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Am Attersee

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19.02.26 05:46
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

Am Attersee

Das Hotel lag am Westufer zwischen Nussdorf und Unterach und bot einen Ausblick auf das Höllengebirge, der als Sehenswürdigkeit gehandelt wurde. Die Phänomene ordneten sich im Spektrum einer perfekten Kurbadkulisse.

Der See war ein Gigant. Der Landesgrößte. Unfassbar tief mitunter. 

Die Horizontlinie markierten verschiedene Blau.

Du hattest in Wien noch eine Präsentation und wolltest erst am Abend kommen. Für dich war es einer dieser durchgetakteten Tage, die kaum Raum zum Atmen ließen. 

Lindenblüten aromatisierten die Luft. Ich setzte sich ans Ufer, befreite meine Füße von den Sandalen und ließ sie baumeln. Das war eine Hommage an kindliche Saumseligkeit. Das Wasser war kälter als erwartet. Ich sah bis auf den Grund. 

Manche sagen, der See merkt sich deine Träume.

Später flanierte ich nach Weyregg. Ich kannte die Geschichte vom versunkenen Kloster zu Weyregg. Die Mär vom grundreinen Glockengeläut. Vom Klang aus der Tiefe. 

Ich war empfänglich für mythologische Alltagsüberschreibungen volkstümlicher Provenienz. Ich trug ein Sommerkleid, das weniger wog als der flüchtigste Gedanke. Es war ein Fluss aus Baumwolle, elfenbeinfarben, mit kaum sichtbaren Stickereien entlang des Ausschnitts. Die Träger waren schmal, der Rücken frei. Der Stoff zeigte eine Tendenz zur Transparenz und schmiegte sich an die Taille wie eine zärtliche Hand. Das Kleid sagte: „Ich kann es kaum erwarten, dass du kommst.“

Manchmal war der See ein gleißender Spiegel. Die Römer hatten die Ufer als Rastplatz entlang der Handelsrouten zwischen Lauriacum (heute Enns) und dem Alpenraum genutzt. Im 19. Jahrhundert avancierte der See zu einem Magneten des Bildungsbürgertums. Gustav Klimt malte hier einige seiner berühmten Landschaften, die Sommerfrische wurde Kult. Die Dörfer rund um den See - Weyregg, Seewalchen, Steinbach - besaßen noch Anmutungen des Habsburger Belle Époque-Flairs.

Der Attersee liegt in einer tektonischen Mulde, die von eiszeitlichen Gletschern vertieft wurde. Die umgebenden Berge bestehen aus Dachsteinkalk. Eine Sage erzählt vom Wassermann. Er bewohnt eine Kristallhöhle und bewacht einen Schatz. Leichtsinnige zieht er in den Tod. Verheiratet ist er mit einer Sirene, der man ein Verhältnis mit dem Drachen nachsagt, der im Höllengebirge haust.       

Gesäumt von einem Kranz mächtiger Kastanienbäume lag das Café direkt am Wasser. Auf dem Schild über der Tür stand in geschwungenen Lettern: „Café Seeblick - seit 1898“.

Ich wählte einen Platz auf der Veranda. Ich setzte mich an einen Tisch mit Marmorplatte und gusseisernem Fuß. Die Kellnerin sah nach Ferienjob aus. Ich bestellte einen Verlängerten und Marillenkuchen. 

Wenig später stand ein feines Mokkaservice mit Goldrand vor mir. Der Kuchen dampfte. Die Marillen glänzten unter dem Gitterteig. Ein Klecks Schlagobers schmolz am Tellerrand. 

Ich war zu schön, um lange unangesprochen zu bleiben. Ein Panamahutträger im Leinenanzug nahm sich die Freiheit. 

„Verzeihen Sie, gnädige Frau“, sagte er. „Darf ich raten? Marillenkuchen - noch warm?“

Ich hob eine Braue.

