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Private Paradiese

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02.04.26 07:01
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

Die Sonne schiebt sich durch den Frühnebel wie ein freundlicher Gedanke. Über den Feldern liegt der Duft von Heu, gemischt mit den Aromen von Lavendel und aufgeheiztem Staub. Die Kirchturmuhr von E. schlägt neun. Ich bedenke die Geschichte der Glocke. Sie ist älter als das Rathaus. Die Alten sagten, wenn sie schlägt, höre man nicht nur die Stunde. Man höre, was wahr ist. Sie wurde 1603 gegossen, im Auftrag einer Bäuerin namens Lenka, die nach dem Tod ihres Mannes einen Großteil ihres Erbes für „eine Glocke, die auch die Toten weckt“ gespendet hatte. Die Legende ging so: Ihr Mann war während eines Raubzugs im Schlaf erschlagen worden. Seitdem glaubte sie, dass das Läuten einer Glocke nicht nur der Ehre Gottes, sondern auch dem Schutz der Menschen dienen müsse - ein Weckruf gegen Unachtsamkeit, gegen das Verschlafen des Lebens. Die Glocke war in Kassel gegossen und mit zwei Ochsen nach E. verbracht worden. Sie überstand Kriege, Blitze, Plünderungen und eine geplante Einschmelzung im Zweiten Weltkrieg, der sie nur entkam, weil sie die Bürger von E. unter der Führung ihres Bürgermeisters Gerster aus dem Glockenturm auf einen Dachboden schafften. Ein Sprung in der Form verlieh ihr einen Ton, den die Eingesessenen liebten. „Unsere Glocke lügt nicht“, sagten sie.

Ich kenne jene Aufzeichnungen, die der Glocke gewidmet sind und im Heimatmuseum verwahrt werden. Briefe, in denen Soldaten die Glocke erwähnen, als Ade beim Abmarsch. Oder ein Tagebucheintrag von 1912, in dem jemand beschreibt, wie ihm das Läuten im Nebel „wie ein warmer Gottesatem“ vorkam. Innerlich verneige ich mich vor dem Ahnenaberglauben. Die Glocke hat die Hürde zur Ewigkeit überwunden. Sie gehört zum Diesseits und zum Jenseits, wie die Eder, wie die Hügel, wie der Wind, der in den Kronen der Linden kobolzt.

„Die ersten fanden den Tod, die zweiten hatten die Not, und die dritten erst das Brot.“

An dem Ederzufluss Marschbach, der zugleich einen Ortsteil von Ederthal bezeichnet, leben aus Harta (Ungarn) vertriebene Protestanten. Sie leiden unter den Erbkrankheiten Methämoglobinämie und Chorea Huntington. Ihre Kolonie erinnert an Moonshiner Habitate in den Appalachen. Der Kasseler Historiker Cornelius Blattschneider schreibt in seiner Marschbacher Saga: In verwaisten Gebieten von Ungarn, Slowenien und dem Banat siedelten ab dem 17. Jahrhundert Deutsche. Vielfach verlangte die Staatsräson das katholische Glaubensbekenntnis. Protestanten mussten konvertierten oder in protestantische und tolerante Territorien ausweichen. So erklärt sich ein Endpunkt der sogenannten Schwabenzüge in Harta an der Donau. 1723 kamen die ersten ev. Deutschen und ließen sich auf den Ländereien des Diplomaten Pál Ráday nieder. Nach Fünfundvierzig wurden 287 deutschstämmige Familien deportiert. Einige fanden den Weg nach Ederthal-Marschbach. Da waren sie so unwillkommen wie daheim.

Ein Enkel der Pioniergeneration von 1723 emigrierte nach Kentucky in Amerika. Er lebte wohl eine Zeitlang in Obhut der First Nation. Jedenfalls gründete er mehr als eine Familie und brachte sehr verschiedene Nachkommen hervor. Im 19. Jahrhunderte überquerte ein Enkel den Atlantik, um sich mit der Lebensart seiner Ahnen, amerikanisch frank vertraut zu machen.

Ich bin eine späte Nachfahrin der Edelfrauen zu Itter. Wer wüsste nicht, dass Gepa von Itter als Gumbert von Warburgs rüstiger Witwe 1129 in Arolsen just jenen Augustiner-Chorherren-Stift ins Leben rief, der beizeiten zum geistlichen und räumlichen Zentrum der Waldecker Grafschaft wurde. Da stand die Itterburg im Ittergau schon ein paar hundert Jahre. Ich weiß mich verwandt auch mit den Schwalenbergs. Ein Schwalenberg und eine Itter machten den ersten Grafen von Waldeck. Bis zum Ende der Itters 1356 infolge einer an Heinemann III. vollbrachten Meuchelei gehörte Ederthal selbstverständlich zur Herrschaft Itter so wie auch Marschbach am Arsch der Welt. Wieder schlug Kurmainz zu und nahm in Besitz, was die Landgrafschaft Hessen nicht fassen konnte. Wenige Jahre später brachte Otto von Waldeck den Gau kurz an sich. Wer aufgepasst hat, erkennt das Schema. Im nächsten Durchgang geht die Chose an die Philipps von Hessen-Rheinfels und wird zu einem Gegenstand des Streits unter Brüdern. Siehe Hessischer Bruderkrieg von 1469.

Granitgraues Bruchbudenensemble

Anmerkung des Herausgebers – Und wieder ist Nana von Reichenau unterwegs. Und wieder reist sie mit einem Mann, der in dieser Geschichte keinen Namen hat und selbstverständlich mit keinem der vorangegangenen Reisegefährten identisch ist. Nana ist nicht mehr so frei wie bei früheren Abenteuern. Es könnte ein Fehler gewesen sein, Professor Goya, dem akademischen Liebesmarkt überlassen, und sich wieder einmal mit einem halbwegs Fremden aufs Äußerste verständigt zu haben. Aber Nana ist sich selbst gegenüber hilflos, sobald sie das Reisefieber packt, und der amtierende Liebhaber scheint seinen Aufgaben auch gewachsen zu sein.

Seit zwei Tagen Regen und Nebel. Das Meer beginnt - kaum sichtbar - auf der anderen Straßenseite. Windverweht, sturmgepeitscht, wettergegerbt, die Stadt, im Reiseführer annonciert als nordatlantische Küstenperle, ist in Wahrheit ein granitgraues Bruchbudenensemble.

Eine Schrift in vergoldeten Lettern verheißt Thistle & Fox – Rare Books and Curiosities. In der Auslage liegt eine Karte von Atlantis, eine aufgeschlagene und zerlesene Ausgabe des Grafen von Monte Christo und ein silberner Kompass, der in alle Richtungen zittert.

„Lass uns da reingehen“, sagte ich. Ich hatte die Nase voll vom Mistwetter. Du streiftest mir das Wasser aus dem Haar, mit zärtlicher Sorgfalt. Dann folgtest du mir über die Schwelle, die vermutlich zuerst in einem Schiffskörper verbaut worden war. In der Bücherstube war es warm. Es roch nach Staub, Schimmel, altem Papier, Leder, Tee, kaltem Kaminstein, einer Spur Vanille und einem Schock schwerer zu bestimmender Noten. Wie roch Erinnerung auf Irisch? Der Staub im Raum stammte aus dem letzten Jahrtausend. Hinter einem überladenen Tisch saß ein Mann mit schlohweißem Haar. Er nickte kaum. Ich inspizierte schmale Gänge. Meine Finger glitten über Buchrücken: Witchcraft in the North, The Celestial Atlas, Macbeth – annotated. Du bliebst mir auf den Fersen. In einem düsteren Winkel - hinter einer Reihe viktorianischer Herbariums-Folianten – blieb ich stehen. Der Regen klopfte gegen eine Butzenscheibe, die kaum Licht durchließ.

Ich spürte dich hinter mir und lehnte mich gegen dich. Du beugtest dich vor, dein Atem streifte meinen Nacken. Kein Wort fiel, aber alles geschah in einem Einvernehmen, das älter war als die Sprache. Zwischen den Regalreihen voller vergriffener Ausgaben und abgegriffener Seekarten entstand eine Hitze, die nichts mit der Gasheizung an der Wand zu tun hatte. Deine Hände glitten unter meinen regenschweren Anorak, sie fanden zärtlich Halt auf meinen Hüften. Ich überließ mich dir in minimalen Anpassungen an deine Berührungen. Es war ein stiller Energietanz, mit dem wir beide uns gut auskannten. Draußen prasselte der Regen wie ein Applaus der Elemente. Ein Buch fiel zu Boden. Ich registrierte ein eingeprägtes Distelmotiv auf dem olivgrünen Einband.

Die Abendsonne überflammte das Hafenbecken und verlieh Booten, Möwen und Pollern Scherenschnittprofile. grün gesäumten Ankerstatuen-Ensemble. Wir betraten Bella’s Place. Tischlichter, Glasreflexe, gedämpfte Stimmen.

Lavendel und Salbei.

Die Kellnerinnen trugen Uniformen, die mehr als bloße Dienstkleidung waren. Die schwarzweißen Kombinationen zitierten den Zofenschick des 19. Jahrhunderts. Der weiße Bubikragen war ein Element zeitgenössischer Finesse. Dazu weiße Haarschleifen - eine visuelle Ordnung, die mehr über das Haus verriet als jede Speisekarte. Sie bewegten sich lautlos zwischen den Tischen.

Die Maîtresse d’hôtel, eine Frau mit glattem grauem Bob, freakigen Muschelohrringen, und einem beigen Blazer von preußischer Strenge, führte uns zu einem Tisch am Panoramafenster.

Das Zurückziehen der Stühle - so statuarisch wie ein Bühnenereignis.

*

Dúnmara auf der Beara-Halbinsel in der Provinz Munster an der irischen Westküste Irlands. Der Name der Provinz leitet sich von der keltischen Göttin Muma ab. Das nahezu autofreie Nest war perfekt für uns. Schroffe Klippen, smaragdgrünes Meer, verwunschene Gärten, mittelalterliche Ruinen, regulärer Kutschenverkehr, kaum Lichtverschmutzung, Dark Sky Island, ideal für Sternengucker, witzige Läden auch für erotische Stopover, Heide und Marschland … sich der Welt verheimlichende Buchten. Wir hatten uns in einer windschiefen Pension einquartiert, in einem vermoosten Garten … geblümte Vorhänge, ein durchgesessener Sessel. Die Sprungfedern dehnen gefährlich den Bezug. Auf dem Nachttisch eine hochseetüchtige Petroleumlampe, in der eine Glühbirne leuchtete, daneben eine Porzellantasse mit abgeplatztem Rand als Lavendelvase. Das Nachmittagslicht fiel in schrägen Streifen durch ein womöglich schon im vorletzten Jahrhundert verglastes Fenster. Es roch nach Holz, Salz, Stein und beharrlicher Feuchtigkeit.

Ich stand vor dem halbblinden Spiegel. „Wusstest du, dass Dúnmara bis ins 19. Jahrhundert von einem Seigneur regiert wurden? Einem Feudalherrn wie im Mittelalter?“

Du zogst mich sanft zu dir.

„Es wundert mich nicht. Die Zeit hat hier einen anderen Takt.“ Wir eroberten jeden neuen Ort mit unserem Spiel. Wir weihten ihn ein mit unserer Lust.

Später spazierten wir auf Sandpfaden, vorbei an niedrigen Bruchsteinmauern und wogenden Wildblumen. Möwen kreischten über den Klippen, das Meer rauscht, die Wellen brechen. Sie erreichen einen Grat - einen windumtosten Übergang, links und rechts fiel der Fels dramatisch steil ab. Ich stemmte mich gegen ein Geländer. „Stell dir vor“, sagest du, „früher mussten die Leute hier zu Fuß rüber. Ohne Geländer. Mit Kindern und Eseln.“ Der Wind zerpflückte alle menschlichen Schutzmaßnahmen.

Am Abend im Zimmer stieß ich auf ein Buch von Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, stories, from the Brazilian Portuguese by Luis Ruby, edited by Benjamin Moser, Penguin

Clarice Lispector erzählt von einem schamlosen Bigamisten. Xavier besitzt die Macht, sein Milieu zu beherrschen. Eine überwältigende, manche sagen diabolische Kraft, die den Mann buchstäblich zum Kochen bringt, reicht aus, ihm einen Freibrief gegenüber dem nachbarschaftlichen Moralcode zu verschaffen. Xavier darf tun, wovon andere nur träumen.

Die Unparteilichkeit, mit der Lispector die Sache behandelt, ist sofort faszinierend.

„Jede Nacht war wer anders dran. An manchen Tagen zweimal in der Nacht. Wer übrig blieb, beobachtete. Sie waren nicht eifersüchtig aufeinander.“

Lispector problematisiert das Standardrollenprogramm nicht. Solange Xaviers Erregung an seine Hausfrauen Carmem und Beatriz gebunden bleibt, blickt die narrative Aufsicht anerkennend auf das Geschehen. Das Trio Infernal liebt Opulenz. Sie zelebrieren Opulenz im Bett und am Tisch. Gigantische Mahlzeiten sind ebenso erschöpfend wie der Liebesakt.

Alles ist im Überfluss vorhanden: Sex, Essen… und doch reicht es Xavier nicht, sich zwischen seinen Hausfrauen Carmem und Beatriz zu entscheiden, die ihn lieben und sogar anbeten. Stattdessen nutzt er auch die Gefälligkeit einer Prostituierten, deren heimliche Beteiligung toxische Effekte hat. Das Gift sickert in die Blase des Vertrauens.

Xavier versteht Last Tango in Paris falsch. Ihm entgeht, dass Marlon Brando einen verzweifelten Mann spielt.

Zumindest behauptet Lispector das.

„Er verstand den Film nicht. Er sah ihn als Sexfilm. Ihm kam nicht in den Sinn, dass es die Geschichte eines verzweifelten Mannes war.“

Der Film hat längst seinen kritischen Punkt erreicht. Wenn ich mich recht erinnere, hat Bernardo Bertolucci sich entschuldigt, natürlich viel zu spät. Kein Kritiker wird noch auf das Lob von damals bestehen. Wikipedia bewahrt anachronistische Perspektiven. Dietrich Kuhlbrodt erklärte 1982:

„Was Bertolucci mit Last Tango versucht, ist ein obsessiver Ansatz für ein Publikum, das Hollywood-Filme gewohnt ist und auch einen Hollywood-Star sehen darf… Der Film ist so direkt wie die Ansprache von Francis Bacons Bildern.“

Der Spiegel sprach bereits 2016 von „später Empörung“. Der Artikel referiert die Butter-Szene, bei der es um die unkoordinierte Simulation von Analverkehr geht. Das Magazin zitiert den Regisseur, der 2013 sagte:

„Ich hatte die Idee mit Marlon, am Morgen vor den Dreharbeiten. Aber auf eine Weise habe ich mich sehr schlecht gegenüber Maria verhalten, weil ich ihr nicht sagte, was passieren würde. Ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin.“

„An alle, die diesen Film lieben“, twitterte … Schauspielerin Jessica Chastain, „ihr seht, wie eine 19-Jährige von einem 48-jährigen Mann vergewaltigt wird. Der Regisseur plante diesen Übergriff. Mir ist übel.“

Lispector übergeht das alles. Ihr Xavier wirkt wie ein „wilder, heißblütiger Stier“. Seine Frauen machen einander zu Zeuginnen einer Liebe ohne Eifersucht. Die Autorin unterstreicht ihren Großmut.

Das Paar im Trio spürt, dass ihre Intimität gestört wird. Die Frauen bilden ein erotisches Team, das seinen Spaß auch ohne Xavier hat. Sie ergänzen einander nach den Statuten eines feministischen Harems. Sie kochen füreinander und gehen mit sexuellen Absichten ins Bett – den Pasha ausgeschlossen.

Carmem „bereitet das Frühstück zu… mit Löffeln dicker Sahne, und bringt es Beatriz und Xavier ans Bett“. Dann gesellt sie sich zu den Verwöhnten, und die drei bleiben bis drei Uhr nachmittags zusammen im Bett. Beatriz bereitet ein spätes Mittagessen zu, wie immer im Rahmen einer effektiven Liebespartnerschaft. Zwei Hühner, gefüllt mit Maniokmehl, Rosinen und Mandeln, kommen auf den Tisch, „alles saftig und lecker“. Die Frauen teilen sich ein Huhn. Mehr muss man nicht wissen. Carmem und Beatriz wollen, dass Xavier ein dummer, großartiger Hahn auf dem Hof ihrer Bedürfnisse ist.

Ficken, essen, beten… Um den Abend angemessen zu beenden, gehen die drei in eine Kirche. Lispector vergleicht den familiären Moment mit Ravels Boléro.

Xavier schuftet sich zu Tode, um das Geschäft am Laufen zu halten. Seine Frauen kaufen „Nachthemden, die voller Sex sind“.

Zwischen den Seiten einer Schwarte lag ein gepresstes Veilchen.

„Wer hat das hier vergessen?“ fragest du. „Oder dagelassen“, sagte ich.

Wir sahen uns an. Und wussten, dass auch wir etwas zurücklassen würden.

Wir erwachten an einem märchenhaften Nebelmorgen. Sofort waren wir auf den Beinen und vor der Tür. So erkundungsbegierig waren wir, dass wir sogar unser Liebesspiel verschoben. Obwohl das gegen die Regeln war und uns die Ordnung unserer Liebe heilig war. Es dauerte, bis die ersten Sonnenstrahlen den Tau glitzern ließen. Ich stand barfuß im Gras hinter dem buckligen Cottage, die Kaffeetasse warm in den Händen. Wir spazierten eine schmale Straße entlang, auf der uns nur Radfahrer begegneten. Überall blühten Stockrosen, in Mauerritzen nistete wilder Fenchel. Ein Schild wies auf das kleine Gefängnis hin: zwei Zellen, kaum größer als ein Gartenschuppen. Das kleinste Gefängnis Europas. Manchmal ließen sich die Leute freiwillig einsperren, um ihre Ruhe zu haben.

Wir kamen zu einer Mühle. Ein Schild erklärte, dass Dúnmara seit der Zeit Elisabeths I. nicht länger dem gälischen Recht der umliegenden Clans unterstanden hatte. In den 1560er Jahren war das Land einem Grandseigneur mit englischen Ambitionen übertragen worden, unter der Auflage, vierzig bewaffnete Männer in Rufweite seiner Residenz anzusiedeln. Sie sollten die gälischen Klans in Schach halten, die Küste sichern und das neue Recht gegen die alten Bräuche durchsetzen.

Elisabeth I. (1533 - 1603) stammte aus einer vom Papst verurteilten Verbindung mit Anne Boleyn, während es eine römisch legitimierte Konkurrentin gab - Maria Stuart. Elisabeth zementierte ihre Macht nicht nur im Ausbau der Anglikanischen Kirche, jenem konfessionellen Tollhaus nach Heinrichs Plaisir. Sie kerkerte auch Verwandte ein.

Vor Elisabeth hatte Mary Grey (1545 - 1578) in der Thronfolge gestanden: als Großnichte des letzten Königs, Enkelin einer französischen Königin und Schwester der englischen Kurzzeitkönigin Jane Grey. Heimlich hatte sie den unpassenden Thomas Keyes geheiratet. Elisabeth fürchtete den Nachwuchs - deshalb ließ sie Mary festsetzen.

Auch für Mary war Macht unabänderlich eine Frage der Herkunft. Die von der Freiheit ab- und von der Natur kleingehaltene Anwärterin verbreitete den Irrsinn ihrer Zeit. Marys Korrespondenz spiegelte das Elisabethanische Gomorra. Wurde man erst einmal im Beat weggeschossener Beine, verdreckter Beischläfer, bekennender Päderasten und anderer Kloaken vom Rhythmus der Pest und Pocken erfasst, dann flutschte die Lektüre wie auf einer Wendelrutsche im Spaßbad. Jede Lady war eine Macbeth, wie sie durch die Tudorrose sprach. Das Zeitalter hielt sich die Nase zu, um nicht von Flöhen zum Niesen gebracht zu werden. Wo Blut floss, und die Ratte sprang, da ging der Unterschied zwischen affektiv und affektiert gegen Null. Man rülpste nach Mahlzeiten, die zu kalt, zu fett, zu opulent oder vergiftet auf die Tische gekommen waren. Man spuckte auf Perserteppiche rotzte in Hermelinkragen. Schlechtes Wetter machte Epoche. 1588 scheiterte Spanien beim Versuch, die Insel einzunehmen. Die Armada unterlag dem englischen Wetter. Das spanische Desaster beförderte England zur Großmacht.

Gezeitenblues

Wir erreichten den Garten des Gutsherrn. Rosen, Lavendel, alte Bäume. In der Ferne sah man das Herrenhaus, in dem ein zeitgenössischer Landlord residierte. Du fotografiertest mich vor einer windflüchtigen Monterey-Zypresse. Die Krone bog sich gen Osten. Akribisch identifizierten wir die Bäume im Garten. Ein Bergahorn mit rosa-goldenem Austrieb, ein norwegischer Ahorn - Crimson King - Purpur bis in die Spitzen. Ein filigran blättriger japanischer Ahorn.Formularende

„Stell dir vor“, sagte ich verschwörerisch zwischen mannshohen Fingerhüten, „hier wurden Hochzeiten gefeiert.“

„Und jetzt stehen wir hier.“

Über unseren Trampelpfad zu den Klippen floss das Licht wie geschmolzene Butter. Die Hecken aus Stechginster leuchteten goldgelb. Wir schlenderten Hand in Hand. Du trugst den Picknickkorb, ich die Decke. Wir vernahmen den fauchenden Atem des Meeres und das Geschrei der Vögel.

Topografische Marken bewahrten ein gälisches Erbe. Cuan na bhFeileach – ein geschützter Hafen. Draíocht na mBramball – eine Brombeer-Senke, passend zu den Sträuchern am Wegrand. Ein Name wie aus einem Kinderbuch. Uisce Milis – das süße Wasser.

Steinmauern und Wildblumen. Gedichte aus Gischt, Gezeitenblues, seoda Ceilteacha und filíocht na gCeilt – keltische Kriegspoesie und die Legenden der Klans.

Wir waren wieder auf dem Grat- Links und rechts fiel das Gelände dramatisch ab. Die Felslinie war in Jahrhunderten ein Saumpfad gewesen, lebensgefährlich bereits bei Regen und Wind. Inzwischen war die Strecke befestigt, aber der Nervenkitzel war geblieben. Wer die Brücke passierte, kriegte es mit der Angst zu tun. Die Gischt schoss hoch wie eine urzeitliche Warnung: Hier wiegst du nicht schwerer als eine Feder im Titanensturm der Elemente.

Früher beschwerten Frauen ihre Röcke mit Steinen, um nicht fortgetragen zu werden.

Mit klopfenden Herzen machten wir uns an die Überquerung. Die Sache hatte etwas von einem Spießrutenlauf. Wir wurden von Luftberserkern gebeutelt. Zum ersten Mal in unserem gemeinsamen Leben mussten wir als Paar Angst ausstehen. Ich fühlte einen unbequemen Abstand zu dir. Selbst in dieser Extremsituation gab es für mich nicht mehr die Sensation eines Erstmaligkeitserlebnisses.

In einer Senke, befriedet von unterholzig zusammengewachsenen Brombeersträuchern, breiteten wir die Decke aus. Der Picknickkorb barg Wein, Brot, Käse und Aprikosen. Und dunkle Schokolade.

Ich lag auf dem Rücken, blickte in den Himmel, der sich zwischen Blau und Dunst nicht entscheiden konnte. Du ehrtest meine Mitte mit deiner Hingabe. Deine Hände befassten sich zärtlich mit mir.

„Das ist so gut“, sagte sie, als die Welle anrollte. In der post-koitalen Verschnaufpause gestand ich mir, ohne es indes auszusprechen, ernsthaft Angst vor dem Rückweg zu haben.

Wie wunderbar war doch die Liebe. Zurück im Hotel wuschen wir uns gegenseitig. Wir schrubbten Staub und Schweiß von unseren Leibern und erlebten das als einen Akt zwischen rituell und sakral. Im Bett stecktest du mir die letzte Aprikose in den Mund.

„Was machen wir morgen?“, fragte ich.

„Morgen ist weit weg“, sagest du. Das klang für mich leider schon ein bisschen abgedroschen. Längst fehlte mir die Kraft zur Vergötterung.

Während der letzten Eiszeit war der Ärmelkanal eine Landbrücke. Man spricht vom Doggerland. Die nach heutigen Begriffen europäische Festlandmasse umfasste Großbritannien. Als die Eisschilde schmolzen, stieg der Meeresspiegel. Doggerland wurde überflutet und der Ärmelkanal entstand als Meeresstraße.

Doggerland war eine fruchtbare Landschaft. Darin lebten Mammuts, Rothirsche, Wildpferde und Menschen. Sedimentproben, geophysikalische Untersuchungen und weitere unterwasserarchäologische Nachweise belegen die Existenz dieses untergegangenen Landes.

Man fand Werkzeuge und Siedlungsartefakte.

War Doggerland Atlantis?

Ceo ar an teanga - Nebel auf der Zunge

Cuan beag - Ein Name wie Nebel auf der Zunge. Man sagt, früher sei hier ein natürlicher Hafen gewesen, kaum mehr als eine Anlegestelle für Fischer, versteckt zwischen Landzungen. Die See schlug ihn irgendwann weg, bei einem der Winterstürme, die alles mit sich reißen, was nicht tief genug im Erdreich ankert. Geblieben ist nur der Name - cuan beag – kleine Bucht.

Wir traten durch ein verwittertes Tor. Das war die einzige Öffnung eines archaischen Mauerovals. Die Dächer waren aus bemoostem Schiefer. Die wenigen Katen trugen Muschelschmuck. Sie hatten runde Fensterläden, bemalt mit maritim-mythischen Mustern.

Der Geruch von geräuchertem Fisch und Rosmarin.

Sie begingen Kopfsteinpflaster und stehen bald vor einem Gasthof - Teach na nGael – Haus der Kelten. Einer Laune gehorchend, quartierten wir uns ein. Dabei erschienen wir uns unglaublich wohlhabend. Im Zimmer stand ein altes Himmelbett, die Holzpfosten mit rankenden Efeumotiven verziert. Auf dem Fenstersims lag ein antikes Fernrohr. Ich hob es an, richtete es aufs Meer.

„Vielleicht sieht man von hier Atlantis bei besserer Fernsicht“, sagtest du. Ich fand mal wieder, dass das ein Drehbuchsatz war. Du legtest die Hände an meine Taille. Wir bleiben einen Moment so; der Himmel war tiefblau, das Licht diffundierte. Dann drehte ich mich in deinen Armen.

„Ich will dir dabei in die Augen sehen.“

Du knöpftest mir das Kleid auf, das ich gemeinsam mit Goya in Frankfurt auf der Zeil gekauft hatte - weißer Musselin, besetzt mit blauen Blüten. Goya war die ganze Zeit bei mir. Heimlich leistete ich Abbitte bei ihm, während du mich zu einem Supermarkt-Höhepunkt brachtest. Plötzlich empfand ich eine solch schmerzhafte Sehnsucht nach Goya, dass mich die Furcht ankam, ich könnte mich verraten. Ich wollte aber mit dem Sehnsuchtsschatz in meinem Schneckenhaus verschwinden. Ohne dich vor den Kopf zu stoßen. Du musstest von mir keine Lektion mehr zu deiner Verbesserung über dich ergehen lassen. Ich war fertig mit dir.

Du ahntest nicht, dass ich innerlich schon Abschied nahm. Ich ließ dich glauben, es ginge noch um uns.

Geschichte in Gischt

Später besuchten wir eine Kapelle am Rand der Steilküste, halb verfallen, ihr Dach vom Wind zerpflückt. Man sagte, dort hätte sich einst ein illegitimes Liebespaar verborgen, das sich in einem Sturm verirrt hatte.

Die Halbinsel Dúnmara war einst ein Versteck für gälische Briganten und Küstenpiraten. Bereits im 6. Jahrhundert siedelten hier keltisch-christliche Eremiten, die das Ideal der Einsiedler verfolgten und kleine Klöster an den Buchten errichteten. „Dúnmara“ – Festung am Meer – könnte auf diese Zeit zurückgehen, auch wenn seine genauen sprachlichen Wurzeln im Gälischen, Altbretonischen oder sogar Altirischen liegen.

Während der normannischen Eroberung Irlands im 12. Jahrhundert unterfiel die Gegend der Herrschaftsanspruch anglonormannischer Lords. Die Halbinsel blieb weitgehend unabhängig, weil sie schwer zugänglich war.

Die Vergangenheit verstaubte in Dúnmara nicht im Museum. Sie war ein Atem, der durch Hecken strich.

*

Durch die Vorhänge fiel zögerliches Morgenlicht. Unbekümmert begingen deine Hände meine Lustlandschaft. Ja, ich genoss deinen heißen Atem an meinem Hals. Die Körper fanden in der fließenden Hitze ihrer innigen Morgenbegrüßung zueinander.

„Meine Liebe zu dir zerreißt mich“, flüstertest du. Wir segelten nicht mehr auf demselben Dampfer. Aber ich sagte nichts. Die Sonne strich über Bruchsteinpittoresken und grasbewachsene Hügel. Die Fensterläden klapperten.

*

Ich kam barfuß auf die Hotelveranda. Der Himmel war milchig-blau, das Meer glatt wie ein Laken. Du folgtest mit dampfendem Tee. Wir setzten uns unter einen Stechginster. Ich befragte die Managerin über die Meeresfauna in dieser Gegend. Es gab jede Menge Haie. Vor meinem geistigen Auge tummelte sich eine Armada von Finnen.

Nach dem Frühstück schnürten wir die Schuhe. Keine Straßen, keine Autos, keine Eile. Nur ein paar Sandpfade, die sich wie Linien über die kleine Insel zogen. Ein überwucherter Wildwechsel führte durch Wacholderbüsche in einem vor langer Zeit aufgegebenen Garten mit zugewachsenen Beeten, einer Holzbankruine, den Resten eines Kaninchenstalls und einer windschiefen Kate.

An der Tür hing ein Schild:

„Trespassers will be reported. But maybe not today.”

Das den Riegel verankernde Holz war so morsch, dass es unter der ersten, kaum nachdrücklichen Berührung zerbröselte. Wir betraten einen Raum, der vor wenigstens einem halben Jahrhundert als Büro genutzt worden war.

Ich blies Staub von einer Mappe voller Briefe, geschrieben von Seamus Ó Cearbhaill.

Ein Brief begann mit dem Vers:

„Sie glauben, ich sei fort. Aber ich bin nur still geworden. Man hört mich nicht mehr, weil die Welt zu laut ist.“

Die Mappe barg topografische Skizzen. Ein Punkt zeigt einen „Wellenschacht“, ein anderer die „alte Funkstelle“. Zwischen Blättern lag ein Schlüssel - und ein Foto. Es zeigt zwei bärbeißig in die Kamera blickende Männer vor einer Antenne, darunter in Bleistift: „Sommer 1944 – Dúnmara hört zu.“

Wir entdeckten eine Falltür, verdeckt von einem animalisch verhunzten Teppich. Sie öffneten sie vorsichtig. Eine schmale Treppe führte hinab in die Finsternis. Die Luft, die uns aus der Tiefe entgegenschlug, roch nach Salz, Metall und Moder. Ich zögerte nicht, meine Hand umschloss den Schlüssel. Du richtetest den Strahl der Taschenlampe in das Kellerschwarz. Die Stufen sind uneben, nass, von Wurzeln gesprengt.

Der Gang weitete zu einer Felsenkammer. An den Wänden rosteten militärische Vorrichtungen, in der Ecke stand das Gerippe einer Metallpritsche. Dann war da noch eine Tür.

Der Schlüssel passte.

Ein Klick. Die alten Lampen an der Decke flackerten auf. Eine Tonbandmaschine bildete den Raummittelpunkt. Ich erkannte sofort, was das war. Ein Magnetophon K7, entwickelt von der AEG und BASF für die Wehrmacht. Seiner Zeit um zwanzig Jahre voraus. Die Engländer hatten lediglich Drahtaufzeichner - Wire Recorders.

Offensichtlich waren Deutsche während des Zweiten Weltkriegs hier gewesen und ihre Spuren waren nie getilgt worden 

Ich drückte die Abspieltaste. Ein atmosphärisches Kratzen … plötzlich meldete sich ein zweites Gerät mit einem Aktivitätssummen. Ein antikes Oszilloskop erwachte. Eine Linie begann zu flackern, zu tanzen - auf ein Signal hin. Wo mochte es herkommen?

Das Signal pulsierte unregelmäßig.

Du zogst mich aus dem Gewölbekeller. Im Büro griff ich reflexhaft nach der Mappe. Ich wollte einen Artikel über das mysteriöse „Inselbüro“ schreiben und in einer Zeitschrift für Mikrohistorik publizieren. 

Ein Tagpfauenauge flatterte im Farn. Die Luft roch nach Tang, Torf und Erde. Wir schlenderten zur Shell Beach. Der Sand war blütenweiß, durchsetzt mit winzigen Muscheln. Das Wasser war glasklar, türkis in den Buchten, smaragdgrün an den Felsen.

Der Strand gehörte uns allein. Wir umarmten uns im Wasser. Es war zu kalt für mehr im Meer. Du küsstest leidenschaftlich mit bibbernden Lippen, während ich mich haltlos an dich schmiegte. Die der Kälte geschuldete Gänsehaut unterschied sich nicht von einer Gänsehaut des Verlangens. Das bemerkte ich zu meinem Erstaunen. Die Ununterscheidbarkeit einer Lust- von einer Schmerzreaktion - natürlich kommt das aus unserem ursprünglichsten Programm. Wir sind Überlebensmaschinen. In uns überleben Millionen Jahre alte Überlebensroutinen.  

Du zogst die Schleife des Bikinioberteils auf. Wir standen nur noch bis zu den Knien im Wasser, die Kälte verlor ihre Macht. Ich fragte mich, ob uns jemand zusah. In meiner Phantasie beobachtete uns Goya. Ich sah ihn als sturmumtosten Rachegott. Er zürnte dir mehr als mir. Tatsächlich zürnte er mir gar nicht. Er empfand nur Liebe für mich, wenn auch mit der Inbrunst einer Abrissbirne. Wir manövrierten in unseren Lustlandschaften und verabredeten in unserer Intimzeichensprache, auf eine jugendliche Art zu kommen. Spiegelneuronale Onanie. Wir griffen uns in die Badehosen. Ich genoss das aristokratische Privileg müheloser Erfüllung. Die Welle rollte schnell an.

„Ich liebe dich so. Ich fühle mich so beschenkt mit dir.“

Das sagtest du. Ich sagte nichts. Wir küssten und rieben uns, in einer unerwarteten Evokation erinnerte ich, wie ich mich auf diesen Pettingparcours einst vorgetastet hatte.

Anarchie von oben

Erich Paul Remark (E. Maria Remarque, 1898 - 1970) hatte eine Vorliebe für erotische Operette. Eine junge Frau aus gutem Hause – man sprach bei Tisch Altgriechisch, oft über Kunst, nie über Gefühle. Der Vater, Kurt Mühsam, einst Kritiker und Ullstein-Chefredakteur in der Weimarer Republik, veranlasste Remarque zu Salonauftritten als Aschenputtel in den kalifornischen Nachmittagen eines nobilitierten Exils. Der „Engel“ hatte jederzeit zu flattern, wenn der graue Ziegenbock Lust auf ein Gespräch verspürte. Sie hieß Ruth und nannte ihn Boni. Er „spielte“ mit ihr.

*

Seit dem 14. Jahrhundert lautet das Motto der französischen Hauptstadt Fluctuat nec mergitur – Sie schwankt, aber sie fällt nicht. Die Formel spielt auf die Kunst an, schwere Schläge unheroisch zu überleben. Nach den jüngsten Anschlägen von Paris erlebte das Motto eine Renaissance als Kampfruf.

Fluctuat nec mergitur. Goya schmückt eine Nachricht mit diesem Satz. Er betrinkt sich auf der Dachterrasse eines Hotels mit Blick auf Notre-Dame, Montmartre, Sacré-Cœur und den Eiffelturm. Goya trägt die Rüstung der akademischen Global Player; nichts verhüllt ihn gründlicher. Mercy Claiborne, die Goya wenige Tage zuvor auf einem Symposium in Seattle aufgerissen hat, lächelt erwartungsvoll. Goya glüht bei dem Gedanken an seine jüngste Eroberung. Mercy vermisst in Paris bespielbare Dächer. Die Entwürfe des Baron Haussmanns erlauben kaum je plein-air-Eskapaden.

Mercy war jahrelang ans Bett gefesselt und durfte in Phasen äußerster Schwäche nicht einmal lesen. Getröstet wurde sie mit Vorträgen über seine Familiengeschichte. Die schwarze Seite ihrer Familie gehörte zu den sklavenhaltenden Klans Louisianas.  

Mangelvirtuose

Am Strandkiosk von Belvoir Bay - kaum mehr als ein Verschlag mit aufgeklappter Fensterlade - holten wir Sandwiches mit reifem Cheddar aus West Cork, eine Zitronenlimo, noch warme Scones. Wir setzten uns auf Bruchstein und aßen schweigend.

Ein Inselgreis kam vorbei, einen verdatterten Labrador an der Leine.

“You two enjoying it?”

“Very much,” sagte ich.

“It feels like time holds its breath here.”

Der Mann lachte leise.

“Aye. And sometimes forgets to exhale.”

Wir folgten dem schmalen Küstenpfad entlang der Steilkante. Unter uns jagten Möwen im Sturzflug, und aus den Felsen stieg das helle Kreischen der Austernfischer. Diese charismatischen Küstenvögel entfalteten eine eigentümliche Würde mit ihrem schwarz-weißen Gefieder und den leuchtend orangeroten Schnäbeln, als trügen sie ein uraltes Amt.

Ein krummer Wegweiser ragte aus dem Gras: → St Tugual’s Chapel – 8 minutes → Belvoir Bay – 5 minutes

St Tugual’s Chapel war ein stilles Zeugnis normannischer Frömmigkeit aus dem 11. Jahrhundert. Die Halbinsel war bereits Jahrhunderte zuvor christianisiert worden - vielleicht von einem bretonischen Missionar, dem heiliggesprochenen Tugual. Zur Kapelle gehörte ein Friedhof. Die ältesten Grabreste stammten aus dem 10. Jahrhundert. Der Ort der Totenruhe war also älter als der Gebetsraum. Die Kapelle war ein schmuckloses Granitkleinod, schlicht und zugleich von bemerkenswerter Anziehungskraft. Wir setzten uns auf die einzige Bank.

“I thought Dúnmara would be just a point on the map,” sagtest du schließlich. “But it’s more like a pause in a sentence.”

Ich nickte.

“An intake of breath.”

Wir erreichten Inis Éisteacht bei Ebbe, auf einem Felsendamm. Der Atlantik hatte sich kurz zurückgezogen und würde gleich wiederkommen. Die Insel schien menschenleer - abgesehen von einem Mann, dünn, grau, dürftig, aber nicht zu sehr, vielleicht ein Mangelvirtuose, mit einem Fernglas am Schulterriemen und einem Militärtornister auf dem Rücken. Grußlos deutete er aufs Meer. „Das Wasser kommt zurück. Und ihr bringt Stimmen mit.“

Er bat uns, Platz zu nehmen.

„Habt ihr etwas mitgebracht?“

Ich überreichte ihm die Mappe, ohne ihn anzusehen.

*

Weite, Wind, Gezeiten … das Gasthaus heißt The West Winds Inn. Gekalkte Wände, niedrige Decken, freigelegtes Fachwerk. Mir stieg ein Geruchsmix aus Seife und Hausschwamm in die Nase - nichts Abstoßendes, eher das olfaktorische Archiv vieler harter Winter.

Im Zimmer standen zwei spartanische Einzelbetten. Lachend schoben wir sie zusammen. Das war die erste Maßnahme.

Auf den bestickten Kopfkissen stand Good Enough.

Du schlugst dein Notizbuch auf und zeigtest mir eine Stelle. Da stand dasselbe.

„Wann hast du das geschrieben?“

„Heute Morgen,“ sagtest du. „Noch vor unserem Aufbruch.“

Ich schloss die Augen. Normalität. Ein Bett. Warme, weiche Kissen, in die man sich hineinentspannen konnte. Das war in jedem Fall good enough.

Auf dem Fenstersims lagen Muscheln, sorgfältig nebeneinandergelegt. Draußen spannte sich der Abendhimmel in Lila und Kupfer über das freigelegte Watt. Das Wasser war fort. Zurückgeblieben waren blendend glänzende Sandflächen, durchzogen von schmalen Wasseradern, in denen sich das Licht brach.

„Es sieht aus,“ sagtest du, „als würde das Meer den Atem anhalten.“

„Nimm mich in die Arme,“ verlangte ich unrechtmäßig. Ich hatte mich schon von dir verabschiedet, nutzte aber deine Liebe und Erfahrung mit meinem Körper. Ich glaubte ehrlich nicht, mich an dir vergehen zu können. Du hattest dein Vergnügen mit mir. So sah ich es, während die Sehnsucht nach Goya in mir tobte. Ich erwog, Kontakt aufzunehmen, verwarf das aber täglich aufs Neue. Ich musste ihn sehen, spüren, riechen.

Dein Körper formte ein Angebot, von dem dein Geist noch nichts wusste. Du berührtest meinen Nacken, streiftest die Kette, an der das Medaillon hing, das Goyas neapolitanische Urgroßmutter einst nur heimlich getragen hatte. Verborgen auf der Haut, unter Schichten der Schicklichkeit als Zeichen einer unangemessenen Leidenschaft, für die sie lange in einem Eheverließ der Lustlosigkeit büßte. In einer Evokation begegnete ich der Ahne im Kolorit der Gegenwart dieser Mesalliance. Mein Rücken bog sich von selbst durch zu einem Hohlkreuz der Hingabe. Aber die Hingabe galt nicht dir.

Ich spürte deine Hände auf meinem Hintern und vernahm die Operettenmelodie gemeinsamer Lust.

„Ich bete dich an“, sagst du.

„Ich spüre es“, antwortete ich herzlos.

Wir gingen zu Tisch. Es gab fangfrischen Seebarsch, gebraten in Butter, dazu Salzkartoffeln mit Schnittlauch und eine Schale geschmorter Küstenfenchel. Zitronentarte zum Nachtisch.

