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Yasashikunai Mirai

12
1.10.2018 7:09
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

MEJIBRAY, Alternative Universe, No-Band-Content
Fortsetzung von Muzukashii Sekai
Boys Love & Hetero -> Tsuzuku/Meto, Koichi/Mikan (OC)
Trigger Warnung: beschriebene Borderline Persönlichkeitsstörung ...

Der Gesang der Vögel im Tempelgarten weckte mich am Morgen des 1. März schon lange, bevor der Wecker im Zimmer klingeln sollte. Irgendein Vogel saß im Baum vor dem Fenster und sang sich die Seele aus dem Leib, so als wäre schon Mitte April. Genervt von diesem fröhlichen Trällern zog ich mir das Kissen über den Kopf und versuchte so, es abzuschirmen, doch das Fenster war offen und so brachte das nicht viel.

Komori schlief noch, trotz des Gezwitschers, und so blieb ich ebenfalls liegen, um ihn nicht zu wecken. Obwohl … jemand, der nicht mal aufwachte, wenn direkt vor dem Fenster ein Vogel herumschrie, würde wohl auch weiterschlafen, wenn ich mal eben aufstand, um dieses verdammte Fenster zu schließen. Und so erhob ich mich, schritt zum Fenster und klappte es entschlossen zu, woraufhin der Vogel auch gleich davonflog, um irgendwo anders weiter zu singen, wo er vielleicht nicht gerade jemanden weckte und nervte, der sowieso schon aufgeregt war, weil heute sein letzter Tag hier war.

 

Jemanden wie mich. Ja, heute war er, der Tag, an dem meine Zeit im Hikuyama-Tempel vorbei ging. Meine Tasche stand offen vor dem Schrank, bereit, dass ich meine Sachen wieder hineinräumte, und die Wohnung, die Koichi letztes Jahr in der nächsten Großstadt gefunden hatte, war inzwischen auch frei und bezugsfertig. Ich hatte in den nächsten Wochen vier Vorstellungsgespräche bei ganz verschiedenen Arbeitgebern und fühlte mich motiviert und bereit, mein neues Leben in Angriff zu nehmen.

Zumindest einerseits.

Denn andererseits hatte ich Angst. Vor dem vielen Neuen, was auf mich zukam, vor den Menschen, mit denen ich zu tun haben würde, und davor, dass ich das vielleicht nicht packte.

 

Ich setzte mich auf die Bettkante, streckte mich und schaute an mir herunter: Da ich ja eben erst aufgewacht war, hatte ich mich natürlich noch nicht angezogen und trug nur ein T-Shirt und Shorts am Leib. Ich mochte keine Shorts, zumindest nicht, wenn mich jemand außer Meto darin sah. Shorts betonten zu sehr, wie dünn meine Beine waren, auch, wenn es inzwischen nicht mehr ganz so schlimm war, weil ich in der Zeit hier einige Kilos zugenommen hatte. Eben jene konnte ich sehen, wenn ich mich so anschaute. Auch wenn ich immer noch unterhalb des Normalgewichtes war, so sahen gerade meine Beine nicht mehr ganz so krank aus.

 

Was ich hier im Tempel angefangen hatte und sich ebenfalls langsam an meinem Körper zeigte, war: Ich versuchte mich wieder am Kraftsport. Es gab hier einen kleinen Trainingsraum und irgendwann war mir die Idee gekommen, meine viele Freizeit dazu zu nutzen, dieses frühere Hobby von mir wieder aufleben zu lassen. Wenn ich nichts zu tun hatte oder es mir mental nicht gut ging, kümmerte ich mich jetzt darum, meinen Körper wieder halbwegs in Form zu bringen.

 

Mich bis über die Schmerzgrenze hinweg auszupowern, hatte mir schon in meinem alten Leben früher geholfen, mit meinen seltsamen Stimmungsschwankungen und Negativgedanken umzugehen. Danach, wenn mir alle Knochen und Muskeln wehtaten, ging es mir im Kopf immer irgendwie besser und ich konnte wieder klarer denken. Doch nach Mamas Tod hatte mir die psychische und auch die physische Kraft gefehlt, damit weiter zu machen, und später, als ich alles verloren hatte, war daran natürlich nicht mehr zu denken gewesen.

 

Das Piepen des Weckers riss mich aus meinen Gedanken. Es folgte ein energischer Schlag, als Komori, an dessen Bett unser gemeinsamer Wecker stand, ihn ausschaltete.

„Morg’n, Tsu“, begrüßte er mich verschlafen.

„Morgen.“

Ich stand auf, ging zum Schrank, öffnete die Türen und Schubladen und begann, meine Sachen in meine mehr als abgewetzte Tasche zu packen. Über den Winter war mein Besitz um mehrere Kleidungsstücke, zwei Paar Schuhe, zwei Bücher und einen MP3-Player (den Meto mir zu Weihnachten geschenkt hatte) angewachsen. Nicht mitgezählt diejenigen Sachen, die ich immer noch bei Meto zu Hause lagerte.

 

„Ich hab’s gewusst …“, murmelte ich, als ich meine Tasche randvoll gepackt hatte und trotzdem noch zwei Hosen und meine zerrissene schwarze Sweatjacke im Schrank lagen.

„Passt nicht alles rein?“, fragte Komori.

„Ich kann kaum glauben, dass ich so viel Kram angesammelt habe“, antwortete ich und blickte zu den Sachen, die ich heute anziehen wollte und die deshalb auf dem Stuhl neben meinem Bett lagen.

„Du hast es gut, Tsu, du hast einen Freund, der dich von hier abholt. Er hat bestimmt noch ‘ne Tasche dabei“, sagte er.

 

Komori und ich waren, wenn man das so nennen konnte, Freunde geworden. Wir verstanden uns recht gut, zumal er jemand war, der einen, wenn man nicht gut drauf war, konsequent in Ruhe lassen konnte und sich nicht aufdrängte. Ich hoffte, mit ihm auch weiterhin irgendwie in Kontakt zu bleiben und dass unsere allein durch räumliche Nähe entstandene, lockere Freundschaft nicht abbrach. Er hatte ebenfalls eine Wohnung gefunden, allerdings nicht so wie ich in der Großstadt, sondern hier, sogar ganz in der Nähe des Tempels. Ich kannte die Adresse, hatte ihn zur Besichtigung begleitet, so wie er die Adresse meiner neuen Wohnung ebenfalls kannte.  

 

„Tsu?“, fragte er, als wir beide richtig aufgestanden und angezogen am wieder geöffneten Fenster saßen und rauchten.

„Hm?“

„Hast du denn das Gefühl, dass du die Zukunft packst?“ Er sah mich ernst an und blickte dann nach draußen zu den im Zen-Garten mit ihren Übungen beschäftigten Mönchen.

„Ich denke, schon“, antwortete ich. „Ich hab hier einiges wieder gelernt und mir geht’s gut, also muss es doch klappen, oder?“

„Na ja … Was machst du, wenn es dir wieder schlechter geht?“

Einen Moment lang schwebten seine Worte zwischen uns, dann sagte ich: „Dann hole ich mir Hilfe.“  

„Gut.“ Komori lächelte. „Ich geh jetzt frühstücken.“

„Ich komm gleich nach“, erwiderte ich. Und das war weder gelogen, noch vorgeschoben. Ich hatte wirklich Hunger und auch Lust auf Essen, nur wollte ich vorher noch mal in die Gebetshalle, um heute, an meinem letzten Tag hier, noch einmal ein wenig mit dem Buddha allein zu sein.

 

Ich ließ mich vor der großen Statue auf die Knie sinken und schaute dem Buddha in das mild und freundlich lächelnde Gesicht. Spürte die angenehme Ruhe, die von ihm ausging und die mich in den letzten Monaten immer wieder auf den Boden zurückgeholt hatte, wenn ich drohte, mich wieder zu sehr in meinen Gedanken zu verstricken.

 

Ich hatte den Winter über viele Gespräche mit Frau Watanabe geführt. Über Arbeit, selbstständiges, stabiles Leben, und natürlich auch über mich und Mama. Doch ich war dem Thema meistens ausgewichen, aus Angst, dass ich, wenn ich mit jemandem ‚vom Fach‘ über meine Trauer und meine Schuldgefühle sprach, gezwungen sein würde, da tiefer zu graben und alles wieder hochzuholen.

Wenn ich mit Meto über meine Traurigkeit sprach, lief das oft darauf hinaus, dass ich weinend in seinen Armen lag, er stellte keine Fragen, sondern ließ mich einfach wie ich war.

 

Eine Psychologin wie Frau Watanabe dagegen hätte, wenn ich es denn zugelassen hätte, nachgefragt, analysiert, diagnostiziert, alle möglichen tiefenpsychologischen Ideen ausprobiert, und das wollte ich nicht. Zum einen eben, weil ich meine Schuldgefühle nicht anrühren und dadurch wieder präsent machen wollte, und dann … dann war da noch die Sache mit diesem Wort, Borderline, das ich einfach nur verdrängen wollte.

 

Ein Mal, ein einziges Mal, war ich alleine losgezogen, in die Stadt gegangen und hatte mir in der Bibliothek ein Buch über psychische Störungen angeschaut. Und was ich da über das Krankheitsbild Borderline erfahren hatte, hatte mich fast wieder abstürzen lassen. Da hatte etwas gestanden von Veranlagung, davon, dass sich so etwas schon in der Jugend herausbildete und dass es extrem schwer zu heilen war. Von Selbstverletzung, Angst vor Menschen und vor Einsamkeit, von mangelnder Distanz, extremen Stimmungsschwankungen und von Selbstmordfantasien.

Lauter Dinge, die mal mehr und mal weniger im Laufe meines Lebens aufgetreten waren.

Nachdem ich das alles erfahren hatte, hatte ich mich im Trainingsraum des Tempels eingeschlossen und mich stundenlang durch das Kraftsportprogramm gequält, bis mir alles wehtat und ich nicht mehr daran denken konnte, dass ich krank war.

Doch ich hatte mit niemandem darüber gesprochen. Nicht einmal mit Meto.

 

Noch immer vor dem Buddha kniend, verbarg ich mein Gesicht mit meinen Händen und wollte am liebsten wieder weinen. Auf einmal hatte ich große Angst vor der Zukunft, wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Eigentlich war alles klar und geregelt, die Wohnung, Vorstellungsgespräche für Arbeit, der ganze Papierkram, alles gut. Doch mein Innenleben fühlte sich schwach und unsicher an, ich wusste einfach nicht, wie ich mit diesem Ungeheuer Borderline umgehen sollte. Der Gedanke, an einer handfesten Persönlichkeitsstörung zu leiden, machte mir Angst, obwohl ich mich ja eigentlich längst damit abgefunden hatte, nicht ganz gesund zu sein. Aber irgendwie hatte ich das, woran ich litt, immer eher für eine Folge meiner Trauer um Mama gehalten. Persönlichkeitsstörung, das klang so, als sei mein Charakter, mein ganzes Ich, von Anfang an dazu verurteilt, krank zu sein.

 

Ich hatte keine Schritte hinter mir gehört, doch als ich eine vertraute Hand auf meiner Schulter spürte, wusste ich sofort, dass Meto da war. Ich ließ die Hände sinken und drehte mich zu ihm um.

„Tsuzuku? Alles okay?“, fragte er besorgt.

So schnell ich konnte, schloss ich meine Angst hinter der Gedankentür ein. Ich wollte nicht, dass Meto davon wusste. Wollte nicht, dass er schon wieder Angst um mich haben musste und sich Sorgen machte.

„Alles gut“, sagte ich.

Meto kniete sich neben mich, schaute kurz zu dem Buddha hoch und fragte dann: „Hast du nicht auch ein bisschen Angst davor, was jetzt kommt?“

„Ja, schon“, gab ich zu. „Ein bisschen.“

Mein Liebster sah mich an und lächelte, dieses wahnsinnig süße, strahlende Lächeln, und sagte dann: „Aber ich freu mich wahnsinnig darauf, jetzt mit dir zusammen zu leben.“

„Ich auch“, erwiderte ich, konnte nun ebenfalls wieder lächeln.

Meto beugte sich vor und hauchte einen Kuss auf meine Wange. „Komm, steh auf und geh noch was frühstücken, dann packen wir deine Sachen und du kommst mit zu mir.“

 

Ich erhob mich, atmete tief durch und sah den Buddha wieder an. Und glaubte zu hören, wie diese eigentlich leblose Statue mir zuflüsterte: „Du schaffst das schon, Tsuzuku.“

Meto nahm meine Hand, was augenblicklich dafür sorgte, dass ich mich gut fühlte, und begleitete mich zum Essraum. „Ich warte draußen auf dich.“

 

Während des Frühstücks, das wie immer aus Reis und Gemüse bestand, kam mir ein Gedanke, der mich irgendwie ziemlich glücklich machte: Wenn Meto und ich ab jetzt zusammen lebten und ich für uns arbeiten ging, würde endlich ich es sein, der ihn versorgte, und nicht umgekehrt.

Klar, er wollte auch arbeiten und etwas dazuverdienen, doch allein die Tatsache, dass ich mir dann irgendwann kein Geld mehr von ihm würde leihen müssen, und dass ich uns beide von meiner Hände Arbeit ernähren würde, machte, dass ich mich jetzt wesentlich stärker fühlte als eben noch in der Gebetshalle.

 

Nach dem Frühstück sprach mich Frau Watanabe noch einmal an.

„Haben Sie noch einen Moment, Aoba-san?“, fragte sie.

„Mein Freund wartet draußen auf mich“, antwortete ich.

„Es dauert auch gar nicht lange“, sagte sie. „Ich wollte Sie nur noch einmal fragen, ob Sie sich in dem, was wir wegen Ihrer Arbeitsfähigkeit besprochen haben, sicher genug fühlen. Falls irgendwelche Unsicherheiten auftreten, kommen Sie bitte schnellstmöglich zu mir.“

Ich nickte. „Ja, werde ich machen.“

In diesem Moment fühlte ich mich zwar wieder so, als ob ich das alles schon schaffen würde, doch ich kannte mich gut genug um zu wissen, dass meine Unsicherheit jederzeit zurückkommen konnte.

 

Ich ging in mein Zimmer, um meine Tasche zu holen und mich von Komori zu verabschieden.

„Jetzt gehst du also?“, fragte er, auf dem Bett sitzend, eine Zigarette in der Hand.

„Ja“, sagte ich. „Ich geh jetzt erst mal mit zu Meto nach Hause und morgen ziehen wir in die neue Wohnung.“

„Na dann, viel Glück, Tsuzuku. Und lass dich vom Leben da draußen nicht unterkriegen.“ Komori lächelte, nahm einen Zug von seiner Zigarette und hielt sie mir hin. „Hier, als kleine Abschiedsgeste.“

Ich nahm die halbe Zigarette an und rauchte sie noch zuende, bevor ich meine letzten herumliegenden Klamotten noch irgendwie in meine Tasche zwängte und dann den Raum, der die letzten Monate über mein Zuhause gewesen war, verließ. Komori lächelte mir zu, als ich die Tür hinter mir zuzog. Es war durchaus möglich, dass wir uns wiedersahen, schließlich kannte ich seine neue Adresse, doch ich wusste nicht, ob ich ihn wirklich einmal dort besuchen würde.

 

Meto erwartete mich im Tempelgarten. Er hatte zwei Taschen dabei, einmal seine übliche Umhängetasche und dann noch eine zweite, die er mit Blick auf meine übervolle schwarze Reisetasche öffnete.

„Pack doch ein paar Sachen hier rein“, sagte er, woraufhin ich meine Tasche abstellte und diejenigen Sachen, die kaum noch da hineingepasst hatten, herausnahm und umpackte.  

 

Auf dem Weg nach Akayama redeten wir nicht viel. Ich war in Gedanken damit beschäftigt, mir das jetzt auf mich zu kommende neue Leben vorzustellen, und nahm an, dass Meto dasselbe tat.

Morgen schon würden wir zusammenziehen, in die große Stadt am Meer, in eine Wohnung, die nur uns beiden gehörte. Ein seltsames Gefühl irgendwie. Da kam etwas ganz neues auf mich zu, etwas, worauf ich mich freute, und gleichzeitig auch ein wenig Angst davor hatte.

„Ich bin ganz aufgeregt“, sagte Meto leise, kurz bevor wir sein Elternhaus erreichten.

„Wegen morgen?“

Er blieb stehen, nickte, nahm meine Hand.

„Wir schaffen das schon irgendwie“, sagte ich und spürte weiter diese Mischung aus Vorfreude und leichter Angst. Ich wollte das so sehr, mein Leben mit Meto verbringen, doch ich kannte mich gut genug, um zu wissen, dass es nicht leicht werden würde.

 

„Da seid ihr ja“, begrüßte uns Metos Mama an der Tür. „Yuu, fangt ihr gleich an, deine Sachen einzupacken? Dann können wir die ersten Kisten nachher schon losschicken, wenn der Umzugswagen da ist.“

„Ich … hab schon fast alles … eingepackt“, antwortete Meto und zog sich die Schuhe aus. „Gestern Abend …“

 

Die Planung unseres Umzuges hatte fast den ganzen Winter in Anspruch genommen. Immer mal wieder war ich zu Meto nach Hause mitgekommen und wir hatten mit seinen Eltern alles besprochen. Sie hatten darauf bestanden, uns nicht nur sämtliche neuen Möbel zu bezahlen, sondern auch die ersten Mieten zu übernehmen, bis er und ich genug eigenes Geld verdienten.

Und, was für mich emotional noch viel wichtiger war: Die Eltern meines Liebsten behandelten mich inzwischen wie ein Familienmitglied. Metos Mama Manami war dazu übergegangen, mich ab und zu Genki zu nennen, da sie anscheinend fand, dass, wenn sie ihren Sohn mit seinen richtigen Namen ansprach, das auch für mich als So-was-wie-Schwiegersohn-in-spe galt. Ich bekam dadurch langsam wieder so etwas wie ein Familiengefühl und spürte, dass ich das vermisst hatte.

 

Zu meiner verbliebenen Blutsverwandtschaft wollte ich jedoch auch weiterhin keinen Kontakt. Die sahen mich sicher nur als abgestürzte Existenz an und hatten in meiner Gefühlswelt auch absolut nichts mit Mama gemeinsam, zumal wir beide auch, als sie noch gelebt hatte, kaum Kontakt zu ihrer Familie gehabt hatten. Nein, ich brauchte diese Leute nicht. Und meinen Vater, den ich seit meinem achten Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte, schon gar nicht. Ich konnte mich ja kaum mehr an ihn erinnern.

 

Meto und ich gingen Hand in Hand hinauf in sein Zimmer. Dort herrschte schon totales Umzugschaos, nichts war mehr an seinem Platz und um das Bett herum standen Kisten, gefüllt mit allem, was in den Schränken gewesen war oder herumgestanden hatte. Auf einer der Kisten las ich meinen Namen und vermutete, dass sie die Sachen aus der großen Schublade unter Metos Bett enthielt.

Das Bett war der einzige Ort in diesem Chaos, der noch normal aussah. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass es hier bleiben sollte und wir in der neuen Wohnung ein neues bekamen. Für den Fall, dass wir mal wieder hierher zu Besuch herkamen und über Nacht blieben.

 

Meto setzte sich aufs Bett, zog mich zu sich herunter und küsste mich. Seine Lippen, so unglaublich süß und weich, vertrieben sofort jede Angst, mit einem Mal fühlte ich mich wieder vollkommen sicher. Ich legte meine Hände auf seine Schultern und drückte ihn rückwärts in die Kissen, meinen Körper an seinen, küsste ihn mit meiner ganzen Liebe. Dachte daran, dass ich ab Morgen jeden Tag neben ihm aufwachen würde, und dieser Gedanke machte mich einfach wahnsinnig glücklich.

„Ich liebe dich“, flüsterte ich gegen seine Lippen.

„Ich dich auch, Tsu.“

 

Am liebsten wäre ich mit ihm viel länger so liegen geblieben, doch hier lagen noch einige Sachen herum, die darauf warteten, in Kisten gepackt zu werden. Und so erhob ich mich wieder und begann, mir einen Überblick über die Umzugskartons und ihren Inhalt zu verschaffen. Alles war noch nicht eingepackt und so brachten Meto und ich die nächste Viertelstunde damit zu, diesen Rest auch noch irgendwie unter zu bringen.

 

In diesem Durcheinander fand ich mein Messer wieder. Es steckte in dem Spalt zwischen Matratze und Bettrahmen, wo ich es nur zufällig entdeckte, als ich einen kleinen Stapel DVDs in einen der Kartons packen wollte.

Ich erschrak ein wenig, zog es mit leicht zitternden Händen aus dem Spalt heraus und hielt es geschlossen in der Hand, wusste nicht, wohin damit.

„Meto …“, begann ich, doch er hatte schon gesehen, was ich gefunden hatte.

„Gib das mir, ich tu’s in den Karton mit deinen Sachen.“

Ich gab ihm das Messer in die Hand und spürte augenblicklich, dass ich mich besser fühlte, wenn ich es nicht hatte. Denn solange ich es nicht zur Hand hatte, konnte ich mir damit ja auch nichts tun.

Meto legte es zu meinen anderen Sachen in den Karton, klappte diesen zu und kurz darauf rief Manami von unten: „Der Umzugswagen ist da!“

 

Es war irgendwie ein etwas eigenartiges Gefühl, die ganzen Kartons aus dem Zimmer zu tragen und unten auf der Straße in den Umzugswagen zu räumen. Es erinnerte mich ein wenig daran, wie ich damals, als ich Mamas und meine Wohnung verloren hatte, den Großteil meines Besitzes hatte verkaufen müssen. Doch ich wischte diese Gedanken schnellstmöglich beiseite. Vor mir lag eine neue Zukunft, da war es nicht gut, an solche vergangenen Dinge zu denken.

 

Um mich abzulenken, dachte ich daran, wie ich heute Abend mit Meto in seinem bis auf das Bett leeren Zimmer liegen würde. Ich hatte nicht vor, heute mit ihm zu schlafen, sondern wollte ihn einfach im Arm halten, ein bisschen kuscheln und küssen. Sex würden wir dann in der neuen Wohnung haben, wo keine Eltern da waren, die uns hätten hören können, und wo der Reiz einer neuen Umgebung es sicher noch mal anders schön machen würde.

 

Als der Umzugswagen dann davonfuhr, bemerkte ich, dass Meto ziemlich aufgeregt war. Verständlich, denn immerhin würde er morgen sein Elternhaus verlassen. Ich legte meinen Arm um ihn, zog ihn an mich und drückte meine Lippen kurz auf seine.

„Hey, wir schaffen das schon“, sagte ich, auch um mich selbst noch einmal zu überzeugen. „Und wenn nicht, können wir immer noch wieder zurück.“

„Meinst du, du packst das?“, fragte Meto leise.

„Na klar, ich hab ja dich.“

 

Da fast alles, womit wir uns sonst beschäftigt hatten, jetzt verpackt und weggeschickt war, mussten wir uns irgendwas einfallen lassen, um die Zeit bis Mittag herumzukriegen.

Letztendlich landeten wir vor dem Fernseher im Wohnzimmer mit einer DVD, die deshalb nicht in die Umzugskisten gewandert war, weil der Film Manami gut gefiel und sie die DVD deshalb hierbehalten wollte. Der Film war zwar nicht hundertprozentig mein Fall, aber okay, und er war lang genug, damit wir bis zum Mittag beschäftigt waren.

 

Mittags hatte ich richtig Hunger, es gab irgendwas Italienisches, was ich auch recht gern mochte. Im Tempel wurde nur traditionell japanisch gekocht, das war mir über den ganzen Winter immer mal wieder beinahe ein wenig langweilig geworden.

Ich aß auch heute nicht viel, aber genug, wurde satt und verspürte kaum Angst vor dem Essen. Ich war nur ein wenig aufgeregt und hatte auch das Gefühl, dass mein Magen nicht so viel aufnehmen konnte wie der von anderen Menschen.

„Schmeckt’s dir?“, fragte Manami.

Ich nickte, lächelte, nahm mir aber nicht noch mehr, weil ich wirklich nichts mehr runterbekam.

„Das ist schön. Ich kann euch was davon einpacken, dann müsst ihr morgen nicht kochen, sondern nur aufwärmen.“

„Danke.“

 

Manami war wirklich toll, hatte auch ein bisschen Ähnlichkeit mit Mama und ich mochte sie sehr gern. Wie gesagt, sie behandelte mich schon wie ein festes Mitglied ihrer Familie, sah mich als ihren Schwiegersohn an und ich vermutete, dass sie sich viele Gedanken um mich machte.

„Yuu, Genki, wenn ihr irgendwie Hilfe braucht, dann bin ich da, hört ihr?“, sagte sie.

„Jaa, Mama …“, antwortete Meto leise, klang wie ein leicht genervter Teenager.

„Wir kommen darauf zurück“, sagte ich und lächelte.

 

Nach dem Mittagessen wollten wir noch los, in die Stadt, zu einem Einrichtungsladen, da Manami darauf bestand, dass wir unsere neue Wohnung ordentlich ausstatteten.

Tamotsu, wie ich Metos Vater inzwischen nannte, war natürlich wieder arbeiten und kam nicht mit, aber es reichte auch vollkommen, dass Manami dabei war, um die Sachen, die sie längst mit uns zusammen bestellt hatte, entweder abzuholen oder die Lieferung zu unserer Wohnung zu organisieren.

 

Am Anfang der ganzen Planung hatte ich noch darauf bestanden, dass das Geld für das alles nur geliehen war und ich es irgendwann zurückzahlen würde, doch das hatten mir die Eltern meines Liebsten sehr schnell ausgeredet.

„Keine Widerrede, wir schenken euch das!“, hatte Tamotsu gesagt und damit war das Thema Geld fürs Erste vom Tisch gewesen. Und ich hatte mich damit zufrieden gegeben, zumal ich mangels eines gesicherten Jobs auch keine Argumente hatte. Es hatte definitiv seine Vorteile, wenn der eigene Freund aus einer reichen Familie kam, in der man sich um Geld keine Sorgen machen musste.

 

Als wir den Laden erreichten, dessen Sortiment sich, schon am Schaufenster ersichtlich, in einer gehobeneren Preisklasse befand, war es mir dann aber doch wieder ein wenig unangenehm, dass wir hier die Möbel für unsere kleine Wohnung kaufen sollten. Aber Manami ließ in der Hinsicht nicht mit sich reden. Ich verstand zwar nicht ganz, warum sie so sehr auf einer teureren Einrichtung bestand, doch ich nahm es wie gesagt irgendwie hin.

 

Als ich mir das Schaufenster genauer ansah, fiel mir eine kleine, silberne Buddha-Figur zwischen den teils sogar antiken Möbeln auf. Sie hatte genau denselben Ausdruck auf dem Gesicht wie die Statue im Tempel und strahlte eine solche ruhige Schönheit aus, dass ich vor dem Fenster stehen blieb.

Meto sah mich fragend an und ich deutete auf die Figur.

„Die ist schön, oder?“

Er nickte und sah sie sich ebenfalls genauer an. „Magst du die?“, fragte er dann.

Manami war schon voraus in den Laden gegangen, ich sah durchs Fenster, wie sie eine der Verkäuferinnen ansprach und wahrscheinlich mit dieser den Einkauf, beziehungsweise das Abholen der bestellten Möbel, besprach.

Ich wusste, ich musste nur etwas sagen und ich würde diese Statue bekommen. Doch nach den zwei Jahren auf der Straße wollte ich nicht so wirken, als ob ich mir jetzt, wo das vorbei war, auf einmal alles nahm, was mir angeboten wurde. Ich hatte immer noch das Gefühl, in Metos Schuld zu stehen, und die Großzügigkeit seiner Eltern verstärkte das noch.

 

Meto sah mich einen Moment lang aufmerksam an.

„Die sieht fast so aus wie die im Tempel“, sagte ich mit Blick auf diese Statue.

„Glaubst du jetzt daran? Nachdem du da gelebt hast?“

„Ja“, antwortete ich. „Irgendwie schon.“

Ich zählte mich zwar immer noch zu keiner Religion und genau benennen, woran ich glaubte, konnte ich auch nicht, doch da war irgendwas, so ein Gefühl in mir, das sich ein wenig so anfühlte, wie ich mir ‚glauben‘ vorstellte.

 

„Du willst diese Statue hier haben, oder?“, fragte Meto.

Ich atmete einmal ein und aus und nickte.

„Dann sag das doch!“

„Ich wollte nicht … wegen dem ganzen Geld …“

„Hm … versteh ich. Aber du musst dir da wirklich keine Gedanken machen. Meine Eltern tun das wirklich gern.“

„Das weiß ich ja auch, aber …“

„Willst du sie jetzt haben oder nicht?“

„Ja. … Will ich.“

„Dann kriegst du sie.“ Meto lächelte mich strahlend an. „Keine Widerrede, Tsu.“

 

Wenn er mich so anstrahlte, konnte ich auch gar nicht widersprechen. Dieses Lächeln hatte auf mich eine derartig einnehmende, jede Widerrede in Luft auflösende Wirkung, dass es mir fast schon ein wenig unheimlich war. Ich war immer noch so wahnsinnig verliebt in ihn wie vor dem Winter, und es fühlte sich auch nicht so an, als würde dieses Gefühl jemals nachlassen.

Ich blieb vor dem Laden stehen, Meto lief hinein und berichtete seiner Mama von unserer Absicht, diese Buddha-Statue zu kaufen. Manami hatte anscheinend alles, was die Möbel betraf, geklärt, und kam mit Meto wieder aus dem Laden.

„Die ist aber auch wirklich schön“, sagte sie mit Blick auf die kleine Statue.

„Sie soll mich an den Tempel erinnern, an das, was ich da gelernt habe“, erwiderte ich leise.

„Das ist eine schöne Idee. Du bist ja sicher aufgeregt wegen der Vorstellungsgespräche, oder?“

Ich nickte. Ja, ich war aufgeregt, und ja, ich hatte Angst. Aber sobald ich dem Buddha in das gelassene, ruhige Gesicht blickte, wurde diese Angst weniger und ich konnte wieder lächeln.  

„Und wenn was nicht klappt, musst du dir auch keine Sorgen machen. Wir unterstützen euch so lange, wie ihr es braucht“, sagte Manami.

„Danke.“ Ich deutete eine leichte Verbeugung an, die sie jedoch abwinkte.  Vielleicht sollte ich das, was ich von ihr und Tamotsu geschenkt bekam, wirklich annehmen.

 

Der eigentliche Kauf der Statue war dann keine große Sache mehr, die Manami wieder allein erledigte. Währenddessen standen Meto und ich wieder vor dem Laden.

Über die Statue waren meine Gedanken wieder bei der großen im Tempel gelandet und bei dem, was ich heute Morgen gedacht hatte, als ich zum letzten Mal in der Gebetshalle gewesen war. Dass ich krank war, gestört, kaputt, vielleicht unheilbar. Und dass ich nicht wollte, dass Meto sich deswegen Sorgen um mich machte. Deshalb sprach ich nicht darüber. Solange ich selbst noch nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte, wollte ich nicht, dass sich jemand anderes Gedanken darum machte.

 

„Tsuzuku?“, riss mich Meto aus meinen Gedanken. „Ist was?“

„… Hm? Nein, wieso?“

„Du siehst gerade so traurig aus.“

„Bin ich aber gar nicht“, antwortete ich und das war noch nicht mal gelogen. Eigentlich war ich schließlich nicht traurig.

Meto sah mich an, legte dann seine Arme um mich und sagte: „Hey, lächeln! Ist doch alles gut, oder?“

Ich lächelte, konnte es jedoch nicht lange auf meinen Lippen halten. Und ich spürte, dass Meto sich jetzt Sorgen machte. Genau das wollte ich ja nicht, deshalb erwiderte ich die Umarmung und drückte kurz meine Lippen auf seine, nickte dann. „Ja, alles gut.“

 

In dem Moment kam Manami aus dem Laden, in der Hand eine Tüte mit einer rechteckigen Kiste darin, welche die kleine, silberne Statue enthielt. Ich hoffte, dass dieser Buddha uns Glück bringen, und mich in schweren Momenten beruhigen würde, wie es der im Tempel getan hatte.

Auf dem Weg zurück zur Villa hielt Meto fast die ganze Zeit über meine Hand. Ich spürte, dass er sich Gedanken machte und sich wahrscheinlich fragte, ob bei mir wirklich alles in Ordnung war.

 

Den Rest des Tages hingen wir wieder mehr oder weniger herum. Es gab nichts weiter zu tun und so landeten wir zum wiederholten Male vor dem Fernseher. Zum Glück liefen dort einige genügend interessante Sendungen, sodass es wenigstens nicht vollkommen langweilig wurde. Ab und zu sah ich Meto an und überlegte, was er wohl dachte und inwiefern er wohl bemerkte, dass ich ihm im Moment nicht die ganze Wahrheit von mir zeigte.

 

Irgendwie kam ich dann mit den Gedanken auf Koichi. Bei ihm war ich mir nämlich beinahe schon sicher, dass er wusste, was los war. Schließlich war ich für ihn wie ein offenes Buch und mich wunderte schon, dass er mich noch nicht darauf angesprochen hatte. Na ja, vielleicht wusste er zwar, dass bei mir wieder mal etwas nicht stimmte, doch hatte noch nicht ganz herausgefunden, worum es genau ging. Oder er spürte, dass ich nicht darüber sprechen konnte. Ich wusste es nicht.

 

Irgendwann, als wir einfach auf gar nichts mehr Lust hatten, gingen Meto und ich hinauf in sein fast leeres Zimmer, ins Bett. Da wir beide irgendwie noch nicht wirklich müde waren, lagen wir einfach Arm in Arm da und sprachen ein wenig darüber, wie unser Leben in der Großstadt am Meer von jetzt an aussehen würde. Wir gerieten beide ein wenig ins Träumen davon, jeden Tag zusammen zu sein, zu arbeiten und uns irgendwann selbst zu versorgen.

 

„Ich freu mich da irgendwie total drauf“, sagte Meto leise, rückte noch ein wenig näher zu mir und barg sein Gesicht an meinem Hals. „Immer mit dir zusammen zu sein.“

Ich lächelte, diesmal ganz ehrlich und glücklich. „Ich auch.“ Und legte meinen Arm um ihn, um seinen Körper enger an meinen zu drücken.

„Ich liebe dich“, flüsterte er, drückte seine Lippen auf meine Haut, während seine Hand von meinem Bauch nach oben wanderte und über meine Brust streichelte. Es tat mir immer noch so wahnsinnig gut, von ihm berührt zu werden, seine Hände und Lippen auf meiner Haut und seinen ganzen Körper nah an meinem zu spüren.

Es machte mich unheimlich glücklich, doch gleichzeitig tat es in diesem Moment auch irgendwie weh. Aber dieser Schmerz war … nicht unangenehm. Es war der Schmerz eines verliebt klopfenden Herzens.

 

Meto beugte sich über mich, drückte mich mit der einen Hand in die weiche Matratze und senkte den Kopf so weit, dass seine weichen, vollen Lippen mein Implantat berührten. Ich seufzte wohlig, schloss die Augen und genoss das sanfte Tasten auf meiner Haut, dachte daran, was diese süßen Lippen schon alles mit mir angestellt hatten und wie sehr ich Meto dafür liebte, dass er meine starken Gefühle für ihn so erwiderte.

Diese Zärtlichkeiten zwischen uns hatten, obwohl wir die vergangenen Monate über einige Male miteinander geschlafen hatten, immer noch etwas geradezu Magisches an sich, etwas, das mich völlig verzaubern konnte und seit unserem ersten Mal nichts von seiner Schönheit verloren hatte.

 

„Ist das schön?“, hörte ich Meto leise fragen. Ich nickte und hob meinen Brustkorb ein wenig an, zum Zeichen, dass er nur nicht aufhören sollte. Seine Hand strich über meinen Körper, blieb dann auf meinem Herzen liegen. Sofort begann es, wild zu klopfen, was mein Liebster mit einem leisen Lachen zur Kenntnis nahm und dann, als wollte er mich noch mehr in Ekstase versetzen, mit seinen Lippen über meine Brustwarzen streifte.

Ich liebte es, wie er einfach so die Initiative ergriff, und war froh, dass ihm das anscheinend so leicht fiel, ein bisschen die Rollen zu tauschen und mich spüren zu lassen, dass er mich genauso sehr begehrte und liebte wie ich ihn.

 

„Ich lieb dich so …“, sagte er. „So … so … so … so sehr …“ Zwischen jedem ‚so‘ hauchte er kleine Küsse auf meine Brust, drückte sich ein wenig enger an mich, sodass ich spüren konnte, wie er langsam heiß wurde.

Ich schob meine Hand zwischen uns, berührte vorsichtig seine Körpermitte und fragte: „Willst du?“

Er hob den Kopf, lächelte, rückte ein Stückchen hoch und küsste mich. „Aber nur anfassen.“ Legte sich wieder neben mich und zog seine Shorts aus. Ich tat es ihm gleich, wobei mein Herz vorfreudig zu klopfen begann.

 

Dann setzte er sich auf, zog mich mit hoch, sodass wir voreinander saßen. Es erinnerte mich ein bisschen an unsere erste Nacht, damals in dem Hotel am Meer, als ich ihm meine Liebe gestanden hatte.

Und jetzt taten wir als richtiges Paar dasselbe, berührten einander, schenkten uns gegenseitig Lust als Zeichen unserer Liebe.

Metos Kopf ruhte an meiner Schulter, sein zuerst leises, dann immer tieferes Stöhnen drang an mein Ohr, und die lustgeladene Hitze zwischen uns nahm an Intensität immer weiter zu, schuf eine ganz eigene Atmosphäre um uns herum,  und baute dieses wundervolle Gefühl in meinem Innern auf, das fast noch schöner war als der darauf folgende Höhepunkt.

 

Danach lagen wir eng umarmt da, ich spürte Metos Hand streichelnd auf meinem Rücken und hörte ihn leise atmen. Er reckte den Hals, drückte mir einen Kuss auf die Stirn und flüsterte: „Schlaf schön, Tsuzuku.“

Ich wachte sehr früh auf am nächsten Morgen. Es war noch dunkel und da ja kein Wecker mehr hier war, wusste ich nicht, wie früh es genau war. Ich schätzte ungefähr drei oder vier Uhr.

Im Dunkel sah ich Tsuzuku schemenhaft neben mir liegen, er lag auf dem Bauch, mit dem Gesicht zu mir, atmete leise und gleichmäßig. Ich setzte mich auf, streckte die Hand aus und berührte seine Schulter, spürte seine warme Haut unter meinen Fingern, streichelte ihn ein wenig, vorsichtig, um ihn nicht zu wecken. Ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen, ich zog meine Hand zurück und legte mich wieder neben ihn, ein bisschen näher als zuvor.

 

Wie ich so bei ihm lag und hoch an die dunkle Decke meines Zimmers blickte, kam ich mit den Gedanken auf etwas,  das ich eigentlich zu verdrängen versuchte: Und zwar, dass ich schon seit einer ganzen Weile das Gefühl hatte, als hätte Tsuzuku ein Geheimnis vor mir. Und jetzt, wo ich hier lag und er tief und fest schlief, konnte ich mich nicht davon ablenken. Meine Gedanken begannen, sich darum zu drehen, Fragen schwirrten durch meinen Kopf.

 

Als ich Tsuzuku gestern vom Tempel abgeholt hatte, in der Gebetshalle, da hatte er irgendwie so besorgt und traurig gewirkt. Ich spürte, dass etwas nicht stimmte, doch ich hatte keine Ahnung, was es war und warum er nicht mit mir darüber sprach. Er konnte mir doch vertrauen und eigentlich wusste er doch auch, dass ich für ihn da war, wenn es ihm nicht gut ging. Warum sagte er mir dann nicht, was los war?

Oder … war es vielleicht irgendwas wirklich Schlimmes? Etwas, das er mir nicht sagen durfte, oder nicht aussprechen konnte, weil es furchtbar wehtun würde? Aber was konnte das sein? Das Schlimmste in seinem Leben, die Geschichte vom Tod seiner Mutter, kannte ich inzwischen in fast allen Details, an die er sich erinnerte. Gab es da etwas, das noch schmerzhafter war? Ich konnte es mir kaum vorstellen.

Und doch hatte ich schon seit Monaten das Gefühl, dass er mir etwas Wichtiges verschwieg.

 

Da ich jetzt nicht so einfach wieder einschlafen konnte, stand ich auf und ging ins Bad, um schon mal zu duschen. Ich stand eine ganze Weile einfach unter dem warmen Regen, während sich meine Gedanken weiter drehten, ohne zu einem anderen Ergebnis zu kommen als dass Tsuzuku wieder  Probleme hatte und ganz offenbar nicht darüber sprechen wollte.

 

Nachdem ich mich gewaschen und dann abgetrocknet hatte, ging ich mit dem Handtuch um die Hüften wieder in mein Zimmer zurück. Tsuzuku schlief immer noch, doch als ich mich wieder zu ihm legte, wachte er auf.

„… Meto?“, fragte er verschlafen. „Du bist schon wach?“

„Ich war duschen“, antwortete ich.

 

Er setzte sich auf und strich mir durch meine noch etwas nassen Haare, ließ seine Hand dann in meinen Nacken wandern und zog mich zu sich, um mich zu küssen.

„Mmmh, frisch geduscht hab ich dich am liebsten …“, raunte er in mein Ohr und senkte den Kopf, um meinen Hals zu küssen. Ich legte den Kopf in den Nacken und seufzte leise, als er sein Tun auf meine Schulter ausdehnte und gleichzeitig meinen Rücken streichelte. Er war so unglaublich lieb und sanft zu mir, jede Berührung sagte ‚Ich liebe dich‘ und jeder kleine Kuss ‚Ich will dich‘.

 

Wenn er mich so berührte, vergaß ich alles andere, die Sorge um ihn, um die Zukunft, alles Schwere glitt dann von mir ab. Ich war so glücklich, ihn zu haben und von ihm so geliebt zu werden, wie ich ihn liebte. Und so legte ich meine Arme um ihn, zog ihn an mich und küsste ihn zurück, ließ meine Lippen über das tätowierte Herz an seinem Hals wandern und hörte ihn wohlig seufzen.

 

„Ich bin so wahnsinnig aufgeregt“, flüsterte er.

„Wegen heute, wegen dem Umzug und so?“

Tsuzuku nickte, schmiegte sich dann enger an mich. „ … Ich hab davon geträumt. Und davon, dass du und ich … dass wir immer zusammen bleiben …“

Ich lächelte, nahm sein Gesicht in meine Hände und drückte meine Lippen auf seine. Wollte seine Probleme, von welcher Art sie auch sein mochten, einfach wegküssen, und dass wir uns beide nur gut fühlten. Für immer bei ihm sein, auf ihn aufpassen und ihn glücklich machen.

„Wir bleiben immer zusammen“, sagte ich, während meine Hände durch seine schwarzen Haare strichen. „Ich kann mir mein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen. Wir schaffen das schon.“

 

Ich konnte es nicht sehen, weil es immer noch ziemlich dunkel war, doch ich spürte es irgendwie: Tsuzuku hatte, wieder oder immer noch, einen Schatten auf der Seele, etwas, das ihm große Sorgen und wahrscheinlich auch Angst machte. Doch ich traute mich jetzt nicht, danach zu fragen.

 

Und er überspielte diesen kurzen Moment, küsste mich zurück und flüsterte mit einem leisen Zittern in der Stimme: „Meto, du hast ja keine Ahnung, wie sehr … wie wahnsinnig ich dich liebe. Ich muss dir das einfach immer wieder sagen …“

„Ich glaube schon, dass ich das weiß“, erwiderte ich.

Auf einmal hörte ich ihn leise lachen, dann war er kurz verschwunden und im nächsten Moment spürte ich seine starken Arme von hinten um mich und wie er mich eng und fest an sich zog. Ich ließ mich zur Seite ins Kissen sinken, riss ihn mit, hörte ihn wieder lachen, spürte seine Lippen im Nacken, seine Hände an meinem Bauch und meiner Brust und seinen warmen Körper an meinem Rücken.

„Tsu …!“, protestierte ich. „Was wird das?“

„Du glaubst also, dass du das weißt, ja?“, fragte er, und ich konnte richtig hören, wie er grinste.

 

Spätestens jetzt ahnte ich, was er vorhatte, und da spürte ich auch schon, wie er heiß wurde. 

„Wollten wir das … nicht auf heute Abend verschieben?“, fragte ich.

„Komm, nur ein bisschen …“

Jetzt musste ich grinsen. „Tsuzuku, ich weiß genau, wie ‚ein bisschen‘ bei dir aussieht!“

Er lachte wieder. „Du kennst mich zu gut.“

„Heute Abend, okay?“, fragte ich und drehte den Kopf in seine Richtung.

„Versprochen?“

„Ja. Versprochen.“

 

Er ließ mich jedoch noch nicht los, eine Weile blieben wir so liegen, und ich schlief schon fast wieder ein. Ich schreckte erst auf, als er sich von mir löste und aufstand.

„Ich geh auch duschen“, sagte er und verschwand dann in Richtung Bad.

Ich blieb liegen und irgendwann war ich wirklich wieder eingeschlafen, bis ich davon aufwachte, dass Sonnenstrahlen sich ihren Weg durch die Jalousien meines Zimmers bahnten, das von heute an nicht mehr mein täglicher Lebensraum war, weil ich es gegen meine erste eigene Wohnung eintauschen würde. Die Wohnung, in der ich von nun an mit Tsuzuku zusammen leben würde.

 

Ich lächelte gedankenversunken und sah mich dann nach ihm um. Er saß, nur mit Shorts bekleidet, auf der Bettkante und schaute aus dem Fenster.

„Mh … ich bin wieder eingeschlafen …“, murmelte ich, und er drehte sich zu mir um.

„Ich hab dir beim Schlafen zugeschaut“, antwortete er und lächelte leicht. „Du siehst süß aus, wenn du schläfst.“ Wie er das sagte, so ganz einfach so, ohne jede Scham. Das gefiel mir, ich mochte seine direkte Art und wollte am liebsten auch so offen über gewisse Dinge reden können.

„Du auch“, wagte ich einen Versuch, es ihm gleichzutun, wurde jedoch ein wenig rot dabei.

Tsuzuku lächelte wieder, kam dann übers Bett auf mich zu und drückte mir einen kurzen Kuss auf die Lippen. „Danke, mein Süßer.“

 

Ich setzte mich auf und begann, mich anzuziehen.

Heute war er also, der Tag, an dem ich mein Elternhaus verlassen und mit meinem festen Freund zusammen in eine neue Wohnung in einer anderen Stadt ziehen würde. Wir hatten ja schon alles beisammen, Möbel, Farben für die Wände, alles Notwendige an Hausrat und so weiter. Die Wohnung war klein, aber ich mochte sie und wollte auch gern dort leben. Aber trotzdem fiel mir der Gedanke, meine Eltern zu verlassen, seltsam schwer. Wahrscheinlich war das ganz normal, immerhin war ich noch nie lange ohne die beiden gewesen.

 

Zwar hatte ich meine Tage meist im Akutagawa-Park verbracht und auch eine Zeit lang keine besonders enge Bindung zu meinen Eltern gehabt, doch seit dem letzten Herbst, als wir uns wieder angenähert hatten, war unsere Beziehung wieder familiärer geworden und nun fiel mir der Abschied eben schwer, auch wenn besonders Mama sich auch auf die Entfernung weiter um mich kümmern und ich sicher meine Eltern auch besuchen würde.

 

„Woran denkst du gerade?“, riss mich Tsuzuku mit sanfter Stimme aus meinen Gedanken.

„Daran, dass ich … Mir fällt der Abschied von Mama und Papa gerade ein bisschen schwer“, gab ich zu.

„Aber … du willst doch … mit mir zusammen leben, oder?“ Seine Stimme klang auf einmal verunsichert, so als glaubte er, dass ich jetzt doch lieber hier bleiben wollte.

Ich drehte mich zu ihm um. „Natürlich will ich das. Aber … ich war noch nie lange von Mama getrennt, verstehst du? Und meine Eltern und ich … wir verstehen uns gerade so gut, deshalb ist es eben ein bisschen schwer.“

„Hm, ja, verstehe ich“, antwortete er.

 

Ich stand, fertig angezogen, auf und wartete noch auf ihn, bis er sich ebenfalls angezogen hatte, dann gingen wir zusammen ins Bad. Geduscht hatten wir ja jetzt beide schon, also war nur noch Haare machen und ein bisschen Schminken notwendig.

 

Danach gingen wir runter in die Küche, wo meine Mam schon mit dem Frühstück wartete. Papa saß auch da und las die Zeitung. Als er sah, dass Tsu und ich beide unser übliches Make-up trugen, fragte er: „Müsst ihr denn gleich für den ersten Eindruck in eurem neuen Haus geschminkt sein?“

„Ja“, antwortete ich, noch ziemlich überzeugt, doch dann kam mir ein ziemlich unangenehmer Gedanke, der dafür sorgte, dass ich nichts weiter sagte und der meine Angst vor dem Ausziehen noch ein wenig verstärkte:

Die Leute in dem Haus, in welchem sich unsere neue Wohnung befand, kannte ich noch überhaupt nicht. Ich wusste weder, was für Leute das waren, ob alt oder jung, und ob sie damit zurechtkamen, wenn so ein Paar, wie Tsuzuku und ich nun mal waren, da einzog.

 

Und ich spürte, dass er denselben Gedanken hatte, sich darum auch Sorgen machte. Ich konnte sehen, wie es hinter seinen Augen arbeitete, und fühlte, wie seine Hand, die meine hielt, sie etwas fester drückte.

„Ich will euch beiden keine Angst machen, aber es kann ja durchaus sein, dass ein paar Leute … nicht an Paare wie euch zwei gewöhnt sind“, sprach Papa unsere neu aufgekommene Angst direkt an.

Ich sah Tsuzuku an und wie er sich innerlich zusammenriss, bevor er lächelte und antwortete: „Also kein Rumknutschen im Treppenhaus, alles klar, das kriegen wir hin.“

 

„Ihr könnt euch ja erst mal nach außen hin als Freunde vorstellen“, fuhr Papa fort.

Tsuzukus Griff um meine Hand wurde noch etwas fester. „Nein! Ganz sicher nicht. Ich werd den Leuten schon sagen, dass wir ein Paar sind!“, sagte er, klang fast schon ein bisschen wütend. „Ich werde mich ganz sicher nicht verstellen oder verstecken.“

Ich wollte mich setzen und mir ein Brötchen nehmen, aber Tsuzuku ließ meine Hand nicht los.

„Tut mir leid, aber das mache ich einfach nicht!“, wiederholte er noch einmal. „Es sei denn, Meto hat ein Problem damit.“ Er sah mich an, fragend und zugleich mit einem entschlossenen Leuchten in den Augen. Und ich wusste sofort, dass ich mich ebenfalls nicht würde verstellen wollen und können. Wir waren, wie wir nun mal waren, und würden dazu stehen.

 

Während des Frühstücks beobachtete ich meinen Freund, mehr aus Gewohnheit denn aus Sorge, einfach weil ich darauf eingestellt war, beim Essen auf sein Verhalten zu achten und aufzupassen, dass es ihm gut ging.

Er aß wenig und langsam, nahm nur kleine Schlucke Kaffee, doch irgendwie wirkte er dabei sehr viel weniger krank als vor dem Winter. Die vergangenen Monate über hatten wir gemeinsam an seinem Essverhalten gearbeitet, sodass er zumindest mit dem Geschmack vieler Nahrungsmittel wieder zurechtkam und es beim Essen nicht mehr ganz so sehr auffiel, dass er nicht gesund war.

 

Als wir gerade mit dem Frühstück fertig waren, schellte die Türklingel. Wir hatten ein paar unserer Freunde aus dem Akutagawa-Park eingeladen, uns beim Einzug zu helfen, Koichi hatte Haruna, Hanako und Yami die Adresse gegeben und er wollte vorher noch hier vorbeischauen, um dann mit uns zusammen hinzufahren.  

 

„Hey, ihr Süßen!“, sagte er und strahlte Tsu und mich an. „Ihr habt gestern schon alles losgeschickt, ne? Dann müssen wir jetzt nur noch hinfahren und ‘ne Wohnung draus machen.“

Ich nickte und sah, wie Koichi meinem Freund kurz prüfend in die Augen schaute. Anscheinend war ich nicht der einzige, dem auffiel, dass mit Tsuzuku irgendwas nicht stimmte.

„Geht’s dir gut, Tsu?“, fragte Koichi.

„Ja, alles gut. Ich bin nur ein bisschen aufgeregt.“ Tsuzuku lächelte, legte einen Arm um meine Schultern und zog mich an sich. „Ich ziehe ja zum ersten Mal mit jemandem zusammen.“

Ich spürte, dass Tsu in Bezug darauf, wie es ihm ging, nicht die ganze Wahrheit sagte. Und ich war mir, so, wie ich Koichi kannte, absolut sicher, dass dieser das auch bemerkte.

Koichi war sensibel und aufmerksam, er konnte alles Mögliche in den Augen der Menschen lesen, also musste er in diesem Moment sehen, dass Tsuzuku uns etwas verschwieg. Doch statt das anzusprechen, lächelte er und sagte nur: „Wenn ihr heute Abend da alleine seid, wird es euer Zuhause werden.“

 

Wieso sagte Koichi nichts dazu, dass Tsuzuku uns offensichtlich etwas vorenthielt?

Während wir auf dem Weg zum Bahnhof waren, um zur Wohnung, unserem neuen Zuhause, zu fahren, dachte ich darüber nach, und mir fiel nur ein halbwegs logischer Grund ein: Koichi spürte anscheinend noch deutlicher als ich, dass das, was Tsu uns verschwieg, etwas Schlimmes war, etwas, über das man nicht so einfach sprechen konnte. Anders konnte ich es mir nicht erklären.

 

Ich hielt Tsuzukus linke Hand, ging zwischen ihm und Koichi, und dachte daran, dass schon wieder nicht alles gut war und dass der liebste Mensch, den ich auf dieser Welt hatte, wieder einen Schatten auf der Seele trug. Mit dem Wunsch, ihn wissen zu lassen, dass ich für ihn da war, drückte ich seine Hand und schmiegte mich im Gehen an seinen Arm.

Er sah mich fragend an und ich lächelte, so fröhlich wie ich es nur vermochte.

„Bist du glücklich, Meto?“, fragte er.

Und ich log, oder verschwieg zumindest meine Sorge: „Ja. Sehr glücklich.“

Tsuzuku ließ meine Hand los, um mir den Arm um die Taille zu legen, mich an sich zu ziehen und mir einen Kuss auf die Schläfe zu drücken.

„Ich liebe dich“, flüsterte er.

 

Ich hörte von der anderen Seite Koichi leise „So süß …“ hauchen.

Seine fast mädchenhafte Begeisterung für Tsuzukus und meine Beziehung hatte den Winter überdauert und dann, wenn Tsu ihn hin und wieder scherzhaft darauf aufmerksam machte, dass sein Verhalten etwas von einem Fangirl hatte, lachte der Rosahaarige und behauptete weiter, dass wir eben das niedlichste Liebespaar wären, das er kannte.

 

Im Zug hatten wir ein Abteil zu dritt für uns und Tsuzuku nutzte die etwas vertrautere Atmosphäre, um mich im Arm zu halten und ein bisschen zu streicheln. Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter, spürte seinen Atemrhythmus und seine eine Hand auf meinem Bein, die andere an meiner Seite.

Als ich einen Blick zu Koichi warf, der am Fenster saß und uns beobachtete, fiel mir so ein irgendwie sehnsüchtiger Ausdruck in seinen Augen auf. Ich hatte diesen Blick schon einmal bei ihm gesehen, als wir zu dritt den Liebesfilmabend gemacht hatten, den wir ihm mal versprochen hatten.

 

Ob er wohl ein bisschen neidisch auf uns war? Meinem Wissen nach war er immer noch single, obwohl er, wie er sagte, viele gute Freundinnen hatte.

„Koi…?“, fragte ich vorsichtig. „Hast du… eigentlich mal wieder… ein Mädchen… kennen gelernt…?“

Er schrak ein wenig auf, als wäre er mit den Gedanken eben ganz woanders gewesen.

„Nein, in letzter Zeit nicht. Wieso fragst du, Meto-chan?“

„…Nur so“, antwortete ich und versucht, mir Koichi an der Seite einer Frau vorzustellen. Irgendwie war das schwierig, vielleicht weil ich mir heterosexuelle Paare einfach aufgrund meiner eigenen Orientierung nicht so gut vorstellen konnte, oder weil Koichi so feminin wirkte, dass es kein wirkliches Paar-Bild ergab.

„Bist du überhaupt noch auf der Suche?“, fragte Tsuzuku ihn.

„Nein, im Moment nicht mehr.“ Koichi lächelte, doch es wirkte irgendwie ein wenig aufgesetzt. „Ich bin sowieso immer der Friendzone-Kandidat.“

 

Es war das erste Mal, dass ich glaubte, auch bei ihm, der sonst immer so gut gelaunt und fröhlich wirkte, einen Schatten zu bemerken. Es war eine verborgene, kleine Dunkelheit, von der Koichi vielleicht selbst nichts wusste, doch in diesem Moment sah ich sie.

Und kaum hatte ich das bemerkt, war es auch schon wieder verschwunden, verdeckt, hinter das süße, strahlende Lächeln des Rosahaarigen zurückgetreten, als wäre da gar nichts dunkles, nur Sonnenschein in ihm. Und ich war mir irgendwie sicher, dass er das selbst gar nicht bemerkt hatte.

 

Er nahm sein Handy raus und suchte damit irgendwas, dann hielt er uns das Gerät hin. Auf dem kleinen Bildschirm war ein bodenlanges, schulterfreies, schwarzes Rüschenkleid zu sehen, dazu hohe Schuhe und jede Menge glitzernder Schmuck.

„Das wird meine nächste Errungenschaft“, sagte er und lächelte. „Ist das nicht süß?“

„Schwarz? Mal nicht pink?“, fragte Tsuzuku scherzhaft.

„Schwarz mag ich auch“, antwortete Koichi und deutete auf seine heute tatsächlich in einer sehr dunklen Farbe gehaltene Hose.

 

Für den Rest der Fahrt war die Stimmung in meinem Empfinden ein wenig seltsam, doch als wir in der anderen, größeren Stadt ausstiegen, war alles wieder normal. Tsuzuku wirkte relativ entspannt, Koichi so locker und fröhlich wie immer, und ich war ein bisschen aufgeregt wegen des Umzuges.

Wir mussten noch ein ganzes Stück laufen, bis wir an dem fünfstöckigen Haus ankamen, in dem sich unsere neue Wohnung befand. Während der letzten Monate war ich ein paar Mal hier gewesen und hatte mir alles angeschaut, zuerst von außen, dann auch von innen, das Treppenhaus und dann, als sie frei und leer war, auch die Wohnung selbst. Küche und Badezimmer waren schon fertig eingebaut und installiert, es fehlten nur noch unsere Möbel und Sachen.

Tsuzuku war zwei Mal mit dabei gewesen, hatte mir dabei auch von der Wohnung erzählt, in der er früher mit seiner Mama gelebt hatte, und dann festgestellt, dass unsere neue jetzt zum Glück ganz anders geschnitten war und ihn so kaum an sein früheres Leben erinnern würde.

 

Schon im Treppenhaus hörten wir vertraute Stimmen und als wir im zweiten Stock ankamen, wo links die Tür zum neuen Zuhause abging, sahen wir Haruna, Hanako und Yami auf den Treppenstufen sitzen, wo sie auf uns warteten und sich ein wenig unterhielten.

„Da sind sie ja, die Turteltäubchen!“, rief Hanako, als sie uns sah. Sie stand auf und ich umarmte sie zur Begrüßung, ebenso wie Haruna und Yami. Dann kramte ich den Schlüssel aus meiner Tasche und schloss die Wohnungstür auf. Es fühlte sich an, als täte ich das zum ersten Mal, dabei war es schon das zweite oder dritte Mal.

 

Und blieb, ein wenig erschlagen von dem, was mich drinnen erwartete, erst mal auf der Türschwelle stehen: Anscheinend hatten sich die Umzugsleute, obwohl sie jede Menge Zeit gehabt haben mussten, nicht großartig die Mühe gemacht, die vielen Kisten, Kartons und eingepackten Möbel in der Wohnung zu verteilen, weshalb jetzt vieles davon noch in dem relativ kleinen Flur stand und es auf den ersten Blick gar kein Durchkommen gab.

