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Private Paradiese

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21.02.26 06:10
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

Die Sonne schiebt sich durch den Frühnebel wie ein freundlicher Gedanke. Über den Feldern liegt der Duft von Heu, gemischt mit den Aromen von Lavendel und aufgeheiztem Staub. Die Kirchturmuhr von E. schlägt neun. Ich bedenke die Geschichte der Glocke. Sie ist älter als das Rathaus. Die Alten sagten, wenn sie schlägt, höre man nicht nur die Stunde. Man höre, was wahr ist. Sie wurde 1603 gegossen, im Auftrag einer Bäuerin namens Lenka, die nach dem Tod ihres Mannes einen Großteil ihres Erbes für „eine Glocke, die auch die Toten weckt“ gespendet hatte. Die Legende ging so: Ihr Mann war während eines Raubzugs im Schlaf erschlagen worden. Seitdem glaubte sie, dass das Läuten einer Glocke nicht nur der Ehre Gottes, sondern auch dem Schutz der Menschen dienen müsse - ein Weckruf gegen Unachtsamkeit, gegen das Verschlafen des Lebens. Die Glocke war in Kassel gegossen und mit zwei Ochsen nach E. verbracht worden. Sie überstand Kriege, Blitze, Plünderungen und eine geplante Einschmelzung im Zweiten Weltkrieg, der sie nur entkam, weil sie die Bürger von E. unter der Führung ihres Bürgermeisters Gerster aus dem Glockenturm auf einen Dachboden schafften. Ein Sprung in der Form verlieh ihr einen Ton, den die Eingesessenen liebten. „Unsere Glocke lügt nicht“, sagten sie.

Ich kenne jene Aufzeichnungen, die der Glocke gewidmet sind und im Heimatmuseum verwahrt werden. Briefe, in denen Soldaten die Glocke erwähnen, als Ade beim Abmarsch. Oder ein Tagebucheintrag von 1912, in dem jemand beschreibt, wie ihm das Läuten im Nebel „wie ein warmer Gottesatem“ vorkam. Innerlich verneige ich mich vor dem Ahnenaberglauben. Die Glocke hat die Hürde zur Ewigkeit überwunden. Sie gehört zum Diesseits und zum Jenseits, wie die Eder, wie die Hügel, wie der Wind, der in den Kronen der Linden kobolzt.

„Die ersten fanden den Tod, die zweiten hatten die Not, und die dritten erst das Brot.“

An dem Ederzufluss Marschbach, der zugleich einen Ortsteil von Ederthal bezeichnet, leben aus Harta (Ungarn) vertriebene Protestanten. Sie leiden unter den Erbkrankheiten Methämoglobinämie und Chorea Huntington. Ihre Kolonie erinnert an Moonshiner Habitate in den Appalachen. Der Kasseler Historiker Cornelius Blattschneider schreibt in seiner Marschbacher Saga: In verwaisten Gebieten von Ungarn, Slowenien und dem Banat siedelten ab dem 17. Jahrhundert Deutsche. Vielfach verlangte die Staatsräson das katholische Glaubensbekenntnis. Protestanten mussten konvertierten oder in protestantische und tolerante Territorien ausweichen. So erklärt sich ein Endpunkt der sogenannten Schwabenzüge in Harta an der Donau. 1723 kamen die ersten ev. Deutschen und ließen sich auf den Ländereien des Diplomaten Pál Ráday nieder. Nach Fünfundvierzig wurden 287 deutschstämmige Familien deportiert. Einige fanden den Weg nach Ederthal-Marschbach. Da waren sie so unwillkommen wie daheim.

Ein Enkel der Pioniergeneration von 1723 emigrierte nach Kentucky in Amerika. Er lebte wohl eine Zeitlang in Obhut der First Nation. Jedenfalls gründete er mehr als eine Familie und brachte sehr verschiedene Nachkommen hervor. Im 19. Jahrhunderte überquerte ein Enkel den Atlantik, um sich mit der Lebensart seiner Ahnen, amerikanisch frank vertraut zu machen.

