schon alles wussten und nur mit mir spielten. Zutrauen würde ich ihnen das auf jeden Fall.

Diese Gedanken beruhigten mich zwar nicht sonderlich, aber ich wappnete mich und hob den Kopf. Drehte mich aber bewusst in Haythams Richtung. Dieser saß immer noch mit dem Rücken angelehnt am Kopfende des Bettes mit verschränkten Armen vor der Brust und einem vernichtenden Blick!

„Master Kenway, es...“ meine Zähne knirschten schon wieder! „... es tut mir leid. Ich hätte nicht so mit euch reden dürfen! Aber...“ Er fiel mir ins Wort, wie überaus freundlich!

„Ihr setzt ernsthaft ein ABER dahinter? Womit habe ich eine solch unverschämte Art eigentlich verdient?“ Immer noch lauernd wie eine Schlange, die ihre Beute hypnotisieren will, schaute er mich an.

„Sir, es ist mir nur herausgerutscht. Ich kann nur sagen, dass es mir aufrichtig leid tut. Es wird nicht wieder vorkommen.“ Ich sah ihn jetzt direkt an und bereute es, denn diese kalten grauen Augen hätten jeden zu Stein erstarren lassen.

„Aufrichtig sagt ihr! Das klingt, als wolltet ihr mich auf die Probe stellen. Aufrichtig ist an dieser Entschuldigung NICHTS. Das kann ich euch versichern!“

„Master Kenway, was soll ich denn sonst sagen, als das es mir leid tut? Was wollt ihr denn noch hören?“ verzweifelt sah ich wieder auf den Boden, damit ich meine Wut einigermaßen im Zaum halten konnte.

„Wie wäre es, wenn ihr endlich einmal ehrlich wärt?“ Das kam von Shay!

Überrascht sah ich ihn an und auch das bereute ich sofort, denn er musterte mich! Oh bitte, lasst das sein! „Master Cormac, ich war ehrlich! Was habe ich getan, dass ihr mich der Lüge bezichtigt? Ich sage die Wahrheit!“

„Das werden wir ja bald sehen. Bis dahin werdet ihr das Haus nicht mehr verlassen! Und euer Sohn wird mich auf der Morrigan begleiten, vielleicht kommt ihr dann zur Vernunft!“

Shay wollte abreisen? Wohin? Warum? Und... er konnte doch nicht einfach Yannick mitnehmen!

„Das könnt ihr nicht machen!“ völlig aufgelöst sah ich von einem zum anderen!

Aus einem Kurzschluss hinaus, schwang ich mich herum und stieß den überraschten Charles zur Seite, der prompt das Gleichgewicht verlor. Aber ich hatte nicht mit Cormacs blitzschnellen Bewegungen gerechnet. Er war schneller bei mir, als ich an der Tür!

Kapitel 33

Shay packte meinen Arm, drehte ihn mir schmerzhaft auf den Rücken und drückte mich an die Tür. „Na na … wohin so eilig? Wir sind hier noch nicht fertig!“

Charles hatte sich mittlerweile wieder aufgerappelt und funkelte mich böse an. Sollte er doch!

„Es … es tut mir leid! Jetzt lasst mich los, ihr tut mir weh!“ stammelte ich vor mich hin.

„Das werde ich tun, aber erst, wenn ihr jetzt den Mund aufmacht!“ ein sehr genervter und beißender Ton war in der Stimme und ich konnte spüren, dass Shay zitterte vor Wut!

„Ich habe nichts getan, verdammt. Ich lüge nicht, ich habe die Wahrheit gesagt. Und es tut mir wirklich leid, was ich vorhin gesagt habe!“ Ich war mit den Nerven am Ende, am liebsten hätte ich alles erzählt. Aber... ich wollte nicht, dass dieser Lee mit im Raum war. NOCH konnte ich nichts sagen. Je länger ich es aber hinauszögerte, desto misstrauischer würden sie werden.

Ich hoffte jetzt inständig, dass die Jackdaw heute schon ablegen kann oder sogar schon konnte, dann wäre vielleicht wirklich erst einmal Ruhe. Solange sollte ich vielleicht noch abwarten, bis die Nachricht kam. Bis dahin musste ich die mittellose Witwe weiterspielen.

„Ihr habt ein ziemlich loses Mundwerk, Mrs. Masterson!“ höhnte Charles an meiner Seite.

Der Ire ließ meinen Arm herunter, aber hielt mich dennoch fest. Er drehte mich zu Haytham. Dieser hatte sich auf die Bettkante gesetzt und stützte sich mit den Händen am Rand auf. Er wollte hoffentlich nicht aufstehen!

Er seufzte: „Was sollen wir nur mit euch machen? Vielleicht noch eine Chance geben?“ voller Ironie sah er von Lee zu Cormac und die drei lachten. „Nein, ich denke, das Beste wäre es, wenn ihr euren Dienst in meinem Haushalt weiter verrichtet und endlich euren Pflichten vernünftig nachkommt. Da Master Cormac ja jetzt vermutlich ein paar Tage nicht anwesend sein wird, werdet ihr hier nicht gebraucht! Und ihr werdet mein Haus ebenfalls nicht ohne Erlaubnis und Begleitung verlassen! Und zwar solange, bis ich sicher sein kann, dass ihr wirklich die Wahrheit gesagt habt!“

Ich konnte ihn nur anstarren! Das war nicht sein Ernst! Shays Griff um meinen Arm wurde härter und riss mich von Haytham los. Blinzelnd schaute ich hinter mich. Er schien etwas gesagt zu haben, aber das war mir nicht aufgefallen.

„Ich sagte, packt eure Sachen und die eures Sohnes und dann gehen wir!“

„Wie... ihr meint.... jetzt sofort? Aber Master Kenw...“ wieder wurde mir über den Mund gefahren.

„Ich sagte bereits, ich kann sehr wohl für mich selber entscheiden! Und jetzt tut das, was man euch sagt und packt!“ Haytham wurde sichtlich ungehaltener. Was aber auch an den Kopfschmerzen liegen konnte. Ach, was machte ich mir überhaupt noch Gedanken über seinen Zustand. Sollte er doch wieder umfallen, ich half ihm sicherlich nicht mehr.

Shay schob mich Richtung Tür und Charles öffnete, nicht ohne noch einmal in mein Ohr zu höhnen: „Ihr hättet euch besser genau überlegen sollen, WO ihr euch vorstellt! Wärt ihr doch nur netter zu mir gewesen!“

Irritiert sah ich ihn an. Ich wusste sehr wohl, WO ich mich um eine Anstellung bemüht habe. Aber das wusste er ja noch nicht!

Kapitel 34


Wenigstens konnte ich jetzt alleine laufen, Shay war zwar hinter mir, aber ich vermutete, jederzeit bereit, die Waffen zu zücken!

Die Waffen! In meiner Kommode lagen meine versteckten Klingen! Ich hatte sie weder in ein Tuch gewickelt noch irgendwie anders versteckt. Da würde ich ihn ablenken müssen, um sie unbemerkt in meine Tasche zu befördern. Wieder ein Stolperstein mehr.

Wir erreichten Yannicks und mein Zimmer und zu meinem Erstaunen, war mein Sohn schon da und packte bereits. Erfreut sah ich, dass die Kommode bereits leer war und er geistesgegenwärtig ALLES ausgeräumt hatte. Dankbar lächelte ich ihn an.

„Master Cormac, was ist denn überhaupt hier los? Mir wurde nur gesagt, ich solle euch für ein paar Tage begleiten. Versteht mich nicht falsch, es freut mich, aber... ich würde lieber hier bei meiner Mutter...“ jemanden ausreden lassen, war heute definitiv nicht an der Tagesordnung.

„Ja ja, natürlich würdet ihr das lieber. Aber es gibt ein paar Aufgaben, bei denen ich eure Hilfe bräuchte und eure Mutter wird in der Zeit direkt Master Kenway unterstellt! Keine Sorge, ihr werdet sie heile wieder sehen. Vorausgesetzt, es passieren nicht unvorhergesehene Ereignisse. Das wollen wir nicht hoffen, oder Mrs. Masterson?“ Wie ich eine solch zynische Art hasste!

„Mach dir keine Sorgen Yannick, Raffael wird dich sicher bald wieder sehen.“ Ich nickte ihm nur zu und hoffte, er würde den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen!

„Natürlich Mutter, ich werde mich aber noch verabschieden, bevor ich abreise! Master Cormac, wenn ihr erlaubt?“ Dackelblick funktioniert ja fast immer, sogar dieses mal.

„Ihr könnt dann schon nach unten gehen und euch verabschieden. Eure Mutter wird sicher gleich nachkommen.“ Shay sah zu meinem Sohn und grinste dann in meine Richtung!

Yannick wollte mich schon in den Arm nehmen, aber der Ire hielt ihn zurück. „Dafür ist gleich noch genügend Zeit!“

So ging mein Sohn aus dem Zimmer und ich stand etwas unbeholfen neben Shay. „Wenn ihr vielleicht etwas zur Seite gehen könntet? Es ist sehr beengt hier und ich kann sonst nicht packen. Danke sehr.“ Er setzte sich auf Yannicks Bett und ließ mich nicht aus den Augen.

Meine Tasche stand offen auf dem Bett und ich warf einen Blick hinein und fühlte nach meinen Klingen. Wie gerne würde ich sie jetzt einfach benutzen. Aber... ich durfte hier niemanden verletzen, geschweige denn töten! Obwohl ich es gerne getan hätte!

Ich nahm noch meine Waschutensilien von der Kommode und räumte den Nachttisch leer. Es war nur ein Buch darin. Es waren Auszüge aus Haythams Tagebüchern. Geschrieben von einem Oliver Bowden. Das hatte ich aus unserer Zeit mitgenommen, denn es gab interessante Hintergrund Informationen. Ich ließ es schnell in meiner Tasche verschwinden. Dann sah ich mich noch einmal um, aber das Zimmer war soweit leer.

„Ich glaube, ich habe dann alles soweit gepackt, Master Cormac. Können wir dann aufbrechen?“ Höflich lächelnd sah ich ihn an. Naja, es war mehr ein ironisches grinsen. Mehr konnte ich nicht zustande bringen.

Wir gingen hinunter in den Eingangsbereich und von oben hörte man lautes Fluchen! „Verdammt, Sir, ich sagte doch, seid vorsichtig... und jetzt langsam... nein, ihr könnt euch ruhig auf mich stützen... Sir...“ Das war eindeutig Charles.

„Charles, ich bin noch nicht so gebrechlich... es geht schon wieder … und nun lasst mich...“

Beide Herren traten aus dem Gästezimmer. Jetzt war ich gespannt, wie der Weg die Treppe hinunter gemeistert wurde. Wie würde man in meiner Zeit sagen? Vorhang auf und stellt das Popcorn bereit!

Kapitel 35

Tat es mir leid, Haytham so schwankend zu sehen? Nein! Tat es mir leid, dass er immer noch so blass, wie eine gekalkte Wand mit Grünfärbung war? Nein! Aber ich hatte Angst, er könnte die Stufen Kopfüber hinunter segeln und sich auch noch etwas brechen!

Man musste bedenken, ICH sollte für ihn sorgen und ich hatte keine Lust auf mehr Gebrechen als eine Gehirnerschütterung.

Trotzdem stand ich mit vor der Brust verschränkten Armen am Fuße der Treppe und lächelte zuversichtlich hinauf. Charles tat sein bestes, den Großmeister zu stützen, der sich zusätzlich noch am Geländer festklammerte. Und da kam mir leider ein Prusten über die Lippen, welches mir gleich verging, da Shay neben mir meinen Arm packte und mich scharf ansah! Kenway wirkte wie ein 100jähriger, der sich auf seine Gehhilfe stützt und Schritt für Schritt versucht, das Laufen wieder zu erlernen! Verzeiht, man macht sich eigentlich nicht über Kranke lustig hat, aber … Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen! Das war nun einmal so und ich hatte wenigstens ein bisschen Ablenkung für meine schlechte Laune.

Endlich nach einer gefühlten Ewigkeit waren Charles und Haytham unten angekommen. Man hatte bereits eine Kutsche rufen lassen, die vor der offenen Eingangstür stand und wartete. Ich ging ein Stück beiseite und handelte mir dabei einen bitterbösen Blick vom Großmeister ein, dessen Gesicht mit einem Schweißfilm überzogen war.

Draußen vor dem Wagen blieb er plötzlich stehen, verdrehte die Augen und sackte zusammen. Ja, das ist ganz toll. Aber er weiß ja selber, was gut für ihn ist. Du meine Güte, Männer! Shay, Charles, der Kutscher und Yannick waren sofort da und hievten Haytham in die Kutsche.

Da sah ich plötzlich, wie eine junge Frau durchs Tor geritten kam und direkt auf uns zu. Shays Gesicht nahm einen freudigen Ausdruck an und er lächelte breit. Ähm... was oder besser WER ist das?

Sie stieg von ihrer schwarzen Stute und begrüßte den Iren mit den Worten: „Mo chride, was ist denn hier los? Und was ist mit Haytham passiert?“ neugierig schaute sie in die Kutsche zum bewusstlosen Großmeister. Gälisch? Verwirrt sah ich sie an und dann den Iren. Sie war Mitte 20, lange dunkelblonde Haare und locker einen Kopf kleiner als Shay. Und, das fand ich dann doch ein wenig verwunderlich, sie trug einen Ornat! Was war denn hier auf einmal los?

„Faith, das erkläre ich dir später. Mo aingeal, das ist ...“ er deutete auf mich, aber wusste anscheinend nicht, als was er mich denn jetzt bezeichnen sollte. „Das, also... das ist die neue Hausangestellte von Master Kenway. Alexandra Masterson!“ Ich verstand gerade gar nichts mehr. Aber ich nickte dieser Faith zu und wusste nicht so recht, was ich jetzt machen sollte.

Shay aber nahm die Sache in die Hand. „Das ist meine Frau, Faith Cormac.“ Dieser Blick von dem Iren war schon erstaunlich. Völlig ausgewechselt sah er seine FRAU verliebt an. Er war verheiratet? Die beiden sahen, dass ich völlig perplex da stand und Miss Cormac reichte mir ihre Hand und begrüßte mich freundlich: „Es freut mich, euch kennen zu lernen. Ich hoffe, ihr kümmert euch gut um Haytham!“

Sie warf noch einen Blick in die Kutsche und schüttelte nur den Kopf. „Ich werde jetzt Banfhlath in den Stall bringen und dann will ich eine Erklärung, weswegen der Großmeister in so einem Zustand ist! Und...“ sie wedelte mit ihrer Hand vor dem Gesicht, denn Shay musste wohl noch eine Fahne wie zehn Russen haben. „... dann sollte ich nach unserer Tochter sehen!“

Es wurde immer besser! Shay hatte Nachwuchs! Dass er diesen hatte, das wusste ich aus anderen Aufzeichnungen, denn aus der ganzen Geschichte ging ein Enkel hervor, der in die Fußstapfen seines Großvaters treten würde! Cudgel Cormac! *1

„Es hat mich gefreut euch ebenfalls kennen zu lernen, Miss Cormac. Master Cormac hatte gar nicht erwähnt, dass er verheiratet ist und dass er euch heute erwartet.“ sagte ich mit einem ironischen Seitenblick zu Shay!

„Ihr müsst ja nicht alles wissen! Das beruht hier anscheinend ja sowieso auf Gegenseitigkeit, wenn ich euch daran erinnern darf, MRS. MASTERSON!“ Diesen Seitenhieb musste er natürlich jetzt noch loslassen. Und damit war das Thema anscheinend erst einmal vom Tisch.

Ich wurde in die Kutsche geschoben und hatte nun den ohnmächtigen Großmeister auf meinem Schoss liegen. Eine eigentlich reizvolle Vorstellung mal wieder, wenn die Vorgeschichte eine andere wäre!

Ich hoffte nur, dass ihm nicht wieder übel werden würde. Sein Gesicht hatte eigentlich mittlerweile keinerlei Farbe mehr und seine Haut war wieder schweißnass. Ich nahm mein Taschentuch aus meinem Ausschnitt und betupfte sein Gesicht. Es kam aber keinerlei Reaktion.

Rumpelnd setzte sich das Gefährt in Gang und ich fing an, mir dieses Treffen noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen!


*1 Last Descendants – Aufstand in New York von Matthew J. Kirby

 

**** Hier ein weiteres Kapitel und mit einer neuen Person, die ich freundlicherweise vom Todesengel222 leihweise zur Verfügung gestellt bekomme! Danke danke danke und es macht Spaß mit Faith zu arbeiten! Endlich ist Shay nicht mehr alleine, der arme Templer tat mir schon leid im weiteren Verlauf! **** "Jeder will die Welt beherrschen" von Todesengel222

 

Kapitel 36

Aus dem kleinen Fenster hinter mir, sah ich noch meinen Sohn, wie er mir nachwinkte. Und ein seltsames Gefühl von Einsamkeit stieg plötzlich in mir auf. Jetzt hatte ich niemanden vertrautes mehr in meiner Nähe. Einige Männer meiner Crew würden zwar hier bleiben, aber ich hatte jetzt keine Chance mehr, mit ihnen in Kontakt zu treten. Langsam ließ ich mich nach hinten sinken und Tränen brannten in meinen Augen. So schwer hatte ich mir das Ganze nicht vorgestellt. Aber wann war es jemals einfach, wenn ICH irgendwohin kam?

Wir fuhren Richtung Süden und jetzt fiel mir auch wieder ein, WO Haytham wohnte. Es war das Fort George! Das war ja Spitze. Ein militärisches Gebiet und auch noch abgeriegelt. Da würde ich wirklich nicht herauskommen ohne fremde Hilfe. Geschweige denn, meine Männer könnten hinein.

Als wir durch das große hölzerne Tor kamen, sah mich eine der Wachen nur dämlich grinsend an, als er den ohnmächtigen Kenway sah, winkte uns aber durch. Wo war eigentlich Charles geblieben? Er ist doch eigentlich auch auf dem Weg hierher gewesen, oder nicht? Sollte mir aber auch recht sein. Ihn musste ich mir nicht auch noch antun.

Plötzlich stoppte die Kutsche und der Kutscher rief ein paar Soldaten zu sich, die sich um den Bewusstlosen kümmern sollten. Gemeinsam brachten sie ihn in dieses doch sehr große Backsteinhaus, welches direkt mit den Außenmauern des Forts zur Meerseite verbunden war. Es sah beeindruckend aber gar nicht nach Militär aus. Ich folgte den Männern, welche gleich in den ersten Stock gingen und den Großmeister in sein Schlafzimmer brachten.

Einer der Soldaten ging an mir vorbei und grinste breit: „Na, da hattet ihr wohl mächtig Spaß letzte Nacht, was? Wenn ihr noch nicht genug habt, ich habe ab 8 Dienstschluss!“

„Nein, danke. Ich habe hier genug zu tun. Und ihr seht mir nicht danach aus, als könntet ihr es hiermit aufnehmen!“ zischte ich ihn schnippisch an und deutete über meinen Körper.

Jetzt stand ich also hier im Schlafzimmer des Großmeisters, mit ihm alleine. Wenn man hinein kam, stand rechts gleich das große Bett. Gegenüber der Tür waren zwei Fenster zur Seitenstraße hin und zwischen ihnen stand ein kleiner Schreibtisch. Ich sah mich hier suchend um. Gab es denn hier keine Angestellten? Keine Diener?

Ich vergewisserte mich, dass Haytham sicher im Bett lag und ging auf den Flur, um nach anderen Bediensteten Ausschau zu halten. Von unten hörte ich dann aber schon aufgeregte Stimmen. Eine Frauenstimme, die sich besorgt anhörte und sich auf den Weg hier nach oben machte. Und dann waren da noch 3 Männer... Aber die blieben, wo sie waren. Vermutlich würde ich diese später kennenlernen.

Eine etwas füllige Dame kam die Treppe hinauf und beäugte mich misstrauisch. Wie schön, noch jemand, der mir nicht traute. Sie schob sich ohne ein Wort an mir vorbei und begutachtete den Patienten.

„Mädchen, was habt ihr denn mit Master Kenway gemacht? Er sieht ja grauenhaft aus. Könnt ihr nicht kochen, oder warum ist er so grün im Gesicht!“ Sie sah mich böse an.

„Entschuldigt bitte mal, erstens kann ich für diesen Zustand nichts. Daran sind Alkohol, Master Cormac und ein paar Reiter, die Master Kenway zu Fall gebracht haben schuld. Er hat eine Gehirnerschütterung und soll laut Doktor Ambrosch noch zwei bis drei Tage Bettruhe halten!“ Ich baute mich vor ihr auf, sie war locker einen halben Kopf kleiner als ich!

„Und zweitens, bin ich nur hier, weil man mir das befohlen hat. Freiwillig wäre ich sicher nicht mit hierher gekommen!“ meckerte ich jetzt einfach zurück.

„Wie heißt ihr überhaupt? Mein Name ist Sybill Wallace!“ Sie reichte mir ihre Hand. Erstaunt nahm ich sie entgegen und sagte nur: „Alexandra Masterson!“

Auf einmal sah sie mich grinsend an: „Es tut mir leid, aber wir haben uns Sorgen gemacht, denn wir wussten nicht, was passiert war. Normalerweise meldet sich Master Kenway immer ab, wenn er woanders übernachtet.“

„Da kann ich eure Sorge verstehen. Aber glaubt mir, es ist nur eine leichte Gehirnerschütterung. Master Kenway konnte aber noch nichts trinken oder geschweige denn essen. Die Übelkeit und die Kopfschmerzen waren zu stark!“

„Das kriegen wir schon wieder hin. Aber ich sehe, ihr habt schon eure Kleider an. Dann könnt ihr gleich mitkommen und ich zeige euch euer Zimmer. Es ist nicht besonders groß, aber...“ weiter kam sie nicht.

Wir hatten nicht bemerkt, dass Haytham aufgewacht war. „Mrs. Masterson wird in dem Ankleidezimmer nebenan einquartiert, Mrs. Wallace! Doktor Ambrosch hat darauf bestanden, dass ich jemanden in meiner Nähe habe, gerade Nachts.“ Er sah Sybill freundlich an und warf mir einen vielsagenden Blick zu. Wie zum Teufel konnte man sich so diszipliniert im Griff haben? Eben noch bewusstlos und jetzt das? „Sollte etwas sein, muss sofort jemand zur Stelle sein!“

Mir blieb der Mund offen stehen und ich sah Mrs. Wallace hilfesuchend an. „Aber Master Kenway, ist das nicht etwas übertrieben. Ich werde doch sicher kein Zimmer beziehen, welches sich weit weg befindet. Oder Mrs. Wallace?“

Diese sah von mir zu Haytham und wieder zu mir. „Mrs. Masterson, die Unterkünfte der Dienerschaft sind im Nebengebäude. Ihr würdet nicht sofort bemerken, wenn es Master Kenway schlechter ginge! Da hat er sicher recht, wenn ihr für ein paar Tage, eine Notunterkunft in dem kleinen Ankleidezimmer bekommt!“ Sie konnte ja nichts von meiner Abneigung bezüglich Haythams wissen.