„Muss man denn hier alles selber machen?“, seufzte Koichi hinter mir und trat dann neben mich, um sich dem sich vor uns ausbreitenden Chaos als erster zu widmen.

 

Und so war das erste, was wir zu sechst taten, ein paar von den Kisten raus ins Treppenhaus zu stellen und dort möglichst so zu stapeln, dass man noch gut durchkam. Als wir bei der Küchentür angekommen waren, deren Küchenzeile wir zum Glück von den Vormietern hatten übernehmen können, bot sich dort fast dasselbe Bild.

Meine Eltern hatten uns einen Teil des Geschirr- und Besteckbestandes, der seit Jahren bei uns in diversen Wohnzimmerschränken auf Benutzung wartete, gespendet, dazu solche Dinge wie Wasserkocher und Küchenmesser, nicht zu viel, aber genug für die ziemlich kleine Küche, auf deren Ablageflächen sich die großen und kleinen Kisten jetzt stapelten.

 

Ich musste lächeln, als ich daran dachte, wie Mama mir immer wieder Vorträge darüber gehalten hatte, dass Tsu und ich uns bloß nicht nur von Tiefkühlpizza und dergleichen ernähren sollten. Ich war nicht besonders gut im Kochen, und Tsuzuku, wie er gestand, ebenfalls nicht, also hatte Mama zumindest mir, damit wenigstens einer von uns irgendwas selbst kochen konnte, einen Crashkurs in Sachen Nahrungszubereitung und gesunder Ernährung verpasst und mir allen Ernstes unter anderem ein Kochbuch zum Geburtstag geschenkt.

„Wer alleine leben will“, hatte sie gesagt, „der muss auch für sich kochen können.“ Und dann hatte sie, leise und mit ein wenig Sorge in den Augen hinzugefügt: „Und außerdem musst du dich, gerade was das Essen angeht, gut um Genki kümmern, Yuu. Pass auf, dass er nicht wieder so abnimmt.“

In dem Moment hatte ich sie sehr deutlich gespürt, die Verantwortung, die ich nun wieder trug, wenn auch nicht ganz allein. Ich war jetzt als sein fester Freund für Tsuzuku verantwortlich, auch wenn Menschen wie Koichi mir manches abnahmen.

 

Über diesen Gedanken hatte ich angefangen, die Kisten mit dem Geschirr zu öffnen und alles in die Schubladen und Schrankklappen zu räumen. Geistesabwesend verspann ich mich weiter in meinen Gedanken und so bemerkte ich erst, dass ich nicht mehr allein in der Küche war, als ich Harunas Stimme neben mir hörte.

„Meto?“ Sie sah mich fragend von der Seite an. „Alles okay?“

Ich schreckte auf, wollte „Ja?“ antworten, verhaspelte mich jedoch und brachte schließlich nur ein heiseres „Hm…?“ heraus.

Haruna lächelte meine Ungeschicklichkeit einfach weg, zog sich ein Haargummi vom Handgelenk und band ihre langen, dunkelblauen Haare zusammen. „Die Wohnung ist ja echt süß. Bezahlen deine Eltern die?“

„Bis … ich fest Arbeit … habe“, antwortete ich. Obwohl ich mit Haruna relativ gut befreundet war, fiel mir das Sprechen ihr gegenüber nach wie vor etwas schwer.

„Was willst du denn arbeiten?“, fragte sie weiter und begann, mir beim Einräumen zu helfen.

„Ich… geh da arbeiten, …wo Koichi …auch ist. Das ist… so ein Café…“

 

Ich war zwei Mal mit Koichi mitgekommen zu dem Café, in dem er arbeitete. Es war eine Art Maid-Café, in dem aber eben keine Maids, sondern vor allem mädchenhafte Männer wie er beschäftigt waren, die alle anscheinend irgendwas Besonderes an sich hatten. Dort war ich mit meinen blauen Haaren, meinen Tattoos und Piercings und sogar mit meinem Sprachfehler gar nicht weiter aufgefallen. Die vornehmlich weiblichen Gäste, denen Koichi mich vorgestellt hatte, fanden diesen Makel an mir seltsamerweise überhaupt nicht hinderlich, sondern sogar niedlich, und wollten mir zuerst gar nicht glauben, dass ich wirklich nicht richtig sprechen konnte. Und als Koichi ihnen dann auch noch erzählt hatte, dass ich Männer mochte, da kriegten sie sich gar nicht mehr wieder ein vor Begeisterung. Dass Mädchen so etwas offenbar toll fanden, wusste ich ja, aber diese Exemplare waren mir immer noch ein wenig unheimlich. Ich war natürlich knallrot geworden und selbst das schienen sie wahnsinnig süß zu finden.

„Du kommst ja gut an bei den Gästen“, hatte der Leiter des Cafés am Schluss zu mir gesagt. „Solche wie dich können wir hier gut gebrauchen. Willst du’s hier mal versuchen?“

Und ich hatte, noch ein bisschen benommen von der mir entgegengebrachten Begeisterung, mit roten Wangen genickt.

Der Termin für das Vorstellungsgespräch war am 6. März.

 

„Ist das so ein Kawaii-Café?“, riss mich Haruna aus meinen Gedanken.

Ich nickte nur, mein Sprechzentrum fiel mal wieder aus irgendeinem Grunde aus. Vielleicht wegen der Aufregung des Umzugs.

„Und was will Tsuzuku arbeiten?“, fragte Haruna weiter.

Mühsam kratzte ich meine Sprechfähigkeit wieder zusammen und erzählte Haruna, dass Tsu sich unter anderem bei zwei Tattoo-Studios beworben hatte. Er hatte von früher eine angefangene Ausbildung in der Richtung und wollte jetzt daran anschließen. Ich fand, dass es für ihn nichts Besseres gab. Schließlich liebte er Bodyart (und ich liebte jedes Detail seiner Körperkunst), und auch, wenn er es oft nicht so mit Menschen hatte, war ich mir sicher, dass ihm diese Arbeit gefallen würde.

 

In dem Moment kam er zu uns in die Küche und sah sich suchend um. „Steht hier vielleicht die Kiste mit meinen Sachen?“

„Nee, ich glaube, hier sind nur die Küchensachen“, antwortete Haruna. „Aber ich hab vorhin eine Kiste mit deinem Namen drauf ins Treppenhaus geräumt. Wieso suchst du die denn?“

„Die Verpackungen von den ganzen Möbeln sind mit Pakettape zugeklebt, die krieg ich ohne Messer nicht auf.“

Sein Messer suchte er also. Aus irgendeinem Grund machte dieses bestimmte Messer mir auch dann Angst, wenn es Tsu gut ging und keine Gefahr bestand, dass er sich verletzte. Ich griff in die offene Schublade vor mir und nahm ein kleines, aber neues und somit bestimmt scharfes Küchenmesser heraus.

„Hier, das geht doch auch, oder?“ Ich hielt es ihm vorsichtig hin und er nahm es entgegen, mit diesem Blick eines Menschen, der nur zu genau wusste, wie man sich damit verletzen konnte. Und irgendwas war da noch in seinen Augen, etwas, das ich in dem Moment nicht deuten konnte.

 

„Meto, kannst du Hanako und mir gleich mit den Wohnzimmermöbeln helfen?“, fragte er dann.

„Wir räumen das hier eben noch ein, dann helfen wir euch“, antwortete Haruna an meiner Stelle, und ich nickte.  

Wir sortierten noch die letzten Sachen an Geschirr und Besteck ein, packten den Wasserkocher und die kleine Kaffeemaschine aus und schlossen beides an, dann falteten wir die leeren Kisten zusammen und brachten sie in den Flur.

Anschließend gingen Haruna und ich rüber ins Wohnzimmer, wo mein Freund gerade auf dem Boden kniete und mit dem kleinen, scharfen Küchenmesser die Folien aufschnitt, die die Einzelteile des neuen Regals enthielten. Hanako riss ein Tütchen mit Schrauben auf und warf immer mal wieder einen Blick auf die Aufbauanleitung. Koichi war mit dem ebenfalls in Folie eingepackten Sofa beschäftigt, welches er mithilfe einer Schere aus ebenjener Folie zu befreien versuchte.

 

„Ich hab so was noch nie gemacht, ich hab keine Ahnung davon“, seufzte Hanako.

„So schwer ist das nicht, es ist nur ein Regal. Das Bett und der Schrank nachher werden  komplizierter“, antwortete Tsu.

„Also hast du das schon mal gemacht?“

„Einmal, früher.“ Er schwieg einen Moment und wirkte auf einmal ein wenig traurig. „Ich hab mal mit meiner Mutter zusammen mein Zimmer neu gemacht.“

Ich kniete mich neben ihn, half dabei, die Bretter aus der Folie zu nehmen, und beobachtete ihn aufmerksam, achtete genau darauf, ob er okay war. Er wirkte zwar ruhig, abgelenkt, und mit dem, was er tat, beschäftigt, aber ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass es in ihm ganz anders aussehen konnte. Doch an seinen Augen war immer gut zu erkennen, ob er auch im Inneren so entspannt war, wie er nach außen hin wirkte. Und als ich ihm jetzt in die dunkelbraunen Augen sah, konnte ich gottseidank zumindest in diesem Moment keine dunklen Schatten auf seiner Seele erkennen.

 

„Lasst mich da mal ran“, sagte Koichi, der inzwischen mit dem Sofa fertig war und Hanako die Aufbauanleitung abnahm. Nachdem er diese kurz, aber offenbar eingehend überflogen hatte, griff er nach einem der langen Bretter, richtete es probeweise auf und schaute dann wieder auf die Anleitung. Und auf einmal wirkte er irgendwie … anders. Sein Ausdruck veränderte sich und er kam plötzlich sehr viel weniger mädchenhaft rüber als vorhin noch.

„Kannst du das, Ko?“, fragte Tsuzuku ein wenig erstaunt.

„Japp!“, antwortete Koichi grinsend. „Ich bin gut in so was.“

Und anscheinend hatte er wirklich Ahnung davon, denn so, wie er uns anwies, erst das Regal und dann die anderen Wohnzimmermöbel zusammen zu bauen, wurde wirklich etwas daraus.

 

„Woher kannst du das?“, fragte Haruna ihn, als er ihr bei dem kleinen Wohnzimmerschrank half.

Er zuckte nur mit den Schultern und meinte, dass er mal vor Ewigkeiten eine Zeit lang in einem Möbelladen gejobbt und das dort gelernt hätte.

Dank seiner Hilfe waren wir mit den Wohnzimmermöbeln kurz nach Mittag fertig und nachdem Yami etwas verspätet mit dem Essen eingetroffen war, machten wir Pause, und wandten uns danach dem Schlafzimmer zu.

 

„Sehr gemütlich, dieses Weiß“, sagte Haruna ironisch und zog eine Augenbraue hoch mit Blick auf die weißen Wände.

„Das kommt alles noch“, antwortete Tsu. „Wir wollen erst mal hier einziehen, dann können wir immer noch streichen.“

„Und an welche Farbe dachtest du da?“

„Ich finde schwarz oder rot ganz gemütlich“, antwortete er und grinste leicht.

Haruna lachte. „Wieso frag ich dich eigentlich noch?“

 

Das Bett und den Kleiderschrank zusammen zu bauen, erwies sich wirklich als recht kompliziert. Gerade das Bett machte es selbst Koichi schwer. Tsu und ich hatten uns beim Aussuchen für ein edles Modell mit rotschwarzer Kunstlederpolsterung entschieden (wobei das eher Tsuzukus, als meine Idee gewesen war) und das war irgendwie nicht ganz so leicht zusammen zu bauen wie ein normales, nur aus Holz gebautes Bett.

„Schönes Liebesnest“, kommentierte Hanako zwischendurch das halb fertige Möbel. „Lasst mich raten, das war deine Idee, Tsu?“

„Ich weiß nicht, was ihr habt“, erwiderte mein Freund und strich mit der Hand über das glatte, rote Polster. „Ihr könnt mir nicht erzählen, dass ihr zwei nicht auch von so einem Bett träumt.“

„Könnt ihr mir mal helfen, statt hier die erotische Ausstrahlung dieses unmöglichen Bettchens zu besprechen?!“, unterbrach Koichi die etwas merkwürdige Unterhaltung, welche mir schon ein wenig das Blut in die Wangen getrieben hatte. „Wo steckt Yami eigentlich schon wieder?“

„Die ist eine rauchen gegangen“, antwortete Haruna, griff sich eins der Polsterteile und machte sich daran, Koichi beim Zusammenbauen zu helfen.

 

Als Yami nach einer ganzen Weile vom Rauchen zurückkam, waren wir mit dem Aufbau des Bettes fertig und hatten gerade mit dem Schrank angefangen. Sie wirkte auf einmal irgendwie merkwürdig und sagte dann: „Wisst ihr, was hier ganz in der Nähe ist?“

„Was denn?“, fragte Koichi.

„Die Psychiatrische Klinik. Ich bin bisschen rumgelaufen und da vorbeigekommen. Irgendwie total unheimlich, so was, oder?“

„Was ist daran unheimlich?“, fragte Haruna.

„Na ja … die Geschlossene und so was. Ich stell mir das furchtbar vor, wenn man da eingesperrt ist.“

„Bei manchen Krankheiten muss das eben sein“, sagte Hanako.  

 

Ich sah, mehr zufällig, zu Tsuzuku, der auf dem Boden kniete und eine Schraube am Schrank anzog. Auf den ersten Blick wirkte er ganz konzentriert und ruhig, doch als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass er den Schraubenschlüssel krampfhaft fest mit der Hand umklammert hielt, so fest, dass seine Fingerknöchel schon ganz weiß waren.

Vielleicht musste er bei der Erwähnung der Klinik an das Mädchen aus dem Tempel denken, Hitomi, die sich im Herbst die Arme aufgeschnitten hatte und dann in die Psychiatrische Klinik gekommen war. Das hatte ihn damals ziemlich mitgenommen und so war es vielleicht nicht verwunderlich, dass ihn das jetzt innerlich aufregte.

 

Yami vertiefte das Thema zum Glück nicht weiter und so war nach ein paar Augenblicken alles wieder okay. Irgendwie wurde dann auch der Schrank fertig und wir konnten auch hier die Sachen aus den Kisten einräumen.

Dabei entdeckte Haruna Tsuzukus Visual Kei Sachen und fragte: „Wow, sind die cool! Wo hattest du die denn die ganze Zeit?“

„Die habe ich mit Meto zusammen gekauft und er hatte sie dann in seinem Zimmer“, antwortete mein Freund und hängte den schwarzen Lackmantel in den Schrank.

„Komm doch mal wieder zu uns in den Park und zieh dann so was an“, sagte Yami.

„Ich weiß nicht, ob ich da überhaupt jemals wieder hinkomme“, erwiderte Tsuzuku. „Ich denke, das würde mich zu sehr daran erinnern, wie schlecht es mir ging, versteht ihr?“

„Ach so …“, sagte Haruna, lächelte dann aber. „Na dann, kommen wir dich eben hier besuchen.“

 

Später, als wir dann mit allem fertig waren, waren wir alle zusammen in der Küche. Tsuzuku stand am offenen Fenster und rauchte, ich saß mit hochgezogenen Knien auf einem unserer wenigen Stühle und Haruna und Hanako saßen mir gegenüber, während Koichi an der Küchenzeile lehnte und Yami sich auf den Boden gesetzt hatte.

„Wenn ihr die Wände streichen wollt, helfen wir wieder“, sagte Haruna und nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. „Oder wenn was anderes ist, einfach Bescheid sagen.“

„Danke, machen wir“, erwiderte Tsuzuku und drückte seine Zigarette auf der äußeren Fensterbank aus, ließ sie dann aus dem Fenster fallen.

 

„Sag mal, Yami …“, fragte er nach einer Weile, „Du hast vorhin, als du draußen warst, nicht zufällig irgendwo hier in der Nähe ein Sportstudio gesehen?“

„Doch, hab ich“, antwortete sie. „Hier die Straße runter ist eines, ein ziemlich großes sogar. Brauchst du eins?“

Tsuzuku lächelte leicht. „Den Trainingsraum im Tempel kann ich ja jetzt nicht mehr nutzen.“

„Wie viel trainierst du denn eigentlich?“, fragte Koichi. „Du hast ja schon bisschen was zugelegt.“

„Ich dachte, jetzt so zwei Mal die Woche, wenn ich dann arbeite. Im Tempel hab ich jeden zweiten Tag was gemacht.“

„Dann solltest du aber nicht so viel rauchen, Tsu“, sagte Hanako.

„Ich glaube, damit kann ich nicht aufhören. Ich brauche das zur Beruhigung.“

 

Daraus entspann sich eine kleine Diskussion über das Rauchen, an der ich mich jedoch kaum beteiligte. Ich rauchte zwar selbst, aber nur hin und wieder mal, mehr aus gegebenen Anlässen, als aus Sucht. Tsuzuku und Yami dagegen waren wirklich abhängig, und Koichi gab zu, ebenfalls nicht wirklich ohne Zigaretten auskommen zu können.

 

„Bin ich hier etwa die einzige, die noch nie an ‘nem Glimmstängel gezogen hat?“, fragte Hanako verwundert.

„Ich hab aufgehört“, sagte Haruna. „Ich brauch das Zeug nicht.“

„Ich weiß. Danke, mein Schatz.“ Hanako lächelte und drückte ihrer Freundin einen kurzen Kuss auf die Lippen. Irgendwie fand ich die beiden in dem Moment süß, so zusammen, nicht so als weibliche Wesen, sondern einfach als zwei Menschen, die sich sehr gern hatten und ihr Leben miteinander verbrachten.

 

Irgendwann, als es schon ganz dunkel draußen war, machte sich zuerst Yami auf den Heimweg, dann Haruna und Hanako. Koichi blieb noch eine Weile, er wohnte ja in dieser Stadt und musste nur die Stadtbahn nehmen.

„Was macht ihr morgen?“, fragte er.

„Essen kaufen“, antwortete Tsuzuku und deutete auf den leeren Kühlschrank.

„Ich kann mitkommen, dann könnt ihr mehr kaufen und ‘nen kleinen Vorrat anlegen“, bot Koichi an, woraufhin ich nickte und zu Tsu sah, der den Kühlschrank öffnete und irgendwas von Bier murmelte.

„Klappt das denn jetzt mit dem Essen?“, fragte Koichi dann.

„Ja.“ Mein Freund lächelte. „Alles gut, ich bin okay.“

„Beim Arzt und so bist du aber noch nicht gewesen, oder?“

„Nein. Wie ich schon sagte, mir geht’s gut.“

Ich glaubte, einen leicht genervten Ton aus Tsuzukus Stimme herauszuhören, doch das konnte auch meine Einbildung sein, weil ich mir eben weiterhin angewöhnt Sorgen um ihn machte. Und ich dachte an meine eigenen Probleme, daran, wie ich letztes Jahr auch nicht zu Frau Hiranuma hatte gehen wollen, weil es mich genervt hatte. Von daher konnte ich verstehen, dass Tsu weder zu einem Arzt, noch zu einem Psychologen gehen wollte.

 

Kurz darauf machte sich auch Koichi auf den Heimweg und Tsu und ich machten uns kurz für die Nacht fertig. Und als ich dann in der Tür des Schlafzimmers stand und mir das ansah, was von jetzt an mein – unser – Zuhause sein sollte, da fühlte ich mich schon ein wenig daheim. Ich hörte die Badezimmertür klappen, dann leise Schritte hinter mir, und ein warmer, noch bekleideter Körper schmiegte sich von hinten an meinen.

 

„Gefällt dir unser Zuhause?“, fragte Tsuzuku mit sanfter Stimme und streifte mit den Lippen meinen Nacken, was mir eine leichte Gänsehaut bescherte. Ich nickte, lehnte mich ein wenig an ihn und berührte seine Hände an meinem Bauch, strich gedankenverloren mit dem Daumen über seinen Handrücken, spürte die Sehnen und Adern unter der glatten, warmen Haut.

 

„Wie wär’s, wenn wir das jetzt einweihen?“ Seine Stimme nahm einen verführerischen Klang an, während seine Hand etwas höher wanderte und über meine Brust strich. „Du hast es mir versprochen, Meto-chan.“

Ich lächelte, drehte mich in seinen Armen zu ihm um und nahm sein Gesicht in meine Hände.

„Einweihen nennst du das?“, fragte ich lächelnd. „Das fällt wohl eher unter ‚Entweihen‘.“

„Nenn es, wie du willst, mein Süßer.“ Er grinste, überbrückte dann die kurze Distanz zwischen meinen und seinen Lippen und küsste mich, wobei er mich eindeutig spüren ließ, dass das ein ‚Ich will dich‘-Kuss war. „Und?“, fragte er. „Willst du?“

 

Natürlich wollte ich! Aber ganz so leicht wollte ich es meinem Freund nicht machen. Schließlich lebte das Ganze ja nicht zuletzt auch von einer gewissen Spannung. Er wollte mich kriegen, erobern, verführen? Das konnte er haben!

Ich schob meine Hände zwischen uns und hielt ihn fest, mit einem gewissen Abstand, der ihn spüren lassen sollte, dass ich ihn heute nicht ohne ein kleines Spiel vorher ranlassen würde.

„Immer einfach wird doch langweilig, oder?“, sagte ich leicht grinsend und brachte noch ein wenig mehr Abstand zwischen uns.

 

Er verstand sofort, und sprach mit verrucht rauer Stimme in mein Ohr: „Soso, Meto will spielen?“

„Erraten!“, grinste ich, stieß ihn spielerisch von mir und lief los, wahllos in die Küche. Er war sofort gleich hinter mir, und als ich den kleinen Tisch umrundete und mich dabei nach ihm umsah, war da so ein Leuchten in seinen Augen. Anscheinend hatte ich seinen Spieltrieb geweckt, und das würde ich jetzt, so gut ich konnte, ausnutzen.

 

„Ich krieg dich!“, rief er lachend, als ich knapp vor ihm über den Flur ins Wohnzimmer rannte. Vor der Couch bekam er mich zu fassen, versuchte, mich darauf niederzudrücken und zu kitzeln, doch ich wollte die Spannung noch ein wenig halten und ließ ihn nicht ganz an mich heran. Ich selbst spürte schon, wie sich das heiße Kribbeln in meinem Bauch ausbreitete, und hätte Tsuzuku am liebsten sofort alle Kleider vom Leib gerissen, doch ein wenig beherrschte ich mich noch und spielte das Spiel ein paar Momente lang weiter. Ich wand mich in seinen Armen, musste lachen, als er mich wieder kitzelte, doch als er dann auf einmal mit der Handfläche fest auf meinen Unterleib drückte, genau da wo es kribbelte, da entfuhr mir ein eindeutiges Stöhnen.

 

„Genug gespielt“, sagte er und drückte mich auf die Couch, sah mir dann tief in die Augen, während er mich an den Schultern festhielt. „Willst du es hier oder im Bett?“ Seine Atmung ging schon etwas tiefer und als ich kurz den Blick nach unten senkte, sah ich auch die verräterische Ausbeulung in seiner Hose.

Da konnte es wohl jemand kaum noch erwarten! Na dann wollte ich ihn mal nicht länger warten lassen. Schließlich wollte ich ja genauso.

„Im Bett“, antwortete ich, woraufhin er meine Schultern los ließ, sodass ich aufstehen konnte. Erst dabei bemerkte ich, wie heiß ich selbst schon war, wenn auch noch weniger und langsamer als Tsu. Ihm entging das natürlich nicht, er streckte die Hand nach mir aus und berührte meinen Schritt, lächelte anzüglich und sagte: „Du wirst ja auch schon ganz geil.“

„Du aber auch“, machte ich wieder mal einen Versuch, genauso unverblümt zu reden wie er. Sogar recht erfolgreich, denn ich spürte diesmal kein Blut in meine Wangen steigen und fühlte mich auch kaum unsicher oder peinlich. Vielleicht wurde das ja doch noch was mit mir und dem Reden.

 

Tsuzuku erwiderte darauf nichts, legte mir nur die Hände an die Seiten und küsste mich, während er mich langsam rückwärts in Richtung Schlafzimmer dirigierte. Ich stolperte etwas ungeschickt vor ihm her, er hielt mich fest, sah mich an und unterbrach den Kuss, als wir gerade mitten im Flur standen.

„Vertraust du mir?“, fragte er und schob langsam mein Shirt hoch. Seine großen, warmen Hände auf meiner Haut ließen heiße Schauer über meinen Körper huschen und ich seufzte angetan.

„Ja“, hauchte ich wahrheitsgemäß. „Na klar tu ich das.“

„Dann … darf ich dir gleich wieder die Augen verbinden?“

„Wieso das denn?“, fragte ich, obwohl ich ja genau wusste, dass ihn das anmachte, wenn ich die Augen verbunden hatte. Aber ich wollte es hören.

Er senkte den Kopf, bis seine Lippen an meinem Hals waren, und antwortete mit leiser, rauer Stimme: „Weil mich das so verdammt heiß macht …“

Es tat mir sehr gut, zu spüren, wie selbstsicher er in diesem Moment war und es gab mir wieder diese Sicherheit, dass ich mir keine Sorgen um ihn machen musste.

 

„Dann mach“, antwortete ich, er nahm meine Hand, führte mich in unser Schlafzimmer und begann, nachdem ich mich aufs Bett gesetzt hatte, damit, im Schrank und den letzten noch nicht ausgeräumten Kisten nach einem meiner Schals zu suchen.

Ich zog mich inzwischen aus, und als Tsuzuku sich mir wieder zuwandte, mein schwarzes Halstuch in der Hand, sagte er: „Eigentlich wollte ich dich ja ausziehen.“ Er setzte sich zu mir und fuhr fort: „Aber so ist auch gut.“ Ich sah ein warmes Leuchten in seinen Augen, bevor er mir das Tuch anlegte und fest zuband.

„Wenn irgendwas ist, wenn du dich unwohl fühlst oder so, dann sag mir das, okay?“, hörte ich seine Stimme.

 

Ich nickte und spürte dann, wie er aufstand, hörte ihn sich ausziehen, das Rascheln von Stoff und das metallische Klimpern seiner Gürtelschnalle. Obwohl ich nichts sah, wusste ich relativ genau, was er tat, und als er sich wieder zu mir setzte, spürte ich seine Nacktheit, noch ehe er sich an mich schmiegte, mich küsste und umarmte. Sein warmer Körper an meinem fühlte sich unheimlich gut an und ich tastete nach ihm, berührte seine weiche, glatte Haut und hörte ihn wohlig seufzen.

„Kennst du das auch?“, fragte er. „Dass man viel empfindlicher ist, wenn man gar nichts mehr anhat?“

„M-hm.“ Ich nickte.

 

Tsuzuku stand wiederum auf, blieb jedoch nicht lange von mir, sondern setzte sich rittlings auf meinen Schoß und drückte sich an mich, sodass seine erregte Körpermitte die meine berührte, die inzwischen nicht weniger heiß war.

Ich keuchte leise, hörte ihn aufstöhnen und ließ meine Hände von seinen Schultern aus abwärts wandern, bis zu seinen gepiercten Nippeln, die ich mit sanftem Druck streichelte, wissend, wie sehr er das mochte. Seine Atmung beschleunigte sich weiter, wurde tiefer und ich spürte die ruckartigen Bewegungen seiner Brust unter meinen Händen.

Etwas zu tun, das ihm so gefiel, machte mich an, und ich war glücklich, dass ich ihm so gute Gefühle schenken konnte.

 

„Leg dich hin“, hörte ich ihn sagen, seine Stimme klang tief, rau und erregt.

Ich ließ mich langsam nach hinten sinken, etwas unsicher und einen Moment lang ein wenig orientierungslos. Ich hatte den Raum noch nicht im Gefühl und spürte jetzt, dass ich doch ein wenig aufgeregt war, einfach noch wegen des Umzuges und weil das hier die erste Nacht in unserer ersten gemeinsamen Wohnung war, in unserem neuen Leben.

 

Tsuzuku beugte sich über mich, ich spürte seine Hände auf meiner Brust, seine Fingerspitzen an meinen Nippeln, hörte ihn ganz nah atmen und dann lagen seine Lippen auf meinen, er knutschte mich wild und leidenschaftlich ins Kissen, während seine Finger meine Brustwarzen so erregend drückten und rieben, dass ich in den Kuss stöhnte und meinen Körper seiner Nähe und seinen Zärtlichkeiten entgegenbog. Er löste den Kuss, lachte leise und rutschte ein Stück weit runter, im nächsten Moment spürte ich statt seiner Finger nun seine Lippen auf meiner Brust, wie sie küssten und saugten und mich so schon ansatzweise um den Verstand brachten. Seine Zunge trug auch ihren Teil dazu bei und so gab ich, nach lautem Stöhnen, ein unwilliges Jammern von mir, als er plötzlich aufhörte und von mir verschwand.

 

„Ich bin gleich wieder bei dir“, antwortete er und ich hörte, wie er irgendwo herumkramte, höchstwahrscheinlich das Gleitmittel und die Schachtel mit den Kondomen suchte. Er gab ein leises „Ah“ von sich und war kurz darauf wieder bei mir, legte die beiden Sachen irgendwo neben mich aufs Bett. Dann beugte er sich wiederum über mich, begann von neuem, meine Nippel zu küssen, und gleichzeitig wanderte seine Hand unter meinen Rücken, runter zu meinem Hintern, wo seine Finger zwischen meinen Pobacken nach meinem Eingang tasteten.

Kurz zog er seine Hand wieder zurück, ich hörte das klackende Geräusch vom Öffnen der Gleitmitteltube und spürte das kühle, glitschige Zeug bald darauf in der Ritze. Damit er besser rankam, drehte ich mich auf die Seite und hörte ihn fragen: „Wie hättest du es denn gern?“

 

Nach unserem zweiten Mal, das ich nach wie vor als schönsten Sex meines Lebens in Erinnerung hatte, hatte Tsuzuku sich diese Frage ein wenig angewöhnt. Er fragte immer, wie ich es gern haben wollte, wir hatten uns zuvor informiert und infolgedessen schon ein bisschen was an Stellungen und Spielarten ausprobiert. Nichts Besonderes, nur das, wo er sicher sein konnte, dass es mir wirklich gefiel.

Am liebsten mochte ich es, wenn er hinter mir lag, mich im Arm hielt und so nahm, während er, ehrlich wie er diesbezüglich war, zugab, dass es ihm am besten gefiel, mich auf dem Bauch liegend unter sich zu haben und so in mich zu stoßen. Letzteres hatten wir jedoch nur bei unserem ersten Mal und noch einmal danach gemacht, weil Tsuzuku sich, wie er sagte, dabei nicht ganz sicher sein konnte, die Kontrolle über sich selbst zu wahren und mir nicht zu sehr weh zu tun. Es war, wie er mir versicherte, keineswegs so, dass ihm nur diese Stellung wirklich gefiel, nur machte ihn diese eben am meisten an.

Etwas, das uns beiden gefiel, war, wenn ich auf dem Rücken lag, die Knie hochzog und mich ein wenig verbog, während Tsu zwischen meinen Beinen kniete und ich dann, wenn er in mir war, meine Beine um seinen Rücken legte.

Ich mochte es, ihm in die Augen zu sehen, wenn wir miteinander schliefen, konnte ich dann doch seine Gefühle, seine Lust und Selbstsicherheit sehen.

 

„Meto?“, sprach Tsuzuku mich wieder an, als ich zuerst nicht antwortete. „Wie möchtest du’s?“

Sein Finger drückte gegen meinen Eingang, drang langsam in mich und vernebelte mir so den Verstand. Es war nicht nur so, dass ich seine Berührung jeder Art mochte, sondern inzwischen machte es mich explizit an, etwas dort in mir zu spüren. Ich stöhnte, drückte mich seiner Hand entgegen und antwortete: „Heute … ohhh… überlass ich das dir …!“

Wie zur Antwort nahm er einen zweiten Finger dazu und begann, mich vorsichtig zu dehnen. Doch anscheinend ging das nicht so gut wie sonst, denn er flüsterte: „Entspann dich“, küsste meine Schulter und streichelte mit der anderen Hand meinen Bauch. Ich spürte eine ganz leichte Anspannung in meinem Innern, doch so verschwindend gering, dass ich sie zu ignorieren suchte.

 

„Ich bin entspannt“, sagte ich, denn eigentlich war ich das ja. Ich war entspannt, heiß und willig, und hatte wirklich Lust auf Sex. Wenn ich daran dachte, ihn gleich in mir zu spüren, bekam ich vorfreudiges Herzklopfen, und als seine freie Hand meine Erregung griff und zu massieren begann, kamen die Worte dessen, was ich wollte, ganz leicht über meine Lippen: „Tsuzuku, nimm mich …! Ich will dich in mir haben. Mach mit mir, was du willst, ich vertrau dir, und lass mich spüren, was du fühlst!“

Er lachte, dieses süße, leise Lachen, und antwortete: „Das kannst du haben, mein Süßer.“

Seine Hand wanderte von meiner Härte hoch zu meinen Nippeln und täuschte dort Küsse vor, während die andere mich weiter dehnte, so lange, bis ich vollkommen im Zustand ‚rollige Katze‘ war. In meinem Bauch wachte das heiße Ziehen auf und ich wand mich stöhnend unter der zärtlichen, liebevollen, und doch sehr bestimmten ‚Behandlung‘ meines Liebsten.

 

Er ließ mich wieder los, zog seine Finger aus mir zurück, und ich hörte, wie er ein Kondom aus der Schachtel nahm, auspackte und über seiner Härte abrollte.

Durch die Augenbinde waren meine übrigen Sinne geschärft, ich lauschte dem Geräusch seines erregten Atmens und spürte seine wohltuende Nähe. 

„Bereit?“, flüsterte er, bis aufs Äußerste erregt.

Ich nickte, was er mit einem spielerischen Zwicken in meine Brustwarze quittierte.

„Sag, Meto. Bist du soweit?“

„Jaah! Mach!“

 

Einen Moment später fand ich mich auf dem Bauch liegend wieder, die Beine gespreizt und Tsuzuku dazwischen. Irgendetwas fühlte sich ein wenig seltsam an, doch ehe ich herausfinden konnte, was es war, oder etwas sagen konnte, senkte sich der heiße, hocherregte Körper meines Freundes auf mich und drängte in mein Inneres.

Ich hörte sein tiefes Stöhnen und genoss einige Augenblicke lang das wunderschöne Gefühl, eins mit ihm zu sein und seine Selbstsicherheit zu spüren. Ich liebte ihn so sehr und zu wissen, dass er sich mehr als gut fühlte, machte mich so glücklich!

 

Tsuzuku küsste kurz meinen Nacken, richtete sich dann auf und legte beide Hände auf meinen Rücken, drückte mich in die weiche Matratze und ich spürte, wie er seine Dominanz in dieser Stellung genoss. Dass ich immer noch die Augen verbunden hatte, machte ihn sicher zusätzlich an. Doch ich fühlte mich dadurch keineswegs unwohl, und auch, als er dann zum ersten Mal in dieser Nacht in mich stieß, fühlte sich das gut an.

 

Umso überraschter und verwirrter war ich, als sich mein Körper einige Stöße später plötzlich anspannte und krampfte. Mit einem Schlag war das schöne Gefühl fast weg und ich spürte nur noch ein Spannen und brennenden Schmerz.

Tsuzuku bekam davon im ersten Moment nichts mit, er war schon viel zu versunken in seiner eigenen Lust und stieß weiter in mich, stand am Rande seiner Selbstbeherrschung.

Ich drückte mein Gesicht ins Kissen, erstickte so das schmerzerfüllte Zischen und versuchte, den Schmerz irgendwie zu ignorieren. Die Worte „Hör auf …“ brachte ich kaum übers Herz, doch irgendwann verließen sie von selbst meine Lippen.

 

Tsuzuku stoppte beinahe sofort, nahm seine Hände von meinem Rücken und fragte, noch ganz atemlos: „Was ist? Was hast du?“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, war viel zu verwirrt davon, dass es auf einmal wieder wehtat, ihn in mir zu haben. Ich hatte keine Ahnung, was der Grund dafür sein konnte, und vor allem wollte ich nicht, dass Tsu sich jetzt schuldig fühlte.

„Meto, was ist los? Hab ich dir wehgetan?“, fragte er mit besorgter Stimme.

Ich wollte antworten, wollte sagen, dass es nicht seine Schuld war und ich mir das selbst nicht erklären konnte, doch meine Stimme versagte mir den Dienst.

 

Ganz langsam und sehr vorsichtig zog Tsu sich aus mir zurück, legte sich dann neben mich und streichelte etwas unbeholfen meinen Arm. Kurz darauf spürte ich seine Hand an meinem Kopf, er löste die Augenbinde, sodass ich ihn wieder sehen konnte. Und er die Tränen in meinen Augen bemerkte.

Er sah mich erschrocken an, dann sah ich die Schuldgefühle in seinem Blick. Immer noch unfähig zu sprechen, wandte ich mich ihm zu, schmiegte mich an ihn, um ihm irgendwie zu zeigen, dass er nicht die Schuld für meine Schmerzen trug. Er hatte nichts falsch gemacht. Und so hob ich den Kopf und küsste ihn, so liebevoll wie ich nur vermochte.

 

„Sag doch, was los ist“, flüsterte er verzweifelt. „Ich hab dir wehgetan, oder? War ich zu hart zu dir, hab ich mich zu sehr gehen lassen? Sag doch was!“

Mühevoll sammelte ich meine Sprache wieder zusammen und brachte ebenso leise heraus: „Du hast nichts falsch gemacht, Tsuzuku. Gar nichts. Mach dir bitte, bitte keine Vorwürfe. Mein Körper hat einfach nicht mitgespielt, da kannst du absolut nichts dafür.“

„Ich hätte es merken müssen“, widersprach er.

„Hättest du nicht!“ Ich richtete mich, den Schmerz verbeißend, auf, beugte mich über ihn und sah ihm fest in die Augen. „Tsu, du warst geil bis in die Haarspitzen, du musstest gar nichts merken! Ich weiß ja selber nicht, wieso das jetzt so passiert ist, aber was ich weiß, ist, dass du nichts, aber auch gar nichts falsch gemacht hast! Es lag an mir, an meinem Körper, und ich komm schon damit klar, hörst du?“

 

Da war er wieder, der Schatten, der Schmerz in seinen Augen. Hinter ihnen arbeitete es, verletzt, reuevoll und voller Selbstvorwürfe. Und ich sah Angst.

Er drehte den Kopf zur Seite, wich meinem Blick aus, und ich spürte deutlicher als je zuvor, dass da etwas war, worüber er mit mir nicht sprechen wollte oder konnte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, traute mich jetzt auch nicht, zu fragen, was mit ihm los war. Wenn ich ehrlich war, hatte ich selbst Angst davor.

 

„Meto, es tut mir leid, wirklich …“, sagte er leise. „Ich weiß ja, dass du diese Stellung nicht so magst, aber … ich hab die Kontrolle verloren.“

Offenbar hatte es ihn wirklich tief getroffen. Und zu spüren, wie er sich selbst fertig machte, tat mir noch viel mehr weh als der körperliche Schmerz. Eben noch war Tsuzuku so glücklich und selbstbewusst gewesen und jetzt brach er so zusammen. Und dabei hatte er sich doch den ganzen Tag darauf gefreut, mit mir zu schlafen … Ihm das verwehren zu müssen, machte mich unheimlich traurig. Ich wusste doch, wie wichtig ihm das war.

 

Und als ich ihn wieder ansah, da sah ich Tränen in seinen braunen Augen, und wie er sich auf die Lippen biss. Er flüsterte, mehr zu sich selbst, Worte, die ich nicht verstand, dann setzte er sich auf und zog die Knie an. Es war diese Haltung, die immer dann kam, wenn er innerlich abstürzte, das Glück in ihm wieder einmal zerbrach.

 

Das konnte doch nicht nur daran liegen, dass er mir versehentlich wehgetan hatte! Da war noch etwas anderes im Spiel. Und schon wieder waren wir an diesem Punkt, an dem ich nicht weiter wusste.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und wagte einen Versuch, an diesen Punkt näher heranzukommen: „Tsuzuku, was denkst du denn jetzt?“

 

Er antwortete nicht, blickte nur ins Leere, und ich wusste, ich war ganz nah dran an seinem Geheimnis. Ich setzte mich ebenfalls auf, ignorierte den Schmerz, der auch schon etwas weniger geworden war, und sah meinen Freund von der Seite an.

Die Tränen liefen über seine Wangen, er zitterte leicht und ich spürte, wie niedergeschlagen und traurig er war und dass er große Angst hatte.

 

Und als er dann endlich doch etwas sagte, half das auch nicht weiter: „Ich glaub, ich schlafe jetzt besser auf dem Sofa.“ Er wollte aufstehen und gehen, doch ich ließ ihn nicht, nahm seine Hand und hielt ihn fest.

„Du bleibst hier!“, sagte ich laut. „Das hier ist unsere erste Nacht in unserem neuen Leben, die wirst du ganz sicher nicht auf der Couch verbringen!“

 

Er sah mich mit großen Augen an, ungläubig. Ich zog ihn zu mir, legte eine Hand in seinen Nacken, während ich mit der anderen die seine festhielt, und küsste ihn, ganz zärtlich und weich und liebevoll, mit allem, was ich für ihn empfand.

„Ich lass dich doch jetzt nicht gehen“, flüsterte ich und nahm ihn in meine Arme. Tsuzuku wehrte sich nicht, sondern ließ sich einfach von mir umarmen. Er zitterte immer noch, und als er sein Gesicht an meinem Hals barg, spürte ich seine Tränen, doch ich fühlte, dass es ihm ein wenig besser ging.

„Meto …“, sprach er leise und küsste meine Halsbeuge. „Wie hab ich so was Süßes wie dich nur verdient?“

 

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, hielt ihn einfach im Arm und streichelte ihn, bis er sich wieder beruhigt hatte und nicht mehr zitterte. Irgendwann ging seine Atmung wieder ganz ruhig und gleichmäßig und ich spürte, dass er sich wieder einigermaßen gut fühlte.

 

Ich ließ mich langsam auf den Rücken sinken, zog Tsuzuku mit mir und eng an mich. Dabei dachte ich an unsere kleine Reise damals, als er mir seine Liebe gestanden hatte und wir sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Nacht intim miteinander geworden waren. Jene zweite Nacht war in meiner Erinnerung nicht ganz einfach gewesen und deshalb dachte ich jetzt daran.

 

Tsuzuku schmiegte sich an mich und ich fühlte, wie, wenn auch langsam und zögerlich, seine Lust wieder aufflammte. Seine Fingerkuppen gruben sich in meinen Rücken, er küsste meine Schulter und flüsterte: „Mach mit mir, was du möchtest …“ Und dann: „Ich gehör‘ nur dir.“

Seine Worte rührten mich, ich spürte ein leichtes Kribbeln in meinem Innern und gerührte Hitze in meinen Augen, so als müsste ich gleich weinen. Ich wollte etwas erwidern, wollte sagen, dass er vor allem sich selbst gehörte, doch meine Sprache versagte mir wieder den Dienst. Und so tat ich, wie er sagte, berührte und streichelte ihn überall, wo ich herankam, küsste ihn und freute mich über seine wohligen, genießenden Seufzer.

 

„Ich liebe dich, Tsuzuku“, flüsterte ich, als ich meine Sprache wieder beisammen hatte. „Vergiss das nie, hörst du?“

Er nickte, seufzte dann, weil ich ihn weiter streichelte und ihm das gut tat, einfach nur angefasst und umarmt zu werden. Seine Angst und Traurigkeit schienen wieder verschwunden, er wieder glücklich, und alles gut. Ich wusste, das würde nicht so bleiben, doch daran wollte ich jetzt nicht denken. Alles, was ich wollte, war, Tsuzuku zu lieben und zu halten, es mit der Lust ganz langsam angehen zu lassen und auch von ihm gehalten zu werden. Und das bekam ich.

Wir liebten uns langsam und ein bisschen vorsichtig, ohne erneutes Eindringen, nur lieb haben und anfassen, und danach, als Tsuzuku in meinen Armen einschlief, fühlte ich mich schwebend, wie im Traum, bevor ich selbst in einen tiefen Schlaf sank.

Es war spät abends, als ich mich als Letzter auf den Weg nach Hause machte. Meine Wohnung lag in einem anderen Stadtviertel und ich nahm die Nachtbahn, die zu dieser Zeit fast völlig leer war. Ich holte mein Handy aus der Tasche, steckte mir die Kopfhörer in die Ohren und stellte leise Musik an, während ich aus dem Fenster in die Dunkelheit schaute. Bahnfahren hatte für mich immer etwas meditatives, gerade wenn es so leer und ruhig war. Ich konnte dann immer gut nachdenken und so dauerte es auch heute nicht lange, bis ich in Gedanken war. Die sich, nachdem ich ja den Tag mit Tsuzuku und Meto verbracht hatte, vor allem um die beiden drehten.

 

Ich machte mir Sorgen um Tsu. Er wirkte irgendwie belastet und schien vor etwas Angst zu haben. Doch, und das war es, was mir wirklich Sorgen machte, er schien nicht darüber sprechen zu wollen. Und deshalb sprach ich ihn auch nicht darauf an. Ich sah viel Abwehr und eben Angst in seinen Augen, spürte deutlich, wie sehr er sich davor fürchtete, dass jemand bemerkte, dass bei ihm etwas nicht stimmte, und ihn darauf ansprach.

Also behielt ich meine Sorge für mich, machte mir meine eigenen Gedanken und Vermutungen und versuchte, mir nicht allzu viel anmerken zu lassen. Auch, weil ich selbst ein wenig Angst hatte. Hoffentlich war das, was Tsuzuku da mit sich herumtrug, nichts allzu schlimmes. Wobei mein Gefühl, auf das ich mich eigentlich immer verlassen konnte, mir sagte, dass genau das der Fall war. Dass es schlimm war, schlimm und gefährlich, und dass Tsuzuku deshalb nicht darüber sprach.

 

Die Bahn hielt an meiner Station und ich stieg aus, ließ aber die Musik an und hörte weiter, auf dem ganzen Weg bis zu meiner Wohnung. Es war kalt, normal für Anfang März, und ich kuschelte mich in meine cremefarbene Winterjacke und den rosa Wollschal. Mit klammen Fingern stellte ich die Musik aus, zog den Schlüssel aus meiner Vivienne Westwood Bambitasche und schloss die Tür auf, zog die Schuhe aus und hängte meine Jacke an die Garderobe.

 

Meine Schritte führten mich gleich ins Wohnzimmer, zum Kokatsu-Tisch, wo ich die Steuerung der Heizdecke aufdrehte, und dann in die Küche ging, um mir Tee zu kochen. Während der zog, hörte ich meinen Anrufbeantworter ab.

„Hey, Kocha, hier ist Mikan. Sag mal, hast du nächste Woche vielleicht Zeit, mit mir zum Shoppen nach Tokyo zu fahren? Ich brauch mal wieder ein paar neue Klamotten und Closet Child hat neue Ware reinbekommen. Ruf mich zurück, wenn du Zeit hast.“

Jetzt war es natürlich zu spät, Mikan zurückzurufen, also verschob ich das auf Morgen, nahm mir meinen Tee und setzte mich an den inzwischen schön warmen Kokatsu.

 

Augenblicklich machte die Wärme mich müde und ich schaltete den Fernseher an, um wach zu bleiben. Dort lief jedoch irgendwie nur uninteressantes Zeug und so machte ich ihn wieder aus, trank meinen Tee und begnügte mich damit, mein kleines, süß eingerichtetes Wohnzimmer zu betrachten.

Meine niedlichen Möbel, meine Filmsammlung, eine Menge verschiedenster CDs und nicht zuletzt meine Sammlung von etwa zwanzig kleinen und größeren Rehen aus Plüsch, Plastik und Porzellan. Ich mochte Rehe (obwohl Bambi, mein Liebling, ja bekanntlich ein Hirsch war) und irgendwann hatte ich angefangen, sie zu sammeln.

 

Einen Moment lang überlegte ich, den Bambi-Film, der sich als Sonder-Schmuck-Fanedition in meiner Sammlung befand, jetzt anzuschauen, doch da ich morgen arbeiten musste, entschied ich mich dagegen, einen stundenlangen Film inklusive Extras jetzt so spät noch zu sehen. Stattdessen trank ich meinen Tee aus,  ging ins Bad, wo ich mich auszog, abschminkte und das Haarspray rauskämmte, um dann noch mal ins Wohnzimmer zu huschen, den Kokatsu auszuschalten und mich dann in mein Bettchen zu begeben.

 

Ich zog die Knie an, wie eigentlich immer und gegen die Kälte, und blickte auf meine im Dunkel schemenhaft erkennbare Handtaschen- und Schmucksammlung. Chanel, Dior und eben meine Lieblingsdesignerin Westwood waren die Urheber der meisten meiner Schmuckstücke und ich liebte jedes einzelne. Ich war schon ein kleiner Sammelfreak und Markenfan, doch ich stand dazu, weil ich gern so war.

 

Lag es an der Kälte im Raum, dass ich mich auf einmal seltsam beengt, kalt und irgendwie allein fühlte? Es kam völlig aus dem Nichts und fühlte sich an wie ein kleines, dunkles Loch, durch das ein eisiger Wind zog. Plötzlich bekam ich Angst, zog meine Bettdecke etwas höher und fragte mich, was denn auf einmal mit mir los war. Ich kannte dieses Gefühl nur aus meinen seltenen Albträumen, doch dass es mich jetzt auch im Wachzustand heimsuchte, war mir völlig neu. Langsam stand ich auf, nahm ein Sweatshirt mit Kapuze aus dem Schrank und zog es mir über, legte mich dann wieder ins Bett und brauchte sehr lange, bis ich endlich eingeschlafen war. 

 

 

Ein durchdringendes „Piep, piep, piep, piep …“ weckte mich am nächsten Morgen. Ich kroch unter der Decke hervor, streckte die Hand aus und versetzte der Lärmquelle, auch Wecker genannt, einen gezielten Schlag, was ihn für die nächsten vierundzwanzig Stunden zum Schweigen bringen sollte.

Gähnend richtete ich mich auf, streckte mich, woraufhin mir prompt leicht schwindlig wurde, und erst jetzt bemerkte ich, dass ich kein Schlafshirt, sondern einen meiner Kapuzenpullis trug.

Warum? Ich versuchte, mich an gestern Abend zu erinnern, doch ich bekam das seltsame Gefühl, das mich vor dem Einschlafen heimgesucht hatte, nicht recht zu fassen, konnte mich nur schemenhaft und entfernt daran erinnern. Vielleicht war das ganz gut so, immerhin war es kein gutes Gefühl gewesen und ich sollte gar nicht so sehr darüber nachdenken.

 

Mit einem Ruck zog ich die Bettdecke beiseite, stand auf und öffnete meinen Kleiderschrank, suchte mit geübtem Blick eine pinke Jeans, einen hellen, geblümten Pullover und eine lange, altrosa Strickjacke heraus, dazu eine schlichte Halskette, zwei Ringe und einen meiner Herzanhänger. Zusammen mit meiner Standartausstattung ergab das ein einigermaßen gelungenes Outfit.

Mit den Klamotten über dem Arm und dem Schmuck und meinem Handy in der Hand ging ich ins Bad, legte alles auf dem Regal ab, stellte Musik an, zog mich aus und ging erst einmal schnell unter die Dusche.

 

Das heiße Wasser vertrieb die Kälte und tat mir gut, die Musik sorgte dafür, dass ich gute Laune bekam und ich summte leise mit, während ich mich wusch und dann noch eine Weile unter dem warmen Regen stand. Schließlich stieg ich aus der wasserdampfgefüllten Kabine, schnappte mir ein Handtuch und trocknete mich schnell und gründlich ab, um mich dann anzuziehen.

Während meine Haare in ein Handtuch eingewickelt trockneten, ging ich ins Wohnzimmer und setzte mich kurz an meinen Laptop, um meine Nachrichten auf diversen sozialen Netzwerken zu lesen und zu nachzuschauen, was es neues gab.

Es war nichts Großartiges passiert und so wandte ich mich wieder meiner Körperpflege zu, indem ich meine Haare trockenrieb, kämmte und zu meinem üblichen Zopf zusammenband. Ein Blick in den Spiegel sagte mir, dass ich ein bisschen schwarzen Ansatz hatte und daher demnächst ein Besuch bei meiner Lieblingsfriseurin angesagt war.

Während ich mich schminkte, ließ ich weiter Musik laufen. Ich wusste nicht, warum, aber ich konnte mich immer besser hübsch machen, wenn dabei Musik lief, am besten melodische Rockmusik.

 

Als ich dann mit allem fertig war, wurde es langsam hell draußen und ich verließ die Wohnung, lief durch das kalte Treppenhaus nach unten und aus dem Haus, zur Bahnstation, die mich in das Viertel bringen sollte, in welchem sich meine Arbeitsstelle, das Kawaii-Café ‚Amai Ame‘ befand. Es lag gut, genau zwischen meiner Wohnung und der, in der Meto und Tsuzuku jetzt lebten. Da Meto, wenn alles gut lief, in ein paar Tagen dort anfangen würde, würden wir uns wohl jeden Morgen an der Bahnstation treffen und dann den Tag über zusammen arbeiten.

Es hatte mir Spaß gemacht, ihn die zwei Tage, die er zur Probe da gewesen war, in den Betrieb einzuführen und den Gästen vorzustellen. Er schien ziemlich überrascht, dass er bei den vornehmlich weiblichen Gästen so gut ankam, wirkte aber sonst recht zufrieden und schien sich darauf zu freuen, zu arbeiten. Meinem Wissen nach war das seine erste Beschäftigung nach dem Schulabschluss und dafür hatte er sich an diesen zwei Tagen recht gut geschlagen.

 

In der Bahn dachte ich noch ein bisschen über ihn und Tsuzuku nach, darüber, wie besonders das zwischen den beiden war und wie schwer zu verstehen es für andere schien. Ich erinnerte mich noch gut an MiA, daran, wie dieser versucht hatte, einen Blick ins Innere dieser engen, damals noch eher freundschaftlichen Beziehung zu werfen und daran gescheitert war.

‚Zwischen Tsuzuku und Meto passt kein Blatt Papier …‘, dachte ich und musste lächeln. Ich wusste, ich benahm mich da manchmal wie ein kleines Fangirl. Tsuzuku zog mich ja oft genug aus Spaß damit auf, dass ich schwärmerisch reagierte und ein wenig schmachtete, wenn er in meiner Anwesenheit Meto küsste und berührte. Aber ich nahm ihm das nicht übel, im Gegenteil, ich fand seine manchmal so leicht ironische Art sympathisch.

Und, zugegeben, ich war ein wenig neidisch. Wie gern hätte ich selbst so eine enge, süße Beziehung gehabt, in der man füreinander da war und sich gegenseitig ergänzte.

 

Die Bahn hielt und ich stieg aus, lief durch die Straßen, in denen es jetzt schon recht hell war, bis ich meinen Arbeitsplatz erreicht hatte.

„Morgen, Kocha!“, rief mir meine Kollegin Satsuki, genannt Satchan, entgegen. Sie war, mit Ausnahme unserer Junior-Chefin, die einzige weibliche Kraft hier, schlug sich aber ganz gut.

„Guten Morgen!“, grüßte ich sie lächelnd zurück und ging dann in die Privaträume, um meine Uniform anzuziehen. Diese bestand aus einem kaffeebraunen Anzug mit weißem Rüschenhemd und Schuhen mit leichtem Absatz, dazu meinem Namensschild, auf dem neben der niedlichen Zeichnung eines kleinen Rehkitzes mein Spitzname ‚Kocha‘ in Katakana stand. Eigentlich war es keine richtige Uniform, denn jede Bedienung in diesem Laden trug ein in Farbe, Schnitt und Muster individuell angefertigtes Outfit, doch der Einfachheit halber hieß diese edle Arbeitskleidung eben ‚Uniform‘.

 

Nachdem ich mich umgezogen hatte, begann ich mit der Arbeit, die vor den Öffnungszeiten vor allem daraus bestand, alles vorzubereiten und Waren wie Kuchen, Milch und so weiter aus dem im Hinterhof stehenden Kühlwagen in den Kühlschrank des Cafés zu räumen. Als ich damit fertig war und mir am Fenster des Umkleideraumes eine Zigarette genehmigte, kam Satchan dazu und fragte: „Weißt du, wann der Neue jetzt kommt?“

„Das Vorstellungsgespräch ist am Donnerstag“, antwortete ich. „Und er heißt Meto.“

Satchan kicherte. „Ich finde den so niedlich! Wo hast du so ein süßes Etwas gefunden?“

Ich nannte den Namen der Stadt, in der Meto bis gestern gelebt hatte, und den Namen des Parks.

 

„Und er ist echt schwul und hat ‘nen Freund?“, fragte Satchan weiter, mit einem Leuchten in den Augen, das sie eindeutig als Fujoshi auswies.

„Ja. Aber du musst da nicht so ein Theater drum machen. Meto ist, na ja, nicht direkt schüchtern, aber eben nicht daran gewöhnt, dass irgendwelche Mädels ihn wegen seiner sexuellen Orientierung fangirlen. Ich möchte dich auch bitten, ihn nicht nach Top oder Bottom und so etwas zu fragen, okay?“, erwiderte ich, ruhig aber bestimmt. Ich wollte, dass Meto gern hier arbeitete, und möglichst ohne andauernd intime Fragen gestellt zu bekommen.

„Ist gut“, sagte sie und senkte den Blick. „Ich hab nur noch nie ‘nen Schwulen getroffen, deshalb bin ich halt so neugierig. Ich kenn das nur aus Manga und so.“

„Geh einfach ganz nett und normal mit ihm um“, sagte ich und drückte meine Zigarette auf dem Fenstersims aus.

Satchan nickte und verschwand wieder, ich blieb noch eine Weile am Fenster sitzen, machte es dann zu und mich wieder an die Arbeit.

 

Der Vormittag verlief so wie immer, ein fast normaler Arbeitstag in einem nicht ganz so gewöhnlichen Café. Ich bediente die Gäste, machte bei den Spielchen und Aktionen mit, die wir ihnen anboten, und hatte das Gefühl, meinen Job gut zu machen. Immerhin war ich relativ beliebt bei einer bestimmten Art von Mädchen und manche wollten explizit von mir und niemand anderem bedient werden.

 

„Kocha, du bist so niedlich!“, quietschte eine unserer Stammbesucherinnen, nachdem ich ihr den Kuchen mit einem Herz aus Schokosoße verziert hatte.

Ich lächelte, malte noch einen Smiley dazu, und sie fotografierte mein Stegreif-Kunstwerk mit der Handykamera, bevor sie ein Stück davon nahm, aß, und mich dann wieder anstrahlte.

Länger konnte ich nicht bei ihr bleiben, denn einer meiner Kollegen rief mich, weil eine andere Besucherin ein Foto mit ihm und mir wollte.

Ich wusste nicht genau, ob meine Beliebtheit bei den Gästen nur auf meine rosa Haare und mein feminin geschnittenes Gesicht zurückzuführen war oder darauf, dass ich einfach freundlich und aufgeschlossen war, aber ich nahm es so hin, schließlich war es ja ganz schön, beliebt und erfolgreich in meinem Tun zu sein.

 

Meine Mittagspause verbrachte ich woanders, in einem kleinen Park ein paar Straßen weiter. Ich kaufte mir an einem Stand etwas zu essen und setzte mich dann auf eine Bank, von wo aus ich den Leuten zusah, die ihre Pause ebenfalls hier verbrachten.

Dabei dachte ich an Mikan und an ihren geplanten Shoppingtrip. Kurzentschlossen holte ich mein Handy heraus und schrieb ihr eine Mail: „Hey, Mikan-chan! ^-^ Ich würde gern mit dir nach Tokyo fahren. Kann ja immer mal neue Sachen gebrauchen. ^_- Herz dich, Süße. Koichi <3“

 

Und schon musste ich grinsen. Ich freute mich jedes Mal unheimlich auf solche Shoppingtrips, einfach weil ich Einkaufen liebte und Mikan gern mochte. Meistens fuhr ich mit ihr, manchmal auch mit jemand anderem. Ich hatte fünf, sechs gute Freundinnen, und Mikan war meine beste.

Sie war zwei Jahre jünger als ich und ich kannte sie schon recht lange, genauer gesagt seit einer Visual-Styling-Convention vor fünf Jahren. Ich besuchte regelmäßig solche Veranstaltungen und Treffen, zum einen, um keinen Trend zu verpassen, und zum anderen, weil ich einfach gern neue Leute kennen lernte.