Ich bin eine späte Nachfahrin der Edelfrauen zu Itter. Wer wüsste nicht, dass Gepa von Itter als Gumbert von Warburgs rüstiger Witwe 1129 in Arolsen just jenen Augustiner-Chorherren-Stift ins Leben rief, der beizeiten zum geistlichen und räumlichen Zentrum der Waldecker Grafschaft wurde. Da stand die Itterburg im Ittergau schon ein paar hundert Jahre. Ich weiß mich verwandt auch mit den Schwalenbergs. Ein Schwalenberg und eine Itter machten den ersten Grafen von Waldeck. Bis zum Ende der Itters 1356 infolge einer an Heinemann III. vollbrachten Meuchelei gehörte Ederthal selbstverständlich zur Herrschaft Itter so wie auch Marschbach am Arsch der Welt. Wieder schlug Kurmainz zu und nahm in Besitz, was die Landgrafschaft Hessen nicht fassen konnte. Wenige Jahre später brachte Otto von Waldeck den Gau kurz an sich. Wer aufgepasst hat, erkennt das Schema. Im nächsten Durchgang geht die Chose an die Philipps von Hessen-Rheinfels und wird zu einem Gegenstand des Streits unter Brüdern. Siehe Hessischer Bruderkrieg von 1469.

Granitgraues Bruchbudenensemble

Anmerkung des Herausgebers – Und wieder ist Nana von Reichenau unterwegs. Und wieder reist sie mit einem Mann, der in dieser Geschichte keinen Namen hat und selbstverständlich mit keinem der vorangegangenen Reisegefährten identisch ist. Nana ist nicht mehr so frei wie bei früheren Abenteuern. Es könnte ein Fehler gewesen sein, Professor Goya, dem akademischen Liebesmarkt überlassen, und sich wieder einmal mit einem halbwegs Fremden aufs Äußerste verständigt zu haben. Aber Nana ist sich selbst gegenüber hilflos, sobald sie das Reisefieber packt, und der amtierende Liebhaber scheint seinen Aufgaben auch gewachsen zu sein.

Seit zwei Tagen Regen und Nebel. Das Meer beginnt - kaum sichtbar - auf der anderen Straßenseite. Windverweht, sturmgepeitscht, wettergegerbt, die Stadt, im Reiseführer annonciert als nordatlantische Küstenperle, ist in Wahrheit ein granitgraues Bruchbudenensemble.

Eine Schrift in vergoldeten Lettern verheißt Thistle & Fox – Rare Books and Curiosities. In der Auslage liegt eine Karte von Atlantis, eine aufgeschlagene und zerlesene Ausgabe des Grafen von Monte Christo und ein silberner Kompass, der in alle Richtungen zittert.

„Lass uns da reingehen“, sagte ich. Ich hatte die Nase voll vom Mistwetter. Du streiftest mir das Wasser aus dem Haar, mit zärtlicher Sorgfalt. Dann folgtest du mir über die Schwelle, die vermutlich zuerst in einem Schiffskörper verbaut worden war. In der Bücherstube war es warm. Es roch nach Staub, Schimmel, altem Papier, Leder, Tee, kaltem Kaminstein, einer Spur Vanille und einem Schock schwerer zu bestimmender Noten. Wie roch Erinnerung auf Irisch? Der Staub im Raum stammte aus dem letzten Jahrtausend. Hinter einem überladenen Tisch saß ein Mann mit schlohweißem Haar. Er nickte kaum. Ich inspizierte schmale Gänge. Meine Finger glitten über Buchrücken: Witchcraft in the North, The Celestial Atlas, Macbeth – annotated. Du bliebst mir auf den Fersen. In einem düsteren Winkel - hinter einer Reihe viktorianischer Herbariums-Folianten – blieb ich stehen. Der Regen klopfte gegen eine Butzenscheibe, die kaum Licht durchließ.

Ich spürte dich hinter mir und lehnte mich gegen dich. Du beugtest dich vor, dein Atem streifte meinen Nacken. Kein Wort fiel, aber alles geschah in einem Einvernehmen, das älter war als die Sprache. Zwischen den Regalreihen voller vergriffener Ausgaben und abgegriffener Seekarten entstand eine Hitze, die nichts mit der Gasheizung an der Wand zu tun hatte. Deine Hände glitten unter meinen regenschweren Anorak, sie fanden zärtlich Halt auf meinen Hüften. Ich überließ mich dir in minimalen Anpassungen an deine Berührungen. Es war ein stiller Energietanz, mit dem wir beide uns gut auskannten. Draußen prasselte der Regen wie ein Applaus der Elemente. Ein Buch fiel zu Boden. Ich registrierte ein eingeprägtes Distelmotiv auf dem olivgrünen Einband.