Mir blieb der Mund offen stehen, aber Haytham sah mich mit Genugtuung an. Jetzt hatte er ja seine Überwachung. Und ich hatte überhaupt keine Möglichkeiten mehr, Kontakt mit meiner Crew aufzunehmen.

Es blieb mir nur, mich vorerst meinem Schicksal zu ergeben und das Beste daraus zu machen!

Kapitel 37


Mrs. Wallace begleitete mich nach unten, um mir die Küche zu zeigen und um zu erklären, wo alles war. Außerdem wurde ich in die Gepflogenheiten dieses Haushaltes eingewiesen. Mehr recht als schlecht, denn so viel konnte ich mir nicht merken auf die Schnelle. Und mich ließ diese Begegnung mit dieser Frau vorhin keine Ruhe!

Der Kammerdiener von Master Kenway hatte sich derweil um eben diesen gekümmert. Als ich wieder das Schlafzimmer betrat, lag Haytham bereits wieder im Bett. Aber er war wach. Nebenan hörte ich Gerumpel und Geräusche vom Möbelrücken.

„Euer Nachtlager wird gerade fertiggestellt. So habe ich euch auf jeden Fall im Auge und ihr könnt nicht auf dumme Gedanken kommen!“ Oh doch, darauf könnte ich durchaus kommen, du kleiner arroganter ... Es gibt immer noch das Kopfkissen, welches... nein, denk nicht einmal dran!

„Ich höre es bereits. Und glaubt mir, da ich nichts zu verbergen habe, ist es mir gleich wo ich übernachte. Solange ich wenigstens zum Waschen ein wenig Privatsphäre habe, soll es mir recht sein!“ Am liebsten hätte ich, wie ein kleines bockiges Kind, ihm die Zunge rausgestreckt. Aber ich legte wenigstens einen trotzigen Unterton in meine Stimme.

„Wir werden sehen, wir werden sehen!“ Wieder dieser selbstgefällige arrogante Ton. Viel hatte er in den Jahren ja nicht dazu gelernt, dachte ich zynisch.

„Ja, das werden wir, Master Kenway. Und jetzt? Was kann ich für euch tun?“ ich stellte mich mit brav mit vor meiner Schürze gefalteten Hände demonstrativ vors Bett.

„Ich hätte gerne etwas Tee, aber Mrs. Wallace weiß schon Bescheid. Ihr könnt zur Küche gehen und ihn holen!“ Ich KANN zur Küche gehen... wie gnädig...

Ich knickste und knirschte mit den Zähnen, lächelte und ging.

Unten in der Küche sah man mich neugierig an. „Mädchen, was habt ihr eigentlich verbrochen, dass Master Kenway euch nicht aus den Augen lassen will?“ fragte mich eine kleine zierliche Frau Mitte 30.

„Ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein! Ich hoffe, er kommt bald wieder zu Verstand. Vielleicht war der Schlag auf den Kopf, doch schlimmer als angenommen!“ bei diesem Satz musste ich selber grinsen und das Personal konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Aber alles in allem stellte ich fest, dass hier mehr Respekt und vor allem Angst herrschte, als bei Shays Angestellten. War Haytham wirklich ein so harter Arbeitgeber? Das würde sich ja jetzt in den nächsten Tagen zeigen.

Mit dem Tablett und dem Tee ging ich langsam wieder nach oben, ich hatte es nicht eilig. Gerade als ich zur Tür kam, hörte ich ihn wieder würgen. Och nein... musste das jetzt sein?

Ich stellte das Tablett auf einen kleinen Tisch in der Nähe des Fußendes des Bettes, tunkte einen Lappen in das kalte Wasser auf dem Waschtisch und legte ihm diesen auf die Stirn. Es half nichts, er musste so langsam etwas zu sich nehmen. Auch wenn es nicht da blieb, wo es bleiben sollte.

Er stöhnte: „Jesus, mein Kopf zerspringt gleich!“

„Dann solltet ihr am besten nichts mehr sagen, sondern trinkt jetzt endlich etwas! Das wird euch gut tun!“ erwiderte ich etwas ungehalten.

Ein erstaunter Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. „Warum sollte ich...“ Und jetzt war es an mir, ihm über den Mund zu fahren!

„Herr Gott, Master Kenway, ihr verdurstet sonst noch! Trinkt jetzt endlich etwas, oder muss ich euch zwingen?“ er blinzelte mich verwundert an.

„Ihr habt vermutlich Recht! Gebt schon her!“ Und damit reichte ich ihm vorerst nur Wasser, den Tee wollte ich nicht verschwenden.

Kapitel 38


Geduldig wartete ich ab, bis Haytham ein paar kleine Schlucke genommen hatte und nahm ihm dann den Becher wieder ab.

Unterdessen kamen die Möbelrücker zu uns und teilten mit, dass alles an Ort und Stelle war. Vorsichtig lugte ich um die Ecke und besah meinen Schlafplatz. Ein kleines Rollbett stand links neben der Tür. Dafür musste wohl die Kommode gewichen sein, denn die stand eingezwängt zwischen Kleiderschrank und rechter Wand. Sollte mir recht sein. Aber was ich mich fragte war, wo sollte ich meine Sachen lassen?

„Master Kenway, verzeiht die Frage, aber wo lasse ich meine persönlichen Sachen? Hier ist kein Platz dafür!“

„In der Kommode ist unten noch eine Schublade frei. Dort könnt ihr alles verstauen!“ erwiderte er schwer atmend und ich hörte nur das obligatorische Würgen. Das war es dann mit dem Wasser!

Dieses Prozedere setzte sich den restlichen Tag fort, trinken, würgen, hinlegen! Aber die Abstände wurden immer größer. Ehrlich gesagt, war ich darüber sehr froh, denn ich hatte keine Lust auch noch Nachts hier Wache halten zu müssen.

Im Laufe des Nachmittags war Shay noch einmal vorbei gekommen um mitzuteilen, dass er am frühen morgen aufbrechen wolle. Mir war dabei einfach nicht wohl, ich wollte meinen Sohn nicht in seine Hände geben. Aber ich hatte wohl keine andere Wahl!

Was würde seine Frau wohl dazu sagen, dass er so spontan abreisen wollte? Oder war es gar nicht so spontan, wie man mir weismachen wollte?

„Dann wünsche ich euch viel Erfolg bei eurer Reise, Shay!“ Haytham schüttelte die Hand des Iren und sah ihn wissend an mit einem Seitenblick in meine Richtung.

Kurz darauf traf Charles ein, um dem Großmeister Gesellschaft zu leisten. Eigentlich hatte ich gehofft, ich könnte in der Zeit nach unten in die Küche, damit die beiden ungestört reden konnten. Aber nein, ich sollte bleiben. Das einzige was ich durfte, war Lee zu bedienen. Was für eine Ehre.

Dieser Mann war einfach und ich wiederhole mich, ich weiß, aber er war einfach unheimlich und unangenehm. Denn seine Hunde, zwei Spitze, waren auch noch dabei und kläfften herum und ließen mich nicht in Ruhe. Ich mag einfach keine Flohbehausungen, tut mir leid.

Irgendwann gegen Abend, ich ging von sieben Uhr aus, verabschiedete er sich endlich. Aber nicht, ohne mir noch einmal so nahe zukommen, dass ich seine Körperwärme spüren konnte! „Ihr werdet schon sehr bald merken, zu was wir in der Lage sind!“ Äh, ja... Wenn er meint.

Immer noch hoffte ich, dass die Jackdaw schon unterwegs war, nur leider konnte ich keine Nachrichten empfangen, geschweige denn losschicken. Ich wurde ein wenig nervös, konnte aber nur abwarten!

Haytham war kurz eingenickt und ich trat an das Fenster, welches gegenüber der Tür vom Schlafzimmer lag. Draußen wurde es dunkler, aber es war noch reges Treiben auf der Straße. Da fielen mir zwei Männer auf der anderen Straßenseite auf, die in Richtung dieses Haus schauten und es anscheinend beobachteten. Ich konzentrierte mich auf die beiden und sie erschienen mit einem blauen leichten Schleier. Neutrale Personen also und dann erkannte ich einen! Es waren zwei von meiner Mannschaft. Aber wie sind sie hier rein gekommen? Es ist doch abgeriegelt?

Dann sahen sie zu mir hoch, ich öffnete vorsichtig das Fenster ein kleines Stück, sah mich nach dem Großmeister um, der aber anscheinend immer noch schlief. Ich beugte mich ein bisschen nach vorne, so als wolle ich einfach nur Luftholen und die beiden zeigten einfach nur Daumen nach oben und machten eine schwingende Handbewegung. Also war mein Schiff unterwegs. Erleichtert seufzte ich auf und hielt meine Hand auf mein Herz und nickte den beiden zu. Gerade als ich das Fenster wieder schließen wollte, regte sich hinter mir der Großmeister.

„Wer war das unten auf der Straße? Bekannte von euch?“ fragte er mit einem scharfen Unterton. Konnte ich hier wirklich nichts machen, ohne dass man mich beobachtete?

Kapitel 39


Erschrocken drehte ich mich um. „N...nein, Master Kenway, es war nur... die frische Luft tat einfach gut. Es ist doch recht … stickig hier drin!“

Haytham seufzte nur und sah mich an, als hätte ich ihm gerade erklärt, dass ich an den Osterhasen glaubte. „Wenn ihr schon nichts zu tun habt, dann steht nicht einfach so herum. Sondern helft mir, mich frisch zumachen. Und ruft meinen Kammerdiener!“ Er versuchte sich wieder in eine sitzende Position zu bringen. „Wärt ihr wohl so freundlich, MRS. MASTERSON, und helft mir mit den Kissen?“ Ungehalten zerrte er an eben diesen herum.

„Natürlich, Master Kenway.“ Knirschende Zähne und ich schüttelte die Kissen im Rücken auf. Leider etwas zu heftig, denn ich stieß mit meinem Ellbogen an seine Wange!

„Verdammt, was könnt ihr eigentlich? Wollt ihr mich wieder bewusstlos schlagen?“ Was heißt denn hier WIEDER? Ich hab ihm die Beule wohl nicht verpasst!

„Entschuldigt, Sir, das war keine Absicht. Aber wenn ihr euch auch so ungünstig bewegt, dann kann das schon mal passieren!“ meckerte ich drauflos.

„Hütet eure Zunge oder ich vergesse mich!“ seine grauen Augen funkelten mich an, während er noch seine Wange hielt.

Ich fragte mich, wie lange dieses bissige Spielchen eigentlich noch weiter gehen sollte. Wie sagt man so schön? Bis einer weint! Ich war gespannt und wäre sogar bereit gewesen, Wetten abzuschließen.

„Verzeiht, Master Kenway. Kann ich euch sonst noch behilflich sein?“ fragte ich in meinem demütigsten Ton, den ich zustande brachte. Aber es kam prompt einfach pampig aus meinem Mund. Ich muss wirklich mal lernen... wollte ich wirklich Benehmen lernen, von einem Templer? Wohl kaum!

„Hatte ich nicht bereits erklärt, was ich wünsche?“ Achja, das hatte er.

Mit einem Knicks ging ich die Treppe hinunter und suchte diesen Kammerdiener. Ich fand ihn in der Küche vor, plaudernd mit den Küchenmädchen. Die, da Haytham ja nichts aß, auch keinerlei Aufgaben gerade hatten.

„Master Kenway schickt nach euch.“ sagte ich nur knapp und ließ mich auf einen Stuhl an dem kleinen Tisch fallen.

„Alexandra, ihr seht aus, als hättet ihr einen Sack Flöhe gehütet!“ meinte Mrs. Wallace grinsend.

„Glaubt mir, Sybill, das wäre einfacher gewesen! Kranke Männer sind aber auch immer so unangenehm und schwierig.“

„Ihr habt noch gar nichts gegessen, soll ich euch noch etwas Eintopf aufwärmen? Ich glaube, den könntet ihr jetzt gut vertragen!“ meinte die Küchenfee mit einem mitleidigen Ausdruck.

„Oh Mrs. Wallace, ihr seid ein Schatz. Gerne!“ erst jetzt merkte ich, dass mein Magen tatsächlich rumorte. Dankend nahm ich die heiße Schüssel Eintopf entgegen und schlang sie förmlich hinunter. Danach fühlte ich mich tatsächlich besser und ging so gestärkt wieder nach oben.

Oder besser, ich sah mich im unteren Bereich noch ein bisschen um. Im Eingangsbereich links und rechts waren je zwei Türen. Die linke schien zum Arbeitszimmer zu führen und die auf der rechten Seite zum Esszimmer. Ein großer dunkler Tisch stand in der Mitte und darum waren 12 Stühle ordentlich gereiht. Ich hegte die Hoffnung, dass nicht in meiner Zeit hier eine solche Delegation von 12 Gästen erscheinen möge.

Nach meinem kleinen Rundgang machte ich mich auf in die obere Etage und nach rechts zum Schlafzimmer des Großmeisters.

Vor der Tür blieb ich kurz stehen, denn ich wusste nicht so recht, ob ich einfach so eintreten sollte, ich hatte keine Ahnung, was gerade passierte. Sagen wir so, ich hoffte, Haytham sei schon wieder eingekleidet!

Ich klopfte und bekam prompt ein zickiges „Das wurde aber auch Zeit, wie lange muss man eigentlich auf euch warten?“ zurück.

Kapitel 40


Also trat ich ein. Der Diener war gerade dabei, die dreckige Wäsche vom Großmeister in einen Korb zu legen und war im Begriff, dass Zimmer zu verlassen. „Kann ich sonst noch etwas für euch tun, Master Kenway?“ fragte er so unglaublich eklig schleimig, dass mir schlecht wurde.

„Nein, Jones, das war alles für heute. Ihr könnt gehen! Morgen früh erwarte ich euch pünktlich um 8. Ich könnte eine Rasur vertragen!“ Da hatte er nicht Unrecht, er sah etwas ungepflegt im Gesicht aus. Trotzdem bewunderte ich ihn für seine disziplinierte Art!

„Sehr wohl, Master Kenway.“ er verbeugte sich und ging mit dem Korb unterm Arm.

Haytham sah ziemlich erschöpft aus und bat mich nur noch, die Kerzen zu löschen. Plötzlich hatte er einen seltsam ruhigen Ton angeschlagen. Vermutlich durch die Müdigkeit hervor gerufen. Also tat ich wie er wünschte. Und ging leise nach nebenan.

Aber leider dauerte es nicht lange und er hing wieder halb aus dem Bett und das Wasser bahnte sich einen Weg nach draußen. Dieses Prozedere ging noch einige Male so, bis der Großmeister einfach nur noch schlief und ich mich in mein Bett fallen lassen konnte.

Am nächsten Morgen machte ich mich für den Tag zurecht und wollte gerade in das Schlafzimmer, als auch schon der Kammerdiener in selbiges trat, um Kenway ein wenig von dieser Wildheit aus dem Gesicht zu nehmen. Er sah schrecklich aus, die Ränder unter seinen Augen waren so dunkel, als hätte man sie mit einem dicken Stift gezeichnet.

Der Tag verlief unglaublich ruhig. Er meckerte nicht, sondern schlief die meiste Zeit. Wenn er einmal wach war, dann bekam er etwas zu trinken. Und es wurde immer seltener, dass ihm übel wurde. Erleichterung machte sich in mir breit. Denn es schien aufwärts zu gehen.

Gegen Abend wurde noch einmal sein Kammerdiener Jones her zitiert, um Haytham beim frisch machen zu helfen. Wie gestern Abend schon, war der Diener so widerlich unterwürfig, dass man schon fast auf dieser Schleimspur ausrutschen konnte. Was erhoffte er sich? Mehr Gehalt, oder was?

Nachdem Jones gegangen war, stand ich jetzt etwas unschlüssig da. Denn... er hatte frische Sachen an und war wieder heile in seinem Bett. Essen wollte er nicht. Trinken konnte er alleine. Also, was jetzt?

„Was steht ihr eigentlich immer so unbeholfen herum? Habt ihr eure Arbeit, wegen der ihr hier seid, schon wieder vergessen?“ dieser verfluchte arrogante Tonfall. Ich vermisste den friedlichen Tag. Das konnte ja eine tolle Nacht werden. Und diese Kissen sahen so verlockend aus.... auf seinem Gesicht! Nicht daran denken!

„Verzeiht, Master Kenway, aber ich wüsste jetzt wirklich nicht, was ich noch tun sollte. Ihr erwartet ja wohl nicht, dass ich euch vorlese, oder?“ Ups, das war mir jetzt so raus gerutscht.

„Wenn ihr nicht endlich lernt, eure Ausdrucksweise mir gegenüber zu zügeln, ziehe ich hier andere Seiten auf!“ er erhob sich leicht und es sah schon so aus, als wolle er aufstehen!

„Dann solltet ihr mir vielleicht einfach sagen, WAS ich tun soll und WIE meine Ausdrucksweise sich bessern kann! Dann wäre uns beiden bestimmt am ehesten geholfen!“ fauchte ich jetzt zurück, denn ich wusste wirklich nicht, WAS ich tun sollte? Was erwartete er denn von mir? Die Füße massieren? Oder... oh nein... nicht das... (was denkt ihr Leser denn von mir!)

„Mrs. Masterson, es ist ganz einfach. Macht das, weswegen ihr hier seid. Und da ihr ja schon in anderen Haushalten gedient habt, sollte das für euch kein Problem darstellen, nehme ich an.“ Er wollte mich tatsächlich auf die Probe stellen.

Aber das konnte ich kontern „Das ist sicherlich richtig, aber ihr müsst zugeben, HIER darf ich mich keinen Meter von euch wegbewegen. Es gäbe sicherlich noch eine Menge Aufgaben, die zu erledigen sind. Aber die kann ich nicht machen, da ich hier bei euch in EUREM Schlafzimmer festsitze!“ mir wurde schwindelig, weil ich meine Atmung wieder beruhigen musste. Ich hoffte, ich war nicht zu weit gegangen.

Ha, Schachmatt. Haytham kaute unschlüssig auf der Unterlippe herum, er war zum ersten mal sprachlos. Was für ein Triumph!

„Man merkt eindeutig, dass euch so einige Manieren fehlen! Aber wir haben ja genug Zeit, bis Master Cormac wieder da ist. Die kann ich nutzen und euch zeigen und erklären, wie ihr euch mir gegenüber gefälligst zu verhalten habt!“ Ja, worauf wartest du dann noch? Fast hätte ich das laut gesagt.

„Wie ihr meint, Master Kenway. Wie wäre es dann mit einer ersten Lektion? Denn ich weiß immer noch nicht, was ihr jetzt von mir erwartet?“ das kam mal wieder schnippischer rüber als geplant.

Der Großmeister rollte mit den Augen und ich sah, dass er schwer schluckte und sich versuchte zu beruhigen. „Bringt mir einfach meine Bücher, Feder und Tinte!“

Genervt fragte ich „Und wo finde ich die Schreibutensilien?“ und setzte so noch einen drauf!

Kapitel 41


Aber mit dieser Reaktion hatte ich beim besten Willen NICHT gerechnet. Völlig ruhig sagte er nur „Ihr findet alles unten in meinem Arbeitszimmer! Mrs. Wallace wird es euch zeigen!“ erstaunt sah ich ihn an.

„Ist noch etwas? Soll ich euch vielleicht eine Wegbeschreibung mitgeben?“ jetzt konnte er sich selber ein Grinsen nicht verkneifen, ich mir aber auch nicht. Der Großmeister hatte ja doch Humor, wenn auch sehr sehr versteckt, aber... durchaus vorhanden, wenn man suchte!

Nur mit Mühe unterdrückte ich ein nervöses Kichern „Nein, Master Kenway. Es geht auch ohne!“ Mit Knicks und KEINEN knirschenden Zähnen, ging ich hinunter. Sybill war gerade unten im Eingangsbereich und versicherte sich, dass alle Fenster und Türen verschlossen waren.

„Ah gut, dass ich euch gleich gefunden habe! Master Kenway bat mich um seine Bücher und etwas zu Schreiben. Ihr sollt mir das Arbeitszimmer zeigen.“

„Oh, zu so später Stunde will er noch in seinem Zustand arbeiten? Das ist bestimmt nicht zuträglich für seine Gesundheit.“ sagte sie besorgt.

„Ausreden kann ich es ihm leider nicht. Aber ich versuche, dass er nicht allzu lange daran sitzt.“ Sybill zeigte mir das Zimmer. Es ging unten in der kleinen Halle links ab wie ich schon vermutet hatte und war sehr geräumig. Dunkle Vertäfelung an den Wänden, schwere Teppiche und Samtvorhänge in einem blassen Blau. Und jede Menge Regale mit Büchern.

Ich zündete mir einen dreiarmigen Kerzenleuchter an, denn es war schon ziemlich dunkel hier. Ich ging an den Büchern entlang und entdeckte tatsächlich hier und da auch für mich bekannte Ausgaben. Wie gerne würde ich jetzt einfach hier bleiben und anfangen zu lesen! Aber besser ich hielt mich hier nicht zu lange auf. Nicht, dass der Großmeister fast wieder einen Herzinfarkt erlitt.

Also ging ich hinüber zum Schreibtisch und fand das Tintenfass, Feder … aber wo waren denn die Bücher? Ich hatte gar nicht gefragt, was er damit meinte. Oh Mist. Mrs. Wallace war aber noch in der Nähe, also fragte ich bei ihr nach.

„Ah, er meint sicher seine persönlichen Tagebücher und dann noch das Geschäftsbuch. Die sind hier in der oberen Schublade des Tisches. Und sein Tagebuch müsste … Moment, es ist in DER Schublade.“

Erstaunlich, dass nichts verschlossen war. Ich hätte vermutet, dass alles verriegelt ist. Gerade wegen der Tagebücher. Ich nahm das obere davon und besah mir die anderen. Die Initialen HEK waren darauf geprägt und das Templerkreuz ebenfalls. Alle waren in dieses rote Leder gebunden. Sybill war schon wieder hinaus geeilt. Sollte ich? Sollte ich nicht? Bei Odin, meine Neugierde schien keine Grenzen zu kennen. Entschlossen schob ich mit Schwung die Schublade zu und ging hinauf.

„Bitte Master Kenway, ich hoffe, ich habe nichts vergessen!“ Ein Knicks und ich versuchte zu lächeln, aber ich hatte auf einmal das Gefühl, als könne er genau sehen, woran ich unten im Arbeitszimmer gedacht hatte!

„Ich hoffe, ihr konntet eure Neugierde stillen?“ dieser wissende Blick war so erschreckend, dass ich dunkelrot anlief. Dabei hatte ich gar nichts gemacht.

„Ich... Sir, ich habe keines der Tagebücher angerührt! Auch wenn ihr sie so unverschlossen in der Schublade liegen habt, es gehört sich nicht.“ erwiderte ich einfach ehrlich!

„Dann muss ich euch das wohl so glauben!“ Er sah mich immer noch an, aber es lag ein anderer Ausdruck auf seinem Gesicht, den ich nicht deuten konnte. Er war weder böse, noch arrogant... könnte man es neutral nennen?

