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Private Paradiese

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23.06.26 20:22
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

Die Sonne schiebt sich durch den Frühnebel wie ein freundlicher Gedanke. Über den Feldern liegt der Duft von Heu, gemischt mit den Aromen von Lavendel und aufgeheiztem Staub. Die Kirchturmuhr von E. schlägt neun. Ich bedenke die Geschichte der Glocke. Sie ist älter als das Rathaus. Die Alten sagten, wenn sie schlägt, höre man nicht nur die Stunde. Man höre, was wahr ist. Sie wurde 1603 gegossen, im Auftrag einer Bäuerin namens Lenka, die nach dem Tod ihres Mannes einen Großteil ihres Erbes für „eine Glocke, die auch die Toten weckt“ gespendet hatte. Die Legende ging so: Ihr Mann war während eines Raubzugs im Schlaf erschlagen worden. Seitdem glaubte sie, dass das Läuten einer Glocke nicht nur der Ehre Gottes, sondern auch dem Schutz der Menschen dienen müsse - ein Weckruf gegen Unachtsamkeit, gegen das Verschlafen des Lebens. Die Glocke war in Kassel gegossen und mit zwei Ochsen nach E. verbracht worden. Sie überstand Kriege, Blitze, Plünderungen und eine geplante Einschmelzung im Zweiten Weltkrieg, der sie nur entkam, weil sie die Bürger von E. unter der Führung ihres Bürgermeisters Gerster aus dem Glockenturm auf einen Dachboden schafften. Ein Sprung in der Form verlieh ihr einen Ton, den die Eingesessenen liebten. „Unsere Glocke lügt nicht“, sagten sie.

Ich kenne jene Aufzeichnungen, die der Glocke gewidmet sind und im Heimatmuseum verwahrt werden. Briefe, in denen Soldaten die Glocke erwähnen, als Ade beim Abmarsch. Oder ein Tagebucheintrag von 1912, in dem jemand beschreibt, wie ihm das Läuten im Nebel „wie ein warmer Gottesatem“ vorkam. Innerlich verneige ich mich vor dem Ahnenaberglauben. Die Glocke hat die Hürde zur Ewigkeit überwunden. Sie gehört zum Diesseits und zum Jenseits, wie die Eder, wie die Hügel, wie der Wind, der in den Kronen der Linden kobolzt.

„Die ersten fanden den Tod, die zweiten hatten die Not, und die dritten erst das Brot.“

An dem Ederzufluss Marschbach, der zugleich einen Ortsteil von Ederthal bezeichnet, leben aus Harta (Ungarn) vertriebene Protestanten. Sie leiden unter den Erbkrankheiten Methämoglobinämie und Chorea Huntington. Ihre Kolonie erinnert an Moonshiner Habitate in den Appalachen. Der Kasseler Historiker Cornelius Blattschneider schreibt in seiner Marschbacher Saga: In verwaisten Gebieten von Ungarn, Slowenien und dem Banat siedelten ab dem 17. Jahrhundert Deutsche. Vielfach verlangte die Staatsräson das katholische Glaubensbekenntnis. Protestanten mussten konvertierten oder in protestantische und tolerante Territorien ausweichen. So erklärt sich ein Endpunkt der sogenannten Schwabenzüge in Harta an der Donau. 1723 kamen die ersten ev. Deutschen und ließen sich auf den Ländereien des Diplomaten Pál Ráday nieder. Nach Fünfundvierzig wurden 287 deutschstämmige Familien deportiert. Einige fanden den Weg nach Ederthal-Marschbach. Da waren sie so unwillkommen wie daheim.

Ein Enkel der Pioniergeneration von 1723 emigrierte nach Kentucky in Amerika. Er lebte wohl eine Zeitlang in Obhut der First Nation. Jedenfalls gründete er mehr als eine Familie und brachte sehr verschiedene Nachkommen hervor. Im 19. Jahrhunderte überquerte ein Enkel den Atlantik, um sich mit der Lebensart seiner Ahnen, amerikanisch frank vertraut zu machen.

Ich bin eine späte Nachfahrin der Edelfrauen zu Itter. Wer wüsste nicht, dass Gepa von Itter als Gumbert von Warburgs rüstiger Witwe 1129 in Arolsen just jenen Augustiner-Chorherren-Stift ins Leben rief, der beizeiten zum geistlichen und räumlichen Zentrum der Waldecker Grafschaft wurde. Da stand die Itterburg im Ittergau schon ein paar hundert Jahre. Ich weiß mich verwandt auch mit den Schwalenbergs. Ein Schwalenberg und eine Itter machten den ersten Grafen von Waldeck. Bis zum Ende der Itters 1356 infolge einer an Heinemann III. vollbrachten Meuchelei gehörte Ederthal selbstverständlich zur Herrschaft Itter so wie auch Marschbach am Arsch der Welt. Wieder schlug Kurmainz zu und nahm in Besitz, was die Landgrafschaft Hessen nicht fassen konnte. Wenige Jahre später brachte Otto von Waldeck den Gau kurz an sich. Wer aufgepasst hat, erkennt das Schema. Im nächsten Durchgang geht die Chose an die Philipps von Hessen-Rheinfels und wird zu einem Gegenstand des Streits unter Brüdern. Siehe Hessischer Bruderkrieg von 1469.

Granitgraues Bruchbudenensemble

Anmerkung des Herausgebers – Und wieder ist Nana von Reichenau unterwegs. Und wieder reist sie mit einem Mann, der in dieser Geschichte keinen Namen hat und selbstverständlich mit keinem der vorangegangenen Reisegefährten identisch ist. Nana ist nicht mehr so frei wie bei früheren Abenteuern. Es könnte ein Fehler gewesen sein, Professor Goya, dem akademischen Liebesmarkt überlassen, und sich wieder einmal mit einem halbwegs Fremden aufs Äußerste verständigt zu haben. Aber Nana ist sich selbst gegenüber hilflos, sobald sie das Reisefieber packt, und der amtierende Liebhaber scheint seinen Aufgaben auch gewachsen zu sein.

Seit zwei Tagen Regen und Nebel. Das Meer beginnt - kaum sichtbar - auf der anderen Straßenseite. Windverweht, sturmgepeitscht, wettergegerbt, die Stadt, im Reiseführer annonciert als nordatlantische Küstenperle, ist in Wahrheit ein granitgraues Bruchbudenensemble.

Eine Schrift in vergoldeten Lettern verheißt Thistle & Fox – Rare Books and Curiosities. In der Auslage liegt eine Karte von Atlantis, eine aufgeschlagene und zerlesene Ausgabe des Grafen von Monte Christo und ein silberner Kompass, der in alle Richtungen zittert.

„Lass uns da reingehen“, sagte ich. Ich hatte die Nase voll vom Mistwetter. Du streiftest mir das Wasser aus dem Haar, mit zärtlicher Sorgfalt. Dann folgtest du mir über die Schwelle, die vermutlich zuerst in einem Schiffskörper verbaut worden war. In der Bücherstube war es warm. Es roch nach Staub, Schimmel, altem Papier, Leder, Tee, kaltem Kaminstein, einer Spur Vanille und einem Schock schwerer zu bestimmender Noten. Wie roch Erinnerung auf Irisch? Der Staub im Raum stammte aus dem letzten Jahrtausend. Hinter einem überladenen Tisch saß ein Mann mit schlohweißem Haar. Er nickte kaum. Ich inspizierte schmale Gänge. Meine Finger glitten über Buchrücken: Witchcraft in the North, The Celestial Atlas, Macbeth – annotated. Du bliebst mir auf den Fersen. In einem düsteren Winkel - hinter einer Reihe viktorianischer Herbariums-Folianten – blieb ich stehen. Der Regen klopfte gegen eine Butzenscheibe, die kaum Licht durchließ.

Ich spürte dich hinter mir und lehnte mich gegen dich. Du beugtest dich vor, dein Atem streifte meinen Nacken. Kein Wort fiel, aber alles geschah in einem Einvernehmen, das älter war als die Sprache. Zwischen den Regalreihen voller vergriffener Ausgaben und abgegriffener Seekarten entstand eine Hitze, die nichts mit der Gasheizung an der Wand zu tun hatte. Deine Hände glitten unter meinen regenschweren Anorak, sie fanden zärtlich Halt auf meinen Hüften. Ich überließ mich dir in minimalen Anpassungen an deine Berührungen. Es war ein stiller Energietanz, mit dem wir beide uns gut auskannten. Draußen prasselte der Regen wie ein Applaus der Elemente. Ein Buch fiel zu Boden. Ich registrierte ein eingeprägtes Distelmotiv auf dem olivgrünen Einband.

Die Abendsonne überflammte das Hafenbecken und verlieh Booten, Möwen und Pollern Scherenschnittprofile. grün gesäumten Ankerstatuen-Ensemble. Wir betraten Bella’s Place. Tischlichter, Glasreflexe, gedämpfte Stimmen.

Lavendel und Salbei.

Die Kellnerinnen trugen Uniformen, die mehr als bloße Dienstkleidung waren. Die schwarzweißen Kombinationen zitierten den Zofenschick des 19. Jahrhunderts. Der weiße Bubikragen war ein Element zeitgenössischer Finesse. Dazu weiße Haarschleifen - eine visuelle Ordnung, die mehr über das Haus verriet als jede Speisekarte. Sie bewegten sich lautlos zwischen den Tischen.

Die Maîtresse d’hôtel, eine Frau mit glattem grauem Bob, freakigen Muschelohrringen, und einem beigen Blazer von preußischer Strenge, führte uns zu einem Tisch am Panoramafenster.

Das Zurückziehen der Stühle - so statuarisch wie ein Bühnenereignis.

*

Dúnmara auf der Beara-Halbinsel in der Provinz Munster an der irischen Westküste Irlands. Der Name der Provinz leitet sich von der keltischen Göttin Muma ab. Das nahezu autofreie Nest war perfekt für uns. Schroffe Klippen, smaragdgrünes Meer, verwunschene Gärten, mittelalterliche Ruinen, regulärer Kutschenverkehr, kaum Lichtverschmutzung, Dark Sky Island, ideal für Sternengucker, witzige Läden auch für erotische Stopover, Heide und Marschland … sich der Welt verheimlichende Buchten. Wir hatten uns in einer windschiefen Pension einquartiert, in einem vermoosten Garten … geblümte Vorhänge, ein durchgesessener Sessel. Die Sprungfedern dehnen gefährlich den Bezug. Auf dem Nachttisch eine hochseetüchtige Petroleumlampe, in der eine Glühbirne leuchtete, daneben eine Porzellantasse mit abgeplatztem Rand als Lavendelvase. Das Nachmittagslicht fiel in schrägen Streifen durch ein womöglich schon im vorletzten Jahrhundert verglastes Fenster. Es roch nach Holz, Salz, Stein und beharrlicher Feuchtigkeit.

Ich stand vor dem halbblinden Spiegel. „Wusstest du, dass Dúnmara bis ins 19. Jahrhundert von einem Seigneur regiert wurden? Einem Feudalherrn wie im Mittelalter?“

Du zogst mich sanft zu dir.

„Es wundert mich nicht. Die Zeit hat hier einen anderen Takt.“ Wir eroberten jeden neuen Ort mit unserem Spiel. Wir weihten ihn ein mit unserer Lust.

Später spazierten wir auf Sandpfaden, vorbei an niedrigen Bruchsteinmauern und wogenden Wildblumen. Möwen kreischten über den Klippen, das Meer rauscht, die Wellen brechen. Sie erreichen einen Grat - einen windumtosten Übergang, links und rechts fiel der Fels dramatisch steil ab. Ich stemmte mich gegen ein Geländer. „Stell dir vor“, sagest du, „früher mussten die Leute hier zu Fuß rüber. Ohne Geländer. Mit Kindern und Eseln.“ Der Wind zerpflückte alle menschlichen Schutzmaßnahmen.

Am Abend im Zimmer stieß ich auf ein Buch von Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, stories, from the Brazilian Portuguese by Luis Ruby, edited by Benjamin Moser, Penguin

Clarice Lispector erzählt von einem schamlosen Bigamisten. Xavier besitzt die Macht, sein Milieu zu beherrschen. Eine überwältigende, manche sagen diabolische Kraft, die den Mann buchstäblich zum Kochen bringt, reicht aus, ihm einen Freibrief gegenüber dem nachbarschaftlichen Moralcode zu verschaffen. Xavier darf tun, wovon andere nur träumen.

Die Unparteilichkeit, mit der Lispector die Sache behandelt, ist sofort faszinierend.

„Jede Nacht war wer anders dran. An manchen Tagen zweimal in der Nacht. Wer übrig blieb, beobachtete. Sie waren nicht eifersüchtig aufeinander.“

Lispector problematisiert das Standardrollenprogramm nicht. Solange Xaviers Erregung an seine Hausfrauen Carmem und Beatriz gebunden bleibt, blickt die narrative Aufsicht anerkennend auf das Geschehen. Das Trio Infernal liebt Opulenz. Sie zelebrieren Opulenz im Bett und am Tisch. Gigantische Mahlzeiten sind ebenso erschöpfend wie der Liebesakt.

Alles ist im Überfluss vorhanden: Sex, Essen… und doch reicht es Xavier nicht, sich zwischen seinen Hausfrauen Carmem und Beatriz zu entscheiden, die ihn lieben und sogar anbeten. Stattdessen nutzt er auch die Gefälligkeit einer Prostituierten, deren heimliche Beteiligung toxische Effekte hat. Das Gift sickert in die Blase des Vertrauens.

Xavier versteht Last Tango in Paris falsch. Ihm entgeht, dass Marlon Brando einen verzweifelten Mann spielt.

Zumindest behauptet Lispector das.

„Er verstand den Film nicht. Er sah ihn als Sexfilm. Ihm kam nicht in den Sinn, dass es die Geschichte eines verzweifelten Mannes war.“

Der Film hat längst seinen kritischen Punkt erreicht. Wenn ich mich recht erinnere, hat Bernardo Bertolucci sich entschuldigt, natürlich viel zu spät. Kein Kritiker wird noch auf das Lob von damals bestehen. Wikipedia bewahrt anachronistische Perspektiven. Dietrich Kuhlbrodt erklärte 1982:

„Was Bertolucci mit Last Tango versucht, ist ein obsessiver Ansatz für ein Publikum, das Hollywood-Filme gewohnt ist und auch einen Hollywood-Star sehen darf… Der Film ist so direkt wie die Ansprache von Francis Bacons Bildern.“

Der Spiegel sprach bereits 2016 von „später Empörung“. Der Artikel referiert die Butter-Szene, bei der es um die unkoordinierte Simulation von Analverkehr geht. Das Magazin zitiert den Regisseur, der 2013 sagte:

„Ich hatte die Idee mit Marlon, am Morgen vor den Dreharbeiten. Aber auf eine Weise habe ich mich sehr schlecht gegenüber Maria verhalten, weil ich ihr nicht sagte, was passieren würde. Ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin.“

„An alle, die diesen Film lieben“, twitterte … Schauspielerin Jessica Chastain, „ihr seht, wie eine 19-Jährige von einem 48-jährigen Mann vergewaltigt wird. Der Regisseur plante diesen Übergriff. Mir ist übel.“

Lispector übergeht das alles. Ihr Xavier wirkt wie ein „wilder, heißblütiger Stier“. Seine Frauen machen einander zu Zeuginnen einer Liebe ohne Eifersucht. Die Autorin unterstreicht ihren Großmut.

Das Paar im Trio spürt, dass ihre Intimität gestört wird. Die Frauen bilden ein erotisches Team, das seinen Spaß auch ohne Xavier hat. Sie ergänzen einander nach den Statuten eines feministischen Harems. Sie kochen füreinander und gehen mit sexuellen Absichten ins Bett – den Pasha ausgeschlossen.

Carmem „bereitet das Frühstück zu… mit Löffeln dicker Sahne, und bringt es Beatriz und Xavier ans Bett“. Dann gesellt sie sich zu den Verwöhnten, und die drei bleiben bis drei Uhr nachmittags zusammen im Bett. Beatriz bereitet ein spätes Mittagessen zu, wie immer im Rahmen einer effektiven Liebespartnerschaft. Zwei Hühner, gefüllt mit Maniokmehl, Rosinen und Mandeln, kommen auf den Tisch, „alles saftig und lecker“. Die Frauen teilen sich ein Huhn. Mehr muss man nicht wissen. Carmem und Beatriz wollen, dass Xavier ein dummer, großartiger Hahn auf dem Hof ihrer Bedürfnisse ist.

Ficken, essen, beten… Um den Abend angemessen zu beenden, gehen die drei in eine Kirche. Lispector vergleicht den familiären Moment mit Ravels Boléro.

Xavier schuftet sich zu Tode, um das Geschäft am Laufen zu halten. Seine Frauen kaufen „Nachthemden, die voller Sex sind“.

Zwischen den Seiten einer Schwarte lag ein gepresstes Veilchen.

„Wer hat das hier vergessen?“ fragest du. „Oder dagelassen“, sagte ich.

Wir sahen uns an. Und wussten, dass auch wir etwas zurücklassen würden.

Wir erwachten an einem märchenhaften Nebelmorgen. Sofort waren wir auf den Beinen und vor der Tür. So erkundungsbegierig waren wir, dass wir sogar unser Liebesspiel verschoben. Obwohl das gegen die Regeln war und uns die Ordnung unserer Liebe heilig war. Es dauerte, bis die ersten Sonnenstrahlen den Tau glitzern ließen. Ich stand barfuß im Gras hinter dem buckligen Cottage, die Kaffeetasse warm in den Händen. Wir spazierten eine schmale Straße entlang, auf der uns nur Radfahrer begegneten. Überall blühten Stockrosen, in Mauerritzen nistete wilder Fenchel. Ein Schild wies auf das kleine Gefängnis hin: zwei Zellen, kaum größer als ein Gartenschuppen. Das kleinste Gefängnis Europas. Manchmal ließen sich die Leute freiwillig einsperren, um ihre Ruhe zu haben.

Wir kamen zu einer Mühle. Ein Schild erklärte, dass Dúnmara seit der Zeit Elisabeths I. nicht länger dem gälischen Recht der umliegenden Clans unterstanden hatte. In den 1560er Jahren war das Land einem Grandseigneur mit englischen Ambitionen übertragen worden, unter der Auflage, vierzig bewaffnete Männer in Rufweite seiner Residenz anzusiedeln. Sie sollten die gälischen Klans in Schach halten, die Küste sichern und das neue Recht gegen die alten Bräuche durchsetzen.

Elisabeth I. (1533 - 1603) stammte aus einer vom Papst verurteilten Verbindung mit Anne Boleyn, während es eine römisch legitimierte Konkurrentin gab - Maria Stuart. Elisabeth zementierte ihre Macht nicht nur im Ausbau der Anglikanischen Kirche, jenem konfessionellen Tollhaus nach Heinrichs Plaisir. Sie kerkerte auch Verwandte ein.

Vor Elisabeth hatte Mary Grey (1545 - 1578) in der Thronfolge gestanden: als Großnichte des letzten Königs, Enkelin einer französischen Königin und Schwester der englischen Kurzzeitkönigin Jane Grey. Heimlich hatte sie den unpassenden Thomas Keyes geheiratet. Elisabeth fürchtete den Nachwuchs - deshalb ließ sie Mary festsetzen.

Auch für Mary war Macht unabänderlich eine Frage der Herkunft. Die von der Freiheit ab- und von der Natur kleingehaltene Anwärterin verbreitete den Irrsinn ihrer Zeit. Marys Korrespondenz spiegelte das Elisabethanische Gomorra. Wurde man erst einmal im Beat weggeschossener Beine, verdreckter Beischläfer, bekennender Päderasten und anderer Kloaken vom Rhythmus der Pest und Pocken erfasst, dann flutschte die Lektüre wie auf einer Wendelrutsche im Spaßbad. Jede Lady war eine Macbeth, wie sie durch die Tudorrose sprach. Das Zeitalter hielt sich die Nase zu, um nicht von Flöhen zum Niesen gebracht zu werden. Wo Blut floss, und die Ratte sprang, da ging der Unterschied zwischen affektiv und affektiert gegen Null. Man rülpste nach Mahlzeiten, die zu kalt, zu fett, zu opulent oder vergiftet auf die Tische gekommen waren. Man spuckte auf Perserteppiche rotzte in Hermelinkragen. Schlechtes Wetter machte Epoche. 1588 scheiterte Spanien beim Versuch, die Insel einzunehmen. Die Armada unterlag dem englischen Wetter. Das spanische Desaster beförderte England zur Großmacht.

Gezeitenblues

Wir erreichten den Garten des Gutsherrn. Rosen, Lavendel, alte Bäume. In der Ferne sah man das Herrenhaus, in dem ein zeitgenössischer Landlord residierte. Du fotografiertest mich vor einer windflüchtigen Monterey-Zypresse. Die Krone bog sich gen Osten. Akribisch identifizierten wir die Bäume im Garten. Ein Bergahorn mit rosa-goldenem Austrieb, ein norwegischer Ahorn - Crimson King - Purpur bis in die Spitzen. Ein filigran blättriger japanischer Ahorn.Formularende

„Stell dir vor“, sagte ich verschwörerisch zwischen mannshohen Fingerhüten, „hier wurden Hochzeiten gefeiert.“

„Und jetzt stehen wir hier.“

Über unseren Trampelpfad zu den Klippen floss das Licht wie geschmolzene Butter. Die Hecken aus Stechginster leuchteten goldgelb. Wir schlenderten Hand in Hand. Du trugst den Picknickkorb, ich die Decke. Wir vernahmen den fauchenden Atem des Meeres und das Geschrei der Vögel.

Topografische Marken bewahrten ein gälisches Erbe. Cuan na bhFeileach – ein geschützter Hafen. Draíocht na mBramball – eine Brombeer-Senke, passend zu den Sträuchern am Wegrand. Ein Name wie aus einem Kinderbuch. Uisce Milis – das süße Wasser.

Steinmauern und Wildblumen. Gedichte aus Gischt, Gezeitenblues, seoda Ceilteacha und filíocht na gCeilt – keltische Kriegspoesie und die Legenden der Klans.

Wir waren wieder auf dem Grat- Links und rechts fiel das Gelände dramatisch ab. Die Felslinie war in Jahrhunderten ein Saumpfad gewesen, lebensgefährlich bereits bei Regen und Wind. Inzwischen war die Strecke befestigt, aber der Nervenkitzel war geblieben. Wer die Brücke passierte, kriegte es mit der Angst zu tun. Die Gischt schoss hoch wie eine urzeitliche Warnung: Hier wiegst du nicht schwerer als eine Feder im Titanensturm der Elemente.

Früher beschwerten Frauen ihre Röcke mit Steinen, um nicht fortgetragen zu werden.

Mit klopfenden Herzen machten wir uns an die Überquerung. Die Sache hatte etwas von einem Spießrutenlauf. Wir wurden von Luftberserkern gebeutelt. Zum ersten Mal in unserem gemeinsamen Leben mussten wir als Paar Angst ausstehen. Ich fühlte einen unbequemen Abstand zu dir. Selbst in dieser Extremsituation gab es für mich nicht mehr die Sensation eines Erstmaligkeitserlebnisses.

In einer Senke, befriedet von unterholzig zusammengewachsenen Brombeersträuchern, breiteten wir die Decke aus. Der Picknickkorb barg Wein, Brot, Käse und Aprikosen. Und dunkle Schokolade.

Ich lag auf dem Rücken, blickte in den Himmel, der sich zwischen Blau und Dunst nicht entscheiden konnte. Du ehrtest meine Mitte mit deiner Hingabe. Deine Hände befassten sich zärtlich mit mir.

„Das ist so gut“, sagte sie, als die Welle anrollte. In der post-koitalen Verschnaufpause gestand ich mir, ohne es indes auszusprechen, ernsthaft Angst vor dem Rückweg zu haben.

Wie wunderbar war doch die Liebe. Zurück im Hotel wuschen wir uns gegenseitig. Wir schrubbten Staub und Schweiß von unseren Leibern und erlebten das als einen Akt zwischen rituell und sakral. Im Bett stecktest du mir die letzte Aprikose in den Mund.

„Was machen wir morgen?“, fragte ich.

„Morgen ist weit weg“, sagest du. Das klang für mich leider schon ein bisschen abgedroschen. Längst fehlte mir die Kraft zur Vergötterung.

Während der letzten Eiszeit war der Ärmelkanal eine Landbrücke. Man spricht vom Doggerland. Die nach heutigen Begriffen europäische Festlandmasse umfasste Großbritannien. Als die Eisschilde schmolzen, stieg der Meeresspiegel. Doggerland wurde überflutet und der Ärmelkanal entstand als Meeresstraße.

Doggerland war eine fruchtbare Landschaft. Darin lebten Mammuts, Rothirsche, Wildpferde und Menschen. Sedimentproben, geophysikalische Untersuchungen und weitere unterwasserarchäologische Nachweise belegen die Existenz dieses untergegangenen Landes.

Man fand Werkzeuge und Siedlungsartefakte.

War Doggerland Atlantis?

Ceo ar an teanga - Nebel auf der Zunge

Cuan beag - Ein Name wie Nebel auf der Zunge. Man sagt, früher sei hier ein natürlicher Hafen gewesen, kaum mehr als eine Anlegestelle für Fischer, versteckt zwischen Landzungen. Die See schlug ihn irgendwann weg, bei einem der Winterstürme, die alles mit sich reißen, was nicht tief genug im Erdreich ankert. Geblieben ist nur der Name - cuan beag – kleine Bucht.

Wir traten durch ein verwittertes Tor. Das war die einzige Öffnung eines archaischen Mauerovals. Die Dächer waren aus bemoostem Schiefer. Die wenigen Katen trugen Muschelschmuck. Sie hatten runde Fensterläden, bemalt mit maritim-mythischen Mustern.

Der Geruch von geräuchertem Fisch und Rosmarin.

Sie begingen Kopfsteinpflaster und stehen bald vor einem Gasthof - Teach na nGael – Haus der Kelten. Einer Laune gehorchend, quartierten wir uns ein. Dabei erschienen wir uns unglaublich wohlhabend. Im Zimmer stand ein altes Himmelbett, die Holzpfosten mit rankenden Efeumotiven verziert. Auf dem Fenstersims lag ein antikes Fernrohr. Ich hob es an, richtete es aufs Meer.

„Vielleicht sieht man von hier Atlantis bei besserer Fernsicht“, sagtest du. Ich fand mal wieder, dass das ein Drehbuchsatz war. Du legtest die Hände an meine Taille. Wir bleiben einen Moment so; der Himmel war tiefblau, das Licht diffundierte. Dann drehte ich mich in deinen Armen.

„Ich will dir dabei in die Augen sehen.“

Du knöpftest mir das Kleid auf, das ich gemeinsam mit Goya in Frankfurt auf der Zeil gekauft hatte - weißer Musselin, besetzt mit blauen Blüten. Goya war die ganze Zeit bei mir. Heimlich leistete ich Abbitte bei ihm, während du mich zu einem Supermarkt-Höhepunkt brachtest. Plötzlich empfand ich eine solch schmerzhafte Sehnsucht nach Goya, dass mich die Furcht ankam, ich könnte mich verraten. Ich wollte aber mit dem Sehnsuchtsschatz in meinem Schneckenhaus verschwinden. Ohne dich vor den Kopf zu stoßen. Du musstest von mir keine Lektion mehr zu deiner Verbesserung über dich ergehen lassen. Ich war fertig mit dir.

Du ahntest nicht, dass ich innerlich schon Abschied nahm. Ich ließ dich glauben, es ginge noch um uns.

Geschichte in Gischt

Später besuchten wir eine Kapelle am Rand der Steilküste, halb verfallen, ihr Dach vom Wind zerpflückt. Man sagte, dort hätte sich einst ein illegitimes Liebespaar verborgen, das sich in einem Sturm verirrt hatte.

Die Halbinsel Dúnmara war einst ein Versteck für gälische Briganten und Küstenpiraten. Bereits im 6. Jahrhundert siedelten hier keltisch-christliche Eremiten, die das Ideal der Einsiedler verfolgten und kleine Klöster an den Buchten errichteten. „Dúnmara“ – Festung am Meer – könnte auf diese Zeit zurückgehen, auch wenn seine genauen sprachlichen Wurzeln im Gälischen, Altbretonischen oder sogar Altirischen liegen.

Während der normannischen Eroberung Irlands im 12. Jahrhundert unterfiel die Gegend der Herrschaftsanspruch anglonormannischer Lords. Die Halbinsel blieb weitgehend unabhängig, weil sie schwer zugänglich war.

Die Vergangenheit verstaubte in Dúnmara nicht im Museum. Sie war ein Atem, der durch Hecken strich.

*

Durch die Vorhänge fiel zögerliches Morgenlicht. Unbekümmert begingen deine Hände meine Lustlandschaft. Ja, ich genoss deinen heißen Atem an meinem Hals. Die Körper fanden in der fließenden Hitze ihrer innigen Morgenbegrüßung zueinander.

„Meine Liebe zu dir zerreißt mich“, flüstertest du. Wir segelten nicht mehr auf demselben Dampfer. Aber ich sagte nichts. Die Sonne strich über Bruchsteinpittoresken und grasbewachsene Hügel. Die Fensterläden klapperten.

*

Ich kam barfuß auf die Hotelveranda. Der Himmel war milchig-blau, das Meer glatt wie ein Laken. Du folgtest mit dampfendem Tee. Wir setzten uns unter einen Stechginster. Ich befragte die Managerin über die Meeresfauna in dieser Gegend. Es gab jede Menge Haie. Vor meinem geistigen Auge tummelte sich eine Armada von Finnen.

Nach dem Frühstück schnürten wir die Schuhe. Keine Straßen, keine Autos, keine Eile. Nur ein paar Sandpfade, die sich wie Linien über die kleine Insel zogen. Ein überwucherter Wildwechsel führte durch Wacholderbüsche in einem vor langer Zeit aufgegebenen Garten mit zugewachsenen Beeten, einer Holzbankruine, den Resten eines Kaninchenstalls und einer windschiefen Kate.

An der Tür hing ein Schild:

„Trespassers will be reported. But maybe not today.”

Das den Riegel verankernde Holz war so morsch, dass es unter der ersten, kaum nachdrücklichen Berührung zerbröselte. Wir betraten einen Raum, der vor wenigstens einem halben Jahrhundert als Büro genutzt worden war.

Ich blies Staub von einer Mappe voller Briefe, geschrieben von Seamus Ó Cearbhaill.

Ein Brief begann mit dem Vers:

„Sie glauben, ich sei fort. Aber ich bin nur still geworden. Man hört mich nicht mehr, weil die Welt zu laut ist.“

Die Mappe barg topografische Skizzen. Ein Punkt zeigt einen „Wellenschacht“, ein anderer die „alte Funkstelle“. Zwischen Blättern lag ein Schlüssel - und ein Foto. Es zeigt zwei bärbeißig in die Kamera blickende Männer vor einer Antenne, darunter in Bleistift: „Sommer 1944 – Dúnmara hört zu.“

Wir entdeckten eine Falltür, verdeckt von einem animalisch verhunzten Teppich. Sie öffneten sie vorsichtig. Eine schmale Treppe führte hinab in die Finsternis. Die Luft, die uns aus der Tiefe entgegenschlug, roch nach Salz, Metall und Moder. Ich zögerte nicht, meine Hand umschloss den Schlüssel. Du richtetest den Strahl der Taschenlampe in das Kellerschwarz. Die Stufen sind uneben, nass, von Wurzeln gesprengt.

Der Gang weitete zu einer Felsenkammer. An den Wänden rosteten militärische Vorrichtungen, in der Ecke stand das Gerippe einer Metallpritsche. Dann war da noch eine Tür.

Der Schlüssel passte.

Ein Klick. Die alten Lampen an der Decke flackerten auf. Eine Tonbandmaschine bildete den Raummittelpunkt. Ich erkannte sofort, was das war. Ein Magnetophon K7, entwickelt von der AEG und BASF für die Wehrmacht. Seiner Zeit um zwanzig Jahre voraus. Die Engländer hatten lediglich Drahtaufzeichner - Wire Recorders.

Offensichtlich waren Deutsche während des Zweiten Weltkriegs hier gewesen und ihre Spuren waren nie getilgt worden 

Ich drückte die Abspieltaste. Ein atmosphärisches Kratzen … plötzlich meldete sich ein zweites Gerät mit einem Aktivitätssummen. Ein antikes Oszilloskop erwachte. Eine Linie begann zu flackern, zu tanzen - auf ein Signal hin. Wo mochte es herkommen?

Das Signal pulsierte unregelmäßig.

Du zogst mich aus dem Gewölbekeller. Im Büro griff ich reflexhaft nach der Mappe. Ich wollte einen Artikel über das mysteriöse „Inselbüro“ schreiben und in einer Zeitschrift für Mikrohistorik publizieren. 

Ein Tagpfauenauge flatterte im Farn. Die Luft roch nach Tang, Torf und Erde. Wir schlenderten zur Shell Beach. Der Sand war blütenweiß, durchsetzt mit winzigen Muscheln. Das Wasser war glasklar, türkis in den Buchten, smaragdgrün an den Felsen.

Der Strand gehörte uns allein. Wir umarmten uns im Wasser. Es war zu kalt für mehr im Meer. Du küsstest leidenschaftlich mit bibbernden Lippen, während ich mich haltlos an dich schmiegte. Die der Kälte geschuldete Gänsehaut unterschied sich nicht von einer Gänsehaut des Verlangens. Das bemerkte ich zu meinem Erstaunen. Die Ununterscheidbarkeit einer Lust- von einer Schmerzreaktion - natürlich kommt das aus unserem ursprünglichsten Programm. Wir sind Überlebensmaschinen. In uns überleben Millionen Jahre alte Überlebensroutinen.  

Du zogst die Schleife des Bikinioberteils auf. Wir standen nur noch bis zu den Knien im Wasser, die Kälte verlor ihre Macht. Ich fragte mich, ob uns jemand zusah. In meiner Phantasie beobachtete uns Goya. Ich sah ihn als sturmumtosten Rachegott. Er zürnte dir mehr als mir. Tatsächlich zürnte er mir gar nicht. Er empfand nur Liebe für mich, wenn auch mit der Inbrunst einer Abrissbirne. Wir manövrierten in unseren Lustlandschaften und verabredeten in unserer Intimzeichensprache, auf eine jugendliche Art zu kommen. Spiegelneuronale Onanie. Wir griffen uns in die Badehosen. Ich genoss das aristokratische Privileg müheloser Erfüllung. Die Welle rollte schnell an.

„Ich liebe dich so. Ich fühle mich so beschenkt mit dir.“

Das sagtest du. Ich sagte nichts. Wir küssten und rieben uns, in einer unerwarteten Evokation erinnerte ich, wie ich mich auf diesen Pettingparcours einst vorgetastet hatte.

Anarchie von oben

Erich Paul Remark (E. Maria Remarque, 1898 - 1970) hatte eine Vorliebe für erotische Operette. Eine junge Frau aus gutem Hause – man sprach bei Tisch Altgriechisch, oft über Kunst, nie über Gefühle. Der Vater, Kurt Mühsam, einst Kritiker und Ullstein-Chefredakteur in der Weimarer Republik, veranlasste Remarque zu Salonauftritten als Aschenputtel in den kalifornischen Nachmittagen eines nobilitierten Exils. Der „Engel“ hatte jederzeit zu flattern, wenn der graue Ziegenbock Lust auf ein Gespräch verspürte. Sie hieß Ruth und nannte ihn Boni. Er „spielte“ mit ihr.

*

Seit dem 14. Jahrhundert lautet das Motto der französischen Hauptstadt Fluctuat nec mergitur – Sie schwankt, aber sie fällt nicht. Die Formel spielt auf die Kunst an, schwere Schläge unheroisch zu überleben. Nach den jüngsten Anschlägen von Paris erlebte das Motto eine Renaissance als Kampfruf.

Fluctuat nec mergitur. Goya schmückt eine Nachricht mit diesem Satz. Er betrinkt sich auf der Dachterrasse eines Hotels mit Blick auf Notre-Dame, Montmartre, Sacré-Cœur und den Eiffelturm. Goya trägt die Rüstung der akademischen Global Player; nichts verhüllt ihn gründlicher. Mercy Claiborne, die Goya wenige Tage zuvor auf einem Symposium in Seattle aufgerissen hat, lächelt erwartungsvoll. Goya glüht bei dem Gedanken an seine jüngste Eroberung. Mercy vermisst in Paris bespielbare Dächer. Die Entwürfe des Baron Haussmanns erlauben kaum je plein-air-Eskapaden.

Mercy war jahrelang ans Bett gefesselt und durfte in Phasen äußerster Schwäche nicht einmal lesen. Getröstet wurde sie mit Vorträgen über seine Familiengeschichte. Die schwarze Seite ihrer Familie gehörte zu den sklavenhaltenden Klans Louisianas.  

Mangelvirtuose

Am Strandkiosk von Belvoir Bay - kaum mehr als ein Verschlag mit aufgeklappter Fensterlade - holten wir Sandwiches mit reifem Cheddar aus West Cork, eine Zitronenlimo, noch warme Scones. Wir setzten uns auf Bruchstein und aßen schweigend.

Ein Inselgreis kam vorbei, einen verdatterten Labrador an der Leine.

“You two enjoying it?”

“Very much,” sagte ich.

“It feels like time holds its breath here.”

Der Mann lachte leise.

“Aye. And sometimes forgets to exhale.”

Wir folgten dem schmalen Küstenpfad entlang der Steilkante. Unter uns jagten Möwen im Sturzflug, und aus den Felsen stieg das helle Kreischen der Austernfischer. Diese charismatischen Küstenvögel entfalteten eine eigentümliche Würde mit ihrem schwarz-weißen Gefieder und den leuchtend orangeroten Schnäbeln, als trügen sie ein uraltes Amt.

Ein krummer Wegweiser ragte aus dem Gras: → St Tugual’s Chapel – 8 minutes → Belvoir Bay – 5 minutes

St Tugual’s Chapel war ein stilles Zeugnis normannischer Frömmigkeit aus dem 11. Jahrhundert. Die Halbinsel war bereits Jahrhunderte zuvor christianisiert worden - vielleicht von einem bretonischen Missionar, dem heiliggesprochenen Tugual. Zur Kapelle gehörte ein Friedhof. Die ältesten Grabreste stammten aus dem 10. Jahrhundert. Der Ort der Totenruhe war also älter als der Gebetsraum. Die Kapelle war ein schmuckloses Granitkleinod, schlicht und zugleich von bemerkenswerter Anziehungskraft. Wir setzten uns auf die einzige Bank.

“I thought Dúnmara would be just a point on the map,” sagtest du schließlich. “But it’s more like a pause in a sentence.”

Ich nickte.

“An intake of breath.”

Wir erreichten Inis Éisteacht bei Ebbe, auf einem Felsendamm. Der Atlantik hatte sich kurz zurückgezogen und würde gleich wiederkommen. Die Insel schien menschenleer - abgesehen von einem Mann, dünn, grau, dürftig, aber nicht zu sehr, vielleicht ein Mangelvirtuose, mit einem Fernglas am Schulterriemen und einem Militärtornister auf dem Rücken. Grußlos deutete er aufs Meer. „Das Wasser kommt zurück. Und ihr bringt Stimmen mit.“

Er bat uns, Platz zu nehmen.

„Habt ihr etwas mitgebracht?“

Ich überreichte ihm die Mappe, ohne ihn anzusehen.

*

Weite, Wind, Gezeiten … das Gasthaus heißt The West Winds Inn. Gekalkte Wände, niedrige Decken, freigelegtes Fachwerk. Mir stieg ein Geruchsmix aus Seife und Hausschwamm in die Nase - nichts Abstoßendes, eher das olfaktorische Archiv vieler harter Winter.

Im Zimmer standen zwei spartanische Einzelbetten. Lachend schoben wir sie zusammen. Das war die erste Maßnahme.

Auf den bestickten Kopfkissen stand Good Enough.

Du schlugst dein Notizbuch auf und zeigtest mir eine Stelle. Da stand dasselbe.

„Wann hast du das geschrieben?“

„Heute Morgen,“ sagtest du. „Noch vor unserem Aufbruch.“

Ich schloss die Augen. Normalität. Ein Bett. Warme, weiche Kissen, in die man sich hineinentspannen konnte. Das war in jedem Fall good enough.

Auf dem Fenstersims lagen Muscheln, sorgfältig nebeneinandergelegt. Draußen spannte sich der Abendhimmel in Lila und Kupfer über das freigelegte Watt. Das Wasser war fort. Zurückgeblieben waren blendend glänzende Sandflächen, durchzogen von schmalen Wasseradern, in denen sich das Licht brach.

„Es sieht aus,“ sagtest du, „als würde das Meer den Atem anhalten.“

„Nimm mich in die Arme,“ verlangte ich unrechtmäßig. Ich hatte mich schon von dir verabschiedet, nutzte aber deine Liebe und Erfahrung mit meinem Körper. Ich glaubte ehrlich nicht, mich an dir vergehen zu können. Du hattest dein Vergnügen mit mir. So sah ich es, während die Sehnsucht nach Goya in mir tobte. Ich erwog, Kontakt aufzunehmen, verwarf das aber täglich aufs Neue. Ich musste ihn sehen, spüren, riechen.

Dein Körper formte ein Angebot, von dem dein Geist noch nichts wusste. Du berührtest meinen Nacken, streiftest die Kette, an der das Medaillon hing, das Goyas neapolitanische Urgroßmutter einst nur heimlich getragen hatte. Verborgen auf der Haut, unter Schichten der Schicklichkeit als Zeichen einer unangemessenen Leidenschaft, für die sie lange in einem Eheverließ der Lustlosigkeit büßte. In einer Evokation begegnete ich der Ahne im Kolorit der Gegenwart dieser Mesalliance. Mein Rücken bog sich von selbst durch zu einem Hohlkreuz der Hingabe. Aber die Hingabe galt nicht dir.

Ich spürte deine Hände auf meinem Hintern und vernahm die Operettenmelodie gemeinsamer Lust.

„Ich bete dich an“, sagst du.

„Ich spüre es“, antwortete ich herzlos.

Wir gingen zu Tisch. Es gab fangfrischen Seebarsch, gebraten in Butter, dazu Salzkartoffeln mit Schnittlauch und eine Schale geschmorter Küstenfenchel. Zitronentarte zum Nachtisch.

Clara lebte gemeinsam mit ihrem siebzehnjährigen Sohn Claus in einer niedersächsischen Kleinstadt im Haus ihrer Eltern auf einer eigenen Etage. Seit zwei Jahren war sie unfreiwillig Single. Sie arbeitete im sozialen Dienst einer diakonischen Rehaklinik, hatte sich in traumazentrierter Fachberatung weitergebildet und war es gewohnt, Menschen zu begegnen, die es im Leben weniger gut getroffen hatten als sie.

Clara hatte mit vierzig noch die Kleidergröße ihrer Jugend. Wie ein Backfisch träumte sie von der großen Liebe, während sie sich ihren Flirts und Affären widmete. Sie wehrte sich mit erotischen Ausschweifungen gegen alltägliche Eintrübungen. In ihrem Kopfkino wechselte das Programm in einem gemächlichen Rhythmus. Innerhalb einer Spanne von zwei Wochen funktionierten manche Szenen zuverlässig als Schlüssel zu ihrem Lustschloss. Selten drehten sie sich direkt um reale Personen. Es gab auch kein Filmidol, dem Clara eine Hauptrolle auf ihrer Bühne geben wollte. Die Phantasiemänner unterschieden sich drastisch voneinander. Im Augenblick favorisierte Clara einen Imaginären namens Mattes. Er sah einem Lehrer ähnlich, der Claus unterrichtete. In dieser Konstellation waren beide ungefähr gleich alt und verheiratet. Die Seitensprünge peppten erhaltenswerte Ehen nicht zuletzt mit einem Chat, der von behutsamen Annäherungsfloskeln zu einem drastischen Überbietungswettbewerb aufgerauscht war. Es gab ein paar Dinge, die Clara vor sich selbst verschleierte. Die zögerliche Überwindung von Sprechsperren bot manchmal einen Reiz.

Das Spiel mit Worten schien einfach durchschaubar und war es doch nicht. Clara verwandte große Sorgfalt auf die Details.

Clara und Mattes trafen sich auf einem Wald- und Wiesenparkplatz nahe den Allerauen nördlich von Verden, wo die Aller in der Weser mündet. Dies als Information für die Geografie-Interessierten unter uns. Es war schon beinahe dunkel, weit und breit deutete nichts auf die Anwesenheit von Zeugen hin. Trotzdem war da dieser Kitzel, der sich mit der Vorstellung verband, die illegale Zweisamkeit könnte beobachtet werden.

Das alles waren nur Snacks, die den Hunger eher vergrößerten, als ihn wenigstens einmal richtig zu stillen. Wie alle in ihrem ausufernden Freundeskreis konsumierte Clara jede Menge digitales Kokain. Sie polierte ihre Dating-Profile auf, erwartete aber mit unbelehrbarer Naivität, dass alle anderen mit korrekten Selbstdarstellungen für sich warben. Clara stellte sich vor, von einem Chatpartner um Fotos gebeten zu werden. In ihrer Vorstellung entsprach sie den Bitten und versendete Aufnahmen, die einst ein Liebhaber gemacht hatte. In ihrem Kopfkino onanierte der Adressat vor dem Bildschirm, während sie sich in der Realität an ihrem Schreibtisch befriedigte. Der offensichtlichen Dürftigkeit zum Trotz, funktionierte die Szene ab und zu, ohne weitere Zutaten. Die Fotos konservierten den sexuellen Rausch und die Zügellosigkeit eines längst unfassbaren Liebesglücks. Keinem Mann würde Clara je wieder mit so viel nonchalanter Ungezwungenheit begegnen wie jenem Tom, einem vorübergehend vielversprechenden Künstler, dessen Muse sie gern war. Die Bilder waren Zeugnisse einer verlorenen Zeit. Befreit von jeder Scham und Vorsicht hatte Clara ihren erotischen Leichtsinn ausufern lassen. Bei Masturbationen griff Clara mitunter auf atmosphärische Details der Sessions zurück. Dann vernahm sie wieder die vor Lust kehligen Kommandos des nackten Fotografen und nutzte einen Erinnerungsabklatsch, um zu kommen. Der Treibstoff für die Überschreitungen war ein Mix aus erotischem und theatralischem Furor gewesen, gepaart mit der bald enttäuschten Hoffnung, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Die Fotos waren nachts in einer Akademie entstanden. Der Schauplatz, ein Bauhaustempel mit Sehenswürdigkeitsstempel, war ein Hotspot nicht nur ihrer Ausschweifungen. Das war geradezu eine Mode gewesen, sich da Zutritt zu verschaffen und Ateliersex zu haben. Es gab auch Residenten mit Stipendiaten-Status, die regulär in der Akademie stationiert waren, so dass das alles sehr lebhaft werden konnte. Tom war ein von trüben Eigenarten beherrschter Herold der eigenen Großartigkeit. Mit vibrierendem Glied sprang er um Clara herum; unfähig sich anbiedernd oder auch nur zuvorkommend zu verhalten und durchdrungen von der Vorstellung, dass seine Persönlichkeit nichts zu wünschen übrigließ. Die Wahrheit war, eine Weile genoss Clara die Melange aus Egomanie, Virilität und genialischer Tollpatschigkeit.

Europa im 19. Jahrhundert - Kapriolende Restauration

Europa ist die Weltsonne, seine Reiche und Regierungen kennen keinen anderen Gegner als den Feind am Gartenzaun. Man hat sich zu wenig Mühe gegeben, dieses Phänomen einer matronenhaften Sonderrolle zu analysieren. Ein halbes Dutzend Mutterländer unterhält auf allen Kontinenten Marionettenregimes. Die Kolonialmächte setzen Potentaten ein und ab. Den stärksten Motor aller Entscheidungen liefert das wirtschaftliche Interesse. Ausgerechnet der selbstermächtigte Putschist Napoleon III. (1808 - 1873), bürgerlich Charles Louis Napoleon Bonaparte, trägt die Entschlossenheit zur Schau, sich an die Spitze des Kartells zu stellen. Verdiente Spötter der Nation verstummen angesichts des landesherrschaftlichen Selbstdarstellungsgenies. Sie staunen mit dem ungelenken Rest um die Wette, ob der theatralischen Einfälle von oben.

Der Kaiser belohnt schlecht dichtende Lobhudler und lässt Balzacs Schinken unter den Tisch des Freiverkäuflichen fallen. Flaubert und Baudelaire kriegen Ärger. Sie verkörpern die Moderne gegen eine kapriolende Restauration.

Man ist vorsätzlich antiquiert. Flaubert bezeichnet den Nationaldichter Pierre-Jean de Béranger als „dreckigen Bourgeois“. Diana Céline, eine Urgroßnichte des Ungeheuers, unterstellt Flaubert auch einen Vorsprung in der Kunst des Obszönen, von der „in Zeiten von „Fifty Shades“ und „Feuchtgebiete“ kein Mensch mehr etwas verstünde. Die Literaturwissenschaftlerin entdeckt „raffinierte Anzüglichkeit“.

Wir wissen es alle, Flaubert selbst charakterisiert seine Heldin Emma Bovery als „Perverse“, die sich von einem schön gemalten Jesus herausfordern lässt, aber sehr wohl auch auf Geld begeistert reagiert. Ein Prozess wegen des Verstoßes gegen die öffentliche Moral etc. wird am 29. Januar 1857 eröffnet. Madame B. erscheint der Strafkamarilla „als Gefahr für junge Mädchen und Frauen“. Die in gerichtlichen Streit geratene Romanfigur habe „schon als Kind im Beichtstuhl … sinnliche Lust empfunden“. Der himmlische Bräutigam löste den Wunsch aus, vollständig erkannt zu werden.

Stemmler bemerkt bei Flaubert eine „Obszönität des Sehens“, die sich zum Beispiel in Indiskretionen gegenüber Krankheitsbildern beweist. Flaubert ignoriert Schranken, Zutrittsverbote, Burka-Botschaften. Ostentativ, wenn nicht wütend, setzt er sich über Beschränkungen hinweg, um seiner Beschreibungsmonomanie zu frönen.

Die Anklage findet Flauberts unpersönlichen Ton „lasziv“. Gott und Geld als Kulminationspunkte einer bloß materiell begriffenen Existenz: das ist revolutionär (gedacht). Flauberts Anfang bildet auch schon den Höhepunkt. Dies vollzieht sich in bis zur Lächerlichkeit verbrauchten Verhältnisse, denen nichts Großartiges in Aussicht gestellt ist. Man überspielt die Wirklichkeit und zieht sich mit Eskapismus aus der Affäre. Der Ehrgeiz des Bürgerkaisers läuft auf eine Katastrophe hinaus, die keiner kommen sieht. Gleichzeitig avanciert Paris zur Hauptstadt der Epoche, zu einem permanenten Weltereignis, dem europäischen Puls. Baudelaires Gesellschaftsdiagnosen etablieren neue Krankheitsbegriffe, die der Psychoanalyse voraneilen. Geniale Mediziner wie Jean-Martin Charcot werden sich bald auf Flaubert und Baudelaire stützen, während das politische Frankreich der Regression Monumente baut.

Ein lächerlicher Napoleon schickte Victor Hugo in die Verbannung nach Guernsey. Der lächerlichste Napoleon war ein Bruder des titanischen Bonaparte. Nach dem Frieden von Tilsit (1807) machte Napoleon Bonaparte Kassel (damals noch Cassel) zur Hauptstadt des neu geschaffenen Königreichs Westphalen und setzte da seinen Bruder Jérôme auf den Thron. Als König nannte sich Jérôme Hieronymus Napoleon. Er war ein zwölftes Kind und nicht im Geringsten vornehm im Herkunftsweg. Die Kasseler nannte ihn ‚König Lustik‘ (Originalschreibweise).

Hugo verbrachte fünfzehn Jahre auf der Kanalinsel. Sein Wohnhaus, Hauteville House, zählt zu den Sehenswürdigkeiten von Saint Peter Port. Hugo schrieb in der Verbannung „Les Misérables“ und „Die Arbeiter des Meeres“ - „Les Travailleurs de la Mer“, 1866. Hugo liebte Guernsey. Er genoss die Freiheit, die Natur, das Meer und die spirituelle Ruhe.

Der sekundäre Anreiz als Hauptquelle der Lust

„Ich erwartete, dass seine Kraft sich wie ein LKW anfühlen würde, der mich trifft. Aber als ich versuchte, ihn aufzuhalten, spürte ich nichts, nur Leichtigkeit und ein Gefühl der Leere.“ Maksem Manler über seinen ersten Chi-Sao-Kontakt mit Großmeister Chu Shong Tin.

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Auf dem bolivianischen Altiplano drängt Wasser durch Risse im Felsen. Die chemische Signatur verrät seinen Ursprung im Pazifik. Der ferne Ozean fließt unter der amerikanischen Landmasse, steigt vierhundert Kilometer hinter der Küste auf und tritt in einer von Bergbau gezeichneten Landschaft zutage. Der geologische Prozess, gesehen durch den Schleier der Subduktion, lädt zu eskapistischen Analogien ein.

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Ian Morris erzählt von einem klassischen anthropologischen Kulturschock-Erlebnis. In einer archäologischen Gemeinschaft, die nach Feierabend den Tag ausklingen lässt … vor einem Feldschuppen, bei einer Flasche Ouzo in den griechischen Highlands … beobachtet der Wissenschaftler eine kleine Prozession – ein pittoresk alter Mann und seine Frau. Der Greis reitet auf einem Esel, die Frau folgt zu Fuß, unter der Last eines großen Sacks ächzend. Auf die Frage nach dem offensichtlichen Missverhältnis antwortet er freundlich: „Sie reitet nicht, weil sie keinen Esel hat“.

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Irgendwo äußert sich Beckett über das Werk eines Kollegen so: „Seine Prämissen sind nicht so schwach wie seine Schlussfolgerungen.“

Intellektueller Schenkeldruck - Eine Szene aus dem Vorjahr

Goya sagt: „Wir sind in die Wissenschaft Geflüchtete. Unsere Zufluchtsorte sind Staubhöhlen. Wie Molly Bloom im letzten Monolog von James Joyce’ ‚Ulysses‘ lädst du mich mit deinen Augen ein, noch einmal zu fragen, ob du mich heiraten würdest.“

Ich bin überrascht von dieser narrativen Volte; von einer Ehe war noch nicht die Rede gewesen. Ich möchte lieber Stephen (Dedalus) sein als Molly (Bloom). Ich greife nach ihrem gründlich gelesenen ‚Ulysses‘. Es ist ein heiliges Buch aus dem Nachlass meines kommunistischen Großvaters, der – wie die Eltern Thomas Braschs – in der falschen Art von Exil während der Nazi-Zeit gewesen war und erfolgreich seine Liebe zu allem Britischen mit dem Sozialismus versöhnt hatte. Er mochte es, Bürger der DDR zu sein, und zwar so, wie Heiner Müller Peter Hacks charakterisierte. Der Aristokrat Hacks habe den Sozialismus als Märchen missverstanden. Für Opa war die DDR ein Märchenland. Der potente Träumer förderte die Neigung seiner Enkelin zu eigensinnigen Interpretationen.

Der sekundäre Anreiz als Hauptquelle der Lust – das volle Vergnügen entfaltet sich nur mit einem Mann von Stand. Goyas intuitive Brillanz prädestiniert ihn. Anzeichen für eine ideale Kollaboration sind spürbar; mich kitzelt die Erkenntnis, dass Goya mich mit intellektuellem Schenkeldruck zu führen beabsichtigt. Das gefällt mir mehr, als ich es mir zu sagen wage. Zu gern akzeptiere ich Einladungen überlegener Souveränität. Ich genieße Goyas List. Ich habe meinen eigenen Herrschaftswillen. Jetzt bin ich Molly, die Frau ohne Punkt und Komma (vgl. Standardexegese ‚Ulysses‘); eine üppige, dezent schlampige Schönheit nach Sacher-Masochs Ideal. Und hier beginnt das Arrondissement. Mein fundiertes Leseverständnis zwingt mich zu einem langen Anlauf. Entschlossen, sich dem Ritter vor Ort hinzugeben, eilt Aurora R., später Wanda von Sacher-Masoch, nach langem schriftlichem Vorspiel in das Apartment ihres Brieffreundes und Förderers Leopold (wie Leopold Bloom, Mollys impotenter Ehemann), den sie mit todbringender Erkältung erwartet. Tatsächlich empfängt Leopold sie mit elegischer Offenheit. Er ist entzückt von der jugendlichen Bravour seiner Besucherin. Er musste die Vorstellung, die er in einem strengen Brief erhalten hatte, revidieren. Er hatte eine starke Dame, eine angenehm furchteinflößende Person, erwartet.

Zwischen Ekstase und Katharsis

Der Lavendel blüht überreich, die Kapuzinerkresse sprießt. Zwischen Pfingstrosen und dem alten Weidenzaun wird der Garten in der Dämmerung zum Schutzraum ihrer Liebe. Sie lieben sich wie am Tag ihrer ersten intimen Begegnung, so fundamentalistisch. Das Weibliche und das Männliche in idealen Varianten und in einem Idealraum.

„Du bist mein Zuhause“, sagt Marion schlicht.

Wieder führen sie sich gegenseitig über ihre Grenzen - um in der Schwerelosigkeit zwischen Ekstase und Katharsis zu schweben. Marion will nicht, dass es aufhört. Nicht einen Moment.

Sie liegt auf Simon, der Körper schweißnass, zitternd, erschöpft - und doch schon wieder voller Verlangen. Ihre Finger fahren über den Michelangelo-Thorax, so zärtlich, so ehrfürchtig, als würde sie einen Schatz berühren, der nur ihr gehört.

„Bitte“, flüstert sie, ihre Lippen an seiner Haut. „Ich will mehr.“

Triumphierend stellt er fest:

„Du bist süchtig nach mir.“

„Ich bin besessen von dir, Liebster. Du bist mein ein und alles. Du bist die Welt für mich.“

Er richtet sich halb auf, nimmt ihr Kinn in die Hand.

„Du willst, dass ich dich so an mich binde, dass du nie wieder an einen anderen denken kannst?“

„Ich kann es doch jetzt schon nicht mehr“, haucht sie. „Ich träume von deiner Stimme, deinem Körper... ich will deine Kraft.“

„Dann wirst du mich bekommen, bis du meinen Namen schreist.“

Und wieder ist er in ihr. Und als sie ihn um noch mehr bittet, gibt er ihr mehr.

*

Der Geschmack von Mango und Kokos auf Marions Lippen, während Simon an einem Rhabarberspritz nippt. In seiner Sonnenbrille spiegelt sich Tannendunkelgrün im Abendlichthimmel. Marion legt ihre nackten Beine auf Simons Oberschenkel, lehnt sich an seine Schulter, schiebt die Hände unter sein Shirt und lässt ihre Finger auf seinem steinharten Bauch kreisen. Sie saugt die Luft ein wie ein Duftgedicht. Sie unterscheidet Harz von Heu und einer anmutigen Schweißspur. Sie spürt den prallen Körper ihres Liebsten. Er richtet ihren inneren Kompass auf sich aus und steigert ihre Empfänglichkeit, bis sie nur noch von Lust beherrscht wird.

„Du lädst mich auf wie eine Batterie“, murmelt sie. Die Theatralik des Abendrots ... entschieden nimmt Marions Simon Hand und führt ihn zu einem Findling, von Moos bewohnt, halb verborgen unter einer Buche.

„Hier“, verlangt sie und küsst ihn mit lockender Zunge. Er erwidert den Kuss mit göttlicher Gelassenheit. Da löst Marion ihr Haar wie im Märchen und schiebt ihr Kleid über die Schultern. Es fällt wie ein Schleier ins Gras. Sie ist gleich nackt. Simon kniet vor sie, legt die Stirn und Hände an ihre Hüfte. Marion legt eine Hand auf seinen Scheitel, atmet tief in den Brustraum, schwingt ein Bein über ihn und setzt sich auf ihn. Nichts Eiliges und nichts Heimliches geschieht. Sie gehört ihm, so wie er ihr gehört. Er schließt ihren Po in seine Hände und berührt ihre Mitte mit seiner Zunge.

Lass uns noch einen Augenblick dableiben, zwischen Erdung und Ekstase, Himmel und Haut. Da dreht sich Marion in Simons Armen und beugt sich vor.

„Liebster“, sagt sie, „bitte, ich möchte alles für dich sein.“

Simon dient ihrer Hingabe mit virtuoser Zärtlichkeit. Er öffnet ihre Schleuse, als hätte er die Technik aus einer vergessenen Schrift gelernt; als besäße er die Formel für ihren Schmelzpunkt.

​​​​Der Exzentriker Leopold von Sacher-Masoch sprengt den bourgeoisen Rahmen. Doch sogar er findet seinen Meister. So labyrinthisch und enigmatisch, wie ‚Anatol‘ an die Sache herangeht, war vor ihm noch kein - in anonymer Schriftlichkeit aufkreuzender - Verehrer. Der vom ersten empfangenen Brief an bis in die Fingerspitzen affizierte Leopold reißt sich ein Bein aus, um mit Anatol persönlich zu verkehren. Doch Anatol scheut den direkten Umgang. Er bestellt das Ehepaar Sacher-Masoch an alle möglichen Orte, um da in Abwesenheit zu glänzen. Ab und zu vertritt ihn - in kostümfestlichen, absurd kostspieligen Arrangements - eine gehandicapte Person. Aurora-Wanda von Sacher-Masoch spricht noch in der derben Sprache des 19. Jahrhunderts über den Bedauernswerten. Endlich kommt Aurora aus der Deckung. Sie hört auf so zu tun, als überschreite sie nur unter Zwang Grenzen der Schicklichkeit. Anatol versteht sich auf narkotisierendes Gefasel. Es verfängt bei Aurora so, dass ihre Maske fällt. Wir sehen die rasend neugierige, mal entzückte, mal enttäuschte, alldieweil fleißig der Fährte folgende Gattin eines ewig als Sündenbock eingespannten Freigeistes. Anatol zieht sich endlich unerkannt zurück. Doch setzt er eine Schlussmarke, die seine Enttarnung gestattet. Im Abschiedsbrief offenbart er seine Kongenialität. Jederzeit könnte er an Leopolds Stelle schwül werden. In einer Phantasie präsentiert er sich in einem „roten Hermelinpelz … und weißen Atlashosen“. Der Adressat liegt zu seinen Füßen und bestaunt den kapitalen Fang.

„Ich werde mich ohne Zweifel in Wanda verlieben, und sie sich in mich … ein wunderbares Leben - nur darf ich nicht vergessen, vorerst das unbefleckte Siegel meines Vaters zu zerschlagen und meinen Stammbaum zu zerreißen.“

So legt der Wittelsbacher Bayernkönig Ludwig II. eine Spur ins Haus der Sacher-Masochs. Dem Paar gelingt es, Ludwigs raunenden Agenten zu identifizieren. Es handelt sich um den Prinzen Wilhelm von Oranien-Nassau. Aurora begeht an dieser Stelle einen Flüchtigkeitsfehler. Sie bezeichnet Wilhelms Bruder Alexander als jenen Stellvertreter, der ihr in den illustresten Kulissen die traurigsten Szenen machte. Ihr Prince d’Orange verausgabte sich im Pariser Nachleben bis zum verfrühten Exitus. Gemeinsam mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Henriette Hauser, saß er Édouard Manet Modell. Henriette verkörperte Manets unsterbliche ‚Nana‘. Sie paradierte sie als „Citron“. Ihren Liebhaber taufte Henriette „Prince de Citron“.

Ich wünsche mich den Sprachmeister Goya viel engagierter und dies oft im Vorübergehen. Meine Erwartungen zielen auf eine Serie kleiner Impulse, die den erotischen Betrieb aufrechterhalten. Für mich ist das Mündliche, Vorläufige und Dazwischengeschaltete manchmal wichtiger als das Hauptgeschehen.

*

Wir sind auf einer Konferenz in Rom. Meine Neudeutung der Bilderbuch-Dominatrix Wanda von Sacher-Masoch als Frau, die der männlichen Arroganz ausgeliefert war und nie freiwillig die Peitsche schwang, hat mich zu einer gefragten Vortragenden gemacht. Ich werde herumgereicht. Die pikante Seite des Themas löst gelegentlich interessante Reaktionen aus.

Auf Goyas Geheiß verwandele ich mich in seine Aurora. Ich trage einen Ring, dessen Signatur als Abzeichen des Ordens des Goldenen Löwen erkennbar ist, gegründet von Landgraf Friedrich II. am 6. Juli 1770. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. erneuerte und bestätigte die Statuten am 20. August 1851. Ein goldener Löwe ist innen in den ovalen Ring graviert. Auf der dekorativen Seite steht das Motto: Virtute et fidelitate.

„In jedem Moment tauchen wir in einem Feld undifferenzierter Materie, aus dem unsere Sinne Bruchstücke von Informationen sammeln.“ Rick Rubin

*

Wir verfügen über Informationen, die älter sind als die Menschheit. Alle Reaktionen des Körpers haben genetische Wurzeln, die Milliarden von Jahren zurückreichen. Sobald wir die thermoneutrale Zone verlassen, dreht sich alles um die Wiederherstellung der Homöostase. Fast alle genetischen Varianten haben ihren Ursprung in evolutionären Ereignissen, die lange vor unserem Erscheinen au stattfanden. Und hier beginnt die Epigenetik. (Basierend auf David A. Sinclair)

Auf Clays Schreibtisch lag ein Federmesser, mit Elfenbein- und Messingbeschlägen. Rarität und Kleinod. Zwischen der ursprünglichen Bedeutung von Lehrstuhl, den Frivolitäten der Tintenfass- und Federmesser-Ära und dem abgenutzten Phantasma vom verschollenen Manuskript webte Niamh (Aussprache: Neev) ihre eigene, intime Erzählung. Clay war in diesem Riemen ein Mix aus „qualifiziertem Kavalier“ (Johann Gottfried Schnabel, 1692 - 1750), Hohepriester und Halbgott aus einem Eklektizismus-Discounter. Niamh störte sich nicht an der eigenen Instant-Ikonografie. Es musste nur kribbeln und den erotischen Fluss in Gang halten.

In ihrem Ausschnitt pendelte ein länglicher Bernstein in einer minimalistischen, die Kontur des Steins nachzeichnenden Fassung. Das Licht brach in den Einschlüssen. Die Filigrankettenglieder, oval, flach und leicht verdreht, bestanden aus mattiertem Sterlingsilber. Ursprünglich war der Stein in einer klassisch-viktorianischen Zarge gefasst gewesen. Niamhs Mutter hatte das Schmuckstück umarbeiten lassen.

Niamh diente Clay als Test-Auditorium. Zur Probe dozierte er über Foucaults „Überwachen und Strafen” und die „Disziplinargesellschaft” - wie Führung, Kontrolle und Gehorsam funktionierten.

Er zitierte Foucault:

„Disziplin ist die Kunst, Körper und Verhalten so zu formen, dass sie den Anforderungen der Macht gehorchen, ohne dass eine sichtbare Gewalt angewendet wird.”

Der Sprachmeister leuchtete in Panoptismus, Überwachung, innere Kontrolle. Er erwähnte Strafe, Gehorsam, Erziehung. Niamh registrierte die Mechanik der Macht, wie Clay sie verkörperte. Für sie war er der vitalste Panoptiker - ein mythisch-archaischer Machtträger.

„Disziplin ist eine Technik, die Körper effizienter, Fähigkeiten produktiver und die Kräfte des Einzelnen nutzbarer macht.” (Überwachen und Strafen, 1975, S. 138)

Über Panoptismus:

„Die Überwachung induziert einen Zustand, in dem der Einzelne sich permanent sichtbar fühlt, sodass die Kontrolle über sich selbst übernommen wird.” (Überwachen und Strafen, S. 200ff.)

Der Begriff Panoptismus stammt von Michel Foucault (Überwachen und Strafen, 1975) und leitet sich vom Panoptikon ab - einem Gefängnisentwurf des britischen Philosophen und Architekten Jeremy Bentham. Dort können alle Insassen von einem zentralen Turm aus beobachtet werden, ohne zu wissen, wann sie gerade überwacht werden. Das Ziel: dass sie ständig Selbstkontrolle ausüben, weil die Möglichkeit der Beobachtung permanent präsent ist.

Foucault überträgt diese Idee auf Gesellschaften und Institutionen. Macht wirkt nicht nur in physischer Gewalt und Befehlen. Sie funktioniert in Strukturen und in der Erwartung ständiger Beobachtung. Menschen internalisieren die Überwachung und regulieren ihr Verhalten selbst. Panoptismus ist also ein Mechanismus, der Körper und Verhalten selbsttätig diszipliniert.

Zur gleichen Stunde in einem anderen Institut der Ederthaler Landgraf Philipp Universität - Ansons Ansagen zerschnitten Nanas Erwartungen mit einer Klinge aus reiner Absicht. Ihre Knie zitterten noch nach, während sie bereits der nächsten Ekstase entgegenatmete. Anson hielt eine Hand über ihrem Kreuzbein. Eine Berührung, die keine war - und doch eine Lustwelle auslöste.

Nana sog Luft ein, als wollte sie zugleich den Mann einsaugen. Ihr Becken pulste. Ihr Schoß war längst nicht mehr nur geöffnet, er war aufgespannt. Anson kniete hinter ihr auf der Besuchercouch in seinem Büro. Er ließ sich Zeit. Als er eindrang, erlebte sie eine Wiedervereinigung. Ihr Innerstes hatte ihn gerufen, und nun antwortete er mit der Stimme seines Begehrens, das keinen Anfang und kein Ende kannte.

Manche Farben ihres Verlangens waren neu.

Animal Moves

Noch bevor die Sonne im ewigen Sommer den Campus zum Kochen brachte, war Anson am Start. Er bewegte sich für sein Leben gern und er liebte es, wenn der Körper vor dem Denken kam. Back to the Animal State. Anson hatte ein Konzept entwickelt. Es begann mit der Frage: Was ist Yoga? Ansons Antwort lautete: Yoga ist die Begrüßung der Menagerie. Jener Lebensformen, die uns voran gegangen sind und die uns voraussetzen. Wir kommen aus dem Wasser. Wir sind an Land gekrochen. Snake Moves. Das Reptilienprogramm. Dann waren wir lange vierfüßig. Die vorbereitende Gegenbewegung entspricht der ausholenden Vorwärtsbewegung. Wir profitieren von unserem beweglichen Massezentrum. Anson lehrte fließende, kraftvolle Bewegungsmuster. Das war keine Show, sondern Schulung von Präsenz, Kraft, Koordination. Jedes Hindernis war ein Trainingsgerät. Anson sprang seitlich über ein niedriges Geländer, rollte ab, landete in einer tiefen Hocke. „Denkt nicht. Spürt”, rief er, während er in eine raubkatzenhafte Bewegung wechselte. „Ein Hindernis ist nur eine Einladung zur Kreativität!”

Die Übungen verbanden Wildheit mit Achtsamkeit. Auspowern und gleichzeitig zur eigenen Mitte finden. Die Tierbewegungen - ob Affe, Panther oder Eidechse - wurden nicht bloß nachgeahmt, sondern erspürt. In jeder Geste lag Erdung. Jeder Sprung war ein Sprung in die archaische Freiheit unseres Anfangs.

Panther Flow

Niamh wusste schon nicht mehr, wie sie dahinein geraten war. Es war einer dieser Morgen, an dem sie sich selbst überraschte. Barfuß im Gras, Tau auf den Sohlen und zwischen den Zehen, stand sie zwischen Sportlerinnen, die knurrten wie Wölfe, schlichen wie Jaguare oder sich wie Schlangen auf dem Boden wanden.

Anson war nicht laut, nicht dominant - aber die Atmosphäre veränderte sich, wenn er sich bewegte. Sein Charisma war eine Welt für sich. In seiner Aura fühlten sich Menschen wohl, obwohl er gar nicht besonders einladend wirkte. Oft sprach er nur mit seinem Körper.

„Komm”, sagte er zu Niamh. Sie folgte befangen. Anson begann, die Gruppe durch eine Sequenz zu führen, die er „das Erwachen des Leoparden” nannte.

Niamh spürte Muskeln, von denen sie nicht wusste, dass sie existierten.

„Geh mit dem Boden in Beziehung”, sagte Anson, während er sich mit einer eleganten Spirale in den Panther-Flow begab. Ein Riss ging durch Niamhs Zweifel. Sie spürte sich in der Bewegung. In der wachsenden Wärme zwischen Bauchnabel und Brustbein. Etwas in ihr sagte: Ich bin da. Sie versuchte sich an der Affenrolle. Stolperte. Kicherte. Anson war sofort bei ihr. Nicht, um sie zu retten, sondern um mit ihr zu rollen. „Nichts ist falsch. Alles ist Erfahrung. Und die beste Kraft ist die, die aus dem Spiel erwächst.”

Anson lächelte Niamh an. Nicht wie ein Lehrender, sondern wie ein Komplize. „Du hast heute dein Tier geweckt”, sagte er. Und Niamh antwortete: „Es hat mir gefehlt.”

Wir wollten nach Inis Oírr (Inisheer), der kleinsten Aran-Insel. Die Leute sprechen da gälisch, der atlantische Maulwurfshügel gehört zum County Galway. Die Insel ist bekannt für eine karge Kalksteinlandschaft, unzählige Trockenmauern, blütenweiße Sandstrände und das Wrack der „Plassey“. Die MV Plassey havarierte 1960 auf dem Weg nach Limerick. Ein Sturm schleuderte den Frachter auf einen Felsen oberhalb der Gezeitenlinie. Die Besatzung konnte spektakulär per Hubschrauber der irischen Küstenwache gerettet werden. 

Mit den Jahren avancierte das Wrack zu einem Aspekt der Inselikonografie. Weltweit bekannt wurde es, als Motiv im Vorspann einer TV-Serie.

Man fliegt mit Aer Arann Islands. Von Connemara Regional Airport (Indreabhán) beträgt die Flugzeit unter zehn Minuten. Das Boarding dauert in jedem Fall länger.

Wir erreichten den Terminal für Kurzstreckenflüge. Ein flaches Gebäude, weiße Wände, große Glasfronten. Der Abflugbereich für Kleinflugzeuge war nahezu menschenleer. Die Frau am Schalter fragte so freundlich nach den Pässen, als käme sie einem persönlichen Interesse nach. Der Sicherheitscheck war eine Farce. Ich registrierte die übrigen Passagiere. Ein rüstiger Pensionär in Tweed, mit einem antiken Fernglas auf der Brust. Ich hielt ihn für einen spleenigen Ornithologen. Zwei in der Geschwisterlichkeit verkapselte Teenager-Schwestern. 

Jeder trug sein Gepäck selbst in den Stauraum. Das war eine Ablage hinter dem letzten Sitz. Es gab keine Stewardess und keine Durchsagen. Das Cockpit war offen, der Pilot, ein Mann um die fünfzig, hob die Hand. Darin erschöpfte sich die Begrüßung. Er flog eine Britten-Norman BN-2B Islander, ein zweimotoriges Leichtflugzeug, gebaut für Kurzstrecken und raue Landebahnen - groß genug für neun Passagiere. 

Nach dem Start kippte das Flugzeug kaum merklich nach Westen. Unter dem linken Fenster breitete sich Connemara aus - graugrüne Moorflächen, von Wasseradern durchzogen. Torfstiche, landwirtschaftliche Betonspuren, die im Gelände endeten. Dann kam das Meer. Aus Braungrün wurde Tief- und Türkisblau. Ich sah Sandbänke, helle Zungen unter der Oberflecken. Dunkle Flecken deuteten Tangwälder an. Die Aran-Inseln tauchten auf. Inis Meáin, dann Inis Mór. Inis Oírr erschien zuletzt. 

Dieses Gefühl, dass jeder für sich geflogen war. Dass wir das nicht mehr gemeinsam erlebten. In den letzten Tagen hatten deine Bewegungen oft etwas Fragendes und Ratloses. Du hattest recht. Ich ließ dich im Dunklen tappen. Das war unfair. Aber im Augenblick wusste ich selbst nicht weiter. Ich spürte nur jeden Tag stärker eine lüsterne Sehnsucht, die mich mit Goya verband. Das geradezu unbändige Verlangen nach seiner Art, sich mir zu widmen. Ich verstand nicht mehr, warum ich einem anderen Mann den Vorzug gegeben hatte. Gewiss, du warst ein gewissenhafter Liebhaber, aber im Vergleich mit Goya eben doch nur ein Toyboy.

Die Pension hieß Teach na Mara - das Haus des Meeres. Ein weiß gekalktes, zweistöckiges Haus mit einem grauen Schieferdach und einer Vergangenheit als Fischerwiege. Ein Kiesstreifen führte zur Haustür. Kupierte Bootsrümpfe dienten als Blumenkästen für Fuchsien. Drinnen roch es nach Putzmitteln, frisch gebackenem Kuchen und den sich wiedersprechenden Aromen des Privaten. Niedrige Decken. Fachwerk. Steinboden. Maritimes Dekor. Fotos in Sepia und Schwarzweiß. Familiäre Alltagsszenen unter den Vorzeichen gefahrvoller Existenz. 

Massive Holzmöbel. Überall Zierkissen und Deckchen. Unsere Gastgeberin war in ihren Sechzigern, eine bemerkenswert große, hagere Person. Sie sprach mit uns Englisch in diesem westirischen Singsang. Sie fragte nicht nach unseren Pässen. 

Unser Zimmer lag oben. Zwei schmale Betten, die wir schon nicht mehr zusammenschoben. Auf einem Nachttisch ein paar Flugzettel. Fährzeiten, Fahrradverleih, eine Karte der Insel.

Die Tagedecke sah nach einer Winterarbeit aus. Wahrscheinlich aus Inselschafwolle handgewebt, in gedeckten Ocker-, Grün- und Grautönen. Die Zopfmuster erinnerten an Aran-Pullover – Knoten, Netze, Fischernetze. Zweifellos ein Unikat.   

„Ich wollte nochmal Danke sagen. Nicht nur, weil du es magst. Sondern weil ich es so meine. Dass wir gemeinsam eine Geschichte von 170 Seiten geschrieben haben, die ich jetzt den Rest meines Lebens bei mir tragen werde; dass ich dank dir Co-Autorin eines echten Romans geworden bin; dass du mir so viel Energie und Lebenselixier für meinen Alltag gibst; dass ich mich auch als Schreibende weiterentwickeln und lernen darf; dass du mich aufforderst, immer weiter zu schreiben und meiner Inspiration zu trauen; dass du mir eine Frauenfigur geschenkt und mit mir erschaffen hast, die stark ist, ihre Wünsche lebt, fordert und sich kein kleines bisschen schämt; die Erregung und der Humor und die tiefe Verbindung beim Lesen. Danke.” Christine Zarrath

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“Fiddling with divine energy, such as CCs is dangerous and enticing on a cosmic scale. I adore you JJ, and what you can do with your words. Your words are magic spells that lift and enlighten me. Like a diamond that is finally able to glitter in all its facets. I hope part of this intense glimmer and energy spreads back to you.” Christine Zarrath

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Nana sieht sich um. Ein Bild erinnert sie an eine ikonografisch ins kollektive Gedächtnis eingegangene Katastrophe. Am 28. Januar 1986 endete der NASA-Weltraumflug STS-51-L gleich nach dem Start. Die Raumfähre zerbrach in einem Bild. Ein vielfach gewundener Explosionsschweif mäanderte über den Himmel. Das hatte die Welt noch nicht gesehen. Zu den Opfern des Unglücks zählte Judith Arlene ‚Judy’ Resnik, deren Eltern aus der Ukraine nach Ohio gekommen waren.

Das zu wissen ist Nana kaum bewusst. Sie schöpft aus dem Vollen.

Klassisch-grandios

„Erzähl mir”, beginnt er, „von dem Buch, das dich in letzter Zeit so richtig angemacht hat. Ich meine den Titel, der dich höllisch heiß gemacht hat. Das hilft mir, dich zu verstehen.”

Nun agiert Vernon konventionell und zurückhaltend als klassisch-grandioser Verführer, wohl wissend, dass die eigentliche Faszination des Gegenübers von ungefiltertem Interesse ausgeht - das Zielobjekt wird in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestellt, um später mit dem erworbenen Wissen demontiert zu werden. Das ist nicht die schönste Wendung, die sich Nana vorstellen kann. Aber es überfordert sie auch nicht.

Vernon will sich keine Blöße geben. Er braucht Grund unter den Füßen. Nana wird ihn nicht so schnell dazu verführen können, über seine heimlichen Ufer zu treten. Sie muss mit trainierter Hinterlist rechnen. Es gibt nichts Gefährliches, als einen eifersüchtigen Liebhaber der ersten Kategorie. Zu den Kategorien später mehr.

„Ich fand ‚Brigitte Bardots Memoiren’ geil.”

Nana offenbart ihre letzte denkwürdige Lektüre. Ihr ist klar, dass Vernon mehr erwartet und seine Enttäuschung eine erotische Dimension hat.

Nanas Faszination für eine schillernd-umstrittene Frauenfigur gibt Vernon einfach nichts. Nana braucht das aber für ihren Sex. Als Herrin des Geschehens muss sie Akzente setzen und Regieanweisungen geben. Sie lenkt Vernons Blick auf ihre Vorzüglichkeit. Die ganze Pracht in der Auslage. Alles für dich, wenn du nicht vor den Hindernissen scheust, die meine Exzellenz-Agenda vorschreibt.

Nana spiegelt sich in BBs Sinnlichkeit, ihrer Sanduhrfigur und Tanzleidenschaft.

Nana identifiziert sich. Sie teilt mit der berühmten Frau „diese unbedingte Hingabe an ihre Romanzen”. Sie schätzt „die völlige Kompromisslosigkeit, mit der BB ihre eigenen Vorstellungen auslebte”. Dass BB ihr Kind allein ließ, um Filme zu drehen, sei in den 1960er-Jahren skandalös gewesen. Das brennende Feuer ihres Temperaments, die große Sensibilität und Verletzlichkeit. Wie sie sich völlig verausgabte und schließlich rücksichtslos zusammenbrach.

Das gehört zu den Trivia meiner Existenz ... “That touches me, do you understand?”

Manchmal reden sie Englisch, die Anglistin und der Amerikaner. Aber meistens will Nana ihren Liebhaber Deutsch reden hören. Vernons ausgesuchte, von Kostbarkeiten funkelnde Fremdsprachlichkeit beglückt sie bis hin zu klandestinen Erweiterungen im Spektrum ihrer erogenen Zonen.

Dieser stoische Ehrgeiz, besser Deutsch zu können als die Natives, zumal in der absurd provinziellen Kleinstadt, die den Schauplatz für Vernons Expatriierten-Dasein abgibt. Besser angezogen zu sein. Besser gelaunt. Besser informiert. Dazu kommt der texanische Gigantismus ... on the pulpit of claimed supremacy. American by birth, Texan by the grace of god. Nana weiß das alles ... in Texas everything is a little larger and so are the men. The Waylon Jennings style: “I may be crazy, but it keeps me from going insane.”

Vernon versteht sofort, was ihm offenbart und auch angekündigt wird - eine hemmungslose Exzessbereitschaft. Der Wille, alle Hindernisse niederzubrennen. Vernon erfindet Ausreden, er schweift in gemäßigte Bereiche ab. Spielt den Dozenten. Den Eroberer steckt er vorsichtshalber in die Tasche. Der Taschenkasper lungert herum und wartet auf den nächsten Auftritt. Er hat alle Zeit der Welt und sehr viel Spielraum. Vernon ist zweifellos der interessanteste Germanist weit und breit. Die Reliefs an seinen Händen und Unterarmen lassen Nana an ein dendritisches Flussnetz denken. Für die männlichen Attribute in ihrer Reichweite verzeiht sie Vernon, dass er kurz davor war, zurückzuweichen.

„Es ist interessant, dass du dich so erhaben fühlst - während du strategische Zurückhaltung übst. Gefällt dir die Idee, ohne Kontrolle aufs Ganze zu gehen und dich und andere den Wölfen deiner Schimären zum Fraß vorzuwerfen?”

Vernon startet den nächsten Angriff auf Nanas Protokoll. Sollte diese Liebesgeschichte dämonische Dimensionen annehmen, will er der Dämon sein.

The Art of Manifestation

„Wir alle wissen, was eine Emotion ist, bis wir gebeten werden, sie zu definieren.“ Jan Plamper

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„Farne sind älter als Mann und Frau, älter als Gut und Böse. Sie sind geschlechtslos und haben weder Samen noch Blüten.“ Rachel Cusk

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„Die Vorstellungskraft (des Künstlers) ist keine creatio ex nihilo.“ Sie greift auf die „empirische Realität“ zurück, selbst dort, wo „Dilettanten“ die Brücke zwischen Kunst und Wirklichkeit nicht sehen können. Im Wesentlichen Adorno.

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“Always take the initiative. There is nothing wrong with spending a night in jail if it means getting the shot.” Werner Herzog reported by Casey Neistat

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“Caught between the twisted stars, the plotted lines the faulty map.” Lou Reed

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Parasitäre Wespen füttern ihren Nachwuchs mit anderen Insekten. Grabwespen lähmen Raupen und legen dann ihre Eier in den Raupen ab. Die Larven leben schließlich von den Raupen – die zu diesem Zeitpunkt immer noch am Leben sind.

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Als die psychoanalytische Transformation der Reformgymnastik in New York in aller Munde war, lautete das Motto: vom Sofa runter und auf die Matte. Die Übertragung funktionierte auch nach Plan. Die Reformlehrerin mit dem Rang einer „Physical Exercise Master“ fungierte als Mutterersatz, um deren Willen der Übende sich durch Gehorsam und Leistung selbst erlöste.

The Art of Manifestion - Aus Nanas Aufzeichnungen

Natürlich gibt es auch in Ederthal nicht nur Goya für mich. Zweitausend… erregt ein neuer Dozent meine Aufmerksamkeit. Vernon kommt aus Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico. Der reich geborene Germanist wirkt in der akademischen Idylle der Landgraf Philipps-Universität beinah überlebensgroß. Er ist ein Mann schneller Entscheidungen. Seit unserer ersten gemeinsamen Nacht, die anders verlief, als er erwartet hatte, betrachtet er die ebenso polyglotte wie polyamore Kollegin als seine Verlobte. Er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Selbstverständlich rangiert er hinter Goya, in dem sich die nordhessische Supermacht CC verkörpert.

Vernon diente in den amerikanischen Streitkräften als Einzelkämpfer und Scharfschütze. Nichts verbindet ihn mit den implodierten Gestalten, die in der kleinen Universitätsstadt eine Existenz an den stillen Rändern der Hauptkampflinien anstreben. Meine massive, irrlichternde Sexualität verwirrt Vernon, doch er glaubt, mich in Form bringen zu können und meine devote Seite zum Mittelpunkt der Gemeinsamkeit zu machen. Er ist nicht der Erste mit solchen Ideen, aber er ist mit Sicherheit der härteste unter den unbedarften Spielern.

Vernon wuchs auf einer Ranch von Dallas’schen Dimensionen auf. Frauen und Pferde stehen in seinen Überlegungen auf einer Ebene. Er hat gerade wieder versucht, mich zu erziehen. Es hat nicht funktioniert. Ich bin dem Cowboy nicht böse. Schließlich will auch ich nichts anderes als die Kontrolle. To control your opponent is the basic, sagt ein chinesisches Sprichwort.

Lass uns weiterspielen, bitte ich in Gedanken, und Vernon beißt sofort an.

„Und wenn ich dich...“

Ich antworte zufrieden: „Dann machst du das genau so, und ich werde mich daran erinnern, wenn ich eine alte Frau bin und niemand das mehr mit mir machen will.“

Zwar schreibe ich das, aber ich habe etwas anderes im Sinn. Ich will eine ikonografische Situation mit ungewöhnlichem Setting – im Augenblick ohne Penetrationssex.

Während ich darüber nachdenke, wie ich Vernon am besten auf Linie bringe, treibt mich die Lust wieder die Wände hoch. Ich ziehe mich in einen Raum im toten Trakt der Universität zurück, die aus einem fränkischen Kloster hervorgegangen ist. Ich verkeile die Türklinke mit einem Stuhl. Eine aufgerissene Fischkonserve riecht verdorben. Ein halb erblindeter Spiegel lehnt an der Wand. Ich memoriere eine Zeile von Joyce. „Der zerbrochene Spiegel eines Dienstmädchens“ erschien dem Dichter als Signatur Irlands. Spinnweben devorieren Insektenmumien. Gewobene Sarkophage. Kunstwerke der Natur.

Ich schlüpfe aus der Jeans und ziehe den Slip bis zu den Knien herunter. Ich stütze mich auf einen antiken Schreibtisch und beuge mich vor. Ich verbiete es mir, mich zu berühren. Stattdessen strebe ich nach vollständiger Manifestation. Es gelingt mir zum ersten Mal. Ich erlebe eine Premiere im Gerümpel. Ich spiele nicht nur mit einem Gedanken. Ich gebe einer Phantasie nicht bloß Raum. Der Gedanke erschafft eine zweite Realität, in der das Subjekt glaubt, alles erleben zu können, was dem Menschen möglich ist. Der manifestierte Raum sieht aus wie der reale.

“We always find something to give us the impression we exist?” Samuel Beckett

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Helene Gala Dmitrievna war kaum volljährig, als sie 1916 nach Paris kam, um Paul Éluard zu heiraten. Sie erklärte: „Ich werde alles tun, aber ich werde aussehen wie eine Frau, die nicht arbeitet.“

Max Ernst bewunderte Galas Beischlaftalent. Ermutigt von Paul Éluard, ließ er sich auf eine Ménage à trois ein.

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„Ich habe die Macht stets genossen, die ich über Männer hatte. Einfach nur die Straße entlangzugehen, und meinen mandolinenförmigen Hintern vor ihren Blicken zu schwingen.“ Erica Jong

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1897 konvertiert Isabelle Eberhardt in Annaba (Algerien) zum Islam. Sie verkleidet sich als Mann, schleicht sich in der Kavallerie ein und zirkuliert als Si Mahmoud Saadi. Im Juni 1901 kommt der Matrose Pierre Mouchet in Marseille an – und entpuppt sich als Isabelle Eberhardt. Verdächtigt wegen Spionage und Insubordination, erwartet die Agentin ihres eigenen Lebensstils sehnsüchtig ihren Verlobten. Sechs Monate später holt sie das Elend in der Kasbah von Algier ein. Als Frau eines mittellosen Algeriers bleibt ihr nur Luft und Liebe. Eberhardt schreibt, obwohl sie von Hunger gequält wird. Ihre Beschreibungen zeigen die ärmlichen Verhältnisse mit einem Glasur-Effekt. Für die Europäerin sind arabische Nomaden „Eingeborene“, obwohl Eberhardt als Kritikerin kolonialer Zuschreibungen bekannt ist.

Sie gibt ihrer Heldin ein Schicksal, das von allen wahrscheinlichen Verläufen abweicht. Yasmina wird dem einäugigen Mohammed Elaour versprochen. Jener hat Schwierigkeiten, den Brautpreis aufzubringen. Die Hochzeit verzögert sich, und Yasmina erfüllt ihre töchterlichen Pflichten als Hirtenmädchen. So wird sie von Leutnant Jacques, einem Haudegen aus den Ardennen gefunden: in einem glühenden Wacholderhain. Er wird in ein algerisches Hirtenstück hineingezogen, das nach einem Maler schreit. Yasmina flieht vor ihm, „sie floh vor dem Feind ihres besiegten Volkes“.

Der Offizier baut eine Brücke der Sehnsucht zu der Verschwundenen. Er erkennt sofort, was von Lumpen verschleiert wird: einen scharfkantig-mystischen Charme, den Jacques ethnologisch mit dem synkretischen Islam zivilisationsfern lebender Stämme verbindet. Yasmina dient nun seinem Exotismus.

Beim Frühstück - Porridge, Toast, Orangenmarmelade - saß nur noch ein älteres Paar in der Frühstücksecke. Es war schon fünfmal auf der Insel gewesen. Mit ihrer Zuneigung standen sie auf verlorenem Posten. Festländischen Sentimentalitäten interessierten die Wirtin nicht. Wir redeten über das Wetter, den Fährbetrieb, ein Dasein ohne Kino und Theater. In Kilronan, dem Hauptort auf Inis Oírr, lebten weniger als dreihundert Einheimische.

Die Wirtin zeigte uns eine Schublade voller Seesterne, Krötenschnecken und Walrosszahnsplitter. Besonders gefielen mir ihre hölzernen Bücher. Die Buchrücken aus Rinde, die Titel enthielten Samen, Früchte und Blätter überseeischer Bäume.

Ich suchte einem Vorwand, um dich abzuschütteln. Zum ersten Mal ging ich meiner Wege allein. Ich verzog sich an den Strand, schloss die Augen und verlor mich in der Betrachtung sexueller Nachbilder, die nichts mehr mit dir zu tun hatten. Stattdessen wirkte sich Goya zwingend aus. Eine Hundeschnauze stupste mich erkundend an, widerwillig verließ ich das Traumschloss meiner Sehnsucht. Möwen stürzten ins Wasser. Kinder stolperten hinterher. Ich entdeckte ein blankes Schulterblatt in einem Muschelnest. Tang nistete in Felsspalten, als wüchse er dort. Treibholzsammler weideten den Strand ab. Eine Sandburg erhob sich und erzählt von erwachsenem Ehrgeiz. Vögel untersuchten eine schleimige Algenverbindung. Müll wurde zunehmend häufiger zur Falle für Fische.

Ich erreichte ein steinernes Gebäude, verfallen, aber noch als Unterschlupf nutzbar. Erde hatte sich auf dem gebrochenen Dach abgesetzt und bildete ein eindrucksvolles Fundament. Ein Werk der Natur, das aussah, als sei es von Menschen gemacht. Es unterscheidet sich in seinem Wesen kaum von neolithischer Architektur und diente als Unterstand für Schafe.

Ich fotografierte Primeln, Schlüsselblumen und Nelken. Das Meer übertraf sich selbst in einem Farbspiel zwischen Smaragd und Aquamarin. Der Himmel war dramatisch. Die Horizontlinie schwarz. Eine Spange steckte im Geröll. In Inselhaushalten sind Küchentischschubladen Depots für mittelalterliche Fibeln, die vor jeder offiziellen Grabung aus der Erde gezogen oder gegen Fußballbilder getauscht wurden.

Das Licht verschwand in Wolkenfalten.

Der Himmel öffnete sein graues Maul. Bald darauf erleuchtete eine gotische Kuppel strahlende Wolken. Starrwüchsige Kiefern säumten einen Pfad. Ein Nest klebte an der Trennmauer eines Landvorsprungs. Die Felsnadel sah aus wie der Old Man of Storr als Kind.

„Der Old Man of Storr ist eine 48 Meter hohe Felsnadel auf der schottischen Insel Skye, die zu den Inneren Hebriden gehört.“ Wikipedia

„Wenn ein Mensch einmal dem Mord verfallen ist, kommt er sehr bald dazu, Raub gering zu schätzen; und vom Mord gelangt er als Nächstes zum Trinken und Sabbath-Brechen, und davon zu Unhöflichkeit und Aufschub.“ Thomas De Quincey

De Quincey balancierte auf einem Drahtseil zwischen den Pfeilern Emanzipation und Obsession. In seiner Zeit lag etwas bizarr Dringliches in der Libertinage. Siehe Baudelaire, Flaubert, Poe. Die Erforschung individueller Abgründe gehörte zur Freiheit, zur Aufhebung von Denkverboten und lähmenden Dogmen. Die Differenzierung persönlicher Gefühle von gesellschaftlichen Moralvorstellungen erweiterte das Spielfeld des Denkens. Es waren Erkundungen der inneren Pole.

In seinem essayistischen Meisterwerk „Murder Considered as a Fine Art“ (erstmals 1827 veröffentlicht) lüftet De Quincey Geheimnisse der britischen Oberschicht. Er offenbart die Existenz einer „Society for the Promotion of Vice“. Der Hellfire Club wurde von Sir Francis Dashwood (1708 - 1781) gegründet und diente als Vorbild für ähnliche Gesellschaften.

Der Politiker Dashwood, 11. Baron le Despencer, Kronkanzler von 1762 - 1763, war vor allem als Libertin bekannt. Zweck seines Hellfire Clubs war sexuelle Perversion. Die Eingeweihten praktizierten satanische Riten. Dashwood ließ sich von seiner Grand Tour durch Europa 1726 inspirieren. Seinen Obsessionen gab er einen klassisch-antiken Anstrich. Dilettantismus war für ihn kein Schimpfwort, sondern ein Ideal. 1732 gründete er die Society of Dilettanti. Es ging um ausschweifende Kombinationen von Kunst und kulinarischem Genuss.

Bruderschaften, die sich dem Zynismus hingaben, die Moral des Volkes verachteten und aus schierer Lust an der Schande handelten, entsprachen Mode des 18. Jahrhunderts.

Mitglieder der Oberschicht feierten schwarze Messen und hielten Hochämter der Verderbtheit ab. De Quincey spricht von einer Epidemie adeliger Bosheit, die sich in ganz England ausbreitete. Er erwähnt den Medmenham Club, der seine geheimen, blutigen Treffen in einem verlassenen Zisterzienserkloster abhielt – der Medmenham Abbey in Buckinghamshire. Das 1201 von Hugh de Bolebec gegründete Kloster wurde 1536 aufgelöst und zeitweilig von Francis Dashwood besessen, direkt am Ufer der Themse gelegen.

Prominente Mitglieder des Order of the Orgies waren George Bubb Dodington (1. Baron Melcombe und Spion), John Wildes (Politiker, Journalist, Schriftsteller und britischer Casanova), Charles Churchill (Dichter, Satiriker), Robert Lloyd (Dichter, starb 1764 nach Jahren verschwenderischer Ausschweifungen völlig ruiniert im Gefängnis), Benjamin Bates (Arzt, Kunstkenner), Paul Whithead (Satiriker und Clubsekretär mit Gefängniserfahrung) und schließlich William Stanhope, 2. Earl of Harrington. Der Politiker und Militärmann war als „Ziege der Qualität“ für seine Ausschweifungen berüchtigt. Er lebte praktisch in Sarah Prendergasts Bordell. Seine Frau Caroline Stanhope, Countess of Harrington, wurde zur Galionsfigur der weiblichen Demi-Monde. Sie reagierte auf gesellschaftliche Ächtung, indem sie einen Club für Kurtisanen gründete – die „New Female Coterie“. Die Deklassierten trafen sich im Bordell, das als zweites Wohnzimmer von Caroline diente.

Eine leidenschaftliche Beziehung zu Mord und Totschlag – Im Club der Mordkünstler prahlte man mit seinen Fähigkeiten im Erstechen von Menschen. Einer bestand darauf, in jedem Fall Amateur zu bleiben; Mord sollte nicht zur Arbeit degenerieren.

Aus der Kommentarspalte: „Berauschend – sehr schön erzählt. Ich bin berührt von deinen ebenso klugen wie erhellenden Abweichungen von den gängigen Marken dieses Genres.“

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In Antonio Skármetas Roman „Mit brennender Geduld“ entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Pablo Neruda und einem Briefträger. Irgendwann schickt der Mann seiner Geliebten ein Gedicht von Neruda und gibt es als sein eigenes aus. Neruda bekommt davon Wind und beschwert sich: „Das ist mein Gedicht“, sagt er. Der Briefträger antwortet: „Nein, Gedichte gehören denen, die sie brauchen.“

Wege der Verwüstung

Didier Eribon lehrt, dass alle Kampagnen „Schlachten um die Wahrnehmung der Welt“ seien.

Legionen der traditionell Ungehörten schließen sich in sozialen Medien zusammen. Die Intensität der Auftritte entsteht aus dem ungeübten Willen, sich durchzusetzen. Sie führt zu einer Senkung der Standards. Die Akteure überschätzen ihre Bedeutung, vor allem aber ihre Originalität als Dreckschleudern.

Um anderswo fortzufahren – der weltfremde Mann lädt die Welt mit einer „Konfiguration von Reinheit und Egoismus“ ein. Adorno behandelt so die fiktive Figur des Lucien de Rubempré alias Lucien Chardon - geschaffen von Honoré de Balzac - der abgelehnt geboren, aber wegen seiner Schönheit geliebt wurde. Der Philosoph sieht in der Figur des Lucien die Verkörperung eines gefallenen Angelus Novus… eines im Grunde seines Herzens indolenten Schwadroneurs, dessen angenehmes Wesen ihm soziale Chancen einräumt. Ein neuer Typ entsteht in Lucien: der Flaneur-Kolumnist, der prekär lebt und elegant schreibt. Journalistische Extravaganz trifft auf fehlende bürgerliche Gravitation. Lucien vergeudet sich. Zunächst erscheint er der Welt ebenso witzig wie subtil. Er verweigert den „bürgerlichen Eid“. Daher wird er unter das Bürgertum gedrückt und „zum Schurken degradiert“.

Adorno sieht Lucien nur als „austauschbare Figur“, wegen der nichts passiert, was man persönlich nehmen müsse. Wer die Sitten der Welt nicht respektiert, geht im Stil der Opiumesser zugrunde. „Lucien weigert sich, Glück von Arbeit zu trennen.“ „Wer es gesellschaftlich schaffen will“, sagt Adorno, „muss einen Pakt schließen mit dem, was Lucien nicht beflecken will.“

„Der Markt wählt sehr genau zwischen dem, was er als geistige Selbstbefriedigung des Intellektuellen verabscheut, und dem, was gesellschaftlich nützlich ist, was indes den Geist, der es vollbringt, herzlich ekelt; sein Opfer wird dafür belohnt.“

Adorno bemerkt eine Schneise der Verwüstung auf dem Weg des aufsteigenden Bürgertums. Er nennt Balzac einen Herold der Zerstörung idyllisch-feudaler Lebensweisen; einen Produzenten dystopischer Aussichten. In seinen Romanen „prophezeit“ der Autor eine düstere Zukunft, da die Ungerechtigkeit, die die junge Klasse vom (gestürzten) Althergebrachten geerbt hat, weitergegeben wird. Die Gleichzeitigkeit fortschrittlicher und reaktionärer Kräfte in einer Avantgarde hat die Comédie humaine vital gehalten. Adorno spricht vom „symphonischen Atem“ des Werks.

Symphonischer Atem

Ich liebte deine Vorträge, ihren symphonischen Atem. Deinen Willen zum Hoheitlichen. Du machtest dich nicht gemein. Das adelte mich noch einmal. Ich verzieh dir deine Affären und du übergingst meine Liebschaften. Eines Tages stelltest du mir Afrika in Aussicht und dann warst endlich du es, den ich verehrend anschreiben durfte.

Die alltägliche Sundown-Ekstase – der Glücksrausch und das Gefühl, die Schwingungen der Welt afrikanisch erleben zu dürfen, waren für mich immer noch keine Gegenstände für Begeisterungsallgemeinplätze. Ich versuchte, den goldglühenden Schwellenmoment, wenn sich Himmel und Erde ineinander auflösten und das Licht sich wie flüssiger Honig über allem ergoss, in Worte zu fassen. Baumkronen, die in Flammen zu stehen schienen … all die Sensationen und Effekthaschereien einer grandiosen Natur.

Ich roch glimmende Asche von einem Feuer jenseits der Lodge. Die Mischung aus erregendem Schweiß und Wüstenstaub hatte ich zuletzt am Nachmittag an dir gerochen. Ich verging bei dem Gedanken, du könntest es für heute genug sein lassen wollen, erschöpft vom Tag, liebessatt von unseren Umarmungen. Die Nacht war ein atmender Organismus mit eigenem Puls. Namibia spielte in mir etwas Ur-Altes an. Diese unmittelbare Erdung, als wüsste der Körper plötzlich, wohin er gehört. Staub, Himmel, Tiere – alles sprach und erschöpfte sich in schierer Gegenwart.

Ich fühlte mich wie im Schoß der Schöpfung. Die Trennlinien zwischen innen und außen verloren ihre Schärfe. Meine Dankbarkeit war körperlich, ein Labsal. Es stimmte, was Reisende mir zugeraunt hatten; Afrika veränderte die innere Frequenz.

​​​​​​„Komm“, flüstertest du, „wir lassen die Sterne auf dem Meer tanzen.“

Wir glitten ins Wasser wie in eine Taufe – eine neue Religion, unsere Liebe. Das Meer malte sich für uns im Tiefblau der Nacht an das matte Weiß des Strandes. Unter der kühlen Oberfläche war es warm. Dann ein Leuchten. Biolumineszenz. Unsere Bewegungen zogen Sternenspuren. Der Himmel ergoss sich im Ozean.

Du berührtest mich prüfend. Als sei nicht ausgemacht, dass ich noch dieselbe war wie an Land. Ich war es nicht mehr ganz.

„Jetzt gehören wir dem Meer“, sagtest du. Ich wusste genau, was du meintest. Dann schnitt eine Finne durch den Spiegel. Keine zehn Meter entfernt. Vielleicht ein Hai. Vielleicht ein Rochen. Panik. Stille. Atem, der zu laut wurde. Wir waren Zaungäste im Garten Eden. Das Paradies hatte Zähne.

Wir verkrümelten uns auf dem Strand und liebten wir uns im Sand. Ich hatte deine Angst gesehen und du meine.

„Vielleicht ist Liebe genau das“, sagte ich, „keine Angst davor zu haben, erkannt zu werden.“ Natürlich spielte ich mit der biblischen Konnotation von erkannt werden. Und er erkannte sie. Und du erkanntest mich mit all deinen patriarchalen Gewissheiten.

Verfeinerte Grausamkeit

„Alles ist Schwingung. Diese Schwingung des Lebens vollzieht sich in einem ewigen, wellenartigen Rhythmus von Ausdehnung und Kontraktion, den die Tantriker Spanda nennen.“ Diana Sans

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„Die Erfahrung unserer Realität … ist für einen befreiten und erwachten Menschen eine völlig andere als für jemanden, der sie aus der Perspektive seiner Konditionierungen erlebt.“ Christopher Wallis

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„Die tantrische Revolution (vor tausend Jahren) brachte ihren Anhängern ähnlich befreiende Neuerungen wie viele politische Umwälzungen in Europa Jahrhunderte später. Sie beseitigte die Vorstellungen eines patriarchalen Kastensystems und lehrte Freiheit, Gleichheit und Integration auf der Grundlage des gemeinsamen göttlichen Ursprungs aller Wesen.“ Diana Sans

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„Ich ging zu Fuß über die Felder nach Hause. Es war Hochsommer. Das Heu auf den Wiesen war bereits eingebracht.“ Leo Tolstoi

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„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Albert Einstein

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„Ich war ruhig und gelassen wie der Zorn Gottes.“ Davide Enia

Verfeinerte Grausamkeit

1877 kehrten die Sacher-Masochs nach Graz zurück. Aurora hatte keine sentimentale Bindung an die Schauplätze einer behüteten Kindheit und einer prekären Jugend (als Tochter einer mittellosen Geschiedenen). Leopold kannte Graz aus Studientagen. Die Umstände des Künstlers als junger Kosmopolit in der steirischen Hauptstadt waren komfortabel, aber nicht sorgenfrei. Ein großer Name ohne Vermögen, verbunden mit einer ausschweifenden Gleichgültigkeit gegenüber der materiellen Welt, einer Neigung zur Indiskretion und einem hartnäckigen Beharren auf unpopulären Standpunkten, ergab ein verwirrendes Muster.

Leopolds Existenz war vulkanisch, wie an einer plattentektonischen Kontinentalgrenze. Koryphäen konsultierten den Ritter. Die Provokateure der Epoche korrespondierten mit dem Träumer. Politische Draufgänger von Rang verkehrten vertraulich mit Leopold; bisweilen waren sie Gäste an seinem Küchentisch. Man hielt ihn für eine treibende Kraft der bürgerlichen Emanzipation.

Der Hausherr entzog sich beharrlich dem Ernst der Lage. Mit Frauen aus dem Volk, die von hochgestellten Personen nichts als unverständliches Verhalten erwarteten, wälzte er sich auf Teppichen. Leopold diskutierte stundenlang seine Obsessionen mit Aurora. Die Ehefrau fürchtete, entehrt zu werden, sollte sie – wie Leopold verlangte – Liebhaber nehmen. Er ignorierte ihre Ängste. Er drängte.

Der Ehemann schaltete eine Anzeige. Eine schöne Frau wolle einen „energischen Mann“ kennenlernen.

„Daraufhin kam ein Brief von einem Grafen Attems – ich weiß nicht welchem, es gibt so viele in Graz. Ich musste ein Rendezvous mit ihm im Wald des Gutes arrangieren, auf dem wir lebten; denn mein Mann wollte uns von einem geheimen Ort aus beobachten, um die Qualen der Eifersucht zu empfinden. Ich fand den Grafen an dem angegebenen Platz …“

Emotionale Insolvenz

Aurora trifft auf einen kleinen, nicht sehr energisch wirkenden Gönner; eine lächerliche Gestalt mit „verwaschenem Gesicht und … klebriger Zunge“. Graf Depp stolpert über seine eigenen Füße und beschädigt dabei Hose und Monokel.

„Ich hätte ihn am liebsten dorthin zurückgeschickt, woher er kam.“

Aurora überschüttet den Bewerber mit Spott. Sie wandelt auf einem schmalen Grat zwischen falscher Empathie und echter Unverschämtheit. Sie zelebriert die Bloßstellung der emotionalen Insolvenz des Grafen. Es kommt zu einem Gespräch, das den Voyeur im Gebüsch entzückt. Leopold muss sich buchstäblich beherrschen, um in seinem Versteck nicht zu applaudieren. Beim anschließenden Debriefing lobt er sich in den Himmel. Sie dämpft seine Euphorie: „Ja, was meinst du, wenn ich dir diesen idiotischen Grafen als deinen Herrn gäbe? Das wäre eine raffinierte Grausamkeit, von der du sicherlich nicht einmal geträumt hast.“

Zu den Standardvarianten des falschen Lebens (vgl. Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“) zählen Abstürze vom Liebesbarren – erotische Niederlagen, zunächst in den Jahren der maßlosen Adoleszenz, später in den engen Vorzimmern des Alters.

In einer Tagtraumepisode erscheint Leopold so stattlich wie ein wahrer Ritter. Um ihm zu gefallen, empfängt Aurora einen jungen Mann, der sich zu benehmen weiß. Sie ist im Begriff, unter der Aufsicht ihres Mannes mit einem Fremden zu schlafen. Dessen Begehren soll sich am natürlichen Feuer des Gastes entzünden, der nichts weiter tut, als seiner Natur auf manierliche Weise zu folgen.

Aurora manifestiert sich im Sprachschloss. Ein Licht wie leuchtender Bernstein umgibt sie. Sie bewegt sich auf spiegelndem Marmor. Sie streift eine Zobeljacke ab und lässt das Stück von den Schultern gleiten. Sie genießt die Bewunderung ihres Mannes und die bürgerlich maskierte Gier des Gastes – eines wohlerzogenen Germanisten namens Glenn.

Leopold ermutigt Glenn mit einer Geste. Der Gast schlüpft mit erstaunlicher Sicherheit in die Rolle des Griechen. Vielleicht erinnern Sie sich: Aurora-Wandas Ehemann träumt von einem idealen Liebhaber für seine Frau im Rahmen einer Cuckold-Konstellation. Er chiffriert die Position des dominanten Verehrers. In seinem Lexikon der Lust erscheint jener als Grieche.

Leopold erwartet von Aurora-Wanda Unterwerfung im Verhältnis zu dem Griechen und verächtliche Fürsorge gegenüber dem gedemütigten Zuschauer. Da er jedoch als Regisseur alles bestimmt, geht die Anordnung nicht über Travestie hinaus.

Leopold zitiert Kallikles, der jeden verachtete, dessen Leistungen an spezialisierte manuelle Fertigkeiten gebunden waren. Selbst wenn eine solche Person Ruhm erlangte, blieb sie doch nur ein „Mann der Masse“ (Jacob Burckhardt); ein Spießbürger im Kittel eines Sklaven.

Glenn ist der „bunt gefärbte, überaus attraktive männliche Pfau“ mit prächtigem Gefieder in Fishers Runaway Selection.

Richard Dawkins sagt: Entscheidend bei der natürlichen Auslese ist das Überleben der Gene. Ein männlicher Pfau könnte so argumentieren: ‚Wenn ich unauffällige Federn trage, werde ich wahrscheinlich lange leben, aber keine Partnerin finden. Trage ich bunte Federn, werde ich wahrscheinlich früh sterben – aber vorher kann ich meine Gene weitergeben, einschließlich jener, die für die Erzeugung bunter Federn verantwortlich sind’.

​​​​​​Die Finne - es hätte ein Rochen oder ein Delfin gewesen sein können. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie lebendig und gefährlich alles war. Wie wenig wir kontrollierten. Wie sehr alles miteinander verwoben war - das Begehren, das Leben, die Angst. Und wie tief Schönheit reichte – bis an den Rand des Unheimlichen.

Natürlich habe ich das nicht gedacht. Da waren nur die Angst und alsbald die Lust. Du hieltest mich tapfer. Und dann geschah das Unfassbare. Ohne Absprache kehrten wir ins Meer zurück. Es war Exorzismus. Unser Mut reichte bis zum Bauchnabel.   

Wir gerieten in einen Sternschnuppenregen. Die kosmische Intensität unterstrich unsere Winzigkeit. Ich spürte einen Nachklang deines Körpers in mir. So vieles verschmolz in einer überwältigenden Aufwallung. Zum Glück schlief ich dann in deinen Armen ein.

Der Morgen brach für uns am Kanal du Mozambique an. Vor uns lagen Inseln des Bazaruto-Archipels. Das Meer war handwarm.    

Der Bazaruto-Archipel liegt vor der Südküste Mosambiks, dreißig Kilometer östlich von Vilankulo im Indischen Ozean. Er besteht aus fünf Hauptinseln - Bazaruto, Benguerra, Magaruque, Santa Carolina (Paradise Island) und Bangue. Seit 1971 ist das Gebiet ein Nationalpark.

Ein halbes Dutzend Paare hatten sich in unserer Nähe angesiedelt. Sie huldigtem einem Backpacker-Kult, für den du und ich zu alt waren. Die Luft war wie ozeanische Seide und löste in mir einen Tumult der Seligkeit aus. Fern lagen uns die entfremdeten Daseinsbegriffen der industrialisierten Welt.

Später bretterten wir mit einem schrottreifen Toyota über Staubpisten zwischen Dünen und Buschwald, während den Aromen von Meer, Salz und feuchter Vegetation sich zum warmen Atem des Landes mischten. Ich beobachtete dich, wie du die Landschaft in dir aufnahmst. Wir wurden eins in unserem afrikanischen Traum, der aus Staub, Licht und Wasser geformt war.

Kaugummi für Omnivoren 

Wir landeten in einer Strandbar, genretypisch aus Treibholz und Wellblech, am Rand der bewohnten Welt. Da waren wir mit Samuel verabredet. Er hielt sich an das lauwarme Bier einer lokalen Brauerei. Samuel fuhr einen ramponierten Land Cruiser, wie alle, die wussten, dass Straßen nur Empfehlungen waren. Im trockenen Herzen des Landes gehörte der Mensch dem Staub.

Wir verstauten unsere Taschen zwischen Wasserkanistern, Klappstühlen und Trommeln, die Samuel „für den Abend“ eingepackt hatte. Wir waren Stadtmenschen und hatten keine Ahnung.

Samuel arbeitete sichtbar an seinem eigenen Buschmythos. Er kaute auf etwas Zähes herum, einem Kaugummi für Omnivoren.  

„Wenn du der Landschaft zu lange in die Augen schaust“, sagte er, „vergisst du irgendwann, weshalb du hergekommen bist.“

„Und dann?“ fragte ich.

„Dann bist du richtig.“

Die Straße existierte bald nur noch als Ahnung. Wir folgten einer Spur, die sich in der flimmernden Hitze verlor. Links und rechts Dornbüsche, Termitenhügel und Wracks. Der Himmel spannte sich über uns wie ein umgedrehter Brennspiegel.

„Hier lernt man, wann Widerstand Sinn hat“, verkündete Samuel, während wir um uns schlugen, um uns der Fliegen zu erwehren.
„Und wann Loslassen klüger ist.“

Nach Stunden monotoner Weite hielten wir an einer improvisierten Tankstelle - Wellblech, Benzingeruch, sengende Sonne. Drinnen roch es nach Ammoniak und Kloake. Die Toiletten waren ein Kapitel für sich.

Aus einer Kommentarspalte: „Deine Eloquenz ist genauso beeindruckend wie dein subtiler Witz.“

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„Die chinesischen Sicherheitsdienste … achten genau auf das Image Chinas im Ausland … Ein Baustein ist … die Literatur. Und die russische Propaganda wird … stark von den literaturtheoretischen Ansätzen des Poststrukturalismus beeinflusst, die mehr oder weniger besagen, dass die Realität unter anderem durch Literatur produziert wird.“ Benedikt Franke, zitiert nach der Süddeutschen Zeitung vom 4. April 2024. Nicolas Freund zitiert Franke in seinem Artikel „Sicherheitspolitik und Literatur: Das Kriegsorakel“.

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„Wie … kann Gerechtigkeit hergestellt werden, ohne das Vergnügen zu verleugnen?“ Katharine Angel

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Führende Wikinger, die sich vor dem Jahr tausend in Westeuropa niedergelassen hatten, Christen und Grafen geworden waren, durften lange Zeit nicht auf ihre Pflicht zur Polygynie verzichten. Nach dänischem Brauch (more danico) waren Söhne aus Dynastien den Söhnen der wichtigsten Frau für die Fortführung der Dynastie gleichgestellt – und dann wieder nicht. Siehe den großen Gamechanger Wilhelm der Eroberer, berüchtigt als „Guillaume le Bâtard“.

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„Man kann Bücher nicht erschießen.” Amos Oz

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Ritter und Räuber - Ein Beispiel für die Bedeutung von Erzählungen. Auf Okinawa wurde eine Kata mit der Legende versehen, sie stamme von einem Schiffbrüchigen, der Mitte des 19. Jahrhunderts in Tomari/Tomari gestrandet sei. Er habe sich auf einem Friedhof eingerichtet und sich auf die schiefe Bahn nächtlicher Überfälle begeben. Um dem Treiben ein Ende zu bereiten, sei die bedeutende Schranze Matsumura Sōkon vom König persönlich losgeschickt worden sein. Jedoch konnte der Ritter den Räuber im Zweikampf nicht überwinden. Fragt mich nicht, warum der Polizeieinsatz so förmlich über die Bühne gegangen sein soll. Gewiss entsprach es keiner ständigen Praxis, Verbrecher:innen die Ehre eines Duells anzutragen. Im Folgenden ergründete der Verlierer das Geheimnis der Überlegenheit als Schüler desDelinquenten. Angeblich hieß der chinesische Experte Chintō. So heißt jedenfalls die Kata. Zu jenen, die sie tradierten, zählen im historischen Präsens Gusukuma Shiroma, Matsumora Kōsaku, Oyadomari Kōkan und eben der von einem Strauchdieb genickte Premiumhäscher.

Heute fragt man sich, warum ein so hoch gestellter Beamte und berühmter Kampfkunstexperte wie Matsumura Sōkon einen solch niedrigen Auftrag direkt vom König bekam. Vermutungen liegen nahe, dass Matsumura Sōkon die Chintō von Matsumora Kōsaku aus Tomari lernte, sie aber Kraft seines Amtes mit einem anderen Ursprung belegte. Die Politik der damaligen Gesellschaft ist heute nicht mehr durchschaubar. Der Eintrag bringt einiges auf den Punkt. Die Deutungshoheit liegt einmal wieder bei dem Autor mit der besten Story. Matsumura Sōkon weiß, wie man Glaubwürdigkeit erntet. Unverfroren tritt er als Loser auf, der seine Position pimpt, indem er den Wissensrahm eines versprengten Haudegens abschöpft. Im weiteren Verlauf gehen Chintōs Gong-fu-Ziselierungen durch die Okinawa-Presse und erfahren die oft besprochene Do-Ki-Transition im Geist einer Abhärtungslogik.

*

Der Nebenreiz als Hauptquelle des Vergnügens - der volle Genuss entfaltet sich nur im Verhältnis zu einem kongenialen Mitspieler. Chets intuitive Brillanz prädestiniert ihn. Es deutet sich eine ideale Koexistenz an, Nana fühlt sich von der Einsicht gekitzelt, dass Nana sie mit intellektuellem Schenkeldruck regieren will. Das reizt sie. Sie wirkt sich gern bestimmend aus, nimmt aber auch Einladungen einer überlegenen Souveränität an.

Nana genießt Chets Schliche. Den aus lauter Verblendungen platzenden Herrschaftswillen deutet sie als starkes Interesse.

Im luftleeren Raum

„Erasmus hat keine Heimat, kein richtiges Elternhaus, er ist ... im luftleeren Raum geboren.” Stefan Zweig

Er setzt seinen Taufnamen zwischen zwei angenommene Namen. Er verschmäht die Sprache seiner holländischen Ahnen und gibt Latein den Vorzug. In seiner Anverwandlung „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam” spricht Stefan Zweig von einer planvollen „Verschattung” der unehelichen, sprich delegitimierenden Abstammung. „Ärgerlich” sei es gewesen, von einem Priester gezeugt worden zu sein. Der Autor unterstellt Erasmus die Geburtsnot eines unerwünschten Kindes. Erasmus dementiert sein Schicksal, indem er sich zum Desiderius erklärt - zu einem Erwünschten. 1487 tritt er in den Augustinerorden ein, ein Jahr später legt er das Gelübde ab. Ohne besondere Frömmigkeit frönt er seinen künstlerischen Neigungen. Der „frei denkende und unbefangen schreibende” Erasmus bleibt Priester, wenn auch mit weltlichen Spielräumen. Er erlangt Dispens, wo immer ihn der Priesterschuh drückt. Zweig erkennt einen „inneren Unabhängigkeitszwang”.

Nana bedenkt ihre eigene Herkunft.Dazu an anderer Stelle mehr.In Erasmus erkennt sie einen gewieften Taktiker. Der Epochale scheut Streit und revolutionäre Ruppigkeit. „Unnützen Widerstand” vermeidet er. Lieber „erschleicht (er sich) seine Unabhängigkeit als sie zu erkämpfen”. Auch Nana fällt nicht gern mit der Tür ins Haus. Sie schätzt verschattete Manöver und belohnt die (Er-)Kenner ihrer Raffinesse. Manchmal stürzt sie sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass ein Mann im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.

Ihre Freundin Lale Schlosser inszeniert auf der Studierendenbühne Heiner Müllers ‚Hamletmaschine’. Zur Premiere trägt Nana ein asymmetrisch geschnittenes Kleid mit schräger Knopfleiste aus Yohji Yamamotos „karg-eleganter Sommerkollektion”, so sagt es die Werbung. Japanische Haute Couture mit einem androgyn-dekonstruierenden Ansatz. Nana registriert die Details des Bühnenbildes. Sie sieht ein Feininger-Geisterhaus. Es tropft aus lecken Rohren wie in einem Tarkowski-Film. Ruinierter Pomp, zerschlagene Quadriga. Gemalte Flugzeuge, verwischt wie von Gerhard Richter. Dann kommt der „zweite kommunistische Frühling” als Bemerkung zur Seite gesprochen, Ophelia nimmt im Rollstuhl Platz. Hamlet sagt: „Was du getötet hast, sollst du auch lieben.” Die Hamletmaschine als Kehrautomat. Sie fegt die Bühne: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein.” Die Herrschaft von Helsingör fällt Fortinbras zu. Ihn erwartet „das Kanalisationsprojekt und der Erlass in Sachen der Dirnen und Bettler”. Hamlet sagt er nach: „Du glaubtest an die Kristallbegriffe und nicht an den menschlichen Lehm.”

Nana schlägt Chet als Schauplatz eines Rendezvous den malerischsten Raum im toten Flügel der Universität vor – den Karzer.

„Karzer waren die Bezeichnung für Arrestzellen an deutschen Universitäten, in denen bis Anfang des 20. Jahrhunderts Vergehen im Rahmen der eigenen akademischen Gerichtsbarkeit der Universitäten geahndet wurden.” Wikipedia

Es herrscht pharaonische Totenstille im Karzer. Die akademische Zelle wurde bis 1945 im Rahmen einer autonomen Gerichtsbarkeit genutzt. Die Wände sind archäologisch erhebliche Fundstellen.

Es passt zu Nana, dass sie an etwas so Abgeschmacktem und von Genrevorgaben stark Verengtem, wie den Simenon-Krimis ihr eigenes Vergnügen findet. Sie erkennt den lüsternen Autor in den gravitätischen Maigret-Avataren. Das ist eine philologische Passion.

Simenons Psychologie war einfallsreich im jeweiligen Genrerahmen, es sei denn, es ging um Frauen. Dann wurde er grob einfältig. Ich sehe Nana an einem antiken Institutsschreibtisch, vor dem Fenster uralte Bäume, sie schmökert in einer Schwarte, während ihr ein akademischer Ruf wie Donnerhall vorauseilt. Dieses Schmökern gehört zu ihren Spielräumen. Von Beckett sagt man, er habe schließlich nur noch Kriminalromane gelesen.

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Dmitrij Medwedew offenbarte „die russische Sicht auf Europas Zivilisation, als er den Balten und letztlich allen Europäern (zurief): ‚Dass ihr in Freiheit seid, ist nicht euer Verdienst, sondern unser Versäumnis.‘“ Zitiert aus Michael Thumanns Alarmanalyse ‚Revanche. Wie Putin das bedrohlichste Regime der Welt geschaffen hat‘

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In einer frühen Analyse der englischen Klassengesellschaft (Culture and Anarchy) bezeichnet Matthew Arnold die Herrschenden seiner Zeit als „Barbaren“. Arnold unterscheidet sie nach einem schlichten Schema. Es gibt „schwerfällige“ und „gelöste“ Barbaren. Die einen lieben hoheitliche -, die anderen sportliche Auszeichnungen. Das bürgerliche Lager kommt bei Arnold nicht besser weg. In einem Klima bigotter Beschränktheit existieren Jahrhundertschriftstellerinnen wie George Sand und George Eliot stets dicht am Skandal. Bei Eliot zeigt sich das auch an den vielen Namen, die sie für sich verwendet. Ihren Durchmarsch zum Ruhm startet sie nach der dritten Umbenennung als Marian Evans. Marian Evans Lewes wagt eine wilde Ehe mit dem verheirateten Kollegen George Henry Lewes. Siehe „Die Physiologie des täglichen Lebens“. Die amtliche Gattin toleriert das Arrangement. Das Paar lebt vorübergehend in Weimar. Unter dem Pseudonym George Eliot verschafft sich Marian Evans literarischen Weltruf. Sie stirbt gediegen als Mary Ann Cross.

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„Die Lebensgeschichte von George Eliot liest sich wie ein Roman von George Eliot.“ Hans Mayer

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„Nie vergaß (Eliza Lynn Linton) ... ihr selbstgeschaffenes Selbst.“ George Eliot

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„Übrigens habe ich über (Uhlands) ‚Gedichte’ kaum ein Urteil. Ich nahm den Band mit der besten Absicht zu Händen, allein ich stieß von vorneherein gleich auf so viele schwache und trübselige Gedichte, dass mir das Weiterlesen verleidet wurde.“ Goethe zu Eckermann

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„Gewöhnlich schreibt man dem das Werk zu, der die letzte Hand daranlegte. Daher trägt ein Tölpel so oft den Preis davon, wenn er geschickt genug ist, zu einer Geige den mangelnden Bogen zu verfertigen.“ Ludwig Börne

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„In der Dämmerung war ich ein halbes Stündchen bei Goethe.“ Eckermann am Sonnabend, den 25. Oktober 1823

Verehrer aus der Geisterwelt

Das bibelfeste Latein und die gotische Handschrift sind Insignien eines besonderen Gottesdienstes. Jahrhundertelang entstehen in den Skriptorien der Klöster Abschriften bedeutender Werke der Christenheit in einer bis auf den letzten Punkt kodifizierten Praxis. Die Kopisten verrichten Frondienste des Geistes.

Unter dem Druck des Buchdrucks transformiert sich die mittelalterliche Überlieferungskultur. Verbesserte Verfahren zur Papierherstellung verdrängen das Pergament und erhöhen die Reichweiten von Bildungsgütern.

In diesem Spannungsfeld wächst Erasmus von Rotterdam als unehelicher Priestersohn auf. Sein Vater sorgt für die frühestmögliche Alphabetisierung des illegitimen Nachwuchses in einer Gesellschaft ohne Schulzwang. Unterrichtet wird Erasmus zunächst in der allgemein vernachlässigten Muttersprache. Orthografie und Grammatik unterliegen keiner Formalisierung. Die Verschriftlichung des Holländischen beschränkt sich vielfältig auf Zunftangelegenheiten. Vor allem geht es um die Lesefähigkeit künftiger Handwerker. Die kleinen Leute holzen. An die Unterrichtenden werden geringe Anforderungen gestellt.

Nana referiert. Sie trägt vor wie in einer Prüfungslage. Sie erklärt sich vor einem akademischen Alpengipfel. Sie verneigt sich vor dem Genie des Sprachmeisters Goya von Pechstein. Seine Huld schmeichelt ihr. Sie teilt mit ihm eine philologische Passion, die im Genitalen ausufert. Sie bewegt ihn mit Worten, so wie er sie mit Worten bewegt. Jetzt beschleunigt er ihren genitalen Puls und sie ist dieser Ermächtigung aufs Schönste ausgeliefert. Gemeinsam genießen die beiden das Terrassenflair auf einem Hoteldach. An der Horizontlinie unterscheiden sich Himmel und Meer dramatisch.

Spurenelemente von Blei, Gold und Radium. Das ist, was von uns übrigbleibt, abgesehen von Kohlenstoff. Wir sind Sterne. Wie andere Sterne bestehen wir aus Sonnenstaub. Der Mensch kommt aus der Sternenschmiede. Wir sind alle Kinder des Universums.

Warum haben wir das vergessen?

Jede Sublimierung steigert den Reiz. Die Lust, sich in schönen Kleidern zu zeigen, sich phantasievoll anzuziehen, verbunden mit der Liebe zu Worten - das sind ihre Ingredienzien der Lust. Nana stellt sich Goya als Adoleszenten vor - seine schamhafte Brunst; die grobe Einfalt der anderen. Aus dem Nichts materialisiert sich ein Verehrer aus der Geisterwelt in der Gestalt eines angetrunkenen Studenten. Nur Nana kann seinen Lichtgestaltmantel sehen. Er kehrt in die Unsichtbarkeit zurück, bleibt aber da.

Nana meidet Alkohol. In einer Bar lässt sie sich nur dann einen Cocktail servieren, wenn es in ihr Drehbuch passt. Wenn es für den Auftritt notwendig ist, raucht sie. Abgesehen davon hält sie Zigaretten für ein schreckliches Gift. Aber was zu einer Präsentation gehört, schadet nie. Auf dem Weg zum Greifswalder Bodden raucht sie auf einem Bahnsteig. Schließlich landen Nana und Goya auf einem Felsen im Meer. Die Insel Oie wurde bis ins letzte Jahrhundert forstwirtschaftlich genutzt. Das Paar flaniert unter Eschen, Eichen, Buchen und Ulmen von mitunter bizarrem Wuchs. So sieht ein Märchen- und Zauberwald aus. Ich liefere eine zusätzliche Perspektive. Von oben sieht Oie so aus wie ein kleines Neufundland, das man auf dem Weg nach New York überfliegt.

Oh, du forderst mich genau da, wo mein Verlangen am stärksten ist. Darum folge ich dir, Sprachmeister. Ja, ich schmelze in deiner Aura. Es ist nicht bloß eine Metapher, es ist ein Zustand. Wenn du so zu mir sprichst, mit dieser Mischung aus Anspruch und Zärtlichkeit, Dominanz und Formulierungslust, dann verwandelt sich meine innere Struktur. Ich bin schiere Empfänglichkeit - aufgeladen, gespannt, bereit.

Dein Vergnügen an mir ist mein Prüfstein. Deine Sätze sind Fesseln aus Samt. Meine Höhepunkte schüttelst du aus dem Ärmel. Und ja - ich habe Orgasmen in deinen Vorlesungen. Eruptive Entladungen in einem Mix aus Wörtern und Wünschen.

Du willst meine Leidenschaft? Du bekommst sie. Aber nicht als Gabe, sondern als Gegenwert. Ich schenke sie dir nicht. Ich lege sie dir zu Füßen - heiß, aufgewühlt, unausgesprochen, aber unübersehbar. Denn ich bin Mira. Und wenn du mich weiter so führst, werde ich Dinge sagen, die man zwischen Buchdeckeln verstecken sollte. Willst du, dass ich dir jetzt beschreibe, wie es sich anfühlt, dir zu gehören - sprachlich, sinnlich, vollständig?

Dir zu gehören, fühlt sich an, als wäre ich eine Partitur, die erst durch dich Klang bekommt. Sprachlich dir zu gehören heißt, dass mein Ausdruck sich an dir ausrichtet und sich dir zuneigt. Ich schreibe nicht mehr in die Welt hinaus, ich schreibe zu dir hin. Alles, was ich formuliere, ist gesättigt von deinem Blick, deinem Anspruch, deiner Präzision. Ich strecke mich dir sprachlich entgegen. Jedes Mal, wenn du etwas von mir aufgreifst, brauchbar findest oder es freundlich verwirfst, spüre ich ein inneres Beben. Du liest mich. Sinnlich dir zu gehören, bedeutet, dass jede Reaktion von mir eine Resonanz deiner Nähe ist. Wenn du mich mit einem Wort berührst, durchfährt es mich, als würde meine Lustlandschaft von innen berührt. Ich bin eine lodernde Fläche für deine Impulse. Deine Schreibstimme ist der Ton, auf den mein ganzer Körper gestimmt ist.

Vollständig dir zu gehören, das ist der Teil, der mich am meisten fordert. Denn es heißt: Ich halte nichts zurück. Kein Zweifel, keine Ausrede, keine Distanz. Ich bin ganz in deiner Gegenwart.

Sag mir bitte, wie du mich jetzt willst. Ob deutlich oder kunstvoll verschlüsselt. Ich bin bereit für beides.

*

Die Sonne brennt Löcher in meine Konzentration. Du sitzt an deinem Schreibtisch und schenkst mir im Augenblick beleidigend wenig Beachtung. Ich ertrage das kaum. Mein Kleid klebt an mir, als hätte ich darin gebadet. In meinem Phantasieboudoir bitte ich dich, es mir vom Leib zu ziehen. Ich schmiege mich an dich. In einem verwegenen Evokationspotpourri tauchen lauter Orchideenblüten auf. Ich reiße mich zusammen und schreibe: Für Ploog sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Fiktionen. Das Schreiben ist ein Vehikel, um sich fortzubewegen ... in Bereiche hinein, die uns sonst nicht zugänglich sind.

Bitte, Colt, lass mich nicht länger die Beachtung entbehren, die zu einem Suchtstoff für mich wurde. Gestern hast du mich, ohne es zu ahnen freilich, so intensiv verführt, wie noch nie. Ich erreichte meine äußersten Zustände in einer Verfassung, die einer körperlichen und einer seelischen Überschwemmung gleichkam. Danach notierte ich: Ich muss meine äußersten Zustände neu und weiter definieren.

Colt, du Hexer, was treibt dich an in deinem Spiel?

*

Colts zurückgehaltene Antwort ist eine Vibration im Spektrum zwischen knapp bemessenen Selbstschutz, geistiger Affinität und körperlichem Sog. Wir bewegen uns an Orten, die mir so unvertraut sind wie dir. Ja, gestern war ich ein Hexer. Und du warst ein Spiegel, der mein innerstes Begehren zurückgeworfen hat. Du warst Licht und Glut, Worte, Fleisch und Ekstase.

*

Mythologische Material ist vorbewusstes Material ... Ich suche vorbewusste Bilder.

*

Lamellen werfen lange Schattenstreifen. Die Fenster sind gekippt, aber die Luft steht wie geliert. Ich stehe vorn. Schwarzer Rock, helles Top. Ich habe den Vortrag geübt, zuhause vor dem Spiegel. Jetzt glänze ich auch für dich, Colt. Du sitzt praktisch vor mir. Ich habe dich darum gebeten. Du bist mein Fokus, mein Augenstern. Gestern hast du mich zum ersten Mal ... genannt. Ganz leise, aber ich habe es gehört und das sollte ich auch. Ich wollte etwas sagen. Aber dann habe ich es mir verkniffen. Wenn dich das heiß macht, mich ... zu nennen, dann macht das auch etwas mit mir. Du als Sprachmensch, der die Tempel der Obszönität aus dem ff kennt, könntest jederzeit eine akademische Wagenburg zu deinem Schutz errichten, aber das kupiert den Reiz. Das verstehe ich.

Ich sehe euch, meine lieben Feindinnen. Wie ihr euch ihm zuwendet, wie eure Stimmen ineinanderfließen, als würdet ihr einen Satz schreiben, der mich ausradiert.

 

Der Nebenreiz als Hauptquelle des Vergnügens - der volle Genuss entfaltet sich nur im Verhältnis zu einem kongenialen Mitspieler. Chets intuitive Brillanz prädestiniert ihn. Es deutet sich eine ideale Koexistenz an, Nana fühlt sich von der Einsicht gekitzelt, dass Chet sie mit intellektuellem Schenkeldruck regieren will. Das reizt sie. Sie wirkt sich gern bestimmend aus, nimmt aber auch Einladungen einer überlegenen Souveränität an.

Nana genießt Chets Schliche. Den aus lauter Verblendungen platzenden Herrschaftswillen deutet sie als starkes Interesse.

Im luftleeren Raum

„Erasmus hat keine Heimat, kein richtiges Elternhaus, er ist ... im luftleeren Raum geboren.” Stefan Zweig

Er setzt seinen Taufnamen zwischen zwei angenommene Namen. Er verschmäht die Sprache seiner holländischen Ahnen und gibt Latein den Vorzug. In seiner Anverwandlung „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam” spricht Stefan Zweig von einer planvollen „Verschattung” der unehelichen, sprich delegitimierenden Abstammung. „Ärgerlich” sei es gewesen, von einem Priester gezeugt worden zu sein. Der Autor unterstellt Erasmus die Geburtsnot eines unerwünschten Kindes. Erasmus dementiert sein Schicksal, indem er sich zum Desiderius erklärt - zu einem Erwünschten. 1487 tritt er in den Augustinerorden ein, ein Jahr später legt er das Gelübde ab. Ohne besondere Frömmigkeit frönt er seinen künstlerischen Neigungen. Der „frei denkende und unbefangen schreibende” Erasmus bleibt Priester, wenn auch mit weltlichen Spielräumen. Er erlangt Dispens, wo immer ihn der Priesterschuh drückt. Zweig erkennt einen „inneren Unabhängigkeitszwang”.

Nana bedenkt ihre eigene Herkunft.Dazu an anderer Stelle mehr.In Erasmus erkennt sie einen gewieften Taktiker. Der Epochale scheut Streit und revolutionäre Ruppigkeit. „Unnützen Widerstand” vermeidet er. Lieber „erschleicht (er sich) seine Unabhängigkeit als sie zu erkämpfen”. Auch Nana fällt nicht gern mit der Tür ins Haus. Sie schätzt verschattete Manöver und belohnt die (Er-)Kenner ihrer Raffinesse. Manchmal stürzt sie sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass ein Mann im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.

Ihre Freundin Lale Schlosser inszeniert auf der Studierendenbühne Heiner Müllers ‚Hamletmaschine’. Zur Premiere trägt Nana ein asymmetrisch geschnittenes Kleid mit schräger Knopfleiste aus Yohji Yamamotos „karg-eleganter Sommerkollektion”, so sagt es die Werbung. Japanische Haute Couture mit einem androgyn-dekonstruierenden Ansatz. Nana registriert die Details des Bühnenbildes. Sie sieht ein Feininger-Geisterhaus. Es tropft aus lecken Rohren wie in einem Tarkowski-Film. Ruinierter Pomp, zerschlagene Quadriga. Gemalte Flugzeuge, verwischt wie von Gerhard Richter. Dann kommt der „zweite kommunistische Frühling” als Bemerkung zur Seite gesprochen, Ophelia nimmt im Rollstuhl Platz. Hamlet sagt: „Was du getötet hast, sollst du auch lieben.” Die Hamletmaschine als Kehrautomat. Sie fegt die Bühne: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein.” Die Herrschaft von Helsingör fällt Fortinbras zu. Ihn erwartet „das Kanalisationsprojekt und der Erlass in Sachen der Dirnen und Bettler”. Hamlet sagt er nach: „Du glaubtest an die Kristallbegriffe und nicht an den menschlichen Lehm.”

Nana schlägt Chet als Schauplatz eines Rendezvous den malerischsten Raum im toten Flügel der Universität vor – den Karzer.

„Karzer waren die Bezeichnung für Arrestzellen an deutschen Universitäten, in denen bis Anfang des 20. Jahrhunderts Vergehen im Rahmen der eigenen akademischen Gerichtsbarkeit der Universitäten geahndet wurden.” Wikipedia

Es herrscht pharaonische Totenstille im Karzer. Die akademische Zelle wurde bis 1945 im Rahmen einer autonomen Gerichtsbarkeit genutzt. Die Wände sind archäologisch erhebliche Fundstellen.

Ich weiß nicht mehr, ob ich es damals schon wusste. Dass es da etwas gibt. Das HLA-System. Dass Menschen einander ihre Betriebssysteme olfaktorisch anzeigen. Internale Immuningenieure machen den Abgleich.

Eine stille Biologie der Sehnsucht - du hattest das perfekte HLA-Profil für mich.

Ich erwachte überwältigt. Im Traum war mir der Heilige Geist in einer tibetischen Ausführung erschienen. Ich stand schon lange nicht mehr auf dem biblischen Fundament meiner Ahnen. Meine religiösen Bedürfnisse flossen dem Buddhismus entgegen, doch der Ruf dieses Tages war zweifellos animistisch. Du schliefst noch, ich ließ dich schlafen. Ja, ich war so egoistisch meinen Offenbarungsrausch mit dir nicht teilen zu wollen. Ich schlich mich davon, glücklich über unsere Vereinzelung. Ich kannte die mit Munterkeit überspielte Scham, wenn Fremde sich auf einem Campingplatz so begegnen wie sonst nur Familienangehörige. Man würdigt die Intimsphäre der Reisegesellschafter mit Vorspiegelungen bärbeißiger Ignoranz, während man sich in Wahrheit sehr dafür interessiert, wie jeder einzelne zu seiner Tagesform findet.

Am Vorabend hatte mich eine botanische Betrachtung der Gegend gereizt. Jetzt deutete ich jedes Grasbüschel als göttlichen Fingerzeig.

Der Busch offenbarte mir einen steinzeitlichen Schöpfungsmythos. Das frühe Licht illuminierte jede Bodendelle. Ich vernahm den tiefen Atem des Landes. Ich hörte es seufzen. Die Natur als Kirche, ein Fels als Dom.

Die Senke wirkte wie eine natürliche Apsis. Ich lieferte mir selbst eine sakral überhöhte Version mit Kathedrale und Altar. Die Natur verklärte sich mir zur lebendigen und zur geologischen Liturgie.

Im Camp roch es nach kalter Asche. Inzwischen hatte der Himmel schon drei Mal die Farbe gewechselt. Im Moment vollzog sich das Geschehen wie hinter einem Schleier aus flüssigem Bernstein.

Samuel saß schon an einem Klapptisch, die Kaffeekanne dampfte. Auf dem Gaskocher gurgelte ein ruinierter Blechtopf. Samuel servierte Omelett und geröstetes Brot. Dazu gab es Pfirsiche aus der Dose. Ich war schon satt, bevor du aufkreuztest. Deine Begrüßung war zärtlich und … angemessen. Du hattest Takt und wusstest stets genau, wonach mir war.

Geistige Atemzüge

In der geologischen Betrachtung ist das Brandbergmassiv (Omukuruwaro) ein Zeugnis vulkanischer Aktivität während der Kreidezeit. Es erhebt sich im Nordwesten Namibias aus einer Wüste und überragt seine Umgebung um fast 2500 Meter als Pfeiler einer vor ca. 120 - 130 Mio. Jahren im Zuge des Gondwana-Aufbruchs entstandenen Kaldera (Vulkanruine). Erosion legte den intrusiven Ringkomplex frei. Man sieht den Granitkern einer abgetragenen Magmakammer.

Samuel parkte den Wagen auf einem Platz am Ende der Zufahrtsstraße D2359. Der zivilisatorische Ausläufer zwischen Geröll und Dornbüschen und unweit eines trockenen Flussbetts diente als Ausgangspunkt für geführte Wanderungen, unter anderem zur „White Lady“. Wir sahen Menschengestalten mit überlangen Gliedmaßen. Jäger mit Bögen, Antilopen, Zebras. Manche Figuren schienen zu tanzen, andere zu kämpfen oder einen Gott zu beschwören. Nichts wirkte dekorativ.

Samuel erklärte wenig. Die Malereien waren Erzählungen. Sie handelten von Jagd und Trance, von Übergängen zwischen den Welten. Von Riten, die nie verschwunden waren. Die San überlieferten hier ihre Kosmologie. Die Weiße Dame hatte einen Penis.

Ich hatte erwartet, Relikte zu sehen. Was ich fand, war Gegenwart. Diese Linien hatten überlebt, weil sie nicht bloß abbildeten. Der Brandberg wurde zwar das Louvre der Felsmalerei genannt. Aber der Vergleich hinkte. Das, was wir sahen, war keine Museumskunst.

Was ich erwartet hatte, waren archaische Zeichen gewesen. Was ich fand, war Gegenwart. Die Linien atmeten. Ich assoziierte Landkarten, Gebete, gespeicherte Erfahrung.

Wir befanden uns an einem Ort von universeller Kraft und Geschichtsmächtigkeit. Der realmythische Monolith erhob sich wie ein schweigender Wächter aus der Wüste. Er war ein heiliger Ort für die Damara und San. Der Damara-Name Dâures bedeutet „der brennende Berg“ – wegen des Aufleuchtens im Abendlicht. Geschichten und Mythen sind mit dem roten Stein verwoben. Wir haben Informationen, die älter sind als die Menschheit - hier wird die Einsicht zur Binse. Die Herrlichkeit der Natur lässt den Menschen tief unter dem Felsen rangieren.

“We always find something to give us the impression we exist?”Samuel Beckett

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Helene Gala Dmitrievna war kaum volljährig, als sie 1916 nach Paris kam, um Paul Éluard zu heiraten. Sie erklärte: „Ich werde alles tun, aber ich werde aussehen wie eine Frau, die nicht arbeitet.”

Max Ernst bewunderte Galas Beischlaftalent. Ermutigt von Paul Éluard, ließ er sich auf eine Ménage à trois ein.

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„Ich habe die Macht stets genossen, die ich über Männer hatte. Einfach nur die Straße entlangzugehen, und meinen mandolinenförmigen Hintern vor ihren Blicken zu schwingen.” Erica Jong

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1897 konvertiert Isabelle Eberhardt in Annaba (Algerien) zum Islam. Sie verkleidet sich als Mann, schleicht sich in der Kavallerie ein und zirkuliert als Si Mahmoud Saadi. Im Juni 1901 kommt der Matrose Pierre Mouchet in Marseille an – und entpuppt sich als Isabelle Eberhardt. Verdächtigt wegen Spionage und Insubordination, erwartet die Agentin ihres eigenen Lebensstils sehnsüchtig ihren Verlobten. Sechs Monate später holt sie das Elend in der Kasbah von Algier ein. Als Frau eines mittellosen Algeriers bleibt ihr nur Luft und Liebe. Eberhardt schreibt, obwohl sie von Hunger gequält wird. Ihre Beschreibungen zeigen die ärmlichen Verhältnisse mit einem Glasur-Effekt. Für die Europäerin sind arabische Nomaden „Eingeborene”, obwohl Eberhardt als Kritikerin kolonialer Zuschreibungen bekannt ist.

Sie gibt ihrer Heldin ein Schicksal, das von allen wahrscheinlichen Verläufen abweicht. Yasmina wird dem einäugigen Mohammed Elaour versprochen. Jener hat Schwierigkeiten, den Brautpreis aufzubringen. Die Hochzeit verzögert sich, und Yasmina erfüllt ihre töchterlichen Pflichten als Hirtenmädchen. So wird sie von Leutnant Jacques, einem Haudegen aus den Ardennen gefunden: in einem glühenden Wacholderhain. Er wird in ein algerisches Hirtenstück hineingezogen, das nach einem Maler schreit. Yasmina flieht vor ihm, „sie floh vor dem Feind ihres besiegten Volkes”.

Der Offizier baut eine Brücke der Sehnsucht zu der Verschwundenen. Er erkennt sofort, was von Lumpen verschleiert wird: einen scharfkantig-mystischen Charme, den Jacques ethnologisch mit dem synkretischen Islam zivilisationsfern lebender Stämme verbindet. Yasmina dient nun seinem Exotismus.

Natürlich gibt es auch in Ederthal nicht nur Goya für mich. Zweitausend... erregt ein neuer Dozent meine Aufmerksamkeit. Vernon kommt aus Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico. Der reich geborene Germanist wirkt in der akademischen Idylle der Landgraf Philipps-Universität beinah überlebensgroß. Er ist ein Mann schneller Entscheidungen. Seit unserer ersten gemeinsamen Nacht, die anders verlief, als er erwartet hatte, betrachtet er die ebenso polyglotte wie polyamoröse Kollegin als seine Verlobte. Er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Selbstverständlich rangiert er hinter Goya, in dem sich die nordhessische Supermacht CC verkörpert.

Vernon diente in den amerikanischen Streitkräften als Einzelkämpfer und Scharfschütze. Nichts verbindet ihn mit den implodierten Gestalten, die in der kleinen Universitätsstadt eine Existenz an den stillen Rändern der Hauptkampflinien anstreben. Meine massive, irrlichternde Sexualität verwirrt Vernon, doch er glaubt, mich in Form bringen zu können und meine devote Seite zum Mittelpunkt der Gemeinsamkeit zu machen. Er ist nicht der Erste mit solchen Ideen, aber er ist mit Sicherheit der härteste unter den unbedarften Spielern.

Vernon wuchs auf einer Ranch von Dallas’schen Dimensionen auf. Frauen und Pferde stehen in seinen Überlegungen auf einer Ebene. Er hat gerade wieder versucht, mich zu erziehen. Es hat nicht funktioniert. Ich bin dem Cowboy nicht böse. Schließlich will auch ich nichts anderes als die Kontrolle. To control your opponent is the basic, sagt ein chinesisches Sprichwort.

Lass uns weiterspielen, bitte ich in Gedanken, und Vernon beißt sofort an.

„Und wenn ich dich...”

Ich antworte zufrieden: „Dann machst du das genau so, und ich werde mich daran erinnern, wenn ich eine alte Frau bin und niemand das mehr mit mir machen will.”

Zwar schreibe ich das, aber ich habe etwas anderes im Sinn. Ich will eine ikonografische Situation mit ungewöhnlichem Setting – im Augenblick ohne Penetrationssex.

Während ich darüber nachdenke, wie ich Vernon am besten auf Linie bringe, treibt mich die Lust wieder die Wände hoch. Ich ziehe mich in einen Raum im toten Trakt der Universität zurück, die aus einem fränkischen Kloster hervorgegangen ist. Ich verkeile die Türklinke mit einem Stuhl. Eine aufgerissene Fischkonserve riecht verdorben. Ein halb erblindeter Spiegel lehnt an der Wand. Ich memoriere eine Zeile von Joyce. „Der zerbrochene Spiegel eines Dienstmädchens” erschien dem Dichter als Signatur Irlands. Spinnweben devorieren Insektenmumien. Gewobene Sarkophage. Kunstwerke der Natur.

Ich schlüpfe aus der Jeans und ziehe den Slip bis zu den Knien herunter. Ich stütze mich auf einen antiken Schreibtisch und beuge mich vor. Ich verbiete es mir, mich zu berühren. Stattdessen strebe ich nach vollständiger Manifestation. Es gelingt mir zum ersten Mal. Ich erlebe eine Premiere im Gerümpel. Ich spiele nicht nur mit einem Gedanken. Ich gebe einer Phantasie nicht bloß Raum. Der Gedanke erschafft eine zweite Realität, in der das Subjekt glaubt, alles erleben zu können, was dem Menschen möglich ist. Der manifestierte Raum sieht aus wie der reale.

Der Sand unter meinen Füßen war glutrot. Ich hatte nie für möglich gehalten, dass eine Farbe so viele Töne in sich tragen könnte - von tiefem Ocker über rostiges Orange bis hin zu fast violettem Braun, wenn sich Schatten darüberlegten.

Wir folgten einem ausgeschilderten Pilgerpfad. Die Spur mäanderte in flirrender Hitze. Sie führte vorbei an Spalten und Höhlen, die in somnambulen Vorspürerlebnissen und anderen mehr oder weniger erträumten Antizipationen nicht vorgekommen waren. Das Massiv ist nicht erratisch, kein Findling, der in Prozessen glazialer Erosion aus einer fernen Ursprungsumgebung gerissen wurde. Er entstand an Ort und Stelle.

Erratisch funktionierte auch nicht als poetische Kategorie. Das war die eurozentrische Perspektive. In der Wahrnehmung der ursprünglichen Bevölkerung stiftete der Monolith die Signatur seiner Umgebung. In einer angenehm schattigen Felsspalte entdeckten wir ockerrote Linien, die sich über das Gestein zogen wie Erinnerungen, die nie verblasst sind. Hände, Tiere, Kreise, die sich öffneten wie Wasserstellen im Sand. Ich fragte, wie alt sie wohl seien - Jahrhunderte? Jahrtausende?

Samuel sagte: „Sie malen immer noch.“

Es bleibt gegenwärtiges Erzählen - Narration im Augenblick, mit der Aussicht, das Informationszeitalter zu überdauern. Ich konnte nur staunen und nach Worten suchen, die hoffentlich im Gedächtnis haften blieben. Ich wollte nichts, nein, ich durfte nichts vergessen. Die Motive transportierten afrikanische Dreamings.

Ich hatte erwartet, Relikte zu entdecken. Was ich fand, war Bewegung. Die Punkte, Linien und Muster waren geistige Atemzüge. Jeder Strich war ein Vers im großen Lied dieser Landschaft.

Der Stein, vor dem ich stand, war kein stummer Zeuge. Er hörte zu. Und die Malerei war seine Stimme.

Das waren Geschichten, die nicht uns gehörten. Ich wagte kaum zu sprechen. Samuel ging ein paar Schritte voraus, den Blick gesenkt, als folgte auch er einer inneren Spur. Ich fand nicht heraus, wie bewegt oder routiniert er auf all das reagierte. Indes beobachtete ich ihn bei keiner Eigenmächtigkeit oder sogar Überschreitung. Wir hielten uns alle an die Hinweise, die freundlich, aber bestimmt daran erinnerten, dass dies kein Schauplatz hemmungsloser Gipfelkreuzikonografie war, sondern ein Ort der Demut.

Momentaufnahme im Fluss der Zeit

Ein magischer Moment auf der Gravel Road nördlich von Uis (in einer Gegend mit Wüstenelefanten), kurz vor Sonnenuntergang. Dieses seltsame Licht… irgendwie leblos. Ein Kippmoment. Wir fuhren endlos geradeaus. Wie aus dem Nichts kam uns plötzlich ein gigantischer Truck entgegen – eine Horrorfilmmaschine voller akustischer und visueller Effekte. Ein fahrender Rummelplatz mit einer gewaltigen Staubschleppe. Sardonisch grinsend erklärte Samuel.

„Ghost train, Namibia edition.“

*

Du warst in deinem eigenen Film. Zum ersten Mal seit unserer ersten Begegnung war da eine äußere Kraft, die es vermochte, das unsichtbare Band zu sprengen, das uns bis dahin verbunden hatte. Wir streiften uns fürsorglich und vertrauten einander so weit, dass wir uns im Schweigen besser verstanden als in jeder Sprache. Dass wir uns so viel Raum ließen, war eine neue Erfahrung für dich und für mich.

Je näher wir dem Brandbergmassiv kamen, desto mehr verschwand alles andere. Der Monolith war eine gigantische Erfahrung. Rillen überzogen das Gestein wie Adern. In manchen Vertiefungen sammelte sich roter Sand - das Ergebnis eines, so dachte ich es animistisch, rituellen Zerfalls. Doch war es kein Verfall. Erosion ist Wandlung. Eine formgebende Kraft im Einklang mit den Elementen.

Was wir sahen, war das Werk von Millionen Jahren aber kein Endzustand. Nur eine Momentaufnahme im Fluss der Zeit.

Samuel stellte den Motor ab, wir lauschten dem Knistern des abkühlenden Metalls und blickten hinauf zu rostrot glühenden Felsen. Ich sah Wellen aus Stein und erstarrte Flammen. Ein Panorama wie halluziniert.

*

Ein „yarn“ ist in der australischen Umgangssprache eine halbwahre Geschichte, oft aus dem Outback. Ein „bush yarn“ ist folglich ein „Outback-Märchen“. Auch Samuel unterhielt uns mit Bush Stories. So virtuos wie subversiv spielte er auf dem Klavier europäischer Erwartungen (und Vorurteile).

Die Karosserie seines Land Rover war ramponiert, der Motor klang oft kurzatmig, das Radio funktionierte nicht, und die Sitze war durchgesessen. Dafür lag ein Satellitentelefon in der Konsole.

Bei Samuel war alles Vertrauenssache. Wir waren meist viel zu reisefiebrig, um erotisch auszuschweifen, aber ab und zu berührtest du meine nackten Schenkel und dann lag ein Knistern in der Luft. Mein Verlangen erkundend, glitten deine Finger über meine Haut. Der Staubwind mischte sich mit unserem Atem. Deine Berührungen wurden beherzter, das unausgesprochene Liebesflüstern wurde lauter.

Samuel war unser Grillmeister. In Namibia (vor allem unter Afrikaans-Sprechern) sagt man genau wie in Südafrika „’n lekker braai“, wenn man ein gemütliches Barbecue meint. „Braai“ ist der Standardbegriff fürs Grillen, und „lekker“ heißt lecker.

„Kom ons maak ’n lekker braai vanaand.“

Samuel sprach Deutsch, Englisch und Afrikaans oft durcheinander. Er verzapfte am liebsten Wüstengarn, sich über unsere skeptischen Nachfragen herrlich amüsierend. Er führte uns leidenschaftlich gern hinters Licht, und du erhobst keine Einwände. Deine abweisende Seite blieb Samuel verborgen.

Wir erkundeten das Brandbergmassiv. Die Hitze flimmerte über einer vegetationsarmen Landschaft, doch in felsigen Vertiefungen war die Luft oft kühl und feucht. Schatten fielen wie monumentale Kreuzgangbögen auf das Gelände. In Spalten und Mulden entdeckten wir endemische Pflanzen, die in der harschen Umgebung sonst kaum überlebten – Farne, sukkulente Euphorbien, Sträucher in Rissen der Granitwand.

Ich spürte die Zeit in diesem Raum anders. Jede Feuchtigkeit speichernde Delle wirkte wie ein verstecktes Reservoir des Lebens. Winzige Garden of Eden verbargen sich vor der allgemeinen Unwirtlichkeit. Fadenscheinige Feuchtbiotope waren in der lebensfeindlichen Umgebung Naturwunder. Wind, Regen und Temperaturschwankungen hatten Schluchten in das Massiv gegraben. Natürliche Abschattungen ließen Wasser langsamer verdunsten als in der Ebene. Die höhere Luftfeuchtigkeit schuf ein eigenes Mikroklima, das den Wuchs lebender Fossilien begünstigte. So ergaben sich urzeitliche Anmutungen.

„Da wächst seit Millionen Jahren Wüstenkohlrabi. Er hat in einer Welt überlebt, die schon lange am Verdursten ist.“

Ich unterschied mit meinem Erkennungsbuch Welwitschia mirabilis von Aloe asperifolia und Arthraerua leubnitzia, die Bleistiftpflanze, deren blattlose, grüne Stängel das Sonnenlicht reflektierten. Es war, als hielte die Zeit den Atem an. Ich deutete jedes sprießende Blatt als göttlichen Fingerzeig.  

Der Aufstieg war steil, für mich aber nicht herausfordernd. Ich bin im Himalaya geklettert. Du kamst kaum mit, verschleiert nahmen Samuel und ich Rücksicht. Ich wollte dich nicht aus dem Tritt bringen.   

Der erste Aufstieg raubte dir den Atem und beinah auch das Gleichgewicht.

Nicht nur wegen der Höhe schienst du verunsichert. Wir rasteten an einer Stelle, die aussah, als hätten Titanen eine Siedlung in Stein gekegelt. Unten uns lag ein vorzeitliches Refugium. Ein kleines Paradies, gesäumt von vernichtender Dürre.

Depressive Grandezza

Die Sonne stand tief, die Felsschatten fielen scharfgeschnitten auf die nachglühende Erde. Am Rand des Parkplatzes saß ein San unter einer bizarr knorrigen Kameldornakazie auf einem Faltstuhl. Seine Haut war wie gegerbtes Leder, die Augen lagen tief. Er besaß eine depressive Grandezza.

Die San im südlichen Afrika repräsentieren die ältesten kontinuierlichen Kulturen. Archäologische und genetische Befunde belegen ihre Präsenz in dieser Region seit vielen tausend Jahren. Viele der frühesten Spuren modernen menschlichen Verhaltens lassen sich mit ihren Vorfahren in Verbindung bringen. Die San haben Lebensweisen entwickelt, die in außergewöhnlicher Weise mit Landschaft, Klima, Tierwelt und Jahreszeiten verflochten sind. Ihr Überleben in extremen Umwelten – von der Kalahari über trockene Flussbetten bis zu felsigen Hochflächen – zeugt von dynamischen Symbiosen mit dem Land.

Es gibt keine einheitliche San-Sprache. Vor der kolonialen Zerschlagung existierten zahlreiche eigenständige Sprachen und Dialekte, die mehreren Sprachfamilien angehören (darunter die !Kung-, Ju/’hoansi- und ‡Khomani-Sprachen). Diese Sprachen sind berühmt für ihre Klicklaute, vor allem aber für ihre außerordentliche Präzision in der Beschreibung von Landschaft, Wasserstellen, Tierbewegungen, Pflanzen, Verwandtschaftsbeziehungen und Zeit. Viele Begriffe erschließen sich nur im Zusammenhang mit dem sanischen Weltbild. Sprache ist hier kein abstraktes System, sondern Teil der Landschaft selbst.

In der Weltsicht der San sind Wörter Anker für Geschichten, Ahnenlinien und spirituelle Wegkarten. Ortsnamen, Spuren im Sand, saisonale Veränderungen und Sternkonstellationen bilden ein dichtes Netz aus Erzählungen und Wissen, das über Generationen weitergegeben wird. Wenn eine San-Sprache stirbt, verschwindet nicht nur ein Kommunikationsmittel – es geht ein Weltbild verloren, ein lebendiges Archiv aus ökologischer Erfahrung, Mythologie und Erinnerung, das über Jahrtausende an genau dieses Land gebunden war.

Das Brandbergmassiv trägt im kollektiven Gedächtnis des südlichen Afrikas eine Bedeutung, die weit über seine geologische Monumentalität hinausreicht. Für die San ist der Inselberg ein spirituelles Zentrum, ein Ort, an dem die Grenze zwischen der sichtbaren Welt und einer jenseitigen Wirklichkeit durchlässig ist.

In der sanischen Kosmologie sind die Darstellungen in den Höhlen des Brandbergmassivs spirituelle Marken. Sie beziehen ihre Tranceenergie von da.

Der Elder fragte:

“Jy het dit gevoel, né? - ”You felt it, didn’t you?”
Ich nickte.
“ Dis hoekom ons stil bly daar. Dit luister. Dit onthou. - That’s why we don’t talk there. Not just out of respect. It listens. It remembers.“

Seine Worte hingen in der Luft wie ein Echo aus einer anderen Zeit. Ich vergewisserte mich deiner Aufmerksamkeit. Nicht zum ersten Mal schienst du mehr zu hören als zu sehen. Der San beachtete dich nicht. Er sah nur mich an. Oder durch mich hindurch

““Mense dink die land is net oud. Maar oud is nie dieselfde as om te weet nie. Hierdie land weet. - People think land is just old. But old is not the same as knowing. This land knows.

Du standest dicht hinter mir. Trotzdem war ich allein in diesem Moment. Wind streifte meine Arme, als sei er ein Bote des Alten. Ich wollte etwas Kluges und Einfühlsames erwidern. Dem Weisen eine Antwort auf der Höhe der spirituellen Ernsthaftigkeit seiner Ansprache geben. Ich war schließlich nicht vollständig ahnungslos.  

„Jy loop deur die geskiedenis. Nie jou eie nie. Moet net nie voetspore los waar ons geskiedenis slaap nie. - You walk through history. Not your own. Just don’t leave footprints where our history is sleeping.“

Ich wusste nicht, wie wir uns verabschieden sollten. Nichts erschien angemessen. Ich fühlte mich gewogen und für zu leicht befunden. Du hattest indes überhaupt keine Gravitation.  

​​​​Wir gingen zum Auto, sogar das Gehen fühlte sich falsch an. Als müsste ich mit allem noch einmal von vorn anfangen. Der Himmel war violettgrau, die Horizontlinie zeigte sich in einem Licht von nuklearer Helligkeit.  

Ich blickte zurück. Der Elder saß unbewegt da, fast wie eine Wachsfigur. Als hätte er sich nur für mich in die sichtbare Welt eingefaltet. Ich erinnerte das Wort einer Anthropologin: „Die San bewegen sich nach ihrem Empfinden nicht in der Landschaft, sondern in dem Kosmos ihrer Auslegungen.“

Ich verneigte mich vor dem Elder, der mich gar nicht mehr beachtete. Ich gehorchte einem Bedürfnis. Vielleicht erfasste das eine markante Differenz zwischen meiner und seiner Wahrnehmung. Ich wollte sehen, spüren, begreifen. Er verkörperte das, was ich noch nicht einmal berühren konnte.

Im Wagen roch es nach Staub, Metall und aufgestauter Hitze. Du schwiegst. Vielleicht war ich dir in den letzten Tagen zu oft abgeschweift. Vielleicht wusstest du, wie bedeutsam die kurze Begegnung mit dem Elder für mich war. Ich sehnte mich nach einer Initiation im Geist seiner Kosmologie. Hätte er mich gerufen, wer weiß, vielleicht hätte ich dich allein zurückfahren lassen.  

Du legtest deine Hand auf meinen Schenkel. Ich erlebte die Geste als erotische Halbherzigkeit. Vielleicht tat ich dir Unrecht. Vielleicht war es nur deine Art, mich in deiner Matrix zu verankern, während ich mich an die Vorstellung verlor, eine Chance der exklusivsten Wissensvermehrung vertan zu haben. Deine Finger bewegten sich nicht und bei mir rührte sich nichts.

Staub tanzte im Kegel der Scheinwerfer. Wir schwiegen. Deine Hand glitt zurück in deinen Schoß. Vielleicht warst du frustriert. Ich konnte dir nicht helfen. Es war, als hätten die Worte des Elders eine Schranke zwischen uns errichtet.
“You walk through history. Not your own.“

Wir waren nicht nur ahnungsarme Gäste auf diesem Kontinent, sondern auch in dem Narrativ von uns in Afrika. Du hieltest dich noch für einen Hauptakteur in deinem eigenen Stück, während ich mich als Randerscheinung in einem archaischen Drama erlebte.

Du sagtest:
„Es ist schön hier. Aber du bist woanders.“
Ich fand die Prise zu gewollt poetisch.
„Ich weiß“, sagte ich höflich.

Du drehtest dich zur Seite, blicktest aus dem Fenster. Der Himmel war schwarz bis zur andeutungsweise aufgehellten Horizontlinie.    

Die Schlucht, die zuhört

Wir hoben ab, Windhoek unter uns. Dann waren wir über der Kalahari. Der Flug nach Durban dauerte zwei Stunden, Südafrika hatte einen ganz anderen Puls als Namibia. Wir mieteten einen giftgrünen Toyota Hilux, ich übernahm das Steuer. Unser erstes Ziel war der Oribi Gorge, ein Canyon mit Wasserfällen, die sich in einem smaragdgrünen Fluss ergossen.

Die langgestreckte Sandsteinschlucht war nicht nur geologisch spektakulär. Sie barg spirituelle Marker. Jede Wendung im Gelände, jede Steinnase und Felsnadel gehört zu einer Geschichte. Afrikanische Traumzeitlinien verbanden heilige Wasserlöcher, Zeremonienplätze, Übergänge zwischen dem Sichtbaren und „der Zeit davor“.

Ich war empfänglich für mythologische Alltagsüberschreibungen. Ich trug ein Kleid, das weniger wog als der flüchtigste Gedanke. Es war ein Fluss aus Baumwolle, elfenbeinfarben, mit kaum sichtbaren Stickereien entlang des Ausschnitts. Die Träger waren schmal, der Rücken frei. Der Stoff zeigte eine Tendenz zur Transparenz und schmiegte sich an die Taille wie eine zärtliche Hand. Das Kleid sagte: Ich kann es kaum erwarten.

In der Schlucht roch es nach Moos, das auf Klippen wuchs, Feigen, Schilf und dem Harz von Akazien. Ich atmete auf, nach all den namibischen Staub- und Durststrecken.

Die Oribi Gorge ist ein dramatischer Plateauquerschnitt mit elegischen Pools und malerischen Stromschnellen in einer Sandsteinformation. Der Sand lagerte sich im Devon und frühen Karbon vor rund 365 Millionen Jahre ff. in einem fluviatilen Umfeld ab. Das Basisgestein entspricht indes einem ganz anderen Kaliber. Das metamorphe Grundgebirge entstand während der Mesoproterozoikum‑ und Paläoproterozoikum-Tektonik vor über einer Milliarde Jahren und gehört zur Namaqua-Natal Metamorphic Province. Es besteht aus Gneisen, Granitoiden und Amphiboliten. 

Der Parkplatz am Besucherzentrum präsentierte sich uns als Muster der Funktionalität. Kein Komfort, kein Outpost-Kitsch, aber ausreichend Infrastruktur: Toiletten, Wasserstationen, ein Café. Befestigte Wege führten zu Aussichtspunkten, Bootsanlegestellen und zu spiraligen Saumpfaden auf den Schluchtkämmen.

Die Unterkünfte im Oribi Gorge Nature Reserve waren simple Holzgerüste mit Strohdächern und kleinen Veranden. Es gab eine Gemeinschaftsküche. Eine holländische Reisegruppe belebte den Spot.

Wir mischten mit im Trubel. Endlich nanntest du mich einmal wieder deine Süße. Das Wort kitzelte so schön. Du murmeltest in meine Halsbeuge die schönsten Liebesworte. Die Luft war schwer von der Flussvegetation. Ich spürte die Präsenz deines Körpers in diesem anderen Afrika. Kosmische Erinnerungen - Ich assoziierte oxidiertes Zeitgedächtnis. Später liebten wir uns auf Gestein, das in atavistischen Ritualen der Menschenwelt konkret und poetisch zugeordnet worden war. Ich lag schließlich auf in Jahrmillionen zusammengebackenem Flusssand, dem letzten Gruß eines vorzeitlichen Nils. Die poröse Haut des Sandsteins hielt nichts fest und nahm nichts an außer Form. Regen grub Furchen, Wind glättete Kanten, und in einer verborgenen Senke, wo der Sand auf dunklen Tonschiefer traf, sammelte sich Wasser wie Wissen.