Die Abendsonne überflammte das Hafenbecken und verlieh Booten, Möwen und Pollern Scherenschnittprofile. grün gesäumten Ankerstatuen-Ensemble. Wir betraten Bella’s Place. Tischlichter, Glasreflexe, gedämpfte Stimmen.

Lavendel und Salbei.

Die Kellnerinnen trugen Uniformen, die mehr als bloße Dienstkleidung waren. Die schwarzweißen Kombinationen zitierten den Zofenschick des 19. Jahrhunderts. Der weiße Bubikragen war ein Element zeitgenössischer Finesse. Dazu weiße Haarschleifen - eine visuelle Ordnung, die mehr über das Haus verriet als jede Speisekarte. Sie bewegten sich lautlos zwischen den Tischen.

Die Maîtresse d’hôtel, eine Frau mit glattem grauem Bob, freakigen Muschelohrringen, und einem beigen Blazer von preußischer Strenge, führte uns zu einem Tisch am Panoramafenster.

Das Zurückziehen der Stühle - so statuarisch wie ein Bühnenereignis.

*

Dúnmara auf der Beara-Halbinsel in der Provinz Munster an der irischen Westküste Irlands. Der Name der Provinz leitet sich von der keltischen Göttin Muma ab. Das nahezu autofreie Nest war perfekt für uns. Schroffe Klippen, smaragdgrünes Meer, verwunschene Gärten, mittelalterliche Ruinen, regulärer Kutschenverkehr, kaum Lichtverschmutzung, Dark Sky Island, ideal für Sternengucker, witzige Läden auch für erotische Stopover, Heide und Marschland … sich der Welt verheimlichende Buchten. Wir hatten uns in einer windschiefen Pension einquartiert, in einem vermoosten Garten … geblümte Vorhänge, ein durchgesessener Sessel. Die Sprungfedern dehnen gefährlich den Bezug. Auf dem Nachttisch eine hochseetüchtige Petroleumlampe, in der eine Glühbirne leuchtete, daneben eine Porzellantasse mit abgeplatztem Rand als Lavendelvase. Das Nachmittagslicht fiel in schrägen Streifen durch ein womöglich schon im vorletzten Jahrhundert verglastes Fenster. Es roch nach Holz, Salz, Stein und beharrlicher Feuchtigkeit.

Ich stand vor dem halbblinden Spiegel. „Wusstest du, dass Dúnmara bis ins 19. Jahrhundert von einem Seigneur regiert wurden? Einem Feudalherrn wie im Mittelalter?“

Du zogst mich sanft zu dir.

„Es wundert mich nicht. Die Zeit hat hier einen anderen Takt.“ Wir eroberten jeden neuen Ort mit unserem Spiel. Wir weihten ihn ein mit unserer Lust.

Später spazierten wir auf Sandpfaden, vorbei an niedrigen Bruchsteinmauern und wogenden Wildblumen. Möwen kreischten über den Klippen, das Meer rauscht, die Wellen brechen. Sie erreichen einen Grat - einen windumtosten Übergang, links und rechts fiel der Fels dramatisch steil ab. Ich stemmte mich gegen ein Geländer. „Stell dir vor“, sagest du, „früher mussten die Leute hier zu Fuß rüber. Ohne Geländer. Mit Kindern und Eseln.“ Der Wind zerpflückte alle menschlichen Schutzmaßnahmen.

Am Abend im Zimmer stieß ich auf ein Buch von Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, stories, from the Brazilian Portuguese by Luis Ruby, edited by Benjamin Moser, Penguin

Clarice Lispector erzählt von einem schamlosen Bigamisten. Xavier besitzt die Macht, sein Milieu zu beherrschen. Eine überwältigende, manche sagen diabolische Kraft, die den Mann buchstäblich zum Kochen bringt, reicht aus, ihm einen Freibrief gegenüber dem nachbarschaftlichen Moralcode zu verschaffen. Xavier darf tun, wovon andere nur träumen.

Die Unparteilichkeit, mit der Lispector die Sache behandelt, ist sofort faszinierend.