Kapitel 42


Als ich auf dem Weg nach oben war, hatte mich Mrs. Wallace darum gebeten, zwei Hemden von Haytham zu flicken. Ich würde sie in dem Kleiderschrank auf der linken Seite finden und das Nähzeug gab sie mir gleich mit.

Und da Master Kenway ja jetzt zu tun hatte, ging ich hinüber ins Ankleidezimmer und holte mir die Hemden. Erstaunt sah er mich an: „Was habt ihr vor?“

„Was denkt ihr, Master Kenway? Ich gehe meiner Arbeit nach, so wie ihr es vermutlich auch angedacht hattet!“ erwiderte ich grinsend und setzte mich auf einen Stuhl neben dem Bett. So hatte ich ihn gut im Blick und Licht gab es auch genügend, denn Haytham konnte ja schlecht im Dunkeln schreiben.

So saßen wir tatsächlich eine Weile in trauter Zweisamkeit. Hin und wieder unterbrochen, von dem Wunsch etwas zu trinken. Aber es blieb ruhig zwischen uns.

Als ich die Hemden so in Arbeit hatte, konnte ich mir diese genauer ansehen und war erstaunt, wie gut das Ganze verarbeitet war. Ein fester Leinenstoff, die Nähte dicht und man hätte meinen können, Maschinen wären da am Werk gewesen. Diese Hemden mussten ein Vermögen gekostet haben!

„Mrs. Masterson, ihr seht gerade aus, als hättet ihr zum aller ersten Mal ein Männerhemd in Händen!“ kam es von Haytham mit einem amüsierten Unterton.

Ich räusperte mich: „Zumindest ist es eines, welches von sehr guter Qualität ist und so etwas habe ich tatsächlich so noch nie gesehen.“ Und das war noch nicht mal gelogen!

„Ich lege schon wert auf ordentliche saubere Kleidung.“ sagte er nicht ganz ohne Stolz.

„Das sieht man durchaus, Master Kenway. Wenn ich etwas fragen dürfte?“ Denn mir kam ein etwas absurder Gedanke.

„Ja, immer raus damit?“

„Euer Gehrock, der blaue, den ihr die Tage anhattet. Aus was für einem Material ist dieser gemacht? Er ist unglaublich schwer! Aber sehr gut verarbeitet. Ihr habt ihn sicher nicht hier anfertigen lassen?“ Es war mir durchaus ernst damit, denn es war als hätte man das Material der Assassinen-Ornate genommen.

„In der Tat, diesen habe ich im Ausland fertigen lassen. Genauer gesagt in Frankreich!“ Die Zeit dafür hatte er ja. Mit Reginald hatte er viel Zeit dort in dem Chateau verbracht.

„Die Franzosen verstehen ihr Handwerk, wenn es um das Ankleiden geht!“ sagte ich bewundernd. Denn die französische Mode war gerade im 18. Jahrhundert heiß begehrt.

„Das stimmt. Aber, wie kommt ihr darauf? Es ist eine etwas ungewöhnliche Frage!“

Ich lächelte nur, denn es war halt wirklich nur reine Neugierde, von meinem Verdacht und der Verbindung zu den Assassinen, sagte ich natürlich nichts. „Als ich ihn in eurem Ankleidezimmer weg hängen wollte, ist mir dieser schwere Stoff aufgefallen und es ließ mir irgendwie keine Ruhe! Verzeiht meine Neugierde!“ mit gesenktem Blick, widmete ich mich wieder dem Hemd.

„Eine etwas seltsame Frage, das stimmt.“ Ich konnte seinen Blick immer noch auf mir spüren und sah hoch.

Haytham hatte seine Hände auf dem Schoß gefaltet und musterte mich. Es war aber wie vorhin schon, neutral... Das nahm mir ein wenig von meiner Nervosität.

Gegen zehn Uhr, bat mich der Großmeister die Unterlagen auf seinen kleinen Schreibtisch hier im Schlafzimmer zu legen und die Kerzen zu löschen. Das war mir sehr recht, denn ich hatte mir jetzt schon einige Male ein Gähnen verkneifen müssen.

„Ich wünsche euch eine angenehme Nachtruhe. Und, wenn etwas ist, ich bin gleich nebenan!“ Ich knickste und lächelte ohne Zähneknirschen.

Und ich bekam einen freundlichen Gesichtsausdruck zurück!

 

Kapitel 43


Ich ging in mein Schlafquartier, schloss leise die Tür und lehnte mich kurz dagegen. Was für ein Tag. Aber der Abend war wenigstens nicht mehr ganz so schlimm gewesen.

Ich zog mich aus und mein Nachthemd an, öffnete aber eines der Fenster einen Spalt, denn es war sehr stickig in dem kleinen Raum. Putzte mir noch die Zähne und ich lag noch nicht ganz, als ich auch schon eingeschlafen war.

Aus dem Kissen stoben tausende kleiner Daunenfedern, ich konnte kaum etwas erkennen. Was hatte ich nur gemacht? Er lag mit blau angelaufenen Lippen da und starrte mit seinen widerlichen stechenden hellen Augen ins Nichts an mir vorbei.

Was hatte er mich auch so provozieren müssen? Hatte er nicht verstanden, dass ich NEIN gesagt hatte? Dass ich seine Avancen ablehnte und NICHT mit ihm gehen wollte? Schon gar nicht alleine.

Ich spürte seine Hände noch an meinem Ausschnitt, unter meinen Röcken. Seinen heißen Atem der mein Gesicht einhüllte und seine Lippen die einfach nicht aufhörten mich zu berühren! Ich hatte um mich geschlagen, ihn angefleht mich in Ruhe zu lassen.

Aber seine Hände waren so eklig gierig, seine Kleidung roch lange getragen, es war so widerlich. Und er war einfach zu weit gegangen.

Jetzt war es vorbei und ich stand über ihm mit einem leeren Kissenbezug!


Plötzlich wurde ich aus dem Nebenzimmer durch ein Poltern und einen Schmerzensschrei geweckt. Mit einem Satz war ich aus meinem Bett und rannte zu Haytham. Dieser war aufgestanden, warum auch immer, um an seinem Schreibtisch zu hantieren. War aber auf halbem Wege zusammen gesackt.

Ich kniete neben ihm und versuchte ihn wieder aufzurichten. Sein Blick war völlig glasig und er sah nicht gut aus. Also wartete ich mit ihm hier auf dem Boden, bis sich sein Atem wieder beruhigte und der Schwindel nachließ.

„Master Kenway, was macht ihr denn? Ihr sollt noch nicht alleine aufstehen. Soll ich lieber nach eurem Kammerdiener rufen? Ich werde euch leider nicht alleine stützen können.“ fragte ich besorgt, denn er hatte schon wieder diesen Schweißfilm auf dem Gesicht.

„Nein, es... geht gleich wieder. Ich hätte nicht aufstehen sollen, aber... es ging mir eigentlich gut.“ sagte er nur schwer atmend.

Es dauerte eine Weile, aber als sein Blick wieder klarer war, half ich ihm hoch und schob ihn schnurstracks zum Bett, bevor er wieder auf die Idee kam, auf Wanderschaft zu gehen. Schwer ließ er sich auf die Bettkante fallen und seufzte erleichtert.

„Danke, Mrs. Masterson! Könntet ihr mir bitte etwas Wasser geben. Meine Kehle ist wie ausgetrocknet.“ Er konnte also doch freundlich sein.

„Hier, Master Kenway. Aber bitte in kleinen Schlücken! Nicht dass euch wieder schlecht wird.“ ermahnte ich ihn.

So saß ich neben ihm auf dem Bett und wartete, bis er fertig war und nahm dann den Becher.

Erschöpft ließ er sich in die Kissen gleiten und ich deckte ihn noch zu. Ich konnte mir dann doch den bewundernden Blick auf seine durchtrainierten Oberschenkel nicht entgehen lassen, als sein Hemd etwas hochgerutscht war. Ich warf schnell die Decke darüber und drehte mich um.

Und ich errötete wie ein Teenager... wird das eigentlich auch irgendwann einmal aufhören?
 

 

Kapitel 44

Nachdem ich mich versichert hatte, dass Haytham schlief, ging ich wieder zu meinem Bett. Aber mir fiel es schwer, wieder in den Schlaf zu finden!

Mir saß dieser Traum von vorhin im Kopf fest. Warum träumte ich davon, dass ich Charles umbringe? Es wäre jetzt nicht so schlimm, meiner Meinung nach. Aber warum tauchte dieser Mensch immer wieder auf und wuselte durch meine Gedanken? Ich war keine Traumdeuterin, von daher, sagte mir das nichts. Vielleicht sollte ich mich bei meiner Heimkehr mal ein wenig damit auseinander setzen.

Als ich aber wieder etwas ruhiger wurde, hatte ich urplötzlich Bilder von durchtrainierten Oberschenkeln vor Augen. Na toll. DAS war jetzt auch nicht hilfreicher. Diese Zeitreisen brachten mich immer wieder aus dem Gleichgewicht, oder vielleicht lag es an den Menschen die ich persönlich kennen lernte?

Es dauerte nicht lange, dann hörte ich ihn würgen. Also, wieder aufstehen. Es dämmerte so langsam, deshalb machte ich mir gar nicht erst die Hoffnung, noch einmal einzuschlafen.

Haytham schlief relativ schnell wieder ein und ich saß auf der Bettkante und hätte gerne getauscht. Mir fielen die Augen einfach zu, aber ich hatte dann doch immer wieder leicht verstörende Bilder im Kopf. Wachbleiben, es ist schon fast hell!!!

Ein Räuspern ließ mich aufschrecken. Es kam aus Richtung hinter meinem Rücken. Ich blinzelte, befand aber, dass es noch zu früh ist und drehte mich um und sah mich dem Großmeister von Gesicht zu Gesicht wieder.

Hellwach plötzlich sprang ich auf und wäre fast noch hinten über gefallen. „Ach du heilige... ich... bei Odin... ich...!“ Mit hochrotem Kopf stürmte ich nach nebenan, schmiss die Tür zu und sank daran herunter! Bitte, man öffne sofort ein Loch im Boden in dem ich versinken konnte!

Von Haytham kam ein sehr unmännliches Gekicher und er versuchte autoritär zu klingen: „Mrs. Masterson, ihr habt eure Aufgaben wohl etwas zu wörtlich genommen! Aber ich fühle mich geschmeichelt!“ Oh … das war so peinlich.

Ich komme hier einfach nicht mehr raus, ich schließe mich hier ein! Eine wirklich gute Idee!

Um mich zu beruhigen, fing ich an, mich für den Tag fertig zu machen. In der Hoffnung, dass diese Routine mich runterfuhr. Es funktionierte tatsächlich etwas, aber nur ETWAS... Als ich fertig war, saß Haytham bereits auf der Bettkante und sein Kammerdiener war damit beschäftigt, ihm seine Rasur zu verabreichen. Ich schlich mich, so gut es eben ging, an ihnen vorbei und möglichst ohne Blickkontakt.

Unten in der Küche bat ich eines der Mädchen, mir einen Kaffee oder ähnliches zu geben. Es hätte auch gerne Whiskey sein können, eine Flasche Wodka täte es auch... Sybill bemerkte als erste, dass etwas nicht so ganz in Ordnung war. „Alex, was ist denn passiert? Ihr seht aus, als hätte man euch beim Nacktbaden erwischt!“ Sie hatte eine unglaublich gute Auffassungsgabe.

„Oh Mrs. Wallace, ihr glaubt gar nicht, wie recht ihr eigentlich habt. Ich war gestern so übermüdet, dass ich, nachdem ich Master Kenway noch mit seiner Übelkeit geholfen hatte, einfach neben ihm eingeschlafen bin. Oh... es ist so peinlich!!!“ Völlig fertig ließ ich meinen Kopf in meine Hände sinken. Das anwesende Personal sah mich erst nur fragend an und prustete dann aber gemeinschaftlich los. Aber nicht böse, sondern eher mitfühlend.

Sybill reichte mir meinen Becher mit Kaffee und eine Schüssel Porridge. „Jetzt esst erst einmal was und dann sehen wir weiter. Ich werde dann bei Master Kenway schauen, ob er noch etwas braucht und ihr wartet hier. Das kommt schon wieder in Ordnung!“ sagte sie mit einem lieben Klaps auf die Schultern.
 

Kapitel 45


Mein Magen wollte irgendwie nichts essen, aber ich zwang mir ein paar Löffel hinein. Als Mrs. Wallace wieder in der Küche erschien, gab sie Anweisung für ein leichtes Frühstück und Tee für Master Kenway. „Er wünscht, dass ihr es ihm bringt. Aber ich glaube, er ist nicht böse auf euch. Eher... amüsiert!“ Oh das war es ja, was mich am liebsten im Boden versinken lassen wollte.

Ich nahm das Tablett entgegen und ging gemächlichen Schrittes nach oben. Vor der Tür zögerte ich und atmete tief durch. Als ich eintrat, saß Haytham bereits rasiert und ordentlich ans Kopfende gelehnt in seinem Bett. Und sah mich an... und grinste.

Die Tasse und die Kanne auf dem Tablett fingen gefährlich an zu klirren und mir wurde schwindelig. „Ich … b...b...bringe euer Frühstück!“ Ich stellte es auf seinem Schoß ab und goss den Tee ein. Wenigstens so ruhig, dass ich nichts verschüttete. Aber ich vermied den Augenkontakt.

Mit gesenktem Kopf stand ich neben dem Bett und … wartete. Worauf jetzt eigentlich? „Wenn ihr sonst keine Wünsche habt, werde ich mich um die Wäsche kümmern von gestern Nacht!“ und wollte damit schon aus dem Zimmer.

„Ich habe noch etwas, setzt euch bitte.“ Haytham deutete auf die Bettkante. Ich nahm weit weg von ihm am Fußende Platz und betrachtete den Teppichboden. Schönes Muster übrigens, muss man sagen! War mir vorher nicht aufgefallen!

„Mrs. Masterson, was um alles in der Welt macht ihr euch Sorgen? Ihr seid völlig erschöpft eingeschlafen. Das kann passieren und ich bin euch weiß Gott nicht böse. Ich war nur ein wenig erschrocken, als ich nicht alleine hier wach geworden bin.“ Jetzt sah ich ihn doch an und in seinen Augen lag keine Neutralität sondern … so etwas wie Aufmerksamkeit, eine freundliche Aufmerksamkeit.

„Master Kenway, es ist mir dennoch unangenehm. So etwas ist mir noch nie passiert! Und es hätte nicht passieren dürfen!“ Naja, es ist mir sehr wohl schon einmal passiert, als ich nämlich neben deinem Vater unbeabsichtigt wach wurde.

„Es ist aber nun einmal passiert. Und … ich verspreche euch, sollte es noch einmal geschehen, werde ich euch postwendend aus meinem Bett werfen!“ ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Einverstanden?“ Ja, seinen etwas eigenartigen Humor konnte man liebgewinnen!

Ich lächelte dankbar zurück: „Ja, damit bin ich einverstanden!“

„Es wäre aber schön, wenn ihr mir Gesellschaft leistet. Ich langweile mich hier sonst noch zu Tode.“

„Wenn ihr wollt, werde ich nach Doktor Ambrosch schicken lassen und er könnte euch noch einmal untersuchen. Vielleicht wäre es ja möglich, dass ihr das Bett doch schon eher verlassen könnt? Ihr scheint ja wenigstens wieder Appetit zu haben, das ist immer ein gutes Zeichen!“ Voller Hoffnung, dass das hier bald alles wieder vorbei ist, sah ich ihn an.

„Das solltet ihr tun. Wenn ich fertig bin!“ Also saß ich einfach noch mit auf dem Bett und Haytham stellte völlig unverfängliche Fragen, über meinen Sohn oder wie mein Mann verstorben sei. Wo ich herkam. Es war tatsächlich entspannend, ein Gespräch, bei dem ich nicht auf meine Wortwahl achten musste, denn es war mir möglich, völlig neutral zu antworten.

Als er aufgegessen hatte, nahm ich das Tablett und brachte es wieder in die Küche. Voller Erwartung sah mich das Küchenpersonal an: „Und? Was hat er gesagt? Er kann ja richtig fies werden, wenn etwas nicht so läuft, wie er es gerne hätte! Aber er hat doch nicht... also euch... er...“

Was hätte er tun... ohhhh... Master Kenway schien ebenfalls einen gewissen Ruf zu haben. Gut zu wissen!

Kapitel 46


Gerade als ich wieder nach oben gehen wollte, kam ein Bote mit einer Nachricht. Es sei dringend und Master Kenway solle sofort antworten! Also überbrachte ich den Brief und wartete, bis der Großmeister die Antwort fertig hatte.

Haythams Blick verfinsterte sich, gab aber sonst nichts preis. „Reicht mir bitte Papier, Feder und Tinte!“ Als er seine Antwort verfasst hatte, bat er mich noch um das Siegelwachs und seinen Ring, der auf dem Nachttisch lag. Ich hatte ihn gar nicht bemerkt, es war nicht der Templerring, sondern ein Ring mit den Initialen HEK! Haytham Edward Kenway. Ein wirklich schöner goldener Ring und erinnerte mich an den, den Edward hatte für sich anfertigen lassen hatte, aber eben mit EJK, logisch! „Mrs. Masterson, ich warte!“ Mit einem Räuspern, reichte ich ihm den Ring.

Ich eilte die Treppe hinunter und gab dem Boten die Antwort. Dieser stand da und wartete mit ausgestreckter Hand. „Schert euch fort, ich habe gerade kein Geld bei mir!“ Missmutig eilte der Junge wieder von dannen.

Meine Gedanken kreisten auf einmal wieder um Edward, um die Jackdaw. Und mir wurde das Herz schwer. Wie ging es jetzt Yannick? Wann konnte ich wieder nach Hause? Und... da fiel mir ein anderes Detail ein. Als ich heute morgen direkt neben Haytham erwachte, sah ich diesen Anhänger an seinem Hals und er leuchtete sanft. Ein Vorläuferartefakt, wenn ich mich recht erinnerte. Wir wussten, dass er auf der Suche nach einem Tempel der Vorläufer von Reginald in die Kolonien geschickt worden war. Dieses Amulett musste also genau das sein, welches er Miko in der Londoner Oper abgenommen hatte.

Konnte ich es irgendwie wagen, ihn darauf anzusprechen? Wenn ich auf unwissend machte, könnte es klappen. Aber … nein, das Risiko, dass er schon mehr über mich wusste und ich mich dadurch nur verraten würde, war zu hoch. Also beließ ich es vorerst lieber bei... einer Stelle als Dienerin und Pflegerin.

Gleichzeitig ließ ich nach dem Arzt schicken. Denn es wäre durchaus im machbaren, dass der Großmeister das Bett verlassen durfte.

Bis zu seiner Ankunft, wartete ich oben bei Haytham. „Master Kenway, ich hoffe, es waren keine schlechten Neuigkeiten, die ihr schon so früh am morgen erhalten habt?“ Ich tat unwissend in der Hoffnung, ich bekäme eine ehrliche Antwort.

Aus seinen Gedanken gerissen, sah er mich an: „Nein, nein ganz und gar nicht. Eigentlich sogar positiv. Aber ich muss erst noch einiges überprüfen, bevor ich sicher sein kann.“ Das klang nicht sehr überzeugend.

„Ah... kann ich jetzt noch etwas für euch tun? Braucht ihr noch etwas, oder soll ich bis Doktor Ambrosch erscheint mit euch noch hier warten?“ Ich versuchte so neutral wie nur irgend möglich zu klingen.

„Das wäre nett. Es ist wirklich nicht meine Art, so lange das Bett zu hüten. Untätigkeit liegt mir nicht!“

„Das kenne ich selber auch, Master Kenway, als Mutter ist man so etwas nicht gewohnt. Da ist man auch immer auf den Beinen und Kranksein ist ein Fremdwort!“ Ich lächelte ihn an.

„Man merkt, dass ihr wisst wovon ihr sprecht. Und euer Sohn kann sich glücklich schätzen eine solche Mutter zu haben! Und... wenn ich das so sagen darf, ich profitiere gerade von eurer Erfahrung.“

Mir schwirrte der Kopf und ich wusste nicht mehr was ich machen sollte. SO hatte ich ihn noch nie erlebt und würde ihn wahrscheinlich auch nicht noch einmal so sehen.

Verdammt, was tat ich hier eigentlich?

Kapitel 47

In diesen doch sehr zerbrechlichen Moment platzte Doktor Ambrosch. „Master Kenway, es ist schön, euch wieder so munter zu sehen. Wie fühlt ihr euch heute morgen?“ Ich zog mich dezent zurück und beobachtete das Ganze.

Haytham seinerseits ließ mich nicht mehr aus den Augen. Er ließ sich untersuchen und beantwortete die Fragen des Arztes. Aber behielt mich im Blick. Und wieder: WAS TAT ICH HIER?

Ich belog ihn nach Strich und Faden. Haytham ist schon mit einer riesigen Lüge aufgewachsen! Und auch später hatte man ihm so einige Details einfach verschwiegen. Sollte ich ihn jetzt auch noch weiter enttäuschen?

Aber wenn ich jetzt mein paranoides Ich herauslassen würde, dann würde es mir flüstern: Naja, vielleicht baut er ja GENAU darauf! ER wartet vielleicht genau auf diesen Moment, in dem DU schwach wirst und ihm das erzählst, was er eh schon ahnt?

Ich schüttelte meinen Kopf wie ein nasser Hund! Solche Gedanken würden mich nicht weiter bringen. Höre auf deinen Bauch, nicht auf dein Herz hieß es immer. Lass Gefühle nicht die Oberhand gewinnen und bleibe vorsichtig und immer ein Stückweit misstrauisch.

Das fiel mir gerade schwer, sehr sogar. Hatte Haytham wirklich auf diese Nähe gehofft, die mich schwach werden lässt und er zuschlagen kann? Ist er wirklich so ein abgebrühter kalter Mensch geworden? Und was mich am meisten nervte, war... ich konnte mit niemandem darüber reden.

Und wieder versetzte es mir einen Stich. Und ich kam zu dem Schluss, dass Haytham es tatsächlich so geplant haben muss. Er nimmt mir meinen letzten Halt in dieser Welt, meinen Sohn, und ich bin ihm gegenüber verpflichtet mit der Pflege. Ich kann nirgends hin und habe niemanden sonst. Was die Herren ja nicht wissen ist, dass ich noch ein paar Crewmitglieder hier habe. Aber das nützt mir nichts, denn ich kann keine Nachrichten überbringen lassen. Verdammt. Ich hätte dem Boten vorhin etwas zustecken können. Wäre ich nur höflicher gewesen und spendabel!

Als Doktor Ambrosch gegangen war und Haytham die Erlaubnis hatte, das Bett zu verlassen, tat mein Herz einen kleinen Satz. Wenigstens war die Pflege somit vorbei, naja fast. Es bestand zumindest kein Bedarf mehr, dass ich direkt neben seinem Schlafzimmer blieb.

„Das freut mich Master Kenway. Ich wusste doch, ihr kommt schnell wieder auf die Beine. Aber ein wenig schonen sollte ihr euch noch, bis ihr wieder ganz bei Kräften seid!“ verkündete ich in einem möglichst neutralem Ton.