Nur Haut an Haut, Atem an Atem im Liebeszeitstrom.

Aus der Kommentarspalte: „Berauschend – sehr schön erzählt. Ich bin berührt von deinen ebenso klugen wie erhellenden Abweichungen von den gängigen Marken dieses Genres.“

*

In Antonio Skármetas Roman „Mit brennender Geduld“ entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Pablo Neruda und einem Briefträger. Irgendwann schickt der Mann seiner Geliebten ein Gedicht von Neruda und gibt es als sein eigenes aus. Neruda bekommt davon Wind und beschwert sich: „Das ist mein Gedicht“, sagt er. Der Briefträger antwortet: „Nein, Gedichte gehören denen, die sie brauchen.“

*

Ich notierte: Das Ensemble lässt mich an eine Staffel geologischer Schnitte durch Raum und Zeit denken. Ich verkürzte: ein geologischer Schnitt durch Raum und Zeit. Der Fluss lag dunkelgrün und unbewegt in seinem Bett. Er schien zu ruhen. Ungeschickt krabbelten die Teilnehmer einer geführten Gruppe in Kanus. Das Einsteigen überforderte die meisten. Ich beobachtete lauter Kapitulationen im Kampf um Haltung und Würde. Es war ein Schauspiel mit vielen Selfie-Stick-Selbstentblößungen. Ich dachte an die bezwingende Ruhe des Elder der San am Fuß des namibischen Brandbergmassivs. Ich empfand Sehnsucht nach ihm. Du und ich zogen weiter, suchten Abstand, Stille, das eigene Erleben. Am Ufer boten sich zum Verweilen schattige Einschnitte an, gesäumt von Bäumen mit silbrig zerfaserter Rinde. Der Fluss spielte eine Rolle in den Saga der Zulu. Mich faszinierte die Verbindungen von Mythen und geologischer Zeit. Als hätte der Fluss nicht nur Gestein, sondern auch Bewusstsein geformt. Wir erreichten einen Seitenarm. Das Wasser glänzte wie flüssiges Glas, wir konnten nicht widerstehen. Auf dem Rückweg legte ich mir mein nasses Bikinioberteil auf den Kopf. Die Hitze war erbarmungslos, aber das Licht war von erleuchtender Klarheit. 

Spirituelle Walz

Eine unscheinbare Linie. Auf der Karte stand Ephemeral River. Ein Fluss, der selten fließt. Ich fand das poetisch. Sei wie das Wasser, sagt Bruce Lee. „Wasser lügt nicht“, sagtest du. 

Der Canyon schmorte, das Licht überflimmerte Farne und Lianen und etliche Pflanzen, die ich anachronistisch mit meinem Bestimmungsbuch identifizierte. Ohnehin hatten wir keinen Empfang. Ich registrierte Protea- und Euphorbien-Arten, knorrige, stachelige Pflanzen wie Leucadendron spissifolium und Euphorbia triangularis, die sich trotzig an die Hänge krallten. Zwischen Felsen wuchsen Lithophyten und Sukkulenten, wie Crassula perfoliata und Aloe ferox. 

Der Umzimkulwana River rauschte leise. Ich beobachtete eine Geste stieriger Unbeholfenheit bei einem der Holländer aus dem Camp. Er erinnerte mich an ein anderes Du, an eine Geschichte, die ich noch nicht erzählt hatte. Ich entzog mich dir gedanklich und rauschte in meinem Reminiszenzexpress ab. 

Der Finke Gorge National Park schmorte in der Sonne, das Licht überflimmerte eine Spinifexsteppe. Der Finke River - oder Larapinta, wie ihn die Arrernte nennen - ist einer der ältesten noch erkennbaren Flüsse der Erde. Drei- bis dreihundertfünfzig Millionen Jahre soll er alt sein. Damals lag Australien im feuchten Tropengürtel. Jetzt zieht er sich wie eine geologische Narbe durch das aride Zentrum des Northern Territory, ein ephemeres Flusssystem, das episodisch Wasser führt. Nur punktuell erscheint der Finke als Kette von Wasserlöchern. Die ökologischen Refugien sind oft spirituelle Spot. Die Pfützen spiegeln in der Hitze das Sonnenlicht und erzeugen die Illusion irrealer Flächen.

Es sind flüssige Täuschungen im Staub. 

Die Ufer säumten grotesk verästelte River Red Gums. Du deutetest sie als Symbole einer urzeitlich-schwarzen Verzweiflung. 

Wir folgten der sandigen Spur, die kaum mehr war als eine Ahnung von Bewegung, oder, um es groß zu fassen, ein vergessener Gedanke Gottes, oder, ein paar Etagen tiefer, ein gestrandeter Traum. Seine Reglosigkeit war eine totalitäre Kategorie. Seit über 100 Millionen Jahren hatte sich der Flusslauf kaum verändert. Es gab kein älteres Bett auf der Welt. 

Über den staubigen Flussauen erhoben sich die MacDonnell Ranges. Massive, blankgeschliffene Schiefersättel. Alluviale Sedimente bedeckten den Talboden.

Aus meinen Notizen 

Verwittertes organisches Material und fossile Überreste vorzeitlicher Vegetation.

Kiesel leuchteten wie versteinerte Tropfen.

Staub gewordenes Vergessen.

Ab und zu blitzen schwarze Einschlüsse auf, verkohlte Fragmente, in meiner Phantasie sind es Relikte aus der Zeit von Pangäa. Hat hier das Herz des Superkontinents geschlagen? Vielleicht ist dieses Flussbett eine Erinnerung der Erde an sich in einer ursprünglicheren Gestalt. Ein geologisches Eselsohr.

Unwissenheit und Ungeduld sind hier wie ungebetene Gäste.

Die trockene Gegend hat ihre eigene Balance, man muss aufmerksam sein, um nichts zu übersehen, was hier wichtig ist. Es erfordert Stille, bedachte Bewegungen zur richtigen Tageszeit und tradiertes Wissen. Diese Gegend verbirgt ihr Lebensspendendes in versteckten Oasen und fordert meine Resonanz- und Anpassungsfähigkeit bis an die Grenzen heraus. 

Kostbares Wasservorkommen wird durch Pflanzen angezeigt, die es zu finden und erkennen gilt. Das Essbare ist oft verborgen unter der Erde.

Ich möchte erfahren, was noch an Wissen über die Zeit der Moderne gerettet werden konnte in der Abgeschiedenheit uralter Rituale zu Überlebenssicherungen. Eine Brücke in diese Art der Bewusstseinswelt zu bauen, erscheint mir hier wie ein Ruf, als eine Notwendigkeit für das, was in Zukunft auf mich wartete, zurück in Europa. Ein Sammeln der Eindrücke, die sich noch zu einem Bild fügen würden, zur rechten Zeit, am rechten Ort.

Das Licht flimmerte. Es war grell, unruhig. Die Luft vibrierte. Man sah, was nicht da war. Spiegelungen verzerrten das Gelände und leisteten allen möglichen optischen Täuschungen Vorschub. Auch der Elder tauchte wie eine Halluzination plötzlich vor uns auf. In einem Soliloquium erzählte er von seinem Walkabout vor einem halben Jahrhundert. Ich assoziierte Grand Tour und spirituelle Walz. Jeder Schritt sei ein Gebet gewesen.

Er sagte, dass man wisse, wo man sei, wenn man höre, was der Boden sagt.

”You don’t go for looking,“ sagte er. „You go for remembering.”

Für junge Aborigine-Männer vergangener Generationen war das Walkabout ein Initiationsritual des Übergangs ins Erwachsen-dasein. Dabei zogen sie allein, oft monatelang oder sogar jahrelang, zu Fuß durch das Land ihrer Ahnen. Ziel war es, sich mit der Traumzeit (Dreamtime), den heiligen Orten, Songlines und dem Geist des Landes zu verbinden. Es war eine spirituelle Reise, auf der man Identität, Herkunft und Verantwortung im kosmischen Gefüge suchte und fand.

Du sagtest nichts. Du wusstest, dass ich das allein durchleben musste. Und ich liebte dich dafür.

Botanisches Wunder

Der Elder verschwand wie eine Fata Morgana. Jedes Bild und jeder Eindruck verdunsteten. Nichts blieb haften außer dem Staub, der sich mit Schweiß zu einem Schmierfilm verband. Wir gelangten zur Finke Gorge. Die zerfurchte Schneise war älter als die Berge in ihrer Nachbarschaft.

Wir bestaunten eine Schneise, die der Fluss in Jahrmillionen gefräst hatte. Die Schlucht entsprach einem Schnitt durch die Erdgeschichte.

Verwitterte Quarzite und Sedimentschichten aus dem Proterozoikum.

Wir erreichten Palm Valley. Erinnerst du dich? Plötzlich Grün zwischen all dem Rostrot. „Guck mal, da sind sie. Das sind Red Cabbage Palms - Livistona mariae“, sagtest du. Du konntest dir sowas merken. Und dass sie nur in einer Schlucht vorkommen. Ein botanisches Wunder. Ich verstummte in Ehrfurcht.

Eine endemische Art, eingeschlossen in dieser Senke, abhängig von unterirdischen Quellen und dem seltenen Regen.

„Relikte“, sagtest du. „Wie Stimmen aus einer anderen Zeit.“

Ich frage mich heute, ob du es bemerktest. Dass dieser Ort etwas in mir aufriss.

Von Alkalisch bis Arkadisch

“Most species inhabiting the earth display more or less similar behavior across all latitudes, while our cultures, languages, conventions or treaties often differ considerably within very short distances and under comparable climatic conditions.” Michel Serres

*

“Move the body like water at speed to gain the maximum kinetic force to travel from foot to hand.” adiyangmian, gesehen auf Instagram

Auf Grashängen stauten sich Hitzeschwaden. Es schien keines Funkens mehr zu bedürfen, um die Luft in Brand zu setzen. Der Umzimkulwana wand sich wie ein geduldiger Gedanke durch Basalt- und Sandsteinrinnen. Das war kein vorzeitlicher Fluss wie mein australischer Finke, der für mich zum Bewusstseinsstrom geworden war. Doch auch der Umzimkulwana hatte sich Millionen Jahre Zeit genommen, die Erde zu lesen und zu pflügen.

Ich überspringe eine Reihe von Destinationen und Jahren. Es warst immer noch Du mit dem ich meine zweite Afrikareise unternahm.

Ich erinnere den Verneukpan – Täuschungspfanne am südafrikanischen Nordkap nicht als Ort, sondern als Zustand. Als Grenze zwischen dem, was ich war, und dem, was ich wurde. Der See war keine Wasserfläche, sondern ein Gewebe aus Licht, Salz und Erinnerung. Über 60 Kilometer lang und bis zu 12 Kilometer breit, ein endorheisches Becken auf einer Fläche von 400–500 Quadratkilometern. Das bedeutete, es gab kein Entrinnen. Kein Tropfen erreichte das Meer. Nichts verließ diesen Raum.

In satten Jahren floss Wasser aus umliegenden Abflüssen in den See. Das geschah kaum je und selbst dann verwandelte sich Verneukpan nur in eine seichte Spiegelfläche und vielleicht in die größte Pfütze der Welt.

Kaum mehr als ein flüssiger Schleier über dem uralten Salz.

Wind riss den Krustensalzfilm zu einem Rissmuster auf. Es sah aus, als hätte ein Riese das Land zersplittert.

Ich sah einen zerbrochenen Spiegel der Zeit.

Ich zog die Schuhe aus. Das Salz war warm unter den Sohlen. Rissig. Scharfkantig. Die weiße Fläche blendete so stark, dass der Himmel darüber schwarz erschien. Alles war Umkehrung. Das Licht wog schwer. Die Schatten waren leicht. Die Welt war eine Scheibe, end- und geräuschlos.

Dies war mein Moment.

Du warst nur noch ein Begleiter auf meinem afrikanischen Walkabout. Alles verband sich. Ich war offen. Ich war Wind. War Sediment. Vielleicht war es ein Fiebertraum. Vielleicht war es Wahrheit. Vielleicht ist es dasselbe, wenn man bereit ist zu hören.

Je eremitischer ich unterwegs war, umso begleiteter fühlte ich mich. Je extremistischer ich diesen - von einer phantasmagorisch-neolithischen Kosmologie kartografierten - Raum auf mich wirken ließ, desto deutlich wurde mir gezeigt, dass ich mich angemessen verhielt. Wo immer ich von meinem Wahn geheilt zu werden hoffte, tauchte eine Seelenführerin auf und behandelte mich wie eine Gesandte.

Wir waren dann auch am Zoutpan. Rund um die Pfanne wuchsen Pflanzen, die gelernt hatten, in der alkalischen Einöde zu überleben. Der Himmel glich einer Lichtkuppel, die sich manchmal schwarz färbte, wenn die Reflexion des Salzes zu stark war. Ich stand in einem weißen Dom ohne erlebbare Begrenzungen.

Die Zoutpan liegt im Land des Kharu-Volks, das bis in die 1960er Jahre nomadisch lebte. Der Salzsee füllt ein endorheisches Becken in der Kalahari - ein abflussloses System, das sich seit Jahrtausenden episodisch mit Wasser füllt; unterlagert von präkambrischen Kristallingesteinen, die zu den ältesten Formationen der Erde zählen.

Die Hydrologie ist ephemer. Nur selten führen Regenfälle über kleinere Run-offs Wasser zu. In den langen Trockenzeiten bleibt nur eine strahlend weiße Ebene zurück, durchzogen von polygonalen Bruchlinien.

Alles war grell und leer und voller Bedeutung - so, wie es nur in der Leere möglich ist.

Plötzlich wusste ich nicht mehr, wie ich hierhergekommen war. Ich war eine Ahnung im Gedächtnis der Erde. Dieser Ort war ein Gedächtnisspeicher der Menschheit. Eine tektonische Erinnerungsschicht, in die sich ein Mythos eingeschrieben hatte. Ein Speicher geologischer Epiphanien. Ich hatte gehofft, etwas zu finden im Spektrum von Zeichen, Bedeutung und Richtung. Vielleicht war ich für einen Moment offen genug, so dass das Land durch mich sprechen konnte. Und dann trat sie aus dem Flimmern. Eine Frau. Alt, wettergezeichnet, mit ledriger Haut und Augen, in denen ein ferner Sturm lag. Da lernte ich Doris Steinbrecher kennen.

„Unser Zentralnervensystem ist eine gigantische energetische Bibliothek, in der alles hinterlegt ist, was sich je in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ereignet hat.” Thomas Hübl

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„Des Menschen Wohnung ist sein halbes Leben” Goethe in einem Brief vom 30. Dezember 1795 an den Maler Johann Heinrich Meyer

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Sie waren einmal verheiratet. Jetzt sind sie beste Freunde, die sich lustvoll Schwächen gestehen. Die Erotik moussiert in schrägen Nischen der Vertraulichkeit.

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„Ich hatte sehr wenig mit der Generation gemein, deren Stimme ich sein sollte.” Bob Dylan

Er kam in einem 57er Chevy Impala nach New York. So steht es geschrieben in den „Chronicles”. Die Autobiografie ist voller Spott und Hohn für jene, die am Autor die Apotheose vollzogen - oder auch nur der Hobo-Legende auf den Lenin krochen, die Dylan verbreitete. Dem Traditionalisten aus Minnesota gefiel der Typus desamerikanischen Helden am Bodennur als poetisches Sujet: so wie ihn Jack London und John Steinbeck beschrieben und Hank Williams und Woody Guthrie besungen haben.

April 1961 in New York – Ein Unbekannter spielt in „Gerde’s Folk City”. Joan und Mimi Baez illuminieren das Publikum mit ihrer Prominenz. Volksmusik ist gerade der heißeste Scheiß in Amerika, und Joan die aparteste Verkörperung dieser vor Anachronismen strotzenden Avantgarde. Der knabenkecke Provinzbarde reißt die Schwestern hin. Die Töchter des Physikers Albert Vinicio Baez nehmen den Debütanten ins Kreuzfeuer ihrer Aufmerksamkeit. Joan muss Mimi schließlich ins Hotel schicken, da Bob auch mit ihr anbändelt. Das geht gar nicht.

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Beide kommen 1941 zur Welt, Joan Baez, in Staten Island, New York, Robert Allen Zimmerman (Bob Dylan) in Duluth, Minnesota. Achtzehn Jahre später wird Joan Baez beim ersten Festival über Nacht zum Superstar. Der Renaissance eines rückwärtsgewandten Fortschritts verleiht sie ihr Charisma. Das Folk Revival der ausgehenden 1950er Jahre ist ein unverstärkter Abgesang an das Cool als Markenzeichen von Konkurrenzprodukten.

Joan Baez rührt das Publikum mit Liedern der amerikanischen Arbeiterbewegung. So verhilft sie älteren Musikern wie Pete Seeger und Woody Guthrie zu einer dezent-glamourösen Umgebung.

Es kommt, wie es kommen muss. Die Schönsten stecken sich unter eine Decke. Joan und Bob sind vorübergehend das Traumpaar des Anti-Establishments und die Galionsfiguren der Gegenöffentlichkeit aka Bürgerrechtsbewegung. Sie schreiben nicht einfach nur Lieder, sondern Manifeste für eine bessere Welt; dies vor dem Hintergrund des US-Engagements in Vietnam.

Die Linientreuen klampfen unverdrossen und wähnen sich dabei auf der richtigen Seite des Geschichtsverlaufs, bis Bob Dylan sich in die Opposition zur Opposition begibt und einen weltweiten Sturm der Entrüstung auslöst.

Ein Purist beschimpfte den elektrifizierten Dylan als „Judas” bei einem Konzert im Mai 1966 in der Free Trade Hall.

Eine Abschweifung zu Persephone

Die Verheißungen von Academia waren wahr geworden. Persephone war nun eine Kongresspersönlichkeit. Sie hielt Vorträge, die über ihr Fach hinaus Beachtung fanden. Sie schlug Angebote aus. Sie wollte in E. bleiben, Professorin werden und schließlich den Fachbereich leiten. Wie gesagt, sie entstammte einem Professorenhaushalt, für sie war eine Universität ein wabenförmiges Gebilde, in dem sie gleichzeitig Biene und Imkerin sein konnte. Zwei Konferenzen lagen zeitlich und räumlich so nah beieinander, dass Persephone zwischen den Schauplätzen zu pendeln beabsichtigte. Ein Liebhaber, von dem noch nicht die Rede war, begleitete sie zur ersten Station. Die zweite erreichte sie allein, angeblich nach einem finalen Streit. Ich war ihr vorausgeeilt und holte sie am Bahnsteig ab. Wir gingen sofort aufs Hotelzimmer. Champagner lagerte im Badewanneneisbad.

Wir bewegten uns auf einer bewährten Route, darauf achtete ich. Ich benetzte Persephones Bauchnabel. Sie sollte nicht glauben, dass ich ihr etwas nachtrug. Niemand verstand sie besser als ich. Wir kamen beide aus Rostock. Wir waren aufgewachsen mit den Erzählungen von den ersten Westreisen unserer Eltern, noch unter dem Eindruck, nicht zu wissen, „wo Italien liegt”. Geprägt hatte uns die elterliche Entwurzelung und Erbitterung und das Gefühl, in undurchsichtigen Verhältnissen die Fahne des Anstands auf dem Fundament einer Erziehung zur Gemeinschaftlichkeit hochzuhalten. Dazu kam eine manchmal orgiastische Erotisierung von Verlusten in tribalistischen Verherrlichungsszenen einer verlorenen Zeit. Plötzlich spürte ich eine Erschütterung. Eine Erregung in den Elementen empfing ich als nachdrückliche Warnung. Persephone verstand die Aufregung nicht, sie war sich ihrer Liebe vollkommen sicher, so wie sie sich keine zwei Wochen später ganz sicher war, dass zwischen uns nichts mehr sein konnte. Zwischen den Sätzen „Ich folge dir, hörst du?” und „Wir werden uns nicht wiedersehen” lagen am Ende nur zehn Tage.

Redlichkeit vermutete Persephone nur im Osten. Sie hielt den Westen für eine Flitterbude. Sie fand sich ganz besonders ehrlich, ihr Wesen war die reine Unschuld. Andererseits existierte der Topos des Verrats an der eigenen Herkunft.Kurz nach der letzten Trennung, Persephone war übers Wochenende bei einer Konferenzbekanntschaft gewesen, besuchte ich sie in ihrem Büro in Iron Thunderbolts Thinktank. Sie war da als Expertin schlechthin akkreditiert. Ich kannte den Blick, mit dem Persephone mich empfing. Sie regredierte zur Zwölfjährigen, die sich mittags den Schrecken ausmalt, der sie nachts als Alptraum ereilt. Sie unterstellte mir, nur deshalb vorbeigekommen zu sein, um „zu prüfen”, wie sie aus dem Wochenende hervorgegangen war. Ich machte mir nicht die Mühe, Persephone vom Gegenteil zu überzeugen. Ich ging einfach.Sie rief nachmittags an, sie musste mir etwas sagen, aber nicht am Telefon. Wir trafen uns in einem Lokal, in dem sie schon ein paar Mal Schluss gemacht hatte. Darauf wies ich hin. Sie behauptete, das nicht bedacht zu haben. Sie wollte noch ins Kino, das hatte sie einem Amadou versprochen. Nie ersparte sie mir die Namen.

Wieder ging ich grußlos ab und fuhr hundert Kilometer durch Mecklenburg und Vorpommern, um mich zu beruhigen. Nachts klingelte ich Sturm. Ich irrte, weil ich für ausgeschlossen hielt, dass sie nicht da war. Sie kam dann um die nächste Ecke. Wir sahen uns an wie Feinde. Mein Leben war ein Fetzen, mit Persephone war in diesem Augenblick auch nicht viel mehr los. Wir kapitulierten einfach nur noch einmal vor der Macht des einen über den anderen. Ohne Freude. Ohne Vertrauen. Wir Träumer waren füreinander harte Brocken geworden.

Persephones Perspektive

Du hast es so gesehen und keine andere Deutung zugelassen. Du glaubtest, alles im Griff zu haben. Ich sage dir, wie du dich wahrnimmst. Ich komme aus einem guten Stall, ich habe eine gute Ausbildung, einen guten Kopf. Ich kenne alle und alle kennen mich. Ich hätte mehr aus mir machen können als Sportler, aber beruflich habe ich keinen Millimeter verschenkt. Das stimmt auch alles. Bloß ist das nicht mehr als eine Schliere auf der Windschutzscheibe im Vergleich mit Superpower-Verbindungen. Menschen wie ich führen zwei Leben. Einerseits sind sie in der Gesellschaft und tragen sich da so vor, dass manche denken, was türmt die sich so auf. Den meisten entgeht diese Dimension. Sie registrieren den hohen Status, den selbstbewussten Auftritt, die guten Klamotten. So oder so triggert sie der phonetische Hochmut. Sie vernehmen die Appelle der Hochsprache und stehen unbewusst stramm. Sie sind Untergebene von Geburt. Das wird ihnen nie klar. Sie sterben mit einem falschen Gefühl von Gleichheit. Mein anderes Leben führe ich in einem Land der Geister. Dahin führt ein Traumpfad - Songline - mir ist da alles vorgeschrieben. Meine Freiheit erschöpft sich in einer wahnsinnigen Daseinsfreude. Ich kann jederzeit eine tiefe Vorstufe dieser Ebene erreichen und mich gesteigert erleben. Das ist viel für einen Menschen, aber wenig gemessen daran, was überhaupt möglich ist. Auch die Geister haben eine Welt. Ich sage alles so einfach wie möglich. Das habe ich von Zuträgern gelernt. Das sind Trainer, Masseure, Physiotherapeuten, Osteopathen, Musiker, Dichter, Bade- und Turnhallenmeister, Studiobetreiber und Extremsportler. Sie sind Medien der Macht. Aus ihnen bauen die Meister Batterien so wie man Rechner zusammenschaltet, um digitale Nervenzentren kollabieren zu lassen. Sie generieren eine Kraft, die sie selbst zu keinem Zeitpunkt haben. Einige wirken geistig schwachbrüstig und seelisch fadenscheinig. Bei manchen leuchtet ein kleines Licht. Man ahnt ein Glück im Winkel; etwas unter bizarren Umständen Gelungenes. Ihre Rollen im großen Netzwerk begreifen sie nicht. Jeder Adept geht durch eine Schule, deren Lehrer etwas unterrichten, dass sie sehr gut beherrschen, ohne das große Fach überhaupt zu kennen. Sie sind blind wie geblendete Ochsen, die man einst an Mühlräder kettete. Kommt man ihnen zu nah, nimmt man einen unangenehmen Geruch wahr, als wäre eines ihrer Glieder vor langer Zeit eingeschnürt worden und in der Fessel verrottet. Möglich, dass nur ich und andere Dienerinnen eines Meisters diesen Gestank wahrnehmen. Es tut mir nicht leid, das sagen zu müssen. Du hattest nie eine Chance. Wenn CC wollte, dass ich in der Schlucht einer Differenz zwischen deinen und seinen Möglichkeiten abstürze, dann ließ mich er manchmal drei, vier Mal hintereinander die Bodenlosigkeit erleben. Für dich war ich dann wie von Sinnen, während ich in Wahrheit, hochgeschaltet auf einen dir unbegreiflichen Grad der Luzidität, etwas Neues lernte. So wie Ameisen Läuse in einer Trutzgemeinschaft zum gegenseitigen Vorteil melken, so werde ich von CC gemolken und beschützt. Ich lebe unter einer unsichtbaren Abdeckung. Männer rennen dagegen wie gegen eine transparente Wand.

Das Nordkap ist ein geologisches Archiv. In dieser Region treten präkambrische kristalline und metasedimentäre Gesteinsformationen auf, darunter Gneise und Granitoide, deren Alter auf 2,5 bis 3 Milliarden Jahre datiert werden. Das Gestein ist älter als der Großteil der heutigen Erdkruste und bildet den Kaapvaal-Kraton, einen der stabilsten und ältesten Kontinentalkerne.

Hydrologisch betrachtet sind die Pfannen des Nordkaps ein geschlossenes System, das kein Wasser ins Meer abführt. Natriumchlorid sammelt sich vor allem in Sandstein- und Schiefer-Dellen. Daneben sorgen seltene Niederschläge für semi-permanente Wasserstellen. Die temporären Speicher ermöglichen das Überleben von Pflanzen, Tieren und Menschen in einer ariden Umgebung. In den Traditionen indigener Völker verbinden sich die Wasserstellen mit mythologischen und kosmologischen Aspekten ihrer Kultur, aber auch mit ihrer sozialen Organisation.

Hier ist das Wasser in der Zeit eingeschlossen.

Wir entdeckten eine Badestelle. Umgeben von Klippen, die wie Wachtürme wirkten, erschien der Ort paradiesisch. Der Himmel war blassrosa, das Gestein weinrot. Das Wasser, so hatte es eine Älteste gesagt, ist das Blut des Landes. Es speichert die Geschichten der Ahnen. Wer badet, nimmt die Kraft der Erde in sich auf. Zwischen Granitblöcken wuchsen robuste Küstensträucher. Flechten überzogen die Felsen.

*

Wir standen auf einem Plateau, knapp fünfhundert Meter über dem Atlantik. Die Sonne stand schräg, der rote Sandstein glühte, als trüge er das Feuer seiner Entstehung noch in sich. Der Höhenzug gehört zu den ältesten geologischen Zeugen der Erde. Seine Felsen stammen aus dem Archaikum, einer Ära vor über 2,5 Milliarden Jahren. Da war die Erde jung; ein Magmapfuhl.

Unter uns traf der Benguela-Strom mit seinem kalten, nährstoffreichen Wasser auf die Küste. Nebel kroch zwischen den Felsen auf das Plateau und legte sich wie ein dünner Schleier über das rote Gestein. Wir beobachteten Kormorane und Möwen.

Wir erreichten die Dalton Gorge - einen Riss in der Landschaft. Der Abstieg war steil. Wir passierten einen eskapistisch siedelnden Farngarten. Farne brauchen Feuchtigkeit, daher gibt es sie in den ariden Milieus nur in Mikrohabitaten. Farne sind älter als alles, was wir mit Händen greifen können. Sie sind älter als Dinosaurier und bereicherten jene Urvegetation, die einst riesige Wälder bildete. Sie entstanden vor vierhundert Millionen Jahren im Devon. Viele Farnarten, die wir heute sehen, stammen direkt von diesen frühen Formen ab. Sie sind lebende Fossilien. Millionen Jahre vor dem ersten Vogel, lange bevor ein Mensch seinen Fuß auf diesen Kontinent setzte, wucherten sie in dampfenden Dschungeln.

Die Erde brannte unter meinen Füßen. Der Wind kam aus dem Nichts, drehte plötzlich auf, schoss durch die Schlucht. Ich hörte ihn in einer Sprache flüstern, die wir verlernt hatten.

Zweifellos war der Canyon einst eine Kultstätte.

Songlines

Archaisch und enigmatisch … immer wieder ist in meiner Geschichte die Rede von Songlines und Dreamings. Ich erzähle zwar von meinen afrikanischen Abenteuern, verwende aber immer wieder Begriffe aus der Mythologie der australischen Ureinwohner.

Songlines sind mythische Pfade, die von den Schöpferwesen während der Traumzeit (Dreaming) zurückgelegt wurden, als sie die Welt formten - Berge, Wasserlöcher, Tiere, Gesetze.

Jede Songline ist eine Landkarte in Liedform. Singend erinnern sich Aboriginal People an Wege, Wasserquellen, Tiere, Geschichten, Rituale. Die Lieder sind gleichzeitig Geschichte, Navigation, Identität und spirituelle Verbindung mit dem Land. Manche Songlines durchqueren riesige Landstriche - über Tausende von Kilometern - und verbinden verschiedene Stämme.

Welches Recht hatte ich, von Dreaming und Songlines zu reden. Du sagtest, Wissen wolle geteilt werden, aber ich war mir da nicht sicher.

In der Stille der Schlucht fragte ich mich, ob wir unbewusst einer Songline gefolgt waren. Ob nicht unser Weg längst in einem Lied verzeichnet war, das älter war als Landkarten, Sprachen, Erinnerungen - und das uns geführt hatte, ohne dass wir es wussten.

Vielleicht war das Lied aber auch gar nicht für uns und wir durften es nur hören.

Folgten wir einer Linie, die nicht wir gewählt, sondern erinnert hatten? Rief uns das Land? War unsere Route in Wahrheit ein Resonanzraum mit persönlichen Botschaften?

War dieser Einfallsreichtum nicht leichtfertig? Was wussten wir schon. „Dreaming - Traumzeit“ reduzierte das Konzept auf eine westliche Vorstellung von Träumen, Innerlichkeit und Fiktion. Die Deutung ignorierte einen ontologischen Rahmen, in dem Schöpfung, Land, Identität und Handlung miteinander verwoben sind. Mich faszinierte diese Kosmologie. Ein vollständiges nicht-technisches Deutungssystem, in dem sich eine Lebensweise spiegelt, die für uns 300.000 Jahre lang ständige Praxis war. Ich will jetzt nicht von Stone Age High Tech anfangen. Für mich zeigte sich darin auch eine Einladung, andere Seinsweisen wahrzunehmen - weniger individualistisch, stärker eingebunden, verbunden mit Ort, Zeit und Ahnen. Es kontrastierte westliche Vorstellungen von Autonomie, Fortschritt, Getrennt-sein. Vielleicht lag gerade darin der Wert, sich „Dreaming“ mit Respekt und Offenheit zu nähern - nicht um es zu vereinnahmen, sondern um zu lernen, dass unsere Welt auch anders gedacht werden konnte.

Einst hatte ich versucht, Sigmund Freud originell zu lesen und ihn als jemanden zu verstehen, der eine europäisch-urbane Variante von „Dreaming“ geschaffen hat - wenn auch auf seine eigene, tief in Rationalität und Individualpsychologie verankerte Weise. Das „Dreaming“ (in der Kultur der Aboriginal People) ist kollektiv, mythisch, zeitlos, zyklisch, landschaftsgebunden und identitätsstiftend. Es erzählt, wie die Welt entstanden ist, welche Verbindungen zwischen Menschen, Orten, Tieren und Gesetzen bestehen. Freuds Traumdeutung hingegen ist individuell, psychologisch, linear, innengeleitet und symbolisch - aber auch sie ist eine Kartografie des Unsichtbaren, eine Interpretation von Sinn, durchzogen von Erzählstrukturen und symbolischen Figuren, die aus einem „anderen“ Bewusstsein sprechen. Beide Systeme - das „Dreaming“ und Freuds Theorie des Unbewussten - versuchen, verborgene Kräfte, die das sichtbare Leben strukturieren, verständlich zu machen. Beide erkennen im Traum eine vermittelte, tiefer liegende Wahrheit. Beide verwenden Erzählung, Bild, Symbolik - um Unsichtbares zu übersetzen. Und beide sind letztlich auch Sinnstiftungsmaschinen - mit ethischer, sozialer oder heilender Funktion. Freud „verinnerlicht“ die Mythen: Er sucht sie im Subjektkern. Das ist die große Verschiebung vom mythischen Weltverständnis zur modernen westlichen Innenwelt.

Die eurozentrische Sicht - Sigmund Freud, der in seinem Werk auf archaische Mythen und „primitive“ Kulturen zurückgriff, interpretierte sie meist als Projektionsflächen für westliche Seelenkonflikte - ohne deren Eigenlogik zu verstehen. Seine Konstruktion der Psyche ist tief verwurzelt im kulturellen Selbstbild des Westens. Die „Urhorde“, das „primitive Ich“, die Phantasmen der Wildheit - das alles folgte einer Gliederung im Geist des industriellen Zeitalters, an deren Ende der europäische, bürgerliche Mann als implizites Ideal stand. Freud schrieb über „die Wilden“, ohne ihnen je begegnet zu sein - sie waren Denkfiguren, nützliche Folien. Claude Lévi-Strauss’ „Traurige Tropen“ gilt als Meilenstein der Ethnologie, ist aber zugleich Ausdruck einer melancholischen, fast ästhetisierenden Fremderfahrung, die das Eigene an der Differenz misst und das „Andere“ letztlich zum Spiegelbild europäischer Krisen verklärt. Und André Malraux, der mit kolonialem Gestus durch Kambodscha streifte und Tempelreliefs wie Trophäen betrachtete. Skrupellos wilderte er im Reich der Roten Khmer. Vor seiner Glanzzeit als Schriftsteller und Kulturminister war er ein Plünderer - geleitet von der Überzeugung, dass große Kunstwerke gerettet -, wenn nötig auch aus ihrem Zusammenhang gerissen werden müssten. 1923 ließ er in Kambodscha Tempelreliefs aus Banteay Srei entfernen - kunstvolle Apsara-Figuren, gemeißelt in rosa Sandstein. Er wurde verhaftet, verurteilt, kam aber schnell wieder frei. Später stilisierte er sich zum Verteidiger der Kultur gegen das Vergessen. Der weiße Hochmut blieb unangetastet.

Malraux war kein Einzelfall. Ganze Museen des Westens beruhen auf dieser Geste: der Überzeugung, dass sich aus gebildeter Bewunderung Ansprüche ableiten ließe - weil man zu würdigen weiß. Der koloniale Blick verkleidet sich. Noch immer tragen Aneignungen die Signatur des Übergriffs: Wir geben euch Bedeutung, indem wir euch entnehmen.

„Im Gegensatz zu Essen und Sex kennt Klatsch keinen Sättigungspunkt.” Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden

Das Antichambre spielte keine Rolle. Der Fürst brauchte den Abstand nicht, den die Scham fordert. Er empfand keine Scham. Gegebenenfalls regierte er mit heruntergelassenen Hosen. Besucher geierten durch seine Schlafzimmer. Besonders schick war das Marmorbad im Superb der Orangerie. Solche Besichtigungen zählten zu den Schätzen, die man bis zum Ende eines Lebens in Erzählungen sicherte.

Im Stadtschloss hingen Mitte des 18. Jahrhunderts tausend Bilder. Das war ein Museum of Modern Art, zugleich Schauplatz alter Meister. Altdorfer, Dürer, Rubens, Frans Hals, Rembrandt, Tizian, Tintoretto, Caravaggio. Die bronzierten Fußleisten in den Kabinetten dienten der Bewunderung als Gegenstände. Beim Anblick mehrstöckiger und vielschichtiger, von federnder Mechanik bewegter Schreibtische wurde der Wunsch nach „Experten“ laut. Sie sollten dem Betrachter die Dinge im Detail erschließen. Der Hof hielt Domestiken als Spezialisten-Darsteller für einen Groschen oder zwei in der Hinterhand. Das wird heute vom Fernsehen nachgeahmt. Da hat auch jeder Sender Experten.

Unter jenen, die auf ihrer Grand Tour von Hof zu Hof Cassel erreichten, verkörperte der aus Ederthal gebürtige Ritter von Itter die aufwühlende Erscheinung mit Geniefrisur. Er rühmte Bettpfannen, Haarbürsten, Hausschuhe und Kleiderständer, das Zeug musste nur in fürstlichem Gebrauch sein. Ritter Itter lobte die sklavische Duldsamkeit der Dinge, er knatterte Gedichte zu Gegenständen („die heitere Dinglichkeit des Pantoffels”) die weiterverbreitet werden bis auf den heutigen Tag.

Im Museum Fridericianum nahm Ritter Itter Notiz von jeder Säule, jedem Basrelief, jeder Nachbildung eines Arc de Triomphe. Es war üblich, Künstler in Hauptstädte zu schicken und sie da alles Mögliche kopieren und in Kork nachbilden zu lassen. Unter den überlebensgroßen Marmorstatuen von Apoll, Minerva, Herkules und Paris stauten sich Büsten von Homer, Seneca und Aristoteles.

Ritter Itter beschrieb die einseitige Bebauung der Bellevuestraße. Sie bot freye Aussicht nach der Orangerie, der Aue und dem Felde. Das Schloss bestand aus dem alten Palais eines zur Regentschaft nie berufenen und bedeutungslos verschiedenen Landgrafen Friedrich und zwei Häusern, die man architektonisch zur Einheit gepresst hatte. Die erweiternden Bauten waren Quartiere für die Schlosswache und die Besatzung der Sternwarte. Eine frey stehende Communikations=Arcade wünschte ihre Erwähnung. Die Arkade erlaubte den beschirmten Gang von einem Portal zum nächsten.

In der Oberneustadt nahm den ersten Rang unter allen Bauten sowohl in Rücksicht seiner Bestimmung als seiner inneren Pracht das Palais Seiner Königlichen Hoheit ein. Es lag am nördlichen Saum des Friedrichsplatzes. Das Palais kehrte seine Hauptfassade dem Platz zu, während die Seitenfassaden der Königs- und Karlsstraße bestaunte Begrenzungen boten.

Wie gesagt, Ritter Itter stammte aus Ederthal. Seine Geburtsgegend war Wüste und tropischer Regenwald gewesen, es war Stammesgebiet der Mescalero Apachen, bevor sie nach Indien weiterzogen. Da wurden die Apachen Indianer. Man kann keinem Kontinent verbieten, sich zu verschieben. Immer wieder tut sich die Erde auf, um über lächerliche Kernschmelzen zu lästern. Was eine richtige Kernschmelze ist, das hat noch kein Mensch gesehen. Bis 1782 wohnte der Weltgeist ständig in Ederthal, seitdem pendelt er zur Erweiterung seines Horizonts. Man wundert sich wohl, dass der Weltgeist Hesse ist.

Man sagt, Ederthal sei eine fränkische Gründung in der Reichsfrühzeit gewesen. Ab der ersten christlichen Jahrtausendwende gehörte sie zu Kurmainz. Erst als die Poesiealben des Deutsche Reichs Römischer Nation, dass mit der fränkischen Übernahme römischer Staatsbegriffe seinen Anfang genommen hatte, schon Makulatur waren, trennten sich die Ederthaler von den Mainzer Farben Silber und Rot. Die alte Verbundenheit zeigt bis heute das Mainzer Rad im Wappen.

Die alte Verbundenheit ließ Ederthal nie abfallen vom wahren Glauben. Irgendwann liquidierte eine Pest die Gemeinde bis auf ein wenige. Ohne Ausnahme entstammten sie dem althessischen Adelsgeschlecht der Itters, mit denen auch Cornelius von Pechstein entfernt verwandt ist. Dichter dran ist seine ehemalige Beinah-Verlobte Mathilde von Itter-Schauenburg-Löwenstein. Der vierte Knecht Ruprecht Ritter zum Löwenstein (Itter und Schauenburg waren noch nicht erheiratet) war gar kein Sohn seines Amtsvorgängers, sondern ein in den Sattel gehobener Günstling. Es hätte nicht viel gefehlt für eine mediokre Laufbahn unter ferner liefen. Die Backpflaume erbte mit dem Titel die Löwenburg über Ederthal. Gemeinsam mit Alwin von Bebra konspirierte er gegen einen königswürdigen Battenberg. Die Quittung stellte man ihm in einem Gebiet im Waldecker Land zu, das um das Jahr 1100 schon Eichwald hieß. Ein potenter Aberglaube schützte bis 1926 ein Hünengrab im Eichenkreis vor größeren Entnahmen.

Das Burgrecht machte Ruprecht zum Richter von Ederthal. Gehängt wurde im Eichenkreis. Man sprach vom Galgenhurst. Hurst wie Gehölz. Das Wort setzte sich als Flurname nicht durch.

Der Eichwald war Königsforst. Ich kenne Bemerkungen zu wirtschaftlichen Eingriffen im Mittelalter. Eichen gaben gutes Bauholz, Eicheln taugten zur veredelnden Schweinemast. Kriegsbedingte Rodungen und natürliche Verheerungen verschonten die Population, bis schließlich von einem Altbestand erstmals die Rede war.

In den Eichwald flüchtete sich Ruprecht, als es ihm im 1073er Sommer an den Eisenkragen ging. Kein Stich überliefert die Erscheinung eines Haudegens, der sich vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben zu der Schmählichkeit einer aussichtslosen Flucht veranlasst sah. In diesem Wald hatten schon einige ihr Leben gelassen, denen Ruprecht auf einem sauren, bedenklich nachgiebigen, von Pfeifengräsern besiedelten Boden gefolgt war.

Von dem Suspekten nun stammt Mathilde ab. Das Licht der Welt erblickte sie im Stammschloss der Gudensberg. Der Marktflecken im Schlossschatten war keltisch, kattisch, fränkisch, bevor er hessisch wurde, um es für immer zu bleiben. Es liegt in einer heiteren Ordnung der Dinge am Fuß des Kellerwaldes, wo Wölfe und Bären heimisch sind. So dass es sich nicht empfiehlt, ohne Askari in den Wald zu gehen so wie das seit zwei Wochen verschollene Rotkäppchen es in seiner Unvernunft getan hat. Rotkäppchen war mit Mathilde verwandt. Es lebte mit der Oma zwei Häuser die Straße hinauf. Ich setze den Satz nur deshalb in die Vergangenheit, weil ich davon ausgehe, dass Rotkäppchen gefressen wurde.

Als Zauber gegen Anfechtungen der Schwäche trägt Mathilde einen Siegelring der Großmutter. Die Ahne lehrte, in der Ehe bloß eine Domäne der Pflichterfüllung zu sehen. Die Bewahrung der Haltung beweise den Charakter. Mathilde hat das alles schon hinter sich. Die Witwe entbehrt jeden Sinn für bürgerliche Stilfiguren, doch behält sie eine scharfe Witterung fürs Geschäftliche. Die im Keller gestapelten Rauschgiftpakete sind ein Thema für sich. Ihren Nachbarn erzählt Mathilde etwas von einem ayurvedischer Hausmannskost-Versand im Home-Office-Modus.

Zehn Mal hat sie im Reich der Sinne und zwölf Mal 9½ Wochen gesehen. Sexuell existiert sie in einem anachronistischen visuellen Echoraum. Sie surft Reizwellen ab. Sie braucht einen Mann für gewisse Stunden und nimmt dafür zurzeit den von Simone abservierten Ned. Ab und zu nennt Mathilde ihn mein Gott. Das Paar flüstert im Bett und verspricht sich Sachen ohne jede ernsthafte Absicht. Der Stimmung zuliebe wird gelogen, bis der Balkon abbricht. Die millionenschweren Kolonialwaren im Keller erhöhen den Sexdrive. Mathilde widmet einen Orgasmus ihrem verblichenen Gatten, einem aristokratischen Sexgott mit schwachem Herzen.

Das lebhaft wirkende Präparat einer Wildkatze auf dem Katheder im Antichambre, die geräumige Abgeschiedenheit des Dachgeschosses, das Kattenzeichen (Chattenzeichen) im Holzdruck, von dem Mathilde vielleicht doch eher listig als dumm behauptet, es sei nur ein Warägersymbol und das Relikt einer großväterlichen Mode. Doch kann sie Ned nicht hinters Licht führen. Eine Tanne vor dem Fenster verdunkelt den Raum. Eine Tageule spannt ins Schlafzimmer.

Mathilde ist Totholzfetischistin. Sie liebt Bestandsabfall und rühmt die Biomasse auf ihren Himmelfahrten zu neuen Aufgaben. Ihre Leidenschaft richtet sich auf das Kleine. Dem Fluchttier Pferd hält sie vor, bis zu tausend Kilo Fleisch zum nächsten Beutegreifer zu schleppen. Wo bleibe da die Raffinesse und das unvergleichliche Geschick etwa der Schaben, die lautlos den Planeten kolonisiert haben?

*

In Mathildes Garten steht das marode Schildhäuschen einer abgegangenen Höhenburg aus dem 11. Jahrhundert. Ned begleitet die Adlige auf einem Spaziergang. Seit Jahren bleibt die Gegend im Zuge der Renaturierung sich selbst überlassen. Ihr Erscheinungsbild bestimmen Sturmschäden. Gestürzte und aufgerissene Stämme bilden Verhaue, in denen sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen. Mathilde führt Ned durch ein Tannenlabyrinth zu den Ruinen über der Achsenschlucht. Zwei Burgen standen einst auf den Höhen eines Berges. Drei Geschlechter mit einem gemeinsamen Ursprung, von denen wir zwei noch kennen, die Wolfen und die Groppen, vertraten so lange Mainzer Interessen, bis Heinrich I. von Hessen sie im 13. Jahrhundert entwaffnen und ihre Residenzen schleifenließ. Dies geschah mit solcher Gewalt, dass sich die Legende von einer titanischen Aktion verbreitete. Wieder ward ein hessischer Riese gesehen, wie er märchenhaft Großes vollbrachte. Die Sache lief aber banal ab. Else von Groppe, eine geborene von Salzmannshausen, ging fremd mit dem Burgherrn vis-à-vis. Das erboste den Gatten so sehr, dass er sein eigenes Verderben heraufbeschwor. Heimlich brach er ein Loch in seine Burg und lud den Feind zur Verwüstung ein.

Wir fuhren früh los, du am Steuer, ich mit den Füßen auf dem Armaturenbrett. Meine Beine waren ganz schön verschrammt. Wie schön ich es fand, dass du sie so schön fandest. Die Sonne kroch gleißend über den Horizont. Du hieltest das Lenkrad mit einer Hand. Die andere ruhte auf meinem Knie. Wir hatten einen unerschöpflichen Vorrat an gemeinsamen Themen. Auch daran erkannte ich unsere Liebe. Wir unterhielten uns so gern, und immer knisterte es in einer Diskussionsecke. Zwischen Termitenhügeln ragten knorrige Camel Thorn Trees (Vachellia erioloba) auf. Erstaunlich lang kreiste ein Adler über uns, majestätisch, die Schwingen breit gespannt.

Wir zählten die Farben der Landschaft: Ocker, Zimt, Mahagoni, Kupfer, rostiges Rosa. Die Sandpiste zog sich wie ein glühendes Band durch das flimmernde Nirgendwo. Wir passierten Askham, eine unwirtliche Raststation am Rand der Kalahari. Ein paar Kilometer weiter lag eine verlassene Tankstelle, davor rostete eine demolierte Coolbox. Ich stieg aus, um mir die Beine zu vertreten. Der Wind war warm, schwer wie Atemluft, und wirbelte roten Sand um die Reifen. Auf den Wellblechdächern tanzten Hitzeschlieren.

Die Zeit in der Wüste hat einen eigenen Rhythmus. Die tiefe Stille erzählt von einer Welt ohne Menschen. Ich traf Leuten, die Romanen entsprungen schienen. Ich begriff, wie wenig es braucht, um da zu sein. Wasser. Schatten. Orientierung.

In einer dürstenden Landschaft, wo jedes Ding nur sein Nötigstes ist, begegnet dir die Natur in ihrer radikalsten Form: nackt, genügsam, unerbittlich schön.

Wo das Land vom Wasser träumt, lebt die Natur im Modus des Verzichts, karg, reduziert. Hier entfaltet sich eine erbarmungslose Schönheit, die keinen Überfluss duldet.

Worte einer Ältesten:

„Du suchst ein Wort. Aber du hörst nur einen Klang.“

„Du läufst auf der Erde herum, aber du hörst sie nicht. Bleib mal still, bis du merkst, dass sie dich trägt.“

Ich weiß nicht, ob es eine Initiation war. Es gab keinen zeremoniellen Rahmen, keinen Moment, an dem eine Erfahrung deutlich begann oder endete. Und doch war da dieses Gefühl, dass etwas durch mich hindurchging. Kein Wissen. Nichts, dass sich in Besitz nehmen ließ. Ich assoziierte ‚Durchlässigkeit‘. Das Bild von einer Tür, die nicht mehr ganz schließt.

In der Wüste nahm meine Ehrfurcht vor der Schöpfung eigene Farben an. Gleichzeitig kämpfte ich mit der bizarren Empfindung, unangemessen auf die Erscheinungen zu reagieren. Unangemessen im Sinne von beanspruchend und vereinnahmend. Als hätte ich in der Wüste auch nur das Geringste beanspruchen können. Alles in mir war europäisch sortiert. Denken in Linien, Begriffe als Werkzeuge, komplett auf Analyse gepolt. Der Busch wirkte wie ein Mentor, der nicht mit mir stritt, sondern einfach neben mir stand und sagte: Du kannst es nicht fassen, aber du kannst es lassen.

Ich weiß, dass vieles von dem, was ich fühlte, gefährlich nah am Kitsch siedelte. Mein Blick verlor seine Ungenauigkeit nicht in den geführten und beaufsichtigten Begegnungen mit archaisch dimensionierten Daseinsformen. Wie alle Touristinnen musste ich aufpassen, nicht zu nehmen, was mir nicht gehörte. Ich blieb Gast. Trotzdem fühlte ich mich berührt von etwas, das älter war als Sprache, älter als meine Zweifel, älter als meine Vorstellungen davon, wie Erkenntnis funktioniert. Vielleicht waren es die Wüstenfarben, die mir das erzählten. Nuancen zwischen Sand, Staub, Hitze und Schatten. Farben, die nichts beweisen müssen. Sie erinnerten mich an etwas, das ich nie zuvor gesehen hatte, aber doch erkannte. Und vielleicht geht es gar nicht darum, es zu verstehen. Vielleicht reicht es, dass es mich verwandelt hat.

In einem geschlossenen System nimmt die Entropie niemals ab. Dieser Satz aus der Thermodynamik lässt sich auf kommunikative Systeme anwenden, in denen Begehren, Macht und Sprache zirkulieren. Was als spielerischer Austausch beginnt, steigert sich notwendigerweise, verdichtet sich, verlangt nach immer neuen Reizen, bis das System an seine Grenzen stößt.

Du bewegtest dich souverän in solchen Labyrinthen. Du nutztest Andeutungen, Nebenbemerkungen und Überlagerungen von Sprachebenen, um Aufmerksamkeit zu binden, ohne dich festzulegen. Auch dich reizte der Vollzug mitunter weniger als die Vorfeldinszenierungen. Zu meinem Glück bevorzugtest du raffinierte Konstellationen.

Sprache war unser Lieblingsmedium. Sprache erzeugt Resonanzräume, in denen andere sich wiederfinden, verlieren und überschätzen. Du verstandst es, Projektionen zuzulassen, ohne dich ihnen auszuliefern. Was manche als Intimität deuteten, war für dich eine Form kontrollierter Offenheit. Überschreitungen waren selbstverständlich kognitive Angelegenheiten.

Meisterhaft bewegtest du dich in diesem Spannungsfeld. Zwischen uns entstanden Verdichtungen aus Andeutungen, Zitaten und theoretischen Verweisen. Wir existierten in einer selbsterschöpfenden Intensität, die sich zumal aus Sprache, Blicken und Gesten speiste.

Wir verließen Upington am frühen Morgen. Dunst überzog die Landschaft, kaum mehr als ein flüchtiger Schleier, ein letzter Atemzug der Nacht. Ich fuhr. Wir sprachen wenig. War es Wehmut? Schon legte ich mir eine Version zurecht, in der das alles in der Vergangenheit lag. Ich erinnerte die Wüste bereits, während ich sie noch erlebte. Das Asphaltband des Stuart Highway zog sich. Stunden ohne landschaftliche Abwechslung. Nur Hitze und roter Staub, der sich überall festsetzte. Camel-Thorn-Bäume, Termitenhügel, ein ausgebleichtes Antilopenskelett. Ein von der Sonne gebleichter Rinderschädel.

Wir erreichten das Wüstennest Rietfontein. Die Sonne stand tief, der Himmel changierte von flammendem Orange zu halluzinogenem Violett. Die Nacht brach herein. Noch in der Dunkelheit flimmerten die Tageshitze über dem Straßenasphalt.

Ich beobachtete lauter Kinoeffekte. Jede Szene kannte ich aus einem Film, so unwirklich und geradezu gespenstisch war das alles. Das Kaff erschöpfte sich in einer Ansammlung von Gebäuden mit rostigen Wellblechdächern, geschlossenen Tankstellen und verrammelten Läden.

Der Motelparkplatz war leer bis auf ein paar Pickups, die so aussahen, als seien sie schon lange nicht mehr bewegt worden. Das Bett war eine nicht besonders breite Pritsche, auf dem Bildschirm des toten Fernsehers klebte ein Zettel mit der Zeile Enjoy the stars, not the screen. Die Dusche war nicht einladend genug für ein erotisches Zwischenspiel. Aus dem verrosteten Brausekopf kam enttäuschend wenig Wasser. Ich entbehrte das gute Gefühl, frisch geduscht zu sein. Als ich mich anziehen wollte, gabst du deine gespielte Gleichgültigkeit auf. Ein Blick reichte. Die Kammer wurde zur Kulisse für einen Moment völliger Gegenwart. Unsere Lust brach auf. Keine Inszenierung, kein Vorspiel. Deine Hände auf meinem Hintern, mein Atem an deinem Hals, unsere Körper fanden sich ohne Umweg. Das Bett quietschte empört, als wollten die Sprungfedern protestieren, aber sie hielten stand. Unsere Ströme flossen ineinander. Wir verschmolzen auf dem Zenit unseres Begehrens und bedankten uns gegenseitig mit einem Gänseblümchenstrauß der nachträglichen Zärtlichkeit. Mich amüsierte der Kontrast zu meinen Fingernagelspuren auf deinem Rücken.

Zum Abendessen gingen wir lediglich über die Straße in die Kroeg. Von außen sah die Kneipe aus wie eine Werkstatt anno Neunzehnhundert. Auf einem Schild stand:

„Koue Bier - Warm Etes - Net Lokale (Maar Jy’s Reg) - Cold Beer - Hot Meals - Locals Only (But You’re Alright.“

Hinter dem Tresen stand eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt, die uns mit einem verwaschenen Nicken begrüßte. Es konnte alles Mögliche bedeuten. Vielleicht war es sogar freundlich gemeint. Keine Jukebox, kein Fernseher, kein WLAN. An den Tischen saßen Männer in Shorts und Boots. Trucker, Minenarbeiter, Farmer. Einige begnügten sich mit Dosenbier, dem schäumenden Hahn zum Trotz.

Wir reihten uns ein, tranken Castle Lager vom Fass und bestellten Steak mit Pommes, ohne die Karte zu studieren. Es gab sowieso nur das, was auf dem Schild über der Theke stand. Kein Schnickschnack. Das Fleisch blutete, die Pommes knusperten, die Jumboflasche Ketchup trug kein Etikett.

 

Am nächsten Morgen brachen wir zeitig auf. Nichts hielt uns in der Einöde. Wir bogen auf die R362 ab und fuhren in Richtung Olifants River Valley. Die Straße zog sich schnurgerade hin. Keine Kurven, keine Häuser. Die monumentale Monotonie schien auf die Nerven zu schlagen.

Allmählich begann sich die Landschaft zu verändern. Das monotone Rot der Wüste wich sanften Grüntönen. Die Erde verlor ihre staubige Patina. Aus Sträuchern wurden Büsche. Aus Büschen wurden Bäume. Plötzlich gab es wieder Schatten, und die Luft roch nach Vegetation.

Am Nachmittag passierten wir ein Schild:

 

Vredendal Homestead – Fuel · Food · Accommodation · Beer

Ein Roadhouse mitten im Nirgendwo; die einzige Tankstelle, das einzige Bett, die einzige Cola meilenweit. Später notierte ich: Treibstoff, Essen, Dusche, Sterne. Das war nicht alles. Den schönsten Moment des Tages ließ ich aus – das einfache Vergnügen, endlich wieder eine richtige Dusche zu haben.

Das Homestead bestand aus einer Gruppe von Bungalows mit schattigen Innenhöfen, Palmen und üppig blühenden Bougainvilleen – ein fast absurdes Bild nach der Wüste. Es gab eine Tankstelle, einen Souvenirladen und ein rustikales Restaurant mit Holzvertäfelung.

Ich bestellte einen Chickenburger mit Pommes und eine Cola, während du bei deinem Wüstenprogramm bliebst – Steak mit Pommes und Ginger Beer. Wir saßen unter einem Ventilator und ließen die Kühle langsam in uns einsickern. Neben uns aßen zwei Paare Grey Nomads Toast mit Tomatensoße, während ihre kleinen Hunde unter dem Tisch dösten.

Das Personal war jung und leicht als amerikanische und europäische Backpacker zu erkennen, die ein paar Wochen für Unterkunft, Verpflegung und Taschengeld arbeiteten. Keiner von ihnen machte sich besondere Mühe. Draußen standen kolossale Sattelzüge geparkt. Wir hörten die Fahrer, sahen sie aber nicht.

Die Landschaft wurde weicher, sanfter. Weinberge, Obstbäume, Flüsse. Ein einziges, üppiges Gedeihen. Wir erreichten Clanwilliam, eine richtige Kleinstadt, und entschieden uns für ein Boutiquehotel. In unserem Zimmer stand ein Kingsize-Bett. Zum ersten Mal seit Tagen genossen wir eine Dusche, die nicht nach Camping roch.

„Es stimmt, die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber der Mensch kann nicht ewig in der Wiege bleiben. Das Sonnensystem wird unser Kindergarten werden.“ Konstantin Ziolkowski

Am nächsten Morgen brachen wir zeitig auf. Nichts hielt uns in der Einöde. Wir bogen auf die R362 ab, Richtung Olifants River Valley. Die Straße war so gerade wie mit einem Lineal gezogen. Keine Kurven, keine Häuser. Die monomentale Monotonie schrie danach, jemandem aufs Gemüt zu schlagen.

Allmählich veränderte sich die Landschaft. Das Wüstenrot wich vegetativem Grün. Die Erde verlor ihre staubige Patina. Sträucher wurden zu Büschen, Büsche zu Bäumen. Plötzlich gab es wieder Schatten, und die Luft roch nach Vegetation.

Am Nachmittag passierten wir ein Schild:

Barkly Homestead - Fuel · Food · Accommodation · Beer.

Ein Roadhouse mitten im Nirgendwo; die einzige Tankstelle, das einzige Bett, die einzige Cola weit und breit. Später notierte ich: Tanken, Essen, Dusche, Sternenhimmel. Das war nicht alles. Ich unterschlage den schönsten Moment des Tages, einmal wieder unter der Dusche. 

Das Homestead bestand aus einem Bungalowensemble mit schattigen Innenhöfen, Palmen und überschäumend blühender Bougainvillea – ein fast absurdes Bild nach der Wüste. Es gab eine Tankstelle, einen Souvenirladen und ein rustikales, holzvertäfeltes Restaurant.

Ich bestellte einen Chicken Burger mit Pommes und Cola, während du deinem Wüstenprogramm treu bliebst – Steak mit Pommes und Ginger Beer. Wir setzten uns unter einen Ventilator und ließen die Kühle langsam in uns eindringen. Neben uns aßen zwei Grey Nomads-Paare Toast mit Tomatensauce, während ihre kleinen Hunde unter dem Tisch dösten.

Das Personal war leicht zu identifizieren als amerikanische und europäische Backpacker, die für Kost, Logis und ein Taschengeld ein paar Wochen jobbten. Keiner riss sich ein Bein aus. Draußen standen kolossale Sattelschlepper. Wir hörten die Fahrer, sahen sie aber nicht. 

Die Landschaft wurde sanfter, freundlicher. Weinberge, Obstbäume, Flüsse. Vegetativer Überschuss. Wir erreichten Clanwilliam und gönnten uns den Komfortgenuss des besten Hauses am Platz. Das Wild Olive Boutique Hotel war ein flacher Kasten mit einem Vorplatz aus Kies, der an einen japanischen Steingarten erinnerte. Im Haus war alles still, kühl, makellos. Die Frau hinter dem Rezeptionstresen hatte perfekt gezogene Augenbrauen. Du hieltest ihr die Kreditkarte hin, sie lächelte professionell, machte ihren Job, reichte dir die Schlüsselkarten. Nummer 29, zweite Etage, rechts vom Aufzug. Das Zimmer roch nach Zitrusfruchtreiniger. King-Size-Bett, Nespresso-Maschine, Airconditioning, Flachbild-TV. Blütenweiß bezogene Betten, dichte Vorhänge, ein Bad mit Glasdusche, Eartherapy-Toilettenartikeln, polierte Armaturen, mannshoher Spiegel und Handtücher, die kunstvoll gerollt auf dem Waschbecken lagen.

Das erste Bad seit Tagen, das nicht nach Camping roch.

Wir umarmten uns unter dem Strahl. Du hattest du den Fernseher eingeschaltet, wir hörten Nachrichten. Die Weltlage war weit weg. Wir standen einfach nur da, ließen das Wasser über unsere Körper laufen. Schaum floss über die Fliesen unter unseren Füßen. Dampf legte sich auf den Spiegel. 

Wir räkelten uns im Behagen.    

Das Hotel hatte ein eigenes Restaurant mit á la Carte‑Menü (Steaks, Meeresfrüchten) und Cocktail-Lounge.

*

Hundert Kilometer am Tag waren längst genug. Eine Weile begleitete uns der Olifants River mit seinen Schilfelegien im Konzert mit Mandarinenplantagen und flimmernden Maisfeldern. Am Straßenrand reihten sich Verkaufsstände. Orangen und Naartjies in Plastikramschkisten. Avocados in desolaten Woolworths-Kartons. Privat geernteter Honig in Supermarkthoniggläsern. Biltong in wiederverwendeten Tüten. Die Preise handschriftlich auf Pappe.
Von Krähen bewachte Metallkästen mit Münzeinwurf-Schlitzen an Holzpfosten – Honesty Boxes. Dazwischen wilde Oliven und Akazien. In der Ferne glühte der Cederberg.

Wir sahen labyrinthische Bewässerungssysteme, überschaubare Rinderherden und autonom wirkende Schaf- und Ziegenbanden.  

Wir passierten Citrusdal. Ein überdimensionierter Discounter. Ein Laden für Farmbedarf mit verblasstem John-Deere-Schild. Vor der Tankstelle standen Geländewagen mit Jagdaufklebern. Vor dem Supermarkt saßen Männer auf umgedrehten Getränkekisten und tranken Castle Lite

Hinter dem Ortsausgangsschild begann der Pass. Nach Tagen des Geradeausfahrens belebten uns die Kurven. Jenseits des Gipfels wurde das Land weit. Weizenfelder. Weiße Farmhäuser. Eine Ahnung vom Burisch-Ursprünglichen.  

Am späten Nachmittag erreichten wir Goudkloof. Eine Kleinstadt, groß genug für mehrere Tankstellen, ein Krankenhaus, zwei Schulen - und eine bessere Absteige.

Goudkloof verdankte sich einem Goldrausch des 19. Jahrhunderts, so wie Barberton, Pilgrim’s Rest - Gauteng und Johannesburg, die als Boomtowns im Dunstkreis der Witwatersrand-Felder starteten. Goudkloof wirkte wie eine amerikanische Westernfilmstadt in den 1950er Jahren. Antike Fassaden mit verblassten Lettern, eine Bar namens World’s End und leere Straßen.

Wir checkten ein, die Herberge nannte sich Ou Transvaal Hotel. Es stank nach nassem Hund und Wandschwamm. Die Klimaanlage war verbrecherisch laut. 

„Hot Meals - Cold Beer“ - Wir aßen im Pub gegenüber unserer Bleibe - Burger, Bier, keine Fragen. Die Leute zeigten sich desinteressiert in einer höflichen Spielart. Vielleicht kannten sie schon alle Geschichten. Die Jukebox spielte Afrikaans-Country, ein Neonlicht flackerte wie auf einem Gemälde von Edward Hopper.  

Am nächsten Vormittag besuchten wir das Ortsmuseum. Vitrinen mit Trek-Wagen-Modellen. Rostige Büchsen. Bibeln mit verblassten Familiennamen. Karten, auf denen Linien quer durchs Land zogen - der Groot Trek als einer historischen Bewegung aus Staub, Hunger und Trotz. 

Aufstandsästhetik

Zeezicht tauchte am Horizont auf, ein Küstenkaff, das sich an die Klippen zu klammern schien. Der Ort verdiente seinen Namen - Meerblick, Wind, das Rauschen der Brandung. Der Tag schwand in ozeanischen Orangetönen. Ich assoziierte flüssiges Feuer. Jemand hatte uns das „Seebries Guesthouse“ empfohlen. Die Rezeption war ein gläserner Kasten aus den 1970er Jahren. Neben dem Computer lag eine Fliegenklatsche. 

Die Rezeptionistin saß hinter dem Tresen und kaute Kaugummi mit der Gelassenheit einer Frau, die weiß, dass sie angeschaut wird. Sie hatte einen staubfreien Look und den idealen Teint. Ihre Nägel waren perfekt. Ihre grünen Augen saugten sich an dir fest. 

“One room? Just one night?“ fragte sie mit einem Blick, der mich kaltstellte. Sie performte ihr Interesse an dir. Ihre Zunge zuckte kurz über die Lippen, ein Reflex vielleicht, oder eine Einladung. Du sagtest “Yes“ und fülltest das Formular aus. Und sie lehnte sich zurück, um den Moment zu genießen. Ich sah, wie sie deinen Namen las.

“Let me know if you need anything”, sagte sie.

“We will”, sagtest du. Ich stand daneben, mein Pass in der Hand. Sie schob den Schlüssel über den Tresen.

“Room Nine. Air con works if you don’t push it too hard.”

“Thanks”, sagtest du.

Ob ich eifersüchtig war? Ich fand, dass du zu nett zu ihr warst. Du solltest dich nicht auf ihr Spiel einlassen. 

Das Zimmer war eine Bruchbude. Die Schatten der Ventilatorblätter drehten klassisch Kreise wie in einem Film noir. Die Jalousien waren halb geschlossen, die Lamellen verklebt vom Wüstenstaub. Die Schlitze filterten und musterten das Licht. An der Decke zeichneten Risse eine Trockenflusstopografie.

Zwar sahen wir ihn nicht, aber wir wussten doch - der Himmel war gigantisch, ein Azur, das zu vibrieren schien. 

Die antiken Armaturen im Bad - gemeinsam gingen wir unter die Dusche. Der Strahl war erfreulich kräftig. Wir seiften uns gegenseitig ein. Unsere Lippen fanden sich. Deine Hände glitten über meine Schultern. Sie wanderten weiter, fanden meinen unteren Rücken. Deine Fingerspitzen zogen prickelnde Kreise. 

Abends begaben wir uns in die Epilogue Lounge. Die Bar war als Blase in einem imperialen Salzwasseraquarium eingelassen. Du erzähltest du von dreißigjährigen Vorstandsvorsitzenden, die in ihrer Freizeit den hybriden Bürgerkrieg mit einer Agenda der Unversöhnlichkeit auf die Magistralen der Welt tragen. Bewundertest du das doppelbödige Engagement? Es lieferte Bilder, die in den Kinderzimmern zündeten: als Vorlagen für eine Aufstandsästhetik, die so anziehend wirkte, dass Bürgerkrieger sie kopierten. 

Da kam der ultimative Jugendstil her. 

Die größte Bedrohung erkanntest du in der denkenden Maschine. Sie diente dir als Antagonistin der Humanität in den Erscheinungen eines oppositionellen Menschenbildes. Du vermutetest Zombies unter uns. Du bezogst dich auf Luciano Floridi. Jener betrachtete die Menschheit an ihren Rechnern als „informationelle (lernenden Maschinen ausgelieferte) Organismen“.

Ich lenkte mich mit dem ozeanischen Szenario ab und verlor mich in Ansichten von Seepferdherden, die Algenalmen abweideten.

Wir speisten dann auf einer Terrasse auf Klippen unter einem Segel. Ich aß ein Curry aus Buschtomaten und Kabeljau, der Fisch fangfrisch, die Soße fruchtig-scharf; du gebratene Garnelen mit Karotten-Ingwer-Chutney. Dazu tranken wir Ginger Beer on the Rock.

Geologische Ehrfurcht

Wir fuhren weiter Richtung Westkap. Die Straße mäanderte unter einem prahlenden Himmel, vorbei an wilden Oliven, windgebeugtem Fynbos und knorrigen Protea-Sträuchern. Unsere erste Tagestation war eine beinah trockengefallene Sandsteinschlucht am Breede River.

Der Canyon öffnete sich unvermittelt - ein Schnitt ins Herz des Landes. Eine Abfolge von Faltungen, Brüchen und furios gemixten Sedimentschichten. Schicht um Schicht erzählten sie von vorzeitlichen Meeren, tektonischen Auffahrunfällen, Jahrmillionen der Erosion. Quarzitsäulen ragten senkrecht auf. Den permanenten Pool auf der Sohle erlebte ich als menschenfreundliches Naturwunder. Ich zog mich aus, ließ mich langsam ins Wasser gleiten. Es war klar und kühl, eine mineralische Haut, die sich anschmiegte. Du folgest mir. Ich trieb auf dem Rücken, sah hinauf. Der Himmel war ein schmaler Aufriss zwischen schroffen Wänden. Irgendwo pfiff ein Rotschwingenstar, der hierzulande Rooivlerkspreeu hieß.

Am späten Nachmittag erreichten wir eine wenig bekannte Schlucht, verborgen im Abseits touristischer Routen. Die Verkehrsschilder waren verbeult und zerschossen. Die Steilwände bestanden aus devonischem Sandstein, vor über 350 Millionen Jahren abgelagert, als die Gegend noch Meeresboden war, durchzogen von Deltas und Lagunen. Deutlich zu sehen war eine Signatur tektonischer Spannungen. Die Schlucht selbst war das Ergebnis jener Urkräfte - Faltung, Hebung, Verwitterung. Die Hitze vibrierte. Selbst die Schatten flimmerten. Wieder überkam mich das Gefühl, an einem Ort außerhalb der Zeit zu sein. Ein Gefühl, das es in Europa für mich nicht gab.

Da standen wir, du und ich, fast wortlos, während die Sonne unterging und das Licht die Steilwände vergoldete.

„Du bist still geworden“, sagtest du.

Ich nickte nur. Ich war gewiss nicht verstimmt. Es war Dankbarkeit, die mich beinah erschütterte. Für das, was ich sehen durfte. Für das, was ich vielleicht nie verstehen, aber doch fühlen konnte.

Ich war nicht mehr auf der Suche. Ich war angekommen - bei dir.

Loveline

… deine Präsenz ließ mein Herz erbeben.

„Zieh dich aus“, sagtest du leise. 

Ich sah die Glut in deinen Augen, dein Verlangen nahm mir den Atem.

„Ich fließe für uns, Liebster.“

Da stand ich nackt vor dir. Du berührtest sanft meine Brust, die Höfe und Spitzen.

„Küss mich“, bat ich. Deine Küsse vibrierten.

Die Lustsäule stieg in mir auf und breitete sich wellenförmig aus. Völlig überschwemmt presste ich mich an dich. 

Wir überließen uns unserer Liebeskörperweisheit.

Hier enden die Aufzeichnungen von Nanas Reisen. Der letzte Großausflug führte sie nach Südafrika. Sie erlebte ihn gemeinsam mit Goya. Beide wirken an der Ederthaler Landgraf Philip Universität in vorzüglichen Positionen. Zumal da geht die Geschichte weiter. Nana liebt das labyrinthische, vorgeblich wegen Baufälligkeit der Öffentlichkeit weitläufig entzogene, in karolinischen Klostermauern im 16. Jahrhundert gegründete Hochschulgebäude.

 

Auch als Jäger blieb der frühe Mensch weiterhin Beute. Selbst Homo erectus musste sich gegen Raubtiere behaupten und verlor vermutlich oft Kämpfe um Beute an Löwen und Hyänen. Die Gleichzeitigkeit diametral entgegengesetzter Rollen schärfte Bewusstsein und Bewegungsökonomie. Die Kombination von Aufmerksamkeit, Kooperation, Timing mit dem kreativen Einsatz von Werkzeugen ließen den menschlichen Jäger in der Nahrungskette avancieren.

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“A complete disconnection not only from the body but from our fundamental skills and ways of living connected to our embodied existence is starting to devastate at a population level. Social connection built on sitting in front of a screen together ...” palozzo.marcello, gesehen auf Instagram

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„Die Sprache wird zum Nervensystem der Menschheit.” Horst Tiwald

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Die Rekonstruktion prähistorischer Angriffstechniken früher Hominiden erfordert ein realistisches Verständnis ihrer biomechanischen Möglichkeiten. Anders als Raubkatzen verfügten Hominiden weder über Killerkiefer noch über extrakräftige Greifhände, die ein sofortiges Töten der Beute ermöglichten. Studien zur Biomechanik von Homo erectus und verwandten Arten zeigen, dass Beißkraft und Griffstärke im Vergleich zu Raubtieren gering waren. Daraus entwickelte sich eine Strategie, die den gesamten Körper als Werkzeug nutzte: Masse, Impuls, Hebelwirkung und koordinierte Bewegungen ersetzten Zähne und Krallen.

Ein zentrales Prinzip dieser Strategien liegt in der Nutzung kinetischer Ketten und rotatorischer Kraftübertragung. Die Wirbelsäule agiert als elastische Achse innerhalb einer Bewegungsabfolge, die Energie speichert und freisetzt, während die Rumpfrotation die Kraft kanalisiert und auf ein Ziel überträgt. In Kombination mit koordinierter Muskelaktivierung erlaubt dies explosive Bewegungen, die trotz relativer physischer Unterlegenheit Wirkung erzeugen – sei es, um Gegner zu destabilisieren, Abstände zu kontrollieren oder Werkzeuge effizient einzusetzen.

Diese Mechanik zeigt ein zentrales evolutionäres Prinzip: Der Mensch ist kein Fluchttier im klassischen Sinn, sondern ein Fluchttier mit außergewöhnlicher Fähigkeit zur Systemintegration. Effektivität entsteht aus Technik, Timing, Hebelwirkung, Kollektivität und Werkzeuggebrauch, während das Nervensystem die Risiken reguliert. Anders als ein neurobiologisch echtes Raubtier muss der Pseudoprädator Mensch nicht sofort töten oder maximal zuschlagen; seine Strategien sind auf Effizienz, Sicherheit und Energieökonomie ausgelegt – die evolutionäre Meisterleistung eines Fluchttiers, das dennoch an der Spitze der Nahrungskette steht.

Die evolutionäre Logik hinter diesen Strategien wird noch deutlicher, wenn man Bewusstsein und Angst in den Blick nimmt. Über Millionen von Jahren lebten unsere Vorfahren im permanenten Überlebensmodus. Raubtiere, klimatische Extreme, Nahrungskonkurrenz und interspezifische Konflikte bedrohten ihr Leben. In dieser Umgebung war Wachsamkeit entscheidend. Angst aktiviert den Sympathikus, steigert Herzfrequenz, Muskelspannung und Reflexgeschwindigkeit und schafft einen Zustand maximaler Reaktionsbereitschaft. Dieses Angstsystem koppelt sich an kognitive Prozesse. Wachsamkeit, Antizipation und strategische Planung greifen ineinander, sodass ein inneres Modell der Umwelt entsteht, das Handlungen präzise steuert – von Flucht über Jagd bis zu Werkzeuggebrauch.

Aus der permanenten Bedrohung entstand das menschliche Bewusstsein. Es ist ein adaptiver Mechanismus, der es erlaubt, Gefahren zu erkennen, Risiken zu vermeiden, Handlungen zu planen und Szenarien innerlich zu simulieren. Die Ambivalenz früher Menschen – zugleich Gejagte und Jäger – selektierte nicht nur körperliche Anpassungen, sondern auch mentale Flexibilität, soziale Kooperation und präzises Timing. Angst wird zur evolutionären Ressource. Sie bildet die Grundlage für Flucht, kognitive Kontrolle, strategisches Handeln und menschliche Innovationskraft.

Im Rahmen eines Initiationsgeschehens verbreiten die Orokaiva auf Neuguinea Angst und Schrecken unter ihren Nachkommen. Maskierte treiben die Kinder in die totale Panik. Sie erzwingen die Erfahrung, Beute zu sein. Die Torturen stellen den Auftakt umfangreicher Belehrungen dar. Am Ende erhalten die Initiierten ihre Zugangsberechtigung zur Jagdgemeinschaft.

„Die Verben des Kriegers (jagen, erlegen, kämpfen) sind das Vorspiel für sexuelle Beziehungen“, schreibt Pola Oloixarac in ihrem Roman „Wilde Theorien“. Die Familien- und Hausstandgründung erfolgt im nächsten Schritt.

Das Ego kommt mit dem Speer

Oloixaracs Helden Kamtchowsky und Pablo fragen sich: „Was befindet sich in den ältesten Kammern des Bewusstseins?“

Wo beginnt die Erinnerung der Menschheit?

Wenn man den Anfang mit einem Wort benennen möchte, dann ist Angst das Wort. Kamtchowsky bringt es auf den Punkt: Auf der Spur der Erinnerung erleiden wir noch heute das Grauen des fortgeschrittenen „Primaten, der im Übergang zum Menschen … zur Beute von Raubtieren wird“. Der Premium-Primat bleibt den tierischen Prozessen ausgeliefert, obwohl er ihnen entwachsen ist.

„Die Angst vor den Ahnen liefert uns Schlüsselbegriffe. Nachdem der Mensch über Millionen von Jahren ein untergeordnetes Element auf dem Speiseplan der Raubtiere war und sich deshalb ständig auf der Flucht befand, benutzt er ... Waffen, um der Macht der Bestien den ersten Schlag zu versetzen.“

Bewegung und Bewusstsein sind zwei Seiten derselben Medaille. Der Speer wird zum Ego. Ein guter Mann ist eine gute Waffe. Im entfesselten „Wir“ schafft der moderne Mensch Überlegenheit über das Tier. Doch ein unbezähmbarer Egoismus zwingt ihn immer wieder zur Isolation.

Bewusstsein und Beute

Feinberg/Mallatt entwickelten ebenfalls eine Theorie, nach der Bewusstsein eine Funktion der Jagd ist. Bewusstsein trat „dazu in Kraft, dass die ersten Raubtiere ihre Beute töten und die ersten Beutetiere ihnen entkommen konnten“.

Begehren als Erkenntnismedium

Die Athener folterten nicht nur die Angeklagten, sondern auch die Zeugen. Unfreie Menschen mussten ihre Aussagen unter Folter wiederholen. Aus griechischer Sicht waren Sklaven unanständige Menschen. Ihr niedriger Status wurde mit einem verdorbenen Charakter in Verbindung gebracht. Wenn ein Sklave vor Gericht starb, konnte nur über eine Entschädigung verhandelt werden. Die Antike verband Unfreiheit mit der Schuld der Unfreien. Nana gefällt die Vorstellung, mit solchen atavistischen Ansichten umgehen zu können. Nach ihren eigenen Worten ist sie sowohl „Granit als auch Regenbogen“ (Virginia Woolf). In einer Phantasie erhält sie ihren ersten erotischen Kuss im Alter von siebzehn Jahren in einem Fischerdorf am Tyrrhenischen Meer.

Nana erobert keine Orte, und sie sammelt keine Männer als Trophäen. Sie lässt sich einnehmen – von Landschaften, Begegnungen, Intensität. Jede Reise hat ihre eigene Physik, und jeder Mann gehört zu genau dieser Konstellation aus Zeit, Körper und Raum.

Nana rechtfertigt sich nicht. Sie erklärt nichts, entschuldigt sich nicht, übersetzt ihre Intensität nicht in moralische Kategorien. Die Erfahrungen erscheinen weder als Bekenntnisse noch als Ansprüche. Gerade die Weigerung, sich zu legitimieren oder gefällig zu erscheinen, hebt den Journaltext. Er traut der Leserin zu, Ambivalenzen auszuhalten und unsichere Übergänge zu akzeptieren.

Begehren ist weder Ablenkung noch Exzess. Es ist eine epistemische Haltung. Im Begehren nimmt Nana präziser wahr. Atmosphären verdichten sich, Landschaften offenbaren sich, Körper werden zu Orientierungsinstrumenten. Jede Beziehung eröffnet einen Weltzugang. Mit jedem Mann wird etwas anderes möglich.

Die Männer fungieren als relationale Körper, als Katalysatoren, nicht als Zentren. Was bleibt, ist Nanas Fähigkeit, Allianzen einzugehen – erotisch, intellektuell, energetisch –, ohne sich zu veräußern. Ihre Produktivität, ihre Klarheit, ihre Offenheit nehmen zu. Bindungen beschränken sie nicht, sie setzen Kräfte frei.

Manches Land wird in den Jahrhunderten zwischen Magellan und Cook mal von dieser, mal von jener europäischen Macht entdeckt und manchmal mehr als einmal von derselben. Australien ist bereits im 16. Jahrhundert ein europäisches Ziel, bleibt aber zweihundert Jahre lang Niemandsland in der europäischen Perspektive. Es gibt eine ozeanische Vergesslichkeit, die einsetzt, wenn kein Missionseifer und keine wirtschaftlichen oder strategischen Interessen Engagement fordern, wenn nicht Eifersucht und Konkurrenz zwischen Staaten der Alten Welt stimulierend wirken. Manchmal reicht ein missglückter Besiedlungsversuch, um eine Insel von der Karte zu nehmen.

Der niederländische Kapitän Abel Tasman bezeichnete die begehbaren Flächen im Pazifik als vorbewusste Räume der Welt. Er fand schlafende Länder, Stein- und Traumzeitreservate, die der Empfindung Vorschub leisteten: in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Er passierte Inselflure und beschrieb sie als poly nēsoi. 1642 erreichte Tasman Neuseeland, nachdem er das seit der Antike sagenhafte Südland (terra australis) umfahren hatte. Er segelte für die Dutch East India Company von Batavia aus, wieder ging es um Durchgänge und Abkürzungen ... während sich Colt Coogan - ein Urahne von Professor Goya - 1794 auf einem Schiff der British East India Company verleugnet. Er markiert einen Briten. Als erster US-Geheimagent kennt er das 1855 nach Tasman benannte Land noch unter dem Namen eines Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien - Van Diemen‘s Land (Vandiemensland).

Orientalische Troubadoure spielten die Musik eines Wüstenvolkes. Angeblich verkörperten sie eine Tradition vagabundierender Virtuosen, die einst Paläste abgeklappert hatten, so wie bei uns Minnesänger auf Burgen vorstellig geworden waren. Die „Uḍadē kārapēṭa” zogen mit zwei Tänzerinnen und einem Fakir umher. Der Fakir sah aus wie ein bulgarischer Ringer im Ruhestand. Jederzeit hätte er auch den Mörder in einem Remake von Agatha Christies Orient Express spielen können. Er schluckte Feuer, wälzte sich auf einem Scherbenbett bis zum blanken Grund und kratzte sich ausgiebig. Seine Fähigkeiten langweilten ihn offenbar. Vermutlich entstammte er einer Fakirfamilie und war vom Vater zur Ausübung seines Berufs gezwungen worden. Er trug weiter nichts als Schnauzbart und Lendenschurz im Stil von Tarzans Bademode. Ähnlich unverblümt brachten sich die Tänzerinnen ins Spiel, die Sache hatte Methode. Wahrscheinlich war das „Bett” deshalb so voll.

Eine Kneipe, die „Das Bett” hieß - auch das gab es in der kleinsten Universitätsstadt Deutschlands. Die Ederthaler Hochschule war aus einem von Philipp den Großmütigen in einem aufgelassenen, von Karl dem Großen gestifteten Kloster gegründeten Ritter Kollegium hervorgegangen und im Jahrhundert der Reformation in einem Wehrschloss etabliert worden. In der Gegenwart unserer Geschichte war bald ein Drittel an Anlage einsturzgefährdet. Die abgeriegelten Bereiche bildeten den Toten Trakt. Nana liebte es, im Schutt der Epochen erotische Scharaden aufzuführen. Sie hatte da mehr als einen Dozenten bis zur erotischen Weißglut gereizt. Nana zeigte sich stets unerschrocken. Sie entstammte einem Geschlecht Unsterblicher. Ihre Vorfahren wären markante hessische Persönlichkeiten gewesen und eben auch geblieben als Unsterbliche. Ernsthaft unterworfen war Nana nur dem kosmischen CC, der allerdings so sehr in sie verliebt war, dass er sie nur zum Schein schalt.

Im Augenblick der Ereignisse genoss Nana Professor Goyas Aufmerksamkeit. Mit ihm war sie im „Bett” - ein running gag auf den Institutskorridoren. Sich im „Bett” zu treffen, war der letzte Schrei. Die „Uḍadē kārapēṭa” stammten aus „Dynastien”, angeblich war ihre Heimat ein Schmelztiegel hinduistischer und islamischer Kultur. Das behauptete der Wirt. Leander war schon ziemlich hacke, aber Experte. Ferner behauptete er, barfuß und unblutig auf Scherben laufen zu können. Nana wünschte an dieser Stelle keinen Beweis. Ihr gefiel die ursprüngliche Trance Music. Es klang, als unterhielten sich Grashüpfer. Die Lieder wurden aus dem Gedächtnis gespielt, angeblich hielt man in ihrer Umgebung nichts schriftlich fest.

Das ausufernde Spiel der Tänzerinnen animierte Nana. Sie hatte ein offenes Ohr für Orgienwünsche; ein Organ für den Exzess. Das „Bett” verlor seinen Beatclubcharakter an Stimmungen wie in einem Animierschuppen. Im Trüben trieben Täuschungen auf, Halluzinationen, Simulationen, Narreteien. Nana dachte an den Regenbogen-Ragwurz. Die Lippe der Ophrys iricolor ist so gefärbt, dass man ein Insekt mit schimmernden Flügeln zu erkennen glaubt. Dem Irrtum erliegt nicht nur das menschliche Auge. Auch Bienen fallen herein. Die Rede ist von „Pseudokopulationen” mit fruchtbarem Effekt. Die Orchidee erhält sich so. Joris-Karl Huysmans nahm den Vorgang zum Beispiel für „Pflanzenintelligenz”. Marcel Proust verstand „die von sämtlichen Tollheiten der Vegetation” hochgejubelte „Königin des Treibhauses” als Parodistin der Dingwelt. In seinem Paris war sie eine Exilantin, die mit dem „falschen Äquator der Ofenheizung” vorliebnehmen musste. Nana wiegte sich in Goyas Armen. Sie verlangte von ihm nicht mehr als ihrem Verlangen zu genügen. Er zitierte Anne Sexton, die von „bösen Dingen träumte” und „in der schwarzen Nacht” umging als ihr eigenes Gespenst. Für sie zählte das Schreiben zur Schwarzen Kunst. Die Dichterin sah sich als Hexe, „mittelalt, ich”, das Gegenstück zu einem „wilden Mann”, der den Erdkreis „verschandelt”.

Nana fand sich in solchen Auffaltungen wieder. Goya spekulierte auf einen sinnlichen Nebeneffekt der Formantfrequenzen. Die Schwankungen des Luftdrucks massierten Nanas Profil vom Hals bis zum Ohr. Im Gegenzug leckte sie Goyas Hals. Sie legte eine Zeigefingerspitze auf seine Lippen, aber der Mund blieb geschlossen.

​​​​​Ich erinnere noch einmal daran, dass mein Erzähldampfer den Kurs gewechselt hat. Ich steuere Ederthal an, einen klandestinen Hotspot in der niederhessischen Savanne. Die erste urkundliche Erwähnung dieses magischen Fleckens an einer vom Kellerwald überschatteten Furt der in rauen Mengen Gold und Silber führenden Eder datiert auf das Jahr 773 und dokumentiert eine Klostergründung. Ederthal diente dem karolinischen Reich als Stapelplatz. Es avancierte zum europäischen Klondike, spielte eine Nebenrolle im Herrschaftsbetrieb der Battenbergs aka Mountbatten und war tatsächlich für kurze Zeit eine thüringisch-hessische Residenz, bevor Heinrich von Brabant Kassel zu seiner Hauptstadt machte. Im 14. Jahrhundert entstand ein Ritterkolleg vor Ort. Es verlor seine Souveränität an eine von Philipp dem Großmütigen in den Mauern des protestantisch geschliffenen Klosters etablierte und nach ihm benannte Universität. Der ungeheure, wegen Baufälligkeiten weitläufig gesperrte Kasten liefert dieser Geschichte den wichtigsten Schauplatz. Im toten Trakt der Hochschule tobt der erotische Bär mitunter auf dem Karzerabtritt. Das lateinische Wort carcer bezeichnet den Kerker. Im antiken Rom bezeichnete carcer einen Ort physischer Einschränkung und sozialer Ausgrenzung. Das Wort überdauerte die Antike und fand Eingang in die mittelalterliche Bildungswelt. Im Rahmen autonomer akademischer Gerichtsbarkeit disziplinierten und sanktionierten Geistes- und Gremienfürsten in universitären Arrestzellen – dem Karzer. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde der Aufenthalt im Karzer als Initiationsritus und Ehrenstrafe wahrgenommen. Die Insassen hinterließen Zeichnungen, lyrische und prosaische Inschriften, die heute als kulturhistorische Zeugnisse gelten, in Ederthal aber dem breiten Publikum vorenthalten bleiben; während Nana es liebt, angesichts der historischen Patina erotische Scharaden aufzuführen; dies am liebsten mit Goya. In dem genialen Philologen inkarniert sich der nordhessische Halbgott CC. Wenn Sie jetzt an Cosmic Cock denken, dann ist das Ihre Sache. Ich hüpfe in eine Szene.

Das Paar kam an den Punkt, wo sich die Richtung des Begehrens nicht mehr verleugnen ließ.

„Gleich ... ich dich, meine Schöne”, verkündete Goya gewissenhaft. Nana prüfte die Valeurs. Derselbe Satz konnte unpassend sein oder ausgeleiert. Er durfte die nötige Differenz nicht nivellieren und Nanas Ansehen nicht beschädigen.

Was machte den Satz richtig? Richtig machte den Satz die Gier eines Adäquaten.

„Ich kann es kaum erwarten”, verkündete Nana majestätisch.

*

Aus den Aufzeichnungen des Friedrich von Pechstein, einem Vorfahren unserer Heldin. Der Kasseler/Casseler Geheime Rat beobachtet im 17. Jahrhundert das am Amazonas nomadisierende Volk der Tapuha. Er erkennt, dass diese Volksgemeinschaft ihren Charakter allein aus dem Willen zur Freiheit gewinnt. Ethnische Begründungen fallen flach.

Sobald ein Krieger Fische und Vögel infolge einer Sehschwäche nicht mehr nach Belieben erlegen konnte, verlor er seine Sorglosigkeit. Seine Persönlichkeit fing an zu knatschen. Zu den Besonderheiten der Tapuha zählte die Hochachtung vor den seelisch Verkarstenden. Vitale beriefen Greise zu Senatoren. Die Alten tagten so lange, wie das Bier reichte, ihre Beschlüsse waren unumstößlich.

Alten Alkoholikern kam es zu, die Gemeinschaft in feurigen Ansprachen für den nächsten Waffengang zu begeistern. Sie riefen den Heldenmut der Ahnen und die Feigheit der Feinde ins kollektive Gedächtnis, um das Selbstbewusstsein jedes einzelnen zu fördern. Alsdann wiesen sie den jungen Leuten ihre Posten an und befahlen den Hinterhalt.

„Denn ihre einzige Taktik liegt im Überfall.“

Die Senatoren waren kolossale Pädagogen mit Schuppenflechten. Aus Pechsteins Aufzeichnungen: „Sie sprachen dem Wein mächtig zu. Sie kannten nicht die Agonie der Angestellten. Sie beanspruchten die Freiheit der Künstler und pfiffen auf die Sicherheit eines Abhängigen.”

Die Gaukler unterschieden sich in ihrem Einfallsreichtum nicht von heutigen Projektmanager der Kreativwirtschaft. Ihre Kindheit lag fern an den Strömen Erinnerung und Imagination. Nah lagen der Amazonas und gefährlicher Badespaß. Jeder hatte seinen Kaiman im Badezimmer lange überlebt.

Inzwischen hatte man sogar einen Begriff von der eigenen Wildheit. Die gebändigten Völker an der Küste boten abschreckende Beispiele. Das 17. Jahrhundert zeichnet die christianisierten Inder in ein Bild, vor dem sich die Natur erbrach. Die vom Pesthauch der Zivilisation berührten Indigenen waren so jämmerlich, dass sie sich selbst verkauften. Sie vertrugen keine Arbeit, ihre Versklavung war kolonialer Unfug.

Die Tapuha aber richteten ihre Wohnsitze nach den Ratschlägen betrunkener Wahrsager in großem Abstand zu den portugiesischen Siedlungen ein. Ihre Häuptlinge erkannte man an der Frisur. Sie trugen Kreppwellen. Sie ritzten sich zur Abhärtung. Die jüngsten Krieger belasteten sich mit Gewichten und rannten um die Wette: bis Erschöpfung sie zwang, das Gewicht weiterzugeben. Zum Ausweis ihrer Verdienste ließen sie die Fingernägel wachsen. Diese Freiheit war ein großes Privileg, vergleichbar mit einem königlichen Lehen.

Landbau kannten die Tapuha nicht. Beeren und Wurzeln dienten ihnen als Zubrot zum Wildbret. Das Fleisch legten sie in eine Grube unter Blätter und Erde und zündete darüber ein Feuer an. Die Grube funktionierte wie ein Backofen.

Pechstein notierte: „Die Tapuha garen und schmoren wie die Weltmeister.”

Aufwand in der Küche zu treiben, stellte sich schließlich als ein Merkmal für Friedfertigkeit heraus. Heute nennen wir jene Völker pazifistisch, die sich Zeit beim Kochen lassen.

Pechstein bemerkte, dass die Tapuha in ihren Gauen sehr unterschiedlich erscheinen. Er folgt einer Gruppe „riesenhaft Hellhäutiger”. Sie führten „ungeheure Bögen, welche sie so geschickt zu handhaben wissen, dass ihnen keine Fliege entgeht. ... Im Laufen und Springen kommt ihnen keiner gleich.”

Offensichtlich teilen sie mit den Übrigen nicht die Abstammung. Pechstein schreibt: „Wie einst in den Hochöfen germanischer Migration Stämme verschmolzen, kann offenbar jeder Tapuha sein, der Anschluss sucht und dem die Gemeinschaft Stärke zubilligt. Ich nenne den hellen Haufen Bogenkönige, da seine Krieger ihre mannsgroßen Waffen überheblich handhaben ... Sie sind nicht nur mit den Indern nicht verwandt, sie verbinden sich auch nicht mit ihnen. Ich sah solche Männer in Feuerland und in der Bretagne. Sie wohnen weder in Häusern noch in Dörfern beisammen, sondern streifen wie wilde Tiere durch den Flur und schlafen auf der nackten Erde. Sie behausen hohle Baumstämme zuzeiten. Ohne Unterschied machen sie Jagd auf Menschen und Tiere und fressen alles roh. Sie verzehren sogar ihre Kinder, wenn dieselben bald nach der Geburt sterben.”

Chemische Verteidigung – Bombardierkäfer (Brachininae)

Bombardierkäfer verteidigen sich mit einem chemischen System. In ihrem Körper werden reaktive Substanzen getrennt gespeichert – Wasserstoffperoxid und Hydrochinon. Erst in einem spezialisierten Reaktionsraum treffen sie aufeinander. Da setzt eine kontrollierte, explosive chemische Reaktion ein. Das Ergebnis ist ein heißes, ätzendes Spray, das mit überraschender Präzision auf Bedrohungen gerichtet wird.

Dieses System nutzt physikalische Prinzipien. Die Temperatur steigt bis zum Siedepunkt des Wassers, der Druck im Reaktionsraum steigt an, und die Flüssigkeit wird gezielt abgegeben. Kein Zufall, kein „Superangriff” – jede Abwehraktion ist ein perfekt abgestimmtes Zusammenspiel von Chemie, Mechanik und Biologie.

*

Flüchtigkeiten aus Wahrnehmungs- und Erinnerungsessenzen. Tagträume. Gedankentreibgut ... die Geschichte spielt in der fiktiven nordhessischen Universitäts- und ehemaligen Residenzstadt Ederthal. Die Hochschule wurde im Mittelalter unter protestantischen Vorzeichen gegründet. Sie ging aus einem Ritterkolleg hervor und heißt nach ihrem Gründer Landgraf Philipp Universität. Ihrer ersten Gestalt nach war sie eine Burg. Heute (in den 2020er Jahren) entspricht der Campus einem Epochenmix. Einzelne Gebäude sind eingerüstet. Einige sind wegen Baufälligkeit vom Publikumsverkehr ausgeschlossen. Es gibt einen toten Trakt, in dem auch schon erotische Scharaden aufgeführt wurden. Zu den klandestinen Bezirken innerhalb dieses Kremls der Gelehrsamkeit zählt die seit bald zweihundert Jahren nicht mehr genutzte Fürstenwohnung. Nach dem Ende der Ederthaler Residenzherrlichkeit diente sie hessischen Landgrafen und Kurfürsten als Unterkunft bei Stippvisiten. Sie hat einen weitgehend unzugänglichen, geradezu verwunschenen Garten. Nana von Eisenreich liebt den Blick auf das mit seltenen Gewächsen besonders gehaltene Kleinod. Der Garten zählt nach ihren Begriffen zu den Privilegien, die sich mit der fast schon intimen Nähe zum Dekan des Germanistischen Seminars verbinden. Professor Goya bekleidet sein hohes Amt in dem beinah noch jugendlichen Alter von zweiundvierzig Jahren.

Goya ist der Sprachmeister. Das ist ein historischer Titel.

Doch geht es im Augenblick nicht um Goya. Zum ersten Mal ist Nana bereit, ihr süchtiges Interesse an Chet zuzugeben. Die Verlässlichkeit ihres Begehrens lässt sie moussieren. So ausdauernd scharf war sie noch nie auf einen Mann. Mit der Ernsthaftigkeit einer Novizin wendet sich Nana Chet zu. Der Dozent zitiert Didier Eribon: Emanzipation braucht Urbanität und Freizügigkeit. Er erinnert an Transvestitenbälle in New York als Magneten für heterosexuellen Voyeurismus. Subkulturen sind Erben uralter Lebensweisen. Eine Reflexion der Belle Époque und der Années folles beleuchtete die Ikonographie und Barmetaphorik der Pariser Treffpunkte, als James Baldwin in der Stadt war. In Gedanken führt Nana Chets Finger. In Wirklichkeit braucht sie das nicht. Die Worte bilden einen Körper mit den richtigen Eigenschaften.

Nana verbirgt ihre Entschlossenheit. Sie offenbart sich nicht in den Kleinigkeiten des Alltags. Was sie nicht will, ist ein schlecht nachgeahmter venezianischer Karneval mit Masken und Fackeln und abgenutztem Fetischkram. Sie will keine angestrengte Klugscheißerei. Vorhin hat sie Chet in einer Vorlesung sagen hören: Concierge leitet sich ab von Comte des cierges – Graf der Kerzen. Das reichte für einen Moment zwischen Vorglühen und Nachbeben. Es gibt so viele leere Räume in dem alten Unikasten und sogar einen toten Trakt voller mumifizierter Mäuse. Nana weiß, dass Chet seinen Studierenden Pierre Bourdieus „Anamnese der verborgenen Konstanten” empfiehlt. Er ist also ein Komplize. Nana sehnt sich nicht nach einem Komplizen. Sie will auf die richtige Weise falsch verstanden werden. Chet hört auf, sich vorzutasten. Jetzt sitzt er im Sattel. Noras Gesicht täuscht einen aufmerksamen Ernst vor. Noch immer liegen zwei Lagen Stoff zwischen Chets suchenden Händen und Noras reizender Blöße. In der chinesischen Kampfkunst unterscheidet man zwischen Wu Sao und Man Sao. Wu Sao bezeichnet die sichernde Hand, Man Sao die neugierige Hand. Chet hat keine sichernde Hand mehr.

Die unterschätzte Sinnlichkeit - Brustwarzenstimulation und weibliche Lust

Sexuelle Lust wird oft auf die Genitalien reduziert, als wären sie das alleinige Zentrum menschlicher Erregung. Doch der Körper ist komplexer, vernetzter – und überraschender. Ein besonders interessantes Beispiel dafür ist die Rolle der Brustwarzen in der weiblichen Sexualität. Für manche Frauen sind sie nicht nur eine erogene Zone unter vielen, sondern ein eigenständiger Zugang zu intensiver Lust, der sogar bis zum Orgasmus führen kann. Dazu bald mehr.

Eine göttliche Offenbarung riss Nanas Freundin Lale einst aus dem Rinnstein und expedierte sie in die Küche des sagenhaften Vincent. Dieser Dinosaurier seines Fachs gehört einer Kohorte von Küchenrevolutionären an, die der molekularen Labor-Gastronomie den Weg wiesen. In der Handlungsgegenwart lässt sich der Veteran nur noch historisch erklären. Vincent profitiert von dem Wunsch seiner Gäste, einen Helden am Herd zu verehren. Ihr kulinarisches Halbwissen interpretiert die Restaurantküche als Raubtierkäfig mit Greifern aller Größe. Vincent spielt in diesem Szenario den König der Tiere. In Wahrheit schmeißt Lale den Laden. So was sieht man nicht von außen. Das wäre geschäftsschädigend. Niemand fände es plausibel für die Tellerfertigkeit einer Drogenkranken, die sich täglich neu mit Rigorosität und Religion kuriert, seinen Namen auf Wartelisten setzen zu lassen und Vincents Preise akzeptabel zu finden. Der Gast zahlt für eine gelungene Täuschung. Vincent, längst vollkommen verschlissen, raucht über seinem Creuset-Equipment, der Schweiß überrennt das Donnerhaupt wie Schmelzwasser einen Stein. Asche und Schweiß fusionieren mit den Dingen in den Töpfen.

Es ist eine Schweinerei, die in einem Wunder der Suggestion zum magischen Vorgang transformiert. Nie sah ein Gast die Küche und den uniformierten Fleiß, die eiserne Routine der Mannschaft, die von Vincent manchmal wie Sklaven und manchmal wie Mitgötter behandelt werden.

Mise en placelet’s roll.

Der Asket bringt die Bereitschaft mit, sich gegen seine Natur zu wenden. Wird diese Tendenz dynamisiert von Optimierungserwartungen, heißt Erziehung der Schlüssel zum Erfolg. Im 5. Jahrhundert breitet sich „eine geregelte, reflektierte und kontrollierte Praxis der Askese“ aus. Einen architektonischen Rahmen liefern Klöster. Die Wissensgesellschaft formiert sich. Das erste Informationszeitalter bricht an. Ihrem Wesen nach ist die mit sich selbst befasste Kirche eine Akademie und so auch ein Weltraumzentrum, in dem Himmelfahrten organisiert werden. Was ist erforderlich, dass du mitfliegen darfst?

Drei Begriffe greifen ineinander: Keuschheit – Reinheit des Herzens – geistiger Kampf. Die Keuschheit des Körpers koinzidiert mit der Keuschheit des Geistes. Die Gedanken sind nicht frei. Phantasie ist gefährlich. Die Erziehung bricht auf in der Zucht. Das Gegenstück: Unzucht; ein Wort, das sich lange hält und bis heute nach Urinstein, Waisenhaus und Jugendstrafvollzug stinkt.

Unzucht. Das Wort atmet in Nana. Sie will Unzucht treiben, wie soll das überhaupt gehen in einer säkularen Gesellschaft.

„Lass’ uns heute Abend noch unzüchtig werden“, bittet sie Chet via WhatsApp, während sie die Lebensgefährtin eines anderen Liebhabers gemein anlächelt. Die Frauen sitzen im legendären ‚Da Vincent’ an verschiedenen Tischen und doch nah genug, um ihre Parfüms riechen zu können. Eine mörderische Spannung liegt in der Luft. Nana und Madeleine kennen sich aus einer öffentlich-intimen Konstellation. Madeleines Mann Roger hatte das Vergnügen Nana vor den Augen eines begeisterten Auditoriums in einem Frankfurter Club zu penetrieren, während Nana außerdem das Vergnügen hatte, von Madeleine geleckt zu werden. Der am Hintern der Graduierten klebende Grandseigneur gab vermutlich ein Bild für die Götter ab.

Um Chet in Schwung zu bringen, formuliert sie: „Ich möchte auf etwas bewegt werden, dass ich für einen Altar halten darf.“  

Ich möchte bewegt werden. Vier kleine Worte reichen für ein bilaterales Aufrauschen. Sie kommen Chets Wunsch entgegen, Nana in den Griff zu kriegen und ihren Scharaden ein handfestes Ende zu bereiten. Nana erregt Chets Verzweiflung, die sie heraufbeschworen hat. Er kann sich nicht sicher fühlen. Er darf sich nicht sicher fühlen. Sonst könnte er nachlassen. Er könnte seine Anstrengungen verringern; anstatt sie zu verdoppeln. Kurz gesagt, Simone fordert Chet wie eine Trainerin, um ihn an seiner Leistungsgrenze zu halten. Trotzdem baut er ab. Etwas klemmt in dem aufgeladenen Verhältnis. Noch ahnt Nana nicht, was es ist. Allerdings spürt sie eine gewisse Einseitigkeit, wie einen Gleichgewichtsverlust.

Zur gleichen Zeit doziert Grandmaster Goya über Michel Foucault. Die Antwort auf alle Unwägbarkeiten lautet Erziehung. Das stellt Foucault beinah am Ende seiner Reise zu den Quellen des Nils der „Sexualität und Wahrheit” im vierten Band fest. Er beschreibt das Projekt des Christentums als eine post-antike Verbesserung des Menschen in Glauben und Verzicht. Foucault zeigt, dass die Ökonomisierung der Sexualität, die sich bis in den Regelvollzug fortsetzt, nicht erst vom Christentum ausgelöst wurde, sondern vorher da war. Die apostolischen Einlassungen basieren auf Milieuübereinkünften in einer nicht christlichen Welt. Am Anfang vom Ende einer langen Strecke des Begreifens zeigt Foucault, dass die Kirchenväter zu Anfang der christlichen Zeitrechnung stoische Leitsätze kopierten. Er durchforstet die Reglements von Taufe, Sünde und Buße in der Gemeinschaft der Gläubigen.

„Die Vielseitigkeit und Unbeständigkeit” des Menschen verlangen Regulation. Über die Vereinfachung gelangt man zur Askese.

Zitiert aus Michel Foucault, „Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit”, Band 4., herausgegeben von Frédéric Gros

Erotische Startbahn

Vermutlich braucht die Erzählerin, die Worte fühlt, eine doppelte Imago. Ein furioses Gehirn, das bis auf ihr Skelett durchgreift und sie erschauern lässt wie in einem englischen Roman aus dem frühen 19. Jahrhundert, und jemanden, der eine Einladung in eine Eisdiele so unschuldig aussprechen kann, dass die Erzählerin sich in der Vorstellung verliert, er könne, während er über Oscar Wilde spricht, einen Schenkel so berühren, dass sie Gefahr liefe, den Strohhalm in ihrem Eiskaffee zu zerbeißen.

Für Nana ist jede sexuelle Interaktion so schön wie die Narration, die den Akt bekränzt. In einem bettwarm-schläfrigen Augenblick im letzten prä-pandemischen Sommer assoziiert sie ein prestige-prächtig geschmücktes, frisch aufgeworfenes Grab. Sie sieht sich auf einer großbürgerlichen Beerdigung mit berühmtem Trauerredner. Nana sitzt neben Goya und das löst genug aus, um komplizenhaft zusammenzurücken.

Überall drohen die Fallstricke des Mechanischen. Ein falsches Wort, dessen Redundanz offenbart, wie unverbindlich der Sprecher zur Sache kommt, verkürzt die erotische Startbahn so, dass Nana nicht abheben kann.

Ein wortlos durchgeturnter, orgastisch finalisierter Akt bleibt eine trostlose Angelegenheit. Etwas kann öde sein und trotzdem mit einem Orgasmus enden. Die Lust hat ihr eigenes Alphabet, jeder muss noch einmal von vorn anfangen, sobald er sich selbst gegenüber persönlich werden möchte.

Charles Baudelaire nannte George Sand eine „Spießerin der Unmoral“. Er unterstellte ihr die Urteilstiefe einer „Gardienne“. Darüber würde Nana kein Wort verlieren, wäre es nicht Baudelaire gewesen, der, so erklärt es Hans Mayer, „die Dialektik von Skandal und bourgeoiser Gleichschaltung im Fall George Sand“ aufdeckte.

Aurora und Leopold von Sacher-Masoch sind gefragte Leute. Leopold steht als Skandalautor hoch im Kurs. Die originellsten Köpfe der Epoche pilgern zu dem Schreibritter nach Graz, ohne sich an dessen bodenständigen Überspannung zu stören. Bodenständig, so formuliert Nana, weil der räumliche Radius des Erotomanen einen stabilen Gegensatz zu seinen literarischen Ausschweifungen bildet. Das urbane Zentrum der Steiermark ist viele Jahre der Dreh- und Angelpunkt eines Autors mit europäischer Ausstrahlung.

Aurora begegnet Alberta von Maytner, die unter dem Pseudonym Margarethe Halm publiziert. Mit merkwürdigen Begründungen vermeidet die Schriftstellerin den öffentlichen Verkehr. Im Sommer ist es zu heiß, im Herbst zu kühl, im Winter zu kalt. Das Frühjahr bleibt in der Aufzählung außen vor.

Kälte macht „hässlich“. Besuch empfängt Maytner im Schlafzimmer. Ein mit Mullbahnen verhangenes Bett fungiert als pièce de résistance. So sagt es Aurora. Sie findet Maytner „noch ... hübsch genug“.

Im Bett trägt die Ultrahäusliche ein „Hofkleid ... (mit) ungeheurer Schleppe“.

„Ihr schwarzes Haar, das drei Tage in der Woche in Wickeln schmachten musste, war jetzt frei und flutete ihr in graziösen Wellen über den Rücken.”

Maytner betrachtet sich als Stammmutter einer neuen Menschheit. In ihrem Schlafzimmer empfängt sie göttliche Sendungen. Der angenehm skeptischen Aurora versucht sie esoterisch den Mund wässrig zu machen; während Leopold der Verstiegenen nach dem Mund redet. Ihm kann kein Mensch zu irre sein.

Zu den ausgefallensten Persönlichkeiten in Leopolds Dunstkreis zählt die Lektorin und Übersetzerin Anna-Catherine Strebinger. Sie lässt sich „selbst gekaufte Blumen oder selbst aufgegebene Telegramme ins Theater bringen”, um sie mit großartigem Erstaunen entgegenzunehmen.

Aurora nennt sie Kathrin. In Österreich erscheint Anna als Inbegriff einer Französin, obwohl sie das mit einem bayrischen Vater in dem aufgeheizten Postbellum-Klima nach 1871 so wenig sein darf, dass ihr Dauerverlobter, der leidenschaftliche Anti-Bonapartist und zeitweise als französischer Präsidentschaftskandidat gehandelte Marquis de Rochefort, von seinen Parteigängern vor die Wahl gestellt wurde, von Kathrin zu lassen, oder aber die Unterstützung seiner Partei zu verlieren.

Das referiert Nana in Goyas Gegenwart. Er sitzt an ihrem Uni-Schreibtisch mit freiem Blick auf die Institutslinde vor dem Fenster. 

Sie hört sich sagen: „Ich lass‘ dich nie mehr los.“

Am liebsten würde sie fürderhin nur noch ein reizendes Bild abgeben. Nana will ein unauslöschlicher Teil von Goyas innenweltlichen Bildergalerie werden. Er soll sie nie mehr aus dem Kopf kriegen. Für später merkt sie sich den Satz: Wir haben unsere Erregung verbraucht und sehen uns nun mit scheuen Augen an.

Wie gesagt, das ist eine Phantasie. Manchmal cruisen sie gemeinsam in Nanas restauriertem 68er-Mustang GT Fastback ... und Goya sieht auch ein bisschen so aus wie Steve McQueen als Lieutenant Frank Bullitt in der legendären Verfolgungsjagd auf den Straßen von San Francisco ... durch die nordhessische Savanne. Sie erreichen eine Aue in einem Fuldatal. Nana glaubt zu träumen, so blau liegt der See in der Grundmoränenlandschaft. Der See füllt eine Través de glaciares, eine niedliche glaziale Rinne. Buben singen böse Lieder an seinem, von urweltlichem Wurzelwerk geäderten Ufer. Ihre Bestien liebäugeln mit Fahrradfahrerwaden.

Blauäugige Aufmerksamkeit

Für William Gaddis war Realität „nichts anderes als die umlaufende Rede“. Hanns Zischler spricht von „asynchroner Wahlverwandtschaft“. Das von Henry James „unter den Teppich gekehrte Gemurmel Amerikas“ habe Gaddis „hörbar“ gemacht. In den 1990er Jahren ging um die Etablierung eines weiteren Genies im deutschen Buchmarkt, man hatte sich auf Gaddis geeinigt wie in einem anderen Jahr auf Göttle, Gabriele, Gaddis kam zur Messe nach Frankfurt, Goya sollte ihn porträtieren. Der Gaddis-Klan war seit den Tagen von Peter Stuyvesant in New York tonangebend; jedenfalls war das die Suggestion. Gaddis repräsentierte seine Klasse bis zu den Ziselierungen. Er erschien als Klischee eines White Anglo Saxon Protestant mit Hosenträgern. Er sah aus wie eine Erfindung von Tom Wolfe.

*

Charles Darwin glaubte an einen Swing von weiblichen Partnerwahlpräferenzen und männlichem Selektionsdruck. Der britische Statistiker und Evolutionstheoretiker Ronald Aylmer Fisher (1890 - 1962) griff Darwins Idee von einer natürlichen Optimierung auf, um ihr zu widersprechen. Fisher etablierte die sexuelle Präferenz als Komplementärkategorie zur natürlichen Selektion. Die Bevorzugung von Merkmalen führt nach der Sexy Sons Hypothesis zur Durchsetzung von männlich konnotierten Farben und Formen. Interessant ist hier die Geringfügigkeit eines Farbvorteils, der in evolutionären Prozessen mit aller Macht nach vorn getragen wird, ohne die Überlebenschancen der Merkmalträger zwangsläufig zu verbessern. Fisher nannte den kuriosen Vorgang Runaway Process. Auf dieser Strecke werden Selektionsnachteile (wie etwa ein beschwerlicher Federschmuck) so lange weitergegeben, bis vitale Beeinträchtigungen das Experiment stoppen.  

So kann der weibliche Schönheitssinn in die Irre führen. Die pfauenprächtigen Gefolgsmännchen ihres Vaters lösen in Nana eine gesunde Skepsis aus. Die designierte Nachfolgerin und bestplatziert Kandidatin akademische Spitzenposition orientiert sich lustvoll an menschlichen U-Booten auf Schleichfahrt, die ihre Vorzüge in einem Schattenmantel verbergen.

Nanas Freundinnen favorisieren extrem auffällige Männchen, deren Performance auf optische und akustische Maximalreize ausgelegt ist. Die Präferenz einer Gefiederten für lange Schwanzfedern bewirkt die sogenannte positive Rückkopplung, die sich bald paradox auswirkt. 

„Der Koppelungsprozess führt in kurzer Zeit zu extremer Merkmalsausprägung.“ 

Überzogene Federschwanzlängen wirken sich bei Pfauen so kostspielig aus, dass sie einen deutlichen Überlebensnachteil im Zuge eines hohen Energieverbrauch, und einer Beeinträchtigung der Mobilität darstellen. 

Man spricht von Selbstverstärkung. „Die Farbpräferenz des Weibchens sorgt für die Selektion der männlichen Gene, die darüber hinaus keine weiteren Vorteile bieten müssen (Axel Buether).“ 

Nana reagiert zuerst auf einen Geruch kurz vor Katzenpisse und dann erst auf die huskyblauen Augen des zweifellos amerikanischen, auf die skandinavische Art gutaussehenden Barmannes. Er beherrscht die Kaffeezubereitung nach dem Barista-Komment. Seinen Bewegungen fehlt aber das legendär Somnambule. Sein einheimischer Kollege wirkt wie von einer Kaffeemaschine gezeugt und lange gesäugt. Das ist eine ganz andere Performance.

Nana sucht die blauäugige Aufmerksamkeit. Sie schnappt den relevanten Namen auf - Clark. Die Philologin prüft das Silbenkleid von Clarks Anglodeutsch und vernimmt eine sie belustigende Freude an den fremdsprachlichen Schrunden. Stark angezogen fühlt sie sich von dem Spaß, den Clark hat. Zwei Stunden später weiß sie, dass er …

Jetzt sind wir endlich da, wo die Sprache aus dem Raum hinter den Dingen hervortritt und sich zeigt in ihrer göttlichen Herrlichkeit. Als Herrin des Geschehens und Hüterin der Menschenwelt dir und mir zeigt. Jemand spricht auf einem Vorhof der Eigentlichkeit von Nähe. Verdichtung. Wärme. Vom Verbalen als Intimität. Von Zuwendung in Form von Worten. Von einer Form von Zuwendung. Einen Satz mit der Kraft deiner Lippen an meinem Hals vernehme ich nicht. Dieser Sprecher kennt kein Wort, das mir mehr sagt. Dann bist du da, endlich. Hübsch finde ich dich. Du redest sofort nur noch mit mir. Ich erlebe es so, als fassest du mich an. Deine Worte stromern durch meine Lustlandschaft. Silbengenau erkunden sie die Schwelle, an der das Wort nicht mehrfür etwassteht, sondernselbst etwas ist. Sprache nicht als Medium, sondern als überwältigendes Momentum. Ich bleibe bei dir (stehen), ich kann gar nicht anders. Gemeinsam formulieren wir dasManifest der sprachlichen Intimität.

Du sagst etwas und ich kriege Gänsehaut. Ich reagiere auf etwas, dass mein Ohr nicht hört, mein Körper im Ganzen aber schon. Ich nehme es wahr als Vibration, Druckgefühl, Unruhe oder eben Gänsehaut. Niederfrequente Töne wirken direkt auf den Körper, auf das Zwerchfell, das Nervensystem und die Organe. Sie lösen Angst, Erregung, Präsenz aus. Ich glaube, dass du solche Prozesse steuern kannst. Das macht dich für mich zu einem modernen Magier. Du nutzt die niederfrequenten Anteile deiner Stimme, um Vertrauen und Verlangen auszulösen. Da bin ich mir sicher. Schwingung und Resonanz - Schamanentrommel, Didgeridoo, OM-Chant: das sind Werkzeuge der Infraschall-Kommunikation. Blauwale und Buckelwale erzeugen extrem tiefe Gesänge, die durch das Meerwasser mit erstaunlicher Effizienz reisen. Diese Laute, die weit unterhalb der menschlichen Hörgrenze liegen, können sich über mehrere tausend Kilometer hinweg ausbreiten, da sie kaum vom Wasser absorbiert werden. Der Ozean wirkt wie eine akustische Linse. In der sogenannten SOFAR-Schicht bewegen sich die Schallwellen nahezu verlustfrei. Manche Wissenschaftler vermuten sogar, dass sich Wale über globale Entfernungen hinweghören können, mit einer Art planetarischem Echolot.

Nana wechselt ständig die Sphärensättel. Sie switcht zwischen poetischem Raunen und akademischer Präzision, zwischen Körper und Konzept, zwischen Zärtlichkeit und Theorie. Die Aufhebung der Trennung von Denken und Fühlen, von Analyse und Berührung, von Subjekt und Welt ergibt sich scheinbar von selbst. Ich sage scheinbar. Denn da ist eine Konzentration, die Nana mit Goya verbindet. Nur mit ihm kann sie von Cut-Up zu Körperbildern springen, vom deutschen Sprachmisstrauen zum erotischen Jetzt, von der Giacometti-Verehrung zur poststrukturalistischen Poiesis, ohne sich zu vergaloppieren. Im Gegenteil, im Spiel mit Goya entsteht ein Flow der exakten Durchlässigkeit. Wie er sie anguckt. Was er manchmal zwischen den Zeilen sagt. Als würde er im Schlaf mit den Zähnen eine erotische Wunschliste zusammenknirschen. Sie vertraut ihm ihre Lust an. Sie trägt das Kleid, in dem er sie am liebsten sieht, häufiger als früher. Schon spürt sie seine Hand da ... Dass du mich dazu kriegst, dir so sehr gefallen zu wollen, macht mich manchmal ratlos, sagt Nana dann doch nicht.

*

Nana ist intelligent, sieht gut aus, verdient gut, hält ihr Leben in Ordnung und hat viele Orgasmen. Sie schwimmt in einem Hotelpool. Das ist der letzte Schrei in der kleinen nordhessischen Universitätsstadt. Das Becken ist in einer Dachterrasse eingelassen. Die fünfzehn Non-Academic High Potentials vor Ort genießen die gute Aussicht. Nana balanciert auf einem Hochspannungsseil. Im selben Augenblick referiert Goya über frühe Darstellungen von Homosexualität. Er spricht über Balzacs schwachen Helden Pons (in „Cousin Pons“). Pons wird von seinen Angehörigen verachtet. Sie sehen in dem Repräsentanten einer nicht-hegemonialen Subkultur „einen Parasiten“ und halten sich mit Beleidigungen schadlos. Pons lebt persönlich bescheiden in Wohngemeinschaft mit dem deutschen Musiker Schmucke, den er zu seinem Erben bestimmt. Das ist die Schlüsselkonstellation. In ihr offenbart sich der Charakter einer Beziehung, die keine Aussicht auf Anerkennung hat.

Vor Goya sitzt Ariane und vergöttert ihn demonstrativ. Ihr Ausschnitt ist ein Blickfang erster Güte. Mit diesem Detail als erotische Beute zieht sich Goya in sein Büro zurück. Er kann Nana nicht erreichen, findet aber eine Nachricht von ihr: 

„Ich will mich mit dir in den Chimären verlieren, die wir erschaffen haben.“

Goya denkt an Arianes Dekolleté und an den unverbindlichen Pornosatz: Bitte, spritz mich voll. Der Mix reicht für eine sofortige Entladung. Um die post-koitale Melancholie zu vertreiben, macht Goya Liegestütze und Klimmzüge. Aufgepumpt stellt er sich in einem Seminarraum der nächsten Gruppe angehender Philologinnen. Es geht um Samuel Beckett. In den 1950er Jahren beginnt Beckett das eigene Werk in seine Muttersprache zu übertragen. Er übersetzt sich selbst aus dem Französischen, so wie er sich in den 1920er Jahren ins Französische zu übersetzen begann. Er synchronisiert seine Denksprachen zunächst mit dem Ehrgeiz im Französischen völlig ungezwungen aufräumen zu können. Er sucht Wörter, die der Wirklichkeit gewachsen sind. Ornament und Verbrechen - Schiere Sprachmöblierungen sind ihm ein Graus. Er will die Schonbezüge von den Wörtersofas ziehen.

„Antike Rituale zu verstehen, ist … ungefähr so, als wollte man als Taubstummer Klavierspielen lernen.“ Gabriel Zuchtriegel

Der Sechzigjährige erfreut sich bester Gesundheit. Zur Vitalität gesellt sich Intelligenz. Der Fürst kombiniert astronomische Interessen mit der Konfination aller Unbequemlichkeiten. Er ist der Erste seines (von phantasmagorischer Raubtierheraldik geschmückten) Geschlechts, der das Finanzgeschehen auf akademischem Niveau begreift, das seine Haushalte entfalten. Seine Vorgänger waren einfältige Despoten. Don Marcellus Garmendia, Fürst von Lalala, erscheint wenigstens im Vergleich mit verwandten Potentaten als brillanter Tyrann. Er unterhält ein Stadthaus in … und diverse Landsitze. Er pendelt mit Gefolge.

Der Fürst geriert sich als geistiger und geistlicher Führer in der Verkörperung überbordender Anachronismen. Sollten Sie nun annehmen, ich sei dabei, mich in Labyrinthen des 19. Jahrhunderts zu verirren, so irren Sie. Die Geschichte spielt heute und hier, wenn man darunter Westeuropa versteht.

Während die eheliche Sexualität sich vollständig erschöpft und als leeres Formular lustlos, aber vorwurfsvoll hin- und hergeschoben wird, revitalisiert sich Marcellus nicht zuletzt mit Hilfe der Archäologin Epona. Epona war die Göttin der Pferde. Die Römer widmeten ihr sogar ein eigenes Fest am 18. Dezember. Marcellus enerviert die sexuelle Gehhilfe (aus Gehhilfe macht ein phonetischer Kurzschluss Gehilfin) mit dem Krückstock des ständigen Hinweises auf sein Alter. Epona soll in der Verjüngung des Liebhabers ihr erotisches Auskommen finden – und zwar leidenschaftlich. Dass da mehr Leiden als Schaft im Spiel ist, will ich nicht behaupten. Gleichwohl sind Marcellus‘ Erwartungen dumm. Niemand findet seine Mission in der Erfüllung fremder Erwartungen. Eine leere Wohnung, die man voller Erwartungen bezieht, bietet sich als Herausforderung an. Eine volle Wohnung, die man erwartungslos betritt, ist so verheißungsvoll wie ein Sarg.

Von Epona verspielt, wenn nicht verträumt, in jedem Fall kaum ernsthaft in den siebten Himmel geliftet, kündigt Marcellus den Ehevertrag. Er eröffnet der Gattin die Trennung, meldet der Geliebten telefonisch Vollzug und setzt sich ins Auto. Auf dem Weg zu Epona wird er final aus dem Verkehr gezogen.

Eponas Schwung, ihre Bereitschaft, sich ins nächste Abenteuer zu stürzen, verhilft ihr Stunden nach Marcellus Unfalltod zu einer Bekanntschaft mit Harald. Im Grunde hat sie von dem routinierten Getue des australischen Edelschreiners schon in der Lounge ihrer ersten Begegnung genug. Harald setzt im ersten Annäherungsstadium auf Weinwissen. Im zweiten Durchgang tritt er mit Fitnessstudiomuskeln und gewachster Haut in einem Hotelkammerspiel auf. Ihrem Tagebuch wird Epona noch vor Ablauf der Nacht anvertrauen:

„Als ich Haralds Erektion sah, übermannte mich der Wunsch, mich von ihm in meine äußersten Zustände bringen zu lassen. Er genügte sämtlichen Erwartungen, die ich mit einem angenehmen Männchen verbinde. Ich gab ihm zu verstehen, er möge doch bitte seinem Wunsch energisch aufzureiten keine Zügel anlegen. Er verstand mich auf Anhieb. So kam ich in den Genuss eines vollständigen Vergnügens … das post-koitale Äquivalent zu einem guten Magen nach einem vorzüglichen Mahl, von dem man sofort und ohne Bedauern weiß, dass es sich mit nichts Zukünftigem verbinden wird.“

Die Diaristin stellt ihr Erlebnis in einen - den Anlass großräumig überschreitenden - Rezeptionszusammenhang mit der Bonobo’schen Zügellosigkeit. Brehms Tierleben lässt grüßen. Sie meditiert dann auch noch zeilenlang über Marcellus, dessen aristokratische Patina einen postumen Reiz entfaltet. Epona masturbiert vor einem mannshohen Spiegel. In ihrer Phantasie beobachtet der Halbgreis Marcellus sein adoleszentes Ich beim Geschlechtsverkehr mit seiner Geliebten. Die Differenz zwischen vital und viril; zwischen der Tennisbräune eines famos gealterten Grandseigneurs und der juvenilen Potenz des bezaubernden Juniors.

*

Epona spielt mit einem historischen Tableau rund um Helene Gala Dmitrievna, die 1916 nach Paris kam, um Paul Éluard zu heiraten. Sie verkündete: „Ich werde alles tun, aber ich werde aussehen wie eine Frau, die nichts anfasst.“

Max Ernst bewunderte Galas Beischlaftalent. Er stieg in eine Menage à trois ein, von Éluard ermutigt. Elsa Jurewna Kagan, die mit Aragon glücklich wurde, befand: Mit einem Mann muss einen mehr verbinden als die Liebe.

Von Aragon zu Philippe Soupault; gesellschaftlich konnte er sogar von Proust in Betracht gezogen werden. Die Surrealisten hätte er aus der Portokasse von Renault finanzieren können. Er war zu vornehm für den Parvenü Breton. Proust bezog sein Bier aus dem „Ritz“. Seine Geräuschempfindlichkeit war sagenhaft. Er informierte sich auf seltsamen Wegen. Manchmal ließ er sich bei einer Spazierfahrt im Morgengrauen die Nacht berichten. Ihn interessierten die Farben der Federn an Damenhüten. Zu seinen Zuträgern zählte Soupault. Keine Leserin der „Recherche“ kommt ohne solche Schoten rund ums „Ritz“ und rund um die Korkwände von Prousts Schlafzimmer aus. An ihrem Saum entsteht das Verständnis für eine abgesunkene Welt. Ihre heraldische Ordnung geriet in den Sog der vorläufig letzten Moderne. Proust band sie an eine Schelle, die heute noch klingelt.

*

Epona versäumt nicht Marcellus‘ Beerdigung. Beigesetzt wird der Fürst in einer biologisch abbaubaren Ökokiste. Sie kondoliert der Witwe, ohne deren Argwohn zu erregen. Marcellus‘ Trennungsbegehren wurde unter den Familienteppich gekehrt. Vom ersten Augenblick der Witwenexistenz fälscht die Gattin die Geschichte ihrer Ehe. In einer gefälligen Version riss der Tod ein liebestüchtiges Paar auseinander.

Beide, die Gattin und ihre Rivalin, tragen Schleier und geben sich so, als seien sie vor fünfzig Jahren in einem Film von Chabrol für Hauptrollen in die engste Auswahl gezogen worden. Eine Aversion baut Epona auf einer Linie von Mundgeruch, Biskuitkuchen und Matronenhaftigkeit aus.

Erfreulich indiskret

„La Fornarina“ heißt ein 1518/19 entstandenes Meisterwerk der Hochrenaissance. La Fornarin - die kleine Bäckerin. Der Name der barbusig Dargestellten wurde Jahrhunderte als Marginale gehandelt. Man identifizierte die Porträtierte als Tochter eines Bäckers; geboren um 1490 in Siena. Margherita Luti war die als Hausgenossin akkreditierte Geliebte des schon zu Lebzeiten den Unsterblichen zugeordneten, vom Papst begünstigten, ewig mit der Kardinalstochter Maria da Bibbiena verlobten, offiziell nie verheirateten Raffaello Sanzio da Urbino. Raffael vollendete das Bild in seinem letzten Lebensjahr. Vereinzelt behauptet wird, die Porträtierte sei nicht Margherita, sondern Francesca Chigi, die 1518 zur Gattin aufgestiegene, langjährige Geliebte des toskanischen Magnaten Agostino Chigi. Francesca hatte mit dem Bankier des Papstes fünf Kinder. 

Agostino ließ in Trastevere einen Palast errichten, der als Villa Farnesina (nach dem späteren Besitzer Alessandro Farnese) zu einer römischen Sehenswürdigkeit wurde. Raffael übernahm Ausgestaltungsaufgaben. Agostino starb kurz nach der Hochzeit mit Francesca, nur vier Tage nach Raffaels überstürztem Ableben.

Gelegentlich verwies eine Koryphäe auf (vermutlich von Raffaels Schüler und Werkstatt-Nachfolger Giulio Romano) übermalte Zeichen einer heimlichen Ehe mit dem Genie. Im 21. Jahrhundert entdeckten Wissenschaftler bei einer Röntgenanalyse einen retuschierten als (Ehebeweis bewerteten) Rubinring und weitere in postumer Verdunklung untergegangene Liebessymbole. Hinzu kommt der deutlich sichtbare, mit dem Künstlernamen signierte Armreif.

Eine legitime Verbindung mit Margherita wäre für den Superstar nicht ohne massive soziale Nachteile zu haben gewesen.

Für Gustav Klimt steht außer Frage, dass Margherita dem Meister Modell stand. Sie verband die Darstellung ihres Liebreizes nicht mit dessen Veröffentlichung nach Maßgabe der Reproduzierbarkeit von Kunstwerken im technischen Zeitalter (Walter Benjamin). Eine Verletzung ihrer Scham fürchtete sie nicht. Für Margherita vollzog sich das Geschehen in einem privaten Rahmen. Diese Vorstellung lässt sich leicht auf jene „frischen Wiener Mädel“ (Arthur Schnitzler) übertragen, die Klimt in seinem Atelier zeichnet und vögelt. Mit Schnitzler konkurriert er zu seinem Nachteil auf dem Minenfeld des plaisir érotique rapide. Von mancher Niederlage korrumpiert, wird der Verlierer mitunter zum Verleumder. Er suggeriert, Schnitzler vergreife sich über Gebühr an den „reschen Maderln“ . Das berührt ein Wiener Bohème-Genre. Man wildert in Gefilden fern der eigenen Kreise. Man kneift und klopft die Hinterteile der niedrigen Stände. Klimt wohnt mit seiner Mutter zusammen und verehrt die - über die Begriffe der Zeit hinaus - emanzipierte Emilie Flöge. Die Konstellation entgeht nicht dem Wiener Schmäh. Sigmund Freud spricht von „vagierende Sprachbilder ... die nicht zum Gesprochenwerden bestimmt sind“, sich aber trotzdem Wege in den öffentlichen Raum suchen. Sie lungern auf Bewusstseinsschwellen und offenbaren sich im Versprechen. Mit Freud berühmt wurde Vorschwein anstelle des Vorscheins. Schön finde ich draut als Vermengung von dauern und traurig. Draut beklagt einen anhaltend-traurigen Zustand. Lange vor der Prägung psychoanalytischer Begriffe erfasste die Renaissancemalerei schlagartig seelische Valeurs, die in den Jahrhunderten zuvor lediglich poetisch begriffen worden waren. Vielleicht korrespondiert Margheritas auf den Künstler (wohl eher als auf eine Betrachterin) reagierende Zugewandtheit mit der Erwartung, in einem Akt gemalter Minne geadelt zu werden. Immerhin geriet sie so in einen Aufmerksamkeitswettbewerb mit den prominentesten Persönlichkeiten ihrer Zeit.

Mimischer Einwand

Alle bleiben verhalten, alles bleibt in der Schwebe. Eine ambivalente Gastgeberin gibt Sigmund Freud Gelegenheit, den virilen Konkurrenten intellektuelle Hörner aufzusetzen. Für Emilie sind die an ihrer Atterseer Gartentafel versammelten Habsburger Kultur-Haudegen Aufmerksamkeitsspender; Trophäen im Kampf gegen ein mittelmäßiges Leben. Freuds fleißig gesammelten und in Spielarten anekdotischer Evidenz illustrierten „Beispiele von Versprechen“ liefern Unterhaltungsstoff in der Sommerfrische. Freud entdeckte den „störenden Einfluss von etwas außerhalb der intendierten Rede“, so wie ein unbewusst gebliebener Gedanke, der sich vorgeblich zusammenhanglos einmischt.

Den Freunden erzählt er von seiner Tochter. Noch ist Anna ein Kind, und niemand weiß, dass sie ihre eigene Gravitation im epochalen Maßstab haben wird - ein Königreich des avancierten Selbst. Anna „schneidet ein garstiges Gesicht“ beim Biss in einen Apfel. Der Vater will den mimischen Einwand mit einem Reim quittieren:

„Der Affe gar possierlich ist, zumal wenn er vom Apfel frisst.“ (Warum nicht ist/isst?) 

Freud kommt über Apfe nicht hinaus. Er doziert über den Wortbruch: „Dies scheint eine Kontamination von Affe und Apfel (Kompromissbildung) oder kann auch als Antizipation des vorbereiteten Apfels aufgefasst werden.“

Eine Wienerin möchte die Kritik an ihrer Familie mit einem Kompliment kaschieren. Doch offenbart sich die Abwehr im Versprechen. Freuds Patientin sagt, was sie meint, aber nicht zugeben will: „Man muss ihnen das eine lassen: sie haben alle Geiz“ (statt Geist).

Schön finde ich ferner den gescheiterten Versuch, der absichtlichen Zurückhaltung einer - nach den Begriffen der Zeit - Schlüpfrigkeit. Eine Touristin in den Dolomiten stellt im Rapport die Genüsse über die Entbehrung, dabei ihre Erfahrungen verleugnend. Die Urlaubsmärsche strapazieren sie. Angenehm wird es erst, wenn sie die „durchgeschwitzten“ Sachen ablegen kann. Ihren Darstellungsabsichten entsprechend, zählt sie Hemd und Bluse auf. Zurück hält sie Hose. Doch rutscht die Hose im nächsten Satz heraus: „Wenn man dann aber noch Hose kommt.“

Freud unterstellt der Sprecherin, dass sie Hose als „Verunstaltung“ von nach Hause erlebt.

Die phonetische Nähe von Geist und Geiz, Hose und Haus lockt mich auf eine Rennbahn des Assoziativen. Freud kommt mir wie ein erfreulich indiskreter, vor allem jedoch phantasievoller Erzähler vor.

„Die gute Beziehung zwischen dem Namen Klapperschlange und Kleopatra erzeugt bei (einer Patientin) eine momentane Einschränkung des Urteils.“

Ausgangspunkt der prunkenden Deutung ist ein Traum, in dem ein Kind beschließt, „sein Leben durch einen Klapperschlangenbiss enden (zu lassen)“. Die Patientin rahmt ihre Schilderung mit Theaterbegriffen. Daraus schließt Freud, dass der Satz “Das Kind hat beschlossen, sein Leben durch einen Schlangenbiss enden“ in Wahrheit bedeutet: „Die Patientin hat sich als Kind vorgenommen, eine berühmte Schauspielerin zu werden.“

Das ist doch toll.

Die Patientin erwähnte ein zu ihrer Zeit bereits abgegriffenes und überholtes Trauerspiel von Adolf von Wilbrandt - Arria und Messalina. In der Deutung des Analytikers covert Messalina eine von der Patientin befürchtete Mesalliance ihres Bruders. (Zitiert aus Zur Psychopathologie des Alltagslebens.)

Ich extemporiere vor einer kontinental-viktorianischen Kulisse. Freud universalisiert seine Wiener Beobachtungen; als böte nicht bereits die Mundart Übertragungshemmnisse. Klimt langweilt sich in der Runde. Er bedeutet Marion, ihn an der bewussten Stelle zu treffen. Der Meister möchte sein Modell instruieren, ohne ein Wort verlieren zu müssen. Es bedeutet Klimt alles, dass sie seine Signale richtig empfängt. 

Marion existiert dichter an dem Milieu, das Klimt sozial garantiert, als die meisten seiner Modelle. Sie entstammt einer nennenswerten Familie. Sie gehorcht den stummen Befehlen, gesteuert von ihrem Begehren. Das sich selbst exponierende Gesäß verrät Klimt, wie gut er verstanden wird. Das korrespondierende Verlangen lässt sich als Leine begreifen, an der beide laufen. Marions Aufforderung folgte Klimts Aufforderung. Der Maler gehorcht dem genitalen Wink mit jäh erwachtem Schöpfermut. Die Verkoppelung der Libido mit dem Kunstwillen wirkt wie ein Turbo. Das Wort fällt aus der Zeit, aber nicht aus dem Rahmen der Ereignisse. Auch der röhrende Platzhirsch passt ins Bild. Die animalische Brunst bändigt sich nicht in der Sublimation. Vielmehr vergrößert sie sich zu einem Schauspiel, das alles überbietet, was zwei Unbegabte miteinander tun können. Diese Aussicht hebt Marion an. Klimts artistische Potenz gibt ihrer Lust Raum. In dem verschwiegensten Winkel, geschützt von einem halbrunden Verhau, entledigt sie sich ihrer Kleider. Sie entspricht Klimts Wünschen, indem sie ihnen vorauseilt. Sie erahnt ihn und empfängt ihn so zum ersten Mal. Da erscheint er. Marion sieht einen von der Kunst bezwungenen Berserker. Als Fleischhauer wäre Klimt gewiss ein wüster Patron. An Klimt ging ein Caravaggio verloren. In der Erregungsdiktatur fällt Unterwerfung leicht. Klimt will Marion mit angezogenen und geöffneten Beinen vor sich im Gras liegen sehen. Nichts darf sie ihm vorenthalten. Das leuchtet ihr ein als Beweis erotischer Redlichkeit. Er schildert die Topografie seiner Lust aus. Klimt weiht Marion ein und ist folglich so nackt wie sie. In dieser Verfassung zeichnet er sie voller Verve. Die Vehemenz überträgt sich, Marion fühlt sich auf die richtige Weise angefasst. Um Haaresbreite entgangen wähnt sie sich dem ersten Orgasmus, als er sie doch noch einholt. Marion bäumt sich auf und liefert Klimt so ein singuläres Motiv, das ihn fortan beschäftigen wird. Es mischt sich in alles Mögliche ein, taucht auf und verschwindet in Apperzeptionsprozessen. Klimt hat etwas gesehen, was Wenigen zu sehen vergönnt ist - einen Akt ohne Gattungsbezeichnung.  

Ein Deutungsbeifang

Ein ephemerer Augenblick zwischen Tür und Angel. Ein Halbschuh und ein Hauskleid wirken sich in der Szene aus. Der Halbschuh verweist auf bürgerliche Solvenz und ein ordentliches Betragen, das Hauskleid auf einen legeren, beinah intimen Moment. Nach den Margen des 19. Jahrhunderts erscheint die Hausherrin in ihrem Hauskleid nahezu entkleidet. So sehen darf sie allenfalls der Hausherr. Aber auch das ist nicht ausgemacht. Sigmund Freud beleuchtet die Valeurs der Sequenz. Der Voyeur tarnt sich als Analytiker. Aber auch die Betrachtete profitiert von der akademisierten Schlüssellocherotik, spielt sie doch die wichtigste Rolle im Stück. Sie lenkt, hält inne, zeigt, verbirgt. Sie macht Angebote, die Literatur werden. 

Wir sind im Zenit der Wiener Gründerzeit. Wien ist ein militarisierter Weltnabel. Der aristokratische Komment stemmt sich gegen bürgerliche Verkehrsformen. Gustav Klimt betritt die Szene, fasziniert von der unfrisierten Hausfrau im Gegenlicht. Der diskrete Charme der Bourgeoisie entfaltet sich in beinah noch feudalen Verhältnissen.

Erotik ist kein aristokratisches Surplus, sondern bourgeoise Daseinsverstärkung, Ausdruck von Präsenz, Lust und persönlicher Freiheit. Es offenbart sich eine Schlüsselloch- und Scherenschnitterotik: nicht voyeuristisch im pejorativen Sinn, sondern als psychologisches Mittel. 

Narrativer Hausgebrauch

Ein ganzer Roman steckt in einem Versprechen rund um Halbschuh und Hauskleid. Durch weitgehend heruntergelassene Rouleaux (Originalschreibweise) bemerkte eine Dame die „schönen ... Halbschuhe“ eines Mannes, den sie nicht empfing; angeblich deshalb nicht, weil jener nicht wissen sollte, dass die Hausherrin wieder in der Stadt war. Der Analytiker hält die Begründung für fadenscheinig. Er vermutet, dass die Ausflüchtige „nicht in der Toilette war, um Besuch zu empfanden“. Freuds Annahme, die Frau habe sich in ihrem Hauskleid nicht präsentabel gefunden, schlägt sich in einem Versprechen nieder. Er will etwas über die Halbschuhe sagen, sagt aber Hausschuhe; besetzt von der Hauskleid-Vorstellung. In der „Beseitigung“ von Halb in Halbschuhe manifestiert sich die halbe Wahrheit, mit der Freud glaubt, vorlieb nehmen zu müssen, und so auch das Bild einer - nach den Begriffen der Zeit - halb angezogenen Bürgerin. Die erotische Mousse und Message als zum verheimlichten Hauptertrag avancierten Deutungsbeifang soll uns nicht entgehen. Da ich Freud nichts unterstellen möchte, übernehme ich einfach die Szene für den narrativen Hausgebrauch. Wir sind im gründerzeitlichen Wien. Marion von Pechstein erlaubt es sich nicht, Klimt die Tür zu öffnen. Sie findet sich unvollkommen im Moment. Plötzlich steht Klimt im Korridor. Die Tür sei nicht verschlossen gewesen, verkündet er zu seiner Rechtfertigung. Ihm gefällt die überraschte und leicht derangierte Hausfrau im Gegenlicht. Scherenschnitt und Silhouette. Das Hauskleid schmiegt sich an Marions plastisch hervorragendem Hintern. Klimt erlebt diese Delikatesse als Illumination. Er speichert das Bleistiftbild von einer privaten Person, um es später aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Bevor Marion sich sammeln und konventionelle Ausflüchte machen kann, verkürzt Klimt den Abstand. Er bringt sich in ihre Reichweite. Marion greift unwillkürlich nach dem Mann, so vage wie eine vom Schwindel Erfasste. Klimt versteht das Manöver als Einladung.      

Glänzender Paria

Stéphane Mallarmé unterscheidet Dichter, die Personen, Dinge und Szenen beschreiben, von solchen, die sich für die Frage qu'est-ce que ça veut dire interessieren. Die Frage entspricht einem oppositionellen Reflex. Das Gespräch über die Psychologie der Dinge ist ein Absonderungsprodukt. Der Künstler verliert zu Mallarmés Zeiten gerade seine bürgerliche Fasson. Als Flaneur wird er zum glänzenden Paria. Er exiliert in die Kunst und hasst die Bourgeoisie, deren Geschöpf er trotzdem bleibt.

Er verachtet den Gesellschaftsmotor Industrialisierung. Er besteht auf l‘art pour l‘art. Er führt sein Leben beinah frei von Erschütterungen. Globale Verwerfungen streifen ihn auf dem Weg zu einer abgewendeten Kasernierung.

 *

Nana findet es nicht zu wenig Anlass, Männer nur deshalb zu verführen, weil sie Worte benutzen, die sie nicht kennt. Das schafft Anson spielend. Nie würde sie es ihm gegenüber zugeben, aber manchmal perlt ein fremder Klang von seiner Zunge, der nicht zu seiner Legende passt. Aus dem Kontext versucht sie sich die Bedeutung verbaler Kleinode zu erschließen. Die Silbenlaute führen in ihr ein Eigenleben. Sie schmecken und riechen und wirken sich in Nanas empfindlichstem Organ aus. Zu Hause brütet sie heiß über Folianten aus der Enzyklopädisten-Ära. Das sind Überlebende von Zeitreisen. 

Altes Papier und neuer Wortschatz - oft reicht das. Mit Anson ist mehr möglich. Nana sitzt neben ihrem Animal-Move-Trainer im Café Schneider. In den sanften, nicht dauerhaften und doch stets zurückkehrenden Knieberührungen ihrer Schenkel maskiert sich ein wuchtiges Begehren. Ein Begehren, das Nana ehrt. Ihre Züge täuschen adorante Aufmerksamkeit vor. Die geweiteten Pupillen erzählen eine andere Geschichte. Sie ist jetzt schon so erregt, wie sie es mit den Anwärtern des letzten Jahres nie sein konnte. Nie bedeutet, auch beim Vollzug nicht. Ansons literarische Bezugnahmen schwappen in die Gegenwart zu Uwe Timm, dessen Protagonist sich in einem Roman als Libertin gebärdet. Nana ahnt, dass Anson Timm nur zitiert, weil er ein bestimmtes, von diesem Autor geschildertes Frauenbild von ihr repräsentiert sehen will: diese Mischung aus Unschuld und intellektueller Gefasstheit bei gleichzeitiger vollständiger Hemmungslosigkeit. Nana wird ihm den kunstvollen Aufbau des Settings mit Hingabe vergelten. Sie stürzt sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass Anson im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.    

Lüsternes Halbwissen

Eine Beobachtung, wie mit einem Skalpell aus dem Leben geschnitten - eine göttliche Offenbarung riss Nanas Freundin Lale einst aus dem Rinnstein und expedierte sie in die Küche des sagenhaften Vincent. Der Dinosaurier seines Fachs gehört einer Kohorte von Küchenrevolutionären an, die der molekularen Labor-Gastronomie den Weg wiesen. In der Handlungsgegenwart lässt sich der Veteran sogar in Ederthal nur noch historisch erklären. Vincent profitiert von dem Wunsch seiner Gäste, einen Helden am Herd zu verehren. Ihr kulinarisches Halbwissen interpretiert die Restaurantküche als Raubtierkäfig mit Greifern aller Größe. Vincent spielt in diesem Szenario den König der Tiere. In Wahrheit schmeißt Lale den Laden. So was sieht man nicht von außen. Das wäre geschäftsschädigend. Niemand fände es plausibel für die Tellerfertigkeit einer Drogenkranken, die sich täglich neu mit Rigorosität und Religion kuriert, seinen Namen auf Wartelisten setzen zu lassen und Vincents Preise akzeptabel zu finden. Der Gast zahlt für eine gelungene Täuschung. Vincent, längst vollkommen verschlissen, raucht über seinem Creuset-Equipment, der Schweiß überrennt das Donnerhaupt wie Schmelzwasser einen Stein. Asche und Schweiß fusionieren mit den Dingen in den Töpfen.

Es ist eine Schweinerei, die in einem Wunder der Suggestion zum magischen Vorgang transformiert. Nie sah ein Gast die Küche und den uniformierten Fleiß, die eiserne Routine der Mannschaft, die von Vincent manchmal wie Sklaven und manchmal wie Mitgötter behandelt werden.

Mise en placelet’s roll.

Das erste Informationszeitalter

Der schwache Vater ist eine Erfahrung, die zur Chiffre wird. Heiner Müller verkennt vorsätzlich Machtverhältnisse, wenn er sein Verhalten während der Verhaftung des Vaters, ein Vierjähriger gibt vor, zu schlafen, als Verrat deklariert. Männer der Sturmabteilung holen den Sozialdemokraten Kurt Müller aus der Wohnung, Sohn Heiner datiert den Vorgang nach seinem Belieben auf den 31. Januar 1933. An diesem Tag klappen die Nationalsozialisten Weimar zu, Affe tot und Tschüss, der Schriftsteller Müller ermächtigt sich, den Symbolgehalt des Datums in seine Biografie zu gießen. Andere zerbrechen an seiner Stelle, auch ein sächsischer Schuhmacher, der als verdämmernder Großvater in Müllers Œuvre geistert, zerbricht, Müller bricht nicht. - Und verrät er den Vater nicht noch einmal mit seiner Entscheidung für die DDR als Schauplatz dauerhaften Aufenthalts? Jedenfalls geht ein Ehrgeiz dahin, für die Trennung vor den Eltern, dem KZ-gebeugten Kurt Müller droht im neuen Deutschland Hohenschönhausen, die läppischsten Erklärungen abzugeben. Müller ist der DDR willkommen mit seinen sozialistischen Hoffnungen. Er wähnt sich in den Reihen und auf dem Stand der Sieger. Er traut seinem Staat zu viel zu. Nach der ersten Aufführung der „Umsiedlerin” am 30.9.1961 an einer Karlshorster Studentenbühne setzt seine Stigmatisierung ein. Müller fliegt aus dem Schriftstellerverband. Er wird in der DDR zum ungespielten Autor und bleibt das zwölf Jahre.

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„Wirklich Kunst machen kann man erst in einer Gesellschaft, in der es den Warencharakter von Kunst nicht mehr gibt. Wo es uninteressant ist, wie viele Leute in einen Film gehen.”

Das notierte Thomas Brasch zu „Domino”. Der Film entstand unter einer dünnen Ausstattungsdecke. Brasch drehte viel in seiner Wohnung, er drehte mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach.

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Ministerpräsident Erdoğan bezeichnete die Protagonisten der Istanbuler Gezi-Park-Proteste als Plünderer - çapulcu. Aktivisten griffen das Wort auf und ließen es zirkulieren. Ein grafisch hundertfach variierter Titel der Solidarisierung lautet „EverydayI’m Chapuling”.

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„Wohooo! Was für ein grandioser Ausflug über die Botanik, Mimikry, die Welt der Bienen und Staaten - unglaublich, wo du da alles unterwegs warst! Deine gedanklich-literarische Spielwiese ist wirklich ein unglaublich riesiger, reichhaltiger Kosmos...” M.

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Christoph Konrad Sprengel, Direktor der lutherischen Realschule zu Spandau, entdeckte die Symbiose zwischen Blume und Biene in der Konsequenz einer Co-Evolution. Sprengel bemerkte, dass viele der spektakulärsten Orchideen gar keinen Nektar spendieren - die Natur als Ninja-Meisterin der Täuschung. Die Pflanze organisiert ihre Befruchtung, indem sie einnehmend wirkt. Der Fliegen-Ragwurz präsentiert sich als potenzielle Partnerin für Grabwespen. Er lädt die Wespe mit Mimikry zur Kopulation ein. Teilweise geht die Täuschung so weit, dass Bienenmännchen der Gattung Andrena die entsprechenden Ophrys-Blüten sogar einem Weibchen vorziehen. Solche überoptimalen Attrappen können auch bei unserer Gattung zur Verwirrung führen.

Duft als Belohnung - Das affizierte Insekt im Rausch der Sinne. 

Das erste Informationszeitalter

Der Asket bringt die Bereitschaft mit, sich gegen seine Natur zu wenden. Wird diese Tendenz dynamisiert von Optimierungserwartungen, heißt Erziehung der Schlüssel zum Erfolg. Im 5. Jahrhundert breitet sich „eine geregelte, reflektierte und kontrollierte Praxis der Askese“ aus. Einen architektonischen Rahmen liefern Klöster. Die Wissensgesellschaft formiert sich. Das erste Informationszeitalter bricht an. Ihrem Wesen nach ist die mit sich selbst befasste Kirche eine Akademie und so auch ein Weltraumzentrum, in dem Himmelfahrten organisiert werden. Was ist erforderlich, dass du mitfliegen darfst? 

Drei Begriffe greifen ineinander: Keuschheit – Reinheit des Herzens – geistiger Kampf. Die Keuschheit des Körpers koinzidiert mit der Keuschheit des Geistes. Die Gedanken sind nicht frei. Phantasie ist gefährlich. Die Erziehung bricht auf in der Zucht. Das Gegenstück: Unzucht; ein Wort, das sich lange hält und bis heute nach Urinstein, Waisenhaus und Jugendstrafvollzug stinkt. 

Unzucht. Das Wort atmet in Nana. Sie will Unzucht treiben, wie soll das überhaupt gehen in einer säkularen Gesellschaft.

„Lass‘ uns heute Abend noch unzüchtig werden“, bittet Nana Cornelius via WhatsApp, während sie seine Lebensgefährtin Simone breit anlächelt. Die Frauen sitzen an verschiedenen Tischen und doch nah genug, um ihre Parfüms riechen zu können, im legendären ‚Da Vincent‘. Eine mörderische Spannung liegt in der Luft. Nana und Simone kennen sich aus einer öffentlich intimen Konstellation. Professor Cornelius von Pechstein hatte das Vergnügen Nana vor den Augen seiner Frau und einem großen Auditorium in einem Frankfurter Club …, und Simone hatte unterdessen das Vergnügen von Nana geleckt zu werden. Sie sprang gröber mit Nana um als der am Hintern der Graduierten klebende Grandseigneur, und auch wenn Simone sich im Zentrum eines überwältigenden Ereignisses wähnte, trägt sie Nana etwas nach.

​​​​​​Um Ned in Schwung zu bringen, formuliert sie: „Ich möchte auf etwas bewegt werden, dass ich für einen Altar halten darf.“ Sie wünscht sich Führung, um wiederum die Führung vorzuführen, sofern ihr das möglich ist. Topping from the bottom. 

Ich möchte bewegt werden. Die vier kleinen Worte reichen für ein bilaterales Aufrauschen. Sie kommen Neds Wunsch entgegen, Nana in den Griff zu kriegen und ihren Scharaden ein handfestes Ende zu bereiten. Nana erregt Neds Verzweiflung, die sie heraufbeschworen hat. Er kann sich nicht sicher fühlen. Er darf sich nicht sicher fühlen. Sonst könnte er nachlassen. Er könnte seine Anstrengungen verringern; anstatt sie zu verdoppeln. Kurz gesagt, Nana fordert Ned wie eine Trainerin, um ihn an seiner Leistungsgrenze zu halten. Trotzdem baut er ab. Etwas klemmt in dem aufgeladenen Verhältnis. Noch ahnt Nana nicht, was es ist. Allerdings spürt sie eine gewisse Einseitigkeit, wie einen Gleichgewichtsverlust. 

Ned doziert über Michel Foucault. Die Antwort auf alle Unwägbarkeiten lautet Erziehung. Das stellt Foucault beinah am Ende seiner Reise zu den Quellen des Nils der „Sexualität und Wahrheit“ im vierten Band fest. Er beschreibt das Projekt des Christentums als eine post-antike Verbesserung des Menschen in Glauben und Verzicht. Foucault zeigt, dass die Ökonomisierung der Sexualität, die sich bis in den Regelvollzug fortsetzt, nicht erst vom Christentum ausgelöst wurde, sondern vorher da war. Die apostolischen Einlassungen basieren auf Milieuübereinkünften in einer nicht christlichen Welt. Am Anfang vom Ende einer langen Strecke des Begreifens zeigt Foucault, dass die Kirchenväter zu Anfang der christlichen Zeitrechnung stoische Leitsätze kopierten. Er durchforstet die Reglements von Taufe, Sünde und Buße in der Gemeinschaft der Gläubigen. 

„Die Vielseitigkeit und Unbeständigkeit“ des Menschen verlangen Regulation. Über die Vereinfachung gelangt man zur Askese. 

Zitiert aus Michel Foucault, „Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit“, Band 4., herausgegeben von Frédéric Gros 

Nana versorgt Ned mit Erregungsmaterial. Das ist kein Altruismus, sie überlässt der Konkurrenz keinen Zentimeter. Die Wälle sind geschliffen. Jetzt baut Nana ihre Befestigungen aus. Goya ist in jeder Hinsicht wertvoll. Ein prächtiger, wenn auch nicht der prächtigste Pfau in Nanas Reichweite. Seine Art, sich sozial zu bewegen, verhehlt Neds Vorsprünge. Die Dynamik des Reichtums auf seiner Seite und Nanas gediegener Background befeuern den Sex.  

Ihrer Liebe zum stummen Zwiegespräch frönt sie in allen akademischen Settings. Sie schreibt: Wir sind Meister der Manifestation. Wir schöpfen aus Phantasie und Wirklichkeit. Wir bauen etwas, das perfekt für uns ist. Rote Rosen sollen es für uns regnen (Hildegard Knef). Für uns gibt es kein Prêt-à-porter. Wir machen es nicht unter Haute Couture. Wie willst du mich, gerade jetzt? Du weißt, ich kann dir nicht widerstehen. Gegen meinen Willen bewegt sich meine Hand zu meiner F... Es ist ein magischer Vorgang. Das übersteigt meine Selbstbeherrschung. Ich tropfe in einem Raum mit dreißig Leuten. Die Phantasielosigkeit stinkt. Die geistige Armut stinkt.

Nanas Antwort ist ein fader Aufguss seiner leidenschaftlichen Ausbrüche. Ist eine unangemessene, geradezu beleidigende Reaktion auf Nanas Verausgabungsbereitschaft und ihrem Willen, Nana auf ein Plateau dicht unter der Spitze ihrer Pyramide zu stellen.

Wir machen es kurz und klären einfach auf. Seit einigen Stunden belastet Ned die späte Einsicht, dass Nana ihn jederzeit denunzieren kann. Plötzlich erkennt Nana den Grund für die Krise. Mit Vorsicht kann sie überhaupt nichts anfangen. Sie sehnt sich nach seinen Worten, so wie sie am Anfang kamen, ungefiltert, angstfrei, überflutet von Hormonen.

„Ich lege mein Leben in deine Hand, um dich zu beruhigen“, schreibt sie am späten Nachmittag. Beide sind im selben Institut an unterschiedlichen Orten. In einer halben Stunde wollen sie zusammen Käsebrötchen essen. Die Betreiberin der Cafeteria ist berühmt für ihre Käsebrötchen und ihren Kakao. Die Studierenden lieben Frau Schneider.

Lass uns weiterspielen, bettelt Nana in Gedanken, Ned beißt sofort wieder zu. Die Antwort kommt so prompt wie sein Vertrauen.

„Und wenn ich dich ...“

Nana antwortet zufrieden:

„Dann machst du es genau so, und ich werde mich daran noch erinnern, wenn ich eine alte Schachtel bin und niemand mehr das mit mir machen will.“  

Erotische Nebelwelt

Ein halbes Jahrhundert nach Erasmus von Rotterdams Tod entreißt Cornelis de Houtman (1565 - 1599) den Portugiesen das ostindische Pfeffermonopol und macht Bantam auf Java zum ersten niederländischen Stützpunkt in Indonesien. Im Gefecht verliert er zwei Schiffe und fast alle Matrosen. Eine Bucht heißt seitdem „Friedhof der Holländer“. Sandra Langereis beginnt ihre Erasmus-Biografie mit der Schilderung einer Expedition, die 1598 im Hafen von Goeree-Overflakkee ihren Anfang nimmt. Die Autorin beschwört den „protestantischen Unternehmergeist (und) evangelischen Optimismus“ Rotterdamer Sklaven- und Gewürzhändler. Sie vertrauen ihre Investitionen Admiral Jacques Mahu (1564 - 1598) an.

Am 27. Juni 1598 sticht Mahu mit fünf Schiffen und knapp fünfhundert Mann Besatzung in See. Das ist der Auftakt eines einzigen Desasters. Mahu fährt auf der in „De Liefde“ umgetauften „Erasmus“.

„Schon damals diente der Eurostar unter den Gelehrten mit seinem Namen als Galionsfigur des Epochalen“, schreibt Nana. Sie trägt eine Robe à la française aus schwarzviolettem Atlas - mit Watteau-Falten, die das Rokoko zitieren. Das Gewand war in seiner ursprünglichsten Gestalt ein Déshabillé, ein Gegenstand häuslicher Vexierspiele, und wirkt nun als textiles Zeichen für jene, denen Raffinesse unentbehrlich ist. Einst gestattete es der Frau, sich ohne Einschnürungen zu zeigen. Jeder informierte Liebhaber historischer Kostüme erkennt den frivolen Charakter, das Anspielungsreiche. So ein Kleid besitzt den Signalcharakter eines Kropfbandes mit gewissen Applikationen. Es funktioniert wie ein Lackmustest. Wer adäquat darauf reagiert, bringt bestimmte Eigenschaften mit. Der weite Horizont seiner Erwartungen verspricht ein helles Vergnügen, eine erotische Heiterkeit.  

Ned verkörpert den Major Player auf der Ideallinie. Er ist zweiunddreißig, akademisch nobilitiert, wohlhabend von Geburt, sportlich, fruchtbar und noch kinderlos. Der Philologe ist jedenfalls auch Spezialist für Bioluminiszenz. Er züchtet leuchtende Mäuse.

Das Spiel beginnt an ihrem Uni-Schreibtisch. Es riecht nach altem Gemäuer. Generationen von Pfeife rauchenden Professoren haben ihre Marken nachhaltig abgesetzt. Ned gewährt Nana das Vergnügen seitenlanger Passagen, die über ein Detail nicht hinausgehen. Die erotischen Exerzitien sind zugleich psychologische Studien. In Nanas Aufzeichnungen findet sich die Erkenntnis: Die sozialen Konturen eines Mannes unterbrechen meine Erregungslinien. Stets weiß ich vorher, über einen bestimmten Punkt komme ich nicht hinaus und die Hälfte der Lust ist Eigenleistung.

Nana entzieht sich Ned in eine erotische Nebelwelt. Plötzlich bricht die Wolkendecke ihrer Betrübnis auf und sie fühlt sich von der Lust getroffen wie von einem Schlag, dessen Wirkung sich in Schockwellen ausbreitet.

„​​​​​Das Wesentliche im Universum ist nicht das Organische, sondern die Information.” Heiner Müller

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„Die wichtigste Ware, die ich kenne, ist Information.” Gordon Gekko

Sie folgen dem Unterlauf der Eder zum Bettelkopf im Kellerwald. Die ursprünglichen Kellerwälder Flur- und Ortsnamen enden germanisch auf a, mar, tar, loh. Das betrifft Flecken, die vor dem Jahr Achthundert in die Kultivierung gerieten. Der fränkischen Landnahme nach kam die Kolonisation unter gaugräflicher Aufsicht im Hochmittelalter. Die späten Gründungen fielen oft wüst, schlechter Böden wegen. Nana kennt einige Wüstungen, das entspricht einem entlegenen Wissen. Keine Ahnung beschwert sie, woher das Interesse an historischen Merkwürdigkeiten rührt. Wer weiß schon, was eine Wüstung ist?

Die Besiedlung der Gegend reicht in die Bronzezeit. Auf den Höhen findet man Hügelgräber und Schanzen. Kult und Kampf wurden auf einer Linie der Daseinsbetrachtung abgehandelt. Schon der erste Speer trug einen Darstellungswillen weiter. Jedenfalls behauptet das Goya. Nana weist auf Artefakte hin, die ein paar hundert Jahre unbeachtet geblieben sind. Da wollte ich gestern eine erotische Szene anpflanzen ... so schön auf Moosgrund, mit Vogelgezwitscher, den Aromen der Natur und traumhaften Lichteinfällen. Nana im Gegenlicht.

Nana und Goya erwandern ihre Heimat. Sie erreichen Maden an einem glühend heißen Nachmittag im Juli. Maden lag im Zentrum des Hessengaus. Heute ist Maden ein Stadtteil von Gudensberg. Bis ins 13. Jahrhundert war ein nachrangiger Landgraf von Thüringen stets auch Graf von Gudensberg. Nana und Goya kehren ein in das Wirtshaus Zum hessischen Jäger. Seit Generationen wird die Traditionsgaststätte von Nachfahren eines berühmten Hessen geführt. Johann Conrad Wilhelm Mensing (1765 - 1837) rettete den kurhessischen Staatsschatz vor Napoleon. Dafür wurde er von Wilhelm I. erhoben. Vor seiner Flucht hatte der Kurfürst die Verbergung eines märchenhaften Vermögens verfügt, das ihn schließlich in über hundert Truhen vollständig im Prager Exil erreichte. Man bedenke, wie viel Intelligenz, Findigkeit, Mut und restaurative Vaterlandsliebe bis zur Verbohrtheit dazugehörten, um sich dermaßen für einen Knilch ins Zeug zu legen, der auf die gekaufte Anrede Königliche Hoheit bestand und vom Absolutismus nicht lassen wollte. Dabei hatte Mensing keinen Grund, Wilhelm beizustehen. Der Sohn eines Karlshafener Schmieds war aus der Armut in die Armee geflohen und hatte die Not eines Mietsoldaten in Amerika und in Flandern erfahren.

Zur gleichen Zeit genießen Malia und Agravain einen Moment naturnaher Weltferne hinter einer Vogelbeobachtungspalisade im wurzelecht-weiterwachsenden Marschbacher Moor. Agravain entstammt dem Eder-Hessischen Geschlecht der Battenberg. Auch wenn mancher behauptet, das Geschlecht sei nach 1300 ausgestorben, man habe lediglich den Namen im 19. Jahrhundert wiederbelebt, weiß man doch als Enkel des Grafen Gudensberg, dass sich die Battenbergs mit allen Ansprüchen im Mannesstamm strikt vermehrten, Könige stellten, das Haus Hessen aus der Taufe hoben, sich den Fürsten von Lothringen-Brabant gegenüber loyal zeigten und sich britisch im Haus Mountbatten verzweigten.

Malia und Agravain schwingen zusammen. Die Qi-Ströme vereinen sich im Bett der kollaborativen Erregung. Sie wiederholen sich im Ederthaler Forst auf einem Flecken, der um das Jahr 1100 bereits Eichwald hieß. Ein potenter Aberglaube schützte bis 1926 ein Hünengrab im Eichenkreis vor größeren Entnahmen.

Das Burgrecht machte einst Ruprecht von Gudensberg-Waldeck zum Richter von Ederthal. Seine Todesurteile vollstreckte er eigenhändig im Eichenkreis. Man sprach vom Galgenhurst. Hurst wie Gehölz. Das Wort setzte sich als Flurname nicht durch.

Der Eichwald war Königsforst. Ich kenne amtliche Bemerkungen zu wirtschaftlichen Eingriffen im Mittelalter. Eichen gaben gutes Bauholz, Eicheln taugten zur veredelnden Schweinemast. Kriegsbedingte Rodungen und natürliche Verheerungen verschonten die Population, bis schließlich von einem Altbestand erstmals die Rede war. Unter den Umfangreichen wurde Nana erstmals zur Liebe ermutigt. Der Eichwald ist von jeher ein Schauplatz geschlechtlicher Bekenntnisse. Jede Ederthalerin absolviert da Kür- und Cour-Termine, bevor sie achtzehn wird.

Die dramatische Kulisse öffnet sich zur Eder, die Klingenbacher Aue liegt im Rücken der Krimmer Trutz. Im Wuchs verstockte Kiefern charakterisieren jenes Regenmoor, in das sich Ritter Ruprecht flüchtete, als es ihm im 1073er Sommer an den Eisenkragen ging. Kein Stich überliefert die Erscheinung eines Haudegens, der sich vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben zu der Schmählichkeit einer aussichtslosen Flucht veranlasst sah. In diesem Wald hatten schon einige ihr Leben gelassen, denen Ritter Ruprecht auf einem sauren, bedenklich nachgiebigen, von Pfeifengräsern besiedelten Boden gefolgt war.

