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Yasashikunai Mirai

23
10.12.2018 17:52
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

MEJIBRAY, Alternative Universe, No-Band-Content
Fortsetzung von Muzukashii Sekai
Boys Love & Hetero -> Tsuzuku/Meto, Koichi/Mikan (OC)
Trigger Warnung: beschriebene Borderline Persönlichkeitsstörung ...

Der Gesang der Vögel im Tempelgarten weckte mich am Morgen des 1. März schon lange, bevor der Wecker im Zimmer klingeln sollte. Irgendein Vogel saß im Baum vor dem Fenster und sang sich die Seele aus dem Leib, so als wäre schon Mitte April. Genervt von diesem fröhlichen Trällern zog ich mir das Kissen über den Kopf und versuchte so, es abzuschirmen, doch das Fenster war offen und so brachte das nicht viel.

Komori schlief noch, trotz des Gezwitschers, und so blieb ich ebenfalls liegen, um ihn nicht zu wecken. Obwohl … jemand, der nicht mal aufwachte, wenn direkt vor dem Fenster ein Vogel herumschrie, würde wohl auch weiterschlafen, wenn ich mal eben aufstand, um dieses verdammte Fenster zu schließen. Und so erhob ich mich, schritt zum Fenster und klappte es entschlossen zu, woraufhin der Vogel auch gleich davonflog, um irgendwo anders weiter zu singen, wo er vielleicht nicht gerade jemanden weckte und nervte, der sowieso schon aufgeregt war, weil heute sein letzter Tag hier war.

 

Jemanden wie mich. Ja, heute war er, der Tag, an dem meine Zeit im Hikuyama-Tempel vorbei ging. Meine Tasche stand offen vor dem Schrank, bereit, dass ich meine Sachen wieder hineinräumte, und die Wohnung, die Koichi letztes Jahr in der nächsten Großstadt gefunden hatte, war inzwischen auch frei und bezugsfertig. Ich hatte in den nächsten Wochen vier Vorstellungsgespräche bei ganz verschiedenen Arbeitgebern und fühlte mich motiviert und bereit, mein neues Leben in Angriff zu nehmen.

Zumindest einerseits.

Denn andererseits hatte ich Angst. Vor dem vielen Neuen, was auf mich zukam, vor den Menschen, mit denen ich zu tun haben würde, und davor, dass ich das vielleicht nicht packte.

 

Ich setzte mich auf die Bettkante, streckte mich und schaute an mir herunter: Da ich ja eben erst aufgewacht war, hatte ich mich natürlich noch nicht angezogen und trug nur ein T-Shirt und Shorts am Leib. Ich mochte keine Shorts, zumindest nicht, wenn mich jemand außer Meto darin sah. Shorts betonten zu sehr, wie dünn meine Beine waren, auch, wenn es inzwischen nicht mehr ganz so schlimm war, weil ich in der Zeit hier einige Kilos zugenommen hatte. Eben jene konnte ich sehen, wenn ich mich so anschaute. Auch wenn ich immer noch unterhalb des Normalgewichtes war, so sahen gerade meine Beine nicht mehr ganz so krank aus.

 

Was ich hier im Tempel angefangen hatte und sich ebenfalls langsam an meinem Körper zeigte, war: Ich versuchte mich wieder am Kraftsport. Es gab hier einen kleinen Trainingsraum und irgendwann war mir die Idee gekommen, meine viele Freizeit dazu zu nutzen, dieses frühere Hobby von mir wieder aufleben zu lassen. Wenn ich nichts zu tun hatte oder es mir mental nicht gut ging, kümmerte ich mich jetzt darum, meinen Körper wieder halbwegs in Form zu bringen.

 

Mich bis über die Schmerzgrenze hinweg auszupowern, hatte mir schon in meinem alten Leben früher geholfen, mit meinen seltsamen Stimmungsschwankungen und Negativgedanken umzugehen. Danach, wenn mir alle Knochen und Muskeln wehtaten, ging es mir im Kopf immer irgendwie besser und ich konnte wieder klarer denken. Doch nach Mamas Tod hatte mir die psychische und auch die physische Kraft gefehlt, damit weiter zu machen, und später, als ich alles verloren hatte, war daran natürlich nicht mehr zu denken gewesen.

 

Das Piepen des Weckers riss mich aus meinen Gedanken. Es folgte ein energischer Schlag, als Komori, an dessen Bett unser gemeinsamer Wecker stand, ihn ausschaltete.

„Morg’n, Tsu“, begrüßte er mich verschlafen.

„Morgen.“

Ich stand auf, ging zum Schrank, öffnete die Türen und Schubladen und begann, meine Sachen in meine mehr als abgewetzte Tasche zu packen. Über den Winter war mein Besitz um mehrere Kleidungsstücke, zwei Paar Schuhe, zwei Bücher und einen MP3-Player (den Meto mir zu Weihnachten geschenkt hatte) angewachsen. Nicht mitgezählt diejenigen Sachen, die ich immer noch bei Meto zu Hause lagerte.

 

„Ich hab’s gewusst …“, murmelte ich, als ich meine Tasche randvoll gepackt hatte und trotzdem noch zwei Hosen und meine zerrissene schwarze Sweatjacke im Schrank lagen.

„Passt nicht alles rein?“, fragte Komori.

„Ich kann kaum glauben, dass ich so viel Kram angesammelt habe“, antwortete ich und blickte zu den Sachen, die ich heute anziehen wollte und die deshalb auf dem Stuhl neben meinem Bett lagen.

„Du hast es gut, Tsu, du hast einen Freund, der dich von hier abholt. Er hat bestimmt noch ‘ne Tasche dabei“, sagte er.

 

Komori und ich waren, wenn man das so nennen konnte, Freunde geworden. Wir verstanden uns recht gut, zumal er jemand war, der einen, wenn man nicht gut drauf war, konsequent in Ruhe lassen konnte und sich nicht aufdrängte. Ich hoffte, mit ihm auch weiterhin irgendwie in Kontakt zu bleiben und dass unsere allein durch räumliche Nähe entstandene, lockere Freundschaft nicht abbrach. Er hatte ebenfalls eine Wohnung gefunden, allerdings nicht so wie ich in der Großstadt, sondern hier, sogar ganz in der Nähe des Tempels. Ich kannte die Adresse, hatte ihn zur Besichtigung begleitet, so wie er die Adresse meiner neuen Wohnung ebenfalls kannte.  

 

„Tsu?“, fragte er, als wir beide richtig aufgestanden und angezogen am wieder geöffneten Fenster saßen und rauchten.

„Hm?“

„Hast du denn das Gefühl, dass du die Zukunft packst?“ Er sah mich ernst an und blickte dann nach draußen zu den im Zen-Garten mit ihren Übungen beschäftigten Mönchen.

„Ich denke, schon“, antwortete ich. „Ich hab hier einiges wieder gelernt und mir geht’s gut, also muss es doch klappen, oder?“

„Na ja … Was machst du, wenn es dir wieder schlechter geht?“

Einen Moment lang schwebten seine Worte zwischen uns, dann sagte ich: „Dann hole ich mir Hilfe.“  

„Gut.“ Komori lächelte. „Ich geh jetzt frühstücken.“

„Ich komm gleich nach“, erwiderte ich. Und das war weder gelogen, noch vorgeschoben. Ich hatte wirklich Hunger und auch Lust auf Essen, nur wollte ich vorher noch mal in die Gebetshalle, um heute, an meinem letzten Tag hier, noch einmal ein wenig mit dem Buddha allein zu sein.

 

Ich ließ mich vor der großen Statue auf die Knie sinken und schaute dem Buddha in das mild und freundlich lächelnde Gesicht. Spürte die angenehme Ruhe, die von ihm ausging und die mich in den letzten Monaten immer wieder auf den Boden zurückgeholt hatte, wenn ich drohte, mich wieder zu sehr in meinen Gedanken zu verstricken.

 

Ich hatte den Winter über viele Gespräche mit Frau Watanabe geführt. Über Arbeit, selbstständiges, stabiles Leben, und natürlich auch über mich und Mama. Doch ich war dem Thema meistens ausgewichen, aus Angst, dass ich, wenn ich mit jemandem ‚vom Fach‘ über meine Trauer und meine Schuldgefühle sprach, gezwungen sein würde, da tiefer zu graben und alles wieder hochzuholen.

Wenn ich mit Meto über meine Traurigkeit sprach, lief das oft darauf hinaus, dass ich weinend in seinen Armen lag, er stellte keine Fragen, sondern ließ mich einfach wie ich war.

 

Eine Psychologin wie Frau Watanabe dagegen hätte, wenn ich es denn zugelassen hätte, nachgefragt, analysiert, diagnostiziert, alle möglichen tiefenpsychologischen Ideen ausprobiert, und das wollte ich nicht. Zum einen eben, weil ich meine Schuldgefühle nicht anrühren und dadurch wieder präsent machen wollte, und dann … dann war da noch die Sache mit diesem Wort, Borderline, das ich einfach nur verdrängen wollte.

 

Ein Mal, ein einziges Mal, war ich alleine losgezogen, in die Stadt gegangen und hatte mir in der Bibliothek ein Buch über psychische Störungen angeschaut. Und was ich da über das Krankheitsbild Borderline erfahren hatte, hatte mich fast wieder abstürzen lassen. Da hatte etwas gestanden von Veranlagung, davon, dass sich so etwas schon in der Jugend herausbildete und dass es extrem schwer zu heilen war. Von Selbstverletzung, Angst vor Menschen und vor Einsamkeit, von mangelnder Distanz, extremen Stimmungsschwankungen und von Selbstmordfantasien.

Lauter Dinge, die mal mehr und mal weniger im Laufe meines Lebens aufgetreten waren.

Nachdem ich das alles erfahren hatte, hatte ich mich im Trainingsraum des Tempels eingeschlossen und mich stundenlang durch das Kraftsportprogramm gequält, bis mir alles wehtat und ich nicht mehr daran denken konnte, dass ich krank war.

Doch ich hatte mit niemandem darüber gesprochen. Nicht einmal mit Meto.

 

Noch immer vor dem Buddha kniend, verbarg ich mein Gesicht mit meinen Händen und wollte am liebsten wieder weinen. Auf einmal hatte ich große Angst vor der Zukunft, wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Eigentlich war alles klar und geregelt, die Wohnung, Vorstellungsgespräche für Arbeit, der ganze Papierkram, alles gut. Doch mein Innenleben fühlte sich schwach und unsicher an, ich wusste einfach nicht, wie ich mit diesem Ungeheuer Borderline umgehen sollte. Der Gedanke, an einer handfesten Persönlichkeitsstörung zu leiden, machte mir Angst, obwohl ich mich ja eigentlich längst damit abgefunden hatte, nicht ganz gesund zu sein. Aber irgendwie hatte ich das, woran ich litt, immer eher für eine Folge meiner Trauer um Mama gehalten. Persönlichkeitsstörung, das klang so, als sei mein Charakter, mein ganzes Ich, von Anfang an dazu verurteilt, krank zu sein.

 

Ich hatte keine Schritte hinter mir gehört, doch als ich eine vertraute Hand auf meiner Schulter spürte, wusste ich sofort, dass Meto da war. Ich ließ die Hände sinken und drehte mich zu ihm um.

„Tsuzuku? Alles okay?“, fragte er besorgt.

So schnell ich konnte, schloss ich meine Angst hinter der Gedankentür ein. Ich wollte nicht, dass Meto davon wusste. Wollte nicht, dass er schon wieder Angst um mich haben musste und sich Sorgen machte.

„Alles gut“, sagte ich.

Meto kniete sich neben mich, schaute kurz zu dem Buddha hoch und fragte dann: „Hast du nicht auch ein bisschen Angst davor, was jetzt kommt?“

„Ja, schon“, gab ich zu. „Ein bisschen.“

Mein Liebster sah mich an und lächelte, dieses wahnsinnig süße, strahlende Lächeln, und sagte dann: „Aber ich freu mich wahnsinnig darauf, jetzt mit dir zusammen zu leben.“

„Ich auch“, erwiderte ich, konnte nun ebenfalls wieder lächeln.

Meto beugte sich vor und hauchte einen Kuss auf meine Wange. „Komm, steh auf und geh noch was frühstücken, dann packen wir deine Sachen und du kommst mit zu mir.“

 

Ich erhob mich, atmete tief durch und sah den Buddha wieder an. Und glaubte zu hören, wie diese eigentlich leblose Statue mir zuflüsterte: „Du schaffst das schon, Tsuzuku.“

Meto nahm meine Hand, was augenblicklich dafür sorgte, dass ich mich gut fühlte, und begleitete mich zum Essraum. „Ich warte draußen auf dich.“

 

Während des Frühstücks, das wie immer aus Reis und Gemüse bestand, kam mir ein Gedanke, der mich irgendwie ziemlich glücklich machte: Wenn Meto und ich ab jetzt zusammen lebten und ich für uns arbeiten ging, würde endlich ich es sein, der ihn versorgte, und nicht umgekehrt.

Klar, er wollte auch arbeiten und etwas dazuverdienen, doch allein die Tatsache, dass ich mir dann irgendwann kein Geld mehr von ihm würde leihen müssen, und dass ich uns beide von meiner Hände Arbeit ernähren würde, machte, dass ich mich jetzt wesentlich stärker fühlte als eben noch in der Gebetshalle.

 

Nach dem Frühstück sprach mich Frau Watanabe noch einmal an.

„Haben Sie noch einen Moment, Aoba-san?“, fragte sie.

„Mein Freund wartet draußen auf mich“, antwortete ich.

„Es dauert auch gar nicht lange“, sagte sie. „Ich wollte Sie nur noch einmal fragen, ob Sie sich in dem, was wir wegen Ihrer Arbeitsfähigkeit besprochen haben, sicher genug fühlen. Falls irgendwelche Unsicherheiten auftreten, kommen Sie bitte schnellstmöglich zu mir.“

Ich nickte. „Ja, werde ich machen.“

In diesem Moment fühlte ich mich zwar wieder so, als ob ich das alles schon schaffen würde, doch ich kannte mich gut genug um zu wissen, dass meine Unsicherheit jederzeit zurückkommen konnte.

 

Ich ging in mein Zimmer, um meine Tasche zu holen und mich von Komori zu verabschieden.

„Jetzt gehst du also?“, fragte er, auf dem Bett sitzend, eine Zigarette in der Hand.

„Ja“, sagte ich. „Ich geh jetzt erst mal mit zu Meto nach Hause und morgen ziehen wir in die neue Wohnung.“

„Na dann, viel Glück, Tsuzuku. Und lass dich vom Leben da draußen nicht unterkriegen.“ Komori lächelte, nahm einen Zug von seiner Zigarette und hielt sie mir hin. „Hier, als kleine Abschiedsgeste.“

Ich nahm die halbe Zigarette an und rauchte sie noch zuende, bevor ich meine letzten herumliegenden Klamotten noch irgendwie in meine Tasche zwängte und dann den Raum, der die letzten Monate über mein Zuhause gewesen war, verließ. Komori lächelte mir zu, als ich die Tür hinter mir zuzog. Es war durchaus möglich, dass wir uns wiedersahen, schließlich kannte ich seine neue Adresse, doch ich wusste nicht, ob ich ihn wirklich einmal dort besuchen würde.

 

Meto erwartete mich im Tempelgarten. Er hatte zwei Taschen dabei, einmal seine übliche Umhängetasche und dann noch eine zweite, die er mit Blick auf meine übervolle schwarze Reisetasche öffnete.

„Pack doch ein paar Sachen hier rein“, sagte er, woraufhin ich meine Tasche abstellte und diejenigen Sachen, die kaum noch da hineingepasst hatten, herausnahm und umpackte.  

 

Auf dem Weg nach Akayama redeten wir nicht viel. Ich war in Gedanken damit beschäftigt, mir das jetzt auf mich zu kommende neue Leben vorzustellen, und nahm an, dass Meto dasselbe tat.

Morgen schon würden wir zusammenziehen, in die große Stadt am Meer, in eine Wohnung, die nur uns beiden gehörte. Ein seltsames Gefühl irgendwie. Da kam etwas ganz neues auf mich zu, etwas, worauf ich mich freute, und gleichzeitig auch ein wenig Angst davor hatte.

„Ich bin ganz aufgeregt“, sagte Meto leise, kurz bevor wir sein Elternhaus erreichten.

„Wegen morgen?“

Er blieb stehen, nickte, nahm meine Hand.

„Wir schaffen das schon irgendwie“, sagte ich und spürte weiter diese Mischung aus Vorfreude und leichter Angst. Ich wollte das so sehr, mein Leben mit Meto verbringen, doch ich kannte mich gut genug, um zu wissen, dass es nicht leicht werden würde.

 

„Da seid ihr ja“, begrüßte uns Metos Mama an der Tür. „Yuu, fangt ihr gleich an, deine Sachen einzupacken? Dann können wir die ersten Kisten nachher schon losschicken, wenn der Umzugswagen da ist.“

„Ich … hab schon fast alles … eingepackt“, antwortete Meto und zog sich die Schuhe aus. „Gestern Abend …“

 

Die Planung unseres Umzuges hatte fast den ganzen Winter in Anspruch genommen. Immer mal wieder war ich zu Meto nach Hause mitgekommen und wir hatten mit seinen Eltern alles besprochen. Sie hatten darauf bestanden, uns nicht nur sämtliche neuen Möbel zu bezahlen, sondern auch die ersten Mieten zu übernehmen, bis er und ich genug eigenes Geld verdienten.

Und, was für mich emotional noch viel wichtiger war: Die Eltern meines Liebsten behandelten mich inzwischen wie ein Familienmitglied. Metos Mama Manami war dazu übergegangen, mich ab und zu Genki zu nennen, da sie anscheinend fand, dass, wenn sie ihren Sohn mit seinen richtigen Namen ansprach, das auch für mich als So-was-wie-Schwiegersohn-in-spe galt. Ich bekam dadurch langsam wieder so etwas wie ein Familiengefühl und spürte, dass ich das vermisst hatte.

 

Zu meiner verbliebenen Blutsverwandtschaft wollte ich jedoch auch weiterhin keinen Kontakt. Die sahen mich sicher nur als abgestürzte Existenz an und hatten in meiner Gefühlswelt auch absolut nichts mit Mama gemeinsam, zumal wir beide auch, als sie noch gelebt hatte, kaum Kontakt zu ihrer Familie gehabt hatten. Nein, ich brauchte diese Leute nicht. Und meinen Vater, den ich seit meinem achten Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte, schon gar nicht. Ich konnte mich ja kaum mehr an ihn erinnern.

 

Meto und ich gingen Hand in Hand hinauf in sein Zimmer. Dort herrschte schon totales Umzugschaos, nichts war mehr an seinem Platz und um das Bett herum standen Kisten, gefüllt mit allem, was in den Schränken gewesen war oder herumgestanden hatte. Auf einer der Kisten las ich meinen Namen und vermutete, dass sie die Sachen aus der großen Schublade unter Metos Bett enthielt.

Das Bett war der einzige Ort in diesem Chaos, der noch normal aussah. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass es hier bleiben sollte und wir in der neuen Wohnung ein neues bekamen. Für den Fall, dass wir mal wieder hierher zu Besuch herkamen und über Nacht blieben.

 

Meto setzte sich aufs Bett, zog mich zu sich herunter und küsste mich. Seine Lippen, so unglaublich süß und weich, vertrieben sofort jede Angst, mit einem Mal fühlte ich mich wieder vollkommen sicher. Ich legte meine Hände auf seine Schultern und drückte ihn rückwärts in die Kissen, meinen Körper an seinen, küsste ihn mit meiner ganzen Liebe. Dachte daran, dass ich ab Morgen jeden Tag neben ihm aufwachen würde, und dieser Gedanke machte mich einfach wahnsinnig glücklich.

„Ich liebe dich“, flüsterte ich gegen seine Lippen.

„Ich dich auch, Tsu.“

 

Am liebsten wäre ich mit ihm viel länger so liegen geblieben, doch hier lagen noch einige Sachen herum, die darauf warteten, in Kisten gepackt zu werden. Und so erhob ich mich wieder und begann, mir einen Überblick über die Umzugskartons und ihren Inhalt zu verschaffen. Alles war noch nicht eingepackt und so brachten Meto und ich die nächste Viertelstunde damit zu, diesen Rest auch noch irgendwie unter zu bringen.

 

In diesem Durcheinander fand ich mein Messer wieder. Es steckte in dem Spalt zwischen Matratze und Bettrahmen, wo ich es nur zufällig entdeckte, als ich einen kleinen Stapel DVDs in einen der Kartons packen wollte.

Ich erschrak ein wenig, zog es mit leicht zitternden Händen aus dem Spalt heraus und hielt es geschlossen in der Hand, wusste nicht, wohin damit.

„Meto …“, begann ich, doch er hatte schon gesehen, was ich gefunden hatte.

„Gib das mir, ich tu’s in den Karton mit deinen Sachen.“

Ich gab ihm das Messer in die Hand und spürte augenblicklich, dass ich mich besser fühlte, wenn ich es nicht hatte. Denn solange ich es nicht zur Hand hatte, konnte ich mir damit ja auch nichts tun.

Meto legte es zu meinen anderen Sachen in den Karton, klappte diesen zu und kurz darauf rief Manami von unten: „Der Umzugswagen ist da!“

 

Es war irgendwie ein etwas eigenartiges Gefühl, die ganzen Kartons aus dem Zimmer zu tragen und unten auf der Straße in den Umzugswagen zu räumen. Es erinnerte mich ein wenig daran, wie ich damals, als ich Mamas und meine Wohnung verloren hatte, den Großteil meines Besitzes hatte verkaufen müssen. Doch ich wischte diese Gedanken schnellstmöglich beiseite. Vor mir lag eine neue Zukunft, da war es nicht gut, an solche vergangenen Dinge zu denken.

 

Um mich abzulenken, dachte ich daran, wie ich heute Abend mit Meto in seinem bis auf das Bett leeren Zimmer liegen würde. Ich hatte nicht vor, heute mit ihm zu schlafen, sondern wollte ihn einfach im Arm halten, ein bisschen kuscheln und küssen. Sex würden wir dann in der neuen Wohnung haben, wo keine Eltern da waren, die uns hätten hören können, und wo der Reiz einer neuen Umgebung es sicher noch mal anders schön machen würde.

 

Als der Umzugswagen dann davonfuhr, bemerkte ich, dass Meto ziemlich aufgeregt war. Verständlich, denn immerhin würde er morgen sein Elternhaus verlassen. Ich legte meinen Arm um ihn, zog ihn an mich und drückte meine Lippen kurz auf seine.

„Hey, wir schaffen das schon“, sagte ich, auch um mich selbst noch einmal zu überzeugen. „Und wenn nicht, können wir immer noch wieder zurück.“

„Meinst du, du packst das?“, fragte Meto leise.

„Na klar, ich hab ja dich.“

 

Da fast alles, womit wir uns sonst beschäftigt hatten, jetzt verpackt und weggeschickt war, mussten wir uns irgendwas einfallen lassen, um die Zeit bis Mittag herumzukriegen.

Letztendlich landeten wir vor dem Fernseher im Wohnzimmer mit einer DVD, die deshalb nicht in die Umzugskisten gewandert war, weil der Film Manami gut gefiel und sie die DVD deshalb hierbehalten wollte. Der Film war zwar nicht hundertprozentig mein Fall, aber okay, und er war lang genug, damit wir bis zum Mittag beschäftigt waren.

 

Mittags hatte ich richtig Hunger, es gab irgendwas Italienisches, was ich auch recht gern mochte. Im Tempel wurde nur traditionell japanisch gekocht, das war mir über den ganzen Winter immer mal wieder beinahe ein wenig langweilig geworden.

Ich aß auch heute nicht viel, aber genug, wurde satt und verspürte kaum Angst vor dem Essen. Ich war nur ein wenig aufgeregt und hatte auch das Gefühl, dass mein Magen nicht so viel aufnehmen konnte wie der von anderen Menschen.

„Schmeckt’s dir?“, fragte Manami.

Ich nickte, lächelte, nahm mir aber nicht noch mehr, weil ich wirklich nichts mehr runterbekam.

„Das ist schön. Ich kann euch was davon einpacken, dann müsst ihr morgen nicht kochen, sondern nur aufwärmen.“

„Danke.“

 

Manami war wirklich toll, hatte auch ein bisschen Ähnlichkeit mit Mama und ich mochte sie sehr gern. Wie gesagt, sie behandelte mich schon wie ein festes Mitglied ihrer Familie, sah mich als ihren Schwiegersohn an und ich vermutete, dass sie sich viele Gedanken um mich machte.

„Yuu, Genki, wenn ihr irgendwie Hilfe braucht, dann bin ich da, hört ihr?“, sagte sie.

„Jaa, Mama …“, antwortete Meto leise, klang wie ein leicht genervter Teenager.

„Wir kommen darauf zurück“, sagte ich und lächelte.

 

Nach dem Mittagessen wollten wir noch los, in die Stadt, zu einem Einrichtungsladen, da Manami darauf bestand, dass wir unsere neue Wohnung ordentlich ausstatteten.

Tamotsu, wie ich Metos Vater inzwischen nannte, war natürlich wieder arbeiten und kam nicht mit, aber es reichte auch vollkommen, dass Manami dabei war, um die Sachen, die sie längst mit uns zusammen bestellt hatte, entweder abzuholen oder die Lieferung zu unserer Wohnung zu organisieren.

 

Am Anfang der ganzen Planung hatte ich noch darauf bestanden, dass das Geld für das alles nur geliehen war und ich es irgendwann zurückzahlen würde, doch das hatten mir die Eltern meines Liebsten sehr schnell ausgeredet.

„Keine Widerrede, wir schenken euch das!“, hatte Tamotsu gesagt und damit war das Thema Geld fürs Erste vom Tisch gewesen. Und ich hatte mich damit zufrieden gegeben, zumal ich mangels eines gesicherten Jobs auch keine Argumente hatte. Es hatte definitiv seine Vorteile, wenn der eigene Freund aus einer reichen Familie kam, in der man sich um Geld keine Sorgen machen musste.

 

Als wir den Laden erreichten, dessen Sortiment sich, schon am Schaufenster ersichtlich, in einer gehobeneren Preisklasse befand, war es mir dann aber doch wieder ein wenig unangenehm, dass wir hier die Möbel für unsere kleine Wohnung kaufen sollten. Aber Manami ließ in der Hinsicht nicht mit sich reden. Ich verstand zwar nicht ganz, warum sie so sehr auf einer teureren Einrichtung bestand, doch ich nahm es wie gesagt irgendwie hin.

 

Als ich mir das Schaufenster genauer ansah, fiel mir eine kleine, silberne Buddha-Figur zwischen den teils sogar antiken Möbeln auf. Sie hatte genau denselben Ausdruck auf dem Gesicht wie die Statue im Tempel und strahlte eine solche ruhige Schönheit aus, dass ich vor dem Fenster stehen blieb.

Meto sah mich fragend an und ich deutete auf die Figur.

„Die ist schön, oder?“

Er nickte und sah sie sich ebenfalls genauer an. „Magst du die?“, fragte er dann.

Manami war schon voraus in den Laden gegangen, ich sah durchs Fenster, wie sie eine der Verkäuferinnen ansprach und wahrscheinlich mit dieser den Einkauf, beziehungsweise das Abholen der bestellten Möbel, besprach.

Ich wusste, ich musste nur etwas sagen und ich würde diese Statue bekommen. Doch nach den zwei Jahren auf der Straße wollte ich nicht so wirken, als ob ich mir jetzt, wo das vorbei war, auf einmal alles nahm, was mir angeboten wurde. Ich hatte immer noch das Gefühl, in Metos Schuld zu stehen, und die Großzügigkeit seiner Eltern verstärkte das noch.

 

Meto sah mich einen Moment lang aufmerksam an.

„Die sieht fast so aus wie die im Tempel“, sagte ich mit Blick auf diese Statue.

„Glaubst du jetzt daran? Nachdem du da gelebt hast?“

„Ja“, antwortete ich. „Irgendwie schon.“

Ich zählte mich zwar immer noch zu keiner Religion und genau benennen, woran ich glaubte, konnte ich auch nicht, doch da war irgendwas, so ein Gefühl in mir, das sich ein wenig so anfühlte, wie ich mir ‚glauben‘ vorstellte.

 

„Du willst diese Statue hier haben, oder?“, fragte Meto.

Ich atmete einmal ein und aus und nickte.

„Dann sag das doch!“

„Ich wollte nicht … wegen dem ganzen Geld …“

„Hm … versteh ich. Aber du musst dir da wirklich keine Gedanken machen. Meine Eltern tun das wirklich gern.“

„Das weiß ich ja auch, aber …“

„Willst du sie jetzt haben oder nicht?“

„Ja. … Will ich.“

„Dann kriegst du sie.“ Meto lächelte mich strahlend an. „Keine Widerrede, Tsu.“

 

Wenn er mich so anstrahlte, konnte ich auch gar nicht widersprechen. Dieses Lächeln hatte auf mich eine derartig einnehmende, jede Widerrede in Luft auflösende Wirkung, dass es mir fast schon ein wenig unheimlich war. Ich war immer noch so wahnsinnig verliebt in ihn wie vor dem Winter, und es fühlte sich auch nicht so an, als würde dieses Gefühl jemals nachlassen.

Ich blieb vor dem Laden stehen, Meto lief hinein und berichtete seiner Mama von unserer Absicht, diese Buddha-Statue zu kaufen. Manami hatte anscheinend alles, was die Möbel betraf, geklärt, und kam mit Meto wieder aus dem Laden.

„Die ist aber auch wirklich schön“, sagte sie mit Blick auf die kleine Statue.

„Sie soll mich an den Tempel erinnern, an das, was ich da gelernt habe“, erwiderte ich leise.

„Das ist eine schöne Idee. Du bist ja sicher aufgeregt wegen der Vorstellungsgespräche, oder?“

Ich nickte. Ja, ich war aufgeregt, und ja, ich hatte Angst. Aber sobald ich dem Buddha in das gelassene, ruhige Gesicht blickte, wurde diese Angst weniger und ich konnte wieder lächeln.  

„Und wenn was nicht klappt, musst du dir auch keine Sorgen machen. Wir unterstützen euch so lange, wie ihr es braucht“, sagte Manami.

„Danke.“ Ich deutete eine leichte Verbeugung an, die sie jedoch abwinkte.  Vielleicht sollte ich das, was ich von ihr und Tamotsu geschenkt bekam, wirklich annehmen.

 

Der eigentliche Kauf der Statue war dann keine große Sache mehr, die Manami wieder allein erledigte. Währenddessen standen Meto und ich wieder vor dem Laden.

Über die Statue waren meine Gedanken wieder bei der großen im Tempel gelandet und bei dem, was ich heute Morgen gedacht hatte, als ich zum letzten Mal in der Gebetshalle gewesen war. Dass ich krank war, gestört, kaputt, vielleicht unheilbar. Und dass ich nicht wollte, dass Meto sich deswegen Sorgen um mich machte. Deshalb sprach ich nicht darüber. Solange ich selbst noch nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte, wollte ich nicht, dass sich jemand anderes Gedanken darum machte.

 

„Tsuzuku?“, riss mich Meto aus meinen Gedanken. „Ist was?“

„… Hm? Nein, wieso?“

„Du siehst gerade so traurig aus.“

„Bin ich aber gar nicht“, antwortete ich und das war noch nicht mal gelogen. Eigentlich war ich schließlich nicht traurig.

Meto sah mich an, legte dann seine Arme um mich und sagte: „Hey, lächeln! Ist doch alles gut, oder?“

Ich lächelte, konnte es jedoch nicht lange auf meinen Lippen halten. Und ich spürte, dass Meto sich jetzt Sorgen machte. Genau das wollte ich ja nicht, deshalb erwiderte ich die Umarmung und drückte kurz meine Lippen auf seine, nickte dann. „Ja, alles gut.“

 

In dem Moment kam Manami aus dem Laden, in der Hand eine Tüte mit einer rechteckigen Kiste darin, welche die kleine, silberne Statue enthielt. Ich hoffte, dass dieser Buddha uns Glück bringen, und mich in schweren Momenten beruhigen würde, wie es der im Tempel getan hatte.

Auf dem Weg zurück zur Villa hielt Meto fast die ganze Zeit über meine Hand. Ich spürte, dass er sich Gedanken machte und sich wahrscheinlich fragte, ob bei mir wirklich alles in Ordnung war.

 

Den Rest des Tages hingen wir wieder mehr oder weniger herum. Es gab nichts weiter zu tun und so landeten wir zum wiederholten Male vor dem Fernseher. Zum Glück liefen dort einige genügend interessante Sendungen, sodass es wenigstens nicht vollkommen langweilig wurde. Ab und zu sah ich Meto an und überlegte, was er wohl dachte und inwiefern er wohl bemerkte, dass ich ihm im Moment nicht die ganze Wahrheit von mir zeigte.

 

Irgendwie kam ich dann mit den Gedanken auf Koichi. Bei ihm war ich mir nämlich beinahe schon sicher, dass er wusste, was los war. Schließlich war ich für ihn wie ein offenes Buch und mich wunderte schon, dass er mich noch nicht darauf angesprochen hatte. Na ja, vielleicht wusste er zwar, dass bei mir wieder mal etwas nicht stimmte, doch hatte noch nicht ganz herausgefunden, worum es genau ging. Oder er spürte, dass ich nicht darüber sprechen konnte. Ich wusste es nicht.

 

Irgendwann, als wir einfach auf gar nichts mehr Lust hatten, gingen Meto und ich hinauf in sein fast leeres Zimmer, ins Bett. Da wir beide irgendwie noch nicht wirklich müde waren, lagen wir einfach Arm in Arm da und sprachen ein wenig darüber, wie unser Leben in der Großstadt am Meer von jetzt an aussehen würde. Wir gerieten beide ein wenig ins Träumen davon, jeden Tag zusammen zu sein, zu arbeiten und uns irgendwann selbst zu versorgen.

 

„Ich freu mich da irgendwie total drauf“, sagte Meto leise, rückte noch ein wenig näher zu mir und barg sein Gesicht an meinem Hals. „Immer mit dir zusammen zu sein.“

Ich lächelte, diesmal ganz ehrlich und glücklich. „Ich auch.“ Und legte meinen Arm um ihn, um seinen Körper enger an meinen zu drücken.

„Ich liebe dich“, flüsterte er, drückte seine Lippen auf meine Haut, während seine Hand von meinem Bauch nach oben wanderte und über meine Brust streichelte. Es tat mir immer noch so wahnsinnig gut, von ihm berührt zu werden, seine Hände und Lippen auf meiner Haut und seinen ganzen Körper nah an meinem zu spüren.

Es machte mich unheimlich glücklich, doch gleichzeitig tat es in diesem Moment auch irgendwie weh. Aber dieser Schmerz war … nicht unangenehm. Es war der Schmerz eines verliebt klopfenden Herzens.

 

Meto beugte sich über mich, drückte mich mit der einen Hand in die weiche Matratze und senkte den Kopf so weit, dass seine weichen, vollen Lippen mein Implantat berührten. Ich seufzte wohlig, schloss die Augen und genoss das sanfte Tasten auf meiner Haut, dachte daran, was diese süßen Lippen schon alles mit mir angestellt hatten und wie sehr ich Meto dafür liebte, dass er meine starken Gefühle für ihn so erwiderte.

Diese Zärtlichkeiten zwischen uns hatten, obwohl wir die vergangenen Monate über einige Male miteinander geschlafen hatten, immer noch etwas geradezu Magisches an sich, etwas, das mich völlig verzaubern konnte und seit unserem ersten Mal nichts von seiner Schönheit verloren hatte.

 

„Ist das schön?“, hörte ich Meto leise fragen. Ich nickte und hob meinen Brustkorb ein wenig an, zum Zeichen, dass er nur nicht aufhören sollte. Seine Hand strich über meinen Körper, blieb dann auf meinem Herzen liegen. Sofort begann es, wild zu klopfen, was mein Liebster mit einem leisen Lachen zur Kenntnis nahm und dann, als wollte er mich noch mehr in Ekstase versetzen, mit seinen Lippen über meine Brustwarzen streifte.

Ich liebte es, wie er einfach so die Initiative ergriff, und war froh, dass ihm das anscheinend so leicht fiel, ein bisschen die Rollen zu tauschen und mich spüren zu lassen, dass er mich genauso sehr begehrte und liebte wie ich ihn.

 

„Ich lieb dich so …“, sagte er. „So … so … so … so sehr …“ Zwischen jedem ‚so‘ hauchte er kleine Küsse auf meine Brust, drückte sich ein wenig enger an mich, sodass ich spüren konnte, wie er langsam heiß wurde.

Ich schob meine Hand zwischen uns, berührte vorsichtig seine Körpermitte und fragte: „Willst du?“

Er hob den Kopf, lächelte, rückte ein Stückchen hoch und küsste mich. „Aber nur anfassen.“ Legte sich wieder neben mich und zog seine Shorts aus. Ich tat es ihm gleich, wobei mein Herz vorfreudig zu klopfen begann.

 

Dann setzte er sich auf, zog mich mit hoch, sodass wir voreinander saßen. Es erinnerte mich ein bisschen an unsere erste Nacht, damals in dem Hotel am Meer, als ich ihm meine Liebe gestanden hatte.

Und jetzt taten wir als richtiges Paar dasselbe, berührten einander, schenkten uns gegenseitig Lust als Zeichen unserer Liebe.

Metos Kopf ruhte an meiner Schulter, sein zuerst leises, dann immer tieferes Stöhnen drang an mein Ohr, und die lustgeladene Hitze zwischen uns nahm an Intensität immer weiter zu, schuf eine ganz eigene Atmosphäre um uns herum,  und baute dieses wundervolle Gefühl in meinem Innern auf, das fast noch schöner war als der darauf folgende Höhepunkt.

 

Danach lagen wir eng umarmt da, ich spürte Metos Hand streichelnd auf meinem Rücken und hörte ihn leise atmen. Er reckte den Hals, drückte mir einen Kuss auf die Stirn und flüsterte: „Schlaf schön, Tsuzuku.“

Ich wachte sehr früh auf am nächsten Morgen. Es war noch dunkel und da ja kein Wecker mehr hier war, wusste ich nicht, wie früh es genau war. Ich schätzte ungefähr drei oder vier Uhr.

Im Dunkel sah ich Tsuzuku schemenhaft neben mir liegen, er lag auf dem Bauch, mit dem Gesicht zu mir, atmete leise und gleichmäßig. Ich setzte mich auf, streckte die Hand aus und berührte seine Schulter, spürte seine warme Haut unter meinen Fingern, streichelte ihn ein wenig, vorsichtig, um ihn nicht zu wecken. Ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen, ich zog meine Hand zurück und legte mich wieder neben ihn, ein bisschen näher als zuvor.

 

Wie ich so bei ihm lag und hoch an die dunkle Decke meines Zimmers blickte, kam ich mit den Gedanken auf etwas,  das ich eigentlich zu verdrängen versuchte: Und zwar, dass ich schon seit einer ganzen Weile das Gefühl hatte, als hätte Tsuzuku ein Geheimnis vor mir. Und jetzt, wo ich hier lag und er tief und fest schlief, konnte ich mich nicht davon ablenken. Meine Gedanken begannen, sich darum zu drehen, Fragen schwirrten durch meinen Kopf.

 

Als ich Tsuzuku gestern vom Tempel abgeholt hatte, in der Gebetshalle, da hatte er irgendwie so besorgt und traurig gewirkt. Ich spürte, dass etwas nicht stimmte, doch ich hatte keine Ahnung, was es war und warum er nicht mit mir darüber sprach. Er konnte mir doch vertrauen und eigentlich wusste er doch auch, dass ich für ihn da war, wenn es ihm nicht gut ging. Warum sagte er mir dann nicht, was los war?

Oder … war es vielleicht irgendwas wirklich Schlimmes? Etwas, das er mir nicht sagen durfte, oder nicht aussprechen konnte, weil es furchtbar wehtun würde? Aber was konnte das sein? Das Schlimmste in seinem Leben, die Geschichte vom Tod seiner Mutter, kannte ich inzwischen in fast allen Details, an die er sich erinnerte. Gab es da etwas, das noch schmerzhafter war? Ich konnte es mir kaum vorstellen.

Und doch hatte ich schon seit Monaten das Gefühl, dass er mir etwas Wichtiges verschwieg.

 

Da ich jetzt nicht so einfach wieder einschlafen konnte, stand ich auf und ging ins Bad, um schon mal zu duschen. Ich stand eine ganze Weile einfach unter dem warmen Regen, während sich meine Gedanken weiter drehten, ohne zu einem anderen Ergebnis zu kommen als dass Tsuzuku wieder  Probleme hatte und ganz offenbar nicht darüber sprechen wollte.

 

Nachdem ich mich gewaschen und dann abgetrocknet hatte, ging ich mit dem Handtuch um die Hüften wieder in mein Zimmer zurück. Tsuzuku schlief immer noch, doch als ich mich wieder zu ihm legte, wachte er auf.

„… Meto?“, fragte er verschlafen. „Du bist schon wach?“

„Ich war duschen“, antwortete ich.

 

Er setzte sich auf und strich mir durch meine noch etwas nassen Haare, ließ seine Hand dann in meinen Nacken wandern und zog mich zu sich, um mich zu küssen.

„Mmmh, frisch geduscht hab ich dich am liebsten …“, raunte er in mein Ohr und senkte den Kopf, um meinen Hals zu küssen. Ich legte den Kopf in den Nacken und seufzte leise, als er sein Tun auf meine Schulter ausdehnte und gleichzeitig meinen Rücken streichelte. Er war so unglaublich lieb und sanft zu mir, jede Berührung sagte ‚Ich liebe dich‘ und jeder kleine Kuss ‚Ich will dich‘.

 

Wenn er mich so berührte, vergaß ich alles andere, die Sorge um ihn, um die Zukunft, alles Schwere glitt dann von mir ab. Ich war so glücklich, ihn zu haben und von ihm so geliebt zu werden, wie ich ihn liebte. Und so legte ich meine Arme um ihn, zog ihn an mich und küsste ihn zurück, ließ meine Lippen über das tätowierte Herz an seinem Hals wandern und hörte ihn wohlig seufzen.

 

„Ich bin so wahnsinnig aufgeregt“, flüsterte er.

„Wegen heute, wegen dem Umzug und so?“

Tsuzuku nickte, schmiegte sich dann enger an mich. „ … Ich hab davon geträumt. Und davon, dass du und ich … dass wir immer zusammen bleiben …“

Ich lächelte, nahm sein Gesicht in meine Hände und drückte meine Lippen auf seine. Wollte seine Probleme, von welcher Art sie auch sein mochten, einfach wegküssen, und dass wir uns beide nur gut fühlten. Für immer bei ihm sein, auf ihn aufpassen und ihn glücklich machen.

„Wir bleiben immer zusammen“, sagte ich, während meine Hände durch seine schwarzen Haare strichen. „Ich kann mir mein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen. Wir schaffen das schon.“

 

Ich konnte es nicht sehen, weil es immer noch ziemlich dunkel war, doch ich spürte es irgendwie: Tsuzuku hatte, wieder oder immer noch, einen Schatten auf der Seele, etwas, das ihm große Sorgen und wahrscheinlich auch Angst machte. Doch ich traute mich jetzt nicht, danach zu fragen.

 

Und er überspielte diesen kurzen Moment, küsste mich zurück und flüsterte mit einem leisen Zittern in der Stimme: „Meto, du hast ja keine Ahnung, wie sehr … wie wahnsinnig ich dich liebe. Ich muss dir das einfach immer wieder sagen …“

„Ich glaube schon, dass ich das weiß“, erwiderte ich.

Auf einmal hörte ich ihn leise lachen, dann war er kurz verschwunden und im nächsten Moment spürte ich seine starken Arme von hinten um mich und wie er mich eng und fest an sich zog. Ich ließ mich zur Seite ins Kissen sinken, riss ihn mit, hörte ihn wieder lachen, spürte seine Lippen im Nacken, seine Hände an meinem Bauch und meiner Brust und seinen warmen Körper an meinem Rücken.

„Tsu …!“, protestierte ich. „Was wird das?“

„Du glaubst also, dass du das weißt, ja?“, fragte er, und ich konnte richtig hören, wie er grinste.

 

Spätestens jetzt ahnte ich, was er vorhatte, und da spürte ich auch schon, wie er heiß wurde. 

„Wollten wir das … nicht auf heute Abend verschieben?“, fragte ich.

„Komm, nur ein bisschen …“

Jetzt musste ich grinsen. „Tsuzuku, ich weiß genau, wie ‚ein bisschen‘ bei dir aussieht!“

Er lachte wieder. „Du kennst mich zu gut.“

„Heute Abend, okay?“, fragte ich und drehte den Kopf in seine Richtung.

„Versprochen?“

„Ja. Versprochen.“

 

Er ließ mich jedoch noch nicht los, eine Weile blieben wir so liegen, und ich schlief schon fast wieder ein. Ich schreckte erst auf, als er sich von mir löste und aufstand.

„Ich geh auch duschen“, sagte er und verschwand dann in Richtung Bad.

Ich blieb liegen und irgendwann war ich wirklich wieder eingeschlafen, bis ich davon aufwachte, dass Sonnenstrahlen sich ihren Weg durch die Jalousien meines Zimmers bahnten, das von heute an nicht mehr mein täglicher Lebensraum war, weil ich es gegen meine erste eigene Wohnung eintauschen würde. Die Wohnung, in der ich von nun an mit Tsuzuku zusammen leben würde.

 

Ich lächelte gedankenversunken und sah mich dann nach ihm um. Er saß, nur mit Shorts bekleidet, auf der Bettkante und schaute aus dem Fenster.

„Mh … ich bin wieder eingeschlafen …“, murmelte ich, und er drehte sich zu mir um.

„Ich hab dir beim Schlafen zugeschaut“, antwortete er und lächelte leicht. „Du siehst süß aus, wenn du schläfst.“ Wie er das sagte, so ganz einfach so, ohne jede Scham. Das gefiel mir, ich mochte seine direkte Art und wollte am liebsten auch so offen über gewisse Dinge reden können.

„Du auch“, wagte ich einen Versuch, es ihm gleichzutun, wurde jedoch ein wenig rot dabei.

Tsuzuku lächelte wieder, kam dann übers Bett auf mich zu und drückte mir einen kurzen Kuss auf die Lippen. „Danke, mein Süßer.“

 

Ich setzte mich auf und begann, mich anzuziehen.

Heute war er also, der Tag, an dem ich mein Elternhaus verlassen und mit meinem festen Freund zusammen in eine neue Wohnung in einer anderen Stadt ziehen würde. Wir hatten ja schon alles beisammen, Möbel, Farben für die Wände, alles Notwendige an Hausrat und so weiter. Die Wohnung war klein, aber ich mochte sie und wollte auch gern dort leben. Aber trotzdem fiel mir der Gedanke, meine Eltern zu verlassen, seltsam schwer. Wahrscheinlich war das ganz normal, immerhin war ich noch nie lange ohne die beiden gewesen.

 

Zwar hatte ich meine Tage meist im Akutagawa-Park verbracht und auch eine Zeit lang keine besonders enge Bindung zu meinen Eltern gehabt, doch seit dem letzten Herbst, als wir uns wieder angenähert hatten, war unsere Beziehung wieder familiärer geworden und nun fiel mir der Abschied eben schwer, auch wenn besonders Mama sich auch auf die Entfernung weiter um mich kümmern und ich sicher meine Eltern auch besuchen würde.

 

„Woran denkst du gerade?“, riss mich Tsuzuku mit sanfter Stimme aus meinen Gedanken.

„Daran, dass ich … Mir fällt der Abschied von Mama und Papa gerade ein bisschen schwer“, gab ich zu.

„Aber … du willst doch … mit mir zusammen leben, oder?“ Seine Stimme klang auf einmal verunsichert, so als glaubte er, dass ich jetzt doch lieber hier bleiben wollte.

Ich drehte mich zu ihm um. „Natürlich will ich das. Aber … ich war noch nie lange von Mama getrennt, verstehst du? Und meine Eltern und ich … wir verstehen uns gerade so gut, deshalb ist es eben ein bisschen schwer.“

„Hm, ja, verstehe ich“, antwortete er.

 

Ich stand, fertig angezogen, auf und wartete noch auf ihn, bis er sich ebenfalls angezogen hatte, dann gingen wir zusammen ins Bad. Geduscht hatten wir ja jetzt beide schon, also war nur noch Haare machen und ein bisschen Schminken notwendig.

 

Danach gingen wir runter in die Küche, wo meine Mam schon mit dem Frühstück wartete. Papa saß auch da und las die Zeitung. Als er sah, dass Tsu und ich beide unser übliches Make-up trugen, fragte er: „Müsst ihr denn gleich für den ersten Eindruck in eurem neuen Haus geschminkt sein?“

„Ja“, antwortete ich, noch ziemlich überzeugt, doch dann kam mir ein ziemlich unangenehmer Gedanke, der dafür sorgte, dass ich nichts weiter sagte und der meine Angst vor dem Ausziehen noch ein wenig verstärkte:

Die Leute in dem Haus, in welchem sich unsere neue Wohnung befand, kannte ich noch überhaupt nicht. Ich wusste weder, was für Leute das waren, ob alt oder jung, und ob sie damit zurechtkamen, wenn so ein Paar, wie Tsuzuku und ich nun mal waren, da einzog.

 

Und ich spürte, dass er denselben Gedanken hatte, sich darum auch Sorgen machte. Ich konnte sehen, wie es hinter seinen Augen arbeitete, und fühlte, wie seine Hand, die meine hielt, sie etwas fester drückte.

„Ich will euch beiden keine Angst machen, aber es kann ja durchaus sein, dass ein paar Leute … nicht an Paare wie euch zwei gewöhnt sind“, sprach Papa unsere neu aufgekommene Angst direkt an.

Ich sah Tsuzuku an und wie er sich innerlich zusammenriss, bevor er lächelte und antwortete: „Also kein Rumknutschen im Treppenhaus, alles klar, das kriegen wir hin.“

 

„Ihr könnt euch ja erst mal nach außen hin als Freunde vorstellen“, fuhr Papa fort.

Tsuzukus Griff um meine Hand wurde noch etwas fester. „Nein! Ganz sicher nicht. Ich werd den Leuten schon sagen, dass wir ein Paar sind!“, sagte er, klang fast schon ein bisschen wütend. „Ich werde mich ganz sicher nicht verstellen oder verstecken.“

Ich wollte mich setzen und mir ein Brötchen nehmen, aber Tsuzuku ließ meine Hand nicht los.

„Tut mir leid, aber das mache ich einfach nicht!“, wiederholte er noch einmal. „Es sei denn, Meto hat ein Problem damit.“ Er sah mich an, fragend und zugleich mit einem entschlossenen Leuchten in den Augen. Und ich wusste sofort, dass ich mich ebenfalls nicht würde verstellen wollen und können. Wir waren, wie wir nun mal waren, und würden dazu stehen.

 

Während des Frühstücks beobachtete ich meinen Freund, mehr aus Gewohnheit denn aus Sorge, einfach weil ich darauf eingestellt war, beim Essen auf sein Verhalten zu achten und aufzupassen, dass es ihm gut ging.

Er aß wenig und langsam, nahm nur kleine Schlucke Kaffee, doch irgendwie wirkte er dabei sehr viel weniger krank als vor dem Winter. Die vergangenen Monate über hatten wir gemeinsam an seinem Essverhalten gearbeitet, sodass er zumindest mit dem Geschmack vieler Nahrungsmittel wieder zurechtkam und es beim Essen nicht mehr ganz so sehr auffiel, dass er nicht gesund war.

 

Als wir gerade mit dem Frühstück fertig waren, schellte die Türklingel. Wir hatten ein paar unserer Freunde aus dem Akutagawa-Park eingeladen, uns beim Einzug zu helfen, Koichi hatte Haruna, Hanako und Yami die Adresse gegeben und er wollte vorher noch hier vorbeischauen, um dann mit uns zusammen hinzufahren.  

 

„Hey, ihr Süßen!“, sagte er und strahlte Tsu und mich an. „Ihr habt gestern schon alles losgeschickt, ne? Dann müssen wir jetzt nur noch hinfahren und ‘ne Wohnung draus machen.“

Ich nickte und sah, wie Koichi meinem Freund kurz prüfend in die Augen schaute. Anscheinend war ich nicht der einzige, dem auffiel, dass mit Tsuzuku irgendwas nicht stimmte.

„Geht’s dir gut, Tsu?“, fragte Koichi.

„Ja, alles gut. Ich bin nur ein bisschen aufgeregt.“ Tsuzuku lächelte, legte einen Arm um meine Schultern und zog mich an sich. „Ich ziehe ja zum ersten Mal mit jemandem zusammen.“

Ich spürte, dass Tsu in Bezug darauf, wie es ihm ging, nicht die ganze Wahrheit sagte. Und ich war mir, so, wie ich Koichi kannte, absolut sicher, dass dieser das auch bemerkte.

Koichi war sensibel und aufmerksam, er konnte alles Mögliche in den Augen der Menschen lesen, also musste er in diesem Moment sehen, dass Tsuzuku uns etwas verschwieg. Doch statt das anzusprechen, lächelte er und sagte nur: „Wenn ihr heute Abend da alleine seid, wird es euer Zuhause werden.“

 

Wieso sagte Koichi nichts dazu, dass Tsuzuku uns offensichtlich etwas vorenthielt?

Während wir auf dem Weg zum Bahnhof waren, um zur Wohnung, unserem neuen Zuhause, zu fahren, dachte ich darüber nach, und mir fiel nur ein halbwegs logischer Grund ein: Koichi spürte anscheinend noch deutlicher als ich, dass das, was Tsu uns verschwieg, etwas Schlimmes war, etwas, über das man nicht so einfach sprechen konnte. Anders konnte ich es mir nicht erklären.

 

Ich hielt Tsuzukus linke Hand, ging zwischen ihm und Koichi, und dachte daran, dass schon wieder nicht alles gut war und dass der liebste Mensch, den ich auf dieser Welt hatte, wieder einen Schatten auf der Seele trug. Mit dem Wunsch, ihn wissen zu lassen, dass ich für ihn da war, drückte ich seine Hand und schmiegte mich im Gehen an seinen Arm.

Er sah mich fragend an und ich lächelte, so fröhlich wie ich es nur vermochte.

„Bist du glücklich, Meto?“, fragte er.

Und ich log, oder verschwieg zumindest meine Sorge: „Ja. Sehr glücklich.“

Tsuzuku ließ meine Hand los, um mir den Arm um die Taille zu legen, mich an sich zu ziehen und mir einen Kuss auf die Schläfe zu drücken.

„Ich liebe dich“, flüsterte er.

 

Ich hörte von der anderen Seite Koichi leise „So süß …“ hauchen.

Seine fast mädchenhafte Begeisterung für Tsuzukus und meine Beziehung hatte den Winter überdauert und dann, wenn Tsu ihn hin und wieder scherzhaft darauf aufmerksam machte, dass sein Verhalten etwas von einem Fangirl hatte, lachte der Rosahaarige und behauptete weiter, dass wir eben das niedlichste Liebespaar wären, das er kannte.

 

Im Zug hatten wir ein Abteil zu dritt für uns und Tsuzuku nutzte die etwas vertrautere Atmosphäre, um mich im Arm zu halten und ein bisschen zu streicheln. Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter, spürte seinen Atemrhythmus und seine eine Hand auf meinem Bein, die andere an meiner Seite.

Als ich einen Blick zu Koichi warf, der am Fenster saß und uns beobachtete, fiel mir so ein irgendwie sehnsüchtiger Ausdruck in seinen Augen auf. Ich hatte diesen Blick schon einmal bei ihm gesehen, als wir zu dritt den Liebesfilmabend gemacht hatten, den wir ihm mal versprochen hatten.

 

Ob er wohl ein bisschen neidisch auf uns war? Meinem Wissen nach war er immer noch single, obwohl er, wie er sagte, viele gute Freundinnen hatte.

„Koi…?“, fragte ich vorsichtig. „Hast du… eigentlich mal wieder… ein Mädchen… kennen gelernt…?“

Er schrak ein wenig auf, als wäre er mit den Gedanken eben ganz woanders gewesen.

„Nein, in letzter Zeit nicht. Wieso fragst du, Meto-chan?“

„…Nur so“, antwortete ich und versucht, mir Koichi an der Seite einer Frau vorzustellen. Irgendwie war das schwierig, vielleicht weil ich mir heterosexuelle Paare einfach aufgrund meiner eigenen Orientierung nicht so gut vorstellen konnte, oder weil Koichi so feminin wirkte, dass es kein wirkliches Paar-Bild ergab.

„Bist du überhaupt noch auf der Suche?“, fragte Tsuzuku ihn.

„Nein, im Moment nicht mehr.“ Koichi lächelte, doch es wirkte irgendwie ein wenig aufgesetzt. „Ich bin sowieso immer der Friendzone-Kandidat.“

 

Es war das erste Mal, dass ich glaubte, auch bei ihm, der sonst immer so gut gelaunt und fröhlich wirkte, einen Schatten zu bemerken. Es war eine verborgene, kleine Dunkelheit, von der Koichi vielleicht selbst nichts wusste, doch in diesem Moment sah ich sie.

Und kaum hatte ich das bemerkt, war es auch schon wieder verschwunden, verdeckt, hinter das süße, strahlende Lächeln des Rosahaarigen zurückgetreten, als wäre da gar nichts dunkles, nur Sonnenschein in ihm. Und ich war mir irgendwie sicher, dass er das selbst gar nicht bemerkt hatte.

 

Er nahm sein Handy raus und suchte damit irgendwas, dann hielt er uns das Gerät hin. Auf dem kleinen Bildschirm war ein bodenlanges, schulterfreies, schwarzes Rüschenkleid zu sehen, dazu hohe Schuhe und jede Menge glitzernder Schmuck.

„Das wird meine nächste Errungenschaft“, sagte er und lächelte. „Ist das nicht süß?“

„Schwarz? Mal nicht pink?“, fragte Tsuzuku scherzhaft.

„Schwarz mag ich auch“, antwortete Koichi und deutete auf seine heute tatsächlich in einer sehr dunklen Farbe gehaltene Hose.

 

Für den Rest der Fahrt war die Stimmung in meinem Empfinden ein wenig seltsam, doch als wir in der anderen, größeren Stadt ausstiegen, war alles wieder normal. Tsuzuku wirkte relativ entspannt, Koichi so locker und fröhlich wie immer, und ich war ein bisschen aufgeregt wegen des Umzuges.

Wir mussten noch ein ganzes Stück laufen, bis wir an dem fünfstöckigen Haus ankamen, in dem sich unsere neue Wohnung befand. Während der letzten Monate war ich ein paar Mal hier gewesen und hatte mir alles angeschaut, zuerst von außen, dann auch von innen, das Treppenhaus und dann, als sie frei und leer war, auch die Wohnung selbst. Küche und Badezimmer waren schon fertig eingebaut und installiert, es fehlten nur noch unsere Möbel und Sachen.

Tsuzuku war zwei Mal mit dabei gewesen, hatte mir dabei auch von der Wohnung erzählt, in der er früher mit seiner Mama gelebt hatte, und dann festgestellt, dass unsere neue jetzt zum Glück ganz anders geschnitten war und ihn so kaum an sein früheres Leben erinnern würde.

 

Schon im Treppenhaus hörten wir vertraute Stimmen und als wir im zweiten Stock ankamen, wo links die Tür zum neuen Zuhause abging, sahen wir Haruna, Hanako und Yami auf den Treppenstufen sitzen, wo sie auf uns warteten und sich ein wenig unterhielten.

„Da sind sie ja, die Turteltäubchen!“, rief Hanako, als sie uns sah. Sie stand auf und ich umarmte sie zur Begrüßung, ebenso wie Haruna und Yami. Dann kramte ich den Schlüssel aus meiner Tasche und schloss die Wohnungstür auf. Es fühlte sich an, als täte ich das zum ersten Mal, dabei war es schon das zweite oder dritte Mal.

 

Und blieb, ein wenig erschlagen von dem, was mich drinnen erwartete, erst mal auf der Türschwelle stehen: Anscheinend hatten sich die Umzugsleute, obwohl sie jede Menge Zeit gehabt haben mussten, nicht großartig die Mühe gemacht, die vielen Kisten, Kartons und eingepackten Möbel in der Wohnung zu verteilen, weshalb jetzt vieles davon noch in dem relativ kleinen Flur stand und es auf den ersten Blick gar kein Durchkommen gab.

„Muss man denn hier alles selber machen?“, seufzte Koichi hinter mir und trat dann neben mich, um sich dem sich vor uns ausbreitenden Chaos als erster zu widmen.

 

Und so war das erste, was wir zu sechst taten, ein paar von den Kisten raus ins Treppenhaus zu stellen und dort möglichst so zu stapeln, dass man noch gut durchkam. Als wir bei der Küchentür angekommen waren, deren Küchenzeile wir zum Glück von den Vormietern hatten übernehmen können, bot sich dort fast dasselbe Bild.

Meine Eltern hatten uns einen Teil des Geschirr- und Besteckbestandes, der seit Jahren bei uns in diversen Wohnzimmerschränken auf Benutzung wartete, gespendet, dazu solche Dinge wie Wasserkocher und Küchenmesser, nicht zu viel, aber genug für die ziemlich kleine Küche, auf deren Ablageflächen sich die großen und kleinen Kisten jetzt stapelten.

 

Ich musste lächeln, als ich daran dachte, wie Mama mir immer wieder Vorträge darüber gehalten hatte, dass Tsu und ich uns bloß nicht nur von Tiefkühlpizza und dergleichen ernähren sollten. Ich war nicht besonders gut im Kochen, und Tsuzuku, wie er gestand, ebenfalls nicht, also hatte Mama zumindest mir, damit wenigstens einer von uns irgendwas selbst kochen konnte, einen Crashkurs in Sachen Nahrungszubereitung und gesunder Ernährung verpasst und mir allen Ernstes unter anderem ein Kochbuch zum Geburtstag geschenkt.

„Wer alleine leben will“, hatte sie gesagt, „der muss auch für sich kochen können.“ Und dann hatte sie, leise und mit ein wenig Sorge in den Augen hinzugefügt: „Und außerdem musst du dich, gerade was das Essen angeht, gut um Genki kümmern, Yuu. Pass auf, dass er nicht wieder so abnimmt.“

In dem Moment hatte ich sie sehr deutlich gespürt, die Verantwortung, die ich nun wieder trug, wenn auch nicht ganz allein. Ich war jetzt als sein fester Freund für Tsuzuku verantwortlich, auch wenn Menschen wie Koichi mir manches abnahmen.

 

Über diesen Gedanken hatte ich angefangen, die Kisten mit dem Geschirr zu öffnen und alles in die Schubladen und Schrankklappen zu räumen. Geistesabwesend verspann ich mich weiter in meinen Gedanken und so bemerkte ich erst, dass ich nicht mehr allein in der Küche war, als ich Harunas Stimme neben mir hörte.

„Meto?“ Sie sah mich fragend von der Seite an. „Alles okay?“

Ich schreckte auf, wollte „Ja?“ antworten, verhaspelte mich jedoch und brachte schließlich nur ein heiseres „Hm…?“ heraus.

Haruna lächelte meine Ungeschicklichkeit einfach weg, zog sich ein Haargummi vom Handgelenk und band ihre langen, dunkelblauen Haare zusammen. „Die Wohnung ist ja echt süß. Bezahlen deine Eltern die?“

„Bis … ich fest Arbeit … habe“, antwortete ich. Obwohl ich mit Haruna relativ gut befreundet war, fiel mir das Sprechen ihr gegenüber nach wie vor etwas schwer.

„Was willst du denn arbeiten?“, fragte sie weiter und begann, mir beim Einräumen zu helfen.

„Ich… geh da arbeiten, …wo Koichi …auch ist. Das ist… so ein Café…“

 

Ich war zwei Mal mit Koichi mitgekommen zu dem Café, in dem er arbeitete. Es war eine Art Maid-Café, in dem aber eben keine Maids, sondern vor allem mädchenhafte Männer wie er beschäftigt waren, die alle anscheinend irgendwas Besonderes an sich hatten. Dort war ich mit meinen blauen Haaren, meinen Tattoos und Piercings und sogar mit meinem Sprachfehler gar nicht weiter aufgefallen. Die vornehmlich weiblichen Gäste, denen Koichi mich vorgestellt hatte, fanden diesen Makel an mir seltsamerweise überhaupt nicht hinderlich, sondern sogar niedlich, und wollten mir zuerst gar nicht glauben, dass ich wirklich nicht richtig sprechen konnte. Und als Koichi ihnen dann auch noch erzählt hatte, dass ich Männer mochte, da kriegten sie sich gar nicht mehr wieder ein vor Begeisterung. Dass Mädchen so etwas offenbar toll fanden, wusste ich ja, aber diese Exemplare waren mir immer noch ein wenig unheimlich. Ich war natürlich knallrot geworden und selbst das schienen sie wahnsinnig süß zu finden.

„Du kommst ja gut an bei den Gästen“, hatte der Leiter des Cafés am Schluss zu mir gesagt. „Solche wie dich können wir hier gut gebrauchen. Willst du’s hier mal versuchen?“

Und ich hatte, noch ein bisschen benommen von der mir entgegengebrachten Begeisterung, mit roten Wangen genickt.

Der Termin für das Vorstellungsgespräch war am 6. März.

 

„Ist das so ein Kawaii-Café?“, riss mich Haruna aus meinen Gedanken.

Ich nickte nur, mein Sprechzentrum fiel mal wieder aus irgendeinem Grunde aus. Vielleicht wegen der Aufregung des Umzugs.

„Und was will Tsuzuku arbeiten?“, fragte Haruna weiter.

Mühsam kratzte ich meine Sprechfähigkeit wieder zusammen und erzählte Haruna, dass Tsu sich unter anderem bei zwei Tattoo-Studios beworben hatte. Er hatte von früher eine angefangene Ausbildung in der Richtung und wollte jetzt daran anschließen. Ich fand, dass es für ihn nichts Besseres gab. Schließlich liebte er Bodyart (und ich liebte jedes Detail seiner Körperkunst), und auch, wenn er es oft nicht so mit Menschen hatte, war ich mir sicher, dass ihm diese Arbeit gefallen würde.

 

In dem Moment kam er zu uns in die Küche und sah sich suchend um. „Steht hier vielleicht die Kiste mit meinen Sachen?“

„Nee, ich glaube, hier sind nur die Küchensachen“, antwortete Haruna. „Aber ich hab vorhin eine Kiste mit deinem Namen drauf ins Treppenhaus geräumt. Wieso suchst du die denn?“

„Die Verpackungen von den ganzen Möbeln sind mit Pakettape zugeklebt, die krieg ich ohne Messer nicht auf.“

Sein Messer suchte er also. Aus irgendeinem Grund machte dieses bestimmte Messer mir auch dann Angst, wenn es Tsu gut ging und keine Gefahr bestand, dass er sich verletzte. Ich griff in die offene Schublade vor mir und nahm ein kleines, aber neues und somit bestimmt scharfes Küchenmesser heraus.

„Hier, das geht doch auch, oder?“ Ich hielt es ihm vorsichtig hin und er nahm es entgegen, mit diesem Blick eines Menschen, der nur zu genau wusste, wie man sich damit verletzen konnte. Und irgendwas war da noch in seinen Augen, etwas, das ich in dem Moment nicht deuten konnte.

 

„Meto, kannst du Hanako und mir gleich mit den Wohnzimmermöbeln helfen?“, fragte er dann.

„Wir räumen das hier eben noch ein, dann helfen wir euch“, antwortete Haruna an meiner Stelle, und ich nickte.  

Wir sortierten noch die letzten Sachen an Geschirr und Besteck ein, packten den Wasserkocher und die kleine Kaffeemaschine aus und schlossen beides an, dann falteten wir die leeren Kisten zusammen und brachten sie in den Flur.

Anschließend gingen Haruna und ich rüber ins Wohnzimmer, wo mein Freund gerade auf dem Boden kniete und mit dem kleinen, scharfen Küchenmesser die Folien aufschnitt, die die Einzelteile des neuen Regals enthielten. Hanako riss ein Tütchen mit Schrauben auf und warf immer mal wieder einen Blick auf die Aufbauanleitung. Koichi war mit dem ebenfalls in Folie eingepackten Sofa beschäftigt, welches er mithilfe einer Schere aus ebenjener Folie zu befreien versuchte.

 

„Ich hab so was noch nie gemacht, ich hab keine Ahnung davon“, seufzte Hanako.

„So schwer ist das nicht, es ist nur ein Regal. Das Bett und der Schrank nachher werden  komplizierter“, antwortete Tsu.

„Also hast du das schon mal gemacht?“

„Einmal, früher.“ Er schwieg einen Moment und wirkte auf einmal ein wenig traurig. „Ich hab mal mit meiner Mutter zusammen mein Zimmer neu gemacht.“

Ich kniete mich neben ihn, half dabei, die Bretter aus der Folie zu nehmen, und beobachtete ihn aufmerksam, achtete genau darauf, ob er okay war. Er wirkte zwar ruhig, abgelenkt, und mit dem, was er tat, beschäftigt, aber ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass es in ihm ganz anders aussehen konnte. Doch an seinen Augen war immer gut zu erkennen, ob er auch im Inneren so entspannt war, wie er nach außen hin wirkte. Und als ich ihm jetzt in die dunkelbraunen Augen sah, konnte ich gottseidank zumindest in diesem Moment keine dunklen Schatten auf seiner Seele erkennen.

 

„Lasst mich da mal ran“, sagte Koichi, der inzwischen mit dem Sofa fertig war und Hanako die Aufbauanleitung abnahm. Nachdem er diese kurz, aber offenbar eingehend überflogen hatte, griff er nach einem der langen Bretter, richtete es probeweise auf und schaute dann wieder auf die Anleitung. Und auf einmal wirkte er irgendwie … anders. Sein Ausdruck veränderte sich und er kam plötzlich sehr viel weniger mädchenhaft rüber als vorhin noch.

„Kannst du das, Ko?“, fragte Tsuzuku ein wenig erstaunt.

„Japp!“, antwortete Koichi grinsend. „Ich bin gut in so was.“

Und anscheinend hatte er wirklich Ahnung davon, denn so, wie er uns anwies, erst das Regal und dann die anderen Wohnzimmermöbel zusammen zu bauen, wurde wirklich etwas daraus.

 

„Woher kannst du das?“, fragte Haruna ihn, als er ihr bei dem kleinen Wohnzimmerschrank half.

Er zuckte nur mit den Schultern und meinte, dass er mal vor Ewigkeiten eine Zeit lang in einem Möbelladen gejobbt und das dort gelernt hätte.

Dank seiner Hilfe waren wir mit den Wohnzimmermöbeln kurz nach Mittag fertig und nachdem Yami etwas verspätet mit dem Essen eingetroffen war, machten wir Pause, und wandten uns danach dem Schlafzimmer zu.

 

„Sehr gemütlich, dieses Weiß“, sagte Haruna ironisch und zog eine Augenbraue hoch mit Blick auf die weißen Wände.

„Das kommt alles noch“, antwortete Tsu. „Wir wollen erst mal hier einziehen, dann können wir immer noch streichen.“

„Und an welche Farbe dachtest du da?“

„Ich finde schwarz oder rot ganz gemütlich“, antwortete er und grinste leicht.

Haruna lachte. „Wieso frag ich dich eigentlich noch?“

 

Das Bett und den Kleiderschrank zusammen zu bauen, erwies sich wirklich als recht kompliziert. Gerade das Bett machte es selbst Koichi schwer. Tsu und ich hatten uns beim Aussuchen für ein edles Modell mit rotschwarzer Kunstlederpolsterung entschieden (wobei das eher Tsuzukus, als meine Idee gewesen war) und das war irgendwie nicht ganz so leicht zusammen zu bauen wie ein normales, nur aus Holz gebautes Bett.

„Schönes Liebesnest“, kommentierte Hanako zwischendurch das halb fertige Möbel. „Lasst mich raten, das war deine Idee, Tsu?“

„Ich weiß nicht, was ihr habt“, erwiderte mein Freund und strich mit der Hand über das glatte, rote Polster. „Ihr könnt mir nicht erzählen, dass ihr zwei nicht auch von so einem Bett träumt.“

„Könnt ihr mir mal helfen, statt hier die erotische Ausstrahlung dieses unmöglichen Bettchens zu besprechen?!“, unterbrach Koichi die etwas merkwürdige Unterhaltung, welche mir schon ein wenig das Blut in die Wangen getrieben hatte. „Wo steckt Yami eigentlich schon wieder?“

„Die ist eine rauchen gegangen“, antwortete Haruna, griff sich eins der Polsterteile und machte sich daran, Koichi beim Zusammenbauen zu helfen.

 

Als Yami nach einer ganzen Weile vom Rauchen zurückkam, waren wir mit dem Aufbau des Bettes fertig und hatten gerade mit dem Schrank angefangen. Sie wirkte auf einmal irgendwie merkwürdig und sagte dann: „Wisst ihr, was hier ganz in der Nähe ist?“

„Was denn?“, fragte Koichi.

„Die Psychiatrische Klinik. Ich bin bisschen rumgelaufen und da vorbeigekommen. Irgendwie total unheimlich, so was, oder?“

„Was ist daran unheimlich?“, fragte Haruna.

„Na ja … die Geschlossene und so was. Ich stell mir das furchtbar vor, wenn man da eingesperrt ist.“

„Bei manchen Krankheiten muss das eben sein“, sagte Hanako.  

 

Ich sah, mehr zufällig, zu Tsuzuku, der auf dem Boden kniete und eine Schraube am Schrank anzog. Auf den ersten Blick wirkte er ganz konzentriert und ruhig, doch als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass er den Schraubenschlüssel krampfhaft fest mit der Hand umklammert hielt, so fest, dass seine Fingerknöchel schon ganz weiß waren.

Vielleicht musste er bei der Erwähnung der Klinik an das Mädchen aus dem Tempel denken, Hitomi, die sich im Herbst die Arme aufgeschnitten hatte und dann in die Psychiatrische Klinik gekommen war. Das hatte ihn damals ziemlich mitgenommen und so war es vielleicht nicht verwunderlich, dass ihn das jetzt innerlich aufregte.

 

Yami vertiefte das Thema zum Glück nicht weiter und so war nach ein paar Augenblicken alles wieder okay. Irgendwie wurde dann auch der Schrank fertig und wir konnten auch hier die Sachen aus den Kisten einräumen.

Dabei entdeckte Haruna Tsuzukus Visual Kei Sachen und fragte: „Wow, sind die cool! Wo hattest du die denn die ganze Zeit?“

„Die habe ich mit Meto zusammen gekauft und er hatte sie dann in seinem Zimmer“, antwortete mein Freund und hängte den schwarzen Lackmantel in den Schrank.

„Komm doch mal wieder zu uns in den Park und zieh dann so was an“, sagte Yami.

„Ich weiß nicht, ob ich da überhaupt jemals wieder hinkomme“, erwiderte Tsuzuku. „Ich denke, das würde mich zu sehr daran erinnern, wie schlecht es mir ging, versteht ihr?“

„Ach so …“, sagte Haruna, lächelte dann aber. „Na dann, kommen wir dich eben hier besuchen.“

 

Später, als wir dann mit allem fertig waren, waren wir alle zusammen in der Küche. Tsuzuku stand am offenen Fenster und rauchte, ich saß mit hochgezogenen Knien auf einem unserer wenigen Stühle und Haruna und Hanako saßen mir gegenüber, während Koichi an der Küchenzeile lehnte und Yami sich auf den Boden gesetzt hatte.

„Wenn ihr die Wände streichen wollt, helfen wir wieder“, sagte Haruna und nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. „Oder wenn was anderes ist, einfach Bescheid sagen.“

„Danke, machen wir“, erwiderte Tsuzuku und drückte seine Zigarette auf der äußeren Fensterbank aus, ließ sie dann aus dem Fenster fallen.

 

„Sag mal, Yami …“, fragte er nach einer Weile, „Du hast vorhin, als du draußen warst, nicht zufällig irgendwo hier in der Nähe ein Sportstudio gesehen?“

„Doch, hab ich“, antwortete sie. „Hier die Straße runter ist eines, ein ziemlich großes sogar. Brauchst du eins?“

Tsuzuku lächelte leicht. „Den Trainingsraum im Tempel kann ich ja jetzt nicht mehr nutzen.“

„Wie viel trainierst du denn eigentlich?“, fragte Koichi. „Du hast ja schon bisschen was zugelegt.“

„Ich dachte, jetzt so zwei Mal die Woche, wenn ich dann arbeite. Im Tempel hab ich jeden zweiten Tag was gemacht.“

„Dann solltest du aber nicht so viel rauchen, Tsu“, sagte Hanako.

„Ich glaube, damit kann ich nicht aufhören. Ich brauche das zur Beruhigung.“

 

Daraus entspann sich eine kleine Diskussion über das Rauchen, an der ich mich jedoch kaum beteiligte. Ich rauchte zwar selbst, aber nur hin und wieder mal, mehr aus gegebenen Anlässen, als aus Sucht. Tsuzuku und Yami dagegen waren wirklich abhängig, und Koichi gab zu, ebenfalls nicht wirklich ohne Zigaretten auskommen zu können.

 

„Bin ich hier etwa die einzige, die noch nie an ‘nem Glimmstängel gezogen hat?“, fragte Hanako verwundert.

„Ich hab aufgehört“, sagte Haruna. „Ich brauch das Zeug nicht.“

„Ich weiß. Danke, mein Schatz.“ Hanako lächelte und drückte ihrer Freundin einen kurzen Kuss auf die Lippen. Irgendwie fand ich die beiden in dem Moment süß, so zusammen, nicht so als weibliche Wesen, sondern einfach als zwei Menschen, die sich sehr gern hatten und ihr Leben miteinander verbrachten.

 

Irgendwann, als es schon ganz dunkel draußen war, machte sich zuerst Yami auf den Heimweg, dann Haruna und Hanako. Koichi blieb noch eine Weile, er wohnte ja in dieser Stadt und musste nur die Stadtbahn nehmen.

„Was macht ihr morgen?“, fragte er.

„Essen kaufen“, antwortete Tsuzuku und deutete auf den leeren Kühlschrank.

„Ich kann mitkommen, dann könnt ihr mehr kaufen und ‘nen kleinen Vorrat anlegen“, bot Koichi an, woraufhin ich nickte und zu Tsu sah, der den Kühlschrank öffnete und irgendwas von Bier murmelte.

„Klappt das denn jetzt mit dem Essen?“, fragte Koichi dann.

„Ja.“ Mein Freund lächelte. „Alles gut, ich bin okay.“

„Beim Arzt und so bist du aber noch nicht gewesen, oder?“

„Nein. Wie ich schon sagte, mir geht’s gut.“

Ich glaubte, einen leicht genervten Ton aus Tsuzukus Stimme herauszuhören, doch das konnte auch meine Einbildung sein, weil ich mir eben weiterhin angewöhnt Sorgen um ihn machte. Und ich dachte an meine eigenen Probleme, daran, wie ich letztes Jahr auch nicht zu Frau Hiranuma hatte gehen wollen, weil es mich genervt hatte. Von daher konnte ich verstehen, dass Tsu weder zu einem Arzt, noch zu einem Psychologen gehen wollte.

 

Kurz darauf machte sich auch Koichi auf den Heimweg und Tsu und ich machten uns kurz für die Nacht fertig. Und als ich dann in der Tür des Schlafzimmers stand und mir das ansah, was von jetzt an mein – unser – Zuhause sein sollte, da fühlte ich mich schon ein wenig daheim. Ich hörte die Badezimmertür klappen, dann leise Schritte hinter mir, und ein warmer, noch bekleideter Körper schmiegte sich von hinten an meinen.

 

„Gefällt dir unser Zuhause?“, fragte Tsuzuku mit sanfter Stimme und streifte mit den Lippen meinen Nacken, was mir eine leichte Gänsehaut bescherte. Ich nickte, lehnte mich ein wenig an ihn und berührte seine Hände an meinem Bauch, strich gedankenverloren mit dem Daumen über seinen Handrücken, spürte die Sehnen und Adern unter der glatten, warmen Haut.

 

„Wie wär’s, wenn wir das jetzt einweihen?“ Seine Stimme nahm einen verführerischen Klang an, während seine Hand etwas höher wanderte und über meine Brust strich. „Du hast es mir versprochen, Meto-chan.“

Ich lächelte, drehte mich in seinen Armen zu ihm um und nahm sein Gesicht in meine Hände.

„Einweihen nennst du das?“, fragte ich lächelnd. „Das fällt wohl eher unter ‚Entweihen‘.“

„Nenn es, wie du willst, mein Süßer.“ Er grinste, überbrückte dann die kurze Distanz zwischen meinen und seinen Lippen und küsste mich, wobei er mich eindeutig spüren ließ, dass das ein ‚Ich will dich‘-Kuss war. „Und?“, fragte er. „Willst du?“

 

Natürlich wollte ich! Aber ganz so leicht wollte ich es meinem Freund nicht machen. Schließlich lebte das Ganze ja nicht zuletzt auch von einer gewissen Spannung. Er wollte mich kriegen, erobern, verführen? Das konnte er haben!

Ich schob meine Hände zwischen uns und hielt ihn fest, mit einem gewissen Abstand, der ihn spüren lassen sollte, dass ich ihn heute nicht ohne ein kleines Spiel vorher ranlassen würde.

„Immer einfach wird doch langweilig, oder?“, sagte ich leicht grinsend und brachte noch ein wenig mehr Abstand zwischen uns.

 

Er verstand sofort, und sprach mit verrucht rauer Stimme in mein Ohr: „Soso, Meto will spielen?“

„Erraten!“, grinste ich, stieß ihn spielerisch von mir und lief los, wahllos in die Küche. Er war sofort gleich hinter mir, und als ich den kleinen Tisch umrundete und mich dabei nach ihm umsah, war da so ein Leuchten in seinen Augen. Anscheinend hatte ich seinen Spieltrieb geweckt, und das würde ich jetzt, so gut ich konnte, ausnutzen.

 

„Ich krieg dich!“, rief er lachend, als ich knapp vor ihm über den Flur ins Wohnzimmer rannte. Vor der Couch bekam er mich zu fassen, versuchte, mich darauf niederzudrücken und zu kitzeln, doch ich wollte die Spannung noch ein wenig halten und ließ ihn nicht ganz an mich heran. Ich selbst spürte schon, wie sich das heiße Kribbeln in meinem Bauch ausbreitete, und hätte Tsuzuku am liebsten sofort alle Kleider vom Leib gerissen, doch ein wenig beherrschte ich mich noch und spielte das Spiel ein paar Momente lang weiter. Ich wand mich in seinen Armen, musste lachen, als er mich wieder kitzelte, doch als er dann auf einmal mit der Handfläche fest auf meinen Unterleib drückte, genau da wo es kribbelte, da entfuhr mir ein eindeutiges Stöhnen.

 

„Genug gespielt“, sagte er und drückte mich auf die Couch, sah mir dann tief in die Augen, während er mich an den Schultern festhielt. „Willst du es hier oder im Bett?“ Seine Atmung ging schon etwas tiefer und als ich kurz den Blick nach unten senkte, sah ich auch die verräterische Ausbeulung in seiner Hose.

Da konnte es wohl jemand kaum noch erwarten! Na dann wollte ich ihn mal nicht länger warten lassen. Schließlich wollte ich ja genauso.

„Im Bett“, antwortete ich, woraufhin er meine Schultern los ließ, sodass ich aufstehen konnte. Erst dabei bemerkte ich, wie heiß ich selbst schon war, wenn auch noch weniger und langsamer als Tsu. Ihm entging das natürlich nicht, er streckte die Hand nach mir aus und berührte meinen Schritt, lächelte anzüglich und sagte: „Du wirst ja auch schon ganz geil.“

„Du aber auch“, machte ich wieder mal einen Versuch, genauso unverblümt zu reden wie er. Sogar recht erfolgreich, denn ich spürte diesmal kein Blut in meine Wangen steigen und fühlte mich auch kaum unsicher oder peinlich. Vielleicht wurde das ja doch noch was mit mir und dem Reden.

 

Tsuzuku erwiderte darauf nichts, legte mir nur die Hände an die Seiten und küsste mich, während er mich langsam rückwärts in Richtung Schlafzimmer dirigierte. Ich stolperte etwas ungeschickt vor ihm her, er hielt mich fest, sah mich an und unterbrach den Kuss, als wir gerade mitten im Flur standen.

„Vertraust du mir?“, fragte er und schob langsam mein Shirt hoch. Seine großen, warmen Hände auf meiner Haut ließen heiße Schauer über meinen Körper huschen und ich seufzte angetan.

„Ja“, hauchte ich wahrheitsgemäß. „Na klar tu ich das.“

„Dann … darf ich dir gleich wieder die Augen verbinden?“

„Wieso das denn?“, fragte ich, obwohl ich ja genau wusste, dass ihn das anmachte, wenn ich die Augen verbunden hatte. Aber ich wollte es hören.

Er senkte den Kopf, bis seine Lippen an meinem Hals waren, und antwortete mit leiser, rauer Stimme: „Weil mich das so verdammt heiß macht …“

Es tat mir sehr gut, zu spüren, wie selbstsicher er in diesem Moment war und es gab mir wieder diese Sicherheit, dass ich mir keine Sorgen um ihn machen musste.

 

„Dann mach“, antwortete ich, er nahm meine Hand, führte mich in unser Schlafzimmer und begann, nachdem ich mich aufs Bett gesetzt hatte, damit, im Schrank und den letzten noch nicht ausgeräumten Kisten nach einem meiner Schals zu suchen.

Ich zog mich inzwischen aus, und als Tsuzuku sich mir wieder zuwandte, mein schwarzes Halstuch in der Hand, sagte er: „Eigentlich wollte ich dich ja ausziehen.“ Er setzte sich zu mir und fuhr fort: „Aber so ist auch gut.“ Ich sah ein warmes Leuchten in seinen Augen, bevor er mir das Tuch anlegte und fest zuband.

„Wenn irgendwas ist, wenn du dich unwohl fühlst oder so, dann sag mir das, okay?“, hörte ich seine Stimme.

 

Ich nickte und spürte dann, wie er aufstand, hörte ihn sich ausziehen, das Rascheln von Stoff und das metallische Klimpern seiner Gürtelschnalle. Obwohl ich nichts sah, wusste ich relativ genau, was er tat, und als er sich wieder zu mir setzte, spürte ich seine Nacktheit, noch ehe er sich an mich schmiegte, mich küsste und umarmte. Sein warmer Körper an meinem fühlte sich unheimlich gut an und ich tastete nach ihm, berührte seine weiche, glatte Haut und hörte ihn wohlig seufzen.

„Kennst du das auch?“, fragte er. „Dass man viel empfindlicher ist, wenn man gar nichts mehr anhat?“

„M-hm.“ Ich nickte.

 

Tsuzuku stand wiederum auf, blieb jedoch nicht lange von mir, sondern setzte sich rittlings auf meinen Schoß und drückte sich an mich, sodass seine erregte Körpermitte die meine berührte, die inzwischen nicht weniger heiß war.

Ich keuchte leise, hörte ihn aufstöhnen und ließ meine Hände von seinen Schultern aus abwärts wandern, bis zu seinen gepiercten Nippeln, die ich mit sanftem Druck streichelte, wissend, wie sehr er das mochte. Seine Atmung beschleunigte sich weiter, wurde tiefer und ich spürte die ruckartigen Bewegungen seiner Brust unter meinen Händen.

Etwas zu tun, das ihm so gefiel, machte mich an, und ich war glücklich, dass ich ihm so gute Gefühle schenken konnte.

 

„Leg dich hin“, hörte ich ihn sagen, seine Stimme klang tief, rau und erregt.

Ich ließ mich langsam nach hinten sinken, etwas unsicher und einen Moment lang ein wenig orientierungslos. Ich hatte den Raum noch nicht im Gefühl und spürte jetzt, dass ich doch ein wenig aufgeregt war, einfach noch wegen des Umzuges und weil das hier die erste Nacht in unserer ersten gemeinsamen Wohnung war, in unserem neuen Leben.

 

Tsuzuku beugte sich über mich, ich spürte seine Hände auf meiner Brust, seine Fingerspitzen an meinen Nippeln, hörte ihn ganz nah atmen und dann lagen seine Lippen auf meinen, er knutschte mich wild und leidenschaftlich ins Kissen, während seine Finger meine Brustwarzen so erregend drückten und rieben, dass ich in den Kuss stöhnte und meinen Körper seiner Nähe und seinen Zärtlichkeiten entgegenbog. Er löste den Kuss, lachte leise und rutschte ein Stück weit runter, im nächsten Moment spürte ich statt seiner Finger nun seine Lippen auf meiner Brust, wie sie küssten und saugten und mich so schon ansatzweise um den Verstand brachten. Seine Zunge trug auch ihren Teil dazu bei und so gab ich, nach lautem Stöhnen, ein unwilliges Jammern von mir, als er plötzlich aufhörte und von mir verschwand.