 

Während ich so da saß und über Sachen nachdachte, die so gewesen waren und was wohl noch kam, landeten meine Gedanken bei dem Tag im letzten Herbst, als ich mit Hanako und Haruna zum ersten Mal im Akutagawa-Park gewesen war und dort Tsuzuku getroffen hatte.

 

Er hatte abseits auf seinem Platz gesessen und zuerst hatte ich ihn gar nicht wahrgenommen mit seinen abgewetzten Sachen und den dunklen Klamotten. So richtig gesehen hatte ich ihn erst, als er auf Harunas Aufforderung hin zu uns gekommen und sich dazu gesetzt hatte.

Ich hatte mich mit Hanako unterhalten und den auffallend dünnen, aber für einen Obdachlosen recht gepflegten Mann, der älter wirkte als ich, obwohl wir etwa gleich alt waren, erst dann wirklich angeschaut. Hatte bemerkt, wie er mein an dem Tag sehr schickes, pastellfarbenes Outfit mit leicht hochgezogenen Augenbrauen gemustert hatte und erst einmal nur zuhörte, wie ich mich mit Mikan und den beiden anderen unterhielt. Nebenbei hatte ich etwas von seiner dunklen Ausstrahlung mitbekommen, und in seinen dunkelbraunen Augen etwas gesehen, das irgendwie mein Interesse weckte.

Dann hatte Hanako mich vorgestellt und ich hatte erfahren, wie sein Name war und dass er wirklich hier lebte. Und ich, freundlich wie ich eben war, hatte ihn gleich mit Namen angesprochen und gesagt, dass es mich freute, ihn kennen zu lernen.

 

Sein scheues Lächeln, welches als Erwiderung auf meine Freundlichkeit zurückgekommen war, hatte mein Interesse weiter bestärkt. Abgesehen von seinem offensichtlichen Untergewicht war Tsuzuku ein attraktiver Mann mit einer zwar dunklen, aber überhaupt nicht unangenehmen Aura, seine Tattoos und Piercings machten ihn interessant und ich hatte mir sofort gewünscht, mich mit ihm anzufreunden.

Von dem kurzen Gespräch zwischen ihm und Haruna hatte ich nicht viel mitbekommen, er war dann noch eine Weile geblieben, doch mit einem Mal aufgestanden, zu seinem Platz und dann woanders hingegangen.

„Koichi?“, hatte Haruna mich gefragt und ernst angesehen. „Würdest du Hanako und mir … einen Gefallen tun?“

„Was denn?“, war meine Antwort gewesen, ich hatte gelächelt.

„Könntest du dich … na ja, ein bisschen um Tsuzuku kümmern? Er ist ziemlich einsam, hat nur einen einzigen guten Freund, und es geht ihm … nicht so gut. Ich glaube, es würde ihm gut tun, mal jemand neues kennen zu lernen.“

 

Ich schreckte aus meinen Erinnerungen auf, als eine Taube direkt vor meinen Füßen plötzlich aufflog und mit einem klappernden Geräusch in einem der Bäume hinter mir verschwand. Automatisch blicke ich auf meine Armbanduhr. Ich hatte noch zehn Minuten, dann musste ich mich wieder auf den Weg ins Café machen. Und so hing ich noch eine Weile meinen Gedanken nach und erinnerte mich weiter daran, wie ich Tsuzuku kennen gelernt und zum ersten Mal auch in seine Dunkelheit geblickt hatte.

 

Mir war sofort klar gewesen, dass er, auch wenn er auf den ersten Blick eher zurückhaltend gewirkt hatte, auch ganz anders sein konnte, und so hatte es mich wenig überrascht, dass er, als ich zu ihm gegangen war und ihn gefragt hatte, ob alles okay war, ziemlich abweisend reagierte. Harunas Worte, dass Tsuzuku irgendwelche schwerwiegenden Probleme hatte, hatten sich in dem Moment bestätigt, als ich ihn auf dieser Bank am Fluss sitzen sah und den traurigen Ausdruck in seinen Augen bemerkt hatte.

In dem Moment hatte ich beschlossen, mich mit ihm anzufreunden. Ich hatte nur wenige männliche Freunde, und Tsuzuku war mir schnell als jemand erschienen, mit dem ich mich vielleicht, wenn ich denn erst einmal durch seine harte Schale durch kam, gut verstehen konnte.

Und so hatte ich mich neben ihn gesetzt und ihm meine freundschaftlichen Absichten mehr oder weniger direkt ins Gesicht gesagt.

 

Ich wusste nicht, woher genau ich diese Fähigkeit hatte, in den Augen mancher Menschen ihr Gefühlsleben zu lesen. Na ja, meine Mutter konnte das auch, vielleicht hatte ich es ja von ihr geerbt. Jedenfalls konnte ich es und Tsuzuku war so ein Mensch, bei dem es mir sehr leicht fiel, zu erkennen, wie er sich gerade fühlte. So gesehen war er der perfekte beste Freund für mich, zumindest wenn es darum ging, ihm zu helfen. Es gab auch Menschen, die ich weniger gut lesen konnte, bei Meto zum Beispiel klappte es nicht so einfach, was jedoch meiner Zuneigung zu ihm keinerlei Abbruch tat.

 

Jedenfalls hatte ich diese meine Fähigkeit bei Tsuzuku von Anfang an voll ausgespielt und so sehr bald erkannt, dass er verliebt war, und von welcher Art seine Probleme mit dem Essen waren. Zusammen mit meiner Offenherzigkeit hatte meine Gefühlsleserei wohl einen ziemlich nervigen Ersten Eindruck hinterlassen, jedoch offensichtlich erfolgreich, denn wir hatten uns ja tatsächlich sehr gut angefreundet. Ich hatte seine harte Schale geknackt, oder zumindest einen Schlüssel zu seinem Innern gefunden, und bis jetzt war ich eigentlich relativ sicher gewesen, dass ich ihm damit helfen konnte.

Doch anscheinend war dem nicht so, zumindest schien es auf einmal etwas zu geben, das er so tief und fest in seinem Innern verschlossen hatte, dass nicht mal ich da wirklich rankam. Wann genau es begonnen hatte, konnte ich nicht sagen, nur, dass ich mir jetzt große Sorgen um ihn machte, weil er sich offenbar alle Mühe gab, etwas vor mir und auch vor Meto zu verbergen.

 

Ich stand auf, nahm meine Tasche und ging zur Arbeit zurück, wo ich den Rest des Tages verbrachte. Nachmittags war natürlich sehr viel mehr los und so hatte ich reichlich zu tun, merkte jedoch erst auf dem Weg zur Bahnstation, dass es mich doch ziemlich erschöpft hatte. Beklagen wollte ich mich nicht, schließlich war der Job sehr viel besser bezahlt als eine normale Kellner-Stelle und passte besser zu mir als jede andere Arbeit, die ich zuvor gemacht hatte.

Von der Bahnstation fuhr ich nicht nach Hause, sondern in Richtung von Tsus und Metos Wohnung, da ich ja versprochen hatte, den beiden beim Einkaufen zu helfen. Ich stieg die Treppen in den zweiten Stock hoch und gerade, als ich auf die Klingel mit der Aufschrift: ‚Aoba und Asakawa‘ drücken wollte, hörte ich hinter mir ein missbilligendes Zischeln.

 

Ich drehte mich um. Eine Frau von etwa sechzig Jahren musterte mich von oben bis unten, blickte dann auf die Wohnungstür und fragte dann: „Sagen Sie, was sind das für Leute, die da gestern eingezogen sind?“

„Freunde von mir“, antwortete ich. „Wieso?“

„Wir sind hier eine Hausgemeinschaft. Gedenken Ihre beiden Freunde auch mal, sich uns der Form halber vorzustellen?“ Der scharfe Ton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Sicher“, erwiderte ich, ähnlich bissig. „Aber gestern, als sie hier eingezogen sind, war keiner da, um sich vorzustellen.“

Die Frau sah ziemlich ertappt aus, murmelte noch irgendwas und verschwand dann nach unten.

 

‚Oh man‘, dachte ich. Hausgemeinschaft! Fast musste ich lachen. Ausgerechnet in so einem Haus waren Tsu und Meto also gelandet. Ich schlug mir leicht mit der Hand vor die Stirn, dann drückte ich den Klingelknopf und wartete, bis Tsuzuku, nur mit Jeans und Tanktop bekleidet, die Tür öffnete. Er war nicht geschminkt und wirkte auch sonst so, als wäre er den Tag über gar nicht richtig wach geworden. Und als ich ihm in die Augen schaute, sah ich, dass er innerlich auch nicht gerade stabil gestimmt war.

 

„Hey, Tsu!“, sagte ich und umarmte ihn kurz, ehe er mich in die Wohnung ließ. Es roch nach Kaffee und Zigarettenrauch und als ich kurz durch die offene Schlafzimmertür blickte, sah ich Meto schlafend im Bett liegen.

„Sorry, Koichi, wir sind irgendwie … heute nicht so wirklich aufgestanden“, sagte Tsuzuku.

„Das seh ich“, sagte ich. „Warum?“

Tsuzuku senkte seine Stimme und wich meinem Blick aus, als er antwortete: „War nicht so gut … gestern Abend …“

„Wieso?“, flüsterte ich. „Was war denn?“

 

Wir gingen in die Küche, Tsuzuku stellte sich wieder ans Fenster und ich setzte mich auf einen der drei Küchenstühle.

„Erzähl, was ist passiert?“, fragte ich.

Tsuzuku schaute noch einmal in Richtung Schlafzimmer, wo Meto immer noch schlief, und antwortete dann mit leiser Stimme: „Ich … hab ihm wehgetan. Er hat manchmal so … Verspannungen, verstehst du, und ich hab‘s erst nicht gemerkt.“

„Und deshalb habt ihr heute jetzt nur rumgesessen?“, fragte ich verwundert. „Ist Meto überhaupt mal aufgestanden?“

„Ja, aber vor ner Stunde hat er sich wieder hingelegt.“

„Weißt du denn, wo die … Verspannungen herkommen?“, wollte ich vorsichtig wissen.

Tsuzuku schüttelte den Kopf. „Ich hab keine Ahnung. Koichi, ich …“, begann er, brach dann aber ab und ich sah wieder diese Abwehr in seinen Augen.

 

Ich ahnte, dass er gerade kurz davor gewesen war, mir etwas Wichtiges zu sagen, und fragte: „Was denn?“

Er antwortete nicht, sah mich nur an, mit Angst und Abwehr in den Augen. Und ich beschloss, dass das so nicht gehen konnte. Tsu würde, jetzt oder später, darüber reden müssen, was eigentlich mit ihm los war.

„Tsuzuku, sprich. Ich merk doch, dass bei dir irgendwas nicht stimmt. Also sag, was ist los?“, forderte ich und deutete auf den leeren Küchenstuhl mir gegenüber. Er setzte sich, sagte aber nichts.

Es dauerte eine ganze Weile, die wir uns schweigend gegenüber saßen, dann sagte er leise: „Ich kann nicht drüber reden. Das geht nicht. Wenn ich das tue, dann bricht es aus und ich dreh durch. Und außerdem … ich will nicht, dass ihr euch Sorgen um mich machen müsst.“

„Was denn? Was bricht aus? Tsu, ich mach mir doch schon Sorgen um dich! Eben weil du nicht sagst, was los ist.“

Er sah mich an, ganz ernst und ganz nah dran an dem, was er vor mir zu verbergen versuchte, und sagte: „Koichi, es geht nicht. Ich muss erst mal selber halbwegs damit klarkommen, vorher kann ich nicht darüber reden. Ich brauch noch Zeit, verstehst du das?“

Ich nickte. Ja, irgendwie verstand ich das. Und trotzdem fragte ich mich, nach dem, was er jetzt gesagt hatte, was es denn bitte war, wovor er sich so fürchtete und was seinen Worten nach ‚ausbrechen‘ konnte.

 

„Komm, zieh dir was Warmes an, weck Meto und dann gehen wir erst mal einkaufen. Ihr braucht hier was zu essen und man muss mindestens einmal am Tag raus vor die Tür gehen“, sagte ich schließlich, stand auf, nahm Tsu bei den Händen und zog ihn hoch.

 

Und als er sich dann ordentlich angezogen hatte, Meto wach war und wir zu dritt so was wie eine halbwegs vollständige Einkaufsliste zusammen hatten, zogen wir los zum nächsten Conbini. Auf dem Weg dahin erzählte ich den beiden von meiner Begegnung mit ihrer Nachbarin.

„Na klasse. Als wir uns die Wohnung letzten Monat zusammen angeschaut hatten, war kein Mensch da, und jetzt auf einmal sind die neugierig, oder was?“, seufzte Tsuzuku.

Meto sagte nichts, sah aber nicht gerade zufrieden mit der Tatsache aus, dass im Haus anscheinend ein paar konservative Leute wohnten, die wahrscheinlich nicht mit schiefen Blicken geizen würden. 

 

„Ich glaube fast …“, sagte ich leise, „… ihr könnt denen nicht einfach so sagen, dass ihr ein Paar seid. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr das nicht verbergen wollt, aber manchmal hat man keine Wahl. Wenn’s schlecht kommt, verliert ihr die Wohnung sonst wieder.“

„Meinst du?“, fragte Tsuzuku.

Ich nickte. Es regte mich ja selbst auf, dass es so intolerante Leute gab, die aus irgendeinem Grund ein Problem mit homosexuellen Paaren hatten, aber ändern konnte ich ja nichts daran. Als ich die Wohnung für Tsuzuku ausgesucht hatte, hatte ich nicht gewusst, dass er vorhatte, mit Meto zusammen dort einzuziehen, und so hatte ich nicht recherchiert, ob vielleicht jemand dagegen war. Doch nach der Begegnung mit dieser Frau im Hausflur befürchtete ich jetzt, dass es Schwierigkeiten geben könnte, wenn die beiden zu ihrer Beziehung standen.

 

Wir erreichten den Conbini und so war das Thema erst mal beiseite, sodass wir uns auf den Einkauf konzentrieren konnten. Schon bald fiel mir auf, dass Tsuzuku dazu tendierte, ein paar nicht gerade notwendige Sachen einzupacken, was mich zu der Frage brachte, ob er heute überhaupt schon richtig gegessen hatte oder jetzt etwa hungrig einkaufen ging.

 

„Tsu?“, fragte ich leise und nahm ihn kurz beiseite. „Hast du heute schon was gegessen?“

Er nickte. „Metos Mama hat uns was vorbeigebracht, heute Mittag. Wie kommst du drauf?“

Ich atmete erleichtert aus und lächelte. „Man soll ja nicht hungrig einkaufen gehen …“

Tsu lächelte zurück, nahm besagte Sachen wieder aus dem Korb und legte sie zurück. „Hast Recht.“

 

Und dann: „Kocha … irgendwann, da kann ich mit dir drüber reden. Es … geht nur jetzt noch nicht … okay?“

Ich wusste gleich, was er meinte, und antwortete: „Du solltest vor allem mit Meto reden. Er ist dein fester Freund, dein Lebenspartner, es ist nicht gut, wenn du Geheimnisse vor ihm hast.“

„Ich weiß … Aber ich will einfach nicht, dass er sich wieder solche Sorgen um mich machen muss.“

„Meinst du denn, er merkt nicht, dass du was hast?“, flüsterte ich.

„Wir reden später, okay?!“ Auf einmal wirkte Tsu ziemlich gereizt, und ich wusste, er kämpfte innerlich, darum, jetzt nicht weiter reden zu müssen und das, was ihn belastete, für sich zu behalten.

Und ich ließ ihn, fragte nicht weiter, weil ich wusste, dass es jetzt nichts bringen würde.

 

Über diesem Gespräch waren wir bei den Kühltruhen angekommen, wo Meto schon seit ein paar Minuten stand und auf uns wartete.

„Wollt ihr euch denn nur von Tiefkühlessen ernähren?“, fragte ich.

„Ich kann nicht kochen“, antwortete Tsuzuku. „Alles, was ich da versuche, brennt entweder an, oder verkocht. War schon früher so.“

So, wie er das sagte, musste ich beinahe ein bisschen lachen. Tsu war, auch abgesehen von seinen Problemen, irgendwie wirklich nicht der Typ für die Küche. Meto auch nicht so recht, daher wahrscheinlich der Hang zur Tiefkühlnahrung.

„Heute Abend könnte ich euch was kochen“, schlug ich vor, woraufhin Tsuzuku mich mit diesem Blick ansah, auf den stets ein Kommentar zu meinem femininen Verhalten folgte, und fragte: „Du kannst kochen, Kocha?“ Und dann, etwas leiser: „Aber natürlich kannst du das …“

Ich boxte ihm spielerisch in den Oberarm. „Ja, selbstverständlich kann ich kochen!“

„Dann lass sehen, Küchenfee.“

 

Ich brauchte einen Moment, bis mir eine Idee kam, was man denn mal eben für drei Leute kochen konnte und was für Zutaten ich dafür brauchte. Schließlich entschied ich mich für simple italienische Nudeln mit Tomatensoße, wobei die Soße natürlich selbst gemacht wurde. Hoffend, dass ich nichts vergaß, lief ich noch einmal durch den Laden, sammelte alles zusammen und erwischte, als ich zurückkam, Meto dann doch dabei, wie er etwas aus dem Tiefkühlkasten nahm.

 

„Damit wir morgen auch was haben“, erklärte er.

„Meto-chan, hattest du nicht erzählt, dass deine Mama dir kochen beigebracht hat?“, fragte ich.

„Ich … trau mich da nicht so richtig ran“, antwortete er.

„Okay“, antwortete ich. „Weißt du, was wir machen? Du schaust mir gleich, wenn ich in eurer Küche das Essen mache, ganz genau zu und hilfst mir.“

Meto nickte und sah Tsuzuku an, der jedoch dazu nur meinte: „Ich halt mich da raus. Mir kann man Kochen nicht mehr beibringen.“

 

Als wir, nach dem Bezahlen, mit vollgepackten Tüten wieder auf dem Rückweg waren, beobachtete ich die beiden Süßen ein wenig. Ich wusste ja nur von dem, was Tsu gesagt hatte, davon, dass ihre erste Nacht in der neuen Wohnung wohl nicht so gut gelaufen war und offenbar hatten beide infolgedessen auch keinen so schönen Tag gehabt. Es ging mich zwar wirklich nichts an, was die beiden nachts zusammen taten, und im Grunde interessierte es mich auch nicht, aber so, wie ich das verstanden hatte, hatte Meto da ab und an Probleme und das wiederum interessierte mich als guten Freund der beiden sehr wohl.

Ich hatte keinerlei Ahnung oder Erfahrung mit solchen Verspannungen, außer, dass ich mal irgendwo davon gelesen hatte, dass es das gab und dass es wohl oft mit unterbewussten psychosomatischen Vorgängen zusammenhing. Vielleicht, so dachte ich in diesem Moment, hing ja auch Metos Sprachproblem irgendwo damit zusammen? Er wirkte sonst kaum wie jemand, der psychosomatische Probleme hatte, aber die sah man ja auch nicht jedem an.

 

Wieder in der Wohnung angekommen, füllten wir mit den Einkäufen den Kühlschrank und dann machte ich mich daran, für uns drei ein schönes, italienisches Abendessen zu kochen.

Tsuzuku zog sich mithilfe von Metos Spielekonsole sofort aus der Affäre, während sein Schatz bei mir blieb und mir aufmerksam beim Zerschneiden der Tomaten zusah. Ich übertrug ihm das Kleinhacken der Kräuter, was er auch recht gut hinbekam, und unterhielt mich ein wenig mit ihm über Dieses und Jenes. Über den Winter hatten wir uns ein wenig besser kennen gelernt und wahrscheinlich lag darin auch der Grund, dass Meto mir gegenüber inzwischen recht fließend und verständlich sprach. Zwar war er nicht so redegewandt und offenherzig wie Tsuzuku, doch trotzdem war es schön, sich mit ihm zu unterhalten.

 

Meto fragte mich auch nach meinem Freundeskreis, danach, was ich so machte und vorhatte, und ich erzählte ihm von meinen Shoppingtouren mit Mikan und auch davon, dass ich erst einmal nicht mehr nach einer festen Freundin suchte. Ich hatte in dem Moment kaum das Gefühl, dass mir irgendwas fehlte oder so, und als Meto dann ein wenig besorgt fragte, ob ich denn auch wirklich nicht einsam sei, antwortete ich: „Nein, ich bin ja nicht alleine. Ich hab euch und so, ich bin echt nicht einsam.“

 

Meto sah irgendwie nicht so aus, als würde er mir das glauben, aber mehr als sagen konnte ich es ja nicht. Und so wechselte ich das Thema, fragte ihn nach seinen und Tsuzukus Plänen für die Wohnung und erzählte dann, als er mir davon berichtet hatte, von meiner eigenen. Er lachte, als ich mich zu meiner Sammelleidenschaft bekannte, und Tsu, der aus dem Wohnzimmer mitgehört hatte, dass ich Rehkitze sammelte, rief mir wieder einmal, ebenfalls lachend, zu, was für ein Mädchen ich doch sei.

„Wie wär’s, wenn du, statt zu zocken, lieber mal den Tisch deckst?“, antwortete ich und nahm die Nudeln vom Herd, um sie über der Spüle abzugießen. Dabei fragte ich mich, ob Metos Mama die Sachen für die Küche allesamt mit viel Bedacht ausgesucht hatte, denn es war praktisch alles vorhanden, was man so zum einfachen Kochen brauchte.

 

Das Essen verlief normal, jedenfalls so normal, wie es eben sein konnte, wenn einer sehr wenig aß und der andere kaum sprach. Ich hatte bei Meto den Eindruck, dass er, wenn er viel gesprochen hatte, immer erst mal eine Weile schweigen musste, um sich sozusagen vom Sprechen zu erholen und seinen Vorrat an Worten wieder aufzufüllen. Und mir fiel auf, dass er Tsuzuku beim Essen sehr genau beobachtete. Wahrscheinlich hatte er sich das angewöhnt, noch aus der Zeit, als er allein für seinen Freund hatte sorgen müssen. Zwar achtete ich ebenfalls darauf, dass Tsu sich nicht zu viel nahm, aber auch nicht zu wenig, aber die Sorge in Metos Augen wirkte noch weitaus größer als die Gedanken, die ich mir darum machte.

 

Nach dem Abendessen ließ ich nicht zu, dass Tsuzuku sich wieder verzog, sondern drückte ihm ein Handtuch in die Hand und er half mir infolge dessen beim Abwasch, während Meto sich irgendwohin setzte und seiner Mama eine ausführliche SMS schrieb.

„Koichi?“, sprach Tsuzuku mich auf einmal an, nachdem wir eine Weile schweigend das Geschirr gespült und getrocknet hatten. „Kannst du … weil wir ja gerade kein Internet haben … da mal was für mich nachschauen?“

„Was denn?“, fragte ich zurück.

Er schwieg einen Moment, schien nach den richtigen Worten zu suchen, dann sagte er: „Ich wüsste gern … na ja, ob das normal ist, dass ich, wenn ich mit Meto schlafe, so auf Macht und Erobern aus bin. Ich hab ihm wehgetan, weil ich nicht rechtzeitig bemerkt habe, dass er Schmerzen hatte, und das macht mich ziemlich fertig …“

„Ich glaube, das kann dir das Internet auch nicht beantworten“, sagte ich.

„Ich will einfach wissen, ob das … ob es ein Wort dafür gibt, verstehst du?“

„Und was soll dir das helfen? Ich meine, was bringt das, wenn man weiß, dass irgendein Verhalten angeblich gestört ist und einen Namen hat? Das zieht einen doch nur runter, oder?“

 

Tsuzuku schwieg daraufhin und mir fiel auf, dass seine Hände, die mechanisch einen der Teller abtrockneten, irgendwie angespannt wirkten. Vielleicht war diese Frage danach, ob ich etwas für ihn recherchieren konnte, eine Art versteckter Hilferuf, den er nicht offen aussprechen konnte?

„Okay“, sagte ich schließlich. „Ich schau mal nach, ob ich was finde. Aber wenn ich den Eindruck habe, dass dir das Wissen darum nicht gut tut, dann erzähl ich dir nichts.“

Er nickte, stellte dann den Teller in den Schrank und hängte das Handtuch über die Heizung.

 

Bald darauf machte ich mich wieder auf den Weg nach Hause. Tsuzuku umarmte mich zum Abschied und flüsterte mir noch einmal seine Bitte zu, dass ich diese Sache für ihn nachschaute. Ich fragte mich, wie diese Nacht für ihn und Meto wohl werden würde, und hoffte, dass er sich nicht zu viele schlechte Gedanken machte.

 

Zurück in meiner Wohnung setzte ich mich mit meinem Laptop an den Kotatsu und überlegte eine ganze Weile, was ich da jetzt als Suchbegriff eingeben sollte. Schließlich tippte ich einfach die Frage ein, die Tsu mir gestellt hatte, und landete auf einer Selbsthilfesite für Menschen, deren psychische Probleme sich auf ihr Sexualleben auswirkten.

Es gab dort tatsächlich einige Einträge, die dem, was Tsuzuku mir erzählt hatte, ähnelten, doch diese anonymen Menschen schienen genauso ratlos zu sein wie er. Und die Antworten auf diese Einträge reichten von Intoleranz und Unverständnis bis hin zu schlichten, unzureichend begründeten Diagnosen irgendwelcher Störungen, die allesamt unheimlich klangen und von denen ich meinem besten Freund garantiert kein Wort erzählen würde.

 

Ich suchte weiter, innerhalb dieser Site, die ansonsten relativ seriös wirkte, und während ich mir die vielen Einträge durchlas, spürte ich, dass ich unabsichtlich anfing, mich sehr auf Tsuzukus Probleme, seine dunklen Seiten, zu konzentrieren. Das war gar nicht gut, fühlte sich ziemlich mies an, und ich schloss die Site schnell, damit ich nicht noch mehr davon las.

Ich wollte ihn, obwohl ich seine Probleme kannte, nicht als kranken, vielleicht sogar gestörten Menschen sehen. Wollte sein Verhalten als seinen Charakter und die Folge dessen, was er erlebt hatte, ansehen, und nicht mit irgendwelchen Störungen abgleichen.  

 

Nicht wissend, was ich ihm von den Suchergebnissen erzählen sollte, und unwillig, das Ganze noch mal zu recherchieren, machte ich mir meine eigenen Gedanken zu seinen Fragen. Ich wollte gar nicht so genau wissen, was Tsuzuku und Meto nachts zusammen taten, aber so, wie ich die beiden kannte, ging es doch wahrscheinlich liebevoll zwischen ihnen zu. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Tsu seinem Liebsten absichtlich wehtat, doch dass er sich trotzdem Vorwürfe machte, wenn es passierte, passte zu ihm.

 

Irgendetwas brachte ihn seit einiger Zeit offenbar dazu, sein eigenes Verhalten als krank oder sogar gestört einzuordnen und seine besitzergreifende Art zu lieben vor sich selbst schlechtzureden.

Als ich ihn kennen gelernt hatte, war davon noch nichts zu sehen gewesen.

Ich hatte ihn erlebt, wie er vor verzweifelter Eifersucht geweint und gewütet hatte, als Meto noch mit MiA zusammen gewesen war, und erinnerte mich noch gut an seine Worte damals. Er war vor mir ganz offen gewesen, hatte „Mein Meto gehört zu mir!“ und solche Dinge gesagt, ganz ohne diese Selbstkritik, die er jetzt an den Tag legte.

Ich hatte keine Ahnung, ob man eine solche Eifersucht und besitzergreifende Art irgendwo als krank bezeichnete, aber für mich war das immer einfach ein Teil von Tsuzukus Charakter gewesen, etwas, wo man sagte: ‚So ist er eben‘

Das würde ich ihm sagen, wenn er danach fragte. Dass er eben so war, wie er war und ich keinen Grund sah, ihn, abgesehen von seiner Essstörung und den Schuldgefühlen seiner Mutter gegenüber, als krank zu bezeichnen.

 

Ich klappte den Laptop zu, blieb aber noch eine Weile sitzen, auch weil der Kotatsu so schön warm war. Jetzt, wo meine Gedanken sich einmal so richtig auf Tsuzuku eingestellt hatten, wollten sie ihn nicht recht wieder loslassen und so dachte ich noch ein bisschen über ihn nach, darüber, was ich an ihm mochte und wie ich ihn kannte.

Ich war wirklich gern sein bester Freund und da, wo andere, die ihn weniger gut kannten, vielleicht nur einen essgestörten Typen sahen, mit Stimmungen, die wie Aprilwetter wechselten, und einer Tendenz zum negativen Denken, da sah ich einen heftig liebenden, leidenschaftlichen, emotionalen Menschen, offenherzig ehrlich und in seiner Art zwar zweiseitig, schwarz und weiß, aber dabei immer noch lieb und auf gewisse Weise süß. Und ich wollte nicht, dass er so schlecht von sich dachte.

 

Irgendwann stand ich auf und ging ins Bad, machte mich für die Nacht fertig und begab mich dann in mein Schlafzimmer, wo ich weiter über Tsu und Meto nachdachte, mich fragend, ob die beiden jetzt auch eine schöne Nacht hatten, bis …

 

Ja, bis ich auf einmal wieder dieses kleine, dunkle, eisige Loch spürte.

Gestern Abend hatte ich eher das Gefühl gehabt, dass dieses Loch im Zimmer war, irgendwo in der Wand, doch jetzt fühlte es sich so an, als wäre diese kleine, schmerzhafte Kälte in mir drin, so als hätte ich ein kleines Loch im Herzen. Automatisch schlang ich meine Arme um meine Brust und zog die Knie hoch, was nur kurz Abhilfe schaffte. Ich hatte keine Ahnung, woher es kam und was es war, und es machte mir Angst.

Intuitiv wusste ich, dass es keine anatomische Ursache hatte, dass ich körperlich vollkommen gesund war und dieses Loch ein Produkt meiner Seele, doch ich konnte es mir nicht erklären, hatte ich doch meine Seele immer für ziemlich gesund gehalten. Ich hatte nie irgendwelche schlimmen seelischen Verletzungen erlitten, zumindest nichts, was mich wirklich aus der Bahn geworfen hatte, und so fand ich keinen greifbaren Grund dafür, dass ich mich auf einmal so seltsam und schlecht fühlte.

 

Zitternd vergrub ich mich unter der dicken Bettdecke und versuchte, mich abzulenken. Doch weder der Gedanke an Tsu und Meto, noch die Vorstellung, bald wieder mit Mikan nach Tokyo zu fahren, lenkten mich ab, im Gegenteil, ich fühlte mich noch schlechter.

Nicht wissend, was das jetzt sollte und warum ich mich auf einmal so mies fühlte, schlief ich irgendwann ein, träumte absolut wirres Zeug und wachte mitten in der Nacht auf.

 

Ich war sofort hellwach und wusste, dass jetzt am besten ein nächtlicher Spaziergang helfen konnte, der jedoch in einer Großstadt nachts um zwei keine so gute Idee war. Stattdessen schnappte ich mir meine Zigaretten, zog mir meinen Morgenmantel über und ging durchs Wohnzimmer auf den Balkon, wo ich Nachtluft atmete, rauchte und dann versuchte, ein bisschen zu meditieren, was jedoch darin endete, dass ich am liebsten zu weinen angefangen hätte. Ich wollte nicht weinen, schluckte die Tränen runter und ging wieder hinein, legte mich zurück ins Bett und schlief gottseidank bald ein.

Ich hatte es also gewagt. Hatte Koichi gegenüber genügend Andeutungen gemacht, damit er vielleicht von selbst herausfand, was mit mir los war. Ich stellte mir vor, wie er in seiner Wohnung vor dem PC saß, das, worum ich ihn gebeten hatte, recherchierte, und wie er dabei, hoffentlich, oder hoffentlich nicht, von selbst über das Wort stolperte, das mir die Luft abdrückte und mein Herz vor Angst und Schmerz rasen ließ.

 

In gewisser Weise war es feige von mir, ihn sozusagen allein ins offene Messer laufen zu lassen und nicht richtig mit ihm darüber zu sprechen, doch das konnte ich nach wie vor nicht, da ich wahnsinnige Angst davor hatte, dieses Ungeheuer Borderline könnte, wenn ich darüber sprach, es beim Namen nannte, noch größer und bedrohlicher werden und mich noch kränker machen. So, als ob es eben ausbrach, wenn ich darüber redete. Zudem befürchtete ich, was das Schneiden anging, rückfällig zu werden, und das wollte ich auf keinen Fall. Ich dachte an Mama, daran, was ich ihrem Geist versprochen hatte.

 

Angezogen auf dem Bett liegend, ließ ich meine Gedanken sich weiter drehen, immer im Kreis darum, dass alles, was ich tat, irgendein Symptom sein konnte, so lange, bis ich schließlich das Gefühl hatte, rein gar nichts Gesundes tun zu können.

‚… haben sich nicht unter Kontrolle …‘

‚… Selbstverletzendes Verhalten …‘

‚… impulsiv …‘

‚… gute und schlechte Phasen …‘

‚… manipulativ …‘

Es redete in meinem Kopf auf mich ein, laut, gehässig, kalt. Am liebsten hätte ich das Buch, aus dem all diese Worte und Sätze stammten, auf der Stelle zerrissen und verbrannt, doch es war ja nicht hier, gehörte nicht mir, sondern der Bibliothek. Ich hatte nicht mal lange darin gelesen, nur ein wenig, und trotzdem hatte sich das, was dort stand, in mein Herz gefressen und ließ mich nicht mehr los.

 

Und jetzt hatte ich, in diesem Wissen, meinem Liebsten wehgetan, hatte mich nicht kontrollieren können und ihm die erste Nacht in unserer neuen Wohnung beinahe kaputtgemacht.

Ich liebte ihn doch, so sehr, warum tat ich ihm dann weh, hatte mich ihm zuliebe nicht ein bisschen mehr im Griff? Ich wollte es nicht und wollte es doch, schwankte dazwischen, vorsichtig mit ihm sein zu wollen, und diesem Gefühl von ‚Er ist mein‘, das mich so erregen konnte. Ich wusste, ich war besitzergreifend, doch das fühlte sich andererseits viel zu gut an, um es wirklich ändern zu wollen.

 

„Tsuzuku?“, riss mich Metos leise Stimme aus meinen schmerzhaften Gedanken. „Alles okay bei dir?“

Er stand im Türrahmen, kam wohl gerade aus dem Bad, denn er hatte seinen Bademantel an und feuchte Haare. Ich hatte das Wasser der Dusche gar nicht rauschen gehört, zu sehr war ich in Gedanken gewesen. Meto sah mich besorgt an und ich wusste, dass ich traurig aussah, spürte selbst die Tränen in meinen Augen.

Ich setzte mich auf und er kam auf mich zu, setzte sich neben mich aufs Bett und sah mich eine Weile wortlos an. Dann griff er nach meiner Hand, ich ließ es zu, und er streichelte über meinen Handrücken.

 

„Machst du dir immer noch Vorwürfe wegen letzter Nacht?“, fragte er irgendwann.

Ich wusste, es hatte keinen Sinn, jetzt zu lügen. Und so nickte ich, sagte leise „Ja“ und spürte dabei einen kleinen Stich im Herzen.

„Musst du nicht, wirklich nicht. Ehrlich, mir geht’s wieder gut und ich hab dir das nicht eine Sekunde lang vorgeworfen. Ich hab mich ja selbst geärgert, dass ich wieder so verkrampft habe.“

Seine Worte erreichten mich und ich glaubte ihm auch. Doch das änderte nichts daran, dass ich mir sicher war: Wenn ich mich besser unter Kontrolle gehabt hätte, dann wäre es gar nicht dazu gekommen.

In einem Versuch, ihm nah zu sein und ihn trotzdem wissen zu lassen, dass ich vorsichtig mit ihm sein wollte, streckte ich die Hand aus und streichelte seine Wange, strich mit den Fingern durch sein kurzes, hellblaues Haar und berührte dabei sein Ohr. Er schmiegte seinen Kopf gegen meine Hand und lächelte leicht.

 

„So etwas wird nicht wieder vorkommen, dass ich dir so wehtue“, sprach ich und ließ meine Hand zu seinem Hals wandern. „Meto, ich liebe dich, über alles, und ich werde alles tun, was ich kann, um mich zu bessern.“

„Tsu, ich geh demnächst mal zum Arzt und lass mich untersuchen, ob man da nicht was machen kann. Du musst dich nicht ändern. Ich liebe dich so, wie du bist“, erwiderte er und sah mir dabei direkt in die Augen.

 

Ich dachte nur: ‚Der Junge ist einfach viel zu gut für mich‘ und fühlte mich auf einmal wieder leicht und glücklich. Meine Hand wanderte weiter abwärts, unter seinen Bademantel, auf seinen Rücken, er löste das Kleidungsstück, sodass es nur noch seinen Schritt und seine Beine bedeckte, und ich umarmte ihn ganz einfach, zog ihn an mich und spürte, wie seine Hände zwischen uns meinen Pullover und das Top darunter hochschoben, meine nackte Haut berührten.

Ein Teil von mir wollte sofort mehr, doch ich konnte das geradeso wegschieben, denn der weitaus vernünftigere Teil in mir hatte beschlossen, Meto heute Nacht einfach nur im Arm zu halten.

Und als hätte er das gespürt, fragte er leise: „Tsu? Kann ich in deinen Armen schlafen?“

„Na klar“, antwortete ich und hauchte einen kurzen Kuss auf seinen Hals.

 

Ich löste mich von ihm, um mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen und legte mich dann hin. Er legte sich zu mir, und ich griff kurzentschlossen rüber auf seine Betthälfte, wo Ruana neben dem Kopfkissen saß, und holte sie dazu.

„Damit sie aufpasst, dass ich dich nicht doch so überfalle“, sagte ich lächelnd, als er mich fragend ansah. Er lachte leise und drückte Ruana an sich, was einfach nur wahnsinnig süß aussah, und ich küsste seine Stirn, fühlte die fünf Jahre Altersunterschied zwischen uns und mich irgendwie als sein Beschützer. Ich war der Ältere, er war mir anvertraut, und ich wollte lieb zu ihm sein und auf ihn aufpassen. Und das tat ich, legte meine Arme um Meto und hielt ihn, bis wir beide eingeschlafen waren.

 

 

Ich wachte davon auf, dass ich zwei warme Hände spürte, die vorsichtig über meinen Körper tasteten, und weiche, gepiercte Lippen an meinem Hals. Noch im Halbschlaf und mit geschlossen Augen, lächelte ich, seufzte angetan und bewegte mich ein wenig der Berührung entgegen.

Meto schien jedoch zunächst nicht zu bemerken, dass ich im Aufwachen begriffen war, denn er streichelte mich einfach weiter, küsste meinen Hals und ich hörte ihn leise sprechen:

„Tsu, du bist so wunderschön. Weißt du eigentlich, wie süß du bist? Aber du weißt, wie sehr ich dich liebe, oder?“

Ich gab ein leises „Mh…“ von mir und öffnete die Augen. Es war schon hell und wahrscheinlich hatten wir komplett verschlafen, aber das war mir so was von egal, solange Meto nur nicht aufhörte, mich so liebevoll wach zu streicheln.

 

„Ich weiß, dass du mich liebst“, antwortete ich auf seine Frage, meine Stimme klang noch ganz müde.

Er stockte kurz, fragte: „Oh, du bist wach? Hab ich dich geweckt?“

Ich nickte, lächelte. „Aber so werde ich doch gern geweckt, mein Süßer.“

Meto lachte leise, dann beugte er sich über mich und küsste mich, lange und lieb und ein bisschen lustvoll. Mein Herz überschlug sich fast vor Glück und innerhalb weniger Sekunden war ich komplett wach, was dazu führte, dass ich ziemlich leidenschaftlich auf den Kuss einging. Ich griff in seinen Nacken, hielt ihn fest und ließ mich von ihm ins Kissen knutschen, bis wir beide kaum noch Luft bekamen und uns schwer atmend wieder ein wenig voneinander lösen mussten. So ein inniger Kuss am Morgen ließ mich auf einen schönen Tag hoffen und stimmte mich entspannt und glücklich.

 

„Und weißt du auch …“, begann Meto, küsste mich wieder und fuhr dann fort: „… dass ich dich will, und wie sehr?“

„Du willst doch jetzt nicht …?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich will einfach, dass du weißt, dass ich dich genauso begehre wie du mich. Du musst nicht denken, dass du mich mit deinen Gefühlen bedrängst, hörst du?“

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Das war genau der Punkt, an dem ich mir Gedanken machte und mein eigenes Verhalten hinterfragte. Ich hatte Angst, zu impulsiv zu sein, meinen Liebsten mit meinen starken Gefühlen und meiner Lust zu bedrängen und ihn am Ende zu verletzen.

 

„Tsuzuku, ich hab es dir schon mal gesagt: Ich mag das, wenn du so weißt, was du willst. Ich fühle mich dann sicher und habe keine Angst mehr um dich. Verstehst du das?“

„Ja, schon“, antwortete ich, denn im Grunde verstand ich sehr gut, was er mir damit sagen wollte. Und damit die schöne Stimmung jetzt nicht zerbrach, der Tag gut und glücklich wurde, lächelte ich und sagte dann: „Ich kann mich auch gar nicht dagegen wehren, dass ich dich so liebe und begehre. Ich glaube, das ist das stärkste, schönste Gefühl, das ich je empfunden habe.“

 

Meto strahlte mich an, stürzte sich dann geradezu auf mich und küsste mich wieder und wieder und wieder. In diesem Moment fühlte ich mich so wahnsinnig geliebt von ihm und liebte ihn so sehr, dass ich es kaum auszudrücken wusste.

Ein ‚Ich liebe dich‘ schien da nicht auszureichen und ich glaubte, dass nicht mal der liebevollste Liebesakt, den ich zustande brachte, dieses überwältigende Gefühl wirklich vollkommen zeigen und ausdrücken konnte.

 

Ich drehte uns beide herum, sodass ich auf ihm lag, und jetzt war ich es, der ihn ins Kissen knutschte. In meinem Kopf herrschte ein emotionsgeladener, liebestrunkener Schwindel und ich glaubte schon wieder, beinahe wahnsinnig zu werden vor Glück.

„Meto …!“, keuchte ich und spürte, wie ich heiß wurde. „Ich liebe dich! Ich liebe, liebe, liebe dich!“

Er sah mich an, mit leuchtenden Augen, sah so süß aus und antwortete: „Ich liebe dich auch.“ 

Es war so schön, so absolut wundervoll, jedenfalls so lange, bis meinem liebeskranken Gehirn wieder einfiel, dass ich jetzt nicht mit meinem Liebsten würde schlafen können.

 

Doch bevor die schwirrenden Glücksgefühle aus meinem Kopf verschwinden konnten, riss ich mich mit aller Kraft zusammen. Vielleicht würde es ja heute Abend gehen. Und ich würde ganz vorsichtig sein, vorsichtig und lieb und so sanft, wie ich nur vermochte. Ich nahm mir fest vor, mich in Zukunft besser unter Kontrolle zu haben, und klammerte mich an die Hoffnung, dass ich das auch konnte.

 

„Tsu … Ich glaube, wir sollten mal aufstehen“, sagte Meto und drehte den Kopf in Richtung der Uhr.

„Wie spät ist es denn?“, fragte ich.

„Halb neun“, informierte er mich und grinste. „Wir haben total verschlafen.“

Ich ließ mich seufzend neben ihn sinken, stand dann langsam auf und ging zum Kleiderschrank, um mir meine Klamotten für heute auszusuchen. Mein Blick streifte meinen Lackmantel, doch ich sah keinen Anlass, den heute zu tragen, und entschied mich schließlich für Jeans und einen dunkelroten, gestrickten Pullover, dazu einen zweiten Ring zu dem, den ich sowieso immer trug, und eine Halskette mit Pentagramm.

 

Jetzt, wo ich einen richtigen, großen Kleiderschrank hatte, fiel mir auf, wie wenige Sachen ich immer noch besaß. Meine Schrankhälfte war fast leer, während Metos ganz normal voll war. Ich war immer noch daran gewöhnt, dass meine wichtigsten Sachen in eine Reisetasche passen mussten, und der Gedanke, irgendwann richtig groß einkaufen zu gehen und mir, ohne weiter nachzudenken, alle möglichen Sachen kaufen zu können, fühlte sich noch seltsam fremd an. Ebenso, wie diese Wohnung noch nicht ganz zu meinem Zuhause geworden war. Sie fühlte sich ein bisschen an wie die Ferienwohnung, in der ich als Junge mal mit Mama im Urlaub gewesen war.

 

Mit den Klamotten in der Hand begab ich mich ins Bad, wo Meto schon vor dem Spiegel stand und sich anzog. Unser Badezimmer war recht klein, sodass ich mich an ihm vorbeidrängeln musste, um meine Sachen auf der Fensterbank abzulegen, mich auszuziehen und dann erst einmal unter der Dusche zu verschwinden.

Mich daran erinnernd, dass er ja gestern Abend geduscht hatte, fragte ich nicht, ob er auch wollte, und sah ihm zu, wie er sich zurechtmachte und mich dann über den Spiegel zurückhaltend beobachtete. Er musste nichts fragen, ich wusste auch so, dass er mich vor allem deshalb so ansah, weil er sehen wollte, ob ich weiter zugenommen hatte. Und anscheinend stellte ihn das, was er sah, zufrieden, denn er lächelte.

 

Ich beeilte mich mit dem Duschen, trocknete mich dann schnell ab und zog mich an. Und als ich dann vor dem Spiegel stand, bekam ich auf einmal Lust, mich so richtig zu schminken, mit Lippenstift und viel dunkler Farbe um die Augen. Ich hatte nur ein Paar Kontaktlinsen, blaue, die setzte ich zuerst ein, und dann tobte ich mich so richtig aus mit allem, was ich an dazu passenden Schminksachen hatte.

Meto war längst fertig mit Schminken, er schien heute weniger Lust auf das volle Make-up-Programm zu haben, aber er blieb und beobachtete mich.

„Du siehst toll aus“, sagte er, als ich fertig war, beugte sich vor und gab mir einen Kuss auf die Wange.

 

„Weißt du, was wir heute machen, Tsu?“, fragte er, als wir in der Küche saßen und Kaffee tranken. Er frühstückte auch ein wenig, ich dagegen hatte überhaupt keinen Hunger.

„Was denn?“, fragte ich zurück.

„Wir gehen dir ein Handy kaufen. Du hast ja immer noch keins.“

Ein Handy. Ja, wahrscheinlich brauchte ich jetzt wieder eins. Früher hatte ich mir ein Leben ohne solche Sachen kaum vorstellen können, doch nach meinem Absturz hatte ich mich daran gewöhnen müssen, ohne persönliche technische Geräte zu leben. Der Gedanke, wieder ein Handy zu haben, erreichbar zu sein und mich der Welt wieder auf diesem Wege mitzuteilen, fühlte sich jetzt irgendwie merkwürdig an. So, als sei ich, zumindest aus der Sicht derjenigen, die diese Dinge tagtäglich nutzten, für zwei Jahre aus der Welt gefallen gewesen.

 

„Und wovon bezahlen wir das?“, fragte ich, denn das nötige Geld für eine solche Anschaffung fehlte mir nach wie vor.

„Schenk ich dir“, antwortete Meto und lächelte. Seine übliche Antwort, wenn es ums Geld ging. Ich wusste ja, dass er mehr als genug davon hatte, doch ich wollte nicht immer Schulden bei ihm machen.

 

Zwar war morgen das erste Vorstellungsgespräch, das die Sozialarbeiterin vom Tempel mir vermittelt hatte, und falls das passte, würde ich bald eine bezahlte Arbeit haben, aber ich wusste weder, wie gut der mich erwartende Job bezahlt wurde, noch, ob ich überhaupt … ja, ob ich denn arbeitsfähig war.  Beim Verlassen des Tempels war ich mir ganz sicher gewesen, dass ich das mit dem Arbeiten hinbekommen würde, doch jetzt zweifelte ich daran.

Mein möglicher Arbeitsplatz war ein Bodyart-Shop in der Innenstadt und einerseits freute ich mich darauf, wieder in dem Beruf zu arbeiten, in dem ich früher eine Ausbildung gemacht hatte, aber die Angst, dass ich es nicht schaffte, ließ sich einfach nicht vertreiben.

 

„Tsu?“, riss mich Meto aus meinen Gedanken. „Woran denkst du?“

„An das Vorstellungsgespräch morgen …“, antwortete ich. „Ich hab … ein bisschen Angst davor.“

Meto nahm einen Schluck Kaffee, schluckte und fragte dann: „Aber du hast doch mit der vom Tempel alles abgeklärt, oder? Da kann doch eigentlich nichts mehr schief gehen.“

„Wahrscheinlich bin ich einfach aufgeregt“, sagte ich und betete innerlich, dass ich nicht nur das Gespräch und den Job, sondern auch alles andere irgendwie packte.

Vielleicht, so hoffte ich immer noch ein wenig, bildete ich mir die Sache mit Borderline ja auch nur ein, und das, was ich für diese Störung hielt, war möglicherweise doch halbwegs normal. Vielleicht hatte ich ja nur diese Probleme mit dem Essen und würde schon irgendwie wieder gesund werden.

 

„Komm, wir gehen jetzt gleich los“, sagte Meto, stellte seinen Kaffeebecher in die Spüle und ich stellte meinen dazu, obwohl er noch nicht leer war.

Als ich meine Jacke und die Schuhe anzog, sah ich anscheinend wieder irgendwie traurig aus, denn Meto sah mich mit diesem lieb besorgten Blick an und sagte: „Lächeln, Tsuzuku.“

Ich tat wie mir geheißen und lächelte kurz leicht, doch es fühlte sich komisch, unecht an. Als würde ich meinen Liebsten anlügen, auch wenn es nur eine ganz kleine Lüge war. Und mit einem Mal verspürte ich den starken Impuls, Meto ganz fest in meine Arme zu schließen, ihn lange nicht mehr los zu lassen und ihm dann die Wahrheit über mein Innenleben zu sagen. Ihm zu gestehen, dass ich furchtbar kaputt war und große Angst hatte. Es zu teilen, damit es mich nicht von innen her noch mehr zerstörte.

‚Nicht jetzt‘, dachte ich und riss mich zusammen. ‚Später, irgendwann, wenn es irgendwie passt.‘

 

Auf dem Weg durchs Treppenhaus nach unten hielt Meto meine Hand, so als spürte er, dass ich das brauchte. Ich fühlte die Wärme und die Energie, die durch seine Hand in meine floss, und spürte, wie die Berührung mich ein wenig stärkte. Wenn ich daran dachte, dass es vielleicht heute Abend klappte mit ein bisschen Sex, und mir vorstellte, wie er nicht nur meine Hand, sondern meinen ganzen Körper so berührte … Obwohl wir das jetzt schon so oft getan hatten, war der Gedanke daran immer noch wunderschön.

 

Aber dann kam uns diese Frau entgegen, als wir gerade aus dem Haus wollten. Sie war so um die sechzig und wirkte ziemlich streng. Vielleicht war das die Frau, die Koichi gestern vor unserer Wohnungstür getroffen hatte?

„Ah, Sie beide“, sagte sie und zog die Augenbrauen hoch.

Ich sah Meto an, dem sichtlich die Sprache den Dienst versagte. Also musste ich wohl reden. Die Frau machte mir mit ihrer offensichtlichen Strenge ein wenig Angst, doch ich brachte mit halbwegs fester Stimme ein „Ja?“ heraus.

Sie lächelte, doch das sah so falsch aus, dass ich innerlich schauderte, und als sie dann mit deutlicher Missbilligung auf Metos und meine noch immer verschränkten Hände blickte, schwand dieses Lächeln so schnell, wie es gekommen war. Solche Leute hatte Tamotsu gemeint, als er uns davor gewarnt hatte, unsere Beziehung in dem Sinne öffentlich zu machen. Es war das erste Mal, dass ich so ganz direkt mit Homophobie konfrontiert wurde (die abfälligen Blicke fremder Passanten zählte ich nicht), und es tat mehr weh, als ich gedacht hatte.

„Heute um achtzehn Uhr ist ein Treffen unserer Hausgemeinschaft“, sagte sie nur, dann ging sie, nach einem weiteren abschätzigen Blick, an uns vorbei, die Treppe rauf.

 

„Ich schätze mal, wir haben ein Problem“, sagte ich leise, als sie verschwunden war und Meto und ich aus dem Haus waren.

Er nickte und sah mich fragend an. „Wirst du da hingehen?“

Erst jetzt stellte ich es mir vor, den Leuten, mit denen wir von nun an in einem Haus zusammen wohnten, bei so einem Treffen gegenüberzutreten. Menschen, die mich, wenn sie alle so waren wie diese Frau, unablässig missbilligend anstarren würden und mich höchstwahrscheinlich sowohl für mein Äußeres, als auch für meine Liebe zu einem Mann, der fünf Jahre jünger war als ich, verurteilen würden. Augenblicklich bekam ich Angst davor, und diese Angst wurde mit jeder Sekunde, die ich daran dachte, größer.

„Nicht ohne dich. Ich schaff das nicht alleine“, antwortete ich.

Meto lächelte. „Als ob ich dich da allein hingehen lassen würde. Nee du, wir stehen das zusammen durch.“

 

Ich konnte nicht anders, als stehen zu bleiben, Meto an mich zu ziehen und fest in meine Arme zu schließen. Und in einem Anflug von fast schon wahnsinniger Liebe flüsterte ich in sein Ohr: „Weißt du, dass du das Allerbeste bist, was mir je passiert ist?“

Mir war in diesem Moment völlig egal, dass wir uns in der Öffentlichkeit befanden, dass uns die Leute sehen konnten und das alles. Ich dachte an nichts anderes als daran, dass ich Meto wie verrückt liebte und ihn ganz nah bei mir haben wollte.

„Tsu …!“, protestierte er, klang dabei jedoch keineswegs so, als ob es ihm nicht gefiel, einfach so öffentlich von mir umarmt zu werden.

„Komm, es gefällt dir doch“, erwiderte ich lächelnd, in meinem Kopf schwirrte das Glück.

 

Doch einen Moment später zerplatzte es, einfach so, ohne jede Vorwarnung.

‚… Mangelnde Affektkontrolle …‘, flüsterte die Dunkelheit in meinem Kopf, gehässig, mit einem fiesen Grinsen, weil sie mich erwischt hatte. Weil ich meine Gefühle und die daraus folgende Tat tatsächlich nicht unter Kontrolle hatte.

Augenblicklich ließ ich Meto los, brachte Abstand zwischen uns. Er sah mich zuerst verwundert, dann besorgt an.

„Tsu, was ist los?“

Ich stand einfach nur da, sah ihn an, während die Dunkelheit in meinem Kopf Symptome und so weiter herunter ratterte, die sich wie tausende Nadeln von innen in mein Herz bohrten.

‚… Plötzlicher Stimmungsumschwung …‘ war eines davon und ich fühlte mich auf einmal schrecklich hilflos. Was konnte ich denn noch tun, wenn in allem, was ich tat, immer irgendein Merkmal dieser Störung, deren Namen ich in diesem Moment nicht zu denken wagte, steckte? War ich denn wirklich so vollkommen krank und gestört?

 

Meto griff meine Hand, sah mir in die Augen und fragte noch einmal: „Tsuzuku, was hast du?“

„Nichts, geht gleich wieder“, hörte ich mich sagen, meine Stimme klang schwach.

„Ist dir schwindlig?“

Ich nickte, schneller als ich denken konnte. Schon wieder gelogen.

„Willst du was trinken? Oder vielleicht was essen? Wir haben ja kaum gefrühstückt.“

Essen? Nein, das ging jetzt nicht. Auf einmal war der Druck im Bauch wieder da, die Angst vor dem Brechen, das innere Zittern. Ich schüttelte den Kopf.

„Geht gleich wieder, wirklich.“

Meto glaubte mir nicht, machte sich Sorgen, das war ihm deutlich anzusehen.

Ich musste mich zusammenreißen, daran denken, was wir jetzt vorhatten, dass wir etwas Wichtiges kaufen wollten und ich mich dafür  zu konzentrieren hatte.

 

Wir fuhren mit der Stadtbahn in die Innenstadt, wo wir einen Handyladen zu finden suchten. Diese Stadt war um einiges größer und unübersichtlicher als unsere Heimatstadt und es dauerte ein wenig, bis wir uns halbwegs zurechtgefunden hatten.

 

An einer Straßenecke, in einem Hauseingang, sah ich im Vorbeigehen jemanden sitzen, einen Mann, vielleicht ein paar Jahre älter als ich. Die große Tasche und der zusammengerollte Schlafsack wiesen ihn untrüglich als Obdachlosen aus und ich hatte augenblicklich das Gefühl, in eine Art Spiegel zu blicken. Noch vor ein paar Monaten hätte das auch ich sein können. Ich drehte mich um und trat auf ihn zu, kramte in meiner Jackentasche nach meinem Geldbeutel. Er blickte zu mir hoch und ich sah unsägliche Einsamkeit in seinen Augen.

 

Hatte ich damals genauso ausgesehen, auf dem Stadtfest, als Meto versehentlich mein weniges Geld verstreut und mir dann beim Aufsammeln geholfen hatte? Wahrscheinlich schon.

Ich nahm drei Einhundert-Yen-Münzen aus meinem Geldbeutel und legte sie dem Mann in seine vor ihm liegende Mütze. Ob er das Geld für Alkohol und Zigaretten ausgab, war mir egal, ich hatte ja damals mein weniges Geld auch dafür ausgegeben.

Er sah mich dankbar an, bedankte sich, und ich hätte mich am liebsten zu ihm gesetzt und ein wenig mit ihm gesprochen. Doch ich ließ es. Stattdessen sagte ich nur: „Bitte. Ich war auch mal so“ und ging weiter. Meto war in einigem Abstand stehen geblieben und fragte mich, als ich wieder neben ihm ging: „Kanntest du ihn?“

„Nein. Aber, weißt du, immer wenn ich so jemanden sehe, fühlt sich das ein bisschen an wie so ein Spiegel, ich sehe dann mich selbst. Deshalb hab ich ihm was gegeben.“

 

Irgendwie hatte mich diese kurze Begegnung wieder ein wenig zu mir selbst finden lassen. Meine Erfahrung mit den Abgründen des Lebens hatte mich mitfühlend gemacht, und vielleicht sogar zu einem etwas besseren Menschen. Zumindest hoffte ich das. Was ich wusste, war, dass ich nie zu dem geworden wäre, der ich jetzt war, wenn ich mein selbstbezogenes Leben von früher hätte weiterleben können.

 

„Da“, sagte Meto und deutete auf einen kleinen, schick aussehenden Laden, in dessen Schaufenster verschiedene, für mich viel zu teuer aussehende Mobiltelefone, Tablets und Laptops ausgestellt waren. Ich fragte mich, wie lange es wohl dauern würde, bis ich mich wirklich daran gewöhnt haben würde, mir wieder teure Sachen kaufen zu können.

Meto drehte sich zu mir um, sah mich fragend an, und ich brauchte einen Augenblick, bis ich verstand, dass er dort drinnen im Laden nicht viel reden würde. Wenn wir so viel zusammen waren wie jetzt und miteinander redeten, vergaß ich manchmal beinahe, dass er Fremden gegenüber immer noch diesen Sprachfehler hatte und dann am liebsten schwieg.

Das Problem in diesem Moment war nur, dass ich mich ein wenig unsicher fühlte und es gern gehabt hätte, wenn Meto mich unterstützt hätte.

 

Wir gingen auf den Laden zu, ich sah von draußen schon die Verkäuferin da stehen und auf Kundschaft warten.

Ein Handy kaufen, nichts Großartiges, ganz einfach. Und trotzdem hatte ich Angst.  Irgendwas in mir war aus dem Gleichgewicht geraten und obwohl es sich eben noch so angefühlt hatte, als hätte ich wieder zu mir selbst gefunden, fürchtete ich jetzt, irgendeinen Fehler zu machen. Dabei hatte der Tag doch so gut angefangen.

Ich ging, Meto hinter mir, auf die gläserne Ladentür zu und öffnete sie, was einen elektrisch klingenden Ton auslöste. Sofort sah mich die Verkäuferin an und lächelte automatisch. Sie war noch ziemlich jung, und hübsch, sah aus wie aus der Fernsehwerbung.

„Sie wünschen?“, fragte sie und ich konnte nicht erkennen, ob sie mich, mit meinem auffälligen Äußeren, hinter ihrem Lächeln vielleicht irgendwie komisch fand.