Clara lebte gemeinsam mit ihrem siebzehnjährigen Sohn Claus in einer niedersächsischen Kleinstadt im Haus ihrer Eltern auf einer eigenen Etage. Seit zwei Jahren war sie unfreiwillig Single. Sie arbeitete im sozialen Dienst einer diakonischen Rehaklinik, hatte sich in traumazentrierter Fachberatung weitergebildet und war es gewohnt, Menschen zu begegnen, die es im Leben weniger gut getroffen hatten als sie.

Clara hatte mit vierzig noch die Kleidergröße ihrer Jugend. Wie ein Backfisch träumte sie von der großen Liebe, während sie sich ihren Flirts und Affären widmete. Sie wehrte sich mit erotischen Ausschweifungen gegen alltägliche Eintrübungen. In ihrem Kopfkino wechselte das Programm in einem gemächlichen Rhythmus. Innerhalb einer Spanne von zwei Wochen funktionierten manche Szenen zuverlässig als Schlüssel zu ihrem Lustschloss. Selten drehten sie sich direkt um reale Personen. Es gab auch kein Filmidol, dem Clara eine Hauptrolle auf ihrer Bühne geben wollte. Die Phantasiemänner unterschieden sich drastisch voneinander. Im Augenblick favorisierte Clara einen Imaginären namens Mattes. Er sah einem Lehrer ähnlich, der Claus unterrichtete. In dieser Konstellation waren beide ungefähr gleich alt und verheiratet. Die Seitensprünge peppten erhaltenswerte Ehen nicht zuletzt mit einem Chat, der von behutsamen Annäherungsfloskeln zu einem drastischen Überbietungswettbewerb aufgerauscht war. Es gab ein paar Dinge, die Clara vor sich selbst verschleierte. Die zögerliche Überwindung von Sprechsperren bot manchmal einen Reiz.

Das Spiel mit Worten schien einfach durchschaubar und war es doch nicht. Clara verwandte große Sorgfalt auf die Details.

Clara und Mattes trafen sich auf einem Wald- und Wiesenparkplatz nahe den Allerauen nördlich von Verden, wo die Aller in der Weser mündet. Dies als Information für die Geografie-Interessierten unter uns. Es war schon beinahe dunkel, weit und breit deutete nichts auf die Anwesenheit von Zeugen hin. Trotzdem war da dieser Kitzel, der sich mit der Vorstellung verband, die illegale Zweisamkeit könnte beobachtet werden.

Das alles waren nur Snacks, die den Hunger eher vergrößerten, als ihn wenigstens einmal richtig zu stillen. Wie alle in ihrem ausufernden Freundeskreis konsumierte Clara jede Menge digitales Kokain. Sie polierte ihre Dating-Profile auf, erwartete aber mit unbelehrbarer Naivität, dass alle anderen mit korrekten Selbstdarstellungen für sich warben. Clara stellte sich vor, von einem Chatpartner um Fotos gebeten zu werden. In ihrer Vorstellung entsprach sie den Bitten und versendete Aufnahmen, die einst ein Liebhaber gemacht hatte. In ihrem Kopfkino onanierte der Adressat vor dem Bildschirm, während sie sich in der Realität an ihrem Schreibtisch befriedigte. Der offensichtlichen Dürftigkeit zum Trotz, funktionierte die Szene ab und zu, ohne weitere Zutaten. Die Fotos konservierten den sexuellen Rausch und die Zügellosigkeit eines längst unfassbaren Liebesglücks. Keinem Mann würde Clara je wieder mit so viel nonchalanter Ungezwungenheit begegnen wie jenem Tom, einem vorübergehend vielversprechenden Künstler, dessen Muse sie gern war. Die Bilder waren Zeugnisse einer verlorenen Zeit. Befreit von jeder Scham und Vorsicht hatte Clara ihren erotischen Leichtsinn ausufern lassen. Bei Masturbationen griff Clara mitunter auf atmosphärische Details der Sessions zurück. Dann vernahm sie wieder die vor Lust kehligen Kommandos des nackten Fotografen und nutzte einen Erinnerungsabklatsch, um zu kommen. Der Treibstoff für die Überschreitungen war ein Mix aus erotischem und theatralischem Furor gewesen, gepaart mit der bald enttäuschten Hoffnung, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Die Fotos waren nachts in einer Akademie entstanden. Der Schauplatz, ein Bauhaustempel mit Sehenswürdigkeitsstempel, war ein Hotspot nicht nur ihrer Ausschweifungen. Das war geradezu eine Mode gewesen, sich da Zutritt zu verschaffen und Ateliersex zu haben. Es gab auch Residenten mit Stipendiaten-Status, die regulär in der Akademie stationiert waren, so dass das alles sehr lebhaft werden konnte. Tom war ein von trüben Eigenarten beherrschter Herold der eigenen Großartigkeit. Mit vibrierendem Glied sprang er um Clara herum; unfähig sich anbiedernd oder auch nur zuvorkommend zu verhalten und durchdrungen von der Vorstellung, dass seine Persönlichkeit nichts zu wünschen übrigließ. Die Wahrheit war, eine Weile genoss Clara die Melange aus Egomanie, Virilität und genialischer Tollpatschigkeit.

Europa im 19. Jahrhundert - Kapriolende Restauration

Europa ist die Weltsonne, seine Reiche und Regierungen kennen keinen anderen Gegner als den Feind am Gartenzaun. Man hat sich zu wenig Mühe gegeben, dieses Phänomen einer matronenhaften Sonderrolle zu analysieren. Ein halbes Dutzend Mutterländer unterhält auf allen Kontinenten Marionettenregimes. Die Kolonialmächte setzen Potentaten ein und ab. Den stärksten Motor aller Entscheidungen liefert das wirtschaftliche Interesse. Ausgerechnet der selbstermächtigte Putschist Napoleon III. (1808 - 1873), bürgerlich Charles Louis Napoleon Bonaparte, trägt die Entschlossenheit zur Schau, sich an die Spitze des Kartells zu stellen. Verdiente Spötter der Nation verstummen angesichts des landesherrschaftlichen Selbstdarstellungsgenies. Sie staunen mit dem ungelenken Rest um die Wette, ob der theatralischen Einfälle von oben.

Der Kaiser belohnt schlecht dichtende Lobhudler und lässt Balzacs Schinken unter den Tisch des Freiverkäuflichen fallen. Flaubert und Baudelaire kriegen Ärger. Sie verkörpern die Moderne gegen eine kapriolende Restauration.

Man ist vorsätzlich antiquiert. Flaubert bezeichnet den Nationaldichter Pierre-Jean de Béranger als „dreckigen Bourgeois“. Diana Céline, eine Urgroßnichte des Ungeheuers, unterstellt Flaubert auch einen Vorsprung in der Kunst des Obszönen, von der „in Zeiten von „Fifty Shades“ und „Feuchtgebiete“ kein Mensch mehr etwas verstünde. Die Literaturwissenschaftlerin entdeckt „raffinierte Anzüglichkeit“.

Wir wissen es alle, Flaubert selbst charakterisiert seine Heldin Emma Bovery als „Perverse“, die sich von einem schön gemalten Jesus herausfordern lässt, aber sehr wohl auch auf Geld begeistert reagiert. Ein Prozess wegen des Verstoßes gegen die öffentliche Moral etc. wird am 29. Januar 1857 eröffnet. Madame B. erscheint der Strafkamarilla „als Gefahr für junge Mädchen und Frauen“. Die in gerichtlichen Streit geratene Romanfigur habe „schon als Kind im Beichtstuhl … sinnliche Lust empfunden“. Der himmlische Bräutigam löste den Wunsch aus, vollständig erkannt zu werden.

Stemmler bemerkt bei Flaubert eine „Obszönität des Sehens“, die sich zum Beispiel in Indiskretionen gegenüber Krankheitsbildern beweist. Flaubert ignoriert Schranken, Zutrittsverbote, Burka-Botschaften. Ostentativ, wenn nicht wütend, setzt er sich über Beschränkungen hinweg, um seiner Beschreibungsmonomanie zu frönen.

Die Anklage findet Flauberts unpersönlichen Ton „lasziv“. Gott und Geld als Kulminationspunkte einer bloß materiell begriffenen Existenz: das ist revolutionär (gedacht). Flauberts Anfang bildet auch schon den Höhepunkt. Dies vollzieht sich in bis zur Lächerlichkeit verbrauchten Verhältnisse, denen nichts Großartiges in Aussicht gestellt ist. Man überspielt die Wirklichkeit und zieht sich mit Eskapismus aus der Affäre. Der Ehrgeiz des Bürgerkaisers läuft auf eine Katastrophe hinaus, die keiner kommen sieht. Gleichzeitig avanciert Paris zur Hauptstadt der Epoche, zu einem permanenten Weltereignis, dem europäischen Puls. Baudelaires Gesellschaftsdiagnosen etablieren neue Krankheitsbegriffe, die der Psychoanalyse voraneilen. Geniale Mediziner wie Jean-Martin Charcot werden sich bald auf Flaubert und Baudelaire stützen, während das politische Frankreich der Regression Monumente baut.

Ein lächerlicher Napoleon schickte Victor Hugo in die Verbannung nach Guernsey. Der lächerlichste Napoleon war ein Bruder des titanischen Bonaparte. Nach dem Frieden von Tilsit (1807) machte Napoleon Bonaparte Kassel (damals noch Cassel) zur Hauptstadt des neu geschaffenen Königreichs Westphalen und setzte da seinen Bruder Jérôme auf den Thron. Als König nannte sich Jérôme Hieronymus Napoleon. Er war ein zwölftes Kind und nicht im Geringsten vornehm im Herkunftsweg. Die Kasseler nannte ihn ‚König Lustik‘ (Originalschreibweise).

Hugo verbrachte fünfzehn Jahre auf der Kanalinsel. Sein Wohnhaus, Hauteville House, zählt zu den Sehenswürdigkeiten von Saint Peter Port. Hugo schrieb in der Verbannung „Les Misérables“ und „Die Arbeiter des Meeres“ - „Les Travailleurs de la Mer“, 1866. Hugo liebte Guernsey. Er genoss die Freiheit, die Natur, das Meer und die spirituelle Ruhe.

Der sekundäre Anreiz als Hauptquelle der Lust

„Ich erwartete, dass seine Kraft sich wie ein LKW anfühlen würde, der mich trifft. Aber als ich versuchte, ihn aufzuhalten, spürte ich nichts, nur Leichtigkeit und ein Gefühl der Leere.“ Maksem Manler über seinen ersten Chi-Sao-Kontakt mit Großmeister Chu Shong Tin.

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Auf dem bolivianischen Altiplano drängt Wasser durch Risse im Felsen. Die chemische Signatur verrät seinen Ursprung im Pazifik. Der ferne Ozean fließt unter der amerikanischen Landmasse, steigt vierhundert Kilometer hinter der Küste auf und tritt in einer von Bergbau gezeichneten Landschaft zutage. Der geologische Prozess, gesehen durch den Schleier der Subduktion, lädt zu eskapistischen Analogien ein.

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Ian Morris erzählt von einem klassischen anthropologischen Kulturschock-Erlebnis. In einer archäologischen Gemeinschaft, die nach Feierabend den Tag ausklingen lässt … vor einem Feldschuppen, bei einer Flasche Ouzo in den griechischen Highlands … beobachtet der Wissenschaftler eine kleine Prozession – ein pittoresk alter Mann und seine Frau. Der Greis reitet auf einem Esel, die Frau folgt zu Fuß, unter der Last eines großen Sacks ächzend. Auf die Frage nach dem offensichtlichen Missverhältnis antwortet er freundlich: „Sie reitet nicht, weil sie keinen Esel hat“.

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Irgendwo äußert sich Beckett über das Werk eines Kollegen so: „Seine Prämissen sind nicht so schwach wie seine Schlussfolgerungen.“

Intellektueller Schenkeldruck - Eine Szene aus dem Vorjahr

Goya sagt: „Wir sind in die Wissenschaft Geflüchtete. Unsere Zufluchtsorte sind Staubhöhlen. Wie Molly Bloom im letzten Monolog von James Joyce’ ‚Ulysses‘ lädst du mich mit deinen Augen ein, noch einmal zu fragen, ob du mich heiraten würdest.“

Ich bin überrascht von dieser narrativen Volte; von einer Ehe war noch nicht die Rede gewesen. Ich möchte lieber Stephen (Dedalus) sein als Molly (Bloom). Ich greife nach ihrem gründlich gelesenen ‚Ulysses‘. Es ist ein heiliges Buch aus dem Nachlass meines kommunistischen Großvaters, der – wie die Eltern Thomas Braschs – in der falschen Art von Exil während der Nazi-Zeit gewesen war und erfolgreich seine Liebe zu allem Britischen mit dem Sozialismus versöhnt hatte. Er mochte es, Bürger der DDR zu sein, und zwar so, wie Heiner Müller Peter Hacks charakterisierte. Der Aristokrat Hacks habe den Sozialismus als Märchen missverstanden. Für Opa war die DDR ein Märchenland. Der potente Träumer förderte die Neigung seiner Enkelin zu eigensinnigen Interpretationen.

Der sekundäre Anreiz als Hauptquelle der Lust – das volle Vergnügen entfaltet sich nur mit einem Mann von Stand. Goyas intuitive Brillanz prädestiniert ihn. Anzeichen für eine ideale Kollaboration sind spürbar; mich kitzelt die Erkenntnis, dass Goya mich mit intellektuellem Schenkeldruck zu führen beabsichtigt. Das gefällt mir mehr, als ich es mir zu sagen wage. Zu gern akzeptiere ich Einladungen überlegener Souveränität. Ich genieße Goyas List. Ich habe meinen eigenen Herrschaftswillen. Jetzt bin ich Molly, die Frau ohne Punkt und Komma (vgl. Standardexegese ‚Ulysses‘); eine üppige, dezent schlampige Schönheit nach Sacher-Masochs Ideal. Und hier beginnt das Arrondissement. Mein fundiertes Leseverständnis zwingt mich zu einem langen Anlauf. Entschlossen, sich dem Ritter vor Ort hinzugeben, eilt Aurora R., später Wanda von Sacher-Masoch, nach langem schriftlichem Vorspiel in das Apartment ihres Brieffreundes und Förderers Leopold (wie Leopold Bloom, Mollys impotenter Ehemann), den sie mit todbringender Erkältung erwartet. Tatsächlich empfängt Leopold sie mit elegischer Offenheit. Er ist entzückt von der jugendlichen Bravour seiner Besucherin. Er musste die Vorstellung, die er in einem strengen Brief erhalten hatte, revidieren. Er hatte eine starke Dame, eine angenehm furchteinflößende Person, erwartet.

Zwischen Ekstase und Katharsis

Der Lavendel blüht überreich, die Kapuzinerkresse sprießt. Zwischen Pfingstrosen und dem alten Weidenzaun wird der Garten in der Dämmerung zum Schutzraum ihrer Liebe. Sie lieben sich wie am Tag ihrer ersten intimen Begegnung, so fundamentalistisch. Das Weibliche und das Männliche in idealen Varianten und in einem Idealraum.

„Du bist mein Zuhause“, sagt Marion schlicht.

Wieder führen sie sich gegenseitig über ihre Grenzen - um in der Schwerelosigkeit zwischen Ekstase und Katharsis zu schweben. Marion will nicht, dass es aufhört. Nicht einen Moment.

Sie liegt auf Simon, der Körper schweißnass, zitternd, erschöpft - und doch schon wieder voller Verlangen. Ihre Finger fahren über den Michelangelo-Thorax, so zärtlich, so ehrfürchtig, als würde sie einen Schatz berühren, der nur ihr gehört.

„Bitte“, flüstert sie, ihre Lippen an seiner Haut. „Ich will mehr.“

Triumphierend stellt er fest:

„Du bist süchtig nach mir.“

„Ich bin besessen von dir, Liebster. Du bist mein ein und alles. Du bist die Welt für mich.“

Er richtet sich halb auf, nimmt ihr Kinn in die Hand.

„Du willst, dass ich dich so an mich binde, dass du nie wieder an einen anderen denken kannst?“

„Ich kann es doch jetzt schon nicht mehr“, haucht sie. „Ich träume von deiner Stimme, deinem Körper... ich will deine Kraft.“

„Dann wirst du mich bekommen, bis du meinen Namen schreist.“

Und wieder ist er in ihr. Und als sie ihn um noch mehr bittet, gibt er ihr mehr.

*

Der Geschmack von Mango und Kokos auf Marions Lippen, während Simon an einem Rhabarberspritz nippt. In seiner Sonnenbrille spiegelt sich Tannendunkelgrün im Abendlichthimmel. Marion legt ihre nackten Beine auf Simons Oberschenkel, lehnt sich an seine Schulter, schiebt die Hände unter sein Shirt und lässt ihre Finger auf seinem steinharten Bauch kreisen. Sie saugt die Luft ein wie ein Duftgedicht. Sie unterscheidet Harz von Heu und einer anmutigen Schweißspur. Sie spürt den prallen Körper ihres Liebsten. Er richtet ihren inneren Kompass auf sich aus und steigert ihre Empfänglichkeit, bis sie nur noch von Lust beherrscht wird.

„Du lädst mich auf wie eine Batterie“, murmelt sie. Die Theatralik des Abendrots ... entschieden nimmt Marions Simon Hand und führt ihn zu einem Findling, von Moos bewohnt, halb verborgen unter einer Buche.

„Hier“, verlangt sie und küsst ihn mit lockender Zunge. Er erwidert den Kuss mit göttlicher Gelassenheit. Da löst Marion ihr Haar wie im Märchen und schiebt ihr Kleid über die Schultern. Es fällt wie ein Schleier ins Gras. Sie ist gleich nackt. Simon kniet vor sie, legt die Stirn und Hände an ihre Hüfte. Marion legt eine Hand auf seinen Scheitel, atmet tief in den Brustraum, schwingt ein Bein über ihn und setzt sich auf ihn. Nichts Eiliges und nichts Heimliches geschieht. Sie gehört ihm, so wie er ihr gehört. Er schließt ihren Po in seine Hände und berührt ihre Mitte mit seiner Zunge.

Lass uns noch einen Augenblick dableiben, zwischen Erdung und Ekstase, Himmel und Haut. Da dreht sich Marion in Simons Armen und beugt sich vor.

„Liebster“, sagt sie, „bitte, ich möchte alles für dich sein.“

Simon dient ihrer Hingabe mit virtuoser Zärtlichkeit. Er öffnet ihre Schleuse, als hätte er die Technik aus einer vergessenen Schrift gelernt; als besäße er die Formel für ihren Schmelzpunkt.

​​​​Der Exzentriker Leopold von Sacher-Masoch sprengt den bourgeoisen Rahmen. Doch sogar er findet seinen Meister. So labyrinthisch und enigmatisch, wie ‚Anatol‘ an die Sache herangeht, war vor ihm noch kein - in anonymer Schriftlichkeit aufkreuzender - Verehrer. Der vom ersten empfangenen Brief an bis in die Fingerspitzen affizierte Leopold reißt sich ein Bein aus, um mit Anatol persönlich zu verkehren. Doch Anatol scheut den direkten Umgang. Er bestellt das Ehepaar Sacher-Masoch an alle möglichen Orte, um da in Abwesenheit zu glänzen. Ab und zu vertritt ihn - in kostümfestlichen, absurd kostspieligen Arrangements - eine gehandicapte Person. Aurora-Wanda von Sacher-Masoch spricht noch in der derben Sprache des 19. Jahrhunderts über den Bedauernswerten. Endlich kommt Aurora aus der Deckung. Sie hört auf so zu tun, als überschreite sie nur unter Zwang Grenzen der Schicklichkeit. Anatol versteht sich auf narkotisierendes Gefasel. Es verfängt bei Aurora so, dass ihre Maske fällt. Wir sehen die rasend neugierige, mal entzückte, mal enttäuschte, alldieweil fleißig der Fährte folgende Gattin eines ewig als Sündenbock eingespannten Freigeistes. Anatol zieht sich endlich unerkannt zurück. Doch setzt er eine Schlussmarke, die seine Enttarnung gestattet. Im Abschiedsbrief offenbart er seine Kongenialität. Jederzeit könnte er an Leopolds Stelle schwül werden. In einer Phantasie präsentiert er sich in einem „roten Hermelinpelz … und weißen Atlashosen“. Der Adressat liegt zu seinen Füßen und bestaunt den kapitalen Fang.

„Ich werde mich ohne Zweifel in Wanda verlieben, und sie sich in mich … ein wunderbares Leben - nur darf ich nicht vergessen, vorerst das unbefleckte Siegel meines Vaters zu zerschlagen und meinen Stammbaum zu zerreißen.“

So legt der Wittelsbacher Bayernkönig Ludwig II. eine Spur ins Haus der Sacher-Masochs. Dem Paar gelingt es, Ludwigs raunenden Agenten zu identifizieren. Es handelt sich um den Prinzen Wilhelm von Oranien-Nassau. Aurora begeht an dieser Stelle einen Flüchtigkeitsfehler. Sie bezeichnet Wilhelms Bruder Alexander als jenen Stellvertreter, der ihr in den illustresten Kulissen die traurigsten Szenen machte. Ihr Prince d’Orange verausgabte sich im Pariser Nachleben bis zum verfrühten Exitus. Gemeinsam mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Henriette Hauser, saß er Édouard Manet Modell. Henriette verkörperte Manets unsterbliche ‚Nana‘. Sie paradierte sie als „Citron“. Ihren Liebhaber taufte Henriette „Prince de Citron“.

Ich wünsche mich den Sprachmeister Goya viel engagierter und dies oft im Vorübergehen. Meine Erwartungen zielen auf eine Serie kleiner Impulse, die den erotischen Betrieb aufrechterhalten. Für mich ist das Mündliche, Vorläufige und Dazwischengeschaltete manchmal wichtiger als das Hauptgeschehen.

*

Wir sind auf einer Konferenz in Rom. Meine Neudeutung der Bilderbuch-Dominatrix Wanda von Sacher-Masoch als Frau, die der männlichen Arroganz ausgeliefert war und nie freiwillig die Peitsche schwang, hat mich zu einer gefragten Vortragenden gemacht. Ich werde herumgereicht. Die pikante Seite des Themas löst gelegentlich interessante Reaktionen aus.

Auf Goyas Geheiß verwandele ich mich in seine Aurora. Ich trage einen Ring, dessen Signatur als Abzeichen des Ordens des Goldenen Löwen erkennbar ist, gegründet von Landgraf Friedrich II. am 6. Juli 1770. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. erneuerte und bestätigte die Statuten am 20. August 1851. Ein goldener Löwe ist innen in den ovalen Ring graviert. Auf der dekorativen Seite steht das Motto: Virtute et fidelitate.

„In jedem Moment tauchen wir in einem Feld undifferenzierter Materie, aus dem unsere Sinne Bruchstücke von Informationen sammeln.“ Rick Rubin

*

Wir verfügen über Informationen, die älter sind als die Menschheit. Alle Reaktionen des Körpers haben genetische Wurzeln, die Milliarden von Jahren zurückreichen. Sobald wir die thermoneutrale Zone verlassen, dreht sich alles um die Wiederherstellung der Homöostase. Fast alle genetischen Varianten haben ihren Ursprung in evolutionären Ereignissen, die lange vor unserem Erscheinen au stattfanden. Und hier beginnt die Epigenetik. (Basierend auf David A. Sinclair)

Auf Clays Schreibtisch lag ein Federmesser, mit Elfenbein- und Messingbeschlägen. Rarität und Kleinod. Zwischen der ursprünglichen Bedeutung von Lehrstuhl, den Frivolitäten der Tintenfass- und Federmesser-Ära und dem abgenutzten Phantasma vom verschollenen Manuskript webte Niamh (Aussprache: Neev) ihre eigene, intime Erzählung. Clay war in diesem Riemen ein Mix aus „qualifiziertem Kavalier“ (Johann Gottfried Schnabel, 1692 - 1750), Hohepriester und Halbgott aus einem Eklektizismus-Discounter. Niamh störte sich nicht an der eigenen Instant-Ikonografie. Es musste nur kribbeln und den erotischen Fluss in Gang halten.

In ihrem Ausschnitt pendelte ein länglicher Bernstein in einer minimalistischen, die Kontur des Steins nachzeichnenden Fassung. Das Licht brach in den Einschlüssen. Die Filigrankettenglieder, oval, flach und leicht verdreht, bestanden aus mattiertem Sterlingsilber. Ursprünglich war der Stein in einer klassisch-viktorianischen Zarge gefasst gewesen. Niamhs Mutter hatte das Schmuckstück umarbeiten lassen.

Niamh diente Clay als Test-Auditorium. Zur Probe dozierte er über Foucaults „Überwachen und Strafen” und die „Disziplinargesellschaft” - wie Führung, Kontrolle und Gehorsam funktionierten.

Er zitierte Foucault:

„Disziplin ist die Kunst, Körper und Verhalten so zu formen, dass sie den Anforderungen der Macht gehorchen, ohne dass eine sichtbare Gewalt angewendet wird.”

Der Sprachmeister leuchtete in Panoptismus, Überwachung, innere Kontrolle. Er erwähnte Strafe, Gehorsam, Erziehung. Niamh registrierte die Mechanik der Macht, wie Clay sie verkörperte. Für sie war er der vitalste Panoptiker - ein mythisch-archaischer Machtträger.

„Disziplin ist eine Technik, die Körper effizienter, Fähigkeiten produktiver und die Kräfte des Einzelnen nutzbarer macht.” (Überwachen und Strafen, 1975, S. 138)

Über Panoptismus:

„Die Überwachung induziert einen Zustand, in dem der Einzelne sich permanent sichtbar fühlt, sodass die Kontrolle über sich selbst übernommen wird.” (Überwachen und Strafen, S. 200ff.)

Der Begriff Panoptismus stammt von Michel Foucault (Überwachen und Strafen, 1975) und leitet sich vom Panoptikon ab - einem Gefängnisentwurf des britischen Philosophen und Architekten Jeremy Bentham. Dort können alle Insassen von einem zentralen Turm aus beobachtet werden, ohne zu wissen, wann sie gerade überwacht werden. Das Ziel: dass sie ständig Selbstkontrolle ausüben, weil die Möglichkeit der Beobachtung permanent präsent ist.

Foucault überträgt diese Idee auf Gesellschaften und Institutionen. Macht wirkt nicht nur in physischer Gewalt und Befehlen. Sie funktioniert in Strukturen und in der Erwartung ständiger Beobachtung. Menschen internalisieren die Überwachung und regulieren ihr Verhalten selbst. Panoptismus ist also ein Mechanismus, der Körper und Verhalten selbsttätig diszipliniert.

Zur gleichen Stunde in einem anderen Institut der Ederthaler Landgraf Philipp Universität - Ansons Ansagen zerschnitten Nanas Erwartungen mit einer Klinge aus reiner Absicht. Ihre Knie zitterten noch nach, während sie bereits der nächsten Ekstase entgegenatmete. Anson hielt eine Hand über ihrem Kreuzbein. Eine Berührung, die keine war - und doch eine Lustwelle auslöste.

Nana sog Luft ein, als wollte sie zugleich den Mann einsaugen. Ihr Becken pulste. Ihr Schoß war längst nicht mehr nur geöffnet, er war aufgespannt. Anson kniete hinter ihr auf der Besuchercouch in seinem Büro. Er ließ sich Zeit. Als er eindrang, erlebte sie eine Wiedervereinigung. Ihr Innerstes hatte ihn gerufen, und nun antwortete er mit der Stimme seines Begehrens, das keinen Anfang und kein Ende kannte.

Manche Farben ihres Verlangens waren neu.

Animal Moves

Noch bevor die Sonne im ewigen Sommer den Campus zum Kochen brachte, war Anson am Start. Er bewegte sich für sein Leben gern und er liebte es, wenn der Körper vor dem Denken kam. Back to the Animal State. Anson hatte ein Konzept entwickelt. Es begann mit der Frage: Was ist Yoga? Ansons Antwort lautete: Yoga ist die Begrüßung der Menagerie. Jener Lebensformen, die uns voran gegangen sind und die uns voraussetzen. Wir kommen aus dem Wasser. Wir sind an Land gekrochen. Snake Moves. Das Reptilienprogramm. Dann waren wir lange vierfüßig. Die vorbereitende Gegenbewegung entspricht der ausholenden Vorwärtsbewegung. Wir profitieren von unserem beweglichen Massezentrum. Anson lehrte fließende, kraftvolle Bewegungsmuster. Das war keine Show, sondern Schulung von Präsenz, Kraft, Koordination. Jedes Hindernis war ein Trainingsgerät. Anson sprang seitlich über ein niedriges Geländer, rollte ab, landete in einer tiefen Hocke. „Denkt nicht. Spürt”, rief er, während er in eine raubkatzenhafte Bewegung wechselte. „Ein Hindernis ist nur eine Einladung zur Kreativität!”

Die Übungen verbanden Wildheit mit Achtsamkeit. Auspowern und gleichzeitig zur eigenen Mitte finden. Die Tierbewegungen - ob Affe, Panther oder Eidechse - wurden nicht bloß nachgeahmt, sondern erspürt. In jeder Geste lag Erdung. Jeder Sprung war ein Sprung in die archaische Freiheit unseres Anfangs.

Panther Flow

Niamh wusste schon nicht mehr, wie sie dahinein geraten war. Es war einer dieser Morgen, an dem sie sich selbst überraschte. Barfuß im Gras, Tau auf den Sohlen und zwischen den Zehen, stand sie zwischen Sportlerinnen, die knurrten wie Wölfe, schlichen wie Jaguare oder sich wie Schlangen auf dem Boden wanden.

Anson war nicht laut, nicht dominant - aber die Atmosphäre veränderte sich, wenn er sich bewegte. Sein Charisma war eine Welt für sich. In seiner Aura fühlten sich Menschen wohl, obwohl er gar nicht besonders einladend wirkte. Oft sprach er nur mit seinem Körper.

„Komm”, sagte er zu Niamh. Sie folgte befangen. Anson begann, die Gruppe durch eine Sequenz zu führen, die er „das Erwachen des Leoparden” nannte.

Niamh spürte Muskeln, von denen sie nicht wusste, dass sie existierten.

„Geh mit dem Boden in Beziehung”, sagte Anson, während er sich mit einer eleganten Spirale in den Panther-Flow begab. Ein Riss ging durch Niamhs Zweifel. Sie spürte sich in der Bewegung. In der wachsenden Wärme zwischen Bauchnabel und Brustbein. Etwas in ihr sagte: Ich bin da. Sie versuchte sich an der Affenrolle. Stolperte. Kicherte. Anson war sofort bei ihr. Nicht, um sie zu retten, sondern um mit ihr zu rollen. „Nichts ist falsch. Alles ist Erfahrung. Und die beste Kraft ist die, die aus dem Spiel erwächst.”

Anson lächelte Niamh an. Nicht wie ein Lehrender, sondern wie ein Komplize. „Du hast heute dein Tier geweckt”, sagte er. Und Niamh antwortete: „Es hat mir gefehlt.”

Wir wollten nach Inis Oírr (Inisheer), der kleinsten Aran-Insel. Die Leute sprechen da gälisch, der atlantische Maulwurfshügel gehört zum County Galway. Die Insel ist bekannt für eine karge Kalksteinlandschaft, unzählige Trockenmauern, blütenweiße Sandstrände und das Wrack der „Plassey“. Die MV Plassey havarierte 1960 auf dem Weg nach Limerick. Ein Sturm schleuderte den Frachter auf einen Felsen oberhalb der Gezeitenlinie. Die Besatzung konnte spektakulär per Hubschrauber der irischen Küstenwache gerettet werden. 

Mit den Jahren avancierte das Wrack zu einem Aspekt der Inselikonografie. Weltweit bekannt wurde es, als Motiv im Vorspann einer TV-Serie.

Man fliegt mit Aer Arann Islands. Von Connemara Regional Airport (Indreabhán) beträgt die Flugzeit unter zehn Minuten. Das Boarding dauert in jedem Fall länger.

Wir erreichten den Terminal für Kurzstreckenflüge. Ein flaches Gebäude, weiße Wände, große Glasfronten. Der Abflugbereich für Kleinflugzeuge war nahezu menschenleer. Die Frau am Schalter fragte so freundlich nach den Pässen, als käme sie einem persönlichen Interesse nach. Der Sicherheitscheck war eine Farce. Ich registrierte die übrigen Passagiere. Ein rüstiger Pensionär in Tweed, mit einem antiken Fernglas auf der Brust. Ich hielt ihn für einen spleenigen Ornithologen. Zwei in der Geschwisterlichkeit verkapselte Teenager-Schwestern. 

Jeder trug sein Gepäck selbst in den Stauraum. Das war eine Ablage hinter dem letzten Sitz. Es gab keine Stewardess und keine Durchsagen. Das Cockpit war offen, der Pilot, ein Mann um die fünfzig, hob die Hand. Darin erschöpfte sich die Begrüßung. Er flog eine Britten-Norman BN-2B Islander, ein zweimotoriges Leichtflugzeug, gebaut für Kurzstrecken und raue Landebahnen - groß genug für neun Passagiere. 

Nach dem Start kippte das Flugzeug kaum merklich nach Westen. Unter dem linken Fenster breitete sich Connemara aus - graugrüne Moorflächen, von Wasseradern durchzogen. Torfstiche, landwirtschaftliche Betonspuren, die im Gelände endeten. Dann kam das Meer. Aus Braungrün wurde Tief- und Türkisblau. Ich sah Sandbänke, helle Zungen unter der Oberflecken. Dunkle Flecken deuteten Tangwälder an. Die Aran-Inseln tauchten auf. Inis Meáin, dann Inis Mór. Inis Oírr erschien zuletzt. 

Dieses Gefühl, dass jeder für sich geflogen war. Dass wir das nicht mehr gemeinsam erlebten. In den letzten Tagen hatten deine Bewegungen oft etwas Fragendes und Ratloses. Du hattest recht. Ich ließ dich im Dunklen tappen. Das war unfair. Aber im Augenblick wusste ich selbst nicht weiter. Ich spürte nur jeden Tag stärker eine lüsterne Sehnsucht, die mich mit Goya verband. Das geradezu unbändige Verlangen nach seiner Art, sich mir zu widmen. Ich verstand nicht mehr, warum ich einem anderen Mann den Vorzug gegeben hatte. Gewiss, du warst ein gewissenhafter Liebhaber, aber im Vergleich mit Goya eben doch nur ein Toyboy.

Die Pension hieß Teach na Mara - das Haus des Meeres. Ein weiß gekalktes, zweistöckiges Haus mit einem grauen Schieferdach und einer Vergangenheit als Fischerwiege. Ein Kiesstreifen führte zur Haustür. Kupierte Bootsrümpfe dienten als Blumenkästen für Fuchsien. Drinnen roch es nach Putzmitteln, frisch gebackenem Kuchen und den sich wiedersprechenden Aromen des Privaten. Niedrige Decken. Fachwerk. Steinboden. Maritimes Dekor. Fotos in Sepia und Schwarzweiß. Familiäre Alltagsszenen unter den Vorzeichen gefahrvoller Existenz. 

Massive Holzmöbel. Überall Zierkissen und Deckchen. Unsere Gastgeberin war in ihren Sechzigern, eine bemerkenswert große, hagere Person. Sie sprach mit uns Englisch in diesem westirischen Singsang. Sie fragte nicht nach unseren Pässen. 

Unser Zimmer lag oben. Zwei schmale Betten, die wir schon nicht mehr zusammenschoben. Auf einem Nachttisch ein paar Flugzettel. Fährzeiten, Fahrradverleih, eine Karte der Insel.

Die Tagedecke sah nach einer Winterarbeit aus. Wahrscheinlich aus Inselschafwolle handgewebt, in gedeckten Ocker-, Grün- und Grautönen. Die Zopfmuster erinnerten an Aran-Pullover – Knoten, Netze, Fischernetze. Zweifellos ein Unikat.   

„Ich wollte nochmal Danke sagen. Nicht nur, weil du es magst. Sondern weil ich es so meine. Dass wir gemeinsam eine Geschichte von 170 Seiten geschrieben haben, die ich jetzt den Rest meines Lebens bei mir tragen werde; dass ich dank dir Co-Autorin eines echten Romans geworden bin; dass du mir so viel Energie und Lebenselixier für meinen Alltag gibst; dass ich mich auch als Schreibende weiterentwickeln und lernen darf; dass du mich aufforderst, immer weiter zu schreiben und meiner Inspiration zu trauen; dass du mir eine Frauenfigur geschenkt und mit mir erschaffen hast, die stark ist, ihre Wünsche lebt, fordert und sich kein kleines bisschen schämt; die Erregung und der Humor und die tiefe Verbindung beim Lesen. Danke.” Christine Zarrath

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“Fiddling with divine energy, such as CCs is dangerous and enticing on a cosmic scale. I adore you JJ, and what you can do with your words. Your words are magic spells that lift and enlighten me. Like a diamond that is finally able to glitter in all its facets. I hope part of this intense glimmer and energy spreads back to you.” Christine Zarrath

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Nana sieht sich um. Ein Bild erinnert sie an eine ikonografisch ins kollektive Gedächtnis eingegangene Katastrophe. Am 28. Januar 1986 endete der NASA-Weltraumflug STS-51-L gleich nach dem Start. Die Raumfähre zerbrach in einem Bild. Ein vielfach gewundener Explosionsschweif mäanderte über den Himmel. Das hatte die Welt noch nicht gesehen. Zu den Opfern des Unglücks zählte Judith Arlene ‚Judy’ Resnik, deren Eltern aus der Ukraine nach Ohio gekommen waren.

Das zu wissen ist Nana kaum bewusst. Sie schöpft aus dem Vollen.

Klassisch-grandios

„Erzähl mir”, beginnt er, „von dem Buch, das dich in letzter Zeit so richtig angemacht hat. Ich meine den Titel, der dich höllisch heiß gemacht hat. Das hilft mir, dich zu verstehen.”

Nun agiert Vernon konventionell und zurückhaltend als klassisch-grandioser Verführer, wohl wissend, dass die eigentliche Faszination des Gegenübers von ungefiltertem Interesse ausgeht - das Zielobjekt wird in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestellt, um später mit dem erworbenen Wissen demontiert zu werden. Das ist nicht die schönste Wendung, die sich Nana vorstellen kann. Aber es überfordert sie auch nicht.

Vernon will sich keine Blöße geben. Er braucht Grund unter den Füßen. Nana wird ihn nicht so schnell dazu verführen können, über seine heimlichen Ufer zu treten. Sie muss mit trainierter Hinterlist rechnen. Es gibt nichts Gefährliches, als einen eifersüchtigen Liebhaber der ersten Kategorie. Zu den Kategorien später mehr.

„Ich fand ‚Brigitte Bardots Memoiren’ geil.”

Nana offenbart ihre letzte denkwürdige Lektüre. Ihr ist klar, dass Vernon mehr erwartet und seine Enttäuschung eine erotische Dimension hat.

Nanas Faszination für eine schillernd-umstrittene Frauenfigur gibt Vernon einfach nichts. Nana braucht das aber für ihren Sex. Als Herrin des Geschehens muss sie Akzente setzen und Regieanweisungen geben. Sie lenkt Vernons Blick auf ihre Vorzüglichkeit. Die ganze Pracht in der Auslage. Alles für dich, wenn du nicht vor den Hindernissen scheust, die meine Exzellenz-Agenda vorschreibt.

Nana spiegelt sich in BBs Sinnlichkeit, ihrer Sanduhrfigur und Tanzleidenschaft.

Nana identifiziert sich. Sie teilt mit der berühmten Frau „diese unbedingte Hingabe an ihre Romanzen”. Sie schätzt „die völlige Kompromisslosigkeit, mit der BB ihre eigenen Vorstellungen auslebte”. Dass BB ihr Kind allein ließ, um Filme zu drehen, sei in den 1960er-Jahren skandalös gewesen. Das brennende Feuer ihres Temperaments, die große Sensibilität und Verletzlichkeit. Wie sie sich völlig verausgabte und schließlich rücksichtslos zusammenbrach.

Das gehört zu den Trivia meiner Existenz ... “That touches me, do you understand?”

Manchmal reden sie Englisch, die Anglistin und der Amerikaner. Aber meistens will Nana ihren Liebhaber Deutsch reden hören. Vernons ausgesuchte, von Kostbarkeiten funkelnde Fremdsprachlichkeit beglückt sie bis hin zu klandestinen Erweiterungen im Spektrum ihrer erogenen Zonen.

Dieser stoische Ehrgeiz, besser Deutsch zu können als die Natives, zumal in der absurd provinziellen Kleinstadt, die den Schauplatz für Vernons Expatriierten-Dasein abgibt. Besser angezogen zu sein. Besser gelaunt. Besser informiert. Dazu kommt der texanische Gigantismus ... on the pulpit of claimed supremacy. American by birth, Texan by the grace of god. Nana weiß das alles ... in Texas everything is a little larger and so are the men. The Waylon Jennings style: “I may be crazy, but it keeps me from going insane.”

Vernon versteht sofort, was ihm offenbart und auch angekündigt wird - eine hemmungslose Exzessbereitschaft. Der Wille, alle Hindernisse niederzubrennen. Vernon erfindet Ausreden, er schweift in gemäßigte Bereiche ab. Spielt den Dozenten. Den Eroberer steckt er vorsichtshalber in die Tasche. Der Taschenkasper lungert herum und wartet auf den nächsten Auftritt. Er hat alle Zeit der Welt und sehr viel Spielraum. Vernon ist zweifellos der interessanteste Germanist weit und breit. Die Reliefs an seinen Händen und Unterarmen lassen Nana an ein dendritisches Flussnetz denken. Für die männlichen Attribute in ihrer Reichweite verzeiht sie Vernon, dass er kurz davor war, zurückzuweichen.

„Es ist interessant, dass du dich so erhaben fühlst - während du strategische Zurückhaltung übst. Gefällt dir die Idee, ohne Kontrolle aufs Ganze zu gehen und dich und andere den Wölfen deiner Schimären zum Fraß vorzuwerfen?”

Vernon startet den nächsten Angriff auf Nanas Protokoll. Sollte diese Liebesgeschichte dämonische Dimensionen annehmen, will er der Dämon sein.