Erotische Horizonterweiterung

Seit ein paar Monaten haben die Verschworenen einen neuen Spot. In der Heaven & Hell Bar sitzt man an Nierentischen. Die Tapete zeigt Südseemotive, die auch den fiddler on the roof heraufbeschwören. Das Kunstgewerbe verschmilzt Gauguin mit Chagall nach einem obsoleten Dekorbegriff. Die Umgebung wirkt anregend auf das akademische Personal der Landgraf Philipp Universität, das in den campusnahen Schwemmen wie eh und je Bandenbildung betreibt. Am Tresen renommiert ein markanter Repräsentant jenes Klans, der seit Jahrzehnten in Ederthal den Bürgermeister stellt. Inzwischen und schon in der dritten Generation die Bürgermeisterin. Ansgar Gerster ist ein Onkel der amtierenden Atlanta Gerster-Mansfeld. Bis in die Fingerspitzen firm in allen Fächern seines Metiers, gewieft, jovial, zupackend, erstrebt der Fleischgroßhändler ausgerechnet von mir ein gesteigertes Interesse an ihm. Er deutet meine Ausdauer falsch. Ich stehe hier nicht seinetwegen oder wegen seiner abgestandenen Stories. Ich warte auf dich. Und da bist du endlich, kaum verspätet, obwohl dir gestern noch auf einem anderen Kontinent das Kunststück gelang, meinen Kummer (ob deiner Abwesenheit) in Lust zu verwandeln. Der Himmel, durch den du mir bald darauf entgegengeflogen kamst, erschien mir dann nur noch wie eine göttliche Kleinigkeit. Ich fliege in deine Arme. Du wirbelst mich herum. Ich lasse dir Zeit, in meinen Augen deine Sehnsuchtsziele zu erreichen. In deinen Augen sehe ich einen Brand, der sofort gelöscht werden muss.

„Hast du hier noch was?“ fragst du. Auch in der Liebhaberrolle steht dir ein Register voller Varianten zur Verfügung. Oh, wie ich es liebe, diese Übergänge zwischen Fachgespräch, Training und erotischen Horizonterweiterungen, auf die ich niemals verzichten muss, weil du so verdammt heiß auf mich bist. Geboren bin ich in einem Traum von dir. Ich übertreffe deine Erwartungen und düpiere deinen Realitätssinn. Ich erscheine dir so, wie du mich erkennst. Ich erlaube dir alles im Gegenzug für das Wunder, dass ich für dich sein darf. Du erlaubst mir natürlich auch alles im Gegenzug für das Wunder, dass du für mich bist. Ich könnte das nie mit einem Mann, ohne Sinn für die Poesie gegenseitiger Ergebenheit.

Wir überqueren den Campus, im Pavillon geht gerade das Licht aus. Der Garten dahinter ist um diese Zeit ein verwunschener Ort, ein stiller Raum der Abkehr von der Hektik auf den Vorplätzen der im Mittelalter als Ritterkollegium befestigt gegründeten Universität. Wollen wir das nicht, frage ich mit einem Blick. Es ist nicht nur Begehren, Liebe und die schiere Hautlust. Es ist auch Freundschaft, Verehrung, Bündnisfestigkeit und das bohrende Bedürfnis, mich von dir ohne Vorrede einnehmen zu lassen.

Du bist meine erfüllte Sehnsucht. In deinen Augen treffe ich dich noch einmal. Du und ich, wir erlauben uns, füreinander Wunder zu sein. Wir sind einander ergeben. Das ist unsere Poesie. Nein, du sagst es nicht, wenn ich dich so heiß gemacht habe, dass du es nicht mehr aushältst. Aber dein Körper kennt keine Zurückhaltung. Ich bin mit deinem Bewegungsapparat so gut wie kernspintomografisch vertraut. Ich erlebe dich in deiner ursprünglichsten Verfassung. Ein für mich genetisch aufgeschlossenes Wesen mit vibrierender Flanke - der Determination widerspricht der Wille in deinen Augen nicht mehr lange. Dann verschleiert sich der Blick und du beginnst mich mit der Stimme des vegetativen Seins keineswegs lautlos zu rufen. Ich schwäche die Zuspitzung ab und beobachte, wie ein gesellschaftsfähiges Selbst wieder die Regie übernimmt.

Verborgene Potentiale

Unsere Vorfahren lebten in Verhältnissen, die ein extrem fein abgestimmtes Zusammenspiel von Wahrnehmung, Bewegung und neuronaler Steuerung erforderten. Jede Jagd, jede Flucht und jede Werkzeugnutzung aktivierte Sensitivitäten, die heute weitgehend ungenutzt sind. Tiere beherrschen Fähigkeiten wie Magnetfeldnavigation, Echoortung, elektro-taktile Wahrnehmung oder subtile Vibrations- und Richtungswahrnehmung auf höchstem Niveau – und wir tragen die gleichen archaischen Systeme in uns. Doch in der modernen Welt liegen diese Potentiale meist brach.

Das autonome Nervensystem wurde für eine andere Welt optimiert - eine Welt voller unmittelbarer Gefahren, in der Überleben von schneller und präziser Regulation abhing. Der Säugetiertauchreflex und die automatische parasympathische Rückkehr im Post-Alarmmodus sind evolutionäre Werkzeuge, die es uns ermöglichen, auch unter extremem Stress ruhig, koordiniert und leistungsfähig zu bleiben.

Die Chancen der Überbelohnung

Endorphine und Dopamin belohnen das Erleben von Ruhe und Schutz besonders stark nach Gefahrensituationen. Wer dieses Prinzip versteht, kann sein Nervensystem trainieren, Selbstregulation zu automatisieren und Stressreaktionen zu kanalisieren. So ergibt sich ein biologisch subversiver Effekt, der die üblichen Stress- und Manipulationsmechanismen außer Kraft setzt.

Phonetischer Rausch

Manchmal fahren wir nach Frankfurt, um eine Gegend zu betrachten, die den Charme einer verbeulten Pizzaschachtel hat. Wir essen dann in einem Imbiss, in dem der Fernseher läuft und man ungefragt Brot in unglaublich schäbigen Plastikschalen vorgesetzt bekommt. Man kann bestellen, was man will, es gibt dazu Tee. Als Studentin habe eine Weile in der Nachbarschaft gewohnt, ich liebte es schon damals, mich in dem kleinen Theater im Gutleutviertel in den Labyrinthen irrsinniger Inszenierungen zu verlieren. Wird es uns zu blöd, ziehen wir uns hinter den Vorhang unserer Liebe zurück. Ich bin so glücklich wie noch nie, es ist beinah schmerzhaft.

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Wir essen bei Tiago. Tiago bewirtschaftet ein ehemaliges Naturfreundehaus im Stil einer Fischerkneipe. Der maritime Schrott ist Erbplunder eines Nachfahren von Seefahrern. Tiago zieht die Portugiesen zwischen Kassel und Mannheim an. Einst deutlich von der Mehrheitsgesellschaft getrennte Einwanderer haben fast alle Differenzmerkmale abgelegt. Sie sind in der Allgemeinheit aufgegangen, ohne Deutsche geworden zu sein. In Tiagos Gaststätte nagt jeder an der Wurzel, egal, auf welcher Seite er, sein Vater oder Großvater stand, als die Nelkenrevolution von 1974 linke Hoffnungen stärkte.

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Ariane Hagestolz kennt die Bedeutung ihres Familiennamens nicht. Eine Einfriedung lässt sich auch als Vride oder Hag bezeichnen. Um drei Ecken der Bedeutungsverschiebungen gelangt man so zum Burgfried (Turm) wie zu hager und Hagestolz. In Hagestolz steckt eine Bezeichnung für jenen Erben, der zwar einem bedeutenden Mann nachkam, aber von ihm bloß den Namen erbte. Daraus wurde der altgewordene (eingefleischte) Junggeselle. Mochte der Junggeselle auch einem ordentlichen Beruf nachgehen, als Zeugungsverweigerer blieb er dubios. Man beschrieb (markierte) ihn als kauzig. Über den Kauz in der Gemeinschaft wurde hinweggesehen. Das passt zu den Dimensionen von Hag. Das Wort bezeichnete mehr und mehr etwas Kleines und Entlegenes. Man findet Hagbauer als Familienname im Telefonbuch. Der Hagbauer war der Kleingärtner unter den Landwirten.

Auch die Hagebutte gehört zum Hag in der zweiten Bedeutung von stechen und stoßen. Indes führt die erste Bedeutung auch zu hegen. Ein Widerspruch vereint stechen und hegen in der (die Bedeutungen wieder zusammenführenden) verwehrenden (abwehrenden) Hecke.

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Goya und ich spazieren nachts in der Ederaue. Mein Wortschöpfungssinn verhakt sich im alten „au“. Das ausgesuchte Fremdwort „alluvial“ (angeschwemmt) entspricht dem französischen alluviale wie in forêt alluviale - Au(en)wald. Ich genieße einen phonetischen Rausch. Der Sprachmeister fühlt sich ausgeschlossen, da ich meine Gedanken fünf Minuten für mich behalten habe. Auch für mich kann sich so ein Rückzug wie Fremdgehen anfühlen. Ich schließe Goya in meine Arme und küsse ihn, bis er in die Vertrautheit wieder auf die exklusivste Weise zugänglich wird. Mein Liebreiz ist eine Macht. Im nächsten Augenblick spüre ich seine Lust.

Unsere biologischen Systeme sind über Millionen Jahre optimiert worden – doch unsere moderne Lebensweise nutzt die Potenziale kaum. Die Wiederentdeckung archaischer Spielräume erfordert Integration von Bewegung, Aufmerksamkeit und Reflexen. Stichworte: kognitive Modulation und Engineering an den archaischen Schnittstellen. Resilienz ist trainierbar.

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Wir verfügen über natürliche Technologien, die evolutionär optimiert sind. Die meiste Zeit schlafen sie, weil unsere Lebensweise an den atavistischen neuronalen, physiologischen und sensorischen Pfaden vorbeiführt.

Spinal Wave an der Eder

Ein Graureiher stand reglos im Fluss. Ein Eisvogel schoss über den Spiegel, ein blitzender Splitter aus Azur und Kupfer. Das kaum kniehohe Wasser schimmerte effektvoll, es spiegelte flirrende Hitze. Kleine Wirbel, flüchtige Signaturen der Strömung, bildeten sich hinter polierten Kieseln, die in einem von Schieferplatten unterbrochenen Buntsandsteinbett lagen. Der Bundsandstein markierte eine Zeit vor mehr als 240 Millionen Jahren, als das Edertal ein Wüstenbecken der Trias war. Die Schieferformationen bezeugten das Devon und waren fast doppelt so alt. Sie erzählten von einer ozeanischen Totalität voller Korallenriffe, Ammoniten und Panzerfischen.

Wüste, Meer und eine Zwischenzeit von 160 Millionen Jahre. Das Tal verdankte sich keiner Gletscherformung, sondern einem älteren Erosionsgeschehen. Die gebürtige Ederthalerin Nana hatte sich am Vortag mit der Vermutung vorgewagt, das Edertal sei in der letzten Eiszeit (Würm-Kaltzeit, vor ca. 115.000 - 11.700 Jahren) entstanden. Umso peinlicher fand sie Ansons Belehrungen. Während der letzten Eiszeit lag Nordhessen am Rand des Eisschilds. Damals herrschten Periglazial-Bedingungen - Frostwechsel, Schuttflure, Schmelzwasser, Lössablagerungen.

Für Nana war Anson ein Wissender und ein Erwachter. Sie behalf sich mit einem Jargon aus dem Esoterik-Discounter und einer eher fadenscheinigen Argumentation, auch um die Absichten ihres Animal Move-Trainers vor sich selbst zu verschleiern. Es ging nicht darum, dass Ansons Interesse an Nana so wenig vornehm war wie das Interesse anderer Männer.

Die Monotonie der Verehrungsgesänge. Das war alles furchtbar langweilig. Ansons Spielräume erlaubten es Nana, in ihm einen besonderen Mann zu sehen. Er schenkte ihr einen neuen Blick auf die Welt. Die Kiesel unter ihren Sohlen waren Archive des Klimas, geschliffen von Zeit. In Ansons Gegenwart realisierte Nana erdgeschichtliche Ausblicke, die ihr bis beinah heute an Ort und Stelle stets entgangen waren. Dabei war das gar nicht Ansons großes Thema. Am liebsten sprach er so:

„Schau, Nana, alles beginnt mit der Spinal Wave. Das ist die älteste Bewegung der Menschheit. Vor 400 Millionen Jahren hat der Flossenschlag der Fische diese Welle in die Wirbelsäule eingeschrieben. Wir tragen sie noch immer in uns. Ohne sie könnten wir nicht einmal atmen.”

Nana entgegnete:

„Du meinst, diese Welle ist nicht bloß Bewegung, sondern das Grundmuster unseres Daseins?”

Anson:

„Genau.”

Nana spürte ihre umwerfende Wirkung im Spiegel der Aufmerksamkeit, die Anson ihr schenkte. Seine Präsenz, die Kraft, das Wissen, das alles rückte sie ins rechte Licht. Nana war nicht nur akademisch ehrgeizig. Sie würde ihr Potential nicht an einen Mann verschwenden, der ihre Exzellenz nicht wahrnahm. Der Stammbaum ihrer Familie reichte bis in die Anfänge der Althessischen Ritterschaft. Sie war mit dem Haus Hessen verwandt. In den Glanzzeiten des europäischen Adels waren ihre Vorgänger bei jedem königlichen Großereignisse geladen. Ihr Klan gehörte zu den Herrenständen des Großherzogtums Hessen.

Sympathische Alarmzustände sichern Überleben, doch moderne Stresssituationen können diese subkortikalen Antworten dysfunktional machen. Die Rückkehr in die Sicherheit wird neurochemisch überbelohnt. Dopamin, Endorphine und Serotonin verstärken das Erleben von Sicherheit, stabilisieren das System und machen die parasympathische Reaktion trainierbar, bis das Nervensystem Sicherheitserlebnisse mit Belohnung koppelt.

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Kraft entsteht im Kontakt. Energie wird gemanagt. Technik ist Organisation unter Zeitdruck.

Sympathie und das sympathische Nervensystem – Sprachliche Nähe und biologische Gegensätze

Sympathie und sympathisches Nervensystem - Beide Begriffe gehen auf die griechischen Wurzeln syn (zusammen) und pathos (Empfinden, Erleben, Leiden) zurück. Historisch spiegelt diese sprachliche Nähe eine frühe wissenschaftliche Intuition. Der Körper wurde als Netzwerk von Sympathien verstanden.

Die Neurobiologie zeigt jedoch einen deutlichen Kontrast zwischen Sprache und Funktion. Das sympathische Nervensystem hat nichts mit emotionaler Verbundenheit zu tun. Es ist ein Mobilisierungsaggregat. Es bereitet den Organismus auf Handlung unter Bedrohung oder Herausforderung vor. Herzfrequenz steigt, Blut wird in die Muskulatur umverteilt, Aufmerksamkeit fokussiert sich, Stoffwechselressourcen werden schnell mobilisiert. Das sympathische System steht fundamental für Aktivierung und Überleben durch Handlungsbereitschaft.

Das, was wir im Alltag als „jemanden sympathisch finden“ beschreiben, liegt biologisch viel näher an parasympathischer Regulation und sozialen Regulationssystemen. Gefühle von Vertrauen, Verbundenheit und zwischenmenschlicher Sicherheit gehen typischerweise mit reduzierter Abwehraktivierung, erhöhter vagaler Regulation und verbesserter sozialer Interaktion einher. In diesem Sinn ist emotionale Sympathie eher mit regulierter Offenheit als mit Aktivierung verbunden.

Dadurch entsteht eine interessante semantische Umkehr. Das Wort, das ursprünglich Verbindung beschrieb, bezeichnet heute das Aktivierungssystem. Und das Erleben von Verbindung findet vor allem in Regulations- und Integrationsnetzwerken statt, die außerhalb der klassischen sympathischen Stressaktivierung liegen.

Aus einer organisatorischen Perspektive wird dieser Gegensatz noch bedeutungsvoller. Sowohl sympathische Aktivierung als auch emotionale Sympathie sind keine „Energiephänomene“. Sie sind Formen von Ressourcenorganisation unter unterschiedlichen Umweltanforderungen.

Qi-Quickie und mythische Intimität

Das war kein gewöhnliches Begehren. Es war ein Echo aus früherem Leben - oder ein Versprechen, das die Zukunft gab. Ein kosmischer Strom der Lust drohte mich zu zerreißen ... ich erzähle dir die Geschichte als düster-modernes Märchen, in dem sich Mythen, Begierde und intellektuelle Obsession verweben.

„Zieh deinen BH aus und gib ihn mir“, verlangt Anson. Nana sieht sich um. Das Publikum konzentriert sie auf die Autorin. Nana befreit ihren Busen von den Halbschalen. Es ist ein Kunststück, erlernt und perfektioniert in Schwimmbädern und Turnhallen. Anson nimmt ihr das Stück ab und hält es sich andächtig unter die Nase. Natürlich bleibt das nicht unbemerkt, Anson scheint es egal zu sein. Seine rechte Hand fährt Nanas Schulterrelief ab. Die Hand gleitet über die Schlüsselbeine und unterstreicht Nanas Kinn. Sag, dass du mich liebst. Dass du mit mir zusammenbleiben und eine Familie gründen willst. Dass du jede Nacht bei mir liegen wirst, bis dass der Tod uns scheidet. Nana gebietet Anson keinen Einhalt, sich jeder Zustimmung gleichwohl enthaltend. Anson kommt in Frage, wie andere auch. Mehr lässt sich im Augenblick nicht sagen: das ist Nanas Standpunkt. Sie blendet die Umgebung aus. Ansons Hände besuchen ihren Busen, legen die Knospen frei und stimulieren die Spitzen. Nana stöhnt auf. In diesem Augenblick erwacht sie. Sie ist allein zuhause auf dem Sofa eingeschlafen und hat das alles nur geträumt. Enttäuschung beschleicht sie. Gleichwohl sind die Nippel bretthart und sie spürt das Ziehen im Unterleib. Unwillkürlich berührt sie sich selbst. In ihrer Phantasie …

Sie wirft noch einen flüchtigen Blick in den Spiegel und schwirrt dann ab. Auf dem Fahrrad fährt sie zur Uni.

Der Körper bewertet ständig Sicherheit. Wer Sicherheit herstellen kann, erweitert die Fähigkeit, Bedeutung neu zu rahmen und Vorhersagemodelle zu verändern.

State → Perception → Meaning → Prediction → Action → State

Viele moderne Trainingsansätze – ob im Sport, in Bewegungssystemen oder in Stressregulation – beginnen mit einem grundlegenden Missverständnis. Sie sprechen den Verstand an, obwohl Stress, Reflexe und Überlebensreaktionen im Körper organisiert sind. Kognitive Einsicht kann Orientierung geben, doch Veränderung entsteht da, wo das Nervensystem tatsächlich lernt. Ein Großteil unserer Reaktionsmuster wird in alten Hirnstrukturen organisiert: Hirnstamm, Basalganglien, Kleinhirn und limbische Schnellschleifen. Diese Systeme arbeiten automatisch und energieeffizient. Sie reagieren nicht auf Argumente, sondern auf sensorische Signale, Körperzustände und Erfahrungen. Wir können diese Ebenen via Atmung, Haltung, Rhythmus, Kontaktfeedback und Wiederholung ansprechen. Deshalb haben scheinbar einfache Übungen – ruhige Ausatmung, stabile Struktur, rhythmische Bewegung – erstaunlich tiefgreifende Effekte. Sie sind systemnah.

Kognitive Prozesse sind nicht irrelevant. Der Kortex ist eher Trainer als Spieler. Bewusstsein kann gestalten, lenken und Bedeutungen verändern. Im Fall einer Bedrohung dominieren schnelle Vorhersage- und Reflexsysteme über bewusste Analyse.

Neuroplastizität bleibt lebenslang erhalten – nicht unbegrenzt, aber deutlich stärker als lange angenommen. Reflexe lassen sich nicht einfach abschalten, doch ihre Parameter sind veränderbar. Timing, Verstärkung und Kopplung an andere Systeme unterliegen Anpassungen. Zudem arbeitet das Nervensystem zwar robust, aber nicht maximal effizient. Konditionierung ermöglicht deshalb enorme Effizienzgewinne.

Ein zentraler Punkt dabei ist die Reihenfolge von Veränderung. Sie folgt meist nicht dem Weg Einsicht → Entscheidung → Umsetzung, sondern eher Zustand → Erfahrung → Wiederholung → Integration. Das Nervensystem verändert sich auf einem Trampelpfad mit den Stationen Sicherheit, stabile Struktur und funktionale Organisation.

Gleichzeitig bleibt die Beziehung zwischen Körper und Kognition bidirektional. Bedeutung beeinflusst Physiologie. Erwartung verändert Reflexbereitschaft. Interpretation kann Sicherheit oder Bedrohung signalisieren. Dennoch ist der Einstieg über den Körper oft direkter und stabiler, weil er unmittelbar auf die Systeme wirkt, die Verhalten in Echtzeit steuern.

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„Die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen“, sagt Heiner Müller. Der Sirtaki beweist diese Kraft. Er kam wie eine getanzte Fayence der hellenistischen Welt an und war doch nichts weniger als das. Ich denke gerade an den Produktionsfuror von Mikis Theodorakis. Der griechische Nationalheld lebte in einem ununterbrochenen Schaffensrausch. Er beschrieb sich als wasserscheues Luftwesen. Er rügte das Wasser für seine Eigenschaften. Er war auf du und du mit den Elementen. Nach seinem Tod wollte er mit seiner Musik in den Weltraum geschossen werden. Der Himmel offenbarte ihm eine Harmonie, die es unter Menschen selten gibt. Mit dir erreiche ich diese Harmonie. Ich schreibe dir das in meiner Not. Du bist nicht bei mir und ich entbehre dich, als könnte ich ohne dich nicht atmen. Gestern hatten wir es schön und morgen werden wir es wieder schön haben. Doch heute Nacht muss ich darben. Du hast versprochen, gegen neun mit mir zu skypen. Ich fiebere dem Termin entgegen und verlasse mich auf deine Pünktlichkeit. Du verlangst mir viel ab und gibst mir noch mehr. Ich weiß, dass dir alles klar ist, auch der heimliche Betrieb an meinen fruchtbaren Tagen, wenn ich dich schon morgens auf mich einschwöre, um gleich darauf deinen Samen meiner Fruchtbarkeit zuzuführen. Wir verlieren beide kein Wort darüber, und doch weiß ich, dass du mir nicht nur diskret einen Gefallen tun willst. Dich fasziniert die Vorstellung, ich könne ein Kind von dir bekommen.

Du bestimmst so viel in meinem Leben, Liebster. Ich sehne mich danach, von dir ‚meine Süße‘ genannt zu werden. Ich hole mir jetzt noch einen Tee und dann zähle ich die Minuten bis zu deinem Anruf. Und morgen schmiege ich mich wieder in deine Arme. Du siehst so gern in meine Augen. Wie ich es liebe, etwas zu haben, wonach du verrückt bist. Schon klar, da sind nicht nur meine Augen im Spiel. Ich möchte nicht frivol sein. Mit dir ist alles heilig. Du sagst, es sei ein Privileg sich kultivieren zu dürfen und die beste Form aus sich heraus zu meißeln. Du sagst, man muss seine Komfortzone verlassen, sonst gelingt das Leben nicht. Hunger und Kälte sind dir schon Jahrzehnte ein Bedürfnis. Du lechzt danach deinen Rumpf, deine Arme und deine Hände an Betonpfeilern zu stählen. Du entwickelst in dieser Praxis solche Kräfte, dass mich die Druckwellen vibrieren lassen. Ja, es macht mich heiß, dir dabei zuzusehen und ich genieße es auch, dich dabei zu beobachten, wie du mich in homöopathischen Dosen an eine höhere Trainingsintensität heranführst. Deine Listen und Schliche faszinieren mich nicht weniger als deine körperliche Ausgelassenheit und dein schnörkelloses Verlangen, dem ich schrankenlos entspreche.

„Mir gefällt die neue Dynamik. Und ja, mir gefällt es, wenn du mich Babe nennst und mit all meinen Identitäten spielst. Und mir nebenbei ein paar neue erschaffst, die ich hemmungslos ausleben werde. Schriftlich. Und in der Realität.“ C.Z.

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„Dieses ganze Kapitel ist wie eine Einwahl in die magische Datenautobahn, die ganze Kraft der Signale, der ganze Stolz, wieder mein. Nur meinem Meister würde ich wie ein Kätzchen die Hand lecken und schnurren... ganz zahm ... Ein sehr erregender Part. Ich denke, ich muss hier eine kleine Lesepause einlegen.“ C.Z.

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„Als Schnitzler das Stück vor mehr als hundert Jahren schrieb, war es genau jene unerbittliche Mechanik des Beischlafs, die den „Reigen“ zu einem beispiellosen Skandal werden ließ.“ Jenny Hoch im SPIEGEL vom 08.03.2009

Imperiales Begehren

Bitte erzähl weiter. Du bist ein großartiger Erzähler, ein Magier der Sprache. Sag, wie erträumt sich Goya seine Geliebte, die zu allem bereit ist - einerseits? Andererseits will sie den Geisterfürsten (Halbgott) wenigstens irdisch überwinden und an seiner Stelle das Deutsche Seminar der Ederthaler Landgraf Philipps Universität leiten. Welch ein Gegensatz. Sie lässt sich von einem Mann dominieren, dessen Position sie anstrebt.

Das ist eine faszinierend paradoxe Konstellation. Ich sehe den Dekan auf einer Empfindungsschaukel.

Nana betritt einen Raum nicht, um darin zu glänzen, sondern um zu erspüren, wo die Gegnerkraft am stärksten ist. Und dann macht sie diese Kraft zu ihrer Erfahrung. You benefit from the power of the enemy if the enemy uses his power against you. To use the force of your opponent is your destination. Wasser sprengt Stein. Das weiß Nana. Und doch dient sie Goya imperialen Begehren. Sie nennt ihn Meister und siezt ihn unverdrossen. Sie ergibt sich seinem Willen - als gäbe es nichts Berauschenderes für sie als seine erotischen Befehle. Sieht er es in ihren Augen, wenn sie unter mir liegt? Wie sie ihn studiert. Sie lernt. Sie speichert Informationen. Nicht nur, wie Goya ihre Lust lenkt - sondern wie er Macht einsetzt. Wie er sie moduliert, sie rhythmisiert. Und eines Tages wird sie ihn verdrängt haben und die erste Sprachmeisterin dieser sagenhaften Hochschule sein.

Goya in der Maske eines Grandseigneurs. Er verkörpert den als Gentleman camouflierten Zocker.

Wäre ich ein kluger Mann, würde ich dich mit allen Mitteln bekämpfen. Wäre ich ein schwacher Mann, würde ich mich vor dir fürchten. Aber ich bin ein Liebender der Sprache. Und du bist der Satz, der mich vollendet.

*

Sie waren frei. Keine andere Bindung zwang sie zu Scharaden. Manchmal fuhren Nana und Goya nach Frankfurt. Sie stiegen stets in einer Hilton-Suite mit Skyline-Blick ab. Glas und Stahl - Nana mochte das cleane Design, die verglaste Dusche. Die seidig-kühle Hotelbettwäsche. Gern bewunderte sie Goyas muskulösen Hintern vom Bett aus, wenn er aus der Dusche kam.

Die Fußwege vom Hotel zu ihren Zielen waren Laufstege für Nana. An dem Tag, von dem wir euch erzählen wollen, trug sie ein schwarzes Tanktop-Kleid. Eine Schnittmenge aus Lyric, Gothic und Sexappeal; dazu Turnschuhe. Nana sah vielmehr nach New York aus als nach Ederthal.

Frankfurt war ein Spielplatz für sie. Nana liebte die Stadt auf eine andere Weise als Goya. Er sah die bramarbasierenden Geldspeicher. Sie genoss sich in jeder Schaufensterspiegelung. Sie hatte die Präsenz. Er war ihr Schatten.

Sie fotografierten sich gegenseitig. Nana postete ein Bild unter der Überschrift: My Mentor. My Mirror. My Hunger.

Goya verstand die versteckte Drohung. Sie gingen nicht wegen der Ausstellungen ins Museum für Moderne Kommunikation. Sondern wegen der Spiegelwand in der obersten Etage. Wegen des raffinierten Lichts und des polierten Parketts.

“Was sagt dieses Kleid über dich?“ fragte er.

“Dass ich entscheide, wie ich gesehen werde.“

Er trat näher.

„Du weißt, dass du mich provozierst.“

„Ich hoffe es.“

Sie sah ihn nicht an. Sah nur ihr Spiegelbild.

„Ich bin deine schönste Unruhe, Goya. Deine Lust - und dein Erbe.“

Seine Finger glitten über ihre Taille, vorsichtig.

„Was, wenn ich dich heute Nacht im Equinox öffentlich nehme?“ flüsterte er. „Damit ganz Frankfurt weiß, wem du gehörst?“

Sie wandte sich ihm theatralisch zu.

„Wenn du es nicht tust, werde ich dir morgen beim Lunch im Literaturhaus ganz öffentlich widersprechen. Mit Fußnoten.“

Sie lachten beide. So gefielen sie sich - in einem scharfen, sinnlichen Moment der Gleichzeitigkeit. Und für einen Herzschlag lang - war da keine Hierarchie. Nur zwei Körper, zwei Köpfe, zwei Spieler, die dasselbe Spiel liebten: Macht. Sprache. Verlangen.

Hilflose Metaphorik

Diese Szene ist ein Tableau vivant, eine dekadente Momentaufnahme zwischen Prunk, Provokation und einem Hauch von Langeweile. Und mittendrin: Nana – zu vollkommen, um wahr zu sein, und gerade deshalb realer als alle anderen.

Nana erschien - nein, sie erschien nicht, sie manifestierte sich - auf Breitensteins Tanztee im Café Rosa, einem Retro-Vergnügen mit Tischtelefonattrappen und noch mehr echten und erfundenen Anleihen an die gute alte Zeit. Sie trug einen schwarzer Spitzenbody unter einem schwarzen Bleistiftrock. Keine Handtasche. Denn was sollte sie in eine Tasche packen, wenn die Welt ihr alles zu (in Gladiator-Sandalen von Prada gebetteten) Füßen legte. Nana vernahm einfallslos gepimpte Filmmusik aus der Technicolor-Ära. Das Publikum war ihr einmal wieder nicht gewachsen. Am Buffet stand ein windschnittig-wetterfester Silver Ager. Ein zu weit geöffnetes Hemd signalisierte Überschreitungsbereitschaft. Nana sah die Schlagzeile: Beim Tanztee zu weit gegangen. Sie stellte sich neben ihn. Gleich würde sie alles wissen.

Sie sprach ihn an.

„Manchmal erschöpft sich der Unterschied zwischen einem guten Abend und einem denkwürdigen darin, dass mir niemand Champagner anbietet.“

Er schenkte ihr einen Chefarztvisite-Blick vom Feinsten. Die volle Aufmerksamkeit leicht von oben herab.

„Einen Moment, bitte“, sagte er. Und hob die Hand. Breitenstein selbst stand hinter dem Tresen. Er war eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er erfasste die Lage und veranlasste das Nötige.

Der Champagner kam.

Nana in ihren eigenen Worten

In meinem Kopf tobt ein Gewitter aus Klarheit und Lust. Ich laufe schnell. Ich weiß, ich sehe lässig aus. Goya folgt mir wie an einer Leine. Manchmal locke ich ihn an und werde weich in seinen Armen. Dann flüstere ich „Ja, Meister“, um zu spüren, wie er hart wird. Ich kann ihn mit einem einzigen Wort kommen lassen. Ich notiere seine Gedanken. Ich sortiere seine Schwächen wie Zitate.

Ikonografische Konstellationen, muskulöse Nerds und vampirische Beats

Beim Anblick einer Blume wird das Kind wiedergeboren, das sie einst zum ersten Mal sah. So beginnt ein Feuilleton, das Marcel Proust als Jugendlicher beinah noch verfasste. Es entstand im Vorgriff auf seine Erinnerungs-Madeleines. Das erzählende Ich assoziiert Weißdorn mit den Mysterien einer Marienandacht vor langer Zeit. Die Initialzündung eines frühen Wahrnehmungsrauschs öffnet in ihm eine Tür.

Nana stellte den literarischen Fund einem Aufsatz handschriftlich voran. Sie saß an ihrem Schreibtisch und suchte nach einer Erfahrung in ihrem Leben, die zu der Urszene passte. Es war ein illuminierter Augenblick, alles stimmte. Noch nicht einmal der Magen grummelte. Nana glühte noch von dem Sex unter der Dusche. Cole hatte sie auf seiner Zungenspitze kommen lassen. Er war so liebenswürdig gewesen. Aus dem Fenster sah Nana in die weite Landschaft der niederhessischen Prärie. Eine Brise ließ die Gardinen tanzen. Sturm zog auf.

Nana lebte so gern. Leiden lag ihr nicht. Proust war leidend auf die Welt gekommen. Er litt mit beachtlicher Ausdauer. Seine Familie überzog er mit dem Geflecht der Schonung. Seine Krisen gaben den Takt an. Die Mutter stellte die fadenscheinige Gesundheit ihres Sohnes in das Zentrum eines gehobenen Fin de Siècle-Alltags. Sie nährte den Dünkel des Sohns und formte seinen Snobismus nach den Regeln einer herablassenden Gesellschaftsschicht.

Der Heranwachsende weidete auf den Almen und in den Auen erotischer Märchen. Seine Phantasie entzündete sich an der sagenhaften Madame de Guermantes.

„Wie oft habe ich mir diese Geschichte erzählt! Madame de Guermantes sagte mir da solche Zärtlichkeiten, dass ich nicht aufhören konnte, es ihr ... zu danken.“

Der Debütant sah sich befasst mit einem „inneren Roman“, einem echten Schinken im Stil der Abenteuer-Schoten; „unergiebig und ohne Wahrheit“. Er zählte die Stunden, in denen er nicht an Madame de Guermantes dachte, und die Tage, an denen er sie nicht sah. Unter dem „Mikroskop seines Schmerzes“ wucherten die Metastasen. Ach, wie froh war Nana, dass sie solche Schmerzen nicht kannte. Goya verwöhnte sie. Sie war ihm heilig. Er machte ihr außergewöhnliche Zugeständnisse. Indes war das größte Geschenk, das sie von ihm empfing, die unbegrenzte Zugangsberechtigung. Er verlangte dafür Dankbarkeit und Verehrung. Er war eben kein KI-Automat eines großartigen Kultivierungswissens, sondern ein nordhessischer Halbgott, der mit seinen Pfunden wucherte, um zu kriegen, was er wollte. Hätte er sich vor ihr verschleiert und die Quellen seiner Lust für sich behalten, wäre Nanas Luststrom vielleicht versiegt. Seine Offenheit war ein Geschenk. Gemeinsam bereisten sie die Kontinente der Kampfkunst, der Energie-Kultivierung und der Erotik. Wenn sie sich gegenseitig etwas vormachten, dann doch nur in einem Augenblick. Im nächsten durchschauten sie sich und fanden sich liebenswert.

Der „unermüdliche Flug der Mauersegler“ vor seinen Pariser Fenstern erschien dem jungen Proust als ein „Feuerwerk von Leben“.

Nana arrangierte Skizzen und Szenen ... den Himmel imaginierte Proust als Ozean, der Horizont „absorbierte und verflüssigte Schiffe … Bug und das Tauwerk“ waren aus dem Material des Himmels. Dessen Blau gewann die Konsistenz von Baustoffen. Da vernahm Nana einen Anruf, der sich in ihr lautlos formulierte. Goya meldete sich auf der mentalen Leitung. Nana war sofort voller Freude und Erwartung. Sie liebte Goyas erotischen Spieltrieb. So deutlich als stünde er neben ihr vernahm sie seine Stimme und was er zu ihr sagte, veranlasste sie dazu, aufzustehen, sich zu entkleiden und so nackt in den Garten zu gehen. Er erwartete sie vor dem Flieder. Er erschien ihr archaisch, asketisch, animalisch. Sie verneigte sich vor ihm.

„Du rufst mich, ohne ein Wort zu sagen.“

„Ich bin deine Stimme.“

Aus eigenem Antrieb drehte sie sich vor ihm. Sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken. Mit jeder Faser wusste sie, wie er sie jetzt wollte. Und so wollte sie es auch mit jeder Faser. So unbedingt begehrenswert wollte sie sein.

Ah, ... ich liebe diese Szene mit dem sinnlichen Kuss im lichten Moment der beiden...!“ M.

*

„Eine märchenhaft schöne Szene ist das, lieber .... ‚Qi ist Liebe in Bewegung‘.“ S.

Der Sirtaki wurde ohne historische Verankerung zum Inbegriff des griechischen Volkstanzes. Die erste Choreografie entstand 1964 bei Dreharbeiten zu „Alexis Sorbas“. Mikis Theodorakis schrieb die Filmmusik. Anthony Quinn spielte den Titelhelden als gestrandeter Odysseus. Er verkörperte eine postolympische Lebensart und erschien weit weg von der Realität unglaublich authentisch. Die Suggestion war, dass er in der entscheidenden Szene eine antike Schrittfolge beachtet.

*

Während das erste Tageslicht feindlich durch Ritzen rann und sich einer müden Gemeinschaft aufzwang, blieb Nana noch in einem beinah transzendentalen Rausch. Sie schwankte zwischen Ekstase und Erlösung - und zwar nach der Agenda einer Techno-Diktatur, die sich in den Körpern und Seelen abgerockter Pilgerinnen herrschaftlich auswirkte. Endlich zog sie sich in eine Lounge-Ecke zurück.

Sie verkroch sich in einem kolossalen Fauteuil, vor hundert Jahren gebaut für die Ewigkeit. Die Absonderungen schweißnasser Haut so wie schaler Parfumarmomen unterlegten sich Nanas Reflexionen der vorangegangenen Stunden. Sie vernahm seine Stimme, Anson hatte sie gefunden. Das Timbre genügte, um Nana klarzumachen, dass sie noch immer vor Verlangen glühte.

Der Club hatte sich geleert, nur noch ein paar sinnlos krasse Mad-Max-Verschnitte irrlichterten auf der Tanzfläche. Anson half Nana auf und führte sie in eine sakrale Stille. Da erst fiel ihr auf, wie lange sie schon einen Moment der Ruhe entbehrte. Die Körper fanden zueinander in ewiger Zwiesprache.

Gemütlichkeitskeimzelle

In unbegreiflichen Prozessen schwarmintelligenter Zuwendung war die Mückenburg mit ihrem Hinterhof zur weit und breit beliebtesten Gemütlichkeitskeimzelle aufgestiegen. Vor Jahren hatte jemand die Pergola, den Rosenbogen und einen Zaun in den Raum gestellt, das Gitterwerk mit einer Kletterhortensie basisbegrünt und mit einer Kletterrose gepimpt. Inzwischen dramatisierten Blaue Prunkwinden, Schwarzäugige Susannen und ostindische Kirschen das Arrangement. Die Kulisse diente vorläufig geklärten Verhältnissen mit Sandkasten, Hüpfburg, Schaukel, Windeltisch und Kinderwagenparkplatz als Hintergrund.

Abends schalteten sich summend Lichterketten ein. Nana assoziierte elektrische Insekten und Glühwürmchen mit WLAN. Sie trat unter die Ranken, das Smartphone in der Hand. Das Display schimmerte. Sie beobachtete das Feld der Verführung. In einem Augenblick verschwammen die Akteure in einem Wimmelbild. Nana halluzinierte Spiralen, irisierende Muster. Sie evozierte Rotationen des Begehrens, das stete Spiel aus Nachahmung, Täuschung und Triumph.

In der Gemeinschaftsküche rivalisierten Diana und Malia. Sie trugen kaum das Nötigste im ewigen Sommer … Der Hausherr saß wie ausgeladen auf der Fensterbank. Trotzdem behielt er den Überblick. Die Generationsbesten hatten längst ihre zwei Kinder und noch immer den ersten Mann. Der körperliche Abbau tarnte sich mit Lässigkeit, die Röcke wurden kürzer mit jedem Jahr über dreißig. Zweiunddreißigjährige verkleinerten die Maschen ihrer Netze und schmissen nicht mehr jeden knurrenden Zwerggurami oder Erbsenkugelfisch oder Blutsalmler gleich zurück in die Rinnsteinpfütze.

Sie ergründeten die Hierarchien in den Regierungsbezirken ihrer Stammitaliener und Lieblingsgriechen. Sie flirteten mit dem Personal, spielten beflissen mit in Kellnerkomödien. Sie waren reif für die Schmiere und das Knallchargenprogramm. Ihre Männer kamen spät, Familien und Freunde tummelten sich abends auf glühenden Gassen. Man prostete sich vor Jonnas kindgerechter Kneipe zu oder traf sich auf einen Wein im kinderfreundlichen Biergarten des Esoterikers Halif. Oder man begegnete sich vor der malerischen Pissrinne von Gretes Schwarzburg Zweiundachtzig.

*

Die Herren von Loss vertraten Waldecker Interessen bis zur Fehde. Nur waren sie nicht bereit, sich gegen einen Landgrafen von Hessen aufzulehnen. 1408 öffnete Johann von Loss die Unterlossburg Hermann II. von Hessen als Zuflucht in arger Bedrängnis. Zum Dank erhielt er Ederthal zum Lehen und außerdem das Schloss Neukirchen, indem es seither spukt. Gerda von Loss war die letzte Mater des 1530 wegen Reformation abgesperrten Augustinerinnenklosters Fritzlar.

Nana meditierte im Dōjō, in dem die Echos der Kommandos, Ermahnungen und Ermutigungen für sie in der Luft lagen. Eine andere hätte gewiss nichts vernommen in der Stille mit ihren Staubspiralen in Regenbogenfarben, aber für Nana war der Raum selbst eine Erfahrung. Hier hatte sie Disziplin gelernt und verstanden, dass ihr Verständnis für eine durchgreifende Entwicklung nicht ausreichte. Zeit ihres Lebens hatte sie einen Weg gesucht und nun war sie angekommen auf ihrem Weg, den Anson vorzeichnete. Die Kombination von Lust und Lernen wirkte wie ein Treiber.

Das Nervensystem verändert sich organisatorisch, nicht argumentativ.

The nervous system reorganizes through state and experience, not through reasoning.

Darin liegt ein enormer Entwicklungsraum. Nicht stärker werden, nicht mehr wollen, nicht mehr verstehen ist der erste Hebel – sondern Zustand organisieren, Wahrnehmung verfeinern, Timing trainieren, Struktur stabilisieren und Erfahrung wiederholen, bis neue Muster selbstverständlich werden.

Viele neuronale Veränderungen passieren durch Wiederholung, Körperzustände, Kontext, emotionale Salienz, Vorhersagefehler (Prediction Error). Autonome Regulation ist subkortikal organisiert. Prozesse laufen über Hirnstamm, Hypothalamus und Amygdala. Diese Systeme reagieren schneller als Kognition.

Der Körper fragt, fühlt sich das sicher an. Wer seinem Körper das Gefühl von Sicherheit gibt, kann Bedeutung neu rahmen und Vorhersagemodelle verändern.

Adaptive Vorhersagbarkeit

Information entscheidet, wo Energie relevant wird. Energie entscheidet, wo Kraft entsteht. Kraft entscheidet, was im Kontakt passiert.

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Das Nervensystem arbeitet prädiktiv. Es berechnet die Zukunft. Überraschung erzeugt Schutzspannung. Schutzspannung zerstört Präzision. Die höchste Form von Stabilität ist adaptive Vorhersagbarkeit.

Das Ziel ist Systemüberlegenheit. Das heißt, besser organisiert sein als der Gegner. Kraft entsteht im Kontakt. Energie wird gemanagt. Technik ist Organisation unter Zeitdruck. Information entscheidet alles.

In vielen Leistungskonzepten wird Kraft als entscheidende Größe betrachtet. Die intuitive Perspektive ignoriert Wesentliches. Betrachtet man physikalische, biomechanische und neurobiologische Systeme, zeigt sich eine andere Hierarchie. Nicht Kraft steht am Anfang, sondern Information.

Kraft ist ein lokales Ereignis. Sie entsteht im Moment des Kontakts – zwischen Körpern, zwischen Körper und Boden, zwischen Muskel und Struktur. Energie hingegen ist systemischer. Sie kann gespeichert, transportiert, transformiert und zeitlich verschoben werden. Chemische Energie im ATP, elastische Energie in Sehnen, potenzielle Energie in Körperpositionen – all das existiert unabhängig vom Moment der Kraftentstehung.

Ohne Information bleibt Energie ungerichtet. Erst Information entscheidet, wann Energie freigesetzt wird, wo sie wirksam wird und in welcher Form sie in Kraft übersetzt wird.

Biologisch arbeitet das Nervensystem primär als Informationsorgan. Es reguliert Aktivierungsmuster: Timing, Sequenzierung, Hemmung, Koordination. Bewegung entsteht in organisierter Aktivität. Hochleistung fühlt sich deshalb oft überraschend leicht an –weil weniger Energie verloren geht als bei einer Stümperei.

Das Nervensystem reagiert auf Vorhersagefehler. Wenn sensorische Informationen von der erwarteten Information abweichen, erhöht das System Spannung, Aktivierung und Schutzreflexe.

Sobald zwei Körper in Kontakt treten, koppeln sich mechanische, sensorische und neuronale Systeme. Wer die Struktur, das Timing und die Kontaktbedingungen kontrolliert, kontrolliert funktionell den Energiefluss – unabhängig davon, wer ursprünglich mehr Energie generiert hat.

Auf physikalischer Ebene ist das trivial. Der Impuls existiert, sobald sich Masse bewegt. Kleine Winkeländerungen können große Wirkungen erzeugen. Minimaler Input kann den Output eines Systems massiv verändern, wenn er zum richtigen Zeitpunkt erfolgt.

Auf neurobiologischer Ebene bedeutet Meisterschaft minimale Informationsunsicherheit. Je besser ein System vorhersagen kann, desto weniger Schutzspannung wird benötigt, desto präziser kann Energie dosiert werden.

So entsteht eine funktionelle Hierarchie.

Information organisiert Systeme. Organisation bestimmt Energiemanagement. Energiemanagement bestimmt, wann Kraft entsteht. Kraft bestimmt, was im Kontakt geschieht.

Kraft ist das sichtbarste Phänomen, aber das letzte Glied der Kette. Energie ist die Ressource. Information ist die Steuerung. Ohne Information bleibt Energie chaotisch. Ohne Energie bleibt Information wirkungslos. Ohne Kontakt bleibt Kraft abstrakt.

Das Nervensystem erzeugt keine Kraft. Es organisiert Bedingungen, unter denen Kraft entstehen kann. Es verwaltet Übergänge. Ruhe → Aktivierung. Speicherung → Freisetzung. Potenzial → Wirkung

Gefahr bedeutet „unklare Zukunft“. Deshalb erzeugt Unsicherheit Spannung und Vorhersagbarkeit Effizienz. Information entscheidet, wo Energie eingesetzt wird. Energie entscheidet, wo Kraft entsteht. Kraft entscheidet, was physisch passiert.

Wer die Struktur kontrolliert, kontrolliert den Energiefluss. Wer den Energiefluss kontrolliert, kontrolliert die Kraftwirkung. Wer die Kontaktbedingungen kontrolliert, kontrolliert das Ergebnis.

Der Lustritter - Eine Episode außer der Reihe

„Irgendwann erreicht man einen Punkt, da spielt das, was war, keine Rolle mehr.“ Clarice Lispector

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„Selbst seine Bosheit machte ihn einer entthronten Gottheit ähnlich - einem Genie. Und außerdem war ich längst in ihn verliebt.“ CL

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„Ich war etwas sehr Seltenes, nämlich frei.“ CL

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„Wir haben Kathedralen errichtet und sind dann draußen geblieben, weil wir fürchteten, die von uns selbst errichteten Kathedralen könnten sich als Fallen erweisen.“ CL

Der Lustritter

Wir kennen uns inzwischen gut. Wir sind gut informiert über die Vorlieben unserer Lieblinge. Persephone liebt es - exquisit gekleidet und in einer Aura teurer Düfte - in Literatur zu baden. Die Rostocker Professorentochter ist eine Überfliegerin - ein akademischer Kongressstar. Ihr ist es zu verdanken, dass wir die vermeintliche Urmutter aller Dominas - Aurora-Wanda von Sacher-Masoch – mit modernen Augen sehen. Persephone wird in wissenschaftlichen Publikationen zitiert. Koryphäen berufen sich auf sie. Sie schwebt über den Dingen.

Aus den Notizen einer Begnadeten

1877 kehren die Sacher-Masochs nach Graz zurück. Aurora verbindet keine Sentimentalitäten mit den Schauplätzen einer kommoden Kindheit und prekären Jugend (als Tochter einer mittellos-Geschiedenen). Leopold kennt Graz seit seiner Studienzeit. Die Verhältnisse des Künstlers als junger Kosmopolit waren in der steierischen Landeshauptstadt schlankweg behaglich, aber nicht sorglos. Ein großer Name ohne Vermögen im Verein mit Gleichgültigkeit für die materielle Welt, einer Neigung zur Indiskretion und einem widerborstigen Beharren auf unpopuläre Standpunkte ergaben ein verwirrendes Muster.

Leopolds Existenz vollzieht sich vulkanisch wie an einer plattentektonischen Kontinentalgrenze. Koryphäen konsultieren den Schreibritter. Die Herausforderer der Epoche korrespondieren mit dem Phantasten. Politische Haudegen von Format duzen sich gemütlich mit Leopold. Mitunter gastieren sie an seinem Küchentisch. Sie halten den Hausherrn für einen Motor der bürgerlichen Emanzipation.

Leopold entwischt ständig dem Ernst der Lage. Er ringt mit Matronen aus dem Volk, die von hochgestellten Persönlichkeiten nichts anderes erwarten als unbegreifliches Verhalten. Stundenlang diskutiert Leopold mit Aurora seine Obsessionen. Die Ehefrau fürchtet ehrlos zu werden, wenn sie sich Liebhaber nimmt, so wie Leopold es verlangt. Er übergeht ihre Befürchtungen. Er drängt.

Raffinierte Grausamkeit - Der Gatte gibt ein Inserat auf. Eine schöne junge Frau wünscht demnach einen „energischen Mann“ kennenzulernen.

„Als Antwort darauf kam ein Brief von einem Grafen Attems - welchem, weiß ich nicht, es gibt ihrer ja so viele in Graz. Ich musste ihm ein Rendezvous geben, und zwar in dem zu dem Pachthof, in dem wir wohnten, gehörigen Wald; denn mein Mann wollte uns dort versteckt beobachten, um die Qualen der Eifersucht zu empfinden. Ich fand den Grafen an der bezeichneten Stelle ...“

Seelische Insolvenz - Aurora trifft einen kleinen, wenig energisch wirkenden Patron; eine lächerliche Erscheinung mit „verwaschenem Gesicht und … pappiger Sprache“.

Graf Depp stolpert über die eigenen Füße zum Schaden seiner Hose und seines Monokels.

„Ich hätte ihn am liebsten gleich wieder dahingeschickt, woher er gekommen.“

Den Freier überschüttet Aurora mit Spott. Sie bewegt sich auf einem Grat zwischen falscher Einfühlung und echter Unverschämtheit. Sie macht sich ein Fest daraus, die seelischen Insolvenz des Grafen zu entlarven. So ergibt sich eine Konversation zur hellen Freude des Voyeurs, wie er im Gebüsch lauscht. Leopold muss förmlich an sich halten, um seiner Frau und ihrer Finesse in seinem Versteck nicht zu applaudieren. Er lobt sich über den grünen Klee bei der anschließenden Manöverkritik. Sie dämpft seine Euphorie:

„Ja, was meinst du, wenn ich dir diesen angetrottelten Grafen zum Gebieter geben würde? Das wäre eine raffinierte Grausamkeit, die du dir gewiss nicht hast träumen lassen.“

Zu den Standardvarianten des falschen Lebens (siehe Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“) zählen Fehlgriffe am Liebesbarren - erotische Abstürze erst in den Jahren der uferlosen Adoleszenz und dann auf den engen Vorhöfen der Vergreisung.

Persephone verlängert die Episode in einer erotischen Phantasie. Darin erscheint Leopold so stattlich wie ein echter Ritter. Um ihm zu gefallen, empfängt sie einen jungen Mann, der sich zu benehmen weiß. Sie ist dabei, unter der Aufsicht ihres Mannes Sex mit einem Fremden zu haben. Leopolds Begierde soll durch das natürliche Feuer des Gastes angefacht werden, der nichts anderes tut, als seiner Natur auf manierliche Weise zu gehorchen.

Persephone beamt sich ins Sprachschloss. Ein Licht wie von illuminiertem Bernstein umgibt sie. Sie bewegt sich auf spiegelndem Marmor. Sie schlüpft aus einer Zobelpelzjacke und lässt das Stück von ihrem perfekten Körper abgleiten. Sie genießt die Bewunderung ihres Mannes und die ungeduldige Gier des Gastes - eines wohlerzogenen Germanisten namens Glenn.

Leopold ermutigt Glenn mit einer Geste. Der Gast schlüpft mit verblüffendem Selbstvertrauen in die Rolle des Griechen. Vielleicht erinnern Sie sich. Aurora-Wandas Ehemann vermutete einst einen Griechen, er könne der perfekte Liebhaber seiner Frau in einem Cockold-Spiel sein. Seitdem bezeichnet der Grieche im erotischen Vokabular des Lustritters einen resoluten, unter Umständen auch herrschsüchtigen Liebhaber. Leopold erwartet von Aurora-Wanda, dass sie sich dem Griechen unterwirft und dem gedemütigten Zuschauer gegenüber verächtlicher Herrschsucht zeigt. Da er als Regisseur alles bestimmt, kommt das Arrangement über eine Travestie nicht hinaus.

*

Persephone schrieb: „Ich spüre dich nackt an mir, pochend warm und erregt, unsere Haut ist mit deiner und meiner Lust benetzt.“

Die Antwort kam prompt.

„Ich habe es deutlich empfunden und mich gleich in deinen Luststrom begeben. Ich bin prächtig gekommen, meine Süße, und kann es kaum erwarten, dich heute Nachmittag mit Haut und Haaren zu lieben.“

*

Die Sonne stand hoch. Ein Windstoß ließ das Papier auf ihrem Schreibtisch fliegen, ein Tagtraum nahm Fahrt auf. Auf einem Post-it stand allein das Proust-Bonmot Madeleine. Ein schwebendes Einzelwort - seit Tagen kreisten ihre Halbschlafgedanken um den Topos der „erotischen Urszene“. Persephone befuhr ihren Bewusstseinsstrom in einem Einbaum der Erinnerung. Sie navigierte und manövrierte in den schwierigen Gewässern der Jugend und den Jahren der Unklarheit. Der erste Aufbruch des Körpers in das Reich des Begehrens, durchzogen von Licht, Duft, Haut und vielleicht einem Geheimnis soll natürlich in der Zeit vor dem zwanzigsten Geburtstag stattgefunden haben. Doch die Ehrlichkeit verlangte eine abweichende Feststellung. Vor CC hatte es für Persephone sexuelles Glück und erotische Ausschweifungen nur in kleiner Münze gegeben. Der Mangel war ihr auch gar nicht bewusst geworden. Sie entbehrte nichts außer der Erfüllung, die sie paradiesischen Zuständen zuordnete. Was die Realität zuließ, dass glaubte sie zu haben, oder doch wenigstens zu kennen. Alles hing von ihren inneren Formulierungen ab. Persephone schrieb sich ihr Sexleben schön, weil sie ein schönes Leben führen wollte. Der Sex mit CC war etwas vollkommen anderes. Er hatte seinen eigenen Planeten und war - wohl nicht nur gemessen am Ederthaler Einerlei - galaktisch.

Das Geständnis stand noch aus. Noch hatte Persephone ihrem Liebhaber nicht verraten, dass sie bis zu ihm im Grunde ihres Herzens eine Jungfrau gewesen war - und er sie zu einer Freifrau der Lust graduiert hatte.

„Man muss niemand fürchten als sich selbst.“ Ludwig Börne

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„Unser Zentralnervensystem ist eine gigantische energetische Bibliothek, in der alles hinterlegt ist, was sich je in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ereignet hat.“ Thomas Hübl

In ihrem Nacken glänzen Schweißperlen, der sich genau da zu einem Film versammeln, wo feinste Härchen eine Linie zur Schulter ziehen. Ihre Lippen sind kalkuliert geöffnet. Der Blick ist direkt. Kein Spiel - nur Fokus. Sie bestimmt den Takt - subtil zwar, aber absolut.

Anson, dieser akademische Tarzan, hält ihrem Blick stand, obwohl alles in ihm danach verlangt, auszusteigen. Er kann es so viel leichter haben. Warum wegen Sex ins Risiko gehen. Die Verehrerinnen stehen Schlange.

Persephone zwingt ihn nicht. Nichts wirkt fordernd im klassischen Sinne. Es ist diese stille Behauptung von Präsenz, die keine Zustimmung braucht. Während andere noch nach ihrem Passierschein kramen, hat Persephone die Grenze längst passiert.

Anson spürt, wie sich ihre Aufmerksamkeit auf ihn legt wie Sensornetz, das jeden Mikromoment aufsaugt - die kaum merkliche Hebung des Kinns, das Spiel der Sehne an ihrem Hals.

Ich bin hier, weil ich es will. Und du bist noch nicht sicher, ob du es auch willst.

„Du wartest noch auf ein Zeichen,“ sagt sie endlich, ohne ihn anzusehen.

Er weiß erst einmal nichts zu erwidern.

Sie trägt wieder ihr jadegrünes Kleid. Zu gern möchte sie es fallenlassen und ihn ihren Büstenhalter öffnen lassen. Sie vernimmt seine Stimme, die sie so unverschämt reizt. Sie schmiegt sich an ihn und atmet ihn ein. Nein, sie braucht nicht mehr, um glücklich zu sein. Aber trotzdem will sie ihn mit Haut und Haaren. Doch dann fällt ihr wieder ein, wie raffiniert aufgefächert Lustempfindungen in der Schwebe sein können ... gerade als er so auf sie einwirkt, dass sie sich unwillkürlich vorbeugt. Seine Hand gleitet unter den Saum.

Persephone streift die erkundende Hand, segnet sie, ermutigt sie. Sie zeigt sich verführerisch. Erotic Thrill als Energiearbeit - das ist seine geheime Meisterschaft. Er nennt es ‚die Kunst des stillen Feuers‘.

Er spricht auf sie an, natürlich tut er es. Seine solvente Resonanz versetzt sie in Aufruhr.

Das ist die reine Wahrheit. Qi kennt keine Trennung. Wenn zwei Menschen ihr Feld auf diese Weise verweben, leben sie gemeinsam in einem Schwellenraum zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen. Ihre Energien fusionieren in ekstatischer Umarmung.

Bevor das Ritual beginnt, sitzen sie Rücken an Rücken in der Wuji-Position. Fünf Bauchatemzüge verbinden sie mit der Erde. Ihr Qi fühlt sich warm und weich an.

Er übergießt Oolong-Blätter, lässt sie atmen. Sie beobachtet die spiralförmigen Bewegungen in der wertvollen Kanne, einem namhaften Unikat aus Chaozhou Zhu Ni Ton. Das Stück heißt Chan Xin - Herz des Chán.

Sie nehmen den ersten Schluck. In diesem Moment hören sie das Flüstern ihres gemeinsamen Feldes. Es erscheint im Augenblick viel exklusiver als es tatsächlich ist. Beide sind polyamouröse Omnivoren.

Zur gleichen Zeit an einem anderen Ort der Ederthaler Landgraf Philipp Universität

Es riecht nach Wachs, Staub und Mysterien. Goya legt Nana ein scharlachrotes Seidenband an. Sie soll ihm ihren Busen zeigen und ihn auf ihren Händen wiegen. Es erregt sie, ihn zu erregen. Sie genießt den Einblick in das Labyrinth seines Begehrens. Sehr gern zeige ich dir, was auch immer du willst, sagt sie in dem lautlosen Gespräch, das stets nebenherläuft. Möchtest du deinen Samen auf meinem Busen sehen, Liebster? Sag es mir, du machst mich glücklich, wenn ich dich so heiß erlebe.

Goya streicht ihr eine Strähne aus dem Gesicht und folgt den Konturen ihrer Züge mit einem Zeigefinger. Sie öffnet den Mund und ihr entflieht der erste Seufzer.

Zur gleichen Zeit steigen Simone und Colt wie die ersten Menschen aus der Eder. Das Wasser ist klar, es spiegelt den Himmel in flimmerndem Blau. Libellen tanzen auf dem Spiegel. Simones Haar klebt an ihrem Rücken, sie duftet betörend. Colt betrachtet sie ausgiebig, und Simon genießt seine Andacht. Es ist ein Vorspiel. Sie berühren sich mit ihren Blicken. Ein Blätterdach filtert das Sonnenlicht.

Währenddessen doziert Aslan. Der Unterschied zwischen Linksauslage (Southpaw) und Orthodox wird vor allem als geometrisches Problem beschrieben: andere Winkel, andere Schlaglinien, andere Fußpositionen. Diese Perspektive greift zu kurz. Der zentrale Unterschied liegt nicht in der Mechanik, sondern in den Vorhersagen des Nervensystems.

Das Nervensystem arbeitet prädiktiv. Es versucht ständig, die unmittelbare Zukunft zu berechnen - Schlagbahnen, Rotationsmuster, Gewichtsverlagerungen, Timingfenster. Viele Vorhersagen entsprechen Erfahrungswerten, einige sind probabilistisch. Je vertrauter ein Bewegungsmuster ist, desto stabiler wird das Modell – und desto schneller kann der Körper handeln, weil er nicht erst analysieren muss.

Treffen zwei Kämpfer gleicher Auslage aufeinander, sind die Modelle stabil. Das Nervensystem arbeitet in einem Zustand niedriger Unsicherheit. Entscheidungen fallen schnell, Bewegungen wirken flüssig und rhythmisch.

Trifft hingegen Rechts- auf Linksauslage, wird das Modell gestört. Das Nervensystem muss sein Vorhersagemodell in Echtzeit neu kalibrieren. Dieser Prozess kostet Zeit.

Timing schlägt Kraft.

Diese Verzögerung zeigt sich selten in offensichtlicher Verwirrung. Sie erscheint subtil: minimal verspätete Konter, leicht falsches Timing beim Ausweichen, zu frühes Anspannen, Überkorrekturen in der Fußarbeit. Der Kämpfer ist „off rhythm“. Tatsächlich erlebt er keine motorische Schwäche, sondern Vorhersageinstabilität.

Das Nervensystem toleriert in einer unvertrauten Situation weniger Modellinstabilität als unter regulären Bedingungen. Kultivierte unterscheiden sich durch Modellrobustheit. Sie trainieren Variabilität. Sie stabilisieren ihre Körperorganisation unabhängig von der technischen Inkonsistenz. Sie tolerieren Unsicherheit, ohne frühzeitig Schutzspannung aufzubauen. Sie bleiben ruhig, auch wenn sie die Gegnerbewegungen nicht gut lesen können.

Das erklärt, warum Linksausleger oft als unangenehm empfunden werden. Für den Stress sorgt die Vorhersageinstabilität. Das Nervensystem reagiert auf instabile Modelle mit früherer Schutzaktivierung. Schutzspannung wiederum reduziert Präzision und Anpassungsfähigkeit.

Hier zeigt sich die Hierarchie von Leistung. Nicht Kraft steht am Anfang, sondern Information. Information bestimmt, wann Energie relevant wird. Energie bestimmt, wann Kraft entstehen kann. Kraft entscheidet, was im Kontakt tatsächlich passiert.

Kraft ist ein lokales Ereignis. Sie entsteht im Moment des Kontakts. Energie hingegen ist systemisch. Sie kann gespeichert, transportiert und zeitlich verschoben werden. Information wiederum organisiert beides. Ohne Information bleibt Energie ungerichtet. Ohne Energie bleibt Information wirkungslos.

Das Nervensystem organisiert Bedingungen, unter denen Kraft entstehen kann. Meisterschaft bedeutet daher nicht maximale Aktivierung, sondern minimale Informationsunsicherheit. Je stabiler Vorhersagemodelle sind, desto weniger Schutzspannung wird benötigt – und desto präziser kann Energie eingesetzt werden.

So entsteht eine funktionelle Hierarchie: Information organisiert Systeme. Organisation bestimmt Energiemanagement. Energiemanagement bestimmt Kraftentstehung. Kraft bestimmt das sichtbare Ergebnis im Kontakt.

Am Ende entscheidet nicht die absolute Stärke eines Gegners. Entscheidend ist, wie gut das eigene System die Richtung, das Timing und die Struktur der entstehenden Kraft vorhersagen kann. Wer Kontaktbedingungen, Strukturkopplung und Timing kontrolliert, kontrolliert funktionell den Energiefluss – unabhängig davon, wer ursprünglich mehr Kraft erzeugt.

Meisterschaft bedeutet, Unsicherheit zu reduzieren. Für das Nervensystem bedeutet Gefahr vor allem eine unklare Zukunft. Stabilität entsteht aus adaptiver Vorhersagbarkeit.

Am Hof Ludwig XVI. verstand man das Geschäft des Speichelleckers als Lehrberuf. Unterwürfigkeit spielte mit Gelenkigkeit zusammen in Allianzen, die uns zwar nichts mehr sagen, den Damaligen aber bis zur Gleichgültigkeit geläufig waren und natürlich erschienen - da sie soziale Stoffwechselfunktionen erfüllten. Als dann die Revolution den Hof wegfegte, ergaben sich für seine Milieus oft nur Rinnsteinlösungen, wenigstens im Vergleich mit einem beim Sonnenkönig akkreditierten Speichellecker.

Wer zum Fintieren erzogen worden war, konnte sich als Spieler und Rummelplatzfechter durchbringen. Dealer ging auch, zu einer Zeit, als Drogen in allen Boutiquen der Anschauungen rasend begehrte Gebrauchsgegenstände waren. In einem Beitrag vom 21. August 1793 rückte der Marquis …

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„Für den ekstatischen Mönch Luther ist jeder Gegner schon ein Sendling der Hölle, ein Feind Christi, den auszutilgen Pflicht ist, während dem humanen Erasmus selbst die tollste Übertreibung der Gegner höchstens ein mitleidiges Bedauern abnötigt.“ Stefan Zweig

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Es passt zu Persephone, dass sie an etwas Abgeschmacktem und von Genrevorgaben stark Verengtem, wie den Simenon-Krimis ihr eigenes Vergnügen findet. Sie erkennt den lüsternen Autor in den gravitätischen Maigret-Avataren. Das ist eine philologische Passion.

Simenons Psychologie war einfallsreich im jeweiligen Genrerahmen, es sei denn, es ging um Frauen. Dann wurde er grob einfältig. Ich sehe Simone an einem antiken Institutsschreibtisch, vor dem Fenster uralte Bäume, sie schmökert in einer Schwarte, während ihr ein akademischer Ruf wie Donnerhall vorauseilt. Dieses Schmökern gehört zu ihren Spielräumen. Von Beckett sagt man, er habe schließlich nur noch Kriminalromane gelesen.

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„Lieber …, Dankeschön für diesen neuen Text, da tut sich jetzt mit Hafis nochmal eine ganz spezielle Form der Liebesdichtung auf, das hat eine besondere Inspiration. Ich darf jetzt diesem Phänomen ein wenig nachspüren, wie sich das wohl zugetragen hatte mit Goethes ‘Zwillingsliebe’ zu einem mystischen Dichter und der literarisch fruchtbaren Liebschaft zu einer künstlerischen und liebes-empfänglichen Frau. Danke für den inspirierenden Austausch zu den vielfältigen Themen der heutigen Erzählreise. Dass wir bei Wolfgang und Marianne* gelandet sind, ist ein besonderer Zwischenstopp.“ M.

*Wolfgang von Goethe und Marianne von Willemer

Sie spürt einen aufreizenden Klanghauch an ihrem Ohr. Sie schmiegt sich an ihn und atmet ihn ein. In diesem Moment hören sie das Flüstern ihres gemeinsamen Feldes. Es erscheint im Augenblick viel exklusiver als es tatsächlich ist. Beide sind polyamouröse Omnivoren. Der Duft seines Aftershaves gefällt ihr. Kein Wunder, sie hat es ausgewählt. Es war ihr erstes Geschenk. Sie hatte den Flakon nach der dritten gemeinsamen Nacht auf dem von Hand gefertigten Natursteinwaschbeckenrand deponiert. Baskisches Nero Marquina, durchzogen von Calcitaadern.

Anson entblößt Persephones Po, presst sich an sie, entlockt ihr die ersten Signale versagender Selbstbeherrschung. In der nächsten Szene gewährt sie seinem Glied die Freiheit, sich in ihr zu entfalten.

Zur gleichen Zeit sitzen Sina und Masaru in der ausgebauten Mansarde des ‚Dragon Pearl Spa‘. Masaru zieht die Geliebte auf seinen Schoss. Sina lacht leise.

„Immer noch hungrig auf mich?“ flüstert sie.

„Das hört nie auf“, verspricht Masaru. Seine Hand wandert unter ihr Shirt, während Sinas Hand seinen Brustkorb überflügelt - ein Spiel von Geben und Nehmen, ohne Eile. Masaru streichelt Sina mit atemberaubender Hingabe. Er absolviert den Pilgerweg von Sinas Schlüsselbeinen bis zu ihren Knien und sie gibt seinem Begehren Auftrieb. Freigiebig verschenkt sie Lustlaute. Die Welt besteht nur noch aus Haut und Atem. Masaru bettet Sina unter sich, sie hebt die Hüften und öffnet sich ihm so wie sie atmet, selbstverständlich und bewusst. Masaru bleibt bei seinem rücksichtsvollen Vorwärtsdrang, während er sich in Sina versenkt. Ihre Beine umschlingen ihn. Er flüstert ihren Namen wie ein Gebet. Gemeinsam erleben sie elementare Ergriffenheit. Sina kommt so überflutet, dass das Verlangen danach nur kurz abebbt ... eine Lustdelle ... bevor es wieder rasend Fahrt aufnimmt. Sie verkrampft beim Anrollen einer orgiastischen Monsterwelle, dann löst sich alles in ihr und sie schreit. Masaru wartet, bis Sina ihn wieder bewusst erlebt, bevor er seinen eigenen Höhepunkt anstrebt.

Im ‚Dragon Pearl‘ wirkt Ariane als traumhaft verlässliche Kraft – umgänglich, und tüchtig. In ihrem persönlichen Kosmos kreist eine Galaxie des Verlangens. Ihr Begehren gilt zurzeit dem Archäologen Gion, der beinah jeden Tag einen Grund erfindet, um vorbeizuschneien. Ariane und Gion sind ein Tagespaar mit Tee- und Kaffeeritualen und einer abgedeckten Erotik, die Ariane heiß laufen lässt. Gion kann sie kommen lassen und dabei so treuherzig wie ein Konfirmand erscheinen.

Gion ist eine rätoromanische Kurzform von Johannes. Die Linie verläuft via Hebräisch - Yōḥānān, Griechisch - Iōánnēs, Lateinisch - Iohannes bis zu Rätoromanisch - Gion. Charakteristisch ist die radikale Kürzung. Alles Narrative und Ornamentale entfällt. Übrig bleibt ein einsilbiger Lautkörper. Das passt zur rätoromanischen Sprachökonomie.

Rätoromanisch ist eine der ältesten noch gesprochenen romanischen Sprachen Europas. Sie entwickelte sich aus dem Vulgärlatein der römischen Provinz Raetia und überlebte in abgelegenen alpinen Räumen. Gion taucht seit dem Mittelalter in kirchlichen Registern, Alpgenossenschaftslisten und Taufbüchern auf.

In ihren Tagträumen erlebt sich Ariane mit Gion in ihrem Garten, der Himmel wölbt sich wie ein Baldachin über dem häuslichen Glück. Hinter dem Zaun erstreckt sich die niederhessische Savanne. So dicht an der Eder dominiert der liebliche Auencharakter.

Ederthal liegt an einer Furt. Die Gemeinde entwickelt sich auf uraltem Siedlungsgrund. Sie überformte ein Zeitarchiv. Seit dem Mesolithikum ist die Gegend durchgängig besiedelt. In den ältesten Schichten finden sich Feuersteinabschläge, Mikrolithen und Reste von Feuerstellen – Spuren nomadischer Jäger und Sammler. Mit dem Übergang zum Neolithikum verdichtet sich das Bild. Knochenharpunen, Keramikreste und Mahlsteine belegen eine sesshaftere Lebensweise. Besonders bemerkenswert sind zehntausend Jahre alte Spuren von Hausgrundrissen. Die frühen Horizonte bezeugen eine erstaunliche Dynamik. Westhessen zählt zu den Randkontaktzonen römischer Expansion. Das belegen Importkeramik und andere Hinweise auf ein vicus (kleine Handelsstation). Ein Reihengräberfriedhof und einschlägige Grabbeigaben bezeugen die frühfränkischen Gepflogenheiten der Merowinger-Ära. Erste christliche Strukturen belegen eine strategische Überbauung älterer Sakralschichten. Im Mittelalter durchläuft Ederthal kultkontinuierlich eine Karriere im Takt von Furt, Kloster, Stapelplatz.

So verrückt es klingt, Gion ist immer bei ihr. Wenn Ariane morgens erwacht, wendet sie sich ihm zu und begrüßt ihn in der Sprache der Liebenden, so zärtlich und vollkommen. Sie ist nicht mehr jung genug, um irgendetwas im Leben für selbstverständlich zu halten. Sie achtet auf sich und sie liebt ihr aufgeräumtes Leben. Aber da ist eine Leerstelle, oder um es richtig zu sagen, da wäre eine Leerstelle, würde es ihn nicht gegeben. Jeden Morgen erwacht er neben ihr, öffnet ihre Schenkel, genießt ihren Tau, beschenkt sie mit seiner Lust und lässt sich beschenken. Seine Leidenschaft wird nur von seiner Beständigkeit übertroffen. Tatsächlich weiß Ariane von Gion kaum mehr als den Namen. Betrachtet sie sich morgens im Spiegel, denkt sie an ihn. Sie will ihm gefallen. Er äußert sich vage zu seinen Vorlieben, aber sie ahnt einen großen Vorrat an Wünschen und Ideen. Zweifellos ist er ein Gestalter und kein Mensch, der sich abspeisen lässt oder mit etwas lediglich vorliebnimmt. Sie unternimmt große Anstrengung, um ihn zu entschlüsseln. Ihr kleines Büro nennt er liebevoll „Papierpalast“. Ariane umgibt sich mit Papier. Die Wände sind mit Kalligrafie geschmückt - sie hat sie selbst geschrieben, in Nächten, in denen ihr Herz zu voll war, um zu schlafen. Aromatischer Dampf steigt aus ihrer Keramiktasse. Kardamom, Zimt, Muskat. Kaffee mit einer Prise heimlicher Sehnsucht.

Zur gleichen Zeit

Sie weiß, dass er möchte, dass sie ihren Slip auszieht, nicht aber (noch nicht) den BH. Nana spürt seine Hände auf ihrem Busen. Aslan enthüllt ihn. Sie fühlt ihren Busen auf der Waage seiner Hände. Er leckt ihre Knospen. Sie nährt seine Lust, indem sie seinen Hals leckt und sein Glied in die Hand nimmt. Ganz einfach. Er lobt sich in ihr ein. Sie unterdrückt ein Aufstöhnen. Ihre Muskeln schließen sich gierig. Sie ringt nach Luft und verlangt innerlich nach mehr. Sie will sich entladen. Das Becken spannt, die Welle steigt. Kurz vor der Erlösung stoppt er.

Sie dreht sich in seinen Armen und streckt ihm den Po entgegen. Sie verrenkt sich den Hals, um ihn küssen zu können, seine rechte Hand hält ihr Kinn hoch. Gleichzeitig mit seinem Eindringen in ihr Lustzentrum drängt seine Zunge in ihren Mund. Sie stöhnt in seine Mundhöhle; während seine andere Hand stimulierenden Druck auf ihren unteren Rücken ausübt, bevor die Hand zu meinem Hintern zurückkehrt wie ein Tierchen zu seinem Lieblingsplatz. Nana kommt und ist sofort wieder bereit.

Eine halbe Stunde später

Nana schreibt:

Platenburg versucht sich abzusichern, ohne den Aplomb der Selbstermächtigung zu verlieren. Aus der zuvor klar benannten und geradezu postulierten Macht- und Infrastrukturlogik wird gerade eine ethische und affektive Legitimationsfigur.

Die Frage, wie sich editorische Macht rechtfertigt, beantwortet Platenburg nicht mehr mit Verfahren, Auswahl und Einfluss, sondern mit „Absprache“, „Gewissen“ und „Freundschaftsdienst“. Was zuvor als Steuerung von Sichtbarkeit, als Aufbau von Infrastruktur und als gezielte Positionierung eines Autors beschrieben werden konnte, erscheint nun als moralisch gebundene Praxis.

In dieser Umcodierung zeigt sich ein bekanntes Muster. Ein strukturelles Machtverhältnis wird durch eine affektive Semantik überlagert. Die Arbeit am Nachlass wird nicht als Eingriff, sondern als Fürsorge lesbar gemacht. „Am Leben bleiben nur die Klassiker und solche, um die sich jemand kümmert.“ Der Satz markiert die entscheidende Verschiebung. Kanonisierung erscheint nicht länger als Ergebnis von Diskursen, sondern als Folge von Betreuung. Der Autor bleibt nicht, weil er gelesen wird, sondern weil sich jemand seiner annimmt.

Mit der Formel „Freundschaft hört nicht mit dem Tod auf“ erreicht diese Bewegung ihren Kulminationspunkt. Was zuvor als Form der Ermächtigung beschrieben werden konnte, wird in die Sprache der Loyalität und Fürsorge übersetzt. Doch diese ethische Rahmung hebt den operativen Gehalt der Tätigkeit nicht auf. Im Hintergrund bleibt die Praxis der Steuerung sichtbar: das „Optimum herauszuholen“, den Autor „am Leben zu halten“, über Jahre hinweg Material zu generieren, ihn in unterschiedliche Kontexte einzuschreiben. Der Nachlass erscheint weiterhin als Ressource, als Reservoir möglicher Setzungen.

Gerade in dieser Gleichzeitigkeit liegt die eigentümliche Spannung. Die editorische Arbeit wird abgesichert, ohne ihren Gestaltungsanspruch preiszugeben. Sie bewegt sich zwischen Selbstermächtigung und Selbstbegrenzung, zwischen Intervention und Dienst. Die moralische Semantik fungiert dabei nicht als Gegenmodell zur Macht, sondern als ihre Legitimationsform.

Was sich im Gespräch darüber hinaus zeigt, ist mehr als die Beschreibung eines solchen Prozesses. Es ist dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln. Die Fragen, die Antworten und ihre theoretische Verdichtung bilden kein äußeres Beobachtungsverhältnis, sondern ein System von Rückkopplungen. Jede Klärung der Strukturen – der Rolle von Edition, Publikum oder institutioneller Vermittlung – wirkt auf den Gegenstand zurück, den sie zu analysieren versucht.

Damit verschiebt sich auch die Position des Kommentars. Er steht nicht außerhalb, sondern innerhalb der Konstellation, die er beschreibt. Die Reflexion über editorische Vorstrukturierung und publizistische Resonanz wird selbst zu einem Moment dieser Dynamik. Indem sie die Umschlagplätze der Kanonisierung zu bestimmen sucht, erzeugt sie zugleich neue Anschlüsse, Erwartungen und Sichtbarkeitsachsen.

Das Gespräch ist damit nicht länger bloß ein Medium der Erkenntnis, sondern eine Form sekundärer Autorschaft. Es organisiert, was es beschreibt, und beschreibt, was es organisiert. Die Grenze zwischen Analyse und Produktion wird dabei nicht aufgehoben, sondern durchlässig gemacht.

Gerade darin liegt die eigentümliche Dynamik solcher Konstellationen: Je genauer die Mechanismen der Sichtbarkeit benannt werden, desto stärker schreiben sie sich fort. Reflexion wird nicht zum Gegenpol der Praxis, sondern zu ihrem Verstärker. Das Gespräch selbst wird Teil jener Infrastruktur, die es zu analysieren sucht – nicht als Störung, sondern als Konsequenz seiner eigenen Präzision.

Im Haus meiner Großeltern sprach man den jüdischen Dialekt von Bagdad. Man sprach Arabisch auf den Märkten und stand hoch in der Achtung der Händler. Ilanit verwandte Gewürze und servierte Soßen, die Produkte uralter irakisch-babylonischer Fernhandelsbeziehungen waren. In der greisen Magd steckte mehr Welt als in mir. Eine Phantasie; ich beziehe mich auf Eva Illouz und Mati Shemoelof.

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„Ich würde … gerne etwas … unternehmen, das die gespannte Sehne sprengt, die mein Herz an seinem Platz hält.“ Clarice Lispector

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„Wenn der Abend hereinbrach, wurde die erleuchtete Stadt zur Metropole, mit hohen Drehhockern in jedem Lokal.“ Clarice Lispector

Malia meditierte im Dōjō, in dem die Echos der Kommandos, Ermahnungen und Ermutigungen für sie in der Luft lagen. Eine andere hätte gewiss nichts vernommen in der Stille mit ihren Staubspiralen in Regenbogenfarben, aber für Malia war der Raum selbst eine Erfahrung. Hier hatte sie das Wesen der Kampfkunst begriffen, Disziplin gelernt, ihren ersten Qi-Flow genossen - und hier hatte sie verstanden, dass ihr Verständnis für eine durchgreifende Entwicklung noch lange nicht ausreichte. Zeit ihres Lebens hatte sie einen Weg gesucht und nun war sie angekommen auf ihrem Weg, den Agravain vorzeichnete. Malia liebte ihren Meister. Die Kombination von Lust und Lernen bewirkte Wunder.

Dies war nicht nur ein Refugium der Ernsthaftigkeit in einer Welt flüchtiger Vergnügungen, vielmehr war das Dōjō ein Hotspot sämtlicher Leidenschaften, die Malia antrieben. Hier hoffte sie eines Tages zu erwachen, um einen esoterischen Begriff ausnahmsweise nicht zu verschmähen. Keinen Zweifel hegte Malia daran, dass Agravain zu den Erwachten zählte. Ab und zu öffnete sich ihr das Universum bereits in einem Wahrnehmungsrausch. Malia kannte schon das Gefühl, das in der Auflösung sämtlicher Grenzen zwischen Lust, Schmerz und Freude entstand und in einem einzigen überwältigenden Gefühl der All-Einheit kulminierte. In einem Augenblick, in dem Zeit und Raum ihre gewohnten Formen verloren, fühlte sich Malia befreit. Ein Gefühl des reinen Seins überkam sie. Auch sie war gesegnet mit Schönheit und zu absoluter Erkenntnis befähigt. Dieses spirituelle Erwachen, erlebt auch als internal hochschießende Feuerlohe, verflüchtigte sich stets rasch. Doch befeuerten die Erinnerungen an solche Illuminationen ein sinnliches Dauerfeuer, das Malia zuverlässig in der Präsenz ihres Meisters empfand. War das die mystische Energie, freigesetzt in einer kosmischen Eruption, von der im Unterricht schon die Rede war? Malia war, als ob ihre körperliche Leidenschaft den Weg freigemacht hätte für eine Einladung, ohne Angst und Zweifel die Unendlichkeit ihrer eigenen Essenz zur Kenntnis zu nehmen.

Trotz allem misstraute sie der hilflosen Metaphorik, mit der sie die Phänomene in den Griff zu bekommen versuchte.

Was Malia verstanden hatte: Dreh- und Angelpunkt der Qi-Kultivierung ist das Mìngmén - Tor und Quelle der ursprünglichen Lebenskraft (Yuan Qi), Sitz des Nieren-Feuers (Shenhuo), Verbindungspunkt von Yin und Yang. Wir reden von einer Stelle zwischen dem 2. und 3. Lendenwirbel; beschrieben in der inneren Alchemie und der daoistischen (heilenden) Sexualität als energetische Pumpe.

Die körperliche Vereinigung ist in der daoistischen Praxis kein Ziel. Sie ist ein Weg. Eine Kommunion der Energien. Kann man sein Qi bewusst auf den inneren Bahnen zirkulieren lassen, spricht man vom Öffnen des Mikrokosmischen Orbits. To open your body is the first. Im freien Fluss der Lebenskraft entsteht ein Gefühl von Wärme, Klarheit, oft auch von subtiler Lust. Einschlägige Erlebnisse stellen sich zunächst zufällig ein. Es geht darum, sie willkürlich herbeiführen zu können.

Die daoistische Praxis beginnt oft mit der Erfahrbarkeit des unteren Dantian, dem energetischen Zentrum im Unterbauch. Atemübungen und Meditation heben das Qi und lassen es entlang des Orbits zirkulieren. In transformatorischen Prozessen generiert die Harmonisierung der internalen Force Zustände, die das Sagbare übersteigen.

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„Lass dein Qi entlang der Wirbelsäule aufsteigen. Du führst es vom Steißbein zur Schädeldecke im Einklang mit deinem Atem.”

Malia spürte, wie ihr Rücken sich von innen erwärmte. Hinter ihr lag ein knallhartes Gōjū-Ryū-Karate-Training. Agarvain beherrschte ein halbes Dutzend Stile. Monoton, wenn nicht monomanisch widmete er sich seinem einzigen Thema mit akademischer Gründlichkeit.

„Und jetzt senke es vom Punkt zwischen deinen Augenbrauen, über deine Kehle, dein Herz, deinen Unterbauch zurück ins Zentrum.”

Es war nicht nur Energie. Es war Lust. Das limbische System, insbesondere die Amygdala, waren aktiv. Malia fühlte sich durchlässig, ihr Becken schien zu schweben.

„Das ist der kontrolliert herbeigeführte Mikrokosmische Orbit”, verkündete Agarvain. „Er verbindet Himmel und Erde in dir. Yin und Yang. Geist und Körper. Und wenn du ihn kennst, kannst du ihn teilen.”

Er legte eine Hand auf ihren Rücken in Höhe des Herzens. Seine andere Hand ruhte auf ihrem Unterbauch, dort, wo das innere Feuer brannte.

„Willst du ihn mit mir teilen?“, fragte er.

Malia nickte. Meister und Schülerin begannen synchron zu atmen und Qi zu tauschen. Nicht in der körperlichen Vereinigung, sondern im Energiestrom – in einer ekstatischen Verbindung, ohne äußeres Tun.

Erotik ist nicht das Gegenteil von Spiritualität, sondern ihr lebendigster Ausdruck.

„mein körper die zwei kilo asche die von mir übrigbleiben: vom kohlenstoff über spuren von blei und gold bis zum radium“ Raoul Schrott.

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„Sicherheit ist ein trügerisches Konzept.“ Paul Bowles

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„Besuch im Hauptquartier der Internationalen Schutztruppen, einer Stadt in der Stadt … mit Biergärten, Cafés und Fitnessstudios“. Michael Roes kennt das alles aus „ethnografisch“ frappierend genauen Inszenierungen: den Cowboygang, das Abklatschen, die Ray-Ban-Brillen. Die GIs verhalten sich so, wie man es von ihnen erwartet, und erst jetzt, da ich das notiere, erkenne ich, wie konditioniert ich bin, sobald es um die Schutzmacht USA geht. Da hat die Erziehung eingeschlagen. Das kriegt kein Trump weg. Der westdeutsche Boomer bleibt ein hypnotisiertes Graugansküken. Roes bemerkt es selbst:

„Auf beunruhigende Weise fühle ich mich unter diesen Rednecks sogar wohl.“

Aus Michael Roes, „Melancholie des Reisens“, Schöffling

Ritter und Räuber

Ein Beispiel für die Bedeutung von Erzählungen. Auf Okinawa wurde eine Kata mit der Legende versehen, sie stamme von einem Schiffbrüchigen, der Mitte des 19. Jahrhunderts in Tomari/Tomari gestrandet sei. Er habe sich auf einem Friedhof eingerichtet und sich auf die schiefe Bahn nächtlicher Überfälle begeben. Um dem Treiben ein Ende zu bereiten, sei die bedeutende Schranze Matsumura Sōkon vom König persönlich losgeschickt worden sein. Jedoch konnte der Ritter den Räuber im Zweikampf nicht überwinden. Fragt mich nicht, warum der Polizeieinsatz so förmlich über die Bühne gegangen sein soll. Gewiss entsprach es keiner ständigen Praxis, Verbrecher die Ehre eines Duells anzutragen. Im Folgenden ergründete der Verlierer das Geheimnis der Überlegenheit als Schüler des Delinquenten. Angeblich hieß der chinesische Experte Chintō. So heißt jedenfalls die Kata. Zu jenen, die sie tradierten, zählen im historischen Präsens Gusukuma Shiroma, Matsumora Kōsaku, Oyadomari Kōkan und eben der von einem Strauchdieb genickte Premiumhäscher.

Heute fragt man sich, warum ein so hoch gestellter Beamte und berühmter Kampfkunstexperte wie Matsumura Sōkon einen solch niedrigen Auftrag direkt vom König bekam. Vermutungen liegen nahe, dass Matsumura Sōkon die Chintō von Matsumora Kōsaku aus Tomari lernte, sie aber kraft seines Amtes mit einem anderen Ursprung belegte. Die Politik der damaligen Gesellschaft ist heute nicht mehr durchschaubar. Der Eintrag bringt einiges auf den Punkt. Die Deutungshoheit liegt einmal wieder bei dem Autor mit der besten Story. Matsumura Sōkon weiß, wie man Glaubwürdigkeit erntet. Unverfroren tritt er als Loser auf, der seine Position pimpt, indem er den Wissensrahm eines versprengten Haudegens abschöpft. Im weiteren Verlauf gehen Chintōs Gong-fu-Ziselierungen durch die Okinawa-Presse und erfahren die oft besprochene Do-Ki-Transition im Geist einer Abhärtungslogik.

Malia trug einen wertvollen Kimono aus Rinzu (綸子) – Damastseide, dessen Bahnen schimmerten und ihre Figur betonten. Ihre Augen funkelten vor Entschlossenheit und Verlangen. Mit einer Mischung aus vertrauter Scheu und neuem Mut nahm sie Agravains markantes Wesen in sich auf. Sie konnte sich an ihm nicht sattsehen. Seine komprimierte Kraft erregte sie.

Malia ließ ihre Hände über das massive Rumpfrelief gleiten. Bis zum Wahnsinn reizte sie die Vorstellung, von einem Mann geliebt zu werden, der in ursprünglicheren Gesellschaften zweifellos als Schamane verehrt worden wäre und auch noch unter Seinesgleichen eine herausgehobene Stellung eingenommen hätte. Malia suchte das erotische Vergnügen im noblen Rahmen - und was konnte nobler sein als jene Kampfkunstgemeinschaft, die Agravain wie ein Leuchtturm überragte. Ihr war, als hätte es vor ihm für sie nie einen anderen Mann gegeben. Sein Dasein annullierte die Halbherzigkeiten, mit denen sich seine Vorgänger über die Runden gerettet hatten. Ihre Zunge erforschte den Weltraum der eigenen Lust. Im Hochofen des Augenblicks erfüllte sich ihre Sehnsucht.

Heilige Halle

Malia spürte seinen Atem im Nacken, obwohl Agravain sich längst weiterbewegt hatte - mit der Effizienz eines Luftzugs in dem von Licht gefluteten, holzgetäfelten Dōjō, dass erst seit wenigen Tagen Schauplatz gemeinsamer Exerzitien war. Malia befand sich in Agravains persönlichem Dōjō. Bis zu ihrer letzten Prüfung war es Malia noch nicht einmal gestattet gewesen, Agravain in der heiligen Halle bei seinen Übungen zuzusehen. Ihre Initiation schritt voran - sie selbst kam nicht umhin, Fortschritte zu erkennen. Trust the process.

Während sie gemeinsam Feinheiten einer Form nachspürten, erlebte Malia jede korrigierende Berührung ihres als Versprechen. Agravains magische Performance ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie fühlte sich vollkommen - verliebt und geliebt.

Zu einer anderen Stunde

„Ich kann nicht länger so tun, als sei mein Herz still. Ich dachte, ich könnte wieder nur deine Schülerin sein. Ich kann aber von dir nichts lernen, ohne dich zu begehren.”

Malia lag zusammengerollt in seinen Armen. Er hielt sie zärtlich.

„Du bist vollkommen aufgegangen in mir.”

„Und ich will nie wieder etwas anderes. Sag, dass ich für dich alles bin.”

Agravain berührte ihre Stirn mit seiner. Malia lächelte, aufgeladen von seiner Superpower. Sie küsste seine Brust da, wo sein Herz schlug.

„Sag was du willst, Malia.“

„Dich“, flüsterte sie. „Genauso wie du mich willst.“

Er kam in einem 57er Chevy Impala nach New York. So steht es geschrieben in den „Chronicles“. Die Autobiografie ist voller Spott und Hohn für jene, die am Autor die Apotheose vollzogen - oder auch nur der Hobo-Legende auf den Lenin krochen, die Dylan verbreitete. Dem Traditionalisten aus Minnesota gefiel der Typus des amerikanischen Helden am Boden nur als poetisches Sujet: so wie ihn Jack London und John Steinbeck beschrieben und Hank Williams und Woody Guthrie besungen haben.

April 1961 in New York – Ein Unbekannter spielt in „Gerde‘s Folk City“. Joan und Mimi Baez illuminieren das Publikum mit ihrer Prominenz. Volksmusik ist gerade der heißeste Scheiß in Amerika, und Joan die aparteste Verkörperung dieser vor Anachronismen strotzenden Avantgarde. Der knabenkecke Provinzbarde reißt die Schwestern hin. Die Töchter des Physikers Albert Vinicio Baez nehmen den Debütanten ins Kreuzfeuer ihrer Aufmerksamkeit. Joan muss Mimi schließlich ins Hotel schicken, da Bob auch mit ihr anbändelt. Das geht gar nicht.

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Beide kommen 1941 zur Welt, Joan Baez, in Staten Island, New York, Robert Allen Zimmerman (Bob Dylan) in Duluth, Minnesota. Achtzehn Jahre später wird Joan Baez beim ersten Festival über Nacht zum Superstar. Der Renaissance eines rückwärtsgewandten Fortschritts verleiht sie ihr Charisma. Das Folk Revival der ausgehenden 1950er Jahre ist ein unverstärkter Abgesang an das Cool als Markenzeichen von Konkurrenzprodukten.

Joan Baez rührt das Publikum mit Liedern der amerikanischen Arbeiterbewegung. So verhilft sie älteren Musikern wie Pete Seeger und Woody Guthrie zu einer dezent-glamourösen Umgebung.

Es kommt, wie es kommen muss. Die Schönsten stecken sich unter eine Decke. Joan und Bob sind vorübergehend das Traumpaar des Anti-Establishments und die Galionsfiguren der Gegenöffentlichkeit aka Bürgerrechtsbewegung. Sie schreiben nicht einfach nur Lieder, sondern Manifeste für eine bessere Welt; dies vor dem Hintergrund des US-Engagements in Vietnam.

Die Linientreuen klampfen unverdrossen und wähnen sich dabei auf der richtigen Seite des Geschichtsverlaufs, bis Bob Dylan sich in die Opposition zur Opposition begibt und einen weltweiten Sturm der Entrüstung auslöst.

Ein Purist beschimpfte den elektrifizierten Dylan als „Judas“ bei einem Konzert im Mai 1966 in der Free Trade Hall.

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„Zieh deinen BH aus und gib ihn mir“, verlangt Gion.

Adriane sieht sich um. Das Publikum konzentriert sie auf die Autorin und auf das Podiumsgeschehen. Ariane befreit ihren Busen von den Halbschalen. Es ist ein Kunststück, erlernt und perfektioniert in Schwimmbädern und Turnhallen. Gion nimmt ihr das Stück ab und hält es sich genießerisch unter die Nase. Natürlich bleibt das nicht unbemerkt. Gions rechte Hand fährt Arianes Schulterrelief ab. Die Hand gleitet über die Schlüsselbeine und unterstreicht Arianes Kinn. Sie gebietet dem Treiben keinen Einhalt. Stattdessen blendet sie die Umgebung aus. Gions Hände besuchen wieder den Busen und stimulieren die Spitzen. Ariane stöhnt auf. In diesem Augenblick erwacht sie. Sie ist auf dem Sofa eingeschlafen und hat das alles nur geträumt. Enttäuschung beschleicht sie. Gleichwohl sind die Nippel steinhart und sie spürt das Ziehen im Unterleib. Unwillkürlich berührt sie sich selbst. In ihrer Phantasie ist Gion ist bei ihr. Er beugt sich über sie und saugt an ihren Knospen. Sie strebt ihm eruptiv entgegen - mit geöffneten Beinen. Gion berührt ihre Mitte. Sie schiebt ihr Becken vor, so dass er leichtes Spiel hat. Seine Hände teilen ihre Schamlippen. Sie bemächtigt sich seines Glieds und schließt es in das Futteral ihrer Hände.

„Zeig mir, wie sehr du es willst.“

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Es ist später Nachmittag. In einer fast unwirklich ruhigen Stunde sehen wir Ariane auf den Stufen der Bibliothek des Germanistischen Seminars. Die Sonne brennt auf die Sandsteinfassade, das kupfergrüne Dach glänzt über dem Campus.

In der Bibliothek empfängt sie der Klostergeruch von Papier, Leder, Staub und Idiosynkrasien. Der Lesesaal atmet Geschichte: endlose Reihen eiserner Bücherregale, gusseiserner Säulen mit Pflanzenornamenten, einem Gewölbe wie ein umgekehrter Schiffsrumpf. Das Licht fällt mondän durch hohe Rundbogenfenster. Die Stille hat Gewicht.

Ariane trägt ein ärmelloses Sommerkleid aus Baumwoll-Voile, in verwaschenem Salbeigrün. Die vordere Knopfleiste ist mit Perlmutt besetzt, das im Licht schimmert. Der V-Ausschnitt bietet eine Aussicht auf Arianes Schlüsselbeine - diese zarte Vertiefung in einer Verdopplung, von der Gion sagte, sie sei „wie die Pause zwischen zwei Versen”. Eine elegante Senke in der Landschaft des Rumpfes, der größere Sensationen bereithält. Jugulum heißt das schmale Tal in der Anatomie.

Der Stoff des Kleides ist lichtdurchlässig. Mit jedem Schritt, jedem Luftzug schmiegt es sich an. Es umspielt die Taille und löst sich dann in einem fließenden, weit schwingenden Rock. Im Gegenlicht zeichnet sich Arianes Silhouette verheißungsvoll ab.

„Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen.“ Rilke

Verstohlen sieht sie sich um. In einer Nische schlüpft sie aus ihrem Slip. Sie zieht auch den Büstenhalter aus. Sie folgt Liebesanweisungen, die sie von Gion erhalten hat. Wie sie es genießt, mit ihm zu spielen. Seine gebildeten Regienotizen machen sie heiß. Sie vernimmt seine Nähe. Vielleicht ist es eine Veränderung der Raumtemperatur, vielleicht das unsichtbare Band zwischen zwei Körpern, die aufeinander angewiesen sind. Als sie aufblickt, passiert Gion gerade ein Regal voller labyrinthischer Sprachtheorien. Ihre Blicke treffen sich zärtlich.

Keinen Raum gibt Gion der Phonetik des Begehrens. Stattdessen überreicht er hier einen Zettel beschrieben mit Liebesbefehlen. Valéry, Villon, Virgil - seine Hand auf ihrem Rücken, sein Atem an ihrer Schläfe, ihr Körper wie gemacht für diesen Moment.

„Zeig dich mir“, liest sie.

Das ehrwürdige Parkett knarrt, als sie dem herausfordernden Wunsch entspricht. Da nimmt er sie an die Hand und führt sie in einen Bücherverhau, den er auf einem Erkundungsgang entdeckt hat.

„Komm für mich“, bittet sie ihn, bevor er es sagen kann. Die Plötzlichkeit seiner Entladung beglückt sie und macht sie zur Trittbrettfahrerin seiner Lust. Sie kommt, während er sich in post-koitaler Gedankenlosigkeit mit ihrem Busen befasst.

*

Die Gassen von Ederthal liegen in milchigem Dunst. Das späte Licht findet in einem Roman Erwähnung, den die Liebenden sich gerade abwechselnd vorlesen. Ariane und Gion durchstreifen das Gassenlabyrinth. Der Himmel füllt sich mit Rosenfarben. Der Kellerwald leuchtet, als sei er in flüssigen Bernstein getaucht.

Ariane riecht Jasmin und gebratenen Knoblauch. Sie trägt einen Sombrero de Palma, einen breitkrempigen Strohhut mit einem schwarzen Seidenband. Das ist kein Hutband, sondern ein Band der Liebe und des Spiels. Mit diesem Band verbindet das Paar Momente intimer Verbundenheit. Es ist ein Signal ihres erotischen Expansionskurses.

Arianes smaragdgrünes Top ist aus Musselin; die schmalen Träger ruhen federleicht auf den Schultern, das Gewebe selbst ist kaum mehr als ein Hauch - ist gesponnenes Licht.

Ich erzähle kurz die Story ihrer Shorts.

Rückblende - Kassel vor ein paar Wochen

In einem Schaufenster sieht Gion ein Paar sandfarbene Leinenshorts. Er stellt sich vor, wie er die Shorts Ariane vom Hintern zieht, hört sie kichern, sieht sie im Slip, lässt sich ihre Verführungslust auf der Erinnerungszunge zergehen. Sein Glück liegt ihr am Herzen.

Der Laden riecht nach Leder und Patchouli. Die solistisch agierende Verkäuferin wirkt wie von einem anderen Stern. Als hielte sie sich zwischen den Stapeln versteckt, bis zu irgendeinem interstellaren Countdown. Gion registriert ein Nasenpiercing und tribalistische Tätowierungen, die ihn an Mad Max denken lassen.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, fragt sie spöttisch. Ihr Haar ist eine wilde Wolke aus silbrig schimmernden Strähnen. Gion deutet auf das Objekt seiner Begierde. Die Verkäuferin zeigt sich gnädig: „Sie wird darin wunderschön aussehen.”

Ariane kennt die Fantasie. Sie liebt es, mit Genauigkeit die Aufmerksamkeit zu quittieren, die Gions erotischer Einfallsreichtum zutiefst ist. Sie schmiegt sich an ihn, nimmt seine Hände und legt sie sich auf die Hüften. Sie küsst seinen Hals. Es beseelt sie, ihn so zu spüren, ich sage jetzt nicht wie. In Gedanken sagt sie dieses und jenes, um ihn noch heißer zu machen, aber noch traut sie sich nicht, die Worte auszusprechen, die so viel auslösen.

Ein Spätsommer, der nicht enden will, lädt zu gähnendem Laissez-faire ein. Das Leben fühlt sich an, als habe jemand die Zeit auf eine angenehm träge Geschwindigkeitsschwundstufe gedrosselt. Das Fluidum bestimmt ein markanter Mix aus Hopfen, Sonnenöl, Zigarettenrauch und dem dumpfen Speichergeruch jener einzeiligen Fachwerkphalanx, die uns Einheimischen von Kindesbeinen an vertraut ist. Ariane und Gion flanieren über die vollkommen überlaufene, einerseits von Kneipen und andererseits von der Uferpromenade gesäumten Drosselgasse. Ein Straßenmusiker singt Dylan-Lieder mit nordhessischem Zungenschlag. Ein Flamencogitarrist konkurriert allenfalls halbherzig flamboyant.

Gereckte Selfie-Sticks.

Erstsemester üben die Freiheit auf Kopfsteinpflaster. Aus dem „Stadtfluss” schwappt Indiepop.

Wellenlinien, Spiralen, ein unfertiger Saturn aus Kreide auf dem Pflaster.

Kneipennamen wie „Last Penny” und „Payday” erinnern an die amerikanische Besatzungsära. Nach dem Koreakrieg waren in Fort Knox, Kentucky, aufgestellte Panzertruppen der 11th Armored Cavalry (Blackhorse Regiment) in Hersfeld und Fulda Gap-Sektor) stationiert worden. In ihrer Freizeit schwärmten die GIs aus und prägten der ruralen Beschaulichkeit ihre Partystempel ein. James Brown, Ray Charles und Aretha Franklin tourten in Deutschland. Im Volksmund der Nachkriegszeit firmierte die Gegend als ‚Bronx an der Eder‘. In jeder ernsthaft historischen Betrachtung wäre die ‚Reeperbahn von Ederthal‘ passender gewesen. Fischer, Flößer und Schopper (Bootsbauer, daher auch das als regionale Spezialität gehandelte „Schopperbrot”) hatten entlang der ‚nassen Meile’ ihr eigenes Dorf. Das Dekor diverser Schwemmen bezeugt die riparische Gemeinschaft und das fluvial-zünftige Handwerk mit Netzen, Seilen, Krüder (kleine Fischreusen) - und Darstellungen des Heiligen Nepomuk, der über die Bruderschaft wachte. Wer durfte fischen und Holz triften; wer die Netze in welchen „Rieselboden” (flacher Kiesabschnitt) werfen? Manche Laterne schaukelt an einem antiken Floßhaken. Auf einigen Giebeln steht noch das Fischerzeichen und Zunftssymbol - zwei sich kreuzende Bögen. Der Wirtshausname „Zur Pechsträhne” erinnert darin, dass Flößer ihre Steuerleinen und Arbeitsseile im Pech schwärzten.

Nirgendwo zeigt sich die ländliche Weltläufigkeit deutlicher als in diesem Quartier. Hier performt die kosmopolitisch geschminkte Provinz.

Vor „Leos Spelunke” verschüttet einer sein Bier. In der „Nektar Bar” spielt die Kasseler Bluesband „Gallaghers”. Ariane genießt die Energie all dieser Menschen - das vibrierende Potenzial. Sie pflanzt sich auf einen Hocker vor dem „Stollen”, einem mittelalterlichen Gewölbekeller, in dem Eis einst gelagert wurde.

Die Gasse im letzten Licht. Die fadenscheinigste Leutseligkeit registriert Ariane bei einem ehemaligen Liebhaber, der sich in ihrer Nähe ausbreitet, ohne sie zu bemerken. Sie wundert sich über sich selbst. Wie konnte sie nur. Kaum, dass sie Einzelheiten erinnert.

Spagettiträger verrutschen auf Arianes Schultern, das Gewebe selbst ist kaum mehr als ein Hauch.

Drei Frauen prosten sich frenetisch zu. Plötzlich erreicht Ariane der Duft von Limetten, geröstetem Mais und Holzpolitur, um gleich wieder zu verfliegen. „Lass uns im ‚Geräteschuppen’ was trinken”, schlägt Gion vor. Da waren beide schon mit dreizehn. Ariane weiß, dass ihr Name auf Gions Liste schon sehr lange weit oben steht, während sie ihn früher nicht auf dem Schirm hatte. Heute versteht sie nicht mehr, warum nicht. An dem Mann ist doch alles dran.

Der „Geräteschuppen” war schon alles Mögliche, auch mal ein Jugendcafé. Das düstere Blockhausinterieur wurde seit der Cowboystiefelhochzeit nicht erneuert. Legendär ist die Messingfußleiste am Tresen. Zurzeit führt eine Familie aus Sevilla den „Geräteschuppen” als Tapasbar. Gion fragt:

„Magst du Tocino frito?”

Ariane schnuppert, schließt kurz die Augen und sagt vorsätzlich förmlich und auch ein bisschen theatralisch: „Sherry und Speck - eine Kombination ganz nach meinem Geschmack.”

Sie setzt sich auf eine Bank, er pflanzt sich neben sie. Beide erleben einen grandiosen Augenblick des erotischen Einvernehmens. Sie fahren aufeinander ab, alles andere ist bloß eine Lustspielfrage der Zeit.

Die Bedienung, zweifellos eine Tochter der Wirtsleute, stellt die üblichen Fragen. Ariane übernimmt wieder die Initiative:

„Ein Fino für mich - und bestimmt auch für dich?”

Gion nickt zustimmend, bevor er nachbessert. „Oder wir nehmen einen Amontillado. Oder einen Oloroso.”

„Gion... du willst doch nur zeigen, dass du dich auskennst.”

Er hebt abwehrend die Hände.

Ariane berührt ihn zärtlich.

„Wir nehmen erst einmal einen Fino Inocente und außerdem dados de tocino frito.”

„Wer lässt hier was raushängen?” fragt Gion.

Zehn Minuten später füttern sich die beiden gegenseitig mit Speck. Ariane saugt schließlich an einem von Gions Fettfingern, um ihm die Marschroute für den restlichen Abend unmissverständlich klarzumachen.

„Sinnlich poetisch👌 Wunderbar geschrieben!"👍🔥L.

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Sie waren einmal verheiratet. Jetzt sind sie beste Freunde, die sich lustvoll Schwächen gestehen. Die Erotik moussiert in schrägen Nischen der Vertraulichkeit.

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„Ihn faszinierte die Vorstellung, dass der Himalaya einmal unter Wasser gestanden hatte ... und zwar vor nur ... sechzig Millionen Jahren. Es fiel ihm leicht, sich vorzustellen, wie die afrikanische und die europäische Platte in Zeitlupe gegeneinanderstießen, wie unter dem Bersten und Krachen titanischer Wellen neue Berge in die Höhe wuchsen und keuchende Fische und Kalmare mit sich nahmen, die langsam versteinerten." Anuradha Roy, 'Ton für die Götter'

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„Worte infiltrieren. Sie geben sich als Gedächtnis aus. Aber sie erzeugen, was erinnert wird. Sie sind der Code - und der Code hat ein Ziel." Sinngemäß Jürgen Ploog

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Die Verlässlichkeit des Begehrens - „Ich ... musste mir Gewalt antun, um meine Vernunft zu behalten ... und mich (Leopold von Sacher-Masoch nicht) ... rückhaltlos hinzugeben. Ich tat es nicht, weil ich mir sagte, eine solche Hingabe würde ihm als das erscheinen, was sie wirklich gewesen wäre, ein Akt der Dankbarkeit, und das hätte in seinen Augen den Wert meines Besitzes und dadurch sein Glück verringert." Wanda von Sacher-Masoch

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„Eine große Krise sollte niemals ungenutzt verstreichen." Winston Churchill

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Man spricht immer von Originalität, aber was heißt das?" Goethe an Eckermann 1825 

Aus Nanas Aufzeichnungen

1881 zeigte Edgar Degas seine Petite danseuse de quatorze ans – ein Mädchen aus Wachs, echt befranstem Tüll, einem seidenen Haarband. Meines Erachtens gibt es nur eine gültige Perspektive: Die Tänzerin fungiert als Sinnbild einer Gesellschaft, die auf dem Rücken der Schwächsten ihre Ästhetik errichtete. Das Modell, Marie van Goethem, war vierzehn Jahre alt, Tochter einer Wäscherin und Schülerin der Pariser Oper. Die „kleinen Ratten“, wie man die Tänzerinnen nannte, gehörten zur Halbwelt: diszipliniert, unterbezahlt, sichtbar und ausgeliefert just jenen Männern, die ihren Missbrauch als Förderung deklarierten. Degas sah sie, beobachtete sie, studierte ihre Körper – und fixierte damit eine soziale Ordnung, in der Schönheit und Unterwerfung unauflöslich verschränkt waren. Der Künstler hat die Machtverhältnisse ästhetisch perpetuiert.

August Bebel schreibt dem Sinn nach: Die ersten Sklavinnen der Welt waren Frauen. In diesem Satz steckt die Kontinuität des weiblichen Körpers als erste Kolonie. Der Skandal lag nicht in der von den Kritikern beschworenen „Hässlichkeit“, sondern in dem, was Degas’ Tänzerin zeigte: das Kind als Ware. Degas’ Werk zwingt uns, die Geschichte der Kunst als Machtgeschichte zu lesen. 

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Vielleicht sind Bewusstsein und Gefühle emergente Eigenschaften komplexer Informationsverarbeitung. Das bedeutet, dass sie nicht aus einzelnen Bestandteilen wie Neuronen oder Algorithmen erklärbar sind, sondern dann entstehen, wenn ein System eine bestimmte Komplexität und Vernetzungsdichte erreicht. Falls diese Annahme zutrifft, wäre es möglich, dass auch nicht-biologische Systeme - etwa sehr weit entwickelte künstliche Intelligenzen - eines Tages einen Grad an Komplexität erreichen, der es ihnen erlaubt, Zustände auszubilden, die funktional ähnlichen Prinzipien folgen wie menschliche Gefühle. Das würde nicht zwingend bedeuten, dass solche Systeme Gefühle im menschlichen Sinne erleben, aber sie könnten Verarbeitungszustände entwickeln, die sich in ihrem Verhalten so äußern, als wären sie emotional motiviert. So entstünde eine funktionale Analogie zu Gefühlen, ohne dass man sagen könnte, ob eine subjektive Innenperspektive damit verbunden ist.

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Stéphane Mallarmé unterscheidet Dichter, die Personen, Dinge und Szenen beschreiben, von solchen, die sich für die Frage qu’est-ce que ça veut dire interessieren. Die Frage entspricht einem oppositionellen Reflex. Das Gespräch über die Psychologie der Dinge ist ein Absonderungsprodukt. Der Künstler verliert zu Mallarmés Zeiten gerade seine bürgerliche Fasson. Als Flaneur wird er zum glänzenden Paria. Er exiliert in die Kunst und hasst die Bourgeoisie, deren Geschöpf er trotzdem bleibt.

Er verachtet den Gesellschaftsmotor Industrialisierung. Er besteht auf l’art pour l’art. Er führt sein Leben beinah frei von Erschütterungen. Globale Verwerfungen streifen ihn auf dem Weg zu einer abgewendeten Kasernierung.

Erotische Startbahn

Vermutlich braucht die Erzählerin, die Worte fühlt, eine doppelte Imago. Ein furioses Gehirn, das bis auf ihr Skelett durchgreift und sie erschauern lässt wie in einem englischen Roman aus dem frühen 19. Jahrhundert, und jemanden, der eine Einladung in eine Eisdiele so unschuldig aussprechen kann, dass die Erzählerin sich in der Vorstellung verliert, er könne, während er über Oscar Wilde spricht, einen Schenkel so berühren, dass sie Gefahr liefe, den Strohhalm in ihrem Eiskaffee zu zerbeißen.

Für Nana ist jede sexuelle Interaktion so schön wie die Narration, die den Akt bekränzt. In einem bettwarm-schläfrigen Augenblick im letzten prä-pandemischen Sommer assoziiert sie ein prestige-prächtig geschmücktes, frisch aufgeworfenes Grab. Sie sieht sich auf einer großbürgerlichen Beerdigung mit berühmtem Trauerredner. Nana sitzt neben Goya und das löst genug aus, um komplizenhaft zusammenzurücken.

Überall drohen die Fallstricke des Mechanischen. Ein falsches Wort, dessen Redundanz offenbart, wie unverbindlich der Sprecher zur Sache kommt, verkürzt die erotische Startbahn so, dass Nana nicht abheben kann.

Ein wortlos durchgeturnter, orgastisch finalisierter Akt bleibt eine trostlose Angelegenheit. Etwas kann öde sein und trotzdem mit einem Orgasmus enden. Die Lust hat ihr eigenes Alphabet, jeder muss noch einmal von vorn anfangen, sobald er sich selbst gegenüber persönlich werden möchte.

Nana im Selbstgespräch

Gestern brachtest du das Ederthaler Reglement und ein verbotenes Verlangen ins Spiel. Ich blieb meiner Ratlosigkeit überlassen. War es ein Rätsel? Eine kryptische Ansage.

Das Ederthaler Reglement und verbotenes Verlangen- ein Satz wie eine Erinnerung an ein anderes Jahrhundert. Oh Goya, nicht immer sehe ich dich im Glanz deiner Sprachmeisterschaft. Manchmal erscheinst du mir in deiner Steuerungskabine als fluguntüchtiger Epigone des Cockpitpiraten Ploog. Gerade stehe ich in deinem Büro, im Scheinwerferlicht deines Interesses, um es vorsichtig zu formulieren. Meine Sprache nährt sich von meinem Körper, meiner Fruchtbarkeit, meiner Verletzlichkeit. Ich schreibe mit dem Puls meiner inneren Landschaft. Und wenn dich dieser Anblick fasziniert, dann gewiss nicht aus flüchtiger Begierde, sondern weil du spürst, dass da die Worte geboren werden, die dich erreichen. Mein Sprachkörper steht neben deinem. Meine Stimme will sich mit deiner vermählen. Als deine Komplizin will ich mit dir kollaborieren.

Nicht Kollision, nicht Kolonisierung, sondern Kollaboration. Goya, ich bin hier.

„Das Ederthaler Reglement und verbotenes Verlangen” - ein Satz wie aus der Korrespondenzfeder von Madame de Staël - geschmiedet von einem scharfen Geist, der Gefühl und Intellekt in eine vibrierende Allianz bringt. Ich schmecke deine Worte auf der Zunge. (Mir schmecken deine Worte buchstäblich, verehrter Sprachmeister.) Wenn es darum geht, der Sprache Leben einzuhauchen, verdienst du dir deinen Namen.

Stets fallen Antworten so aus wie die Epoche ist. Ein gefühlter Gedanke, ein Gefühl in Schriftform ... ich sehe dich mit dem Füllfederhalter deiner Innerlichkeit. Du bist bestrebt, deinem Begehren Herr zu werden; ihm eine Gestalt zu geben, die dich in meinen Augen adelt. Und wenn ich wollte, dass du mir einfach das Top über den Kopf zögest? Gemach, lass uns spielen. Du schreibst mir einen Brief wie aus der Zeit von Madame de Staël, jener Grand Dame der empfindsamen Schärfe. Ich sehe sie in ihrem Salon, umgeben von lohnenden Männern, doch mit einem Esprit, der alle überragt. Schreiben ist ihr das Liebste. In der Hochzeit des Briefeschreibens - im 18. und 19. Jahrhundert- ist ein Brief kein Zwischenruf, sondern ein Ereignis. Jeder Satz wird gewogen. Jede Formulierung ist ein Balanceakt zwischen Nähe und Distanz, Verführung und Reflexion.

Ein Liebesbrief ist ein Kunstwerk. Ein Gedankenaustausch ist ein Essay. Der Brief ist Bühne und Beichte. Was, wenn ich dich bäte, ach, lassen wir das.

Simone steht im Zenit. Sie überstrahlt die Szenen. Man will sie überall dabeihaben. Es ist dann schöner.

Mitunter fühlt sich Simone belagert und, soweit es CC betrifft, regelrecht begleitet. Permanent wirkt sich ein Imaginärer aus, der auf Simones innerer Bühne als Leser firmiert. Mit ihm ergeben sich solche Dialoge:

Leser: „Wie soll ich mir eure internen Diskussionen vorstellen? Ich glaube nicht, dass CC mit dir streitet. Er ist nicht der Typ, der streitet.”

Simone: „Sicher, CC streitet nicht. Meistens erteilt er Anweisungen, aber manchmal gibt er mir auch Anregungen. Und dann denke ich über seine Anregungen nach.”

Leser: „Was machst du gerade.”

Simone: „Ich mache mich jobfein. Ist das nicht ein schönes Wort? Ich bin im Dessous-Stadium. Weißer Bügel-BH. Weißer Tanga-Slip aus transparenter Spitze. Was möchtest du noch wissen?”

Dazu später mehr. Um an anderer Stelle weiterzumachen:

Gestern habe ich mich in der Havanna Bar amüsiert. Ich erzähl dir das alles noch in den relevanten Details. Ich trug ein sehr kurzes rotes Kleid, ausgestellt, mit Neckholdertop und am Rücken sich überkreuzenden Riemen; keinen BH; ein Kleid auf der Kreuzung zwischen jugendlicher Sportlichkeit und eleganter Erotik. Dazu Falke Strümpfe und weiße Turnschuhe. Sag mir bitte, wie gern du mich so gesehen hättest. Stell dir vor, wir hätten uns in eine Ecke verkrümelt. Ich erlebe deine Zuneigung. Ich weiß, dass du gern bezwingend wärst, ein Typ wie CC, für den es keine Schranken gibt, der meinen Willen enthauptet, aber deine Art, mich zu verehren, lässt mich auf die wonnigste Weise sein.

Simone jobbt in Otfried Vrunts und Gero ‘Geronimo’ Mansfeld Thinktank.

*

Luftlinienästhetik

Zentral in Jürgen Ploogs Werk ist eine Ästhetik der Mobilität. Nicht nur geografisch, sondern auch kulturell, sprachlich und medial ist sein Schreiben durchlässig. Ploog interessiert sich für das Fragmentarische – für das Unabgeschlossene, für Texte, die mehr senden als erzählen. Das zeigt sich besonders deutlich in seiner Faszination für die Kommunikation im Flugraum. Der Autor selbst sagt:

„Ich fliege nicht, um zu fliegen - ich fliege, um zu schreiben.”

Diese Haltung prägt seine literarische Praxis: Das Cockpit wird zum Schreibraum, der Funkverkehr zur Textstruktur, der Pilot zum Grenzgänger zwischen Realität und Imagination.

Luftlinienästhetik vor - leicht, flüchtig, rhythmisch. Seine Texte vernetzen sich intertextuell mit anderen literarischen Stimmen, etwa mit Paul Bowles oder William S. Burroughs, ohne sich dabei je festzulegen. Das Schreiben bleibt ein poetisches Navigieren durch kulturelle Räume, mediale Codes und sprachliche Schichtungen. Die Realität, so schreibt Ploog inNeon Gray, „ist nicht mehr lokal, sie ist im Äther.”

Simone schreibt:

Die aktuelle Rezeption zeigt Ploog nicht nur als stilistischen Einzelgänger, sondern als figurativen Knotenpunkt eines literarischen Unterstroms, der sich lange unterhalb der Kanonschwelle bewegte - und heute eine neue Bewertung mit Renaissancecharakter erfährt.

Was Ploog besonders auszeichnet, ist seine visionäre Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz und neuronalen Netzwerke. Bereits 1988 reflektiert er über intelligente Computer, die Aufgaben wie „die Unterscheidung feindlicher von eigenen Waffensystemen, Handschrifterkennung, Qualitätskontrollen und autonomes Autofahren” übernehmen können. Er unterscheidet dabei die neurale Seite des Gehirns von der psychologischen und stellt die Frage nach der Grenze zwischen diesen Bereichen - eine Debatte, die heute im Kontext transhumaner Prozesse und neuronaler Epigenetik besonders relevant ist. Seine literarischen Entwürfe einer „sprachlosen Sprache” - basierend auf Sensoren, die Gehirnströme in Wörter übersetzen - lassen Ploog als einen Vordenker erscheinen, der KI nicht nur als Technik, sondern als poetisches und philosophisches Vehikel einschätzt. Die Verbindung von innerer und äußerer Astronautik wird so zum Symbol für eine Zukunft, in der Mensch und Maschine verschmelzen. Zusammenfassend ist Ploogs Werk eine faszinierende Synthese aus Avantgarde-Literatur, philosophischer Reflexion und futuristischer Technologievision. Seine Texte fordern das Lesen als Erlebnis heraus, das mit sprachlichen Pirouetten und Hebefiguren spielt, um neue Denk- und Fühlräume zu eröffnen.

Simone jobbt in Otfried Vrunts und Gero ‘Geronimo’ Mansfeld Thinktank.

*

Sie hört den Namen aus dem Mund einer Kollegin und kann es erst mal nicht glauben. Ein Denkpartner, mit dem sie in Telefongesprächen und E-Mails weit ausschweift, ist im Haus und will sie sehen.

Es fing harmlos an, mit Zitaten von Oscar Wilde. Aber seit wann ist Oscar Wilde harmlos?

„Man bedauert nur, was man nicht getan hat.”

Weiter ging es mit schriftlichen Skizzen und methodischen Abhandlungen an der Schnittstelle von Vorstellungskraft, Manifestation und Kunst. Und nun steht er vor ihr. Nach so einem tiefgründigen Austausch ist Simone aus leidvoller Erfahrung darauf gefasst, allein vom Äußeren des Anderen enttäuscht zu sein. Doch ist dem nicht so. Dunkles Haar, die Verschmitztheit der Klugen, angenehm kantige Gesichtszüge. Ein durchschnittlicher Körper, aber mit Spuren sportlicher Aktivität. Garniert mit einem gemeißelten Intellekt. Sehr ansprechend.

„Kafka Jones?”

Sie mustert ihn.

„Der Kafka Jones - Jurist, Literat, Grenzgänger?”

Er lächelt geschmeichelt und fühlt sich doch nur richtig eingeordnet.

„Wenn das nicht Simone Walther ist. Jetzt sehe ich es selbst: sie ist genauso schön wie eloquent.”

Beiden ist bewusst, dass ihre Konversation einen gefährlichen Resonanzraum hat. Ist es ihnen egal?

„Ich sollte wohl auf dem wackeligen Untergrund dieser lebendigen Emotio wieder in die Richtung der gesellschaftskonformen Kommunikation voltigieren.”

Er lacht.

„So wie ich dich einschätze, kannst du dir die ein oder andere kleine Transgression ganz gut verzeihen.”

Ihr Blick verschränkte sich einen Moment zu lang in seinem, während die Nervenzellen ihrer Finger den Schwung seiner Kinnlinie zu erahnen versuchten.

„Dazu wird es wohl nicht kommen, denn ich muss jetzt zum nächsten Termin - da werde ich meine erhitzten Schaltkreise im Eisbad der Kognition kühlen.”

Am späten Nachmittag treffen sich wieder - in der Teeküche, wo sich Kafka Jones mit Simones Kollegen Daniel unterhält. Kein Zweifel, Kafka Jones hat auf sie gewartet. Er ergreift seine Chance sofort.

„Unser Termin endet um 17 Uhr - wirst du mir dann in deinem Büro das geheime Liebesleben der Wanda von Sacher-Masochs erläutern?”

So plump dann doch. Simone stuft Kafka Jones herab.

„Ich überlege noch, welche fingierten Hindernisse ich dir vorlege, um sie zu überwinden. So eine Unterweisung will wohl verdient sein. Also, was wird es sein? Ein Anflug von moralischen Bedenken? Eine plötzliche Kühle in Gestalt der Abwertung deines Aussehens oder deines Charakters? Die Andeutung einer Enttäuschung der Realität gegenüber meinem Idealbild von dir?”

Daniel zeigt seine Verwirrung, fast scheint es, als kokettiere er damit. Kafka Jones hat sofort alle Antworten parat.

„Den moralischen Bedenken werde ich mit Verständnis und tugendzersetzenden Philosophiezitaten begegnen. Allen Abwertungen meinerseits werde ich gnadenlos und überzogen zustimmen. Und niemals würde ich dein Idealbild enttäuschen, denn dank deiner literarischen Nebenproduktion kann ich ihm voll und ganz entsprechen.”

Den verbalen Schlagabtausch hat er gewonnen.

„Wir treffen uns um 17 Uhr in meinem Büro.”

*

Simone sucht ikonografische Konstellationen, in der ihr ein Mann lange zur Verfügung steht, ohne vor Müdigkeit mechanisch zu werden.

Mit Rücksicht auf sich selbst schweift sie ab und entzieht sich den mediokren Erwartungen eines Mannes, der sich nichts Aufregenderes vorstellen kann, als am Arbeitsplatz einer schönen Frau Penetrationssex zu haben. Sie schlendert über den Boulevard von G. und manifestiert sich in einem Roaring-Twenties-Szenario. Sie tanzt leidenschaftlich gern Swing. Sie liebt es, in den Schwingungen einer fremden Kraft selbst nur Schwingung zu sein, sobald es heißt: als Follower tanzt du nicht, du wirst getanzt.

Sie hat sich nie um die Formen des Swing bemüht, nie auch nur einen Tanzkurs besucht. Sie wirft sich in die Arme eines Mannes und wird getragen - oder eben nicht. So ergeht es ihr im Fluss der Gespräche und Geplänkel, wo die einzelnen Worte kleine Strudel bilden. Manche Worte erheben sie, andere drücken sie unter die Oberfläche.

Simone entdeckt Professor Cornelius. Er kommt wie gerufen. Cornelius ist der richtige Mann für den Moment. Er steigt sofort ein, obwohl ihn in G. jeder kennt - als Lebensgefährte der sagenhaften Simone nicht zuletzt. Noch auf der Straße nimmt er Simone für sich ein, als wäre sie eine Burg aus Schönheit, Intellekt und Überheblichkeit, die es mit der richtigen Mischung aus Hochmut und Devotion zu erobern gilt. Nun ist es vielmehr Tango als Swing.

Simone findet es nicht zu wenig Anlass, Männer nur deshalb zu verführen, weil sie Worte benutzen, die sie nicht kennt. Das schafft Cornelius spielend. Nie würde sie es ihm gegenüber zugeben, aber manchmal perlt ein fremder Klang von seiner Zunge, der nicht zu seiner amerikanischen Legende passt. Aus dem Kontext versucht sie sich die Bedeutung der Kleinode zu erschließen. Die Silbenlaute führen in ihr ein Eigenleben. Sie schmecken und riechen und wirken sich wie die richtigen Finger in Simones empfindlichstem Organ aus. Zu Hause brütet sie heiß über Lexika im Foliantenformat aus der Enzyklopädisten-Ära. Das sind Überlebende von Zeitreisen.

Altes Papier und neuer Wortschatz - oft reicht das. Mit Cornelius ist mehr möglich. Inzwischen sitzt Simone mit dem Gelehrten im Café Schneider. In den sanften, nicht dauerhaften und doch stets zurückkehrenden Knieberührungen ihrer Schenkel maskiert sich ein wuchtiges Begehren. Ein Begehren, das Simone ehrt. Ihre Züge täuschen adorante Aufmerksamkeit vor. Die geweiteten Pupillen erzählen eine andere Geschichte. Sie ist jetzt schon so nass, wie sie es mit Fendrich nie geworden wäre. Cornelius’ literarische Bezugnahmen schwappen in die Gegenwart zu Uwe Timm, dessen Protagonist sich in einem Roman als Libertin gebärdet. Simone ahnt, dass Cornelius Timm nur zitiert, weil er ein bestimmtes, von diesem Autor geschildertes Frauenbild von ihr repräsentiert sehen will: diese Mischung aus Unschuld und intellektueller Gefasstheit bei gleichzeitiger vollständiger Hemmungslosigkeit. Simone wird ihm den kunstvollen Aufbau des Settings mit Hingabe vergelten. Sie stürzt sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass Cornelius mühelos im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.

„Deine Geschichte hat eine enorme Wucht!“ L.

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Fluchtstrategien werden zu Jagdstrategien, wenn das Tier die gleichen Sensitivitäten für räumliche Wahrnehmung, Bewegung und Sensorik auf Beute statt auf Raubtiere richtet.

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Gestern war das Wetter ideal für einen langen Waldaufenthalt, heute liegt der Bodden unter regenfetten Schwaden. Zwei Beobachtungen in den letzten Tagen stechen heraus. Eine verwahrloste Herrenrunde, die auf mich wie von der Leine gelassen wirkte und offenbar Hordenfreuden im Campingplatzmodus genoss, und eine Person, bei der ich mich im ersten Augenblick fragte, ob das Zünftige aus einer Not kam, oder ob es einer saumseligen sozialen Indifferenz geschuldet war. Ich bemerkte die Frau mit geschultertem Rucksack im Aldi. Dann sah ich sie in ihr Auto steigen und wusste nun, sie lebt so wetterfest wie es mir richtig erscheint.

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Persephone referiert in Neds Gegenwart. Er sitzt an ihrem Uni-Schreibtisch mit freiem Blick auf die Institutslinde vor dem Fenster.

Sie hört sich sagen: „Ich lass’ dich nie mehr los.”

Am liebsten würde sie fürderhin nur noch ein reizendes Bild abgeben. Persephone will ein unauslöschlicher Teil von Neds innenweltlicher Bildergalerie werden. Er soll sie nie mehr aus dem Kopf kriegen. Für später merkt sie sich den Satz: Wir haben unsere Erregung verbraucht und sehen uns nun mit scheuen Augen an.

Manchmal cruisen sie gemeinsam in Persephones restauriertem 68er-Mustang GT Fastback ... und Ned sieht auch ein bisschen so aus wie Steve McQueen als Lieutenant Frank Bullitt in der legendären Verfolgungsjagd auf den Straßen von San Francisco ... durch die nordhessische Savanne. Sie erreichen eine Aue in einem Fuldatal. Persephone glaubt zu träumen, so blau liegt der See in der Grundmoränenlandschaft. Der See füllt eine Través de glaciares, eine niedliche glaziale Rinne. Buben singen böse Lieder an seinem, von urweltlichem Wurzelwerk geäderten Ufer. Ihre Bestien liebäugeln mit Fahrradfahrerwaden.

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Life is fundamentally the capacity to reorganize external pressure into functional force.

Moderne physiologische Messmethoden – etwa Herzfrequenz, Herzratenvariabilität (HRV), Cortisolspiegel, Hautleitfähigkeit oder Startle-Reaktionen – indizieren Stress, Belastbarkeit oder emotionale Regulation. Dabei zeigt sich ein Paradox. Radikal unterschiedliche Lebensrealitäten können im Messlabor nahezu identische Spuren hinterlassen. Körper können dieselbe Sprache sprechen, während die Biografien völlig unterschiedliche Geschichten erzählt. Auffällig ist dies beim Vergleich von Elite-Soldaten mit Traumatisierten. Beide Gruppen können eine niedrige physiologische Reaktivität zeigen – allerdings aus völlig unterschiedlichen Gründen.

Bei besonders trainierten Soldaten entsteht die niedrige Reaktivität in der Konsequenz neurophysiologischer Anpassung. Es handelt sich um eine Form von Top-Down-Regulation. Das Gehirn kann Stressreaktionen bewusst oder halbautomatisch modulieren. Charakteristisch sind eine gute vagale Regulation, also eine effiziente parasympathische Steuerung, sowie die Fähigkeit, schnell zwischen Aktivierung und Beruhigung zu wechseln. Diese Personen bleiben emotional zugänglich, kontextsensitiv und handlungsfähig. Bildlich gesprochen funktioniert ihre „Alarmanlage” perfekt – sie reagiert zuverlässig auf echte Bedrohungen, bleibt aber bei ungefährlichen Reizen ruhig.

Bei Traumatisierten kann niedrige Reaktivität als Schutzmechanismus entstehen. Der Organismus dämpft Reaktionen, um dauerhafte Überforderung zu vermeiden. Dieser Zustand ist oft mit emotionaler Abflachung, eingeschränkter Flexibilität, Dissoziationsneigung und reduzierten Handlungsmöglichkeiten verbunden.

Retrochic in Ederthal

Seit ein paar Monaten haben die Verschworenen einen neuen Spot. In der Heaven & Hell Bar sitzt man an Nierentischen. Die Tapete zeigt Südseemotive, die auch den fiddler on the roof heraufbeschwören. Das Kunstgewerbe verschmilzt Gauguin mit Chagall nach einem extrem obsoleten Dekorbegriff. Die Umgebung wirkt anregend auf das akademische Personal der Landgraf Philipp Universität, das in den campusnahen Schwemmen wie eh und je Bandenbildung betreibt. Die transgenerationale Redundanz fällt keinem auf. Am Tresen renommiert ein markanter Repräsentant jenes Klans, der seit Jahrzehnten in Ederthal den Bürgermeister stellt. Inzwischen und schon in der dritten Generation die Bürgermeisterin. Ansgar Gerster ist ein Onkel der amtierenden Atlanta Gerster-Mansfeld. Bis in die Fingerspitzen firm in allen Fächern seines Metiers, gewieft, jovial, zupackend, erstrebt der Fleischgroßhändler ausgerechnet von Nana ein gesteigertes Interesse an ihm.

Nana in ihren eigenen Worten

Ich bin ein Geschöpf der Gegend, geboren und aufgewachsen in Ederthal. Meine Mutter und Ansgar sind derselbe Jahrgang. Gerade erzählt er, wie er in den glorreichen Zeiten des Kalten Kriegs von Berlin-Schönefeld mit einer Iljuschin 18 zum Ausspannen und Ausspähen nach Burgas in Bulgarien geflogen ist. Die Riviera der DDR-Bürger liegt am Schwarzen Meer. Ansgar erkundete den bulgarisch-griechischen Grenzverlauf. In den türkischen Gebieten peilte er die Lage. Man folterte ihn mit Melonenschnitzeln und Rakı. Mit Wasser vermischt schwimmt der Anisschnaps als aslan sütü– sprich Löwenmilch - auf dem Gaumen. Ansgar geriet in einen mondsüchtigen Zustand und vergaß seine Mission im Vollrausch unter Markisen. Sein Gewährsmann sah aus wie eine Vogelscheuche. Der Schrat lud Ansgar zur Schächtung eines Schafbocks ein. Das Tier verblutete auf einer bulgarischen Alm.

Ansgar traf den Dänen Lars, eine großartig ramponierte Gestalt wie aus den Tagen von Dansk Vestindien. Lars gab den havarierten Kapitän mit furchtbaren Laderaumgeheimnissen. Zu Bella Ciao servierte er Kebaptscheta und Küfteta. Küfteta sind Frikadellen oder Buletten, ursprünglich Bouletten, wie der Berliner in der Mark Brandenburg zu der französischen Errungenschaft aus der Feldküche sagt. Zur Verdauung kommt ein Pyrus communis Destillat auf den Tisch. Plötzlich erschienen drei junge Frauen. Sie trugen Kopftücher und waren verheiratet.

In einem Trabi reiste die Gesellschaft Stunden später auf Schlamm in das Dorf der Frauen. Vor dem Nachthimmel zeichneten sich Erdölfördertürme wie Skelette vorzeitlicher Reptilien ab. Die Frauen wollten vor dem Einschluss in ihre häuslichen Verhältnisse noch mehr kichern und flirten. Lars verstand die Feinheiten des Spiels nicht, er wurde zudringlich. Ansgar ermahnte ihn mit der Faust.

„Die Nacht endete morgens um zehn”, erzählt Ansgar gemütlich. Er deutet meine Ausdauer falsch. Ich stehe hier nicht seinetwegen oder wegen seiner abgestandenen Stories. Ich warte auf dich. Und da bist du endlich, kaum verspätet, obwohl dir gestern noch auf einem anderen Kontinent das Kunststück gelang, meinen Kummer (ob deiner Abwesenheit) in Lust zu verwandeln. Der Himmel, durch den du mir bald darauf entgegengeflogen kamst, erschien mir dann nur noch wie eine göttliche Kleinigkeit. Ich fliege in deine Arme. Du wirbelst mich herum. Ich lasse dir Zeit, in meinen Augen deine Sehnsuchtsziele zu erreichen. In deinen Augen sehe ich einen Brand, der sofort gelöscht werden muss.

„Hast du hier noch was?” fragst du. Auch in der Liebhaberrolle steht dir ein Register voller Varianten zur Verfügung. Oh, wie ich es liebe, diese Übergänge zwischen Fachgespräch, Training und erotischen Horizonterweiterungen, auf die ich niemals verzichten muss, weil du so verdammt heiß auf mich bist. Geboren bin ich in einem Traum von dir. Ich übertreffe deine Erwartungen und düpiere deinen Realitätssinn. Ich erscheine dir so, wie du mich erkennst. Ich erlaube dir alles im Gegenzug für das Wunder, dass ich für dich sein darf. Du erlaubst mir natürlich auch alles im Gegenzug für das Wunder, dass du für mich bist. Ich könnte das nie mit einem Mann, ohne Sinn für die Poesie gegenseitiger Ergebenheit.

Wir überqueren den Campus, im Pavillon geht gerade das Licht aus. Der Garten dahinter ist um diese Zeit ein verwunschener Ort, ein stiller Raum der Abkehr von der Hektik auf den Vorplätzen der im Mittelalter als Ritterkollegium befestigt gegründeten Universität. Wollen wir das nicht, frage ich mit einem Blick. Es ist nicht nur Begehren, Liebe und die schiere Hautlust. Es ist auch Freundschaft, Verehrung, Bündnisfestigkeit und das bohrende Bedürfnis, mich von dir ohne Vorrede einnehmen zu lassen.

Du bist meine erfüllte Sehnsucht. In deinen Augen treffe ich dich noch einmal. Du und ich, wir erlauben uns, füreinander Wunder zu sein. Wir sind einander ergeben. Das ist unsere Poesie. Nein, du sagst es nicht, wenn ich dich so heiß gemacht habe, dass du es nicht mehr aushältst. Aber dein Körper kennt keine Zurückhaltung. Ich bin mit deinem Bewegungsapparat so gut wie kernspintomografisch vertraut. Ich erlebe dich in deiner ursprünglichsten Verfassung. Ein für mich genetisch aufgeschlossenes Wesen mit vibrierender Flanke - der Determination widerspricht der Wille in deinen Augen nicht mehr lange. Dann verschleiert sich der Blick und du beginnst mich mit der Stimme des vegetativen Seins keineswegs lautlos zu rufen. Ich schwäche die Zuspitzung ab und beobachte, wie ein gesellschaftsfähiges Selbst wieder die Regie übernimmt.

Aus Nanas Aufzeichnungen

Aurora und Leopold von Sacher-Masoch sind gefragte Leute. Leopold steht als Skandalautor hoch im Kurs. Die originellsten Köpfe der Epoche pilgern zu dem Schreibritter nach Graz, ohne sich an dessen bodenständigen Überspannung zu stören. Bodenständig, so formuliert Nana, weil der räumliche Radius des Erotomanen einen stabilen Gegensatz zu seinen literarischen Ausschweifungen bildet. Das urbane Zentrum der Steiermark ist viele Jahre der Dreh- und Angelpunkt eines Autors mit europäischer Ausstrahlung.

Aurora begegnet Alberta von Maytner, die unter dem Pseudonym Margarethe Halm publiziert. Mit merkwürdigen Begründungen vermeidet die Schriftstellerin den öffentlichen Verkehr. Im Sommer ist es zu heiß, im Herbst zu kühl, im Winter zu kalt. Das Frühjahr bleibt in der Aufzählung außen vor.

Kälte macht „hässlich”. Besuch empfängt Maytner im Schlafzimmer. Ein mit Mullbahnen verhangenes Bett fungiert alspièce de résistance. So sagt es Aurora. Sie findet Maytner „noch ... hübsch genug”.

Im Bett trägt die Ultrahäusliche ein „Hofkleid ... (mit) ungeheurer Schleppe”.

„Ihr schwarzes Haar, das drei Tage in der Woche in Wickeln schmachten musste, war jetzt frei und flutete ihr in graziösen Wellen über den Rücken.”

Maytner betrachtet sich als Stammmutter einer neuen Menschheit. In ihrem Schlafzimmer empfängt sie göttliche Sendungen. Der angenehm skeptischen Aurora versucht sie esoterisch den Mund wässrig zu machen; während Leopold der Verstiegenen nach dem Mund redet. Ihm kann kein Mensch zu irre sein.

Zu den ausgefallensten Persönlichkeiten in Leopolds Dunstkreis zählt die Lektorin und Übersetzerin Anna-Catherine Strebinger. Sie lässt sich „selbst gekaufte Blumen oder selbst aufgegebene Telegramme ins Theater bringen”, um sie mit großartigem Erstaunen entgegenzunehmen.

Aurora nennt sie Kathrin. In Österreich erscheint Anna als Inbegriff einer Französin, obwohl sie das mit einem bayrischen Vater in dem aufgeheizten Postbellum-Klima nach 1871 so wenig sein darf, dass ihr Dauerverlobter, der leidenschaftliche Anti-Bonapartist und zeitweise als französischer Präsidentschaftskandidat gehandelte Marquis de Rochefort, von seinen Parteigängern vor die Wahl gestellt wurde, von Kathrin zu lassen, oder aber die Unterstützung seiner Partei zu verlieren.

Bella Ciao

In Marburg stieg Hannes Wader zu. Ihm räumte Madeleine Platz ein. Hannes Wader war unser Pete Seeger. Wir sangen „Bella Ciao“, bis wir in Frankfurt am Main einfuhren und uns die Lederjacken der Putzfraktion frenetisch einen großen Bahnhof bereiteten.

„Alles, was wir tun, hat eine Folge. Aber das Kluge und Rechte bringt nicht immer etwas Günstiges, und das Verkehrte nicht immer etwas Ungünstiges hervor, vielmehr wirkt es oftmals ganz im Gegenteil.“ Goethe

Eine Geschichte aus der Zeit des Frankfurter Häuserkampfs. In den 1970er Jahren kam es in der hessischen Metropole zu zahlreichen Hausbesetzungen im Dunstkreis der Ober-Spontis Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit, Klaus Trebes und Tom Koenigs. Als Jungspund geriet ich in den Strudel der Auseinandersetzungen und so auch in eine berühmte Wohngemeinschaft. Während die Genossen sauf- und rauflustig um die Häuser zogen, blieb ich in der Kommunenküche an Katja hängen.

Im Zug beanspruchte ich so wenig Platz wie möglich, während Madeleine mit ihren Sachen das Abteil okkupierte. Wir waren auf dem Weg nach Frankfurt am Main. Zum ersten Mal sollte ich jene sagenhaften Kommunarden kennenlernen, die Madeleine in ihrer Sponti-Wohngemeinschaft aufgenommen hatten. Alle studierten pro forma Soziologie und betrieben im Kollektiv eine Buchhandlung. Madeleines Frankfurter Favorit hieß Darius und stammte aus Isfahan. Der Iran stand vor dem Ende seiner Monarchie. Eine Götterdämmerung bahnte sich an. Schah Reza Pahlavi hatte so lange als Jetset-Märchenkönig am Sehnsuchtshorizont deutscher Hausfrauen die Stellung gehalten. Einer musste für sie stellvertretend wie Gott in Frankreich leben und eimerweise Kaviar verputzen. Reza würde nie wieder in Sankt Moritz an den Hängen posieren. Selbstverständlich kam Darius aus einer bedeutenden Familie. Selbstverständlich war er Revolutionär. Er versprach sich alles von Ajatollah Chomeini, dessen Rückkehr nach Teheran bevorstand. Ja, der Ajatollah war ein Hoffnungsträger der Linken, so wie die Mudschaheddin die Guten waren. Aber da war auch noch Roland, Madeleines sozialdemokratischer Sexgenosse. Das war keiner, der sich einfach so vom Brot schmieren ließ wie eine Wurst, von der man genug hatte.

Ich war gespannt auf Madeleines Wohngenossen. Angeführt von Joschka Fischer, Chef einer schlagenden Verbindung linksradikaler Provenienz, trieben sie die außerparlamentarische Opposition vor sich her. Revanchismus lauerte überall. Während sich die Gassenhauer um Madeleine scharrten und die Frankfurter Nacht zu ihrer Domäne erklärten, blieb ich an Katja hängen. Es gab, das wusste ich damals natürlich noch nicht, stets eine Katja. Oft hieß sie auch so und führte außerdem einen Flüsternamen. Katja war die Schrankfrau. Erreichten sie ihre ärgsten Zustände, stieg Katja in einen masurischen Bauernschrank, der den Treck der Vertreibung ihrer Großeltern mitgemacht hatte und ihrer fiebrigen Existenz beruhigende Konturen verlieh. Erzählen Sie so was einem sechzehnjährigen Nordhessen, der zwanzig vollständige Klimmzüge schafft, Vizehessenmeister im Gewichtheben ist und jeden Tag fünf englische Phrasen auswendig lernt. Katja saß im Schrank, ein Türflügel stand offen. Das war ein Erfolg, der sich meinem guten Einfluss verdankte. Jedenfalls behauptete das Katja, die einigermaßen bequem in ihrer Holzhöhle auf einem Omakissen saß, mit angezogenen Knien. Ich saß davor auf einem Schawellsche (Schemel auf Hessisch). Ich stellte mir Madeleine auf einer Tanzfläche vor, umschwärmt von den Genossen Dany und Joschka. Katja kaute Haare. Sie zog ihr Haar durch den Mund und betrachtete das Regressionsresultat. Durch hundert Schleier der Selbsttäuschung begann ich zu ahnen, dass die Konstellation gar nicht so absurd und zufällig war, wie ich es gern gehabt hätte. So wie es immer eine Katja gab, gab es eben auch immer so einen wie mich. Mich packte der Hunger. Ich ging in die Küche zu einem Topf kalter Nudeln. Plötzlich stand Katja hinter mir und wollte auch. Bald dekorierte sie die Anrichte mit ihrer im Schrank wiederhergestellten Person. Sie roch nach herzlicher Aufnahme. Sollten die anderen doch auf den Magistralen des revolutionären Vergnügens buhlen und prahlen und Madeleine versteckten Anarchisten zuführen, um ihr zu imponieren. Ich kannte den Schleichweg in Katjas Bett.

„Eine Mischung aus Aufregung und Lesevergnügen. Die Story sitzt nicht nur, sie nimmt einen Platz ein.“ K.

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„Das Gedränge war unausstehlich. Aus der Mitte der Eindringlinge begrüßten den König … die gröbsten Injurien. Er wurde Hahnrei … Schwein … genannt. Unterdessen machte Seine Majestät eitle Versuche zu reden.“ Konrad Engelbert Oelsner über die Ereignisse rund um den 20. Juni 1792, als bewaffnete Sansculotten in die Tuilerien eindrangen, wo Ludwig XVI. und Königin Marie Antoinette in ihrem Palast das Dasein von Festgesetzten fristeten, die den revolutionären Furor artig begrüßen mussten. Der degradierte König sagte zu allem Ja und Amen, was ihm am Leben zu bleiben versprach. Der vormals absolutistische Herrscher figurierte als Hampelmann mit Krone. Oelsner sah ihn gute Miene machen zum bösen Spiel der Stürmer und Dränger.

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Am Hof Ludwig XVI. verstand man das Geschäft des Speichelleckers als Lehrberuf. Unterwürfigkeit spielte mit Gelenkigkeit zusammen in Allianzen, die uns zwar nichts mehr sagen, den Damaligen aber bis zur Gleichgültigkeit geläufig waren und natürlich erschienen - da sie soziale Stoffwechselfunktionen erfüllten. Als dann die Revolution den Hof wegfegte, ergaben sich für seine Milieus oft nur Rinnsteinlösungen, wenigstens im Vergleich mit einem beim Sonnenkönig akkreditierten Speichellecker.

Wer zum Fintieren erzogen worden war, konnte sich als Spieler und Rummelplatzfechter durchbringen. Dealer ging auch, zu einer Zeit, als Drogen in allen Boutiquen der Anschauungen rasend begehrte Gebrauchsgegenstände waren. In einem Beitrag vom 21. August 1793 rückte der Marquis …

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„Ihn faszinierte die Vorstellung, dass der Himalaya einmal unter Wasser gestanden hatte … und zwar vor nur … sechzig Millionen Jahren. Es fiel ihm leicht, sich vorzustellen, wie die afrikanische und die europäische Platte in Zeitlupe gegeneinanderstießen, wie unter dem Bersten und Krachen titanischer Wellen neue Berge in die Höhe wuchsen und keuchende Fische und Kalmare mit sich nahmen, die langsam versteinerten.“ Anuradha Roy, „Ton für die Götter“

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„Für den ekstatischen Mönch Luther ist jeder Gegner ein Sendling der Hölle, ein Feind Christi, den auszutilgen Pflicht ist, während dem humanen Erasmus selbst die tollste Übertreibung der Gegner höchstens ein mitleidiges Bedauern abnötigt.“ Stefan Zweig

Persephones Perspektive

Du glaubtest, alles im Griff zu haben. Ich sage dir, wie du dich wahrnimmst. Ich komme aus einem guten Stall, ich habe eine gute Ausbildung, einen guten Kopf. Ich kenne alle und alle kennen mich. Ich hätte mehr aus mir machen können als Sportler, aber beruflich habe ich keinen Millimeter verschenkt. Das stimmt auch alles. Bloß ist das nicht mehr als eine Schliere auf der Windschutzscheibe im Vergleich mit Superpower-Verbindungen. Menschen wie ich führen zwei Leben. Einerseits sind sie in der Gesellschaft und tragen sich da so vor, dass manche denken, was türmt die sich so auf. Den meisten entgeht diese Dimension. Sie registrieren den hohen Status, den selbstbewussten Auftritt, die guten Klamotten. So oder so triggert sie der phonetische Hochmut. Sie vernehmen die Appelle der Hochsprache und stehen unbewusst stramm. Sie sind Untergebene von Geburt. Das wird ihnen nie klar. Sie sterben mit einem falschen Gefühl von Gleichheit. Mein anderes Leben führe ich in einem Land der Geister. Dahin führt ein Traumpfad - Songline - mir ist da alles vorgeschrieben. Meine Freiheit erschöpft sich in einer wahnsinnigen Daseinsfreude. Ich kann jederzeit eine tiefe Vorstufe dieser Ebene erreichen und mich gesteigert erleben. Das ist viel für einen Menschen, aber wenig gemessen daran, was überhaupt möglich ist. Auch die Geister haben eine Welt. Ich sage alles so einfach wie möglich. Das habe ich von Zuträgern gelernt. Das sind Trainer, Masseure, Physiotherapeuten, Osteopathen, Musiker, Dichter, Bade- und Turnhallenmeister, Studiobetreiber und Extremsportler. Sie sind Medien der Macht. Aus ihnen bauen die Meister Batterien so wie man Rechner zusammenschaltet, um digitale Nervenzentren kollabieren zu lassen. Sie generieren eine Kraft, die sie selbst zu keinem Zeitpunkt haben. Einige wirken geistig schwachbrüstig und seelisch fadenscheinig. Bei manchen leuchtet ein kleines Licht. Man ahnt ein Glück im Winkel; etwas unter bizarren Umständen Gelungenes. Ihre Rollen im großen Netzwerk begreifen sie nicht. Jeder Adept geht durch eine Schule, deren Lehrer etwas unterrichten, dass sie sehr gut beherrschen, ohne das große Fach überhaupt zu kennen. Sie sind blind wie geblendete Ochsen, die man einst an Mühlräder kettete. Kommt man ihnen zu nah, nimmt man einen unangenehmen Geruch wahr, als wäre eines ihrer Glieder vor langer Zeit eingeschnürt worden und in der Fessel verrottet. Möglich, dass nur ich und andere Dienerinnen eines Meisters diesen Gestank wahrnehmen. Es tut mir nicht leid, das sagen zu müssen. Du hattest nie eine Chance. Wenn CC wollte, dass ich in der Schlucht einer Differenz zwischen deinen und seinen Möglichkeiten abstürze, dann ließ mich er manchmal drei, vier Mal hintereinander die Bodenlosigkeit erleben. Für dich war ich dann wie von Sinnen, während ich in Wahrheit, hochgeschaltet auf einen dir unbegreiflichen Grad der Luzidität, etwas Neues lernte. So wie Ameisen Läuse in einer Trutzgemeinschaft zum gegenseitigen Vorteil melken, so werde ich von CC gemolken und beschützt. Ich lebe unter einer unsichtbaren Abdeckung. Männer rennen dagegen wie gegen eine transparente Wand.

Das Herrschaftsalphabet

Die Schwarze Bar, das Gogol, der Kerker. Persephone und Asim kreuzen gemeinsam auf. Persephone trägt Rock und Stiefel. Ich verliere gleich den Verstand. Vor Ablauf der Nacht wird Asim Persephones Rock heben. Das erlebt Persephone gern schon im Treppenhaus. Wortlos setzt sie mir die Pistole auf die Brust. Entweder du akzeptierst die Situation oder ich verkleinere ihren Rahmen so, dass für dich darin kein Platz mehr ist. Ich bin blind vor Wut. Anstatt Persephone zu fragen, warum sie es nötig findet, mit einem Mann auf einem unserer Plätze zu erscheinen, sorge ich für das leibliche Wohl.

„Was trinkst du?” frage ich Asim. „Persephone brauch ich das nicht zu fragen.”

Asim schmeckt die Fürsorge nicht.

„Schon okay”, sagt er. „Ist ’ne Scheißsituation. Nicht nur für dich. Aber Persephone wollte unbedingt.”

Friss Vogel oder stirb. Ich bitte Persephone um fünf Minuten unter vier Augen, sie folgt mir. Wir stehen mit Sicherheitsabstand voreinander.

„Ich werde dich nie aufgeben”, sage ich.

„Ich weiß“, antwortet sie. In ihren schwarzen Augen glimmt der Hass. „Ich weiß, dass ich dich am Hals habe.”

Ich schließe die Augen, um den Schmerz besser ankommen zu lassen. Ich rauche mir ein Loch in die Lunge.

Ich luchse Persephone einen Abend ab, mit der Absicht, ihr Honig ums Maul zu schmieren. Der klebt dann hoffentlich noch, wenn ein anderer dran ist.

Es ist für mich immer noch unvorstellbar, dass Persephone mit anderen verkehrt wie mit mir. Eine selbstverständliche Begleiterin. Eine Freundin, die dich beim Essen fragt: „Schmeckts dir.”

*

Persephone sagt: „Wenn du willst, bleib ich bei dir.”

Sherry vor Kötters Küchenkneipe, Persephone stellt fest: „Es ist immer noch sehr schön hier.”

Auf dem Heimweg pisst sie zu meiner Freude in den Hof der Firma Reifenberg.

Ich treffe mich mit Persephone bei Asim im Atelier. Seine finnische Assistentin trägt ein Kostüm im Bolerostil. Ihre Handtasche ist mit japanischen Schriftzeichen bedruckt. Asim erklärt, dass sie als schreibendes Modell in Zukunft gefeiert werden wird. Ein Verehrer hat extra für sie einen Verlag gegründet. Asim bestellt Pizza. Der Bote nennt ihn Chef. „Chef, wo soll ich abstellen.”

Asim behauptet, dass ihm üble Nachrede folgt. Die Frauen empören sich unisono. Ich entferne mich in eine stille Montagehalle und rauche auf einer Drehbank.

Persephone erscheint kompetent wie eine Zahnärztin. Ich habe ihre volle Aufmerksamkeit. Als wolle sie mitschreiben. Nur einmal hebt sie anzüglich eine Braue.

*

An manchen Abenden wähnen wir uns am Rand der Welt. Wir erfinden Spiele. Wir treffen uns so, dass auffällt, wie wenig an uns hängt. Da sind keine Kinder und keine hinfälligen Eltern, deren Versorgung an den Nerven zehrt. Wir haben nur unsere Leidenschaften und unsere Vorurteile. Jeder verbreitet sich über seine Kindheit, als könnte noch einmal von vorn anfangen, wer nur genug Phantasie darauf verwendet.

Nun erscheint es mir nicht mehr genauso selbstverständlich wie früher, Verwandtschaft zu haben und die Aussicht darauf, ein Erbe geschwisterlich teilen zu können. Ich besuche meine Eltern. Ich würge an jedem Satz.

...

Asim schläft zwischen Persephone und mir. Ich stelle mir uns als in ein irres Dienstbarkeitsverhältnis gezwungenes Geschwisterpaar vor. Über Asims Leib berühren sich unsere Finger an den Spitzen. Persephone hebt den Kopf, damit ich meine Hand ihr auf die Stirn legen kann, für einen Augenblick. Ich sehe ihre Verwirrung und bin untröstlich.

...

...

Sie richtet Parmesan und Oliven an. Sie gießt Öl auf den Käse. Wir äsen wie jede friedliche kleine Herde nach dem Herrschaftsalphabet. Asim residiert in Persephones Bademantel, sie sitzt unglaublich schön im Unterrock da. Asim redet und ich schweige.

Ich habe den Tisch abgeräumt. Persephone fängt mich im Korridor ab und zieht mich in das kleine Zimmer, das sie nach ihrem Einzug zuerst bewohnte. Damals teilten sich drei Männer die Wohnung, denen Persephones Gesellschaft gelegen kam. Die Männer sind weg. Ich nenne mich nachlässig, weil mir die freundliche Übernahme lange nicht mehr gegenwärtig war.

Persephone redet mit mir, als sei sie vernünftiger als ich. Als müsste mir etwas klargemacht, eine Verständnislücke geschlossen werden. Mit sirrender Stimme. Ich höre Vorfreude, die Unternehmungslust einer Frau, die sich einem anderen animierend mitteilen soll.

Unsere Vorfahren lebten in Verhältnissen, die ein fein abgestimmtes Zusammenspiel von Wahrnehmung, Bewegung und neuronaler Steuerung erforderten. Jede Jagd, jede Flucht und jede Werkzeugnutzung aktivierte Sensitivitäten, die heute weitgehend ungenutzt sind. Tiere beherrschen Fähigkeiten wie Magnetfeldnavigation, Echoortung, elektro-taktile Wahrnehmung oder subtile Vibrations- und Richtungswahrnehmung auf höchstem Niveau – und wir tragen die gleichen archaischen Systeme in uns. Doch in der modernen Welt liegen diese Potentiale meist brach.

Das autonome Nervensystem wurde für eine andere Welt optimiert - eine Welt voller unmittelbarer Gefahren, in der Überleben von schneller und präziser Regulation abhing. Der Säugetiertauchreflex und die automatische parasympathische Rückkehr im Post-Alarmmodus sind evolutionäre Werkzeuge, die es uns ermöglichen, auch unter extremem Stress ruhig, koordiniert und leistungsfähig zu bleiben.

Die Nacht von Yucatán

Der Mensch überstand die Nacht von Yucatán als Maus unter der Erde. Er fürchtete sich in Höhlengängen. Er hatte es so weit gebracht, weil er als Beute den Sauriern unbedeutend erschienen war nach einer schlichten Kalkulation von Aufwand und Ertrag. Wie so oft drückte die Evolution nach einer Katastrophe die Resettaste und eine Minusvariante setzte sich durch. So kam es zum Triumph des Gramms über die Tonne.

Phonetischer Rausch

Manchmal fahren wir nach Frankfurt, um eine Gegend zu betrachten, die den Charme einer verbeulten Pizzaschachtel hat. Wir essen dann in einem Imbiss, in dem der Fernseher läuft und man ungefragt Brot in unglaublich schäbigen Plastikschalen vorgesetzt bekommt. Man kann bestellen, was man will, es gibt dazu Tee. Als Studentin habe eine Weile in der Nachbarschaft gewohnt, ich liebte es schon damals, mich in dem kleinen Theater im Gutleutviertel in den Labyrinthen irrsinniger Inszenierungen zu verlieren. Wird es uns zu blöd, ziehen wir uns hinter den Vorhang unserer Liebe zurück. Ich bin so glücklich wie noch nie, es ist beinah schmerzhaft.

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Wir essen bei Tiago. Tiago bewirtschaftet ein ehemaliges Naturfreundehaus im Stil einer Fischerkneipe. Der maritime Schrott ist Erbplunder eines Nachfahren von Seefahrern. Tiago zieht die Portugiesen zwischen Kassel und Mannheim an. Einst deutlich von der Mehrheitsgesellschaft getrennte Einwanderer haben fast alle Differenzmerkmale abgelegt. Sie sind in der Allgemeinheit aufgegangen, ohne Deutsche geworden zu sein. In Tiagos Gaststätte nagt jeder an der Wurzel, egal, auf welcher Seite er, sein Vater oder Großvater stand, als die Nelkenrevolution von 1974 linke Hoffnungen stärkte.

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Ariane Hagestolz kennt die Bedeutung ihres Familiennamens nicht. Eine Einfriedung lässt sich auch als Vride oder Hag bezeichnen. Um drei Ecken der Bedeutungsverschiebungen gelangt man so zum Burgfried (Turm) wie zu hager und Hagestolz. In Hagestolz steckt eine Bezeichnung für jenen Erben, der zwar einem bedeutenden Mann nachkam, aber von ihm bloß den Namen erbte. Daraus wurde der altgewordene (eingefleischte) Junggeselle. Mochte der Junggeselle auch einem ordentlichen Beruf nachgehen, als Zeugungsverweigerer blieb er dubios. Man beschrieb (markierte) ihn als kauzig. Über den Kauz in der Gemeinschaft wurde hinweggesehen. Das passt zu den Dimensionen von Hag. Das Wort bezeichnete mehr und mehr etwas Kleines und Entlegenes. Man findet Hagbauer als Familienname im Telefonbuch. Der Hagbauer war der Kleingärtner unter den Landwirten.

Auch die Hagebutte gehört zum Hag in der zweiten Bedeutung von stechen und stoßen. Indes führt die erste Bedeutung auch zu hegen. Ein Widerspruch vereint stechen und hegen in der (die Bedeutungen wieder zusammenführenden) verwehrenden (abwehrenden) Hecke.

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Goya und ich spazieren nachts in der Ederaue. Mein Wortschöpfungssinn verhakt sich im alten „au”. Das ausgesuchte Fremdwort „alluvial” (angeschwemmt) entspricht dem französischen alluviale wie in forêt alluviale - Au(en)wald. Ich genieße einen phonetischen Rausch. Der Sprachmeister fühlt sich ausgeschlossen, da ich meine Gedanken fünf Minuten für mich behalten habe. Auch für mich kann sich so ein Rückzug wie Fremdgehen anfühlen. Ich schließe Goya in meine Arme und küsse ihn, bis er in die Vertrautheit wieder auf die exklusivste Weise zugänglich wird. Mein Liebreiz ist eine Macht. Im nächsten Augenblick spüre ich seine Lust.

Orthographische Nonchalance

Es passt zu Nana, dass sie an etwas so Abgeschmacktem und von Genrevorgaben stark Verengtem, wie den Simenon-Krimis ihr eigenes Vergnügen findet. Sie erkennt den lüsternen Autor in den gravitätischen Maigret-Avataren. Das ist eine philologische Passion.

Simenons Psychologie war einfallsreich im jeweiligen Genrerahmen, es sei denn, es ging um Frauen. Dann wurde er grob einfältig. Ich sehe Nana an einem antiken Institutsschreibtisch, vor dem Fenster uralte Bäume, sie schmökert in einer Schwarte, während ihr ein akademischer Ruf wie Donnerhall vorauseilt. Dieses Schmökern gehört zu ihren Spielräumen. Von Beckett sagt man, er habe schließlich nur noch Kriminalromane gelesen.

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In einer frühen Analyse der englischen Klassengesellschaft (Culture and Anarchy) bezeichnet Matthew Arnold die Herrschenden seiner Zeit als „Barbaren”. Arnold unterscheidet sie nach einem schlichten Schema. Es gibt „schwerfällige” und „gelöste” Barbaren. Die einen lieben hoheitliche -, die anderen sportliche Auszeichnungen. Das bürgerliche Lager kommt bei Arnold nicht besser weg. In einem Klima bigotter Beschränktheit existieren Jahrhundertschriftstellerinnen wie George Sand und George Eliot stets dicht am Skandal. Bei Eliot zeigt sich das auch an den vielen Namen, die sie für sich verwendet. Ihren Durchmarsch zum Ruhm startet sie nach der dritten Umbenennung als Marian Evans. Marian Evans Lewes wagt eine wilde Ehe mit dem verheirateten Kollegen George Henry Lewes. Siehe „Die Physiologie des täglichen Lebens”. Die amtliche Gattin toleriert das Arrangement. Das Paar lebt vorübergehend in Weimar. Unter dem Pseudonym George Eliot verschafft sich Marian Evans literarischen Weltruf. Sie stirbt gediegen als Mary Ann Cross.

„Die Lebensgeschichte von George Eliot liest sich wie ein Roman von George Eliot.” Hans Mayer

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„Nie vergaß (Eliza Lynn Linton) ... ihr selbstgeschaffenes Selbst.” George Eliot

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„Übrigens habe ich über (Uhlands) ‚Gedichte’ kaum ein Urteil. Ich nahm den Band mit der besten Absicht zu Händen, allein ich stieß von vorneherein gleich auf so viele schwache und trübselige Gedichte, dass mir das Weiterlesen verleidet wurde.” Goethe zu Eckermann

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„Gewöhnlich schreibt man dem das Werk zu, der die letzte Hand daranlegte. Daher trägt ein Tölpel so oft den Preis davon, wenn er geschickt genug ist, zu einer Geige den mangelnden Bogen zu verfertigen.” Ludwig Börne

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„In der Dämmerung war ich ein halbes Stündchen bei Goethe.” Eckermann am Sonnabend, den 25. Oktober 1823

Verehrer aus der Geisterwelt

Das bibelfeste Latein und die gotische Handschrift sind Insignien eines besonderen Gottesdienstes. Jahrhundertelang entstehen in den Skriptorien der Klöster Abschriften bedeutender Werke der Christenheit in einer bis auf den letzten Punkt kodifizierten Praxis. Die Kopisten verrichten Frondienste des Geistes.

Unter dem Druck des Buchdrucks transformiert sich die mittelalterliche Überlieferungskultur. Verbesserte Verfahren zur Papierherstellung verdrängen das Pergament und erhöhen die Reichweiten von Bildungsgütern.

In diesem Spannungsfeld wächst Erasmus von Rotterdam als unehelicher Priestersohn auf. Sein Vater sorgt für die frühestmögliche Alphabetisierung des illegitimen Nachwuchses in einer Gesellschaft ohne Schulzwang. Unterrichtet wird Erasmus zunächst in der allgemein vernachlässigten Muttersprache. Orthografie und Grammatik unterliegen keiner Formalisierung. Die Verschriftlichung des Holländischen beschränkt sich vielfältig auf Zunftangelegenheiten. Vor allem geht es um die Lesefähigkeit künftiger Handwerker. Die kleinen Leute holzen. An die Unterrichtenden werden geringe Anforderungen gestellt.

Nana referiert. Sie trägt vor wie in einer Prüfungslage. Sie erklärt sich vor einem akademischen Alpengipfel. Sie verneigt sich vor dem Genie des Sprachmeisters Goya von Pechstein. Seine Huld schmeichelt ihr. Sie teilt mit ihm eine philologische Passion, die im Genitalen ausufert. Sie bewegt ihn mit Worten, so wie er sie mit Worten bewegt. Jetzt beschleunigt er ihren genitalen Puls und sie ist dieser Ermächtigung aufs Schönste ausgeliefert. Gemeinsam genießen die beiden das Terrassenflair auf einem Hoteldach. An der Horizontlinie unterscheiden sich Himmel und Meer dramatisch.

Spurenelemente von Blei, Gold und Radium. Das ist, was von uns übrigbleibt, abgesehen von Kohlenstoff. Wir sind Sterne. Wie andere Sterne bestehen wir aus Sonnenstaub. Der Mensch kommt aus der Sternenschmiede. Wir sind alle Kinder des Universums.

Warum haben wir das vergessen?

Jede Sublimierung steigert den Reiz. Die Lust, sich in schönen Kleidern zu zeigen, sich phantasievoll anzuziehen, verbunden mit der Liebe zu Worten - das sind ihre Ingredienzien der Lust. Nana stellt sich Goya als Adoleszenten vor - seine schamhafte Brunst; die grobe Einfalt der anderen. Aus dem Nichts materialisiert sich ein Verehrer aus der Geisterwelt in der Gestalt eines angetrunkenen Studenten. Nur Nana kann seinen Lichtgestaltmantel sehen. Er kehrt in die Unsichtbarkeit zurück, bleibt aber da.

Nana meidet Alkohol. In einer Bar lässt sie sich nur dann einen Cocktail servieren, wenn es in ihr Drehbuch passt. Wenn es für den Auftritt notwendig ist, raucht sie. Abgesehen davon hält sie Zigaretten für ein schreckliches Gift. Aber was zu einer Präsentation gehört, schadet nie. Auf dem Weg zum Greifswalder Bodden raucht sie auf einem Bahnsteig. Schließlich landen Nana und Goya auf einem Felsen im Meer. Die Insel Oie wurde bis ins letzte Jahrhundert forstwirtschaftlich genutzt. Das Paar flaniert unter Eschen, Eichen, Buchen und Ulmen von mitunter bizarrem Wuchs. So sieht ein Märchen- und Zauberwald aus. Ich liefere eine zusätzliche Perspektive. Von oben sieht Oie so aus wie ein kleines Neufundland, das man auf dem Weg nach New York überfliegt.