 

„Ich bin gleich wieder bei dir“, antwortete er und ich hörte, wie er irgendwo herumkramte, höchstwahrscheinlich das Gleitmittel und die Schachtel mit den Kondomen suchte. Er gab ein leises „Ah“ von sich und war kurz darauf wieder bei mir, legte die beiden Sachen irgendwo neben mich aufs Bett. Dann beugte er sich wiederum über mich, begann von neuem, meine Nippel zu küssen, und gleichzeitig wanderte seine Hand unter meinen Rücken, runter zu meinem Hintern, wo seine Finger zwischen meinen Pobacken nach meinem Eingang tasteten.

Kurz zog er seine Hand wieder zurück, ich hörte das klackende Geräusch vom Öffnen der Gleitmitteltube und spürte das kühle, glitschige Zeug bald darauf in der Ritze. Damit er besser rankam, drehte ich mich auf die Seite und hörte ihn fragen: „Wie hättest du es denn gern?“

 

Nach unserem zweiten Mal, das ich nach wie vor als schönsten Sex meines Lebens in Erinnerung hatte, hatte Tsuzuku sich diese Frage ein wenig angewöhnt. Er fragte immer, wie ich es gern haben wollte, wir hatten uns zuvor informiert und infolgedessen schon ein bisschen was an Stellungen und Spielarten ausprobiert. Nichts Besonderes, nur das, wo er sicher sein konnte, dass es mir wirklich gefiel.

Am liebsten mochte ich es, wenn er hinter mir lag, mich im Arm hielt und so nahm, während er, ehrlich wie er diesbezüglich war, zugab, dass es ihm am besten gefiel, mich auf dem Bauch liegend unter sich zu haben und so in mich zu stoßen. Letzteres hatten wir jedoch nur bei unserem ersten Mal und noch einmal danach gemacht, weil Tsuzuku sich, wie er sagte, dabei nicht ganz sicher sein konnte, die Kontrolle über sich selbst zu wahren und mir nicht zu sehr weh zu tun. Es war, wie er mir versicherte, keineswegs so, dass ihm nur diese Stellung wirklich gefiel, nur machte ihn diese eben am meisten an.

Etwas, das uns beiden gefiel, war, wenn ich auf dem Rücken lag, die Knie hochzog und mich ein wenig verbog, während Tsu zwischen meinen Beinen kniete und ich dann, wenn er in mir war, meine Beine um seinen Rücken legte.

Ich mochte es, ihm in die Augen zu sehen, wenn wir miteinander schliefen, konnte ich dann doch seine Gefühle, seine Lust und Selbstsicherheit sehen.

 

„Meto?“, sprach Tsuzuku mich wieder an, als ich zuerst nicht antwortete. „Wie möchtest du’s?“

Sein Finger drückte gegen meinen Eingang, drang langsam in mich und vernebelte mir so den Verstand. Es war nicht nur so, dass ich seine Berührung jeder Art mochte, sondern inzwischen machte es mich explizit an, etwas dort in mir zu spüren. Ich stöhnte, drückte mich seiner Hand entgegen und antwortete: „Heute … ohhh… überlass ich das dir …!“

Wie zur Antwort nahm er einen zweiten Finger dazu und begann, mich vorsichtig zu dehnen. Doch anscheinend ging das nicht so gut wie sonst, denn er flüsterte: „Entspann dich“, küsste meine Schulter und streichelte mit der anderen Hand meinen Bauch. Ich spürte eine ganz leichte Anspannung in meinem Innern, doch so verschwindend gering, dass ich sie zu ignorieren suchte.

 

„Ich bin entspannt“, sagte ich, denn eigentlich war ich das ja. Ich war entspannt, heiß und willig, und hatte wirklich Lust auf Sex. Wenn ich daran dachte, ihn gleich in mir zu spüren, bekam ich vorfreudiges Herzklopfen, und als seine freie Hand meine Erregung griff und zu massieren begann, kamen die Worte dessen, was ich wollte, ganz leicht über meine Lippen: „Tsuzuku, nimm mich …! Ich will dich in mir haben. Mach mit mir, was du willst, ich vertrau dir, und lass mich spüren, was du fühlst!“

Er lachte, dieses süße, leise Lachen, und antwortete: „Das kannst du haben, mein Süßer.“

Seine Hand wanderte von meiner Härte hoch zu meinen Nippeln und täuschte dort Küsse vor, während die andere mich weiter dehnte, so lange, bis ich vollkommen im Zustand ‚rollige Katze‘ war. In meinem Bauch wachte das heiße Ziehen auf und ich wand mich stöhnend unter der zärtlichen, liebevollen, und doch sehr bestimmten ‚Behandlung‘ meines Liebsten.

 

Er ließ mich wieder los, zog seine Finger aus mir zurück, und ich hörte, wie er ein Kondom aus der Schachtel nahm, auspackte und über seiner Härte abrollte.

Durch die Augenbinde waren meine übrigen Sinne geschärft, ich lauschte dem Geräusch seines erregten Atmens und spürte seine wohltuende Nähe. 

„Bereit?“, flüsterte er, bis aufs Äußerste erregt.

Ich nickte, was er mit einem spielerischen Zwicken in meine Brustwarze quittierte.

„Sag, Meto. Bist du soweit?“

„Jaah! Mach!“

 

Einen Moment später fand ich mich auf dem Bauch liegend wieder, die Beine gespreizt und Tsuzuku dazwischen. Irgendetwas fühlte sich ein wenig seltsam an, doch ehe ich herausfinden konnte, was es war, oder etwas sagen konnte, senkte sich der heiße, hocherregte Körper meines Freundes auf mich und drängte in mein Inneres.

Ich hörte sein tiefes Stöhnen und genoss einige Augenblicke lang das wunderschöne Gefühl, eins mit ihm zu sein und seine Selbstsicherheit zu spüren. Ich liebte ihn so sehr und zu wissen, dass er sich mehr als gut fühlte, machte mich so glücklich!

 

Tsuzuku küsste kurz meinen Nacken, richtete sich dann auf und legte beide Hände auf meinen Rücken, drückte mich in die weiche Matratze und ich spürte, wie er seine Dominanz in dieser Stellung genoss. Dass ich immer noch die Augen verbunden hatte, machte ihn sicher zusätzlich an. Doch ich fühlte mich dadurch keineswegs unwohl, und auch, als er dann zum ersten Mal in dieser Nacht in mich stieß, fühlte sich das gut an.

 

Umso überraschter und verwirrter war ich, als sich mein Körper einige Stöße später plötzlich anspannte und krampfte. Mit einem Schlag war das schöne Gefühl fast weg und ich spürte nur noch ein Spannen und brennenden Schmerz.

Tsuzuku bekam davon im ersten Moment nichts mit, er war schon viel zu versunken in seiner eigenen Lust und stieß weiter in mich, stand am Rande seiner Selbstbeherrschung.

Ich drückte mein Gesicht ins Kissen, erstickte so das schmerzerfüllte Zischen und versuchte, den Schmerz irgendwie zu ignorieren. Die Worte „Hör auf …“ brachte ich kaum übers Herz, doch irgendwann verließen sie von selbst meine Lippen.

 

Tsuzuku stoppte beinahe sofort, nahm seine Hände von meinem Rücken und fragte, noch ganz atemlos: „Was ist? Was hast du?“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, war viel zu verwirrt davon, dass es auf einmal wieder wehtat, ihn in mir zu haben. Ich hatte keine Ahnung, was der Grund dafür sein konnte, und vor allem wollte ich nicht, dass Tsu sich jetzt schuldig fühlte.

„Meto, was ist los? Hab ich dir wehgetan?“, fragte er mit besorgter Stimme.

Ich wollte antworten, wollte sagen, dass es nicht seine Schuld war und ich mir das selbst nicht erklären konnte, doch meine Stimme versagte mir den Dienst.

 

Ganz langsam und sehr vorsichtig zog Tsu sich aus mir zurück, legte sich dann neben mich und streichelte etwas unbeholfen meinen Arm. Kurz darauf spürte ich seine Hand an meinem Kopf, er löste die Augenbinde, sodass ich ihn wieder sehen konnte. Und er die Tränen in meinen Augen bemerkte.

Er sah mich erschrocken an, dann sah ich die Schuldgefühle in seinem Blick. Immer noch unfähig zu sprechen, wandte ich mich ihm zu, schmiegte mich an ihn, um ihm irgendwie zu zeigen, dass er nicht die Schuld für meine Schmerzen trug. Er hatte nichts falsch gemacht. Und so hob ich den Kopf und küsste ihn, so liebevoll wie ich nur vermochte.

 

„Sag doch, was los ist“, flüsterte er verzweifelt. „Ich hab dir wehgetan, oder? War ich zu hart zu dir, hab ich mich zu sehr gehen lassen? Sag doch was!“

Mühevoll sammelte ich meine Sprache wieder zusammen und brachte ebenso leise heraus: „Du hast nichts falsch gemacht, Tsuzuku. Gar nichts. Mach dir bitte, bitte keine Vorwürfe. Mein Körper hat einfach nicht mitgespielt, da kannst du absolut nichts dafür.“

„Ich hätte es merken müssen“, widersprach er.

„Hättest du nicht!“ Ich richtete mich, den Schmerz verbeißend, auf, beugte mich über ihn und sah ihm fest in die Augen. „Tsu, du warst geil bis in die Haarspitzen, du musstest gar nichts merken! Ich weiß ja selber nicht, wieso das jetzt so passiert ist, aber was ich weiß, ist, dass du nichts, aber auch gar nichts falsch gemacht hast! Es lag an mir, an meinem Körper, und ich komm schon damit klar, hörst du?“

 

Da war er wieder, der Schatten, der Schmerz in seinen Augen. Hinter ihnen arbeitete es, verletzt, reuevoll und voller Selbstvorwürfe. Und ich sah Angst.

Er drehte den Kopf zur Seite, wich meinem Blick aus, und ich spürte deutlicher als je zuvor, dass da etwas war, worüber er mit mir nicht sprechen wollte oder konnte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, traute mich jetzt auch nicht, zu fragen, was mit ihm los war. Wenn ich ehrlich war, hatte ich selbst Angst davor.

 

„Meto, es tut mir leid, wirklich …“, sagte er leise. „Ich weiß ja, dass du diese Stellung nicht so magst, aber … ich hab die Kontrolle verloren.“

Offenbar hatte es ihn wirklich tief getroffen. Und zu spüren, wie er sich selbst fertig machte, tat mir noch viel mehr weh als der körperliche Schmerz. Eben noch war Tsuzuku so glücklich und selbstbewusst gewesen und jetzt brach er so zusammen. Und dabei hatte er sich doch den ganzen Tag darauf gefreut, mit mir zu schlafen … Ihm das verwehren zu müssen, machte mich unheimlich traurig. Ich wusste doch, wie wichtig ihm das war.

 

Und als ich ihn wieder ansah, da sah ich Tränen in seinen braunen Augen, und wie er sich auf die Lippen biss. Er flüsterte, mehr zu sich selbst, Worte, die ich nicht verstand, dann setzte er sich auf und zog die Knie an. Es war diese Haltung, die immer dann kam, wenn er innerlich abstürzte, das Glück in ihm wieder einmal zerbrach.

 

Das konnte doch nicht nur daran liegen, dass er mir versehentlich wehgetan hatte! Da war noch etwas anderes im Spiel. Und schon wieder waren wir an diesem Punkt, an dem ich nicht weiter wusste.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und wagte einen Versuch, an diesen Punkt näher heranzukommen: „Tsuzuku, was denkst du denn jetzt?“

 

Er antwortete nicht, blickte nur ins Leere, und ich wusste, ich war ganz nah dran an seinem Geheimnis. Ich setzte mich ebenfalls auf, ignorierte den Schmerz, der auch schon etwas weniger geworden war, und sah meinen Freund von der Seite an.

Die Tränen liefen über seine Wangen, er zitterte leicht und ich spürte, wie niedergeschlagen und traurig er war und dass er große Angst hatte.

 

Und als er dann endlich doch etwas sagte, half das auch nicht weiter: „Ich glaub, ich schlafe jetzt besser auf dem Sofa.“ Er wollte aufstehen und gehen, doch ich ließ ihn nicht, nahm seine Hand und hielt ihn fest.

„Du bleibst hier!“, sagte ich laut. „Das hier ist unsere erste Nacht in unserem neuen Leben, die wirst du ganz sicher nicht auf der Couch verbringen!“

 

Er sah mich mit großen Augen an, ungläubig. Ich zog ihn zu mir, legte eine Hand in seinen Nacken, während ich mit der anderen die seine festhielt, und küsste ihn, ganz zärtlich und weich und liebevoll, mit allem, was ich für ihn empfand.

„Ich lass dich doch jetzt nicht gehen“, flüsterte ich und nahm ihn in meine Arme. Tsuzuku wehrte sich nicht, sondern ließ sich einfach von mir umarmen. Er zitterte immer noch, und als er sein Gesicht an meinem Hals barg, spürte ich seine Tränen, doch ich fühlte, dass es ihm ein wenig besser ging.

„Meto …“, sprach er leise und küsste meine Halsbeuge. „Wie hab ich so was Süßes wie dich nur verdient?“

 

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, hielt ihn einfach im Arm und streichelte ihn, bis er sich wieder beruhigt hatte und nicht mehr zitterte. Irgendwann ging seine Atmung wieder ganz ruhig und gleichmäßig und ich spürte, dass er sich wieder einigermaßen gut fühlte.

 

Ich ließ mich langsam auf den Rücken sinken, zog Tsuzuku mit mir und eng an mich. Dabei dachte ich an unsere kleine Reise damals, als er mir seine Liebe gestanden hatte und wir sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Nacht intim miteinander geworden waren. Jene zweite Nacht war in meiner Erinnerung nicht ganz einfach gewesen und deshalb dachte ich jetzt daran.

 

Tsuzuku schmiegte sich an mich und ich fühlte, wie, wenn auch langsam und zögerlich, seine Lust wieder aufflammte. Seine Fingerkuppen gruben sich in meinen Rücken, er küsste meine Schulter und flüsterte: „Mach mit mir, was du möchtest …“ Und dann: „Ich gehör‘ nur dir.“

Seine Worte rührten mich, ich spürte ein leichtes Kribbeln in meinem Innern und gerührte Hitze in meinen Augen, so als müsste ich gleich weinen. Ich wollte etwas erwidern, wollte sagen, dass er vor allem sich selbst gehörte, doch meine Sprache versagte mir wieder den Dienst. Und so tat ich, wie er sagte, berührte und streichelte ihn überall, wo ich herankam, küsste ihn und freute mich über seine wohligen, genießenden Seufzer.

 

„Ich liebe dich, Tsuzuku“, flüsterte ich, als ich meine Sprache wieder beisammen hatte. „Vergiss das nie, hörst du?“

Er nickte, seufzte dann, weil ich ihn weiter streichelte und ihm das gut tat, einfach nur angefasst und umarmt zu werden. Seine Angst und Traurigkeit schienen wieder verschwunden, er wieder glücklich, und alles gut. Ich wusste, das würde nicht so bleiben, doch daran wollte ich jetzt nicht denken. Alles, was ich wollte, war, Tsuzuku zu lieben und zu halten, es mit der Lust ganz langsam angehen zu lassen und auch von ihm gehalten zu werden. Und das bekam ich.

Wir liebten uns langsam und ein bisschen vorsichtig, ohne erneutes Eindringen, nur lieb haben und anfassen, und danach, als Tsuzuku in meinen Armen einschlief, fühlte ich mich schwebend, wie im Traum, bevor ich selbst in einen tiefen Schlaf sank.

Es war spät abends, als ich mich als Letzter auf den Weg nach Hause machte. Meine Wohnung lag in einem anderen Stadtviertel und ich nahm die Nachtbahn, die zu dieser Zeit fast völlig leer war. Ich holte mein Handy aus der Tasche, steckte mir die Kopfhörer in die Ohren und stellte leise Musik an, während ich aus dem Fenster in die Dunkelheit schaute. Bahnfahren hatte für mich immer etwas meditatives, gerade wenn es so leer und ruhig war. Ich konnte dann immer gut nachdenken und so dauerte es auch heute nicht lange, bis ich in Gedanken war. Die sich, nachdem ich ja den Tag mit Tsuzuku und Meto verbracht hatte, vor allem um die beiden drehten.

 

Ich machte mir Sorgen um Tsu. Er wirkte irgendwie belastet und schien vor etwas Angst zu haben. Doch, und das war es, was mir wirklich Sorgen machte, er schien nicht darüber sprechen zu wollen. Und deshalb sprach ich ihn auch nicht darauf an. Ich sah viel Abwehr und eben Angst in seinen Augen, spürte deutlich, wie sehr er sich davor fürchtete, dass jemand bemerkte, dass bei ihm etwas nicht stimmte, und ihn darauf ansprach.

Also behielt ich meine Sorge für mich, machte mir meine eigenen Gedanken und Vermutungen und versuchte, mir nicht allzu viel anmerken zu lassen. Auch, weil ich selbst ein wenig Angst hatte. Hoffentlich war das, was Tsuzuku da mit sich herumtrug, nichts allzu schlimmes. Wobei mein Gefühl, auf das ich mich eigentlich immer verlassen konnte, mir sagte, dass genau das der Fall war. Dass es schlimm war, schlimm und gefährlich, und dass Tsuzuku deshalb nicht darüber sprach.

 

Die Bahn hielt an meiner Station und ich stieg aus, ließ aber die Musik an und hörte weiter, auf dem ganzen Weg bis zu meiner Wohnung. Es war kalt, normal für Anfang März, und ich kuschelte mich in meine cremefarbene Winterjacke und den rosa Wollschal. Mit klammen Fingern stellte ich die Musik aus, zog den Schlüssel aus meiner Vivienne Westwood Bambitasche und schloss die Tür auf, zog die Schuhe aus und hängte meine Jacke an die Garderobe.

 

Meine Schritte führten mich gleich ins Wohnzimmer, zum Kokatsu-Tisch, wo ich die Steuerung der Heizdecke aufdrehte, und dann in die Küche ging, um mir Tee zu kochen. Während der zog, hörte ich meinen Anrufbeantworter ab.

„Hey, Kocha, hier ist Mikan. Sag mal, hast du nächste Woche vielleicht Zeit, mit mir zum Shoppen nach Tokyo zu fahren? Ich brauch mal wieder ein paar neue Klamotten und Closet Child hat neue Ware reinbekommen. Ruf mich zurück, wenn du Zeit hast.“

Jetzt war es natürlich zu spät, Mikan zurückzurufen, also verschob ich das auf Morgen, nahm mir meinen Tee und setzte mich an den inzwischen schön warmen Kokatsu.

 

Augenblicklich machte die Wärme mich müde und ich schaltete den Fernseher an, um wach zu bleiben. Dort lief jedoch irgendwie nur uninteressantes Zeug und so machte ich ihn wieder aus, trank meinen Tee und begnügte mich damit, mein kleines, süß eingerichtetes Wohnzimmer zu betrachten.

Meine niedlichen Möbel, meine Filmsammlung, eine Menge verschiedenster CDs und nicht zuletzt meine Sammlung von etwa zwanzig kleinen und größeren Rehen aus Plüsch, Plastik und Porzellan. Ich mochte Rehe (obwohl Bambi, mein Liebling, ja bekanntlich ein Hirsch war) und irgendwann hatte ich angefangen, sie zu sammeln.

 

Einen Moment lang überlegte ich, den Bambi-Film, der sich als Sonder-Schmuck-Fanedition in meiner Sammlung befand, jetzt anzuschauen, doch da ich morgen arbeiten musste, entschied ich mich dagegen, einen stundenlangen Film inklusive Extras jetzt so spät noch zu sehen. Stattdessen trank ich meinen Tee aus,  ging ins Bad, wo ich mich auszog, abschminkte und das Haarspray rauskämmte, um dann noch mal ins Wohnzimmer zu huschen, den Kokatsu auszuschalten und mich dann in mein Bettchen zu begeben.

 

Ich zog die Knie an, wie eigentlich immer und gegen die Kälte, und blickte auf meine im Dunkel schemenhaft erkennbare Handtaschen- und Schmucksammlung. Chanel, Dior und eben meine Lieblingsdesignerin Westwood waren die Urheber der meisten meiner Schmuckstücke und ich liebte jedes einzelne. Ich war schon ein kleiner Sammelfreak und Markenfan, doch ich stand dazu, weil ich gern so war.

 

Lag es an der Kälte im Raum, dass ich mich auf einmal seltsam beengt, kalt und irgendwie allein fühlte? Es kam völlig aus dem Nichts und fühlte sich an wie ein kleines, dunkles Loch, durch das ein eisiger Wind zog. Plötzlich bekam ich Angst, zog meine Bettdecke etwas höher und fragte mich, was denn auf einmal mit mir los war. Ich kannte dieses Gefühl nur aus meinen seltenen Albträumen, doch dass es mich jetzt auch im Wachzustand heimsuchte, war mir völlig neu. Langsam stand ich auf, nahm ein Sweatshirt mit Kapuze aus dem Schrank und zog es mir über, legte mich dann wieder ins Bett und brauchte sehr lange, bis ich endlich eingeschlafen war. 

 

 

Ein durchdringendes „Piep, piep, piep, piep …“ weckte mich am nächsten Morgen. Ich kroch unter der Decke hervor, streckte die Hand aus und versetzte der Lärmquelle, auch Wecker genannt, einen gezielten Schlag, was ihn für die nächsten vierundzwanzig Stunden zum Schweigen bringen sollte.

Gähnend richtete ich mich auf, streckte mich, woraufhin mir prompt leicht schwindlig wurde, und erst jetzt bemerkte ich, dass ich kein Schlafshirt, sondern einen meiner Kapuzenpullis trug.

Warum? Ich versuchte, mich an gestern Abend zu erinnern, doch ich bekam das seltsame Gefühl, das mich vor dem Einschlafen heimgesucht hatte, nicht recht zu fassen, konnte mich nur schemenhaft und entfernt daran erinnern. Vielleicht war das ganz gut so, immerhin war es kein gutes Gefühl gewesen und ich sollte gar nicht so sehr darüber nachdenken.

 

Mit einem Ruck zog ich die Bettdecke beiseite, stand auf und öffnete meinen Kleiderschrank, suchte mit geübtem Blick eine pinke Jeans, einen hellen, geblümten Pullover und eine lange, altrosa Strickjacke heraus, dazu eine schlichte Halskette, zwei Ringe und einen meiner Herzanhänger. Zusammen mit meiner Standartausstattung ergab das ein einigermaßen gelungenes Outfit.

Mit den Klamotten über dem Arm und dem Schmuck und meinem Handy in der Hand ging ich ins Bad, legte alles auf dem Regal ab, stellte Musik an, zog mich aus und ging erst einmal schnell unter die Dusche.

 

Das heiße Wasser vertrieb die Kälte und tat mir gut, die Musik sorgte dafür, dass ich gute Laune bekam und ich summte leise mit, während ich mich wusch und dann noch eine Weile unter dem warmen Regen stand. Schließlich stieg ich aus der wasserdampfgefüllten Kabine, schnappte mir ein Handtuch und trocknete mich schnell und gründlich ab, um mich dann anzuziehen.

Während meine Haare in ein Handtuch eingewickelt trockneten, ging ich ins Wohnzimmer und setzte mich kurz an meinen Laptop, um meine Nachrichten auf diversen sozialen Netzwerken zu lesen und zu nachzuschauen, was es neues gab.

Es war nichts Großartiges passiert und so wandte ich mich wieder meiner Körperpflege zu, indem ich meine Haare trockenrieb, kämmte und zu meinem üblichen Zopf zusammenband. Ein Blick in den Spiegel sagte mir, dass ich ein bisschen schwarzen Ansatz hatte und daher demnächst ein Besuch bei meiner Lieblingsfriseurin angesagt war.

Während ich mich schminkte, ließ ich weiter Musik laufen. Ich wusste nicht, warum, aber ich konnte mich immer besser hübsch machen, wenn dabei Musik lief, am besten melodische Rockmusik.

 

Als ich dann mit allem fertig war, wurde es langsam hell draußen und ich verließ die Wohnung, lief durch das kalte Treppenhaus nach unten und aus dem Haus, zur Bahnstation, die mich in das Viertel bringen sollte, in welchem sich meine Arbeitsstelle, das Kawaii-Café ‚Amai Ame‘ befand. Es lag gut, genau zwischen meiner Wohnung und der, in der Meto und Tsuzuku jetzt lebten. Da Meto, wenn alles gut lief, in ein paar Tagen dort anfangen würde, würden wir uns wohl jeden Morgen an der Bahnstation treffen und dann den Tag über zusammen arbeiten.

Es hatte mir Spaß gemacht, ihn die zwei Tage, die er zur Probe da gewesen war, in den Betrieb einzuführen und den Gästen vorzustellen. Er schien ziemlich überrascht, dass er bei den vornehmlich weiblichen Gästen so gut ankam, wirkte aber sonst recht zufrieden und schien sich darauf zu freuen, zu arbeiten. Meinem Wissen nach war das seine erste Beschäftigung nach dem Schulabschluss und dafür hatte er sich an diesen zwei Tagen recht gut geschlagen.

 

In der Bahn dachte ich noch ein bisschen über ihn und Tsuzuku nach, darüber, wie besonders das zwischen den beiden war und wie schwer zu verstehen es für andere schien. Ich erinnerte mich noch gut an MiA, daran, wie dieser versucht hatte, einen Blick ins Innere dieser engen, damals noch eher freundschaftlichen Beziehung zu werfen und daran gescheitert war.

‚Zwischen Tsuzuku und Meto passt kein Blatt Papier …‘, dachte ich und musste lächeln. Ich wusste, ich benahm mich da manchmal wie ein kleines Fangirl. Tsuzuku zog mich ja oft genug aus Spaß damit auf, dass ich schwärmerisch reagierte und ein wenig schmachtete, wenn er in meiner Anwesenheit Meto küsste und berührte. Aber ich nahm ihm das nicht übel, im Gegenteil, ich fand seine manchmal so leicht ironische Art sympathisch.

Und, zugegeben, ich war ein wenig neidisch. Wie gern hätte ich selbst so eine enge, süße Beziehung gehabt, in der man füreinander da war und sich gegenseitig ergänzte.

 

Die Bahn hielt und ich stieg aus, lief durch die Straßen, in denen es jetzt schon recht hell war, bis ich meinen Arbeitsplatz erreicht hatte.

„Morgen, Kocha!“, rief mir meine Kollegin Satsuki, genannt Satchan, entgegen. Sie war, mit Ausnahme unserer Junior-Chefin, die einzige weibliche Kraft hier, schlug sich aber ganz gut.

„Guten Morgen!“, grüßte ich sie lächelnd zurück und ging dann in die Privaträume, um meine Uniform anzuziehen. Diese bestand aus einem kaffeebraunen Anzug mit weißem Rüschenhemd und Schuhen mit leichtem Absatz, dazu meinem Namensschild, auf dem neben der niedlichen Zeichnung eines kleinen Rehkitzes mein Spitzname ‚Kocha‘ in Katakana stand. Eigentlich war es keine richtige Uniform, denn jede Bedienung in diesem Laden trug ein in Farbe, Schnitt und Muster individuell angefertigtes Outfit, doch der Einfachheit halber hieß diese edle Arbeitskleidung eben ‚Uniform‘.

 

Nachdem ich mich umgezogen hatte, begann ich mit der Arbeit, die vor den Öffnungszeiten vor allem daraus bestand, alles vorzubereiten und Waren wie Kuchen, Milch und so weiter aus dem im Hinterhof stehenden Kühlwagen in den Kühlschrank des Cafés zu räumen. Als ich damit fertig war und mir am Fenster des Umkleideraumes eine Zigarette genehmigte, kam Satchan dazu und fragte: „Weißt du, wann der Neue jetzt kommt?“

„Das Vorstellungsgespräch ist am Donnerstag“, antwortete ich. „Und er heißt Meto.“

Satchan kicherte. „Ich finde den so niedlich! Wo hast du so ein süßes Etwas gefunden?“

Ich nannte den Namen der Stadt, in der Meto bis gestern gelebt hatte, und den Namen des Parks.

 

„Und er ist echt schwul und hat ‘nen Freund?“, fragte Satchan weiter, mit einem Leuchten in den Augen, das sie eindeutig als Fujoshi auswies.

„Ja. Aber du musst da nicht so ein Theater drum machen. Meto ist, na ja, nicht direkt schüchtern, aber eben nicht daran gewöhnt, dass irgendwelche Mädels ihn wegen seiner sexuellen Orientierung fangirlen. Ich möchte dich auch bitten, ihn nicht nach Top oder Bottom und so etwas zu fragen, okay?“, erwiderte ich, ruhig aber bestimmt. Ich wollte, dass Meto gern hier arbeitete, und möglichst ohne andauernd intime Fragen gestellt zu bekommen.

„Ist gut“, sagte sie und senkte den Blick. „Ich hab nur noch nie ‘nen Schwulen getroffen, deshalb bin ich halt so neugierig. Ich kenn das nur aus Manga und so.“

„Geh einfach ganz nett und normal mit ihm um“, sagte ich und drückte meine Zigarette auf dem Fenstersims aus.

Satchan nickte und verschwand wieder, ich blieb noch eine Weile am Fenster sitzen, machte es dann zu und mich wieder an die Arbeit.

 

Der Vormittag verlief so wie immer, ein fast normaler Arbeitstag in einem nicht ganz so gewöhnlichen Café. Ich bediente die Gäste, machte bei den Spielchen und Aktionen mit, die wir ihnen anboten, und hatte das Gefühl, meinen Job gut zu machen. Immerhin war ich relativ beliebt bei einer bestimmten Art von Mädchen und manche wollten explizit von mir und niemand anderem bedient werden.

 

„Kocha, du bist so niedlich!“, quietschte eine unserer Stammbesucherinnen, nachdem ich ihr den Kuchen mit einem Herz aus Schokosoße verziert hatte.

Ich lächelte, malte noch einen Smiley dazu, und sie fotografierte mein Stegreif-Kunstwerk mit der Handykamera, bevor sie ein Stück davon nahm, aß, und mich dann wieder anstrahlte.

Länger konnte ich nicht bei ihr bleiben, denn einer meiner Kollegen rief mich, weil eine andere Besucherin ein Foto mit ihm und mir wollte.

Ich wusste nicht genau, ob meine Beliebtheit bei den Gästen nur auf meine rosa Haare und mein feminin geschnittenes Gesicht zurückzuführen war oder darauf, dass ich einfach freundlich und aufgeschlossen war, aber ich nahm es so hin, schließlich war es ja ganz schön, beliebt und erfolgreich in meinem Tun zu sein.

 

Meine Mittagspause verbrachte ich woanders, in einem kleinen Park ein paar Straßen weiter. Ich kaufte mir an einem Stand etwas zu essen und setzte mich dann auf eine Bank, von wo aus ich den Leuten zusah, die ihre Pause ebenfalls hier verbrachten.

Dabei dachte ich an Mikan und an ihren geplanten Shoppingtrip. Kurzentschlossen holte ich mein Handy heraus und schrieb ihr eine Mail: „Hey, Mikan-chan! ^-^ Ich würde gern mit dir nach Tokyo fahren. Kann ja immer mal neue Sachen gebrauchen. ^_- Herz dich, Süße. Koichi <3“

 

Und schon musste ich grinsen. Ich freute mich jedes Mal unheimlich auf solche Shoppingtrips, einfach weil ich Einkaufen liebte und Mikan gern mochte. Meistens fuhr ich mit ihr, manchmal auch mit jemand anderem. Ich hatte fünf, sechs gute Freundinnen, und Mikan war meine beste.

Sie war zwei Jahre jünger als ich und ich kannte sie schon recht lange, genauer gesagt seit einer Visual-Styling-Convention vor fünf Jahren. Ich besuchte regelmäßig solche Veranstaltungen und Treffen, zum einen, um keinen Trend zu verpassen, und zum anderen, weil ich einfach gern neue Leute kennen lernte.

 

Während ich so da saß und über Sachen nachdachte, die so gewesen waren und was wohl noch kam, landeten meine Gedanken bei dem Tag im letzten Herbst, als ich mit Hanako und Haruna zum ersten Mal im Akutagawa-Park gewesen war und dort Tsuzuku getroffen hatte.

 

Er hatte abseits auf seinem Platz gesessen und zuerst hatte ich ihn gar nicht wahrgenommen mit seinen abgewetzten Sachen und den dunklen Klamotten. So richtig gesehen hatte ich ihn erst, als er auf Harunas Aufforderung hin zu uns gekommen und sich dazu gesetzt hatte.

Ich hatte mich mit Hanako unterhalten und den auffallend dünnen, aber für einen Obdachlosen recht gepflegten Mann, der älter wirkte als ich, obwohl wir etwa gleich alt waren, erst dann wirklich angeschaut. Hatte bemerkt, wie er mein an dem Tag sehr schickes, pastellfarbenes Outfit mit leicht hochgezogenen Augenbrauen gemustert hatte und erst einmal nur zuhörte, wie ich mich mit Mikan und den beiden anderen unterhielt. Nebenbei hatte ich etwas von seiner dunklen Ausstrahlung mitbekommen, und in seinen dunkelbraunen Augen etwas gesehen, das irgendwie mein Interesse weckte.

Dann hatte Hanako mich vorgestellt und ich hatte erfahren, wie sein Name war und dass er wirklich hier lebte. Und ich, freundlich wie ich eben war, hatte ihn gleich mit Namen angesprochen und gesagt, dass es mich freute, ihn kennen zu lernen.

 

Sein scheues Lächeln, welches als Erwiderung auf meine Freundlichkeit zurückgekommen war, hatte mein Interesse weiter bestärkt. Abgesehen von seinem offensichtlichen Untergewicht war Tsuzuku ein attraktiver Mann mit einer zwar dunklen, aber überhaupt nicht unangenehmen Aura, seine Tattoos und Piercings machten ihn interessant und ich hatte mir sofort gewünscht, mich mit ihm anzufreunden.

Von dem kurzen Gespräch zwischen ihm und Haruna hatte ich nicht viel mitbekommen, er war dann noch eine Weile geblieben, doch mit einem Mal aufgestanden, zu seinem Platz und dann woanders hingegangen.

„Koichi?“, hatte Haruna mich gefragt und ernst angesehen. „Würdest du Hanako und mir … einen Gefallen tun?“

„Was denn?“, war meine Antwort gewesen, ich hatte gelächelt.

„Könntest du dich … na ja, ein bisschen um Tsuzuku kümmern? Er ist ziemlich einsam, hat nur einen einzigen guten Freund, und es geht ihm … nicht so gut. Ich glaube, es würde ihm gut tun, mal jemand neues kennen zu lernen.“

 

Ich schreckte aus meinen Erinnerungen auf, als eine Taube direkt vor meinen Füßen plötzlich aufflog und mit einem klappernden Geräusch in einem der Bäume hinter mir verschwand. Automatisch blicke ich auf meine Armbanduhr. Ich hatte noch zehn Minuten, dann musste ich mich wieder auf den Weg ins Café machen. Und so hing ich noch eine Weile meinen Gedanken nach und erinnerte mich weiter daran, wie ich Tsuzuku kennen gelernt und zum ersten Mal auch in seine Dunkelheit geblickt hatte.

 

Mir war sofort klar gewesen, dass er, auch wenn er auf den ersten Blick eher zurückhaltend gewirkt hatte, auch ganz anders sein konnte, und so hatte es mich wenig überrascht, dass er, als ich zu ihm gegangen war und ihn gefragt hatte, ob alles okay war, ziemlich abweisend reagierte. Harunas Worte, dass Tsuzuku irgendwelche schwerwiegenden Probleme hatte, hatten sich in dem Moment bestätigt, als ich ihn auf dieser Bank am Fluss sitzen sah und den traurigen Ausdruck in seinen Augen bemerkt hatte.

In dem Moment hatte ich beschlossen, mich mit ihm anzufreunden. Ich hatte nur wenige männliche Freunde, und Tsuzuku war mir schnell als jemand erschienen, mit dem ich mich vielleicht, wenn ich denn erst einmal durch seine harte Schale durch kam, gut verstehen konnte.

Und so hatte ich mich neben ihn gesetzt und ihm meine freundschaftlichen Absichten mehr oder weniger direkt ins Gesicht gesagt.

 

Ich wusste nicht, woher genau ich diese Fähigkeit hatte, in den Augen mancher Menschen ihr Gefühlsleben zu lesen. Na ja, meine Mutter konnte das auch, vielleicht hatte ich es ja von ihr geerbt. Jedenfalls konnte ich es und Tsuzuku war so ein Mensch, bei dem es mir sehr leicht fiel, zu erkennen, wie er sich gerade fühlte. So gesehen war er der perfekte beste Freund für mich, zumindest wenn es darum ging, ihm zu helfen. Es gab auch Menschen, die ich weniger gut lesen konnte, bei Meto zum Beispiel klappte es nicht so einfach, was jedoch meiner Zuneigung zu ihm keinerlei Abbruch tat.

 

Jedenfalls hatte ich diese meine Fähigkeit bei Tsuzuku von Anfang an voll ausgespielt und so sehr bald erkannt, dass er verliebt war, und von welcher Art seine Probleme mit dem Essen waren. Zusammen mit meiner Offenherzigkeit hatte meine Gefühlsleserei wohl einen ziemlich nervigen Ersten Eindruck hinterlassen, jedoch offensichtlich erfolgreich, denn wir hatten uns ja tatsächlich sehr gut angefreundet. Ich hatte seine harte Schale geknackt, oder zumindest einen Schlüssel zu seinem Innern gefunden, und bis jetzt war ich eigentlich relativ sicher gewesen, dass ich ihm damit helfen konnte.

Doch anscheinend war dem nicht so, zumindest schien es auf einmal etwas zu geben, das er so tief und fest in seinem Innern verschlossen hatte, dass nicht mal ich da wirklich rankam. Wann genau es begonnen hatte, konnte ich nicht sagen, nur, dass ich mir jetzt große Sorgen um ihn machte, weil er sich offenbar alle Mühe gab, etwas vor mir und auch vor Meto zu verbergen.

 

Ich stand auf, nahm meine Tasche und ging zur Arbeit zurück, wo ich den Rest des Tages verbrachte. Nachmittags war natürlich sehr viel mehr los und so hatte ich reichlich zu tun, merkte jedoch erst auf dem Weg zur Bahnstation, dass es mich doch ziemlich erschöpft hatte. Beklagen wollte ich mich nicht, schließlich war der Job sehr viel besser bezahlt als eine normale Kellner-Stelle und passte besser zu mir als jede andere Arbeit, die ich zuvor gemacht hatte.

Von der Bahnstation fuhr ich nicht nach Hause, sondern in Richtung von Tsus und Metos Wohnung, da ich ja versprochen hatte, den beiden beim Einkaufen zu helfen. Ich stieg die Treppen in den zweiten Stock hoch und gerade, als ich auf die Klingel mit der Aufschrift: ‚Aoba und Asakawa‘ drücken wollte, hörte ich hinter mir ein missbilligendes Zischeln.

 

Ich drehte mich um. Eine Frau von etwa sechzig Jahren musterte mich von oben bis unten, blickte dann auf die Wohnungstür und fragte dann: „Sagen Sie, was sind das für Leute, die da gestern eingezogen sind?“

„Freunde von mir“, antwortete ich. „Wieso?“

„Wir sind hier eine Hausgemeinschaft. Gedenken Ihre beiden Freunde auch mal, sich uns der Form halber vorzustellen?“ Der scharfe Ton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Sicher“, erwiderte ich, ähnlich bissig. „Aber gestern, als sie hier eingezogen sind, war keiner da, um sich vorzustellen.“

Die Frau sah ziemlich ertappt aus, murmelte noch irgendwas und verschwand dann nach unten.

 

‚Oh man‘, dachte ich. Hausgemeinschaft! Fast musste ich lachen. Ausgerechnet in so einem Haus waren Tsu und Meto also gelandet. Ich schlug mir leicht mit der Hand vor die Stirn, dann drückte ich den Klingelknopf und wartete, bis Tsuzuku, nur mit Jeans und Tanktop bekleidet, die Tür öffnete. Er war nicht geschminkt und wirkte auch sonst so, als wäre er den Tag über gar nicht richtig wach geworden. Und als ich ihm in die Augen schaute, sah ich, dass er innerlich auch nicht gerade stabil gestimmt war.

 

„Hey, Tsu!“, sagte ich und umarmte ihn kurz, ehe er mich in die Wohnung ließ. Es roch nach Kaffee und Zigarettenrauch und als ich kurz durch die offene Schlafzimmertür blickte, sah ich Meto schlafend im Bett liegen.

„Sorry, Koichi, wir sind irgendwie … heute nicht so wirklich aufgestanden“, sagte Tsuzuku.

„Das seh ich“, sagte ich. „Warum?“

Tsuzuku senkte seine Stimme und wich meinem Blick aus, als er antwortete: „War nicht so gut … gestern Abend …“

„Wieso?“, flüsterte ich. „Was war denn?“

 

Wir gingen in die Küche, Tsuzuku stellte sich wieder ans Fenster und ich setzte mich auf einen der drei Küchenstühle.

„Erzähl, was ist passiert?“, fragte ich.

Tsuzuku schaute noch einmal in Richtung Schlafzimmer, wo Meto immer noch schlief, und antwortete dann mit leiser Stimme: „Ich … hab ihm wehgetan. Er hat manchmal so … Verspannungen, verstehst du, und ich hab‘s erst nicht gemerkt.“

„Und deshalb habt ihr heute jetzt nur rumgesessen?“, fragte ich verwundert. „Ist Meto überhaupt mal aufgestanden?“

„Ja, aber vor ner Stunde hat er sich wieder hingelegt.“

„Weißt du denn, wo die … Verspannungen herkommen?“, wollte ich vorsichtig wissen.

Tsuzuku schüttelte den Kopf. „Ich hab keine Ahnung. Koichi, ich …“, begann er, brach dann aber ab und ich sah wieder diese Abwehr in seinen Augen.

 

Ich ahnte, dass er gerade kurz davor gewesen war, mir etwas Wichtiges zu sagen, und fragte: „Was denn?“

Er antwortete nicht, sah mich nur an, mit Angst und Abwehr in den Augen. Und ich beschloss, dass das so nicht gehen konnte. Tsu würde, jetzt oder später, darüber reden müssen, was eigentlich mit ihm los war.

„Tsuzuku, sprich. Ich merk doch, dass bei dir irgendwas nicht stimmt. Also sag, was ist los?“, forderte ich und deutete auf den leeren Küchenstuhl mir gegenüber. Er setzte sich, sagte aber nichts.

Es dauerte eine ganze Weile, die wir uns schweigend gegenüber saßen, dann sagte er leise: „Ich kann nicht drüber reden. Das geht nicht. Wenn ich das tue, dann bricht es aus und ich dreh durch. Und außerdem … ich will nicht, dass ihr euch Sorgen um mich machen müsst.“

„Was denn? Was bricht aus? Tsu, ich mach mir doch schon Sorgen um dich! Eben weil du nicht sagst, was los ist.“

Er sah mich an, ganz ernst und ganz nah dran an dem, was er vor mir zu verbergen versuchte, und sagte: „Koichi, es geht nicht. Ich muss erst mal selber halbwegs damit klarkommen, vorher kann ich nicht darüber reden. Ich brauch noch Zeit, verstehst du das?“

Ich nickte. Ja, irgendwie verstand ich das. Und trotzdem fragte ich mich, nach dem, was er jetzt gesagt hatte, was es denn bitte war, wovor er sich so fürchtete und was seinen Worten nach ‚ausbrechen‘ konnte.

 

„Komm, zieh dir was Warmes an, weck Meto und dann gehen wir erst mal einkaufen. Ihr braucht hier was zu essen und man muss mindestens einmal am Tag raus vor die Tür gehen“, sagte ich schließlich, stand auf, nahm Tsu bei den Händen und zog ihn hoch.

 

Und als er sich dann ordentlich angezogen hatte, Meto wach war und wir zu dritt so was wie eine halbwegs vollständige Einkaufsliste zusammen hatten, zogen wir los zum nächsten Conbini. Auf dem Weg dahin erzählte ich den beiden von meiner Begegnung mit ihrer Nachbarin.

„Na klasse. Als wir uns die Wohnung letzten Monat zusammen angeschaut hatten, war kein Mensch da, und jetzt auf einmal sind die neugierig, oder was?“, seufzte Tsuzuku.

Meto sagte nichts, sah aber nicht gerade zufrieden mit der Tatsache aus, dass im Haus anscheinend ein paar konservative Leute wohnten, die wahrscheinlich nicht mit schiefen Blicken geizen würden. 

 

„Ich glaube fast …“, sagte ich leise, „… ihr könnt denen nicht einfach so sagen, dass ihr ein Paar seid. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr das nicht verbergen wollt, aber manchmal hat man keine Wahl. Wenn’s schlecht kommt, verliert ihr die Wohnung sonst wieder.“

„Meinst du?“, fragte Tsuzuku.

Ich nickte. Es regte mich ja selbst auf, dass es so intolerante Leute gab, die aus irgendeinem Grund ein Problem mit homosexuellen Paaren hatten, aber ändern konnte ich ja nichts daran. Als ich die Wohnung für Tsuzuku ausgesucht hatte, hatte ich nicht gewusst, dass er vorhatte, mit Meto zusammen dort einzuziehen, und so hatte ich nicht recherchiert, ob vielleicht jemand dagegen war. Doch nach der Begegnung mit dieser Frau im Hausflur befürchtete ich jetzt, dass es Schwierigkeiten geben könnte, wenn die beiden zu ihrer Beziehung standen.

 

Wir erreichten den Conbini und so war das Thema erst mal beiseite, sodass wir uns auf den Einkauf konzentrieren konnten. Schon bald fiel mir auf, dass Tsuzuku dazu tendierte, ein paar nicht gerade notwendige Sachen einzupacken, was mich zu der Frage brachte, ob er heute überhaupt schon richtig gegessen hatte oder jetzt etwa hungrig einkaufen ging.

 

„Tsu?“, fragte ich leise und nahm ihn kurz beiseite. „Hast du heute schon was gegessen?“

Er nickte. „Metos Mama hat uns was vorbeigebracht, heute Mittag. Wie kommst du drauf?“

Ich atmete erleichtert aus und lächelte. „Man soll ja nicht hungrig einkaufen gehen …“

Tsu lächelte zurück, nahm besagte Sachen wieder aus dem Korb und legte sie zurück. „Hast Recht.“

 

Und dann: „Kocha … irgendwann, da kann ich mit dir drüber reden. Es … geht nur jetzt noch nicht … okay?“

Ich wusste gleich, was er meinte, und antwortete: „Du solltest vor allem mit Meto reden. Er ist dein fester Freund, dein Lebenspartner, es ist nicht gut, wenn du Geheimnisse vor ihm hast.“

„Ich weiß … Aber ich will einfach nicht, dass er sich wieder solche Sorgen um mich machen muss.“

„Meinst du denn, er merkt nicht, dass du was hast?“, flüsterte ich.

„Wir reden später, okay?!“ Auf einmal wirkte Tsu ziemlich gereizt, und ich wusste, er kämpfte innerlich, darum, jetzt nicht weiter reden zu müssen und das, was ihn belastete, für sich zu behalten.

Und ich ließ ihn, fragte nicht weiter, weil ich wusste, dass es jetzt nichts bringen würde.

 

Über diesem Gespräch waren wir bei den Kühltruhen angekommen, wo Meto schon seit ein paar Minuten stand und auf uns wartete.

„Wollt ihr euch denn nur von Tiefkühlessen ernähren?“, fragte ich.

„Ich kann nicht kochen“, antwortete Tsuzuku. „Alles, was ich da versuche, brennt entweder an, oder verkocht. War schon früher so.“

So, wie er das sagte, musste ich beinahe ein bisschen lachen. Tsu war, auch abgesehen von seinen Problemen, irgendwie wirklich nicht der Typ für die Küche. Meto auch nicht so recht, daher wahrscheinlich der Hang zur Tiefkühlnahrung.

„Heute Abend könnte ich euch was kochen“, schlug ich vor, woraufhin Tsuzuku mich mit diesem Blick ansah, auf den stets ein Kommentar zu meinem femininen Verhalten folgte, und fragte: „Du kannst kochen, Kocha?“ Und dann, etwas leiser: „Aber natürlich kannst du das …“

Ich boxte ihm spielerisch in den Oberarm. „Ja, selbstverständlich kann ich kochen!“

„Dann lass sehen, Küchenfee.“

 

Ich brauchte einen Moment, bis mir eine Idee kam, was man denn mal eben für drei Leute kochen konnte und was für Zutaten ich dafür brauchte. Schließlich entschied ich mich für simple italienische Nudeln mit Tomatensoße, wobei die Soße natürlich selbst gemacht wurde. Hoffend, dass ich nichts vergaß, lief ich noch einmal durch den Laden, sammelte alles zusammen und erwischte, als ich zurückkam, Meto dann doch dabei, wie er etwas aus dem Tiefkühlkasten nahm.

 

„Damit wir morgen auch was haben“, erklärte er.

„Meto-chan, hattest du nicht erzählt, dass deine Mama dir kochen beigebracht hat?“, fragte ich.

„Ich … trau mich da nicht so richtig ran“, antwortete er.

„Okay“, antwortete ich. „Weißt du, was wir machen? Du schaust mir gleich, wenn ich in eurer Küche das Essen mache, ganz genau zu und hilfst mir.“

Meto nickte und sah Tsuzuku an, der jedoch dazu nur meinte: „Ich halt mich da raus. Mir kann man Kochen nicht mehr beibringen.“

 

Als wir, nach dem Bezahlen, mit vollgepackten Tüten wieder auf dem Rückweg waren, beobachtete ich die beiden Süßen ein wenig. Ich wusste ja nur von dem, was Tsu gesagt hatte, davon, dass ihre erste Nacht in der neuen Wohnung wohl nicht so gut gelaufen war und offenbar hatten beide infolgedessen auch keinen so schönen Tag gehabt. Es ging mich zwar wirklich nichts an, was die beiden nachts zusammen taten, und im Grunde interessierte es mich auch nicht, aber so, wie ich das verstanden hatte, hatte Meto da ab und an Probleme und das wiederum interessierte mich als guten Freund der beiden sehr wohl.

Ich hatte keinerlei Ahnung oder Erfahrung mit solchen Verspannungen, außer, dass ich mal irgendwo davon gelesen hatte, dass es das gab und dass es wohl oft mit unterbewussten psychosomatischen Vorgängen zusammenhing. Vielleicht, so dachte ich in diesem Moment, hing ja auch Metos Sprachproblem irgendwo damit zusammen? Er wirkte sonst kaum wie jemand, der psychosomatische Probleme hatte, aber die sah man ja auch nicht jedem an.

 

Wieder in der Wohnung angekommen, füllten wir mit den Einkäufen den Kühlschrank und dann machte ich mich daran, für uns drei ein schönes, italienisches Abendessen zu kochen.

Tsuzuku zog sich mithilfe von Metos Spielekonsole sofort aus der Affäre, während sein Schatz bei mir blieb und mir aufmerksam beim Zerschneiden der Tomaten zusah. Ich übertrug ihm das Kleinhacken der Kräuter, was er auch recht gut hinbekam, und unterhielt mich ein wenig mit ihm über Dieses und Jenes. Über den Winter hatten wir uns ein wenig besser kennen gelernt und wahrscheinlich lag darin auch der Grund, dass Meto mir gegenüber inzwischen recht fließend und verständlich sprach. Zwar war er nicht so redegewandt und offenherzig wie Tsuzuku, doch trotzdem war es schön, sich mit ihm zu unterhalten.

 

Meto fragte mich auch nach meinem Freundeskreis, danach, was ich so machte und vorhatte, und ich erzählte ihm von meinen Shoppingtouren mit Mikan und auch davon, dass ich erst einmal nicht mehr nach einer festen Freundin suchte. Ich hatte in dem Moment kaum das Gefühl, dass mir irgendwas fehlte oder so, und als Meto dann ein wenig besorgt fragte, ob ich denn auch wirklich nicht einsam sei, antwortete ich: „Nein, ich bin ja nicht alleine. Ich hab euch und so, ich bin echt nicht einsam.“

 

Meto sah irgendwie nicht so aus, als würde er mir das glauben, aber mehr als sagen konnte ich es ja nicht. Und so wechselte ich das Thema, fragte ihn nach seinen und Tsuzukus Plänen für die Wohnung und erzählte dann, als er mir davon berichtet hatte, von meiner eigenen. Er lachte, als ich mich zu meiner Sammelleidenschaft bekannte, und Tsu, der aus dem Wohnzimmer mitgehört hatte, dass ich Rehkitze sammelte, rief mir wieder einmal, ebenfalls lachend, zu, was für ein Mädchen ich doch sei.

„Wie wär’s, wenn du, statt zu zocken, lieber mal den Tisch deckst?“, antwortete ich und nahm die Nudeln vom Herd, um sie über der Spüle abzugießen. Dabei fragte ich mich, ob Metos Mama die Sachen für die Küche allesamt mit viel Bedacht ausgesucht hatte, denn es war praktisch alles vorhanden, was man so zum einfachen Kochen brauchte.

 

Das Essen verlief normal, jedenfalls so normal, wie es eben sein konnte, wenn einer sehr wenig aß und der andere kaum sprach. Ich hatte bei Meto den Eindruck, dass er, wenn er viel gesprochen hatte, immer erst mal eine Weile schweigen musste, um sich sozusagen vom Sprechen zu erholen und seinen Vorrat an Worten wieder aufzufüllen. Und mir fiel auf, dass er Tsuzuku beim Essen sehr genau beobachtete. Wahrscheinlich hatte er sich das angewöhnt, noch aus der Zeit, als er allein für seinen Freund hatte sorgen müssen. Zwar achtete ich ebenfalls darauf, dass Tsu sich nicht zu viel nahm, aber auch nicht zu wenig, aber die Sorge in Metos Augen wirkte noch weitaus größer als die Gedanken, die ich mir darum machte.

 

Nach dem Abendessen ließ ich nicht zu, dass Tsuzuku sich wieder verzog, sondern drückte ihm ein Handtuch in die Hand und er half mir infolge dessen beim Abwasch, während Meto sich irgendwohin setzte und seiner Mama eine ausführliche SMS schrieb.

„Koichi?“, sprach Tsuzuku mich auf einmal an, nachdem wir eine Weile schweigend das Geschirr gespült und getrocknet hatten. „Kannst du … weil wir ja gerade kein Internet haben … da mal was für mich nachschauen?“

„Was denn?“, fragte ich zurück.

Er schwieg einen Moment, schien nach den richtigen Worten zu suchen, dann sagte er: „Ich wüsste gern … na ja, ob das normal ist, dass ich, wenn ich mit Meto schlafe, so auf Macht und Erobern aus bin. Ich hab ihm wehgetan, weil ich nicht rechtzeitig bemerkt habe, dass er Schmerzen hatte, und das macht mich ziemlich fertig …“

„Ich glaube, das kann dir das Internet auch nicht beantworten“, sagte ich.

„Ich will einfach wissen, ob das … ob es ein Wort dafür gibt, verstehst du?“

„Und was soll dir das helfen? Ich meine, was bringt das, wenn man weiß, dass irgendein Verhalten angeblich gestört ist und einen Namen hat? Das zieht einen doch nur runter, oder?“

 

Tsuzuku schwieg daraufhin und mir fiel auf, dass seine Hände, die mechanisch einen der Teller abtrockneten, irgendwie angespannt wirkten. Vielleicht war diese Frage danach, ob ich etwas für ihn recherchieren konnte, eine Art versteckter Hilferuf, den er nicht offen aussprechen konnte?

„Okay“, sagte ich schließlich. „Ich schau mal nach, ob ich was finde. Aber wenn ich den Eindruck habe, dass dir das Wissen darum nicht gut tut, dann erzähl ich dir nichts.“

Er nickte, stellte dann den Teller in den Schrank und hängte das Handtuch über die Heizung.

 

Bald darauf machte ich mich wieder auf den Weg nach Hause. Tsuzuku umarmte mich zum Abschied und flüsterte mir noch einmal seine Bitte zu, dass ich diese Sache für ihn nachschaute. Ich fragte mich, wie diese Nacht für ihn und Meto wohl werden würde, und hoffte, dass er sich nicht zu viele schlechte Gedanken machte.

 

Zurück in meiner Wohnung setzte ich mich mit meinem Laptop an den Kotatsu und überlegte eine ganze Weile, was ich da jetzt als Suchbegriff eingeben sollte. Schließlich tippte ich einfach die Frage ein, die Tsu mir gestellt hatte, und landete auf einer Selbsthilfesite für Menschen, deren psychische Probleme sich auf ihr Sexualleben auswirkten.

Es gab dort tatsächlich einige Einträge, die dem, was Tsuzuku mir erzählt hatte, ähnelten, doch diese anonymen Menschen schienen genauso ratlos zu sein wie er. Und die Antworten auf diese Einträge reichten von Intoleranz und Unverständnis bis hin zu schlichten, unzureichend begründeten Diagnosen irgendwelcher Störungen, die allesamt unheimlich klangen und von denen ich meinem besten Freund garantiert kein Wort erzählen würde.

 

Ich suchte weiter, innerhalb dieser Site, die ansonsten relativ seriös wirkte, und während ich mir die vielen Einträge durchlas, spürte ich, dass ich unabsichtlich anfing, mich sehr auf Tsuzukus Probleme, seine dunklen Seiten, zu konzentrieren. Das war gar nicht gut, fühlte sich ziemlich mies an, und ich schloss die Site schnell, damit ich nicht noch mehr davon las.

Ich wollte ihn, obwohl ich seine Probleme kannte, nicht als kranken, vielleicht sogar gestörten Menschen sehen. Wollte sein Verhalten als seinen Charakter und die Folge dessen, was er erlebt hatte, ansehen, und nicht mit irgendwelchen Störungen abgleichen.  

 

Nicht wissend, was ich ihm von den Suchergebnissen erzählen sollte, und unwillig, das Ganze noch mal zu recherchieren, machte ich mir meine eigenen Gedanken zu seinen Fragen. Ich wollte gar nicht so genau wissen, was Tsuzuku und Meto nachts zusammen taten, aber so, wie ich die beiden kannte, ging es doch wahrscheinlich liebevoll zwischen ihnen zu. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Tsu seinem Liebsten absichtlich wehtat, doch dass er sich trotzdem Vorwürfe machte, wenn es passierte, passte zu ihm.

 

Irgendetwas brachte ihn seit einiger Zeit offenbar dazu, sein eigenes Verhalten als krank oder sogar gestört einzuordnen und seine besitzergreifende Art zu lieben vor sich selbst schlechtzureden.

Als ich ihn kennen gelernt hatte, war davon noch nichts zu sehen gewesen.

Ich hatte ihn erlebt, wie er vor verzweifelter Eifersucht geweint und gewütet hatte, als Meto noch mit MiA zusammen gewesen war, und erinnerte mich noch gut an seine Worte damals. Er war vor mir ganz offen gewesen, hatte „Mein Meto gehört zu mir!“ und solche Dinge gesagt, ganz ohne diese Selbstkritik, die er jetzt an den Tag legte.

Ich hatte keine Ahnung, ob man eine solche Eifersucht und besitzergreifende Art irgendwo als krank bezeichnete, aber für mich war das immer einfach ein Teil von Tsuzukus Charakter gewesen, etwas, wo man sagte: ‚So ist er eben‘

Das würde ich ihm sagen, wenn er danach fragte. Dass er eben so war, wie er war und ich keinen Grund sah, ihn, abgesehen von seiner Essstörung und den Schuldgefühlen seiner Mutter gegenüber, als krank zu bezeichnen.

 

Ich klappte den Laptop zu, blieb aber noch eine Weile sitzen, auch weil der Kotatsu so schön warm war. Jetzt, wo meine Gedanken sich einmal so richtig auf Tsuzuku eingestellt hatten, wollten sie ihn nicht recht wieder loslassen und so dachte ich noch ein bisschen über ihn nach, darüber, was ich an ihm mochte und wie ich ihn kannte.

Ich war wirklich gern sein bester Freund und da, wo andere, die ihn weniger gut kannten, vielleicht nur einen essgestörten Typen sahen, mit Stimmungen, die wie Aprilwetter wechselten, und einer Tendenz zum negativen Denken, da sah ich einen heftig liebenden, leidenschaftlichen, emotionalen Menschen, offenherzig ehrlich und in seiner Art zwar zweiseitig, schwarz und weiß, aber dabei immer noch lieb und auf gewisse Weise süß. Und ich wollte nicht, dass er so schlecht von sich dachte.

 

Irgendwann stand ich auf und ging ins Bad, machte mich für die Nacht fertig und begab mich dann in mein Schlafzimmer, wo ich weiter über Tsu und Meto nachdachte, mich fragend, ob die beiden jetzt auch eine schöne Nacht hatten, bis …

 

Ja, bis ich auf einmal wieder dieses kleine, dunkle, eisige Loch spürte.

Gestern Abend hatte ich eher das Gefühl gehabt, dass dieses Loch im Zimmer war, irgendwo in der Wand, doch jetzt fühlte es sich so an, als wäre diese kleine, schmerzhafte Kälte in mir drin, so als hätte ich ein kleines Loch im Herzen. Automatisch schlang ich meine Arme um meine Brust und zog die Knie hoch, was nur kurz Abhilfe schaffte. Ich hatte keine Ahnung, woher es kam und was es war, und es machte mir Angst.

Intuitiv wusste ich, dass es keine anatomische Ursache hatte, dass ich körperlich vollkommen gesund war und dieses Loch ein Produkt meiner Seele, doch ich konnte es mir nicht erklären, hatte ich doch meine Seele immer für ziemlich gesund gehalten. Ich hatte nie irgendwelche schlimmen seelischen Verletzungen erlitten, zumindest nichts, was mich wirklich aus der Bahn geworfen hatte, und so fand ich keinen greifbaren Grund dafür, dass ich mich auf einmal so seltsam und schlecht fühlte.

 

Zitternd vergrub ich mich unter der dicken Bettdecke und versuchte, mich abzulenken. Doch weder der Gedanke an Tsu und Meto, noch die Vorstellung, bald wieder mit Mikan nach Tokyo zu fahren, lenkten mich ab, im Gegenteil, ich fühlte mich noch schlechter.

Nicht wissend, was das jetzt sollte und warum ich mich auf einmal so mies fühlte, schlief ich irgendwann ein, träumte absolut wirres Zeug und wachte mitten in der Nacht auf.

 

Ich war sofort hellwach und wusste, dass jetzt am besten ein nächtlicher Spaziergang helfen konnte, der jedoch in einer Großstadt nachts um zwei keine so gute Idee war. Stattdessen schnappte ich mir meine Zigaretten, zog mir meinen Morgenmantel über und ging durchs Wohnzimmer auf den Balkon, wo ich Nachtluft atmete, rauchte und dann versuchte, ein bisschen zu meditieren, was jedoch darin endete, dass ich am liebsten zu weinen angefangen hätte. Ich wollte nicht weinen, schluckte die Tränen runter und ging wieder hinein, legte mich zurück ins Bett und schlief gottseidank bald ein.

Ich hatte es also gewagt. Hatte Koichi gegenüber genügend Andeutungen gemacht, damit er vielleicht von selbst herausfand, was mit mir los war. Ich stellte mir vor, wie er in seiner Wohnung vor dem PC saß, das, worum ich ihn gebeten hatte, recherchierte, und wie er dabei, hoffentlich, oder hoffentlich nicht, von selbst über das Wort stolperte, das mir die Luft abdrückte und mein Herz vor Angst und Schmerz rasen ließ.

 

In gewisser Weise war es feige von mir, ihn sozusagen allein ins offene Messer laufen zu lassen und nicht richtig mit ihm darüber zu sprechen, doch das konnte ich nach wie vor nicht, da ich wahnsinnige Angst davor hatte, dieses Ungeheuer Borderline könnte, wenn ich darüber sprach, es beim Namen nannte, noch größer und bedrohlicher werden und mich noch kränker machen. So, als ob es eben ausbrach, wenn ich darüber redete. Zudem befürchtete ich, was das Schneiden anging, rückfällig zu werden, und das wollte ich auf keinen Fall. Ich dachte an Mama, daran, was ich ihrem Geist versprochen hatte.

 

Angezogen auf dem Bett liegend, ließ ich meine Gedanken sich weiter drehen, immer im Kreis darum, dass alles, was ich tat, irgendein Symptom sein konnte, so lange, bis ich schließlich das Gefühl hatte, rein gar nichts Gesundes tun zu können.

‚… haben sich nicht unter Kontrolle …‘

‚… Selbstverletzendes Verhalten …‘

‚… impulsiv …‘

‚… gute und schlechte Phasen …‘

‚… manipulativ …‘

Es redete in meinem Kopf auf mich ein, laut, gehässig, kalt. Am liebsten hätte ich das Buch, aus dem all diese Worte und Sätze stammten, auf der Stelle zerrissen und verbrannt, doch es war ja nicht hier, gehörte nicht mir, sondern der Bibliothek. Ich hatte nicht mal lange darin gelesen, nur ein wenig, und trotzdem hatte sich das, was dort stand, in mein Herz gefressen und ließ mich nicht mehr los.

 

Und jetzt hatte ich, in diesem Wissen, meinem Liebsten wehgetan, hatte mich nicht kontrollieren können und ihm die erste Nacht in unserer neuen Wohnung beinahe kaputtgemacht.

Ich liebte ihn doch, so sehr, warum tat ich ihm dann weh, hatte mich ihm zuliebe nicht ein bisschen mehr im Griff? Ich wollte es nicht und wollte es doch, schwankte dazwischen, vorsichtig mit ihm sein zu wollen, und diesem Gefühl von ‚Er ist mein‘, das mich so erregen konnte. Ich wusste, ich war besitzergreifend, doch das fühlte sich andererseits viel zu gut an, um es wirklich ändern zu wollen.

 

„Tsuzuku?“, riss mich Metos leise Stimme aus meinen schmerzhaften Gedanken. „Alles okay bei dir?“

Er stand im Türrahmen, kam wohl gerade aus dem Bad, denn er hatte seinen Bademantel an und feuchte Haare. Ich hatte das Wasser der Dusche gar nicht rauschen gehört, zu sehr war ich in Gedanken gewesen. Meto sah mich besorgt an und ich wusste, dass ich traurig aussah, spürte selbst die Tränen in meinen Augen.

Ich setzte mich auf und er kam auf mich zu, setzte sich neben mich aufs Bett und sah mich eine Weile wortlos an. Dann griff er nach meiner Hand, ich ließ es zu, und er streichelte über meinen Handrücken.

 

„Machst du dir immer noch Vorwürfe wegen letzter Nacht?“, fragte er irgendwann.

Ich wusste, es hatte keinen Sinn, jetzt zu lügen. Und so nickte ich, sagte leise „Ja“ und spürte dabei einen kleinen Stich im Herzen.

„Musst du nicht, wirklich nicht. Ehrlich, mir geht’s wieder gut und ich hab dir das nicht eine Sekunde lang vorgeworfen. Ich hab mich ja selbst geärgert, dass ich wieder so verkrampft habe.“

Seine Worte erreichten mich und ich glaubte ihm auch. Doch das änderte nichts daran, dass ich mir sicher war: Wenn ich mich besser unter Kontrolle gehabt hätte, dann wäre es gar nicht dazu gekommen.

In einem Versuch, ihm nah zu sein und ihn trotzdem wissen zu lassen, dass ich vorsichtig mit ihm sein wollte, streckte ich die Hand aus und streichelte seine Wange, strich mit den Fingern durch sein kurzes, hellblaues Haar und berührte dabei sein Ohr. Er schmiegte seinen Kopf gegen meine Hand und lächelte leicht.

 

„So etwas wird nicht wieder vorkommen, dass ich dir so wehtue“, sprach ich und ließ meine Hand zu seinem Hals wandern. „Meto, ich liebe dich, über alles, und ich werde alles tun, was ich kann, um mich zu bessern.“

„Tsu, ich geh demnächst mal zum Arzt und lass mich untersuchen, ob man da nicht was machen kann. Du musst dich nicht ändern. Ich liebe dich so, wie du bist“, erwiderte er und sah mir dabei direkt in die Augen.

 

Ich dachte nur: ‚Der Junge ist einfach viel zu gut für mich‘ und fühlte mich auf einmal wieder leicht und glücklich. Meine Hand wanderte weiter abwärts, unter seinen Bademantel, auf seinen Rücken, er löste das Kleidungsstück, sodass es nur noch seinen Schritt und seine Beine bedeckte, und ich umarmte ihn ganz einfach, zog ihn an mich und spürte, wie seine Hände zwischen uns meinen Pullover und das Top darunter hochschoben, meine nackte Haut berührten.

Ein Teil von mir wollte sofort mehr, doch ich konnte das geradeso wegschieben, denn der weitaus vernünftigere Teil in mir hatte beschlossen, Meto heute Nacht einfach nur im Arm zu halten.

Und als hätte er das gespürt, fragte er leise: „Tsu? Kann ich in deinen Armen schlafen?“

„Na klar“, antwortete ich und hauchte einen kurzen Kuss auf seinen Hals.

 

Ich löste mich von ihm, um mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen und legte mich dann hin. Er legte sich zu mir, und ich griff kurzentschlossen rüber auf seine Betthälfte, wo Ruana neben dem Kopfkissen saß, und holte sie dazu.

„Damit sie aufpasst, dass ich dich nicht doch so überfalle“, sagte ich lächelnd, als er mich fragend ansah. Er lachte leise und drückte Ruana an sich, was einfach nur wahnsinnig süß aussah, und ich küsste seine Stirn, fühlte die fünf Jahre Altersunterschied zwischen uns und mich irgendwie als sein Beschützer. Ich war der Ältere, er war mir anvertraut, und ich wollte lieb zu ihm sein und auf ihn aufpassen. Und das tat ich, legte meine Arme um Meto und hielt ihn, bis wir beide eingeschlafen waren.

 

 

Ich wachte davon auf, dass ich zwei warme Hände spürte, die vorsichtig über meinen Körper tasteten, und weiche, gepiercte Lippen an meinem Hals. Noch im Halbschlaf und mit geschlossen Augen, lächelte ich, seufzte angetan und bewegte mich ein wenig der Berührung entgegen.

Meto schien jedoch zunächst nicht zu bemerken, dass ich im Aufwachen begriffen war, denn er streichelte mich einfach weiter, küsste meinen Hals und ich hörte ihn leise sprechen:

„Tsu, du bist so wunderschön. Weißt du eigentlich, wie süß du bist? Aber du weißt, wie sehr ich dich liebe, oder?“

Ich gab ein leises „Mh…“ von mir und öffnete die Augen. Es war schon hell und wahrscheinlich hatten wir komplett verschlafen, aber das war mir so was von egal, solange Meto nur nicht aufhörte, mich so liebevoll wach zu streicheln.

 

„Ich weiß, dass du mich liebst“, antwortete ich auf seine Frage, meine Stimme klang noch ganz müde.

Er stockte kurz, fragte: „Oh, du bist wach? Hab ich dich geweckt?“

Ich nickte, lächelte. „Aber so werde ich doch gern geweckt, mein Süßer.“

Meto lachte leise, dann beugte er sich über mich und küsste mich, lange und lieb und ein bisschen lustvoll. Mein Herz überschlug sich fast vor Glück und innerhalb weniger Sekunden war ich komplett wach, was dazu führte, dass ich ziemlich leidenschaftlich auf den Kuss einging. Ich griff in seinen Nacken, hielt ihn fest und ließ mich von ihm ins Kissen knutschen, bis wir beide kaum noch Luft bekamen und uns schwer atmend wieder ein wenig voneinander lösen mussten. So ein inniger Kuss am Morgen ließ mich auf einen schönen Tag hoffen und stimmte mich entspannt und glücklich.

 

„Und weißt du auch …“, begann Meto, küsste mich wieder und fuhr dann fort: „… dass ich dich will, und wie sehr?“

„Du willst doch jetzt nicht …?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich will einfach, dass du weißt, dass ich dich genauso begehre wie du mich. Du musst nicht denken, dass du mich mit deinen Gefühlen bedrängst, hörst du?“

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Das war genau der Punkt, an dem ich mir Gedanken machte und mein eigenes Verhalten hinterfragte. Ich hatte Angst, zu impulsiv zu sein, meinen Liebsten mit meinen starken Gefühlen und meiner Lust zu bedrängen und ihn am Ende zu verletzen.

 

„Tsuzuku, ich hab es dir schon mal gesagt: Ich mag das, wenn du so weißt, was du willst. Ich fühle mich dann sicher und habe keine Angst mehr um dich. Verstehst du das?“

„Ja, schon“, antwortete ich, denn im Grunde verstand ich sehr gut, was er mir damit sagen wollte. Und damit die schöne Stimmung jetzt nicht zerbrach, der Tag gut und glücklich wurde, lächelte ich und sagte dann: „Ich kann mich auch gar nicht dagegen wehren, dass ich dich so liebe und begehre. Ich glaube, das ist das stärkste, schönste Gefühl, das ich je empfunden habe.“

 

Meto strahlte mich an, stürzte sich dann geradezu auf mich und küsste mich wieder und wieder und wieder. In diesem Moment fühlte ich mich so wahnsinnig geliebt von ihm und liebte ihn so sehr, dass ich es kaum auszudrücken wusste.

Ein ‚Ich liebe dich‘ schien da nicht auszureichen und ich glaubte, dass nicht mal der liebevollste Liebesakt, den ich zustande brachte, dieses überwältigende Gefühl wirklich vollkommen zeigen und ausdrücken konnte.

 

Ich drehte uns beide herum, sodass ich auf ihm lag, und jetzt war ich es, der ihn ins Kissen knutschte. In meinem Kopf herrschte ein emotionsgeladener, liebestrunkener Schwindel und ich glaubte schon wieder, beinahe wahnsinnig zu werden vor Glück.

„Meto …!“, keuchte ich und spürte, wie ich heiß wurde. „Ich liebe dich! Ich liebe, liebe, liebe dich!“

Er sah mich an, mit leuchtenden Augen, sah so süß aus und antwortete: „Ich liebe dich auch.“ 

Es war so schön, so absolut wundervoll, jedenfalls so lange, bis meinem liebeskranken Gehirn wieder einfiel, dass ich jetzt nicht mit meinem Liebsten würde schlafen können.

 

Doch bevor die schwirrenden Glücksgefühle aus meinem Kopf verschwinden konnten, riss ich mich mit aller Kraft zusammen. Vielleicht würde es ja heute Abend gehen. Und ich würde ganz vorsichtig sein, vorsichtig und lieb und so sanft, wie ich nur vermochte. Ich nahm mir fest vor, mich in Zukunft besser unter Kontrolle zu haben, und klammerte mich an die Hoffnung, dass ich das auch konnte.

 

„Tsu … Ich glaube, wir sollten mal aufstehen“, sagte Meto und drehte den Kopf in Richtung der Uhr.

„Wie spät ist es denn?“, fragte ich.

„Halb neun“, informierte er mich und grinste. „Wir haben total verschlafen.“

Ich ließ mich seufzend neben ihn sinken, stand dann langsam auf und ging zum Kleiderschrank, um mir meine Klamotten für heute auszusuchen. Mein Blick streifte meinen Lackmantel, doch ich sah keinen Anlass, den heute zu tragen, und entschied mich schließlich für Jeans und einen dunkelroten, gestrickten Pullover, dazu einen zweiten Ring zu dem, den ich sowieso immer trug, und eine Halskette mit Pentagramm.

 

Jetzt, wo ich einen richtigen, großen Kleiderschrank hatte, fiel mir auf, wie wenige Sachen ich immer noch besaß. Meine Schrankhälfte war fast leer, während Metos ganz normal voll war. Ich war immer noch daran gewöhnt, dass meine wichtigsten Sachen in eine Reisetasche passen mussten, und der Gedanke, irgendwann richtig groß einkaufen zu gehen und mir, ohne weiter nachzudenken, alle möglichen Sachen kaufen zu können, fühlte sich noch seltsam fremd an. Ebenso, wie diese Wohnung noch nicht ganz zu meinem Zuhause geworden war. Sie fühlte sich ein bisschen an wie die Ferienwohnung, in der ich als Junge mal mit Mama im Urlaub gewesen war.

 

Mit den Klamotten in der Hand begab ich mich ins Bad, wo Meto schon vor dem Spiegel stand und sich anzog. Unser Badezimmer war recht klein, sodass ich mich an ihm vorbeidrängeln musste, um meine Sachen auf der Fensterbank abzulegen, mich auszuziehen und dann erst einmal unter der Dusche zu verschwinden.

Mich daran erinnernd, dass er ja gestern Abend geduscht hatte, fragte ich nicht, ob er auch wollte, und sah ihm zu, wie er sich zurechtmachte und mich dann über den Spiegel zurückhaltend beobachtete. Er musste nichts fragen, ich wusste auch so, dass er mich vor allem deshalb so ansah, weil er sehen wollte, ob ich weiter zugenommen hatte. Und anscheinend stellte ihn das, was er sah, zufrieden, denn er lächelte.

 

Ich beeilte mich mit dem Duschen, trocknete mich dann schnell ab und zog mich an. Und als ich dann vor dem Spiegel stand, bekam ich auf einmal Lust, mich so richtig zu schminken, mit Lippenstift und viel dunkler Farbe um die Augen. Ich hatte nur ein Paar Kontaktlinsen, blaue, die setzte ich zuerst ein, und dann tobte ich mich so richtig aus mit allem, was ich an dazu passenden Schminksachen hatte.

Meto war längst fertig mit Schminken, er schien heute weniger Lust auf das volle Make-up-Programm zu haben, aber er blieb und beobachtete mich.

„Du siehst toll aus“, sagte er, als ich fertig war, beugte sich vor und gab mir einen Kuss auf die Wange.

 

„Weißt du, was wir heute machen, Tsu?“, fragte er, als wir in der Küche saßen und Kaffee tranken. Er frühstückte auch ein wenig, ich dagegen hatte überhaupt keinen Hunger.

„Was denn?“, fragte ich zurück.

„Wir gehen dir ein Handy kaufen. Du hast ja immer noch keins.“

Ein Handy. Ja, wahrscheinlich brauchte ich jetzt wieder eins. Früher hatte ich mir ein Leben ohne solche Sachen kaum vorstellen können, doch nach meinem Absturz hatte ich mich daran gewöhnen müssen, ohne persönliche technische Geräte zu leben. Der Gedanke, wieder ein Handy zu haben, erreichbar zu sein und mich der Welt wieder auf diesem Wege mitzuteilen, fühlte sich jetzt irgendwie merkwürdig an. So, als sei ich, zumindest aus der Sicht derjenigen, die diese Dinge tagtäglich nutzten, für zwei Jahre aus der Welt gefallen gewesen.

 

„Und wovon bezahlen wir das?“, fragte ich, denn das nötige Geld für eine solche Anschaffung fehlte mir nach wie vor.

„Schenk ich dir“, antwortete Meto und lächelte. Seine übliche Antwort, wenn es ums Geld ging. Ich wusste ja, dass er mehr als genug davon hatte, doch ich wollte nicht immer Schulden bei ihm machen.

 

Zwar war morgen das erste Vorstellungsgespräch, das die Sozialarbeiterin vom Tempel mir vermittelt hatte, und falls das passte, würde ich bald eine bezahlte Arbeit haben, aber ich wusste weder, wie gut der mich erwartende Job bezahlt wurde, noch, ob ich überhaupt … ja, ob ich denn arbeitsfähig war.  Beim Verlassen des Tempels war ich mir ganz sicher gewesen, dass ich das mit dem Arbeiten hinbekommen würde, doch jetzt zweifelte ich daran.

Mein möglicher Arbeitsplatz war ein Bodyart-Shop in der Innenstadt und einerseits freute ich mich darauf, wieder in dem Beruf zu arbeiten, in dem ich früher eine Ausbildung gemacht hatte, aber die Angst, dass ich es nicht schaffte, ließ sich einfach nicht vertreiben.

 

„Tsu?“, riss mich Meto aus meinen Gedanken. „Woran denkst du?“

„An das Vorstellungsgespräch morgen …“, antwortete ich. „Ich hab … ein bisschen Angst davor.“

Meto nahm einen Schluck Kaffee, schluckte und fragte dann: „Aber du hast doch mit der vom Tempel alles abgeklärt, oder? Da kann doch eigentlich nichts mehr schief gehen.“

„Wahrscheinlich bin ich einfach aufgeregt“, sagte ich und betete innerlich, dass ich nicht nur das Gespräch und den Job, sondern auch alles andere irgendwie packte.

Vielleicht, so hoffte ich immer noch ein wenig, bildete ich mir die Sache mit Borderline ja auch nur ein, und das, was ich für diese Störung hielt, war möglicherweise doch halbwegs normal. Vielleicht hatte ich ja nur diese Probleme mit dem Essen und würde schon irgendwie wieder gesund werden.

 

„Komm, wir gehen jetzt gleich los“, sagte Meto, stellte seinen Kaffeebecher in die Spüle und ich stellte meinen dazu, obwohl er noch nicht leer war.

Als ich meine Jacke und die Schuhe anzog, sah ich anscheinend wieder irgendwie traurig aus, denn Meto sah mich mit diesem lieb besorgten Blick an und sagte: „Lächeln, Tsuzuku.“

Ich tat wie mir geheißen und lächelte kurz leicht, doch es fühlte sich komisch, unecht an. Als würde ich meinen Liebsten anlügen, auch wenn es nur eine ganz kleine Lüge war. Und mit einem Mal verspürte ich den starken Impuls, Meto ganz fest in meine Arme zu schließen, ihn lange nicht mehr los zu lassen und ihm dann die Wahrheit über mein Innenleben zu sagen. Ihm zu gestehen, dass ich furchtbar kaputt war und große Angst hatte. Es zu teilen, damit es mich nicht von innen her noch mehr zerstörte.

‚Nicht jetzt‘, dachte ich und riss mich zusammen. ‚Später, irgendwann, wenn es irgendwie passt.‘

 

Auf dem Weg durchs Treppenhaus nach unten hielt Meto meine Hand, so als spürte er, dass ich das brauchte. Ich fühlte die Wärme und die Energie, die durch seine Hand in meine floss, und spürte, wie die Berührung mich ein wenig stärkte. Wenn ich daran dachte, dass es vielleicht heute Abend klappte mit ein bisschen Sex, und mir vorstellte, wie er nicht nur meine Hand, sondern meinen ganzen Körper so berührte … Obwohl wir das jetzt schon so oft getan hatten, war der Gedanke daran immer noch wunderschön.

 

Aber dann kam uns diese Frau entgegen, als wir gerade aus dem Haus wollten. Sie war so um die sechzig und wirkte ziemlich streng. Vielleicht war das die Frau, die Koichi gestern vor unserer Wohnungstür getroffen hatte?

„Ah, Sie beide“, sagte sie und zog die Augenbrauen hoch.

Ich sah Meto an, dem sichtlich die Sprache den Dienst versagte. Also musste ich wohl reden. Die Frau machte mir mit ihrer offensichtlichen Strenge ein wenig Angst, doch ich brachte mit halbwegs fester Stimme ein „Ja?“ heraus.

Sie lächelte, doch das sah so falsch aus, dass ich innerlich schauderte, und als sie dann mit deutlicher Missbilligung auf Metos und meine noch immer verschränkten Hände blickte, schwand dieses Lächeln so schnell, wie es gekommen war. Solche Leute hatte Tamotsu gemeint, als er uns davor gewarnt hatte, unsere Beziehung in dem Sinne öffentlich zu machen. Es war das erste Mal, dass ich so ganz direkt mit Homophobie konfrontiert wurde (die abfälligen Blicke fremder Passanten zählte ich nicht), und es tat mehr weh, als ich gedacht hatte.

„Heute um achtzehn Uhr ist ein Treffen unserer Hausgemeinschaft“, sagte sie nur, dann ging sie, nach einem weiteren abschätzigen Blick, an uns vorbei, die Treppe rauf.

 

„Ich schätze mal, wir haben ein Problem“, sagte ich leise, als sie verschwunden war und Meto und ich aus dem Haus waren.

Er nickte und sah mich fragend an. „Wirst du da hingehen?“

Erst jetzt stellte ich es mir vor, den Leuten, mit denen wir von nun an in einem Haus zusammen wohnten, bei so einem Treffen gegenüberzutreten. Menschen, die mich, wenn sie alle so waren wie diese Frau, unablässig missbilligend anstarren würden und mich höchstwahrscheinlich sowohl für mein Äußeres, als auch für meine Liebe zu einem Mann, der fünf Jahre jünger war als ich, verurteilen würden. Augenblicklich bekam ich Angst davor, und diese Angst wurde mit jeder Sekunde, die ich daran dachte, größer.

„Nicht ohne dich. Ich schaff das nicht alleine“, antwortete ich.

Meto lächelte. „Als ob ich dich da allein hingehen lassen würde. Nee du, wir stehen das zusammen durch.“

 

Ich konnte nicht anders, als stehen zu bleiben, Meto an mich zu ziehen und fest in meine Arme zu schließen. Und in einem Anflug von fast schon wahnsinniger Liebe flüsterte ich in sein Ohr: „Weißt du, dass du das Allerbeste bist, was mir je passiert ist?“

Mir war in diesem Moment völlig egal, dass wir uns in der Öffentlichkeit befanden, dass uns die Leute sehen konnten und das alles. Ich dachte an nichts anderes als daran, dass ich Meto wie verrückt liebte und ihn ganz nah bei mir haben wollte.

„Tsu …!“, protestierte er, klang dabei jedoch keineswegs so, als ob es ihm nicht gefiel, einfach so öffentlich von mir umarmt zu werden.

„Komm, es gefällt dir doch“, erwiderte ich lächelnd, in meinem Kopf schwirrte das Glück.

 

Doch einen Moment später zerplatzte es, einfach so, ohne jede Vorwarnung.

‚… Mangelnde Affektkontrolle …‘, flüsterte die Dunkelheit in meinem Kopf, gehässig, mit einem fiesen Grinsen, weil sie mich erwischt hatte. Weil ich meine Gefühle und die daraus folgende Tat tatsächlich nicht unter Kontrolle hatte.

Augenblicklich ließ ich Meto los, brachte Abstand zwischen uns. Er sah mich zuerst verwundert, dann besorgt an.

„Tsu, was ist los?“

Ich stand einfach nur da, sah ihn an, während die Dunkelheit in meinem Kopf Symptome und so weiter herunter ratterte, die sich wie tausende Nadeln von innen in mein Herz bohrten.

‚… Plötzlicher Stimmungsumschwung …‘ war eines davon und ich fühlte mich auf einmal schrecklich hilflos. Was konnte ich denn noch tun, wenn in allem, was ich tat, immer irgendein Merkmal dieser Störung, deren Namen ich in diesem Moment nicht zu denken wagte, steckte? War ich denn wirklich so vollkommen krank und gestört?

 

Meto griff meine Hand, sah mir in die Augen und fragte noch einmal: „Tsuzuku, was hast du?“

„Nichts, geht gleich wieder“, hörte ich mich sagen, meine Stimme klang schwach.

„Ist dir schwindlig?“

Ich nickte, schneller als ich denken konnte. Schon wieder gelogen.

„Willst du was trinken? Oder vielleicht was essen? Wir haben ja kaum gefrühstückt.“

Essen? Nein, das ging jetzt nicht. Auf einmal war der Druck im Bauch wieder da, die Angst vor dem Brechen, das innere Zittern. Ich schüttelte den Kopf.

„Geht gleich wieder, wirklich.“

Meto glaubte mir nicht, machte sich Sorgen, das war ihm deutlich anzusehen.

Ich musste mich zusammenreißen, daran denken, was wir jetzt vorhatten, dass wir etwas Wichtiges kaufen wollten und ich mich dafür  zu konzentrieren hatte.

 

Wir fuhren mit der Stadtbahn in die Innenstadt, wo wir einen Handyladen zu finden suchten. Diese Stadt war um einiges größer und unübersichtlicher als unsere Heimatstadt und es dauerte ein wenig, bis wir uns halbwegs zurechtgefunden hatten.

 

An einer Straßenecke, in einem Hauseingang, sah ich im Vorbeigehen jemanden sitzen, einen Mann, vielleicht ein paar Jahre älter als ich. Die große Tasche und der zusammengerollte Schlafsack wiesen ihn untrüglich als Obdachlosen aus und ich hatte augenblicklich das Gefühl, in eine Art Spiegel zu blicken. Noch vor ein paar Monaten hätte das auch ich sein können. Ich drehte mich um und trat auf ihn zu, kramte in meiner Jackentasche nach meinem Geldbeutel. Er blickte zu mir hoch und ich sah unsägliche Einsamkeit in seinen Augen.

 

Hatte ich damals genauso ausgesehen, auf dem Stadtfest, als Meto versehentlich mein weniges Geld verstreut und mir dann beim Aufsammeln geholfen hatte? Wahrscheinlich schon.