 

Irgendwie schaffte ich es, zu funktionieren, mich zu konzentrieren und nach kurzem, unauffälligen Durchatmen zu sagen, was ich wollte: „Ich möchte ein Handy kaufen. Ein Smartphone, aber ein ganz einfaches, muss nicht das Neueste sein.“

‚Seltsam‘, dachte ich. ‚Wieso fällt mir so was jetzt so schwer?‘

„Mit Vertrag? Oder lieber zum Aufladen?“, fragte die Verkäuferin.

Ich versuchte, mich so gut wie möglich an früher zu erinnern, als ich noch stärker gewesen war, mich besser ausgekannt hatte und mir so was wie das hier ganz leicht gefallen war.

„Aufladen“, sagte ich.

Die junge Frau lächelte wieder und holte dann drei Modelle aus einer Schublade unter dem Tresen.

„Das sind die, die wir dafür gerade da haben.“

Die Smartphones waren in durchsichtigen Plastikboxen verpackt, auf denen auch die Preise standen, und ich entschied mich ohne viel Nachdenken für das günstigste Modell, ein ganz schlichtes, schwarzes, viel einfacher als Metos, welches viel bunter und schicker war.

 

Er stand neben mir, sah mich an, seine Augen sagten: ‚Gut gemacht‘ und obwohl das lieb und aufmunternd gemeint war, kam ich mir auf einmal vor wie ein unfähiges Kind.

Die Verkäuferin erklärte mir noch ein paar Sachen, die ich bei genauerem Erinnern selbst noch wusste, und informierte mich darüber, dass man die Aufladung sowohl in Banken, als auch in vielen Supermärkten machen konnte.

Meto gab mir seinen Geldbeutel und ich bezahlte, wobei mir in dem durchsichtigen Fach des Portmonees ein Foto von mir auffiel, das er irgendwann im Winter gemacht und dann offenbar ausgedruckt hatte. Er hatte ein kleines Herz auf das Bild gemalt, was mich innerlich unheimlich rührte, und ich drückte, als ich ihm den Geldbeutel zurückgab, kurz seine Hand.

 

Als wir wieder aus dem Laden raus waren, sprach ich ihn darauf an: „Du hast ein Foto von mir im Geldbeutel?“

Meto nickte strahlend. „Natürlich. Du bist doch mein Schatz.“

Ich musste lachen. „Dann will ich aber auch eins von dir.“

Heute schienen meine Stimmungen wirklich sehr auf und ab zu fahren, so krass war es eigentlich selten. In einem Moment ging es mir gut, im nächsten bekam ich Angst, dann kamen die Gedanken daran, dass ich offenbar völlig krank war, und dann wieder ging es mir so gut, dass ich mich fragte, wieso ich eigentlich Angst gehabt hatte. Und ich suchte nach einer Erklärung dafür, hoffend, dass es nicht das war, für das ich es hielt.

 

„Und was machen wir jetzt?“, fragte ich. Es war fast Mittag und trotz der Anspannung bekam ich Hunger. Ich wusste, ich musste essen, und es schien auch ein guter Hunger zu sein, ein positiver, der nicht darin enden würde, dass ich zu viel aß.

Meto zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht.“

Ich sah mich um, suchte die Einkaufsstraße, in der wir uns befanden, nach einem günstigen Restaurant ab, und da kam mir eine Idee: Eigentlich konnten wir doch jetzt gut zu Koichi ins Café gehen und dort essen. Wenn man schon mal einen besten Freund hatte, der in der Gastronomie arbeitete.

Zwar war die Art von Café, wo er arbeitete, nicht so ganz mein Fall, aber ich war ein bisschen neugierig und außerdem wollte ich auch sehen, wo Meto dann, wenn das alles klappte, ja ebenfalls arbeiten würde.

„Wir könnten zu Koichi ins Café gehen“, schlug ich vor.

„M-hm.“ Mein Liebster schien die Idee gut zu finden, er nickte und griff meine Hand, führte mich durch die Straßen, bis wir die Gegend erreichten, wo sich das Café befand.

 

Schon von außen war deutlich zu erkennen, dass das einer dieser rosapinken Läden war, die ich allein und ohne einen der Mitarbeiter zu kennen, niemals betreten hätte, und dessen Kundschaft wohl vorwiegend jung und weiblich war. Aber zu Koichi passte es und um ihn ging es mir ja, wenn ich hier her kam.

Als wir den Laden betraten, schallte uns fröhliche Musik von einer dieser Idol-Gruppen entgegen, von irgendwoher rief jemand „Willkommen zuhause!“ und ich fühlte mich wie eine Art Fremdkörper mit meinen schlichten, dunklen Klamotten und dem finsteren Make-up.

 

Es gab einen kleinen Verkaufstresen, hinter dem sich sichtbar die Küche befand, und dort stand eine junge Frau im Maid-Kleid, die sich in diesem Moment zu uns umdrehte und augenblicklich lächelte.

„Meto-chan! Hey, schön dich zu sehen!“, rief sie und winkte, was ganz eindeutig meinem Freund galt.

Er lächelte zurück und ich spürte, dass er sich hier wesentlich wohler fühlte als ich. Nach seinen Probetagen hier hatte er mir erzählt, dass es ihm gefallen hatte, und auch, dass er anscheinend recht beliebt bei den Mädchen war.

Die im Maid-Kleid kam um den Tresen herum auf uns zu und als sie näher kam, konnte ich ihren Namen auf dem Schildchen an ihrer Schürze sehen: Satchan hieß sie.

„Ist das dein Freund, Meto-chan?“, fragte sie.

Langsam taute ich auf, sodass ich meinen Arm um Metos Schultern legte und ihn ein wenig an mich zog, um zu zeigen, dass wir zusammen gehörten.

Satchan bekam leuchtende Augen, schien sich aber nicht ganz zu trauen, ihrer Begeisterung, die ich auch nicht so ganz verstand, Ausdruck zu verleihen, und fragte mich dann nach meinem Namen.

Ich stellte mich kurz vor und fragte dann nach Koichi.

„Moment, ich geh ihn holen“, sagte Satchan, strahlte uns noch einmal an und verschwand dann in Richtung der hinteren Räume.

 

Bald darauf kam sie mit Koichi zusammen zurück. Zuerst schien alles ganz normal, wie immer, aber als ich meinen besten Freund genauer ansah, fiel mir auf, dass er müde wirkte, und irgendwie ein bisschen durcheinander. So, als hätte er nachts nicht allzu gut geschlafen.

„Hey, ihr Süßen“, sagte er und umarmte erst mich, dann Meto. „Kommt ihr mich besuchen?“

„Wir waren gerade in der Stadt, Handy kaufen, und da dachte ich, wenn wir schon mal unterwegs sind, können wir auch zu dir gehen“, antwortete ich.

„Das ist aber lieb von euch.“ Koichi lächelte, das übliche süße Koichi-Lächeln, und deutete auf einen Tisch in einer Ecke des Raumes. „Setzt euch doch da hin. Was wollt ihr denn trinken?“

 

Ich überlegte einen Moment. Kaffee war zum Mittag wohl nicht das richtige und für etwas Alkoholisches wie Bier war es definitiv noch zu früh. Im Tempel war es üblich gewesen, zum Mittag kalten Tee zu trinken, aber das hatte mir nicht wirklich gut gefallen.

Während Meto sich schneller entschieden hatte und einfach eine Cola bestellte, kam ich zu keinem Schluss und fast schon wieder ins Denken. Schließlich beschloss ich, ebenfalls eine Cola zu nehmen, einfach weil mir nichts anderes einfiel.

Wir setzten uns an den Tisch und Koichi ging die Cokes holen. Auf einmal war das laute Klirren von zerbrechendem Glas zu hören und ich hörte meinen besten Freund fluchen.

„Was ist?“, rief ich.

„Mir ist das Glas runtergefallen. Zum Glück war’s noch leer“, antwortete Koichi. „Ich kehr das eben zusammen, dann komm ich wieder zu euch.“

 

Als er dann mit zwei Gläsern Cola an unseren Tisch kam und sie uns hinstellte, fiel mir auf, dass er seltsam unkonzentriert wirkte. Ich fragte mich, ob er okay war, und kam dann mit den Gedanken auf die Bitte, die ich ihm gestellt hatte, diese eine Sache für mich zu recherchieren. Hatte er dabei vielleicht wirklich herausgefunden, was mit mir los war, und stand deshalb jetzt ein wenig neben sich? Oder war da irgendwas anderes aus seinem Privatleben, etwas, was nichts mit mir zu tun hatte?

 

„Na, Tsu, wie geht’s dir?“, fragte er in diesem Moment.

„Okay“, antwortete ich. „Mir geht’s gut.“

„Du, ich hab deine Sache da gesucht. Aber ich hab nicht wirklich was Brauchbares gefunden“, sagte Koichi leise.

Sofort sah Meto ihn fragend an und ich erklärte schnell mit abgesenkter Stimme: „Ich hab Koichi gebeten, nachzuschauen, ob mein … Machtding, … ob das ‘nen Namen hat.“

„Tsu …“, sagte Meto leise und sah mich besorgt an. „Wieso willst du so was wissen?“

„Ich will, dass das nicht noch mal vorkommt“, flüsterte ich. „Ko, was hast du denn gefunden?“

„Wie gesagt, nicht viel. Es gibt eine Menge Vermutungen und ratlose Fälle, da war vor allem zu lesen, dass das echt viele, viele Ursachen haben kann. Tsuzuku, ich finde einfach, du solltest dir da nicht so viele Gedanken drum machen. Vielleicht ist das einfach ein Charakterzug von dir, so wie du eben bist, das muss keine Störung sein.“

 

Beinahe schon lag sie mir auf der Zunge, die Frage, ob er bei diesen Vermutungen auch über das Wort ‚Borderline‘ gestolpert war. Einen Moment lang war ich kurz davor, mein Schweigen zu brechen und zu sagen, was los war, welche große Angst ich hatte und dass dieses Wort mir die Luft zu Atmen nahm. Doch ich konnte es nicht, darüber sprechen. Es ging einfach nicht. Es gab zu viele Dinge, die dann drohten zu zerbrechen.

 

Koichi wechselte das Thema, fragte danach, was wir essen wollten. Meto bestellte ein Omelett und ich nahm, ohne weiter nachzudenken, einfach dasselbe.

Und während wir dann darauf warteten, setzte Koichi sich zu uns und fragte nach dem Handy. Ich zeigte es ihm und er meinte, dass es zu mir passte. Und zum ersten Mal hatte ich irgendwie das Gefühl, dass Koichi etwas zu verdrängen versuchte. Irgendwas stimmte bei ihm nicht, er war nicht so offenherzig fröhlich wie sonst.

„Kocha?“, sprach ich ihn ohne nachzudenken an, „Hast du gut geschlafen? Du siehst irgendwie … müde aus.“

Er sah mich ertappt an, verwundert darüber, dass mal ich ihn nach seinem Befinden fragte und nicht umgekehrt. „Nein, ehrlich gesagt hab ich … ziemlich schlecht geschlafen. Hab komisches Zeug geträumt und bin mitten in der Nacht aufgewacht.“

Oh, das kam mir bekannt vor. Sehr bekannt.

„Hast du das öfter?“, fragte ich.

„Nein, eigentlich nicht. Ich weiß auch nicht, was das soll.“

 

Er wirkte auf einmal sehr nachdenklich und ich dachte zum ersten Mal daran, dass ich ihm bisher in unserer Freundschaft noch so gut wie nichts geholfen hatte, während er doch immer für mich da war.

„Koichi, wenn mal irgendwas ist, wenn du mal was hast, dann kannst du auch zu mir kommen“, sagte ich. „Vielleicht kann ich dir auch mal was helfen, nicht immer nur du mir.“

Koichi lächelte, offen und ehrlich. „Danke, Tsu. Bist ein Schatz.“

Dann ging er die Omeletts holen.

 

Beim Essen bekam ich, wie so oft, nicht wirklich viel runter. Etwas schien mir von innen den Hals zuzudrücken und dass ich genau wusste, was es war, machte es nicht besser. Ich wusste, das konnte nicht lange so weiter gehen. Irgendwann würde ich darüber sprechen müssen. Gab es denn nicht irgendeine Möglichkeit, den Schaden, der dabei entstehen würde, so gering wie möglich zu halten? Es ging ja nicht nur um mich, sondern auch um Meto und Koichi, um jeden, der mich kannte, und auch um Mama. Ich wollte das Versprechen, das ich ihr gegeben hatte, auf keinen Fall brechen, doch ich fürchtete, dass genau das passieren würde, wenn ich anfing, über Borderline zu sprechen.

Allein, dieses Wort zu denken, löste Druck in mir aus, und dieser Druck war der Anfang. Er war verbunden mit dem Drang, zu erbrechen oder mich zu verletzen, die beiden Dinge, von denen ich unbedingt weg wollte.

Ich spürte ein Stechen in der Brust, fuhr unwillkürlich mit der Hand darüber, und das blieb nicht unbemerkt.

 

„Tsuzuku?“ Meto sah mich besorgt an. „Alles okay?“

Ich blinzelte, schluckte und log. „Ja, alles gut.“

Mein Liebster schaute mich eine Weile einfach an, dann sagte er leise: „Heute Abend … versuchen wir’s nochmal.“

Ich brauchte einen Moment, bis ich wieder so weit im Hier und Jetzt war, dass ich wusste, was er meinte. Mein Herz machte einen kleinen Satz vor Freude und ich streckte meine Hand über den Tisch aus, nahm Metos und drückte sie. Sein zufriedenes Lächeln ließ mich verstehen, dass er mich von meinen anscheinend sichtbar dunklen Gedanken ablenken wollte, und da er ziemlich genau wusste, wie mein rettungslos verliebtes Hirn tickte, gelang es ihm auch.

Man hätte sagen können, dass ich zurzeit zwischen verzweifelter Angst und verliebter Lust schwankte, das traf es ziemlich genau. Angst davor, unheilbar gestört und krank zu sein, und Lust an meinem Schatz, dem liebsten, süßesten jungen Mann auf der ganzen Welt.

 

Als wir uns von Koichi wieder verabschiedet hatten und das Café verließen, fühlte ich mich einigermaßen ausgeglichen und entspannt. Es war inzwischen halb drei und ich zählte die Stunden bis heute Abend. Jedenfalls so lange, bis mir das Hausgemeinschaftstreffen um sechs wieder einfiel. Aber das verdrängte ich. Der Tag heute war sowieso schon ein erstklassiges Beispiel meiner Stimmungsschwankungen, da musste ich nicht auch noch selbst was dazu beitragen.

 

Zurück in unserer Wohnung blieb, in Ermangelung eines funktionierenden Fernsehprogrammes, nur die Wahl zwischen DVDs und Spielekonsole, wobei wir uns schließlich für ersteres entschieden und einen Actionfilm aus Metos umfangreicher Filmsammlung ansahen.

Danach stellten wir zusammen mein Handy ein und Meto gab mir neben seiner eigenen Nummer und Manamis auch gleich die von Koichi. Dann gingen wir noch mal raus, zum Conbini, und ich kaufte die erste Aufladung, bestand darauf, sie selbst zu bezahlen.

 

Es wurde sehr viel schneller sechs Uhr abends, als mir lieb war. Und sobald mir das bewusst wurde, kam die Angst wieder. Die Angst, es zu verbocken, vielleicht die Wohnung wieder zu verlieren oder dass uns die Leute hier das Leben schwer machten. Dass sie mich verurteilten, für mein Äußeres, meine sexuelle Orientierung, meine Vergangenheit. Und auch, dass sie Meto schlecht behandelten.

 

„Komm, Tsu“, sagte Meto, stand auf und hielt mir die Hand hin. „Wir gehen da zusammen hin. Du musst keine Angst haben, ich bin bei dir.“

Ich erhob mich langsam, nahm seine Hand, er zog mich ganz hoch und drückte mir einen kurzen, liebevollen Kuss auf die Lippen.

„Wenn die uns rauswerfen wollen, ziehen wir halt zu mir zurück. Meine Eltern hätten da nichts dagegen. Wir sind sicher“, fügte er hinzu, hielt weiter meine Hand und wir gingen so aus der Wohnung in Richtung des Raumes im Keller, von dem wir vermuteten, dass dort das Treffen stattfand.

 

Schon auf der Treppe hörten wir von dort Stimmen reden. Mein Herz klopfte schneller vor Angst und mir wurde zum ersten Mal so richtig klar, dass ich wirklich ein Problem mit Menschen hatte. Wurde mir das nur deshalb so deutlich, weil ich mich jetzt selbst diagnostizierte, oder hätte diese Situation auch normalen, gesunden Menschen Angst gemacht? Ich wusste es nicht, aber dass ich daran dachte, krank zu sein, machte meine Angst schlimmer. Meto bemerkte das irgendwie und drückte meine Hand.

 

Wir waren früh dran, zum Glück, und die Frau von heute Morgen war noch nicht da. Der Raum war relativ groß, mit Fotos von irgendwelchen Feiern an den Wänden und einem großen Tisch mit Stühlen darum. Ich fühlte mich seltsam, hatte einerseits immer noch Angst, doch auf der anderen Seite war ich auch ein bisschen neugierig, wer noch alles hier lebte und wer unsere Nachbarn waren. Schließlich wollte ich die nächsten Jahre hier wohnen, in diesem Haus, da war es doch gut, wenn wir ein bisschen Anschluss fanden.

 

Die Leute, die schon da waren, ein junges Mädchen mit ihrer Mutter und ein älterer Herr, sahen mich und Meto aufmerksam an, als wir uns setzten. Ich grüßte kurz, Meto nickte nur, und ich hoffte, dass wir jetzt nicht schon den ersten Eindruck verbockt hatten. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn wir den Leuten einfach egal gewesen wären. Sie sollten uns in Ruhe in unserer Wohnung leben lassen, egal wie wir waren.

 

Das junge Mädchen lächelte leicht und ich hatte das Gefühl, dass sie mich ein bisschen interessant fand. Vielleicht war sie eine von den Mädchen, die Visual Kei und dergleichen mochten und vielleicht fand sie mein Make-up ja ansprechend. Ich lächelte ein wenig zurück, woraufhin sie sich vorbeugte, mich direkt ansah und dann fragte: „Hey, ihr seid die Neuen im Haus, oder?“

Ich nickte. „Ja.“

„Ich wohne in der Wohnung gegenüber von eurer. Mein Name ist Yamada Akko.“

Ich stellte Meto und mich mit unseren Taufnamen vor und fügte unsere Pseudonyme hinzu. Als Akko Meto fragend ansah, erklärte ich ihr, dass er Probleme mit dem Sprechen hatte, und sie nahm das mit sehr viel mehr Verständnis auf, als ich gedacht hatte.

 

Nach und nach kamen immer mehr Leute, der Raum füllte sich und auch die streng wirkende Frau von heute Morgen war dabei. Sie tuschelte mit einer anderen, jüngeren, die Meto und mich daraufhin abschätzig musterte.

Doch es schienen nur diese beiden zu sein, die ein Problem mit uns hatten. Denn als ich die anderen ansah, schienen die uns zwar natürlich als die Neuen zu registrieren, doch in ihren Gesichtern sah ich kaum Ablehnung. Vielleicht waren es ja wirklich nur die beiden, die was gegen uns hatten, und die anderen würden uns ganz normal aufnehmen. Ich hoffte, dass ich mich umsonst verrückt gemacht hatte und alles schon irgendwie gehen würde. Tief durchatmend, versuchte ich, mich zu beruhigen, auch damit ich, falls es Schwierigkeiten gab, richtig reagieren konnte.

 

„Was sagt eigentlich der Hausverwalter dazu?“, hörte ich in dem Moment die eine, jüngere Frau zu der Älteren fragen.

„Der scheint ja“, die Ältere warf einen Blick in unsere Richtung, „kein Problem damit zu haben, dass neuerdings jeder hier einziehen darf.“

Ich hatte den Verwalter des Hauses nur einmal gesehen, bei der ersten Besichtigung. Da hatte Koichi aber schon alles ausgehandelt und anscheinend hatte er das irgendwie geregelt. Jedenfalls hatte der Verwalter bei dem Treffen damals kein Wort zum Thema Homosexualität gesagt und uns einwandfrei freundlich behandelt.

 

Ich sah zu Akko, die anscheinend dem Gespräch der beiden Frauen zuhörte, denn sie sah von ihnen zu uns und flüsterte dann über den Tisch zu mir: „Seid ihr zusammen, ihr beiden?“

Ich beschloss, ehrlich zu sein, einfach weil ich nicht anders konnte, und nickte.

Akko lächelte. Dann warf sie einen Seitenblick auf die ältere Frau und flüsterte: „Yamaguchi-san stellt sich wegen solcher Sachen immer unheimlich an. Beachte sie nicht weiter, sie spielt sich auf, hat aber im Grunde nichts zu sagen.“

 

Das Treffen begann kurz darauf damit, dass Frau Yamaguchi aufstand und die, wie sie sagte, Tagesordnung, vorlas. Dann wurde darüber gesprochen. Es ging um lauter Kleinigkeiten, Dinge, von denen ich mich nicht angesprochen fühlte. Meto saß stumm und teilnahmslos neben mir, streichelte aber unter dem Tisch meine Hand, und ich spürte, dass er genauso aufgeregt war wie ich.

 

Irgendwann schreckte ich davon auf, dass ich meinen Nachnamen hörte und spürte, wie mich mit einem Mal alle im Raum befindlichen Menschen anstarrten. Ich war froh, einen langärmligen Pullover zu tragen, sodass meine vielen Tätowierungen und das Implantat nicht zu sehen waren.

„… und neuerdings haben wir mit ihm und seinem Freund ein homosexuelles Paar in unserem Haus. Ich weiß nicht, wie die Hausverwaltung genau darüber denkt, aber …“, sagte Frau Yamaguchi und sah erwartungsvoll in die Runde, „… ich frage mich, ob das nicht dem Ruf unserer Hausgemeinschaft schadet …“

Das waren die Worte, die ich befürchtet hatte. Dem Ruf schaden. Es tat sehr viel mehr weh, als ich gedacht hatte. Ich fühlte mich verletzt, unter Druck gesetzt, ausgeschlossen.

Ich sah Akko mit ihrer Mutter flüstern, hörte die anderen murmeln und wagte nicht, genauer hinzuhören. Meine Hände zitterten und mein Herz raste. Ich stellte mir vor, wie sie uns anwiesen, wieder auszuziehen, nur weil es ihnen nicht passte, dass wir waren, wie wir nun mal waren. Und es kostete mich meine ganze Kraft, nicht aufzuspringen und hinauszurennen, zu verschwinden.

 

„Aoba-san?“, riss mich Akko aus meinen schmerzhaften Gedanken, „Alles okay?“

Verdammt, anscheinend war mir anzusehen, dass ich verletzt war. Ich war einfach überhaupt nicht gut darin, meine Gefühle zu verbergen.

Als ich nicht antwortete, wechselte Akko wieder mit ihrer Mutter ein paar Worte, dann standen beide auf, sodass sie Frau Yamaguchi gegenüber standen.

„Wir sehen da kein Problem“, sagte Akko laut. „Die beiden sind doch ein Paar wie jedes andere auch.“

„Wo denn bitte? Zwei Männer, dazu noch tätowiert, wo ist das normal?!“, fragte die jüngere Frau, mit der Frau Yamaguchi vorhin gesprochen hatte. Ich spürte ihren abfälligen Blick auf dem Tattoo an meinem Hals, das sich nicht verdecken ließ, und es war das erste Mal seit Mamas Tod, dass ich mich selbst für mein selbstgewähltes Äußeres plötzlich hasste.

„Und Sie? Ist das normal, so unhöflich zu neuen Bewohnern eines Hauses zu sein?“, hörte ich Akkos Mutter laut sagen. „Wenn der Verwalter kein Problem damit hat, sollten wir keines daraus machen.“

 

Ich wusste, entweder würde ich gleich aufspringen und verschwinden, oder ich würde wütend werden, herumschreien, mich aufregen und dann die Tür knallend hinausrennen. In mir baute sich ein unheilvoller Druck auf, der immer weiter stieg, je mehr die Leute über meinen Kopf und den meines Freundes hinweg diskutierten, ob wir nun normal und in Ordnung waren oder nicht.

 

Und irgendwann, da platzte es einfach. Ehe ich mich hätte aufhalten können, stand ich mit einem Ruck auf, hörte meinen Stuhl klappernd nach hinten umfallen, und spürte sofort wieder alle Blicke auf mir. Ich stützte meine Hände auf den Tisch, blickte nach unten, konnte niemanden ansehen.

„Lasst uns doch alle einfach in Ruhe!! Ihr habt keine Ahnung! Von gar nichts! Ihr wisst nicht, wie das ist, wenn man von der Straße kommt und dann wieder ein normales Leben will! Ein normales Leben, versteht ihr?! Nein, wahrscheinlich versteht ihr’s nicht! Ich will nichts, gar nichts weiter, als mit meinem Freund in dieser Wohnung zu leben und ein bisschen glücklich zu werden! Nur ein glückliches, normales Leben!!“ Meine Stimme brach zusammen, ich spürte heiße Tränen in meinen Augen, drehte mich um und lief raus, weg, nur weg. Sofort hörte ich Meto aufspringen und mir nachlaufen, weit kam ich nicht, brach auf der Treppe weinend zusammen.

 

„Tsuzuku …“ Meto setzte sich neben mich und zog mich einfach in seine Arme.

Er hielt mich, bis ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte, dann sagte er leise: „Zumindest haben wir’s klargestellt.“

„Ich hab’s verbockt …“, schluchzte ich. „Jetzt können wir bestimmt gleich wieder ausziehen.“

„Quatsch. Der Verwalter hat gesagt, wir können hier wohnen, also kann uns kein anderer rauswerfen.“

Ich hörte Schritte von unten und einen Moment später kam Akko um die Ecke. Sie sah ziemlich betreten aus, als ob es sie selbst mitnahm, dass ich mich so aufgeregt hatte.

„Hey …“, sagte sie. „Tut mir leid, das eben. Die stellen sich halt an, die Leute. Eigentlich ist nur die Yamaguchi so … altmodisch, aber die reißt die anderen immer irgendwie so mit. Ihr müsst euch keine Sorgen machen, da hat der Verwalter das letzte Wort und der ist total okay.“

 

„… Sie… uns aber… das Leben hier… schwer machen, …oder?“, fragte Meto leise.

Akko sah zu Boden und erwiderte, ebenso leise: „Vielleicht. Aber ihr dürft euch von so was nicht unterkriegen lassen. Ihr habt fast alle hier auf eurer Seite, wenn die sich erst mal an euch gewöhnt haben. Den meisten hier müsst ihr einfach nur beweisen, dass ihr eigentlich ein ganz normales Paar seid und keine Schwierigkeiten macht.“

Ich sagte nicht, dass wir das nicht waren, dass ich alles andere als normal war, und dass ich früher dort, wo ich mit Mama gewohnt hatte, öfter mal Schwierigkeiten mit den Nachbarn gehabt hatte. Weil ich irgendwo hoffte, dass ich mich geändert hatte und dass das hier nicht vorkommen würde.

 

„Wollt ihr wieder mit rein, oder geht ihr jetzt in eure Wohnung zurück?“, fragte Akko dann.

Meto sah mich fragend an, ich musste einen Moment nachdenken und abwägen, und entschied mich dann dafür, denjenigen Leuten, die sich vielleicht entschuldigen wollten, eine Chance zu geben.

Mit einem Ruck stand ich auf und ging die Treppe wieder hinunter. Meto nahm meine Hand, als wir den Raum wieder betraten, und ich versuchte, ganz aufrecht und gefasst zu wirken.

Einen Moment lang war es ganz still, diese betretene, unangenehme Stille.

„Wir … möchten uns gern entschuldigen“, begann eine etwa vierzig Jahre alte Frau schließlich und sah dabei auch ehrlich betroffen aus. „Selbstverständlich haben wir, wenn der Verwalter entschieden hat, nichts dagegen einzuwenden, dass Sie beide hier leben.“

Ich sah vorsichtig zu Frau Yamaguchi, die ziemlich beleidigt aussah. Da würde noch was nachkommen, das wusste ich, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich damit zurechtkommen sollte.

„Wir werden uns Mühe geben, nicht schlecht aufzufallen“, sagte ich mit halbwegs fester Stimme zu den anderen. Akko lächelte mich an. „Und falls doch mal irgendwas passieren sollte …“, fügte ich hinzu, „… dann möchte ich mich jetzt schon dafür entschuldigen.“

„Angenommen“, sagte Akko. „Und jetzt noch einen schönen Abend euch beiden.“

 

Ich verbeugte mich, Meto tat es ebenfalls, dann gingen wir aus dem Raum, die Treppe wieder hoch, zurück in unsere Wohnung. Ich war völlig fertig, doch gleichzeitig so aufgewühlt, dass ich jetzt unmöglich schon schlafen gehen konnte.

Und Meto schien ebenfalls noch nicht ans Schlafen gehen zu denken. Stattdessen holte er eine der Tiefkühlpackungen aus dem Eisfach des Kühlschranks, packte sie aus, machte den Backofen an und schob den Inhalt der Packung, zwei Stücke panierten Fisch, hinein. Ich hatte überhaupt keinen Appetit, doch mein knurrender Magen verriet, dass ich sehr wohl hungrig war. Schließlich hatte ich heute nicht mehr als Kaffee, ein bisschen Omelett, Cola und ein paar Kekse beim Film schauen zu mir genommen.

 

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Besserung meines Essverhaltens in letzter Zeit stagnierte. Ich brach zwar nicht, aber ich aß auch nicht so gut, wie ich sollte und wollte. Ich erinnerte mich daran, wie ich damals auf der kleinen Reise mit Meto zusammen begonnen hatte, mich wirklich mit meiner Essstörung auseinander zu setzen, daran, dass ich richtige Aufbruchsstimmung verspürt und geglaubt hatte, dass es aufwärts ging mit mir. Aber anscheinend war es längst nicht so einfach und dass ich gerade nicht wirklich vorankam, gehörte wohl auch dazu.

 

Während wir darauf warteten, dass der Fisch fertig wurde, holte Meto sich eins seiner Bücher aus dem Wohnzimmer, einen Roman, den ich auch schon mal angelesen, aber nicht die Geduld gehabt hatte, ihn zuende zu lesen. Ab und zu las er mir eine Stelle daraus vor und ich stellte fest, dass die Geschichte, die dort erzählt wurde, Ähnlichkeiten mit unserem Leben hier hatte.

Ich hatte meistens nicht die Geduld und Lust, die man zum Lesen brauchte, deshalb kam es selten vor, dass ich selbst ein Buch zur Hand nahm. Ganz im Gegensatz zu meinem Freund, der sich, vielleicht wegen seines Sprachfehlers, gerne mal mit einem Buch in eine ruhige Ecke zurückzog.

„Geht die Geschichte gut aus?“, fragte ich irgendwann.

„Weiß ich nicht. Ich hab’s noch nie ganz durchgelesen“, antwortete Meto.

 

Als der Fisch fertig war, aßen wir erst einmal und ich schaffte es überraschenderweise sogar, mein Stück ganz aufzuessen. Vielleicht half es, wenn ich mir öfter bewusst machte, dass ich mir ja fest vorgenommen hatte, gesund zu werden und nicht aufzugeben. Ich hatte Mamas Geist versprochen, mir alle Mühe zu geben, glücklich zu werden, und dieses Versprechen war mir heilig, auch, wenn es mir im Moment schwer fiel, es zu halten.

 

Nach dem Essen ging ich ins Bad und schminkte mich ab. Während ich die Kontaktlinsen herausnahm, die verschmierte dunkle Farbe von meinen Augen wegwischte und die Reste des Lippenstiftes entfernte, hatte ich das Gefühl, mich wieder in den Menschen zurück zu verwandeln, der ich heute Morgen, als der Tag so gut angefangen hatte, gewesen war. Eigentlich war heute nicht auffallend viel passiert, doch ich hatte das Gefühl, emotional überdurchschnittlich viel mitgemacht zu haben.

Ich kämmte das Haarspray aus meinen Haaren, nahm den Schmuck ab und zog dann den Pullover aus, weil mir irgendwie warm war.

 

Auf einmal stand Meto hinter mir, legte seine Arme um mich und schmiegte sich an meinen Rücken. Seine Hände auf meinem Oberkörper streichelten über den Stoff meines Tanktops, von meinem Bauch über mein Herz zu meiner Brust, wo seine Fingerspitzen, ganz kurz und vorsichtig, meine Nippel berührten. Diese kurze Berührung reichte aus, damit sich meine Atmung ein wenig beschleunigte, und ich seufzte leise.

Ich hörte Metos süßes, leises Lachen, fühlte mich fester von ihm umarmt, und dann war da seine warme Hand an meiner Hüfte, die unter mein Top schlüpfte und meine nackte Haut streichelnd berührte, weiterwanderte bis zum Nabel, wo seine Finger mit meinem Piercing spielten. Seine weichen Lippen tasteten über meinen Nacken, während seine Hand unter meinem Top nach oben wanderte, bis zu meinem Herzen, das von dieser liebevollen Behandlung schneller zu klopfen begonnen hatte.

„Dein Herz …“, sagte er, seine Stimme klang ganz weich und andächtig.

„Weißt du eigentlich, dass es nur für dich schlägt?“, fragte ich, wissend, wie kitschig das klang. Aber das war mir egal, ich sprach einfach das aus, was ich fühlte, und wenn es eben kitschig war.

 

Meto lachte wieder leise, ich drehte mich in seinen Armen zu ihm um und küsste ihn.

„Tsuzuku, du bist so süß“, sagte er, legte beide Hände an meine Brust und berührte wieder meine Nippel durch den Stoff, diesmal deutlich machend, welche Absichten er damit hatte. „Darf ich … dich verführen?“

„Du tust es ja schon“, erwiderte ich, denn das, was er mit mir machte, war nichts anderes, als mich langsam und liebevoll zu verführen und heiß zu machen.

Meto schob die Hände wieder unter mein Top und zog es mir mit einer einzigen, fließenden Bewegung über den Kopf, sodass ich es nur noch abstreifen und zu Boden fallen lassen musste. Kurz löste er sich von mir, um sein eigenes Oberteil ebenfalls auszuziehen, dann nahm er mich wieder in seine Arme und schmiegte sich an mich, lehnte seinen Kopf an meine Schulter.

 

„Weißt du …“, fragte er leise und seine Lippen streiften meinen Hals, „ …dass ich mich den ganzen Tag darauf gefreut habe?“

Eigentlich sah ich ja mehr mich selbst als jemanden, der so etwas sagte und empfand, aber anscheinend unterschätzte ich meinen Freund da ziemlich und er fühlte genauso wie ich. Es fiel mir seltsamerweise seit einer Weile ein wenig schwer, ihm zu glauben, dass er mich genauso begehrte wie ich ihn.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Sag’s mir.“

Meto sah mich ganz direkt an, nahm mein Gesicht in seine Hände und atmete einmal tief ein und aus, bevor er sprach: „Ich hab mich den ganzen Tag darauf gefreut, mit dir zu schlafen. Das von heute Morgen, das war so schön, und ich würde es jetzt gern fortsetzen.“ Ein feines, aber deutlich sichtbares Rot breitete sich auf seinen Wangen aus und ich spürte, dass es nicht ganz einfach für ihn war, so offen zu sprechen. Und irgendwie … fand ich das einfach wahnsinnig süß.

„Dann verführ mich“, sagte ich, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken. „Mach mich so heiß, dass ich nur noch an dich denke, an nichts anderes mehr.“

 

Meto ließ mir auch keine Zeit, im Nachhinein über meine Worte nachzudenken. Kaum hatte ich es ausgesprochen, waren da seine Finger an meinen Nippeln, seine Lippen an meinem Hals und seine Hüfte, die gegen meine drückte, wobei ich spürte, dass er schon ziemlich erregt war. Vorsichtig, um mir nicht weh zu tun, spielte er mit den Piercings, was in mir eine erste heiße Lustwelle auslöste und meine Atmung und meinen Herzschlag beschleunigte. Er wusste einfach ganz genau, womit er mich heiß machen konnte, und schien meine Lust auch zu genießen.

 

Ich schloss die Augen und spürte einen Moment später, wie Metos warmen Hände an mir herunter wanderten, bis zum Verschluss meiner Jeans, und diesen öffneten. Seine rechte Hand tauchte unter den Stoff in meine Shorts, berührte mein sich schon langsam härtendes Glied und begann, es zu streicheln, während er seine linke hinten in meine Hose schob und mich dort berührte.

Ich konnte nicht anders, als schon leise zu stöhnen, zu gut fühlte sich das an, was er mit mir machte.

Dass er offenbar Lust daran fand, die Initiative zu ergreifen, machte mich zusätzlich an und es gab mir Sicherheit, zu spüren, dass er mein Verlangen teilte und es nicht als bedrängend empfand.

 

„Komm, lass dich fallen, Tsu“, sprach Meto leise. „Du musst dir keine Sorgen machen. Es ist alles gut. Tu einfach das, wonach dir ist.“

„Was, wenn es wieder so endet wie vorgestern?“, fragte ich mit leiser Angst in der Stimme.

„Das wird es nicht. Ich bin nämlich so heiß auf dich, dass ich komplett entspannt bin.“ Mit diesen Worten ließ er seine Hand von meinem Hintern wieder nach oben und nach vorn wandern und berührte wiederum meine Nippel, diesmal jedoch um einiges mutiger und gezielter. Seine Finger spielten mit dem körperwarmen Metallring und als er schließlich daran zupfte, stöhnte ich laut auf und drängte mein Becken seiner noch immer in meiner Hose befindlichen Hand entgegen. Ich spürte süßesten, erregenden Schmerz an meinen Brustwarzen, ein mich wahnsinnig anmachendes Gefühl, das ich so wohl nur wegen der Piercings empfand.

 

„Darf ich … dich was fragen?“, fragte Meto, streichelte mich dabei weiter.

„Ja … klar.“

„Bist du wegen der Piercings da so empfindlich oder bist du deshalb da gepierct, weil du so sensibel bist?“

Ich lachte leise auf. Meto war nicht die erste Person, die mir diese Frage stellte. Eine meiner Freundinnen früher hatte, nachdem ich meine Brustwarzen hatte piercen lassen, genau dasselbe gefragt.

„Irgendwie beides“, antwortete ich. „Ich steh da schon immer drauf, aber seit ich die Piercings habe, ist das noch intensiver geworden.“

 

Meto lächelte, seine Hand in meinem Schritt griff ein wenig fester zu und die andere an meiner Brust rieb mit dem Daumen ganz gezielt über besagte erogene Knospen. Ich stöhnte wiederum, senkte dann leicht den Kopf, küsste seine Schulter, dort, wo das bunte Tattoo endete, legte meinen Arm um seine Taille und zog ihn an mich, was ihn leise seufzen ließ.

Wären wir jetzt schon im Schlafzimmer gewesen, hätte ich mich augenblicklich auf ihn gestürzt, doch so musste ich mich noch darauf beschränken, ihn nur anzufassen und von ihm angefasst zu werden.

 

Doch Meto gedachte das offenbar zu ändern.

„Ins Bett?“, fragte er und griff meine Hand.

Ich nickte, lächelte. „Ist sicher gemütlicher.“

Mein Liebster lachte leise, dann führte er mich über den Flur ins Schlafzimmer, wo er sich aufs Bett setzte und mich zu sich zog. Er ließ meine Hand los, legte beide Hände an meine Hüfte und schob meine Hose runter, mir deutlich zu verstehen gebend, was er wollte.

Und ich ließ es ihm, überließ ihm dieses Mal die Führung, auch weil ich mich nach dem, was letztes Mal passiert war, doch nicht so recht an meine eigene Lust und diesen Machtwunsch herantraute. Das hier sollte nicht so enden und ich gab mir alle Mühe, mich zurückzuhalten.

 

Ganz ausgezogen, legte ich mich schließlich aufs Bett und glaubte zuerst, dass Meto sich einfach ebenfalls ausziehen, neben mich legen, und mich weiter anfassen würde.

Doch er schien andere Pläne zu haben, denn er setzte sich, nachdem er sich ausgezogen hatte, wieder auf die Bettkante und sah mich erwartungsvoll an.

„Jetzt du“, sagte er schließlich. „Ich hab dich verwöhnt, jetzt du mich.“

Und da war sie wieder, meine Unsicherheit. Auf einmal hatte ich wieder Angst, dass meine Leidenschaft zu stark und meine Selbstkontrolle zu schwach war.

„Ich weiß nicht, ob ich … ob ich mich genug unter Kontrolle habe, um dich nicht zu überfallen.“

 

„Ach Tsu …“ Meto drehte sich ganz zu mir um und kam dann über das Bett auf mich zu gekrabbelt. Er kniete sich über meinen Bauch, drückte mich an den Schultern ins Kissen, sah mir in die Augen und sprach: „Warum geht das nicht in deinen Kopf rein, dass ich das will? Oder, besser gesagt, warum hast du dir das selbst ausgeredet? Vor dem Winter warst du da anders.“

„Wie … meinst du das?“ Ich drehte den Kopf zur Seite, wich seinem Blick aus.

Meto beugte sich vor, berührte mich am Kinn und drückte dort sanft aber bestimmt, bis ich ihn wieder ansehen musste. „Erinnerst du dich noch, als wir im Love-Hotel waren? Was du da gemacht hast?“

„Ja.“ Natürlich erinnerte ich mich daran. Damals hatte ich mir absolut keine Gedanken darum gemacht, ob ich Meto mit meiner Lust bedrängte oder nicht. Und mein Verhalten hatte sich seitdem eigentlich kaum verändert. Nur dachte ich jetzt anders über mich.

 

Dass er mich jetzt so bestimmend behandelte, machte mich irgendwie an, doch ich wagte nicht, das zu zeigen. Doch anscheinend bemerkte er es irgendwie.

„Weißt du, genau das meine ich. Seit vorgestern Abend scheinst du dich nicht mehr so recht zu trauen, mich richtig anzufassen. Du weißt doch eigentlich, dass ich drauf stehe, also, warum hast du Angst? Nur, weil es einmal schief gegangen ist?“

Ich konnte nicht antworten. Denn die Antwort wäre gewesen: ‚Ich hab Angst, dass ich mich nicht unter Kontrolle habe, dir wehtue und mir selbst endgültig beweise, dass ich völlig gestört bin. Mangelnde Selbstkontrolle ist anscheinend noch ein Anzeichen für Borderline.‘

 

Als ich nicht antwortete, stand Meto wieder auf, stieg vom Bett und holte Dinge aus meiner Nachttischschublade, legte die dann aufs Bett: Das schwarze Tuch, die Gleitmitteltube und die Schachtel mit den Kondomen.

Musste er noch deutlicher werden? Nein, eigentlich nicht. Ich wusste, was er wollte, und ich wollte es ja auch. Sehr sogar. Mein ganzer Körper schrie geradezu danach, mein Herz sehnte sich nach der vollkommenen Nähe meines Liebsten, doch etwas in meinem Kopf sagte Nein. In einem Versuch, dieses Etwas zu überwinden, richtete ich mich auf, griff nach Metos Hand und zog ihn zu mir.

„Hilf mir. Ich glaube, ich denke einfach zu viel. Verführ mich, mach mich so geil, dass ich nicht mehr denken kann!“

 

Meto lächelte, küsste mich und antwortete: „Sehr gern. Aber nur, wenn du dasselbe mit mir machst.“ Er legte sich neben mich und zog mich in seine Arme. Sein nackter Körper an meinem, seine Hände auf meiner Haut und seine Lippen, die immer wieder meine streiften, all das fühlte sich so gut an, dass meine Selbstkontrolle, mein Versuch zu beweisen, dass ich nicht gestört war, schmolz wie Schnee in der Sonne, und aufgestauter, heftiger Lust wich. Seltsam, so viel konnte sich da doch eigentlich in zwei Tagen gar nicht aufgestaut haben. Egal.

 

Ich drückte mich an Metos heißen Körper, barg mein Gesicht an seinem Hals, wo ich erst seinen Duft einatmete und dann an seiner Haut saugte, während meine Hände über seine Brust tasteten, bis sie seine noch weichen Nippel gefunden hatten, diese drückten und rieben, und ihm so ein lautes Stöhnen entlockten.

Überglücklich, dass ich meine Leidenschaft scheinbar bedingungslos wiederhatte, richtete ich mich halb auf, drückte Meto ins Kissen und machte mich mit dem Mund über seine Brust her, schmeckte die süße, zarte Haut seiner Brustwarzen und spürte, wie sie sich unter meinen Lippen härteten.

Zu spüren, wie er sich unter mir wand und meine Lust genoss, erregte mich noch mehr. Und als ich mich wieder aufrichtete und ihn ansah, wie er da vor mir lag, die Augen geschlossen, die vollen, weichen Lippen leicht geöffnet, mit diesem absolut süßen Rotschimmer auf den Wangen, lustgeröteten Nippeln, zuckender Bauchdecke und seinem bereits voll erigierten Glied, aus dessen ebenfalls geröteter Spitze schon der Lusttropfen austrat, da wäre von diesem Anblick am liebsten schon gekommen.

 

Anscheinend hatte er sich sehr danach gesehnt, es wieder mit mir zu tun, wenn er jetzt schon so erregt war. Innerlich lachte ich mich aus und nannte mich selbst einen Idioten, weil ich Meto, meinem festen Freund, der offenbar ebenso geil auf mich war, wie ich auf ihn, nicht zugetraut hatte, mich derartig zu begehren.

„Tsu…“, stöhnte er und hob sein Becken leicht an, gab mir deutlich zu verstehen, was er wollte. Ich kniete mich über seine Oberschenkel, er setzte sich auf und ich umfasste seine harte, heiße Erregung, was er mir augenblicklich nachmachte, mit dem Daumen meine Vorhaut zurückzog und über meine Eichel rieb. Laut aufstöhnend, drängte ich meine Körpermitte seiner Hand entgegen, spürte einen heißen Schwindel im Kopf und brauchte einen Moment, bis ich mich wieder soweit beisammen hatte, dass ich für ihn dasselbe tun konnte.

 

Eine Weile ging das so weiter, wir heizten uns gegenseitig immer mehr auf, doch auf einmal hielt Meto inne und schob meine Hand von sich weg.

„Wenn … du so … weiter machst, … komm ich gleich …“, keuchte er und ließ sich auf den Rücken sinken.

„Und was … möchtest du jetzt …?“, fragte ich, in meinem Kopf herrschte immer noch dieser hocherregte Schwindel und ich konnte tatsächlich nicht mehr wirklich denken. Ich fühlte mich wahnsinnig gut und alles, was heute gewesen war, schien ganz weit weg, unwichtig in diesem Moment, in dem es nur Meto, mich, unsere Liebe und unsere Lust aneinander gab.

 

Meto sah mich an, seine Augen schimmerten und seine vollen, gepiercten Lippen verzogen sich zu einem absolut süßen Lächeln. Er bewegte ein wenig seine Beine, um mir zu bedeuten, dass ich von ihnen runtergehen sollte, was ich sofort tat. Augenblicklich spreizte er die Beine, winkelte sie an und hob sein Becken so an, dass ich genau wusste, was er jetzt wollte.

Ich kniete mich dazwischen, griff nach der Gleitmitteltube, öffnete sie und tat mir etwas von ihrem Inhalt auf die Finger. Tastete nach seinem Eingang, schob meinen Finger vorsichtig hinein und berührte sein Inneres. Er hatte Recht gehabt, als er gesagt hatte, dass er vollkommen entspannt war, es ging ganz leicht und ich fand schnell die Stelle in ihm, die ihn vor Lust aufschreien ließ. Und auch, als ich langsam dazu überging, ihn zu dehnen, blieb er so, da war keine Spur von Anspannung zu bemerken, stattdessen stöhnte er lauter.

 

Vielleicht war die Verspannung von vorgestern Abend etwas gewesen, das nur ab und zu vorkam. Möglicherweise war Meto wegen des Umzuges noch zu aufgeregt gewesen oder hatte sonst irgendwas gehabt, was nichts mit mir zu tun hatte. In diesem Moment konnte ich das wirklich glauben und einfach genießen, dass es wieder klappte mit uns, dass ich gleich in ihn eindringen und ihm damit nur Lust schenken würde, keinen Schmerz.

 

Mein Blick wanderte über seinen nackten, bebenden Körper, den ich so absolut wunderschön fand, bis zu seinem Gesicht, auf das sich in diesem Moment Lust und beginnende Ekstase malten. Doch etwas fehlte da noch, etwas für meinen eigenen Genuss: Die Augenbinde.

„Meto?“, fragte ich, „Magst du dir die Augen selbst verbinden? Ich hab nur eine Hand frei.“

Er hob den Kopf, sah mich an und sagte, wieder mit diesem feinen, süßen Rotschimmer auf den Wangen: „Heute … will ich dich lieber sehen.“

Irgendwie fühlte sich das fast noch besser an, als wenn ich meinen Willen bekommen hätte. Der Gedanke, ihm in die Augen zu sehen, wenn ich in ihn eindrang, machte mich unheimlich an und ich umfasste wieder seine Erregung, um sie zu massieren und so seine und meine Lust weiter zu steigern. 

Mein Liebster stöhnte laut, drängte sich mir entgegen, schrie, als ich mit dem Finger in ihm wieder über diese heiße Stelle in seinem Innern strich und ihn weiter dehnte, und ich sah zu, wie er begann, sich selbst zu streicheln, seine eigenen Nippel drückte und seine Hand dann abwärts wandern ließ, bis sie die meine an seinem lustzuckenden Glied berührte. Irgendwie löste diese Berührung unserer Hände bei mir wildes Herzklopfen aus und ich spürte, wie meine eigene Körpermitte heißer und heißer wurde, sodass ich mich kaum noch zurückhalten konnte.

„Tsu…zuku …! Jetzt mach! Nimm mich …!“

Ich lächelte anzüglich, sah ihm einmal tief in die Augen und fragte, leicht keuchend: „Willst du … mich in dir haben …?“

Metos Antwort war ein tiefes, eindeutiges Stöhnen.

 

Beinahe hätte ich das Kondom vergessen, im letzten Moment dachte ich noch daran und beeilte mich damit. Ich nahm noch etwas Gleitmittel dazu, dachte, soweit mein hocherregt liebeskrankes Hirn dazu imstande war, daran, dass ich dieses Mal so lieb und vorsichtig wie möglich mit Meto sein wollte, dann zog ich sein Becken auf meine Oberschenkel und schob mich langsam in ihn. Sein glühheißes Inneres nahm mein Glied ganz leicht auf, er schrie nicht auf, sondern stöhnte ekstatisch, und ich fühlte mich vollkommen gut und sicher.

Mein Herz bebte vor Liebe und Erregung, hämmerte gegen meine Rippen, und ich legte, die Augen schließend, den Kopf in den Nacken, um auf dieses wahnsinnig schöne Gefühl irgendwie klarzukommen. Meine Augen fühlten sich seltsam heiß an, wie von Tränen, und ich verharrte einen Moment so, um sicher zu gehen, dass ich jetzt nicht vor Rührung zu weinen anfing.

 

Als ich mich wieder halbwegs gefangen hatte, beugte ich mich vor, stützte meine Hände links und rechts auf und sprach meinen Liebsten leise an: „Meto?“

Er hob den Kopf, stützte sich auf seine Unterarme, sodass sein Gesicht meinem näher kam und ich ihn küssen konnte. Er öffnete die Lippen und ließ mich ein, seine Zunge spielte mit meiner, fuhr in den Spalt und tauchte dann in meinen Mund, machte mir noch einmal deutlich, dass er mich genauso begehrte wie ich ihn. Einen Moment lang blieben wir so, dann löste ich den Kuss und sah Meto fest in die Augen. Diese wunderschönen, dunkelbraunen Augen, in denen ich hätte versinken können. Ich konnte nicht anders, als ihn wieder zu küssen.

„Wir sind eins“, flüsterte ich rau gegen seine Lippen und leckte zärtlich darüber. „Ich liebe dich.“

„Ich dich auch. Sehr …“, antwortete er. „Und jetzt … beweg dich bitte.“

 

Eine Aufforderung, der ich nur allzu gern nachkam. Meto ließ sich wieder ganz auf den Rücken sinken, krallte die Hände in die Matratze und drängte seinen Körper mir entgegen, wodurch ich mit einem Mal ganz tief in ihm war und fast schon automatisch leicht in ihn stieß.

Sofort hielt ich inne. ‚Bewegen‘ hatte er gesagt, nicht ‚stoßen‘. Ich versuchte, mich einerseits zu kontrollieren, um ihm nicht weh zu tun, und andererseits seiner Bitte nachzukommen, ihm wahnsinnige Lust zu bereiten und ihn meine Leidenschaft spüren zu lassen. Der Grat dazwischen war schmal und mein Körper bewegte sich wie von selbst, ließ sich kaum beherrschen.

‚Sanft sein‘, dachte ich, ‚Du willst dir doch nicht nachher wieder Vorwürfe machen. Sei so sanft, lieb und vorsichtig, wie du nur kannst.‘

 

Und so bewegte ich mich langsamer, genoss jede Sekunde, jede Reaktion meines Liebsten und das überwältigende Gefühl, eins mit ihm zu sein. Ihm schien das sehr zu gefallen, er stöhnte, flüsterte meinen Namen, sah mich ab und zu an und lächelte leicht, bevor er wieder stöhnte und den Kopf zur Seite warf. Eine seiner Hände löste sich wieder von der Matratze, suchte nach meiner und hielt sie fest. Und wieder löste das in mir starkes Herzklopfen aus.

 

„Du … musst nicht … so vorsichtig sein …“, flüsterte er, klang so, als ob die Sprache ihm gleich den Dienst versagen würde. „Halt dich … nicht zurück, … ich halte das … schon aus …“

„Bist du ganz sicher …?“, fragte ich atemlos.

Statt einer verbalen Antwort drängte Meto sich mir wieder entgegen, heftig, mit einem Verlangen, dass ich so von ihm kaum kannte (was auch immer mich dazu brachte, ihn da zu unterschätzen …).  

Und mehr als das brauchte es nicht, um meine Selbstkontrolle wieder einmal aufzulösen, meine Lust zu entfesseln und mich vollkommen verrückt zu machen.

Tief einatmend, zog ich mich ein Stück weit aus ihm zurück, verharrte einen Moment so und stieß dann in ihn, wobei mir einen Augenblick lang das Gefühl für oben und unten abhandenkam. Sofort verlangte es mich nach mehr, immer mehr, so sehr, dass ich mein eigenes heftiges Stöhnen nur am Rande mitbekam, während ich wieder und wieder zustieß.

 

Ich hörte ihn aufschreien, doch es klang so viel mehr nach Lust, denn nach Schmerz, und aufhalten konnte mich jetzt sowieso nichts mehr.

Meine Selbstkontrolle, ohnehin ja nicht besonders stark, hatte sich binnen Sekunden in Nichts aufgelöst, und darunter spürte ich Gefühle hochkommen, die ich eigentlich einzusperren versucht hatte. Da war dieses Machtgefühl, das erhebende Wissen, dass Meto jetzt zur mir gehörte, dass niemand mehr versuchte, ihn mir wegzunehmen. Dass er es mochte, wenn ich ihn meine Lust so deutlich spüren ließ, und dass mich das wahnsinnig geil machte. Und ein dunkles Verlangen danach, ihn zu erobern, mir zu Eigen zu machen und ihm mein Siegel aufzudrücken.

Ob das krank war, oder nicht, war mir in diesem Moment vollkommen egal, ich konnte nur noch, wenn man das denn überhaupt ‚denken‘ nennen konnte, daran denken, dass ich es wollte und dass ich absolut wahnsinnig, intensiv und besessen verliebt war.

 

Der Höhepunkt kam schneller, als es mir gefallen hätte, war kurz und heftig, ich spürte nichts als reine Lust und Hitze und verlor für einen kurzen Moment vollkommen die Kontrolle über mich.

Als sich mein Bewusstsein wieder zum Dienst meldete, lag ich vornübergebeugt auf Metos Körper und spürte seine Hand zwischen uns, er fasste sich selbst an, und erst, als er einen Moment später erbebte und gegen meinen Bauch kam, spürte ich, dass ich noch in ihm war.

Langsam und leicht zitternd, richtete ich mich wieder auf und zog mich vorsichtig aus ihm zurück, schob ihn dann, ebenso vorsichtig, sanft von mir und ließ mich, immer noch schwer atmend, neben ihn sinken, blickte hoch an die weiße Decke, eine ganze Weile blieben wir so liegen.

 

Langsam beruhigten sich meine Atmung und mein Herzschlag, ich kam wieder zu klarem Bewusstsein und damit kehrten auch die Gedanken und leisen Zweifel zurück. Ich selbst fühlte mich wahnsinnig gut, aber ob es Meto genauso ging, wusste ich nicht. Hoffentlich war ich am Schluss nicht doch zu heftig gewesen. Ich hatte so versucht, mich zu beherrschen, doch gegen diese beinahe schon wahnsinnige Lust war meine Selbstbeherrschung machtlos, zu gut, zu geil fühlte es sich an.

 

„Tsu … das war so schön …“, brach Meto schließlich die Stille, ich spürte seine Hand streichelnd an meinem Arm.

Ich wandte mich ihm zu, sah ihn an, hob die Hand und strich ihm die verschwitzten türkisblauen Haarsträhnen aus der Stirn. „War’s dir auch nicht zu heftig am Ende?“

Er schüttelte den Kopf und lächelte. „Nein, das war schön. Genau das, was ich wollte.“

Wieder fragte ich mich, wie ich so jemand Süßes wie ihn eigentlich verdient hatte. Wie konnte es sein, dass er so perfekt zu mir passte und mich Gestörten so sehr liebte? Mein Herz zitterte vor Liebe und den Nachwellen dessen, was wir gerade getan hatten, und auf einmal war mir nach Weinen zumute.

 

Ich rückte noch etwas näher zu ihm, nahm ihn in meine Arme und flüsterte mit zitternder Stimme: „Ich liebe dich, Meto. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr.“

Er schmiegte sich an mich, ganz süß und lieb, und ich fügte noch leiser hinzu: „Und wenn ich vielleicht mal ganz furchtbar zu dir bin, dann vergiss bitte nicht, dass du alles für mich bist. Du bist mein Leben.“

Meto lächelte, seine Hand streichelte meine Seite. „Das vergesse ich bestimmt nicht. Ich lieb dich doch auch.“

 

Und wieder war da so ein Moment, in dem ich über meine Angst und meine dunklen Gedanken hätte sprechen können. Ein paar Sekunden lang fühlte ich mich danach, alles auszupacken und zu sagen, was in mir los war. Doch ich ließ den Moment ungenutzt verstreichen, hatte das Gefühl, dass es nicht der richtige dafür war. Auch, wenn ich nicht wusste, wann denn dann der passende Augenblick war, um darüber zu sprechen, dass ich mich für völlig gestört hielt und Angst hatte, dass es schlimmer werden würde.

 

Meto zog mich eng an sich, seine Lippen streiften meine noch schweißfeuchte Haut, und er sagte ganz leise etwas, das wie „Du bist so schön warm, Tsu“ klang. Seine Stimme hörte sich schon ganz müde an, was angesichts dessen, was wir getan hatten, ja kein Wunder war, und bald darauf hörte ich seine gleichmäßigen, schlafenden Atemzüge.

 

Ich stand auf, warf das Kondom in den Mülleimer, griff dann nach der Taschentücher-Box auf meinem Nachttisch, zog ein paar heraus und befreite damit Meto und mich von den Spuren unserer Leidenschaft. Dann zog ich die Bettdecke hoch, kroch darunter, deckte uns beide zu und blieb noch eine Weile wach liegen, hielt ihn im Arm, während sich in meinem Kopf die Gedanken drehten. Irgendwann würde ich nicht mehr darüber schweigen können, das wusste ich, aber ich hatte Angst, damit dann alles kaputt zu machen. Doch andererseits … würde denn nicht auch dann alles zerbrechen, wenn ich weiter schwieg und mein Leid verheimlichte?

 

Je mehr es sich in meinem Kopf drehte, umso mehr furchtbare Gedanken kamen dazu. Nicht nur, dass ich möglicherweise mein Versprechen an Mama brechen würde, sondern auch, ob Meto denn überhaupt mit jemandem zusammen sein wollen würde, dessen Seele und Persönlichkeit den Stempel ‚Borderline‘ trug. Augenblicklich sprangen mir Tränen in die Augen, heftigste Verzweiflung durchfuhr mich und ich drückte mich enger an meinen tief und fest schlafenden Freund, hoffend, dass seine Nähe diesen unerträglichen Gedanken irgendwie vertreiben konnte.