„Jede Nacht war wer anders dran. An manchen Tagen zweimal in der Nacht. Wer übrig blieb, beobachtete. Sie waren nicht eifersüchtig aufeinander.“

Lispector problematisiert das Standardrollenprogramm nicht. Solange Xaviers Erregung an seine Hausfrauen Carmem und Beatriz gebunden bleibt, blickt die narrative Aufsicht anerkennend auf das Geschehen. Das Trio Infernal liebt Opulenz. Sie zelebrieren Opulenz im Bett und am Tisch. Gigantische Mahlzeiten sind ebenso erschöpfend wie der Liebesakt.

Alles ist im Überfluss vorhanden: Sex, Essen… und doch reicht es Xavier nicht, sich zwischen seinen Hausfrauen Carmem und Beatriz zu entscheiden, die ihn lieben und sogar anbeten. Stattdessen nutzt er auch die Gefälligkeit einer Prostituierten, deren heimliche Beteiligung toxische Effekte hat. Das Gift sickert in die Blase des Vertrauens.

Xavier versteht Last Tango in Paris falsch. Ihm entgeht, dass Marlon Brando einen verzweifelten Mann spielt.

Zumindest behauptet Lispector das.

„Er verstand den Film nicht. Er sah ihn als Sexfilm. Ihm kam nicht in den Sinn, dass es die Geschichte eines verzweifelten Mannes war.“

Der Film hat längst seinen kritischen Punkt erreicht. Wenn ich mich recht erinnere, hat Bernardo Bertolucci sich entschuldigt, natürlich viel zu spät. Kein Kritiker wird noch auf das Lob von damals bestehen. Wikipedia bewahrt anachronistische Perspektiven. Dietrich Kuhlbrodt erklärte 1982:

„Was Bertolucci mit Last Tango versucht, ist ein obsessiver Ansatz für ein Publikum, das Hollywood-Filme gewohnt ist und auch einen Hollywood-Star sehen darf… Der Film ist so direkt wie die Ansprache von Francis Bacons Bildern.“

Der Spiegel sprach bereits 2016 von „später Empörung“. Der Artikel referiert die Butter-Szene, bei der es um die unkoordinierte Simulation von Analverkehr geht. Das Magazin zitiert den Regisseur, der 2013 sagte:

„Ich hatte die Idee mit Marlon, am Morgen vor den Dreharbeiten. Aber auf eine Weise habe ich mich sehr schlecht gegenüber Maria verhalten, weil ich ihr nicht sagte, was passieren würde. Ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin.“

„An alle, die diesen Film lieben“, twitterte … Schauspielerin Jessica Chastain, „ihr seht, wie eine 19-Jährige von einem 48-jährigen Mann vergewaltigt wird. Der Regisseur plante diesen Übergriff. Mir ist übel.“

Lispector übergeht das alles. Ihr Xavier wirkt wie ein „wilder, heißblütiger Stier“. Seine Frauen machen einander zu Zeuginnen einer Liebe ohne Eifersucht. Die Autorin unterstreicht ihren Großmut.

Das Paar im Trio spürt, dass ihre Intimität gestört wird. Die Frauen bilden ein erotisches Team, das seinen Spaß auch ohne Xavier hat. Sie ergänzen einander nach den Statuten eines feministischen Harems. Sie kochen füreinander und gehen mit sexuellen Absichten ins Bett – den Pasha ausgeschlossen.

Carmem „bereitet das Frühstück zu… mit Löffeln dicker Sahne, und bringt es Beatriz und Xavier ans Bett“. Dann gesellt sie sich zu den Verwöhnten, und die drei bleiben bis drei Uhr nachmittags zusammen im Bett. Beatriz bereitet ein spätes Mittagessen zu, wie immer im Rahmen einer effektiven Liebespartnerschaft. Zwei Hühner, gefüllt mit Maniokmehl, Rosinen und Mandeln, kommen auf den Tisch, „alles saftig und lecker“. Die Frauen teilen sich ein Huhn. Mehr muss man nicht wissen. Carmem und Beatriz wollen, dass Xavier ein dummer, großartiger Hahn auf dem Hof ihrer Bedürfnisse ist.

Ficken, essen, beten… Um den Abend angemessen zu beenden, gehen die drei in eine Kirche. Lispector vergleicht den familiären Moment mit Ravels Boléro.

Xavier schuftet sich zu Tode, um das Geschäft am Laufen zu halten. Seine Frauen kaufen „Nachthemden, die voller Sex sind“.

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