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Statistik
| Kapitel: | 3 | |
| Sätze: | 171 | |
| Wörter: | 2.106 | |
| Zeichen: | 12.945 |
Ich trug ein kniefreies Baumwollkleid, cremefarben, luftig genug für das Tropenklima, elegant genug, um nicht wie eine Massentouristin aus dem Flugzeug zu stolpern. Deine Blicke glitten über mich, ja, du wolltest mich so sehen. Bye, bye Outback-Backpacker-Schick. Du wirktest dich ganz schön bestimmend in meinem Leben aus. Ich spürte die Lust in meiner Mitte, wenn ich nur daran dachte … die Sonne stand hoch über der Esplanade, die tropische Hitze lastete auf der Stadt. Es war Waterboarding für die Sinne. Wir bummelten ziellos vorbei an Galerien, Boutiquen für Flatterkleidern und Nippes. Vor einer Seitenstraßenklitsche bliebst du stehen. Keine beachtliche Auslage, keine grellen Farben. Nur ein schlichtes Schild: Loom & Light - Fine Textiles & Objects. Der kühle Luftzug, der uns beim Eintreten überraschte. Ballenweise feilgeboten wurde Seide, Leinen, handgewebte Schals, kunstvoll gefaltete Tücher aus Indien, Japan, Vietnam. Eine Dame mit silbergrauer Betonfrisur begrüßte uns mit einem Nicken, verschwand dann diskret zwischen Stoffrollen. Du zogst ein schlichtes schwarzes Seidentuch hervor. Ich runzelte die Stirn.
„Für dich“, sagtest du einfach, und ich lachte leise. „Ein schwarzes Tuch? Ich bin doch kein Vampir.“
Du hieltest es mir an die Wange. Es fühlte sich schwerelos an. Dann sahst du mich an. Mit einem fernen Ton der Vorfreude in deiner von Erregung aufgerauten Stimme sagtest du: „Du wirst schon sehen. Oder eher nicht sehen.“
Du berührtest meinen Nacken. Dein Verlangen ließ meinen Atem stocken. Ich sah und spürte deine Härte und fragte nicht weiter. Ich war neugierig, aber bestimmt nicht misstrauisch. Ich wollte dich so stark mich begehrend. Erst im Hotelzimmer verstand ich.
Der Ventilator drehte langsam seine Kreise, irgendwo zirpten und keckerten Geckos. Ich war gerade dabei, meine Ohrringe abzulegen, als du hinter mich tratst - das Tuch in der Hand.
„Vertrau du mir?“, fragtest du.
„Ich vertraue dir blind.“
Da legtest du mir das Tuch an. Ich wusste nicht, was du als Nächstes tun würdest, aber ich war so erregt, dass meine Beine mich kaum noch trugen. Der Seidenschleier … dein Atem an meinem Ohr. Die Stunde war still, schwer von Wärme. Meine Haut wurde zur Landschaft, jede deiner Berührung war Wind, Regen, Feuer.
Offenbar wolltest du mich so. Ich trug noch meinen Rock und das Top. Vielleicht war es ein Regiefehler. Vielleicht diente es der dramaturgischen Spannung. Du führtest mich zum Bett. Ich wusste nicht, wohin du als nächstes greifen würdest. Ich löste mich in der Spannung auf.
Geleitet von deinem Willen und meiner Hingabe … ich begann mich an diese Vorstellung zu gewöhnen. Mehr noch, sie lud mich mit Lust auf. Du warst so zärtlich auch in deiner Führung. Ich hörte, was du dich noch nicht zu sagen trautest. Natürlich hättest du jederzeit eine Mitspielerin aufgabeln können, die dir mit offensiver Zustimmung entgegengekommen wäre. Ich genoss die Geschmeidigkeit deiner Manöver. Deine Zielstrebigkeit und Unbeirrbarkeit. Du wolltest mich ganz und gar einnehmen, mich besitzen. Ich sollte dein sein.
P.S.