Ich nahm drei Einhundert-Yen-Münzen aus meinem Geldbeutel und legte sie dem Mann in seine vor ihm liegende Mütze. Ob er das Geld für Alkohol und Zigaretten ausgab, war mir egal, ich hatte ja damals mein weniges Geld auch dafür ausgegeben.

Er sah mich dankbar an, bedankte sich, und ich hätte mich am liebsten zu ihm gesetzt und ein wenig mit ihm gesprochen. Doch ich ließ es. Stattdessen sagte ich nur: „Bitte. Ich war auch mal so“ und ging weiter. Meto war in einigem Abstand stehen geblieben und fragte mich, als ich wieder neben ihm ging: „Kanntest du ihn?“

„Nein. Aber, weißt du, immer wenn ich so jemanden sehe, fühlt sich das ein bisschen an wie so ein Spiegel, ich sehe dann mich selbst. Deshalb hab ich ihm was gegeben.“

 

Irgendwie hatte mich diese kurze Begegnung wieder ein wenig zu mir selbst finden lassen. Meine Erfahrung mit den Abgründen des Lebens hatte mich mitfühlend gemacht, und vielleicht sogar zu einem etwas besseren Menschen. Zumindest hoffte ich das. Was ich wusste, war, dass ich nie zu dem geworden wäre, der ich jetzt war, wenn ich mein selbstbezogenes Leben von früher hätte weiterleben können.

 

„Da“, sagte Meto und deutete auf einen kleinen, schick aussehenden Laden, in dessen Schaufenster verschiedene, für mich viel zu teuer aussehende Mobiltelefone, Tablets und Laptops ausgestellt waren. Ich fragte mich, wie lange es wohl dauern würde, bis ich mich wirklich daran gewöhnt haben würde, mir wieder teure Sachen kaufen zu können.

Meto drehte sich zu mir um, sah mich fragend an, und ich brauchte einen Augenblick, bis ich verstand, dass er dort drinnen im Laden nicht viel reden würde. Wenn wir so viel zusammen waren wie jetzt und miteinander redeten, vergaß ich manchmal beinahe, dass er Fremden gegenüber immer noch diesen Sprachfehler hatte und dann am liebsten schwieg.

Das Problem in diesem Moment war nur, dass ich mich ein wenig unsicher fühlte und es gern gehabt hätte, wenn Meto mich unterstützt hätte.

 

Wir gingen auf den Laden zu, ich sah von draußen schon die Verkäuferin da stehen und auf Kundschaft warten.

Ein Handy kaufen, nichts Großartiges, ganz einfach. Und trotzdem hatte ich Angst.  Irgendwas in mir war aus dem Gleichgewicht geraten und obwohl es sich eben noch so angefühlt hatte, als hätte ich wieder zu mir selbst gefunden, fürchtete ich jetzt, irgendeinen Fehler zu machen. Dabei hatte der Tag doch so gut angefangen.

Ich ging, Meto hinter mir, auf die gläserne Ladentür zu und öffnete sie, was einen elektrisch klingenden Ton auslöste. Sofort sah mich die Verkäuferin an und lächelte automatisch. Sie war noch ziemlich jung, und hübsch, sah aus wie aus der Fernsehwerbung.

„Sie wünschen?“, fragte sie und ich konnte nicht erkennen, ob sie mich, mit meinem auffälligen Äußeren, hinter ihrem Lächeln vielleicht irgendwie komisch fand.

 

Irgendwie schaffte ich es, zu funktionieren, mich zu konzentrieren und nach kurzem, unauffälligen Durchatmen zu sagen, was ich wollte: „Ich möchte ein Handy kaufen. Ein Smartphone, aber ein ganz einfaches, muss nicht das Neueste sein.“

‚Seltsam‘, dachte ich. ‚Wieso fällt mir so was jetzt so schwer?‘

„Mit Vertrag? Oder lieber zum Aufladen?“, fragte die Verkäuferin.

Ich versuchte, mich so gut wie möglich an früher zu erinnern, als ich noch stärker gewesen war, mich besser ausgekannt hatte und mir so was wie das hier ganz leicht gefallen war.

„Aufladen“, sagte ich.

Die junge Frau lächelte wieder und holte dann drei Modelle aus einer Schublade unter dem Tresen.

„Das sind die, die wir dafür gerade da haben.“

Die Smartphones waren in durchsichtigen Plastikboxen verpackt, auf denen auch die Preise standen, und ich entschied mich ohne viel Nachdenken für das günstigste Modell, ein ganz schlichtes, schwarzes, viel einfacher als Metos, welches viel bunter und schicker war.

 

Er stand neben mir, sah mich an, seine Augen sagten: ‚Gut gemacht‘ und obwohl das lieb und aufmunternd gemeint war, kam ich mir auf einmal vor wie ein unfähiges Kind.

Die Verkäuferin erklärte mir noch ein paar Sachen, die ich bei genauerem Erinnern selbst noch wusste, und informierte mich darüber, dass man die Aufladung sowohl in Banken, als auch in vielen Supermärkten machen konnte.

Meto gab mir seinen Geldbeutel und ich bezahlte, wobei mir in dem durchsichtigen Fach des Portmonees ein Foto von mir auffiel, das er irgendwann im Winter gemacht und dann offenbar ausgedruckt hatte. Er hatte ein kleines Herz auf das Bild gemalt, was mich innerlich unheimlich rührte, und ich drückte, als ich ihm den Geldbeutel zurückgab, kurz seine Hand.

 

Als wir wieder aus dem Laden raus waren, sprach ich ihn darauf an: „Du hast ein Foto von mir im Geldbeutel?“

Meto nickte strahlend. „Natürlich. Du bist doch mein Schatz.“

Ich musste lachen. „Dann will ich aber auch eins von dir.“

Heute schienen meine Stimmungen wirklich sehr auf und ab zu fahren, so krass war es eigentlich selten. In einem Moment ging es mir gut, im nächsten bekam ich Angst, dann kamen die Gedanken daran, dass ich offenbar völlig krank war, und dann wieder ging es mir so gut, dass ich mich fragte, wieso ich eigentlich Angst gehabt hatte. Und ich suchte nach einer Erklärung dafür, hoffend, dass es nicht das war, für das ich es hielt.

 

„Und was machen wir jetzt?“, fragte ich. Es war fast Mittag und trotz der Anspannung bekam ich Hunger. Ich wusste, ich musste essen, und es schien auch ein guter Hunger zu sein, ein positiver, der nicht darin enden würde, dass ich zu viel aß.

Meto zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht.“

Ich sah mich um, suchte die Einkaufsstraße, in der wir uns befanden, nach einem günstigen Restaurant ab, und da kam mir eine Idee: Eigentlich konnten wir doch jetzt gut zu Koichi ins Café gehen und dort essen. Wenn man schon mal einen besten Freund hatte, der in der Gastronomie arbeitete.

Zwar war die Art von Café, wo er arbeitete, nicht so ganz mein Fall, aber ich war ein bisschen neugierig und außerdem wollte ich auch sehen, wo Meto dann, wenn das alles klappte, ja ebenfalls arbeiten würde.

„Wir könnten zu Koichi ins Café gehen“, schlug ich vor.

„M-hm.“ Mein Liebster schien die Idee gut zu finden, er nickte und griff meine Hand, führte mich durch die Straßen, bis wir die Gegend erreichten, wo sich das Café befand.

 

Schon von außen war deutlich zu erkennen, dass das einer dieser rosapinken Läden war, die ich allein und ohne einen der Mitarbeiter zu kennen, niemals betreten hätte, und dessen Kundschaft wohl vorwiegend jung und weiblich war. Aber zu Koichi passte es und um ihn ging es mir ja, wenn ich hier her kam.

Als wir den Laden betraten, schallte uns fröhliche Musik von einer dieser Idol-Gruppen entgegen, von irgendwoher rief jemand „Willkommen zuhause!“ und ich fühlte mich wie eine Art Fremdkörper mit meinen schlichten, dunklen Klamotten und dem finsteren Make-up.

 

Es gab einen kleinen Verkaufstresen, hinter dem sich sichtbar die Küche befand, und dort stand eine junge Frau im Maid-Kleid, die sich in diesem Moment zu uns umdrehte und augenblicklich lächelte.

„Meto-chan! Hey, schön dich zu sehen!“, rief sie und winkte, was ganz eindeutig meinem Freund galt.

Er lächelte zurück und ich spürte, dass er sich hier wesentlich wohler fühlte als ich. Nach seinen Probetagen hier hatte er mir erzählt, dass es ihm gefallen hatte, und auch, dass er anscheinend recht beliebt bei den Mädchen war.

Die im Maid-Kleid kam um den Tresen herum auf uns zu und als sie näher kam, konnte ich ihren Namen auf dem Schildchen an ihrer Schürze sehen: Satchan hieß sie.

„Ist das dein Freund, Meto-chan?“, fragte sie.

Langsam taute ich auf, sodass ich meinen Arm um Metos Schultern legte und ihn ein wenig an mich zog, um zu zeigen, dass wir zusammen gehörten.

Satchan bekam leuchtende Augen, schien sich aber nicht ganz zu trauen, ihrer Begeisterung, die ich auch nicht so ganz verstand, Ausdruck zu verleihen, und fragte mich dann nach meinem Namen.

Ich stellte mich kurz vor und fragte dann nach Koichi.

„Moment, ich geh ihn holen“, sagte Satchan, strahlte uns noch einmal an und verschwand dann in Richtung der hinteren Räume.

 

Bald darauf kam sie mit Koichi zusammen zurück. Zuerst schien alles ganz normal, wie immer, aber als ich meinen besten Freund genauer ansah, fiel mir auf, dass er müde wirkte, und irgendwie ein bisschen durcheinander. So, als hätte er nachts nicht allzu gut geschlafen.

„Hey, ihr Süßen“, sagte er und umarmte erst mich, dann Meto. „Kommt ihr mich besuchen?“

„Wir waren gerade in der Stadt, Handy kaufen, und da dachte ich, wenn wir schon mal unterwegs sind, können wir auch zu dir gehen“, antwortete ich.

„Das ist aber lieb von euch.“ Koichi lächelte, das übliche süße Koichi-Lächeln, und deutete auf einen Tisch in einer Ecke des Raumes. „Setzt euch doch da hin. Was wollt ihr denn trinken?“

 

Ich überlegte einen Moment. Kaffee war zum Mittag wohl nicht das richtige und für etwas Alkoholisches wie Bier war es definitiv noch zu früh. Im Tempel war es üblich gewesen, zum Mittag kalten Tee zu trinken, aber das hatte mir nicht wirklich gut gefallen.

Während Meto sich schneller entschieden hatte und einfach eine Cola bestellte, kam ich zu keinem Schluss und fast schon wieder ins Denken. Schließlich beschloss ich, ebenfalls eine Cola zu nehmen, einfach weil mir nichts anderes einfiel.

Wir setzten uns an den Tisch und Koichi ging die Cokes holen. Auf einmal war das laute Klirren von zerbrechendem Glas zu hören und ich hörte meinen besten Freund fluchen.

„Was ist?“, rief ich.

„Mir ist das Glas runtergefallen. Zum Glück war’s noch leer“, antwortete Koichi. „Ich kehr das eben zusammen, dann komm ich wieder zu euch.“

 

Als er dann mit zwei Gläsern Cola an unseren Tisch kam und sie uns hinstellte, fiel mir auf, dass er seltsam unkonzentriert wirkte. Ich fragte mich, ob er okay war, und kam dann mit den Gedanken auf die Bitte, die ich ihm gestellt hatte, diese eine Sache für mich zu recherchieren. Hatte er dabei vielleicht wirklich herausgefunden, was mit mir los war, und stand deshalb jetzt ein wenig neben sich? Oder war da irgendwas anderes aus seinem Privatleben, etwas, was nichts mit mir zu tun hatte?

 

„Na, Tsu, wie geht’s dir?“, fragte er in diesem Moment.

„Okay“, antwortete ich. „Mir geht’s gut.“

„Du, ich hab deine Sache da gesucht. Aber ich hab nicht wirklich was Brauchbares gefunden“, sagte Koichi leise.

Sofort sah Meto ihn fragend an und ich erklärte schnell mit abgesenkter Stimme: „Ich hab Koichi gebeten, nachzuschauen, ob mein … Machtding, … ob das ‘nen Namen hat.“

„Tsu …“, sagte Meto leise und sah mich besorgt an. „Wieso willst du so was wissen?“

„Ich will, dass das nicht noch mal vorkommt“, flüsterte ich. „Ko, was hast du denn gefunden?“

„Wie gesagt, nicht viel. Es gibt eine Menge Vermutungen und ratlose Fälle, da war vor allem zu lesen, dass das echt viele, viele Ursachen haben kann. Tsuzuku, ich finde einfach, du solltest dir da nicht so viele Gedanken drum machen. Vielleicht ist das einfach ein Charakterzug von dir, so wie du eben bist, das muss keine Störung sein.“

 

Beinahe schon lag sie mir auf der Zunge, die Frage, ob er bei diesen Vermutungen auch über das Wort ‚Borderline‘ gestolpert war. Einen Moment lang war ich kurz davor, mein Schweigen zu brechen und zu sagen, was los war, welche große Angst ich hatte und dass dieses Wort mir die Luft zu Atmen nahm. Doch ich konnte es nicht, darüber sprechen. Es ging einfach nicht. Es gab zu viele Dinge, die dann drohten zu zerbrechen.

 

Koichi wechselte das Thema, fragte danach, was wir essen wollten. Meto bestellte ein Omelett und ich nahm, ohne weiter nachzudenken, einfach dasselbe.

Und während wir dann darauf warteten, setzte Koichi sich zu uns und fragte nach dem Handy. Ich zeigte es ihm und er meinte, dass es zu mir passte. Und zum ersten Mal hatte ich irgendwie das Gefühl, dass Koichi etwas zu verdrängen versuchte. Irgendwas stimmte bei ihm nicht, er war nicht so offenherzig fröhlich wie sonst.

„Kocha?“, sprach ich ihn ohne nachzudenken an, „Hast du gut geschlafen? Du siehst irgendwie … müde aus.“

Er sah mich ertappt an, verwundert darüber, dass mal ich ihn nach seinem Befinden fragte und nicht umgekehrt. „Nein, ehrlich gesagt hab ich … ziemlich schlecht geschlafen. Hab komisches Zeug geträumt und bin mitten in der Nacht aufgewacht.“

Oh, das kam mir bekannt vor. Sehr bekannt.

„Hast du das öfter?“, fragte ich.

„Nein, eigentlich nicht. Ich weiß auch nicht, was das soll.“

 

Er wirkte auf einmal sehr nachdenklich und ich dachte zum ersten Mal daran, dass ich ihm bisher in unserer Freundschaft noch so gut wie nichts geholfen hatte, während er doch immer für mich da war.

„Koichi, wenn mal irgendwas ist, wenn du mal was hast, dann kannst du auch zu mir kommen“, sagte ich. „Vielleicht kann ich dir auch mal was helfen, nicht immer nur du mir.“

Koichi lächelte, offen und ehrlich. „Danke, Tsu. Bist ein Schatz.“

Dann ging er die Omeletts holen.

 

Beim Essen bekam ich, wie so oft, nicht wirklich viel runter. Etwas schien mir von innen den Hals zuzudrücken und dass ich genau wusste, was es war, machte es nicht besser. Ich wusste, das konnte nicht lange so weiter gehen. Irgendwann würde ich darüber sprechen müssen. Gab es denn nicht irgendeine Möglichkeit, den Schaden, der dabei entstehen würde, so gering wie möglich zu halten? Es ging ja nicht nur um mich, sondern auch um Meto und Koichi, um jeden, der mich kannte, und auch um Mama. Ich wollte das Versprechen, das ich ihr gegeben hatte, auf keinen Fall brechen, doch ich fürchtete, dass genau das passieren würde, wenn ich anfing, über Borderline zu sprechen.

Allein, dieses Wort zu denken, löste Druck in mir aus, und dieser Druck war der Anfang. Er war verbunden mit dem Drang, zu erbrechen oder mich zu verletzen, die beiden Dinge, von denen ich unbedingt weg wollte.

Ich spürte ein Stechen in der Brust, fuhr unwillkürlich mit der Hand darüber, und das blieb nicht unbemerkt.

 

„Tsuzuku?“ Meto sah mich besorgt an. „Alles okay?“

Ich blinzelte, schluckte und log. „Ja, alles gut.“

Mein Liebster schaute mich eine Weile einfach an, dann sagte er leise: „Heute Abend … versuchen wir’s nochmal.“

Ich brauchte einen Moment, bis ich wieder so weit im Hier und Jetzt war, dass ich wusste, was er meinte. Mein Herz machte einen kleinen Satz vor Freude und ich streckte meine Hand über den Tisch aus, nahm Metos und drückte sie. Sein zufriedenes Lächeln ließ mich verstehen, dass er mich von meinen anscheinend sichtbar dunklen Gedanken ablenken wollte, und da er ziemlich genau wusste, wie mein rettungslos verliebtes Hirn tickte, gelang es ihm auch.

Man hätte sagen können, dass ich zurzeit zwischen verzweifelter Angst und verliebter Lust schwankte, das traf es ziemlich genau. Angst davor, unheilbar gestört und krank zu sein, und Lust an meinem Schatz, dem liebsten, süßesten jungen Mann auf der ganzen Welt.

 

Als wir uns von Koichi wieder verabschiedet hatten und das Café verließen, fühlte ich mich einigermaßen ausgeglichen und entspannt. Es war inzwischen halb drei und ich zählte die Stunden bis heute Abend. Jedenfalls so lange, bis mir das Hausgemeinschaftstreffen um sechs wieder einfiel. Aber das verdrängte ich. Der Tag heute war sowieso schon ein erstklassiges Beispiel meiner Stimmungsschwankungen, da musste ich nicht auch noch selbst was dazu beitragen.

 

Zurück in unserer Wohnung blieb, in Ermangelung eines funktionierenden Fernsehprogrammes, nur die Wahl zwischen DVDs und Spielekonsole, wobei wir uns schließlich für ersteres entschieden und einen Actionfilm aus Metos umfangreicher Filmsammlung ansahen.

Danach stellten wir zusammen mein Handy ein und Meto gab mir neben seiner eigenen Nummer und Manamis auch gleich die von Koichi. Dann gingen wir noch mal raus, zum Conbini, und ich kaufte die erste Aufladung, bestand darauf, sie selbst zu bezahlen.

 

Es wurde sehr viel schneller sechs Uhr abends, als mir lieb war. Und sobald mir das bewusst wurde, kam die Angst wieder. Die Angst, es zu verbocken, vielleicht die Wohnung wieder zu verlieren oder dass uns die Leute hier das Leben schwer machten. Dass sie mich verurteilten, für mein Äußeres, meine sexuelle Orientierung, meine Vergangenheit. Und auch, dass sie Meto schlecht behandelten.

 

„Komm, Tsu“, sagte Meto, stand auf und hielt mir die Hand hin. „Wir gehen da zusammen hin. Du musst keine Angst haben, ich bin bei dir.“

Ich erhob mich langsam, nahm seine Hand, er zog mich ganz hoch und drückte mir einen kurzen, liebevollen Kuss auf die Lippen.

„Wenn die uns rauswerfen wollen, ziehen wir halt zu mir zurück. Meine Eltern hätten da nichts dagegen. Wir sind sicher“, fügte er hinzu, hielt weiter meine Hand und wir gingen so aus der Wohnung in Richtung des Raumes im Keller, von dem wir vermuteten, dass dort das Treffen stattfand.

 

Schon auf der Treppe hörten wir von dort Stimmen reden. Mein Herz klopfte schneller vor Angst und mir wurde zum ersten Mal so richtig klar, dass ich wirklich ein Problem mit Menschen hatte. Wurde mir das nur deshalb so deutlich, weil ich mich jetzt selbst diagnostizierte, oder hätte diese Situation auch normalen, gesunden Menschen Angst gemacht? Ich wusste es nicht, aber dass ich daran dachte, krank zu sein, machte meine Angst schlimmer. Meto bemerkte das irgendwie und drückte meine Hand.

 

Wir waren früh dran, zum Glück, und die Frau von heute Morgen war noch nicht da. Der Raum war relativ groß, mit Fotos von irgendwelchen Feiern an den Wänden und einem großen Tisch mit Stühlen darum. Ich fühlte mich seltsam, hatte einerseits immer noch Angst, doch auf der anderen Seite war ich auch ein bisschen neugierig, wer noch alles hier lebte und wer unsere Nachbarn waren. Schließlich wollte ich die nächsten Jahre hier wohnen, in diesem Haus, da war es doch gut, wenn wir ein bisschen Anschluss fanden.

 

Die Leute, die schon da waren, ein junges Mädchen mit ihrer Mutter und ein älterer Herr, sahen mich und Meto aufmerksam an, als wir uns setzten. Ich grüßte kurz, Meto nickte nur, und ich hoffte, dass wir jetzt nicht schon den ersten Eindruck verbockt hatten. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn wir den Leuten einfach egal gewesen wären. Sie sollten uns in Ruhe in unserer Wohnung leben lassen, egal wie wir waren.

 

Das junge Mädchen lächelte leicht und ich hatte das Gefühl, dass sie mich ein bisschen interessant fand. Vielleicht war sie eine von den Mädchen, die Visual Kei und dergleichen mochten und vielleicht fand sie mein Make-up ja ansprechend. Ich lächelte ein wenig zurück, woraufhin sie sich vorbeugte, mich direkt ansah und dann fragte: „Hey, ihr seid die Neuen im Haus, oder?“

Ich nickte. „Ja.“

„Ich wohne in der Wohnung gegenüber von eurer. Mein Name ist Yamada Akko.“

Ich stellte Meto und mich mit unseren Taufnamen vor und fügte unsere Pseudonyme hinzu. Als Akko Meto fragend ansah, erklärte ich ihr, dass er Probleme mit dem Sprechen hatte, und sie nahm das mit sehr viel mehr Verständnis auf, als ich gedacht hatte.

 

Nach und nach kamen immer mehr Leute, der Raum füllte sich und auch die streng wirkende Frau von heute Morgen war dabei. Sie tuschelte mit einer anderen, jüngeren, die Meto und mich daraufhin abschätzig musterte.

Doch es schienen nur diese beiden zu sein, die ein Problem mit uns hatten. Denn als ich die anderen ansah, schienen die uns zwar natürlich als die Neuen zu registrieren, doch in ihren Gesichtern sah ich kaum Ablehnung. Vielleicht waren es ja wirklich nur die beiden, die was gegen uns hatten, und die anderen würden uns ganz normal aufnehmen. Ich hoffte, dass ich mich umsonst verrückt gemacht hatte und alles schon irgendwie gehen würde. Tief durchatmend, versuchte ich, mich zu beruhigen, auch damit ich, falls es Schwierigkeiten gab, richtig reagieren konnte.

 

„Was sagt eigentlich der Hausverwalter dazu?“, hörte ich in dem Moment die eine, jüngere Frau zu der Älteren fragen.

„Der scheint ja“, die Ältere warf einen Blick in unsere Richtung, „kein Problem damit zu haben, dass neuerdings jeder hier einziehen darf.“

Ich hatte den Verwalter des Hauses nur einmal gesehen, bei der ersten Besichtigung. Da hatte Koichi aber schon alles ausgehandelt und anscheinend hatte er das irgendwie geregelt. Jedenfalls hatte der Verwalter bei dem Treffen damals kein Wort zum Thema Homosexualität gesagt und uns einwandfrei freundlich behandelt.

 

Ich sah zu Akko, die anscheinend dem Gespräch der beiden Frauen zuhörte, denn sie sah von ihnen zu uns und flüsterte dann über den Tisch zu mir: „Seid ihr zusammen, ihr beiden?“

Ich beschloss, ehrlich zu sein, einfach weil ich nicht anders konnte, und nickte.

Akko lächelte. Dann warf sie einen Seitenblick auf die ältere Frau und flüsterte: „Yamaguchi-san stellt sich wegen solcher Sachen immer unheimlich an. Beachte sie nicht weiter, sie spielt sich auf, hat aber im Grunde nichts zu sagen.“

 

Das Treffen begann kurz darauf damit, dass Frau Yamaguchi aufstand und die, wie sie sagte, Tagesordnung, vorlas. Dann wurde darüber gesprochen. Es ging um lauter Kleinigkeiten, Dinge, von denen ich mich nicht angesprochen fühlte. Meto saß stumm und teilnahmslos neben mir, streichelte aber unter dem Tisch meine Hand, und ich spürte, dass er genauso aufgeregt war wie ich.

 

Irgendwann schreckte ich davon auf, dass ich meinen Nachnamen hörte und spürte, wie mich mit einem Mal alle im Raum befindlichen Menschen anstarrten. Ich war froh, einen langärmligen Pullover zu tragen, sodass meine vielen Tätowierungen und das Implantat nicht zu sehen waren.

„… und neuerdings haben wir mit ihm und seinem Freund ein homosexuelles Paar in unserem Haus. Ich weiß nicht, wie die Hausverwaltung genau darüber denkt, aber …“, sagte Frau Yamaguchi und sah erwartungsvoll in die Runde, „… ich frage mich, ob das nicht dem Ruf unserer Hausgemeinschaft schadet …“

Das waren die Worte, die ich befürchtet hatte. Dem Ruf schaden. Es tat sehr viel mehr weh, als ich gedacht hatte. Ich fühlte mich verletzt, unter Druck gesetzt, ausgeschlossen.

Ich sah Akko mit ihrer Mutter flüstern, hörte die anderen murmeln und wagte nicht, genauer hinzuhören. Meine Hände zitterten und mein Herz raste. Ich stellte mir vor, wie sie uns anwiesen, wieder auszuziehen, nur weil es ihnen nicht passte, dass wir waren, wie wir nun mal waren. Und es kostete mich meine ganze Kraft, nicht aufzuspringen und hinauszurennen, zu verschwinden.

 

„Aoba-san?“, riss mich Akko aus meinen schmerzhaften Gedanken, „Alles okay?“

Verdammt, anscheinend war mir anzusehen, dass ich verletzt war. Ich war einfach überhaupt nicht gut darin, meine Gefühle zu verbergen.

Als ich nicht antwortete, wechselte Akko wieder mit ihrer Mutter ein paar Worte, dann standen beide auf, sodass sie Frau Yamaguchi gegenüber standen.

„Wir sehen da kein Problem“, sagte Akko laut. „Die beiden sind doch ein Paar wie jedes andere auch.“

„Wo denn bitte? Zwei Männer, dazu noch tätowiert, wo ist das normal?!“, fragte die jüngere Frau, mit der Frau Yamaguchi vorhin gesprochen hatte. Ich spürte ihren abfälligen Blick auf dem Tattoo an meinem Hals, das sich nicht verdecken ließ, und es war das erste Mal seit Mamas Tod, dass ich mich selbst für mein selbstgewähltes Äußeres plötzlich hasste.

„Und Sie? Ist das normal, so unhöflich zu neuen Bewohnern eines Hauses zu sein?“, hörte ich Akkos Mutter laut sagen. „Wenn der Verwalter kein Problem damit hat, sollten wir keines daraus machen.“

 

Ich wusste, entweder würde ich gleich aufspringen und verschwinden, oder ich würde wütend werden, herumschreien, mich aufregen und dann die Tür knallend hinausrennen. In mir baute sich ein unheilvoller Druck auf, der immer weiter stieg, je mehr die Leute über meinen Kopf und den meines Freundes hinweg diskutierten, ob wir nun normal und in Ordnung waren oder nicht.

 

Und irgendwann, da platzte es einfach. Ehe ich mich hätte aufhalten können, stand ich mit einem Ruck auf, hörte meinen Stuhl klappernd nach hinten umfallen, und spürte sofort wieder alle Blicke auf mir. Ich stützte meine Hände auf den Tisch, blickte nach unten, konnte niemanden ansehen.

„Lasst uns doch alle einfach in Ruhe!! Ihr habt keine Ahnung! Von gar nichts! Ihr wisst nicht, wie das ist, wenn man von der Straße kommt und dann wieder ein normales Leben will! Ein normales Leben, versteht ihr?! Nein, wahrscheinlich versteht ihr’s nicht! Ich will nichts, gar nichts weiter, als mit meinem Freund in dieser Wohnung zu leben und ein bisschen glücklich zu werden! Nur ein glückliches, normales Leben!!“ Meine Stimme brach zusammen, ich spürte heiße Tränen in meinen Augen, drehte mich um und lief raus, weg, nur weg. Sofort hörte ich Meto aufspringen und mir nachlaufen, weit kam ich nicht, brach auf der Treppe weinend zusammen.

 

„Tsuzuku …“ Meto setzte sich neben mich und zog mich einfach in seine Arme.

Er hielt mich, bis ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte, dann sagte er leise: „Zumindest haben wir’s klargestellt.“

„Ich hab’s verbockt …“, schluchzte ich. „Jetzt können wir bestimmt gleich wieder ausziehen.“

„Quatsch. Der Verwalter hat gesagt, wir können hier wohnen, also kann uns kein anderer rauswerfen.“

Ich hörte Schritte von unten und einen Moment später kam Akko um die Ecke. Sie sah ziemlich betreten aus, als ob es sie selbst mitnahm, dass ich mich so aufgeregt hatte.

„Hey …“, sagte sie. „Tut mir leid, das eben. Die stellen sich halt an, die Leute. Eigentlich ist nur die Yamaguchi so … altmodisch, aber die reißt die anderen immer irgendwie so mit. Ihr müsst euch keine Sorgen machen, da hat der Verwalter das letzte Wort und der ist total okay.“

 

„… Sie… uns aber… das Leben hier… schwer machen, …oder?“, fragte Meto leise.

Akko sah zu Boden und erwiderte, ebenso leise: „Vielleicht. Aber ihr dürft euch von so was nicht unterkriegen lassen. Ihr habt fast alle hier auf eurer Seite, wenn die sich erst mal an euch gewöhnt haben. Den meisten hier müsst ihr einfach nur beweisen, dass ihr eigentlich ein ganz normales Paar seid und keine Schwierigkeiten macht.“

Ich sagte nicht, dass wir das nicht waren, dass ich alles andere als normal war, und dass ich früher dort, wo ich mit Mama gewohnt hatte, öfter mal Schwierigkeiten mit den Nachbarn gehabt hatte. Weil ich irgendwo hoffte, dass ich mich geändert hatte und dass das hier nicht vorkommen würde.

 

„Wollt ihr wieder mit rein, oder geht ihr jetzt in eure Wohnung zurück?“, fragte Akko dann.

Meto sah mich fragend an, ich musste einen Moment nachdenken und abwägen, und entschied mich dann dafür, denjenigen Leuten, die sich vielleicht entschuldigen wollten, eine Chance zu geben.

Mit einem Ruck stand ich auf und ging die Treppe wieder hinunter. Meto nahm meine Hand, als wir den Raum wieder betraten, und ich versuchte, ganz aufrecht und gefasst zu wirken.

Einen Moment lang war es ganz still, diese betretene, unangenehme Stille.

„Wir … möchten uns gern entschuldigen“, begann eine etwa vierzig Jahre alte Frau schließlich und sah dabei auch ehrlich betroffen aus. „Selbstverständlich haben wir, wenn der Verwalter entschieden hat, nichts dagegen einzuwenden, dass Sie beide hier leben.“

Ich sah vorsichtig zu Frau Yamaguchi, die ziemlich beleidigt aussah. Da würde noch was nachkommen, das wusste ich, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich damit zurechtkommen sollte.

„Wir werden uns Mühe geben, nicht schlecht aufzufallen“, sagte ich mit halbwegs fester Stimme zu den anderen. Akko lächelte mich an. „Und falls doch mal irgendwas passieren sollte …“, fügte ich hinzu, „… dann möchte ich mich jetzt schon dafür entschuldigen.“

„Angenommen“, sagte Akko. „Und jetzt noch einen schönen Abend euch beiden.“

 

Ich verbeugte mich, Meto tat es ebenfalls, dann gingen wir aus dem Raum, die Treppe wieder hoch, zurück in unsere Wohnung. Ich war völlig fertig, doch gleichzeitig so aufgewühlt, dass ich jetzt unmöglich schon schlafen gehen konnte.

Und Meto schien ebenfalls noch nicht ans Schlafen gehen zu denken. Stattdessen holte er eine der Tiefkühlpackungen aus dem Eisfach des Kühlschranks, packte sie aus, machte den Backofen an und schob den Inhalt der Packung, zwei Stücke panierten Fisch, hinein. Ich hatte überhaupt keinen Appetit, doch mein knurrender Magen verriet, dass ich sehr wohl hungrig war. Schließlich hatte ich heute nicht mehr als Kaffee, ein bisschen Omelett, Cola und ein paar Kekse beim Film schauen zu mir genommen.

 

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Besserung meines Essverhaltens in letzter Zeit stagnierte. Ich brach zwar nicht, aber ich aß auch nicht so gut, wie ich sollte und wollte. Ich erinnerte mich daran, wie ich damals auf der kleinen Reise mit Meto zusammen begonnen hatte, mich wirklich mit meiner Essstörung auseinander zu setzen, daran, dass ich richtige Aufbruchsstimmung verspürt und geglaubt hatte, dass es aufwärts ging mit mir. Aber anscheinend war es längst nicht so einfach und dass ich gerade nicht wirklich vorankam, gehörte wohl auch dazu.

 

Während wir darauf warteten, dass der Fisch fertig wurde, holte Meto sich eins seiner Bücher aus dem Wohnzimmer, einen Roman, den ich auch schon mal angelesen, aber nicht die Geduld gehabt hatte, ihn zuende zu lesen. Ab und zu las er mir eine Stelle daraus vor und ich stellte fest, dass die Geschichte, die dort erzählt wurde, Ähnlichkeiten mit unserem Leben hier hatte.

Ich hatte meistens nicht die Geduld und Lust, die man zum Lesen brauchte, deshalb kam es selten vor, dass ich selbst ein Buch zur Hand nahm. Ganz im Gegensatz zu meinem Freund, der sich, vielleicht wegen seines Sprachfehlers, gerne mal mit einem Buch in eine ruhige Ecke zurückzog.

„Geht die Geschichte gut aus?“, fragte ich irgendwann.

„Weiß ich nicht. Ich hab’s noch nie ganz durchgelesen“, antwortete Meto.

 

Als der Fisch fertig war, aßen wir erst einmal und ich schaffte es überraschenderweise sogar, mein Stück ganz aufzuessen. Vielleicht half es, wenn ich mir öfter bewusst machte, dass ich mir ja fest vorgenommen hatte, gesund zu werden und nicht aufzugeben. Ich hatte Mamas Geist versprochen, mir alle Mühe zu geben, glücklich zu werden, und dieses Versprechen war mir heilig, auch, wenn es mir im Moment schwer fiel, es zu halten.

 

Nach dem Essen ging ich ins Bad und schminkte mich ab. Während ich die Kontaktlinsen herausnahm, die verschmierte dunkle Farbe von meinen Augen wegwischte und die Reste des Lippenstiftes entfernte, hatte ich das Gefühl, mich wieder in den Menschen zurück zu verwandeln, der ich heute Morgen, als der Tag so gut angefangen hatte, gewesen war. Eigentlich war heute nicht auffallend viel passiert, doch ich hatte das Gefühl, emotional überdurchschnittlich viel mitgemacht zu haben.

Ich kämmte das Haarspray aus meinen Haaren, nahm den Schmuck ab und zog dann den Pullover aus, weil mir irgendwie warm war.

 

Auf einmal stand Meto hinter mir, legte seine Arme um mich und schmiegte sich an meinen Rücken. Seine Hände auf meinem Oberkörper streichelten über den Stoff meines Tanktops, von meinem Bauch über mein Herz zu meiner Brust, wo seine Fingerspitzen, ganz kurz und vorsichtig, meine Nippel berührten. Diese kurze Berührung reichte aus, damit sich meine Atmung ein wenig beschleunigte, und ich seufzte leise.

Ich hörte Metos süßes, leises Lachen, fühlte mich fester von ihm umarmt, und dann war da seine warme Hand an meiner Hüfte, die unter mein Top schlüpfte und meine nackte Haut streichelnd berührte, weiterwanderte bis zum Nabel, wo seine Finger mit meinem Piercing spielten. Seine weichen Lippen tasteten über meinen Nacken, während seine Hand unter meinem Top nach oben wanderte, bis zu meinem Herzen, das von dieser liebevollen Behandlung schneller zu klopfen begonnen hatte.

„Dein Herz …“, sagte er, seine Stimme klang ganz weich und andächtig.

„Weißt du eigentlich, dass es nur für dich schlägt?“, fragte ich, wissend, wie kitschig das klang. Aber das war mir egal, ich sprach einfach das aus, was ich fühlte, und wenn es eben kitschig war.

 

Meto lachte wieder leise, ich drehte mich in seinen Armen zu ihm um und küsste ihn.

„Tsuzuku, du bist so süß“, sagte er, legte beide Hände an meine Brust und berührte wieder meine Nippel durch den Stoff, diesmal deutlich machend, welche Absichten er damit hatte. „Darf ich … dich verführen?“

„Du tust es ja schon“, erwiderte ich, denn das, was er mit mir machte, war nichts anderes, als mich langsam und liebevoll zu verführen und heiß zu machen.

Meto schob die Hände wieder unter mein Top und zog es mir mit einer einzigen, fließenden Bewegung über den Kopf, sodass ich es nur noch abstreifen und zu Boden fallen lassen musste. Kurz löste er sich von mir, um sein eigenes Oberteil ebenfalls auszuziehen, dann nahm er mich wieder in seine Arme und schmiegte sich an mich, lehnte seinen Kopf an meine Schulter.

 

„Weißt du …“, fragte er leise und seine Lippen streiften meinen Hals, „ …dass ich mich den ganzen Tag darauf gefreut habe?“

Eigentlich sah ich ja mehr mich selbst als jemanden, der so etwas sagte und empfand, aber anscheinend unterschätzte ich meinen Freund da ziemlich und er fühlte genauso wie ich. Es fiel mir seltsamerweise seit einer Weile ein wenig schwer, ihm zu glauben, dass er mich genauso begehrte wie ich ihn.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Sag’s mir.“

Meto sah mich ganz direkt an, nahm mein Gesicht in seine Hände und atmete einmal tief ein und aus, bevor er sprach: „Ich hab mich den ganzen Tag darauf gefreut, mit dir zu schlafen. Das von heute Morgen, das war so schön, und ich würde es jetzt gern fortsetzen.“ Ein feines, aber deutlich sichtbares Rot breitete sich auf seinen Wangen aus und ich spürte, dass es nicht ganz einfach für ihn war, so offen zu sprechen. Und irgendwie … fand ich das einfach wahnsinnig süß.

„Dann verführ mich“, sagte ich, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken. „Mach mich so heiß, dass ich nur noch an dich denke, an nichts anderes mehr.“

 

Meto ließ mir auch keine Zeit, im Nachhinein über meine Worte nachzudenken. Kaum hatte ich es ausgesprochen, waren da seine Finger an meinen Nippeln, seine Lippen an meinem Hals und seine Hüfte, die gegen meine drückte, wobei ich spürte, dass er schon ziemlich erregt war. Vorsichtig, um mir nicht weh zu tun, spielte er mit den Piercings, was in mir eine erste heiße Lustwelle auslöste und meine Atmung und meinen Herzschlag beschleunigte. Er wusste einfach ganz genau, womit er mich heiß machen konnte, und schien meine Lust auch zu genießen.

 

Ich schloss die Augen und spürte einen Moment später, wie Metos warmen Hände an mir herunter wanderten, bis zum Verschluss meiner Jeans, und diesen öffneten. Seine rechte Hand tauchte unter den Stoff in meine Shorts, berührte mein sich schon langsam härtendes Glied und begann, es zu streicheln, während er seine linke hinten in meine Hose schob und mich dort berührte.

Ich konnte nicht anders, als schon leise zu stöhnen, zu gut fühlte sich das an, was er mit mir machte.

Dass er offenbar Lust daran fand, die Initiative zu ergreifen, machte mich zusätzlich an und es gab mir Sicherheit, zu spüren, dass er mein Verlangen teilte und es nicht als bedrängend empfand.

 

„Komm, lass dich fallen, Tsu“, sprach Meto leise. „Du musst dir keine Sorgen machen. Es ist alles gut. Tu einfach das, wonach dir ist.“

„Was, wenn es wieder so endet wie vorgestern?“, fragte ich mit leiser Angst in der Stimme.

„Das wird es nicht. Ich bin nämlich so heiß auf dich, dass ich komplett entspannt bin.“ Mit diesen Worten ließ er seine Hand von meinem Hintern wieder nach oben und nach vorn wandern und berührte wiederum meine Nippel, diesmal jedoch um einiges mutiger und gezielter. Seine Finger spielten mit dem körperwarmen Metallring und als er schließlich daran zupfte, stöhnte ich laut auf und drängte mein Becken seiner noch immer in meiner Hose befindlichen Hand entgegen. Ich spürte süßesten, erregenden Schmerz an meinen Brustwarzen, ein mich wahnsinnig anmachendes Gefühl, das ich so wohl nur wegen der Piercings empfand.

 

„Darf ich … dich was fragen?“, fragte Meto, streichelte mich dabei weiter.

„Ja … klar.“

„Bist du wegen der Piercings da so empfindlich oder bist du deshalb da gepierct, weil du so sensibel bist?“

Ich lachte leise auf. Meto war nicht die erste Person, die mir diese Frage stellte. Eine meiner Freundinnen früher hatte, nachdem ich meine Brustwarzen hatte piercen lassen, genau dasselbe gefragt.

„Irgendwie beides“, antwortete ich. „Ich steh da schon immer drauf, aber seit ich die Piercings habe, ist das noch intensiver geworden.“

 

Meto lächelte, seine Hand in meinem Schritt griff ein wenig fester zu und die andere an meiner Brust rieb mit dem Daumen ganz gezielt über besagte erogene Knospen. Ich stöhnte wiederum, senkte dann leicht den Kopf, küsste seine Schulter, dort, wo das bunte Tattoo endete, legte meinen Arm um seine Taille und zog ihn an mich, was ihn leise seufzen ließ.

Wären wir jetzt schon im Schlafzimmer gewesen, hätte ich mich augenblicklich auf ihn gestürzt, doch so musste ich mich noch darauf beschränken, ihn nur anzufassen und von ihm angefasst zu werden.

 

Doch Meto gedachte das offenbar zu ändern.

„Ins Bett?“, fragte er und griff meine Hand.

Ich nickte, lächelte. „Ist sicher gemütlicher.“

Mein Liebster lachte leise, dann führte er mich über den Flur ins Schlafzimmer, wo er sich aufs Bett setzte und mich zu sich zog. Er ließ meine Hand los, legte beide Hände an meine Hüfte und schob meine Hose runter, mir deutlich zu verstehen gebend, was er wollte.

Und ich ließ es ihm, überließ ihm dieses Mal die Führung, auch weil ich mich nach dem, was letztes Mal passiert war, doch nicht so recht an meine eigene Lust und diesen Machtwunsch herantraute. Das hier sollte nicht so enden und ich gab mir alle Mühe, mich zurückzuhalten.

 

Ganz ausgezogen, legte ich mich schließlich aufs Bett und glaubte zuerst, dass Meto sich einfach ebenfalls ausziehen, neben mich legen, und mich weiter anfassen würde.

Doch er schien andere Pläne zu haben, denn er setzte sich, nachdem er sich ausgezogen hatte, wieder auf die Bettkante und sah mich erwartungsvoll an.

„Jetzt du“, sagte er schließlich. „Ich hab dich verwöhnt, jetzt du mich.“

Und da war sie wieder, meine Unsicherheit. Auf einmal hatte ich wieder Angst, dass meine Leidenschaft zu stark und meine Selbstkontrolle zu schwach war.

„Ich weiß nicht, ob ich … ob ich mich genug unter Kontrolle habe, um dich nicht zu überfallen.“

 

„Ach Tsu …“ Meto drehte sich ganz zu mir um und kam dann über das Bett auf mich zu gekrabbelt. Er kniete sich über meinen Bauch, drückte mich an den Schultern ins Kissen, sah mir in die Augen und sprach: „Warum geht das nicht in deinen Kopf rein, dass ich das will? Oder, besser gesagt, warum hast du dir das selbst ausgeredet? Vor dem Winter warst du da anders.“

„Wie … meinst du das?“ Ich drehte den Kopf zur Seite, wich seinem Blick aus.

Meto beugte sich vor, berührte mich am Kinn und drückte dort sanft aber bestimmt, bis ich ihn wieder ansehen musste. „Erinnerst du dich noch, als wir im Love-Hotel waren? Was du da gemacht hast?“

„Ja.“ Natürlich erinnerte ich mich daran. Damals hatte ich mir absolut keine Gedanken darum gemacht, ob ich Meto mit meiner Lust bedrängte oder nicht. Und mein Verhalten hatte sich seitdem eigentlich kaum verändert. Nur dachte ich jetzt anders über mich.

 

Dass er mich jetzt so bestimmend behandelte, machte mich irgendwie an, doch ich wagte nicht, das zu zeigen. Doch anscheinend bemerkte er es irgendwie.

„Weißt du, genau das meine ich. Seit vorgestern Abend scheinst du dich nicht mehr so recht zu trauen, mich richtig anzufassen. Du weißt doch eigentlich, dass ich drauf stehe, also, warum hast du Angst? Nur, weil es einmal schief gegangen ist?“

Ich konnte nicht antworten. Denn die Antwort wäre gewesen: ‚Ich hab Angst, dass ich mich nicht unter Kontrolle habe, dir wehtue und mir selbst endgültig beweise, dass ich völlig gestört bin. Mangelnde Selbstkontrolle ist anscheinend noch ein Anzeichen für Borderline.‘

 

Als ich nicht antwortete, stand Meto wieder auf, stieg vom Bett und holte Dinge aus meiner Nachttischschublade, legte die dann aufs Bett: Das schwarze Tuch, die Gleitmitteltube und die Schachtel mit den Kondomen.

Musste er noch deutlicher werden? Nein, eigentlich nicht. Ich wusste, was er wollte, und ich wollte es ja auch. Sehr sogar. Mein ganzer Körper schrie geradezu danach, mein Herz sehnte sich nach der vollkommenen Nähe meines Liebsten, doch etwas in meinem Kopf sagte Nein. In einem Versuch, dieses Etwas zu überwinden, richtete ich mich auf, griff nach Metos Hand und zog ihn zu mir.

„Hilf mir. Ich glaube, ich denke einfach zu viel. Verführ mich, mach mich so geil, dass ich nicht mehr denken kann!“

 

Meto lächelte, küsste mich und antwortete: „Sehr gern. Aber nur, wenn du dasselbe mit mir machst.“ Er legte sich neben mich und zog mich in seine Arme. Sein nackter Körper an meinem, seine Hände auf meiner Haut und seine Lippen, die immer wieder meine streiften, all das fühlte sich so gut an, dass meine Selbstkontrolle, mein Versuch zu beweisen, dass ich nicht gestört war, schmolz wie Schnee in der Sonne, und aufgestauter, heftiger Lust wich. Seltsam, so viel konnte sich da doch eigentlich in zwei Tagen gar nicht aufgestaut haben. Egal.

 

Ich drückte mich an Metos heißen Körper, barg mein Gesicht an seinem Hals, wo ich erst seinen Duft einatmete und dann an seiner Haut saugte, während meine Hände über seine Brust tasteten, bis sie seine noch weichen Nippel gefunden hatten, diese drückten und rieben, und ihm so ein lautes Stöhnen entlockten.

Überglücklich, dass ich meine Leidenschaft scheinbar bedingungslos wiederhatte, richtete ich mich halb auf, drückte Meto ins Kissen und machte mich mit dem Mund über seine Brust her, schmeckte die süße, zarte Haut seiner Brustwarzen und spürte, wie sie sich unter meinen Lippen härteten.

Zu spüren, wie er sich unter mir wand und meine Lust genoss, erregte mich noch mehr. Und als ich mich wieder aufrichtete und ihn ansah, wie er da vor mir lag, die Augen geschlossen, die vollen, weichen Lippen leicht geöffnet, mit diesem absolut süßen Rotschimmer auf den Wangen, lustgeröteten Nippeln, zuckender Bauchdecke und seinem bereits voll erigierten Glied, aus dessen ebenfalls geröteter Spitze schon der Lusttropfen austrat, da wäre von diesem Anblick am liebsten schon gekommen.

 

Anscheinend hatte er sich sehr danach gesehnt, es wieder mit mir zu tun, wenn er jetzt schon so erregt war. Innerlich lachte ich mich aus und nannte mich selbst einen Idioten, weil ich Meto, meinem festen Freund, der offenbar ebenso geil auf mich war, wie ich auf ihn, nicht zugetraut hatte, mich derartig zu begehren.

„Tsu…“, stöhnte er und hob sein Becken leicht an, gab mir deutlich zu verstehen, was er wollte. Ich kniete mich über seine Oberschenkel, er setzte sich auf und ich umfasste seine harte, heiße Erregung, was er mir augenblicklich nachmachte, mit dem Daumen meine Vorhaut zurückzog und über meine Eichel rieb. Laut aufstöhnend, drängte ich meine Körpermitte seiner Hand entgegen, spürte einen heißen Schwindel im Kopf und brauchte einen Moment, bis ich mich wieder soweit beisammen hatte, dass ich für ihn dasselbe tun konnte.

 

Eine Weile ging das so weiter, wir heizten uns gegenseitig immer mehr auf, doch auf einmal hielt Meto inne und schob meine Hand von sich weg.

„Wenn … du so … weiter machst, … komm ich gleich …“, keuchte er und ließ sich auf den Rücken sinken.

„Und was … möchtest du jetzt …?“, fragte ich, in meinem Kopf herrschte immer noch dieser hocherregte Schwindel und ich konnte tatsächlich nicht mehr wirklich denken. Ich fühlte mich wahnsinnig gut und alles, was heute gewesen war, schien ganz weit weg, unwichtig in diesem Moment, in dem es nur Meto, mich, unsere Liebe und unsere Lust aneinander gab.

 

Meto sah mich an, seine Augen schimmerten und seine vollen, gepiercten Lippen verzogen sich zu einem absolut süßen Lächeln. Er bewegte ein wenig seine Beine, um mir zu bedeuten, dass ich von ihnen runtergehen sollte, was ich sofort tat. Augenblicklich spreizte er die Beine, winkelte sie an und hob sein Becken so an, dass ich genau wusste, was er jetzt wollte.

Ich kniete mich dazwischen, griff nach der Gleitmitteltube, öffnete sie und tat mir etwas von ihrem Inhalt auf die Finger. Tastete nach seinem Eingang, schob meinen Finger vorsichtig hinein und berührte sein Inneres. Er hatte Recht gehabt, als er gesagt hatte, dass er vollkommen entspannt war, es ging ganz leicht und ich fand schnell die Stelle in ihm, die ihn vor Lust aufschreien ließ. Und auch, als ich langsam dazu überging, ihn zu dehnen, blieb er so, da war keine Spur von Anspannung zu bemerken, stattdessen stöhnte er lauter.

 

Vielleicht war die Verspannung von vorgestern Abend etwas gewesen, das nur ab und zu vorkam. Möglicherweise war Meto wegen des Umzuges noch zu aufgeregt gewesen oder hatte sonst irgendwas gehabt, was nichts mit mir zu tun hatte. In diesem Moment konnte ich das wirklich glauben und einfach genießen, dass es wieder klappte mit uns, dass ich gleich in ihn eindringen und ihm damit nur Lust schenken würde, keinen Schmerz.

 

Mein Blick wanderte über seinen nackten, bebenden Körper, den ich so absolut wunderschön fand, bis zu seinem Gesicht, auf das sich in diesem Moment Lust und beginnende Ekstase malten. Doch etwas fehlte da noch, etwas für meinen eigenen Genuss: Die Augenbinde.

„Meto?“, fragte ich, „Magst du dir die Augen selbst verbinden? Ich hab nur eine Hand frei.“

Er hob den Kopf, sah mich an und sagte, wieder mit diesem feinen, süßen Rotschimmer auf den Wangen: „Heute … will ich dich lieber sehen.“

Irgendwie fühlte sich das fast noch besser an, als wenn ich meinen Willen bekommen hätte. Der Gedanke, ihm in die Augen zu sehen, wenn ich in ihn eindrang, machte mich unheimlich an und ich umfasste wieder seine Erregung, um sie zu massieren und so seine und meine Lust weiter zu steigern. 

Mein Liebster stöhnte laut, drängte sich mir entgegen, schrie, als ich mit dem Finger in ihm wieder über diese heiße Stelle in seinem Innern strich und ihn weiter dehnte, und ich sah zu, wie er begann, sich selbst zu streicheln, seine eigenen Nippel drückte und seine Hand dann abwärts wandern ließ, bis sie die meine an seinem lustzuckenden Glied berührte. Irgendwie löste diese Berührung unserer Hände bei mir wildes Herzklopfen aus und ich spürte, wie meine eigene Körpermitte heißer und heißer wurde, sodass ich mich kaum noch zurückhalten konnte.

„Tsu…zuku …! Jetzt mach! Nimm mich …!“

Ich lächelte anzüglich, sah ihm einmal tief in die Augen und fragte, leicht keuchend: „Willst du … mich in dir haben …?“

Metos Antwort war ein tiefes, eindeutiges Stöhnen.

 

Beinahe hätte ich das Kondom vergessen, im letzten Moment dachte ich noch daran und beeilte mich damit. Ich nahm noch etwas Gleitmittel dazu, dachte, soweit mein hocherregt liebeskrankes Hirn dazu imstande war, daran, dass ich dieses Mal so lieb und vorsichtig wie möglich mit Meto sein wollte, dann zog ich sein Becken auf meine Oberschenkel und schob mich langsam in ihn. Sein glühheißes Inneres nahm mein Glied ganz leicht auf, er schrie nicht auf, sondern stöhnte ekstatisch, und ich fühlte mich vollkommen gut und sicher.

Mein Herz bebte vor Liebe und Erregung, hämmerte gegen meine Rippen, und ich legte, die Augen schließend, den Kopf in den Nacken, um auf dieses wahnsinnig schöne Gefühl irgendwie klarzukommen. Meine Augen fühlten sich seltsam heiß an, wie von Tränen, und ich verharrte einen Moment so, um sicher zu gehen, dass ich jetzt nicht vor Rührung zu weinen anfing.

 

Als ich mich wieder halbwegs gefangen hatte, beugte ich mich vor, stützte meine Hände links und rechts auf und sprach meinen Liebsten leise an: „Meto?“

Er hob den Kopf, stützte sich auf seine Unterarme, sodass sein Gesicht meinem näher kam und ich ihn küssen konnte. Er öffnete die Lippen und ließ mich ein, seine Zunge spielte mit meiner, fuhr in den Spalt und tauchte dann in meinen Mund, machte mir noch einmal deutlich, dass er mich genauso begehrte wie ich ihn. Einen Moment lang blieben wir so, dann löste ich den Kuss und sah Meto fest in die Augen. Diese wunderschönen, dunkelbraunen Augen, in denen ich hätte versinken können. Ich konnte nicht anders, als ihn wieder zu küssen.

„Wir sind eins“, flüsterte ich rau gegen seine Lippen und leckte zärtlich darüber. „Ich liebe dich.“

„Ich dich auch. Sehr …“, antwortete er. „Und jetzt … beweg dich bitte.“

 

Eine Aufforderung, der ich nur allzu gern nachkam. Meto ließ sich wieder ganz auf den Rücken sinken, krallte die Hände in die Matratze und drängte seinen Körper mir entgegen, wodurch ich mit einem Mal ganz tief in ihm war und fast schon automatisch leicht in ihn stieß.

Sofort hielt ich inne. ‚Bewegen‘ hatte er gesagt, nicht ‚stoßen‘. Ich versuchte, mich einerseits zu kontrollieren, um ihm nicht weh zu tun, und andererseits seiner Bitte nachzukommen, ihm wahnsinnige Lust zu bereiten und ihn meine Leidenschaft spüren zu lassen. Der Grat dazwischen war schmal und mein Körper bewegte sich wie von selbst, ließ sich kaum beherrschen.

‚Sanft sein‘, dachte ich, ‚Du willst dir doch nicht nachher wieder Vorwürfe machen. Sei so sanft, lieb und vorsichtig, wie du nur kannst.‘

 

Und so bewegte ich mich langsamer, genoss jede Sekunde, jede Reaktion meines Liebsten und das überwältigende Gefühl, eins mit ihm zu sein. Ihm schien das sehr zu gefallen, er stöhnte, flüsterte meinen Namen, sah mich ab und zu an und lächelte leicht, bevor er wieder stöhnte und den Kopf zur Seite warf. Eine seiner Hände löste sich wieder von der Matratze, suchte nach meiner und hielt sie fest. Und wieder löste das in mir starkes Herzklopfen aus.

 

„Du … musst nicht … so vorsichtig sein …“, flüsterte er, klang so, als ob die Sprache ihm gleich den Dienst versagen würde. „Halt dich … nicht zurück, … ich halte das … schon aus …“

„Bist du ganz sicher …?“, fragte ich atemlos.

Statt einer verbalen Antwort drängte Meto sich mir wieder entgegen, heftig, mit einem Verlangen, dass ich so von ihm kaum kannte (was auch immer mich dazu brachte, ihn da zu unterschätzen …).  

Und mehr als das brauchte es nicht, um meine Selbstkontrolle wieder einmal aufzulösen, meine Lust zu entfesseln und mich vollkommen verrückt zu machen.

Tief einatmend, zog ich mich ein Stück weit aus ihm zurück, verharrte einen Moment so und stieß dann in ihn, wobei mir einen Augenblick lang das Gefühl für oben und unten abhandenkam. Sofort verlangte es mich nach mehr, immer mehr, so sehr, dass ich mein eigenes heftiges Stöhnen nur am Rande mitbekam, während ich wieder und wieder zustieß.

 

Ich hörte ihn aufschreien, doch es klang so viel mehr nach Lust, denn nach Schmerz, und aufhalten konnte mich jetzt sowieso nichts mehr.

Meine Selbstkontrolle, ohnehin ja nicht besonders stark, hatte sich binnen Sekunden in Nichts aufgelöst, und darunter spürte ich Gefühle hochkommen, die ich eigentlich einzusperren versucht hatte. Da war dieses Machtgefühl, das erhebende Wissen, dass Meto jetzt zur mir gehörte, dass niemand mehr versuchte, ihn mir wegzunehmen. Dass er es mochte, wenn ich ihn meine Lust so deutlich spüren ließ, und dass mich das wahnsinnig geil machte. Und ein dunkles Verlangen danach, ihn zu erobern, mir zu Eigen zu machen und ihm mein Siegel aufzudrücken.

Ob das krank war, oder nicht, war mir in diesem Moment vollkommen egal, ich konnte nur noch, wenn man das denn überhaupt ‚denken‘ nennen konnte, daran denken, dass ich es wollte und dass ich absolut wahnsinnig, intensiv und besessen verliebt war.

 

Der Höhepunkt kam schneller, als es mir gefallen hätte, war kurz und heftig, ich spürte nichts als reine Lust und Hitze und verlor für einen kurzen Moment vollkommen die Kontrolle über mich.

Als sich mein Bewusstsein wieder zum Dienst meldete, lag ich vornübergebeugt auf Metos Körper und spürte seine Hand zwischen uns, er fasste sich selbst an, und erst, als er einen Moment später erbebte und gegen meinen Bauch kam, spürte ich, dass ich noch in ihm war.

Langsam und leicht zitternd, richtete ich mich wieder auf und zog mich vorsichtig aus ihm zurück, schob ihn dann, ebenso vorsichtig, sanft von mir und ließ mich, immer noch schwer atmend, neben ihn sinken, blickte hoch an die weiße Decke, eine ganze Weile blieben wir so liegen.

 

Langsam beruhigten sich meine Atmung und mein Herzschlag, ich kam wieder zu klarem Bewusstsein und damit kehrten auch die Gedanken und leisen Zweifel zurück. Ich selbst fühlte mich wahnsinnig gut, aber ob es Meto genauso ging, wusste ich nicht. Hoffentlich war ich am Schluss nicht doch zu heftig gewesen. Ich hatte so versucht, mich zu beherrschen, doch gegen diese beinahe schon wahnsinnige Lust war meine Selbstbeherrschung machtlos, zu gut, zu geil fühlte es sich an.

 

„Tsu … das war so schön …“, brach Meto schließlich die Stille, ich spürte seine Hand streichelnd an meinem Arm.

Ich wandte mich ihm zu, sah ihn an, hob die Hand und strich ihm die verschwitzten türkisblauen Haarsträhnen aus der Stirn. „War’s dir auch nicht zu heftig am Ende?“

Er schüttelte den Kopf und lächelte. „Nein, das war schön. Genau das, was ich wollte.“

Wieder fragte ich mich, wie ich so jemand Süßes wie ihn eigentlich verdient hatte. Wie konnte es sein, dass er so perfekt zu mir passte und mich Gestörten so sehr liebte? Mein Herz zitterte vor Liebe und den Nachwellen dessen, was wir gerade getan hatten, und auf einmal war mir nach Weinen zumute.

 

Ich rückte noch etwas näher zu ihm, nahm ihn in meine Arme und flüsterte mit zitternder Stimme: „Ich liebe dich, Meto. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr.“

Er schmiegte sich an mich, ganz süß und lieb, und ich fügte noch leiser hinzu: „Und wenn ich vielleicht mal ganz furchtbar zu dir bin, dann vergiss bitte nicht, dass du alles für mich bist. Du bist mein Leben.“

Meto lächelte, seine Hand streichelte meine Seite. „Das vergesse ich bestimmt nicht. Ich lieb dich doch auch.“

 

Und wieder war da so ein Moment, in dem ich über meine Angst und meine dunklen Gedanken hätte sprechen können. Ein paar Sekunden lang fühlte ich mich danach, alles auszupacken und zu sagen, was in mir los war. Doch ich ließ den Moment ungenutzt verstreichen, hatte das Gefühl, dass es nicht der richtige dafür war. Auch, wenn ich nicht wusste, wann denn dann der passende Augenblick war, um darüber zu sprechen, dass ich mich für völlig gestört hielt und Angst hatte, dass es schlimmer werden würde.

 

Meto zog mich eng an sich, seine Lippen streiften meine noch schweißfeuchte Haut, und er sagte ganz leise etwas, das wie „Du bist so schön warm, Tsu“ klang. Seine Stimme hörte sich schon ganz müde an, was angesichts dessen, was wir getan hatten, ja kein Wunder war, und bald darauf hörte ich seine gleichmäßigen, schlafenden Atemzüge.

 

Ich stand auf, warf das Kondom in den Mülleimer, griff dann nach der Taschentücher-Box auf meinem Nachttisch, zog ein paar heraus und befreite damit Meto und mich von den Spuren unserer Leidenschaft. Dann zog ich die Bettdecke hoch, kroch darunter, deckte uns beide zu und blieb noch eine Weile wach liegen, hielt ihn im Arm, während sich in meinem Kopf die Gedanken drehten. Irgendwann würde ich nicht mehr darüber schweigen können, das wusste ich, aber ich hatte Angst, damit dann alles kaputt zu machen. Doch andererseits … würde denn nicht auch dann alles zerbrechen, wenn ich weiter schwieg und mein Leid verheimlichte?

 

Je mehr es sich in meinem Kopf drehte, umso mehr furchtbare Gedanken kamen dazu. Nicht nur, dass ich möglicherweise mein Versprechen an Mama brechen würde, sondern auch, ob Meto denn überhaupt mit jemandem zusammen sein wollen würde, dessen Seele und Persönlichkeit den Stempel ‚Borderline‘ trug. Augenblicklich sprangen mir Tränen in die Augen, heftigste Verzweiflung durchfuhr mich und ich drückte mich enger an meinen tief und fest schlafenden Freund, hoffend, dass seine Nähe diesen unerträglichen Gedanken irgendwie vertreiben konnte.

Ich konnte ihm doch vertrauen, oder? Er würde mich nicht allein lassen, liebte mich doch so, wie ich war … oder nicht? Schließlich konnte ich seine Gedanken nicht lesen, wusste nur durch seine Worte und das, was er tat, wie er mich sah.

 

Als ich die ersten schweren Schluchzer spürte, löste ich mich von ihm, um ihn nicht zu wecken, drehte mich auf die andere Seite und vergrub mein Gesicht im Kissen. Schlang meine Arme um meinen Körper, mein Herz tat weh vor Angst, und weinte mich in den Schlaf.

 

„Piep-piep … piep-piep …“

Noch im Halbschlaf, streckte ich die Hand aus und versetzte meinem Wecker einen Schlag, damit er schwieg. Ich traf jedoch nicht, schlug ihn stattdessen vom Nachttisch, er fiel zu Boden, wo er unbeeindruckt weiterpiepte.

Ein müdes, leicht genervtes Brummen von Tsuzukus Betthälfte ließ mich mich umdrehen. Er war ganz unter der Decke vergraben, nur seine schwarzen Haare waren zu sehen.

„Mmeto … Mmach bidde den verdammten Wecker aus …“, brummte er verschlafen, ohne sich zu mir umzudrehen. 

Ich erhob mich halb, beugte mich dann runter vom Bett, angelte nach dem piependen Wecker und stellte ihn, diesmal erfolgreich, aus.

 

„Sieben Uhr“, informierte ich meinen Freund über die Uhrzeit, doch anstatt dass er unter der Decke rauskam und mir einen guten Morgen wünschte, kroch er nur tiefer darunter.

„Tsu?“, fragte ich verwundert. „Alles okay?“

Es dauerte ein paar Sekunden, zu lang für mein Gefühl, bis er antwortete: „Hab Kopfschmerzen.“

Kopfschmerzen? Woher das denn auf einmal? So, wie ich ihn kannte, kam so was eigentlich selten vor. Bauchschmerzen, das ja, aber Kopfweh war irgendwie ungewöhnlich.

Jedenfalls fiel mir bei dieser Frage ein, dass Tsuzuku heute um neun sein Vorstellungsgespräch bei dem Bodyart-Shop in der Innenstadt hatte. Hoffentlich ging das gut …

„Schatz, weißt du, was heute ist?“, fragte ich.

Es dauerte ziemlich genau drei Sekunden, bis Tsuzuku sich erinnerte und reagierte.

„Fuuuck!“ Mit einem Ruck war die Decke weg, er sprang auf und lief zum Schrank, griff sich wahllos Unterwäsche und verschwand im Richtung Bad. Kurz darauf hörte ich das Wasser in der Dusche rauschen.

 

Langsam stand ich ebenfalls auf, suchte mir Klamotten aus dem Schrank, zog mir aber erst einmal meinen Bademantel an und ging dann in die Küche, um schon mal Kaffee und Frühstück zu machen. Dabei spürte ich zwar ein wenig die Folgen des Aktes von gestern Abend, doch ich sah nicht ein, deswegen schon wieder im Bett zu bleiben, und ignorierte den leichten Schmerz.

 

Als das Wasserrauschen aufgehört hatte, ging ich ins Bad, da ich ebenfalls duschen wollte. Tsuzuku stand, halb angezogen, vor dem Spiegel und hatte meine Concealer-Dose in der Hand. Er sah müde aus, hatte leichte Schatten unter den Augen, fast so, als hätte er nachts lange geweint.

„Alles in Ordnung?“, fragte ich vorsichtig. „Hast du schlecht geschlafen?“

Er nickte und sah mich einen Moment lang an, mit einem Blick, den ich nicht so recht deuten konnte. War, nachdem ich gestern Abend eingeschlafen war, noch irgendwas gewesen? Hatte er sich etwa wieder Vorwürfe gemacht, und das, obwohl ich ihm diesmal mehr als deutlich zu verstehen gegeben hatte, was ich wollte und mochte? Das gestern Abend, das war doch schön gewesen und Tsuzuku hatte, als ich danach eingeschlafen war, auch glücklich gewirkt. Langsam verstand ich wirklich nicht mehr, was los war. Und ich wollte endlich wissen, worum es eigentlich ging.

 

Ich verschwand erst einmal unter die Dusche, Tsuzuku schminkte sich fertig, machte seine Haare und ging sich dann anziehen im Schlafzimmer, und als ich mich gewaschen, abgetrocknet und angezogen hatte, traf ich ihn in der Küche wieder. Er hatte sich richtig schön gemacht, trug Netzhemd, Lacklederjacke und Lackstoffhose, und einiges an Schmuck. Genau das richtige Outfit, um sich in einem Laden für Tattoos, Piercings und dergleichen zu bewerben.

„Du siehst schön aus“, sagte ich und lächelte.

„Danke.“

Jetzt wirkte er wieder ganz ausgeglichen, schien mit sich und seinem heutigen Vorhaben zufrieden zu sein und sich sogar auf das Vorstellungsgespräch zu freuen. Vielleicht hatte es ihm gutgetan, sich mal wieder richtig schön zu machen und so nach Visual Kei anzuziehen, und ich musste mir keine Sorgen mehr machen.

 

Wir frühstückten zusammen und Tsuzuku aß sogar etwas mehr als sonst morgens. Er hatte mir mal glaubhaft versichert, dass er auch früher schon jemand gewesen war, der morgens einfach nicht so viel Hunger hatte und dann nur mehr aß, wenn es ihm wirklich gut ging. Entweder spielte er mir jetzt sehr gekonnt gute Laune vor, oder ihm ging es wirklich wieder gut, wobei ich dazu tendierte, Zweiteres anzunehmen, da er einfach kein guter Lügner war.

 

„Tut’s noch weh?“, fragte er auf einmal, völlig aus dem Zusammenhang gerissen.

Ich musste tatsächlich kurz überlegen, was er meinte, schüttelte dann den Kopf und lächelte leicht.

„Die Schmerztabletten brauchst wohl eher du, oder sind deine Kopfschmerzen von vorhin schon wieder weg?“, fragte ich zurück.

„Geht schon.“

„Wirklich?“

„Ja. Alles gut. Ich hab nur schlecht geschlafen, daran lag‘s wahrscheinlich.“

 

Jetzt sah ich es ihm wirklich an, dass er log. Aber warum? Wieso konnte er mir nicht einfach sagen, was los war? Ich mochte gar nicht daran denken, dass er mir vielleicht nicht genug vertraute. Eigentlich standen wir uns doch so nah, dass es keine Geheimnisse zwischen uns geben sollte.

Aber vielleicht war jetzt auch einfach der falsche Moment, darüber zu sprechen. Tsuzuku hatte gleich sein Vorstellungsgespräch und musste sich sicher darauf konzentrieren, da war jetzt keine Zeit, tiefgrabende Gespräche zu führen.

Mir blieb nichts anderes übrig, als mir weiter Sorgen zu machen und zu warten, dass ein halbwegs passender Moment kam, in dem ich meinen Freund endlich darauf ansprechen konnte. Denn obwohl ich auch Angst davor hatte, ahnte ich, dass wir, wenn er weiter darüber schwieg, ein echtes Problem haben würden. Und davor hatte ich noch mehr Angst.

 

Nach dem Frühstück machte Tsuzuku sich alleine auf den Weg in die Innenstadt. Meinem Wissen nach wollte er sich vorher mit der Sozialarbeiterin vom Hikuyama-Tempel treffen und mit ihr zusammen zu dem Bodyart-Studio gehen, um sich da für eine Arbeitsstelle vorzustellen.

Das beruhigte mich ein bisschen, denn so musste er nicht allein da durch und ich hatte gestern beim Kauf des Handys schon bemerkt, dass er irgendwie Probleme damit hatte, solche Situationen alleine durchzustehen. Eigentlich seltsam, wo er doch sonst so selbstbewusst war.

 

Und zum ersten Mal fiel mir so richtig auf, dass mein Freund offenbar wirklich zwei Seiten hatte, einerseits so und andererseits ganz anders war, und das in mehrfacher Hinsicht. Ich setzte mich ins Wohnzimmer aufs Sofa und schaute aus dem Fenster, während ich mir weiter Gedanken machte, versuchend, Tsuzuku noch besser zu verstehen und vielleicht so selbst dahinter zu kommen, was mit ihm in letzter Zeit nicht stimmte.

Er schien ein großes Stück seines Selbstbewusstseins durch irgendetwas verloren zu haben, langsam, schleichend, und es dauerte lange, bis ich darauf kam, dass es möglicherweise an dem Tag im letzten Jahr begonnen hatte, als das mit der Frau bei ihm im Tempel passiert war. Ich wusste ihren Namen nicht mehr, aber was ich noch wusste, war, dass das, was sie getan hatte, Tsuzuku einen ziemlichen Schlag versetzt hatte. Auch, wenn er nicht viel darüber gesprochen hatte. Ich hatte einfach das Gefühl, dass es da begonnen hatte, und es war diese Art von Gefühl, die mich selten trog.

 

Da ich heute nichts weiter zu tun hatte, beschloss ich, dem Ganzen mal etwas genauer nachzugehen. Wenn Tsuzuku mir nicht sagen konnte oder wollte, was los war, musste ich es eben, so gut es ging, selbst herausfinden. Ich stand auf, packte meine Handtasche, schrieb für Tsu einen Zettel („Bin Mama und Papa besuchen.“) und verließ die Wohnung in Richtung Bahnhof, um in meine Heimatstadt zu fahren. Mein Ziel war der Tempel, vielleicht konnte ich dort mit jemandem sprechen, zum Beispiel mit Tsuzukus Zimmergenossen Komori, falls dieser noch dort war.

Im Zug kam mir kurz der Gedanke, dass es vielleicht nicht ganz richtig war, wenn ich meinem Freund sozusagen nachspionierte, doch ich rechtfertigte das vor mir selbst damit, dass ich mir Sorgen um ihn machte und ihm vielleicht helfen musste.

 

Ich ging direkt zum Tempel, die Frau am Eingangstresen kannte mich noch und ich fragte nach Frau Sato. Doch die war nicht da und ich erfuhr, dass ausgerechnet sie es war, die Tsu heute zu dem Vorstellungsgespräch begleitete. Und außerdem dürfe sowieso keiner hier mir Informationen geben, wegen der Schweigepflicht. Da nützte es auch nicht, dass ich sagte, dass ich Tsuzukus engste Bezugsperson war und er außer mir, meinen Eltern und Koichi niemanden hatte.

„Komori… noch da…?“, fragte ich schließlich.

„Ja, der ist noch hier“, sagte die Frau und erlaubte mir auch, zu dem Zimmer zu gehen, in dem Tsu mit ihm zusammen gewohnt hatte.

 

Komori saß auf dem Bett und rauchte, als ich die Tür öffnete und das Zimmer betrat.

„Na“, sagte er. „Wie geht’s Tsu?“

„Geht… so…“, antwortete ich. „Er… hat irgendwas… und ich weiß… nicht, was… Hat er… zu dir mal… irgendwas gesagt…?“

„Nein“, antwortete Komori. „Seit wann ist er denn schon so?“

„Ich glaube… das… ging schon los, als… als das mit… der Frau hier… passiert ist…, die sich verletzt hat. Seitdem… ist er… langsam… irgendwie… anders geworden…“

„Hitomi?“

Jetzt erinnerte ich mich wieder an den Namen und nickte.

Komori stand auf, drückte seine Zigarette in den Aschenbecher und sagte dann: „Mach mal die Tür zu. Ich glaube, ich weiß da was.“

Ich schloss die Schiebetür hinter mir und setzte mich auf das leere Bett, das zuvor für ein paar Monate Tsuzukus gewesen war.

 

Und dann erzählte Komori mir folgendes: In der Nacht damals war er vom Sirenengeheul aufgewacht und hatte gesehen, dass Tsuzukus Bett leer war. Er hatte jedoch nur angenommen, dass Tsu einfach nicht schlafen konnte und ein bisschen rausgegangen war, und gedacht, die Sirenen kämen von einem einfach vorbeifahrenden Krankenwagen. Deshalb war er nicht aufgestanden und hatte stattdessen gewartet, bis Tsuzuku wieder ins Zimmer kam. Als der dann wiederkam, bemerkte er offensichtlich gar nicht, dass Komori wach war. Doch dieser sah ihn, wie er schwankend hereinkam, die Tür hinter sich zuknallte, taumelnd ins Bett fiel und sich die Decke über den Kopf zog. Komori glaubte auch, unterdrücktes Weinen gehört zu haben, doch da war er sich nicht sicher.

Am nächsten Morgen fehlte Hitomi, und Komori erfuhr, dass sie sich beinahe umgebracht hatte. Er ging davon aus, dass Tsuzuku die daraus folgende Aufregung im Tempel nachts mitbekommen hatte und deshalb so geschockt gewesen war.

„… Aber irgendwie kam mir das so vor, als ob da noch mehr dahinter steckte“, schloss er und sah mich dann an.

 

Ich nickte. „Wo… ist Hitomi …jetzt?“, fragte ich.

„Sie ist nicht mehr hierher zurück gekommen, sondern gleich in die Psychiatrie. Ob sie da noch ist oder nicht, weiß ich nicht“, sagte Komori. „Sag mal, kannst du Tsuzuku ausrichten, dass ich in ein paar Tagen in meine neue Wohnung ziehe und dass er mich da mal besuchen soll? Er hat die Adresse schon.“

„M-hm“, machte ich, nicht wissend, wie ich Tsu überhaupt erklären sollte, dass ich Komori getroffen hatte. Wahrscheinlich musste ich lügen und sagen, dass ich ihm in der Stadt begegnet war oder so.

 

Ich verabschiedete mich wieder von Komori und machte mich auf den Weg zu meinem Elternhaus. Dabei kam ich, ohne dass ich es zuerst so recht bemerkte, durch ein Viertel, das mir erst, als ich an einem bestimmten Haus vorbeikam, Erinnerungen wieder wachrief, die ich bis jetzt ziemlich erfolgreich vergraben hatte. Es war die Gegend, in der MiA lebte, und ich blieb unwillkürlich stehen, als mein Blick im Vorbeigehen an dem Fenster im zweiten Stock hängen blieb, das zu seiner Wohnung gehörte. Hinter der Scheibe sah ich seine weiße, plüschige Katze sitzen und hinausschauen, und Sekunden später ertappte ich mich selbst dabei, wie ich ein wenig hoffte, dass er ebenfalls ans Fenster kam und mich sah. Es tat seltsamer- und glücklicherweise kaum weh, hier zu stehen und zu seiner Wohnung hochzuschauen. Doch es war definitiv besser, wenn ich jetzt schnell weiter ging, bevor er wirklich noch ans Fenster kam und mich bemerkte. Ich lächelte der Katze (Sawako hieß sie, oder?) ein wenig zu, dann ging ich weiter.

 

Als ich dann mein Elternhaus erreichte, fühlte sich das irgendwie merkwürdig an. Nicht schlecht, aber … seltsam eben. Ein bisschen so, als würde ich in ein Leben zurückgehen, das nicht mehr so sehr meines war, obwohl es ja gerade einmal ein paar Tage waren, die ich nicht mehr hier wohnte. Ich verstand jetzt, warum Tsuzuku nicht mehr in den Akutagawa-Park wollte.

„Yuu!“, begrüßte Mama mich strahlend an der Tür und umarmte mich.

„Hey, Mom.“

„Wie geht’s dir?“

„Okay“, antwortete ich, zog meine Schuhe aus und folgte Mama in die Küche.

 

„Und Genki? Geht es ihm besser?“

Ich setzte mich auf meinen alten Platz am Küchentisch und schüttelte den Kopf.

„Was ist denn los?“, fragte Mama, während sie zwei Teetassen aus dem Schrank holte.

„Weiß nicht. Er … hat irgendwas, aber er … will nicht mit mir … drüber reden.“

Mama gegenüber wurde es mit dem Sprechen auch immer besser. Seit wir uns wieder näher standen, stockte meine Sprache bei ihr nur noch ein wenig. Vielleicht, so vermutete ich, brauchte ich einfach viel Vertrauen, um richtig sprechen zu können.

„Was, warum denn nicht?“

„Ich hab … keine Ahnung. Ich mach mir … Sorgen um ihn, …aber er sagt immer nur ‚Alles okay‘ …und so was. Manchmal bin ich… ganz nah dran, aber er …blockt immer ab...“

Mama stellte mir eine der Tassen hin und begann, Tee zu machen.

„War er eigentlich mal beim Psychologen oder so?“, fragte sie.

„Im Tempel“, antwortete ich. „Aber … ich glaube nicht, … dass Tsu da wirklich … geredet hat.“

 

Erst jetzt wurde mir klar, dass ich gerade zum ersten Mal überhaupt darüber sprach, dass mein Freund offenbar ein schmerzhaftes Geheimnis vor mir hatte. Und wie große Sorgen ich mir tatsächlich um ihn machte. Ich hatte Angst, dass er das Vorstellungsgespräch, das in diesem Moment stattfand oder vielleicht schon vorbei war, nicht packte, und dass ihn das runterziehen würde. Runterziehen, das konnte in seinem Fall auch einen Rückfall bedeuten. Ich erinnerte mich noch allzu gut an die Anfangszeit unserer Freundschaft, als es ihm richtig, richtig schlecht gegangen war und ich unheimliche Angst um ihn gehabt hatte. Auf keinen Fall durfte er in diese alten Muster zurückfallen!

 

Dass ich kurz vorm Weinen war, merkte ich erst, als Mama mich auf einmal in den Arm nahm.

„Yuu“, sagte sie leise, und das reichte, damit mir die ersten Tränen über die Wangen liefen. „So schlimm, das alles?“

Ich nickte weinend, spürte erst jetzt so richtig, wie sehr mich die Sorge um Tsuzuku belastete und dass ich wieder Angst um ihn hatte. Warum war denn schon wieder alles so schwer? Warum sagte er mir nicht, was los war?! Es verletzte mich, dass er mir offenbar doch weniger vertraute, als ich gedacht hatte, oder mir nicht zutraute, mit seinem Problem klarzukommen. Wir hatten doch so viel zusammen durchgestanden!

„Ihr müsst miteinander reden“, sagte Mama, ließ mich los und sah mich an. „Sonst tut ihr euch gegenseitig immer mehr weh. Schau, wie sein Gespräch heute gelaufen ist, und dann, ob du heute Abend oder so mit ihm reden kannst.“

„Er wird… nur sagen, …dass ich mir …keine Sorgen machen… soll…“ Ich schniefte und fuhr mir mit der Hand über die Augen, was meinem Make-up natürlich den Rest gab. Irgendwie, so dachte ich, musste ich Tsuzuku doch zeigen und beweisen können, dass ich ihn über alles liebte und dass er mit mir über all das sprechen konnte, was in ihm vorging. Nur wie, das wusste ich nicht.

 

Ich blieb noch eine Weile, trank den Tee, den Mama mir einschenkte, und beruhigte mich wieder. Mein Make-up stellte ich in Mamas Badezimmer mit ihren Sachen wieder her. Dann wollte ich zurück in mein neues Zuhause, auch weil das Vorstellungsgespräch inzwischen vorbei und Tsuzuku eigentlich wieder zu Hause sein musste.

Und so verabschiedete ich mich wieder von Mama und versprach, demnächst mit Tsu zusammen wieder zu kommen.

Im Zug hörte ich Musik und versuchte, an nichts zu denken. Es half uns bestimmt nicht weiter, wenn ich jetzt auch noch Angst hatte und niedergeschlagen war. Stattdessen sollte ich, so wie immer, versuchen, meinen Freund so glücklich wie eben möglich zu machen.

 

Als ich unsere Wohnung wieder betrat, sah ich Tsuzuku umgezogen auf unserem Bett liegen, wieder in alltäglichen Kleidern. Er blickte an die Decke und sah ziemlich nachdenklich, fast traurig aus.

„Hey“, sagte ich leise, ging auf ihn zu und setzte mich auf die Bettkante.

Er hob den Kopf, sah mich an und augenblicklich hellte sich sein Gesichtsausdruck auf. „Meto! Ich hab den Job!“ Mit einem Ruck setzte er sich auf und ich umarmte ihn.

„Ich freu mich für dich“, sagte ich, küsste seine Wange, und er schmiegte sich an mich.

 

„Und wo warst du?“, fragte er dann und löste sich wieder von mir.

„Bei meiner Mama. Ich … wollte sie mal besuchen.“ Ich dachte an mein Treffen mit Komori und daran, dass ich Tsu etwas von ihm ausrichten sollte, und fügte hinzu: „Und ich hab Komori getroffen. Er sagt, er zieht bald in seine neue Wohnung und du sollst ihn besuchen.“

„Du warst im Tempel?“ Mein Freund sah mich verwundert an. „Warum das denn?“

Sollte ich lügen? Sagen, dass ich Komori zufällig in der Stadt getroffen hatte? Oder die Wahrheit sagen und damit möglicherweise bewirken, dass Tsuzuku erfuhr, dass ich ihm sozusagen nachspioniert hatte?

 

„Tsu, ich …“, begann ich zögernd.

„Was?“ Er sah mich an und ich glaubte, in seinem Blick zu erkennen, dass er ahnte, dass ich einen Fehler gemacht hatte.

„… Ich wollte …“, brachte ich langsam heraus, und dann ging es ganz schnell, die Worte sprudelten nur so aus mir heraus: „Ich mach mir Sorgen um dich! Deshalb war ich bei Komori. Weil ich dachte, dass er vielleicht ‘ne Ahnung hat, was mit dir los ist! Du bist irgendwie … anders, als ich dich kenne, und das macht mir Angst.“

Tsuzuku sah mich erschrocken an. Ich hatte ihn erwischt. War genau an den Punkt gekommen, den er vor mir zu verbergen versuchte.

 

„Wie … anders?“, fragte er mit zitternder Stimme.

Ich kannte kein Halten mehr. In meinem Kopf war ein Schalter umgesprungen und die Worte, die Angst und Sorge, all das kam hoch und raus. Ihm nicht in die Augen sehen könnend, blickte ich zu Boden, spürte wieder Tränen in meinen Augen und machte meiner Sorge Luft.  

„Tsuzuku, ich merk doch, dass du was hast! Du hast Angst vor irgendwas, und du versuchst, dich zu verstellen! Ich weiß kaum mehr, was in dir vorgeht, weil du nichts sagst, aber ich spüre, dass da was ist, was Großes, und dass du dich davor fürchtest! Und ich krieg Angst um dich, dass du rückfällig wirst und so was! Wieso sagst du mir nicht, was los ist?!“

 

„Meto …“, sagte er leise, ich sah aus dem Augenwinkel, dass er ebenfalls zu Boden blickte. „Meto, ich kann nicht. Ich kann nicht drüber reden. Mit niemandem. Du musst nicht denken, dass ich dir nicht vertraue und dir deshalb nichts sage, das ist es nicht, auf keinen Fall.“

„Sag mir wenigstens ungefähr, was es ist!“, wurde ich laut.

Jetzt konnte ich ihn auch wieder ansehen, sah die Verzweiflung in seinem Blick. Und er schüttelte den Kopf.

„Meto, bitte, lass uns ein anderes Mal darüber reden. Ich bin ziemlich erschöpft, dieses Vorstellungsgespräch war nicht so einfach für mich, und …“ Er schwieg einen Moment, sah mich lange an und fügte dann hinzu: „… Du hast Recht. Ich habe Angst. Und ich … spüre auch, dass ich wieder … unter Druck gerate.“

„Kann ich …“, fragte ich leise, „… irgendwas für dich tun?“

Tsuzuku hob die Hand, berührte meine Wange, streichelte mich und sagte: „Warte bitte … auf mich. Irgendwann kann ich dir sagen, was los ist. Ich muss nur erst mal selber damit klarkommen. Bis dahin … sei einfach meine Sonne, Meto. Das kannst du doch, oder?“

Ich nickte, versuchte auch, ein wenig zu lächeln. Tsu beugte sich vor, seine Hand wanderte in meinen Nacken und er küsste mich, ganz vorsichtig und sanft. Und irgendwie schaffte er es damit, dass ich mich beruhigte.

 

Tsuzuku stand auf, ging aus dem Zimmer auf den Flur, ich folgte ihm und sah, wie er seine Schuhe und die Jacke anzog.

„Wo … gehst du hin?“

„Die Straße runter ist dieses Sportstudio, da will ich mich anmelden. Ich ... brauche was, wo ich mich auspowern kann.“

 

Ich nickte nur, und ging dann, als er weg war, in die Küche, um so was wie ein Mittagessen für uns zu machen. Ich hatte Koichi neulich genau zugesehen und glaubte, dass ich es schon irgendwie hinbekommen würde, dass nicht alles anbrannte. Und wenn doch, dann waren da immer noch zwei Tiefkühlpizzen.

Und so machte ich mich ans Werk, versuchte mithilfe von Mamas Kochbuch, aus dem, was wir im Schrank hatten, ein schönes Essen zu zaubern, etwas, von dem Tsu gern essen würde. Irgendwann fing es sogar an, mir richtig Spaß zu machen. Es war gar nicht so kompliziert, wie ich gedacht hatte, und am Ende saß ich zufrieden am Tisch, auch wenn ich es nur zu Nudeln mit Soße gebracht hatte. Aber immerhin, es war essbar und schmeckte sogar gut.