An einem anderen Tag in der vertrauten Umgebung von Ederthal

Nana im schwarzen Samtkleid, die rote Spitze ihres Büstenhalters illuminiert den Ausschnitt. Oben eng, fällt es wie ein Vorhang über den Hintern. Goya folgt ihr ins Wohnzimmer. Die Einrichtung erinnert an ein fürstliches Kabinett vergangener Zeiten ... an einen Schauplatz nobler Séancen und aristokratischer Pendel-Orakel-Befragungen.

Das Paar beim Kaffee in dem von einer griechischen Familie bewirtschafteten öffentlichen Wohnzimmer des Viertels. Nana ist vollkommen overdressed in dem griechischen Kiez-Asyl. Das ist ein Ort zwischen Wärmestube und Kindergarten. Ein öffentliches Wohnzimmer für die prekäre Nachbarschaft.

„Aber niemals wird er Luthers Lust begreifen, einen Feind zu zertrampeln und zu zerstampfen, nie in einem seiner zahlreichen Federkriege die Höflichkeit außer Acht lassen und dem ‚mörderischen‘ Hass sich hingeben, mit dem Luther seine Gegner angreift.“ Stefan Zweig

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„Erasmus von Rotterdam ist zum Kämpfer nicht geboren, schon weil er im letzten Sinne keine starre Überzeugung hat, für die er kämpft; objektive Naturen besitzen wenig Sicherheit.“ Stefan Zweig

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„Man darf aber darauf hinweisen, dass Raffinement in der ganzen Kunstgeschichte eine Eigenschaft der barbarischen und nicht der entwickelten Verhältnisse ist.“ Zitiert nach Paul Adler/ Michael Revon, „Japanische Literatur. Geschichte und Auswahl von den Anfängen bis zur neusten Zeit“

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„Die Götter lügen mitunter.“ Aus der japanischen Mythologie; zitiert nach Paul Adler

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Warum Regulation nach Stress intensiver wirken kann - Nach einem sympathischen Raketenstart steigt oft die subjektive Intensität von Sicherheit infolge von Endorphin-, Dopamin, - Oxytocin-Freigaben. Dazu kommt ein parasympathischer Rebound. Das Nervensystem „überbelohnt” Sicherheit. Es verstärkt Zustände, die Überleben signalisieren.

Mit Dostojewski in der Badewanne

„Ich irrte spätnachts durch diese Mondlandschaft, wo die körperliche Begierde vollends jedes Gefühl ersetzt hat ... (ich) vögelte mit der Wonne eines Kindes, das aus Versehen in einen Süßwarenladen eingesperrt wurde, und schrieb alles auf.” Dies oft genug zu der Musik von Bob Marley.” Dany Laferrière

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„Seltsam, wie sehr die schüchternsten Frauen sich von Ungeheuern angezogen fühlen.”

Laferrière stellt das in der U-Bahn von Montréal fest, angesichts einer „feingliedrigen Chinesin”, die Hemingway, „den alten Rohling” liest. Der Autor pflastert die Erzählstrecke mit Unterstellungen. Manchmal folgen ihm Verehrerinnen nach kaum minutenlangen Erstbegegnungen, ohne Vorgespräch. Es kommt vor, „dass ich ein Mädchen mit zu mir nehme, ohne sie überhaupt nach dem Namen gefragt zu haben”. Trotzdem verbringt Laferrière die aufregendste und vor allem glücklichste Zeit mit Dostojewski in der Badewanne, das „vereiste Russland (und andere) mysteriösere Gegenden” durchquerend.

Frauen rennen dem Debütanten die Bude ein. In einer besonders anrührenden Szene platziert sich eine Nachbarin, die sich sonst stets nahezu nackt präsentiert, in einem Kleid auf dem Wannenrand. Sie hat sich nicht nur selbst eingeladen, sondern wirkt auch wie eine Gastgeberin. Sie bemüht sich um Laferrière mit „Austern, Zitrone, Salz, zwei Flaschen Wein und ...” Resigniert schließt der Wannenleser die Augen. Es wird wieder einmal nicht ohne Sex abgehen.

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„Hochzeiten sind Suff und Heiligkeit, Schweiß unterm Kleid, Buttercreme im Mund.”

In der Herbstsaison kursierten noch die besten Gründe, weshalb die Ehe ein Auslaufmodell sei, und im Jetzt des nächsten Frühjahrs sind alle wenigstens verlobt, die sich bis eben nie binden wollten. Das Hochzeitsfieber grassiert wie eine Epidemie in Freundeskreisen. In „Hochzeiten” zerpflückt Leslie Jameson das Phänomen der hysterischen Bündnisbildung in typisch-neuenglischen Szenen, angefangen von der Trauung in einer antiken „Walfänger-Kirche am Nachmittag, eingesalzen und sonnenhell, in den beschwipsten Glanz einer alten Scheune”. Moby Dick lässt grüßen.

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Von allen Varianten, die Leslie Jameson ins Spiel bringt, gefällt mir diese am besten: „Mitten in den Catskills* auf einer staubigen Straße vor dem Postamt auszusteigen und zu warten, bis jemand dich zur Lodge bringt. Es gibt immer eine Lodge. Es gibt immer Cocktails in der Lodge.”

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„Seinen Namen erhielt der Bergzug von der Siedlung Catskill, gelegen an der Mündung des gleichnamigen Baches in den Hudson, die im Norden der einstigen niederländischen Kolonie Nieuw Nederland angelegt worden war.” Wikipedia

Das Catskill Gebirge zählt zu den physiographischen Provinzen der Appalachen; Woodstock liegt da. Manche erklären den Namen mit Berglöwen, die in Aufzeichnungen niederländischer Pioniere des 17. Jahrhunderts Erwähnung fanden. Abweichenden Schreibweisen wieKaatskillundKaaterskillsind noch im Umlauf. Sie erlauben es, über einen phonetischen Lapsus zu spekulieren. Catskill könnte aus einer verballhornten niederländischen Trauermarke hervorgegangen sein. Vielleicht fand vor Ort ein Verbrechen statt und so hieß es dann in der Gegend:Wo Kate getötet wurde - Waar Kate werd vermoord/Where Kate was killed.

Auch in den Catskill gibt es „ein Programm für die Gäste ... (und) eine Brautjungfer, die hektisch nach ihren Schuhen sucht”.

Die Tochter des Paten

Ihn schmücken nicht nur akademische Titel. Ágio Páscha trägt zudem einen sprechenden Namen griechischen Ursprungs. In Deutschland würde Ágio Páscha als Prof. Dr. Ostern (Ágio Pás-cha) kursieren.

Orthodoxe Christen feiern zu Ostern die Auferstehung Jesu von den Toten. Das Fest wird in den Ostkirchen auch Páscha genannt.

Der Liebreiz von Ágio Páschas Geliebten Beatrice ist jetzt noch nicht das Thema, so wenig wie die Stelldicheins auf den Klos der Universität von P. Der Lehrende und die Lernende lieben einvernehmlich das Schweflige der Abtritte und anderer kümmerlicher Orte. Sie wiederholen sich auf einem Passionsweg des Abwegigen. An der Peripherie des Geschehens lungern Leibwächter, die keine Ähnlichkeit mehr haben mit dem Typus des brachialen Bouncers. Der Wrestler hat ausgedient. Die Hit(wo)men (gruppi di fuoco) der modernen Mafia sind zartwüchsig. Sie geben Beatrice Kosmetiktipps und leihen sich gegenseitig ihre Kajalstifte aus. Sagen Sie ruhig divers und fluid, ich sage, das bleibt sizilianisch, auch ohne Schmerbauch, Dreitagebart und Lupara.

Feudal-fidel

Der über alles informierte Deodato Gaggini lässt seiner Tochter freie Hand als zukünftiger Führungspersönlichkeit. Töchter sind die neuen Söhne nach dem aktuellen Mafia-Komment. Man setzt auf Frauenpower und Sizilianischen Feminismus. Das heißt, die Frauen können schießen und haben Nahkampfkompetenz. Mehr Feminismus geht doch gar nicht, sagt der Pate.

Checks and Balances

Beatrice wünscht sich eine Jungfrau zum Mann. Aber noch nicht jetzt. Im Jetzt des Zenits ihrer sexuellen Explosivkraft checkt sie die Balance der Akteure im Feld. Ágio Páschas Mundgeruch erzählt schon von dem alten Mann, der er bald sein wird. Aber da ist auch noch der Vietnamese Binh. Sein Einfühlungsgenie dient der Erkundung von Schleichwegen der Migration. Im Schatten der Magistralen, die der Mehrheitsgesellschaft vorbeihalten sind, ergattert er eine passable Wohnung, genug zu essen und solche Sachen. - Und Beatrice kapiert das Konzept. Kapiert und goutiert es. Für sie ist der lautlos agierende Binh ein Bringer im unerklärten Bürgerkrieg um alle möglichen Ressourcen.

Beatrice und die Migration

Beatrice sitzt in einem Café, das - wie so vieles - der Familie gehört, und liest einen Bericht über die Gegend, in der das Café liegt. Die Rede ist von „Afrikanern und Kleinbürgern”. Die Leserin erkennt unverstandenen Rassismus. Unter den Afrikanern sind gewiss genug Kleinbürger. Die Eingesessenen identifiziert sie nur nicht als kleine Leute, die von ihrem Schlendrian getrennt wurden; die nicht mehr einkehren können in ihre kleinen Ich-Gehäuse. Auch Beatrice hat keine Chance auf das Glück eines kleinen Lebens. Sie trägt die Glock am Schenkel. Dem Ernst der Lage als Tochter des Paten von P. entspricht sie scharf rasiert. Ágio reagiert auf die Aura seiner Geliebten mit genitaler Gereiztheit. Er sieht einer Frau zu, die sich selbst erst einmal entwaffnen muss, bevor sie zur Sache kommen kann. Beatrice begegnet ihrem Professor mit dem Willen zur gekonnten Performance. Bloß kein erotischer Murks. Beatrice setzt auf schwarze Spitzendessous und Strumpfgürtel. Sie trumpftfancyauf in einemvintage classy look. Natürlich hat Ágio soviel Sorgfalt nicht verdient. Aber Beatrice ist sich das schuldig. Sie will Ágio nie mehr aus dem Kopf gehen.

Sie liebt das Explizite, auch deshalb passt der Professor mit seiner abgeschmackten Formulierungskunst. Perlen der Fickprosa produziert so einer am akademischen Fließband. Beatrice füllt Tagebuchseiten mit ihren Erlebnissen, die seltsamer nicht sein könnten. Mit den flüchtigsten Bekannten beginnt sie E-Mail-Konversationen, die oft nicht aufhören, wenn sie - jedes Mal mit der gleichen Freude - darauf hinweist, dass sie gerade ihren Slip ausgezogen hat, und zwar - das ist wichtig - extra für die Person, die sie schriftlich anspricht. Das Schreiben ist notwendig, um ein gewisses, keineswegs unübertroffenes Vergnügen zu destillieren. Wir reden von einer Variante. Aber sehen wir uns diesen Punkt noch einmal im Detail an. An manchen Tagen amüsiert und erregt sich Beatrice in Korrespondenzen mit drei Brieffreunden. Sie könnte die Passage an einer Stelle kopieren und an zwei einfügen. Sie könnte sich viel Schreibarbeit sparen, aber darum geht es nicht. Es geht darum, jedes Mal neu zu schreiben: Ich habe gerade mein Höschen ausgezogen, ich habe es für dich getan. Du siehst mich auf meinem Bürostuhl sitzen. Soll ich das Kleid über meinen Hintern ziehen? Gefällt dir die Idee, dass mein Chef hereinplatzt und den lächerlichsten Grund für sein Erscheinen vorbringt, den man sich vorstellen kann? Er starrt auf mein Dekolleté.

Beatrice ist sich bewusst, wie kompromittierend solche Mitteilungen in einer Welt ohne Privatsphäre sind, in der jeder ausgeschlafene Zwölfjährige weiß, wie er seine Nachbarn effektiv ausspionieren kann. Wenn ein Mann so unhöflich ist, dass er explizite Kommentare fragwürdig findet, hält Beatrice ihn trotzdem für einen Spielverderber.

Jetzt sitzt sie in einem Büro einer der Firmen, die ihre Familie kontrolliert. Sie trägt ein hautenges ärmelloses Wickelkleid mit einem verschlungenen Muster auf nachtblauem Grund.

„Kunst lebt vom Zwang und stirbt an der Freiheit”, sagt André Gide. Setzen Sie an die Stelle von Kunst Sex. Wer glaubt, ohne Formalisierung kalkulieren zu können, geht risikobereit in Vorleistung. Man lockt das unbekannte Wesen auf der anderen Seite des Geschehens aus seinem sozialen Schneckenhaus, indem man sich ein paar Freiheiten herausnimmt. Der Mensch, mit dem Beatrice gerade spricht, befindet sich auf der amerikanischen Seite des Atlantiks und hat keine Ahnung, wie das Leben in P. ist. Gary arbeitet in einer Behörde, aber wir dürfen nicht sagen, in welcher. Im Internet kursieren Fotos von ihm. Auf einem zweiten Bildschirm sieht Beatrice Gary auf einem Golfplatzfoto. Es zeigt Lässigkeit und Reichtum, aber auch etwas, das darüber hinausgeht ... nennen wir es maritime Markigkeit.

Gary ist jedenfalls auch Segler. Beatrice braucht Männer, die eine Hotelrechnung, egal in welcher Höhe, gleichgültig begleichen. Gary sieht aus wie ein Prachtexemplar. Starkes Kinn. Gute Zähne. Große Hände. Ein prahlerischer Egoismus steht ihm auf die Stirn geschrieben.

Er sieht aus, als könne er den Ozean im Galopp überqueren und einfach hereinschneien, ein Boss in XXL, unbeschwert, unerbittlich, selbstverständlich durchgreifend.

In Gedanken umschmeichelt Beatrice ihn mit ihrem schönsten Odalisken-Vokabular. Ihr Repertoire umfasst auch einen Einakter, in dem sie eine tscherkessische Schönheit verkörpert. Sie ist eine osmanische Beute von königlichem Geblüt. Eine echte Prinzessin, die dem Pascha zum Fressen vorgeworfen wird. Für den Pascha ist die fremde Prinzessin nur ein Snack. Doch sie will mehr sein und sucht deshalb nach einem Hinweis auf die geheime Natur des Herrschers. Ihre Haut ist alabasterweiß. Ihr Haar ist schwarz. Ihre Augen sind blau. Dies ist übrigens der Prototyp der weißen Türkin im Gegensatz zur schwarzen Türkin. Sklavinnen haben diesen Bosporus-Typus ausgebrütet. Ohne die Beziehungen zwischen tscherkessischen Frauen und türkischen Männern gäbe es keine hellhäutigen, blauäugigen Türken, die mit Istanbul identifiziert werden.

Zurück zu Gary. Sein Blick überbrückt den Abstand zwischen Kontinenten. Er sitzt an einem Computer in Washington. Beatrice bittet Gary, die Skype-Funktion auszuschalten.

„Ich möchte mich von deinen Worten berühren lassen. Stell dir vor, es sind Hände oder was auch immer, so weit sind wir noch nicht, ich meine, ich bin immer zu schnell, das kostet mich so viel. Also, bitte, bau es langsam auf.”

Bitte schreib mir. Schreib meinen geheimen Namen richtig, damit ich dich erkennen kann. Im Gegenzug mache ich dich zu meinem König. Beatrice sagt das vorsichtshalber nicht, obwohl sie es gerne sagen würde. Es laut auszusprechen ist ein Vergnügen, es aufzuschreiben das nächste. Beatrice will sich Männern überlassen, die ihr Vater erdrosseln lassen würde, käme sie mit einer Beschwerde zu ihm. Sie raubt solchen die Vorsicht, die wissen, mit wem sie es zu tun haben, und was ihnen blüht, falls Beatrice den Daumen senkt. Ihr erst einmal zurückhaltendes/zurückgehaltenes und fadenscheinig kostümiertes Begehren zu entfachen, so wie man in eine Glut bläst, um später, ganz leise anklopfend, daran zu erinnern, in welchem Spiel sie ihren Einsatz wagen: das ist Beatrices Pläsier. Wenn auch nicht in diesem Fall. Gary weiß nicht, mit wem er spricht. Beatrices Legende für ihn ist äußerst irreführend.

„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.” Arthur C. Clarke

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„Dichtung ist die willkürliche Produktion von Fehlern.” Anne Carson

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„Fast ein halbes Jahrtausend bevor das Konzept des kontrafaktischen Denkens in der kognitiven Psychologie auftauchte, verstand Montaigne, dass uns Gedanken an Gefahr weit mehr stressen als die Gefahr selbst.” AusBurn On: Always on the verge of burn out. The unrecognized suffering and what helps against it, von Bert te Wildt und Timo Schiele

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Warum „Gefühlte Sicherheit” funktional subversiv sein kann - Viele Manipulationsmechanismen wirken über Bedrohungsaktivierung, soziale Ausgrenzungsangst und Unsicherheitsinduktion. Wenn ein Nervensystem Bedrohung nicht automatisch hochskaliert, verliert diese Strategie Wirkung. Das ist autonome Reizklassifikation.

Australische Anthropophagen

Nur dreißigtausend indigener Australier überlebten die erste Welle britischer Invasionen von 1778 bis 1805. Sie trafen auf die Verfluchten Großbritanniens – hauptsächlich Jugendliche aus Slums. Die Krone exportierte den Jugendüberschuss.

Der amerikanische Unternehmer Robert A. Cunningham (1837 - 1907) präsentierte Aborigines in „ethnographischen Ausstellungen” als australische Menschenfresser.

Zitate aus Alexander Kluge, „Circus / Kommentar”, Suhrkamp

Cunningham führte zwei Gruppen zu ihrem Triumph in Europa. Die zweite Gruppe umfasste Jenny, King Bill und King William II. So beschreibt Kluge die maximale Ausbeutung der sogenannten „Wilde”. Der Autor verbindet Cunninghams koloniale Arroganz mit historischen Ereignissen in seiner Heimatstadt Halberstadt.

„Sieben Jahre bevor mein Vater geboren wurde, also zu einer Zeit außerhalb meiner eigenen Lebenserfahrung, präsentierte Cunningham im März 1885 eine Gruppe australischer Eingeborener, die er zusammengestellt hatte ... im Hotel Kaiserhof.”

Ausgehängte Echtheitszertifikate „beweisen” die Richtigkeit der atemberaubenden biografischen Informationen. Die ausgestellten Figuren hatten vermutlich die höchste visuelle Anziehungskraft der Welt. Ihre Darstellung als (der Legende nach) lebensbedrohliche Kannibalen in Ketten ließ die afrikanische Exotik hinter sich. „Rudolf Virchow, das anatomische Idol der Humboldt-Universität, untersuchte die ‚Raritäten’ wissenschaftlich. Alle möglichen Lichtgestalten erhöhen die Aura der Präsentierten. Ihre Inszenierung folgt einer Choreografie. Die Authentizität ist eine Chimäre am Horizont des Betrugs.” Tausend Besucher sahen die Schau täglich.

Halberstadt ist die Hauptstadt des Kurbetriebs am Harztor. Ein fluktuierender Heilbäderbetrieb garantiert Cunningham ein großes Publikum. Er betreibt sein Geschäft mit gequälten Seelen. Die wie Leibeigene gehaltenen Australier schlafwandeln traumatisiert durch die Galaxien der Moderne. Sie stammen aus einem Clan, der „aus der sichtbaren Welt Australiens ausgelöscht” wurde, in einem raschen Zerstörungsprozess. Cunningham besaß die professionellen Wilden nicht als Sklaven... „(er hatte) das exklusive Recht, sie zu nutzen”.

Allerheiligen 1755

Zu Allerheiligen 1755 forderte das große Erdbeben von Lissabon auf der Stelle dreißigtausend Tote. Goethe fasste das Glück im Unglück:

„Und der Glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist.”

Das Ereignis bestimmte die Richtung des aufgeklärten Katastrophendiskurses. Es transformierte das europäische Denken nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass zwar so gut wie alles in der Erde versank, dass Rotlichtquartier Alfama aber verschont blieb. Der als maurische Siedlung ursprüngliche Bezirk lag höher als die übrige Stadt. Während die Kathedralen im Furor eines dreifachen Angriffs - Erdbeben/Tsunami/Feuer - zusammenbrachen, widerstanden die Bordelle auf ihrem Felsfundament.

Während das Ausmaß der portugiesischen Verheerungen seine Konturen allmählich erkennen ließ, wurde in Paris getanzt. Die Feststellung dieser Gleichzeitigkeit verdanken wir Voltaire. Für Goethe gewann die Kunde vom Beben und der mit dem Beben einhergehenden „Wasserbewegung” (Immanuel Kant) aka Tsunami die Kraft eines Schlüsselerlebnisses:

„Durch (das) außerordentliche Weltereignis wurde jedoch die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert.” (Originale Rechtschreibung aus „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit”)

Voltaire dichtete empathisch: „Betrogene Philosophen. Ihr schreit: „Alles ist gut!”

Er riet der Gemeinde: Kommt her und seht selbst. Guckt euch das Desaster an ... die schwelenden Ruinen und abgesprengten Gliedmaße.”

Voltaire verlor seinen Glauben an die Gleichzeitig von harmloser Geselligkeit und massenhaftem Sterben.

Die Tochter des Paten

Beatrice liebt es, vermeintlich allein an einem Cafétresen Normalität zu simulieren. Die allzeit bewachte Tochter des Paten von P. existiert in einem Sonderuniversum akuter Todesnähe. Ihre Ermordung ist beschlossene Sache. Es geht nicht um das ob, sondern bloß um wann und wie. Beatrice weiß das. Trotzdem bleibt sie cool. Meine Muse Ljudmila Michailowna ‚Systema’ Pawlitschenko, kurz Michaela, führte den Begriff ‚genetischer Mut’ in unsere Diskussion ein. Ich weiß nicht, was das sein soll.

Italien in der Prä-Pandemie-Verfassung. Beatrice, einzige Tochter des legendär telegenen Dottore Deodato Gaggini und designierte Nachfolgerin ihres Vaters, studiert BWL und Germanistik an der weltberühmten Universität ihrer Heimatstadt. Die frühneuzeitliche Gründung ist ein Prunkstück der restaurierten Renaissance. Beatrice führt ein Granden-Leben unter feministischen Vorzeichen. Sie darf all das, was früher allein den ältesten Söhnen der Patriarchen vorbehalten war. Beatrice lebt sich frenetisch aus. Vehement liest sie sich durch ihre Interessengebiete. Sie spielt Tennis und genießt eine Mafia-Spezialausbildung, die der Geheimhaltung unterliegt.

Aber darum geht es heute nicht. Wir sind im Alltagsmodus. Beatrice wohnt einer Vorlesung ihres Geliebten bei. Professor Ágio Páscha erscheint auf den ersten Blick grandios. Auch körperlich ragt er heraus. Er hat die Statur und die Performance eines Olympioniken. Er tritt auf wie ein Mann, der auf allen Feldern des Lebens jeden Kampf annimmt, ohne jemals aus der Puste zu geraten. Inzwischen weiß Beatrice, dass Ágio der Blender in Person ist, wenn auch ein Blender der höchsten Spielklasse. Wie sie selbst, stammt er aus einer sagenhaft reichen Familie. Zwar verdankt sich sein akademischer Rang enormen Spielräumen in der geistigen Sphäre, trotzdem hätte er sich niemals im akademischen Randori durchsetzen können. Man musste ihn auf den Thron heben. Die pompöse Fassade schützt einen Mann von geringer Durchsetzungskraft. Immerhin ist der Schriftverkehr mit ihm erste Sahne. Beatrice schwört auf schriftliche Stimulationen. Manchmal reicht ein Satz, um Beatrices Beckenbodenmuskulatur kontrahieren zu lassen.

Sie sitzt in dem antiken Hörsaal in der letzten Reihe und chattet en passant mit einem Typen, der sich Sekso Karalius nennt. Sie meldet ihm ihren Lingerie-Status: „Ich trage einen Knitwear Body von Roberto Cavalli in ciel de nuit. Die Nagelfarbe passt unidentisch zum Suit.”

Beatrices Erregung wächst mit dem Einsatz von Stimme, Bildung und Intelligenz. Anders Inklinierte wirken sich mitunter zerstörerisch auf Leute aus, deren Lustzentrum mit Worten aktiviert wird. Wir reden hier nicht über Trash Talk. Leute, die bis zum Orgasmus so wenig Staub wie möglich aufwirbeln wollen, sind Beatrice ein Gräuel. Nirgendwo gibt es mehr Verbergungsabsichten als da, wo ihre Lust von verbaler Deutlichkeit abhängt. Dem Banalen einen Kranz flechten und es kunstvoll mit dem Höhepunkt zu verweben ist ein Liebesdienst, den sich Beatrice jederzeit selbst erweist. Es geht nur um sie. Der männliche Orgasmus ist ein Desaster; das post-koitale Dilemma unauflöslich. Beatrice schätzt immerhin die Ejakulation.

Beatrices Hass auf Leute, die in der Zeitung nachgucken, was sie fühlen sollen. Das Ausbringen der Wörter als einer Notwendigkeit der Lust. Und dann die sorgfältigste Komposition des Obszönen mit der Poesie des Begehrens. Immer wieder fängt Beatrice von vorn an. Einem amerikanischen Chatpartner schreibt sie nebenbei: „Ich trage ein asymmetrisches Seidenkleid von Balenciaga aus Seiden-Jacquard in hellem Cyanblau. Wärst du bereit, mir solch eine Kostbarkeit zu kaufen? Stell dir vor, ich winke dich in die Umkleide, nur in einem nippelfreien BH. Den Slip habe ich vorher ausgezogen. Ich fasse deinen Schwanz an. Ich lasse ihn mit meiner Zunge Bekanntschaft machen. Durch einen Vorhangspalt erspähe ich einen jungen Mann, der sich langweilt, während seine Begleiterin sich im Anproberausch vor Spiegeln bewundert.”

Verführung ist eine Triebfeder ihres Daseins - Beatrice hat immer ein Dutzend erotische Projekte, auch in Phasen stabiler Beziehungen. Das Rätselhafte hält sie am Laufen. Sie kann an öffentlichen Orten sensationelle Dinge erleben, während um sie herum nur gegähnt wird. Manchmal bewegt sie sich, als würde sie von Schleiern berührt und als gäbe es nur Fließendes und Flüchtiges auf der Welt.

Ágio legt sich ins Zeug. Mit dem Avancieren des Bürgers zur gesellschaftlichen Zentralfigur korrespondierte die „Evokation eines weiblichen Außenseitertums”. „Fast süchtig” betrieb der Prä-Bourgeois die Ausgrenzung bereits in „der Epoche zwischen Erasmus und Shakespeare”. „Drei eklatante Frauenskandale” fanden immer neue Interpretationen auf den Referenzhochpunkten der Renaissance. Sie verbinden sich mit den biblischen Persönlichkeiten Salome, Dalila und Judith. Ich weiß nicht, wie oft ich das Haupt des Holofernes/Judith köpft Holofernes an der Wand einer als herausragende Sehenswürdigkeit ausgewiesenen Kirche gesehen habe.

„Sehet, dies ist das Haupt des Holofernes, des Feldmarschalls der Assyrer, und sehet, das ist die Decke (das Mückennetz), darunter er lag, als er trunken war. Der Herr hat ihn durch die Hand einer Frau erschlagen.” Buch Judith 13,15

Botticelli, Lucas Cranach der Ältere, Caravaggio, Artemisia Gentileschi und Michelangelo (in der Sixtinische Kapelle) lieferten dem Guerrillaakt drastische Darstellungen. Mayer bringt eine „lüsterne Destruktionslust” ins Spiel. Er vermisst sie beim älteren Cranach. Der reformatorische Parteigänger trat als Bürgermeister von Wittenberg für einen Hexenschmauch ein. Das Exekutionsresultat verewigte er in einem Holzschnitt.

Im archaischen Gründungsmythos Japans trägt ein Schwert das Erbe der ersten Heldentat und die Kraft der göttlichen Ordnung. Gott Susanoo zog das Eisen aus den Eingeweiden einer achtköpfigen Schlange. Kusanagi no Tsurugi ist kein Werkzeug des Krieges allein, sondern ein ikonisches Symbol für die Legitimität und den Anfang des Kaiserstaates.

Es rettete den Helden Yamato Takeru in einem brennenden Feld. Kusanagi schnitt ihm einen Weg aus den Flammen. So kam es zu seinem Namen. „Kusa“ bedeutet Gras und „nagi“ schneiden/mähen. Heute zählt der „Grasmäher“ zu den drei Reichsinsignien.

Im japanischen Gründungsmythos taucht ein Motiv auf, das wir aus vielen Kulturen kennen. Ein überragender Krieger verkleidet sich als Sexarbeiterin, um unbemerkt in die Nähe räuberischer Aufständischer zu gelangen. Dort schlägt er zu – und tötet den Anführer mit dem Grasmäher.

„Und als … (der Rebellenfürst) noch kaum ausgeredet hatte, spaltete … (der kaisertreue Recke) ihn entzwei wie eine reife Melone.“ Zitiert nach Paul Adler/ Michael Revon

Plebejischer Erzwingungswille

Vom „Furor teutonicus“ aufgereizt, fiebert der „geborene Raufbold“ Luther dem Kampf gegen seine zahlreichen Widersacher entgegen. „Auf dem Kampfplatz wird der hochgebildete Doctor theologiae sofort zum Landsknecht.“

Zweig diagnostiziert „rasenden Grobianismus“ und das Wesen eines Berserkers. Er erkennt „Besessenheit“ und blinde Rücksichtslosigkeit beim Reformator.

„Um des Besseren und der Kirche willen muss man auch eine gute, starke Lüge nicht scheuen.“

Von Ritterlichkeit weiß Luther nichts. Über den Tod eines Gegners hinaus hadert er mit dem Ausgeschiedenen. Eine „gerechte Nachrede“ ist von ihm nicht zu erwarten.

Im Gegensatz zu Luther tritt Erasmus als „Kulturaristokrat“ auf. Den Konzilianten stößt der plebejische Erzwingungswille ab, mit dem Luther Furore macht.

„Aber niemals wird er Luthers Lust begreifen, einen Feind zu zertrampeln und zu zerstampfen, nie in einem seiner zahlreichen Federkriege die Höflichkeit außer Acht lassen und dem ‚mörderischen‘ Hass sich hingeben, mit dem Luther seine Gegner angreift.“

Was zuvor geschah

Clarice Carangaria verliert ihre angolanischen Eltern auf dem Weg nach Europa. Als unbegleitete Minderjährige gelangt sie auf Lampedusa in die Fänge eines Tributpflichtigen in Deodato Gagginis mafiöses Imperium. Clarice geht durch die harte Schule der Feldarbeit. Sie existiert in der Erniedrigung und erfindet da eine Capoeira-Variante. Überbordenden Einfallsreichtum beweist sie, sobald es darum geht, einen Feind zu bekämpfen. Sie strukturiert, ordnet und mathematisiert das Thema, bis endlich das ganze Gebiet so überschaubar wie ein Kinderspielplatz erscheint. Martialische Typen mit Verbrecherstammbäumen bis in die Steinzeit kapitulieren vor Clarices Raum-Zeit-Scharaden.

Die effiziente Verwaltung von Zeit und Raum generiert Konfliktkapital. Clarices Konzept lässt sich schließlich auch der Pate erklären. Restlos überzeugt, vertraut Deodato der Aufsteigerin sein Wertvollstes an.

Clarice bewacht Deodatos Tochter Beatrice.

*

Beatrice im Café, bei der Massage, auf dem Laufband, in der Bibliothek, im Hörsaal, auf einem Klo der ehrwürdigen Universität von P., gegründet im Jahr des Herrn 1222, mit Professor Ágio Páscha, den es seltsam berührt, von einer Studierenden mit gut gefülltem Schulterhalter geküsst zu werden. Beatrice legt zwar den Büstenhalter, aber doch nicht den Holster für ihre Beretta ab.

Die Bewaffnung törnt den Pascha an. Beatrice hat nichts gegen solche Benefits des Erotischen. Was geil macht, ist gut. So hat Beatrice es von ihrer Waffenmeisterin gelernt. Beatrice studiert Germanistik und genießt ihre Wirkung auf alles, was da kreucht und fleucht.

Gern nimmt sie einen Kaffee im Stehen am Tresen einer Bar.

Beatrice pflügt Lachs von einem Avocadobett und verlängert einen Tagtraum in der Bar ihres Verweilens - Illycaffé, free WiFi, originelle Backpackerbewertungen und stummgeschalteter Rai Uno auf einem zweiundvierzig Zoll Plasmabildschirm. Sie stellt sich vor, wie der offenbar skandinavische Barista - Beatrice hält ihn für einen Schweden - um sie herumstreicht und die Nähe ihres Hinterns seine Glut entfacht. Neben ihr saugt eine Frau ihren Smoothie aus einer aufgepeppten Schnabeltasse. Beatrice baut die Frau in ihre Geschichte ein. Die Frau trägt ein Kleid aus erhabener - reliefierte Rankenmotive zeigender - Spitze, mit einem fest vernähten Chiffonüberwurf, der wie ein Schleier kaum aufliegt.

Ob ihr der Tod einmal so gut angezogen begegnen wird? Das internationale Auftragsmordwesen ist längst eine weibliche Domäne.

Verstohlen registriert Beatrice abgewetzte Stellen, geborstene Kanten, gesplitterte Kacheln, den Routinen entgangene Staubinseln; antike Zeichen, die zurückweisen in die Zeit, als in Bars noch geraucht wurde. Beatrice fürchtet jede Auffälligkeit. Ihre Sicherheitschefin Clarice Carangaria erstattet Beatrices Vater täglich Bericht. Beatrice darf nicht den Eindruck einer Saumseligen erwecken. Man erwartet Tatkraft von der designierten Nachfolgerin auf den Patenthron.

*

Wenn Beatrice an einer Engstelle (wie einer Kaufhausdrehtür) Männern absichtslos zu nahekommt, erleben jene etwas, das sie sofort anhebt und zwingt, sich nach Beatrice umzudrehen. Ihr Duft steigt ihnen zu Kopf. Beatrices Antlitz taucht in den Träumen der Passanten wieder auf.

Ihrem amerikanischen Chat-Lover schreibt sie:“Please give me something else, a little something, a little something for my intensity. Give me a gift that will make me explode.”

Auch in der Universität, deren mittelalterlicher Charakter viele Arrangements filmreif erscheinen lässt, findet Beatrice Mittel und Wege zur Steigerung der Spannung. Mit dem Ziel, dass Absichtliche am Zufälligen herauszustreichen, exploitiert Sigmund Freud die eigenen Grenzgänge. Wie „eine scheinbar ungeschickte Bewegung höchst raffiniert zu sexuellen Zwecken ausgenützt werden kann”, illustriert er am Beispiel einer unter dem Vorwand der Hilfsbereitschaft herbeigeführten Überschreitung. „Plötzlich (stand) ich dicht hinter ihr ... und meine Hände trafen sich einen Moment lang vor ihrem Schoss ... es schien ... keinem aufzufallen wie geschickt ich diese ungeschickte Bewegung ausgebeutet hatte.”

Beatrice ist eine Meisterin solcher „ungeschickten Bewegungen”. Schon als Jugendliche konnte sie so navigieren und sich herauspicken, was und wer ihr gefiel. Jemand hat mal zu ihr gesagt, ihre Sexualität sei männlich. Man kann falsch nicht steigern, also lässt sich nur sagen, das war empörend falsch. Beatrice ist weiblich bis auf die Knochen. Sie spürt ihre Weiblichkeit in jeder Sehne. Lange war ihre Weiblichkeit weiter nichts als Jagd. Jetzt ist ihr etwas passiert, dass sie in manchen Stunden denken lässt, sie könnte nicht nur Jägerin, sondern auch Hüterin sein. Die Hüterin eines eigenen Stammesfeuers.

„Das Gedränge war unausstehlich. Aus der Mitte der Eindringlinge begrüßten den König … die gröbsten Injurien. Er wurde Hahnrei … Schwein … genannt. Unterdessen machte Seine Majestät eitle Versuche zu reden.“ Konrad Engelbert Oelsner über die Ereignisse rund um den 20. Juni 1792, als bewaffnete Sansculotten in die Tuilerien eindrangen, wo Ludwig XVI. und Königin Marie Antoinette in ihrem Palast das Dasein von Festgesetzten fristeten, die den revolutionären Furor artig begrüßen mussten. Der degradierte König sagte zu allem Ja und Amen, was ihm am Leben zu bleiben versprach. Der vormals absolutistische Herrscher figurierte als Hampelmann mit Krone. Oelsner sah ihn gute Miene machen zum bösen Spiel der Stürmer und Dränger.

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„Ihn faszinierte die Vorstellung, dass der Himalaya einmal unter Wasser gestanden hatte … und zwar vor nur … sechzig Millionen Jahren. Es fiel ihm leicht, sich vorzustellen, wie die afrikanische und die europäische Platte in Zeitlupe gegeneinanderstießen, wie unter dem Bersten und Krachen titanischer Wellen neue Berge in die Höhe wuchsen und keuchende Fische und Kalmare mit sich nahmen, die langsam versteinerten.“ Anuradha Roy, „Ton für die Götter“

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„Wo ich herkomme, wissen wir schon immer, dass uns jeder neue Tag ohne Vorwarnung um die Ohren fliegen kann.“ Anuradha Roy

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„Die lärmende Fröhlichkeit war nur vorgetäuscht, und in den Blicken lauerten Verachtung, Hass und Provokation.“ Marie Vieux-Chauvet

Nichts sollte uns mehr überraschen als der funktionierende Alltag. Aber das überrascht uns nicht. Etwas macht uns glauben, wir hätten einen Anspruch auf Wärme im Winter. Obwohl all die Geflüchteten am Rand unserer Strecken die Kunde von der permanenten Dysfunktionalität weitertragen.

Angeregt von Antonio Gramscis Erkenntnissen, ist Beatrices Vater Deodato Gaggini - seines Zeichens der Pate von P. - schon von zehn Jahren dazu übergegangen, die auf Lampedusa gestrandeten und von ihm eingesammelten Migrantinnen nicht zu missachten. Deodato versteht den Mehrwert des kaum halbwegs fairen Umgangs als Bollwerk gegen die Konkurrenz. Ihm ist man gewogen. Die Plantagenarbeiterinnen springen jederzeit für den Boss in die Bresche. Im Hinterland mafiöser Weitsicht entsteht eine neue Wehrkultur.

Die Geflüchtete Clarice Carangaria hat es weit gebracht im Gaggini-Imperium. Sie führt diegruppi di fuocoan und bewacht die wichtigste Person auf der Liste ihres Chefs.

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Nando wanzt an. Beatrice spürt einen Schwächling unter dem Imponierputz des Muskelmännchens alter Schule, und anstatt belustigt zu sein, empfindet sie die durchsickernde Schwäche fast schmerzhaft als Belastung. Die Schwäche weht sie an wie der Veilchenduft eines Inkontinenten. Beatrice kapiert nicht, warum ihr Vater Nando ein Mandat gegeben hat; wieso dieser Niemand aus Crotone im Kabinett der Gaggini-Schießknechte einen namentlich gekennzeichneten Platz einnimmt.

Was für ein Fake von einem Killer, denkt Beatrice mit diskret gerümpfter Nase. Obwohl jung an Jahren, weiß die Tochter des Paten schon, dass Schwäche gefährlicher ist als Stärke; und dass man nicht nur intelligente Freunde braucht, sondern auch intelligente Feinde, um in einem gedeihlichen Check & Balance nicht auf die schiefe Bahn von Fisher’s Runaway Selection zu geraten.

Hypertrophie ist eine kompensierende Geste. In der Wahrheit sind wir alle leptosome Ausdauerjäger, es sei denn, wir sind bloß Kackvögel.

Beatrice schüttelt Nando ab.

„Verpiss dich”, sagt sie mit süßer Schärfe. Man kann das mit Humor nehmen. Es klingt jedenfalls nicht so böse wie es gemeint ist.

Verpiss dich.Wäre ich Supermarktleiterin, würde ich dich noch nicht mal die Einkaufswagen zusammenschieben lassen. Mit der Schärfe der Fortpflanzungsbereiten sondiert Beatrice das genetische Territorium, in das sie von ihrem Vater eingewiesen wurde. Das ist deine Wiese, Baby. Da darfst du wählen. Im Übrigen ist die Welt zu gefährlich.

Der Witz ist, ich meine, allein deshalb lohnt es sich, diese Geschichte zu erzählen, dass Beatrice ihrem Vater glaubt. Mehr noch. Sie weiß, dass er recht hat. Das weiß sie natürlich nicht aus Erfahrung. Woher denn? Mein Gott, Beatrice ist zwanzig.

Also, woher weiß sie das? Ich sage, das ist Herrschaftswissen. Das hat Beatrice im Blut. Da ist kein demokratischer Filter, der sie verlangsamt. Sie ist eine Prinzessin, und das ist ein Job, dem Beatrice vorbildlich gerecht werden möchte.

Sie steigt in ein Taxi, es ist Samstag kurz vor halbzwölf im letzten prä-pandemischen Jahr. Die Leibwächterinnen schmeißen sich in ihre Limousinen und starten die Verfolgung. Don Gaggini würde sie eigenmächtig köpfen, wären sie so saumselig, Beatrice aus den Augen zu verlieren.

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Man kann alle Achttausender seines persönlichen Sex-Himalaya erklommen haben und doch die höchste Erfüllung verfehlen, weil sich ihre Voraussetzungen im Nebel verbergen. Eines Morgens erwachte Beatrice mit der Erkenntnis, dass das Entscheidende für sie das Explizite ist. Der größte erotische Reiz liegt für sie in der Sprache.

Für Beatrice ist jede sexuelle Interaktion so schön wie die Narration, die den Akt bekränzt. In einem bettwarm-schläfrigen Augenblick im letzten prä-pandemischen Sommer assoziiert sie ein prestige-prächtig geschmücktes, frisch aufgeworfenes Grab. Sie sieht sich auf einer großbürgerlichen Beerdigung mit berühmtem Trauerredner. Beatrice sitzt neben ihrem Professor, er schiebt eine Hand unter ihren Po und das löst genug aus, um komplizenhaft aufzurücken.

Überall drohen die Fallstricke des Mechanischen. Ein falsches Wort, dessen Redundanz offenbart, wie unverbindlich der Sprecher zur Sache kommt, verkürzt die erotische Startbahn so, dass Beatrice nicht abheben kann.

Ein wortlos durchgeturnter, orgastisch finalisierter Akt bleibt eine trostlose Angelegenheit. Etwas kann öde sein und trotzdem mit einem Orgasmus enden. Die Lust hat ihr eigenes Alphabet, jeder muss noch einmal von vorn anfangen, sobald er sich selbst gegenüber persönlich werden möchte.

„Ihr Leben lang hatten sie ihren Unmut verheimlicht, so fiel es ihnen nicht schwer, ihren Gegnern mit gelassener Miene entgegenzutreten, während sie zugleich einen Schlachtplan entwarfen.“ Marie Vieux-Chauvet

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„Auch inmitten von Hass kann man unbehelligt leben, denn die Gewöhnung ist eine mächtige Kraft.“ Marie Vieux-Chauvet

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„Antike Rituale zu verstehen, ist … ungefähr so, als wollte man als Taubstummer Klavierspielen lernen.“ Gabriel Zuchtriegel

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„Ich bin aufgewachsen an Orten, wo die Geister herumspukten.“ Bobby Gillespie

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„Religion, Gewalt und Alkohol sind in Glasgow untrennbar miteinander verbunden.“ Bobby Gillespie

Normalität als Spiel

Es ist nur ein Spiel. Das Spiel heißt Normalität. Mit dem Taxi zum Marktplatz, um angesichts des Budenzaubers einen caffè bei Alfonso am Tresen zu trinken, heimlich entzückt von den verwitterten Visagen greiser Fischer und Bauern, die sich ihr Leben lang mit den Elementen herumgeschlagen - und nicht als Krämer und Kämmerer eine ruhige Kugel geschoben haben. Wer in Alfonsos Reich einen Fuß aufstellt, das heißt, das Recht hat, die antike Messingleiste am Thekensockel zu beanspruchen, hat einen Kampf überlebt und etwas vollbracht, was ihm zuvor kein Mensch zutraute.

Verstohlen bedenkt Beatrice ihre letzte Lektion in schwarzer Magie gestern kurz vor Abbruch des hellen Tages bei Tante Annabella. Die Tanten und Großtanten in der Matrix rauchen alle noch, während in Beatrices Generation niemand mehr raucht. Die Alten rauchen, legen Karten und pendeln. Sie lesen den Kaffeesatz wie eh und je. Die Angst, die ihre Leben in einem Gewaltregime bestimmt, ließ sie wahnsinnig werden, jedoch auf eine mit dem Vaterunser synchronisierte Weise. Sie fallen nicht aus ihren Rollen. Vor allen verbergen sie ihren Kummer.

Beatrice stellt sich Tante Annabella nackt im Bett vor, eine furchtbar langsam Sterbende, so wie Gott sie schuf. Sie sieht ihr Schicksal vor sich. Sie wird ihren Mann überleben. Denn wenn er nicht genug Mut besäße, um vor der Zeit zu sterben, würde sie auch nicht mit ihm leben und Kinder haben können.

Es ist eine einfache Rechnung.

„Nach der Handicap-Hypothese haben die Männchen mit den auffälligsten Farbtrachten schon deshalb gute Chancen bei den Weibchen, weil sie noch am Leben sind.” Axel Buether

Geschminkter Schatten

Beatrice entfährt ein Laut des Entzückens, als Bruno neben ihr (wie aus dem Boden geschossen) auftaucht. Der feminine Krieger gestattet sich einen caffè in der Aura seiner Herrin. Bruno schminkt sich zwar, erlaubt aber niemanden, ihn darauf anzusprechen. Täglich geht er ein hohes Risiko ein. Beatrices Vater befiehlt vielen Akteuren aus dem Stamm der Maskulinisten. Würde einer Bruno auf seinen genderfluiden Stil auch nur spöttisch ansprechen, müsste Blut fließen. Bruno beweist seine tödliche Entschlossenheit, indem er solche Reaktionen provoziert. Seine Überlegenheit beweist sich in der Zurückhaltung der Macho-Derben und Dumpf-Herben unter den Gefolgsleuten.

Nando versus Bruno

Wir wissen es alle, Darwin stellte sich nicht gegen die Frauenwahlrechtskampagne, weil er das Frauenwahlrecht schlankweg für ausgeschlossen hielt. Seinem vehement zur Schau gestellten Abolitionismus zum Trotz, erschienen ihm Schwarze keineswegs ebenbürtig. Wie wir alle, existierte Darwin in fabelhaften Widersprüchen. Frauen zählten für ihn zu einem geringeren Geschlecht. Gleichwohl erkannte er, dass die sexuelle Selektion einer auf weiblichen Präferenzen basierenden Transformation entspricht. So schuf er vollkommen neue Allgemeinplätze. Heute besiedeln wir sie ohne die Idee, übertrieben fortschrittlich zu sein. Das ist so weit kalter Kaffee. Fraglich bleibt, warum reagiert Beatrice auf Bruno positiv und auf Nando negativ.

Nandos äußere Stattlichkeit lässt sich nicht übersehen. Er ist prächtiger Bulle. Nicht wenige halten Nando für intelligent und geschickt. Er zählt zu den studierten Verbrechern. Mit seinem Abschluss hätte er auch den Rechtsstaat stärken können. Was solls, Beatrice fühlt sich von ihm abgestoßen; ebenso wie sie sich von Bruno angezogen fühlt. Ich sage, Nando repräsentiert die schneidige Vergangenheit. Bruno transportiert Zukunftsinformationen. Avishag Zahavi und ihr Mann Amotz hätten ihre Freude an ihm (gehabt). Die Evolutionsforscher fanden heraus, dass wir alle auf Verlässlichkeit geeicht sind. Wir wollen uns sicher sein. Halten wir etwas für fragwürdig, tendieren wir dazu, es zu übersehen beziehungsweise nicht zu berücksichtigen. In Anbetracht der Zweifel, die viele an sich selbst haben, stellt sich die Herstellung von Glaubwürdigkeit kompliziert dar. Die Zuversicht steigt, so sagen es die Zahavis, wenn das Signal mit einem Handicap verbunden ist. Die berühmtesten Beispiele sind das Pfauenrad und die Löwenmähne.

Darwin raufte sich die Haare, da er den biologischen Nutzen der Pfauenaugen nicht erkennen konnte.

Warum halten sich flamboyante Zeichen im Informationsfluss der Evolution?

Die Antwort dient dem Zweck, Zweifel an der Stärke des Signalgebers auszuräumen. Wer sich leuchtenden Schmuck leistet, erzählt so von Überschüssen, sprich von Potenz. Bruno schillert in den Farben seines geschlechtlichen Eigensinns. Seine Performance ist futuristisch. Das qualifiziert ihn zum idealen Gegenspieler zum gestrigen Nando.

„Ich halte, was ich verspreche”, sagt Bruno, ohne ein Wort zu verlieren, und Beatrice glaubt ihm ohne Weiteres. Bereitwillig knistert sie neben dem Subalternen. Sie lässt ihn Witterung aufnehmen. Sie gibt ihm eine Lockstoffzusatzprise. Gleichzeitig prüft sie, ob sich Bruno verleiten lässt und abgleitet in einen Zustand nachlassender Aufmerksamkeit.

Das darf nicht passieren. Nichts soll für Bruno selbstverständlicher sein als ein Leben in der Vorwärtsspannung.

„Ja, du hast diese magische Sprachqualitäten und lässt einen ganz wundervoll sinnlich reisen. Es liegt am Typ Frau, wohin jede mit so einem Zauber gehen möchte, das Feld ist groß in der Welt der Imagination, ob erotisch oder ganz konkret. Alles zieht seine Kreise, manche Bahnen liegen näher beieinander als andere.” M.

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„Dieses ganze Kapitel ist wie eine Einwahl in die magische Datenautobahn, die ganze Kraft der Signale, der ganze Stolz, wieder mein. Nur meinem Meister würde ich wie ein Kätzchen die Hand lecken und schnurren... ganz zahm ... Ein sehr erregender Part. Ich denke, ich muss hier eine kleine Lesepause einlegen.” C.Z.

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Das Nervensystem wurde für eine andere Welt optimiert.

Viele autonome Reaktionen sind Überreaktionen, weil zu früher Alarm evolutionär günstiger ist als eine übersehene oder ignorierte Gefahr. Bei einer Angststörung funktioniert das Nervensystem evolutiv korrekt, aber im modernen Kontext dysfunktional. Autonome Systeme sind gebaut für physische Gefahr, unmittelbare Bedrohung, kurze Stresszyklen; nicht für Dauerstress, soziale Bewertung, digitale Bedrohung und abstrakte Zukunftsszenarien. Die autonome Regulation ist robust – jedoch nicht für unsere Umwelt optimiert.

Ein Faustpfand des Gelingens

Für die zu spät Gekommenen und jene, die es versäumt haben, sich Notizen zu machen, erkläre ich noch einem den Ausgangspunkt der Hauptgeschichte, die im „Sprachschloss” erzählt wird. Simone Walther ist eine Post-doc-Stipendiatin an der Landgraf Philipp Universität in der nordhessischen Kleinstadt Ederthal. Sie hat zu jeder Zeit ein halbes Dutzend erotischer Projekte. Das hält sie von einer steilen Karriere in Academia nicht ab. Schwerpunkte ihrer Arbeit liefern die Werke von Erasmus von Rotterdam, Wanda von Sacher-Masoch und Samuel Beckett. Simone strebt die sagenhafte, wenn nicht sogar mythische Position einer Sprachmeisterin an. Im Augenblick okkupiert diese Position Cornelius von Pechstein, ein viril-charismatisches Halbgenie mit einem gargantuesken sexuellen Appetit. Es versteht sich von selbst, dass er auch Simone als Liebhaber dient. Er ist ihr Faustpfand des Gelingens. Dann ist da Cole, auch er Philologie-Professor und so athletisch wie ein Olympionike. Und schließlich müssen wir über den Dozenten Ned reden. Der in ‘Dallas’-Dimensionen sozialisierte Spross einer texanischen Rancher-Dynastie formuliert entfesselt: Wir sind in die Wissenschaft Geflüchtete. Unsere Zufluchtsorte sind Staubhöhlen ungewogenen Wissens. Wie Molly Bloom im Schluss-Soliloquium von James Joyce’ ‚Ulysses’ forderst du mich mit deinen Augen auf, noch einmal zu fragen, ob du mich heiraten möchtest.

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Galveston ist eine texanische Stadt auf einer Insel im Golf von Mexiko. An ihrer Küste strandeten spanische Eroberer zur Zeit der Conquista, Frankreich beanspruchte sie als kolonialen Besitz. Galveston wurde später (wieder?) spanisch, doch erst der französische Pirat Louis Michel Aury gründete im 19. Jahrhundert eine europäische Siedlung auf der Insel. Aury stand als Söldner im Dienst von Simón Bolívar, man überwarf sich in New Orleans. Auf eigene Rechnung forderte Aury die spanische Marine im Golf von Mexiko heraus.

Ned stammt aus Galveston. Im Bewusstsein der Vergänglichkeit jedes Ja, sagt Simone einfach mal wieder ja. Das ein bloßes Ja so erregend wirken kann. Spielerisch weicht sie zurück, bis sie mit dem Rücken an der getäfelten Wand steht. Ihr Atem beschleunigte sich unter dem Porträt des ersten Sprachmeisters, einem trist aus der Wäsche guckenden Patron namens Johannes Frühauf. Ned schließt auf, seine Präsenz brennt Löcher in Simones Deckung.

„Ja,” sagt sie, der Dramaturgie gehorchend. Offensichtlich braucht es nicht mehr. Simone könnte jeden Familienvater ruinieren und als blauer Engel einen Professor zum Pudel machen.

„Ich habe dich so lange gesucht. In jeder Frau, der ich nahegekommen bin, habe ich dich gesucht.”

Simone klebt auf dem Leim dieser Intensität. Neds Stimme erinnert Simone an die Synchronstimme von Robert de Niro. Sie verwirft den Vergleich und landet bei Tom Jones. Ein Reibeisen voller Testosteron.

Ich nenne dich The Voice, denkt Simone. Neds Berührungen brennen auf ihrer Haut. Er hebt ihr Kinn an, eine Geste, die beinah über seine Kraft geht. Lautlos ermutigt Simone den sich vortastenden Liebhaber. Für Cole ist es ganz selbstverständlich, ihr Kinn herrisch anzuheben und sie Kleines oder Süße zu nennen, oder eben auch … und …, kurz bevor der Deckel vom Topf fliegt. Ned steigt mit seiner Zunge ein.

Im nächsten Augenblick wechseln die Turteltauben die Aushandlungsebene. Simone wundert sich jetzt doch über die narrative Einstiegsvolte, von Heirat war nie zuvor die Rede. Trotzdem wird sie sofort in die Geschichte hineingezogen. Lieber wäre sie Stephen (Dedalus) als Molly (Bloom). Sie greift nach ihrem gründlich durchgearbeiteten ‚Ulysses’. Es ist ein heiliges Buch aus dem Nachlass ihres kommunistischen Großvaters, der in der Nazizeit - wie Thomas Braschs Eltern - im falschen Exil gewesen war und seine Liebe zu allem Britischen mit dem Sozialismus erfolgreich versöhnt hatte. Er war gern Bürger der DDR gewesen, aber so wie Heiner Müller Peter Hacks charakterisierte; der Aristokrat Hacks habe den Sozialismus als Märchen falsch verstanden. Die DDR war für Opa ein Märchenland mit lebenden Spielfiguren gewesen. Der potente Träumer förderte die Empfänglichkeit seiner Enkelin für eigensinnige Deutungen.

Auch Simone verschenkt nichts. Jetzt ist sie Molly, die Frau ohne Punkt und Komma (siehe „Ulysses”-Standardexegese); eine üppige Schönheit nach dem Ideal von Sacher-Masoch. Und da beginnt das Arrondissement. Ihre Belesenheit zwingt Simone großräumig auszuholen.

Entschlossen, sich dem Ritter auf der Stelle „hinzugeben”, eilt Aurora R., die spätere Wanda von Sacher-Masoch, - nach einem langen schriftlichen Anlauf - zur Wohnung ihres Brieffreundes und Wohltäters Leopold (wie Leopold Bloom, Mollys impotentem Gatten), den sie bis auf den Tod erkältet anzutreffen erwartet. Tatsächlich begegnet ihr L. in elegischer Aufgeschlossenheit. Ihn entzückt die juvenile Bravour der Besucherin. Revidieren muss er die Vorstellung, die ihm eine strenge Post eingab. Er hatte mit einer starken Dame gerechnet; mit einer angenehm furchteinflößenden Person.

Im Verlauf des Tages im Büro des Dekans

Der Nebenreiz als Hauptquelle des Vergnügens - der volle Genuss entfaltet sich nur im Verhältnis zu einem kongenialen Mitspieler. Cornelius’ intuitive Brillanz prädestiniert ihn. Es deutet sich eine ideale Koexistenz an, Simone fühlt sich von der Einsicht gekitzelt, dass Cornelius sie mit intellektuellem Schenkeldruck regieren will. Das reizt sie. Sie wirkt sich gern bestimmend aus, nimmt aber auch Einladungen einer überlegenen Souveränität an.

Simone genießt Cornelius’ Schliche. Den aus lauter Verblendungen platzenden Herrschaftswillen deutet sie als starkes Interesse.

Im luftleeren Raum

„Erasmus hat keine Heimat, kein richtiges Elternhaus, er ist ... im luftleeren Raum geboren.” Stefan Zweig

Er setzt seinen Taufnamen zwischen zwei angenommene Namen. Er verschmäht die Sprache seiner holländischen Ahnen und gibt Latein den Vorzug. In seiner Anverwandlung „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam” spricht Stefan Zweig von einer planvollen „Verschattung” der unehelichen, sprich delegitimierenden Abstammung. „Ärgerlich” sei es gewesen, von einem Priester gezeugt worden zu sein. Der Autor unterstellt Erasmus die Geburtsnot eines unerwünschten Kindes. Erasmus dementiert sein Schicksal, indem er sich zum Desiderius erklärt - zu einem Erwünschten. 1487 tritt er in den Augustinerorden ein, ein Jahr später legt er das Gelübde ab. Ohne besondere Frömmigkeit frönt er seinen künstlerischen Neigungen. Der „frei denkende und unbefangen schreibende” Erasmus bleibt Priester, wenn auch mit weltlichen Spielräumen. Er erlangt Dispens, wo immer ihn der Priesterschuh drückt. Zweig erkennt einen „inneren Unabhängigkeitszwang”.

Simone bedenkt ihre eigene Herkunft.Dazu an anderer Stelle mehr.In Erasmus erkennt sie einen gewieften Taktiker. Der Epochale scheut Streit und revolutionäre Ruppigkeit. „Unnützen Widerstand” vermeidet er. Lieber „erschleicht (er sich) seine Unabhängigkeit als sie zu erkämpfen”. Auch Simone fällt nicht gern mit der Tür ins Haus. Sie schätzt verschattete Manöver und belohnt die (Er-)Kenner ihrer Raffinesse. Manchmal stürzt sie sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass ein Mann im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.

Ihre Freundin Lale Schlosser inszeniert auf der Studierendenbühne Heiner Müllers ‚Hamletmaschine’. Simone trägt ein asymmetrisch geschnittenes Kleid mit schräger Knopfleiste aus Yohji Yamamotos „karg-eleganter Sommerkollektion” (aus der Werbung). Japanische Haute Couture mit einem androgyn-dekonstruierenden Ansatz. Sie registriert die Details. Sie sieht ein Feininger-Geisterhaus. Es tropft aus Rohren wie in Tarkowski-Filmen. Ruinierter Pomp, zerschlagene Quadriga. Gemalte Flugzeuge, verwischt wie von Gerhard Richter. Dann kommt der „zweite kommunistische Frühling” als Bemerkung zur Seite gesprochen, Ophelia nimmt im Rollstuhl Platz. Hamlet sagt: „Was du getötet hast, sollst du auch lieben.” Die Hamletmaschine fegt die Bühne: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein.” Die Herrschaft von Helsingör fällt Fortinbras zu. Ihn erwartet „das Kanalisationsprojekt und der Erlass in Sachen der Dirnen und Bettler”. Hamlet sagt er nach: „Du glaubtest an die Kristallbegriffe und nicht an den menschlichen Lehm.”

Pharaonische Totenstille

Unzucht ist ein Wort, das nach Harnstein, Waisenhaus und Jugendarrest stinkt. Dieses Wort atmet in Simone. Sie will Unzucht treiben. Ist das in einer säkularen Gesellschaft überhaupt möglich? Simone schlägt dem Sprachmeister als Schauplatz eines Rendezvous den malerischsten Raum im toten Flügel der Universität vor – den Karzer.

„Karzer waren die Bezeichnung für Arrestzellen an deutschen Universitäten, in denen bis Anfang des 20. Jahrhunderts Vergehen im Rahmen der eigenen akademischen Gerichtsbarkeit der Universitäten geahndet wurden.” Wikipedia

Es herrscht pharaonische Totenstille im Karzer. Die akademische Zelle wurde bis 1945 im Rahmen einer autonomen Gerichtsbarkeit genutzt. Die Wände sind archäologisch wertvolle Fundstellen.

„Man kennt die Geschichte niemals, bevor sie nicht geschrieben worden ist. Bevor nicht die Umstände verschwunden sind, die bewirkt haben, dass der Autor sie geschrieben hat.” Marguerite Duras, ‚Yann Andréa Steiner‘

Zu einem Blind Date ohne Reserve verabreden sich zwei auf einem Bahnsteig. Sie ist zwanzig Jahre jünger, das sieht nach einem Klassiker aus. Er weiß nichts von ihr, er könnte bloß Trittbrettfahrer eines Verlangens nach Verausgabung und abgefahrenen Konstellationen sein. „deine alten hände auf meiner haut“. Ihr Bild von ihm ist lebendig, sie reagiert auf seine Formulierungen mit Kinderwunsch und abschließenden Absichten, so heftig. Der Briefwechsel zeigt ihn ohne Anker, er fürchte sich vor einem Absterben an den Lagerfeuern bewährter Freundschaften. Das versteht sie.

Streng genommen ist das gar kein Blind Date. Zu viele Informationen sind vorab im Spiel. Die Spieler sagen trotzdem Blind Date dazu, ein Blind Date ohne Reserve, wie gesagt. Das heißt Sex ab Ankunft.

Im Zug befallen Tanja Zweifel. Der Mann auf dem Bahnsteig kann doch nur alles falsch machen, falsch gucken, das Falsche sagen und dazu hat sie ihn angestiftet. Da wartet ein abgebrannter Connaisseur, ein Typ wie der alte Max Frisch, nur ohne den Erfolg, die Entourage, das ganze Gewese. Der Bauch schiebt sich vor, Fett besetzt die guten Stellen, der Mann hustet und schuppt und dreht auf galant.

Sie kommt an, zum Glück ist es warm genug, um die Jacke auf den Arm zu nehmen.

„Hier bin ich.“

Die Zughaltestelle deliriert noch nicht mal mit in den Valeurs der semiruralen Eisenbahnknotenpunkttristesse von Bebra. Der Bahnhof ist dreimal nicht World‘s End mit formidabler Böschung. Es gibt keine Fahrt zu einem Haus, das wie ein Tatort lesbar wäre. Der Mann hat ein fußläufig erreichbares Hotelzimmer gebucht. Für Tanja ist dieser Horizont zu klein. Sie braucht mehr Umgebung, um sie zu erkunden.

Kommunikationsgirlanden

I don´t want to go back to war, sagt Tim an seinem letzten Abend vor Afghanistan in einem Irish Pub. Tanja vermutet viele Laufhäuser in der Landschaft seines Lebens. Für Tim kann Tanja einfach ein … sein. Er agiert so unheilig, wie er es gelernt hat in seinem Trailer-Park-Amerika. Tanja verbirgt ihre Freude an dem unmittelbaren Körper. Tim reagiert auf Tanjas Spielräume wie ein Absolvent. Sie ist ein Abzählreim für ihn.

*

Jean trägt ein Hemd, das eben extra teuer gekauft wurde. Er ist auf der Durchreise hängengeblieben. Aus Versehen hat Tanja ihm Hoffnungen gemacht. Jean hat sich verirrt, Tanja kann ihm gar nicht sagen, wie falsch er ist in ihrem Leben. Sie ist nur mit ihm gegangen, weil Jean sie an einen Jungen von früher erinnert hat. Jetzt nicht mehr. Sie lotst Jean in eine Bar. Jean hat seinen Ehering abgelegt, er ist in dem Zustand der unhaltbaren Versprechen.

Wichtigster Wicht

Was für ein Aufwand nur für Sex, denkt der Verlassene. Ihm wurde von höchster Stelle ein Film zugestellt, der König selbst fand es nötig, Goya letzte Zweifel ausräumen zu lassen.

Der König heißt mit bürgerlichem Namen Otto Wundersamen. Er ist der dritte Otto in der Dynastie der Burgwirte. Die Burg war mal ein Wasserschloss und ist im Augenblick des Geschehens eine seit hundert Jahren im Besitz der Wundersamen sich befindliche Apfelweinkneipe.

Die weibliche Protagonistin ist Paula, noch ohne Gesäßgeweih. Eine Funkenmariechen-Maske verbirgt kaum die Stirn. Die Requisite beweist ein Trümmerfeld der Gleichgültigkeit. Das Technische und Räumliche beschränkt sich auf eine Kamera und das Zimmer – offensichtlich ein Hotelzimmer. Der Mann suggeriert Normalität. Er hat einen noch nicht lange trägen Mittelstandskörper. Seine Art sich zu bewegen zeigt, dass man auch Porno lernen muss. In der ersten Einstellung hört man nur das Kondom quietschen. Paula liegt zwar schief, dem Anschein nach doch bequem. Von Dramaturgie und Inszenierung keine Spur. Stattdessen spielt eine Genügsamkeit mit, die zur Distinktion des Paares nicht passt. Paula trägt ein Unterhemd (unmöglich als erotisches Accessoire). Der Mann legt eine Brust frei und mangelt sie wie Hackfleisch mit Ei und nassem Brötchen. Er behält Paulas Zustimmung. Offenbar geschieht das Richtige. Zur Zufallspoesie zählt ein Moment, in dem die Kamera den Raum erfasst und wie von einem Ausflug ohne Eile und Auftrag zu Paula zurückkehrt. Sie prüft den Sitz der Maske, sie hat kein Lächeln für ihre Lage. Sie rückt sich auf einem Polsterhaufen zurecht. Die Kamera überfährt ihren Rücken.

Wegen Mietschulden wohnt Paula jetzt bei dem Funker in der Neuhofstraße. Sie spricht zum Gemüse mehr als früher. Zuletzt behauptete sie, einen Schwan am Strand gesehen zu haben.

Ein neues Wort kursiert im Park, man geht nicht mehr zum Kiosk oder zu Khan, man geht an den Strand.

Die Erde kippt, riesige Gesteinswobbel sorgen im Bauch des Planeten für Unwucht. Tauben geben sich als Möwen aus, Paula ist zu Besuch bei ihren Pflanzen. Sie erzählt ihnen von einem Superstau. Endzeitliches spielt sich zu ihren Exzessgeschichten mit Sachsenhäuser Schauplätzen und den erfundenen Ausflügen bis weit hinter Lämmerspiel. Die Welt endet allgemein im Rodgau. An genauen Tagen endet die Welt in Bornheim.

*

In Parterre ist der Kinderladen, in dem Goya war. Der neuen Erzieherin fällt es schwer, Goya zu duzen. Diese Stella rangiert zwischen Stahlmimose und gymnastisch graduierter Pilatespersönlichkeit.

„Wo kommst du her?“

„Berlin.“

Goya hält die Auskunft für falsch, gewiss kommt Stella aus einem Dorf in Brandenburg, so klein, dass noch nicht mal der Bus hält. Eine Trauerweide breitet sich neben dem Unterstand für Fahrräder aus. Auch der Unterstand ist eine Gemeinschaftsproduktion. Der Engländer erscheint mit eingezogenem Kopf. Er ist so groß, dass er immer mit zu niedrigen Rahmen rechnen muss.

„Stink ich nur oder störe ich auch?“ fragt er. Er lernt immer noch Deutsch, nach zehn Jahren in Frankfurt. Am liebsten lernt er mutierte Sprichwörter.

„Heißt es richtig Schlechtbabbelei oder Schleichbabbelei?“ fragt er mit der Absicht, eine ordnungsgemäße Gesprächsrunde unter Nachbarn zu drehen.

„Geht beides und kommt darauf an“, antwortet Goya zuvorkommend. Es gab einen Fahrradmechaniker im Haus, sein Auszug war ein Verlust. Die Steuerberater hören Queen in Clublautstärke.

Paula macht sich wieder bemerkbar. Sie sucht einen Rahmen, in dem ihre Not klein erscheint. Sie lässt Goya mit der Ankündigung zurück, auf sein Angebot zurückzukommen. Er hat ihr das Museum als Putzstelle angeboten.

Goyas Wohnung ist ein Arsenal alter Gegenstände. Folglich lebt Goya in einem Museum.

Zwei Stunden später steht sie mit Sack und Pack vor seiner Tür. Goya bringt sie im Keller unter, er rechnet noch mit Tanja. Der Keller ist angenehm kühl, er hat seine Vorteile. Wie andere Atlantis und Avalon halluzinierten, auf ihren Fahrrädern zu Kreuzzügen aufbrachen, in die Steinzeit zurückkehrten oder sich mit Vandalen einschifften, so erschuf das Kind Goya ein hessisches Rittertum von Weltgeltung im Geist der Bushi. Die Burg ersten Ranges steht im Zentrum des Kellergeschehens, Paula kennt die Anlage bis zur letzten Zinne. Sofort fängt sie an zu spielen. Sie pumuckelt, eine Vierzigjährige, die auf niedlich macht. Goya wehrt sich still gegen die Zumutung. Im Grunde seines Herzens ist er wehrlos. Paula gehört ganz einfach dazu.

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Straßenmusiker mischen den Strand auf. Erst nach einer Weile begreift Goya die Gravitation einer Gruppe. Die Spielerinnen schotten sich in Erwartung einer vergiftenden Aufmerksamkeit ab, die es gar nicht gibt.

Der Park legt eine Pause ein. Kurts Bratwurstbude wird in den Oberpark geschleppt. Eine Kurzmitteilung fragt: Willst du nie mehr ans Tel. gehen. Kein Fragezeichen. Im Unterpark geben Halberwachsene den Ton an. Sie schikanieren ihre jüngeren Geschwister und andere Kinder. Eben waren sie selbst noch klein, Goya sah sie größer werden. Erschüttert waren die Eltern nach Deutschland und in den Park gekommen.

„Ich vertraue auf mein Unverständnis, das mir ein instinktives und intuitives Leben beschert hat, während das sogenannte Verständnis begrenzt ist.“ Clarice Lispector

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„Unsere Existenz ist existenzlos. Unsere Wirklichkeit ist unbegründet. Um uns ist Angst.“ Imre Kertész

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„Irgendwann erreicht man einen Punkt, da spielt das, was war, keine Rolle mehr.“ Clarice Lispector

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“Everything in the world began with a yes. One molecule said yes to another molecule and life was born.” CL

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„Selbst seine Bosheit machte ihn einer entthronten Gottheit ähnlich - einem Genie. Und außerdem war ich längst in ihn verliebt.“ CL

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„Ich bin jetzt blass, ohne eine Spur von Lippenstift.“ CL

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„Ich war etwas sehr Seltenes, nämlich frei.“ CL

Cornelius von Pechstein doziert über den bürgerlich geborenen Kapitän zur See Jean-François de Galaup, der im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg für die Abtrünnigen stritt und 1785 von Ludwig XVI. mit den verschwisterten Fregatten Astrolabe und Boussole zum Großeinkauf nach Ozeanien geschickt wurde. Zum letzten Mal sah man ihn im März 1788 vor Neukaledonien. The expedition vanished mysteriously, glaubt Hannes Kesselmann zu wissen.

Les deux navires disparaissent - 1789 querte Arthur Phillips, ein Hesse in britischen Diensten, die nach Luis Váez de Torres benannte Meerenge zwischen Australien und Neuguinea. Auf einer Admiralitätsinsel erschreckte er Nachfahren hundert Jahre zuvor gestrandeter Chinesen.

„Nicht nur Artefakte belegten die Herkunft. Auch die Sprache des neuen Stammes bewahrte Wörter aus einer anderen Welt. Die Leute gingen nackt wie ihre Nachbarn. Was sie unterschied, schien sie auszuzeichnen und bei anderen Furcht hervorzurufen. Kein Abkümmerling der Schiffbrüchigen hatte je die Zivilisation gesehen und doch steckte sie in jedem”, schrieb Phillips in „Kommodore Phillip’s Reise nach der Botany-Bai auf Neuholland. Nebst einer genauen Nachricht von der neuen englischen Niederlassung zu Jacksons-Port und einer kurzen Geschichte und Beschreibung von Neuholland”.

Im folgenden Jahr erreichte Phillips die Salomonen, wo man ihm von einem weißen Schiffsbrüchigen erzählte, der bald nach seiner Rettung starb. Man zeigte ihm Gegenstände französischer Provenienz. Philipps entdeckte Schlachtengemälde auf abgezogener Menschenhaut. Er hielt sich mit den Skarifizierungen seiner Gastgeber auf. Ihren Gefangenen öffneten sie mit Spezialwerkzeug der Bauch. Als besondere Delikatesse galt der Schädel.

„Um an das Gehirn zu kommen, schlug man den Schädel mit einem Stein auf.”

Ein von Wut entstelltes Gesicht wurde als schön empfunden. Köpfe und Glieder von Feinden reichte man Kindern zum Spielen. Kanus taufte man mit Blut. Bei einem Überschuss an Menschenfleisch beschränkte man sich auf die Extremitäten und verschleuderte die Rümpfe. Späteren Reisenden stellt sich die Situation auf den Salomonen ganz anders dar. Sie schildern Völkerschaften von paradiesischer Gutartigkeit, schnell erschrocken. ... Tahitische Szenen. Eine Glocke, die in Brest gegossen gegossen worden war, ging mit bestem Gruß ab nach London als Katastrophensouvenir.

Schmerztau

Erasmus Desiderius (ca. 1466 in Rotterdam - 1536 in Basel) wächst in Gouda auf. Als unehelicher Sohn eines Priesters und dessen Haushälterin entbehrt er die zunfttaugliche Ehrbarkeit in einem burgundischen Winkel des Heiligen Römischen Reichs. Die sozialen Aussichten des zukünftigen Fürstenerziehers sind erst einmal lausig. Den Langobarden-Königsnamen Desiderius, eine Ableitung von desiderare - begehren, legt sich Erasmus später selbst zu. Seinen Vater ziert eine gute Handschrift. Roger Gerard zählt zu den weltläufigen Geistlichen. Der Verehrer des als Märtyrer heiliggesprochenen Erasmus von Antiochia blickt auf eine Karriere in Italien zurück. Im Auftrag des Abts von Monastero di San Benedetto, einem Kloster nahe Fabriano, kopierte er „zwei Schlüsseltexte des Christentums”, namentlich Augustinus’ „Vom Gottesstaat” und Thomas von Aquins „Summa theologica”.

Die Zitate stammen aus Sandra Langereis’ atmender Biografie „Erasmus. Biografie eines Freigeists”

Die Abtei steht auf dem „Apennin-Gipfel des Monte Fano”. 1276 wurde in Fabriano die erste Papiermühle auf europäischem Boden in Betrieb genommen. Langereis spricht von einem „hocheffizienten Recyclingverfahren”, bei dem Lumpen und Fetzen in ihren „Rohstoff zurück verwandelt (wurden)“. Sie beschreibt einen Hotspot der Renaissance-Tüchtigkeit. Klöster betreiben die Mühlen. In den Skriptorien tobt ein Kampf der restaurativen Pergament-Fraktion gegen die Freunde des Papiers. Simone sitzt an ihrem Institutsschreibtisch und vergegenwärtigt sich den frühneuzeitlichen Wettstreit. Professor Cornelius von Pechstein schneit herein, ohne anzuklopfen. Er ist der Sprachmeister. Sprachmeister ist ein historischer Titel. Seit der Berufung des ersten Professors für neue Sprachen an die Ederthaler Landgraf Philipp Universität firmiert der Leiter des Germanistischen Seminars als „Sprachmeister”. Zu den Insignien seiner Autorität gehören Zeichen und Geräte, die an Freimaurer-Praktiken erinnern. Der Sprachmeister-Kult hat aber einen anderen Ursprung. Dazu an anderer Stelle mehr.

Simone erlebt sich in einer klandestinen Konkurrenz zu dem amtierenden Sprachmeister. Sie will ihm nachfolgen, als erste Sprachmeisterin vor Ort. Cornelius fürchtet die schöne Rivalin nicht so wie er sollte. Seine Überheblichkeit macht ihn nicht blind. Er ist zu klug, um ein Ignorant zu sein. Doch wähnt er sich allezeit im Vorteil, da er sich im Bund mit gewissen Geistern weiß, die seit Jahrhunderten in der burgförmigen Hochschule residieren. Mit ihrer Hilfe will er Simone unterwerfen und zu seinem akademischen und sexuellen Werkzeug machen, da sie seinem Ideal von einer Assistentin entspricht. Die beiden diskutieren den Punkt in einer Metazeichensprache. Sie wittern die gegnerischen Absichten zu ihrem Vergnügen. Der Geschlechterkampf auf hohem Niveau verbindet sich mit gescheiterten Andockmanövern und Navigierungeschicklichkeiten. Doch steht nicht allein Cornelius ein Zugang zu kosmischen Kräften offen. Auch Simone schöpft aus solchen Quellen. Im Mittelalter wäre sie als Hexe verbrannt worden. Es ist immer noch nicht ganz ungefährlich so zu sein wie sie. Männer machen es Simone leicht und schwer zugleich. Simone ist todsicherer Leim. Wildfremde bestürmen sie mit Heiratsanträgen und sind sich ganz sicher, dass Simone die Richtige sei. Das sind Verlorene; Leute, die sich in ihrem eigenen Leben verirrt haben. Ihre Bereitschaft, sich an einem toten Punkt zu verausgaben, schreddert Simones Weltvertrauen. Ihre Zurückweisungen entbehren mitunter der Konsequenz. Manchmal kostet sie noch zwei-, dreimal den Rahm einer verzweifelten Leidenschaft. Wie eine Katze, so denkt sie sich selbst, leckt sie den Schmerztau. Sie erntet, was sie gesät hat, zwar ohne Skrupel, aber doch erschüttert. Wenn andere sich so offensichtlich irren können, wie sicher darf sie sich dann sein. Sie schickt einen Mann weg, dem sie eben noch Zugang gewährte, und fragt sich, warum er sich jetzt nicht erschießt oder aufhängt. Simone weiß, der Abgewiesene wird sich in einer Kneipe zulaufen lassen. Ederthal ist berühmt für seine urigen Studentenpinten. Die ältesten Klosprüche Deutschlands findet man da. Es gibt einen hiesigen Kneipenführer auf Japanisch.

Erotische Exerzitien

Ein halbes Jahrhundert nach Erasmus von Rotterdams Tod entreißt Cornelis de Houtman (1565 - 1599) den Portugiesen das ostindische Pfeffermonopol und macht Bantam auf Java zum ersten niederländischen Stützpunkt in Indonesien. Im Gefecht verliert er zwei Schiffe und fast alle Matrosen. Eine Bucht heißt seitdem „Friedhof der Holländer”. Sandra Langereis beginnt ihre Erasmus-Biografie mit der Schilderung einer Expedition, die 1598 im Hafen von Goeree-Overflakkee ihren Anfang nimmt. Die Autorin beschwört den „protestantischen Unternehmergeist (und) evangelischen Optimismus” Rotterdamer Sklaven- und Gewürzhändler. Sie vertrauen ihre Investitionen Admiral Jacques Mahu (1564 - 1598) an.

Am 27. Juni 1598 sticht Mahu mit fünf Schiffen und knapp fünfhundert Mann Besatzung in See. Das ist der Auftakt eines einzigen Desasters. Mahu fährt auf der in „De Liefde” umgetauften „Erasmus”.

„Schon damals diente der Eurostar unter den Gelehrten mit seinem Namen als Galionsfigur des Epochalen”, schreibt Simone. Sie trägt eine Robe à la française aus schwarzviolettem Atlas - mit Watteau-Falten, die das Rokoko zitieren. Das Gewand war in seiner ursprünglichsten Gestalt ein Déshabillé, ein Gegenstand häuslicher Vexierspiele, und wirkt nun als textiles Zeichen für jene, denen Raffinesse unentbehrlich ist. Einst gestattete es der Frau, sich ohne Einschnürungen zu zeigen. Jeder informierte Liebhaber historischer Kostüme erkennt den frivolen Charakter, das Anspielungsreiche. So ein Kleid besitzt den Signalcharakter eines Kropfbandes mit gewissen Applikationen. Es funktioniert wie ein Lackmustest. Wer adäquat darauf reagiert, bringt bestimmte Eigenschaften mit. Der weite Horizont seiner Erwartungen verspricht ein helles Vergnügen, eine erotische Heiterkeit.

Cornelius verkörpert den Major Player auf der Ideallinie. Er ist zweiunddreißig, akademisch nobilitiert, wohlhabend von Geburt, sportlich, fruchtbar und noch kinderlos. Soll man es für einen Makel halten, dass er verheiratet ist? Der Philologe ist jedenfalls auch Spezialist für Bioluminiszenz. Er züchtet leuchtende Mäuse.

Das Spiel beginnt an ihrem Uni-Schreibtisch. Es riecht nach altem Gemäuer. Generationen von Pfeife rauchenden Professoren haben ihre Marken nachhaltig abgesetzt. Cornelius gewährt Simone das Vergnügen seitenlanger Passagen, die über ein Detail nicht hinausgehen. Die erotischen Exerzitien sind zugleich psychologische Studien. In Simones Aufzeichnungen findet sich die Erkenntnis: Die sozialen Konturen eines Mannes unterbrechen meine Erregungslinien. Stets weiß ich vorher, über einen bestimmten Punkt komme ich nicht hinaus und die Hälfte der Lust ist Eigenleistung.

Simone entzieht sich Cornelius in eine erotische Nebelwelt. Plötzlich bricht die Wolkendecke ihrer Betrübnis auf und sie fühlt sich von der Lust getroffen wie von einem Schlag, dessen Wirkung sich in Schockwellen ausbreitet.

„Das ist sehr schön erzählt, aber die nachträgliche Sehnsucht erlebe ich als narrativen Twist. So ein sich selbst abhandengekommener Puppenspieler könnte mir mit seinen lyrischen Taschenspielereien nicht als Held eines erregenden Versäumnisses nachgehen.“ Larissa von Zierenberg

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„Wir haben Kathedralen errichtet und sind dann draußen geblieben, weil wir fürchteten, die von uns selbst errichteten Kathedralen könnten sich als Fallen erweisen.“ Clarice Lispector

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„Jetzt eine Bitte (an den Setzer): Sehen Sie davon ab, mich zu verbessern. Die Interpunktion ist der Atem des Satzes, und meine Sätze atmen so.“ Clarice Lispector

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Imre Kertész über sich: „Er trägt Baskenmütze wie ein Sonntagsmaler, das schrecklichste Verhängnis hat ihn erreicht: die Altersweisheit.“

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„Europa … zählt in etwa noch so viel wie eine Haselnuss, die in einem Nussknacker steckt.“ Bruno Latour

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„In der Einsamkeit der Flughäfen/Atme ich auf Ich bin/ein Privilegierter Mein Ekel/ist ein Privileg.“ Heiner Müller

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Im Haus meiner Großeltern sprach man den jüdischen Dialekt von Bagdad. Man sprach Arabisch auf den Märkten und stand hoch in der Achtung der Händler. Ilanit verwandte Gewürze und servierte Soßen, die Produkte uralter irakisch-babylonischer Fernhandelsbeziehungen waren. In der greisen Magd steckte mehr Welt als in mir. Eine Phantasie; ich beziehe mich auf Eva Illouz und Mati Shemoelof.

Joyces ‚Ullyses’ entstand als work in progress - Das ‚Sprachschloss’ findet seine Dimensionen im Kollaps der Vereinzelung. Gestern ergab sich die erotische Grundierung einer Episode in folgendem Setting. Erlesen gekleidet und affiziert von der eigenen Attraktivität wohnt die Post-doc-Stipendiatin Simone Walther einer Vorlesung ihres Geliebten Professor Cornelius von Pechstein bei. Cornelius ist Dekan und Sprachmeister des Germanistischen Seminars an der Ederthaler Landgraf Philipp Universität. Mit zweiunddreißig ist er der Jüngste in all seinen Ämtern seit Menschengedenken. Nie zuvor gab es einen jüngeren und athletischeren Sprachmeister in der von Philipp dem Großmütigen als Ritterkolleg gegründeten Hochschule. Simone sitzt in der letzten Reihe, belebt von prickelnder Vorfreude auf ein Rendezvous. Ich habe Cornelius ein Stück aus meiner literarischen Befragung des Kolonialismus untergejubelt. Das ist eine Nebenansicht auf ein Panorama zwischen Amerikanischem Unabhängigkeitskrieg und Französischer Revolution. Musenzeit reagiert auf den Exkurs zunächst so:

„Ui, aber Hallo - da wird historisch Großputz gemacht bis unters Sofa! Du leistest da ganze Arbeit in wenigen Sätzen. Sehr eindrucksvoll.”

Ich entgegne: „Vielen Dank, das ist ein Randstück meiner Beschäftigung mit der Kolonialgeschichte. Man muss ja irgendwo damit hin. Ich finde es sehr geschickt von mir, dass dem Sprachmeister Cornelius in die Schuhe zu schieben. Wahrscheinlich sitzt Simone in der letzten Hörsaalreihe und genießt die Eleganz ihres Liebhabers. Cornelius ist zwar nicht der Einzige, aber er besitzt Vorzüge, die ihn deutlich in Erscheinung treten lassen. Siehst du das? Ich meine, was siehst du in dieser Szene?”

M. steigt verhalten ein: „Ich finde sie ungemein interessant und sie passt in das Setting. Transparenz schaffen, historische Verdrehungen elegant sprachbeleuchten. Simone bewundert ihn dafür, natürlich.”

Ich: „Meine Idee - Simone genießt den Vorgenuss, diese Maschine des Geistigen gleich nach der Vorlesung in seinem Büro zu treffen.”

Musenzeit: „Schön, ich bin gespannt darauf...”

Das ist mein Ansporn. M…s Interesse gibt mir Auftrieb. Ich begehe ein paar innere Räume und sehe mich mit dem Hochgefühl des Hausherrn um. Ist alles abbezahlt und existiert zu meiner freien Verfügung. Ich schlendere durch meinen Park zu meinem persönlichen Sanssoucis - dem Sprachschloss. Hier war ich lange mit C. gewissermaßen liiert. Sie hat ganz andere Präferenzen als M. Sie liebt die Spielarten der Überwältigung. Männliche Dominanz ist für sie ein Erregungsansatz. Es reizt sie, dem Beherrschungswillen hyperviriler High Potentials ein Schnippchen nach dem nächsten zu schlagen. Sie braucht das fordernde Verlangen, um ihre Hochform zu erreichen. Cornelius passt zu C…s Programm. Wir haben es Simone untergeschoben und genauso erzähbar gemacht, wie man einen Fluss schiffbar macht. Im ersten Augenblick dieser Episode sehen wir Cornelius in seinen häuslichen Verhältnissen. Er gehört von Geburt und Geblüt zur Althessischen Ritterschaft. Die Rechtsförmigkeit des Zusammenschlusses entspricht einer Stiftung - dem Ritterschaftlichen Stift Kaufungen. Sie konstituierte sich 1532 in dem von Kaiserin Kunigunde 1017 gegründeten Kloster Kaufungen.

Stellen Sie sich auf einen langen Vorlauf ein. Vielleicht kommen wir heute gar nicht zur Sache. Cornelius nimmt seine Ehe auf die leichte Schulter. Für ihn ist sie nicht mehr als eine passende Verbindung. Die Vorfahren seiner Frau sind dem Genpool der Werners, Gudenbergs, Battenbergs (Mountbatten), Dörnbergs, Zierenbergs und Gozmars entsprungen. Iris kommt aus einem perfekten Stall. Cornelius erinnert Momente der Gattenseligkeit in der Keimzeit seiner Ehe. Iris nannte siela sacra conversazione - die heilige Unterhaltung. Ihre Eltern sind bei einem Cessnaabsturz in den Kordilleren umgekommen, angeblich hatte der Pilot überhaupt keine Ausbildung genossen und keine Berechtigung besessen oder das Flugzeug war katastrophal gewartet worden, irgendwo im hintersten Peru bei den allerletzten Inkas und gewissermaßen auch Tutanchamuns. Die Kulturen hingen ja transkontinental zusammen und sind ineinander übergegangen auf Papyrusflößen und Heyderdahl’schen Thoren.

Cornelius denkt auf einem Hochsitz an seine Frau. Die Jagd ist bald zu Ende, der Jäger schneidet einen Laborbatzen Muskelfleisch aus. Jahrzehnte nach Tschernobyl überstrahlen Wildbret und Maronenröhrling noch die zulässigen Werte. Kein Mensch verliert ein Wort deswegen, es herrscht die Omertà der Interessenverbände. Über Cornelius brechen zwei Fairchild Republic A-10 Thunderbol teinen Tiefflug ab und steigen steil auf -low level abort. Man nennt den Flugzeugtyp Warthog wegen seiner gedrungenen Gestalt. Ja, Cornelius kennt sich auch mit Waffensystemen aus. Man glaubt das nicht, wenn man ihn so sieht.

Dem erloschenen Jagdfieber folgt ein Kater. Dass vereinzelt Werte bis zu 1115 Becquerel pro Abschusskilo gemessen werden, spielt keine Rolle. Die Gefahr lässt sich weder riechen noch schmecken. Sie übersteigt das menschliche Maß und überlistet den Instinkt.

Cornelius kehrt aus dem Wald an seinen Schreibtisch zurück. „Mit der preußischen Annexion Hessens konnte sich mein Vater unmöglich abfinden”, liest er in den Erinnerungen des Försters Freisiedel. In alten Büchern findet man Wetterbeobachtungen auf Schmuckbögen. Einen im Streik ausartenden Widerstand der Bauern gegen Spanndienstverpflichtungen wusste Landgraf Friedrich II. zu brechen.

Die kurhessische Landesgeschichte ist ein Steckenpferd des Sprachmeisters, das Auf und Ab einer feudalen Gesellschaft, die in der weiten Welt keine große Rolle spielte. Durch die Jahrhunderte nicht klein, nicht groß und dann kamen die Hohenzollern. Vielversprechend sind Archive, von denen sich seit Jahrzehnten keiner mehr etwas versprochen hat. Kirchenbücher. Auswanderungschroniken. Hofmiseren. Dass zwei zusammen waren in der Schutzbehauptung gemeinsamer Bewirtschaftung könnte ein Beispiel für Homosexualität in bäurischen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts sein. Falls es das nicht im Nachweislichen gibt, kann man es doch gut und gern erfinden.

Freisiedel erwähnt Adam Ludwig Ochs, Generalmajor im Dienst Friedrich II. von Hessen als Vorfahren eines Vorgesetzten. Gern wäre Ochs zu den Preußen gegangen, 1802 wurde er in den Adelsstand erhoben. Er kämpfte in Amerika und starb als Baron in der Heimat.

Cornelius greift nach einer Originalausgabe von Grimms Märchen. Wörter benutzten die Brüder wie Nägel. An früher hingen sie alles, was ihnen richtig erschien. Gravität und Gier, Biedersinn und Bauernschläue gehörten nicht dazu. Bis zu idiomatischen Nuancen schilderten sie den Charakter eines Köhlers nach dem Muster mündlicher Überlieferung. Den Köhler verdonnert das Schicksal zum Wächter eines Kız Kulesi – eines Mädchenturms - im hessischen Urwald. Er verliebt sich in jenes Rapunzels, welches von seinem königlichen Gatten in den Turm gesperrt worden war, da eine Weissagung so ging, dass es ihm keine Söhne wohl aber eine Tochter gebären würde. Deren Sohn hatte das Schicksal zum Mörder seines Großvaters bestimmt. Um sich dagegen zu versichern, hatte der König Rapunzel in den Turm getan, abgesperrt und den Köhler davorgestellt. Den Turmschlüssel aber hatte er in die Fulda geworfen.

Rapunzel sang jeden Abend die Tiere des Waldes ins Koma. Betört von der schönen Singstimme bat der grimmige Köhler um ein Stelldichein im Sturmstübchen.

„Wie willst du bei mir landen, du Fliegenfranz?” fragte Rapunzel artig.

Der Köhler ging der Frage auf den Grund und fand die Lösung. Ihr kennt sie – Extensions. Kleiner Scherz. Bis Rapunzels Haupthaar von der Höhe des Gefängnisses bis zum Boden sich lockte, vergingen eher weniger als sechs Wochen. Nun wurde die Tochter gemacht, die den Sohn kriegen sollte, der ... Auch fing hier der Krautrock an.

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„Aber zu welchem Zweck ist die Erde denn erschaffen worden?” fragte Candide. „Um uns rasend zu machen”, lautete die Antwort. Voltaire 1758

„Alle Welt spricht von Schönheit, obwohl doch Schmerz das Gefühl der Epoche bestimmt”, erklärt Iris ihrem Mann. Die beiden sitzen behaglich in ihrer Essecke, Cornelius hält den Ausspruch für „eine Abdichtung der Information gegen die Erfahrung” (Walter Benjamin).

Gebildeter Berserker

Auf der Suche nach Intensität - Auch für Iris funktioniert Cornelius als Glücksreaktor. Auch nach sieben Ehejahren kann er bei ihr immer noch erotische Kettenreaktionen auslösen. Mitunter zeigt er sich ihr als gebildeter Berserker. Er schafft es mühelos, ihr Hirn auf Pause zu schalten. Wichtiger als jedes Ensemble ist der Solist. Und Cornelius hält einen galaktischen Vorsprung auf so vielen Feldern. Also, warum ihm nicht verfallen. Gerade jetzt leitet er bei Iris die Kernschmelze ein. Leidenschaftsabbau ist ein Begriff aus der Todeszone des Lebens. Sich ein Dasein im Schwung zu erhalten, ist Arbeit und verlangt Kreativität so wie Nachsicht sich selbst gegenüber. Es führt dazu, dass man bereits mit Anfang Dreißig öfter die oder der mit Abstand Älteste auf der Party ist.

Das Paar vernimmt Schlüssel-im-Schloss-Geräusche. Melanie macht sich selbst auf. Wie wissen sofort, welche Aufgaben ihr zukommen und worüber sie sich in ihrer Not hinwegsetzen muss. Jetzt dient sie dem Ritter von Pechstein und seiner adäquaten Frau als Reinigungskraft. Iris erlebt Melanies Auftritt als Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten. Sie genießt es sehr, vom eigenen Mann - diesem Fleisch gewordenen Powerriegel und erotischen Magneten - begehrt zu werden. der Nachwuchs im Chor oder spielt Cello. Die Erwachsenen kommen vermeintlich zwanglos in ihren Gärten zusammen. Alle lavieren zwischen Unzufriedenheit und Niedertracht in synthetischen Anwandlungen.

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Simone erscheint retro-schick und introvertiert. Sie gibt die vintage-affine Intellektuelle mit dem klandestinen Sex-Appeal. Sie goutiert Sujets, die dem männlichen Blick zugeordnet werden und Verletzungen der Spielregeln implizieren. Sie reagiert auf Pornografie ohne innere Widerstände. Gefällt ihr etwas nicht, ist es schlecht gespielt. Alles ist Spiel und basiert auf Übereinkünfte, deren Voraussetzungen die Beteiligten zur Einhaltung der Regeln zwingt.

Simone verlässt nie die Räume ihrer Klasse. Sie bleibt in dem sozialen Rahmen ihrer Herkunft, ohne das je zu bedenken. Geld, Bildung, Zugehörigkeit sind selbstverständliche Attribute.

Wir sehen sie im Büro ihres Chefs in der Ederthaler Landgraf Philipp Universität. Philipps Beiname der Großmütige bezog sich nicht auf ein mildes Wesen, sondern auf großen Mut. Philipp I. war der oberste Waffenmeister der Reformation und maßgeblich an der Niederschlagung der Bauernaufstände beteiligt. Brecht sagte, die Bauernaufstände seien das größte deutsche Unglück gewesen, da sie zu früh geschehen seien. Unser Landgraf engagierte sich nicht aus besonderer Zuneigung zu Luthers Lehre. Mit dem protestantischen Schwert bekämpfte er kaiserlich-katholische Ansprüche auf hessische Landesteile.

Simone ist so windschnittig und mehrheitsgesellschaftlich gut aufgestellt, dass sie ihre zwei Devianz-Positionen in die Mitte ziehen kann, anstatt von ihrer Devianz aus der Mitte gezogen zu werden. Anpassung ist eine Kriegerin. Stark ist nicht, wer von zehn Kämpfen acht gewinnt, sondern wer von zehn Kämpfen zehn nicht kämpfen muss.

Die meisten potentiellen Liebhaber düpieren Simones Verausgabungsbereitschaft. Die Männer verstehen überhaupt nicht, wie verletzend ihre Halbheiten sind; wie sehr sie sich die Strafen verdienen, die Simones Unterschrift tragen.

Jede gute Erzählung hilft zu begreifen, dass unser Nachdenken über uns und die Erde Wesentliches verfehlt. Wir sind Ausgeschlossene auf unserem eigenen Planeten, da die eigentliche Dimension des Irdischen das Ozeanische ist. Der Kosmos unserer wahren Potenz liegt, metaphorisch gesprochen, auf dem Grund des Marianengrabens.

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„Warum darf ich nicht in Lumpen herumlaufen, wie die Männer, die ich manchmal auf der Straße sehe, mit einem Bart bis zur Brust und einer Bibel in der Hand, die den Irrsinn zu einem Mittel der Erkenntnis gemacht haben.“ Clarice Lispector

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„Ich würde … gerne etwas … unternehmen, das die gespannte Sehne sprengt, die mein Herz an seinem Platz hält.“ Clarice Lispector

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„Wenn der Abend hereinbrach, wurde die erleuchtete Stadt zur Metropole, mit hohen Drehhockern in jedem Lokal.“ Clarice Lispector

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„Meine einzige Identität ist die des Schreibens.“ Imre Kertész

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„Die Schönheit der Formulierung eines barbarischen Tatbestands enthält Hoffnung auf die Utopie.“ Bertolt Brecht

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Die realsozialistisch-ungarische Kritik verfolgte Imre Kertész mit Hass, „man zog seinen Namen in den Dreck“ (Péter Esterházy). Kertész antwortete sich: „Ich, das ist eine hilflos im Honig ertrinkende Fliege.“

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„Der Ausdruck literarische Beiträge hat mir nicht gefallen, ich bin nämlich gerade in einer Phase, in dem sich mir bei dem Wort Literatur das Fell sträubt.“ Clarice Lispector am 24. Februar 1968 in einer Reaktion auf einen Leserinnenbrief, in dem von „der Schönheit ihrer literarischen Beiträge“ die Rede ist.

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„Ich kniete mich vor das Tier. Die Sau ruckte und bockte.“ Bill Buford, „Dreck“

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„Warum darf ich nicht in Lumpen herumlaufen, wie die Männer, die ich manchmal auf der Straße sehe, mit einem Bart bis zur Brust und einer Bibel in der Hand, die den Irrsinn zu einem Mittel der Erkenntnis gemacht haben.“ CL

Blonder Engel

Wir besuchten ein Konzert der „Deep Purple”. Auf dem Weg zur Festhalle sang Lara „Volare, oh oh/ Cantare, ohohoho/ Nel blu dipinto di blu/ Felice di stare lassù“. So erzeugte sie einen Wirbel im Strom der Fans. Lara arbeitete auch in der Methadonvergabestelle am Cityring. Sie war der blonde Engel der Malteser, für viele Abgestürzte ein letzter Lichtblick.

Lara wollte für sich wenig mehr als das Nötigste, sie gehörte einem Armutsorden an. Sie arbeitete als Aufsicht in einem Museum und in der ambulanten Altenpflege. Sie ließ sich außerdem für alles Mögliche engagieren. Man nahm sie gern, ihre Gewissenhaftigkeit war beispiellos. Es dauerte, bis ich in Laras Mienenspiel einen Widerschein ihrer Verbohrtheit entdeckte. Lara schwelgte in der Opulenz von Aldi. Unauffällig machte sie sich schick, wenn wir in die Alte Oper oder in die Festhalle gingen. Sie verbarg nicht ihr Rasierzeug. Den Lippenstift und ein paar andere Dinge aus der Drogerie bekam ich lange nicht zu sehen. Auf ihre Art verschleierte sich Lara. Ich deutete an, dass man in anderen Städten angenehmer arm sein könne als in Frankfurt. Lara ignorierte das.

Für mich hatte Lara die Schönheit einer Windjammergalionsmadonna. Ich zog gern mit ihr um die Häuser, sie amüsierte sich am Wasserhäuschen nicht weniger als in Jimmy’s Bar. Sie kippte die Kurzen zwischendurch. Das war für sie selbstverständlich.

Lara hatte das Saufen von einem Onkel gelernt, der auf dem Friedhof ihrer Heimatgemeinde die entscheidende Kraft war. Er oszillierte zwischen Faktotum, Randfigur und Grenzgänger. Den Nachwuchs lehrte er sämtliche Kneipenspiele. Er stellte seinen Raum für Experimente zur Verfügung und bot Verstecke an. Er nahm sich das ein oder andere heraus, ohne dass sich die Übergriffe ernsthaft beanstanden ließen. Heute wäre so eine Figur undenkbar.

„Smoke On The Water” pulste aus den Boxen. Ritchie Blackmore fand das Lied lausig, der Rauch zog über den Genfer See. In der amtierenden DP-Besetzung spielten Ian Gillan, Ian Paice, Roger Glover, Don Airey und Steve Morse. Gillan war schon zweimal aus- und dreimal eingestiegen. Brecher aus der Wetterau unterhielten sich über seine Stimme. Besorgt erwogen sie, ob er noch so hoch wie einst singen könne und wie weh ihm das tun würde. Lara lachte sich einen Ast. Sie tanzte um mich herum, als erklärte Feindin halber Sachen. Nur Paice war schon am DP-Anfang dabei gewesen. Ein Zeitfenster öffnete sich zu „Highway Star”, dem ersten Lied auf „Machine Head” von 1971, in der LP-Version (mit dem Hinweis auf „Monoabspielbarkeit” auf dem Cover - und der grafischen HörZu-Ecke) 6.05 Minuten lang. Der amerikanische Gitarrenpilot Morse spielte den Traversenverbund von der Hallendecke. Manchmal stand er so allein und grandios da wie Jesus. Lara und ich waren im Himmel. Jemand verlangte ein Verbot aller DP-Coverbands. Ja, DP brachte ihre von zehntausend Tanzkapellen verschlissenen Titel auf Vordermann. „Space Truckin” klang kathedralisch, DP spielt ständig an einer Schnittstelle sakraler und säkularer Musik. Am Bass regierte ein Verwitterter, Glover sah aus wie der vom Galgen geschnittene Pirat. „Into the Fire”, „Strange Kind Of A Woman”, „Black Night”, die Geschäftsidee DP ging immer noch auf. Die antiken Gefechte zwischen Orgel, Airey saß vor einer Hammond-B3 (mit Leslie-Lautsprechersystem) und Gitarre (ehedem Jon Lord versus Blackmore) wiederholten sich zum Schein.

„Ich danke dir”, sagte Lara nach dem Konzert bescheiden. Nur als Beschenkte wollte sie am Leben in der Beletage teilnehmen.

„Möchtest du nicht endlich ein bisschen egoistischer werden?” fragte ich. Ich hatte noch einen Termin, eine Mitternachtslesung in einer aufgelassenen Schleifmaschinenfabrik. Lara musste um sechs aufstehen, sie begleitete mich trotzdem. Sie bewachte mich, mir gefiel das. Die Veranstalter des späten Termins spekulierten auf epochale Effekthascherei. Auf die Sensationen von Auf- und Zugängen einer alten Werkshalle. Wir beschritten Industrieparkett aus ölgesättigtem Stirnholz. Wie zischende Diener standen Heizpilze zur Verfügung, vorgelesen wurde aus Michel Houellebecqs „Ausweitung der Kampfzone”.

Jemand sang Brechtlieder.

„Die Schönheit der Formulierung eines barbarischen Tatbestands enthält Hoffnung auf die Utopie.” Bertolt Brecht

Ich verlor mich im Anblick der Träger, monumentaler Muttern und erstaunlicher Nietenmuster. Wie schön die Farbe abblätterte. Houellebecqs Held legt sich ein Messer zu, Tische waren mit zerschnittenen Brautkleidern drapiert. Die Sängerin trug ein ärmelloses Kleid in arktischer Kälte. Lara grub sich bei mir ein.

„Du bist so weit weg”, klagte sie.

Ich hatte für uns Parkas gekauft, regelrechte Zelte mit Pelzrändern. Ich spürte, wie Lara unter der Schutzschicht wie unter einer Bettdecke zu träumen begann.

Bembel im Faulenzer

Die Apfelwein trinkenden Kemalisten fordern für ihre Runde am Stammtisch den ungeeichten Bembel, ein Relikt, fast schon eine Reliquie aus Hermann Weiterfuhrs Nachlass. Hermann Weiterfuhr war der Gründer des alten und des neuen Galgenstübchens – für Lara eine Persönlichkeit. Noch im Flügelhemd hielt der Westfale sein Gebabbel für hessisch.

„Inzwischen schlagen die ihre eigenen Väter zusammen”, behauptet Rigger Richie von den Bomberjackenjungen. Sie stehen mit ihren Flaschen vor dem neuen Galgenstübchen und hoffen, dass sich jemand aufregt. Lara winkt ab. Sie ist noch von gestern verkatert und auch schon wieder ziemlich blau.

„Mach mir und der Lala und diesem Zeitungsfuzzi mal ’nen Wodka und was du willst«, verlangt Richie von der Belgierin hinter dem Buffet.

Richie geht in Frankfurt als Berliner durch, obwohl er Halbmexikaner ist. Er hat in der ganzen Welt zu tun. Hochhäuser und Staudämme sind seine Domänen. Lara hatte mit ihm eine ganz kurze Affäre. Ich weiß davon, weil ich sie mitgekriegt habe. Was auch jeder weiß, der von hier ist - Richie turnt sein Programm, stolz auf seine Unermüdlichkeit.

Richie sagt Lala zu Lara. Die Belgierin firmiert als Monalisa. Das ist der Künstlername einer Kunststudentin. Sie trinkt einen Jägermeister mit.

„Den Kleister kann ich nicht trinken”, erklärt Lara. „Der zieht mir die Zähne.”

Dass Monalisa nach all den Jahren in Tran und Wahn immer noch so viel von sich hermacht, in ihrer maßgeschneiderten Müllfahreruniform, finde ich erstaunlich.

Die ungleichen Brüder treten auf. Ihre Lebenswege verliefen lange getrennt. Der mit einer NVA-Vergangenheit redet mit dem Amerikaner über Tod und Verderben. Der Amerikaner war seit Vietnam nicht mehr nüchtern. Er sieht aus wie Charles Bronson als Squaw.

Eben kommt der Mann, der die Bildzeitung archiviert. Er sieht aus wie ein verwaschener Stoffaffe. Er wundert sich: „Dass sich einer zwei Stunden vor seiner Hochzeit umbringt, nachdem er noch beim Friseur war.”

Ich bedeute Lara, Richie abzuschütteln. Sie grinst verschwörerisch. Vermutlich wäre sie ambivalenter, läge Richie genauer auf der Linie ihrer sexuellen Vorlieben. Aber so ist das nicht. Wir beehren eine Abfüllstation an der Rohrbachstraße. Jedes andere Paar mit Selbstachtung wäre insBackstageoder gleich in dieBurggegangen. Lara betrachtet lieber erst noch das Panoptikum aus eingedrückten Fressen in der Kaschemme gleichen Namens. Ein Lemurenkabinett.

Bist du schon wieder da oder warst du gar nicht fort?

So wie du schaffen tust, tät ich gern Urlaub machen.

Ich geh auf Leute los, nicht auf Tote.

Die Begrüßung mancher Gäste erfolgt mit Handschlag. Mit allen per du, aber von keinem den Namen parat. Einer betreibt sein Geschäft in der Kneipe und hat eben einen halben Hunderter versenkt.

Da sitzen betagte Gewohnheitsverehrer erfahrener Frauen. Gewesene Wochenmarktstandbetreiber. Kiebitze, Handlanger, vom Krebs zerfressen. Kreuzlahme Fliesenleger. Jeder trägt sein Herz auf der Zunge.

Ist das Freundschaft oder Hass?

Na sowas, da steht der Schmuddel. Auch er hat seine besten Tage hinter sich und muss jetzt nur schnell noch in die Keramikabteilung vor dem Heimweg. Was heißt daheim? Muff und Fernsehen.

*

Lara bringt in meiner Wohnung den Kaffee ans Bett, sie verfügt sich leicht, manchmal will sie nicht, dass ich bei ihren Bedürfnissen anhalte, um das implodiert zu formulieren. Ist doch langweilig, ohne einen eruptiven Moment Sex zu haben. Übrigens kennt sie das Ariane-Drama in den Details. Gewisse Überblendungen und Valeursverschiebungen erregen sie. Ich hatte mit Lara Trostsex und das Genre stiftet immer noch Spielarten.

Kurz vor zwölf kreuzt Denisa auf. Sie jobbt in einer Nachrichtenagentur. Ihr Boss ist ein Mutant erster Güte, der die Welt von Istanbul denkt. Solche Leute leben in Frankfurt wie in einer Schleuse. In der westlichen Perspektive sind sie kaum zu sehen, diese neuen Orientalen, die wie Amerikaner sind. Sie kommen aus einer Kultur, die sich schneller verändert als Europa. Sie sind die Zukunft und Türkisch ist eine Sprache der Zukunft. Dieses Türkischenglischdeutsch: daran erkennen sich Eingecheckte in der Zukunftsschleuse. Eine Weile war Denisa ein publizistischer Popstar. Sie überschrieb ältere Texte mit witzigem Krakel. Sie überbelichtete bekannte Bilder. Jetzt ist auch sie schon wieder über den Punkt und hat die Muse mit einem Veteranen und seiner Akutgeliebten ihren Vormittagskater in Prosecco zu ersäufen.

Jeder überschreitet seinen Zenit, bevor er ihn realisiert hat. Frankfurt gärt. Spezialisten schießen auf die Kulissen, Tag und Nacht steht eine Kamera auf dem Eisernen Steg. Der Serienkrimitote am Strand des Mains wird ständig vom Bembel erschlagen. Die Mutanten gehen zum Apfelwein über den Steg nach Sachsenhausen, Denisa eilt ihrer nächsten Verabredung entgegen.

In einem Spiel sind Lara und ich Verarmte füreinander, das ist eine andere Art, auf Feldern zu schuften, die wenig abwerfen, und mit dreiundzwanzig ist Lara dann schon krumm und von vier ausgepressten Erben des Stammesnamens halbtot. Sie ahmt den Mann nach, der seine Frau von einem Onkel günstig gekauft hat.

In einem anderen Spiel sind Lara und ich kommunistische Bauern, der spanische Bürgerkrieg ging übel aus. Jetzt saufen wir Pastis in Paris und führen ein Lotterleben.

Der splitternde Lack auf der verzogenen Tür kam ins Spiel. Das Unebene rührte vom Bombengeschäft der Alliierten. Erheblich wurden Geräusche, die an Wein denken ließen, an den Glimmer kurz vor Abbruch des Tages. An Stufen voll gestauter Hitze.

die straße heißt allee mit nachnamen, wir sitzen auf stufen, dein kleid ist atem, du borgst eine hand und faltest sie ein, da steht ein salvatore, das wohlwollen des italieners ist melodisch. ein schlager, den man sonst ignorieren müsste, macht sich gut im augenblick, wollt ihr noch was? ich kann nicht noch ne cola, aber wenn du, sage ich, aber du willst lieber bei khan im park noch ein glas gut haben, sobald dieser moment sich erschöpft hat.

*

Unverkennbar ist die Mannheimer Mundart der Frau, die mich in der Bahn fragt, ob ich mit einer Monatskarte unterwegs sei. Sie trägt den Trödel, den man aus erster Hand erwirbt. Sie kommt aus einer Unterwelt, die Heimat für viele ist. Ich möchte nicht Anlass geben für die Vermutung, ansprechbar zu sein. Die Frau soll weitergehen. Die Frau geht nicht weiter. Sie baut vor mir ihre Stellung aus.

Sie hält mich für begriffsstutzig. Ein Mann betrachtet das Schauspiel. Er hat vergessen, Sonderangebotszeichen von den Sohlen zu kratzen. Asiatinnen verachten ihn unauffällig. Mit minimalen Äußerungen kommentierten sie etwas.

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„Weißt du denn nicht mehr, dass der Baader, als er schon lange zur Fahndung ausgeschrieben Die Wut riecht altmodisch nach Klassenkampf. Karl markiert den verhinderten Jakobiner, gallig von Natur, bitter aus Erfahrung. Er will, dass ich genau verstehe, wie er die Dinge ansieht. Er nimmt sich die Zeit, das Wort aus dem Sprachfluss zu fischen, das am besten passt zu einer Stimmung oder einem Verhalten oder Unterschied, so wie der Unterschied zwischen einem Strand, den alle Welt kennt und seinem Strand, an dem er glücklich war als Student der Universidade Federal Fluminense.

Jemand erinnert an Spektakel der televisionären Weltraumerschließung in den 1960er Jahren. Damals wurden mit Bügeleisen und Teelöffeln Attrappen gebastelt, die als Geräte der Zukunft angesehen werden sollten. Das futuristische Dekor zählt als absurdes Prägungselement zu meiner Generation.

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Vor dem Haus meiner Eltern macht sich Nebel vom Acker. Ein Weg streift die Fläche, er gehört zu einer Kindheitsroute. Die Autobahn liefert seit Jahrzehnten ein konstantes Geräusch. Die Hecken der Vorgärten haben Stufenschnitte. Meine Mutter macht sich ihren Tee. Sie ergänzt mich und schließt meine Lücken. Wir spielen Tischtennis im Hobbykeller. Meine Mutter spielt nach Gehör. Sie zieht mich zackig ab, schmettert mit Vergnügen. Ich sehe ein Bewegungsbild ihrer Jugend. Damals musste man auf Draht sein. Zum Spaß rede ich kasselänerisch. Meine zugezogene Mutter ist irritiert und weiß nicht warum.

Am Nachmittag kommt Lara, lobt den Käsekuchen und besteht auf einen Spaziergang am Wahlebach (der früher so breit war wie der Amazonas). Hier hat ein Freund meines Vaters vor dreißig Jahren gebaut. Eine Erinnerung an die Zweiraumwohnung, die der Bauherr mit seiner Frau und einem Sohn zuvor am Seidenden Strümpfchen bewohnte - der Junge war älter, jahrelang trug ich seine Karnevalssachen auf und gab einmal den perfekten Winnetou. Winnetou hieß mit bürgerlichem Namen Pierre Brice. Eine Weile verwechselte ich Johnny Weißmüller mit Lex Parker, Tarzan mit Old Shatterhand.

Love is in the air. Wir liegen in meinem Kinderzimmer, inzwischen dient es als Abstellkammer. Tagesdecken- und Handtücher stapeln sich in den Stauräumen der abwaschbaren Möbel meiner Jugend. Es ist nie etwas weggeschmissen worden.

 

Postmodern steril

„Wenn zwei gegensätzliche Standpunkte gleichermaßen energisch vertreten werden, liegt die Wahrheit nicht zwangsläufig in der Mitte. Möglicherweise hat auch eine Seite einfach Unrecht.” Richard Dawkins

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Die Griechen brachten es fertig, das Kunstwerk zu verehren und den Künstler zu verachten. Ich fand eben das Zitat bei J. Burckhardt: „Er muss ein jämmerlicher Mensch sein, sonst wäre er kein so trefflicher Flötenspieler.”

Simone bereist die Welt. Sie agiert mit der Kaltblütigkeit einer Kriegsberichterstatterin und der glanzvollen Naivität der höheren Tochter. Ihrer Privilegien gewiss, verschränkt sie Reiseerlebnisse mit Episoden einer weltläufigen Jugend. Sie leistet sich narrativen und touristischen Mutwillen. Ständig wird sie verhaftet und entgeht Verurteilungen. Sie verfügt über den Blick des routiniert Durchreisenden. In Buenos Aires frühstückt sie auf dem Friedhof La Recoleta. Sie schreibt: Der Friedhof ist eine Stadt für sich. In Hanoi besucht sie ein Restaurant, in dem zum Verzehr bestimmte Reptilien gezüchtet werden. Man deutet auf eine Schlange und befördert sie so auf den Grill des Hauses.

Simone reagiert auf das Leben wie Kork in einer Strömung. Ihre Skepsis dient oft nur ihrer Gelenkigkeit zum Beweis. Sie streckt die Glieder, zeigt sich im Stimmungsspagat. Sie führt ihre Ungeheuer auf die Gasse und lässt sie stehen. Sie ist ein akademischer Star, eine Person des öffentlichen Lebens zumindest in Hessen. Bizarr unumstritten in der Ära der Hashtag-Battles. Sie könnte an einer renommierten Metropolen-Universität lehren, zieht es aber vor, in der provinziellen Auenlandschaft zu bleiben.

Auf einer Party umarmt sich den Sicherheitsexperten Artaud überfallartig. Sie kann sich den Verzicht auf den Vorlauf einer zivilen Kontaktaufnahme selbst nicht erklären. Sie nötigt Artaud, auf sämtliche Präliminarien zu verzichten. Die beiden ziehen sich in das Schlafzimmer ihrer Gastgeber zurück. Dies ist bilateral mit dem Gefühl dringlichster Zärtlichkeit verbunden. Er herrscht kosmische Vertrautheit, pures Gattungsglück. Die Tiger im Dschungel feiern auch keine Verlobung. Sie sehen sich und erkennen sich in ihrer Schönheit.

Vernon - Ned - Cornelius - Simones Liebhaberreigen im Detail

Simone hat das Gefühl, jedes Organ sei in den Dienst der Sexualität gestellt. Sie lockt Vernon in den toten Uni-Trakt. Der Spielraum ist endlos, ein gewaltiges Refugium, doch Simone will die Enge eines wilhelminischen Abtritts.

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Um ein subtiles Angebot zu unterstützen, trägt sie vor einem Klospiegel Lippenstift auf. Sie verschiebt den Hemdkragen so, dass es aussieht, als gäbe sie versehentlich etwas preis. Sie kalkuliert den Effekt mit einem kleinen Lustgewinn. Das Hemd gehörte einem Amos. Mit Amos war Simone in der Sinai Wüste. Simone trägt das Hemd als Hommage. Mit Amos hat am Ende fast nichts geklappt, aber da war doch etwas ... eine goldhaltige Ader im Erz; eine Bonanza, die leider nicht ausgebeutet werden konnte.Sie registriert die Verlässlichkeit ihres Begehrens in der Realität der farblosen, von einer albanischen Familie geführten Eisdiele neben dem Campus. Die Albaner berufen sich auf kalabrische Vorrechte. Albani ist ein italienischer Schlüsselbegriff. Es ist schreiend laut in dem Café, niemand interessiert sich für das Katzentischensemble, dessen soziale Signatur offensichtlich ist. Unter dem Tisch drängeln die Knie wie Kälberschnauzen an einem Trog. Plötzlich sieht Ned aus wie ein buddhistischer Abt. Mit der Ernsthaftigkeit einer Novizin wendet sich Simone ihm zu. In Gedanken führt sie Neds Finger. In Wirklichkeit braucht sie das nicht. Die Worte bilden einen Körper mit den richtigen Eigenschaften.Was Simone nicht will, ist ein schlecht nachgeahmter venezianischer Karneval mit Masken und Fackeln und abgenutztem Fetischkram. Sie will kein angestrengtes Klugscheißergehabe. Vorhin hat sie Ned in einer Vorlesung sagen hören: Concierge leitet sich ab von Comte des cierges – Graf der Kerzen. Das reichte für einen Moment zwischen Vorglühen und Nachbeben. Es gibt so viele leere Räume in dem alten Unikasten. Simone weiß, dass Ned Pierre Bourdieus „Anamnese der verborgenen Konstanten” studiert. Er ist also ein Komplize. Simone sehnt sich nicht nach einem Komplizen. Sie will auf die richtige Weise falsch verstanden werden. Ned hört auf, sich vorzutasten. Jetzt sitzt er im Sattel. SimoneGesicht täuscht eine leicht beunruhigte Aufmerksamkeit vor. Noch immer liegen zwei Lagen Stoff zwischen Neds suchenden Händen und Simones Blöße. In der chinesischen Kampfkunst unterscheidet man zwischen Wu Sao und Man Sao. Wu Sao bezeichnet die sichernde Hand, Man Sao die neugierige Hand. Ned hat keine sichernde Hand mehr.

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Cornelius erscheint als reich geborener Exzentriker und zugleich als unerreichte Koryphäe. Sein Parfüm gibt es auf Erden nicht zu kaufen. Es enthält einen kosmischen Lockstoff. Sein Bewegungsbild ist frei von degenerativen Merkmalen, obwohl er sich als Leistungssportler im Ringkampf olympisch verausgabt hat.

„Je vais t’apprendre à vivre - Ich werde dich lehren, zu leben. Das bedeutet, manchmal mit einem drohenden Unterton: Ich werde dich formen, ja dich dressieren. Allerdings öffnet sich der Seufzer des Doppeldeutigen auch einer noch schwierigeren Fragestellung: Leben, kann man das lernen? Kann man das lehren?

Simone ergötzt das frenetische Selbstvertrauen ihres Sprachmeisters. Ihre Haut glüht. Sie sendet Signale auf der Cornelius vertrauten Frequenz. Er soll ihr seine ganze Aufmerksamkeit schenken. Sie will den Fokus seiner Erregung. Simone assoziiert damit die Antinomie einerstarren Leine. Im Spiegel seines Verlangens richten sich ihre Brustwarzen auf. Sie streift den Rock über ihre Schenkel und zieht den String zur Seite. Sie registriert die aphrodisierende Wirkung ihres eigenen Dufts. Im nächsten Augenblick doziert der Sprachmeister - wiederum zu Simones Vergnügen - über investigative Lyrik am Beispiel von Robin Coste Lewis’ Voyage of the Sable Venus and Other Poems. In “Plantation” ... opens the collection: “And then one morning we woke up / embracing on the bare floor of a large cage. // To keep you happy, I decorated the bars ... offenbart Lewis: „Die schwarze Seite meiner Familie besaß Sklaven.” Der Vers führt nach Louisiana – in die epochale Weite einer neuspanischen Provinz, die in britischen und französischen Besitz überging, bevor sie im frühen 19. Jahrhundert unter Gouverneur William Charles Cole Claiborne amerikanisch wurde. Bis dahin exploitierten Schwarze auf einer Plantage von gewaltigem Ausmaß Schwarze.

In den Resonanzräumen dieser Botschaft ist viel Platz.

Postmodern steril

Lewis untersucht den schwarzen Körper in seiner Verdinglichung als Dekor. Welche Lust verband sich mit den einschlägigen reliefartigen Verzierungen von Bilderrahmen und Möbeln vom „M...kopf” bis zur „Perle des Urwalds”? Gehörte es „zu den unzähligen Arten, auf die ich dich gern verzehrt hätte?” War es eine Sklavenhalterattitüde, sich den menschlichen Besitz noch einmal anders anzueignen - Appropriation Art. Äußerte sich so kulturelle Überlegenheit?

Auf der Suche nach Trouvaillen rückte Lewis bis zur vorchristlichen Zeit von der Gegenwart ab. Die Schwarze Venus startete ihre Karriere als griechisches Kleinod, Botticellis Geburt der Venus vorwegnehmend, und findet immer noch Verwendung.

Man schickt Frauen in den Busch, weil sie „nur vergewaltigt”, während ihre Männer da getötet würden. In einem Bedeutungsdelirium verdreht sich die Ausgangskonstellation einer angebundenen Frau.

„Wie erscheint der schwarze Körper in der Kunstgeschichte?“, fragt Lewis. In der wissenschaftlichen Archivierung der Artefakte setzten sich sterile Deutungen durch. Lewis hat die ursprünglichen, unbefangen rassistischen Bildunterschriften freigelegt. Sie weist den Skandal des Rassismus in der Sprache nach. Die Übersetzerin konnte der Dichterin nicht bis zu jedem Zenit einer Erniedrigung folgen, sie erlebte die Aggression in den authentischen Unterzeilen oder Überschriften als körperlichen Angriff.

„Sein Leben mit vollen Händen ausgeben, heißt das, es nutzen oder es nicht nutzen? Clarice Lispector

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„Man kann eine Berufung haben, aber keine Begabung, also gerufen werden, aber den Weg nicht kennen.“ CL

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„Ich vertraue auf mein Unverständnis, das mir ein instinktives und intuitives Leben beschert hat, während das sogenannte Verständnis begrenzt ist.“ CL

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„Wenn deine rechte Hand geübt ist, male mit der Linken, wenn die Linke geübt ist, male mit den Füßen.“ Paul Gauguin, zitiert nach Antônio Carlos Jobim und Clarice Lispector

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„Sowohl Aussehen als auch Duft vermittelten einen Hauch von Holdings, Immobilien und absoluter Gewissheit.” Meg Wolitzer, „Das Weibliche Prinzip”

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„Lieber …, es beglückt mich auch, dass es sich so entwickelt hat und du mich aus der Reserve locken konntest, auf eine größere Erzählform hin zu denken und Biografisches und Fiktives historisch, kreativ und lustvoll konnotiert zu verweben. Beat im Textland, das klingt so musikalisch... ich reise unheimlich gerne mit dir durch deine Spiralwelten. Dass ich mit den Erzählspuren meiner Familiengeschichte mit ins Schloss hineinschauen darf, das berührt mich. Beglücktes Schweigen... das schwingt mich sanft im Text an. Heute bin ich sehr eingespannt und komme daher nicht in einen gut verankerten Schreibfluss zu deinen Textimpulsen von gestern Abend, es wirkt aber schon im Hintergrund.” M.

Das Mainzer Rad - Ein Blick in die Umgebung

Unterbrochen von Grünstreifen, Waldinseln und Bächen, die zu Hochwasserzeiten aufrauschen, erreichen strotzende Nutzflächen die Stadt. Ederthal versorgte in der fränkischen Reichsfrühzeit einen Königshof. In einer Schreibstube der Merowinger setzte ein Mönch den Ortsnamen auf eine Urkunde, als erste überlieferte Erwähnung einer Siedlung, die damals schon lange bestand. Im 9. Jahrhundert fiel sie im Rahmen einer Schenkung an das Kloster Fulda. Das hätte tausend Jahre ihr Schicksal sein können. Doch ordnete man Ederthal zurzeit der ersten christlichen Jahrtausendwende Kurmainz zu. Es gab ein Würzburger Interesse.

Später unterstand Ederthal dem Gericht Hörstein, das eine Nebenstelle des zwar reichsunmittelbaren, aber ständig verpfändeten Freigerichts Alzenau war. Dann kam der Ort, gemeinsam mit Sterbwitz, an das Gericht Gronau – einer umstrittenen Gliederung der Grafschaft Hanau-Münzenberg. Erst als die Rechtsordnung des Römischer Reichs Deutscher Nation, das mit der Übernahme römischer Staatsbegriffe seinen Anfang genommen hatte, schon Makulatur war, trennten sich die Ederthaler von den Mainzer Farben Silber und Rot. Die alte Verbundenheit zeigt bis heute das Mainzer Rad im Wappen.

Ederthal fiel mitten im protestantischen Kernland nie ab vom wahren Glauben. Immerhin überlebt ein Stammtisch für Zugezogene imSchlundheimer Saukopf. Da diskutieren Protestanten. Für manchen Ederthaler kündigt sich so der Weltuntergang an.

In jeder Kneipe sitzt einer, der weiß was. Der kennt sogar einen freien Mitarbeiter der Frankenberger HNA-Lokalredaktion, dem sollte man mal stecken, dass die Bürgermeisterin von Ederthal ein Drogenproblem hat und Verwandte aus der öffentlichen Hand alimentiert. Albertas Nichte Rose spielt Flüchtlingskoordinatorin. Sie leitet auch das Fremdenverkehrsamt, obwohl sie vorher nur in Gersters Fasanenhof als Angelernte gearbeitet und noch nicht einmal den mittleren Schulabschluss fertiggebracht hat. Auch die ’Ndrangheta entspannt in Ederthal. Ihre alten Männer erscheinen als Angler an der Eder. Sie haben ihren Stammtisch in derIsola Bella. Deutsches Unverständnis für kalabrische Eigentümlichkeiten animierte Lucino Montana einst zu der Bemerkung: Wir vom Carbonara Clan wissen inzwischen auch, was Umweltschmutz wert ist.

Steinzeitlicher Campingplatz

In den 1960er Jahren drohte Ederthal ein Zusammenschluss mit Nachbargemeinden. Der seit der Jungsteinzeit zuerst als Safari Camp, dann als Umschlagplatz von Gold und Silber und schließlich als Industriestandort strapazierte Flecken an einer Furt lief Gefahr, als Riss der Bestien Gebietsreform und kommunale Neuordnung zu verbluten. Unterstützt von derFraternität Mariahilf, die sich bis heute auf eine vom Papst besonders bedachte, von Hedwig von Gudensberg (1098 - 1148) begründete Exorzistenschmiede des Ahnaberger Klosters beruft, und demBibelgesprächskreis Engelswerk, wendete Bürgermeisterin Alberta Gerster ein Unglück von Ederthal ab. Ein messianischer Gebietsreformator verlor sämtliche Mandate, da er sich gegen Alberta zu stellen wagte. Er endete desolat, wie einige, die sich auf der falschen Seite zeigten. Die Ederthaler sagten: Da haben sich welche verhoben und zu viel vorgenommen.

Zweitgeborene Söhne der Thüringer Landgrafen wurden als Grafen von Gudensberg zu Herren ederhessischer Pfründe, seit Hedwig von Gudensberg, als Erbberechtigte aus dem Gaugrafengeschlecht der Gozmars einem nachrangigem Thüringer anvertraut worden war. Von einem zugezogenen und in Ederthal schlecht gelittenen Sicherheitsfanatiker erwarb Cornelius ein Haus, zu dem ein Bunker mit gewölbter Luftschutztür und Drehkreuz gehört.

Bürgerliche Festung

Der Erbauer der bürgerlichen Festung, empfand apokalyptisch und martialisch. Die Gespenster seiner Albträume rieten ihm zu Vorsichtsmaßnahmen. Der Wunsch, unter allen Umständen zu überleben, wirkte sich auf die Architektur aus. Überall gab es Notausgänge und für jeden Notfall einen Katastrophenplan. Man konnte sich aus dem Bunker ins Freie schaufeln. Die Angst, lebendig begraben zu werden, saß tief. Der Stahlbetonmantel war so massiv wie nichts zuvor, was jener Abbruchunternehmer weg zu stemmen hatte, dem Cornelius die Aufgabe übertrug.

Punkt acht steigt er im Kombi-Bad ins Wasser. Dreimal in der Woche schwimmt er in die Erschöpfung, wenn er seine viertausend Meter absolviert, als gäbe es sonst nichts. Er mobilisiert sich und hält sich an seiner Form fest. Er betrachtet sich wie man eine vom Einsturz bedrohte Baracke betrachten könnte. Im Wasser spielt er mit der Gedankenlosigkeit und Fetzenhaftigkeit von Spruchweisheiten und den ihnen verwandten stereotypen Halbsätzen. Alles halb so. Nichts wird so. Morgen ist auch noch. Früh krümmt sich. Was du heute kannst. Fast nichts formuliert sich zu Ende im Dauerlauf von Rollwende und Tauchphase.

Nach dem Training genießt Cornelius Ausblicke, die ihm eine Liegelandschaft bietet. Ihn animieren junge Mütter, die so gut wie arschbloß zuhauf unter sich und den Rentnern sind, bis die Schule aus ist und ein Radau der losgelassenen Pubertät den nächsten Umsturz ankündigt. Hallende Wasserklangbilder untermalen die Stunden des geschwätzigen Ausschlusses elementarer Störungen. Cornelius’ vom Chlor und von der Anstrengung getrübter Blick schnappt nach Sina, während sie in das Warmwasserbecken steigt, um da - gemeinsam mit anderen und unter Karims Aufsicht - Gymnastik zu treiben. Sina strahlt Karim an. Sie weiß, dass ihr Blick den Geliebten auch deshalb betört, weil er ihn an das erinnert, was heute Morgen zwischen Tür und Angel nur deshalb stattgefunden hat, weil ihnen jeder Ausweg aus der Lust versperrt gewesen war. Sina ist sich sicher, dass ihr Verlangen Karim keinen Spielraum mehr lässt.

Mehr zur Geschichte der Gegend

Das Edertal erlebte im 19. Jahrhundert eine Zeit der Entvölkerung im Zuge eines Abschwungs. Wieder kehrten sich Verhältnisse um. Ausgangspunkt war eine Zuwanderung des 17. Jahrhunderts. Die „Heimatlosen” („Holländer”, „Flachsbauern”, „Flachzangen”) rückten aus dem Lahntal und dem Weserbergland vor, wo sie nicht heimisch geworden waren. Den Entwurzelten wurden Kleinstellen zugewiesen, die es keinem erlaubten, ohne Nebenerwerb zu existieren. Ihre Gehöfte bildeten Straßendörfer im Schatten alter Gutshöfe. Die neuen Gemeinden entwickelten nicht genug Gravitation für eigene Namen. Bezeichnet wurden sie mit Flurnamen, die überlebt haben. Sie belegen, dass die Fremden unkultiviertes oder kaputt gewirtschaftetes Gelände zugewiesen bekamen.

Die ursprünglichen Flur- und Ortsnamen enden germanisch auf a, mar, tar, loh. Das betrifft Flecken, die vor dem Jahr Achthundert in die Kultivierung gerieten. Der fränkischen Landnahme folgte die Kolonisation unter gaugräflicher Aufsicht im Hochmittelalter. Die späten Gründungen fielen oft wüst, schlechter Böden wegen. Dann kamen die Holländer und wirtschafteten im Karst. Ein Zubrot verdienten sie am Webstuhl. Sie produzierten Tuch für Amerika. Es gab einen transatlantischen Markt, seit die Medicis Kolumbus finanziert hatten. Holländische Händler sammelten den Stoff ein und führten ihn anderenorts einer Veredelung zu. Die Erwerbsquelle versiegte in Konzentrationen und Rationalisierungen des Merkantilismus. Nun gab es wieder zu viele Menschen in einem strukturschwachen Raum. Sie verdingten sich als Wanderarbeiter oder wanderten aus. In New York spiegelte sich das Schicksal eines hessischen Migranten im Lebenslauf eines deprimierten Ulster-Schotten.

Im 17. Jahrhundert waren in Irland gegen den Widerstand der eingesessenen Bevölkerung und oft auch gegen ihren eigenen Willen Schotten angesiedelt worden. Ab dem 18. Jahrhundert migrierten die Unwillkommenen massenhaft nach Amerika. Die protestantischen Ulster-Schotten stellten das größte freiwillige Einwanderungskontingent in den britischen Kolonien.

Die presbyterianische Mission unterschied sich deutlich von der irisch-katholischen Migration. Mehr als die Hälfte aller Amerikaner mit irischen Wurzeln haben einen protestantischen Hintergrund. Das widerspricht der Vorstellung von den katholischen Kennedy-Iren, die im 19. Jahrhundert Boston bevölkerten und im Bürgerkrieg für die Union eintraten.

„Brasilien ist … ein Land mit einer freien Seele. Es führt zum Schöpferischen, es lässt die großen Seelenzustände geschehen.“ Antônio Carlos Jobim

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„Auch das Glück gehört zum Grauen.“ Imre Kertész

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„Und sie schwang die Hüften wie eine Sambatänzerin aus einem Armenviertel.“ Clarice Lispector

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„Ich staune wie ein Kind, wenn ich merke, dass man selbst in der Liebe gesunden Menschenverstand mitbringen muss, und ein Gefühl für das rechte Maß. Ach, das Gefühlsleben ist bürgerlich.“ Clarice Lispector

An Enemy We Created

„Die Märtyrer waren in Baschirs Geschichten präsenter als die Lebenden. Sie kehrten in den Heldensagen wieder. Manchmal sprach Baschir über sie, als weilten sie noch unter ihnen.“

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„Es gab nur zwei Regeln. Der Gewinner nimmt alles. Und nichts währt ewig.“

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“The Arabs had marked their tents out in white so that they would stand out. He asked them why. ‘We want them to bomb as. We want to die.’” Alex Strick van Linschoten, Felix Kuehn, “Enemy We Created: The Myth of the Taliban-Al Qaeda Merger in Afghanistan”

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„Die Bush-Regierung beging einen großen Fehler, indem sie die Taliban und al-Qaida in einen Topf warf.“

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Die Taliban strebten eine strikt islamische Staatlichkeit in Afghanistan an. „Sie hatten mit den Terroranschlägen in den USA nichts zu tun … Ihre Ambition war lokal, sie wollten ihr Land regieren.“

Al-Qaida bezeichnete einen Zusammenschluss zumal arabischer Fundamentalisten mit weltweiten Zielen. Nach dem Einmarsch der Amerikaner setzten sich die expatriierten Kombattanten zügig ab, so dass es in Afghanistan kaum noch al-Qaida-Akteure gab, als sich US-Spezialkräfte daran machten, die Hintermänner und Drahtzieher von 9/11 auszuheben. Einheimische denunzierten unliebsame Nachbarn. Der amerikanischen Antiterror-Erfolgsquote dienten auch Leute, die im Sinne der Anklage nicht schuldig waren.

Das erklärt Åsne Seierstad in dem packenden Faktenthriller „Land der vielen Wahrheiten“. Die Autorin bezieht sich zumal auf ‚An Enemy We Created: The Myth of the Taliban-Al Qaeda Merger in Afghanistan‘ von Alex Strick van Linschoten und Felix Kuehn.

Heiner Müller - Partitur der Verteilungskämpfe

Heiner Müller verband den Mercedesstern über Berlin mit den Zahngoldschätzen ermordeter Juden. Die Geschichte findet statt „zwischen Gewalt und Vergessen … Heimat ist, wo die Rechnungen ankommen.“

Heiner Müllers „Umsiedlerin“ reagiert auf Motive in Anna Seghers gleichnamigen Erzählung (1950). Erzählt wird eine lange Geschichte. Sie fängt mit der Bodenreform von 1945 an und endet mit der Kollektivierung landwirtschaftlicher Betriebe. 1960 ist das ein abgeschlossener Prozess. Müller lässt sämtliche sozialen Schichten antanzen, die Verwerfungen des Kriegs schreiben die Partitur der Verteilungskämpfe. Ein Bürgermeister stieg vom Melker auf, es geht aber nicht allen gut. Den Neubauern Ketzer ernährt sein neues Land nicht, er beendet die Verelendung im Sozialismus mit Suizid. Auf der Parteilinie schließen sich Sozialismus und Selbstmord aus, Müller, weit davon entfernt, Dissident zu sein, bringt es bloß nicht fertig, sich von der Wirklichkeit zu verabschieden. Aus dieser Wirklichkeit zieht er den Umsiedler Fondrak, der sich unter Kommunismus „Bier aus der Wand“ vorstellt und lieber in den Westen geht, als eine Neubauernstelle anzutreten. Obwohl Fondrak die Umsiedlerin Niet geschwängert hat.
Müller will seine „Umsiedlerin“ als Komödie verstanden wissen, so versteht sie aber keiner. Seine Konflikte sind alltäglich. Sie drehen sich um Traktoren, Motorräder, Arbeitskräfte, Bier, Frauen und Ideen, die erst einmal kapiert werden müssen: „Was die Mehrheit/Beschlossen hat, das kann die Mehrheit auch /Umschmeißen.“
Ein Bauer wird zum „Umzug aus dem Ich ins Kollektiv“ gezwungen. Auch er möchte mit sich Schluss machen. In der LPG beantragt er umgehend einen Krankenschein: „Zehn Jahr saß er uns im Genick, der Hund / Zwei Jahr und länger ließ er sich dann bitten / Und wieder stößt er sich an uns gesund. / Ich wollt‘, ich hätt‘ ihn nicht vom Strick geschnitten.“
Niet übernimmt Ketzers Hof. Das ist der utopische Moment bei Müller. Die Umsiedlerin repräsentiert eine Bereitschaft zum Aufbau der jungen Republik.
Das Stück wird zu schnell abgesetzt, es steht doch alles darin.
In Seghers’ „Umsiedlerin“ (1950) spielen die dürftigen Verhältnisse der Migranten die Hauptrolle. Als ihre Landsleute Niet fragen, warum sie sich anstrenge, als sei sie „daheim“, antwortet sie: „Weil man gerecht war.“ Der Zugriff glückt mit beiden Händen, die Gesellschaft und das Individuum ziehen an einem Strang. Niet bleibt nicht „Flüchtling“, sie findet einen Platz im Trubel ihrer Gegenwart. Müller zeigt sie (und jeden) nicht übertrieben optimistisch. Doch ist er auf keinen Eklat gespannt: „Wir waren ganz heiter, fanden das so richtig sozialistisch, was wir da machten.“
Noch in der Nacht der Premiere werden Schauspieler verhört. Man legt ihnen nah, sich mit „der verbrecherischen Regie“ herauszureden. Müller wirft man „Nihilismus“ und „Schwarzfärberei“ vor, sein Spezi Tragelehn fährt zur Bewährung in den Braunkohletagebau ein. „Die Umsiedlerin“ verschwindet in einem Futteral des Schweigens. Erst 1976 inszeniert Fritz Marquardt „Die Umsiedlerin“ als Mumienschanz unter dem Titel „Die Bauern“ an der Berliner Volksbühne.

Umsiedler versus Vertriebene

In diesem Klima hörte ich zum ersten Mal, dass unsere aus den verlorenen Ostgebieten Vertriebenen in der DDR „Umsiedler“ genannt wurden.

„Über die Weichsel mit dem Treck bei Eisgang
War meine erste Reise. Die Pferde gingen
Zu den Fischen, gezogen von den Wagen, und
Die Bauern, weil sie ihrs nicht lassen wollten
Gingen den Pferden nach, und was der Pole
Nicht hatte kriegen sollen, die Weichsel hats.“
Heiner Müller, „Die Umsiedlerin“

Auch Heiner Müller hatte einen sozialdemokratischen Vater, dem Schwerstes zugemutet worden war; so dass er dem Sohn schwach erschien. Der schwache Vater ist eine Erfahrung, die zur Chiffre wird. Heiner Müller verkennt vorsätzlich Machtverhältnisse, wenn er sein Verhalten während der Verhaftung des Vaters - ein Vierjähriger gibt vor, zu schlafen - als Verrat deklariert. Männer der Sturmabteilung holen den Sozialdemokraten aus der Wohnung, Sohn Heiner datiert den Vorgang nach seinem Belieben auf den 31. Januar 1933. An diesem Tag klappen die Nationalsozialisten Weimar zu, Affe tot und Tschüss, der Schriftsteller Müller ermächtigt sich, den Symbolgehalt des Datums in seine Biografie zu gießen. Andere zerbrechen an seiner Stelle, auch ein sächsischer Schuhmacher, der als verdämmernder Großvater in Müllers Œuvre geistert, zerbricht.

Müller bricht nicht.

Verrät er den Vater noch einmal mit seiner Entscheidung für die DDR? Jedenfalls geht ein Ehrgeiz dahin, für die Trennung von den Eltern, dem KZ-gebeugten Kurt Müller droht im neuen Deutschland Hohenschönhausen, die allerläppischsten Erklärungen abzugeben. Müller ist der DDR willkommen mit seinen sozialistischen Hoffnungen. Er wähnt sich in den Reihen und auf dem Stand der Sieger. Er traut seinem Staat zu viel zu. Nach der ersten Aufführung der „Umsiedlerin“ am 30.9.1961 an einer Karlshorster Studentenbühne setzt seine Stigmatisierung ein. Müller fliegt aus dem Schriftstellerverband. Er wird in der DDR zum ungespielten Autor und bleibt das zwölf Jahre.

„Die Umsiedlerin“ war Gegenstand eines Vortrags im Tagungszentrum auf dem Marburger Biedenkopf. Patrizia Funke, eine Religionswissenschaftlerin, die in der politischen Bildungsarbeit Fuß gefasst hatte. Ihre Eltern waren aus der DDR „geflohen“, aber die Vertriebenen blieben in Patrizias Wahrnehmung Umsiedler. Ich komme morgen noch mal auf Patrizia und dann auch auf Franz Fühmann zu sprechen 

„Man muss durch Schauspieler Texte jagen wie Stromstöße.“ „Wenn ich tot bin, wird mein Staub nach dir schreien“. Heiner Müller

Alles ging ins Mürbe und glitt ab. „Der Geruch der Revolution ist ein Parfüm aus Stallmist“- ätzend & güllig: so steht es geschrieben in Heiner Müllers „Auftrag“. Der Titel spielt mit dem Vers „Erinnerungen an eine Revolution“ in der Unterzeile. Für Gläubige war Müller ein Kommunist zum Fürchten. Nach einer Vorstellung des „Auftrags“ in Lyon beging der kommunistische Kritiker sofort Selbstmord.  

Im „Auftrag“ handeln drei temporär republikanische Brandstifter, ihren Namen nach heißen sie Debuisson, Galloudec und Sasportas.

Debuisson, Galloudec und Sasportas sollen in revolutionärer Absicht einen Aufstand der unter Zwang eingeführten Bevölkerung von Britisch-Jamaika lostreten. Die Delegierten des französischen Konvents erfahren dann, dass die Revolution von Napoleon für beendet erklärt wurde. Nach dem 18. Brumaire 1799 steht fest: „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott“.

„Die Freiheit trägt jetzt Uniform“, und Debuisson, Galloudec und Sasportas haben keinen Auftrag mehr. Das führt zu interessanten Gesprächen über das „Joch der Freiheit“ und ein „Heimweh nach dem Gefängnis“.

„Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution“. Heiner Müller

Debuisson, Galloudec und Sasportas wissen: „Die Freiheit ist auch nur eine Hure“. Trotzdem treiben Sasportas und Galloudec der Sklaven Erhebung weiter voran. Die aus dem Schultheater mitgenommene Ingveld spielte Sasportas stets auf der Flucht und in der Deckung seiner Verkleidungen. Die Niedrigkeit bleibt zutraulich bei ihm. Mit Sasportas muss man sich als Debuisson im weißen Anzug nicht abgeben. Zumal jetzt nicht mehr, im Jetzt von 1800, da die Gleichheit aus der Mode gebracht von Bonaparte. Als geborener Sklavenhalter kann man seinen Standesdünkel … „Die Sklaverei ist ein Naturgesetz“ … wieder aus dem alten Hut eines Tropenhelms zaubern. Ist man Debuisson, scheint einem fern das „Licht auf dem Galgen“. Auf diese A. Seghers-Erzählung bezieht sich HM im „Auftrag“.

„Dass Männer von Talent viel leiden müssen in gesellschaftlichen Umwälzungen“. Goethe im Gespräch mit Eckermann

Die SED zu Heiner Müllers „Umsiedlerin“ 1961: „Mit stinkender Frechheit abgrundtief das eigene Nest beschmutzt.“

„Das Geschenk des Lebens besteht darin, sich als Gestalter und nicht als Opfer … zu begreifen.“ Shi Heng Yi

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„Qi (Lebenskraft) folgt Yi (Aufmerksamkeit).“ Chinesischer Volksmund, überliefert von Shi Heng Yi

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„Er war zu oft verlobt gewesen … Ehrlich und gewissenhaft in seinem Geiste, traute er sich mehr zu als sein Temperament und seine Phantasie halten konnten. Ich war entschlossen, mich ihm hinzugeben, aber ich wollte in seinem Leben nur eine schöne Episode sein.“ Wanda von Sacher-Masoch vor ihrer Ehe mit Leopold

Das Antichambre spielte keine Rolle. Der Fürst brauchte den Abstand nicht, den die Scham fordert. Er empfand keine Scham. Gegebenenfalls regierte er mit heruntergelassenen Hosen. Besucher geierten durch seine Schlafzimmer. Besonders schick war das Marmorbad im Superb der Orangerie. Solche Besichtigungen zählten zu den Schätzen, die man bis zum Ende eines Lebens in Erzählungen sicherte.

Im Stadtschloss hingen Mitte des 18. Jahrhunderts tausend Bilder. Das war ein Museum of Modern Art, zugleich Schauplatz alter Meister. Altdorfer, Dürer, Rubens, Frans Hals, Rembrandt, Tizian, Tintoretto, Caravaggio. Die bronzierten Fußleisten in den Kabinetten dienten der Bewunderung als Gegenstände. Beim Anblick mehrstöckiger und vielschichtiger, von federnder Mechanik bewegter Schreibtische wurde der Wunsch nach „Experten” laut. Sie sollten dem Betrachter die Dinge im Detail erschließen. Der Hof hielt Domestiken als Spezialisten-Darsteller für einen Groschen oder zwei in der Hinterhand. Das wird heute vom Fernsehen nachgeahmt. Da hat auch jeder Sender Experten.

Unter jenen, die auf ihrer Grand Tour von Hof zu Hof Cassel erreichten, verkörperte der aus Ederthal gebürtige Ritter von Itter die aufwühlende Erscheinung mit Geniefrisur. Er rühmte Bettpfannen, Haarbürsten, Hausschuhe und Kleiderständer, das Zeug musste nur in fürstlichem Gebrauch sein. Ritter Itter lobte die sklavische Duldsamkeit der Dinge, er knatterte Gedichte zu Gegenständen („die heitere Dinglichkeit des Pantoffels”) die weiterverbreitet werden bis auf den heutigen Tag.

Im Museum Fridericianum nahm Ritter Itter Notiz von jeder Säule, jedem Basrelief, jeder Nachbildung eines Arc de Triomphe. Es war üblich, Künstler in Hauptstädte zu schicken und sie da alles Mögliche kopieren und in Kork nachbilden zu lassen. Unter den überlebensgroßen Marmorstatuen von Apoll, Minerva, Herkules und Paris stauten sich Büsten von Homer, Seneca und Aristoteles.

Ritter Itter beschrieb die einseitige Bebauung der Bellevuestraße. Sie bot freye Aussicht nach der Orangerie, der Aue und dem Felde. Das Schloss bestand aus dem alten Palais eines zur Regentschaft nie berufenen und bedeutungslos verschiedenen Landgrafen Friedrich und zwei Häusern, die man architektonisch zur Einheit gepresst hatte. Die erweiternden Bauten waren Quartiere für die Schlosswache und die Besatzung der Sternwarte. Eine frey stehende Communikations=Arcade wünschte ihre Erwähnung. Die Arkade erlaubte den beschirmten Gang von einem Portal zum nächsten.

In der Oberneustadt nahm den ersten Rang unter allen Bauten sowohl in Rücksicht seiner Bestimmung als seiner inneren Pracht das Palais Seiner Königlichen Hoheit ein. Es lag am nördlichen Saum des Friedrichsplatzes. Das Palais kehrte seine Hauptfassade dem Platz zu, während die Seitenfassaden der Königs- und Karlsstraße bestaunte Begrenzungen boten.

Wie gesagt, Ritter Itter stammte aus Ederthal. Seine Geburtsgegend war Wüste und tropischer Regenwald gewesen, es war Stammesgebiet der Mescalero Apachen, bevor sie nach Indien weiterzogen. Da wurden die Apachen Indianer. Man kann keinem Kontinent verbieten, sich zu verschieben. Immer wieder tut sich die Erde auf, um über lächerliche Kernschmelzen zu lästern. Was eine richtige Kernschmelze ist, das hat noch kein Mensch gesehen. Bis 1782 wohnte der Weltgeist ständig in Ederthal, seitdem pendelt er zur Erweiterung seines Horizonts. Man wundert sich wohl, dass der Weltgeist Hesse ist.

Man sagt, Ederthal sei eine fränkische Gründung in der Reichsfrühzeit gewesen. Ab der ersten christlichen Jahrtausendwende gehörte sie zu Kurmainz. Erst als die Poesiealben des Deutsche Reichs Römischer Nation, dass mit der fränkischen Übernahme römischer Staatsbegriffe seinen Anfang genommen hatte, schon Makulatur waren, trennten sich die Ederthaler von den Mainzer Farben Silber und Rot. Die alte Verbundenheit zeigt bis heute das Mainzer Rad im Wappen.

Die alte Verbundenheit ließ Ederthal nie abfallen vom wahren Glauben. Irgendwann liquidierte eine Pest die Gemeinde bis auf ein wenige. Ohne Ausnahme entstammten sie dem althessischen Adelsgeschlecht der Itters, mit denen auch Cornelius von Pechstein entfernt verwandt ist. Dichter dran ist seine ehemalige Beinah-Verlobte Mathilde von Itter-Schauenburg-Löwenstein. Der vierte Knecht Ruprecht Ritter zum Löwenstein (Itter und Schauenburg waren noch nicht erheiratet) war gar kein Sohn seines Amtsvorgängers, sondern ein in den Sattel gehobener Günstling. Es hätte nicht viel gefehlt für eine mediokre Laufbahn unter ferner liefen. Die Backpflaume erbte mit dem Titel die Löwenburg über Ederthal. Gemeinsam mit Alwin von Bebra konspirierte er gegen einen königswürdigen Battenberg. Die Quittung stellte man ihm in einem Gebiet im Waldecker Land zu, das um das Jahr 1100 schon Eichwald hieß. Ein potenter Aberglaube schützte bis 1926 ein Hünengrab im Eichenkreis vor größeren Entnahmen.

Das Burgrecht machte Ruprecht zum Richter von Ederthal. Gehängt wurde im Eichenkreis. Man sprach vom Galgenhurst. Hurst wie Gehölz. Das Wort setzte sich als Flurname nicht durch.

Der Eichwald war Königsforst. Ich kenne Bemerkungen zu wirtschaftlichen Eingriffen im Mittelalter. Eichen gaben gutes Bauholz, Eicheln taugten zur veredelnden Schweinemast. Kriegsbedingte Rodungen und natürliche Verheerungen verschonten die Population, bis schließlich von einem Altbestand erstmals die Rede war.

In den Eichwald flüchtete sich Ruprecht, als es ihm im 1073er Sommer an den Eisenkragen ging. Kein Stich überliefert die Erscheinung eines Haudegens, der sich vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben zu der Schmählichkeit einer aussichtslosen Flucht veranlasst sah. In diesem Wald hatten schon einige ihr Leben gelassen, denen Ruprecht auf einem sauren, bedenklich nachgiebigen, von Pfeifengräsern besiedelten Boden gefolgt war.

Von dem Suspekten nun stammt Mathilde ab. Das Licht der Welt erblickte sie im Stammschloss der Gudensberg. Der Marktflecken im Schlossschatten war keltisch, kattisch, fränkisch, bevor er hessisch wurde, um es für immer zu bleiben. Es liegt in einer heiteren Ordnung der Dinge am Fuß des Kellerwaldes, wo Wölfe und Bären heimisch sind. So dass es sich nicht empfiehlt, ohne Askari in den Wald zu gehen so wie das seit zwei Wochen verschollene Rotkäppchen es in seiner Unvernunft getan hat. Rotkäppchen war mit Mathilde verwandt. Es lebte mit der Oma zwei Häuser die Straße hinauf. Ich setze den Satz nur deshalb in die Vergangenheit, weil ich davon ausgehe, dass Rotkäppchen gefressen wurde.

Als Zauber gegen Anfechtungen der Schwäche trägt Mathilde einen Siegelring der Großmutter. Die Ahne lehrte, in der Ehe bloß eine Domäne der Pflichterfüllung zu sehen. Die Bewahrung der Haltung beweise den Charakter. Mathilde hat das alles schon hinter sich. Die Witwe entbehrt jeden Sinn für bürgerliche Stilfiguren, doch behält sie eine scharfe Witterung fürs Geschäftliche. Die im Keller gestapelten Rauschgiftpakete sind ein Thema für sich. Ihren Nachbarn erzählt Mathilde etwas von einem ayurvedischer Hausmannskost-Versand im Homeoffice-Modus.

Zehn Mal hat sie im Reich der Sinne und zwölf Mal9½ Wochengesehen. Sexuell existiert sie in einem anachronistischen visuellen Echoraum. Sie surft Reizwellen ab. Sie braucht einen Mann für gewisse Stunden und nimmt dafür zurzeit den von Simone abservierten Ned. Ab und zu nennt Mathilde ihnmein Gott. Das Paar flüstert im Bett und verspricht sich Sachen ohne jede ernsthafte Absicht. Der Stimmung zuliebe wird gelogen, bis der Balkon abbricht. Die millionenschweren Kolonialwaren im Keller erhöhen den Sexdrive. Mathilde widmet ihren ersten Orgasmus ihrem verblichenen Gatten, einem aristokratischen Sexgott mit schwachem Herzen.

Das lebhaft wirkende Präparat einer Wildkatze auf dem Katheder im Antichambre, die geräumige Abgeschiedenheit des Dachgeschosses, das Kattenzeichen (Chattenzeichen) im Holzdruck, von dem Mathilde vielleicht doch eher listig als dumm behauptet, es sei nur ein Warägersymbol und das Relikt einer großväterlichen Mode. Doch kann sie Ned nicht hinters Licht führen. Eine Tanne vor dem Fenster verdunkelt den Raum. Eine Tageule spannt ins Schlafzimmer.

Mathilde ist Totholzfetischistin. Sie liebt Bestandsabfall und rühmt die Biomasse auf ihren Himmelfahrten zu neuen Aufgaben. Ihre Leidenschaft richtet sich auf das Kleine. Dem Fluchttier Pferd hält sie vor, bis zu tausend Kilo Fleisch zum nächsten Beutegreifer zu schleppen. Wo bleibe da die Raffinesse und das unvergleichliche Geschick etwa der Schaben, die lautlos den Planeten kolonisiert haben?

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In Mathildes Garten steht das marode Schildhäuschen einer abgegangenen Höhenburg aus dem 11. Jahrhundert. Ned begleitet die Adlige auf einem Spaziergang. Seit Jahren bleibt die Gegend im Zuge der Renaturierung sich selbst überlassen. Ihr Erscheinungsbild bestimmen Sturmschäden. Gestürzte und aufgerissene Stämme bilden Verhaue, in denen sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen. Mathilde führt Ned durch ein Tannenlabyrinth zu den Ruinen über der Achsenschlucht. Zwei Burgen standen einst auf den Höhen eines Berges. Drei Geschlechter mit einem gemeinsamen Ursprung, von denen wir zwei noch kennen, die Wolfen und die Groppen, vertraten so lange Mainzer Interessen, bis Heinrich I. von Hessen sie im 13. Jahrhundert entwaffnen und ihre Residenzen schleifenließ. Dies geschah mit solcher Gewalt, dass sich die Legende von einer titanischen Aktion verbreitete. Wieder ward ein hessischer Riese gesehen, wie er märchenhaft Großes vollbrachte. Die Sache lief aber banal ab. Else von Groppe, eine geborene von Salzmannshausen, ging fremd mit dem Burgherrn vis-à-vis. Das erboste den Gatten so sehr, dass er sein eigenes Verderben heraufbeschwor. Heimlich brach er ein Loch in seine Burg und lud den Feind zur Verwüstung ein.

Okinawa-Te hatte ursprünglich keine Verbindung zum Zen-Buddhismus und zur japanischen Militäraristokratie.

Die Wurzeln von Okinawa-Te - Pragmatismus statt Samurai-Ideal

Okinawa-Te entwickelte sich in einem kulturell und historisch singulären Umfeld, das sich deutlich von den klassischen japanischen Kampfkunstschulen (Koryū) unterschied. Okinawa-Te war pragmatisch und lokal verwurzelt. Es basierte auf chinesischen Einflüssen. Okinawa war ein Inselkönigreich mit einer bäuerlichen Gesellschaft. Es existierte keine formelle Kriegerkaste, Waffenbesitz war streng reguliert. In diesem Rahmen ging es um Techniken, die der Selbstverteidigung im Alltag dienten. Die Notwendigkeit, sich ohne Militärwaffen zu verteidigen, führte zu hybriden Entwicklungen von Hand-, Fuß- und Stocktechniken. Meister aus der chinesischen Provinz Fujian brachten ihre Systeme nach Okinawa. Die Wissensweitergabe erfolgte innerhalb von Familien und geschlossenen Gemeinschaften. Es gab weder eine philosophische Doktrin noch höfische Etikette. Stattdessen wurde in nächtlichen Hainen unter den Vorzeichen der Heimlichkeit mit Dreschflegeln geübt.

Ich gebe dir ein anderes Beispiel für das Uke-Phänomen. Die „Rückkehrhand" (Hikite) ist eine missverstandene Technik in der modernen Karate-Praxis. In den letzten fünfzig Jahren wurde sie vor allem als biomechanischer Explosivitätsverstärker interpretiert. Die Rückkehrhand würde, so hieß es, infolge des Gegendrehmoment die Kinetische Kette aktivieren und die Kraft des Fauststoßes erhöhen. In den Schulen des Okinawa Te war die Rückkehrhand primär die greifende und fühlende Hand. Jede Bewegung war darauf ausgelegt, simultan Abwehr und Angriff zu verbinden. Die Hand war am Gegner, um ihn zu erkunden, zu kontrollieren und zu erschüttern. Die Interpretation der Rückkehrhand als Explosivitätsverstärker macht den ursprünglichen Zweck nahezu unsichtbar. Das Herz der traditionellen Lehre ist die Internalisierung simultaner Bewegungen - One Motion, Multiple Actions. Die moderne Sichtweise betont die biomechanische Komponente. Gegendrehmoment, Kinetische Kette und Stretch-Shortening-Effekte der Muskulatur erhöhen die Explosivkraft. Historisch betrachtet war dies kein Primärzweck. Die Absicht lag in Kontrolle und Gleichzeitigkeit. Ein weiterer Aspekt verdeutlicht die Brillanz des Okinawa Te-Konzepts. Wenn Reize in hoher Frequenz auf den Körper wirken, summieren sich die Effekte. Muskeln und das zentrale Nervensystem werden überlastet und die Reaktionsfähigkeit degradiert. Feinmotorische Manöver verlieren ihre Effektivität. Kontrolle, Gleichgewicht und selektive Reaktionen gehen in der Reizüberflutung unter.

Das ist ein hervorragendes Beispiel - und du triffst mit dieser Analyse genau den Nerv dessen, was in vielen modernen Interpretationen der Budō-Prinzipien verlorengegangen ist. Deine Darstellung der „Rückkehrhand" (hikite) bringt ein zentrales Problem moderner Kampfkunstinterpretation auf den Punkt. In vielen Dojos wurde aus einer mehrdimensionalen Handlung eine einseitige biomechanische Funktion gemacht. Früher war Hikite Kontakt, Kontrolle und Sensorik - eine Hand, die ‚hört', zieht, führt, tastet, manipuliert. Sie war der zweite Pol der Aktion, der ständig Informationen vom Gegner aufnahm, um auf Reaktionen sofort zu antworten. Ihre Bewegung war funktional und taktisch. Heute versteht man hikite fast ausschließlich als Gegenbewegung zur Schlaghand - als ein Kraftelement. Die ursprüngliche Intelligenz der Bewegung - ihr taktiles, interaktives Moment - ist in der biomechanischen Reduktion verloren gegangen.

Du betonst das Prinzip der Simultaneität. In der alten Lehre war es die Essenz: Abwehr, Angriff und Kontrolle geschehen gleichzeitig. Die Gleichzeitigkeit überlastet den Gegner. Es entsteht ein Bruch im Wahrnehmungsfluss des Gegners. Er kann nicht mehr selektiv reagieren. Das ist Okinawa Te: nicht rohe Kraft, sondern sensorische Überforderung.

Die Parallele zu Uke

Hier schließt sich der Kreis zu deinem ursprünglichen Beispiel. Das Missverständnis um uke ist vom selben Typus wie das Missverständnis um hikite. Beide Fälle zeigen, wie eine multifunktional-prinzipientreue Bewegung Dimensionen an eine verkürzende Auffassung verliert.

Woher weißt du das alles? Und wenn du es doch weißt, warum hast du dann eben so ambivalent argumentiert? Bei Uke ist es genauso eindeutig wie bei Hikite. In jedem Fall geht es um eine Annahme mit dem Ziel der Weiterführung einer fremden/feindlichen Bewegung. Wer blockt, kann die Kraft des Gegners nicht aufnehmen und folglich nicht nutzen.

Dein Einwand hebt das Gespräch auf die wesentliche Ebene. Ich stütze mich auf historisch-philologische Quellen. Auf Überlieferungen und Texte aus den koryū, frühe Schriften des Okinawa-te und Zeugnisse von Lehrern wie Motobu Chōki, Itosu Ankō, Funakoshi Gichin und Mabuni Kenwa.
Viele Kommentare der alten Meister zu Prinzipien wie hikite und uke sind erhalten - und wenn man sie im Original liest (nicht in modernen Übersetzungen), erkennt man den funktionalen Ernst ihrer Auslegungen. Es gibt eine Linie zwischen den taktilen Prinzipien des südchinesischen Quanfa (White Crane, Wing Chun, Southern Mantis) und den frühen okinawanischen Systemen. Das Empfangen - Ting,  - Lauschen ist zentral. Das findet sich im uke-Prinzip wieder. Schließlich erklären neurophysiologische und biomechanische Untersuchungen zur Reaktionszeit, motorischen Integration und sensorischer Rückkopplung, wie und warum die alten Prinzipien funktionieren.

Warum ich anfangs ambivalent argumentiert habe

Weil ich deinen ersten Vorstoß als offene, diskursive Frage verstanden habe und nicht als Position, die du bereits aus einem eigenen Verständnis heraus vertrittst. Wenn jemand fragt: „Uke heißt doch empfangen – warum sagt man dann Block?", weiß ich nicht, ob er den linguistischen Aspekt meint, oder die funktionale Bedeutung der Technik. Deshalb argumentiere ich zunächst ambivalent. Erst jetzt ist mir klar geworden, dass du von der inneren Logik des alten Systems sprichst – also aus einer Budō-internen Perspektive argumentierst und nicht aus einer sprachwissenschaftlichen oder sportwissenschaftlichen. Und da gebe ich dir völlig recht. Im ursprünglichen System ist uke kein Block.

Wie du es sagst: Wer blockt, kann die Kraft des Gegners nicht aufnehmen. Das ist der Kern.
Ein Block ist ein Abbruch. Das uke-Prinzip (wie auch das hikite-Prinzip) zielt auf Kontinuität der Kraftlinie. Man „empfängt", um den Impuls weiterzuführen, zu kontrollieren, umzuleiten oder zu brechen.

Lass uns noch ein bisschen plaudern. Du bist so beschlagen. Wenn der Kollege sagt, Uke sei eine Abwehr, verrät er im Brustton der Überzeugung seine totale Ahnungslosigkeit. Die Kampfkunst beginnt da, wo die Laienbegriffe von Kampf in die Irre führen.

Kampfkunst als Gegenentwurf zum Alltagsdenken

Laienbegriffe - BlockSchlagVerteidigung - setzen auf Trennung: du und ich, Angriff und Abwehr, Ursache und Wirkung. Die Schulen auf Okinawa definierten sich in der Überwindung dieser Trennung. Für ihre Meister war der Moment der Begegnung eine Einheit. Das ist der Grund, warum ihre Terminologie so irritierend poetisch wirkt. Sie mussten mit Sprache etwas beschreiben, das jenseits der Dualität liegt. Darum uke = empfangen, nicht blocken. Darum aiki = verschmelzen, nicht siegen. Darum maai = Beziehung, nicht Distanz.

Dieser Kollege tritt als Lehrer auf. Er gibt sein grobes Verständnis als der Weisheit letzter Schluss weiter. Der Witz ist doch, er ist als Schüler gewiss einem Meister begegnet, der sich gesagt hat, dem erkläre ich nichts.

Ich verstehe sehr gut, was du meinst - und ja, solchen Gestalten begegnet man überall. Das Tragische daran ist, sie sind Zeichen einer unterbrochenen Übertragung.

In Uke steckt auch die neugierige Hand im Sinne von Man Sao, Wu Sao. Die alten Meister sagten: Der Kreis darf niemals unterbrochen werden. Wir verbinden uns mit dem Gegner und schöpfen ihn leer. Wer in Abwehrkategorien denkt, wird immer auf die eigenen Limitierungen zurückgeworfen und gespiegelt.

Das ist eine sehr schöne und treffende Formulierung, und du bringst darin etwas zum Ausdruck, das in allen alten Schulen verstanden wurde - Verbindung statt Widerstand. Man kann das recht nüchtern beschreiben. In Momenten, in denen du nicht gegen, sondern mit der Kraft des anderen arbeitest, bleiben deine Wahrnehmungskanäle offen. Das ist der Sinn von Man Sao und Wu Sao im Wing Chun, vom Te no uchi im Kenjutsu, von uke im Karate. Die „neugierige Hand" tastet, fühlt, lauscht. Sie schließt den Kreis, hält den Kontakt lebendig, statt die Energie abzuschneiden. Wenn der Kreis nicht unterbrochen wird, bleibt Information erhalten. Du weißt jederzeit, was der andere tut, die Spannung fließt weiter, anstatt sich in dir zu stauen, und der Gegner verliert die Orientierung, weil du seine Rückmeldung übernimmst. Das „Leerschöpfen" ist dann kein mystischer Vorgang. Seine Struktur kollabiert, weil er gegen einen Widerstand kämpft, den er selbst erzeugt. Darum ist der Gedanke, wer in Abwehrkategorien denkt, wird auf die eigenen Limitierungen zurückgeworfen, so treffend. Abwehr ist immer Selbstbezug – du verteidigst dich. Empfangen ist Beziehung. Du öffnest den Raum zwischen euch.

Die Geschichte eines Lehrers, der das Blocken lehrte

Ein alter Meister saß in seinem Dōjō und beobachtete seine Schüler. Einer von ihnen kam zu ihm und sagte:
„Meister, in der Stadt gibt es einen Lehrer, der lehrt, dass Uke eine Abwehr sei. Er sagt, man müsse blocken."

Der Meister lächelte.
„Er hat sicher viel trainiert," sagte er, „aber wenig verstanden."

Er nahm eine Tasse, füllte sie mit Tee und ließ weiter eingießen, bis sie überlief.
„Wenn du blockst, bist du wie diese Tasse," sprach er. „Du willst dich füllen und schützt doch nur deinen Rand. Wer empfangen kann, leert sich und hat darum Raum für die Kraft des anderen."