The Art of Manifestation

„Wir alle wissen, was eine Emotion ist, bis wir gebeten werden, sie zu definieren.“ Jan Plamper

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„Farne sind älter als Mann und Frau, älter als Gut und Böse. Sie sind geschlechtslos und haben weder Samen noch Blüten.“ Rachel Cusk

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„Die Vorstellungskraft (des Künstlers) ist keine creatio ex nihilo.“ Sie greift auf die „empirische Realität“ zurück, selbst dort, wo „Dilettanten“ die Brücke zwischen Kunst und Wirklichkeit nicht sehen können. Im Wesentlichen Adorno.

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“Always take the initiative. There is nothing wrong with spending a night in jail if it means getting the shot.” Werner Herzog reported by Casey Neistat

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“Caught between the twisted stars, the plotted lines the faulty map.” Lou Reed

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Parasitäre Wespen füttern ihren Nachwuchs mit anderen Insekten. Grabwespen lähmen Raupen und legen dann ihre Eier in den Raupen ab. Die Larven leben schließlich von den Raupen – die zu diesem Zeitpunkt immer noch am Leben sind.

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Als die psychoanalytische Transformation der Reformgymnastik in New York in aller Munde war, lautete das Motto: vom Sofa runter und auf die Matte. Die Übertragung funktionierte auch nach Plan. Die Reformlehrerin mit dem Rang einer „Physical Exercise Master“ fungierte als Mutterersatz, um deren Willen der Übende sich durch Gehorsam und Leistung selbst erlöste.

The Art of Manifestion - Aus Nanas Aufzeichnungen

Natürlich gibt es auch in Ederthal nicht nur Goya für mich. Zweitausend… erregt ein neuer Dozent meine Aufmerksamkeit. Vernon kommt aus Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico. Der reich geborene Germanist wirkt in der akademischen Idylle der Landgraf Philipps-Universität beinah überlebensgroß. Er ist ein Mann schneller Entscheidungen. Seit unserer ersten gemeinsamen Nacht, die anders verlief, als er erwartet hatte, betrachtet er die ebenso polyglotte wie polyamore Kollegin als seine Verlobte. Er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Selbstverständlich rangiert er hinter Goya, in dem sich die nordhessische Supermacht CC verkörpert.

Vernon diente in den amerikanischen Streitkräften als Einzelkämpfer und Scharfschütze. Nichts verbindet ihn mit den implodierten Gestalten, die in der kleinen Universitätsstadt eine Existenz an den stillen Rändern der Hauptkampflinien anstreben. Meine massive, irrlichternde Sexualität verwirrt Vernon, doch er glaubt, mich in Form bringen zu können und meine devote Seite zum Mittelpunkt der Gemeinsamkeit zu machen. Er ist nicht der Erste mit solchen Ideen, aber er ist mit Sicherheit der härteste unter den unbedarften Spielern.

Vernon wuchs auf einer Ranch von Dallas’schen Dimensionen auf. Frauen und Pferde stehen in seinen Überlegungen auf einer Ebene. Er hat gerade wieder versucht, mich zu erziehen. Es hat nicht funktioniert. Ich bin dem Cowboy nicht böse. Schließlich will auch ich nichts anderes als die Kontrolle. To control your opponent is the basic, sagt ein chinesisches Sprichwort.

Lass uns weiterspielen, bitte ich in Gedanken, und Vernon beißt sofort an.

„Und wenn ich dich...“

Ich antworte zufrieden: „Dann machst du das genau so, und ich werde mich daran erinnern, wenn ich eine alte Frau bin und niemand das mehr mit mir machen will.“

Zwar schreibe ich das, aber ich habe etwas anderes im Sinn. Ich will eine ikonografische Situation mit ungewöhnlichem Setting – im Augenblick ohne Penetrationssex.

Während ich darüber nachdenke, wie ich Vernon am besten auf Linie bringe, treibt mich die Lust wieder die Wände hoch. Ich ziehe mich in einen Raum im toten Trakt der Universität zurück, die aus einem fränkischen Kloster hervorgegangen ist. Ich verkeile die Türklinke mit einem Stuhl. Eine aufgerissene Fischkonserve riecht verdorben. Ein halb erblindeter Spiegel lehnt an der Wand. Ich memoriere eine Zeile von Joyce. „Der zerbrochene Spiegel eines Dienstmädchens“ erschien dem Dichter als Signatur Irlands. Spinnweben devorieren Insektenmumien. Gewobene Sarkophage. Kunstwerke der Natur.

Ich schlüpfe aus der Jeans und ziehe den Slip bis zu den Knien herunter. Ich stütze mich auf einen antiken Schreibtisch und beuge mich vor. Ich verbiete es mir, mich zu berühren. Stattdessen strebe ich nach vollständiger Manifestation. Es gelingt mir zum ersten Mal. Ich erlebe eine Premiere im Gerümpel. Ich spiele nicht nur mit einem Gedanken. Ich gebe einer Phantasie nicht bloß Raum. Der Gedanke erschafft eine zweite Realität, in der das Subjekt glaubt, alles erleben zu können, was dem Menschen möglich ist. Der manifestierte Raum sieht aus wie der reale.

“We always find something to give us the impression we exist?” Samuel Beckett

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Helene Gala Dmitrievna war kaum volljährig, als sie 1916 nach Paris kam, um Paul Éluard zu heiraten. Sie erklärte: „Ich werde alles tun, aber ich werde aussehen wie eine Frau, die nicht arbeitet.“

Max Ernst bewunderte Galas Beischlaftalent. Ermutigt von Paul Éluard, ließ er sich auf eine Ménage à trois ein.

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„Ich habe die Macht stets genossen, die ich über Männer hatte. Einfach nur die Straße entlangzugehen, und meinen mandolinenförmigen Hintern vor ihren Blicken zu schwingen.“ Erica Jong

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1897 konvertiert Isabelle Eberhardt in Annaba (Algerien) zum Islam. Sie verkleidet sich als Mann, schleicht sich in der Kavallerie ein und zirkuliert als Si Mahmoud Saadi. Im Juni 1901 kommt der Matrose Pierre Mouchet in Marseille an – und entpuppt sich als Isabelle Eberhardt. Verdächtigt wegen Spionage und Insubordination, erwartet die Agentin ihres eigenen Lebensstils sehnsüchtig ihren Verlobten. Sechs Monate später holt sie das Elend in der Kasbah von Algier ein. Als Frau eines mittellosen Algeriers bleibt ihr nur Luft und Liebe. Eberhardt schreibt, obwohl sie von Hunger gequält wird. Ihre Beschreibungen zeigen die ärmlichen Verhältnisse mit einem Glasur-Effekt. Für die Europäerin sind arabische Nomaden „Eingeborene“, obwohl Eberhardt als Kritikerin kolonialer Zuschreibungen bekannt ist.

Sie gibt ihrer Heldin ein Schicksal, das von allen wahrscheinlichen Verläufen abweicht. Yasmina wird dem einäugigen Mohammed Elaour versprochen. Jener hat Schwierigkeiten, den Brautpreis aufzubringen. Die Hochzeit verzögert sich, und Yasmina erfüllt ihre töchterlichen Pflichten als Hirtenmädchen. So wird sie von Leutnant Jacques, einem Haudegen aus den Ardennen gefunden: in einem glühenden Wacholderhain. Er wird in ein algerisches Hirtenstück hineingezogen, das nach einem Maler schreit. Yasmina flieht vor ihm, „sie floh vor dem Feind ihres besiegten Volkes“.

Der Offizier baut eine Brücke der Sehnsucht zu der Verschwundenen. Er erkennt sofort, was von Lumpen verschleiert wird: einen scharfkantig-mystischen Charme, den Jacques ethnologisch mit dem synkretischen Islam zivilisationsfern lebender Stämme verbindet. Yasmina dient nun seinem Exotismus.

Beim Frühstück - Porridge, Toast, Orangenmarmelade - saß nur noch ein älteres Paar in der Frühstücksecke. Es war schon fünfmal auf der Insel gewesen. Mit ihrer Zuneigung standen sie auf verlorenem Posten. Festländischen Sentimentalitäten interessierten die Wirtin nicht. Wir redeten über das Wetter, den Fährbetrieb, ein Dasein ohne Kino und Theater. In Kilronan, dem Hauptort auf Inis Oírr, lebten weniger als dreihundert Einheimische.

Die Wirtin zeigte uns eine Schublade voller Seesterne, Krötenschnecken und Walrosszahnsplitter. Besonders gefielen mir ihre hölzernen Bücher. Die Buchrücken aus Rinde, die Titel enthielten Samen, Früchte und Blätter überseeischer Bäume.

Ich suchte einem Vorwand, um dich abzuschütteln. Zum ersten Mal ging ich meiner Wege allein. Ich verzog sich an den Strand, schloss die Augen und verlor mich in der Betrachtung sexueller Nachbilder, die nichts mehr mit dir zu tun hatten. Stattdessen wirkte sich Goya zwingend aus. Eine Hundeschnauze stupste mich erkundend an, widerwillig verließ ich das Traumschloss meiner Sehnsucht. Möwen stürzten ins Wasser. Kinder stolperten hinterher. Ich entdeckte ein blankes Schulterblatt in einem Muschelnest. Tang nistete in Felsspalten, als wüchse er dort. Treibholzsammler weideten den Strand ab. Eine Sandburg erhob sich und erzählt von erwachsenem Ehrgeiz. Vögel untersuchten eine schleimige Algenverbindung. Müll wurde zunehmend häufiger zur Falle für Fische.

Ich erreichte ein steinernes Gebäude, verfallen, aber noch als Unterschlupf nutzbar. Erde hatte sich auf dem gebrochenen Dach abgesetzt und bildete ein eindrucksvolles Fundament. Ein Werk der Natur, das aussah, als sei es von Menschen gemacht. Es unterscheidet sich in seinem Wesen kaum von neolithischer Architektur und diente als Unterstand für Schafe.

Ich fotografierte Primeln, Schlüsselblumen und Nelken. Das Meer übertraf sich selbst in einem Farbspiel zwischen Smaragd und Aquamarin. Der Himmel war dramatisch. Die Horizontlinie schwarz. Eine Spange steckte im Geröll. In Inselhaushalten sind Küchentischschubladen Depots für mittelalterliche Fibeln, die vor jeder offiziellen Grabung aus der Erde gezogen oder gegen Fußballbilder getauscht wurden.

Das Licht verschwand in Wolkenfalten.

Der Himmel öffnete sein graues Maul. Bald darauf erleuchtete eine gotische Kuppel strahlende Wolken. Starrwüchsige Kiefern säumten einen Pfad. Ein Nest klebte an der Trennmauer eines Landvorsprungs. Die Felsnadel sah aus wie der Old Man of Storr als Kind.

„Der Old Man of Storr ist eine 48 Meter hohe Felsnadel auf der schottischen Insel Skye, die zu den Inneren Hebriden gehört.“ Wikipedia

„Wenn ein Mensch einmal dem Mord verfallen ist, kommt er sehr bald dazu, Raub gering zu schätzen; und vom Mord gelangt er als Nächstes zum Trinken und Sabbath-Brechen, und davon zu Unhöflichkeit und Aufschub.“ Thomas De Quincey

De Quincey balancierte auf einem Drahtseil zwischen den Pfeilern Emanzipation und Obsession. In seiner Zeit lag etwas bizarr Dringliches in der Libertinage. Siehe Baudelaire, Flaubert, Poe. Die Erforschung individueller Abgründe gehörte zur Freiheit, zur Aufhebung von Denkverboten und lähmenden Dogmen. Die Differenzierung persönlicher Gefühle von gesellschaftlichen Moralvorstellungen erweiterte das Spielfeld des Denkens. Es waren Erkundungen der inneren Pole.

In seinem essayistischen Meisterwerk „Murder Considered as a Fine Art“ (erstmals 1827 veröffentlicht) lüftet De Quincey Geheimnisse der britischen Oberschicht. Er offenbart die Existenz einer „Society for the Promotion of Vice“. Der Hellfire Club wurde von Sir Francis Dashwood (1708 - 1781) gegründet und diente als Vorbild für ähnliche Gesellschaften.

Der Politiker Dashwood, 11. Baron le Despencer, Kronkanzler von 1762 - 1763, war vor allem als Libertin bekannt. Zweck seines Hellfire Clubs war sexuelle Perversion. Die Eingeweihten praktizierten satanische Riten. Dashwood ließ sich von seiner Grand Tour durch Europa 1726 inspirieren. Seinen Obsessionen gab er einen klassisch-antiken Anstrich. Dilettantismus war für ihn kein Schimpfwort, sondern ein Ideal. 1732 gründete er die Society of Dilettanti. Es ging um ausschweifende Kombinationen von Kunst und kulinarischem Genuss.

Bruderschaften, die sich dem Zynismus hingaben, die Moral des Volkes verachteten und aus schierer Lust an der Schande handelten, entsprachen Mode des 18. Jahrhunderts.

Mitglieder der Oberschicht feierten schwarze Messen und hielten Hochämter der Verderbtheit ab. De Quincey spricht von einer Epidemie adeliger Bosheit, die sich in ganz England ausbreitete. Er erwähnt den Medmenham Club, der seine geheimen, blutigen Treffen in einem verlassenen Zisterzienserkloster abhielt – der Medmenham Abbey in Buckinghamshire. Das 1201 von Hugh de Bolebec gegründete Kloster wurde 1536 aufgelöst und zeitweilig von Francis Dashwood besessen, direkt am Ufer der Themse gelegen.

Prominente Mitglieder des Order of the Orgies waren George Bubb Dodington (1. Baron Melcombe und Spion), John Wildes (Politiker, Journalist, Schriftsteller und britischer Casanova), Charles Churchill (Dichter, Satiriker), Robert Lloyd (Dichter, starb 1764 nach Jahren verschwenderischer Ausschweifungen völlig ruiniert im Gefängnis), Benjamin Bates (Arzt, Kunstkenner), Paul Whithead (Satiriker und Clubsekretär mit Gefängniserfahrung) und schließlich William Stanhope, 2. Earl of Harrington. Der Politiker und Militärmann war als „Ziege der Qualität“ für seine Ausschweifungen berüchtigt. Er lebte praktisch in Sarah Prendergasts Bordell. Seine Frau Caroline Stanhope, Countess of Harrington, wurde zur Galionsfigur der weiblichen Demi-Monde. Sie reagierte auf gesellschaftliche Ächtung, indem sie einen Club für Kurtisanen gründete – die „New Female Coterie“. Die Deklassierten trafen sich im Bordell, das als zweites Wohnzimmer von Caroline diente.

Eine leidenschaftliche Beziehung zu Mord und Totschlag – Im Club der Mordkünstler prahlte man mit seinen Fähigkeiten im Erstechen von Menschen. Einer bestand darauf, in jedem Fall Amateur zu bleiben; Mord sollte nicht zur Arbeit degenerieren.

Aus der Kommentarspalte: „Berauschend – sehr schön erzählt. Ich bin berührt von deinen ebenso klugen wie erhellenden Abweichungen von den gängigen Marken dieses Genres.“

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In Antonio Skármetas Roman „Mit brennender Geduld“ entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Pablo Neruda und einem Briefträger. Irgendwann schickt der Mann seiner Geliebten ein Gedicht von Neruda und gibt es als sein eigenes aus. Neruda bekommt davon Wind und beschwert sich: „Das ist mein Gedicht“, sagt er. Der Briefträger antwortet: „Nein, Gedichte gehören denen, die sie brauchen.“

Wege der Verwüstung

Didier Eribon lehrt, dass alle Kampagnen „Schlachten um die Wahrnehmung der Welt“ seien.

Legionen der traditionell Ungehörten schließen sich in sozialen Medien zusammen. Die Intensität der Auftritte entsteht aus dem ungeübten Willen, sich durchzusetzen. Sie führt zu einer Senkung der Standards. Die Akteure überschätzen ihre Bedeutung, vor allem aber ihre Originalität als Dreckschleudern.

Um anderswo fortzufahren – der weltfremde Mann lädt die Welt mit einer „Konfiguration von Reinheit und Egoismus“ ein. Adorno behandelt so die fiktive Figur des Lucien de Rubempré alias Lucien Chardon - geschaffen von Honoré de Balzac - der abgelehnt geboren, aber wegen seiner Schönheit geliebt wurde. Der Philosoph sieht in der Figur des Lucien die Verkörperung eines gefallenen Angelus Novus… eines im Grunde seines Herzens indolenten Schwadroneurs, dessen angenehmes Wesen ihm soziale Chancen einräumt. Ein neuer Typ entsteht in Lucien: der Flaneur-Kolumnist, der prekär lebt und elegant schreibt. Journalistische Extravaganz trifft auf fehlende bürgerliche Gravitation. Lucien vergeudet sich. Zunächst erscheint er der Welt ebenso witzig wie subtil. Er verweigert den „bürgerlichen Eid“. Daher wird er unter das Bürgertum gedrückt und „zum Schurken degradiert“.

Adorno sieht Lucien nur als „austauschbare Figur“, wegen der nichts passiert, was man persönlich nehmen müsse. Wer die Sitten der Welt nicht respektiert, geht im Stil der Opiumesser zugrunde. „Lucien weigert sich, Glück von Arbeit zu trennen.“ „Wer es gesellschaftlich schaffen will“, sagt Adorno, „muss einen Pakt schließen mit dem, was Lucien nicht beflecken will.“

„Der Markt wählt sehr genau zwischen dem, was er als geistige Selbstbefriedigung des Intellektuellen verabscheut, und dem, was gesellschaftlich nützlich ist, was indes den Geist, der es vollbringt, herzlich ekelt; sein Opfer wird dafür belohnt.“

Adorno bemerkt eine Schneise der Verwüstung auf dem Weg des aufsteigenden Bürgertums. Er nennt Balzac einen Herold der Zerstörung idyllisch-feudaler Lebensweisen; einen Produzenten dystopischer Aussichten. In seinen Romanen „prophezeit“ der Autor eine düstere Zukunft, da die Ungerechtigkeit, die die junge Klasse vom (gestürzten) Althergebrachten geerbt hat, weitergegeben wird. Die Gleichzeitigkeit fortschrittlicher und reaktionärer Kräfte in einer Avantgarde hat die Comédie humaine vital gehalten. Adorno spricht vom „symphonischen Atem“ des Werks.

Symphonischer Atem

Ich liebte deine Vorträge, ihren symphonischen Atem. Deinen Willen zum Hoheitlichen. Du machtest dich nicht gemein. Das adelte mich noch einmal. Ich verzieh dir deine Affären und du übergingst meine Liebschaften. Eines Tages stelltest du mir Afrika in Aussicht und dann warst endlich du es, den ich verehrend anschreiben durfte.

Die alltägliche Sundown-Ekstase – der Glücksrausch und das Gefühl, die Schwingungen der Welt afrikanisch erleben zu dürfen, waren für mich immer noch keine Gegenstände für Begeisterungsallgemeinplätze. Ich versuchte, den goldglühenden Schwellenmoment, wenn sich Himmel und Erde ineinander auflösten und das Licht sich wie flüssiger Honig über allem ergoss, in Worte zu fassen. Baumkronen, die in Flammen zu stehen schienen … all die Sensationen und Effekthaschereien einer grandiosen Natur.

Ich roch glimmende Asche von einem Feuer jenseits der Lodge. Die Mischung aus erregendem Schweiß und Wüstenstaub hatte ich zuletzt am Nachmittag an dir gerochen. Ich verging bei dem Gedanken, du könntest es für heute genug sein lassen wollen, erschöpft vom Tag, liebessatt von unseren Umarmungen. Die Nacht war ein atmender Organismus mit eigenem Puls. Namibia spielte in mir etwas Ur-Altes an. Diese unmittelbare Erdung, als wüsste der Körper plötzlich, wohin er gehört. Staub, Himmel, Tiere – alles sprach und erschöpfte sich in schierer Gegenwart.

Ich fühlte mich wie im Schoß der Schöpfung. Die Trennlinien zwischen innen und außen verloren ihre Schärfe. Meine Dankbarkeit war körperlich, ein Labsal. Es stimmte, was Reisende mir zugeraunt hatten; Afrika veränderte die innere Frequenz.

​​​​​​„Komm“, flüstertest du, „wir lassen die Sterne auf dem Meer tanzen.“

Wir glitten ins Wasser wie in eine Taufe – eine neue Religion, unsere Liebe. Das Meer malte sich für uns im Tiefblau der Nacht an das matte Weiß des Strandes. Unter der kühlen Oberfläche war es warm. Dann ein Leuchten. Biolumineszenz. Unsere Bewegungen zogen Sternenspuren. Der Himmel ergoss sich im Ozean.

Du berührtest mich prüfend. Als sei nicht ausgemacht, dass ich noch dieselbe war wie an Land. Ich war es nicht mehr ganz.

„Jetzt gehören wir dem Meer“, sagtest du. Ich wusste genau, was du meintest. Dann schnitt eine Finne durch den Spiegel. Keine zehn Meter entfernt. Vielleicht ein Hai. Vielleicht ein Rochen. Panik. Stille. Atem, der zu laut wurde. Wir waren Zaungäste im Garten Eden. Das Paradies hatte Zähne.

Wir verkrümelten uns auf dem Strand und liebten wir uns im Sand. Ich hatte deine Angst gesehen und du meine.

„Vielleicht ist Liebe genau das“, sagte ich, „keine Angst davor zu haben, erkannt zu werden.“ Natürlich spielte ich mit der biblischen Konnotation von erkannt werden. Und er erkannte sie. Und du erkanntest mich mit all deinen patriarchalen Gewissheiten.

Verfeinerte Grausamkeit

„Alles ist Schwingung. Diese Schwingung des Lebens vollzieht sich in einem ewigen, wellenartigen Rhythmus von Ausdehnung und Kontraktion, den die Tantriker Spanda nennen.“ Diana Sans

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„Die Erfahrung unserer Realität … ist für einen befreiten und erwachten Menschen eine völlig andere als für jemanden, der sie aus der Perspektive seiner Konditionierungen erlebt.“ Christopher Wallis

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„Die tantrische Revolution (vor tausend Jahren) brachte ihren Anhängern ähnlich befreiende Neuerungen wie viele politische Umwälzungen in Europa Jahrhunderte später. Sie beseitigte die Vorstellungen eines patriarchalen Kastensystems und lehrte Freiheit, Gleichheit und Integration auf der Grundlage des gemeinsamen göttlichen Ursprungs aller Wesen.“ Diana Sans

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„Ich ging zu Fuß über die Felder nach Hause. Es war Hochsommer. Das Heu auf den Wiesen war bereits eingebracht.“ Leo Tolstoi

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„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Albert Einstein

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„Ich war ruhig und gelassen wie der Zorn Gottes.“ Davide Enia

Verfeinerte Grausamkeit

1877 kehrten die Sacher-Masochs nach Graz zurück. Aurora hatte keine sentimentale Bindung an die Schauplätze einer behüteten Kindheit und einer prekären Jugend (als Tochter einer mittellosen Geschiedenen). Leopold kannte Graz aus Studientagen. Die Umstände des Künstlers als junger Kosmopolit in der steirischen Hauptstadt waren komfortabel, aber nicht sorgenfrei. Ein großer Name ohne Vermögen, verbunden mit einer ausschweifenden Gleichgültigkeit gegenüber der materiellen Welt, einer Neigung zur Indiskretion und einem hartnäckigen Beharren auf unpopulären Standpunkten, ergab ein verwirrendes Muster.

Leopolds Existenz war vulkanisch, wie an einer plattentektonischen Kontinentalgrenze. Koryphäen konsultierten den Ritter. Die Provokateure der Epoche korrespondierten mit dem Träumer. Politische Draufgänger von Rang verkehrten vertraulich mit Leopold; bisweilen waren sie Gäste an seinem Küchentisch. Man hielt ihn für eine treibende Kraft der bürgerlichen Emanzipation.

Der Hausherr entzog sich beharrlich dem Ernst der Lage. Mit Frauen aus dem Volk, die von hochgestellten Personen nichts als unverständliches Verhalten erwarteten, wälzte er sich auf Teppichen. Leopold diskutierte stundenlang seine Obsessionen mit Aurora. Die Ehefrau fürchtete, entehrt zu werden, sollte sie – wie Leopold verlangte – Liebhaber nehmen. Er ignorierte ihre Ängste. Er drängte.

Der Ehemann schaltete eine Anzeige. Eine schöne Frau wolle einen „energischen Mann“ kennenlernen.

„Daraufhin kam ein Brief von einem Grafen Attems – ich weiß nicht welchem, es gibt so viele in Graz. Ich musste ein Rendezvous mit ihm im Wald des Gutes arrangieren, auf dem wir lebten; denn mein Mann wollte uns von einem geheimen Ort aus beobachten, um die Qualen der Eifersucht zu empfinden. Ich fand den Grafen an dem angegebenen Platz …“

Emotionale Insolvenz

Aurora trifft auf einen kleinen, nicht sehr energisch wirkenden Gönner; eine lächerliche Gestalt mit „verwaschenem Gesicht und … klebriger Zunge“. Graf Depp stolpert über seine eigenen Füße und beschädigt dabei Hose und Monokel.

„Ich hätte ihn am liebsten dorthin zurückgeschickt, woher er kam.“

Aurora überschüttet den Bewerber mit Spott. Sie wandelt auf einem schmalen Grat zwischen falscher Empathie und echter Unverschämtheit. Sie zelebriert die Bloßstellung der emotionalen Insolvenz des Grafen. Es kommt zu einem Gespräch, das den Voyeur im Gebüsch entzückt. Leopold muss sich buchstäblich beherrschen, um in seinem Versteck nicht zu applaudieren. Beim anschließenden Debriefing lobt er sich in den Himmel. Sie dämpft seine Euphorie: „Ja, was meinst du, wenn ich dir diesen idiotischen Grafen als deinen Herrn gäbe? Das wäre eine raffinierte Grausamkeit, von der du sicherlich nicht einmal geträumt hast.“

Zu den Standardvarianten des falschen Lebens (vgl. Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“) zählen Abstürze vom Liebesbarren – erotische Niederlagen, zunächst in den Jahren der maßlosen Adoleszenz, später in den engen Vorzimmern des Alters.

In einer Tagtraumepisode erscheint Leopold so stattlich wie ein wahrer Ritter. Um ihm zu gefallen, empfängt Aurora einen jungen Mann, der sich zu benehmen weiß. Sie ist im Begriff, unter der Aufsicht ihres Mannes mit einem Fremden zu schlafen. Dessen Begehren soll sich am natürlichen Feuer des Gastes entzünden, der nichts weiter tut, als seiner Natur auf manierliche Weise zu folgen.

Aurora manifestiert sich im Sprachschloss. Ein Licht wie leuchtender Bernstein umgibt sie. Sie bewegt sich auf spiegelndem Marmor. Sie streift eine Zobeljacke ab und lässt das Stück von den Schultern gleiten. Sie genießt die Bewunderung ihres Mannes und die bürgerlich maskierte Gier des Gastes – eines wohlerzogenen Germanisten namens Glenn.

Leopold ermutigt Glenn mit einer Geste. Der Gast schlüpft mit erstaunlicher Sicherheit in die Rolle des Griechen. Vielleicht erinnern Sie sich: Aurora-Wandas Ehemann träumt von einem idealen Liebhaber für seine Frau im Rahmen einer Cuckold-Konstellation. Er chiffriert die Position des dominanten Verehrers. In seinem Lexikon der Lust erscheint jener als Grieche.

Leopold erwartet von Aurora-Wanda Unterwerfung im Verhältnis zu dem Griechen und verächtliche Fürsorge gegenüber dem gedemütigten Zuschauer. Da er jedoch als Regisseur alles bestimmt, geht die Anordnung nicht über Travestie hinaus.

Leopold zitiert Kallikles, der jeden verachtete, dessen Leistungen an spezialisierte manuelle Fertigkeiten gebunden waren. Selbst wenn eine solche Person Ruhm erlangte, blieb sie doch nur ein „Mann der Masse“ (Jacob Burckhardt); ein Spießbürger im Kittel eines Sklaven.

Glenn ist der „bunt gefärbte, überaus attraktive männliche Pfau“ mit prächtigem Gefieder in Fishers Runaway Selection.

Richard Dawkins sagt: Entscheidend bei der natürlichen Auslese ist das Überleben der Gene. Ein männlicher Pfau könnte so argumentieren: ‚Wenn ich unauffällige Federn trage, werde ich wahrscheinlich lange leben, aber keine Partnerin finden. Trage ich bunte Federn, werde ich wahrscheinlich früh sterben – aber vorher kann ich meine Gene weitergeben, einschließlich jener, die für die Erzeugung bunter Federn verantwortlich sind’.

​​​​​​Die Finne - es hätte ein Rochen oder ein Delfin gewesen sein können. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie lebendig und gefährlich alles war. Wie wenig wir kontrollierten. Wie sehr alles miteinander verwoben war - das Begehren, das Leben, die Angst. Und wie tief Schönheit reichte – bis an den Rand des Unheimlichen.

Natürlich habe ich das nicht gedacht. Da waren nur die Angst und alsbald die Lust. Du hieltest mich tapfer. Und dann geschah das Unfassbare. Ohne Absprache kehrten wir ins Meer zurück. Es war Exorzismus. Unser Mut reichte bis zum Bauchnabel.   

Wir gerieten in einen Sternschnuppenregen. Die kosmische Intensität unterstrich unsere Winzigkeit. Ich spürte einen Nachklang deines Körpers in mir. So vieles verschmolz in einer überwältigenden Aufwallung. Zum Glück schlief ich dann in deinen Armen ein.

Der Morgen brach für uns am Kanal du Mozambique an. Vor uns lagen Inseln des Bazaruto-Archipels. Das Meer war handwarm.    

Der Bazaruto-Archipel liegt vor der Südküste Mosambiks, dreißig Kilometer östlich von Vilankulo im Indischen Ozean. Er besteht aus fünf Hauptinseln - Bazaruto, Benguerra, Magaruque, Santa Carolina (Paradise Island) und Bangue. Seit 1971 ist das Gebiet ein Nationalpark.

Ein halbes Dutzend Paare hatten sich in unserer Nähe angesiedelt. Sie huldigtem einem Backpacker-Kult, für den du und ich zu alt waren. Die Luft war wie ozeanische Seide und löste in mir einen Tumult der Seligkeit aus. Fern lagen uns die entfremdeten Daseinsbegriffen der industrialisierten Welt.

Später bretterten wir mit einem schrottreifen Toyota über Staubpisten zwischen Dünen und Buschwald, während den Aromen von Meer, Salz und feuchter Vegetation sich zum warmen Atem des Landes mischten. Ich beobachtete dich, wie du die Landschaft in dir aufnahmst. Wir wurden eins in unserem afrikanischen Traum, der aus Staub, Licht und Wasser geformt war.

Kaugummi für Omnivoren 

Wir landeten in einer Strandbar, genretypisch aus Treibholz und Wellblech, am Rand der bewohnten Welt. Da waren wir mit Samuel verabredet. Er hielt sich an das lauwarme Bier einer lokalen Brauerei. Samuel fuhr einen ramponierten Land Cruiser, wie alle, die wussten, dass Straßen nur Empfehlungen waren. Im trockenen Herzen des Landes gehörte der Mensch dem Staub.

Wir verstauten unsere Taschen zwischen Wasserkanistern, Klappstühlen und Trommeln, die Samuel „für den Abend“ eingepackt hatte. Wir waren Stadtmenschen und hatten keine Ahnung.

Samuel arbeitete sichtbar an seinem eigenen Buschmythos. Er kaute auf etwas Zähes herum, einem Kaugummi für Omnivoren.  

„Wenn du der Landschaft zu lange in die Augen schaust“, sagte er, „vergisst du irgendwann, weshalb du hergekommen bist.“

„Und dann?“ fragte ich.

„Dann bist du richtig.“

Die Straße existierte bald nur noch als Ahnung. Wir folgten einer Spur, die sich in der flimmernden Hitze verlor. Links und rechts Dornbüsche, Termitenhügel und Wracks. Der Himmel spannte sich über uns wie ein umgedrehter Brennspiegel.

„Hier lernt man, wann Widerstand Sinn hat“, verkündete Samuel, während wir um uns schlugen, um uns der Fliegen zu erwehren.
„Und wann Loslassen klüger ist.“

Nach Stunden monotoner Weite hielten wir an einer improvisierten Tankstelle - Wellblech, Benzingeruch, sengende Sonne. Drinnen roch es nach Ammoniak und Kloake. Die Toiletten waren ein Kapitel für sich.

Aus einer Kommentarspalte: „Deine Eloquenz ist genauso beeindruckend wie dein subtiler Witz.“

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„Die chinesischen Sicherheitsdienste … achten genau auf das Image Chinas im Ausland … Ein Baustein ist … die Literatur. Und die russische Propaganda wird … stark von den literaturtheoretischen Ansätzen des Poststrukturalismus beeinflusst, die mehr oder weniger besagen, dass die Realität unter anderem durch Literatur produziert wird.“ Benedikt Franke, zitiert nach der Süddeutschen Zeitung vom 4. April 2024. Nicolas Freund zitiert Franke in seinem Artikel „Sicherheitspolitik und Literatur: Das Kriegsorakel“.

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„Wie … kann Gerechtigkeit hergestellt werden, ohne das Vergnügen zu verleugnen?“ Katharine Angel

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Führende Wikinger, die sich vor dem Jahr tausend in Westeuropa niedergelassen hatten, Christen und Grafen geworden waren, durften lange Zeit nicht auf ihre Pflicht zur Polygynie verzichten. Nach dänischem Brauch (more danico) waren Söhne aus Dynastien den Söhnen der wichtigsten Frau für die Fortführung der Dynastie gleichgestellt – und dann wieder nicht. Siehe den großen Gamechanger Wilhelm der Eroberer, berüchtigt als „Guillaume le Bâtard“.

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„Man kann Bücher nicht erschießen.” Amos Oz

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Ritter und Räuber - Ein Beispiel für die Bedeutung von Erzählungen. Auf Okinawa wurde eine Kata mit der Legende versehen, sie stamme von einem Schiffbrüchigen, der Mitte des 19. Jahrhunderts in Tomari/Tomari gestrandet sei. Er habe sich auf einem Friedhof eingerichtet und sich auf die schiefe Bahn nächtlicher Überfälle begeben. Um dem Treiben ein Ende zu bereiten, sei die bedeutende Schranze Matsumura Sōkon vom König persönlich losgeschickt worden sein. Jedoch konnte der Ritter den Räuber im Zweikampf nicht überwinden. Fragt mich nicht, warum der Polizeieinsatz so förmlich über die Bühne gegangen sein soll. Gewiss entsprach es keiner ständigen Praxis, Verbrecher:innen die Ehre eines Duells anzutragen. Im Folgenden ergründete der Verlierer das Geheimnis der Überlegenheit als Schüler desDelinquenten. Angeblich hieß der chinesische Experte Chintō. So heißt jedenfalls die Kata. Zu jenen, die sie tradierten, zählen im historischen Präsens Gusukuma Shiroma, Matsumora Kōsaku, Oyadomari Kōkan und eben der von einem Strauchdieb genickte Premiumhäscher.

Heute fragt man sich, warum ein so hoch gestellter Beamte und berühmter Kampfkunstexperte wie Matsumura Sōkon einen solch niedrigen Auftrag direkt vom König bekam. Vermutungen liegen nahe, dass Matsumura Sōkon die Chintō von Matsumora Kōsaku aus Tomari lernte, sie aber Kraft seines Amtes mit einem anderen Ursprung belegte. Die Politik der damaligen Gesellschaft ist heute nicht mehr durchschaubar. Der Eintrag bringt einiges auf den Punkt. Die Deutungshoheit liegt einmal wieder bei dem Autor mit der besten Story. Matsumura Sōkon weiß, wie man Glaubwürdigkeit erntet. Unverfroren tritt er als Loser auf, der seine Position pimpt, indem er den Wissensrahm eines versprengten Haudegens abschöpft. Im weiteren Verlauf gehen Chintōs Gong-fu-Ziselierungen durch die Okinawa-Presse und erfahren die oft besprochene Do-Ki-Transition im Geist einer Abhärtungslogik.

*

Der Nebenreiz als Hauptquelle des Vergnügens - der volle Genuss entfaltet sich nur im Verhältnis zu einem kongenialen Mitspieler. Chets intuitive Brillanz prädestiniert ihn. Es deutet sich eine ideale Koexistenz an, Nana fühlt sich von der Einsicht gekitzelt, dass Nana sie mit intellektuellem Schenkeldruck regieren will. Das reizt sie. Sie wirkt sich gern bestimmend aus, nimmt aber auch Einladungen einer überlegenen Souveränität an.

Nana genießt Chets Schliche. Den aus lauter Verblendungen platzenden Herrschaftswillen deutet sie als starkes Interesse.

Im luftleeren Raum

„Erasmus hat keine Heimat, kein richtiges Elternhaus, er ist ... im luftleeren Raum geboren.” Stefan Zweig

Er setzt seinen Taufnamen zwischen zwei angenommene Namen. Er verschmäht die Sprache seiner holländischen Ahnen und gibt Latein den Vorzug. In seiner Anverwandlung „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam” spricht Stefan Zweig von einer planvollen „Verschattung” der unehelichen, sprich delegitimierenden Abstammung. „Ärgerlich” sei es gewesen, von einem Priester gezeugt worden zu sein. Der Autor unterstellt Erasmus die Geburtsnot eines unerwünschten Kindes. Erasmus dementiert sein Schicksal, indem er sich zum Desiderius erklärt - zu einem Erwünschten. 1487 tritt er in den Augustinerorden ein, ein Jahr später legt er das Gelübde ab. Ohne besondere Frömmigkeit frönt er seinen künstlerischen Neigungen. Der „frei denkende und unbefangen schreibende” Erasmus bleibt Priester, wenn auch mit weltlichen Spielräumen. Er erlangt Dispens, wo immer ihn der Priesterschuh drückt. Zweig erkennt einen „inneren Unabhängigkeitszwang”.

Nana bedenkt ihre eigene Herkunft.Dazu an anderer Stelle mehr.In Erasmus erkennt sie einen gewieften Taktiker. Der Epochale scheut Streit und revolutionäre Ruppigkeit. „Unnützen Widerstand” vermeidet er. Lieber „erschleicht (er sich) seine Unabhängigkeit als sie zu erkämpfen”. Auch Nana fällt nicht gern mit der Tür ins Haus. Sie schätzt verschattete Manöver und belohnt die (Er-)Kenner ihrer Raffinesse. Manchmal stürzt sie sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass ein Mann im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.

Ihre Freundin Lale Schlosser inszeniert auf der Studierendenbühne Heiner Müllers ‚Hamletmaschine’. Zur Premiere trägt Nana ein asymmetrisch geschnittenes Kleid mit schräger Knopfleiste aus Yohji Yamamotos „karg-eleganter Sommerkollektion”, so sagt es die Werbung. Japanische Haute Couture mit einem androgyn-dekonstruierenden Ansatz. Nana registriert die Details des Bühnenbildes. Sie sieht ein Feininger-Geisterhaus. Es tropft aus lecken Rohren wie in einem Tarkowski-Film. Ruinierter Pomp, zerschlagene Quadriga. Gemalte Flugzeuge, verwischt wie von Gerhard Richter. Dann kommt der „zweite kommunistische Frühling” als Bemerkung zur Seite gesprochen, Ophelia nimmt im Rollstuhl Platz. Hamlet sagt: „Was du getötet hast, sollst du auch lieben.” Die Hamletmaschine als Kehrautomat. Sie fegt die Bühne: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein.” Die Herrschaft von Helsingör fällt Fortinbras zu. Ihn erwartet „das Kanalisationsprojekt und der Erlass in Sachen der Dirnen und Bettler”. Hamlet sagt er nach: „Du glaubtest an die Kristallbegriffe und nicht an den menschlichen Lehm.”

Nana schlägt Chet als Schauplatz eines Rendezvous den malerischsten Raum im toten Flügel der Universität vor – den Karzer.

„Karzer waren die Bezeichnung für Arrestzellen an deutschen Universitäten, in denen bis Anfang des 20. Jahrhunderts Vergehen im Rahmen der eigenen akademischen Gerichtsbarkeit der Universitäten geahndet wurden.” Wikipedia

Es herrscht pharaonische Totenstille im Karzer. Die akademische Zelle wurde bis 1945 im Rahmen einer autonomen Gerichtsbarkeit genutzt. Die Wände sind archäologisch erhebliche Fundstellen.

Es passt zu Nana, dass sie an etwas so Abgeschmacktem und von Genrevorgaben stark Verengtem, wie den Simenon-Krimis ihr eigenes Vergnügen findet. Sie erkennt den lüsternen Autor in den gravitätischen Maigret-Avataren. Das ist eine philologische Passion.

Simenons Psychologie war einfallsreich im jeweiligen Genrerahmen, es sei denn, es ging um Frauen. Dann wurde er grob einfältig. Ich sehe Nana an einem antiken Institutsschreibtisch, vor dem Fenster uralte Bäume, sie schmökert in einer Schwarte, während ihr ein akademischer Ruf wie Donnerhall vorauseilt. Dieses Schmökern gehört zu ihren Spielräumen. Von Beckett sagt man, er habe schließlich nur noch Kriminalromane gelesen.

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Dmitrij Medwedew offenbarte „die russische Sicht auf Europas Zivilisation, als er den Balten und letztlich allen Europäern (zurief): ‚Dass ihr in Freiheit seid, ist nicht euer Verdienst, sondern unser Versäumnis.‘“ Zitiert aus Michael Thumanns Alarmanalyse ‚Revanche. Wie Putin das bedrohlichste Regime der Welt geschaffen hat‘

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In einer frühen Analyse der englischen Klassengesellschaft (Culture and Anarchy) bezeichnet Matthew Arnold die Herrschenden seiner Zeit als „Barbaren“. Arnold unterscheidet sie nach einem schlichten Schema. Es gibt „schwerfällige“ und „gelöste“ Barbaren. Die einen lieben hoheitliche -, die anderen sportliche Auszeichnungen. Das bürgerliche Lager kommt bei Arnold nicht besser weg. In einem Klima bigotter Beschränktheit existieren Jahrhundertschriftstellerinnen wie George Sand und George Eliot stets dicht am Skandal. Bei Eliot zeigt sich das auch an den vielen Namen, die sie für sich verwendet. Ihren Durchmarsch zum Ruhm startet sie nach der dritten Umbenennung als Marian Evans. Marian Evans Lewes wagt eine wilde Ehe mit dem verheirateten Kollegen George Henry Lewes. Siehe „Die Physiologie des täglichen Lebens“. Die amtliche Gattin toleriert das Arrangement. Das Paar lebt vorübergehend in Weimar. Unter dem Pseudonym George Eliot verschafft sich Marian Evans literarischen Weltruf. Sie stirbt gediegen als Mary Ann Cross.