 

Und als Tsuzuku dann nach einer ganzen Weile wiederkam, fragte er schon im Flur, was denn hier so gut roch.

„Ich hab gekocht“, antwortete ich, zugegebenermaßen ziemlich stolz auf mein Werk.

„Das ist gut, ich hab Hunger.“ Er setzte sich auf seinen Platz mir gegenüber und nahm sich eine Kelle voll Nudeln, dann Soße und ein bisschen Pfeffer.

Ich wunderte mich ein bisschen, wollte mir aber nicht andauernd Sorgen um ihn machen und sagte deshalb nichts, auch nicht, als er zu essen begann und das ziemlich gierig wirkte.

„Mmmh, das ist sehr gut“, sagte er zwischendurch und ich lächelte, aß ebenfalls und freute mich, dass es Tsuzuku offenbar gut ging, auch wenn ich nicht recht verstand, warum er jetzt auf einmal so gut drauf war.

 

„Hast du heute noch irgendwas vor?“, fragte er nach dem Essen.

„Nein, nicht wirklich. Wieso?“

„Weil ich gerne mit dir zum Strand gehen würde. Und danach vielleicht ins Schwimmbad hier, was meinst du?“

„Ja … Ja klar, gerne“, antwortete ich. „Aber wie kommst du darauf?“

„Ich hab jetzt ‘nen Job, das müssen wir doch feiern“, antwortete er lächelnd.

Vielleicht sollte ich mich gar nicht so viel fragen, was denn wohl die Gründe für Tsuzukus Launen waren, sondern mich einfach freuen, wenn es ihm gut ging, und mir nur dann Sorgen machen, wenn er wirklich ein Problem hatte.

 

Wir packten uns eine Tasche mit Badesachen, Handtüchern und so weiter, verließen die Wohnung und nahmen die Stadtbahn in Richtung Strand. Heute war es zwar kühl, windig und bewölkt, aber das machte mir wenig aus, solange es nur nicht regnete.

Das Meer hatte diese schöne, graublaue Farbe, da waren viele Wellen und die Möwen tanzten im Wind über dem Wasser, ich hörte ihre typischen Schreie und fühlte mich auf einmal richtig gut. Wir gingen runter auf den grauen Sand, blieben dort, ganz nah am Wasser, eine Weile stehen. Tsuzukus Arm um mich, seine Nähe, das Meer, der Wind, der uns durch die Haare fuhr, das erinnerte mich an unsere Reise damals. Wir waren als beste Freunde losgefahren und als Liebende zurückgekehrt, zuerst war es noch heimlich gewesen, jetzt waren wir ein richtiges Paar.

 

Tsuzuku zog mich eng an sich, ich sah ihn an und fand ihn auf einmal wahnsinnig wunderschön. Nicht, dass ich ihn nicht sonst auch schön fand, aber in diesem Moment war da so ein Strahlen in seinen Augen, das mich beinahe schon rührte und mein Herz wie wild klopfen ließ.

„Ist dir kalt?“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, gar nicht.“

„Du zitterst ein bisschen.“

„Ich bin … irgendwie aufgeregt. Weil ich … dich so wahnsinnig lieb habe.“

Er lachte leise, dieses liebe, süße Lachen, dann antwortete er: „Dann lass uns mal ins warme Wasser gehen, bevor du noch wirklich frierst.“

Fast hätte ich erwidert, dass er ja wohl derjenige war, der eher zu frieren anfing, doch im letzten Moment ließ ich es, wollte nicht schon wieder dieses Thema hochholen.

 

Das Schwimmbad war nur ein kleines Stück vom Strand entfernt, und es war eins von diesen ganz modernen Bädern, in denen wir wegen unserer Tattoos und Piercings wohl keine Probleme zu erwarten hatten. Wir zogen uns schnell um und in der Vordusche dachte ich kurz daran, wie ich im vergangenen Jahr immer mit Tsuzuku im Badehaus unserer Heimatstadt gewesen war. Ich war mir sicher, dass er sich jetzt ebenfalls daran erinnerte.

 

Zum Glück war es nicht sehr voll, aber weder ich noch Tsu hatte großartig Lust, richtig zu schwimmen. Stattdessen fanden wir eine Grotte in einem der kleineren Wasserbecken und setzten uns dort hinein, um ein bisschen für uns allein zu sein. Das Wasser war aufgeheizt und roch ein wenig nach Salz, vielleicht kam es aus dem Meer.

Es dauerte nicht lange, bis Tsuzuku die Privatsphäre unseres ‚Verstecks‘ nutzte und begann, mich zu streicheln und zu küssen, was ich mit einem angetanen Seufzen erwiderte und ihn ebenfalls ein wenig anfasste. Durch sein Training den Winter über hatte er schön an Bauch- und Armmuskeln zugelegt, die ich jetzt unter meinen Händen spürte, und die ihn weniger mager wirken ließen.

 

An der gekachelten Wand hing ein kleines Hinweisschild mit Uhrzeiten, zu denen das Wasser hier zu sprudeln anfing, und als es das schließlich auch tat, stand Tsu kurz auf, lächelte und kniete sich dann über meine Beine, sodass ich ihn richtig umarmen konnte. Ein bisschen vorsichtig, drückte er sich an mich, senkte den Kopf, bis seine Lippen an meinem Ohr waren, und sprach, gerade so laut, dass ich es durch das Geräusch des Wassers verstehen konnte: „Ich … würd das gern so lassen. Dass ich dich einfach küssen und berühren kann, … ohne gleich mit dir schlafen zu wollen.“

„Dann mach das doch so“, antwortete ich.

„Ich … kann mich kaum beherrschen. Am liebsten würde ich jetzt mit dir zurück nach Hause und ins Bett, dich nehmen und spüren, dass du fest zu mir gehörst. Aber … andererseits will ich das nicht.“ Er hob die Hand, sah mich an und strich mit dem Daumen sanft über meine Lippen. „Meto, ich will, dass es romantisch ist zwischen uns. Und das … kriege ich beim Sex nicht so hin, das Romantische.“

 

Zum ersten Mal seit Wochen hatte ich wieder das Gefühl, dass Tsuzuku wirklich mit mir redete, mir einen Blick auf sein Innerstes erlaubte und so offenherzig war, wie ich ihn kannte. Ich legte meine Arme um ihn, zog ihn an mich und küsste ihn, innig und liebevoll, versuchte, ihm zu verstehen zu geben, dass ich seine Mühen zu schätzen wusste. Er seufzte genießend, schmiegte sich an mich, seine Hände strichen über meinen Rücken und auf einmal kam mir das ohnehin sehr warme Wasser noch heißer vor. Ich ahnte, in welche Richtung das hier ging, aber es fühlte sich einfach zu gut an, um mich dagegen zu wehren.

„Meto …“, flüsterte Tsuzuku. „Ich liebe dich, so, so, so sehr …“

„Ich dich auch, sehr, aber …“ Ich nahm mich zusammen, sammelte das ein, was in diesem Moment von meinen aktiven Hirnzellen noch übrig war, und brachte ein wenig Abstand zwischen uns.

Er stoppte, ließ mich los, stieg von mir runter und setzte sich wieder neben mich. „Tut mir leid … Es überkommt mich einfach so …“

„Ist doch nicht schlimm“, sagte ich. „Aber du hattest eben noch gesagt, dass du’s langsamer angehen lassen willst, deshalb …“

Tsuzuku lächelte, drückte mir einen kurzen Kuss auf die Lippen und stand auf. „Komm, wir gehen noch ein bisschen schwimmen.“

 

Wir stiegen aus dem heißen Wasser und gingen wirklich noch ein paar Bahnen schwimmen. Danach blieben wir noch ein bisschen am Rand und sahen den anderen Menschen zu. Tsu wirkte ziemlich entspannt und ab und zu lächelte er mich an.

 

Als wir, abgetrocknet und angezogen, das Schwimmbad wieder verließen, war es schon ganz dunkel draußen und noch windiger als vorhin. Wir gingen noch mal runter zum Strand, Tsuzuku umarmte mich wieder und wir blieben eine Zeit lang einfach so stehen.

„Heute Nacht machen wir nichts“, sagte er nach einer Weile. „Ich bin viel zu erschöpft, und außerdem … will ich mich jetzt wirklich mal beherrschen lernen.“

Ich wollte erwidern, dass er das nicht musste, doch er legte mir den Zeigefinger auf die Lippen.

„Shhh… Das ist meine Entscheidung.“

 

Bald darauf fuhren wir mit der Stadtbahn nach Hause zurück. Ich spürte, dass Tsuzuku sich Mühe gab mit der Selbstbeherrschung, aber es schien ihm so gut zu gehen, dass ich mir jetzt keine Sorgen machte. Im Zug nahm er zwar meine Hand, hielt aber sonst einen gewissen Abstand zu mir, und auch, als wir am Haus angekommen waren, wirkte er ganz ruhig und beherrscht. Immer, wenn er mich ansah, war da dieses feine, hübsche Lächeln auf seinen Lippen, das mir versicherte, dass er sich gut fühlte und das gab mir fast noch mehr Sicherheit, als wenn er mich geküsst hätte.

 

Wir machten uns gleich bettfertig, ohne noch etwas zu essen, und gingen dann ins Schlafzimmer. Tsuzuku streckte die Arme nach mir aus und ich legte mich zu ihm, ganz nah, wollte seine Nähe spüren, sein Atmen, seinen Herzschlag. Er trug ein einfaches weißes T-Shirt und schwarze Shorts als Schlafsachen und ich wusste, er war jetzt nicht dazu zu bewegen, sich auszuziehen und noch irgendwas zu machen. Statt auf den Mund gab er mir einen Kuss auf die Stirn, zog mich nicht so eng an sich wie sonst und sagte leise: „Ich mach jetzt Ernst, Meto. Ich werde mit aller Mühe, die ich mir geben kann, versuchen, gut zu dir zu sein.“

„Bist du doch schon. Tsu … hab ich mich jemals beschwert, dass du mir kein guter Freund bist? Nein. Weil ich dich liebe, so, wie du bist. Du musst dich nicht großartig verändern.“

„Das ist lieb von dir. Aber ich ertrag mich selber kaum noch. Ich muss was ändern.“

„M-hm …“ Mehr wusste ich nicht zu sagen. Tsuzuku schien sich in diesem Moment ganz sicher zu sein. Ich ahnte zwar, dass er auch noch wieder anders denken würde, spätestens dann, wenn ich wieder anfing, ihn zu verführen, aber für diesen Moment war das so okay.

 

Und so blieben wir einfach so liegen, ich streichelte ihn ein wenig und er mich, und schließlich holte ich Ruana dazu. Tsuzuku lächelte, tippte ihr auf die schwarze Bärchennase und entschuldigte sich bei ihr dafür, dass sie wegen seiner Sehnsucht nach mir kaum noch geknuddelt wurde.

„Wie lange hast du sie schon?“, fragte er mich.

„Schon seit ich klein war, so vier oder fünf“, antwortete ich. „Sie sah auch nicht immer so aus.“

„Wer hat sie denn so … schick gemacht?“

„Sie ist mal kaputt gegangen, da hat meine Oma sie so repariert.“

Tsuzuku lachte leise. „Deine Oma, die jetzt auf Kyushu lebt?“

„Nein, die andere. Die lebt schon nicht mehr.“

„Oh …“

„Sie ist gestorben, als ich neun war. Muss dir nicht leidtun oder so, ich bin längst drüber hinweg.“

 

Wir redeten noch ein wenig über meine Familie, so dies und das, ich erzählte Tsuzuku ein bisschen was aus meiner Kindheit und er hörte mir einfach zu. Über seine Familie sprachen wir nicht, oder fast nicht, denn er erzählte kurz, dass er seine Großeltern nie kennen gelernt hatte.

„Du kannst meine Familie mit haben“, sagte ich lächelnd. „Für Mama und Papa gehörst du sowieso schon dazu.“

Als Antwort wurde ich fest umarmt und bekam einen Kuss.

„Danke“, flüsterte Tsuzuku, und ich dachte an das mit seiner Mama, fragte mich, ob es wohl möglich war, dass er irgendwann darüber hinweg kam. Konnte man über so etwas denn hinweg- und damit zurechtkommen? So ganz, dass es nicht mehr weh tat? Wahrscheinlich nicht, dachte ich.

 

Tsuzuku bemerkte, dass ich nachdenklich wurde, und fragte: „Woran denkst du?“

Ich antwortete nicht, wollte ihn nicht daran erinnern, und umarmte ihn einfach ganz fest.

„Ich bin für dich da, Tsu. Vergiss das nie.“

Wir blieben so liegen, irgendwann hörte ich seine gleichmäßigen schlafenden Atemzüge und sah, dass er eingeschlafen war. Ich gab ihm einen sanften Kuss und hielt ihn weiter, bis ich selbst einschlief.

Der 6. März begann für mich damit, dass ich mit leichten Kopfschmerzen aufwachte und feststellte, dass ich mich im Schlaf vollkommen in meiner Bettdecke verheddert hatte. Ich konnte mich nicht wirklich daran erinnern, etwas geträumt zu haben, doch anscheinend hatte ich eine recht unruhige Nacht hinter mir, denn wie ich einen Moment später bemerkte, lag ich falsch herum im Bett, spürte das Kopfkissen an meinen Füßen.

Seufzend wickelte ich mich umständlich aus der Decke, setzte mich auf und betrachtete einen Moment lang einfach mein pinkschwarzes Schlafzimmer, bevor ich aufstand und begann, meine Klamotten für heute rauszusuchen.

 

„Kocha, was ist eigentlich los mit dir?“, murmelte ich auf dem Weg ins Bad zu mir selbst und sah mich im Vorbeigehen im Flurspiegel an.

Oh mein Gott!

Ich starrte mein Spiegelbild ziemlich fassungslos an, denn das, was mich da anschaute, hatte weniger Ähnlichkeiten mit mir, als vielmehr mit einer Art Gespenst. Nicht nur, dass meine Haare einem Vogelnest ernste Konkurrenz machten, ich hatte außerdem dunkle Schatten um die Augen und war recht blass um die Nase.

Willens, meine Schönheit umgehend wiederherzustellen, huschte ich ins Bad, direkt unter die Dusche, und griff dann, als ich mit Duschen fertig war, tief in meine Make-up- und Styling-Trickkiste, um mich wieder in den hübschen, schlafstörungsfreien Koichi zurück zu verwandeln, als den ich mich kannte.

 

Als ich mir schließlich wieder einigermaßen gefiel und öffentlichkeitstauglich aussah, war es schon ziemlich spät und ich musste das Frühstück in meiner Wohnung ausfallen lassen. Stattdessen würde ich mir wohl am Bahnhof ein Sandwich oder dergleichen holen. Ich schnappte mir meine Handtasche, kuschelte mich in meine Jacke und verließ meine Wohnung in Richtung Bahnstation.

Im Zug hörte ich ziemlich laut Musik, um wach zu werden und in Schwung zu kommen. Es war immer noch dämmrig draußen und ich war froh, dass der Bahnhof gut ausgeleuchtet war.

 

Kaum ausgestiegen, sah ich Meto auf einer der Bänke sitzen. Er wirkte jedoch ziemlich tief in Gedanken versunken und bemerkte mich erst, als ich direkt vor ihm stand und laut „Hey!“ sagte. Er schrak ein wenig zusammen, sah auf und erkannte mich.

„… Hi, Koichi …“, sagte er leise.

„Na, bereit für deinen ersten richtigen Arbeitstag?“, fragte ich.

Meto nickte und sein Gesicht hellte sich etwas auf.

 

Wir verließen den Bahnhof in Richtung unseres von nun an gemeinsamen Arbeitsplatzes und ich versuchte, eine Unterhaltung mit ihm anzufangen, indem ich danach fragte, wie es Tsuzuku ging und ob dieser seinen Wunschjob bekommen hatte.

Meto nickte und erzählte mir, dass sie beide, um diesen Erfolg zu feiern, zusammen schwimmen gewesen waren.

 

Ich konnte mir das nur zu gut vorstellen. Und ich musste zugeben, dass mich nach meiner Recherche letztens irgendwie doch ein wenig interessierte, wie Tsuzuku sich verhielt, wenn er mit Meto allein war. Das zwischen den beiden war so innig und besonders, dass ich … nun ja, ein wenig neidisch war. Immerhin hatte ich selbst zurzeit nicht mal die Aussicht auf ein baldiges Ende meines Singledaseins.

 

„Koichi?“, riss mich Meto mit leiser Stimme aus meinen Gedanken. „Kann ich… dich was …fragen?“

„Was denn?“

Es dauerte einen Moment, bis Meto antwortete, er blickte zu Boden und schien nicht recht zu wissen, ob er diese Frage nun stellen sollte oder lieber nicht. „…Hat Tsuzuku …mal was zu dir gesagt, ob… irgendwas …mit ihm ist?“

Meto wusste es also auch nicht, genau wie ich. Wir schienen in Bezug darauf, dass Tsuzuku irgendwas mit sich herumschleppte, in derselben Lage zu sein, nicht zu wissen, was mit ihm los war.

„Na ja …“, sagte ich, „er hat mir nur gesagt, dass er nicht darüber sprechen kann. Dass er noch Zeit braucht. Dir sagt er also auch nicht mehr?“

Meto nickte wieder.

 

„Was …hat er dich… denn gebeten, nachzuschauen…?“, fragte er dann.

Erst wusste ich nicht, ob ich ihm das sagen sollte. Schließlich war es etwas gewesen, um das Tsuzuku mich im Vertrauen gebeten hatte, und vielleicht wollte er nicht, dass ich mit Meto darüber sprach. Doch andererseits … wenn es vielleicht mit dem zusammenhing, weshalb wir beide uns solche Sorgen um ihn machten, hatte sein fester Freund doch irgendwo ein Recht darauf, dass ich ihm sagte, was ich wusste.

„Ich weiß gar nicht, ob du das wissen sollst …“, sagte ich. Wir hatten inzwischen das Café erreicht und ich blieb stehen.

„Kocha, sag’s mir, bitte… Ich mach… mir Sorgen um Tsu, …und wenn du …was weißt…“

„Also gut“, erwiderte ich. „Komm mit, ich sag es dir in der Umkleide, okay?“

 

Nachdem wir dann das übliche ‚Guten Morgen‘ und so weiter mit meinen Kollegen hinter uns gebracht hatten, zu zweit in der Umkleide standen und uns umzogen, erzählte ich Meto, was ich genau für Tsuzuku recherchiert hatte und was dabei herausgekommen war.

Ich verschwieg sämtliche Namen irgendwelcher Störungen, da ich mir absolut sicher war, dass besser keiner der beiden solche unheimlichen Bezeichnungen erfuhr, und sagte wahrheitsgemäß, dass ich rein gar nichts davon hielt, Tsuzukus nächtliches Verhalten in irgendeiner Form als gestört zu deklarieren.

 

„So ähnlich… sag ich ihm… das auch immer…“, sagte Meto leise. „Aber …er scheint …da nicht auf mich …zu hören. Eigentlich weiß er… dass ich… es mag, …wenn er so …dominant ist…“

„Hat er eigentlich mal irgendwo ein Buch über psychische Störungen gelesen, oder wie kommt er darauf, sich da als krank zu bezeichnen?“, fragte ich.

Meto schüttelte den Kopf. „Hab ich …noch nie gesehen, …dass er …so ein Buch… hatte…“

„Kennst du dich überhaupt irgendwie mit so was aus, also mit psychischen Sachen?“

Wieder Kopfschütteln seitens Meto. „Gar …nicht…“

„Ich auch nicht. Na ja, ich weiß ein bisschen was, so das, was man so hört und so. Aber was Tsuzuku sich da zusammendenkt, versteh ich auch nicht.“

 

In dem Moment kam Haruma, einer meiner Kollegen, herein. „Wo bleibt ihr denn?“

„Wir hatten noch was zu besprechen“, sagte ich, sah Meto noch einmal von oben bis unten an (er trug das blaue Kleid und die Perücke, die ich letztes Jahr in meinem Lieblingsladen für ihn ausgesucht hatte), befand sein Outfit für süß und fühlte mich ein bisschen wie sein Senpai. Ich wollte mein Bestes geben, dass er sich hier wohl fühlte und gern arbeitete.

„Komm, Meto, der Chef will dich sehen“, sagte Haruma.  

 

Meto wirkte unheimlich aufgeregt, als wir zum Büro unseres Chefs gingen. Verständlich, war es doch meinem Wissen nach das erste Mal, dass er sich für einen Job vorstellte. Er hatte mir erzählt, dass er seit dem Schulabschluss nichts mehr wirklich gemacht und seine Tage stattdessen im Park verbracht hatte. Grund dafür war wohl sein Problem mit dem Sprechen.

Bevor ich die Bürotür öffnete, legte ich Meto kurz die Hand auf die Schulter. „Du schaffst das schon.“

Er nickte etwas unsicher, atmete tief durch und betrat das Büro.

Ich wandte mich meiner Arbeit zu, die wieder einmal darin bestand, Kuchen aus dem Kühlraum in die Theke zu bringen und die Selbstreinigungsautomatik der Kaffeemaschinen anzuwerfen. Schon standen die ersten Mädels vor der Tür, die hier frühstücken wollten, und ich öffnete die Eingangstür, begrüßte die Gäste mit meinem üblichen Lächeln und erkannte unter ihnen auch die eine oder andere Stammbesucherin.

 

Als ich schon mitten bei der Arbeit war, kam Meto endlich von dem Gespräch zurück. Er strahlte glücklich und ich freute mich unheimlich, ihn jetzt zu meinen Kollegen zählen zu dürfen. An seinem Kleid glitzerte das mit silbrigem Glitter verzierte Namensschild mit der Katakana-Aufschrift ‚Meto‘ und er schien sehr stolz darauf zu sein.

„Na, geschafft?“, fragte ich.

Er nickte strahlend, legte dann den Kopf ein wenig schief und sah mich mit großen Augen an.

„Und jetzt sagst du nichts mehr?“

Breites Grinsen, Kopfschütteln und lautloses Lachen war die Antwort.

Die Mädchen am Tisch hinter mir machten sich gar nicht erst die Mühe, ihr begeistertes Quietschen zu unterdrücken.

„Meto-chaaaan!“, rief eine. „Einen Chai-Tee bitte!“

Er sah mich fragend an und ich ging mit ihm zur Theke, um ihm zu zeigen, wie man so einen Tee zubereitete.

 

Der Vormittag lief ziemlich gut. Ich kam zuerst zwar kaum selbst dazu, die nach mir rufenden Mädchen zu bedienen, weil ich mich heute erst einmal mehr um Meto kümmern wollte, doch mit der Zeit kam er immer besser allein zurecht und ich konnte mich wieder meiner eigenen Arbeit zuwenden.

Es machte mich ziemlich happy, zu sehen, wie er aufblühte und fast die ganze Zeit über lächelte. Wenn Meto so strahlte, dann konnte ich gut nachvollziehen, warum Tsuzuku ihn als seine Sonne bezeichnete und so sehr liebte. Für jemanden wie Tsu, der im Leben solche Dunkelheit erlebt hatte, war ein so süß lächelnder, lieber Mensch wie Meto wie geschaffen.

 

Die Mittagspause konnten wir leider nicht zusammen verbringen, da es um die Zeit eine Menge für mich zu tun gab und ich deshalb meine etwas nach hinten verschieben musste, während Meto schon gegen zwölf Uhr eine Pause machen konnte. Er wirkte ein bisschen erschöpft, was ja kein Wunder war, schließlich war er Arbeit nicht gewöhnt. Doch es schien ihm gut zu gefallen und er hatte offenbar eine Rolle gefunden, die er hier spielen konnte und mit der er auch gut ankam.

 

Am Nachmittag hatten wir dann endlich wieder eine Gelegenheit zu einer gemeinsamen Pause. Wir standen im Hinterhof an der Wand, ich rauchte und bot Meto auch eine Zigarette an. Doch er schüttelte den Kopf.

„Ich hab dich doch schon rauchen gesehen“, sagte ich.

„…Will aber …aufhören“, antwortete er. „Tsu …raucht schon… so viel…“

Ich nickte. Mir war auch schon aufgefallen, dass Tsuzuku, seit er es sich wieder leisten konnte, sehr viel rauchte, und fand es da verständlich, wenn Meto damit aufhören wollte.

 

„Sag mal …“, begann ich, „Ohne dich jetzt irgendwie ausfragen zu wollen … Aber, na ja, ich wüsste gern, wie Tsuzuku eigentlich auf die Idee kommt, seinen Anteil an eurem Intimleben als krank zu bezeichnen. Er ist doch immer lieb zu dir, oder?“

Meto sah mich überrascht an, ein leichter Rotschimmer schlich sich auf seine Wangen und er nickte mit einem kleinen Lächeln. „Ja, ist er. Ich… liebe ihn, und er mich… Deshalb versteh ich’s ja nicht. Er… scheint …zu denken, dass er …mich bedrängt. Nur …weil er mir… ein Mal wehgetan hat. Und dann …ist er auch wieder …anders, kann… kaum die Hände …von mir lassen…“

„Habt ihr seitdem noch mal … miteinander geschlafen?“

„Ja… Und es war schön, …total schön…“

 

„Du hältst mich jetzt für neugierig, oder?“, fragte ich, zugegeben ein wenig unsicher.

Meto lachte, wirkte auf einmal total selbstbewusst und sagte dann, ohne Stocken: „Alles okay, Koichi. Es tut gut, mal mit jemandem darüber zu reden.“

Ich staunte ein wenig. Der Sprachfehler ließ Meto irgendwie so schüchtern und unsicher wirken, doch das war er gar nicht. Zumindest nicht immer. Er war viel mutiger, stärker und selbstbewusster, als er auf den ersten Blick wirkte. Wo auch immer dann sein Problem mit dem Sprechen her kam.

 

„Ich würde euch einfach gern helfen, wenn ich kann und darf“, sagte ich.

„Natürlich… darfst du“ antwortete er.

Den Rest der Pause redeten wir über nicht mehr und nicht weniger als Metos Gefühle für Tsuzuku, ungefähr das, was die beiden zusammen taten, und dass Tsu sich irgendwie verändert hatte.

Mit jedem Satz stockte Meto weniger, sprach flüssiger und wirkte dadurch selbstsicherer. Ich hatte das Gefühl, dass er jetzt endlich wirklich Vertrauen zu mir gefasst hatte, und war mir im Klaren darüber, dass es etwas Besonderes war, wenn er so einfach mit mir sprach. Schließlich wusste ich, dass er lange Zeit nur mit Tsuzuku so flüssig hatte sprechen können.

 

Als wir zurückgingen und uns wieder unserer Arbeit zuwandten, hatte ich das Gefühl, mich mit Meto richtig angefreundet und ihm auch ein wenig geholfen zu haben.

Der weitere Nachmittag verlief ähnlich gut wie der Vormittag und als Meto und ich abends zusammen zum Bahnhof gingen, fragte ich mich, ob Tsuzukus erster Arbeitstag ähnlich gut gelaufen war. Ich hoffte es sehr, denn so, wie er im Moment drauf war, konnte er beruflichen Misserfolg ganz sicher nicht gebrauchen. Ich spürte, dass seine allgemeine Stimmung wieder auf recht unsicherem Boden stand, und etwas in mir erwartete schon, dass es in nächster Zeit schwer mit ihm werden würde.

„Meto?“, fragte ich den Jungen neben mir deshalb, „Kannst du Tsuzuku sagen, er soll mich heute Abend noch mal anrufen?“

„Ja, klar. Kann er ja jetzt. Ich sag’s ihm.“

 

Der Zug in meine Gegend kam früher als der, den Meto nehmen musste, und so ließ ich ihn kurz darauf auf dem Bahnsteig zurück und fuhr nach Hause. Schon in der Bahn hatte ich ein etwas seltsames, irgendwie nicht sehr gutes Gefühl, und als ich ausstieg und in Richtung meines Zuhauses lief, wurde dieses Gefühl immer stärker, bis ich, als ich die Tür aufschloss und die Treppe rauf ging, merkte, dass meine Hände zitterten.

Auf einmal wurde mir seltsam klar, dass ich allein lebte, meine Eltern weit weg waren und ich im Gegensatz zu Meto niemanden hatte, der mich abends empfing, in den Arm nahm und mit mir das Bett teilte. Jetzt am ganzen Körper zitternd, suchte ich meinen Wohnungsschlüssel raus, er fiel zu Boden, ich hob ihn auf, versuchte, die Tür aufzuschließen und traf das Schloss erst beim dritten Versuch.

 

Ich zerrte mir die Schuhe von den Füßen, zog meine Jacke aus und lief automatisch ins Wohnzimmer zum Kotatsu, den ich einschaltete und mir dann Tee machen wollte. Beruhigungstee, damit ich mich wieder einkriegte und darüber nachdenken konnte, was denn eigentlich mit mir los war.

Fast wäre mir die Tasse auch noch runtergefallen, ich hielt sie geradeso fest und ein bisschen Tee schwappte heraus, landete auf dem Küchenfußboden. Leise fluchend, stellte ich die Tasse ab und wischte den Fleck mit einem nassen Lappen auf, dann nahm ich mir den Tee und ging ins Wohnzimmer, setzte mich an den Kotatsu und wartete.

 

Was war denn nur mit mir los? Warum machte es mir auf einmal etwas aus, dass ich eben allein lebte, Single war und im Moment auch keine Aussicht auf eine Freundin hatte? Bisher hatte ich damit doch ganz gut gelebt. Ich war sogar ein bisschen stolz darauf gewesen, dass ich mein Leben so gut allein hinbekam und dadurch Kapazitäten frei hatte, anderen Menschen zu helfen, denen es nicht so gut ging wie mir. Menschen wie Tsuzuku, der ja wirklich litt und Dinge erlebt hatte, die nicht wieder gut zu machen waren. Ihm wollte ich, so gut es eben ging, helfen, und da konnte ich es nicht gebrauchen, dass es mir auf einmal auch schlecht ging, wo ich doch eigentlich gar keinen Grund dazu hatte.

 

In dem Moment hörte ich mein Handy im Flur klingeln. Gerade hatte ich an Tsu gedacht und jetzt war es sicher er, der mich anrief, weil ich ihn über Meto darum gebeten hatte.

Ich fischte mein Handy aus meiner Handtasche und hob mit einem leisen „Ja?“ ab und ging ins Wohnzimmer zurück.

„Koichi?“, hörte ich Tsuzuku am anderen Ende der Leitung fragen.

„Japp“, erwiderte ich, versuchend, fröhlich zu klingen.

„Du wolltest, dass ich dich anrufe?“

„Ja. Du hattest doch heute deinen ersten Tag in dem Tattoo-Studio und da wollte ich fragen, ob alles gut gelaufen ist.“  

 

Eine kurze Stille folgte, ich hörte ein paar Geräusche im Hintergrund, so als ob er von einem Raum in einen anderen ging, dann antwortete er: „Ja, alles gut.“ Und dann: „Na ja … so ganz nicht. Ich hab irgendwie so eine seltsame Angst vor den Leuten. Dass sie schlecht von mir denken, verstehst du?“

„Wieso sollten sie das?“

„Ich komm von der Straße. Und wie ich aussehe …“

„Dein Aussehen wird in einem Tattoo-Studio wohl das geringste Problem sein“, sagte ich. „Und dass du mal auf der Straße gelebt hast, müssen ja nicht alle wissen.“

„Sie wissen es aber. Weil ich es erzählt habe.“

„Warum erzählst du das denn, wenn du doch Angst hast, dass die Leute dich dafür verurteilen?“

Stille. Dann: „Ich weiß es nicht. Ich hab‘s einfach so erzählt.“

Der Tonfall, in dem Tsuzuku das alles sagte, gefiel mir irgendwie nicht. Es war derselbe Tonfall, in dem er mich um die Recherche zu seinem Bettverhalten gebeten hatte. Er klang leicht ironisch, jedoch nicht so wie sonst, und hatte eine deutliche Spur von Aggression gegen sich selbst.

 

Ich schwieg einen Moment, wusste erst nicht, was ich erwidern sollte, und dann sagte Tsuzuku ganz leise: „Koichi, ich hab Angst. Ich hätte da heute einmal fast gebrochen. Ich will davon weg, aber ich merke, wie es mich einholt. Es kommt immer näher …“ Jetzt klang er wirklich nicht mehr gut. Fast schon panisch. Und ich spürte, dass er nah dran war an dem, was er vor Meto und mir verschwieg. Ganz nah.

„Hast du da mal mit der Psychologin vom Tempel darüber gesprochen?“, fragte ich.

„Nein.“

„Warum denn nicht?“

„Weil ich … Ich kann nicht darüber reden. Die Psychologin würde doch sofort merken, dass ich …“

„Dass du was?“

Dieses Gespräch ging eindeutig in eine sehr gefährliche Richtung. Ich war in diesem Moment nicht wirklich in der Lage, Tsuzuku zu helfen, da ich innerlich immer noch mit meinem plötzlichen eigenen Problem zu kämpfen hatte. Doch er schien auf einmal beinahe gewillt, endlich zu sagen, was mit ihm los war, und da durfte ich ihn doch jetzt nicht abblocken, oder?

„Tsu…“, begann ich, doch da hörte ich ein Klicken in der Leitung und dann dieses nervenzerreißende Tuten, das Zeichen, dass er aufgelegt hatte. Ich starrte das Handy in meiner Hand ein paar Momente lang an, dann sprang ich auf, trank den letzten Rest Tee aus und lief in den Flur, zog meine Jacke und meine Schuhe an, lief aus der Wohnung und in Richtung Bahnstation.

 

Ich rannte, so schnell ich konnte, die kalte, nächtliche Märzluft brannte in meinen Lungen und als ich keuchend den kleinen Bahnhof erreichte, fuhr gerade die Bahn ein, für das Viertel, in dem Tsuzuku und Meto lebten. Ich stieg ein, die Bahn war so voll, dass ich stehen musste, und erst jetzt spürte ich richtig, dass ich Angst um Tsuzuku hatte. Ich hatte Angst, dass er rückfällig wurde, dass er erbrach und sich verletzte, was ich zwar zum Glück noch nie direkt mitbekommen hatte, aber eben wusste, dass er das schon oft getan hatte.

 

Als die Bahn hielt, stieg ich aus und lief schnell weiter, und mit jedem meiner Schritte nahm meine Sorge weiter zu. Wenn Tsuzuku nicht so einfach aufgelegt hätte, wäre ich jetzt vielleicht nicht ganz so besorgt gewesen, aber so machte ich mir furchtbare Gedanken. Auch, wenn Meto ja sicher bei ihm war.

Ich erreichte das Haus, sah in einem Fenster im zweiten Stock Licht brennen und klingelte Sturm bei dem Schildchen mit der Aufschrift ‚Aoba & Asakawa‘. Es dauerte für mein Gefühl viel zu lange, bis der Türöffner summte, ich die Tür aufdrückte und durchs Treppenhaus nach oben rannte.

 

Völlig außer Atem kam ich an der Wohnungstür an, musste mich erst wieder ein wenig fangen und klingelte dann wieder Sturm. Ein paar Sekunden, Schritte, dann öffnete Meto die Tür. Und er sah ziemlich genau so besorgt aus, wie ich mich fühlte.

„Koichi …“, sagte er leise. „Was …?“

„Wo ist Tsuzuku?“, fragte ich, immer noch keuchend davon, dass ich die Treppen raufgerannt war.

Meto sah mich traurig und ängstlich an und sagte dann: „Im Bad. Er … hat sich eingeschlossen.“

Ich schob Meto zur Seite, rannte zur Badezimmertür und rüttelte an der Klinke. Abgeschlossen.

„Tsu, ich bin‘s, Koichi! Mach auf!“, schrie ich.

Er antwortete nicht, aber ich hörte ihn schluchzen. In meinem Kopf lief unser Telefongespräch wie ein Tonband ab, immer wieder, das, was er gesagt hatte. Er war so nah dran gewesen, mir zu sagen, was mit ihm los war, und wahrscheinlich hatte das irgendwas in ihm hochgeholt.

 

Meto stand hinter mir und sagte leise: „Es ging ihm schon nicht gut, als ich nach Hause kam. Ich … weiß nicht, was mit ihm los ist …“

„Tsuzuku, hör mir zu!“, rief ich gegen die verschlossene Tür. „Entweder du machst jetzt auf und sagst uns verdammt nochmal endlich, was mit dir los ist, oder ich breche die Tür auf!“

Er antwortete nicht, schluchzte immer noch.

„Meto, hast du mitbekommen, ob er … gebrochen hat?“, fragte ich leise.

Meto schüttelte den Kopf. „Ich glaube, nicht.“

Ich hörte ein leises Geräusch von der anderen Seite der Tür, dann leise Schritte und schließlich Tsuzukus tränenerstickte Stimme: „Ihr … macht euch jetzt Sorgen, oder?“

„Natürlich!“, rief Meto, schob mich zur Seite und rüttelte an der Türklinke. „Tsu, bitte, mach auf!“

 

Es dauerte wieder einen Moment, dann klackte das Schloss, der Schlüssel wurde umgedreht und die Tür einen Spalt breit geöffnet. Ich stellte sofort meinen Fuß in die Tür, aber das war gar nicht notwendig, denn Tsu machte keine Anstalten, sie wieder zuzumachen. Er stand einfach nur da, mit rotgeweinten Augen, Tränen auf den Wangen, leicht zerzausten Haaren, zerkratzten Händen, die Unterlippe blutig gebissen, und wirkte wieder so traurig und hilflos, wie ich ihn damals kennen gelernt hatte.

Ich blickte auf seinen rechten Arm, wo ja zwischen den Tattoos noch ein wenig Platz war, doch ich konnte zum Glück keine tiefen Kratzer oder gar Schnitte erkennen. Gut, er war wenigstens nicht so schlimm rückfällig geworden. Was aber nichts daran änderte, dass ich mir unheimlich große Sorgen um ihn machte.

Da stand ich nun, vor den beiden wichtigsten Menschen in meinem Leben, und wusste nicht, wie ich ihnen das alles erklären sollte. Mein Kopf war wie leergefegt, ich spürte einen schmerzhaften Druck im Herzen und immer noch Tränen in meinen Augen.

Ich hatte versucht, den Druck abzubauen, hatte mit den Fingernägeln meine Handrücken zerkratzt und meine Lippe wundgebissen, dadurch versuchend, mich weder zu schneiden, noch zu erbrechen. Doch es lief auf dasselbe hinaus: Dass ich mir selbst wehtat und schadete, und es mir danach seltsam besser ging. Automatisch machte ich weiter, kratzte mit den Fingernägeln über meine Hände und Unterarme, und spürte, wie schon dieser leichte Schmerz mich ein wenig lockerte und beinahe entspannte.

 

„Tsuzuku …“ Meto kam auf mich zu, griff meine Hände und hielt sie fest, verhinderte, dass ich mich weiter kratzen konnte. Er zog mich zu sich, in seine Arme, hielt mich fest und führte mich aus dem Bad ins Wohnzimmer, wo er mich sanft aufs Sofa niederdrückte und sich dann setzte.

Koichi folgte uns, setzte sich rechts neben mich und sah mich betroffen und besorgt an.

Langsam kehrten die Gedanken in meinen Kopf zurück, und damit auch die Worte aus dem Buch über Borderline, die mir die Brust zusammenschnürten. Und ich wusste, ich hatte mich, ob ich nun wollte oder nicht, genau so verhalten, wie es da stand. Beinahe schon musste ich lachen, so eindeutig war es, und so nichtig meine Bemühungen, mich anders zu verhalten.

 

„So“, sagte Koichi, während Meto mich weiter umarmt hielt. „Jetzt erzählst du uns erst mal, was da heute passiert ist.“

Ja, was war passiert … Ich war zurückgefallen, in ganz alte Verhaltensmuster, vielleicht unter anderem deshalb, weil ich mich an meine Ausbildung früher erinnert hatte und daran, wie ich damals gewesen war. Auf einmal war es mir wieder ganz leicht, zu leicht, gefallen, auf Leute zuzugehen, ich hatte zu offen geredet und dabei war mir eben auch entwischt, was ich eigentlich für mich hatte behalten wollen: Dass ich von der Straße kam, fast zwei Jahre lang unter der Brücke und in Notunterkünften gelebt hatte. Und als mir dann klargeworden war, was ich gesagt hatte, da hatte ich es bereut, mich sofort zurückgezogen, war auf die Toilette verschwunden und kurz davor gewesen, wieder zu brechen. Nur mein Versprechen an Mama hatte mich davon abgehalten.

 

Meinen neuen Kollegen gegenüber hatte ich mir alle Mühe gegeben, so zu tun, als wäre alles okay, und der restliche Arbeitstag war zumindest halbwegs normal gelaufen. Zumindest oberflächlich gesehen. Für die anderen unsichtbar, war in meinem Kopf das schmerzhafte Tonband mit Symptomen und Merkmalen ununterbrochen gelaufen, hatte mich immer noch weiter verletzt. Dazu kam die Angst davor, dass selbst Meto und Koichi mich nicht mehr vorbehaltlos gern haben würden, wenn sie erfuhren, wie gestört ich wirklich war. Und dass es schlimmer werden würde mit mir, wenn ich darüber sprach.

 

Ich wusste, in dieser Situation konnte ich nicht länger verschweigen, dass ich ein gewaltiges Problem hatte, doch ich hatte keine Ahnung, wie ich es sagen sollte und wie viel. Und so, wie ich mich kannte, würde ich zu viel sagen. Das war ja vorhin, als ich mit Koichi telefoniert hatte, auch so gewesen. Ich hatte, ohne nachzudenken, einfach geredet und mich nur geradeso stoppen können, bevor mir das Wort ‚Borderline‘ über die Lippen gekommen wäre.

 

„Tsuzuku“, sagte Koichi, als ich nicht antwortete, „… Wenn du nur nichts sagst, damit wir uns keine Sorgen um dich machen, dann kann ich dir sagen: Das tun wir doch schon längst. Also sprich!“

„Das ist es nicht“, erwiderte ich leise. „Nicht nur.“

„Was dann?“, fragte Meto. Er schien den Tränen genauso nah wie ich, und es tat mir leid, dass ich ihn mit meiner Mich-ins-Bad-einschließen-Aktion so in Angst versetzt hatte. Es war nicht fair, dass ich meinem Liebsten solche Angst machte. Aber war es denn besser, wenn ich ihm alles sagte? Würde er sich denn dann nicht noch mehr Sorgen machen? Und Angst haben, dass ich genauso endete wie Hitomi? Was, wenn er damit nicht klarkam und mich am Ende …?

 

Schon der Gedanke, Meto könnte mich allein lassen, tat wahnsinnig weh, nicht nur psychisch, sondern auch körperlich. Mein Herz fühlte sich an, als würde es ein paar Schläge aussetzen, heiße Tränen brannten in meinen Augen und ich konnte kaum noch atmen. Unwillkürlich griff ich mir an mein schmerzendes Herz, was natürlich nicht unbemerkt blieb.

„Tsuzuku?!“, fragte Meto, klang heftig besorgt. „Tut dir was weh?“

Ich nickte zitternd. Und die Tür in meinen Gedanken, hinter der ich versucht hatte, alles, was mit Borderline zusammenhing, einzuschließen, stand einen Spalt breit offen, ließ ein wenig davon nach draußen. Ich war nicht mehr imstande, sie ganz geschlossen zu halten. 

„Ich … ich hab Angst“, brachte ich leise heraus. „Mit mir stimmt was nicht und es wird immer schlimmer. Ich glaube, … ich werde wahnsinnig …“

 

„Wovor hast du denn Angst?“, fragte Koichi, legte seine Hand auf meinen Arm und sah mich besorgt und ein bisschen traurig an. Er war mein bester Freund und hatte mir nie einen Grund gegeben, ihm nicht zu vertrauen, und trotzdem hatte ich Angst, dass er mich hassen könnte, wenn er erfuhr, wie kaputt und gestört ich war.

Doch ich war nicht länger in der Lage, das alles für mich zu behalten. Ich musste reden, hier und jetzt, es musste einfach raus. Mein Herz hielt dem Druck hinter der verschlossenen Tür nicht mehr stand, das spürte ich deutlich, und es tat so sehr weh, dass ich kaum noch die Fassung wahren konnte.

 

„Versprecht mir, … dass ihr mich nicht hasst …“ Meine Stimme brach beim letzten Wort zusammen, ich konnte weder Meto, noch Koichi ansehen, blickte zu Boden und hörte das Blut durch meine Adern rauschen. Meine Hand drückte immer noch auf mein Herz, versuchend, den brennenden Schmerz ein wenig zu lindern.

Ich fühlte, wie Meto mich fester umarmte, spürte Koichis Hand immer noch an meinem Arm.

„Warum sollten wir dich hassen?“, fragte Meto leise und ich glaubte, schon Verzweiflung aus seiner Stimme herauszuhören. „Wie kommst du denn nur auf so was?!“

„Ich … bin so kaputt. Völlig gestört …“, sagte ich und spürte, wie wieder Tränen über meine Wangen liefen. Und die Tür in meinem Innern öffnete sich noch ein Stückchen weiter.

 

„Aber war das für uns jemals ein Grund, dich nicht zu lieben?“, fragte Koichi. „Denkst du wirklich, dass wir dich wegen irgendwas allein lassen würden?“

„Und wenn es schlimmer wird mit mir? Wenn ich so durchdrehe, dass ihr mich nicht mehr ertragt?“

Meto bewegte sich, packte mich an den Schultern, sodass ich ihn ansehen musste und sah, dass ihm ebenfalls Tränen übers Gesicht liefen. „Tsu, ich hab dir mal was versprochen! Und zwar, dass ich immer bei dir bleibe! Ich liebe dich, über alles, und das einzige, was ich kaum ertrage, ist, wenn du dich so runtermachst und daran zweifelst, dass du alles für mich bist! Verstehst du das?!“

 

Langsam drangen seine Worte zu meinem Verstand durch, und als ich verstand, begriff, dass Meto das ernst, sehr ernst meinte, da verlor ich vor Rührung erst recht die Fassung: Ich drückte mich an ihn, schluchzend, zitternd, meine Hände krallten in seinen Rücken, ich hielt mich an ihm fest, mich danach sehnend, dass seine Nähe den Schmerz vertrieb. Er ließ es einfach zu, hielt mich, streichelte liebevoll, war so lieb und süß wie immer, und schob schließlich eine Hand zwischen uns, legte sie auf mein Herz.

„Tut das richtig echt weh?“, fragte er leise.

Ich nickte. „Aber … wenn du deine Hand da hast … nicht mehr so …“ Tatsächlich wurde der Schmerz fast augenblicklich weniger und ich konnte wieder freier atmen, nur wegen Metos warmer Hand.

Er lächelte, mit Tränen in den Augen. „Na, siehst du. Und deshalb lass ich dich auch bestimmt nicht alleine. Ich bin gern für dich da, ich liebe dich und ich weiß, wie sehr du mich brauchst.“

 

„Tsu, du kannst uns vertrauen. Und eigentlich weißt du das doch auch“, sprach Koichi. „Also sag, was ist mit dir los?“

Langsam löste ich mich wieder ein wenig von Meto, doch nicht ganz, sodass ich immer noch seine Nähe fühlen konnte. Er schien mich auch nicht so recht loslassen zu wollen, so blieb sein Arm um meine Schultern liegen und ich lehnte mich an ihn.

Und irgendwann, da war ich dann bereit zu reden. Ich wusste immer noch nicht, wo ich anfangen sollte, doch sowohl Koichi, als auch Meto, mein Liebster, wartete geduldig, bis ich einen ungefähren Anfang wusste und beschlossen hatte, mit Hitomi anzufangen, damit, was Frau Sato gesagt hatte, ohne zu wissen, dass ich es gehört hatte.

 

„Als Hitomi … sich damals geschnitten hat, da … bin ich nachts von dem Blaulicht aufgewacht und aufgestanden. Ich hab gefragt, was los war, und das dann erfahren. Und als ich dann wieder weg bin, auf dem Flur in mein Zimmer, da hat Frau Sato …“ Ich hatte das alles so lange so fest in mir eingeschlossen, dass ich jetzt eine ganze Weile brauchte, um es wirklich auszusprechen. Meto bemerkte, wie schwer es mir fiel, und legte wieder seine Hand auf mein Herz. Das tat so gut, fühlte sich geradezu befreiend an, sodass ich weiter sprechen konnte: „Sie hat nicht bemerkt, dass ich es gehört habe, und sie weiß es bis heute nicht. Im Grunde war das der Auslöser, denn ich hab vorher nie wirklich darüber nachgedacht, was mit mir los ist.“

„Und was hat sie gesagt?“, fragte Koichi leise.

Es kam ganz leicht raus, auf einmal, die Tür in meinem Innern stand weit offen: „Dass Hitomi Borderline hat.“ Und dann: „Und ich weiß, ich bin wie sie. Ich weiß, ich hab’s auch.“

 

Meto sah mich fragend an. Und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass er vielleicht gar keine Ahnung von psychischen Krankheiten hatte und deshalb gar nicht wusste, was ich damit meinte.

„Oh Gott …“, hörte ich Koichi sagen. „Und das schleppst du seitdem mit dir rum, ohne was zu sagen?“

Ich wusste nicht, inwiefern Koichi darüber Bescheid wusste und woher. Was ich wusste, war, dass es Gerüchte gab und Vorurteile. Und ich hoffte, betete, dass mein bester Freund diese nicht kannte oder nichts davon hielt.

Ich nickte auf seine Frage hin und sagte leise: „Jetzt wisst ihr’s. Ich bin krank und gestört und kaputt.“

„So’n Quatsch.“ Meto zog mich wieder näher an sich. „Und selbst wenn da irgendwas ist, ändert das rein gar nichts daran, dass ich dich liebe.“

 

Ich konnte nichts antworten, ließ mich einfach von ihm und Koichi umarmen und halten, bis ich mich wieder so einigermaßen sicher fühlte, dass ich über das sprechen konnte, was ich die letzten Monate still und einsam durchgemacht hatte. Die Tür in meiner Gedankenwelt stand endgültig weit offen und ich wusste, ich würde sie nicht wieder schließen können. Immer noch hatte ich wahnsinnige Angst, jetzt rückfällig und noch kränker zu werden, doch ich konnte es auch nicht länger für mich behalten.

 

Und so redete ich. Über alles, angefangen von meiner Angst, bis zu dem, was ich in diesem verdammten Buch gelesen hatte. Darüber, dass ich alles, was ich tat, mehr oder weniger für kranke Anzeichen hielt, dass ich fürchtete, mein Versprechen an Mama nicht halten zu können und den Menschen, die mir geblieben waren, weh zu tun.

Und ich erklärte Meto endlich, warum ich in unserer ersten Nacht hier in dieser Wohnung so auf seine Schmerzen reagiert hatte: Ich hatte dieses Machtgefühl und meine unkontrollierte Lust sofort, als er „Hör auf“ gesagt hatte, unter ‚krank‘ eingeordnet, so, wie ich fast alles, was ich tat, in letzter Zeit immer mit ‚krank‘ in Verbindung brachte.

 

„Und wie, dachtest du, kommst du allein mit so was klar?“, fragte Koichi irgendwann. „Bist du nicht einmal auf die Idee gekommen, dass sich so was leichter tragen lässt, wenn man es mitteilt?“

„Doch“, antwortete ich. „Aber … ich wollte nicht, dass ihr euch Sorgen um mich machen müsst. Meto, du hast schon so viel Angst um mich gehabt, ich wollte nicht, dass du wieder Angst bekommst …“

Mein Liebster zog mich näher an sich, streichelte meine tränennasse Wange und sagte: „Und du dachtest, ich merke nicht, wie du leidest?“

„Ich hab versucht, es zu verstecken. Aber … dieses verdammte Ungeheuer, … es will immerzu, dass ich es zeige. Ich krieg’s nicht hin, ich kann’s nicht verstecken.“

 

„Dann lass es.“ Koichi legte seine Hand auf meine Schulter, ich sah ihn an. „Tsuzuku, das, was du da Borderline nennst, ist zum Teil auch einfach deine Persönlichkeit. Du bist eben so und die wenigsten Menschen können verstecken, wie sie sind. Leidest du darunter, dass du eben leidenschaftlich, emotional, ein bisschen dominant und impulsiv bist? Doch erst, seit du das ‚krank‘ nennst, oder? Vorher nicht, soweit ich dich damals verstanden habe. Eine Krankheit ist doch erst dann eine echte Krankheit, wenn du darunter leidest.“

„Und was ist mit dem Schneiden und Kratzen? Damit, dass ich nicht genug esse und Angst habe, alles wieder auszukotzen? Dass ich manchmal so überreagiere? Was ist damit?!“, fragte ich, wurde dabei immer lauter. In meinem Kopf ratterte es wieder Symptome herunter und ich spürte, wie mir langsam alles zu viel wurde.

 

Meto hielt mich immer noch im Arm, streichelte meinen Rücken und sagte leise: „Du trauerst doch immer noch. Auch, wenn es nicht mehr so allgegenwärtig ist. Das ist doch gerade mal zwei Jahre und ein paar Monate her, dass du deine Mama verloren hast, ich glaube, da ist es ziemlich normal, dass du da noch nicht drüber hinweg bist.“

In dem Moment, als er Mama erwähnte, sah ich sie in Gedanken vor mir. Sie sah traurig aus, so als würde sie von dort, wo sie jetzt war, sehen können, wie ich gerade litt, und sich ebenfalls Sorgen um mich machen. Das wollte ich doch nicht! Ich hatte Mama in ihrem Leben schon oft genug Sorgen bereitet, da sollte sie wenigstens im Tod Ruhe vor meinen Eskapaden haben.

 

Der Gedanke an sie hatte in den letzten Monaten nicht mehr so sehr weh getan, doch jetzt schmerzte es wieder, mich an sie zu erinnern, und aufgewühlt, wie ich war, fing ich schon wieder zu weinen an. Es tat mir so wahnsinnig leid, mein Versprechen an ihren Geist, glücklich zu werden, kaum halten zu können.

„Tut mir leid, ich … ich wollte dich nicht dran erinnern …“, flüsterte Meto neben mir ganz betroffen.

Ich versuchte, zu lächeln, was mich jedoch nur noch mehr weinen ließ, und es kostete mich all meine Kraft, da jetzt nicht noch tiefer zu graben und alles, was mit Mama zu tun hatte, wieder hochzuholen. Ich wusste, das hätte mich jetzt vollkommen fertig gemacht.

 

Eine Weile saßen wir einfach so, ich versuchte, mich wieder einigermaßen zu beruhigen und nicht alles noch schlimmer zu machen, und Meto hielt mich weiter, Koichis Hand lag auf meinem Arm.

Irgendwann blieb mein Blick an der hübschen, silbernen Buddha-Statue hängen, die wir vor dem Umzug gekauft hatten und die jetzt im Regal in der Mitte stand. Der Buddha lächelte gelassen, und nachdem ich ihm einfach ein paar Sekunden lang ins Gesicht geschaut hatte, spürte ich, wie ich innerlich wieder ruhiger wurde.

 

Langsam erhob ich mich, ging zu der Statue hinüber und kniete mich davor auf den Boden. Ich fühlte mich leer und erschöpft, wie ausgeblutet. Mein Zeitgefühl war weg, ich wusste nur, dass es draußen dunkel war. Aber ich spürte auch, ganz tief in mir war noch etwas, das okay war, und dieser Teil von mir war jetzt vollkommen ruhig. Ich erinnerte mich daran, dass ich im Tempel gelernt hatte, meinen Atem zu beobachten, und blieb eine Weile so sitzen, hörte mich selbst atmen und versank dabei fast ein wenig darin.

 

„Tsuzuku?“, riss mich Metos leise Stimme irgendwann aus der Stille. „Geht’s wieder …?“

Ich sah mich um. Meto und Koichi saßen immer noch auf dem Sofa hinter mir, sie schienen auf mich zu warten. Ich stand langsam auf, ging zu ihnen zurück und setzte mich wieder dazwischen. „Könnt ihr … mir was versprechen?“

„Was denn?“, fragte Koichi.

„Dass ihr das nicht irgendwo nachschlagt … Borderline … Ich will nicht, dass ihr das lest.“

„Das hast du gemacht, oder? Das gelesen?“, fragte Meto.

Ich nickte. „Und ich mach das nie wieder. Das war … einfach nicht gut. Ich kriege die Sätze jetzt nicht mehr aus meinem Kopf raus.“

„Versprochen, wir lesen da nichts“, sagte Koichi.

Meto legte wieder seinen Arm um mich, streichelte meine Wange und sagte leise: „Ich lese so was ganz bestimmt nicht. Ich will dich nicht als ‚gestört‘ ansehen, egal wie du bist.“

 

Eigentlich hätte ich ihn für diese Antwort küssen müssen, doch in diesem Moment war ich dazu einfach nicht imstande. Ich wollte einfach nur Ruhe, ins Bett und schlafen, und nicht daran denken, dass ich ja morgen wieder los musste. Die Arbeit an sich war nicht das Problem, die gefiel mir, aber vor den Menschen hatte ich in diesem Augenblick Angst.

Koichi warf einen Blick auf die Uhr und erst jetzt kehrte mein Zeitgefühl zurück. Es musste gegen neun, halb zehn Uhr nachts sein, spät jedenfalls.

„Viertel nach neun“, sagte er. „Ich fahr mal lieber wieder nach Hause. Ihr kommt hier klar, oder?“

Meto sah mich kurz fragend an und ich nickte. „Ja. Wir gehen gleich schlafen.“

 

Als Koichi dann wieder weg war, machten wir uns schnell bettfertig und legten uns dann zum Schlafen hin. Zuerst jeder auf seiner Betthälfte, doch dann machte Meto das Licht aus, kam zu mir rüber und legte sich dicht neben mich.

„Wie fühlst du dich jetzt?“, fragte er vorsichtig. Und als ich nicht antwortete, weil ich nicht wusste, was ich darauf sagen sollte, hob er die Hand und strich mir die Haare aus der Stirn. „… Oder kannst du’s nicht in Worte fassen?“

„Ich hab Angst, vor den Leuten morgen“, sagte ich schließlich. 

„Möchtest du, dass ich dich zur Arbeit begleite? Ich könnte den Hinweg mit dir zusammen fahren, dann musst du da nicht ganz alleine hin.“

Ich war ihm wahnsinnig dankbar, aber viel zu erschöpft für irgendwelche überschwänglichen Gefühlsreaktionen, deshalb küsste ich meinen Liebsten ganz einfach auf die Wange. „Danke, mein Schatz.“

 

Er kuschelte sich an mich, legte seinen Kopf auf meine Brust und sprach: „Ich liebe dich, Tsuzuku. Und mir ist egal, ob du Borderliner oder sonst was bist, für mich bist du einfach nur du. Und deine Probleme, das mit dem Essen und so weiter, das wird schon, da glaub ich dran. Du schaffst das.“

„Wenn ich … mir da nur so sicher wäre wie du …“, sagte ich leise.

„Dann bin ich mir eben für dich mit sicher.“ Meto hob den Kopf, zog mich auf die Seite, zu sich, und küsste mich, genauso lieb und lustvoll, wie ich es jetzt auch gern getan hätte. Seine Hände fuhren durch meine Haare, in meinen Nacken, er hielt mich ganz fest und ich spürte, wie seine Liebe mein verletztes Herz wieder auffüllte. Ich seufzte, drückte mich an ihn, nahm seine Zuneigung in mich auf und war einfach froh, dass dieser furchtbare Tag doch ein so schönes Ende nahm.

Und irgendwann, nach diesem süßen Kuss, schlief ich einfach ein.

 

 

„Tsuzuku, wach auf“, riss mich die leise Stimme meines Liebsten aus meinem wirren, unbedeutenden Traum. Ich spürte seine Hand auf meinem Oberkörper, er streichelte mich wieder so liebevoll wach wie letztens  und ich bewegte mich ein wenig der Berührung entgegen.

„Aufwachen!“ Aus seiner Stimme war ein süßes Lächeln herauszuhören.

Ich gab ein verschlafenes Brummen von mir, öffnete dann aber die Augen. Das Licht war noch aus und es draußen noch dunkel, ich drehte mich um und tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe.

Warmes, gelbes Licht füllte den Raum und ich sah meinen Freund an, der mitten auf dem Bett saß und sich erst einmal streckte. Dabei rutschte sein Schlafshirt ein wenig hoch, bis über seinen Bauchnabel. Kurzentschlossen rutschte ich zu ihm rüber, richtete mich auf und legte meine Arme um ihn, begann, ihn zu streicheln und ein wenig zu kitzeln.

 

„Tsu…!“

„Komm, du magst das doch …“

Meto lachte, schmiegte sich in meine Umarmung, wand sich ein bisschen und drehte sich dann zu mir um. „Was wird das?“

„Wenn ich dich morgens lachen höre, wird mein Tag besser“, schnurrte ich in sein Ohr.

Ich zog ihn näher an mich und bekam richtig Lust auf ihn, meine Hand wanderte unter sein Shirt, streichelte seine Brust. Er seufzte genießend und umarmte mich ebenfalls, doch auf einmal löste er sich wieder von mir, lächelte und sagte: „Wir sollten aufstehen. Du musst duschen, ich auch, und da du unter der Dusche wohl kaum die Hände von mir lassen kannst, duschen wir besser nacheinander.“

 

Ich sah auf die Uhr auf dem Nachttisch. Fünf nach Sieben. Meto hatte Recht, wir sollten aufstehen, statt uns hier heiß zu machen. Schließlich mussten wir beide heute arbeiten. Doch andererseits war der Gedanke, mal wieder mit ihm zusammen zu duschen, unheimlich verlockend. Wir konnten es ja dabei belassen, dachte ich, es musste ja nicht ausarten. Ich wollte mich beherrschen, wollte doch nur ein bisschen was mit meinem Liebsten machen, gar nicht viel.

Irgendwie sah Meto mir meine Gedanken an, oder er kannte mich einfach zu gut.

„Meinst du, das ist ‘ne gute Idee …?“, fragte er.

„Ich … weiß ja auch nicht … Ich will mich ja beherrschen … aber ich hab dich so wahnsinnig lieb und … ich will dich immer nur bei mir haben …“

Er sah mich einen Moment lang abwägend an, dann sagte er: „Okay. Aber nur zusammen duschen, dann frühstücken und dann los zur Arbeit. Nicht mehr.“

Ich nickte. „Nicht mehr. Bis heute Abend.“ Beugte mich vor und küsste ihn, ehe er aufstand, meine Hand nahm und mit mir zusammen ins Bad ging.

 

Als ich dort meine Schlafsachen auszog, musste ich auf einmal an gestern Abend denken, an das, was da gewesen war und dass es jetzt raus, ausgesprochen war. Ich fühlte mich schon ein bisschen erleichtert und hatte auch das Gefühl, dass es richtig war, wenn Meto und Koichi Bescheid wussten über das, was da in mir vorging.

Aber mit jemandem darüber zu sprechen, der auf dem Gebiet der Psychologie bewanderter war, davor hatte ich immer noch Angst. Ich spürte, ich wollte das nicht, das alles mit Diagnosen, Therapien und so weiter. Glücklich und gesund werden, das ja, aber das Wort ‚Therapie‘ machte mir Angst und löste bei mir schmerzhaftes Kopfkino aus.

Ich schob die Gedanken daran beiseite und sah meinen Freund an, der sich schon ganz ausgezogen hatte und gerade in die Duschkabine stieg.

 

Ich schaute ihn einen Moment lang einfach nur an, wie er da so vor mir stand, mit dem Rücken zu mir, und das Wasser einstellte. In meinen Augen war er einfach wunderschön, perfekt und einzigartig. Und als er sich zu mir umdrehte und mir einladend die Hand hinhielt, sah ich in seine dunklen Augen und versank geradezu in ihnen. Es fühlte sich unheimlich gut an, so verliebt zu sein, und ich genoss es, so gut ich eben konnte.

 

Meto zog mich in seine Arme, stellte das Wasser an und eine Weile blieben wir so stehen, ließen uns von dem warmen Wasser beregnen. Ich spürte die vielen Tropfen auf meiner Haut, Metos warmen Körper ganz nah an meinem, seine Haut an meiner. Seine Hände streichelten über meinen Rücken, er legte seinen Kopf auf meine Schulter und sagte schließlich, ganz leise: „Ich hab dich so lieb, Tsuzuku.“

„Ich dich auch“, antwortete ich und legte meinerseits meine Arme um ihn.

 

Und auf einmal war da, entstanden aus dieser unheimlich wohltuenden Nähe, dieser Gedanke, der mich lächeln und mein Herz vor Glück wild klopfen ließ: Ich wollte diese Liebe, dieses wahnsinnig Schöne, festhalten, fest machen, offen zeigen, und zwar so, dass es durch nichts mehr zerbrechen konnte, für mein ganzes Leben und die Ewigkeit. In Gedanken hörte ich mich ‚Ja, ich will‘ sagen und einen Moment später war es ganz klar: Ich wollte Meto heiraten.

 

Ich drückte ihn enger an mich, er sah mich an und ich küsste ihn, mit aller Liebe, die ich in diesem Moment für ihn empfand. Und ich beschloss, diesen Gedanken, ihn zu heiraten, noch ein wenig für mich zu behalten, bis zum richtigen Moment, um ihn zu fragen, ob er das denn auch wollte. Dass er sein Leben mit mir verbringen wollte, daran hatte ich in diesem Augenblick keinen Zweifel, doch um zu wissen, ob er das auch so offiziell machen wollte, würde ich ihn fragen müssen. Und außerdem wollte ich ihm diese Frage mit einem Ring stellen.

 

Meto nahm, nicht ahnend, an was genau ich dachte, das Duschgel in die Hand, tat sich etwas davon auf die Hände und begann, es auf meinem Körper zu verteilen. Jede seiner Berührungen tat unheimlich gut und ich seufzte leise.

„Ich kann … mich auch kaum beherrschen“, sagte Meto, während seine Hände mich weiter liebevoll einseiften. „Da bist du nicht der Einzige.“

„Wirklich?“, fragte ich leise.

Er nickte, nahm noch etwas von dem Duschgel und sprach: „Wenn ich dich so nackt vor mir sehe und dich dann anfasse, dann sehne ich mich auch danach, mit dir zu schlafen, genau wie du. Und ich will es in dein Herz schreiben, damit du es nie wieder vergisst, dass ich dich liebe und begehre.“ Er legte seine Hand sanft drückend auf mein Herz, zeichnete mit dem Finger ein kleines Herzchen in den Schaum und küsste mich. Ich seufzte wohlig, wünschte mir einen Moment lang, dass er noch ein bisschen mit meinen Nippeln spielen sollte, sah aber dann ein, dass mich das wohl zu sehr erregt hätte, und nahm stattdessen die Flasche mit dem Duschgel, um meinen Liebsten so zu waschen wie er mich.

 

Mich daran erinnernd, dass ich mich jetzt, ob ich wollte oder nicht, im Griff haben musste, weil wir ja heute beide noch zur Arbeit mussten, und daran denkend, dass wir es vielleicht ja heute Abend tun würden, seifte ich Meto von oben bis unten ein, und war am Ende, als ich das Wasser wieder anstellte, um uns beiden den Schaum wieder abzuwaschen, fast ein bisschen stolz auf mich, dass das jetzt ohne viel Lust und Heiß-werden abgegangen war.

Die Haare wuschen wir uns jeder selbst, und danach blieben wir noch ein bisschen unter dem warmen Wasser stehen, eng umarmt, und Meto tastete und streichelte mit beiden Händen über meinen Körper.

 

„Kann es sein, dass du ein bisschen zugenommen hast?“, fragte er.

Ich zuckte mit den Schultern. „Kann sein, vielleicht.“

„Wäre doch schön, oder?“

Ich dachte an gestern, als ich beinahe rückfällig geworden wäre, und daran, dass ich das Gefühl hatte, von der Bulimie wieder eingeholt zu werden. Wie schön wäre es, wenn dieses Gespenst einfach für immer aus meinem Leben verschwinden würde …

„Dir geht es ja nicht darum, dünn zu sein, oder?“, fragte Meto.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Es … ist mehr so eine Art … Selbstverletzung. Wenn … mein Herz zu sehr wehtut, dann …“ Es fühlte sich seltsam an, so darüber zu sprechen, nachdem ich so lange nichts mehr davon ausgesprochen hatte. Darüber zu reden, dass ich mich nun mal auf die eine oder andere Art selbst verletzte und dass das, ob es nun Borderline hieß oder nicht, irgendwie ein Teil meines Lebens war. Ich spürte jedes Mal, wenn ich dieses Wort dachte, einen merkwürdigen Schauer im Herzen, wie einen leichten Schock.

Meto schob eine Hand zwischen uns, legte sie auf mein Herz, und ich spürte, dass er versuchte, meinen Herzschlag zu ertasten. „Aber jetzt gerade tut es nicht weh, oder?“, fragte er.

„Nein, alles gut.“ Ich lächelte leicht.

 

Mein Freund löste sich langsam von mir, stellte das Wasser aus, griff dann nach seinem Handtuch und begann, sich abzutrocknen. Ich nahm mir meines und stieg aus der Dusche, da sie doch recht klein war und zu wenig Raum für uns beide zum Abtrocknen bot.

Fertig abgetrocknet ging ich in unser Schlafzimmer und zog mich an, wählte eine Mischung aus relativ normalen Sachen und etwas auffälligerem Schmuck und kehrte dann ins Bad zurück, um meine Haare schön zu machen und mich ein bisschen zu schminken. Meto kam mir entgegen, er hatte sich wohl noch eingecremt und zog sich jetzt erst an.

 

„Willst du frühstücken?“, fragte er.

Ich fühlte einen Moment lang in mich hinein, ob ich Hunger hatte, und stellte fest, ja, Hunger hatte ich, aber auch Angst, dass es heute auf der Arbeit zu einer ähnlichen Situation kommen würde wie gestern. Vielleicht war es besser, wenn ich nichts aß.

„Ich weiß nicht“, sagte ich.

„Du weißt aber, dass du essen musst, oder?“

„Ich hab Angst. Dass ich unter Druck gerate und am Ende …“

„Das wirst du nicht.“ Meto legte beide Hände auf meine Schultern, sah mich ganz direkt an und fuhr fort: „Tsu, du wirst nicht rückfällig. Du reißt dich zusammen. Denk dran, dass du nicht brechen willst, und dass du was versprochen hast.“

Ich nickte, obwohl ich mir gar nicht sicher war. Aber Meto sollte sich keine Sorgen um mich machen. Das wollte ich einfach nicht.

 

Und so ging ich, nachdem ich mit Rasieren, Schminken und Haare machen fertig war, in die Küche und deckte den Tisch, dachte dabei daran, dass ich das mit der Arbeit ja hinbekommen wollte und dass es ein Versprechen gab, das ich halten musste.

Ich hatte wirklich kaum Appetit, doch ich zwang mich, als Meto sich dann dazu setzte und zu essen begann, ebenfalls zum Essen. Anders würde ich nichts ändern können, das wusste ich, und mir war auch klar, dass das der schwere Teil des Weges weg von der Bulimie war: Das Durchhalten, Dranbleiben, nicht wieder rückfällig werden.

 

Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zur Bahnstation. Bis in die Innenstadt hatten wir denselben Weg und Meto hielt sein Versprechen von gestern Abend, mich heute auf dem Weg zur Arbeit zu begleiten. In der Bahn war es so voll, dass nicht weiter auffiel, dass er fast die ganze Zeit über meine Hand hielt, und als wir ausstiegen, gab er mir auf dem Bahnsteig einen Kuss auf die Wange.

„Schaffst du’s von hier alleine oder soll ich noch weiter mitkommen?“, fragte er.

„Kommst du dann nicht zu spät ins Café?“

„Das geht schon. Wir haben ja noch ein bisschen Zeit.“

Und so ging er noch die Strecke von der Bahnstation bis zum Tattoo-Studio mit mir mit, hielt wieder meine Hand und sorgte so dafür, dass ich mich gut und sicher fühlte. Als wir dann schließlich da waren, war er es, der mich umarmte.

 

Über seine Schulter hinweg sah ich, dass einer meiner Kollegen hinter dem Schaufenster saß und uns beobachtete. Und auf einmal war sie wieder da, die Angst. Was, wenn einer meiner neuen Kollegen ein Problem damit hatte, dass ich mit einem jungen Mann zusammen war? Es war eine feige, fiese Angst davor, dass die anderen Menschen schlecht von mir dachten. Und ich schämte mich vor mir selbst dafür, dass ich es wegen dieser Angst jetzt nicht hinbekam, zu meiner Liebe zu stehen.

 

Meto ließ mich los und sah mich fragend an, hatte sicherlich bemerkt, dass ich seine Umarmung nicht so erwidert hatte, wie er es von mir kannte.

„Du schaffst das schon“, sagte er. „Ganz bestimmt. Ich glaub an dich.“ Und er lächelte, so lieb und süß und strahlend, dass ich gar nicht anders konnte, als auch zu lächeln und ihn nun auch meinerseits zu umarmen.

„Danke, mein Liebster“, flüsterte ich.

Meto löste sich von mir, lächelte mich noch einmal an und ging dann in Richtung seiner eigenen Arbeitsstelle davon. Und ich wandte mich dem Studio zu, öffnete die Tür und ging hinein, hörte das Summen der Nadeln und die dunkle Musik im Hintergrund.

 

„Guten Morgen, Aoba“, begrüßte mich der Kollege, den ich eben durch das Fenster gesehen hatte.

„Morgen.“

„Wer war das denn eben?“

Und schon ging es wieder los mit der Angst auf der einen Seite und meiner Offenherzigkeit andererseits. Es war dieselbe Situation wie gestern. Ich wurde etwas Persönliches gefragt und wollte ehrlich antworten, doch gleichzeitig hatte ich Angst, dann verurteilt zu werden. Und wenn ich zu lange nachdachte, würde das vielleicht wie Lügen aussehen.

„Mein Freund.“ Und schon war es wieder passiert. Ich antwortete einfach, offenbarte zu viel, sagte etwas, von dem ich wusste, dass es sehr leicht gegen mich zu verwenden war.

„Wie, dein Freund?“ Mein Kollege, der übrigens Takashima hieß, schien zum Glück nicht sofort verstanden zu haben, was ich meinte.

Doch ich, bescheuert wie ich eben war, konnte selbst nicht verhindern, dass ich erklärte: „Mein fester Freund. Mein Lebensgefährte.“

 

Takashima sah mich einen Moment lang nur verwundert an und ich hätte mich selbst dafür schlagen können, dass ich schon wieder zu viel über mein exzentrisches Leben erzählt hatte.

Und gleichzeitig hasste ich mich dafür, dass ich nicht so zu Meto stand, wie ich sollte. Wieso war ich nur so?! Einerseits umarmte und küsste ich ihn in der Öffentlichkeit, wollte unsere Liebe zeigen und es in die Welt hinausschreien, dass ich an seiner Seite so glücklich war, und auf der anderen Seite hatte ich diese feige Angst davor, dass man mich dafür verurteilte und abstempelte. Warum?

Die Antwort war so einfach, dass es wehtat: ‚… zweiseitiges Verhalten ist ein anderes Merkmal dieser Persönlichkeitsstörung, die sich des Weiteren dadurch zeigt, dass der Erkrankte übertrieben offen ist und sich gleichzeitig zurückzieht …‘ Ein Satz aus dem Buch. Borderline. Schon wieder.

 

Ich drehte mich einfach um und verschwand in den hinteren Räumen des Ladens. Kaum allein, spürte ich ihn auch schon, diesen altvertrauten Druck im Bauch. Ich wusste, gleich würde es leicht sein, dem nachzugeben, so viel leichter als dagegen anzukämpfen. Meine Schritte trugen mich auf die Toilettenräume zu, doch als ich den Türgriff schon in der Hand hatte, hielt ich inne.

Ich wollte das doch gar nicht. Wollte mein Versprechen an Mama halten, Metos Glauben in mich nicht enttäuschen und auch mich selbst nicht. Wenn ich jetzt da reinging, mich einschloss und erbrach, würden meine ganzen Bemühungen, davon loszukommen, mit einem Schlag zerstört werden. Meine Hand um den Türgriff zitterte und der Druck stieg langsam in mir hoch.

 

„Aoba?“, hörte ich in dem Moment Takashimas Stimme hinter mir. „Ist alles in Ordnung bei dir?“

Ich schrak zusammen, drehte mich um und sah, dass mein Kollege mich besorgt ansah. Waren mir meine Ängste so deutlich anzumerken? Anscheinend schon.

„A-alles gut“, beeilte ich mich zu sagen und ließ den Türgriff los.

„Ähm … das ist kein Problem für mich, dass du ‘nen Freund hast. Nicht, dass du das denkst …“, sagte Takashima und sah mich ein wenig unsicher an. „Ich hätte dich nur, na ja, nicht so eingeschätzt.“

Jetzt war ich derjenige, der überrascht war. Und natürlich antwortete ich wieder zu viel: „Ich war auch eigentlich mal hetero. Oder … ich hab mich zumindest dafür gehalten.“

 

Kurz dachte ich an die Mädchen früher, an die, denen ich wahrscheinlich ziemlichen Herzschmerz bereitet hatte, und diejenigen, die mein Temperament nicht ausgehalten und mit mir Schluss gemacht hatten. Das alles war so verblasst, als wäre es in einem anderen Leben passiert. Das einzige, was von diesem Player-Leben geblieben war, war die leise Gefahr, dass ich mir bei einem der Mädchen vielleicht irgendwas eingefangen hatte, weshalb ich bei Meto jetzt immer darauf achtete, ein Kondom zu benutzen. Ich kannte mich nicht aus mit solchen Krankheiten und ging deshalb lieber auf Nummer sicher, wollte ich doch meinen Liebsten auf keinen Fall mit irgendetwas anstecken.

 

„Wo die Liebe hinfällt, hm?“, sagte Takashima.

Ich nickte, lächelte leicht und dachte, ohne es auszusprechen: ‚Meto ist meine große Liebe. So nennt man das doch, wenn man jemanden so wahnsinnig lieb hat und begehrt, oder?‘

Wir wandten uns beide unserer Arbeit zu, die für mich vorläufig noch darin bestand, die Motive vom Papier auf ungegerbte Tierhaut zu übertragen, die als Testfläche diente. Takashima war schon weiter, er erwartete eine Kundin, die bald darauf eintraf und den Drachen auf ihrem Rücken von ihm vervollständigen lassen wollte.

 

Ich merkte, dass ich ziemlich aus der Übung war, was das Zeichnen und das Stechen betraf. Wahrscheinlich war das normal, schließlich hatte ich beides ja seit Jahren nicht mehr gemacht, aber es störte mich trotzdem und ich gab mir Mühe, es wieder so zu lernen, wie ich es früher gekonnt hatte. Immerhin hatte ich die Ausbildung damals fast fertig gehabt.

Jedenfalls, je mehr ich mich wieder in die Arbeit einfühlte und mich anstrengte, umso mehr Lust bekam ich, mir endlich auch mal wieder ein neues Tattoo stechen zu lassen. Ich schaute mir die Motive an, doch ich fand keines, das mich genügend ansprach, und beschloss schließlich, mir nebenbei ein eigenes zu entwerfen.

Damit und mit meiner Arbeit war ich bis zum Mittag beschäftigt. Zwischendurch erlaubte ich mir zwar zwei kurze Zigarettenpausen, doch trotzdem war ich mittags irgendwie froh, eine etwas längere Pause machen zu können.

 

„Trinkst du Kaffee oder Tee, Aoba?“, fragte Ami, die meine einzige weibliche Kollegin war, und jetzt an der kleinen Küchenzeile im Pausenraum stand und sich um die Pausenverpflegung kümmerte. Wir waren nur zu zweit im Raum, die anderen würden aber bestimmt gleich dazu kommen.

Während der Arbeit war ich ziemlich konzentriert gewesen, hatte nicht ein einziges Mal an Essen und so was gedacht, und so holte mich diese Frage auf recht unangenehme Weise in die Welt der Angst vor dem Essen zurück.

„Tee, bitte“, antwortete ich, denn Kaffee fiel bei mir zu sehr unter Essen. Ich wollte heute nicht noch einmal riskieren, wieder diesen Druck im Bauch zu spüren und … an alles Weitere wollte ich nicht mal mehr denken.

Ich wusste, dass diese Angst vor dem Essen einen Rückfall in die Zeit vor dem Winter bedeutete, doch alles war besser als Brechen und ich klammerte mich an die Hoffnung, dass diese kleine Tiefphase schon irgendwann wieder vorbeigehen würde. Ich hatte doch letztens das Essen, das Meto für uns gekocht hatte, gegessen und auch wirklich genossen. Vielleicht lag mein Problem jetzt einfach darin, dass ich hier auf der Arbeit neu war und mich erst eingewöhnen musste.

 

Ich schloss für einen Moment die Augen, stützte den Kopf in die Hände und atmete so ruhig wie möglich ein und aus, so, wie ich es im Tempel gelernt hatte. Diese Übungen waren für mich viel hilfreicher, als es die eigentliche Therapie gewesen war, bei der ich ja doch nicht richtig mitgemacht hatte, aus Angst, dabei an das Thema ‚Borderline‘ zu stoßen.

Ich hatte mich lieber mit den Mönchen, als mit Frau Watanabe unterhalten, obwohl die nicht sehr gesprächig waren und mein Zusammensein mit ihnen mehr darin bestanden hatte, dass ich ihren Meditationsübungen zugesehen und so von ihnen zu lernen versucht hatte. So ganz hatte ich den Dreh mit dem Meditieren noch nicht raus, aber das bisschen, was ich konnte, half mir.

 

„Aoba?“, riss mich Amis Stimme aus meinen Gedanken. „Geht’s dir nicht gut?“

Ich öffnete die Augen, sah sie an und antwortete schnell: „Doch, doch, alles gut.“

„Du siehst aus, als ob dir schwindlig wäre.“

„Nein, alles gut, ich hab nur … über was nachgedacht.“

Ami stellte die Teekanne auf den Tisch und kam auf mich zu, setzte sich mir gegenüber und fragte dann leise: „Kann ich … dich mal was fragen?“

„Was denn?“

Sie sah mich einen Moment lang an, dann fragte sie: „Kann es sein, dass du … na ja … vielleicht ist die Frage auch zu persönlich, du musst nicht antworten …“

„Das weiß ich ja erst, wenn du die Frage stellst“, erwiderte ich.

„Okay. Wie gesagt, du musst nicht antworten, wenn du nicht willst, aber … kann es sein, dass du … psychische Probleme hast? Nicht, dass du denkst, ich wär neugierig oder so … aber … ich hab eine Freundin, die hat welche, und irgendwie … erinnerst du mich an sie.“

 

Sofort war es da, dieses Zittern im Herzen, und die Angst, dazu andererseits das Drängen, darüber zu sprechen, was mit mir los war. Ich wusste, es war mir anzusehen und es hatte keinen Sinn, zu versuchen, es zu verstecken.

„Was hat sie denn?“, fragte ich.

„Sie schneidet sich. Und sie hat Probleme mit dem Essen. Vielleicht erinnerst du mich deshalb an sie, weil du auch so … sehr schlank bist.“

Meine Offenherzigkeit siegte in meinem inneren Kampf und ich wagte mich zögernd ins Neuland vor, wo ich offen mit dem umging, was in mir los war. „Sag ruhig ‚dünn‘, das ist schon okay.“

Sollte ich auch sagen, dass ich mich ebenfalls schon mit einem Messer absichtlich verletzt hatte? Dass ich (wieder dieser heißkalte Schauer) Borderliner war? Einerseits drängte mich etwas dazu, darüber zu sprechen, jetzt, wo ich es nicht mehr völlig geheim halten wollte, und andererseits hatte ich wieder Angst.

 

„Wie heißt sie denn, deine Freundin?“, fragte ich, einfach nur um überhaupt etwas zu sagen.

„Sie heißt Hitomi“, antwortete Ami.

Allein der Name reichte aus, damit ich zusammenschreckte. Doch nicht etwa dieselbe Hitomi, die ich kannte?! Wie viele Frauen mit diesem Namen und solchen Problemen gab es in dieser Gegend?

„Hitomi?“, fragte ich heiser und wusste, dass mir der Schreck anzusehen war. Und sagte dann, weil es sowieso schon zu spät war: „Ich kenne eine, die so heißt und … die auch diese Probleme hat …“

„Woher?“, fragte Ami, deutlich interessiert.

„Ich war mit ihr im Hikuyama-Tempel.“

„Du, ich glaube, wir kennen dieselbe“, sagte Ami.

„Ja …“, sagte ich leise, „ …Das glaube ich auch.“

 

Woher Ami und Hitomi sich kannten, war mir erst mal egal. Ich war einfach … schockiert, hier auf einmal, wenn auch indirekt, mit ihr konfrontiert zu sein, und damit auch mit dem, was sie und mich auf gewisse Weise verband. Hitomi hatte mir Borderline angemerkt, bevor ich überhaupt dieses Wort gekannt hatte, durch sie war ich dann schließlich darauf gebracht worden und ihr Verhalten war es, das sich für mich wie ein Spiegel angefühlt hatte.

„Wo ist sie denn jetzt?“, fragte ich.

„Immer noch in der Klinik. Sie war kurz draußen, hat sich dann aber wieder einliefern lassen, weil es ihr ziemlich schlecht ging. Jetzt geht’s ihr langsam besser, aber sie bleibt noch ein bisschen da. Ich besuche sie morgen.“ Ami sah mich an und fügte dann hinzu: „Ich kann sie fragen, ob du mitkommen kannst.“

„Nein“, erwiderte ich sofort, ohne nachzudenken. Und sagte dann, um dieses plötzliche ‚Nein‘ zu erklären: „Morgen hab ich meinem Freund versprochen, dass wir zusammen was unternehmen.“

Ich wollte Hitomi nicht sehen. Zumindest noch nicht. Ich spürte, dass ich noch nicht so weit war, ihr wieder zu begegnen und mit ihr zu sprechen.

 

In dem Moment kamen Takashima und Kurata, der Besitzer des Studios, in den Pausenraum, sodass Ami und ich das Gespräch nicht fortführen konnten.

„Na ja, schade“, sagte Ami noch und goss dann Tee in die vor mir stehende Tasse.

Der Nachmittag verlief ähnlich wie der Vormittag. Ich übte mich weiter im Zeichnen und machte neben der Arbeit ein paar flüchtige Skizzen für mein eigenes neues Tattoo. Weit kam ich jedoch nicht, meine Kreativität war wie blockiert dadurch, dass ich immer wieder an Hitomi denken musste. Schließlich versuchte ich dann, dagegen anzugehen, indem ich betont an Meto dachte und daran, dass wir vielleicht heute Abend noch was zusammen machen würden. Das wiederum hob zwar meine Laune und setzte meine Kreativität wieder in Gang, tat jedoch meiner Konzentration nicht besonders gut, sodass ich schließlich mehr oder weniger herumsaß und nicht mehr viel machte.

Mein leichtes, verliebtes Lächeln fiel dann auch noch Takashima auf, der daraufhin grinsend meinte, dass man mir anmerken konnte, dass ich in einer Beziehung war. Anscheinend war er einer von den Leuten, die wirklich kein Problem damit hatten, und das beruhigte mich doch sehr.

 

Als ich dann abends nach Hause kam, war Meto schon da. Er stand in der Küche und schnitt irgendwelches Gemüse für unser Abendessen klein.

„Warst du noch einkaufen?“, fragte ich, denn heute Morgen war der Kühlschrank fast leer gewesen.

„Ja, auf dem Heimweg“, antwortete er und fragte dann: „Hast du viel Hunger oder eher wenig?“

„Es geht“, sagte ich. „Zu viel brauchst du nicht zu machen.“

Er stellte den Herd an, gab das Gemüse in eine Pfanne und warf einen Blick in das auf der Arbeitsplatte liegende Kochbuch.

 

Irgendwas an diesem Bild, wie mein Freund da am Herd stand und unser Abendessen kochte, gefiel mir nicht. Es war nicht das Essen, sondern etwas anderes, über das ich erst einen Moment lang nachdenken musste, bevor ich darauf kam, was mich störte: Es war diese mit dem Kochen verbundene weibliche Rolle, in die Meto sich da begab. Ich kam von der Arbeit nach Hause, er war schon da und kochte für uns, das erinnerte mich sehr an die typische Frau aus Fernsehserien. Ich wusste nicht, ob er das selbst bemerkte, aber mir fiel es eben auf, zumal ich in der Bahn nach Hause kurz daran gedacht hatte, dass er im Bett bisher immer unten lag, und ich ihn nahm, wir bis jetzt noch nicht wirklich die Positionen getauscht hatten. Aus irgendeinem drängenden Gefühl heraus fand ich das wichtig, mir darum Gedanken zu machen und mit ihm darüber zu sprechen.