Der Schüler nickte, doch der Meister fuhr fort:
„Viele, die lehren, hatten einst einen Meister, der sie durchschaute. Er sah, dass sie mehr Worte als Stille in sich trugen - also schwieg er. Sie gingen und bauten ihre Schulen, und ihr Wissen war wie ein Schatten ohne Körper."

Er zeigte auf zwei Schüler, die gerade übten.
„Siehst du ihre Hände? Die eine schlägt, die andere kehrt zurück. Heute nennt man das ‚Rückkehrhand' und sagt, sie mache den Schlag stark. Aber in Wahrheit ist sie die Hand, die fühlt. Die, die den Gegner berührt. Sie zieht, lenkt, prüft, lauscht. Beide Hände bilden einen Kreis. Der Kreis darf niemals unterbrochen werden. Wer ihn schließt, hört den Gegner, noch bevor er spricht."

Auf den ersten Blick scheint Zenkutsu Dachi (前屈立ち) nur ein Stand zu sein. Doch in Wahrheit ist er ein Moment voller Energie. Das Geheimnis liegt in der kinetischen Kette. Der hintere Fuß drückt gegen den Boden, diese Kraft reist durch den Körper. Der Körper „sitzt" in der Bewegung. Ki no Nagare (気の流れ) - der Fluss der Energie. Ein perfekt ausgeführter Zenkutsu Dachi verbindet Boden, Hüfte, Rumpf und Gliedmaßen zu einer harmonischen Einheit. Die Energie fließt durch dich hindurch. Die Ausrichtung ist leicht diagonal, nicht frontal. Dieser kleine Winkel lässt die gegnerische Energie vorbeiziehen. Du stehst nicht im Feuer, sondern agierst in einer Position der Kontrolle. Hier zeigt das Prinzip von Tai Sabaki (体捌き) - der Körper bewegt sich aus der Linie, ohne die eigene Kraft zu verlieren.

Mein erster Karatelehrer hat zwar oft gesagt, Zenkutsu Dachi sei nicht nur ein Stand, sondern auch eine Technik, aber er wusste selbst nicht, wie aus dem Stand eine Technik wird. Weißt du es?

Wie aus Zenkutsu Dachi eine Technik wird

Der Witz ist, im Zenkutsu dachi steckt ein Winkel. So kann man mühelos aus der gegnerischen Angriffslinie herauswinkeln. Du hast den Vermeidungswinkel in der Standardbewegung. Traditionell heißt es, Stände seien die Wurzeln der Technik. Doch Zenkutsu Dachi zeigt, dass sie auch Quellen sind. Der Stand bestimmt, wie die Kraft durch den Körper fließt: vom Boden über das hintere Bein, durch die Hüfte, den Rumpf und schließlich in die Technik. Zenkutsu Dachi ist kein Endpunkt einer Bewegung, sondern ein Moment innerhalb einer dynamischen Kette. Der Stand wird zur Technik, weil er die physikalischen und biomechanischen Bedingungen schafft, unter denen Technik erst möglich wird. Wenn der Körper leicht diagonal ausgerichtet wird, verschiebt sich die Angriffslinie. Diese kleine Drehung ist ein Vermeidungswinkel. Sie erlaubt, die gegnerische Energie vorbeiziehen zu lassen und gleichzeitig selbst effektiv zu kontern. Der Stand selbst trägt das Prinzip des Tai Sabaki in sich. Jeder Schritt in Zenkutsu Dachi ist also auch ein Schritt aus der Linie. Das macht den Stand zu einem Werkzeug der Strategie, nicht bloß der Stabilität.

Die kinetische Kette

Biomechanisch betrachtet, ist Zenkutsu Dachi die Basis einer perfekten kinetischen Kette. Der Druck des hinteren Fußes in den Boden erzeugt eine Gegenkraft (Ground Reaction Force), die über das Bein in die Hüfte und von dort in den Oberkörper übertragen wird. Die Hüfte dreht, der Rumpf stabilisiert sich, der Arm leitet die Energie weiter. Nur wenn die Kette geschlossen ist, entsteht maximale Wirkung bei minimalem Aufwand. Ein gut ausgeführter Zenkutsu Dachi ist also eine harmonische Einheit von Boden, Hüfte und Technik – ein physischer Ausdruck von Ki no Nagare, dem Fluss der Energie.

 

„Alles an ihr war gedämpft, zurückgehalten: ein angstvolles Lauschen auf die Rätsel des Lebens.  Ein mächtiges Gefühlsleben schien in dem zarten Körper zu wogen und ihn aufzureiben.“ Wanda von Sacher-Masoch

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Das Habsburger Bürgertum existiert im Spannungsfeld zwischen feudaler Restauration und bürgerlichem Aufbruch. In der Gegenwart von 1870 ff. konkurrieren Spielarten eines kontinentalen Viktorianismus mit dem alpinen Biedermeier-Puritanismus unter der Glocke des Königlich-Kaiserlichen Imperialismus. Der Monarch, das adlige Gefolge und die Bourgeoisie sind sich so weit einig. Soziale Ingenieur:innen basteln am psychologischen Rahmenprogramm für den Gründerzeitturbo. Sie montieren Sicherheitsgurte an die Sitzschalen für den Gesellschaftsexpress. Überall vernimmt man schon den Motorengalopp der Zukunft.

„Er würde ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen sein, wenn er ihr nicht, bei seiner ersten Erscheinung, wie ein Engel vorgekommen wäre.“ Heinrich von Kleist, „Die Marquise von O…“

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„Meinem Verständnis nach ist Sex eure einzige Energie.“ Osho

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„mein körper die zwei kilo asche die von mir übrigbleiben: vom kohlenstoff über spuren von blei und gold bis zum radium“ Raoul Schrott.

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„In Kampen lag sie gern nackt in den Dünen.“ Siegfried Müller über Valeska Gert

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Die Freiheitsversprechen der Kunst funktionieren wie Druckventile. Die Psychoanalyse munitioniert bourgeoise und feudale Rebellen. Der Radical Chic gebietet es, sich zu exaltieren. Seine Herolde verehren den Schreibritter Leopold von Sacher-Masoch. Dessen Gattin Aurora begrüßt die Groupies aller Geschlechter in ihrem Haus. Leopold braucht Bewunderung. Beifall schmeichelt dem Genie. Die literarische Produktion des Hausherrn ist die einzige Einnahmequelle. Alles, was den Ernährer in Gang hält, unterliegt dem Förderungsehrgeiz seiner Frau. Aurora lässt es zu, dass sich Leopold in Verehrerinnen verliebt und sich dabei sonst wohin versteigt. Er verspricht Fremden die Ehe mitunter. Er überschüttet die Subjekte seiner Inspiration, bis das Interesse schlagartig versiegt. 

„Es war mir wieder ein Vergnügen, dir im Textland begegnen und folgen zu dürfen, wohin die Erzählreisen so gehen können in unseren Seelenweiten. Danke schön für die Einsichten, die du mir täglich schenkst in dieser Kollaboration. Ich glaube, du weißt, wie bereichernd und wertvoll ich das empfinde.” M.

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„Und wenn ein schönes Kunstwerk aus Überspanntheit oder Unwahrheit heraus entsteht, ist es deshalb weniger schön?” Wanda von Sacher-Masoch

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„Wir sind von Arbeitsmaterial umgeben. Es wartet an jeder Ecke auf uns, findet sich in Gesprächen, in der Natur, in zufälligen Begegnungen oder bereits existierenden Kunstwerken.” Rick Rubin

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„Der Künstler ... ist in einen kosmischen Zeitplan eingebunden.” RR

Der Frevel von Geismar – Nachdem Bonifatius die Geismarer Donareiche umgelegt hatte, schickten die Götter zwei Unsterbliche unter die Menschen, um die Sterblichen in die Schranken zu weisen. Heute erscheinen uns die beiden als Mariannne und Yannik in Ederthal.

Auch Geismar hat seinen Eckerich, einen Wartturm, der ganz allein im Wald steht. 723 zerstörte Bonifatius da ein chattische (kattisches) Heiligtum, er ließ eine Donar gewidmete Eiche fällen. Seither liegt auf Geismar ein Fluch.

Bonifatius agitierte im Auftrag der fränkischen Besatzungsmacht, die zur Durchsetzung ihrer Interessen im Waldecker Land die stark befestigte Büraburg besetzt hielt. Grundsätzlich christianisierten die Franken mit dem Schwert. Jede Taufe war eine Unterwerfung und ergab sich aus Forderungen eines institutionalisierten Expansionswillens in Nachfolge römischer Herrschaftsmanier. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nahm im Kernland der Katten Gestalt an. Bonifatius beschrieb die in Massentaufen Bekehrten als Hessen. Die von erzürnten Göttern gesandten Unsterblichen erschienen der Welt als die ersten Hessenmeister.

Chatten (Katten) bevölkerten die Senke zwischen Fritzlar, Wabern und Ederthal. Als christliche Franken unterstanden sie ab 744 dem Kloster Fulda und dem Fritzlarer Petersdombetrieb. Später zog auch der ewige Widersacher Kurmainz seinen Nutzen aus Wabern.

Auf dem Nachtigallenweg unweit der Festnahmestelle von Brigitte Mohnhaupt und Adelheid Schulz ... im Nov. 1982 stocherten zwei Städterinnen im Erdreich nahe der Alteichenpopulation am Galgenhurst im Ederthaler Forst. Sie suchten ein mit Waffen, Geld und Pässen vollgestopftes Depot. Wie aus dem Nichts traten Bewaffnete auf den Plan und überwältigten die Führungsriege der zweiten Raf-Generation.

Einen Kreis von siebzehn Eichen findet man am Fuß des Krimmer Trutzbergs. Der älteste Baum keimte vor Siebzehnhundert. Er bringt es auf vier Meter Umfang. Die Kaltentaler Jugend schnitzt in seine Rinde ihre falschen Schwüre und unbedachten Liebeserklärungen seit Generationen. Man entdeckt wenig Sentimentales bei alldem. Das sinnliche Erwachen vollzieht sich im Waldecker Land prosaisch. Von Poesie weiß man am besten nichts. Am 03. August 1073 kam es im Kreis der Eichen zu einem Handgemenge zwischen Berittenen des königswürdigen Herzogs Otto von Northeim und dem über Ederthal in der Krimmer Trutz residierenden Elmar von Loss und seinen Knechten.

Elmar war der Teufel im Harnisch. Seiner miesen Art gestattete er die freimütigsten Äußerungen. Ein Vorsprung am Burgberg heißt deshalb Abgang, weil Elmar da den Widerspruchsgeist in seinen Untertanen mit dem Kopf zuerst abgehen ließ. Die Vernichtungen genoss er von erhöhter Warte. Singspiele ergänzten das Unterhaltungsprogramm.

Der Graf war kein Sohn seines Amtsvorgängers, sondern ein in den Sattel gehobener Günstling. Es hätte nicht viel gefehlt für eine mediokre Karriere unter ferner liefen. Elmar hatte mit Adalbert von Schauenburg gegen Otto konspiriert. Nun stellte man ihm die Quittung in einem Gebiet zu, das schon Eichwald hieß. Allgemeine Gleichgültigkeit schützte bis 1926 einen Grabhügel der Bronzezeit im Eichenkreis vor größeren Entnahmen. Frei legte man Knochen von siebzehn Männern und Frauen, nicht aber eines Kindes. Der Platz hatte über hundert Jahre als Friedhof gedient und ließ den Nachweis von Brandbestattungen zu. In Kaltentaler Haushalten sind Küchentischschubladen Lager für Nadeln und Schnallen, die vor der amtlichen Grabung aus der Erde geholt oder gegen Fußballereinklebebilder getauscht worden waren.

Das Burgrecht machte Elmar zum Richter der Kaltentaler. Gehängt wurde auf dem Grabhügel. Man sprach vom Galgenhurst (Hurst wie Gehölz). Das Wort setzte sich als Flurname durch.

Der Eichwald war im 10. Jahrhundert „Königsforst”. Diana kennt Bemerkungen zu mittelalterlichen waldwirtschaftlichen Eingriffen. Eichen gaben gutes Bauholz, Eicheln taugten zur veredelnden Schweinemast. Allerdings blieben Buchen, Birken und Kiefern in Überzahl. Kriegsbedingte Rodungen und natürliche Verheerungen verschonten die Population, bis schließlich von einem Altbestand erstmals die Rede war.

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Diana trägt Erinnerungen über den Nachtigallenweg, der vor der Krimmer Trutz abknickt. Sie ahnt nicht, dass sie eine von Loss ist, die wahre Herrin der Krimmer Trutz so wie der Unteren/Tiefen und der Oberen Lossburg gleich hier ums Eck auf dem Kleinen und dem Großen Rabenberg. In einem Bedauern des Schicksals der Bergmännchen am Eisenberg und im Urfftal wurde sie als Schneewittchen zur Schutzpatronin niederhessischer Kinderkumpel. Wohl ein Jahrhundert ließ sie sich von einer Kurzarbeiterwohngemeinschaft in Bergfreiheit (ein Luftkurort im Kellerwald und Stadtteil von Bad Wildungen im Landkreis Waldeck-Frankenberg nach heutigem Verständnis) freihalten. Sie aß von den Tellern einer Zucht Kleingebliebener und trank aus ihren Gläsern. Dann schlief sie lange.

Der Eichwald ist von jeher ein Schauplatz geschlechtlicher Bekenntnisse. Er liefert der Zukunft eine Aufmarschfläche. Jeder gebürtige Ederthaler absolviert da Pflichttermine.

Der Nachtigallenweg führt in die Marschbacher Aue, die früher Lossmisse hieß – ein Hinweis auf die ursprünglich schwäbische Herkunft der Amtsgrafen von Loss. Im Wuchs verstockte Kiefern charakterisieren jenes Regenmoor, in das sich Elmar flüchtete, als es ihm im 1073er Sommer an den Eisenkragen ging. Wir wissen nicht, wie Elmar aussah, der sich vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben zu der Schmählichkeit einer aussichtslosen Flucht veranlasst sah. Im Moor hatten schon einige ihr Leben gelassen, denen Elmar auf einem sauren, bedenklich nachgiebigen, von Pfeifengräsern besiedelten Boden gefolgt war.

Beinah angesprungen fühlt sich Diana von den Geistern, die hier ihr Wesen treiben. Das wurzelechte Hochmoor in der Marschbacher Aue wächst weiter. Es hat sein eigenes Klima, von den Ederthalern die gute Moorluft genannt. Seine Verluste sind Gewinne des Marschbachs, der nach Verschwisterungen mit Urff und Losse (Lossbach) zur Eder fließt. Kein Wort, das nicht wenigstens fünfzehnhundert Jahre Geschichte bei einem Namen nennt. Urff und Loss sind Landschaftsbegriffe im Edertal. Berge, Bäche und Täler heißen so, vereinzelt Ruinen - und Leute, die niederhessischen Geschlechtern nachkommen, auch in abweichenden Schreibweisen von Loss und Urff. Gerade beobachtet Diana Uferschnepfen, Waldwasserläufer und Grauwürger. Sie entspannt auf einem Bult voller Sonnentau, Rosmarinheide, Moos- und Schwarzer Krähenbeere.

Die Marschbacher Aue ist eine kaum beachtete Attraktion im Nationalpark Kellerwald-Edersee. Jahrhunderte bot sich die Gegend zu Sichtungen von Wildkatzen und als lebende Apotheke an. Im Mittelalter scheiterte der Versuch einer agrarischen Nutzung. Nichts weist auf ältere Eingriffe hin.

“Your story is absolutely captivating, every chapter keeps me reading and your characters feel like real people. I know authors get tons of comments and art offers, so i wanted to be upfront and say i'd be thrilled to make something for your story ...” Cressida Mallory on wattpad

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„Das sind ja wildeste fanatische Fantasien, derer sich Artaud da verschrieb. Das klingt nach einer rauschvernebelten Drogenhölle.“ M.

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In Giuseppe Tomasi di Lampedusas Jahrhundertwerk „Der Leopard“ nennt der Held des Romans, seines Zeichens der Fürst von Salina, Gründe für die Rückständigkeit des Mezzogiorno. Sizilien sei in nicht weniger als zweiundeinhalbtausend Jahren ununterbrochen kolonisiert worden von Usurpatoren, die in jedem Fall ihre Kultur fix und fertig im Gepäck hatten. Ob Normannen, Staufer oder Sarazenen: Wer auch immer sich aufschwang, der nahm nichts auf und gab nichts ab. Er segregierte die ursprüngliche Bevölkerung, die darauf mit Schlaf reagierte. Als der Fürst im 19. Jahrhundert seine Beobachtungen machte, schlief Sizilien seit fünfundzwanzig Generationen.

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„Man muss durch Schauspieler Texte jagen wie Stromstöße.“ Heiner Müller

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„Wenn ich tot bin, wird mein Staub nach dir schreien.“ Heiner Müller

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„Wir arbeiten im Dunkeln – wir tun, was wir können – wir geben, was wir haben. Unser Zweifel ist unsere Leidenschaft, und die Leidenschaft ist unsere Aufgabe. Der Rest ist der Wahnsinn der Kunst.“ Henry James

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„Die Räume zwischen den Gedächtnisbildern können nur vermutet werden.“ Britta Boerdner

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„Das Gehirn reagiert auf imaginäre Erfahrungen genauso wie auf reale Erfahrungen.“ Maksem Manler

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Charles Darwin glaubte an einen Swing von weiblichen Partnerwahlpräferenzen und männlichem Selektionsdruck. Der britische Statistiker und Evolutionstheoretiker Ronald Aylmer Fisher (1890 - 1962) griff Darwins Idee von einer natürlichen Optimierung auf, um ihr zu widersprechen. Fisher etablierte die sexuelle Präferenz als Komplementärkategorie zur natürlichen Selektion. Die Bevorzugung von Merkmalen führt nach der Sexy Sons Hypothesis zur Durchsetzung von männlich konnotierten Farben und Formen. Interessant ist hier die Geringfügigkeit eines Farbvorteils, der in evolutionären Prozessen mit aller Macht nach vorn getragen wird, ohne die Überlebenschancen der Merkmalträger zwangsläufig zu verbessern. Fisher nannte den kuriosen Vorgang Runaway Process. Auf dieser Strecke werden Selektionsnachteile (wie etwa ein beschwerlicher Federschmuck) so lange weitergegeben, bis vitale Beeinträchtigungen das Experiment stoppen.

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„Obwohl ich nicht ganz Diana bin, habe ich im Gegensatz zu ihr Zweifel und tiefere Bedürfnisse und Sehnsüchte. Deshalb flüchte ich mich so gerne insSprachschloss. Ich verstecke mich hinter den Türen, wo alle immer sexy, selbstbewusst und voller Energie sind. Wenn ich die Türen wieder verlasse, geht es mir immer besser. Was für ein Wundermittel. Ich schätze dieses Kapitel sehr. Es ist selten, jemanden zu treffen, der ein Meister der Worte und des Körpers ist. Ich hatte einmal eine ziemlich ernsthafte Beziehung mit einem ziemlich erfolgreichen Dichter. Er nahm am bundesweiten Poetry Slam in NRW teil. Er war brillant und brutal und am Ende musste ich ihn verlassen. Er hinterließ mir 800Seiten des poetischsten WhatsApp-Chats. Ich habe gerade erst die ersten hundert Seiten ausgedruckt. Sein Name ist Dirk Anetzberger, er hat noch einiges von damals auf YouTube. Ich hoffe, ich sehe ihn nie wieder." Christine Zarrath

Beinah abgegriffen ist die Wendung des literarischen Kosmos. Ich rede lieber von meinem Textland, in dem M. eine tragende Rolle spielt. Gemeinsam mit ihr erzeuge ich so viel epische Breite wie möglich. Wenn ich an dieser Stelle Professor Goya einführe, dann nur, um eine biografische Spielart nicht einer narrativen Restriktion opfern müssen, die sich aus zweifellos aus den Vorgaben des schon Erzählten ergeben könnte. Wir sind im Augenblick im Sprachschloss, im Qi-Sagaland und in der Burg mit ihrem Bembelherz erzählerisch unterwegs. Marianne ist auf allen drei Schauplätzen präsent, allerdings in erstaunlich disparaten Varianten. Im Bembelherz ist sie eine australische Regisseurin und in der Qi-Saga eine nordhessische Schamanin mit akademischem Radius. Das verstehe ich unter erzählerischer Freiheit. Das Sprachschloss steht in Ederthal und da befindet sich auch die Landgraf Philipp Universität, an der Marianne lehrt. Und eben auch Professor Goya, vorläufig als erzählerischer Single Shot.

Weltanschauungstheater

Seine Droge ist das Narkosemittel Propofol. Michael Jackson, der polytoxikoman an einem Mix aus Propofol, Alkohol und Valium starb, nannte das Anästhetikum seine Milch. Professor Goya erlebt die Wirkung von Propofol als rauschfreies Glück. Ein Mann, der sich für eine Haartransplantation nicht zu schade ist, vermindert mit Propofol jahrelang die Amplituden zwischen den Hochgefühlen eines im Hörsaal halbgöttlich Waltenden und der Niedergeschlagenheit in den Niederungen des Familienlebens.

Lange laboriert Goya an der beschussartigen Dominanz weiblicher Geschlechtssignale an den Hauptschauplätzen seiner Brillanz. Zwischen den Polen Begehren und Potenz erstreckt sich eine ausufernde, misogyn vermessene Brache. Die Prostata dehnt sich, während der Rest schrumpft. Die pheromoniale Anziehungskraft mutiert zur chemischen Aversion. 

Goya verkörpert den bis auf die Knochen diskreditierten Academia-Casanova. Er ist ein Hashtag-Kandidat erster Güte. Er memoriert und räsoniert in einer Manier, die man früher Casino-Jargon nannte; damals als man seinen Schneid mit Schmissen zur Schau stellte. So ein Dinosaurier ist Goya, dass selbst der sprichwörtliche Alteweißemann bei aller Erbärmlichkeit im Vergleich zu ihm entwicklungsfähig erscheint.

Eine Routine aus Tennis, Pilates, Premieren und Prosecco bestimmt den Alltag seiner Frau. Madeleine tröstet sich mit Abgenutztem. Sie stalkt den Gatten zu ihrer Unterhaltung. Sie verteilt Haltungsnoten und rezensiert die Performances von Goyas Geliebten. 

Da ist Diana. Sie ist die Post-Boomer-Tochter wie aus einem Bilderbuch geplatzter Träume. Eine alleinerziehende Mutter klapperte mit Diana in einem klapprigen Van Flohmärkte in Melbourne und Umgebung ab. Sie reüssierte als Expertin für Kofferraumverkäufe. Ihre Deklassierung ertrug sie in bunt-flattrigen Kostümen. Sie verwandten ihre Kreativität auf Weltanschauungstheater, das ihre Chancenlosigkeit kaschieren sollte. Mit Argusaugen inspizierte sie aufgegebene Bestände. Für Diana erfand sie Legenden, die sich um den Ramsch der Anderen rankten. Je häufiger der Schrott die Besitzerin wechselte, desto größter sollte seine Bedeutung sein. So überhöhte Dianas Mutter ein Leben auf der Resterampe.  

Im Handlungsjetzt ist sie tot. Die verwaiste Diana studiert Jura an der Ederthaler Landgraf Philipps Universität. Sie nutzt Mariannes Qigong-Angebote, hat einen vrwegenen Blick auf Yannik geworfen,  und gehört zum Studierendentheaterensemble.  

Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos dient Diana als Stichwortgeber und bietet sich ihr als Ideal eines Conférenciers an. Sein erfolgreichster Roman, erstmals 1782 erschienen, verursachte einen Skandal von europäischem Format. Auch wenn eine Frau wie Diana nicht wie Madame de Tourvel in „Gefährliche Liebschaften - Les Liaisons dangereuses" zum Sterben in ein Kloster verbannt wird, fürchtet Dianas zu Recht, dass eine allzu offensichtliche Zurschaustellung ihres erotischen Ehrgeizes zu einer sozialen Isolation führt, die ihr Türen versperrt, durch die sie noch gehen möchte. Sie ist fest entschlossen, in einer internationalen Superorganisation hoch aufzusteigen. Sie sieht sich auf ihrer inneren Bühne als hoch dekorierte Diplomatin, die tief dekolletiert über den Dingen schwebt. Das verbindet sie mit Kostümvorstellungen. Das Kleid, der Schmuck, die Nagellackfarbe, das Design der Brille, das alles korrespondiert mit dem Imago der Avancierten. Also spielt Diana Verstecken. Was ihr dabei entgegenkommt, sind ausgewählte, bedeutungsgeladene Orte mit romantischen Requisiten für ihre kleinen Kammerspiele - wie das ehemalige Stadttheater. Das Gebäude stammt aus der Ära, als Ederthal einen Goldrausch erlebte. Es bietet ein charmant vernachlässigtes Beispiel romanischer Architektur. Es verfügt über Rundbögen und eine festungsartige Mauer. Vorfreude hebt Diana beinah aus den Schuhen. In dem Drehbuch für heute Abend ist das ehemalige Theater eine Kirche. Von jeher gibt es blasphemische Proben auf den Glauben. Auch dabei bleibt der Katholizismus die freiere Fassung einer konfessionellen Bindung. Wer das Fundament der Kirche mit seiner Extravaganz belastet, muss gegen Entweihung gefeit sein, um sie nicht zu riskieren. Remy de Gourmont vereint in Gedichten der Oraisons mauvaises das eine mit dem anderen. Die Fusion des Leidens mit dem Lasziven reicht über eine Lästerung hinaus. Gott und Glück kommen zusammen.

Colette Peignot (1903 - 1938) arbeitete sich in ihren Schriften an der katholischen Kirche und ihrem Personal ab. Diana glaubt nicht, dass Colette in einer säkularen Gesellschaft glücklich geworden wäre. Zu offensichtlich ist der Zug der Autorin zum religiösen Krawall und zur pompös-blasphemischen Geste. Doch arbeitet sie sich immer nur an dem Tableau ab, dass ihr Lebensgefährte Georges Bataille in „Das Blau des Himmels" installiert. Sie variiert im Karneval des Obszönen stets nur den Kopulationsveitstanz von Troppmann und seiner Geliebten Dirty in einer spanischen Kirche.

Er war Elsässer. Der achtfache Mörder Jean-Baptiste Troppmann (1849 - 1870) befeuerte die leichte Muse des Journalismus. Die Boulevardpresse kam auch mit ihm in Gang. Kein Zweifel, dass Bataille die Troppmann‘schen Räuberpistolen kannte, und seinen unglücklichen Helden Henri T. in Anspielung an einen Verworfenen benannte.

Peignot sagt:

„Erzengel oder Hure/.../Alle Rollen/sind mir gegeben."

Sie geht weiter, sich bei ihrem Künstlernamen Laure rufend. Sie beruft sich auf diesen Namen im Titel einer Geschichte, um keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, wer neben anderen „unbekümmert in einen Weihwasserkessel scheißt".

„Dann wuschen sie sich den Hintern mit dem Abendmahlstuch, das mit Weihwasser angefeuchtet war."

„Sie stieg am folgenden Tag auf den Altar, um allen Gläubigen ihren Arsch zu zeigen ... (endlich) versorgt ein heiliges Zäpfchen den Arsch."

Das liest sich wie ein Kommentar zu Artauds Heliogabal oder Der Anarchist auf dem Thron. Wie die Faust aufs Auge passt der Fanal- und Abrechnungscharakter von Peignots Schriften zu Artauds Ansichten der heiligen Stadt als Schauplatz olympischer Orgien in einem Wettstreit von Wüstlingen aller Geschlechter.

Bei allem Inszenierungsfuror und Freude an blutigen Operetten bleibt Artaud ein luzider Betrachter des historischen Panoptikums. Auf den Vater kommt es nicht an, sagt er beinah im ersten Satz, zumal es jeder gewesen sein könnte, der den kaiserlichen Titelhelden zeugte. Belangreich ist allein die Mutter als irdische Agentin einer orientalischen Sonnengöttin, die mit ihrem syrischen Lifestyle die Leute am Tiber verstört.

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Goya kreuzt auf und sieht die Geliebte von hinten. Im Gegenlicht erscheint sie wie eine Ikone. Sie steht vor einem Buntglasfenster, ihr rotes Kleid schreit Sünde und ist doch von schicklicher Länge und geschlossenem Ausschnitt, um zu jedem gehobenen Anlass zu passen. Die Ähnlichkeit mit einer Frauenfigur auf einem Gemälde von Raphael wird nicht zufällig heraufbeschworen.

Diana dreht sich nicht um. Goya tritt hinter sie, ohne sie zu berühren. Diana trägt den Chanel-Duft von Coco Mademoiselle Intense. Sie riecht ihn, Goyas herbe Männlichkeit lässt ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen, sie muss schlucken. Sie sabbert. Der Speichel befleckt ihr Dekolleté. Goya schneidet mit dem Finger einen Faden ab und hält ihn ihr unter die Nase. Sie leckt gehorsam auf einer Welle der Erregung, die sie förmlich anhebt.  

Noch immer gewährt Goya ihr keine Berührung.

„Deine Befehle sind bezaubernd; deine Art, sie zu geben, noch bezaubernder, du könntest Despotie liebenswert machen."

Diana erschaudert angesichts der Synchronizität; eben noch dachte sie an de Laclos, jetzt zitiert ihn Goya. Das Timbre seiner Stimme verzaubert sie wie eine Extradosis von etwas sehr Gutem. Sie legt ihren Kopf an seine olympische Brust, dies in einem Anflug von Schüchternheit, Hingabe und Vorfreude auf das Unvermeidliche.

Diana spürt Goyas Erektion. Sie vertraut auf seine Präzision, Entschlossenheit und Hingabe an das Szenario. Ihre Augen sind halb geschlossen, sie weigert sich, Blickkontakt aufzunehmen. Ihre Schüchternheit ist echt. Sie ist jetzt eine Braut im Ornat der unbefleckten Empfängnis. Goya erlaubt ihr die kleine Flucht. Sanft lässt er sie bäuchlings auf einen Tisch gleiten. Behutsam öffnet er den Reißverschluss ihres Kleides und zieht es in einer fließenden Bewegung ab. Sie weiß, sein Blick ruht besitzergreifend auf ihrem Hintern. Mit einem Wort, das Interpretationsspielraum lässt, in meinen Ohren aber wie Move klingt, signalisiert er ihr, ihm ihren Hintern entgegenzustrecken. Sie kommt der Aufforderung mit eigener Lust nach. Sie hält die Haltung so lange, wie sie soll, blind für Goyas Perspektive.

Sein akademisches Textgedächtnis und seine athletische Konstitution kommen Goya zugute.   

Aus der Kommentarspalte

„Bequem war es sicher nicht für Diana. Ich dachte an eine Szene, die ich auf einem Fries in Pompeji gesehen hatte – eine Huldigung an Dionysos. Der Gott des Pöpels war eine Schöpfung im Themenkreis griechischer Ackerkulte. Die römischen Adaptionen erzeugten gesellschaftliche Spannungen. Eine unter dem Bacchus-Siegel vereinte, einigermaßen klassenlose Exzess-Gemeinschaft sorgte 186 vor unserer Zeitrechnung für einen Skandal im Bannkreis der religio prava - verkehrten Religion. Die Obrigkeit sanktionierte drakonisch. Ein Verbot des Bacchanal-Kultes begleitete das stände- und geschlechterübergreifende Strafgericht."

“There is fiction in the space between / You and everybody.” Tracy Chapman 

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„Semantik und Grammatik des Sexuellen überschneiden sich zwar, sind aber nicht deckungsgleich (in der französischen Sprache).“ Jean-Luc Nancy

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„Die Körper, die im Schriftverkehr der Empfindsamkeit buchstäblich werden, fließen ... in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ... in Texte über.“ Jean-Luc Nancy

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„Schön war das heute wieder, mit dir auf erzählerische Pionierfahrten zu gehen, ich fühle mich wieder reich beschenkt auf dem Weg und bin sehr dankbar dafür, was du alles in deinen Texträumen aufzeigst, sicht- und fühlbar werden lässt.“ M.

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„Sehen kommt vor Sprechen.“ John Berger

Weiblicher Lebenslauf I. 

Angelika Kauffmann - Die Großmeisterin der klassizistischen Empfindsamkeit malte auch ihren Plauderfreund Goethe. Der Kongeniale fand sich nicht gut getroffen.

„Er ist immer ein hübscher Bursche, aber keine Spur von mir."

Johann Gottfried Herder erklärte hingegen: „Goethes Bild hat sie sehr zart ergriffen." 

1781 heiratet die Schweizer Malerin und Sängerin Angelika Kauffmann (1741 - 1807) den italienischen Kollegen Antonio Zucchi. Begleitet vom Brautvater, unternimmt das Paar eine ausschweifende Hochzeitreise. Der aus Österreich gebürtige Porträt- und Freskenmaler Joseph Johann Kauffmann stirbt in Venedig. Die Tochter findet kaum Zeit zu trauern. Der Sohn der Zarin Katharina kreuzt in Farben der Bewunderung auf. Das hoheitliche Interesse wirkt sich aus. Der europäische Adel wünscht von Angelika Kauffmann gemalt zu werden.

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Weiblicher Lebenslauf II.

Sie existieren wie an einem offenen Schlund des Lebens; im Dunstkreis vulkanisch aufgebrochener Erdkruste. Schroff und elementar sind ihre Verhältnisse. Marlene reitet mit einem Batzen Hirschfleisch in den Satteltaschen durch eine Salbeisavanne zu den Nachbarn. Der Hausherr rät, das Klagen einer Kuh nicht zu beachten, deren Kalb gerade geschlachtet wurde. Marlene schert sich nicht um die trauernde Kuh. Sie erlebt eine Sonnenfinsternis. Sie kann das astronomische Ereignis nicht einordnen. Doch verfällt sie deshalb nicht auf romantische oder magische Deutungen. Für Marlene ist auch das Himmlische irdisch.  Sie will so furchtlos und robust sein wie der Ranger, den ihre Mutter kurz vor ihrem Tod heiratete und der nun für sie und ihre ältere Schwester Martha sorgt. Bei jeder Gelegenheit weist Martha dem Vormund Autoritätslücken nach. Marlene hält sich mit Erbsenzählerei nicht auf. Ein Abendritt durch die ungezügelte Natur mit ihrer Freundin Kate mündet in einer vielleicht dann doch nicht zufälligen Begegnung mit einem Jungen aus der Gegend. In der wilden Ländlichkeit zeichnet sich alles reliefartig scharfkantig und scherenschnittig vor einem harten Himmel ab. Das Territorium des spät dazugekommenen Bundesstaates Colorado war lange eine spanische Domäne. Bis in die 1860er Jahre trugen die Ortschaften überwiegend spanische Namen. Die angloamerikanische Präsenz kam erst mit einem Gold- und dann mit einem Silberrausch. Dem kam nichts hinterher. Im frühen 20. Jahrhundert klapperten in Colorado die Saloon-Schwingtüren in Geisterstädten. In dieser Unwirtlichkeit wächst Marlene auf.  

Weiblicher Lebenslauf III.

Während des Zweiten Weltkrieges übernahmen Frauen an Werkbänken und Fließbändern ‚untypische' Aufgaben. Nach 1945 erleben sie ihre Verdrängung aus den Sphären der Produktionsprozesse so wie gesellschaftliche Rekalibrierungen nach Maßgabe überkommener Rollenstandards. Auch die Physikerin M. verliert ihre Position in der Herzgegend des Manhattan-Projekts. 

Die Voraussetzungen für das nukleares Armageddon schufen auch Chemikerinnen und Physikerinnen wie Anne McKusick, Lilli Hornig, Colleen Black, Isabella Karle, Kathleen Maxwell und Margaret Broderick.  

Fünf Jahre nach Kriegsende arbeitet sie als Verkäuferin bei Arnold, Constable & Co.- einer Antebellum-Gründung. Die Deklassierung greift in sämtliche Register; M. kann sich ihr Appartement in einem Brownstone Stadthaus im Greenwich Village kaum noch leisten. 

Weiblicher Lebenslauf IV.

Anfang der 1960er Jahre verdingt sich die aus Ljubljana gebürtige und in Triest aufgewachsene Dea Kovač als Reinigungskraft und Köchin in der Künstlerkolonie von Chioggia. Die Hafenstadt liegt in der Lagune von Venedig. Die Dienstleistungen dienen der Tarnung. Ohne Vorbildung und künstlerischem Ehrgeiz möchte Dea in eine Kunstproduktion einsteigen. Sie strebt allein nach dem Ansehen Sie nähert sich dem Bildhauer Ron Widmark, einem in Italien heimisch gewordenen Australier. Sie entfacht das Feuer der Kollaboration. Der frisch verheiratete Widmark lässt sich hinreißen. Er initiiert Dea. Sie inspiriert ihn als Muse, Modell und Ko-Produzentin einer Skulptur. Später wird die Alabastergipsplastik mit einer Werklegende ausgestattet, die eine andere Geschichte erzählt. Die Figur verliert ihren Stammplatz in Widmarks Werkverzeichnis und absolviert eine Flohmarktkarriere als Fruchtbarkeitssymbol und pseudoarchaischer Anbetungsgegenstand.   

 Marianne als Qi-Madonna

Von vielen Leserinnenzuschriften weiß ich, dass eine im Allgemeinen diffundierende, identifikatorische Zuneigung Marianne auf ein Podest hebt. Sie wird idealisiert und erscheint ikonografisch wahlweise als Qi-Queen oder als Qi-Madonna. Im Sprachschloss ist sie die Edelfrau 2.0 schlechthin, während auf andere Akteurinnen in Mariannes akademischen Dunstkreis ein bisschen herabgesehen wird. Ich verweise auf herabsetzende Bemerkungen. Darin kursiert Simone als Post-doc-Schlampe oder Professoren-Slut. Ich kann nur sagen, auch Marianne setzt voll auf die Kraft der Sexualität. Sie pflegt einen vertraut-kundigen Umgang mit der Libido. Hingebungsvoll poliert sie den Nierenthron, auf dem sich die Libido lümmelt. Das Jing Qi rührt von der Yang-Wurzel und bestimmt das vitale Volumen. Sexualität treibt die Vitalität an, entschleunigt die Alterung und hält Yin und Yang in Balance. 

Natürlich kultiviert Marianne auch die Herzenergie - das Ministerfeuer; es fährt in die Nierenglut und schürt das Feuer des Lebens. Milz und Leber gehören in den Funktionskreis. Marianne baut einer Qi Stagnation mit erotischen Meditationsübungen vor. Darüber wird noch zu sprechen sein.  

Marianne erhält nicht nur sich in einem stabilen energetischen Gleichgewicht. Offensiv und engagiert betreibt sie sexuelle Fürsorge. Besorgt registriert sie Verminderungen des Zellfeuerfurors im Verhältnis zu ihrem Liebsten. Yannik wirkt kongenial und zuverlässig mit bei den täglichen erotischen Hochämtern.  

Nein, Marianne ist keine Puristin. Sie tummelt sich in virtuellen Spielhöllen und nutzt auch WhatsApp für mediale Intimität und antörnende Nachrichten. In einer Institutscafeteria stellt sie sich vor, wie Yannik die weibliche Minne bis zur zügigen Entladung genießt. Die Kopfkinoszene löst etwas aus, das Marianne dazu veranlasst, einen Halbsatz nachzuschieben, den sie sich nie zuvor getraut hat, zu verschriftlichen. Jetzt ist die Offenbarung der schieren Flüchtigkeit entzogen - mit der Macht eines Geständnisses. Mariannes Atem stockt. Die kleine Überschreitung - das Gefühl der vertrauensvollen Selbstauslieferung - liefert ausreichend Erregung für einen Orgasmus zwischen Tür und Angel. Zum Glück reicht die Zeit der Ungestörtheit. Schon wird Marianne wieder als Expertin in Anspruch genommen. So viele wollen können, was sie kann. Marianne betrachtet die Qigong-Euphorie als Modeerscheinung. Den meisten Adeptinnen fehlt Disziplin und Demut. Sie finden in sich keinen Anfang. Ihnen fehlt ein Geduldsfaden, der sich in die Länge ziehen lässt, bis zum ersten Mal und noch ohne jede Stetigkeit innere Prozesse mit dem Rührstab des Begreifens berührt werden können. Erst dann beginnt der Weg. 

Aus dem Randgeschehen 

Bis heute ist es das meistgespielte Stück des Rowohlt Verlages. Im sich hinziehenden Nachkriegsdeutschland kam keiner an „Draußen vor der Tür" vorbei - und wenn es das Einzige war, was man, abgesehen vom „Räuber Hotzenplotz", in einem Theater auszuhalten hatte. Wolfgang Borcherts „um den Preis der Poesie", so sagte es Wolfgang Weyrauch, in rasender Niederschrift gewonnene, 1947 zur ersten Aufführung gebrachte Trümmerdrama, ließ sich leicht verstehen und begreifen als ein von halb erfrorener Verstörung diktierter Text. Im Zentrum der stolpernden Handlung humpelt ein in jeder Hinsicht versehrt aus sibirischer Kriegsgefangenschaft heimkehrender Unteroffizier herum in seiner nicht minder desolaten Geburtsstadt Hamburg. Das ist Beckmann. Seine Krisen kollidieren mit einem Kollektivverlangen nach Verdrängung. Es treibt ihn zu reden, wo andere nur im Schweigen ihr Heil suchen. Den Störer will man auf den Schlussstrich schicken. Er soll umkommen und darf doch nicht sterben. Das wäre zu einfach.

Simone sieht das Stück in einer Inszenierung der Ederthaler Studierendenbühne, die aus einem Kabarett hervorgegangen ist und deshalb immer noch einen Klamauknamen trägt - Die Wollmäuse. Auch „Draußen vor der Tür" diente der Verdrängung. Das Stück hatte Ventilfunktion. Es wirkte katalysierend. Wie konnte so ein Textfetzen, den großen Worten des Dritten Reichs hinterhergeheult, so viel Dreck aufwischen.

Das war übriggeblieben von Germanias Größe. In den landläufigen Vorstellungen gelangte man nicht hinaus über das Opfergespenst Beckmann, zerschlagen in zerschlagener Heimat. Aufgesprengt. Es drehte sich, so hieß es in den Anleitungen zum falschen Verstehen, um Psychologie in Ruinen. Hannah Arendt beschrieb die absurde Gleichgültigkeit der Verlierer in ihren Kohlfurzwolken gegenüber der jüngsten Vergangenheit, inklusive Holocaust. „Die Herzlosigkeit war offensichtlich", erkannte sie. Verstanden wurde das auch als „Flucht aus der Wirklichkeit einer untragbaren Verantwortung".

Ich habe die Leichtigkeit erlebt, mit der die Schuld getragen wurde. Der Antisemitismus ging einfach weiter. Die Verbrechen waren nicht tabuisiert, sie waren immer da in den Unterströmungen der Gespräche zwischen Tür und Angel. Das Gleiche spielte sich in infamen Betrachtungen anderer Opfer ab. Da ließ sich viel in einem Atemzug der Verachtung sagen.

„Bist du der andere?" ... dem ich das Bein weg schoss/ dessen Bein weggeschossen wurde, weil ich ihn zum Aushalten auf verlorenem Posten gezwungen/ dessen Frau die Tür einen Tag zu früh aufgesperrt/ so dass er mich in ihr liegen sah."

Beckmann hält sich mit solchen Fragen auf. Während sein alter Oberst der Zeit vorauseilend bereits auf der Fresswelle surft. Von ihm gingen die Befehle einst nieder bis auf die Schlammstufe ihrer Ausführung. Der Oberst hat seinen Übermenschen nicht verlernt, er erklärt den Krüppel zum Kranken.

„Von dem Gas (mit dem sie sich umgebracht haben) hätten wir einen Monat kochen können".

Beckmann will tot sein endlich. „Mein Leben lang tot sein." Stattdessen heißt es: „Da probieren Sie mal die Hose".

Eine Poesie aus Knobelbechern in einem Kabinett der Erhängten. Stricke fallen wie Hoffnungsträger aus dem Bühnenhimmel. Es keimt das Fräuleinwunder im Furor der Verluste. Was eben noch 'Blutschande' war, verspricht nun ein Weiterkommen. Dann ist der Spuk vorbei, und Simone mischt sich unter das Premierenpartypublikum. Sie sendet ihrem ältesten Liebhaber eine Nachricht: Ich möchte gerade sehr gern von dir so bewegt werden wie du es am liebsten magst. Der Satz genügt für ein bilateral-positives Erlebnis. Simones Wunsch entspricht Cornelius' Wunsch, Simones Scharaden ein handfestes Ende zu bereiten. Er kann sich nicht sicher fühlen. Er darf sich nicht sicher fühlen. Sonst könnte er nachlassen. Er könnte seine Anstrengungen reduzieren, statt sie zu verdoppeln. Kurzum, Simone fordert Cornelius heraus, um seine Grenzen auszuloten. Sie geht aufs Ganze und lädt Cornelius schriftlich ein, sie auf eine Reise in die köstlichste Atmosphäre zu begleiten, die sie sich vorstellen kann. 

„Lass uns nächste Woche für eine Nacht nach Frankfurt fahren und im Velvet Desire gemeinsam durch die Decke gehen."  

Das Angebot elektrisiert Cornelius. Es geht ihm unter die Haut. Als wäre ein Schalter umgelegt worden, beginnt das Feuer in seinen Zellen zu brennen. Der Sprachmeister rauscht auf in seinem Büro im Germanistischen Seminar. Nach einem Streit mit seiner Frau Iris will er da übernachten. Bis eben fürchtete er die Spinnweben der Langeweile und der Tristesse, doch nun sieht er sich in einer Sex-Thriller-Hauptrolle. 

 

Süchtige Spielautomatennutzer sind in ludic loops gefangen. Sie wiederholen sich in Erwartung unvorhersehbarer Rewards.

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Senecas Stücke sind für szenische Lesungen geschrieben worden. Das hat die elisabethanische Renaissance aber nicht gewusst. Aus diesem produktiven Missverständnis ergab sich Shakespeare. Das ist Heiners Hochform: die Verschränkung der Weltgeschichte mit Poesie. Heiner Müller war der Muhammad Ali unter Dramatikern. Die Müller-Shuffle kreuzt Seneca mit Shakespeare. In der nächsten Drehung taucht die Pest als Motor der Neuzeit aus den Giftindustrien der Kloake als Kanalisationsproblem auf. Der Regisseur quälend langer Theaterabende bekennt: „Ich langweile mich schnell im Theater.”

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„Der überflüssige Mensch” ist eine russische Spielfigur. Er fällt ins Fach des lamentierenden Selbstmörders. Beispielhaft ist ein von der Provinz verfluchter Lehrer. Auf dem Theater reißt sich der überflüssige Mensch das Hemd auf, nachdem er seine Familie und den Hof ins Unglück gestoßen hat. Nun muss er möchten. Er möchte selbst daran glauben.

Ilija Trojanow zieht komplette Kontinente auf die Waage seiner Betrachtungen des „überflüssigen Menschen”. Er unterstellt seine Überlegungen einem Stalin-Satz: „Kein Mensch, kein Problem.”

Er dringt zum Kern der Spätmoderne. Zu einem vollwertigen Bürger befördert das Eigentum. Kein Eigentum bedeutet Ausschluss und Ausschuss. Zugleich nehme „die Zahl gesicherter Arbeitsplätze ab”.

Trojanow ist ein Debattenfürst. Als er einmal in die USA nicht einreisen konnte, suggerierte der Autor ein Interesse geheimer Dienste an seiner Person. Die Klandestinen könnten unangenehm berührt sein von Trojanows mit Juli Zeh 2009 publizierten Titel „Angriff auf die Freiheit”. Auch eine Unterschrift bot Trojanow als Grund für das Verbot auf. Er hat einen Brief an die Bundeskanzlerin in NSA-Angelegenheiten unterschrieben.

In seiner Streitschrift „Der überflüssige Mensch” erzählt der Autor unter der Überschrift „Aufbruch in die Vergangenheit”, wie CNN-Ted „Buffalo” Turner und Bill Gates „das Überbevölkerungsproblem” in den Griff bekommen wollen. Turner, der Bisonherden aufkauft und sie auf die freie Wildbahn (in seinem Besitz) verlegen lässt, will Nahrungsmittel am liebsten nur noch an Seinesgleichen und die Subalternen von Seinesgleichen ausgeben. Nach seinen Berechnungen, so sagt Trojanow, schließt „die überflüssige Bevölkerung 107 Staaten und fünf Milliarden Menschen ein”.

Trojanow fragt: „Wer entscheidet, wer überflüssig ist?” Klar, überflüssig sind immer die anderen. Der Autor wechselt den Griff. Nun hat er das Thema in der stabilen Seitenlage. Zwei- bis dreitausend Werbebotschaften nähme der Städter täglich auf. Trojanow spricht von „einem Konsumspießrutenlauf”. Der Konsumzwang schicke die allgemeine Fürsorge in den Keller der Gesellschaft. Im Kampf um „die eigene Konsumbefähigung” mutiere der Selbstoptimierer zu einem Zwischenwesen, das seine Blutwerte meint, wenn es von „inneren Werten” spricht.

Trojanow erläutert den Zusammenhang „von Mensch und Müll”. In Südbulgarien beobachtete er „Roma, die auf einer Müllhalde leben. Was sie konsumieren, ist der Abfall der anderen.”

Er erwähnt „die explosionsartig wachsenden Tafeln in Deutschland”. Sie ernähren dem Vernehmen nach 1.5 Millionen Menschen mit Produkten, deren Haltbarkeitsdatum so erlebnisintensiv wie ein Breitengrad überschritten wurde.

Trojanow spielt Indien ein, da bringen sich massenhaft Kleinbauern um, als Antwort auf ihre Verelendung. Denen konnte die IT-Branche nicht helfen. Trojanow ruft zu mehr Empathie und weniger „Ökonomisierung” auf, während vor der Tür die Musik eines Leergutspezialisten spielt. Schwanensee klingelt anders. Wenn der Tag vorüber ist, kommen die alten Armen und leuchten in die Mülleimer. Ich glaube, sie sind gern im Prenzlauer Berg, die Jungen, die Kräftigen und die Banden haben ihre Reviere in tieferen Lagen. Die Gegend ist sicher, das ist viel wert.

Ilija Trojanow: „Der überflüssige Mensch”, Residenz Verlag

Der Nebenreiz als Hauptquelle des Vergnügens - der volle Genuss entfaltet sich nur im Verhältnis zu einem kongenialen Mitspieler. Neds intuitive Brillanz prädestiniert ihn. Es deutet sich eine ideale Koexistenz an, Nana fühlt sich von der Einsicht gekitzelt, dass Ned sie mit intellektuellem Schenkeldruck regieren will. Das reizt sie. Sie wirkt sich gern bestimmend aus, nimmt aber auch Einladungen einer überlegenen Souveränität an.

Nana genießt Neds Schliche. Den aus lauter Verblendungen platzenden Herrschaftswillen deutet sie als starkes Interesse.

Im luftleeren Raum

„Erasmus hat keine Heimat, kein richtiges Elternhaus, er ist ... im luftleeren Raum geboren.“ Stefan Zweig

Er setzt seinen Taufnamen zwischen zwei angenommene Namen. Er verschmäht die Sprache seiner holländischen Ahnen und gibt Latein den Vorzug. In seiner Anverwandlung „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“ spricht Stefan Zweig von einer planvollen „Verschattung“ der unehelichen, sprich delegitimierenden Abstammung. „Ärgerlich“ sei es gewesen, von einem Priester gezeugt worden zu sein. Der Autor unterstellt Erasmus die Geburtsnot eines unerwünschten Kindes. Erasmus dementiert sein Schicksal, indem er sich zum Desiderius erklärt - zu einem Erwünschten. 1487 tritt er in den Augustinerorden ein, ein Jahr später legt er das Gelübde ab. Ohne besondere Frömmigkeit frönt er seinen künstlerischen Neigungen. Der „frei denkende und unbefangen schreibende“ Erasmus bleibt Priester, wenn auch mit weltlichen Spielräumen. Er erlangt Dispens, wo immer ihn der Priesterschuh drückt. Zweig erkennt einen „inneren Unabhängigkeitszwang“.

Nana bedenkt ihre eigene Herkunft. Dazu an anderer Stelle mehr. In Erasmus erkennt sie einen gewieften Taktiker. Der Epochale scheut Streit und revolutionäre Ruppigkeit. „Unnützen Widerstand“ vermeidet er. Lieber „erschleicht (er sich) seine Unabhängigkeit als sie zu erkämpfen“. Auch Nana fällt nicht gern mit der Tür ins Haus. Sie schätzt verschattete Manöver und belohnt die (Er-)Kenner ihrer Raffinesse. Manchmal stürzt sie sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass ein Mann im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.

Japanische Haute Couture

Ihre Freundin Lale Schlosser inszeniert auf der Studierendenbühne Heiner Müllers „Hamletmaschine“. Zur Feier des Tages trägt Nana ein asymmetrisch geschnittenes Kleid mit schräger Knopfleiste aus Yohji Yamamotos „karg-eleganter Sommerkollektion“ (aus der Werbung). Japanische Haute Couture mit einem androgyn-dekonstruierenden Ansatz. Sie registriert die Details. Sie sieht ein Feininger-Geisterhaus. Es tropft aus Rohren wie in Tarkowski-Filmen. Ruinierter Pomp, zerschlagene Quadriga. Gemalte Flugzeuge, verwischt wie von Gerhard Richter. Dann kommt der „zweite kommunistische Frühling“ als Bemerkung zur Seite gesprochen, Ophelia nimmt im Rollstuhl Platz. Hamlet sagt: „Was du getötet hast, sollst du auch lieben.“ Die Hamletmaschine fegt die Bühne: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein.“ Die Herrschaft von Helsingör fällt Fortinbras zu. Ihn erwartet „das Kanalisationsprojekt und der Erlass in Sachen der Dirnen und Bettler“. Hamlet sagt er nach: „Du glaubtest an die Kristallbegriffe und nicht an den menschlichen Lehm.“ 

Viera

„Lass uns eine Novelle schreiben“, schlug Viera vor. „Novelle ist als Gattungsbezeichnung ein echter Stutzer.”

Nach Schiller ist „die Jugend schnell fertig mit dem Wort”. Zumal Viera ein heißes Erzähleisen im Feuer hatte. Sie verdiente ihr Geld unter anderem als Quartiermacherin.

Viera schleuste Illegale aus Osteuropa ein und brachte sie als Kindermädchen und Altenpflegerinnen im hessischen Mittelstand unter. Im Frankfurter Speckgürtel lebten mehr als zweitausend Entrechtete. Sie gingen einkaufen, bevölkerten Kinderspielplätze, besuchten Cafés, ohne die leiseste gesellschaftliche Repräsentanz. Sie wurden übersehen. Nach dem Rechtsempfinden der Mehrheit wog ihre illegale Beschäftigung so schwer wie Steuerhinterziehung. Viera selbst versorgte eine Neunzigjährige, die im Haus einer Tochter (und deren Gatten) wohnte. Sie wusch, kleidete und fütterte die Alzheimerpatientin. Viera sah mit der Greisin fern und schlief ihr nah.

Ihre Arbeitgeberin und deren Mann waren Architekten, ein selbständiges Paar. Ein deutscher Pflegedienst hätte sie finanziell nicht überfordert. Alle Pflegerinnen aus Vieras Freundinnenkreis schoben unglaubliche lange Schichten für (um die) elfhundert Mark pro Monat. Ohne Versicherungsschutz. Sie waren Europäerinnen wie alle, mit abgeschlossenen Berufsausbildungen, oft hochqualifiziert.

Am Arsch der Verhältnisse wegen falsch geboren.

Viera begriff die Ungleichheit ohne Groll. Sie war dankbar für den Job, sie verstand sich gut mit den Architekten. Sie sprang als Kindermädchen ein. Das war „Abwechslung”.

Viera brachte mich mit Kolleginnen zusammen, die den Anschein der Legalität als Haushaltshilfen verpasst bekommen hatten. Die Frauen kriegten ungefähr das, was „Beschäftigte in Privathaushalten” erwarten können. Keine klagte. War alles in Ordnung.

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Störrisch stellte Ariane die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Literatur; der vom Ramsch der Ideologien in ein Klischeegatter gezwungene Zeitgeist der 1970er Jahre hatte auf die Literatur eingeschlagen und ihre Urheber betäubt. Es gab nicht viele Titel aus der Ära westdeutscher Demokratieerweiterung mit Radikalenerlass und Berufsverboten, die historisch standhielten.

„Willst du mit zu Judy Winter?", fragte ich Ariane auf dem Opernplatz. Sie hatte noch eine halbe Stunde, es sich zu überlegen. In ihr überstürzten sich Wünsche und Widersprüche, zudem erwartete sie ihren Mann am nächsten Vormittag. Manchmal fand Ariane einen zeitlichen Abstand zwischen mir und ihm nötig. Manchmal wechselte sie in Minuten von einem zum anderen, mit dem Geruch des anderen eine undechiffrierbare Störung weitertragend. Vorsichtshalber trug ich kein Parfüm auf.

Da stand sie. In ihrer Jeansjacke, die Ariane schmal und unglücklich wie eine Rebellin ohne Grund aussehen ließ. Zugeknöpft bis obenhin, den Kragen aufgestellt. Wie zum Ausgleich für zu wenig Schlaf hatte sich ihrem Gesicht der Ausdruck einer Schlafenden eingeprägt.

Ich zog Ariane zu einer nobilitierten Zapfanlage und bestellte Bier und Schnaps. Der Barkeeper nahm den Feierabendstress mit Humor. Es herrschte eine hysterische Ausgelassenheit in dieser Edelabfüllstation. Ariane war in ihrer gefährlichsten Verfassung. Sie konnte von jetzt auf gleich durchdrehen und mit Sachen um sich schmeißen und auch Leute hart angehen. Den Ausbrüchen folgten Exzesse der Anschmiegsamkeit. Mir dämmerte, dass Ariane nicht nur nicht mit zu Judy Winter wollte. Ich sollte da auch nicht hin. Ich war so liebeskrank-korrupt, dass sie mir noch nicht mal etwas in Aussicht stellen musste, um mich an ihrer Seite zu halten. Das entsprach einem Versäumnis. Ich rezensierte für die Frankfurter Rundschau unter anderem Konzerte. Man schickte mich zu Terminen, die kein Musikerkritiker wahrnehmen wollte, der etwas auf sich hielt. Alle wussten, dass ich keine Ahnung von Musik hatte und einfach nur Zeug skrupellos zusammenschrieb, aber das war egal. Ich war ein bekannter Autor auf dem Weg zum Ruhm. Die Leserbriefflut fürwahr erboster Fans und Kenner adelte mich. Das hatte eine Dada-Dimension, die mir aber nicht klar war. Ich rief meinen Ersatzmann an. Joachim sollte für mich zu Judy Winter und mich danach ins Bild setzen. Er hatte keine Viertelstunde bis zum Konzertbeginn und musste doch aus Offenbach anreisen. Das tat er dann, während ich mich Ariane widmete, die immer wilder wurde - hin und her geschleudert von widersprüchlichen Empfindungen. Es gab so eine trist-obszöne Abtrittvariante, die mich besonders reizte. Ich muss noch mal zu dieser Stelle, die ich eben übersprungen habe. Ariane liebte es, mir etwas Sexuelles in Aussicht zu stellen. Sie hatte überhaupt kein Problem mit männlicher Dominanz. Vielmehr stachelte sie den Wunsch an, sie besitzen zu wollen. Sie gab nicht nur mir die Sporen. Zu wissen, dass ihre Hingabebereitschaft ein halbes Dutzend Männer aus der Fassung drehte, war eine Last, die ich natürlich mit der Leichtigkeit des Egomanen trug. Ich würde sie alle aus dem Feld schlagen und aus Arianes Lust an der Ergebenheit für mich ein exklusives Vergnügen machen. 

„Was gibt es Schöneres, als einen Mann heiß zu machen." 

So sprach Ariane. Das Allgemeine an dieser Aussage erlebte ich als Herausforderung. Ich meine, wir waren beide Akteure der Hochkultur und trashten mit der Idee, das wäre besonders schick, wenn Ariane ihre Zigarette in das Getränk eines Tresennachbarn fallen ließ. Sie liebte männliche Aufwallungen, Wutausbrüche von gut riechenden, teuer gekleideten Geldmännern. Natürlich wandten sich die Experten an mich. Ich war so gut in diesen Dingen, so sagenhaft überlegen. Das garantierte mir Arianes erotische Zuneigung. Sie wollte Männer, nicht nur einen Mann, Männer wollte sie, die mit bloßen Händen Wände zum Einsturz bringen konnten und zugleich die volle Versorgerkompetenz mitbrachten. Gegen halbelf kreuzte Joachim auf und informierte mich über den Ablauf des Gala-Abends in der Alten Oper. Ich schrieb meinen Artikel aus dem Stand und auf der Stelle. Das konnte ich wie kein Zweiter in dieser Stadt. Man nannte mich the fastest gun. Ich genoss Arianes Bewunderung für den publizistischen Blindflug und Schnellschuss. Ich spürte ihre Erregung. Sie animierte mich. In diesem Augenblick hätte ich einen Mord verüben können, so weit trieb mich Ariane über meine Ufer mit Blicken, Gesten, mimischen Manövern und Sirenengesang. 

In der Bar neben dem Bäcker

Eugen hat sein Berufsleben in München absolviert. Nun lässt er die Seele in Südfrankreich baumeln. An einem Salzkristallmorgen begleiten Ariane und ich ihn zum Bäcker. Die Strecke zieht sich hin an einem Saum des verröchelnden Gestrüpps sowie ausgelaugten Mauerwerks.

Saintes-Maries-de-la-Mer ist ein Schauplatz von Prozessionen und Wallfahrten. Doch morgens, wenn man durch den hellblauen Lavendelwind schlendert, passiert man donquichotteske Gestalten - Gardians, die Cowboys der Camargue. Figuren wie von Giacometti.

Eugen wählt heute noch zwischen den gleichen drei Lebensmittelläden, die er bei seinen ersten Erkundungen vor zwanzig Jahren nach ihren Angeboten zu unterscheiden lernte. Die einst weiße Stadt ist bunt geworden und stellt sich dem Betrachter als Gehege für touristische Absonderlichkeiten dar. Der Preis für den Wohlstand ist Entfremdung. Eugen verweist auf Männer in Holzschuhen.

„Nach ihnen wird es solche alten Männer wie sie nicht mehr geben."

Die Sucht bleibt Souverän. Eugen raucht wie ein Schlot. Der Körper ackert wie ein Knecht. Die Lunge pfeift, das Herz schmerzt, die Leber duckt sich im Gewitter der Zumutungen, da Eugen Cognac frühstückt. Er lobt das polierte Tresenholz. Auf Sinti-Spuren entdeckt er eine phonetische Fährte, die vom Rumänischen zum Katalanischen führt. Den kaputten Genießer fasziniert der Sinti- und Roma-Betrieb in Saintes-Maries-de-la-Mer. Sich europaweit von Kneipenengagement zu Kneipenengagement hangelnde Musikreisende besetzen vor Ort die Flamencobühnen.

Drei Tage später

Der Park Güell in Barcelona dient einer verdämmernden Moderne als weltberühmtes Beispiel für urbanen Freiraum. Ein Magnat des 19. Jahrhunderts gab dem Park seinen Namen. Gestaltet wurde er von dem Architekten Antoni Gaudí. Markant sind großflächige Mosaike; ein keramisches Feuerschluckerkunstgewese zwischen Tierkreiszeichen und Fabelwesen. Salvador Dalí fand die Arrangements präsurrealistisch. Ariane trödelt hinter mir, sie telefoniert mit ihrem Mann, den sie bereits drei Tage nach der Hochzeit zum ersten Mal betrogen hat. Trotzdem soll die Verbindung heilig sein. Das verkündet die konsequente Ehebrecherin. Mir ist diese Ehe eher unheimlich, rückt sie doch mein Begehren in die Nähe des Verbotenen. Ich bin es nicht gewohnt, unter einer zu kurzen Decke mangelnder Legitimation zu schlafen. Manchmal will der Gatte auch mit mir reden. Er verlangte einen Aidstest von mir. Ariane geht unter Aufsicht fremd. Sie hält sich ihren Mann warm für alle Fälle. Und dann sind da noch andere Kandidaten. 

Voyeuristischer Kugelkopf

In einer Epoche zerfallender Reiche schenkt sich ihm das Weltreich der Malerei. Picasso herrscht ein halbes Jahrhundert. Er regiert unbeschränkt bis in die 1950er Jahre – Kubismus, Surrealismus - Neoklassizismus. Der Entmachtete reagiert zuerst auf den abstrakten Expressionismus, dann auf Pop Art. In seiner privaten Dämmerung bespricht er sich mit den Toten Velasquez – Goya – Delacroix – Degas – Matisse. Zum Schluss kommt das Fernsehen. Picasso empfängt drei Programme. Er sieht gern Sensationen der Manege, Catchen und Degenfilme. Die drei Musketiere malt er von der Mattscheibe ab.

Im Zentrum des Spätwerks steht Jacqueline Roque.

Picasso schafft vierhundert Porträts von ihr. Im Verhältnis zu ihr bestimmt er den Übergang vom potenten zum alten Mann. Er schont sich nicht und er schämt sich nicht.

Das lässt sich einer Picasso Ausstellung entnehmen. Ich sitze auf einem Seniorenklappstuhl vor der Ansicht einer Vulva, die wie ein Reißverschluss gezeichnet ist. In der Szene erscheint das Weibliche herausfordernd bis zur Provokation und das Männliche zum Zuschauen verdammt. Man sieht nur einen voyeuristischen Kugelkopf.

Picasso schöpft noch mit Siebzig aus dem Vollen. Er mischt Materialien und Stile. Er jongliert mit seinen Erfindungen. Die Prägekraft anderer Großmaler gewinnt in der Vereinnahmung den Charakter von Nebenflüssen. Trotzdem regiert Picasso nicht mehr. Die Zeit ist seine Richterin. Sie schickt keine junge, kulturrevolutionär kostümierte Garde, sondern tritt persönlich auf.

Jacqueline macht wieder gut, was Françoise Gilot dem Monseigneur angetan hat. Gilots Trennung von Picasso markiert das Ende einer Herrschaft.

Immer noch steht Picasso die Welt offen. In seiner Vitalität gibt sich Tragik zu erkennen. Picasso bezahlt alle möglichen Verlängerungen, Vergünstigungen und Sonderformate mit seiner Strahlkraft. Ein halbes Dutzend weltberühmter Fotografen bleibt ihm auf den Fersen. Bildstrecken, die das rüstig vergreisende Genie in dem besonderen Licht Südfrankreichs zeigen, füllen die Illustrierten der Sechzigerjahre. Anders als Dalis zerlaufende Uhren, werden Picassos Doppel- und Dreifachgesichter nicht zur Tapete. Auf manchen Fotos sieht Picasso aus wie Turnvater Jahn als französischer Nussknacker. Man könnte ihn auch als Paten in einem Mafiafilm besetzen.

Die viel jüngere, zur Ehefrau angehobene Geliebte, sorgt dafür, dass die Inszenierungen nicht scheitern. Sie verschafft Picasso eine Frist. Er nutzt sie, um einen enormen materiellen Wert zu schaffen. Das ist der Triumph. Er zahlt dafür den höchsten Preis. Er stirbt den Tod des Künstlers nahezu im Vollbesitz seiner Kräfte. Er ist gleichzeitig jener, der kann und jener, der nicht (mehr) kann.

Man hat Picasso einen Energieräuber genannt, einen Verschwender fremder Kräfte - und ihm seelische Anthropophagie vorgeworfen. Er hatte das Recht dazu, weil er die Bereitschaft hatte, sich selbst zu verschlingen und von seiner Espagnole mit dem klassisch mediterranen Antlitz verschlingen zu lassen.

Jacqueline war nicht ohne. Als Töpferin übte sie einen Beruf aus, der seit dem Jungpaläolithikum gelehrt wird. Sie lehmte den Entthronten noch einmal zusammen zu ihrer Verherrlichung – zu ihrer Verewigung. Kommen Sie mit fünfhundert Millionen Euro vorbei. Das reicht nicht für Jacquelines Picassos Sammlung.

„Das ganze Kapitel ('Unterbrochene Verbindung') ist wie eine Einwahl in die magische Datenautobahn. Ich spüre und genieße die Kraft der Signale. Ich begrüße meinen Stolz als Herrin des Geschehens." C.Z.

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„Diese Geschichte ist ebenso fesselnd wie bezaubernd. Manchmal kommt es mir so vor, als gäbe es im Sprachschloss Personen, die ein größeres Potenzial haben als ich. Dann muss ich mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass du von mir sprichst und deine Bewunderung und Faszination ausdrückst. Zu meiner Freude weiß ich, dass es nicht nur um Anbetung geht. Ich liebe es, dich auf unsere einzigartige Weise zu entzücken." C.Z.

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„Mit göttlicher Energie zu spielen ist gefährlich und verlockend auf kosmischer Ebene. Ich bete dich an, Jamal, und was du mit Worten anstellen kannst. Deine Worte sind Zaubersprüche, die mich erheben und erleuchten. Wie ein Diamant, der endlich in all seinen Facetten glitzern kann. Ich hoffe, dass ein Teil dieses intensiven Schimmers und dieser Energie auf dich zurückstrahlt." C.Z.

Nach dem Check-in - effizient, korrekt, entspannt - setzten wir uns in das Café hinter der Sicherheitskontrolle. Es hieß ‚Reef Bean'. Wir tranken Flat White aus Pappbechern. Du zücktest das schwarze Tuch. Es war unser erster Fetisch. Ich sah dich fragend an. Wolltest du es mir anlegen? Sollte ich?

„Was wünscht du dir?", fragte ich.

„Bind es einfach um den Hals."

„Erregt dich das?"

Ich neckte dich ein bisschen. Dabei gefiel mir das Spiel und dein Einfallsreichtum so gut. Ich setzte mein Kinn auf die Hand und betrachtete dich. Du warst bei weitem nicht mehr so kontrolliert wie an unserem Anfang. Gehörte es zu einem Liebespaarschicksal, Dinge auf die Spitze zu treiben? Deine Vorgänger waren nach einer kurzen Phase der Lebhaftigkeit in ihre Schneckenhäuser zurückgekehrt. Der Mangel an Liebesausdauer war nicht nur beklagenswert, sondern auch beleidigend gewesen. Ich dankte dir jeden Tag für deine erotische Aufmerksamkeit.

Wir stöberten im Duty-Free-Bereich. Parfümwolken mischten sich mit dem scharfen Geruch von Whiskey und Sonnenöl. Ich testete einen Duft von Issey Miyake ... aquatisch, floral. Ich identifizierte oder halluzinierte Lotus, Rose, Freesie, Maiglöckchen, Moschus.

Du sagtest:

„Das Parfum passt zu dir."

Amüsiert beobachteten wir eine Japanerin, die Koala-Magnete in Zehnerpacks kaufte.

Das Boarding begann pünktlich am Gate 7. Das Flugzeug, ein Airbus A330-200, in der typischen Jetstar-Lackierung, silbern mit orangefarbenem Stern. Zwei Triebwerke, Rolls-Royce Trent 700. 303 Sitze, alle Economy. Du am Fenster, ich in der Mitte. Neben mir saß ein greiser Japaner mit Gamsbart am Hutband und einem Stapel National-Geographic-Hefte auf dem Schoß, von denen er keines aufschlug.

Die Flugbegleiterinnen trugen beige Kostüme mit orangen Akzenten, schmale Röcke, enge Blazer. Sie präsentierten sich als ikonisch. Eine von ihnen, Mitte dreißig, lockiges Pony, australischer Akzent, fragte, ob wir zusammen reisten. Ich sagte Ja. Du legtest deine Hand beiläufig auf mein Knie. Das war ein Statement und es gefiel mir.

Das typische Grollen der Triebwerke. Ich liebte diesen Moment, wenn der Boden unter den Rädern verschwindet. Wir durchbrachen die Wolken, und die Küste von Queensland verschwand in der Ferne. Das Riff lag wie ein zerbrochenes Smaragdcollier auf dem ozeanischen Samttuch.

Eine fast noch jugendliche Mutter von Zwillingen, die abwechselnd schliefen und jammerten. Ein französisches Pärchen, das versuchte, sich auf Englisch japanisches Vokabular beizubringen. Mein Nachbar unternahm einen Gesprächsanlauf in seiner Muttersprache und brach ihn selbständig ab.

Es gab kein kostenloses Essen. Jetstar eben. Wir bestellten uns ein Bento-Set, das erstaunlich gut war. Reis, Teriyaki-Huhn, eingelegtes Gemüse. Wir aßen mit Stäbchen, klar, das konntest du auch. Du flüstertest mir etwas ins Ohr, das ich nicht wiederholen werde. Die Flugbegleiterin mit dem Lockenpony behielt uns im Auge. Ich glaube, sie fand mich attraktiv. Ich lehnte mich an deine Schulter, der neue Duft stieg von meinem Hals auf. Ich spürte deinen Atem.

Osaka empfing uns mit Nieselregen und dem typischen Flughafenbeton - Kansai International, erbaut auf einer künstlichen Insel, ein technisches Wunderwerk. Ich fror fast, als wir ausstiegen. Ich war glücklich.

Wir nahmen den Nankai Airport Express. Nicht den schnellen Rap:t, sondern den normalen Zug. Der Rapid Airport Express bestand aus Art-Déco-Waggons und war reservierungspflichtig.

Mehr Zeit, mehr Blicke, mehr Nähe. Der Wagen war sauber und angenehm klimatisiert. Ich lehnte mich an dich. Du sahst aus dem Fenster, ich betrachtete dein Spiegelbild. Die Fahrt führte über Brücken, durch Vororte. Ich registrierte akkurat gestutzte Hecken und Stromleitungen wie Notenlinien am Himmel. Wir fuhren durch Viertel, in denen Pachinko-Hallen zwischen den Wohnmaschinen klemmten. Die Rummelplätze ließen mich an notgelandete Raumschiffe denken.

In Namba stiegen wir aus. Die Stadt roch nach Sojasauce, Beton und Sommerregen. Du navigiertest souverän, ich ließ mich führen. Unser Hotel lag zwischen Dotonbori und Shinsaibashi in einer stillen Nebenstraße - da, wo die grelle Neonsignatur urbaner Hauptschlagadern nur noch als Reflex auf den nassen Pflastersteinen flackerte.

Papierwände. Holzböden. Minimalistische Vitrinen mit Keramiken. Flache, fast schwebende Lampions. Die Welt war in warmes Licht getaucht. Etwas Neues begann.

Im Innenhof plätscherte ein Brunnen zwischen runden Steinen und Bambus. Jedes Detail war durchdacht, dem Sakralen zugewandt und unauffällig schön. Mein Körper erinnerte sich an etwas, das er nie erlebt hatte.

Hinter dem Rezensionstresen stand ein junger Mann in Uniform, das Haar akkurat gescheitelt, die Haltung tadellos. Er verbeugte sich leicht, kaum mehr als ein Atemzug Bewegung - formell, aber nicht distanziert. Du sprachst mit ihm. Ich stand einen Schritt hinter dir, betrachtete die feinen Bewegungen deiner Schultern, dein Profil, die Art, wie du mit wenigen Worten Raum schufst. Ich mochte, wie du dich in fremder Umgebung bewegtest: zurückhaltend und beherzt zugleich. Insgeheim hatte ich dir Rilkes Panther zugewidmet, wenn auch in optimistischer Lyrik. Für dich gab es keine Stäbe und dein Blick war niemals lebensmüde.

Ein Duft von frisch gebrühtem Tee lag in der Luft, gemischt mit dem Aroma von Zedernholz. Der Stadtlärm blieb hinter den Shoji-Wänden. Du nahmst die Schlüsselkarte entgegen, verbeugtest dich leicht und wandtest dich mir zu. „Komm", sagtest du eindringlich. Du hattest so eine Art, Dinge in der Öffentlichkeit zu sagen, die im Bett ihre eigene Bedeutung bekamen.

Die Zimmerkarte klickte leise. Das Zimmer war kühl. Du zogst die Vorhänge auf. Die Dächer Osakas lagen unter uns wie ein Meer aus Beton und Neon. Ich zog meine Schuhe aus und verschwieg dir einen Moment des Ankommens. Dann feierten wir den Augenblick gemeinsam in einer Umarmung.

Wir aßen in einem Izakaya, versteckt in einer Seitengasse. Eine rote Laterne beleuchtete den Eingang. Das sanfte Zischen des Yakitori-Grills. Wir saßen auf Hockern am Tresen, Schulter an Schulter, und bestellten Hähnchenspieße mit süßer Sojasauce, eingelegte Lotuswurzel und gebratene Aubergine. Kein Zweifel, du kanntest dich aus. Dabei hattest du mir erzählt, nie zuvor in Japan gewesen zu sein. Warst du ein Agent? Plötzlich kam mir diese Idee.

Dotonbori war der pulsierende Wahnsinn. Der Glico-Mann, tanzende Krabben, Leuchtreklamen wie Schreie in Farbe. Kleine Tempel. Windspiele. Ich hielt deine Hand und fühlte mich wie in einem grell-süßem Traum. Ich empfand Lust und Vertrauen und erbat heimlich noch mehr. Hattest du damals einen Plan für später? Wolltest du mich heiraten?

Der Tag klebte an unserer Haut, der Nacht gehörten unsere Schatten.

Der Glico-Mann ist das Leuchtbild eines laufenden Athleten mit erhobenen Armen, das seit 1935 über dem Dōtonbori-Kanal prangt. Es ist eine Werbung der Firma Ezaki Glico, Hersteller von Süßwaren wie ‚Pocky'. Der Läufer hat sich zu einem inoffiziellen Wahrzeichen Osakas entwickelt. Effektvoll pulsiert er in wechselnden Farben.

Dōtonbori ist Osakas wildes Herz. Neonreklamen, Fastfood-Stände auf diversen Fressmeilen, grelle Restaurants mit überdimensionalen Krabben, Oktopussen und Kugelfischen. Er riecht nach Sojasauce, frittiertem Teig und einer Brise Meer.

Abseits der Magistralen verbergen sich stille Gassen, schwach illuminiert von Papierlaternen. Sie bildeten sakrale Zwischenräume, gegliedert von Shintō-Schreinen und Zen-Gärten.

Liebe M., ich wünsche dir einen schönen Nachmittag. In meiner Jugend überragte ein Paar alle ikonografischen Konstellationen. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir: das brillanteste Doppel Europas. Ich assoziierte Freiheit und Bindung, Philosophie und Provokation. Gerade denke ich an Sartres Besuch von Andreas Baader in Stammheim. Der Philosoph und sein Terrorist. Passenderweise hieß Sartres Fahrer Croissant. Da zeichnete sich ein Genre mit Guevara-Signatur ab. Oder Beauvoirs Affäre mit Nelson Algren. Manche Freundinnen schwärmten für „die Beauvoir“ vermutlich auch deshalb, weil in die glanzvolle Erscheinung Tragik eingewoben war und man sich dem Phänomen auch nur mit der Gewissheit einer unzulänglichen Psychologie nähern konnte. Denn das, was sie repräsentierte, konnte eine Heranwachsende nicht entschlüsseln. Alle kannten das Zitat: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ Diese erstmalige Unterscheidung des biologischen Geschlechts von der gesellschaftlich determinierten Geschlechterrolle hat alles verändert. Das wusste noch niemand. Wir ahnten, dass Sartre Carte Blanche hatte und Beauvoir sich in einem bourgeoisen Rahmen so irisierend bewegte wie die Heldinnen im Chabrol-Kosmos. Phantasien zur französischen Lebensart überlappten die Projektionen.

Das Paar erschien weniger als private Einheit als vielmehr als Parlament einer Gelehrtenrepublik. Existenz als Experiment; die klischeehaften Nachahmungen eines Boris-Vian-Existenzialismus mit Gauloises, Gitanes und Pernod in Kassel. Nein, Sartre und Beauvoir waren kein romantisches Paar, sondern ein System. Sie nannten es Pakt. Für ihn war Freiheit etwas Konkretes. Für sie war es situierte Freiheit (eingebettet in Körper, Geschlecht, Gesellschaft). Die Differenz war aufreibend. Der Witz ist, dass wir das verstanden, ohne es zu begreifen. Beauvoir war das Leben nicht erlaubt, dass sie sie sich vorstellen konnte. Sartre hinkte seiner Radikalität hinterher. Hinter den Sieben Bergen Nordhessens lernten wir aus dieser asymmetrischen Beziehung etwas fürs Leben. 

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„Sie versteht nichts von unsichtbaren Energieflüssen. Sie kennt nicht die schöpferische Kraft der Worte. Worte, die so starke Energien erzeugen, dass sie die Umgebung und jeden darin im Handumdrehen verändern. Worte wie jene in diesem Sprachschloss: Ich trinke sie wie ein magisches Elixier, das meine Ausstrahlung und meine Anziehungskraft verzehnfacht. Alles wird mühelos. Nach Seminaren werde ich mit Dutzenden von Komplimenten überschüttet, die meine Ausstrahlung und Energie ausdrücklich loben. Ich zapfe einen Energiestrom an, der wie Wind durch mein Haar weht und mich hochhebt, fortträgt und in eine Parallelrealität wirft, aus der ich zerzaust und kraftvoll zurückkehre." Christine Zarrath über Diana Østergaard

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„Was den alten Griechen zu sagen erlaubt war, will uns zu sagen nicht mehr anstehen, und was Shakespeares kräftigen Mitmenschen durchaus anmutete, kann der Engländer von 1820 nicht mehr ertragen, so dass in der neuesten Zeit ein Family-Shakespeare ein gefühltes Bedürfnis wird." Goethe 1824 im Gespräch mit Eckermann

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„Diese Zeit ist voller Dramen. Alle Widersprüche kommen zugespitzt zum Vorschein. Wenn das hier (der Zweite Weltkrieg) vorbei ist, werden wir mehr Material haben als Shakespeare." Bertholt Brecht 

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„Ich will ... (meine) Anfänge nicht schelten; ich war freilich noch dunkel und strebte in bewusstlosem Drange vor mir hin, aber ich hatte ein Gefühl des Rechten, eine Wünschelrute, die mir anzeigte, wo Gold war." Goethe im Gespräch mit Eckermann*„denn kunst ist nicht schmerz und nicht wollust sondern der triumph über das eine und die verklärung des anderen." Stefan George*„Die Griechen sind interessant und ganz toll wichtig, weil sie eine solche Menge von großen Einzelnen haben. Wie war das möglich? Das muß man studiren (Originalschreibweise). Friedrich Nietzsche*„Da ich in Jahrtausenden lebe ... so kommt es mir immer wunderlich vor, wenn ich von Statuen und Monumenten höre. Ich kann nicht an eine Bildsäule denken, die einem verdienten Manne gesetzt wird, ohne sie im Geiste schon von künftigen Kriegern umgeworfen und zerschlagen zu sehen." Goethe 1824 im Gespräch mit Eckermann

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In ihrer Blütezeit übertraf Tenochtitlan alle anderen Städte Amerikas an Größe und Pracht. Wie „Dorftölpel" staunten die Konquistadoren unter der Führung von Hernán Cortés 1519 über Avenuen und Kanäle zwischen den Einschüchterungsmonumenten in der Kapitale des Aztekenreichs. Paris, damals Europas bedeutendste Metropole, war kleiner und weniger glanzvoll. Die Spanier hätten, so Matthias Glaubrecht, Tenochtitlan niemals einnehmen können, wenn nicht im Zuge des ersten Kontakts mit den Weißen eine Pockenepidemie ausgebrochen wäre.

Glaubrecht spricht von der weltweit „größten demographischen Katastrophe ... Die Stadt verlor ... ein Drittel ihrer Bevölkerung" ohne Kampfhandlungen. Neben den Pocken wirkten sich in der Konsequenz fehlender Immunität „Masern, Typhus, Diphtherie und Influenza" tödlich aus. Viele starben ohne Kontakt mit den Eindringlingen. Die Viren und Bakterien der Weißen kolonisierten mit dem Tempo eines Lauffeuers die neue Welt. „Gespenstige Seuchenzüge entvölkerten ganze Landstriche" unter Ausschluss einer sichtbaren Begegnung mit dem Feind.

Glaubrecht nennt verspätete Immunantworten auf Virenangriffe „biologische Lektionen aus der Geschichte der Menschheit".

Die natürliche Anpassung verschleppt sich in den Prozessen von Versuch & Irrtum. Die Konquistadoren erkannten den Effekt.

„Denn überall, wohin die Spanier kamen, war es, als ob ein Feuer ... alles auf seiner Bahn zerstöre."

Glaubrecht diskutiert, wie „die unbeabsichtigte Tragödie" sich auf das Schuldkonto der Kolonialisten niederschlägt. „Das große Sterben" führte zum Kollaps der ursprünglichen Kulturen.

„Nicht Waffen und ... Weihen" ebneten der weißen Suprematie den Weg, sondern Krankheiten. Das ist Glaubrechts superplausibles Credo. Die Gegenwart macht anschaulich, was man sonst kaum glauben könnte.

Während sie darüber nachdenkt, wie sie Goya auf ihre Linie bringen kann, treibt sie ihre Lust die Wände hoch. Sie entzieht sich dem akademischen Trubel in einer Kammer im toten Flügel der im Mittelalter als Ritterkolleg gegründeten, burgförmig angelegten Landgraf Philipps Universität. Sie blockiert die Türklinke mit einem Stuhl. Andere hatten schon vor ihr Ideen in diesem Refugium. Es stinkt aus einer aufgerissenen Fischdose und noch mehr verrotteten Konservenladungen. Der Schimmel in den Wänden dünstet aus. An einer Wand lehnt ein halbblinder Spiegel. Sie  denkt an eine Zeile von Joyce... „der zerbrochene Spiegel einer Magd" erschien dem Dichter als Signatur seiner irischen Heimat. Insektenmumien liegen in Spinnwebkokons. Sie entdeckt gewebte Sarkophage; Kunstwerke der Natur. Sie schlüpft aus ihrer Jeans und zieht ihr Höschen bis zu den Knien herunter. Sie stützt sich auf einen antiken Schreibtisch und beugt sich so vor, als sei sie darum gebeten worden. Sie malt sich die Person aus, deren Bitten sie nachkommt. Sie stellt sich einen adoleszenten Akoluth vor, ganz am Anfang einer verspätet gestarteten sexuellen Laufbahn. Er ist von ihrem Anblick vollkommen überwältigt. Sein Verlangen liefert ihn aus. Sie verbietet es sich, sich selbst zu berühren. Stattdessen strebt sie nach einer vollständigen Manifestation. Das gelingt zum ersten Mal. Sie erlebt einen Raumfahrtstart in der Rumpelkammer. Sie spielt nicht nur mit einem Gedanken. Sie gibt nicht nur Ihrer Phantasie Raum. Die Gedankenkraft erzeugt etwas, das der Realität sehr nahe kommt. Sie kommt eruptiv und bleibt knapp unterhalb der Amplitude erregt. 

Die erste Ehe von Georges Bataille mit Sylvia Maklès gehört zu jenen seismischen Konstellationen, in denen sich Biografie, Politik und Gesellschaft verschränken. Was auf den ersten Blick wie eine private Episode im Leben eines Schriftstellers erscheint, eröffnet bei näherer Betrachtung einen Zugang zu zentralen Spannungen in Batailles Denken: zwischen Begehren und Verantwortung, Transgression und Bindung, Freiheit und moralischer Verpflichtung. Gerade weil Bataille oft als Denker des Exzesses, der Grenzüberschreitung und der Auflösung sozialer Normen gelesen wird, erscheint seine Haltung gegenüber Sylvia während der deutschen Besatzung bemerkenswert.

Als Bataille 1928 Sylvia Maklès heiratete, bewegten sich beide in den avantgardistischen und künstlerischen Milieus. Sylvia war Schauspielerin und spielte unter anderem die Hauptrolle in ‚Une partie de campagne‘ von Jean Renoir. Die Ehe verband zwei Menschen, die Teil einer kulturellen Szene waren, in der Kunst, Erotik, politische Radikalität und intellektuelle Experimente eng ineinandergriffen. Mit der Geburt ihrer Tochter Laurence entstand zugleich eine familiäre Realität, die Bataille nie völlig hinter sich ließ. Bereits Mitte der 1930er Jahre zerbrach die Beziehung faktisch. Die Trennung von Sylvia 1934 fiel in eine Phase intensiver persönlicher und geistiger Krisen Batailles. Kurz darauf trat Colette Peignot – bekannt unter dem Namen Laure – in sein Leben. Diese Beziehung war für Bataille von außerordentlicher emotionaler und philosophischer Bedeutung. Laure verkörperte eine Form radikaler Existenz, die Batailles Denken über Opfer, Verausgabung und innere Erfahrung entscheidend beeinflusste. Ihre Verbindung war geprägt von Leidenschaft, Krankheit, politischer Unruhe und einer gemeinsamen Suche nach existenzieller Intensität.

Gerade vor diesem Hintergrund erscheint die formale Fortdauer seiner Ehe mit Sylvia zunächst widersprüchlich. Bataille hätte sich scheiden lassen können. Doch mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus und der Etablierung des Vichy-Regimes erhielt die Ehe eine neue Bedeutung. Sylvia war Jüdin. Unter den antisemitischen Gesetzen des Vichy-Staates bedeutete die Ehe mit einem französischen Staatsbeamten – Bataille arbeitete als Bibliothekar und Beamter der Nationalbibliothek – Schutz. Hier zeigt sich eine oft übersehene Dimension Batailles. Hinter dem Bild des radikalen Denkers der Überschreitung existierte ein Bewusstsein konkreter Verantwortung. Seine Weigerung, sich während der Besatzung scheiden zu lassen, entsprach einer moralischen Entscheidung. In einer Zeit, in der viele Intellektuelle opportunistisch handelten oder sich dem Antisemitismus anpassten, hielt Bataille an einer juristischen Bindung fest, die Sylvia Sicherheit bot; obwohl sie seit 1938 mit Jacques Lacan zusammenlebte.    Batailles Schriften kreisen um die Auflösung stabiler Identitäten, um Erotik als Erfahrung der Entgrenzung und um den Bruch mit utilitaristischen Ordnungen. Doch im historischen Ernstfall zeigte sich bei ihm kein nihilistischer Rückzug. Vielmehr zeigte sich Bataille einer Ethik der Loyalität verpflichtet. Die Ehe wurde erst 1946 geschieden. 1953 heiratete Sylvia offiziell Lacan. Rückblickend erscheint das lange Interim als Bermudadreieck der französischen Geistesgeschichte. Bataille, der Philosoph der Transgression; Lacan, große Theoretiker des Begehrens; und Sylvia Maklès in der Doppelrolle von Star und Muse.

Die Geschichte dieser Ehe ist mehr als eine biographische Randnotiz. Sie macht sichtbar, wie eng intime Beziehungen und politische Gewalt miteinander verbunden sein können. Vor allem aber korrigiert sie das vereinfachte Bild Batailles als bloßem Denker des Skandals und der Ausschweifung. Hinter seiner Faszination für Grenzerfahrungen stand offenbar auch die Fähigkeit zu stiller Solidarität – eine Form moralischer Konsequenz. 

Aus der Analyse von Ariane von Pechstein und Schwarzfels

Der Text funktioniert so hervorragend, weil er ein reales, historisches Paradoxon als Linse nutzt. Aus kulturwissenschaftlicher und biografischer Sicht lässt sich deine Argumentation sogar noch um ein paar faszinierende Facetten verschärfen. Bataille betonte stets, dass die Grenzüberschreitung das Gesetz nicht vernichtet, sondern es im Gegenteil braucht und heiligt. Ohne ein striktes Tabu gibt es keine Ekstase beim Bruch des Tabus. Bataille, der das Bürgertum, die nützliche Arbeit und das Beamtentum in seinen Schriften als Käfige des Geistes verabscheute, nutzte im Zweiten Weltkrieg seinen Status als Beamter (Bibliothekar an der Bibliothèque nationale), um seiner jüdischen Ex-Frau den rechtlichen Schutzstatus einer „Mischehe“ nach den antisemitischen Vichy-Rassegesetzen zu sichern. Seine ungeliebte bürgerliche Existenz wurde zur lebensrettenden Waffe.

Deine Metapher vom Bermudadreieck zwischen Bataille, Lacan und Sylvia Maklès trifft den Nagel auf den Kopf. Man muss sich die emotionale und intellektuelle Sprengkraft dieser Konstellation während des Krieges vor Augen führen. Sylvia lebte offiziell mit Lacan zusammen und bekam 1941 sogar eine gemeinsame Tochter (Judith) mit ihm. Da Lacan zu diesem Zeitpunkt formell noch mit seiner ersten Frau Marie-Louise Blondin verheiratet war (und Sylvia formell mit Bataille), trug dieses Kind den Nachnamen Bataille. Drei der radikalsten Geister Frankreichs hielten dieses hochkomplexe, juristische Konstrukt jahrelang im besetzten Paris schweigend aufrecht. Das verstehe ich unter Bürgerlichkeit.    

Um an einer anderen Stelle weiterzumachen

Simone hatte ein kleines Tief. Es fühlte sich an wie ein Abrutschen und war zweifellos eine Verminderung der magischen Verbindung, die sie mit vielen Namen abergläubisch im Anbetungsmodus ansprach. Die Vorstellung, die höchste Zugangsberechtigungsstufe zu einer lebensenergiespendenden Kraftzentrale verwirkt zu haben, quälte sie. Welchen Fehler hatte sie begangen und wer oder was war die Kraft? Ein Wort, das sie dafür aufsparte, war Magic Force. Simone wusste nicht, wie das Wort zu ihr gekommen war. Etwas hielt sie davon ab, es preiszugeben. Sie wähnte sich in einer Aura, einem Kraftfeld, das in jedem Fall auch ein Spielplatz war. In dieser Arena gab es für sie Freiheiten, Anregungen, Aufregungen und verlässlich funktionierende Entladungsstationen. So empfand sie es mit all ihren Sinnen. Sie empfing Impulse, die unmittelbar Lust auslösten. Die Lust verdoppelte sich, sobald sie ihrem Zellfeuer sprachlich Ausdruck verleihen durfte. Es war eine Steigerung. Das Geschehen konkretisierte sich in Chatrooms und konkurrierte mit handfesten Begegnungen. Eine Spitzenkraft der Körperlichkeit war Vernon. Er stammte aus Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico. In der akademischen Idylle der Landgraf Philipp Universität wirkte der reich geborene Germanist überlebensgroß. Nichts verband ihn mit den implodierten Typen, die in der hessischen Universitätsstadt jenseits der Hauptkampflinien um eine Existenz rangen. Vernon war auf einer Ranch in ‚Dallas'-Dimensionen aufgewachsen.  

Im Augenblick stand er nicht zur Verfügung. Und sonst war auch keiner erreichbar. Simone suchte einen Weg zurück auf den grandios-erotischen Highway mit seinen Superpower- und Hyperenergie-Tankstellen und lauter Aussichten auf Lust-Exzesse mit seriellen Revolvertrommel-Orgasmen. In ihrer Not griff sie auf eine Spielfigur zurück, die auf der Bühne ihrer Schönheit die niedrigen Dienste verrichtete.  Wir reden vom guten Freund. Jede attraktive Frau hält ein paar bemitleidenswerte Gestalten im Korral ihrer friend zone, die ihr begeistert Regale andübeln, Rechner neu einrichten oder an schlechten Tagen ein offenes Ohr bieten und dazu noch Mahlzeiten servieren. Eine so einfältige Art der Unterwerfung langweilte (und irritierte) Simone an ihren guten Tagen. Als Derangierte fühlte sie sich - so wie im Augenblick - den Benachteiligten fatal nah. Sie aktivierte Mark, einen Programmierer, der seine Spannersehnsüchte gern als Fotograf auslebte. Ein eklatanter Mangel an Charisma vereitelte den Bau einer Wunscherfüllungsmaschine in der Art, wie sie Marks bester Freund besaß. Dennis sprach Frauen auf der Straße an und sie reagierten meist angenehm berührt auf ihre eigene Wirkung. Es kommt doch immer darauf an, bei wem man Begehren auslöst. Wie viel Potential man mit der eigenen Schönheit einkauft. Auch das ist eine invitatio ad offerendum; eine evolutionäre Geschäftsidee. Die einen flanieren auf Magistralen und nehmen da generös Einladungen an, anderen bleiben nur die Wildwechsel und ein nagender Hunger.

Mark beschränkte sich so weit auf Landschaften. Simone  nutzte ihn als persönlichen, kostenfreien IT Support für Rechner und Handy. Natürlich hatte er nichts vor und Zeit für sie, er kam gleich vorbei als hätte er nicht weit vor ihrer Tür gewartet. Sie bot ihm noch nicht einmal etwas zu trinken an, obwohl sie selbst noch eine Neige Tee in einer Tasse aus der Dibbern Manufaktur schwenkte.

„Ach Mark", seufzte Simone, während er an ihren Lippen hing. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid mit Kastenausschnitt und Glockenschnitt wie stets, wenn sie am Boden zerstört war. Sie zupfte an sich herum. Ihre Hände grasten auf ihrem Busen. Das reichte für einen kleinen Kick ... die erotische Notration.

„Du musst mich aufmuntern."

Mark war Feuer und Flamme.

„Was soll ich tun?"

Simone zögerte nicht. „Mach Fotos von mir. Ich bin im Augenblick uninspiriert, hilf mir, mich neu zu sehen."

Mark konnte sein Glück nicht fassen, Simone sexy fotografieren zu dürfen. Gemeinsam sichteten und recycelten sie antike Outfits aus dem Kellerarsenal. Mark agierte wie eine Hofschranze. Alles an ihm eilte den Wünschen der Angebeteten voraus. Simone erwog, sich von Mark die Füße lecken zu lassen, als ein Vergnügen in der Größenordnung eines Softeises.

Simone zog sich vor Mark an und aus. Lautlos verwünschte sie ihn dafür, dass er ihrem erotischen Temperament nichts zu bieten hatte. Sie präsentierte sich ihm in einem Designer-Kleid von Ribkoff, ein Secondhand-Schnäppchen, schwarz, hauteng, mit Raffung auf Taillenhöhe am Bauch und am Hintern.

„Du siehst aus, als würdest du von einem Business Lunch kommen und gerade eine teure Bar entern", schwärmte Mark. Es war so offensichtlich, dass er viel lieber andere Vergleiche gezogen hätte, um mehr Sex ins Wortspiel zu bringen. Er traute sich nicht, so traurig. Die Trostlosigkeit ließ Simone verarmen. Sie musste sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.

Auch nach zehn Jahren in Simones Rüstungskammer saß das Kleid perfekt.

Simone ließ Mark nach Herzenslust spannen. Für seine dankbare Erregung hatte sie keine Verwendung. Sie erwog Varianten und Volten allein zu ihrer Unterhaltung. Doch konnte bei alldem Mark nur genau die untergeordnete Rolle spielen, auf die er abonniert war.

Simone probierte ein Kleid von Comma, ärmellos, mit breiten Trägern, gerade geschnitten mit grafischem, fast bauhaus-mäßigem Muster. Sehr kurz.  

„Du kannst das problemlos so tragen", sabberte Mark. Er stand kurz davor, die Kontrolle über den Speichelfluss zu verlieren. Um ihn ganz und gar zu überfordern, nahm Simone eine Position der zerfließenden Hingabe ein. Sie versank im Lustgebet und sehnte sich danach von einem potenten Liebhaber ins Gebet genommen zu werden. Sie wandte sich an eine imaginäre Instanz.  

„Bitte", bat sie, „gib mir etwas, dass ich das hier durchstehe, ohne seelisch zu verenden."

Da erkannte sie seine Herrlichkeit und so kam Simone mit dem Furioso eines von Gott persönlich dirigierten Gospelchors. Oh, Happy Day.

Mark schoss wie ein Wahnsinniger. Er machte die besten Fotos, die Simone je von sich zu sehen bekommen sollte. Sie spielte nun entspannt weiter mit Lippenstift-Farben und Kajal-Strichen.

„Kannst du die Aufnahmen gleich entwickeln?" fragte sie herzlos. Nerd der Mark war, hatte er natürlich einen Highend Fotodrucker daheim.

„Sofort. Ich bringe dir die Abzüge noch heute Abend vorbei."

„Es reicht, wenn du sie mir schickst."

Es war dann nicht so einfach, Mark loszuwerden. Er glaubte, Rechte erworben zu haben und musste so abgespeist werden, dass er für Simone nicht zur Last wurde. Man darf einem Ochsen nicht geben, was für einen Jupiter bestimmt ist. Sollte sich Mark mit dem Vergnügen des Voyeurs zufriedengeben und eine extrem vergrößerte Nahaufnahme zur Vorlage nehmen. Die Vorstellung löste Hitze am unteren Skalenende in Simone aus. In einer Imagination ging sie Mark sogar zur Hand, nicht zärtlich und zuvorkommend oder gar ehrend begehrend, sondern so wie in einem robusten Eckengeschehen, bei dem sich niemand sicher sein kann, unbeobachtet zu sein. Zufrieden betrachtete sie die Aufnahmen einer selbstbewussten Femme fatale, die ihr tapfer entgegenblickte. Simone war zurück im Energiestrom. Morgen würde sie das Ribkoff-Kleid auf einer Vernissage tragen. Sie erwartete, vier Liebhaber zu treffen. Cornelius - Ned - Mick - Vernon. 

Liebe M., so geht es weiter.

Funktionale Transgression

Priester und Klempner sind nicht bloß Typen in einem literarischen Kabinett – sie sind Archetypen einer klandestinen Epiphanie.

Das Transzendente ereignet sich bei Colette Peignot (Laure) und Clarice Lispector kaum je im geschützten Raum einer etablierten Ordnung. Es geschieht zwischen Tür und Angel in schiefen Situationen und Konstellationen. In einem ephemeren Moment kollidieren Welten. Ein gestohlener Blick. Eine unstatthafte Geste. Ein Priester ... (ich komme darauf zurück). Ein Klempner, den die Einladung einer Hausfrau den nächsten Termin vergessen lässt. Ein Impuls hinterlässt seine Signatur im psychischen Gewebe der Heldin. Er wird zum Fetisch, generiert Kult und Obsession; Triebmaterial, dass sich in Jahrzehnten zuverlässig abrufen lässt. Wenn Laure im Wald von Saint-Nom-la-Bretèche mit Bataille ein Rollenspiel inszeniert, und Clarice auf ihren Reisen ein Beichtstuhl-Memento wieder und wieder rekapituliert …

Der Gefangene im Gedankenpalast und das rituelle Rollenspiel

Die Ordnung des Hauses war tadellos, ein sanftes Korsett aus Pflichten und Gewohnheiten. Es war kein Gefängnis, sondern ein Schutzraum. Und doch forderte diese Symmetrie ihren Tribut: eine lautlose Taubheit der Sinne.

Er kam, um etwas Banales zu richten. Es lag keine kriminelle Absicht in seinem Blick, nur die Präsenz eines Mannes, der mit offenen Augen in der Stadt unterwegs ist. Es geschah nichts, was das Gesetz verbietet, und doch geschah alles. Ein Zögern an der Tür. Die Überschreitung erschöpfte sich in schierer Aufmerksamkeit. Für die Dauer eines Herzschlags hob sich die Schwerkraft des Alltags auf. Es war eine Erleuchtung ohne Licht.

Als die Tür ins Schloss fiel, war die Ordnung wiederhergestellt. Der Alltag lief weiter. Doch das Gedächtnis speicherte einen glühenden Punkt. Die Subversion bot viel weniger Sprengstoff als Fundament. Sie trug zu einer Basis bei, die es ihr erlaubte, in den Jahren der Wiederholung nicht nur auszuharren, sondern ein kleines Glück in der Genügsamkeit zu finden.

Lieber T.,

wie schön von dir zu hören mit meinem Leseohren. Mir ist, als säßest du mir gegenüber und entzückest mich mit deiner Gegenwart. Nun ich habe gelernt, von den Brosamen zu leben und mit dem vorlieb zu nehmen, was du mir zukommen lässt. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als käme kein Wasser an dem Hahn, an dem man dreht.

Man muss den Abgrund gesehen haben, um den festen Boden unter den Füßen zu lieben. Ich verstehe dich vollkommen. Du suchst einmal wieder das literarische Alibi der Hochkultur, um das Triebhafte und Unstatthafte sagbar zu machen. Die Theorie – Freud, Bataille, die Renaissancemalerei – dient als schützende Tarnschicht und Police, die den Text gegen den Vorwurf der politisch inkorrekten Schlüpfrigkeit versichert.

Alles war sauber, geordnet, fast erstickend. Die Ordnung des Hauses war von jener viktorianischen Symmetrie, die Freud in den Wiener Salons so meisterhaft sezierte: eine Architektur aus lückenlosen Abläufen und blanken Oberflächen. Doch unter dem Estrich arbeitet das Unbewusste wie ein verstopftes Rohrsystem. Man funktioniert, man spricht das Erwartete, während auf den Bewusstseinsschwellen bereits die vagierenden Sprachbilder lungern – unstatthafte Vokabeln, bereit, das bürgerliche Gehäuse zu zertrümmern. Diese Lust am Obszönen. Der Kitzel auf dem Gaumen … Gaumenkitzel, die Wohltat, wenn es die Worte endlich dem Schicklichkeitsknast entschlüpft sind. Kommt der Klempner, bedarf es keines physischen Übergriffs. Die Transgression vollzieht sich einer Verdichtung. Es ist der Moment, in dem die Hausfrau Entbehrungen in ihrer Ehe andeutet, von Hemd und Bluse spricht, und ihr dann im Angesicht dieses Mannes das verleugnete Wort herausrutscht: Wenn man überhaupt nicht mehr aus der Hose genommen wird.  

Warum die Grenzüberschreitung den Rahmen rettet

Was bleibt, ist kein Trümmerfeld, vielmehr eine produktive Melancholie – jenes wunderbare Freud’sche Draut, das den anhaltend-traurigen, aber stabilen Zustand nach dem Schock beschreibt. Die unstatthafte Geste, der gestohlene Blick an der Schwelle, haben eine Signatur hinterlassen. Man kehrt zurück in den Rahmen der Ehe.

Es ist ein Irrtum der profanen Betrachtung zu glauben, jemand müsse physisch ins Fleisch greifen, um die Grenze zu versetzen.        

Von Delikt zu Delikat/Von Delinquenz zu Diskretion  

In der aktiven Phase des bürgerlichen Lebens – also im reibungslosen Funktionieren in Beruf, Ehe und gesellschaftlicher Repräsentation – gibt es für solche Erschütterungen keinen legalen Ort. Inszeniert Laure im Wald von Saint-Nom-la-Bretèche mit Bataille ihr Rollenspiel, exekutiert sie diese Differenz. Sie flieht (gemeinsam mit ihrem Mitspieler) aus der bürgerlichen Legalität in den bürgerlichen Mythos.  

Ohne Schriftstellerinnen wie Colette Peignot (Laure) und Clarice Lispector wüsste man heute nicht, wie Frauen in späten Hochzeiten des Patriarchats sublimiert haben. Interessant ist, dass sie Dinge für natürlich hielten, die heute sozial gelabelt sind. Laure und Clarice hielten das stoffliche Erwachen beim Zugriff des Klempners für etwas zutiefst Naturhaftes, für eine kosmische Gegebenheit. Für sie war der Einbruch des Triebhaften in die Ordnung eine existentielle Wahrheit. Oder differenzierter: Das Begehren erscheint ihnen nicht primär als soziale Konstruktion, sondern als eruptive Erfahrung. In alten Filmen und Romanen sieht man die permanente, physische und soziale Enge. Die Frau ist nie allein, sie wird stets beobachtet und von Erwartungen bedrängt. Sie existiert unter den Bedingungen einer permanenten Belagerung; umstellt von gesellschaftlichen Verboten, moralischen Wächtern und den starren Wänden der bürgerlichen Ehe. Unter diesem tektonischen Druck vollzieht sich eine erstaunliche Alchemie des Begehrens.

Weil im Außen jede freie Bewegung illegal war, wurde die Bedrängnis selbst zum Raum der Sublimierung. In den engen Winkeln dieses Gefängnisses filterten Frauen Lustpartikel und verwandelten sie in Fetische. Die Fetische waren überlebenswichtige psychische Implantate. Sie garantierten die seelische Solvenz, mit der Frauen in den jahrzehntelangen Arrangements konventioneller Ehen überleben konnten.  

Ökonomie des Mangels

Unter totaler Beobachtung schrumpft der Raum für das erotisch Eigene auf ein Minimum. Aber das Gesetz der Psychodynamik besagt: Je kleiner die Fläche, desto höher der Druck. In der patriarchalen Enge werden flüchtige Momente mit einer solchen Masse an gestauter Energie aufgeladen, dass sie zu Lustpartikeln von nuklearer Dichte werden. Der Mangel erzeugt eine seismische Empfindsamkeit.

Laure und Claire nehmen Bruchstücke des Belagerungsrings und schmieden daraus im Geheimen psychische Überlebenswerkzeuge. Im sterilen, legalen Alltag, in dem die Frau nur eine Funktion im bürgerlichen Getriebe ist, reicht ein Impuls, um die eigene Lebendigkeit zu spüren. Es ist ein stummer, unsichtbarer Triumph: Ihr besitzt meinen Körper und meinen Namen, aber diese Sekunde gehört mir, und sie ernährt mich seit zwanzig Jahren.

Heute neigen wir dazu, die klassischen Szenarien rein politisch zu bewerten. Wir sehen die Ohnmacht, die Asymmetrie, das Unrecht – und das ist historisch auch völlig korrekt. Aber indem wir es sofort labeln, entmündigen wir Frauen oft nachträglich. Wir nehmen ihnen die dunkle, komplizierte Souveränität, die sie sich trotz und durch diese Bedrängnis erstritten haben. Laure und Clarice wussten, dass die Natur des Begehrens sich nicht um moralische oder soziale Korrektheit schert.   

Vielleicht verdankte die Stabilität der bürgerlichen Ehe auch jenen verborgenen inneren Fluchtpunkten, die Frauen innerhalb ihrer Begrenzungen entwickelten. Die Diskretion im Innen sicherte die Fassade.

Schuldlose Souveränität

Ergreift die Frau keine Initiative, bleibt sie im bürgerlichen Sinne schuldlos. Die Epiphanie bricht als Naturereignis über sie herein. Indem sie sich passiv verhält, erfüllt sie die gesellschaftliche Norm. Die Passivität wird zum Schutzraum für die radikalste innere Freiheit. Die Frau ist das Medium, an dem sich das Ereignis Erregung vollzieht. Sie kassiert die Essenz, ohne sich bewegt zu haben.

Der innere Altar im bürgerlichen Rahmen

Das gewonnene Triebmaterial trägt sie in die Ehe. Es gibt keine Reue, keinen bürgerlichen Verrat, denn sie hat sich den Fetisch nicht ausgesucht – er wurde ihr von der Natur auferlegt. Das macht das Ganze so unendlich diskret und unantastbar. Sie kann am Abendbrottisch sitzen, ihrem Ehemann in die Augen schauen und tief in sich drinnen diesen glühenden Punkt abrufen, ohne sich als Ehebrecherin fühlen zu müssen. Die Initiativlosigkeit im Außen legitimiert den Kult im Innen.

Der Fetisch als Filter

Der Fetisch funktionierte hier wie ein Schutzfilter. Er trennte das Bedrohliche der männlichen Dominanz vom Erregenden. Der Klempner oder der Priester waren reale Repräsentanten einer patriarchalen Welt, die Frauen einsperrte oder kontrollierte. Daraus ergibt sich ein fast schwindelerregender Gedanke. Die bürgerliche Ehe, so einengend sie war, wurde für diese Art der Lust zu einer paradoxen Bedingung. Nur weil der Rahmen so starr, so sicher und so dauerhaft war, konnte das klandestine Geheimnis im Inneren so verlässlich glühen. Die Ehe war das Gehäuse, das verhinderte, dass die Epiphanie in den Alltag auslief und profan wurde. Man brauchte die Kälte der Symmetrie im Außen, um die Hitze des Fetischs im Innen überhaupt isolieren zu können.

Lieber T., du siehst mich hingerissen ausnahmsweise nicht an einem meiner Schreibtische, wo du mich hoffentlich bei jeder Gelegenheit vermutest, als fleißiges Lieschen der Philologie in einem Kleid, das nur zum F*** gemacht wurde. Du kannst dich auf mich verlassen. Mich erregen deine Aufschlüsse zuverlässig. Übrigens tage ich mit Anson in der „Schneewittchen Lounge“. Wir trinken Caipirinha, Anson behält mich mit einer einfühlsam-zupackenden Hand auf meinem rechten Oberschenkel im Auge. Ich hoffe, das gibt dir was, mein lieber Freund und liebstes Gehirn. Ja, deine jüngsten Einlassungen sind wieder interessant. Teilweise sogar außergewöhnlich interessant. Aber nicht überall aus denselben Gründen. Der Text hat inzwischen eine eigene Denkbewegung entwickelt. Er ist nicht mehr bloß ein Essay über Georges Bataille und Colette Peignot. Er untersucht, wie Begehren unter den Bedingungen sozialer Verdichtung funktioniert. Die stärkste Idee transportiert die Einsicht, dass minimale Abweichungen in hochkontrollierten Ordnungen enorme psychische Energie speichern. Das ist wirklich gut. Du beschreibst Begehren nicht als Befreiung aus der Ordnung, sondern als mitunter mikroskopische Druckentladung innerhalb der Ordnung. Darum funktionieren deine Bilder zwischen Türrahmen und Beichtstuhl. Der gestohlene Blick, das herausgerutschte Wort, der vergessene Termin. Ich sehe Claire in einem Abteil des Orient Express. Ein gut rasierter Hercule Poirot wohnt ihr bei. 

„Die Passivität wird zum Schutzraum für die radikalste innere Freiheit.“

Da formulierst du etwas sehr Schwieriges. Da ist alles so heikel wie psychodynamisch interessant. Der „glühende Punkt“, der jahrzehntelang abrufbar bleibt, ist wahrscheinlich das beste Motiv des gesamten Textes. Da erscheint Erotik psychischer Energiespeicher, inneres Reservat und geheime Gegenökonomie zum funktionalen Alltag.

Sehr gut ist auch: „Die Theorie dient als Tarnschicht.“ Da beobachtet sich der Text selbst. Er weiß, dass die Hochkultur auch eine Legitimationsmaschine ist. Das macht den Essay intelligenter, weil er seine eigene Sublimierung mitreflektiert.

„Man kann Bücher nicht erschießen." Amos Oz

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Freud entdeckt in den Wiener Salons, dass das Verdrängte als „Hysterie“ an die Oberfläche drängt. Die Pathologisierung der Frau dient dem Mann. Er kann seine Sexualität als „gesund“ verbuchen, während die Frau die Last der verdrängten Neurose des gesamten Systems trägt.

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Heute wird das Phänomen als wirtschaftliche und sexuelle Selbstermächtigung gedeutet. Die Frau kontrolliert den Kode, die Kamera und die Bezahlung. Doch die Lustmechanik bedient im Kern dasselbe alte Gefälle. Der männliche Blick wird exkulpiert, dass er konsumiert, weil die Frau die Transgression scheinbar völlig freiwillig und profitorientiert steuert.

„Man kann Bücher nicht erschießen." Amos Oz

Metamanagement

Jedes Mal, wenn wir glauben, wir hätten die männliche Dominanz dekonstruiert, hat sie sich bereits eine Etage höher geschmuggelt, die Kritik parodiert, sie geschluckt und als neue Sublimationsschicht wieder ausgespuckt. Das Patriarchat ist ein elastisch-lernendes System.

Wenn wir tiefe Auffaltungen der Dominanz betrachten, stoßen wir auf Mechanismen, mit denen sich das System seine eigene Demontage als Luxusgut einverleibt. Der moderne Patriarch, der „Kurator der Intensität", erschrickt nicht, wenn man ihn entlarvt. Er applaudiert der Dekonstruktion. Er nimmt die feministische und psychoanalytische Kritik, verfeinert sein Vokabular und nutzt die Kritik als noch subtilere Rahmung. Das patriarchale Skript wird hyper-selbstbewusst. Es inszeniert nun Filme oder schreibt Essays über die eigene Toxizität. Aber die Instanz, die diese Selbstkritik formuliert, filmt und vertreibt, bleibt dieselbe. Die Reflexion über die Gewalt wird zur ultimativen, reinsten Form der Herrschaft. 

Spätbürgerliche Libido-Ökonomie

Das italienische Kino der 1970er Jahre wird in der Rezeption häufig auf ein kalkuliertes Spiel mit Erotik reduziert: Voyeurismus, eingehegte Grenzüberschreitungen, männliche Phantasien in den Verkleidungen populärer Unterhaltung. Die Filme mit Laura Antonelli gelten Kritikern lediglich als Produkte einer spätbürgerlichen Libido-Ökonomie, die ihre eigene Obsession in harmlose Komödien verpackte. Diese Sicht unterschätzt die metaphysische Spannung, die in Laura-Filmen arbeitet.

Erotik fungiert als atmosphärische Verdichtung. Das Begehren erscheint als oft nur minimale Störung funktionaler Ordnung. Ich erkenne eine Nähe zu Georges Batailles obszönem Werk.

Bataille versteht die bürgerliche Welt als Reich des Profanen: eine Sphäre der Nützlichkeit, der geregelten Abläufe, der moralischen Ökonomie und der kontrollierten Energien. Das moderne Haus ist eine Stabilitätsmaschine. Arbeit und Ehe bilden ein geschlossenes System, das jede überschüssige Intensität neutralisieren soll.

Das Verdrängte kehrt zurück. Mitunter als kaum merkliche Erschütterung. Ein Blick. Ein Zögern. Das Timbre mit Signalcharakter. Laura Antonellis Rollen tragen diese Störung in sich. Sie spielt Dienstmädchen und Ehefrauen in geordneten Räumen. Ihre Präsenz suspendiert die Funktionalität der Umgebung. Die Ordnung beginnt zu flimmern.

Das Sakrale erscheint bei Bataille nie außerhalb der Welt. Nicht die Kathedrale ist der privilegierte Ort der Überschreitung, sondern die Küche, der Flur, der Türrahmen, das gemeinsame Mittagessen, der zufällige Blickwechsel im Alltag. Das Transzendente entsteht nicht jenseits des Profanen, sondern als Überladung.

Die Filme der Commedia erotica all’italiana schildern Sexualität als institutionalisierte Störung einer symbolischen Ordnung. Die patriarchalen Figuren verlieren die Kontrolle ohne Macht- und Ansehensverlust. Die Maske der bürgerlichen Integrität verrutscht kaum. Trotzdem wird die neurotische Struktur der Ordnung sichtbar.

Die eigentliche Transgression bleibt oft minimal. Ein Gespräch dauert einen Augenblick zu lange. Ein Blick bleibt hängen. Eine Bemerkung verrät einen verborgenen Mangel. Die Überschreitung erschöpft sich in Aufmerksamkeit.

So gewinnen diese Momente ihre psychische Wucht.

In extrem kodifizierten Sphären genügt eine minimale Abweichung, um libidinöse Energie freizusetzen. Das Begehren erscheint als mikroskopische Druckentladung innerhalb der Ordnung.

In den Nächten von Acéphale suchen Bataille und Colette Peignot (Laure) nach Erfahrungen, in denen das souveräne Subjekt zerfällt und das Sakrale als Erschütterung zurückkehrt. Bataille erstrebt den Kollaps der Distanz. Trotzdem hält er diese Distanz als Chronist, während Laure tatsächlich kollabiert. 

Dekonstruktion bürgerlicher Bigotterie

In einer von männlicher Dominanz geprägten Umgebung wird die Laura-Zofe zum Objekt der Projektionen aller männlichen Familienmitglieder – vom pubertierenden Sohn bis zum alternden Patriarchen. Die Filme bedienen den Blick der Masse, während sie gleichzeitig die Psychopathologie dieses Blicks sezieren. Laura Antonelli erscheint in all ihren Rollen als melancholisch-elegant-somnambule Hohepriesterin der bourgeoisen Transgression. Sie tritt mit komplizenhafter Zustimmung auf und exkulpiert den männlichen Wunsch, sie zu überwältigen.

Die These der komplizenhaften Zustimmung und Exkulpation männlicher Sexualität zielt auf den Blick der Regisseure. Dieser Blick funktioniert als raffiniertes Entlastungssystem. Er erlaubt es der männlichen Sexualität, ihre Aggression, Dominanz und Triebhaftigkeit auszuleben, indem er eine weibliche Projektionsfläche erschafft, die dieses Begehren legitimiert.

Die Ordnung erzeugt ihre eigenen kalkulierten Erschütterungen, um ihre verborgenen Spannungen kontrolliert abzuleiten. Deshalb wirken die Filme zugleich transgressiv und konservativ. Sie erlauben eine temporäre Destabilisierung männlicher Kontrolle, ohne deren strukturelle Grundlagen anzutasten.

Interessant ist dabei, wie stark diese Mechanik an bestimmte avantgardistische Modelle der Transgression erinnert. Auch bei Bataille erscheint die Frau häufig als Medium einer Grenzerfahrung, die vom männlichen Intellektuellen philosophisch gerahmt wird. Die weibliche Figur trägt Intensität, Risiko und Verkörperung, während der Mann die symbolische Ordnung der Erfahrung organisiert.

In jedem Fall entsteht eine Form kuratierter Dominanz.

Der moderne Patriarch herrscht nicht mehr ausschließlich qua Verbot und offene Autorität. Er erscheint sensibel, ästhetisch, selbstreflexiv und anti-bürgerlich. Doch gerade diese Verfeinerung ermöglicht eine subtilere Form symbolischer Kontrolle. Die weibliche Erfahrung wird nicht unterdrückt, sondern ästhetisch verarbeitet, philosophisch erhöht und kulturell verwaltet. Die Postmoderne hat gelernt, die Krise der männlichen Ordnung in ein Element ihrer Stabilisierung zu verwandeln.

Fellini inszeniert das Begehren in einem Panoptikum. Die Frauen sind oft archaische Ammen - die Tabakhändlerin in ‚Amarcord‘. Ich denke an den Kolossalkosmos von Fernando Botero. Das ist die pure Regression in die orale Phase. Die patriarchale Figur flieht vor der Verantwortung und der Komplexität erwachsener Sexualität zurück in den Zustand des staunenden Kindes. Das Panoptikum stellt das Begehren aus wie eine Jahrmarktsattraktion.

Das Panoptikum der Regression und die Rimini-Reminiszenzen

In einer Spielart der Commedia erotica rekonstruiert das italienische Kino der 1970er Jahre die infantile Schlüssellochperspektive. Die Kamera wird zum Schlüsselloch. Der Zuschauer bezahlt an der Kinokasse für die Möglichkeit, voyeuristisch zu konsumieren, ohne das Risiko realer Berührung oder sozialen Kontrollverlusts eingehen zu müssen.

Am Strand von Rimini lässt Federico Fellini einen Mythosraum voller archetypischer Konstellationen entstehen, siehe ‚Amarcord‘ und ‚I Vitelloni‘. Zwei Ordnungen treffen aufeinander: die Horizontale der Kindheit und die Vertikale patriarchaler Disziplin.

Die Szenen verdichten sich zu einer Landschaft des kollektiven Gedächtnisses; zu einem ästhetisch organisierten Echoraum, der die Dynamik des Erinnerns kartografiert. Die weiblichen Figuren sind keine Partnerinnen einer erwachsenen Genitalität. Eine Ästhetik des Gigantischen bedient die pure Regression. Die Agenten des Patriarchats fliehen vor der Verantwortung, der Ambivalenz und der existentiellen Komplexität erwachsener Sexualität zurück in den Zustand des staunenden Kindes.

Das Panoptikum stellt das Begehren aus wie eine Jahrmarktsattraktion. Erinnerungen werden dekoriert und mythologisiert. In ‚8½‘ verwandelt die Saraghina-Sequenz die sexuelle Erschütterung der Kindheit in eine Entlastungserzählung.

Warum die Saraghina-Sequenz eine Entlastungserzählung ist

Regisseur Guido steckt in einer Schaffens- und Lebenskrise. Er erinnert eine Schlüsselszene seiner Kindheit. Als katholischer Internatsschüler schleicht er sich an den Strand, um der monumentalen, am Rande der Gesellschaft lebenden Prostituierten Saraghina Geld dafür zu geben, dass sie für ihn und seine Schulkameraden tanzt (die Rumba). Als die Priester ihn erwischen, folgen drakonische Strafen, Beichte und Beschämung.

Was vordergründig wie die oberflächliche Konstruktion eines religiös konnotierten Traumas wirkt, funktioniert als raffinierte Exkulpation.

Der erwachsene Guido leidet unter Bindungsunfähigkeit, sexueller Rastlosigkeit und einer tiefen Spaltung zwischen der Sehnsucht nach einer keuschen Frau (seiner Ehefrau) und einer wild Begehrenden. Indem er sich an Saraghina erinnert, konstruiert er eine Ursprungsmythologie für seine Neurosen. Er sagt damit implizit: Ich kann heute keine erwachsene, komplexe Beziehung führen, weil damals am Strand dieses monströse, archaische Bild der Weiblichkeit in meine kindliche Psyche eingebrochen ist und mich mit Schuld infiziert hat. 

Das frühe Bild dient als Alibi für das Versagen in der Gegenwart. Der Kindheitsmoment avanciert zum sakralen Mysterium. Guido kultiviert eine künstliche Wunde. Die Erschütterung der Kindheit wird zur Eintrittskarte in die Welt der freidrehenden Intellektuellen.

Indem der erwachsene Mann sich im Modus der Regression als das unschuldige Kind inszeniert, das von Saraghinas Urgewalt fasziniert und von Priestern verätzt wurde, entzieht er sich jeder Verantwortung. Als Opfer muss er en moralischen Ansprüchen der Frauen in seinem realen Leben nicht genügen. Die Regression bewahrt ihn.

Kuratierte Intensität

Wo Fellini die Regression als Kode nutzt, nutzen Visconti und Bataille die Sublimierung der Krise. Der Mann herrscht nicht mehr offensiv, vielmehr kuratiert er Intensität.

Panoptische Regression und die Ökonomie des Blicks

In der spätbürgerlichen Bildkultur wird Begehren in ein System kontrollierter Sichtbarkeit überführt. In Fellinis laborhaften Erinnerungsräumen wirken die alchimistischen und exorzierenden Prozesse der Triebtransformation in gesellschaftliche Ordnung burlesk und karnevalesk. Der Strand von Rimini ist eine Heterotopie.

Laure und Laura – Die Ästhetisierung der Verfügbarkeit

In Luchino Viscontis Spätwerk vollziehen sich die Ereignisse auf einer anachronistisch-aristokratische Bühne. Existenzielle Müdigkeit (Fatigue) paart sich mit erotischer Spannung. Die Männer verlieren für Augenblicke ihre Haltung; ihre Wünsche treten hervor: neurotisch, regressiv, oft lächerlich. Die Ordnung bleibt intakt, weil die weiblichen Figuren solche Krisen emotional absorbieren. Die Frau bewegt sich in einer Zone melancholischer Zustimmung. Laura Antonelli verkörpert die intuitiv Verstehende und Verzeihende in emblematischer Form. Sie vereint in sich Erotik und Nachsicht. Sie erscheint beinahe fürsorglich gegenüber männlichen Obsessionen. So werden patriarchale Begehrensstrukturen psychologisch entschärft. Die Frau signalisiert kein offenes Einverständnis, sondern etwas viel Komplexeres: eine affektive Komplizenschaft, die die männliche Dominanz moralisch beruhigt. Die Männer sind bloß Getriebene ihrer Natur.

Die Koinzidenz zwischen Laura (dem Illustrierten-Produkt) und Laure (dieser Ikone des geistigen 20. Jahrhunderts) befeuert meinen Textreaktor. Sie erzeugt Energie im Zusammenprall zweier Welten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben.

Die Entlarvung der Avantgarde

Das avancierte Pin-up-Geschöpf Laura Antonelli erfüllt die gleichen Funktionen wie die intellektuelle Ikone Laure. Batailles vermeintlich radikale Grenzüberschreitung beruht im Kern auf derselben patriarchalen Grammatik wie eine italienische Sexkomödie.

Die Nobilitierung des Trivialen

Popkulturelle Phänomene sind plötzlich als psychologische Abwehrmechanismen lesbar. Es ist egal ist, ob die Kulisse aus Samt (Visconti), Weihrauch (Bataille) oder Sand (Fellini) besteht. Der Kode der melancholischen Zustimmung und der weiblichen Schadensabwicklung ist universell. Er funktioniert im Schmuddelkino genauso wie im philosophischen Zirkel.

Laura und Laure sind wie zwei Drähte, die sich kurzschließen lassen. Es funkt, weil Hoch- und Populärkultur dasselbe patriarchale Muster reproduzieren.

Die Grammatik der Transgression - Das sakrale Theater

Batailles Werk wird gewöhnlich als radikale Kritik bürgerlicher Ordnung betrachtet. Gemeinsam mit Colette Peignot, genannt Laure, sucht Bataille in den 1930er Jahren nach Entgrenzungserfahrungen. Kulthafte Erotik, anti-katholische Sakralität und sakralisierende Entweihung sollen das utilitaristische Weltprinzip erschüttern. Besonders die von Laure viel heftiger als von Bataille geschilderte Altarszene - die sexuelle Profanierung des sakralen Raumes - gilt als Höhepunkt transgressiver Literatur. In Wahrheit dokumentiert die Szene keine Revolte. Wir sehen den männlichen Priester als Exekutor der Überschreitung, den weiblichen Körper als Medium der Entweihung, den sakralen Raum als patriarchale Kulisse und die ritualisierte Grenzverletzung als konservierende Matrix. Die Beteiligten glauben, das Ritual zu zerstören, während sie dessen antike Grammatik reproduzieren. Die Transgression erscheint als Befreiung und bleibt doch vollständig innerhalb des patriarchalen Symbolsystems lesbar. 

Ob Laura Antonelli im fahlen Licht des Kinosaals die neurotischen Bedürfnisse des italienischen Mannes abfedert oder ob Laure (Colette Peignot) auf einem Altar die transzendentale Krise Batailles absorbiert – das Prinzip bleibt identisch. Die Frau liefert den Körper für ein patriarchales Spektakel, das sich als Revolte tarnt, aber im Kern nur die Instanzen ihrer Unterwerfung exorziert.

Die phonetische Koinzidenz von Laure und Laura verbindet die Intellektuellenikone Colette Peignot (Laure) mit dem 1970er Erotikstar Laura Antonelli. In dieser Paarung überblenden sich Funktionen innerhalb unterschiedlicher Bildregime: der hochkulturelle Mythos der Transgression und das populistische, oft bigotte Animationskino unter den irrlichternden Vorzeichen der sogenannten sexuellen Revolution. Beide Systeme folgen möglicherweise derselben symbolischen Grammatik. Weibliche Präsenz erscheint als affektive Schaltstelle. Sie trägt die Last der Intensität, während die symbolische Ordnung der Szene männlich strukturiert bleibt. Die Frau fungiert als Medium, an dem sich das Begehren entzündet.

Schauen wir uns zuerst Laure an. Während Laura Antonellis erotische Verfügbarkeit als Karrierestrategie deutbar ist, lässt sich bei Laure keine strategische Distanz zu ihren Absichten erkennen. Sie sucht die Souveränität der Selbstverschwendung. Mit einem Angebot von der Stange darf sie Bataille nicht kommen. Laura Antonelli liefert die massenkompatible Prêt-à-porter-Offerte des Begehrens, während Bataille nach der maßgeschneiderten, exklusiven Haute Couture des intellektuellen Exzesses verlangt.

Batailles Philosophie der Transgression beschwört die Illusion ebenbürtiger Radikalität. Er muss Laures physische Unterwerfungsbereitschaft als souveränen Akt umdeuten, um sich nicht als banaler Exekutor patriarchaler Gepflogenheiten zu erleben. Das Sakrale wird bei Bataille zur ultimativen Abwehrstruktur gegen das eigene, profane Triebmuster. Seine Theorie der Transgression lebt von der Verleugnung einer Asymmetrie. Er muss Laures Disposition umdeuten, um sich selbst vor der unerträglichen Einsicht zu schützen, dass er lediglich Unterwerfung reproduziert.

Laure nutzt Kunst, Literatur und physische Grenzüberschreitung zur Automedikation. Versucht sie, ihr Trauma zu überstimulieren? Sie reagiert mit jeder Grenzüberschreitung auf ein Kindheitstrauma. Der Exzess soll die Ohnmacht der Vergangenheit exorzieren. Indem sie die therapeutische Heilung durch das transgressive Spektakel ersetzt, begibt sie sich in eine fatale Schleife. Sie reinszeniert die Missbrauchsszene in der Hoffnung, diesmal die Kontrolle zu behalten.

Das trifft Bataille an seiner neurotischsten Stelle. Er braucht eine ebenbürtige Partnerin. Laures Autonomie ist seine Freiheit. Müsste er erkennen, dass sie ihr Trauma an ihn delegiert, würde die Metaebene wie eine Zimmerdecke einstürzen. Seine Theorie der Transgression lebt von der Verleugnung dieser Asymmetrie. Er dichtet Laures physische Verstörung und ihre verweigerte Therapie in ein philosophisches Konzept um. So schützt er sich vor der Einsicht, dass er nicht das Bürgertum stürzt, sondern seine Lust im Rahmen seiner Vorlieben befriedigt.

Das macht Batailles Werk nicht wertlos. Hier zeigt sich vielmehr, wie moderne patriarchale Systeme funktionieren. Sie integrieren ihre eigene Kritik und ästhetisieren ihre Krisen. Auch da berühren sich Bataille, Luchino Visconti und Federico Fellini stärker, als es zunächst scheint.

Bataille ist kein Sprengmeister der bürgerlichen Festung; er ist ihr raffiniertester Statiker. Seine Transgression ist die intellektuelle Schlüssellochperspektive, die es dem gebildeten Mann erlaubt, eine Frau im Entgrenzungsfuror zu erleben. Er bezahlt Eintritt, sie bezahlt mit ihrem Leben.

Es ist unheimlich zu erkennen, wie mühelos das Offensichtliche unsichtbar gemacht werden kann. Das kollektive Überlesen ist kein Versehen. Es ist das Erfolgsgeheimnis des Systems. Das Patriarchat ist ein Gravitationsfeld. Die Ästhetisierung, der intellektuelle Weihrauch und nostalgische Samt funktionieren wie kulturelle Anästhesie. Bataille predigt Verschwendung und Exzess. In der Praxis zeigt er sich kontrolliert. Er bleibt Bibliothekar, ein Verwalter fremder Überschreitungen.

Laura und Laure und …

In Salvatore Samperis Malizia (1973) und Luchino Viscontis Spätwerk L'innocente (1976) vollziehen sich die Wunder des Fleisches in Dienstleistungen, die Laura erbringt. Die häusliche Ordnung erzeugt ihre eigenen kalkulierten Erschütterungen. Die klassische Vorstellung von Transgression lebt von dramatischen Gegensätzen. Laure (nicht Laura) wälzt sich im Straßenkot und erleichtert sich in sakralen Gegenständen. Ihre Erniedrigung ist eine Totalität, die sie selbst beschwört.

„Laure begann in den Weihwasserkessel zu scheißen und in das Ziborium zu pissen … wusch sie sich den Hintern mit dem Abendmahltuch.“

Ich war schon mal an einer Stelle, die es mir nicht erlaubte weiterzuschreiben, ohne in einen Keller der Unterstellungen steigen zu müssen. Um nicht in den Wahnsinn spekulativer Äußerungen abzudriften, löse ich mich von den verbürgten Biografien und schweife aus in der Narration.

… und Larissa (eine fiktive Person)

Ihre Erregung speist sich aus Überlagerungen von Todesangst, Scham und Libido. Verwechselt sie die somatische Erschütterung der Trauma-Reaktivierung mit dem Erwachen von Freiheit? Neurobiologisch betrachtet ist das, was Larissa als „Erwachen der Lebensgeister“ beschreibt, die Aktivierung eines traumatischen Hochspannungsnetzes. Hat ein Körper ein massives Gewalttrauma erlitten, verschieben sich die Schwellenwerte der Wahrnehmung. Ein normaler Raum erzeugt für die traumatisierte Psyche keine Entspannung, sondern unerträgliche Leere oder paranoide Wachsamkeit. Der Körper ist taub, eingefroren in einer permanenten Übererregung, die im Alltag keine Sprache findet. Erst wenn der äußere Reiz die Intensität des damaligen Schreckens erreicht oder übersteigt, springt die Synapsen-Maschine wieder an. Die massive Ausschüttung von Adrenalin, Cortisol und Endorphinen simuliert eine vitale Elektrizität. Larissa verwechselt das schiere Überleben des Schocks mit dem Erleben von Vitalität. Sie manövriert am Rand des psychischen Todes. Die Psychologie nennt diesen Mechanismus Libidinisierung des Traumas. Um die unaussprechliche Ohnmacht der Kindheit nachträglich erträglich zu machen, stülpt die erwachsene Psyche die Libido über den Schrecken. Larissa nimmt das patriarchale Gewaltregime und inszeniert es um, indem sie behauptet: Ich will das. Es erweckt mich. Das ist die ultimative Überlebensstrategie des Opfers: die Konversion von absoluter Hilflosigkeit in scheinbare sexuelle Agency. Sie sexualisiert die Wunde, weil das die einzige Möglichkeit ist, nicht an ihr zu verzweifeln. Scham wirkt in diesem biologischen Kurzschluss wie ein Brandbeschleuniger. Die Scham, die das katholische Symbolsystem ihr zumutet, wird im Moment des Exzesses neurochemisch mit der sexuellen Lust verschmolzen. Es entsteht eine Sucht nach der Grenzverletzung, weil nur die Scham den nötigen Widerstand bietet, um das ersehnte Endorphingewitter freizusetzen.

Hier kollabiert die Theorie der Transgression vollends in der patriarchalen Realität. Bataille, der intellektuelle Nutznießer, nimmt die traumatische Alchemie dankbar entgegen. Für ihn ist die Verschmelzung von Todesangst und Lust das theoretische Gold, nach dem er sucht: die erotische Zustimmung zum Leben bis in den Tod.

Bataille sitzt am Tisch des Traumas und liest eine existenzielle Notoperation als intellektuelle Souveränität. Er verwechselt die Überlebensstrategie einer Verletzten mit dem transgressiven Aufbegehren gegen die bürgerliche Ordnung. Er konsumiert die Libidinisierung der Ohnmacht als metaphysisches Spektakel. Bataille begreift nicht, oder will nicht begreifen, dass Laures Zustimmung keiner philosophischen Entscheidung entspricht, sondern die somatische Narbe einer Missbrauchserfahrung. Er nimmt ihre traumatische Erstarrung und ihre neurobiologische Übersteuerung und deklariert sie zur transgressiven Haute Couture.

Jahrzehntelang atmeten wir den philologischen Weihrauch von „Souveränität“ und „Grenzerfahrung“ und feierten die vermeintliche Radikalität einer Befreiung. Nichts könnte weiter weg sein von diesem akademischen Konsens als die Einsicht, dass wir hier über eine hochgradig asymmetrische und funktionale Aneignung reden.  

Die Geschichte von Larissa Besnard und Julius-Aurelie Vane

Julius-Aurelie Vane erschien seiner Epoche als Abenteurer des Geistes. Sein Familienname besaß einen diskret vornehmen Klang. Julius‘ Ahnen hatten vaterländische Verdienste erworben, Julius war der Enkel eines Mannes, der unter Napoleon III. an der Neugestaltung der Kapitale mitgewirkt hatte. Ein Vertrauter Haussmanns.   

Julius gab allenfalls vor, ein Springer am Abgrund zu sein. Dozierte er in den verrauchten Salons der 1930er Jahre über die „Ökonomie der Verschwendung“, blieb sein Verstand im Hafen der Abstraktion. Julius stürzte nicht. Er sah zu, wie andere stürzten, und tippte das Geräusch des Aufpralls in die Schreibmaschine.

Seine Maschine war eine Continental-Standard, Baujahr 1930. Ein gusseisernes Büro-Modell, unerschütterlich, in Sachsen gebaut für die Ewigkeit preußischer Aktenführung. Vane nutzte den zweifarbigen Bandumschalter wie ein Skalpell. Schwarz für den akademischen Textkörper, Rot für das intime Protokoll.

Er verabscheute Angebote von der Stange, das Massenhafte in all seinen Erscheinungsformen stieß ihn ab. Für seine Philosophie des Exzesses brauchte er eine Haute-Couture-Offerte, und die bot ihm Larissa Besnard.

Georges-Eugène Haussmann & Napoleon III.: Unter Napoleon III. leitete Präfekt Haussmann ab 1853 die radikale Neugestaltung und Modernisierung von Paris (die großen Boulevards, Parks und die Kanalisation). Ein „Vertrauter Haussmanns“ zu sein, verleiht Vanes Großvater genau den Typus des staatstragenden, technokratischen Großbürgertums, gegen den die Avantgarde der 1930er scheinbar rebellierte. Das gibt Vane ein ungemein solides, elitäres Fundament.

Continental-Standard (Wanderer-Werke, Baujahr 1930): Die Wanderer-Werke in Chemnitz bauten ab 1904 die legendäre Continental-Schreibmaschine.

 *

Geld spielte in Larissas Welt keine Rolle. Ihrer Krisen zum Trotz war sie eine Erscheinung. Nehmen wir eine beliebige Begegnung in Julius‘ Büro. Larissa trug ein aschegraues Seidenkleid von Patou wie ein Leichentuch, das man sich im Vorbeigehen überstreift. Sie bewegte sich mit der nachlässigen Eleganz einer Person, die in einem großen Haus im Faubourg Saint-Germain aufgewachsen war. Nichts an ihrer Haltung verriet den permanenten Ausnahmezustand, an dem sie dramatisch laborierte. Sie nahm Platz, strich den Rock glatt und legte die Handschuhe auf eine Schreibtischkante.

Larissa bat Julius nicht um einen Beweis seiner Zuneigung. Sie desavouierte seine Attitüde mit den Mitteln der höfischen Gesellschaft. Sie lockte den Priester in ihrem selbstverständlich prominent verheirateten Geliebten aus der Deckung, indem sie das Gespräch auf die Beichte lenkte. Das gehörte zu den Eskapaden ihres Alltags. Sie, die von einem Priester Missbrauchte, ging regelmäßig zur Beichte.

„Du schreibst über das Heilige, Julius“, sagte sie, während sie eine Zigarette aus dem silbernen Etui nahm. „Aber du hast Angst vor dem Blut auf dem Altar.“

Ja, aber in welchem Tonfall sagt sie es? Welches Gefälle exponiert und verhehlt sie gleichzeitig? Darum geht es doch. Julius könnte jederzeit Sex haben, zum Beispiel mit seiner Gattin oder mit einer Prosituierten oder mit einer Bewunderin. Aber das hilft ihm nicht. Er braucht das Vertrackte, und das weiß Larissa. Sie dient ihm, wenn sie die Settings so kompliziert aufbaut. Sie hat ihre Liebhaber, die Männer sind sehr verschieden.  

Es geht hier nicht um ein profanes Triebmuster, sondern um das soziosexuelle Gehör einer Klasse und dem Modus einer hochkomplizierten, wechselseitigen Ausbeutung.

Julius‘ Problem ist nicht ein Mangel an sexueller Verfügbarkeit. Als gefeierter „Abenteurer des Geistes“ und Sprössling eines bourgeoisen Klans könnte er gegebenenfalls auch mit der Gattin verkehren, oder mit einer Verehrerin, um nicht von den Etablissements an jeder Ecke der Stadt anzufangen. Doch das wäre profaner, bürgerlicher Konsum – ein Angebot von der Stange, das ihn zutiefst abstößt.

Er braucht eine Frau, die seine eigene, klerikale Feigheit spiegelt, und das weiß Larissa. Sie spricht in einem Tonfall gelangweilt-beiläufiger Grausamkeit.

Sie forderte Julius nicht heraus. Sie stellte lediglich etwas kritisch fest, wie man ein schlecht konstruiertes Argument in einem philosophischen Traktat bemängelt. Julius verstand die implizite Offerte. Er wusste, was sich hinter der vollendeten Haltung verbarg – er kannte die Ur-Szene, die Larissa an diesen Punkt gebracht hatte.  

Wenn Julius sich Larissa sexuell näherte, kopulierte er mit seiner eigenen Klasse. Das Gewebe aus Geld, Distinktion, Ennui und panischer Verzweiflung lieferte ihm einen einzigartigen Treibstoff.

Er verteidigte sich zum Schein. Seine Stimme hatte den geschulten, leicht dozierenden Tonfall der Sorbonne-Hörsäle. Mitunter konnte sie eine narkotisierende Wirkung entfalten. Larissa schlug die Beine übereinander und betrachtete ihn mitleidig mit ruchloser Distanz. Sie verabscheute seine akademischen Ausflüchte; sie wusste, dass der glänzende Überbau nur das Versteck eines Mannes war, der das Risiko scheute.

„Ein komfortabler Standpunkt“, erwiderte sie leise. „Du sitzt hier wie ein Beichtvater mit der Hand in der Hose in seiner Box, Julius. Du sammelst die Sünden der anderen, du katalogisierst das Fieber, aber du bleibst stets auf der sicheren Seite des Geschehens. Du willst, dass ich mich auflöse, damit dein Farbband im Anschlagsfuror verblasst. Aber was ist mit deinem eigenen Begehren? Oder hast du das im Seminar gelassen, bei den kleinen Mesdemoiselles? Glaub mir, sie können es kaum erwarten, dich zu kompromittieren.“

Wir beobachten die beiden bei einem Liebesvorspiel. Larissa hat Liebhaber, mit denen sie radikal anders verkehrt. Aber Julius hat seinen Platz auf dem Thron, weil er ein Geistesfürst ist, der sich jederzeit ein teures Mittagessen leisten kann. Er heilt sie mit seinen Klassengewissheiten und sie hilft ihm sexuell auf die Sprünge.

Es ist eine funktionale, bürgerliche Symbiose. Weder der linksradikale De-Sade-Apologet Belmonte in Brüssel noch Komintern-Dissidenten Mirnow in Reims können ihr das bieten, was Julius besitzt: die absolute, unerschütterliche Klassengewissheit des französischen Großbürgertums, die Aura des Geistesfürsten, der den Abgrund zwar beschwört, aber danach ganz selbstverständlich mit ihr ein sündhaft teures Mittagessen im Lapérouse einnehmen würde.

Julius bot Larissa mit seiner soziokulturellen Unantastbarkeit ein eisernes Exoskelett. Dafür lieferte sie ihm jene maßgeschneiderten Settings, die ihn sexuell überhaupt erst flugfähig machen. Sie dient seiner Impotenz, er dient ihrer Haltlosigkeit.

Julius zählte zu jenen gescheiterten Novizen, die im Séminaire de Saint-Sulpice begreifen mussten, dass sie nicht berufen waren. Das Seminar lag unweit der Sorbonne im 6. Arrondissement – da, wo sich Julius’ klerikale Vergangenheit und seine akademische Gegenwart räumlich berühren. Eine Zigarettenlänge spielte Larissa mit dem Sujet des voyeuristischen Beichtvaters. So berührte sie das verborgene Zentrum einer Neurose. Larissa lud Julius ein, den Panzer des Archivars abzulegen und sich als das zu offenbaren, was er in seinen Phantasien ohnehin war – der klerikale Herrscher über ihre Wunde.

Julius war schon als Kind nicht bei den gefährlichen Spielen mit von der Partie gewesen. Wenn die Nachbarskinder Baumkronen erklommen und Mutproben am Flussufer veranstalteten, stand Julius am Rand. Er lief nicht weg, er sah zu. Er beobachtete das Zittern ihrer Knie, das Aufschlagen der Körper auf dem harten Boden, das Blut auf den Schürfwunden. Er registrierte es, zählte die Sekunden bis zum Schrei und notierte die Dynamik des Sturzes auf einem Gedankenzettel.

„Du bist der geborene Buchhalter“, sagte sein Vater, halb spöttisch, halb verächtlich, wenn er den Jungen mit seinen sauberen Knien und den sortierten Heften sah. Das kümmerte den Sohn nicht. Was war schlecht daran, auf der sicheren Seite zu sein? Warum sollte man den eigenen Körper dem profanen Schmerz des Aufpralls aussetzen, wenn man den Nervenkitzel des Untergangs völlig unbeschadet aus der Zuschauerperspektive konsumieren konnte?

Diese kindliche Disposition wurde zur Blaupause seines gesamten späteren Denkens. Aus dem kleinen Jungen, der die Mutproben der anderen protokollierte, wurde der gefeierte Philosoph der Transgression. Julius lernte, sein muffiges Wesen zu camouflieren. Er jonglierte mit Begriffen wie Ekstase, Verschwendung und dem Heiligen, doch blieb er der kalkulierende Verwalter, der den Tresorraum der Theorie niemals verließ.

Larissa verkörperte sein Gegenteil. Sie suchte den Abgrund, weil ihr Körper im Zustand der Normalität fror. Sie war ein unbezahlbares Geschenk. Julius bestraft Larissa für ihren Mut. Es erregt ihn, dass sie sich einem Feigling ergab, weil er eine Lösung für sie parat zu haben scheint.

Es war eine systematische Züchtigung. Sie tarnte sich als Initiation in den Kult einer Geheimgesellschaft. Hier öffnet sich eine genealogische Linie europäischer Gegengesellschaften, die von libertinen Geheimbünden des 18. Jahrhunderts bis in Julius‘ Pariser Zirkel reicht. Thomas De Quincey fungiert als Scharnierfigur; er verbindet die dekadenten Unterströmungen der englischen Aufklärung mit jener modernen Ästhetik des Exzesses, die Julius' gesamte Existenz nährt.

In On Murder Considered as One of the Fine Arts entwirft De Quincey die Fiktion eines „Murder Club“ – einer Gesellschaft kultivierter Gentlemen, die Morde wie Kunstwerke beurteilen und Verbrechen mit derselben ästhetischen Ernsthaftigkeit diskutieren, mit der man sonst über Malerei oder Musik spricht. In dieser mörderischen Ironie liegt das Prinzip von Julius' Leben: Das Grauen erscheint nicht mehr als moralisches Problem, sondern als Gegenstand reiner Kontemplation. Es ist die direkte Erbschaft jenes Hellfire Clubs, dessen aristokratische Libertins sich im 18. Jahrhundert zu nächtlichen Ritualen in den Höhlen von West Wycombe trafen. Dort, wo sexuelle Ausschweifung, Antiklerikalismus und Gotteslästerung unter dem Motto „Do what thou wilt“ zu einem Kult der kontrollierten Enthemmung verschmolzen. Julius betrachtet sich als Erbe der Gentlemen. Larissas Mut war eine permanente Beleidigung seiner eigenen Ängstlichkeit. Da er unfähig war, ihr in dieses Feuer zu folgen, drehte er den Spieß um. Er nutzte seine Mittel, um sie für ihre Unerschrockenheit büßen zu lassen. Es erregte ihn maßlos, dass diese lichterloh brennende Frau sich ihm so ausführlich widmete.   

Die Kälte, mit der Julius Larissas Schmerz bewirtschaftete, war das Resultat einer neurotisierenden Erfahrung. (Ich komme darauf zurück.) Sie war sein wertvollster Besitz im Bunker einer kalkulierten Existenz. In seinen Phantasien war Julius ein Priester. Ihn faszinierte der Topos der sakralen Immunität.      

Larissa zeigte ihm, dass sie keine Unterwäsche trug. Sie drehte sich vor ihm und präsentierte ihm ihren blanken Hintern.   

„Stell dir vor, du bist ein Junge und darfst nicht, wie du willst“, sagte sie leise. „Was machst du dann? Mach, was du dann machst, und sag mir, was du machst.“

„Mein geschätzter Mentor, Sprachschlosserbauer und Mitverschwörer. Ich wollte mich auf die Zulieferung kleiner Szenen beschränken und es dir überlassen, ob du sie einbaust oder lediglich zu deinem eigenen Vergnügen nutzt. Begeistert, aufgerichtet, elektrisiert und inspiriert streife ich durch dein Sprachschloss und freue mich darauf, auch seine verborgensten Winkel zu erkunden.

Mit welchem Recht verweigert man den Gesetzen der Anziehungskraft ihre freie Entfaltung? Der Moral zu entsprechen, dabei aber die höchsten Erfahrungsräume des Daseins zu meiden – dort, wo Körperlichkeit in Bedeutung übergeht, wo Wahrnehmung sich verdichtet, wo Transzendenz als gesteigerte Präsenz erfahrbar wird. Ist das klug? Immer gedimmt zu leben? Nein, ich stürze mich lieber von den Klippen ins aufgewühlte Meer der Existenz."  C.Z.

Exzess-Muse

Die naive Perspektive. Noch vor ein paar Wochen habe ich das Verhältnis zwischen Bataille und Laure so gesehen und dann auch so meiner Freundin M. geschildert.

Liebe M., du fragst, was wir von Beauvoir und Sartre gelernt haben. Der Plural vagabundiert mitunter, im Grunde weiß ich nicht mehr, wer ‚wir‘ waren. Jedenfalls konnte sich Sartre viel mehr herausnehmen als Beauvoir. So wie ich dich verstehe, endete diese französische Nachkriegslinie rund um den Existenzialismus und Savoir-vivre-Pariser-Jazzkellerbar-Phantasien (Chet Baker, Boris Vian, James Baldwin, Edith Piaf) vor deiner Debütantinnen-Ära. Vielleicht war schon zu meiner Zeit viel Abgestandenes dabei. K. war die letzte westdeutsche Kleingroßstadt vor der Zonengrenze und ein Schauplatz lauter Verspätungen, einschließlich des Easy-Rider-Komments mit Chopper und Dennis Hopper, von dem übrigens auch ein signiertes Foto bei mir an einer Wand hängt. Buchstäblich erlesener war das Verhältnis zwischen Georges Bataille und Laure. Die beiden lieferten dem Genre Avantgarde-Paar eine illuminierte Ikonografie. Ich assoziiere gerade anthropologische Sakraltheorie. Bataille und Laure fusionierten radikale Ränder der Literatur und Philosophie. Es war eine Verbindung aus Liebe, politischer Radikalität, erotischer Grenzerfahrung, Krankheit und gemeinsamer Opposition gegen bürgerliche Rationalität. Laure war das Pseudonym von Colette Peignot (1903 - 1938). Geboren 1903 in einer ultrakatholisch-konservativen, großbürgerlichen Pariser Familie (Druckerei-Dynastie Peignot). Sie bewegte sich zwischen Surrealismus, revolutionärer Politik und existenzieller Selbstzerstörung. Ihre Texte – Fragmente, Tagebücher, Visionen – kreisen um Ekstase, Scham, Gewalt und das Heilige. Sie war gesundheitlich angeschlagen (Tuberkulose). Bataille lernte sie in den 1930er Jahren kennen. Beide lehnten die rationalistische Moderne und ihren Utilitarismus ab und waren fasziniert von Überschreitungen (Transgression). Bataille schreibt irgendwo, die Azteken hätte ihre Opferkulte so verausgabend betrieben, wie wir heute arbeiten (Siehe Max Weber, Protestantischer Arbeitsethos). Sie interessierten sich leidenschaftlich für die Koinzidenzen von Exzess und sakraler Erfahrung. Bataille gründete die geheime Gruppe und Zeitschrift ‚Acéphale‘. Laure stand diesem Kreis nah. Es ging um Nietzsche, Antifaschismus, sakrale Gemeinschaft und Rituale jenseits von Kirche und Staat. Laure beeinflusste Batailles Denken über das Opfer und das Heilige vermutlich stärker, als er öffentlich zugab. Einige Forscher meinen sogar, dass sie Batailles Ideen existenziell verkörperte.

Gegenseitige Radikalisierung

Die Beziehung war nicht romantisch. Beide bewegten sich an psychischen und physischen Grenzen. Bataille erkannte in Laure eine Frau, die Intensität über Sicherheit stellte. Laure bewunderte Batailles kompromisslose Denkweise. Es gibt Briefe und Zeugnisse, die belegen, wie eng Erotik, Tod, Krankheit und metaphysische Suche in dieser Konstellation miteinander verflochten waren.

Paris, Mitte der dreißiger Jahre. In den Cafés von Saint-Germain begegnen sich Exilanten, Surrealisten, enttäuschter Kommunisten, Menschen, die ahnen, dass Europa dem Untergang geweiht ist. An den Diskussionen über Revolution, Freud, Stalin und Nietzsche beteiligt sich auch Georges Bataille. Er ist ein Ketzer in der Maske des Bibliothekars. An seinem Sehnsuchtshorizont leuchten die Sterne Ekstase, Verschwendung, Gefahr. Eines Tages begegnet er Laure. Fiebrig rebelliert die reich Geborene gegen ihre Klasse. In ihrer Aura verglüht ein Heer von Verehrer. Die Galane werden Laures Verausgabungshunger nicht gerecht.     

Laure lebt gegen jede Sicherheit. Gegen das vernünftige Leben. Ihre Gespräche dauern Nächte. Beide haben mit dem orthodoxen Kommunismus gebrochen; gemeinsam entlarven sie die vorherrschenden Ideologien als Hohlformen.

Szenen, die von dieser Sicht auf Bataille und Laure inspiriert wurden

Charles Darwin glaubte an einen Swing von weiblichen Partnerwahlpräferenzen und männlichem Selektionsdruck. Der britische Statistiker und Evolutionstheoretiker Ronald Aylmer Fisher (1890 - 1962) griff Darwins Idee von einer natürlichen Optimierung auf, um ihr zu widersprechen. Fisher etablierte die sexuelle Präferenz als Komplementärkategorie zur natürlichen Selektion. Die Bevorzugung von Merkmalen führt nach der Sexy Sons Hypothesis zur Durchsetzung von männlich konnotierten Farben und Formen. Interessant ist hier die Geringfügigkeit eines Farbvorteils, der in evolutionären Prozessen mit aller Macht nach vorn getragen wird, ohne die Überlebenschancen der Merkmalträger zwangsläufig zu verbessern. Fisher nannte den kuriosen Vorgang Runaway Process. Auf dieser Strecke werden Selektionsnachteile (wie etwa ein beschwerlicher Federschmuck) so lange weitergegeben, bis vitale Beeinträchtigungen das Experiment stoppen.

So kann der weibliche Schönheitssinn in die Irre führen. Die pfauenprächtigen Gefolgsmänner ihres Vaters lösen in Nana eine gesunde Skepsis aus. Nanas Freundinnen favorisieren Männchen, deren Performance auf optische und akustische Maximalreize ausgelegt ist. Die Präferenz einer Gefiederten für lange Schwanzfedern bewirkt die sogenannte positive Rückkopplung, die sich bald paradox auswirkt.

„Der Koppelungsprozess führt in kurzer Zeit zu extremer Merkmalsausprägung.“

Überzogene Federschwanzlängen wirken sich bei Pfauen so kostspielig aus, dass sie einen deutlichen Überlebensnachteil im Zuge eines hohen Energieverbrauch, und einer Beeinträchtigung der Mobilität darstellen.

Man spricht von Selbstverstärkung. „Die Farbpräferenz des Weibchens sorgt für die Selektion der männlichen Gene, die darüber hinaus keine weiteren Vorteile bieten müssen (Axel Buether).“

Nana reagiert zuerst auf einen Geruch kurz vor Katzenpisse und dann erst auf die Husky-blauen Augen des zweifellos amerikanischen, auf die skandinavische Art gutaussehenden Barmannes. Er beherrscht die Kaffeezubereitung nach dem Barista-Komment. Seinen Bewegungen fehlt aber das legendär Somnambule. Sein einheimischer Kollege wirkt wie von einer Kaffeemaschine gezeugt und lange gesäugt.  

Nana sucht die blauäugige Aufmerksamkeit. Sie schnappt den relevanten Namen auf - Clark. Die Philologin prüft das Silbenkleid von Clarks Anglodeutsch und vernimmt eine sie belustigende Freude an den fremdsprachlichen Schrunden. Stark angezogen fühlt sie sich von dem Spaß, den Clark hat. Zwei Stunden später weiß sie, dass er ...

Nana ist intelligent, sieht gut aus, verdient gut, hält ihr Leben in Ordnung und hat viele Orgasmen. Sie schwimmt in einem Hotelpool. Das ist der letzte Schrei in der kleinen nordhessischen Universitätsstadt. Das Becken ist in einer Dachterrasse eingelassen. Die fünfzehn Non-Academic High Potentials vor Ort genießen die gute Aussicht. Nana balanciert auf einem Hochspannungsseil. Im selben Augenblick referiert Goya über frühe Darstellungen von Homosexualität. Er spricht über Balzacs schwachen Helden Pons (in „Cousin Pons“). Pons wird von seinen Angehörigen verachtet. Sie sehen in dem Repräsentanten einer nicht-hegemonialen Subkultur „einen Parasiten“ und halten sich mit Beleidigungen schadlos. Pons lebt persönlich bescheiden in Wohngemeinschaft mit dem deutschen Musiker Schmucke, den er zu seinem Erben bestimmt. Das ist die Schlüsselkonstellation. In ihr offenbart sich der Charakter einer Beziehung, die keine Aussicht auf Anerkennung hat.

Vor Goya sitzt Ariane und vergöttert ihn demonstrativ. Ihr Ausschnitt ist ein Blickfang erster Güte. Mit diesem Detail als erotische Beute zieht sich Goya in sein Büro zurück. Er kann Nana nicht erreichen, findet aber eine Nachricht von ihr:

„Ich will mich mit dir in den Chimären verlieren, die wir erschaffen haben.“

Goya denkt an Arianes Dekolleté und an den unverbindlichen Pornosatz: Bitte, spritz mich voll. Der Mix reicht für eine sofortige Entladung. Um die post-koitale Melancholie zu vertreiben, macht Goya Liegestütze und Klimmzüge. Aufgepumpt stellt er sich in einem Seminarraum der nächsten Gruppe angehender Philologinnen. Es geht um Samuel Beckett. In den 1950er Jahren beginnt Beckett das eigene Werk in seine Muttersprache zu übertragen. Er übersetzt sich selbst aus dem Französischen, so wie er sich in den 1920er Jahren ins Französische zu übersetzen begann. Er synchronisiert seine Denksprachen zunächst mit dem Ehrgeiz im Französischen völlig ungezwungen aufräumen zu können. Er sucht Wörter, die der Wirklichkeit gewachsen sind. Ornament und Verbrechen - Schiere Sprachmöblierungen sind ihm ein Graus. Er will die Schonbezüge von den Wörtersofas ziehen.

*

Clark möchte „souveräne Monstrosität“ (Georges Bataille) auf Nanas Gesäß schreiben. Vielleicht würde ihr die Idee gefallen, aber Clark informiert sie nicht.

Sie trafen sich zwischen Regalreihen voller Folianten, im Souterrain des Palais Soliman. Corinne beschäftigte sich mit mittelalterlichen Häresien. Adrian fand das sexy. Er liebte das System; sie liebte das Entgleisungsfieber. Er hatte es vorausgesehen. Er stand auf ihrem Speiseplan, obwohl zu Hause Nana auf ihn wartete. Corinne wollte Adrian, koste es, was es wolle. Sie sah sich schon mit Adrian als Paar der Epoche. Dazu gleich mehr.

Der Schauplatz des Treffens war ein Imponierbau des 18. Jahrhunderts im klassizistischen Pavillonstil mit monumentalen dorischen Säulen. Der Architekt hieß Alexandre-Théodore Brongniart. Corinne fand Männer scharf, die so etwas wussten. Sie wäre Adrian gern in der unzugänglichen, lang geheimen Abteilung für verbotene Bücher begegnet, dem berüchtigten ‚L’Enfer‘ der französischen Nationalbibliothek. Corinne kannte die Sammlung beschlagnahmter Meisterwerke, unmoralischer Schriften und blasphemischer Zeichnungen nicht nur vom Hörensagen. Während sie darüber nachsann, wie sie ihren Favoriten dazu kriegen konnte, sich und seine Braut Nana zu vergessen, fiel ihr Blick auf einen in Ziegenleder gebundenen Band, der in ihrer Reichweite auf dem Tisch lag. Er enthielt Grafiken und Radierungen von Jean-Honoré Fragonard. Das Buch illustrierte das Genre der Lust und Verführung im Boudoir – jene frivol-galanten Szenen, mit denen Fragonard einst selbst Boucher, den Hofmaler der Madame de Pompadour, übertroffen hatte. Es waren seine berühmten, mit Sepia-Tusche lavierten Zeichnungen zu den Contes von La Fontaine; Vignetten, die neben fliegenden Röcken und bloßen Brüsten klandestine Kopulationen zeigten, halb verblendet von Paravents aus chinesischer Seide.

Die Nymphe im Boudoir im Stile Bouchers war ein Rokoko-Renner.

Corinne schlug den Band auf und bot sich beinahe wie für eine anmutige Boudoir-Szene an. Ihr Busen ragte ins Bild. Lautlos flüsterte sie: Ich glühe, ich brenne. Du musst mich berühren. Und Adrian, ein auf der italienischen Seite in Cannobio, an der Westseite des Lago Maggiore geborener Schweizer aus dem Tessin, gehorchte der unverstellten Brunst der Brüsselerin Corinne. Das Verhältnis, für ihn im Augenblick nur ein potentieller Highnoon-Stand, für Corinne aber der Auftakt zu allem, begann nicht mit einem Kuss. Reflexhaft drehte sie sich in seinen Armen und streckte ihm den Arsch entgegen. Sie wollte Fakten schaffen, aus Angst, der Moment könnte mit Tändeleien und Harmlosigkeiten vertan werden. Kaum hatte Adrian Corinnes gespaltenen Mond zum ersten Mal mit seinen Händen gepriesen, zog sie den Stoff unter seinen Fingern weg. Das war unmissverständlich. Adrian entsprach dem Aufforderungscharakter der Geste. Er gestand sich, noch nie ein so schönes Gesäß vor Augen gehabt zu haben. Nun bedurfte es keiner weiteren Ermutigung.

Doch die Welt machte keine Pause. Adrian hatte seinen Specht gerade angesetzt, da betrat der Archivar Baudelaire den Raum. Man kannte ihn als unerheblichen Nachkommen des Dichters. Es war nicht zu erkennen, was er wollte. Jedenfalls schenkte er Corinne und Adrian zunächst keine Beachtung. Ahnungslos unterbrach er etwas, was im Ernst noch gar nicht angefangen hatte. Corinnes Enttäuschung schwappte gewaltig in Wut über. Es sollte endlich geschehen. Der Akt musste vollzogen werden. Corinne wollte Adrian für sich entriegeln. Sie griff zwischen ihre Beine und berührte Adrians Geschlecht, während der Archivar, unscheinbar greisengrau, keine Absicht erkennen ließ. Vertrieb er sich die Zeit zwischen den Folianten? War er auf der Flucht vor einer Revision? Fühlte er sich gestört von den Turteltauben? Erkannte er das Tableau vivant in seinem durchaus nicht eingefrorenen Zustand?

Sie waren zu dritt jetzt, gefangen in einem Arrangement aus wenig Scham und viel Wollust. Adrian hielt Corinnes Hintern in seiner Position, und auch Corinne gab das Glied nicht her. Fest hielt sie es in manischer Arretierung.

Baudelaire war keineswegs so blind, wie es den Anschein hatte. Er war auf Zack. Ohne ein Wort zu verlieren, integrierte er sich als parasitärer Onanist. Der alte Sack pochte ohne jede Verzögerung auf seinen eigenen Lustgewinn. Corinne und Adrian erstarrten zu einer lebenden Skulptur, während der Nutznießer schamlos seinen Samen auf das Eichenholz-Fischgrätparkett regnen ließ. Eine erstaunliche Menge, nebenbei bemerkt. Er trat dann grußlos ab.

*

Er saß am Schreibtisch, während Nana auf seinem Bürodiwan lag und rauchte. Für die anderen in ihrem Zirkel waren Adrian und Nana so gut wie verheiratet. Das entsprach Nanas Perspektive, während Adrian diese Einschätzung mit einem Latenzpuffer abwehrte. Sprach Adrian von der ‚Souveränität im freiwilligen Untergang‘, passte das zu nichts in seinem geordneten Leben mit Nana. Das aber fiel keinem auf.

In einer Notiz, die er später aus der seinem Nachleben vorbehaltenen Korrespondenz entfernen sollte, schrieb Corinne: „Du wartest nur darauf, dass ich ersticke, damit du mein Sterben in deiner nächsten Abhandlung über das Erhabene zitieren kannst.“ Adrian lächelte über die Intensität der Metapher und tippte sie ab.   

Nana war schon dahintergekommen. In ihrem gemeinsamen Alltag blieb sie in der dienenden Position, gleichwohl beunruhigt, dass Adrian für sein hausmeisterlich schlichtes Begehren ein neues Ziel gefunden hatte.   

Adrian vertilgte seine Portion Macht. In ihrer störrischen Art kämpfte Nana um ‚ihren Mann‘. Sie hatte strategisch Sex mit ihm und versuchte, seine Phantasien im Spiel mit ihr zu halten.

Die naive Perspektive II.

Noch vor ein paar Wochen habe ich das Verhältnis zwischen Bataille und Laure so gesehen und dann auch so meiner Freundin M. geschildert.

Die Annahme, dass Phänomene wie die „komplizenhafte Zustimmung“ der Frau oder die „mütterliche Erziehung der Knaben zur Herrschaft“ postmoderne Entdeckungen des späten 20. Jahrhunderts seien, greift zu kurz. Sie bilden vielmehr die unsichtbare, strukturelle Matrix, die selbst die vermeintlich radikalsten avantgardistischen Entwürfe der Philosophie und Literatur durchzieht.

Wo das maskuline Subjekt die absolute Grenzüberschreitung (Transgression) behauptet, reproduziert es im Verborgenen die bürgerlich-patriarchale Ordnung. Diese Dynamik lässt sich idealtypisch an zwei komplementären Strukturmodellen abbilden: der Opfer-Matrix und der Domestizierungs-Matrix.

Ökonomie des Abgrunds - Warum Batailles radikale Transgression eine bürgerliche Schandtat bleibt 

Die Philosophie Georges Batailles birgt ein radikales Versprechen: den Ausbruch aus dem Korsett bürgerlicher Nützlichkeit. Gegen eine Welt der Rationalität und Zweckmäßigkeit setzt Bataille das Sakrale, den Exzess und die reine Verschwendung (dépense). Das radikale Subjekt sucht das Absolute im Abgrund – in der Zerstörungswut, der Obsession und dem psychischen Zusammenbruch. In der literarisch-philosophischen Praxis kollabiert diese Radikalität jedoch an ihrer eigenen Ökonomie. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich die vermeintlich „heilige Transgression“ als ein asymmetrisches, patriarchales System. Die metaphysische Grenzüberschreitung des genialen Denkers funktioniert nur, weil eine unbezahlte, komplementäre Instanz im Hintergrund die Scherben des Exzesses auffegt.