„Mrs. Masterson, auf der einen Seite freut es mich ebenso, denn ich hasse es, nichts tun zu können. Auf der anderen Seite werde ich eure Pflege vermissen.“ Ein schiefes Grinsen spielte um seinen Mund.

Und ich wäre so gerne weggelaufen! Meine Gefühle liefen Amok. Bei Odin, was war denn los? Lag es an dem Jahrhundert? An den nicht vorhandenen Umwelteinflüssen? Es konnte doch nicht sein, dass ich schon wieder so versank und verloren war... Das hatten wir schon einmal und es war über 10 Jahre her...

Und ich sollte bedenken, Haytham war der Erzfeind schlechthin! Das ließ sich schlecht ignorieren. Das durfte einfach nicht sein. Aber mir kam die morgendliche Besprechung in der Küche in den Sinn. Einen gewissen Ruf bei Frauen hatte Master Kenway... aber musste es ausgerechnet bei MIR sein?

„Master Kenway, ich bin ebenso untröstlich. Aber versteht mich nicht falsch. Ich würde gerne meine Weiterreise planen und endlich ein normales Leben führen dürfen!“

„Nichts leichter als das!“ War das einzige, was er sagte!

 

Kapitel 48

„Wie... wie meint ihr das?“

„So wie ich es sagte. Wenn wir alles geklärt haben, steht es euch frei, zu gehen und euer Leben einzurichten. Aber solange wie wir hier noch nicht fertig sind, werdet ihr mir weiter unterstellt bleiben! In meiner Nähe!“

Die Freundlichkeit wich aus seinem Blick und machte wieder dem üblichen Ausdruck Platz! Ich musste mich zusammen reißen, um ihm nicht an die Kehle zu gehen. Es war wie mein paranoides Ich es vermutete, ein abgekartetes Spiel! Und ich machte mir doch tatsächlich Gedanken um SEINE Gefühle!

In den nächsten Tagen passierte nichts weiter spannendes. Ich verbrachte meine Zeit immer in Kenways Nähe. Ehrlich gesagt, wusste ich vor lauter Langeweile nichts mit mir anzufangen, also fingt ich an, mein Tagebuch auf den neuesten Stand zu bringen. Er ließ mich nicht aus den Augen und auch Charles war immer mal wieder zugegen. Meinen Schlafplatz hatte ich immer noch im Ankleidezimmer.

Der Vormittag des dritten Tages startete auch wie gewohnt mit Wecken des Großmeister und dann der übliche Trott. Denn, WAS sollte ich groß machen? Aber es erschien eine nette Abwechslung und zwar in Form von Shays Frau, Faith! Was hatte sie denn mit Haytham eigentlich zu schaffen? Außer, dass ihr Mann ihm unterstellt war? Also bat man mich, für Erfrischungen zu sorgen und zitierte mich prompt mit ins Arbeitszimmer.

Ich verstand zwar nicht, warum ich dabei bleiben sollte, aber tat, wie man mir auftrug. Anscheinend war es wohl nur ein Höflichkeitsbesuch und nichts vertrauliches. Also blieb ich dort und stand hinter Haytham, der sich an seinen Schreibtisch gesetzt hatte. Faith setzte sich nicht, sondern sah von mir zum Großmeister. „Was wird das hier eigentlich? Kannst du mir das bitte erklären? Shay hatte schon solche Andeutungen gemacht und meinte, genaueres könntest du mir mitteilen. Also, ich warte!“ Sie war mir sofort sympathisch, so wie sie sich vor ihm aufbaute mit den verschränkten Armen vor der Brust.

Ein verstohlener Blick von Kenway in meine Richtung und er sah wieder zu Faith. „Wir haben hier leichte Differenzen mit der Arbeitsweise meiner neuen Hausangestellten. Nichts, was dich etwas angehen würde. Das werde ich schon selber klären!“ kam es etwas ungehalten von ihm.

„Differenzen? Was denn für welche? Hat Mrs. Masterson dein Bett falsch bezogen? Du kannst doch nicht jemanden einfach so festsetzen, mit der lapidaren Begründung, es gäbe Differenzen.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie auf ihn herab.

„Ich bin dir gegenüber keine Rechenschaft schuldig, Faith. Vergiss das nicht! Aber es gibt Ungereimtheiten, die ich erst geklärt haben will, bevor ich Alexandra machen lassen kann, wonach ihr der Sinn steht.“ Also, ich stehe auch hier im Raum und man kann auch mit mir reden und nicht so tun, als sei ich Luft!

„Verzeiht, Master Kenway, aber ich stehe direkt neben euch.“ rutschte es mir dann doch raus.

Ich handelte mir einen bösen Blick von Haytham ein und ein Grinsen von Faith. Diese brachte jetzt auch endlich mal eine Erklärung, wenn auch mehr als dürftig, WER sie denn ist und in welcher Beziehung sie zum Großmeister steht. „Haytham, dein Verhalten erinnert mich an damals, als wir noch Kinder waren. Es musste immer erst alles genauestens geklärt sein, bevor du auch nur ein kleines Stück nachgegeben hast. Diese Sturheit ist ja nicht auszuhalten. Und dann nimmt Shay den Jungen auch noch mit auf die Morrigan, was ich auch nicht verstehe. Du kannst doch einer Mutter nicht das Kind, auch wenn es schon älter ist, wegnehmen, in dem Glauben, dass sie dann genau das tut, was DU sagst. Glaub mir, ich bin selber Mutter und weiß, dass DAS ganz bestimmt nicht hilft!“

„Faith, bitte. Du kennst nicht die ganze Geschichte. Ich muss leider davon ausgehen, dass ...“ er warf mir wieder diesen wissenden Blick zu. „... sie den Orden ausspionieren will!“ Das wurde ja immer besser! Die Herren glaubten ich sei eine Spionin? Bei Odin, jetzt verstand ich erst, warum mich alle im Auge behalten sollten. Es ging nicht einzig um das Schiff, sondern um meine Herkunft und Zugehörigkeit. DIE konnte ich schlecht leugnen. Aber kundtun konnte ich sie auch nicht. NOCH nicht.

Also meldete ich mich wieder zu Wort: „Master Kenway, ihr glaubt ich würde euch ausspionieren wollen? Das ist ein absolut absurder Gedanke!“ Jetzt hatte ich seine Aufmerksamkeit. „Dann kann ich jetzt mit einer Erklärung eurer Seits rechnen, Mrs. Masterson?“ kam es in einem kalten Ton.

„Ich wüsste nicht, WAS ich euch sagen soll. Nur, dass ich ganz bestimmt keine Spionin bin und mich hat auch niemand geschickt!“ Das war sogar die Wahrheit! Fast hätte ich noch meine Assassinen-Zugehörigkeit verraten. Dann wäre hier vermutlich die Hölle los.

Trotzdem wusste ich jetzt immer noch nicht, warum Shays Frau einen Ornat trug, wenn sie doch mit den Templern arbeitete. Anvertrauen wollte ich mich ihr vorerst nicht, denn ich wusste nicht, wem ich hier trauen kann. Herr Gott, ich wurde ja schon so paranoid wie Haytham.

Was mich außerdem noch stutzen ließ, war der Satz In unserer Kindheit … Soweit ich wusste, wuchs Haytham bei Reginald auf und reiste mit ihm durch die Lande. Also musste es noch eine andere Gemeinsamkeit geben. Das wurde immer verworrener hier und ich hoffte, dass ich Gelegenheit bekomme, diese Wirren aufzulösen.
 

 

Kapitel 49


Jetzt meldete sich Faith wieder zu Wort. „Mrs. Masterson, aber warum seid ihr dann hier?“ Es tat mir weh, sie jetzt auch erst einmal belügen zu müssen, aber es ging noch nicht anders.

„Miss Cormac, ich bin einzig und allein hier gelandet, weil ich eine Anstellung brauchte. Damit ich Geld verdiene kann und um meine Weiterreise finanzieren zu können, da man mich hier einfach mit meinem Sohn mittellos abgesetzt hatte. Ich gehe davon aus, dass euch euer Mann das auch schon erklärt hat.“ In der Hoffnung, dass wenigstens sie mir ein klein wenig wohlgesonnener ist als Haytham gerade, sah ich sie freundlich lächelnd an.

„Ja, er hat mir davon erzählt. Wisst ihr, ich war erst gar nicht begeistert, dass ein neues Zimmermädchen ins Haus kam, ohne dass ich anwesend bin. Denn... ihr müsst wissen, das letzte hatte sich zu SEHR um meinen Mann gesorgt! Wenn ihr wisst, was ich meine? Und das konnte ich nicht zulassen!“ Aha, deswegen musste das Mädchen so überstürzt kündigen! Dann war Shay wirklich ein treuer Ehemann, das spricht für ihn.

„Das ist natürlich verständlich, dass ein solches Verhalten nicht toleriert wird. Aber ich versichere euch, ich habe lediglich meine Arbeiten verrichtet und mehr nicht. Auch wenn diese Tätigkeiten derzeit sehr eingeschränkt sind, da Master Kenway ja immer daneben steht!“ Ich konnte nicht anders, aber das musste ich jetzt einfach loswerden. Einen Seitenhieb sollte der Großmeister noch bekommen, damit er wusste, woran er bei mir ist!

Für diesen Satz fing ich mir einen vernichtenden Blick von Haytham ein, der sich erhob und sich drohend vor mir aufbaute. Hinter ihm hörte ich, wie Faith sich räusperte.

„Haytham, was soll das jetzt? Die Gehirnerschütterung scheint dir nicht gut bekommen zu sein. Sie hat doch nur dem zugestimmt, was ich sagte und sie hat ja recht! Viel machen kann sie sicherlich nicht, wenn du sie immer im Auge behalten willst. Vermutlich stehst du auch noch immer Weg!“ Ihr Ton war amüsiert und ich konnte mir auch ein Grinsen nicht verkneifen.

Aber anständig wie ich bin, senkte ich meinen Blick. Denn Augenkontakt mit dem Großmeister wollte ich gerade nicht, ich konnte seine grauen Augen förmlich auf mir spüren. Resigniert seufzte er nur und drehte sich zu Faith um. „Wenn du das so siehst, bitte. Aber es ist mein Haushalt und ich werde hier die Entscheidungen treffen. Wenn ich einen Rat brauche, dann werde ich dich das wissen lassen!“ Man könnte wirklich meinen, die beiden seien echte blutsverwandte Geschwister.

„Wenn sonst nichts mehr zu besprechen ist, Faith?“ versuchte er das ganze Thema jetzt abzuwürgen.

„Nein, ich denke vorerst ist alles gesagt. Aber denk noch einmal genauer nach, bevor du deine Entscheidungen triffst!“ Sie sah mich ein wenig mitfühlend an und verabschiedete sich dann.

Das war ein doch sehr interessantes Gespräch und ich hatte mal wieder ein Stück mehr über Haythams Leben erfahren!

Am fünften Abend war ich schon vor Haytham in seinem Zimmer um den Kamin anzufeuern. Ich öffnete aus Gewohnheit die Fenster kurz, um noch einmal frische Luft hinein zulassen. Da hörte ich von unten ein leises Pfeifen. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass niemand hier rauf unterwegs war, beugte ich mich hinaus und sah einen Mann aus meiner Crew. Er gestikulierte, dass er etwas irgendwo versteckt hätte. Gekritzel... Papier... Stein... hinter dem Haus... Garten... ! Dann sollte ich mich darum kümmern. Aber erst, wenn Mr. Ich-habe-die-Aufsicht-hier schlief. Und das konnte durchaus dauern.

Gegen elf Uhr nachts machte sich der Großmeister bettfertig und teilte mir mit, dass er mich nicht mehr benötigte. Wofür auch? Es ging ihm wieder bestens und innerlich rollte ich nur mit den Augen!

Als ich ein gleichmäßiges Atmen hörte, schlich ich mich vorsichtig aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und in den Hinterhof. Dort lag tatsächlich ein Findling, unter diesem fand ich einen kleinen Zettel mit der Aufschrift: „Wir haben den Vogel in Sicherheit gebracht. Mach dir keine Sorgen. Die Tierfänger werden ihn nicht bekommen!“ Gut umschrieben!
 

Warnung!

Ich möchte euch vorweg warnen. Dieses Kapitel und das nächste beinhaltet entschärfte sexualisierte Gewalt. Es wird nicht ausführlich thematisiert oder ähnliches. Aber die Andeutung und versuchte Handlung ist da.

Wer also damit ein Problem hat und damit nicht umgehen kann und möchte, sollte diese Kapitel bitte überspringen!

LG Chaoshexe



Kapitel 50

Gerade als ich wieder zurück ins Haus wollte, packten mich zwei Hände an der Schulter und rissen mich herum! Im fahlen Mondlicht sah ich in diese blassen Augen, die mich gierig und wissend ansahen. „Mrs. Masterson, was macht ihr zu so später Stunde noch hier draußen? Solltet ihr nicht in der Nähe von Master Kenway sein, so wie er es befohlen hat?“ Bei jedem Wort schob er mich weiter an die Wand des Hauses und sein Griff wurde immer fester um meine Schultern.

„Master Lee, und was macht IHR hier zu so später Stunde?“ fragte ich um Ruhe bemüht. „Ich musste nur... ich... hatte ein dringendes Bedürfnis!“ ich versuchte, verlegen zu klingen. Aber mit zitternder Stimme war das nicht so leicht. Zumal ich auch nur mein Nachthemd, einen Morgenrock und meine Hausschuhe trug. Es war kalt nachts um diese Jahreszeit und ich zitterte alleine deswegen schon.

„Ihr friert ja, ihr solltet schnell gewärmt werden, damit ihr euch nicht noch erkältet und ihr euren Dienst bei Master Kenway nicht mehr ausüben könnt!“ Sein Blick wurde lüstern und er leckte sich über die Lippen. Oh bitte...

In einer Geschwindigkeit, die ich ihm nicht zugetraut hätte, hatte er mir die Arme auf den Rücken gedreht und zerrte mich in die Küche, aus der ich vorhin noch gekommen war. Ohne Umschweife drückte er mich bäuchlings über den vor uns stehenden Tisch und schob mein Nachthemd und meinen Morgenrock über meine Oberschenkel. Danach nestelte er an seiner Hose herum und ich konnte seine stoßweise Atmung hören... Vor Schmerzen stöhnte ich laut auf und fing an, ihn anzuflehen, aufzuhören... Ich wurde immer lauter, denn es war mir herzlich egal, WER mich jetzt noch hörte. Ich war wehrlos. Ich hatte keine Waffen, ich war nicht vorbereitet und mein Gehirn war einfach nur in Alarmbereitschaft!

Ich schrie nach Haytham!

„Haltet euren Mund, oder ich reiße euch die Zunge heraus. Ihr glaubt immer noch, ihr hättet hier die Oberhand, aber dem ist schon lange nicht mehr so.“ Sein Atem roch nach Ale und … einfach Alkohol. Ich konnte ihn hinter mir spüren, wie er versuchte an Standhaftigkeit zu gewinnen, was ihm aber nicht gelang.

Und ich schrie noch einmal, so laut wie ich konnte nach Haytham. Es war mir egal, ob es sein Vorname war, ob es höflich war oder sonst etwas... ich brauchte Hilfe!

Ich spürte nur einen Ruck hinter mir und Charles flog auf den Boden. Meine Arme waren wieder frei und ich versuchte mich aufzurichten. Atemlos und beschämt zog ich meine Kleider wieder herunter. Haytham stand über Lee gebeugt da und fauchte ihn an, so etwas nie wieder zu tun. Und sie würden sich morgen noch darüber unterhalten und... Konsequenzen und und und … ich bekam das alles nicht mehr so mit. Ich sackte auf der Bank am Tisch zusammen und sah nur auf meine Hände.

Zwei Arme nahmen mich auf und brachten mich die Treppe hinauf. Sie brachten mich in ein Bett. Und ich lag selig in den Laken. Mein Gehirn zermarterte sich gerade, um heraus zu finden, WAS da passiert war.

Die Arme legten sich um mich und hielten mich fest. Einfach nur so. Sie flüsterten mir einfach nur „Sicherheit“ zu. Und ich versank in dieser Sicherheit und vergaß, warum ich diese brauchte.

Ein tiefer traumloser Schlaf folgte und ich erwachte immer noch in diesen Armen. Erst als ich mich regte, bewegten sich auch die Arme... es war Haytham, der mich ansah, als ich mich umdrehte. Oh, nicht schon wieder. War ich wieder...

In mir stieg schon wieder Schamgefühl und Panik auf... ich zuckte zurück. Aber Haytham hielt mich fest. „Hey, nein... es ist alles in Ordnung!“ Seine Stimme hatte einen sehr ungewohnten ruhigen Ton und ich entspannte mich ein wenig.

„Könntet ihr mich... trotzdem bitte loslassen, Master Kenway? Bei allem Respekt, ich...“ Das war alles, was ich über die Lippen brachte und brach in Tränen aus. Ich konnte nicht anders. Es war Scham, es war Wut...

Er ließ mich frei und setzte sich auf. Aber behielt mich im Blick. „Mrs. Masterson, es tut mir leid, dass euch... so etwas in meinem Haus passiert ist!“ In seinen Augen und seiner Stimme lag echtes Bedauern!

Ich zog meine Beine unter mich und vergrub mein Gesicht in meinen Knien. Wie konnte mir nur so etwas passieren. Wie unaufmerksam bin ich geworden? Und dann fiel mir ein, weswegen ich dort draußen gewesen bin. Ich war dabei, die Templer zu hintergehen, gleichzeitig fühlte sich jetzt einer schuldig mir gegenüber. Es war zum Verrückt werden.

„Master Kenway es ist nicht eure Schuld, es ist einzig und allein Master Lee, der dafür verantwortlich ist. Er ist derjenige der sich nicht unter Kontrolle hatte. Und ich hätte vielleicht auch einfach vorsichtiger sein müssen. So spät noch alleine nach draußen...“ Haytham sah mich nur an.

„Das gibt ihm aber keinen Grund, Hand an euch zu legen! Ich dulde so eine Art und Weise einfach nicht!“

„Ich würde mich jetzt gerne zurück ziehen, mit eurer Erlaubnis!“ Allein sein, mehr wollte ich nicht!

Er nickte nur und sah mich bedauernd an. „Wenn ihr etwas benötigt, lasst es mich wissen!“

Mit diesen Worten ging ich hinüber zu meinem Zimmer und verkroch mich in den Laken.

 

Kapitel 51

Es dauerte einige Stunden, bis ich mich wieder aus meiner Komfortzone wagte. Nie hatte ich es für möglich gehalten, so ein Gefühl zu entwickeln zu können. Ich war nicht SCHULD, aber ich fühlte mich so. Ich fühlte mich beschämt, obwohl ich nichts falsch gemacht hatte. Das war einfach nicht fair.

Vorsichtig wagte ich einen Blick in das Schlafzimmer des Großmeisters, aber er war bereits aufgestanden und … vermutlich auch schon wieder beschäftigt. Wollte ich ihn wirklich sehen? Wollte ich überhaupt irgend jemanden sehen?

Mechanisch machte ich mich für den Tag fertig, wie programmiert, zog ich mich an und verließ die Gemächer von Haytham.

Oben an der Treppe stehend konnte ich unten Charles sehen, wie er mit Master Kenway diskutierte. Er versuchte sich ernsthaft zu rechtfertigen? Was war falsch mit ihm? Langsam schritt ich die Treppe herunter, ich hatte ihn immer im Blick. Und ich hatte mein altbewährtes Stiefelmesser gezogen! Warum oder WANN ich das getan habe, weiß ich nicht, aber ich spürte es als eine Art Schutz und Sicherheit in meiner rechten Hand. Versteckt …

Plötzlich schwenkte sein Blick auf mich, die Treppe hinauf! Und Panik breitete sich auf seinem Gesicht aus! Ja, genauso wollte ich das!! Ich wollte, dass er Angst bekam!! Ich wollte ihn am liebsten genau das spüren lassen, was ich fühlte! Ich ging immer langsamer auf ihn zu... Niemand hielt mich auf. Warum auch, jeder dachte, ich sei harmlos! Aber das ich auch anders konnte, ahnte ja niemand. Und jetzt war der Zeitpunkt, das zu demonstrieren! Lee war das erste Opfer! Mit einem kleinen Sprint sprang ich ihn an und warf ihn zu Boden! Sein überraschter Aufschrei und dieser Blick dazu waren einfach unbezahlbar.

Mein Messer war an seiner Kehle... ich musste nur einmal daran entlang fahren und ein ganz kleines bisschen Druck ausüben! Dann wäre alles vorbei... Mein Gehirn malte Bilder, in denen ich Charles unter mir verbluten sah!

Zwei Hände rissen mich heftig hoch und eine Stimme gebot mir Einhalt! Ein kleiner Schnitt am Hals ließ eine seichte Blutlinie an Master Lees Hals herunterlaufen.

Wie in Trance wurde ich irgendwie in die Küche gebracht. Aber ich war doch noch gar nicht fertig mit diesem Mann? Er hatte noch nicht seine verdiente Strafe bekommen!

Erst als ich Mrs. Wallace Stimme hörte, erwachte ich wieder. „Alex, es tut mir so leid. Was hat euch dieser Mann nur angetan? Ich habe erst heute morgen davon erfahren. Wir können Gott danken, dass euch nichts Schlimmeres widerfahren ist!“

„Gott hat damit nichts zu tun! Es war Haytham, der mich beschützt hat! Sonst war ja niemand da...!!“ Ich schlug mit meinen flachen Händen auf den Tisch! Diese Mischung aus allen Gefühlen, war einfach überwältigend und ich hoffte und wünschte mir, dass NIEMAND so etwas erleben muss!!!

„Sybill, ich brauche etwas stärkeres als Tee! Und... ich nehme mir einen Tag frei... ist mir egal ob Master Kenway einverstanden ist oder nicht!“

„Mrs. Masterson, ich weiß immer noch nicht was ich sagen soll!“... klang Haythams Stimme hinter mir. „Was kann ich tun...“

„Ihr könnt gar nichts tun. Es ist schlicht und ergreifend, MEIN Problem. Und ich werde bei nächster Gelegenheit abreisen! Ich will niemanden mehr sehen! Ich hätte nie hierher kommen sollen! Und...“

Seine Hand legte sich auf meine Schulter: „Mrs. Masterson, ich bitte euch. Trefft keine übereilten Entscheidungen. Wir werden eine Lösung finden! Charles allerdings angreifen, war auch nicht unbedingt eine gute Idee von euch.“

Jetzt kochte es in mir über! Er ermahnte MICH? Er nahm dieses Schwein wirklich in Schutz? „Was zur Hölle soll ich denn machen? Ich will nach Hause! IHR haltet mich hier fest! Und das nur aufgrund eines Verdachtes!!! WAS WOLLT IHR???“ schrie ich ihn jetzt an.

Ich wusste ja, was Haytham wollte, er wollte Gewissheit... und ich log, das sich die Balken bogen. Aber kümmerte mich das? Gerade JETZT nicht wirklich!