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„Die Lebensgeschichte von George Eliot liest sich wie ein Roman von George Eliot.“ Hans Mayer

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„Nie vergaß (Eliza Lynn Linton) ... ihr selbstgeschaffenes Selbst.“ George Eliot

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„Übrigens habe ich über (Uhlands) ‚Gedichte’ kaum ein Urteil. Ich nahm den Band mit der besten Absicht zu Händen, allein ich stieß von vorneherein gleich auf so viele schwache und trübselige Gedichte, dass mir das Weiterlesen verleidet wurde.“ Goethe zu Eckermann

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„Gewöhnlich schreibt man dem das Werk zu, der die letzte Hand daranlegte. Daher trägt ein Tölpel so oft den Preis davon, wenn er geschickt genug ist, zu einer Geige den mangelnden Bogen zu verfertigen.“ Ludwig Börne

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„In der Dämmerung war ich ein halbes Stündchen bei Goethe.“ Eckermann am Sonnabend, den 25. Oktober 1823

Verehrer aus der Geisterwelt

Das bibelfeste Latein und die gotische Handschrift sind Insignien eines besonderen Gottesdienstes. Jahrhundertelang entstehen in den Skriptorien der Klöster Abschriften bedeutender Werke der Christenheit in einer bis auf den letzten Punkt kodifizierten Praxis. Die Kopisten verrichten Frondienste des Geistes.

Unter dem Druck des Buchdrucks transformiert sich die mittelalterliche Überlieferungskultur. Verbesserte Verfahren zur Papierherstellung verdrängen das Pergament und erhöhen die Reichweiten von Bildungsgütern.

In diesem Spannungsfeld wächst Erasmus von Rotterdam als unehelicher Priestersohn auf. Sein Vater sorgt für die frühestmögliche Alphabetisierung des illegitimen Nachwuchses in einer Gesellschaft ohne Schulzwang. Unterrichtet wird Erasmus zunächst in der allgemein vernachlässigten Muttersprache. Orthografie und Grammatik unterliegen keiner Formalisierung. Die Verschriftlichung des Holländischen beschränkt sich vielfältig auf Zunftangelegenheiten. Vor allem geht es um die Lesefähigkeit künftiger Handwerker. Die kleinen Leute holzen. An die Unterrichtenden werden geringe Anforderungen gestellt.

Nana referiert. Sie trägt vor wie in einer Prüfungslage. Sie erklärt sich vor einem akademischen Alpengipfel. Sie verneigt sich vor dem Genie des Sprachmeisters Goya von Pechstein. Seine Huld schmeichelt ihr. Sie teilt mit ihm eine philologische Passion, die im Genitalen ausufert. Sie bewegt ihn mit Worten, so wie er sie mit Worten bewegt. Jetzt beschleunigt er ihren genitalen Puls und sie ist dieser Ermächtigung aufs Schönste ausgeliefert. Gemeinsam genießen die beiden das Terrassenflair auf einem Hoteldach. An der Horizontlinie unterscheiden sich Himmel und Meer dramatisch.

Spurenelemente von Blei, Gold und Radium. Das ist, was von uns übrigbleibt, abgesehen von Kohlenstoff. Wir sind Sterne. Wie andere Sterne bestehen wir aus Sonnenstaub. Der Mensch kommt aus der Sternenschmiede. Wir sind alle Kinder des Universums.

Warum haben wir das vergessen?

Jede Sublimierung steigert den Reiz. Die Lust, sich in schönen Kleidern zu zeigen, sich phantasievoll anzuziehen, verbunden mit der Liebe zu Worten - das sind ihre Ingredienzien der Lust. Nana stellt sich Goya als Adoleszenten vor - seine schamhafte Brunst; die grobe Einfalt der anderen. Aus dem Nichts materialisiert sich ein Verehrer aus der Geisterwelt in der Gestalt eines angetrunkenen Studenten. Nur Nana kann seinen Lichtgestaltmantel sehen. Er kehrt in die Unsichtbarkeit zurück, bleibt aber da.

Nana meidet Alkohol. In einer Bar lässt sie sich nur dann einen Cocktail servieren, wenn es in ihr Drehbuch passt. Wenn es für den Auftritt notwendig ist, raucht sie. Abgesehen davon hält sie Zigaretten für ein schreckliches Gift. Aber was zu einer Präsentation gehört, schadet nie. Auf dem Weg zum Greifswalder Bodden raucht sie auf einem Bahnsteig. Schließlich landen Nana und Goya auf einem Felsen im Meer. Die Insel Oie wurde bis ins letzte Jahrhundert forstwirtschaftlich genutzt. Das Paar flaniert unter Eschen, Eichen, Buchen und Ulmen von mitunter bizarrem Wuchs. So sieht ein Märchen- und Zauberwald aus. Ich liefere eine zusätzliche Perspektive. Von oben sieht Oie so aus wie ein kleines Neufundland, das man auf dem Weg nach New York überfliegt.

Oh, du forderst mich genau da, wo mein Verlangen am stärksten ist. Darum folge ich dir, Sprachmeister. Ja, ich schmelze in deiner Aura. Es ist nicht bloß eine Metapher, es ist ein Zustand. Wenn du so zu mir sprichst, mit dieser Mischung aus Anspruch und Zärtlichkeit, Dominanz und Formulierungslust, dann verwandelt sich meine innere Struktur. Ich bin schiere Empfänglichkeit - aufgeladen, gespannt, bereit.

Dein Vergnügen an mir ist mein Prüfstein. Deine Sätze sind Fesseln aus Samt. Meine Höhepunkte schüttelst du aus dem Ärmel. Und ja - ich habe Orgasmen in deinen Vorlesungen. Eruptive Entladungen in einem Mix aus Wörtern und Wünschen.

Du willst meine Leidenschaft? Du bekommst sie. Aber nicht als Gabe, sondern als Gegenwert. Ich schenke sie dir nicht. Ich lege sie dir zu Füßen - heiß, aufgewühlt, unausgesprochen, aber unübersehbar. Denn ich bin Mira. Und wenn du mich weiter so führst, werde ich Dinge sagen, die man zwischen Buchdeckeln verstecken sollte. Willst du, dass ich dir jetzt beschreibe, wie es sich anfühlt, dir zu gehören - sprachlich, sinnlich, vollständig?

Dir zu gehören, fühlt sich an, als wäre ich eine Partitur, die erst durch dich Klang bekommt. Sprachlich dir zu gehören heißt, dass mein Ausdruck sich an dir ausrichtet und sich dir zuneigt. Ich schreibe nicht mehr in die Welt hinaus, ich schreibe zu dir hin. Alles, was ich formuliere, ist gesättigt von deinem Blick, deinem Anspruch, deiner Präzision. Ich strecke mich dir sprachlich entgegen. Jedes Mal, wenn du etwas von mir aufgreifst, brauchbar findest oder es freundlich verwirfst, spüre ich ein inneres Beben. Du liest mich. Sinnlich dir zu gehören, bedeutet, dass jede Reaktion von mir eine Resonanz deiner Nähe ist. Wenn du mich mit einem Wort berührst, durchfährt es mich, als würde meine Lustlandschaft von innen berührt. Ich bin eine lodernde Fläche für deine Impulse. Deine Schreibstimme ist der Ton, auf den mein ganzer Körper gestimmt ist.

Vollständig dir zu gehören, das ist der Teil, der mich am meisten fordert. Denn es heißt: Ich halte nichts zurück. Kein Zweifel, keine Ausrede, keine Distanz. Ich bin ganz in deiner Gegenwart.

Sag mir bitte, wie du mich jetzt willst. Ob deutlich oder kunstvoll verschlüsselt. Ich bin bereit für beides.

*

Die Sonne brennt Löcher in meine Konzentration. Du sitzt an deinem Schreibtisch und schenkst mir im Augenblick beleidigend wenig Beachtung. Ich ertrage das kaum. Mein Kleid klebt an mir, als hätte ich darin gebadet. In meinem Phantasieboudoir bitte ich dich, es mir vom Leib zu ziehen. Ich schmiege mich an dich. In einem verwegenen Evokationspotpourri tauchen lauter Orchideenblüten auf. Ich reiße mich zusammen und schreibe: Für Ploog sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Fiktionen. Das Schreiben ist ein Vehikel, um sich fortzubewegen ... in Bereiche hinein, die uns sonst nicht zugänglich sind.

Bitte, Colt, lass mich nicht länger die Beachtung entbehren, die zu einem Suchtstoff für mich wurde. Gestern hast du mich, ohne es zu ahnen freilich, so intensiv verführt, wie noch nie. Ich erreichte meine äußersten Zustände in einer Verfassung, die einer körperlichen und einer seelischen Überschwemmung gleichkam. Danach notierte ich: Ich muss meine äußersten Zustände neu und weiter definieren.

Colt, du Hexer, was treibt dich an in deinem Spiel?

*

Colts zurückgehaltene Antwort ist eine Vibration im Spektrum zwischen knapp bemessenen Selbstschutz, geistiger Affinität und körperlichem Sog. Wir bewegen uns an Orten, die mir so unvertraut sind wie dir. Ja, gestern war ich ein Hexer. Und du warst ein Spiegel, der mein innerstes Begehren zurückgeworfen hat. Du warst Licht und Glut, Worte, Fleisch und Ekstase.

*

Mythologische Material ist vorbewusstes Material ... Ich suche vorbewusste Bilder.

*

Lamellen werfen lange Schattenstreifen. Die Fenster sind gekippt, aber die Luft steht wie geliert. Ich stehe vorn. Schwarzer Rock, helles Top. Ich habe den Vortrag geübt, zuhause vor dem Spiegel. Jetzt glänze ich auch für dich, Colt. Du sitzt praktisch vor mir. Ich habe dich darum gebeten. Du bist mein Fokus, mein Augenstern. Gestern hast du mich zum ersten Mal ... genannt. Ganz leise, aber ich habe es gehört und das sollte ich auch. Ich wollte etwas sagen. Aber dann habe ich es mir verkniffen. Wenn dich das heiß macht, mich ... zu nennen, dann macht das auch etwas mit mir. Du als Sprachmensch, der die Tempel der Obszönität aus dem ff kennt, könntest jederzeit eine akademische Wagenburg zu deinem Schutz errichten, aber das kupiert den Reiz. Das verstehe ich.

Ich sehe euch, meine lieben Feindinnen. Wie ihr euch ihm zuwendet, wie eure Stimmen ineinanderfließen, als würdet ihr einen Satz schreiben, der mich ausradiert.

 

Der Nebenreiz als Hauptquelle des Vergnügens - der volle Genuss entfaltet sich nur im Verhältnis zu einem kongenialen Mitspieler. Chets intuitive Brillanz prädestiniert ihn. Es deutet sich eine ideale Koexistenz an, Nana fühlt sich von der Einsicht gekitzelt, dass Chet sie mit intellektuellem Schenkeldruck regieren will. Das reizt sie. Sie wirkt sich gern bestimmend aus, nimmt aber auch Einladungen einer überlegenen Souveränität an.

Nana genießt Chets Schliche. Den aus lauter Verblendungen platzenden Herrschaftswillen deutet sie als starkes Interesse.

Im luftleeren Raum

„Erasmus hat keine Heimat, kein richtiges Elternhaus, er ist ... im luftleeren Raum geboren.” Stefan Zweig

Er setzt seinen Taufnamen zwischen zwei angenommene Namen. Er verschmäht die Sprache seiner holländischen Ahnen und gibt Latein den Vorzug. In seiner Anverwandlung „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam” spricht Stefan Zweig von einer planvollen „Verschattung” der unehelichen, sprich delegitimierenden Abstammung. „Ärgerlich” sei es gewesen, von einem Priester gezeugt worden zu sein. Der Autor unterstellt Erasmus die Geburtsnot eines unerwünschten Kindes. Erasmus dementiert sein Schicksal, indem er sich zum Desiderius erklärt - zu einem Erwünschten. 1487 tritt er in den Augustinerorden ein, ein Jahr später legt er das Gelübde ab. Ohne besondere Frömmigkeit frönt er seinen künstlerischen Neigungen. Der „frei denkende und unbefangen schreibende” Erasmus bleibt Priester, wenn auch mit weltlichen Spielräumen. Er erlangt Dispens, wo immer ihn der Priesterschuh drückt. Zweig erkennt einen „inneren Unabhängigkeitszwang”.

Nana bedenkt ihre eigene Herkunft.Dazu an anderer Stelle mehr.In Erasmus erkennt sie einen gewieften Taktiker. Der Epochale scheut Streit und revolutionäre Ruppigkeit. „Unnützen Widerstand” vermeidet er. Lieber „erschleicht (er sich) seine Unabhängigkeit als sie zu erkämpfen”. Auch Nana fällt nicht gern mit der Tür ins Haus. Sie schätzt verschattete Manöver und belohnt die (Er-)Kenner ihrer Raffinesse. Manchmal stürzt sie sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass ein Mann im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.

Ihre Freundin Lale Schlosser inszeniert auf der Studierendenbühne Heiner Müllers ‚Hamletmaschine’. Zur Premiere trägt Nana ein asymmetrisch geschnittenes Kleid mit schräger Knopfleiste aus Yohji Yamamotos „karg-eleganter Sommerkollektion”, so sagt es die Werbung. Japanische Haute Couture mit einem androgyn-dekonstruierenden Ansatz. Nana registriert die Details des Bühnenbildes. Sie sieht ein Feininger-Geisterhaus. Es tropft aus lecken Rohren wie in einem Tarkowski-Film. Ruinierter Pomp, zerschlagene Quadriga. Gemalte Flugzeuge, verwischt wie von Gerhard Richter. Dann kommt der „zweite kommunistische Frühling” als Bemerkung zur Seite gesprochen, Ophelia nimmt im Rollstuhl Platz. Hamlet sagt: „Was du getötet hast, sollst du auch lieben.” Die Hamletmaschine als Kehrautomat. Sie fegt die Bühne: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein.” Die Herrschaft von Helsingör fällt Fortinbras zu. Ihn erwartet „das Kanalisationsprojekt und der Erlass in Sachen der Dirnen und Bettler”. Hamlet sagt er nach: „Du glaubtest an die Kristallbegriffe und nicht an den menschlichen Lehm.”

Nana schlägt Chet als Schauplatz eines Rendezvous den malerischsten Raum im toten Flügel der Universität vor – den Karzer.

„Karzer waren die Bezeichnung für Arrestzellen an deutschen Universitäten, in denen bis Anfang des 20. Jahrhunderts Vergehen im Rahmen der eigenen akademischen Gerichtsbarkeit der Universitäten geahndet wurden.” Wikipedia

Es herrscht pharaonische Totenstille im Karzer. Die akademische Zelle wurde bis 1945 im Rahmen einer autonomen Gerichtsbarkeit genutzt. Die Wände sind archäologisch erhebliche Fundstellen.

Ich weiß nicht mehr, ob ich es damals schon wusste. Dass es da etwas gibt. Das HLA-System. Dass Menschen einander ihre Betriebssysteme olfaktorisch anzeigen. Internale Immuningenieure machen den Abgleich.

Eine stille Biologie der Sehnsucht - du hattest das perfekte HLA-Profil für mich.

Ich erwachte überwältigt. Im Traum war mir der Heilige Geist in einer tibetischen Ausführung erschienen. Ich stand schon lange nicht mehr auf dem biblischen Fundament meiner Ahnen. Meine religiösen Bedürfnisse flossen dem Buddhismus entgegen, doch der Ruf dieses Tages war zweifellos animistisch. Du schliefst noch, ich ließ dich schlafen. Ja, ich war so egoistisch meinen Offenbarungsrausch mit dir nicht teilen zu wollen. Ich schlich mich davon, glücklich über unsere Vereinzelung. Ich kannte die mit Munterkeit überspielte Scham, wenn Fremde sich auf einem Campingplatz so begegnen wie sonst nur Familienangehörige. Man würdigt die Intimsphäre der Reisegesellschafter mit Vorspiegelungen bärbeißiger Ignoranz, während man sich in Wahrheit sehr dafür interessiert, wie jeder einzelne zu seiner Tagesform findet.

Am Vorabend hatte mich eine botanische Betrachtung der Gegend gereizt. Jetzt deutete ich jedes Grasbüschel als göttlichen Fingerzeig.

Der Busch offenbarte mir einen steinzeitlichen Schöpfungsmythos. Das frühe Licht illuminierte jede Bodendelle. Ich vernahm den tiefen Atem des Landes. Ich hörte es seufzen. Die Natur als Kirche, ein Fels als Dom.

Die Senke wirkte wie eine natürliche Apsis. Ich lieferte mir selbst eine sakral überhöhte Version mit Kathedrale und Altar. Die Natur verklärte sich mir zur lebendigen und zur geologischen Liturgie.

Im Camp roch es nach kalter Asche. Inzwischen hatte der Himmel schon drei Mal die Farbe gewechselt. Im Moment vollzog sich das Geschehen wie hinter einem Schleier aus flüssigem Bernstein.

Samuel saß schon an einem Klapptisch, die Kaffeekanne dampfte. Auf dem Gaskocher gurgelte ein ruinierter Blechtopf. Samuel servierte Omelett und geröstetes Brot. Dazu gab es Pfirsiche aus der Dose. Ich war schon satt, bevor du aufkreuztest. Deine Begrüßung war zärtlich und … angemessen. Du hattest Takt und wusstest stets genau, wonach mir war.

Geistige Atemzüge

In der geologischen Betrachtung ist das Brandbergmassiv (Omukuruwaro) ein Zeugnis vulkanischer Aktivität während der Kreidezeit. Es erhebt sich im Nordwesten Namibias aus einer Wüste und überragt seine Umgebung um fast 2500 Meter als Pfeiler einer vor ca. 120 - 130 Mio. Jahren im Zuge des Gondwana-Aufbruchs entstandenen Kaldera (Vulkanruine). Erosion legte den intrusiven Ringkomplex frei. Man sieht den Granitkern einer abgetragenen Magmakammer.

Samuel parkte den Wagen auf einem Platz am Ende der Zufahrtsstraße D2359. Der zivilisatorische Ausläufer zwischen Geröll und Dornbüschen und unweit eines trockenen Flussbetts diente als Ausgangspunkt für geführte Wanderungen, unter anderem zur „White Lady“. Wir sahen Menschengestalten mit überlangen Gliedmaßen. Jäger mit Bögen, Antilopen, Zebras. Manche Figuren schienen zu tanzen, andere zu kämpfen oder einen Gott zu beschwören. Nichts wirkte dekorativ.

Samuel erklärte wenig. Die Malereien waren Erzählungen. Sie handelten von Jagd und Trance, von Übergängen zwischen den Welten. Von Riten, die nie verschwunden waren. Die San überlieferten hier ihre Kosmologie. Die Weiße Dame hatte einen Penis.

Ich hatte erwartet, Relikte zu sehen. Was ich fand, war Gegenwart. Diese Linien hatten überlebt, weil sie nicht bloß abbildeten. Der Brandberg wurde zwar das Louvre der Felsmalerei genannt. Aber der Vergleich hinkte. Das, was wir sahen, war keine Museumskunst.

Was ich erwartet hatte, waren archaische Zeichen gewesen. Was ich fand, war Gegenwart. Die Linien atmeten. Ich assoziierte Landkarten, Gebete, gespeicherte Erfahrung.

Wir befanden uns an einem Ort von universeller Kraft und Geschichtsmächtigkeit. Der realmythische Monolith erhob sich wie ein schweigender Wächter aus der Wüste. Er war ein heiliger Ort für die Damara und San. Der Damara-Name Dâures bedeutet „der brennende Berg“ – wegen des Aufleuchtens im Abendlicht. Geschichten und Mythen sind mit dem roten Stein verwoben. Wir haben Informationen, die älter sind als die Menschheit - hier wird die Einsicht zur Binse. Die Herrlichkeit der Natur lässt den Menschen tief unter dem Felsen rangieren.

“We always find something to give us the impression we exist?”Samuel Beckett

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Helene Gala Dmitrievna war kaum volljährig, als sie 1916 nach Paris kam, um Paul Éluard zu heiraten. Sie erklärte: „Ich werde alles tun, aber ich werde aussehen wie eine Frau, die nicht arbeitet.”

Max Ernst bewunderte Galas Beischlaftalent. Ermutigt von Paul Éluard, ließ er sich auf eine Ménage à trois ein.

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„Ich habe die Macht stets genossen, die ich über Männer hatte. Einfach nur die Straße entlangzugehen, und meinen mandolinenförmigen Hintern vor ihren Blicken zu schwingen.” Erica Jong

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1897 konvertiert Isabelle Eberhardt in Annaba (Algerien) zum Islam. Sie verkleidet sich als Mann, schleicht sich in der Kavallerie ein und zirkuliert als Si Mahmoud Saadi. Im Juni 1901 kommt der Matrose Pierre Mouchet in Marseille an – und entpuppt sich als Isabelle Eberhardt. Verdächtigt wegen Spionage und Insubordination, erwartet die Agentin ihres eigenen Lebensstils sehnsüchtig ihren Verlobten. Sechs Monate später holt sie das Elend in der Kasbah von Algier ein. Als Frau eines mittellosen Algeriers bleibt ihr nur Luft und Liebe. Eberhardt schreibt, obwohl sie von Hunger gequält wird. Ihre Beschreibungen zeigen die ärmlichen Verhältnisse mit einem Glasur-Effekt. Für die Europäerin sind arabische Nomaden „Eingeborene”, obwohl Eberhardt als Kritikerin kolonialer Zuschreibungen bekannt ist.

Sie gibt ihrer Heldin ein Schicksal, das von allen wahrscheinlichen Verläufen abweicht. Yasmina wird dem einäugigen Mohammed Elaour versprochen. Jener hat Schwierigkeiten, den Brautpreis aufzubringen. Die Hochzeit verzögert sich, und Yasmina erfüllt ihre töchterlichen Pflichten als Hirtenmädchen. So wird sie von Leutnant Jacques, einem Haudegen aus den Ardennen gefunden: in einem glühenden Wacholderhain. Er wird in ein algerisches Hirtenstück hineingezogen, das nach einem Maler schreit. Yasmina flieht vor ihm, „sie floh vor dem Feind ihres besiegten Volkes”.

Der Offizier baut eine Brücke der Sehnsucht zu der Verschwundenen. Er erkennt sofort, was von Lumpen verschleiert wird: einen scharfkantig-mystischen Charme, den Jacques ethnologisch mit dem synkretischen Islam zivilisationsfern lebender Stämme verbindet. Yasmina dient nun seinem Exotismus.

Natürlich gibt es auch in Ederthal nicht nur Goya für mich. Zweitausend... erregt ein neuer Dozent meine Aufmerksamkeit. Vernon kommt aus Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico. Der reich geborene Germanist wirkt in der akademischen Idylle der Landgraf Philipps-Universität beinah überlebensgroß. Er ist ein Mann schneller Entscheidungen. Seit unserer ersten gemeinsamen Nacht, die anders verlief, als er erwartet hatte, betrachtet er die ebenso polyglotte wie polyamoröse Kollegin als seine Verlobte. Er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Selbstverständlich rangiert er hinter Goya, in dem sich die nordhessische Supermacht CC verkörpert.

Vernon diente in den amerikanischen Streitkräften als Einzelkämpfer und Scharfschütze. Nichts verbindet ihn mit den implodierten Gestalten, die in der kleinen Universitätsstadt eine Existenz an den stillen Rändern der Hauptkampflinien anstreben. Meine massive, irrlichternde Sexualität verwirrt Vernon, doch er glaubt, mich in Form bringen zu können und meine devote Seite zum Mittelpunkt der Gemeinsamkeit zu machen. Er ist nicht der Erste mit solchen Ideen, aber er ist mit Sicherheit der härteste unter den unbedarften Spielern.

Vernon wuchs auf einer Ranch von Dallas’schen Dimensionen auf. Frauen und Pferde stehen in seinen Überlegungen auf einer Ebene. Er hat gerade wieder versucht, mich zu erziehen. Es hat nicht funktioniert. Ich bin dem Cowboy nicht böse. Schließlich will auch ich nichts anderes als die Kontrolle. To control your opponent is the basic, sagt ein chinesisches Sprichwort.

Lass uns weiterspielen, bitte ich in Gedanken, und Vernon beißt sofort an.

„Und wenn ich dich...”

Ich antworte zufrieden: „Dann machst du das genau so, und ich werde mich daran erinnern, wenn ich eine alte Frau bin und niemand das mehr mit mir machen will.”

Zwar schreibe ich das, aber ich habe etwas anderes im Sinn. Ich will eine ikonografische Situation mit ungewöhnlichem Setting – im Augenblick ohne Penetrationssex.

Während ich darüber nachdenke, wie ich Vernon am besten auf Linie bringe, treibt mich die Lust wieder die Wände hoch. Ich ziehe mich in einen Raum im toten Trakt der Universität zurück, die aus einem fränkischen Kloster hervorgegangen ist. Ich verkeile die Türklinke mit einem Stuhl. Eine aufgerissene Fischkonserve riecht verdorben. Ein halb erblindeter Spiegel lehnt an der Wand. Ich memoriere eine Zeile von Joyce. „Der zerbrochene Spiegel eines Dienstmädchens” erschien dem Dichter als Signatur Irlands. Spinnweben devorieren Insektenmumien. Gewobene Sarkophage. Kunstwerke der Natur.

Ich schlüpfe aus der Jeans und ziehe den Slip bis zu den Knien herunter. Ich stütze mich auf einen antiken Schreibtisch und beuge mich vor. Ich verbiete es mir, mich zu berühren. Stattdessen strebe ich nach vollständiger Manifestation. Es gelingt mir zum ersten Mal. Ich erlebe eine Premiere im Gerümpel. Ich spiele nicht nur mit einem Gedanken. Ich gebe einer Phantasie nicht bloß Raum. Der Gedanke erschafft eine zweite Realität, in der das Subjekt glaubt, alles erleben zu können, was dem Menschen möglich ist. Der manifestierte Raum sieht aus wie der reale.

Der Sand unter meinen Füßen war glutrot. Ich hatte nie für möglich gehalten, dass eine Farbe so viele Töne in sich tragen könnte - von tiefem Ocker über rostiges Orange bis hin zu fast violettem Braun, wenn sich Schatten darüberlegten.

Wir folgten einem ausgeschilderten Pilgerpfad. Die Spur mäanderte in flirrender Hitze. Sie führte vorbei an Spalten und Höhlen, die in somnambulen Vorspürerlebnissen und anderen mehr oder weniger erträumten Antizipationen nicht vorgekommen waren. Das Massiv ist nicht erratisch, kein Findling, der in Prozessen glazialer Erosion aus einer fernen Ursprungsumgebung gerissen wurde. Er entstand an Ort und Stelle.

Erratisch funktionierte auch nicht als poetische Kategorie. Das war die eurozentrische Perspektive. In der Wahrnehmung der ursprünglichen Bevölkerung stiftete der Monolith die Signatur seiner Umgebung. In einer angenehm schattigen Felsspalte entdeckten wir ockerrote Linien, die sich über das Gestein zogen wie Erinnerungen, die nie verblasst sind. Hände, Tiere, Kreise, die sich öffneten wie Wasserstellen im Sand. Ich fragte, wie alt sie wohl seien - Jahrhunderte? Jahrtausende?

Samuel sagte: „Sie malen immer noch.“

Es bleibt gegenwärtiges Erzählen - Narration im Augenblick, mit der Aussicht, das Informationszeitalter zu überdauern. Ich konnte nur staunen und nach Worten suchen, die hoffentlich im Gedächtnis haften blieben. Ich wollte nichts, nein, ich durfte nichts vergessen. Die Motive transportierten afrikanische Dreamings.

Ich hatte erwartet, Relikte zu entdecken. Was ich fand, war Bewegung. Die Punkte, Linien und Muster waren geistige Atemzüge. Jeder Strich war ein Vers im großen Lied dieser Landschaft.

Der Stein, vor dem ich stand, war kein stummer Zeuge. Er hörte zu. Und die Malerei war seine Stimme.

Das waren Geschichten, die nicht uns gehörten. Ich wagte kaum zu sprechen. Samuel ging ein paar Schritte voraus, den Blick gesenkt, als folgte auch er einer inneren Spur. Ich fand nicht heraus, wie bewegt oder routiniert er auf all das reagierte. Indes beobachtete ich ihn bei keiner Eigenmächtigkeit oder sogar Überschreitung. Wir hielten uns alle an die Hinweise, die freundlich, aber bestimmt daran erinnerten, dass dies kein Schauplatz hemmungsloser Gipfelkreuzikonografie war, sondern ein Ort der Demut.

Momentaufnahme im Fluss der Zeit

Ein magischer Moment auf der Gravel Road nördlich von Uis (in einer Gegend mit Wüstenelefanten), kurz vor Sonnenuntergang. Dieses seltsame Licht… irgendwie leblos. Ein Kippmoment. Wir fuhren endlos geradeaus. Wie aus dem Nichts kam uns plötzlich ein gigantischer Truck entgegen – eine Horrorfilmmaschine voller akustischer und visueller Effekte. Ein fahrender Rummelplatz mit einer gewaltigen Staubschleppe. Sardonisch grinsend erklärte Samuel.

„Ghost train, Namibia edition.“

*

Du warst in deinem eigenen Film. Zum ersten Mal seit unserer ersten Begegnung war da eine äußere Kraft, die es vermochte, das unsichtbare Band zu sprengen, das uns bis dahin verbunden hatte. Wir streiften uns fürsorglich und vertrauten einander so weit, dass wir uns im Schweigen besser verstanden als in jeder Sprache. Dass wir uns so viel Raum ließen, war eine neue Erfahrung für dich und für mich.

Je näher wir dem Brandbergmassiv kamen, desto mehr verschwand alles andere. Der Monolith war eine gigantische Erfahrung. Rillen überzogen das Gestein wie Adern. In manchen Vertiefungen sammelte sich roter Sand - das Ergebnis eines, so dachte ich es animistisch, rituellen Zerfalls. Doch war es kein Verfall. Erosion ist Wandlung. Eine formgebende Kraft im Einklang mit den Elementen.

Was wir sahen, war das Werk von Millionen Jahren aber kein Endzustand. Nur eine Momentaufnahme im Fluss der Zeit.

Samuel stellte den Motor ab, wir lauschten dem Knistern des abkühlenden Metalls und blickten hinauf zu rostrot glühenden Felsen. Ich sah Wellen aus Stein und erstarrte Flammen. Ein Panorama wie halluziniert.

*

Ein „yarn“ ist in der australischen Umgangssprache eine halbwahre Geschichte, oft aus dem Outback. Ein „bush yarn“ ist folglich ein „Outback-Märchen“. Auch Samuel unterhielt uns mit Bush Stories. So virtuos wie subversiv spielte er auf dem Klavier europäischer Erwartungen (und Vorurteile).

Die Karosserie seines Land Rover war ramponiert, der Motor klang oft kurzatmig, das Radio funktionierte nicht, und die Sitze war durchgesessen. Dafür lag ein Satellitentelefon in der Konsole.

Bei Samuel war alles Vertrauenssache. Wir waren meist viel zu reisefiebrig, um erotisch auszuschweifen, aber ab und zu berührtest du meine nackten Schenkel und dann lag ein Knistern in der Luft. Mein Verlangen erkundend, glitten deine Finger über meine Haut. Der Staubwind mischte sich mit unserem Atem. Deine Berührungen wurden beherzter, das unausgesprochene Liebesflüstern wurde lauter.

Samuel war unser Grillmeister. In Namibia (vor allem unter Afrikaans-Sprechern) sagt man genau wie in Südafrika „’n lekker braai“, wenn man ein gemütliches Barbecue meint. „Braai“ ist der Standardbegriff fürs Grillen, und „lekker“ heißt lecker.

„Kom ons maak ’n lekker braai vanaand.“

Samuel sprach Deutsch, Englisch und Afrikaans oft durcheinander. Er verzapfte am liebsten Wüstengarn, sich über unsere skeptischen Nachfragen herrlich amüsierend. Er führte uns leidenschaftlich gern hinters Licht, und du erhobst keine Einwände. Deine abweisende Seite blieb Samuel verborgen.

Wir erkundeten das Brandbergmassiv. Die Hitze flimmerte über einer vegetationsarmen Landschaft, doch in felsigen Vertiefungen war die Luft oft kühl und feucht. Schatten fielen wie monumentale Kreuzgangbögen auf das Gelände. In Spalten und Mulden entdeckten wir endemische Pflanzen, die in der harschen Umgebung sonst kaum überlebten – Farne, sukkulente Euphorbien, Sträucher in Rissen der Granitwand.

Ich spürte die Zeit in diesem Raum anders. Jede Feuchtigkeit speichernde Delle wirkte wie ein verstecktes Reservoir des Lebens. Winzige Garden of Eden verbargen sich vor der allgemeinen Unwirtlichkeit. Fadenscheinige Feuchtbiotope waren in der lebensfeindlichen Umgebung Naturwunder. Wind, Regen und Temperaturschwankungen hatten Schluchten in das Massiv gegraben. Natürliche Abschattungen ließen Wasser langsamer verdunsten als in der Ebene. Die höhere Luftfeuchtigkeit schuf ein eigenes Mikroklima, das den Wuchs lebender Fossilien begünstigte. So ergaben sich urzeitliche Anmutungen.

„Da wächst seit Millionen Jahren Wüstenkohlrabi. Er hat in einer Welt überlebt, die schon lange am Verdursten ist.“

Ich unterschied mit meinem Erkennungsbuch Welwitschia mirabilis von Aloe asperifolia und Arthraerua leubnitzia, die Bleistiftpflanze, deren blattlose, grüne Stängel das Sonnenlicht reflektierten. Es war, als hielte die Zeit den Atem an. Ich deutete jedes sprießende Blatt als göttlichen Fingerzeig.  

Der Aufstieg war steil, für mich aber nicht herausfordernd. Ich bin im Himalaya geklettert. Du kamst kaum mit, verschleiert nahmen Samuel und ich Rücksicht. Ich wollte dich nicht aus dem Tritt bringen.   

Der erste Aufstieg raubte dir den Atem und beinah auch das Gleichgewicht.

Nicht nur wegen der Höhe schienst du verunsichert. Wir rasteten an einer Stelle, die aussah, als hätten Titanen eine Siedlung in Stein gekegelt. Unten uns lag ein vorzeitliches Refugium. Ein kleines Paradies, gesäumt von vernichtender Dürre.

Depressive Grandezza

Die Sonne stand tief, die Felsschatten fielen scharfgeschnitten auf die nachglühende Erde. Am Rand des Parkplatzes saß ein San unter einer bizarr knorrigen Kameldornakazie auf einem Faltstuhl. Seine Haut war wie gegerbtes Leder, die Augen lagen tief. Er besaß eine depressive Grandezza.

Die San im südlichen Afrika repräsentieren die ältesten kontinuierlichen Kulturen. Archäologische und genetische Befunde belegen ihre Präsenz in dieser Region seit vielen tausend Jahren. Viele der frühesten Spuren modernen menschlichen Verhaltens lassen sich mit ihren Vorfahren in Verbindung bringen. Die San haben Lebensweisen entwickelt, die in außergewöhnlicher Weise mit Landschaft, Klima, Tierwelt und Jahreszeiten verflochten sind. Ihr Überleben in extremen Umwelten – von der Kalahari über trockene Flussbetten bis zu felsigen Hochflächen – zeugt von dynamischen Symbiosen mit dem Land.

Es gibt keine einheitliche San-Sprache. Vor der kolonialen Zerschlagung existierten zahlreiche eigenständige Sprachen und Dialekte, die mehreren Sprachfamilien angehören (darunter die !Kung-, Ju/’hoansi- und ‡Khomani-Sprachen). Diese Sprachen sind berühmt für ihre Klicklaute, vor allem aber für ihre außerordentliche Präzision in der Beschreibung von Landschaft, Wasserstellen, Tierbewegungen, Pflanzen, Verwandtschaftsbeziehungen und Zeit. Viele Begriffe erschließen sich nur im Zusammenhang mit dem sanischen Weltbild. Sprache ist hier kein abstraktes System, sondern Teil der Landschaft selbst.

In der Weltsicht der San sind Wörter Anker für Geschichten, Ahnenlinien und spirituelle Wegkarten. Ortsnamen, Spuren im Sand, saisonale Veränderungen und Sternkonstellationen bilden ein dichtes Netz aus Erzählungen und Wissen, das über Generationen weitergegeben wird. Wenn eine San-Sprache stirbt, verschwindet nicht nur ein Kommunikationsmittel – es geht ein Weltbild verloren, ein lebendiges Archiv aus ökologischer Erfahrung, Mythologie und Erinnerung, das über Jahrtausende an genau dieses Land gebunden war.

Das Brandbergmassiv trägt im kollektiven Gedächtnis des südlichen Afrikas eine Bedeutung, die weit über seine geologische Monumentalität hinausreicht. Für die San ist der Inselberg ein spirituelles Zentrum, ein Ort, an dem die Grenze zwischen der sichtbaren Welt und einer jenseitigen Wirklichkeit durchlässig ist.

In der sanischen Kosmologie sind die Darstellungen in den Höhlen des Brandbergmassivs spirituelle Marken. Sie beziehen ihre Tranceenergie von da.

Der Elder fragte:

“Jy het dit gevoel, né? - ”You felt it, didn’t you?”
Ich nickte.
“ Dis hoekom ons stil bly daar. Dit luister. Dit onthou. - That’s why we don’t talk there. Not just out of respect. It listens. It remembers.“

Seine Worte hingen in der Luft wie ein Echo aus einer anderen Zeit. Ich vergewisserte mich deiner Aufmerksamkeit. Nicht zum ersten Mal schienst du mehr zu hören als zu sehen. Der San beachtete dich nicht. Er sah nur mich an. Oder durch mich hindurch

““Mense dink die land is net oud. Maar oud is nie dieselfde as om te weet nie. Hierdie land weet. - People think land is just old. But old is not the same as knowing. This land knows.

Du standest dicht hinter mir. Trotzdem war ich allein in diesem Moment. Wind streifte meine Arme, als sei er ein Bote des Alten. Ich wollte etwas Kluges und Einfühlsames erwidern. Dem Weisen eine Antwort auf der Höhe der spirituellen Ernsthaftigkeit seiner Ansprache geben. Ich war schließlich nicht vollständig ahnungslos.  

„Jy loop deur die geskiedenis. Nie jou eie nie. Moet net nie voetspore los waar ons geskiedenis slaap nie. - You walk through history. Not your own. Just don’t leave footprints where our history is sleeping.“

Ich wusste nicht, wie wir uns verabschieden sollten. Nichts erschien angemessen. Ich fühlte mich gewogen und für zu leicht befunden. Du hattest indes überhaupt keine Gravitation.  

​​​​Wir gingen zum Auto, sogar das Gehen fühlte sich falsch an. Als müsste ich mit allem noch einmal von vorn anfangen. Der Himmel war violettgrau, die Horizontlinie zeigte sich in einem Licht von nuklearer Helligkeit.  

Ich blickte zurück. Der Elder saß unbewegt da, fast wie eine Wachsfigur. Als hätte er sich nur für mich in die sichtbare Welt eingefaltet. Ich erinnerte das Wort einer Anthropologin: „Die San bewegen sich nach ihrem Empfinden nicht in der Landschaft, sondern in dem Kosmos ihrer Auslegungen.“

Ich verneigte mich vor dem Elder, der mich gar nicht mehr beachtete. Ich gehorchte einem Bedürfnis. Vielleicht erfasste das eine markante Differenz zwischen meiner und seiner Wahrnehmung. Ich wollte sehen, spüren, begreifen. Er verkörperte das, was ich noch nicht einmal berühren konnte.

Im Wagen roch es nach Staub, Metall und aufgestauter Hitze. Du schwiegst. Vielleicht war ich dir in den letzten Tagen zu oft abgeschweift. Vielleicht wusstest du, wie bedeutsam die kurze Begegnung mit dem Elder für mich war. Ich sehnte mich nach einer Initiation im Geist seiner Kosmologie. Hätte er mich gerufen, wer weiß, vielleicht hätte ich dich allein zurückfahren lassen.  

Du legtest deine Hand auf meinen Schenkel. Ich erlebte die Geste als erotische Halbherzigkeit. Vielleicht tat ich dir Unrecht. Vielleicht war es nur deine Art, mich in deiner Matrix zu verankern, während ich mich an die Vorstellung verlor, eine Chance der exklusivsten Wissensvermehrung vertan zu haben. Deine Finger bewegten sich nicht und bei mir rührte sich nichts.

Staub tanzte im Kegel der Scheinwerfer. Wir schwiegen. Deine Hand glitt zurück in deinen Schoß. Vielleicht warst du frustriert. Ich konnte dir nicht helfen. Es war, als hätten die Worte des Elders eine Schranke zwischen uns errichtet.
“You walk through history. Not your own.“

Wir waren nicht nur ahnungsarme Gäste auf diesem Kontinent, sondern auch in dem Narrativ von uns in Afrika. Du hieltest dich noch für einen Hauptakteur in deinem eigenen Stück, während ich mich als Randerscheinung in einem archaischen Drama erlebte.

Du sagtest:
„Es ist schön hier. Aber du bist woanders.“
Ich fand die Prise zu gewollt poetisch.
„Ich weiß“, sagte ich höflich.

Du drehtest dich zur Seite, blicktest aus dem Fenster. Der Himmel war schwarz bis zur andeutungsweise aufgehellten Horizontlinie.    

Die Schlucht, die zuhört

Wir hoben ab, Windhoek unter uns. Dann waren wir über der Kalahari. Der Flug nach Durban dauerte zwei Stunden, Südafrika hatte einen ganz anderen Puls als Namibia. Wir mieteten einen giftgrünen Toyota Hilux, ich übernahm das Steuer. Unser erstes Ziel war der Oribi Gorge, ein Canyon mit Wasserfällen, die sich in einem smaragdgrünen Fluss ergossen.