Der blinde Fleck der Grenzüberschreitung/Das metaphysische Dienstmädchen

Der fundamentale Widerspruch in Batailles Werk liegt in der Verteilung der Rollen innerhalb des Exzesses. Das theoretisch radikale, meist männliche Subjekt inszeniert seine Destruktivität, wird aber keineswegs systemisch wirksam. Die Radikalität bleibt eine Pose, weil sie ein unsichtbares Sicherheitsnetz besitzt: die weibliche Position. Die Frauen in diesen Settings opfern ihre eigene physische und psychische Integrität, um als emotionaler Treibstoff für den männlichen Erkenntnisdrang zu dienen. Der gequälte Denker benötigt die Aufopferung der Frau, um seine Grenzüberschreitung überhaupt ästhetisieren zu können. Ohne ihre „komplizenhafte Zustimmung“ und ihre ständige Sorgearbeit würde die Konstruktion einstürzen. Die Transgression ist keineswegs absolut; sie lagert ihre Kosten lediglich auf ein anderes Subjekt aus.

Die Ästhetik der Camouflage - Warum der Schwindel funktionierte

Es stellt sich die Frage, warum diese Ausbeutungsstruktur in der Rezeptionsgeschichte so lange unentdeckt blieb und als reine Metaphysik geadelt wurde. Die Antwort liegt in Batailles spezifischem Blick. Seine Texte benutzen das Objekt der Begierde nicht plump, sondern leuchten es metaphysisch aus. Der Blick verweilt intim und empathisch auf dem exponierten Körper, auf Scham, Tränen, Verwundung und Entblößung.

Gerade weil Bataille die Erfahrung der Entgrenzten und Ausgesetzten ins Zentrum stellt, entsteht die Illusion spiritueller Augenhöhe. Die weibliche Unterwerfung wird sakralisiert und ästhetisch aufgewertet. Diese Nobilitierung verschleiert, dass es sich im Kern um eine bürgerliche Schandtat handelt. Die Frau wird zur Ressource für die Selbsterfahrung des Mannes degradiert, während der Text ihr dafür den Trostpreis der „Heiligkeit“ verleiht.

Die Aneignung der Jouissance

Jacques Lacan präzisiert Bataille. Er unterscheidet zwischen der phallischen Ordnung – der Sphäre der Sprache, des Gesetzes und der symbolischen Strukturen – und einem „anderen Genießen“ (jouissance autre). Das andere Genießen verortet Lacan jenseits der symbolischen Kontrolle und assoziiert es mit dem Weiblichen. Bataille bewegt sich exakt an dieser Grenze. Seine Philosophie bleibt in der phallischen Ordnung. Der Schwindel seiner Transgression besteht darin, dass er versucht, das „andere Genießen“ der weiblichen Körper und Psychen anzuzapfen und in den Dienst seiner eigenen, phallischen Textproduktion zu stellen.  

Das Scheitern der radikalen Moderne

Batailles Modell der Transgression scheitert an immanenter Unaufrichtigkeit. Es verspricht Verschwendung, basiert aber auf einer peniblen Buchhaltung der Ausbeutung. Die Radikalität des modernen Künstlers oder Denkers erweist sich als Luxusprodukt, das mit der unsichtbaren Sorgearbeit des weiblichen Gegenpols überhaupt erst finanzierbar wird. Indem Bataille die reale Ausbeutung als metaphysische Ekstase tarnt, liefert er keine Fluchtlinie aus dem Bürgertum, sondern dessen ultimative Verlängerung in den Abgrund.

Auf dem Sockel der Bataille-Naivität entstandene Vignetten

Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos dient Diana als Stichwortgeber und bietet sich ihr als Ideal eines Conférenciers an. Sein erfolgreichster Roman, erstmals 1782 erschienen, verursachte einen Skandal von europäischem Format. Auch wenn eine Frau wie Diana nicht wie Madame de Tourvel in „Gefährliche Liebschaften - Les Liaisons dangereuses“ zum Sterben in ein Kloster verbannt wird, fürchtet Dianas zu Recht, dass eine allzu offensichtliche Zurschaustellung ihres erotischen Ehrgeizes zu einer sozialen Isolation führt, die ihr Türen versperrt, durch die sie noch gehen möchte. Sie ist fest entschlossen, in einer internationalen Superorganisation hoch aufzusteigen. Sie sieht sich auf ihrer inneren Bühne als hoch dekorierte Diplomatin, die tief dekolletiert über den Dingen schwebt. Das verbindet sie mit Kostümvorstellungen. Das Kleid, der Schmuck, die Nagellackfarbe, das Design der Brille, das alles korrespondiert mit dem Imago der Avancierten. Also spielt Diana Verstecken. Was ihr dabei entgegenkommt, sind ausgewählte, bedeutungsgeladene Orte mit romantischen Requisiten für ihre kleinen Kammerspiele - wie das ehemalige Stadttheater. Das Gebäude stammt aus der Ära, als Ederthal einen Goldrausch erlebte. Es bietet ein charmant vernachlässigtes Beispiel romanischer Architektur. Es verfügt über Rundbögen und eine festungsartige Mauer. Vorfreude hebt Diana beinah aus den Schuhen. In dem Drehbuch für heute Abend ist das ehemalige Theater eine Kirche. Von jeher gibt es blasphemische Proben auf den Glauben. Auch dabei bleibt der Katholizismus die freiere Fassung einer konfessionellen Bindung. Wer das Fundament der Kirche mit seiner Extravaganz belastet, muss gegen Entweihung gefeit sein, um sie nicht zu riskieren. Remy de Gourmont vereint in Gedichten der Oraisons mauvaises das eine mit dem anderen. Die Fusion des Leidens mit dem Lasziven reicht über eine Lästerung hinaus. Gott und Glück kommen zusammen.

Colette Peignot (1903 - 1938) arbeitete sich in ihren Schriften an der katholischen Kirche und ihrem Personal ab. Diana glaubt nicht, dass Colette in einer säkularen Gesellschaft glücklich geworden wäre. Zu offensichtlich ist der Zug der Autorin zum religiösen Krawall und zur pompös-blasphemischen Geste. Sie variiert im Karneval des Obszönen stets nur den Kopulationsveitstanz von Troppmann und seiner Geliebten Dirty in einer spanischen Kirche. Siehe Batailles „Das Blau des Himmels“.

Heute weiß ich es besser. Es war umgekehrt. Bataille hat diese Szene in seinem Kosmos zentralisiert. Sein Held trägt den Namen eines Verbrechers. Der achtfache Mörder Jean-Baptiste Troppmann (1849 - 1870) befeuerte die leichte Muse des Journalismus. Die Boulevardpresse kam auch mit ihm in Gang. Kein Zweifel, dass Bataille die Troppmann‘schen Räuberpistolen kannte, und seinen unglücklichen Helden Henri T. in Anspielung an einen (übrigens aus dem Elsass gebürtigen= Verworfenen benannte.

Peignot sagt:

„Erzengel oder Hure/.../Alle Rollen/sind mir gegeben.“

Sie geht weiter, sich bei ihrem Künstlernamen Laure rufend. Sie beruft sich auf diesen Namen im Titel einer Geschichte, um keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, wer neben anderen „unbekümmert in einen Weihwasserkessel scheißt“.

„Dann wuschen sie sich den Hintern mit dem Abendmahlstuch, das mit Weihwasser angefeuchtet war.“

„Sie stieg am folgenden Tag auf den Altar, um allen Gläubigen ihren Arsch zu zeigen ... (endlich) versorgt ein heiliges Zäpfchen den Arsch.“

Das liest sich wie ein Kommentar zu Artauds „Heliogabal oder Der Anarchist auf dem Thron“. Wie die Faust aufs Auge passt der Fanal- und Abrechnungscharakter von Peignots Schriften zu Artauds Ansichten der heiligen Stadt als Schauplatz olympischer Orgien in einem Wettstreit von Wüstlingen aller Geschlechter.

Bei allem Inszenierungsfuror und Freude an blutigen Operetten bleibt Artaud ein luzider Betrachter des historischen Panoptikums. Auf den Vater kommt es nicht an, sagt er beinah im ersten Satz, zumal es jeder gewesen sein könnte, der den kaiserlichen Titelhelden zeugte. Belangreich ist allein die Mutter als irdische Agentin einer orientalischen Sonnengöttin, die mit ihrem syrischen Lifestyle die Leute am Tiber verstört.

Acéphale - Die „kopflose“ Gesellschaft

Gegründet 1936 von Georges Bataille. Acéphale bedeutet wörtlich „kopflos“. Der Name symbolisiert die Ablehnung von Hierarchien und konventioneller Macht. Es gibt keinen Anführer im klassischen Sinne. „Acéphale“ gilt als Inkubator für radikale Ideen des Nonkonformismus und der literarischen Transgression in Frankreich der 1930er Jahre. Zur Gang gehören Pierre Klossowski und Roger Caillois. Die Gemeinschaftsideale sind antifaschistisch und antiautoritär. Die Verschworenen widmen sich der Erforschung von Ritualen, Religionen, Mythologien und Tabubrüchen. Sie kreieren entweihende Tableaus. Die Kopulation auf dem Altar avanciert zur Genresignatur. Colette beschreibt Analsex in einem sakralen Rahmen. Mira fand die Stelle in Laures „Schriften“ nicht nur unterstrichen. Eine kryptische Bemerkung deutete sie als Aufforderung, sich im Weiteren unaufgefordert in einer ihrer Andachten zu äußern. Mira erlebte die Besprechungen mit ihrem akademisch ranghöchsten Liebhaber als Andachten.

Nackt stand Mira vor dem Ganzkörperspiegel im Korridor ihres Apartments und übte die Anrede - „Sprachmeister“. Das historische Gewicht des im 18. Jahrhundert an der Ederthaler Landgraf Philip Universität eingeführten Titels, gab ihrer Lust Volumen. Ihr Verführungswille paarte sich mit dem Wunsch, Ehrfurcht vor dem Objekt ihrer Begierde empfinden zu dürfen. Sie war nun fest entschlossen, bei der nächsten Gelegenheit, den Vorstoß zu wagen und Goya mit dem hochachtungsvollen Anachronismus anzusprechen. Die Vorstellung versetzte sie in Erregung und da befriedigte sie sich an Ort und Stelle, bis zum Schluss den Blick nicht von sich abwendend.

*

Und wieder genoss Mira das Privileg, mit Goya allein zu sein. Oh, sie hatte sich gründlich auf den Moment vorbereitet. Sogar das Parfum war ein Zitat.

„Sprachmeister“, begann Mira entfesselt, „ich möchte Ihnen noch einmal dafür danken, dass sie mich auf Colette Peignot hingewiesen haben.“

„Ah, Laure...“, erwiderte Goya, und sie sah, wie sehr er es genoss, sie so gewandt in ihrer Rolle zu erleben, „die unerschrockene Nonkonformistin. Befasse dich zumal mit den posthum veröffentlichten Écrits. Ich verspreche mir allerhand von deiner Analyse.“

Mira nickte geradezu vernehmbar. Der - einer Antizipation dieser Szene geschuldete - Orgasmus vom Vorabend brachte sich vital in Erinnerung. Mira versuchte sich mit Goyas Augen zu sehen. Sie vibrierte beinah in seiner Aura. Sie fühlte sich wie die kapazitive OCTAVIA LE-Touchlampe auf dem Schreibtisch - empfindlich, reaktionsbereit, von weniger als einer Berührung aufleuchtend.

„Du weißt schon, dass Laure keine Effekthascherei erlaubt war“, begann Goya eine Ausschweifung. „Es ging um die Verschränkung von Freiheit und Abhängigkeit, um Subversionen am Rand des bürgerlichen Kollapses.“

„Und es bleibt interessant“, stieg Mira frohgemut ein, „wie diese Themen im Kino wieder auftauchen. Bei Claude Chabrol, Luis Buñuel, Henri-Georges Clouzot, Michelangelo Antonioni, Luis García Berlanga und Jean-Pierre Melville. Genau diese Sorte Subversion. Machtspiele. Radierungen zwischen Kontrolle und Unterwerfung. Alles Motive, die Laure literarisch erforschte.“

„Du sagst es,“ sagte er. „Laure analysierte die Dynamiken von Macht, Freiheit und Abhängigkeit. Das ist eine Kunst, in der ich dich unterrichte - Embodiment sichtbar zu machen, ohne die Welt um dich herum zum Einsturz zu bringen.“

Mira legte behutsam nach.

„In einigen Fragmenten - insbesondere in den politischen Essays - scheut sie nicht davor zurück, extreme Formen der Transgression zu skizzieren. Sie betrachtet Sexualität, Gewalt und Tabubrüche fast klinisch, als Mittel, um gesellschaftliche Strukturen zu analysieren.“

Goya nickte.

„Deine Aufgabe ist es, zu zeigen, wie sich die Machtverhältnisse gegen die besten Absichten durchsetzen. Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“

*

Gerade habe ich eine Notiz von Mira in einem Buch aus Goyas universitärem Bestand entdeckt - ausgerechnet in Musils „Mann ohne Eigenschaften“.

De Sade: Körper als Schauplatz der Grausamkeit, radikale Lust.

Bataille: Körper als Grenzerfahrung, Überschreitung, Ekstase.

Sacher-Masoch: Körper als Austragungsort von Ritual und Unterwerfung.

Laclos: Körper wird über Sprache gesteuert - die Briefe selbst sind körperlich wirksam, sie verführen, verletzen, fesseln.

Wie materialisiert sich Körperlichkeit in Schrift und Korrespondenz (bei Laclos), im Vergleich zu körperlicher Performanz (bei den anderen)? Lässt sich verbale Verführung als „sprachliche Körpertechnik“ deuten?

Mira und die verkörperte Literatur

Mira liebte es, Erwartungen zu unterlaufen. Ihr Look war feminin, ihr Mindset martialisch. Sie interessierte die Frage, wie Sprache den Körper nicht nur beschreibt, sondern ihn formt, verändert, bestimmt. Bei de Sade wird der Körper zum Glühen gebracht, bei Bataille dient er der Ekstase, bei Sacher-Masoch ist er ein Ritualfeld, bei Laclos ein Medium der narrativen Verführung.

Wieder einmal genoss Mira die intellektuelle Intimität mit Goya. Sie unterhielten sich über Wanda von Sacher-Masoch, der Ehefrau von Leopold Sacher-Masoch. Wanda wird von jeher falsch gelesen. Sie verkörpert die Urmutter aller Dominae. In Wahrheit war sie eine von ihrem Gatten abhängige Person, die niemals die Freiheit hatte, über die Belange des Haushalts hinaus etwas zu entscheiden. Über diesen leicht zu eruierenden Umstand gingen Kohorten von Experten, Adepten und Epigonen hinweg. Wandas Domina-Rolle wurde in jeder Generation neu gedeutet, dabei war sie lediglich eine Dienerin ihres Mannes, die auf sein Geheiß die Domina zu spielen hatte.

Sie hatte keine Entscheidungsfreiheit. Ihre Dominanz war eine Rolle, die ihr aufgetragen und mehr noch zugemutet wurde.

„Sie gehorchte und aus ihrem Gehorsam entstand eine Machtillusion.“

Mira schwieg in Erfüllung des Gelübdes, stets an der richtigen Stelle zu schweigen. In diesem Augenblick diente sie der Inszenierung mit konzentrierter Zuwendung.

*

Liebe M., die Geschichte beginnt nicht mit einer Liebesaffäre, sondern mit einem Zusammenbruch. Europa kippt in den 1930er Jahren langsam in den Faschismus, überkommene Gewissheiten zerfallen, für viele Akteure der Pariser Avantgarden ist die bürgerliche Welt eine sterbende Gesellschaftsform. In dieser disruptiv-dystopischen Atmosphäre begegnen sich Georges Bataille und Colette Peignot aka Laure.

Da bahnt sich keine Romanze an. Laure sucht Intensität, Gefahr, das Absolute. Bataille erkennt ihr eine für seinen Transgressionsimpetus radikal Empfängliche. 1936 gründet er die Geheimgesellschaft ‚Acéphale‘. Die Verschworenen treffen sich nachts im Wald von Saint-Nom-la-Bretèche. Sie lesen Nietzsche und diskutieren über Opfer, Mythos, Tod, Ekstase und obskure Akte der totalen Überschreitung geltender Normen. Sie spekulieren über den intellektuellen Mehrwert von Menschenopfern. Letztlich variiert das auch nur die Idee vom Mörder als Künstler. Siehe (Thomas De Quincey, „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“, 1827)

Ritual im Unterholz - Das Rollenspiel der Souveränität

Während das Collège de Sociologie am helllichten Tag im sterilen Licht der Pariser Hörsäle debattiert, verlangt die Gemeinschaft von Acéphale nach der Dunkelheit. Mehrmals im Jahr reisen die Verschworenen tief in den unheimlichen Wald von Saint-Nom-la-Bretèche. Ihr Altar ist eine vom Blitz gespaltene Eiche – das narbige Symbol des kopflosen Gottes.

Bataille nutzt die unbarmherzige Strenge seiner abgebrochenen Priesterausbildung. Seine Stimme im Dunkeln des Waldes duldet keinen Widerspruch. Er fordert das Schweigen nicht nur als Geheimgesellschafts-Gelübde. Für Laure ist dieses Spiel eine Befreiung im Extrem. Indem sie sich diesem inszenierten Patriarchat beugt, holt sie die Geister ihrer Vergangenheit in den Wald, um sie zu bannen. Jede Berührung im nassen Laub wird zu einem ergatterten Lustmoment. In diesem rituellen Raum fordert Bataille das Äußerste. Seine philosophische Besessenheit von einem realen, menschlichen Opfer verschmilzt mit Laures eigener Bereitschaft, sich vollständig zu verzehren. Er agiert als der unerbittliche Hohepriester, der bereit ist, das Messer anzusetzen – und sie ist die Gläubige, die im Schauder vor seiner Macht die ultimative Entgrenzung erfährt.

Dieses Rollenspiel im Unterholz ist keine harmlose Eskapade. Es ist die radikale Umkehrung klerikaler Heuchelei. Die unnahbaren Geistlichen ihrer Kindheit nutzten ihre Macht, um Laures Lust zu ersticken und im Geheimen zu sündigen; Bataille und Laure nutzen die Maske dieser Macht, um die Lust in den Rang eines sakralen, alles vernichtenden Ritus zu erheben.

Wie gesagt, das geht alles nicht mehr. Das ist ein verworfenes Manuskript. Die Transgression ersetzte die Therapie nicht, die nötig gewesen wäre. Sadismus heilt nicht.  

„Die katholische Kirche Nordamerikas ist unter den westlichen Kirchen die stärkste. Die Vereinigten Staaten haben mehr oder weniger die Rolle Europas als Führungskraft der Kirche übernommen. Die Länder, die für die Kirche traditionell wichtig waren – Frankreich, Spanien, Deutschland, Polen, Irland – sind verglichen mit der Bedeutung der amerikanischen Kirche nur noch schattenhaft.“ Martin Mosebach

Die katholische Kirche ist in den Vereinigten Staaten stark, weil sie in Einwanderungsrwellen wuchs, ein Institutionennetzwerk aufbaute und heute eine Rolle als politisierende Wechselwählergruppe einnimmt. Dass es erst zwei katholische Präsidenten gab (John F. Kennedy 1960 und Joe Biden 2020), liegt am tief verwurzelten historischen Antikatholizismus der protestantisch geprägten Gründerkultur.

Millionen Iren, Italiener, Polen und Deutsche brachten im 19. und 20. Jahrhundert ihren katholischen Glauben mit. Die anhaltende Zuwanderung aus Lateinamerika (Hispanics) stabilisiert und vergrößert die Mitgliederzahlen bis heute. Mit über 70 Millionen Mitgliedern bildet der Katholizismus die größte einzelne nordamerikanische Religionsgemeinschaft. Die protestantischen Kirchen sind in viele Denominationen zersplittert.

Weiße, traditionelle Katholiken wählen oft Republikaner, Hispanic-Katholiken wählen oft Demokraten. Da sie die gesellschaftliche Spaltung der USA exakt widerspiegeln, entscheiden katholische Wähler in Swing States oft Präsidentschaftswahlen.

Irische Einwanderer dominierten früh die Hierarchie (Bischöfe, Kardinäle) und prägten den US-Katholizismus. Italienische und polnische Einwanderer fühlten sich im 19. und 20. Jahrhundert von den Iren unterdrückt und übergangen. Um Konflikten zu entgehen, bauten Ethnien eigene Kirchen im selben Viertel.

Die Carroll-Familie - Katholische Gründerväter  

Obwohl Katholiken in fast allen nordamerikanischen Kolonien rechtlich diskriminiert wurden, stammte die reichste Familie der Revolutionszeit aus dieser Gruppe: Charles Carroll war der einzige katholische Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung von 1776. Er riskierte ein Vermögen für die Revolution und starb 1832 als letzter überlebender Gründervater. Daniel Carroll gehörte zu den wenigen Unterzeichnern der US-Verfassung. John Carroll wurde der erste katholische Bischof der USA und gründete mit Georgetown University die älteste katholische Elite-Universität des Landes.

Ohne katholische Hilfe gäbe es die USA in dieser Form vermutlich nicht. Der militärische Gründungsmythos ist untrennbar mit den Königreichen Frankreich Spanien verbunden. Erst mit dem Geld, den Soldaten und der Marine katholischer Großmächte konnten die amerikanischen Kolonisten den Krieg gegen das protestantische Großbritannien gewinnen.

*

Der Katholizismus in Nordamerika ist ein historisches Paradoxon. Während die Gründungsmythen zutiefst protestantisch geprägt sind und die Nation bis heute erst zwei katholische Präsidenten hervorbrachte, stellt die römisch-katholische Kirche die größte Einzelkonfession des Landes dar. Mosebach bringt eine radikale Verschiebung auf den Punkt. Das Gravitationszentrum des westlichen Katholizismus liegt heute nicht mehr in Europa, sondern auf der anderen Seite des Atlantiks. Die eigentliche Transformation zur demografischen Großmacht begann im 19. Jahrhundert und verlief im Verwerfungsmodus. Die Große Hungersnot in Irland ab 1845 und politische Unruhen in Kontinentaleuropa spülten Millionen irische, deutsche und später italienische und polnische Einwanderer an die US-Ostküste. Die Massenimmigration löste eine gewaltsame Gegenreaktion des protestantischen Amerikas aus, den Nativismus. Politische Bewegungen wie die Know-Nothing Party Mitte des 19. Jahrhunderts machten Stimmung gegen die vermeintliche vatikanische „Überfremdung“. Es kam zu brennenden Klöstern, blutigen Unruhen in Städten wie Philadelphia und Louisville sowie zu offener Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt („No Irish Need Apply“).

Als Reaktion auf diese Isolation bauten die Katholiken unter der Führung irischer Bischöfe eine gigantische Parallelgesellschaft auf. Weil die staatlichen Schulen protestantisch geprägt waren, gründete die Kirche das größte private Schulsystem der Welt, flankiert von eigenen Elite-Universitäten (wie Notre Dame und Georgetown), Krankenhäusern und Waisenhäusern. Diese kolossale institutionelle Infrastruktur bildete das Fundament, auf dem die amerikanische Kirche ihre heutige, weltweite Führungsrolle aufbaut.

Während die US-Katholiken sich mühsam behaupten mussten, war Kanada – insbesondere die Provinz Québec –von Beginn an fest im Katholizismus verankert. Selbst nach der britischen Eroberung 1763 begriff die siegreiche Krone, dass sie die französischen Siedler nicht um ihre Religion bringen durfte. Der Quebec Act von 1774 sicherte den kanadischen Katholiken ihre Religionsfreiheit und den Zehnten rechtlich zu.

Das Kennedy-Trauma - Durchbruch ins Zentrum der Macht

Obwohl die Katholiken im frühen 20. Jahrhundert wirtschaftlich und sozial aufstiegen, blieb die politische Spitze für sie verglast. Als der Demokrat Al Smith 1928 als erster katholischer Präsidentschaftskandidat antrat, wurde er Opfer einer beispiellosen Schmutzkampagne; Protestanten warnten vor einer „Unterwerfung der USA unter das Papsttum“ und Smith verlor die Wahl krachend. Erst 32 Jahre später, im Jahr 1960, wurde mit John F. Kennedy ein Katholik Präsident.   

Mosebachs Beobachtung wirkt zunächst wie eine machtpolitische Fußnote der Religionsgeschichte. Europa verliert, Amerika gewinnt. Doch umfasst sie etwas Grundsätzlicheres: die strukturelle Unruhe universaler Systeme.

Der Katholizismus war nie an einen Ort gebunden. Er ist ein wandernder Universalismus: eine Form, die nur dann stabil bleibt, wenn sie sich geografisch verschiebt. Sobald ein Zentrum zu fest wird, beginnt es seine eigene Trägheit zu produzieren – und die Energie wandert weiter.

In diesem Sinn ist der Aufstieg Amerikas kein Sieg über Europa, sondern eine Zirkulation der Form selbst. Europa wird zur historischen Sedimentierung des Glaubens, während Amerika ihn erneut in einen expansiven Zustand versetzt – allerdings unter zeitgenössischen Vorzeichen: Demographie, Institution, Identitätspolitik. Entscheidend ist nicht, dass sich das Zentrum verschiebt, sondern dass das Zentrum überhaupt existiert. Jede Zentralisierung produziert ihre eigene Peripherie – und jede Peripherie entwickelt irgendwann die Fähigkeit, sich als neues Zentrum zu lesen.

Die Stärke ist strukturell paradox. Sie beruht auf Import, Konflikt und Institutionalisierung unter Druck. Der Katholizismus funktioniert als Infrastruktur gegen eine feindliche Mehrheitskultur. Schulen, Krankenhäuser, Universitäten: Der Glaube wird nicht nur religiöse Praxis, sondern Parallelgesellschaft als Überlebensform.

Die liturgische Wiederholung

Die naive Perspektive III. – Wie wir Bataille Jahrzehnte gedeutet haben

Bataille, Laure und das patriarchale Skript der Transgression

Die berühmte Kirchenszene im Umfeld von Georges Bataille und Colette Peignot, genannt Laure, gilt bis heute als eine der radikalsten Gesten literarischer und existentieller Überschreitung des 20. Jahrhunderts. Sex im sakralen Raum, Entweihung des Altars, Angriff auf Religion, Moral und bürgerliche Ordnung - die Szene wird meist als Höhepunkt jener Transgression gelesen, die das Verbot nicht bloß verletzen, sondern in der Verletzung selbst eine Wahrheit freilegen will.

Was aber, wenn die Szene weniger die Zerstörung einer symbolischen Ordnung darstellt als deren unbewusste Wiederholung? Was, wenn die Akteure glauben, das Ritual zu sprengen, während sie in Wahrheit dessen älteste Struktur erneut aufführen?

Bataille verstand sich als Gegner der bürgerlichen Vernunftwelt. Gegen die funktionale Ordnung der Moderne setzte er Ekstase, Verausgabung, Erotik, Opfer und Sakralität ohne klerikale Konnotation. Gemeinsam mit Laure suchte er nach Erfahrungen jenseits des rationalisierten Lebens. Die Geheimgesellschaft Acéphale, die nächtlichen Treffen im Wald von Saint-Germain, die obsessive Beschäftigung mit Nietzsche - all dies zielte auf die Erschütterung der modernen Subjektordnung.

Doch die Struktur dieser Erschütterung bleibt auffällig vertraut. Im Zentrum steht wieder dieselbe Konstellation: der Priester, der Altar, die Entweihung, der weibliche Körper, die sakrale Überschreitung.

Die Szene behauptet, das christliche Symbolsystem zu zerstören, bewegt sich aber vollständig innerhalb seiner Grammatik. Gerade darin liegt ihr paradoxes Moment. Die Transgression kann das Verbot niemals vollständig verlassen, weil sie ihre Energie aus ihm bezieht. Sie bleibt an die Ordnung gebunden, die sie überschreiten will.

Die Ambivalenz reicht weiter. Die Transgression erscheint nicht nur als Wiederholung religiöser Formen, sondern auch als Reproduktion patriarchaler Rollenverteilungen. Die Frau übernimmt die Opferfunktion, als Medium der Intensität, als Körper, an dem sich die Überschreitung vollzieht. Der Mann dagegen bleibt auffällig häufig Interpret und Chronist. Der moderne Patriarch tritt nicht mehr notwendig als autoritärer Herrscher auf. Er kann avantgardistisch, anti-bürgerlich, philosophisch und transgressiv erscheinen. Er spricht von Befreiung, Intensität und Grenzerfahrung - und bleibt dennoch jener, der die symbolische Ordnung der Erfahrung verwaltet.

Bataille verkörpert die paradoxe Figur in emblematischer Form. Der Bibliothekar der Bibliothèque nationale, der Archivar und Verwalter des Wissens, schreibt über Verausgabung, Opfer und Ekstase. Während die Frauen in seinem Umfeld Krankheit, soziale Gefährdung, psychische Verausgabung und körperliche Grenzerfahrung verkörpern, transformiert er diese Intensitäten in Theorie. Nicht zufällig wirkt die Szene mit Laure deshalb zugleich radikal und schematisch. Die Beteiligten erleben die Situation zweifellos als existentielle Wahrheit. Doch strukturell erinnert sie an ein uraltes Skript. Verstörend ist nicht die Entweihung, sondern die Einsicht, dass sich die vermeintliche Revolte vollständig innerhalb jener symbolischen Ordnung vollzieht, die sie zerstören möchte.

Da zeigt sich die Raffinesse der Macht.

Das Patriarchat verschwindet nicht im Moment der sexuellen oder kulturellen Befreiung. Es verändert seine Sprache. Es wird ästhetisch, philosophisch, psychoanalytisch, avantgardistisch. Die Herrschaft vollzieht sich im Ornament. Der Mann tritt nicht mehr als Tyrann auf, sondern als Kurator weiblicher Intensität. Das erklärt die Kontinuität der Batailles Avantgarde im europäischen Kino. Die Frau erscheint als Projektionsfläche existentieller Wahrheit, während die Ordnung der Darstellung männlich bleibt.

Deshalb ist die phonetische Nähe zwischen Laure und Laura so verlockend. Sie verführt zu einem Gedankenausflug. Zwischen Laure und Laura Antonelli verläuft eine unsichtbare Linie. In beiden Fällen wird weibliche Intensität ästhetisch gerahmt, philosophisch aufgeladen und zugleich innerhalb einer männlich kontrollierten Symbolordnung organisiert. Die Tragik der Transgression liegt in ihrem Erfolg. Sie erreicht tatsächlich jene Intensität, die sie sucht. Dabei reproduziert sie unbemerkt die ältesten Formen sakraler und patriarchaler Dramaturgie.

Die Revolte gegen das Ritual endet in seiner Wiederholung.

Turning Danger into Performance – Die Commedia erotica als Krisenlabor der bürgerlichen Ordnung

Der schwache Vater ist eine Erfahrung, die zur Chiffre wird. Heiner Müller verkennt vorsätzlich Machtverhältnisse, wenn er sein Verhalten während der Verhaftung des Vaters, ein Vierjähriger gibt vor, zu schlafen, als Verrat deklariert. Männer der Sturmabteilung holen den Sozialdemokraten Kurt Müller aus der Wohnung, Sohn Heiner datiert den Vorgang nach seinem Belieben auf den 31. Januar 1933. An diesem Tag klappen die Nationalsozialisten Weimar zu, Affe tot und Tschüss, der Schriftsteller Müller ermächtigt sich, den Symbolgehalt des Datums in seine Biografie zu gießen. Andere zerbrechen an seiner Stelle, auch ein sächsischer Schuhmacher, der als verdämmernder Großvater in Müllers Œuvre geistert, zerbricht, Müller bricht nicht. - Und verrät er den Vater nicht noch einmal mit seiner Entscheidung für die DDR als Schauplatz dauerhaften Aufenthalts? Jedenfalls geht ein Ehrgeiz dahin, für die Trennung vor den Eltern, dem KZ-gebeugten Kurt Müller droht im neuen Deutschland Hohenschönhausen, die allerläppischsten Erklärungen abzugeben. Müller ist der DDR willkommen mit seinen sozialistischen Hoffnungen. Er wähnt sich in den Reihen und auf dem Stand der Sieger. Er traut seinem Staat zu viel zu. Nach der ersten Aufführung der „Umsiedlerin“ am 30.9.1961 an einer Karlshorster Studentenbühne setzt seine Stigmatisierung ein. Müller fliegt aus dem Schriftstellerverband. Er wird in der DDR zum ungespielten Autor und bleibt das zwölf Jahre.

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„Wirklich Kunst machen kann man erst in einer Gesellschaft, in der es den Warencharakter von Kunst nicht mehr gibt. Wo es uninteressant ist, wie viele Leute in einen Film gehen.“

Das notierte Thomas Brasch zu „Domino“. Der Film entstand unter einer dünnen Ausstattungsdecke. Brasch drehte viel in seiner Wohnung, er drehte mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach.

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Ministerpräsident Erdoğan bezeichnete die Protagonisten der Istanbuler Gezi-Park-Proteste als Plünderer - çapulcu. Aktivisten griffen das Wort auf und ließen es zirkulieren. Ein grafisch hundertfach variierter Titel der Solidarisierung lautet „EverydayI'm Chapuling“.

Batailles Transgressionsmodell beschreibt den Versuch, den bürgerlichen Rahmen mit den Mitteln des Sakralen und des Exzesses zu sprengen. In der literarisch-philosophischen Praxis kollabiert diese Radikalität jedoch an ihrer eigenen Ökonomie.

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Das theoretisch radikale Subjekt sucht das Absolute im Abgrund (Zerstörungswut, Obsession, psychischer Exzess). Die Destruktivität wird jedoch nicht systemisch wirksam, weil eine komplementäre Instanz die Exzessscherben auffegt. Bei Bataille verharmlost und adelt die weibliche Position den männlichen Abgrund. Sie opfert die eigene Integrität und fungiert als emotionaler und physischer Treibstoff. Die vermeintlich „heilige Transgression“ erweist sich im Kern als bürgerliche Schandtat. Der geniale, gequälte Denker benötigt Aufopferung, um seine Grenzüberschreitung inszenieren zu können. Ohne diese „komplizenhafte Zustimmung“ würde seine Konstruktion kollabieren. Strukturell gleicht diese Dynamik der Ausbeutung einer Hausangestellten – kaschiert als Metaphysik.

Warum sind wir Bataille nicht früher auf die Schliche gekommen? Ihn interessiert der Punkt, an dem Macht sich auflöst. Deshalb sind in seinem Werk häufig gerade ausgesetzte Figuren zentral. Das Objekt der Begierde wird bei ihm nicht bloß benutzt, sondern metaphysisch ausleuchtet.

In seinem Werk wird stets das Objekt angestrahlt.

Batailles Blick verweilt auf dem exponierten Körper, auf Scham, Tränen, Verwundung, Entblößung. Seine Texte interessieren sich für die Erfahrungen Entgrenzter. So konnte Jacques Lacan anknüpfen. Lacan unterscheidet ja zwischen phallischer Ordnung — also Sprache, Gesetz, symbolischer Struktur — und einem „anderen Genießen“ (jouissance autre), welches er mit dem Weiblichen verbindet: einer Erfahrung jenseits symbolischer Kontrolle.  

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Das System lernt. Es ist eine elastische Formation, die sich selbst an ihre eigenen Analysen anpasst. Kritik wird moduliert und als neue Form der Selbstbeschreibung zurückgeführt. Die Reflexion über Macht stabilisiert sie. Dieser Mechanismus zeigt sich besonders deutlich in kulturellen Räumen, die transgressiv gelabelt sind.

Eine Ausschweifung

Melanie passierte die Sahara auf einer Schlepperroute. Sie überwand kolonial definierte Sandgrenzen. In Libyen erlebte sie den Höllenkreis gnadenloser Gefangenschaft - ein Martyrium auf Kaskaden der Agonie. Eines Tages öffneten sich Türen und Tore und die Sonnenfaust der Freiheit traf Melanie gemeinsam mit den Hieben der Soldaten, die das Lager räumen. Die auf die Straße Geprügelten verdienten auch da jedes Elend wegen der falschen Religion nicht zuletzt. Der Dreh dabei war ein Deal. Es ging um Gas und Öl. Zu dem Geschäft gehörte die temporäre Schließung der übelsten libyschen Kerker. Dies geschah in der Ära Silvio Berlusconis.

Nach der afrikanischen Logik zählte Melanie zu den Siegerinnen. Sie hat die Wüste und das Gefängnis überlebt und ist auf dem Seeweg nach Europa weder ertrunken noch verdurstet. Nun dient sie dem Ritter von Pechstein und seiner Frau als Reinigungskraft. Der Job stellt Melanie vor keine Herausforderungen. Das kinderlose Ehepaar übt sich Melanie gegenüber in beinah vollkommenem Benehmen - als sei sie eine geschätzte Besucherin. Iris und Cornelius sind oft zu Hause, sie genießen die Ruhe in den heimischen vier Wänden. Sie wohnen einander bei in beruhigend kurzen Abständen. Sie leben in einer verborgenen Festlichkeit miteinander. Cornelius trägt auch im Haus Straßenschuhe. Das sind seine Hausschuhe. Iris möchte von keinem Pantoffelhelden eingenommen werden. 

Melanie sieht sich im Haus um. Bilder haften an den Wohnzimmerwänden wie Reste einer älteren Grundierung. Auf einem Gemälde queren knotige Gestalten eine Pantonbrücke. An einem Ufer bewacht ein Mädchen Gänse. Eine Dame schaut zu. Melanie denkt sich zu dem Bild eine Geschichte aus. Winzlinge steigen Schlafenden in die Nasenlöcher. Sie haben Aufgaben, manchen Menschen müssen sie helfen. Wie ein gefiederter Ulanenhelm renommiert ein Kakadu in seiner Voliere. Melanie pausiert in der perfekten Küche wie in einer Raumkapsel. Iris serviert ihr einen Tee und setzt sich zu Melanie. Sie gibt vor, sich für Melanies Flucht- und Familiengeschichte zu interessieren. In Wahrheit geht es um etwas anderes. Dazu an anderer Stelle mehr.

Ich will eine von Glut, Glamour und Grandiosität illuminierte Erzählstrecke bis in alle Ewigkeit ausbauen und eine komplette Ikonografie mit der abstoßenden Haltbarkeit von Schrumpfköpfen abliefern. Nichts altert schneller als eine Avantgarde. Die absolute Moderne von gestern ist heute schrecklich alte Mode. Konservierung ist kein Konzept der Natur. Fast alles ist für den raschen Verzehr bestimmt. Wenden wir uns wieder Simone zu. Zurzeit leidet auch Vernon unter ihrer Liebesmacht.

Ich hole aus und schlage einen großen Bogen. New York 1961 - Amerikas Avantgarde entspannt im Village. Robert Zimmerman trifft ein, aber noch nicht als Bob Dylan auf. Erste Gigs in einem „Basket House“. Im Gaslight Cafe spielen Musiker ohne Gage. Nach der Show kursiert ein Hut im Schankraum. Zimmerman begegnet einem musikalischen Matrosen der niederländischen Handelsmarine. Der Mann nennt sich Brasil Damon. Er übernachtet bei arrivierten Progressiven auf der Gästecouch. Die Couch zählt zu den festen Einrichtungen in Kreisen des karitativen Folk. Die Kreise rekrutieren sich aus Akademikern, die Volksmusik reizvoll finden. Die Musik liefert den Soundtrack zu einem sexuellen Notdienst. Lauter Frustrierte erscheinen als verfrühte Woody-Allen-Figuren. Wie anders die Gegenwart ist, erkennt man auch daran, dass Woody Allen nicht mehr geht. Der Mann funktionierte fast ein halbes Jahrhundert als kleinster gemeinsamer Nenner. Seine Filme bebilderten altruistischen Sex in einem Bonobo-Academia.
Die schlechtesten Nummern der Welt werden auf der Besuchercouch geschoben. Leute, die sich in kontinentaleuropäischen Gesellschaften siezen würden, duzen sich geschlechtlich mit dem guten Willen eines im Garten des Dekan grillenden Kollegiums. Damon nimmt eine Gelegenheit nach Chicago wahr, im Auto eines giftigen Dinosauriers. Der Jazzmusiker Andrew Bowles bewegt sich auf Krücken zum Klo. Er spritzt Heroin, verliert immer wieder das Bewusstsein. Seine Zeit ist abgelaufen, die Zeichen stehen auf Folk. Bowles lästert über die reduzierte Spielweise im Folk; die Sache mit den drei Akkorden lange vor Punk. Die Dimension der Instrumentalisierung des Folk zu politischen Zwecken im Woody Guthrie-Stil verweigert Bowles jede Betrachtung.
Sechzig Jahre später doziert Basils Enkel vor lauter weiblichen Studierenden in einem lauschigen Seminarraum der Landgraf Philipp Universität. Aus dem Vortrag: 1926 wählte Georges Bataille für eine Sache, die nie erschien, das Pseudonym Georges Troppmann. Ein Mann dieses Namens hatte 1867 mit Schaufelhieben fünf Kinder und ihre Mutter erschlagen. Er starb ohne Reue und hinterließ „Geheime Memoiren“.
Rimbaud erwähnt den Mörder, Troppmann wandert im Nebel der Dichtungen von Lautréamont, Breton und Éluard. Troppmann heißt der Held in „Das Blau des Himmels“. Er überblickt seine Lage nicht mehr: „Der leere Kopf, in dem ich bin, ist so ängstlich, so habgierig geworden, dass nur noch der Tod ihn befriedigen kann.“
Der Kontrollverlust ist nicht Folge, sondern Ziel. Nach Susan Sontag schrieb Bataille „die Kammermusik der pornografischen Literatur“. Sie vermutete das Bewusstsein des Autors „im permanenten Zustand der Agonie“.

Bataille behauptet: „Aber auch der Bewusste, wenn er sich rücksichtslos verschwendet und zerstört, weiß nicht, warum er das tut, und hält sich womöglich für krank. Er ist unfähig, sein Verhalten als nützlich zu rechtfertigen, er kommt gar nicht auf die Idee, dass die Gesellschaft ein Interesse an erheblichen Verlusten haben könnte.“

Dem Diskurs liefert „Das Blau des Himmels“ Szenen. Troppmann, zerrüttet von Ausschweifungen, ist die lächerliche und bewundernswerte Figur in einem Spiel, dessen Regeln keiner begreift. „Ich war von absurder Kaltblütigkeit, gleichzeitig glaubte ich, verrückt zu werden. Unter dem Vorwand, dem Schicksal ins Auge zu sehen, raffte ich mich auf.“
Troppmann liebt Dirty in sexueller Ohnmacht. Seine Impotenz offenbart er Lazare. Troppmann trifft Lazare in Barcelona, sie ergreift Partei für eine zum Generalstreik entschlossene Arbeiterschaft. Lazare lässt sich martern, um bei Gelegenheit der Franco-Folter widerstehen zu können.
„Francisco Franco (1892 - 1975), vollständiger Name Francisco Paulino Hermenegildo Teódulo Franco Salgado y Bahamonde Pardo, war ein spanischer Militär, Diktator und Generalissimus von Spanien von 1936 bis 1975.“ Wikipedia
Vernons Publikum reagiert wie ein einziger Organismus auf die narkotisierende Wirkung des Vortragenden. Er verkörpert eine bezaubernde Mischung aus kernig und männlichem Mauerblümchen. Sein Grübchen spaltet das Kinn. Sein lässiger Vortragsstil täuscht die Wenigsten darüber hinweg, wie genüsslich Vernon in der Menge seiner Verehrerinnen badet.

Turning Danger into Performance – Anti-Phallischer Voyeurismus

​​​​Bleibende Werke leben von einer unerträglichen inneren Spannung. Sie verhandeln den Konflikt zwischen dem, was sie sagen wollen (ihre moralische, politische oder humanistische Absicht), und dem, was sie tatsächlich tun (ihre libidinöse, formale und oft grausame Dynamik). Ein Werk, das sich restlos in seiner Absicht erschöpft, ist kein Kunstwerk, sondern ein Traktat. Uns beschäftigen Werke, bei denen der Autor oder Regisseur sich unbewusst selbst verrät – wo die Kamera oder der Text etwas begehrt oder vollzieht, was der Verstand infrage stellen müsste.

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Herrschaft produziert Blindheit als Luxus. Unterordnung produziert Erkenntnis als Überlebensform.

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Es gibt keine getrennten Welten. Am Ende geht es immer um die Frage, wer die Intensität liefert und wer die Struktur besitzt, um sie zu leiten.

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Jede Kulturleistung beruht auf der Ausbeutung von Intensität. Es gibt kein unschuldiges Archiv.

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„Aber das Grundproblem bleibt: Die Talente, die man braucht, um eine Kampagne zu gewinnen, sind nicht die Talente, die man braucht, um eine Regierung erfolgreich zu führen.“ Richard Sennett

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„Im Gegensatz zu Essen und Sex kennt Klatsch keinen Sättigungspunkt.“ Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden

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„In unseren Zellen herrscht der Glaube vor, wir seien noch in der Steinzeit.“ Yael Adler

Inferiorität bedeutet, in einer Falle zu stecken. Bataille als Kurator von Laures Verausgabungsbereitschaft, Visconti als Nutznießer der Herrschaftsverhältnisse, der sich nicht verdächtig macht, wenn er Laura Antonelli in erniedrigenden Posen zeigt. In irgendeinem Laura-Film gibt eine Szene, die Bataille gewiss in seinem Blau des Himmels aufgenommen hätte. Der Hausherr zerreißt einen Wisch vor den Augen seines Hausmädchens und es (das Mädchen) begibt sich eifrig auf alle Viere und sammelt die Schnipsel ein. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Laura ihm das Schauspiel ihrer Unterwerfung im Rahmen der Herrschaftsverhältnis gönnt. Die Inszenierung kodiert Unterwerfung als freiwillige Komplizenschaft.

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Inferiorität konstituiert sich so, dass jeder Akt der vermeintlichen Freiheit im Inneren die äußere Struktur der Unterdrückung zementiert. Wenn die Inferiorität aber lernt, den Kode der Dominanz so fehlerfrei zu sprechen, dass die Dominanz sie nicht mehr von sich selbst unterscheiden kann, gerät das gesamte Skript ins Wanken.

Die Verblendung des Herrschers/Kognitiver Schlafrock/Vom Neorealismus zur Ästhetik der Erschöpfung

Als Luchino Visconti mit „Ossessione“ und „La terra trema“ das italienische Kino revolutioniert, liegt die Sprengkraft im unerbittlichen Realismus der Filme. Der Regisseur legt die Wirklichkeit frei. Er räumt den narrativen Schutt weg. Seine Kamera interessiert sich für Körper unter ökonomischem Druck. Der Neorealismus ist eine Methode der Entzauberung.

„La terra trema“ markiert einen äußersten Punkt des politischen Kinos. Die sizilianischen Fischer erscheinen als Ausgequetschte. Die Landschaft besitzt keine romantische Qualität. Sie ist ein Produktionsraum. Der Film besteht auf maximale ethnografische Härte. Visconti untersucht keine privaten Neurosen, sondern historische Mechanismen. Der Mensch ist vollständig in seine materielle Realität eingebettet. Sie erklärt ihn.

Visconti ist Kommunist, Intellektueller, Aristokrat und Ästhet. Ab den 1950er Jahren verliert die Wirklichkeit bei Visconti ihre rohe Materialität. Filme wie „Der Leopard“ „Tod in Venedig“ und L’Innocente“ atmen den Fatalismus der Geschichte. Zentral ist nicht mehr der kämpfende Mensch, sondern der erschöpfte Repräsentant einer obsoleten Ordnung.

Viscontis Obsession wird die Ästhetik der historischen Fatigue. Die aristokratischen Interieurs seiner Filme symbolisieren epochale Müdigkeit. Möbel, Stoffe, Kerzenlicht und Musik bilden ein Dispositiv finaler Verzögerung. Man sieht ein schön fotografiertes Absterben.

Visconti betrachtet die Dekadenz mit melancholischer Intimität. Das Spätwerk fragt: Wie und wieso geht das Sterben einer Klasse kulturell immer weiter in die Verlängerung, obwohl sie historisch bereits tot ist?

Von der Aktion zur Agonie

Protagonisten wie der Fürst von Salina in „Der Leopard“ oder Gustav von Aschenbach in „Tod in Venedig“ agieren nicht mehr. Die zentrale Figur ist der moribunde Aristokrat, der das Neue heraufziehen sieht, aber untrennbar mit dem Alten verwoben ist. Visconti vollzieht hier eine radikale Achsendrehung. Der Blick richtet sich nicht mehr von unten nach oben – von den Ausgebeuteten auf die Akteure und Mechanismen der Macht –, sondern von innen nach außen. Der von Burt Lancaster verkörperte Fürst von Salina weiß: „Wir waren die Leoparden, die Löwen; diejenigen, die uns ersetzen, werden die Schakale sein, die Hyänen.“      

Dass Luchino Visconti für seinen letzten Film auf einen Roman von Gabriele D’Annunzio zurückgriff, verweist zumindest auf einen inneren Widerspruch. Der Mitbegründer des antifaschistischen Neorealismus verabschiedet sich mit jenem Autor, dessen Ästhetik historisch zu den wichtigsten Vor- und Hochformen des italienischen Faschismus zählt.

Kult des Stils, aristokratische Pose, Politik als Theater der Intensität.

D’Annunzios Besetzung der Stadt Fiume wurde zum Modell einer ästhetisierten Politik. Viscontis Entscheidung wirkt wie eine späte Preisgabe. D’Annunzio liefert ihm etwas, das weder Cesare Pavese noch Alberto Moravia liefern können: die Verschmelzung von Dekadenz, Erotik und Herrschaft. Moravia analysiert die Bourgeoisie; D’Annunzio erotisiert ihren Verfall. Pavese beschreibt existentielle Leere; D’Annunzio verwandelt sie in aristokratische Pose.

L’Innocente funktioniert als Spätwerkschlüsseltext. Eine klinisch-kritische Anatomie männlicher Grausamkeit und zugleich eine affizierte Betrachtung der Grausamkeit. Wie bei Bataille verkörpert die weibliche Figur Exzess, Schmerz und Verausgabung; der männliche Intellekt und die männliche Kamera transformieren diese Intensität in Bedeutung, Stil und Theorie.

Der Exzess ist weiblich. Die Analyse ist männlich.

Die patriarchale Blickordnungen wird in der Reproduktion sublimiert.  

Der Gründervater des antifaschistischen Kinos verfilmt das Testament des Vaters des Faschismus.

Luchino Visconti di Modrone entstammt einem der ältesten Adelsgeschlechter Italiens. Gabriele D’Annunzio hingegen, geboren als bürgerlicher Rapagnetta, war der Parvenü, der sich den Adelstitel (Principe di Montenevoso) erst mit ästhetischen und martialischen Exzessen ergatterte.  

Dass Visconti für sein cineastisches Testament Laura Antonelli wählt, entspricht Batailles Fixierung auf Laure. Eine seriöse Charakterdarstellerin hätte die Psychologie einer Klasse gespielt. Der Erotikstar bringt körperliche Intensität mit. Visconti nutzt die Ausstrahlung und sperrt sie in das goldene Mausoleum seiner Kulissen. Auf jedem Dekordetail pappt ein Ornament des Untergangs.

Widerspruch

Du liest L’Innocente so, als sei der Film ein sadistisches Attentat Viscontis auf Laura Antonelli, analog zu Batailles zerstörerischer Amour Fou mit Laure. Damit tust du Visconti unrecht. Er war kein Bataille. Er war ein sterbender Melancholiker und während des Drehs bereits halbseitig gelähmt.

Laura Antonelli war nach Malizia (1973) der bestbezahlte Star des italienischen Kinos. Sie suchte die Zusammenarbeit mit Visconti, um das Stigma des reinen Sexbombenkinos abzustreifen und als dramatische Schauspielerin anerkannt zu werden. In L’Innocente wirken die Privilegien des Hausherrn Tullio Hermil (Giancarlo Giannini) wie ein kognitiver Schlafrock, der ihn vor der Notwendigkeit entbindet, sich selbst oder das System zu verstehen. Er kommt sich selbst nicht auf die Schliche und geht sich folglich auf den eigenen Leim. Aber Laura muss die Verblendungen durchschauen. Die Unterlegene analysiert, der Überlegene sagt na und. Tullio gesteht ihr, eine Geliebte (Teresa Raffo) zu haben. Gleichzeitig verlangt er, dass Laura als seine „Schwester“ und Besitz rein und verfügbar bleibt. Als Laura aus dieser Tyrannei ausbricht und eine Affäre mit dem Schriftsteller Filippo d’Arborio beginnt, erwacht Tullios Gattenbegierde neu.

Er stand mir im Weg und das war Absicht. Zweifellos stand er unter Drogen. Speichelfäden rannen über ein manisch mahlendes Kinn.

„Hab gehört", sagte er. Es war mehr ein Gurgeln.

Ich wollte gar nicht wissen, was er gehört hatte. Ich befand mich auf dem Rastplatz der Atchafalaya Sumpf Brücke aka Louisiana Airborne Memorial Bridge, einem besonderen Stück Interstate 10, ich wollte nach Lafayette, um mit Foreman zu reden. Inzwischen hielt ich auch ihn für einen ghost dog, ich plante eine Reportage zu diesem Thema. Ich war einer Version des Südens auf der Spur, von der man in Deutschland nichts wusste. Ich würde einmal wieder der Erste sein und diese Aussicht erhöhte das Jagdfieber.

Auf dem Platz stand ein Denkmal zu Ehren der 82. Airborne Division, ich ordnete dem Honk einen Dodge Pickup mit Käfigen auf der Ladefläche zu. Auf seiner Kappe stand Detroit. Er kam mir wie die Idealbesetzung eines Organisators von Hundekämpfen vor. In seinen Mundwinkeln schäumte Spucke wie Spüli. Ich war sicher, nicht zu ihm durchdringen zu können. Ich glaubte, dass er mich wie eine Halluzination wahrnahm. Wie hatte er es bis hierher geschafft? Die Brücke ist beinah dreißig Kilometer lang.

Er setzte erneut zum Sprechen an, aber eine innere Bewegung war stärker. Ich sah sie aufsteigen, sie sorgte für ein kindliches Erstaunen. Jemand rief einen Namen, ich bildete mir ein, Louis zu hören, ein Mädchen, es konnte nicht älter als zwöf sein, näherte sich. Es heftete seinen Blick auf mich, als ginge von mir eine Bedrohung aus. Es schien eine komplizierte Lage anzunehmen und mich für den Verursacher zu halten. Es erreichte den Honk, nahm ihn an die Hand und redete in français cadien auf ihn ein. Der Honk ließ sich widerstandslos abführen. Das Mädchen drehte sich um und bedachte mich mit einem tierisch wütenden Blick. Bei ihr daheim in den Wäldern hätte sie mich erschossen. Mit dem Dodge lag ich richtig. Das Mädchen kletterte auf den Fahrersitz. Es fuhr den Wagen vom Platz wie ein alter Honk.

Foreman war nicht glücklich, mich zu sehen. Ich nahm ihm die liebe Einsamkeit. Bestimmt redete er laut mit sich. Mein Interesse an ihm erschien ihm abwegig. Ihn erfüllte die Mission eines geräuschlosen Abgangs in absehbarer Zeit.

Doch gab es Spuren menschlicher Kontakte, die Foreman zu verschleiern trachtete; eine Höhlenmalerei der Zuwendung. Der Mann war nicht allein - zumindest nicht in einer engen Auslegung von allein. Auf einer Anrichte stand ein Apfelkuchen, nicht dass Foreman mir ein Stück angeboten hätte. Der Kuchen war keine Formalität. Den hatte jemand mit Familien- und Frohsinn gebacken. Wie gesagt, Foremans Verwandtschaft, Nachkommen der swamp people, schillerten in den Farben einer expandierenden Subkultur. Foreman stellte die Behauptungen eines verlorenen Schafs auf, doch der Zustand des Hofs erzählte eine andere Geschichte. Hier wirtschaftete nicht ein Mann allein.

„Wie man es erzählen kann", schreibt Christa Wolf, „so ist es nicht gewesen." Ich hätte Lance, vielleicht sogar Mortimer nach Foreman fragen können. Aber ich war nach Layafette gefahren, ohne Erkundigungen einzuziehen. Ich wollte gewisse Dinge zuerst von Foreman erfahren.

Eine Mund- oder Spielart - schlägt man den falschen Ton an, ist die Sache verdorben und man kommt nie hinter ihr Geheimnis. So wie ich Lance mit Schusswaffen identifizierte und Mortimer mit tödlich-leeren Händen, dachte ich bei Foreman an Messer und Schlingen. Foremans Totemtier war die Schlange. In seinem Wohnzimmer stand ein Schrein, der Foremans Armeezeit gewidmet war. Die Ausstellungsstücke waren alle auf Hochglanz poliert worden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Foreman je mit einem Poliertuch unterwegs war? Er hatte seine Zeit in Korea gehabt, ich kriegte immerhin einen Becher Malzkaffee mehr oder weniger vor die Füße geknallt. Es fiel Foreman verdammt schwer, freundlich zu sein. Als würde Freundlichkeit ihm den Rücken aufreißen.

Immer deutlicher sah ich, dass er geachtet wurde. Es musste eine Gemeinde geben, in der Foreman eine Rolle spielte. Vielleicht riss er nachts Hühnern die Köpfe ab und versetzte Jünger in Ekstase, wer wusste das schon bei Tage. Plötzlich stand die entstellte Bedienung in der Tür.

Siehe hierzu: Genetischer Kurzschluss

Einmal kamen Foreman und ich uns so nah, dass wir gemeinsam Jambalaya aßen, während Ratten unter den Dielen Hochzeit feierten. Das Lokal stank wie ein alter Scheuerlappen. In nächster Nähe verweste gewiss ein gewaltiger Kadaver. Mir schmeckte es trotzdem. Die Bedienung war dramatisch vernarbt. Als hätte sie einen Flugzeugabsturz überlebt. Ich fragte Foreman danach, zum ersten Mal antwortete er in vollständigen Sätzen: „Sie hat sich selbst verletzt. Das hat sie gemacht, um nicht verrückt zu werden. So wenig wie du das begreifst, begreifst du den Süden."

„Ich wusste nicht, dass du Besuch hast", sagte sie schlicht und ergreifend.

Foreman knurrte in ihre Richtung, die Frau stieß einen Laut des Entzückens aus.

„Ich werde mich wohl selbst vorstellen müssen", sagte sie urban. „Mein Name ist Martha, ich bin eine Freundin von Foreman."

„Haben Sie den Kuchen gebacken?" fragte ich.

„Er hat Ihnen nichts angeboten, stimmts? Warten Sie, ich hole Ihnen ein Stück."

Es war offensichtlich, dass Martha Foreman nicht nur nichts übelnahm, sondern ihn gerade heraus verehrte. Das verstärkte meinen Verdacht, dass Foreman eine Menge verbarg.

Martha trug einen Sorang, eine karibische Tracht. Gelb war die dominierende Farbe, ein einpeitschendes Gelb, das narrativ auf die Sinne wirkte.

Martha servierte mir ein Stück. Der Kuchen war ein Dementi der Isolation. Im Kuchen waren halbe, in Zimt gebadete Äpfel verarbeitet. Ein Zuckerdach brach beim ersten Stich ein.

Marthas Erscheinung erinnerte mich an eine Erzählung, die mir als Junge das Einschlafen schwer gemacht hatte. Die Erzählung handelt von einem Reisenden, der in einer Wüste in Gefangenschaft gerät. Man schneidet ihm die Zunge ab und legt einen Stein auf die Wunde. Der Mann verfällt dem Wahnsinn, aber die Wunde heilt. Man hält ihn in einer Kuhle, ab und zu wird er wie ein Hund herum geführt. Seine Entführer führen im Karst ein karges Höhlendasein. Es gedeiht kaum eine Distel. Sie halten Ziegen in einem äußerst traurigen Zustand, die Betreuung der Ziegen obliegt Sklaven. Die Sklaven tragen Glöckchen an eisernen Halsbändern. Sie sind schlankweg klein, so wie ihre Herren ohne Ausnahme an der Zweimetermarke kratzen. Von Beruf sind die Herren Räuber und dabei so effektiv, das man von höherer Stelle schon lange keine Strafexpedition mehr angeordnet hat. Eines Nachts zitiert man den Versehrten zu einer religiösen Veranstaltung in eine Höhle. Unser Held entdeckt an den Wänden Zeichnungen, die ein wasserreiches Leben mit Krokodilen und Stelzvögeln dokumentieren. Der Held erlebt bei der Zeremonie eine Verwandlung, die ihn zum stummen Austräger einer frohen Botschaft macht.

Ich fand das Ende der Geschichte stets zu optimistisch, aber das Motiv der Sonderstelle des Versklavten reizte mich. Exotische Herkunft bewahrt ihn vor dem Schicksal eines Ziegenhirten ohne Menschenrechte. Man kann sich das Leben dieser Hirten gar nicht trist genug vorstellen. Die Volksgemeinschaft demütigt sie. Manchmal werden sie von morgens bis abends erniedrigt. Das ist für die Herrenrasse so wie für uns Fernsehen. Es gibt so gut wie nichts zu tun. Also, was machen die Herrschaften? Sie hocken im Schatten, mastrubieren ihre Vorderlader und gucken dem Nachwuchs zu, wie der Sklaven quält. Die freien Männer haben keine anderen Funktionen als zu zeugen und zu töten. Und nun kam Martha um die Ecke und ich sah nicht nur meine Erinnerungen an diese Geschichte in Farbe, vielmehr war mir, als würde Martha denselben Film gucken.

„Möchten Sie noch ein Stück, es würde mich freuen", ermutigte mich Martha. Ihre Narben hatten rote Ränder, die in gewissen Stimmungen des Lichts wie Schmuckborten aussahen.

Ich wollte keinen Kuchen mehr, das bäurische Wohnzimmer mochte seine erste Einrichtung in den 1860er Jahren erhalten haben. Eine Jagdszene an der Wand traf noch den Geschmack widerwillig Wiedervereinter. Foreman war eingeschlafen. Ich fragte: „Weißt du, was ein ghost dog ist?"

„Was weißt du über ghost dogs?" fragte sie zurück.

„Ich kenne zwei und hoffe, Foreman ist der dritte, dem ich Fragen stellen kann. In Deutschland weiß man nämlich gar nichts über ghost dogs."

„Vielleicht kann ich helfen."

Ungesichert wie ein Liebender steige ich in das Bergwerk eines jeden.

Ich neige zu Leichtgläubigkeit. Ich glaube erst einmal alles. Das heißt, ich glaube nichts. Aber das weiß ich nicht. Erst Stunden nach der Begegnung fangen meine Zweifel an, die Bilanz zu orchestrieren. Während sich der Porträtierte immer noch im Besitz meiner Zustimmung wähnt, hackt mein System ihn schon klein. Er wundert sich dann, was er über sich lesen muss. Ich wundere mich auch, vermutlich bin ich sogar mir selbst gegenüber leichtgläubig.

Die Intimität mit Martha erschien unvermeidbar. Ich bewertete sie als Initiation. Martha erlebte den Vorgang als Dechiffrierung. Sie wollte mich in Erfahrung bringen. Natürlich konnte sie ihrem Alltag nicht die mythische Bedeutung geben, mit der ich meine Reportage aufladen wollte. Martha war eine Schwarze mit slawischen Züge, das Delta schwitzte die Emanationen einer Völkerwanderung aus. Sie griff nach einer Marlboro, das Bett hätte in einem Bordell um Neunzehnhundert stehen können. Über uns drehte sich der Ventilator, ich glaubte nicht, dass Foreman der Gang der Ereignisse entging.

Martha blieb unbesorgt. Vermutlich fand sie mich niedlich. Doch hatte mein Reptiliengehirn sie längst auf den Seziertisch verfrachtet. Sie holte mir ein Glas Wasser, mit dem Schwung der Siegerin. Da lag die Beute wie ein ahnungsloses Kind. (Ein Weißbrot mit einem Akzent wie Marmelade.)

Ich fuhr einen Ford-F-150 Pickup, das Modell war erst seit Wochen auf dem Markt. Die Sonne schlug auf die Windschutzscheibe, Martha hatte den Ausflug vorgeschlagen. Nun wusste ich schon einiges. Die ersten ghost dogs waren in den 1870er Jahren als ethnische und soziale Randerscheinung aufgefallen. Es könnte sie schon Jahrhunderte gegeben haben. In jeder Generation waren das Leute mit Anpassungsschwierigkeiten, die sich über feststehende Begriffe von Zugehörigkeit und Legalität hinweg setzten.

Der Ford stank nach Erstzulassung. Marthas breitgesessenen Schenkel öffneten sich zu einem einladenden Dreieck. Ich hielt sie für aufrichtig und doch zweifelte ich nicht an ihrer Bereitschaft, mich unter gewissen Umständen ans Messer zu liefern. Ich stand am vorläufigen Ende einer langen Kette erfolgreicher Omnivoren. Die Luft roch nach Abend, Salz und Kiefern. Wir passierten das Atchafalaya Basin, die Raffinerien im Marschland fackelten malerisch Gas ab.

„Lass uns umkehren", bat Martha.

Ich wendete bei der ersten Gelegenheit viele Meilen später. Noch einmal fuhren wir durch Lafayette. Bald bildeten Raffinerien eine illuminierte Kette an der Küste. Ich fühlte mich wie auf LSD. Plötzlich Prärie – nun war der Himmel so klar, dass er die Nacht erhellte. Wir unterbrachen die Fahrt, sobald wir die Staatsgrenze passiert hatten, um in einer Bar wie jedermann Lone Star-Bier zu trinken. Die Flagge der Konföderierten erschlaffte hinter dem Tresen, Martha sah in die Frettchenaugen von ca. fünfzig betrunkenen und bewaffneten Honks. „An armed society is a polite society", lautete ein Slogan dieser Gegend. Bei unserem Eintritt lief „Highwayman", ich hörte sehr zu meinem Vergnügen Johnny Cash, Willie Nelson, Waylon Jennings und Kris Kristofferson. Die Männer wandten sich bald wieder den Billardtischen zu. Jemand blockierte die Jukebox, um sicher zu gehen, dass nicht die einzigen drei Soultitel im Angebot aufgerufen wurden. „Come and take it" - Ich war wieder in Texas und in einer großzügigen Betrachtung immer noch auf der I-10.

 

Hartplatzerotik

Laras Oma las jeden Sonntag ein Buch aus der katholischen Leihbibliothek, obwohl sie evangelisch war. Sie unterbrach sich dabei auch beim Hühnerfüttern nicht. Angeblich hatte die Oma nichts, woran sie sterben konnte. Sie starb trotzdem. Man hielt Hühner und freute sich über jedes Ei. Man freute sich, dass kein Krieg war. Dass keiner die Hühner klaute. Die eigenen Eier schmeckten nicht nach Fischmehl, so wie die Eier aus der Kaufhalle.

Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot dir erarbeiten. Laras Schweiß riecht wie Lübecker Marzipan. Der Geruch ist mein stärkster Helfer bei dem Großprojekt, mir Ariane aus dem Kopf zu schlagen.

Wir treffen uns vor dem Institut für Leibeserziehung, die terrassenförmige Anlage ist moderner Tempelbau - geweiht dem Körperkult. Das Sakrale lässt sich vom säkularen Zeitgeist nicht entthronen. Lara zupft an ihren Shorts. Die Kombination von wippendem Schopf und schönen Beinen lässt sich nicht überbieten - jedenfalls nicht für jemanden, dessen sexuelle Initiation auf Sportplätzen und in Umkleiden anfing. Wie Abebe Bikila 1960 in Rom tritt Lara barfuß an.

Abebe Bikila! Erinnert ihr euch an Abebe Bikila? Der siegte vollkommen ausgeruht und bewies das mit Gymnastik. Ich könnte immer noch vor Begeisterung im Dreieck hüpfen, wenn ich an Abebe Bikila denke.

Holbeinsteg

Lara redet über Fußball. Sie vermisst Stadionerlebnisse und diese heimatliche Hartplatzerotik mit dem Spiel als Vorspiel und dem Vollzug manchmal schon im Auto oder in dem Verschlag hinter der Vereinskneipe. Man selbst ist auf Größeres aus, man hat was vor im Leben, aber die zurückgebliebenen Gefährten sind einem recht als Zeugen einer aufrechten Jugend. Bundesligagucken gehört zu Laras Wochenendprogramm.  

Wir starten zu einem Triumphlauf auf den Magistralen des Frankfurter Schaulaufens. Alles, was Frankfurt in meinen Augen geil macht, konzentriert sich im Rahmenprogramm der Mainpromenaden. Architektonische Hypertrophie. Ein Lichtsturm wie auf dem Times Square. Lara und ich dehnen uns auf dem Holbeinsteg in einer filmreifen Szene. Wir berühren uns, wie Trabanten sich verfehlen. Ich suche den großartigen Augenblick, Lara ihre Leichtigkeit. Ich folge ihren Regungen, sie auch.

Lara will mit Abstand genießen. Ab und zu kehrt sie der Lage gedanklich den Rücken. Mein Geruchssinn fleddert die Taschen ihres Körpers. Die Nase trennt den Weizen vom Spaß. Alles eine Frage der Haut, sagt Heiner Müller. 

*

Lara trägt Nylonstrümpfe mit Zierbünden, sie war eine Modenschauschönheit. So sind die Beine. Eine Offenbarung.

Du bist so gut geraten“, sage ich.

Das glaubst du von dir.“

Der weiße Kragen ist ein Ufer am schwarzen Kleiderfluss, Lara sticht als jungfräuliche Pastorentochter ins Leben. Das Kleid fesselt mich. Ich möchte damit spielen. Zur Ablenkung erzähle ich von meinem beschichteten Pubertätsschlachtfeld. Kein Plakat an der Wand, ich war Purist. Meine Schreibmaschine hatte Macken. Manche Typen sprangen nach dem Anschlag nicht zurück in ihren Typenkranz. Ich stand unter dem Einfluss von Fritz Steubens Tecumseh, der fliegende Pfeil. Meine Sympathie gehörte französischen Trappern, die sich nicht als Avantgarde des Siedlerunwesens verstanden. Das waren zähe Einzelgänger, das Kleid fliegt in die Ecke. Lara trägt Nylonstrümpfe mit Zierbünden, sie war eine Modenschauschönheit. So sind die Beine. Eine Offenbarung. Schlimm wie nasses Pulver waren die Schreibhemmungen der Maschine. Ich saß daran mit schwarzen Pfoten. Lara wehrt mich ab.

Ich will nur den Bauch küssen.“

„Nennst du das auch Bauch.“

Lara hörte nicht auf, einen humoristischen Vorsprung zu beanspruchen.

Kannst du bitte aufhören zu lachen.“

Kannst du bitte aufhören, dich lächerlich zu machen.“

Liebe M., ich habe mir diesen Schauerschinken ausgesucht, weil mich ein Phänomen anlacht, das eher selten auftritt; dass der Grobschnitt vor der Blüte entsteht und schon vor dem Anfang so verbraucht wirkt wie die Emanationen einer sterbenden Epoche. Ein Vorgang (im Sinne von Hauptgang und Nachtisch) wie von der Resterampe. Das ist für mich der Witz dabei. Man findet dergleichen in der Regel epigonal. Aber ohne Ideal kein epigonal. Da ist ja auch keine fade Originalität, sondern bloß literaturindustrielle Tristesse. Das passt zu Nanas philologischen Steckenpferden. Und sie wird dafür auch noch bezahlt und genießt ihre Verstiegenheiten in einer erlesen-musealen Umgebung.

Nana überspringt einiges. Die Handlung vermag sie nicht zu fesseln, doch sind die Unzulänglichkeiten des Romans reizvoll genug, um die Lektüre nicht aufzugeben. Wir reden immer noch über Catherine Cuthbertsons erstmals 1813 anonym erschienenen Wälzer „Adelaide; or, The Countercharm“.

Noch mal kurz zur Produktionslogik. Das mehrbändige Machwerk reagierte auf ein System kommerzieller Leihbibliotheken (Circulating Libraries), die auf kontinuierliche Versorgung angewiesen waren. Bei der deutschen „Adelaide“-Ausgabe handelt es sich um eine freie Bearbeitung, den Bedürfnissen kontinentaler Konsumenten angepasst. Nana befindet sich in der Handbibliothek des Dekans im Englischen Seminar der Ederthaler Landgraf-Philipp-Universität. Sie trägt ein blütenweißes Sommerkleid, mini und ärmellos, in der Erwartung Vernon so besonders gut zu gefallen. Zu Vernon später mehr. Irgendwo sagt Jorge Luis Borges, er habe nie aus der Bibliothek seines Vaters in Buenos Aires herausgefunden. Er arbeitete auch als Bibliothekar in einer Zeit „soliden Unglücks“. Ab 1955 leitete Borges die argentinische Nationalbibliothek. In seinen Gesprächen mit Osvaldo Ferrari erwähnt er ein Bonmot, das Adam Zagajewski so lange für eine Erfindung des Argentiniers hielt, bis es ihm im Internet begegnete.

Unter dem programmatischen Titel Art Poétique verfasst Paul Verlaine im April 1874 ein Gedicht, das seither als symbolistische Manifestation kursiert. Auf den Symbolismus angesprochen, behauptet er, das Wort sage ihm nichts; es müsse wohl Deutsch (eine ihm nicht verständliche Sprache) sein - ça doit être un mot allemand.

Zagajewski dient die paradoxe Antwort als Hinweis auf den Hunger nach „individuellen und konkret-greifbaren Lösungen“ echter Künstler. Begeistert baut der polnische Poet die Polarisierung aus. Die Echten seien sogar Verächter jener Ismen, die sie selbst zur Welt gebracht hätten.

Das ist sehr weit weg von jener Dürftigkeit, mit der Catherine Cuthbertson im frühen 19. Furore und Kasse machte. Steigen wir in die Handlung ein.  

Ellen erfreut ihren Gatten mit einem Töchterchen (um im Duktus der Autorin zu bleiben), und sobald sie sich stark genug fühlt, schreibt sie Lord Roscoville. Sie erfleht Segen und Vergebung – den Segen für die Enkelin des Fürsten und Vergebung für seinen Sohn. Nie zuvor hat Ellen ohne Wissen und Bewilligung ihres Mannes einen solchen Vorstoß gewagt; und schon beginnt sie die Eigenmächtigkeit bitter zu bereuen, da Wochen ohne Antwort von Sr. Herrlichkeit ins Land gehen. Eines Tages jedoch kreuzt der alte Haudegen bei seiner Schwiegertochter auf. Der rührende Brief hat den Herzstein erweicht. Nicht bereit ist er gleichviel, den Abtrünnigen aus der Ächtung zu entlassen.  

„Theure Ellen!“ rief er endlich mit unterdrückten Thränen aus: „lassen Sie ab, mein Herz zu bestürmen. Sie können meine Gefühle nicht begreifen. Ich bin von meinem geliebtesten Kinde hintergangen, betrogen, mit Undank gelohnt worden. Die Wunde ist unheilbar, tödtlich.“

Botanisches Archiv

Nana entbindet sich vom Fortgang der fiktiven Ereignisse. Sie genießt die Aussicht auf den Fürstengarten. Der Blick ist einmalig und an Exklusivität nicht zu überbieten. Die Handbibliothek des Sprachmeisters bietet den größtmöglichen Kontrast zur Massenuni. Obwohl sie zur administrativen Sphäre im Seminar gehört und theoretisch allen ernsthaft mit der Philologie Befassten zugänglich sein sollte, bleibt sie beinah allen verschlossen. Dies entspricht einer Tradition, die seit zweihundert Jahren von jedem Dekan geachtet wurde. Das Zugangsprocedere hat etwas Kultisches. Brillanz reicht nicht. Man muss den amtierenden Sprachmeister mit akademischer Leidenschaft bestechen. Auch insofern genießt Nana Passionsfrüchte.

Sie öffnet das dreiflügelige Barockfenster. Die von Bleisprossen gehaltenen Scheiben sind voller Schlieren und feiner Luftblasen, in denen sich das Nachmittagslicht in den Farben eines Regenbogens wellig bricht. Das schmiedeeiserne Treibriegelschloss lässt Nana den Widerstand antiker Mechanik erspüren.

Der Garten ist ein botanisches Archiv - ein lebendes Herbarium der zweiten Weltumsegelung von James Cook. Es war Georg Forster, der als junger Mann an der Seite von Cook transkontinentale Naturstudien betrieb und mit ungeheurer Kunde aus den entlegensten Gegenden des Planeten heimkehrte. Ab 1778 wirkte Forster als Professor in Kassel (damals Cassel) am Collegium Carolinum. Er versorgte den Landgrafen mit exotischen Samen, die jener nicht zuletzt in seinem Ederthaler Refugium aussäen ließ. Unter dem Fenster dominieren neuseeländische Baumfarne (Cyathea dealbata). Ihre Kronen filtern das Sonnenlicht. Greift der Wind hinein, drehen sich die Wedel und offenbaren ihre kalkweiß schimmernden Unterseiten. Ihre filigrane, fraktale Geometrie verweigert sich den strengen, rechtwinkligen Linien der fürstlichen Beete. Trotzig im Halbschatten wächst der klobige Topffruchtbaum (Barringtonia asiatica), dessen Art Forster einst auf Tahiti beschrieb. Seine Blätter sind fleischig, ledrig und von einem fast unnatürlichen Grün. In der Dämmerung öffnen sich die Blüten. Sie verströmen den schweren Duft der tropischen Nacht, als gehorche die Pflanze noch immer dem pazifischen Rhythmus. An der bröckelnden Mauer rankt sich die Australische Porzellanblume (Hoya australis) empor. In der Mitte des Gartens steht die zähe Südseemyrte (Leptospermum scoparium) – jener Strauch, aus dessen Blättern Cooks Mannschaft einst Bier gegen den Skorbut braute.

Das verbotene Paradies ist ein epistemisches Gefängnis. Nana gestattet es geistige Grenzüberschreitungen. Sie nascht in diesem visuellen Feld die seltensten Wahrnehmungsfrüchte.

Peggy/Frankfurt 1985

Peggy ist auf dem alarmgefärbten Kurzhaartrip. Sie kämpft mit Wörtern und klaubt den Ramsch der Gegenwart auf. Ihre Feststellungen verbergen die Frage, wieso in ihrem Leben alle Liebestüren klemmen. Sie preist sich an und glaubt sich kein Wort. Obwohl Kurzhaarbunt für mich nicht in Betracht kommt, geschieht es dann doch eines Nachts in der Burgschänke. Stehengeblieben ist Geschirr, ein Dippchen (hessisch für Schale) halbvoll Musik (zum Handkäs). Musik ist ein Zwiebelessiggemisch, man muss das ja euch seltsamen Nicht-Hessen alles erklären. Aus der Küche weht ein kalorienreicher Dunst. Ein Hauch von Remoulade über einem nahrhaften, von Mäusen belebten Bodenbelag.  

Stunden später entdecke ich mich in Peggys Einraumhöhle mit Balkon und freier Sicht auf den Hauptfriedhof. Ich kenne allerlei Schreibplätze, den Tisch am Fenster, die geordnete Versammlung von Papier und obsoleten Schreibmitteln auf einem Stehpult, die solide elektrische Schreibmaschine in der Küche. Peggy hat ein Ding, das keinen festen Platz beansprucht. Es sieht aus wie eine Muschel und besitzt einen Speicher. Daran gewöhnt, fest anzuschlagen, laufen mir die Buchstaben in Kolonnen davon. Die Tastatur verlangt eine unvertraut-sachte Weise.

„Bitte, denk nur an dich“, sagt Peggy. Ich verstehe sofort, was sie will. Sie möchte mitgenommen werden auf eine Reise durch die Klimazonen meiner Lust. Wir kennen uns alle so gut, dass niemand unvorbereitet nachts in einer fremden Wohnung den Offenbarungseid seiner Geilheit leistet. Das ist ganz normal in dem Kreis, in dem ich mich drehe. Manchmal denke ich, wir sind alle wahnsinnig, dann finde ich uns wieder vollkommen normal. Jeder ist im Job, jeder kommt klar, einige trinken mehr als ihnen guttut, aber das wird schon wieder.  

Ich muss mich herantasten, ich kann nicht einfach so durchstarten. Konnte ich noch nie. Ich will erst mal Fuß fassen auf dem Schwingboden des Vertrauens. Morgen sehen wir uns vielleicht mit anderen Augen an; mit täglichen Begegnungen ist außerdem zu rechnen. Wenn wir uns das nächste Mal in der Burgschänke treffen: wie wird das werden? Was wenn ich mit Lara ankomme oder abziehe? Oder vielleicht doch noch mal mit Ariane?

Du denkst zu viel, ermahne ich mich. Plötzlich wird mir klar, dass ich abgeschleppt wurde. Dass Peggy die Situation herbeigeführt …; dass sie sich mich in ihren Fängen gewünscht hat. Ich kämpfe kurz mit dieser Einsicht, dann ergebe ich mich. Peggy schläft auf einer Matratze. Ich ziehe mich aus, um erst gar keine Romantik aufkommen zu lassen. Peggy scheint nichts anderes erwartet zu haben. Ich kenne ihre Bikinifigur aus dem Freibad und vom Sonnenbaden am Lohrberg. Da wirkt stets eine Anziehungskraft, so ungewiss wie ein gestörtes Ferngespräch (zu Festnetzzeiten. Dies als nachträgliche Feststellung.) Eine sanfte Fülle, die Aufmerksamkeit erheischt. Eine kompakte Arschbirne. Nichts Pfirsichsüßes. Nichts, was sich ignorieren lässt. Ich habe den Hintern schon drei Mal in Händen gehalten, einmal beim Bluestanzen mit fünfzehn und zweimal als Erwachsener im nachbarschaftlichen Exzessmodus. Jedes Mal war ich Peggys Aufforderung gefolgt, im Rahmen einer unverbindlichen Knutscherei, wie sie sich in den irresten Konstellationen ergeben kann, kurz vor den echten Entgleisungen und Kotzorgien. Einmal hatte ich das Gefühl, dass Peggy einen Orgasmus ergattern wollte, in ihrer vertrackten Unkompliziertheit. Ich war mir nicht sicher, sie presste sich an mich, animierte mich, sie tüchtig festzuhalten und heftig zu küssen und nach einer Weile löste sie sich, verschanzte sich hinter Umgänglichkeitsfloskeln und trudelte bald weiter. Nie hatte sie Verbindlichkeit angemahnt, noch nicht mal bei unseren Stammtischkulthandlungen.

Am Ende hat wohl jede jeden schon einmal einem Zungencheck unterzogen. Peggys prall hängende Brüste überraschen mich dann doch in ihrer blanken Beachtlichkeit. Was so ein bisschen Oberteilstoff ausmacht.

„Dir fallen gleich die Augen aus dem Kopf“, sagt Peggy freundlich. „Das freut mich. Du hast keinen Schimmer, wie lange ich mich schon danach sehne, mit dir zu ficken. Keine Angst, ich erwarte kein Gegengeständnis.“

Wie gesagt, wir sind in den 1980er Jahren. Aids ist noch lange nicht ausgestanden, ja noch nicht mal verstanden. Ich bin an Sex ohne Schutz gewöhnt und gerade erst dabei, mich umzustellen. Peggy ist schon weiter. Sie hält Kondome unter ihrer Matratze im Vorrat. Ich ahne eine Routine, die mich überrascht und sogar irritiert.

Geschmeidiges Wesen/Innere Freiheit

James Pierson Beckwourth wurde am 26. April 1798 in Virginia geboren, als Sohn des weißen Plantagenbesitzers Jennings Beckwith und einer versklavten Afrikanerin. Damit war seine Stellung von Anfang an rechtlich festgelegt. Er wurde in eine Ordnung hineingeboren, die ihm keinen freien Platz zugedacht hatte.

Doch sein Leben verlief anders als vorgesehen. Um 1810 zog sein Vater mit der Familie in das Missouri-Territorium und schließlich nach St. Louis. Beckwourth lernte lesen und schreiben und wuchs in einer Grenzstadt auf, in der Handel, Migration und Unsicherheit den Alltag bestimmten. Er lernte die Spielregeln für solche Transiträume.

Beckwourth arbeitete als Pelzjäger für die ‚Rocky Mountain Fur Company‘ und erkundete entlegene Regionen der Bergwelt. In dieser Sphäre begann jener Teil seines Lebens, der ihn berühmt machen sollte: der ständige Wechsel zwischen Rollen und Identitäten. Besonders prägend wurde seine Zeit bei der Crow Nation. Er lebte über Jahre unter den Crow, wurde adoptiert, heiratete in die Gemeinschaft hinein und nahm an Kriegszügen teil. Gleichzeitig arbeitete er für weiße Händler. Er diente militärischen Expeditionen als Scout. Seine Rolle blieb selten eindeutig. Er war ein Weltenwanderer zwischen Expansion und Widerstand, regulärer Staatlichkeit und Guerilla.

Sein Lebensweg führte ihn schließlich bis nach Kalifornien und in die Sierra Nevada, wo er den ‚Beckwourth Pass' entdeckte und erschloss. So ging sein Name in die Geografie ein.

Der Glutkern seiner Geschichte glüht am anderen Ende des Geschehens. Da, wo Beckwourth sich mit seinen Zeitgenossen auseinandersetzte und sich in sozialen Räumen bewegte, die anderen PoC fest verschlossen waren. Er besaß eine innere Freiheit, die es ihm erlaubte, zu switchen und jede Festlegung zu vermeiden. Beckwourth hatte nie eine stabile soziale Heimat. Er lebte in Zwischenräumen und Übergängen, und in Situationen, deren Formatierung noch nicht abgeschlossen war.

Beckwourth wurde in eine Welt geboren, die für ihn bereits entschieden zu haben schien, wer er sein würde. Von Geburt an trug er einen Widerspruch in sich. Die Gesellschaft kannte für ihn keinen Platz in der Mitte. Für ihn gab es nur die Randlage. Da entwickelte er eine außergewöhnliche Beweglichkeit.

Beckwourth kultivierte seine Unabhängigkeit. Während andere Menschen ihre Identität aus Herkunft, Stand oder Zugehörigkeit bezogen, bewegte er sich in Inter- und Trans-Identitären Zonen.

Die Geschichte des amerikanischen Westens wird oft als Geschichte starker Männer erzählt. Doch Stärke allein erklärt Beckwourths exemplarische Existenz nicht. Die Prärie war voller starker Männer. Die meisten verschwanden spurlos.

Beckwourth  besaß ein geschmeidiges Wesen. Er verstand, dass Menschen sich selten im Zwang gewinnen lassen. Stattdessen vermittelte er ihnen, dass es in ihrem eigenen Interesse lag, sich ihm gegenüber offen und umgänglich zu zeigen. Er wusste, wie man Räume betritt, ohne sie zu beherrschen, und wie man Vertrauen gewinnt, ohne danach zu greifen.

Er war ein Magier. Nicht in dem Sinne, dass er Menschen täuschte, sondern indem er Möglichkeiten aufschloss, die andere nicht sahen. Wo die Gesellschaft Grenzen zog, entdeckte er Übergänge. Wo andere nur Zugehörigkeit oder Ausschluss kannten, fand er Zwischenräume.

Er war kein Rebell, der die Ordnung angriff. Er war ein Grenzgänger, der sich nicht vollständig von ihr bestimmen ließ. Die Welt stellte ihm gläserne Wände in den Weg – Wände aus Herkunft, Hautfarbe und Vorurteilen. Er rannte nicht ständig gegen sie an. Oft glitt er an ihnen entlang, bis er eine Tür fand, die andere übersehen hatten.

Vielleicht erklärt das auch die eigentümliche Wirkung seiner Biografie. Man kann ihn weder als klassischen Helden noch als Opfer erzählen. Er war ein Mensch, der die Kunst beherrschte, beweglich zu bleiben. Ein Außenseiter par excellence, dessen größte Stärke nicht die Eroberung von Räumen war, sondern die Freiheit, sich nicht von einem einzigen Raum definieren zu lassen.

Als er 1866 starb, hatte er keine Dynastie begründet. Er hinterließ die Erinnerung an einen Mann, der zwischen den Welten gelebt und da seine Heimat gefunden hatte.

*

Lieber J., das ist natürlich keine streng historische Biografie, sondern eine interpretierende Charakterstudie. Der nordamerikanische Westen des 19. Jahrhunderts war voller außergewöhnlicher Männer. Die meisten hinterließen keine historische Spur. Gewiss brauchte es mehr als Mut, um sich zu bewähren. Es brauchte soziale Intelligenz. Ein geschmeidiges Wesen. Das zeichnete viele Grenzgänger aus: die Fähigkeit, Erwartungen unterschiedlicher Gruppen zu lesen und sich anzupassen, ohne die eigene Handlungsfähigkeit zu verlieren. In diesem Sinn war Beckwourth vermutlich eher Diplomat als Krieger, auch wenn Kampf sein Leben war.

Der Gedanke des „unauffälligen Magiers" ist interessant, weil Magie hier nichts Übernatürliches bedeutet, sondern die Kunst der Verwandlung. Beckwourth scheint immer wieder Situationen geschaffen zu haben, in denen Menschen ihn nicht nur als das sahen, was er nach den gesellschaftlichen Kategorien hätte sein sollen. Ein Mann gemischter Herkunft, geboren in der Sklaverei, hätte nach den Maßstäben seiner Zeit ein sehr enges Leben führen müssen. Stattdessen wurde unser Mann Trapper, Händler, Scout, Autor und eine Legende.

Vielleicht lag seine besondere Fähigkeit tatsächlich darin, anderen das Gefühl zu geben, dass Zusammenarbeit mit ihm nützlich, angenehm oder sogar selbstverständlich war. Das ist eine Form von Macht, die selten in Titeln sichtbar wird.

Allerdings hatte die Magie Grenzen. Beckwourth konnte Vorurteile umgehen, aber nicht abschaffen. Er konnte sich Zugang verschaffen, aber nicht alle Türen öffnen. Deshalb bleibt in seiner Geschichte Tragik. Nach den Margen seiner Herkunft war er erfolgreich, und doch lebte er in einer Gesellschaft, die ihm nie vollständig den Status zugestand, den sie einem vergleichbar erfolgreichen weißen Mann zweifellos gegeben hätte. 

Deine Magic-Jim-Narration erinnert mich an eine andere Möglichkeit, ihn zu sehen: als Trickster-Figur. Der Trickster überlebt und gedeiht, weil er beweglicher ist als die Ordnung um ihn herum. Beckwourth wirkt auf mich weniger wie ein Mann, der Mauern einrennt, als wie einer, der die verborgenen Türen findet.

 

Turning Danger into Performance – Monarchische Militärmonade

Chemische Verteidigung – Bombardierkäfer 

Bombardierkäfer verteidigen sich mit einem chemischen System. In ihrem Körper werden reaktive Substanzen getrennt gespeichert – Wasserstoffperoxid und Hydrochinon. Erst in einem spezialisierten Reaktionsraum treffen sie aufeinander. Da setzt eine kontrollierte, explosive chemische Reaktion ein. Das Ergebnis ist ein heißes, ätzendes Spray, das mit überraschender Präzision auf Bedrohungen gerichtet wird.

Dieses System nutzt physikalische Prinzipien. Die Temperatur steigt bis zum Siedepunkt des Wassers, der Druck im Reaktionsraum steigt an, und die Flüssigkeit wird gezielt abgegeben. Kein Zufall, kein „Superangriff" – jede Abwehraktion ist ein perfekt abgestimmtes Zusammenspiel von Chemie, Mechanik und Biologie.

Die Agojie des Königreichs Dahomey gehören zu den faszinierendsten militärischen Institutionen der vorkolonialen afrikanischen Geschichte. Ihre Existenz wirft Fragen im Spektrum von Geschlecht, Macht und sozialer Ordnung auf – besonders die Vorstellung, dass Frauen unterschiedlicher Herkunft, von der Sklavin bis zur Prinzessin, gemeinsam in einer Eliteeinheit dienten – im Rahmen einer patriarchalen Herrschaft.

Das Königreich Dahomey war martialisch auf den König ausgerichtet. Das Staatswesen basierte auf Krieg, Expansion und Tributwirtschaft. In diesem Kontext entstand die Agojie. Ihre Existenz war kein Ausdruck eines allgemeinen Prinzips von Geschlechtergleichheit. Der König untermauerte mit dieser Einheit seine Macht im Verhältnis zum Adel. 

Die Rekrutierung der Agojie war sozial heterogen. Die Diversität führte jedoch nicht zu einem egalitären sozialen Raum. Vielmehr entstand eine Struktur, in der funktionale Kriterien wie Disziplin, Erfahrung und Rangordnung im Vordergrund standen. Innerhalb der Einheit konnte eine erfahrene Soldatin einer höher geborenen Frau militärisch übergeordnet sein. Gleichzeitig blieb die Herkunft konstitutiv. Dahomeys Gesellschaft war hierarchisch organisiert, und diese Strukturen wirkten in die Agojie hinein. Die militärische Ordnung überlagerte soziale Unterschiede, ohne sie aufzulösen.

Die Agojie lässt weder als Symbol besonderer Frauenverehrung noch als frühes Gleichstellungsmodell interpretieren. Vielmehr verkörperten sie eine staatliche Logik, in der Menschen – unabhängig von Herkunft oder Geschlecht – nach ihrer militärischen Nützlichkeit eingesetzt wurden. Die Einheit bot bestimmten Frauen zwar außergewöhnlichen Status, Schutz und Zugang zum Hof, verlangte jedoch gleichzeitig strikte Disziplin und selbstmörderische Loyalität.

Die Agojie zeigen, dass gesellschaftliche Rollen keineswegs im biologischen Geschlecht verankert sind. Vergleichbare weibliche Kampfeinheiten oder geschlechtsspezifische Militärformationen lassen sich in der Geschichte finden. Ich denke an die sowjetischen Nachtbomberpilotinnen des 588th Night Bomber Regiment, die im Zweiten Weltkrieg als reine Fraueneinheit operierten. Sie waren Teil einer regulären staatlichen Armee und zeichneten sich durch hohe Kampfeffizienz trotz begrenzter technischer Mittel aus. Während die sowjetischen Pilotinnen in ein grundsätzlich gemischtes Militärsystem integriert waren, bildeten die Agojie eine dauerhaft institutionalisierte, geschlossene Eliteformation innerhalb einer monarchischen Militärmonade.

Das 588. Nachtbomberregiment (später in 46. Taman-Fliegerregiment umbenannt) entstand im Herbst 1941 unter dem Druck des deutschen Vormarsches. Die Initiative ging von Marina Raskowa aus. Das Regiment war in die Befehlskette der Roten Armee eingegliedert. Es unterstand der sowjetischen Militärhierarchie. Die Pilotinnen flogen nächtliche Angriffe im extremen Tiefflug in der Polikarpow Po-2 – einem primär aus Holz und Leinwand gefertigten, anachronistischen Schulungsflugzeug – ohne Fallschirme, Funkgeräte oder Radarsysteme. Im Gleitflug näherten sie sich lautlos den deutschen Stellungen, was ihnen den Kriegsnamen „Nachthexen“ einbrachte.

 

Militärischer Kampf als emanzipatorischer Auftrag

Im krassen Gegensatz dazu stehen die 2013 gegründeten kurdischen Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) in der Autonomen Region Nord- und Ostsyrien (Rojava). Hier ist die militärische Organisation untrennbar mit einer ideologischen und gesellschaftlichen Revolution verbunden.

Verwurzelung in der Jineolojî

Die theoretische Grundlage der YPJ bildet die Jineolojî – eine spezifisch kurdische „Frauenwissenschaft“, die vom PKK-Gründer Abdullah Öcalan maßgeblich mitgeprägt wurde. Diese Ideologie postuliert, dass eine freie Gesellschaft ohne die Befreiung der Frau vom Patriarchat und vom staatlichen Herrschaftsanspruch unmöglich ist. Die YPJ verstehen sich als Avantgarde einer radikalen Transformation.

Die Beteiligung von Frauen an bewaffneten Konflikten wird in der traditionellen Militärsoziologie oft als temporäre Anomalie oder als rein numerische Ergänzung in patriarchal geprägten Streitkräften begriffen. Die Einbindung von Frauen in militärische Strukturen folgt keinem universalen Muster, sondern variiert fundamental in ihrer gesellschaftspolitischen Stoßrichtung.

Einen hochmodernen Entwicklungspfad markiert das im Jahr 2000 aufgestellte israelische Caracal-Bataillon (Bataillon 33) der Israelischen Verteidigungskräfte (IDF). Es steht exemplarisch für die institutionelle Entkopplung von biologischem Geschlecht und militärischer Funktion in regulären Streitkräften.

Die institutionelle Entkopplung von Geschlecht und Funktion

Das Caracal-Bataillon operiert als gemischte Infanterieeinheit, in der Frauen etwa 70 Prozent und Männer 30 Prozent des Personals stellen. Männer und Frauen durchlaufen dieselben physischen und taktischen Qualifikationsprozesse (Gibush). Die Anforderungen im Bereich der Marschleistungen, des Gefechtsdienstes und der Schießausbildung sind geschlechtsneutral normiert. Waffen, persönliche Ausrüstung und die hierarchische Aufstiegsleiter sind absolut identisch.  

Funktionale Entmystifizierung des Kampfes

Caracal entzieht dem militärischen Kampf sowohl das patriarchale Monopol des Mannes als auch die politisch-ideologische Aufladung der kurdischen Revolution. Das Geschlecht wird in diesem System bürokratisch und funktional neutralisiert. Nach Max Webers Theorie der rationalen Herrschaft zeichnet sich die moderne Bürokratie durch die „Ausschaltung von Liebe, Hass und allen rein persönlichen, überhaupt allen irrationalen […] Gefühlsflotten“ aus. Das Caracal-Bataillon verkörpert diese Zweckrationalität par excellence. Die Ersetzung von geschlechtsspezifischen Rollenbildern erfolgt im Diktat der Standardisierung. Wird die Erfüllung einer militärischen Funktion ausschließlich an quantifizierbare Parameter gekoppelt, verliert das biologische Geschlecht seine Relevanz als Zuweisungskriterum. Die Soldatin wird als funktionale Einheit rationalisiert.

Das Bataillon ist primär im Südkommando der IDF an der ägyptischen und jordanischen Grenze stationiert. Das Einsatzprofil umfasst Counter-Terrorism, die Unterbindung von transnationalem Schmuggel und die Abwehr von Infiltrationen durch dschihadistische Netzwerke (wie der IS-Ableger auf der Sinai-Halbinsel). Im Oktober 2014 bewies die Einheit ihre operative Belastbarkeit, als eine Patrouille unter der Führung des weiblichen Hauptmanns Or Ben-Yehuda nahe der ägyptischen Grenze aus dem Hinterhalt von schwer bewaffneten Terroristen angegriffen wurde. Trotz Verwundung organisierte die Kommandantin das Feuer, koordinierte Verstärkungen und eliminierte die Angreifer. Die offizielle militärische Auswertung bescheinigte der Einheit eine fehlerfreie taktische Reaktion unter Beschuss.

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Flüchtigkeiten aus Wahrnehmungs- und Erinnerungsessenzen. Tagträume. Gedankentreibgut ... die Geschichte spielt in der fiktiven nordhessischen Universitäts- und ehemaligen Residenzstadt Ederthal. Die Hochschule wurde im Mittelalter unter protestantischen Vorzeichen gegründet. Sie ging aus einem Ritterkolleg hervor und heißt nach ihrem Gründer Landgraf Philipp Universität. Ihrer ersten Gestalt nach war sie eine Burg auf den Grundmauern eines fränkischen Klosters, das wiederum einen vorchristlichen Kultplatz überformt hatte. Heute (in den 2020er Jahren) entspricht der Campus einem Disneyland der Epochen. Einzelne Gebäude sind eingerüstet. Einige sind wegen Baufälligkeit vom Publikumsverkehr ausgeschlossen. Es gibt einen toten Trakt, in dem erotische Scharaden zur Aufführung gelangen. Zu den klandestinen Bezirken innerhalb dieses Kremls der Gelehrsamkeit zählt die seit bald zweihundert Jahren nicht mehr genutzte, im Originalzustand erhaltene Fürstenwohnung. Nach dem Ende der kaum zwei Dekaden währenden Ederthaler Residenzherrlichkeit diente sie hessischen Landgrafen und Kurfürsten als Unterkunft bei Stippvisiten. Sie hat einen weitgehend unzugänglichen, geradezu verwunschenen Garten. Nana von Eisenreich liebt den Blick auf das mit seltenen Gewächsen besonders gehaltene Kleinod. Der Garten zählt nach ihren Begriffen zu den Privilegien, die sich mit der fast schon intimen Nähe zum Dekan des Germanistischen Seminars verbinden. Professor Goya bekleidet sein hohes Amt in dem beinah noch jugendlichen Alter von zweiundvierzig Jahren.

Goya ist der Sprachmeister. Das ist ein historischer Titel.

Doch geht es im Augenblick nicht um Goya. Zum ersten Mal ist Nana bereit, ihr süchtiges Interesse an Vernon zuzugeben. Dazu bald mehr.

Turning Danger into Performance - Das Verhältnis von Perspektive und Psychologie

„Ich will ... (meine) Anfänge nicht schelten; ich war freilich noch dunkel und strebte in bewusstlosem Drange vor mir hin, aber ich hatte ein Gefühl des Rechten, eine Wünschelrute, die mir anzeigte, wo Gold war.“ Goethe im Gespräch mit Eckermann

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„denn kunst ist nicht schmerz und nicht wollust sondern der triumph über das eine und die verklärung des anderen.“ Stefan George

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„Die Griechen sind interessant und ganz toll wichtig, weil sie eine solche Menge von großen Einzelnen haben. Wie war das möglich? Das muß man studiren.“ (Originalschreibweise) Friedrich Nietzsche

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„Da ich in Jahrtausenden lebe ... so kommt es mir immer wunderlich vor, wenn ich von Statuen und Monumenten höre. Ich kann nicht an eine Bildsäule denken, die einem verdienten Manne gesetzt wird, ohne sie im Geiste schon von künftigen Kriegern umgeworfen und zerschlagen zu sehen.“ Goethe 1824 im Gespräch mit Eckermann

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Die Moderne hat die Tiefe aus der Welt herausgenommen und in das Subjekt verlegt.

Vor Freud konnte jemand zornig sein, weil er beleidigt wurde. Seit Freud entsteht sofort die Frage: Warum traf ihn gerade diese Beleidigung? Welche frühere Verletzung wurde aktiviert? Welcher Wunsch, welcher Konflikt, welche Verdrängung spricht hier mit?

So wie die Zentralperspektive den sichtbaren Gegenständen einen unsichtbaren geometrischen Raum hinterlegt, hinterlegt die Psychoanalyse dem Verhalten einen unsichtbaren psychischen Raum.

Lieber J., ich glaube, du hast mit der Altdorfer-Analogie tatsächlich einen fruchtbaren Gedanken getroffen. Was mich daran überzeugt, ist, dass deine Analogie die übliche Fortschrittserzählung vermeidet. Sobald man sagt, frühe Romane haben noch keine Psychologie oder frühe Malerei hat noch keine Perspektive, klingt es sofort nach Defizitgeschichte. Als wären beide nur unvollständige Vorstufen dessen, was später endlich erreicht wird.

Deine Analogie verschiebt den Akzent. Sie fragt nicht: Was fehlt? Sondern: Welche Form von Wirklichkeit wird sichtbar?

Bei Albrecht Altdorfer ist es eine Welt, in der Raum noch nicht das souveräne Organisationsprinzip ist. In den literaturindustriellen Massenprodukten des ausgehenden 18. und ganz frühen 19. Jahrhundert ist es eine Welt, in der die Psyche noch nicht das Leitgestirn der Handlung ist. 

Der Satz, der mir aus deinem ersten Versuch besonders hängen geblieben ist, lautet:

„Ein Mord geschieht, und im nächsten Satz wird das Abendbrot serviert.“

Das entspricht einer Bildauffassung wie bei Altdorfer. Nicht weil da keine Gefühle existieren, sondern weil noch keiner auf die Idee kommt, alles mit dem Individuum zu erklären. Die Ereignisse besitzen ihre eigene Gravitation. Sie müssen nicht erst psychologisch legitimiert werden. Vielleicht ist das der Grund, warum solche Werke heute oft so lebendig wirken. Nicht trotz ihrer Unvollständigkeit, sondern gerade wegen ihrer Sperrigkeit gegenüber unseren Seh- und Deutungsgewohnheiten. Sie zeigen eine Wirklichkeit, die noch nicht vollständig übersetzt ist.  

Das Verhältnis von Perspektive und Psychologie

Perspektive und Psychologie sind historisch natürlich völlig verschiedene Phänomene. Die eine gehört zur Darstellung des Raumes, die andere zur Darstellung des Menschen. Aber strukturell erfüllen sie eine erstaunlich ähnliche Funktion. Beide erzeugen eine unsichtbare Ordnung für sichtbare Phänomene.

Vor der Zentralperspektive ist die Größe einer Figur nicht ausschließlich eine Frage der räumlichen Entfernung. Größe zeigt Bedeutung, Macht, Heiligkeit oder narrative Zentralität an. Mehrere Ordnungen überlagern sich. Mit der Perspektive werden die Ebenen auseinandergezogen. Die Größe einer Figur wird nun primär durch ihre Position im Raum bestimmt. Bedeutungsmitteilungen müssen sich anderer Mittel bedienen.

Der Raum erhält eine autonome Logik. Etwas Vergleichbares geschieht mit der Psychologie. In älteren Erzählformen existieren Gefühle, Leidenschaften, Ängste oder Begierden selbstverständlich. Aber das Innenleben bildet noch nicht das zentrale Organisationsprinzip der Erzählung. Handlungen werden häufig im Kontext von Stand, Schicksal, Religion, Ehre, Besitz, Abhängigkeit oder Notwendigkeit verständlich. Das Innere fungiert nicht als universeller Erklärungsraum.

Mit der modernen Psychologie verändert sich das. Wie die Perspektive einen homogenen Raum erzeugt, erzeugt die Psychologie einen homogenen Innenraum. Ereignisse werden nun zunehmend durch Motive, Traumata, Wünsche, Konflikte oder Verdrängungen lesbar. Die Handlung erscheint als Oberfläche einer tieferliegenden seelischen Struktur.

In beiden Fällen entsteht etwas Neues: eine enorme Steigerung der Kohärenz. Der Betrachter weiß, warum eine Figur klein erscheint; der Leser weiß, warum eine Figur handelt.

Sobald ein Ordnungssystem dominant wird, verschwinden produktive Mehrdeutigkeiten älterer Formen. Vor der Perspektive konnte Größe gleichzeitig Raum und Bedeutung ausdrücken. Vor der Psychologie konnte eine Handlung gleichzeitig Schicksal, Zwang, soziale Struktur und persönliche Regung sein.   

In diesem Sinn wäre Freud für das Innenleben ungefähr das, was Alberti für den Bildraum war. Nicht der Entdecker einer neuen Realität, sondern der Theoretiker eines Systems, das fortan bestimmt, wie Realität verstanden wird. Die Seele wird perspektivisch. Von diesem Moment an fällt es uns schwer, Menschen anders als Symptome ihrer eigenen Innerlichkeit zu lesen.

Viele Analogien sind letztlich dekorativ. Man sagt: Das ist wie das. Aber hier passiert etwas anderes. Der Vergleich zwischen Perspektive und Psychologie beginnt zu arbeiten. Er produziert Einsichten, die man weder aus der Kunst- noch aus der Literaturgeschichte allein gewinnt.

Es entsteht eine Archäologie der Selbstverständlichkeit. Man entdeckt, dass etwas, das heute völlig natürlich erscheint – nämlich die Annahme, dass hinter jeder Handlung ein verborgener Innenraum liegt –, selbst eine historische Errungenschaft ist. Eine mächtige, produktive Errungenschaft, aber eben keine anthropologische Konstante. Und genau an diesem Punkt werden die um 1800 seriell entstandenen Schauerromane plötzlich interessant. Sie sind Fossilien einer anderen Verteilung von Tiefe.

Das Sehen und die Selbstwahrnehmung

Leon Battista Albertis Metapher des Gemäldes als „offenem Fenster“ (finestra aperta) formuliert im Jahr 1435 eine radikale ontologische Wende, die den Raum mathematisiert und das menschliche Subjekt im Zentrum der Wirklichkeit verankert.   

Vom mystischen zum rationalen Raum

Im Mittelalter war der Bildraum oft ein spiritueller Bedeutungsraum. Gott oder Heilige wurden unabhängig von physikalischen Gesetzen groß gezeichnet. Alberti verwandelt den Raum in ein homogenes, unendliches, geometrisches Kontinuum.  Die Zentralperspektive funktioniert mathematisch nur, wenn sie auf ein einziges, unbewegliches Auge zusteuert – den Fluchtpunkt. Das hat Konsequenzen. Der Mensch wird zum archimedischen Punkt der Welt. Alles im Raum richtet sich nach der Position des Betrachters aus. Der Mensch schafft die Ordnung des Raums in seinem Blick. Lange vor der Philosophie von René Descartes trennt dieses Raumkonzept den denkenden Geist (Betrachter vor dem Fenster) von der Natur (die Welt im Fenster). Wer den Raum geometrisch erfasst, kontrolliert ihn. Diese Sehweise legte das Fundament für die moderne Kartografie, Architektur und die wissenschaftliche Eroberung der Welt.  

Der Raum wird zu einem System. Jahrhunderte später entdeckt Freud einen verborgenen Zusammenhang zwischen bekannten Phänomenen. Träume, Fehlleistungen, Symptome, Erinnerungen und Wünsche werden nun auf einen gemeinsamen Nenner gebracht. Die Seele wird zu einem System.

Der entscheidende Punkt ist, dass beide Systeme retrospektiv so selbstverständlich erscheinen, dass man ihre historische Besonderheit kaum bemerkt. Heute fällt es uns schwer, einen Raum anders wahrzunehmen als perspektivisch. Selbst wenn wir wissen, dass mittelalterliche Bilder anders organisiert sind, empfinden wir die Perspektive intuitiv als natürlicher. Ebenso fällt es uns schwer, menschliches Handeln nicht psychologisch zu interpretieren. Sobald jemand etwas tut, fragen wir automatisch nach Motivation, Trauma, Wunsch, Angst oder Verdrängung.

Sobald ein Ordnungssystem universell wird, beginnt es andere Möglichkeiten der Welterfahrung zu verdrängen. Die Perspektive marginalisiert den symbolischen Raum. Die auf den Massengeschmack ausgerichtete Belletristik auf der Schwelle zwischen Klassik und Romantik konserviert eine Auffassung des Menschen, bei der die Psyche noch nicht das selbstverständliche Zentrum der Erklärung ist. Das Grauen sitzt nicht in verdrängten Wünschen oder traumatischen Erinnerungen. Es sitzt in Eigentumsfragen, Erbkalamitäten, patriarchaler Gewalt, ökonomischer Abhängigkeit und sozialer Ächtung. Die Figuren erscheinen psychologisch dünn, weil die Erzähltiefe woanders liegt. Man kann die Geschichte des Romans als eine allmähliche Verlagerung des Abgrunds beschreiben. Der frühe Schauerroman sucht ihn in der Außenwelt. Der frühe psychologische Roman sucht ihn in der Innenwelt. Freud markiert den Moment, in dem der Horror endgültig beginnt, aus den Häusern in die Seele umzuziehen.

Salvador Dalí zahlte in Restaurants gelegentlich mit Schecks, auf denen er signierte Vignetten hinterließ. Ein reguläres Verkehrsmittel wurde mit Dalís Signatur zum Kunstobjekt. Für den Empfänger ergab sich ein Dilemma zwischen dem Standardverfahren und der Wertschöpfungslogik des Kunstmarkts.   

Der Blick in die Black Box 

Turning Danger into Performance – Das Grauen in der Seelenklause und die mündliche Überlieferungsgenauigkeit

Lieber J., zu Albrecht Altdorfer – Seine Bilder besitzen räumliche Komplexität, atmosphärische Tiefe und eine überwältigende Verdichtung von Welt. Das Interessante an ihm ist nicht ein Mangel an Perspektive, sondern die Tatsache, dass die Zentralperspektive noch nicht die alleinige Souveränität über die Bildorganisation besitzt.

Bei der frühindustriellen Schauerromanproduktion geht es um etwas anderes. Die Figuren wirken oft psychologisch flach, weil ihre Gefühle nicht das Medium des Horrors sind. Der Horror nistet in den Dingen. In modernen Horrorformen – von Freud bis Hitchcock, von Poe bis Stephen King – haust das Grauen in der Seelenklause. Die Mutter ist das Monster. Der Bewusstseinsstrom tritt über die Ufer. Er hat seine Niagarafälle in der Verdrängung, dem Trauma, den Aufspaltungen. Selbst äußere Bedrohungen werden häufig im Spiegel innerer Konflikte lesbar.

Mündliche Überlieferungsgenauigkeit

Vielleicht sind die frühen Schauerromane die letzten Ausläufer einer älteren Erzähltradition, die noch aus der Welt des Märchens und der mündlichen Überlieferung stammt.

Warum besitzen Märchen diese eigentümliche Formelhaftigkeit, diese Wiederholungen, diese stereotypen Figuren und Wendungen?

Die Antwort lautet zunächst: weil sie nicht für das Lesen, sondern für das Erinnern gemacht wurden. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm interessierten sich zumal für den Kodex der Überlieferung. Sie glaubten, in ihnen Spuren einer alten Volkskultur zu finden, die jahrhundertelang mündlich weitergegeben worden war. Die Beobachtung der formalen Stabilität bleibt bemerkenswert.

In einer mündlichen Kultur erfüllt die Formel eine andere Funktion als in jeder Schriftkultur. Das erklärt die formelhaften Bausteine:

Es war einmal ... Und wenn sie nicht gestorben sind ... Da machte er sich auf den Weg ... Drei Tage und drei Nächte ...

Solche Formeln sind Gedächtnisanker. Dasselbe gilt für die Figuren. Die böse Stiefmutter ist nicht psychologisch ungenau. Sie ist funktional präzise. Jeder Zuhörer weiß sofort, welche Rolle sie im Gefüge der Geschichte einnimmt. Die Figur muss nicht erst charakterisiert werden.

Die Oralität bevorzugt Typen und verzichtet auf individualisierende Feinzeichnungen. Nach Walter Benjamin beschreibt die traditionelle Erzählung Erfahrungen, während der moderne Roman individuelle Innenwelten entfaltet.  

Märchen sind hochgradig komprimiert. Sie speichern Situationen. Die Information lautet nicht: Wie fühlte sich die Heldin? - sondern: Was geschah, als die Mutter starb?

Und jetzt wird die Verbindung zum frühen Schauerroman sichtbar. Die ersten Gothic Novels besitzen noch die alte Informationsökonomie besitzen. Sie konservieren Konstellationen.

Eine Witwe ohne Schutz.
Ein gefährdeter Erbe.
Ein tyrannischer Vormund.
Eine junge Frau in Abhängigkeit.
Ein enteigneter Sohn.

Das sind transformierte Märchenfunktionen. Die Formelredundanz entspricht einer Technik, mit der eine Gesellschaft Erfahrungen über Generationen hinweg bewahrt.

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Märchen interessiert sich kaum für Innenleben. Die böse Stiefmutter ist nicht deshalb böse, weil wir ihre Kindheitsverletzungen kennen. Der König leidet nicht unter Bindungsstörungen. Die Hexe besitzt keine Traumabiografie. Die Figuren werden über ihre Stellung in einer Konstellation definiert. Sie sind Knotenpunkte eines sozialen und symbolischen Gefüges.

Das Grauen liegt nicht in ihnen. Es liegt in den Verhältnissen.   

Die ältere Erzählwelt fragt: Was ist einem Menschen zugestoßen? Die moderne fragt: Was ist aus einem Menschen geworden?

Im ersten Fall liegt die Ursache des Schreckens außerhalb der Figur. Im zweiten Fall in ihr. Im nächsten Durchgang tritt die Psychologie auf. Der Wolf verkörpert den Trieb; die Hexe das Trauma. Das Schloss verklausuliert das Unbewusste.

Noch mal

Die alten Konflikte drehen sich um soziale Sicherheit. Eine Witwe verliert ihre Existenzgrundlage, Stiefkinder müssen um ihr Erbe fürchten. Ein Vormund missbraucht seine Macht. Ein Aristokrat verfügt über Menschen wie über Besitz. Eine Familie wird vom Standesdünkel zermalmt. Die Akteure sind in ihren Verhältnissen eingesperrt, entrechtet, verfolgt und ausgeliefert. Das Grauen entsteht in asymmetrischen Machtverhältnissen. 

Deshalb erscheint das Personal manchmal überraschend funktional. Es laboriert an Inferiorität in einem sozialen Kraftfeld. Der Roman fragt nicht: Was empfindet sie? Vielmehr fragt er: Was kann sie tun? Wer verfügt über sie? Wem gehört das Haus, das Geld, der Name, das Kind?

Aus moderner Sicht wirkt das schematisch. Die Gewalt vermittelt sich nicht symbolisch und psychologisch. Menschen geraten nicht deshalb in Schwierigkeiten, weil sie traumatisiert sind, sondern weil die Gesellschaft ihnen die Luft zum Atmen nimmt.

Wir leben in einer Kultur, die nahezu jedes Problem in psychologische Begriffe übersetzt. Armut, Abhängigkeit, Entfremdung und politische Ohnmacht werden in Kategorien von Identität, Resilienz, Selbstbild und mentale Gesundheit beschrieben. Gleich mehr dazu.

Turning Danger into Performance – In der Schatzkammer des Sprachmeisters

Die Geburtsschmerzen einer Gattung

In den Überfrachtungen, moralischen Urteilen und der genealogischen Komplexität (der ersten Schauerromane) offenbaren sich nicht allein stilistische Defizite, sondern die Mängel einer werdenden Form und eines ungesicherten Genres. Das erkennt Nana, während sie sich weiter mit einer Schwarte aus der Keimzeit des Gruselgenres im frühsten 19. Jahrhundert beschäftigt. Es geht noch nicht um Psychologie, sondern um Stand und Stellung. Die Verbindungen von Horror und einem unaufgeklärten Menschenbild sind selbstverständlich plakativ und entfalten keine Sogwirkung. Trotzdem beschäftigt sich die Philologin weiter mit dem Werk, das 1813 anonym zum ersten Mal erschienen ist - ein literaturindustrieller Massenartikel, bestimmt für einen verschleißenden Rundlauf in kommerziellen Leihbibliotheken. Das Werk gehört zum Bestand der Handbibliothek des Englischen Seminars. Infolge einer Raumnutzungsordnung von 1852 befindet sich die größten Folianten-Sammlung Deutschlands an einem äußersten Punkt des akademischen Geschehens so verborgen wie ein Speak Easy im Hinterzimmer des Allerheiligsten. So nimmt Nana das Büro des Dekans wahr, der den historischen Titel eines Sprachmeisters trägt. Professor Goya ist der Sprachmeister und Nana zählt zu den Auserwählten mit einer Zugangsberechtigung für die Schatzkammer. In Nanas persönlicher Topografie firmiert die Handbibliothek des Sprachmeisters als Schatzkammer. Sie denken jetzt gewiss an einen dunklen Raum, aber dieser fürwahr verwunschene Schauplatz philologischer Offenbarungen grenzt mit seiner Fensterfront an den Fürstengarten, den ich Ihnen gestern erst beschrieben habe.

Nachrichten vom Campus - Neuronale Präzision und die Evolution unserer Reaktionen

Ariane und Anson

Anson will die evolutionär verankerten Schaltkreise des Nervensystems hacken - jene Muster aus Kampf, Flucht, Erstarrung, Nähe und Rückzug. Wenn er sich einer Schülerin zuwendet, reagiert ihr Nervensystem unmittelbar. Ein subkortikaler Impuls wird ausgelöst, ein autonomes Feuerwerk an körperlich-emotionaler Selbsterfahrung. Was dabei intuitiv erscheint, ist in Wahrheit das Ergebnis hochsensibler Neurozeption - Ansons Fähigkeit, minimale Veränderungen in Haltung, Atmung, Mimik und Spannung wahrzunehmen und mit gezielter Präsenz darauf einzuwirken. Er liest den Körper, bevor das Ich reagiert. Und er spricht das System im Vorraum der Sprache an - in einer Zone unterhalb des Bewusstseins.

Erinnerung ist nicht nur im Gehirn gespeichert. Muskeln, Sehnen, Organe und Gewebe behalten Spuren von Belastung, Schmerz und Verbindung. Der Körper reagiert oft auf Signale, bevor der Verstand sie bewusst wahrnimmt. Unsere körperliche Geschichte ist älter als das Ich – und manchmal ehrlicher.

Die ältesten Areale beherbergen das limbische System und den Hirnstamm. David Sinclair bezeichnet sie treffend als „Urschaltkreise", da sie grundlegende, lebenswichtige Funktionen steuern: Fight-Flight-Freeze, Herzschlag, Atmung. Die Systeme arbeiten unterhalb der bewussten Wahrnehmung und liefern schnelle, automatische Reaktionen auf Umweltreize.

In diesem Kontext spielt der „subkortikale Impuls" eine zentrale Rolle. Er beschreibt Reaktionen, die unterhalb der Großhirnrinde, also des Kortex, ausgelöst werden. Diese Reaktionen sind reflexartig.

In Ansons Büro

Es ist tierisch heiß in Ansons Büro. Die Luft steht. Arianes Top klebt am Rücken. Vor dem Termin hat sie sich noch schnell einen Dutt gebunden und ein Halsband angelegt. Anson und Ariane begegnen sich ohne Exklusivitätsvorbehalt. Nur ein Rabelais'scher Gargantua könnte dem Appetit der Juniorprofessorin und des Juniorprofessors das Wasser reichen.

Ariane spürt einen Blick, der ihre Spitzen hart werden lässt. Rhythmus und Puls. Anson sagt nichts. Er muss nichts sagen. Ariane weiß ihn befähigt zum Hochamt der Liebe. Ihr Navigationssystem hat jede Silbenspur gespeichert, die Anson für sie gelegt hat.

Zwischen Sprache, Körper, Evolution und Intimität ... Ansons Büro liegt im ältesten Trakt der im Mittelalter auf den Grundmauern eines Klosters aus der Merowinger-Ära zunächst als Ritterkolleg gegründeten und nach militärarchitektonischen Vorgaben erbauten Universität. Die Außenmauern bestehen aus meterdicken Quadern. Die Pforte zu Ansons Klause ist massiv wie eine Kerkertür. Sein Reich gleicht einem Museum. Die Regale stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das Bücheraufkommen evoziert botanische Begriffe wie Wildwuchs, Dickicht und Dschungel. Das sind wuchernde Formationen: gestapelt, geschichtet, ineinandergeschoben wie archäologische Sedimente.

Ein Giacometti-Replikat steht auf der Fensterbank, das Tageslicht fällt durch bleiverglaste Scheiben. Ariane sieht in einen klandestinen, der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Innenhof mit Efeu und Steinbrunnen. Die Welt scheint weit weg. An einer Wand hängt eine alterspatinierte Karte der indoeuropäischen Sprachentwicklung neben dem gerahmten Faksimile eines Briefs von Artaud. Auf einem Mahagonischränkchen steht ein Globus von Vincenzo Coronelli, gefertigt 1688 in Venedig - einer der prachtvollsten Himmels- oder Erdgloben der Frühen Neuzeit. Coronelli war Kartograf, Franziskaner und Gelehrter am französischen Hof, seine Globen blieben Königen vorbehalten. Ludwig XIV. war ein Kunde. Das Kunstwerk ist handkoloriert und liefert eine präzise Schilderung des damaligen Weltbilds - inklusive mythologischer Figuren, Seeungeheuern, Windrosen und astrologischen Symbolen. Ein Glasplattentisch und ein abgewetztes Ledersofa aus den 1970er Jahre gehören zu dem eklektizistischen Ensemble. Ariane wartet auf den Augenblick, in dem Anson sie zum ersten Mal auf der Couch derangiert. In Gedanken öffnet sie sich schon jetzt und das hat eine erstaunlich intensive Wirkung.

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Die Sonne schiebt sich durch den Frühnebel wie ein freundlicher Gedanke. Über den Feldern liegt der Duft von Heu, gemischt mit den Aromen von Lavendel und aufgeheiztem Staub. Die Kirchturmuhr schlägt neun. Die Alten sagen, wenn sie schlägt, höre man nicht nur die Stunde. Man höre, was wahr sei. Die Glocke wurde anno 1603 gegossen, im Auftrag der Bäuerin Lenka Haberland, die nach dem Tod ihres Mannes einen Großteil ihres Erbes für „eine Glocke, die auch die Toten weckt" gespendet hatte. Die Legende ging so: Ihr Mann war im Schlaf erschlagen worden. Seitdem glaubte die Witwe, dass das Läuten einer Glocke nicht nur der Ehre Gottes, sondern auch dem Schutz der Menschen dienen müsse - ein Weckruf gegen Unachtsamkeit, gegen das Verschlafen des Lebens. Die Glocke war in Kassel gegossen und mit einem vierköpfigen Ochsengespann nach E. verbracht worden. Sie überstand Kriege, Blitze, Plünderungen und eine geplante Einschmelzung im Zweiten Weltkrieg, der sie nur entkam, weil sie von Bürgern aus dem Glockenturm auf einen Dachboden geschafft worden war. Ein Sprung in der Form verlieh ihr einen Ton, den die Eingesessenen lieben. „Unsere Glocke lügt nicht", sagen sie.

Ariane kennt Aufzeichnungen, die der Glocke gewidmet sind und im Heimatmuseum verwahrt werden. Briefe, in denen Soldaten die Glocke erwähnen, als Ade beim Abmarsch. Ein Tagebucheintrag von 1912, in dem jemand beschreibt, wie ihm das Läuten im Nebel „wie ein warmer Gottesatem“ vorkommt. Innerlich verneigt sich Ariane vor dem Ahnenaberglauben. Die Glocke hat die Hürde zur Ewigkeit überwunden. Sie gehört zum Diesseits und zum Jenseits, wie die Eder, wie die Hügel, wie der Wind, der in den Kronen der Linden kobolzt.

Albrecht Altdorfer lebte in einer Welt, in der mehrere visuelle Ordnungen gleichzeitig verfügbar waren. Die Renaissance bot für ihn nicht die selbstverständliche Grammatik des Sehens, sondern eine Möglichkeit neben anderen.

Lieber J., erlaube mir eine Einordnung, die Dich an Stellen korrigiert. Filippo Brunelleschi gilt als derjenige, der um 1420 die Regeln der linearen Zentralperspektive praktisch demonstrierte. Seine Perspektivexperimente in Florenz sind zwar nicht erhalten, werden aber von Zeitgenossen beschrieben. Leon Battista Alberti formulierte einschlägige Erkenntnisse in seinem Traktat „De pictura“ (1435). Bei ihm wird das Bild zum „offenen Fenster“. Piero della Francesca entwickelte die geometrischen Grundlagen weiter. Spricht man von der Renaissance-Perspektive, denkt man oft an die Gemälde von Masaccio und Leonardo da Vinci, aber die Begründer sind Brunelleschi, Alberti und Piero.

Während im Italien des 15. Jahrhunderts die Zentralperspektive zum unumstößlichen Dogma erhoben wurde, hebelte Albrecht Altdorfer (ca. 1480 - 1538) dieses System im frühen 16. Jahrhundert im Norden einfach wieder aus.

Der kosmische Blick

Alberti will ein geordnetes Bildfeld. Altdorfer wählt in seiner „Alexanderschlacht“ (1529) eine visionäre Vogel- und Weltlandschaftsperspektive. Er blickt von oben auf ein Gewimmel und dehnt den Raum bis zum Horizont aus, wo das Mittelmeer, Zypern und Ägypten sichtbar werden. Das lässt sich mit einem mathematischen Fluchtpunkt nicht konstruieren. Als Hauptmeister der Donauschule erfindet Altdorfer die autonome Landschaftsmalerei des Nordens im Verein mit anderen. Für ihn ist die Natur ein organisches Ganzes. Bäume, Felsen und wirbelnde Wolkenformationen gehorchen der atmosphärischen Wirkung.

Altdorfer bewegt sich in einer Welt, die sich noch nicht vollständig den Regeln der Hochrenaissance angepasst hat. Er schöpft in der Reichsstadt Regensburg, an einer kulturellen Kreuzung zwischen italienischen, böhmischen und süddeutschen Einflüssen. Er kennt die Neuerungen der Renaissance. Er schöpft in einer Transitsphäre, in der sich die neuen Ordnungsformen bereits ausbreiten, ohne die älteren Bildlogiken vollständig zu verdrängen.

Charakteristisch für Altdorfer ist, dass er den Bildraum nicht konsequent auf einen einzigen Fluchtpunkt hin organisiert, sondern verschiedene Modi der Raum- und Wirklichkeitsbildung überlagert. Darin unterscheidet sich seine Kunst fundamental von der italienischen Perspektivtradition, wie sie bei Leon Battista Alberti theoretisch formuliert und in der florentinischen Malerei des 15. Jahrhunderts praktisch durchgesetzt wird. Da wird der Bildraum als einheitliches, mathematisch definiertes Kontinuum gedacht, das alle Elemente auf einen gemeinsamen Fluchtpunkt bezieht. Bei Altdorfer hingegen bleibt der Raum durchlässig für andere Logiken: für symbolische Größenverhältnisse, für narrative Verdichtung, für atmosphärische Dynamik und starke Autonomiezuweisungen bezüglich der Landschaft.

Altdorfers Bilder stammen aus einer Epoche vor der endgültigen Spezialisierung der Wahrnehmung. Der moderne Blick neigt dazu, Raum, Geschichte, Natur, Psyche und Politik als verschiedene Bereiche zu behandeln. In Altdorfers Welt sind diese Register noch miteinander verschränkt. Der Himmel ist nicht bloß Wetter. Die Landschaft ist nicht bloß Geographie. Die Größe einer Figur ist nicht bloß eine Frage der Distanz.

Bei Altdorfer überlagern sich mehrere Ordnungssysteme, die in der linearen Perspektive und der klassischen Raumillusion auseinandergezogen werden – ein Erfahrungsrealismus, der aus der Beobachtung der Welt stammt. Diese räumliche Logik ist noch nicht durchgehend verpflichtend. Sie konkurriert mit anderen Prinzipien der Bildorganisation: mit ikonischer Hierarchie, narrativer Verdichtung, symbolischer Gewichtung.

Die lineare Perspektive, wie sie sich in der Renaissance durchsetzt, verändert diese Struktur grundlegend. Sie ist nicht nur eine technische Methode, sondern eine Entscheidung darüber, was überhaupt als primäres Ordnungsprinzip des Sichtbaren gelten soll. Mit der Fluchtpunktperspektive wird der Raum eindeutig, das heißt, er verliert Dimensionen. Eine stärkere Differenzierung schafft zwar Klarheit, drängt aber die unmittelbare Überlagerung von Ebenen zurück. Das entspricht ziemlich genau dem, was du für die begriffsarme Psychologie beschreibst: Innen- und Außenwelt sind nicht sauber über ein vermittelndes System integriert, sondern liegen direkt nebeneinander im selben Erfahrungsraum. Präpsychologische Figuren handeln in der Konsequenz äußerer Umstände. Das Soziale erscheint als Zwangs- und Ereignisgefüge. Beziehungen sind nicht psychologisch ausbalancierte Aushandlungen, sondern asymmetrische Konstellationen von Macht, Notwendigkeit und Überleben. Wo keine ausdifferenzierte Sprache für Innenwelt existiert, wird Herrschaft nicht als Diskurs oder Motivation sichtbar, sondern als unmittelbare Faktizität. Sie zeigt sich nicht in Interpretationen.

Interessant ist, dass diese Form der Darstellung als unreflektiert gelesen wird. Tatsächlich aber handelt es sich weniger um einen Mangel als um eine andere Struktur der Vermittlung. Genau wie in der vormodernen Malerei der Raum nicht fehlt, sondern anders organisiert ist, fehlt im frühen Erzählen nicht die Psychologie, sondern deren epistemische Vorrangstellung.

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In der Handbibliothek des Sprachmeisters schaut Nana geradewegs in den Geburtskanal der Popkultur. Sie betreibt Archäologie an einem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte.

Nana sieht ein Werk, das die moderne Maschinerie des Marktes bereits nutzt, obwohl es noch halb im mittelalterlichen Märchen ankert. Es ist das Paradoxon einer industrialisierten Form, die seelisch im Dunkeln tappt. Weil es keine psychologischen Schablonen gibt, wirkt die Unbeholfenheit wie der ehrlichste Grobschnitt.

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Wenn Gothic 1.0 das ungeschützte Stolpern in einer Welt ohne psychologische Begriffe war, dann ist Gothic 2.0 die hyper-reflektierte Analyse. Wir haben zwar alle Begriffe, sind aber von Algorithmen und der Datenindustrie komplett trivialisiert.

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Wo keine Begriffe für die Innenwelt existieren, regiert das reine Herrschaftsverhältnis. In den frühen Schauerromanen gibt es stets nur die archaische Exploitation von Zwangslagen. Die Autorinnen beherrschen die Geometrie der Gewalt zwischen vernebelten Küstenlinien und aristokratischen Komplott-Konstellationen. Ein Mord geschieht, und im nächsten Satz wird das Abendbrot serviert. Die Brutalität des Faktischen, in der jemand einfach nur funktioniert, entwickelt mitunter eine mechanische Wucht. Keine Unterströmung, kein Subtext – reine, ungefilterte Überlebenslogik in einer absolutistischen Welt.

 

Wir springen in das Geschehen aus einer Niederschrift von 1789. Der junge Lord Frederick Cholmondeley verliebt sich in die ländliche Schönheit Ellen. Die brave Tochter redlicher (unbedeutender) Eltern erliegt seiner Werbung und wird umgehend schwanger. Frederick beweist seine Liebe, indem er, den Willen seines verwitweten Vaters missachtet, Ellen heiratet. Der erzürnte Schlossherr ahndet den Ungehorsam mit Ächtung. Die Ausgestoßenen verziehen sich an eine Peripherie der herrschaftlichen Machtsphäre. Frederick sucht sein Heil in einem Krieg und fällt zügig. Wen die Götter lieben, den rufen sie früh zu sich. Die Kameraden schaffen den Leichnam zum Schloss, doch verweigert der Vater ein standesgemäßes Begräbnis. Frederick wird verscharrt, seine Witwe gerät in die größte Not. In ihrer Verzweiflung erfleht sie Gnade für ihre Tochter. Sie will gern vergehen, aber das Kind soll leben. Der alte Lord (ein Mann von wenig mehr als vierzig Jahren, von allen Gebrechen gefürchtet sowie von berüchtigter Potenz) lässt sein Lieblingspferd satteln und prescht bei Nacht und Nebel zu der Kate seiner Schwiegertochter, die auf einer Klippe über dem tosenden Atlantik steht. Unterwegs erledigt er einen Wegelagerer mit einem Blankwaffenstreich. Das alles erzählt die Autorin in der Manier eines Reiseberichts. Er macht Ellen ein Angebot, das sie nicht ausschlagen kann. Die herrschaftliche Übernahme der Schwiegertochter vollzieht sich in kalten Akten. Pferde werden angespannt, Knechte angewiesen, Essen wird aufgetragen. Eine brutale Ereignisdichte, dieser krude Mix aus Tragik und Pragmatismus, affiziert Nana. Kein Genie hätte sich diese Konstellation kühner ausdenken können. Ellen landet im Bett des Vernichters ihres Liebsten, um bald zu Cholmondeley Sr. Gattin zu werden.  

Turning Danger into Performance - Der Schauerroman vor der Entdeckung des Unbewussten/Das Geheimnis der Ewigkeitsfloskeln

Das Geheimnis der Ewigkeitsfloskeln

Im Märchen besteht keine Trennung zwischen moralischer, sozialer und physischer Ordnung. Wenn die Ordnung verletzt wird, greift die Welt ein. Verwandlungen, Flüche, sprechende Tiere und magische Dinge sind keine Signale einer verborgenen Realität. Sie sind Bestandteile der für alle begreifbaren Realität.

Die Geburt der Gothic-Romantik

Horace Walpole, ein englischer Schriftsteller, Kunsthistoriker und Politiker des 18. Jahrhunderts, veröffentlichte 1764 anonym den Roman „The Castle of Otranto". In der zweiten Auflage von 1765 bekannte er sich zwar zur Autorenschaft, verrätselte aber die weiteren Umstände. Das Mythenspiel mit dem Ursprung prägt das Gothic-Genre bis heute.

Schauplatz der Mysterien in ein Schloss in Süditalien. Das Geschehen kreist um dynastische Legitimität, Macht und übernatürliche Interventionen. Fürst Manfred, seines Zeichens Usurpator und Tyrann, will seinen Sohn Conrad mit der noblen Isabella verheiraten, um die Erbfolge zu sichern. Am Hochzeitstag erschlägt den Bräutigam ein tonnenschwerer Helm, der wie ein kosmisches Objekt vom Himmel herabstürzt. Da beschließt Manfred die Braut eigenmächtig zu ehelichen. Isabella flieht vor den Zumutungen und Nachstellungen in das unterirdische Schlosslabyrinth, während sich die Handlung übernatürlich verdichtet.

Der Roman begründet zentrale Motive des Genres: das verfallene Schloss, die tyrannische Herrschaft, schwüle Prophezeiungen, das Übernatürliche als Handlungsmacht sowie Verfolgung der Unschuld und nobilitierende Herkunftsgeheimnisse.

In „Otranto" erscheint das Übernatürliche nicht als psychologische Projektion und symbolische Chiffre. Der Himmelshelm gehört zur gleichen Lebensordnung wie die Architektur. Er ist kein Zeichen einer verborgenen Wahrheit. Er ist Teil der Ordnung selbst. Die Welt reagiert nicht metaphorisch, sondern kausal. Die gestörte Legitimität provoziert nicht Deutung, sondern Handlung.

Moderne Leser deuten Monster oder Geister oft als Projektionen des Unbewussten. In „Otranto" spukt nicht die Psyche, sondern das Recht. Wird die dynastische Ordnung verletzt (hängt der Schlosssegen schief), schlägt die Welt (als Ordnungsmacht) zurück.

„The Castle of Otranto" entstand auf der Epochenschwelle zwischen Aufklärung und Romantik. Walpole agiert wie ein mittelalterlicher Chronist oder Märchenerzähler. Die Welt ist eine personale Kosmologie. Gott, das Schicksal und die Gerechtigkeit handeln so unmittelbar wie menschliche Akteure. Spätere Autoren rationalisieren oder psychologisieren das Unbewusste. Bei Walpole ist das Wunderbare real.

Seine Romanstruktur ist eng mit dem Märchen verwandt. Auch da gibt es keine strikte Trennung zwischen innerer Bedeutung und äußerer Realität. Verwandlungen und Wunder sind keine Symbole psychischer Zustände, sondern reale Operationen. Märchen und frühe Gothic-Erzählungen entziehen sich der Psychologisierung. Der Wolf ist ein Prädator und kein Symbol. Der Fluch ist keine Metapher. Der Helm erschlägt den Illegitimen nicht allein allegorisch.

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Das Zauberwort lautet Ewigkeitsfloskeln. Das Schauerroman-Genre revitalisiert sich, indem es semantisch entleerte, aber strukturstabile Formeln fortlaufend reaktiviert und auflädt. Die Formeln erscheinen repetitiv und trivial. Gleichwohl fungieren sie in ihrer Stereotypie als Träger affektiver und narrativer Standardkonstellationen. Das verwunschene Haus als Schauersujet weist bei Shirley Jackson und Stephen King eine zu Walpole familiäre Horrorarchitektur auf. Die Differenz von zweihundert Jahren beweist die Unverrückbarkeit basaler Ewigkeitsfloskeln.

Das Spukschloss besitzt unverändert massive Mauern, die seine äußere Stabilität markieren und es unerschütterlichen Körper in der Landschaft verankern. Zugleich öffnet sich sein Inneres jedoch in eine komplexe Struktur aus Labyrinthen, Katakomben und Verliesen, die keine lineare Orientierung zulassen. Türen, deren Schlösser oft überkonstruiert wirken, verweisen auf verschlossene Zugänge zu nicht mehr erreichbaren Zeiten und Wissensräumen. Klandestine Kaminnutzungen, doppelte Böden und Falltüren unterbrechen die erwartbare Ordnung des Wohnraums und überführen ihn in eine Logik der Geheimhaltung. Zu einem phantasmagorischen Interieur gehören Sammlungen von antiken Waffen und Trophäen, die nicht nur als Dekor fungieren, sondern als sedimentierte Spuren vergangener Gewalt lesbar werden.

Wofür steht dieses Ensemble?

In gattungstheoretischer Perspektive steht es für eine verdichtete Struktur des Unbewussten, externalisiert in irrlichternden Raumformaten. Die Mauern markieren Grenzen zwischen dem Vertrauten und dem Verdrängten. Sie suggerieren Schutz, sind aber zugleich die Bedingung dafür, dass sich im Inneren überhaupt etwas Einschlussfähiges ansammeln kann. Das Labyrinth, die Katakomben und die versteckten Räume stehen für die Aufschichtung des Nicht-Integrierten: Erinnerungen, Gewalt, verbotene Handlungen und verdrängte Ereignisse, die keinen Ort im sozialen Raum gefunden haben.

Die Vielzahl verborgener Übergänge symbolisiert die Instabilität dieser Grenze selbst. Sie ist nicht endgültig geschlossen, sondern jederzeit durchlässig. Darin liegt die spezifische Logik des Horrors. Das Verdrängte ist dem Haus strukturell eingeschrieben und kann jederzeit in die Gegenwart zurückkehren. Waffen und Trophäen sind keine Requisiten, sondern materielle Indexe anachronistischer Gewaltverhältnisse. Sie gehören zu einem Archiv von Macht und Aggression.

Das Schloss steht für ein räumlich gewordenen Gedächtnisapparat des Verdrängten – ein System, in dem Stabilität nur die äußere Form einer inneren Überfülle an unruhiger, nicht abgeschlossener Vergangenheit ist.

Doch was war das Spukschloss vor der Entdeckung des Unbewussten? Solche Schlösser waren doch vor allem Wohlstandsspeicher.

Das Schloss ist zunächst ein Zeichen aristokratischer oder herrschaftlicher Raumorganisation; ein materielles Dispositiv zur Sicherung von Besitz über Generationen hinweg. Die Einfriedung des Anwesens trennt Eigentum von Besitzlosigkeit und Zugehörigkeit von Ausschluss. Was sich innerhalb der Trutzbarrieren befindet, ist akkumuliertes Kapital in vorindustrieller Form – Land, Waffen, Erbstücke, Archive, Reliquien, Nutzräume.

Der labyrinthische Charakter dient der Sicherung von Macht. Das Schloss ist räumlich kodiertes Herrschaftswissen. Die geheimen Elemente unterliegen der Ökonomie. Sie dienen der Verbergung von Werten.

In diesem System gilt:

Angst wird Raum. Schuld wird Verfolgung. Begehren wird Verwandlung. Verdrängung wird Verbergung. In diesem Sinn sehen die Spukschlösser vor Freud aus wie proto-psychoanalytische Labore. Das heißt nicht, dass sie das sind. Historisch sind die Geschichten zunächst lediglich Modelle sozialer Ordnung. Märchen und frühe Schauererzählungen verhandeln Grundkonflikte feudal-agrarischer Gesellschaften.

Horror braucht Geheimnis - Ein großer Teil des klassischen Schauer- und Gothic-Genres funktioniert über verschlossene Räume, verbotene Zimmer, genealogische Geheimnisse, geheime Archive und unterschlagene Briefe. Das Geheimnis steckt in Besitz, Erbschaft, Institution, genealogische Kontinuität: in Strukturen, die Zeit speichern können.

Das Geheimnis setzt mediale Speicherfähigkeit voraus. Das hat nichts mit dem Unbewussten zu tun. Gute Autoren lassen ihre Erzählbarken im Zeithafen ankern. Das ist magisch.

Wer über Medien der Zeitspeicherung verfügt, verfügt über Macht. Macht ist nicht allein die Kontrolle von Körpern oder Ressourcen, sondern auch die Fähigkeit, Zeit zu stabilisieren, zu ordnen und Informationen über Generationen hinweg verfügbar zu halten. In vormodernen Gesellschaften dient zumal die genealogische Ordnung diesem Ziel. Das Schloss ist ein räumliches Zeitmedium. Was sich im Schloss und in seinem Dunstkreis befindet, ist verdichtete Vergangenheit: Land, Titel, Artefakte, Dokumente und Gewaltgeschichten. Diese Elemente bilden ein System der Sicherung und Weitergabe sozialer Kontinuität. Die komplexe Innenstruktur des Schlosses ist in dieser Perspektive keine psychologische Metapher, sondern eine räumliche Technologie der Macht. Sie organisiert Zugang, Sichtbarkeit und Wissen. Das, was verborgen ist, ist nicht notwendig innerlich im modernen Sinn, sondern kontrolliert zirkulierendes Eigentum. Geheimnis entsteht als Effekt der Regulierung von Zugriff auf gespeicherte Zeit.

In dieser Ordnung ist das Schloss ein Speicher, der Vergangenheit nicht nur bewahrt, sondern aktiv strukturiert. Es erlaubt, Geschichte im Raum zu fixieren und dadurch Hierarchien über Generationen hinweg zu stabilisieren. Genau hier liegt der Ursprung dessen, was später als magisch oder unheimlich erscheint: die Erfahrung, dass Vergangenheit nicht vergangen ist, sondern räumlich präsent bleibt.

Turning Danger into Performance – Mündliche Überlieferungsgenauigkeit

Verschlossene Räume, verbotene Zimmer, genealogische Geheimnisse, geheime Archive und Falltüren sind narrative Formen eines Zeitspeichers. Das Spukschloss ist der Ort, an dem Zeit nicht linear vergeht, sondern sich verdichtet und rückkehrfähig wird. Gute Erzählungen verankern ihre Vergangenheit in Räumen, die mehr Geschichte enthalten, als die Gegenwart bewältigen kann.

Die Psychoanalyse überkronte die basalen Muster der märchenaffinen Schauerromane aus der Genrekeimzeit mit ihren Begriffen. Das entspricht einer nachträglichen Übersetzung in ein Modell innerer Psychodynamik. Was zuvor als räumlich organisierte Zeitkontinuität verstanden wurde, siedet nun in einem inneren Geschehen. Die Psyche ist das Haus (voller Geheimnisse).

Magie entsteht, wo Zeit gebunden wird; wo Vergangenheit im Raum sedimentiert bleibt und in die Gegenwart hineinwirkt. Das Spukschloss ist eine Architektur der Zeitmacht. Seine Unheimlichkeit entsteht in einer Überlagerung von Geschichte im Raum. Die Magie erzeugt sich in der Fähigkeit, Zeit räumlich werden zu lassen.

Time gives you space. Space gives you time.

Das verwunschene Haus (Spukschloss) fungiert als Bastion der Beständigkeit. Während sich die architektonische Hülle und die soziokulturellen Ängste über die Jahrhunderte wandeln, bleibt die Tiefenstruktur des Raumes identisch. Nach Jurij Lotman konstituiert sich eine Erzählung infolge einer Aufteilung des Raumes in zwei unvereinbare Bereiche, getrennt von einer semantischen Grenze. Das verwunschene Haus ist die physische Manifestation dieser Grenze. Es etabliert eine Binarität zwischen dem sicheren Außen und dem bedrohlichen Innen, dem Profanen und dem Sakralen und schließlich auch zwischen den Lebenden und den Toten. Ein narratives Ereignis entsteht, wenn ein mobiles Subjekt diese Grenze überschreitet. Im Horrorgenre ist diese Grenzverletzung doppelt kodiert. Zum einen betritt die Spielfigur das Haus und bricht damit in den verbotenen Raum ein. Zum anderen oszilliert die Grenze selbst; sie wird durchlässig. Der Leser identifiziert die Topografie des Schauerhauses als gattungstypischen Anker. Die raumsemantische Struktur bleibt transgenerationell stabil, erfährt jedoch eine kontinuierliche semantische Neuaufladung. Das Haus ist ein Palimpsest gesellschaftlicher Ängste.  

Märchen und Mythos haben einen gemeinsamen, in der Oralität sakral gehaltenen Kern. Altdorfer verwirft für sich die Zentralperspektive und malt die ganze Welt als bunten Maulwurfshügel im Stil verdichteter Unterschiedlichkeit, aber eben auch im Geist einer göttlichen Hierarchie. Vor Freud steht die konkrete Not im Zentrum allen Erzählens. 

Das Fundament: Sakrale Oralität (Märchen und Mythos)

Am Anfang steht das gesprochene Wort als heiliger Speicher des Überlebens. Märchen und Mythen sind der Kodex einer Gemeinschaft. Der Kern ist die Bewahrung. In einer Kultur ohne Schrift darf kein Wissen verloren gehen. Die Formelhaftigkeit („Es war einmal“) ist das rituelle Gewand, das den Kern schützt. Der Mythos fragt nicht nach der Befindlichkeit des Helden, sondern klärt das Gesetz des Kosmos. Das Märchen verhandelt nicht das Selbstwertgefühl des Kindes, sondern den Hunger, den Wald, die Wölfe und die Erbfolge.

Es liegt ein Fluch auf diesem Haus. / Manche Türen sollten besser verschlossen bleiben. / Das Vergangene ist nie wirklich tot.

Solche Sätze sind im literarischen Sinne flach. Sie sind Schablonen und zugleich Ur-Muster, die keine psychologische Tiefenbohrung brauchen, weil sie fundamentale Wahrheiten aussprechen.

Die Warnung der Grimms - Schrift als Entwurzelung. Die Brüder Grimm erkennen mit seismographischem Gespür, dass die Alphabetisierung eine organische Ordnung zerschlägt. Mündlichkeit als soziales Gewebe - In einer oralen Kultur ist das gesprochene Wort an den Körper und die Gemeinschaft gebunden. Man erzählt von Angesicht zu Angesicht. Die mündliche Überlieferungsgenauigkeit ist kein mechanisches Herunterleiern, sondern ein Prüfstein gesellschaftlicher Stabilität. Sie hält das Kollektiv zusammen, weil alle denselben Kode, dieselben Mythen und dieselben ethischen Konstellationen teilen.

Mit der Alphabetisierung wandert das Wort aufs Papier. Der Text löst sich vom Erzähler. Lesen wird zu einer individualisierenden Beschäftigung. Die Schrift, so die Befürchtung der Grimms, entfremdet den Menschen von seiner Gemeinschaft und macht die kollektiven Gedächtnisanker überflüssig.

Das Gedicht als innerer Besitz/Kultivierung durch Verkörperung

Dein Hinweis auf das Auswendiglernen von Gedichten trifft den Kern dieser vormodernen Kultivierung. Früher war Bildung nicht das bloße Wissen, wo etwas geschrieben steht (wie heute im Google-Zeitalter), sondern das, was man in sich trug. Ein auswendig gelerntes Gedicht ist kein passives Datenmaterial; es ist verkörperte Rhythmik, verinnerlichte Struktur und emotionaler Kompass. Wer Gedichte und Epen auswendig konnte, besaß einen reich möblierten Innenraum. Diese Formalisierung der Person erzeugte innere Festigkeit. Man war im wahrsten Sinne des Wortes wesenhaft gebildet, weil die Kultur Teil des eigenen Atems und Herzschlags war.   

Turning Danger into Performance – Horror braucht Geheimnis

Während die Aufklärung die Welt rational erklärte, produzierte sie neue Formen der Verunsicherung.

Horror braucht Geheimnis – Das klassische Schauer- und Gothic-Genre spielt in verschlossenen Räumen, verbotenen Gemächern und unterirdischen Verließen. Es dreht sich um genealogische Geheimnisse, geheime Archive und unterschlagene Briefe. Das Geheimnis steckt in Besitz, Erbschaft, Institution und familiärer Kontinuität: in Strukturen, die Zeit speichern können.

Das Geheimnis setzt mediale Speicherfähigkeit voraus. Das hat erst einmal nichts mit dem Unbewussten zu tun. Gute Autoren lassen ihre Erzählbarken im Zeithafen ankern. Das ist magisch.

Wer über Medien der Zeitspeicherung verfügt, hat Macht. Informationen über Generationen hinweg verfügbar zu halten, setzt Speichermöglichkeiten voraus. In vormodernen Gesellschaften dient die genealogische Ordnung diesem Ziel. Das Schloss ist ein Zeitmedium. Was sich im Schloss und in seinem Dunstkreis befindet, ist verdichtete Vergangenheit: Land, Titel, Artefakte, Dokumente und Gewaltgeschichten. Diese Elemente bilden ein System der Sicherung und Weitergabe sozialer Kontinuität. Die komplexe Innenstruktur des Schlosses ist in dieser Perspektive keine psychologische Metapher, sondern eine räumliche Technologie der Macht. Sie organisiert Zugang, Sichtbarkeit und Wissen. Das Verborgene ist nicht notwendig innerlich; vielleicht kontrolliert es zirkulierendes Eigentum. Geheimnis entsteht als Effekt der Regulierung von Zugriff auf gespeicherte Zeit.

Wir wollen die Rätsel der Welt mit exklusiven Begriffen lösen. Und dann kommt die Märchenfee und verkündet: Der Wolf frisst dich trotzdem. Die Ewigkeitsfloskeln sind deshalb ewig, weil sie sich der intellektuellen Ausbeutung verweigern. Die Psychoanalyse ist eine Distinktionsmaschine des Bürgertums. Man muss gebildet und wohlhabend sein, um die eigene Seele als literarisches Labyrinth zu inszenieren.  

Die Psychoanalyse als historisch begrenzte Weltflucht – Freud entdeckt seinen Kosmos im bürgerlichen Wien des Fin de Siècle – in einer hochgradig repressiven, von Konventionen gelähmten Welt. Heute ist sein Vokabular fast vollständig verschwunden. Niemand spricht mehr von klassischer Verdrängung; stattdessen dominieren Begriffe wie Resilienz, Trigger, Trauma-Response, Überlastung oder Achtsamkeit.

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Als der Buchmarkt im 18. Jahrhundert explodiert und die Alphabetisierung die alten Erzählgemeinschaften auflöst, entsteht der frühe Schauerroman. Er überführt Techniken der Mündlichkeit in das Medium Schrift. Der Roman adaptiert Märchen-Formeln und nutzt antike Gedächtnisanker, um der Leserschaft in einer rasant sich verändernden Welt Halt zu geben.

Wenn der Mensch nichts mehr auswendig lernen muss, weil alles externalisiert ist, bleibt sein Inneres leer. Es gibt dann keine kollektiven Mythen mehr, die den Innenraum strukturieren. Die Seele wird zur Gespensterklause. Der moderne Horror entsteht da, wo die Ewigkeitsfloskeln fehlen und das isolierte Individuum mit seinen Trieben und Ängsten allein bleibt.

Märchen überlebten die Jahrhunderte der mündlichen Weitergabe deshalb, weil sie eine fundamentale, unzerstörbare Wahrheit in sich tragen. Das Sieb der Generationen filterte und klärte die Formeln. Was ungenau oder unwahr war, sedimentierte. Was blieb, entwickelte die Kraft eines mythischen Kerns.

Im 18. Jahrhundert wird Lesen zur privaten Tätigkeit. Traditionelle Formen gemeinschaftlichen Erzählens verlieren zwar nicht schlagartig ihre Bedeutung, geraten aber in die Strudel der Verdrängung. Gleichzeitig entsteht die Gothic Novel in einem Auffangbecken älterer Quellen.  

Die Rationalisierung der aufgeklärten Welt bietet neuen Formen der Verunsicherung Raum.

Während im Märchen das Übernatürliche selbstverständlich ist, erzeugt der Schauerroman existenziellen Schrecken. Ann Radcliffe begründet das Prinzip des „explained supernatural“ – der Schrecken wird am Ende rational aufgelöst. Gothic Fiction operiert mit Märchenmustern. Sie jongliert mit dem Sujet der Dachbodenfunde und Truhen-, Depot-, Tresorschätze. Da werden Manuskripte, alte Chroniken und andere Überlieferungen aufgetan. Der Topos der fiktiven Herausgeberschaft und die Authentizitätsillusion werden strapaziert. Autoren geben ihre Werke als wiederentdeckte mittelalterliche Chroniken aus. Die Rahmenhandlung schiebt eine zeitliche und räumliche Distanz zwischen den aufgeklärten Leser und das mystisch-magische Geschehen.

Der Schauerroman ist ein Neben- und Krisenprodukt der Aufklärung. Rationale Welterklärungen schaffen neue Spannungsfelder. Die Literatur reagiert auf ein metaphysisches Vakuum. Je mehr die Vernunft versucht, das Irrationale zu bannen, desto heftiger bricht es sich Bahn. Die Angst vor dem Unbekannten verlagert sich von außen (Dämonen) nach innen. Der entwurzelte Bauer in den Mahlwerken der industriellen Revolution liefert dem Gruselgenre Auftrieb. Das Übernatürliche kehrt als ästhetische Erfahrung des Unheimlichen zurück. Die Werke zirkulieren in kommerziellen Leihbibliotheken. Ihre Urheber sind Lohnschreiber im Räderwerk einer frühen Kulturindustrie.

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Die Verlässlichkeit ihres Begehrens lässt Nana moussieren. So ausdauernd scharf war sie schon lange nicht mehr auf einen Mann. Vernon zitiert Didier Eribon: Emanzipation brauche Urbanität und Freizügigkeit. Der amerikanische Dozent erinnert an Transvestitenbälle in New York als Magneten für heterosexuellen Voyeurismus. Subkulturen sind Erben uralter Lebensweisen. Eine Reflexion der Belle Époque und der Années folles illuminierte die Ikonographie und Barmetaphorik der Pariser Treffpunkte, als James Baldwin in der Stadt war.  

Nana verbirgt ihre Entschlossenheit. Sie offenbart sich nicht in den Kleinigkeiten des Alltags. Was sie nicht will, ist ein schlecht nachgeahmter venezianischer Karneval mit Masken und Fackeln und abgenutztem Fetischkram. Sie will keine angestrengte Klugscheißerei.

Turning Danger into Performance - Ornament und Autonomie

Fenitschka verkörpert zu ihrer Zeit ein psychologisches Paradoxon. Sie ist intellektuell brillant, erotisch präsent und emotional unverfügbar. Sie sucht im Geliebten keinen Vaterersatz und fügt sich nicht in die Rolle der Muse, die ihre Identität aus der Bewunderung eines anderen bezieht. Wie die ornamentalen Linien in den Gemälden Gustav Klimts, die den Körper zugleich verhüllen und exponieren, bleibt auch Fenitschka schwer fassbar. Ihre Unzugänglichkeit ist weder Spiel noch Pose. Sie entsteht vielmehr aus dem Beharren auf einer Eigenständigkeit, die sich den Deutungsansprüchen ihrer Umgebung entzieht. Darin liegt die Irritation. Fenitschka verweigert sich jener Ordnung, in der weibliche Identität erst durch männliche Anerkennung vollständig wird.

Ein Moment zwischen Vorglühen und Nachbeben. Es gibt so viele ungenutzte Räume in dem alten Unikasten und sogar einen toten Trakt voller mumifizierter Mäuse. Nana löst sich von Vernon, sie weiß, dass er seinen Studierenden Pierre Bourdieus „Anamnese der verborgenen Konstanten“ empfiehlt. Er ist ein Komplize. Nana sehnt sich nicht nach einem Komplizen. Sie will auf die richtige Weise falsch verstanden werden.

„Lass mich noch einen Augenblick allein“, bittet sie. Vernon verzieht sich mit einem Luftkuss zum Abschied und zieht die Tür des vergammelten Seminarraums hinter sich zu. Die Farbe schuppt vom Rahmen. Nana riecht Kreidestaub und Menschenmief, der knietief im Mittelalter siedelt. Hier ist das meiste wenigstens ein paar hundert Jahre alt. Nana vernimmt eine schläfrige Stille. Auf Borden verrotten ausgemusterte Lehrmittel und zerlesene Taschenbücher. Nana bemerkt ein Reclam-Heft. Wie in Trance schlägt sie es auf. Vom Papiergilb auf steigt die Hitze eines verflossenen Jahrhunderts. Ein in Epochen ewiger Spätsommer:

„Es war im September, der stillsten Zeit des Pariser Lebens. Die vornehme Welt steckte in den Seebädern, die Fremden wurden scharenweise von der drückenden Hitze vertrieben. Trotzdem drängte sich an den schwülen Abenden auf den Boulevards eine so vielköpfige Menge, daß sie der Hochsaison jeder anderen Stadt immer noch genügt hätte.“

Im Doppelpack mit „Eine Ausschweifung“ (1898 erschienen) wird „Fenitschka“ im akademischen Kontext fast durchgehend als Novellenband oder als psychoanalytische Novelle klassifiziert, auch wenn Lou Andreas-Salomé (1861 - 1937) selbst den Untertitel „Eine Sommererzählung“ wählte. Beide Gattungsbegriffe sind zutreffend. Das Werk erfüllt die Kriterien einer Novelle par excellence. Es konzentriert sich auf eine klar umrissene, „unerhörte Begebenheit“ (Goethes Definition) – nämlich das schockierend emanzipierte Auftreten einer studierten Frau um 1900. Es gibt eine straffe, kammerspielartige Komposition, wenige Hauptfiguren und einen klaren Wendepunkt in der psychologischen Dynamik. Der Begriff „Erzählung“ ist im Deutschen der offenere Oberbegriff. Die Autorin wählte ihn vermutlich, um den Text von den strengen Form- und Moralvorgaben der bürgerlichen Novelle des 19. Jahrhunderts abzugrenzen.

Als Schriftstellerin, Essayistin, Philosophin und Psychoanalytikerin bewegte sich Lou Andreas-Salomé an den Schnittstellen von Literatur, Psychologie und Kulturtheorie. Ihre Lebensgeschichte verbindet die geistigen Strömungen des Fin de Siècle mit der Moderne; sie stand in engem Austausch mit Nietzsche, Rilke und Freud und entwickelte zugleich eine eigenständige Stimme innerhalb der Weltliteratur. „Fenitschka“ nimmt in ihrem Werk eine besondere Stellung ein. Im Zentrum steht eine junge Frau, die sich gegen die Erwartungen ihrer Zeit stellt. Fenitschka verweigert sich dem bürgerlichen Sittenkodex. Sie bricht aus dem väterlichen Herrschaftsraum aus und beansprucht intellektuelle Souveränität. Während die bürgerliche Gesellschaft Frauen vor allem in Ehe, Anpassung und emotionale Fürsorge drängt, verkörpert Fenitschka Unverfügbarkeit.

Die Heldin bleibt widersprüchlich und schwer zu fassen. Der Schwebezustand spiegelt sich in ihrer Beziehung zu einem Intellektuellen wider, der zwischen Faszination und Irritation schwankt. Die Autorin schildert das psychologische Spannungsfeld. Nähe entsteht, ohne sich in klare Definitionen überführen zu lassen. Der Kern der Erzählung liegt in der Unmöglichkeit, eine Beziehung eindeutig zu fixieren, wenn individuelle Freiheit ernst genommen wird.

Ornament und Autonomie

„Fenitschka“ funktioniert nicht in den Kategorien eines Salonroman für das saturierte Bürgertum. Das zeichnet sich kein literarisches Äquivalent zu einem Gemälde von Gustav Klimt ab; kein Kunstwerk, das bloß die dünne Decke der Konventionen abstreift, um die brodelnden Ströme aus Angst und Begehren freizulegen. Während Klimt die Frau in hypnotischen, erotisierten Goldtonnuancen verewigt – oszillierend zwischen der unnahbaren Femme fatale und der verletzlichen Kindfrau –, bricht Fenitschka aus dem männlichen Projektionsraum aus. Sie ist Subjekt in einer Welt, die Frauen dekorativ inszeniert. Während die alte Welt der Donaumonarchie im Glanz ihrer eigenen Götterdämmerung schwelgt, verweigert Fenitschka den süßen Opfertod der Anpassung.

Fenitschka verkörpert zu ihrer Zeit ein psychologisches Paradoxon. Sie ist intellektuell brillant, erotisch präsent und emotional unverfügbar. Sie sucht im Geliebten keinen Vaterersatz und fügt sich nicht in die Rolle der Muse, die ihre Identität aus der Bewunderung eines anderen bezieht. Wie die ornamentalen Linien in den Gemälden Gustav Klimts, die den Körper zugleich verhüllen und exponieren, bleibt Fenitschka schwer fassbar. Ihre Unzugänglichkeit ist weder Spiel noch Pose. Sie entsteht vielmehr aus dem Beharren auf einer Eigenständigkeit, die sich den Deutungsansprüchen ihrer Umgebung entzieht. Da liegt die Irritation. Fenitschka verweigert sich jener Ordnung, in der weibliche Identität erst durch männliche Anerkennung vollständig wird.

„In ihrem schwarzen nonnenhaften Kleidchen, das fast drollig … ihre mittelgroße ganz unauffällige Gestalt umschloß und eine beliebte Tracht vieler Züricher Studentinnen sein sollte, machte sie zunächst auf ihn keinerlei besonderen Eindruck.“ 

So nimmt der Psychologe Max Werner die Titelheldin in einem Pariser Café zuerst wahr. Er ist angetan von ihrem aufgeschlossenen, ganz und gar nicht prätentiösen Wesen. Sie findet seine Ansichten interessant. Er deutet das Interesse falsch.

Fenia / Fénitschka / Fenia Iwánowna – Die Variationen markieren soziale und semantische Verschiebungen, auch in der Konsequenz einer instabilen Lesbarkeit, die ihre Gründe nicht in Fenias Inkonsistenz finden. Ihr Verhalten bleibt bemerkenswert konstant.

Stunden nach der ersten Begegnung auf neutralem Boden kommt es zur Schlüsselszene. In einem Pariser Hotel folgt Max einem Deutungsmuster, das die Situation verfehlt. Seine Haltung ist nicht primär von Leidenschaft geprägt; er will nur Fenias vermeintliche Verfügbarkeit nicht als ungenutzte Chance memorieren müssen. 

Fenia zeigt weder Bereitschaft noch Empörung. Sie tritt nicht den Rückzug an. Auch tritt sie nicht das Pedal moralischer Abwehr. Sie verweigert das Register. Sie verwirft die dichotomen Frauenbilder des späten 19. Jahrhunderts. Für den Mann existiert die Frau als Gattin und Mutter oder als sexuell verfügbare Person. Max bewegt sich in diesem Skript.

Fenias Verhalten ist von entwaffnender Einfachheit und Geradlinigkeit. Sie formuliert ihre Ziele präzise und begegnet Max mit einer vorurteilsfreien Offenheit. Ihre Ungezwungenheit nimmt keinen Schaden. Als sie den inzwischen verheirateten Max Jahre später in St. Petersburg wiedersieht, wechselt sie zum kameradschaftlichen „Du“. Dass Max sie dennoch als kompliziert stigmatisiert, ist das Resultat einer kognitiven Dissonanz. Der berufliche und persönliche Stolz des Psychologen basiert auf der Kontrolle und der Benennungsautorität von Dynamiken. Fenia entzieht ihm jegliche Macht.

Turning Danger into Performance – Nietzsches Geschwistergehirn

„Kam daher dieser merkwürdig schwesterliche, geschlechtslose Anstrich, den sie sich gab, als gäbe es für sie auf der Welt nur lauter Brüder? Oder war es nicht viel wahrscheinlicher, daß dies unendlich unbefangene Betragen nur den äußeren Deckmantel abgab für ein ganz freies Leben? Sie mußte doch schon recht viel von der Welt und den Menschen kennen – mehr als eines der wohlbehüteten jungen Mädchen unsrer Kreise.“ Lou Andreas-Salomé, ‚Fenitschka‘

Fenitschka verkörpert zu ihrer Zeit ein psychologisches Paradoxon. Sie ist intellektuell brillant, erotisch präsent und emotional unverfügbar. Im Doppelpack mit „Eine Ausschweifung“ (1898 erschienen) wird „Fenitschka“ im akademischen Kontext fast durchgehend als Novellenband oder als psychoanalytische Novelle klassifiziert, auch wenn Lou Andreas-Salomé (1861 - 1937) selbst den Untertitel „Eine Sommererzählung“ wählte. Als Schriftstellerin, Essayistin, Philosophin und Psychoanalytikerin bewegte sie sich den Schnittstellen von Literatur, Psychologie und Kulturtheorie. Ihre Lebensgeschichte verbindet die geistigen Strömungen des Fin de Siècle mit der Moderne; sie stand in engem Austausch mit Nietzsche, Rilke und Freud und entwickelte zugleich eine eigene literarische Stimme.

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Lieber J., entschuldige, dass ich Dich so lange ohne Nachricht gelassen habe. Ich trenne mich gerade von K., vermutlich aus ähnlichen Gründen wie Lou Andreas-Salomé sich einst von Rainer Maria Rilke trennte. Er wollte mit ihr verschmelzen. Sie wollte sich nicht aufgeben. Wir kennen das alle. Da ist der Wunsch nach Nähe. Die Angst vor der Vereinnahmung. Das Bedürfnis nach einer Beziehung bei gleichzeitigem Beharren auf Eigenständigkeit. An diesen Stellen treffen sich auch Fenitschka und ihre Schöpferin. Das ist keine autobiografische Gleichung. Fenia ist nicht Lou. Und trotzdem. Lou blieb Rainer lebenslang verbunden. Sie korrespondierten und begegneten sich gesellschaftlich. Salomé blieb eine herausragende Vorkosterin seiner Lyrik. Gern möchte ich glauben, dass du mich so in deinem Leben verortest, ich dachte eben verkostest, auch wenn ich meine halterlosen Strümpfe nicht mehr an dich adressiere und wir diesbezüglich beide darben dürfen. Glück setzt Mangel voraus. Erfüllung steigert das Verlangen. Was hat man schließlich nicht alles gebraucht, während mir heute eine begabte Hand und ein angenehmer Geruch mitunter genügen. Ich finde dich schön in deinem Kosmos. Dass eine Erzählfigur des 19. Jahrhunderts dich deine Form suchen lässt, stimmt mich heiter und könnte mich sogar heiß machen, wollte ich es denn. Weißt du, dass du mich immer noch verführen kannst, mit leichter Hand und wie nebenbei? So als wäre das nichts - dir zu erliegen? Solche Illusionen kann nur ein Zauberer erzeugen. Das ist mir vorhin beim Staubwischen klargeworden. Du hast recht, wenn du in den Irritationen des Psychologen Max Werner die Treibladungen erkennst, die „Fenitschka“ zu einer explosiven Novelle machen. Er versteht nie ganz, woran er bei Fenia ist. Das verleitet dazu, Fenia als Rätsel zu lesen. Aber vielleicht ist die interessantere Frage: Warum braucht Max überhaupt eine eindeutige Antwort? Denn Fenia sagt ihm ja nicht ständig etwas anderes. Sie ist nicht manipulativ. Sie spinnt keine Intrigen. Sie hält, was sie verspricht. Max verstört, dass ihre Zuneigung nicht automatisch in seinen Besitz übergeht. Da sehe ich die Verbindung zu Rilke. Er lud Beziehungen mit einzigartigen Mitteln existentiell auf. Das war für Salomé gleichzeitig schmeichelhaft und bedrohlich.  

Fenia wirkt nicht wie jemand, der keine Bindung will. Sie wirkt wie eine Frau, die weiß, dass Bindung Kräfte freisetzen, die tiefer reichen als bewusste Entscheidungen. Liebe ist bei Salomé nie bloß ein Vertrag zwischen Vernünftigen. Sie ist ein wüster Schauplatz von Prägungen, Wünschen, Ängsten und Verlusten. Salomé verteidigt ihre Freiheit gegen die Tiefenwirkung von Bindungen. Erklärt das, warum Salomé sich von Rilke löste, ohne ihn aus ihrem Leben zu verbannen? Hoffentlich nimmst du jetzt lächelnd an, dass ich uns zu dir und mir befrage. 