Es war mir einerlei... Nein, war es nicht um ehrlich zu sein. Haytham machte sich ernste Sorgen. Es war kein oberflächliches Dahingerede... Die Vorwürfe die er sich machte, gingen tiefer. Er überdachte seine Entscheidungen bezüglich der Mitglieder im Orden. Ich hatte davon in seinen Tagebücher gelesen! Aber ich wusste ja nicht, WARUM Haytham so zweifelte. Aber der Vorfall bestärkte ihn anscheinend weiter in seinen Zweifeln.

Mir wurde mehr und mehr bewusst, dass er immer und immer wieder belogen und betrogen wurde. Ihm wurde oft vorgegaukelt, dass man seine Person schätzte. Nein, man schätzte seinen Einfluss, sein Geld und … einfach sein Charisma, sein Können … welches es auch immer sein mochte. Reginald nutzte genau DAS aus. HATTE es ausgenutzt. Er war nicht mehr. Dafür hatte Haytham mit Jenny und seinem leider verstorbenen Kammerdiener Holden gesorgt.

Tat mir gerade wirklich ein Templer leid? Genau der Mensch, der mich immer wieder in Rage gebracht hatte? Aber wenn ich ehrlich bin, schon damals wurde er unterschätzt, ihm wurde einfach alles, was wichtig war, nicht erzählt. Er hatte somit keine Ahnung. Und nur Reginald war derjenige, der ihn unterrichtete. Was für eine einseitige Erziehung. Aber genau diese zeigte Wirkung.

Aber Edward hatte ihn nie belogen! Und ich wusste, dass Haytham das auch später noch in guter Erinnerung haben wird.
 

Mein Gewissenskonflikt wurde immer größer und mir wurde immer unwohler, als mir eh schon war!

„Ich werde Doktor Ambrosch holen lassen, damit er euch etwas zur Beruhigung gibt!“ sagte Haytham in immer noch besorgtem Tonfall.

„Danke, aber ich brauche nichts. Ich brauche nur Ruhe und... meine Familie! Aber dank euch, ist mein letzter Halt ja jetzt auf See! Ich danke euch dafür!“ Ich stand auf und trat aus der Küche in den Hinterhof. Die Sonne stand bereits hoch und wärmte mich ein wenig.

In der hinteren linken Ecke war der Abort und das ganze Grundstück wurde durch einen hohen Zaun links und am Ende gesichert. Auf der rechten Seite erstreckte sich die Fortmauer. Blumen oder ähnliches suchte man hier vergeblich. Ziemlich trostlos dachte ich mir.

In der Mauer war eine kleine Treppe eingebaut. Ich ging hinauf und sah auf das Meer hinaus und dieser Blick, diese Freiheit... dieser Anblick erfüllte mich mit Sehnsucht nach zu Hause, aber auch die Angst um meinen Sohn. Was wenn ihm etwas zustieß? Ich setzte mich auf den Rand und ließ die Beine baumeln.

Plötzlich tauchte neben mir Mrs. Wallace auf und setzte sich einfach zu mir. „Alex, ich hoffe, ich störe nicht?“

Ich lächelte sie an. „Nein, ganz und gar nicht.“

„Ich habe euch von dem guten Rum etwas gebracht, aber lasst das nur nicht Master Kenway sehen. Der ist eigentlich nur für besondere Anlässe!“ Verschwörerisch stupste sie mich an und kicherte. Da hatte wohl schon jemand von dem besonderen Zeug genascht!!

Ich nahm einen Schluck und spürte, wie er mir im Hals brannte! Aber es tat gut und meine Nerven beruhigten sich ein wenig. So saßen wir einfach eine Weile schweigend da und sahen in die Ferne.

Als ich zu Sybill schaute, liefen ihr Tränen über die Wangen! „Mrs. Wallace, was habt ihr?“ fragte ich besorgt.

„Ich musste gerade an meinen Mann denken, er starb genau heute vor zwei Jahren auf See!“

Ich drückte ihre Hand und hielt sie fest, aber sagen konnte ich nichts. So saßen wir einfach auf dieser Mauer und hingen unseren Gedanken nach.

Als es Zeit war, das Mittagessen vorzubereiten, erhoben wir uns und machten uns ans Werk. Wenn ich mich mit alltäglichen Dingen beschäftigte, hoffte ich, über die vergangene Nacht hinweg zu kommen.

Diese doch recht eintönigen Arbeiten ließen mich ein wenig vergessen. Charles tauchte den ganzen Tag auch nicht mehr auf. Besser so für ihn! Laut Sybill hatte er Hausverbot erteilt bekommen bis auf Weiteres.

Am späten Nachmittag erschien der Großmeister und kündigte ein größeres Abendessen an. Shay sei wieder eingetroffen und man hätte einiges zu besprechen. 6 Personen wurden erwartet.

„Mein Sohn! Geht es ihm gut? Kann ich ihn sehen?“ platzte ich heraus.

Haytham sah mich an und lächelte, dieses mal sah ich es auch in seinen Augen! „Ja, er hilft nur noch beim Entladen der Morrigan. Er wird hier untergebracht, in einem der Angestelltenzimmern.“

„Oh, achso.“ Enttäuscht, dass wir hier bleiben sollten und nicht wieder zum Arsenal gingen, knickste ich und ging.

Eine Hand legte sich auf meine Schulter und hielt mich zurück. „Ihr habt doch nicht geglaubt, dass jetzt alles erledigt ist? Oder?“ Die Stimme des Großmeister war kälter geworden.

„Nein, wie konnte ich auch nur ansatzweise so etwas denken, verzeiht!“ entgegnete ich kalt und ohne ihn anzusehen ging ich.

Die Vorbereitungen für das Abendessen fingen an. Was für ein Aufwand und ich hätte so gerne das Ganze platzen lassen, das Essen versalzen oder ich könnte ja ein böses Abführmittel hinein schütten. Aber nein, dann hätte ich ja wieder die Arbeit... Danke, ich will nicht nochmal die Pflegerin spielen müssen!

Auf einmal klopfte jemand auf meine Schulter und als ich mich umdrehte sah ich meinen Sohn vor mir. Er sah irgendwie erholt aus... Erleichtert und überglücklich, dass er heile wieder hier war, drückte ich ihn an mich. Mir war egal, was die Angestellten hier dachten.

„Oh, du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass du wieder da bist. Erzähl, wie war es so auf der Morrigan?“ Ich strahlte ihn an.

Aber Yannicks Gesicht verfinsterte sich ein wenig. „Shay hat komische Fragen über dich gestellt. Ich hoffe, ich habe nichts falsches gesagt oder getan.“ Er verfiel in einen Flüsterton. „Aber er schien tatsächlich auf der Suche nach der Jackdaw zu sein. Immer wieder schaute er durchs Fernrohr und machte sich Notizen auf seiner Karte.“

Ein wenig mulmig wurde mir ja, aber sie hatten sie also nicht gefunden. Wie auch? Ich wusste ja selber nicht genau, wo sie jetzt war. Ob sie schon an ihrem Ankerpunkt angelangt war, war ja auch unklar. Ich wusste nicht, wie lange sie dorthin brauchen würde.

„Mach dir keine Sorgen, wenn du dich verplappert hättest, wärt ihr schon schneller wieder hier gewesen!“ Wir unterhielten uns auf deutsch, in der Hoffnung, dass uns niemand so verstehen würde.

Ich stellte jetzt erst einmal meinen Sohn vor und er wurde sogleich bemuttert von Mrs. Wallace. Und er genoss es. Sollte er ruhig, denn morgen würde auch für ihn der Alltag wieder anfangen!

Kapitel 53.1

Der Abend kam und mit ihm die Gäste. Und ich dankte Odin, dass Charles Hausverbot hatte!

Es war der übliche enge Kreis. Jack Weeks, Thomas Hickey, William Johnson, Benjamin Church, dieses mal war auch Pitcairn mit anwesend und natürlich Shay. Er war an diesem Abend aber nicht alleine, Faith war ebenfalls mit von der Partie. Die Sitzordnung folgte irgendwie keiner Rangordnung oder ähnlichem. Die Herren nahmen dort Platz, wo sie wollten. Nur Haytham saß am Kopfende, wie es sich für den Gastgeber und Großmeister gehörte.

Links neben ihm saß Shay, Faith, Jack Weeks und Johnson. Rechts saßen Hickey, Church und Pitcairn. Als alle saßen, begann das Auftragen.

Ich wurde das Gefühl nicht los, dass mich Shay nicht aus den Augen ließ. Immer wenn ich in seine Richtung blickte, sah er ebenfalls zu mir. Beim Hinausgehen überprüfte ich mein Äußeres, vielleicht lag es wirklich nur daran. Aber dann hätte mich doch wohl Mrs. Wallace darauf aufmerksam gemacht. Im Spiegelbild eines Fensters besah ich meinen Aufzug und stellte fest, dass alles in Ordnung war. Also daran lag diese Aufmerksamkeit nicht. Ich wurde wieder nervös, denn ich wusste nicht, was jetzt auf mich zukommen würde.

Nach und nach kamen die einzelnen Gänge und nach und nach merkte man, dass die Herren Templer mal wieder sehr dem Alkohol zu sprachen. Gab es etwas zu feiern? Leider hatte ich keine Zeit, die Gespräche mit anzuhören. Aber diese Arbeit lenkte mich ab und es tat gut, nicht untätig in der Ecke sitzen zu müssen.

Nach dem Dessert wurde noch Brandy gereicht und man ließ den Abend wieder ausklingen. Benjamin Church war der Erste der aufbrach. Haythams Kammerdiener war für die Röcke, Hüte und sonstige Utensilien zuständig. Danach schnappte sich Jack Weeks den mittlerweile völlig blauen Hickey und brachte ihn nach Hause.

Pitcairn und Johnson standen noch eine Weile draußen im Hinterhof. Wir Angestellten, räumten noch die letzten Überreste vom Tisch ab.

Als ich in die Küche kam, stand die Tür nach draußen offen und gerade als ich sie schließen wollte, hörte ich das Gespräch der beiden Templer. „Haytham und Shay sollten ihre Energie nicht auf dieses Weib verwenden. Es gibt Wichtigeres zu tun. Warum lässt er sie nicht in Ruhe? Was hat sie denn gemacht?“ … die andere Stimme mit schottischem Akzent entgegnete … „Angeblich ist sie eine Spionin der Assassinen. Aber der Großmeister will erst sicher sein, bevor er voreilige Schlüsse zieht. Wie er darauf kommt, dass sie eine Spionin ist, frage ich mich allerdings.“ … „Es ist eigentlich schon merkwürdig, erst taucht ein nicht existentes Schiff auf und Master Cormac hat plötzlich zwei neue Angestellte. Da kann man schon misstrauisch werden.“ … „Da mögt ihr Recht haben, aber trotzdem sollte man darüber hinaus nicht vergessen, was der Orden noch für Aufgaben hat!“

Ich hörte Schritte auf die Tür zu kommen und huschte schnell zum Herd und tat so, als würde ich das Feuer für die Nacht eindämmen wollen. Die beiden gingen weiter in Richtung Eingang und verabschiedeten sich von Master Kenway. Dieser schien bester Laune zu sein, das war gut, dann würde die Nacht für mich entspannter. Ich müsste nicht ewig warten, bis er seine Arbeiten erledigt hätte. Er würde vermutlich schnell einschlafen.

„Mrs. Masterson?“ rief er aus dem Flur.

Gerade als ich aus der Küche kam, lief er mir leicht schwankend entgegen. „Master Kenway, ihr wünscht?“ kam es ein wenig genervt von mir.

„Richtet bitte oben das Gästezimmer her, Master Cormac wird heute hier übernachten!“ Ich wand mich zur Seite und verdrehte die Augen. Hatten die Männer eigentlich keine eigenen Häuser? Mussten die immer irgendwo anders übernachten? Und wo blieb Faith? Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass sie schon gegangen war. Aber ich vermutete, wegen des Kindes wäre sie nach Hause aufgebrochen. In Gedanken machte ich mir eine Notiz, dass ich sie doch einmal auf diese Eskapaden ansprechen sollte.

Ich seufzte innerlich. „Sehr wohl, Master Kenway!“ Ich knickste und ging nach oben, um alles vorzubereiten.

Kapitel 54.1

Zuerst ging ich nach oben und fing an, das Gästezimmer herzurichten. Es war nicht sonderlich groß, aber gemütlich. Links an der Wand prangte ein Kleiderschrank. Daneben war ein kleiner Kamin eingelassen.

Auf der Gegenüber liegenden Wand, welche zur Seitenstraße zeigte, waren zwei hohe Fenster mit schweren roten Samtvorhängen. Dazwischen stand eine Kommode, auf der die obligatorische Waschschüssel mit dem Wasserkrug standen und ein kleiner 3-armiger-Kerzenleuchter.

An der rechten Wand stand das große Bett mit rotem Samtbaldachin und gesäumt von zwei Nachttischen auf denen ebenfalls Kerzenleuchter standen.

Die Teppiche waren ebenfalls in rot gehalten und die Bettwäsche war schlicht weiß. Das war nicht unbedingt einfach sauber zu bekommen, aber besser als diese teuren bestickten Wäschen, die so schnell aufrissen.

Den Krug füllte ich auf, schlug das Bett auf und zündete die Kerzen auf dem Nachttisch und der Kommode an. Dann schürte ich Feuer im Kamin. Und danach zog ich noch die Vorhänge zu. Als ich meiner Meinung nach fertig war, ging ich hinüber in Haythams Schlafzimmer und legte ihm alles zurecht und machte alles für die Nacht fertig.

Danach ging ich wieder hinunter und jetzt musste ich tatsächlich die beiden suchen. Ich hörte nichts. Keine Stimmen, weder aus dem Esszimmer noch aus dem Arbeitszimmer. Ich ging in die Küche, aber auch dort war niemand. Ich ging zur Tür hinaus und sah mich um. Es war schon dunkel, aber ich konnte die beiden im Mondlicht ausmachen. Sie standen, genau wie ich heute Vormittag noch mit Mrs. Wallace, auf der Mauer und unterhielten sich leise.

Ich konnte leider kein Wort verstehen, also beließ ich es dabei und räusperte mich um auf mich aufmerksam zu machen.

Haytham drehte sich als erster um. „Ah, Mrs. Masterson, seid ihr schon fertig mit allem? Ich hoffe doch, dass Master Cormac kein Chaos vorfinden wird, wie ich bei ihm vor einigen Tagen?“ Er fand das jetzt echt witzig, oder? Nach Scherzen war mir definitiv nicht, du Idiot!

Sie stiegen die Stufen hinunter und kamen auf die Küche zu. Ich sah zu, dass ich Platz machte. „Es ist alles fertig und ich hoffe, auch zu eurer Zufriedenheit.“ erwiderte ich nur. Die beiden Templer gingen nach oben und ich blieb etwas verloren in der leeren Küche stehen. Sollte ich ebenfalls nach oben gehen? Sollte ich warten?

„Mrs. Masterson, wo bleibt ihr? Ich warte!“ Tönte Haythams leicht lallende Stimme vom oberen Treppenabsatz.

Das war mein Stichwort. Dann mal los, hoffentlich hatte Haytham nicht zu viel getrunken, nicht, dass ich wieder eine schlaflose Nacht miterleben musste.

Shay verabschiedete sich lediglich und verschwand im Gästezimmer. Ich hoffte, dass morgen früh nicht wieder unpässliche Herrschaften bedient werden wollten!

Oben angekommen ging ich also zu Haythams Schlafzimmer und schloss die Tür. Der Großmeister saß auf einem Stuhl vor dem kleinen Schreibtisch und versuchte seine Stiefel auszuziehen. Kein leichtes Unterfangen, denn immer wenn er sich vorbeugte, fing er gefährlich an zu schwanken. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand ich da und beobachtete das Spektakel.

„Steht nicht so tatenlos herum, helft mir!“ meckerte er mich an. Diese Stimmungsschwankungen waren schon sehr nervtötend!

„Aber Master Kenway, sollte ich nicht lieber euren Kammerdiener rufen? Ich...“ Meine Berührungsängste kehrten zurück, aber Kenway schien das entfallen zu sein!

„Nein, bis dieser Tölpel hier ist, bin ich eingeschlafen. Ihr seid hier, also macht ihr das jetzt. Und beeilt euch!“ seiner Autorität bewusst, hatte er seine Stimme lauter werden lassen! Mich durchfuhr dabei einfach nur eine wahnsinnige Wut.

Mit dem üblichen Zähneknirschen und Mordgedanken, kniete ich mich vor ihn und versuchte seine Stiefel auszuziehen. Du meine Güte, wie hatte er die überhaupt anbekommen?

Wenn die Umstände andere gewesen wären, wäre es mal wieder eine nette Vorstellung gewesen, ihm beim Entkleiden zu helfen. Doch so? Der befriedigende Gedanke des Kissens kehrte ebenfalls zurück...

Kapitel 55.1

Die Stiefel und Strümpfe waren mal wieder nicht das Problem. Ich ließ aber erstmal alles so liegen und stehen, damit ich schneller voran kam. Dann machte mich daran, Haytham die Weste aufzuknöpfen. Im Sitzen ist das umständlicher als man denkt. Denn die Knöpfe wie wir sie heute kennen, gab es dort ja noch nicht. Hier hieß es, Fingerspitzengefühl beweisen. Und er schwankte immer noch gefährlich, was nicht gerade förderlich war.

Ich kniete immer noch vor dem Großmeister und … irgendwie kippte die Stimmung plötzlich, als ich kurz zu ihm aufsah! Es lag auf einmal eine seltsame Anspannung im Raum.

Doch ich konnte und wollte ihm nur aus seinen Kleidern helfen und setzte alles daran, dass auch zu zeigen! Die letzte Nacht konnte ich nicht einfach so vergessen. Ich schob ihm seine Weste über die Schultern und stand dann auf, um diese über den Hocker neben dem Bett zu legen. Als ich mich wieder umdrehte, stand Haytham auf und kam auf mich zu ohne ein Wort zu sagen.

Seine Hand legte sich unter mein Kinn und hob es an, sodass ich ihm direkt in die Augen sehen konnte. Es war kein Verlange darin, er sah mich mit Alkoholvernebeltem Blick an.

Er kam näher und ich konnte den Wein an ihm riechen, die Seife vom Rasieren … Ich hätte mich gerne meinen Gefühlen hingegeben, aber die Ereignisse hielten mich davon ab. Mein Gehirn schaltete plötzlich auf Automatik um und ich half ihm, sich bettfertig zu machen. Mehr nicht! Es ging einfach nicht.

Ich konnte sein resigniertes Seufzen hören und mir kam nur „Es tut mir leid, Master Kenway.“ über meine Lippen! Warum sollte es mir leid tun? Ich hatte schließlich keine Anstalten gemacht ihn verführen zu wollen!

Als er fertig war und in den Kissen lag, konnte ich ihm eines nicht verwehren, denn sonst wäre ich geplatzt vor Anspannung. Ich nahm sein Gesicht in beide Hände und gab ihm einen Kuss auf die Wange und murmelte ein schnelles „Ich wünsche euch eine gute Nacht!“ und verschwand nach nebenan. Ich konnte spüren, wie sich meine Emotionen verknoteten und überschlugen!

Die Nacht war, verzeiht die Ausdrucksweise, einfach Scheiße! Ich hatte wirre Träume von Haytham, in denen ich die wildesten Sachen mit ihm veranstalte und er mit mir. Ich träumte aber auch von Charles, welchen ich mal wieder abstach oder auch erwürgte und dieser Moment war so unglaublich befreiend! Es war einfach zu viel für meine Nerven. Irgendwann stand ich auf, weil ich einfach nicht schlafen konnte.

Leise schlich ich durch das Schlafzimmer von Haytham, aber er war gar nicht in seinem Bett! Vorsichtig ging ich auf den Flur und die Treppe hinunter. Auf halben Wege hörte ich von unten aus dem Arbeitszimmer Stimmen. Es waren Shay und Haytham, die sich über irgend eine Belanglosigkeit unterhielten, ich konnte sie nicht verstehen und lauschen... Nein, das macht man nicht! Auch wenn ich von Natur aus sehr neugierig bin!

Sollte ich anklopfen und fragen, ob sie noch etwas benötigten? Nein, dachte ich mir. Ich habe auch irgendwann einmal frei.

Und so ging ich in die Küche und schürte das Feuer, um mir Wasser zu kochen! Ich brauchte etwas warmes zum Trinken. Ich dachte an Zuhause, an meine Küche daheim... Es erstaunte mich immer wieder, wie sehr man etwas vermissen kann, wenn es plötzlich nicht mehr unmittelbar greifbar ist! Und mir wurde wieder schwer ums Herz!

Mein Nervenkostüm bröckelte allmählich! Lange würde ich es jetzt nicht mehr aushalten, kam es mir in den Sinn. Das Wasser im Kessel fing an zu blubbern und gerade als ich ihn vom Feuer ziehen wollte, hörte ich hinter mir Shays irischen Singsang.

„Mrs. Masterson, so spät noch auf? Könnt ihr nicht schlafen?“ Nein du Witzbold, ich stand aus lauter Langeweile hier und bewundere die Bauweise dieses Herdes!

Aber ich hatte mich dermaßen erschrocken und den Kessel blöd angestoßen, dass mir etwas kochendes Wasser über die Finger lief... Ich ließ den Kessel auf das Rost plumpsen und steckte meine Hand in den Eimer mit kaltem Wasser. Das war eine Wohltat, auch wenn man das nicht machen sollte, aber egal... es tat einfach gut. Ich stöhnte auf, denn der Schmerz ließ nach.

„Meine Frau würde euch jetzt erklären, dass man das nicht macht...“ zu mehr ließ ich ihn nicht kommen, denn ich hatte eigentlich gar keine Lust mich noch lange zu unterhalten!

„Master Cormac, ihr habt mich erschreckt! Kann ich euch behilflich sein? Braucht ihr etwas?“ meine Stimme klang dann doch so gelangweilt und genervt, wie ich war!

Er grinste mich nur an... und es kam nur ein „MIR könnt ihr sicher auch behilflich sein, nur wäre meine Frau nicht sonderlich begeistert darüber. Aber Master Kenway wäre über eure Gesellschaft sicher überaus erfreut!“ Bitte WAS? Die beiden hatten sich tatsächlich über die … Vorkommnisse vorhin unterhalten?

Mir schoss das Blut in die Wangen und ich wäre am liebsten wieder einmal im Boden versunken. Warum war mir das hier alles so unangenehme? In meiner Zeit hätte ich jetzt einen Spruch hinterlassen und wäre einfach gegangen...

WARUM ging das auf einmal nicht mehr???

Kapitel 56.1


„Verzeihung, Master Cormac, ich kann euch nicht ganz folgen.“ ich bemühte mich, die höfliche Art zu behalten und es tat innerlich schon weh, mich so unterdrücken zu müssen!