Die langgestreckte Sandsteinschlucht war nicht nur geologisch spektakulär. Sie barg spirituelle Marker. Jede Wendung im Gelände, jede Steinnase und Felsnadel gehört zu einer Geschichte. Afrikanische Traumzeitlinien verbanden heilige Wasserlöcher, Zeremonienplätze, Übergänge zwischen dem Sichtbaren und „der Zeit davor“.

Ich war empfänglich für mythologische Alltagsüberschreibungen. Ich trug ein Kleid, das weniger wog als der flüchtigste Gedanke. Es war ein Fluss aus Baumwolle, elfenbeinfarben, mit kaum sichtbaren Stickereien entlang des Ausschnitts. Die Träger waren schmal, der Rücken frei. Der Stoff zeigte eine Tendenz zur Transparenz und schmiegte sich an die Taille wie eine zärtliche Hand. Das Kleid sagte: Ich kann es kaum erwarten.

In der Schlucht roch es nach Moos, das auf Klippen wuchs, Feigen, Schilf und dem Harz von Akazien. Ich atmete auf, nach all den namibischen Staub- und Durststrecken.

Die Oribi Gorge ist ein dramatischer Plateauquerschnitt mit elegischen Pools und malerischen Stromschnellen in einer Sandsteinformation. Der Sand lagerte sich im Devon und frühen Karbon vor rund 365 Millionen Jahre ff. in einem fluviatilen Umfeld ab. Das Basisgestein entspricht indes einem ganz anderen Kaliber. Das metamorphe Grundgebirge entstand während der Mesoproterozoikum‑ und Paläoproterozoikum-Tektonik vor über einer Milliarde Jahren und gehört zur Namaqua-Natal Metamorphic Province. Es besteht aus Gneisen, Granitoiden und Amphiboliten. 

Der Parkplatz am Besucherzentrum präsentierte sich uns als Muster der Funktionalität. Kein Komfort, kein Outpost-Kitsch, aber ausreichend Infrastruktur: Toiletten, Wasserstationen, ein Café. Befestigte Wege führten zu Aussichtspunkten, Bootsanlegestellen und zu spiraligen Saumpfaden auf den Schluchtkämmen.

Die Unterkünfte im Oribi Gorge Nature Reserve waren simple Holzgerüste mit Strohdächern und kleinen Veranden. Es gab eine Gemeinschaftsküche. Eine holländische Reisegruppe belebte den Spot.

Wir mischten mit im Trubel. Endlich nanntest du mich einmal wieder deine Süße. Das Wort kitzelte so schön. Du murmeltest in meine Halsbeuge die schönsten Liebesworte. Die Luft war schwer von der Flussvegetation. Ich spürte die Präsenz deines Körpers in diesem anderen Afrika. Kosmische Erinnerungen - Ich assoziierte oxidiertes Zeitgedächtnis. Später liebten wir uns auf Gestein, das in atavistischen Ritualen der Menschenwelt konkret und poetisch zugeordnet worden war. Ich lag schließlich auf in Jahrmillionen zusammengebackenem Flusssand, dem letzten Gruß eines vorzeitlichen Nils. Die poröse Haut des Sandsteins hielt nichts fest und nahm nichts an außer Form. Regen grub Furchen, Wind glättete Kanten, und in einer verborgenen Senke, wo der Sand auf dunklen Tonschiefer traf, sammelte sich Wasser wie Wissen.

Nur Haut an Haut, Atem an Atem im Liebeszeitstrom.

Aus der Kommentarspalte: „Berauschend – sehr schön erzählt. Ich bin berührt von deinen ebenso klugen wie erhellenden Abweichungen von den gängigen Marken dieses Genres.“

*

In Antonio Skármetas Roman „Mit brennender Geduld“ entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Pablo Neruda und einem Briefträger. Irgendwann schickt der Mann seiner Geliebten ein Gedicht von Neruda und gibt es als sein eigenes aus. Neruda bekommt davon Wind und beschwert sich: „Das ist mein Gedicht“, sagt er. Der Briefträger antwortet: „Nein, Gedichte gehören denen, die sie brauchen.“

*

Ich notierte: Das Ensemble lässt mich an eine Staffel geologischer Schnitte durch Raum und Zeit denken. Ich verkürzte: ein geologischer Schnitt durch Raum und Zeit. Der Fluss lag dunkelgrün und unbewegt in seinem Bett. Er schien zu ruhen. Ungeschickt krabbelten die Teilnehmer einer geführten Gruppe in Kanus. Das Einsteigen überforderte die meisten. Ich beobachtete lauter Kapitulationen im Kampf um Haltung und Würde. Es war ein Schauspiel mit vielen Selfie-Stick-Selbstentblößungen. Ich dachte an die bezwingende Ruhe des Elder der San am Fuß des namibischen Brandbergmassivs. Ich empfand Sehnsucht nach ihm. Du und ich zogen weiter, suchten Abstand, Stille, das eigene Erleben. Am Ufer boten sich zum Verweilen schattige Einschnitte an, gesäumt von Bäumen mit silbrig zerfaserter Rinde. Der Fluss spielte eine Rolle in den Saga der Zulu. Mich faszinierte die Verbindungen von Mythen und geologischer Zeit. Als hätte der Fluss nicht nur Gestein, sondern auch Bewusstsein geformt. Wir erreichten einen Seitenarm. Das Wasser glänzte wie flüssiges Glas, wir konnten nicht widerstehen. Auf dem Rückweg legte ich mir mein nasses Bikinioberteil auf den Kopf. Die Hitze war erbarmungslos, aber das Licht war von erleuchtender Klarheit. 

Spirituelle Walz

Eine unscheinbare Linie. Auf der Karte stand Ephemeral River. Ein Fluss, der selten fließt. Ich fand das poetisch. Sei wie das Wasser, sagt Bruce Lee. „Wasser lügt nicht“, sagtest du. 

Der Canyon schmorte, das Licht überflimmerte Farne und Lianen und etliche Pflanzen, die ich anachronistisch mit meinem Bestimmungsbuch identifizierte. Ohnehin hatten wir keinen Empfang. Ich registrierte Protea- und Euphorbien-Arten, knorrige, stachelige Pflanzen wie Leucadendron spissifolium und Euphorbia triangularis, die sich trotzig an die Hänge krallten. Zwischen Felsen wuchsen Lithophyten und Sukkulenten, wie Crassula perfoliata und Aloe ferox. 

Der Umzimkulwana River rauschte leise. Ich beobachtete eine Geste stieriger Unbeholfenheit bei einem der Holländer aus dem Camp. Er erinnerte mich an ein anderes Du, an eine Geschichte, die ich noch nicht erzählt hatte. Ich entzog mich dir gedanklich und rauschte in meinem Reminiszenzexpress ab. 

Der Finke Gorge National Park schmorte in der Sonne, das Licht überflimmerte eine Spinifexsteppe. Der Finke River - oder Larapinta, wie ihn die Arrernte nennen - ist einer der ältesten noch erkennbaren Flüsse der Erde. Drei- bis dreihundertfünfzig Millionen Jahre soll er alt sein. Damals lag Australien im feuchten Tropengürtel. Jetzt zieht er sich wie eine geologische Narbe durch das aride Zentrum des Northern Territory, ein ephemeres Flusssystem, das episodisch Wasser führt. Nur punktuell erscheint der Finke als Kette von Wasserlöchern. Die ökologischen Refugien sind oft spirituelle Spot. Die Pfützen spiegeln in der Hitze das Sonnenlicht und erzeugen die Illusion irrealer Flächen.

Es sind flüssige Täuschungen im Staub. 

Die Ufer säumten grotesk verästelte River Red Gums. Du deutetest sie als Symbole einer urzeitlich-schwarzen Verzweiflung. 

Wir folgten der sandigen Spur, die kaum mehr war als eine Ahnung von Bewegung, oder, um es groß zu fassen, ein vergessener Gedanke Gottes, oder, ein paar Etagen tiefer, ein gestrandeter Traum. Seine Reglosigkeit war eine totalitäre Kategorie. Seit über 100 Millionen Jahren hatte sich der Flusslauf kaum verändert. Es gab kein älteres Bett auf der Welt. 

Über den staubigen Flussauen erhoben sich die MacDonnell Ranges. Massive, blankgeschliffene Schiefersättel. Alluviale Sedimente bedeckten den Talboden.

Aus meinen Notizen 

Verwittertes organisches Material und fossile Überreste vorzeitlicher Vegetation.

Kiesel leuchteten wie versteinerte Tropfen.

Staub gewordenes Vergessen.

Ab und zu blitzen schwarze Einschlüsse auf, verkohlte Fragmente, in meiner Phantasie sind es Relikte aus der Zeit von Pangäa. Hat hier das Herz des Superkontinents geschlagen? Vielleicht ist dieses Flussbett eine Erinnerung der Erde an sich in einer ursprünglicheren Gestalt. Ein geologisches Eselsohr.

Unwissenheit und Ungeduld sind hier wie ungebetene Gäste.

Die trockene Gegend hat ihre eigene Balance, man muss aufmerksam sein, um nichts zu übersehen, was hier wichtig ist. Es erfordert Stille, bedachte Bewegungen zur richtigen Tageszeit und tradiertes Wissen. Diese Gegend verbirgt ihr Lebensspendendes in versteckten Oasen und fordert meine Resonanz- und Anpassungsfähigkeit bis an die Grenzen heraus. 

Kostbares Wasservorkommen wird durch Pflanzen angezeigt, die es zu finden und erkennen gilt. Das Essbare ist oft verborgen unter der Erde.

Ich möchte erfahren, was noch an Wissen über die Zeit der Moderne gerettet werden konnte in der Abgeschiedenheit uralter Rituale zu Überlebenssicherungen. Eine Brücke in diese Art der Bewusstseinswelt zu bauen, erscheint mir hier wie ein Ruf, als eine Notwendigkeit für das, was in Zukunft auf mich wartete, zurück in Europa. Ein Sammeln der Eindrücke, die sich noch zu einem Bild fügen würden, zur rechten Zeit, am rechten Ort.

Das Licht flimmerte. Es war grell, unruhig. Die Luft vibrierte. Man sah, was nicht da war. Spiegelungen verzerrten das Gelände und leisteten allen möglichen optischen Täuschungen Vorschub. Auch der Elder tauchte wie eine Halluzination plötzlich vor uns auf. In einem Soliloquium erzählte er von seinem Walkabout vor einem halben Jahrhundert. Ich assoziierte Grand Tour und spirituelle Walz. Jeder Schritt sei ein Gebet gewesen.

Er sagte, dass man wisse, wo man sei, wenn man höre, was der Boden sagt.

”You don’t go for looking,“ sagte er. „You go for remembering.”

Für junge Aborigine-Männer vergangener Generationen war das Walkabout ein Initiationsritual des Übergangs ins Erwachsen-dasein. Dabei zogen sie allein, oft monatelang oder sogar jahrelang, zu Fuß durch das Land ihrer Ahnen. Ziel war es, sich mit der Traumzeit (Dreamtime), den heiligen Orten, Songlines und dem Geist des Landes zu verbinden. Es war eine spirituelle Reise, auf der man Identität, Herkunft und Verantwortung im kosmischen Gefüge suchte und fand.

Du sagtest nichts. Du wusstest, dass ich das allein durchleben musste. Und ich liebte dich dafür.

Botanisches Wunder

Der Elder verschwand wie eine Fata Morgana. Jedes Bild und jeder Eindruck verdunsteten. Nichts blieb haften außer dem Staub, der sich mit Schweiß zu einem Schmierfilm verband. Wir gelangten zur Finke Gorge. Die zerfurchte Schneise war älter als die Berge in ihrer Nachbarschaft.

Wir bestaunten eine Schneise, die der Fluss in Jahrmillionen gefräst hatte. Die Schlucht entsprach einem Schnitt durch die Erdgeschichte.

Verwitterte Quarzite und Sedimentschichten aus dem Proterozoikum.

Wir erreichten Palm Valley. Erinnerst du dich? Plötzlich Grün zwischen all dem Rostrot. „Guck mal, da sind sie. Das sind Red Cabbage Palms - Livistona mariae“, sagtest du. Du konntest dir sowas merken. Und dass sie nur in einer Schlucht vorkommen. Ein botanisches Wunder. Ich verstummte in Ehrfurcht.

Eine endemische Art, eingeschlossen in dieser Senke, abhängig von unterirdischen Quellen und dem seltenen Regen.

„Relikte“, sagtest du. „Wie Stimmen aus einer anderen Zeit.“

Ich frage mich heute, ob du es bemerktest. Dass dieser Ort etwas in mir aufriss.

Von Alkalisch bis Arkadisch

“Most species inhabiting the earth display more or less similar behavior across all latitudes, while our cultures, languages, conventions or treaties often differ considerably within very short distances and under comparable climatic conditions.” Michel Serres

*

“Move the body like water at speed to gain the maximum kinetic force to travel from foot to hand.” adiyangmian, gesehen auf Instagram

Auf Grashängen stauten sich Hitzeschwaden. Es schien keines Funkens mehr zu bedürfen, um die Luft in Brand zu setzen. Der Umzimkulwana wand sich wie ein geduldiger Gedanke durch Basalt- und Sandsteinrinnen. Das war kein vorzeitlicher Fluss wie mein australischer Finke, der für mich zum Bewusstseinsstrom geworden war. Doch auch der Umzimkulwana hatte sich Millionen Jahre Zeit genommen, die Erde zu lesen und zu pflügen.

Ich überspringe eine Reihe von Destinationen und Jahren. Es warst immer noch Du mit dem ich meine zweite Afrikareise unternahm.

Ich erinnere den Verneukpan – Täuschungspfanne am südafrikanischen Nordkap nicht als Ort, sondern als Zustand. Als Grenze zwischen dem, was ich war, und dem, was ich wurde. Der See war keine Wasserfläche, sondern ein Gewebe aus Licht, Salz und Erinnerung. Über 60 Kilometer lang und bis zu 12 Kilometer breit, ein endorheisches Becken auf einer Fläche von 400–500 Quadratkilometern. Das bedeutete, es gab kein Entrinnen. Kein Tropfen erreichte das Meer. Nichts verließ diesen Raum.

In satten Jahren floss Wasser aus umliegenden Abflüssen in den See. Das geschah kaum je und selbst dann verwandelte sich Verneukpan nur in eine seichte Spiegelfläche und vielleicht in die größte Pfütze der Welt.

Kaum mehr als ein flüssiger Schleier über dem uralten Salz.

Wind riss den Krustensalzfilm zu einem Rissmuster auf. Es sah aus, als hätte ein Riese das Land zersplittert.

Ich sah einen zerbrochenen Spiegel der Zeit.

Ich zog die Schuhe aus. Das Salz war warm unter den Sohlen. Rissig. Scharfkantig. Die weiße Fläche blendete so stark, dass der Himmel darüber schwarz erschien. Alles war Umkehrung. Das Licht wog schwer. Die Schatten waren leicht. Die Welt war eine Scheibe, end- und geräuschlos.

Dies war mein Moment.

Du warst nur noch ein Begleiter auf meinem afrikanischen Walkabout. Alles verband sich. Ich war offen. Ich war Wind. War Sediment. Vielleicht war es ein Fiebertraum. Vielleicht war es Wahrheit. Vielleicht ist es dasselbe, wenn man bereit ist zu hören.

Je eremitischer ich unterwegs war, umso begleiteter fühlte ich mich. Je extremistischer ich diesen - von einer phantasmagorisch-neolithischen Kosmologie kartografierten - Raum auf mich wirken ließ, desto deutlich wurde mir gezeigt, dass ich mich angemessen verhielt. Wo immer ich von meinem Wahn geheilt zu werden hoffte, tauchte eine Seelenführerin auf und behandelte mich wie eine Gesandte.

Wir waren dann auch am Zoutpan. Rund um die Pfanne wuchsen Pflanzen, die gelernt hatten, in der alkalischen Einöde zu überleben. Der Himmel glich einer Lichtkuppel, die sich manchmal schwarz färbte, wenn die Reflexion des Salzes zu stark war. Ich stand in einem weißen Dom ohne erlebbare Begrenzungen.

Die Zoutpan liegt im Land des Kharu-Volks, das bis in die 1960er Jahre nomadisch lebte. Der Salzsee füllt ein endorheisches Becken in der Kalahari - ein abflussloses System, das sich seit Jahrtausenden episodisch mit Wasser füllt; unterlagert von präkambrischen Kristallingesteinen, die zu den ältesten Formationen der Erde zählen.

Die Hydrologie ist ephemer. Nur selten führen Regenfälle über kleinere Run-offs Wasser zu. In den langen Trockenzeiten bleibt nur eine strahlend weiße Ebene zurück, durchzogen von polygonalen Bruchlinien.

Alles war grell und leer und voller Bedeutung - so, wie es nur in der Leere möglich ist.

Plötzlich wusste ich nicht mehr, wie ich hierhergekommen war. Ich war eine Ahnung im Gedächtnis der Erde. Dieser Ort war ein Gedächtnisspeicher der Menschheit. Eine tektonische Erinnerungsschicht, in die sich ein Mythos eingeschrieben hatte. Ein Speicher geologischer Epiphanien. Ich hatte gehofft, etwas zu finden im Spektrum von Zeichen, Bedeutung und Richtung. Vielleicht war ich für einen Moment offen genug, so dass das Land durch mich sprechen konnte. Und dann trat sie aus dem Flimmern. Eine Frau. Alt, wettergezeichnet, mit ledriger Haut und Augen, in denen ein ferner Sturm lag. Da lernte ich Doris Steinbrecher kennen.

„Unser Zentralnervensystem ist eine gigantische energetische Bibliothek, in der alles hinterlegt ist, was sich je in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ereignet hat.” Thomas Hübl

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„Des Menschen Wohnung ist sein halbes Leben” Goethe in einem Brief vom 30. Dezember 1795 an den Maler Johann Heinrich Meyer

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Sie waren einmal verheiratet. Jetzt sind sie beste Freunde, die sich lustvoll Schwächen gestehen. Die Erotik moussiert in schrägen Nischen der Vertraulichkeit.

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„Ich hatte sehr wenig mit der Generation gemein, deren Stimme ich sein sollte.” Bob Dylan

Er kam in einem 57er Chevy Impala nach New York. So steht es geschrieben in den „Chronicles”. Die Autobiografie ist voller Spott und Hohn für jene, die am Autor die Apotheose vollzogen - oder auch nur der Hobo-Legende auf den Lenin krochen, die Dylan verbreitete. Dem Traditionalisten aus Minnesota gefiel der Typus desamerikanischen Helden am Bodennur als poetisches Sujet: so wie ihn Jack London und John Steinbeck beschrieben und Hank Williams und Woody Guthrie besungen haben.

April 1961 in New York – Ein Unbekannter spielt in „Gerde’s Folk City”. Joan und Mimi Baez illuminieren das Publikum mit ihrer Prominenz. Volksmusik ist gerade der heißeste Scheiß in Amerika, und Joan die aparteste Verkörperung dieser vor Anachronismen strotzenden Avantgarde. Der knabenkecke Provinzbarde reißt die Schwestern hin. Die Töchter des Physikers Albert Vinicio Baez nehmen den Debütanten ins Kreuzfeuer ihrer Aufmerksamkeit. Joan muss Mimi schließlich ins Hotel schicken, da Bob auch mit ihr anbändelt. Das geht gar nicht.

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Beide kommen 1941 zur Welt, Joan Baez, in Staten Island, New York, Robert Allen Zimmerman (Bob Dylan) in Duluth, Minnesota. Achtzehn Jahre später wird Joan Baez beim ersten Festival über Nacht zum Superstar. Der Renaissance eines rückwärtsgewandten Fortschritts verleiht sie ihr Charisma. Das Folk Revival der ausgehenden 1950er Jahre ist ein unverstärkter Abgesang an das Cool als Markenzeichen von Konkurrenzprodukten.

Joan Baez rührt das Publikum mit Liedern der amerikanischen Arbeiterbewegung. So verhilft sie älteren Musikern wie Pete Seeger und Woody Guthrie zu einer dezent-glamourösen Umgebung.

Es kommt, wie es kommen muss. Die Schönsten stecken sich unter eine Decke. Joan und Bob sind vorübergehend das Traumpaar des Anti-Establishments und die Galionsfiguren der Gegenöffentlichkeit aka Bürgerrechtsbewegung. Sie schreiben nicht einfach nur Lieder, sondern Manifeste für eine bessere Welt; dies vor dem Hintergrund des US-Engagements in Vietnam.

Die Linientreuen klampfen unverdrossen und wähnen sich dabei auf der richtigen Seite des Geschichtsverlaufs, bis Bob Dylan sich in die Opposition zur Opposition begibt und einen weltweiten Sturm der Entrüstung auslöst.

Ein Purist beschimpfte den elektrifizierten Dylan als „Judas” bei einem Konzert im Mai 1966 in der Free Trade Hall.

Eine Abschweifung zu Persephone

Die Verheißungen von Academia waren wahr geworden. Persephone war nun eine Kongresspersönlichkeit. Sie hielt Vorträge, die über ihr Fach hinaus Beachtung fanden. Sie schlug Angebote aus. Sie wollte in E. bleiben, Professorin werden und schließlich den Fachbereich leiten. Wie gesagt, sie entstammte einem Professorenhaushalt, für sie war eine Universität ein wabenförmiges Gebilde, in dem sie gleichzeitig Biene und Imkerin sein konnte. Zwei Konferenzen lagen zeitlich und räumlich so nah beieinander, dass Persephone zwischen den Schauplätzen zu pendeln beabsichtigte. Ein Liebhaber, von dem noch nicht die Rede war, begleitete sie zur ersten Station. Die zweite erreichte sie allein, angeblich nach einem finalen Streit. Ich war ihr vorausgeeilt und holte sie am Bahnsteig ab. Wir gingen sofort aufs Hotelzimmer. Champagner lagerte im Badewanneneisbad.

Wir bewegten uns auf einer bewährten Route, darauf achtete ich. Ich benetzte Persephones Bauchnabel. Sie sollte nicht glauben, dass ich ihr etwas nachtrug. Niemand verstand sie besser als ich. Wir kamen beide aus Rostock. Wir waren aufgewachsen mit den Erzählungen von den ersten Westreisen unserer Eltern, noch unter dem Eindruck, nicht zu wissen, „wo Italien liegt”. Geprägt hatte uns die elterliche Entwurzelung und Erbitterung und das Gefühl, in undurchsichtigen Verhältnissen die Fahne des Anstands auf dem Fundament einer Erziehung zur Gemeinschaftlichkeit hochzuhalten. Dazu kam eine manchmal orgiastische Erotisierung von Verlusten in tribalistischen Verherrlichungsszenen einer verlorenen Zeit. Plötzlich spürte ich eine Erschütterung. Eine Erregung in den Elementen empfing ich als nachdrückliche Warnung. Persephone verstand die Aufregung nicht, sie war sich ihrer Liebe vollkommen sicher, so wie sie sich keine zwei Wochen später ganz sicher war, dass zwischen uns nichts mehr sein konnte. Zwischen den Sätzen „Ich folge dir, hörst du?” und „Wir werden uns nicht wiedersehen” lagen am Ende nur zehn Tage.

Redlichkeit vermutete Persephone nur im Osten. Sie hielt den Westen für eine Flitterbude. Sie fand sich ganz besonders ehrlich, ihr Wesen war die reine Unschuld. Andererseits existierte der Topos des Verrats an der eigenen Herkunft.Kurz nach der letzten Trennung, Persephone war übers Wochenende bei einer Konferenzbekanntschaft gewesen, besuchte ich sie in ihrem Büro in Iron Thunderbolts Thinktank. Sie war da als Expertin schlechthin akkreditiert. Ich kannte den Blick, mit dem Persephone mich empfing. Sie regredierte zur Zwölfjährigen, die sich mittags den Schrecken ausmalt, der sie nachts als Alptraum ereilt. Sie unterstellte mir, nur deshalb vorbeigekommen zu sein, um „zu prüfen”, wie sie aus dem Wochenende hervorgegangen war. Ich machte mir nicht die Mühe, Persephone vom Gegenteil zu überzeugen. Ich ging einfach.Sie rief nachmittags an, sie musste mir etwas sagen, aber nicht am Telefon. Wir trafen uns in einem Lokal, in dem sie schon ein paar Mal Schluss gemacht hatte. Darauf wies ich hin. Sie behauptete, das nicht bedacht zu haben. Sie wollte noch ins Kino, das hatte sie einem Amadou versprochen. Nie ersparte sie mir die Namen.

Wieder ging ich grußlos ab und fuhr hundert Kilometer durch Mecklenburg und Vorpommern, um mich zu beruhigen. Nachts klingelte ich Sturm. Ich irrte, weil ich für ausgeschlossen hielt, dass sie nicht da war. Sie kam dann um die nächste Ecke. Wir sahen uns an wie Feinde. Mein Leben war ein Fetzen, mit Persephone war in diesem Augenblick auch nicht viel mehr los. Wir kapitulierten einfach nur noch einmal vor der Macht des einen über den anderen. Ohne Freude. Ohne Vertrauen. Wir Träumer waren füreinander harte Brocken geworden.

Persephones Perspektive

Du hast es so gesehen und keine andere Deutung zugelassen. Du glaubtest, alles im Griff zu haben. Ich sage dir, wie du dich wahrnimmst. Ich komme aus einem guten Stall, ich habe eine gute Ausbildung, einen guten Kopf. Ich kenne alle und alle kennen mich. Ich hätte mehr aus mir machen können als Sportler, aber beruflich habe ich keinen Millimeter verschenkt. Das stimmt auch alles. Bloß ist das nicht mehr als eine Schliere auf der Windschutzscheibe im Vergleich mit Superpower-Verbindungen. Menschen wie ich führen zwei Leben. Einerseits sind sie in der Gesellschaft und tragen sich da so vor, dass manche denken, was türmt die sich so auf. Den meisten entgeht diese Dimension. Sie registrieren den hohen Status, den selbstbewussten Auftritt, die guten Klamotten. So oder so triggert sie der phonetische Hochmut. Sie vernehmen die Appelle der Hochsprache und stehen unbewusst stramm. Sie sind Untergebene von Geburt. Das wird ihnen nie klar. Sie sterben mit einem falschen Gefühl von Gleichheit. Mein anderes Leben führe ich in einem Land der Geister. Dahin führt ein Traumpfad - Songline - mir ist da alles vorgeschrieben. Meine Freiheit erschöpft sich in einer wahnsinnigen Daseinsfreude. Ich kann jederzeit eine tiefe Vorstufe dieser Ebene erreichen und mich gesteigert erleben. Das ist viel für einen Menschen, aber wenig gemessen daran, was überhaupt möglich ist. Auch die Geister haben eine Welt. Ich sage alles so einfach wie möglich. Das habe ich von Zuträgern gelernt. Das sind Trainer, Masseure, Physiotherapeuten, Osteopathen, Musiker, Dichter, Bade- und Turnhallenmeister, Studiobetreiber und Extremsportler. Sie sind Medien der Macht. Aus ihnen bauen die Meister Batterien so wie man Rechner zusammenschaltet, um digitale Nervenzentren kollabieren zu lassen. Sie generieren eine Kraft, die sie selbst zu keinem Zeitpunkt haben. Einige wirken geistig schwachbrüstig und seelisch fadenscheinig. Bei manchen leuchtet ein kleines Licht. Man ahnt ein Glück im Winkel; etwas unter bizarren Umständen Gelungenes. Ihre Rollen im großen Netzwerk begreifen sie nicht. Jeder Adept geht durch eine Schule, deren Lehrer etwas unterrichten, dass sie sehr gut beherrschen, ohne das große Fach überhaupt zu kennen. Sie sind blind wie geblendete Ochsen, die man einst an Mühlräder kettete. Kommt man ihnen zu nah, nimmt man einen unangenehmen Geruch wahr, als wäre eines ihrer Glieder vor langer Zeit eingeschnürt worden und in der Fessel verrottet. Möglich, dass nur ich und andere Dienerinnen eines Meisters diesen Gestank wahrnehmen. Es tut mir nicht leid, das sagen zu müssen. Du hattest nie eine Chance. Wenn CC wollte, dass ich in der Schlucht einer Differenz zwischen deinen und seinen Möglichkeiten abstürze, dann ließ mich er manchmal drei, vier Mal hintereinander die Bodenlosigkeit erleben. Für dich war ich dann wie von Sinnen, während ich in Wahrheit, hochgeschaltet auf einen dir unbegreiflichen Grad der Luzidität, etwas Neues lernte. So wie Ameisen Läuse in einer Trutzgemeinschaft zum gegenseitigen Vorteil melken, so werde ich von CC gemolken und beschützt. Ich lebe unter einer unsichtbaren Abdeckung. Männer rennen dagegen wie gegen eine transparente Wand.

Das Nordkap ist ein geologisches Archiv. In dieser Region treten präkambrische kristalline und metasedimentäre Gesteinsformationen auf, darunter Gneise und Granitoide, deren Alter auf 2,5 bis 3 Milliarden Jahre datiert werden. Das Gestein ist älter als der Großteil der heutigen Erdkruste und bildet den Kaapvaal-Kraton, einen der stabilsten und ältesten Kontinentalkerne.

Hydrologisch betrachtet sind die Pfannen des Nordkaps ein geschlossenes System, das kein Wasser ins Meer abführt. Natriumchlorid sammelt sich vor allem in Sandstein- und Schiefer-Dellen. Daneben sorgen seltene Niederschläge für semi-permanente Wasserstellen. Die temporären Speicher ermöglichen das Überleben von Pflanzen, Tieren und Menschen in einer ariden Umgebung. In den Traditionen indigener Völker verbinden sich die Wasserstellen mit mythologischen und kosmologischen Aspekten ihrer Kultur, aber auch mit ihrer sozialen Organisation.

Hier ist das Wasser in der Zeit eingeschlossen.

Wir entdeckten eine Badestelle. Umgeben von Klippen, die wie Wachtürme wirkten, erschien der Ort paradiesisch. Der Himmel war blassrosa, das Gestein weinrot. Das Wasser, so hatte es eine Älteste gesagt, ist das Blut des Landes. Es speichert die Geschichten der Ahnen. Wer badet, nimmt die Kraft der Erde in sich auf. Zwischen Granitblöcken wuchsen robuste Küstensträucher. Flechten überzogen die Felsen.

*

Wir standen auf einem Plateau, knapp fünfhundert Meter über dem Atlantik. Die Sonne stand schräg, der rote Sandstein glühte, als trüge er das Feuer seiner Entstehung noch in sich. Der Höhenzug gehört zu den ältesten geologischen Zeugen der Erde. Seine Felsen stammen aus dem Archaikum, einer Ära vor über 2,5 Milliarden Jahren. Da war die Erde jung; ein Magmapfuhl.

Unter uns traf der Benguela-Strom mit seinem kalten, nährstoffreichen Wasser auf die Küste. Nebel kroch zwischen den Felsen auf das Plateau und legte sich wie ein dünner Schleier über das rote Gestein. Wir beobachteten Kormorane und Möwen.

Wir erreichten die Dalton Gorge - einen Riss in der Landschaft. Der Abstieg war steil. Wir passierten einen eskapistisch siedelnden Farngarten. Farne brauchen Feuchtigkeit, daher gibt es sie in den ariden Milieus nur in Mikrohabitaten. Farne sind älter als alles, was wir mit Händen greifen können. Sie sind älter als Dinosaurier und bereicherten jene Urvegetation, die einst riesige Wälder bildete. Sie entstanden vor vierhundert Millionen Jahren im Devon. Viele Farnarten, die wir heute sehen, stammen direkt von diesen frühen Formen ab. Sie sind lebende Fossilien. Millionen Jahre vor dem ersten Vogel, lange bevor ein Mensch seinen Fuß auf diesen Kontinent setzte, wucherten sie in dampfenden Dschungeln.

Die Erde brannte unter meinen Füßen. Der Wind kam aus dem Nichts, drehte plötzlich auf, schoss durch die Schlucht. Ich hörte ihn in einer Sprache flüstern, die wir verlernt hatten.

Zweifellos war der Canyon einst eine Kultstätte.

Songlines

Archaisch und enigmatisch … immer wieder ist in meiner Geschichte die Rede von Songlines und Dreamings. Ich erzähle zwar von meinen afrikanischen Abenteuern, verwende aber immer wieder Begriffe aus der Mythologie der australischen Ureinwohner.

Songlines sind mythische Pfade, die von den Schöpferwesen während der Traumzeit (Dreaming) zurückgelegt wurden, als sie die Welt formten - Berge, Wasserlöcher, Tiere, Gesetze.

Jede Songline ist eine Landkarte in Liedform. Singend erinnern sich Aboriginal People an Wege, Wasserquellen, Tiere, Geschichten, Rituale. Die Lieder sind gleichzeitig Geschichte, Navigation, Identität und spirituelle Verbindung mit dem Land. Manche Songlines durchqueren riesige Landstriche - über Tausende von Kilometern - und verbinden verschiedene Stämme.

Welches Recht hatte ich, von Dreaming und Songlines zu reden. Du sagtest, Wissen wolle geteilt werden, aber ich war mir da nicht sicher.

In der Stille der Schlucht fragte ich mich, ob wir unbewusst einer Songline gefolgt waren. Ob nicht unser Weg längst in einem Lied verzeichnet war, das älter war als Landkarten, Sprachen, Erinnerungen - und das uns geführt hatte, ohne dass wir es wussten.

Vielleicht war das Lied aber auch gar nicht für uns und wir durften es nur hören.

Folgten wir einer Linie, die nicht wir gewählt, sondern erinnert hatten? Rief uns das Land? War unsere Route in Wahrheit ein Resonanzraum mit persönlichen Botschaften?

War dieser Einfallsreichtum nicht leichtfertig? Was wussten wir schon. „Dreaming - Traumzeit“ reduzierte das Konzept auf eine westliche Vorstellung von Träumen, Innerlichkeit und Fiktion. Die Deutung ignorierte einen ontologischen Rahmen, in dem Schöpfung, Land, Identität und Handlung miteinander verwoben sind. Mich faszinierte diese Kosmologie. Ein vollständiges nicht-technisches Deutungssystem, in dem sich eine Lebensweise spiegelt, die für uns 300.000 Jahre lang ständige Praxis war. Ich will jetzt nicht von Stone Age High Tech anfangen. Für mich zeigte sich darin auch eine Einladung, andere Seinsweisen wahrzunehmen - weniger individualistisch, stärker eingebunden, verbunden mit Ort, Zeit und Ahnen. Es kontrastierte westliche Vorstellungen von Autonomie, Fortschritt, Getrennt-sein. Vielleicht lag gerade darin der Wert, sich „Dreaming“ mit Respekt und Offenheit zu nähern - nicht um es zu vereinnahmen, sondern um zu lernen, dass unsere Welt auch anders gedacht werden konnte.

Einst hatte ich versucht, Sigmund Freud originell zu lesen und ihn als jemanden zu verstehen, der eine europäisch-urbane Variante von „Dreaming“ geschaffen hat - wenn auch auf seine eigene, tief in Rationalität und Individualpsychologie verankerte Weise. Das „Dreaming“ (in der Kultur der Aboriginal People) ist kollektiv, mythisch, zeitlos, zyklisch, landschaftsgebunden und identitätsstiftend. Es erzählt, wie die Welt entstanden ist, welche Verbindungen zwischen Menschen, Orten, Tieren und Gesetzen bestehen. Freuds Traumdeutung hingegen ist individuell, psychologisch, linear, innengeleitet und symbolisch - aber auch sie ist eine Kartografie des Unsichtbaren, eine Interpretation von Sinn, durchzogen von Erzählstrukturen und symbolischen Figuren, die aus einem „anderen“ Bewusstsein sprechen. Beide Systeme - das „Dreaming“ und Freuds Theorie des Unbewussten - versuchen, verborgene Kräfte, die das sichtbare Leben strukturieren, verständlich zu machen. Beide erkennen im Traum eine vermittelte, tiefer liegende Wahrheit. Beide verwenden Erzählung, Bild, Symbolik - um Unsichtbares zu übersetzen. Und beide sind letztlich auch Sinnstiftungsmaschinen - mit ethischer, sozialer oder heilender Funktion. Freud „verinnerlicht“ die Mythen: Er sucht sie im Subjektkern. Das ist die große Verschiebung vom mythischen Weltverständnis zur modernen westlichen Innenwelt.

Die eurozentrische Sicht - Sigmund Freud, der in seinem Werk auf archaische Mythen und „primitive“ Kulturen zurückgriff, interpretierte sie meist als Projektionsflächen für westliche Seelenkonflikte - ohne deren Eigenlogik zu verstehen. Seine Konstruktion der Psyche ist tief verwurzelt im kulturellen Selbstbild des Westens. Die „Urhorde“, das „primitive Ich“, die Phantasmen der Wildheit - das alles folgte einer Gliederung im Geist des industriellen Zeitalters, an deren Ende der europäische, bürgerliche Mann als implizites Ideal stand. Freud schrieb über „die Wilden“, ohne ihnen je begegnet zu sein - sie waren Denkfiguren, nützliche Folien. Claude Lévi-Strauss’ „Traurige Tropen“ gilt als Meilenstein der Ethnologie, ist aber zugleich Ausdruck einer melancholischen, fast ästhetisierenden Fremderfahrung, die das Eigene an der Differenz misst und das „Andere“ letztlich zum Spiegelbild europäischer Krisen verklärt. Und André Malraux, der mit kolonialem Gestus durch Kambodscha streifte und Tempelreliefs wie Trophäen betrachtete. Skrupellos wilderte er im Reich der Roten Khmer. Vor seiner Glanzzeit als Schriftsteller und Kulturminister war er ein Plünderer - geleitet von der Überzeugung, dass große Kunstwerke gerettet -, wenn nötig auch aus ihrem Zusammenhang gerissen werden müssten. 1923 ließ er in Kambodscha Tempelreliefs aus Banteay Srei entfernen - kunstvolle Apsara-Figuren, gemeißelt in rosa Sandstein. Er wurde verhaftet, verurteilt, kam aber schnell wieder frei. Später stilisierte er sich zum Verteidiger der Kultur gegen das Vergessen. Der weiße Hochmut blieb unangetastet.

Malraux war kein Einzelfall. Ganze Museen des Westens beruhen auf dieser Geste: der Überzeugung, dass sich aus gebildeter Bewunderung Ansprüche ableiten ließe - weil man zu würdigen weiß. Der koloniale Blick verkleidet sich. Noch immer tragen Aneignungen die Signatur des Übergriffs: Wir geben euch Bedeutung, indem wir euch entnehmen.

„Im Gegensatz zu Essen und Sex kennt Klatsch keinen Sättigungspunkt.” Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden

Das Antichambre spielte keine Rolle. Der Fürst brauchte den Abstand nicht, den die Scham fordert. Er empfand keine Scham. Gegebenenfalls regierte er mit heruntergelassenen Hosen. Besucher geierten durch seine Schlafzimmer. Besonders schick war das Marmorbad im Superb der Orangerie. Solche Besichtigungen zählten zu den Schätzen, die man bis zum Ende eines Lebens in Erzählungen sicherte.

Im Stadtschloss hingen Mitte des 18. Jahrhunderts tausend Bilder. Das war ein Museum of Modern Art, zugleich Schauplatz alter Meister. Altdorfer, Dürer, Rubens, Frans Hals, Rembrandt, Tizian, Tintoretto, Caravaggio. Die bronzierten Fußleisten in den Kabinetten dienten der Bewunderung als Gegenstände. Beim Anblick mehrstöckiger und vielschichtiger, von federnder Mechanik bewegter Schreibtische wurde der Wunsch nach „Experten“ laut. Sie sollten dem Betrachter die Dinge im Detail erschließen. Der Hof hielt Domestiken als Spezialisten-Darsteller für einen Groschen oder zwei in der Hinterhand. Das wird heute vom Fernsehen nachgeahmt. Da hat auch jeder Sender Experten.

Unter jenen, die auf ihrer Grand Tour von Hof zu Hof Cassel erreichten, verkörperte der aus Ederthal gebürtige Ritter von Itter die aufwühlende Erscheinung mit Geniefrisur. Er rühmte Bettpfannen, Haarbürsten, Hausschuhe und Kleiderständer, das Zeug musste nur in fürstlichem Gebrauch sein. Ritter Itter lobte die sklavische Duldsamkeit der Dinge, er knatterte Gedichte zu Gegenständen („die heitere Dinglichkeit des Pantoffels”) die weiterverbreitet werden bis auf den heutigen Tag.

Im Museum Fridericianum nahm Ritter Itter Notiz von jeder Säule, jedem Basrelief, jeder Nachbildung eines Arc de Triomphe. Es war üblich, Künstler in Hauptstädte zu schicken und sie da alles Mögliche kopieren und in Kork nachbilden zu lassen. Unter den überlebensgroßen Marmorstatuen von Apoll, Minerva, Herkules und Paris stauten sich Büsten von Homer, Seneca und Aristoteles.

Ritter Itter beschrieb die einseitige Bebauung der Bellevuestraße. Sie bot freye Aussicht nach der Orangerie, der Aue und dem Felde. Das Schloss bestand aus dem alten Palais eines zur Regentschaft nie berufenen und bedeutungslos verschiedenen Landgrafen Friedrich und zwei Häusern, die man architektonisch zur Einheit gepresst hatte. Die erweiternden Bauten waren Quartiere für die Schlosswache und die Besatzung der Sternwarte. Eine frey stehende Communikations=Arcade wünschte ihre Erwähnung. Die Arkade erlaubte den beschirmten Gang von einem Portal zum nächsten.

In der Oberneustadt nahm den ersten Rang unter allen Bauten sowohl in Rücksicht seiner Bestimmung als seiner inneren Pracht das Palais Seiner Königlichen Hoheit ein. Es lag am nördlichen Saum des Friedrichsplatzes. Das Palais kehrte seine Hauptfassade dem Platz zu, während die Seitenfassaden der Königs- und Karlsstraße bestaunte Begrenzungen boten.