Ich konnte ihm doch vertrauen, oder? Er würde mich nicht allein lassen, liebte mich doch so, wie ich war … oder nicht? Schließlich konnte ich seine Gedanken nicht lesen, wusste nur durch seine Worte und das, was er tat, wie er mich sah.

 

Als ich die ersten schweren Schluchzer spürte, löste ich mich von ihm, um ihn nicht zu wecken, drehte mich auf die andere Seite und vergrub mein Gesicht im Kissen. Schlang meine Arme um meinen Körper, mein Herz tat weh vor Angst, und weinte mich in den Schlaf.

 

„Piep-piep … piep-piep …“

Noch im Halbschlaf, streckte ich die Hand aus und versetzte meinem Wecker einen Schlag, damit er schwieg. Ich traf jedoch nicht, schlug ihn stattdessen vom Nachttisch, er fiel zu Boden, wo er unbeeindruckt weiterpiepte.

Ein müdes, leicht genervtes Brummen von Tsuzukus Betthälfte ließ mich mich umdrehen. Er war ganz unter der Decke vergraben, nur seine schwarzen Haare waren zu sehen.

„Mmeto … Mmach bidde den verdammten Wecker aus …“, brummte er verschlafen, ohne sich zu mir umzudrehen. 

Ich erhob mich halb, beugte mich dann runter vom Bett, angelte nach dem piependen Wecker und stellte ihn, diesmal erfolgreich, aus.

 

„Sieben Uhr“, informierte ich meinen Freund über die Uhrzeit, doch anstatt dass er unter der Decke rauskam und mir einen guten Morgen wünschte, kroch er nur tiefer darunter.

„Tsu?“, fragte ich verwundert. „Alles okay?“

Es dauerte ein paar Sekunden, zu lang für mein Gefühl, bis er antwortete: „Hab Kopfschmerzen.“

Kopfschmerzen? Woher das denn auf einmal? So, wie ich ihn kannte, kam so was eigentlich selten vor. Bauchschmerzen, das ja, aber Kopfweh war irgendwie ungewöhnlich.

Jedenfalls fiel mir bei dieser Frage ein, dass Tsuzuku heute um neun sein Vorstellungsgespräch bei dem Bodyart-Shop in der Innenstadt hatte. Hoffentlich ging das gut …

„Schatz, weißt du, was heute ist?“, fragte ich.

Es dauerte ziemlich genau drei Sekunden, bis Tsuzuku sich erinnerte und reagierte.

„Fuuuck!“ Mit einem Ruck war die Decke weg, er sprang auf und lief zum Schrank, griff sich wahllos Unterwäsche und verschwand im Richtung Bad. Kurz darauf hörte ich das Wasser in der Dusche rauschen.

 

Langsam stand ich ebenfalls auf, suchte mir Klamotten aus dem Schrank, zog mir aber erst einmal meinen Bademantel an und ging dann in die Küche, um schon mal Kaffee und Frühstück zu machen. Dabei spürte ich zwar ein wenig die Folgen des Aktes von gestern Abend, doch ich sah nicht ein, deswegen schon wieder im Bett zu bleiben, und ignorierte den leichten Schmerz.

 

Als das Wasserrauschen aufgehört hatte, ging ich ins Bad, da ich ebenfalls duschen wollte. Tsuzuku stand, halb angezogen, vor dem Spiegel und hatte meine Concealer-Dose in der Hand. Er sah müde aus, hatte leichte Schatten unter den Augen, fast so, als hätte er nachts lange geweint.

„Alles in Ordnung?“, fragte ich vorsichtig. „Hast du schlecht geschlafen?“

Er nickte und sah mich einen Moment lang an, mit einem Blick, den ich nicht so recht deuten konnte. War, nachdem ich gestern Abend eingeschlafen war, noch irgendwas gewesen? Hatte er sich etwa wieder Vorwürfe gemacht, und das, obwohl ich ihm diesmal mehr als deutlich zu verstehen gegeben hatte, was ich wollte und mochte? Das gestern Abend, das war doch schön gewesen und Tsuzuku hatte, als ich danach eingeschlafen war, auch glücklich gewirkt. Langsam verstand ich wirklich nicht mehr, was los war. Und ich wollte endlich wissen, worum es eigentlich ging.

 

Ich verschwand erst einmal unter die Dusche, Tsuzuku schminkte sich fertig, machte seine Haare und ging sich dann anziehen im Schlafzimmer, und als ich mich gewaschen, abgetrocknet und angezogen hatte, traf ich ihn in der Küche wieder. Er hatte sich richtig schön gemacht, trug Netzhemd, Lacklederjacke und Lackstoffhose, und einiges an Schmuck. Genau das richtige Outfit, um sich in einem Laden für Tattoos, Piercings und dergleichen zu bewerben.

„Du siehst schön aus“, sagte ich und lächelte.

„Danke.“

Jetzt wirkte er wieder ganz ausgeglichen, schien mit sich und seinem heutigen Vorhaben zufrieden zu sein und sich sogar auf das Vorstellungsgespräch zu freuen. Vielleicht hatte es ihm gutgetan, sich mal wieder richtig schön zu machen und so nach Visual Kei anzuziehen, und ich musste mir keine Sorgen mehr machen.

 

Wir frühstückten zusammen und Tsuzuku aß sogar etwas mehr als sonst morgens. Er hatte mir mal glaubhaft versichert, dass er auch früher schon jemand gewesen war, der morgens einfach nicht so viel Hunger hatte und dann nur mehr aß, wenn es ihm wirklich gut ging. Entweder spielte er mir jetzt sehr gekonnt gute Laune vor, oder ihm ging es wirklich wieder gut, wobei ich dazu tendierte, Zweiteres anzunehmen, da er einfach kein guter Lügner war.

 

„Tut’s noch weh?“, fragte er auf einmal, völlig aus dem Zusammenhang gerissen.

Ich musste tatsächlich kurz überlegen, was er meinte, schüttelte dann den Kopf und lächelte leicht.

„Die Schmerztabletten brauchst wohl eher du, oder sind deine Kopfschmerzen von vorhin schon wieder weg?“, fragte ich zurück.

„Geht schon.“

„Wirklich?“

„Ja. Alles gut. Ich hab nur schlecht geschlafen, daran lag‘s wahrscheinlich.“

 

Jetzt sah ich es ihm wirklich an, dass er log. Aber warum? Wieso konnte er mir nicht einfach sagen, was los war? Ich mochte gar nicht daran denken, dass er mir vielleicht nicht genug vertraute. Eigentlich standen wir uns doch so nah, dass es keine Geheimnisse zwischen uns geben sollte.

Aber vielleicht war jetzt auch einfach der falsche Moment, darüber zu sprechen. Tsuzuku hatte gleich sein Vorstellungsgespräch und musste sich sicher darauf konzentrieren, da war jetzt keine Zeit, tiefgrabende Gespräche zu führen.

Mir blieb nichts anderes übrig, als mir weiter Sorgen zu machen und zu warten, dass ein halbwegs passender Moment kam, in dem ich meinen Freund endlich darauf ansprechen konnte. Denn obwohl ich auch Angst davor hatte, ahnte ich, dass wir, wenn er weiter darüber schwieg, ein echtes Problem haben würden. Und davor hatte ich noch mehr Angst.

 

Nach dem Frühstück machte Tsuzuku sich alleine auf den Weg in die Innenstadt. Meinem Wissen nach wollte er sich vorher mit der Sozialarbeiterin vom Hikuyama-Tempel treffen und mit ihr zusammen zu dem Bodyart-Studio gehen, um sich da für eine Arbeitsstelle vorzustellen.

Das beruhigte mich ein bisschen, denn so musste er nicht allein da durch und ich hatte gestern beim Kauf des Handys schon bemerkt, dass er irgendwie Probleme damit hatte, solche Situationen alleine durchzustehen. Eigentlich seltsam, wo er doch sonst so selbstbewusst war.

 

Und zum ersten Mal fiel mir so richtig auf, dass mein Freund offenbar wirklich zwei Seiten hatte, einerseits so und andererseits ganz anders war, und das in mehrfacher Hinsicht. Ich setzte mich ins Wohnzimmer aufs Sofa und schaute aus dem Fenster, während ich mir weiter Gedanken machte, versuchend, Tsuzuku noch besser zu verstehen und vielleicht so selbst dahinter zu kommen, was mit ihm in letzter Zeit nicht stimmte.

Er schien ein großes Stück seines Selbstbewusstseins durch irgendetwas verloren zu haben, langsam, schleichend, und es dauerte lange, bis ich darauf kam, dass es möglicherweise an dem Tag im letzten Jahr begonnen hatte, als das mit der Frau bei ihm im Tempel passiert war. Ich wusste ihren Namen nicht mehr, aber was ich noch wusste, war, dass das, was sie getan hatte, Tsuzuku einen ziemlichen Schlag versetzt hatte. Auch, wenn er nicht viel darüber gesprochen hatte. Ich hatte einfach das Gefühl, dass es da begonnen hatte, und es war diese Art von Gefühl, die mich selten trog.

 

Da ich heute nichts weiter zu tun hatte, beschloss ich, dem Ganzen mal etwas genauer nachzugehen. Wenn Tsuzuku mir nicht sagen konnte oder wollte, was los war, musste ich es eben, so gut es ging, selbst herausfinden. Ich stand auf, packte meine Handtasche, schrieb für Tsu einen Zettel („Bin Mama und Papa besuchen.“) und verließ die Wohnung in Richtung Bahnhof, um in meine Heimatstadt zu fahren. Mein Ziel war der Tempel, vielleicht konnte ich dort mit jemandem sprechen, zum Beispiel mit Tsuzukus Zimmergenossen Komori, falls dieser noch dort war.

Im Zug kam mir kurz der Gedanke, dass es vielleicht nicht ganz richtig war, wenn ich meinem Freund sozusagen nachspionierte, doch ich rechtfertigte das vor mir selbst damit, dass ich mir Sorgen um ihn machte und ihm vielleicht helfen musste.

 

Ich ging direkt zum Tempel, die Frau am Eingangstresen kannte mich noch und ich fragte nach Frau Sato. Doch die war nicht da und ich erfuhr, dass ausgerechnet sie es war, die Tsu heute zu dem Vorstellungsgespräch begleitete. Und außerdem dürfe sowieso keiner hier mir Informationen geben, wegen der Schweigepflicht. Da nützte es auch nicht, dass ich sagte, dass ich Tsuzukus engste Bezugsperson war und er außer mir, meinen Eltern und Koichi niemanden hatte.

„Komori… noch da…?“, fragte ich schließlich.

„Ja, der ist noch hier“, sagte die Frau und erlaubte mir auch, zu dem Zimmer zu gehen, in dem Tsu mit ihm zusammen gewohnt hatte.

 

Komori saß auf dem Bett und rauchte, als ich die Tür öffnete und das Zimmer betrat.

„Na“, sagte er. „Wie geht’s Tsu?“

„Geht… so…“, antwortete ich. „Er… hat irgendwas… und ich weiß… nicht, was… Hat er… zu dir mal… irgendwas gesagt…?“

„Nein“, antwortete Komori. „Seit wann ist er denn schon so?“

„Ich glaube… das… ging schon los, als… als das mit… der Frau hier… passiert ist…, die sich verletzt hat. Seitdem… ist er… langsam… irgendwie… anders geworden…“

„Hitomi?“

Jetzt erinnerte ich mich wieder an den Namen und nickte.

Komori stand auf, drückte seine Zigarette in den Aschenbecher und sagte dann: „Mach mal die Tür zu. Ich glaube, ich weiß da was.“

Ich schloss die Schiebetür hinter mir und setzte mich auf das leere Bett, das zuvor für ein paar Monate Tsuzukus gewesen war.

 

Und dann erzählte Komori mir folgendes: In der Nacht damals war er vom Sirenengeheul aufgewacht und hatte gesehen, dass Tsuzukus Bett leer war. Er hatte jedoch nur angenommen, dass Tsu einfach nicht schlafen konnte und ein bisschen rausgegangen war, und gedacht, die Sirenen kämen von einem einfach vorbeifahrenden Krankenwagen. Deshalb war er nicht aufgestanden und hatte stattdessen gewartet, bis Tsuzuku wieder ins Zimmer kam. Als der dann wiederkam, bemerkte er offensichtlich gar nicht, dass Komori wach war. Doch dieser sah ihn, wie er schwankend hereinkam, die Tür hinter sich zuknallte, taumelnd ins Bett fiel und sich die Decke über den Kopf zog. Komori glaubte auch, unterdrücktes Weinen gehört zu haben, doch da war er sich nicht sicher.

Am nächsten Morgen fehlte Hitomi, und Komori erfuhr, dass sie sich beinahe umgebracht hatte. Er ging davon aus, dass Tsuzuku die daraus folgende Aufregung im Tempel nachts mitbekommen hatte und deshalb so geschockt gewesen war.

„… Aber irgendwie kam mir das so vor, als ob da noch mehr dahinter steckte“, schloss er und sah mich dann an.

 

Ich nickte. „Wo… ist Hitomi …jetzt?“, fragte ich.

„Sie ist nicht mehr hierher zurück gekommen, sondern gleich in die Psychiatrie. Ob sie da noch ist oder nicht, weiß ich nicht“, sagte Komori. „Sag mal, kannst du Tsuzuku ausrichten, dass ich in ein paar Tagen in meine neue Wohnung ziehe und dass er mich da mal besuchen soll? Er hat die Adresse schon.“

„M-hm“, machte ich, nicht wissend, wie ich Tsu überhaupt erklären sollte, dass ich Komori getroffen hatte. Wahrscheinlich musste ich lügen und sagen, dass ich ihm in der Stadt begegnet war oder so.

 

Ich verabschiedete mich wieder von Komori und machte mich auf den Weg zu meinem Elternhaus. Dabei kam ich, ohne dass ich es zuerst so recht bemerkte, durch ein Viertel, das mir erst, als ich an einem bestimmten Haus vorbeikam, Erinnerungen wieder wachrief, die ich bis jetzt ziemlich erfolgreich vergraben hatte. Es war die Gegend, in der MiA lebte, und ich blieb unwillkürlich stehen, als mein Blick im Vorbeigehen an dem Fenster im zweiten Stock hängen blieb, das zu seiner Wohnung gehörte. Hinter der Scheibe sah ich seine weiße, plüschige Katze sitzen und hinausschauen, und Sekunden später ertappte ich mich selbst dabei, wie ich ein wenig hoffte, dass er ebenfalls ans Fenster kam und mich sah. Es tat seltsamer- und glücklicherweise kaum weh, hier zu stehen und zu seiner Wohnung hochzuschauen. Doch es war definitiv besser, wenn ich jetzt schnell weiter ging, bevor er wirklich noch ans Fenster kam und mich bemerkte. Ich lächelte der Katze (Sawako hieß sie, oder?) ein wenig zu, dann ging ich weiter.

 

Als ich dann mein Elternhaus erreichte, fühlte sich das irgendwie merkwürdig an. Nicht schlecht, aber … seltsam eben. Ein bisschen so, als würde ich in ein Leben zurückgehen, das nicht mehr so sehr meines war, obwohl es ja gerade einmal ein paar Tage waren, die ich nicht mehr hier wohnte. Ich verstand jetzt, warum Tsuzuku nicht mehr in den Akutagawa-Park wollte.

„Yuu!“, begrüßte Mama mich strahlend an der Tür und umarmte mich.

„Hey, Mom.“

„Wie geht’s dir?“

„Okay“, antwortete ich, zog meine Schuhe aus und folgte Mama in die Küche.

 

„Und Genki? Geht es ihm besser?“

Ich setzte mich auf meinen alten Platz am Küchentisch und schüttelte den Kopf.

„Was ist denn los?“, fragte Mama, während sie zwei Teetassen aus dem Schrank holte.

„Weiß nicht. Er … hat irgendwas, aber er … will nicht mit mir … drüber reden.“

Mama gegenüber wurde es mit dem Sprechen auch immer besser. Seit wir uns wieder näher standen, stockte meine Sprache bei ihr nur noch ein wenig. Vielleicht, so vermutete ich, brauchte ich einfach viel Vertrauen, um richtig sprechen zu können.

„Was, warum denn nicht?“

„Ich hab … keine Ahnung. Ich mach mir … Sorgen um ihn, …aber er sagt immer nur ‚Alles okay‘ …und so was. Manchmal bin ich… ganz nah dran, aber er …blockt immer ab...“

Mama stellte mir eine der Tassen hin und begann, Tee zu machen.

„War er eigentlich mal beim Psychologen oder so?“, fragte sie.

„Im Tempel“, antwortete ich. „Aber … ich glaube nicht, … dass Tsu da wirklich … geredet hat.“

 

Erst jetzt wurde mir klar, dass ich gerade zum ersten Mal überhaupt darüber sprach, dass mein Freund offenbar ein schmerzhaftes Geheimnis vor mir hatte. Und wie große Sorgen ich mir tatsächlich um ihn machte. Ich hatte Angst, dass er das Vorstellungsgespräch, das in diesem Moment stattfand oder vielleicht schon vorbei war, nicht packte, und dass ihn das runterziehen würde. Runterziehen, das konnte in seinem Fall auch einen Rückfall bedeuten. Ich erinnerte mich noch allzu gut an die Anfangszeit unserer Freundschaft, als es ihm richtig, richtig schlecht gegangen war und ich unheimliche Angst um ihn gehabt hatte. Auf keinen Fall durfte er in diese alten Muster zurückfallen!

 

Dass ich kurz vorm Weinen war, merkte ich erst, als Mama mich auf einmal in den Arm nahm.

„Yuu“, sagte sie leise, und das reichte, damit mir die ersten Tränen über die Wangen liefen. „So schlimm, das alles?“

Ich nickte weinend, spürte erst jetzt so richtig, wie sehr mich die Sorge um Tsuzuku belastete und dass ich wieder Angst um ihn hatte. Warum war denn schon wieder alles so schwer? Warum sagte er mir nicht, was los war?! Es verletzte mich, dass er mir offenbar doch weniger vertraute, als ich gedacht hatte, oder mir nicht zutraute, mit seinem Problem klarzukommen. Wir hatten doch so viel zusammen durchgestanden!

„Ihr müsst miteinander reden“, sagte Mama, ließ mich los und sah mich an. „Sonst tut ihr euch gegenseitig immer mehr weh. Schau, wie sein Gespräch heute gelaufen ist, und dann, ob du heute Abend oder so mit ihm reden kannst.“

„Er wird… nur sagen, …dass ich mir …keine Sorgen machen… soll…“ Ich schniefte und fuhr mir mit der Hand über die Augen, was meinem Make-up natürlich den Rest gab. Irgendwie, so dachte ich, musste ich Tsuzuku doch zeigen und beweisen können, dass ich ihn über alles liebte und dass er mit mir über all das sprechen konnte, was in ihm vorging. Nur wie, das wusste ich nicht.

 

Ich blieb noch eine Weile, trank den Tee, den Mama mir einschenkte, und beruhigte mich wieder. Mein Make-up stellte ich in Mamas Badezimmer mit ihren Sachen wieder her. Dann wollte ich zurück in mein neues Zuhause, auch weil das Vorstellungsgespräch inzwischen vorbei und Tsuzuku eigentlich wieder zu Hause sein musste.

Und so verabschiedete ich mich wieder von Mama und versprach, demnächst mit Tsu zusammen wieder zu kommen.

Im Zug hörte ich Musik und versuchte, an nichts zu denken. Es half uns bestimmt nicht weiter, wenn ich jetzt auch noch Angst hatte und niedergeschlagen war. Stattdessen sollte ich, so wie immer, versuchen, meinen Freund so glücklich wie eben möglich zu machen.

 

Als ich unsere Wohnung wieder betrat, sah ich Tsuzuku umgezogen auf unserem Bett liegen, wieder in alltäglichen Kleidern. Er blickte an die Decke und sah ziemlich nachdenklich, fast traurig aus.

„Hey“, sagte ich leise, ging auf ihn zu und setzte mich auf die Bettkante.

Er hob den Kopf, sah mich an und augenblicklich hellte sich sein Gesichtsausdruck auf. „Meto! Ich hab den Job!“ Mit einem Ruck setzte er sich auf und ich umarmte ihn.

„Ich freu mich für dich“, sagte ich, küsste seine Wange, und er schmiegte sich an mich.

 

„Und wo warst du?“, fragte er dann und löste sich wieder von mir.

„Bei meiner Mama. Ich … wollte sie mal besuchen.“ Ich dachte an mein Treffen mit Komori und daran, dass ich Tsu etwas von ihm ausrichten sollte, und fügte hinzu: „Und ich hab Komori getroffen. Er sagt, er zieht bald in seine neue Wohnung und du sollst ihn besuchen.“

„Du warst im Tempel?“ Mein Freund sah mich verwundert an. „Warum das denn?“

Sollte ich lügen? Sagen, dass ich Komori zufällig in der Stadt getroffen hatte? Oder die Wahrheit sagen und damit möglicherweise bewirken, dass Tsuzuku erfuhr, dass ich ihm sozusagen nachspioniert hatte?

 

„Tsu, ich …“, begann ich zögernd.

„Was?“ Er sah mich an und ich glaubte, in seinem Blick zu erkennen, dass er ahnte, dass ich einen Fehler gemacht hatte.

„… Ich wollte …“, brachte ich langsam heraus, und dann ging es ganz schnell, die Worte sprudelten nur so aus mir heraus: „Ich mach mir Sorgen um dich! Deshalb war ich bei Komori. Weil ich dachte, dass er vielleicht ‘ne Ahnung hat, was mit dir los ist! Du bist irgendwie … anders, als ich dich kenne, und das macht mir Angst.“

Tsuzuku sah mich erschrocken an. Ich hatte ihn erwischt. War genau an den Punkt gekommen, den er vor mir zu verbergen versuchte.

 

„Wie … anders?“, fragte er mit zitternder Stimme.

Ich kannte kein Halten mehr. In meinem Kopf war ein Schalter umgesprungen und die Worte, die Angst und Sorge, all das kam hoch und raus. Ihm nicht in die Augen sehen könnend, blickte ich zu Boden, spürte wieder Tränen in meinen Augen und machte meiner Sorge Luft.  

„Tsuzuku, ich merk doch, dass du was hast! Du hast Angst vor irgendwas, und du versuchst, dich zu verstellen! Ich weiß kaum mehr, was in dir vorgeht, weil du nichts sagst, aber ich spüre, dass da was ist, was Großes, und dass du dich davor fürchtest! Und ich krieg Angst um dich, dass du rückfällig wirst und so was! Wieso sagst du mir nicht, was los ist?!“

 

„Meto …“, sagte er leise, ich sah aus dem Augenwinkel, dass er ebenfalls zu Boden blickte. „Meto, ich kann nicht. Ich kann nicht drüber reden. Mit niemandem. Du musst nicht denken, dass ich dir nicht vertraue und dir deshalb nichts sage, das ist es nicht, auf keinen Fall.“

„Sag mir wenigstens ungefähr, was es ist!“, wurde ich laut.

Jetzt konnte ich ihn auch wieder ansehen, sah die Verzweiflung in seinem Blick. Und er schüttelte den Kopf.

„Meto, bitte, lass uns ein anderes Mal darüber reden. Ich bin ziemlich erschöpft, dieses Vorstellungsgespräch war nicht so einfach für mich, und …“ Er schwieg einen Moment, sah mich lange an und fügte dann hinzu: „… Du hast Recht. Ich habe Angst. Und ich … spüre auch, dass ich wieder … unter Druck gerate.“

„Kann ich …“, fragte ich leise, „… irgendwas für dich tun?“

Tsuzuku hob die Hand, berührte meine Wange, streichelte mich und sagte: „Warte bitte … auf mich. Irgendwann kann ich dir sagen, was los ist. Ich muss nur erst mal selber damit klarkommen. Bis dahin … sei einfach meine Sonne, Meto. Das kannst du doch, oder?“

Ich nickte, versuchte auch, ein wenig zu lächeln. Tsu beugte sich vor, seine Hand wanderte in meinen Nacken und er küsste mich, ganz vorsichtig und sanft. Und irgendwie schaffte er es damit, dass ich mich beruhigte.

 

Tsuzuku stand auf, ging aus dem Zimmer auf den Flur, ich folgte ihm und sah, wie er seine Schuhe und die Jacke anzog.

„Wo … gehst du hin?“

„Die Straße runter ist dieses Sportstudio, da will ich mich anmelden. Ich ... brauche was, wo ich mich auspowern kann.“

 

Ich nickte nur, und ging dann, als er weg war, in die Küche, um so was wie ein Mittagessen für uns zu machen. Ich hatte Koichi neulich genau zugesehen und glaubte, dass ich es schon irgendwie hinbekommen würde, dass nicht alles anbrannte. Und wenn doch, dann waren da immer noch zwei Tiefkühlpizzen.

Und so machte ich mich ans Werk, versuchte mithilfe von Mamas Kochbuch, aus dem, was wir im Schrank hatten, ein schönes Essen zu zaubern, etwas, von dem Tsu gern essen würde. Irgendwann fing es sogar an, mir richtig Spaß zu machen. Es war gar nicht so kompliziert, wie ich gedacht hatte, und am Ende saß ich zufrieden am Tisch, auch wenn ich es nur zu Nudeln mit Soße gebracht hatte. Aber immerhin, es war essbar und schmeckte sogar gut.

 

Und als Tsuzuku dann nach einer ganzen Weile wiederkam, fragte er schon im Flur, was denn hier so gut roch.

„Ich hab gekocht“, antwortete ich, zugegebenermaßen ziemlich stolz auf mein Werk.

„Das ist gut, ich hab Hunger.“ Er setzte sich auf seinen Platz mir gegenüber und nahm sich eine Kelle voll Nudeln, dann Soße und ein bisschen Pfeffer.

Ich wunderte mich ein bisschen, wollte mir aber nicht andauernd Sorgen um ihn machen und sagte deshalb nichts, auch nicht, als er zu essen begann und das ziemlich gierig wirkte.

„Mmmh, das ist sehr gut“, sagte er zwischendurch und ich lächelte, aß ebenfalls und freute mich, dass es Tsuzuku offenbar gut ging, auch wenn ich nicht recht verstand, warum er jetzt auf einmal so gut drauf war.

 

„Hast du heute noch irgendwas vor?“, fragte er nach dem Essen.

„Nein, nicht wirklich. Wieso?“

„Weil ich gerne mit dir zum Strand gehen würde. Und danach vielleicht ins Schwimmbad hier, was meinst du?“

„Ja … Ja klar, gerne“, antwortete ich. „Aber wie kommst du darauf?“

„Ich hab jetzt ‘nen Job, das müssen wir doch feiern“, antwortete er lächelnd.

Vielleicht sollte ich mich gar nicht so viel fragen, was denn wohl die Gründe für Tsuzukus Launen waren, sondern mich einfach freuen, wenn es ihm gut ging, und mir nur dann Sorgen machen, wenn er wirklich ein Problem hatte.

 

Wir packten uns eine Tasche mit Badesachen, Handtüchern und so weiter, verließen die Wohnung und nahmen die Stadtbahn in Richtung Strand. Heute war es zwar kühl, windig und bewölkt, aber das machte mir wenig aus, solange es nur nicht regnete.

Das Meer hatte diese schöne, graublaue Farbe, da waren viele Wellen und die Möwen tanzten im Wind über dem Wasser, ich hörte ihre typischen Schreie und fühlte mich auf einmal richtig gut. Wir gingen runter auf den grauen Sand, blieben dort, ganz nah am Wasser, eine Weile stehen. Tsuzukus Arm um mich, seine Nähe, das Meer, der Wind, der uns durch die Haare fuhr, das erinnerte mich an unsere Reise damals. Wir waren als beste Freunde losgefahren und als Liebende zurückgekehrt, zuerst war es noch heimlich gewesen, jetzt waren wir ein richtiges Paar.

 

Tsuzuku zog mich eng an sich, ich sah ihn an und fand ihn auf einmal wahnsinnig wunderschön. Nicht, dass ich ihn nicht sonst auch schön fand, aber in diesem Moment war da so ein Strahlen in seinen Augen, das mich beinahe schon rührte und mein Herz wie wild klopfen ließ.

„Ist dir kalt?“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, gar nicht.“

„Du zitterst ein bisschen.“

„Ich bin … irgendwie aufgeregt. Weil ich … dich so wahnsinnig lieb habe.“

Er lachte leise, dieses liebe, süße Lachen, dann antwortete er: „Dann lass uns mal ins warme Wasser gehen, bevor du noch wirklich frierst.“

Fast hätte ich erwidert, dass er ja wohl derjenige war, der eher zu frieren anfing, doch im letzten Moment ließ ich es, wollte nicht schon wieder dieses Thema hochholen.

 

Das Schwimmbad war nur ein kleines Stück vom Strand entfernt, und es war eins von diesen ganz modernen Bädern, in denen wir wegen unserer Tattoos und Piercings wohl keine Probleme zu erwarten hatten. Wir zogen uns schnell um und in der Vordusche dachte ich kurz daran, wie ich im vergangenen Jahr immer mit Tsuzuku im Badehaus unserer Heimatstadt gewesen war. Ich war mir sicher, dass er sich jetzt ebenfalls daran erinnerte.

 

Zum Glück war es nicht sehr voll, aber weder ich noch Tsu hatte großartig Lust, richtig zu schwimmen. Stattdessen fanden wir eine Grotte in einem der kleineren Wasserbecken und setzten uns dort hinein, um ein bisschen für uns allein zu sein. Das Wasser war aufgeheizt und roch ein wenig nach Salz, vielleicht kam es aus dem Meer.

Es dauerte nicht lange, bis Tsuzuku die Privatsphäre unseres ‚Verstecks‘ nutzte und begann, mich zu streicheln und zu küssen, was ich mit einem angetanen Seufzen erwiderte und ihn ebenfalls ein wenig anfasste. Durch sein Training den Winter über hatte er schön an Bauch- und Armmuskeln zugelegt, die ich jetzt unter meinen Händen spürte, und die ihn weniger mager wirken ließen.

 

An der gekachelten Wand hing ein kleines Hinweisschild mit Uhrzeiten, zu denen das Wasser hier zu sprudeln anfing, und als es das schließlich auch tat, stand Tsu kurz auf, lächelte und kniete sich dann über meine Beine, sodass ich ihn richtig umarmen konnte. Ein bisschen vorsichtig, drückte er sich an mich, senkte den Kopf, bis seine Lippen an meinem Ohr waren, und sprach, gerade so laut, dass ich es durch das Geräusch des Wassers verstehen konnte: „Ich … würd das gern so lassen. Dass ich dich einfach küssen und berühren kann, … ohne gleich mit dir schlafen zu wollen.“

„Dann mach das doch so“, antwortete ich.

„Ich … kann mich kaum beherrschen. Am liebsten würde ich jetzt mit dir zurück nach Hause und ins Bett, dich nehmen und spüren, dass du fest zu mir gehörst. Aber … andererseits will ich das nicht.“ Er hob die Hand, sah mich an und strich mit dem Daumen sanft über meine Lippen. „Meto, ich will, dass es romantisch ist zwischen uns. Und das … kriege ich beim Sex nicht so hin, das Romantische.“

 

Zum ersten Mal seit Wochen hatte ich wieder das Gefühl, dass Tsuzuku wirklich mit mir redete, mir einen Blick auf sein Innerstes erlaubte und so offenherzig war, wie ich ihn kannte. Ich legte meine Arme um ihn, zog ihn an mich und küsste ihn, innig und liebevoll, versuchte, ihm zu verstehen zu geben, dass ich seine Mühen zu schätzen wusste. Er seufzte genießend, schmiegte sich an mich, seine Hände strichen über meinen Rücken und auf einmal kam mir das ohnehin sehr warme Wasser noch heißer vor. Ich ahnte, in welche Richtung das hier ging, aber es fühlte sich einfach zu gut an, um mich dagegen zu wehren.

„Meto …“, flüsterte Tsuzuku. „Ich liebe dich, so, so, so sehr …“

„Ich dich auch, sehr, aber …“ Ich nahm mich zusammen, sammelte das ein, was in diesem Moment von meinen aktiven Hirnzellen noch übrig war, und brachte ein wenig Abstand zwischen uns.

Er stoppte, ließ mich los, stieg von mir runter und setzte sich wieder neben mich. „Tut mir leid … Es überkommt mich einfach so …“

„Ist doch nicht schlimm“, sagte ich. „Aber du hattest eben noch gesagt, dass du’s langsamer angehen lassen willst, deshalb …“

Tsuzuku lächelte, drückte mir einen kurzen Kuss auf die Lippen und stand auf. „Komm, wir gehen noch ein bisschen schwimmen.“

 

Wir stiegen aus dem heißen Wasser und gingen wirklich noch ein paar Bahnen schwimmen. Danach blieben wir noch ein bisschen am Rand und sahen den anderen Menschen zu. Tsu wirkte ziemlich entspannt und ab und zu lächelte er mich an.

 

Als wir, abgetrocknet und angezogen, das Schwimmbad wieder verließen, war es schon ganz dunkel draußen und noch windiger als vorhin. Wir gingen noch mal runter zum Strand, Tsuzuku umarmte mich wieder und wir blieben eine Zeit lang einfach so stehen.

„Heute Nacht machen wir nichts“, sagte er nach einer Weile. „Ich bin viel zu erschöpft, und außerdem … will ich mich jetzt wirklich mal beherrschen lernen.“

Ich wollte erwidern, dass er das nicht musste, doch er legte mir den Zeigefinger auf die Lippen.

„Shhh… Das ist meine Entscheidung.“

 

Bald darauf fuhren wir mit der Stadtbahn nach Hause zurück. Ich spürte, dass Tsuzuku sich Mühe gab mit der Selbstbeherrschung, aber es schien ihm so gut zu gehen, dass ich mir jetzt keine Sorgen machte. Im Zug nahm er zwar meine Hand, hielt aber sonst einen gewissen Abstand zu mir, und auch, als wir am Haus angekommen waren, wirkte er ganz ruhig und beherrscht. Immer, wenn er mich ansah, war da dieses feine, hübsche Lächeln auf seinen Lippen, das mir versicherte, dass er sich gut fühlte und das gab mir fast noch mehr Sicherheit, als wenn er mich geküsst hätte.

 

Wir machten uns gleich bettfertig, ohne noch etwas zu essen, und gingen dann ins Schlafzimmer. Tsuzuku streckte die Arme nach mir aus und ich legte mich zu ihm, ganz nah, wollte seine Nähe spüren, sein Atmen, seinen Herzschlag. Er trug ein einfaches weißes T-Shirt und schwarze Shorts als Schlafsachen und ich wusste, er war jetzt nicht dazu zu bewegen, sich auszuziehen und noch irgendwas zu machen. Statt auf den Mund gab er mir einen Kuss auf die Stirn, zog mich nicht so eng an sich wie sonst und sagte leise: „Ich mach jetzt Ernst, Meto. Ich werde mit aller Mühe, die ich mir geben kann, versuchen, gut zu dir zu sein.“

„Bist du doch schon. Tsu … hab ich mich jemals beschwert, dass du mir kein guter Freund bist? Nein. Weil ich dich liebe, so, wie du bist. Du musst dich nicht großartig verändern.“

„Das ist lieb von dir. Aber ich ertrag mich selber kaum noch. Ich muss was ändern.“

„M-hm …“ Mehr wusste ich nicht zu sagen. Tsuzuku schien sich in diesem Moment ganz sicher zu sein. Ich ahnte zwar, dass er auch noch wieder anders denken würde, spätestens dann, wenn ich wieder anfing, ihn zu verführen, aber für diesen Moment war das so okay.

 

Und so blieben wir einfach so liegen, ich streichelte ihn ein wenig und er mich, und schließlich holte ich Ruana dazu. Tsuzuku lächelte, tippte ihr auf die schwarze Bärchennase und entschuldigte sich bei ihr dafür, dass sie wegen seiner Sehnsucht nach mir kaum noch geknuddelt wurde.

„Wie lange hast du sie schon?“, fragte er mich.

„Schon seit ich klein war, so vier oder fünf“, antwortete ich. „Sie sah auch nicht immer so aus.“

„Wer hat sie denn so … schick gemacht?“

„Sie ist mal kaputt gegangen, da hat meine Oma sie so repariert.“

Tsuzuku lachte leise. „Deine Oma, die jetzt auf Kyushu lebt?“

„Nein, die andere. Die lebt schon nicht mehr.“

„Oh …“

„Sie ist gestorben, als ich neun war. Muss dir nicht leidtun oder so, ich bin längst drüber hinweg.“

 

Wir redeten noch ein wenig über meine Familie, so dies und das, ich erzählte Tsuzuku ein bisschen was aus meiner Kindheit und er hörte mir einfach zu. Über seine Familie sprachen wir nicht, oder fast nicht, denn er erzählte kurz, dass er seine Großeltern nie kennen gelernt hatte.

„Du kannst meine Familie mit haben“, sagte ich lächelnd. „Für Mama und Papa gehörst du sowieso schon dazu.“

Als Antwort wurde ich fest umarmt und bekam einen Kuss.

„Danke“, flüsterte Tsuzuku, und ich dachte an das mit seiner Mama, fragte mich, ob es wohl möglich war, dass er irgendwann darüber hinweg kam. Konnte man über so etwas denn hinweg- und damit zurechtkommen? So ganz, dass es nicht mehr weh tat? Wahrscheinlich nicht, dachte ich.

 

Tsuzuku bemerkte, dass ich nachdenklich wurde, und fragte: „Woran denkst du?“

Ich antwortete nicht, wollte ihn nicht daran erinnern, und umarmte ihn einfach ganz fest.

„Ich bin für dich da, Tsu. Vergiss das nie.“

Wir blieben so liegen, irgendwann hörte ich seine gleichmäßigen schlafenden Atemzüge und sah, dass er eingeschlafen war. Ich gab ihm einen sanften Kuss und hielt ihn weiter, bis ich selbst einschlief.

Der 6. März begann für mich damit, dass ich mit leichten Kopfschmerzen aufwachte und feststellte, dass ich mich im Schlaf vollkommen in meiner Bettdecke verheddert hatte. Ich konnte mich nicht wirklich daran erinnern, etwas geträumt zu haben, doch anscheinend hatte ich eine recht unruhige Nacht hinter mir, denn wie ich einen Moment später bemerkte, lag ich falsch herum im Bett, spürte das Kopfkissen an meinen Füßen.

Seufzend wickelte ich mich umständlich aus der Decke, setzte mich auf und betrachtete einen Moment lang einfach mein pinkschwarzes Schlafzimmer, bevor ich aufstand und begann, meine Klamotten für heute rauszusuchen.

 

„Kocha, was ist eigentlich los mit dir?“, murmelte ich auf dem Weg ins Bad zu mir selbst und sah mich im Vorbeigehen im Flurspiegel an.

Oh mein Gott!

Ich starrte mein Spiegelbild ziemlich fassungslos an, denn das, was mich da anschaute, hatte weniger Ähnlichkeiten mit mir, als vielmehr mit einer Art Gespenst. Nicht nur, dass meine Haare einem Vogelnest ernste Konkurrenz machten, ich hatte außerdem dunkle Schatten um die Augen und war recht blass um die Nase.

Willens, meine Schönheit umgehend wiederherzustellen, huschte ich ins Bad, direkt unter die Dusche, und griff dann, als ich mit Duschen fertig war, tief in meine Make-up- und Styling-Trickkiste, um mich wieder in den hübschen, schlafstörungsfreien Koichi zurück zu verwandeln, als den ich mich kannte.

 

Als ich mir schließlich wieder einigermaßen gefiel und öffentlichkeitstauglich aussah, war es schon ziemlich spät und ich musste das Frühstück in meiner Wohnung ausfallen lassen. Stattdessen würde ich mir wohl am Bahnhof ein Sandwich oder dergleichen holen. Ich schnappte mir meine Handtasche, kuschelte mich in meine Jacke und verließ meine Wohnung in Richtung Bahnstation.

Im Zug hörte ich ziemlich laut Musik, um wach zu werden und in Schwung zu kommen. Es war immer noch dämmrig draußen und ich war froh, dass der Bahnhof gut ausgeleuchtet war.

 

Kaum ausgestiegen, sah ich Meto auf einer der Bänke sitzen. Er wirkte jedoch ziemlich tief in Gedanken versunken und bemerkte mich erst, als ich direkt vor ihm stand und laut „Hey!“ sagte. Er schrak ein wenig zusammen, sah auf und erkannte mich.

„… Hi, Koichi …“, sagte er leise.

„Na, bereit für deinen ersten richtigen Arbeitstag?“, fragte ich.

Meto nickte und sein Gesicht hellte sich etwas auf.

 

Wir verließen den Bahnhof in Richtung unseres von nun an gemeinsamen Arbeitsplatzes und ich versuchte, eine Unterhaltung mit ihm anzufangen, indem ich danach fragte, wie es Tsuzuku ging und ob dieser seinen Wunschjob bekommen hatte.

Meto nickte und erzählte mir, dass sie beide, um diesen Erfolg zu feiern, zusammen schwimmen gewesen waren.

 

Ich konnte mir das nur zu gut vorstellen. Und ich musste zugeben, dass mich nach meiner Recherche letztens irgendwie doch ein wenig interessierte, wie Tsuzuku sich verhielt, wenn er mit Meto allein war. Das zwischen den beiden war so innig und besonders, dass ich … nun ja, ein wenig neidisch war. Immerhin hatte ich selbst zurzeit nicht mal die Aussicht auf ein baldiges Ende meines Singledaseins.

 

„Koichi?“, riss mich Meto mit leiser Stimme aus meinen Gedanken. „Kann ich… dich was …fragen?“

„Was denn?“

Es dauerte einen Moment, bis Meto antwortete, er blickte zu Boden und schien nicht recht zu wissen, ob er diese Frage nun stellen sollte oder lieber nicht. „…Hat Tsuzuku …mal was zu dir gesagt, ob… irgendwas …mit ihm ist?“

Meto wusste es also auch nicht, genau wie ich. Wir schienen in Bezug darauf, dass Tsuzuku irgendwas mit sich herumschleppte, in derselben Lage zu sein, nicht zu wissen, was mit ihm los war.

„Na ja …“, sagte ich, „er hat mir nur gesagt, dass er nicht darüber sprechen kann. Dass er noch Zeit braucht. Dir sagt er also auch nicht mehr?“

Meto nickte wieder.

 

„Was …hat er dich… denn gebeten, nachzuschauen…?“, fragte er dann.

Erst wusste ich nicht, ob ich ihm das sagen sollte. Schließlich war es etwas gewesen, um das Tsuzuku mich im Vertrauen gebeten hatte, und vielleicht wollte er nicht, dass ich mit Meto darüber sprach. Doch andererseits … wenn es vielleicht mit dem zusammenhing, weshalb wir beide uns solche Sorgen um ihn machten, hatte sein fester Freund doch irgendwo ein Recht darauf, dass ich ihm sagte, was ich wusste.

„Ich weiß gar nicht, ob du das wissen sollst …“, sagte ich. Wir hatten inzwischen das Café erreicht und ich blieb stehen.

„Kocha, sag’s mir, bitte… Ich mach… mir Sorgen um Tsu, …und wenn du …was weißt…“

„Also gut“, erwiderte ich. „Komm mit, ich sag es dir in der Umkleide, okay?“

 

Nachdem wir dann das übliche ‚Guten Morgen‘ und so weiter mit meinen Kollegen hinter uns gebracht hatten, zu zweit in der Umkleide standen und uns umzogen, erzählte ich Meto, was ich genau für Tsuzuku recherchiert hatte und was dabei herausgekommen war.

Ich verschwieg sämtliche Namen irgendwelcher Störungen, da ich mir absolut sicher war, dass besser keiner der beiden solche unheimlichen Bezeichnungen erfuhr, und sagte wahrheitsgemäß, dass ich rein gar nichts davon hielt, Tsuzukus nächtliches Verhalten in irgendeiner Form als gestört zu deklarieren.

 

„So ähnlich… sag ich ihm… das auch immer…“, sagte Meto leise. „Aber …er scheint …da nicht auf mich …zu hören. Eigentlich weiß er… dass ich… es mag, …wenn er so …dominant ist…“

„Hat er eigentlich mal irgendwo ein Buch über psychische Störungen gelesen, oder wie kommt er darauf, sich da als krank zu bezeichnen?“, fragte ich.

Meto schüttelte den Kopf. „Hab ich …noch nie gesehen, …dass er …so ein Buch… hatte…“

„Kennst du dich überhaupt irgendwie mit so was aus, also mit psychischen Sachen?“

Wieder Kopfschütteln seitens Meto. „Gar …nicht…“

„Ich auch nicht. Na ja, ich weiß ein bisschen was, so das, was man so hört und so. Aber was Tsuzuku sich da zusammendenkt, versteh ich auch nicht.“

 

In dem Moment kam Haruma, einer meiner Kollegen, herein. „Wo bleibt ihr denn?“

„Wir hatten noch was zu besprechen“, sagte ich, sah Meto noch einmal von oben bis unten an (er trug das blaue Kleid und die Perücke, die ich letztes Jahr in meinem Lieblingsladen für ihn ausgesucht hatte), befand sein Outfit für süß und fühlte mich ein bisschen wie sein Senpai. Ich wollte mein Bestes geben, dass er sich hier wohl fühlte und gern arbeitete.

„Komm, Meto, der Chef will dich sehen“, sagte Haruma.  

 

Meto wirkte unheimlich aufgeregt, als wir zum Büro unseres Chefs gingen. Verständlich, war es doch meinem Wissen nach das erste Mal, dass er sich für einen Job vorstellte. Er hatte mir erzählt, dass er seit dem Schulabschluss nichts mehr wirklich gemacht und seine Tage stattdessen im Park verbracht hatte. Grund dafür war wohl sein Problem mit dem Sprechen.

Bevor ich die Bürotür öffnete, legte ich Meto kurz die Hand auf die Schulter. „Du schaffst das schon.“

Er nickte etwas unsicher, atmete tief durch und betrat das Büro.

Ich wandte mich meiner Arbeit zu, die wieder einmal darin bestand, Kuchen aus dem Kühlraum in die Theke zu bringen und die Selbstreinigungsautomatik der Kaffeemaschinen anzuwerfen. Schon standen die ersten Mädels vor der Tür, die hier frühstücken wollten, und ich öffnete die Eingangstür, begrüßte die Gäste mit meinem üblichen Lächeln und erkannte unter ihnen auch die eine oder andere Stammbesucherin.

 

Als ich schon mitten bei der Arbeit war, kam Meto endlich von dem Gespräch zurück. Er strahlte glücklich und ich freute mich unheimlich, ihn jetzt zu meinen Kollegen zählen zu dürfen. An seinem Kleid glitzerte das mit silbrigem Glitter verzierte Namensschild mit der Katakana-Aufschrift ‚Meto‘ und er schien sehr stolz darauf zu sein.

„Na, geschafft?“, fragte ich.

Er nickte strahlend, legte dann den Kopf ein wenig schief und sah mich mit großen Augen an.

„Und jetzt sagst du nichts mehr?“

Breites Grinsen, Kopfschütteln und lautloses Lachen war die Antwort.

Die Mädchen am Tisch hinter mir machten sich gar nicht erst die Mühe, ihr begeistertes Quietschen zu unterdrücken.

„Meto-chaaaan!“, rief eine. „Einen Chai-Tee bitte!“

Er sah mich fragend an und ich ging mit ihm zur Theke, um ihm zu zeigen, wie man so einen Tee zubereitete.

 

Der Vormittag lief ziemlich gut. Ich kam zuerst zwar kaum selbst dazu, die nach mir rufenden Mädchen zu bedienen, weil ich mich heute erst einmal mehr um Meto kümmern wollte, doch mit der Zeit kam er immer besser allein zurecht und ich konnte mich wieder meiner eigenen Arbeit zuwenden.

Es machte mich ziemlich happy, zu sehen, wie er aufblühte und fast die ganze Zeit über lächelte. Wenn Meto so strahlte, dann konnte ich gut nachvollziehen, warum Tsuzuku ihn als seine Sonne bezeichnete und so sehr liebte. Für jemanden wie Tsu, der im Leben solche Dunkelheit erlebt hatte, war ein so süß lächelnder, lieber Mensch wie Meto wie geschaffen.

 

Die Mittagspause konnten wir leider nicht zusammen verbringen, da es um die Zeit eine Menge für mich zu tun gab und ich deshalb meine etwas nach hinten verschieben musste, während Meto schon gegen zwölf Uhr eine Pause machen konnte. Er wirkte ein bisschen erschöpft, was ja kein Wunder war, schließlich war er Arbeit nicht gewöhnt. Doch es schien ihm gut zu gefallen und er hatte offenbar eine Rolle gefunden, die er hier spielen konnte und mit der er auch gut ankam.

 

Am Nachmittag hatten wir dann endlich wieder eine Gelegenheit zu einer gemeinsamen Pause. Wir standen im Hinterhof an der Wand, ich rauchte und bot Meto auch eine Zigarette an. Doch er schüttelte den Kopf.

„Ich hab dich doch schon rauchen gesehen“, sagte ich.

„…Will aber …aufhören“, antwortete er. „Tsu …raucht schon… so viel…“

Ich nickte. Mir war auch schon aufgefallen, dass Tsuzuku, seit er es sich wieder leisten konnte, sehr viel rauchte, und fand es da verständlich, wenn Meto damit aufhören wollte.

 

„Sag mal …“, begann ich, „Ohne dich jetzt irgendwie ausfragen zu wollen … Aber, na ja, ich wüsste gern, wie Tsuzuku eigentlich auf die Idee kommt, seinen Anteil an eurem Intimleben als krank zu bezeichnen. Er ist doch immer lieb zu dir, oder?“

Meto sah mich überrascht an, ein leichter Rotschimmer schlich sich auf seine Wangen und er nickte mit einem kleinen Lächeln. „Ja, ist er. Ich… liebe ihn, und er mich… Deshalb versteh ich’s ja nicht. Er… scheint …zu denken, dass er …mich bedrängt. Nur …weil er mir… ein Mal wehgetan hat. Und dann …ist er auch wieder …anders, kann… kaum die Hände …von mir lassen…“

„Habt ihr seitdem noch mal … miteinander geschlafen?“

„Ja… Und es war schön, …total schön…“

 

„Du hältst mich jetzt für neugierig, oder?“, fragte ich, zugegeben ein wenig unsicher.

Meto lachte, wirkte auf einmal total selbstbewusst und sagte dann, ohne Stocken: „Alles okay, Koichi. Es tut gut, mal mit jemandem darüber zu reden.“

Ich staunte ein wenig. Der Sprachfehler ließ Meto irgendwie so schüchtern und unsicher wirken, doch das war er gar nicht. Zumindest nicht immer. Er war viel mutiger, stärker und selbstbewusster, als er auf den ersten Blick wirkte. Wo auch immer dann sein Problem mit dem Sprechen her kam.

 

„Ich würde euch einfach gern helfen, wenn ich kann und darf“, sagte ich.

„Natürlich… darfst du“ antwortete er.

Den Rest der Pause redeten wir über nicht mehr und nicht weniger als Metos Gefühle für Tsuzuku, ungefähr das, was die beiden zusammen taten, und dass Tsu sich irgendwie verändert hatte.

Mit jedem Satz stockte Meto weniger, sprach flüssiger und wirkte dadurch selbstsicherer. Ich hatte das Gefühl, dass er jetzt endlich wirklich Vertrauen zu mir gefasst hatte, und war mir im Klaren darüber, dass es etwas Besonderes war, wenn er so einfach mit mir sprach. Schließlich wusste ich, dass er lange Zeit nur mit Tsuzuku so flüssig hatte sprechen können.

 

Als wir zurückgingen und uns wieder unserer Arbeit zuwandten, hatte ich das Gefühl, mich mit Meto richtig angefreundet und ihm auch ein wenig geholfen zu haben.

Der weitere Nachmittag verlief ähnlich gut wie der Vormittag und als Meto und ich abends zusammen zum Bahnhof gingen, fragte ich mich, ob Tsuzukus erster Arbeitstag ähnlich gut gelaufen war. Ich hoffte es sehr, denn so, wie er im Moment drauf war, konnte er beruflichen Misserfolg ganz sicher nicht gebrauchen. Ich spürte, dass seine allgemeine Stimmung wieder auf recht unsicherem Boden stand, und etwas in mir erwartete schon, dass es in nächster Zeit schwer mit ihm werden würde.

„Meto?“, fragte ich den Jungen neben mir deshalb, „Kannst du Tsuzuku sagen, er soll mich heute Abend noch mal anrufen?“

„Ja, klar. Kann er ja jetzt. Ich sag’s ihm.“

 

Der Zug in meine Gegend kam früher als der, den Meto nehmen musste, und so ließ ich ihn kurz darauf auf dem Bahnsteig zurück und fuhr nach Hause. Schon in der Bahn hatte ich ein etwas seltsames, irgendwie nicht sehr gutes Gefühl, und als ich ausstieg und in Richtung meines Zuhauses lief, wurde dieses Gefühl immer stärker, bis ich, als ich die Tür aufschloss und die Treppe rauf ging, merkte, dass meine Hände zitterten.

Auf einmal wurde mir seltsam klar, dass ich allein lebte, meine Eltern weit weg waren und ich im Gegensatz zu Meto niemanden hatte, der mich abends empfing, in den Arm nahm und mit mir das Bett teilte. Jetzt am ganzen Körper zitternd, suchte ich meinen Wohnungsschlüssel raus, er fiel zu Boden, ich hob ihn auf, versuchte, die Tür aufzuschließen und traf das Schloss erst beim dritten Versuch.

 

Ich zerrte mir die Schuhe von den Füßen, zog meine Jacke aus und lief automatisch ins Wohnzimmer zum Kotatsu, den ich einschaltete und mir dann Tee machen wollte. Beruhigungstee, damit ich mich wieder einkriegte und darüber nachdenken konnte, was denn eigentlich mit mir los war.

Fast wäre mir die Tasse auch noch runtergefallen, ich hielt sie geradeso fest und ein bisschen Tee schwappte heraus, landete auf dem Küchenfußboden. Leise fluchend, stellte ich die Tasse ab und wischte den Fleck mit einem nassen Lappen auf, dann nahm ich mir den Tee und ging ins Wohnzimmer, setzte mich an den Kotatsu und wartete.

 

Was war denn nur mit mir los? Warum machte es mir auf einmal etwas aus, dass ich eben allein lebte, Single war und im Moment auch keine Aussicht auf eine Freundin hatte? Bisher hatte ich damit doch ganz gut gelebt. Ich war sogar ein bisschen stolz darauf gewesen, dass ich mein Leben so gut allein hinbekam und dadurch Kapazitäten frei hatte, anderen Menschen zu helfen, denen es nicht so gut ging wie mir. Menschen wie Tsuzuku, der ja wirklich litt und Dinge erlebt hatte, die nicht wieder gut zu machen waren. Ihm wollte ich, so gut es eben ging, helfen, und da konnte ich es nicht gebrauchen, dass es mir auf einmal auch schlecht ging, wo ich doch eigentlich gar keinen Grund dazu hatte.

 

In dem Moment hörte ich mein Handy im Flur klingeln. Gerade hatte ich an Tsu gedacht und jetzt war es sicher er, der mich anrief, weil ich ihn über Meto darum gebeten hatte.

Ich fischte mein Handy aus meiner Handtasche und hob mit einem leisen „Ja?“ ab und ging ins Wohnzimmer zurück.

„Koichi?“, hörte ich Tsuzuku am anderen Ende der Leitung fragen.

„Japp“, erwiderte ich, versuchend, fröhlich zu klingen.

„Du wolltest, dass ich dich anrufe?“

„Ja. Du hattest doch heute deinen ersten Tag in dem Tattoo-Studio und da wollte ich fragen, ob alles gut gelaufen ist.“  

 

Eine kurze Stille folgte, ich hörte ein paar Geräusche im Hintergrund, so als ob er von einem Raum in einen anderen ging, dann antwortete er: „Ja, alles gut.“ Und dann: „Na ja … so ganz nicht. Ich hab irgendwie so eine seltsame Angst vor den Leuten. Dass sie schlecht von mir denken, verstehst du?“

„Wieso sollten sie das?“

„Ich komm von der Straße. Und wie ich aussehe …“

„Dein Aussehen wird in einem Tattoo-Studio wohl das geringste Problem sein“, sagte ich. „Und dass du mal auf der Straße gelebt hast, müssen ja nicht alle wissen.“

„Sie wissen es aber. Weil ich es erzählt habe.“

„Warum erzählst du das denn, wenn du doch Angst hast, dass die Leute dich dafür verurteilen?“

Stille. Dann: „Ich weiß es nicht. Ich hab‘s einfach so erzählt.“

Der Tonfall, in dem Tsuzuku das alles sagte, gefiel mir irgendwie nicht. Es war derselbe Tonfall, in dem er mich um die Recherche zu seinem Bettverhalten gebeten hatte. Er klang leicht ironisch, jedoch nicht so wie sonst, und hatte eine deutliche Spur von Aggression gegen sich selbst.

 

Ich schwieg einen Moment, wusste erst nicht, was ich erwidern sollte, und dann sagte Tsuzuku ganz leise: „Koichi, ich hab Angst. Ich hätte da heute einmal fast gebrochen. Ich will davon weg, aber ich merke, wie es mich einholt. Es kommt immer näher …“ Jetzt klang er wirklich nicht mehr gut. Fast schon panisch. Und ich spürte, dass er nah dran war an dem, was er vor Meto und mir verschwieg. Ganz nah.

„Hast du da mal mit der Psychologin vom Tempel darüber gesprochen?“, fragte ich.

„Nein.“

„Warum denn nicht?“

„Weil ich … Ich kann nicht darüber reden. Die Psychologin würde doch sofort merken, dass ich …“

„Dass du was?“

Dieses Gespräch ging eindeutig in eine sehr gefährliche Richtung. Ich war in diesem Moment nicht wirklich in der Lage, Tsuzuku zu helfen, da ich innerlich immer noch mit meinem plötzlichen eigenen Problem zu kämpfen hatte. Doch er schien auf einmal beinahe gewillt, endlich zu sagen, was mit ihm los war, und da durfte ich ihn doch jetzt nicht abblocken, oder?

„Tsu…“, begann ich, doch da hörte ich ein Klicken in der Leitung und dann dieses nervenzerreißende Tuten, das Zeichen, dass er aufgelegt hatte. Ich starrte das Handy in meiner Hand ein paar Momente lang an, dann sprang ich auf, trank den letzten Rest Tee aus und lief in den Flur, zog meine Jacke und meine Schuhe an, lief aus der Wohnung und in Richtung Bahnstation.

 

Ich rannte, so schnell ich konnte, die kalte, nächtliche Märzluft brannte in meinen Lungen und als ich keuchend den kleinen Bahnhof erreichte, fuhr gerade die Bahn ein, für das Viertel, in dem Tsuzuku und Meto lebten. Ich stieg ein, die Bahn war so voll, dass ich stehen musste, und erst jetzt spürte ich richtig, dass ich Angst um Tsuzuku hatte. Ich hatte Angst, dass er rückfällig wurde, dass er erbrach und sich verletzte, was ich zwar zum Glück noch nie direkt mitbekommen hatte, aber eben wusste, dass er das schon oft getan hatte.

 

Als die Bahn hielt, stieg ich aus und lief schnell weiter, und mit jedem meiner Schritte nahm meine Sorge weiter zu. Wenn Tsuzuku nicht so einfach aufgelegt hätte, wäre ich jetzt vielleicht nicht ganz so besorgt gewesen, aber so machte ich mir furchtbare Gedanken. Auch, wenn Meto ja sicher bei ihm war.

Ich erreichte das Haus, sah in einem Fenster im zweiten Stock Licht brennen und klingelte Sturm bei dem Schildchen mit der Aufschrift ‚Aoba & Asakawa‘. Es dauerte für mein Gefühl viel zu lange, bis der Türöffner summte, ich die Tür aufdrückte und durchs Treppenhaus nach oben rannte.

 

Völlig außer Atem kam ich an der Wohnungstür an, musste mich erst wieder ein wenig fangen und klingelte dann wieder Sturm. Ein paar Sekunden, Schritte, dann öffnete Meto die Tür. Und er sah ziemlich genau so besorgt aus, wie ich mich fühlte.

„Koichi …“, sagte er leise. „Was …?“

„Wo ist Tsuzuku?“, fragte ich, immer noch keuchend davon, dass ich die Treppen raufgerannt war.

Meto sah mich traurig und ängstlich an und sagte dann: „Im Bad. Er … hat sich eingeschlossen.“

Ich schob Meto zur Seite, rannte zur Badezimmertür und rüttelte an der Klinke. Abgeschlossen.