Shay kam ohne Umschweife auf mich zu, nahm meine Hand und zog mich mit nach draußen in den Hinterhof. Er atmete tief durch und schaute zum sternenklaren Himmel hinauf und dann wieder zu mir. „Mrs. Masterson, auch wenn Haytham angetrunken ist, er weiß sehr wohl, was er tut! Und …“ er zögerte und in seiner Stimme schwang so etwas wie Ratlosigkeit mit? „... er würde nie eine Frau bedrängen! Er würde euch nie gegen euren Willen zu nahe treten! Er hat die Situation einfach falsch eingeschätzt und ich glaube ihm, wenn er mir sagt, es sei ihm mehr als unangenehm. Dazu kommt noch, dass Haytham seine Schuldgefühle zu schaffen machen... Und wenn ich ehrlich sein darf, auch ich bin von Charles mehr als angewidert!“

„Master Cormac, ich verstehe immer noch nicht, was ihr mir sagen wollt? Entweder bin ich zu müde, oder es liegt an meinen Nerven. Ich weiß, dass Master Kenway nie willentlich Hand an mich legen würde. Dafür ist er zu gut erzogen worden! Ich vertraue ihm, nicht unbedingt blind, aber ich kenne die Familie Kenway schon länger und auch Haytham als er gerade erst auf der Welt war und ...“ Und verdammt... ich hätte mir fast die Zunge abgebissen. Shay hatte es geschafft mich zum Reden zu bringen! Panik stieg in mir auf!

Der Ire sah mich fragend an. „Wie war das bitte, Mrs. Masterson?“ Seine Hand schlang sich um meinen Arm und drückte zu.

„Ich... Sir, ich …“ stammelte ich vor mich hin, während er mich Richtung Arbeitszimmer schleifte. „Lasst mich los, ihr tut mir weh!“ Ich versuchte mich aus seinem Griff zu befreien, aber es war vergebens!

Er öffnete die Tür und stieß mich hinein. „Sir, wir sollten uns unterhalten. Denn Mrs. Masterson hat Interessantes zu berichten!“ Mit einem sardonischen Grinsen drückte er mich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch, an dem der Großmeister saß und blieb hinter mir stehen!

Haytham rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht, so als wolle er den Alkohol und die Müdigkeit wegwischen und sah dann zu mir. „Sollten wir das? Was gibt es denn so Wichtiges?“ Dieses Seufzen deutete eigentlich darauf hin, dass auch ER keine Lust auf Konversation oder im schlimmsten Falle Verhöre hatte!

Und Ich? Ich war einfach zu müde... „Gar nichts gibt es!“ schnappte ich nur.

„Das hörte sich gerade aber noch ganz anders an! Master Kenway, Alexandra scheint euch schon länger zu kennen, als ihr glaubt!“ Shay stieß mich an, so als wolle er mich zum Reden bringen!

Haytham sah mich erstaunt an. „Ist das so? Das interessiert mich jetzt aber dann doch brennend. Und vor allem, WOHER kennt ihr mich?“ Er hatte diesen wissenden Ausdruck auf dem Gesicht!

Und ich spielte einfach noch, ich ignorierte die Gefahr, dass mir die beiden ernsthaft Schaden zufügen könnten! Ehrlich gesagt, es war mir jetzt egal. „Ich frage mich, warum ihr fragt, wenn ihr es doch schon wisst? Für wie dumm haltet ihr mich eigentlich? Und ehrlich gesagt, ich bin es leid! Ihr wisst beide, wer ich bin. Also... wozu noch die Fragerunde hier?“

„Euer loses Mundwerk ist erstaunlich! Und hatte ich mich diesbezüglich nicht schon dazu geäußert, dass ich euch schon noch beibringe, wie ihr mit mir zu reden habt? Muss ich euch wirklich immer und immer wieder daran erinnern, Mrs. Masterson?“ Wirklich begeistert war der Großmeister jetzt nicht und das ließ er mich spüren!

Ich prustete nur, denn es war jetzt völlig egal, WAS ich WIE sagte. „Oh bei Odin, ja das habt ihr. Aber beigebracht habt ihr mir GAR NICHTS! Und ich weiß, wer vor mir sitzt! Auch wer HINTER mir gerade steht! Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass ich jetzt endlich wieder nach Hause will und es leid bin, diese Spielchen zu spielen!“

„Was ihr wollt, ist mir einerlei! Solange ich nicht aus eurem Mund die ganze Geschichte höre, bleibt ihr hier. Ich habe übrigens Zeit! Besonders für Spione, die sich so ungeschickt verhalten, wie ihr es getan habt!“ Böse lächelnd lehnte der Großmeister sich in seinem Stuhl zurück!

Kapitel 57.1

Das zweite Kapitel zum Wochenenede! <3

---------------------------------------------------------------------

So so … Der Großmeister hatte also Zeit! Schön für ihn. Denn es würde wohl doch etwas länger dauern!

„Was wollt ihr denn genau wissen? Erleuchtet mich, Master Kenway.“ Ob nun eine aggressive Vorgehensweise gut ist, wagte ich zu bezweifeln. Aber mein Gehirn hatte sich schon verabschiedet und schlummerte friedlich vor sich hin, um noch eine freundliche Fassade aufrecht halten zu können!

„Wie seid ihr hier angekommen? Woher kommt ihr? Und wie ist euer richtiger Name?“

„Ich bin mit einem Schiff angekommen, ich komme aus der Nähe von Hannover und...“

Jetzt platzte Haytham der Kragen und er wurde laut „Ihr findet das Ganze auch noch amüsant? Zwingt mich nicht, euch weh zu tun!“ kam es aus zusammengebissenen Zähne von ihm. Ich konnte seinen Kiefer arbeiten sehen und die Zähne knirschen hören. Er hatte die gleiche Angewohnheit wie ich auch damit. Wie schön, dachte ich sarkastisch, ich habe eine Gemeinsamkeit mit dem Großmeister! Seine Hände lagen zu Fäusten geballt auf dem Schreibtisch.

Hinter mir hatte sich Shay schon vorsorglich bereit gemacht und stand angespannt da.

„Nein, ich finde das sicherlich NICHT witzig. Aber ich kann nichts dafür, wenn IHR die falschen Fragen stellt.“

Mit einer Geschwindigkeit die ich ihm gar nicht zugetraut hätte in seinem Zustand, war er aufgestanden und um den Schreibtisch herum gekommen! Der Großmeister stand drohend über mir. „Ich warne euch!“ Er erhob seine Hand, so als wolle er zuschlagen, aber zügelte sich noch rechtzeitig.

Ich lehnte mich zurück und stieß dabei gegen den Iren, der bei der Berührung zusammen zuckte. Herr Gott, so schreckhaft? Wovor hatte er denn Angst? Ich war unbewaffnet!

Stattdessen griff Haytham nach meiner Kehle und drückte leicht zu. „Und jetzt noch einmal!“ zischte er langsam. „Wie, woher und wer seid ihr?“

Seine Finger drückten ungünstig auf die Adern am Hals und mir wurde schwindelig. „Könntet ihr eure Finger wo anders hinlegen? Ich meine es ernst, mir wird schwindelig. Und ohnmächtig kann ich schlecht reden!“ Ich wollte gerade seine Hand weg ziehen, als Shay schon von hinten meine Arme packte und sie festhielt. Mir ging die letzte Nacht wieder durch den Kopf und in einem Reflex versteifte sich mein Körper aus purer Angst!

Aber Haytham tat, worum ich ihn bat und lockerte den Griff. Mit einem fordernden Tonfall forderte er mich auf „Ich warte! Immer noch!“

Jetzt war es mir, resigniert zu seufzen. Ich sah ihm direkt in die Augen, naja, was anderes war mir gerade nicht möglich! „Mein Name ist Alexandra Frederickson, ich lebe in der Nähe von Hannover und bin vor ungefähr zwei Wochen hier mit der Jackdaw angekommen. MEINEM Schiff wohlgemerkt! Auf dieser Reise hat mich mein Sohn begleitet, weil er noch in der Ausbildung zum Assassinen steckt und es eine gute Gelegenheit für ihn war, seine Kenntnisse auszubauen und eventuell auch seine Techniken zu erweitern!“ Ein wenig erleichtert sah ich ihn an und hoffte, dass er jetzt etwas freundlicher gestimmt war!

Weit gefehlt. Kenway war nicht leicht zufrieden zu stellen! „Aha, diese Brigg dürfte nicht einmal existieren! Das wisst ihr doch, oder etwa nicht? Wie seid ihr in ihren Besitz gelangt?“ fragte er immer noch mit seiner Hand an meinem Hals.

Ich rollte mit den Augen und seufzte. „Edward hat sie mir überschrieben, da er mit seiner Vergangenheit abschließen wollte und damit das Gerede über ihn endlich ein Ende nimmt!“ In meinem Kopf kam nur ein Gedanke an: DAS war jetzt wirklich eine sehr sehr kurze Kurzfassung von den Geschehnissen!

Jetzt war es an Haytham, ein Prusten aus zustoßen! „Einfach so? Und das soll ich euch glauben? Wann soll das gewesen sein?“ Er ließ von mir ab und lehnte sich an seinen Schreibtisch.

Das konnte eine lange Nacht werden. Wobei, es dämmerte schon, es würde ein langer Tag werden!

Kapitel 58.1


Ich überlegte kurz, ob ich eine bissige Antwort geben sollte. Es lag mir einfach auf der Zunge!

Denn eigentlich sollte er sich schon noch erinnern können, oder nicht? Aber... ihm schien sogar entfallen zu sein, dass ich ihn, wenn auch nur kurz, unterrichtet habe. Vermutlich habe ich kaum Eindruck hinterlassen, auf der anderen Seite, WIE denn auch? Trotzdem kehrte ohne meinen Willen die Wut zurück, ganz langsam dieses mal.

„Es war Ende November 1735! Ein paar Tage vor eurem 10. Geburtstag!“ sagte ich knapp und ich hörte selber die Enttäuschung in meiner Stimme!

„Und weiter?“ ungeduldig tippten seine Finger auf seinen Unterarmen herum. Entweder war er gerade taub oder er bemerkte meine Art nicht!

„Weiter? Das war es. Euer Vater übergab mir die Schenkungsurkunde und ich reiste ab!“ Was wollte er denn noch hören? Mehr würde ich nicht erzählen können, denn... mehr gab es ja nicht!

„Demnach müsstet ihr auch wesentlich älter sein! Das ist unmöglich! Also, wie lange wollt ihr noch mit meiner Geduld spielen?“ Wenn es nach mir ginge gerade, dann noch für eine ganz Weile. Vielleicht könnte ich ja seine Grenzen ausreizen, was dann geschieht, würde ich dann sehen!

Und dann brach sich mein loses Mundwerk Bahn! „Ich weiß es nicht, Master Kenway! Aber ich muss schon sagen, ihr habt ein sehr schlechtes Gedächtnis. Ihr erinnert euch nicht an mich? Traurig, aber naja, was sollte ich auch anderes erwarten.“ Ich war definitiv auf Krawall gebürstet, schoss es mir durch den Kopf. Hoffentlich ging das gut!

„Wenn ihr jetzt bitte die Güte hättet, mir mitzuteilen, warum ich gerade EUCH in Erinnerung behalten haben sollte? Ich kenne euch nicht und euer Name sagt mir auch nichts!“ Mit einem zynischen und mittlerweile immer genervteren Unterton sah er mich böse an.

Es war an der Zeit die Taktik zu ändern, so kam ich hier nicht weiter. So schien es zumindest. „Also schön... ehrlich gesagt, ich bin müde, ich bin in schlechter Verfassung und habe nicht mehr die Geduld und Lust, mich mit euch auseinander zusetzen. Aber ich habe eine Bedingung!“ Denn mir kam plötzlich der Gedanke, dass die beiden Templer das ganze Gespräch für sich behalten mussten!

„IHR stellt Bedingungen? Warum sollte ich euch ...“ Ich fuhr ihm über den Mund.

„Verdammt nochmal, ich will ja nicht, dass ihr eure Niere dafür spendet! Master Cormac, Master Haytham. Ich werde euch alles erzählen, aber nur, wenn ich euer Wort habe, dass nichts davon irgendwo oder irgendwann schriftlich auftaucht! Es bleibt hier in diesen Räumlichkeiten und niemand, auch nicht Master Lee oder sonst irgendwer darf davon erfahren! Versprecht es!“

Verständnislos sah mich Haytham an und schaute dann zu Shay hinter mir. Der, das fiel mir erst jetzt wieder auf, meine Arme immer noch festhielt. Und prompt waren meine Hände wieder befreit und Kenway nickte nur. „Ihr habt unser Wort! Und jetzt... erzählt!“

Ich holte tief Luft! „Meinen Namen wisst ihr bereits und dieser stimmt auch. Ich werde im Mai 1976 geboren. Ihr seht, ich bin eigentlich noch gar nicht da. Ausgebildet zur Assassine wurde ich ab meinem 11. Lebensjahr. Ich lebe in der Nähe von Hannover, für euch ist das noch Preußen, wenn ich mich recht erinnere. Dort haben wir unser Büro und einige Einheiten.“ Ich wartete kurz, um eine Reaktion zu bekommen, aber Haytham schaute mich völlig neutral an.

„Meine Bruderschaft hat im Jahr 2000 ein Artefakt der Vorläufer bergen können. Mit diesem ist es uns möglich gewesen, in der Zeit zur reisen. Die erste Reise trat ich an, da war ich noch alleinstehend und somit ging ich kein größeres Risiko ein.“ Ich erhob mich, denn, wenn ich jetzt alles erzählen wollte, musste ich mich bewegen, dann konnte ich besser sprechen. Aber beide Männer wollten mich davon schon abhalten. Ich winkte ab, um sie zu beruhigen! „Keine Sorge... ich tu euch nichts! Warum sollte ich auch?“

Also erzählte ich von meiner ersten Reise, wie ich Edward traf und wie ich mit ihm gesegelt bin und wie wir später ein weiteres Artefakt bergen konnten. Ich ließ jedoch die zwischenmenschlichen Details aus, die gingen die beiden nun wirklich nichts an!

Dann kam ich zu dem Punkt, an dem ich noch einmal zurück gereist bin, als Haytham gerade auf der Welt war.

„Ich wusste, das Edward wieder geheiratet hatte und einen Sohn bekommen hat. Und, ich muss gestehen, es war reine Neugierde von mir. Aber... ich musste leider überstürzt abreisen damals. Aber nicht ohne euch einmal gesehen zu haben. Und, verzeiht Master Kenway, aber ich hätte euch fast fallen gelassen.“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen!

Haytham zog eine Augenbraue hoch und sah mich verwirrt an... und da war dieses Lächeln, welches wieder seine Augen erreichte!

Kapitel 59.1


„Ihr habt bitte was?“ Ungläubig sah er mich mit einem leichten Grinsen an.

„Ich habe mich nur erschrocken, denn als eure Mutter mir euch in den Arm legte, hatte ich nicht damit gerechnet. Denn sie machte eher den Eindruck, als würde sie nichts und niemanden an euch heran lassen! Und dann... verzeiht, aber... es war dieser Schleier der über eure Augen lief. Euer Adlersinn war damals schon zu erkennen! Und das war ebenfalls ein Grund, der mich erschreckte.“

„Ihr wisst also davon?“ er starrte mich an.

Hinter mir hörte ich plötzlich ein Räuspern. „Master Kenway, ihr... ihr besitzt diesen Sinn ebenfalls?“ es lag völliges Erstaunen in Shays Stimme.

Ich sah von einem zum Anderen. „Verzeiht, Gentlemen, aber... ich dachte ihr wüsstet, dass ihr BEIDE diese Fähigkeit habt! Unterhaltet ihr euch denn gar nicht über solch wichtige Dinge?“ Jetzt war es an mir, Erstaunen zu zeigen.

Jetzt sahen mich die beiden an und Shay ergriff das Wort: „Wir hatten noch nicht die Gelegenheit dazu, denke ich.“

„Und vergesst nicht die versteckten Klingen! Shay, ihr seid nicht der einzige damit hier in diesem Raum!“ Ich konnte mir jetzt ein breites Grinsen einfach nicht mehr verkneifen.

Haytham sah zu Shay. „Ja, es stimmt, ich besitze ebenfalls die Klingen! Sie waren... ein Geschenk...“

„Nein, waren sie nicht und ihr wisst das auch. Also bitte!“ Ich war der Meinung, ich sollte diese Lüge gleich im Keim ersticken!

Der Großmeister funkelte mich böse an. „Natürlich war es KEIN Geschenk, ich habe sie einem Assassinen abgenommen.“ Und leider dabei das Schwert, welches dir Edward geschenkt hatte, verloren. Mir kam ein trauriges Seufzen über die Lippen und ich sah zu ihm hinüber, traute mich aber ehrlich gesagt nicht, das zu erwähnen.

„Dann hätten wir das also geklärt, oder wollt ihr noch darüber sprechen?“ fragte ich mit einem bissigen Unterton, den ich mir einfach nicht abgewöhnen konnte.

„Das wäre wohl vorerst alles. Aber bitte, Mrs. Frederickson, erzählt weiter!“ Haytham hatte sich wieder im Griff und Shay nahm auf meinem Stuhl Platz und beide sahen mich erwartungsvoll an.

„Ich erzählte danach eurem Vater von meinem Verdacht. Denn er besaß ebenfalls dieses Adlerauge. Aber in einer anderen Form. Ich gehe davon aus, dass Shays Sinn auch etwas anders ist als eurer, Haytham!“ … oh, ich hatte sie beim Vornamen genannt. Das wollte ich gar nicht. „Verzeiht, Master Kenway, Master Cormac!“ Entschuldigend sah ich die beiden an.

Man nickte mir herablassend zu. Danke auch.

Und ich holte wieder tief Luft, denn ich kam zu dem Punkt meines letzten Besuches bei Edward. Und ich musste alleine beim Gedanken daran, mit den Tränen kämpfen. Es tat einfach immer noch weh...

„Ich reiste danach noch einmal zurück. Wir hatten mittlerweile die Jackdaw gefunden und sie wieder reparieren lassen, sodass sie wieder Hochsee tauglich war.“ Mit einem Blick auf Shay fügte ich nur hinzu: „Und ja, ich weiß, Adéwalé glaubte ihr Wrack gefunden zu haben. Es war aber NUR die Galionsfigur, die anderen Wrackteile gehörten zu einem anderen Schiff!“

„Aber das ist unmöglich, er hat es doch mit eigenen Augen gesehen!“ entrüstet, dass ich jemanden als Lügner abstempelte, maulte mich Shay an. Moment mal, er hatte Adé doch schon gejagt und getötet, also was kümmerte es Shay jetzt auf einmal, WAS ich erzählte? Und ich hatte ihn nicht als Lügner bezeichnet, sondern lediglich erklärt, dass es ein Missverständnis war.

Kapitel 60.1

Ich ließ mich jetzt nicht mehr beirren, sondern erzählte weiter. Wie Edward die Bedingung stellte, dass ich seinen Sohn unterrichten sollte und im Gegenzug die Jackdaw mein eigenes Schiff werden sollte! Aber ab jetzt hielt ich Augenkontakt mit Haytham, denn ich wollte wissen, ob er sich wirklich nicht an diese kurze Zeit erinnerte. Es war gut möglich, denn er hatte traumatische Dinge erlebt und wirklich böse war ich ja nicht. Eher … enttäuscht?

„Ihr habt mich zur Weißglut getrieben, Master Kenway, ihr ward so, verzeiht aber... so arrogant und selbstgefällig, dass es mich Mühe gekostet hat, euch nicht die Leviten zu lesen. Aber hätte ich das getan, hätte ich mir vermutlich ebenfalls eine Ohrfeige von Edward eingefangen.“ Ich schmunzelte in mich hinein, bei diesem Gedanken... und ich konnte regelrecht sehen, wie Haytham die Erinnerungen an seinen Vater durch den Kopf gingen und wie streng Edward teilweise mit ihm war und Trauer legte sich auf seinen Ausdruck.

„Sollte ich euch damals gekränkt haben, dann tut es mir selbstverständlich leid. Aber ich war zu dem Zeitpunkt noch recht unerfahren und... von einer Frau unterrichtet zu werden...“ Stammelte er etwa? Suchte nach einer Erklärung?

„Keine Sorge, Master Kenway... ich hatte mich genug unter Kontrolle. Aber glaubt mir, als ich euch hier wieder sah... fiel es mir stellenweise schon sehr schwer, nicht wieder diese Wut zu spüren. Denn... entschuldigt, aber zwischenzeitlich hatte ich den Eindruck, als hättet ihr nicht viel dazu gelernt!“ Es kam schärfer rüber, als ich es wollte.

Aber der Großmeister musterte mich nur. „Und wie ging es dann weiter?“

Ich ließ den Part in der Küche mit Edward in der Nacht vor meiner Abreise aus und kam zu dem Morgen, an dem wir uns auf den Weg zum Hafen gemacht haben.

„Als wir alle an Deck standen, übergab mir Edward die Schenkungsurkunde. Ich hatte ehrlich gesagt, nicht mehr daran gedacht. Und glaubt mir, der Abschied fiel mir schwer. Ich... wusste um euer Schicksal, das von Jenny und Tessa und... das von Edward...“ Mir liefen die Tränen über die Wangen, ich konnte es nicht mehr verhindern.

Shay sah ein wenig hilflos von mir zu Haytham und wieder zurück. Langsam kam er auf mich zu und reichte mir ein Taschentuch.

Was jetzt allerdings von Haytham kam, riss mir den Boden weg! „Ihr habt meinen Vater zum Sterben zurück gelassen? OHNE ihm zu helfen???“ brüllte er mich an.

Verschnieft und völlig irritiert sah ich ihn an. „Wie bitte? Ihr glaubt, ich bin einfach so gegangen? Wisst ihr eigentlich, wie schwer es für mich war? Ich wusste aus den Aufzeichnungen, WAS geschehen wird! Und glaubt mir Haytham, ich habe versucht auf Edward einzureden. Und nicht nur ich! Auch eure Schwester und Mutter haben es versucht, aber wir konnten ihn nicht überzeugen!“

„IHR HÄTTET BLEIBEN MÜSSEN UND UNS HELFEN KÖNNEN!!!“ schrie Haytham mich plötzlich an und schüttelte mich und in seinem Blick loderte eine Wut, die ich so an ihm nicht vermutet hätte. Bei Odin, aus seinem Munde hörte es sich wirklich so an, als sei ich ein herzloses Monster, welches ohne Skrupel gehandelt hätte!

Shay ging dazwischen zu meinem Glück, denn ich hatte auf einmal echte Angst vor dem Großmeister!

„Master Kenway, ich bitte euch! WAS hätte ich machen sollen? Wenn ich eingegriffen hätte, hätte das fatale Auswirkungen auf die Geschichte und die Zukunft gehabt! Ich DARF nicht in die Geschichte eingreifen! Und glaubt mir, ich hätte euch allen gerne geholfen! Ich hätte alles dafür getan. Aber es ging nicht!“ Ich versuchte jetzt eine Erklärung zu finden.

Aber zum ersten Mal fiel mir auf, dass das überhaupt nicht so einfach war.

„Ihr wolltet nur nicht, denn es kam euch gelegen! So konntet ihr die Jackdaw an euch nehmen!“ sagte Haytham mit einem so fiesen und lauernden Unterton, dass ich eine Gänsehaut bekam!