Liebe Leserinnen, ich möchte euch nicht verhehlen, was ihr so sowieso schon wisst. Den Tuch-Fetisch habe ich mit verschiedenen Liebhabern genossen. Stets hielten sie sich für die ersten und insofern auch einzigen in der einschlägigen Rolle. Die Wahrheit ist, ich habe immer wieder von vorn angefangen, die Frau zu sein, die sich auf einen neuen Fetisch einlässt, weil der Mann es sich so wünscht.
Am Westufer zwischen …
Das schwarze Tuch… Ich erinnere mich noch genau, wie du mich angesehen hast, als wir in der Boutique standen. Ich trug ein cremefarbenes Baumwollkleid, knielang und luftig. Du hast meinen Anblick genossen und ich habe so getan, als wäre ich mir deiner Lust im Augenblick nicht bewusst. Du warst… eine echte Kraft in meinem Leben. Oft musste ich nur an dich denken, um die Erregung zu vernehmen, ja so empfand ich es. Ich vernahm mein Begehren, es sang in mir sein schönes Lied. Als ich zuließ, dass du das Seidentuch um meinen Hals legst, veränderte sich etwas in den Auen meiner Lustlandschaft. Mein Atem stockte. Ich ließ die Flamme schießen. Ja, ich vertraute dir blind.
Vielleicht ahnest du es. Vielleicht auch nicht. Ich bin nie in meine Liebhaber gedrungen. Ich wollte schließlich auch nicht, dass sie sich an mir mit seelischer Erbenszählerei vergriffen. Ich habe den Tuchfetisch auch mit anderen Liebhabern genossen. Jedes Mal glaubten sie, sie seien die ersten, die einzigen. Und deshalb war es leicht für mich, jedes Mal wieder von vorn anzufangen. Ich spielte dieses Spiel so gern. Ich in der Rolle einer Frau, die sich auf einen neuen Fetisch einlässt, weil der Mann es so wünscht. Es war nie Gehorsam, sondern stets nur Spiel. Ich hatte die Wahl. Ich entschied. Du warst mein Gefährte, wie vor dir andere. Weißt du noch, beinah zum letzten Mal sind wir uns am Attersee begegnet, ein halbes Jahr nach unserer großen Reise.
Das war kein gewöhnliches Begehren. Es war ein Echo aus früherem Leben - oder ein Versprechen, das die Zukunft gab. Ein kosmischer Strom der Lust drohte mich zu zerreißen ... ich erzähle dir die Geschichte als düster-modernes Märchen, in dem sich Mythen, Begierde und intellektuelle Obsession verweben.
„Zieh deinen BH aus und gib ihn mir“, verlangt Anson. Nana sieht sich um. Das Publikum konzentriert sie auf die Autorin. Nana befreit ihren Busen von den Halbschalen. Es ist ein Kunststück, erlernt und perfektioniert in Schwimmbädern und Turnhallen. Anson nimmt ihr das Stück ab und hält es sich andächtig unter die Nase. Natürlich bleibt das nicht unbemerkt, Anson scheint es egal zu sein. Seine rechte Hand fährt Nanas Schulterrelief ab. Die Hand gleitet über die Schlüsselbeine und unterstreicht Nanas Kinn. Sag, dass du mich liebst. Dass du mit mir zusammenbleiben und eine Familie gründen willst. Dass du jede Nacht bei mir liegen wirst, bis dass der Tod uns scheidet. Nana gebietet Anson keinen Einhalt, sich jeder Zustimmung gleichwohl enthaltend. Anson kommt in Frage, wie andere auch. Mehr lässt sich im Augenblick nicht sagen: das ist Nanas Standpunkt. Sie blendet die Umgebung aus. Ansons Hände besuchen ihren Busen, legen die Knospen frei und stimulieren die Spitzen. Nana stöhnt auf. In diesem Augenblick erwacht sie. Sie ist allein zuhause auf dem Sofa eingeschlafen und hat das alles nur geträumt. Enttäuschung beschleicht sie. Gleichwohl sind die Nippel bretthart und sie spürt das Ziehen im Unterleib. Unwillkürlich berührt sie sich selbst. In ihrer Phantasie …
Sie wirft noch einen flüchtigen Blick in den Spiegel und schwirrt dann ab. Auf dem Fahrrad fährt sie zur Uni.