„Tsu, ich bin‘s, Koichi! Mach auf!“, schrie ich.

Er antwortete nicht, aber ich hörte ihn schluchzen. In meinem Kopf lief unser Telefongespräch wie ein Tonband ab, immer wieder, das, was er gesagt hatte. Er war so nah dran gewesen, mir zu sagen, was mit ihm los war, und wahrscheinlich hatte das irgendwas in ihm hochgeholt.

 

Meto stand hinter mir und sagte leise: „Es ging ihm schon nicht gut, als ich nach Hause kam. Ich … weiß nicht, was mit ihm los ist …“

„Tsuzuku, hör mir zu!“, rief ich gegen die verschlossene Tür. „Entweder du machst jetzt auf und sagst uns verdammt nochmal endlich, was mit dir los ist, oder ich breche die Tür auf!“

Er antwortete nicht, schluchzte immer noch.

„Meto, hast du mitbekommen, ob er … gebrochen hat?“, fragte ich leise.

Meto schüttelte den Kopf. „Ich glaube, nicht.“

Ich hörte ein leises Geräusch von der anderen Seite der Tür, dann leise Schritte und schließlich Tsuzukus tränenerstickte Stimme: „Ihr … macht euch jetzt Sorgen, oder?“

„Natürlich!“, rief Meto, schob mich zur Seite und rüttelte an der Türklinke. „Tsu, bitte, mach auf!“

 

Es dauerte wieder einen Moment, dann klackte das Schloss, der Schlüssel wurde umgedreht und die Tür einen Spalt breit geöffnet. Ich stellte sofort meinen Fuß in die Tür, aber das war gar nicht notwendig, denn Tsu machte keine Anstalten, sie wieder zuzumachen. Er stand einfach nur da, mit rotgeweinten Augen, Tränen auf den Wangen, leicht zerzausten Haaren, zerkratzten Händen, die Unterlippe blutig gebissen, und wirkte wieder so traurig und hilflos, wie ich ihn damals kennen gelernt hatte.

Ich blickte auf seinen rechten Arm, wo ja zwischen den Tattoos noch ein wenig Platz war, doch ich konnte zum Glück keine tiefen Kratzer oder gar Schnitte erkennen. Gut, er war wenigstens nicht so schlimm rückfällig geworden. Was aber nichts daran änderte, dass ich mir unheimlich große Sorgen um ihn machte.

Da stand ich nun, vor den beiden wichtigsten Menschen in meinem Leben, und wusste nicht, wie ich ihnen das alles erklären sollte. Mein Kopf war wie leergefegt, ich spürte einen schmerzhaften Druck im Herzen und immer noch Tränen in meinen Augen.

Ich hatte versucht, den Druck abzubauen, hatte mit den Fingernägeln meine Handrücken zerkratzt und meine Lippe wundgebissen, dadurch versuchend, mich weder zu schneiden, noch zu erbrechen. Doch es lief auf dasselbe hinaus: Dass ich mir selbst wehtat und schadete, und es mir danach seltsam besser ging. Automatisch machte ich weiter, kratzte mit den Fingernägeln über meine Hände und Unterarme, und spürte, wie schon dieser leichte Schmerz mich ein wenig lockerte und beinahe entspannte.

 

„Tsuzuku …“ Meto kam auf mich zu, griff meine Hände und hielt sie fest, verhinderte, dass ich mich weiter kratzen konnte. Er zog mich zu sich, in seine Arme, hielt mich fest und führte mich aus dem Bad ins Wohnzimmer, wo er mich sanft aufs Sofa niederdrückte und sich dann setzte.

Koichi folgte uns, setzte sich rechts neben mich und sah mich betroffen und besorgt an.

Langsam kehrten die Gedanken in meinen Kopf zurück, und damit auch die Worte aus dem Buch über Borderline, die mir die Brust zusammenschnürten. Und ich wusste, ich hatte mich, ob ich nun wollte oder nicht, genau so verhalten, wie es da stand. Beinahe schon musste ich lachen, so eindeutig war es, und so nichtig meine Bemühungen, mich anders zu verhalten.

 

„So“, sagte Koichi, während Meto mich weiter umarmt hielt. „Jetzt erzählst du uns erst mal, was da heute passiert ist.“

Ja, was war passiert … Ich war zurückgefallen, in ganz alte Verhaltensmuster, vielleicht unter anderem deshalb, weil ich mich an meine Ausbildung früher erinnert hatte und daran, wie ich damals gewesen war. Auf einmal war es mir wieder ganz leicht, zu leicht, gefallen, auf Leute zuzugehen, ich hatte zu offen geredet und dabei war mir eben auch entwischt, was ich eigentlich für mich hatte behalten wollen: Dass ich von der Straße kam, fast zwei Jahre lang unter der Brücke und in Notunterkünften gelebt hatte. Und als mir dann klargeworden war, was ich gesagt hatte, da hatte ich es bereut, mich sofort zurückgezogen, war auf die Toilette verschwunden und kurz davor gewesen, wieder zu brechen. Nur mein Versprechen an Mama hatte mich davon abgehalten.

 

Meinen neuen Kollegen gegenüber hatte ich mir alle Mühe gegeben, so zu tun, als wäre alles okay, und der restliche Arbeitstag war zumindest halbwegs normal gelaufen. Zumindest oberflächlich gesehen. Für die anderen unsichtbar, war in meinem Kopf das schmerzhafte Tonband mit Symptomen und Merkmalen ununterbrochen gelaufen, hatte mich immer noch weiter verletzt. Dazu kam die Angst davor, dass selbst Meto und Koichi mich nicht mehr vorbehaltlos gern haben würden, wenn sie erfuhren, wie gestört ich wirklich war. Und dass es schlimmer werden würde mit mir, wenn ich darüber sprach.

 

Ich wusste, in dieser Situation konnte ich nicht länger verschweigen, dass ich ein gewaltiges Problem hatte, doch ich hatte keine Ahnung, wie ich es sagen sollte und wie viel. Und so, wie ich mich kannte, würde ich zu viel sagen. Das war ja vorhin, als ich mit Koichi telefoniert hatte, auch so gewesen. Ich hatte, ohne nachzudenken, einfach geredet und mich nur geradeso stoppen können, bevor mir das Wort ‚Borderline‘ über die Lippen gekommen wäre.

 

„Tsuzuku“, sagte Koichi, als ich nicht antwortete, „… Wenn du nur nichts sagst, damit wir uns keine Sorgen um dich machen, dann kann ich dir sagen: Das tun wir doch schon längst. Also sprich!“

„Das ist es nicht“, erwiderte ich leise. „Nicht nur.“

„Was dann?“, fragte Meto. Er schien den Tränen genauso nah wie ich, und es tat mir leid, dass ich ihn mit meiner Mich-ins-Bad-einschließen-Aktion so in Angst versetzt hatte. Es war nicht fair, dass ich meinem Liebsten solche Angst machte. Aber war es denn besser, wenn ich ihm alles sagte? Würde er sich denn dann nicht noch mehr Sorgen machen? Und Angst haben, dass ich genauso endete wie Hitomi? Was, wenn er damit nicht klarkam und mich am Ende …?

 

Schon der Gedanke, Meto könnte mich allein lassen, tat wahnsinnig weh, nicht nur psychisch, sondern auch körperlich. Mein Herz fühlte sich an, als würde es ein paar Schläge aussetzen, heiße Tränen brannten in meinen Augen und ich konnte kaum noch atmen. Unwillkürlich griff ich mir an mein schmerzendes Herz, was natürlich nicht unbemerkt blieb.

„Tsuzuku?!“, fragte Meto, klang heftig besorgt. „Tut dir was weh?“

Ich nickte zitternd. Und die Tür in meinen Gedanken, hinter der ich versucht hatte, alles, was mit Borderline zusammenhing, einzuschließen, stand einen Spalt breit offen, ließ ein wenig davon nach draußen. Ich war nicht mehr imstande, sie ganz geschlossen zu halten. 

„Ich … ich hab Angst“, brachte ich leise heraus. „Mit mir stimmt was nicht und es wird immer schlimmer. Ich glaube, … ich werde wahnsinnig …“

 

„Wovor hast du denn Angst?“, fragte Koichi, legte seine Hand auf meinen Arm und sah mich besorgt und ein bisschen traurig an. Er war mein bester Freund und hatte mir nie einen Grund gegeben, ihm nicht zu vertrauen, und trotzdem hatte ich Angst, dass er mich hassen könnte, wenn er erfuhr, wie kaputt und gestört ich war.

Doch ich war nicht länger in der Lage, das alles für mich zu behalten. Ich musste reden, hier und jetzt, es musste einfach raus. Mein Herz hielt dem Druck hinter der verschlossenen Tür nicht mehr stand, das spürte ich deutlich, und es tat so sehr weh, dass ich kaum noch die Fassung wahren konnte.

 

„Versprecht mir, … dass ihr mich nicht hasst …“ Meine Stimme brach beim letzten Wort zusammen, ich konnte weder Meto, noch Koichi ansehen, blickte zu Boden und hörte das Blut durch meine Adern rauschen. Meine Hand drückte immer noch auf mein Herz, versuchend, den brennenden Schmerz ein wenig zu lindern.

Ich fühlte, wie Meto mich fester umarmte, spürte Koichis Hand immer noch an meinem Arm.

„Warum sollten wir dich hassen?“, fragte Meto leise und ich glaubte, schon Verzweiflung aus seiner Stimme herauszuhören. „Wie kommst du denn nur auf so was?!“

„Ich … bin so kaputt. Völlig gestört …“, sagte ich und spürte, wie wieder Tränen über meine Wangen liefen. Und die Tür in meinem Innern öffnete sich noch ein Stückchen weiter.

 

„Aber war das für uns jemals ein Grund, dich nicht zu lieben?“, fragte Koichi. „Denkst du wirklich, dass wir dich wegen irgendwas allein lassen würden?“

„Und wenn es schlimmer wird mit mir? Wenn ich so durchdrehe, dass ihr mich nicht mehr ertragt?“

Meto bewegte sich, packte mich an den Schultern, sodass ich ihn ansehen musste und sah, dass ihm ebenfalls Tränen übers Gesicht liefen. „Tsu, ich hab dir mal was versprochen! Und zwar, dass ich immer bei dir bleibe! Ich liebe dich, über alles, und das einzige, was ich kaum ertrage, ist, wenn du dich so runtermachst und daran zweifelst, dass du alles für mich bist! Verstehst du das?!“

 

Langsam drangen seine Worte zu meinem Verstand durch, und als ich verstand, begriff, dass Meto das ernst, sehr ernst meinte, da verlor ich vor Rührung erst recht die Fassung: Ich drückte mich an ihn, schluchzend, zitternd, meine Hände krallten in seinen Rücken, ich hielt mich an ihm fest, mich danach sehnend, dass seine Nähe den Schmerz vertrieb. Er ließ es einfach zu, hielt mich, streichelte liebevoll, war so lieb und süß wie immer, und schob schließlich eine Hand zwischen uns, legte sie auf mein Herz.

„Tut das richtig echt weh?“, fragte er leise.

Ich nickte. „Aber … wenn du deine Hand da hast … nicht mehr so …“ Tatsächlich wurde der Schmerz fast augenblicklich weniger und ich konnte wieder freier atmen, nur wegen Metos warmer Hand.

Er lächelte, mit Tränen in den Augen. „Na, siehst du. Und deshalb lass ich dich auch bestimmt nicht alleine. Ich bin gern für dich da, ich liebe dich und ich weiß, wie sehr du mich brauchst.“

 

„Tsu, du kannst uns vertrauen. Und eigentlich weißt du das doch auch“, sprach Koichi. „Also sag, was ist mit dir los?“

Langsam löste ich mich wieder ein wenig von Meto, doch nicht ganz, sodass ich immer noch seine Nähe fühlen konnte. Er schien mich auch nicht so recht loslassen zu wollen, so blieb sein Arm um meine Schultern liegen und ich lehnte mich an ihn.

Und irgendwann, da war ich dann bereit zu reden. Ich wusste immer noch nicht, wo ich anfangen sollte, doch sowohl Koichi, als auch Meto, mein Liebster, wartete geduldig, bis ich einen ungefähren Anfang wusste und beschlossen hatte, mit Hitomi anzufangen, damit, was Frau Sato gesagt hatte, ohne zu wissen, dass ich es gehört hatte.

 

„Als Hitomi … sich damals geschnitten hat, da … bin ich nachts von dem Blaulicht aufgewacht und aufgestanden. Ich hab gefragt, was los war, und das dann erfahren. Und als ich dann wieder weg bin, auf dem Flur in mein Zimmer, da hat Frau Sato …“ Ich hatte das alles so lange so fest in mir eingeschlossen, dass ich jetzt eine ganze Weile brauchte, um es wirklich auszusprechen. Meto bemerkte, wie schwer es mir fiel, und legte wieder seine Hand auf mein Herz. Das tat so gut, fühlte sich geradezu befreiend an, sodass ich weiter sprechen konnte: „Sie hat nicht bemerkt, dass ich es gehört habe, und sie weiß es bis heute nicht. Im Grunde war das der Auslöser, denn ich hab vorher nie wirklich darüber nachgedacht, was mit mir los ist.“

„Und was hat sie gesagt?“, fragte Koichi leise.

Es kam ganz leicht raus, auf einmal, die Tür in meinem Innern stand weit offen: „Dass Hitomi Borderline hat.“ Und dann: „Und ich weiß, ich bin wie sie. Ich weiß, ich hab’s auch.“

 

Meto sah mich fragend an. Und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass er vielleicht gar keine Ahnung von psychischen Krankheiten hatte und deshalb gar nicht wusste, was ich damit meinte.

„Oh Gott …“, hörte ich Koichi sagen. „Und das schleppst du seitdem mit dir rum, ohne was zu sagen?“

Ich wusste nicht, inwiefern Koichi darüber Bescheid wusste und woher. Was ich wusste, war, dass es Gerüchte gab und Vorurteile. Und ich hoffte, betete, dass mein bester Freund diese nicht kannte oder nichts davon hielt.

Ich nickte auf seine Frage hin und sagte leise: „Jetzt wisst ihr’s. Ich bin krank und gestört und kaputt.“

„So’n Quatsch.“ Meto zog mich wieder näher an sich. „Und selbst wenn da irgendwas ist, ändert das rein gar nichts daran, dass ich dich liebe.“

 

Ich konnte nichts antworten, ließ mich einfach von ihm und Koichi umarmen und halten, bis ich mich wieder so einigermaßen sicher fühlte, dass ich über das sprechen konnte, was ich die letzten Monate still und einsam durchgemacht hatte. Die Tür in meiner Gedankenwelt stand endgültig weit offen und ich wusste, ich würde sie nicht wieder schließen können. Immer noch hatte ich wahnsinnige Angst, jetzt rückfällig und noch kränker zu werden, doch ich konnte es auch nicht länger für mich behalten.

 

Und so redete ich. Über alles, angefangen von meiner Angst, bis zu dem, was ich in diesem verdammten Buch gelesen hatte. Darüber, dass ich alles, was ich tat, mehr oder weniger für kranke Anzeichen hielt, dass ich fürchtete, mein Versprechen an Mama nicht halten zu können und den Menschen, die mir geblieben waren, weh zu tun.

Und ich erklärte Meto endlich, warum ich in unserer ersten Nacht hier in dieser Wohnung so auf seine Schmerzen reagiert hatte: Ich hatte dieses Machtgefühl und meine unkontrollierte Lust sofort, als er „Hör auf“ gesagt hatte, unter ‚krank‘ eingeordnet, so, wie ich fast alles, was ich tat, in letzter Zeit immer mit ‚krank‘ in Verbindung brachte.

 

„Und wie, dachtest du, kommst du allein mit so was klar?“, fragte Koichi irgendwann. „Bist du nicht einmal auf die Idee gekommen, dass sich so was leichter tragen lässt, wenn man es mitteilt?“

„Doch“, antwortete ich. „Aber … ich wollte nicht, dass ihr euch Sorgen um mich machen müsst. Meto, du hast schon so viel Angst um mich gehabt, ich wollte nicht, dass du wieder Angst bekommst …“

Mein Liebster zog mich näher an sich, streichelte meine tränennasse Wange und sagte: „Und du dachtest, ich merke nicht, wie du leidest?“

„Ich hab versucht, es zu verstecken. Aber … dieses verdammte Ungeheuer, … es will immerzu, dass ich es zeige. Ich krieg’s nicht hin, ich kann’s nicht verstecken.“

 

„Dann lass es.“ Koichi legte seine Hand auf meine Schulter, ich sah ihn an. „Tsuzuku, das, was du da Borderline nennst, ist zum Teil auch einfach deine Persönlichkeit. Du bist eben so und die wenigsten Menschen können verstecken, wie sie sind. Leidest du darunter, dass du eben leidenschaftlich, emotional, ein bisschen dominant und impulsiv bist? Doch erst, seit du das ‚krank‘ nennst, oder? Vorher nicht, soweit ich dich damals verstanden habe. Eine Krankheit ist doch erst dann eine echte Krankheit, wenn du darunter leidest.“

„Und was ist mit dem Schneiden und Kratzen? Damit, dass ich nicht genug esse und Angst habe, alles wieder auszukotzen? Dass ich manchmal so überreagiere? Was ist damit?!“, fragte ich, wurde dabei immer lauter. In meinem Kopf ratterte es wieder Symptome herunter und ich spürte, wie mir langsam alles zu viel wurde.

 

Meto hielt mich immer noch im Arm, streichelte meinen Rücken und sagte leise: „Du trauerst doch immer noch. Auch, wenn es nicht mehr so allgegenwärtig ist. Das ist doch gerade mal zwei Jahre und ein paar Monate her, dass du deine Mama verloren hast, ich glaube, da ist es ziemlich normal, dass du da noch nicht drüber hinweg bist.“

In dem Moment, als er Mama erwähnte, sah ich sie in Gedanken vor mir. Sie sah traurig aus, so als würde sie von dort, wo sie jetzt war, sehen können, wie ich gerade litt, und sich ebenfalls Sorgen um mich machen. Das wollte ich doch nicht! Ich hatte Mama in ihrem Leben schon oft genug Sorgen bereitet, da sollte sie wenigstens im Tod Ruhe vor meinen Eskapaden haben.

 

Der Gedanke an sie hatte in den letzten Monaten nicht mehr so sehr weh getan, doch jetzt schmerzte es wieder, mich an sie zu erinnern, und aufgewühlt, wie ich war, fing ich schon wieder zu weinen an. Es tat mir so wahnsinnig leid, mein Versprechen an ihren Geist, glücklich zu werden, kaum halten zu können.

„Tut mir leid, ich … ich wollte dich nicht dran erinnern …“, flüsterte Meto neben mir ganz betroffen.

Ich versuchte, zu lächeln, was mich jedoch nur noch mehr weinen ließ, und es kostete mich all meine Kraft, da jetzt nicht noch tiefer zu graben und alles, was mit Mama zu tun hatte, wieder hochzuholen. Ich wusste, das hätte mich jetzt vollkommen fertig gemacht.

 

Eine Weile saßen wir einfach so, ich versuchte, mich wieder einigermaßen zu beruhigen und nicht alles noch schlimmer zu machen, und Meto hielt mich weiter, Koichis Hand lag auf meinem Arm.

Irgendwann blieb mein Blick an der hübschen, silbernen Buddha-Statue hängen, die wir vor dem Umzug gekauft hatten und die jetzt im Regal in der Mitte stand. Der Buddha lächelte gelassen, und nachdem ich ihm einfach ein paar Sekunden lang ins Gesicht geschaut hatte, spürte ich, wie ich innerlich wieder ruhiger wurde.

 

Langsam erhob ich mich, ging zu der Statue hinüber und kniete mich davor auf den Boden. Ich fühlte mich leer und erschöpft, wie ausgeblutet. Mein Zeitgefühl war weg, ich wusste nur, dass es draußen dunkel war. Aber ich spürte auch, ganz tief in mir war noch etwas, das okay war, und dieser Teil von mir war jetzt vollkommen ruhig. Ich erinnerte mich daran, dass ich im Tempel gelernt hatte, meinen Atem zu beobachten, und blieb eine Weile so sitzen, hörte mich selbst atmen und versank dabei fast ein wenig darin.

 

„Tsuzuku?“, riss mich Metos leise Stimme irgendwann aus der Stille. „Geht’s wieder …?“

Ich sah mich um. Meto und Koichi saßen immer noch auf dem Sofa hinter mir, sie schienen auf mich zu warten. Ich stand langsam auf, ging zu ihnen zurück und setzte mich wieder dazwischen. „Könnt ihr … mir was versprechen?“

„Was denn?“, fragte Koichi.

„Dass ihr das nicht irgendwo nachschlagt … Borderline … Ich will nicht, dass ihr das lest.“

„Das hast du gemacht, oder? Das gelesen?“, fragte Meto.

Ich nickte. „Und ich mach das nie wieder. Das war … einfach nicht gut. Ich kriege die Sätze jetzt nicht mehr aus meinem Kopf raus.“

„Versprochen, wir lesen da nichts“, sagte Koichi.

Meto legte wieder seinen Arm um mich, streichelte meine Wange und sagte leise: „Ich lese so was ganz bestimmt nicht. Ich will dich nicht als ‚gestört‘ ansehen, egal wie du bist.“

 

Eigentlich hätte ich ihn für diese Antwort küssen müssen, doch in diesem Moment war ich dazu einfach nicht imstande. Ich wollte einfach nur Ruhe, ins Bett und schlafen, und nicht daran denken, dass ich ja morgen wieder los musste. Die Arbeit an sich war nicht das Problem, die gefiel mir, aber vor den Menschen hatte ich in diesem Augenblick Angst.

Koichi warf einen Blick auf die Uhr und erst jetzt kehrte mein Zeitgefühl zurück. Es musste gegen neun, halb zehn Uhr nachts sein, spät jedenfalls.

„Viertel nach neun“, sagte er. „Ich fahr mal lieber wieder nach Hause. Ihr kommt hier klar, oder?“

Meto sah mich kurz fragend an und ich nickte. „Ja. Wir gehen gleich schlafen.“

 

Als Koichi dann wieder weg war, machten wir uns schnell bettfertig und legten uns dann zum Schlafen hin. Zuerst jeder auf seiner Betthälfte, doch dann machte Meto das Licht aus, kam zu mir rüber und legte sich dicht neben mich.

„Wie fühlst du dich jetzt?“, fragte er vorsichtig. Und als ich nicht antwortete, weil ich nicht wusste, was ich darauf sagen sollte, hob er die Hand und strich mir die Haare aus der Stirn. „… Oder kannst du’s nicht in Worte fassen?“

„Ich hab Angst, vor den Leuten morgen“, sagte ich schließlich. 

„Möchtest du, dass ich dich zur Arbeit begleite? Ich könnte den Hinweg mit dir zusammen fahren, dann musst du da nicht ganz alleine hin.“

Ich war ihm wahnsinnig dankbar, aber viel zu erschöpft für irgendwelche überschwänglichen Gefühlsreaktionen, deshalb küsste ich meinen Liebsten ganz einfach auf die Wange. „Danke, mein Schatz.“

 

Er kuschelte sich an mich, legte seinen Kopf auf meine Brust und sprach: „Ich liebe dich, Tsuzuku. Und mir ist egal, ob du Borderliner oder sonst was bist, für mich bist du einfach nur du. Und deine Probleme, das mit dem Essen und so weiter, das wird schon, da glaub ich dran. Du schaffst das.“

„Wenn ich … mir da nur so sicher wäre wie du …“, sagte ich leise.

„Dann bin ich mir eben für dich mit sicher.“ Meto hob den Kopf, zog mich auf die Seite, zu sich, und küsste mich, genauso lieb und lustvoll, wie ich es jetzt auch gern getan hätte. Seine Hände fuhren durch meine Haare, in meinen Nacken, er hielt mich ganz fest und ich spürte, wie seine Liebe mein verletztes Herz wieder auffüllte. Ich seufzte, drückte mich an ihn, nahm seine Zuneigung in mich auf und war einfach froh, dass dieser furchtbare Tag doch ein so schönes Ende nahm.

Und irgendwann, nach diesem süßen Kuss, schlief ich einfach ein.

 

 

„Tsuzuku, wach auf“, riss mich die leise Stimme meines Liebsten aus meinem wirren, unbedeutenden Traum. Ich spürte seine Hand auf meinem Oberkörper, er streichelte mich wieder so liebevoll wach wie letztens  und ich bewegte mich ein wenig der Berührung entgegen.

„Aufwachen!“ Aus seiner Stimme war ein süßes Lächeln herauszuhören.

Ich gab ein verschlafenes Brummen von mir, öffnete dann aber die Augen. Das Licht war noch aus und es draußen noch dunkel, ich drehte mich um und tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe.

Warmes, gelbes Licht füllte den Raum und ich sah meinen Freund an, der mitten auf dem Bett saß und sich erst einmal streckte. Dabei rutschte sein Schlafshirt ein wenig hoch, bis über seinen Bauchnabel. Kurzentschlossen rutschte ich zu ihm rüber, richtete mich auf und legte meine Arme um ihn, begann, ihn zu streicheln und ein wenig zu kitzeln.

 

„Tsu…!“

„Komm, du magst das doch …“

Meto lachte, schmiegte sich in meine Umarmung, wand sich ein bisschen und drehte sich dann zu mir um. „Was wird das?“

„Wenn ich dich morgens lachen höre, wird mein Tag besser“, schnurrte ich in sein Ohr.

Ich zog ihn näher an mich und bekam richtig Lust auf ihn, meine Hand wanderte unter sein Shirt, streichelte seine Brust. Er seufzte genießend und umarmte mich ebenfalls, doch auf einmal löste er sich wieder von mir, lächelte und sagte: „Wir sollten aufstehen. Du musst duschen, ich auch, und da du unter der Dusche wohl kaum die Hände von mir lassen kannst, duschen wir besser nacheinander.“

 

Ich sah auf die Uhr auf dem Nachttisch. Fünf nach Sieben. Meto hatte Recht, wir sollten aufstehen, statt uns hier heiß zu machen. Schließlich mussten wir beide heute arbeiten. Doch andererseits war der Gedanke, mal wieder mit ihm zusammen zu duschen, unheimlich verlockend. Wir konnten es ja dabei belassen, dachte ich, es musste ja nicht ausarten. Ich wollte mich beherrschen, wollte doch nur ein bisschen was mit meinem Liebsten machen, gar nicht viel.

Irgendwie sah Meto mir meine Gedanken an, oder er kannte mich einfach zu gut.

„Meinst du, das ist ‘ne gute Idee …?“, fragte er.

„Ich … weiß ja auch nicht … Ich will mich ja beherrschen … aber ich hab dich so wahnsinnig lieb und … ich will dich immer nur bei mir haben …“

Er sah mich einen Moment lang abwägend an, dann sagte er: „Okay. Aber nur zusammen duschen, dann frühstücken und dann los zur Arbeit. Nicht mehr.“

Ich nickte. „Nicht mehr. Bis heute Abend.“ Beugte mich vor und küsste ihn, ehe er aufstand, meine Hand nahm und mit mir zusammen ins Bad ging.

 

Als ich dort meine Schlafsachen auszog, musste ich auf einmal an gestern Abend denken, an das, was da gewesen war und dass es jetzt raus, ausgesprochen war. Ich fühlte mich schon ein bisschen erleichtert und hatte auch das Gefühl, dass es richtig war, wenn Meto und Koichi Bescheid wussten über das, was da in mir vorging.

Aber mit jemandem darüber zu sprechen, der auf dem Gebiet der Psychologie bewanderter war, davor hatte ich immer noch Angst. Ich spürte, ich wollte das nicht, das alles mit Diagnosen, Therapien und so weiter. Glücklich und gesund werden, das ja, aber das Wort ‚Therapie‘ machte mir Angst und löste bei mir schmerzhaftes Kopfkino aus.

Ich schob die Gedanken daran beiseite und sah meinen Freund an, der sich schon ganz ausgezogen hatte und gerade in die Duschkabine stieg.

 

Ich schaute ihn einen Moment lang einfach nur an, wie er da so vor mir stand, mit dem Rücken zu mir, und das Wasser einstellte. In meinen Augen war er einfach wunderschön, perfekt und einzigartig. Und als er sich zu mir umdrehte und mir einladend die Hand hinhielt, sah ich in seine dunklen Augen und versank geradezu in ihnen. Es fühlte sich unheimlich gut an, so verliebt zu sein, und ich genoss es, so gut ich eben konnte.

 

Meto zog mich in seine Arme, stellte das Wasser an und eine Weile blieben wir so stehen, ließen uns von dem warmen Wasser beregnen. Ich spürte die vielen Tropfen auf meiner Haut, Metos warmen Körper ganz nah an meinem, seine Haut an meiner. Seine Hände streichelten über meinen Rücken, er legte seinen Kopf auf meine Schulter und sagte schließlich, ganz leise: „Ich hab dich so lieb, Tsuzuku.“

„Ich dich auch“, antwortete ich und legte meinerseits meine Arme um ihn.

 

Und auf einmal war da, entstanden aus dieser unheimlich wohltuenden Nähe, dieser Gedanke, der mich lächeln und mein Herz vor Glück wild klopfen ließ: Ich wollte diese Liebe, dieses wahnsinnig Schöne, festhalten, fest machen, offen zeigen, und zwar so, dass es durch nichts mehr zerbrechen konnte, für mein ganzes Leben und die Ewigkeit. In Gedanken hörte ich mich ‚Ja, ich will‘ sagen und einen Moment später war es ganz klar: Ich wollte Meto heiraten.

 

Ich drückte ihn enger an mich, er sah mich an und ich küsste ihn, mit aller Liebe, die ich in diesem Moment für ihn empfand. Und ich beschloss, diesen Gedanken, ihn zu heiraten, noch ein wenig für mich zu behalten, bis zum richtigen Moment, um ihn zu fragen, ob er das denn auch wollte. Dass er sein Leben mit mir verbringen wollte, daran hatte ich in diesem Augenblick keinen Zweifel, doch um zu wissen, ob er das auch so offiziell machen wollte, würde ich ihn fragen müssen. Und außerdem wollte ich ihm diese Frage mit einem Ring stellen.

 

Meto nahm, nicht ahnend, an was genau ich dachte, das Duschgel in die Hand, tat sich etwas davon auf die Hände und begann, es auf meinem Körper zu verteilen. Jede seiner Berührungen tat unheimlich gut und ich seufzte leise.

„Ich kann … mich auch kaum beherrschen“, sagte Meto, während seine Hände mich weiter liebevoll einseiften. „Da bist du nicht der Einzige.“

„Wirklich?“, fragte ich leise.

Er nickte, nahm noch etwas von dem Duschgel und sprach: „Wenn ich dich so nackt vor mir sehe und dich dann anfasse, dann sehne ich mich auch danach, mit dir zu schlafen, genau wie du. Und ich will es in dein Herz schreiben, damit du es nie wieder vergisst, dass ich dich liebe und begehre.“ Er legte seine Hand sanft drückend auf mein Herz, zeichnete mit dem Finger ein kleines Herzchen in den Schaum und küsste mich. Ich seufzte wohlig, wünschte mir einen Moment lang, dass er noch ein bisschen mit meinen Nippeln spielen sollte, sah aber dann ein, dass mich das wohl zu sehr erregt hätte, und nahm stattdessen die Flasche mit dem Duschgel, um meinen Liebsten so zu waschen wie er mich.

 

Mich daran erinnernd, dass ich mich jetzt, ob ich wollte oder nicht, im Griff haben musste, weil wir ja heute beide noch zur Arbeit mussten, und daran denkend, dass wir es vielleicht ja heute Abend tun würden, seifte ich Meto von oben bis unten ein, und war am Ende, als ich das Wasser wieder anstellte, um uns beiden den Schaum wieder abzuwaschen, fast ein bisschen stolz auf mich, dass das jetzt ohne viel Lust und Heiß-werden abgegangen war.

Die Haare wuschen wir uns jeder selbst, und danach blieben wir noch ein bisschen unter dem warmen Wasser stehen, eng umarmt, und Meto tastete und streichelte mit beiden Händen über meinen Körper.

 

„Kann es sein, dass du ein bisschen zugenommen hast?“, fragte er.

Ich zuckte mit den Schultern. „Kann sein, vielleicht.“

„Wäre doch schön, oder?“

Ich dachte an gestern, als ich beinahe rückfällig geworden wäre, und daran, dass ich das Gefühl hatte, von der Bulimie wieder eingeholt zu werden. Wie schön wäre es, wenn dieses Gespenst einfach für immer aus meinem Leben verschwinden würde …

„Dir geht es ja nicht darum, dünn zu sein, oder?“, fragte Meto.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Es … ist mehr so eine Art … Selbstverletzung. Wenn … mein Herz zu sehr wehtut, dann …“ Es fühlte sich seltsam an, so darüber zu sprechen, nachdem ich so lange nichts mehr davon ausgesprochen hatte. Darüber zu reden, dass ich mich nun mal auf die eine oder andere Art selbst verletzte und dass das, ob es nun Borderline hieß oder nicht, irgendwie ein Teil meines Lebens war. Ich spürte jedes Mal, wenn ich dieses Wort dachte, einen merkwürdigen Schauer im Herzen, wie einen leichten Schock.

Meto schob eine Hand zwischen uns, legte sie auf mein Herz, und ich spürte, dass er versuchte, meinen Herzschlag zu ertasten. „Aber jetzt gerade tut es nicht weh, oder?“, fragte er.

„Nein, alles gut.“ Ich lächelte leicht.

 

Mein Freund löste sich langsam von mir, stellte das Wasser aus, griff dann nach seinem Handtuch und begann, sich abzutrocknen. Ich nahm mir meines und stieg aus der Dusche, da sie doch recht klein war und zu wenig Raum für uns beide zum Abtrocknen bot.

Fertig abgetrocknet ging ich in unser Schlafzimmer und zog mich an, wählte eine Mischung aus relativ normalen Sachen und etwas auffälligerem Schmuck und kehrte dann ins Bad zurück, um meine Haare schön zu machen und mich ein bisschen zu schminken. Meto kam mir entgegen, er hatte sich wohl noch eingecremt und zog sich jetzt erst an.

 

„Willst du frühstücken?“, fragte er.

Ich fühlte einen Moment lang in mich hinein, ob ich Hunger hatte, und stellte fest, ja, Hunger hatte ich, aber auch Angst, dass es heute auf der Arbeit zu einer ähnlichen Situation kommen würde wie gestern. Vielleicht war es besser, wenn ich nichts aß.

„Ich weiß nicht“, sagte ich.

„Du weißt aber, dass du essen musst, oder?“

„Ich hab Angst. Dass ich unter Druck gerate und am Ende …“

„Das wirst du nicht.“ Meto legte beide Hände auf meine Schultern, sah mich ganz direkt an und fuhr fort: „Tsu, du wirst nicht rückfällig. Du reißt dich zusammen. Denk dran, dass du nicht brechen willst, und dass du was versprochen hast.“

Ich nickte, obwohl ich mir gar nicht sicher war. Aber Meto sollte sich keine Sorgen um mich machen. Das wollte ich einfach nicht.

 

Und so ging ich, nachdem ich mit Rasieren, Schminken und Haare machen fertig war, in die Küche und deckte den Tisch, dachte dabei daran, dass ich das mit der Arbeit ja hinbekommen wollte und dass es ein Versprechen gab, das ich halten musste.

Ich hatte wirklich kaum Appetit, doch ich zwang mich, als Meto sich dann dazu setzte und zu essen begann, ebenfalls zum Essen. Anders würde ich nichts ändern können, das wusste ich, und mir war auch klar, dass das der schwere Teil des Weges weg von der Bulimie war: Das Durchhalten, Dranbleiben, nicht wieder rückfällig werden.

 

Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zur Bahnstation. Bis in die Innenstadt hatten wir denselben Weg und Meto hielt sein Versprechen von gestern Abend, mich heute auf dem Weg zur Arbeit zu begleiten. In der Bahn war es so voll, dass nicht weiter auffiel, dass er fast die ganze Zeit über meine Hand hielt, und als wir ausstiegen, gab er mir auf dem Bahnsteig einen Kuss auf die Wange.

„Schaffst du’s von hier alleine oder soll ich noch weiter mitkommen?“, fragte er.

„Kommst du dann nicht zu spät ins Café?“

„Das geht schon. Wir haben ja noch ein bisschen Zeit.“

Und so ging er noch die Strecke von der Bahnstation bis zum Tattoo-Studio mit mir mit, hielt wieder meine Hand und sorgte so dafür, dass ich mich gut und sicher fühlte. Als wir dann schließlich da waren, war er es, der mich umarmte.

 

Über seine Schulter hinweg sah ich, dass einer meiner Kollegen hinter dem Schaufenster saß und uns beobachtete. Und auf einmal war sie wieder da, die Angst. Was, wenn einer meiner neuen Kollegen ein Problem damit hatte, dass ich mit einem jungen Mann zusammen war? Es war eine feige, fiese Angst davor, dass die anderen Menschen schlecht von mir dachten. Und ich schämte mich vor mir selbst dafür, dass ich es wegen dieser Angst jetzt nicht hinbekam, zu meiner Liebe zu stehen.

 

Meto ließ mich los und sah mich fragend an, hatte sicherlich bemerkt, dass ich seine Umarmung nicht so erwidert hatte, wie er es von mir kannte.

„Du schaffst das schon“, sagte er. „Ganz bestimmt. Ich glaub an dich.“ Und er lächelte, so lieb und süß und strahlend, dass ich gar nicht anders konnte, als auch zu lächeln und ihn nun auch meinerseits zu umarmen.

„Danke, mein Liebster“, flüsterte ich.

Meto löste sich von mir, lächelte mich noch einmal an und ging dann in Richtung seiner eigenen Arbeitsstelle davon. Und ich wandte mich dem Studio zu, öffnete die Tür und ging hinein, hörte das Summen der Nadeln und die dunkle Musik im Hintergrund.

 

„Guten Morgen, Aoba“, begrüßte mich der Kollege, den ich eben durch das Fenster gesehen hatte.

„Morgen.“

„Wer war das denn eben?“

Und schon ging es wieder los mit der Angst auf der einen Seite und meiner Offenherzigkeit andererseits. Es war dieselbe Situation wie gestern. Ich wurde etwas Persönliches gefragt und wollte ehrlich antworten, doch gleichzeitig hatte ich Angst, dann verurteilt zu werden. Und wenn ich zu lange nachdachte, würde das vielleicht wie Lügen aussehen.

„Mein Freund.“ Und schon war es wieder passiert. Ich antwortete einfach, offenbarte zu viel, sagte etwas, von dem ich wusste, dass es sehr leicht gegen mich zu verwenden war.

„Wie, dein Freund?“ Mein Kollege, der übrigens Takashima hieß, schien zum Glück nicht sofort verstanden zu haben, was ich meinte.

Doch ich, bescheuert wie ich eben war, konnte selbst nicht verhindern, dass ich erklärte: „Mein fester Freund. Mein Lebensgefährte.“

 

Takashima sah mich einen Moment lang nur verwundert an und ich hätte mich selbst dafür schlagen können, dass ich schon wieder zu viel über mein exzentrisches Leben erzählt hatte.

Und gleichzeitig hasste ich mich dafür, dass ich nicht so zu Meto stand, wie ich sollte. Wieso war ich nur so?! Einerseits umarmte und küsste ich ihn in der Öffentlichkeit, wollte unsere Liebe zeigen und es in die Welt hinausschreien, dass ich an seiner Seite so glücklich war, und auf der anderen Seite hatte ich diese feige Angst davor, dass man mich dafür verurteilte und abstempelte. Warum?

Die Antwort war so einfach, dass es wehtat: ‚… zweiseitiges Verhalten ist ein anderes Merkmal dieser Persönlichkeitsstörung, die sich des Weiteren dadurch zeigt, dass der Erkrankte übertrieben offen ist und sich gleichzeitig zurückzieht …‘ Ein Satz aus dem Buch. Borderline. Schon wieder.

 

Ich drehte mich einfach um und verschwand in den hinteren Räumen des Ladens. Kaum allein, spürte ich ihn auch schon, diesen altvertrauten Druck im Bauch. Ich wusste, gleich würde es leicht sein, dem nachzugeben, so viel leichter als dagegen anzukämpfen. Meine Schritte trugen mich auf die Toilettenräume zu, doch als ich den Türgriff schon in der Hand hatte, hielt ich inne.

Ich wollte das doch gar nicht. Wollte mein Versprechen an Mama halten, Metos Glauben in mich nicht enttäuschen und auch mich selbst nicht. Wenn ich jetzt da reinging, mich einschloss und erbrach, würden meine ganzen Bemühungen, davon loszukommen, mit einem Schlag zerstört werden. Meine Hand um den Türgriff zitterte und der Druck stieg langsam in mir hoch.

 

„Aoba?“, hörte ich in dem Moment Takashimas Stimme hinter mir. „Ist alles in Ordnung bei dir?“

Ich schrak zusammen, drehte mich um und sah, dass mein Kollege mich besorgt ansah. Waren mir meine Ängste so deutlich anzumerken? Anscheinend schon.

„A-alles gut“, beeilte ich mich zu sagen und ließ den Türgriff los.

„Ähm … das ist kein Problem für mich, dass du ‘nen Freund hast. Nicht, dass du das denkst …“, sagte Takashima und sah mich ein wenig unsicher an. „Ich hätte dich nur, na ja, nicht so eingeschätzt.“

Jetzt war ich derjenige, der überrascht war. Und natürlich antwortete ich wieder zu viel: „Ich war auch eigentlich mal hetero. Oder … ich hab mich zumindest dafür gehalten.“

 

Kurz dachte ich an die Mädchen früher, an die, denen ich wahrscheinlich ziemlichen Herzschmerz bereitet hatte, und diejenigen, die mein Temperament nicht ausgehalten und mit mir Schluss gemacht hatten. Das alles war so verblasst, als wäre es in einem anderen Leben passiert. Das einzige, was von diesem Player-Leben geblieben war, war die leise Gefahr, dass ich mir bei einem der Mädchen vielleicht irgendwas eingefangen hatte, weshalb ich bei Meto jetzt immer darauf achtete, ein Kondom zu benutzen. Ich kannte mich nicht aus mit solchen Krankheiten und ging deshalb lieber auf Nummer sicher, wollte ich doch meinen Liebsten auf keinen Fall mit irgendetwas anstecken.

 

„Wo die Liebe hinfällt, hm?“, sagte Takashima.

Ich nickte, lächelte leicht und dachte, ohne es auszusprechen: ‚Meto ist meine große Liebe. So nennt man das doch, wenn man jemanden so wahnsinnig lieb hat und begehrt, oder?‘

Wir wandten uns beide unserer Arbeit zu, die für mich vorläufig noch darin bestand, die Motive vom Papier auf ungegerbte Tierhaut zu übertragen, die als Testfläche diente. Takashima war schon weiter, er erwartete eine Kundin, die bald darauf eintraf und den Drachen auf ihrem Rücken von ihm vervollständigen lassen wollte.

 

Ich merkte, dass ich ziemlich aus der Übung war, was das Zeichnen und das Stechen betraf. Wahrscheinlich war das normal, schließlich hatte ich beides ja seit Jahren nicht mehr gemacht, aber es störte mich trotzdem und ich gab mir Mühe, es wieder so zu lernen, wie ich es früher gekonnt hatte. Immerhin hatte ich die Ausbildung damals fast fertig gehabt.

Jedenfalls, je mehr ich mich wieder in die Arbeit einfühlte und mich anstrengte, umso mehr Lust bekam ich, mir endlich auch mal wieder ein neues Tattoo stechen zu lassen. Ich schaute mir die Motive an, doch ich fand keines, das mich genügend ansprach, und beschloss schließlich, mir nebenbei ein eigenes zu entwerfen.

Damit und mit meiner Arbeit war ich bis zum Mittag beschäftigt. Zwischendurch erlaubte ich mir zwar zwei kurze Zigarettenpausen, doch trotzdem war ich mittags irgendwie froh, eine etwas längere Pause machen zu können.

 

„Trinkst du Kaffee oder Tee, Aoba?“, fragte Ami, die meine einzige weibliche Kollegin war, und jetzt an der kleinen Küchenzeile im Pausenraum stand und sich um die Pausenverpflegung kümmerte. Wir waren nur zu zweit im Raum, die anderen würden aber bestimmt gleich dazu kommen.

Während der Arbeit war ich ziemlich konzentriert gewesen, hatte nicht ein einziges Mal an Essen und so was gedacht, und so holte mich diese Frage auf recht unangenehme Weise in die Welt der Angst vor dem Essen zurück.

„Tee, bitte“, antwortete ich, denn Kaffee fiel bei mir zu sehr unter Essen. Ich wollte heute nicht noch einmal riskieren, wieder diesen Druck im Bauch zu spüren und … an alles Weitere wollte ich nicht mal mehr denken.

Ich wusste, dass diese Angst vor dem Essen einen Rückfall in die Zeit vor dem Winter bedeutete, doch alles war besser als Brechen und ich klammerte mich an die Hoffnung, dass diese kleine Tiefphase schon irgendwann wieder vorbeigehen würde. Ich hatte doch letztens das Essen, das Meto für uns gekocht hatte, gegessen und auch wirklich genossen. Vielleicht lag mein Problem jetzt einfach darin, dass ich hier auf der Arbeit neu war und mich erst eingewöhnen musste.

 

Ich schloss für einen Moment die Augen, stützte den Kopf in die Hände und atmete so ruhig wie möglich ein und aus, so, wie ich es im Tempel gelernt hatte. Diese Übungen waren für mich viel hilfreicher, als es die eigentliche Therapie gewesen war, bei der ich ja doch nicht richtig mitgemacht hatte, aus Angst, dabei an das Thema ‚Borderline‘ zu stoßen.

Ich hatte mich lieber mit den Mönchen, als mit Frau Watanabe unterhalten, obwohl die nicht sehr gesprächig waren und mein Zusammensein mit ihnen mehr darin bestanden hatte, dass ich ihren Meditationsübungen zugesehen und so von ihnen zu lernen versucht hatte. So ganz hatte ich den Dreh mit dem Meditieren noch nicht raus, aber das bisschen, was ich konnte, half mir.

 

„Aoba?“, riss mich Amis Stimme aus meinen Gedanken. „Geht’s dir nicht gut?“

Ich öffnete die Augen, sah sie an und antwortete schnell: „Doch, doch, alles gut.“

„Du siehst aus, als ob dir schwindlig wäre.“

„Nein, alles gut, ich hab nur … über was nachgedacht.“

Ami stellte die Teekanne auf den Tisch und kam auf mich zu, setzte sich mir gegenüber und fragte dann leise: „Kann ich … dich mal was fragen?“

„Was denn?“

Sie sah mich einen Moment lang an, dann fragte sie: „Kann es sein, dass du … na ja … vielleicht ist die Frage auch zu persönlich, du musst nicht antworten …“

„Das weiß ich ja erst, wenn du die Frage stellst“, erwiderte ich.

„Okay. Wie gesagt, du musst nicht antworten, wenn du nicht willst, aber … kann es sein, dass du … psychische Probleme hast? Nicht, dass du denkst, ich wär neugierig oder so … aber … ich hab eine Freundin, die hat welche, und irgendwie … erinnerst du mich an sie.“

 

Sofort war es da, dieses Zittern im Herzen, und die Angst, dazu andererseits das Drängen, darüber zu sprechen, was mit mir los war. Ich wusste, es war mir anzusehen und es hatte keinen Sinn, zu versuchen, es zu verstecken.

„Was hat sie denn?“, fragte ich.

„Sie schneidet sich. Und sie hat Probleme mit dem Essen. Vielleicht erinnerst du mich deshalb an sie, weil du auch so … sehr schlank bist.“

Meine Offenherzigkeit siegte in meinem inneren Kampf und ich wagte mich zögernd ins Neuland vor, wo ich offen mit dem umging, was in mir los war. „Sag ruhig ‚dünn‘, das ist schon okay.“

Sollte ich auch sagen, dass ich mich ebenfalls schon mit einem Messer absichtlich verletzt hatte? Dass ich (wieder dieser heißkalte Schauer) Borderliner war? Einerseits drängte mich etwas dazu, darüber zu sprechen, jetzt, wo ich es nicht mehr völlig geheim halten wollte, und andererseits hatte ich wieder Angst.

 

„Wie heißt sie denn, deine Freundin?“, fragte ich, einfach nur um überhaupt etwas zu sagen.

„Sie heißt Hitomi“, antwortete Ami.

Allein der Name reichte aus, damit ich zusammenschreckte. Doch nicht etwa dieselbe Hitomi, die ich kannte?! Wie viele Frauen mit diesem Namen und solchen Problemen gab es in dieser Gegend?

„Hitomi?“, fragte ich heiser und wusste, dass mir der Schreck anzusehen war. Und sagte dann, weil es sowieso schon zu spät war: „Ich kenne eine, die so heißt und … die auch diese Probleme hat …“

„Woher?“, fragte Ami, deutlich interessiert.

„Ich war mit ihr im Hikuyama-Tempel.“

„Du, ich glaube, wir kennen dieselbe“, sagte Ami.

„Ja …“, sagte ich leise, „ …Das glaube ich auch.“

 

Woher Ami und Hitomi sich kannten, war mir erst mal egal. Ich war einfach … schockiert, hier auf einmal, wenn auch indirekt, mit ihr konfrontiert zu sein, und damit auch mit dem, was sie und mich auf gewisse Weise verband. Hitomi hatte mir Borderline angemerkt, bevor ich überhaupt dieses Wort gekannt hatte, durch sie war ich dann schließlich darauf gebracht worden und ihr Verhalten war es, das sich für mich wie ein Spiegel angefühlt hatte.

„Wo ist sie denn jetzt?“, fragte ich.

„Immer noch in der Klinik. Sie war kurz draußen, hat sich dann aber wieder einliefern lassen, weil es ihr ziemlich schlecht ging. Jetzt geht’s ihr langsam besser, aber sie bleibt noch ein bisschen da. Ich besuche sie morgen.“ Ami sah mich an und fügte dann hinzu: „Ich kann sie fragen, ob du mitkommen kannst.“

„Nein“, erwiderte ich sofort, ohne nachzudenken. Und sagte dann, um dieses plötzliche ‚Nein‘ zu erklären: „Morgen hab ich meinem Freund versprochen, dass wir zusammen was unternehmen.“

Ich wollte Hitomi nicht sehen. Zumindest noch nicht. Ich spürte, dass ich noch nicht so weit war, ihr wieder zu begegnen und mit ihr zu sprechen.

 

In dem Moment kamen Takashima und Kurata, der Besitzer des Studios, in den Pausenraum, sodass Ami und ich das Gespräch nicht fortführen konnten.

„Na ja, schade“, sagte Ami noch und goss dann Tee in die vor mir stehende Tasse.

Der Nachmittag verlief ähnlich wie der Vormittag. Ich übte mich weiter im Zeichnen und machte neben der Arbeit ein paar flüchtige Skizzen für mein eigenes neues Tattoo. Weit kam ich jedoch nicht, meine Kreativität war wie blockiert dadurch, dass ich immer wieder an Hitomi denken musste. Schließlich versuchte ich dann, dagegen anzugehen, indem ich betont an Meto dachte und daran, dass wir vielleicht heute Abend noch was zusammen machen würden. Das wiederum hob zwar meine Laune und setzte meine Kreativität wieder in Gang, tat jedoch meiner Konzentration nicht besonders gut, sodass ich schließlich mehr oder weniger herumsaß und nicht mehr viel machte.

Mein leichtes, verliebtes Lächeln fiel dann auch noch Takashima auf, der daraufhin grinsend meinte, dass man mir anmerken konnte, dass ich in einer Beziehung war. Anscheinend war er einer von den Leuten, die wirklich kein Problem damit hatten, und das beruhigte mich doch sehr.

 

Als ich dann abends nach Hause kam, war Meto schon da. Er stand in der Küche und schnitt irgendwelches Gemüse für unser Abendessen klein.

„Warst du noch einkaufen?“, fragte ich, denn heute Morgen war der Kühlschrank fast leer gewesen.

„Ja, auf dem Heimweg“, antwortete er und fragte dann: „Hast du viel Hunger oder eher wenig?“

„Es geht“, sagte ich. „Zu viel brauchst du nicht zu machen.“

Er stellte den Herd an, gab das Gemüse in eine Pfanne und warf einen Blick in das auf der Arbeitsplatte liegende Kochbuch.

 

Irgendwas an diesem Bild, wie mein Freund da am Herd stand und unser Abendessen kochte, gefiel mir nicht. Es war nicht das Essen, sondern etwas anderes, über das ich erst einen Moment lang nachdenken musste, bevor ich darauf kam, was mich störte: Es war diese mit dem Kochen verbundene weibliche Rolle, in die Meto sich da begab. Ich kam von der Arbeit nach Hause, er war schon da und kochte für uns, das erinnerte mich sehr an die typische Frau aus Fernsehserien. Ich wusste nicht, ob er das selbst bemerkte, aber mir fiel es eben auf, zumal ich in der Bahn nach Hause kurz daran gedacht hatte, dass er im Bett bisher immer unten lag, und ich ihn nahm, wir bis jetzt noch nicht wirklich die Positionen getauscht hatten. Aus irgendeinem drängenden Gefühl heraus fand ich das wichtig, mir darum Gedanken zu machen und mit ihm darüber zu sprechen.

 

„Und? Wie war dein Tag?“, fragte Meto und drehte sich zu mir um. „Erzähl mal.“

Ich setzte mich an den Tisch und nach kurzem Nachdenken erzählte ich ihm mehr oder weniger alles, was auf der Arbeit gewesen war, von meinem kurzen Gespräch mit Takashima, über meine Pläne für ein neues Tattoo, bis zu dem Gespräch mit Ami, bei dem ich wieder von Hitomi gehört hatte. Und ich erzählte auch, dass mich der Gedanke an Hitomi beunruhigte, dass ich ihr nicht begegnen wollte, weil ich Angst hatte, mit ihr dann reden zu müssen über das, was damals passiert war.

 

Es tat gut, so offen darüber reden zu können und keine Geheimnisse mehr vor Meto haben zu müssen. Ich spürte, wie etwas von der Anspannung, die ich die letzten Wochen und Monate mit mir herumgetragen hatte, von mir abfiel, und ich mich in der Nähe meines Liebsten entspannte. Erst jetzt begriff ich so richtig, was er da gestern gemeint hatte, als er gesagt hatte, dass er mich so liebte, wie ich war, egal ob ich krank war oder nicht. Eine unheimlich wohltuende Wärme breitete sich in mir aus, ich stand auf und umarmte Meto, küsste ihn und zog ihn eng an mich.

„Ich weiß, ich hab’s dir schon tausendmal gesagt, aber ich kann dir einfach nicht oft genug sagen, wie sehr ich dich liebe …“

Er legte seinerseits seine Arme um mich und sagte leise: „Ich liebe dich auch. Und das kann man fast nicht oft genug sagen.“

 

Das Gemüse in der Pfanne zischte und ich ließ Meto los, damit er sich wieder dem Kochen zuwenden konnte, legte dann die Hände an seine Seiten und schmiegte mich leicht an seinen Rücken.

„Tsu, weißt du, dass das süß ist, wenn du so kuschelbedürftig bist?“, sagte er. „Nachher machen wir’s uns schön gemütlich, dann kannst du mich kuscheln, bis wir einschlafen.“

„Jaa“, schnurrte ich in sein Ohr. „Aber nackt.“

Meto lachte, schmiegte sich rückwärts an mich und erwiderte: „Gerne.“

Ich fühlte mich in diesem Moment ganz sicher und gut, und ich wusste, dass Meto es spürte und dass es ihm gefiel.

Umso wichtiger war mir die Gleichberechtigung in unserer Beziehung, dass wir trotz der fünf Jahre Altersunterschied irgendwie gleichauf und auf Augenhöhe waren.

 

Das Abendessen dauerte nicht lange, da ich kaum Hunger hatte, und Meto sagte, dass er schon bei der Arbeit viel gegessen hatte. Ich stellte das, was noch an Gemüse in der Pfanne übrig war, in einer Schüssel in den Kühlschrank und ging dann schon mal ins Bad. Meto kam dazu, nachdem er das Geschirr in der Küche fertig abgewaschen und aufgeräumt hatte, da war ich schon fast fertig mit Abschminken und mich bettfertig machen. Als er dann auch so weit war, gingen wir zusammen ins Schlafzimmer, wo ich mich erst einmal nur auf die Bettkante setzte, während Meto sich bis auf die Unterwäsche auszog.

 

„Ist was?“, fragte er, als ich keine Anstalten machte, mich auch schon auszuziehen.

„Ich muss mit dir über was reden“, sagte ich.

„Was denn?“ Er setzte sich neben mich und sah mich an. „Was Schlimmes?“

„Nein, nichts Schlimmes. Ich hab nur mal über was nachgedacht, nämlich über unsere Rollenverteilung. Beziehungsweise darüber, dass wir anscheinend eine haben und ich das irgendwie nicht gut finde.“

„Du meinst, weil ich unser Essen koche?“

„Das hat mich darauf gebracht, aber ich meine vor allem, dass wir im Bett noch nicht wirklich getauscht haben. Ich find’s nicht richtig, dass du … na ja, dass ich dich da so ein bisschen in eine … wie soll ich sagen … ‚Frauenrolle‘ dränge. Ich weiß, du lässt mich machen, weil du noch keine Erfahrung als Top hast, aber meinst du nicht, wir sollten das irgendwann mal ändern?“

 

Meto sah mich mit großen Augen an, blickte dann zu Boden und sagte: „Ich … hab Angst, dass ich was falsch mache und … dass ich dir wehtue. Und außerdem … weiß ich doch, wie sehr du das magst, Top zu sein.“

„Und es gefällt dir, wenn ich in dich eindringe?“, fragte ich.

Er nickte. „Sehr sogar.“

„Aber …“ Ich beugte mich vor, legte eine Hand auf seine Schulter und zog ihn zu mir, bis meine Lippen nah an seinem Ohr waren, „… denkst du nicht manchmal daran, wie es wäre, wenn …“ für die nächsten Worte senkte ich meine Stimme zu einem leicht rauen Flüstern ab, „… du deinen harten Schwanz in mein heißes Inneres schieben und mich richtig vögeln würdest, bis du in mir kommst?“

„Tsu …!“

Ich sah ihn an, er war knallrot im Gesicht und wich meinem Blick aus.

 

„Na, stell dir das doch mal vor. Du bist doch auch ein Mann, genau wie ich, du kannst mir nicht erzählen, dass dieser Wunsch, in ein heißes Loch zu stoßen, nicht irgendwo in dir vorhanden ist.“

„Kann sein, ich … hab ehrlich gesagt noch nicht wirklich darüber nachgedacht“, sagte Meto leise und fragte dann unsicher: „Willst du … heute …?“

„Nein, nicht heute. Ich möchte nur, dass du dir das mal durch den Kopf gehen lässt.“ Ich beugte mich wieder vor und hauchte einen Kuss auf seine Wange. „Weil ich es einfach schön fände, wenn wir gleichauf sind.“

„M-hm …“ Er nickte. „Finde ich ja irgendwie auch, aber ich hab da eben noch nicht so dran gedacht.“ Jetzt beugte er sich vor und küsste mich, allerdings nicht auf die Wange, sondern mitten auf den Mund. Seine Hände schoben meinen Pullover hoch, den ich daraufhin auszog, schlüpften unter das Shirt, das ich darunter trug, und berührten meine Haut, was sich unheimlich gut anfühlte.

 

Wenn ich jetzt daran dachte, was gestern Abend gewesen war, kam mir das Glück, welches ich empfand, wenn Meto mich so liebevoll berührte, wie ein kleines Wunder vor. Ich hatte geglaubt, dass sich etwas zum Schlechten ändern würde, wenn ich über meine Probleme sprach, doch stattdessen lief alles irgendwie halbwegs normal weiter, so, wie ich es kannte. Vielleicht gab es ja doch eine Möglichkeit, mit den Dämonen in mir zu leben und irgendwie zurechtzukommen.

Tsuzuku zog sich, zunächst nur bis auf die Shorts, aus, und ich schloss ihn in meine Arme. Zusammen ließen wir uns ganz aufs Bett sinken und er begann, mich zu streicheln, seufzte wohlig, als ich das erwiderte und meinerseits mit beiden Händen über seinen Rücken strich, und schmiegte sich an mich.