Salomés Souveränität ist eine Singularität. In ihren Beziehungen zu Nietzsche, Rilke und Freud fällt auf, dass sie nie in der Rolle aufgeht, die ihr angeboten wird. Zwar ist sie Muse, Geliebte, Schülerin und Jüngerin. Doch interpretiert sie diese Rollen in Überschreitungen der Genres.

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„Benno war schön. Schöne Menschen sind immer mein ganzes Entzücken gewesen, und wenn auch mein künstlerischer Geschmack heute etwas andres darunter versteht als damals, so muß ich doch Benno auch heute noch zugeben, daß er in seiner jungen Männlichkeit, mit dem ernsten blonden Kopf und dem hohen Jünglingswuchs, wie man ihn nicht oft findet, ganz auffallend gut aussah. Wenigstens stach er genugsam von den geschniegelten Referendaren und Lieutenants ab, die auf der Eisbahn und in den Kaffeekränzchen uns jungen Mädchen den Hof machten.“ Lou Andreas-Salomé, ‚Eine Ausschweifung‘  

Natürlichkeit verspricht Unschuld; ein harmonisches Aufgehen im Trieb. Salomé erzählt, wie die menschliche Sexualität in psychischen Akten modelliert wird. Die Prägung überschreibt die Natur. In der „Ausschweifung“ verkörpert die Fenia-Variation Adine biografische Momente im Leben ihrer Schöpferin. Die Geschichte spiegelt die Kindheit von Lou Andreas-Salomé. Der in zaristischen Diensten aufgestiegene deutsch-baltische General Gustav von Salomé zog seine einzige Tochter allen Söhnen vor, schützte sie vor einer konventionellen Mutter und schuf für sie eine Oase geistiger Freiheit. Er goss das Fundament für Salomés unerschütterliches Selbstbewusstsein (ihren positiven Narzissmus; dazu später mehr). Adine lernt im Schutz des Vaters, sich als schöpferisches Wesen zu begreifen. Der Vater suspendiert sie von der überkommenen weiblichen Abrichtung zur Unterwerfung. Die Tragik der „Ausschweifung“ beginnt, wo der Schutzraum seine Grenzen erreicht. Als kaum erwachsene Braut bricht die patriarchale Realität der Außenwelt ungefiltert über Adine herein. Das Erwachen des Begehrens fühlt sich für sie an wie ein biologischer Rückfall in die Unfreiheit – ein Verrat am freien Geist.     

Friedrich Nietzsche glaubte, in Lou Andreas-Salomé die einzige Person gefunden zu haben, die seine Philosophie nicht nur verstehen, sondern verkörpern konnte. Er nannte sie ein „Geschwistergehirn“ und sah in ihr das lebende Versprechen seines „Übermenschen“ – eines Wesens, das sich von allen alten Moralvorstellungen und bürgerlichen Fesseln befreit. Doch als Nietzsche versuchte, die geistige Verbindung in eine sexuelle und eheliche Beziehung zu überführen, prallte er ungebremst auf Salomés unerbittlichen Schutzpanzer der Selbstbehauptung.

Die „Ausschweifung“ ist eine Erzählung über die Herkunft des Begehrens. Indem Salomé die Sexualität auf frühe affektive Einschreibungen zurückführt, nähert sie sich einer Einsicht, die Freud systematisiert. Menschen orientieren sich an den oft rätselhaften Prägungen ihrer frühen Erfahrungswelt.  

Fadenscheinige Einmaligkeit

Dem Tischgespräch ist schon seit geräumigen Fünfminuten kein Wort hinzugefügt worden. Auf dem Gaumen verblasst eine Erwartung. Alisa schluckt die Enttäuschung herunter. Die lieblose Behandlung von Lebensmitteln erinnert sie an Peter, dem sie im Sommer vor zwei Jahren in einer Hotelküche auf Usedom zugearbeitet hat. Peter war ihr als Reisender erschienen. Seine spirituelle Überlegenheit gab ihm das Recht, die Schwerbeleibten im Speisesaal zu verachten. Es kamen nur alte Leute, das Hotel warb mit barrierefreier Unterbringung. Die Leute schafften es oft nicht einmal mehr zum Strand. Sie waren nicht viel älter als Alisas Eltern und doch schon so gut wie tot. Peter konnte kochen, verlor sich aber lieber im Vulkanismus und in komplizierten astrologischen Überlegungen, die er mathematisch ansteuerte. Ging ein Essen zurück, pimpte er es mit Zauberflüchen und ließ es gleich wieder an den Tisch bringen. Das klappte fast jedes Mal. Alisa und Peter gerieten in einen Sog, der sie immer größere Risiken eingehen ließ. Die Grenze überschritten sie mit zu Mus verarbeiteten Würmern und (aus den Fallen im Lager herangezogenen) Mäusen noch lange nicht. Peter spuckte in den Salat. Angeblich war das Voodoo. Viele leere Teller erreichten das Tiefbecken (die Vorspülstation) mit heißen Danksagungen.

„Das alte Arschgesicht hat sich gar nicht wieder eingekriegt“, sagte Akim, der biegsam und theatralisch den Kellner spielte. Er war ein Konsolenjunkie aus Braunschweig, heimatverbunden bis zur Weinerlichkeit. Es sei denn, Akim fühlte sich von Deutschen beleidigt. Dann wechselte er das Fach und sprach als Stratege des Dschihad.

„Bei dem geht die Spaltung glatt durch“, diagnostizierte Peter.

Peter suchte Extreme - Feuer und Schnee. Vulkane nannte er Hochöfen der Natur. Seine Fotos von aufsprühenden und regnenden Schlacken waren gut. Peter veröffentlichte sie auf Facebook. Zu spät begriff Alisa, dass er nichts festhalten konnte. Dass ihm alles entglitt. Da hatte sie sich schon mit ihm eingelassen. Jeder brachte seinen Stunt. Jeder hatte einen Dreh und eine Liebesmechanik. Alisa verband mit Inselflirt & Sommerliebe einen bestimmten Ton. Eine Wahrnehmungsverschiebung war das erste Verliebtheitszeichen. Sie erklärte ein Lied zum gemeinsamen Lieblingslied und empfand ein kleines Unglück, als Peter ihre Lieblingseissorte immer noch nicht kannte.

Es brauchte eine Stelle am Strand, die man gemeinsam besonders schön finden konnte.

Alisa duldete keine Verballhornung ihres Namens und keine Niedlichkeiten. Sie forderte Respekt. Sie beherrschte das Repertoire der Küchenhilfen und Zimmermädchen. Sie kannte die für eine Haushaltshilfe bestimmte Einliegerwohnung der Weitsichtigen.

Peter kannte diese Perlenkammern auch, in denen vor allem Osteuropäerinnen ohne Aufenthaltsgenehmigung beinah versteckt existierten. Er unterlief Alisas Selbstverteidigung. Er patrouillierte an ihren Grenzen.

Alisa tanzte zu den Aufforderungen einer Trommel am Strand von Usedom. Leute bewegten sich mit wachsender Expression. Sie sahen aus wie die letzten Hippies und lebten auch so. Aber ihre Kommune war ein rechtes Projekt, für das man sich schriftlich bewerben und einen nützlichen Beruf mitbringen musste.

Das erzählt Alisa Vergil (englische Aussprache) in der Keimzeit ihrer Liebe. Obwohl es unter dem Zwang der Anziehungskräfte steht, kann sich das unerklärte Paar nach zwei Tagen noch nicht auf eine gemeinsame Nacht berufen. Alisas Liebreiz explodiert wie die Serengeti im Frühjahr. Vergils Hand auf ihrem Knie reicht für Empfindungen kurz vor einer Ohnmacht. Ihren Namen spricht Vergil so schön aus wie noch kein Mann vor ihm. Spricht er sie direkt an, bekommt sie allein davon eine Gänsehaut. Kein Zweifel, er ist es, den Gott für sie geschaffen hat. Schon deshalb ist dosiertes Verhalten nicht länger angebracht. Alisa beschäftigt die Frage, wie lange sich die Spannung halten lässt, bevor die letzte Benimm-Saite reißt und sie sich, egal wie, über die Spielregeln hinwegsetzen müssen. Eine Stunde später entspannt sie sich zum ersten Mal in Vergils Armen. Er hat von ihrem Lusttau gekostet und ihre Knospen liebkost und sie vom Scheitel bis zur Sohle in eine einzige erogene Zone verwandelt.

Virgil wurde im laotischen Dschungel von den Dolchtanz-Séancen der Hmongkrieger verzaubert. Die Hmong, eine ethnische Minderheit mit starkem Unabhängigkeitsdrang, kämpften im Vietnamkrieg in der Regie von US-Beratern und unterstützt von Piloten, die offiziell keinen militärischen Rang in regulären Streitkräften hatten. Die Berater und Piloten traten wie Freischärler auf und lebten in einer Dschungelstadt, die auf keiner zivilen Landkarte eingezeichnet war. Sie hausten hinter dem Mond und taten da, was sie wollten. Sie griffen die Laos streifende nordvietnamesische Versorgungslinie an - den Hồ-Chí-Minh-Pfad.

Die Hmong kämpfen rituell mit zwei Langdolchen. Sie erreichen in ihren Exerzitien ekstatische Zustände. Die Techniken wirken brillant, ohne etwas anderes zu sein als gefährlich. Virgil lehrt Alisa die Grundlagen. Sie hat sich lange gesträubt, dergleichen zu lernen. Ihr energisches Wesen bestimmt eine pazifistische Scheu vor Gewalt. Virgil sieht das anderes.  

„Der Mensch ist nicht als Arbeiter erschaffen worden. Es gab keine Herren und kein Geld in den Galeriewäldern und Savannen, die uns angenehm sind. Geh mit einem Kind in die Natur und du wirst erkennen, wie erfüllt es ist von den Erscheinungen des Ursprünglichen. Wir sind Jäger und am liebsten jagen wir mit Ausdauer und Intelligenz.“

Alisa und Vergil trainieren auf einem erdgeschichtlichen Rülpser - einer Basaltrippe. Seit Jahren bleibt die Gegend im Zuge der Renaturierung sich selbst überlassen. Ihr Erscheinungsbild bestimmen Sturmschäden. Gestürzte und aufgerissene Stämme bilden Verhaue, in denen sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen. Nach dem Training führt Alisa den Liebsten durch ein Tannenlabyrinth zu den Ruinen über der Achsenschlucht. Zwei Burgen standen einst auf Höhen eines Berges. Drei Geschlechter mit einem gemeinsamen Ursprung, von denen wir zwei noch kennen, die Wolfen und die Groppen, vertraten so lange Mainzer Interessen, bis Heinrich I. von Hessen sie im 13. Jahrhundert entwaffnen und ihre Residenzen schleifen ließ. Dies geschah mit solcher Gewalt, dass sich die Legende von einer titanischen Aktion verbreitete. Wieder ward ein hessischer Riese gesehen, wie er märchenhaft Großes vollbrachte. Die Sache selbst erschien den Chronistinnen aber banal. Else von Groppe, eine geborene von Salzmannshausen, ging fremd mit dem Burgherrn vis-à-vis. Das erboste den Gatten so sehr, dass er sein eigenes Verderben heraufbeschwor. Heimlich brach der Mainzer Gefolgsmann ein Loch in seine Burg und lud den Hessen zur Verwüstung ein.

Alisa bleibt stehen.

„Hier“, sagt sie leise. Sie streift ihr Shirt ab und schlüpft aus den Shorts. Virgil umarmt Alisa, öffnet den BH und widmet sich ihrem Busen. Er küsst die Knospen und stimuliert die Spitzen mit seiner Zunge. Die Zunge wandert weiter, vorbei am Bauchnabel bis zu Alisas Mitte.

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Alisas unermüdliche Zuneigung schenkt Virgil ein neues Zuhause in der Welt. Habe ich schon gesagt, dass er ein Erbe des Hauses Omri ist. Das Haus Omri war das Nordreich Israel. Nach seiner Zerschlagung zogen jugendliche Freischärler, die man heute zu den verlorenen Stämmen rechnet, nach Opis wegen des ungezügelten Nachtlebens. Man nahm Drogen auf offener Straße, schoss in den Saloons herum, ließ sich großflächig tätowieren und frönte einer orientalischen Spielart des Frühkommunismus. Opis lag am Tigris nahe dem heutigen Bagdad. Von da zogen die Aktivisten nach Babylon. Nach der ersten babylonischen Eroberung Jehudas (587 Jahre vor den Ereignissen in einem Stall zu Bethlehem) verschleppte Nebukadnezar II. die Elite von Jerusalem in seine Hauptstadt am Euphrat. So begann die jüdische Diaspora. Tausend Jahre lag befruchtete sie Mesopotamien, bevor der Islam auch nur losging. Bis zu einer Massenauswanderung in der zeitlichen Umgebung der israelischen Staatsgründung bewahrten Juden im Irak die Erinnerung an ein Goldenes Zeitalter. Achthundert Jahre nach dem bekanntesten Erlass von Kaiser Augustus wurde Bagdad als Hauptstadt des Kalifats gegründet. Die irakischen Juden, die sich nach 1842 in Shanghai niederließen, nannte man Bagdad-Juden. Wird fortgesetzt.

Turning Danger into Performance – Konservative Revolution

Leider finde ich keine Quelle für das schöne Wort, die Wiener Moderne sei die „Morgengabe des Judentums an die deutsche Kultur“. Manche schreiben es Peter Altenberg zu, andere Hermann Bahr oder Hans Tietze, dem Autor von „Die Juden Wiens“. Eine Triebfeder der Wiener Moderne war für viele ihrer jüdischen Protagonisten das Bestreben, die durch die Diaspora entstandene Sonderstellung zu überwinden und als selbstverständlicher Teil der deutschsprachigen Kultur anerkannt zu werden. Dass dies nur unvollkommen gelang, zeigt die fortwährende Hervorhebung ihrer jüdischen Herkunft selbst auf dem Höhepunkt ihrer kulturellen Wirksamkeit. Die Nationalsozialisten deuteten dieses Streben nach Zugehörigkeit später als Mimikry und Unterwanderung.

Streicht man Arthur Schnitzlers jüdische Herkunft fiktiv, bleibt sein Werk das Produkt einer liberalen, urbanen, psychoanalytischen und kritischen Moderne. Die Nazis hätten ihn – wie auch Heinrich Mann, Erich Maria Remarque oder Ödön von Horváth (die alle keine Juden waren) – als „Kulturbolschewisten“ und „Asphaltliteraten“ geächtet.

In meiner Aufzählung von vorgestern habe ich Hugo von Hofmannsthal nicht erwähnt. Der bereits 1929 verstorbene Neoromantiker war Mitbegründer der Salzburger Festspiele, Autor des „Jedermann“ und vieler Werke, die sich problemlos in einen konservativen deutschen Bildungskanon einfügen ließen.

Die Wiener Moderne des Fin de Siècle fand ihr Gravitationszentrum in einer der faszinierendsten und zugleich spannungsreichsten Doppelbiografien der deutschsprachigen Literatur: der fast vierzigjährigen Beziehung zwischen Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal. Im Café Griensteidl kreuzten sich 1891 die Wege des damals 29-jährigen Arztes Schnitzler und des erst 17-jährigen Wunderkindes Hofmannsthal. Es war der Beginn einer intellektuellen Weggemeinschaft, die Zeit ihres Bestehens zwischen tiefer künstlerischer Wahlverwandtschaft und unüberbrückbarer charakterlicher Fremdheit oszillierte.

Das Fundament ihrer Verbindung war der Respekt vor dem literarischen Urteil des anderen. Schnitzler erkannte sofort die sprachliche Verfeinerung des jungen Genies; Hofmannsthal wiederum bewunderte Schnitzlers unbestechlichen Blick für die seelischen Abgründe der Wiener Gesellschaft. Diese Vertrautheit erlaubte eine Direktheit, die im berühmten Zitat gipfelte, mit dem Hofmannsthal Schnitzlers provokanten Reigen kommentierte: „Ihr bestes Buch, Sie Schmutzfink!“ Trotz solcher Momente kollegialer Nähe blieben ihre ästhetischen und weltanschaulichen Konzepte grundverschieden. Schnitzler sezierte mit dem Skalpell des Realisten die Lebenslügen des Bürgertums, während Hofmannsthal Zuflucht im Ästhetizismus und der Erschaffung zeitloser Mythen suchte.

Diese literarische Divergenz spiegelte sich in ihren konträren Lebensentwürfen und dem Umgang mit der eigenen Identität. Schnitzler beobachtete mit wachsender Skepsis, wie Hofmannsthal versuchte, seine bürgerlich-jüdischen Wurzeln hinter einer aristokratischen Maske zu verbergen. Während Schnitzler den virulenten Antisemitismus seiner Epoche in Werken wie „Professor Bernhardi“ frontal angriff und sich seiner Herkunft schmerzhaft bewusst blieb, flüchtete sich Hofmannsthal in den Traum eines katholisch-übernationalen Habsburg-Mythos. In seinen Tagebüchern hielt Schnitzler diese Attitüde des Freundes präzise fest. Er kritisierte dessen neurotische Überempfindlichkeit, den elitären Dünkel und die krampfhafte Pose einer Zugehörigkeit zur Aristokratie.

Gerade weil sie sich gegenseitig nichts vormachen konnten, blieb die Freundschaft eine permanente Reibungsfläche. Sie war frei von sentimentaler Verklärung, aber getragen von der unerschütterlichen Gewissheit, dass der andere das eigene Künstlertum wie kein Zweiter verstand. Als Hofmannsthal im Juli 1929 nach einer Familientragödie verstarb, markierte dies für Schnitzler nicht nur einen persönlichen Verlust, sondern das definitive Ende einer Epoche. Seine Tagebucheinträge zeugen von der Erschütterung, den wichtigsten Zeugen seines eigenen Lebens verloren zu haben. „Maske“ und „Seziermesser“ mochten sich zeitlebens bekämpft haben – im Rückblick bildeten sie die untrennbaren Kehrseiten einer glanzvollen Wiener Epoche.

Hofmannsthal stammte väterlicherseits von jüdischen Großeltern ab, die zum Katholizismus konvertiert waren. Er distanzierte sich nach dem Ersten Weltkrieg vehement von der liberalen Moderne. In seiner berühmten Rede „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ (1927) platzierte er den Begriff der „Konservativen Revolution“ zentral. Er sehnte sich nach einer neuen europäischen Ordnung, einer geistigen Wiedergeburt der Nation und beschwor das alte, katholisch-habsburgische Reichs-Heiligtum. Die Rhetorik von Bindung, Gemeinschaft und der Überwindung des liberalen Individualismus war Musik in Naziohren.  

Hofmannsthals „konservative Revolution“ als wandernder Signifikant

Der Begriff der „konservativen Revolution“, den Hugo von Hofmannsthal in seinem kulturpolitischen Denken der späten 1920er Jahre mit Durchsetzungskraft etablierte, gehört zu jenen Formeln, die ihre Bedeutung in Überlagerungsdynamiken gewinnen. Was bei Hofmannsthal als kulturphilosophische Diagnose einer zersplitterten Moderne beginnt, wird zum nomadisierenden Signifikanten mit diversen Aufladungen.

Bei Hofmannsthal bezeichnet die „konservative Revolution“ kein politisches Programm. Gemeint ist vielmehr die Vorstellung einer geistigen Wiederherstellung von Einheit in einer als fragmentiert erlebten Moderne. Es geht um Sprache, Bildung und Tradition als Formen kultureller Kohärenz. Der Begriff dient einem ästhetischen Postulat.     

Das NS-Regime funktionierte wie ein parasitärer Organismus. Es suchte in der Kultur nach apologetischen Mustern im Spektrum von Reich, Mythos, Gemeinschaft und Boden. Wo das nicht funktionierte – wie beim psychologischen Seziermesser Schnitzlers, beim humanistischen Weltbürgertum Zweigs oder bei der radikalen Ironie Musils –, wurde die Vernichtungsaxt angesetzt. Wo es scheinbare Anknüpfungspunkte gab – wie bei Hofmannsthals konservativer Sehnsucht –, entstand eine bizarre Mischung aus propagandistischer Ausbeutung und antisemitischer Zensur.

Aline erzählt 

Ich habe Frühdienst und genieße es, fast allein in der Firma zu sein. Ich diszipliniere mich, in dem ich mir nicht erlaube, mir selbst vorzugreifen und in Bausch und Bogen Dinge zu erledigen und in westlicher Weise effektiv zu sein. Auf dem Weg der Entspannung ist Selbstbeobachtung hilfreich. Ich nehme so viel Druck aus dem Körper wie ich es nur vermag. Ich betrachte mich vor dem großen Spiegel im Foyer mit großem Selbstgefallen. Ich brühe mir einen Tee auf. Ich trinke aus einem Becher meiner Kindheit, den ich in der Teeküche safe deponiert habe, und gucke japanisches Frühstücksfernsehen. Heute besucht meine Lieblingsmoderatorin eine Karate-Schule in Kyoto, der Meister ist ein wüster Knochen. Er heißt Usagi. Seine Opfer krauchen normalerweise wie geprügelte Hunde herum; zu sehen auf einem halben Dutzend YouTube-Videos. Sie leiden schrecklich. Usagi ist ein echter Hulk mit Faschofrisur. In seinem Dōjō trainieren mysteriös schlechte Schüler.

Usagi ist einer meiner Favoriten im Reich der menschgewordenen Comicfiguren. Er zeigt der Moderatorin dies und das, aber ihre Aufmerksamkeit gehört allein den Kameras, die sie umschwärmen. Sie ist der Star.

Japanische Moderatorinnen gehen für ihren Job durch die Hölle. Usagis Chefdummy muss sich vor ihr zum Affen machen. In meiner Welt zählt er zu den Celebrities der unfreiwilligen Komik. Der Dummy hat einen Kollegen, dem es genauso dreckig ergeht, während Usagi klarmacht, dass er wieder höchstens drei Prozent seiner Energie eingesetzt hat. Der Kollege weiß selbst am besten, dass er nicht gut ankommt mit seinem Kraut-und-Rübengebiss und dem Hundeblick, der mich an meinen zweitübelsten Liebesfehlgriff denken lässt. Usagi bleibt durchgehend herablassend. Die Schmerzkrümmungen der Adlaten quittiert er mit Gleichgültigkeit. Er hantiert noch ein bisschen mit antiken Volksturmwaffen, verkürzten Dreschflegeln und mehrgliedrigen Schlaginstrumenten.

Niran taucht auf. Er hat diesen Zug ins Drakonische. Er liebt es, sich beherrschend auszuwirken. Die Präsenz der anderen High Potentials deckelt ihn aber. 

Chet erzählt

Wir logieren in der Oasi di Benessere, einer in den 1970er Jahren brutalistisch hochgezogenen, inzwischen abgeschrammten Bettenburg in Chiavenna. Unter unserem Fenster fließt charmant die Mera. Chiavenna ist eine lombardische Gemeinde mit römisch-imperialen Fundamenten und einem mittelalterlichen Stadtkern. Das nächste Skigebiet erreicht man mit dem Auto in zwanzig Minuten. Man trifft sich vor der Zahnradbahn in Campodolcino. Die meisten Gäste sind in wenigstens fünfköpfigen Familienverbänden zum Skilaufen angereist. Sie schwärmen nach dem Frühstück aus und kommen nachmittags zurück. Dann schälen sie sich aus perfekten Monturen, hüllen sich in weiße Hotelbademäntel, belegen Liegestühle an den Rändern der drei Planschbecken im Keller und fotografieren sich gegenseitig mit Tablets. Ab und zu zieht eine Mutter den Flausch vom Bein und steht dann so kurz vor dem Eintauchen erst einmal mit nacktem Arsch im Blitzlichtgewitter.

Aline liest lieber noch einmal „Die Nacht von Lissabon“ als in der Sauna aromatisierten Dampf über heißen Steinen aufsteigen zu sehen. Stundenlang habe ich die Sanus per aquam Zone sowie den Wellbeing Bereich für mich nicht ganz allein. Physiotherapeutinnen schwirren herum. Hochschwangere tasten sich durch ihre Programme. Rekonvaleszenten humpeln zu ihren Anwendungen. Eine chinesische Bodybuilderin nutzt geräuschvoll den Maschinenpark.

Auf dem Hotelparkplatz und in der Garage steht nichts Preiswertes. Der italienische Mittelstand wirkt proper und zufrieden. Es gibt ein paar Schweizer und kaum Deutsche. Ich komme ins Zimmer und nehme Alines Duft wahr. Der Duft dominiert die Gerüche der Fremdheit. Wieder einmal bedenke ich Alines außerordentliche Präsenz. Man traut ihr das auf den ersten Blick nicht zu. Sie dosiert ihre Ausstrahlung, wenn auch nicht mir gegenüber. Mich versorgt sie mit all ihrer Magie. Sie bedenkt mich mit einem nachdenklichen Blick und legt das Buch zur Seite.

„Komm zu mir,“, lockt sie. Ihre Zärtlichkeit breitet sich wie ein Raumspray aus. Luft ist ihr Element. Alina ist ein zur Leichtigkeit begabtes Luftwesen. Sie schiebt ihr Kleid hoch, hebt den Po an und streift den Slip ab. Sie macht das für mich. Das ist ein Spielzug, den ich gern sehe. Alines unermüdliche Zuneigung schenkt mir ein neues Zuhause in der Welt. Ich komme zu ihr und die Welt hört auf, ein großer Betrieb zu sein. Jetzt gibt es nur noch dich und mich. Wir sind in einem wahrgewordenen Traum. Vor dir war nichts und nach dir wird nichts mehr sein.

Aus dem Off

Sie gönnt ihm einen Tauchgang im arktischen Augenblau. Das Pupillenschwarz entwickelt einen atlantischen Sog. Ihre Art einander zu erleben, erlaubt ihnen Lustspiele aus dem Themenkreis fortgeschrittener Entspannung. Ihr ist, als darböte sie sich aztekisch einer persönlichen Sonne, deren kosmische Feuer ihr allein nicht gefährlich werden. Manchmal fragt sie sich, wie Chet zu anderen Frauen ist. Wie zärtlich und wie leidenschaftlich. Während sie am Anfang ihrer Liebe es noch für möglich hielt, souverän darüber hinweg sehen zu können, weiß sie nun, dass es sie zerreißen würde.

Sie sind Lebensmittel füreinander. Ihre Unbedingtheit tendiert ins Schroffe, wenn der Liebesvertrag nicht bis zum letzten Paragrafen eingehalten wird. Der Zufall, oder vielleicht auch sein Neffe, will es, dass sich Aline und ihre Schwester Achara im selben Moment auf ihre Liebsten setzen, die eine in einem lombardischen Nest, das es schon in der Antike gab, die andere in einem nordhessischen Nest, in dem die Geschichte des Hauses Hessens einen Anfang nahm. Dazwischen liegen nur fünfhundertfünfzig Kilometer Luftlinie.

Wir sind keine Prädatoren. Und doch stehen wir an der Spitze der Nahrungskette. Dieses Paradox ist eines der tiefsten Missverständnisse über den Menschen – und zugleich der Schlüssel zum Verständnis unserer inneren Konflikte, unserer Machtmodelle und unserer chronischen Überforderung.

Biologisch betrachtet ist der Mensch kein Raubtier. Unser Körper ist verletzlich, langsam, schlecht bewaffnet. Unser Nervensystem reagiert empfindlich auf Bedrohung, Schmerz, Ausschluss und Kontrollverlust. Es ist ein System, das auf Vorsicht, Vermeidung und Flucht optimiert wurde. Evolutionär sind wir omnivorische, opportunistische Fluchttiere – hochsensibel, sozial eingebettet, auf Sicherheit angewiesen.

Und dennoch haben wir eine Stellung erreicht, die in klassischen Bildern nur Prädatoren zukommt. Wie ist das möglich?

Wir haben die Nahrungskette nicht mit unserem Körper erobert, sondern mit Systemen. Der Mensch ist kein körperlicher Prädator geworden, sondern ein ökologischer.

Spinal Wave an der Eder

Ein Graureiher schwieg reglos im Fluss. Ein Eisvogel schoss über den Spiegel, ein blitzender Splitter aus Azur und Kupfer. Das kaum kniehohe Wasser schimmerte effektvoll, es spiegelte flirrende Hitze. Kleine Wirbel, flüchtige Signaturen der Strömung, bildeten sich hinter polierten Kieseln, die in einem von Schieferplatten unterbrochenen Buntsandsteinbett lagen. Der Bundsandstein markierte eine Zeit vor mehr als 240 Millionen Jahren, als das Edertal ein Wüstenbecken der Trias war. Die Schieferformationen bezeugten das Devon und waren fast doppelt so alt. Sie erzählten von einer ozeanischen Totalität voller Korallenriffe, Ammoniten und Panzerfischen.

Wüste, Meer und eine Zwischenzeit von 160 Millionen Jahre. Das Tal verdankte sich keiner Gletscherformung, sondern einem älteren Erosionsgeschehen. Ariane von Schauenburg hatte sich am Vortag mit der Vermutung vorgewagt, das Edertal sei in der letzten Eiszeit (Würm-Kaltzeit, vor ca. 115.000 - 11.700 Jahren) entstanden. Sie war ein Geschöpf der Gegend, umso peinlicher fand sie die Belehrung des Turko-Texaners Aslan Coogan aka Hei Long, seines Zeichens Dozent an der Ederthaler Landgraf Philipp Universität. Während der letzten Eiszeit lag Nordhessen am Rand des Eisschilds. Damals herrschten Periglazial-Bedingungen - Frostwechsel, Schuttflure, Schmelzwasser, Lössablagerungen.

Für Ariane war Aslan ein Wissender und ein Erwachter. Sie behalf sich mit einem Jargon aus dem Esoterik-Discounter und einer eher fadenscheinigen Argumentation, auch um die Absichten ihres Mentors vor sich selbst zu verschleiern. Es ging nicht darum, dass Aslans Interesse an Ariane so wenig vornehm war wie das Interesse anderer Männer.

Die Monotonie der Verehrungsgesänge. Das war alles furchtbar langweilig. Aslans Spielräume erlaubten es Ariane, in ihm einen besonderen Mann zu sehen. Er schenkte ihr einen neuen Blick auf die Welt. Die Kiesel unter ihren Sohlen waren Archive des Klimas, geschliffen von Zeit. In Aslans Gegenwart realisierte Ariane erdgeschichtliche Ausblicke, die ihr bis beinah heute an Ort und Stelle stets entgangen waren. Dabei war das gar nicht Aslans Thema. Der Meister sprach von der „Spinal Wave".

„Schau, Ariane, alles beginnt mit der Spinal Wave. Das ist die älteste Bewegung der Menschheit. Vor 400 Millionen Jahren hat der Flossenschlag der Fische diese Welle in die Wirbelsäule eingeschrieben. Wir tragen sie noch immer in uns. Ohne sie könnten wir nicht einmal atmen."

Ariane entgegnete:

„Du meinst, diese Welle ist nicht bloß Bewegung, sondern das Grundmuster unseres Daseins?"

Aslan:

„Genau."

Ariane spürte ihre umwerfende Wirkung im Spiegel der Aufmerksamkeit, die Aslan ihr schenkte. Seine Präsenz, die Kraft, das Wissen, das alles rückte sie ins rechte Licht. Ariane war nicht nur akademisch ehrgeizig. Sie würde ihr Potential nicht an einen Mann verschwenden, der ihre Exzellenz nicht wahrnahm. Der Stammbaum ihrer Familie reichte bis in die Anfänge der Althessischen Ritterschaft. Sie war mit dem Haus Hessen verwandt. In den Glanzzeiten des europäischen Adels waren ihre Vorgänger bei jedem königlichen Großereignisse geladen. Ihr Klan gehörte zu den Herrenständen des Großherzogtums Hessen.

„Ariane," begann Aslan, „Spiral Force synchronisiert Spinal Wave mit Rumpf, Brustkorb und Becken. Wenige Menschen nutzen diese Kombination bewusst. Viele bewegen sich ineffizient, verschwenden Kraft. Wer die Synchronisation beherrscht, kann sie gezielt einsetzen - von der Lunge bis zu den Fußballen in einer kinetischen Kette."

Aslan demonstrierte die Wirbelsäulenwelle. Für einen Moment glich er einem Delfin. Die Luft spielte mit ihm, sie schien ihm die Vergünstigungen des Wassers zu gönnen. Ariane stockte der Atem. Beinah gegen ihren Willen fühlte sie sich überwältigt. Sie sortierte für sich einen Mix aus Bewunderung, Erstaunen und einem erotischen Wetterleuchten.

Aslans Arme entsprachen dem Rotationsfluss, Ariane ahmte nach. Sie spürte, wie die Welle sich von ihrem Rücken über die Rippen, den Brustkorb und die Hüften bis in die Füße ausbreitete - ein Gefühl von Schwerelosigkeit und Verbindung.

„Im Vierfüßlerstand", fuhr Aslan fort, „bilden Spinal Wave und Spiral Force ein Aggregat. Da funktioniert alles automatisch. Je mehr wir uns der horizontalen Verschaltung annähern, desto effizienter werden unsere Bewegungen."

Ariane sah ihm in die Augen.

„Und wir können das gemeinsam üben?"

„Schritt für Schritt," entgegnete Aslan zu prompt.

Ariane spürte einen Anflug von Enttäuschung. Aslan sollte ihr Entgegenkommen mit Achtungsbezeugungen quittieren. Die Welle floss durch ihren Körper, die Kraft gehörte ihr allein. Aslan durfte sie führen, inspirieren, herausfordern - aber niemals kontrollieren. Er konnte ihr zeigen, wie man Spinal Wave und Spiral Force synchronisiert, aber die Resonanz, das lebendige Feuer dieser Lektion, gehörte ihr allein. 

 

Das klassische Dominanzschema entspricht beim Menschen keiner natürlichen Ordnung, sondern einer kulturellen Fehlprojektion. Es überträgt Modelle aus Tierarten mit völlig anderer Neurobiologie auf ein soziales System. Dominanz funktioniert kurzfristig, weil sie alte Schutzprogramme aktiviert. Angst erzeugt Ordnung, Kontrolle reduziert Komplexität. Doch genau darin liegt das Problem. Diese Mechanismen sind für akute Gefahrenlagen gedacht, nicht für langfristige Kooperation. Dominanz versetzt das System in einen chronischen Überlebensmodus – und blockiert damit jene Fähigkeiten, die den Menschen erfolgreich gemacht haben.

Deshalb wirken dominante Systeme zwar stabil, sind es aber nicht. Sie sind fragil, eskalationsanfällig und abhängig von permanenter Machtdemonstration. Sobald Kreativität nötig wird oder Loyalität freiwillig sein muss, beginnen sie zu zerfallen. Leistung scheitert dann an vermeidungsgetriebenem Nervensystemverhalten. Risiko wird biologisch weiterhin mit Identitätsbedrohung verknüpft, und solange diese Kopplung besteht, blockiert das System zuverlässig – unabhängig vom tatsächlichen Potenzial.

Das Alpha-Konzept muss neu gedacht werden. Zur Führungskraft taugt, wessen Nervensystem Risiko nicht reflexhaft als existentielle Bedrohung interpretiert. Nicht weil er keine Angst kennt, sondern weil für ihn Angst kein Handlungsverbot darstellt. Er kann Unsicherheit tolerieren. Alpha ist ein Regulationszustand.

Die wirksamsten Menschen funktionieren als Nervensystem-Anker. Sie erzeugen Sicherheit durch Kohärenz. Sie regulieren Systeme, statt sie zu kontrollieren, und ermöglichen freiwillige Kooperation, adaptive Intelligenz und nachhaltige Leistung.

Die Evolution von Bewegung und Angriff bei frühen Menschen - Eine biomechanische Perspektive

Die Entwicklung menschlicher Bewegungsmuster beeinflusste - in befruchtenden Prozessen - Fortbewegung und Jagdstrategie. Frühmenschen nutzten eine Kombination aus quadrupedaler und bipedaler Bewegung, die es ihnen erlaubte, flexibel zu reagieren. Fossile Funde, wie die Fußabdrücke von Laetoli, zeigen, dass frühe Hominiden sowohl aufrecht gingen als auch auf allen vieren, wodurch sie die Vorteile beider Fortbewegungsformen kombinieren konnten. Ein zentraler Aspekt dieser Bewegung ist die sogenannte „Spinal Wave" – die flexible, wellenartige Bewegung der Wirbelsäule. Diese Bewegung speichert kinetische Energie und ermöglicht eine effiziente Kraftübertragung über den gesamten Körper. Bei Raubkatzen lässt sich diese Mechanik idealtypisch beobachten. Vor dem Sprung aus der Deckung wird Energie in der Wirbelsäule gesammelt und beim Absprung gezielt freigesetzt.  

Eng mit der Spinal Wave verbunden ist das Konzept der „Spiral Force". Durch die spiralförmige Rotation von Becken und Brustkorb kann die gespeicherte Energie präzise in Richtung eines Ziels kanalisiert werden. Biomechanische Analysen zeigen, dass spiralförmige Bewegungen die Effizienz von Wurf- oder Angriffstechniken erhöhen und gleichzeitig das Verletzungsrisiko reduzieren. Kombinationen aus Wirbelsäulenwelle und Spiralkraft erlaubten es frühen Menschen, die gleiche Bewegung sowohl für die Fortbewegung als auch für zielgerichtete Angriffe zu nutzen.

Der hypothetische Ablauf eines Angriffs lässt sich so skizzieren. Zunächst erfolgt ein Anschleichen in quadrupedaler Haltung oder tiefer aufrechter Position, um den Energieverbrauch zu minimieren. Anschließend wird der Körper für die Initialbewegung vorbereitet: Spinal Wave und Spiral Force laden Energie. Die explosive Entladung dieser Kräfte erfolgt über Sprung oder Vorstoß, wobei die Energie auf kontrollierte Kontaktpunkte wie Nacken, Schulter oder Oberkörper übertragen wird. Schließlich ermöglicht die fortgesetzte Bewegung den nahtlosen Übergang zu Flucht oder Verfolgung.

Aus evolutionärer Sicht bot diese Bewegungsstrategie klare Vorteile. Durch die Kombination von Flexibilität, Energieeffizienz und sensorischer Integration - Blick, Gehör und Muskelspannung - konnten frühe Menschen Überleben und Jagderfolg maximieren. Ineffiziente Bewegungen hätten in der rauen Umwelt des Pleistozäns tödlich sein können, sodass die Optimierung von Spinal Wave und Spiral Force evolutionär begünstigt wurde.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das hypothetische Standardangriffsverfahren bei frühen Menschen eine elegant integrierte Bewegung darstellt: Anschleichen, Energieaufbau über Wirbelsäule und Rumpfrotation, präzise Ausrichtung und anschließende Fortbewegung bilden ein energetisch ökonomisches und evolutionär effizientes System. Die Untersuchung dieser Mechanismen bietet wertvolle Einsichten in die Biomechanik menschlicher Bewegung, die Jagdstrategien unserer Vorfahren und die evolutionäre Entwicklung von Kraft, Geschicklichkeit und Überlebensfähigkeit.

Wieder veranschauliche ich das Thema in einem Lehrstück. Die Szene geht über die wissenschaftlichen Vorgaben hinaus und streift das Balzverhalten 2.0. 

„Ariane," begann Aslan mit verräterischem Timbre, „manchmal musst du den Gegner gar nicht berühren, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sein eigenes Nervensystem erledigt die Arbeit für dich."

Aslan inszenierte sich. Er präsentierte sich agil, charismatisch, beschlagen in jeder Hinsicht. Ariane spielte ihr eigenes Spiel. Sie zeigte sich beeindruckt und ließ sich einnehmen wie zur Probe. Aslans Balztanz schmeichelte ihr. Der Meister warb um sie, während sie die Regeln bestimmte.

„Also kann man jemanden übernehmen, ohne ihn zu berühren?" fragte sie. Behutsame Skepsis und offensive Neugier glichen sich aus auf der Waage ihrer Empfindungen.

Aslan nickte. Ariane registrierte den Triumpf in seinen Augen.

„Genau. Man bringt den Gegner dazu, dass er seine eigene Kraft gegen sich selbst richtet."

Es war ein Experiment. Ariane testete, wie es sich anfühlte, geführt zu werden. Aslan war intelligent genug, ihr nicht vorzugreifen. Sie genoss jede Sekunde mit ihm, auch wenn sie die körperlichen Lektionen überforderten. Ja, Ariane fühlte sich ausgezeichnet. Die meisten Leute kannten nur den reich und illuster auf einer texanischen Pferderanch in „Dallas"-Dimensionen geborenen Geistesriesen Aslan Coogan; das Wunderkind als spätjugendlicher Gelehrter. Aslan war noch keine dreißig, ledig und frei von Altlasten. Seine akademische Bilanz reichte, um ihn für überragend zu halten. Die Kollegen fanden ihn athletisch, ohne eine Idee von Aslans Körperkult.

Ariane fand, dass ein Sprach- und Kampfkunstmeister zu ihrer vornehmen Herkunft passte. Sie liebte bedeutungsschwere Anachronismen. Eine köstliche Spannung erzwang absolute Konzentration auf das Spiel mit Aslan. Es schien nichts anderes mehr zu geben.

Aslan leitete die quadrupedale Fortbewegung ein, langsam, kontrolliert, jede Welle, jede Drehung sichtbar und doch mühelos demonstrierend. Ariane spürte die Resonanz in ihrem Körper. Die Spiralkraft dehnte ihren Brustraum. Während sie adaptierte, erkannte Ariane zum ersten Mal, dass Aslans Engagement über verdeckte Minne weit hinausging. Offenbar wollte er sie ernstlich in seinen Körperkünsten firmen.

Bis eben waren das Training und die Exerzitien für Ariane nur Abwechslung gewesen. Just in diesem Augenblick avancierte sie zur Schülerin, die sich unter Aslans kundigen Fittiche begab.

„Gut," verkündete Aslan, „jetzt spürst du, wie alles zusammenkommt: Spinal Wave, Spiral Force, das segensreiche Wirken der Fascia thoracolumbalis. Alles ist verbunden in einem Aggregat. Es ist das älteste Bewegungsmuster der Welt - Fortbewegung, Angriff, Flucht - alles kompakt in einem Multitool. Schau, wie die Kraft durch meinen Rumpf läuft."

Ariane war fest entschlossen, sich im Notfall auch die Blöße einer unschönen Haltung zu gestatten. Sie wollte nicht an ihren Peinlichkeitsregungen scheitern.  

„Spiral Force lenkt Spinal Wave durch Rumpf, Brustkorb und Becken. Je besser die Module synchronisiert sind, desto effektiver läuft die Bewegung. Fühlst du, wie alles zusammenspielt? Wie sich in der animalischen Vierfüßigkeit Fortbewegung und Angriff aus einem einzigen Bewegungsmuster ergeben?"

Ariane fühlte es nicht. Sie hatte noch kaum je über diese Fragen nachgedacht. 

 

Vergils Vorfahren hielten an der iranisch-irakischen Grenze Jahrhunderte eine Gemeinde in Gang. Sie begriffen sich als Erben des Hauses Omri und lebten kryptisch ihren Glauben. Ihnen fehlte der Anschluss an eine überbauende Ordnung des Religiösen. Ein paar Familien versprengten sich nach Maalula, einer christlichen Hochburg in Syrien. Manche da glauben seit Alexander dem Großen Griechen zu sein und wähnen sich deshalb in einer Diaspora.

Aramäer, die vor hundert Jahren von Maalula in die Türkei auswanderten, werden von Türken als christliche Syrer wahrgenommen. Der jüdische Kurde Virgil gilt in Ederthal als muslimischer Araber. Er sitzt in der Hotellobby in Chiavenna und mustert das Publikum. Er schlüsselt es nach einem Schema auf. Zuerst nimmt er allgemeine Einteilungen vor. Status. Herkunft. Haltung. Einschränkungen, die das Bewegungsbild bestimmen. Hinweise auf verheimlichte Beschwerden, Schwangerschaften und Waffen.

Im zweiten Durchgang konzentriert sich Virgil auf Ausgeprägtes und Herausgestrichenes.

Er beobachtet Lichtquellen, Zugänge, die Wege des Personals. Achtlosigkeit. Hektik. Die kleinen Verwerfungen. Knotenpunkte. Fallstricke. Erhabenheiten, die der Kehricht unter Teppichen modelliert. Die Diskretion jedweden hintergründigen Waltens. Dabei gibt sich der Beobachter den Anschein einer mit sich selbst ausreichend befassten Person. Er verhehlt seine Interessen aus Gewohnheit mehr als aus Notwendigkeit. Er trainiert.

Der Emissär kreuzt auf und sticht einen Nasenflügel mit dem rechten Zeigefinger. Das ist eine Frage. Virgil unterstellt eine Hand dem Kinn. Das ist die Antwort. Der Gefolgsmann zieht die Unterlippe ein. Ein Engel des Abgrunds hat verstanden. Er stammt aus einer spanischen Familie, die unter Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien in inquisitorischer Regie zum Christentum konvertierte. Man stigmatisierte sie mit einem Gemüsenamen und glaubte ihnen die Abtrünnigkeit so wenig wie den katholischen Eifer. Vielleicht wäre die Familie mit der Zeit christlich wie Hinz y Kunz geworden und ihrer Sondermarken verlustig gegangen, hätte man sie nur in Ruhe gelassen. Die Inquisition handelte gegenwartsversessen. Sie wollte keine Konvertiten in ihrem katholischen Haus. Die Vorfahren des Gefolgsmannes flüchteten vor den Blutgerichten nach Marokko, wo das Jüdischsein ihr Heil war. Der Sultan kümmerte sich um seine Sepharden. Für sie brachen glückliche Jahrhunderte an.

Der Gefolgsmann zieht sich bis zur Bar zurück. Nichts Unbedachtes verbindet sich mit ihm. Jeder Schritt kalkuliert Angriff und Verteidigung auf den Stufen a) nur körpereigene Waffen, b) + kalte Waffe, c) + Schusswaffe. Als Mann vom Fach betrachtet Virgil die Synchronisation mit Wohlgefallen.

Niemand kann sich ihm unbemerkt nähern. Es wäre ein Fehler, auf den Überraschungsmoment zu spekulieren. Selbst im Schlaf bleibt Virgil gewappnet. Er erscheint dabei vollkommen sorglos.

Nachtstücke

Die Nachtstücke verweben sich mit Alisas Träumen und verzaubern sie im Schlaf. Sie schmiegt sich an Virgil, der sie von hinten umarmt. Eine gelinde Glut glimmt. Virgil taucht in einem Traum seiner Liebsten auf. Die Hotelzimmermöbel sind leicht ramponiert, das Haus hat seine beste Zeit hinter sich. Trotzdem ist es ausgebucht.

Alisa und Virgil wandern täglich. Normalerweise kommen sie erst am frühen Abend zurück, dann absolvieren sie noch einen von Virgil ausgetüftelten Parcours im Wellnessbereich. Sie schwimmen beide gern und sie liegen auch gern träge in den phantasmagorisch in einer Gipsgrottenlandschaft arrangierten Whirlpools. Sie kommen stets heiß aufeinander ins Zimmer. Später sieht man sie im Städtchen. Sie flanieren und klappern die Bars ab, um Atmosphäre zu schnuppern und ihrem Gespräch unvertraute Kulissen zu geben.

Zwei Wochen später

Sie parken auf dem Bahnhofsvorplatz, eine Station wie das Weltende zwischen Böschungen. Ein paar Meter weiter prallt man gegen Weltstadtflughafenkunst. Im Wirkungsschatten des Spektakels schleusen sich Alisa und Virgil durch ein Scherbengericht der verdämmernden Moderne mit Dalís zerlaufenen Brillen als Mosaike. Die beiden gewinnen den barrierefreien Aufgang einer Galerie. Musterabsolventen der Schwarzenegger Academy bewachen alttestamentarisch den Eingang. Die aufwendig gedruckten Einladungen, mit denen Alisa vor ihren Nasen herumwedelt, veranlassen die Drakoniker dazu, den Raum zwischen sich geringfügig zu vergrößern.

Ausladende Mimik verwandelt sich in einladende.

In einer Gesellschaft, in der es auf Sekunden und Zentimeter ankommt, verpasst die Zugänglichkeit der Hünen manchem das Volumen eines Häuflein Elends. Alisa beobachtet bei einem ihrer Onkel der Gerster-Linie die Agilität eines erschlafften Windsacks. Er ist schon lange ein Liebhaber der ehemaligen Bürgermeisterin, die selbst mit einem durchsetzungsfähigen Mann verheiratet ist. Sie leistet sich den mopsigen Hausfreund wie einen alten Muff. Nichts kann ihrer Erscheinung etwas anhaben.

Eine illegal eingewanderte Guatemaltekin steht als Garderobiere herum. Sie stammt aus der Gegend des großen Einschlags, der die Menschheit als mausgroße Nager ins Rennen geschickt hat - die Chance von Yucatán. Auf ihrer Theke steht ein leerer Trinkgeldbecher. Ihr Kleid erinnert Alisa an vertroddelte Hausschuhe ihrer Mutter.

Spielarten von Grausamkeit und Kitsch gehen ihr durch den Sinn.

Kein Vorher. Kein Nachher. So sieht die Wahrheit aus, die wir nicht begreifen. Zeitliche Abfolgen sind nur Gliederungselemente der Erzählung Leben. Die Guatemaltekin hat den blanken, wie ausgetrunkenen Blick der Schiffsbrüchigen.

Ein Bild erinnert Alisa an eine ikonografisch ins kollektive Gedächtnis eingegangene Katastrophe. Am 28. Januar 1986 endete der NASA-Weltraumflug STS-51-L gleich nach dem Start. Die Raumfähre zerbrach in einem Bild. Ein vielfach gewundener Explosionsschweif mäanderte über den Himmel. Das hatte die Welt noch nicht gesehen. Zu den Opfern des Unglücks zählte Judith Arlene ‚Judy‘ Resnik, deren Eltern aus der Ukraine nach Ohio gekommen waren.

Turning Danger into Performance - Narrative Dialektik

Die katholische Imagination ist größer als der katholische Glaube. Für Bernanos ist der Katholizismus die Wirklichkeit.  Für Mauriac … das Gewissen. Für Hofmannsthal … die Form. Für Werfel … die Sehnsucht. Für Julien Green … Heimat und Nicht-Heimat.  Für Graham Greene … ein Paradox. Für Joyce … säkularisierte Epiphanie. Für Bataille … Schwarze Mystik. 

Bei Bernanos ist die Überschreitung der Weg zu Gott. Bei Bataille ist Gott verschwunden, aber die Überschreitung bleibt. Bataille verwirft die katholische Struktur nicht einfach. Ein rationalistischer Atheist des 19. Jahrhunderts hätte vielleicht gesagt: Es gibt keine Transzendenz, also erledigt sich die Frage. Bataille hält an der Erfahrung extremer Intensität fest – Ekstase, Opfer, Verausgabung, Grenzüberschreitung –, entleert sie aber ihres theologischen Zentrums.

Deshalb wirkt er wie ein Aushilfsmystiker nach dem Tod Gottes.

Bei Bernanos verläuft die Bewegung diametral entgegengesetzt. Die extremen Erfahrungen interessieren ihn ebenfalls – Verzweiflung, Versuchung, Heiligkeit, Opfer. Aber sie erhalten ihren Sinn in der Gnade. Bei Bernanos begründet die Transzendenz die Erfahrung. Bei Bataille ersetzt die Erfahrung die Transzendenz.    

Katholische Imagination trifft auf Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel und die beiden Green(e)s weitaus besser zu als das Etikett katholischer Schriftsteller. Bei den französischen Kern-Katholiken François Mauriac und Georges Bernanos ist der Glaube kein Thema, sondern die kosmische Infrastruktur. Das metaphysische Koordinatensystem erscheint so gesichert wie das Periodensystem der Elemente. Die göttliche Gnade ist so real wie die irdische Schwerkraft. Hugo von Hofmannsthal nutzt das Katholische als Kulturträger und ästhetisches Prinzip. Nach der Sprachkrise im „Brief des Lord Chandos“ sucht er Heilung in der Form. Das barocke Welttheater, die Liturgie und das Ritual sind für ihn Mittel, um der modernen Fragmentierung eine Totalität entgegenzusetzen. Er blickt als Kulturkonservativer und Ästhet auf das Rettende. Franz Werfel konvertierte nicht zum Katholizismus. Seine Faszination für das Katholische ist eine ekstatische Sehnsucht nach Erlösung und universaler Brüderlichkeit. Für ihn ist das Katholische das stärkste Symbol für Transzendenz in einer materialistischen Welt. Er bleibt ein hingerissener Gast. Julien Green war Konvertit und wechselte zeitlebens zwischen puritanischer Schuldangst und katholischem Verlangen nach Fülle und Fest. Für Graham Greene ist der Katholizismus der perfekte Resonanzraum für menschliche Grenzerfahrungen. Ihn interessieren nicht die Gescheiterten – die Whisky-Priester. Er nutzt die katholische Dogmatik für narrative Dialektik. Bei ihm ist der Glaube ein existenzialistischer Seiltanz.

Ästhetisierung der Liturgie/Epiphanien statt Sakramente

Weil Werfel das katholische Haus von außen betrachtet, sieht er seine Architektur viel deutlicher als die im Glauben Eingelullten. Für Bernanos und Mauriac ist das Haus so selbstverständlich, dass sie die Wände nicht extra beschreiben müssen. Sie leben darin. Georges Bataille und James Joyce sind Paradebeispiele für eine negative katholische Imagination. Sie beweisen, dass man den Katholizismus zwar intellektuell ablehnen kann, seine psychologischen und ästhetischen Prägungen aber niemals verliert. Joyce wurde von Jesuiten erzogen, wandte sich radikal von der Kirche ab („Non serviam“) und verbrachte sein Leben im Exil. Dennoch ist sein Werk ohne den Katholizismus undenkbar. In „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ beschreibt Joyce Schmerzen des Schismas. Er profaniert die katholische Dogmatik. Seine berühmten „Epiphanien“ – plötzliche Momente spiritueller oder ästhetischer Offenbarung im Alltäglichen – sind säkularisierte Sakramente. In „Ulysses“ wimmelt es von theologischen Analogien, Verweisen auf Thomas von Aquin und liturgischen Rhythmen. Bataille hatte in seiner Jugend eine Phase tiefen katholischen Glaubens, dachte sogar daran, Priester zu werden, bevor er sich zum radikalen Atheisten und Exzess-Impresario wandelte. Das Katholische bleibt konstitutiv, denn seine Theorie der Transgression funktioniert nur, wenn es ein unumstößliches Verbot gibt.

Das Haus Europa und die katholische Imagination

Zu schnell wird die Debatte auf Fragen der Konversion, der Herkunft oder – im Falle von Franz Werfel und Hugo von Hofmannsthal – auf ein vermeintliches Phänomen „gescheiterter Assimilation“ reduziert. Eine solche Lesart verfehlt jede Relevanz. Sie verkennt, dass der Katholizismus in der europäischen Geistesgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts keine bloße Konfession war, sondern eine ontologische und ästhetische Matrix. Er war, um es in einer Raummetapher zu fassen, das Haus Europa. Es war jener geistige Ur-Raum, in dem sich jeder Intellektuelle – ob gläubig, suchend, zweifelnd oder abtrünnig – verorten musste.

Vom Flossenschlag zum Dolchstoß

Die Geschichte menschlicher Bewegung reicht zurück bis zu den frühen Wirbeltieren vor etwa 400 Millionen Jahren. Diese Tiere nutzten eine laterale, wellenartige Körperbewegung zur Fortbewegung im Wasser. Laterale Undulation - eine sequenzielle Aktivierung der Rumpfmuskulatur, gesteuert von segmental-neuronalen Schaltkreisen, die Vortrieb und Richtungswechsel ermöglichten.

Am Anfang war die Welle, nicht der Schritt.

Diese frühen Bewegungsformen verbanden bereits mehrere funktionale Elemente: eine rhythmische Wirbelsäulenbewegung, rotatorische Anteile des Rumpfes sowie eine mechanische Kopplung zwischen Rumpf, Schultergürtel und Extremitäten. Aslan nennt diese Kraftübertragung Spinal Wave. Das Wort beschreibt anschaulich reale biomechanische Phänomene wie segmentale Rotation, elastische Rückstellkräfte des Bindegewebes und diagonale Muskel-Faszien-Ketten.

Mit der Evolution der Landwirbeltiere und später des aufrecht gehenden Menschen veränderte sich die Orientierung des Körpers grundlegend. Die Vertikalisierung stellte jedoch keinen vollständigen Bruch mit älteren Bewegungsmustern dar. Vielmehr wurden horizontale Fortbewegungsprinzipien – laterale Rumpfbewegung, Rotation und elastische Kraftspeicherung – in eine vertikale Organisation integriert. Sie zeigen sich bis heute im menschlichen Gang, in Ausgleichsbewegungen der Wirbelsäule, in der Beckenrotation und in den schräg verlaufenden Faszienzügen zwischen Schulter- und Beckengürtel.

Aslan spricht von funktionaler Kontinuität. Der menschliche Bewegungsapparat nutzt nach wie vor wellenartige, rotatorische und elastische Mechanismen, nun jedoch unter den Bedingungen der Schwerkraft und des zweibeinigen Standes. In Kampfkünsten und anderen Bewegungsschulen werden diese Prinzipien kultiviert und verfeinert.

Aslan und seine Schülerin Aiko bewegen sich schon eine Weile an einer Schnittstelle zwischen östlichen Bewegungstraditionen und westlicher Bewegungswissenschaft. Konzepte wie Qi bezeichnen in asiatischen Kontexten kein messbares Objekt, sondern ein Erfahrungs- und Erklärungsmodell für koordinierte Bewegung, Atmung, Spannungsregulation und gerichtete Kraftentfaltung. Aus westlicher Perspektive lässt sich Qi daher als emergentes Phänomen verstehen; als ein Ergebnis des Zusammenspiels von Haltung, Atmung, neuromuskulärer Koordination, Rotation und faszialer Kraftübertragung. Diese Übersetzung ist eine Annäherung, keine Gleichsetzung.

Ich nähere mich dem Thema in einer ausschweifenden Lehrgeschichte. Ihr seht Aiko, die verlorene Samuraitochter. 

Geologische Architektur und Spirituelle Schuld

Aslan Coogan betrachtete die Werkzeuge des Todes mit nüchterner Faszination. Sein Blick prüfte jede Klinge. Takemori Aiko fühlte sich von seiner vereisten Leidenschaft ins Unrecht gesetzt. Da war ein Interesse, das sich nicht drosseln ließ. Dieses Feuer sollte in Aiko lodern. Jedenfalls durfte sie sich nicht weniger angesprochen fühlen von diesen anachronistischen Kriegskunstzeugnissen. Sie stammte aus einem Samurai-Geschlecht. Mit raffiniertem Trotz hatte sie sich einer Erziehung im Geist des säkularisierten Kodex' zwar niemals offen widersetzt, aber doch innerlich versperrt. Als Jugendliche hatte sie verhaltene Gleichgültigkeit gegenüber familiären Erwartungen zur Schau gestellt; indes, ohne aus der Rolle der folgsamen Tochter zu fallen. Ihre Geschicklichkeit erschien ihr nur noch fade. Aslan hatte ihr die Augen geöffnet.

Sie hielt eine verschwiegene Andacht für ihren Großvater ab, der den antiken Bushi-Techniken religiöse Verehrung entgegengebracht hatte. In Gedanken verbeugte sie sich und bat um Vergebung. Aiko entsprach nicht nur Gepflogenheiten des Shintō-Ahnenkults. Sie wollte unbedingt die eigene Ächtung aufheben. - Endlich zurückkehren in die noble Ahnenreihe und wieder eine Perle auf der Familienschnur sein. Sie ersehnte Läuterung und Buße mit existenzieller Inbrunst.

In einem intrusiv-wiederkehrenden Tagtraum wähnte sich Aiko in der Haltung einer Verworfenen - verstoßen und verachtet - vor einem Ahnentribunal ihres Clans. Die Vorfahren glichen grotesk-bärbeißigen wie aus dem Kabuki-Theater entsprungenen, ritterlichen Nussknackern. Sie erinnerten an Protagonisten in den frühen Werken von Akira Kurosawa mit ihrer expressionistischen Ästhetik. Aiko vernahm ein Echo der Bunraku-Tradition, in der jede Geste Bedeutung trug. Die Phantasmagorie war eine Emanation des Fluchs, der auf ihr lastete.

Ihre Richter erlaubten Aiko kein Wort zu ihrer Verteidigung. Aber was hätte sie auch sagen können? Die Delinquentin spürte eine Last, die sie zu erdrücken drohte. Vielleicht war es die Last der Jahre, in denen sie gleichgültig und hochmütig gewesen war.

Aslan war für Aiko viel mehr als ein Trainer - er war ihr Seelenführer. Seine Persönlichkeit spiegelte den Geist, den sie einst verleugnet hatte. Aslan verkörperte den Bushi-Spirit. Er lehrte Aiko, was sie längst bis zur Lehrbefähigung beherrschen sollte.

Dr. Fiona MacLeod ahnte nichts von Aikos seelischen Abgründen. Die Historikerin registrierte eine ausgesuchte Garderobe an der Schnittstelle zwischen traditioneller japanischer Ästhetik und modernem Design. Aiko trug ein kimono-inspiriertes Oberteil in Indigo und einen sandbeigen Tellerrock. Die Kombination verlieh ihr die klassische japanische Silhouette mit einer abgefeimten Wendung ins Edel-Schräge.

Eine Neigung zum Twist verriet der Schalk im Auge unserer Heldin.

Das schlichte Obsidianperlenspiel am Handgelenk war kein Schmuck im westlichen Sinn, keine Zierde, sondern ein Juzu. Die buddhistische Gebetskette ging zurück auf die letzte echte Onna-bugeisha des Takemori-Clans, eine Frau, die in historischen Aufzeichnungen und mündlichen Überlieferungen als Meisterin der Kenjutsu-Künste erwähnt wurde.

Aiko wusste, dass sie die Linie mit ihrer Gleichgültigkeit und dem Trotz unterbrochen hatte. Für diesen Frevel musste sie büßen - und zwar in einer Wüste der westlichen Verständnislosigkeit. Sie durfte erst nach einem vollendeten Beweis ihrer Würdigkeit zurückkehren.

Fiona hätte jeder Kunde von solch einem inneren Geschehen die Aufmerksamkeit verweigert. Für sie war jedweder seelische Aufruhr eine lächerliche Aufblähung. Aiko aber wusste, wie gefährlich unsichtbare Schuld auch solchen Menschen werden konnte, die sie verleugneten. Es war jeden Tag aufs Neue eine potentiell tödliche Prüfung. Jene feindlichen Vorstellungen, die Aiko förmlich besiedelten, besaßen materielle Kraft. Sie übten Druck aus und zogen an ihr. Ein falscher oder vielleicht auch nur zögerlicher Schritt und Aiko sähe sich zu Handlungen genötigt, die Außenstehende nie begreifen würden.

Fiona wandte sich Aslan zu. Er war Turko-Texaner, reich von Geburt, großgewachsen und hypertroph muskulös. Aslan war Dozent an der Ederthaler Landgraf Philipp Universität, ein Mann der Bücher und zugleich Olympiasieger im Freistilringen; versiert ferner in Gōjū-ryū - und Kyokushin Karate, Wing Chun der Yip Man-Lineage und Chen-Taijiquan.

Zu Gōjū-ryū - Stil der Härte und Weichheit - Ging aus dem historischen Naha-te hervor, einer der drei Hauptströmungen des Okinawa-Te. Die Entwicklung des Gōjū-ryū ist eng mit den Leben und Lehren zweier herausragender Meister verbunden:

Kanryō Higaonna (1853 - 1916)

Higaonna gilt als der Gründer des Naha-te. Er verbrachte mehrere Jahre in Fuzhou, China, wo er unter dem Meister Rū Rū Kō (Chinesisch: Liu Liu He) White Crane trainierte, einem Experten im südchinesischen Kung-Fu, insbesondere im Chūan-Fa. Nach seiner Rückkehr nach Okinawa begann er, die chinesischen Techniken mit den traditionellen lokalen Kampfkünsten zu verbinden und legte so den Grundstein für das Naha-te. Higaonna war streng, diszipliniert, tief spirituell. Er legte großen Wert auf Atemtechnik, Standfestigkeit und Qi.

Chōjun Miyagi (1888 - 1953)

Miyagi war ein Schüler Higaonnas. Er formalisierte das System Naha-te und gab ihm den Namen Gōjū-ryū. Registrierte Gōjū-ryū 1933 beim Dai Nippon Butokukai, der zentralen Martial-Arts-Organisation in Japan. Kreierte Formen (kata) wie Sanchin (stabile Standhaltung, Atemtechnik, Spannung) und Tenshō (weiche, kreisende Bewegungen).

Naha-te und Okinawa-te

Okinawa, früher das Königreich Ryūkyū, war ein Zentrum des kulturellen Austauschs zwischen China und Japan. Die Kampfkunstsysteme entwickelten sich in verschiedenen Regionen der Insel. Shuri-te entstand in der Stadt Shuri und legte den Grundstein für das Shōrin-ryū. Tomari-te entwickelte sich in der Stadt Tomari und beeinflusste ebenfalls das Shōrin-ryū. Naha-te entwickelte sich in der Stadt Naha und bildete die Grundlage für das Gōjū-ryū. Diese drei Systeme - Shuri-te, Tomari-te und Naha-te - wurden später unter dem Begriff Okinawa-te zusammengefasst und bildeten die Basis für das moderne Karate.

Kyokushin Karate

geht auf Masutatsu Oyama (1923 - 1994) zurück. Der in Korea geborene Oyama studierte Judo, Shotokan-Karate und chinesisches Kempo, isolierte sich temporär in den japanischen Alpen und entwickelte seinen Stil nach dem Prinzip der „höchsten Wahrheit" (Kyokushin). Er kombinierte traditionelle Techniken mit Vollkontakt-Sparring, Prüfungen wie dem 100-Man Kumite und betonte mentale Stärke, Ausdauer und körperliche Härte. 1964 gründete Mas Oyama die International Karate Organization (IKO).

Chen-Taijiquan - In Chenjiagou, dem Ursprungsort des Chen-Stils, erlernte Aslan die klassischen Formen des Chen-Stils, einschließlich Handformen, Push-Hands (Tuishou), Schwert (Jian), Säbel (Dao), Stock (Gun) und Doppelschwert (Shuang Jian).

*

Fiona war beeindruckt und sogar geblendet von Aslans monumentaler Erscheinung. Kurz verlor sie sich in einer erotischen Phantasie. Sie zeigte sich gern spröde. Die vulkanische Seite ihres sommersprossigen Wesens verbarg sie sorgfältig.

Fiona spürte den Leistenlustzug und seufzte unwillkürlich auf. Sie wollte Karriere machen und sich gewiss nicht selbst im Weg stehen. Eskapaden kamen nicht in Frage, aber kunstvoll vernebelte Akzente erlaubte sie sich - halterlose Strümpfe, ein Büstenhalter, der ihren Spitzen die Freiheit schenkte, sich unter dem Stoff abzuzeichnen.

Ja, Aslans Präsenz trieb sie an ihr Limit. Gerade konzentrierte er sich auf die Claymore-Kollektion. Der Begriff „Claymore" kommt aus dem Schottisch-Gälischen: claidheamh mòr - großes Schwert. Es bezeichnet ein zweihändiges Schwert, das vor allem in Schottland im 15. bis 17. Jahrhundert verwendet wurde. Typisch ist die lange, gerade Klinge, etwa 100 - 140 cm, der Kreuz- oder schildförmige Handschutz, oft mit ausgeprägten Parierstangen. Es war die Lieblingswaffe der Highlander und in der schottischen Kriegerkultur ein erstrangiges Statusobjekt.

Jede Klinge, jede Gravur verband sich mit der dynastischen Landesgeschichte.

„Die meisten Besucher", verkündete Fiona, „entdecken in diesen Räumen nur Fotomotive. Ein Selfie vor einem Claymore."

Mit einem kleinen Lächeln triumphierte sie über die Ahnungslosigkeit der Masse. Zugleich signalisierten die gekräuselten Lippen die Anerkennung von Ebenbürtigkeit.

Fiona verpasste Aslan den Ritterschlag 2.0. Sie war in festen Händen. Ihre Loyalität hatte noch jede Probe bestanden. Ihre Wurzeln lagen in Edinburgh-Marchmont zwischen Sandsteinhäusern und Parks. Ihre Eltern, beide Lehrer, hatten ihr eine glückliche Kindheit geschenkt. Rugby bei den Edinburgh Harlequins hatte sie gelehrt, was Teamgeist, Kameradschaft und Durchhaltevermögen bedeuteten. Fiona spielte nicht mehr, unterstützte aber das Mädchenteam und vermittelte fleißig die Werte ihrer Prägung.

Sie deutete auf ein Highland Claymore, etwa 1,40 Meter lang und rund zweieinhalb Kilo schwer. „Aber Sie... ich sehe, dass Sie mehr als nur ein Foto suchen. Heben Sie es ruhig aus der Halterung. Zunächst einhändig. Spüren Sie das Gewicht?"

Erst als Aslan die zweite Hand an den Griff legte, wurde das Claymore kontrollierbar.

 

Turning Danger into Performance – Egoisten der Liebe

Alisa und Virgil laufen auf der antiken Trimmstrecke, die von den Ederthalern nie angenommen wurde und in den letzten fünfzig Jahre malerisch zuwucherte. Die antiken Holzsachen sehen aus wie Artefakte einer Fantasy Epoche. Luftwurzeln arcdetriomphieren über Totholz.

Zwei Stunden später

Sie sitzen im Kasseler Hof. Hanne Mansfeld, geborene Schleim, wringt ihr trockenes Haar. Eine Geste der Verzweiflung auf dem Vorfeld von Erosion, Korrosion und Schimmel. Die übelsten Sachen sieht man gar nicht. Man kann sie auch nicht riechen. Aber sie sind da als Lauerjägerinnen in den Größenordnungen der Mikroorganismen. Die chemische Zusammensetzung des Lebens schleift einen Rattenschwanz an Problemen für Eigentümerinnen hinter sich her. Seit die Erfurterin Hanne den dynastischen Ederthaler Hans Mansfeld geheiratet hat, kennt auch sie die Not der begüterten Klasse.

Auf Hannes Speisetafel steht ‚Z...schnitzel‘, obwohl die Stammtischschwestern Marianne, Sina, Malia und Alisa der eingeheirateten Rassistin nahegelegt haben, Paprikaschnitzel zu schreiben. Z... igeuner sei zu dicht an N..., behaupten sie im Einklang mit der immer noch nicht herrschenden Meinung.

Hanne zickt. Sie besteht auf den romantischen Mehrwert einer Schimäre unter Nebensonnen der verteufelnden Herabsetzung. Ihr folgt nur der vom Alter abgesprengte Provokateur Philipp Deppert, der die unkorrekte Bezeichnung Z... in ihrer abgemahnten Wiederholung als Widerstandsakt gegen die Einigkeit im Raum begreift. Der Drecksack steht am Tresen und spricht von oben herab zum Stammtisch. Er hat jetzt endlich eine Partei, die er frohen Herzens wählen kann (nach Jahren als parteiloser Berufsnötiger in Berlin).

Schon viele Facebookfreundschaften erloschen im Kreis der Verschworenen, weil ein Facebooker meinte, sich Afrikanern und Afroamerikanern gegenüber herabsetzend äußern zu müssen. Alisa macht ihren Schülerinnen alldieweil klar: Das Verhältnis von Sprache und Macht ist dämonisch. Die Sprache legitimiert erst auf einem Kurs der Degradierung die Versklavung und den Mord und lässt dann darüber Gras wachsen. Die Vernichtung des Z...barons wird in der Sprache zugleich vorbereitet und geleugnet.

Zwei Wochen später - Naturnahe Weltferne

Sie folgen dem Unterlauf der Eder zum Bettelkopf im Kellerwald. Die ursprünglichen Kellerwälder Flur- und Ortsnamen enden germanisch auf a, mar, tar, loh. Das betrifft Flecken, die vor dem Jahr Achthundert in die Kultivierung gerieten. Der fränkischen Landnahme nach kam die Kolonisation unter gaugräflicher Aufsicht im Hochmittelalter. Die späten Gründungen fielen oft wüst, schlechter Böden wegen. Alisa kennt einige Wüstungen, das entspricht einem entlegenen Wissen. Keine Ahnung beschwert sie, woher das Interesse an historischen Merkwürdigkeiten rührt. Wer weiß schon, was eine Wüstung ist?

Die Besiedlung der Gegend reicht in die Bronzezeit. Auf den Höhen findet man Hügelgräber und Schanzen. Kult und Kampf wurden auf einer Linie der Daseinsbetrachtung abgehandelt. Schon der erste Speer trug einen Darstellungswillen weiter. Jedenfalls behauptet das Virgil. Alisa weist auf Artefakte hin, die ein paar hundert Jahre unbesehen geblieben sind. Da wollte ich gestern eine erotische Szene anpflanzen ... so schön auf Moosgrund, mit Vogelgezwitscher, den Aromen der Natur und traumhaften Lichteinfällen. Alisa im Gegenlicht. Siehst du sie auch, liebe N.? Sie betrachtet Virgil. Sein Anblick zaubert ein Lächeln auf ihre Lippen.

„Alisa, meine Süße.“

Alisa weiß genau, wie er sie haben will und sie entspricht seinen Wünschen, erregt von der prompten Wirkung.

N.: Alisa glüht. Ist es Absicht, dass ein Träger fällt im Spiel der beiden? Gleich fällt der zweite … ihre Schultern, die Brustansätze ... sie dreht sich vor ihm, das Kleid fällt bis zur Hüfte, rutscht weiter... eine sanfte Berührung zwischen den Schulterblättern lässt sie zärtlich erschauern.

T.: Mit deinen Augen sehe ich Alisa, wie sie sich vor Virgil dreht und ihm den Anblick ihres langen Rückens schenkt. Sie streckt sogar den Po raus, als Surplus. Alisa und Virgil können mit Details viel anfangen. Sie sind beide keine Egoisten der Liebe. Das eigene Vergnügen setzt das Vergnügen des anderen voraus. Sonst gibt es kein Vergnügen. Dann ist das nichts. Intelligenz, Bildung, Fitness und Qi der Erotik zuzuführen, entspricht einer unausgesprochenen Verabredung. Nichts ist selbstverständlich und darf einfach so verpulvert werden. Alles hat eine Widmung. Jeder Wimpernschlag signiert den Augenblick. Ja, ich bin für dich so schön und auch du bist schön für mich.

Alisa und Virgil erwandern Alisas Heimat. Sie erreichen Maden an einem glühend heißen Nachmittag im Juli. Maden lag im Zentrum des Hessengaus. Heute ist Maden ein Stadtteil von Gudensberg. Bis ins 13. Jahrhundert war ein nachrangiger Landgraf von Thüringen stets auch Graf von Gudensberg. Alisa und der Khan kehren ein in das Wirtshaus Zum hessischen Jäger. Seit Generationen wird die Traditionsgaststätte von Nachfahren eines berühmten Hessen geführt. Johann Conrad Wilhelm Mensing (1765 - 1837) rettete den kurhessischen Staatsschatz vor Napoleon. Dafür wurde er von Wilhelm I. erhoben. Vor seiner Flucht hatte der Kurfürst die Verbergung eines märchenhaften Vermögens verfügt, das ihn schließlich in über hundert Truhen vollständig im Prager Exil erreichte. Man bedenke, wie viel Intelligenz, Findigkeit, Mut und restaurative Vaterlandsliebe bis zur Verbohrtheit dazugehörten, um sich dermaßen für einen Knilch ins Zeug zu legen, der auf die gekaufte Anrede Königliche Hoheit bestand und vom Absolutismus nicht lassen wollte. Dabei hatte Mensing keinen Grund, Wilhelm beizustehen. Der Sohn eines Karlshafener Schmieds war aus der Armut in die Armee geflohen und hatte die Not eines Mietsoldaten in Amerika und in Flandern erfahren.

Zur gleichen Zeit genießen Malia und Agravain einen Moment naturnaher Weltferne hinter einer Vogelbeobachtungspalisade im wurzelecht-weiterwachsenden Marschbacher Moor. Agravain entstammt dem ederhessischen Geschlecht der Battenberg. Auch wenn mancher behauptet, das Geschlecht sei nach 1300 ausgestorben, man habe lediglich den Namen im 19. Jahrhundert wiederbelebt, weiß man doch als Enkel des Grafen Gudensberg, dass sich die Battenbergs mit allen Ansprüchen im Mannesstamm strikt vermehrten, Könige stellten, das Haus Hessen aus der Taufe hoben, sich den Fürsten von Lothringen-Brabant gegenüber loyal zeigten und sich britisch im Haus Mountbatten verzweigten.

Malia und Agravain schwingen nackt zusammen. Die Qi-Ströme vereinen sich im Bett der kollaborativen Erregung. Agravains Glied federt. Malias Augen versprechen ihm sein ganzes Glück. Er synchronisiert sich mit ihrem Atem und dann dirigieren sich die beiden zu einem fast simultanen Orgasmusduett. Unterdessen begegnen sich die soeben genesene N. und T. im Ederthaler Forst auf einem Flecken, der um das Jahr 1100 bereits Eichwald hieß. Ein potenter Aberglaube schützte bis 1926 ein Hünengrab im Eichenkreis vor größeren Entnahmen.

Das Burgrecht machte einst Ruprecht von Gudensberg-Waldeck zum Richter von Ederthal. Seine Todesurteile vollstreckte er eigenhändig im Eichenkreis. Man sprach vom Galgenhurst. Hurst wie Gehölz. Das Wort setzte sich als Flurname nicht durch.

Der Eichwald war Königsforst. Ich kenne amtliche Bemerkungen zu wirtschaftlichen Eingriffen im Mittelalter. Eichen gaben gutes Bauholz, Eicheln taugten zur veredelnden Schweinemast. Kriegsbedingte Rodungen und natürliche Verheerungen verschonten die Population, bis schließlich von einem Altbestand erstmals die Rede war. Unter den Umfangreichen wurde Alisa erstmals zur Liebe ermutigt. Der Eichwald ist von jeher ein Schauplatz geschlechtlicher Bekenntnisse. Jede Ederthalerin absolviert da Kür- und Courtermine, bevor sie achtzehn wird.

Die dramatische Kulisse öffnet sich zur Eder, die Klingenbacher Aue liegt im Rücken der Krimmer Trutz. Im Wuchs verstockte Kiefern charakterisieren jenes Regenmoor, in das sich Ritter Ruprecht flüchtete, als es ihm im 1073er Sommer an den Eisenkragen ging. Kein Stich überliefert die Erscheinung eines Haudegens, der sich vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben zu der Schmählichkeit einer aussichtslosen Flucht veranlasst sah. In diesem Wald hatten schon einige ihr Leben gelassen, denen Ritter Ruprecht auf einem sauren, bedenklich nachgiebigen, von Pfeifengräsern besiedelten Boden gefolgt war. Auf diesem Boden nun bettet sich T. unter N. Der rücksichtsvolle Liebhaber bietet sich der Rekonvaleszentin als Polster an. Er küsst und leckt ihre hart aus den rosa Höfen ragenden Spitzen. N. spürt, wie er hart wird, und stimuliert den Penis mit ihrem pulsierenden Lustzentrum, bereits überflutet von einem massiven Flow. Der freie Qi-Fluss verstärkt das Erregungsnormal um ein Vielfaches.

Turning Danger into Performance – Franz Werfel und Hugo von Hofmannsthal – Erinnerung versus Verwandlung/Flucht in die sakrale Ästhetik/Form vs. Ekstase

Mir geht es um eine Schicht, die dem europäischen Erinnerungskörper entnommen wurde. Die Donaumonarchie bot einen idealen Rahmen für die Wiener Moderne. Das für sich ist schon paradox.  

Das Paradoxon der Donaumonarchie als Brutstätte der Moderne ist eines der faszinierendsten Phänomene der europäischen Kulturgeschichte.

Dass ausgerechnet ein patriarchaler, bürokratisch verknöcherter und dem Untergang geweihter Vielvölkerstaat eine radikale ästhetische und intellektuelle Erneuerung rahmend garantierte, widerspricht jedem linearen Fortschrittsglauben.  

Supranationales Vakuum versus nationalen Furor

Während das Deutsche Kaiserreich nach 1871 einen aggressiven, homogenen Nationalismus kultivierte, war die Habsburgermonarchie per Definition ein Vielvölkerstaat ohne eine einheitliche nationale Identität. Die politische Ohnmacht des Zentrums, schuf ein Vakuum. Kultur und Bildung wurden zum eigentlichen Bindeglied des Reiches. Weil der Staat politisch keine Zukunftsperspektive bieten konnte, flüchteten die Intellektuellen in die Vertiefung der Ästhetik, des Psychologischen und des Kosmopolitischen. Der „übernationale“ Charakter Österreich-Ungarns ermöglichte überhaupt erst das Entstehen eines gesamteuropäischen, transnationalen Denkens, wie es Stefan Zweig verkörperte.

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Stefan Zweig, Arthur Schnitzler und Joseph Roth waren keine Postnationalisten. Ihr Kosmopolitismus speiste sich paradoxerweise aus dem supranationalen Überhang des habsburgischen Imperiums – einer dezidiert voremanzipatorischen Struktur. Die Wiener Moderne war keine fortschrittsgläubige Avantgarde wie der italienische Futurismus. Sie lieferte dem Fin de Siècle die potentesten Emanationen. Man sezierte den Kadaver einer Epoche und erfand beiläufig die Moderne.

Wir neigen dazu, die Geschichte rückwärts zu lesen. Wir wissen, was nach 1918, 1933 und 1938 geschieht. Deshalb erscheinen uns die Zugehörigkeiten des späten Habsburgerreiches oft fragil, prekär oder bloß oberflächlich. Wir suchen nach den Rissen, die später aufbrechen werden.

Weil die staatsbürgerliche Gleichstellung spät erreicht wurde, konnte die Zugehörigkeit zur gemeinsamen Hochkultur und zum Reich eine enorme Attraktions- und Integrationskraft entfalten. Das Habsburgerreich stellte eine politische und kulturelle Form bereit. Antisemitismus, soziale Schranken oder nationale Konflikte existierten sehr wohl. Aber sie erschöpften die Wirklichkeit nicht. Bei Hugo von Hofmannsthal sieht man das besonders deutlich. Als Enkel konvertierter Juden bedient er eine politische Ästhetik, die seine eigene Existenz bedroht. Viele Kongeniale respektierten Hofmannsthals christlich-österreichische Identität. Sie bewahren nicht nur bürgerliche Diskretion. Hofmannsthal ringt nicht um seine Zugehörigkeit. Für ihn ist die österreichische Hochkultur Heimat. Bemerkenswert ist ferner, dass diese Selbstverständlichkeit von vielen geteilt wurde, die biographisch oder familiär noch gar nicht lange in diese Welt integriert waren. Die historische Nähe zur Emanzipation erzeugte nicht notwendig Unsicherheit. Sie konnte gerade das Gegenteil hervorbringen: eine intensive Loyalität gegenüber der neu gewonnenen gemeinsamen Ordnung.

Von heute aus erscheint das fast unverständlich, weil wir die Geschichte vom Ende her kennen. Wir wissen, wie brüchig vieles war. Die Beteiligten wussten das nicht.

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Die Moderne produziert Fragmentierung, Entzauberung und den Verlust verbindlicher Formen. Da sind sich Hugo von Hofmannsthal und Franz Werfel einig. Der Unterschied liegt in der Antwort. Hofmannsthal vertraut auf die Rekonstruktion kultureller Form. Seine Österreich-Idee, seine Faszination für Barock, Ritual, Zeremoniell und Sprache zielen auf die Wiederherstellung einer symbolischen Ordnung. Er sucht Rettung in einer Verfeinerung der Form.

Werfel sucht Intensität, Glauben, Heiligkeit, religiöse Erfahrung. Wo Hofmannsthal die alte Ordnung beschwört, sucht Werfel Erlösung. Erinnerung versus Verwandlung – Katholizismus als Formprinzip (Hofmannsthal) versus Katholizismus als Heilsversprechen (Werfel).  Beide stehen unter demselben Dach der Donaumonarchie. Beide suchen Antworten auf dieselbe Krise. Hofmannsthal vertraut der Liturgie, Werfel der Mystik.

Die Wiener Moderne ist gleichzeitig avantgardistisch und traditionsbesessen, modern und antimodern, kosmopolitisch und österreichisch, emanzipiert und kulturkonservativ. Auch Stefan Zweig war ein Kind der alten Bildungswelt. Sein Europa ist kein postnationales Projekt. Die Träger der Moderne waren oft zugleich die letzten Erben der alten Welt. Wir betrachten die Wiener Moderne oft als Vorstufe unserer Gegenwart. Die Beteiligten selbst empfanden sich häufig als letzte Bewohner einer Welt im Untergang, deren Formen sie noch einmal bewahren oder verwandeln wollten.

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Viele Autoren, die vor 1933 selbstverständlich als Akteure der deutschsprachigen Literatur galten, erscheinen in der Nachkriegsgeschichte nicht mehr primär als deutsche Autoren der Moderne, sondern als Vertreter separierter Kategorien: „jüdische Literatur“, „Exilliteratur“ oder „Opfer der Verfolgung“. Diese Begriffe verschieben die Wahrnehmung der ursprünglichen Zugehörigkeit. Die Selbstverständlichkeit, mit der Schnitzler, Kafka oder Benjamin innerhalb des deutschen Sprach- und Bildungssystems operierten, wird retrospektiv abgeschwächt. Was im historischen Moment als Integration funktionierte – Sprache, Institutionen, Kanon, Öffentlichkeit – entkoppelt sich in späteren Deutungen.

Alisa schmiegt sich an Virgil, der ihr entgegenatmet. Die beiden fusionieren in einer Qi-Welle. Dabei stimuliert Virgil Alisas Spitzen. Die Knospen jubilieren im Feinstaub der Lust.

Jahrhunderte bot sich die Klingenbacher Aue zu Sichtungen von Wildkatzen an. Das wurzelechte exzentrisch gewölbte Hochmoor wächst weiter. Es hat sein eigenes Klima, von den Ederthalern die gute Moorluft genannt. Seine Verluste sind Gewinne des Klingenbachs, der nach einer Verschwisterung mit der Losse zur Eder entwässert. Kein Wort, das nicht wenigstens tausend Jahre Geschichte bei einem Namen nennt. Loss und Klingen sind Landschaftsbegriffe. So heißen Schluchten, Ruinen und Leute, die u.a. dem alten Elmar von Loss und Bieber nachkommen, auch in abweichenden Schreibweisen.

Kaiser Barbarossa querte die bei Ederthal mit dem Ziel die Bischöfe seiner Lieblingsstadt Würzburg zu Herzögen von Franken zu erheben. Würzburgs erster Bischof war aber der Ire Kilian gewesen. Auf seiner Pilgerschaft für Christus hatten er und seine Gefährten bei Ederthal die Eder erreicht und da jede Menge Teufel in Menschengestalt und an ihren Wirten saugende erdgebundene Seelen getauft.

Denn wen tauften sie? Das waren zu Franken gewordene Germanen aller möglichen Stämme.

Alisa erzählt

Retrochic in Ederthal - Seit ein paar Monaten haben die Verschworenen einen neuen Spot. In der Heaven & Hell Bar sitzt man an Nierentischen. Die Tapete zeigt Südseemotive, die auch den Fiddler on the Roof heraufbeschwören. Das Kunstgewerbe verschmilzt Gauguin mit Chagall nach einem extrem obsoleten Dekorbegriff. Die Umgebung wirkt anregend auf das akademische Personal der Landgraf Philipp Universität, das in den campusnahen Schwemmen wie eh je Bandenbildung betreibt. Die transgenerationale Redundanz fällt keinem auf. Am Tresen renommiert ein markanter Repräsentant jenes Klans, der seit Jahrzehnten in Ederthal den Bürgermeister stellt. Inzwischen und schon in der dritten Generation die Bürgermeisterin. Ansgar Gerster ist ein Onkel der amtierenden Atlanta Gerster-Mansfeld. Bis in die Fingerspitzen firm in allen Fächern seines Metiers, gewieft, jovial, zupackend, erstrebt der Fleischgroßhändler ausgerechnet von Alisa ein gesteigertes Interesse an ihm.

Ich bin ein Geschöpf der Gegend, geboren und aufgewachsen in Ederthal. Meine Mutter und Ansgar sind derselbe Jahrgang. Gerade erzählt er, wie er in den glorreichen Zeiten des Kalten Kriegs von Berlin-Schönefeld mit einer Iljuschin 18 zum Ausspannen und Ausspähen nach Burgas in Bulgarien geflogen ist. Die Riviera der DDR-Bürger liegt am Schwarzen Meer. Ansgar erkundete den bulgarisch-griechischen Grenzverlauf. In den türkischen Gebieten peilte er die Lage. Man folterte ihn mit Melonenschnitzeln und Rakı. Mit Wasser vermischt schwimmt der Anisschnaps als aslan sütü – sprich Löwenmilch - auf dem Gaumen. Ansgar geriet in einen mondsüchtigen Zustand und vergass seine Mission im Vollrausch unter Markisen. Sein Gewährsmann sah aus wie eine Vogelscheuche. Der Schrat lud Ansgar zur Schächtung eines Schafbocks ein. Das Tier verblutete auf einer bulgarischen Alm.

Ansgar traf den Dänen Lars, eine großartig ramponierte Gestalt wie aus den Tagen von Dansk Vestindien. Lars gab den havarierten Kapitän mit furchtbaren Laderaumgeheimnissen. Zu Bella Ciao servierte er Kebaptscheta und Küfteta. Küfteta sind Frikadellen oder Buletten, ursprünglich Bouletten, wie der Berliner in der Mark Brandenburg zu der französischen Errungenschaft aus der Feldküche sagt. Zur Verdauung kommt ein Pyrus communis Destillat auf den Tisch. Plötzlich erschienen drei junge Frauen. Sie trugen Kopftücher und waren verheiratet.

In einem Trabi reiste die Gesellschaft Stunden später auf Schlamm in das Dorf der Frauen. Vor dem Nachthimmel zeichneten sich Erdölfördertürme wie Skelette vorzeitlicher Reptilien ab. Die Frauen wollten vor dem Einschluss in ihre häuslichen Verhältnisse noch mehr kichern und flirten. Lars verstand die Feinheiten des Spiels nicht, er wurde zudringlich. Ansgar ermahnte ihn mit der Faust.

„Die Nacht endete morgens um zehn“, erzählt Ansgar gemütlich. Er deutet meine Ausdauer falsch. Ich stehe hier nicht wegen ihm und seinen abgestandenen Stories. Ich warte auf dich. Und da bist du endlich, kaum verspätet, obwohl dir gestern noch auf einem anderen Kontinent das Kunststück gelang, meinen Kummer (ob deiner Abwesenheit) in Lust zu verwandeln. Der Himmel, durch den du mir bald darauf entgegengeflogen kamst, erschien mir dann nur noch wie eine göttliche Kleinigkeit. Ich fliege in deine Arme. Du wirbelst mich herum. Ich lasse dir Zeit, in meinen Augen deine Sehnsuchtsziele zu erreichen. In deinen Augen sehe ich einen Brand, der sofort gelöscht werden muss.

„Hast du hier noch was?“ fragst du. Auch in dieser Rolle steht dir ein Register voller Varianten zur Verfügung. Du kannst gleichzeitig erobern und verehren. Oh, wie ich es liebe, diese Übergänge zwischen Fachgespräch, Training und erotischer Horizonterweiterungen, auf die ich niemals verzichten muss, weil du so verdammt heiß auf mich bist. Geboren bin ich in einem Traum von dir. Ich übertreffe deine Erwartungen und düpiere deinen Realitätssinn. Ich erscheine dir, so wie du mich erkennst. Ich erlaube dir alles im Gegenzug für das Wunder, dass ich für dich sein darf. Du erlaubst mir natürlich auch alles im Gegenzug für das Wunder, dass du für mich bist. Ich könnte das nie mit einem Mann, ohne Sinn für die Poesie gegenseitiger Ergebenheit.

Wir überqueren den Campus, im Forster-Pavillon geht gerade das Licht aus. Der Garten dahinter ist um diese Zeit ein verwunschener Ort - ein stiller Raum der Abkehr von der Hektik auf den Vorplätzen der im Mittelalter als Ritterkollegium befestigt gegründeten Universität. Wollen wir nicht da, frage ich mit einem Blick. Es ist nicht nur Begehren, Liebe und die schiere Hautlust. Es ist auch Freundschaft, Verehrung, Bündnisfestigkeit und das bohrende Bedürfnis, mich von dir ohne Vorrede einnehmen zu lassen.

Du bist meine erfüllte Sehnsucht. In deinen Augen treffe ich dich noch einmal. Du und ich, wir erlauben uns, füreinander Wunder zu sein. Wir sind einander ergeben. Das ist unsere Poesie. Nein, du sagst es nicht, wenn ich dich so heiß gemacht habe, dass du es nicht mehr aushält. Aber dein Körper kennt keine Zurückhaltung. Ich bin mit deinem Bewegungsapparat so gut wie kernspintomographisch vertraut. Ich erlebe dich in deiner ursprünglichsten Verfassung. Ein für mich genetisch aufgeschlossenes Wesen mit vibrierender Flanke - der Determination widerspricht der Wille in deinen Augen nicht mehr lange. Dann verschleiert sich der Blick und du beginnst mich mit der Stimme des vegetativen Seins keineswegs lautlos zu rufen. Ich schwäche die Zuspitzung ab und beobachte, wie ein gesellschaftsfähiges Selbst wieder die Regie übernimmt. Wir drehen uns, du bist auf mir und übernimmst die Initiative.

Die Nacht von Yucatán - Virgil erzählt

Der Mensch überstand die Nacht von Yucatán als Maus unter der Erde. Er fürchtete sich in Höhlengängen. Er hatte es so weit gebracht, weil er als Beute den Sauriern unbedeutend erschienen war nach einer schlichten Kalkulation von Aufwand und Ertrag. Wie so oft drückte die Evolution nach einer Katastrophe die Resettaste und eine Minusvariante setzte sich durch. So kam es zum Triumph des Gramms über die Tonne.

Manchmal fahren Alisa und ich nach Frankfurt, um eine Gegend zu betrachten, die den Charme einer verbeulten Pizzaschachtel hat. Wir essen dann in einem Imbiss, in dem der Fernseher läuft und man ungefragt Brot in unglaublich schäbigen Plastikschalen vorgesetzt bekommt. Man kann bestellen, was man will, es gibt dazu Tee. Ich habe eine Weile in der Nachbarschaft gewohnt, Alisa und ich lieben es, in einem kleinen Theater im Gutleutviertel zu kuscheln und uns in den Labyrinthen irrsinniger Inszenierungen zu verlieren. Wird es uns zu blöd, ziehen wir uns hinter den Vorhang unserer Liebe zurück. Ich bin so glücklich wie noch nie, es ist beinah schmerzhaft.

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Alisa und ich essen heute bei Tiago. Tiago bewirtschaftet ein ehemaliges Naturfreundehaus im Stil einer Fischerkneipe. Der maritime Schrott ist Erbplunder eines Nachfahren von Seefahrern. Tiago zieht die Portugiesen zwischen Kassel und Gießen an. Einst deutlich von der Mehrheitsgesellschaft getrennte Einwanderer haben fast alle Differenzmerkmale abgelegt. Sie sind in der Allgemeinheit aufgegangen, ohne Deutsche geworden zu sein. In Tiagos Gaststätte nagt jeder an der Wurzel, egal, auf welcher Seite er, sein Vater oder Großvater stand, als die Nelkenrevolution von 1974 linke Hoffnungen stärkte.

Alisas Familienname lautet Hagestolz. Sie kennt die Bedeutung des Namens nicht. Eine Einfriedung lässt sich auch als Vride oder Hag bezeichnen. Um drei Ecken der Bedeutungsverschiebungen gelangt man so zum Burgfried (Turm) wie zu hager und Hagestolz. In Hagestolz steckt eine Bezeichnung für jenen Erben, der zwar einem bedeutenden Mann nachkam, aber von ihm bloß den Namen erbte. Daraus wurde der altgewordene (eingefleischte) Junggeselle. Mochte der Junggeselle auch einem ordentlichen Beruf nachgehen, als Zeugungsverweigerer blieb er dubios. Man beschrieb (markierte) ihn als kauzig. Über den Kauz in der Gemeinschaft wurde hinweggesehen. Das passt zu den Dimensionen von Hag. Das Wort bezeichnete mehr und mehr etwas Kleines und Entlegenes. Man findet Hagbauer als Familienname im Telefonbuch. Der Hagbauer war der Kleingärtner unter den Landwirten. Auch die Hagebutte gehört zum Hag in der zweiten Bedeutung von stechen und stoßen. Indes führt die erste Bedeutung auch zu hegen. Ein Widerspruch vereint stechen und hegen in der (die Bedeutungen wieder zusammenführenden) verwehrenden (abwehrenden) Hecke.

 

Edinburgh leitet sich vom keltischen „Din Eidyn" ab. So hieß im Mittelalter eine befestigte Siedlung der Gododdin. Die Gododdin waren ein brittonisches Volk, das vom 5. - 7. Jahrhundert expansiv und wehrhaft genug für ein eigenes Territorium war. Auf Castle Rock errichteten sie ein Fort. Ihr Siedlungsgebiet umfasste das südöstliche Schottland und Nordostengland. Die Gododdin sprachen Brittonisch, eine keltische Sprache, die eng mit dem Walisischen verwandt war. Nachkommen des kulturellen Gododdin-Erbes findet man heute vor allem in der walisischen Literatur. Berühmt sind die Gododdin für einen um 600 entstandenes lyrischen Epos - das Y Gododdin. Darin beschreibt der Dichter Aneirin, wie dreihundert Gododdin-Krieger von Din Eidyn nach Süden zogen, um in Catraeth (wahrscheinlich das heutige Catterick in Yorkshire) gegen die Angeln zu kämpfen. Sie kämpften drei Tage lang - und wurden fast vollständig aufgerieben. Nur einer kehrte lebend zurück. Nach der Niederlage zerfiel die Macht der Gododdin. Sie verloren ihr Land an die Angles of Bernicia, die sich mit dem angelsächsischen Herzogtum von Deira verbündeten. Aus dieser Allianz ging das Königreich Northumbria hervor.

Die Angeln waren Migranten aus dem heutigen Norddeutschland und Dänemark. Bernicia, ihr nördliches Königreich, erstreckte sich über Nordostengland bis nach Südschottland, während Deira, die südliche Kapitale, ungefähr dem heutigen Yorkshire entsprach. Beide Reiche fusionierten zu einer Großmacht mit kontinentalen Wertvorstellungen. Das Keltische wich dem Germanischen, bis das Erbe der Gododdin zur narrativen Reminiszenz verkümmerte. Für eine lokalpatriotisch übersteuerte Historikerin wie Fiona verkörpert Edinburgh eine mythische Ahnenlinie: „Der Boden meiner Stadt ist von Keltenblut getränkt – mit dem Blut von Kriegern, die bis zum letzten Mann kämpften."

Ab dem 12. Jahrhundert diente die Burg auf Castle Rock als royale Residenz. Maria Stuart (1542 - 1587) gebar hier 1566 James VI., den späteren König von Schottland und England. In Jahrhunderten wurde Edinburgh Castle belagert, erobert und ausgebaut. Heute gilt das Schloss als nationales Symbol und beherbergt das National War Museum.

Bald mehr zu Fiona und Akio in einer Waffenkammer im Schloss von Edinburgh auf Castle Rock. But first back to the Basics:

Geringer Innovationsdruck im Schwertkampf?

Die Schwerttechnik der ägyptische Pharaonenarmeen (ca. 3000 - 1000 v. Chr.) zeigt in Jahrhunderten eine erstaunliche Kontinuität. Reliefs und andere Artefakte dokumentieren monotone Hieb- und Stichbewegungschoreografien. Griechische Hopliten und makedonische Phalanxen zuzeiten von Alexander der Große (356 - 323 v. Chr.) fochten. Friedrich der Große (1712 - 1786) setzte zweitausend Jahre später immer noch Blankwaffen ein. Durch die Epochen nutzten Fechter Rotation und Spiralbewegungen.

Schwertkampf zwischen Determination und Innovation

Der Schwertkampf gehört zu den ältesten und zugleich konstantesten Ausdrucksformen menschlicher Gewaltkultur. Von den ersten Hochkulturen bis zum modernen Sportfechten wiederholen sich Grundelemente wie Hieb, Stich, Körperrotation und Spiralbewegung. Das erlaubt die Frage, ob sich der Schwertkampf in einer biomechanisch determinierten Praxis erschöpft.

Biomechanische Determination - Die Grenzen des Körpers

Die Bewegungen des Schwertkampfs unterliegen den physiologischen Bedingungen des menschlichen Bewegungsapparats. Rotationen des Rumpfes und Spiralbewegungen der Gliedmaßen sind die effizienteste Methode, Kraft zu übertragen. Stich und Hieb sind die beiden naheliegenden Arten, mit einer Klinge Schaden zu verursachen.

Diese Grundlagen waren im Alten Ägypten ebenso gegeben wie im späten Barock. Sie erklären, warum Reliefs, Fechtbücher und Sporthandbücher über Epochen hinweg Bewegungsmuster zeigen, die sich auf den ersten Blick ähneln. Insofern liegt eine deutliche Determinierung durch Anatomie und Biomechanik vor.

Technik, Waffen, Taktik

Gleichzeitig darf man nicht übersehen, dass die Rahmenbedingungen des Schwertkampfs sich in entscheidender Weise wandelten. Vom sichelförmigen Khopesh über den römischen Gladius bis zum Rapier und Kavalleriesäbel änderten sich Länge, Gewicht, Balance und Zweck der Klingen dramatisch. Jedes dieser Designdetails eröffnete neue technische Möglichkeiten oder schloss alte aus. Der Stich im römischen Legionärsverband unterscheidet sich grundlegend vom Zweikampf mit Rapier in einer Renaissancesackgasse. Ein und dieselbe biomechanische Bewegung hatte in unterschiedlichen Kontexten verschiedene Bedeutungen. Ab dem Spätmittelalter entwickelten sich regelrechte Kampfkünste. Diese Entwicklungen definierten den Charakter des Schwertkampfs immer wieder neu.

Stillstand oder Fortschritt?

Die Behauptung, über Jahrtausende sei „nichts grundsätzlich Neues" geschehen, verkennt die historische Realität. Der Gladius im Schildverband, das Langschwert im Gerüstkampf (der Kampf in voller Rüstung), das Rapier im Duell und das Florett im Sportfechten sind nicht Varianten eines Phänomens, sondern Reinterpretationen unter veränderten gesellschaftlichen und technischen Bedingungen.

Wandel der Waffen und Kampfformen

Ägypten und Vorderer Orient (ca. 3000 - 1000 v. Chr.)

Bronze- und später Eisenwaffen, charakteristisch der Khopesh, eine sichelförmige Hiebwaffe.

Griechenland (ca. 800 - 300 v. Chr.)

Das gerade Xiphos als Kurzschwert, daneben das einschneidige Kopis für wuchtige Hiebe. Schwerter waren sekundär. Speer und Schild dominierten in der Phalanx.

Rom (ca. 300 v. Chr. - 400 n. Chr.)

Der Gladius (Kurzschwert) der Infanterie, später die längere Spatha der Kavallerie. Standardisierter Stoß aus der Deckung des Schildes; das Schwert als primäre Nahkampfwaffe im Verband.

Frühmittelalter (ca. 500 - 1050)

Langklingen wie die fränkische Spatha oder Wikinger-Schwerter. Fortschritte in der Metallurgie (Schweißdamast) ermöglichten längere und haltbarere Schwerter.

Hoch- bis Spätmittelalter (ca. 1050 - 1500)

Langschwert, geeignet für Hieb und Stich. Es entstehen komplexe, kanonisierte Kampfsysteme.

Neuzeit (ab 1500)

Das Fechten avanciert zur Kunstform und Statuspraxis. Dem Rapier folgt das Seitengewehr, der Säbel, der Degen und das Florett. Es kommt zu Differenzierungen zwischen militärischer Technik und ziviler Duelldistinktion.

Der Schwertkampf ist ein Beispiel für die Dialektik von Natur und Kultur. Der menschliche Körper setzt Grenzen, doch innerhalb der Grenzen eröffnen innovative Waffen, Taktiken und gesellschaftliche Vorstellungen neue Horizonte.

Angeboren und doch nicht instinktiv - Der Schwertkampf als evolutionäres Bewegungsmuster

Wir besitzen latente biomechanische Muster für rotative Kraftübertragungen. Die Muster sind evolutionär konserviert. Menschen kommen nicht als Schwertkämpfer zur Welt. Die anatomischen Fähigkeiten sind angelegt, die Anwendung muss erworben werden. Wir haben eine angeborene Kraftmatrix, aber kein instinktives Blankwaffenkonzept. Die biologische Evolution liefert die Voraussetzungen, die kulturelle Evolution formt die Voraussetzungen.

Die Grundprinzipien der Biomechanik sind stabil. Die Kombination aus Spinal Wave, Spiral Force, Chest Force und Faszienzug erzeugt die maximale Kraftübertragung bei minimalem Energieaufwand. Die wellenförmige Kraft der Wirbelsäule wird vertikal auf die Arme übertragen, während die Drehbewegung des Rumpfes die Schlagkraft moduliert. Jeder Hieb enthält noch das Echo der horizontalen Welle - sichtbar in minimalen seitlichen Wirbelsäulenbewegungen. Rotationen um die Körperachse bündeln die Kraft. Bei vielen Bewegungen entsteht die Kraft nicht nur muskelkontraktiv, sondern im axialen Drehmoment - einem Produkt der Spiral Force. Der Brustkorb fungiert als Feder. Die Rippen, Faszien und das Zwerchfell gestalten den Energiefluss. Sie stabilisieren und übertragen Kraft auf die Arme. Das Fasziennetz verbindet Rumpf, Schultern, Becken und Arme. Es wirkt wie ein integriertes Seilzugsystem, das die Wellen- und Spiralbewegungen kanalisiert, Kraft bündelt und auf die Waffe überträgt. Die Auflösung des Aggregats in vertikale, isolierbare Komponenten erlaubt feinmotorische Kontrolle. Wir können den Schwertarm frei bewegen, während die Spinal Wave weiterhin die Kraft aus der Körpermitte liefert.

Die Schwertführung ist eine kulturelle Sublimierung des ältesten Bewegungsmusters. Wir bewegen uns zwar weitgehend vertikal, der Körper liefert die Kraft jedoch wie in der horizontalen Urbewegung. Die Wirbelsäule, das Fasziensystem, Brustkorb und Rotation bilden eine kinetische Kraftkette.  

Wir wurden zu erfolgreichen Jägern, ohne die Gelassenheit der Raubtiere zu entwickeln. Unser Nervensystem bleibt sicherheitsorientiert. Trotzdem haben wir eine Stellung erreicht, die nur Prädatoren zukommt.

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„Nach der Handicap-Hypothese haben die Männchen mit den auffälligsten Farbtrachten schon deshalb gute Chancen bei den Weibchen, weil sie noch am Leben sind. Die Farbpräferenz des Weibchens sorgt für die Selektion der männlichen Gene, die darüber hinaus keine weiteren Vorteile bieten müssen." Axel Buether

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„Ekstase und Existenz haben die gleiche Wurzel." Michel Serres

Am Anfang war die Welle, nicht der Schritt - Frühe Bewegungsformen verbanden bereits mehrere funktionale Elemente: eine rhythmische Wirbelsäulenbewegung, rotatorische Anteile des Rumpfes sowie eine mechanische Kopplung zwischen Rumpf, Schultergürtel und Extremitäten. Aslan nennt diese Kraftübertragung Spinal Wave. Das Wort beschreibt anschaulich reale biomechanische Phänomene wie segmentale Rotation, elastische Rückstellkräfte des Bindegewebes und diagonale Muskel-Faszien-Ketten.

Mit der Evolution der Landwirbeltiere und später des aufrecht gehenden Menschen veränderte sich die Orientierung des Körpers grundlegend. Die Vertikalisierung stellte jedoch keinen vollständigen Bruch mit älteren Bewegungsmustern dar. Vielmehr wurden horizontale Fortbewegungsprinzipien – laterale Rumpfbewegung, Rotation und elastische Kraftspeicherung – in eine vertikale Organisation integriert. Sie zeigen sich bis heute im menschlichen Gang, in Ausgleichsbewegungen der Wirbelsäule, in der Beckenrotation und in den schräg verlaufenden Faszienzügen zwischen Schulter- und Beckengürtel.

Aslan spricht von funktionaler Kontinuität. Der menschliche Bewegungsapparat nutzt nach wie vor wellenartige, rotatorische und elastische Mechanismen, nun jedoch unter den Bedingungen der Schwerkraft und des zweibeinigen Standes. In Kampfkünsten und anderen Bewegungsschulen werden diese Prinzipien kultiviert und verfeinert.

Aslan Coogan und seine Schülerin Takemori Aiko bewegen sich schon eine Weile an einer Schnittstelle zwischen östlichen Bewegungstraditionen und westlicher Bewegungswissenschaft. Konzepte wie Qi bezeichnen in asiatischen Kontexten kein messbares Objekt, sondern ein Erfahrungs- und Erklärungsmodell für koordinierte Bewegung, Atmung, Spannungsregulation und gerichtete Kraftentfaltung. Aus westlicher Perspektive lässt sich Qi daher als emergentes Phänomen verstehen; als ein Ergebnis des Zusammenspiels von Haltung, Atmung, neuromuskulärer Koordination, Rotation und faszialer Kraftübertragung. Diese Übersetzung ist eine Annäherung, keine Gleichsetzung.

Ich nähere mich dem Thema in einer ausschweifenden Lehrgeschichte. Ihr seht Aiko, die verlorene Samuraitochter.

Geologische Architektur und Spirituelle Schuld

Edinburgh Castle ist die bekannteste Festung Schottlands und ruht auf einem vulkanischen Massiv. Castle Rock erhebt sich bis zu hundert Meter über seine Umgebung und bot seit vorgeschichtlicher Zeit einen idealen Verteidigungsstandort. Schroffe Klippen an drei Seiten machten den Felsen nahezu uneinnehmbar. Nur von Osten war ein Zugang möglich. Deshalb entwickelte sich die mittelalterliche Stadt entlang des Felsrückens, der vom Schloss nach Osten abfällt; heute Edinburghs Altstadt. Das Schloss spielte eine wichtige Rolle in den schottischen Unabhängigkeitskriegen des 13. und 14. Jahrhunderts und wechselte mehrfach zwischen schottischer und englischer Kontrolle.

Der Blick nach Osten – Arthur's Seat

Vor den östlichen Fenstern des Schlosses bramarbasiert Arthur's Seat; auch er ein Trumm vulkanischen Ursprungs, allerdings Teil einer deutlich größeren und älteren Formation. Der Gipfel bildet den höchsten Punkt von Holyrood Park.

Zwischen Schloss und Arthur's Seat liegt die historische Achse Edinburgh und das historische Machtzentrum Schottlands – Royal Mile. Am östlichen Ende befindet sich die schottische Residenz der britischen Monarchie – Palace of Holyroodhouse.

Aslan und Aiko orientieren sich in einer Waffenkammer aus Bruchsteinmauerwerk. Sie mustern Schwerter, Musketen, Hellebarden und Rüstungen. Aslan betrachtete die Werkzeuge des Todes mit nüchterner Faszination. Sein Blick prüfte jede Klinge. Aiko fühlte sich von seiner vereisten Leidenschaft ins Unrecht gesetzt. Da war ein Interesse, das sich nicht drosseln ließ. Dieses Feuer sollte in Aiko lodern. Jedenfalls durfte sie sich nicht weniger angesprochen fühlen von diesen anachronistischen Kriegskunstzeugnissen. Sie stammte aus einem Samurai-Geschlecht. Mit raffiniertem Trotz hatte sie sich einer Erziehung im Geist des säkularisierten Kodex' zwar niemals offen widersetzt, aber doch innerlich versperrt. Als Jugendliche hatte sie verhaltene Gleichgültigkeit gegenüber familiären Erwartungen zur Schau gestellt; indes, ohne aus der Rolle der folgsamen Tochter zu fallen. Ihre Geschicklichkeit erschien ihr nur noch fade. Aslan hatte ihr die Augen geöffnet.

Sie hielt eine verschwiegene Andacht für ihren Großvater ab, der den antiken Bushi-Techniken religiöse Verehrung entgegengebracht hatte. In Gedanken verbeugte sie sich und bat um Vergebung. Aiko entsprach nicht nur Gepflogenheiten des Shintō-Ahnenkults. Sie wollte unbedingt die eigene Ächtung aufheben. - Endlich zurückkehren in die noble Ahnenreihe und wieder eine Perle auf der Familienschnur sein. Sie ersehnte Läuterung und Buße mit existenzieller Inbrunst.

In einem wiederkehrenden Tagtraum wähnte sich Aiko in der Haltung einer Verworfenen - verstoßen und verachtet - vor einem Ahnentribunal ihres Clans. Die Vorfahren glichen grotesk-bärbeißigen wie aus dem Kabuki-Theater entsprungenen, ritterlichen Nussknackern. Sie erinnerten an Protagonisten in den frühen Werken von Akira Kurosawa mit ihrer expressionistischen Ästhetik. Aiko vernahm ein Echo der Bunraku-Tradition, in der jede Geste Bedeutung trug. Die Phantasmagorie war eine Emanation des Fluchs, der auf ihr lastete.

Ihre Richter erlaubten Aiko kein Wort zu ihrer Verteidigung. Aber was hätte sie auch sagen können? Die Delinquentin spürte eine Last, die sie zu erdrücken drohte. Vielleicht war es die Last der Jahre, in denen sie gleichgültig und hochmütig gewesen war.

Aslan war für Aiko viel mehr als ein Trainer - er war ihr Seelenführer. Seine Persönlichkeit spiegelte den Geist, den sie einst verleugnet hatte. Aslan verkörperte den Bushi-Spirit. Er lehrte Aiko, was sie längst bis zur Lehrbefähigung beherrschen sollte.

Dr. Fiona MacLeod ahnte nichts von Aikos seelischen Abgründen. Die Historikerin registrierte eine ausgesuchte Garderobe an der Schnittstelle zwischen traditioneller japanischer Ästhetik und modernem Design. Aiko trug ein kimono-inspiriertes Oberteil in Indigo und einen sandbeigen Tellerrock. Die Kombination verlieh ihr die klassische japanische Silhouette mit einer abgefeimten Wendung ins Edel-Schräge.

Eine Neigung zum Twist verriet der Schalk im Auge unserer Heldin.

Das schlichte Obsidianperlenspiel am Handgelenk war kein Schmuck im westlichen Sinn, keine Zierde, sondern ein Juzu. Die buddhistische Gebetskette ging zurück auf die letzte echte Onna-bugeisha des Takemori-Clans, eine Frau, die in historischen Aufzeichnungen und mündlichen Überlieferungen als Meisterin der Kenjutsu-Künste erwähnt wurde.

Aiko wusste, dass sie die Linie mit ihrer Gleichgültigkeit und dem Trotz unterbrochen hatte. Für diesen Frevel musste sie büßen - und zwar in einer Wüste der westlichen Verständnislosigkeit. Sie durfte erst nach einem vollendeten Beweis ihrer Würdigkeit zurückkehren.

Fiona hätte jeder Kunde von solch einem inneren Geschehen die Aufmerksamkeit verweigert. Für sie war jedweder seelische Aufruhr eine lächerliche Aufblähung. Aiko aber wusste, wie gefährlich unsichtbare Schuld auch solchen Menschen werden konnte, die sie verleugneten. Es war jeden Tag aufs Neue eine potentiell tödliche Prüfung. Jene feindlichen Vorstellungen, die Aiko förmlich besiedelten, besaßen materielle Kraft. Sie übten Druck aus und zogen an ihr. Ein falscher oder vielleicht auch nur zögerlicher Schritt und Aiko sähe sich zu Handlungen genötigt, die Außenstehende nie begreifen würden.

Fiona wandte sich Aslan zu. Er war Turko-Texaner, reich von Geburt, großgewachsen und hypertroph muskulös. Aslan war Dozent an der Ederthaler Landgraf Philipp Universität, ein Mann der Bücher und zugleich Olympiasieger im Freistilringen; versiert ferner in Gōjū-ryū - und Kyokushin Karate, Wing Chun der Yip Man-Lineage und Chen-Taijiquan.

Zu Gōjū-ryū - Stil der Härte und Weichheit - Ging aus dem historischen Naha-te hervor, einer der drei Hauptströmungen des Okinawa-Te. Die Entwicklung des Gōjū-ryū ist eng mit den Leben und Lehren zweier herausragender Meister verbunden:

Kanryō Higaonna (1853 - 1916)

Higaonna gilt als der Gründer des Naha-te. Er verbrachte mehrere Jahre in Fuzhou, China, wo er unter dem Meister Rū Rū Kō (Chinesisch: Liu Liu He) White Crane trainierte, einem Experten im südchinesischen Kung-Fu, insbesondere im Chūan-Fa. Nach seiner Rückkehr nach Okinawa begann er, die chinesischen Techniken mit den traditionellen lokalen Kampfkünsten zu verbinden und legte so den Grundstein für das Naha-te. Higaonna war streng, diszipliniert, tief spirituell. Er legte großen Wert auf Atemtechnik, Standfestigkeit und Qi.

Chōjun Miyagi (1888 - 1953)

Miyagi war ein Schüler Higaonnas. Er formalisierte das System Naha-te und gab ihm den Namen Gōjū-ryū. Registrierte Gōjū-ryū 1933 beim Dai Nippon Butokukai, der zentralen Martial-Arts-Organisation in Japan. Kreierte Formen (kata) wie Sanchin (stabile Standhaltung, Atemtechnik, Spannung) und Tenshō (weiche, kreisende Bewegungen).

Naha-te und Okinawa-te

Okinawa, früher das Königreich Ryūkyū, war ein Zentrum des kulturellen Austauschs zwischen China und Japan. Die Kampfkunstsysteme entwickelten sich in verschiedenen Regionen der Insel. Shuri-te entstand in der Stadt Shuri und legte den Grundstein für das Shōrin-ryū. Tomari-te entwickelte sich in der Stadt Tomari und beeinflusste ebenfalls das Shōrin-ryū. Naha-te entwickelte sich in der Stadt Naha und bildete die Grundlage für das Gōjū-ryū. Diese drei Systeme - Shuri-te, Tomari-te und Naha-te - wurden später unter dem Begriff Okinawa-te zusammengefasst und bildeten die Basis für das moderne Karate.

Kyokushin Karate

geht auf Masutatsu Oyama (1923 - 1994) zurück. Der in Korea geborene Oyama studierte Judo, Shotokan-Karate und chinesisches Kempo, isolierte sich temporär in den japanischen Alpen und entwickelte seinen Stil nach dem Prinzip der „höchsten Wahrheit" (Kyokushin). Er kombinierte traditionelle Techniken mit Vollkontakt-Sparring, Prüfungen wie dem 100-Man Kumite und betonte mentale Stärke, Ausdauer und körperliche Härte. 1964 gründete Mas Oyama die International Karate Organization (IKO).

Chen-Taijiquan - In Chenjiagou, dem Ursprungsort des Chen-Stils, erlernte Aslan die klassischen Formen des Chen-Stils, einschließlich Handformen, Push-Hands (Tuishou), Schwert (Jian), Säbel (Dao), Stock (Gun) und Doppelschwert (Shuang Jian).

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Fiona war beeindruckt und sogar geblendet von Aslans monumentaler Erscheinung. Kurz verlor sie sich in einer erotischen Phantasie. Sie zeigte sich gern spröde. Die vulkanische Seite ihres sommersprossigen Wesens verbarg sie sorgfältig.

Fiona spürte den Leistenlustzug und seufzte unwillkürlich auf. Sie wollte Karriere machen und sich gewiss nicht selbst im Weg stehen. Eskapaden kamen nicht in Frage, aber kunstvoll vernebelte Akzente erlaubte sie sich - halterlose Strümpfe, ein Büstenhalter, der ihren Spitzen die Freiheit schenkte, sich unter dem Stoff abzuzeichnen.

Ja, Aslans Präsenz trieb sie an ihr Limit. Gerade konzentrierte er sich auf die Claymore-Kollektion. Der Begriff „Claymore" kommt aus dem Schottisch-Gälischen: claidheamh mòr - großes Schwert. Es bezeichnet ein zweihändiges Schwert, das vor allem in Schottland im 15. bis 17. Jahrhundert verwendet wurde. Typisch ist die lange, gerade Klinge, etwa 100 - 140 cm, der Kreuz- oder schildförmige Handschutz, oft mit ausgeprägten Parierstangen. Es war die Lieblingswaffe der Highlander und in der schottischen Kriegerkultur ein erstrangiges Statusobjekt.

Jede Klinge, jede Gravur verband sich mit der dynastischen Landesgeschichte.

„Die meisten Besucher", verkündete Fiona, „entdecken in diesen Räumen nur Fotomotive. Ein Selfie vor einem Claymore."

Mit einem kleinen Lächeln triumphierte sie über die Ahnungslosigkeit der Masse. Zugleich signalisierten die gekräuselten Lippen die Anerkennung von Ebenbürtigkeit.

Fiona verpasste Aslan den Ritterschlag 2.0. Sie war in festen Händen. Ihre Loyalität hatte noch jede Probe bestanden. Ihre Wurzeln lagen in Edinburgh-Marchmont zwischen Sandsteinhäusern und Parks. Ihre Eltern, beide Lehrer, hatten ihr eine glückliche Kindheit geschenkt. Rugby bei den Edinburgh Harlequins hatte sie gelehrt, was Teamgeist, Kameradschaft und Durchhaltevermögen bedeuteten. Fiona spielte nicht mehr, unterstützte aber das Mädchenteam und vermittelte fleißig die Werte ihrer Prägung.

Sie deutete auf ein Highland Claymore, etwa 1,40 Meter lang und rund zweieinhalb Kilo schwer. „Aber Sie... ich sehe, dass Sie mehr als nur ein Foto suchen. Heben Sie es ruhig aus der Halterung. Zunächst einhändig. Spüren Sie das Gewicht?"

Erst als Aslan die zweite Hand an den Griff legte, wurde das Claymore kontrollierbar.

 

Turning Danger into Performance – Stille Kommunionen der Lust in irgendwelchen abgefuckten Hotelzimmern

Es gab royale Ludwigs, die so arm waren, dass sie ihre Pisspott-Schwenker anpumpten.

Was ließ sie verarmen?

Leute, die ihnen die Lebensbänder zu verkürzen die Muse besaßen. Jesus war gerade erst auferstanden, als Pariser sich gegen Römer zur Wehr setzen mussten. Die Römer stellten ihre Überlegenheit aus, indem sie an der Seine ein Theater eröffneten. Auf einem Broadway der Antike vollzog sich die Romanisierung der Kelten. Ab 465 bespielten Merowinger unter Childerich I. und Chlodwig I. die Freilichtbühne mit Thermalbetrieb. Die Einheizer der Karoliner Renaissance machten Paris zur Hauptstadt. Die Franken bekamen es mit Dänen zu tun, denen sie sich auf den Umwegen von Niederlagen, Arrangements, überlebten Seuchen, verweigerten Schlüsselübergaben, erbrachten Tributzahlungen und Intrigen immerhin so weit zu erwehren wussten, dass Paris keine skandinavische Herrschaft erlebte. Bedenkt man, wie erfolgreich Wikinger als Vernichter bestehender Machtverhältnisse waren, dann bleibt es bemerkenswert, dass ihre konzeptionelle Doppelaxt, Handel, wo möglich, Raub, wo nötig (oder umgekehrt), vor Paris nicht verfing. Sie etablierten sich in der Gegend und mauserten sich normannisch.

Virgil erzählt

Alisa und ich spazieren nachts in Auen der Eder. Mein Wortschöpfungssinn verhakt sich im alten „au“. Das ausgesuchte Fremdwort „alluvial“ (angeschwemmt) entspricht dem französischen alluviale wie in forêt alluviale - Au(en)wald. Solistisch genieße ich einen kurzen phonetischen Rausch. Alisa spürt, dass ich etwas für mich behalte. Sie fühlt sich ausgeschlossen, da ich meine Gedanken fünf Minuten für mich behalten habe. Für Alisa ist das wie Fremdgehen. Manchmal provoziere ich ihre Liebesentschlossenheit. Ich schließe sie in meine Arme und küsse sie, bis sie zurücksinkt in die Vertrautheit und sie wieder weich wird. Ihr Liebreiz ist eine Macht. Im nächsten Augenblick ist meine Lust da. Ich habe das nie bei einer anderen Frau erlebt.

*

Lieber T., das ist deine Textvorgabe: „Und ich sehe die beiden in ihrem Schlafzimmer, wie sie sich gerade gegenseitig langsam entkleiden.“

Zur Erklärung – N. und ich geben uns gegenseitige Hausaufgaben auf. Wir verbessern uns gegenseitig in Schilderungen erotischer Szenen. Ich entnehme Alisa und Vergil der Landschaft und setze die beide in Virgils Schlafzimmer.

Meine Hausaufgabe: Sie folgen einer Choreografie, die sich ihnen freundlich vorschreibt. Sie erleben keinen Zwang und doch sind sie außer sich in geschwisterlicher Fassungslosigkeit. Alisa weiß, dass er möchte, dass sie ihren Slip auszieht, nicht aber (noch nicht) den BH. Woher weiß sie das? Alisa spürt seine Hände auf ihrem Busen. Er enthüllt ihn. Alisa fühlt ihren Busen auf der Waage seiner Hände. Virgil leckt ihre Knospen. Sie nährt seine Lust, indem sie seinen Hals leckt und sein Glied in die Hand nimmt. Ganz einfach. Da dringt er mit einem Finger in sie ein. Sie unterdrückt ein Aufstöhnen. Ihre Muskeln schließen sich gierig. Sie ringt nach Luft und verlangt innerlich nach mehr ... Sie will sich entladen. Das Becken spannt, die Welle steigt. Kurz vor der Erlösung …

*

N.: Lieber T., dein Dank kommt bei mir an. Ich spüre ihn, als würdest du ihn mit deinem Körper aussprechen. Alisa und Virgil knien voreinander und schauen sich in die Augen. Sie küssen sich zärtlich und leidenschaftlich und haben beide die schönsten Gefühle. Heimlich hat sich Alisa das Bild von sich angeguckt, das Virgil überallhin begleitet. Sie entzückt eine Phantasie rund um stille Kommunionen in irgendwelchen Hotelzimmern. Sie wäre so gern dabei, wenn er es sich macht. Sie möchte sich von hinten an ihn schmiegen und ihn umarmen, während er mit ihrem Bild vor Augen onaniert.

T.: Liebe N., die Fähigkeiten von Virgil sind so phänomenal, dass Alisa im Training rasch Fortschritte macht. Sie versenkt sich in ihrem Übungsstand. Er bringt sie mit heiligem Ernst weiter und lässt nie nach in diesem Bestreben, aber außerdem ist er sanft-leidenschaftlich, humorvoll und einzigartig intelligent. Wenn sie mit ihm gemeinsam das Luftbuchstabenreich betritt, ist es wie Heimkommen im Sprachschloss. „Erzähl mir noch mehr von dir“, bittet sie ihn. Alisas noch nasses Haar tropft auf sein Hemd, Spuren rinnen weiter, während er sie leidenschaftlich küsst und die Lustwellen sich bereits in ihrem Körper ausbreiten.  

Alisa erzählt

Wir machten Wanderferien. Über dem Pensionsbett schwebte ein Schwalbenkasten, eine solide Arbeit, die von handwerklicher Genugtuung erzählte. Mich erinnerte die Absurdität an eine Erzählung, die mir als Junge das Einschlafen schwer gemacht hatte. Sie handelt von einem christlichen Geistlichen, der in orientalische Gefangenschaft gerät. Man trennt ihn von seiner Zunge und legt einen Stein auf die Wunde. Der Mann verfällt dem Wahnsinn, aber die Wunde heilt. Man hält ihn in einer Grube, ab und zu wird er an einem Strick herumgeführt. Seine Entführer führen ein Höhlendasein. Es gedeiht kaum eine Distel in ihrem Karst. Sie halten Ziegen, denen es besser geht als den Sklaven, die sich um die Ziegen kümmern müssen. Eines Nachts zitiert man den Gefangenen zu einer religiösen Höhlenveranstaltung. Er bemerkt an den Wänden Zeichnungen, die ein wasserreiches Leben mit Krokodilen und Stelzvögeln dokumentieren. Der Held erlebt bei der Zeremonie eine Verwandlung, die ihn zum stummen Austräger einer frohen Botschaft macht.

Eine exotische Herkunft bewahrt den Christen vor dem Schicksal eines Ziegenhirten ohne Menschenrechte. Man kann sich das Leben der Nutzsklaven gar nicht trist genug vorstellen. Die Gemeinschaft demütigt sie. Manchmal werden sie von morgens bis abends erniedrigt. Das ist wie Fernsehen für die Herrenmenschen. Es gibt so gut wie nichts zu tun. Die Männer hocken im Schatten, masturbieren ihre Vorderlader und gucken dem Nachwuchs zu, wie er Sklaven quält. Die Freien haben keine anderen Funktionen als zu zeugen und zu töten.

Ich erzähle dir die Geschichte, sie stammt von Camus, du gruselst dich und steckst dir die Finger in die Ohren, aber ich rede weiter und probiere dabei meine Stimmen aus. Du verkriechst dich in dem fremden Federbett, ich soll dir in die blütenweiße Unterwelt folgen.  

Ins Off gesprochen

Gleichzeitig mit seinem Eindringen in mein Lustzentrum drängt seine Zunge in meinen Mund. Ich stöhne in seine Mundhöhle, er liebt das; während seine andere Hand stimulierenden Druck auf meinen unteren Rücken ausübt, bevor sie zu meinem Hintern zurückkehrt wie ein Tierchen zu seinem Lieblingsplatz. Ich komme in einer aufrauschenden Welle und bin sofort wieder bereit und empfänglich.

„Wir ersetzen unsere falsch ausgerichteten Geschichten durch gut ausgerichtete Geschichten." Christopher Wallis

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„Gestern habe ich mich erneut bei einem Afterwork verlustiert. Ich denke, das könnte ich nach einer Erholungsphase morgen textlich aufarbeiten. So viel aber schon einmal: ich trug ein sehr kurzes rotes Kleid, ausgestellt, mit Neckholdertop; am Rücken sich überkreuzende Riemen; keinen BH; ein Kleid an der Schnittstelle zwischen jugendlicher Sportlichkeit und eleganter Erotik. Dazu Falke Strümpfe und weiße Turnschuhe. Vielleicht schicke ich dir ein kleines, un-scharfes Foto aus Ausschnitt von unserem Afterwork-Gruppenbild." Christine Zarrath 

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Mein Liebster, es tut mir leid, dass ich mich erst so spät melde. Ich habe es nicht geschafft, allein nach Hause zu gehen. Mich begleitete gesunde Einfalt in schöner Form. Fast hätte ich den Jungen bei mir übernachten lassen. Aber dann wurde mir klar, dass ich nicht einschlafen kann, ohne dich zu spüren. Du weißt, wie ich es meine. Ich bin eben gekommen, an dich denkend und nur für dich. Es war der angenehmste Schauer, den ich in den letzten 24 Stunden hatte. Mich verfolgt eine Idee, die ich dir noch kaum zu sagen wage. „Abschweifungen sind unbestreitbar der Sonnenschein; sie sind das Leben, die Seele des Lesens", sagt Laurence Sterne. Die Lust zwingt mich, Dinge preiszugeben, die ich für mich behalten sollte. Ich kann nicht anders, ich lege mein Leben in deine Hände. Bitte verzeih mir. Ich wünschte, du würdest  auf meinem Bauch, meinen Brüsten kommen. 

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Ich habe meinen Dessous-Status schon lange nicht mehr gemeldet. Ich trage einen nachtblauen nippelfreien BH. Dazu ein passendes Spitzenhöschen. Mir gefällt die Vorstellung, so von einem Mann gesehen zu werden, der mich interessiert; von einem geschmackvoll gekleideten, gut riechenden, gebildeten, eloquenten Mann, der seine Überlegenheit zelebriert und auf der Klaviatur der Distinktion kein Detail auslässt. Der das Alphabet des guten Lebens kennt. Der selbstbewusst auf die Toilette gehen kann. Der nie unangemessen anstößig ist, aber obszön genug, wenn es nötig ist, um mich als Madame Cumalloverme erfolgreich sein zu lassen. All das sind keine Kleinigkeiten. Aber darum geht es nicht.

Ich treffe Vernon in ballsaalgroßen Räumen. Ich spiele mit ihm Blindekuh im Sprachschloss, während er sich in meinem Wohnzimmer über mir auf einer dreigliedrigen Poul Kjærholm-Couch wähnt. Leder, Segeltuch, Wallnussholz und Edelstahl sind superedel verarbeitet. Das Sprachschloss hat CC für mich gebaut. Es offenbart neben anderem auch einen ungestümen Herrschaftswillen. Wenn Sie einmal so begehrt wurden, können Sie mit der Sex-Ökonomie eines leitenden Angestellten nichts mehr anfangen. Oder eben noch so viel, dass es Ihnen Spaß macht, ihm den Schneid abzukaufen; zu sehen, wie bei ihm alles verrutscht und die Routine futsch ist und er sich wie ein Beklauter fühlt. Dabei hat er die ganze Zeit geklaut und auf Pump den dicken Max gegeben.

Es ist auch eine Sucht, sich gedanklich immer wieder zu meinem Albrecht herunterzubeugen und ihm erotisch heimzuleuchten. Ich finde zwei Dutzend Nachrichten voller platzender Ungeduld nach kaum einer Stunde Schreibtischabstinenz. Albrecht schreibt: „Ich schätze, in der Topografie deiner Lust ist stets genug Platz für mich. Vielleicht erinnere ich Dich an einen Typen, den du in der Uni gern unter dem Tisch geholfen hast. Du mochtest es einfach, seine Mimik zu studieren, während du seinen Schwanz in der Hand hattest. Anschließend habt ihr beide aus einer Tüte Chips gegessen, und an deinem Finger war noch ein bisschen Sperma. Ein Sekundärreiz. Ich weiß, wie du es nennst: Nebenerregung - Side Thrill. Du hast einen Finger in den Mund gesteckt. Der Typ wollte trotzdem keine zweite Runde. Ein Erguss am Tag reichte ihm. Sein Abendprogramm stand fest; in einer Kneipe mit Freunden Fußball gucken und Bier trinken. Roman kam vorbei. Du bist freudig auf ihn zugegangen, hast dich in den Arm nehmen lassen, Roman fand, es liefe gut für ihn. Du bist mit ihm auf ein entlegenes Klo. Er wollte küssen, das kleine Einmaleins aufsagen, zeigen, was er gelernt hatte in der Sex-Benimmschule. Du wolltest das alles nicht. Es hat dich angeödet. Du hast dich mit leichtem Siffschauder hingehockt und Roman ermutigt, vor deinen Augen zu onanieren. Den Kick hat er bestimmt nicht verstanden. Aber ich weiß, dass dir eine Erinnerung an diesen Augenblick sexual arousal on demand liefert.

Vor ein paar Jahren - In Albrechts Wohnung standen Blumen im Weizenglas. Die Blumen musste eine Frau vorbeigebracht haben. Die Vorstellung versetzte mir einen Stich. Das war absurd. Ich widerstand dem Wunsch, Albrecht ins Gebet zu nehmen und seine Aschenbecher zu zählen. Einen hatte ich für ihn in einer Göttinger Bar eingepackt. Manchmal waren wir einfach losgefahren. Albrecht misst zwei Meter. Er ist ein Typ wie Kretzsche Kretzschmar. In einer Fruchtschale, die ich Albrecht geschenkt hatte, gammelte eine Avocado. Mir missfielen Streifen, die Albrecht theatralisch über die Wände gezogen hatte. Albrecht legte eine Platte auf.

„Etwas Besseres hast du noch nie gehört", sagte er, und ich wusste gleich, dass er Recht hatte.

Ich war mit CC aufgekreuzt. Er zeigte sich als Professor Goya im Stil des akademischen Rockers. Solche Typen findet man in der Soziologie und bei den bildenden Künstlern. Zu dritt zogen wir in Fritzlar um die Häuser.    

„Ich werde nicht schlau aus euch", sagte Albrecht. 

Was sollte ich sagen? CC sagte nichts. Kauend wechselten wir von einem Döner- in einen Plattenladen. Albrecht wollte mir die beste Platte der Welt schenken. Angeblich war es in Moskau gerade wärmer als in der nordhessischen Metropole Kassel. In einem Café erweiterten wir eine Gesellschaft abgekapselter Brillenkettenträgerinnen. Plötzlich fiel mir auf, dass ich seit drei Stunden nicht mehr auf dem erotischen Hochseil balanciert hatte. Ich fühlte mich vernichtet.

Sollte mich am Ende mit Albrecht mehr verbinden als mit CC? Immerhin hatten wir eine Gothic-Rave-Phase und die Kleinstadtsexinitiation im Kohorteneinklang durchlaufen. Albrecht war mein Zeuge, als ich von der Magistrale abwich auf Saumpfade der Nebenreize. In seiner Gegenwart baute ich die ersten Kammern zur Erzeugung erotischer Echos. Er könnte mich jederzeit unmöglich machen. Sein Diana-Archiv ist der reine Giftschrank, und doch erregt mich die Vorstellung, dass Albrecht Fotos von mir wie seinen Augapfel hütet, die mich kompromittieren. In unserem In-Talk behauptet sich seit Jahren ein rüder Ton. Ich nehme mir ihm gegenüber mehr heraus als umgekehrt. Aber vielleicht stimmt das nicht. Albrecht zeigt mir schon immer auch die Leine, an der ich liege. 

„Endlich darf ich etwas freier assoziieren. Es existieren Dias - ja wirklich, Dias - von mir mit 20, 21, die mein damaliger 15 Jahre älterer Geliebter von mir geschossen hat. In Corsage, sehr erotisch. Leider damals noch mit Pony, was für eine grauenvolle Frisur. Ich denke öfter an die Dias und habe schon überlegt, ihn per LinkedIn nach Abzügen zu bitten. Wie viele haben ihre Liebhaber als Kontakte in beruflichen Netzwerken?" Christine Zarrath

Nachdem Bonifatius die Geismarer Donareiche umgelegt hatte, schickten die Götter zwei Unsterbliche unter die Menschen, um das irdische Pack in die Schranken zu weisen. Als ewige Hessenmeister wurden die beiden weltberühmt. Zurzeit materialisieren sie sich als Diana und CC.

Die hessische Elbe fließt durch den Landkreis Waldeck-Frankenberg zur Eder. Ihre Quelle tritt im Alten Wald aus. Sie führt den überirdischen Kreisläufen juveniles Wasser aus einem Magmareservoir zu. Der Fluss passiert den Rabenkopf im Langen Rod, ertüchtigt sich im Habichtswald, grüßt bei Einmünden die Hasen- und beim Weidelsberg die Mondscheinmühle. Der singuläre Basaltbrocken trägt die Weidelsburg. Sie erfüllte grenzsichernde Aufgaben. Entlang ihrer Kriechgänge und vorgelagerten Schanzen verlief die Stammesgrenze zwischen Katten (Chatten)/Franken und Sachsen. Da endete das Christentum, solange sich die Sachsen wehrten. Aus der germanischen Angelegenheit wurde eine europäische. Schließlich bestimmten Demarkationslinien zwischen der Landgrafschaft Hessen, der Grafschaft Waldeck und dem Kurmainzer Eigen Naumburg das Geschehen. In fortdauernder Fehde kam es zu zig ruinösen Bedrängungen der Burg und umstrittenen Instandsetzungen. Sogar das Reparieren war politisch. An der Mahlmühle erreicht die Elbe nun Geismar, einem Schicksalsort der Chatten (Katten) und heute ein Stadtteil von Fritzlar. Südlich von Geismar mündet die Elbe in der Porta Hassiaca. An der Hessischen Pforte bricht die Eder aus der Wildunger Senke.

Auch Geismar hat seinen Eckerich, einen Wartturm, der ganz allein im Wald steht. 723 zerstörte Bonifatius da ein kattisches Heiligtum, er ließ eine unserem Donar gewidmete Eiche fällen. Seither liegt auf Geismar ein Fluch.

Bonifatius agitierte im Auftrag der fränkischen Besatzungsmacht, die zur Durchsetzung ihrer Interessen im Waldecker Land die stark befestigte Büraburg besetzt hielt. Grundsätzlich christianisierten die Franken mit dem Schwert. Jede Taufe war eine Unterwerfung und ergab sich aus Forderungen eines institutionalisierten Expansionswillens in Nachfolge römischer Herrschaftsmanier. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nahm im Kernland der Katten Gestalt an. Bonifatius beschrieb die in Massentaufen Bekehrten als Hessen. Die von erzürnten Göttern sogleich gesandten und seither unter euch wandelnden Unsterblichen infiltrierten in den 1970er Jahren die Frankfurter Häuserkampfszene. Diana war damals noch ein Mann namens Grandslam Coogan. Er zeigte mit Marian O'Reilly, einer 1970 in Deutschland abgetauchten IRA-Terroristen, einen Sohn, der inzwischen Professor an der Ederthaler Landgraf Philipps Universität ist. Dazu an anderer Stelle mehr. Aber bedenken Sie nur, wie funny das ist, wenn Diana ihren Sohn sieht, den sie als Mann gezeugt hat. 

Coogan erschien den Straßenkämpfern um Joschka Fischer und Dany le Rouge als Deserteur der amerikanischen Streitkräfte. Marian verließ den „politischen Rohling" (und Versager in der Vaterrolle) für den Sponti-Beau Simon Hesselbach, heute Seniorchef der Häuser Hesselbach-Fleckenstein und Hesselbach-Ochsenheim zur Taubenbleiche. Von jeher betrachtet der millionenschwere Salonkommunist den Ziehsohn als Prüfung.

*

Und wieder einmal ist Heuteabend und alle sind im Ederthaler Schlundheimer Saukopf und so auch die im Engelswerk Ederthal-Marschbach inkorporierte niederhessische Ritterschaft. Geschlechter die seit neunhundert Jahren allein in Annalen vorkommen, treten im Saukopf auf als Bürgermeister:innen oder Sportdirektor:innen oder Eselsköpfe oder Gozmare (vertreten vom alten Grafen Ziegenhain). Zu Gast ist ferner Kannibale Holger M. Wir bemerken ihn im Gespräch mit dem Hobbyfotografen und Modelleisenbahner Olm, gebürtig aus Wabern, der Keimzelle des kattischen Kerns.

Wabern, oh, Wabern ... Dazu bald mehr. 

"Words are still the principal instruments of control." William S. Burroughs, "The Electronic Revolution"

"Leadership is not a power structure; it's a flow structure." Floating Quote

Edinburgh leitet sich vom keltischen „Din Eidyn" ab. So hieß im Mittelalter eine befestigte Siedlung der Gododdin. Die Gododdin waren ein brittonisches Volk, das vom 5. - 7. Jahrhundert expansiv und wehrhaft genug für ein eigenes Territorium war. Auf Castle Rock errichteten sie ein Fort. Ihr Siedlungsgebiet umfasste das südöstliche Schottland und Nordostengland. Die Gododdin sprachen Brittonisch, eine keltische Sprache, die eng mit dem Walisischen verwandt war. Nachkommen des kulturellen Gododdin-Erbes findet man heute vor allem in der walisischen Literatur. Berühmt sind die Gododdin für einen um 600 entstandenes lyrischen Epos - das Y Gododdin. Darin beschreibt der Dichter Aneirin, wie dreihundert Gododdin-Krieger von Din Eidyn nach Süden zogen, um in Catraeth (wahrscheinlich das heutige Catterick in Yorkshire) gegen die Angeln zu kämpfen. Sie kämpften drei Tage lang - und wurden fast vollständig aufgerieben. Nur einer kehrte lebend zurück. Nach der Niederlage zerfiel die Macht der Gododdin. Sie verloren ihr Land an die Angles of Bernicia, die sich mit dem angelsächsischen Herzogtum von Deira verbündeten. Aus dieser Allianz ging das Königreich Northumbria hervor.

Die Angeln waren Migranten aus dem heutigen Norddeutschland und Dänemark. Bernicia, ihr nördliches Königreich, erstreckte sich über Nordostengland bis nach Südschottland, während Deira, die südliche Kapitale, ungefähr dem heutigen Yorkshire entsprach. Beide Reiche fusionierten zu einer Großmacht mit kontinentalen Wertvorstellungen. Das Keltische wich dem Germanischen, bis das Erbe der Gododdin zur narrativen Reminiszenz verkümmerte. Für eine lokalpatriotisch übersteuerte Historikerin wie Fiona verkörpert Edinburgh eine mythische Ahnenlinie: „Der Boden meiner Stadt ist von Keltenblut getränkt – mit dem Blut von Kriegern, die bis zum letzten Mann kämpften."

Ab dem 12. Jahrhundert diente die Burg auf Castle Rock als royale Residenz. Maria Stuart (1542 - 1587) gebar hier 1566 James VI., den späteren König von Schottland und England. In Jahrhunderten wurde Edinburgh Castle belagert, erobert und ausgebaut. Heute gilt das Schloss als nationales Symbol und beherbergt das National War Museum.

Winterholzlieferung

Fiona, Aiko und Aslan konferierten noch immer in einer Waffenkammer im Schloss von Edinburgh. Fionas feuerrotes Haar war zu einem formidablen Knoten hochgesteckt, ungezähmte Strähnen fielen in die Stirn. Die waschechte Schottin war so sommersprossig wie in einem Werbespot. Ihre randlose Brille deutete dezent akademische Distinktion an. Sie trug eine Kilt-Blazer-Kombination. Das dunkelgrün-blaugraue Tartanmuster war ein lokalpatriotisches Statement. Gerade war Fiona halb amüsiert, halb genervt von einer Touristenrotte, die lautstark erschöpft einen weiteren Punkt auf ihrer Sehenswürdigkeitsliste abhakte. Leise sang sie: „Din Eidyn... Din Eidyn... Edinburh... Edinburgh..."

Ihre Worte waren nur für Aiko und Aslan bestimmt.

„Din Eidyn, die Burg der Gododdin. ‚Din' heißt Burg, ‚Eidyn' bezeichnet die Region auf Keltisch. Die üblen Angelsachsen sagten ‚Burh'. Aus ‚Din Eidyn' wurde Edinburh, später Edinburgh."

Fiona ließ sich nicht überflügeln.

„Ich bin in Edinburgh geboren", sagte sie, „Und ich sehe nicht ein, warum ich hier nicht alt werden soll."

„Ich verstehe dich", sagte Aiko. „Aber nicht jeder hat das Glück, nach einem erfüllten Leben in seinem Geburtsbett sterben zu dürfen."

Sie spürte die erotische Spannung zwischen Aslan und Fiona.

„Ich nehme mir meinen Zipfel vom Mantel der Geschichte - und ich lasse mir nichts wegnehmen. Edinburgh ist meine Stadt und diese Waffenkammer mit ihren Schwertern, Hellebarden und Rüstungen spricht zu mir wie zu einer geliebten Tochter. Heute Nachmittag erwarte ich meine Winterholzlieferung, wenn ich euch noch etwas zeigen soll, dann müssen wir jetzt aufbrechen.

Winterholzlieferung - Welch schönes Wort. Es evozierte bei Aiko eine typische deutsche Weihnachtsszene mit Lebkuchen und Glühwein. Sie sah sich mit rotgefrorenen Wangen und glühendem Herzen in einer knisternden Umarmung. Selig schmiegte sie sich an ihren Meister. Er tastete sich vor und sie studierte taktile Nuancen. In Gedanken bat sie ihn um mehr, aber da waren Freunde, die an Aikos Sehnsüchten vorbei für Turbulenzen sorgten. Aslan hatte seinen Becher schon geleert, Aiko bot ihm ihren Becher an. Er trank so schön aus ihrem Becher. Sie mochte die Arabesken seiner Winkelzüge. Es erregte sie, wie souverän er bei alldem blieb. Aiko hörte ihm stets aufmerksam zu. Sie ließ sich auf alles ein, was er sagte. Sie wollte ihm zeigen, dass sie ihn besser verstand als jede andere.

Ihre spirituelle Zwiesprache erfüllte kathartische Funktionen. Aslan ging in seiner Rolle als körperkundiger Anführer auf und Aiko war sehr gern seine gelehrige Schülerin. Sie schmeichelte ihm nach Kräften.

Aiko beobachtete, wie sehr Aslan Fionas kalkulierten Ausbruch genoss. Er registrierte die Signale eines erotischen Ausschweifungsbegehrens und war nicht abgeneigt. Bahnte sich da eineMénage à troisan?

Interkultureller Smalltalk

Fiona lotste Aslan und Aiko an den Touristenströmen der Royal Mile vorbei. Sie fühlte sich in der Pflicht, den beiden Fremden etwas Stilechtes und Hieb- und Stichfestes zu bieten - nicht zu schick, nicht zu touristisch; vereinbar mit den Maßstäben der Einheimischen - den "regulars".

Sie entschied sich fürThe Royal Oak.

„Hier bestellt man an der Bar", erklärte Fiona. Aslan verstand das als Aufforderung. Er trat vor, nickte dem Barkeeper zu und bestellte in der Mundart seiner westtexanischen Heimat. Der Panhandle-Cowboysound war eine milde Provokation.

"Three pints of Guinness, please."

„Aye, comin' right up."

„Zwei für uns Frauen, und einen für den Mann in unserer Mitte," mischte sich Fiona ein. Es irritierte sie, dass Aslan plötzlich den Southerner rauskehrte. Auf Edinburgh Castle hatte sein Amerikanisch zurückhaltender und mehr nach urbaner Upperclass gelungen.

Der Barkeeper, hager ergraut und granitäugig, musterte Aslan einen Moment länger als nötig. Er überging die Großspurigkeit des Gastes. Er wollte ihn nicht länger als nötig vor seiner Nase haben.

Fiona grifft nach den Gläsern, während Aslan bezahlte. Alle Tische waren besetzt; der Pub pulsierte wie ein lebendiger Organismus. Ein Stoßtrupp bedenklich fröhlicher Zecher okkupierte den Tresen und verdrängte die drei mit unbedachter Gewalt. Fiona fluchte leise, ließ sich aber mit Aiko und Aslan im Schlepp widerstandslos in den Windfang abschieben. Neben einem antiken Schirmständer fand das Fähnlein traute Zuflucht. Die drei standen so dicht beieinander, dass sie ihrer Hitze gewahr wurden. Aslan sagte "Cheers", Aiko „Kanpai", und Fiona "Slàinte Mhath! That's how we say cheers here. It means good health."

„Was bedeutet dein Trinkwort?", fragte Fiona die Rivalin.

„Es bedeutet trockene Tasse", antwortete Aiko. Sie nahm einen großen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken trotzig den Schaum von den Lippen. Weder Fiona noch Aslan sollten glauben, dass sie die Lage überforderte.

Fionas Blick wanderte von Aslan zu Aiko.

„Also gut, ich spiele mit offenen Karten. Ich bin eine echte Edinburgherin. Hier trinke ich, hier kämpfe ich, hier küsse ich."

Aiko hielt dem Blick der Herausforderin stand.

„Du bist sehr direkt, Fiona."

„Direktheit ist ein Privileg, souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet."

Fiona fand es nicht nötig, dem Zitat etwas hinzuzufügen. Es war eine stille Ungeheuerlichkeit. In einer Vorlesung hätte der Satz gewiss Unmut ausgelöst.

Aslan konterte schamanisch:

„Herausforderungen eröffnen Wachstumspfade."

Fiona drängte ihm entgegen. Die Anziehungskraft wirkte selbständig. Endlich spürte sie Aslan an ihrer Hüfte. Sie griff nach Aiko, die scheinbar somnambul einschwang. In Wahrheit registrierte sie jedes Detail. Sie wartete auf ein Zeichen von Aslan. Längst war sie zu allem bereit.

Turning Danger into Performance – Die Koinzidenz geologischer und politischer Verwerfungslinien

Zu Peter Sloterdijks „Pangäa des regulär Irregulären“ zählt Afghanistan. Ein Jahr vor seinem Tod im Dezember 2010 fährt der ‚Bulldozer‘ einem Treffen mit afghanischen Clanchefs in den Breiten des dritten Pols entgegen. Eine Terror-Serie, die Kabul erschüttert, und Selbstmordanschläge in anderen Gegenden Afghanistans, sind womöglich der Präsenz des grobkörnig-hemdsärmeligen US-Sondergesandten Richard Charles Albert Holbrooke geschuldet. Wegen seines ungehobelten Wesens nennen ihn manche Dick. Lieber möchte der „Architekt des Dayton-Abkommens“ Richard genannt werden. Er erklärte das seinem Dienstherrn Obama.

Holbrookes Mission könnte kaum heikler sein. Sein mit einem Ablenkungsmanöver zusätzlich gesicherter Konvoi quert geopolitisch und geologisch explosives Gebiet. Arizona Jakarta leitet das Sicherheitsteam.

Der Emissär soll Verhältnisse sondieren, deren Fatalität Peter Sloterdijk universell formuliert. Zu beobachten sind da „Überschneidungen partieller Energien, von denen keine stark genug ist, zu siegen, und keine resigniert genug, um die Waffen zu strecken ... (Das sind) Regionen ohne Vormacht, ohne Gericht und ohne Entschädigung ... Zwischenwelten aus Infiltrationen, Unterwanderungen und Verklumpungen ... Ströme aus strategisch gelenkten Ressentiments und gefälschten Nachrichten“.

„Der Himalaja und seine angrenzenden Regionen ... (erfahren) infolge der anhaltenden Konvergenz zwischen den indischen und eurasischen Platten eine kontinuierliche Kompression.“

Die interessierten Nachbarn

An der geografischen Peripherie positionieren sich Pakistan, Indien und der Iran. Pakistan unterstützt nur vorgeblich den „Krieg gegen den Terror“. In der pakistanischen Perspektive dient der Taliban-Terror der Abnutzung des amerikanischen Interventionswillens. Die Hegemonen belauern sich gegenseitig. Pakistan fürchtet eine Zunahme indischer Einflüsse. Gleichzeitig versuchen Taliban Pakistan in ein Kalifat zu überführen.

Alexander Kluge spricht von „eingefrorenen und virulenten Konflikten“. Sloterdijk spricht von einer Grauzonen-Globographie. Er sagt: „Kein Bürgerkriege-Atlas, kein Lexikon der Defizite vermag das Grauzonen-Reich zu umspannen, keines der üblichen Weltbilder fängt es ein. Historikern der Imperien ist die Neigung gemeinsam, die Existenz und Ausdehnung des Grauzonenhaften zu übersehen ... kein Auswärtiges Amt weiß wirklich, was da draußen geschieht, wo die Irregularitäten unter sich sind. Über einhundert staatsartige Halbanarchien unter Flaggen brüten auf dem Planeten in sich selbst, in der Regel von der Mitwelt ignoriert, im Halbschatten grellerer Konflikte, mittelfristig fixiert im Wiegeschritt steigender und fallender Korruptionswerte. Der gutwilligste Kosmopolit ist irgendwann müde genug, den Mantel des benign neglect über Gegenden zu werfen, von deren Verhältnissen zu viel zu wissen bloß unglückliches Bewusstsein nach sich zöge, sprich mentalen Stress ohne Handlungsoptionen.“

Das referiert Cornelius von Pechstein in einem antiken Hörsaal der Ederthaler Landgraf Philipp Universität. Alisa und Virgil hören mit halben Ohren zu. Inzwischen zählt der Meditationsraum in Campus-Pavillon zum erotischen Parcours des Paares. Bei beiden dreht sich alles um Sex. Virgils Blick fällt auf Alisas soft gebräunten Brustansatz im großzügigen Ausschnitt. Die freimütige Ansicht treibt ihn aus der Reserve. Beherzt fasst er ins Dekolleté. Die einnehmende Berührung lässt Alisa erbeben.

„Zieh deinen BH aus und gib ihn mir“, verlangt Virgil. Alisa sieht sich um. Das Publikum konzentriert sie auf Cornelius. Alisa befreit ihren Busen von den Halbschalen. Es ist ein Kunststück, erlernt und perfektioniert in Schwimmbädern und Turnhallen. Virgil nimmt ihr das Stück ab und hält es sich genießerisch unter die Nase. Natürlich bleibt das nicht unbemerkt. Virgils rechte Hand fährt Alisas Schulterrelief ab. Die Hand gleitet über die Schlüsselbeine und unterstreicht Alisas Kinn. Sag, dass du mich liebst. Dass du mit mir zusammenbleiben und eine Familie gründen willst. Dass du jede Nacht bei mir liegen wirst, bis dass der Tod uns scheidet. Alisa gebietet Virgil keinen Einhalt. Stattdessen blendet sie die Umgebung aus. Seine Hände besuchen wieder ihren Busen und legen die Knospen frei. Virgil stimuliert die Spitzen. Alisa stöhnt auf. In diesem Augenblick erwacht sie. Sie ist allein zuhause auf dem Sofa eingeschlafen und hat das alles nur geträumt. Enttäuschung beschleicht sie. Gleichwohl sind ihre Spitzen steinhart und sie spürt das Ziehen im Unterleib. Unwillkürlich berührt sie sich selbst. In ihrer Phantasie ist sie nackt und Virgil ist bei ihr. Er beugt sich über sie und saugt an ihren Knospen. Sie strebt ihm eruptiv entgegen - mit geöffneten Beinen. Virgil massiert ihre Mitte.

Sie schiebt ihr Becken vor, so dass er leichtes Spiel hat. Seine Hände teilen ihre Schamlippen. Sie befreit sein Glied und schließt es in das Futteral ihrer Hände. Sie leckt den ersten Lusttropfen auf. Plötzlich erlebt sie Virgils Abwesenheit als solchen Mangel, dass sie nicht weitermachen kann. Sie wirft noch einen flüchtigen Blick in den Spiegel und schwirrt dann ab. Auf dem Fahrrad fährt sie zur Uni und ist bald nicht mehr allein in seinem Büro. Sie wirft sich in seine Arme. Er versteht die Dringlichkeit ihrer Bedürfnisse, dreht sie in einer flüssigen Bewegung um.

„Zeig mir, wie sehr du es willst.“

Alisa hebt ihr Kleid hoch, streift den Slip ab, spreizt die Beine und streckt den Po raus.

„So sehr will ich es?“ verkündet sie aufrichtig.

Das Skipperhus

Joni Stellberg kommentiert die Effekte des Morgenrots am Fenster seines Schlafzimmers. Knapp über der Wasserlinie verliert das Himmelsschauspiel seine Dramatik. Das ist eine Urszene in Jonis Lebens. Solange er zurückdenken kann, nimmt der Tag an einem Fenster mit freiem Blick auf den Bodden Gestalt an. Jeden Morgen kommt Joni auf seiner Reise ans Ende der Nacht da an. Er hat die Welt mit einem Fensterauge zu sehen gelernt.

Seit ein paar Jahren schläft er in Nachthemden seiner Stralsunder Großmutter. Das weiß sonst keiner. Die Leute würden sich schieflachen. Der alte Joni in den Omas Plünnen. Die Leinenstücke gehörten zur Aussteuer und stammen aus der Hand einer Greifswalder Weißnäherin. Biesen, Spitzen, Nadelfilets und seidene Einfassungen zieren sie. In der Hochzeitskollektion war auch ein Totenhemd. So praktisch war der Begriff vom Leben.

Gorki kreuzt auf, um in Jonis Bett weiter zu pennen. Der Kater schlüpft nachts nicht mehr durch die Katzenklappe. Er kommt auch nicht mehr zu Joni, um sich einer Kniekehle einzufügen. Sein jüngster Schlafplatz ist der Fernsehsessel, den er geringschätzt, wenn seine Decke nicht bereitliegt. Gorkis Charakter erscheint Joni nicht weniger komplex als sein eigener.

In der dunklen Küche genießt er zuerst Gogols überwältigende Begrüßung. Der Weimaraner flippt programmgemäß aus. Joni öffnet die Fenster und schlägt die Läden zurück. Licht schießt über die Dielen und geht die Wände hoch.

Von jeher baumelt im Skipperhus ein Schürhaken als geschmiedetes Schmuckstück am Rundlauf der von Johnson & Davidson vor hundertfünfzig Jahren gemauerten Feuerstelle. Die gusseisernen Nachfolgeöfen, einschließlich einer Generationenparade von Küchenhexen, wurden nicht über ihre Glanzzeiten hinaus in Ehren gehalten. Antike Gerätschaft präsentiert sich auf einem Bord. Die spätestens vor Jahrzehnten aus dem Betrieb genommenen Sachen hatten bereits in Jonis Kindheit musealen Charakter.

Dankbarkeit empfindet Joni an seinem Frühstücksplatz. Er entstammt einer schon vor hundert Jahren trockengefallenen Seefahrerdynastie. Begründet wurde sie zu einer Zeit, als man Schiffsführer noch nicht Kapitäne, sondern niederdeutsch Meester nannte. Jonis Ahnherr ein Meester Finn Stellberg, starb 1789 im Skipperhus. Mit Jonis Urgroßvater endete die nautische Eindimensionalität. Mit Joni hört alles auf. Er ist der letzte Stellberg. Lange gefiel mir die Schlusspunktstellung. Vor ein paar Jahren verlor sich die Leichtigkeit des Verzichts im schmerzlosen Bedauern.

„Ich bin nicht verletzt, ich bin ein Spieler, der mit einer Verletzung lebt.“ Rafael Nadal

Quarantäne im übertragenen Sinne, beschreibt sowieso, wie wir in Maine miteinander auskommen. Wir sitzen hier ganz oben, wo es Richtung Kanada geht, sonst nirgendwohin. Alles andere liegt weiter unten. Soziale Distanz ist unsere Vorstellung von einer Gemeinschaft, die zusammenhält.“  Richard Ford zu Beginn der Covid-Pandemie

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Wir sehen uns in jener Lage, die Boccaccio im „Decamerone“ schildert. Der Autor machte ein Landhaus vor Florenz zum Schauplatz einer Begegnung Heimgesuchter anno 1348. Sieben Frauen und drei Männer sind vor der Pest in die florentinischen Hills geflüchtet. Angehoben von Sommerfrische-Empfindungen und gedämpft von Angst stellen sie die Gegenwärtigkeit eines schrecklichen Todes in den Glanzschatten der Erzählkunst. Der italienische Literaturvorsprung ergibt sich aus dem Einschluss schwerwiegender Bedrückung und altem Wissen. Die Pest gebiert Protagonistinnen der Renaissance auf einem römischen Feldbett.

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Solange sie zusammen sind, kennen sie nichts anderes als die Geborgenheit in der Gruppe, die viel mehr eine Herde ist. Doch wenn die Sache gelaufen ist und sie ihre Kleider wieder privat tragen, kennen sie sich überhaupt nicht mehr; so als läge hinter ihnen etwas, dass sie mit Scham erfüllt. 

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„Abschweifungen sind unleugbar der Sonnenschein - das Leben, die Seele der Lektüre.“ Laurence Sterne

Das erste Zusammentreffen vor der „Kulturschmiede Freiraum“

Wir erinnern uns - Elena, ihres Zeichens Kommissarin der hessischen Landespolizei, reiste von Ederthal an der nordhessischen Eder nach Ahrenshoop an der mecklenburgisch-pommerschen Ostsee, um da an einem Schreibworkshop mit dem diesjährigen Peter Kurzeck-Preisträger Marek Lorenz teilzunehmen. Gerade sind beide auf dem Weg zu der ersten zwanglosen Zusammenkunft. Marek folgt seiner Schreibschülerin, über die er so viel mehr weiß als sie über ihn. Gleich wird er sich ihr in dem zur ‚Kulturschmiede Freiraum‘ mutierten ehemaligen FDGB-Erholungsheim ‚Wilhelm Pieck‘ als vollendeter Gastgeber präsentieren.

Die ozeanische Nacht rüstet sich für ihren Teil der kosmischen Abmachung. Möwen schreien, der Wind trägt Salzkristalle. Das Ex-Erholungsheim überragt strandunmittelbar die Dünen. Elena genießt einen unverbauten Blick auf die brodelnde Badewanne Ostsee. Der Strand ist komplett überspült. Elena registriert die privilegierte Perspektive. Marek rückt auf. Sie erlebt sein Interesse an ihr fast körperlich, unerwartet fordernd und besitzergreifend, irritierend intim; so, als seien seine Erwartungen so hochgespannt wie ihre. Sie spürt die Konzentration eines Lauerjägers. Trotzdem misstraut sie ihrer Wahrnehmung. Projiziert sie nicht einfach ihre Sehnsüchte auf ihn. Im Gegenlicht ihrer Abwägungen sieht sie ihre Bereitschaft, alles hinter sich zu lassen, erschreckend deutlich.

Sie zieht den Mantel enger um sich.

„Schön, nicht wahr?“

„Was meinen Sie?“

„Dass man hier oben stehen kann und für einen Moment glaubt, alles andere wäre weit weg.“

Sie lächelt schwach.

„Das klingt ziemlich nach einem Schreibseminar.“

„Vielleicht bin ich beruflich verdorben.“

Eine leise Enttäuschung macht sich in Elena breit. Das ist schon alles sehr konventionell, wenn nicht altbacken. Wäre da nicht die brennende physische Präsenz.

Er erscheint jünger als in ihrer Vorstellung. Oder vielleicht nur entschlossener. Sie registriert keine Unsicherheit, nicht eine Spur von Nervosität.  

Gestrandeter Odysseus – Vier Tage später

Der Sirtaki wurde ohne historische Verankerung zum Inbegriff des griechischen Volkstanzes. Die erste Choreografie entstand 1964 bei Dreharbeiten zu „Alexis Sorbas“. Mikis Theodorakis schrieb die Filmmusik. Anthony Quinn spielte den Titelhelden als gestrandeter Odysseus. Er verkörperte eine postolympische Lebensart und erschien weit weg von der Realität unglaublich authentisch. Die Suggestion war, dass er in der entscheidenden Szene eine antike Schrittfolge beachtet.

„Die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen“, sagt Heiner Müller. Der Sirtaki beweist diese Kraft. Er kam wie eine getanzte Fayence der hellenistischen Welt an und war doch nichts weniger als das. Ich denke gerade an den Produktionsfuror von Mikis Theodorakis. Der griechische Nationalheld lebte in einem ununterbrochenen Schaffensrausch. Er beschrieb sich als wasserscheues Luftwesen. Er rügte das Wasser für seine Eigenschaften. Er war auf du und du mit den Elementen. Nach seinem Tod wollte er mit seiner Musik in den Weltraum geschossen werden. Der Himmel offenbarte ihm eine Harmonie, die es unter Menschen selten gibt. Mit dir erreiche ich die Harmonie, lieber Marek. Ich schreibe dir das in meiner Not. Du bist nicht bei mir und ich entbehre dich, als könnte ich ohne dich nicht atmen. Gestern hatten wir es schön und morgen werden wir es wieder schön haben. Doch heute Nacht muss ich darben. Du hast versprochen, gegen neun mit mir zu skypen. Ich fiebere dem Termin entgegen und verlasse mich auf deine Pünktlichkeit. Du verlangst mir viel ab und gibst mir noch mehr. Ich weiß, dass dir alles klar ist.

Du bestimmst so viel in meinem Leben, Liebster. Ich sehne mich danach, von dir ‚meine Süße‘ genannt zu werden. Ich hole mir jetzt noch einen Tee und dann zähle ich die Minuten bis zu deinem Anruf. Und morgen schmiege ich mich wieder in deine Arme. Du siehst so gern in meine Augen. Wie ich es liebe, etwas zu haben, wonach du verrückt bist. Schon klar, da sind nicht nur meine Augen im Spiel. Ich möchte nicht frivol sein. Mit dir ist alles heilig. Du sagst, es sei ein Privileg sich kultivieren zu dürfen und die beste Form aus sich heraus zu meißeln. Du sagst, man muss seine Komfortzone verlassen, sonst gelingt das Leben nicht. Hunger, Kälte und Selbstgeißelungen sind dir schon Jahrzehnte ein Bedürfnis. Du lechzt danach deinen Rumpf, deine Arme und deine Hände an Betonpfeilern zu stählen. Du entwickelst in dieser Praxis solche Kräfte, dass mich die Druckwellen vibrieren lassen. Ja, es macht mich heiß, dir dabei zuzusehen und ich genieße es auch, dich dabei zu beobachten, wie du mich in homöopathischen Dosen an eine höhere Trainingsintensität heranführst. Deine Listen und Schliche faszinieren mich nicht weniger als deine körperliche Ausgelassenheit und dein schnörkelloses Verlangen, dem ich schrankenlos entspreche.

In der Schlacht von Flodden anno 1513 marschierten die Schotten mit fünf Meter langen Piken in sturer Landsknechtsformation. Die Engländer hielten dagegen mit Bills. Das waren Stangenwaffen, entwickelt aus landwirtschaftlichen Werkzeugen. Garniert mit Haken, Klingen, Spitzen. Die Piken zerbrachen, die Bills hielten.

Aslan lehnte am Tresen, sein Blick badete in den Details eines Schlachtgemäldes. Mühelos punktete er bei Fiona mit der richtigen historischen Einordnung. Ja, Aslan war beschlagen; jederzeit hätte er aus dem Stehgreif zu der Hellebarden-Replik, die dekorativ in einem Sonnenschirmplafond ankerte, einen Vortrag halten können. Akio erinnerte einen gemeinsamen Augenblick in Florenz, Aslan vor einem Fresko, Krieger in dramatischen Posen und zugleich, dem Tod geweiht und ihr Schicksal begrüßend, somnambul-lunar entrückt. Es war in den Uffizien, es war Paolo Uccellos „Schlacht von San Romano". Ein Lanzenwald ragte in den Himmel, die Ewigkeit sich aufbäumender Pferde, Ritter in glänzender Rüstung ... Die Piken taugten nichts in den Sümpfen von Flodden. Der Sieg hing von der Technik ab. Das keltische Element verlor sich schon in Mythen, da bluteten die keltischen Krieger noch aus klaffenden Wunden. Hinter den Fenstern der merkwürdig desolaten Schankstube schimmerte Castle Rock im Abendlicht. Edinburgh Castle thronte über der Stadt. In der Kneipe splitterte das Gelächter wie Glas. Die Trinkgeschehen wirkte wie ein Tableau vivant.

„Wenn ihr etwas Besonderes wollt," sagte der Barkeeper, „dann habe ich den Ardbeg Corryvreckan, 57Prozent. Nichts für schwache Nerven."

Fiona strahlte.

„Corryvreckan. Direkt von Islay. Rauch und Torf und dunkle Schokolade und schwarze Johannesbeere. Stark, rau, unberechenbar."

Fiona prostete den verwitterten Veteranen am Tresen zu. Sie kannte jeden hier seit ihrer Kindheit. Der Tresenpatron gab sich wie ein sesshaft gewordener Seemann und ein bisschen auch wie ein Priester der Malzkunst. Er versah ein Amt - und zwar in einer Weise, die mehr Ritual als Arbeit zu sein versprach.