 

„Und? Wie war dein Tag?“, fragte Meto und drehte sich zu mir um. „Erzähl mal.“

Ich setzte mich an den Tisch und nach kurzem Nachdenken erzählte ich ihm mehr oder weniger alles, was auf der Arbeit gewesen war, von meinem kurzen Gespräch mit Takashima, über meine Pläne für ein neues Tattoo, bis zu dem Gespräch mit Ami, bei dem ich wieder von Hitomi gehört hatte. Und ich erzählte auch, dass mich der Gedanke an Hitomi beunruhigte, dass ich ihr nicht begegnen wollte, weil ich Angst hatte, mit ihr dann reden zu müssen über das, was damals passiert war.

 

Es tat gut, so offen darüber reden zu können und keine Geheimnisse mehr vor Meto haben zu müssen. Ich spürte, wie etwas von der Anspannung, die ich die letzten Wochen und Monate mit mir herumgetragen hatte, von mir abfiel, und ich mich in der Nähe meines Liebsten entspannte. Erst jetzt begriff ich so richtig, was er da gestern gemeint hatte, als er gesagt hatte, dass er mich so liebte, wie ich war, egal ob ich krank war oder nicht. Eine unheimlich wohltuende Wärme breitete sich in mir aus, ich stand auf und umarmte Meto, küsste ihn und zog ihn eng an mich.

„Ich weiß, ich hab’s dir schon tausendmal gesagt, aber ich kann dir einfach nicht oft genug sagen, wie sehr ich dich liebe …“

Er legte seinerseits seine Arme um mich und sagte leise: „Ich liebe dich auch. Und das kann man fast nicht oft genug sagen.“

 

Das Gemüse in der Pfanne zischte und ich ließ Meto los, damit er sich wieder dem Kochen zuwenden konnte, legte dann die Hände an seine Seiten und schmiegte mich leicht an seinen Rücken.

„Tsu, weißt du, dass das süß ist, wenn du so kuschelbedürftig bist?“, sagte er. „Nachher machen wir’s uns schön gemütlich, dann kannst du mich kuscheln, bis wir einschlafen.“

„Jaa“, schnurrte ich in sein Ohr. „Aber nackt.“

Meto lachte, schmiegte sich rückwärts an mich und erwiderte: „Gerne.“

Ich fühlte mich in diesem Moment ganz sicher und gut, und ich wusste, dass Meto es spürte und dass es ihm gefiel.

Umso wichtiger war mir die Gleichberechtigung in unserer Beziehung, dass wir trotz der fünf Jahre Altersunterschied irgendwie gleichauf und auf Augenhöhe waren.

 

Das Abendessen dauerte nicht lange, da ich kaum Hunger hatte, und Meto sagte, dass er schon bei der Arbeit viel gegessen hatte. Ich stellte das, was noch an Gemüse in der Pfanne übrig war, in einer Schüssel in den Kühlschrank und ging dann schon mal ins Bad. Meto kam dazu, nachdem er das Geschirr in der Küche fertig abgewaschen und aufgeräumt hatte, da war ich schon fast fertig mit Abschminken und mich bettfertig machen. Als er dann auch so weit war, gingen wir zusammen ins Schlafzimmer, wo ich mich erst einmal nur auf die Bettkante setzte, während Meto sich bis auf die Unterwäsche auszog.

 

„Ist was?“, fragte er, als ich keine Anstalten machte, mich auch schon auszuziehen.

„Ich muss mit dir über was reden“, sagte ich.

„Was denn?“ Er setzte sich neben mich und sah mich an. „Was Schlimmes?“

„Nein, nichts Schlimmes. Ich hab nur mal über was nachgedacht, nämlich über unsere Rollenverteilung. Beziehungsweise darüber, dass wir anscheinend eine haben und ich das irgendwie nicht gut finde.“

„Du meinst, weil ich unser Essen koche?“

„Das hat mich darauf gebracht, aber ich meine vor allem, dass wir im Bett noch nicht wirklich getauscht haben. Ich find’s nicht richtig, dass du … na ja, dass ich dich da so ein bisschen in eine … wie soll ich sagen … ‚Frauenrolle‘ dränge. Ich weiß, du lässt mich machen, weil du noch keine Erfahrung als Top hast, aber meinst du nicht, wir sollten das irgendwann mal ändern?“

 

Meto sah mich mit großen Augen an, blickte dann zu Boden und sagte: „Ich … hab Angst, dass ich was falsch mache und … dass ich dir wehtue. Und außerdem … weiß ich doch, wie sehr du das magst, Top zu sein.“

„Und es gefällt dir, wenn ich in dich eindringe?“, fragte ich.

Er nickte. „Sehr sogar.“

„Aber …“ Ich beugte mich vor, legte eine Hand auf seine Schulter und zog ihn zu mir, bis meine Lippen nah an seinem Ohr waren, „… denkst du nicht manchmal daran, wie es wäre, wenn …“ für die nächsten Worte senkte ich meine Stimme zu einem leicht rauen Flüstern ab, „… du deinen harten Schwanz in mein heißes Inneres schieben und mich richtig vögeln würdest, bis du in mir kommst?“

„Tsu …!“

Ich sah ihn an, er war knallrot im Gesicht und wich meinem Blick aus.

 

„Na, stell dir das doch mal vor. Du bist doch auch ein Mann, genau wie ich, du kannst mir nicht erzählen, dass dieser Wunsch, in ein heißes Loch zu stoßen, nicht irgendwo in dir vorhanden ist.“

„Kann sein, ich … hab ehrlich gesagt noch nicht wirklich darüber nachgedacht“, sagte Meto leise und fragte dann unsicher: „Willst du … heute …?“

„Nein, nicht heute. Ich möchte nur, dass du dir das mal durch den Kopf gehen lässt.“ Ich beugte mich wieder vor und hauchte einen Kuss auf seine Wange. „Weil ich es einfach schön fände, wenn wir gleichauf sind.“

„M-hm …“ Er nickte. „Finde ich ja irgendwie auch, aber ich hab da eben noch nicht so dran gedacht.“ Jetzt beugte er sich vor und küsste mich, allerdings nicht auf die Wange, sondern mitten auf den Mund. Seine Hände schoben meinen Pullover hoch, den ich daraufhin auszog, schlüpften unter das Shirt, das ich darunter trug, und berührten meine Haut, was sich unheimlich gut anfühlte.

 

Wenn ich jetzt daran dachte, was gestern Abend gewesen war, kam mir das Glück, welches ich empfand, wenn Meto mich so liebevoll berührte, wie ein kleines Wunder vor. Ich hatte geglaubt, dass sich etwas zum Schlechten ändern würde, wenn ich über meine Probleme sprach, doch stattdessen lief alles irgendwie halbwegs normal weiter, so, wie ich es kannte. Vielleicht gab es ja doch eine Möglichkeit, mit den Dämonen in mir zu leben und irgendwie zurechtzukommen.

Tsuzuku zog sich, zunächst nur bis auf die Shorts, aus, und ich schloss ihn in meine Arme. Zusammen ließen wir uns ganz aufs Bett sinken und er begann, mich zu streicheln, seufzte wohlig, als ich das erwiderte und meinerseits mit beiden Händen über seinen Rücken strich, und schmiegte sich an mich.

 

Mein Herz klopfte wie wild, noch von dem, was wir zuvor geredet hatten, von seinen deutlichen, doch recht unanständigen Worten und dem, was er damit ausgedrückt hatte. Er wollte, dass wir, nicht heute, aber irgendwann, die Positionen tauschten, dass ich dann in ihn eindrang, und das stimmte mich ziemlich aufgeregt.

Ich hatte wirklich noch kaum darüber nachgedacht und im Nachhinein fand ich das selbst ein wenig seltsam. Tsuzuku hatte Recht, ich war mit meinen zwanzig Jahren genauso ein Mann wie er, irgendwo in mir musste doch dieses Verlangen vorhanden sein. Noch spürte ich davon nicht viel, aber so, wie ich meinen Freund kannte, würde er das zu gegebener Zeit zu ändern wissen. Er wusste, wie er mich über alle Maßen heiß machen konnte.

 

Wir rutschten beide weiter aufs Bett, bis ich das Kissen unter meinem Kopf spürte, und Tsu kuschelte sich an mich, ich spürte deutlich, wie er meine Nähe genoss.

„Meto“, sprach er mich leise an, hob die Hand und streichelte meinen Hals. „Zieh dich ganz aus, ich will dich ganz nackt bei mir haben.“ Er löste sich von mir, ich setzte mich auf und zog mein Tanktop aus, streifte mir dann die Shorts vom Leib und sah zu, wie er seine ebenfalls auszog.

 

Tsuzuku sah so wunderschön aus, so absolut sexy und verführerisch, wie er dann so ganz nackt vor mir lag und mich mit diesem geradezu lasziven Blick ansah, dass ich gar nicht anders konnte, als mich über ihn zu beugen und seinen Hals zu küssen, dann seine Schulter, die kleine Vertiefung an seinem Schlüsselbein und schließlich das ringförmige Implantat auf seinem Brustbein. Er seufzte tief, bewegte sich mir entgegen, und ich machte weiter, übersäte die Tätowierungen auf seiner Brust mit Küsschen und Streicheleinheiten, drückte dabei meinen nackten Körper immer enger an seinen. Sein Seufzen wurde zu Stöhnen, als ich dann meine Lippen auf seine rechte Brustwarze drückte, küsste, vorsichtig saugte und leckte und ebenso vorsichtig meine Zunge mit dem Piercing spielen ließ. Ich spürte, wie er heiß wurde, seine Härte drückte gegen meinen Bauch, und je mehr Zärtlichkeiten ich ihm zukommen ließ, umso stärker begann er, sich an mir zu reiben.

 

Ich legte meine Hand auf sein wild gegen seine Rippen hämmerndes Herz und drückte dann meine Lippen auf die Stelle. Tsuzuku stöhnte, wie ich ihn fast noch nie hatte stöhnen hören, klang völlig hingerissen und bis ins Innerste berührt.

„Wie fühlt sich das an?“, fragte ich leise.

„… Schön …“, antwortete er, „… ohhh, so schön …!“ Seiner Stimme war deutlich anzuhören, dass ich da etwas gefunden hatte, das weniger eine erogene als vielmehr eine hoch emotionale Zone war, deren Berührung für ihn eine tiefe Bedeutung hatte. Ich dachte daran, wie gut ihm das auch sonst tat, wenn ich, wenn er aufgeregt war, meine Hand auf sein Herz legte.

 

„Meto“, sprach er wieder meinen Namen aus und drückte sich sehnsüchtig an mich. „Halt mich, bitte, halt mich ganz fest!“

Ich rutschte wieder hoch, bis wir auf Augenhöhe waren, legte meine Arme um ihn, und er barg sein Gesicht an meinem Hals, ich hörte ihn tief ein- und ausatmen, und spürte, wie sehr er sich nach meiner Nähe und Umarmung sehnte.

„Darf ich wieder in deinen Armen liegen?“, fragte er leise.

„Ja, klar darfst du.“ Ich zog ihn enger an mich, streichelte ihn und hielt ihn fest.

 

Eine ganze Weile blieben wir so liegen und irgendwann glaubte ich schon, dass Tsuzuku eingeschlafen wäre, doch auf einmal bewegte er sich, drehte uns beide mit einem Ruck herum, so dass er auf mir lag, richtete sich halb auf und sah mich an.

„Ich will jetzt nicht schlafen“, sagte er, beugte sich runter und küsste mich. „Ich weiß was viel Besseres, etwas, das wir noch nicht gemacht haben.“

„Was denn?“, fragte ich, obwohl ich mir irgendwie schon fast denken konnte, was er meinte.

„Mir ist gerade eingefallen, dass ich dich … noch nie so da unten geküsst habe. Und das würde ich jetzt gern tun.“

 

Das war so ziemlich das, was ich schon gedacht hatte, doch trotzdem wurde ich wieder rot und wich seinem Blick aus. Mir war klar, dass Tsu einiges mehr als nur ‚da unten küssen‘ meinte und kurz fragte ich mich, warum wir das, was er da wollte, nicht schon früher gemacht hatten.

Er streckte die Hand aus, strich mit dem Daumen über meine Lippen und fragte: „Und? Willst du das? Darf ich das mit dir machen?“

Ich versuchte, mir das vorzustellen, seine weichen Lippen und seine Zunge an meiner Körpermitte. Sofort verspürte ich dieses heiße, kribbelige Ziehen, und wie ich heiß und hart wurde.

„Jaah“, kam es mir über die Lippen. „Mach …!“

 

Tsuzuku erhob sich, stieg vom Bett und blieb an der Bettkante stehen.

„Komm her“, sagte er und streckte mir einladend die Hand entgegen. Ich stand ebenfalls auf, kletterte vom Bett und nahm sie an, wurde von ihm dann mit der anderen sanft in eine sitzende Position gedrückt. Dabei streifte mein Blick seine inzwischen voll ausgeprägte und lustgerötete Erregung, er bemerkte meinen Blick und lächelte.

 

„Das ist nur wegen dir. Schon allein der Gedanke, dir solche Lust zu schenken, macht mich wahnsinnig an“, sprach er, ließ meine Hand los und schob meine Beine sanft auseinander, um sich dazwischen zu knien und so vorzubeugen, dass sein Kopf in etwa auf Höhe meines Schoßes war. Mein Herz klopfte wie verrückt und immer schneller, als ich seinen warmen Atem dort spürte, und als er sich dann noch etwas weiter vorbeugte und ganz direkt meine Härte küsste, da stöhnte ich auch schon laut auf.

„Gefällt dir das?“, fragte er leise und setzte dann einen weiteren Kuss auf mein Glied.

„Jaah … ohhh … oh Gott, ja …!“

 

Tsuzuku lachte leise, ließ seine warmen Hände langsam über die Innenseiten meiner Oberschenkel wandern und fuhr dann fort, mich mit seinen Lippen völlig wahnsinnig zu machen.

Obwohl er das ja auch so zum ersten Mal machte, wirkte er kein bisschen aufgeregt, nur erregt, und so süß wie immer. Ich dagegen schwankte zwischen Rotwerden und Stöhnen, einerseits war es ungewohnt und mir irgendwie peinlich, und andererseits genoss ich sehr, was Tsuzukus weichen, warmen Lippen mit mir anstellten. Zuerst küsste und saugte er vorsichtig, dann nahm er seine Zunge dazu, saugte heftiger und leckte über meine ganze Länge, berührte dabei gefühlte hunderttausend Nervenenden, was mich wieder laut stöhnen ließ.

Kurz ließ er von mir ab, blickte zu mir hoch und sah die Röte auf meinen Wangen.

„Ist dir das unangenehm?“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein … es ist nur … halt das erste Mal, dass du das machst, deshalb …“

„Dann soll ich weiter machen?“

„Jaaah …!“

 

Er nahm meine Hand, legte sie auf seine Schulter und sah mich noch einmal an, lächelte, leckte sich kurz über die Lippen und schloss diese dann wieder um meine heiße Erregung. Ich spürte meinen eigenen Pulsschlag dort unten, Tsuzukus unglaublich weichen Lippen, und wie er den Mund etwas weiter öffnete, um mich schließlich fast ganz in sich aufzunehmen.

Meine Hand krallte in seine Schulter und ich schrie auf, das Gefühl, zum ersten Mal im Leben so in ihm zu sein, überwältigte mich beinahe. Mein ganzes Empfinden konzentrierte sich auf meine Körpermitte und so spürte ich deutlich, wie ich die ersten Tropfen ergoss. Stöhnend legte ich den Kopf in den Nacken und schloss die Augen, fühlte Tsuzukus Hand an meinen Hoden, wie er mich dort streichelte und äußerst erregend massierte. Er leckte meinen Lusttropfen ab, ich hörte ihn schlucken und spürte dann, wie seine heiße Zunge, ihre Besonderheit voll ausspielend, meine Eichel umspielte. Ich stöhnte, meine Hüfte zuckte, und ich hielt mich mit beiden Händen haltsuchend an den Schultern meines Freundes fest.

 

„Tsu…zuku …“, kam mir sein Name über die Lippen, ich sah ihn wieder an und der Anblick, wie er da vor mir kniete und seinen Kopf in meinem Schoß bewegte, brachte mich dem Höhepunkt ein ganzes Stück näher.

In dem Moment nahm er seine Hand von meinen Hoden weg, die andere grub sich in meinen Oberschenkel, und griff in seinen eigenen Schritt. Ganz offenbar machte es ihn wirklich sehr an, was er hier mit mir tat, und er hielt seine eigene Erregung kaum mehr aus.

 

„Brings … zuende …“, keuchte ich, woraufhin er wieder an der Spitze saugte, so einen leichten Unterdruck erzeugte und dabei seine Zunge auf den hochempfindlichen Nerv an der Unterseite meines Glieds drückte. Das war zu viel für mich, ich schrie wieder auf und kam heftig in seine Mundhöhle, hörte sein ersticktes Keuchen und dann, wie er schluckte.

Sobald er von mir abließ, sank ich rückwärts aufs Bett und es dauerte einen Moment, bis ich mich wieder soweit beisammen hatte, dass ich mich darum kümmern konnte, dass er immer noch hocherregt war. Ich setzte mich wieder auf, sah zu ihm, wie er da auf dem Boden vor dem Bett kniete und anscheinend, mühsam beherrscht, auf mich wartete.

 

Er erhob sich, setzte sich zu mir aufs Bett und ließ seinen Kopf an meine Schulter sinken.

„Meto … bitte …“

Ich lächelte, streckte dann die Hand aus und legte sie um sein heißes Glied, spürte das Zucken und den erregten Pulsschlag an meiner Handfläche. Schon ein leichter Druck meiner Hand reichte aus, damit Tsuzuku mit einem tiefen, erlösten Stöhnen kam und sein Samen sich über meine Hand verteilte.

 

Einen Moment blieben wir einfach so, ich hörte ihn schwer atmen und streichelte mit der sauberen Hand seine Seite. Irgendwann ließ er sich dann auf den Rücken sinken, griff nach der Box Taschentücher auf dem Nachttisch und reichte sie mir. Ich zog ein Tuch heraus, säuberte meine Hand und legte mich dann ebenfalls hin.

 

„Hat’s dir gefallen?“, fragte Tsuzuku, seine Stimme klang müde, aber auch irgendwie zufrieden.

Ich nickte. „Ja, sehr.“

„Dann … soll ich das von jetzt an öfter mit dir machen?“

„Wenn du möchtest, gerne.“

Etwas wollte ich dann aber doch noch wissen, eine Sache, die mir zwar recht peinlich war, aber ich fragte trotzdem: „Tsu …? Sag mal, findest du wirklich, dass … na ja, dass ich gut schmecke? Du hast das damals in unserer ersten Nacht mal gesagt und …“

Weiter kam ich nicht, denn Tsuzuku lachte laut auf. „Und du glaubst mir das nicht so ganz?“, fragte er lächelnd zurück und sagte dann: „Weißt du, es schmeckt vielleicht bitter, das stimmt schon, aber ich schlucke es trotzdem gern. Weil’s deins ist, verstehst du? Ich hab dann was von dir in mir und … der Gedanke gefällt mir.“ Er blickte zur Seite, zuerst verstand ich nicht warum, doch dann sagte er: „Und, weißt du … ich hatte schon ekligeres Zeug im Mund. Da macht mir so was wie Samen nicht viel aus.“

 

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Und ich fragte mich, wie Tsuzuku es schaffte, selbst aus einer solchen leicht ekligen Sache eine Liebeserklärung zu machen. Infolge dessen fühlte ich mich wahnsinnig geliebt von ihm und schmiegte mich eng an seinen schmalen, warmen Körper.

Es war fast schon ein bisschen unheimlich, wenn ich so darüber nachdachte, wie beinahe besessen und von mir abhängig er mich liebte und wie sehr er mich brauchte. Ich spürte wieder die Verantwortung für ihn, dass ich als sein Liebster gut auf ihn achten musste und dass es zum größten Teil an mir lag, ob er glücklich war oder nicht. Doch jetzt war es anders als früher, wir waren nicht mehr nur gute Freunde und er lebte nicht mehr auf der Straße, war nicht mehr ganz so krank. Wir waren jetzt ein richtiges Paar und als solches war diese Verantwortung in einem irgendwie leichter zu tragenden Zusammenhang.

 

Tsuzuku setzte sich auf, zog die Bettdecke heran und deckte uns beide zu, kuschelte sich an mich und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn.

„Schlaf gut, mein Liebster“, flüsterte er.

„Du auch.“

 

 

Als ich am Morgen aufwachte, war es noch dunkel. Ich streckte mich, tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe und machte Licht an. Tsuzuku schlief noch, er lag wieder auf dem Bauch, aber mit dem Gesicht weg von mir, in die andere Richtung. Ich hörte seine gleichmäßigen Atemzüge, und eine Weile lag ich nur da und sah ihn an. Die Bettdecke bedeckte ihn nur bis zur Hüfte und seine helle, glatte Haut schimmerte im Licht, wunderschön, anziehend, verführerisch.

 

Ich setzte mich auf, rutschte zu ihm rüber und berührte vorsichtig seinen Arm, fuhr mit den Fingern sanft die Konturen der Rose auf seiner Haut nach und ließ meine Hand dann über seine Schulter zu seinem Rücken wandern. Ich wollte ihn nicht wecken, aber ich konnte einfach nicht die Hände von ihm lassen, zu anziehend fand ich ihn in diesem Moment.

„Ich liebe dich“, sagte ich leise, beugte mich über ihn und küsste seine Schulter.

 

Dabei schmiegte ich mich ein wenig an ihn, er gab ein leises Brummen von sich und bewegte sich meiner Berührung entgegen. Einen Moment lang wusste ich nicht, ob er noch schlief oder schon wach war, und so hörte ich kurz auf, ihn zu streicheln, denn eigentlich hatte ich ihn ja nicht wecken wollen.

„Mhh… Mmeto … Mach weiter …“

„Ist das so schön, wenn ich dich so wecke?“, fragte ich.

„Jaa. Wunderschön …“ Er drehte sich zu mir um, kuschelte sich an mich und seufzte genießend. Sein nackter Körper an meinem fühlte sich unglaublich gut an und ich war noch schlaftrunken genug, um ihn einfach zurück zu kuscheln, sodass wir wenig später die schönste morgendliche Schmuserei hatten.

 

Erst, als Tsuzuku dann eine Hand zwischen uns schob, nach meinen Nippeln tastete und begann, sie zwischen seinen Fingern zu drücken und zu massieren, kam mein noch recht umnachtetes Gehirn darauf, dass das hier eventuell in eine gewisse Richtung ging, die für den frühen Morgen etwas unpassend war. Aber andererseits … wir hatten heute beide frei, und es fühlte sich einfach wahnsinnig gut an, was wir hier taten.

Schon reagierte mein Körper deutlich angetan und Tsuzuku bemerkte das sofort, lächelte, küsste mich und fuhr fort, meine Brustknospen zu reiben. Ich seufzte gegen seine Lippen, bewegte meine Brust seiner Hand entgegen und spürte, wie sehr er meine Reaktion und dieses Mich-nah-bei-sich-haben genoss. Seine andere Hand wanderte von meiner Seite über meinen Rücken zu meinem Hintern, streichelte und griff dann zu, zog mich eng an seinen Körper, sodass ich spürte, wie erregt er schon war. Mein Glied berührte seines und wir stöhnten beide auf.

 

„Meto“, sprach er, näherte seine Lippen meinem Ohr und flüsterte: „Ich will mit dir schlafen.“

„Jetzt?“, fragte ich in einem letzten Versuch, unseren ersten morgendlichen Sex doch noch aufzuschieben. Wir hatten es bisher nur abends getan, bis auf das eine Mal nachmittags im Love-Hotel, und irgendwie war mir der Gedanke ungewohnt und ein bisschen unwohl.

Tsuzuku lächelte wieder. „Ja, jetzt.“ Sah mich dann an und fügte hinzu: „Es sei denn, du möchtest nicht.“

 

„Wir … haben noch nie … morgens …“, sagte ich leise. „Wollen tu ich schon, aber … ich hab ein bisschen Angst, dass ich wieder verspanne …“

„Kann ich denn was tun, dass du entspannt bleibst?“, fragte er, hob die Hand und streichelte meine Wange, sah mich dabei so liebevoll an, dass mein Herz wild zu klopfen begann.

„Mach so, wie bei … unseren zweiten Mal, dass du hinter mir liegst … und mich im Arm hältst. Das war schön …“

„Und vorher deine Nippel küssen, wenn ich dich vorbereite?“

„M-hmm“, machte ich, konnte auch gar nicht mehr sagen, weil Tsu mich in dem Moment küsste und sich noch ein wenig enger an mich drückte.

 

Schon löste er den Kuss wieder, jedoch nur, um ein Stück weit runter zu rutschen und sich mit dem Mund über meine Brust herzumachen, während seine Hand an meinem Hintern nach meinem Eingang tastete.

In seinem Tun lag eine Art von liebevoller Dominanz, dass er mich einerseits eroberte und gleichzeitig zeigte, dass er lieb und vorsichtig mit mir sein wollte. Und ich schmolz geradezu dahin, fühlte mich wahnsinnig geliebt von ihm und zerging unter seinen Berührungen, seufzte, stöhnte, und war nicht einen Moment lang angespannt, es war einfach nur schön.

 

Und so war ich kurz ein bisschen verwirrt, als er sich wieder von mir löste und sich erhob.

„Ich bin gleich wieder bei dir, ich hole nur eben das Gleitgel“, sagte er und lächelte leicht.

Ich beobachtete ihn, wie er die Schublade öffnete, darin herumkramte und die Tube herausnahm, und fand ihn einfach nur wunderschön. Und als er mit der Tube in der Hand zurückkam und wieder zu mir unter die Decke kroch, legte ich meine Arme um ihn. Er legte sich gleich wieder so hin, dass er mit den Lippen an meine Nippel herankam, und tat sich mit den Händen hinter meinem Rücken etwas von dem Gleitmittel auf die Finger, fuhr dann fort, meinen Eingang zu erweichen.

Mein Inneres nahm seinen Finger ganz leicht auf und ich stöhnte leise, weil es sich einfach unheimlich gut anfühlte. Mein Stöhnen schien Tsuzuku als Zeichen zu dienen, dass das, was er mit mir machte, gut war, und so machte er immer weiter, küsste meine Brustwarzen und nahm derweil erst einen zweiten, kurz darauf einen dritten Finger dazu, um mein Loch weit genug zu dehnen, dass ich ihn gleich würde aufnehmen können.

 

Längst war ich ihm ganz hingegeben, süchtig nach seine Zärtlichkeiten, seinen weichen Lippen, warmen Händen, seinem heißen Körper und der Art, wie er mich so liebevoll und bestimmt für sich eroberte.

Und als er dann seine Finger aus mir zurückzog und mich leise aufforderte, mich umzudrehen, da klopfte mein Herz vor Vorfreude auf das, was jetzt kommen würde, immer schneller. Ich drehte mich auf die andere Seite und zog die Knie ein wenig hoch, wissend, dass er dann leichter reinkam.

Eben war mir gar nicht aufgefallen, dass er mit dem Gleitmittel auch gleich ein Kondom geholt hatte, welches er sich jetzt hinter meinem Rücken über sein Glied abrollte, ich konnte es hören und auch, wie er nach den Taschentüchern griff und seine Finger vom Gleitmittel befreite.

 

Tsuzuku nahm mich in seine Arme, zog mich eng an seinen Körper und schob sich dann langsam und vorsichtig in mich. Ich war so geweitet, heiß und willig, dass mein Inneres sein Glied fast ebenso leicht aufnahm wie seine Finger zuvor, und es tat fast gar nicht weh. Ein bisschen mochte ich diesen leichten Schmerz sogar, irgendwie machte mich das an.

 

Tsuzukus weichen Lippen küssten meinen Nacken, seine oben liegende Hand streichelte meinen Oberkörper, von meinen Nippeln bis zu meinem Bauch, wo ich wieder dieses heiße, kribbelige Ziehen verspürte, während seine unter mir liegende Hand sich meiner Erregung widmete. Ich stöhnte, wand mich ein wenig und berührte seine Hände und Unterarme mit meinen Händen, was ihm irgendwie zu gefallen schien, denn er begann, sich in mir zu bewegen.

 

Wie ich dieses wundervolle Gefühl von vollkommener Nähe und dieses Eins-sein mit Tsuzuku liebte! Wie gut es sich anfühlte, ihn in mir zu haben! Und wie schön die Lust war, die wir einander bereiteten!

Es schien nichts Schöneres auf der Welt zu geben, und ich genoss es in vollen Zügen, stöhnte, sprach seinen Namen aus, und schrie, als er jenen süßen Punkt in meinem Innern traf und so in mir immer mehr Lust entfesselte.

 

„Tsu…zuku … ohhh, jaah … mehr …!“, kam es über meine Lippen.

Er lachte leise, küsste meinen Nacken, drückte mit der flachen Hand auf meinen Bauch, und fragte mit einem hörbaren Lächeln: „Ist das schön, wenn ich dich so vögele?“

„Weißt … du doch … ahhhh … aber, ohhh, mehr!“

Er stöhnte tief, bewegte sich ein wenig schneller und heftiger und fragte dann, atemlos vor Lust: „Soll ich … stoßen?“

 

Mein Sprachzentrum versagte mir spontan den Dienst und so nickte ich nur, so deutlich wie nur möglich. Tsuzuku fragte nicht mehr nach, er wusste, dass ich mir sicher war, und war wohl auch zu erregt, um sich noch zu beherrschen. Er zog sich ein Stück weit aus mir zurück und stieß dann, laut aufstöhnend, in mich, was mich wiederum schreien ließ.

Ich spürte, dass ich das irgendwie sehr mochte, wenn er so heftig wurde, dass seine hocherregte Hemmungslosigkeit mich anmachte, dazu kam dieses Gefühl von Sicherheit und wie sehr ich ihm vertraute.

 

Er hielt mich fest, berührte meine Nippel und meine Härte, während er wieder und wieder in mich stieß, stöhnend und viel zu erregt, meinen Nacken noch zu küssen. Und ich überließ ihm völlig die Führung, ließ mich willig von ihm vögeln und wünschte mir, dass kein Kondom zwischen uns wäre, dass ich seinen Samen gleich in mir haben würde. Ich wusste, das Kondom war wichtig wegen Tsuzukus früherem Lebenswandel, doch daran konnte ich jetzt kaum halbwegs vernünftig denken, war viel zu heiß für irgendeinen geordneten Gedanken.

 

„Meto … ohhhh…“ Sein Stöhnen war nah an meinem Ohr und ihm war anzumerken, dass er kurz vor dem Höhepunkt stand. „Ohhh… Ich liebe dich …!“

Ich griff hinter mich, berührte seine Seite, fühlte seine schweißnasse Haut unter meinen Fingern und hauchte: „Ich liebe dich auch.“

Seine Hand um mein Glied begann, es richtig zu massieren und mich dem Höhepunkt immer näher zu bringen, dem er selbst schon spürbar nahe war und es, das fühlte ich deutlich, kaum mehr aushielt.

 

„Ich will … ahhh, mit dir zusammen kommen …“, keuchte er, seine Finger reizten die hochempfindlichen Nerven an meinem Glied, und ich dachte an gestern Abend, als seine Zunge dasselbe mit mir gemacht hatte.

Dieser Gedanke gab mir den Rest, und in dem Moment kam Tsuzuku mit einem harten Stoß und einem tiefen, ekstatischen Knurren in meinem Innern. Ich schrie auf, mein Samen ergoss sich über seine Hand und er rieb und drückte so lange, bis nichts mehr kam.

 

Ich hörte ihn und mich selbst laut und schnell atmen, spürte meinen aufgeregten Herzschlag und glaubte fast, Tsuzukus Herz gegen meinen Rücken hämmern zu spüren. Es dauerte eine Weile, bis wir wieder recht zu Atem kamen und uns soweit beruhigt hatten, dass ein halbwegs klarer Gedanke daran möglich war, dass wir nicht Abend hatten, sondern Morgen, und jetzt nicht einfach eng zusammen einschlafen konnten.

 

Schließlich zog Tsu sich langsam und vorsichtig aus mir zurück, erhob sich und entsorgte das Kondom und die benutzten Papiertücher. Dann legte er sich wieder neben mich und schloss mich in seine Arme.

„Irgendwann …“, sagte er nach einer Weile, „… irgendwann machst du das auch mal mit mir.“

„Ich … weiß nicht, ob ich das kann“, gestand ich leise. „Ich hab Angst, dir weh zu tun, weil … Ich hab’s ja noch nie gemacht, jemanden genommen.“

„Du musst ganz einfach nur das machen, was ich eben mit dir gemacht habe. Aber du hast ja noch Zeit. Ich verlange das erst von dir, wenn du dafür bereit bist.“

„Aber du möchtest das wirklich, oder?“, fragte ich und drehte mich zu ihm um.

Tsuzuku nickte. „Ich finde das wichtig. Und außerdem …“, er lächelte, „bin ich neugierig darauf, wie sich das anfühlt. Ich will wissen, wie das für dich ist, was ich mit dir mache, will es selbst spüren.“

 

Ich überbrückte die kurze Distanz zwischen uns und küsste ihn. Er war einfach so wahnsinnig süß, lieb und wundervoll, und ich fühlte mich so geliebt von ihm, dass es mich richtig rührte.

Deshalb tat es mir auch jedes Mal so weh, wenn er sich abwertete und schlechtredete. Weil er in meinen Augen der liebste, süßeste Mensch auf der Welt war. Egal, was er für Fehler hatte, ich liebte ihn einfach über alles.

„Tsu, du bist so süß, weißt du das?“

„Süß? Ich?“, fragte er und zog die Augenbrauen leicht hoch.

„Ja, süß, du.“ Ich grinste und küsste ihn wieder. „Und ich hab dich so, so, so, so lieb.“

Irrte ich mich oder schlich sich da ein leichter Rotschimmer auf seine Wangen? Doch anscheinend sah ich richtig, denn er drehte den Kopf weg und sagte leise: „Meto, du bist hier der Süße. Du machst mich noch … ganz verlegen.“

 

Ich lachte, küsste ihn auf die Wange und stand dann auf. Es ziepte ein wenig, doch das ignorierte ich, sah es einfach als notwendige Folge an und als Preis, den ich für diesen Genuss zu zahlen hatte. Und es war ja wirklich so wahnsinnig schön gewesen, das musste ja einen Nachteil haben. Wenn mir dann heute ein bisschen der Hintern weh tat, dann war das eben so.

 

„Gehst du zuerst duschen?“, fragte Tsu und erhob sich ebenfalls.

Ich nickte und begab mich ins Bad, stieg, unbekleidet wie ich war, gleich in die Dusche, und stellte das Wasser an.

Tsuzuku kam herein, stellte sich vor den Spiegel und begann mit dem Teil seiner Morgenroutine, den er schon vor dem Duschen erledigen konnte.

„Und?“, fragte er und sah mich durch den Spiegel an. „Weißt du schon, was wir heute machen?“

Ich überlegte einen Moment. Zuerst dachte ich ans Meer und an das Schwimmbad beim Strand, doch nachdem Tsu und ich heute ja schon sehr intim geworden waren, war Schwimmen gehen und das damit verbundene Rumknutschen vielleicht zu viel. Besser war es sicher, wenn wir irgendwas taten, was nichts mit Intimitäten zu tun hatte, sozusagen als kleiner Ausgleich, und so kam mir schließlich die Idee, dass wir ja in unsere Heimatstadt fahren und meine Eltern besuchen könnten.

„Wie wär’s, wenn wir zu meinen Eltern fahren?“, fragte ich.

Tsuzuku drehte sich zu mir um und sah mich einen Moment lang durch die durchsichtige Tür der Dusche hindurch an. Er schien kurz darüber nachzudenken und antwortete dann: „Ja, können wir machen.“

 

„Mama macht sich ein bisschen Sorgen um dich, weil ich ja letztens bei ihr war und ihr erzählt hab, dass es dir nicht gut ging. Ich denke, sie würde sich freuen, zu sehen, dass es dir besser geht“, sagte ich und begann dabei, mich einzuseifen.

„Geht’s mir denn besser?“, fragte Tsuzuku, klang auf einmal wieder so seltsam ironisch und drehte sich wieder zum Spiegel um.

Ich wusste keine rechte Antwort auf die Frage. Sie hörte sich an, als fühlte mein Freund sich, obwohl es ihm von außen gesehen gut ging, trotzdem innerlich instabil, und das ließ wieder leise Sorge in mir aufkeimen. Ich tat doch alles, damit es ihm gut ging, warum fragte er dann so? War etwa wieder irgendwas in ihm nicht in Ordnung, was er mir nicht sagen wollte?

 

Ich beeilte mich mit dem Duschen und als ich aus der Kabine stieg, wartete Tsu schon darauf und betrat sie gleich, um sich ebenfalls zu waschen. Ich trocknete mich derweil ab, zog mich an, trocknete meine Haare und kämmte sie einfach nur durch, hatte heute keine Lust, sie besonders zu stylen. Stattdessen kramte ich meine heißgeliebten Sclera-Linsen mal wieder raus und setzte eine durchsichtig-weiße und eine schwarz-rote ein. Mein Make-up fiel dementsprechend bunt aus und als Tsu mit Duschen fertig war und mich ansah, lächelte er.

„Du siehst umwerfend aus, mein Süßer.“

Er selbst ließ sein Makeup, nachdem er sich abgetrocknet und angezogen hatte, heute wesentlich schlichter ausfallen als meines, schien weniger Lust auf Kontaktlinsen und dergleichen zu haben. Und so sah ich, als ich in seine dunklen Augen blickte, irgendetwas darin, was sehr verdächtig nach Geheimnis und versteckter Traurigkeit aussah.

 

Ich wollte einfach nicht, dass er schon wieder irgendwas mit sich herumtrug und mit sich selbst ausmachte, und so nahm ich meinen Mut zusammen, legte beide Hände auf seine Schultern und fragte: „Sag mal, ist irgendwas? Macht dich was traurig?“

Er wich meinem Blick aus, sah nach unten und sagte: „Nein, nichts.“

Zwar hatte ich mir denken können, dass er das antwortete, doch jetzt wollte ich das nicht einfach dabei belassen. Gerade vorgestern, wo er so ausgepackt hatte, hatte ich das Gefühl gehabt, dass er endlich was begriffen hatte, was Geheimnisse anging, doch jetzt schien das schon wieder loszugehen, dass er alles mit sich selbst ausmachte. Und so ließ ich ihn nicht los, sondern berührte ihn am Kinn und zwang ihn, mich anzusehen.

„Tsuzuku, ich merk doch, dass da gerade was ist, also sag! Rede mit mir!“

Es dauerte einen Moment, bis er antwortete, und ich versuchte, in seinen Augen zu lesen. Ging es um diese Borderline-Sache, von der ich immer noch nicht so wirklich wusste, was das eigentlich genau war? Oder war da noch etwas anderes?

 

„… Mir ist nur eben … irgendwie der Gedanke gekommen …“, sagte er schließlich, „… dass ich schon sehr lange nicht mehr am Grab meiner Mutter war. Zuletzt war ich da vor eineinhalb Jahren oder so, nachdem ich die Wohnung verloren hatte.“

Seine Mama. Das also. Jetzt wusste ich den Schmerz in seinen Augen wieder zu deuten, diese tiefe, unauslöschliche Traurigkeit.

„Möchtest du … da gern mal wieder hin?“, fragte ich vorsichtig.

„Ich weiß nicht. Ob ich das aushalte. Eine Zeit lang hat es nicht mehr so wehgetan, aber in letzter Zeit ist das wieder mehr geworden. Ich …“, er brach ab, biss sich auf die Unterlippe, war auf einmal den Tränen nahe. Und ich schloss ihn in meine Arme, wusste nicht, ob ich ‚Nicht weinen‘ oder ‚Lass sie raus, die Tränen‘ sagen sollte, und spürte, dass er selbst nicht wusste, ob er jetzt weinen wollte oder nicht. Eine Weile blieben wir einfach so, dann löste er sich aus meiner Umarmung, straffte seine Haltung, schluckte, und blinzelte ein paar Mal.

„Wir können ja erst mal zu meinen Eltern fahren, und dann überlegen wir, ob wir noch auf den Friedhof gehen oder nicht“, sagte ich.

 

Tsuzuku nickte, drehte sich dann um und ging in Richtung Küche.  Ich folgte ihm und sah zu, wie er ohne ein Wort den Tisch deckte, sich etwas zu trinken in sein Glas eingoss und sich etwas von dem kalten Gemüse nahm, der noch von gestern übrig war. Ich kochte mir eine Tasse Kaffee und setzte mich dann, um mir ein Brot zu machen, da war er schon mit Essen fertig, öffnete das Fenster und rauchte seine allmorgendliche Zigarette.

 

„Hat dir das eigentlich gefallen, dass wir heute zum ersten Mal morgens Sex hatten?“, fragte er auf einmal.

Ich nickte, lächelte. „Es war auf jeden Fall schön. Auch, wenn es sich ein bisschen komisch anfühlt, das morgens zu machen und dann aufzustehen.“

Er drückte seine Zigarette auf dem äußeren Fensterbrett aus, ließ sie nach draußen hinunterfallen und sah mich einen Moment lang mit einem leichten Lächeln auf den Lippen an. „Aber es gefällt dir?“

„Ja, sehr.“

„Weißt du, Meto … Ich hoffe immer, wenn wir uns morgens schon nahe sind und sich das so gut anfühlt, dass der ganze Tag gut wird, dass mir das Kraft gibt, all das, was auf mich zukommt, durchzustehen. Im Moment ist alles … irgendwie wieder ziemlich schwer, da … brauche ich das.“

„M-hm.“ Ich nickte. Ja, das konnte ich verstehen.

„Da ist mir wichtig, dass du das auch gern tust. Und wenn dir was wehtut …“

„Das ist mir egal, ob es wehtut“, unterbrach ich ihn, stand auf, ging die zwei Schritte auf ihn zu und umarmte ihn. „Das ist mir wirklich egal. Tsu, das Wichtigste für mich ist, dass es dir gut geht, dass du glücklich bist. Und es gefällt mir sehr, mit dir zu schlafen.“ Ich schob meine Hand zwischen uns, legte sie auf sein Herz und malte ein kleines Herzchen auf den schwarzen Stoff seines Shirts. Einen Moment lang blieben wir so, ich hörte ihn leise atmen und spürte seinen Herzschlag unter meiner Hand.

 

Schließlich löste Tsuzuku sich von mir, gab mir einen Kuss auf die Wange und ging in den Flur, zog seine Jacke an. Ich räumte schnell das Essen wieder in den Kühlschrank und das Geschirr ins Spülbecken, dann folgte ich ihm und zog ebenfalls meine Jacke an, nahm meine Tasche und wir verließen die Wohnung.

 

Auf dem Flur trafen wir Akko, das Mädchen aus der Wohnung gegenüber. Sie kam gerade die Treppe rauf, sah uns und lächelte.

„Guten Morgen, ihr beiden“, begrüßte sie uns fröhlich und verbeugte sich leicht.

„… Morgen“, erwiderte ich, viel zu leise und unsicher. Wenn ich lange und intensiv mit Tsu alleine war, vergaß ich manchmal beinahe, wie schwer mir das Sprechen bei anderen fiel. Dadurch, dass ich jetzt bei der Arbeit im Café die Rolle der schweigenden Puppe spielte, fühlte es sich an wie wieder zwei Welten, zwischen denen ich hin- und her wechselte. Mein Stottern und das alles, die Unsicherheit beim Sprechen, lag irgendwo dazwischen.

 

Tsuzuku war da so anders als ich, oder zumindest ging er anders damit um, tat leichter so, als hätte  er kein Problem damit, auf Leute zuzugehen. Ich wusste ja, dass er da auch so seine Schwierigkeiten hatte, aber er überspielte das einfach anders, besser, wünschte Akko freundlich einen guten Morgen.

„Geht ihr aus?“, fragte Akko und sah mich mit besonderem Blick auf mein heute ja sehr buntes Makeup an.

„Wir fahren Metos Eltern besuchen“, antwortete Tsu an meiner Stelle.

„Ihr zwei seht immer so hübsch aus, als ob ihr irgendwo besonderes hinwollt“, sagte Akko. „Aber das gehört ja so, wenn man sich zum VKei zählt, ne?“

„Danke“ Tsuzuku lächelte, und ich bekam auch ein passables Lächeln hin.

Akko ging in ihre Wohnung, und wir die Treppen hinunter und nach draußen.

 

„Nehmen wir die U-Bahn bis zum Bahnhof oder wollen wir das Stück laufen?“, fragte mein Freund mich und legte einen Arm um meine Taille.

Ich blickte hoch zum Himmel, wo die Sonne gerade zwischen den Wolken durchkam. Es sah nicht nach Regen aus, also sagte ich: „Wir laufen.“

Den ganzen Weg zum Bahnhof über hielt Tsuzuku den Kontakt zu mir: Erst sein Arm um mich, und dann, als wir etwas schneller gingen, nahm er meine Hand. Doch irgendwie fühlte sich das weniger nach seiner Verliebtheit, als vielmehr nach einer Sehnsucht nach Schutz und Kraft an, fast ein bisschen so wie in der Zeit, als ich sein einziger Halt im Leben gewesen war. Ich schaute ihn an, er sah nachdenklich aus und wieder fast so traurig wie vorhin. Ob er auch jetzt wieder an seine Mama dachte? Diese unglaublich schwere Sache, diesen tiefen Schmerz, ich wollte ihm das so gern nehmen, doch das konnte ich nicht, niemand konnte das. Alles, was ich tun konnte, war, ihm so viel Liebe wie irgend möglich zu geben, und das wollte ich unbedingt tun.

Ich schmiegte mich im Gehen an seinen Arm, er sah mich an, und ich lächelte, so süß und fröhlich, wie ich nur vermochte.

 

Als wir den Bahnhof erreichten, fuhr gerade der Zug in Richtung unserer Heimatstadt ein. Wir stiegen ein und suchten uns ein ruhiges Abteil, in dem nur zwei ältere Damen saßen.

Tsuzuku suchte weiter Körperkontakt zu mir, legte seine Hand auf mein Bein, gut sichtbar, und streichelte mit dem Daumen über den Stoff meiner Hose. Ich lehnte mich an seine Schulter und hörte, wie er mir ganz leise zuflüsterte: „Wenn du jetzt dein Kleid und die Perücke an hättest, würden die beiden Omas dich bestimmt für ein süßes Mädchen halten.“

 

Ich lachte leise, legte meine Hand auf seine. Wir hatten das schon mal gemacht, dass ich ein Kleid und die Perücke angezogen hatte, und Tsuzuku seine Lackledersachen. So hübsch gemacht waren wir zusammen in die Innenstadt gegangen und hatten unseren Spaß daran gehabt, aufzufallen, anders zu sein und die Leute ein wenig damit zu verwirren, dass ich mit meiner zwar meist leisen, aber doch unverkennbar männlichen Stimme gesprochen und so das mädchenhafte Bild, welches ich durch das süße Outfit abgab, ein wenig aufgebrochen hatte.

Das Selbstbewusstsein, das ich dabei empfand, war ähnlich dem, mit dem ich mich früher im Techno-Club präsentiert und fremde Typen angesprochen hatte, um mich abzulenken. Ich fiel gerne auf, auf gewisse Weise jedenfalls.

 

Eine der beiden älteren Damen sah uns aufmerksam an und ich vermutete, dass sie versuchte, uns einzuschätzen. Mich störte es nicht, aber ich wusste nicht genau, wie Tsuzuku sich fühlte, wenn ihn jemand so beurteilend ansah. Fühlte er sich ähnlich selbstbewusst wie ich, oder war er gerade so unsicher und traurig, dass ihm das wehtat?

 

Ich war froh, als der Zug hielt und wir aussteigen konnten. Doch während wir durch den Bahnhof in Richtung Stadt gingen, fühlte ich mich wieder irgendwie seltsam, weil es eben unsere Heimatstadt war, in der wir jetzt nur noch zu Besuch waren. Tsuzuku hielt wieder meine Hand, das gab mir Sicherheit und ließ mich mich gut fühlen.

Wir liefen durch die Stadt, wobei wir einen großen Bogen um die Gegend des Akutagawa-Parks machten, und außerdem, wie schon immer, der Straße auswichen, in der Tsu früher gelebt hatte.

 

Dabei kamen wir, mehr zufällig, durch die Altstadt, und dort am Friedhof vorbei. Ich sah die vielen grauen Steinstelen schon von weitem und bekam sofort  ein ungutes Gefühl, wollte stehen bleiben, doch Tsuzuku legte, statt langsamer zu werden, an Gehgeschwindigkeit zu, ließ meine Hand los und strebte in jene unheilvolle Richtung.

„Tsu…“, begann ich, da blieb er auch schon an der Pforte stehen. Er hatte den Kopf gesenkt und strahlte auf einmal eine seltsame Unnahbarkeit aus.

„… Denkst du, das ist … eine gute Idee …?“, fragte ich unsicher.

Tsuzuku antwortete nicht. Ich ging auf ihn zu und sah, dass seine Hände und seine Schultern zitterten. Vorsichtig legte ich meine Hand auf seinen Rücken und spürte so, dass er große Angst hatte.

Und mit einem Mal drehte er sich um und lief davon. Rannte einfach weg und ließ mich stehen.

 

„Tsuzuku!“, rief ich, lief dann los, ihm nach. Und als ich ihn endlich sah und einholen konnte, da stand er mitten auf dem schmalen Weg zwischen den alten Häusern, vornüber gebeugt, keuchend, völlig außer Atem. Ich lief auf ihn zu, hörte mich selbst laut und schnell atmen, und als ich bei ihm war, nahm ich ihn einfach in meine Arme. Er zitterte am ganzen Körper, hustete, klammerte sich an mich.

„Bist du okay?“, fragte ich, heftig besorgt.

Er antwortete zuerst nicht, dann, ganz leise: „… Ich … pack das nicht … Ich halte das … nicht aus …“

„Du musst doch auch nicht“, sagte ich und streichelte über seinen Rücken. „Niemand schreibt dir vor, da hin zu gehen, auch deine Mama nicht.“

„Ich … will aber.“

Zum Glück waren wir in einer kleinen Seitenstraße und es war niemand in der Nähe, der uns sehen, anstarren und eine dumme Bemerkung hätte machen können.

 

„Warum willst du das denn? Einerseits sagst du, du packst das nicht, aber andererseits willst du?“

„Ich … muss mich doch auch … darum kümmern …“, sagte er und fügte dann kaum hörbar hinzu: „Sie hatte doch … nur noch mich …“

„Was ist denn mit deinen Verwandten? Denen, die jetzt in der Wohnung leben und so?“

„Ich kenn die doch kaum. Und … als Mama noch da war, … haben die sich auch nicht für sie interessiert.“

 

Ich spürte, dass Tsuzuku dabei war, tief in seiner Traurigkeit zu graben und Sachen hochzuholen, die besser vergessen bleiben sollten. Und ich ahnte, wie gefährlich das war. Zwar wusste ich immer noch so gut wie nichts über dieses Ungeheuer namens Borderline, aber ich hatte so das Gefühl, dass er da gerade ganz nah dran war.

„Komm, wir gehen jetzt hier weg, zu meinen Eltern, und du beruhigst dich wieder und lenkst dich ab, okay?“, sagte ich. „Und nachher können wir immer noch überlegen, ob wir auf den Friedhof gehen oder nicht.“

Er nickte, immer noch zitternd. Ich nahm seine Hand und führte ihn weg, in Richtung Akayama.

 

Auf dem Weg zu meinem Elternhaus beruhigte Tsuzuku sich langsam wieder und als wir dort ankamen, ging es ihm wenigstens auf den ersten Blick gesehen wieder gut. Ich hoffte, dass es in ihm auch halbwegs ruhig aussah und er seine Traurigkeit zumindest bis nachher beiseiteschieben konnte.

 

Ich schloss die Haustür auf und hörte gleich, dass auf jeden Fall Mama zu Hause war, denn das Radio in der Küche lief, schallte durchs ganze Haus.

„Mama?“, fragte ich laut.

„Yuu, bist du’s?“

Das Radio wurde leiser gestellt und kurz darauf kam Mama aus der Küche, während Tsu und ich noch unsere Schuhe und Jacken auszogen. Mama strahlte mich an, freute sich sichtlich, uns zu sehen.

„Yuu, Genki, kommt ihr mich besuchen?“

„Wir haben frei … und da dachten wir … wir besuchen dich“, antwortete ich.

„Wie geht’s euch?“, fragte sie. „Kommt ihr gut alleine zurecht?“

Ich nickte und erzählte ihr leicht stockend davon, dass ich begonnen hatte, für Tsuzuku und mich regelmäßig zu kochen. Mama fragte weiter, wollte wissen, wie es mit dem Arbeiten lief, mein Job im Café und bei Tsu das Studio, und kochte uns derweil Tee. Ich erzählte, mein Freund sagte auch hin und wieder etwas dazu, und so kamen wir irgendwann auch auf das Thema, wie es ihm ging.

 

„Geht’s dir besser, Genki? Yuu hatte letztens erzählt, dass es dir nicht gut ging.“

Tsu war sofort anzumerken, dass er nicht wusste, was er antworten sollte. Nach seinem kleinen Zusammenbruch eben konnte man ja irgendwie nicht behaupten, dass es ihm besonders gut ging, aber er schien auch nicht sagen zu wollen, dass es ihm schlecht ging.

„… Es geht …“, antwortete er schließlich. „Mal gut, mal schlechter, ist ja normal für mich.“

„Und geht’s mit dem Essen, wenn ich das fragen darf?“, fragte Mama weiter.

Tsuzuku nickte. „Meto gibt sich so viel Mühe beim Kochen, das muss ich einfach essen.“

Seine Hand griff unter dem Tisch nach meiner, ich ergriff seine und spürte, dass er das wirklich so meinte mit dem Essen. Es war ein Kompliment an meine noch unausgereiften Kochkünste und zugleich ein Zeichen, dass Tsu sich an sein Versprechen, gegen die Essstörung anzukämpfen, unbedingt halten wollte. Und es machte mich glücklich. Ich lehnte mich leicht an ihn, er sah mich an und hauchte mir einen Kuss auf die Wange.

 

„Man kann euch so schön ansehen, dass ihr glücklich zusammen seid“, sagte Mama, lächelte, nahm einen Schluck Tee und fuhr dann fort: „Ich kann inzwischen wirklich nicht mehr verstehen, wie man was dagegen haben kann.“

„Unsere eine Nachbarin schon“, antwortete Tsuzuku. „Die kommt da gar nicht mit zurecht.“

„Aber sie macht euch nicht das Leben schwer, oder?“

„Bis jetzt nicht“, sagte mein Freund. „Und ich hoffe, sie lässt uns einfach in Ruhe.“

 

Wir saßen eine ganze Weile am Küchentisch, tranken Tee und redeten, Mama räumte irgendwann ihre auf dem Küchentisch ausgebreiteten Unterlagen weg.

Ich hatte das Gefühl, dass Tsuzuku sich langsam wieder entspannte, dass er sich in meinem Elternhaus wohlfühlte, und er und Mama sich wirklich gut verstanden. Und ich hoffte, dass meine Mama und ich, irgendwie oder vielleicht nur ein klein wenig, meinem Schatz seine verlorene Familie ein bisschen ersetzen konnten. Mir war klar, dass niemand ihm seine Mama wirklich ersetzen konnte, aber vielleicht konnten wir ihn ja ein bisschen ablenken und glücklich machen.

Ich hielt fast die ganze Zeit über seine Hand und bekam so ziemlich genau mit, wie er sich fühlte. Und es schien ihm gerade gut zu gehen. Doch irgendwann spürte ich wieder, wie er sich anspannte und seine Hand zitterte. Es war in dem Moment, als Mama auf die Uhr schaute und sagte, dass es auf Mittag zuging.

 

„Wollt ihr hier essen?“, fragte Mama.

Ich sah Tsuzuku fragend an. Er wirkte auf einmal wieder so seltsam unnahbar und viel zu nachdenklich, sodass ich mich kaum traute, ihn anzusprechen.

„Tsu …?“, fragte ich unsicher. „Willst du hier essen, oder fahren wir nach Hause und ich koche was für uns?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich hab keinen Hunger. Du kannst gerne was essen, aber ich will nichts.“

„Was … ist denn?“

„Ich möchte jetzt nichts essen.“ Er klang zwar noch ruhig, aber seine Hände zitterten und er strahlte diese Mischung aus Angst und … Selbsthass aus, die ich von früher von ihm kannte.

Ich dachte einen Moment nach, darüber, was ich tun sollte, stand dann kurzentschlossen auf, nahm Tsuzukus Hand und zog ihn mit, raus aus der Küche, ins Wohnzimmer, wo ich ihn sanft, aber bestimmt aufs Sofa niederdrückte.

 

„Was hast du denn?“, fragte ich, mit gedämpfter Stimme, damit Mama in der Küche nicht alles mitbekam.

Tsu sah mich nicht an, blickte zu Boden und sagte leise: „Ich will da hin, auf den Friedhof. Ich hab so ein Gefühl, dass ich das muss. Und wenn ich vorher was essen würde, dann würde ich sehr wahrscheinlich brechen.“

„Und du meinst, du schaffst das, also da hin?“

„Ich muss. Sie hatte doch nur noch mich.“

Ich wusste nichts dagegen zu sagen. Tsuzuku schien das, obwohl er sich bestimmt absolut sicher war, dass er weinen würde, unbedingt zu wollen. Ich hatte Angst, dass es ihm nicht gut tun würde, dass er infolge dessen rückfällig wurde, doch ich konnte ihn nicht aufhalten.

 

Er stand auf, ging an der Küche vorbei in den Eingangsbereich und zog seine Schuhe und seine Jacke an. Ich ging zu Mama und sagte ihr, dass wir nach Hause fuhren, weil Tsu sich nicht gut fühlte, und dass es mir leidtat, nicht noch länger bleiben zu können. Dann folgte ich ihm, zog ebenfalls Schuhe und Jacke an, nahm meine Tasche und verließ mein Elternhaus wieder.

Ich wusste, Mama bekam mit der Zeit immer mehr von Tsuzukus Problemen mit, von denen sie ja wusste, weil ich ihr damals alles erzählt hatte. Wahrscheinlich machte sie sich jetzt, genau wie ich, Sorgen um ihn.

 

Tsuzuku ging schnell, ich musste ihn richtig einholen, und als ich ihn erreichte und ansah, da sah ich  Tränen in seinen Augen, er schniefte und blinzelte, ging dabei immer schneller.

„Tsu, warte!“, rief ich, fiel schon wieder hinter ihn zurück. „Bleib stehen!“

Er blieb stehen, sah sich nach mir um, ich holte ihn wieder ein und griff seine Hand.

„Wir machen das zusammen, okay?“, sagte ich, leicht keuchend vom schnellen Laufen. „Wir gehen da zusammen hin, du sagst deiner Mama, wer ich bin, und wenn da was zu tun ist, irgendwas aufräumen oder so, dann machen wir das auch zusammen.“

 

Tsuzuku drückte meine Hand, sah mich mit dieser Dunkelheit in den Augen an und sagte leise: „Danke, Meto. Auch, … dass du mich nicht allein lässt …“

„Warum sollte ich dich alleine lassen?“, fragte ich. „Wieso denkst du so was?“

„Weil ich so unerträglich bin … und dir so viel abverlange …“

Ich drehte mich ganz zu ihm um, legte beide Hände auf seine Schultern und sah ihn ganz direkt an. Beinahe schon machte es mich sogar wütend, was Tsu da gerade gesagt hatte, von wegen er sei unerträglich. Wie oft sollte ich ihm denn noch sagen, dass das nicht stimmte, dass er absolut nicht ‚unerträglich‘ war?! Ich hatte ihn ja gefragt und er hatte geantwortet, aber dass er überhaupt so dachte …

„Tsuzuku!“, sagte ich laut, „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du ganz sicher nicht ‚unerträglich‘ bist? Ich liebe dich, verdammt nochmal, und es tut mir weh, wenn du so was sagst!“

 

Er sah mich an, verwundert oder vielleicht ein bisschen erschrocken, weil ich so laut wurde. Ich spürte, das hier war ziemlich nah dran an einem Streit.

„Ich … will dir nicht weh tun“, antwortete er leise. „Es ist nur so, dass ich … Ich kann das manchmal einfach nicht so glauben, dass … du so was wie mich liebst.“

„‘So was‘?“, wiederholte ich diese so abwertend klingenden Worte und spürte dabei einen leichten Stich in der Herzgegend.

Tsuzuku blickte mit Tränen in den Augen an mir vorbei, bewegte tonlos die Lippen und sagte dann, ganz leise, kaum zu hören: „So ‘n Borderliner wie mich …“

 

Es tat weh. Es tat richtig weh. Ich wusste zwar immer noch nicht genau, was ich mir unter diesem Wort eigentlich vorstellen sollte, aber dass es nichts Gutes war, das war mir klar. Es war abwertend, schmerzhaft und gemein, und der Tonfall, in dem Tsu das sagte, verstärkte das noch.

Ich spürte, wie ich wütend wurde, wusste aber nicht, auf wen oder was. Vielleicht auf dieses Ungeheuer, dass sich vor langer Zeit in der Seele meines Freundes eingenistet hatte und ihn solche Dinge sagen ließ.

Und doch wusste ich, dass er das alles jetzt wahrscheinlich nur sagte, weil er aufgeregt war wegen dem, was er vorhatte. Er konnte nichts dafür und wollte mich weder verletzen, noch wütend machen, er konnte einfach nur nicht anders.

 

„Du bist aufgeregt, oder? Und du hast Angst. Deshalb sagst du jetzt so was. Eigentlich weißt du, dass ich dich liebe, so wie du bist, oder?“, fragte ich.

Tsuzuku antwortete nicht, doch ich sah ihm an, dass ich Recht hatte. Er hatte einfach wahnsinnige Angst. Angst, am Grab seiner Mama die Fassung zu verlieren, und Angst, dann rückfällig zu werden, zu erbrechen oder sich verletzen zu wollen. Es war ihm nur allzu deutlich anzusehen.

„Ich bin bei dir“, sprach ich und nahm wieder seine Hand. „Ich halte dich.“

 

Den Rest des Weges gingen wir ohne ein weiteres Wort Hand in Hand. Ich spürte, wie er, obwohl sich ein Teil seiner Anspannung eben ein wenig entladen hatte, mit jedem Schritt aufgeregter wurde. Und als wir die Altstadt durchquerten und schließlich die Pforte des Friedhofs erreichten, war er zwar nach außen hin ruhig, doch von ihm ging eine eigenartige, dunkle Ausstrahlung aus,  die sich wie Lava unter der Oberfläche zu stauen schien.

„Bereit?“, fragte ich leise.

Er nickte, seine Hand in meiner zitterte.

 

Langsam gingen wir zwischen den grauen Steinstelen entlang, den vielen Namen, Blumen, Opfergaben. Tsuzuku schien nicht mehr ganz genau zu wissen, wo sich das Grab befand, er sah sich einige Steine genauer an, schaute sich um, blieb hin und wieder stehen.

„Weißt du noch, wo’s ist?“, fragte ich.

„Irgendwo weiter hinten“, sagte er, seine Stimme klang seltsam ruhig und belegt.

Wir durchquerten den halben Friedhof, auf dem wir ganz allein zu sein schienen, gingen an dem kleinen Tempel vorbei, der sich etwa in der Mitte befand, und Tsu ging wieder schneller, schien jetzt genau zu wissen, wo er hin wollte. Ich ließ seine Hand los, er lief los, zwischen den Grabsteinen entlang, und blieb dann auf einmal stehen. Und ich wusste, er hatte es gefunden.

 

Zuerst stand er nur da und blickte auf den Stein vor ihm. Je näher ich kam, umso deutlicher sah ich, wie sehr er um Fassung rang. Und als ich schließlich wieder neben ihm stand, da schluchzte er plötzlich auf und sank auf die Knie. Seine Schultern bebten, er beugte sich vor, stützte sich mit den Händen auf dem kalten Erdboden ab und weinte. Ich kniete mich neben ihn, ob meine Hose schmutzig wurde, war mir egal, und legte meine Hand auf seinen Rücken.

 

„Lass es raus“, sprach ich leise. „Es ist niemand hier außer uns, nur du und ich.“

Ich hatte mit meinen Worten erreichen wollen, dass er sich nicht zu sehr selbst kontrollierte und nicht diesen schmerzhaften Stau im Herzen fühlte. Doch trotzdem war ich erschrocken, als Tsuzuku auf meine Worte hin immer heftiger weinte, hemmungslos alles herausließ und schließlich kaum verständliche Worte über seine Lippen kamen. Worte aus seinem Innersten, schlimme Dinge, die ich so noch nicht gewusst hatte.

„Mama … Es tut mir so leid … Es tut mir so wahnsinnig leid … Ich hab dir so oft weh getan, hab dir das Leben schwer gemacht, mit meiner ganzen verdammten, kaputten Persönlichkeit … Ich weiß jetzt, wie gestört ich bin, ich will nicht so sein, und doch, manchmal bin ich gern so. Ich hasse mich! Warum bin ich so, warum hab ich dir solche Schwierigkeiten gemacht?!“

 

Seine Tränen fielen auf den Sandboden, malten dort dunkle, runde Flecken. Ich fühlte mich irgendwie befangen, blickte auf den Stein, wo der Name „Aoba Misayo“ in hübschen, perfekt in den grauen Stein gravierten Zeichen stand. Misayo hatte sie also geheißen, Tsuzukus Mama.

„Verzeih mir, Mama, bitte … Ich … hab das nicht gewollt. Ich …“ Er brach ab, konnte vor weinen kaum mehr sprechen. Kurzentschlossen rückte ich näher zu ihm und schloss ihn in meine Arme, hielt seinen bebenden Körper fest, zog ihn eng an mich und spürte seine tiefe Trauer und die entsetzliche Verzweiflung ganz nah. Er ließ sich einfach von mir umarmen und halten, und vielleicht tat es ihm auch ein klein wenig gut.

 

„Ich … ich hab sie umgebracht“, flüsterte er mit tränenerstickter Stimme an meiner Schulter. „Ich bin schuld. Wenn ich damals nicht …“

„Shhh“, unterbrach ich ihn. „Shhh…“ Ich wollte irgendwas wie ‚Alles gut‘ sagen, ‚Alles gut, ich bin bei dir‘, aber würde ihn das in seiner furchtbaren Traurigkeit überhaupt erreichen?

„… Wenn ich nicht so gestört wäre … und wenn ich dran gedacht hätte, dass sie krank war …“

„Nein, Tsu, nicht das alles wieder hochholen“, unterbrach ich ihn wieder. „Das ist nicht gut.“

Doch ich spürte, dass es längst alles oben war, dass er sich binnen Sekunden seine ganze Trauer und seine Schuldgefühle wieder ins Bewusstsein geholt hatte und jetzt nicht einfach wieder davon weg konnte. Ich hoffte und betete so sehr, dass er das hier überstand, ohne rückfällig zu werden.

 

Der Tag heute hatte doch so schön angefangen! Warum war jetzt alles wieder so schlimm und traurig? Warum musste der liebste Mensch, den ich auf dieser Welt hatte, so furchtbar leiden? Wieso lag er schon wieder weinend in meinen Armen, statt glücklich zu lachen und mit mir unseren gemeinsamen freien Tag zu genießen?

In diesem Moment empfand ich das Leben als furchtbar ungerecht. Und ich konnte nichts tun, als meinen Freund zu halten und ihm all meine Nähe und Liebe zu schenken, damit er ein paar Momente lang glücklich war, nur um dann wieder zusammenzubrechen.  Doch ich war bereit, das immer wieder zu tun, ihn immer wieder, wenn auch nur für kurz, glücklich zu machen.

 

Tsuzuku klammerte sich an mich, seine Hände krallten in meinen Rücken, er weinte bitterlich und ich spürte die Nässe seiner Tränen schon auf der Haut, mein Shirt war an der Schulter ganz nass. Es war recht lange her, dass er so sehr vor mir geweint hatte, und mir kam der Gedanke, dass er das vielleicht brauchte, mal alles rauszulassen.

Und irgendwann, ich hatte schon ein wenig das Zeitgefühl verloren, da beruhigte er sich langsam wieder. Seine Atmung schluchzte noch weiter, er klang fast so, als bekäme er kaum Luft, und ich streichelte seinen Rücken, geduldig wartend, bis er wieder halbwegs zu Atem kam und seine Tränen nicht mehr flossen. Er sah mich an, seine Augen waren stark gerötet vom Weinen, und fragte flüsternd: „Meto, wie hab ich so jemand Süßes wie dich eigentlich verdient?“

Es war ja nicht das erste Mal, dass er mich das fragte, aber dieses Mal konnte ich ganz sicher und überzeugt antworten: „Indem du der liebste Mensch bist, den ich auf dieser Welt habe. Und jetzt lächle ein bisschen und freu dich, dass du mich hast.“

Ein kleines, zögerliches Lächeln huschte über seine Lippen und dann fiel er mir um den Hals, ich glaubte fast, seinen Herzschlag zu spüren, und wie er mit einem Mal wieder glücklich war. Oder so was Ähnliches wie glücklich.

 

Er löste sich wieder von mir, wandte sich dem Grabstein zu und blickte diesen einen Moment lang einfach nur an, so als wartete er auf etwas. Und das, worauf er wartete, schien auch kurz darauf einzutreten, denn er erhob sich und bedeutete mir, ebenfalls aufzustehen.

„Mama … Ich möchte dir gern jemanden vorstellen“, sagte er leise.

Sah er sie jetzt vor sich? Es kam mir irgendwie ganz normal vor, kein bisschen seltsam, und ich dachte: ‚Wenn meine Mama tot wäre, würde ich auch noch mit ihr sprechen und sie sozusagen sehen, an ihren Geist glauben.‘

Ich wusste ja nicht, wie Misayo ausgesehen hatte, deshalb konnte ich sie mir kaum vorstellen. Doch trotzdem versuchte ich es und verbeugte mich leicht in Richtung des Grabsteins.

 

„Mama, das ist Meto. Er ist mein Freund, also … mein fester Freund. Wir leben zusammen und ich hab ihn sehr, sehr lieb.“ Tsuzuku legte seinen rechten Arm um mich und gab mir einen Kuss auf die Wange. Einen Moment standen wir einfach nur da, zumindest aus meiner Sicht, denn ich hatte das Gefühl, dass Tsu seine Mama irgendetwas tun sah. Vielleicht war er auch einfach in Erinnerungen an sie versunken. Aber es schien ihn nicht traurig zu machen, denn er hatte ein ganz leichtes Lächeln auf den Lippen.

 

Und dann ließ er mich los, kniete sich wieder auf den Boden und erneuerte sein Versprechen, gesund zu werden, oder zumindest glücklich. Ich hörte zu und sah, wie er dann aufblickte und ein wenig den Kopf bewegte, so als wäre da eine Hand, die ihm durchs Haar strich. Obwohl ich Misayo nicht sehen konnte, spürte ich diese Innigkeit zwischen ihr und meinem Freund und mir traten Tränen in die Augen vor Rührung.

Tsuzuku blickte sich nach mir um, sah die Tränen, stand auf und fragte: „Warum weinst du denn jetzt, Meto-chan?“

„Weil … Ich freu mich so … dass deine Mama doch noch … ein bisschen für dich da ist …“, brachte ich leise heraus und blinzelte, um meine Kontaktlinsen an ihrem Platz zu halten und mein Make-up nicht völlig kaputt zu machen.

Tsuzuku lachte, als er das sah. „Deshalb hab ich heute keine drin.“

Dann wandte er sich wieder seiner Mama zu: „Ich gehe jetzt. Aber … ich denke, ich komme bald wieder.“

Er verbeugte sich leicht und nahm meine Hand. Und dann verließen wir, nachdem ich mich ebenfalls verbeugt hatte, den Friedhof in Richtung Bahnhof, um wieder nach Hause zu fahren, in die andere Stadt, unser neues Zuhause.

[am selben Tag, morgens]

 

Ich hatte Vormittagsschicht, musste arbeiten. Meto hatte ja frei und ich musste ihn mitvertreten, wie das halt so war. Aber ich mochte meine Arbeit ja.

Während einer meiner Zigarettenpausen bekam ich eine SMS von Mikan. Sie schrieb, dass sie am liebsten schon morgen mit mir nach Tokyo fahren wollte, und dass sie sich darauf freute. Sie wusste, dass ich morgen den ganzen Tag frei hatte und schlug deshalb vor, unseren Shoppingtrip vorzuverlegen.

Ich schrieb ihr zurück, dass mir die Idee gefiel und dass ich es kaum erwarten konnte, die ‚heiligen Hallen‘ meines tokyoter Lieblingsladens Closet Child mal wieder unsicher zu machen.

Vielleicht hatten sie da ja wieder Sachen von Vivienne Westwood auf Lager? Schon beim Gedanken an neuen Schmuck, neue Schuhe oder ein hübsches Top schlug mein Herz schneller und wenn ich dann auch noch an die Ginza dachte, an die vielen teuren Läden dort, mit den wundervollen Handtaschen in den Schaufenstern … Hach, ja, ich liebte das!

 

In dem Moment kam Satchan in den Pausenraum, sah mich mit Handy und Zigarette am Fenster stehen und bemerkte mein verträumtes Lächeln.

„Na, Kocha, was strahlst du so?“, fragte sie lächelnd.

„Ich fahr morgen nach Tokyo“, antwortete ich.

„Shoppen, oder wie?“ Satchan grinste.

Ich nickte, drückte meine Zigarette im auf dem Fensterbrett stehenden Aschenbecher aus und schloss das Fenster. Meine Kollegin kam auf mich zu, grinste wieder und fragte: „Sag mal, wieso trägst du eigentlich zur Arbeit keine Frauensachen, so wie Meto-chan?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Aber ich mag diesen Anzug irgendwie.“

„Ein Kleid würde dir aber auch stehen.“

 

Irgendwie, obwohl ich ja ab und zu gern mal ein Kleid trug, gab mir diese Aussage einen Stich. Es waren weniger die Worte an sich, als eher der Ton, in dem Satchan das sagte, und der Blick, mit dem sie mich ansah. Ich wich ihrem Blick aus, sah zu Boden, und dann spürte ich, was es war, das mir wehtat: Ich fühlte mich in diesem Moment nicht als Mann angesehen, sondern wieder in die Rolle des süßen Mädchens gesteckt.

Friendzoned war ich bei Satchan sowieso, und ich wusste ja auch, wie ich mit meinem femininen Benehmen auf Frauen wirkte, aber auf einmal, da wünschte ich mir doch sehr, dass sie mich auch mal als Mann erkannten, der sich zwar gerne schön machte und Rosa liebte, aber eben … na ja, ein Mann war.

 

Wenn Tsuzuku mich mit meinem Aussehen und so weiter aufzog, fühlte sich das ganz anders an. Weil er ja auch ein Kerl war und mich ja nur freundschaftlich neckte. Als heterosexueller Mann wollte ich eben absolut nichts solches von ihm und darum war es okay, wenn er mich ein bisschen auslachte und ‚Mädchen‘ nannte.

Aber meine Kolleginnen und guten Freundinnen, von denen ich mir doch irgendwo immer noch mehr erhoffte, die sollten mich endlich mal irgendwie als männlich ansehen.

Ohne ein Wort ging ich an Satchan vorbei, wandte mich wieder meiner Arbeit zu und registrierte nur nebenbei, dass sie nicht verstand, warum ich so reagiert hatte.

 

„Kocha!“, rief mich eine Besucherin zu sich. „Lass mal spielen!“

Zum ersten Mal hatte ich auf einmal keine Lust, die Mädels zu bespaßen. Ich hatte generell in diesem Moment keine Lust auf weibliche Wesen. Fast war ich sogar ein bisschen genervt, wenn ich auch nicht so genau sagen konnte, ob von ihnen oder vielleicht auch von mir selbst.

Doch ich konnte mich hier jetzt nicht so einfach rausziehen. Und so setzte ich mein möglichst süßestes Lächeln auf und ging zu dem Tisch, wo drei zuckersüß gekleidete Mädchen mit einem Kartenspiel auf mich warteten.

 

Der Vormittag zog sich scheinbar endlos in die Länge und ich war unheimlich froh, als mein Kollege für heute Nachmittag auftauchte und ich mich umziehen und dann verschwinden konnte.

Im Zug nach Hause schrieb ich eine Nachricht an Tsuzuku, einfach um zu wissen, ob es ihm nach seinem Zusammenbruch wieder einigermaßen gut ging. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, er schrieb zurück, dass er heute mit Meto in ihrer beider Heimatstadt gewesen und seine Mutter auf dem Friedhof besucht hatte. Ich fragte, ob er okay war, und er antwortete, ja, er fühlte sich jetzt gut. Jetzt schon, dort auf dem Friedhof aber wahrscheinlich nicht.

Ich konnte mir das nur zu gut vorstellen, dass da eine Menge Tränen geflossen waren. Schließlich war Tsuzuku ein hoch emotionaler Mensch und ich hatte oft den Eindruck, dass er seine Trauer die meiste Zeit über beiseiteschob. Da war es nicht verwunderlich, dass er in so einer Situation die Fassung verlor und weinte.

 

Den Rest der Bahnfahrt über dachte ich noch ein wenig über ihn nach, überlegte, ob es etwas gab, wo ich ihm helfen konnte. Jetzt, wo ich besser wusste, was mit ihm los war, hätte es ja eigentlich einfacher werden können, doch irgendwie war dem nicht so. Es fühlte sich sogar noch komplizierter an. Denn auch, wenn ich wirklich nicht so denken wollte, konnte ich kaum etwas dagegen tun, dass ich das wenige, was ich über Borderline wusste, mit Tsuzukus Verhalten abglich, und mich fragte, was davon auf ihn zutraf. Diese Gedanken fühlten sich ziemlich furchtbar an und ich versuchte schnell, an etwas anderes zu denken.

 

Zum Beispiel an die geplante Shoppingtour mit Mikan. Ich freute mich immer noch darauf, doch gleichzeitig fragte ich mich, wie sie mich eigentlich sah. War ich für sie auch mehr ‚beste Freundin‘, als Mann, oder blickte sie als meine engste Freundin hinter mein Aussehen? Ich wusste es nicht und es war auch schon ziemlich lange her, dass wir über dieses Thema gesprochen hatten.

 

Ich sah mich in der spiegelnden Fensterscheibe an, prüfend, mit Blick darauf, was an meinem Äußeren mich für Frauen auf sexuelle Weise attraktiv machen konnte. Und stellte dabei fest, dass ich doch recht gern so aussah, wie ich aussah. Ich liebte meine langen, rosa Haare mit den schwarzen Strähnchen, die Form meiner Lippen und auch die meiner heute kaum geschminkten Augen. Es war einfach mein persönliches Schönheitsideal und ich war ziemlich glücklich, dem zu entsprechen.

 

Da stellte sich mir die Frage, warum man denn als Mann wie einer aussehen musste, um auch als solcher wahrgenommen zu werden. Gab es nicht noch andere Attribute, denen ich entsprechen konnte, ohne mein geliebtes süßes Aussehen verändern zu müssen?

Vielleicht, so dachte ich, sollte ich Mikan mal ernsthaft danach fragen, wie Frauen das sahen?

 

Die Bahn hielt an meiner Station, ich stieg aus und steuerte kurzentschlossen auf einen der Imbissläden im Bahnhof zu, um mir ein Mittagessen zu kaufen. Ich hatte Lust auf ein richtig schickes Luxus-Bento, und so eines holte ich mir, nahm es mit nach Hause und machte es mir dort am Kokatsu gemütlich. Ich stellte den Fernseher an, fand einen Liebesfilm, den ich kannte, und sah ihn mir an, während ich zu Mittag aß.

 

Doch irgendwie gefiel mir der Film auf einmal nicht mehr so, wie ich das von mir kannte. Ich mochte solche kitschigen Filme normalerweise sehr, bezeichnete mich selbst als romantisch veranlagten Menschen und stand dazu, dass es mir eben gefiel, zu beobachten, wie zwei Menschen in Liebe zueinander fanden. Doch heute konnte mich dieser Film nicht so mitreißen und begeistern, dass ich mit rosa Herzchen in den Augen vor dem Fernseher gesessen hätte. Ich konnte mich weder auf die Handlung, noch auf mein Essen wirklich konzentrieren, und aß das teure Bento, ohne es richtig zu genießen, während der Film eine Art Hintergrundgeräusch wurde.

 

Langsam wurde mir dabei immer klarer, dass bei mir irgendwas nicht stimmte. Irgendetwas lief in letzter Zeit falsch und ich glaubte auch schon, die Ecken und Ränder des Grundes dafür erkennen zu können. Dieses dunkle, kalte Loch abends, dass ich unruhiger schlief als sonst und morgens vor dem Duschen wie ein Gespenst aussah, und dass es mich auf einmal so sehr störte, wenn mich Frauen nicht wirklich als Mann wahrnahmen. Doch ich traute mich irgendwie nicht so recht, da näher ran zu gehen und nachzuschauen, was in meinem Inneren durcheinander geraten war. Ich ahnte, dass ich dann würde weinen müssen, und das wollte ich nicht.

 

Ich schaltete den Fernseher aus, stand auf, nahm die Reste des Bento mit in die Küche und stellte es dort in den Kühlschrank. Dabei fiel mein Blick auf meine in der Spüle stehende Teetasse mit Bambi drauf und ich überlegte einen Moment, ob ich mir Tee kochen sollte. Irgendwie stand meine innere Uhr schon auf Abends, obwohl es erst kurz nach Mittag war. Vielleicht sollte ich mich ein wenig hinlegen und schlafen.

Ich nahm einen Beutel Kirschtee aus dem Schrank, füllte Wasser in den Wasserkocher und während ich wartete, blickte ich aus dem Küchenfenster. Davor stand ein Zierkirschbaum im Innenhof, der schon die ersten Knospen aufwies und sicher demnächst schön hellrosa blühen würde. Ich mochte Kirschbäume, allein schon wegen der Farbe ihrer Blüten. Doch in diesem Moment machte mich der Anblick der kleinen Blütenknospen irgendwie traurig und ich wandte den Blick ab.

 

Das Wasser kochte und ich goss es über den Teebeutel, dann nahm ich die Tasse mit ins Wohnzimmer und stellte sie erst einmal auf dem Kokatsu ab, damit der Tee zog, während ich mir ein Lager auf der Couch machte. Ich zog mich bis auf die Unterwäsche aus und kroch unter die dünne Flanelldecke, die ich auf dem Sofa liegen hatte. Es fühlte sich fast so an, als würde ich krank werden. Vielleicht hatte ich mir doch nur irgendwo eine Grippe eingefangen. Doch eine kleine, gemeine Stimme in meinem Kopf flüsterte mir zu, dass das keine Grippe war, sondern etwas viel tiefer sitzendes und schwerer zu heilendes.

 

Irgendwann dann muss ich einfach eingeschlafen sein und dann auch lange geschlafen haben. Denn als ich wieder aufwachte, war es dunkel draußen. Ich beugte mich vor und griff nach der Teetasse. Sie war kalt, der Tee ebenfalls, und er schmeckte viel zu stark, wie hochkonzentrierter Kirschsaft. Ich erhob mich seufzend, ging langsam in die Küche und kippte den Tee samt Beutel in die Spüle.

Dann sah ich auf die Uhr. Es war halb sechs. Ich hatte wirklich fast fünf Stunden geschlafen, einfach so, mitten am Tag. Das war zuletzt vor Jahren vorgekommen, während meiner kurzen Zeit an der Uni, als ich viel gelernt und deshalb zwischenzeitlich auch viel geschlafen hatte.

 

Ich ging in den Flur und warf einen Blick aufs Telefon. Eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Ich hatte anscheinend so tief geschlafen, dass ich das Klingeln nicht gehört hatte. Die Nachricht war von Mikan: „Hey, Kocha, hier ist Mikan! Wie geht’s dir? Ich würde dich gern besuchen, wir könnten doch mal wieder zusammen ausgehen. Ruf mich einfach zurück. Hab dich lieb, Ko. Baiii!“

Ich griff nach dem Hörer, doch als ich ihn berührte, bemerkte ich, wie meine Hand zitterte. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern ziemlich stark. Ich zog sie zurück, sah sie verwirrt an. In meinen Ohren klang Mikans durch den Anrufbeantworter leicht elektrisch verzerrte Stimme, ihr ‚Hab dich lieb, Ko‘, und wie vorhin beim Anblick der Blütenknospen fühlte ich mich auf einmal unheimlich traurig. Aber warum machte es mich überhaupt traurig, wenn sie sagte, dass sie mich lieb hatte?

 

Ich ging erst einmal ins Wohnzimmer zurück und zog mich wieder ganz an, dann ging ich wieder zum Telefon, um Mikan zurückzurufen. Doch was sollte ich ihr eigentlich sagen? Wollte ich sie treffen, oder heute Abend lieber allein bleiben?

Einen kurzen Moment lang spielte ich mit der Idee, Mikan abzusagen, stattdessen Tsuzuku anzurufen und ihn zu fragen, ob er mich besuchen wollte. Doch dann dachte ich daran, dass er sich bestimmt einen schönen Abend mit Meto machen wollte, und verwarf die Idee wieder.

Schließlich wählte ich doch Mikans Nummer und während es bei ihr klingelte, entschied ich, es einfach auf mich zukommen zu lassen, ob sie mich sehen wollte, und was wir taten.

 

„Hey, Kocha!“, begrüßte sie mich und ich sah sie im Geiste vor mir, ihre braunen Augen und blond gebleichten Haare mit dem Hauch von Violett darin.

„Mikan …“, antwortete ich. „Tut mir leid, ich hab geschlafen und das Telefon nicht gehört.“

„Geschlafen? Mitten am Tag?“

„Ja. Ich bin einfach eingepennt.“

„War die Arbeit heute so anstrengend?“, fragte sie.

Ich antwortete einen Moment nicht, überlegte kurz, was ich sagen sollte. „Ich glaube, ich brüte eine Grippe oder so was aus“, sagte ich schließlich.

„Oh, okay. Dann ist ein Trip in den Visual-Club vielleicht keine so gute Idee, oder?“ Mikan klang ein bisschen enttäuscht, schien sich auf eine aufgestylte Partynacht mit mir gefreut zu haben.

„Ja, wahrscheinlich. Tut mir leid“, antwortete ich.

Auf einmal kicherte sie leise, sagte dann: „Du, ich weiß, was wir machen. Ich komm zu dir und pflege dich gesund, bevor du noch richtig krank wirst.“

Ich musste lachen, einfach wegen dem Ton, in dem sie das sagte. Sie klang wie ein kleines Mädchen.

„Komm halt her und steck dich an“, erwiderte ich.

„Bin schon unterwegs! Bis gleich!“ Und schon hatte sie aufgelegt.

 

Ich blieb noch einen Moment mit dem Hörer in der Hand stehen. Erst jetzt bemerkte ich, dass mein Herz klopfte wie verrückt. Und wieder fragte ich mich, was denn bitte mit mir los war. Doch an eine mögliche Antwort traute ich mich nicht heran.

Während ich auf Mikan wartete, räumte ich im Wohnzimmer ein bisschen auf und kochte eine Kanne Grünen Tee für uns. Dieses Mal stellte ich die Teeuhr, und während die lief, suchte ich ein paar Filme aus, von denen ich wusste, dass Mikan sie ebenso mochte wie ich. Zuerst war ‚Bambi‘ auch dabei, doch dann entschied ich mich zum ersten Mal aus emotionalen Gründen gegen meinen Lieblingsfilm und stellte ihn ins Regal zurück. Ich hatte Angst vor den traurigen Stellen, wollte nicht weinen.

 

Und als ich dann den Teebeutel aus der Kanne nahm, fiel mein Blick wieder auf den Kirschbaum im Innenhof. Ich wusste immer noch nicht, was mich daran so melancholisch stimmte, doch dass es so war, daran gab es keinen Zweifel. Ich musste mir zumindest eingestehen, dass es mir zurzeit nicht besonders gut ging und dass sich der fröhliche, starke Koichi, als den ich mich kannte, gerade hinter dunklen, grauen Wolken versteckte.

 

Ich biss mir auf die Unterlippe, wodurch mein Piercing gegen meine unteren Schneidezähne drückte. Es stach ein bisschen, doch das war nicht der Grund, warum mir auf einmal Tränen in die Augen sprangen. Ich stellte die Teekanne auf den Küchentisch, setzte mich auf einen der Stühle und zog die Knie hoch, schloss meine Arme darum und versuche, die Tränen niederzukämpfen. Doch es waren so viele, so schwer, und die Traurigkeit mit einem Mal so groß und dunkel, dass es mir nicht gelang.

Und so legte ich den Kopf auf die Knie und weinte, nicht laut oder heftig, sondern ganz leise, ließ die Tränen fließen, weil ich sie nicht mehr aufhalten konnte. Ich wusste nicht mal, warum genau ich so traurig war, nur, dass ich es eben war, und dass ich Angst davor hatte.