Wie gesagt, Ritter Itter stammte aus Ederthal. Seine Geburtsgegend war Wüste und tropischer Regenwald gewesen, es war Stammesgebiet der Mescalero Apachen, bevor sie nach Indien weiterzogen. Da wurden die Apachen Indianer. Man kann keinem Kontinent verbieten, sich zu verschieben. Immer wieder tut sich die Erde auf, um über lächerliche Kernschmelzen zu lästern. Was eine richtige Kernschmelze ist, das hat noch kein Mensch gesehen. Bis 1782 wohnte der Weltgeist ständig in Ederthal, seitdem pendelt er zur Erweiterung seines Horizonts. Man wundert sich wohl, dass der Weltgeist Hesse ist.

Man sagt, Ederthal sei eine fränkische Gründung in der Reichsfrühzeit gewesen. Ab der ersten christlichen Jahrtausendwende gehörte sie zu Kurmainz. Erst als die Poesiealben des Deutsche Reichs Römischer Nation, dass mit der fränkischen Übernahme römischer Staatsbegriffe seinen Anfang genommen hatte, schon Makulatur waren, trennten sich die Ederthaler von den Mainzer Farben Silber und Rot. Die alte Verbundenheit zeigt bis heute das Mainzer Rad im Wappen.

Die alte Verbundenheit ließ Ederthal nie abfallen vom wahren Glauben. Irgendwann liquidierte eine Pest die Gemeinde bis auf ein wenige. Ohne Ausnahme entstammten sie dem althessischen Adelsgeschlecht der Itters, mit denen auch Cornelius von Pechstein entfernt verwandt ist. Dichter dran ist seine ehemalige Beinah-Verlobte Mathilde von Itter-Schauenburg-Löwenstein. Der vierte Knecht Ruprecht Ritter zum Löwenstein (Itter und Schauenburg waren noch nicht erheiratet) war gar kein Sohn seines Amtsvorgängers, sondern ein in den Sattel gehobener Günstling. Es hätte nicht viel gefehlt für eine mediokre Laufbahn unter ferner liefen. Die Backpflaume erbte mit dem Titel die Löwenburg über Ederthal. Gemeinsam mit Alwin von Bebra konspirierte er gegen einen königswürdigen Battenberg. Die Quittung stellte man ihm in einem Gebiet im Waldecker Land zu, das um das Jahr 1100 schon Eichwald hieß. Ein potenter Aberglaube schützte bis 1926 ein Hünengrab im Eichenkreis vor größeren Entnahmen.

Das Burgrecht machte Ruprecht zum Richter von Ederthal. Gehängt wurde im Eichenkreis. Man sprach vom Galgenhurst. Hurst wie Gehölz. Das Wort setzte sich als Flurname nicht durch.

Der Eichwald war Königsforst. Ich kenne Bemerkungen zu wirtschaftlichen Eingriffen im Mittelalter. Eichen gaben gutes Bauholz, Eicheln taugten zur veredelnden Schweinemast. Kriegsbedingte Rodungen und natürliche Verheerungen verschonten die Population, bis schließlich von einem Altbestand erstmals die Rede war.

In den Eichwald flüchtete sich Ruprecht, als es ihm im 1073er Sommer an den Eisenkragen ging. Kein Stich überliefert die Erscheinung eines Haudegens, der sich vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben zu der Schmählichkeit einer aussichtslosen Flucht veranlasst sah. In diesem Wald hatten schon einige ihr Leben gelassen, denen Ruprecht auf einem sauren, bedenklich nachgiebigen, von Pfeifengräsern besiedelten Boden gefolgt war.

Von dem Suspekten nun stammt Mathilde ab. Das Licht der Welt erblickte sie im Stammschloss der Gudensberg. Der Marktflecken im Schlossschatten war keltisch, kattisch, fränkisch, bevor er hessisch wurde, um es für immer zu bleiben. Es liegt in einer heiteren Ordnung der Dinge am Fuß des Kellerwaldes, wo Wölfe und Bären heimisch sind. So dass es sich nicht empfiehlt, ohne Askari in den Wald zu gehen so wie das seit zwei Wochen verschollene Rotkäppchen es in seiner Unvernunft getan hat. Rotkäppchen war mit Mathilde verwandt. Es lebte mit der Oma zwei Häuser die Straße hinauf. Ich setze den Satz nur deshalb in die Vergangenheit, weil ich davon ausgehe, dass Rotkäppchen gefressen wurde.

Als Zauber gegen Anfechtungen der Schwäche trägt Mathilde einen Siegelring der Großmutter. Die Ahne lehrte, in der Ehe bloß eine Domäne der Pflichterfüllung zu sehen. Die Bewahrung der Haltung beweise den Charakter. Mathilde hat das alles schon hinter sich. Die Witwe entbehrt jeden Sinn für bürgerliche Stilfiguren, doch behält sie eine scharfe Witterung fürs Geschäftliche. Die im Keller gestapelten Rauschgiftpakete sind ein Thema für sich. Ihren Nachbarn erzählt Mathilde etwas von einem ayurvedischer Hausmannskost-Versand im Home-Office-Modus.

Zehn Mal hat sie im Reich der Sinne und zwölf Mal 9½ Wochen gesehen. Sexuell existiert sie in einem anachronistischen visuellen Echoraum. Sie surft Reizwellen ab. Sie braucht einen Mann für gewisse Stunden und nimmt dafür zurzeit den von Simone abservierten Ned. Ab und zu nennt Mathilde ihn mein Gott. Das Paar flüstert im Bett und verspricht sich Sachen ohne jede ernsthafte Absicht. Der Stimmung zuliebe wird gelogen, bis der Balkon abbricht. Die millionenschweren Kolonialwaren im Keller erhöhen den Sexdrive. Mathilde widmet einen Orgasmus ihrem verblichenen Gatten, einem aristokratischen Sexgott mit schwachem Herzen.

Das lebhaft wirkende Präparat einer Wildkatze auf dem Katheder im Antichambre, die geräumige Abgeschiedenheit des Dachgeschosses, das Kattenzeichen (Chattenzeichen) im Holzdruck, von dem Mathilde vielleicht doch eher listig als dumm behauptet, es sei nur ein Warägersymbol und das Relikt einer großväterlichen Mode. Doch kann sie Ned nicht hinters Licht führen. Eine Tanne vor dem Fenster verdunkelt den Raum. Eine Tageule spannt ins Schlafzimmer.

Mathilde ist Totholzfetischistin. Sie liebt Bestandsabfall und rühmt die Biomasse auf ihren Himmelfahrten zu neuen Aufgaben. Ihre Leidenschaft richtet sich auf das Kleine. Dem Fluchttier Pferd hält sie vor, bis zu tausend Kilo Fleisch zum nächsten Beutegreifer zu schleppen. Wo bleibe da die Raffinesse und das unvergleichliche Geschick etwa der Schaben, die lautlos den Planeten kolonisiert haben?

*

In Mathildes Garten steht das marode Schildhäuschen einer abgegangenen Höhenburg aus dem 11. Jahrhundert. Ned begleitet die Adlige auf einem Spaziergang. Seit Jahren bleibt die Gegend im Zuge der Renaturierung sich selbst überlassen. Ihr Erscheinungsbild bestimmen Sturmschäden. Gestürzte und aufgerissene Stämme bilden Verhaue, in denen sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen. Mathilde führt Ned durch ein Tannenlabyrinth zu den Ruinen über der Achsenschlucht. Zwei Burgen standen einst auf den Höhen eines Berges. Drei Geschlechter mit einem gemeinsamen Ursprung, von denen wir zwei noch kennen, die Wolfen und die Groppen, vertraten so lange Mainzer Interessen, bis Heinrich I. von Hessen sie im 13. Jahrhundert entwaffnen und ihre Residenzen schleifenließ. Dies geschah mit solcher Gewalt, dass sich die Legende von einer titanischen Aktion verbreitete. Wieder ward ein hessischer Riese gesehen, wie er märchenhaft Großes vollbrachte. Die Sache lief aber banal ab. Else von Groppe, eine geborene von Salzmannshausen, ging fremd mit dem Burgherrn vis-à-vis. Das erboste den Gatten so sehr, dass er sein eigenes Verderben heraufbeschwor. Heimlich brach er ein Loch in seine Burg und lud den Feind zur Verwüstung ein.

Wir fuhren früh los, du am Steuer, ich mit den Füßen auf dem Armaturenbrett. Meine Beine waren ganz schön verschrammt. Wie schön ich es fand, dass du sie so schön fandest. Die Sonne kroch gleißend über den Horizont. Du hieltest das Lenkrad mit einer Hand. Die andere ruhte auf meinem Knie. Wir hatten einen unerschöpflichen Vorrat an gemeinsamen Themen. Auch daran erkannte ich unsere Liebe. Wir unterhielten uns so gern, und immer knisterte es in einer Diskussionsecke. Zwischen Termitenhügeln ragten knorrige Camel Thorn Trees (Vachellia erioloba) auf. Erstaunlich lang kreiste ein Adler über uns, majestätisch, die Schwingen breit gespannt.

Wir zählten die Farben der Landschaft: Ocker, Zimt, Mahagoni, Kupfer, rostiges Rosa. Die Sandpiste zog sich wie ein glühendes Band durch das flimmernde Nirgendwo. Wir passierten Askham, eine unwirtliche Raststation am Rand der Kalahari. Ein paar Kilometer weiter lag eine verlassene Tankstelle, davor rostete eine demolierte Coolbox. Ich stieg aus, um mir die Beine zu vertreten. Der Wind war warm, schwer wie Atemluft, und wirbelte roten Sand um die Reifen. Auf den Wellblechdächern tanzten Hitzeschlieren.

Die Zeit in der Wüste hat einen eigenen Rhythmus. Die tiefe Stille erzählt von einer Welt ohne Menschen. Ich traf Leuten, die Romanen entsprungen schienen. Ich begriff, wie wenig es braucht, um da zu sein. Wasser. Schatten. Orientierung.

In einer dürstenden Landschaft, wo jedes Ding nur sein Nötigstes ist, begegnet dir die Natur in ihrer radikalsten Form: nackt, genügsam, unerbittlich schön.

Wo das Land vom Wasser träumt, lebt die Natur im Modus des Verzichts, karg, reduziert. Hier entfaltet sich eine erbarmungslose Schönheit, die keinen Überfluss duldet.

Worte einer Ältesten:

„Du suchst ein Wort. Aber du hörst nur einen Klang.“

„Du läufst auf der Erde herum, aber du hörst sie nicht. Bleib mal still, bis du merkst, dass sie dich trägt.“

Ich weiß nicht, ob es eine Initiation war. Es gab keinen zeremoniellen Rahmen, keinen Moment, an dem eine Erfahrung deutlich begann oder endete. Und doch war da dieses Gefühl, dass etwas durch mich hindurchging. Kein Wissen. Nichts, dass sich in Besitz nehmen ließ. Ich assoziierte ‚Durchlässigkeit‘. Das Bild von einer Tür, die nicht mehr ganz schließt.

In der Wüste nahm meine Ehrfurcht vor der Schöpfung eigene Farben an. Gleichzeitig kämpfte ich mit der bizarren Empfindung, unangemessen auf die Erscheinungen zu reagieren. Unangemessen im Sinne von beanspruchend und vereinnahmend. Als hätte ich in der Wüste auch nur das Geringste beanspruchen können. Alles in mir war europäisch sortiert. Denken in Linien, Begriffe als Werkzeuge, komplett auf Analyse gepolt. Der Busch wirkte wie ein Mentor, der nicht mit mir stritt, sondern einfach neben mir stand und sagte: Du kannst es nicht fassen, aber du kannst es lassen.

Ich weiß, dass vieles von dem, was ich fühlte, gefährlich nah am Kitsch siedelte. Mein Blick verlor seine Ungenauigkeit nicht in den geführten und beaufsichtigten Begegnungen mit archaisch dimensionierten Daseinsformen. Wie alle Touristinnen musste ich aufpassen, nicht zu nehmen, was mir nicht gehörte. Ich blieb Gast. Trotzdem fühlte ich mich berührt von etwas, das älter war als Sprache, älter als meine Zweifel, älter als meine Vorstellungen davon, wie Erkenntnis funktioniert. Vielleicht waren es die Wüstenfarben, die mir das erzählten. Nuancen zwischen Sand, Staub, Hitze und Schatten. Farben, die nichts beweisen müssen. Sie erinnerten mich an etwas, das ich nie zuvor gesehen hatte, aber doch erkannte. Und vielleicht geht es gar nicht darum, es zu verstehen. Vielleicht reicht es, dass es mich verwandelt hat.

In einem geschlossenen System nimmt die Entropie niemals ab. Dieser Satz aus der Thermodynamik lässt sich auf kommunikative Systeme anwenden, in denen Begehren, Macht und Sprache zirkulieren. Was als spielerischer Austausch beginnt, steigert sich notwendigerweise, verdichtet sich, verlangt nach immer neuen Reizen, bis das System an seine Grenzen stößt.

Du bewegtest dich souverän in solchen Labyrinthen. Du nutztest Andeutungen, Nebenbemerkungen und Überlagerungen von Sprachebenen, um Aufmerksamkeit zu binden, ohne dich festzulegen. Auch dich reizte der Vollzug mitunter weniger als die Vorfeldinszenierungen. Zu meinem Glück bevorzugtest du raffinierte Konstellationen.

Sprache war unser Lieblingsmedium. Sprache erzeugt Resonanzräume, in denen andere sich wiederfinden, verlieren und überschätzen. Du verstandst es, Projektionen zuzulassen, ohne dich ihnen auszuliefern. Was manche als Intimität deuteten, war für dich eine Form kontrollierter Offenheit. Überschreitungen waren selbstverständlich kognitive Angelegenheiten.

Meisterhaft bewegtest du dich in diesem Spannungsfeld. Zwischen uns entstanden Verdichtungen aus Andeutungen, Zitaten und theoretischen Verweisen. Wir existierten in einer selbsterschöpfenden Intensität, die sich zumal aus Sprache, Blicken und Gesten speiste.

Wir verließen Upington am frühen Morgen. Dunst überzog die Landschaft, kaum mehr als ein flüchtiger Schleier, ein letzter Atemzug der Nacht. Ich fuhr. Wir sprachen wenig. War es Wehmut? Schon legte ich mir eine Version zurecht, in der das alles in der Vergangenheit lag. Ich erinnerte die Wüste bereits, während ich sie noch erlebte. Das Asphaltband des Stuart Highway zog sich. Stunden ohne landschaftliche Abwechslung. Nur Hitze und roter Staub, der sich überall festsetzte. Camel-Thorn-Bäume, Termitenhügel, ein ausgebleichtes Antilopenskelett. Ein von der Sonne gebleichter Rinderschädel.

Wir erreichten das Wüstennest Rietfontein. Die Sonne stand tief, der Himmel changierte von flammendem Orange zu halluzinogenem Violett. Die Nacht brach herein. Noch in der Dunkelheit flimmerten die Tageshitze über dem Straßenasphalt.

Ich beobachtete lauter Kinoeffekte. Jede Szene kannte ich aus einem Film, so unwirklich und geradezu gespenstisch war das alles. Das Kaff erschöpfte sich in einer Ansammlung von Gebäuden mit rostigen Wellblechdächern, geschlossenen Tankstellen und verrammelten Läden.

Der Motelparkplatz war leer bis auf ein paar Pickups, die so aussahen, als seien sie schon lange nicht mehr bewegt worden. Das Bett war eine nicht besonders breite Pritsche, auf dem Bildschirm des toten Fernsehers klebte ein Zettel mit der Zeile Enjoy the stars, not the screen. Die Dusche war nicht einladend genug für ein erotisches Zwischenspiel. Aus dem verrosteten Brausekopf kam enttäuschend wenig Wasser. Ich entbehrte das gute Gefühl, frisch geduscht zu sein. Als ich mich anziehen wollte, gabst du deine gespielte Gleichgültigkeit auf. Ein Blick reichte. Die Kammer wurde zur Kulisse für einen Moment völliger Gegenwart. Unsere Lust brach auf. Keine Inszenierung, kein Vorspiel. Deine Hände auf meinem Hintern, mein Atem an deinem Hals, unsere Körper fanden sich ohne Umweg. Das Bett quietschte empört, als wollten die Sprungfedern protestieren, aber sie hielten stand. Unsere Ströme flossen ineinander. Wir verschmolzen auf dem Zenit unseres Begehrens und bedankten uns gegenseitig mit einem Gänseblümchenstrauß der nachträglichen Zärtlichkeit. Mich amüsierte der Kontrast zu meinen Fingernagelspuren auf deinem Rücken.

Zum Abendessen gingen wir lediglich über die Straße in die Kroeg. Von außen sah die Kneipe aus wie eine Werkstatt anno Neunzehnhundert. Auf einem Schild stand:

„Koue Bier - Warm Etes - Net Lokale (Maar Jy’s Reg) - Cold Beer - Hot Meals - Locals Only (But You’re Alright.“

Hinter dem Tresen stand eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt, die uns mit einem verwaschenen Nicken begrüßte. Es konnte alles Mögliche bedeuten. Vielleicht war es sogar freundlich gemeint. Keine Jukebox, kein Fernseher, kein WLAN. An den Tischen saßen Männer in Shorts und Boots. Trucker, Minenarbeiter, Farmer. Einige begnügten sich mit Dosenbier, dem schäumenden Hahn zum Trotz.

Wir reihten uns ein, tranken Castle Lager vom Fass und bestellten Steak mit Pommes, ohne die Karte zu studieren. Es gab sowieso nur das, was auf dem Schild über der Theke stand. Kein Schnickschnack. Das Fleisch blutete, die Pommes knusperten, die Jumboflasche Ketchup trug kein Etikett.

 

Am nächsten Morgen brachen wir zeitig auf. Nichts hielt uns in der Einöde. Wir bogen auf die R362 ab und fuhren in Richtung Olifants River Valley. Die Straße zog sich schnurgerade hin. Keine Kurven, keine Häuser. Die monumentale Monotonie schien auf die Nerven zu schlagen.

Allmählich begann sich die Landschaft zu verändern. Das monotone Rot der Wüste wich sanften Grüntönen. Die Erde verlor ihre staubige Patina. Aus Sträuchern wurden Büsche. Aus Büschen wurden Bäume. Plötzlich gab es wieder Schatten, und die Luft roch nach Vegetation.

Am Nachmittag passierten wir ein Schild:

 

Vredendal Homestead – Fuel · Food · Accommodation · Beer

Ein Roadhouse mitten im Nirgendwo; die einzige Tankstelle, das einzige Bett, die einzige Cola meilenweit. Später notierte ich: Treibstoff, Essen, Dusche, Sterne. Das war nicht alles. Den schönsten Moment des Tages ließ ich aus – das einfache Vergnügen, endlich wieder eine richtige Dusche zu haben.

Das Homestead bestand aus einer Gruppe von Bungalows mit schattigen Innenhöfen, Palmen und üppig blühenden Bougainvilleen – ein fast absurdes Bild nach der Wüste. Es gab eine Tankstelle, einen Souvenirladen und ein rustikales Restaurant mit Holzvertäfelung.

Ich bestellte einen Chickenburger mit Pommes und eine Cola, während du bei deinem Wüstenprogramm bliebst – Steak mit Pommes und Ginger Beer. Wir saßen unter einem Ventilator und ließen die Kühle langsam in uns einsickern. Neben uns aßen zwei Paare Grey Nomads Toast mit Tomatensoße, während ihre kleinen Hunde unter dem Tisch dösten.

Das Personal war jung und leicht als amerikanische und europäische Backpacker zu erkennen, die ein paar Wochen für Unterkunft, Verpflegung und Taschengeld arbeiteten. Keiner von ihnen machte sich besondere Mühe. Draußen standen kolossale Sattelzüge geparkt. Wir hörten die Fahrer, sahen sie aber nicht.

Die Landschaft wurde weicher, sanfter. Weinberge, Obstbäume, Flüsse. Ein einziges, üppiges Gedeihen. Wir erreichten Clanwilliam, eine richtige Kleinstadt, und entschieden uns für ein Boutiquehotel. In unserem Zimmer stand ein Kingsize-Bett. Zum ersten Mal seit Tagen genossen wir eine Dusche, die nicht nach Camping roch.

„Es stimmt, die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber der Mensch kann nicht ewig in der Wiege bleiben. Das Sonnensystem wird unser Kindergarten werden.“ Konstantin Ziolkowski

Am nächsten Morgen brachen wir zeitig auf. Nichts hielt uns in der Einöde. Wir bogen auf die R362 ab, Richtung Olifants River Valley. Die Straße war so gerade wie mit einem Lineal gezogen. Keine Kurven, keine Häuser. Die monomentale Monotonie schrie danach, jemandem aufs Gemüt zu schlagen.

Allmählich veränderte sich die Landschaft. Das Wüstenrot wich vegetativem Grün. Die Erde verlor ihre staubige Patina. Sträucher wurden zu Büschen, Büsche zu Bäumen. Plötzlich gab es wieder Schatten, und die Luft roch nach Vegetation.

Am Nachmittag passierten wir ein Schild:

Barkly Homestead - Fuel · Food · Accommodation · Beer.

Ein Roadhouse mitten im Nirgendwo; die einzige Tankstelle, das einzige Bett, die einzige Cola weit und breit. Später notierte ich: Tanken, Essen, Dusche, Sternenhimmel. Das war nicht alles. Ich unterschlage den schönsten Moment des Tages, einmal wieder unter der Dusche. 

Das Homestead bestand aus einem Bungalowensemble mit schattigen Innenhöfen, Palmen und überschäumend blühender Bougainvillea – ein fast absurdes Bild nach der Wüste. Es gab eine Tankstelle, einen Souvenirladen und ein rustikales, holzvertäfeltes Restaurant.

Ich bestellte einen Chicken Burger mit Pommes und Cola, während du deinem Wüstenprogramm treu bliebst – Steak mit Pommes und Ginger Beer. Wir setzten uns unter einen Ventilator und ließen die Kühle langsam in uns eindringen. Neben uns aßen zwei Grey Nomads-Paare Toast mit Tomatensauce, während ihre kleinen Hunde unter dem Tisch dösten.

Das Personal war leicht zu identifizieren als amerikanische und europäische Backpacker, die für Kost, Logis und ein Taschengeld ein paar Wochen jobbten. Keiner riss sich ein Bein aus. Draußen standen kolossale Sattelschlepper. Wir hörten die Fahrer, sahen sie aber nicht. 

Die Landschaft wurde sanfter, freundlicher. Weinberge, Obstbäume, Flüsse. Vegetativer Überschuss. Wir erreichten Clanwilliam und gönnten uns den Komfortgenuss des besten Hauses am Platz. Das Wild Olive Boutique Hotel war ein flacher Kasten mit einem Vorplatz aus Kies, der an einen japanischen Steingarten erinnerte. Im Haus war alles still, kühl, makellos. Die Frau hinter dem Rezeptionstresen hatte perfekt gezogene Augenbrauen. Du hieltest ihr die Kreditkarte hin, sie lächelte professionell, machte ihren Job, reichte dir die Schlüsselkarten. Nummer 29, zweite Etage, rechts vom Aufzug. Das Zimmer roch nach Zitrusfruchtreiniger. King-Size-Bett, Nespresso-Maschine, Airconditioning, Flachbild-TV. Blütenweiß bezogene Betten, dichte Vorhänge, ein Bad mit Glasdusche, Eartherapy-Toilettenartikeln, polierte Armaturen, mannshoher Spiegel und Handtücher, die kunstvoll gerollt auf dem Waschbecken lagen.

Das erste Bad seit Tagen, das nicht nach Camping roch.

Wir umarmten uns unter dem Strahl. Du hattest du den Fernseher eingeschaltet, wir hörten Nachrichten. Die Weltlage war weit weg. Wir standen einfach nur da, ließen das Wasser über unsere Körper laufen. Schaum floss über die Fliesen unter unseren Füßen. Dampf legte sich auf den Spiegel. 

Wir räkelten uns im Behagen.    

Das Hotel hatte ein eigenes Restaurant mit á la Carte‑Menü (Steaks, Meeresfrüchten) und Cocktail-Lounge.

*

Hundert Kilometer am Tag waren längst genug. Eine Weile begleitete uns der Olifants River mit seinen Schilfelegien im Konzert mit Mandarinenplantagen und flimmernden Maisfeldern. Am Straßenrand reihten sich Verkaufsstände. Orangen und Naartjies in Plastikramschkisten. Avocados in desolaten Woolworths-Kartons. Privat geernteter Honig in Supermarkthoniggläsern. Biltong in wiederverwendeten Tüten. Die Preise handschriftlich auf Pappe.
Von Krähen bewachte Metallkästen mit Münzeinwurf-Schlitzen an Holzpfosten – Honesty Boxes. Dazwischen wilde Oliven und Akazien. In der Ferne glühte der Cederberg.

Wir sahen labyrinthische Bewässerungssysteme, überschaubare Rinderherden und autonom wirkende Schaf- und Ziegenbanden.  

Wir passierten Citrusdal. Ein überdimensionierter Discounter. Ein Laden für Farmbedarf mit verblasstem John-Deere-Schild. Vor der Tankstelle standen Geländewagen mit Jagdaufklebern. Vor dem Supermarkt saßen Männer auf umgedrehten Getränkekisten und tranken Castle Lite

Hinter dem Ortsausgangsschild begann der Pass. Nach Tagen des Geradeausfahrens belebten uns die Kurven. Jenseits des Gipfels wurde das Land weit. Weizenfelder. Weiße Farmhäuser. Eine Ahnung vom Burisch-Ursprünglichen.  

Am späten Nachmittag erreichten wir Goudkloof. Eine Kleinstadt, groß genug für mehrere Tankstellen, ein Krankenhaus, zwei Schulen - und eine bessere Absteige.

Goudkloof verdankte sich einem Goldrausch des 19. Jahrhunderts, so wie Barberton, Pilgrim’s Rest - Gauteng und Johannesburg, die als Boomtowns im Dunstkreis der Witwatersrand-Felder starteten. Goudkloof wirkte wie eine amerikanische Westernfilmstadt in den 1950er Jahren. Antike Fassaden mit verblassten Lettern, eine Bar namens World’s End und leere Straßen.

Wir checkten ein, die Herberge nannte sich Ou Transvaal Hotel. Es stank nach nassem Hund und Wandschwamm. Die Klimaanlage war verbrecherisch laut. 

„Hot Meals - Cold Beer“ - Wir aßen im Pub gegenüber unserer Bleibe - Burger, Bier, keine Fragen. Die Leute zeigten sich desinteressiert in einer höflichen Spielart. Vielleicht kannten sie schon alle Geschichten. Die Jukebox spielte Afrikaans-Country, ein Neonlicht flackerte wie auf einem Gemälde von Edward Hopper.  

Am nächsten Vormittag besuchten wir das Ortsmuseum. Vitrinen mit Trek-Wagen-Modellen. Rostige Büchsen. Bibeln mit verblassten Familiennamen. Karten, auf denen Linien quer durchs Land zogen - der Groot Trek als einer historischen Bewegung aus Staub, Hunger und Trotz. 

Aufstandsästhetik

Zeezicht tauchte am Horizont auf, ein Küstenkaff, das sich an die Klippen zu klammern schien. Der Ort verdiente seinen Namen - Meerblick, Wind, das Rauschen der Brandung. Der Tag schwand in ozeanischen Orangetönen. Ich assoziierte flüssiges Feuer. Jemand hatte uns das „Seebries Guesthouse“ empfohlen. Die Rezeption war ein gläserner Kasten aus den 1970er Jahren. Neben dem Computer lag eine Fliegenklatsche. 

Die Rezeptionistin saß hinter dem Tresen und kaute Kaugummi mit der Gelassenheit einer Frau, die weiß, dass sie angeschaut wird. Sie hatte einen staubfreien Look und den idealen Teint. Ihre Nägel waren perfekt. Ihre grünen Augen saugten sich an dir fest. 

“One room? Just one night?“ fragte sie mit einem Blick, der mich kaltstellte. Sie performte ihr Interesse an dir. Ihre Zunge zuckte kurz über die Lippen, ein Reflex vielleicht, oder eine Einladung. Du sagtest “Yes“ und fülltest das Formular aus. Und sie lehnte sich zurück, um den Moment zu genießen. Ich sah, wie sie deinen Namen las.

“Let me know if you need anything”, sagte sie.

“We will”, sagtest du. Ich stand daneben, mein Pass in der Hand. Sie schob den Schlüssel über den Tresen.

“Room Nine. Air con works if you don’t push it too hard.”

“Thanks”, sagtest du.

Ob ich eifersüchtig war? Ich fand, dass du zu nett zu ihr warst. Du solltest dich nicht auf ihr Spiel einlassen. 

Das Zimmer war eine Bruchbude. Die Schatten der Ventilatorblätter drehten klassisch Kreise wie in einem Film noir. Die Jalousien waren halb geschlossen, die Lamellen verklebt vom Wüstenstaub. Die Schlitze filterten und musterten das Licht. An der Decke zeichneten Risse eine Trockenflusstopografie.

Zwar sahen wir ihn nicht, aber wir wussten doch - der Himmel war gigantisch, ein Azur, das zu vibrieren schien. 

Die antiken Armaturen im Bad - gemeinsam gingen wir unter die Dusche. Der Strahl war erfreulich kräftig. Wir seiften uns gegenseitig ein. Unsere Lippen fanden sich. Deine Hände glitten über meine Schultern. Sie wanderten weiter, fanden meinen unteren Rücken. Deine Fingerspitzen zogen prickelnde Kreise. 

Abends begaben wir uns in die Epilogue Lounge. Die Bar war als Blase in einem imperialen Salzwasseraquarium eingelassen. Du erzähltest du von dreißigjährigen Vorstandsvorsitzenden, die in ihrer Freizeit den hybriden Bürgerkrieg mit einer Agenda der Unversöhnlichkeit auf die Magistralen der Welt tragen. Bewundertest du das doppelbödige Engagement? Es lieferte Bilder, die in den Kinderzimmern zündeten: als Vorlagen für eine Aufstandsästhetik, die so anziehend wirkte, dass Bürgerkrieger sie kopierten. 

Da kam der ultimative Jugendstil her. 

Die größte Bedrohung erkanntest du in der denkenden Maschine. Sie diente dir als Antagonistin der Humanität in den Erscheinungen eines oppositionellen Menschenbildes. Du vermutetest Zombies unter uns. Du bezogst dich auf Luciano Floridi. Jener betrachtete die Menschheit an ihren Rechnern als „informationelle (lernenden Maschinen ausgelieferte) Organismen“.

Ich lenkte mich mit dem ozeanischen Szenario ab und verlor mich in Ansichten von Seepferdherden, die Algenalmen abweideten.

Wir speisten dann auf einer Terrasse auf Klippen unter einem Segel. Ich aß ein Curry aus Buschtomaten und Kabeljau, der Fisch fangfrisch, die Soße fruchtig-scharf; du gebratene Garnelen mit Karotten-Ingwer-Chutney. Dazu tranken wir Ginger Beer on the Rock.

Geologische Ehrfurcht

Wir fuhren weiter Richtung Westkap. Die Straße mäanderte unter einem prahlenden Himmel, vorbei an wilden Oliven, windgebeugtem Fynbos und knorrigen Protea-Sträuchern. Unsere erste Tagestation war eine beinah trockengefallene Sandsteinschlucht am Breede River.

Der Canyon öffnete sich unvermittelt - ein Schnitt ins Herz des Landes. Eine Abfolge von Faltungen, Brüchen und furios gemixten Sedimentschichten. Schicht um Schicht erzählten sie von vorzeitlichen Meeren, tektonischen Auffahrunfällen, Jahrmillionen der Erosion. Quarzitsäulen ragten senkrecht auf. Den permanenten Pool auf der Sohle erlebte ich als menschenfreundliches Naturwunder. Ich zog mich aus, ließ mich langsam ins Wasser gleiten. Es war klar und kühl, eine mineralische Haut, die sich anschmiegte. Du folgest mir. Ich trieb auf dem Rücken, sah hinauf. Der Himmel war ein schmaler Aufriss zwischen schroffen Wänden. Irgendwo pfiff ein Rotschwingenstar, der hierzulande Rooivlerkspreeu hieß.

Am späten Nachmittag erreichten wir eine wenig bekannte Schlucht, verborgen im Abseits touristischer Routen. Die Verkehrsschilder waren verbeult und zerschossen. Die Steilwände bestanden aus devonischem Sandstein, vor über 350 Millionen Jahren abgelagert, als die Gegend noch Meeresboden war, durchzogen von Deltas und Lagunen. Deutlich zu sehen war eine Signatur tektonischer Spannungen. Die Schlucht selbst war das Ergebnis jener Urkräfte - Faltung, Hebung, Verwitterung. Die Hitze vibrierte. Selbst die Schatten flimmerten. Wieder überkam mich das Gefühl, an einem Ort außerhalb der Zeit zu sein. Ein Gefühl, das es in Europa für mich nicht gab.

Da standen wir, du und ich, fast wortlos, während die Sonne unterging und das Licht die Steilwände vergoldete.

„Du bist still geworden“, sagtest du.

Ich nickte nur. Ich war gewiss nicht verstimmt. Es war Dankbarkeit, die mich beinah erschütterte. Für das, was ich sehen durfte. Für das, was ich vielleicht nie verstehen, aber doch fühlen konnte.

Ich war nicht mehr auf der Suche. Ich war angekommen - bei dir.

Loveline

… deine Präsenz ließ mein Herz erbeben.

„Zieh dich aus“, sagtest du leise. 

Ich sah die Glut in deinen Augen, dein Verlangen nahm mir den Atem.

„Ich fließe für uns, Liebster.“

Da stand ich nackt vor dir. Du berührtest sanft meine Brust, die Höfe und Spitzen.

„Küss mich“, bat ich. Deine Küsse vibrierten.

Die Lustsäule stieg in mir auf und breitete sich wellenförmig aus. Völlig überschwemmt presste ich mich an dich. 

Wir überließen uns unserer Liebeskörperweisheit.

Hier enden die Aufzeichnungen von Nanas Reisen. Der letzte Großausflug führte sie nach Südafrika. Sie erlebte ihn gemeinsam mit Goya. Beide wirken an der Ederthaler Landgraf Philip Universität in vorzüglichen Positionen. Zumal da geht die Geschichte weiter. Nana liebt das labyrinthische, vorgeblich wegen Baufälligkeit der Öffentlichkeit weitläufig entzogene, in karolinischen Klostermauern im 16. Jahrhundert gegründete Hochschulgebäude.

 

Auch als Jäger blieb der frühe Mensch weiterhin Beute. Selbst Homo erectus musste sich gegen Raubtiere behaupten und verlor vermutlich oft Kämpfe um Beute an Löwen und Hyänen. Die Gleichzeitigkeit diametral entgegengesetzter Rollen schärfte Bewusstsein und Bewegungsökonomie. Die Kombination von Aufmerksamkeit, Kooperation, Timing mit dem kreativen Einsatz von Werkzeugen ließen den menschlichen Jäger in der Nahrungskette avancieren.

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“A complete disconnection not only from the body but from our fundamental skills and ways of living connected to our embodied existence is starting to devastate at a population level. Social connection built on sitting in front of a screen together ...” palozzo.marcello, gesehen auf Instagram

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„Die Sprache wird zum Nervensystem der Menschheit.” Horst Tiwald

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Die Rekonstruktion prähistorischer Angriffstechniken früher Hominiden erfordert ein realistisches Verständnis ihrer biomechanischen Möglichkeiten. Anders als Raubkatzen verfügten Hominiden weder über Killerkiefer noch über extrakräftige Greifhände, die ein sofortiges Töten der Beute ermöglichten. Studien zur Biomechanik von Homo erectus und verwandten Arten zeigen, dass Beißkraft und Griffstärke im Vergleich zu Raubtieren gering waren. Daraus entwickelte sich eine Strategie, die den gesamten Körper als Werkzeug nutzte: Masse, Impuls, Hebelwirkung und koordinierte Bewegungen ersetzten Zähne und Krallen.

Ein zentrales Prinzip dieser Strategien liegt in der Nutzung kinetischer Ketten und rotatorischer Kraftübertragung. Die Wirbelsäule agiert als elastische Achse innerhalb einer Bewegungsabfolge, die Energie speichert und freisetzt, während die Rumpfrotation die Kraft kanalisiert und auf ein Ziel überträgt. In Kombination mit koordinierter Muskelaktivierung erlaubt dies explosive Bewegungen, die trotz relativer physischer Unterlegenheit Wirkung erzeugen – sei es, um Gegner zu destabilisieren, Abstände zu kontrollieren oder Werkzeuge effizient einzusetzen.

Diese Mechanik zeigt ein zentrales evolutionäres Prinzip: Der Mensch ist kein Fluchttier im klassischen Sinn, sondern ein Fluchttier mit außergewöhnlicher Fähigkeit zur Systemintegration. Effektivität entsteht aus Technik, Timing, Hebelwirkung, Kollektivität und Werkzeuggebrauch, während das Nervensystem die Risiken reguliert. Anders als ein neurobiologisch echtes Raubtier muss der Pseudoprädator Mensch nicht sofort töten oder maximal zuschlagen; seine Strategien sind auf Effizienz, Sicherheit und Energieökonomie ausgelegt – die evolutionäre Meisterleistung eines Fluchttiers, das dennoch an der Spitze der Nahrungskette steht.

Die evolutionäre Logik hinter diesen Strategien wird noch deutlicher, wenn man Bewusstsein und Angst in den Blick nimmt. Über Millionen von Jahren lebten unsere Vorfahren im permanenten Überlebensmodus. Raubtiere, klimatische Extreme, Nahrungskonkurrenz und interspezifische Konflikte bedrohten ihr Leben. In dieser Umgebung war Wachsamkeit entscheidend. Angst aktiviert den Sympathikus, steigert Herzfrequenz, Muskelspannung und Reflexgeschwindigkeit und schafft einen Zustand maximaler Reaktionsbereitschaft. Dieses Angstsystem koppelt sich an kognitive Prozesse. Wachsamkeit, Antizipation und strategische Planung greifen ineinander, sodass ein inneres Modell der Umwelt entsteht, das Handlungen präzise steuert – von Flucht über Jagd bis zu Werkzeuggebrauch.

Aus der permanenten Bedrohung entstand das menschliche Bewusstsein. Es ist ein adaptiver Mechanismus, der es erlaubt, Gefahren zu erkennen, Risiken zu vermeiden, Handlungen zu planen und Szenarien innerlich zu simulieren. Die Ambivalenz früher Menschen – zugleich Gejagte und Jäger – selektierte nicht nur körperliche Anpassungen, sondern auch mentale Flexibilität, soziale Kooperation und präzises Timing. Angst wird zur evolutionären Ressource. Sie bildet die Grundlage für Flucht, kognitive Kontrolle, strategisches Handeln und menschliche Innovationskraft.

Im Rahmen eines Initiationsgeschehens verbreiten die Orokaiva auf Neuguinea Angst und Schrecken unter ihren Nachkommen. Maskierte treiben die Kinder in die totale Panik. Sie erzwingen die Erfahrung, Beute zu sein. Die Torturen stellen den Auftakt umfangreicher Belehrungen dar. Am Ende erhalten die Initiierten ihre Zugangsberechtigung zur Jagdgemeinschaft.

„Die Verben des Kriegers (jagen, erlegen, kämpfen) sind das Vorspiel für sexuelle Beziehungen“, schreibt Pola Oloixarac in ihrem Roman „Wilde Theorien“. Die Familien- und Hausstandgründung erfolgt im nächsten Schritt.

Das Ego kommt mit dem Speer

Oloixaracs Helden Kamtchowsky und Pablo fragen sich: „Was befindet sich in den ältesten Kammern des Bewusstseins?“

Wo beginnt die Erinnerung der Menschheit?

Wenn man den Anfang mit einem Wort benennen möchte, dann ist Angst das Wort. Kamtchowsky bringt es auf den Punkt: Auf der Spur der Erinnerung erleiden wir noch heute das Grauen des fortgeschrittenen „Primaten, der im Übergang zum Menschen … zur Beute von Raubtieren wird“. Der Premium-Primat bleibt den tierischen Prozessen ausgeliefert, obwohl er ihnen entwachsen ist.

„Die Angst vor den Ahnen liefert uns Schlüsselbegriffe. Nachdem der Mensch über Millionen von Jahren ein untergeordnetes Element auf dem Speiseplan der Raubtiere war und sich deshalb ständig auf der Flucht befand, benutzt er ... Waffen, um der Macht der Bestien den ersten Schlag zu versetzen.“

Bewegung und Bewusstsein sind zwei Seiten derselben Medaille. Der Speer wird zum Ego. Ein guter Mann ist eine gute Waffe. Im entfesselten „Wir“ schafft der moderne Mensch Überlegenheit über das Tier. Doch ein unbezähmbarer Egoismus zwingt ihn immer wieder zur Isolation.

Bewusstsein und Beute

Feinberg/Mallatt entwickelten ebenfalls eine Theorie, nach der Bewusstsein eine Funktion der Jagd ist. Bewusstsein trat „dazu in Kraft, dass die ersten Raubtiere ihre Beute töten und die ersten Beutetiere ihnen entkommen konnten“.

Begehren als Erkenntnismedium

Die Athener folterten nicht nur die Angeklagten, sondern auch die Zeugen. Unfreie Menschen mussten ihre Aussagen unter Folter wiederholen. Aus griechischer Sicht waren Sklaven unanständige Menschen. Ihr niedriger Status wurde mit einem verdorbenen Charakter in Verbindung gebracht. Wenn ein Sklave vor Gericht starb, konnte nur über eine Entschädigung verhandelt werden. Die Antike verband Unfreiheit mit der Schuld der Unfreien. Nana gefällt die Vorstellung, mit solchen atavistischen Ansichten umgehen zu können. Nach ihren eigenen Worten ist sie sowohl „Granit als auch Regenbogen“ (Virginia Woolf). In einer Phantasie erhält sie ihren ersten erotischen Kuss im Alter von siebzehn Jahren in einem Fischerdorf am Tyrrhenischen Meer.

Nana erobert keine Orte, und sie sammelt keine Männer als Trophäen. Sie lässt sich einnehmen – von Landschaften, Begegnungen, Intensität. Jede Reise hat ihre eigene Physik, und jeder Mann gehört zu genau dieser Konstellation aus Zeit, Körper und Raum.