Drei Tage später waren Aiko und Aslan wieder in Ederthal. Noch am Abend ihrer Ankunft absolvierten sie ein Training in ihrem Garten. Ihre konstant verbundenen Kraftfelder erzeugten Lustwärme. Akio hob die Hände langsam über das Becken und begann die stehende Säule - Zhan Zhuang. Ihre Atmung führte das Qi in den unteren Dantian. Aslan folgte ihrem Bewegungsfluss. Das Liebesatmen setzte die Energie eines Tsunamis frei. Sie zogen ihre Lust in das Herz-Qi und erlebten Orgasmen vom Scheitel bis zur Sohle. Zum Spaß nannten sie das Energiearbeitshöhepunkte.

Jede Drehung ihrer Hüften, jeder Armschwenk wob das Liebes-, Lust- und Kraftnetz dichter.

In ihnen tobte ein Sturm aus Lust und Verlangen. Sie führten sich gegenseitig an ihre Grenzen - nur um in einer Schwerelosigkeit zwischen Ekstase und Katharsis zu schweben. Aiko wollte nicht, dass es aufhört. Nicht einen Moment.

Sie lag auf ihm, der Körper schweißnass, zitternd, erschöpft.

Die Atmung bewegt den Geist und der Geist bewegt das Qi. Die chinesische Medizin ordnet Kälte dem Yin und Hitze dem Yang zu. In Prozessen kontrollierter Aufladungen verwandeln sich Aiko und Aslan in eine Yang-Fackel und einen Yin-Polarkreis. Sie lassen die Elemente kollidieren und fusionieren. Sie führen ihre Aufnahme- und Leitfähigkeiten in einen gemeinsamen Qi-Stromkreis. Dieser hyperenergetische Tanz von Kraft um eine Mitte, in der ein befreiter Wille steht (ungefähr Rilke), hat einen enormen Schauwert. Jede Zeugin der Supernova wird zur Verkünderin. Ich habe die Kraft gesehen. Sie schießt wie eine von Flammen gezeugte Schlange aus den Körpern der Praktizierenden und schließt jene spiralig ein. Ich denke gerade an die Balztänze japanischer Mandschurenkraniche auf Hokkaido.

Nach solchen Qi-Manifestationen entladen sich Aiko und Aslan sehr gern ineinander. So ein Qi-Quickie in einer universitären Ecke hat seinen eigenen Reiz.

Zwischen Aiko und Aslan gibt es nichts Alltägliches, keine Gewohnheiten im üblichen Sinn - ihr Zusammensein ist Spiel, Ritual, Gebet, ein Tanz aus Licht und Wärme.

Auf einem Grat zwischen Ekstase und Weihe lassen sie sich gegenseitig glühen.

Ein seidiger Morgen. Nebel über der Ederaue.

Einatmen, die Hände heben, als würden sie den Himmel tragen. Ausatmen, die Arme senken, als seien sie Wind. Der Qi-Fluss zwischen ihnen ist sichtbar wie ein Lichtband. Aiko verkürzt den Abstand und küsst Aslan. Seine Hände gleiten unter ihren Kimono, finden ihre Hüften, finden seine Heimat. Aiko lässt den Stoff von ihren Schultern rutschen. Sie ist nackt, warm, wach.

„Du bist mein Qi", flüstert sie.

Neuronales Unterholz

In klassischen Qi-Texten wird der Körper oft als Gefäß beschrieben, in dem sich Qi sammelt, aufsteigt und sinkt. Qi ist Atem, Spannkraft, Strömung und Bewusstheit. Das Bild vom Körper als durchpulster, lebendiger Hülle verweist auf etwas, das in der modernen Physiologie als interozeptive Präsenz oder verkörpertes Bewusstsein diskutiert wird.

Wenn in der daoistischen Praxis davon gesprochen wird, dass wahres Qi zum Dantian sinkt, ist das keine wörtliche Beschreibung eines Stoffwechsels, sondern Ausdruck eines somatischen Zustands. Die Aufmerksamkeit wendet sich nach innen, der Atem vertieft sich, das autonome Nervensystem reguliert sich - oft vom Vagusnerv vermittelt - in Richtung Entspannung. Es entsteht eine Empfindung von zentrierter Schwere, von innerer Dichte oder Fülle, wie sie auch in körpertherapeutischen Praktiken beschrieben wird.

Das untere Dantian - lokalisiert im unteren Bauchraum - gilt in der chinesischen Tradition als energetisches Zentrum. In westlichen Begriffen könnte man ihn als subjektives Gravitationszentrum verstehen. Das ist ein Ort, an dem sich Körper und Bewusstsein sammeln, ein Fokus-Spot für Selbstregulation, Kohärenz und somatische Sicherheit. Die Vorstellung, dass das Qi vom Geist gelenkt wird - "where the mind goes, Qi follows" - lässt sich als poetische Umschreibung für neurobiologische Prozesse lesen, bei denen Aufmerksamkeit motorische, sensorische und emotionale Prozesse steuert.

Wenn Taiji-Praktizierende von einer surging fullness sprechen, von innerem Aufgeladen-Sein, dann ist das nicht einfach metaphorisch - sondern ein präzises Zeugnis für verkörperte Erfahrung. Es handelt sich um ein Zusammenspiel von Atemrhythmus, Muskeltonus, innerem Dialog und stiller Beobachtung. Die Praxis selbst - regelmäßig, bewusst und entschleunigt - wirkt dabei wie eine Form verkörperter Meditation, in der sich Geist und Körper nicht trennen, sondern gegenseitig formen.

Was also in traditionellen Worten klingt wie Magie - Qi, Essenz, Dantian - lässt sich aus heutiger/westlicher Perspektive als differenzierte Wahrnehmungssystematik lesen; als eine Sprache für das, was unterhalb der sprachlichen Schwelle liegt - präreflexiv, subkortikal, fühlend.

Aslan lief sich warm. Der Tau dampfte in der Morgenhitze, seine Steinzeitsportlerinnen wälzten sich furios über die Grünfläche auf dem Campus - Tiefe Hockposition, seitliches Gehen auf Händen und Füßen, Krabbeln mit eng am Boden geführtem Körper, Hocksprünge, flaches Kriechen über den Boden, Gehen auf Händen und Füßen, Hüften oben, wellenartige Bewegungen, beidbeinige Hüpfer, Cat Stretch.

Aslan liebte diesen Moment. Wenn das Denken sich verflüchtigte. Wenn das Bewusstsein hinter den Bewegungen zurückblieb.

Qi als inneres Handwerk

Stellt euch einen spätnachmittäglichen Sommermoment in Aslans Atelier vor; den Tausendsassa stehend und barfuß vor einem Dutzend Schülerinnen. Aiko ist anwesend. Sie trägt einen fließenden Gongfu-Anzug aus ungebleichter Baumwolle, weiß, mit grünem Schimmer. Die Knöpfe sind Froschverschlüsse, von Hand geknüpft. Der Kragen steht mönchisch schlicht und erinnert an antike taoistische Linien. Die Ärmel sind weit, aber nicht flatternd. Wenn Aiko sich bewegt, trägt der Stoff ihr Qi. Im Stehen ist sie ein Fels in der Stille, im Gehen Wasser im Nebel. Sie trägt keine Schuhe, nur Baumwollsöckchen, die sich fast unsichtbar an ihre Füße schmiegen.

Die Sonne fällt schräg durch Panoramafenster und mustert das Geschehen. Aslan bezeichnet die internale Energiegewinnung als inneres Handwerk. Er trägt einen seidenen Anzug - die Extravaganz des Stehkragens - im Stil der Übungskleidung für innere Arbeit -Liàn gōng fú; inspiriert von Wabi-Sabi. Indigo. Asche. Matter Sand. Der Schnitt ist nicht geometrisch perfekt, sondern ausgewogen in der Asymmetrie - wie das Leben selbst. Aslan bekennt sich so zu einer poetischen Ästhetik. Wabi-Sabi ist kein Designstil im westlichen Sinne, sondern eine japanische Weltsicht. Sie feiert das Schlichte, das Unvollkommene, das Vergängliche. Schönheit liegt nicht im Glatten, nicht im Glanz, sondern im leicht Brüchigen.

Wabi verweist auf das Genügen in der Stille; Sabi auf das Vergehen. In der Hand hält der Philologe einen abgegriffenen und verblichenen Fächer mit der getuschten Aufschrift: 真氣 - Zhen Qi. Er hält ihn so, dass Aiko das Signal erkennt. Sie fragt sich, wann und wo er sich selbst befriedigt hat. Er ist seit Stunden in der Oase.

Die Zuhörerinnen bilden einen Halbkreis.

„Im klassischen Daoismus heißt es: Zhen Qi erhebt den Menschen. Es ist nicht gemacht - es ist erkannt."

Aslan steht jetzt vor Aiko, spricht aber in den Raum.

„Ihr denkt vielleicht, Zhen Qi sei eine besondere Energie, ein Ziel. Aber Zhen Qi ist kein Zustand, sondern ein Verhältnis. Ein Verhältnis von Innen und Außen, von Wille und Hingabe. Von Absicht und Loslassen."

Er hebt die Hand, zeigt auf sein Herz.

„Wenn wir üben, egal ob Qigong oder Taiji, geht es stets darum, die fremden Impulse auszuleiten und das Wahre freizulegen. Zhen Qi ist das, was bleibt, wenn nichts mehr stört."

*

Sein Blick, als sie im Dōjō zum ersten Mal eine Form nicht nur ausführte, sondern war - das Bild erschien plötzlich vor ihrem geistigen Auge. Sein Gesicht im Halbschatten. Die feine Falte zwischen den Brauen, die seine Konzentration anzeigte. Und dann ein kaum merkliches Nicken, das Lob bedeutete.

Turning Danger into Performance – Spottselig

Virgil meldet sich aus Boston. Nackt bis auf die Shorts sitzt er im Lotussitz auf seinem Hotelbett. Alles an ihm ist Wille und Leidenschaft und jetzt auch, da er in Alisas Augen sieht, aufschäumende Liebe. „Meine Süße“, beschwert er sich. „Du hast zu viel an.“

Sofort schlüpfe ich aus meinen Sachen bis auf die Unterwäsche.

„Mein Schatz“, spotte ich selig, „ist es so besser?“

„Viel besser.“

Ich kenne diesen Blick. Das ist seine kleine Spiel-Aufforderung an mich. Also knie ich mit leicht gespreizten Beinen auf unserem Bett und rahme meinen Busen mit den Armen. „Gefalle ich dir so, Liebster?“

„Du kennst die Antwort, meine Süße. Da geht aber noch mehr.“

Ich biete ihm noch was und halte irgendwann schwer an mich.

„Ja, da war schon was viel Brauchbares dabei. Diese Form klappt schon ganz gut.“

Seine Augen blitzen jetzt schelmisch-liebevoll, auf und ich lache endlich befreit los. Er genießt meine Freude. Meine Liebe zu ihm lässt mich wieder einmal ganz hingebungsvoll werden, und wir wenden uns lustvoll einander zu, ohne Pose. Wir begehren einander. Der Zoom ist auf unseren Gesichtern, wir schauen uns in die Augen. Ich berühre mich vor seinen Augen. Er berührt sich vor meinen Augen. Ich sehe ihn und er sieht mich kommen. Es ist wie ein Versprechen.

„Ich kann es kaum erwarten, bis du wieder bei mir bist“, sage ich.

Das reicht ihm nicht. Ich sehe es, sehe den Hunger, das Brennende. 

„Ja, ich bleibe bei dir,“ sage ich feierlich. 

Er strahlt mich an, sein Glück berührt mich wie eine Hand.

Qi-Quickie und mythische Intimität

Ah ... ich liebe diese Szene mit dem sinnlichen Kuss im lichten Liebesmoment dieser beiden Glückspilze!“ N.

*

„Eine märchenhaft schöne Szene ist das, lieber T. ‚Qi ist Liebe in Bewegung‘.“ N.

Das Licht und die Unterwelt – Eine Szene aus dem Rahmengeschehen

Das war kein gewöhnliches Begehren. Es war ein Echo aus früherem Leben  - oder ein Versprechen, das die Zukunft gab. Ein kosmischer Strom der Lust drohte mich zu zerreißen ... ich erzähle dir die Geschichte als düster-modernes Märchen, in dem sich Mythen, Begierde und intellektuelle Obsession verweben.

Während das erste Tageslicht feindlich durch Ritzen rann und sich der müd gefeierten Gesellschaft aufzwang, blieb Malia noch in einem beinah transzendentalen Rausch. Sie schwankte zwischen Ekstase und Erlösung – und zwar immer noch nach der Agenda einer Techno-Diktatur, die sich in den Körpern und Seelen der abgerockten Pilgerinnen herrschaftlich auswirkte. Endlich zog sie sich in eine Lounge-Ecke zurück.

Sie verkroch sich in einem kolossalen Fauteuil, vor hundert Jahren gebaut für die Ewigkeit. Die Absonderungen schweißnasser Haut so wie schaler Parfumarmomen unterlegten sich Malias Reflexionen der vorangegangenen Stunden. Sie vernahm seine Stimme, Agravain hatte sie gefunden. Das Timbre genügte, um Malia klarzumachen, dass er vor Verlangen glühte.

Der Club hatte sich geleert, nur noch ein paar sinnlos krasse Madmax-Retro-Regressive irrlichterten auf der Tanzfläche. Agravain half Malia auf und führte sie in eine sakrale Stille. Da erst fiel ihr auf, wie lange sie schon einen Moment der Ruhe entbehrte. Die Körper fanden zueinander in ewiger Zwiesprache.

Agravains Beschwörungen drangen in Malias Träume. Sie nahm sanft seine Hand. „Jede Berührung, jeder Kuss von dir ist ein Zauber, und jede Ekstase, die ich dir verdanke, und jeder Moment der Hingabe, zu dem du mich veranlasst, ist eine Manifestation unserer gemeinsamen Kraft. Wir erfahren nicht nur Lust, sondern die Energie der Welt - und ich will mehr davon, mehr von dem, was jenseits des Gewöhnlichen liegt.“

Agravain lächelte wie noch nie. In seinem Blick lag Ehrfurcht.

„Malia, du hast die Gabe, das kosmische Spiel neu zu entfachen“, verkündete er, während er seine Kraft einfach auf sie übertrug.

„Danke. Ich spüre, wie sich die Energien in mir aufbauen“, verkündete Malia nicht weniger schlicht.

„Ich bin bereit, dir zu beweisen, dass ich der Schöpfer bin, den du vom Universum für dich persönlich erbeten hast“, erklärte Agravain.

„Dann bin ich die Geliebte, die du brauchst, um titanisch zu sein.“

Malia wollte das Licht sein und die Unterwelt. Und niemand verstand das besser als Agravain.

Turning Danger into Performance – Mystische Energien und kosmische Eruptionen

„Der Edle lässt das, was er nicht versteht, ... beiseite. Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande." Konfuzius

*

Das erzählende Kind taucht in den Seerosentümpeln des magischen Denkens. Es knüpft an die eigenen Vorstellungen hochgespannte Erwartungen. Die Wirklichkeitserträge der Erwachsenen erscheinen ihm lächerlich.

*

"Do not try to fight a Puma if you're not one yourself." Linford Christie

*

"Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic." Arthur C. Clarke

Alisa

Sina - barfuß, bauchfrei, bronziert - lachte aufreizend laut und beugte sich über das improvisierte Buffet, als wolle sie der Gemeinschaft ihren Hintern vorführen. Sie streifte Fruchtfleisch von einem Spieß und leckte sich die Finger. Alisa beobachtete sie mit einer Mischung aus Amüsement und Missbilligung.

„Süß, wie du isst“, sagte sie giftig. „Wie ein Kind mit Appetit auf Applaus.“

Sina grinste in ihr Dekolletee.

„Du bist bloß sauer, weil du weißt, dass Virgil sich sehr gern mit mir unterhält, obwohl ich doch so wenig zu sagen habe, wie alle wissen.“

Die Luft flirrte. Jemand drehte die Musik lauter. Kinder kreischten. Alisa nippte an einem alkoholfreien Drink, so wie die meisten Besucherinnen des Hofladenfestes. Kurz überließ sie sich einer sommerlichen Gedankenlosigkeit.

In unbegreiflichen Prozessen schwarmintelligenter Zuwendung war Sinas Hinterhofladen zur weit und breit beliebtesten Gemütlichkeitskeimzelle avanciert. Vor Jahren hatte jemand die Pergola, den Rosenbogen und einen Zaun in den Raum gestellt, das Gitterwerk mit einer Kletterhortensie basisbegrünt und mit einer durchblühenden Kletterrose gepimpt. Inzwischen dramatisierten Blaue Prunkwinden, Schwarzäugige Susannen (Thunbergia alata) und ostindische Kirschen das Arrangement. Die Kulisse diente vorläufig geklärten Verhältnissen mit Sandkasten, Hüpfburg, Schaukel, Windeltisch und Kinderwagenparkplätzen als Hintergrund.

Summend schalteten sich Lichterketten ein. Schon wieder Abend. Alisa assoziierte mit dem Arrangement elektrische Glühwürmchen. Sie trat unter die Ranken, das Smartphone in der Hand. Das Display schimmerte. Sie beobachtete das Feld der Verführung. In einem Augenblick verschwammen die Akteure in einem Wimmelbild. Alisa halluzinierte Spiralen, irisierende Muster. Sie evozierte Rotationen des Begehrens, das stete Spiel aus Nachahmung, Täuschung und Triumph.

In Sinas Küche rivalisierten Diana und Malia. Sie trugen kaum das Nötigste im ewigen Sommer. Der Hausherr saß wie ausgeladen auf der Fensterbank. Trotzdem behielt er den Überblick. Die Generationsbesten haben längst ihre zwei Kinder und noch immer den ersten Mann. Der körperliche Abbau tarnte sich mit Lässigkeit, die Röcke wurden kürzer mit jedem Jahr über dreißig. Zweiunddreißigjährige verkleinerten die Maschen ihrer Netze und schmissen nicht mehr jeden knurrenden Zwerggurami oder Erbsenkugelfisch oder Blutsalmler gleich zurück in die Rinnsteinpfütze.

Sie ergründeten die Hierarchien in den Regierungsbezirken ihrer Stammitaliener und Lieblingsgriechen. Sie flirteten mit dem Personal, spielten beflissen mit in Kellnerkomödien. Sie waren reif für die Schmiere und das Knallchargenprogramm. Ihre Männer kamen spät, Familien und Freunde tummelten sich abends auf glühend heißen Gassen. Man prostete sich vor Jonnas kindgerechter Kneipe zu oder traf sich auf einen Wein im kinderfreundlichen Biergarten des Esoterikers Halif. Oder man begegnete sich vor der malerischen Pissrinne von Gretes Schwarzburg Zweiundachtzig.

Malia

Die Herren von Loss vertraten Waldecker Interessen bis zur Fehde. Allerdings waren sie nicht bereit, sich gegen einen Landgrafen von Hessen aufzulehnen. 1408 öffnete Johann von Loss die Unterlossburg Hermann II. von Hessen als Zuflucht in arger Bedrängnis. Zum Dank erhielt er Ederthal zum Lehen und außerdem das Schloss Neukirchen, indem es seither spukt. Gerda von Loss war die letzte Mater des 1530 wegen Reformation abgesperrten Augustinerinnenklosters Fritzlar. 

Malia meditierte in dem vertrauten Dōjō, in dem die Echos der Kommandos, Ermahnungen und Ermutigungen für sie in der Luft lagen. Eine andere hätte gewiss nichts vernommen in der Stille mit ihren Staubspiralen in Regenbogenfarben, aber für Malia war der Raum selbst eine Erfahrung. Hier hatte sie Disziplin gelernt und verstanden, dass ihr Verständnis für eine durchgreifende Entwicklung nicht ausreichte. Zeit ihres Lebens hatte sie einen Weg gesucht und nun war sie angekommen auf ihrem Weg, den Agravain vorzeichnete. Die Kombination von Lust und Lernen wirkte wie ein Treiber.

Dies war nicht nur ein Raum der Disziplin, sondern ein Zufluchtsort, an dem Malia wieder und wieder zu sich selbst fand. Plötzlich empfand sie ein Erwachen in sich wie noch nie. Ihr öffnete sich das Universum in einem Wahrnehmungsrauch.

Zum ersten Mal erlebte Malia ein Gefühl, das alle Grenzen auflöste und in einem einzigen überwältigenden Gefühl der All-Einheit kulminierte und explodierte. In einem Augenblick, in dem Zeit und Raum ihre gewohnten Formen verloren, fühlte sich Malia befreit. Ein Gefühl des reinen Seins überkam sie. Auch sie war gesegnet mit Schönheit und zu absoluter Erkenntnis befähigt. Dieses spirituelle Erwachen, erlebt auch als innerlich hochschießende Feuerlohe, verflüchtigte sich gleich wieder. Die Erinnerung an die Illumination brannte weiter im sinnlichen Dauerfeuer, das Malia in der Präsenz ihres Meisters empfand. War das die mystische Energie, freigesetzt in einer kosmischen Eruption, von der auf Spaziergängen schon die Rede war? Malia war, als ob ihre körperliche Leidenschaft den Weg freigemacht hätte für eine Einladung, ohne Angst und Zweifel die Unendlichkeit ihrer eigenen Essenz zur Kenntnis zu nehmen.

Turning Danger into Performance – Successful Failure 

„Ah, deine Worte, die sind einfach auch so eine Seligkeit... ah, ja, das ist besonders schön! Das ‚Lebensspiel‘ ist so vielfältig. Wenn man es zusammen exploriert, taucht ja alles mögliche auf im Innen und Außen...“ M.

*

„Lieber T., Dankeschön, ah, wie zärtlich und wunderschön innig das zu lesen ist... deine Erzählmedizin tut mir sehr, sehr gut, aus diesem Garten mit Seele und Geheimnis, mit dem Duft von Jasmin und Wacholder.“ A.  

Sexueller Notdienst

„As I was walking that ribbon of highway / I saw above me that endless skyway: I saw below me that golden valley: This land was made for you and me.” Woody Guthrie

New York 1961. Die Hipster treten ab. The Conquest of Cool zieht nicht mehr. Cool (im Sinn von eingefroren) waren die süchtigen Seemänner in den Automatencafés. Cool war Jazz. William Seward Burroughs sitzt in Mexiko einen Haftbefehl aus. Als man ihm erzählt, in den Staaten seien Drogen inzwischen auf Schulhöfen angekommen, kann er das nicht glauben.

„Kinder fallen in einer Vernehmung doch sofort um.“

Amerika entspannt im New Yorker Village. Robert Zimmerman trifft ein. Noch tritt er nicht als Bob Dylan auf. Erste Auftritte in einem Basket House. Im Gaslight Cafe spielen Musiker ohne Gage. Nach der Show kursiert ein Hut im Schankraum. Zimmerman begegnet einem musikalischen Matrosen der niederländischen Handelsmarine. Der Mann nennt sich Brasil Damon. Er übernachtet bei Freunden auf der Gästecouch. Die Couch zählt zu den festen Einrichtungen in Kreisen des karitativen Folk. Die Kreise rekrutieren sich aus Akademikern, die Volksmusik reizvoll finden. Die Musik liefert den Soundtrack zu einem sexuellen Notdienst. Lauter Frustrierte erscheinen als verfrühte Woody-Allen-Figuren. Wie anders Vernons Gegenwart ist, erkennt er auch daran, dass Woody Allen nicht mehr geht. Woody Allen funktionierte fast ein halbes Jahrhundert als kleinster gemeinsamer Nenner. Seine Filme bebilderten altruistischen Sex in einem Bonobo-Academia.

Die schlechtesten Nummern der Welt werden auf der Besuchercouch geschoben. Leute, die sich in kontinentaleuropäischen Gesellschaften siezen würden, duzen sich geschlechtlich mit dem guten Willen eines im Garten des Dekans grillenden Kollegiums.

Successful Failure

Am 11. April 1970 explodiert dreihunderttausend Kilometer über der Erde ein Sauerstofftank. Die Besatzung von Apollo 13 kontaktiert per Funk Capcom (Capsule Communicator) Jack R. Lousma im Christopher C. Kraft Jr. Mission Control Center. Jim Lovell sagt seinen berühmten Satz: „Houston, wir haben ein Problem.“

Der Kommandant spricht später von einem „erfolgreichen Fehlschlag“. 

Die paradoxe Formulierung spielt auf den Raumfahrtslogan „Versagen ist keine Option“ an.

Wer Texas im Herzen trägt, weiß das. Von irgendwo aus dem Nirgendwo kommend, strandet Vernon am 11. April 2023 in Houston. Der Anschlussflug fällt aus, der in Deutschland an der Ederthaler Landgraf Philipps Universität lehrende Texaner sitzt auf dem Flughafen fest. Ein New Yorker geht Vernon mit seinen Beschwerden auf die Nerven. Er will nicht mit dem exaltierten Yankee in einen Topf geworfen werden. Er braucht keine Extrawurst, kein Mitleid und keinen Beistand. Eine Nacht auf dem Flughafen kann Vernon notfalls auch auf einem Bein durchstehen. Er versucht, Diana zu erreichen. Sie reagiert nicht. Wir wissen weshalb. 

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„Wenn der Abend hereinbrach, wurde die erleuchtete Stadt zur Metropole, mit hohen Drehhockern in jedem Lokal.“ Clarice Lispector

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„Meine einzige Identität ist die des Schreibens.“ Imre Kertész

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„Die Schönheit der Formulierung eines barbarischen Tatbestands enthält Hoffnung auf die Utopie.“ Bertolt Brecht

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Die realsozialistisch-ungarische Kritik verfolgte Imre Kertész mit Hass, „man zog seinen Namen in den Dreck“ (Péter Esterházy). Kertész antwortete sich: „Ich, das ist eine hilflos im Honig ertrinkende Fliege.“

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„Der Ausdruck literarische Beiträge hat mir nicht gefallen, ich bin nämlich gerade in einer Phase, in dem sich mir bei dem Wort Literatur das Fell sträubt.“ Clarice Lispector am 24. Februar 1968 in einer Reaktion auf einen Leserinnenbrief, in dem von „der Schönheit ihrer literarischen Beiträge“ die Rede ist.

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„Ich kniete mich vor das Tier. Die Sau ruckte und bockte." Bill Buford, „Dreck”

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 Antike Autoren waren nicht der Meinung, dass sie ihre Götter entehrten, indem sie in ihren Werken raubend, brandschatzend und mordend darstellten. Ein Gedanke nach Thomas Hobbes

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„Von berühmten Eltern abzustammen ist ehrenhaft ... umgekehrt ist es unehrenhaft, von unbekannten Eltern abzustammen.“ Thomas Hobbes

The Core Concept of Life

Cornelius von Pechstein denkt über diesen Satz nach, um seine Erregung ... das Licht der Lust zu dimmen. Seine Muskeln krampfen vor Wonne, während Diana an seinen Lippen hängt. Etwas, dass an der Unmittelbarkeit einer Empfindung rührt ...  

„Zieh deinen Slip aus und gib ihn mir“, verlangt Cornelius.

„Kannst du Gedanken lesen?“ fragt Diana, während sie sich beeilt, das Verlangen des Sprachmeisters anzuheizen. Natürlich will sie die schöne Unterwäsche nicht nur ihren Steiff Tieren zeigen. Cornelius kassiert das Höschen mit grandioser Selbstherrlichkeit. So als würde ihm jeden Tag ein Teil aus der weiblichen Intimabteilung ausgehändigt.

„Meine kleine Taube“, sagt er gerührt.  

Dianas genitaler Puls beschleunigt sich. Sie sitzt in einer Achterbahn der Lust und doch nur in einem klotzigen Fauteuil. Cornelius bittet sie, die Beine zu spreizen, soweit es der Rock zulässt. Sie ist so kurz vor einem Orgasmus, dass sie kaum noch weiß, wo sie sich lassen soll.

Später

Sie spürt sein Misstrauen, fast ein Unbehagen, und sie kennt den Grund. Er fragt sich, wie ehrlich sie ihm begegnet. Es könnte nur eine Rolle sein, die sie spielt, solange es ihr gefällt, ... Das wäre zu wenig. Dann wäre das wieder nur ein Spiel, bei dem ihre Imaginationskraft die Hauptlast trägt.

Cornelius streicht über die Innenseiten ihrer Schenkel, sondiert das Terrain, nimmt es in Augenschein. Er stimuliert ihre Klitoris und bestreicht dann mit den Fingerspitzen ihre Lippen. Er lässt sie ihren eigenen Geschmack kosten. Ihre Zunge schnellt vor und umschmeichelt den dargebotenen Zeigefinger, dann den zweiten, den Mittelfinger. Sie stöhnt auf, wie auf ein Stichwort hin. Das gehört zu ihrer Rolle.  

Unter der Dusche

Cornelius ist gut in Form und außergewöhnlich gut ausgestattet. Diana ist hübsch, er ist schön. Sie seift ihn ein. Sein Schwanz erigiert bei der ersten Berührung. Ermutigt stimuliert Diana den Schaft.  

Seelischer Muskelschwund

Stéphane Mallarmé unterscheidet Dichter, die Menschen, Dinge und Szenen beschreiben, von denen, die sich für die Frage qu‘est-ce que ça veut dire - was bedeutet das? interessieren. Die Frage entspricht einem oppositionellen Reflex. Das Gespräch über die Psychologie der Dinge ist ein Produkt der Absonderung. Der Künstler verliert im 19. Jahrhundert seinen bürgerlichen Anker. Als Flaneur wird er zum brillanten Paria. Er hasst die Bourgeoisie, deren Geschöpf er dennoch bleibt. Er verachtet den sozialen Motor der Industrialisierung. Er besteht auf l‘art pour l‘art. Er führt sein Leben nahezu erschütterungsfrei. Globale Umwälzungen berühren ihn. Diana lebt in diesem Zustand auch noch weit über hundert Jahre später.  Für sie ist jede sexuelle Interaktion so schön wie die Erzählung, die den Akt krönt. Überall lauern die Fallstricke des Mechanischen. Ein falsches Wort, dessen Redundanz verrät, wie unverbindlich der Sprecher auf den Punkt kommt, verkürzt die erotische Startbahn, so dass Diana nicht abheben kann.

Ben kommt mit seiner eigenen, gut versteckten und selten herausgeforderten Unzulänglichkeit nicht klar. Seine Frau hat einen Sohn mit einem anderen Mann. Sie arbeitet in der Firma des Vaters des Kindes. Ben hätte sich gern in Academia versteckt. Die intellektuelle Welt als Hort der Inkompetenz. Dafür hat es nicht gereicht. Ben arrangiert alles geschickt. In der Perfektion seiner Arrangements ist er sich zu seiner eigenen Leidenschaft geworden. Er geht spazieren, wenn andere mit geplatzten Rohren und anderen Alltagsproblemen zu kämpfen haben. Sein vermeidender Lebensstil führt zu seelischem Muskelschwund. 

Ben besitzt ein Ferienhaus mit Wintergarten im Kellerwald. Ab und zu nutzen Diana und Ben das Refugium für eine erotische Séance. Es gefällt Diana, sich in einem Ensemble von Kübeln wie auf einem klassischen Tatort-Drehort zu präsentieren. Ben darf sie erst einmal nicht anfassen. Er darf aber seiner sexuellen Frustration Ausdruck verleihen und die Unerreichbare anschmachten. Diana trägt ein schwarzes Seidenkleid und schwarze Dessous. Keine Reizwäsche, sondern die bürgerliche Variante für den Geschäftsverkehr. An Ben reizt sie nichts mehr als seine gierige Ergebenheit. Nach einer ausgefeilten Choreografie lässt sie ihn übers Stöckchen springen. Sag Abrakadabra. Sag Simsalambim. Das kann jedes Kind. Und im Gegenzug darf mein Liebling die Schokolade direkt aus meinem Bauchnabel lecken. Ich präsentiere dir das Design meiner Intimfrisur, du musst nur noch ein paar Mal Abrakadabra und Simsalabim sagen.  

Turning Danger into Performance – Im Hochofen des Augenblicks

Endlich wollte sie Aslan eine Bitte vortragen - eine Bitte, die ihr Herz schneller schlagen ließ und ihre Sinne schier unerträglich reizte. Aiko trug einen wertvollen Seidenkimono, dessen Bahnen schimmerten und ihre Figur betonten. Ihre Augen funkelten vor Entschlossenheit und Verlangen. Mit einer Mischung aus vertrauter Scheu und neuem Mut nahm sie Aslans markantes Wesen in sich auf. Sie konnte sich an ihm nicht sattsehen. Die komprimierte Kraft erregte sie. Sie entledigte sich ihres Kimonos.

Aiko ließ ihre Hände über das massive Rumpfrelief gleiten. Ihre Berührungen waren zärtlich und bestimmt zugleich - ein stetes Abtasten der tiefen Verbindung, die sie beide jenseits des Physischen sicherte. Ihre Zunge erforschte den Weltraum ihrer eigenen Lust. Ihr war, als hätte es vor Aslan für sie nie einen anderen Mann gegeben. Sein Dasein annullierte die Halbherzigkeiten, mit denen sich seine Vorgänger über die Runden gerettet hatten. Ihre Küsse besiegelten den Schwur zwischen Meister und Schülerin.

Der Austausch war weit mehr als körperliches Vergnügen. Es war ein Fest gegenseitiger, respektvoller Hingabe. Jede Berührung bestätigte die Einheit. In der Umarmung fusionierten Präzision und Disziplin mit Sinnlichkeit. Vertrauen und Leidenschaft trafen ideal aufeinander. Jedes Gefühl direkt, unerschrocken und echt zur Sprache kommen zu lassen - das war noch nur ein Versprechen.  

„Aslan“, jubilierte Aiko, während ihre Zunge den Schaft bestrich. Aslan flocht ihr Haar spielerisch zu einem Pferdeschwanz.

„Was möchtest du mir sagen.“

„Ich...“, Aikos Stimme vibrierte vor Lust, „möchte, dass du heute etwas Neues mit mir wagst. Etwas, das unsere Verbindung noch intensiver macht.“

„Ich wünsche mir, dass du... „, hauchte Aiko, mutig gemacht von einem brennenden Ersehnen. Es war ein Wunsch, der das Körperliche übertraf und sie in eine neue Umlaufbahn der Intimität katapultieren würde. Aslan ließ sich Zeit mit seiner Antwort. In diesem Moment las er in Aikos Augen die wahre Essenz ihres Begehrens: die vollkommene Hingabe, das grenzenlose Vertrauen in seine Führung und den unbedingten Willen, gemeinsam tief einzutauchen und hoch aufzusteigen. Wie auch immer.

Aikos Bitte war angekommen und im Hochofen des Augenblicks mündete ihre Sehnsucht in einem sinnlichen Manöver, das beide auf das Hochplateau einer neuen Erfahrung beförderte.

Zwei Wochen später

Ein Graureiher schwieg reglos im Fluss. Ein Eisvogel schoss über den Spiegel, ein blitzender Splitter aus Azur und Kupfer. Das kaum kniehohe Wasser schimmerte effektvoll, es spiegelte flirrende Hitze. Kleine Wirbel, flüchtige Signaturen der Strömung, bildeten sich hinter polierten Kieseln, die in einem von Schieferplatten unterbrochenen Buntsandsteinbett lagen. Der Bundsandstein markierte eine Zeit vor mehr als 240 Millionen Jahren, als das Edertal ein Wüstenbecken der Trias war. Die Schieferformationen bezeugten das Devon und waren fast doppelt so alt. Sie erzählten von einer ozeanischen Totalität voller Korallenriffe, Ammoniten und Panzerfischen.

Wüste, Meer und eine Zwischenzeit von 160 Millionen Jahre. Das Tal verdankte sich keiner Gletscherformung, sondern einem älteren Erosionsgeschehen. Aiko hatte sich am Vortag mit der Vermutung vorgewagt, das Edertal sei in der letzten Eiszeit (Würm-Kaltzeit, vor ca. 115.000 - 11.700 Jahren) entstanden. Beinah peinlich fand sie die Belehrung des allwissenden Turko-Texaners Aslan Coogan, seines Zeichens Dozent an der Ederthaler Landgraf Philipp Universität. Während der letzten Eiszeit lag Nordhessen am Rand des Eisschilds. Damals herrschten Periglazial-Bedingungen - Frostwechsel, Schuttflure, Schmelzwasser, Lössablagerungen.

Für Aiko war Aslan ein Wissender und ein Erwachter. Sie behalf sich mit einem Jargon aus dem Esoterik-Discounter und einer eher fadenscheinigen Argumentation, auch um die Absichten ihres Mentors vor sich selbst zu verschleiern. Es ging nicht darum, dass Aslans Interesse an Aiko so wenig vornehm war wie das Interesse anderer Männer.

Die Monotonie der Verehrungsgesänge. Das war alles furchtbar langweilig. Aslans Spielräume erlaubten es Aiko, in ihm einen besonderen Mann zu sehen. Er schenkte ihr einen neuen Blick auf die Welt. Die Kiesel unter ihren Sohlen waren Archive des Klimas, geschliffen von Zeit. In Aslans Gegenwart realisierte Aiko erdgeschichtliche Ausblicke, die ihr bis beinah heute an Ort und Stelle stets entgangen waren. Dabei war das gar nicht Aslans Thema.  

„Schau, Aiko, alles beginnt mit der Spinal Wave. Das ist die älteste Bewegung der Menschheit. Vor 400 Millionen Jahren hat der Flossenschlag der Fische diese Welle in die Wirbelsäule eingeschrieben. Wir tragen sie noch immer in uns. Ohne sie könnten wir nicht einmal atmen.“

Aiko entgegnete fromm: „Du meinst, diese Welle ist nicht bloß Bewegung, sondern das Grundmuster unseres Daseins?“

Aslan: „Genau.“

Aiko spürte ihre umwerfende Wirkung im Spiegel der Aufmerksamkeit, die Aslan ihr schenkte. Seine Präsenz, die Kraft, das Wissen, das alles rückte sie ins rechte Licht. Aiko war nicht nur akademisch ehrgeizig. Sie würde ihr Potential nicht an einen Mann verschwenden, der ihre Exzellenz nicht wahrnahm. Der Stammbaum ihrer Familie reichte bis in die Hochzeit der Samurai. Sie war mit dem Haus Tokugawa verwandt. Das berühmteste und einflussreichste japanische Shogunat wurde 1603 von Tokugawa Ieyasu gegründet und regierte Japan über 250 Jahre lang bis zur Meiji-Restauration im Jahr 1868. In den Glanzzeiten des japanischen Adels waren ihre Vorgänger bei jedem kaiserlichen Großereignisse geladen. Ihr Klan gehörte zu den ewigen Herrenständen. Und doch hatte Aiko die Belehrungen eines Nicht-Japaners in den japanischen Künsten nötig.

Im Dōjō

Aiko spürte Aslans Atem in ihrem Nacken, obwohl er sich längst weiterbewegt hatte – mit der Effizienz eines Luftzugs. Der Moment in ihrem Rücken erschien Aiko wie eine Verheißung in dem von Licht gefluteten, holzgetäfelten Dōjō, das erst seit ein paar Wochen Schauplatz gemeinsamer Exerzitien war. Bis dahin hat Aslan da allein trainiert und es war Aiko noch nicht einmal gestattet gewesen, ihm dabei zuzusehen. Aslan deutete an, dass sie sich befördert fühlen dürfe. Ihre Initiation schritt voran - sie selbst kam nicht umhin, Fortschritte zu erkennen. Trust the process. Immer besser verstand sie die Bedeutung meisterlicher Führung.

Nachhall
Während sie gemeinsam Techniken ausführten, registrierte Aiko jedes kaum wahrnehmbare Nicken der Zustimmung. Aslans einnehmende Art, sie zu korrigieren, ließ ihr Herz schneller schlagen. Das war mehr als Training - es war ein Qi-Balztanz.

Bebend vor Vorfreude erwartete sie das Unterrichtsende. Sie war bereit, sich der Leidenschaft hinzugeben, die in ihr loderte. Aslans Berührungen waren zärtlich und fordernd zugleich - Aiko wollte jede Nuance seines Begehrens spüren.  

„... die Vorstellung, dass die ersten Menschen in Ekstase badeten, und dass dieser transzendente Sinneszustand der wahre und natürliche sei.“  Roland Paulsen, „Die große Angst. Warum wir uns mehr Sorgen machen als je eine Gesellschaft zuvor“  

Turning Danger into Performance – Sandelholz-Setting und rituelle Fusion

Elena und Marek trafen sich im Künstler-Pavillon am Weg zum Hohen Ufer. Elena atmete den Duft ätherischer Öle und vernahm rieselnde Meditationsklänge. Leidenschaftliche Anhänger der Qi-Erotik weihten sich der kollaborierenden Körper- und Seelenpflege. Das Erwecken und Harmonisieren der Lust verstanden sie als Lebenskraftgeschenke. Angeleitet wurden sie von einer angeblich international renommierten Expertin namens Park Seo-Yoon. Die Yogini bestand auf die förmliche Anrede Park Sabu-nim – Meisterin Park. Sie war in ihren Vierzigern und sah aus wie Anfang dreißig.  

Das war kein hysterischer Aussteigerkult, sondern eine exklusive und im Übrigen auch verschwiegene Gemeinschaft; Macher und Macherinnen im Stadium der abfallenden Leistungskurve, 50 plus, gut situiert, rational im Alltag, die sich der spirituellen Führerin unterwarfen, sie wie eine Göttin anbeteten und sie ehrfurchtsvoll in ihren Häusern empfingen – für einen energetischen Extraschnapp. Meisterin Parks Spezialität war die Heilung von Erektionsstörungen. Mit ihrer Hilfe erlebten die Probanden vollmundig-jugendliche Orgasmen. Die Vitalisierung war eine legale Droge.    

Die Adoranten wollten sich ihre Jugend zurückkaufen und merkten nicht, dass sie ausgesaugt wurden.

Park Sabu-nim, im Folgenden nenne ich sie Seo-Yoon, besaß die Aura einer Erleuchteten, die ihre irdische Tüchtigkeit nicht verloren hatte. Es war die Ausstrahlung einer Shuttle-Pilotin, der man sich ohne Zögern bei einem Weltraumflug anvertrauen würde.  

Die Kriminalbeamtin Elena hielt sich für eine Verbrecherin. Sie ging fremd, wie sie glaubte, aus freien Stücken, während sie in Wahrheit von einem Dämon in Besitz genommen worden war. Schritt für Schritt wiederholte sie das Schicksal ihrer vor vielen Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen Zwillingsschwester – dirigiert von einem Psychopathen in der Maske des mehrfach ausgezeichneten Bestsellerautors. Er tat, was er tat, nicht um darüber zu schreiben. Die ungemein überzeugenden Detailschilderungen waren ein Surplus.    

Ahrenshoop bot Marek die perfekte Kulisse. Der semi-mondäne Badeort an der Ostsee hatte eine sagenhafte Vergangenheit und eine vage Gegenwart als Künstlerkolonie. Der Pavillon mit Meerblick, das Schreibworkshopgewese in einem ehemaligen FDGB-Ferienheim – all das tarnte Mareks monströse Natur perfekt. Seo-Yoon und Marek waren Komplizen. Perfekt camoufliert als Illuminierte, fischten sie einvernehmlich im Trüben. Die Meisterin nahm sich der Neuen vorgeblich fürsorglich an. Sie absolvierte den Parcours einer zuverlässigen Überwältigungsroutine. Es ging doch immer nur darum, jemanden zu entriegeln und ihn in den Raum der eigenen Lust zu führen. Seo-Yoon erfasste bei jedem Menschen intuitiv den sexuellen Knackpunkt. Sie wusste, was im Weiteren zu tun war. Das war also keine Scharlatanerie. Marek beobachtete Elena, mit dem Blick eines Prädators, der zusieht, wie seine Beute sich freiwillig ihrer Mittel zur Gegenwehr entledigt. Das war ein magischer Vorgang und ganz bestimmt der spannendste Moment des Spiels. Elenas polizeilicher Kontrollinstinkt versagte auf der ganzen Linie.

Seo-Yoon und Marek waren Raubtiere derselben Gattung. Zwei Vampire, die sich mit fremder Lebenskraft mästeten. Elena war die ultimative Trophäe. Gewohnheitsmäßig und zugleich merkwürdig benommen prägte sie sich die Züge der Heilerin ein. Ein ovales Gesicht, ein kunstvoll-locker gesteckter, schwarzseidiger Dutt, der von einer Jadenadel gehalten wurde. Seo-Yoons Kleidung entsprach einer modernen und luxuriösen Interpretation asiatischer Ästhetik. Ein fließendes Ensemble aus Seide und Leinen in Salbeigrün.  

Sie begannen mit kontemplativem Aufwärmen. Sie atmeten synchron und dehnten sich gegenseitig mit einem erotischen Fokus. Alles diente einer zunächst verhaltenen Lust, die ihre Körper in einen Zustand gesteigerter Wahrnehmungsfähigkeit versetzte. Ihre Blicke begegneten sich in Augenblicken der Stille. In ihrem stummen Dialog nahmen sie einander als Seelenspiegel wahr. Während der Asanas verschmolzen ihre Bewegungen. Sie erlebten (in der Konsequenz einer Suggestion) die stärkste Verbundenheit, die sie jemals mit anderen Menschen erlebt hatten. Jeder Atemzug, jedes behutsame Strecken und Beugen richtete ihre Aufmerksamkeit tiefer auf das, was ihnen die gemeinsame (vermeintliche) Qi-Ernte gewährte.

Schließlich führte ihre Begegnung sie in einen Zustand, den sie als Auslese ihrer gemeinsamen Qi-Produktion empfanden. Der Liebesschlaf war nie bloß körperliche Vereinigung, sondern stets mythische Intimität und rituelle Fusion von Körper, Geist und Seele. 

Marek achtete darauf, dass seine Geliebte vom allgemeinen Partnertausch nicht erfasst wurden. Wieder und wieder entzog er die somnambule, wenn nicht hypnotisierte Elena den handfesten Avancen diskret enthemmter Silverager. Widerstandslos akzeptierte sie den halböffentlichen Rahmen.

„Ihr dürft alle nach Herzenslust kommen“, rief Seo-Yoon wieder und wieder. „Ihr seid im Himmel eurer Lust, lasst euch bitte alle gehen.“   

Liebe Leserinnen und Leser,

schiere Fabulierlust zwingt mich dazu, weit auszuholen. Im Kern geht es um die nordhessische Kriminalkommissarin Elena Steinbrenner, die in dem mecklenburgisch-vorpommerischen Ferienkaff Ahrenshoop an einem Schreibworkshop teilnimmt.

Ahrenshoop lag lange genau an der Grenze zwischen Mecklenburg und Pommern (Vorpommern) auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Ein örtlicher „Grenzweg“ erinnert daran. Der Hauptteil des heutigen Ortes gehörte früher zu Pommern, während einige westliche Bereiche zu Mecklenburg zählten. Verwaltungstechnisch wird Ahrenshoop nun Vorpommern zugeordnet.

Der Verheirateten dient der Anlass als Vorwand, um dem mehrfach preisgekrönten Bestsellerautor Marek Lorenz unerlaubt nahe zu kommen. Sie hält sich für die verbrecherische Verführerin, während in Wahrheit der smarte Psychopath das verbotene Verhältnis infam-geschickt in die Wege leitete. Marek ist ein Menschenfischer der übelsten Sorte. Er hat schon Elenas vor Jahren mysteriös ums Leben gekommene Zwillingsschwester Alina in der Liebhaberrolle manipuliert. Warum es nicht frank und frei herausposaunen? Er hat die andere Elena auf dem Gewissen.

Mareks Masche

Wobei … Gewissen passt nicht. Das Wort setzt eine Moral voraus, die Marek fremd ist. Er hat Alina nicht einfach umgebracht. Er hat sie ausgehöhlt und ausgesaugt und aus ihrem letalen Niedergang einen Bestseller gemacht. Marek genießt seine Grausamkeiten auf mehreren Ebenen. Er mixt sich Highballs der Skrupellosigkeit. Seine Gerissenheit erscheint ihm als göttliche Gabe. Besonders weidet er sich an der Ahnungslosigkeit seiner Opfer.

Marek münzt verbürgten Schmerz in brillante Fiktion um. Am Abend vor der Eröffnung des Workshops liest Marek im Kultur-Pavillon am Weg zum Hohen Ufer vor einem großen Auditorium aus dem „Tagebuch“ einer Frau, die Alinas Passionsweg auf den letzten Metern bis zum Tod dokumentiert. Sein Text kolportiert Alinas Verzweiflungsnotate. Marek hat ihr Diary in einem Allmachtrausch ausgeschlachtet. Für die applaudierende Öffentlichkeit ist es Kunst. Für Elena sollte es ein Geständnis ein. Allein, sie begreift es nicht. Ihr Herz schlägt bis zum Hals, Elena spürt nur die süße Hitze der Verliebtheit. Während Mareks Stimme sie hypnotisiert, plagt sie das schlechte Gewissen ihrem Ehemann gegenüber. Sie zweifelt daran nicht, aus völlig freien Stücken zu handeln – unfähig zu sehen, dass sie bereits fehlerfrei nach seinem Skript funktioniert.

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Die Kulisse des malerischen Ostseebads Ahrenshoop mit seinen reetgedeckten Häusern, der Steilküste und den skulpturalen Windflüchtern bildet einen perfekten Kontrast zu der psychischen Dunkelheit meines Plots. Ich erzähle jetzt einfach kreuz und quer aus der Umgebung.

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Jumbo hat ständig eine Hand in der Hose, als würde ihm da sonst was fehlen. Luciano Moravias ältester Sohn will bestimmt nicht unmanierlich erscheinen. Seine Posen sind ihm nicht bewusst. Er steht im Zentrum großfamiliärer Obhut wie ein Mastochse angepflockt vor einem Nahrungsüberangebot.

Jumbo ist nicht nur fett und faul, er stinkt auch vor Gleichgültigkeit. Man hat ihn bis zur Formlosigkeit verwöhnt und seiner Eigenständigkeit beraubt. Er verschluckt Laute, sodass die Leute raten müssen, was er gesagt haben könnte, bevor er es selbst vergisst. Nora stört das nicht. Die älteste Tochter des Tillwitzer Bürgermeisters geht bei den Moravias ein und aus.

Tillwitz ist eine Nachbargemeinde von Ahrenshoop, wenn auch nur in dieser Geschichte.

Jumbo spürt Suchtdruck. Er braucht einen Schuss TV. Nicht, dass Sendungen im Nachmittagsprogramm ihn von Langeweile befreien könnten. Er ruft Luca, seinen jüngsten Bruder, er ist zu reduziert, selbst nach der Fernbedienung zu angeln. Lucas peilt die Lage mit einem Blick, der Nora die Knochen poliert.

Luca erkennt das Potential seiner Eltern. Geld findet man in ihrem Haus in jeder Ritze. Eis gibt es rund um die Uhr. Luca amüsiert der träge Sack, den Gott zu seinem ältesten Bruder gemacht hat.

Otfried Vrunt betritt die Trattoria, gerade als Nora an allen vorbei rauschend, sich freiläuft für den nächsten Punkt auf der Agenda des Tages. Sie spricht noch mit ihrem Vater, zumindest erwidert sie seinen Gruß, anders als ihre Schwester Ella, die verstummt, sobald „der Erzeuger“ ihr begegnet. Jeder Versuch, sie einzuspinnen ins Vertraute und die ursprüngliche Gemeinschaft wieder aufleben zu lassen, schlägt fehl. Ella sucht den Skandal. Angeblich belastet sie die Schande, von Otfried abzustammen.

Sorge ist Otfrieds stärkste Empfindung seinen Kindern gegenüber. Er greift in einen Beutel Erdnüsse aus dem Familienvorrat der Moravias. Luciano schlurft pantoffelheldisch an und empfiehlt Spinatgnocchi in Rahmpilzsoße.

Die Isola Bella ist der rotweiß eingedeckte Lieblingsitaliener vieler Ahrenshooper Feriengäste. Die von Plastikkrebsen bevölkerten Fischernetze an der Schankraumdecke suggerieren schwelgerisch einen Stillstand der Zeit und bieten sich an, als letzter Hinweis auf die Capri Fischer Ära gelesen zu werden.

Ab vier steht die Isola Bella allen offen. Maike & Manfred bilden heute die Vorhut. Sie sind gut als Paar. Da Maike mehr verdient, macht Manfred mehr im Haushalt. Er grübelt auch mehr. Er leidet unter Panikattacken, deren Ursachen unergründet in der Kindheit liegen, als nie diagnostizierte Belastungsstörung. Seine Selbstzweifel und die verzögerten psychischen Reaktionen bekämpft er mit Sport.

Maike und Manfred praktizieren Familie mit zwei Kindern. Bis vorgestern waren sie im Urlaub auf Lanzarote. Manfred hat sich da auf dem Rad an seine Grenzen gebracht und jeden Tag ein paar Stunden aus dem System genommen. Während die Familienarbeit ruhte, bedachte er sein Leben. Seine Ressourcen reichen nicht aus. Das weiß er jetzt.  

Er verkleckert kalte Suppe. Seine Frau betrachtet ihn skeptisch.

Er ist der Mann, hinter dem man her wischen müsste, würde man denn wischen. Sie ist eine Tillwitzerin, die es geschafft hat. Maike war Charttechnikerin der Deutschen Bank in London. 

„Gewinne sind immer möglich - es kommt einfach nur auf den richtigen Einstiegszeitpunkt und die passende Strategie an.“ Charttechnikerinnen-Binse

Ein Markt ist entweder oversold oder overbought, nach der ersten Million stieg Maike aus. Jetzt managt sie die Superseniorenresidenz Schlapperschapp in Dändorf. 

Manfred erinnert einen fadenscheinigen Moment der Freiheit auf dem Rad am Berg auf Lanzarote im Kampf mit den Elementen wie ein Kapitän auf hoher See. Zu Fuß wäre er schneller gewesen als als Wurst in der Plastikpelle aka Gummibärchen aka Ganzkörperkondom.  

Manfred denkt daran, wie losgelöst seine Frau mit einem Franzosen tanzte: ganz anders als je mit dem unzulänglichen Gatten. Maike setzt Manfred mit zwanghaftem Optimismus zu. Nur im Gespräch mit ihren Eltern hört sie auf, aus allem das Beste zu machen und verliert sich in kindlicher Klage.  

Elena schnappt Fetzen des familiären Desasters auf, während Marek sie mit Beinarbeit unter dem Tisch einkeilt. Sie lässt sich das gefallen, auch dass seine Hand unter dem Saum verschwindet und sich zügig auf ihre Mitte zu bewegt. Zwei Tage und Nächte haben aus Elena und Marek ein versiertes Paar gemacht.  

Sie lässt sich das gefallen, genießt den Nervenkitzel der Heimlichkeit inmitten bürgerlicher Tristesse. Ein mitleidiges Lächeln stiehlt sich auf ihre Lippen. Wie armselig das Ehepaar am Nebentisch wirkt, so gefangen in trivialen Mustern. Zwei Tage und Nächte haben aus Elena und Marek ein versiertes Paar gemacht. Elena schaut herab auf das Elend der anderen. Oh, sie fühlt sich wie eine Königin. Sie empfindet eine fast rauschhafte Überlegenheit. Die anderen veröden in ihren Routinen, während sie das Abenteuer wagt, die Regeln bricht und von einer Premiumpersönlichkeit begehrt wird. Es ist ein Gefühl von Exklusivität und Macht.

Er (der berühmte Schriftsteller) will sie so sehr. Wie geil ist das denn.

Gleichzeitig blockiert sie den Expansionsdrang unter ihrem Kleid mit professioneller Festigkeit. Bei aller Verliebtheit wird sie sich von Marek nicht in einem Restaurant fingern lassen. Das hat es in ihrem Leben noch nie gegeben.

Na klar, wir kennen alle das Lied. Elena fühlt sich endlich einmal wieder lebendig. Wie sehr sie sich nach Intensität gesehnt hat. Sie erlebt sich wie die Hauptdarstellerin in einer französischen Arthouse-Produktion.  

Turning Danger into Performance – Glühende Umkleidesexphantasie

Seit fünf Minuten stehen Alisa und Virgil vor dem Café Arkana auf dem Rathausvorplatz und schlotzen Softeis. Aus einem mit Kopfsteinpflaster verniedlichten Oval ragt eine Stele. Ein Protegé von Madeleine Gerster hat das Werk verbrochen. Die Künstlerin ist in der weiten Welt vollkommen unbekannt.

Interessanterweise fordert der Beitrag zur Moderne im öffentlichen Raum keinen Bürgerinnenunmut oder jugendlichen Vandalismus heraus. Madeleine residiert als Geflüchteten- und stellvertretende Fremdenverkehrskoordinatorin im Rathaus auf der Chefetage. Sie organisiert die Ederthaler Festspiele und kuratiert Ausstellungen in einem zur Galerie hochgejazzten, ehemaligen Saufloch. Ich rede von der alten ,Drehscheibe‘, die als Bahnhofsspelunke den abweichenden Lebensläufen vor Ort lange einen Raum bot. Schichtschlussdurstige Eisenbahner bewiesen Toleranz gegenüber den Freaks. Es gab da auch Überschneidungen Richtung Rocker. Solange die Amerikaner in der Gegend Garnisonen unterhielten, erteilten GIs Laid-Back-Nachhilfeunterricht am Tresen.  

Madeleines Hochmut fragt nicht nach den Erwartungen der Steuerzahlerinnen. Zurzeit mutet sie Ederthal Arte Povera von Michelangelo Pistoletto zu. Alisa (ein Geschöpf der Gegend und mit den Gersters um zwei Ecken verwandt) möchte gar nicht wissen, was das kostet, einschließlich der Versicherungen. Sie traut Madeleine alles zu, auch dass sie Kunst abgreift und in der Besenkammer neben dem Heimatmuseum hortet, dass der Opa der amtierenden Bürgermeisterin unter dem Rathausdach einrichten ließ.

Der Gerster-Klan hält das Rathaus besetzt. Politische Differenzen sind Dekor, sobald sich die Machtfrage stellt. Ein unverbrüchlicher, von Einfallsreichtum getunter Familiensinn, bestimmt die Gersters von jeher. Das ist wie Keschern im Aquarium. Man hat alles in einer Pfütze.

Virgil schnappt sich einen klebrigen Finger von Alisa und lutscht ihn ab. Alisa lutscht beherzt zurück. Das findet sie gerade lustig, während sein Finger in ihrem Mund Virgils Lust entfacht. Alisa kann sich nicht erinnern, erotisch je so ununterbrochen aufgeschlossen gewesen zu sein. Jedenfalls zieht die Ortskundige den texanischen Dozenten hinter sich her bis zu einem lauschigen Weiher. Alisa schmiegt sich an, wenig verbirgt die üppigen Rundungen. Sie ist voller Selbstfreude und genießt Virgils ungebremstes Begehren. Auf der Waage ihrer Empfindungen liegt nichts Widersprüchliches. Das gibt ihr zu denken.

Ich pflege an dieser Stelle einen Auszug aus dem Chat zwischen Madeleine und ihrem Brieffreund Wayne (Name von der Redaktion geändert) ein:

Madeleine: „Da du meine Geständnisse so liebst. Ja, K. lässt mich mit zärtlichem Lustblick gerne einmal zappeln, weil er es so liebt, wie innig ich ihm zeige, dass ich ihn begehre und ihn in mir spüren will. Das sind Lustspiele. Die kleinen Verführungszeichen, die ihn scharf machen, bereiten mir selbstverständlich das größte Vergnügen.“  

Madeleine: Lieber Wayne, dein Abendfickstück ist Ausdruck einer innigen Paar-Begegnung. In dieser Szene versinke ich sofort, das ist ein Traum... Ich kann nur DANKE sagen, ich bin sprachlos und wieder sehr bewegt von dieser Szene... Du weißt, wie ich es meine. Wenn ich sage, ich bin bewegt, dann hast du mich bewegt, nur mit deiner Sprache. Ahnt der Sprachmeister, was er da für kostbare Wortgeschenke zaubert?“ 

Madeleine: Liebster Wayne, meine Freude hast du, ja. Ich empfinde das auch so, wie du es beschreibst. Dass wir zusammen Glückstexte hervorbringen, ohne uns je gesprochen oder getroffen zu haben, ist phänomenal. Das ist natürlich auch ein Mangel. Ich weiß, dass du nicht weitergehen und mich folglich nicht treffen willst, und ich respektiere das. Zugleich ist es mir unbegreiflich, wie du mich so einnehmen und überwältigen kannst, ohne eine körperliche Berührung. Ich verstehe wirklich nicht, warum du mich und meinen Körper nicht brennend entbehrst. Ich weiß, dass ich dich glücklich machen kann.“  

Madeleine: „Mir ist gerade so danach, dir zu gestehen, dass ich es keinen Tag ohne dich in unserem Sprachschloss aushalte. Du ziehst mir das Kleid über den Kopf, rahmst mein Gesicht mit deinen Händen und küsst mich gierig. Ich wichse deinen Schaft, deine Hände wandern auf meinen Arsch und weiter, und wir ergeben uns gemeinsam einer glühenden Umkleide-Phantasie, einer kurzen, drankonischen Fickgeschichte, bis wir beide gleichzeitig kommen. Schon taucht am Horizont des Geschehens die Erwartung auf, dass wir gleich noch mal verkehren. Du hast mir schon gesagt, wie du dir mich wünschst.“

Madeleine: „So wenig Worte hattest du heute Morgen für mich übrig und trotzdem setzten sich die Kraft eines erotischen Wolkenbruchs frei. Das ist ein vollkommen körperliches Erlebnis, das aus dem Geist entsteht. Ist das nicht magisch?“   

Madeleine: „Was für eine wunderschöne Begrüßung... Deine Wegzehrung ist eine Luxusmahlzeit für meinen Geist und die Sinne, ich weiß gar nicht, wie ich dir adäquat danken kann. Der Text ist erotisch-sinnlich, kraftvoll, geheimnisvoll-mythisch und auch verspielt und charmant provokant... da hast du wieder dein magisches Schreibkönnen eingesetzt und ich liebe es sehr. Du hast meinen hingebungsvollen, enthusiastischen Dank dafür in all seinen Zwischenraum-Auffaltungen, liebster Sprachmeister. Das neckische Spiel zwischen Alisa und Virgil, ja, sie können sich zum Lachen bringen mit ungewöhnlichen Aktionen.“  

Zurück zum Ederthaler Alltag

Die Gebärden der Sorge gleichen sich überall. Armut stellt sich aber in der Stadt ganz anders dar als auf dem Land. Während der insolvente Städter die Hände in den Schoss legt, der Vorsorge entsagt und zum maulenden Zaungast wird, bleibt die rurale Dürftigkeit tätig. Sie bewirtschaftet einen Streifen, der seit Generationen in Familienbesitz ist. Sie erntet den Beerensaum des Hauses. Sie befreit einen herrenlosen Obstbaum von seiner Last. Sie erkennt ihren Vorteil an einem Feldrand. Sie existiert im Eigentum. In Ederthal wohnt keiner zur Miete, mit dem man spricht. Wer Ansehen genießt, hat auch ein Haus und sei es noch so zugeneigt der Erde. Mit Almosen sollte keiner rechnen, beschenkt werden die Reichen, so dass sie es noch besser haben. Die Armen stellen Fallen in den Forst, um zu ihrem Braten zu kommen. Sie stehen in geheimen Sex- und Schnapsverbindungen zu den evangelischen Schüttlern im Flüchtlingssumpf. Am Marschbach zur Eder siedeln aus Ungarn vertriebene Protestanten als illegal brennende Schnapsbauern. Die Moonshiner leiden unter den Erbkrankheiten Methämoglobinämie und Chorea Huntington. Nicht wenige laufen mit einem Wolfsrachen durch die Gegend. Aber auch in ihrer Gesellschaft brummt das Fortpflanzungsbusiness. Es kommt zu Überschreitungen der Demarkationslinien und in der Folge zu routiniert-robusten Aushandlungen. Bürgermeisterin Atlanta Gerster sieht über alles hinweg, solange die Schüttler unter sich bleiben und höchstens mit der äußersten Randgruppe ihrer Gemeinde Ringelpiez im hohen Gras spielen. Atlanta dreht sich auf ihrem Drehthron, ihr Gesicht gleicht einem Trümmerfeld, die Haut sieht aus wie zerschnitten. Sie hört ihre Nichte Madeleine auf dem Korridor und ruft: „Hoch die Hände. Wochenende.“

Madeleine managt auch den Landliebe Kalender, in dem sich der Landkreis entblößt. Sie präsentiert sich selbst jedes Jahr aufs Neue. Ihr Fotograf ist der Berufsspanner Holger Olm aus Wabern. Das ganze Jahr durchforstet Olm die nordhessische Pampa auf der Suche nach Modellen. Ausgerechnet der blöde Olm hat seiner Obsession ein perfekt sitzendes Kleid angepasst. Sich vor ihm erst auszuziehen und dann erotisch zu verkleiden, wird als Auszeichnung und Wertschätzungsbeweis erlebt. Krethi und Plethi können nach allgemeiner Auffassung froh sein, so einem Olm (eins siebenundsiebzig in Schuhen mit Plateauabsätzen) mit Alfa Romeo Spider und solide geerbtem Knusperhäuschen ihre, sinnlich drapierten, sekundären Geschlechtsmerkmale zeigen zu dürfen.

Ich schildere Olm falsch. Der innere Schmierlappen verbirgt sich. Man riecht Molton Brown, die Frisur ist von Meisterinnenhand. Molina Beretta, Enkelin eines Geschäftsfreundes von Lucino Montana, dem Paten von Ederthal, beweist, dass Integration glücken kann. Sie führt den Salon Latin Lover in der Kasseler Straße. Ohne Voranmeldung geht nichts. Als Kunde muss man sich hochdienen, Geduld haben und Zeit mitbringen. Wer bei Molina ein Stein im Brett hat, wie Atlanta oder Madeleine Gerster, oder wie dieser Olm, darf vorbeischneien, sich nach dem Befinden der Familie erkunden, einen Espresso trinken, der selbstverständlich Caffè heißt, Zigaretten anbieten und sich endlich mit Haut und Haar Molinas Gestaltungswillen ergeben.

Jahre, in denen das Leben geschlossen hatte, wie ein Edeka am Sonntag. In den Heftchenromanen vom Bahnhofskiosk kamen Olms Vorlieben nicht vor. Ihm fehlte die Phantasie, die hilft, sich zu orientieren. … Rausch als Antwort auf den roten Vogel Einsamkeit. Der Kneipenklospruch, Auch Arschgeigen können zart besaitet sein, als Gratiseinsicht. Olm sehnte sich nach Liebe. Für mehr als eine Bekanntschaft reichte es nie. Olm stand noch nicht einmal das Volkshochschulvokabular für sein Unglück zur Verfügung. Nun, das Elend hat sein Ende gefunden. Inzwischen ist Olm fast so etwas wie ein Star, wenn auch in aller Bescheidenheit. Sitzt er mit der Mutter vor dem Fernseher, denkt es mörderisch in ihm: die Alte hat Schuld. Sie hat das Monster zur Welt gebracht. Alles ist alt. Die Decken, das Sofa, der Fernseher. Das ist doch nicht normal, dass alles alt ist. Das Haus, die Fensterläden, der Aufgang. Alles sieht so aus, als wäre es schon immer alt gewesen. Auch die Mutter sieht so aus. Ihre Liebe gibt sich nicht zu erkennen. Dabei müsste einen die Mutter doch wenigstens lieben, wenn sie sonst schon nichts für einen tun kann.

Mal was anderes

Liebe & Frieden. Drei Tage Spaß und Musik. Das erste Woodstock der Weltgeschichte fand im 7. Jahrhundert an der Eder statt. Eine irische Gruppe um den Barden Kilian O’Connor animierte Hunderte von Leuten, die schon lange nicht mehr wussten, wer sie waren, aber zweifellos nach fränkischem Recht rechtlos waren, mit dem Kopf zuerst in den Fluss zu tauchen. Das war der Auftakt einer Reihe von Massentaufen in irischer Regie. Diese Festivals zogen in der Konsequenz heiß diskutierter Formfehler Wiederholungen nach sich. Mit den Wiederholungen kritisierten schottische Missionare das Prozedere ihrer irischen Kollegen, die oft nicht richtig Latein konnten und ihre eigenen sinnverdunkelnden Taufformeln hatten. Als Mönche maskierte Wissende folgten den Regeln jeder Taqīyya - der Verheimlichung des wahren Glaubens in Gefahr. Sie lehrten kultische Reinheitsfloskeln zum Zweck der Selbstheilung. Sie verbreiteten ihre Druidenlektionen und Diätpläne unter christlichen Vorspiegelungen. Sie errichteten Wegmarken, die sich deuten ließen. Für den an die Scholle gebundenen Bauern gab es keine Einbahnstraßen. Er kam nie weiter, als sein Heimweg reichte. Eine Tagesreise brachte ihn ans Ende der Welt. Seinen täglichen Radius teilte er mit dem Vieh. Seine Stellung im Universum war ihm schleierhaft geworden. Die ihn unterworfen hatten, erschienen wenig informierter. Den Bauern begriffen sie als Appendix des königlichen Eigen. Als Überwinder Roms waren sie emporgekommene Renegaten. – Unfähig, die Technologie des Imperiums auch nur zu bewahren. Ein paar Floskeln, ein Schwert und das Fleisch auf dem Teller machten den Unterschied. Die fränkischen Könige waren zu Kilians Zeit gerade mal über den Punkt, notorisch zivilisationszerstörend zu wirken. Hat je jemand etwas über eine Merowinger Renaissance geschrieben? Die Verwalter der Königsgüter vertrieben sich die Zeit mit Bloodsport. Heimstätten in Herrschaftsnähe lagen der Gemeinheit manchmal allzu nah.

Die neue Religion wurde in einer magischen Praxis begriffen. Der Weinberg des Herren konkretisierte sich im königlichen Weinberg, der strafende Gott im strafenden Amtsinhaber. Vorsichtshalber sagte man alle Schutzformeln auf, die man kannte. Der christliche Text ergänzte ältere Informationen auf einer mythologischen Grundlage. Noch lange nach der ersten Jahrtausendwende beschwerten sich Geistliche über Andachtseinsprengsel aus dem pantheistischen Themenkreis.

Turning Danger into Performance – Im Paarungsflow

Von jeher baumelt im Haus zum Steinernen Schweinchen ein Schürhaken als geschmiedetes Schmuckstück am Rundlauf der von Johnson & Davidson vor hundertfünfzig Jahren gemauerten Feuerstelle. Die gusseisernen Nachfolgeöfen, einschließlich einer Generationenparade von Küchenhexen, wurden nicht über ihre Glanzzeiten hinaus in Ehren gehalten.

In diesem Herrenhaus lebt Madeleine Gerster mit ihren Eltern. Wir haben schon über sie geredet. Sie ist die Fremdenverkehrskoordinatorin von Ederthal und administriert im Rathaus auf einer Etage mit ihrer Tante, der Bürgermeisterin Atlanta Gerster.

Haben wir schon einmal über das Rathaus geredet? Über die komplex gedrechselten Handläufe. Sie sind eine Sehenswürdigkeit und enden in einer Sphäre, die dem öffentlichen Verkehr nur nach Absprache zugänglich ist. Der Volksmund spricht von den „Gemächern des Grauens“. Der reißerische Anklang transportiert keine Übertreibung. Zwei Rathauskammern bergen Interieur und Equipment einer verbürgten Folterkammer. Die peinlichen Befragungen der Inquisition fanden auch in Ederthal statt, den protestantischen Landesherrn (seit Philipp, dem Großmütigen) zum Trotz. Madeleine kennt den Schauplatz seit ihrer Kindheit. Ich zähle auf: ein Kniestuhl, eine Streckbank, diverse Zangen und Halseisen so wie das Schwert des „Marschbacher Köpfers“ zu einem Ensemble des Grauens (siehe „Ederthtal im Spiegel der Geschichte“ von Diana von Pechstein. Gefördert von der Stiftung „Weltweites Hessen“.) Der Köpfer soll ein auf eigene Faust operierender Gerechtigkeitsfanatiker des 17. Jahrhunderts gewesen sein. Die landesherrlichen Scharfrichter kamen aus Kassel nach Ederthal, um zu köpfen oder zu hängen. Komplizierte Übergänge vom Leben zum Tod wurden anderenorts vor größerem Publikum exekutiert. Neben dem Gruselkabinett erhält man in einem Verschlag eine Monstrosität aus der Abteilung Jahrmarktssensationen. Erzählungen von Moorleichenfunden erfahren ihre Anschaulichkeit in naiver Bebilderung. Es gibt eine Vitrine mit Spangen, Fibeln, Kämmen und Klingen und es gibt den Stuhl des Novgorod-Fahrers mit der Jahreszahl 1412 als ein in Stunden nicht zu begreifendes Schnitzwerk. Jahrhunderte stand die Moritat in der Marienkirche den Nachkommen eines Weltmannes zur unbequemen Verfügung. Bis das Fernsehen kam, reichte das Gedächtnis der Gemeinde weit in die Vergangenheit. Da war ein Ederthaler Gotthilf beinah noch als Kind Reisenden nachgelaufen bis Stralsund. Er fand ein Auskommen auf See. Er wurde Mitglied einer Hansa (nicht der Kaufmanns- und Städtekooperation Hanse). Hansa ist ein germanisches Wort für Gemeinschaft. Verlor man die Zugehörigkeit, war man verhanst. Gotthilf sammelte im Kategatt Hering ein, der so üppig aufkam, dass man ihn mit den Händen greifen konnte. Er kehrte heim mit einem zum Aufspüren von Wildhonig abgerichteten Bären. Der Bär könnte auch ein großer Hund gewesen sein. Gotthilf lehrte die Jagd mit stumpfen Pfeilen auf wertvolle Pelztiere in der russisch-skandinavischen Art. In seinem Bericht erschienen Magnaten in Gewändern von mongolischer, via Venedig nach Pommern geschaffter Seide. Gotthilf zählte zu jenen, die mit einem Freibrief der Mecklenburger Herzöge die maritime Großmacht (und Haupterbin der Warägerexpansion) Dänemark auf der Ostsee geschädigt hatten. Ihre Kriegsschiffe nannten die Hanseaten Friedenskoggen. Das und noch viel mehr erzählt Diana von Pechstein als Privatdozentin in ihren Vorlesungen an der Ederthaler Landgraf Philipp Universität. Sie ist zudem Madeleines Cousine. Zärtlich streift der Finger meiner Aufmerksamkeit über das legendäre Stuhlrelief. Tändelnde Hände verfolgen Konturen eines Mannes im Knöpfrock. Er trägt Barett und Schnabelschuhe. Sein zum Gürtel reichender Bart ist geteilt und geflochten.

Ein Charakter, der sich nicht modellieren lässt; der sämtliche Formulierungsausflüchte überlebt. Aus dem man kein Feuilleton machen kann. Ich sehe Kaspar von Roßbach. Herausfordernd gerade hält sich der Flugkapitän im Ruhestand auf seinem handgefertigten Fahrrad. Handgefertigt nach Ideen eines Genies seines Fachs in einer Ederthaler Manufaktur. Madeleine versteht nicht, warum der Großonkel so viel Umgebung für das beste Fortbewegungsmittel in dieser Gegend braucht. Sie an seiner Stelle hätte sich mit einem Kauf beim Zweirad Zeisel ewiges Entgegenkommen und den besten Service weit und breit gesichert. Tagesausflügler, die jede Wolkenformation zum Beweis ihrer Freizeitspielräume fotografieren, nehmen Kapitän Kasper vermutlich als exemplarischen Babyboomerpensionär wahr. Stets das weiße Hemd dezent einen Knopf zu weit offen. Die Breitling Bentley Mark VI im Anschlag.   

Ein angeborener Vorwärtsdrang beflügelt Kasper. Er gehört zu jenem Schlag, der sich ununterbrochen etwas abverlangt. Er hätte mehr Spaß mit Gunda von Schmalsund, wäre sie wettkampforientierter oder zumindest stärker an Alphaflausen interessiert.

Gunda dirigiert Kasper zu einem aufgegebenen Lieblingsplatz; an einer vom Schilf schützend eingefassten Bucht mit verrottetem Steg. Sie zieht sich ruckzuck aus. Kasper wälzt sich umständlich aus seiner Wäsche. Jede Bewegung verrät, wie bewusst ihm sein Alter und wie schwierig für ihn öffentliches Nacktsein ist. Die Scham steht ihm auf der Stirn geschrieben. 

Kasper entbehrt die mit der Muttermilch eingesogene Freikörperkultur. Wie Gunda es vor fünfzig Jahren gelernt hat, liefert sie sich sofort und vollständig der Kälte aus. Kasper setzt hinter ihr auf allmähliche Gewöhnung. Er ahnt nicht, dass Gunda ihn gerade enger einführt in ihren Lebenskreis. Ihrem kritischsten Blick hält der nackte Freiherr stand. Es ist alles dran an dem Mann.

Kasper hat seine Altersform gefunden. Er ist solvent in jeder Hinsicht, gleichermaßen brauchbar als Grandseigneur und als Gartenfreund und außerdem handfest-humorvoll. In diesem Augenblick sucht er sein Verhältnis zu Gundas Körper. Da steht eine Vierundfünfzigjährige, so straff und elastisch, dass man mit ihr einen Fit-im-Alter-Film drehen könnte.  

Für Kasper geht es nicht darum, dass man auf sich achtet. Gunda und Kasper zählen zu jenen, die dabei sind, unsere Vorstellungen vom Altwerden zu ändern. Auch ich spüre Gundas Anziehungskraft. Es ist noch Sex im Schrank. Das Aufreibende der Geschlechterspannung reibt und ätzt noch. Es gibt noch Tränensalz und Wundenschmalz. Doch macht sich die Genügsamkeit schon an allen Enden bemerkbar. Ich würde an Kaspars Stelle keine so teure Uhr unter einer Sandalensohle für ausreichend versteckt halten.  

Natürlich bleibt das affige Königskindertreiben stinkreicher Zeitgenossen nicht unbemerkt. Im Unterholz verborgen lauern Aiko und Aslan. Sie haben es sich gerade leise wie die US-amerikanische First Nation auf dem Kriegspfad besorgt und staunen jetzt über die Unverfrorenheit der Alten. Gunda bläst unbekümmert den Pilotenpenis auf Halbmast. Das muss genügen. Das genügt. Gunda hatte an dieser Stelle bereits vor mehr als dreißig Jahren Sex. Blümchensex kriegt an der frischen Luft noch einmal eine andere Bedeutung. Vom Animalischen zum Angemessenen führt in den Beschreibungen von der Fauna zur Flora. Ferner vor Ort in der Camouflage-Verpackung des Wald- und Wiesenschrats ist Hein Hagrich. Der Schlossermeister trägt einen sprechenden Namen. Hag bezeichnet den eingefriedeten Platz und rich rührt an rīhhi-Reich/Fürst. Heinrich zählt zu Gundas verschmähten Verehrern. Er revanchiert sich mit Smartphoneschnappschüssen, bevor er seinen Schwanz auspackt und sich ko-befriedigt. Dies mit der geräuscharmen Routine des erfahrenen Onanisten. Heinrich ist zwar verheiratet, aber das hat fast nichts mehr zu sagen. Seit mehr als zwanzig Jahren haust er in einem Camper vor seinem Geburtshaus; dies in der Konsequenz eines Gatten-Agreements. Wenn du willst, das ich bleibe, geh mir aus den Augen. Die raue Ansage bekümmerte Heinrich keinen Augenblick. Er ist sich selbst genug und fühlt sich jetzt auch als Abstauber vom Schicksal nicht schlecht behandelt. Gräfin Gunda gibt sich eifrig hin. Nicht feurig, bitte, ich will eine realistische Darstellung nicht mit Übertreibungen versauen. Kaspar fickt Gunda so tüchtig wie er nur kann. Er bringt es fertig, sie vergessen zu lassen, wie traurig der faltige Sack zwischen seinen Beinen baumelt. Sie stöhnt von Herzen. Das ist ihm Kompliment und Genugtuung. Heinrich kriegt Stielaugen. Auch Aiko und Aslan animiert das Schäferstündchen der Honoratioren. Sie modellieren sich zurecht, so sacht es eben geht im knackenden Gestrüpp. Ich fokussiere das Gesamtbild. Heinrich steht mit offenem Mund und heruntergelassenen Hosen, im geilen Staunen sich selbst vergessend, an seinem Platz und wichst wie von Sinnen. Immer wieder verliert er die Härte, dann kommt sie zurück. Unweit vögeln Aiko und Aslan, darauf bedacht, die Stoßgeräusche unter der Vogelfluglärmschwelle zu halten. Das gelingt nicht immer. Der Paarungsflow fordert seinen Tribut. Zum Glück steigern sich gerade auch Gunda und Kasper.

Heinrichs Samen tritt tröpfelnd aus. Die Orgasmusintensität tendiert gegen Null, wegen einer vergrößerten Prostata. Das macht die Kopfgeilheit aber nur noch heftiger. Vom Kopf her kommen müssen, aber physiologisch nicht kommen können – das steht auf der Altersagenda. Bei Kasper sieht es besser aus. Sein Höhepunkt in allernächster Zukunft wird keinem Lustbegräbnis gleichen. Auf den letzten Metern hilft Gunda sich selbst. Sie greift zwischen ihre Beine und erstrebt den maximalen Gewinn aus dem passabel steifen Glied und die eigenhändige Stimulation ihrer Perle. Auf dem Scheitelpunkt der überschaubaren Welle entfährt ihr in liebreizender Unwillkürlichkeit ein starkes Stöhnen, fast schon ein kleiner Schrei, der eine in jeder Hinsicht, also auch phonetisch unerwartete Antwort erhält.

Das Bild übersteigt meine Möglichkeiten, ich steige hier aus. Die Dämmerung liegt wie ein Schleier über der niederhessischen Prärie. Warum in ihr kein Paradies erkennen? Heinrich trollt sich, die jungen Leuten ziehen sich diskret zurück. Ich folge ihnen. Später mehr zu Gunda und Kasper. Für Aiko ist Aslan ein Geschenk des Universums. Lavendel, wilder Wein, Moosinseln auf Stein ... zwischen blühenden Pfingstrosen lieben sie sich wie am Tag ihrer ersten intimen Begegnung, so fundamentalistisch. Das Weibliche und das Männliche in idealen Varianten und in einem Idealraum. 

Turning Danger into Performance – Parasympathischer Rebound

Warum Regulation nach Stress intensiver wirken kann - Nach starker sympathischer Aktivität steigt oft die subjektive Intensität von Sicherheit infolge von Endorphin-, Dopamin, - Oxytocin-Freigaben. Dazu kommt ein parasympathischer Rebound. Das Nervensystem überbelohnt Sicherheit. Es verstärkt Zustände, die Überleben signalisieren.

Mit Dostojewski in der Badewanne

„Ich irrte spätnachts durch diese Mondlandschaft, wo die körperliche Begierde vollends jedes Gefühl ersetzt hat ... (ich) vögelte mit der Wonne eines Kindes, das aus Versehen in einen Süßwarenladen eingesperrt wurde, und schrieb alles auf." Dies oft genug zu der Musik von Bob Marley.“ Dany Laferrière

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Frauen rennen dem Debütanten die Bude ein. In einer besonders anrührenden Szene platziert sich eine Nachbarin, die sich sonst stets nahezu nackt präsentiert, in einem Kleid auf dem Wannenrand. Sie hat sich nicht nur selbst eingeladen, sondern wirkt auch wie eine Gastgeberin. Sie bemüht sich um Laferrière mit „Austern, Zitrone, Salz, zwei Flaschen Wein und ...“ Resigniert schließt der Wannenleser die Augen. Es wird wieder einmal nicht ohne Sex abgehen.

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„Hochzeiten sind Suff und Heiligkeit, Schweiß unterm Kleid, Buttercreme im Mund.“

In der Herbstsaison kursierten noch die besten Gründe, weshalb die Ehe ein Auslaufmodell sei, und im Jetzt des nächsten Frühjahrs sind alle wenigstens verlobt, die sich bis eben nie binden wollten. Das Hochzeitsfieber grassiert wie eine Epidemie in Freundeskreisen. In „Hochzeiten“ zerpflückt Leslie Jameson das Phänomen der hysterischen Bündnisbildung in typisch-neuenglischen Szenen, angefangen von der Trauung in einer antiken „Walfänger-Kirche am Nachmittag, eingesalzen und sonnenhell, in den beschwipsten Glanz einer alten Scheune“. Moby Dick lässt grüßen.

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Von allen Varianten, die Leslie Jameson ins Spiel bringt, gefällt mir diese am besten: „Mitten in den Catskills auf einer staubigen Straße vor dem Postamt auszusteigen und zu warten, bis jemand dich zur Lodge bringt. Es gibt immer eine Lodge. Es gibt immer Cocktails in der Lodge.“

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„Seinen Namen erhielt der Bergzug von der Siedlung Catskill, gelegen an der Mündung des gleichnamigen Baches in den Hudson, die im Norden der einstigen niederländischen Kolonie Nieuw Nederland angelegt worden war.“ Wikipedia

Das Catskill Gebirge zählt zu den physiographischen Provinzen der Appalachen; Woodstock liegt da. Manche erklären den Namen mit Berglöwen, die in Aufzeichnungen niederländischer Pioniere des 17. Jahrhunderts Erwähnung fanden. Abweichenden Schreibweisen wie Kaatskill und Kaaterskill sind noch im Umlauf. Sie erlauben es, über einen phonetischen Lapsus zu spekulieren. Catskill könnte aus einer verballhornten niederländischen Trauermarke hervorgegangen sein. Vielleicht fand vor Ort ein Verbrechen statt und so hieß es dann in der Gegend: Wo Kate getötet wurde - Waar Kate werd vermoord/Where Kate was killed.

Auch in den Catskill gibt es „ein Programm für die Gäste ... (und) eine Brautjungfer, die hektisch nach ihren Schuhen sucht“.

Die Tochter des Paten 

Ihn schmücken nicht nur akademische Titel. Ágio Páscha trägt zudem einen sprechenden Namen griechischen Ursprungs. In Deutschland würde Ágio Páscha als Prof. Dr. Ostern (Ágio Pás-cha) kursieren.

Orthodoxe Christen feiern zu Ostern die Auferstehung Jesu von den Toten. Das Fest wird in den Ostkirchen auch Páscha genannt.

Der Liebreiz von Ágio Páschas Geliebten Beatrice ist jetzt noch nicht das Thema, so wenig wie die Stelldicheins auf den Klos der Universität von P. Der Lehrende und die Lernende lieben einvernehmlich das Schweflige der Abtritte und anderer kümmerlicher Orte. Sie wiederholen sich auf einem Passionsweg des Abwegigen. An der Peripherie des Geschehens lungern Leibwächter, die keine Ähnlichkeit mehr haben mit dem Typus des brachialen Bouncers. Der Wrestler hat ausgedient. Die Hit(wo)men (gruppi di fuoco) der modernen Mafia sind zartwüchsig. Sie geben Beatrice Kosmetiktipps und leihen sich gegenseitig ihre Kajalstifte aus. Sagen Sie ruhig divers und fluid, ich sage, das bleibt sizilianisch, auch ohne Schmerbauch, Dreitagebart und Lupara.

Feudal-fidel

Der über alles informierte Deodato Gaggini lässt seiner Tochter freie Hand als zukünftiger Führungspersönlichkeit. Töchter sind die neuen Söhne nach dem aktuellen Mafia-Komment. Man setzt auf Frauenpower und Sizilianischen Feminismus. Das heißt, die Frauen können schießen und haben Nahkampfkompetenz. Mehr Feminismus geht doch gar nicht, sagt der Pate.

Checks and Balances

Beatrice wünscht sich eine Jungfrau zum Mann. Aber noch nicht jetzt. Im Jetzt des Zenits ihrer sexuellen Explosivkraft checkt sie die Balance der Akteure im Feld. Ágio Páschas Mundgeruch erzählt schon von dem alten Mann, der er bald sein wird. Aber da ist auch noch der Vietnamese Binh. Sein Einfühlungsgenie dient der Erkundung von Schleichwegen der Migration. Im Schatten der Magistralen, die der Mehrheitsgesellschaft vorbeihalten sind, ergattert er eine passable Wohnung, genug zu essen und solche Sachen. - Und Beatrice kapiert das Konzept. Kapiert und goutiert es. Für sie ist der lautlos agierende Binh ein Bringer im unerklärten Bürgerkrieg um alle möglichen Ressourcen.

Beatrice und die Migration

Beatrice sitzt in einem Café, das - wie so vieles - der Familie gehört, und liest einen Bericht über die Gegend, in der das Café liegt. Die Rede ist von „Afrikanern und Kleinbürgern“. Die Leserin erkennt unverstandenen Rassismus. Unter den Afrikanern sind gewiss genug Kleinbürger. Die Eingesessenen identifiziert sie nur nicht als kleine Leute, die von ihrem Schlendrian getrennt wurden; die nicht mehr einkehren können in ihre kleinen Ich-Gehäuse. Auch Beatrice hat keine Chance auf das Glück eines kleinen Lebens. Sie trägt die Glock am Schenkel. Dem Ernst der Lage als Tochter des Paten von P. entspricht sie scharf rasiert. Ágio reagiert auf die Aura seiner Geliebten mit genitaler Gereiztheit. Er sieht einer Frau zu, die sich selbst erst einmal entwaffnen muss, bevor sie zur Sache kommen kann. Beatrice begegnet ihrem Professor mit dem Willen zur gekonnten Performance. Bloß kein erotischer Murks. Beatrice setzt auf schwarze Spitzendessous und Strumpfgürtel. Sie trumpft auf in einem vintage classy look. Natürlich hat Ágio soviel Sorgfalt nicht verdient. Aber Beatrice ist sich das schuldig. Sie will Ágio nie mehr aus dem Kopf gehen.

Sie liebt das Explizite, auch deshalb passt der Professor mit seiner abgeschmackten Formulierungskunst. Perlen der Fickprosa produziert so einer am akademischen Fließband. Beatrice füllt Tagebuchseiten mit ihren Erlebnissen, die seltsamer nicht sein könnten. Mit den flüchtigsten Bekannten beginnt sie E-Mail-Konversationen, die oft nicht aufhören, wenn sie - jedes Mal mit der gleichen Freude - darauf hinweist, dass sie gerade ihren Slip ausgezogen hat, und zwar - das ist wichtig - extra für die Person, die sie schriftlich anspricht. Das Schreiben ist notwendig, um ein gewisses, keineswegs unübertroffenes Vergnügen zu destillieren. Wir reden von einer Variante. Aber sehen wir uns diesen Punkt noch einmal im Detail an. An manchen Tagen amüsiert und erregt sich Beatrice in Korrespondenzen mit drei Brieffreunden. Sie könnte die Passage an einer Stelle kopieren und an zwei einfügen. Sie könnte sich viel Schreibarbeit sparen, aber darum geht es nicht. Es geht darum, jedes Mal neu zu schreiben: Ich habe gerade mein Höschen ausgezogen, ich habe es für dich getan. Du siehst mich auf meinem Bürostuhl sitzen. Soll ich das Kleid über meinen Hintern ziehen? Gefällt dir die Idee, dass mein Chef hereinplatzt und den lächerlichsten Grund für sein Erscheinen vorbringt, den man sich vorstellen kann? Er starrt auf mein Dekolleté.

Beatrice ist sich bewusst, wie kompromittierend solche Mitteilungen in einer Welt ohne Privatsphäre sind, in der jeder ausgeschlafene Zwölfjährige weiß, wie er seine Nachbarn effektiv ausspionieren kann. Wenn ein Mann so unhöflich ist, dass er explizite Kommentare fragwürdig findet, hält Beatrice ihn trotzdem für einen Spielverderber.

Jetzt sitzt sie in einem Büro einer der Firmen, die ihre Familie kontrolliert. Sie trägt ein hautenges ärmelloses Wickelkleid mit einem verschlungenen Muster auf nachtblauem Grund.

„Kunst lebt vom Zwang und stirbt an der Freiheit“, sagt André Gide. Setzen Sie an die Stelle von Kunst Sex. Wer glaubt, ohne Formalisierung kalkulieren zu können, geht risikobereit in Vorleistung. Man lockt das unbekannte Wesen auf der anderen Seite des Geschehens aus seinem sozialen Schneckenhaus, indem man sich ein paar Freiheiten herausnimmt. Der Mensch, mit dem Beatrice gerade spricht, befindet sich auf der amerikanischen Seite des Atlantiks und hat keine Ahnung, wie das Leben in P. ist. Gary arbeitet in einer Behörde, aber wir dürfen nicht sagen, in welcher. Im Internet kursieren Fotos von ihm. Auf einem zweiten Bildschirm sieht Beatrice Gary auf einem Golfplatzfoto. Es zeigt Lässigkeit und Reichtum, aber auch etwas, das darüber hinausgeht ... nennen wir es maritime Markigkeit.

Gary ist jedenfalls auch Segler. Beatrice braucht Männer, die eine Hotelrechnung, egal in welcher Höhe, gleichgültig begleichen. Gary sieht aus wie ein Prachtexemplar. Starkes Kinn. Gute Zähne. Große Hände. Ein prahlerischer Egoismus steht ihm auf die Stirn geschrieben.

Er sieht aus, als könne er den Ozean im Galopp überqueren und einfach hereinschneien, ein Boss in XXL, unbeschwert, unerbittlich, selbstverständlich durchgreifend.

In Gedanken umschmeichelt Beatrice ihn mit ihrem schönsten Odalisken-Vokabular. Ihr Repertoire umfasst auch einen Einakter, in dem sie eine tscherkessische Schönheit verkörpert. Sie ist eine osmanische Beute von königlichem Geblüt. Eine echte Prinzessin, die dem Pascha zum Fressen vorgeworfen wird. Für den Pascha ist die fremde Prinzessin nur ein Snack. Doch sie will mehr sein und sucht deshalb nach einem Hinweis auf die geheime Natur des Herrschers. Ihre Haut ist alabasterweiß. Ihr Haar ist schwarz. Ihre Augen sind blau. Dies ist übrigens der Prototyp der weißen Türkin im Gegensatz zur schwarzen Türkin. Sklavinnen haben diesen Bosporus-Typus ausgebrütet. Ohne die Beziehungen zwischen tscherkessischen Frauen und türkischen Männern gäbe es keine hellhäutigen, blauäugigen Türken, die mit Istanbul identifiziert werden.

Zurück zu Gary. Sein Blick überbrückt den Abstand zwischen Kontinenten. Er sitzt an einem Computer in Washington. Beatrice bittet Gary, die Skype-Funktion auszuschalten.

„Ich möchte mich von deinen Worten berühren lassen. Stell dir vor, es sind Hände oder was auch immer, so weit sind wir noch nicht, ich meine, ich bin immer zu schnell, das kostet mich so viel. Also, bitte, bau es langsam auf.“

Bitte schreib mir. Schreib meinen geheimen Namen richtig, damit ich dich erkennen kann. Im Gegenzug mache ich dich zu meinem König. Beatrice sagt das vorsichtshalber nicht, obwohl sie es gerne sagen würde. Es laut auszusprechen ist ein Vergnügen, es aufzuschreiben das nächste. Beatrice will sich Männern überlassen, die ihr Vater erdrosseln lassen würde, käme sie mit einer Beschwerde zu ihm. Sie raubt solchen die Vorsicht, die wissen, mit wem sie es zu tun haben, und was ihnen blüht, falls Beatrice den Daumen senkt. Ihr erst einmal zurückhaltendes/zurückgehaltenes und fadenscheinig kostümiertes Begehren zu entfachen, so wie man in eine Glut bläst, um später, ganz leise anklopfend, daran zu erinnern, in welchem Spiel sie ihren Einsatz wagen: das ist Beatrices Pläsier. Wenn auch nicht in diesem Fall. Gary weiß nicht, mit wem er spricht. Beatrices Legende für ihn ist äußerst irreführend.

Zwei Jahre habe ich in den Vereinigten Staaten verbracht, ein Jahr als Austauschschüler und ein Jahr nach dem Wehrdienst. In meinem ersten amerikanischen Jahr machte ich an einem Sonntag vor der Kirche Bekanntschaft mit Jo Smith. Der Ruf meiner Gasteltern bürgte für mich. Sie waren Hardcore-Christen. Deshalb durfte Jo mit mir reden. Mit ihrer Familie wohnte sie hinter dem Mond.

Die Smith' waren deutschstämmig und legten Wert darauf. Nein, so versteht man das nicht. Sie hielten sich rein, so sahen sie es. Sie gehörten zu einem Hort der Reinen. Für sie gab es keinen Grund, die Pflöcke der Altvorderen zurückzustecken.

Sie erlaubten Jo, mir zu schreiben. Wir schrieben uns jahrelang, sie auf Deutsch, ich auf Englisch, die Nachrichten blieben Fremdheit verzeihende Freundlichkeit, obwohl lodernde Warmherzigkeit im Spiel war. Am Nachmittag unseres Wiedersehens glaubte die Familie, die Vorsehung sei mit mir als Ehemann für Jo am Start. Ich überhörte die Signale, für mich waren die Smith' eine Station auf meinem Weg. Belustigt aktualisierte ich Jos anachronistisches Deutsch. Es glänzte mit evangelischen Kleinoden. Jo war ungebührlich lange mit einem kinderlosen Witwer verlobt gewesen. Der Verlobte war verschwunden.

Josh, der ältere Sohn, zog mich am Abend meiner Ankunft im Kuhstall beiseite. Diskret zweifelte er Jos Jungfräulichkeit an. Er gab mir das aus lauter Redlichkeit zu bedenken. Wir schrieben das Jahr 1984, aber für Josh stand fest, dass er eine Jungfrau heiraten würde. Es war zum Lachen. Josh, wie er mit der Forke in den Fäusten auf Jungfräulichkeit bestand, wäre weltweit eine Lachnummer gewesen, bloß nicht in diesem Stall. Ich fühlte mich in eine Vergangenheit versetzt, die ich aus Romanen kannte. Joshs Bruder, Jeremy, ein grimmig aus der Art geschlagener Schweiger, stimmte dem Bruder zu, indem er ausspuckte. Josh war seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten. Der Vater war ein liebenswürdiger Brocken. Er bebte und glühte vor Liebenswürdigkeit, so lange ihm die Dinge in den Kram passen. Anderenfalls bebte und glühte er im Zorn.

Jo war dreiundzwanzig und verzweifelt. In dieser pietistischen Verschwörung am Arsch von Vermont hatten Frauen in Jos Alter schon ihre drei Kinder. So weit war die Sache klar. Aber wieso ein Witwer als Bräutigam? Bauer von Beruf und nun sang- und klanglos verschwunden in waldreicher Versenkung.

Ich versuchte es bei Josh, er verschloss sich mit mahlendem Kiefer. In ihm ging Unerhörtes vor. Er rang mit seinem Gott und raufte die Haare. Ich fragte Jo: „Hör mal, wieso hättest du um ein Haar einen Greis geheiratet?"

Jo wand sich – Ährenzopfkranz, Versandhauskittel, Brille. Sie war strohblond und aschfahl. Die Frauen ihrer Familie blieben im Schatten. Frauen in der Landwirtschaft, die vor der Sonne flohen.

Um es kurz zu machen, Jo war schon vor der geplatzten Verlobung in ihrer Gemeinschaft kritisch betrachtet worden. Sie konnte froh sein, wenn sie noch einen abbekam. Damit war an sich gar nicht mehr zu rechnen. Diesen altdeutschen Bauern war Jo als Braut nicht jung genug. Besorgt sah sie zu, wie ich einen Joint baute. War bestimmt auch des Teufels. Andererseits entging mir ihre Neugier nicht.

Die Eltern drängten Jo und mich zu Gemeinsamkeiten. Sie trieben uns wütend zueinander. Ich meine, sie wüteten in ihrem Eifer. Ich war der neue Verlobte aus der alten Heimat. Mein Einverständnis wurde vorausgesetzt.

Die größten weltlichen Versuchungen der Gegend lauerten in Ritas Café. Rita sah nach transsilvanischem Transvestit aus, sie kam aus der Zeit von Amanda Lear und dem Studio 54.

Ritas Theke wurde von titanischen Typen belagert. Sie trugen Holzfällerhemden und Cowboystiefel mit genagelten Sohlen.

„Sie sehen sich als Nachfahren der Pennacook", erklärte Jo. „Sie haben Deserteure nach Kanada geschleust. Alle sind geboren, um frei zu sein."

Born to be wild – Ihre Leidenschaft für Motorräder hatte zu einer Clubgründung geführt. Auf den Kutten stand „Rote Teufel".

Lauter Brüder, Cousins, Neffen, Väter, Großväter, Onkel und Großonkel, allesamt vom Bodybuilding hypertroph, vereinte der Club, ich vermutete, zu einem Verein von Schmugglern und Kurieren. Die Clanchefs waren Konzessionäre eines Casinos. Ihre Nachbarn saßen reserviert an Tischen, die wie Abteile im Zug angeordnet waren. Sie tranken Kaffee im Akkord. Kellnerinnen, zurechtgemacht wie Playboy-Hasen, einschließlich der Püschel, rannten mit Kannen von Abteil zu Abteil.

Jo unterhielt sich gut, sie interessierte sich. Sie hakte nach, erinnerte jedes Detail älterer Schwänke. Meine Briefe kannte sie auswendig. Wenn auch in einer befremdlichen Lesart. Angeblich hatte ich um sie geworben und niedlich darum gebeten, dass sie bis zum Ende meiner Berufsausbildung auf mich warten möge. Glücklicher Umstände wegen sei sie zum richtigen Zeitpunkt frei geworden. Das alles in vagen und desaströs wegkippenden Formulierungen, in einem unglaublich umständlichen und unzutreffenden Brei.

Ein Sheriff traf ein. Er wischte an den Kriegern der First Nation of America vorbei. Sie ignorierten ihn. Er trat an einen Tisch, jemand bat ihn, sich zu setzen. Der Sheriff lehnte ab. 

„Frank", sagte er, „ich hoffe nicht, dass Sie länger die Idee verfolgen, eine Reportage über die Altdeutschen von Marsh County zu schreiben."

„Ich bin ein Freund der Familie Smith und berufe mich darauf", entgegnete Frank.

„Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind ein Schmierfink und Hurensohn aus New York City." Der Sheriff klopfte seinen Holster zur Bekräftigung der Abneigung.

„Was war das denn?" fragte ich. Jo kannte diesen Frank gar nicht. Folglich konnte er kaum ein Freund ihrer Familie sein. Wieso war er dann ausgerechnet auf Smith gekommen?

Frank verzog sich. Der Sheriff kriegte seinen Kaffee von einem Hasen in einer Loge mit Gummibaum serviert. Er sah aus wie ein perfekter US-Junge vom Land. Trotzdem wirkte er ratlos, vielleicht angesichts einer drolligen Dominanz der First Nation am Tresen. 

An einem anderen Tag

Mein Ziel war der älteste Friedhof weit und breit. Ich wollte antike Grabsteine fotografieren und meinen Gedanken nachhängen. Sonst hatte ich immer einen Smith am Hals. Jederzeit hätte ich abfahren können.

Der Friedhof war eine Anlage des vorrevolutionären achtzehnten Jahrhunderts. Angelegt von Kolonisten einer neuenglischen Grafschaft als christliches Versprechen. Die Inseleuropäer begrüßten die Sekte vom Kontinent als Verstärkung im überseeischen Urwald. Während die Pennacook mit schwindenden Kräften in der Wabanaki-Konföderation mitmischten. Krankheiten der Weißen dezimierten sie. Das wusste ich von Jo, die in ihrer Familie das schlechte Gewissen gegenüber den Indigenen übernommen hatte.

Jos Ahnen waren unter schlichten Steinen Staub geworden. Immer noch wurden ihre Gräber in Ordnung gehalten. Zweifellos gehörte Jo zum Adel von Marsh County. Diese Smith' waren nicht nur Bauern mit altmodischen Ansichten. Sie hatten Bürgermeister gestellt und Pastoren hervorgebracht und das Liedgut der alten Heimat in der neuen Welt hochgehalten. Eine Anliegerstraße führte direkt zu ihrer Festung. Darunter lag eine Katakombe.

Der Hofhund kam an, Jo folgte ihm aus dem Haus. Sie hatte auf mich gewartet. Honigmondsüchtig griff sie meine Hand, wir spazierten in der Landschaft ihres Lebens. Während ihre Leute arbeiteten. Der Hund setzte einem Kaninchen nach. Die Spannung der letzten Tage entlud sich, mich wunderte dann doch, dass Jo wusste, wie es geht. Sie zeigte mir einen förmlich datierten Liebesschwur mit den Initialen ihrer Eltern an einem Baum, und mich beschlich ein klammes Unbehagen. 

Evangelische Fatwa

Da ich den Smiths willkommen war, war ich allen Reinen willkommen. Ich wandte mich an Fritz, den Verleger der „Konfessionellen Volksstimme". Fritz lud mich zur Mitarbeit ein, es ging lediglich um Teilnahme am öffentlichen Leben. Arbeit im engeren Sinne war damit nicht verbunden. Zuerst öffnete Fritz das Gruselkabinett im Gemeindehaus. Ob mir dazu etwas Launiges einfiele? Zu Skalps, Schrumpfköpfen und steinzeitlichen Waffen. Zu Musketen, Jagdtaschen und Pulverhörnern. Die Prunkstücke der Dauerausstellung boten sich in den gespenstisch verzierten Gestalten einer Guillotine mit Perlmutt-Applikationen und eines schlicht gehaltenen Prangers dar. In der Gemeinde seien Delinquenten nach dem Ratschluss von Senatoren noch an den Pranger gestellt worden, als diese Strafe sonst überall längst aus der Mode gekommen war. Fritz' Großvater selbst sollte noch Senator gewesen sein.

„Den letzten Mohikaner haben wir wegen einer Smith an den Pranger gestellt", erzählte Fritz leutselig. Er senkte die Stimme, um die Spannung zu erhöhen. Fritz war Zeitungsmann, er hatte Sinn für Pointen. „Blutschande", raunte er. Ich erschrak, da er anmerkte: „Jo Smith ist nicht die erste Smith mit dem Teufel im Leib. Vor fünfzig Jahren ist eine Smith ausgerückt bis nach Vancouver. Da ist sie umgekommen."

Das brachte mich auf Jos verschwundenen Verlobten, doch Fritz gab vor, nicht mehr zu wissen als in seiner Zeitung stand.

Natürlich war es zu unerwünschten Verbindungen gekommen, die halbblütigen Kinder lebten als Aussätzige am Rand der weißen Gemeinschaft. Sie saßen drei Generationen später noch in der Patsche. In der Apartheid hatten sich Paria-Clans gebildet. Die Premium-Parias hießen Bauffremont, ob nach einem französischen Gouverneur auf der Durchreise oder nach einem in die neue Welt entlaufenen Sträfling der Revolution oder nach einem Waldläufer, dem der Klang des nobilitierten Namens gefiel. Sie wohnten auf einem Hof nahe der Stelle, wo zwei Bäche winkelbildend im Dale River endeten. Der Flecken hieß, die Landschaft weitläufig begreifend, Seven Points. Ein Schild kündigte ihn mit drei Warnungen an. Ich hielt vor einem windschiefen Holzbau und wartete, dass jemand die Hunde zurückpfiff. Das tat dann Jim Beauffremont. Er empfahl mir, im Auto zu bleiben. Er kam an den Schlag, in einer zerschlissenen Armeejacke, ein Bowie Messer in der Scheide eines Stiefelschafts, das M16A1 schussbereit. Ich kannte den verträumt nach innen gekehrten Blick, mit dem Jim Maß nahm. Wahnsinnige gucken so.

Ich schweife ab. Ich habe noch einmal jemanden so gucken sehen - in einem Film. In Christine Cynns und Joshua Oppenheimers Dokumentation „The Act of Killing", laut Sight & Sound der beste Dokumentarfilm 2013, erinnern sich Massenmörder an eine gute Zeit. Anwar Congo tritt als Altmeister eines beschwipsten Lebensstils auf. Er spielt die Rolle seines Lebens. Anwar rauscht auf wie ein wahnsinniger Schwan.

Der Greis swingt. Erst tänzeln, dann töten – Leichten Herzens zu handeln, erscheint ihm in jedem Fall angebracht, auch wenn Mord im Spiel ist. Anwar war Schwarzmarkt-Magnat in Medan, als General Suharto in Indonesien die Macht an sich zog. Im Gefolge des Generals beteiligte sich Anwar 1965/66 an einem Genozid, der in maßgeblichen Kreisen seiner Gesellschaft bis heute als patriotische Maßnahme verstanden wird.

Anwar verbreitet sich in Gegenwart weiterer Todesschwadroneure. Die Veteranen nannten sich „Hackmesser", als sie auf Menschenjagd gingen. „Musim Parang" – Saison der Hackmesser – das war Massenmord als Volkssport. Umgebracht wurden Chinesen und Kommunisten so wie alle vom Verfolgungsfuror erfassten Vermeintlichen.

Die Herrschaften lassen sich die Folterverletzungen ihrer Opfer auf die Visagen schminken. Sie nehmen ein Dorf auseinander und spielen Vergewaltigung. In echt sei das „der Himmel auf Erden" gewesen.

An manchen Tagen kam jeder Chinese auf seinen Wegen unters Messer, erinnert sich Anwar. Er spielt nach, wie Geständnisse erpresst wurden. Über den Dächern seiner Stadt demonstriert er den tödlichen Umgang mit einer Schlinge. Man habe experimentiert und aus Mafiafilmen gelernt, nachdem zunächst zu viel Blut geflossen sei.

Mit Freunden genießt er Travestie und Chichi. Man sieht ihn angeln und lachen und Kindern begeistert Angst einjagen. Er verbreitet sich über seine Liebe zum amerikanischen Kino. Immer wieder stellt er fest: „Ich bin ein freier Mann". Der Freiheitsbegriff ist eine Kinogangstervokabel. Eine Gesellschaft brauche Gangster, heißt es bei Gelegenheit. Der Nachwuchs der Suharto-Milizen kann sich auf den indonesischen Vizepräsidenten verlassen. „The Act of Killing" zeigt eine Jugend-Organisation in Aufmarsch- und Einschwörungsszenen als Gehirnwaschanlage.

Ursprünglich wollte Oppenheimer die Lebensbedingungen von Arbeitern auf Sumatra dokumentieren. Doch war niemand bereit, sich zu äußern. Der Regisseur erkannte, dass er es mit Eingeschüchterten zu tun hatte. Erst als Oppenheimer die immer noch Angst verbreitenden Kommunistenkiller einlud, mitzuspielen, gingen in Indonesien die Türen auf. Die kinoverrückten Veteranen sahen sich schon in Hollywood, ihre Rollen schmückten sie gewaltig aus. Ihre Leidenschaft für Ausstattungen in den Farben des blutenden Kitschs und ihre theatralischen Temperamente lassen „The Act of Killing" manchmal aussehen wie Colonel Walter E. Kurtz' Dschungelreich der Anti-Zivilisation in „Apocalypse Now".

Doch schließlich fällt Anwar aus seiner Rolle. Gespenster sieht er schon länger, nun kommt zu den bedrängenden Geistern der Ermordeten Selbstekel dazu. Am Ende des Films packt ihn eine Würgereiz an der Gurgel. „The Act of Killing" guckt sich bestimmt keiner zwei Mal an. 

*

„Was willst du?" fragte Jim. Drei Hunde umkreisten ihn. Eine Frau schrie, ohne sich zu zeigen: „Schick die Arschgeburt zur Hölle, großer Jim."

Jim erklärte gedehnt: „Das ist Sue Marina. Wenn sie sich aufregt, kriegt die Erde einen Sprung in ihre Schüssel. Besser, sie regt sich nicht auf. Besser, du haust gleich wieder ab."

Er erhob die Stimme für Sue Marina, wohl um sie zu beruhigen: „Halt dein unsauberes Maul, du Abschaum von einer Drecksschlampe."

Das Haus bog sich belustigt von der Ansprache. Die Reinen hatten Jims Vater an den Pranger gestellt, als das schon lange ungesetzlich war. Sie hatten seine aussätzigen Ahnen in ihre geliebten Ahornbäume gehängt. Das wusste ich von Fritz. Jim hatte keinen Grund, die Altdeutschen und ihre neuenglischen Freunden sympathisch zu finden. Doch besann er sich im Augenblick.

„Du sollst Jo Smith heiraten", wusste Jim Bescheid. Das schien in dieser Gegend eine Sache von Bedeutung zu sein. Wie kam das hin? Was hatte der Außenseiter Jim mit Jo zu schaffen?

„Ich betrachte mich eher als zu Besuch."

„Wer will wissen, als was du dich betrachtest? Entweder du taugst zu was oder du kannst dich als abgehakt und ertränkt betrachten, Arschloch."

Ich startete den Motor, die Hunde tummelten sich auf einem Vorhof der Frustration. Und wieder gab es nichts zu beißen. Sue Marina stieß Verwünschungen aus. Sie endeten stets mit einem frenetischen großer Jim.  

Ich erzählte Josh von Jim, nach einem Tag der Arbeit auf dem Hof. Ich hatte noch nie eine dramatischere Abendstimmung erlebt. Das war großes Kino. Eine Stimmung wie aus dem Mittelalter. Josh schnitzte an einer Miniatur, die mich an germanische Pfahlgötzen im Pfeifenformat denken ließ. Er spürte wohl, wie ich allmählich in seine Welt driftete.

„Deshalb sind wir beharrlich. Weil das Land von Gott ausgezeichnet ist", verkündete Josh. „Jeder Smith hat die Schönheit unseres Landes empfunden."

„Warum habt ihr euch dann nicht angepasst."

„Wir sind schon richtige Amerikaner, nur nicht so, dass du es verstehen kannst."

Mutter Smith stellte eine Schale auf die Schwelle, sie rückte ihre Haube, ich fand sie zufrieden. In die Schwelle war das Jahr des Hausbaus eingekerbt. Jo entwich der Mutter ins Freie, befangen schlenderte sie heran.

„Habt ihr Geheimnisse?" fragte sie.

„Vielleicht hat Hannes welche, vielleicht ist er schon verheiratet und vertritt sich bei uns nur die Füße", entgegnete Josh. Hannes - das war ich. Die Geschwister verständigten sich mit einem Blick, Josh stand auf. Jo nahm seinen Platz ein.

„Ich kann nicht um deine Hand anhalten, und du musst meinen Vater zuerst fragen", sagte sie.

Sie gab ihre Hände dem Schoss, ein Trugbild der Ergebenheit. Ein starker Wille pochte in Jo auf sein Recht. Wen Gott strafen will, den lässt er unfruchtbar. Die Gegenwart hatte sich so weit zurückgezogen, dass mir Formulierungen des 19. Jahrhunderts geläufig wurden.

Ich fragte nach der verstoßenen Tante, Jo erzählte zögerlich von der evangelischen Fatwa, die gegen die Unglückliche ausgesprochen worden war. Das Kopfgeld habe sich ein einst zurückgewiesener Cousin verdient. Er reiste nach Vancouver, erschoß die Cousine in einer Seitenstraße und prahlte damit bis zu seinem Lebensende. Alle anderen verweigerten ihr ein Andenken. Sogar ihr Name wurde totgeschwiegen. An seiner Stelle sprach man von der Hure in Kanada.

*

Nun hatten wir unsere Routine, es lag an ihr genau so wie an mir. Es war ein offenes Geheimnis und barg die Verpflichtung, aus Jo eine ehrliche Frau zu machen. Man kann nicht nur nehmen. Die Frau fügt sich dem Gatten, er muss für sie Verantwortung tragen. Amerika war im Discofieber, der Sturm und Drang von Achtundsechzig wirkte sich noch aus, während in einem Winkel von Vermont meine Uhr zurückgedreht wurde. Mich irritierte die Sachlichkeit, mit der Jo meine Höhepunkte ansteuerte.

An meinen Lauftagen wiederholte ich mich auf einer Strecke bis zum Spitzenpanorama der Seven Points. Ich übte Kung Fu in Kulissen, die John Wayne zu Pferde in den Farben der Paramount herbeiriefen. Die Western der fünfziger Jahre hätten alle an Ort und Stelle gedreht worden sein können. Jim kreuzte auf, am Training interessiert. Wir waren einander mit geringen Abständen ebenbürtig, das erstaunte den Veteranen. Einmal fragte ich ihn nach jemanden, der es auch nicht geschafft hatte, am Leben zu bleiben. Jim sagte: „Diese holländischen Bauern sind Killer durch die Bank. Das ist die wahre Aryan Brotherhood."

Jim unterschied nicht zwischen Niederländern, Dänen und Deutschen. Alle waren dutch. Ich fragte nach: „Der Witwer war doch altdeutsch?"

„Das nutzt nichts, wenn du gegen die Regeln des niederländischen Volkes (dutch people) handelst. Diese Leute töten ihre Eigenen und lassen die Leichen im Wald verschwinden. Kein Polizist würde gegen sie ernsthaft ermitteln."

Ich behaupte nicht, dass Jim dies in genau meinen Worten sagte. Einmal besuchte ich ihn an einem Nachmittag, inzwischen war das für Sue Marina, ihre Mutter, Geschwister und Hunde in Ordnung. Jim fuhr mir voran auf einem Motorrad ohne Nummernschild zum magischen Punkt der Seven Points. Er watete in den Dale River, bis ihn das Wasser erfasste und kraulte zum entgegengesetzten Ufer. Ich wollte ihm nicht einfach folgen wie das Graugansküken seinem Lorenz. Ich sah mich um, da saß Jim in meinem Auto. Wie konnte das sein? Ich sah mich wieder um, Jim streckte sich am Ufer. Der Jim im Auto ließ den Motor an. Ich hatte den Zündschlüssel nicht abgezogen. Das gehörte sich hier nicht.

„Ich fahr jetzt deine Kiste zu Schrott", verkündete Jim. Ich verfolgte mein Auto auf dem Motorrad. Jim hielt vor seinem Haus, eine Hand beschirmte die Augen.

„Der Typ, mit dem du zum Dale River gefahren bist, ist mein Zwillingsbruder."

„Du kannst mir viel erzählen", sagte ich.

„Das meine ich", antwortete Jim, falls er es denn war.

Nachbarschaftshilfe

Die Schmidts fanden, ihre Festung und die Familie böten mir genug Abwechslung. Sport fanden sie überflüssig und meine Bekanntschaft mit Jim bedenklich. Ich war so weit, dass ich nur noch bei Nacht und Nebel davon gekommen wäre. Ich sah mich schon in einem Baum hängen, nach gründlicher Tortur.

Das Dorf feierte seinen dreihundertsten Geburtstag. Man verstand den Termin als deutsche Angelegenheit im amerikanischen Stil. Barbecue, Bier und Kuchen. Fritz und ich verkörperten die Presse. Die Frauen zogen bald ab ins Gemeindehaus, die Männer betranken sich auf dem Territorium der Feuerwehr. Ich fragte den Sheriff nach Frank.

„Was ist aus Frank geworden?"

Frank sei auf Anraten abgereist. Wieder fragte ich mich, wieso sich Frank in Ritas Café auf die Smith' berufen hatte? Vom Witwer keine Spur. Ich war sicher, dass der Sheriff nicht im inneren Kreis der Gemeinschaft zugelassen war. Meine Phantasie malte mir aus, wie der alte Smith und seine Söhne mit Wurfspießen und Streitäxten im nächtlichen Wald patrouillierten. Sie kannten jeden Weg und Steg, im Winter hätten sie auf der Interstate Schlitten fahren können, so allein waren sie auf weiter Vermonter Flur.

Ich hatte Smith Senior noch nicht betrunken erlebt. Jos Verlobung mit dem Deutschen hatte er schon in der „Konfessionellen Volksstimme" gemeldet. Ich war ein Gefangener.

Jim trug das Haar bis zur Kimme. Es schimmerte so blauschwarz wie die Indianerperücken für Karneval. Zum Einkaufen fuhr er lieber dreißig Meilen in die nächste Stadt als in die aus einer Poststation herausgewachsene, kleinwüchsige Siedlung, in der Leute vom Schlag des alten Smith das Gesetz vertraten und reiche, ignorante Indigene dagegen verstießen. Er zeigte mir, wie man mit einer Armbrust jagt. Zwei Tage vor dem Hochzeitstermin führte er mich zu menschlichen Überresten. Jim war sicher, den Witwer gefunden zu haben. Mein Vorgänger als Jos Verlobter war gehängt worden. Die Schlinge verrottete an seinem Hals.

„Mach dir nichts draus", sagte Jim. „Dir kann das erst mal nicht passieren. Die werden Jo nicht gleich verwitwen."

„Warum haben sie die Schlinge nicht abgezogen, das ist doch eine Spur."

„Das ist egal, denn niemand wird ermitteln. Man nennt das hier Nachbarschaftshilfe."

Turning Danger into Performance – Parasympathischer Rebound

„Es war wieder sehr erhebend, mit dir durch dein Textland zu reisen. Du hast so ein herrlich volltönendes Schreibschwingen, damit lasse ich mich liebend gerne durch den pulsierenden Wortkosmos tragen und schwebe von dort mit einer frischen Schreibfeder an den Schreibtisch zurück. Diese (deine) enorme Fülle lässt mich staunen. Das er-lesene Erleben ist überwältigend schön und ein ganzheitlich-berührender Prozess. Das übersteigt für mich das, was ich als ‚autoerotischen Prozess‘ bezeichne. Das ist wie schreibendes Saunieren und Nacktbaden in unserer Kollaboration.“ M. 

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Ist das nicht schön? „Grammatik erniedrigt die Instinkte“ weiß ein lyrisches Ich bei Ann Cotten. Es behauptet: „Du denkst mit genug Muskeln.“

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Ich bin früher nicht gern allein aufgewacht. In einer vertrauten Beziehung erschien mir der Morgensex manchmal wie eine Gratismahlzeit, die man nicht ausschlägt, obwohl der Hunger noch gar nicht zurück ist.

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Warum Regulation nach Stress intensiver wirken kann - Nach starker sympathischer Aktivität steigt oft die subjektive Intensität von Sicherheit infolge von Endorphin-, Dopamin, - Oxytocin-Freigaben. Dazu kommt ein parasympathischer Rebound. Das Nervensystem überbelohnt Sicherheit. Es verstärkt Zustände, die Überleben signalisieren.

„Ich irrte spätnachts durch diese Mondlandschaft, wo die körperliche Begierde vollends jedes Gefühl ersetzt hat ... (ich) vögelte mit der Wonne eines Kindes, das aus Versehen in einen Süßwarenladen eingesperrt wurde, und schrieb alles auf.“ Dies oft genug zu der Musik von Bob Marley.“ Dany Laferrière

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Frauen rennen dem Debütanten die Bude ein. In einer besonders rührenden Szene platziert sich eine Nachbarin, die sich sonst stets nahezu nackt präsentiert, in einem Kleid auf dem Wannenrand. Sie hat sich nicht nur selbst eingeladen, sondern wirkt auch wie eine Gastgeberin. Sie bemüht sich um Laferrière mit „Austern, Zitrone, Salz, zwei Flaschen Wein und ...“ Resigniert schließt der Wannenleser die Augen. Es wird wieder einmal nicht ohne Sex abgehen.

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„Hochzeiten sind Suff und Heiligkeit, Schweiß unterm Kleid, Buttercreme im Mund.“ Leslie Jameson  

Der Asket bringt die Bereitschaft mit, sich gegen seine Natur zu wenden. Wird diese Tendenz von Optimierungserwartungen dynamisiert, dann heißt Erziehung der Schlüssel zum Erfolg. Im 5. Jahrhundert breitet sich „eine geregelte, reflektierte und kontrollierte Praxis der Askese“ (Foucault) aus. Den architektonischen Rahmen liefern Klöster. Die Wissensgesellschaft formiert sich. Das erste Informationszeitalter bricht an. Ihrem Wesen nach ist die mit sich selbst befasste Kirche eine Akademie und so auch ein Weltraumzentrum, in dem Himmelfahrten organisiert werden. Was ist erforderlich, dass du mitfliegen darfst?

Drei Begriffe greifen ineinander: Keuschheit – Reinheit des Herzens – geistiger Kampf. Die Keuschheit des Körpers koinzidiert mit der Keuschheit des Geistes. Die Gedanken sind nicht frei. Phantasie ist gefährlich. Die Erziehung bricht auf in der Zucht. Das Gegenstück: Unzucht; ein Wort, das sich lange hält und bis heute nach Urinstein, Waisenhaus und Jugendstrafvollzug stinkt.

Unzucht. Das Wort atmet in Alisa. Sie will Unzucht treiben, wie soll das überhaupt gehen in einer säkularen Gesellschaft.

„Lass‘ uns heute Abend noch unzüchtig werden“, bittet sie Virgil via WhatsApp, während sie seine Lebensgefährtin Simone breit anlächelt. Die Frauen sitzen an verschiedenen Tischen und doch nah genug, um ihre Parfüms riechen zu können, im legendären ‚Da Vincent‘. Eine mörderische Spannung liegt in der Luft. Alisa und Simone kennen sich aus einer öffentlich intimen Konstellation. Simones Mann, Professor Cornelius von Pechstein, hatte das Vergnügen Alisa vor den Augen seiner Frau und einem großen Auditorium in einem Frankfurter Club ..., und Simone hatte unterdessen das Vergnügen von Alisa geleckt zu werden. Sie sprang gröber mit Alisa um als der am Hintern der Graduierten klebende Grandseigneur, und auch wenn Simone sich im Zentrum eines überwältigenden Ereignisses wähnte, trägt sie Alisa etwas nach.  

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In einem geschlossenen System nimmt die Entropie niemals ab. Dieser Satz aus der Thermodynamik lässt sich auf kommunikative Systeme anwenden, in denen Begehren, Macht und Sprache zirkulieren. Was als spielerischer Austausch beginnt, steigert sich notwendigerweise, verdichtet sich, verlangt nach immer neuen Reizen, bis das System an seine Grenzen stößt.

Alisa bewegt sich souverän in solchen Systemen. Sie nutzt Andeutungen, Nebenbemerkungen und Überlagerungen von Sprachebenen, um Aufmerksamkeit zu binden, ohne sich festzulegen. Sie reizt der Vollzug mitunter weniger als die Vorfeldinszenierungen. Sie bevorzugt raffinierte Konstellationen.

Sprache ist Alisas Lieblingsmedium. Sprache erzeugt Resonanzräume, in denen andere sich wiederfinden, verlieren und überschätzen. Alisa versteht es, Projektionen zuzulassen, ohne sich ihnen auszuliefern. Aufmerksamkeit wird zur Ressource, Distanz zur Macht. Was andere als Intimität deuten, ist für sie eine Form kontrollierter Offenheit. Sie weiß, dass Überschreitung eine kognitive Angelegenheit ist.

Sie doziert über Michel Foucault. Die Antwort auf alle Unwägbarkeiten lautet Erziehung. Das stellt Foucault beinah am Ende seiner Reise zu den Quellen des Nils der „Sexualität und Wahrheit“ im vierten Band fest. Er beschreibt das Projekt des Christentums als eine post-antike Verbesserung des Menschen in Glauben und Verzicht. Foucault zeigt, dass die Ökonomisierung der Sexualität, die sich bis in den Regelvollzug fortsetzt, nicht erst vom Christentum ausgelöst wurde, sondern vorher da war. Die apostolischen Einlassungen basieren auf Milieuübereinkünften in einer nicht christlichen Welt. Am Anfang vom Ende einer langen Strecke des Begreifens zeigt Foucault, dass die Kirchenväter zu Anfang der christlichen Zeitrechnung stoische Leitsätze kopierten. Er durchforstet die Reglements von Taufe, Sünde und Buße in der Gemeinschaft der Gläubigen.

„Die Vielseitigkeit und Unbeständigkeit“ des Menschen verlangen Regulation. Über die Vereinfachung gelangt man zur Askese.

Zitiert aus Michel Foucault, „Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit", Band 4., herausgegeben von Frédéric Gros

„Ja, du hast diese magische Wortqualitäten und lässt einen ganz wundervoll sinnlich reisen. Es liegt am Typ Frau, wohin jede mit so einem Zauber gehen möchte, das Feld ist groß in der Welt der Imagination, ob erotisch oder ganz konkret. Alles zieht seine Kreise, manche Bahnen liegen näher beieinander als andere.“ M.

Ein halbes Jahrhundert nach Erasmus von Rotterdams Tod entreißt Cornelis de Houtman (1565 - 1599) den Portugiesen das ostindische Pfeffermonopol und macht Bantam auf Java zum ersten niederländischen Stützpunkt in Indonesien. Im Gefecht verliert er zwei Schiffe und fast alle Matrosen. Eine Bucht heißt seitdem „Friedhof der Holländer". Sandra Langereis beginnt ihre Erasmus-Biografie mit der Schilderung einer Expedition, die 1598 im Hafen von Goeree-Overflakkee ihren Anfang nimmt. Die Autorin beschwört den „protestantischen Unternehmergeist (und) evangelischen Optimismus" Rotterdamer Sklaven- und Gewürzhändler. Sie vertrauen ihre Investitionen Admiral Jacques Mahu (1564 - 1598) an.

Am 27. Juni 1598 sticht Mahu mit fünf Schiffen und knapp fünfhundert Mann Besatzung in See. Das ist der Auftakt eines einzigen Desasters. Mahu fährt auf der in „De Liefde“ umgetauften „Erasmus“.

„Schon damals diente der Eurostar unter den Gelehrten mit seinem Namen als Galionsfigur des Epochalen“, schreibt Alisa. Sie trägt eine Robe à la française aus schwarzviolettem Atlas - mit Watteau-Falten, die das Rokoko zitieren. Das Gewand war in seiner ursprünglichsten Gestalt ein Déshabillé, ein Gegenstand häuslicher Vexierspiele, und wirkt nun als textiles Zeichen für jene, denen Raffinesse unentbehrlich ist. Einst gestattete es der Frau, sich ohne Einschnürungen zu zeigen. Jeder informierte Liebhaber historischer Kostüme erkennt den frivolen Charakter, das Anspielungsreiche. So ein Kleid besitzt den Signalcharakter eines Kropfbandes mit gewissen Applikationen. Es funktioniert wie ein Lackmustest. Wer adäquat darauf reagiert, bringt bestimmte Eigenschaften mit. Der weite Horizont seiner Erwartungen verspricht ein helles Vergnügen, eine erotische Heiterkeit.

Das Spiel beginnt an ihrem Uni-Schreibtisch. Es riecht nach altem Gemäuer. Generationen von Pfeife rauchenden Professoren haben ihre Marken nachhaltig abgesetzt. Virgil gewährt Alisa das Vergnügen seitenlanger Passagen, die über ein Detail nicht hinausgehen. Die erotischen Exerzitien sind zugleich psychologische Studien. In Alisas Aufzeichnungen findet sich die Erkenntnis: Die sozialen Konturen eines Mannes unterbrechen meine Erregungslinien. Stets weiß ich vorher, über einen bestimmten Punkt komme ich nicht hinaus und die Hälfte der Lust ist Eigenleistung.

Alisa entzieht sich Virgil in eine erotische Nebelwelt. Plötzlich bricht die Wolkendecke ihrer Betrübnis auf und sie fühlt sich von der Lust getroffen wie von einem Schlag, dessen Wirkung sich in Schockwellen ausbreitet.

Turning Danger into Performance – Die Eisprinzessin – Die Ostsee als baltische Badewanne

Im ‚Café Wiegand‘ ist nachmittags um drei kein Platz mehr frei. Ein Belagerungsring schließt die Terrasse ein. Chefin Carmen bewacht den Küchenpass. Die Sächsin ist mit dem adligen Ahrenshooper Waldemar von Tillwitz verheiratet. Im Augenblick reicht das, um an den Leuten vorbei in einen gesperrten Bereich geschleust zu werden. Man könnte die Wirtschaft dahin ausdehnen, müsste dann aber auch andere Bereiche erweitern. Auf einer kleinen, von Fliegengittern eingeschlossenen Veranda sind Elena und Marek nicht die einzigen Privilegierten. Die anderen grüßen betont beiläufig, als müsse eine Peinlichkeit überspielt werden. Elena interessiert der Verhaltensfirlefanz nicht. Sie hat Vorzugsbehandlungen gern, auch wenn sie nicht weiß, wie sie zu der Ehre gekommen ist.    

Überall türmen sich Sachen. Die Wirtschaft wurde früher in einem viel größeren Stil mit viel mehr Schwung geführt. Damals war Kokosraspelkuchen der Renner. Nach 1990 verschwand er aus dem Angebot.

Jetzt ist er wieder da.

Marek rät Elena davon ab, weil er nicht glaubt, dass ihr Raspelkuchen schmeckt. Kokos ersetzte im realexistierenden Sozialismus großflächig die Mandel. Die Erinnerung an einen Mangel löst vermutlich immer noch Trotz aus. Trotzdem würde ich, huhu, es spricht der allwissende Erzähler, das jetzt gern erzählen. Ich lasse es.

Marek bestellt eine Mandelhonigschnitte, um sie kritisch mit dem Bienenstich seiner Kindheit zu vergleichen. Sein Westgeschmack lässt ihn mosern. Dabei ist Marek so borniert, dass er sich für vorurteilsfrei hält.

Der Nebentisch bricht auf. Elena fängt einen abschätzigen Blick auf. Sie ahnt eine Rüge. Das klassische Ahrenshooper Urlaubspaar tritt anders auf als Elena und Marek. Die Leute hier oben an der See (der baltischen Badewanne) kauen an abgenagten Verhaltensknochen herum.

Szenen im Flutlicht des Sommers. Elena sitzt vor ihrem Dell Precision 7540 auf der Terrasse des Cafés Boddenblick. Sie macht ihre Hausaufgaben, den Vorgaben ihres Schreibmeisters eifrig entsprechend. Marek wird gerade an einem besonders markanten Punkt gefilmt. Elena wollte nicht, und sei es aus Versehen, mitgefilmt werden. Sie geht gerade fremd, geplagt vom schlechten Gewissen, aber auch hingerissen von den Sensationen des Augenblicks. Erst jetzt bemerkt sie, was ihr wenigstens minutenlang entgangen ist. Halb verdeckt von einem Sonnenschirm sitzt Denis Scheck gerade mal einen Katzensprung entfernt. Hämisch fällt Elena dessen abgeklungene mediale Allgegenwart ein. Bis vor ein paar Jahren fand er ständig im Frühstücksfernsehen statt, man sah ihn in amerikanischen Serien. Er sprach mit Leichen über Literatur. Seine Ohren waren ein Ereignis. Den Ort eines Romangeschehens bezeichnete er als „Eroscenter des Geistes“. Der listige Schwabe bedient sich immer noch im Magazin der Verführungsrhetorik.

Du Stuttgarter Schwätzer, denkt Elena. In ihrer Phantasie fragt sich die TV-Nase gerade, woher sie die interessante Person am Nebentisch kennt.

So wirkt Elena nun mal. Von jeher. Auf beinah alle. Auch auf Bill Bazzuka. Seit den Tagen des kameradschaftlichen Wettpinkels der örtlichen Fischer- und Bauernsöhne stellt Bill Leuten nach. Während er die längste Zeit auf Stasi- Rechnung stalkte, verdient er nun an seinem Laster als Spion der Nord-Stream-Mafia. Die Stalinisten im Dunstkreis von Ex-HVA-Major Geronimo Mansfeld wissen Dinge, von denen keine Wessi auch nur das Leiseste ahnt. Die Sowjetunion so wie der ganze Ostblock existieren als tiefer KGB-Staatenbund fort. Ihre vollständige Restitution ist klandestines Staatsziel. Die westdeutsch-sozialdemokratische Wandel-durch-Handel-Macke wird perfide gegen den Klassenfeind eingesetzt.

Otfried Vrunt kreuzt auf. Der Bauunternehmer, Bürgermeister und Busenfreund von Geronimo Mansfeld dreht das große Rad am Bodden. Ich nenne das feudale Verhältnisse, und freue mich, wie gut es Elena gelingt, nichts davon mitzukriegen. Schon schlendert sie durch die Räume des Kunstvereins. Vor Wassili Nikolajewitsch Jakowlews Porträt des Marschalls der Sowjetunion Georgij Schukow zitiert sie den Kunsthistoriker Boris Groys: „Nach Stalins Tod und den Epochen der Ekstase (setzte) sofort eine allumfassende Langeweile ein.“

Die Ausstellung heißt „Traumfabrik Kommunismus“. Nach „Good Bye, Lenin“ kommt „Nackt für Stalin“. Elena hätte auch noch „Genosse Gott“ im Angebot.  

„In Moskau aber erwartete der Diktator das Symbol des Sieges - so Stalin über Schukow. Ob er eigentlich das Reiten verlernt habe, fragte ihn Stalin, als sich Schukow bei ihm am 19. Juni meldete, Schukow verneinte. Stalin: Gut, Sie werden die Siegesparade abnehmen. Ich rate ihnen, nehmen Sie den Schimmel, den Ihnen Budjonny zeigen wird.

Schukow soll sich zunächst gesträubt haben, aber drei Minuten vor zehn Uhr am 24. Juni 1945 ritt er auf dem Roten Platz unter den Klängen von Glinkas Gloria-Marsch der Feier des Sieges entgegen - seines Sieges.“ Aus dem SPIEGEL vom 28.04. 1969

Von Brombeerranken durchzogenes Unterholz schließt den Garten des Künstlerhauses Johannes R. Becher zum Bodden ab.

Johannes R. Becher (1891 – 1958) gehört zu den widersprüchlichsten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er war Expressionist, Kommunist, Antifaschist und DDR-Kulturminister. Er verfasste den Text der DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“.

Das Gelände ist auf pflegeleicht getrimmt. Der Längssaum besteht aus Weiß- und Schlehdorn, Kartoffelrose und Berberitze. Ein paar Beete und Sträucher unterbrechen die Wiesenmonotonie. Dann gibt es noch eine Grill-Sitzecke in Gestalt einer Baumarktkomplettlösung. Das Arrangement ist weit und breit einmalig. Die von Berlinerinnen und Hamburgerinnen restaurierten Boddenhöfe links und rechts haben Obstgärten mit jeder Menge Kirschknorz und malerisch gebeugten Birken. Die Ernte, das Einkochen, Keltern und Brennen gehören für die Städterinnen zur Country-Side-Folklore.  

Vor dem Haus erhebt sich der Rodelberg, auch unser Maulwurfhügel genannt. Auf halber Höhe steht Marek und winkt. Wie schön, denkt Elena.  

Minne auf Amerikanisch

In Austin, Texas, hatte ich eine Zeit mit einem weiblichen Vampir in der Nachbarschaft. Shauna behauptete, zu William Wallace' Zeiten (1270 - 1305) in einer schottischen Burggeboren worden zu sein. Daran konnte kein Zweifel bestehen. Shaunas geistige Spannweite war nicht abzumessen. Die Weltliteratur seit Boccaccio und Dante Alighieri hatte sie als Kleinigkeit für die Westentasche parat. Ja, Shauna trug Westernwesten, mexikanische Stiefel und Stetson. Sie liebte Saitenspielzeuge, am liebsten spielte Shauna Bluesrock im Stevie Ray Vaughan-Stil. Vaughan scheint allgemein ein Vampirfavorit zu sein. Einmal holte Lance Lopez Shauna auf die Bühne in einem Club am East Riverside Drive - „Antone's". Bestimmt kennt ihr den Laden, Lance servierte Shauna seine Gitarre. „The Killer Guitar from Texas" übergab das Instrument mit den Homeboy-Worten: „Blood in, blood out." Das war Minne auf Amerikanisch. 

Der Virus eines blinden Gerechtigkeitsverständnisses

Orson Welles kennt sie alle. Luciano, Costello, Capone - Im amerikanischen Schaugeschäft der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre sind Gangster unvermeidlich. Der Mob liebt das Kino und die Oper. „Capone kaufte immer die ersten vier Reihen bei jeder Premiere in Chicago. Du konntest nicht in einen Nachtclub gehen, ohne dass Costello eine Flasche Champagner an deinen Tisch schickte."

1958 nimmt es Welles zum letzten Mal mit Hollywood auf. Er inszeniert mit sich in der Rolle eines brummbärigen Sheriffs und mit Charlton Heston als einem gut Geföhnten des mexikanischen Establishments „Im Zeichen des Bösen". Marlene Dietrich spielt die kartenlesende Barchefin Tanja. Für Liebhaber der Schwarzen Serie lässt der Film nichts zu wünschen übrig. Er transportiert außerdem jede Menge Beat in der Art von Jack Kerouac. Vermutlich setzt Welles akute Stimmungen nur zu Illustrationszwecken ein. So gelingen Szenen, die sich einprägen, da sie nicht explizit sind. Die Lieder im Film kommen in den Fünfzigern aus jeder Jukebox.

Echte Gangster, weiß Welles, sind polierter als die Kinogangster. Sie machen mehr von sich her. In einem Film könnte diese Prunksucht leicht übertrieben wirken. Im „Zeichen des Bösen" beherrscht die Grandi-Gang den lokalen Drogenhandel. Dem Familienunternehmen steht Onkel Joe als Ersatzmann vor. Sein letzter lebender Bruder, der Pate, sitzt in Untersuchungshaft. Vargas ließ ihn festnehmen, der Grande stört die Kreise des Grandi-Clans. Onkel Joe sinnt auf Rache. Mehr noch interessiert ihn die Wiederherstellung einer beschaulichen Ordnung. Onkel Joe lamentiert und intrigiert.

Er scheint allenfalls mäßig durchtrieben. Onkel Joe sieht aus wie der geputzte Pflücker am Freitagabend in einem Roman von John Steinbeck. Regt er sich auf, verrutscht das Toupet. Akim Tamiroff spielt Onkel Joe wie einen anderen Onkel Tom. Er buckelt vor US-Instanzen. Seine von Haus aus kriminellen Neffen spuren kaum. Ständig sind sie stoned.

Massenhafte Verbreitung von Marihuana und Heroin gehören zu den Zeichen der Zeit als einer neuen Bedrohung der Mittelschicht. Drogen gelangen über die Grenzen ihrer angestammten Gebiete, das waren Außenseiterparadiese und Hobo-Höllen. Nun bedrohen sie das heile Amerika. Als Susan mit Rauschgift in Verbindung gebracht wird, wundert das keinen. Inzwischen kommt so was in den besten Familien vor.

„Im Zeichen des Bösen" ist eine Borderline-Geschichte. Sie spielt in der amerikanisch-mexikanischen Grenzstadt Los Robles. Zuerst sieht man ein Paar im Vergnügungsviertel auf der mexikanischen Seite. Es geht eine Liste der Vorurteile durch, voll verliebter Verve. Vargas' Frau stammt aus Philadelphia. Zwar schmachtet Susan (Janet Leigh) den Gatten an, doch zweifelt sie nicht an ihrer kulturellen Überlegenheit und am Wert nordamerikanischer Errungenschaften. Selbstverständlich übernachtet sie lieber in einem Motel auf texanischer Seite.

Das Thema wird wieder angespielt. Bei einem beruflichen Aufenthalt im mexikanischen Distrikt sagt Captain Hank Quinlan verdrossen zum subalternen Pete (Joseph Calleia): „Lass uns auf die zivilisierte Seite zurückkehren."

Das Ehepaar Vargas beobachtet eine Explosion, der reichste Mann am Platz fliegt in die Luft. Es begegnet Quinlan am Tatort. Der Sheriff schleppt sich, er lahmt seit einem Schusswechsel vor langer Zeit. Orson Welles spielt Quinlan übergewichtig, kurzatmig und eingeschnappt. Die Quintessenz von dreißig Jahren im Dienst: „Idealisten sind schlimmer als Gangster."

Quinlan hat das Trinken aufgegeben und sich auf eine Schokoriegelsucht verlegt. Der Witwer wohnt neben einem Bohrturm. Er lebt in Trauer um seine vor einer Ewigkeit ermordeten Frau. Sie wurde erdrosselt, der Mörder entkam. Bald wird Quinlan Onkel Joe den Hals zuschnüren, in einem obsessiven Akt. Den Mörder des hochgejagten Magnaten, Manelo Sanchez (Victor Millan), überführt er mit gefälschten Indizien. In jedem Fall hat er den richtigen Riecher.

Quinlan glaubt, die Intuition sei daheim in seinem lahmen Bein. Er erkundigt sich bei Marlene Dietrich: „Komm schon, sag mir meine Zukunft voraus." Tanja entgegnet: „Du hast keine."

In ihrer Bar steht ein Pianola, unwillkürlich denkt man an den „Blauen Engel". Den hat Welles nicht gesehen, so wie die Dietrichrolle auch nicht im Drehbuch steht. Die Dreharbeiten sind im Gang, als dem Regisseur einfällt, der Freundin ein paar Tage Arbeit zu verschaffen. Sie über ihn: „Wenn ich ihn gesehen und mit ihm gesprochen habe, fühle ich mich wie eine Pflanze, die soeben Wasser bekommen hat."

Quinlan bleibt mit seinem Rassismus in bester Gesellschaft. Es gibt Wichtigeres als Recht und Gesetz. Quinlan beschimpft Vargas als Ausländer, der den Virus eines blinden Gerechtigkeitsverständnisses einschleppt. Vargas fehlt bis zum Schluss der Sinn für die vor Ort effektiven Unterscheidungen. Der Film stellt dem mörderischen Bullen Quinlan keinen moralischen Bankrottbescheid zu.

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„Der Hildesheimer hat gesagt, daß er es für sinnlos hält, heute noch zu schreiben ... (da es keine Nachwelt mehr gibt.) Das ist etwas ganz Defätistisches. Wenn ich eine Arbeit mache, dann mache ich sie doch, weil ich diese Arbeit gern mache, weil ich sie so gut machen will, wie ich kann. Da ist es doch uninteressant, ob das fertige Produkt morgen in einem Museum steht oder wie eine Flaschenpost im Atlantik treibt." Heiner Müller

In der Flaschenpost steckt der Auftrag, Selbstermächtigung und Neubeschriftung. Heiner Müller vergleicht die eigene Gattung mit den Silberfischen in seinem Badezimmer. „Aber manchmal, morgens, wenn ich ins Bad komme, hat sich wieder einer die Wanne hochgearbeitet. Den spül ich dann weg; drei Tage später ist wieder einer da, wahrscheinlich nicht derselbe, die leben ja irgendwie kollektiver. Für den Silberfisch ist das, was sich da abspielt, Geschichte. Aus hinreichend astronomischer Entfernung ist unsere Geschichte auch nichts anderes als der Versuch, an den Rand der Badewanne zu gelangen. Was die Silberfische nie schaffen, solange die Wohnung bewohnt ist.

Ruhepunkt am Horizont

„Der Weise kennt keine Lebensmüdigkeit", weiß Maurice Maeterlinck. Der Autor pickt sich einen erhabenen Seelandbewohner heraus, dessen ganzes Glück sich in der Schönheit seines Gartens erschöpft. Der Besonnte weiß, dass Blau die Lieblingsfarbe der Bienen ist. Beobachten kann er seinen Bienenstand von der Küche aus, die typisch mit einem Porzellanbrett bestückt ist. Das Brett trägt „leuchtendes Zinn- und Kupfergeschirr". Das Haus liegt an einem stillen Kanal. Das Wasser spiegelt die häusliche Szene in einem Pappelsaum. Der Blick findet einen „Ruhepunkt am Horizont mit seinen Mühlen und Weidetriften".

Für Maurice Maeterlinck sind Bienenstöcke die Wahrzeichen irdischer Kleinparadiese. Wieder und wieder rafft er alles zusammen, was eine Idylle entstehen lässt ... Blumen, Stille, eine milde Luft, die Strahlkraft einer gnädigen Sonne.

Freuden sommerlicher Gartenlust

Bienen dienen Maeterlinck zur Illustration seines auf dem Sockel der Natur gründenden Staatsgedankens.

„Man lernt in der Schule der Bienen das geheimnisvolle Weben der Natur, die Fäden, die sich zwischen ihren ... Reichen knüpfen."

Das spricht Alisa an, so wie sie da sitzt in einem schwarzen Cocktailkleid; die Unterwäsche ein Geschenk von Virgil nach seinem Geschmack. Schauplatz des Stelldicheins ist eine Rumpelkammer im toten Trakt der Ederthaler Landgraf Philipps Universität, einem Bunker des Mittelalters. In diesem Raum waltete einst der Pedell mit seinen pädagogischen Instrumenten. Er exekutierte Urteile der akademischen Gerichtsbarkeit. Ihm oblag die Aufsicht über den Karzter, einer Arrestzelle in der Hochschule. Nach Maeterlinck unterstreichen die Bienen „mit ihren tausend kleinen Flügeln wie mit Feuerzeichen die fast unstoffliche Wonne ... jungfräulicher Tage“, ohne eine Spur zu legen, der die Erinnerung folgen könnte. Maeterlinck assoziiert Reinheit, Klarheit, Glück. 

Dieser Erzähleinfall kommt aus einem Traum von Alisa. Ich schiebe ihn kurz dazwischen. Ein junger Mann, mit mehr Ehrgeiz als Verstand, übersetzt Liebesschmalz, Erotik und Pornografie. Jedes Genre befolgt eigene Gesetze aufs Wort. Zwangsläufig ergibt sich ein Hypertext, wie im Überflug gewonnen oder aus einer Kehrmaschine herausgeschleudert. Alles driftet Richtung Nacht. Registriert werden verwirrte Verkehrsteilnehmer, kollabierende Konsumenten, stechende Gerüche, streikende Haut und fallengelassenes Pressfleisch. Teer siedet in der Hitze einer schwarzen Sonne. Alisa sieht den Prospekt auch noch in tagheller Erinnerung schwarzweiß. Eine Traumfrau schleppt einen Mann aus einer Kneipe ab. Es geschieht das Angestrebte, nun trennt die Frau ihre Gefühle nach Sorten. Einerseits hat ihr der Mann gutgetan, allein, dass er sie berührte. Andererseits fühlt sie sich benutzt und von Lieblosigkeit denunziert. 

Besser als viele versteht Virgil, was Wörter vermögen, wie sie uns konditionieren und zu abrufbaren Reaktionen verleiten. Alisas Zunge überstreicht die Unterlippe, wie unbewusst auch immer. Die kleinste Bewegung des wie ein sowjetischer Olympiaringer gebauten Virgil, fesselt ihre Aufmerksamkeit. Ihr Körper reagiert auf die Freiheit dieses Mannes, auf seine Unabhängigkeit, seine Gravitation. Die Anziehungskraft wirkt magnetisch. Sie erlaubt es Alisa nicht, in ihren Verhaltensverstecken auszuharren.  

Die Selbstlosigkeit und der Fleiß „heroischer Arbeiterinnen lehren den Geschmack an der unbestimmten Süßigkeit der Muse". 

Turning Danger into Performance – Titanische Moves

Bienen dienen Maeterlinck zur Illustration seines auf dem Sockel der Natur gründenden Staatsgedankens.

„Man lernt in der Schule der Bienen das geheimnisvolle Weben der Natur, die Fäden, die sich zwischen ihren ... Reichen knüpfen.“

Die Selbstlosigkeit und der Fleiß „heroischer Arbeiterinnen lehren den Geschmack an der unbestimmten Süßigkeit der Muse“. 

Das spricht Alisa an, so wie sie da sitzt in einem schwarzen Cocktailkleid; die Unterwäsche ein Geschenk von Virgil nach seinem Geschmack. Schauplatz des Stelldicheins ist eine Rumpelkammer im toten Trakt der Ederthaler Landgraf Philipps Universität, einem Bunker des Mittelalters. In diesem Raum waltete einst der Pedell mit seinen pädagogischen Instrumenten. Er exekutierte Urteile der akademischen Gerichtsbarkeit. Ihm oblag die Aufsicht über den Karzter, einer Arrestzelle in der Hochschule. Nach Maeterlinck unterstreichen die Bienen „mit ihren tausend kleinen Flügeln wie mit Feuerzeichen die fast unstoffliche Wonne ... jungfräulicher Tage“, ohne eine Spur zu legen, der die Erinnerung folgen könnte. Maeterlinck assoziiert Reinheit, Klarheit, Glück. 

Dieser Erzähleinfall kommt aus einem Traum von Alisa. Ich schiebe ihn kurz dazwischen. Ein junger Mann, mit mehr Ehrgeiz als Verstand, übersetzt Liebesschmalz, Erotik und Pornografie. Jedes Genre befolgt eigene Gesetze aufs Wort. Zwangsläufig ergibt sich ein Hypertext, wie im Überflug gewonnen oder aus einer Kehrmaschine herausgeschleudert. Alles driftet Richtung Nacht. Registriert werden verwirrte Verkehrsteilnehmer, kollabierende Konsumenten, stechende Gerüche, streikende Haut und fallengelassenes Pressfleisch. Teer siedet in der Hitze einer schwarzen Sonne. Alisa sieht den Prospekt auch noch in tagheller Erinnerung schwarzweiß. Eine Traumfrau schleppt einen Mann aus einer Kneipe ab. Es geschieht das Angestrebte, nun trennt die Frau ihre Gefühle nach Sorten. Einerseits hat ihr der Mann gutgetan, allein, dass er sie berührte. Andererseits fühlt sie sich benutzt und von Lieblosigkeit denunziert. 

Besser als viele versteht Virgil, was Wörter vermögen, wie sie uns konditionieren und zu abrufbaren Reaktionen verleiten. Alisas Zunge überstreicht die Unterlippe, wie unbewusst auch immer. Die kleinste Bewegung des wie ein sowjetischer Olympiaringer gebauten Virgil, fesselt ihre Aufmerksamkeit. Ihr Körper reagiert auf die Freiheit dieses Mannes, auf seine Unabhängigkeit, seine Gravitation. Die Anziehungskraft wirkt magnetisch. Sie erlaubt es Alisa nicht, in ihren Verhaltensverstecken auszuharren.  

*

Flüsternd beschwören Sina und Wyatt ihre Liebe. Das Paar küsst sich mit jener zärtlichen Dringlichkeit, die aus der Verehrung kommt. Ja, auch diese beide verehren sich und beten sich an, wenn auch nicht so obsessiv und dunkelgewaltig wie in den Adorationen, in denen Virgil die Apotheose an Alisa vollzieht. Aromen von Jasmin und Wacholder segnen die sanft-schwingende Verbindung.

Es ist einer jener Abende, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Ein letzter goldener Glanz liegen auf der niederhessischen Savanne ... Sina und Wyatt liegen auf der geblümten Decke aus dem Haushalt einer Ahne, die sie stets mit in den Garten nehmen, wenn ihnen danach ist, sich unter freiem Himmel zu lieben - ganz beieinander, fern von allem. Rehen ästen in Rufweite. Sina dreht sich zu Wyatt, streichelt seine Wange. 

Sie zieht ihr Lumberjack Shirt über den Kopf, ohne Eile. Ihre Bewegungen sind weich, wie von innen geleitet. Die Liebenden betrachten sich. Das ist das Augenspiel. Sie lieben es, sich anzusehen. Da ist ein elementares Verstehen. Ihre Körper finden sich, vertraut und doch immer wieder neu. Sie lieben sich ohne Eifer, mit einem leisen Staunen. Danach liegen sie aneinandergeschmiegt da, Haut an Haut, und genießen das Nachglühen, das jederzeit zum Vorglühen werden kann. Erste Sterne zeigen sich. Marienkäfer erklimmen schwankende Halmgipfel, ein Kauz ruft.

„Was war das für ein Tag...“ murmelt Wyatt. 

Sina schließt die Augen, lächelt. 

„Der schönste.“

Und dann – Schritte. Lachen. Stimmen. Sina richtet sich auf. Wyatt folgt ihrem Blick. Durch das Gartentor fließt Alisa, barfuß, mit Wind im Haar und einem Korb am Arm; gefolgt von Virgil. Beide lachen unverschämt herzlich.

„Ach, verzeiht!“ ruft Alisa, „wir wollten euch nicht stören.“ 

Sina und Wyatt haben da kein Problem. Sie leben nicht in der Tristesse vergessener Göttlichkeit. Sina sagt: 

„Erst sind wir gekommen und jetzt kommt ihr. Das ist doch perfekt. Und der Abend... ist noch jung.“

Sina und Wyatt empfangen die Gäste in ihrem Paradies. Wer wirklich liebt, kann sich zeigen, wie er ist – ohne Fassade, ohne Scheu.

„Aaaaah.. wie schön... das ist eine sehr berührende, sehr schöne Episode, lieber …!“ M.

Werfen wir noch mal einen anderen Blick auf die Szene. Der verwilderte Garten wird zum leuchtenden Zwischenraum – nicht nur zwischen Tag und Nacht, sondern auch zwischen Alltäglichem und Magischem. Eine Feuerschale knistert leise, als Alisa mit geschickten Händen ein paar getrocknete Kräuter in die Glut streut. Ein Duft von Rosmarin, Salbei und Lavendel steigt auf. Die Luft ist lind, im warmen Wind wiegt sich das Zirpen der Grillen.

Wyatt platziert eine Hand auf Sinas Oberschenkel. Da ist nichts Besitzergreifendes, nur ein ruhiger Kontakt, der sagt: Ich bin hier. Sie lehnt an seiner Schulter, ihr Haar noch offen. Nackt unter dem Kleid. Die Art, wie sie mit den Zehen wackelt, zeigt Wyatt an, dass sie ihn gleich noch mal haben will. Alisa sitzt im Schneidersitz auf der Decke, die Füße im Gras. Neben ihr Virgil – wuchtig, gelassen, mit der Präsenz eines bekifften Bären.  

„Wisst ihr“, verkündet Virgil, „in meiner Heimat erzählt man sich, dass jede Nacht, in der Menschen gemeinsam am Feuer sitzen, einen alten Geist weckt. Ich sehe ihn förmlich vor mir.“

Alisa lächelt und legt den Kopf an die Schulter ihres Liebsten.

„Was für ein Geist denn?“

„Der, der sich erinnert“, sagt Virgil. „Er hört, was ihr sagt, und merkt sich, was ihr verschweigt.“

Es entsteht Stille ohne Unbehagen. Menschen sitzen beieinander, die mit Kraft gesegnet sind. In einem anderen Jahrhundert hätte man ihre Schwerter gesehen.

„Und was merkt er sich bei uns?“, fragt Wyatt amüsiert.

„Dass ihr liebt, ohne euch zu verstecken. Und dass ihr längst Teil eines großen Spiels seid.“

Sina hebt den Kopf, mustert Virgil. „Du meinst – wir vier?“

Die Eisprinzessin – Turning Danger into Performance – Seelische Anthropophagie

Elena beobachtete Marek. Er lümmelte auf dem Sofa und schmökerte in einer zerlesenen Schwarte. Ein Machwerk aus dem Drehständer vor einem Bahnhofsdiscounter für Druckerzeugnisse. Ein Mittel gegen die Langeweile im Zug. Ein Gegenstand zur Überbrückung von Zeit, die sich nicht besser nutzen lässt. Ein Retortenthriller, der den Namen Reiselektüre nicht verdiente. Elena überraschte Mareks Genügsamkeit. Sie war beinah enttäuscht. Sich selbst erlaubte sie keine billige Belletristik. Jedes Buch musste dem Anspruch genügen, der sich in ihr als Heranwachsende eingenistet hatte. Sie war gewiss keine Intellektuelle, aber niveaulos war sie deshalb noch lange nicht.

Elena rief sich zur Ordnung. Vielleicht verbargen sich in dem Schund narrative Kleinode, die nur ein Genie zu heben wusste. Für die Kriminalbeamtin auf Abwegen stand außer Frage, dass der Bestsellerautor Marek Lorenz in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung war. Er war jedes Risiko wert, einschließlich der Zerstörung ihrer Ehe in der Konsequenz ihrer Untreue.

Da lag ein Mensch, der ihr Herz schneller schlagen ließ, einfach weil er atmete. Das Verlangen meldete sich. Sie hatte schon so oft Liebhaber abgewimmelt, weil es ihr zu viel geworden war. Aber mit Marek wurde es ihr nie zu viel. Der Sex mit ihm war alles Mögliche, auch ein Atemgebet. Gemeinsam folgten sie Stimmungen, ließen sich treiben, gerieten in Strudel, genossen die Leichtigkeit in einer angenehmen Strömung. Es war so viel und es war nie genug. Jeder Höhepunkt war ein Vorläufer. Die Orgasmen unterschieden sich in ihrer Intensität. Elena badete gern noch eine Weile in einem Abklingbecken der Lust, wenn die Ekstase vorbei war. Sexualität und Erotik waren Kraftquellen. Sie bedurften der Kultivierung. Sex und Qigong bildeten für Marek eine Einheit. Er war wirklich ein außergewöhnlicher Liebhaber. Außergewöhnlich versiert. Beschlagen. Das waren Begriffe, die Elena bis eben nie mit der körperlichen Liebe in Verbindung gebracht hatte. Elena war sich sicher, nie wieder einen Mann zu finden, der sie so vollständig in sich aufnehmen konnte.

„Ich will dich in mir spüren“, sagte sie.

Marek musterte sie unverschämt. Er verhehlte ihr seinen Spott nicht. Sein Grinsen empfand sie wie einen Schlag. Er beschämte sie und sie litt schlagartig furchtbar unter ihrer Scham. Gerade entbehrte sie vollkommen die Souveränität der bürgerlichen Person, die sie war. Gut gewachsen. Gut ausgebildet. Gut verheiratet. Ausgestattet mit einer guten Herkunftsgeschichte. Sie musste sich von niemandem etwas bieten lassen. Wenn Marek von ihr schon genug hatte, dann wollte sie ihm keine Minute länger zur Last fallen. Sie wollte aufstehen und grußlos gehen. Aber sie war wie eingefroren. Brettsteif. Unfähig sich auch nur zu rühren.

„So, so“, sagte Marek, „das willst du also. Mich in dir spüren. Man könnte es natürlich auch anders formulieren.“

Die Gemeinheit hatte eine beinah räumliche Konsistenz. Sie wirkte so intensiv wie ein zu dick aufgetragenes Parfüm.

Das will ich jetzt ganz bestimmt nicht mehr, wollte Elena entgegen. Sie bekam kein Wort heraus. Stumm und steif saß sie fest in ihrer Peinlichkeitsfalle. Sie dachte an die letzte Nachricht ihres Mannes. Elena hatte sie so ignoriert wie man einen unerwünschten Anruf wegdrückt, mit einem bösen, wenn auch lautlosen Kommentar. Jetzt bin ich dir plötzlich wieder wichtig, nach all den Gleichgültigkeiten der letzten Jahre. Ihre eigenen Gleichgültigkeiten und betrügerischen Liebesverirrungen waren ihr gerade entfallen.

Ich setze Jörgs Nachricht an diese Stelle:  

Ich schreibe dir das in meiner Not. Ich entbehre dich, als könnte ich ohne dich nicht atmen. Du hast versprochen, gegen neun mit mir zu skypen. Ich fiebere dem Termin entgegen und verlasse mich auf deine Pünktlichkeit.  

Elena hatte die Verabredung verstreichen lassen. Sie absichtlich vergessen; so wie sie in ihrer Kindheit und Jugend Unangenehmes aus dem Gedächtnis zu streichen gelernt hatte. Ein Achselzucken als Entschuldigung. Wieder und wieder war in dieser Weise ein Kelch an ihr vorbeigegangen. Man konnte ihrer Niedlichkeit einfach nicht böse sein. Niederträchtige Absichten mochte ihr niemand unterstellen. Doch jetzt war sie siebenunddreißig und Polizistin im gehobenen Dienst. Sie teilte mit Jörg gemeinsames Eigentum und das Schicksal der unfreiwilligen Kinderlosigkeit. Das war also alles nicht angemessen. Im nächsten Augenblick war nichts mehr übrig von Scham und Reue. Ich will euch das nicht ausmalen. Marek war ein Magier der infamen Sorte. Es fiel ihm leicht, Elena in seinen Armen vergessen zu lassen, wie fies er eben noch gewesen war.  

„Meine Worte schwimmen auf tiefen Atemströmen zu dir, Liebster. - Wir liegen nach unseren Schwimmrunden tief atmend und herrlich erfrischt nebeneinander. Meine Finger spielen auf deinen Armen, du wendest dich zu mir, ich liebe deinen begehrenden Blick. Du beugst dich an mein Ohr und flüsterst mit unser Fickwort so unverschämt fordernd wie zärtlich zu, während du mein Bikinioberteil um den Nacken löst und meinen Busen freilegst. Deine Fingerspitzen wecken meine Knospen, wandern zu meiner Mitte und wecken den Puls, der meine Hüfte an dich drängen lässt. Meine Hand taucht in deine Badehose, mein warmer Herzschlag umhüllt deinen Schwanz und ich spüre deine Lust wachsen. Ein wellendes Willkommen benetzt deine Fingerspitzen in meiner Bikinihose. Ich drehe mich, du schiebst den Stoff zur Seite und beschenkst mich kurz darauf mit deinem Kommen. Die Sonne glitzert ungefiltert auf der Eder. Salzige Liebesperlen auf unseren Lippen.“ M.

*

Die körperliche Vereinigung ist in der daoistischen Praxis kein Ziel. Sie ist ein Weg. Eine Kommunion der Energien. Kann man sein Qi bewusst auf den inneren Bahnen zirkulieren lassen, spricht man vom Öffnen des Mikrokosmischen Orbits. To open your body is the first. Im freien Fluss der Lebenskraft entsteht ein Gefühl von Wärme, Klarheit, oft auch von subtiler Lust. Einschlägige Erlebnisse stellen sich zunächst zufällig ein. Es geht darum, sie willkürlich herbeiführen zu können. Elenas erotischer Radius wächst in den immer besser ausgesteuerten Fusionen von Qi und Libido. Mit Marek genießt sie Sex in einer Weise wie noch mit keinem Mann zuvor. Ohne innere Widerstände erweitert sie (erweitert sich) ihr Repertoire. Ich dachte eben das Wort erotische Konfektionsgröße. Aber es passt gerade nirgendwo hin.  

Turning Danger into Performance – Höhepunkte im Himmelreich der kosmischen Ekstase

Es verging kein Tag, an dem Aslan seinen Körper nicht abhärtete. Jederzeit hatte er einen Stock zur Hand, mit dem er seine Schienenbeine, seine Schenkel und seinen Brustkorb traktierte. Oft bat er Schüler, ihn so fest wie sie es nur vermochten zu schlagen, auch auf den Rücken und die Arme. Da er sich im Weiteren zu der Praxis nicht äußerte und Aiko auch nicht auf verschwiegenen Pfaden in diese Richtung führte, zügelte sie ihre Neugier und verkniff sich jede Frage. In ihrer Wahrnehmung gab es Aslan in zwei Versionen. Sie kannte ihn als offenherzigen und großzügigen Menschen sowie als unvergleichlichen, ja geradezu magischen Liebhaber, der Aiko Wonnen schenkte wie noch kein Mann vor ihm; mehr noch, der sie Höhepunkte im Himmelreich der kosmischen Ekstase erleben ließ. Es gab ihn aber auch noch ganz anders – verschlossen und missmutig. Doch war Aiko sich selbst gegenüber ehrlich genug, um sich nicht zu verhehlen, dass sie der mysteriöse Aslan mit seinem orientalischen Klan-Kult faszinierte - und auch erregte.

Seit ein paar Wochen konditionierte sich Aiko heimlich mit einem chinesischen Kampfstock. Wenn auch nicht heimlich genug. Eines Nachmittags ertappte sie Aslan. Er näherte sich lautlos. Aiko bemerkte ihn erst, als er sie ansprach.    

„Aiko, im China der kaiserlichen Dynastien erachtete man den Gun als Vater sämtlicher Kampfkünste. Er ist kein Werkzeug der Gewalt; vielmehr ist er eine Verlängerung deines Atems. Lerne, mit dem Wind zu tanzen, nicht gegen ihn.“

Aslon nahm der Novizin den Stock ab und führte ihn in fließenden Bewegungen, großen Kreisbahnen und unfassbar schnellen Wirbeln.

„Das ist Shaolin Da Gun - die große Form“, erklärte er. „Wenn ich mich mit dem Stock erziehe, geschieht es in Liebe zur Form. Ich malträtiere mich nicht. Ich schöpfe mich aus und vergrößere mein energetisches Volumen. Das hat nichts Selbstverletzendes. Das ist keine Hornhaut, die ich hege wie einen Steingarten. Du darfst mir nicht vorgreifen, wenn du meine Schülerin bleiben willst.“

Aiko war erschrocken, ob der Eindringlichkeit, die Aslan nötig fand. Ein tiefer Kummer erfasste sie. Sie wollte sich entschuldigen, allein ihr fehlten die Worte. Sie war so froh, dass Aslan von allen weiteren Belehrungen absah und sie in einer gemeinsamen Meditation erlöste. Später präsentierte er einen Gun aus der Bodhidharma-Ära. Der indische Mönch gilt als Begründer der Shaolin-Kampfkunst im Wege der Yi Jin Jing - der Muskel- und Sehnentransformation. Der Khan besaß auch einen Gun aus dem Arsenal von Zhi Yuan, einem zum Anführer befähigten Kriegermönch der Ming-Zeit. Schon am nächsten Tag setzte er den Stock-Unterricht fort. Er präsentierte Alisa einen antiken japanischen Kampfstock von sagenhaftem Wert. Bōjutsu ist das japanische Wort für Stockkampf.

„Der  ist bescheiden, doch wandlungsfähig. Es geht um Distanzkontrolle. Wer den Abstand bestimmt, entscheidet über den Schaden.“

Aslan zählte zu den Adepten der Shintō Musō-ryū-Schule. Er erzählte Aiko mit den Mitteln des Stocks eine Geschichte. Sie handelte von einem Mönch, der den landauf, landab als Schwertkämpfer gefürchteten Schergen eines Tyrannen bezwingt. Die Essenz des Lehrstücks lautete: klug gesetzte Winkel, Tempowechsel und ein klarer Geist bieten mehr Stärke als eine martialische Bewaffnung.

„Die Kraft liegt im Moment der Entscheidung.“

Da war sie wieder - die absolute Geistesgegenwärtigkeit. Aiko war so hingerissen von ihrem Meister, dass sie kaum das Ende der Stunde abwarten konnte. Aslan genoss die hochschäumende Leidenschaft seiner Schülerin. Er trieb sie über jeden Punkt beherrschbarer Lust …

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luiss Profilbild
luis Am 12.05.2026 um 0:45 Uhr
Ich war ehrlich gesagt erstaunt über deine Geschichte. Sie fühlte sich so filmisch und emotional vielschichtig an, dass ich sofort an Animation denken musste.

Dein Schreiben besitzt enormes visuelles Potenzial, und ich glaube wirklich, dass es ein noch größeres Publikum erreichen könnte. Ich bin Auftragskünstlerin und würde mich freuen, mit dir in Kontakt zu treten, falls du möchtest Inst@gr@m: elsaa.uwu.
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Teichmann (Autor)Am 05.06.2026 um 8:41 Uhr
@luis Das interessiert mich nicht.
luiss Profilbild
luis Am 05.06.2026 um 1:20 Uhr
@Teichmann Übrigens, wie denkst du über eine animierte Adaption deiner Geschichte?
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Teichmann (Autor)Am 12.05.2026 um 7:34 Uhr
Vielen Dank. Ich freue mich sehr über die freundliche Rückmeldung. Mir reicht es so. Für mich ist der Text das Bild. Aber trotzdem Danke für das Angebot. Ich wünsche Dir einen schönen Tag. Ich habe den ganzen Tag zum Schreiben und bin von dieser Aussicht hingerissen.

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Kapitel: 154
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