Kapitel 61.1

Ich sah ihn völlig ungläubig an. Das konnte Haytham unmöglich so meinen! „Es kam mir gelegen? Glaubt ihr, ich hatte das GEPLANT? Seid ihr noch ganz richtig im Kopf? Wie paranoid muss man sein, um SOETWAS zu denken? Was fällt euch ein?“ Und ich konnte seiner Hand nicht mehr ausweichen, die mir flach ins Gesicht schlug!

Ich zuckte zurück und hielt mir die schmerzende Wange. Mir standen wieder die Tränen in den Augen! „Wie könnt ihr es wagen, Haytham? Ihr habt wirklich NICHTS dazu gelernt!“ Und in diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich ihn immer wieder beleidigte!

Er baute sich vor mir auf und sah drohend auf mich herunter, aber ich versuchte standhaft zu bleiben und NICHT zurück zu weichen! „Alexandra, ihr bringt mich gerade in eine Situation, die euch euer Leben kosten wird, wenn ihr noch einen Ton sagt!“

Zitternd sah ich in seine Augen und versuchte standhaft zu bleiben. „Das ist mir gleich, denn ich habe nichts falsches gesagt. Ich entschuldige mich natürlich für die Beleidigung. Aber … ihr könnt doch nicht ernsthaft denken, dass ich das geplant hatte? Die Jackdaw ist in meiner Zeit einfach nicht mehr zu gebrauchen. Sie ist wie ein Museumsstück. Und ihr glaubt, ich hätte euch und euren Vater dafür verraten?“

„Dann erklärt mir gefälligst, WARUM ihr nicht geholfen habt!“ schrie er mich jetzt nur noch an!

Verzweifelt startete ich noch einmal einen Versuch. „Ich konnte nicht, ich durfte nicht... Es war unmöglich! Genauso ist es mir nicht möglich, EUCH über eure Zukunft aufzuklären! Versteht mich doch bitte!“

„Warum sollte ich das? Mein Vater hätte noch leben...!“ ich fuhr ihm wieder über den Mund.

„Nein, hätte er nicht. Denn er wäre vielleicht etwas später verstorben, aber Reginald HÄTTE es weiter versucht! Versteht ihr denn nicht? Ich hätte an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen müssen. Aber das geht einfach nicht. Die Geschichte, DAS SCHICKSAL lässt sich nicht beeinflussen!“ Ich holte tief Luft, denn ich hatte die ganze Zeit ohne zu atmen gesprochen!

Enttäuschung legte sich auf Haythams Gesicht. Er drehte sich um und … ging hinaus! Was...? Ich sah Shay hilfesuchend an!

„Wartet hier, ich werde ihm nachgehen!“ Und so ließ auch Shay mich hier alleine!

Ich ließ mich auf den Stuhl fallen und vergrub mein Gesicht in meinen Händen! Was hatte ich nur getan? Wie blöd bin ich eigentlich? Zitternd ließ ich meinen Tränen freien Lauf, was sollte mir jetzt noch passieren. Der Supergau war bereits im vollen Gange. Ich konnte nur noch Schadensbegrenzung betreiben.

Gefühlt eine Ewigkeit später, kam Shay wieder herein... ich sah ihn an und wartete.

Dieser Ire ist einfach nicht richtig einzuschätzen, er sah mich mit einer Mischung aus Bedauern, Mitleid und Wut an. „Master Kenway wünscht euch zu sprechen, draußen auf der Mauer!“ Mit diesen Worten zog er mich hoch und hinter sich her durch die Küche in den Hof. Haytham stand auf der Mauer und sah der aufgehenden Sonne zu.

Langsam ging ich die Stufen hinauf und stellte mich neben ihn. Aber ich traute mich nicht, ein Wort zu sagen!

„Ihr habt Recht!“ Perplex sah ich ihn an.

„Womit habe ich Recht?“

„Wir hätten es nicht verhindern können, denn ich würde auch dem Orden nicht einfach so den Rücken kehren. Obwohl ich weiß, dass man mich belogen hat all die Jahre! Denn ich weiß, wo meine Wurzeln liegen, was ich bin und was ich will! Ich würde auch DAS Schicksal nennen, oder nicht?“ Fragend sah er mich an, aber ob er eine Antwort darauf erwartete oder ob es eine rein rhetorische Frage war, konnte ich nicht deuten.

Immer noch sprachlos stand ich neben ihm und schaute ebenfalls der Sonne im Meer zu, wie sie sich erhob!

Kapitel 62.1

Hallo <3

Für heute ist dann erstmal wieder Schluss! Ich hoffe, ihr habt oder hattet Spaß!

Bis zum nächsten Kapitelnachschub! :-D

GLG Chaoshexe

........................................................................................................................................
„Wir sollten nach der Jackdaw schicken, damit ihr wieder sicher nach Hause kommt!“ damit drehte er sich um und ging in das Haus. Ich stand auf der Mauer und sah ihm weiter sprachlos nach.

Warum denn jetzt dieser Sinneswandel? Jetzt, wo er alles wusste, naja fast alles, könnte ich tatsächlich meine Nachforschungen bezüglich Shays Leben fortsetzen.

Mit diesen Gedanken ging ich hinterher. Haytham war bereits wieder in seinem Schlafzimmer. Als ich die Treppe hinauf wollte, hielt mich Shay zurück. „Es ist besser, wenn ihr Haytham jetzt nicht stört! Glaubt mir, ich weiß, wie er reagieren kann!“ meinte er in einem freundschaftlichen Ton. Selbst wenn ich ihn in Ruhe ließe, wo sollte ich schlafen? Ich musste notgedrungen da rein!

„Witzbold! Ich habe erlebt, wie er reagieren kann, meine Wange tut mir immer noch weh! Danke für die Warnung!“ sagte ich trotzig und einfach genervt.

„Nein, das meine ich nicht. Master Kenway verschließt sich und wird euch nur noch aus Höflichkeit beachten, aber nicht, weil er ehrliches Interesse an einer Erklärung oder eurer Gesellschaft hätte.“ Das kam jetzt wirklich sehr traurig rüber und auch Shays Blick war trübe.

„Und was kann ich dagegen tun? Es geht ja eigentlich bei meiner Reise hierher auch um etwas ganz anderes. Dass mir Haytham dabei schon so früh über den Weg lief, war... nunja... unbeabsichtigt!“ sagte ich in einem verzweifelten Ton.

Shay sah mich verwundert an. „Und weswegen seid ihr dann hier?“

Mir stieg die Röte in die Wangen und ich musste mich Räuspern. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm davon erzählen sollte. Aber jetzt war es eh schon zu spät, also raus mit der Sprache, dachte ich nur noch. „Wegen EUCH, Master Cormac!“

„Was? Wegen MIR?“ Der Ire war sichtlich irritiert. „Oh, ich verstehe, ihr wollt sicherstellen, dass ich tatsächlich als Verräter gebrandmarkt werde in eurer Zeit, oder?“

„Was?... Master Cormac, nein, das ganz sicher nicht. Denn seht, ihr taucht nirgends schriftlich auf. Bis auf kleinere Einträge in … Tagebüchern. Aber sicher nicht in denen von Haytham!...“ zu mehr kam ich mal wieder nicht.

„Vielleicht sollten wir Master Kenway doch noch einmal aufsuchen! Dann erklärt euren Hauptgrund eurer Anwesenheit bitte auch vor ihm!“ Mit diesen Worten zog er mich nach oben. Vor Haythams Schlafzimmertür hielt er kurz inne und zögerte.

„Master Cormac, sollten wir nicht vielleicht doch warten? Bis sich Hayth... Master Kenway ein wenig beruhigt hat?“ fragte ich zögernd. Denn ich befürchtete, es wäre tatsächlich keine gute Idee, jetzt noch das Gespräch fortzusetzen. Wir waren alle übermüdet. Das Personal war schon wieder auf den Beinen und auch mein Sohn war unten in der Küche zu hören!

„Nein...“ entschlossen klopfte er an! Und es kam ein sehr genervtes „Hereiiiiin!“ zurück.

Haytham stand am offenen Fenster und lehnte an der Wand und starrte hinaus.

„Master Kenway, ihr solltet euch vielleicht anhören, was Mrs. Frederickson noch zu sagen hat.“ Der Ire legte einen freundschaftlichen und versöhnlichen Ton an.

„Ich wüsste nicht, was das bringen sollte!“ erwiderte der Großmeister mit einem Seufzen.

Ich konnte mir nicht helfen, ich ging zu ihm hinüber und drehte ihn in meine Richtung.

„Haytham, verzeiht, Master Kenway, es... ich oder besser wir sind in diese Zeit gereist, weil es einige Unklarheiten bezüglich des …“ Ich sah zu Shay hinüber „... Lebens von Master Cormac gibt. Ich wollte Licht ins Dunkel bringen und die Lücken versuchen zu füllen. Mehr war es nicht und ja, es klingt, als würde ich euch und den Orden ausspionieren wollen.“ Wo wir wieder beim Thema wären, dachte ich! „Aber so ist es nicht.“ Verzweifelt und hilfesuchend sah ich zu Shay. Dieser war aber auch alles andere als begeistert von dieser Aussage!

Kapitel 63.1


„Ausspionieren, das trifft es eigentlich ganz gut. Findet ihr nicht, Mrs. Frederickson?“ Ich rollte mit den Augen. Wie sollte ich erklären, dass es eigentlich um Belanglosigkeiten ging? Ich wollte keine tieferen Geheimnisse oder Rätsel ergründen. Das war bereits alles erledigt. Meine Anwesenheit galt einzig und allein der Neugierde!

Und das sagte ich jetzt auch einfach. Mehr als sauer sein, konnten die beiden schlecht!

Shay war mal wieder an der Reihe „Erklärt mir bitte, warum mein Leben so interessant sein soll?“ Ich musste grinsen.

„Darum geht es nicht wirklich, Master Cormac! Es geht um die Zeiten, in denen Ereignisse fehlen, so als würdet ihr einen Filmriss haben.“ Ha, und jetzt erklär den beiden Templern einen Filmriss!!

Beide sahen mich verwundert an. „Was ist ein Filmriss?“ meldete sich Cormac als erster.

Ich musste kurz nach einer Erklärung kramen. „Das ist... als hättet ihr eine Nacht zu viel getrunken und wüsstet nicht mehr, was passiert ist, wie ihr nach Hause gekommen seid, oder wie ihr zum Beispiel in ein fremdes Bett gelangen konntet. So etwas nennen wir in meiner Zeit einen Filmriss! Und ein Film ist... ihr kennt die Laterna Magicka?“ fragte ich die beiden Templer und bekam ein einstimmiges Nicken zurück. „Jetzt stellt euch vor, die Bilder an der Wand würden sich bewegen. Das ist dann... nunja, ein Film. Bewegte Bilder halt!“ Ich bezweifelte, dass die beiden damit jetzt groß etwas anfangen konnten, aber etwas besseres als Erklärung fiel mir nicht ein.

„Aber wenn es nur um einen Abend geht, hättet ihr mich doch einfach fragen können, oder? Musstet ihr deswegen extra eine Anstellung in meinem Haushalt suchen?“ Etwas ungläubig sah mich Master Cormac jetzt an. Eine berechtigte Frage.

„Da habt ihr nicht ganz unrecht, aber jetzt denkt mal darüber nach. Ich komme hier an und klopfe an eurer Tür und stelle Fragen! Hättet ihr mir diese wirklich beantwortet? Ich glaube kaum. Zumal ich eigentlich auch nicht auffallen wollte.“ sagte ich etwas resigniert.

„Dann hättet ihr nicht mit der Brigg meines Vaters hier auftauchen sollen!“ meldete sich wieder Haytham bissig zu Wort.

„Ja, das ist mir jetzt auch bewusst. Aber ich wollte sie einfach auch mal wieder auf dem Meer sehen. Sie ist nun mal einfach wunderschön und sieht mit vollen Segeln umwerfend aus!“ Bei Odin, ich klang wie Edward und vermutlich auch wie Shay, wenn er über seine Morrigan sprach. Denn mit einem Blick auf Cormac konnte ich diesen versonnen Ausdruck in seinen Augen sehen.

„Und der ganze Aufwand nur um ein paar Kleinigkeiten herauszufinden?“ Der Großmeister sah mich immer noch mit völligem Desinteresse an. Shay hatte nicht unrecht, das war seine Art, einen Menschen zu bestrafen. Und... es war unangenehm, es … tat weh, stellte ich erschrocken fest.

„Ein paar Kleinigkeiten, ja... das wäre es gewesen!“ Und in diesem Moment fiel mir auch wieder das Amulett ein, welches Haytham bei sich trug.

„Wir haben in meiner Zeit alles andere bereits entschlüsselt und konnten mit der Forschung abschließen. Ich bin nur noch hier, weil es unter anderem auch meine persönliche Suche ist. Ich habe weder einen konkreten Auftrag, noch soll ich hier jemanden eliminieren. Glaubt mir Master Kenway, ich bin aus völlig harmlosen Ambitionen hier.“

Die beiden sahen mich fragend an und dann erzählte ich einfach von dem ominösen Datum, dem 21.12.2012, und dem Tod von Desmond. Und dass man das Ganze auch anders hätte lösen können, aber eben diese Art zu Reisen, etwas anderes ist. Denn persönlich in den Epochen zu sein und nicht nur eine Simulation zu nutzen, ist eine andere Erfahrung und erlaubt eben auch keine zeitlichen großen Sprünge. Denn diese müssten wieder vorbereitet werden. Was eine Simulation ist, war nicht so einfach zu erklären, aber ich hoffte, die beiden würden es einigermaßen verstehen.

Es ist wie... ausbrechen aus der eigenen Zeit, aber eben nicht real, so wie die Reise die ich jetzt angetreten hatte zum Beispiel. Die Simulation ist wie ein Traum den man aktiv erlebt!

Kapitel 64.1

„Ich bin aus freien Stücken hier. Es gibt nichts, was euch misstrauisch werden lassen sollte. Dass die Jackdaw natürlich die Aufmerksamkeit erregt, hätte mir bewusst sein sollen. Aber ich habe nicht darüber nachgedacht!“ gab ich kleinlaut zu.

„Ihr empfandet also den Unterricht mit mir als Bestrafung?“ hakte Haytham plötzlich nach und sah mich kalt an.

Über diesen plötzlichen Themenwechsel verwundert, musste ich erstmal umschalten. „Haytham, es fühlte sich so an, ja! Denn ihr habt mir gegenüber keinerlei Respekt gezeigt. Im Gegenteil, ihr habt mich spüren lassen, dass ihr ja ach so privilegiert seid und ich euch nicht ansatzweise das Wasser reichen könne.“

„Habe ich das?“ Noch so ein kurzer Satz und ich springe ihm an den Hals!

„Verdammt noch mal, JA! Aber ich habe versucht euch etwas beizubringen.“ Vielleicht half ihm unsere Begegnung mit dem Mann im Park auf die Sprünge! „Wir gerieten in eine Situation, wo ich mit euch draußen war, in welcher ihr euren Sinn testen solltet. Erinnert ihr euch nicht? Der Moment in dem kleinen Park vor dem Anwesen am Queen Anne´s Square. Ihr habt diese rote Aura ebenfalls bei diesem Mann erkannt!“ Ich hoffte, Haytham würde sich erinnern.

„Das war real? Ich … dachte immer, ich hätte mir das alles nur eingebildet, als wäre es meiner Fantasie entsprungen! Ich kann mich wirklich nicht richtig daran erinnern.“ Auf seinem Gesicht spiegelten sich Unglaube und Misstrauen wider.

Erstaunt sah ich den Großmeister an und schüttelte traurig den Kopf. „Master Kenway, es tut mir leid, aber es war wirklich real. Ich habe versucht, euch damit vertraut zu machen. Aber... ich habe es leider nicht so ernst genommen. Da ich schon wusste, dass ihr dem Orden beitretet, habe ich das Ganze leider auch nur halbherzig durchgeführt.“

„Wie bitte? Wollt ihr mir jetzt etwa auch noch sagen, ich wäre es nicht wert gewesen...?“ fauchte er aufbrausend.

„Nein, das meinte ich so nicht. Aber... Der Adlerblick wird eigentlich nur bei Assassinen weitergegeben. Und... Ich wollte einfach nicht, dass ihr mehr wisst und könnt, als unbedingt nötig. Verdammt noch mal, ihr seid Templer. Was wollt ihr denn hören? Es ist schon schlimm genug, dass Reginald euch jahrelang im Unklaren gelassen hat. Er hätte euch weit mehr erklären und beibringen können, aber er tat es nicht!“ gab ich verzweifelt zu bedenken.

„Ich glaube, das führt zu nichts mehr!“ Mit diesen Worten ging Haytham an mir vorbei Richtung Bett.

Shay wünschte kurzer Hand eine gute Nacht und ließ mich stehen. Toll. Und jetzt? Aber... ich hatte nicht mit dem Großmeister gerechnet! „Mrs. Frederickson, ich warte! Es gelten immer noch die alten Regeln und Anweisungen!“ Seine Stimme war so dermaßen genervt und gleichzeitig gelangweilt, dass es mir wieder Angst machte.

Mir bot sich ein ähnliches Bild wie vorhin bereits. Aber dieses mal nicht alkoholisiert sondern einfach übermüdet und entnervt und … enttäuscht?

Und um ehrlich zu sein, ich wäre auch am liebsten auf den Boden gefallen und wäre einfach auf der Stelle eingeschlafen. Die Müdigkeit war jetzt nicht mehr zu leugnen.

Haytham saß auf dem Bett und winkte mich zu sich.

„Helft mir aus den Sachen, ich kann keinen Finger mehr rühren!“ meinte er ziemlich pampig und völlig übermüdet.

Das war unmöglich sein Ernst! Er brauchte nur aus den Schuhen raus und... ach was solls. Ich konnte und wollte mich jetzt nicht mehr streiten!

Die einzige Frage die mir durch den Kopf ging war: Wo standen wir? WAS erwartete Haytham? Ich konnte seinen Ausdruck nicht deuten! Also würde ich einfach abwarten müssen! Kein angenehmer Gedanke, mit dem man ins Bett geht!

Kapitel 65.1

Und so half ich dem Großmeister, die Schuhe und Strümpfe auszuziehen und das Bett aufzuschlagen und die Kissen zu richten.

Haytham ließ sich mit einem tiefen Seufzer fallen, deckte sich zu und schloss die Augen. Ich blieb vor dem Bett stehen, ohne recht zu wissen, was ich noch tun sollte. Was mich dann geritten hat, kann ich nicht sagen. Denn ich gab ihm einen Kuss auf die Stirn mit den Worten „Es tut mir alles furchtbar leid für euch und das meine ich auch so! Ich würde gerne so einiges ungeschehen machen!“ und mir liefen die Tränen über die Wangen.

Dann ging ich hinüber und verkroch mich in meinem Bett und versuchte in den Schlaf zu finden. Aber es ging irgendwie nicht. Es war schon viel zu hell, der Tag war bereits in vollem Gange und … ich hatte Heimweh! Mir liefen die Augen über und ich weinte mich in den Schlaf.

Irgendwann wurde ich wach, weil ich dieses unangenehme Gefühl des Beobachtet-werdens hatte. Als ich aufsah, stand tatsächlich Haytham neben meinem Bett und schaute auf mich herunter. Erschrocken fuhr ich hoch. Wie lange stand er denn schon da? „Verzeiht, habe ich etwas vergessen? Braucht ihr etwas?“ kam es schon wie automatisiert aus meinem Mund.

„Nein, das habt ihr nicht. Im Gegenteil...“ er reichte mir seine Hand, ich ergriff sie und er zog mich hoch. So stand ich in meinem Nachthemd vor ihm und mir stieg das Blut in die Wangen, auch wenn ich nicht unbedingt der schüchterne Typ bin. Aber Respekt hatte ich durchaus vor ihm.

Haytham schlang seine Arme um meine Taille und sah auf mich hinunter. Etwas unbeholfen legte ich meine Hände auf seine Brust und lehnte meine Stirn daran. Ich konnte gerade diesem Augenkontakt nicht standhalten. Er zog mich fester an sich und hielt mich einfach nur. So standen wir eine gefühlte Ewigkeit da und es fühlte sich richtig an, es war Sicherheit, Geborgenheit und Trost. Nicht nur für mich, denn ich konnte spüren, dass auch Haytham sich ebenfalls entspannte.

Dieser Moment hätte ewig dauern können und ich löste mich nur widerwillig von ihm, aber wir wurden durch forsches Klopfen aus unseren Gedanken gerissen. Der Großmeister gab mir einen vorsichtigen Kuss auf die Stirn und wandte sich in Richtung Schlafzimmer. Ich erwischte mich dabei, wie ich ihm lächelnd hinterher sah und wurde wieder rot.

Es war Shay, der auf sich aufmerksam gemacht hatte. „Guten morgen, oder wohl besser Mittag, Master Kenway. Ich wollte mich nur verabschieden!“ Er grinste als er mich im Nachthemd in der Tür stehen sah. Schnell huschte ich hinter die Tür und ich hoffte, dass er keinen falschen Eindruck bekam.

„Ich wünsche ebenfalls guten Mittag, Shay. Ihr wollt schon aufbrechen? Ich hoffe, Mrs. Wallace hat euch ein ordentliches Frühstück zukommen lassen!“ Haytham war wie ausgewechselt, völlig gelöst. Es war mir ein wenig unheimlich und ein Rätsel, wenn ich ehrlich bin.

„Ja, danke. Das hat sie. Sollte meine Köchin irgendwann einmal krank werden, werde ich mir Mrs. Wallace schnappen! Ich sollte meiner Frau gleich davon berichten und ich hoffe, sie verzeiht mir die Abwesenheit von letzter Nacht!“ lachte Shay und reichte Haytham die Hand und ging.

Der Großmeister schloss leise die Tür und sah zu mir herüber. „Was machen wir mit dem angebrochenen Tag?“ Ich sah ihn erstaunt an.

„Ich, ähm... ich weiß es nicht, Master Kenway. Ich denke, ich werde in der Küche gebraucht und...“ stammelte ich vor mich hin.

„Nein, das denke ich nicht.“ Unterbrach er meine Stotterei und setzte eine entschlossene Miene auf mit einem Lächeln! „Zieht euch etwas an und ich werde euch New York ein wenig zeigen! Ein bisschen Ablenkung, täte uns beiden gut. Was meint ihr?“

Mir klappte nur der Mund auf. „Das... also... ja... ich...“ Herr Gott nochmal... Ich schloss einfach die Tür, bevor ich mich in Grund und Boden stotterte.

Kapitel 66.1


Also stand ich vor meiner Kiste und überlegte, was ich anziehen sollte. Ein etwas einfaches Kleid hatte ich noch, denn das ganz Gute wollte ich dann doch noch nicht anziehen.

Raus aus dem Nachthemd und ich musste mich leider mit kaltem Wasser waschen. Ich hatte ja keinen neuen Krug besorgt. Mist. Nicht unbedingt ein Vergnügen, aber es brachte meine sehr merkwürdigen Gedanken zum abkühlen. Ich schlüpfte danach in meine Sachen und ordnete noch meine Haare. Ein Blick in den kleinen Spiegel sagte mir, dass ich so gehen könne.