Nana rechtfertigt sich nicht. Sie erklärt nichts, entschuldigt sich nicht, übersetzt ihre Intensität nicht in moralische Kategorien. Die Erfahrungen erscheinen weder als Bekenntnisse noch als Ansprüche. Gerade die Weigerung, sich zu legitimieren oder gefällig zu erscheinen, hebt den Journaltext. Er traut der Leserin zu, Ambivalenzen auszuhalten und unsichere Übergänge zu akzeptieren.

Begehren ist weder Ablenkung noch Exzess. Es ist eine epistemische Haltung. Im Begehren nimmt Nana präziser wahr. Atmosphären verdichten sich, Landschaften offenbaren sich, Körper werden zu Orientierungsinstrumenten. Jede Beziehung eröffnet einen Weltzugang. Mit jedem Mann wird etwas anderes möglich.

Die Männer fungieren als relationale Körper, als Katalysatoren, nicht als Zentren. Was bleibt, ist Nanas Fähigkeit, Allianzen einzugehen – erotisch, intellektuell, energetisch –, ohne sich zu veräußern. Ihre Produktivität, ihre Klarheit, ihre Offenheit nehmen zu. Bindungen beschränken sie nicht, sie setzen Kräfte frei.

Manches Land wird in den Jahrhunderten zwischen Magellan und Cook mal von dieser, mal von jener europäischen Macht entdeckt und manchmal mehr als einmal von derselben. Australien ist bereits im 16. Jahrhundert ein europäisches Ziel, bleibt aber zweihundert Jahre lang Niemandsland in der europäischen Perspektive. Es gibt eine ozeanische Vergesslichkeit, die einsetzt, wenn kein Missionseifer und keine wirtschaftlichen oder strategischen Interessen Engagement fordern, wenn nicht Eifersucht und Konkurrenz zwischen Staaten der Alten Welt stimulierend wirken. Manchmal reicht ein missglückter Besiedlungsversuch, um eine Insel von der Karte zu nehmen.

Der niederländische Kapitän Abel Tasman bezeichnete die begehbaren Flächen im Pazifik als vorbewusste Räume der Welt. Er fand schlafende Länder, Stein- und Traumzeitreservate, die der Empfindung Vorschub leisteten: in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Er passierte Inselflure und beschrieb sie als poly nēsoi. 1642 erreichte Tasman Neuseeland, nachdem er das seit der Antike sagenhafte Südland (terra australis) umfahren hatte. Er segelte für die Dutch East India Company von Batavia aus, wieder ging es um Durchgänge und Abkürzungen ... während sich Colt Coogan - ein Urahne von Professor Goya - 1794 auf einem Schiff der British East India Company verleugnet. Er markiert einen Briten. Als erster US-Geheimagent kennt er das 1855 nach Tasman benannte Land noch unter dem Namen eines Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien - Van Diemen‘s Land (Vandiemensland).

Orientalische Troubadoure spielten die Musik eines Wüstenvolkes. Angeblich verkörperten sie eine Tradition vagabundierender Virtuosen, die einst Paläste abgeklappert hatten, so wie bei uns Minnesänger auf Burgen vorstellig geworden waren. Die „Uḍadē kārapēṭa” zogen mit zwei Tänzerinnen und einem Fakir umher. Der Fakir sah aus wie ein bulgarischer Ringer im Ruhestand. Jederzeit hätte er auch den Mörder in einem Remake von Agatha Christies Orient Express spielen können. Er schluckte Feuer, wälzte sich auf einem Scherbenbett bis zum blanken Grund und kratzte sich ausgiebig. Seine Fähigkeiten langweilten ihn offenbar. Vermutlich entstammte er einer Fakirfamilie und war vom Vater zur Ausübung seines Berufs gezwungen worden. Er trug weiter nichts als Schnauzbart und Lendenschurz im Stil von Tarzans Bademode. Ähnlich unverblümt brachten sich die Tänzerinnen ins Spiel, die Sache hatte Methode. Wahrscheinlich war das „Bett” deshalb so voll.

Eine Kneipe, die „Das Bett” hieß - auch das gab es in der kleinsten Universitätsstadt Deutschlands. Die Ederthaler Hochschule war aus einem von Philipp den Großmütigen in einem aufgelassenen, von Karl dem Großen gestifteten Kloster gegründeten Ritter Kollegium hervorgegangen und im Jahrhundert der Reformation in einem Wehrschloss etabliert worden. In der Gegenwart unserer Geschichte war bald ein Drittel an Anlage einsturzgefährdet. Die abgeriegelten Bereiche bildeten den Toten Trakt. Nana liebte es, im Schutt der Epochen erotische Scharaden aufzuführen. Sie hatte da mehr als einen Dozenten bis zur erotischen Weißglut gereizt. Nana zeigte sich stets unerschrocken. Sie entstammte einem Geschlecht Unsterblicher. Ihre Vorfahren wären markante hessische Persönlichkeiten gewesen und eben auch geblieben als Unsterbliche. Ernsthaft unterworfen war Nana nur dem kosmischen CC, der allerdings so sehr in sie verliebt war, dass er sie nur zum Schein schalt.

Im Augenblick der Ereignisse genoss Nana Professor Goyas Aufmerksamkeit. Mit ihm war sie im „Bett” - ein running gag auf den Institutskorridoren. Sich im „Bett” zu treffen, war der letzte Schrei. Die „Uḍadē kārapēṭa” stammten aus „Dynastien”, angeblich war ihre Heimat ein Schmelztiegel hinduistischer und islamischer Kultur. Das behauptete der Wirt. Leander war schon ziemlich hacke, aber Experte. Ferner behauptete er, barfuß und unblutig auf Scherben laufen zu können. Nana wünschte an dieser Stelle keinen Beweis. Ihr gefiel die ursprüngliche Trance Music. Es klang, als unterhielten sich Grashüpfer. Die Lieder wurden aus dem Gedächtnis gespielt, angeblich hielt man in ihrer Umgebung nichts schriftlich fest.

Das ausufernde Spiel der Tänzerinnen animierte Nana. Sie hatte ein offenes Ohr für Orgienwünsche; ein Organ für den Exzess. Das „Bett” verlor seinen Beatclubcharakter an Stimmungen wie in einem Animierschuppen. Im Trüben trieben Täuschungen auf, Halluzinationen, Simulationen, Narreteien. Nana dachte an den Regenbogen-Ragwurz. Die Lippe der Ophrys iricolor ist so gefärbt, dass man ein Insekt mit schimmernden Flügeln zu erkennen glaubt. Dem Irrtum erliegt nicht nur das menschliche Auge. Auch Bienen fallen herein. Die Rede ist von „Pseudokopulationen” mit fruchtbarem Effekt. Die Orchidee erhält sich so. Joris-Karl Huysmans nahm den Vorgang zum Beispiel für „Pflanzenintelligenz”. Marcel Proust verstand „die von sämtlichen Tollheiten der Vegetation” hochgejubelte „Königin des Treibhauses” als Parodistin der Dingwelt. In seinem Paris war sie eine Exilantin, die mit dem „falschen Äquator der Ofenheizung” vorliebnehmen musste. Nana wiegte sich in Goyas Armen. Sie verlangte von ihm nicht mehr als ihrem Verlangen zu genügen. Er zitierte Anne Sexton, die von „bösen Dingen träumte” und „in der schwarzen Nacht” umging als ihr eigenes Gespenst. Für sie zählte das Schreiben zur Schwarzen Kunst. Die Dichterin sah sich als Hexe, „mittelalt, ich”, das Gegenstück zu einem „wilden Mann”, der den Erdkreis „verschandelt”.

Nana fand sich in solchen Auffaltungen wieder. Goya spekulierte auf einen sinnlichen Nebeneffekt der Formantfrequenzen. Die Schwankungen des Luftdrucks massierten Nanas Profil vom Hals bis zum Ohr. Im Gegenzug leckte sie Goyas Hals. Sie legte eine Zeigefingerspitze auf seine Lippen, aber der Mund blieb geschlossen.

​​​​​Ich erinnere noch einmal daran, dass mein Erzähldampfer den Kurs gewechselt hat. Ich steuere Ederthal an, einen klandestinen Hotspot in der niederhessischen Savanne. Die erste urkundliche Erwähnung dieses magischen Fleckens an einer vom Kellerwald überschatteten Furt der in rauen Mengen Gold und Silber führenden Eder datiert auf das Jahr 773 und dokumentiert eine Klostergründung. Ederthal diente dem karolinischen Reich als Stapelplatz. Es avancierte zum europäischen Klondike, spielte eine Nebenrolle im Herrschaftsbetrieb der Battenbergs aka Mountbatten und war tatsächlich für kurze Zeit eine thüringisch-hessische Residenz, bevor Heinrich von Brabant Kassel zu seiner Hauptstadt machte. Im 14. Jahrhundert entstand ein Ritterkolleg vor Ort. Es verlor seine Souveränität an eine von Philipp dem Großmütigen in den Mauern des protestantisch geschliffenen Klosters etablierte und nach ihm benannte Universität. Der ungeheure, wegen Baufälligkeiten weitläufig gesperrte Kasten liefert dieser Geschichte den wichtigsten Schauplatz. Im toten Trakt der Hochschule tobt der erotische Bär mitunter auf dem Karzerabtritt. Das lateinische Wort carcer bezeichnet den Kerker. Im antiken Rom bezeichnete carcer einen Ort physischer Einschränkung und sozialer Ausgrenzung. Das Wort überdauerte die Antike und fand Eingang in die mittelalterliche Bildungswelt. Im Rahmen autonomer akademischer Gerichtsbarkeit disziplinierten und sanktionierten Geistes- und Gremienfürsten in universitären Arrestzellen – dem Karzer. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde der Aufenthalt im Karzer als Initiationsritus und Ehrenstrafe wahrgenommen. Die Insassen hinterließen Zeichnungen, lyrische und prosaische Inschriften, die heute als kulturhistorische Zeugnisse gelten, in Ederthal aber dem breiten Publikum vorenthalten bleiben; während Nana es liebt, angesichts der historischen Patina erotische Scharaden aufzuführen; dies am liebsten mit Goya. In dem genialen Philologen inkarniert sich der nordhessische Halbgott CC. Wenn Sie jetzt an Cosmic Cock denken, dann ist das Ihre Sache. Ich hüpfe in eine Szene.

Das Paar kam an den Punkt, wo sich die Richtung des Begehrens nicht mehr verleugnen ließ.

„Gleich ... ich dich, meine Schöne”, verkündete Goya gewissenhaft. Nana prüfte die Valeurs. Derselbe Satz konnte unpassend sein oder ausgeleiert. Er durfte die nötige Differenz nicht nivellieren und Nanas Ansehen nicht beschädigen.

Was machte den Satz richtig? Richtig machte den Satz die Gier eines Adäquaten.

„Ich kann es kaum erwarten”, verkündete Nana majestätisch.

*

Aus den Aufzeichnungen des Friedrich von Pechstein, einem Vorfahren unserer Heldin. Der Kasseler/Casseler Geheime Rat beobachtet im 17. Jahrhundert das am Amazonas nomadisierende Volk der Tapuha. Er erkennt, dass diese Volksgemeinschaft ihren Charakter allein aus dem Willen zur Freiheit gewinnt. Ethnische Begründungen fallen flach.

Sobald ein Krieger Fische und Vögel infolge einer Sehschwäche nicht mehr nach Belieben erlegen konnte, verlor er seine Sorglosigkeit. Seine Persönlichkeit fing an zu knatschen. Zu den Besonderheiten der Tapuha zählte die Hochachtung vor den seelisch Verkarstenden. Vitale beriefen Greise zu Senatoren. Die Alten tagten so lange, wie das Bier reichte, ihre Beschlüsse waren unumstößlich.

Alten Alkoholikern kam es zu, die Gemeinschaft in feurigen Ansprachen für den nächsten Waffengang zu begeistern. Sie riefen den Heldenmut der Ahnen und die Feigheit der Feinde ins kollektive Gedächtnis, um das Selbstbewusstsein jedes einzelnen zu fördern. Alsdann wiesen sie den jungen Leuten ihre Posten an und befahlen den Hinterhalt.

„Denn ihre einzige Taktik liegt im Überfall.“

Die Senatoren waren kolossale Pädagogen mit Schuppenflechten. Aus Pechsteins Aufzeichnungen: „Sie sprachen dem Wein mächtig zu. Sie kannten nicht die Agonie der Angestellten. Sie beanspruchten die Freiheit der Künstler und pfiffen auf die Sicherheit eines Abhängigen.”

Die Gaukler unterschieden sich in ihrem Einfallsreichtum nicht von heutigen Projektmanager der Kreativwirtschaft. Ihre Kindheit lag fern an den Strömen Erinnerung und Imagination. Nah lagen der Amazonas und gefährlicher Badespaß. Jeder hatte seinen Kaiman im Badezimmer lange überlebt.

Inzwischen hatte man sogar einen Begriff von der eigenen Wildheit. Die gebändigten Völker an der Küste boten abschreckende Beispiele. Das 17. Jahrhundert zeichnet die christianisierten Inder in ein Bild, vor dem sich die Natur erbrach. Die vom Pesthauch der Zivilisation berührten Indigenen waren so jämmerlich, dass sie sich selbst verkauften. Sie vertrugen keine Arbeit, ihre Versklavung war kolonialer Unfug.

Die Tapuha aber richteten ihre Wohnsitze nach den Ratschlägen betrunkener Wahrsager in großem Abstand zu den portugiesischen Siedlungen ein. Ihre Häuptlinge erkannte man an der Frisur. Sie trugen Kreppwellen. Sie ritzten sich zur Abhärtung. Die jüngsten Krieger belasteten sich mit Gewichten und rannten um die Wette: bis Erschöpfung sie zwang, das Gewicht weiterzugeben. Zum Ausweis ihrer Verdienste ließen sie die Fingernägel wachsen. Diese Freiheit war ein großes Privileg, vergleichbar mit einem königlichen Lehen.

Landbau kannten die Tapuha nicht. Beeren und Wurzeln dienten ihnen als Zubrot zum Wildbret. Das Fleisch legten sie in eine Grube unter Blätter und Erde und zündete darüber ein Feuer an. Die Grube funktionierte wie ein Backofen.

Pechstein notierte: „Die Tapuha garen und schmoren wie die Weltmeister.”

Aufwand in der Küche zu treiben, stellte sich schließlich als ein Merkmal für Friedfertigkeit heraus. Heute nennen wir jene Völker pazifistisch, die sich Zeit beim Kochen lassen.

Pechstein bemerkte, dass die Tapuha in ihren Gauen sehr unterschiedlich erscheinen. Er folgt einer Gruppe „riesenhaft Hellhäutiger”. Sie führten „ungeheure Bögen, welche sie so geschickt zu handhaben wissen, dass ihnen keine Fliege entgeht. ... Im Laufen und Springen kommt ihnen keiner gleich.”

Offensichtlich teilen sie mit den Übrigen nicht die Abstammung. Pechstein schreibt: „Wie einst in den Hochöfen germanischer Migration Stämme verschmolzen, kann offenbar jeder Tapuha sein, der Anschluss sucht und dem die Gemeinschaft Stärke zubilligt. Ich nenne den hellen Haufen Bogenkönige, da seine Krieger ihre mannsgroßen Waffen überheblich handhaben ... Sie sind nicht nur mit den Indern nicht verwandt, sie verbinden sich auch nicht mit ihnen. Ich sah solche Männer in Feuerland und in der Bretagne. Sie wohnen weder in Häusern noch in Dörfern beisammen, sondern streifen wie wilde Tiere durch den Flur und schlafen auf der nackten Erde. Sie behausen hohle Baumstämme zuzeiten. Ohne Unterschied machen sie Jagd auf Menschen und Tiere und fressen alles roh. Sie verzehren sogar ihre Kinder, wenn dieselben bald nach der Geburt sterben.”

Chemische Verteidigung – Bombardierkäfer (Brachininae)

Bombardierkäfer verteidigen sich mit einem chemischen System. In ihrem Körper werden reaktive Substanzen getrennt gespeichert – Wasserstoffperoxid und Hydrochinon. Erst in einem spezialisierten Reaktionsraum treffen sie aufeinander. Da setzt eine kontrollierte, explosive chemische Reaktion ein. Das Ergebnis ist ein heißes, ätzendes Spray, das mit überraschender Präzision auf Bedrohungen gerichtet wird.

Dieses System nutzt physikalische Prinzipien. Die Temperatur steigt bis zum Siedepunkt des Wassers, der Druck im Reaktionsraum steigt an, und die Flüssigkeit wird gezielt abgegeben. Kein Zufall, kein „Superangriff” – jede Abwehraktion ist ein perfekt abgestimmtes Zusammenspiel von Chemie, Mechanik und Biologie.

*

Flüchtigkeiten aus Wahrnehmungs- und Erinnerungsessenzen. Tagträume. Gedankentreibgut ... die Geschichte spielt in der fiktiven nordhessischen Universitäts- und ehemaligen Residenzstadt Ederthal. Die Hochschule wurde im Mittelalter unter protestantischen Vorzeichen gegründet. Sie ging aus einem Ritterkolleg hervor und heißt nach ihrem Gründer Landgraf Philipp Universität. Ihrer ersten Gestalt nach war sie eine Burg. Heute (in den 2020er Jahren) entspricht der Campus einem Epochenmix. Einzelne Gebäude sind eingerüstet. Einige sind wegen Baufälligkeit vom Publikumsverkehr ausgeschlossen. Es gibt einen toten Trakt, in dem auch schon erotische Scharaden aufgeführt wurden. Zu den klandestinen Bezirken innerhalb dieses Kremls der Gelehrsamkeit zählt die seit bald zweihundert Jahren nicht mehr genutzte Fürstenwohnung. Nach dem Ende der Ederthaler Residenzherrlichkeit diente sie hessischen Landgrafen und Kurfürsten als Unterkunft bei Stippvisiten. Sie hat einen weitgehend unzugänglichen, geradezu verwunschenen Garten. Nana von Eisenreich liebt den Blick auf das mit seltenen Gewächsen besonders gehaltene Kleinod. Der Garten zählt nach ihren Begriffen zu den Privilegien, die sich mit der fast schon intimen Nähe zum Dekan des Germanistischen Seminars verbinden. Professor Goya bekleidet sein hohes Amt in dem beinah noch jugendlichen Alter von zweiundvierzig Jahren.

Goya ist der Sprachmeister. Das ist ein historischer Titel.

Doch geht es im Augenblick nicht um Goya. Zum ersten Mal ist Nana bereit, ihr süchtiges Interesse an Chet zuzugeben. Die Verlässlichkeit ihres Begehrens lässt sie moussieren. So ausdauernd scharf war sie noch nie auf einen Mann. Mit der Ernsthaftigkeit einer Novizin wendet sich Nana Chet zu. Der Dozent zitiert Didier Eribon: Emanzipation braucht Urbanität und Freizügigkeit. Er erinnert an Transvestitenbälle in New York als Magneten für heterosexuellen Voyeurismus. Subkulturen sind Erben uralter Lebensweisen. Eine Reflexion der Belle Époque und der Années folles beleuchtete die Ikonographie und Barmetaphorik der Pariser Treffpunkte, als James Baldwin in der Stadt war. In Gedanken führt Nana Chets Finger. In Wirklichkeit braucht sie das nicht. Die Worte bilden einen Körper mit den richtigen Eigenschaften.

Nana verbirgt ihre Entschlossenheit. Sie offenbart sich nicht in den Kleinigkeiten des Alltags. Was sie nicht will, ist ein schlecht nachgeahmter venezianischer Karneval mit Masken und Fackeln und abgenutztem Fetischkram. Sie will keine angestrengte Klugscheißerei. Vorhin hat sie Chet in einer Vorlesung sagen hören: Concierge leitet sich ab von Comte des cierges – Graf der Kerzen. Das reichte für einen Moment zwischen Vorglühen und Nachbeben. Es gibt so viele leere Räume in dem alten Unikasten und sogar einen toten Trakt voller mumifizierter Mäuse. Nana weiß, dass Chet seinen Studierenden Pierre Bourdieus „Anamnese der verborgenen Konstanten” empfiehlt. Er ist also ein Komplize. Nana sehnt sich nicht nach einem Komplizen. Sie will auf die richtige Weise falsch verstanden werden. Chet hört auf, sich vorzutasten. Jetzt sitzt er im Sattel. Noras Gesicht täuscht einen aufmerksamen Ernst vor. Noch immer liegen zwei Lagen Stoff zwischen Chets suchenden Händen und Noras reizender Blöße. In der chinesischen Kampfkunst unterscheidet man zwischen Wu Sao und Man Sao. Wu Sao bezeichnet die sichernde Hand, Man Sao die neugierige Hand. Chet hat keine sichernde Hand mehr.

Die unterschätzte Sinnlichkeit - Brustwarzenstimulation und weibliche Lust

Sexuelle Lust wird oft auf die Genitalien reduziert, als wären sie das alleinige Zentrum menschlicher Erregung. Doch der Körper ist komplexer, vernetzter – und überraschender. Ein besonders interessantes Beispiel dafür ist die Rolle der Brustwarzen in der weiblichen Sexualität. Für manche Frauen sind sie nicht nur eine erogene Zone unter vielen, sondern ein eigenständiger Zugang zu intensiver Lust, der sogar bis zum Orgasmus führen kann. Dazu bald mehr.

Eine göttliche Offenbarung riss Nanas Freundin Lale einst aus dem Rinnstein und expedierte sie in die Küche des sagenhaften Vincent. Dieser Dinosaurier seines Fachs gehört einer Kohorte von Küchenrevolutionären an, die der molekularen Labor-Gastronomie den Weg wiesen. In der Handlungsgegenwart lässt sich der Veteran nur noch historisch erklären. Vincent profitiert von dem Wunsch seiner Gäste, einen Helden am Herd zu verehren. Ihr kulinarisches Halbwissen interpretiert die Restaurantküche als Raubtierkäfig mit Greifern aller Größe. Vincent spielt in diesem Szenario den König der Tiere. In Wahrheit schmeißt Lale den Laden. So was sieht man nicht von außen. Das wäre geschäftsschädigend. Niemand fände es plausibel für die Tellerfertigkeit einer Drogenkranken, die sich täglich neu mit Rigorosität und Religion kuriert, seinen Namen auf Wartelisten setzen zu lassen und Vincents Preise akzeptabel zu finden. Der Gast zahlt für eine gelungene Täuschung. Vincent, längst vollkommen verschlissen, raucht über seinem Creuset-Equipment, der Schweiß überrennt das Donnerhaupt wie Schmelzwasser einen Stein. Asche und Schweiß fusionieren mit den Dingen in den Töpfen.

Es ist eine Schweinerei, die in einem Wunder der Suggestion zum magischen Vorgang transformiert. Nie sah ein Gast die Küche und den uniformierten Fleiß, die eiserne Routine der Mannschaft, die von Vincent manchmal wie Sklaven und manchmal wie Mitgötter behandelt werden.

Mise en placelet’s roll.

Der Asket bringt die Bereitschaft mit, sich gegen seine Natur zu wenden. Wird diese Tendenz dynamisiert von Optimierungserwartungen, heißt Erziehung der Schlüssel zum Erfolg. Im 5. Jahrhundert breitet sich „eine geregelte, reflektierte und kontrollierte Praxis der Askese“ aus. Einen architektonischen Rahmen liefern Klöster. Die Wissensgesellschaft formiert sich. Das erste Informationszeitalter bricht an. Ihrem Wesen nach ist die mit sich selbst befasste Kirche eine Akademie und so auch ein Weltraumzentrum, in dem Himmelfahrten organisiert werden. Was ist erforderlich, dass du mitfliegen darfst?

Drei Begriffe greifen ineinander: Keuschheit – Reinheit des Herzens – geistiger Kampf. Die Keuschheit des Körpers koinzidiert mit der Keuschheit des Geistes. Die Gedanken sind nicht frei. Phantasie ist gefährlich. Die Erziehung bricht auf in der Zucht. Das Gegenstück: Unzucht; ein Wort, das sich lange hält und bis heute nach Urinstein, Waisenhaus und Jugendstrafvollzug stinkt.

Unzucht. Das Wort atmet in Nana. Sie will Unzucht treiben, wie soll das überhaupt gehen in einer säkularen Gesellschaft.

„Lass’ uns heute Abend noch unzüchtig werden“, bittet sie Chet via WhatsApp, während sie die Lebensgefährtin eines anderen Liebhabers gemein anlächelt. Die Frauen sitzen im legendären ‚Da Vincent’ an verschiedenen Tischen und doch nah genug, um ihre Parfüms riechen zu können. Eine mörderische Spannung liegt in der Luft. Nana und Madeleine kennen sich aus einer öffentlich-intimen Konstellation. Madeleines Mann Roger hatte das Vergnügen Nana vor den Augen eines begeisterten Auditoriums in einem Frankfurter Club zu penetrieren, während Nana außerdem das Vergnügen hatte, von Madeleine geleckt zu werden. Der am Hintern der Graduierten klebende Grandseigneur gab vermutlich ein Bild für die Götter ab.

Um Chet in Schwung zu bringen, formuliert sie: „Ich möchte auf etwas bewegt werden, dass ich für einen Altar halten darf.“  

Ich möchte bewegt werden. Vier kleine Worte reichen für ein bilaterales Aufrauschen. Sie kommen Chets Wunsch entgegen, Nana in den Griff zu kriegen und ihren Scharaden ein handfestes Ende zu bereiten. Nana erregt Chets Verzweiflung, die sie heraufbeschworen hat. Er kann sich nicht sicher fühlen. Er darf sich nicht sicher fühlen. Sonst könnte er nachlassen. Er könnte seine Anstrengungen verringern; anstatt sie zu verdoppeln. Kurz gesagt, Simone fordert Chet wie eine Trainerin, um ihn an seiner Leistungsgrenze zu halten. Trotzdem baut er ab. Etwas klemmt in dem aufgeladenen Verhältnis. Noch ahnt Nana nicht, was es ist. Allerdings spürt sie eine gewisse Einseitigkeit, wie einen Gleichgewichtsverlust.

Zur gleichen Zeit doziert Grandmaster Goya über Michel Foucault. Die Antwort auf alle Unwägbarkeiten lautet Erziehung. Das stellt Foucault beinah am Ende seiner Reise zu den Quellen des Nils der „Sexualität und Wahrheit” im vierten Band fest. Er beschreibt das Projekt des Christentums als eine post-antike Verbesserung des Menschen in Glauben und Verzicht. Foucault zeigt, dass die Ökonomisierung der Sexualität, die sich bis in den Regelvollzug fortsetzt, nicht erst vom Christentum ausgelöst wurde, sondern vorher da war. Die apostolischen Einlassungen basieren auf Milieuübereinkünften in einer nicht christlichen Welt. Am Anfang vom Ende einer langen Strecke des Begreifens zeigt Foucault, dass die Kirchenväter zu Anfang der christlichen Zeitrechnung stoische Leitsätze kopierten. Er durchforstet die Reglements von Taufe, Sünde und Buße in der Gemeinschaft der Gläubigen.

„Die Vielseitigkeit und Unbeständigkeit” des Menschen verlangen Regulation. Über die Vereinfachung gelangt man zur Askese.

Zitiert aus Michel Foucault, „Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit”, Band 4., herausgegeben von Frédéric Gros

Erotische Startbahn

Vermutlich braucht die Erzählerin, die Worte fühlt, eine doppelte Imago. Ein furioses Gehirn, das bis auf ihr Skelett durchgreift und sie erschauern lässt wie in einem englischen Roman aus dem frühen 19. Jahrhundert, und jemanden, der eine Einladung in eine Eisdiele so unschuldig aussprechen kann, dass die Erzählerin sich in der Vorstellung verliert, er könne, während er über Oscar Wilde spricht, einen Schenkel so berühren, dass sie Gefahr liefe, den Strohhalm in ihrem Eiskaffee zu zerbeißen.

Für Nana ist jede sexuelle Interaktion so schön wie die Narration, die den Akt bekränzt. In einem bettwarm-schläfrigen Augenblick im letzten prä-pandemischen Sommer assoziiert sie ein prestige-prächtig geschmücktes, frisch aufgeworfenes Grab. Sie sieht sich auf einer großbürgerlichen Beerdigung mit berühmtem Trauerredner. Nana sitzt neben Goya und das löst genug aus, um komplizenhaft zusammenzurücken.

Überall drohen die Fallstricke des Mechanischen. Ein falsches Wort, dessen Redundanz offenbart, wie unverbindlich der Sprecher zur Sache kommt, verkürzt die erotische Startbahn so, dass Nana nicht abheben kann.

Ein wortlos durchgeturnter, orgastisch finalisierter Akt bleibt eine trostlose Angelegenheit. Etwas kann öde sein und trotzdem mit einem Orgasmus enden. Die Lust hat ihr eigenes Alphabet, jeder muss noch einmal von vorn anfangen, sobald er sich selbst gegenüber persönlich werden möchte.

Charles Baudelaire nannte George Sand eine „Spießerin der Unmoral“. Er unterstellte ihr die Urteilstiefe einer „Gardienne“. Darüber würde Nana kein Wort verlieren, wäre es nicht Baudelaire gewesen, der, so erklärt es Hans Mayer, „die Dialektik von Skandal und bourgeoiser Gleichschaltung im Fall George Sand“ aufdeckte.

Aurora und Leopold von Sacher-Masoch sind gefragte Leute. Leopold steht als Skandalautor hoch im Kurs. Die originellsten Köpfe der Epoche pilgern zu dem Schreibritter nach Graz, ohne sich an dessen bodenständigen Überspannung zu stören. Bodenständig, so formuliert Nana, weil der räumliche Radius des Erotomanen einen stabilen Gegensatz zu seinen literarischen Ausschweifungen bildet. Das urbane Zentrum der Steiermark ist viele Jahre der Dreh- und Angelpunkt eines Autors mit europäischer Ausstrahlung.

Aurora begegnet Alberta von Maytner, die unter dem Pseudonym Margarethe Halm publiziert. Mit merkwürdigen Begründungen vermeidet die Schriftstellerin den öffentlichen Verkehr. Im Sommer ist es zu heiß, im Herbst zu kühl, im Winter zu kalt. Das Frühjahr bleibt in der Aufzählung außen vor.

Kälte macht „hässlich“. Besuch empfängt Maytner im Schlafzimmer. Ein mit Mullbahnen verhangenes Bett fungiert als pièce de résistance. So sagt es Aurora. Sie findet Maytner „noch ... hübsch genug“.

Im Bett trägt die Ultrahäusliche ein „Hofkleid ... (mit) ungeheurer Schleppe“.

„Ihr schwarzes Haar, das drei Tage in der Woche in Wickeln schmachten musste, war jetzt frei und flutete ihr in graziösen Wellen über den Rücken.”

Maytner betrachtet sich als Stammmutter einer neuen Menschheit. In ihrem Schlafzimmer empfängt sie göttliche Sendungen. Der angenehm skeptischen Aurora versucht sie esoterisch den Mund wässrig zu machen; während Leopold der Verstiegenen nach dem Mund redet. Ihm kann kein Mensch zu irre sein.

Zu den ausgefallensten Persönlichkeiten in Leopolds Dunstkreis zählt die Lektorin und Übersetzerin Anna-Catherine Strebinger. Sie lässt sich „selbst gekaufte Blumen oder selbst aufgegebene Telegramme ins Theater bringen”, um sie mit großartigem Erstaunen entgegenzunehmen.

Aurora nennt sie Kathrin. In Österreich erscheint Anna als Inbegriff einer Französin, obwohl sie das mit einem bayrischen Vater in dem aufgeheizten Postbellum-Klima nach 1871 so wenig sein darf, dass ihr Dauerverlobter, der leidenschaftliche Anti-Bonapartist und zeitweise als französischer Präsidentschaftskandidat gehandelte Marquis de Rochefort, von seinen Parteigängern vor die Wahl gestellt wurde, von Kathrin zu lassen, oder aber die Unterstützung seiner Partei zu verlieren.

Das referiert Nana in Goyas Gegenwart. Er sitzt an ihrem Uni-Schreibtisch mit freiem Blick auf die Institutslinde vor dem Fenster. 

Sie hört sich sagen: „Ich lass‘ dich nie mehr los.“

Am liebsten würde sie fürderhin nur noch ein reizendes Bild abgeben. Nana will ein unauslöschlicher Teil von Goyas innenweltlichen Bildergalerie werden. Er soll sie nie mehr aus dem Kopf kriegen. Für später merkt sie sich den Satz: Wir haben unsere Erregung verbraucht und sehen uns nun mit scheuen Augen an.

Wie gesagt, das ist eine Phantasie. Manchmal cruisen sie gemeinsam in Nanas restauriertem 68er-Mustang GT Fastback ... und Goya sieht auch ein bisschen so aus wie Steve McQueen als Lieutenant Frank Bullitt in der legendären Verfolgungsjagd auf den Straßen von San Francisco ... durch die nordhessische Savanne. Sie erreichen eine Aue in einem Fuldatal. Nana glaubt zu träumen, so blau liegt der See in der Grundmoränenlandschaft. Der See füllt eine Través de glaciares, eine niedliche glaziale Rinne. Buben singen böse Lieder an seinem, von urweltlichem Wurzelwerk geäderten Ufer. Ihre Bestien liebäugeln mit Fahrradfahrerwaden.

Blauäugige Aufmerksamkeit

Für William Gaddis war Realität „nichts anderes als die umlaufende Rede“. Hanns Zischler spricht von „asynchroner Wahlverwandtschaft“. Das von Henry James „unter den Teppich gekehrte Gemurmel Amerikas“ habe Gaddis „hörbar“ gemacht. In den 1990er Jahren ging um die Etablierung eines weiteren Genies im deutschen Buchmarkt, man hatte sich auf Gaddis geeinigt wie in einem anderen Jahr auf Göttle, Gabriele, Gaddis kam zur Messe nach Frankfurt, Goya sollte ihn porträtieren. Der Gaddis-Klan war seit den Tagen von Peter Stuyvesant in New York tonangebend; jedenfalls war das die Suggestion. Gaddis repräsentierte seine Klasse bis zu den Ziselierungen. Er erschien als Klischee eines White Anglo Saxon Protestant mit Hosenträgern. Er sah aus wie eine Erfindung von Tom Wolfe.

*

Charles Darwin glaubte an einen Swing von weiblichen Partnerwahlpräferenzen und männlichem Selektionsdruck. Der britische Statistiker und Evolutionstheoretiker Ronald Aylmer Fisher (1890 - 1962) griff Darwins Idee von einer natürlichen Optimierung auf, um ihr zu widersprechen. Fisher etablierte die sexuelle Präferenz als Komplementärkategorie zur natürlichen Selektion. Die Bevorzugung von Merkmalen führt nach der Sexy Sons Hypothesis zur Durchsetzung von männlich konnotierten Farben und Formen. Interessant ist hier die Geringfügigkeit eines Farbvorteils, der in evolutionären Prozessen mit aller Macht nach vorn getragen wird, ohne die Überlebenschancen der Merkmalträger zwangsläufig zu verbessern. Fisher nannte den kuriosen Vorgang Runaway Process. Auf dieser Strecke werden Selektionsnachteile (wie etwa ein beschwerlicher Federschmuck) so lange weitergegeben, bis vitale Beeinträchtigungen das Experiment stoppen.  

So kann der weibliche Schönheitssinn in die Irre führen. Die pfauenprächtigen Gefolgsmännchen ihres Vaters lösen in Nana eine gesunde Skepsis aus. Die designierte Nachfolgerin und bestplatziert Kandidatin akademische Spitzenposition orientiert sich lustvoll an menschlichen U-Booten auf Schleichfahrt, die ihre Vorzüge in einem Schattenmantel verbergen.

Nanas Freundinnen favorisieren extrem auffällige Männchen, deren Performance auf optische und akustische Maximalreize ausgelegt ist. Die Präferenz einer Gefiederten für lange Schwanzfedern bewirkt die sogenannte positive Rückkopplung, die sich bald paradox auswirkt. 

„Der Koppelungsprozess führt in kurzer Zeit zu extremer Merkmalsausprägung.“ 

Überzogene Federschwanzlängen wirken sich bei Pfauen so kostspielig aus, dass sie einen deutlichen Überlebensnachteil im Zuge eines hohen Energieverbrauch, und einer Beeinträchtigung der Mobilität darstellen. 

Man spricht von Selbstverstärkung. „Die Farbpräferenz des Weibchens sorgt für die Selektion der männlichen Gene, die darüber hinaus keine weiteren Vorteile bieten müssen (Axel Buether).“ 

Nana reagiert zuerst auf einen Geruch kurz vor Katzenpisse und dann erst auf die huskyblauen Augen des zweifellos amerikanischen, auf die skandinavische Art gutaussehenden Barmannes. Er beherrscht die Kaffeezubereitung nach dem Barista-Komment. Seinen Bewegungen fehlt aber das legendär Somnambule. Sein einheimischer Kollege wirkt wie von einer Kaffeemaschine gezeugt und lange gesäugt. Das ist eine ganz andere Performance.

Nana sucht die blauäugige Aufmerksamkeit. Sie schnappt den relevanten Namen auf - Clark. Die Philologin prüft das Silbenkleid von Clarks Anglodeutsch und vernimmt eine sie belustigende Freude an den fremdsprachlichen Schrunden. Stark angezogen fühlt sie sich von dem Spaß, den Clark hat. Zwei Stunden später weiß sie, dass er …

Jetzt sind wir endlich da, wo die Sprache aus dem Raum hinter den Dingen hervortritt und sich zeigt in ihrer göttlichen Herrlichkeit. Als Herrin des Geschehens und Hüterin der Menschenwelt dir und mir zeigt. Jemand spricht auf einem Vorhof der Eigentlichkeit von Nähe. Verdichtung. Wärme. Vom Verbalen als Intimität. Von Zuwendung in Form von Worten. Von einer Form von Zuwendung. Einen Satz mit der Kraft deiner Lippen an meinem Hals vernehme ich nicht. Dieser Sprecher kennt kein Wort, das mir mehr sagt. Dann bist du da, endlich. Hübsch finde ich dich. Du redest sofort nur noch mit mir. Ich erlebe es so, als fassest du mich an. Deine Worte stromern durch meine Lustlandschaft. Silbengenau erkunden sie die Schwelle, an der das Wort nicht mehrfür etwassteht, sondernselbst etwas ist. Sprache nicht als Medium, sondern als überwältigendes Momentum. Ich bleibe bei dir (stehen), ich kann gar nicht anders. Gemeinsam formulieren wir dasManifest der sprachlichen Intimität.

Du sagst etwas und ich kriege Gänsehaut. Ich reagiere auf etwas, dass mein Ohr nicht hört, mein Körper im Ganzen aber schon. Ich nehme es wahr als Vibration, Druckgefühl, Unruhe oder eben Gänsehaut. Niederfrequente Töne wirken direkt auf den Körper, auf das Zwerchfell, das Nervensystem und die Organe. Sie lösen Angst, Erregung, Präsenz aus. Ich glaube, dass du solche Prozesse steuern kannst. Das macht dich für mich zu einem modernen Magier. Du nutzt die niederfrequenten Anteile deiner Stimme, um Vertrauen und Verlangen auszulösen. Da bin ich mir sicher. Schwingung und Resonanz - Schamanentrommel, Didgeridoo, OM-Chant: das sind Werkzeuge der Infraschall-Kommunikation. Blauwale und Buckelwale erzeugen extrem tiefe Gesänge, die durch das Meerwasser mit erstaunlicher Effizienz reisen. Diese Laute, die weit unterhalb der menschlichen Hörgrenze liegen, können sich über mehrere tausend Kilometer hinweg ausbreiten, da sie kaum vom Wasser absorbiert werden. Der Ozean wirkt wie eine akustische Linse. In der sogenannten SOFAR-Schicht bewegen sich die Schallwellen nahezu verlustfrei. Manche Wissenschaftler vermuten sogar, dass sich Wale über globale Entfernungen hinweghören können, mit einer Art planetarischem Echolot.

Nana wechselt ständig die Sphärensättel. Sie switcht zwischen poetischem Raunen und akademischer Präzision, zwischen Körper und Konzept, zwischen Zärtlichkeit und Theorie. Die Aufhebung der Trennung von Denken und Fühlen, von Analyse und Berührung, von Subjekt und Welt ergibt sich scheinbar von selbst. Ich sage scheinbar. Denn da ist eine Konzentration, die Nana mit Goya verbindet. Nur mit ihm kann sie von Cut-Up zu Körperbildern springen, vom deutschen Sprachmisstrauen zum erotischen Jetzt, von der Giacometti-Verehrung zur poststrukturalistischen Poiesis, ohne sich zu vergaloppieren. Im Gegenteil, im Spiel mit Goya entsteht ein Flow der exakten Durchlässigkeit. Wie er sie anguckt. Was er manchmal zwischen den Zeilen sagt. Als würde er im Schlaf mit den Zähnen eine erotische Wunschliste zusammenknirschen. Sie vertraut ihm ihre Lust an. Sie trägt das Kleid, in dem er sie am liebsten sieht, häufiger als früher. Schon spürt sie seine Hand da ... Dass du mich dazu kriegst, dir so sehr gefallen zu wollen, macht mich manchmal ratlos, sagt Nana dann doch nicht.

*

Nana ist intelligent, sieht gut aus, verdient gut, hält ihr Leben in Ordnung und hat viele Orgasmen. Sie schwimmt in einem Hotelpool. Das ist der letzte Schrei in der kleinen nordhessischen Universitätsstadt. Das Becken ist in einer Dachterrasse eingelassen. Die fünfzehn Non-Academic High Potentials vor Ort genießen die gute Aussicht. Nana balanciert auf einem Hochspannungsseil. Im selben Augenblick referiert Goya über frühe Darstellungen von Homosexualität. Er spricht über Balzacs schwachen Helden Pons (in „Cousin Pons“). Pons wird von seinen Angehörigen verachtet. Sie sehen in dem Repräsentanten einer nicht-hegemonialen Subkultur „einen Parasiten“ und halten sich mit Beleidigungen schadlos. Pons lebt persönlich bescheiden in Wohngemeinschaft mit dem deutschen Musiker Schmucke, den er zu seinem Erben bestimmt. Das ist die Schlüsselkonstellation. In ihr offenbart sich der Charakter einer Beziehung, die keine Aussicht auf Anerkennung hat.