 

Als die Türklingel schrillte, schreckte ich auf. So schnell ich konnte, sprang ich auf, fuhr mir mehrmals mit dem Handrücken über die Augen und schniefte. Sofort schämte ich mich irgendwie, dass ich mich so hatte gehen lassen. Das war doch gar nicht meine Art!

Ich lief ins Bad, sah, dass meine Augen rot geweint waren, und wusste, dass ich das kaum vor Mikan würde verbergen können. Ich puderte trotzdem ein wenig die Region unter meinen Augen, wagte mich dann zur Tür und öffnete.

 

„Hey, Kocha!“ Mikan klang fröhlich wie immer und strahlte mich an. Doch sowie sie sah, dass es mir nicht gut ging, wurde sie ernst. „Du siehst wirklich müde aus, wie geht’s dir?“

„Geht …“, antwortete ich und ließ meine beste Freundin in die Wohnung.

Mikan blieb im Flur neben mir stehen, blickte mich einen Moment einfach nur an, dann fragte sie ganz direkt: „Hast du geweint?“

Ich konnte sie nicht anlügen. „Ja. Ein bisschen.“

„Weil du dich krank fühlst, oder weil du traurig bist?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich fühl mich irgendwie einfach nicht gut.“

Mikan zog ihre Schuhe und Jacke aus, nahm ihre Mütze ab und hängte ihre Tasche an meine Flurgarderobe. Dann ging sie mir voran ins Wohnzimmer.

 

„Ist ja total dunkel hier“, bemerkte sie und machte erst einmal Licht, dann setzte sie sich aufs Sofa und sah sich meine ausgesuchten, auf dem Tisch liegenden DVDs an. „Na, dann schauen wir uns mal ‘nen süßen Film an, danach geht’s dir bestimmt schon besser.“

Ich sagte nichts dazu, sondern setzte mich einfach neben sie und ließ sie einen Film aussuchen.

„Hast du was zum Knabbern da?“, fragte Mikan.

Ich nickte, stand auf und holte eine Tüte Chips aus der Küche, legte diese dann geöffnet auf den Tisch und nahm mir eine Decke, um es mir neben meiner besten Freundin auf dem Sofa gemütlich zu machen.

 

Wir sahen uns einen koreanischen Liebesfilm an, den ich eigentlich ziemlich gern mochte und schon einige Male gesehen hatte. Und im Gegensatz zu dem Fernsehfilm, den ich heute Mittag gesehen hatte, konnte ich mich auf diesen auch einigermaßen konzentrieren. Die Geschichte war süß und romantisch, genauso wie ich es mochte, ich futterte Chips, kuschelte mich an Mikans Seite und fühlte mich wieder halbwegs gut. Ab und zu sah sie mich an und lächelte.

 

Alles schien wieder so weit okay, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als es im Film sexuell zur Sache ging. Irgendwie vertrug ich das in diesem Moment nicht. Sonst sah ich immer ganz normal hin, fühlte mich davon angenehm leicht erregt und mochte solche Szenen, aber heute konnte ich mir das irgendwie nicht anschauen. Ich blickte zu Mikan, die interessiert zusah, und starrte dann selbst knapp am Fernseher vorbei zum Fenster.

 

Und während das Liebespaar im Film lustvoll seufzend und küssend unter einer raschelnden Bettdecke verschwand, und meine beste Freundin, die mich von Anfang an gefriendzoned hatte, dabei zusah, kam mir der Gedanke, warum ich, ausgerechnet ich, eigentlich hetero war. Ich dachte an Tsuzuku, der anscheinend bisexuell war, und der nach früheren Abenteuern mit Mädchen jetzt seine Liebe fürs Leben in einem anderen Mann gefunden hatte, und an Meto, der nur auf Kerle stand und zwischenzeitlich gleich zwei Interessenten gehabt hatte.

Irgendwie erschien es mir auf einmal fast so, als seien Männer leichter zu bekommen, und ich als Hetero-Mann ziemlich alleine, zumindest als einer, der nun mal gern süß und mädchenhaft aussah. Mein Aussehen hatte doch absolut nichts mit meiner Sexualität zu tun, es war einfach nur mein Schönheitsideal, mehr nicht. Warum war das so schwer zu sehen?! Ich konnte doch auch nichts daran ändern, dass ich mich sexuell nun mal nur zu Frauen hingezogen fühlte!

 

Ich richtete mich auf, tat, als müsste ich mich ein wenig strecken, doch eigentlich wollte ich nur ein wenig Abstand zu Mikan bekommen. Sie sah mich fragend an und ich tat wiederum so, als müsste ich mich nur bequemer hinsetzen.

Der Film war inzwischen über die erotische Szene hinweg und lief normal weiter, doch jetzt konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Ich achtete nur noch darauf, dass der Abstand zwischen Mikans und meinem Körper nicht zu klein, aber auch nicht zu groß wurde, schwankte dazwischen, mich an sie kuscheln zu wollen, weil ich mich nach Nähe sehnte, und ihr nicht zu nahe zu kommen, weil sie ja nur meine beste Freundin war.

Und irgendwann, als der Film fast vorbei war, wurde mir klar, was ich da tat: Ich hatte Mikan lieb, sehr lieb, ich stand auf sie, und der Abstand zwischen uns war nur da, weil ich nicht wusste, ob von ihrer Seite nicht doch mehr als nur Freundschaft möglich war. Und mir kamen schon wieder fast die Tränen, als ich daran dachte, dass sie mich nur als besten Freund sah, und als halbes Mädchen noch dazu.

 

Jeden weiteren Gedanken verbot ich mir. Ich durfte jetzt nicht zulassen, dass meine Gefühle und Hormone mit mir durchgingen und ich am Ende noch etwas tat, was unserer Freundschaft schadete.

Zum Beispiel, sie zu umarmen und zu küssen.

‚Nein!‘, dachte ich energisch. ‚Koichi, willst du wohl aufhören damit?!‘

Mikan sah mich wieder fragend an. „Ko, alles okay?“

„Ja, alles gut“, beeilte ich mich zu sagen und dachte dabei nur daran, sie in meine Arme zu nehmen. Ich starrte geistesabwesend auf das Bild auf ihrem pastelllila T-Shirt, eine kleine schwarze Katze, und bemerkte zwei Sekunden zu spät, dass ich eigentlich das anstarrte, was sich unter dem Shirt befand, die sanften, weichen Rundungen ihrer Brüste.

Ich blinzelte, blickte an ihr vorbei, und wusste auf ihren leicht verwirrten Blick nichts zu antworten. Überhaupt hatte ich absolut keine Ahnung, wie ich ihr beibringen sollte, dass ich mehr von ihr wollte und eben nicht die männliche ‚beste Freundin‘ war, für die sie mich hielt.

 

Ich stand auf und stellte den Fernseher und den DVD-Player aus. Und als ich mich wieder zu Mikan umdrehte, da sah sie, obwohl sich eigentlich gar nichts verändert hatte, auf einmal so schön aus, mit ihren knapp über schulterlangen, blond-lila Haaren, ihren leuchtenden, braunen Augen und ihrem süßen Fairy Kei-Outfit, so wahnsinnig schön.

Sie lächelte. „Koichi, was starrst du mich so an?“

Ich konnte nicht anders, als halbwegs ehrlich zu sein. „Du siehst heute so hübsch aus.“

„Danke. Du auch.“

„Ich bin nicht mal geschminkt“, erwiderte ich trocken und hatte endlich das Gefühl, dass alles wieder halbwegs normal war, dass ich mich wieder gut und sicher fühlte, zumindest für den Moment. Mit einem Unterschied: Ich wusste jetzt zumindest bei einer Sache, was los war. Auch, wenn ich noch keine Ahnung hatte, was daraus werden würde.

 

„So, ich glaube, die Grippe haben wir abgewehrt. Du siehst jedenfalls wieder okay aus“, sagte Mikan schließlich und stand auf. „Wollen wir noch was machen, oder soll ich wieder gehen?“

Erst jetzt fiel mir wieder ein, dass sie und ich morgen zusammen nach Tokyo wollten.

„Geh mal lieber“, sagte ich. „Wir sehen uns ja morgen.“

Mikan lächelte. „Stimmt. Soll ich dich dann abholen?“

„M-hm.“ Ich nickte.

Sie ging in den Flur, zog sich Schuhe, Jacke und Mütze wieder an und nahm ihre Tasche.

„Also dann, bis morgen, Koichi.“ Und ehe ich etwas sagen oder tun konnte, hatte sie sich vorgebeugt und mir einen Kuss auf die Wange gedrückt. „Hab dich lieb.“

„… Ich dich auch …“, erwiderte ich, mehr automatisch, meine Wange fühlte sich heiß und kalt zugleich an.

Sie lächelte mir noch einmal zu, dann schloss sie die Tür hinter sich und ich hörte ihre Schritte im Treppenhaus. Ich blieb noch ein paar Augenblicke im Flur stehen. Mein Herz klopfte wie verrückt und ich war schon wieder den Tränen nahe.

 

Am liebsten hätte ich jetzt Tsuzuku angerufen und ihm alles erzählt, aber dafür war es jetzt eindeutig zu spät. Sicher lag er jetzt mit Meto im Bett, vielleicht schliefen sie sogar miteinander, oder sie waren beide längst im Land der Träume, bestimmt glücklich umarmt.

Ich hatte nicht allzu viele männliche Freunde, und der einzige von ihnen, der mir nahe genug stand, dass ich mit ihm über so etwas hätte sprechen können, war nun mal Tsuzuku. Er hatte mir letztens ja sogar von sich aus angeboten, dass ich, wenn ich mal jemanden zum Reden brauchte, auch zu ihm kommen konnte.

Ich dachte an ihn und Meto, daran, wie glücklich die beiden trotz aller Schwierigkeiten miteinander waren und wie süß ich sie als Paar fand. Und auf einmal spürte ich einen fiesen kleinen Stachel im Herzen, einen neidischen Stachel, weil die zwei einander hatten und ich allein war.

‚Morgen …‘, dachte ich, ‚Morgen bin ich den ganzen Tag mit Mikan zusammen. Da hab ich bestimmt eine Gelegenheit, sie unauffällig zu fragen, wie sie mich eigentlich sieht.‘  

 

Ich fuhr mir mit dem Handrücken über die Augen, merkte jetzt erst, wie müde ich schon wieder war, und ging noch schnell ins Bad, um mich bettfertig zu machen, und dann in meinem Schlafzimmer zu verschwinden. Ich zog mich bis auf die Shorts aus und legte mich einfach so ins Bett, hatte irgendwie keine Lust, noch meinen Schlafanzug anzuziehen.

Liegend schlang ich meine Arme um meinen Oberkörper, streichelte mich selbst und spürte dabei deutlich, was tagsüber durch süße Kleidung und Make-up verdeckt wurde: Dass ich ein Mann war und das gerne, dass ich meinen Körper mochte, wie er war, und endlich wollte, dass Menschen wie Mikan das auch irgendwie sahen. Gerade Mikan. Nur hatte ich keine Ahnung, wie ich ihr das erklären sollte, ohne unserer Freundschaft zu schaden, von der ich insgeheim hoffte, dass mehr daraus werden konnte.

 

Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, es mir noch ein bisschen gemütlicher zu machen, mir irgendwas Erregendes vorzustellen und mir dann darauf einen runterzuholen. Das hatte ich schon eine Weile nicht mehr gemacht und eigentlich verspürte ich jetzt Lust darauf. Doch da ich befürchtete, dabei dann doch an Mikan denken zu müssen, ließ ich es lieber, rollte mich unter der Decke zusammen und schlief auch gottseidank bald ein.

 

 

„Piep-piep … piep-piep … piep-“

Ich streckte die Hand unter der Decke raus und versetzte meinem Wecker einen mehr oder weniger gezielten Schlag auf den Knopf an der Oberseite. Das Piepen verstummte und ich zog die Decke, die mich bis über den Kopf zudeckte, weg, atmete kühle Zimmerluft. Anscheinend hatte ich gestern vergessen, die Heizung im Schlafzimmer aufzudrehen, denn es war kälter als sonst.

Und so traute ich mich nur langsam unter der Decke hervor, fühlte mich ein bisschen wie ein kleines Tier nach dem Winterschlaf und es dauerte ein wenig, bis ich es wagte, sie beiseite zu ziehen und meinen bis auf die Shorts unbekleideten Körper der kühlen Luft auszusetzen. Fröstelnd rieb ich mir die Arme und beeilte mich, ins Bad zu kommen.

 

Dort angekommen, stellte ich das Wasser heiß, streifte mir die Shorts vom Leib und verschwand erst einmal in der Dusche, genoss die Wärme und wusch mich ausgiebig, vertrieb gleichzeitig die Müdigkeit und sorgte selbst dafür, dass ich mich gut fühlte. Dabei kehrte langsam die Erinnerung an gestern zurück, daran, wie traurig ich gewesen war, daran, wie Mikan mich besucht hatte, und was sich zumindest von meiner Seite her zwischen uns verändert hatte. Noch kam ich ganz gut damit klar und vielleicht würde ich heute sogar mit ihr darüber reden können. Doch ich ahnte, dass das nicht ganz einfach werden würde.

 

Als ich aus der Dusche kam und gerade dabei war, mich abzutrocknen, schrillte das Telefon. Ich wickelte mich schnell in mein Handtuch und huschte auf den Flur raus, sah Mikans Nummer auf der Anzeige und hob ab.

„Hey, Kocha, bist du schon auf?“ Sie klang fröhlich und vorfreudig.

„Ich komm gerade aus der Dusche.“

„Ich ruf nur an, weil ich dachte, ich hole uns noch Frühstück.“

„Meinetwegen.“

„Okay, bis gleich!“

 

So schnell ich konnte, war ich wieder im Bad, trocknete mich ab und versuchte, meine langen Haare so schnell wie möglich ebenfalls trocken zu bekommen. Und als ich kurz darauf im Schlafzimmer vor meinem Kleiderschrank stand und überlegte, was ich anziehen sollte, entschied ich mich für recht schlichte Sachen, bei denen das Wichtigste war, dass ich sie in den Umkleidekabinen der tokyoter Läden leicht an – und ausziehen konnte. Mein Makeup fiel ähnlich einfach aus, aus demselben Grund. Und als ich mit allem fertig war, vor dem Flurspiegel stand und mich für gutaussehend befand, klingelte es auch schon an der Tür.

 

„Hey, Ko!“, begrüßte Mikan mich fröhlich, als ich öffnete, strahlte mich an und hielt eine Tüte hoch, auf der der Name der französischen Bäckerei am Bahnhof stand. „Wie geht’s dir?“

„Besser als gestern auf jeden Fall“, antwortete ich.

„Das ist doch schon mal schön.“ Sie lächelte, ich ließ sie rein und sie zog Jacke und Schuhe aus.  

 

Wir frühstückten zusammen, unterhielten uns aber nicht allzu viel, da wir beide noch ein wenig müde waren und, statt zu reden, lieber aus dem Fenster schauten, wo die rote Morgensonne hinter den Häusern rauskam.

„Du siehst gut aus heute, Koichi“, sagte Mikan irgendwann und sah mich an.

Ich lächelte, nahm einen Schluck Tee und antwortete dann: „Danke. Du auch.“

Sie sah heute wirklich hübsch aus. Ihr Outfit war ähnlich shoppingtauglich wie meines, aber insgesamt doch etwas auffälliger und niedlicher. Sie trug ein rüschenbesetztes rosa T-Shirt mit Lolita-Print, einen kurzen, getupften Faltenrock, bunte Kniestrümpfe und rosa Schuhe mit leichtem Absatz, hatte ihre Haare zu zwei offenen Zöpfen gebunden und rosa-blauen Lidschatten aufgelegt.

Als ich merkte, dass ich sie anstarrte, blickte ich schnell wieder aus dem Fenster.

„Findest du mich hübsch, Ko?“, fragte sie, hatte es anscheinend bemerkt und beugte sich lächelnd ein wenig vor.

„Du … bist immer hübsch …“, antwortete ich ein wenig verlegen und nahm den letzten Bissen von meinem Brötchen.

 

Nach dem Frühstück packte ich meine Handtasche (die Westwood-Tasche mit dem Bambi drauf), zog meine Jacke an und suchte noch kurz nach passenden Schuhen, entschied mich der Bequemlichkeit halber für rosa Chucks, die schön zu meiner pastellblauen Hose passten.

„Na dann, auf nach Tokyo!“, rief Mikan durchs Treppenhaus, während ich noch meine Jacke anzog.

Dann machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof.

 

Wir fuhren erst mit der Stadtbahn zum Hauptbahnhof und nahmen von dort den Shinkansen in Richtung Tokyo. Es war schon relativ voll und als wir einen Platz gefunden hatten, wo wir nebeneinander sitzen konnten, holte ich mein Handy raus und machte mir erst mal Musik an.

Eigentlich war das ja etwas unhöflich, Musik zu hören, während ich mit meiner besten Freundin unterwegs war und mich auch hätte mit ihr unterhalten können, aber ich wusste gerade nicht mehr so recht, worüber wir hätten reden sollen. Die Dinge, die ich mit ihr besprechen sollte, passten besser in ein Café oder dergleichen, nicht in den Zug, wo es vielleicht jemanden gestört hätte.

Mikan tat es mir gleich und so saßen wir eine ganze Weile nur nebeneinander, jeder in seine Musik vertieft und mit sich selbst beschäftigt.

 

Irgendwann tippte sie mich an, ich zog mir den Ohrhörer aus dem Ohr und sah sie fragend an.

„Ko, sag mal, geht’s dir wirklich besser? Ich denke gerade so darüber nach, ob wir nicht vielleicht doch besser erst nächste Woche gefahren wären, wenn du dich wieder ganz gut fühlst …“

„Nein, nein, das ist schon gut so“, antwortete ich schnell. „Ich weiß ja selber nicht genau, was mit mir los ist, da ist so ein Ausflug ‘ne gute Idee. Es lenkt mich ab.“

„Also war’s keine Grippe oder so, was du gestern dachtest, dass du’s kriegst?“

Ich schüttelte den Kopf. Sollte ich Mikan zumindest davon erzählen, dass ich mich so furchtbar traurig und verkannt gefühlt hatte? Oder hob ich das besser für einen geeigneteren Zeitpunkt auf?

„Ich war einfach … irgendwie traurig, weiß auch nicht, warum“, sagte ich schließlich leise und stellte die Musik aus, die durch den anderen Hörer immer noch in meinen Kopf schallte.

„Aber jetzt geht’s wieder?“

„Ja. Ich freu mich drauf, dass wir nachher in Harajuku sind und uns einen schönen Tag machen.“

Mikan lächelte, beugte sich vor und umarmte mich, einfach so. Augenblicklich fing mein Herz an zu klopfen wie verrückt und ich musste mich richtig zusammenreißen, um sie nicht viel zu eindeutig zurück zu umarmen.

 

Den Rest der Fahrt über redeten wir über Klamotten, über die Läden, in die wir wollten, und all so was, schnitten beide das Thema ‚Koichi geht’s nicht so gut‘ nicht mehr an.

Wir fuhren bis zum nächsten großen Bahnhof in Tokyo und nahmen von dort die Yamanote-Linie nach Shinjuku. Schon in der Bahn waren ein paar Leute unserer Szene zu sehen, Visual-Cosplayer und Leute in modischen Eigenkreationen. Obwohl es ja in unserer Heimatstadt ebenfalls eine Visu-Szene gab, die in Tokyo war noch mal etwas ganz anderes. Hier erschien mir alles noch auffälliger, noch kreativer und bunter, auch irgendwie originaler. Ich freute mich schon auf die Harajuku-Brücke, darauf, von dort ein paar Ideen mitzunehmen für meine eigenen Looks.

 

Als wir in Harajuku ausstiegen, war ich Koichi im Wunderland, fühlte dieses vorfreudige Shopping-Kribbeln und war mit einem Mal richtig gut drauf. Für eine Weile waren alle traurigen Gedanken beiseite gewischt und ich genoss das schöne Wetter, bewunderte die tollen Outfits um mich herum und folgte Mikan, die zielsicher auf die Takeshitadori zusteuerte.

 

Was dann folgte, war ein Shoppingstrip der Extraklasse. Extravagante Schuhe, bunte T-Shirts, Hosen, süße Kleider, fluffige Röcke und jede Menge Schmuck, ich probierte eine Unzahl Kram an, auch vieles, was ich dann gar nicht kaufte. Aber genau das machte mir Spaß: Verrückte Sachen anprobieren, kombinieren, interessante Stilbrüche austesten, und dann nur die schönsten Teile wirklich kaufen.

Und nachdem wir die Takeshita gründlich abgeklappert hatten und mit vollen Einkaufstaschen auf dem Weg zu Closet Child waren, fühlte ich mich, als hätte ich irgendwas genommen, war aufgedreht und kribbelig. Gut, dass mein Job im Café so ausnehmend gut bezahlt wurde.

 

Closet Child war immer noch mal etwas Besonderes. Weil es eben ein Second-Hand-Laden war und sie dort viele Sachen hatten, die es woanders längst nicht mehr gab. Alles war schön nach Brands sortiert und für einen Markenliebhaber wie mich absolut perfekt. Oft schon hatte ich dort wundervolle Sachen gefunden, nach denen ich zuvor jahrelang gesucht hatte.

Als wir den Laden erreichten und betraten, strebte ich zielsicher auf die Ecke mit den Westwood-Sachen zu und erblickte dort schon von weitem eine rote, herzförmige Handtasche, die mein Herz augenblicklich höher schlagen ließ. Allein schon das goldene Westwood-Planetenlabel, welches groß und gut sichtbar mitten auf dem roten Leder leuchtete, begeisterte mich, und ich nahm die Tasche aus dem Regal, schaute nach dem Preis. Dabei entdeckte ich auf der Rückseite einen kleinen Kratzer, aber der störte mich nicht. Kleine Schäden bei einem Second-Hand-Teil sprachen ja nur davon, dass es zuvor jemandem gehört hatte, der es oft benutzt hatte. Und der Preis war auch gut danach.

 

Mikan kam mir lächelnd hinterher. „Na, Kocha, hast du ein neues Schätzchen gefunden?“

Ich nickte begeistert. „Ist die nicht wunderschön?“

„So eine hast du doch schon, oder?“

„Ja, aber nur in Schwarz. Die hier ist rot. Rot wie die Liebe.“

„Koichis Liebe zu Designerhandtaschen, haha“, lachte Mikan.

„Lass mich, ich mag so was halt!“, konterte ich gespielt beleidigt und hängte mir die Tasche übers Handgelenk, da ich soeben in der nächsten Abteilung ein wahnsinnig niedliches Oberteil entdeckt hatte und mir das ebenfalls ansehen wollte. Es war unverkennbar Frauenkleidung, aber ich sah es und wollte es haben.

 

„Sag mal, Ko, hast du eigentlich noch genug Geld oder überziehst du deine Karte schon wieder?“

„Ich glaube, für das beides hier reicht‘s noch. Und wir können danach auch noch ein Crêpe essen gehen“, antwortete ich.

„Na dann, die beiden Sachen noch. Aber mehr dann auch nicht“, sagte Mikan mit leichter Strenge und deutete auf die beiden großen Tüten, in denen sich unsere modischen Errungenschaften aus der Takeshita befanden.

Ich schnappte mir das Oberteil und ging es anprobieren, stellte meine zum Glück leicht an- und ausziehbaren Schuhe ordentlich vor der Umkleide ab und schloss den Vorhang hinter mir. Die rote Handtasche hängte ich an einen der Kleiderhaken, zog dann das Top an und betrachtete mich im Spiegel. Zwar hatte ich heute schon sehr viel anprobiert, aber das hier war mein Lieblingsladen und ich hatte einen Moment Ruhe.

 

Das Top war wirklich schön und es stand mir richtig gut. Rosa Rüschen, Blümchenmuster, bauchfrei, ein richtiges Mädchenteil, das wunderbar zu meinen Haaren passte und mein Bauchnabelpiercing betonte. Einen Moment lang schaute ich mich nur an, von vorn und von der Seite, und dabei kam mir wieder in den Kopf, was ich Mikan hatte fragen wollen. Es war kein Wunder, dass sie mich als halbes Mädchen ansah, wenn ich mir rote Handtaschen und rosa Rüschentops kaufte und meine rosa Haare so wie heute in zwei schmalen Zöpfen trug. Irgendwie musste ich meine beste Freundin auf das Thema ansprechen, aber ich wusste einfach nicht, wie.

 

„Und?“, fragte sie von draußen. „Wie sieht’s aus, das Teil?“

Ich öffnete den Vorhang und trat aus der Kabine.

„Wow! Das ist ja süß, das Top!“ Mikan war richtig begeistert, fangirlte mich fast schon. Und ich dachte, dass es wirklich nicht einfach werden würde, ihr zu sagen, wie ich mich dabei fühlte. Einerseits mochte ich es ja, wenn sie sich so über meine feminine Art und mein süßes Aussehen freute. Aber auf der anderen Seite fühlte ich mich eben nicht richtig wahrgenommen. Und das stimmte mich, nachdem ich die letzten zwei, drei Stunden wirklich gut drauf gewesen war, wieder ein wenig nachdenklich.

 

Ich ging das Top und die Tasche bezahlen, und dann ging es den Weg zurück, ganz bis zur Harajuku-Brücke, um uns im dahinter gelegenen Yoyogi-Park etwas zu Essen an einer der Imbissbuden zu holen.

Und als wir dann an einem der Tische im Park saßen und jeder unser Crêpe aßen, da suchte ich nach dem richtigen Moment, um Mikan auf das Thema ‚Wie siehst du mich eigentlich‘ anzusprechen.

 

„Mikan …?“, begann ich schließlich, „Sag mal …“ Weiter wusste ich nicht.

„Hm?“ Sie sah mich fragend an. „Koichi?“

Jetzt hatte ich es angefangen, wusste aber nicht, wie ich die ganze Sache ausdrücken sollte. Immerhin war damit auch mein verändertes Interesse an ihr verbunden und ich wollte ihr keinesfalls jetzt schon mit meinen Gefühlen ankommen, die ich ja nicht mal für mich selbst so ganz sortiert hatte.

„… Sag mal … ähm … also …“, begann ich wieder, und dann kam es wie von selbst raus: „Sag mal, siehst du mich eigentlich als vollwertiges männliches Wesen an?“

Mikan sah mich mit großen Augen an. „Huh? Was ist denn das für ‘ne Frage?“

„Na ja … ich denke da in letzter Zeit irgendwie viel drüber nach und …“ Wieder wusste ich nicht weiter, blickte auf meine Hände.

„Hast du ‘ne Identitätskrise oder so?“

‚Nein, weißt du, ich frag so was aus Spaß …‘, dachte ich ironisch, sagte aber: „So was in der Art.“

 

Mikan lachte verlegen, sah mich einen Moment an und erwiderte dann: „Ich … weiß nicht. Du bist halt einfach Koichi und … ich mache mir ehrlich gesagt gar nicht so viele Gedanken um dein Geschlecht.“

Ich hatte zwar vorhergesehen, dass solche Worte mir einen Stich versetzen würden, auch wenn sie nicht annähernd verletzend gemeint waren, doch es überraschte mich selbst, wie weh es tat. Anscheinend hatte ich da neuerdings einen wunden Punkt. Seltsam, denn früher hatte mir das noch nicht so viel ausgemacht.

Und offenbar war mir anzusehen, dass ich verletzt war, denn Mikan sah mich wieder mit großen Augen an und fragte mit Vorsicht in der Stimme: „Ist das … irgendwie ein Problem für dich?“

Und als ich nicht antwortete, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte, fragte sie weiter: „Möchtest du, dass ich dich … mehr als Mann ansehe?“

Ich nickte und spürte dabei die in mir aufsteigenden Tränen. Schnell blinzelte ich, um meine blauen Kontaktlinsen an ihrem Platz zu halten, dass sie mir nicht wegschwammen. Und natürlich blieb das nicht unbemerkt.

„Oh mann, das macht dich traurig, oder?“ Mikan streckte die Hand aus und ergriff über den Tisch hinweg meine. „Okay, ich werde versuchen, dich nicht mehr so … wie ein Mädchen zu behandeln. Du bist einer meiner allerbesten Freunde, und ich will ja, dass du dich bei mir wohl fühlst.“

„Danke.“ Ich versuchte ein leichtes Lächeln, das mir jedoch kaum gelang. Und dachte daran, dass ich sie wirklich richtig lieb hatte.

 

Wir machten uns dann bald wieder auf den Heimweg, hatten beide kein Geld mehr und auch keine Lust, noch länger hier herumzulaufen. Meine Füße taten auch ein bisschen weh und ich war ziemlich müde, weshalb ich, als wir dann im Shinkansen nach Hause saßen, fast einschlief. Mein Kopf sank an Mikans Schulter und ich schreckte auf, kniff mich leicht in den Arm, um wach zu bleiben.

Sie begleitete mich noch bis zu meiner Bahnstation, nahm dann selbst den Zug zu sich nach Hause, während ich ebenfalls in Richtung meiner Wohnung fuhr.

Dort angekommen, schminkte ich mich ab, zog bequeme Sachen an und setzte mich aufs Sofa, um ein bisschen fernzusehen. Aber im Fernsehen lief nichts Gescheites, weshalb ich den wieder ausschaltete, mir mein Handy nahm und überlegte, jemanden anzuschreiben.

 

Es war noch recht früh, erst vier Uhr nachmittags, und schließlich schrieb ich eine SMS an Tsuzuku: „Hey, wie geht’s dir? Ich war heute in Tokyo, hab mir Mikan groß eingekauft. Wie war dein Tag?“

Die Antwort ließ eine Weile auf sich warten und ich schaltete inzwischen mein Laptop ein, um meine sozialen Netzwerke zu checken. Es gab einige Neuigkeiten, aber nichts allzu Wichtiges, und dann klingelte auch schon mein Handy. Ich hob ab und hörte gleich Tsu’s Stimme: „Hey, Koichi. Du, ich weiß gar nicht so wirklich, ob es mir gut geht. Ich fühl mich seltsam, hab heute versucht, was zu zeichnen, aber ich habe es nicht hinbekommen. Und du warst in Tokyo? Hast du schöne Sachen bekommen?“

„Ja, ich hab ‘nen richtig großen Shoppingtrip gemacht, mit vielen süßen Sachen. Und …“ Ich stockte, wusste einen Moment nicht, ob ich Tsuzuku von dem Gespräch mit Mikan erzählen sollte oder nicht. Zwar hatte er mir ja letztens angeboten, dass ich mit ihm drüber reden konnte, wenn was war, aber wenn er wieder mehr mit sich selbst zu kämpfen hatte, wollte ich ihn auch nicht mit meinem Problem belasten.

 

„Und was?“, fragte er in dem Moment. „Ist alles gut bei dir, Koichi?“ Er bemerkte anscheinend auch ohne dass ich etwas sagte, dass bei mir gerade nicht alles so gut war.

„Na ja …“, begann ich schließlich, „Ich hab mit Mikan über was gesprochen … Weil … sie sieht mich als so eine Art ‚beste Freundin‘ und das … fühlt sich für mich nicht mehr gut an. Lach nicht, Tsu, aber … ich hab’s satt, bei Frauen immer nur in der Friendzone zu sein, und dass sie mich … halt so als halbe Frau ansehen.“

Ich hatte so halb erwartet, dass Tsuzuku darüber lachen würde oder so, aber er blieb ganz ruhig und ernst. „Das ist verständlich, Ko“, sagte er. „Du bist hetero, also willst du Frauen nicht nur als beste Freundinnen haben.“ Er schwieg einen Moment, dann fragte er: „Willst du mehr von Mikan?“

Ich nickte, erst dann fiel mir ein, dass er es ja nicht sehen konnte. „Ja“, sagte ich leise. „Irgendwie schon. Ein bisschen zumindest.“

„Wie viel? Ich meine, willst du nur mit ihr schlafen, oder richtig mit ihr zusammen sein?“

„Ich weiß nicht. Ich will sie als Freundin nicht verlieren.“

 

Langsam kam Klarheit in meine Gedanken und Gefühle zurück. Es tat gut, darüber zu reden, und ich war sehr froh, einen besten Freund wie Tsuzuku zu haben, mit dem ich solche Gespräche führen konnte. Und ich spürte, dass mich in meiner momentanen Lage das Reden mit einem anderen Mann irgendwie mehr entspannte, als wenn ich mit einer Frau über mein Innenleben gesprochen hätte.

 

„Sag mal, Tsu … Wie war das eigentlich bei dir früher?“, wollte ich dann wissen.

Es dauerte einen Moment, bis er antwortete: „Du weißt ja, dass ich damals … ziemlich unbedacht war. Ich hab mir nicht wirklich viele Gedanken gemacht, und bin auch mit den Mädchen, mit denen ich zu tun hatte, nicht so gut umgegangen.“ Er lachte selbstironisch. „Es gibt da vieles, von dem ich heute denke, dass ich es gern anders gemacht hätte. Und ich hoffe, dass ich bei meinen damaligen Freundinnen keinen allzu großen Schaden hinterlassen habe.“

„Belastet dich das heute?“, fragte ich.

„Ein bisschen. Es tut mir halt leid. Und … ich will niemanden mehr so behandeln wie die Mädchen damals. Deshalb gebe ich mir bei Meto alle Mühe, die ich aufbringen kann, lieb zu ihm zu sein. Weil … ich ihn mehr liebe als irgendjemanden zuvor.“

„Das merkt man, dass du ihn so liebst.“

Tsuzuku lachte leise. „Ich liebe ihn mehr als mich selbst.“ Und dann: „Na ja, wobei das auch nicht schwer ist … so wenig, wie ich mich selbst leiden kann.“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Was sagte man dem besten Freund, wenn er sagte, dass er sich selbst nicht mochte?

 

„… Magst du … dich selbst wirklich gar nicht?“, fragte ich leise.

„Na ja, manchmal mag ich mich schon. Aber … das ist immer nur kurz und oberflächlich. Wenn ich mich schön mache oder so, fühlt sich das gut an, aber im Grunde … hab ich einen Hass auf mich.“

„Wegen …?“, fragte ich, nur andeutend, nach seiner Mama.

„Ja … Ich … ich kann mir das nicht verzeihen. Es … geht einfach nicht.“

Schon wieder ging ein Gespräch zwischen uns in eine gefährliche Richtung. Wir redeten erst ganz normal und dann waren da doch wieder diese Themen, die hochkamen, und bei denen ich mir Sorgen um Tsuzuku machte. Seine Stimme klang schon wieder so unglücklich und traurig, und ich fragte mich, ob Meto bei ihm war oder zumindest in der Nähe.

 

„Tsu, ist Meto da irgendwo bei dir?“

„Er ist unter der Dusche. Wir waren heute im Schwimmbad.“

„Ihr geht da gerne hin, oder?“, fragte ich, einfach um das Thema zu wechseln.

„Ja. Es gibt da so eine versteckte Ecke, wo es ganz schön ist, und wo ihn und mich nicht gleich jeder sehen kann. Und … wir machen das halt schon lange, dass wir zusammen baden gehen. Meto hat, seit ich ihn kenne, für solche Sachen gesorgt, als ich … noch auf der Straße war.“

 

Ich lachte leise. Die beiden waren wirklich süß zusammen. Diese süße Fürsorglichkeit und Zuneigung von Metos Seite und Tsuzukus besitzergreifende, intensive Liebe zu ihm, das war wirklich was Besonderes.

Ich dachte an MiA, der versucht hatte, nah bei den beiden, deren Beziehung er wie alle anderen für enge Freundschaft gehalten hatte, einen Platz zu finden, weil er sich in Meto verliebt hatte. So, wie ich das verstanden hatte, hatte Meto zuerst nicht mal selbst gewusst, dass das zwischen Tsu und ihm mehr Liebe als Freundschaft war. Und sicher hatte er sich von MiA eine Art Entlastung gewünscht, weil ihm die Sorge um Tsuzuku, dem es damals ja noch schlechter gegangen war, über den Kopf gewachsen war.

Ich hatte mich ja auch einmal mit MiA unterhalten und er war ja sehr nett gewesen, sodass ich gedacht hatte, wir könnten uns vielleicht ein bisschen anfreunden. Und auch jetzt dachte ich wieder daran, dass wir uns bestimmt gut verstanden hätten, aber meine Loyalität zu Tsuzuku hielt mich davon ab, Kontakt zu MiA aufzunehmen.

 

„Koichi?“, riss mich Tsus Stimme aus meinen Gedanken. „Bist du noch da?“

„Ja, ja, bin ich. Ich … hab nur eben über was nachgedacht.“

„Über was denn?“

„Ach, nichts weiter, nur dass Meto und du echt süß zusammen seid …“

„Du und Mikan gebt sicher auch ein tolles Paar ab“, erwiderte er.

„Aber nicht so süß und besonders wie ihr beide. Ich mag Mikan sehr gern, aber diese starke Liebe zwischen Meto und dir, das ist einfach so was Besonderes.“

„Hm, da könntest du Recht haben. Ich … frage mich manchmal selbst, ob ich nicht wahnsinnig geworden bin … und wie ich so jemand Süßes wie Meto eigentlich verdient habe.“

„Geliebte Menschen verdient man sich nicht. Liebe ist ein Geschenk“, antwortete ich. „Du musst sie nur annehmen.“

„Das ist gut, Ko, da werde ich drüber nachdenken“, sagte Tsuzuku, „Du, Meto kommt gerade wieder. Ich werde ihn jetzt in den Arm nehmen und küssen und ihm sagen, dass ich ihn liebe, und du machst demnächst dasselbe mit Mikan, okay?“

„Mal sehen, wann ‚demnächst‘ ist …“, antwortete ich. „Aber ja, werde ich machen.“

 

Es knackte in der Leitung, Tsu hatte aufgelegt. Aber dieses Mal hatte ich keine Sorge um ihn. Zwar war das Gespräch an für ihn schmerzhafte Themen gekommen, doch zum Schluss hatte er sich so entspannt angehört, dass ich mir keine Sorgen machte.

 

Den Rest des Tages verbrachte ich auf der Couch vor dem Fernseher und sah mir Filme aus meiner Sammlung an. Unter anderem Bambi. Zwar musste ich an den traurigen Stellen ein bisschen schniefen, doch diese große, schwere Traurigkeit von gestern Abend stellte sich nicht wieder ein.

Und als ich dann so richtig müde war, machte ich mich bettfertig und ging schlafen. Die Tüten mit meinen neuen Errungenschaften stellte ich vor meinen Kleiderschrank, die Sachen würde ich morgen Nachmittag nach der Arbeit einsortieren.

 

[ein paar Tage später, Mittwoch]

 

Eigentlich lief bei der Arbeit im Studio alles so weit gut. Ich hatte mich wieder in die Beschäftigung eingefunden und spürte, wie es mir guttat, zu arbeiten, etwas zu tun zu haben. Mit dem Zeichnen wurde es auch besser und ich ging immer geschickter mit der Nadel um, erinnerte mich wieder gut daran, wie ich es früher gekonnt hatte.

 

„Aoba-san“, sprach mich Kurata an diesem Morgen an, als ich gerade dabei war, ein relativ aufwändiges Motiv in Tierhaut zu stechen. „Kann ich mal mit Ihnen sprechen?“ Der Ton, in dem er mich ansprach, beunruhigte mich, ich blickte auf und stellte die Nadel aus.

„Worum geht’s?“, fragte ich.

„In meinem Büro, bitte.“

Ich stand auf und ging hinter Kurata her, meine Anspannung stieg mit jedem Schritt. Worüber wollte er mit mir sprechen? War mit meinen Zeugnissen etwas nicht in Ordnung, hatte ich irgendwas falsch gemacht, oder war sonst etwas?

 

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und bat mich, die Tür zu schließen. Ich tat es und setzte mich, meine Hände zitterten.

„Hab ich … irgendwas falsch gemacht?“, fragte ich verunsichert.

Kurata schüttelte den Kopf. „Nein. Aoba, Sie machen Ihre Arbeit gut. Das, was Sie abliefern, ist ordentlich und gefällt den Leuten. Aber … ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen, zu Ihrem Leben, die Sie am besten ehrlich beantworten.“

„Was für Fragen?“, fragte ich, noch ein wenig mehr verunsichert. „Warum?“

„Ich habe Sie eingestellt, weil Sie beim Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck gemacht haben, und weil Ihre Zeugnisse gut sind. Sie haben Talent und ich bin neugierig, wie Sie sich hier machen. Nur wüsste ich gern etwas mehr über Sie. Ich weiß ja nur, dass Sie auf der Straße gelebt haben und vorher die Ausbildung fast fertig hatten.“

 

Mein Herz raste vor Aufregung und meine Finger gruben sich krampfhaft in den schwarzen Stoff meiner Jeans. Ich sollte Fragen beantworten, zu meinem Leben, wahrscheinlich auch zu meiner Vergangenheit und Dingen, über die ich nicht sprechen wollte.

Was, wenn ich die falschen Antworten gab, und Kurata mich dann hier nicht mehr haben wollte? Wenn er mich doch zu seltsam und gestört fand und nach meinen Antworten nicht mehr daran glaubte, dass ich hier arbeiten konnte? Oder ich ihm einfach zu unnormal war? Ich kannte ihn ja kaum und konnte ihn daher nicht gut einschätzen.

 

„Was wollen Sie denn wissen?“, brachte ich leise heraus, hörte selbst, wie meine Stimme zitterte.

„Zum Beispiel, wie Sie auf der Straße gelandet sind.“

Natürlich. So was war immer die erste Frage. Und sofort waren die Bilder in meinen Gedanken da, die Bilder von Mamas und meiner kleinen Wohnung, die so leer war ohne sie, und in der ich es einfach nicht mehr ausgehalten hatte.

„Darüber … möchte ich nicht sprechen“, antwortete ich und versuchte, die in meinem Innern hochkommenden Erinnerungen an jene Zeit beiseite zu schieben. Und als Kurata mich fragend ansah, fügte ich leise hinzu: „Das war … eine extrem harte Zeit. Wenn ich mich daran erinnere und darüber spreche, dann …“ Ich brach ab, war wieder viel zu nah an der Störung. Und ich spürte, wie der Druck in mir aufstieg, immer mehr wurde.

 

„In Ordnung“, sagte Kurata und lächelte verständnisvoll. „Wenn Sie es wirklich gar nicht erzählen können …“ Er sah mich einen Moment lang an, dann fragte er: „Wo leben Sie denn jetzt?“

Ich nannte den Namen meines Stadtviertels.

„Und leben Sie allein oder mit jemandem zusammen?“

Noch eine Frage, die den Druck steigen ließ. Bei der ich zwischen Ehrlichkeit und Angst schwankte, Angst davor, dass jemand schlecht von mir dachte und ich in diesem Fall vielleicht sogar meine Arbeit verlor.

„Ich habe … einen sehr guten Freund, mit dem lebe ich zusammen“, antwortete ich schließlich und schämte mich dafür, dass ich in diesem Moment nicht zu meiner Liebe stand. Vielleicht wäre es dumm gewesen, meinen Job zu riskieren, doch so zu lügen kam mir einfach furchtbar vor.

„Wirklich? Ich hatte den Eindruck, Sie hätten eine Freundin“, sagte Kurata.

 

Jetzt wusste ich endgültig nicht mehr, was ich antworten sollte. Und der Druck stieg weiter. Genau dieser Druck, der in mir den Drang nach Schneiden und Brechen auslöste, und vor dem ich solche Angst hatte. Der Gedanke, mich zu verletzen, kam mir Stück für Stück immer mehr ins Bewusstsein, wurde immer klarer und mischte sich mit den durch Kuratas Frage wieder in mir aufgeweckten Erinnerungen an die Zeit nach Mamas Tod, meine Schuldgefühle kehrten zurück, brannten wie glühende Kohlen auf meinem Herzen, das sofort zu schmerzen begann.

 

„Aoba-san?“, hörte ich Kuratas Stimme wie durch dichten Nebel. „Alles in Ordnung?“

„Entschuldigen Sie …“, brachte ich mit zitternder Stimme heraus. „… Mir ist nicht gut …“

Jetzt bekam er auch noch mit, dass ich krank war … Das hatte ich beim Vorstellungsgespräch ziemlich gekonnt verheimlicht. Hätte er davon gewusst, dann hätte er mir vielleicht nicht die Frage nach dem Grund für meine Zeit auf der Straße gestellt.

„Wenn Sie sich krank fühlen, warum bleiben Sie dann nicht zu Hause?“, fragte er.

 

Mein Herz tat so weh, dass ich meine Hand darauf drückte, und ich spürte den Druck jetzt schon im Magen. So weit war es lange nicht mehr gekommen. Ohne ein Wort stand ich auf, verließ Kuratas Büro und ging den kurzen Gang hinunter, auf die Toiletten zu. Mein Kopf war wie ausgeschaltet, alles in mir wollte nur noch diesen entsetzlichen Druck abbauen, sonst nichts.

Ich öffnete mit der einen Hand die Tür und tastete mit der anderen in meiner Hosentasche nach meinem Klappmesser. Seit ein paar Tagen trug ich es wieder bei mir, aus einem starken Gefühl heraus. Immerhin bedeutete es mir ähnlich viel wie der silberne Ring, den ich von Mama hatte.

 

Ich schloss mich in die erste Kabine ein, sank mit dem Rücken gegen die Tür zu Boden und zog das Messer aus meiner Tasche.

‚Borderline‘, blitzte es durch meinen Kopf. ‚Krank, gestört, kaputt‘

Schlagartig stieg der Druck bis zum Anschlag, ich beugte mich vor, über die in den Boden eingelassene Toilettenschale, meine Hand umklammerte das noch geschlossene Messer, und ich erbrach das Wenige, was ich heute Morgen gegessen hatte.

Sobald der Druck ein wenig nachließ, schaltete sich mein Kopf wieder ein und mir wurde klar, was ich gerade getan hatte: Ich war rückfällig geworden, hatte gebrochen und das Messer in der Hand. Hatte mein Versprechen an Mama nicht halten können. Mein Herz raste, tat immer noch furchtbar weh, und schon spürte ich heiße Tränen in meinen Augen, ließ sie dann einfach fließen, weinte, bis meine Augen sich ganz trocken und leer anfühlten.

 

Irgendwann hörte ich, wie jemand an die Tür klopfte. Und dann Takashimas Stimme:

„Genki? Kurata sagt, du fühlst dich nicht gut? Kann ich dir irgendwas helfen?“

„Lasst mich doch alle in Ruhe!“, fauchte ich mit tränenerstickter Stimme.

„Was ist denn los?“, fragte er weiter, scheinbar unbeeindruckt von meiner wütenden Reaktion.

Ich war so aufgelöst, fühlte mich so kaputt und zerbrochen, dass ich nicht anders konnte, als ihn durch die Tür anzuschreien: „Ich bin krank, okay?! Total gestört! Ich hab ‘ne verdammte Borderline-Störung und ich komm damit nicht klar!“ Sofort bereute ich es, doch da waren die Worte schon draußen, gesagt, nicht mehr rückgängig zu machen.

„Borderline?“, fragte Takashima, klang ziemlich schockiert. „Also … hast du dich selbst verletzt?“

Ich hörte, wie er irgendwas rauskramte, dann ein Kratzen am Drehschloss der Kabinentür, und schließlich öffnete er sie. Ich drehte mich halb zu ihm um, er hatte eine kleine Münze in der Hand, mit der hatte er die Tür geöffnet.

 

„Lass mich in Ruhe“, sagte ich noch einmal, doch meine Stimme klang so völlig kraftlos, dass ich mir nicht mal selbst geglaubt hätte.

Takashima sah sich kurz in der winzigen Kabine um, und nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass ich nicht blutete, hockte er sich neben mich und sah mich erst einfach nur an.

„Was ist denn passiert?“, fragte er schließlich.

„Ich weiß nicht … Kurata hat mich ein paar Sachen gefragt und … das hat … irgendwas in mir hochgeholt.“

„Er ist manchmal … ein wenig unsensibel“, sagte Takashima. „Aber warum hast du ihm denn nicht am Anfang schon gesagt, dass du nicht gesund bist?“

Meine Knie taten weh und ich setzte mich ein wenig anders hin, lehnte mich mit dem Rücken an die Wand. „Dann hätte ich den Job hier doch gar nicht bekommen. Und außerdem … ich kann nicht so einfach drüber reden.“

„Okay, verstehe ich. Willst du dann jetzt … lieber nach Hause fahren?“

 

Sofort, als Takashima das sagte, fiel mir Meto wieder ein, der zu Hause auf mich wartete. Und dass ich ihm ebenfalls versprochen hatte, nicht wieder rückfällig zu werden. Er glaubte an mich, vertraute in meine Kraft und meinen Willen, gesund zu werden, und jetzt musste ich ihn enttäuschen, hatte es nicht geschafft.

War es denn überhaupt noch möglich, dass ich gesund wurde? Ich konnte mich ja kaum mehr daran erinnern, wie ich mich zuletzt wirklich gesund gefühlt hatte. Und war ich denn überhaupt jemals gesund gewesen?

 

Bei diesem Gedanken, und der Vorstellung, Meto zu beichten, dass ich gebrochen hatte, kamen wieder die Tränen, und obwohl ich mich vor Takashima schämte, zu weinen, konnte ich sie nicht zurückhalten.

Er streckte die Hand aus und legte sie locker auf meine Schulter. „Ich glaube, das geht in Ordnung, wenn du gleich nach Hause fährst. Ich sage Kurata, dass es dir wirklich schlecht geht, dann ist das schon okay“, sagte er. „Und wenn du nicht willst, dass ich das mit … Borderline irgendwem sage, dann behalte ich das auch für mich.“

 

Takashima half mir, aufzustehen, und wir verließen die Kabine. Auf dem Flur kam uns Ami entgegen.

„Genki? Was hast du denn?“, fragte sie besorgt, als sie meine rotgeweinten Augen sah.

Ich antwortete nicht. Ami wusste ja, was für Probleme ich hatte. Sie konnte sich wohl selbst  zusammenreimen, dass ich an derselben Störung wie Hitomi litt, schließlich kannte sie sie gut.

„Ami, hast du eventuell die Zeit, Genki nach Hause zu begleiten? Ich will ihn jetzt ungern alleine losschicken“, sagte Takashima. „Ich sag Kurata Bescheid.“

„Ja, klar.“ Ami nickte und sah mich an. „Ist das für dich auch okay?“

Ich nickte, obwohl ich eigentlich gar nicht wusste, ob ich das wollte. Kam mir vor wie ein unfähiges  Kind und fühlte mich schwach und unsicher.

 

Ich nahm meine Jacke und meine Tasche und machte mich in Begleitung von Ami auf den Weg zur Bahnstation. Sie fragte nicht viel, nur einmal, als wir schon in der Bahn saßen, ob ich mich jetzt ein wenig besser fühlte.

Ich schüttelte den Kopf, dachte an Meto und daran, wie enttäuscht er gleich sicher von mir war, wenn ich ihm sagte, was passiert war. Es tat mir so weh, seinen Glauben in mich enttäuschen zu müssen. Ich wollte ihm doch nicht wehtun!

Zwar spürte ich keinen Druck mehr, aber dieses Gefühl von Leere und Wut auf mich selbst war mindestens genauso schlimm. Ich wollte nur noch ins Bett und mich ausweinen.

 

„Genki, du wohnst doch nicht alleine, oder?“, fragte Ami, als wir an meiner Bahnstation angekommen waren.

„Nein“, antwortete ich, und weil ich nicht imstande war, zu lügen, sagte ich gleich die Wahrheit: „Ich lebe mit meinem Freund zusammen.“

„Deinem Freund? Also, festen Freund?“, hakte sie nach.

Ich nickte.

„Das ist gut, dann bist du nicht ganz alleine.“ Sie lächelte.

Kein ‚Oh, dann stehst du auf Männer?‘ und kein Blick, der mir sagte, dass ich negativ auffiel und anders war. Einfach nur ein Lächeln und die Erleichterung von Amis Seite, dass ich nicht alleine war.

 

Ami ging noch bis vor meine Haustür mit, dann kehrte sie in Richtung Studio zurück, und ich ging die Treppen rauf. Mit jedem Schritt nach oben wurde ich langsamer, während ich überlegte, wie ich meinem Liebsten meinen Rückfall erklären sollte. War er überhaupt schon da oder noch bei seiner Arbeit? Zum ersten Mal hatte ich Angst davor, ihn zu sehen.

 

Ich schloss die Tür auf und lauschte. Stille. Anscheinend war er noch nicht da. Ich zog meine Schuhe und die Jacke aus, hängte meine Tasche an die Garderobe und warf einen Blick ins Schlafzimmer, falls Meto sich, weil seine Arbeit ja schon anstrengend war, vielleicht hingelegt hatte. Doch unser Bett war leer. Meine Schritte trugen mich in die Küche, ich öffnete das Fenster und nahm meine Zigarettenpackung und mein Feuerzeug vom Fensterbrett, zündete mir die letzte in der Schachtel verbliebene Zigarette an und rauchte erst einmal, um den widerlich sauren Geschmack im Mund loszuwerden.

Auf dem Küchentisch lag ein Einkaufszettel und ich schrieb, nachdem ich mit dem Rauchen fertig war, unter die Auflistung von Essen in Metos ordentlicher Handschrift, mit meiner eigenen, flüchtigeren Schrift: Zigaretten, zwei Packungen.

Ich schloss das Fenster wieder und ging ins Schlafzimmer, legte mich angezogen aufs Bett und starrte an die Decke, wusste nichts mit mir anzufangen, fühlte mich für alles zu kraftlos. Und irgendwann schlief ich tatsächlich ein.

 

Ein metallisches Klappern weckte mich. Noch bevor ich die Augen öffnete, wusste ich, dass es sich um Metos Schlüsselbund handelte, das am Schloss unserer Wohnungstür herumgedreht wurde. Ich öffnete die Augen und hörte, wie die Tür klappte.

„Tsu? Bist du schon da?“, fragte die leise, in diesem Moment, vielleicht vom langen Schweigen bei der Arbeit, leicht raue Stimme meines Liebsten. Wahrscheinlich sah er meine Schuhe im Flur stehen.

Ich gab nichts weiter als ein leises Brummen von mir, und da stand Meto auch schon in der Tür zum Schlafzimmer. Ich wusste nicht, woran genau er es merkte, aber ihm fiel offenbar sofort auf, dass es mir nicht gut ging, denn er fragte: „Alles okay bei dir?“

 

Ich setzte mich auf und sah ihn an. Wusste nicht, was ich sagen sollte. Sollte ich ihm gleich sagen, dass ich das Versprechen gebrochen hatte? Oder damit noch warten?

„Ich … bin früher von der Arbeit weg“, antwortete ich schließlich.

„Wieso? Geht’s dir nicht gut?“ Meto kam näher und setzte sich auf die Bettkante, ergriff meine Hände und hielt sie fest. „Du siehst ganz blass aus, Tsuzuku.“

„Ich fühl mich auch nicht gut. Ich …“, begann ich, und dann kam es einfach so raus: „Meto, ich muss dir was beichten. Ich … hatte da heute auf der Arbeit einen totalen Zusammenbruch. Und ich hab … ich hab mich wieder übergeben.“

Er sah mich tief erschrocken an. „Du hast was?!“

Ich nickte nur.

„Aber du … du hattest doch Samstag erst noch mal versprochen, dass du’s nicht mehr tust!“

Ich konnte ihn nicht ansehen, blickte auf die Bettdecke. „Es ist einfach so passiert.“

 

Mein Herz klopfte wieder schneller und ich spürte meine Wut auf mich selbst, war von mir selber genauso enttäuscht, wie Meto jetzt sicher von mir war. Und da ging es los in meinem Kopf, die Abwärtsspirale voller Wut, Abwertung und Selbsthass.

‚Du bist so schwach, Tsuzuku, so völlig unfähig! Du schaffst es einfach nicht! Nicht mal deine eigenen Versprechen kannst du halten, und du enttäuschst alle Menschen um dich herum‘, schrie es in meinem Kopf, und ich verspürte den starken Drang, meine Haut aufzukratzen. Doch es war nicht der altvertraute Druck, der mich drängte, und auch nicht der mir ebenso bekannte Wunsch, mich selbst für irgendeine Schuld zu bestrafen. Ich wollte einfach bluten.

„Tsu?“, sprach Meto mich an, konnte mir wahrscheinlich anmerken, dass ich binnen Sekunden innerlich vollkommen abgestürzt war.

„Ich bin so unfähig …“, kam es über meine Lippen. „So wahnsinnig unfähig …“

„Bist du nicht! Tsuzuku, solche Rückfälle passieren nun mal. Es kommt jetzt nur darauf an, dass du nicht aufgibst!“

 

‚Du bist krank, unheilbar gestört‘, flüsterte es in meinem Kopf, ein kaltes, gehässiges Flüstern. Es war keine richtige Stimme in dem Sinne, doch das musste es auch gar nicht sein. Meine Gedanken und Gefühle reichten aus, um mich zu quälen, da brauchte es keine psychotische Stimme oder dergleichen.

‚Borderline ist nicht heilbar. Du wirst jetzt damit leben müssen, Menschen zu enttäuschen, und zu leiden. Und du wirst nie wieder gesund‘, flüsterte es weiter. Und dann, als Meto aufstand und meine Hände losließ: ‚Er liebt dich nicht. Nicht wirklich. So was wie dich kann man nämlich gar nicht lieben‘

 

Ich kam nicht dagegen an. Die in meinem Kopf geflüsterten Worte tropften in mein Herz, breiteten sich aus wie flüssiges, glühend heißes Wachs, verursachten mir solche Schmerzen, dass ich nicht mehr klar denken konnte.

„Meto?“

Er blieb stehen, drehte sich um.

„Wo willst du hin?“

„Dir was zu Trinken holen. Du bist immer noch so blass.“

„Meto, liebst du mich eigentlich wirklich?“ In mir spannte sich etwas, ein Bogen, bereit, einen spitzen Pfeil in irgendeine Richtung abzuschießen. Auf mich selbst. Oder auf jemand anderen.

„Tsuzuku, warum fragst du so was?“

Eine seltsame Empfindung ergriff mich, ich fühlte mich wie zweigeteilt. Ein Teil zerriss sich vor lauter Energie und Gefühl, der andere wurde kalt. Ganz kalt.

Ich stand auf, die Anspannung stieg, der Bogen spannte sich weiter.

„Weil ich krank bin! Komplett krank und gestört!“, antwortete ich laut. „So was wie mich kann man doch gar nicht lieben! Also tust du es nicht wirklich!“ Der Pfeil tat mir weh, als er abgeschossen wurde. Doch das war nur der Rückstoß. Denn getroffen hatte er nicht mich, sondern Meto.

 

Und als wäre der Pfeil echt gewesen und nicht nur ein Bild meiner Gedanken, taumelte mein Freund wie getroffen zurück, sah mich erschrocken und fassungslos an.

„D-du … du glaubst … dass ich … dass ich dich nicht wirklich liebe?!“, brachte er heraus.

Der kalte Teil in mir vermischte sich auf verdrehte, gestörte Weise mit dem emotionalen Teil, und ich bekam nur noch irgendwo am Rande mit, dass ich gerade vielleicht gar nicht wusste, was ich tat. Alles drehte sich in einem Strudel aus tiefschwarzer Dunkelheit, immer weiter und weiter, bis ich vollkommen die Kontrolle verlor.

„Ich hab Borderline! Du weißt nicht, was das heißt, sonst würdest du nicht denken, dass du mich liebst!!“, schrie ich. „Also seien wir ehrlich!“

Zuerst sah er mich eingeschüchtert an, schien beinahe Angst vor mir zu haben. Doch dann wurde er wütend. So wütend, wie ich ihn noch nicht gesehen hatte.

„Tsuzuku, du weißt doch gar nicht, was du da redest!! Und falls du es doch weißt, falls du das gerade ernst meinst, dann tut’s mir Leid, dass ich dich trotzdem liebe! Aber, weißt du, ich glaub dir diesen ganzen Scheiß gerade nicht mal! Und jetzt geh, verschwinde, irgendwohin, ist mir egal, und komm erst wieder, wenn du wieder weißt, wer du bist!! Vorher brauchst du nicht wieder bei mir anzukommen!“, schrie er zurück und deutete dann auf die Tür.

Ich sah Tränen in seinen Augen, wusste, ich hatte ihn wirklich verletzt, doch ich war nicht imstande, irgendwas in der Art einer Entschuldigung zu sagen oder zu tun. Und dafür war es offenbar auch zu spät. Er wollte mich jetzt nicht mehr sehen.

 

Ich ging an ihm vorbei auf den Flur, zog meine Schuhe an und nahm meine Jacke. Und kurz bevor ich die Tür hinter mir mit einem Knall zuschlug, hörte ich Meto im Schlafzimmer laut aufschluchzen.

Ich rannte die Treppen runter, knallte die Haustür ebenfalls hinter mir zu und lief einfach los, irgendwohin, Richtung egal. Rannte und rannte, bis ich keine Luft mehr bekam und mit brennenden Lungen keuchend stehen blieb. Es war dunkel und ich wusste nicht, wo ich war. Hohe Wohnblöcke, ein kleiner Park, ein Zigarettenautomat, auf der anderen Straßenseite ging eine Frau mit Kinderwagen entlang, in dem Park hingen ein paar Jugendliche herum.

 

Zigaretten. Mir fiel wieder ein, dass ich keine mehr hatte. In meiner Jackentasche mussten noch ein paar Münzen sein. Ich ging auf den Automaten zu, kramte in meiner Tasche, fand dreihundert Yen, genug für eine kleine Packung, welche ich nach Einwurf der Münzen aus dem Automaten zog. Erst dann fiel mir ein, dass mein eines Feuerzeug auf dem Fensterbrett in der Küche lag und das andere in einem Seitenfach meiner Umhängetasche steckte. Die ich nicht dabei hatte. Na toll!

 

Ich lief einfach weiter, kam bald in eine edlere Gegend mit schicken, großen Häusern und ordentlichen Gärten hinter hohen Zäunen. In der Ferne hörte ich jetzt das Meer rauschen und da wusste ich wieder ungefähr, wo ich war. Ich ging dem Meeresrauschen entgegen, wollte zum Strand, hoffte, dass ich dort ein bisschen Ruhe finden würde. Irgendwo, in der Nähe einer gewaltigen Mauer aus dreikantigen Wellenbrechern, kam ich aus der Stadt raus, roch das Meersalz und spürte den Wind in meinen Haaren. Es erinnerte mich an den Abend neulich, als ich mit Meto im Schwimmbad gewesen war.

 

Meto. Sofort sah ich wieder sein Gesicht vor mir, die Tränen in seinen Augen, und hörte seine Worte wieder, seine Wut. Jetzt hatte ich ihm wirklich wehgetan, das wusste ich. Doch ich war innerlich noch zu aufgeladen, um daran zu denken, jetzt zurück zu laufen und mich zu entschuldigen.

Stattdessen lief ich runter zum Strand, fand dort bald eine hinter hohem Gras versteckte Bank und setzte mich, starrte aufs Meer raus. Irgendwann zog ich das Messer aus meiner Hosentasche, hielt es einfach geschlossen in der Hand, um mich an irgendetwas festzuhalten. Es gab mir Sicherheit, dass ich es dabei hatte. Sollte der Druck in mir wieder steigen, würde ich etwas dagegen zu tun wissen. Auch, wenn das ganz und gar nicht gut war.

 

Und als hätte ich die schlechten Gefühle und Gedanken damit heraufbeschworen, waren sie kurz darauf da, der schwarze Strudel in meinem Kopf begann wieder, sich zu drehen, meine Hände zitterten und der Gedanke, dass ich bluten wollte, war schneller da, als dass ich irgendwas dagegen hätte tun können. Ich zog meine Jacke aus, den Ärmel meines von mir aus linken Armes hoch, wo zwischen den Tätowierungen noch ein wenig Platz war.

Kurz dachte ich daran, dass ich mich zuletzt geschnitten hatte, kurz bevor Meto und ich ein Paar geworden waren, damals im Akutagawa-Park. Ich erinnerte mich an das Pflaster, das Haruna auf den Schnitt geklebt hatte. So lange war ich schon weg von der Klinge, dachte ich, und jetzt stand ich wieder an diesem Punkt und wollte mich verletzen. Einen Moment lang hätte ich das Messer beinahe wieder weggesteckt, doch dann kam mir der Gedanke, dass ich heute, wo ich sowieso rückfällig geworden war, mich auch ebenso gut schneiden konnte.

 

Ich klappte die Klinge aus, versuchte, in der Dunkelheit möglichst eine Stelle zu finden, wo ich keines meiner Tattoos beschädigte, und drückte die Klinge in meine Haut, erst die Spitze, dann langsam die ganze Schneide. Schon der erste Schmerz, bevor es blutete, entspannte mich wieder, und als der erste kleine Blutstropfen austrat und sanft kitzelnd über meine Haut rann, fühlte es sich einen Moment lang richtig gut an, beinahe … süß.

Ich spürte, dass das bereits genügte. Mehr brauchte ich in diesem Moment nicht. Nur diesen einen, süßen kleinen Blutstropfen. Ich hob den Arm und leckte den Tropfen von meiner Hand. Zog den Ärmel wieder runter und die Jacke wieder an. Weinte nicht. Saß einfach nur da und schaute wieder aufs Meer.

 

Auf einmal hörte ich leise Schritte auf dem Sand. Und als sich jemand neben mich setzte, sah ich zuerst nur halb auf. Und spürte ein kleines Gefühl, das ich vor Monaten schon einmal empfunden hatte. Eine Erinnerung.

„Tsuzuku? Bist du das?“

Ich schreckte zusammen, sah jetzt richtig hin. Knapp schulterlange schwarze Haare, eine auffallend schmale Gestalt, ein scheues, kleines Lächeln. Hitomi.

Ich starrte sie zuerst einfach nur an, sie blickte aufs dunkle Meer hinaus, hatte mich längst erkannt.

„Hitomi“, sagte ich schließlich leise. „Ich dachte, du bist … im Krankenhaus?“ 

Sie sah mich an, wieder dieses scheue Lächeln. „Ich bin nicht auf der Geschlossenen, falls du das meinst. Ich komme oft abends hierher. Es ist so schön still hier.“

„Ich hab …“, begann ich, brach dann aber ab.

Hitomi sah mich aufmerksam an und sagte dann: „Meine beste Freundin Ami war vorhin bei mir. Du kennst sie, oder?“

Ich nickte.

„Sie nennt dich Genki.“

„Sie ist ja auch meine Kollegin bei der Arbeit“, sagte ich.

„Soll ich lieber Genki oder Tsuzuku zu dir sagen?“

„Wie du möchtest …“

„Dann bleib ich dabei, dass ich dich Tsuzuku nenne. Der Name gefällt mir.“ Sie lächelte wieder, anscheinend ging es ihr gut.

 

„Wie geht es dir?“, fragte sie nach einer Weile.

Zuerst wollte ich lügen, verheimlichen, was heute passiert war, doch dann dachte ich: ‚Das ist Hitomi. Wenn ich zu irgendwem, was das angeht, ehrlich sein kann, dann zu ihr‘

„Mir geht’s nicht gut. Ich hatte heute ‘nen sehr harten Tag … und vorhin … hab ich … mich auch noch ganz furchtbar mit meinem Freund gestritten …“ Wieder spürte ich heiße Tränen in meinen Augen. Es kam mir vor, als hätte ich den halben Tag geweint, und so gab ich mir keine Mühe, es jetzt zurückzuhalten. Ich fühlte Hitomis Arm um meine Schultern, ihren schmalen Körper nah bei meinem, hörte ihre ruhige Stimme, die leise sagte: „Es kommen auch wieder gute Phasen, Tsu. Es gibt die schlechten Phasen, aber eben auch die guten. So ist das … bei uns.“

„Woher …“, fragte ich mit tränenerstickter Stimme, „Woher hast du das damals gewusst, dass ich …“

„Ich hab so was im Gefühl, ich merke das sofort. Weil ich viel darüber weiß, wie es ist … so zu sein.“

 

Sie stand auf und zog ihre Jacke aus. Schob die Ärmel ihres Oberteils zurück und hielt mir ihren Arm hin. Ich erkannte zahlreiche Narben, manche blass, manche noch leicht rot. „Siehst du? Es kommt einem so vor, als würden die schlechten Phasen unser Leben bestimmen, weil sie eben diese Spuren hinterlassen. Aber, und das kennst du ganz bestimmt auch, es gibt auch genug dieser Momente, wo es uns auf einmal richtig gut geht, oder?“

Ich nickte, dachte daran, wie oft ich Meto aus einem Überschwang an gutem Gefühl plötzlich küsste, und dass ich manchmal einfach so aus dem Nichts glücklich war.

„Mir geht es heute zum Beispiel wirklich gut. Und deshalb helfe ich dir gerne. Wir müssen doch zusammenhalten, oder?“

„Club der Gestörten …“ Ich lächelte ironisch.

Hitomi lachte. „Nenn es, wie du willst.“ Und dann: „Hast du jetzt eigentlich ein Handy? Ich könnte dir meine Nummer geben, dann kannst du mich anrufen, wenn’s dir schlecht geht.“

„Hab’s nicht dabei.“

Hitomi öffnete ihre Handtasche, kramte darin herum und zog Zettel und Stift heraus, schrieb eine Nummer auf und gab sie mir.

 

Wir blieben noch eine Weile so sitzen und blickten aufs Meer raus. Irgendwann stand Hitomi auf und sagte: „Ich muss zurück zur Klinik. Und du solltest dich auch auf den Heimweg machen und dich bei deinem Freund entschuldigen. Weiß er, dass du Borderline hast?“

Ich nickte. „Aber er weiß nicht wirklich, was das ist.“

„Erklär es ihm. Es gibt auch Bücher für so was. Keine Diagnosenbücher, die sind nicht gut, sondern welche speziell dafür, anderen zu erklären, warum wir so sind, wie wir sind. Ich hab so eines, das kann ich dir leihen.“

„Danke“, sagte ich. „Sag mal … wie machst du das, dass du so dazu stehst?“

„Es ist ein Teil von mir. Also warum sollte ich nicht offen damit umgehen? Ich kann das zwar auch nicht immer, aber im Grunde … Ich hab mir das mehr oder weniger selbst beibringen müssen.“

„Ich glaube, du hast mich gerade ein bisschen gerettet“, gab ich zu.

Hitomi lächelte wieder und zog ihre Jacke an. Dann drehte sie sich um, hob noch einmal die Hand, rief: „Bis dann!“, und ging davon.

 

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich wieder den Weg nach Hause gefunden hatte. Auf dem langen Weg zurück dachte ich über alles nach, was Hitomi gesagt hatte. Sie war schon viel weiter als ich, zumindest kam es mir so vor. Im Gegensatz zu mir haderte sie nicht mehr damit, was in ihr war. Oder, vielleicht tat sie es doch, war nur gerade heute eben gut drauf.

Aber ich spürte, dass sie Recht hatte, wenn sie sagte, dass es neben den schlechten Zeiten auch die guten gab, und dass die genauso wichtig waren. Auch, wenn wir beide Narben trugen, manchmal ging es uns ja wirklich gut.

 

Als ich schließlich wieder vor der Haustür stand, musste ich mich durchklingeln, bis irgendjemand im Haus öffnete und ich nach oben konnte. Ich hatte meinen Schlüssel nicht dabei und wollte gerade klingeln, da sah ich, dass die Tür nur angelehnt war, gerade so, dass man es nicht sah, ich aber trotzdem rein konnte.

Mit klopfendem Herzen zog ich meine Schuhe aus, hängte meine Jacke auf und betrat vorsichtig meine Wohnung, in der ich mich doch seltsam fremd fühlte. Die Schlafzimmertür war offen und ich sah Meto mit dem Rücken zu mir im Bett liegen, das Licht war schon aus.

 

Am besten holte ich einfach meine Decke und Kissen und machte mir ein Lager auf der Couch. So leise ich konnte, schlich ich zum Bett, wollte gerade nach meiner Decke greifen, da hörte ich Metos Stimme: „Da … bist du ja wieder.“ Er klang anders als sonst, ein bisschen heiser, so, als hätte er viel geweint.

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Nahm mir schließlich meine Decke und wollte ins Wohnzimmer verschwinden. Doch mit einem Mal richtete Meto sich auf und hielt die Decke fest.

„Ich dachte, … ich schlaf jetzt wohl besser auf der Couch“, sagte ich leise.

Er sah mich einfach nur an, ich wich seinem Blick aus, eine unangenehme Stille breitete sich zwischen uns aus.

 

„Bist du wieder du selbst?“, fragte er schließlich.

Ich nickte. „Ja. Und ich wollte mich auch bei dir entschuldigen. Es tut mir leid, wirklich.“

Ein winziges Lächeln huschte über Metos vollen Lippen, er ließ sich wieder ins Kissen sinken, und ich fragte: „Bist du … noch wütend?“

„Ich weiß nicht …“, antwortete er. „Aber, wenn du das meinst: Ich liebe dich noch. Und ich werde dich immer lieben. Ich ertrage es nur nicht, dass du das infrage stellst.“

„Das tu ich nicht mehr, das infrage stellen. Ich ver…“

„Versprich nichts, was du nicht halten kannst.“ Er sah mich ernst an, dann lächelte er. „Und jetzt komm her. Du wirst heute Nacht sicher nicht auf dem Sofa schlafen.“

 

Ich zog mich bis auf die Shorts aus, dann legte ich mich, noch zögerlich, ins Bett, mit ein wenig Abstand zu meinem Freund. Doch er kam selbst näher, legte sich ganz nah neben mich und seine Hand auf meine Brust, seine Lippen waren nah an meinem Ohr und ich hörte ihn atmen.

„Das Bett war so leer ohne dich, Tsuzuku“, flüsterte er und küsste meine Wange.

Ich fühlte mich ein bisschen so wie nach einem heftigen Sommergewitter. So, als räumten wir jetzt zusammen langsam alles wieder auf, was der Sturm durcheinander gewirbelt hatte. Es hatte zum ersten Mal richtig zwischen uns gekracht, deshalb wussten wir beide nicht recht, was zu tun war, doch zumindest Meto tat das richtige, war einfach nah bei mir.

 

„Ich hatte … richtig Angst, dass du … mich nicht mehr liebst“, sagte er leise. „Wie kannst du glauben, dass ich dich nicht liebe?“

Ich wollte antworten, erklären, doch er legte mir den Finger auf die Lippen. „Shhh, nichts sagen. Wir küssen das jetzt weg und morgen können wir in Ruhe darüber reden.“ Meto beugte sich über mich und dann lagen auch schon seine Lippen auf meinen, ein süßer Versöhnungskuss, der mein verletztes Herz zumindest für den Moment wieder heilte.

 

„Morgen müssen wir wirklich reden. Ich … hab dir ein bisschen was zu sagen“, sagte ich danach und dachte an das, was Hitomi von wegen bestimmter Bücher gesagt hatte.

„Was denn?“

„Wegen … Borderline. Ich muss dir … das noch mal richtig erklären.“

„Ich dachte, du wolltest nicht, dass ich was darüber weiß“, sagte Meto.  

„Wollte ich auch nicht. Aber … du musst was wissen. Du lebst hier mit mir zusammen, ich will mein Leben mit dir verbringen, da kann ich dich nicht unwissend lassen.“

Er nickte. „Das stimmt wohl.“

„Aber da reden wir morgen drüber“, sagte ich dann.

 

Meto lächelte, setzte sich auf und zog sein Schlafshirt und seine Shorts aus. Legte sich dann wieder zu mir, ganz nah, Haut an Haut. Ich streckte die Hand aus und berührte seine Brust, streichelte das bunte Baby auf seiner Haut, er lachte leise und küsste mich wieder, was mich ermutigte, sodass ich vorsichtig seine weichen Brustwarzen berührte. Er seufzte angetan, schmiegte sich an mich, küsste meinen Hals und fuhr mit der Hand durch meine Haare. Mit einem Mal war die Welt wieder in Ordnung, ich fühlte mich wieder gut und spürte, wie mich jede kleine Berührung und Zärtlichkeit langsam erregte, und wie gut mir das tat.

 

Meto umarmte mich, zog mich mit einem Ruck an sich, sodass ich auf einmal auf ihm lag, zwischen seinen Beinen, die er anzog und mir so zu verstehen gab, was er wollte: Süßen, heißen, liebevollen Versöhnungssex.

Ich richtete mich auf und streifte meine Shorts ab, löste mich kurz von ihm, und kam gleich darauf mit Gleitmittel und Kondom zu ihm zurück. Er brauchte nur ein wenig Vorbereitung, weniger als sonst, es ging ganz leicht. Ich liebte ihn vorsichtig, zärtlich, und doch mit der Energie und Leidenschaft, die er sich wünschte. Und als ich in ihm kam, im selben Moment wie er, da wünschte ich mir, dass etwas von mir in ihm zurückblieb, als Beweis und Sicherheit, an die er denken konnte, sollten wir noch mal so streiten und ich solche furchtbaren Dinge zu ihm sagen.

 

Danach lag ich in seinen Armen, dachte an nichts weiter, als dass ich bei ihm war und ihn unendlich liebte. Morgen war morgen, später, jetzt nicht wichtig. Irgendwo in meinem Hinterkopf plante es zwar ein wenig, morgen zu Hitomi zu gehen und das Buch von ihr auszuleihen, um dann mit Meto darüber zu sprechen, doch das war Hintergrunddenken, das ich leicht beiseiteschieben und jetzt ruhig einschlafen konnte.

 

 

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich leichte Kopfschmerzen. Wahrscheinlich, weil ich gestern so viel geweint hatte. Emotional fühlte ich mich jedoch einigermaßen gut, hatte aber absolut keine Lust, heute zur Arbeit zu gehen. Auch, weil ich Kurata nicht sehen wollte.

Meto schlief noch, hatte Ruana im Arm, was sehr, sehr süß aussah, und ich stand leise auf, um ihn nicht zu wecken, ging ins Bad und versuchte, meine Kopfschmerzen mit einer heißen Dusche zu bekämpfen. Die Uhr im Bad zeigte sechs Uhr zwanzig an, früh genug, und ich beschloss, mich mal so richtig ordentlich zu waschen, danach einzucremen und mich allgemein heute wirklich gut um mich selbst zu kümmern.

 

Als das heiße Wasser über den Schnitt an meinem Arm lief, spürte ich ein leichtes Brennen und sah hin. Die Haut dort war ziemlich gerötet und es war nur allzu deutlich zu sehen, dass dieser Schnitt nicht einfach irgendein Kratzer war. Aber ich ließ mich von dem Anblick meiner Selbstverletzung nicht runterziehen. Es war eben passiert und im Moment fühlte ich mich stark genug, nach dem kompletten Rückfall gestern aus dem Tag heute eine Art Neuanfang zu machen.

Was hatte Hitomi doch gestern zu mir gesagt? Es kamen auch immer wieder gute Phasen. Und ich kam selbst auf den Gedanken, dass es diese guten Zeiten waren, auf die es ankam. Das Gespräch mit ihr gestern fühlte sich auch im Nachhinein noch gut an, und ich spürte, wie für mich das Wort ‚Borderline‘ ein bisschen was von seinem Schrecken verloren hatte.

 

Ich war froh, Hitomis Nummer zu haben, und fragte mich, warum ich eigentlich solche Angst gehabt hatte, sie wiederzusehen. Sie war mir nicht nur sympathisch, sondern verstand mich auch gut und vielleicht war sie diejenige, die mir wirklich helfen konnte, mit meinem Problem umzugehen, weil sie einfach dasselbe durchmachte und sich dabei eine gewisse Selbsterkenntnis angeeignet hatte.

 

Als ich mit Duschen fertig war, nahm ich mir von Metos Bodylotion und cremte mich damit einmal so richtig ein. Die Lotion roch gut und es fühlte sich schön an, mich einmal komplett damit zu verwöhnen. Ich entdeckte ein paar trockene Hautstellen an meinen Beinen, die mir sonst bestimmt nicht aufgefallen wären, und cremte diese besonders gut ein, dann zog ich meinen Yukata über und ging ins Schlafzimmer zurück. Meto war inzwischen aufgewacht und aufgestanden, hatte sich angezogen und machte gerade das Bett.

 

„Gehst du heute arbeiten oder meldest du dich krank?“, fragte er.

„Ich rufe gleich im Studio an und nehme mir einen Tag frei“, antwortete ich.

„Und was machen wir heute?“

„Ich habe gestern zufällig Hitomi getroffen, als ich weg war. Sie will mir ein Buch ausleihen, das würde ich dir dann gern zeigen.“

„Die Hitomi?“, fragte Meto. „Sagtest du nicht mal, sie sei im Krankenhaus?“

„Ist sie auch, aber nicht auf der Geschlossenen. Ich wollte sie heute Vormittag kurz besuchen.“

„Du magst sie, ne?“ Meto sah mich einen Moment nachdenklich an, dann fragte er: „Sie versteht dich besser als ich, oder?“ Er setzte sich aufs Bett und blickte zu Boden.

„Hey, du musst nicht eifersüchtig sein, okay? Hitomi ist einfach … na ja, sie kennt das eben, wie ich mich fühle, weil es ihr ähnlich geht. Das ist ziemlich was anderes, als meine Liebe zu dir oder wie ich mit Koichi befreundet bin.“

Meto sah auf, lächelte mich an. „Das ist schön, dass sie dich gut versteht.“

 

Ich suchte mir Klamotten aus dem Schrank, den dunkelroten Pullover und die enge schwarze Jeans, dazu eine Kette mit Kreuz, meine Uhr und das schwarze Lederarmband. Viel Lust, mich noch zu schminken, hatte ich heute nicht, und die Kontaktlinsen ließ ich auch weg.

Fertig angezogen, holte ich mein Handy aus meiner Tasche im Flur und machte ein Foto von meinem Look heute. Es war das erste Bild, das ich von mir mit diesem Handy machte, und ich hatte vor, mir demnächst mal wieder einen Account irgendwo zu machen und das Bild hochzuladen.

 

Ich behielt das Handy in der Hand und rief im Studio an, um mich für heute abzumelden. Kurata ging ran und fragte, ob es mir besser ging. Ich antwortete, dass es schon okay war, und sagte dann, dass ich mir einen Tag Urlaub nahm. Er schrieb das auf und riet mir, zum Arzt zu gehen, was ich jedoch verneinte und sagte, dass ich schon allein zurechtkam.

Ich wollte nicht zu einem Arzt gehen. So jemandem zu erklären, warum ich Narben von Schnitten hatte und zu wenig wog, erschien mir viel zu schwer. Es war eine Sache, mit Meto, Koichi, oder mit Hitomi über meine Probleme zu sprechen, doch mit einem Arzt, Psychiater oder Psychologen zu sprechen, das war noch mal was ganz anderes und es machte mir Angst.

 

Meto und ich frühstückten ein wenig, dann gab er mir einen Kuss und ging los zur Arbeit ins Café. Ich blieb noch ein wenig in der Küche, rauchte meine allmorgendliche Zigarette und schaute aus dem Fenster. Dann zog ich meine Jacke an, nahm meine Tasche und machte mich auf dem Weg zur Klinik, um Hitomi zu besuchen.

Auf dem Weg dachte ich an Koichi, daran, ob ich ihm von meinem Rückfall erzählen sollte oder nicht. Ich wollte nicht, dass er sich wieder Sorgen um mich machte, aber andererseits wollte ich, dass er über meine Situation so genau wie möglich im Bilde war. Wahrscheinlich würde Meto ihm heute so oder so seinen Teil des gestrigen Tages erzählen …

Schließlich schrieb ich ihm eine Nachricht:

„Hey, Ko. Ich würde heute Nachmittag gerne mit dir sprechen. Ruf mich bitte an, wenn du mit der Arbeit fertig bist. Tzk“

 

Die Klinik war nicht allzu weit von unserem Haus weg, nur ein paar Straßen. Ich ging am Sportstudio vorbei, in dem ich bisher nur einmal gewesen war, um mich anzumelden, und dachte an den Trainingsraum im Tempel, den ich genutzt hatte, um mich auszupowern, damit ich mich nicht schnitt. So hart zu trainieren, dass mein ganzer Körper schmerzte, war zwar auch am Rande der Selbstverletzung, aber ich trug keine Narben davon, stattdessen hatte es den Mehrwert, dass ich mich selbst schöner fand, wenn ich ein bisschen Muskeln aufbaute.

Als ich dann vor der Klinik stand und das Schild sah mit der Aufschrift ‚Psychiatrische Klinik‘, bekam ich auf einmal Angst. Angst, hier irgendwann als Patient her zu müssen, über Nacht, mit fremden Menschen und ohne Meto. Hoffentlich merkte mir heute niemand an, dass ich krank war, und ich galt einfach nur als Besucher.

 

Ich betrat das Vorgebäude und ging gleich zum Informationsschalter.

„Guten Tag, mein Name ist Aoba. Ich möchte jemanden auf Station besuchen.“

Die Dame hinter der Glasscheibe sah mich an und ich bildete mir ein, dass sie mir ansah, warum ich zu dünn war. Wer hier tagtäglich mit psychisch Kranken zu tun hatte, entwickelte bestimmt einen Blick dafür, ob jemand einfach nur so untergewichtig war oder wegen psychischer Probleme.

„Wen und auf welcher Station?“, fragte sie.

Das hatte Hitomi vergessen, mir zu sagen, auf welcher Station sie war.  

„Kameyama Hitomi, eine Freundin von mir. Die Station weiß ich nicht“, antwortete ich.

Die Dame gab etwas in ihren Computer ein, suchte darin irgendetwas heraus und sagte dann: „Das ist die offene Station 3, die ist hier im Gebäude, im vierten Stock.“ Sie deutete auf eine breite Treppe, auf der gerade eine Krankenschwester in weißer Arbeitskleidung herunter kam.

 

Ich bedankte mich und ging die Treppe rauf, mein Herz klopfte und ich spürte diese Klinikatmosphäre, die ich zuletzt gespürt hatte, als ich mit achtzehn mal körperlich krank und sicherheitshalber eine Nacht im Krankenhaus gewesen war. Doch das hier war noch wieder irgendwie anders, schlimmer. Ich war jemand, der hier eigentlich behandelt werden sollte, aber nicht wollte, dass man ihm das anmerkte.

 

Als ich im vierten Stock ankam und die Glastür öffnete, auf der in weißen Zeichen ‚Station 3‘ stand, verspürte ich leichtes Herzrasen und meine Hände zitterten.

‚Ganz ruhig, Tsuzuku, du willst doch nur Hitomi besuchen‘, sagte ich mir und ging den Gang hinunter. An der einen Seite standen eine Reihe Stühle und da saßen Leute, Patienten vermutlich, die von Büchern und Handarbeiten aufblickten, als ich vorbeiging.

Eine Krankenschwester kam mir entgegen und fragte: „Guten Tag, sind Sie ein Besucher?“

Ich nickte. „Ich möchte Kameyama Hitomi besuchen.“

„Kameyama-san ist gerade in der Gruppentherapie. Die ist in fünfzehn Minuten vorbei, dann können Sie mit ihr sprechen.“ Sie deutete auf die Stühle an der Wand. „Setzen Sie sich doch.“

 

Es wurden recht lange fünfzehn Minuten. Ich saß da und blickte an die weiße Wand mir gegenüber, traute mich nicht so recht, die anderen Leute anzusehen. Doch lange konnte ich nicht die Wand anstarren, es zog meinen Blick sehr bald zu den Menschen um mich herum. Sie waren ganz unterschiedlich alt, zwei, ein Mann und eine Frau, waren ungefähr vierzig, eine Frau war in meinem Alter, daneben saßen eine ältere Dame und ein noch ziemlich jung aussehendes Mädchen, vielleicht achtzehn Jahre alt.

Das Mädchen schaute mich an und ich fühlte mich wiederum so ertappt, wich ihrem Blick aus. Sie ähnelte Hitomi irgendwie, war auch so dünn wie sie und ich, und hatte diese blassen Narben auf den Unterarmen. Eine merkwürdige Empfindung ergriff mich, eine Mischung aus Angst und Neugier, gemischt mit der Erkenntnis, dass ich nicht der einzige war, der unter solchen Problemen litt.

 

„Du willst Hitomi besuchen?“, fragte das Mädchen auf einmal, stand auf und setzte sich einen Platz weiter, direkt neben mich. Sie sagte einfach ‚du‘ und wirkte auf einmal so offenherzig, dass es mich an meine eigenen plötzlichen Schwankungen erinnerte.

Ich nickte.

„Wie heißt du?“

„Tsuzuku.“

„Das ist aber ein schöner Name.“ Sie lächelte, stand auf und stellte sich vor mich hin. „Ich bin Maya. Weißt du, es ist ein bisschen langweilig hier, deshalb bin ich immer froh, wenn jemand von draußen kommt und was zu erzählen mitbringt. Hast du was zu erzählen?“

Ich zuckte mit den Schultern. Die Art, wie Maya redete und mich ansah, wie sie da vor mir stand und in einer Tour redete, passte sehr gut in diese Umgebung. Und ich dachte an mein Leben früher, als ich noch nicht diese große Angst vor Menschen gehabt hatte und ähnlich auf Leute zugegangen war.