 

Mein Herz klopfte wie wild, noch von dem, was wir zuvor geredet hatten, von seinen deutlichen, doch recht unanständigen Worten und dem, was er damit ausgedrückt hatte. Er wollte, dass wir, nicht heute, aber irgendwann, die Positionen tauschten, dass ich dann in ihn eindrang, und das stimmte mich ziemlich aufgeregt.

Ich hatte wirklich noch kaum darüber nachgedacht und im Nachhinein fand ich das selbst ein wenig seltsam. Tsuzuku hatte Recht, ich war mit meinen zwanzig Jahren genauso ein Mann wie er, irgendwo in mir musste doch dieses Verlangen vorhanden sein. Noch spürte ich davon nicht viel, aber so, wie ich meinen Freund kannte, würde er das zu gegebener Zeit zu ändern wissen. Er wusste, wie er mich über alle Maßen heiß machen konnte.

 

Wir rutschten beide weiter aufs Bett, bis ich das Kissen unter meinem Kopf spürte, und Tsu kuschelte sich an mich, ich spürte deutlich, wie er meine Nähe genoss.

„Meto“, sprach er mich leise an, hob die Hand und streichelte meinen Hals. „Zieh dich ganz aus, ich will dich ganz nackt bei mir haben.“ Er löste sich von mir, ich setzte mich auf und zog mein Tanktop aus, streifte mir dann die Shorts vom Leib und sah zu, wie er seine ebenfalls auszog.

 

Tsuzuku sah so wunderschön aus, so absolut sexy und verführerisch, wie er dann so ganz nackt vor mir lag und mich mit diesem geradezu lasziven Blick ansah, dass ich gar nicht anders konnte, als mich über ihn zu beugen und seinen Hals zu küssen, dann seine Schulter, die kleine Vertiefung an seinem Schlüsselbein und schließlich das ringförmige Implantat auf seinem Brustbein. Er seufzte tief, bewegte sich mir entgegen, und ich machte weiter, übersäte die Tätowierungen auf seiner Brust mit Küsschen und Streicheleinheiten, drückte dabei meinen nackten Körper immer enger an seinen. Sein Seufzen wurde zu Stöhnen, als ich dann meine Lippen auf seine rechte Brustwarze drückte, küsste, vorsichtig saugte und leckte und ebenso vorsichtig meine Zunge mit dem Piercing spielen ließ. Ich spürte, wie er heiß wurde, seine Härte drückte gegen meinen Bauch, und je mehr Zärtlichkeiten ich ihm zukommen ließ, umso stärker begann er, sich an mir zu reiben.

 

Ich legte meine Hand auf sein wild gegen seine Rippen hämmerndes Herz und drückte dann meine Lippen auf die Stelle. Tsuzuku stöhnte, wie ich ihn fast noch nie hatte stöhnen hören, klang völlig hingerissen und bis ins Innerste berührt.

„Wie fühlt sich das an?“, fragte ich leise.

„… Schön …“, antwortete er, „… ohhh, so schön …!“ Seiner Stimme war deutlich anzuhören, dass ich da etwas gefunden hatte, das weniger eine erogene als vielmehr eine hoch emotionale Zone war, deren Berührung für ihn eine tiefe Bedeutung hatte. Ich dachte daran, wie gut ihm das auch sonst tat, wenn ich, wenn er aufgeregt war, meine Hand auf sein Herz legte.

 

„Meto“, sprach er wieder meinen Namen aus und drückte sich sehnsüchtig an mich. „Halt mich, bitte, halt mich ganz fest!“

Ich rutschte wieder hoch, bis wir auf Augenhöhe waren, legte meine Arme um ihn, und er barg sein Gesicht an meinem Hals, ich hörte ihn tief ein- und ausatmen, und spürte, wie sehr er sich nach meiner Nähe und Umarmung sehnte.

„Darf ich wieder in deinen Armen liegen?“, fragte er leise.

„Ja, klar darfst du.“ Ich zog ihn enger an mich, streichelte ihn und hielt ihn fest.

 

Eine ganze Weile blieben wir so liegen und irgendwann glaubte ich schon, dass Tsuzuku eingeschlafen wäre, doch auf einmal bewegte er sich, drehte uns beide mit einem Ruck herum, so dass er auf mir lag, richtete sich halb auf und sah mich an.

„Ich will jetzt nicht schlafen“, sagte er, beugte sich runter und küsste mich. „Ich weiß was viel Besseres, etwas, das wir noch nicht gemacht haben.“

„Was denn?“, fragte ich, obwohl ich mir irgendwie schon fast denken konnte, was er meinte.

„Mir ist gerade eingefallen, dass ich dich … noch nie so da unten geküsst habe. Und das würde ich jetzt gern tun.“

 

Das war so ziemlich das, was ich schon gedacht hatte, doch trotzdem wurde ich wieder rot und wich seinem Blick aus. Mir war klar, dass Tsu einiges mehr als nur ‚da unten küssen‘ meinte und kurz fragte ich mich, warum wir das, was er da wollte, nicht schon früher gemacht hatten.

Er streckte die Hand aus, strich mit dem Daumen über meine Lippen und fragte: „Und? Willst du das? Darf ich das mit dir machen?“

Ich versuchte, mir das vorzustellen, seine weichen Lippen und seine Zunge an meiner Körpermitte. Sofort verspürte ich dieses heiße, kribbelige Ziehen, und wie ich heiß und hart wurde.

„Jaah“, kam es mir über die Lippen. „Mach …!“

 

Tsuzuku erhob sich, stieg vom Bett und blieb an der Bettkante stehen.

„Komm her“, sagte er und streckte mir einladend die Hand entgegen. Ich stand ebenfalls auf, kletterte vom Bett und nahm sie an, wurde von ihm dann mit der anderen sanft in eine sitzende Position gedrückt. Dabei streifte mein Blick seine inzwischen voll ausgeprägte und lustgerötete Erregung, er bemerkte meinen Blick und lächelte.

 

„Das ist nur wegen dir. Schon allein der Gedanke, dir solche Lust zu schenken, macht mich wahnsinnig an“, sprach er, ließ meine Hand los und schob meine Beine sanft auseinander, um sich dazwischen zu knien und so vorzubeugen, dass sein Kopf in etwa auf Höhe meines Schoßes war. Mein Herz klopfte wie verrückt und immer schneller, als ich seinen warmen Atem dort spürte, und als er sich dann noch etwas weiter vorbeugte und ganz direkt meine Härte küsste, da stöhnte ich auch schon laut auf.

„Gefällt dir das?“, fragte er leise und setzte dann einen weiteren Kuss auf mein Glied.

„Jaah … ohhh … oh Gott, ja …!“

 

Tsuzuku lachte leise, ließ seine warmen Hände langsam über die Innenseiten meiner Oberschenkel wandern und fuhr dann fort, mich mit seinen Lippen völlig wahnsinnig zu machen.

Obwohl er das ja auch so zum ersten Mal machte, wirkte er kein bisschen aufgeregt, nur erregt, und so süß wie immer. Ich dagegen schwankte zwischen Rotwerden und Stöhnen, einerseits war es ungewohnt und mir irgendwie peinlich, und andererseits genoss ich sehr, was Tsuzukus weichen, warmen Lippen mit mir anstellten. Zuerst küsste und saugte er vorsichtig, dann nahm er seine Zunge dazu, saugte heftiger und leckte über meine ganze Länge, berührte dabei gefühlte hunderttausend Nervenenden, was mich wieder laut stöhnen ließ.

Kurz ließ er von mir ab, blickte zu mir hoch und sah die Röte auf meinen Wangen.

„Ist dir das unangenehm?“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein … es ist nur … halt das erste Mal, dass du das machst, deshalb …“

„Dann soll ich weiter machen?“

„Jaaah …!“

 

Er nahm meine Hand, legte sie auf seine Schulter und sah mich noch einmal an, lächelte, leckte sich kurz über die Lippen und schloss diese dann wieder um meine heiße Erregung. Ich spürte meinen eigenen Pulsschlag dort unten, Tsuzukus unglaublich weichen Lippen, und wie er den Mund etwas weiter öffnete, um mich schließlich fast ganz in sich aufzunehmen.

Meine Hand krallte in seine Schulter und ich schrie auf, das Gefühl, zum ersten Mal im Leben so in ihm zu sein, überwältigte mich beinahe. Mein ganzes Empfinden konzentrierte sich auf meine Körpermitte und so spürte ich deutlich, wie ich die ersten Tropfen ergoss. Stöhnend legte ich den Kopf in den Nacken und schloss die Augen, fühlte Tsuzukus Hand an meinen Hoden, wie er mich dort streichelte und äußerst erregend massierte. Er leckte meinen Lusttropfen ab, ich hörte ihn schlucken und spürte dann, wie seine heiße Zunge, ihre Besonderheit voll ausspielend, meine Eichel umspielte. Ich stöhnte, meine Hüfte zuckte, und ich hielt mich mit beiden Händen haltsuchend an den Schultern meines Freundes fest.

 

„Tsu…zuku …“, kam mir sein Name über die Lippen, ich sah ihn wieder an und der Anblick, wie er da vor mir kniete und seinen Kopf in meinem Schoß bewegte, brachte mich dem Höhepunkt ein ganzes Stück näher.

In dem Moment nahm er seine Hand von meinen Hoden weg, die andere grub sich in meinen Oberschenkel, und griff in seinen eigenen Schritt. Ganz offenbar machte es ihn wirklich sehr an, was er hier mit mir tat, und er hielt seine eigene Erregung kaum mehr aus.

 

„Brings … zuende …“, keuchte ich, woraufhin er wieder an der Spitze saugte, so einen leichten Unterdruck erzeugte und dabei seine Zunge auf den hochempfindlichen Nerv an der Unterseite meines Glieds drückte. Das war zu viel für mich, ich schrie wieder auf und kam heftig in seine Mundhöhle, hörte sein ersticktes Keuchen und dann, wie er schluckte.

Sobald er von mir abließ, sank ich rückwärts aufs Bett und es dauerte einen Moment, bis ich mich wieder soweit beisammen hatte, dass ich mich darum kümmern konnte, dass er immer noch hocherregt war. Ich setzte mich wieder auf, sah zu ihm, wie er da auf dem Boden vor dem Bett kniete und anscheinend, mühsam beherrscht, auf mich wartete.

 

Er erhob sich, setzte sich zu mir aufs Bett und ließ seinen Kopf an meine Schulter sinken.

„Meto … bitte …“

Ich lächelte, streckte dann die Hand aus und legte sie um sein heißes Glied, spürte das Zucken und den erregten Pulsschlag an meiner Handfläche. Schon ein leichter Druck meiner Hand reichte aus, damit Tsuzuku mit einem tiefen, erlösten Stöhnen kam und sein Samen sich über meine Hand verteilte.

 

Einen Moment blieben wir einfach so, ich hörte ihn schwer atmen und streichelte mit der sauberen Hand seine Seite. Irgendwann ließ er sich dann auf den Rücken sinken, griff nach der Box Taschentücher auf dem Nachttisch und reichte sie mir. Ich zog ein Tuch heraus, säuberte meine Hand und legte mich dann ebenfalls hin.

 

„Hat’s dir gefallen?“, fragte Tsuzuku, seine Stimme klang müde, aber auch irgendwie zufrieden.

Ich nickte. „Ja, sehr.“

„Dann … soll ich das von jetzt an öfter mit dir machen?“

„Wenn du möchtest, gerne.“

Etwas wollte ich dann aber doch noch wissen, eine Sache, die mir zwar recht peinlich war, aber ich fragte trotzdem: „Tsu …? Sag mal, findest du wirklich, dass … na ja, dass ich gut schmecke? Du hast das damals in unserer ersten Nacht mal gesagt und …“

Weiter kam ich nicht, denn Tsuzuku lachte laut auf. „Und du glaubst mir das nicht so ganz?“, fragte er lächelnd zurück und sagte dann: „Weißt du, es schmeckt vielleicht bitter, das stimmt schon, aber ich schlucke es trotzdem gern. Weil’s deins ist, verstehst du? Ich hab dann was von dir in mir und … der Gedanke gefällt mir.“ Er blickte zur Seite, zuerst verstand ich nicht warum, doch dann sagte er: „Und, weißt du … ich hatte schon ekligeres Zeug im Mund. Da macht mir so was wie Samen nicht viel aus.“

 

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Und ich fragte mich, wie Tsuzuku es schaffte, selbst aus einer solchen leicht ekligen Sache eine Liebeserklärung zu machen. Infolge dessen fühlte ich mich wahnsinnig geliebt von ihm und schmiegte mich eng an seinen schmalen, warmen Körper.

Es war fast schon ein bisschen unheimlich, wenn ich so darüber nachdachte, wie beinahe besessen und von mir abhängig er mich liebte und wie sehr er mich brauchte. Ich spürte wieder die Verantwortung für ihn, dass ich als sein Liebster gut auf ihn achten musste und dass es zum größten Teil an mir lag, ob er glücklich war oder nicht. Doch jetzt war es anders als früher, wir waren nicht mehr nur gute Freunde und er lebte nicht mehr auf der Straße, war nicht mehr ganz so krank. Wir waren jetzt ein richtiges Paar und als solches war diese Verantwortung in einem irgendwie leichter zu tragenden Zusammenhang.

 

Tsuzuku setzte sich auf, zog die Bettdecke heran und deckte uns beide zu, kuschelte sich an mich und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn.

„Schlaf gut, mein Liebster“, flüsterte er.

„Du auch.“

 

 

Als ich am Morgen aufwachte, war es noch dunkel. Ich streckte mich, tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe und machte Licht an. Tsuzuku schlief noch, er lag wieder auf dem Bauch, aber mit dem Gesicht weg von mir, in die andere Richtung. Ich hörte seine gleichmäßigen Atemzüge, und eine Weile lag ich nur da und sah ihn an. Die Bettdecke bedeckte ihn nur bis zur Hüfte und seine helle, glatte Haut schimmerte im Licht, wunderschön, anziehend, verführerisch.

 

Ich setzte mich auf, rutschte zu ihm rüber und berührte vorsichtig seinen Arm, fuhr mit den Fingern sanft die Konturen der Rose auf seiner Haut nach und ließ meine Hand dann über seine Schulter zu seinem Rücken wandern. Ich wollte ihn nicht wecken, aber ich konnte einfach nicht die Hände von ihm lassen, zu anziehend fand ich ihn in diesem Moment.

„Ich liebe dich“, sagte ich leise, beugte mich über ihn und küsste seine Schulter.

 

Dabei schmiegte ich mich ein wenig an ihn, er gab ein leises Brummen von sich und bewegte sich meiner Berührung entgegen. Einen Moment lang wusste ich nicht, ob er noch schlief oder schon wach war, und so hörte ich kurz auf, ihn zu streicheln, denn eigentlich hatte ich ihn ja nicht wecken wollen.

„Mhh… Mmeto … Mach weiter …“

„Ist das so schön, wenn ich dich so wecke?“, fragte ich.

„Jaa. Wunderschön …“ Er drehte sich zu mir um, kuschelte sich an mich und seufzte genießend. Sein nackter Körper an meinem fühlte sich unglaublich gut an und ich war noch schlaftrunken genug, um ihn einfach zurück zu kuscheln, sodass wir wenig später die schönste morgendliche Schmuserei hatten.

 

Erst, als Tsuzuku dann eine Hand zwischen uns schob, nach meinen Nippeln tastete und begann, sie zwischen seinen Fingern zu drücken und zu massieren, kam mein noch recht umnachtetes Gehirn darauf, dass das hier eventuell in eine gewisse Richtung ging, die für den frühen Morgen etwas unpassend war. Aber andererseits … wir hatten heute beide frei, und es fühlte sich einfach wahnsinnig gut an, was wir hier taten.

Schon reagierte mein Körper deutlich angetan und Tsuzuku bemerkte das sofort, lächelte, küsste mich und fuhr fort, meine Brustknospen zu reiben. Ich seufzte gegen seine Lippen, bewegte meine Brust seiner Hand entgegen und spürte, wie sehr er meine Reaktion und dieses Mich-nah-bei-sich-haben genoss. Seine andere Hand wanderte von meiner Seite über meinen Rücken zu meinem Hintern, streichelte und griff dann zu, zog mich eng an seinen Körper, sodass ich spürte, wie erregt er schon war. Mein Glied berührte seines und wir stöhnten beide auf.

 

„Meto“, sprach er, näherte seine Lippen meinem Ohr und flüsterte: „Ich will mit dir schlafen.“

„Jetzt?“, fragte ich in einem letzten Versuch, unseren ersten morgendlichen Sex doch noch aufzuschieben. Wir hatten es bisher nur abends getan, bis auf das eine Mal nachmittags im Love-Hotel, und irgendwie war mir der Gedanke ungewohnt und ein bisschen unwohl.

Tsuzuku lächelte wieder. „Ja, jetzt.“ Sah mich dann an und fügte hinzu: „Es sei denn, du möchtest nicht.“

 

„Wir … haben noch nie … morgens …“, sagte ich leise. „Wollen tu ich schon, aber … ich hab ein bisschen Angst, dass ich wieder verspanne …“

„Kann ich denn was tun, dass du entspannt bleibst?“, fragte er, hob die Hand und streichelte meine Wange, sah mich dabei so liebevoll an, dass mein Herz wild zu klopfen begann.

„Mach so, wie bei … unseren zweiten Mal, dass du hinter mir liegst … und mich im Arm hältst. Das war schön …“

„Und vorher deine Nippel küssen, wenn ich dich vorbereite?“

„M-hmm“, machte ich, konnte auch gar nicht mehr sagen, weil Tsu mich in dem Moment küsste und sich noch ein wenig enger an mich drückte.

 

Schon löste er den Kuss wieder, jedoch nur, um ein Stück weit runter zu rutschen und sich mit dem Mund über meine Brust herzumachen, während seine Hand an meinem Hintern nach meinem Eingang tastete.

In seinem Tun lag eine Art von liebevoller Dominanz, dass er mich einerseits eroberte und gleichzeitig zeigte, dass er lieb und vorsichtig mit mir sein wollte. Und ich schmolz geradezu dahin, fühlte mich wahnsinnig geliebt von ihm und zerging unter seinen Berührungen, seufzte, stöhnte, und war nicht einen Moment lang angespannt, es war einfach nur schön.

 

Und so war ich kurz ein bisschen verwirrt, als er sich wieder von mir löste und sich erhob.

„Ich bin gleich wieder bei dir, ich hole nur eben das Gleitgel“, sagte er und lächelte leicht.

Ich beobachtete ihn, wie er die Schublade öffnete, darin herumkramte und die Tube herausnahm, und fand ihn einfach nur wunderschön. Und als er mit der Tube in der Hand zurückkam und wieder zu mir unter die Decke kroch, legte ich meine Arme um ihn. Er legte sich gleich wieder so hin, dass er mit den Lippen an meine Nippel herankam, und tat sich mit den Händen hinter meinem Rücken etwas von dem Gleitmittel auf die Finger, fuhr dann fort, meinen Eingang zu erweichen.

Mein Inneres nahm seinen Finger ganz leicht auf und ich stöhnte leise, weil es sich einfach unheimlich gut anfühlte. Mein Stöhnen schien Tsuzuku als Zeichen zu dienen, dass das, was er mit mir machte, gut war, und so machte er immer weiter, küsste meine Brustwarzen und nahm derweil erst einen zweiten, kurz darauf einen dritten Finger dazu, um mein Loch weit genug zu dehnen, dass ich ihn gleich würde aufnehmen können.

 

Längst war ich ihm ganz hingegeben, süchtig nach seine Zärtlichkeiten, seinen weichen Lippen, warmen Händen, seinem heißen Körper und der Art, wie er mich so liebevoll und bestimmt für sich eroberte.

Und als er dann seine Finger aus mir zurückzog und mich leise aufforderte, mich umzudrehen, da klopfte mein Herz vor Vorfreude auf das, was jetzt kommen würde, immer schneller. Ich drehte mich auf die andere Seite und zog die Knie ein wenig hoch, wissend, dass er dann leichter reinkam.

Eben war mir gar nicht aufgefallen, dass er mit dem Gleitmittel auch gleich ein Kondom geholt hatte, welches er sich jetzt hinter meinem Rücken über sein Glied abrollte, ich konnte es hören und auch, wie er nach den Taschentüchern griff und seine Finger vom Gleitmittel befreite.

 

Tsuzuku nahm mich in seine Arme, zog mich eng an seinen Körper und schob sich dann langsam und vorsichtig in mich. Ich war so geweitet, heiß und willig, dass mein Inneres sein Glied fast ebenso leicht aufnahm wie seine Finger zuvor, und es tat fast gar nicht weh. Ein bisschen mochte ich diesen leichten Schmerz sogar, irgendwie machte mich das an.

 

Tsuzukus weichen Lippen küssten meinen Nacken, seine oben liegende Hand streichelte meinen Oberkörper, von meinen Nippeln bis zu meinem Bauch, wo ich wieder dieses heiße, kribbelige Ziehen verspürte, während seine unter mir liegende Hand sich meiner Erregung widmete. Ich stöhnte, wand mich ein wenig und berührte seine Hände und Unterarme mit meinen Händen, was ihm irgendwie zu gefallen schien, denn er begann, sich in mir zu bewegen.

 

Wie ich dieses wundervolle Gefühl von vollkommener Nähe und dieses Eins-sein mit Tsuzuku liebte! Wie gut es sich anfühlte, ihn in mir zu haben! Und wie schön die Lust war, die wir einander bereiteten!

Es schien nichts Schöneres auf der Welt zu geben, und ich genoss es in vollen Zügen, stöhnte, sprach seinen Namen aus, und schrie, als er jenen süßen Punkt in meinem Innern traf und so in mir immer mehr Lust entfesselte.

 

„Tsu…zuku … ohhh, jaah … mehr …!“, kam es über meine Lippen.

Er lachte leise, küsste meinen Nacken, drückte mit der flachen Hand auf meinen Bauch, und fragte mit einem hörbaren Lächeln: „Ist das schön, wenn ich dich so vögele?“

„Weißt … du doch … ahhhh … aber, ohhh, mehr!“

Er stöhnte tief, bewegte sich ein wenig schneller und heftiger und fragte dann, atemlos vor Lust: „Soll ich … stoßen?“

 

Mein Sprachzentrum versagte mir spontan den Dienst und so nickte ich nur, so deutlich wie nur möglich. Tsuzuku fragte nicht mehr nach, er wusste, dass ich mir sicher war, und war wohl auch zu erregt, um sich noch zu beherrschen. Er zog sich ein Stück weit aus mir zurück und stieß dann, laut aufstöhnend, in mich, was mich wiederum schreien ließ.

Ich spürte, dass ich das irgendwie sehr mochte, wenn er so heftig wurde, dass seine hocherregte Hemmungslosigkeit mich anmachte, dazu kam dieses Gefühl von Sicherheit und wie sehr ich ihm vertraute.

 

Er hielt mich fest, berührte meine Nippel und meine Härte, während er wieder und wieder in mich stieß, stöhnend und viel zu erregt, meinen Nacken noch zu küssen. Und ich überließ ihm völlig die Führung, ließ mich willig von ihm vögeln und wünschte mir, dass kein Kondom zwischen uns wäre, dass ich seinen Samen gleich in mir haben würde. Ich wusste, das Kondom war wichtig wegen Tsuzukus früherem Lebenswandel, doch daran konnte ich jetzt kaum halbwegs vernünftig denken, war viel zu heiß für irgendeinen geordneten Gedanken.

 

„Meto … ohhhh…“ Sein Stöhnen war nah an meinem Ohr und ihm war anzumerken, dass er kurz vor dem Höhepunkt stand. „Ohhh… Ich liebe dich …!“

Ich griff hinter mich, berührte seine Seite, fühlte seine schweißnasse Haut unter meinen Fingern und hauchte: „Ich liebe dich auch.“

Seine Hand um mein Glied begann, es richtig zu massieren und mich dem Höhepunkt immer näher zu bringen, dem er selbst schon spürbar nahe war und es, das fühlte ich deutlich, kaum mehr aushielt.

 

„Ich will … ahhh, mit dir zusammen kommen …“, keuchte er, seine Finger reizten die hochempfindlichen Nerven an meinem Glied, und ich dachte an gestern Abend, als seine Zunge dasselbe mit mir gemacht hatte.

Dieser Gedanke gab mir den Rest, und in dem Moment kam Tsuzuku mit einem harten Stoß und einem tiefen, ekstatischen Knurren in meinem Innern. Ich schrie auf, mein Samen ergoss sich über seine Hand und er rieb und drückte so lange, bis nichts mehr kam.

 

Ich hörte ihn und mich selbst laut und schnell atmen, spürte meinen aufgeregten Herzschlag und glaubte fast, Tsuzukus Herz gegen meinen Rücken hämmern zu spüren. Es dauerte eine Weile, bis wir wieder recht zu Atem kamen und uns soweit beruhigt hatten, dass ein halbwegs klarer Gedanke daran möglich war, dass wir nicht Abend hatten, sondern Morgen, und jetzt nicht einfach eng zusammen einschlafen konnten.

 

Schließlich zog Tsu sich langsam und vorsichtig aus mir zurück, erhob sich und entsorgte das Kondom und die benutzten Papiertücher. Dann legte er sich wieder neben mich und schloss mich in seine Arme.

„Irgendwann …“, sagte er nach einer Weile, „… irgendwann machst du das auch mal mit mir.“

„Ich … weiß nicht, ob ich das kann“, gestand ich leise. „Ich hab Angst, dir weh zu tun, weil … Ich hab’s ja noch nie gemacht, jemanden genommen.“

„Du musst ganz einfach nur das machen, was ich eben mit dir gemacht habe. Aber du hast ja noch Zeit. Ich verlange das erst von dir, wenn du dafür bereit bist.“

„Aber du möchtest das wirklich, oder?“, fragte ich und drehte mich zu ihm um.

Tsuzuku nickte. „Ich finde das wichtig. Und außerdem …“, er lächelte, „bin ich neugierig darauf, wie sich das anfühlt. Ich will wissen, wie das für dich ist, was ich mit dir mache, will es selbst spüren.“

 

Ich überbrückte die kurze Distanz zwischen uns und küsste ihn. Er war einfach so wahnsinnig süß, lieb und wundervoll, und ich fühlte mich so geliebt von ihm, dass es mich richtig rührte.

Deshalb tat es mir auch jedes Mal so weh, wenn er sich abwertete und schlechtredete. Weil er in meinen Augen der liebste, süßeste Mensch auf der Welt war. Egal, was er für Fehler hatte, ich liebte ihn einfach über alles.

„Tsu, du bist so süß, weißt du das?“

„Süß? Ich?“, fragte er und zog die Augenbrauen leicht hoch.

„Ja, süß, du.“ Ich grinste und küsste ihn wieder. „Und ich hab dich so, so, so, so lieb.“

Irrte ich mich oder schlich sich da ein leichter Rotschimmer auf seine Wangen? Doch anscheinend sah ich richtig, denn er drehte den Kopf weg und sagte leise: „Meto, du bist hier der Süße. Du machst mich noch … ganz verlegen.“

 

Ich lachte, küsste ihn auf die Wange und stand dann auf. Es ziepte ein wenig, doch das ignorierte ich, sah es einfach als notwendige Folge an und als Preis, den ich für diesen Genuss zu zahlen hatte. Und es war ja wirklich so wahnsinnig schön gewesen, das musste ja einen Nachteil haben. Wenn mir dann heute ein bisschen der Hintern weh tat, dann war das eben so.

 

„Gehst du zuerst duschen?“, fragte Tsu und erhob sich ebenfalls.

Ich nickte und begab mich ins Bad, stieg, unbekleidet wie ich war, gleich in die Dusche, und stellte das Wasser an.

Tsuzuku kam herein, stellte sich vor den Spiegel und begann mit dem Teil seiner Morgenroutine, den er schon vor dem Duschen erledigen konnte.

„Und?“, fragte er und sah mich durch den Spiegel an. „Weißt du schon, was wir heute machen?“

Ich überlegte einen Moment. Zuerst dachte ich ans Meer und an das Schwimmbad beim Strand, doch nachdem Tsu und ich heute ja schon sehr intim geworden waren, war Schwimmen gehen und das damit verbundene Rumknutschen vielleicht zu viel. Besser war es sicher, wenn wir irgendwas taten, was nichts mit Intimitäten zu tun hatte, sozusagen als kleiner Ausgleich, und so kam mir schließlich die Idee, dass wir ja in unsere Heimatstadt fahren und meine Eltern besuchen könnten.

„Wie wär’s, wenn wir zu meinen Eltern fahren?“, fragte ich.

Tsuzuku drehte sich zu mir um und sah mich einen Moment lang durch die durchsichtige Tür der Dusche hindurch an. Er schien kurz darüber nachzudenken und antwortete dann: „Ja, können wir machen.“

 

„Mama macht sich ein bisschen Sorgen um dich, weil ich ja letztens bei ihr war und ihr erzählt hab, dass es dir nicht gut ging. Ich denke, sie würde sich freuen, zu sehen, dass es dir besser geht“, sagte ich und begann dabei, mich einzuseifen.

„Geht’s mir denn besser?“, fragte Tsuzuku, klang auf einmal wieder so seltsam ironisch und drehte sich wieder zum Spiegel um.

Ich wusste keine rechte Antwort auf die Frage. Sie hörte sich an, als fühlte mein Freund sich, obwohl es ihm von außen gesehen gut ging, trotzdem innerlich instabil, und das ließ wieder leise Sorge in mir aufkeimen. Ich tat doch alles, damit es ihm gut ging, warum fragte er dann so? War etwa wieder irgendwas in ihm nicht in Ordnung, was er mir nicht sagen wollte?

 

Ich beeilte mich mit dem Duschen und als ich aus der Kabine stieg, wartete Tsu schon darauf und betrat sie gleich, um sich ebenfalls zu waschen. Ich trocknete mich derweil ab, zog mich an, trocknete meine Haare und kämmte sie einfach nur durch, hatte heute keine Lust, sie besonders zu stylen. Stattdessen kramte ich meine heißgeliebten Sclera-Linsen mal wieder raus und setzte eine durchsichtig-weiße und eine schwarz-rote ein. Mein Make-up fiel dementsprechend bunt aus und als Tsu mit Duschen fertig war und mich ansah, lächelte er.

„Du siehst umwerfend aus, mein Süßer.“

Er selbst ließ sein Makeup, nachdem er sich abgetrocknet und angezogen hatte, heute wesentlich schlichter ausfallen als meines, schien weniger Lust auf Kontaktlinsen und dergleichen zu haben. Und so sah ich, als ich in seine dunklen Augen blickte, irgendetwas darin, was sehr verdächtig nach Geheimnis und versteckter Traurigkeit aussah.

 

Ich wollte einfach nicht, dass er schon wieder irgendwas mit sich herumtrug und mit sich selbst ausmachte, und so nahm ich meinen Mut zusammen, legte beide Hände auf seine Schultern und fragte: „Sag mal, ist irgendwas? Macht dich was traurig?“

Er wich meinem Blick aus, sah nach unten und sagte: „Nein, nichts.“

Zwar hatte ich mir denken können, dass er das antwortete, doch jetzt wollte ich das nicht einfach dabei belassen. Gerade vorgestern, wo er so ausgepackt hatte, hatte ich das Gefühl gehabt, dass er endlich was begriffen hatte, was Geheimnisse anging, doch jetzt schien das schon wieder loszugehen, dass er alles mit sich selbst ausmachte. Und so ließ ich ihn nicht los, sondern berührte ihn am Kinn und zwang ihn, mich anzusehen.

„Tsuzuku, ich merk doch, dass da gerade was ist, also sag! Rede mit mir!“

Es dauerte einen Moment, bis er antwortete, und ich versuchte, in seinen Augen zu lesen. Ging es um diese Borderline-Sache, von der ich immer noch nicht so wirklich wusste, was das eigentlich genau war? Oder war da noch etwas anderes?

 

„… Mir ist nur eben … irgendwie der Gedanke gekommen …“, sagte er schließlich, „… dass ich schon sehr lange nicht mehr am Grab meiner Mutter war. Zuletzt war ich da vor eineinhalb Jahren oder so, nachdem ich die Wohnung verloren hatte.“

Seine Mama. Das also. Jetzt wusste ich den Schmerz in seinen Augen wieder zu deuten, diese tiefe, unauslöschliche Traurigkeit.

„Möchtest du … da gern mal wieder hin?“, fragte ich vorsichtig.

„Ich weiß nicht. Ob ich das aushalte. Eine Zeit lang hat es nicht mehr so wehgetan, aber in letzter Zeit ist das wieder mehr geworden. Ich …“, er brach ab, biss sich auf die Unterlippe, war auf einmal den Tränen nahe. Und ich schloss ihn in meine Arme, wusste nicht, ob ich ‚Nicht weinen‘ oder ‚Lass sie raus, die Tränen‘ sagen sollte, und spürte, dass er selbst nicht wusste, ob er jetzt weinen wollte oder nicht. Eine Weile blieben wir einfach so, dann löste er sich aus meiner Umarmung, straffte seine Haltung, schluckte, und blinzelte ein paar Mal.

„Wir können ja erst mal zu meinen Eltern fahren, und dann überlegen wir, ob wir noch auf den Friedhof gehen oder nicht“, sagte ich.

 

Tsuzuku nickte, drehte sich dann um und ging in Richtung Küche.  Ich folgte ihm und sah zu, wie er ohne ein Wort den Tisch deckte, sich etwas zu trinken in sein Glas eingoss und sich etwas von dem kalten Gemüse nahm, der noch von gestern übrig war. Ich kochte mir eine Tasse Kaffee und setzte mich dann, um mir ein Brot zu machen, da war er schon mit Essen fertig, öffnete das Fenster und rauchte seine allmorgendliche Zigarette.

 

„Hat dir das eigentlich gefallen, dass wir heute zum ersten Mal morgens Sex hatten?“, fragte er auf einmal.

Ich nickte, lächelte. „Es war auf jeden Fall schön. Auch, wenn es sich ein bisschen komisch anfühlt, das morgens zu machen und dann aufzustehen.“

Er drückte seine Zigarette auf dem äußeren Fensterbrett aus, ließ sie nach draußen hinunterfallen und sah mich einen Moment lang mit einem leichten Lächeln auf den Lippen an. „Aber es gefällt dir?“

„Ja, sehr.“

„Weißt du, Meto … Ich hoffe immer, wenn wir uns morgens schon nahe sind und sich das so gut anfühlt, dass der ganze Tag gut wird, dass mir das Kraft gibt, all das, was auf mich zukommt, durchzustehen. Im Moment ist alles … irgendwie wieder ziemlich schwer, da … brauche ich das.“

„M-hm.“ Ich nickte. Ja, das konnte ich verstehen.

„Da ist mir wichtig, dass du das auch gern tust. Und wenn dir was wehtut …“

„Das ist mir egal, ob es wehtut“, unterbrach ich ihn, stand auf, ging die zwei Schritte auf ihn zu und umarmte ihn. „Das ist mir wirklich egal. Tsu, das Wichtigste für mich ist, dass es dir gut geht, dass du glücklich bist. Und es gefällt mir sehr, mit dir zu schlafen.“ Ich schob meine Hand zwischen uns, legte sie auf sein Herz und malte ein kleines Herzchen auf den schwarzen Stoff seines Shirts. Einen Moment lang blieben wir so, ich hörte ihn leise atmen und spürte seinen Herzschlag unter meiner Hand.

 

Schließlich löste Tsuzuku sich von mir, gab mir einen Kuss auf die Wange und ging in den Flur, zog seine Jacke an. Ich räumte schnell das Essen wieder in den Kühlschrank und das Geschirr ins Spülbecken, dann folgte ich ihm und zog ebenfalls meine Jacke an, nahm meine Tasche und wir verließen die Wohnung.

 

Auf dem Flur trafen wir Akko, das Mädchen aus der Wohnung gegenüber. Sie kam gerade die Treppe rauf, sah uns und lächelte.

„Guten Morgen, ihr beiden“, begrüßte sie uns fröhlich und verbeugte sich leicht.

„… Morgen“, erwiderte ich, viel zu leise und unsicher. Wenn ich lange und intensiv mit Tsu alleine war, vergaß ich manchmal beinahe, wie schwer mir das Sprechen bei anderen fiel. Dadurch, dass ich jetzt bei der Arbeit im Café die Rolle der schweigenden Puppe spielte, fühlte es sich an wie wieder zwei Welten, zwischen denen ich hin- und her wechselte. Mein Stottern und das alles, die Unsicherheit beim Sprechen, lag irgendwo dazwischen.

 

Tsuzuku war da so anders als ich, oder zumindest ging er anders damit um, tat leichter so, als hätte  er kein Problem damit, auf Leute zuzugehen. Ich wusste ja, dass er da auch so seine Schwierigkeiten hatte, aber er überspielte das einfach anders, besser, wünschte Akko freundlich einen guten Morgen.

„Geht ihr aus?“, fragte Akko und sah mich mit besonderem Blick auf mein heute ja sehr buntes Makeup an.

„Wir fahren Metos Eltern besuchen“, antwortete Tsu an meiner Stelle.

„Ihr zwei seht immer so hübsch aus, als ob ihr irgendwo besonderes hinwollt“, sagte Akko. „Aber das gehört ja so, wenn man sich zum VKei zählt, ne?“

„Danke“ Tsuzuku lächelte, und ich bekam auch ein passables Lächeln hin.

Akko ging in ihre Wohnung, und wir die Treppen hinunter und nach draußen.

 

„Nehmen wir die U-Bahn bis zum Bahnhof oder wollen wir das Stück laufen?“, fragte mein Freund mich und legte einen Arm um meine Taille.

Ich blickte hoch zum Himmel, wo die Sonne gerade zwischen den Wolken durchkam. Es sah nicht nach Regen aus, also sagte ich: „Wir laufen.“

Den ganzen Weg zum Bahnhof über hielt Tsuzuku den Kontakt zu mir: Erst sein Arm um mich, und dann, als wir etwas schneller gingen, nahm er meine Hand. Doch irgendwie fühlte sich das weniger nach seiner Verliebtheit, als vielmehr nach einer Sehnsucht nach Schutz und Kraft an, fast ein bisschen so wie in der Zeit, als ich sein einziger Halt im Leben gewesen war. Ich schaute ihn an, er sah nachdenklich aus und wieder fast so traurig wie vorhin. Ob er auch jetzt wieder an seine Mama dachte? Diese unglaublich schwere Sache, diesen tiefen Schmerz, ich wollte ihm das so gern nehmen, doch das konnte ich nicht, niemand konnte das. Alles, was ich tun konnte, war, ihm so viel Liebe wie irgend möglich zu geben, und das wollte ich unbedingt tun.

Ich schmiegte mich im Gehen an seinen Arm, er sah mich an, und ich lächelte, so süß und fröhlich, wie ich nur vermochte.

 

Als wir den Bahnhof erreichten, fuhr gerade der Zug in Richtung unserer Heimatstadt ein. Wir stiegen ein und suchten uns ein ruhiges Abteil, in dem nur zwei ältere Damen saßen.

Tsuzuku suchte weiter Körperkontakt zu mir, legte seine Hand auf mein Bein, gut sichtbar, und streichelte mit dem Daumen über den Stoff meiner Hose. Ich lehnte mich an seine Schulter und hörte, wie er mir ganz leise zuflüsterte: „Wenn du jetzt dein Kleid und die Perücke an hättest, würden die beiden Omas dich bestimmt für ein süßes Mädchen halten.“

 

Ich lachte leise, legte meine Hand auf seine. Wir hatten das schon mal gemacht, dass ich ein Kleid und die Perücke angezogen hatte, und Tsuzuku seine Lackledersachen. So hübsch gemacht waren wir zusammen in die Innenstadt gegangen und hatten unseren Spaß daran gehabt, aufzufallen, anders zu sein und die Leute ein wenig damit zu verwirren, dass ich mit meiner zwar meist leisen, aber doch unverkennbar männlichen Stimme gesprochen und so das mädchenhafte Bild, welches ich durch das süße Outfit abgab, ein wenig aufgebrochen hatte.

Das Selbstbewusstsein, das ich dabei empfand, war ähnlich dem, mit dem ich mich früher im Techno-Club präsentiert und fremde Typen angesprochen hatte, um mich abzulenken. Ich fiel gerne auf, auf gewisse Weise jedenfalls.

 

Eine der beiden älteren Damen sah uns aufmerksam an und ich vermutete, dass sie versuchte, uns einzuschätzen. Mich störte es nicht, aber ich wusste nicht genau, wie Tsuzuku sich fühlte, wenn ihn jemand so beurteilend ansah. Fühlte er sich ähnlich selbstbewusst wie ich, oder war er gerade so unsicher und traurig, dass ihm das wehtat?

 

Ich war froh, als der Zug hielt und wir aussteigen konnten. Doch während wir durch den Bahnhof in Richtung Stadt gingen, fühlte ich mich wieder irgendwie seltsam, weil es eben unsere Heimatstadt war, in der wir jetzt nur noch zu Besuch waren. Tsuzuku hielt wieder meine Hand, das gab mir Sicherheit und ließ mich mich gut fühlen.

Wir liefen durch die Stadt, wobei wir einen großen Bogen um die Gegend des Akutagawa-Parks machten, und außerdem, wie schon immer, der Straße auswichen, in der Tsu früher gelebt hatte.

 

Dabei kamen wir, mehr zufällig, durch die Altstadt, und dort am Friedhof vorbei. Ich sah die vielen grauen Steinstelen schon von weitem und bekam sofort  ein ungutes Gefühl, wollte stehen bleiben, doch Tsuzuku legte, statt langsamer zu werden, an Gehgeschwindigkeit zu, ließ meine Hand los und strebte in jene unheilvolle Richtung.

„Tsu…“, begann ich, da blieb er auch schon an der Pforte stehen. Er hatte den Kopf gesenkt und strahlte auf einmal eine seltsame Unnahbarkeit aus.

„… Denkst du, das ist … eine gute Idee …?“, fragte ich unsicher.

Tsuzuku antwortete nicht. Ich ging auf ihn zu und sah, dass seine Hände und seine Schultern zitterten. Vorsichtig legte ich meine Hand auf seinen Rücken und spürte so, dass er große Angst hatte.

Und mit einem Mal drehte er sich um und lief davon. Rannte einfach weg und ließ mich stehen.

 

„Tsuzuku!“, rief ich, lief dann los, ihm nach. Und als ich ihn endlich sah und einholen konnte, da stand er mitten auf dem schmalen Weg zwischen den alten Häusern, vornüber gebeugt, keuchend, völlig außer Atem. Ich lief auf ihn zu, hörte mich selbst laut und schnell atmen, und als ich bei ihm war, nahm ich ihn einfach in meine Arme. Er zitterte am ganzen Körper, hustete, klammerte sich an mich.

„Bist du okay?“, fragte ich, heftig besorgt.

Er antwortete zuerst nicht, dann, ganz leise: „… Ich … pack das nicht … Ich halte das … nicht aus …“

„Du musst doch auch nicht“, sagte ich und streichelte über seinen Rücken. „Niemand schreibt dir vor, da hin zu gehen, auch deine Mama nicht.“

„Ich … will aber.“

Zum Glück waren wir in einer kleinen Seitenstraße und es war niemand in der Nähe, der uns sehen, anstarren und eine dumme Bemerkung hätte machen können.

 

„Warum willst du das denn? Einerseits sagst du, du packst das nicht, aber andererseits willst du?“

„Ich … muss mich doch auch … darum kümmern …“, sagte er und fügte dann kaum hörbar hinzu: „Sie hatte doch … nur noch mich …“

„Was ist denn mit deinen Verwandten? Denen, die jetzt in der Wohnung leben und so?“

„Ich kenn die doch kaum. Und … als Mama noch da war, … haben die sich auch nicht für sie interessiert.“

 

Ich spürte, dass Tsuzuku dabei war, tief in seiner Traurigkeit zu graben und Sachen hochzuholen, die besser vergessen bleiben sollten. Und ich ahnte, wie gefährlich das war. Zwar wusste ich immer noch so gut wie nichts über dieses Ungeheuer namens Borderline, aber ich hatte so das Gefühl, dass er da gerade ganz nah dran war.

„Komm, wir gehen jetzt hier weg, zu meinen Eltern, und du beruhigst dich wieder und lenkst dich ab, okay?“, sagte ich. „Und nachher können wir immer noch überlegen, ob wir auf den Friedhof gehen oder nicht.“

Er nickte, immer noch zitternd. Ich nahm seine Hand und führte ihn weg, in Richtung Akayama.

 

Auf dem Weg zu meinem Elternhaus beruhigte Tsuzuku sich langsam wieder und als wir dort ankamen, ging es ihm wenigstens auf den ersten Blick gesehen wieder gut. Ich hoffte, dass es in ihm auch halbwegs ruhig aussah und er seine Traurigkeit zumindest bis nachher beiseiteschieben konnte.

 

Ich schloss die Haustür auf und hörte gleich, dass auf jeden Fall Mama zu Hause war, denn das Radio in der Küche lief, schallte durchs ganze Haus.

„Mama?“, fragte ich laut.

„Yuu, bist du’s?“

Das Radio wurde leiser gestellt und kurz darauf kam Mama aus der Küche, während Tsu und ich noch unsere Schuhe und Jacken auszogen. Mama strahlte mich an, freute sich sichtlich, uns zu sehen.

„Yuu, Genki, kommt ihr mich besuchen?“

„Wir haben frei … und da dachten wir … wir besuchen dich“, antwortete ich.

„Wie geht’s euch?“, fragte sie. „Kommt ihr gut alleine zurecht?“

Ich nickte und erzählte ihr leicht stockend davon, dass ich begonnen hatte, für Tsuzuku und mich regelmäßig zu kochen. Mama fragte weiter, wollte wissen, wie es mit dem Arbeiten lief, mein Job im Café und bei Tsu das Studio, und kochte uns derweil Tee. Ich erzählte, mein Freund sagte auch hin und wieder etwas dazu, und so kamen wir irgendwann auch auf das Thema, wie es ihm ging.

 

„Geht’s dir besser, Genki? Yuu hatte letztens erzählt, dass es dir nicht gut ging.“

Tsu war sofort anzumerken, dass er nicht wusste, was er antworten sollte. Nach seinem kleinen Zusammenbruch eben konnte man ja irgendwie nicht behaupten, dass es ihm besonders gut ging, aber er schien auch nicht sagen zu wollen, dass es ihm schlecht ging.

„… Es geht …“, antwortete er schließlich. „Mal gut, mal schlechter, ist ja normal für mich.“

„Und geht’s mit dem Essen, wenn ich das fragen darf?“, fragte Mama weiter.

Tsuzuku nickte. „Meto gibt sich so viel Mühe beim Kochen, das muss ich einfach essen.“

Seine Hand griff unter dem Tisch nach meiner, ich ergriff seine und spürte, dass er das wirklich so meinte mit dem Essen. Es war ein Kompliment an meine noch unausgereiften Kochkünste und zugleich ein Zeichen, dass Tsu sich an sein Versprechen, gegen die Essstörung anzukämpfen, unbedingt halten wollte. Und es machte mich glücklich. Ich lehnte mich leicht an ihn, er sah mich an und hauchte mir einen Kuss auf die Wange.

 

„Man kann euch so schön ansehen, dass ihr glücklich zusammen seid“, sagte Mama, lächelte, nahm einen Schluck Tee und fuhr dann fort: „Ich kann inzwischen wirklich nicht mehr verstehen, wie man was dagegen haben kann.“

„Unsere eine Nachbarin schon“, antwortete Tsuzuku. „Die kommt da gar nicht mit zurecht.“

„Aber sie macht euch nicht das Leben schwer, oder?“

„Bis jetzt nicht“, sagte mein Freund. „Und ich hoffe, sie lässt uns einfach in Ruhe.“

 

Wir saßen eine ganze Weile am Küchentisch, tranken Tee und redeten, Mama räumte irgendwann ihre auf dem Küchentisch ausgebreiteten Unterlagen weg.

Ich hatte das Gefühl, dass Tsuzuku sich langsam wieder entspannte, dass er sich in meinem Elternhaus wohlfühlte, und er und Mama sich wirklich gut verstanden. Und ich hoffte, dass meine Mama und ich, irgendwie oder vielleicht nur ein klein wenig, meinem Schatz seine verlorene Familie ein bisschen ersetzen konnten. Mir war klar, dass niemand ihm seine Mama wirklich ersetzen konnte, aber vielleicht konnten wir ihn ja ein bisschen ablenken und glücklich machen.

Ich hielt fast die ganze Zeit über seine Hand und bekam so ziemlich genau mit, wie er sich fühlte. Und es schien ihm gerade gut zu gehen. Doch irgendwann spürte ich wieder, wie er sich anspannte und seine Hand zitterte. Es war in dem Moment, als Mama auf die Uhr schaute und sagte, dass es auf Mittag zuging.

 

„Wollt ihr hier essen?“, fragte Mama.

Ich sah Tsuzuku fragend an. Er wirkte auf einmal wieder so seltsam unnahbar und viel zu nachdenklich, sodass ich mich kaum traute, ihn anzusprechen.

„Tsu …?“, fragte ich unsicher. „Willst du hier essen, oder fahren wir nach Hause und ich koche was für uns?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich hab keinen Hunger. Du kannst gerne was essen, aber ich will nichts.“

„Was … ist denn?“

„Ich möchte jetzt nichts essen.“ Er klang zwar noch ruhig, aber seine Hände zitterten und er strahlte diese Mischung aus Angst und … Selbsthass aus, die ich von früher von ihm kannte.

Ich dachte einen Moment nach, darüber, was ich tun sollte, stand dann kurzentschlossen auf, nahm Tsuzukus Hand und zog ihn mit, raus aus der Küche, ins Wohnzimmer, wo ich ihn sanft, aber bestimmt aufs Sofa niederdrückte.

 

„Was hast du denn?“, fragte ich, mit gedämpfter Stimme, damit Mama in der Küche nicht alles mitbekam.

Tsu sah mich nicht an, blickte zu Boden und sagte leise: „Ich will da hin, auf den Friedhof. Ich hab so ein Gefühl, dass ich das muss. Und wenn ich vorher was essen würde, dann würde ich sehr wahrscheinlich brechen.“

„Und du meinst, du schaffst das, also da hin?“

„Ich muss. Sie hatte doch nur noch mich.“

Ich wusste nichts dagegen zu sagen. Tsuzuku schien das, obwohl er sich bestimmt absolut sicher war, dass er weinen würde, unbedingt zu wollen. Ich hatte Angst, dass es ihm nicht gut tun würde, dass er infolge dessen rückfällig wurde, doch ich konnte ihn nicht aufhalten.

 

Er stand auf, ging an der Küche vorbei in den Eingangsbereich und zog seine Schuhe und seine Jacke an. Ich ging zu Mama und sagte ihr, dass wir nach Hause fuhren, weil Tsu sich nicht gut fühlte, und dass es mir leidtat, nicht noch länger bleiben zu können. Dann folgte ich ihm, zog ebenfalls Schuhe und Jacke an, nahm meine Tasche und verließ mein Elternhaus wieder.

Ich wusste, Mama bekam mit der Zeit immer mehr von Tsuzukus Problemen mit, von denen sie ja wusste, weil ich ihr damals alles erzählt hatte. Wahrscheinlich machte sie sich jetzt, genau wie ich, Sorgen um ihn.

 

Tsuzuku ging schnell, ich musste ihn richtig einholen, und als ich ihn erreichte und ansah, da sah ich  Tränen in seinen Augen, er schniefte und blinzelte, ging dabei immer schneller.

„Tsu, warte!“, rief ich, fiel schon wieder hinter ihn zurück. „Bleib stehen!“

Er blieb stehen, sah sich nach mir um, ich holte ihn wieder ein und griff seine Hand.

„Wir machen das zusammen, okay?“, sagte ich, leicht keuchend vom schnellen Laufen. „Wir gehen da zusammen hin, du sagst deiner Mama, wer ich bin, und wenn da was zu tun ist, irgendwas aufräumen oder so, dann machen wir das auch zusammen.“

 

Tsuzuku drückte meine Hand, sah mich mit dieser Dunkelheit in den Augen an und sagte leise: „Danke, Meto. Auch, … dass du mich nicht allein lässt …“

„Warum sollte ich dich alleine lassen?“, fragte ich. „Wieso denkst du so was?“

„Weil ich so unerträglich bin … und dir so viel abverlange …“

Ich drehte mich ganz zu ihm um, legte beide Hände auf seine Schultern und sah ihn ganz direkt an. Beinahe schon machte es mich sogar wütend, was Tsu da gerade gesagt hatte, von wegen er sei unerträglich. Wie oft sollte ich ihm denn noch sagen, dass das nicht stimmte, dass er absolut nicht ‚unerträglich‘ war?! Ich hatte ihn ja gefragt und er hatte geantwortet, aber dass er überhaupt so dachte …

„Tsuzuku!“, sagte ich laut, „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du ganz sicher nicht ‚unerträglich‘ bist? Ich liebe dich, verdammt nochmal, und es tut mir weh, wenn du so was sagst!“

 

Er sah mich an, verwundert oder vielleicht ein bisschen erschrocken, weil ich so laut wurde. Ich spürte, das hier war ziemlich nah dran an einem Streit.

„Ich … will dir nicht weh tun“, antwortete er leise. „Es ist nur so, dass ich … Ich kann das manchmal einfach nicht so glauben, dass … du so was wie mich liebst.“

„‘So was‘?“, wiederholte ich diese so abwertend klingenden Worte und spürte dabei einen leichten Stich in der Herzgegend.

Tsuzuku blickte mit Tränen in den Augen an mir vorbei, bewegte tonlos die Lippen und sagte dann, ganz leise, kaum zu hören: „So ‘n Borderliner wie mich …“

 

Es tat weh. Es tat richtig weh. Ich wusste zwar immer noch nicht genau, was ich mir unter diesem Wort eigentlich vorstellen sollte, aber dass es nichts Gutes war, das war mir klar. Es war abwertend, schmerzhaft und gemein, und der Tonfall, in dem Tsu das sagte, verstärkte das noch.

Ich spürte, wie ich wütend wurde, wusste aber nicht, auf wen oder was. Vielleicht auf dieses Ungeheuer, dass sich vor langer Zeit in der Seele meines Freundes eingenistet hatte und ihn solche Dinge sagen ließ.

Und doch wusste ich, dass er das alles jetzt wahrscheinlich nur sagte, weil er aufgeregt war wegen dem, was er vorhatte. Er konnte nichts dafür und wollte mich weder verletzen, noch wütend machen, er konnte einfach nur nicht anders.

 

„Du bist aufgeregt, oder? Und du hast Angst. Deshalb sagst du jetzt so was. Eigentlich weißt du, dass ich dich liebe, so wie du bist, oder?“, fragte ich.

Tsuzuku antwortete nicht, doch ich sah ihm an, dass ich Recht hatte. Er hatte einfach wahnsinnige Angst. Angst, am Grab seiner Mama die Fassung zu verlieren, und Angst, dann rückfällig zu werden, zu erbrechen oder sich verletzen zu wollen. Es war ihm nur allzu deutlich anzusehen.

„Ich bin bei dir“, sprach ich und nahm wieder seine Hand. „Ich halte dich.“

 

Den Rest des Weges gingen wir ohne ein weiteres Wort Hand in Hand. Ich spürte, wie er, obwohl sich ein Teil seiner Anspannung eben ein wenig entladen hatte, mit jedem Schritt aufgeregter wurde. Und als wir die Altstadt durchquerten und schließlich die Pforte des Friedhofs erreichten, war er zwar nach außen hin ruhig, doch von ihm ging eine eigenartige, dunkle Ausstrahlung aus,  die sich wie Lava unter der Oberfläche zu stauen schien.

„Bereit?“, fragte ich leise.

Er nickte, seine Hand in meiner zitterte.

 

Langsam gingen wir zwischen den grauen Steinstelen entlang, den vielen Namen, Blumen, Opfergaben. Tsuzuku schien nicht mehr ganz genau zu wissen, wo sich das Grab befand, er sah sich einige Steine genauer an, schaute sich um, blieb hin und wieder stehen.

„Weißt du noch, wo’s ist?“, fragte ich.

„Irgendwo weiter hinten“, sagte er, seine Stimme klang seltsam ruhig und belegt.

Wir durchquerten den halben Friedhof, auf dem wir ganz allein zu sein schienen, gingen an dem kleinen Tempel vorbei, der sich etwa in der Mitte befand, und Tsu ging wieder schneller, schien jetzt genau zu wissen, wo er hin wollte. Ich ließ seine Hand los, er lief los, zwischen den Grabsteinen entlang, und blieb dann auf einmal stehen. Und ich wusste, er hatte es gefunden.

 

Zuerst stand er nur da und blickte auf den Stein vor ihm. Je näher ich kam, umso deutlicher sah ich, wie sehr er um Fassung rang. Und als ich schließlich wieder neben ihm stand, da schluchzte er plötzlich auf und sank auf die Knie. Seine Schultern bebten, er beugte sich vor, stützte sich mit den Händen auf dem kalten Erdboden ab und weinte. Ich kniete mich neben ihn, ob meine Hose schmutzig wurde, war mir egal, und legte meine Hand auf seinen Rücken.

 

„Lass es raus“, sprach ich leise. „Es ist niemand hier außer uns, nur du und ich.“

Ich hatte mit meinen Worten erreichen wollen, dass er sich nicht zu sehr selbst kontrollierte und nicht diesen schmerzhaften Stau im Herzen fühlte. Doch trotzdem war ich erschrocken, als Tsuzuku auf meine Worte hin immer heftiger weinte, hemmungslos alles herausließ und schließlich kaum verständliche Worte über seine Lippen kamen. Worte aus seinem Innersten, schlimme Dinge, die ich so noch nicht gewusst hatte.

„Mama … Es tut mir so leid … Es tut mir so wahnsinnig leid … Ich hab dir so oft weh getan, hab dir das Leben schwer gemacht, mit meiner ganzen verdammten, kaputten Persönlichkeit … Ich weiß jetzt, wie gestört ich bin, ich will nicht so sein, und doch, manchmal bin ich gern so. Ich hasse mich! Warum bin ich so, warum hab ich dir solche Schwierigkeiten gemacht?!“

 

Seine Tränen fielen auf den Sandboden, malten dort dunkle, runde Flecken. Ich fühlte mich irgendwie befangen, blickte auf den Stein, wo der Name „Aoba Misayo“ in hübschen, perfekt in den grauen Stein gravierten Zeichen stand. Misayo hatte sie also geheißen, Tsuzukus Mama.

„Verzeih mir, Mama, bitte … Ich … hab das nicht gewollt. Ich …“ Er brach ab, konnte vor weinen kaum mehr sprechen. Kurzentschlossen rückte ich näher zu ihm und schloss ihn in meine Arme, hielt seinen bebenden Körper fest, zog ihn eng an mich und spürte seine tiefe Trauer und die entsetzliche Verzweiflung ganz nah. Er ließ sich einfach von mir umarmen und halten, und vielleicht tat es ihm auch ein klein wenig gut.

 

„Ich … ich hab sie umgebracht“, flüsterte er mit tränenerstickter Stimme an meiner Schulter. „Ich bin schuld. Wenn ich damals nicht …“

„Shhh“, unterbrach ich ihn. „Shhh…“ Ich wollte irgendwas wie ‚Alles gut‘ sagen, ‚Alles gut, ich bin bei dir‘, aber würde ihn das in seiner furchtbaren Traurigkeit überhaupt erreichen?

„… Wenn ich nicht so gestört wäre … und wenn ich dran gedacht hätte, dass sie krank war …“

„Nein, Tsu, nicht das alles wieder hochholen“, unterbrach ich ihn wieder. „Das ist nicht gut.“

Doch ich spürte, dass es längst alles oben war, dass er sich binnen Sekunden seine ganze Trauer und seine Schuldgefühle wieder ins Bewusstsein geholt hatte und jetzt nicht einfach wieder davon weg konnte. Ich hoffte und betete so sehr, dass er das hier überstand, ohne rückfällig zu werden.

 

Der Tag heute hatte doch so schön angefangen! Warum war jetzt alles wieder so schlimm und traurig? Warum musste der liebste Mensch, den ich auf dieser Welt hatte, so furchtbar leiden? Wieso lag er schon wieder weinend in meinen Armen, statt glücklich zu lachen und mit mir unseren gemeinsamen freien Tag zu genießen?

In diesem Moment empfand ich das Leben als furchtbar ungerecht. Und ich konnte nichts tun, als meinen Freund zu halten und ihm all meine Nähe und Liebe zu schenken, damit er ein paar Momente lang glücklich war, nur um dann wieder zusammenzubrechen.  Doch ich war bereit, das immer wieder zu tun, ihn immer wieder, wenn auch nur für kurz, glücklich zu machen.