Vor Goya sitzt Ariane und vergöttert ihn demonstrativ. Ihr Ausschnitt ist ein Blickfang erster Güte. Mit diesem Detail als erotische Beute zieht sich Goya in sein Büro zurück. Er kann Nana nicht erreichen, findet aber eine Nachricht von ihr: 

„Ich will mich mit dir in den Chimären verlieren, die wir erschaffen haben.“

Goya denkt an Arianes Dekolleté und an den unverbindlichen Pornosatz: Bitte, spritz mich voll. Der Mix reicht für eine sofortige Entladung. Um die post-koitale Melancholie zu vertreiben, macht Goya Liegestütze und Klimmzüge. Aufgepumpt stellt er sich in einem Seminarraum der nächsten Gruppe angehender Philologinnen. Es geht um Samuel Beckett. In den 1950er Jahren beginnt Beckett das eigene Werk in seine Muttersprache zu übertragen. Er übersetzt sich selbst aus dem Französischen, so wie er sich in den 1920er Jahren ins Französische zu übersetzen begann. Er synchronisiert seine Denksprachen zunächst mit dem Ehrgeiz im Französischen völlig ungezwungen aufräumen zu können. Er sucht Wörter, die der Wirklichkeit gewachsen sind. Ornament und Verbrechen - Schiere Sprachmöblierungen sind ihm ein Graus. Er will die Schonbezüge von den Wörtersofas ziehen.

„Antike Rituale zu verstehen, ist … ungefähr so, als wollte man als Taubstummer Klavierspielen lernen.“ Gabriel Zuchtriegel

Der Sechzigjährige erfreut sich bester Gesundheit. Zur Vitalität gesellt sich Intelligenz. Der Fürst kombiniert astronomische Interessen mit der Konfination aller Unbequemlichkeiten. Er ist der Erste seines (von phantasmagorischer Raubtierheraldik geschmückten) Geschlechts, der das Finanzgeschehen auf akademischem Niveau begreift, das seine Haushalte entfalten. Seine Vorgänger waren einfältige Despoten. Don Marcellus Garmendia, Fürst von Lalala, erscheint wenigstens im Vergleich mit verwandten Potentaten als brillanter Tyrann. Er unterhält ein Stadthaus in … und diverse Landsitze. Er pendelt mit Gefolge.

Der Fürst geriert sich als geistiger und geistlicher Führer in der Verkörperung überbordender Anachronismen. Sollten Sie nun annehmen, ich sei dabei, mich in Labyrinthen des 19. Jahrhunderts zu verirren, so irren Sie. Die Geschichte spielt heute und hier, wenn man darunter Westeuropa versteht.

Während die eheliche Sexualität sich vollständig erschöpft und als leeres Formular lustlos, aber vorwurfsvoll hin- und hergeschoben wird, revitalisiert sich Marcellus nicht zuletzt mit Hilfe der Archäologin Epona. Epona war die Göttin der Pferde. Die Römer widmeten ihr sogar ein eigenes Fest am 18. Dezember. Marcellus enerviert die sexuelle Gehhilfe (aus Gehhilfe macht ein phonetischer Kurzschluss Gehilfin) mit dem Krückstock des ständigen Hinweises auf sein Alter. Epona soll in der Verjüngung des Liebhabers ihr erotisches Auskommen finden – und zwar leidenschaftlich. Dass da mehr Leiden als Schaft im Spiel ist, will ich nicht behaupten. Gleichwohl sind Marcellus‘ Erwartungen dumm. Niemand findet seine Mission in der Erfüllung fremder Erwartungen. Eine leere Wohnung, die man voller Erwartungen bezieht, bietet sich als Herausforderung an. Eine volle Wohnung, die man erwartungslos betritt, ist so verheißungsvoll wie ein Sarg.

Von Epona verspielt, wenn nicht verträumt, in jedem Fall kaum ernsthaft in den siebten Himmel geliftet, kündigt Marcellus den Ehevertrag. Er eröffnet der Gattin die Trennung, meldet der Geliebten telefonisch Vollzug und setzt sich ins Auto. Auf dem Weg zu Epona wird er final aus dem Verkehr gezogen.

Eponas Schwung, ihre Bereitschaft, sich ins nächste Abenteuer zu stürzen, verhilft ihr Stunden nach Marcellus Unfalltod zu einer Bekanntschaft mit Harald. Im Grunde hat sie von dem routinierten Getue des australischen Edelschreiners schon in der Lounge ihrer ersten Begegnung genug. Harald setzt im ersten Annäherungsstadium auf Weinwissen. Im zweiten Durchgang tritt er mit Fitnessstudiomuskeln und gewachster Haut in einem Hotelkammerspiel auf. Ihrem Tagebuch wird Epona noch vor Ablauf der Nacht anvertrauen:

„Als ich Haralds Erektion sah, übermannte mich der Wunsch, mich von ihm in meine äußersten Zustände bringen zu lassen. Er genügte sämtlichen Erwartungen, die ich mit einem angenehmen Männchen verbinde. Ich gab ihm zu verstehen, er möge doch bitte seinem Wunsch energisch aufzureiten keine Zügel anlegen. Er verstand mich auf Anhieb. So kam ich in den Genuss eines vollständigen Vergnügens … das post-koitale Äquivalent zu einem guten Magen nach einem vorzüglichen Mahl, von dem man sofort und ohne Bedauern weiß, dass es sich mit nichts Zukünftigem verbinden wird.“

Die Diaristin stellt ihr Erlebnis in einen - den Anlass großräumig überschreitenden - Rezeptionszusammenhang mit der Bonobo’schen Zügellosigkeit. Brehms Tierleben lässt grüßen. Sie meditiert dann auch noch zeilenlang über Marcellus, dessen aristokratische Patina einen postumen Reiz entfaltet. Epona masturbiert vor einem mannshohen Spiegel. In ihrer Phantasie beobachtet der Halbgreis Marcellus sein adoleszentes Ich beim Geschlechtsverkehr mit seiner Geliebten. Die Differenz zwischen vital und viril; zwischen der Tennisbräune eines famos gealterten Grandseigneurs und der juvenilen Potenz des bezaubernden Juniors.

*

Epona spielt mit einem historischen Tableau rund um Helene Gala Dmitrievna, die 1916 nach Paris kam, um Paul Éluard zu heiraten. Sie verkündete: „Ich werde alles tun, aber ich werde aussehen wie eine Frau, die nichts anfasst.“

Max Ernst bewunderte Galas Beischlaftalent. Er stieg in eine Menage à trois ein, von Éluard ermutigt. Elsa Jurewna Kagan, die mit Aragon glücklich wurde, befand: Mit einem Mann muss einen mehr verbinden als die Liebe.

Von Aragon zu Philippe Soupault; gesellschaftlich konnte er sogar von Proust in Betracht gezogen werden. Die Surrealisten hätte er aus der Portokasse von Renault finanzieren können. Er war zu vornehm für den Parvenü Breton. Proust bezog sein Bier aus dem „Ritz“. Seine Geräuschempfindlichkeit war sagenhaft. Er informierte sich auf seltsamen Wegen. Manchmal ließ er sich bei einer Spazierfahrt im Morgengrauen die Nacht berichten. Ihn interessierten die Farben der Federn an Damenhüten. Zu seinen Zuträgern zählte Soupault. Keine Leserin der „Recherche“ kommt ohne solche Schoten rund ums „Ritz“ und rund um die Korkwände von Prousts Schlafzimmer aus. An ihrem Saum entsteht das Verständnis für eine abgesunkene Welt. Ihre heraldische Ordnung geriet in den Sog der vorläufig letzten Moderne. Proust band sie an eine Schelle, die heute noch klingelt.

*

Epona versäumt nicht Marcellus‘ Beerdigung. Beigesetzt wird der Fürst in einer biologisch abbaubaren Ökokiste. Sie kondoliert der Witwe, ohne deren Argwohn zu erregen. Marcellus‘ Trennungsbegehren wurde unter den Familienteppich gekehrt. Vom ersten Augenblick der Witwenexistenz fälscht die Gattin die Geschichte ihrer Ehe. In einer gefälligen Version riss der Tod ein liebestüchtiges Paar auseinander.

Beide, die Gattin und ihre Rivalin, tragen Schleier und geben sich so, als seien sie vor fünfzig Jahren in einem Film von Chabrol für Hauptrollen in die engste Auswahl gezogen worden. Eine Aversion baut Epona auf einer Linie von Mundgeruch, Biskuitkuchen und Matronenhaftigkeit aus.

Erfreulich indiskret

„La Fornarina“ heißt ein 1518/19 entstandenes Meisterwerk der Hochrenaissance. La Fornarin - die kleine Bäckerin. Der Name der barbusig Dargestellten wurde Jahrhunderte als Marginale gehandelt. Man identifizierte die Porträtierte als Tochter eines Bäckers; geboren um 1490 in Siena. Margherita Luti war die als Hausgenossin akkreditierte Geliebte des schon zu Lebzeiten den Unsterblichen zugeordneten, vom Papst begünstigten, ewig mit der Kardinalstochter Maria da Bibbiena verlobten, offiziell nie verheirateten Raffaello Sanzio da Urbino. Raffael vollendete das Bild in seinem letzten Lebensjahr. Vereinzelt behauptet wird, die Porträtierte sei nicht Margherita, sondern Francesca Chigi, die 1518 zur Gattin aufgestiegene, langjährige Geliebte des toskanischen Magnaten Agostino Chigi. Francesca hatte mit dem Bankier des Papstes fünf Kinder. 

Agostino ließ in Trastevere einen Palast errichten, der als Villa Farnesina (nach dem späteren Besitzer Alessandro Farnese) zu einer römischen Sehenswürdigkeit wurde. Raffael übernahm Ausgestaltungsaufgaben. Agostino starb kurz nach der Hochzeit mit Francesca, nur vier Tage nach Raffaels überstürztem Ableben.

Gelegentlich verwies eine Koryphäe auf (vermutlich von Raffaels Schüler und Werkstatt-Nachfolger Giulio Romano) übermalte Zeichen einer heimlichen Ehe mit dem Genie. Im 21. Jahrhundert entdeckten Wissenschaftler bei einer Röntgenanalyse einen retuschierten als (Ehebeweis bewerteten) Rubinring und weitere in postumer Verdunklung untergegangene Liebessymbole. Hinzu kommt der deutlich sichtbare, mit dem Künstlernamen signierte Armreif.

Eine legitime Verbindung mit Margherita wäre für den Superstar nicht ohne massive soziale Nachteile zu haben gewesen.

Für Gustav Klimt steht außer Frage, dass Margherita dem Meister Modell stand. Sie verband die Darstellung ihres Liebreizes nicht mit dessen Veröffentlichung nach Maßgabe der Reproduzierbarkeit von Kunstwerken im technischen Zeitalter (Walter Benjamin). Eine Verletzung ihrer Scham fürchtete sie nicht. Für Margherita vollzog sich das Geschehen in einem privaten Rahmen. Diese Vorstellung lässt sich leicht auf jene „frischen Wiener Mädel“ (Arthur Schnitzler) übertragen, die Klimt in seinem Atelier zeichnet und vögelt. Mit Schnitzler konkurriert er zu seinem Nachteil auf dem Minenfeld des plaisir érotique rapide. Von mancher Niederlage korrumpiert, wird der Verlierer mitunter zum Verleumder. Er suggeriert, Schnitzler vergreife sich über Gebühr an den „reschen Maderln“ . Das berührt ein Wiener Bohème-Genre. Man wildert in Gefilden fern der eigenen Kreise. Man kneift und klopft die Hinterteile der niedrigen Stände. Klimt wohnt mit seiner Mutter zusammen und verehrt die - über die Begriffe der Zeit hinaus - emanzipierte Emilie Flöge. Die Konstellation entgeht nicht dem Wiener Schmäh. Sigmund Freud spricht von „vagierende Sprachbilder ... die nicht zum Gesprochenwerden bestimmt sind“, sich aber trotzdem Wege in den öffentlichen Raum suchen. Sie lungern auf Bewusstseinsschwellen und offenbaren sich im Versprechen. Mit Freud berühmt wurde Vorschwein anstelle des Vorscheins. Schön finde ich draut als Vermengung von dauern und traurig. Draut beklagt einen anhaltend-traurigen Zustand. Lange vor der Prägung psychoanalytischer Begriffe erfasste die Renaissancemalerei schlagartig seelische Valeurs, die in den Jahrhunderten zuvor lediglich poetisch begriffen worden waren. Vielleicht korrespondiert Margheritas auf den Künstler (wohl eher als auf eine Betrachterin) reagierende Zugewandtheit mit der Erwartung, in einem Akt gemalter Minne geadelt zu werden. Immerhin geriet sie so in einen Aufmerksamkeitswettbewerb mit den prominentesten Persönlichkeiten ihrer Zeit.

Mimischer Einwand

Alle bleiben verhalten, alles bleibt in der Schwebe. Eine ambivalente Gastgeberin gibt Sigmund Freud Gelegenheit, den virilen Konkurrenten intellektuelle Hörner aufzusetzen. Für Emilie sind die an ihrer Atterseer Gartentafel versammelten Habsburger Kultur-Haudegen Aufmerksamkeitsspender; Trophäen im Kampf gegen ein mittelmäßiges Leben. Freuds fleißig gesammelten und in Spielarten anekdotischer Evidenz illustrierten „Beispiele von Versprechen“ liefern Unterhaltungsstoff in der Sommerfrische. Freud entdeckte den „störenden Einfluss von etwas außerhalb der intendierten Rede“, so wie ein unbewusst gebliebener Gedanke, der sich vorgeblich zusammenhanglos einmischt.

Den Freunden erzählt er von seiner Tochter. Noch ist Anna ein Kind, und niemand weiß, dass sie ihre eigene Gravitation im epochalen Maßstab haben wird - ein Königreich des avancierten Selbst. Anna „schneidet ein garstiges Gesicht“ beim Biss in einen Apfel. Der Vater will den mimischen Einwand mit einem Reim quittieren:

„Der Affe gar possierlich ist, zumal wenn er vom Apfel frisst.“ (Warum nicht ist/isst?) 

Freud kommt über Apfe nicht hinaus. Er doziert über den Wortbruch: „Dies scheint eine Kontamination von Affe und Apfel (Kompromissbildung) oder kann auch als Antizipation des vorbereiteten Apfels aufgefasst werden.“

Eine Wienerin möchte die Kritik an ihrer Familie mit einem Kompliment kaschieren. Doch offenbart sich die Abwehr im Versprechen. Freuds Patientin sagt, was sie meint, aber nicht zugeben will: „Man muss ihnen das eine lassen: sie haben alle Geiz“ (statt Geist).

Schön finde ich ferner den gescheiterten Versuch, der absichtlichen Zurückhaltung einer - nach den Begriffen der Zeit - Schlüpfrigkeit. Eine Touristin in den Dolomiten stellt im Rapport die Genüsse über die Entbehrung, dabei ihre Erfahrungen verleugnend. Die Urlaubsmärsche strapazieren sie. Angenehm wird es erst, wenn sie die „durchgeschwitzten“ Sachen ablegen kann. Ihren Darstellungsabsichten entsprechend, zählt sie Hemd und Bluse auf. Zurück hält sie Hose. Doch rutscht die Hose im nächsten Satz heraus: „Wenn man dann aber noch Hose kommt.“

Freud unterstellt der Sprecherin, dass sie Hose als „Verunstaltung“ von nach Hause erlebt.

Die phonetische Nähe von Geist und Geiz, Hose und Haus lockt mich auf eine Rennbahn des Assoziativen. Freud kommt mir wie ein erfreulich indiskreter, vor allem jedoch phantasievoller Erzähler vor.

„Die gute Beziehung zwischen dem Namen Klapperschlange und Kleopatra erzeugt bei (einer Patientin) eine momentane Einschränkung des Urteils.“

Ausgangspunkt der prunkenden Deutung ist ein Traum, in dem ein Kind beschließt, „sein Leben durch einen Klapperschlangenbiss enden (zu lassen)“. Die Patientin rahmt ihre Schilderung mit Theaterbegriffen. Daraus schließt Freud, dass der Satz “Das Kind hat beschlossen, sein Leben durch einen Schlangenbiss enden“ in Wahrheit bedeutet: „Die Patientin hat sich als Kind vorgenommen, eine berühmte Schauspielerin zu werden.“

Das ist doch toll.

Die Patientin erwähnte ein zu ihrer Zeit bereits abgegriffenes und überholtes Trauerspiel von Adolf von Wilbrandt - Arria und Messalina. In der Deutung des Analytikers covert Messalina eine von der Patientin befürchtete Mesalliance ihres Bruders. (Zitiert aus Zur Psychopathologie des Alltagslebens.)

Ich extemporiere vor einer kontinental-viktorianischen Kulisse. Freud universalisiert seine Wiener Beobachtungen; als böte nicht bereits die Mundart Übertragungshemmnisse. Klimt langweilt sich in der Runde. Er bedeutet Marion, ihn an der bewussten Stelle zu treffen. Der Meister möchte sein Modell instruieren, ohne ein Wort verlieren zu müssen. Es bedeutet Klimt alles, dass sie seine Signale richtig empfängt. 

Marion existiert dichter an dem Milieu, das Klimt sozial garantiert, als die meisten seiner Modelle. Sie entstammt einer nennenswerten Familie. Sie gehorcht den stummen Befehlen, gesteuert von ihrem Begehren. Das sich selbst exponierende Gesäß verrät Klimt, wie gut er verstanden wird. Das korrespondierende Verlangen lässt sich als Leine begreifen, an der beide laufen. Marions Aufforderung folgte Klimts Aufforderung. Der Maler gehorcht dem genitalen Wink mit jäh erwachtem Schöpfermut. Die Verkoppelung der Libido mit dem Kunstwillen wirkt wie ein Turbo. Das Wort fällt aus der Zeit, aber nicht aus dem Rahmen der Ereignisse. Auch der röhrende Platzhirsch passt ins Bild. Die animalische Brunst bändigt sich nicht in der Sublimation. Vielmehr vergrößert sie sich zu einem Schauspiel, das alles überbietet, was zwei Unbegabte miteinander tun können. Diese Aussicht hebt Marion an. Klimts artistische Potenz gibt ihrer Lust Raum. In dem verschwiegensten Winkel, geschützt von einem halbrunden Verhau, entledigt sie sich ihrer Kleider. Sie entspricht Klimts Wünschen, indem sie ihnen vorauseilt. Sie erahnt ihn und empfängt ihn so zum ersten Mal. Da erscheint er. Marion sieht einen von der Kunst bezwungenen Berserker. Als Fleischhauer wäre Klimt gewiss ein wüster Patron. An Klimt ging ein Caravaggio verloren. In der Erregungsdiktatur fällt Unterwerfung leicht. Klimt will Marion mit angezogenen und geöffneten Beinen vor sich im Gras liegen sehen. Nichts darf sie ihm vorenthalten. Das leuchtet ihr ein als Beweis erotischer Redlichkeit. Er schildert die Topografie seiner Lust aus. Klimt weiht Marion ein und ist folglich so nackt wie sie. In dieser Verfassung zeichnet er sie voller Verve. Die Vehemenz überträgt sich, Marion fühlt sich auf die richtige Weise angefasst. Um Haaresbreite entgangen wähnt sie sich dem ersten Orgasmus, als er sie doch noch einholt. Marion bäumt sich auf und liefert Klimt so ein singuläres Motiv, das ihn fortan beschäftigen wird. Es mischt sich in alles Mögliche ein, taucht auf und verschwindet in Apperzeptionsprozessen. Klimt hat etwas gesehen, was Wenigen zu sehen vergönnt ist - einen Akt ohne Gattungsbezeichnung.  

Ein Deutungsbeifang

Ein ephemerer Augenblick zwischen Tür und Angel. Ein Halbschuh und ein Hauskleid wirken sich in der Szene aus. Der Halbschuh verweist auf bürgerliche Solvenz und ein ordentliches Betragen, das Hauskleid auf einen legeren, beinah intimen Moment. Nach den Margen des 19. Jahrhunderts erscheint die Hausherrin in ihrem Hauskleid nahezu entkleidet. So sehen darf sie allenfalls der Hausherr. Aber auch das ist nicht ausgemacht. Sigmund Freud beleuchtet die Valeurs der Sequenz. Der Voyeur tarnt sich als Analytiker. Aber auch die Betrachtete profitiert von der akademisierten Schlüssellocherotik, spielt sie doch die wichtigste Rolle im Stück. Sie lenkt, hält inne, zeigt, verbirgt. Sie macht Angebote, die Literatur werden. 

Wir sind im Zenit der Wiener Gründerzeit. Wien ist ein militarisierter Weltnabel. Der aristokratische Komment stemmt sich gegen bürgerliche Verkehrsformen. Gustav Klimt betritt die Szene, fasziniert von der unfrisierten Hausfrau im Gegenlicht. Der diskrete Charme der Bourgeoisie entfaltet sich in beinah noch feudalen Verhältnissen.

Erotik ist kein aristokratisches Surplus, sondern bourgeoise Daseinsverstärkung, Ausdruck von Präsenz, Lust und persönlicher Freiheit. Es offenbart sich eine Schlüsselloch- und Scherenschnitterotik: nicht voyeuristisch im pejorativen Sinn, sondern als psychologisches Mittel. 

Narrativer Hausgebrauch

Ein ganzer Roman steckt in einem Versprechen rund um Halbschuh und Hauskleid. Durch weitgehend heruntergelassene Rouleaux (Originalschreibweise) bemerkte eine Dame die „schönen ... Halbschuhe“ eines Mannes, den sie nicht empfing; angeblich deshalb nicht, weil jener nicht wissen sollte, dass die Hausherrin wieder in der Stadt war. Der Analytiker hält die Begründung für fadenscheinig. Er vermutet, dass die Ausflüchtige „nicht in der Toilette war, um Besuch zu empfanden“. Freuds Annahme, die Frau habe sich in ihrem Hauskleid nicht präsentabel gefunden, schlägt sich in einem Versprechen nieder. Er will etwas über die Halbschuhe sagen, sagt aber Hausschuhe; besetzt von der Hauskleid-Vorstellung. In der „Beseitigung“ von Halb in Halbschuhe manifestiert sich die halbe Wahrheit, mit der Freud glaubt, vorlieb nehmen zu müssen, und so auch das Bild einer - nach den Begriffen der Zeit - halb angezogenen Bürgerin. Die erotische Mousse und Message als zum verheimlichten Hauptertrag avancierten Deutungsbeifang soll uns nicht entgehen. Da ich Freud nichts unterstellen möchte, übernehme ich einfach die Szene für den narrativen Hausgebrauch. Wir sind im gründerzeitlichen Wien. Marion von Pechstein erlaubt es sich nicht, Klimt die Tür zu öffnen. Sie findet sich unvollkommen im Moment. Plötzlich steht Klimt im Korridor. Die Tür sei nicht verschlossen gewesen, verkündet er zu seiner Rechtfertigung. Ihm gefällt die überraschte und leicht derangierte Hausfrau im Gegenlicht. Scherenschnitt und Silhouette. Das Hauskleid schmiegt sich an Marions plastisch hervorragendem Hintern. Klimt erlebt diese Delikatesse als Illumination. Er speichert das Bleistiftbild von einer privaten Person, um es später aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Bevor Marion sich sammeln und konventionelle Ausflüchte machen kann, verkürzt Klimt den Abstand. Er bringt sich in ihre Reichweite. Marion greift unwillkürlich nach dem Mann, so vage wie eine vom Schwindel Erfasste. Klimt versteht das Manöver als Einladung.      

Glänzender Paria

Stéphane Mallarmé unterscheidet Dichter, die Personen, Dinge und Szenen beschreiben, von solchen, die sich für die Frage qu'est-ce que ça veut dire interessieren. Die Frage entspricht einem oppositionellen Reflex. Das Gespräch über die Psychologie der Dinge ist ein Absonderungsprodukt. Der Künstler verliert zu Mallarmés Zeiten gerade seine bürgerliche Fasson. Als Flaneur wird er zum glänzenden Paria. Er exiliert in die Kunst und hasst die Bourgeoisie, deren Geschöpf er trotzdem bleibt.

Er verachtet den Gesellschaftsmotor Industrialisierung. Er besteht auf l‘art pour l‘art. Er führt sein Leben beinah frei von Erschütterungen. Globale Verwerfungen streifen ihn auf dem Weg zu einer abgewendeten Kasernierung.

 *

Nana findet es nicht zu wenig Anlass, Männer nur deshalb zu verführen, weil sie Worte benutzen, die sie nicht kennt. Das schafft Anson spielend. Nie würde sie es ihm gegenüber zugeben, aber manchmal perlt ein fremder Klang von seiner Zunge, der nicht zu seiner Legende passt. Aus dem Kontext versucht sie sich die Bedeutung verbaler Kleinode zu erschließen. Die Silbenlaute führen in ihr ein Eigenleben. Sie schmecken und riechen und wirken sich in Nanas empfindlichstem Organ aus. Zu Hause brütet sie heiß über Folianten aus der Enzyklopädisten-Ära. Das sind Überlebende von Zeitreisen. 

Altes Papier und neuer Wortschatz - oft reicht das. Mit Anson ist mehr möglich. Nana sitzt neben ihrem Animal-Move-Trainer im Café Schneider. In den sanften, nicht dauerhaften und doch stets zurückkehrenden Knieberührungen ihrer Schenkel maskiert sich ein wuchtiges Begehren. Ein Begehren, das Nana ehrt. Ihre Züge täuschen adorante Aufmerksamkeit vor. Die geweiteten Pupillen erzählen eine andere Geschichte. Sie ist jetzt schon so erregt, wie sie es mit den Anwärtern des letzten Jahres nie sein konnte. Nie bedeutet, auch beim Vollzug nicht. Ansons literarische Bezugnahmen schwappen in die Gegenwart zu Uwe Timm, dessen Protagonist sich in einem Roman als Libertin gebärdet. Nana ahnt, dass Anson Timm nur zitiert, weil er ein bestimmtes, von diesem Autor geschildertes Frauenbild von ihr repräsentiert sehen will: diese Mischung aus Unschuld und intellektueller Gefasstheit bei gleichzeitiger vollständiger Hemmungslosigkeit. Nana wird ihm den kunstvollen Aufbau des Settings mit Hingabe vergelten. Sie stürzt sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass Anson im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.    

Lüsternes Halbwissen

Eine Beobachtung, wie mit einem Skalpell aus dem Leben geschnitten - eine göttliche Offenbarung riss Nanas Freundin Lale einst aus dem Rinnstein und expedierte sie in die Küche des sagenhaften Vincent. Der Dinosaurier seines Fachs gehört einer Kohorte von Küchenrevolutionären an, die der molekularen Labor-Gastronomie den Weg wiesen. In der Handlungsgegenwart lässt sich der Veteran sogar in Ederthal nur noch historisch erklären. Vincent profitiert von dem Wunsch seiner Gäste, einen Helden am Herd zu verehren. Ihr kulinarisches Halbwissen interpretiert die Restaurantküche als Raubtierkäfig mit Greifern aller Größe. Vincent spielt in diesem Szenario den König der Tiere. In Wahrheit schmeißt Lale den Laden. So was sieht man nicht von außen. Das wäre geschäftsschädigend. Niemand fände es plausibel für die Tellerfertigkeit einer Drogenkranken, die sich täglich neu mit Rigorosität und Religion kuriert, seinen Namen auf Wartelisten setzen zu lassen und Vincents Preise akzeptabel zu finden. Der Gast zahlt für eine gelungene Täuschung. Vincent, längst vollkommen verschlissen, raucht über seinem Creuset-Equipment, der Schweiß überrennt das Donnerhaupt wie Schmelzwasser einen Stein. Asche und Schweiß fusionieren mit den Dingen in den Töpfen.

Es ist eine Schweinerei, die in einem Wunder der Suggestion zum magischen Vorgang transformiert. Nie sah ein Gast die Küche und den uniformierten Fleiß, die eiserne Routine der Mannschaft, die von Vincent manchmal wie Sklaven und manchmal wie Mitgötter behandelt werden.

Mise en placelet’s roll.

Das erste Informationszeitalter

Der schwache Vater ist eine Erfahrung, die zur Chiffre wird. Heiner Müller verkennt vorsätzlich Machtverhältnisse, wenn er sein Verhalten während der Verhaftung des Vaters, ein Vierjähriger gibt vor, zu schlafen, als Verrat deklariert. Männer der Sturmabteilung holen den Sozialdemokraten Kurt Müller aus der Wohnung, Sohn Heiner datiert den Vorgang nach seinem Belieben auf den 31. Januar 1933. An diesem Tag klappen die Nationalsozialisten Weimar zu, Affe tot und Tschüss, der Schriftsteller Müller ermächtigt sich, den Symbolgehalt des Datums in seine Biografie zu gießen. Andere zerbrechen an seiner Stelle, auch ein sächsischer Schuhmacher, der als verdämmernder Großvater in Müllers Œuvre geistert, zerbricht, Müller bricht nicht. - Und verrät er den Vater nicht noch einmal mit seiner Entscheidung für die DDR als Schauplatz dauerhaften Aufenthalts? Jedenfalls geht ein Ehrgeiz dahin, für die Trennung vor den Eltern, dem KZ-gebeugten Kurt Müller droht im neuen Deutschland Hohenschönhausen, die läppischsten Erklärungen abzugeben. Müller ist der DDR willkommen mit seinen sozialistischen Hoffnungen. Er wähnt sich in den Reihen und auf dem Stand der Sieger. Er traut seinem Staat zu viel zu. Nach der ersten Aufführung der „Umsiedlerin” am 30.9.1961 an einer Karlshorster Studentenbühne setzt seine Stigmatisierung ein. Müller fliegt aus dem Schriftstellerverband. Er wird in der DDR zum ungespielten Autor und bleibt das zwölf Jahre.

*

„Wirklich Kunst machen kann man erst in einer Gesellschaft, in der es den Warencharakter von Kunst nicht mehr gibt. Wo es uninteressant ist, wie viele Leute in einen Film gehen.”

Das notierte Thomas Brasch zu „Domino”. Der Film entstand unter einer dünnen Ausstattungsdecke. Brasch drehte viel in seiner Wohnung, er drehte mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach.

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Ministerpräsident Erdoğan bezeichnete die Protagonisten der Istanbuler Gezi-Park-Proteste als Plünderer - çapulcu. Aktivisten griffen das Wort auf und ließen es zirkulieren. Ein grafisch hundertfach variierter Titel der Solidarisierung lautet „EverydayI’m Chapuling”.

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„Wohooo! Was für ein grandioser Ausflug über die Botanik, Mimikry, die Welt der Bienen und Staaten - unglaublich, wo du da alles unterwegs warst! Deine gedanklich-literarische Spielwiese ist wirklich ein unglaublich riesiger, reichhaltiger Kosmos...” M.

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Christoph Konrad Sprengel, Direktor der lutherischen Realschule zu Spandau, entdeckte die Symbiose zwischen Blume und Biene in der Konsequenz einer Co-Evolution. Sprengel bemerkte, dass viele der spektakulärsten Orchideen gar keinen Nektar spendieren - die Natur als Ninja-Meisterin der Täuschung. Die Pflanze organisiert ihre Befruchtung, indem sie einnehmend wirkt. Der Fliegen-Ragwurz präsentiert sich als potenzielle Partnerin für Grabwespen. Er lädt die Wespe mit Mimikry zur Kopulation ein. Teilweise geht die Täuschung so weit, dass Bienenmännchen der Gattung Andrena die entsprechenden Ophrys-Blüten sogar einem Weibchen vorziehen. Solche überoptimalen Attrappen können auch bei unserer Gattung zur Verwirrung führen.

Duft als Belohnung - Das affizierte Insekt im Rausch der Sinne. 

Das erste Informationszeitalter

Der Asket bringt die Bereitschaft mit, sich gegen seine Natur zu wenden. Wird diese Tendenz dynamisiert von Optimierungserwartungen, heißt Erziehung der Schlüssel zum Erfolg. Im 5. Jahrhundert breitet sich „eine geregelte, reflektierte und kontrollierte Praxis der Askese“ aus. Einen architektonischen Rahmen liefern Klöster. Die Wissensgesellschaft formiert sich. Das erste Informationszeitalter bricht an. Ihrem Wesen nach ist die mit sich selbst befasste Kirche eine Akademie und so auch ein Weltraumzentrum, in dem Himmelfahrten organisiert werden. Was ist erforderlich, dass du mitfliegen darfst? 

Drei Begriffe greifen ineinander: Keuschheit – Reinheit des Herzens – geistiger Kampf. Die Keuschheit des Körpers koinzidiert mit der Keuschheit des Geistes. Die Gedanken sind nicht frei. Phantasie ist gefährlich. Die Erziehung bricht auf in der Zucht. Das Gegenstück: Unzucht; ein Wort, das sich lange hält und bis heute nach Urinstein, Waisenhaus und Jugendstrafvollzug stinkt. 

Unzucht. Das Wort atmet in Nana. Sie will Unzucht treiben, wie soll das überhaupt gehen in einer säkularen Gesellschaft.

„Lass‘ uns heute Abend noch unzüchtig werden“, bittet Nana Cornelius via WhatsApp, während sie seine Lebensgefährtin Simone breit anlächelt. Die Frauen sitzen an verschiedenen Tischen und doch nah genug, um ihre Parfüms riechen zu können, im legendären ‚Da Vincent‘. Eine mörderische Spannung liegt in der Luft. Nana und Simone kennen sich aus einer öffentlich intimen Konstellation. Professor Cornelius von Pechstein hatte das Vergnügen Nana vor den Augen seiner Frau und einem großen Auditorium in einem Frankfurter Club …, und Simone hatte unterdessen das Vergnügen von Nana geleckt zu werden. Sie sprang gröber mit Nana um als der am Hintern der Graduierten klebende Grandseigneur, und auch wenn Simone sich im Zentrum eines überwältigenden Ereignisses wähnte, trägt sie Nana etwas nach.

​​​​​​Um Ned in Schwung zu bringen, formuliert sie: „Ich möchte auf etwas bewegt werden, dass ich für einen Altar halten darf.“ Sie wünscht sich Führung, um wiederum die Führung vorzuführen, sofern ihr das möglich ist. Topping from the bottom. 

Ich möchte bewegt werden. Die vier kleinen Worte reichen für ein bilaterales Aufrauschen. Sie kommen Neds Wunsch entgegen, Nana in den Griff zu kriegen und ihren Scharaden ein handfestes Ende zu bereiten. Nana erregt Neds Verzweiflung, die sie heraufbeschworen hat. Er kann sich nicht sicher fühlen. Er darf sich nicht sicher fühlen. Sonst könnte er nachlassen. Er könnte seine Anstrengungen verringern; anstatt sie zu verdoppeln. Kurz gesagt, Nana fordert Ned wie eine Trainerin, um ihn an seiner Leistungsgrenze zu halten. Trotzdem baut er ab. Etwas klemmt in dem aufgeladenen Verhältnis. Noch ahnt Nana nicht, was es ist. Allerdings spürt sie eine gewisse Einseitigkeit, wie einen Gleichgewichtsverlust. 

Ned doziert über Michel Foucault. Die Antwort auf alle Unwägbarkeiten lautet Erziehung. Das stellt Foucault beinah am Ende seiner Reise zu den Quellen des Nils der „Sexualität und Wahrheit“ im vierten Band fest. Er beschreibt das Projekt des Christentums als eine post-antike Verbesserung des Menschen in Glauben und Verzicht. Foucault zeigt, dass die Ökonomisierung der Sexualität, die sich bis in den Regelvollzug fortsetzt, nicht erst vom Christentum ausgelöst wurde, sondern vorher da war. Die apostolischen Einlassungen basieren auf Milieuübereinkünften in einer nicht christlichen Welt. Am Anfang vom Ende einer langen Strecke des Begreifens zeigt Foucault, dass die Kirchenväter zu Anfang der christlichen Zeitrechnung stoische Leitsätze kopierten. Er durchforstet die Reglements von Taufe, Sünde und Buße in der Gemeinschaft der Gläubigen. 

„Die Vielseitigkeit und Unbeständigkeit“ des Menschen verlangen Regulation. Über die Vereinfachung gelangt man zur Askese. 

Zitiert aus Michel Foucault, „Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit“, Band 4., herausgegeben von Frédéric Gros 

Nana versorgt Ned mit Erregungsmaterial. Das ist kein Altruismus, sie überlässt der Konkurrenz keinen Zentimeter. Die Wälle sind geschliffen. Jetzt baut Nana ihre Befestigungen aus. Goya ist in jeder Hinsicht wertvoll. Ein prächtiger, wenn auch nicht der prächtigste Pfau in Nanas Reichweite. Seine Art, sich sozial zu bewegen, verhehlt Neds Vorsprünge. Die Dynamik des Reichtums auf seiner Seite und Nanas gediegener Background befeuern den Sex.  

Ihrer Liebe zum stummen Zwiegespräch frönt sie in allen akademischen Settings. Sie schreibt: Wir sind Meister der Manifestation. Wir schöpfen aus Phantasie und Wirklichkeit. Wir bauen etwas, das perfekt für uns ist. Rote Rosen sollen es für uns regnen (Hildegard Knef). Für uns gibt es kein Prêt-à-porter. Wir machen es nicht unter Haute Couture. Wie willst du mich, gerade jetzt? Du weißt, ich kann dir nicht widerstehen. Gegen meinen Willen bewegt sich meine Hand zu meiner F... Es ist ein magischer Vorgang. Das übersteigt meine Selbstbeherrschung. Ich tropfe in einem Raum mit dreißig Leuten. Die Phantasielosigkeit stinkt. Die geistige Armut stinkt.

Nanas Antwort ist ein fader Aufguss seiner leidenschaftlichen Ausbrüche. Ist eine unangemessene, geradezu beleidigende Reaktion auf Nanas Verausgabungsbereitschaft und ihrem Willen, Nana auf ein Plateau dicht unter der Spitze ihrer Pyramide zu stellen.

Wir machen es kurz und klären einfach auf. Seit einigen Stunden belastet Ned die späte Einsicht, dass Nana ihn jederzeit denunzieren kann. Plötzlich erkennt Nana den Grund für die Krise. Mit Vorsicht kann sie überhaupt nichts anfangen. Sie sehnt sich nach seinen Worten, so wie sie am Anfang kamen, ungefiltert, angstfrei, überflutet von Hormonen.

„Ich lege mein Leben in deine Hand, um dich zu beruhigen“, schreibt sie am späten Nachmittag. Beide sind im selben Institut an unterschiedlichen Orten. In einer halben Stunde wollen sie zusammen Käsebrötchen essen. Die Betreiberin der Cafeteria ist berühmt für ihre Käsebrötchen und ihren Kakao. Die Studierenden lieben Frau Schneider.

Lass uns weiterspielen, bettelt Nana in Gedanken, Ned beißt sofort wieder zu. Die Antwort kommt so prompt wie sein Vertrauen.

„Und wenn ich dich ...“

Nana antwortet zufrieden:

„Dann machst du es genau so, und ich werde mich daran noch erinnern, wenn ich eine alte Schachtel bin und niemand mehr das mit mir machen will.“  

Erotische Nebelwelt

Ein halbes Jahrhundert nach Erasmus von Rotterdams Tod entreißt Cornelis de Houtman (1565 - 1599) den Portugiesen das ostindische Pfeffermonopol und macht Bantam auf Java zum ersten niederländischen Stützpunkt in Indonesien. Im Gefecht verliert er zwei Schiffe und fast alle Matrosen. Eine Bucht heißt seitdem „Friedhof der Holländer“. Sandra Langereis beginnt ihre Erasmus-Biografie mit der Schilderung einer Expedition, die 1598 im Hafen von Goeree-Overflakkee ihren Anfang nimmt. Die Autorin beschwört den „protestantischen Unternehmergeist (und) evangelischen Optimismus“ Rotterdamer Sklaven- und Gewürzhändler. Sie vertrauen ihre Investitionen Admiral Jacques Mahu (1564 - 1598) an.

Am 27. Juni 1598 sticht Mahu mit fünf Schiffen und knapp fünfhundert Mann Besatzung in See. Das ist der Auftakt eines einzigen Desasters. Mahu fährt auf der in „De Liefde“ umgetauften „Erasmus“.

„Schon damals diente der Eurostar unter den Gelehrten mit seinem Namen als Galionsfigur des Epochalen“, schreibt Nana. Sie trägt eine Robe à la française aus schwarzviolettem Atlas - mit Watteau-Falten, die das Rokoko zitieren. Das Gewand war in seiner ursprünglichsten Gestalt ein Déshabillé, ein Gegenstand häuslicher Vexierspiele, und wirkt nun als textiles Zeichen für jene, denen Raffinesse unentbehrlich ist. Einst gestattete es der Frau, sich ohne Einschnürungen zu zeigen. Jeder informierte Liebhaber historischer Kostüme erkennt den frivolen Charakter, das Anspielungsreiche. So ein Kleid besitzt den Signalcharakter eines Kropfbandes mit gewissen Applikationen. Es funktioniert wie ein Lackmustest. Wer adäquat darauf reagiert, bringt bestimmte Eigenschaften mit. Der weite Horizont seiner Erwartungen verspricht ein helles Vergnügen, eine erotische Heiterkeit.  

Ned verkörpert den Major Player auf der Ideallinie. Er ist zweiunddreißig, akademisch nobilitiert, wohlhabend von Geburt, sportlich, fruchtbar und noch kinderlos. Der Philologe ist jedenfalls auch Spezialist für Bioluminiszenz. Er züchtet leuchtende Mäuse.

Das Spiel beginnt an ihrem Uni-Schreibtisch. Es riecht nach altem Gemäuer. Generationen von Pfeife rauchenden Professoren haben ihre Marken nachhaltig abgesetzt. Ned gewährt Nana das Vergnügen seitenlanger Passagen, die über ein Detail nicht hinausgehen. Die erotischen Exerzitien sind zugleich psychologische Studien. In Nanas Aufzeichnungen findet sich die Erkenntnis: Die sozialen Konturen eines Mannes unterbrechen meine Erregungslinien. Stets weiß ich vorher, über einen bestimmten Punkt komme ich nicht hinaus und die Hälfte der Lust ist Eigenleistung.

Nana entzieht sich Ned in eine erotische Nebelwelt. Plötzlich bricht die Wolkendecke ihrer Betrübnis auf und sie fühlt sich von der Lust getroffen wie von einem Schlag, dessen Wirkung sich in Schockwellen ausbreitet.

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