„Richtig. Aber raten Sie nicht weiter, sonst wird es persönlich.“

Er lachte zuversichtlich.

„Ich verspreche diskrete Zurückhaltung - ganz im Stil der alten Schule. Ich bin nur ein Liebhaber guter Cafés. Und schöner Nachmittage.“

Theatralisch ließ er den Blick schweifen.

„Darf ich mich vorstellen? Jules - Jules von Ehrenthal. Zumindest früher, im Theaterprogramm stand es so. Heute bin ich nur noch ein Stammgast mit Geschmack.“

„Von Reichenau“, erwiderte ich knapp. „Meine Familie kennt man hier in der Gegend, obwohl ich natürlich aus Deutschland stamme.“

„Das ehrt Sie. Und macht mich ein wenig neidisch.“

Er setzte sich nicht, blieb einfach stehen, würdevoll wie ein Kellner in einem alten französischen Film, doch mit dem Lächeln eines Mannes, der weiß, wann er auf verlorenem Posten steht. 

Er bestellte einen kleinen Schwarzen, ohne zu fragen, ob er bleiben dürfe.

„Wissen Sie“, sagte er, „die Sonne fällt heute so schön auf Ihren Tisch, die Marillen leuchten nur Ihretwegen.“

„Flirten Sie mit mir?“

„Mit dem Leben.“

„Ich sage Ihnen jetzt mal etwas, das Sie auch nichts angeht. Ich liebe einen Mann, den ich vor Ablauf der nächsten Stunde in meinem Hotelzimmer erwarte, so süchtig wie ein Teenager.“

Die feurige Ansprache erregte mich. Der ausgediente Schauspieler zog sich mit einem schiefen Grinsen zurück. Ich aber konnte es jetzt kaum erwarten, in der provisorischen Intimität des Hotelzimmers dir entgegenzufiebern. Ich wollte nicht länger die Zeit im Café totschlagen oder sich sonst wie ein Sommerfrischevergnügen abringen.

Ich blieb in meinem Kleid. Nur die Unterwäsche legte ich ab. Mein genitaler Puls pochte so stark, dass ich die Beine zusammenpresste. Sie wollte erst kommen, wenn du da sein würdest. Entflammt von einer kleinen Berührung. Ich imaginierte deine Hand auf meinem Po, deine Härte an meinem Bauch. Es ging beinah über meine Kraft, doch dann klopfte es endlich an die Tür, ich warf mich in deine Arme und spürte sofort, dass es dir nicht anders erging als mir. 

Es ist tierisch heiß in deinem Büro. Die Luft steht. Mein Top klebt am Rücken, ich habe keinen BH mehr an. Die Entscheidung war spontan, intuitiv, ein Vorgriff auf das, was zwischen uns läuft. Wir schreiben an einer vorläufigen Grammatik unserer Nähe. Ich spüre die Freiheit unter dem Stoff und deinen Blick, der meine Spitzen hart werden lässt. Alles kriegt jetzt einen Rhythmus, einen Puls. Du sagst nichts. Du musst nichts sagen. Du bist in meinem Innersten angekommen. Ich stelle mir vor, dich mit deinem historischen Titel anzusprechen, in vollem Ernst, nicht, um mich kleiner zu machen, sondern um dich auf meinem Traumplateau zu begrüßen. Dich weiß ich befähigt zum Hochamt der Liebe. Mein Navigationssystem hat jede Silbenspur gespeichert, die du jemals für mich gelegt hat. Jetzt ist da nur noch Berührung, Spannung, Präsenz.