 

Tsuzuku klammerte sich an mich, seine Hände krallten in meinen Rücken, er weinte bitterlich und ich spürte die Nässe seiner Tränen schon auf der Haut, mein Shirt war an der Schulter ganz nass. Es war recht lange her, dass er so sehr vor mir geweint hatte, und mir kam der Gedanke, dass er das vielleicht brauchte, mal alles rauszulassen.

Und irgendwann, ich hatte schon ein wenig das Zeitgefühl verloren, da beruhigte er sich langsam wieder. Seine Atmung schluchzte noch weiter, er klang fast so, als bekäme er kaum Luft, und ich streichelte seinen Rücken, geduldig wartend, bis er wieder halbwegs zu Atem kam und seine Tränen nicht mehr flossen. Er sah mich an, seine Augen waren stark gerötet vom Weinen, und fragte flüsternd: „Meto, wie hab ich so jemand Süßes wie dich eigentlich verdient?“

Es war ja nicht das erste Mal, dass er mich das fragte, aber dieses Mal konnte ich ganz sicher und überzeugt antworten: „Indem du der liebste Mensch bist, den ich auf dieser Welt habe. Und jetzt lächle ein bisschen und freu dich, dass du mich hast.“

Ein kleines, zögerliches Lächeln huschte über seine Lippen und dann fiel er mir um den Hals, ich glaubte fast, seinen Herzschlag zu spüren, und wie er mit einem Mal wieder glücklich war. Oder so was Ähnliches wie glücklich.

 

Er löste sich wieder von mir, wandte sich dem Grabstein zu und blickte diesen einen Moment lang einfach nur an, so als wartete er auf etwas. Und das, worauf er wartete, schien auch kurz darauf einzutreten, denn er erhob sich und bedeutete mir, ebenfalls aufzustehen.

„Mama … Ich möchte dir gern jemanden vorstellen“, sagte er leise.

Sah er sie jetzt vor sich? Es kam mir irgendwie ganz normal vor, kein bisschen seltsam, und ich dachte: ‚Wenn meine Mama tot wäre, würde ich auch noch mit ihr sprechen und sie sozusagen sehen, an ihren Geist glauben.‘

Ich wusste ja nicht, wie Misayo ausgesehen hatte, deshalb konnte ich sie mir kaum vorstellen. Doch trotzdem versuchte ich es und verbeugte mich leicht in Richtung des Grabsteins.

 

„Mama, das ist Meto. Er ist mein Freund, also … mein fester Freund. Wir leben zusammen und ich hab ihn sehr, sehr lieb.“ Tsuzuku legte seinen rechten Arm um mich und gab mir einen Kuss auf die Wange. Einen Moment standen wir einfach nur da, zumindest aus meiner Sicht, denn ich hatte das Gefühl, dass Tsu seine Mama irgendetwas tun sah. Vielleicht war er auch einfach in Erinnerungen an sie versunken. Aber es schien ihn nicht traurig zu machen, denn er hatte ein ganz leichtes Lächeln auf den Lippen.

 

Und dann ließ er mich los, kniete sich wieder auf den Boden und erneuerte sein Versprechen, gesund zu werden, oder zumindest glücklich. Ich hörte zu und sah, wie er dann aufblickte und ein wenig den Kopf bewegte, so als wäre da eine Hand, die ihm durchs Haar strich. Obwohl ich Misayo nicht sehen konnte, spürte ich diese Innigkeit zwischen ihr und meinem Freund und mir traten Tränen in die Augen vor Rührung.

Tsuzuku blickte sich nach mir um, sah die Tränen, stand auf und fragte: „Warum weinst du denn jetzt, Meto-chan?“

„Weil … Ich freu mich so … dass deine Mama doch noch … ein bisschen für dich da ist …“, brachte ich leise heraus und blinzelte, um meine Kontaktlinsen an ihrem Platz zu halten und mein Make-up nicht völlig kaputt zu machen.

Tsuzuku lachte, als er das sah. „Deshalb hab ich heute keine drin.“

Dann wandte er sich wieder seiner Mama zu: „Ich gehe jetzt. Aber … ich denke, ich komme bald wieder.“

Er verbeugte sich leicht und nahm meine Hand. Und dann verließen wir, nachdem ich mich ebenfalls verbeugt hatte, den Friedhof in Richtung Bahnhof, um wieder nach Hause zu fahren, in die andere Stadt, unser neues Zuhause.

[am selben Tag, morgens]

 

Ich hatte Vormittagsschicht, musste arbeiten. Meto hatte ja frei und ich musste ihn mitvertreten, wie das halt so war. Aber ich mochte meine Arbeit ja.

Während einer meiner Zigarettenpausen bekam ich eine SMS von Mikan. Sie schrieb, dass sie am liebsten schon morgen mit mir nach Tokyo fahren wollte, und dass sie sich darauf freute. Sie wusste, dass ich morgen den ganzen Tag frei hatte und schlug deshalb vor, unseren Shoppingtrip vorzuverlegen.

Ich schrieb ihr zurück, dass mir die Idee gefiel und dass ich es kaum erwarten konnte, die ‚heiligen Hallen‘ meines tokyoter Lieblingsladens Closet Child mal wieder unsicher zu machen.

Vielleicht hatten sie da ja wieder Sachen von Vivienne Westwood auf Lager? Schon beim Gedanken an neuen Schmuck, neue Schuhe oder ein hübsches Top schlug mein Herz schneller und wenn ich dann auch noch an die Ginza dachte, an die vielen teuren Läden dort, mit den wundervollen Handtaschen in den Schaufenstern … Hach, ja, ich liebte das!

 

In dem Moment kam Satchan in den Pausenraum, sah mich mit Handy und Zigarette am Fenster stehen und bemerkte mein verträumtes Lächeln.

„Na, Kocha, was strahlst du so?“, fragte sie lächelnd.

„Ich fahr morgen nach Tokyo“, antwortete ich.

„Shoppen, oder wie?“ Satchan grinste.

Ich nickte, drückte meine Zigarette im auf dem Fensterbrett stehenden Aschenbecher aus und schloss das Fenster. Meine Kollegin kam auf mich zu, grinste wieder und fragte: „Sag mal, wieso trägst du eigentlich zur Arbeit keine Frauensachen, so wie Meto-chan?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Aber ich mag diesen Anzug irgendwie.“

„Ein Kleid würde dir aber auch stehen.“

 

Irgendwie, obwohl ich ja ab und zu gern mal ein Kleid trug, gab mir diese Aussage einen Stich. Es waren weniger die Worte an sich, als eher der Ton, in dem Satchan das sagte, und der Blick, mit dem sie mich ansah. Ich wich ihrem Blick aus, sah zu Boden, und dann spürte ich, was es war, das mir wehtat: Ich fühlte mich in diesem Moment nicht als Mann angesehen, sondern wieder in die Rolle des süßen Mädchens gesteckt.

Friendzoned war ich bei Satchan sowieso, und ich wusste ja auch, wie ich mit meinem femininen Benehmen auf Frauen wirkte, aber auf einmal, da wünschte ich mir doch sehr, dass sie mich auch mal als Mann erkannten, der sich zwar gerne schön machte und Rosa liebte, aber eben … na ja, ein Mann war.

 

Wenn Tsuzuku mich mit meinem Aussehen und so weiter aufzog, fühlte sich das ganz anders an. Weil er ja auch ein Kerl war und mich ja nur freundschaftlich neckte. Als heterosexueller Mann wollte ich eben absolut nichts solches von ihm und darum war es okay, wenn er mich ein bisschen auslachte und ‚Mädchen‘ nannte.

Aber meine Kolleginnen und guten Freundinnen, von denen ich mir doch irgendwo immer noch mehr erhoffte, die sollten mich endlich mal irgendwie als männlich ansehen.

Ohne ein Wort ging ich an Satchan vorbei, wandte mich wieder meiner Arbeit zu und registrierte nur nebenbei, dass sie nicht verstand, warum ich so reagiert hatte.

 

„Kocha!“, rief mich eine Besucherin zu sich. „Lass mal spielen!“

Zum ersten Mal hatte ich auf einmal keine Lust, die Mädels zu bespaßen. Ich hatte generell in diesem Moment keine Lust auf weibliche Wesen. Fast war ich sogar ein bisschen genervt, wenn ich auch nicht so genau sagen konnte, ob von ihnen oder vielleicht auch von mir selbst.

Doch ich konnte mich hier jetzt nicht so einfach rausziehen. Und so setzte ich mein möglichst süßestes Lächeln auf und ging zu dem Tisch, wo drei zuckersüß gekleidete Mädchen mit einem Kartenspiel auf mich warteten.

 

Der Vormittag zog sich scheinbar endlos in die Länge und ich war unheimlich froh, als mein Kollege für heute Nachmittag auftauchte und ich mich umziehen und dann verschwinden konnte.

Im Zug nach Hause schrieb ich eine Nachricht an Tsuzuku, einfach um zu wissen, ob es ihm nach seinem Zusammenbruch wieder einigermaßen gut ging. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, er schrieb zurück, dass er heute mit Meto in ihrer beider Heimatstadt gewesen und seine Mutter auf dem Friedhof besucht hatte. Ich fragte, ob er okay war, und er antwortete, ja, er fühlte sich jetzt gut. Jetzt schon, dort auf dem Friedhof aber wahrscheinlich nicht.

Ich konnte mir das nur zu gut vorstellen, dass da eine Menge Tränen geflossen waren. Schließlich war Tsuzuku ein hoch emotionaler Mensch und ich hatte oft den Eindruck, dass er seine Trauer die meiste Zeit über beiseiteschob. Da war es nicht verwunderlich, dass er in so einer Situation die Fassung verlor und weinte.

 

Den Rest der Bahnfahrt über dachte ich noch ein wenig über ihn nach, überlegte, ob es etwas gab, wo ich ihm helfen konnte. Jetzt, wo ich besser wusste, was mit ihm los war, hätte es ja eigentlich einfacher werden können, doch irgendwie war dem nicht so. Es fühlte sich sogar noch komplizierter an. Denn auch, wenn ich wirklich nicht so denken wollte, konnte ich kaum etwas dagegen tun, dass ich das wenige, was ich über Borderline wusste, mit Tsuzukus Verhalten abglich, und mich fragte, was davon auf ihn zutraf. Diese Gedanken fühlten sich ziemlich furchtbar an und ich versuchte schnell, an etwas anderes zu denken.

 

Zum Beispiel an die geplante Shoppingtour mit Mikan. Ich freute mich immer noch darauf, doch gleichzeitig fragte ich mich, wie sie mich eigentlich sah. War ich für sie auch mehr ‚beste Freundin‘, als Mann, oder blickte sie als meine engste Freundin hinter mein Aussehen? Ich wusste es nicht und es war auch schon ziemlich lange her, dass wir über dieses Thema gesprochen hatten.

 

Ich sah mich in der spiegelnden Fensterscheibe an, prüfend, mit Blick darauf, was an meinem Äußeren mich für Frauen auf sexuelle Weise attraktiv machen konnte. Und stellte dabei fest, dass ich doch recht gern so aussah, wie ich aussah. Ich liebte meine langen, rosa Haare mit den schwarzen Strähnchen, die Form meiner Lippen und auch die meiner heute kaum geschminkten Augen. Es war einfach mein persönliches Schönheitsideal und ich war ziemlich glücklich, dem zu entsprechen.

 

Da stellte sich mir die Frage, warum man denn als Mann wie einer aussehen musste, um auch als solcher wahrgenommen zu werden. Gab es nicht noch andere Attribute, denen ich entsprechen konnte, ohne mein geliebtes süßes Aussehen verändern zu müssen?

Vielleicht, so dachte ich, sollte ich Mikan mal ernsthaft danach fragen, wie Frauen das sahen?

 

Die Bahn hielt an meiner Station, ich stieg aus und steuerte kurzentschlossen auf einen der Imbissläden im Bahnhof zu, um mir ein Mittagessen zu kaufen. Ich hatte Lust auf ein richtig schickes Luxus-Bento, und so eines holte ich mir, nahm es mit nach Hause und machte es mir dort am Kokatsu gemütlich. Ich stellte den Fernseher an, fand einen Liebesfilm, den ich kannte, und sah ihn mir an, während ich zu Mittag aß.

 

Doch irgendwie gefiel mir der Film auf einmal nicht mehr so, wie ich das von mir kannte. Ich mochte solche kitschigen Filme normalerweise sehr, bezeichnete mich selbst als romantisch veranlagten Menschen und stand dazu, dass es mir eben gefiel, zu beobachten, wie zwei Menschen in Liebe zueinander fanden. Doch heute konnte mich dieser Film nicht so mitreißen und begeistern, dass ich mit rosa Herzchen in den Augen vor dem Fernseher gesessen hätte. Ich konnte mich weder auf die Handlung, noch auf mein Essen wirklich konzentrieren, und aß das teure Bento, ohne es richtig zu genießen, während der Film eine Art Hintergrundgeräusch wurde.

 

Langsam wurde mir dabei immer klarer, dass bei mir irgendwas nicht stimmte. Irgendetwas lief in letzter Zeit falsch und ich glaubte auch schon, die Ecken und Ränder des Grundes dafür erkennen zu können. Dieses dunkle, kalte Loch abends, dass ich unruhiger schlief als sonst und morgens vor dem Duschen wie ein Gespenst aussah, und dass es mich auf einmal so sehr störte, wenn mich Frauen nicht wirklich als Mann wahrnahmen. Doch ich traute mich irgendwie nicht so recht, da näher ran zu gehen und nachzuschauen, was in meinem Inneren durcheinander geraten war. Ich ahnte, dass ich dann würde weinen müssen, und das wollte ich nicht.

 

Ich schaltete den Fernseher aus, stand auf, nahm die Reste des Bento mit in die Küche und stellte es dort in den Kühlschrank. Dabei fiel mein Blick auf meine in der Spüle stehende Teetasse mit Bambi drauf und ich überlegte einen Moment, ob ich mir Tee kochen sollte. Irgendwie stand meine innere Uhr schon auf Abends, obwohl es erst kurz nach Mittag war. Vielleicht sollte ich mich ein wenig hinlegen und schlafen.

Ich nahm einen Beutel Kirschtee aus dem Schrank, füllte Wasser in den Wasserkocher und während ich wartete, blickte ich aus dem Küchenfenster. Davor stand ein Zierkirschbaum im Innenhof, der schon die ersten Knospen aufwies und sicher demnächst schön hellrosa blühen würde. Ich mochte Kirschbäume, allein schon wegen der Farbe ihrer Blüten. Doch in diesem Moment machte mich der Anblick der kleinen Blütenknospen irgendwie traurig und ich wandte den Blick ab.

 

Das Wasser kochte und ich goss es über den Teebeutel, dann nahm ich die Tasse mit ins Wohnzimmer und stellte sie erst einmal auf dem Kokatsu ab, damit der Tee zog, während ich mir ein Lager auf der Couch machte. Ich zog mich bis auf die Unterwäsche aus und kroch unter die dünne Flanelldecke, die ich auf dem Sofa liegen hatte. Es fühlte sich fast so an, als würde ich krank werden. Vielleicht hatte ich mir doch nur irgendwo eine Grippe eingefangen. Doch eine kleine, gemeine Stimme in meinem Kopf flüsterte mir zu, dass das keine Grippe war, sondern etwas viel tiefer sitzendes und schwerer zu heilendes.

 

Irgendwann dann muss ich einfach eingeschlafen sein und dann auch lange geschlafen haben. Denn als ich wieder aufwachte, war es dunkel draußen. Ich beugte mich vor und griff nach der Teetasse. Sie war kalt, der Tee ebenfalls, und er schmeckte viel zu stark, wie hochkonzentrierter Kirschsaft. Ich erhob mich seufzend, ging langsam in die Küche und kippte den Tee samt Beutel in die Spüle.

Dann sah ich auf die Uhr. Es war halb sechs. Ich hatte wirklich fast fünf Stunden geschlafen, einfach so, mitten am Tag. Das war zuletzt vor Jahren vorgekommen, während meiner kurzen Zeit an der Uni, als ich viel gelernt und deshalb zwischenzeitlich auch viel geschlafen hatte.

 

Ich ging in den Flur und warf einen Blick aufs Telefon. Eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Ich hatte anscheinend so tief geschlafen, dass ich das Klingeln nicht gehört hatte. Die Nachricht war von Mikan: „Hey, Kocha, hier ist Mikan! Wie geht’s dir? Ich würde dich gern besuchen, wir könnten doch mal wieder zusammen ausgehen. Ruf mich einfach zurück. Hab dich lieb, Ko. Baiii!“

Ich griff nach dem Hörer, doch als ich ihn berührte, bemerkte ich, wie meine Hand zitterte. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern ziemlich stark. Ich zog sie zurück, sah sie verwirrt an. In meinen Ohren klang Mikans durch den Anrufbeantworter leicht elektrisch verzerrte Stimme, ihr ‚Hab dich lieb, Ko‘, und wie vorhin beim Anblick der Blütenknospen fühlte ich mich auf einmal unheimlich traurig. Aber warum machte es mich überhaupt traurig, wenn sie sagte, dass sie mich lieb hatte?

 

Ich ging erst einmal ins Wohnzimmer zurück und zog mich wieder ganz an, dann ging ich wieder zum Telefon, um Mikan zurückzurufen. Doch was sollte ich ihr eigentlich sagen? Wollte ich sie treffen, oder heute Abend lieber allein bleiben?

Einen kurzen Moment lang spielte ich mit der Idee, Mikan abzusagen, stattdessen Tsuzuku anzurufen und ihn zu fragen, ob er mich besuchen wollte. Doch dann dachte ich daran, dass er sich bestimmt einen schönen Abend mit Meto machen wollte, und verwarf die Idee wieder.

Schließlich wählte ich doch Mikans Nummer und während es bei ihr klingelte, entschied ich, es einfach auf mich zukommen zu lassen, ob sie mich sehen wollte, und was wir taten.

 

„Hey, Kocha!“, begrüßte sie mich und ich sah sie im Geiste vor mir, ihre braunen Augen und blond gebleichten Haare mit dem Hauch von Violett darin.

„Mikan …“, antwortete ich. „Tut mir leid, ich hab geschlafen und das Telefon nicht gehört.“

„Geschlafen? Mitten am Tag?“

„Ja. Ich bin einfach eingepennt.“

„War die Arbeit heute so anstrengend?“, fragte sie.

Ich antwortete einen Moment nicht, überlegte kurz, was ich sagen sollte. „Ich glaube, ich brüte eine Grippe oder so was aus“, sagte ich schließlich.

„Oh, okay. Dann ist ein Trip in den Visual-Club vielleicht keine so gute Idee, oder?“ Mikan klang ein bisschen enttäuscht, schien sich auf eine aufgestylte Partynacht mit mir gefreut zu haben.

„Ja, wahrscheinlich. Tut mir leid“, antwortete ich.

Auf einmal kicherte sie leise, sagte dann: „Du, ich weiß, was wir machen. Ich komm zu dir und pflege dich gesund, bevor du noch richtig krank wirst.“

Ich musste lachen, einfach wegen dem Ton, in dem sie das sagte. Sie klang wie ein kleines Mädchen.

„Komm halt her und steck dich an“, erwiderte ich.

„Bin schon unterwegs! Bis gleich!“ Und schon hatte sie aufgelegt.

 

Ich blieb noch einen Moment mit dem Hörer in der Hand stehen. Erst jetzt bemerkte ich, dass mein Herz klopfte wie verrückt. Und wieder fragte ich mich, was denn bitte mit mir los war. Doch an eine mögliche Antwort traute ich mich nicht heran.

Während ich auf Mikan wartete, räumte ich im Wohnzimmer ein bisschen auf und kochte eine Kanne Grünen Tee für uns. Dieses Mal stellte ich die Teeuhr, und während die lief, suchte ich ein paar Filme aus, von denen ich wusste, dass Mikan sie ebenso mochte wie ich. Zuerst war ‚Bambi‘ auch dabei, doch dann entschied ich mich zum ersten Mal aus emotionalen Gründen gegen meinen Lieblingsfilm und stellte ihn ins Regal zurück. Ich hatte Angst vor den traurigen Stellen, wollte nicht weinen.

 

Und als ich dann den Teebeutel aus der Kanne nahm, fiel mein Blick wieder auf den Kirschbaum im Innenhof. Ich wusste immer noch nicht, was mich daran so melancholisch stimmte, doch dass es so war, daran gab es keinen Zweifel. Ich musste mir zumindest eingestehen, dass es mir zurzeit nicht besonders gut ging und dass sich der fröhliche, starke Koichi, als den ich mich kannte, gerade hinter dunklen, grauen Wolken versteckte.

 

Ich biss mir auf die Unterlippe, wodurch mein Piercing gegen meine unteren Schneidezähne drückte. Es stach ein bisschen, doch das war nicht der Grund, warum mir auf einmal Tränen in die Augen sprangen. Ich stellte die Teekanne auf den Küchentisch, setzte mich auf einen der Stühle und zog die Knie hoch, schloss meine Arme darum und versuche, die Tränen niederzukämpfen. Doch es waren so viele, so schwer, und die Traurigkeit mit einem Mal so groß und dunkel, dass es mir nicht gelang.

Und so legte ich den Kopf auf die Knie und weinte, nicht laut oder heftig, sondern ganz leise, ließ die Tränen fließen, weil ich sie nicht mehr aufhalten konnte. Ich wusste nicht mal, warum genau ich so traurig war, nur, dass ich es eben war, und dass ich Angst davor hatte.

 

Als die Türklingel schrillte, schreckte ich auf. So schnell ich konnte, sprang ich auf, fuhr mir mehrmals mit dem Handrücken über die Augen und schniefte. Sofort schämte ich mich irgendwie, dass ich mich so hatte gehen lassen. Das war doch gar nicht meine Art!

Ich lief ins Bad, sah, dass meine Augen rot geweint waren, und wusste, dass ich das kaum vor Mikan würde verbergen können. Ich puderte trotzdem ein wenig die Region unter meinen Augen, wagte mich dann zur Tür und öffnete.

 

„Hey, Kocha!“ Mikan klang fröhlich wie immer und strahlte mich an. Doch sowie sie sah, dass es mir nicht gut ging, wurde sie ernst. „Du siehst wirklich müde aus, wie geht’s dir?“

„Geht …“, antwortete ich und ließ meine beste Freundin in die Wohnung.

Mikan blieb im Flur neben mir stehen, blickte mich einen Moment einfach nur an, dann fragte sie ganz direkt: „Hast du geweint?“

Ich konnte sie nicht anlügen. „Ja. Ein bisschen.“

„Weil du dich krank fühlst, oder weil du traurig bist?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich fühl mich irgendwie einfach nicht gut.“

Mikan zog ihre Schuhe und Jacke aus, nahm ihre Mütze ab und hängte ihre Tasche an meine Flurgarderobe. Dann ging sie mir voran ins Wohnzimmer.

 

„Ist ja total dunkel hier“, bemerkte sie und machte erst einmal Licht, dann setzte sie sich aufs Sofa und sah sich meine ausgesuchten, auf dem Tisch liegenden DVDs an. „Na, dann schauen wir uns mal ‘nen süßen Film an, danach geht’s dir bestimmt schon besser.“

Ich sagte nichts dazu, sondern setzte mich einfach neben sie und ließ sie einen Film aussuchen.

„Hast du was zum Knabbern da?“, fragte Mikan.

Ich nickte, stand auf und holte eine Tüte Chips aus der Küche, legte diese dann geöffnet auf den Tisch und nahm mir eine Decke, um es mir neben meiner besten Freundin auf dem Sofa gemütlich zu machen.

 

Wir sahen uns einen koreanischen Liebesfilm an, den ich eigentlich ziemlich gern mochte und schon einige Male gesehen hatte. Und im Gegensatz zu dem Fernsehfilm, den ich heute Mittag gesehen hatte, konnte ich mich auf diesen auch einigermaßen konzentrieren. Die Geschichte war süß und romantisch, genauso wie ich es mochte, ich futterte Chips, kuschelte mich an Mikans Seite und fühlte mich wieder halbwegs gut. Ab und zu sah sie mich an und lächelte.

 

Alles schien wieder so weit okay, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als es im Film sexuell zur Sache ging. Irgendwie vertrug ich das in diesem Moment nicht. Sonst sah ich immer ganz normal hin, fühlte mich davon angenehm leicht erregt und mochte solche Szenen, aber heute konnte ich mir das irgendwie nicht anschauen. Ich blickte zu Mikan, die interessiert zusah, und starrte dann selbst knapp am Fernseher vorbei zum Fenster.

 

Und während das Liebespaar im Film lustvoll seufzend und küssend unter einer raschelnden Bettdecke verschwand, und meine beste Freundin, die mich von Anfang an gefriendzoned hatte, dabei zusah, kam mir der Gedanke, warum ich, ausgerechnet ich, eigentlich hetero war. Ich dachte an Tsuzuku, der anscheinend bisexuell war, und der nach früheren Abenteuern mit Mädchen jetzt seine Liebe fürs Leben in einem anderen Mann gefunden hatte, und an Meto, der nur auf Kerle stand und zwischenzeitlich gleich zwei Interessenten gehabt hatte.

Irgendwie erschien es mir auf einmal fast so, als seien Männer leichter zu bekommen, und ich als Hetero-Mann ziemlich alleine, zumindest als einer, der nun mal gern süß und mädchenhaft aussah. Mein Aussehen hatte doch absolut nichts mit meiner Sexualität zu tun, es war einfach nur mein Schönheitsideal, mehr nicht. Warum war das so schwer zu sehen?! Ich konnte doch auch nichts daran ändern, dass ich mich sexuell nun mal nur zu Frauen hingezogen fühlte!

 

Ich richtete mich auf, tat, als müsste ich mich ein wenig strecken, doch eigentlich wollte ich nur ein wenig Abstand zu Mikan bekommen. Sie sah mich fragend an und ich tat wiederum so, als müsste ich mich nur bequemer hinsetzen.

Der Film war inzwischen über die erotische Szene hinweg und lief normal weiter, doch jetzt konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Ich achtete nur noch darauf, dass der Abstand zwischen Mikans und meinem Körper nicht zu klein, aber auch nicht zu groß wurde, schwankte dazwischen, mich an sie kuscheln zu wollen, weil ich mich nach Nähe sehnte, und ihr nicht zu nahe zu kommen, weil sie ja nur meine beste Freundin war.

Und irgendwann, als der Film fast vorbei war, wurde mir klar, was ich da tat: Ich hatte Mikan lieb, sehr lieb, ich stand auf sie, und der Abstand zwischen uns war nur da, weil ich nicht wusste, ob von ihrer Seite nicht doch mehr als nur Freundschaft möglich war. Und mir kamen schon wieder fast die Tränen, als ich daran dachte, dass sie mich nur als besten Freund sah, und als halbes Mädchen noch dazu.

 

Jeden weiteren Gedanken verbot ich mir. Ich durfte jetzt nicht zulassen, dass meine Gefühle und Hormone mit mir durchgingen und ich am Ende noch etwas tat, was unserer Freundschaft schadete.

Zum Beispiel, sie zu umarmen und zu küssen.

‚Nein!‘, dachte ich energisch. ‚Koichi, willst du wohl aufhören damit?!‘

Mikan sah mich wieder fragend an. „Ko, alles okay?“

„Ja, alles gut“, beeilte ich mich zu sagen und dachte dabei nur daran, sie in meine Arme zu nehmen. Ich starrte geistesabwesend auf das Bild auf ihrem pastelllila T-Shirt, eine kleine schwarze Katze, und bemerkte zwei Sekunden zu spät, dass ich eigentlich das anstarrte, was sich unter dem Shirt befand, die sanften, weichen Rundungen ihrer Brüste.

Ich blinzelte, blickte an ihr vorbei, und wusste auf ihren leicht verwirrten Blick nichts zu antworten. Überhaupt hatte ich absolut keine Ahnung, wie ich ihr beibringen sollte, dass ich mehr von ihr wollte und eben nicht die männliche ‚beste Freundin‘ war, für die sie mich hielt.

 

Ich stand auf und stellte den Fernseher und den DVD-Player aus. Und als ich mich wieder zu Mikan umdrehte, da sah sie, obwohl sich eigentlich gar nichts verändert hatte, auf einmal so schön aus, mit ihren knapp über schulterlangen, blond-lila Haaren, ihren leuchtenden, braunen Augen und ihrem süßen Fairy Kei-Outfit, so wahnsinnig schön.

Sie lächelte. „Koichi, was starrst du mich so an?“

Ich konnte nicht anders, als halbwegs ehrlich zu sein. „Du siehst heute so hübsch aus.“

„Danke. Du auch.“

„Ich bin nicht mal geschminkt“, erwiderte ich trocken und hatte endlich das Gefühl, dass alles wieder halbwegs normal war, dass ich mich wieder gut und sicher fühlte, zumindest für den Moment. Mit einem Unterschied: Ich wusste jetzt zumindest bei einer Sache, was los war. Auch, wenn ich noch keine Ahnung hatte, was daraus werden würde.

 

„So, ich glaube, die Grippe haben wir abgewehrt. Du siehst jedenfalls wieder okay aus“, sagte Mikan schließlich und stand auf. „Wollen wir noch was machen, oder soll ich wieder gehen?“

Erst jetzt fiel mir wieder ein, dass sie und ich morgen zusammen nach Tokyo wollten.

„Geh mal lieber“, sagte ich. „Wir sehen uns ja morgen.“

Mikan lächelte. „Stimmt. Soll ich dich dann abholen?“

„M-hm.“ Ich nickte.

Sie ging in den Flur, zog sich Schuhe, Jacke und Mütze wieder an und nahm ihre Tasche.

„Also dann, bis morgen, Koichi.“ Und ehe ich etwas sagen oder tun konnte, hatte sie sich vorgebeugt und mir einen Kuss auf die Wange gedrückt. „Hab dich lieb.“

„… Ich dich auch …“, erwiderte ich, mehr automatisch, meine Wange fühlte sich heiß und kalt zugleich an.

Sie lächelte mir noch einmal zu, dann schloss sie die Tür hinter sich und ich hörte ihre Schritte im Treppenhaus. Ich blieb noch ein paar Augenblicke im Flur stehen. Mein Herz klopfte wie verrückt und ich war schon wieder den Tränen nahe.

 

Am liebsten hätte ich jetzt Tsuzuku angerufen und ihm alles erzählt, aber dafür war es jetzt eindeutig zu spät. Sicher lag er jetzt mit Meto im Bett, vielleicht schliefen sie sogar miteinander, oder sie waren beide längst im Land der Träume, bestimmt glücklich umarmt.

Ich hatte nicht allzu viele männliche Freunde, und der einzige von ihnen, der mir nahe genug stand, dass ich mit ihm über so etwas hätte sprechen können, war nun mal Tsuzuku. Er hatte mir letztens ja sogar von sich aus angeboten, dass ich, wenn ich mal jemanden zum Reden brauchte, auch zu ihm kommen konnte.

Ich dachte an ihn und Meto, daran, wie glücklich die beiden trotz aller Schwierigkeiten miteinander waren und wie süß ich sie als Paar fand. Und auf einmal spürte ich einen fiesen kleinen Stachel im Herzen, einen neidischen Stachel, weil die zwei einander hatten und ich allein war.

‚Morgen …‘, dachte ich, ‚Morgen bin ich den ganzen Tag mit Mikan zusammen. Da hab ich bestimmt eine Gelegenheit, sie unauffällig zu fragen, wie sie mich eigentlich sieht.‘  

 

Ich fuhr mir mit dem Handrücken über die Augen, merkte jetzt erst, wie müde ich schon wieder war, und ging noch schnell ins Bad, um mich bettfertig zu machen, und dann in meinem Schlafzimmer zu verschwinden. Ich zog mich bis auf die Shorts aus und legte mich einfach so ins Bett, hatte irgendwie keine Lust, noch meinen Schlafanzug anzuziehen.

Liegend schlang ich meine Arme um meinen Oberkörper, streichelte mich selbst und spürte dabei deutlich, was tagsüber durch süße Kleidung und Make-up verdeckt wurde: Dass ich ein Mann war und das gerne, dass ich meinen Körper mochte, wie er war, und endlich wollte, dass Menschen wie Mikan das auch irgendwie sahen. Gerade Mikan. Nur hatte ich keine Ahnung, wie ich ihr das erklären sollte, ohne unserer Freundschaft zu schaden, von der ich insgeheim hoffte, dass mehr daraus werden konnte.

 

Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, es mir noch ein bisschen gemütlicher zu machen, mir irgendwas Erregendes vorzustellen und mir dann darauf einen runterzuholen. Das hatte ich schon eine Weile nicht mehr gemacht und eigentlich verspürte ich jetzt Lust darauf. Doch da ich befürchtete, dabei dann doch an Mikan denken zu müssen, ließ ich es lieber, rollte mich unter der Decke zusammen und schlief auch gottseidank bald ein.

 

 

„Piep-piep … piep-piep … piep-“

Ich streckte die Hand unter der Decke raus und versetzte meinem Wecker einen mehr oder weniger gezielten Schlag auf den Knopf an der Oberseite. Das Piepen verstummte und ich zog die Decke, die mich bis über den Kopf zudeckte, weg, atmete kühle Zimmerluft. Anscheinend hatte ich gestern vergessen, die Heizung im Schlafzimmer aufzudrehen, denn es war kälter als sonst.

Und so traute ich mich nur langsam unter der Decke hervor, fühlte mich ein bisschen wie ein kleines Tier nach dem Winterschlaf und es dauerte ein wenig, bis ich es wagte, sie beiseite zu ziehen und meinen bis auf die Shorts unbekleideten Körper der kühlen Luft auszusetzen. Fröstelnd rieb ich mir die Arme und beeilte mich, ins Bad zu kommen.

 

Dort angekommen, stellte ich das Wasser heiß, streifte mir die Shorts vom Leib und verschwand erst einmal in der Dusche, genoss die Wärme und wusch mich ausgiebig, vertrieb gleichzeitig die Müdigkeit und sorgte selbst dafür, dass ich mich gut fühlte. Dabei kehrte langsam die Erinnerung an gestern zurück, daran, wie traurig ich gewesen war, daran, wie Mikan mich besucht hatte, und was sich zumindest von meiner Seite her zwischen uns verändert hatte. Noch kam ich ganz gut damit klar und vielleicht würde ich heute sogar mit ihr darüber reden können. Doch ich ahnte, dass das nicht ganz einfach werden würde.

 

Als ich aus der Dusche kam und gerade dabei war, mich abzutrocknen, schrillte das Telefon. Ich wickelte mich schnell in mein Handtuch und huschte auf den Flur raus, sah Mikans Nummer auf der Anzeige und hob ab.

„Hey, Kocha, bist du schon auf?“ Sie klang fröhlich und vorfreudig.

„Ich komm gerade aus der Dusche.“

„Ich ruf nur an, weil ich dachte, ich hole uns noch Frühstück.“

„Meinetwegen.“

„Okay, bis gleich!“

 

So schnell ich konnte, war ich wieder im Bad, trocknete mich ab und versuchte, meine langen Haare so schnell wie möglich ebenfalls trocken zu bekommen. Und als ich kurz darauf im Schlafzimmer vor meinem Kleiderschrank stand und überlegte, was ich anziehen sollte, entschied ich mich für recht schlichte Sachen, bei denen das Wichtigste war, dass ich sie in den Umkleidekabinen der tokyoter Läden leicht an – und ausziehen konnte. Mein Makeup fiel ähnlich einfach aus, aus demselben Grund. Und als ich mit allem fertig war, vor dem Flurspiegel stand und mich für gutaussehend befand, klingelte es auch schon an der Tür.

 

„Hey, Ko!“, begrüßte Mikan mich fröhlich, als ich öffnete, strahlte mich an und hielt eine Tüte hoch, auf der der Name der französischen Bäckerei am Bahnhof stand. „Wie geht’s dir?“

„Besser als gestern auf jeden Fall“, antwortete ich.

„Das ist doch schon mal schön.“ Sie lächelte, ich ließ sie rein und sie zog Jacke und Schuhe aus.  

 

Wir frühstückten zusammen, unterhielten uns aber nicht allzu viel, da wir beide noch ein wenig müde waren und, statt zu reden, lieber aus dem Fenster schauten, wo die rote Morgensonne hinter den Häusern rauskam.

„Du siehst gut aus heute, Koichi“, sagte Mikan irgendwann und sah mich an.

Ich lächelte, nahm einen Schluck Tee und antwortete dann: „Danke. Du auch.“

Sie sah heute wirklich hübsch aus. Ihr Outfit war ähnlich shoppingtauglich wie meines, aber insgesamt doch etwas auffälliger und niedlicher. Sie trug ein rüschenbesetztes rosa T-Shirt mit Lolita-Print, einen kurzen, getupften Faltenrock, bunte Kniestrümpfe und rosa Schuhe mit leichtem Absatz, hatte ihre Haare zu zwei offenen Zöpfen gebunden und rosa-blauen Lidschatten aufgelegt.

Als ich merkte, dass ich sie anstarrte, blickte ich schnell wieder aus dem Fenster.

„Findest du mich hübsch, Ko?“, fragte sie, hatte es anscheinend bemerkt und beugte sich lächelnd ein wenig vor.

„Du … bist immer hübsch …“, antwortete ich ein wenig verlegen und nahm den letzten Bissen von meinem Brötchen.

 

Nach dem Frühstück packte ich meine Handtasche (die Westwood-Tasche mit dem Bambi drauf), zog meine Jacke an und suchte noch kurz nach passenden Schuhen, entschied mich der Bequemlichkeit halber für rosa Chucks, die schön zu meiner pastellblauen Hose passten.

„Na dann, auf nach Tokyo!“, rief Mikan durchs Treppenhaus, während ich noch meine Jacke anzog.

Dann machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof.

 

Wir fuhren erst mit der Stadtbahn zum Hauptbahnhof und nahmen von dort den Shinkansen in Richtung Tokyo. Es war schon relativ voll und als wir einen Platz gefunden hatten, wo wir nebeneinander sitzen konnten, holte ich mein Handy raus und machte mir erst mal Musik an.

Eigentlich war das ja etwas unhöflich, Musik zu hören, während ich mit meiner besten Freundin unterwegs war und mich auch hätte mit ihr unterhalten können, aber ich wusste gerade nicht mehr so recht, worüber wir hätten reden sollen. Die Dinge, die ich mit ihr besprechen sollte, passten besser in ein Café oder dergleichen, nicht in den Zug, wo es vielleicht jemanden gestört hätte.

Mikan tat es mir gleich und so saßen wir eine ganze Weile nur nebeneinander, jeder in seine Musik vertieft und mit sich selbst beschäftigt.

 

Irgendwann tippte sie mich an, ich zog mir den Ohrhörer aus dem Ohr und sah sie fragend an.

„Ko, sag mal, geht’s dir wirklich besser? Ich denke gerade so darüber nach, ob wir nicht vielleicht doch besser erst nächste Woche gefahren wären, wenn du dich wieder ganz gut fühlst …“

„Nein, nein, das ist schon gut so“, antwortete ich schnell. „Ich weiß ja selber nicht genau, was mit mir los ist, da ist so ein Ausflug ‘ne gute Idee. Es lenkt mich ab.“

„Also war’s keine Grippe oder so, was du gestern dachtest, dass du’s kriegst?“

Ich schüttelte den Kopf. Sollte ich Mikan zumindest davon erzählen, dass ich mich so furchtbar traurig und verkannt gefühlt hatte? Oder hob ich das besser für einen geeigneteren Zeitpunkt auf?

„Ich war einfach … irgendwie traurig, weiß auch nicht, warum“, sagte ich schließlich leise und stellte die Musik aus, die durch den anderen Hörer immer noch in meinen Kopf schallte.

„Aber jetzt geht’s wieder?“

„Ja. Ich freu mich drauf, dass wir nachher in Harajuku sind und uns einen schönen Tag machen.“

Mikan lächelte, beugte sich vor und umarmte mich, einfach so. Augenblicklich fing mein Herz an zu klopfen wie verrückt und ich musste mich richtig zusammenreißen, um sie nicht viel zu eindeutig zurück zu umarmen.

 

Den Rest der Fahrt über redeten wir über Klamotten, über die Läden, in die wir wollten, und all so was, schnitten beide das Thema ‚Koichi geht’s nicht so gut‘ nicht mehr an.

Wir fuhren bis zum nächsten großen Bahnhof in Tokyo und nahmen von dort die Yamanote-Linie nach Shinjuku. Schon in der Bahn waren ein paar Leute unserer Szene zu sehen, Visual-Cosplayer und Leute in modischen Eigenkreationen. Obwohl es ja in unserer Heimatstadt ebenfalls eine Visu-Szene gab, die in Tokyo war noch mal etwas ganz anderes. Hier erschien mir alles noch auffälliger, noch kreativer und bunter, auch irgendwie originaler. Ich freute mich schon auf die Harajuku-Brücke, darauf, von dort ein paar Ideen mitzunehmen für meine eigenen Looks.

 

Als wir in Harajuku ausstiegen, war ich Koichi im Wunderland, fühlte dieses vorfreudige Shopping-Kribbeln und war mit einem Mal richtig gut drauf. Für eine Weile waren alle traurigen Gedanken beiseite gewischt und ich genoss das schöne Wetter, bewunderte die tollen Outfits um mich herum und folgte Mikan, die zielsicher auf die Takeshitadori zusteuerte.

 

Was dann folgte, war ein Shoppingstrip der Extraklasse. Extravagante Schuhe, bunte T-Shirts, Hosen, süße Kleider, fluffige Röcke und jede Menge Schmuck, ich probierte eine Unzahl Kram an, auch vieles, was ich dann gar nicht kaufte. Aber genau das machte mir Spaß: Verrückte Sachen anprobieren, kombinieren, interessante Stilbrüche austesten, und dann nur die schönsten Teile wirklich kaufen.

Und nachdem wir die Takeshita gründlich abgeklappert hatten und mit vollen Einkaufstaschen auf dem Weg zu Closet Child waren, fühlte ich mich, als hätte ich irgendwas genommen, war aufgedreht und kribbelig. Gut, dass mein Job im Café so ausnehmend gut bezahlt wurde.

 

Closet Child war immer noch mal etwas Besonderes. Weil es eben ein Second-Hand-Laden war und sie dort viele Sachen hatten, die es woanders längst nicht mehr gab. Alles war schön nach Brands sortiert und für einen Markenliebhaber wie mich absolut perfekt. Oft schon hatte ich dort wundervolle Sachen gefunden, nach denen ich zuvor jahrelang gesucht hatte.

Als wir den Laden erreichten und betraten, strebte ich zielsicher auf die Ecke mit den Westwood-Sachen zu und erblickte dort schon von weitem eine rote, herzförmige Handtasche, die mein Herz augenblicklich höher schlagen ließ. Allein schon das goldene Westwood-Planetenlabel, welches groß und gut sichtbar mitten auf dem roten Leder leuchtete, begeisterte mich, und ich nahm die Tasche aus dem Regal, schaute nach dem Preis. Dabei entdeckte ich auf der Rückseite einen kleinen Kratzer, aber der störte mich nicht. Kleine Schäden bei einem Second-Hand-Teil sprachen ja nur davon, dass es zuvor jemandem gehört hatte, der es oft benutzt hatte. Und der Preis war auch gut danach.

 

Mikan kam mir lächelnd hinterher. „Na, Kocha, hast du ein neues Schätzchen gefunden?“

Ich nickte begeistert. „Ist die nicht wunderschön?“

„So eine hast du doch schon, oder?“

„Ja, aber nur in Schwarz. Die hier ist rot. Rot wie die Liebe.“

„Koichis Liebe zu Designerhandtaschen, haha“, lachte Mikan.

„Lass mich, ich mag so was halt!“, konterte ich gespielt beleidigt und hängte mir die Tasche übers Handgelenk, da ich soeben in der nächsten Abteilung ein wahnsinnig niedliches Oberteil entdeckt hatte und mir das ebenfalls ansehen wollte. Es war unverkennbar Frauenkleidung, aber ich sah es und wollte es haben.

 

„Sag mal, Ko, hast du eigentlich noch genug Geld oder überziehst du deine Karte schon wieder?“

„Ich glaube, für das beides hier reicht‘s noch. Und wir können danach auch noch ein Crêpe essen gehen“, antwortete ich.

„Na dann, die beiden Sachen noch. Aber mehr dann auch nicht“, sagte Mikan mit leichter Strenge und deutete auf die beiden großen Tüten, in denen sich unsere modischen Errungenschaften aus der Takeshita befanden.

Ich schnappte mir das Oberteil und ging es anprobieren, stellte meine zum Glück leicht an- und ausziehbaren Schuhe ordentlich vor der Umkleide ab und schloss den Vorhang hinter mir. Die rote Handtasche hängte ich an einen der Kleiderhaken, zog dann das Top an und betrachtete mich im Spiegel. Zwar hatte ich heute schon sehr viel anprobiert, aber das hier war mein Lieblingsladen und ich hatte einen Moment Ruhe.

 

Das Top war wirklich schön und es stand mir richtig gut. Rosa Rüschen, Blümchenmuster, bauchfrei, ein richtiges Mädchenteil, das wunderbar zu meinen Haaren passte und mein Bauchnabelpiercing betonte. Einen Moment lang schaute ich mich nur an, von vorn und von der Seite, und dabei kam mir wieder in den Kopf, was ich Mikan hatte fragen wollen. Es war kein Wunder, dass sie mich als halbes Mädchen ansah, wenn ich mir rote Handtaschen und rosa Rüschentops kaufte und meine rosa Haare so wie heute in zwei schmalen Zöpfen trug. Irgendwie musste ich meine beste Freundin auf das Thema ansprechen, aber ich wusste einfach nicht, wie.

 

„Und?“, fragte sie von draußen. „Wie sieht’s aus, das Teil?“

Ich öffnete den Vorhang und trat aus der Kabine.

„Wow! Das ist ja süß, das Top!“ Mikan war richtig begeistert, fangirlte mich fast schon. Und ich dachte, dass es wirklich nicht einfach werden würde, ihr zu sagen, wie ich mich dabei fühlte. Einerseits mochte ich es ja, wenn sie sich so über meine feminine Art und mein süßes Aussehen freute. Aber auf der anderen Seite fühlte ich mich eben nicht richtig wahrgenommen. Und das stimmte mich, nachdem ich die letzten zwei, drei Stunden wirklich gut drauf gewesen war, wieder ein wenig nachdenklich.

 

Ich ging das Top und die Tasche bezahlen, und dann ging es den Weg zurück, ganz bis zur Harajuku-Brücke, um uns im dahinter gelegenen Yoyogi-Park etwas zu Essen an einer der Imbissbuden zu holen.

Und als wir dann an einem der Tische im Park saßen und jeder unser Crêpe aßen, da suchte ich nach dem richtigen Moment, um Mikan auf das Thema ‚Wie siehst du mich eigentlich‘ anzusprechen.

 

„Mikan …?“, begann ich schließlich, „Sag mal …“ Weiter wusste ich nicht.

„Hm?“ Sie sah mich fragend an. „Koichi?“

Jetzt hatte ich es angefangen, wusste aber nicht, wie ich die ganze Sache ausdrücken sollte. Immerhin war damit auch mein verändertes Interesse an ihr verbunden und ich wollte ihr keinesfalls jetzt schon mit meinen Gefühlen ankommen, die ich ja nicht mal für mich selbst so ganz sortiert hatte.

„… Sag mal … ähm … also …“, begann ich wieder, und dann kam es wie von selbst raus: „Sag mal, siehst du mich eigentlich als vollwertiges männliches Wesen an?“

Mikan sah mich mit großen Augen an. „Huh? Was ist denn das für ‘ne Frage?“

„Na ja … ich denke da in letzter Zeit irgendwie viel drüber nach und …“ Wieder wusste ich nicht weiter, blickte auf meine Hände.

„Hast du ‘ne Identitätskrise oder so?“

‚Nein, weißt du, ich frag so was aus Spaß …‘, dachte ich ironisch, sagte aber: „So was in der Art.“

 

Mikan lachte verlegen, sah mich einen Moment an und erwiderte dann: „Ich … weiß nicht. Du bist halt einfach Koichi und … ich mache mir ehrlich gesagt gar nicht so viele Gedanken um dein Geschlecht.“

Ich hatte zwar vorhergesehen, dass solche Worte mir einen Stich versetzen würden, auch wenn sie nicht annähernd verletzend gemeint waren, doch es überraschte mich selbst, wie weh es tat. Anscheinend hatte ich da neuerdings einen wunden Punkt. Seltsam, denn früher hatte mir das noch nicht so viel ausgemacht.

Und offenbar war mir anzusehen, dass ich verletzt war, denn Mikan sah mich wieder mit großen Augen an und fragte mit Vorsicht in der Stimme: „Ist das … irgendwie ein Problem für dich?“

Und als ich nicht antwortete, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte, fragte sie weiter: „Möchtest du, dass ich dich … mehr als Mann ansehe?“

Ich nickte und spürte dabei die in mir aufsteigenden Tränen. Schnell blinzelte ich, um meine blauen Kontaktlinsen an ihrem Platz zu halten, dass sie mir nicht wegschwammen. Und natürlich blieb das nicht unbemerkt.

„Oh mann, das macht dich traurig, oder?“ Mikan streckte die Hand aus und ergriff über den Tisch hinweg meine. „Okay, ich werde versuchen, dich nicht mehr so … wie ein Mädchen zu behandeln. Du bist einer meiner allerbesten Freunde, und ich will ja, dass du dich bei mir wohl fühlst.“

„Danke.“ Ich versuchte ein leichtes Lächeln, das mir jedoch kaum gelang. Und dachte daran, dass ich sie wirklich richtig lieb hatte.

 

Wir machten uns dann bald wieder auf den Heimweg, hatten beide kein Geld mehr und auch keine Lust, noch länger hier herumzulaufen. Meine Füße taten auch ein bisschen weh und ich war ziemlich müde, weshalb ich, als wir dann im Shinkansen nach Hause saßen, fast einschlief. Mein Kopf sank an Mikans Schulter und ich schreckte auf, kniff mich leicht in den Arm, um wach zu bleiben.

Sie begleitete mich noch bis zu meiner Bahnstation, nahm dann selbst den Zug zu sich nach Hause, während ich ebenfalls in Richtung meiner Wohnung fuhr.

Dort angekommen, schminkte ich mich ab, zog bequeme Sachen an und setzte mich aufs Sofa, um ein bisschen fernzusehen. Aber im Fernsehen lief nichts Gescheites, weshalb ich den wieder ausschaltete, mir mein Handy nahm und überlegte, jemanden anzuschreiben.

 

Es war noch recht früh, erst vier Uhr nachmittags, und schließlich schrieb ich eine SMS an Tsuzuku: „Hey, wie geht’s dir? Ich war heute in Tokyo, hab mir Mikan groß eingekauft. Wie war dein Tag?“

Die Antwort ließ eine Weile auf sich warten und ich schaltete inzwischen mein Laptop ein, um meine sozialen Netzwerke zu checken. Es gab einige Neuigkeiten, aber nichts allzu Wichtiges, und dann klingelte auch schon mein Handy. Ich hob ab und hörte gleich Tsu’s Stimme: „Hey, Koichi. Du, ich weiß gar nicht so wirklich, ob es mir gut geht. Ich fühl mich seltsam, hab heute versucht, was zu zeichnen, aber ich habe es nicht hinbekommen. Und du warst in Tokyo? Hast du schöne Sachen bekommen?“

„Ja, ich hab ‘nen richtig großen Shoppingtrip gemacht, mit vielen süßen Sachen. Und …“ Ich stockte, wusste einen Moment nicht, ob ich Tsuzuku von dem Gespräch mit Mikan erzählen sollte oder nicht. Zwar hatte er mir ja letztens angeboten, dass ich mit ihm drüber reden konnte, wenn was war, aber wenn er wieder mehr mit sich selbst zu kämpfen hatte, wollte ich ihn auch nicht mit meinem Problem belasten.

 

„Und was?“, fragte er in dem Moment. „Ist alles gut bei dir, Koichi?“ Er bemerkte anscheinend auch ohne dass ich etwas sagte, dass bei mir gerade nicht alles so gut war.

„Na ja …“, begann ich schließlich, „Ich hab mit Mikan über was gesprochen … Weil … sie sieht mich als so eine Art ‚beste Freundin‘ und das … fühlt sich für mich nicht mehr gut an. Lach nicht, Tsu, aber … ich hab’s satt, bei Frauen immer nur in der Friendzone zu sein, und dass sie mich … halt so als halbe Frau ansehen.“

Ich hatte so halb erwartet, dass Tsuzuku darüber lachen würde oder so, aber er blieb ganz ruhig und ernst. „Das ist verständlich, Ko“, sagte er. „Du bist hetero, also willst du Frauen nicht nur als beste Freundinnen haben.“ Er schwieg einen Moment, dann fragte er: „Willst du mehr von Mikan?“

Ich nickte, erst dann fiel mir ein, dass er es ja nicht sehen konnte. „Ja“, sagte ich leise. „Irgendwie schon. Ein bisschen zumindest.“

„Wie viel? Ich meine, willst du nur mit ihr schlafen, oder richtig mit ihr zusammen sein?“

„Ich weiß nicht. Ich will sie als Freundin nicht verlieren.“

 

Langsam kam Klarheit in meine Gedanken und Gefühle zurück. Es tat gut, darüber zu reden, und ich war sehr froh, einen besten Freund wie Tsuzuku zu haben, mit dem ich solche Gespräche führen konnte. Und ich spürte, dass mich in meiner momentanen Lage das Reden mit einem anderen Mann irgendwie mehr entspannte, als wenn ich mit einer Frau über mein Innenleben gesprochen hätte.

 

„Sag mal, Tsu … Wie war das eigentlich bei dir früher?“, wollte ich dann wissen.

Es dauerte einen Moment, bis er antwortete: „Du weißt ja, dass ich damals … ziemlich unbedacht war. Ich hab mir nicht wirklich viele Gedanken gemacht, und bin auch mit den Mädchen, mit denen ich zu tun hatte, nicht so gut umgegangen.“ Er lachte selbstironisch. „Es gibt da vieles, von dem ich heute denke, dass ich es gern anders gemacht hätte. Und ich hoffe, dass ich bei meinen damaligen Freundinnen keinen allzu großen Schaden hinterlassen habe.“

„Belastet dich das heute?“, fragte ich.

„Ein bisschen. Es tut mir halt leid. Und … ich will niemanden mehr so behandeln wie die Mädchen damals. Deshalb gebe ich mir bei Meto alle Mühe, die ich aufbringen kann, lieb zu ihm zu sein. Weil … ich ihn mehr liebe als irgendjemanden zuvor.“

„Das merkt man, dass du ihn so liebst.“

Tsuzuku lachte leise. „Ich liebe ihn mehr als mich selbst.“ Und dann: „Na ja, wobei das auch nicht schwer ist … so wenig, wie ich mich selbst leiden kann.“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Was sagte man dem besten Freund, wenn er sagte, dass er sich selbst nicht mochte?

 

„… Magst du … dich selbst wirklich gar nicht?“, fragte ich leise.

„Na ja, manchmal mag ich mich schon. Aber … das ist immer nur kurz und oberflächlich. Wenn ich mich schön mache oder so, fühlt sich das gut an, aber im Grunde … hab ich einen Hass auf mich.“

„Wegen …?“, fragte ich, nur andeutend, nach seiner Mama.

„Ja … Ich … ich kann mir das nicht verzeihen. Es … geht einfach nicht.“

Schon wieder ging ein Gespräch zwischen uns in eine gefährliche Richtung. Wir redeten erst ganz normal und dann waren da doch wieder diese Themen, die hochkamen, und bei denen ich mir Sorgen um Tsuzuku machte. Seine Stimme klang schon wieder so unglücklich und traurig, und ich fragte mich, ob Meto bei ihm war oder zumindest in der Nähe.

 

„Tsu, ist Meto da irgendwo bei dir?“

„Er ist unter der Dusche. Wir waren heute im Schwimmbad.“

„Ihr geht da gerne hin, oder?“, fragte ich, einfach um das Thema zu wechseln.

„Ja. Es gibt da so eine versteckte Ecke, wo es ganz schön ist, und wo ihn und mich nicht gleich jeder sehen kann. Und … wir machen das halt schon lange, dass wir zusammen baden gehen. Meto hat, seit ich ihn kenne, für solche Sachen gesorgt, als ich … noch auf der Straße war.“

 

Ich lachte leise. Die beiden waren wirklich süß zusammen. Diese süße Fürsorglichkeit und Zuneigung von Metos Seite und Tsuzukus besitzergreifende, intensive Liebe zu ihm, das war wirklich was Besonderes.

Ich dachte an MiA, der versucht hatte, nah bei den beiden, deren Beziehung er wie alle anderen für enge Freundschaft gehalten hatte, einen Platz zu finden, weil er sich in Meto verliebt hatte. So, wie ich das verstanden hatte, hatte Meto zuerst nicht mal selbst gewusst, dass das zwischen Tsu und ihm mehr Liebe als Freundschaft war. Und sicher hatte er sich von MiA eine Art Entlastung gewünscht, weil ihm die Sorge um Tsuzuku, dem es damals ja noch schlechter gegangen war, über den Kopf gewachsen war.

Ich hatte mich ja auch einmal mit MiA unterhalten und er war ja sehr nett gewesen, sodass ich gedacht hatte, wir könnten uns vielleicht ein bisschen anfreunden. Und auch jetzt dachte ich wieder daran, dass wir uns bestimmt gut verstanden hätten, aber meine Loyalität zu Tsuzuku hielt mich davon ab, Kontakt zu MiA aufzunehmen.

 

„Koichi?“, riss mich Tsus Stimme aus meinen Gedanken. „Bist du noch da?“

„Ja, ja, bin ich. Ich … hab nur eben über was nachgedacht.“

„Über was denn?“

„Ach, nichts weiter, nur dass Meto und du echt süß zusammen seid …“

„Du und Mikan gebt sicher auch ein tolles Paar ab“, erwiderte er.

„Aber nicht so süß und besonders wie ihr beide. Ich mag Mikan sehr gern, aber diese starke Liebe zwischen Meto und dir, das ist einfach so was Besonderes.“

„Hm, da könntest du Recht haben. Ich … frage mich manchmal selbst, ob ich nicht wahnsinnig geworden bin … und wie ich so jemand Süßes wie Meto eigentlich verdient habe.“

„Geliebte Menschen verdient man sich nicht. Liebe ist ein Geschenk“, antwortete ich. „Du musst sie nur annehmen.“

„Das ist gut, Ko, da werde ich drüber nachdenken“, sagte Tsuzuku, „Du, Meto kommt gerade wieder. Ich werde ihn jetzt in den Arm nehmen und küssen und ihm sagen, dass ich ihn liebe, und du machst demnächst dasselbe mit Mikan, okay?“

„Mal sehen, wann ‚demnächst‘ ist …“, antwortete ich. „Aber ja, werde ich machen.“

 

Es knackte in der Leitung, Tsu hatte aufgelegt. Aber dieses Mal hatte ich keine Sorge um ihn. Zwar war das Gespräch an für ihn schmerzhafte Themen gekommen, doch zum Schluss hatte er sich so entspannt angehört, dass ich mir keine Sorgen machte.

 

Den Rest des Tages verbrachte ich auf der Couch vor dem Fernseher und sah mir Filme aus meiner Sammlung an. Unter anderem Bambi. Zwar musste ich an den traurigen Stellen ein bisschen schniefen, doch diese große, schwere Traurigkeit von gestern Abend stellte sich nicht wieder ein.

Und als ich dann so richtig müde war, machte ich mich bettfertig und ging schlafen. Die Tüten mit meinen neuen Errungenschaften stellte ich vor meinen Kleiderschrank, die Sachen würde ich morgen Nachmittag nach der Arbeit einsortieren.

 

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HaruMaedas Profilbild HaruMaeda

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Kapitel:9
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Kurzbeschreibung

Yasashikunai Mirai – Die nicht-einfache Zukunft Eigentlich sollte Tsuzuku glücklich sein: Der Winter ist vorbei und er kann den Tempel verlassen, endlich wegziehen, das Straßenleben ganz hinter sich lassen und zusammen mit Meto neu anfangen. Zuerst sieht es auch nach einer glücklichen Zukunft für das verliebte Paar aus. Doch das neue Leben gestaltet sich schwieriger als beide dachten und bekommt schnell erste Kratzer. Meto ahnt, dass Tsuzuku noch einen großen Schatten mit sich herumträgt, und dann droht die alte Dunkelheit die beiden einzuholen …

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