Ah, ... ich liebe diese Szene mit dem sinnlichen Kuss im lichten Moment der beiden...!“ M.
*
„Eine märchenhaft schöne Szene ist das, lieber .... 'Qi ist Liebe in Bewegung'.“ M.
Während das erste Tageslicht feindlich durch Ritzen rann und sich einer müden Gemeinschaft aufzwang, blieb Nana noch in einem beinah transzendentalen Rausch. Sie schwankte zwischen Ekstase und Erlösung - und zwar immer noch nach der Agenda einer Techno-Diktatur, die sich in den Körpern und Seelen der abgerockten Pilgerinnen herrschaftlich auswirkte. Endlich zog sie sich in eine Lounge-Ecke zurück.
Sie verkroch sich in einem kolossalen Fauteuil, vor hundert Jahren gebaut für die Ewigkeit. Die Absonderungen schweißnasser Haut so wie schaler Parfumarmomen unterlegten sich Nanas Reflexionen der vorangegangenen Stunden. Sie vernahm seine Stimme, Anson hatte sie gefunden. Das Timbre genügte, um Nana klarzumachen, dass sie noch immer vor Verlangen glühte.
Der Club hatte sich geleert, nur noch ein paar sinnlos krasse Mad-Max-Verschnitte irrlichterten auf der Tanzfläche. Anson half Nana auf und führte sie in eine sakrale Stille. Da erst fiel ihr auf, wie lange sie schon einen Moment der Ruhe entbehrte. Die Körper fanden zueinander in ewiger Zwiesprache.
„Spinnwebhandschrift, lang und fein nachgezogen, mit stiller Verachtung und Resignation: ein junger Mensch von Rang.“ James Joyce, ‚Giacomo Joyce‘
*
„Was die Form des Werkes betrifft: Es hat keine. Es ist flüssige Lava. Es ist verrückt, dunkel und verzehrend. Aber nimmt diese unerhörte Lästerung der Vorsehung nicht mit der unvergleichlichen Autorität der Prophetie den letzten und nahen Schrei des menschlichen Gewissens vor seinem Schöpfer vorweg?“ Léon Bloy über Les Chants de Maldoror
Isidore Ducasse (1846–1870), der sich selbst als Comte de Lautréamont stilisierte und bereits in jungen Jahren den poète maudit kultivierte, schuf unter den Auspizien der Pariser Kommune ein singuläres Werk. Es antizipierte nicht nur den Surrealismus, sondern kündigte auch den Schrecken des Schwarzen Jahrhunderts an. Es fungierte wie ein Katechismus für alle Arten anarchischer Apotheosen. Wer in den letzten hundert Jahren literarisch auf schreckliche Weise wild sein wollte, berief sich auf den Comte – also auf einen Studienabbrecher, der zunächst anonym und auf eigene Kosten veröffentlichte.
„Im Herbst 1868 veröffentlichte Ducasse den ersten Gesang anonym und auf eigene Kosten.“ Wikipedia
Die Rezeption der Gesänge des Maldoror setzte mit erheblicher Verzögerung ein; danach aber riss sie nie mehr ab. Die Editionsgeschichte und ihre Wirkung liefern zahlreiche Beispiele verspäteter Auslieferungen. 1869 tauchte der Titel im Verlagsprogramm des Brüsseler Verlegers Albert Lacroix auf, gelangte jedoch nicht in den Buchhandel. Ducasse starb ein Jahr später, nachdem sein Debüt faktisch nicht erschienen war.
Ich hatte in der Abtei Mont-Saint-Michel eine pornografische Version der Gesänge entdeckt. Die Abtei überragt eine Bucht im Wattenmeer der Normandie. Sowohl die Gegenreformation als auch die monarchistische Restauration, die der Französischen Revolution entgegenwirken sollte, bezogen von Saint-Michel wichtige Impulse.