Ich weiß, was ich will. Ich will Professorin werden. Ich will mich durchsetzen in einer Welt, die nicht auf mich gewartet hat. Ich will klug sein, präzise, unmissverständlich noch im Fußnoten-Flow. Wir reden über tierische Fernwahrnehmung. Über die ozeanischen Resonanzkörper der Wale. Ihrer Befähigung zur akustischen Kommunikation über Tausende Kilometer via niederfrequente Schallwellen. Du sagst etwas, und ich kriege Gänsehaut. Ich reagiere auf etwas, dass mein Ohr nicht hört, mein Körper im Ganzen aber schon. Ich nehme es wahr als Vibration, Druckgefühl, Unruhe oder eben Gänsehaut. Niederfrequente Töne wirken direkt auf den Körper, auf das Zwerchfell, das Nervensystem und die Organe. Sie lösen Angst, Erregung, Präsenz aus. Ich glaube, dass du solche Prozesse steuern kannst. Das macht dich für mich zu einem modernen Magier. Du nutzt die niederfrequenten Anteile deiner Stimme, um Vertrauen und Verlangen auszulösen. Da bin ich mir sicher. Schwingung und Resonanz - Schamanentrommel, Didgeridoo, OM-Chant. Das sind Werkzeuge der niederfrequenten Kommunikation. Blauwale und Buckelwale erzeugen extrem tiefe Gesänge, die durch das Meerwasser mit erstaunlicher Effizienz reisen. Diese Laute, die weit unterhalb der menschlichen Hörgrenze liegen, können sich über mehrere tausend Kilometer hinweg ausbreiten, da sie kaum vom Wasser absorbiert werden. Der Ozean wirkt wie eine akustische Linse: In der sogenannten SOFAR-Schicht bewegen sich die Schallwellen nahezu verlustfrei. Manche Wissenschaftler vermuten sogar, dass sich Wale über globale Entfernungen hinweghören können, mit einer Art planetarischem Echolot.

Zwischen Sprache, Körper, Evolution und Intimität … das Büro des Sprachmeisters liegt im ältesten Trakt der im Mittelalter auf den Grundmauern eines Klosters aus der Merowinger-Ära zunächst als Ritterkolleg gegründeten und nach militärarchitektonischen Vorgaben erbauten Universität. Die Außenmauern bestehen aus meterdicken Quadern. Die Pforte zur Klause des Dekans, historisch des Sprachmeisters, ist massiv wie eine Kerkertür. Coles Reich gleicht einem Museum. Die Regale stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das Bücheraufkommen evoziert botanische Begriffe wie Wildwuchs, Dickicht und Dschungel. Das sind wuchernde Formationen: gestapelt, geschichtet, ineinandergeschoben wie archäologische Sedimente.

Ein Giacometti-Replikat steht auf der Fensterbank, das Tageslicht fällt durch bleiverglaste Scheiben. Ich sehe in einen klandestinen, der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Innenhof mit Efeu und Steinbrunnen. Die Welt scheint weit weg. An einer Wand hängt eine alterspatinierte Karte der indoeuropäischen Sprachentwicklung neben dem gerahmten Faksimile eines Briefs von Artaud. Auf einem Mahagonischränkchen steht ein Globus von Vincenzo Coronelli, gefertigt 1688 in Venedig - einer der prachtvollsten Himmels- oder Erdgloben der Frühen Neuzeit. Coronelli war Kartograf, Franziskaner und Gelehrter am französischen Hof, seine Globen blieben Königen vorbehalten. Ludwig XIV. war ein Kunde. Das Kunstwerk ist handkoloriert und liefert eine präzise Schilderung des damaligen Weltbilds - inklusive mythologischer Figuren, Seeungeheuern, Windrosen und astrologischen Symbolen. Ein Glasplattentisch und ein abgewetztes Ledersofa aus den 1970er Jahre gehören zu dem eklektizistischen Ensemble. Ich warte auf den Augenblick, in dem wir beide uns auf der Couch derangieren. In Gedanken öffne ich mich dir schon jetzt und das hat eine erstaunlich intensive Wirkung. Es ist, als würdest du mich zärtlich berühren. Ich hauche meine Liebesworte in dein Liebesohr, wenn auch nur in meiner Phantasie.

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