Was mir aber keine Ruhe ließ, war die Art wie Haytham plötzlich agierte. Das machte mir Angst, er war wie ausgewechselt und fast nicht wieder zuerkennen. Also würde ich vorsichtig mit meinen Worten umgehen müssen, nicht, dass ich etwas falsch machte oder gar kaputt machte.

Plötzlich klopfte es und ich schrak zusammen, ich war so mit meinen Gedanken beschäftigt gewesen, dass ich wohl eine ganze Weile nur vor mich hin gestarrt hatte. „Mrs. Frederickson, ist alles In Ordnung?“ fragte Haytham vorsichtig.

„Oh, ja natürlich. Es ist alles in Ordnung, ich … war nur abgelenkt.“ Ich ging zur Tür und öffnete. Denn mir fiel ein, dass ja auch der Großmeister etwas zum Anziehen brauchte und ich blockierte hier das Ankleidezimmer. Ich lächelte zu ihm auf „Verzeiht dass ihr warten musstet. Wenn ich euch behilflich sein kann...“ Er war rasiert und ich konnte die Seife an ihm riechen, als er dicht an mir vorbei ging. Ich seufzte etwas zu laut und unsere Blicke trafen sich in dem Spiegel über der Kommode und er grinste wissend, während ich mit hochrotem Kopf hinaus ging.

Es dauerte nicht lange und Haytham erschien wieder im Schlafzimmer und … sah umwerfend aus. Wie sagt man immer? Der könnte auch einen Kartoffelsack tragen und sähe immer noch toll aus! Aber er schien ein Fable für blau zuhaben. Dunkelblaue Hosen, weißes tadelloses Hemd und blaue Weste. Der dazugehörige Gehrock hing schon am Kleiderschrank. Doch zuerst waren noch die Strümpfe und Schuhe dran.

„Mrs. Frederickson?“ riss es mich aus meinen Gedanken mal wieder. „Wärt ihr so freundlich, mir zu helfen? Ich bekomme meine Haare nicht ordentlich gebunden!“

„Ähm... ja natürlich, Master Kenway.“ Ich nahm die Bürste von der Kommode, aber ich konnte ihm so nicht helfen. Dafür war ich zu klein. „Könntet ihr euch bitte setzen? Ihr seid zu groß!“

„Natürlich.“ er ließ sich auf den Stuhl sinken und so konnte ich ihm den Zopf vernünftig binden. Es war eine beruhigende Art und seine Haare fühlten sich einfach gut an. Ich hätte stundenlang... Nein, lass das, denk nicht einmal daran... konzentriere dich auf das Wesentliche!

Aber er hatte meinen verträumten Blick wohl schon bemerkt und stand auf, als ich fertig war. „Mrs. Frederickson?“ Er sah zu mir herunter und legte seine Hand wieder unter mein Kinn. Ich zuckte zurück, es hielt mich immer noch etwas von ihm fern. Mein Bauch und mein Herz wären ihm am liebsten auf den Arm gesprungen, aber mein Kopf baute eine Barriere auf. Warum auch immer.

Er ging einen Schritt zurück und sagte lächelnd „Wir sollten dann aufbrechen!“

So gingen wir gemeinsam nach unten und aus der Küche kam mir Yannick mit einem Brot in der Hand und kauend entgegen. Entgeistert sah er von mir zu Haytham. „Was ist denn hier los? Was wird das, wenn ich fragen darf? Habe ich etwas verpasst?“ Seine flapsige Art hatte er noch nicht im Griff, dass musste ich dringend ändern.

„Nein, du hast nichts verpasst! Aber ich ...“ und da fiel mir ausgerechnet Haytham ins Wort.

„Junger Mann, ihr solltet euren Ton eurer Mutter gegenüber lieber zügeln!“ belehrte er meinen Sohn im tadelnden Unterton und der Überzeugung, dass er damit etwas erreichen konnte. Was er nicht bedacht hatte, war, dass er damit einen Teenager ziemlich wütend machen konnte.

Kapitel 67.1


Oh nein, sag das nie einem Teenager! Nie! Ich sah, wie mein Sohn innerlich anfing zu kochen! Aber... er sah zu mir und ich nickte nur leicht und er rollte mit den Augen! „Entschuldige, MUTTER! Aber... eine solch traute Zweisamkeit und das so plötzlich? Woher der Sinneswandel?“

Yannick hatte ja nicht ganz unrecht. Nur wusste er ja auch nichts von den ganzen Vorkommnissen und meinen eigenen Gefühlen und überhaupt, war er eben auch noch zu unerfahren. Wie sollte ich ihm die ganzen Zusammenhänge in kurzer Zeit erklären? Meine Entscheidung wurde mir abgenommen, denn einer der hiesigen Diener zitierte meinen Sohn hinaus, um am Haus weiter zuarbeiten.

Mit einem säuerlichen und genervten Blick, verabschiedete Yannick sich noch von mir und Haytham, jedoch mit einer gewissen Eifersucht in der Stimme!

„Er muss noch einiges lernen.“ meinte der Großmeister nur.

„Ja, das muss er. Aber das wird er auch, ich muss nur Zeit haben mit ihm alleine. Dann werde ich ihm das schon erklären, wie er sich zu benehmen hat.“

Haytham prustete und sah mich erstaunt an. „Ihr habt ein ebensolches loses Mundwerk. So werdet ihr ihm wohl kaum etwas beibringen, oder? Vielleicht sollte ich heute einige Lektionen an euch probieren, damit ihr diese an euren Sohn weitergeben könnt?“

Mit gespieltem Schmollen gab ich nur „Master Kenway, um die Schulbank zu drücken bin ich zu alt!“ zurück. Zum gefühlten tausendsten Male... WAS MACHTE ICH HIER?

„Wir werden sehen!“ Mit diesen Worten nahm er meinen Arm und brachte mich ins Esszimmer. Das Frühstück war, wenn auch sehr verspätet, bereits fertig und ich war dankbar für meinen Kaffee. Nach dieser Stärkung machten wir uns auf den Weg.

Es war ein sonniger Tag, erstaunlich für diese Jahreszeit, denn eigentlich hatte ich mit Regen, Nebel und ähnlichem gerechnet.

Wir gingen zu Fuß, was ich befürwortete, denn es tat gut, um den Kopf frei zu bekommen. Haytham führte mich links am Fort entlang in Richtung Norden und zum Hafen, in dem meine Jackdaw hoffentlich bald wieder anlegen würde. Ab und zu warf ich einen verstohlenen Blick auf ihn, denn wir redeten nicht miteinander, sondern hingen unseren Gedanken nach. Aber an seiner Haltung oder seinem Gesichtsausdruck konnte ich nicht festmachen, was er denn vorhatte oder warum er plötzlich so ruhig war.

Jetzt, wo ich in männlicher Begleitung war, übten sich die patrouillierenden Soldaten in Zurückhaltung. Wie einfach es doch ist, unbehelligt von A nach B zu kommen.

Zwischendurch bekam ich tödliche Blicke von einigen Damen zugeworfen, denen meine Anwesenheit neben Haytham nicht passte. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, er hatte also tatsächlich ein Händchen für Frauen, genau wie Shay!

Angekommen im Hafengebiet von Lower Manhattan gingen wir über einen langen Steg bis zu dessen Ende. Der Großmeister stand neben mir mit auf dem Rücken verschränkten Händen und sah einfach auf das offene Meer hinaus. Es mag sich seltsam anhören, aber ich mochte ihn nicht in seinen Gedanken stören. Also tat ich es ihm gleich und dann sah ich sie!

Unter vollen Segeln erschien sie in der tief stehenden nachmittäglichen Sonne, meine Jackdaw! Fragend sah ich zu Haytham: „Master Kenway! Sind wir deswegen hier? Habt ihr nach ihr schicken lassen?“ In meiner Stimme schwang meine Enttäuschung mit, denn ich hatte auf einmal das Gefühl, er wolle mich jetzt einfach nur noch schnell loswerden! Eigentlich war ich überglücklich sie wieder zu sehen, trotzdem kam dieses Gefühl mit an die Oberfläche!

„Ihr klingt enttäuscht? Ich ging davon aus, ihr würdet gerne wieder nach Hause? Oder habe ich mich geirrt?“ Sein Ton war irgendwie eigenartig, ich konnte ihn beim besten Willen nicht deuten. Ganz zu schweigen von dem Ausdruck im Gesicht. Ich verstand gar nichts mehr.

Nein, er hatte sich nicht geirrt. Aber... ich wollte doch nicht so Hals-über-Kopf aufbrechen! Es hatte sich doch alles gerade erst ein wenig entspannt und... Das ging jetzt nicht!

Kapitel 68.1

Enttäuscht gab ich nur zurück: „Nein, ihr habt euch nicht geirrt, Master Kenway. Wenn ihr wünscht, dass ich unverzüglich aufbreche, hättet ihr das auch einfach sagen können. Dann werde ich jetzt nach der restlichen Mannschaft suchen und diese informieren...“ er fuhr mir über den Mund!

„So hatte ich das nicht gemeint! Herr Gott, ihr wollt auch gerne die Dinge falsch verstehen!“ ein wenig genervt nahm er meine Hände und atmete tief ein. „Ich habe nach der Brig schicken lassen, ja. Aber nur, damit sie wieder sicher hier bei euch ist, da ich bemerkt habe, dass ihr sie vermisst. Ich bin kein Unmensch, dass solltet ihr mittlerweile gelernt haben, oder?“

Er war kein Unmensch, zumindest nicht, wenn es um mich ging. Im Bezug auf seine Arbeit als Templer würde ich nicht die Hand für ihn ins Feuer legen! „Wann habt ihr denn ein Schiff losgeschickt und vor allem, woher wusstet ihr, WOHIN die Jackdaw gesegelt ist. Das war eigentlich nur der Besatzung und dem Hafenmeister...“ Ein Grinsen erschien um Haythams Lippen. Dennoch hatte ich keine Ahnung WANN er das gemacht haben sollte, denn ich war doch die ganze Zeit über in seiner Nähe.

„Ich habe einen regen Nachrichtenaustausch hier in der Stadt und wie ihr wisst, habe ich, als ich noch bettlägrig war, einem Boten einen Brief übergeben!“ Also erst die Nachricht, wohin ich mein Schiff geschickt habe und dann hat er umgehend die Benachrichtigung in Umlauf gebracht! Mein Respekt hatte mir verboten, in seine Korrespondenz zu schauen, hätte ich es man doch gemacht. Oder nein! Es ist gut, dass ich mir diesbezüglich nichts habe zu Schulden kommen lassen.

„Ah, darum ging es in diesem Schreiben. Entschuldigt, aber das konnte ich nicht wissen. Ihr hättet mich aber in eure Pläne einweihen können.“

„Und euer erstauntes und freudiges Gesicht verpassen? Auf gar keinen Fall! Nein, ich wollte es so!“

Meine Brig wurde jetzt mit dem Hintern zuerst an die Anlegestelle gehievt und ich wäre am liebsten gleich an Bord gesprungen. Hinter mir hörte ich ein Räuspern und als ich mich umdrehte standen die 6 Mann Besatzung, die hier in New York geblieben waren, hinter mir. Mit einem seligen Blick und großer Erleichterung, dass es jetzt nach Hause gehen würde, nahm ich jeden Einzelnen in den Arm.

Ein leichtes Poltern, als die Jackdaw leicht an die Kaimauer schlug, riss mich aus meinen Gedanken und voller Ungeduld stand ich da und wartete darauf, endlich wieder an Bord gehen zu können.

Haytham half mir, da ich mit diesen Röcken mal wieder etwas unbeholfen war. An Deck kam Rafael auf mich zu gestürmt und riss mich in die Höhe und drückte mir einen dicken Kuss auf! Völlig überrumpelt musste ich einfach nur lachen, naja, ein bisschen, denn er umklammerte mich regelrecht. Als er aber den Blick des Großmeisters sah, ließ er mich wieder langsam auf meine Füße sinken und räusperte sich.

Ich stellte die beiden Herren vor und es war Höflichkeit pur. Rafaels Blick hätte vermutlich jeden anderen Mann umfallen lassen, aber eben nicht Master Kenway. Die beiden tauschten, wie gesagt, die üblichen Floskeln aus und mein Erster Maat bat mich dann um ein Gespräch unter vier Augen.

Eine Entschuldigung Richtung Haytham murmelnd, ging ich mit Rafael ein Stück außer Hörweite.

„Alex, wir haben ein kleines Problem oder großes. Je nachdem, was noch passiert! Ich meine, ich bin ehrlich gesagt froh, dass wir wieder hierher konnten. Aber... wir haben ein wenig Mist gebaut, als wir so tagelang nur so vor Anker lagen und nichts zu tun hatten! Du weißt ja, Männer halt. Da kommt man schon mal auf dumme Idee. Und unsere war, zuzugeben sehr sehr dumm!“ Er trat von einem Bein, auf das andere!

„Jetzt red schon, soviel Blödsinn könnt ihr gar nicht veranstaltet haben!“

„Ähhh... ich befürchte doch. Wir haben aus Versehen auf die Garfaut geschossen!“

Kapitel 69.1

Mir klappte einfach nur der Mund auf, mir fiel nichts ein, was ich DAZU hätte sagen können. Konnte es nicht ein anderes Schiff sein? Musste es aber ausgerechnet die GERFAUT sein. Es war das Schiff eines Assassinen namens Louis-Joseph Gaultier, Chevalier de la Verendrye. Nicht sehr beliebt und ein eher unfreundlicher Mensch.

„Wir haben halt mal die Breitseitenkanonen testen wollen. Es war schon Nacht und kein Schiff in Sicht, also, keines anscheinend, welches wir gesehen haben. Es war halt auch nebelig und so.“ Er wurde knallrot und sah sich hilfesuchend nach dem Rest der Crew um. Die hatte sich wohl wissend verdrückt und tat so, als würde sie wichtige Aufgaben erledigen. Na wartet....

„Als die Steuerbord-Kanonen geladen waren, gab ich ohne Zögern oder noch einmal nachsehen, den Befehl zu feuern! Und da tauchte wie aus dem Nichts in diesem Nebel dieses riesige Schiff auf. Für einen Abbruch war es zu spät und ich konnte nur noch zusehen, wie zwei oder drei Kugeln den Rumpf voll trafen. Die anderen Kanonen waren zu tief ausgerichtet und schlugen in kurzem Abstand von der Jackdaw ins Wasser!“ Jetzt sah Rafael mich entschuldigend an, fast schon bettelnd, dass ich nicht sauer bin.

„Was glaubst du denn, was jetzt passiert? Hat dieser Gaultier sich gleich mit euch unterhalten und euch den Kopf gewaschen? Verdient hättet ihr es ja!“ fragte ich den ersten Maat ungeduldig!

„Naja, nachdem wir in windes Eile die Segel gesetzt hatten, konnte ich noch hören wie er brüllte, das würde ein Nachspiel haben und er würde uns finden! Er hat auf jeden Fall nicht zurückgeschossen. Was vermutlich Glück für uns war... Alex, es tut mir leid. Wir sollten wohl dann doch schneller zurück, als geplant! Denn ich glaube nicht, dass mit diesem Typen zu spaßen ist.“

Ich erinnerte mich an Informationen über Louis-Joseph Gaultier, Chevalier de la Vérendrye (dieser Name ist wie in mein Gehirn tätowiert, ich werde ihn NIE vergessen!). Und die Berichte waren allesamt nicht gerade schmeichelhaft für ihn. Das konnte ja lustig werden, sollten wir noch hier sein und ER taucht auf!

„Wir werden bald aufbrechen, aber... ich habe noch etwas zu klären und ihr geht jetzt erstmal auf Landgang und … naja, stellt euch vor, es wäre Urlaub!“ Ich versuchte ein Lächeln zustande zu bringen, aber so richtig klappte es nicht. Rafael rief den anderen entsprechend den Befehl zu und nach und nach gingen alle von Bord. Bis auf die üblichen Wachen.

Haytham trat jetzt wieder näher und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ich kam nicht umhin, mit anzuhören, in welchem Schlamassel eure Crew jetzt steckt. Kann ich euch helfen? Wir sollten vielleicht Master Cormac diesbezüglich informieren, denn er kennt den Chevalier ja noch von seiner früheren... Zugehörigkeit!“ Stimmt, daran hatte ich nicht gedacht. Er müsste ihn noch kennen. Aber ob das helfen könnte, wagte ich zu bezweifeln. Gaultier wäre nicht begeistert mich inmitten von Templern zu sehen und dazu noch ein weiblicher Kapitän … aber Fragen könnte man den Iren ja mal.

Um Ablenkung bemüht kam mir der Gedanke, Haytham den Beweis zu liefern, dass ich bezüglich der Jackdaw nicht gelogen hatte.

„Master Kenway, ich würde euch jetzt gerne die Urkunde zeigen, damit ihr wirklich beruhigt sein könnt, dass ich die Wahrheit sagte!“ Ich nahm einfach seine Hand und zog ihn hinter mir her zu meiner Kajüte.

Ich schob ihn auf einen der Stühle vor meinem Schreibtisch zu und bat ihn Platz zu nehmen. Danach öffnete ich die gesicherte Schublade, in der die ganzen Papiere Wasserdicht verstaut waren.

Mit der ledernen Mappe, auf welcher das Assassinen-Symbol prangte, kam ich wieder auf Haytham zu und reichte ihm die Unterlagen.

Sein Gesicht nahm eine unergründliche Mimik an. Kein Zeichen, ob er die Schrift seines Vaters wieder erkannte oder … was erwartete ich denn überhaupt? Dass er hier in totaler Trauer in Tränen vor mir ausbrach? Dass er mir vor Freude um den Hals fällt?

Sein Blick glitt von der Schenkungsurkunde zu mir hoch. Und … er musterte mich! Was zum Kuckuck sollte das denn jetzt?

„Master Kenway, lasst das! Ist etwas nicht in Ordnung mit den Papieren?“ Etwas genervt lehnte ich mich mit dem Rücken an meinen Arbeitsplatz.

„Hmmm... etwas ist seltsam!“

Kapitel 70.1


„Was?“ mehr Worte fand ich gerade nicht. WAS stimmte denn nicht?

Haytham erhob sich und reichte mir die Mappe. „Schaut selber, fällt euch nichts auf?“ fragte er mit einem scharfen Unterton!

Ich sah mir das Ganze noch einmal an und fand jetzt nichts ungewöhnliches daran. „Nein, mir fällt nichts auf. Jetzt sprecht schon. WAS ist denn nicht Ordnung damit? Erleuchtet mich!“

„DAS DATUM!“ mehr sagte er nicht. Aber dieser laute und sehr unwirsche Tonfall ließ mich zurück schrecken.

„Was ist denn damit....“ Ich sah mir das Schriftstück noch einmal an. Edward hatte mit dem Datum 4. Dezember 1735 unterzeichnet. Was war denn... OH! „Ihr meint, ich belüge euch immer noch? Weil euer Vater ein späteres Datum als die eigentliche Übergabe hinterlassen hat?“

„Genau deswegen! Er konnte schlecht an dem Tag diese Urkunde ausgestellt haben! Und jetzt sagt mir, was ihr hier spielt!“ Seine Hand griff nach meinem Oberarm und drückte zu.

Das war jetzt nicht sein Ernst. Hatte Haytham mir wirklich nicht zugehört? „Master Kenway, ihr tut mir weh! Lasst mich los! Ich kann das erklären, denn ihr habt mir gestern Nacht anscheinend nicht richtig zugehört.“ Also erzählte ich ihm noch einmal von meiner verfrühten Abreise und von meiner Vermutung, dass Edward die Papiere schon fertig gehabt haben muss.

„Ich gehe einfach davon aus, dass Edward an eurem zehnten Geburtstag das Ganze etwas feierlicher gestalten wollte. Aber dazu kam es ja leider nicht mehr. Die Urkunde muss er schon vorher fertig gestellt haben. Glaubt mir, ich belüge euch nicht! Das ist die Wahrheit VERDAMMT!“ Ich zerrte an meinem Arm, aber er musterte mich weiter und hielt mich unerbittlich fest.

Plötzlich ließ er resigniert meine Arm los und stand einfach nur da und sah auf mich herab. „Ich... ich muss mich entschuldigen. Aber...“ Ich ließ ihn nicht ausreden, denn jetzt war es an mir, ihm das Wort abzuschneiden!

„Ihr setzt allen Ernstes ein ABER dahinter? Ihr habt mich die ganze Zeit analysiert, mich beobachtet und müsstet eigentlich wissen, dass ich die Wahrheit sage! Und jetzt bekomme ich eine Entschuldigung mit einem ABER dahinter?“ Kopfschüttelnd sah ich zu ihm auf.

„Aber ich bin im Laufe der ganzen Jahre und meines bisherigen Lebens ein vorsichtiger Mensch geworden und Vertrauen fällt mir schwer! DAS war das ABER!“ Er stand vor mir, etwas unbeholfen, hatte ich den Eindruck. Sollte ich ihn einfach in die Arme nehmen? Er kam mir zuvor und legte seine Hände abermals auf meine Hüften, wie heute Mittag schon und zog mich zu sich. Ich lehnte mich an seine Brust und so standen wir wieder in dieser Umarmung da.

Es war einfach richtig, es war ein gutes Gefühl, aber in dieser Umarmung lag kein Verlangen oder Ähnliches. Es war ein Halten und Gehalten-werden. Ich spürte, wie sich seine Muskeln wieder entspannten und sein Atem ruhiger wurde, ebenso wie ich mich beruhigte.

Irgendwann löste ich mich ein Stückchen von ihm und sah zu ihm auf. „Master Kenway, ich denke, es ist an der Zeit, dass ich mit meiner Mannschaft und meinem Sohn abreise!“ Denn ich versank hier wieder in einem bösen heftigen Gefühlsstrudel und wie das enden könnte, hatte ich schon einmal erfahren!

„Aber nicht sofort heute Nacht noch, wartet den morgigen Tag ab und lasst die Jackdaw mit Vorräten beladen. Das kann dauern! Bis dahin möchte ich, dass ihr mein Gast bleibt. GAST... schaut nicht so zweifelnd. Ich sagte, ICH bin misstrauisch, aber ihr seid auch nicht besser.“ Grinsend sah er mich an.

„Einverstanden Master Kenway, ich freue mich noch eine Nacht als Gast bei euch bleiben zu dürfen!“

Und damit gingen wir von Bord und nach Hause!

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

MrsHEKenways Profilbild MrsHEKenway

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Kapitel:71
Sätze:3.288
Wörter:37.397
Zeichen:214.412

Kurzbeschreibung

*********** Die Vorläufer haben nicht nur beim Schreiben ihre Finger mit im Spiel! ************ Alex Frederickson kann es nicht sein lassen! Die Neugierde und die Faszination für das 18. Jahrhundert lassen sie nicht los. Oder ist es doch noch etwas anderes was Sie antreibt? Und so packt sie ihre Sachen ein weiteres Mal und reist nach New York, September 1759, um heraus zu finden, was aus dem kleinen arroganten Haytham wohl geworden ist! (Anlehnung an Assassins Creed 3 und Rogue)

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Zeitreise, Ubisoft, Assassins Creed 3 und Assassins Creed Rogue getaggt.