Gemeinsam mit Professor Goya frönte ich (die brillante Philologin) den Obszönitäten dieser geheimen Version. Der nordhessische Halbgott CC ist in Goya inkarniert. Sein zentrales Organ ist ein Werkzeug der Aufklärung. Damals wusste ich nichts von seiner Unsterblichkeit. Ich hielt Goya für einen Sterblichen, der zumindest einlöste, was andere nur versprachen.
Meine Intelligenz entfaltet sich auf dem Drahtseil meiner Erregung. Sex war ein Medium meines Talents.
Ich lebte in einer Ordnung, die von Goya diktiert wurde. Wie gesagt: Ich hatte keine Ahnung. Er kontrollierte meine Kleidung, und ich hielt jedes einzelne Stück für frei gewählt. Unberührt von Goya blieb allein mein philologisches Genie.
Ich trug schwarze Spitzenwäsche. Auch Goya war längst nackt. Er sah aus, als sei er von Michelangelo gemeißelt worden. Der Uneingeweihte würde ihn einen perfekten Mann nennen, doch Goya war mehr als ein Mann.
Ich erlebte einen Rausch der Hingabe, während Goya mir jedes Vergnügen gewährte. Ein Mangel an Dominanz und Ausdauer ist die Ursache sexueller Katastrophen – ebenso wie die post-koitale Erschöpfung des Mannes.
Mir fehlte die Verlässlichkeit männlichen Begehrens in fast allen Konstellationen – außer bei Goya. Ich war die führende Expertin in Deutschland, wenn es um Wanda von Sacher-Masoch ging. Ich zählte zu den Koryphäen der Rezeption von Uwe Johnson, James Joyce, Samuel Beckett, William Seward Burroughs und Jürgen Ploog.
„Du bist göttlich“, sagte ich, ohne zu ahnen, wie recht ich hatte.
Die Schriften über Lautréamont umfassten rund 6000 Titel. Viele Autoren fragten sich, wie „automatisch“ Ducasses Schreibstil war. Stichwort: Écriture automatique. Ré Soupault erwähnt irgendwo ihren Ehemann Philippe Soupault, „der 1917 als Genesender nach dem Militärdienst die ‚Cantos‘ in einer malerischen Pariser Buchhandlung unter dem Begriff ‚Mathematik‘ entdeckte.
Das Werk wurde zur großen Entdeckung der Surrealisten. Gesellschaftlich gesehen hätte man den Renault-Erben Philippe Soupault sogar Marcel Proust zugetraut. Soupault hätte den Surrealismus aus der Portokasse finanzieren können. Er war zu nobel für den Emporkömmling André Breton, der Soupault dummerweise verunglimpfte. Proust bezog sein Bier aus dem Ritz. Seine Geräuschempfindlichkeit war legendär. Er beschaffte sich Informationen auf ungewöhnliche Weise. Manchmal erbat er während einer morgendlichen Autofahrt von einem hübschen Domestiken einen Nachtbericht. Er interessierte sich für die Farben der Federn an Damenhüten. Einer seiner Informanten war Soupault, der wie Marcel der Sohn eines bedeutenden Arztes war. Soupaults Bruder Robert, selbst Chirurg, widmete Marcels Bruder eine Abhandlung. Die Kollegen lernten sich im Kurort Cabourg-Balbec kennen, den Marcel Proust berühmt gemacht hatte. Der Künstler, noch ein Junge, gibt sich in seinen Sommerferien als abgeklärter Beobachter. Er bemerkt die „unfreundlichen“ Hügel am Strand von Balbec. Er verortet den Bahnhofsvorsteher „zwischen Tamarisken und Rosen“. Er lächelt auf den „künstlichen Marmor“ der monumentalen Treppe im Grandhotel herab, in dem er logiert. Er vermutet, dass der Direktor, „ein dicker Mann im Smoking“, eine „kosmopolitische Kindheit“ genossen hat.
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