„Komm, erzähl mal was! Woher kommst du, was machst du, magst du Hitomi? Sie ist nett, oder?“

„Ja, ich mag sie auch. Sie ist … eine gute Freundin von mir“, antwortete ich.

 

„Oh!“, rief Maya auf einmal aus, strahlte mich an und deutete auf meine Hand, auf die beiden kleinen Tattoos auf meinen Fingern. „Die sind ja toll! Hast du noch mehr?“

Ich zog die Ärmel meines Pullovers bis zum Ellbogen hoch. Und zu spät fiel mir ein, dass ich links ja noch den Schnitt von gestern hatte.

„Woah, sind die toll! Ich will auch welche haben, aber ich darf nicht.“ Sie schien den Schnitt gar nicht zu bemerken. Vielleicht war so was hier einfach … fast schon normal …?

„Warum nicht?“, fragte ich. „Bist du noch nicht alt genug?“

„Ach, nee, alt genug bin ich. Aber die Ärzte hier wollen das nicht. Leute mit Borderline dürfen sich während der Behandlung nichts stechen lassen.“ Auf einen Schlag war ihre überschwängliche Begeisterung verflogen und sie klang fast schon ein wenig wütend. „Aber wenn ich in hier wieder raus bin, dann können die mich alle mal!“

Ich sagte nichts dazu, wusste auch nichts. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass ich auch so war? Dass mir dieses Wort ‚Borderline‘ immer noch kalte Schauer über den Rücken jagte?

 

In dem Moment klappte weiter hinten im Gang eine Tür, ich sah hin und erblickte Hitomi, die mich sofort erkannte und lächelte.

„Tsu!“, rief sie und rannte auf mich zu, ich stand auf und sie fiel mir um den Hals. „Du kommst mich besuchen!“

Ich freute mich ja auch, sie zu sehen, aber ihre Überschwänglichkeit irritierte mich doch ein wenig. Obwohl ich wusste, dass ich Meto gegenüber oft genauso war.

„Sorry“, sagte Hitomi und löste sich wieder von mir. „Ich hab heute nur so gute Laune, irgendwie.“

Sie wandte sich an Maya. „Deine Gruppe geht gleich los, oder?“

Maya nickte, lächelte mich dann an. „Komm mal öfter her, Tsuzuku. Dann können wir richtig über Tattoos reden.“ Dann lief sie den Gang hinunter und verschwand in dem Raum, aus dem Hitomi eben gekommen war.

„Komm, Tsu, wir gehen auf mein Zimmer. Da hab ich auch das Buch, was ich dir leihen will“, sagte Hitomi. Sie führte mich einen anderen Gang hinunter und blieb dann vor einer angelehnten Tür stehen, öffnete diese ganz, sodass ich hinter ihr das Zimmer betrat. 

 

„Möchtest du Tee oder so?“, fragte sie und deutete auf eine Teekanne mit Tassen auf dem Tisch.

Ich schüttelte den Kopf. „Danke, aber ich möchte nichts.“

„Ist okay. Meine Zimmernachbarin ist gestern entlassen worden, wir haben also erst mal Ruhe hier.“ Hitomi deutete auf einen der Stühle am Tisch, ich setzte mich, und sie ging zu einem Regal, nahm zwei Bücher heraus. „Hier, das ist ein Buch für Betroffene und Angehörige, das ist sehr viel besser als diese klinischen Bücher. Und das hier …“, sie hielt ein schwarzes, auffallend hübsch eingebundenes Buch hoch, „ … das möchte ich dich auch gern lesen lassen.“ Sie setzte sich zu mir und legte die beiden Bücher vor mir auf den Tisch. Ich schlug das schwarze auf, es handelte sich um eine Art Sammlung von Geschichten und Gedichten, die den Titeln im Inhaltsverzeichnis nach überwiegend recht dunkel und traurig waren.

 

„Das ist eins meiner Lieblingsbücher“, sagte Hitomi, hatte wieder dieses ein wenig scheue Lächeln auf den Lippen. „Der Autor hat auch Borderline und schreibt einfach wahnsinnig gut über Gefühle und das alles. Ich verstehe mich selbst besser, wenn ich darin lese.“ Sie lachte, sagte dann: „Oh man, das muss dir ja so vorkommen, als ob ich die ganze Zeit nur damit beschäftigt bin!“

Ich lachte einfach mit, um die Stimmung ein wenig zu lockern. Wirklich angespannt fühlte ich mich auch gar nicht. Hitomi hatte diese Art an sich, mit der sie dafür sorgte, dass ich mich entspannte.

„Sag Bescheid, wenn ich zu viel rede, Tsu“, sagte sie.

„Kein Problem, ich … weiß sowieso gerade gar nicht, was ich sagen soll.“  

„Fühlst du dich denn gut bei mir?“

Ich nickte. „Ehrlich gesagt hatte ich, nachdem du … aus dem Tempel weg warst, … ziemliche Angst davor, dich wieder zu sehen“, sagte ich dann.

„Warum das denn?“ Auf einmal wirkte sie ein wenig angespannt. „War ich dir zu unheimlich?“

„Nein, das nicht. Aber … ich bin durch dich erst … auf diesen Gedanken gekommen. Vorher wusste ich gar nicht, was mit mir los ist. Und dann, als ich drauf gekommen bin, hatte ich wahnsinnige Angst, konnte gar nicht darüber sprechen, mit niemandem.“

„Und jetzt?“

„Jetzt wissen mein Freund, mein bester Freund und einer meiner Kollegen davon. Und … na ja, dass ich allgemein psychische Probleme habe, wissen noch mehr Leute.“

 

Ich dachte an Haruna, Hanako und Yami, an die Zeit, als ich noch im Park unter der Brücke gelebt hatte. Daran, wie ich mir Essen von den anderen zusammengebettelt hatte, viel zu viel, um das dann wieder zu erbrechen. Wie ich mich geschnitten hatte, und irgendwann immer irgendjemand ein Pflaster oder einen Verband für mich dabei gehabt hatte.

Erst rückblickend wurde mir wirklich klar, wie extrem hart diese Zeit gewesen war. Und Meto hatte so viel davon mit mir zusammen durchgestanden. Ich hatte ihm sehr, sehr viel zugemutet, und alles, was ich ihm zurückgeben konnte, waren erst meine Freundschaft gewesen, und jetzt meine Liebe. So gesehen erschien es mir zugleich natürlich und andererseits als größtes Glück, dass aus uns ein Liebespaar geworden war.

 

Meine Gedanken an Meto waren mir anscheinend anzusehen, denn Hitomi lächelte mich an und fragte: „Woran denkst du gerade? Moment, lass mich raten: Du denkst an deinen Freund?“

„Ja“, sagte ich.

„Du liebst ihn sehr, oder?“

Ich nickte, lächelte beim Gedanken an gestern Abend, an den süßen Versöhnungskuss und das Schöne danach. „Ich liebe ihn wahnsinnig. Manchmal so sehr, dass ich fast glaube, verrückt zu werden.“

„Weißt du eigentlich, dass das das Beste ist, was dir passieren kann?“, fragte Hitomi. „Jemanden zu haben, den man liebt und der das erwidert, die ganzen schönen Gefühle, Lust und Sex …“

„Ich weiß“, sagte ich. „Ich hab das auch schon gespürt, dass ich mich, nachdem ich mit ihm geschlafen habe, nicht mehr so sehr verletzen will.“

Hitomi lächelte. „Ich freu mich sehr für dich, Tsu.“ Dann sah sie auf einmal nachdenklich aus und fügte leise hinzu: „… Ich hatte nicht so viel Glück wie du …“

„Willst du darüber reden?“, fragte ich vorsichtig.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich will dich damit nicht belasten.“

 

Ich beließ es dabei, wechselte das Thema: „Hast du … eine Idee, wie ich Meto das alles am besten erklären soll? Ich will nicht, dass er zu viel erfährt und sich dann noch mehr Sorgen um mich macht.“

Hitomi nahm das andere Buch, schlug es auf und blätterte ein wenig darin herum, bis sie eine bestimmte Seite gefunden hatte. Dort war eine Passage rot unterstrichen und die las sie mir vor: „Die Störung ist so breit gefächert, dass es wenig Sinn macht oder sogar schädlich ist, alles zu lesen und mitzuteilen. Sprechen Sie nur über das davon, was Sie wirklich persönlich betrifft, und schildern Sie Ihre eigenen Gefühle dazu.“ Sie schob das Buch beiseite und sagte: „Am besten sagst du ihm einfach, wie du dich fühlst, was du denkst, was in dir los ist, wie du bestimmte Situationen empfindest.“

„Manchmal … hab ich keine Worte dafür.“

„Dann sag auch das. Versuche, ihm so genau wie du kannst, zu erklären, wie du funktionierst.“ Sie deutete auf das schwarze Buch. „Und vielleicht findest du da drin irgendein Bild, das dir hilft, es auszudrücken. Ich hab dieses Buch zweimal, du kannst es also gern länger behalten.“

 

Hitomi lächelte, doch dann verschwand das Lächeln, sie blickte einen Moment lang förmlich durch mich hindurch und sah auf einmal furchtbar traurig aus. Sie stand auf, ging zu ihrem Bett, setzte sich darauf und zog die Knie an.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Genau so hatte ich gestern Kurata gegenüber gesessen, und wahrscheinlich hatte er nicht annähernd kapiert, warum ich plötzlich innerlich abgestürzt war.

„Hitomi?“, fragte ich vorsichtig.

Sie blickte auf, Tränen liefen über ihre Wangen. Lag es daran, dass unser Gespräch eben an ihrer eigenen Traurigkeit gerührt hatte, als sie gesagt hatte, dass sie nicht so viel Glück gehabt hatte wie ich? Hatte das in ihr eine Erinnerung hochgeholt, die sie jetzt so traurig machte?

„Kannst du … bitte gehen?“, fragte sie mit tränenerstickter Stimme.

 

Ich stand auf, nahm die beiden Bücher und wandte mich zur Tür. Doch statt sie zu öffnen, drehte ich mich wieder um, legte die Bücher wieder auf den Tisch und ging zum Bett, setzte mich neben Hitomi und legte vorsichtig meinen Arm um ihre zitternden Schultern. Dabei spürte ich geradezu ihren inneren Zwiespalt zwischen dem Wunsch, gehalten zu werden, und dem Alleinsein-wollen. Es war einfach dasselbe wie bei mir.

Sie sah mich fragend an und ich lächelte. „Weil du mich gestern auch getröstet hast“, sagte ich.

 

Ich blieb bei ihr, bis ich das Gefühl hatte, dass ich sie allein lassen konnte, dann nahm ich die Bücher und ging. Verließ die Klinik so schnell wie möglich und ging nach Hause, wo ich beide Bücher im Wohnzimmer auf den Couchtisch legte.

Als ich ins Schlafzimmer ging, um mich ein bisschen hinzulegen, bis Meto nach Hause kam, fiel mein Blick auf meine Sportsachen im geöffneten Kleiderschrank. Eigentlich konnte ich doch, wenn Meto sowieso erst gegen ein oder zwei Uhr mittags zurück war, auch noch eben ins Sportstudio gehen.

Ich nahm die Sachen aus dem Schrank und packte sie zusammen mit zwei Handtüchern in meine Umhängetasche. Meine alte, abgewetzte Reisetasche stand in der Ecke, doch die war erstens zu groß und zweitens sah man ihr an, dass sie mich in meiner Zeit unter der Brücke begleitet hatte.

 

Und so ging ich wieder aus dem Haus, wieder in dieselbe Richtung, doch dieses Mal war mein Ziel besagtes Sportstudio, in dem ich mich ja schon angemeldet hatte.

Es waren nicht viele Leute da, normal für Mittwoch um halb elf, und ich war froh darüber. In der Umkleide war ich allein und konnte mich in Ruhe umziehen, schloss meine Tasche in einen Spind ein und begann dann mit dem Training, das ich nach dem Programm absolvierte, welches ich noch aus dem Tempel kannte.

 

Zuerst gingen mir währenddessen noch ein paar Dinge durch den Kopf, doch je mehr ich mich reinhängte, umso stiller wurden meine Gedanken. Ich übertrieb es heute nicht, hatte ja auch gerade keinen Grund dazu, so hart zu trainieren, dass es wehtat, sondern tat einfach, wie ich mir heute Morgen beim Duschen vorgenommen hatte, etwas für meinen Körper, damit ich mich gut fühlte.

Und als ich am Ende im Duschraum stand, den ich zum Glück auch für mich allein hatte, ging es mir auch richtig gut. So gut, dass ich leise vor mich hin sang, während ich mich wusch.

 

Als ich mich abtrocknete und wieder anzog, schaute ich auf die Uhr. Halb eins, Meto war jetzt bestimmt wieder da. Fertig angezogen, machte ich mich wieder auf den Weg nach Hause, und dachte darüber nach, wie genau ich Meto das, was Hitomi mir geraten hatte, mitteilen sollte. Vielleicht sollte ich die beiden Bücher zuerst lesen und dann mit Meto darüber reden? Aber was, wenn ich in der Zwischenzeit wieder zusammenbrach?

 

Als ich unsere Wohnung wieder betrat, kam mir der wundervolle Duft von Nudeln und gebratenem Gemüse entgegen.

„Tsu?“, hörte ich meinen Liebsten aus der Küche fragen.

„Ja?“

„Wo kommst du jetzt her?“

„Vom Sportstudio. Ich war ein bisschen trainieren.“ Ich betrat die Küche, wo Meto am Herd stand und unser Mittagessen kochte, umarmte ihn von hinten und küsste ihn.

„Wie geht’s dir, mein Schatz?“, fragte er.

„Alles gut“, antwortete ich. „Wie war die Arbeit?“

„Soweit in Ordnung. Na ja, Koichi wollte wissen, wie es dir geht, und ich hab ihm von gestern erzählt. Er hat auch deine Nachricht bekommen, dass du mit ihm reden willst.“ Er legte den Kochlöffel beiseite und streichelte mit beiden Händen meine Unterarme an seinem Bauch. „Und du? Warst du bei Hitomi?“

„Ja. Sie hat mir zwei gute Bücher geliehen. Ich … würde da gerne nachher mit dir zusammen drüber reden …“

„Wegen … Borderline?“

Ich nickte.

 

„Tsuzuku, ich weiß gar nicht, ob ich das alles wissen will. Ich will dich nicht als ‚gestört‘ oder so ansehen, verstehst du?“, sprach er und stellte den Herd aus.

Ich umarmte ihn ein wenig fester und senkte meinen Kopf auf seine Schulter. Wollte ihm aus einem starken Gefühl heraus ganz nah sein.

„Weißt du …“, begann ich. „… Ich denke einfach, du solltest wissen, wie ich funktioniere. Wie es in mir aussieht. Und das hat jetzt nun mal diesen Namen. Und … na ja, ich will jetzt ehrlich zu dir sein. Du sollst wissen, wie ich mich fühle und wie ich denke.“ Ich fühlte in diesem Moment ein starkes, sehr starkes Vertrauen zu Meto, ein Gefühl, das sich mit meiner großen Liebe zu ihm mischte und mein Herz ganz warm werden ließ.

„Okay“, sagte er. „Aber erst wird gegessen.“

 

Das Essen schmeckte genauso gut, wie es roch, und ich hatte dank des Besuchs im Sportstudio auch wirklich Hunger, sodass ich sogar etwas mehr aß als sonst. Meto beobachtete mich aufmerksam, ich spürte, wie er genau darauf achtete, dass ich nicht zu schnell oder zu viel aß. Und als ich mir zum dritten Mal Nudeln nehmen wollte, hielt er auch tatsächlich meine Hand fest.

„Nimm mal nicht zu viel … Nicht, dass dir wieder schlecht wird.“

Ich zog meine Hand zurück. „Hast Recht.“ Stand auf und stellte meinen Teller in die Spüle.

Meto aß noch auf, dann spülten wir gemeinsam das wenige Geschirr, der Topf mit dem übrigen Essen kam in den Kühlschrank.

 

Ich ging ins Wohnzimmer, Meto folgte mir, und ich setzte mich auf die Couch, bedeutete ihm, sich ebenfalls zu setzen. Die beiden Bücher lagen noch auf dem Tisch und ich nahm das farbig eingebundene in die Hand, schlug es auf und sagte erst einmal nichts, sondern versuchte, mich an das Gefühl, wieder so ein Buch in der Hand zu halten, zu gewöhnen.

Ich spürte meinen eigenen Herzschlag, wie er sich leicht beschleunigte, als ich anfing zu lesen. Dachte an Hitomis Worte und begann dann, zuerst noch zögernd und vorsichtig, Meto zu erzählen und zu erklären, wie ich mich gestern gefühlt hatte und wie es überhaupt in mir aussah. Zumindest das davon, was ich in diesem Moment selbst verstand. Zwischendurch blätterte ich immer wieder in dem Buch und fand darin ab und zu Sätze und einzelne Worte, die mir halfen, mich richtig auszudrücken, und mir irgendwie auch mich selbst erklärten.

Manchmal fragte Meto etwas, dann antwortete ich, wenn ich eine Antwort wusste. Und wenn mir die Tränen kamen, nahm er mich in den Arm. Einerseits war es schwer, darüber zu sprechen, doch auf der anderen Seite fühlte es sich  gut an, hatte etwas Befreiendes an sich.

 

„Und, sag mal, wenn dir das Herz manchmal so wehtut, hat das auch damit zu tun?“, fragte er irgendwann, sein Arm lag um meine Taille.

„Das weiß ich nicht“, antwortete ich. „Vielleicht kommt das, weil ich so viel zu viel fühle, dass es das kaum aushält und ich dann diese Schmerzen habe.“

„Wir sollten beide mal zum Arzt gehen. Ich wegen meiner … Verspannungen, und du wegen deinem Herzen. Nur zur Sicherheit, und falls man da was gegen tun kann. Und … na ja, vielleicht solltest du dich auch mal auch auf gewisse Krankheiten testen lassen, wegen der Mädchen früher und so.“

„Und du meinst nicht, dass ich dann erst mal wegen Untergewicht in die Klinik komme?“, fragte ich und sprach damit auch gleich meine Angst vor Krankenhäusern an.

„Die können dich nicht zwingen. So viel zu dünn wie früher bist du ja auch nicht mehr.“

Er schien sich da ganz sicher zu sein und zerstreute meine Angst zumindest für den Moment. Und Recht hatte er ja auch, ich hatte ja ein bisschen zugenommen.

 

Wir verbrachten den Rest des Tages wieder einmal mit der Spielekonsole. Ich war mit den Gedanken jedoch ziemlich woanders, weshalb ich andauernd verlor, während Meto sich besser konzentrierte und mich, da wir als Team spielten, ständig retten musste. Es war wie im echten Leben bei uns: Ich setzte alles in den Sand, und er half mir, zu überleben.

Später rief dann Koichi an und fragte, wie es mir ging. Da ich mich relativ gut fühlte und das halten wollte, erzählte ich ihm nicht zu viel über den Tag gestern, sondern nur grob, was gewesen war und dass ich mit Hitomi in Kontakt stand. Er sagte, dass er sich jetzt zwar wieder mehr Sorgen um mich machte, aber froh war, dass ich Hitomi hatte und es mir jetzt wieder gut ging.

 

Noch später, als Meto und ich am Abend zusammen im Bett lagen, spürte ich noch immer diese Innigkeit zwischen uns, die durch das Gespräch über mein Innenleben entstanden war. Ich fühlte mich wirklich gut und ihm so nah, kuschelte mich an seinen warmen Körper und spürte seine Hände auf meiner Haut. Wir trugen beide nur Shorts, aber ich fühlte mich nicht so, als ob ich in dieser Nacht mit ihm schlafen würde. Viel lieber wollte ich heute romantische, süße Nähe, zärtliche Küsse und liebevolle Worte. Und einfach bei ihm sein und fühlen, dass er da war.

 

„Meto“, sprach ich ihn flüsternd an, „… mein Süßes …“

Er sah mich an und lächelte. „Du bist auch mein Süßer, Tsu.“

Ich rutschte ein wenig runter und legte meinen Kopf auf seine Brust, kuschelte mich noch ein wenig enger an ihn. Ein unglaublich gutes Gefühl kam in mir hoch, wärmte mein Herz und brachte mich in eine ziemlich kitschige Stimmung.

„Du bist aber mein ganz besonderes Süßes, Meto. Weil du das Liebste bist, was ich in meinem Leben habe“, sprach ich und hörte selbst, wie weich meine Stimme dabei klang.

Er lachte leise. „Was bist du denn so kitschig?“

Ich hob den Kopf und sah ihn an, fand ihn so wunderschön.

„Manchmal bin ich eben so. Und es ist nichts als die reine Wahrheit, wenn ich dir sage, dass du mein Liebster bist“, sagte ich, meine Gedanken und Gefühle schwirrten vor Verliebtheit.

 

Ich rutschte wieder hoch, bis wir auf Augenhöhe waren, er erriet, was ich wollte, legte seine Hand in meinen Nacken, und ich küsste ihn, so liebevoll und zärtlich wie ich nur vermochte. Seine Finger strichen über eine kribbelige Zone an meinem Hals, was mich leise in den Kuss seufzen ließ, woraufhin er an meinen Lippen lächelte.

„Ich will in deinen Armen schlafen“, flüsterte ich und legte mich wieder ordentlich neben ihn. Meto schob seinen unten liegenden Arm unter meinen Hals und legte den anderen an meine Taille, ich schmiegte mich an ihn und es dauerte nicht lange, da war ich eingeschlafen.

 

Ich hatte eindeutige Träume manchmal. Träume, die mich mitten in der Nacht aufwachen ließen, mit klopfendem Herzen und Kribbeln im Bauch. Sie handelten ausnahmslos von Tsuzuku, von seinem warmen, wunderschönen Körper, seinen Händen und Lippen, seiner Lust und Leidenschaft, und sprachen eine deutliche Sprache darüber, wie lieb ich ihn hatte.

 

Und in dieser Nacht, als er in meinen Armen lag, wachte ich davon auf, dass mein durch den Traum erregtes Glied gegen seine Kehrseite drückte. Es dauerte einen Moment, bis mir richtig klar wurde, in was für einer Position wir hier lagen, dass ich so lag wie er sonst, und er so wie ich, wenn er mit mir schlief. Es war zwar lange nicht das erste Mal, dass er in meinen Armen schlief, aber das erste Mal, dass mein Glied in erregtem Zustand seinen Hintern berührte und ich das bewusst mitbekam.

Wie es wohl sein würde … Ich dachte an seine Worte davon, dass dieser Wunsch danach doch irgendwo in mir vorhanden sein musste, der Wunsch danach, dass ich auch mal in ihn eindrang, statt immer nur er in mich. Und auf einmal war sie da, die Neugier, wie es sich wohl anfühlte, Tsu’s enges, heißes Inneres um mein Glied zu spüren, mich in ihm zu bewegen, ihn auf diese Weise zum Stöhnen zu bringen.

 

Der Gedanke ließ mich nicht mehr los, ich berührte unter der Decke Tsuzukus Becken und zog ihn leicht an mich, stellte mir vor, wie es wäre, wenn er jetzt wach wäre und ich es versuchen würde. Ein bisschen Angst hatte ich noch davor, weil ich eben so unerfahren war und ihm nicht wehtun wollte. Aber der Gedanke an sich war jetzt in meinem Kopf und gefiel mir auch.

 

Ich beugte mich halb über ihn, so gut es ging, mein Arm lag immer noch unter seinem Nacken, und strich ihm die schwarzen Strähnen aus der Stirn, hauchte einen Kuss auf seine Wange. Wie süß Tsuzuku aussah, wenn er so friedlich in meinen Armen schlief …

So war kaum zu sehen, dass in seiner verletzten Seele ein furchtbares Ungeheuer lebte, das ihn so oft entsetzlich quälte und leiden ließ. Ich wusste jetzt ein wenig mehr darüber, nachdem er es mir gestern ja noch mal näher erklärt hatte, und zum Glück hatte das meine Sicht auf ihn und das Bild, das ich von ihm hatte, kaum verändert. Ich liebte ihn immer noch, so wie er war, und wusste, dass er mich ebenso liebte.

 

Der Moment, als er an meiner Liebe gezweifelt hatte, hatte mir sehr wehgetan. Hatte wie eine geschärfte Messerspitze in mein Herz gestochen und mich erst sehr traurig und dann sehr wütend gemacht. Ich hatte mich gefragt, wie Tsuzuku nur nicht glauben konnte, dass er alles für mich war.

Doch jetzt, wo er mir erklärt hatte, warum er solche Dinge sagte, dass es an dieser Krankheit lag, da hatte ich ihm längst verziehen. Der Versöhnungssex war einfach zu schön gewesen.

 

MiA hatte mal zu mir gesagt, dass ich ein großes Herz hatte, und daran dachte ich jetzt. Mein Herz war groß genug, um Tsuzuku mit allen seinen Fehlern und Schwächen zu lieben, doch um zwei Menschen so zu lieben, reichte es nicht aus. Ein wenig fragte ich mich, wie MiA jetzt wohl lebte und ob er eine neue Liebe gefunden hatte. Vielleicht ja die Prinzessin, mit der ich ihn zuletzt gesehen hatte, oder irgendjemand anderes?

 

Zu viel wollte ich nicht an ihn denken, und so sah ich Tsu wieder an, streichelte ihn unter der Decke und zog ihn noch ein wenig näher an mich. Meine Erregung war langsam wieder abgeklungen, was gut war, denn so konnte ich meinen Freund einfach so ein bisschen kuscheln, ohne dieses Drängen nach mehr. Ich gab ihm noch einen sanften Kuss auf die Stirn und schmiegte mich an ihn, war bald darauf wieder eingeschlafen.

 

Ich wachte davon auf, dass ich eine warme Hand an meiner Schläfe spürte, ein sanftes Streicheln, und, ganz lieb und leise, Tsuzukus Stimme hörte: „Wach auf, mein Liebster.“ Er klang gleichzeitig leicht amüsiert und ich öffnete die Augen, sah ihn lächeln. „Aufstehen, du bist spät dran.“

„Mh?“, machte ich und sah, dass er schon fertig angezogen und sogar geschminkt war. Anscheinend hatte ich wirklich verschlafen.

„Mir scheint, dein Wecker braucht neue Batterien“, sagte er. „Zumindest ist er irgendwann heute Nacht stehen geblieben.“

 

Mit einem Satz hatte ich mich aufgesetzt und Tsu zog mir grinsend die Bettdecke weg.

„Wie spät?“, fragte ich.

„Du hast ‘ne halbe Stunde für alles.“

Ich rechnete schnell: Duschen zehn Minuten, Schminken zehn Minuten, zehn Minuten bis zur Bahnstation. Frühstück fiel damit wohl aus.

„Isst du dann alleine?“, fragte ich.

„Ich hab schon gegessen. Bin früh aufgewacht.“

„Und da weckst du mich erst jetzt?“

„Tut mir leid, aber du hast so süß geschlafen …“

Ich verschränkte gespielt beleidigt die Arme vor der Brust. „Also echt, da lässt du mich einfach verschlafen …!“

Tsuzuku lachte, verbeugte sich spielerisch und entschuldigte sich nochmals. Und ich konnte ihm einfach nicht böse sein, weil er gerade offensichtlich glücklich war und ich auf keinen Fall riskieren wollte, dass seine gute Laune irgendwie getrübt wurde.

 

Ich duschte in Rekordzeit, zog mich an, packte mein niedliches Arbeitsoutfit ein und schminkte mich im Schnelldurchlauf, was mir zum Glück trotz der Eile recht gut gelang. Ich schaute schnell noch in die Küche, an Tsuzukus Platz stand tatsächlich ein benutzter Teller, dann gab ich ihm einen schnellen Kuss und hetzte los zur Bahn.

 

In der Bahn legte ich beim Makeup noch ein bisschen nach und hörte Musik über Kopfhörer. Dachte ein wenig an meinen Freund, der ja heute auch wieder arbeiten ging, und hoffte, dass er heute auch einen schönen Tag hatte.

Von Tsu wanderten meine Gedanken weiter zu dem, was ich heute Nacht gedacht hatte, wegen dem Positionswechsel, den er sich ja so wünschte. Ich fühlte mich jetzt ein bisschen bereiter dafür und spürte eine leichte Neugier darauf, wie es sich wohl anfühlte. Auch, wenn mir die Vorstellung, dass er unter mir lag und sich von mir nehmen ließ, sehr ungewohnt war, einfach, weil ich seine dominante Art beim Sex so sehr gewöhnt war.

 

Als ich im Café ankam, war Koichi schon da. Ich zog mich schnell um und half ihm dann mit den Aufgaben, die vor der Öffnung des Cafés erledigt sein mussten. Wir waren heute nur zu viert, Koichi, Satchan, Haruma und ich, und ich hoffte ein bisschen, dass nicht zu viele Leute kamen, damit es nicht ganz so stressig wurde.

Koichi sah zuerst noch recht müde aus, wirkte ein bisschen unkonzentriert, aber im Laufe des Morgens fand er irgendwie zu seiner normalen Form zurück. Als wir um viertel vor zehn unsere erste Zigarettenpause machten, fragte er mich als erstes, ob Tsuzuku heute wieder arbeiten ging.

Ich nickte und erzählte ein bisschen von dem Nachmittag gestern. Dass ich jetzt besser über Tsu’s Innenleben Bescheid wusste, über seine Gefühle und Schwankungen, sein Sich-selbst-wehtun und das alles. Ich hatte das Gefühl, dass ihn und mich das alles noch enger zusammengeschweißt hatte, und das erzählte ich auch Koichi.

„Meto-chan, du bist so ein lieber Mensch, also wirklich“, sagte Koichi. „Du bist wahrscheinlich das Beste, was Tsu passieren kann.“

Ich lächelte. „Danke …“

 

Koichi nahm einen Zug von seiner Zigarette, blies den Rauch in die Luft und sah mich einen Moment lang einfach nur an. „Ich bin wirklich neidisch auf euch zwei“, sagte er dann. „Ihr habt euch, ihr haltet zusammen, fangt euch gegenseitig auf, und wie ich mir denken kann, habt ihr auch ein schönes Sexleben …“ Er blickte nach oben, zu den Wolken, und fügte hinzu: „Bei mir läuft im Moment nämlich echt gar nichts. Nichts in Sachen Liebe, nichts in Sachen Sex und schon gar keine so tolle Beziehung wie eure.“

„Gibt’s … kein Mädchen, … das du magst?“, fragte ich.

„Doch, schon, da gibt’s eine. Du kennst sie vielleicht, sie heißt Mikan. Aber …“ Er lehnte seinen Kopf rückwärts gegen die Wand und schwieg einen kurzen Moment. „… Aber sie hat, bis ich sie letztens drauf angesprochen habe, nicht mal wirklich kapiert, dass ich ein Mann und keine beste Freundin bin. Und langsam hab ich es satt, dass die Mädels das nicht kapieren.“

„Na ja, du …“ Ich deutete mit einem Kopfnicken auf sein Aussehen.

Koichi seufzte. „Ich weiß … Aber ich sehe nun mal gern so aus. Meto … sag mal, was meinst du, wie ich Mikan das alles verständlich machen kann?“

„Hm …“, machte ich, dann kam mir ein Gedanke: „…Zeig‘s …ihr. Du… musst sie ja nicht … gleich… küssen… oder so, aber … mach irgendwas, … wobei sie … nicht übersehen …kann, dass du … ein Mann bist …“

Koichi trat seine Zigarette aus, dann lächelte er mich an. „Okay, ich lass mir was einfallen.“

 

Es wurde dann natürlich, ausgerechnet wenn wir nur so wenige Mitarbeiter waren, heute ziemlich voll im Café. Ja klar, das Wetter war toll und deshalb waren viele Leute unterwegs. Auf der anderen Straßenseite gab es einen süßen und ziemlich großen Klamottenladen und eine spezielle Buchhandlung, die Scharen von jungen Mädchen anzog, die dann nach dem Shoppen zu uns kamen.

Irgendwann war ich schon ein bisschen überfordert, weil ich im Gegensatz zu Koichi ja noch nicht so viel Übung darin hatte, irgendwelche Mädels zu unterhalten. Gegen Mittag zog ich mich ein bisschen raus, rauchte noch eine Zigarette im Hinterhof, ruhte mich einen Moment aus, aß ein bisschen was und schrieb dann eine Nachricht an Tsu, fragte, wie es ihm ging.

 

Er schrieb fast sofort zurück, dass er sich gut fühlte, alles gut war und er die Arbeit auch hinbekam.

Ich fragte, was er gerade machte, und er antwortete, dass er eine Idee für ein neues eigenes Tattoo hatte, an dem er jetzt zeichnete. Und dann, dass ihm die Idee gekommen war, dass er, wenn ich meines mal irgendwann erweitern und ganz färben wollte, das ja selbst machen konnte.

Hm, ja, antwortete ich, das war irgendwie ein schöner Gedanke.

„Eigentlich hasse ich es, dir wehzutun, aber die Idee, dass ich dein Tattoo erweitere, gefällt mir irgendwie“, schrieb er.

Ich lachte kurz in mich hinein und schrieb zurück: „Ich mag den Gedanken auch irgendwie.“ Schaute auf die schwarzweiße, noch ungefüllte Zeichnung, die sich über meinen ganzen Arm hinzog bis auf meine Hand. Die Vorstellung, dass es mein über alles geliebter Freund sein würde, der diese Linien mit bunten Farben füllte, hatte wirklich was an sich.

 

Ich ging wieder an meine Arbeit und hielt bis zum späten Nachmittag durch, dann machte ich noch eine Pause, zusammen mit Koichi. Ich erzählte ihm von der Idee mit meinem Tattoo und er fand’s süß, sagte, dass er sich das schon fast gedacht hatte.

„Wozu hast du denn auch ‘nen Freund, der tätowieren kann, wenn nicht dafür?“, sagte er und lachte.

Kurz darauf gab sein Handy ein leises Summen von sich, er zog es raus und sofort schlich sich ein hübsches Lächeln auf seine Lippen.

„…Hast du… ‘ne Nachricht… von Mikan?“, fragte ich.

Koichi nickte und hatte dieses Leuchten in den Augen. „Sie fragt, wann wir uns sehen können.“

„Frag… sie doch, …ob sie… heute Abend kann.“

„Soll ich?“

Ich nickte überzeugt. „Wäre doch… eine Gelegenheit … mit ihr drüber zu reden.“

„Okay … Na ja, irgendwann muss ich ja mit ihr darüber sprechen …“ Er schrieb die Antwort und wandte sich dann wieder an mich.

„Meto-chan, fällt dir eigentlich auf, dass du mit mir schon ganz gut redest? Du stockst immer weniger und grammatisch richtig sprichst du auch.“

Ich nickte. Ja, das war mir schon selbst aufgefallen. Ich hatte inzwischen wirklich echtes Vertrauen zu Koichi, warum auch nicht, wo er doch Tsuzukus bester Freund war.

 

Der Rest des Arbeitstages ging dann recht schnell um, und als ich mich danach umzog, beschloss ich, Tsu von seiner Arbeit abzuholen. Ich rief ihn kurz an, um zu wissen, ob er überhaupt noch dort und nicht schon auf dem Heimweg war, er war noch da und ich machte mich auf den Weg zu ihm.

Als ich das Studio betrat, empfing mich diese Mischung aus leise gestellter Rockmusik und dem Summen der Nadeln und ich bekam augenblicklich Lust, irgendwann demnächst mal wieder was an meinem Tattoo machen zu lassen. Die letzte Sitzung war eine Ewigkeit her, das war noch letztes Jahr gewesen, und seitdem hatte ich auch nicht wirklich Lust darauf gehabt.

Tsuzuku saß an einem der Tische, hatte einen Zeichenblock vor sich und arbeitete an einer Entwurfszeichnung, sah davon auf, als ich näher kam.

„Hey, mein Süßer“, sagte er, stand auf und umarmte mich kurz.

 

Ich warf einen Blick auf die Zeichnung. Sie zeigte eine geöffnete Schere, an deren Griff zwei Tausendfüßler krabbelten, und deren eine Spitze in einer schwarzen Wunde verschwand.

Tsu bemerkte meinen Blick. „Das wird mein neues“, sagte er. „Wie findest du’s?“

„Hm…“, sagte ich, „Also, du musst zugeben, dass es ein bisschen … besorgniserregend aussieht, oder? Aber … irgendwie passt es zu dir.“

„Die Idee ist mir heute Morgen gekommen. Ich hab heute den ganzen Tag dran gearbeitet.“

„Und wo soll es hin?“

Er deutete auf seinen Hals, auf die von mir aus gesehen rechte Seite. „Und ich glaube, da geht mein erster Lohn für drauf.“ Dann schlug er den Zeichenblock zu und begann, seinen Arbeitstisch ein wenig aufzuräumen. Dabei schien ihm ein Gedanke zu kommen, denn auf einmal drehte er sich um und sah mich an. „Weißt du, wo ich heute Morgen vorbeigekommen bin?“

„Nein, wo denn?“

„An einem ziemlich interessanten Laden. Ich würde da gerne mal mit dir rein, vielleicht haben die sogar jetzt noch offen.“

„Was für ein Laden?“, fragte ich.

„Lass dich überraschen.“ Er lächelte.

 

Wir verließen das Studio, Tsu nahm meine Hand und führte mich durch die Straßen, bis in eine Gegend, die ich noch gar nicht kannte. Eine etwas zweideutige Gegend. Und das Haus, vor dem er schließlich stehen blieb, machte dem Ganzen alle Ehre. Rotes Licht leuchtete aus den Schaufenstern, in denen Dinge lagen, die eine eindeutige Sprache sprachen, und über der Tür hing ein rundes, rotes Schild mit der Aufschrift: ‚Love Paradise‘

„Tsu, das ist jetzt nicht dein Ernst …“, entfuhr es mir.

„Hey, es ist nur ein Sexshop.“

Ich sah meinen Freund an, der denselben Blick in den Augen hatte wie damals, als wir zusammen im Love-Hotel gewesen waren. Und dieser Blick ließ sich gut mit dem Wort ‚Abenteuerlust‘ beschreiben.

Ich brauchte einen Moment, bis ich darauf klarkam, was er vorhatte. Die kleine Abteilung in der Drogerie, wo es Kondome und Gleitmittel gab, war eine Sache, aber ein richtiger Sexshop war noch mal was ganz anderes. Ich war zwar ja wirklich nicht prüde oder so, aber es fühlte sich eben eigenartig an, vor so einem Laden zu stehen. Und gleichzeitig, wenn ich ganz ehrlich war, dann war diese leichte Aufregung auch irgendwie erregend.

 

Tsuzuku machte zwei Schritte auf die Tür des Ladens zu, drehte sich dann zu mir um und hielt mir seine Hand hin. „Komm, so schlimm ist das nicht. Sieh’s mal so, das sind alles Sachen, die deine Lust steigern sollen. Und du schämst dich doch auch nicht, wenn ich mit dir schlafe, oder?“

Ich schüttelte ergeben den Kopf, nahm seine Hand an und wir betraten den Laden, der tatsächlich noch geöffnet hatte. Drinnen herrschte rotes Licht, die Musik bestand mehr aus dem Seufzen und Stöhnen einer weiblichen Stimme, als aus Gesang, und wie in einer Art sehr seltsamem Museum standen überall Vitrinen und Regale mit Sachen drin, die ich noch nie gesehen hatte.

„Was … hast du eigentlich vor?“, fragte ich leise.

„Nichts Bestimmtes. Ich würde nur … gerne mal das eine oder andere ausprobieren.“

In dem Moment kam von irgendwoher eine Person, die weder männlich noch weiblich, aber sehr, sehr aufgetakelt aussah, auf uns zu.

„Ah, wie süß, ein Pärchen!“, rief er oder sie erfreut, wobei ich wegen der rauen, rauchigen Stimme auf einen Mann tippte. „Sucht ihr was Bestimmtes oder schaut ihr euch erst mal nur um?“

„Wir schauen erst mal“, antwortete Tsu, woraufhin der Mann wieder zwischen die zahllosen Vitrinen im roten Dämmerlicht verschwand.

 

Wir sahen uns jetzt genauer in dem Laden um, ich eher vorsichtig, während Tsuzuku eindeutig neugierig auf die Sachen war. Das einzige Spielzeug in der Richtung, das ich wirklich kannte, waren die Augenbinden, von denen es hier einige gab.

„Guck mal, Meto“, sagte er und deutete grinsend auf ein paar mit schwarzem Leder gepolsterte Handschellen und ein daneben liegendes, langes breites Kunstlederband. Anscheinend weckte das hier seinen Spieltrieb. Und irgendwie fand ich diese Seite an ihm süß. Er wirkte so gleichzeitig kindisch und erwachsen, gelassen und aufgeregt.

 

„Kannst du dir das vorstellen? Dich von mir fesseln zu lassen?“, fragte er, etwas ernster.

„Ich weiß nicht … Ich hab mir das noch nie so wirklich vorgestellt.“

„Stell‘s dir mal vor. Würdest du es nicht gerne mal ausprobieren?“

Ich stellte mir das vor, ich liegend mit den Händen über dem Kopf und er über mir, wie er mir diese Handschellen anlegte, mir die Augen verband und mich so nahm. Augenblicklich verspürte ich ein leichtes Kribbeln im Bauch und dieses Ziehen, das Zeichen, dass diese Vorstellung irgendwas an sich hatte, was mir gefiel.

 

„Weiß ich nicht …“, antwortete ich. „Na ja, ich … ich weiß immer nicht so recht, was ich von so was halten soll.“

„Weil es … so ein Tabu ist?“, fragte Tsuzuku. „Weißt du, für mich gibt es solche Tabus nicht. Für mich gibt es nur das, was du willst und was ich will. Und Lust, die sich wahnsinnig gut anfühlt und die ich ausleben will. Daran sehe ich nichts Verwerfliches, und wenn dir die Vorstellung, dass ich dich fessele, gefällt, dann sag das und wir probieren es aus.“

„… Ein bisschen Kribbeln im Bauch hab ich schon …“

„Na, siehst du. Und vertraust du mir auch genug dafür?“

Ich spürte in mich hinein, fühlte mein großes Vertrauen zu ihm und nickte. „Ja. Tu ich.“

 

Tsuzuku lächelte mich an, dann drehte er sich um zu dem travestitischen Verkäufer, der uns aus einiger Entfernung beobachtete, und deutete auf die Vitrine. „Können Sie uns die aufschließen?“

„Aber gerne doch, ihr zwei Hübschen. Was hättet ihr denn gern?“

„Die Handschellen da und das Lederband“, antwortete mein Freund mit derselben Ruhe, mit der er auch im Restaurant etwas zu trinken hätte bestellen können.

„Uhh, habt ihr bisschen was Ausgefallenes vor?“, fragte der Verkäufer und zwinkerte mir zu, bevor er Tsu die beiden Sachen in die Hand gab. Das schwarze, wahrscheinlich künstliche Leder sah weich und anschmiegsam aus, ich streckte die Hand danach aus und es fühlte sich genauso angenehm an, wie es aussah. Trotzdem klopfte mein Herz ziemlich stark, beim Gedanken daran, wozu diese Sachen gut waren. Ich war das eben einfach nicht gewöhnt.

Der Verkäufer verschwand mit den beiden Sachen in Richtung Kasse. „Seht euch ruhig noch ein bisschen um!“   

 

„Und du?“, fragte Tsuzuku mich. „Möchtest du auch irgendwas ausprobieren?“ Er legte die Hand auf meine Schulter, zog mich näher zu sich und flüsterte mir ins Ohr: „Worüber würdest du dich freuen, mein Süßer?“

Ich nahm mich endlich mal zusammen, sagte mir, dass es nichts gab, was mir irgendwie peinlich sein musste, und das Tsu mit seiner Ansicht zu diesen Dingen Recht hatte. Etwas weniger aufgeregt, traute ich mich jetzt auch, mir die Sachen in den Vitrinen und Regalen genauer anzusehen, entdeckte alles Mögliche und erinnerte mich auch daran, dass ich manches davon früher schon einmal gesehen hatte, wenn ich, um mich ein bisschen selbst zu erregen, im Internet gewisse Filme gesehen hatte.

Schließlich fielen mir ein kleines, anscheinend zu Vibration fähiges Plastik-Ei mit Regler und Schnur, und eine hübsche kleine Flasche auf, auf deren Etikett ‚Love Chocolate‘ stand.

 

Die Atmosphäre im Laden regte mein Kopfkino an und ich verspürte wieder dieses leichte, eindeutige Kribbeln, als ich mir vorstellte, wie Tsu ganz sanft mit diesem vibrierenden Ei über meine Haut fuhr. Die Flasche, die offenbar so was wie Schokosirup enthielt, stand in einem offenen Regal, ich nahm sie heraus und hatte sofort ein Bild im Kopf, wie ich dieses wahrscheinlich sehr süße Zeug auf Tsuzukus schöne helle Haut tropfte und dann ableckte.

 

„Na, hast du was gefunden?“, fragte er hinter mir, streckte die Hand aus und strich kurz über meinen Rücken. Sein Blick fiel auf das Etikett der Flasche und er lächelte. „Willst du mich damit vernaschen?“

Ich sah ihn an und nickte. „Süßes Zeug, weil du süß bist.“ Deutete dann auf das Plastik-Ei mit dem Regler. „Und das da mag ich, glaube ich, auch.“

Tsuzuku grinste. „Okay. Sag mir dann zu Hause, was ich damit machen soll.“

Ich wurde sofort klatschmohnrot, was Tsu mit einem Lächeln zur Kenntnis nahm und seine Hand an meine Seite legte. Er winkte den Verkäufer heran, der die Flasche und das Ei mit zur Kasse nahm, jedoch nicht ohne eine Bemerkung dazu, dass ich ja angeblich so niedlich war mit meiner schüchternen Zurückhaltung. Tsu warf ihm einen leicht ärgerlichen Blick zu, den der jedoch nicht bemerkte, das Geld von mir entgegennahm und die Sachen in einer weißen, recht diskreten Tüte verpackte.

 

Ich war froh, als wir wieder aus dem Laden raus waren, wieder im normalen Licht und außerhalb dieser stark anzüglichen Atmosphäre. Tsuzuku nahm wieder meine Hand, wirkte regelrecht euphorisch und konnte, als wir in der kaum besetzten Stadtbahn nach Hause saßen, kaum die Hände von mir lassen. Er berührte mein Bein, ließ seine Hand von meinem Oberschenkel rauf zu meinem Bauch wandern und zog mich dann an sich, beugte sich vor und barg sein Gesicht an meinem Hals.

„Tsu…!“, flüsterte ich. „Nicht hier …!“

„Entschuldige … Aber … ich kann mich gerade kaum beherrschen.“

Ich küsste seine Wange und flüsterte: „Wir sind ja gleich zu Hause.“

„Wollen wir das gleich heute Abend machen?“, fragte er, sah mich an, seine dunklen Augen leuchteten.

Ich nickte, hauchte: „Ja, ich bin jetzt auch … ein bisschen erregt …“

„Das ist schön.“ Er lächelte wieder. Ich sah ihn einen Moment lang an und dachte, dass es von mir aus immer so sein konnte, dass er einfach glücklich war und sich so sehr darüber freute, dass ich ihn liebte. Zu gern wollte ich alles tun, was ich konnte, damit er sich so oft wie möglich so gut fühlte.

 

Als wir aus der Stadtbahn ausstiegen und nach Hause liefen, klopfte mein Herz wie wild. Wir liefen schnell, konnten es beide kaum noch erwarten, Tsu hielt meine Hand ganz fest, und die Treppen rauf rannten wir fast, ich zog schnell den Wohnungsschlüssel aus meiner Tasche, wollte die Tür aufschließen, da drehte Tsuzuku mich zu sich um, sah mir einmal tief in die Augen und knutschte mich dann rückwärts gegen die Tür, atemlos, leidenschaftlich, unkontrolliert.

Ich griff in seinen Nacken, klammerte mich an ihn und spürte, wie ich heiß wurde, sammelte gerade noch so viele Hirnzellen zusammen, dass ich Tsu dann vorsichtig, aber bestimmt von mir schob, den Schlüssel umdrehte, die Tür öffnete, uns beide in die Wohnung schob und die Tür hinter uns wieder zuschlug.

 

Sofort, als wir drinnen waren, machte Tsuzuku weiter, küsste mich wieder und wieder, zerrte an meiner Jacke, bis er sie mir ausgezogen hatte, ich zog ihm seine ähnlich ungestüm aus und er drängte mich rückwärts ins Schlafzimmer, wo ich mich aufs Bett setzte und so schnell wie möglich meine Schuhe auszog, während er dasselbe tat, um sich dann wieder auf mich zu stürzen, mich weiter auszuziehen und immer wieder zu küssen. Seine warmen Hände schlüpften unter mein Shirt, zogen es mir über den Kopf aus, tasteten über meine Haut, während seine Lippen von den meinen zu meinem Hals hinabwanderten und er sich an mich drückte, sodass ich seine Erregung spüren konnte.

Ich ließ mich auf den Rücken sinken und zog ihn mit, meine eine Hand auf seinem Rücken, die andere in seinem schwarzen Haar. Er sah mich an, und ich sah dieses erregte Glühen in seinen Augen und das kleine Lächeln auf seinen Lippen, er fühlte sich gut, und ich lächelte zurück, zog ihn zu mir runter und küsste ihn mit derselben Leidenschaft wie er mich zuvor.

Tsuzukus Hand schob sich zwischen uns, er nestelte an meinem Hosenbund herum, bis der Kopf aufsprang, zerrte mir die Hose vom Hintern und kämpfte sich dann selbst aus seiner engen Jeans, wandte dabei nicht ein einziges Mal den Blick von mir ab.

 

„Tsu …!“, sprach ich atemlos, „Mach mal langsamer. Sonst ist es so schnell wieder vorbei …“

Er hielt inne, atmete einmal tief ein und aus und antwortete: „Hast Recht.“ Ging aus dem Zimmer, hob im Flur die weiße Tüte auf, die ich dort einfach mit meiner Tasche zusammen fallen gelassen hatte, und kam mit ihr in der Hand zu mir zurück. Ich zog meine Hose ganz aus und rutschte rückwärts weiter aufs Bett, während Tsuzuku die Sachen aus der Tüte nahm und auf die Bettdecke legte. Kondom und Gleitmittel holte er auch gleich dazu, dann kam er zu mir aufs Bett, legte sich ganz nah neben mich und schloss mich in seine Arme, barg sein Gesicht an meinem Hals, ich hörte ihn tief und schnell atmen.

„Ich liebe dich, Meto“, flüsterte er und streifte mit seinen weichen Lippen sanft über meine Haut. „So sehr …“ Und wie schon bei dem stürmischen Kuss an der Tür eben spürte ich, dass er ganz seinen Gefühlen hingegeben war, sich nicht beherrschte oder kontrollierte. Er war einfach er selbst und fühlte sich offensichtlich gut dabei, was wiederum mich glücklich machte.

 

„Vertraust du mir?“, fragte er. „Fühlst du dich ganz sicher bei mir?“

„Ja, natürlich tu ich das“, antwortete ich. „Das weißt du doch.“

„So natürlich ist das nicht“, sagte er, beugte sich über mich und sah mich ernst an. „Das, was ich mit dir vorhabe, ist nicht so ganz ohne, und ich muss wirklich wissen, ob dein Vertrauen dafür reicht. Du musst ganz ehrlich sein. Wenn du es auch nur ein bisschen nicht möchtest, lassen wir es. Sobald du merkst, dass dir was unangenehm ist, sagst du ‚Stopp‘ und ich höre sofort auf.“

Er legte seine Hand auf meine Brust, streichelte ganz sanft und liebevoll, und ich blickte hoch an die Decke, schloss die Augen und fühlte in mich hinein, ob mein Vertrauen wirklich so groß war, wie ich dachte.

 

Ich wusste, warum er so ausdrücklich nach meinem Vertrauen fragte. Es war ihm anzumerken, dass er dabei an die Störung dachte (deren Namen zu denken auch mir seltsam schwer fiel), und an seinen eigenen Machtwunsch, den er zu kontrollieren versuchte.

Doch ich sah keinen Grund, mein großes Vertrauen in ihn zu schmälern. Er war doch immer noch derselbe Mensch und ich vertraute auch in seine große Liebe zu mir. Er würde mir nicht wehtun, es sei denn, ich wollte es.

Und so sprach ich aus meiner vollsten Überzeugung: „Tsuzuku, ich vertrau dir. Ich fühle mich ganz sicher bei dir und du kannst mir auch gern zutrauen, dass ich dich schon aushalte. Ich kenn dich doch.“

„Sicher?“, fragte er.

Ich lächelte. „Ganz sicher.“

 

Er beugte sich über mich und küsste mich. „Du machst mich so glücklich, Meto!“, lächelte er und strich mit den Fingerspitzen über mein Tattoo und meine linke Brustwarze. Ich mochte das sehr an ihm, wenn er sich zuerst kontrollierte und dann doch sehr glücklich war, wenn ich ihm sagte, dass er sich gern locker lassen konnte. Irgendwie machte ihn das süß.

Tsuzuku richtete sich wieder auf und zog endlich seine Shorts aus, sodass ich seine Erregung, die ich eben schon gespürt hatte, sehen konnte. Und ich fand ihn einfach wunderschön, wenn er so geil auf mich war und sich nicht schämte, das zu zeigen. Daran, dass ich sein erregtes Glied schön fand, merkte ich immer wieder deutlich für mich selbst, dass ich den männlichen Körper liebte und absolut anziehend fand, und Tsuzuku war für mich sowieso der allerschönste Mann auf der ganzen Welt.

 

„Was willst du jetzt machen? Was soll heute unser Vorspiel sein?“, sprach er mich lächelnd an und deutete auf die Sachen, die wir gekauft hatten.

Ich setzte mich auf und nahm die Flasche mit dem Schokosirup in die Hand, sah meinen Freund an und sagte leise, versuchend, verführerisch zu klingen: „Ich will dir das auf die Haut tun, überall hin, und dann will ich dich vernaschen.“

„Mmmmh…“, machte er, schnurrte fast schon. „Vernaschen willst du mich?“

„Ja. Du bist schließlich süß.“

„Na, dann mach mal“, sprach er lächelnd und legte sich wieder hin.

 

Ich zog eben noch meine Shorts aus, dann öffnete ich die Flasche, der ein berauschend süßer Duft nach Schokolade entstieg, und beugte mich über Tsu, tropfte das süße Zeug auf seinen Bauch, in seinen Nabel, auf seine Rippenbögen und schließlich auch auf seine Brustwarzen. Er legte den Kopf in den Nacken und seufzte angetan, noch ehe ich überhaupt begonnen hatte, den Sirup wieder abzulecken, anscheinend erregte ihn bereits der Gedanke daran. Und als ich es dann tat, die flüssige Schokolade zärtlich von seiner glatten, weichen Haut leckte, da stöhnte er auf, sein Körper bog sich mir entgegen. Seine Nippel wurden hart unter meiner Zunge, mein Zungenpiercing berührte kurz den kleinen Metallstab in seiner Brustwarze und das wiederum erregte mich weiter.

„Meto …“, kam ihm mein Name über die Lippen, er hob sein Becken ein wenig an und ich sah hin, zu seiner lustharten, geröteten Erregung, dann zu seinem Gesicht. „Meto, … kannst du …? Nur ein bisschen, bitte …!“

Es war offensichtlich, was er wollte, und ich war auch bereit, es ihm zu geben. Irgendwann war immer das erste Mal und nachdem er das ja letztens auch für mich getan hatte …

 

Ich rutschte ein Stückchen in Richtung Fußende, kniete mich zwischen Tsuzukus Beine und beugte mich über seine Körpermitte. Zuerst leckte ich den Schokosirup aus seinem Nabel und spielte dabei ein bisschen mit dem Piercing, dann atmete ich einmal tief durch und tropfte ein bisschen was von dem Schokosirup aus der Flasche auf sein Glied. Er stöhnte, zuerst leise, dann merklich lauter, als ich meine Lippen auf seine Erregung senkte und den Sirup zärtlich ableckte. Ich schmeckte die Süße und die zarte Haut, mein Herz klopfte wie verrückt und ich spürte Tsuzukus erregten Pulsschlag unter meinen Lippen.

Kurz richtete ich mich auf und sah hoch zu seinem Gesicht, auf das sich Lust und Genuss malten. Er hatte diese süße kleine Falte zwischen den Brauen und auf seinen Lippen lag ein kleines Lächeln, bevor er sich auf die Unterlippe biss und einen leisen, erregten und beinahe gequälten Laut von sich gab. „Mach … weiter …!“

 

Ich beugte mich wieder runter, küsste ganz leicht und vorsichtig, tat mit ihm fast genau das, was er letztens auch mit mir gemacht hatte. Nur, dass ich ihn damit nicht zum Kommen bringen wollte. Ich wollte ihn nur erregen, damit er mich gleich so hemmungslos nahm, wie ich es mochte.

Schließlich verließ ich den Platz zwischen seinen Beinen wieder und legte mich neben ihn. Tsuzuku sah mich fragend an und ich küsste ihn auf den Mund, ließ ihn die an meinen Lippen verbliebene Süße schmecken.

„Und jetzt?“, fragte er leise.

„Jetzt du.“ Ich lächelte ihn an. „Du hattest doch auch noch was vor.“

„Und du willst das auch?“ Er sah mich liebevoll an.

Ich nickte und spürte meine eigene Neugierde. Wenn ich an die Fesseln dachte, die da auf der Bettdecke lagen, dann fühlte ich wieder dieses Kribbeln und das erregte Ziehen im Bauch, und auch mein Herz sagte „Ja“ dazu. Ich spürte, dass ich Tsuzuku wirklich vollkommen vertraute. Mir war in diesem Moment alles von wegen irgendeiner Störung völlig egal, er war in meinen Augen einfach nur er, und ich wollte ihn in mir, mich ihm hingeben, und dass er mir zeigte, was er fühlte.

 

Tsuzuku erhob sich, griff nach den Handschellen und dem Lederband und fragte ohne weitere Umschweife: „Welches möchtest du?“

Ich musste einen Moment überlegen. Die Handschellen hatten eine relativ lange Kette, gerade lang genug für ein bisschen Bewegungsfreiheit, aber trotzdem kurz genug, um mir bestimmt ein Gefühl von Gefesselt-Sein zu geben. Das Band dagegen wurde sicher eng um die Handgelenke gewickelt und bot weniger Spielraum, wenn es richtig gebunden war. Und da ich ja keinerlei Erfahrungen damit hatte, entschied ich mich schließlich für die Handschellen und deutete darauf.

 

Tsu löste schnell die beiden kleinen Schlüssel, die mit einem kleinen Ring an der Kette befestigt waren, sah mich mit diesem Leuchten in den Augen an, dieser beinahe wahnsinnigen Verliebtheit, und kniete sich dann über meine Beine, sodass ich schon mal nicht aufstehen konnte.

Zuerst streichelte er mich ein wenig, fuhr mit der Hand über meinen Bauch und berührte dann mein hartes Glied, nur ganz leicht, gerade so, dass ich aufseufzte. Seine warmen Hände wanderten über meinen Körper nach oben, er beugte sich über mich und berührte meine Arme, zuerst meinen linken, tätowierten, dann den rechten, führte sie dann so, dass ich sie schließlich über meinen Kopf hob.

Ich sah ihm ins Gesicht, als er die Handschellen nahm und sie über meinem Kopf um meine Handgelenke legte. Er blickte mir tief in die Augen, seine strahlten erregt, er leckte sich unbewusst mit der gespaltenen Zungenspitze über die Lippen und ich erkannte Gefühle in seinem Ausdruck, die er außerhalb unseres Schlafzimmers immer zu verbergen und kleinzuhalten versuchte.

‚Du gehörst zu mir, Meto‘, sagten seine Augen. ‚Gib dich mir hin‘

Ich lächelte. Das war mein Tsuzuku, wie ich ihn am liebsten hatte. Selbstbewusst, leidenschaftlich und liebevoll. Die schönste Seite an ihm.

 

Die Handschellen klickten leise, dieses typische Geräusch, das mir klar machte, dass ich jetzt nicht zurück konnte. Doch es fühlte sich nicht unangenehm an. Vielmehr wurde das Kribbeln stärker und ich spürte, wie mein Glied an Härte noch ein wenig zulegte.

Tsuzuku griff hinter sich und hatte dann das Plastik-Ei und den Regler in der Hand. Er sah es sich kurz an, schaute nach, ob auch Batterien darin waren, und schob dann den Knopf am Regler langsam ein wenig hoch. Es gab ein leises Summen von sich und ich sah, wie es in seiner Hand vibrierte.

„Da hast du uns aber ein schönes Spielzeug ausgesucht“, sagte er. „Und? Was soll ich als Erstes damit machen?“

„Mach, was du willst“, flüsterte ich. „Ich vertrau dir.“

 

Tsu beugte sich über mich und fuhr dann langsam mit dem vibrierenden Ei über meine Bauchdecke. Es kitzelte ein bisschen, fühlte sich aber auch unheimlich schön an, besonders, als er die Intensität ein wenig steigerte und das Ei rauf zu meiner Brust führte. Ich seufzte angetan.

„Magst du das?“, fragte er lächelnd, und dann: „Darf ich dir die Augen verbinden?“

Ich nickte nur und hob den Kopf ein wenig an, er nahm das schwarze Tuch und band es mir um, sodass ich nichts mehr sah. Sofort fühlte sich die Vibration auf meiner Haut intensiver an und ich hörte Tsuzukus erregten, tiefen Atemzüge deutlicher. Ich machte mir ganz bewusst, dass ich jetzt mit gefesselten Händen und verbundenen Augen unter ihm lag, und der Gedanke daran erregte mich weiter, fühlte sich noch besser an, als ich gedacht hatte. Anscheinend stand ich wirklich ein wenig auf so etwas.

 

Ich hörte Tsuzuku leise lachen, es klang so, als sei ihm eine gute Idee gekommen, und im nächsten Moment spürte ich das vibrierende Ei auf meiner rechten Brustwarze. Augenblicklich schoss mir ein Gefühl purer Lust durch den Körper, ich stöhnte auf, dieses Gefühl von Vibration auf der zarten, sich durch diesen Reiz erregt festigenden Haut war so wahnsinnig schön!

„Das ist schön, oder?“, hörte ich Tsuzuku mit liebevoller Stimme fragen.

„Jaah … mehr …!“, stöhnte ich, woraufhin er die Intensität noch etwas höher stellte und ich vor Lust aufschrie. Ich spürte, wie mein Glied pochte, fühlte den Lusttropfen hinablaufen und dann, wie Tsu von meinen Beinen aufstand, hörte ihn nach dem Gleitmittel greifen.

 

„Mach die Beine auseinander und zieh die Knie an“, sprach er, ich tat es und fühlte kurz darauf seine Hände an meinem Becken, er kniete zwischen meinen Beinen und zog meinen Hintern auf seine Oberschenkel. Ich krallte meine Hände ins Kopfkissen, die Kette der Handschellen klapperte und ich hörte Tsuzuku wieder leise lachen.

Wahrscheinlich spürte er es jetzt, dieses Machtgefühl, das ihn so erregte. Was das wohl an sich hatte, das ihm so gut gefiel? Ich versuchte, ihn zu verstehen, wollte wissen, was daran ihn anmachte. Er hatte mir erklärt, dass es vor allem das Wissen darum war, dass ich zu ihm gehörte, und der für ihn so wahnsinnig wichtige Gedanke ‚Du bist mein, Meto‘. Dass er große Lust empfand beim Gedanken daran, mir sein Siegel aufzudrücken.

 

Während ich daran dachte, hatte er schon begonnen, meinen Eingang zu erweichen und zu dehnen, das Gleitmittel in mir zu verteilen, was sich, gefesselt und augenverbunden wie ich war, noch mal intensiver anfühlte. Tsuzukus Finger strich in mir fest über jene süße Stelle, ich keuchte vor plötzlicher Erregung, doch das war noch lange nicht alles, was er mit mir tun wollte.

Obwohl er es sicher kaum noch aushielt und bestimmt wahnsinnig erregt war, drang er noch nicht in mich ein, stattdessen hörte ich wieder das Ei summen. Ich ahnte, was er vorhatte, und mein Eingang zog sich reflexartig zusammen.

 

„Entspann dich, mein Liebster“, sprach Tsuzuku und streichelte meinen Bauch. „Das wird schön, glaub mir.“ Der liebevolle Klang seiner Stimme, seine eine Hand an meinem Bauch und die andere, die mich zwischen den Beinen streichelte, das sorgte dafür, dass ich mich wieder entspannte, und als ich das vibrierende Ei an meinem Eingang spürte, fühlte sich das gut an. Tsu zog die darin befestigte Schnur heraus, das spürte ich ebenso deutlich wie den sanften, aber bestimmten Druck des Ei’s gegen mein Loch.

Vibration als sexueller Reiz war mir neu, bis heute Abend hatte ich keine solche Erfahrung gemacht, nicht mal, wenn ich es mir selbst machte. Und jetzt gleich zwei Mal, erst eben an meinen Nippeln und nun gleich in meinem Innern, es war auf jeden Fall eine neue Erfahrung. Eine, die ich liebend gern mit Tsu zusammen machte.

 

Langsam schob er das Plastik-Ei in mich und stellte dann vorsichtig die Vibration wieder ein wenig höher. Beugte sich über mich, stützte seine Hand über meinen Kopf auf, hielt die Kette der Handschellen fest und drückte einen lieben Kuss auf meine Lippen. Mein Inneres summte vor Vibration und ich stöhnte in den Kuss, spürte das wahnsinnig starke Kribbeln in meinem Bauch.

„Ist das schön?“, fragte Tsuzuku. „Fühlt sich geil an, oder?“

„Jaah…!“, keuchte ich und spürte daraufhin, wie er die Vibration noch stärker stellte. Ich schrie auf vor Lust und Ekstase, wünschte mir, mich selbst anfassen zu können, fühlte deutlich die Handschellen, das weiche Leder, das sie polsterte, und dieses … ja, geile Summen in mir.

„Tsu …! Ich … ich komm‘ gleich …!“

Fast sofort reduzierte er die Intensität und zog vorsichtig das Ei an der Schnur aus meinem Innern, in mir blieb ein Nachhallen der Vibration zurück.

 

„Tsuzuku …“, sprach ich ihn an. „Ohhh … nimm mich endlich, ich will eins mit dir sein!“

Er wartete einen Moment, damit er und ich nicht mehr ganz so heiß waren und nicht sofort kamen. Ich hörte, wie er sich das Kondom übers Glied zog.

Aber dann zog er mich näher, hielt mein Becken fest und drang in mich ein, stieß fast sofort zu, und ich hörte seinen lustvollen Aufschrei.

„Meto, ohhhh …!“ Seine Hand umfasste mein Glied und ich stöhnte erlöst, er rieb mich unkontrolliert, wahnsinnig erregt, während er weiter in mich stieß, leidenschaftlicher, tiefer, immer heißer und hemmungsloser.

Ich wusste, danach würde es wahrscheinlich wehtun, aber das war mir gerade so was von egal. Ich hatte Tsuzukus Lust und Hemmungslosigkeit gewollt und bekommen, und in diesem Moment war es nur gut, oh, so gut!

 

Der Höhepunkt war heiß, so heiß, und heftig, fühlte sich irgendwie ein wenig anders an als sonst und dauerte auch länger. Mein ganzer Körper zitterte und ich verlor für einen Moment beinahe das Bewusstsein, bekam nur ganz am Rande mit, dass Tsu kurz nach mir ebenfalls kam. Sein tiefes Stöhnen hallte in meinen Ohren und ich wünschte mir, ihn jetzt sehen zu können, wie sich vollkommene Erregung und die Erlösung danach auf sein schönes Gesicht malten.

 

Er sank vornüber auf mich, stützte sich rechts und links von mir ab, und eine Weile blieben wir so, schwer atmend und erfüllt von den Nachwellen der Lust. Schließlich zog er sich langsam und vorsichtig aus mir zurück, blieb aber noch ein wenig so über mich gebeugt.

„Meto …“, flüsterte er mit weicher Stimme. „Ich liebe dich.“

„Ich lieb dich auch“, antwortete ich, klang ganz müde.

„Und … danke.“

„Wofür?“

„Dass ich das immer wieder mit dir machen darf. Du weißt nicht, wie viel mir das bedeutet.“

„Ich … denke schon, dass ich das weiß.“

 

Ich spürte seine Hand an meinem Kopf, er löste die Augenbinde und zog sie weg, sodass ich ihn wieder sehen konnte. Dann griff er nach den Schlüsseln der Handschellen und öffnete sie, nahm sie mir ab und streichelte meine Arme.

„Meto, ich brauche dich“, sprach er. „Ich brauche dich für mein ganzes Leben. Ich will keinen Tag mehr ohne dich sein.“

Ich lächelte, hob die Hand und berührte sein Gesicht, strich ihm die verschwitzten schwarzen Haarsträhnen aus der Stirn und streichelte seine Wange.

„Ich bleibe bei dir“, sagte ich leise, griff in seinen Nacken und zog ihn für einen Kuss zu mir herunter. Seine Lippen schmeckten süß, waren ganz warm und weich, und ich spürte etwas in diesem Kuss, Tsuzukus beinahe schon wahnsinnige Liebe zu mir und eine noch leise Angst davor, irgendwann mal ohne mich sein zu müssen. Ich wollte ihm diese Angst so gern nehmen, doch ich wusste, wirklich ganz konnte ich das nicht. Es war das Ungeheuer in seiner Seele, das ihm diese Angst einredete, und dagegen kam ich nicht an.

 

Tsuzuku stand auf, warf das Kondom weg und räumte die anderen Sachen gereinigt in die Schublade auf seiner Seite unseres Bettes. Dann zog er die Bettdecke hoch, legte sich neben mich und deckte uns beide zu. Ich legte meinen Arm um ihn und zog ihn an mich.

„Tut’s weh?“, fragte er leise.

„Ein bisschen“, antwortete ich. „Aber das ist okay. Ich bin eben kein Mädchen.“

„Ich hab wieder die Kontrolle verloren …“, sagte er und blickte hoch an die Decke.

„Ich wollte das. Tsuzuku, ich mag das, wenn du so hemmungslos geil bist, ich will das und du musst dir da rein gar nichts vorwerfen. Das hab ich dir schon mal gesagt und das kannst du mir ruhigen Gewissens glauben.“

Seine Antwort war ein ganz besonders zarter Kuss.

 

Eine ganze Weile blieben wir so liegen, umarmt und müde, fast wäre ich schon eingeschlafen, doch da spürte ich ein leichtes Zittern neben mir, hörte einen leisen Laut und sah Tsuzuku an. Er hatte Tränen in den Augen und sah auf einmal furchtbar traurig aus, der kleine Laut war so etwas wie ein leises Schluchzen und kam wieder über seine Lippen, als ich ihn ansah und automatisch meine Hand streichelnd auf seiner Seite bewegte.

„Hey, was hast du?“, fragte ich besorgt.

Er zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht …“

„Gar nicht? Du bist traurig und weißt nicht, warum?“

„Eigentlich müsste ich jetzt doch glücklich sein, oder?“, fragte er und die Tränen liefen über sein Gesicht. „Eben war ich es auch noch, wirklich. Aber … weißt du, es springt einfach so um, auf einmal tut alles nur noch weh …“

„Sind da jetzt irgendwelche Gedanken in dir?“, fragte ich. „Gedanken, die dich traurig machen?“

Er schüttelte den Kopf. „Nicht mehr als sonst … Es sind nur meine Gefühle, die einfach wehtun.“

„Und kann ich was tun?“

„Bleib … einfach bei mir … und halt mich fest.“

 

Das tat ich. Ich nahm Tsuzuku fest in meine Arme, hielt ihn, streichelte ihn, und als er stärker weinte, versuchte ich, ihn zu beruhigen, suchte nach lieben Worten, sprach auf ihn ein, dass alles gut und ich ja bei ihm war, dass ich ihn nicht verließ und ihn sehr liebte.

Irgendwann beruhigte er sich wieder und schlief in meinen Armen ein, wenig später war auch ich eingeschlafen. 

 

 

Als ich aufwachte, lag er noch immer nah neben mir, so nah, dass das erste, was ich bewusst spürte, seine nackte Haut war, meine Hand ruhte unter der Decke an seiner Hüfte, und seine Hand war zwischen uns, an meiner Brust.

Es war noch dunkel draußen, wir hatten also noch Zeit. Mir fiel wieder ein, dass der Wecker ja nicht funktionierte, dachte daran, dass wir heute sowieso einkaufen gehen mussten. Ich hatte nur Vormittagsschicht heute, danach konnten wir ja in die Stadt gehen.

 

Über diesen Gedanken wurde ich langsam wacher und spürte so auch die Folgen von gestern Abend, ein leichtes, aber deutliches Ziepen in meinem Hintern. Das kam eben davon, dass ich es beim Sex gern etwas heftiger und wilder mochte, dass es mir so gefiel, wenn Tsuzuku sich so gehen ließ.

Ich dachte noch ein bisschen darüber nach, nachdem das gestern ja so viel Neues enthalten hatte. Erinnerte mich an das schöne Gefühl des vibrierenden Plastik-Ei’s auf meiner Brustwarze und daran, wie ich selbiges Ei bald darauf in mir gespürt hatte.

Irgendwie brachte mich das auf den Gedanken, dass ich mir ein anderes Mal, als wir miteinander geschlafen hatten, gewünscht hatte, es ungeschützt zu tun, dass kein Kondom zwischen uns war und er sich in mein Inneres ergoss. Ich fand diese Vorstellung romantisch. Etwas von ihm in mir zu haben, das auch noch ein wenig blieb, nachdem er sich aus mir zurückgezogen hatte. Ebenso wie er, der er, nachdem er meinen Samen geschluckt hatte, dasselbe gesagt hatte.

 

Mein nächster Gedanke war, dass wir beide am besten mal zu einem Arzt gingen, damit Tsu sich auf gewisse Krankheiten testen und ich mich untersuchen lassen konnte, wegen der Verspannungen, die zwar jetzt seit einer Weile nicht mehr gewesen waren, aber ja immer wieder vorkommen konnten. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie wir einem normalen Arzt erklären sollten, dass wir ein Paar waren und was wir nachts zusammen taten, aber der Gedanke, dass wir das tun sollten, uns untersuchen lassen, blieb hängen.

 

Ich blieb so liegen, bis Tsuzuku aufwachte. Anscheinend hatte er schön geträumt, denn das erste, was er tat, war, mich zu küssen.

„Guten Morgen“, lächelte ich.

„Morgen, mein Liebstes.“ Er lächelte zurück und küsste mich wieder. „Ich hab von dir geträumt.“

Ich lachte leise. „Und was?“

„Du warst einfach da und hast mich gehalten.“ Er schob seine Hand zwischen uns und streichelte mein Tattoo. Ich drehte mich ein wenig zur Seite und spürte, wie er die bunten Linien mit den Fingern nachfuhr, seine Hand dann weiter zu meinem Arm wandern ließ und über die noch schwarzweißen Linien dort strich. „Irgendwann mach ich dir das mal bunt“, sagte er.

 

Wir blieben noch ein kleines bisschen so liegen, dann standen wir beide auf und begannen, uns für den Tag fertig zu machen.

„Tsu?“, sprach ich meinen Freund an, als er unter der Dusche und ich vor dem Spiegel stand. „Du hast doch jetzt auch ‘ne Krankenkassenkarte, oder?“

„Ja, hab ich seit dem Tempel. Warum?“

„Weil ich heute Nachmittag gerne mal mit dir zum Arzt möchte. Wegen so gewisser Krankheiten, dass du dich da mal testen lässt. Sicher ist ja sicher und … weißt du, ich will auch mal … ohne Kondom mit dir schlafen.“

„Du weißt aber doch, dass ich nicht einfach so zu Arzt gehen kann“, antwortete er und stellte das Wasser aus. „Der würde mich doch gleich wegen Untergewichts ins Krankenhaus schicken.“

„Das glaube ich nicht mal. Außerdem kann dich auch ein Arzt zu nichts zwingen.“

„Haben Ärzte da nicht so eine Pflicht?“

 

Ich drehte mich zu ihm um und fragte vorsichtig: „Sag mal … wieso hast du eigentlich solche Angst vor Krankenhäusern?“

Tsuzuku nahm sein Handtuch, wickelte es sich um die Hüfte und kam aus der Duschkabine. „Ich … weiß nicht … Ich hab einfach Angst, vor den Menschen und der Atmosphäre da. Und davor, über Nacht dableiben zu müssen, alleine zu sein, ohne dich.“

Ich konnte nicht anders, als ihn zu umarmen, obwohl er noch ganz nass war.

„So sehr brauchst du mich?“, fragte ich und sah ihn an. „Ich würde dich doch jeden Tag besuchen. Ich lass dich nicht alleine.“

„Ich habe trotzdem Angst. Ich … will nicht … so unter Kranken sein, verstehst du?“

 

Ja, ein bisschen verstand ich das. Niemand war schließlich gern im Krankenhaus. Doch Tsuzukus Angst davor schien über das Normale hinauszugehen, ließ mich an Leute denken, die sich vor Spinnen oder engen Räumen sehr fürchteten.

„Was genau …“, begann ich vorsichtig, „… befürchtest du denn?“

Tsuzuku schmiegte sich in meine Umarmung und ich kam mir vor, als müsste ich ihn vor etwas beschützen. „Dass ich dann …“, sprach er leise, „mein letztes bisschen Normalität verliere und völlig durchdrehe. In mir ist noch ein kleiner Rest gesundes Ich und das will ich nicht verlieren.“

„Ach, Tsu …“ Ich nahm sein Gesicht in meine Hände und küsste ihn. „Rede dich doch nicht immer so kaputt, mein Schatz. An dir ist so viel mehr Schönes, als du gerade denkst.“

Er antwortete nichts darauf, löste sich von mir und begann, sich abzutrocknen und dann anzuziehen. Ich schminkte mich fertig und ging dann als Erster in die Küche, um schon mal das Frühstück zu machen.

 

Tsuzuku kam bald nach und zündete sich erst mal seine allmorgendliche Zigarette an, stand am offenen Fenster und rauchte, während ich aß.

„Okay“, sagte er schließlich, drückte die Zigarette aus und setzte sich mir gegenüber auf seinen Platz an unserem Küchentisch. „Wir können heute Nachmittag mal zum Arzt gehen. Aber nur, wenn es um Geschlechtskrankheiten und deine Verspannungen geht. Sobald der von meinem Gewicht und so anfängt, bin ich weg.“

Ich lächelte. „Mehr wollte ich auch gar nicht.“

„Wirklich?“, fragte er. „Ich meine, willst du nicht, dass sich ein Arzt um mein Problem mit dem Essen kümmert?“

„Ich denke einfach, es bringt nichts, wenn wir da ‘nen Arzt einschalten und du das aber nicht willst. Der kann doch auch nicht viel mehr tun als ich. Und ich kenne dich, der nicht.“, sagte ich.

Tsu lächelte, ein süßes Lächeln. „Habe ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe, Meto?“

 

Wir machten uns beide auf den Weg zur Arbeit, fuhren bis zur Station Innenstadt zusammen und ich hatte das Gefühl, dass der Tag heute ganz okay wurde. An der Bahnstation umarmte ich Tsu, küsste ihn und wünschte ihm einen schönen Vormittag, er lächelte und sagte, dass er sich Mühe geben wollte. Ich dachte daran, wie er gestern Abend nach dem Akt so plötzlich zu weinen angefangen hatte, und an das, was er mir über sich und Borderline, über seine scheinbar aus dem Nichts kommenden Stimmungsschwankungen gesagt hatte. Angesichts dessen ahnte ich, dass Tsuzuku wenig Einfluss auf seine eigene Gefühlslage hatte, und wünschte ihm einfach wortlos viel Glück, dass er den Tag heute ohne Abstürze überstand.

 

Als ich dann in der Umkleide hinter dem Caféraum stand und mich umzog, kam Koichi herein, noch ungeschminkt und in Straßenkleidung. Ich sah sofort, dass es ihm nicht wirklich gut ging, er setzte sich und seufzte schwer.

„Alles … gut?“, fragte ich vorsichtig.

Er schüttelte den Kopf. „Mikan hat mich gestern Abend versetzt. Wir wollten uns in ‘nem Restaurant treffen und sie ist nicht aufgetaucht.“ Er klang wirklich niedergeschlagen und ich setzte mich neben ihn, sah ihn aufmerksam an.

„Hast du sie angerufen?“

„Ja, mehrmals sogar, aber sie ist nicht rangegangen.“ Er blickte zu Boden und sah auf einmal furchtbar traurig aus, blinzelte und stützte dann den Kopf in die Hände. „Ich hab so Angst, dass … dass sie … mich nicht mehr mag …“ Weiter sprach er nicht, seine Stimme klang tränenerstickt, und dann weinte er, schluchzte, fuhr sich immer wieder mit der Hand über die Augen.

 

Ich legte meinen Arm um seine Schultern und fühlte mich noch befangener, wie wenn Tsuzuku vor mir weinte. Weil ich Koichi zum ersten Mal weinen sah. Er war doch sonst immer so fröhlich und ausgeglichen. Zwar hatte ich ja schon mal ein bisschen geahnt, dass auch er manchmal so seine traurigen Momente hatte, aber das jetzt so direkt zu sehen, wie jemand wie Koichi weinte, fühlte sich furchtbar an und ich litt richtig mit ihm mit.

„Das … schon wieder … wird …“, sagte ich leise, verfiel vor Mit-Traurigkeit wieder in meinen Sprachfehler. „Sie … dich bestimmt … noch mag …“

„… Meinst du?“, fragte er und schniefte. „Warum geht sie dann nicht ran, wenn ich sie anrufe?“

„Vielleicht … sie sich … nicht traut … weil sie … dich auch so … mag?“

„Das … kann eigentlich nicht sein …“

„Weißt … du’s?“

Koichi schüttelte den Kopf. Und ich kam mir wieder vor wie früher, als ich mich so um Tsu gekümmert hatte. Wie jemand, der gern anderen half und für sie stark war, wenn sie selbst sich gerade nicht so stark fühlten. Anscheinend war ich so. Ich half gern, wo ich konnte, war gern für jemanden da, und war glücklich, wenn ich denjenigen wieder ein bisschen glücklich machen konnte.

 

Ich zog mich fertig um und Koichi tat es mir gleich, versteckte seine Traurigkeit unter Makeup und seiner Arbeitsuniform. Ich hatte aber das Gefühl, dass es ihm ein wenig besser ging, und als er mich anlächelte, bevor wir uns an die Arbeit machten, erschien mir dieses Lächeln einigermaßen ehrlich.

Ich hoffte so sehr für ihn, dass ich in Bezug auf Mikan Recht hatte und sie ihn vielleicht einfach nur aus Unsicherheit versetzt hatte.

 

Der Vormittag verlief recht schleppend, es war ruhig und wir hatten nicht sehr viel zu tun. Die heute eher wenigen Gäste waren nicht so anspruchsvoll wie sonst, und so konnte Koichi sich ein paar mehr Pausen nehmen, während denen ich seine Arbeit übernahm, so gut ich konnte.

„Danke, Meto-chan“, sagte er mittags, als ich neben ihm im Hinterhof stand und ihm beim Rauchen zusah. Ich selbst wollte heute nicht rauchen und konnte mich glücklich schätzen, nicht so abhängig davon zu sein wie Koichi und Tsuzuku.

„Wofür … danke?“, fragte ich.

„Dafür, dass du mich ein bisschen vertrittst. Es ist eigentlich nicht meine Art, jemandem meine Arbeit aufzudrücken, aber ich kann mich heute einfach nicht richtig konzentrieren.“

„Ist okay … Ich doch … gerne arbeite.“ Ich lächelte. „Und … heute Nachmittag?“

„Ich hab auch gleich Feierabend“, sagte Koichi. „Du, wollen wir nicht vielleicht … heute zusammen was machen, du, ich und Tsu?“

„Ich weiß nicht … Also, er und ich … wollten gleich … zum Arzt, … wegen … so Sachen, die wir mal klären müssen … Aber danach … geht’s vielleicht … dass du zu uns kommst.“

Koichi lächelte. „Okay, dann ruft mich an, ja?“

 

Und so machte ich mich nach der Arbeit auf den Weg zum Tattoo-Studio, um Tsuzuku abzuholen und dann mit ihm zum Arzt zu gehen. Einmal, als wir hier in der Stadt gewesen waren, um die Wohnung anzuschauen und uns mit der Stadt vertraut zu machen, hatte ich auch eine Arztpraxis ausfindig gemacht und da man das ja brauchte, wenn man umzog, eine Hausarztpraxis in der neuen Stadt, hatte ich mich da auch schon gleich vorgestellt.

Auf dem Weg dorthin hielt Tsu haltsuchend meine Hand, ich spürte seine Angst.

„Denk dran, was ich dir heute Morgen gesagt habe“, flüsterte ich ihm zu. „Und wir machen das zusammen, so wie wir alles zusammen machen.“

„Sobald der von was Psychischem anfängt, bin ich weg“, sagte er und blickte auf die Straße.

 

Die Praxis war ziemlich voll, es waren nur noch ganz genau zwei Plätze im Wartezimmer frei und an der Rezeption stand eine Schlange von Leuten. Zuerst wurde Tsu’s Griff um meine Hand stärker, dann ließ er sie los und als ich ihn ansah, war da diese Panik in seinem Blick, er blickte unruhig um sich und wirkte fast wie ein verängstigtes Tier. Wahrscheinlich schlug ihm das Herz jetzt bis zum Hals. Ich sah winzige Schweißtröpfchen auf seiner Haut.

„Setz dich schon mal und gib mir deine Karte, ich mach das“, sagte ich.

„Du mit deinem Sprachfehler?“, fragte er, klang ironisch vor Angst.

„Ich schaff das schon“, antwortete ich und lächelte ihn ermutigend an, dachte: ‚Stark sein, Meto, du kannst das‘

 

Tsuzuku wagte sich zu den Leuten ins Wartezimmer und ich stellte mich an der Schlange an. Es ging recht langsam voran und ich schaute durch die geöffnete Tür des Wartezimmers immer mal wieder zu meinem Freund, der scheinbar ruhig dort saß und dem ich mit meinem auf ihn geübten Blick ansehen konnte, dass er seine harte Schale aus Straßenzeiten aufgesetzt hatte. Hoffentlich, dachte ich, löste die Angst in ihm nicht zu viel Schmerz aus.

Als ich endlich dran war, war ich fast so aufgeregt wie Tsu und brachte zuerst kein Wort raus, legte nur unsere Gesundheitskarten hin.

„Sie wünschen?“, fragte die Sprechstundenhilfe.

„Mein Freund … und ich … möchten … Arzt sprechen … heute.“

„Haben Sie viel Zeit?“, fragte sie mit Blick auf die vielen Leute.

Ich nickte. Wir hatten ja heute, soweit ich wusste, nichts anderes mehr vor. Die Frage war nur, ob Tsuzuku so lange durchhielt.

Die Frau nahm die Karten, las sie ein, gab etwas in ihren Computer ein und sagte dann: „Setzen Sie sich dann ins Wartezimmer, Sie werden aufgerufen.“

 

Es dauerte sehr, sehr lange. Zum Glück war der Platz neben Tsu frei und ich konnte neben ihm sitzen. Ich spürte, wie er immer unruhiger wurde, wie es hinter seiner auf den ersten Blick ruhigen Fassade brodelte und kochte. Die Blicke der vornehmlich älteren Leute, und der Gedanke daran, dann mit dem Arzt reden zu müssen, ich wusste, dass ihn das verletzte.

„Soll ich … deine Hand halten?“, flüsterte ich.

Er schüttelte den Kopf.

„Oder soll ich mal vorne fragen, ob wir noch Zeit haben, ‘ne Runde rauszugehen?“

Er reagierte erst kaum, dann nickte er.

Ich stand auf und ging zur Rezeption zurück.

„Meinem Freund … geht nicht gut … braucht frische Luft … und so … Noch genug Zeit, dass … ein bisschen rausgehen?“, fragte ich.

„Wegen Schwindel?“, fragte die Frau.

Ich nickte, obwohl das ja gelogen war, aber ich konnte ihr ja jetzt schlecht von Tsuzukus Angst vor Menschen und seiner Panik wegen dem Gespräch mit dem Arzt erzählen.

„In Ordnung. Aber seien Sie bitte in einer halben Stunde wieder hier.“

 

Ich ging zu Tsu zurück und wir verließen die Praxis erst einmal wieder, gingen ein bisschen draußen in der Gegend herum. Es war schon recht warm und ich machte meine Jacke auf, nahm Tsuzukus Hand und er ging einfach mit mir mit.

Zuerst sagte er eine ganze Weile nichts, dann: „Ich hab auch deshalb so lange nicht darüber gesprochen, weil ich Angst hatte, dass es dann ausbricht. Und das tut es jetzt. Ich fühle mich viel instabiler.“

„Meinst du denn, das liegt nur daran, dass du darüber sprichst?“, fragte ich. „Ich glaube, du merkst es nur mehr, weil du jetzt ein bisschen offener damit bist.“

„Weiß nicht … Ich spüre nur, dass ich mir wieder mehr wehtun will.“

„Eben auch? Also, hast du da eben im Wartezimmer daran gedacht?“

Tsuzuku nickte. „Ja. Ich war ganz kurz davor, mich zu kratzen.“

„Was hat dich davon abgehalten?“

„Dass du da warst. Und dass dann jeder gesehen hätte, was mit mir los ist.“

„Davor hast du Angst, oder? Dass die Leute schlecht von dir denken?“

„Diese Blicke … ich halte das kaum aus.“ Seine Stimme klang beinahe schon verzweifelt.

„Du, weißt du, das kenne ich aber auch. Wenn man sich sowieso schon nicht gut fühlt, tun solche Blicke mehr weh. Das ist ziemlich normal.“

Er antwortete nichts darauf und wir gingen dann auch bald zurück. Ich hatte das Gefühl, das Richtige getan zu haben, indem ich mit ihm rausgegangen war, statt dass wir da sitzen geblieben wären. Tsu wirkte ein kleines bisschen entspannter, als wir die Praxis wieder betraten und uns ins Wartezimmer setzten.

 

„Willst du alleine mit dem Arzt reden oder soll ich dabei sein?“, fragte ich leise.

Er zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht … Vielleicht kommst du mit und kannst dann auch gleich deins besprechen.“ Und dann: „Ich hab keine Ahnung, wie ich erklären soll, dass wir ein Paar sind.“

„Das geht schon irgendwie.“

In dem Moment kam die Sprechstundenhilfe herein. „Aoba-san, Asakawa-san, wer von Ihnen möchte zuerst?“

Tsuzuku stand mit einem Ruck auf, nahm meine Hand und sagte mit auf einmal sehr fester Stimme: „Wir gehen zusammen.“ Auf den irritierten Blick der Frau in Richtung unserer verschränkten Hände hin lächelte er nur und wirkte auf einmal ganz selbstsicher.

Sie zeigte uns das Zimmer, wo der Arzt schon an seinem Schreibtisch saß und wartete. Auf einem Schild auf dem Tisch stand sein Name, Ishida. Er war so um die fünfzig und sah eigentlich ganz nett aus, aber würde er auch noch so nett sein, wenn wir ihm sagten, was los war?

Die Sprechstundenhilfe stellte uns vor und gab dem Arzt einen Zettel, ging dann wieder hinaus.

 

„Was führt Sie zu mir?“, fragte Dr. Ishida. Vor dem Schreibtisch standen zwei Stühle, darauf setzten wir uns und es entstand eine recht unangenehme Stille, da weder Tsu noch ich wussten, wo wir anfangen sollten.

„Sind Sie beide verwandt?“, fragte der Arzt schließlich. „Oder weshalb kommen Sie gemeinsam zu mir?“

„Nein“, sagte Tsuzuku und nahm gut sichtbar meine Hand. „Wir sind ein Paar.“

Ich spürte, dass er den Starken spielte, er war innen drin genauso aufgeregt wie ich.

„Ein Paar?“, wiederholte der Arzt irritiert, „Sie beide sind ein Liebespaar?“

Mein Sprachzentrum setzte jetzt komplett aus und so musste wieder Tsu antworten, ich drückte seine Hand, um ihn zu unterstützen. Ich stellte mir vor, wie etwas von meiner Kraft und Entschlossenheit durch meine Hand zu ihm floss und anscheinend spürte er etwas davon, denn er antwortetet mit relativ fester Stimme: „Ja, ein Liebespaar. Und wir schlafen auch miteinander. Darum sind wir hier, weil es da … ein, zwei kleine Probleme gibt.“

 

Dr. Ishida sah uns einen Moment lang abwägend an, so als müsste er sich überhaupt erst dazu entschließen, ob er uns behandeln wollte. Doch anscheinend entschied er sich dafür, denn er fragte schließlich: „Von welcher Art sind denn diese Probleme?“

Da ich immer noch nicht wirklich sprechen konnte, sah ich Tsuzuku an, er drückte meine Hand, schickte mir nun seinerseits Unterstützung.

„Ich hatte früher … viele Freundinnen und … habe nicht immer so gut aufgepasst“, sagte er zu dem Arzt. „Deshalb befürchte ich, dass ich mir da irgendwas eingefangen habe, und ich würde mich jetzt einfach gern testen lassen, damit ich meinen Freund nicht anstecke.“

„Da gibt es die Möglichkeit von Bluttests“, sagte Dr. Ishida. „Den können wir gleich jetzt machen, ich würde Ihnen die Ergebnisse dann zuschicken.“ Dann wandte er sich an mich: „Und Sie, was gibt es bei Ihnen?“

 

Ich kratzte innerlich meine Sprechfähigkeit wieder zusammen und antwortete, leise und stockend: „Ich … manchmal so … Verspannungen … da unten … auf einmal …“ Ich spürte, wie ich rot wurde und dass es mir wahnsinnig peinlich war, darüber zu sprechen. Und erst jetzt fühlte ich auch, dass es mich in meiner Männlichkeit irgendwie ankratzte und auch in meinem Selbstbewusstsein als homosexueller junger Mann.

„Anale Muskelverspannung?“, fragte Dr. Ishida und ihm war anzumerken, dass es ihm auch unangenehmer war als ‚normale‘ Beschwerden zu erfragen.

Ich nickte, wurde noch röter.

„Und tritt das immer auf oder nur manchmal?“

„… Nur … manchmal …“, antwortete ich, viel zu leise. Jetzt schämte ich mich nicht nur wegen der Verspannungen, sondern auch, weil ich gerade rüberkam wie so ein ‚Uke‘ aus einem Boyslove-Manga für Mädchen, verschüchtert und mädchenhaft. Ich sah meinen Freund an und dachte auf einmal, dass ich in manchen Dingen gern ein bisschen wäre wie er. Meine Gedanken von vorletzter Nacht kamen mir in den Sinn, dass ich ja auch mal Top sein konnte und das auch wollte.

 

„Ich kann Sie da leider nur an einen Urologen überweisen“, sagte Dr. Ishida schließlich. „Der könnte die Ursache dafür vielleicht klären.“ Er nahm einen Notizblock und schrieb einen Namen, eine Adresse und eine Telefonnummer darauf, riss den Zettel ab und reichte ihn mir.

Dann stand er auf und nahm eine verpackte Spritze, einen Wattetupfer und eine Flasche mit Desinfektionsmittel aus dem Regal, legte alles auf dem Schreibtisch ab und forderte Tsuzuku auf, seinen Ärmel hochzuschieben.

Ich beobachtete Tsu’s Gesichtsausdruck, während der Arzt ihm Blut abnahm. Er hatte diesen einen Blick in den Augen, der dem ähnelte, mit dem er auch sein Messer ansah. Das Wissen darum, wie er zu Schmerzen und Blut stand, dazu, dass seine Haut von ihm selbst oder jemand anderem verletzt wurde. Das Wort ‚Borderline‘ hing geradezu greifbar in der Luft und ich hoffte, dass Dr. Ishida es nicht bemerkte.

 

„Sie sind ja sehr schlank, Aoba-san“, sagte der Arzt nach dem Blutabnehmen, so, als hätte er es doch bemerkt. Er verpackte die gefüllte Spritze in einer Art Umschlag und schrieb etwas darauf. „Ist Ihnen manchmal schwindlig?“

„Nein“, antwortetet Tsuzuku, ich spürte seine Anspannung und dass er schon am liebsten weglaufen wollte. „Es ist nichts, mir geht’s gut.“

„Wie viel wiegen Sie denn?“, fragte Dr. Ishida weiter, bemerkte anscheinend nicht, dass er gerade in genau das Wespennest stach, vor dem Tsu Angst hatte.

Tsuzuku antwortete nichts darauf. Er stand einfach auf und ging, schlug die Tür knallend hinter sich zu. Ich stand ebenfalls sofort auf, wollte ihm hinterher, doch der Arzt rief mich zurück: „Was ist sein Problem?“

Ich wollte dem Arzt auf keinen Fall von Tsuzukus Problemen mit dem Essen erzählen, das wäre mir wie Verrat erschienen, also antwortete ich: „Er … nicht über … Gewicht … sprechen will.“ Dann lief ich raus, sah mich vor der Tür suchend nach meinem Freund um.

 

Tsuzuku saß draußen vor der Praxis, an die Mauer gelehnt, auf dem Boden und rauchte.

„Ich hab‘s gesagt, wenn er von meinem Gewicht anfängt, bin ich weg“, sagte er und sah zu mir auf.

„Ist doch okay. Mehr hab ich von dir auch nicht verlangt“, erwiderte ich und hielt ihm meine Hand zum Aufstehen hin. Er ließ sich von mir hochziehen und wir gingen los. Gerade noch rechtzeitig fiel mir ein, dass ich ja neue Batterien für meinen Wecker kaufen musste. Das konnten wir ja eben noch machen, wo wir schon einmal in der Innenstadt waren.

 

Wir gingen also eben noch kurz einkaufen, dann machten wir uns auf den Heimweg. Tsuzuku wirkte ein wenig unausgeglichen und ich konnte nicht genau erkennen, ob es ihm gut oder weniger gut ging. Und als wir zu Hause waren, zog er sich mit seinem Handy ins Bett zurück, antwortete auf meine Frage hin, dass er sich irgendwo einen Social Network Account machen wollte.

Ich versuchte derweil zum ersten Mal, den Fernseher wieder anzuschließen, ein gemeldeter Anschluss war vorhanden, nur bekam ich das komplizierte Einstellen nicht hin. Zu Hause hatte solche Sachen immer mein Vater gemacht, der kannte sich damit besser aus als ich. Genau so war es mit dem Internet. Ich hatte meinen PC mit hergenommen, aber ich bekam es nicht hin, den vernünftig ans Internet anzuschließen. Wir hatten nur das allgemeine Netz in der Wohnung, das reichte fürs Handy aus, aber ich wusste einfach nicht, wie ich den PC da mit reinbekam.

 

Also gab ich es erst einmal wieder auf und setzte mich im Schlafzimmer aufs Bett, sah Tsuzuku an, der immer noch mit seinem Handy beschäftigt war. Er blickte zurück und hielt mir das Handy hin, zeigte mir, wo er sich einen Account gemacht und schon ein Bild hochgeladen hatte. Es war ein schönes Foto, ein ungeschminktes, und obwohl ich ihn ja mit Makeup immer wahnsinnig schön fand, gefiel mir dieses Bild mindestens genauso gut. Ohne die dunkle Farbe um die Augen, ohne Lippenstift und ohne Kontaktlinsen sah er irgendwie … weicher aus. Und ich liebte dieses dunkle Braun seiner Augen so sehr!

 

„Das ist schön, das Bild“, sagte ich und gab ihm einen Kuss.

„Danke.“ Er lächelte, bewegte den Finger auf dem Touchscreen und drehte das Handy um, rückte näher zu mir und legte lächelnd den Arm um mich. Es gab ein leises, typisches Klicken und noch eines, zwei  Fotos, und dann noch eines, für das er mich küsste.

„Darf ich die auch hochladen?“, fragte er. „Ich würde dort gern zeigen, dass ich dich habe.“

Ich nickte und freute mich, dass er sich offensichtlich gut fühlte. Tsuzuku zeigte mir die Fotos noch einmal, damit ich sehen konnte, dass ich auch gut aussah, dann lud er die Bilder in seinem Account hoch und schrieb dazu etwas, das er mir auch zeigte: „Das ist Meto, der süßeste, liebste Mensch, den ich auf dieser Welt habe. Ich liebe dich, mein Schatz.“

 

Ich verbrachte die erste Hälfte meines Nachmittags vor dem Fernseher und wartete. Wartete darauf, dass sich jemand bei mir meldete, und darauf, dass sich mein Leben, nachdem es in letzter Zeit anscheinend aus dem Fugen geraten war, von selbst wieder ordnete. Was es aber natürlich nicht tat. Ich tat mich schwer damit, einzusehen, dass es mir zurzeit einfach nicht so gut ging, und dass ich jetzt sogar schon bei der Arbeit geweint hatte, störte mich mehr, als dass es mir irgendeine weiterbringende Erkenntnis brachte.

 

Jeder Gedanke an Mikan machte mich traurig, ich hatte ihr noch eine Nachricht auf die Mailbox gesprochen, doch sie antwortete einfach nicht. Ich hatte Angst, dass ich sie mit meiner Forderung, mich mehr als Mann wahrzunehmen, vor den Kopf gestoßen und überfordert hatte.

Als dann irgendwann mein Handy klingelte, schreckte ich zusammen und sprang auf. Fischte es aus meiner Handtasche und hoffte halb, dass es Mikan war, die mich anrief. Aber es war Tsuzuku, der etwas von mir wollte, vielleicht ja, weil ich Meto heute Mittag vorgeschlagen hatte, dass wir irgendwas zu dritt machten.

 

„Hey, Tsu“, meldete ich mich und hörte dabei selbst, dass ich alles andere als fröhlich klang.

„Koichi“, sagte er, „Wie geht’s dir?“

Wenn Tsuzuku, der auf diese Frage ja so oft keine rechte Antwort wusste, sie stellte, ging ich immer davon aus, dass er es ernst meinte und wirklich daran interessiert war, wie es mir ging.

„Nicht so wirklich gut“, antwortete ich, und allein, es auszusprechen, reichte aus, damit mir wieder Tränen in die Augen sprangen.

„Warum?“, fragte er. „Willst du darüber reden?“

„Ich … weiß nicht …“

„Meto sagte mir eben, du wolltest mal wieder was zu dritt unternehmen …“, begann er, schwieg  einen Moment und sagte dann: „Aber wenn es dir jetzt nicht gut geht … lassen wir das besser, oder?“

Ich nickte, was er aber ja nicht sehen konnte. „Ja … Ich bleibe wohl besser zu Hause.“ Meiner Stimme waren die Tränen schon anzuhören, und dann fing ich schon wieder an zu weinen, fühlte mich auf einmal entsetzlich einsam.

„Weißt du was, Koichi, ich komme jetzt einfach mal zu dir“, sagte Tsuzuku.

„Musst … du nicht …“

„Will ich aber. Du bist immer so lieb für mich da, dann will ich auch mal was für dich tun. Ich will auch mal für jemanden da sein.“ Es knackte in der Leitung, er hatte aufgelegt. War auf dem Weg zu mir.

 

Ich legte das Handy beiseite, zog die Knie an, wickelte mich enger in meine Decke und weinte noch ein wenig, auch wenn ich nicht recht wusste, warum. Nur wegen Mikan? Oder war da noch etwas anderes in mir los, das ich nicht so richtig erkennen konnte? Auch davor hatte ich Angst. Dass ich depressiv wurde oder so was, und es schlimmer werden würde.

 

Als es dann an meiner Tür klingelte, huschte ich noch schnell ins Bad und wollte meine rotgeweinten Augen noch ein bisschen schminken. Doch ein einziger Blick in den Spiegel reichte aus, damit klar war, dass das keinen Sinn hatte. Meine Traurigkeit war in diesem Moment nicht weg zu schminken.

Ich ließ es also, ging zur Tür, öffnete sie und sah Tsuzuku vor mir im Treppenhaus stehen. Er sah sofort, wie verheult ich war, und umarmte mich einfach. Seine direkte und dabei zugleich liebe Art tat mir sofort gut und vertrieb meine Einsamkeit, zumindest ein wenig.

Ich ließ ihn in meine Wohnung, die er erst zum zweiten Mal betrat, er war erst einmal hier gewesen, im Winter.

 

„Soll ich Tee kochen?“, fragte ich.

„Wenn du möchtest …“, war Tsuzukus Antwort. „Ich brauche nicht unbedingt was, aber wenn du was willst, trink ich ‘ne Tasse mit.“

Ich ging in die Küche und setzte eine kleine Kanne Tee auf, Tsu folgte mir und setzte sich auf einen meiner Küchenstühle, sah mich aufmerksam an. Während der Tee zog, fragte er: „Willst du drüber reden?“

Ich hob die Schultern, blickte an ihm vorbei, wusste nicht recht, ob ich das jetzt konnte, darüber sprechen. Ich wollte vor Tsuzuku nicht weinen, dachte daran, dass er in mir sonst immer den fröhlichen, stabilen, starken besten Freund sah, und befürchtete, ihn mit meiner Traurigkeit zu verunsichern.

„Komm, sag“, sagte er, als ich nichts antwortete. „Wozu bin ich denn dein bester Freund, wenn nicht dazu, dass du mit mir reden kannst.“

 

Ich setzte mich ebenfalls und sagte dann: „Ich will nicht, dass du mich so siehst, wenn ich mich so traurig fühle. Weil ich nicht will, dass dich das irgendwie verunsichert.“

Tsu sah mich an, legte seine Hand auf meine und antwortete: „Das lass mal meine Sorge sein, Koichi. Ich kann, auch wenn es vielleicht nicht so aussieht, selbst auf mich achten. Wenn dir nach Weinen ist, dann tu das, du musst keine Rücksicht auf mich nehmen.“

Und als hätten meine Tränen genau auf diese Worte gewartet, sprangen sie mir sofort wieder in die Augen. Tsuzuku stand auf, trat neben mich und legte seinen Arm um meine Schultern, zog mich leicht zu sich, sodass ich sein schwarzes Shirt nassheulte.

 

„Bist du sehr einsam?“, fragte er leise, seine Hand streichelte über meinen Rücken.

Ich nickte, schniefte, lehnte mich an ihn. Und da ging es ganz leicht, das Reden darüber, was mit Mikan und mir war und mit meinem Gefühl, nicht als Mann erkannt zu werden. Ich wusste, so zu weinen war auch nicht gerade männlich oder so, aber ich konnte einfach nicht mehr. Und weil ich gerade sowieso am Reden war, sagte ich auch das.

„Das ist kompletter Quatsch, Ko“, erwiderte Tsu darauf. „Sieh mal, ich fange doch viel eher an zu weinen als du, und tut es meiner Männlichkeit einen Abbruch? Nein. Ich fühle mich nicht femininer oder so, nur weil ich eben emotional bin. Also rede dir so was gar nicht erst ein.“

„Aber du bist doch eh schon männlicher als ich …“, weinte ich und kam mir jetzt wirklich komplett bescheuert vor. „Und außerdem hast du ‘nen Freund. Ich bin ‘n halbes Mädchen und kriege keine Frau ab …“

 

„Du weißt doch immer noch gar nicht, warum Mikan dich versetzt hat, oder? Vielleicht ist ihr nur irgendwas Wichtiges dazwischen gekommen oder ihr Handy ist kaputt oder was weiß ich …“ Tsuzuku drückte mich noch einmal leicht an sich, dann löste er sich von mir und hockte sich vor mir auf den Boden, sah zu mir hoch. „Aber jetzt lenken wir dich erst mal ein bisschen ab. Hast du irgendeinen Actionfilm oder so was da?“

Ich nickte. Ja, so was hatte ich auch im Regal.

Tsu stand wieder auf, öffnete den Kühlschrank und blickte hinein, fand meine letzten beiden Bierflaschen. „Yeah, du hast sogar Bier da!“ Er nahm die beiden Flaschen aus dem Schrank und sagte lächelnd: „So, Koichi, wir machen uns jetzt ‘nen gemütlichen Männerabend.“

Und ich musste fast ein bisschen lachen, weil ‚Männerabend‘ angesichts meiner Gedanken und Gefühle so komisch klang …

Wir setzten uns im Wohnzimmer auf meine Couch, ich trank noch eben meinen Tee aus und legte dann den Film ein. Dann machte Tsuzuku das Bier auf und ich bekam auf einmal richtig Lust auf ein bisschen Alkohol und einen entspannten Filmabend mit meinem besten Freund.

 

Der Film war genau das, was ich gerade brauchte, mit viel Action, tollen Kampfszenen und einer nicht allzu aufdringlichen, eher hintergründigen Lovestory. Einen meiner sonstigen Kitschfilme hätte ich jetzt nicht gut vertragen. Aber so eine Heldengeschichte war vollkommen okay, und ich freute mich auch, dass Tsuzuku sichtlich seinen Spaß daran hatte. Er lachte viel und ich lachte irgendwann mit, das Bier und die dazu geholten Chips hatten ihre Wirkung und ich fühlte mich immer besser.

 

In der Pause zwischen dem ersten und einem zweiten Film fing Tsuzuku an, in meinen Schränken herum zu suchen.

„Was suchst du denn?“, fragte ich.

„Hast du auch irgendwas Härteres an Alkohol da?“, fragte er zurück.

„So’n Kokoszeug, ist so ähnlich wie Rum, da unten im Schrank.“ Ich deutete auf die entsprechende Schranktür. „Gläser sind da auch.“

„Geil!“ Tsu griff in den Schrank und kam dann grinsend mit der Flasche und zwei Gläsern zurück. Er wirkte so richtig gut gelaunt und ich hoffte sehr, dass seine Stimmung sich hielt und er nicht noch zusammenbrach.

 

Den zweiten Film kannten wir beide schon und so wurde dieser irgendwann zu einer Art von  Hintergrundgeräusch, weil wir mehr miteinander redeten und lachten, als zu schauen. Tsuzuku erzählte mir alles Mögliche und mit jedem Glas Kokosrum sprach er intimere Dinge aus, bis ich, davon angesteckt, ihm meine ganze Sehnsucht nach einem ähnlich erfüllten Liebesleben ebenfalls erzählte.

Es wurde ein ziemlich eigenartiges und betrunkenes Männergespräch über Lust, Sex und Sehnsucht, und über Dinge, die wir noch nicht so recht voneinander gewusst hatten. Und obwohl Tsu ziemlich angetrunken und enthemmt war, redete er von Meto immer noch so liebevoll und wertschätzend, die Liebe leuchtete in seinen Augen. Ich kannte sonst niemanden, der selbst bei Worten wie „Und wenn ich in sein süßes Loch stoße und ihn so richtig nehme, das ist das geilste Gefühl auf der Welt!“ noch so liebevoll klang wie er.

 

Irgendwann stellte ich den Film aus, der eh schon fast vorbei war, stand auf und merkte deutlich, dass ich doch recht viel getrunken hatte. Ich nahm die jetzt dreiviertel leere Flasche und stellte sie wieder in den Schrank, dann hielt ich Tsu meine Hand hin, um ihm aufzuhelfen, wobei ich aber selber fast umkippte und er mich geradeso auffing.

„Kommsu sso nach Hausse?“, fragte ich.

„Geht schon“, antwortete er, klang auch weniger betrunken als ich, anscheinend vertrug er den Alkohol besser als ich. „Ko, wie geht’s dir jetzt?“

„Prima“, grinste ich, weil ich mich gerade wirklich gut fühlte.

„Ruf mich morgen mal an“, sagte Tsuzuku. „Oder ich melde mich bei dir.“

Ich begleitete ihn noch bis zur Tür, er umarmte mich zum Abschied und ging dann, sodass ich wieder alleine war. Und sofort, als mir das klar wurde, brach meine Hochstimmung in sich zusammen und ich fühlte mich, was der Alkohol sicher noch verstärkte, wieder ganz furchtbar einsam.

Kurz dachte ich daran, dass ich vorhin ja befürchtet hatte, Tsuzuku könnte zusammenbrechen, doch jetzt war ich es, dem wieder sehr nach Weinen zumute war. Und so zog ich mich aus und vergrub mich in meinem Bett, dachte an Mikan und heulte mich in den Schlaf.

 

 

Furchtbare Kopfschmerzen waren das erste, was ich am nächsten Tag spürte. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich an den Grund dafür erinnern konnte. An den ‚Männerabend‘ mit Tsuzuku, den Alkohol, das intime Gespräch, und dass ich dann, als er wieder weg war, schon wieder geweint hatte.

Ich beschloss zuerst einmal, dass ich heute zu Hause blieb und nicht arbeiten ging. Mit solchen Kopfschmerzen und diesem fetten Liebeskummer hatte es keinen Sinn, ins Café zu gehen und auf fröhlich zu machen. Ich wollte auch gar keine Mädels sehen.

 

Und so blieb ich noch eine ganze Weile im Bett liegen, bis ich schließlich Licht anmachte und mich langsam erhob, wobei mein Kopf dröhnte und summte wie ein durchgeknallter Bienenstock. Meine Schritte trugen mich in die Küche, wo ich als erstes gleich mal nach Kopfschmerztabletten suchte. Ich fand noch genau eine, die ich in einem Glas Wasser auflöste und mich dann daran erinnerte, was man bei einem Kater frühstücken sollte.

Aber da ich sowieso noch keinen Hunger hatte, schlich ich erst mal ins Bad, wo mich wieder einmal ein rosahaariges Gespenst aus dem Spiegel anschaute. Ich sah dezent furchtbar aus und entschloss mich, erst einmal zu duschen und so zu versuchen, mich wieder in Normalzustand zu bringen.

 

Nach dem Duschen fühlte ich mich schon ein wenig besser und machte mir ein bisschen Frühstück, bestehend aus Joghurt, verdünntem Zitronensaft und dem Kopfschmerztablettenwasser. Dann schnappte ich mir mein Handy und schrieb Satchan eine Nachricht, in der ich mich wegen Kopfschmerzen, deren Grund ich diplomatisch verschwieg, krankmeldete. Sie schrieb schnell zurück und wünschte mir ‚Gute Besserung‘.

 

Ich beschloss, heute mal in Sachen Aussehen ganz schlicht zu bleiben, band meine Haare einfach nur zusammen und ließ jegliches Schminken ausfallen. Klamottentechnisch entschied ich mich für ganz bequeme Sachen und setzte mich dann erst einmal an meinen PC, um mich mal wieder ein wenig mit meinem Internet-Leben zu befassen.

Ich hatte sowohl mein Blog als auch sämtliche sozialen Netzwerke in den letzten Tagen sehr vernachlässigt, und so war ich erst einmal damit beschäftigt, alles zu lesen, Bilder anzuschauen und selber die neuesten Fotos meiner Wenigkeit hochzuladen.

Dabei fand ich, natürlich, wie sollte es auch anders sein, auch Bilder von mir und Mikan. Sofort klickte ich diese weg, bevor ich wieder traurig wurde, und dachte dann betont an Tsuzuku, an gestern Abend, daran, wie er mich wieder aufgebaut und mein Selbstbewusstsein als Mann zumindest teilweise wiederhergestellt hatte.

 

Ich ließ das Bilder-Hochladen erst mal wieder sein und schrieb stattdessen die versprochene Nachricht an Tsu, jammerte ein wenig über meine Kopfschmerzen und fragte ihn dann, wie es ihm ging. Es dauerte eine Weile, bis er antwortete, er lachte mich erst ein wenig aus und gab dann selber zu, einen ziemlichen Kater zu haben, schrieb, dass Meto arbeitete und er alleine zu Hause war. Ich fragte, was er denn gerade machte, und er erzählte mir, dass er sich übers Handy ein Fotoblog eingerichtet hatte und jetzt daran arbeitete, diesen mit den wenigen Bildern zu füllen, die er bisher hatte, und das Layout schön zu machen. Er schrieb mir den Namen des Accounts und ich suchte diesen gleich mal, wollte sehen, was für Bilder er da drin hatte.

Und bekam sofort Herzchenaugen. Denn das erste, was mir auf dem Blog mit dem für ihn so bezeichnenden  Nutzernamen ‚Tzk-sadislove‘ entgegenstrahlte, war eine Mini-Fotostrecke, auf der Tsu Meto umarmte und küsste und darunter eine absolut süße Liebeserklärung stehen hatte. Himmel, war das niedlich!

 

Ich sah mir die anderen Bilder auch noch an, Selfies, geschminkt und ungeschminkt, denen man ansah, dass Tsuzuku von früher her Übung darin hatte, zu posen und sich selbst darzustellen. Und ich las mir auch seine stichpunktartige Selbstbeschreibung durch, in der er seinen Geburtstag, seinen Beruf und als Hobby ‚Lesen und Sport‘ angab. Dabei fielen mir zwei Worte auf, die zwar irgendwie ganz selbstverständlich dort standen, aber trotzdem einen unangenehmen Schauer über meinen Rücken schickten: ‚Borderline‘ und ‚Bulimie‘. Einerseits fand ich es irgendwie gut, dass er so offen damit umging, aber irgendwie machte mir das auch ein bisschen Sorgen.

Ich trug den Blog in meine Favoritenliste ein, empfahl ihn auch an meine eigenen Abonnenten weiter und benannte Tsuzuku in meiner Freundesliste.

 

Als ich gerade den Laptop wieder zuklappen wollte, blinkte bei meinen Nachrichten etwas auf: „Koichi, du hast 1 Nachricht von Mikan.“

Sofort fing mein Herz an zu rasen. Mit zitternden Händen klickte ich die Meldung an und schloss die Augen, atmete einmal tief ein und aus.

„Koichi, was ist los? Wieso meldest du dich nicht mehr?“, stand da.

Ich hatte mich nicht gemeldet?! Was sollte das denn jetzt?! Sie hatte mich doch versetzt und war nicht zu erreichen!

Meine Finger zitterten, als ich die Antwort tippte: „Wieso ich? Du warst nicht da, du hast dich nicht gemeldet, du bist nicht zu erreichen! Nicht ich.“

Die Antwort kam mehr oder weniger sofort: „Ko, bei mir geht alles drunter und drüber. Meine Großmutter ist krank geworden, sehr krank, ich musste zu ihr, und dann ist mir auch noch mein Handy kaputtgefallen, das Display ist gesplittert. Und außerdem …“

„Was außerdem?!“, schrieb ich zurück und wusste, dass es sich ziemlich gereizt las.

 

Jetzt ließ die Antwort recht lange auf sich warten. Ich saß vor dem Laptop und starrte auf die Anzeige, wartete, dass eine neue Nachricht kam. Irgendwie war ich zugleich ängstlich und ungehalten, aber auch ein bisschen froh, dass zumindest teilweise nicht ich die Schuld hatte, dass meine beste Freundin mich versetzt hatte. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie durcheinander war und keine Zeit hatte, wenn ihre Oma, die sie sehr gern hatte, krank war, und ihr dann noch tatsächlich das Handy kaputt gegangen war.

 

„Ko, du hast mich verwirrt. Mit dem, was du gesagt hast von wegen, dass du von mir mehr als Mann gesehen werden willst. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie du das meinst.“

Ich starrte auf den Bildschirm, wusste erst nicht, was ich darauf antworten sollte. Sollte ich einfach fragen, was sie dachte, oder cool tun und ihr ganz ehrlich schreiben, dass ich es satt hatte, immer nur die, nur nebensächlich männliche, ‚beste Freundin‘ zu sein? Dabei würde dann ganz unweigerlich herauskommen, dass ich mehr von ihr wollte als Freundschaft und das wiederum wollte ich ihr, wenn überhaupt, persönlich und nicht schriftlich sagen.

Meine Hände zitterten immer noch, als ich mich entschloss, die ganz direkte Antwort zu tippen: „Das meine ich, wie ich es sage. Ich will nicht mehr so das halbe Mädchen sein. Ich bin ein Mann, auch wenn ich eben nicht wie einer aussehe, und ich will, dass du das auch siehst.“

Wieder dauerte es etwas, bis die Antwort kam: „Koichi, wie genau meinst du das? Fühlst du dich von mir … verkannt oder so? Oder was willst du?“

Dieser Chat lief definitiv in eine Richtung, die nicht in einen Chat, sondern in ein echtes Gespräch unter vier Augen gehörte.

„Komm her und wir reden drüber. Ich will das nicht online bereden“, schrieb ich und kam mir endlich wieder einigermaßen mutig vor.

„Okay … Bin auf dem Weg.“

 

In der Zeit, während ich auf Mikan wartete, räumte ich ein bisschen meine Wohnung auf, öffnete die Jalousien und spülte das wenige Geschirr auf der Ablage. Und als sie dann vor meiner Tür stand und ich ihr öffnete, entstand zwischen uns eine eigenartig angespannte Stimmung.

„Ko, tut mir echt leid, dass ich dich versetzt habe“, sagte sie und zog ihre Schuhe aus. „Bei mir ist alles so durcheinander gerade …“

„Schon okay“, sagte ich, einfach um die Situation nicht noch weiter anzuspannen.

Wir gingen durch in mein Wohnzimmer und ich bot Mikan einen Platz auf meiner Couch an. Sie setzte sich und ich mich daneben, wobei ich, mehr versehentlich, ihr Parfum roch und den Duft ihrer Haare. Sie verwendete ein recht geschlechtsneutrales, aber sehr gut riechendes Parfum, das ich auch gerne trug, und ich atmete unwillkürlich tief ein.

 

„Sag mal, seit wann stört dich das denn eigentlich, dass du halt irgendwie so meine ‚beste Freundin‘ bist?“, fragte Mikan.

„Noch nicht lange. Eigentlich ist mir das erst vor ein paar Tagen so ansatzweise klargeworden.“

„Und warum? Also, wie bist du darauf gekommen?“

„Weiß ich gar nicht so genau. Jedenfalls … ich fühle mich zurzeit ziemlich einsam und auch irgendwie verkannt …“ Es war viel schwieriger, mit Mikan darüber zu sprechen, als mit Tsuzuku. Weil Mikan eine Frau und zudem diejenige war, auf die sich ein großer Teil meines Problems bezog. Doch ich wollte es sie wissen lassen, dass ich einsam war und auch, dass ich mich sehr nach einem erfüllteren Liebesleben sehnte.

Mikan wandte sich mir ganz zu und legte ihre Hände auf meine Schultern. Ihre Berührung löste in mir Herzklopfen aus und ich spürte, dass ich rot wurde.

„Koichi“, sagte sie und sah mir in die Augen. „Was willst du?“

Ich wich ihrem Blick aus, sah zur Seite und antwortete leise: „Na ja … wenn ich Tsuzuku und Meto so sehe, und das höre, was Tsu mir von der Beziehung erzählt, dann … will ich auch so was haben. Ich meine … ich hatte seit über zwei Jahren keinen richtigen Sex mehr …“

 

„Sex also …“ Mikan nahm ihre Hände von meinen Schultern und sah mich nachdenklich an. Ich wusste, es war nur noch ein kleiner Schritt bis zu dem Punkt, ihr zu sagen, dass ich nicht einfach Sex mit irgendwem wollte, sondern mit ihr. Und so fiel mein Blick wieder auf ihren Körper, ihre Brüste, die durch den BH unter dem T-Shirt so hübsch geformt aussahen und sich bestimmt wunderbar weich anfühlten.

„Das meine ich, wenn ich sage, ich bin auch nur ein Mann. Ich brauche auch Sex, ich hab auch Sehnsucht. Ich bin keine Puppe und auch kein halbes Mädchen.“

„Und … na ja, was soll ich da machen? Ich meine, was soll ich denn tun, damit du merkst, dass ich dich als Mann ansehe?“, fragte Mikan und wurde mit jedem Wort röter.

Ich konnte es ihr nicht sagen. Noch nicht. War noch nicht so weit, ihr meine Gefühle gestehen zu können. Also zuckte ich nur mit den Schultern.

„Darf ich fragen … ob es da jemanden gibt, den du … so magst?“, fragte sie dann und ließ mein Herz noch mal wesentlich schneller klopfen. Sie lagen mir schon auf der Zunge, die Worte, dass sie, Mikan, es war, die ich mochte. Ich sah meine beste Freundin an und wusste nicht, was ich sagen sollte. Jetzt, wo sie schon mal hier war, konnte ich sie schlecht einfach wieder wegschicken, also musste ich mir was anderes einfallen lassen. Nur was?

 

„Koichi?“, fragte Mikan, als ich nicht antwortete. „Okay, du musst es mir nicht sagen, aber … es würde mich halt interessieren, wen du da magst.“

„Und warum interessiert dich das?“ Ich wusste nicht, warum ich wieder so gereizt klang. Vielleicht, weil ich einfach sehr nervös und aufgeregt war.

„Na hör mal, ich bin deine beste Freundin! Da darf ich doch fragen, ob du in jemanden verliebt bist, oder?!“

„Tut mir leid … Ich will nicht mit dir streiten. Ich bin nur aufgeregt und hab ein bisschen Kopfschmerzen, weil ich gestern Abend mit Tsuzuku zusammen was getrunken habe und so …“

 

Zuerst entstand eine seltsame, unangenehme Stille zwischen uns, ich sah, wie Mikan errötete, und spürte selbst in mir den Zwiespalt dazwischen, ihr meine Gefühle gestehen zu wollen einerseits und es andererseits nicht zu können, weil ich Angst hatte, damit unsere Freundschaft kaputt zu machen.

Schließlich blickte Mikan mit hochrotem Gesicht an mir vorbei und ich sah geradezu zu, wie sie mit einem Mal verstand.

„Koichi …?“, fragte sie, ganz leise, und sah mich unsicher an. „Du … na ja, kann es sein, dass du … dass du mich meinst?“

 

Wie hätte ich sie da noch anlügen oder es verschweigen können? Sie kannte mich gut, hätte sicher sofort bemerkt, wenn ich ausgewichen wäre. Und nachdem ich mich wegen ihr und meinen Männlichkeitskomplexen die letzten Tage so schlecht gefühlt hatte, hatte ich das starke Gefühl, dass es jetzt Zeit wurde, das ganze Durcheinander aufzuräumen. Noch einmal wollte ich so bald nicht wieder vor Tsuzuku von meinem Liebeskummer rumheulen und mich dann deswegen betrinken, der Abend gestern sollte in der Hinsicht definitiv eine Ausnahme bleiben.

 

„Was …“, begann ich unsicher, „… wäre denn, wenn dem so wäre?“

„Ich … weiß nicht … Ich hab nie drüber nachgedacht, ob du und ich …“, antwortete Mikan leise.

„Und … würdest du das ändern wollen?“ Ich verspürte einen Hauch von … etwas, von dem ich glaubte, dass Mann es fühlte, wenn man gerade dabei war, die Frau seiner Träume für sich zu erobern. Endlich fühlte ich mich wieder einigermaßen als männliches Wesen und konnte mich selbst auch wieder als solches anerkennen.

„Darüber nachdenken?“, fragte Mikan.

Ich konnte ihr endlich wieder in die Augen sehen und sagte mit halbwegs fester Stimme: „Es tun.“

„Es? … Das?“

„Alles Mögliche. Was wir möchten. Nur … ich will, dass wir mehr als nur beste Freunde sind. Ich hab dich sehr lieb und ich bin nun mal keine Frau, verstehst du?“

Sie nickte. „Koichi … Lässt du mich darüber nachdenken?“

„Natürlich“, antwortete ich. „Wirst du lange brauchen?“

„Nicht zu lange. Ich muss jetzt nur ein bisschen alleine sein und überlegen und fühlen, ob ich dich auch so mag.“ Sie stand auf, streichelte mir kurz mit der Hand über die Schulter und dann ging sie.

 

Und so war ich wieder alleine. Ich musste dieses Gespräch auch erst mal sacken lassen. Zwar hatte ich nicht ‚Ich liebe dich‘ zu Mikan gesagt, aber doch ziemlich klar gemacht, wie es mit meinen Gefühlen für sie aussah und was ich wollte.

Ich hatte das Gefühl, dass sich gerade einiges geordnet hatte, und fühlte mich auch wesentlich besser als gestern. Langsam stand ich auf und ging in die Küche, wobei sich augenblicklich meine Kopfschmerzen wieder meldeten, goss mir ein Glas Saft ein und trank es in einem Zug leer. Dann überlegte ich, was ich mit dem Tag heute anfangen sollte. Mikan würde sich, so wie ich sie kannte, bestimmt frühestens heute Abend wieder bei mir melden, und bis dahin musste ich eine Menge Zeit rumkriegen, damit ich nicht zu sehr darüber nachgrübelte, was meine beste Freundin, beziehungsweise mein Love Interest, jetzt wohl von mir dachte.

 

Zuerst einmal rief ich Tsuzuku an, um ihm zu erzählen, was passiert war, und um zu hören, ob es ihm immer noch gut ging. Er hob sehr schnell ab (woraus ich schloss, dass er sowieso gerade mit dem Handy zugange war) und als ich fragte, wie es ihm gerade ging, spürte ich sofort, dass da irgendwas nicht stimmte. Und es dauerte auch nicht lange, da sagte er mir auch schon, was los war:

„Irgendein homophober Vollidiot hat mir gerade ‘nen ziemlich fiesen Kommentar auf mein Blog geschrieben.“

„Was?! Wegen dem Bild von Meto und dir?“

„Keine Ahnung, aber … Woah, ich hasse das so! Wieso können solche Leute mich nicht einfach in Ruhe lassen?!“

„Du darfst da nicht drauf hören und schon gar nicht reagieren. Die kennen dich nicht, haben keine Ahnung und wissen wahrscheinlich auch nichts von Liebe“, antwortete ich und spürte, wie ich sofort wütend wurde auf diese fremde Person, die es wagte, Tsuzuku einen Hasskommentar zu schreiben.

Homophobie war etwas, das mich jedes Mal sehr aufregte und das ich irgendwie persönlich nahm, obwohl es mich ja nicht ganz direkt betraf. Aber in meinem Freundeskreis hatte es schon immer mal wieder homosexuelle Menschen gegeben und die verteidigte ich. Es ging einfach nicht in meinen Kopf rein, wie man etwas gegen die Liebe zwischen zwei Menschen haben konnte, nur weil diese dasselbe Geschlecht hatten.

 

„Kannst du mich mal eben ablenken, Ko?“, fragte Tsu und klang schon leicht verzweifelt.

Und so erzählte ich ihm von dem Gespräch mit Mikan eben und davon, wie ich mich jetzt fühlte. Ich spürte dabei relativ deutlich, dass ich Angst hatte, sie könnte sich doch gegen mich entscheiden. Vielleicht hatte ich es ihr zu früh gesagt, das alles, vielleicht hätte ich damit noch warten sollen.

„Das kann ich dir nicht beantworten, Koichi“, antwortete Tsuzuku, als ich es ihm gegenüber aussprach. „Da musst du warten, bis Mikan fertig ist mit darüber-nachdenken.“ Er schwieg einen Moment und kam dann auf sein eigenes Thema zurück: „Was meinst du, soll ich den Kommentar löschen?“

„Kannst du machen. Dann kann da wenigstens kein anderer dazukommen und den liken und so.“

„Oder soll ich gleich den ganzen Account löschen? Weißt du, ich kann mit so was gerade nicht wirklich umgehen, dann sollte ich vielleicht gar nicht dort sein.“

 

„Nein!“, antwortete ich sofort. „Wenn du gleich alles löschst, tust du doch nur das, was solche Leute wollen. Den Triumph willst du diesen Idioten doch nicht gönnen, oder? Lösch den Kommentar, aber nicht den Account. Ich kann gerne ab und zu bei dir reinschauen, und wenn da noch mal jemand ist, der dir Probleme macht, dann überlass den mal mir.“

„Danke. Ich bin … so was einfach nicht mehr gewöhnt, dieses ganze Online-Zeug. Ich muss da erst wieder reinfinden …“

„Es zwingt dich aber ja keiner.“

„Ich will aber. Ich brauche das, so einen Ort, wo ich mich der Welt mitteilen kann.“ Er machte eine kurze Pause und fuhr dann leiser fort: „Auch, wenn ich andererseits nicht mit solchen Kommentaren zurechtkomme …“

 

Einen Moment herrschte wieder Stille, dann fragte er: „Kann ich zu dir kommen?“

„Na klar. Wir können auch irgendwo hingehen“, antwortete ich.

„Zum Meer?“

„Wie du möchtest.“

„Dann treffen wir uns da? Vor dem Schwimmbad?“

„Okay. Machen wir halt einen Strandspaziergang“, sagte ich.

„Bin auf dem Weg.“

 

Ich machte den PC aus, zog Jacke und Schuhe an, nahm meine Handtasche und machte mich auf den Weg, fuhr mit der Bahn bis zur Strandpromenade und stieg beim Schwimmbad aus, wo ich mich auf eine Bank an der hübschen Promenade setzte und wartete.

Es war ziemlich kalt und windig und ich kuschelte mich eng in meine Jacke, zog meinen Schal ein bisschen hoch und steckte meine Hände in die Jackentaschen. Mein Blick war auf die Straßenbahnstation gerichtet, wo die Bahn aus dem Viertel, wo Tsu und Meto wohnten, gleich ankommen musste. Als diese dann da war und ich Tsuzuku aussteigen sah, stand ich auf und ging auf ihn zu. Er sah recht müde aus, verkaterter als ich, aber als er mich sah, lächelte er.

 

„Du hast es ihr also gesagt?“, fragte er, immer noch lächelnd.

Ich nickte. „Aber jetzt muss ich halt warten, bis sie weiß, was sie will“, sagte ich und fügte leiser hinzu: „Ich darf da gar nicht so sehr drüber nachdenken, sonst kriege ich Angst, dass sie mich vielleicht doch nicht will.“

„Soll ich dich ablenken?“, fragte Tsuzuku.

„Ja, das wäre schön.“

 

Wir schlugen den Weg runter zum Strand ein und gingen dort, nah am Wasser, über den grauen Sand. Tsuzuku fing an, mir Sachen zu erzählen, alles Mögliche, ab und zu fragte ich etwas und so wurde ein richtig schönes Gespräch daraus. Er sprach von seinen Plänen für ein neues eigenes Tattoo und davon, dass er Metos Tattoo gern fertig erweitern und färben wollte, erzählte mir allgemein viel von seiner Arbeit. Und dann, als das Thema ‚Arbeit‘ erschöpft war, fing er an, über Meto zu sprechen, und wie gestern Abend wurde es dann schnell recht intim und gefühlsbetont, weil er frei heraus von sexuellen Dingen und von Gefühlen sprach, die es zwischen ihnen beiden gab.

 

„Wenn dich das Thema gerade nervt, musst du das sagen“, sagte er mittendrin auf einmal. „Ich will dich ja nicht damit an irgendwas erinnern und traurig machen.“

„Nein, nein, ist schon okay. Ich finde euch zwei ja süß, das geht schon.“

„Weißt du, ich habe so ein Bedürfnis, darüber zu reden … Ich will es … irgendwie teilen, dass ich Meto so sehr liebe und das alles. Es füllt mein Herz aus, macht mich glücklich und … dann muss ich einfach so offen darüber sprechen.“

„Ist ja kein Problem, ich hör dir gerne zu. Und das mit euch beiden ist so anders als das mit Mikan und mir, da fühle ich mich nicht dran erinnert.“

 

„Ich wünsche dir, dass sie ‚Ja‘ zu dir und deinen Gefühlen sagt, Ko.“ Tsuzuku lächelte. „Du bist so ein lieber Mensch, du hast das mehr als verdient.“

„Danke“, lächelte ich. „Du bist aber auch sehr lieb, dass du das sagst.“

Tsuzuku lachte laut auf. „Ja, hahaha, anscheinend bin ich das.“

„Du kannst dich selbst ruhig mal etwas positiver sehen“, sagte ich und knuffte ihn im Gehen spielerisch gegen die Schulter.

„Mein Selbstbild ist halt auch komplett im Eimer …“, erwiderte er nur.

„Wenn’s nicht in dein Gefühl reingeht, dann lernst du es halt auswendig: Du bist ein herzensguter, lieber Mensch, Tsuzuku. Und das wird dir jeder bestätigen, der dich richtig kennt.“ Ich lächelte ihn an und hoffte, dass er es irgendwie verinnerlichen konnte, und anscheinend gelang es ihm zumindest ein wenig, denn er blieb stehen und umarmte mich plötzlich. Ganz kurz musste ich an das Wort ‚impulsiv‘ denken, aber gleich darauf war es mir wieder egal und ich freute mich einfach, dass mein bester Freund so glücklich war.

 

Wir gingen noch ein ganzes Stück den Strand entlang, bis zu den riesigen Wellenbrecher-Mauern, dann drehten wir um und gingen die ganze Strecke wieder zurück, redeten noch ein bisschen über dies und das, und ein kurzes Stück rannten wir sogar, weil Tsuzuku auf einmal auf die Idee kam, mich wie ein verrückter Junge mit den auf dem Sand herumliegenden Resten einer gestrandeten, weißen Qualle zu jagen. Ich gab ein ziemlich unmännliches Quietschen von mir, als er meine Hand festhielt und mir das glibberige Stück Meerestier auf die Handfläche drückte, er lachte mich aus und war glücklich.

 

Als wir wieder am Schwimmbad ankamen, fragte Tsu, ob wir nicht noch ein bisschen in die Innenstadt fahren wollten. Da sich Mikan noch nicht bei mir gemeldet hatte und Meto um diese Zeit sicher noch arbeitete, hatten wir ja auch nicht viel Besseres zu tun. Und so fuhren wir zusammen noch ein bisschen in die Stadt, gingen in den einen oder anderen Laden und probierten auch ein paar Teile an.

 

Ich war bisher noch nicht mit Tsuzuku in Klamottenläden gewesen und ein wenig überrascht, mit welcher Zielstrebigkeit er sich Sachen aussuchte, die ihm dann auch wirklich gut standen. Bei  schwarzen Lacksachen war die Sache natürlich klar, aber mit derselben Stilsicherheit suchte er auch ganz normale Kleidung aus. Er schien sehr genau zu wissen, was er tragen konnte und was nicht.

Ich dagegen experimentierte gerne herum und konnte mich dann oft nicht zwischen zwei Sachen entscheiden.

 

Während Tsu schon mit einem grauen Pullover, einer schwarzen Jeans und einer ebenfalls schwarzen Lackstoffhose zur Kasse lief, stand ich noch mit einer sehr niedlichen Rüschenbluse und einem anderen, eher bunten Oberteil mit englischer Flagge drauf in den Händen vor dem Spiegel und wusste nicht, ob ich das eine oder das andere kaufen sollte. Tsuzuku bezahlte seine Sachen, kam dann zu mir zurück und tippte sofort auf das zweite, bunte Teil.

„Nimm das da, das ist cool. Das andere ist zu mädchenhaft“, sagte er ganz direkt.

„Okaay …“, sagte ich nur.

Tsu grinste. „Du kannst doch nicht immer nur so eindeutige Frauenkleider kaufen. Die sehen zwar auch toll an dir aus, aber wenn du ‘ne Freundin willst, muss auch mal was Cooleres her.“

 

Wo er Recht hatte, hatte er Recht. Und ich durfte wieder mal feststellen, dass er wirklich der passendste beste Freund war, den es für mich geben konnte. Also hängte ich die Rüschenbluse wieder weg und kaufte das andere Teil, erwischte mich dabei, wie ich hoffte, dass es dann auch eine Wirkung auf Mikan haben würde, wenn ich mich mal etwas weniger feminin kleidete.

 

Auf dem Weg zurück dachte ich dann wieder mehr an Mikan, so lange, bis ich fast gegen eine Straßenlaterne gelaufen wäre und mein bester Freund mich darauf aufmerksam machte, dass ich reichlich abwesend wirkte. Er griff einfach meine Hand, hielt mich fest und fragte: „An was denkst du denn gerade?“

„Mikan, was sonst“, antwortete ich. „Ich hoffe einfach so sehr, dass sie … mich will.“

„Natürlich will sie dich.“

„Und wenn sie nur will, dass wir weiter Freunde sind?“, fragte ich und klang schon wieder leicht verzweifelt.

„Dann warte auf sie. Irgendwann wird ihr klar werden, dass du ein Mann bist und der perfekte feste Freund für sie.“

„Meinst du wirklich?“

„Koichi, ich hab in meinem Leben genug Mädels gehabt, ich weiß, wie man die rumkriegt.“

„Ich will Mikan aber nicht rumkriegen! Ich will sie liebhaben!“, widersprach ich und blieb stehen, sah Tsuzuku an.

 

Und dann wurde ich auf einmal Zeuge, wie er, wieder scheinbar aus dem Nichts, innerlich abstürzte: Sein Lächeln, eben noch breit und selbstsicher, verschwand, er sah einen Moment lang sehr, sehr nachdenklich aus, starrte ins Leere, und dann malten sich tiefe Traurigkeit, Schmerz und Schuldgefühle auf sein Gesicht.

Ich musste nicht lange überlegen, was der Grund für seinen plötzlichen Stimmungsumschwung sein konnte, ich ahnte, dass es direkt mit seinen Beziehungen früher und seinem damaligen Lebenswandel zu tun hatte. Ich wusste, dass er vieles von damals jetzt bereute, das hatte er mir ja schon einmal erzählt.

Ich sah, dass er weglaufen wollte, und griff einfach seine Hand, führte ihn ein Stück weiter zu einer Bank am Straßenrand und drückte ihn sanft darauf nieder. Er ließ mich machen, sah mich aber nicht an, sondern blickte starr zu Boden.

 

„Vergiss, was ich gerade gesagt habe“, sagte er leise. „Ich hab absolut keine Ahnung von Frauen.“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten, oder was ich tun sollte, außer neben ihm zu sitzen und abzuwarten, was er tun würde.

„Ko, du hast ja keine Ahnung, wie ich damals war … Ich hab den Mädchen, die ich hatte, so weh getan. Die einen … hab ich einfach verlassen, weil ich keine Lust mehr hatte, und die anderen haben mich verlassen, weil sie mich nicht mehr ertragen haben. Und … Mama hat auch darunter gelitten. Sie dachte, dass ich, wenn ich so mit Mädchen umgehe, vielleicht vor ihr als Frau … auch keine Achtung hätte … Ich hatte sie so lieb, aber … ich glaube, ich hab ihr das damals nicht gezeigt. Als Kind schon, aber später … nicht mehr so. Ich …“ Er brach ab, konnte vor lauter Tränen nicht mehr sprechen, und begann wieder einmal, sich über die Unterarme zu kratzen.

Ich griff rüber und hielt seine Hände fest, konnte es einfach nicht mitansehen, wie er sich selbst wehtat.

 

„Tsu, das ist vorbei. Vergangenheit, verstehst du? Du kannst nichts mehr daran ändern. Du hast jetzt Meto und bist so lieb zu ihm, du hast dich geändert und würdest so was wie damals heute nicht mehr tun“, sprach ich und hielt dabei weiter seine Hände fest.

„Aber … ich hab mich … doch erst geändert … als Mama schon tot war …“, widersprach er zitternd und versuchte, seine Hände aus meinem Griff zu befreien.

„Sie sieht dich auch jetzt, Tsuzuku. Da bin ich mir ganz sicher.“ Ich lächelte ihn an, streichelte seine Hände und überlegte mit rasenden Gedanken, wie ich ihm helfen konnte. „Deine Mama sieht genau, dass du jetzt anders bist, und sie ist sicher nicht wütend auf dich oder so. Ihr geht’s bestimmt gut, da wo sie jetzt ist, und …“ Jetzt konnte ich nicht mehr weitersprechen, weil mir selbst die Tränen kamen. Die Vorstellung, dass Tsuzukus Mama aus dem Himmel (oder woher auch immer) hinunterschaute und dem Leben ihres einzigen Sohnes zusah, da konnte man doch nur weinen!

 

„Ko, hör auf zu weinen, sofort!“ Tsu sah mich halb an, in seinen dunklen Augen blitzte eine Mischung aus Wut auf sich selbst und Hilflosigkeit.

Ich blinzelte, schluckte, fuhr mir vorsichtig mit den Fingern über die Augen, bis mir einfiel, dass ich heute ja gar nicht geschminkt war und die Tränen ruhig richtig wegwischen konnte.

„Wenn’s mir gut geht, kannst du gerne vor mir weinen, das ist okay, aber wenn ich mich … so fühle wie jetzt … dann ertrage ich das nicht … wenn jemand vor mir weint“, erklärte Tsu und kämpfte selbst wieder mit den Tränen.

Ich blinzelte meine weg und lächelte leicht, zum Zeichen, dass ich mich wieder gut fühlte.

„Ist gut“, sagte ich. „Nur vor dir weinen, wenn’s dir gut geht, merk ich mir.“

 

In dem Moment kam eine Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand an uns vorbei, das Kind sah uns fragend und leicht irritiert an. 

„Mama, ist das da ein Mann oder eine Frau?“, fragte die Kleine mit der ehrlichen Unschuld, wie sie nur eine etwa Fünfjährige zustande brachte, und deutete auf mich.

Die Mutter sah mich unauffällig einmal kurz von oben bis unten an und flüsterte ihrer Tochter halblaut zu: „Manche Männer möchten heutzutage gerne wie Frauen aussehen, weißt du?“

Dann gingen die beiden weiter und ich sah zu Tsuzuku, der auf einmal wieder breit grinste und mir dann auf die Schulter klopfte.

„Koichi, du Mädchen!“, lachte er, „Jetzt verwirrst du schon kleine Kinder!“

„Ey!“, protestierte ich. „Wie war das gestern von wegen Männerabend?!“

„Alles gut, Ko“, lächelte er. „Du weißt, ich finde so was lustig.“

Das war die andere, hellere Seite seiner Stimmungsschwankungen. So schnell es ihm abgrundtief schlecht gehen konnte, so schnell war seine Laune auch wieder gut und er lachte wieder.

 

Wir blieben noch ein bisschen sitzen, bis Tsu sagte, dass er sich wieder einigermaßen stabil fühlte, dann machten wir uns auf den Weg zur Bahnstation, von wo aus Tsuzuku die Stadtbahn nach Hause nahm. Zum Abschied umarmte er mich und flüsterte: „Das kriegst du schon hin, das mit Mikan.“

 

Ich blieb noch ein wenig in der Innenstadt, aß dort in einem Restaurant zu Mittag und hoffte dabei, dass sich Tsu sich bei sich zu Hause ein bisschen was zu essen machte.

Danach fuhr ich zurück in mein Viertel und lief zu meiner Wohnung, wo ich oben auf der Treppe überrascht stehen blieb, als ich Mikan dort vor meiner Tür sitzen sah. Sie schrieb irgendwas in ihr Handy und sah davon auf, als sie meine Schritte hörte.

„Hey“, sagte sie leise. „Können wir reden?“

„Ja … ja klar“, antwortete ich, zugegebenermaßen ziemlich unsicher, zog meinen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür, Mikan folgte mir in die Wohnung, wo wir uns wieder ins Wohnzimmer hinsetzten.

 

„Koichi, ich hab nachgedacht“, sagte sie, als wir einander gegenüber auf dem Sofa saßen. „Über uns und alles, und über das, was du gesagt hast. Du willst, dass ich dich als vollwertigen Mann ansehe und du … bist in mich … verliebt, hab ich das richtig verstanden?“

Ich nickte, mit klopfendem Herzen.

„Und du bist traurig, weil du einsam bist und dich verkannt fühlst?“

Wieder nickte ich, konnte gar nicht sprechen, mein Herz raste.

Mikan lächelte unsicher, und ich wünschte mir, zu wissen, was sie gerade dachte. Sie war manchmal so undurchschaubar, was mich einerseits faszinierte, auf der anderen Seite aber Situationen wie diese schwieriger machte.

 

„Ich habe darüber nachgedacht. Du bist mir wirklich wichtig, Koichi, und ich hab dich sehr gern. Ich will nicht, dass du dich einsam fühlst. Und wenn du nicht mehr meine ‚beste Freundin‘ sein willst, dann höre ich auch damit auf, dich wie ‘ne Frau zu behandeln. Du hast ja wirklich Recht, du bist unter der Schminke und den Frauenkleidern ein Mann und ich hab das einfach irgendwann nicht mehr gesehen. Na ja, ich muss sogar zugeben, vor Jahren hab ich mal vermutet, dass du vielleicht doch schwul bist …“ Sie schwieg einen Moment, ihre Wangen leuchteten in einem unübersehbaren Rot und als sie weitersprach, war ihre Stimme ein ganzes Stück leiser. „Es ist einfach so … es gibt so wenige Männer, die so sind wie du. Man ist als Frau nicht dran gewöhnt, dass einer, der aussieht wie du, hetero ist, verstehst du?“

 

Die letzten Worte taten seltsam weh. Mikan sprach da nicht mehr und nicht weniger als den Grund an dafür, dass ich mich so einsam fühlte. Und auf einmal war da dieser Gedanke in meinem Kopf, dass ich sie davon überzeugen wollte, dass ich eben weder eine halbe Frau, noch schwul war, sondern ein heterosexueller Mann, und dass ich sie, genau sie, wollte. Eine oder zwei Sekunden lang war ich kurz davor, Mikan einfach in meine Arme zu nehmen und zu küssen, ihr zu zeigen, wer ich war und was ich mir wünschte.

Es erschreckte mich ziemlich, wie stark dieser Wunsch war, und wie kurz davor ich war, ihn umzusetzen. Unbewusst starrte ich wieder auf Mikans Brust und erwischte mich erst dabei, als sie es ebenfalls bemerkte.

 

„Und was … ist bei deinem Nachdenken noch rausgekommen?“, fragte ich mit zitternder Stimme.

Mikan blickte zu Boden, ihre Finger spielten mit den Fransen der auf dem Sofa liegenden Decke, und sie schien nach den richtigen Worten zu suchen.

„Koichi … ich hab dich lieb und das weißt du. Aber … ich weiß nicht, ob’s für ‘ne richtige … Beziehung ausreicht. Ich meine … wir können es versuchen … aber es kann sein, dass … es eben nicht reicht, dass meine Gefühle nicht genug sind.“

Wiederum fing mein Herz an zu rasen. Hatte Mikan gerade gesagt, dass sie es versuchen wollte mit mir?! Dass sie auch an eine Beziehung dachte, wenn auch nicht sicher?! Ja, hatte sie, ich hatte mich nicht verhört.

„Wir versuchen es“, sagte ich, ohne wirklich zu spüren, dass ich das gerade wirklich sagte. Es kam einfach aus meinem Mund, fühlte sich fast schon nicht mehr real an. „Wir versuchen es und wenn es nicht reicht, sind wir eben wieder Freunde.“ Mein Hirn machte sich selbstständig, drehte völlig über, und in meinem Bauch flatterten die Schmetterlinge wild durcheinander.

Mikan lächelte, strahlte mich an. „Du bist der beste, Koichi. Der allerbeste!“

 

Und dann beugte sie sich vor, legte ihre Hände auf meine Schultern, ihr Gesicht kam meinem immer näher, ich sah, was für schöne, dichte Wimpern sie hatte, und was für reine, glatte Haut. Als ihre Lippen meine berührten, fühlte es sich an, als setzte mein Herz für einen Schlag aus. Mein ganzes Empfinden konzentrierte sich auf meine Lippen und ich verlor für einen Moment die Beherrschung, erwiderte diesen ersten Kuss ein wenig zu sehnsüchtig und stürmisch, umarmte Mikan und zog sie nah an mich, sodass ich ihren aufgeregten Herzschlag spürte.  

„Ko!“, quietschte sie überrascht.

Sofort ließ ich sie los, ging auf Abstand, atmete einmal tief ein und aus. „Sorry.“

Aber sie lächelte. „Hast ziemliche Sehnsucht gehabt, hm?“

Ich nickte und konnte nach diesem Kuss nicht anders, als ganz ehrlich zu sein: „Und habe ich noch. Ich will mehr von dir.“

„Wir machen schön langsam, okay?“

„M-hm.“

 

Sie blieb noch eine Weile bei mir, wir schauten einen Film und tranken Tee zusammen. Mikan saß neben mir auf dem Sofa und lehnte sich an mich, was sich für mich unheimlich gut anfühlte.

Waren wir jetzt also zusammen? Eine Sowas-wie-Liebeserklärung und ein eindeutiger Kuss, bedeutete das, dass wir jetzt auf der Beziehungsebene waren? Ich wusste nicht recht, wie ich das einordnen sollte. Vielleicht war es nach der ganzen Sehnsucht auch einfach noch zu neu. Ich musste mich erst an den Gedanken gewöhnen.

 

Als Mikan dann wieder ging, küsste sie mich zum Abschied etwas unbeholfen auf den Mund, und wieder reagierte ich ein wenig über, umarmte sie und drückte sie eng an mich. Sie ließ mich machen, aber dann ging sie, rief aber noch ein „Hab dich lieb, Ko!“ durchs Treppenhaus.

Ich sah auf die Uhr. Neunzehn Uhr war eigentlich noch zu früh zum Schlafengehen, aber ich war so müde, dass mir mein Bett ziemlich verlockend erschien. Und so ging ich, nach einem kurzen Abstecher im Bad, jetzt schon schlafen.

 

Ich zog mich bis auf die Shorts aus, kuschelte mich unter die Bettdecke und horchte kurz in mein Herz, ob das dunkle, kalte Loch noch da war. Doch es war nicht zu spüren, schien wieder verschwunden zu sein. Zu viel wollte ich nicht daran denken, aus Angst, dass es vielleicht zurückkam, und so konzentrierte ich mich auf meine anderen Empfindungen.

Und da war die körperliche Sehnsucht ziemlich vornean. Ohne nachzudenken, begann ich, mich selbst zu streicheln, fuhr mit den Händen über meinen Körper und stellte mir dabei vor, dass es Mikans Hände waren, die mich streichelten und dabei von meiner Brust aus langsam tiefer wanderten. Mich anzufassen und dabei meine Gedanken nicht zügeln zu müssen, tat so unendlich gut und mir huschte ein Lächeln über die Lippen, als sich in meinem Bauch dieses eindeutige Kribbeln ausbreitete und mein verliebtes Herz begann, mein Blut in meine Körpermitte zu pumpen.

 

Ich zerrte mir im Liegen die Shorts runter und umfasste mein heißes Glied mit der einen Hand, während ich mit der anderen weiter meinen Oberkörper streichelte, mir immer noch ein wenig vorstellend, dass es Mikans Hände wären.

Ihr Name kam mir über die Lippen und ich fragte mich, wie sie wohl nackt aussah, ob ihre Brustwarzen eher hell oder dunkel waren, und ob sie viel Schamhaar hatte. Diese Gedanken fühlten sich umso besser an, wenn ich daran dachte, dass ich das alles irgendwann demnächst sogar erfahren würde. Sie hatte mich geküsst und gesagt, dass sie es mit mir versuchen wollte, bald würde ich sie in meinen Armen halten dürfen.

 

Mein letztes Mal Sex war so lange her, dass ich mich an das Gefühl davon nicht mehr richtig erinnern konnte, und so war mein Kopfkino lückenhaft und strahlte nicht die Erregung aus, die ich erwartet hatte. Ich merkte recht genau, dass ich allein war, mir nur etwas vorstellte und mir dabei selbst einen runterholte. Und als ich mich dann mit einem kaum verhaltenen Stöhnen in meine Hand ergoss, fühlte sich das gleichzeitig gut und aber auch irgendwie traurig an, einen Moment lang spürte ich meine Sehnsucht überdeutlich, dann fiel sie in sich zusammen und mir sprangen Tränen in die Augen.

Gerade noch so riss ich mich zusammen, stand auf und säuberte meine Hand mit einem Papiertaschentuch, legte mich dann wieder hin, rollte mich zusammen und schlief gottseidank bald ein.

Ich lag, halb ausgezogen, auf dem Bett, blickte hoch an die Decke und wartete auf Meto, der eben von der Arbeit heimgekommen war und jetzt unter der Dusche stand.

Irgendwie … fühlte ich mich seltsam leer. Ich verspürte nicht den geringsten Antrieb, irgendetwas zu tun, konnte mich nicht mal dazu aufraffen, mich ganz bettfertig zu machen. Stattdessen lag ich seit ungefähr einer halben Stunde hier herum und tat ganz einfach nichts.

 

Diese Leere hatte ein wenig Ähnlichkeit mit meinen leeren Tagen auf der Straße, in der Zeit, als ich Meto noch nicht gekannt hatte. Die Trauer hatte mein Inneres leergefressen, bis nur noch ein Gefühl von völliger Leere übriggeblieben war, als sei ich nur noch eine hohle Hülle gewesen. Dann war Meto in mein Leben getreten, hatte mein Herz erst mit Freundschaft, und dann mit Liebe wieder aufgefüllt und seitdem war dieses Gefühl von Leere eigentlich fast weg gewesen.

 

Doch jetzt spürte ich die Leere wieder, wie von weitem, als käme sie langsam wieder angeschlichen. Und ich wusste, sie hatte meine Trauer dabei, und meine tiefsten Ängste noch dazu. Ich fühlte mich dem ausgeliefert, so als sei ich festgebunden und konnte nur zusehen, wie es langsam immer näher auf mich zukam. Augenblicklich, bei der Vorstellung, dass es mich wieder leerfressen wollte, sprangen mir Tränen in die Augen und ich begann zu zittern.

 

In dem Moment kam Meto aus dem Bad zurück, und er sah sofort, dass es mir nicht gut ging. Abgesehen davon, dass er mich einfach zu gut kannte, war es wohl auch offensichtlich, da ich kaum imstande war, meine Gefühle zu verbergen.

„Tsu? Was hast du?“, fragte er, setzte sich auf die Bettkante und sah mich besorgt an.

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. ‚Ich hab Angst, dass die Leere kommt und mich auffrisst‘ klang sicher ziemlich bescheuert. Und so zuckte ich nur mit den Schultern, sagte nichts.

„Kannst es wieder nicht recht sagen, hm?“ Meto streckte die Hand aus und fuhr liebevoll durch meine Haare, strich mir die Stirnhaare aus dem Gesicht und beugte sich dann über mich, um einen sanften Kuss auf meine Stirn zu hauchen. „Kann ich was tun?“

 

Sofort, als er das fragte, spürte ich den heftigen Wunsch, in seinen Armen zu liegen und nah bei ihm einzuschlafen. Tief zu schlafen, zu vergessen und morgen glücklich wieder aufzuwachen.

„Halt mich“, flüsterte ich. „Halt mich einfach ganz fest.“

Meto lächelte, ging zum Schrank, tauschte den Bademantel gegen Shorts und ein Schlafanzughemd und legte sich dann zu mir.

„Zieh dich aus und dann komm her“, sprach er, immer noch lächelnd.

Langsam erhob ich mich, zog meine Jeans und dem Schmuck aus (das Shirt hatte ich schon vorhin ausgezogen) und legte mich dann wieder neben Meto, der mich sogleich in seine Arme schloss und an sich zog. Ich verspürte, obwohl ich nichts weiter als Shorts trug, überhaupt keine Erregung in diesem Moment, wollte nur gehalten werden, nichts weiter.

Metos Hände streichelten über meinen Rücken, meine Seite, meine Arme, er war so lieb und süß und so warm, deckte mich schließlich zu und küsste wieder meine Stirn. Wenn er mir so nah war, spürte ich die Leere nicht mehr, dann war mein Herz voll von Liebe und Wärme.

Und so schlief ich, eng an seinen Körper geschmiegt, irgendwann ein, versank in Träumen, die sich wie dichte Wolken um mich legten und mich mit sich zogen.

 

Ich hatte oft mehrere Träume hintereinander, ganz unterschiedliche, gute wie schlechte, zwischen denen ich kurz aufwachte und nur Sekunden später wieder eingeschlafen war.

Die ersten beiden in dieser Nacht waren belanglos, wirr, durcheinander, und wären bestimmt ein Paradies für fantasievolle Traumdeuter gewesen. Die würden jedoch nie davon erfahren, denn bei jedem kurzen Aufwachen vergaß ich fast alles davon sofort wieder.

 

Aber das, was dann kam, war anders. Keine wirren Bilder und Filme, die sich vermischten und keinen rechten Sinn ergaben, sondern Erinnerungen an mein Leben, ganz deutlich und lebhaft. Und es war die Art von Traum, von dem man selbst dann nicht aufwachte, wenn man erkannte, dass man träumte. Ich war vollkommen darin gefangen.

Zuerst war ich in meiner Schule früher, sah vor mir, wie mein sechzehnjähriges Ich mit der Faust die Fensterscheibe zerschlug, im Streit mit einem meiner Mitschüler, den ich mit dieser Aktion ziemlich erschreckt hatte. Dann ein kurzes Bild, wie ich infolge dieser Sache mit verbundener Hand beim Schulpsychologen saß und dieser mich nach dem Grund für meinen Wutausbruch gefragt hatte. Ich konnte mich nicht mehr recht erinnern, was mein Mitschüler zu mir gesagt hatte, dass ich so ausgerastet war, wusste nur, dass es eine ziemliche Kleinigkeit gewesen war.

„Na, meiner Einschätzung nach klingt das nach ADHS“, waren die Worte des Schulpsychologen und ich hörte sie im Traum ganz deutlich, wie in echt.

 

Das nächste, was mich in diesem Traum von meiner Vergangenheit wieder einholte, war, wie mein Hund, den ich von meinem zwölften Lebensjahr an gehabt hatte, gestorben war. Da war ich achtzehn gewesen. Ich träumte nur eine kurze Sequenz, sah den toten Körper vor mir und mich selbst, wie ich mich weinend darüber beugte, und dann Mama, wie sie mich in den Arm nahm.

 

Mama. Als hätte ich es geahnt und damit selbst im Traum heraufbeschworen, war meine nächste geträumte Erinnerung ihr Tod. Ich wusste es sofort, als ich im Traum unsere Küche in der Wohnung  betrat und in Erinnerung die von der Operation noch verletzte Haut auf meiner Brust und den damals ganz neuen Fremdkörper unter meiner Haut spürte. Das Implantat, welches ich mir tags zuvor einfach so hatte einsetzen lassen. Ich war damals einfach für zwei Tage verschwunden und dann mit dem Ring unter der Haut wieder aufgetaucht. Hatte mich cool gefühlt und kaum an Mama gedacht, obwohl ich eigentlich gewusst hatte, was sie von derlei Dingen hielt. Es hatte ihr nun einmal nicht gefallen, was ich aus mir machte.

 

Sie war nach mir in die Küche gekommen, hatte mich gehört und war dann auf mich zu gestürzt.

„Genki! Wo bist du gewesen, verdammt?!“, hatte sie mich angeschrien und mich dann plötzlich umarmt. „Ich hab mir Sorgen gemacht!“

Und dann hatte sie das Implantat bemerkt, beziehungsweise den weißen Verband auf meiner Brust, der unter meinem T-Shirt herausschaute.  Sofort hatte sie mich losgelassen.  

„Was ist das?! Was hast du schon wieder gemacht?!“

„Ich war in Tokyo“, hatte ich ziemlich cool geantwortet. „Die machen da Implantate.“

Mamas Blick war völlig fassungslos gewesen, und eigentlich hatte ich da schon gewusst, dass es jetzt gereicht hatte, dass ich sie wütend gemacht hatte. Aber ich hatte nicht daran gedacht, es einfach vergessen, dass sie krank war, dass ich sie hätte schonen müssen.

„Wieso musstest du so was machen, Genki?! Reichen dir die Piercings und die Tattoos nicht mehr?! Was soll so ein Ding unter deiner Haut?!“, hatte sie mich angeschrien. „Und auch das mit deiner Zunge, das musste doch nun wirklich nicht sein!! Hab ich dich so erzogen, dass du so was aus dir machst und dir deine Zukunft verbaust?! Nein!!“

Auf einmal war ich furchtbar wütend geworden. Hatte gedacht, was Mama sich eigentlich einbildete, mir Vorschriften zu machen, wo ich doch längst erwachsen war mit zweiundzwanzig Jahren! Und das hatte ich ihr, in meiner Wut und mit meinem unberechenbaren Temperament, laut ins Gesicht gesagt: „Dann schmeiß mich doch raus, wenn dich das so stört! Kann dir doch egal sein, was ich mit meinem Körper mache!! Das geht dich gar nichts an! Ich bin alt genug! Und wenn dir das nicht passt, dann halte dich verdammt nochmal aus meinem Leben raus!!“

 

Der letzte Satz hallte laut nach, und der ganze Traum schwankte und waberte kurz wie ein Bild, über das jemand Wasser gegossen hatte. Ich spürte ein merkwürdiges Stechen im Körper und fühlte mich wie aufgespalten, da ich wusste, dass ich träumte, und trotzdem alles aus dem Blickwinkel meines zweiundzwanzigjährigen Selbst sah.

 

Den tief erschrockenen Blick, mit dem Mama mich auf meine wütenden Worte hin angesehen hatte, würde ich, das wusste ich damals sofort, niemals vergessen. Einen Moment lang hatte sie mich einfach nur so angesehen, fassungslos und verletzt. Sofort hatte ich meine Worte bereut, doch da war es schon zu spät: Mama keuchte auf, griff sich ans Herz, und ich, unfähig mich zu bewegen, konnte nur noch daran denken, dass sie ja krank war und meine Worte sie offensichtlich so sehr verletzt hatten, dass sie jetzt einen Anfall bekam. Sie beugte sich, stöhnte vor Schmerzen, ich wollte zu ihr, mich entschuldigen, sie um Verzeihung bitten, sie halten, irgendwas tun, doch stattdessen stand ich nur wie gelähmt da und sah zu, wie sie zusammenbrach.

Erst, als sie schon reglos am Boden gelegen hatte, da hatte ich mich wieder bewegen können. Automatisch, wie reflexgesteuert, lief ich zum Telefon, wählte die Nummer des Notarztes und nannte mit zitternder Stimme Mamas Namen, ihre Krankheit und unsere Adresse.

Dann wurde alles schwarz.

 

Doch diese Schwärze war jetzt voller schmerzhafter Gedanken und voll von Schuldgefühlen, im Gegensatz zu damals, wo sie sehr leer gewesen war. Quälend leer.

Und ich träumte weiter, in dieser Dunkelheit, hörte immer wieder Mamas letzten Worte, die einfach nicht ihre letzten hätten sein dürfen, und dann meine Worte, die sie umgebracht hatten.

Umgebracht. Es war meine Schuld. Allein meine Schuld.

Wahrscheinlich war ich damals schon gestört gewesen, impulsiv, leicht wütend zu machen, und sogar ja irgendwie selbstverletzend, wenn man sich meinen Körper so ansah mit dem ganzen Zeug. Ich mit meiner kranken Persönlichkeit war schuld an Mamas Tod.

 

Ich träumte Dunkelheit, da war kein Bild mehr, nur noch Stimmen, die mich anschrien und dann wieder kalt und schmerzhaft flüsterten, dass es meine Schuld war, meine Schuld, meine Schuld …

Es tat einfach nur wahnsinnig weh, meine Seele brannte vor Schmerz, doch ich brachte den Wunsch, dass es einfach nur aufhören sollte, noch nicht übers Herz, da ich Mamas Andenken nicht auch noch zerstören wollte.

Doch als es immer schlimmer wurde, es sich anfühlte, als würde das Messer der Schuld tief in mein Herz gestoßen und darin herumgedreht, da konnte ich nicht mehr, und zum ersten Mal seit über eineinhalb Jahren war er wieder da, der Wunsch, zu sterben, einfach weg zu sein, wo nichts mehr war, nichts mehr wehtat. Und Mama wieder zu sehen.

 

„Tsuzuku!“

Was war das? Eine leicht raue, leise, sehr besorgt klingende Stimme, eine warme Hand an meiner Schulter. Langsam, sehr langsam, wurden die quälenden Stimmen leiser, die tiefschwarze Dunkelheit löste sich langsam auf, und ich erkannte, dass es Meto war, der mich zu wecken versuchte. Ich blinzelte, öffnete die Augen, und erwartete, dass der Schmerz in meinem Herzen, der sich anfühlte, als würde ein Messer hineingestoßen, verschwand.

Doch das tat er nicht. Sowie ich die Augen öffnete, spürte ich einen heftigen, schmerzhaften Ruck im Herzen, dann war es, als würde es für ein paar Schläge aussetzen. Ich keuchte auf, drückte meine Hand darauf, und langsam drang zu meinem Verstand durch, dass dieser Schmerz echt war, kein Traum mehr, ich war wach.

 

„Tsu, was hast du?“, fragte Meto, ich hörte Angst in seiner Stimme. „Sag doch was!“

Er war über mich gebeugt, griff über meinen Kopf hinweg nach dem Schalter der Nachttischlampe und machte Licht an.

„Ich hab …“, begann ich zu sprechen, kam jedoch nicht weiter, ein heißer, glühender Schmerz blitzte durch mein Herz, ich presste meine Hände darauf, versuchend, das Brennen irgendwie zu lindern, keuchte wieder.

„Tut dir was weh? Dein Herz wieder?“

Ich nickte zitternd.

 

Meto rückte etwas näher zu mir, hob die Hand und strich mir die Ponyhaare aus der Stirn. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich klatschnass geschwitzt war, meine Shorts und die Bettdecke klebten an meiner Haut. Und ich spürte Tränen in meinen Augen, und salzige Tränenspuren auf meinem Gesicht.

„Du hast mich geweckt, so unruhig hast du geschlafen. Hast du schlecht geträumt?“, fragte Meto, klang trotz der Angst ganz lieb und geduldig.

Ich nickte wieder. „… Ich hab … von Mama geträumt …“ Und dann: „Wie viel Uhr ist es?“, weil mein Zeitgefühl weg war.

„Halb eins“, antwortete Meto. „Aber ist okay. Du hast mich zwar geweckt, aber mach dir deshalb jetzt bloß keine Vorwürfe, okay?“ Er lächelte leicht, ich spürte seine Hand auf meiner Brust, sie streichelte ganz sanft und zärtlich, berührte die meine, welche ich immer noch verzweifelt auf mein Herz drückte.

 

Wie aus dem Nichts schoss der nächste heiße Blitz aus Schmerz durch meinen Körper, es fühlte sich an, als würde mein Herz zerreißen. Hatte es sich für Mama so angefühlt, als sie zusammengebrochen war? War das ihr letztes Gefühl gewesen, dieser glühende Schmerz? Und war das jetzt die Strafe für mich? Zerbrach mein Herz wortwörtlich, als gerechte Strafe, weil ich Mama solchen Schmerz bereitet hatte? Jede dieser Fragen tat mir wiederum furchtbar weh.

Ich drückte meine Hand so fest auf mein Herz, dass ich fast fürchtete, mir selbst eine Rippe zu brechen, und als der nächste Schmerz kam, schrie ich auf, mir wurde kurz schwarz vor Augen.

„Meto …“, keuchte ich, halb wahnsinnig vor Schmerz, wusste kaum, was ich tat und sagte. „Mach, dass das aufhört, bitte …!“

Augenblicklich zog er mich an sich, legte seine Hand auf meine, schob sie weg und berührte direkt meine Haut, unter der mein Herz mit jedem Schlag wehtat. Seine Berührung war warm und liebevoll, doch sie verschaffte nicht die sonstige Linderung, zu stark war dieser Schmerz, der mein Herz in heißen Wellen durchflutete und mich immer wieder keuchen und aufschreien ließ.

 

„Tsu, ich bin gleich wieder bei dir. Ich steh jetzt auf und ruf den Notarzt.“ Meto löste sich von mir, stand auf und lief aus dem Schlafzimmer.

Notarzt. Krankenhaus. Sofort bekam ich Panik. Wenn ich ins Krankenhaus kam und die dort rausfanden, dass ich erstens essgestört und zweitens Borderliner war … Ich hatte furchtbare Angst, dass sie mich dann nicht wieder gehen lassen würden.

„Meto!“, schrie ich und fühlte mich wahnsinnig hilflos, „Komm zurück!“

Er kam zurück, hatte sein Handy in der Hand.

„Ich … will nicht … ins Krankenhaus … und das … weißt du …“, brachte ich heraus, versuchte, mich hinzusetzen, was wiederum wehtat, sodass ich wieder ins Kissen zurücksank.

„Tsuzuku, dir tut dein Herz weh, du schreist vor Schmerzen, und ich soll mir das einfach anschauen? Tut mir leid, aber das kann ich nicht. Das ist doch nicht mehr nur das bisschen Herzschmerz, was du sonst hast. Ich ruf jetzt ‘nen Notarzt und dann lässt du dich zumindest mal untersuchen. Wo doch deine Mama herzkrank war, wer weiß, ob du so was nicht auch hast?“

 

Augenblicklich, als er es aussprach, Mama erwähnte, brannte in mir die Sicherung durch, hinter der ich den Albtraum hastig eingeschlossen hatte. Die Bilder, Gedanken und Gefühle flossen durch meine verletzte Seele und Tränen aus meinen Augen.

„Das ist … jetzt die Strafe“, sagte ich, noch leise, wurde dann mit den folgenden Worten immer lauter, während es immer weiter wehtat, „Ich hab von Mama geträumt. Davon, wie sie gestorben ist! Es ist meine Schuld, meine ganz allein! Ich hab sie umgebracht, ich bin schuld! Ich muss leiden, ich hab’s verdient! Und wenn ich davon draufgehe!“ Ich spürte geradezu, wie meine Gefühle und Gefühlssplitter zwischen den Worten schwankten, fühlte die Impulse, konnte nichts aufhalten, alles kam so heraus, wie ich es in dem Moment fühlte. Und als der Schmerz wieder durch mein Herz schoss: „Ich … kann nicht mehr …“

Meto kam auf mich zu, setzte sich auf die Bettkante und sah mich wahnsinnig besorgt an, ergriff meine Hand. Ich sah ihn an, meine Tränen verschleierten meine Sicht, meine Hand in seiner zitterte.

„Es tut … so weh … Ich halte diese Schuld nicht aus“, flüsterte ich, vollkommen kraftlos. „Warum lebe ich überhaupt noch?“

„Tsuzuku …“ Metos Finger streichelten über meinen Handrücken. Ich spürte, er hatte keine Worte, um mir zu helfen. Er war ebenso hilflos wie ich.

 

Das plötzliche Gefühl des glühenden Messers in meinem Herzen war so echt, so stark, dass ich mit zitternder Hand danach tastete, obwohl ich wusste, dass es kein reales Messer war. Ich schrie wieder auf vor Schmerz, wurde beinahe wahnsinnig, dann wurde mir wiederum schwarz vor Augen und ich sank einfach weg, ins dunkle, tiefe Nichts.

 

„Aoba-san?“ Eine fremde Stimme, weiblich, sprach mich mit meinem Nachnamen und der höflichen Form an. „Aoba-san, können Sie mich hören?“

Langsam kehrte mein Bewusstsein zurück, ich blinzelte, öffnete die Augen und blickte in das Gesicht einer etwa dreißig Jahre alten Frau, die sich über mich beugte. Sie trug einen weißen Kittel, hielt eine kleine, silbrige Lampe in der Hand und hatte etwas um den Hals hängen, das ich auf den zweiten Blick als Stethoskop erkannte.

War ich jetzt doch im Krankenhaus?

Nein, zum Glück nicht. Ich sah zur Seite, erkannte den Schrank und das Bett, sah Meto am Fußende auf der Bettkante sitzen. Er hatte gerötete Augen, so als hätte er geweint.

„Er ist wieder wach“, sagte die Frau zu ihm, dann sah sie mich wieder an. „Aoba-san, mein Name ist Matsuyama, ich bin Notärztin. Sie waren eine Weile ohnmächtig, Ihr Freund hat mich gerufen. Wie fühlen Sie sich jetzt?“

Ich versuchte, zu lächeln, bekam jedoch nur ein müdes, halbes Lächeln zustande. Doch Meto sah es und lächelte zurück, ebenso erschöpft, aber sehr erleichtert.

 

„Ihr Freund hat erzählt, dass Sie starke Schmerzen hatten. Tut Ihnen jetzt etwas weh?“, fragte Dr. Matsuyama.

Ich schüttelte den Kopf. Mir tat auch wirklich nichts mehr weh. Die glühenden Schmerzen waren verschwunden, in dem Moment, als ich ohnmächtig geworden war.

„Können Sie die Schmerzen noch beschreiben?“

„Es hat sich angefühlt, … wie ein Messer, das in meinem Herzen herumgedreht wird. So, als ob es mich zerreißt.“

„Hatten Sie solche starken Schmerzen schon einmal?“

„Nein. Nur ein bisschen, … aber nie so stark.“

 

Dr. Matsuyama sah mich einen Moment lang nachdenklich an, dann sagte sie: „Ich habe Sie eben untersucht und konnte keine Rhythmusstörungen oder dergleichen feststellen.  Ihr Herz schlägt ganz normal und gleichmäßig. Sagen Sie … haben Sie sonst schon mal irgendwelche psychosomatischen Symptome gehabt, also zum Beispiel solche Schmerzen ohne körperliche Ursache?“

Ich nickte, dachte an diese eher leichten Herzschmerzen, die ich bei Angst und Aufregung verspürte.

„Wenn ich … Angst habe, oder so …“, antwortete ich. „Dann tut mein Herz weh. Aber … es war bisher nie so schlimm.“

 

Ich sah Meto an, er stand auf und kam zu mir, nahm meine Hand.

„Meto“, sagte ich leise und zog ihn zu mir herunter, flüsterte: „Was hast du ihr erzählt?“

„Ich hab nur gesagt, dass wir zusammen sind. Und dass deine Mama herzkrank war“, flüsterte er zurück. „Danach hat sie gefragt, also, ob es bei dir Vorbelastungen gibt.“

Ich lächelte leicht. Solange die Ärztin nicht nach meinem Gewicht und meiner Psyche fragte, war alles gut. Jetzt, wo ich nicht weglaufen konnte, da konnte ich nur hoffen, dass sie gar nicht auf die Idee kam, danach zu fragen.

 

„Gab es denn einen Auslöser für die Schmerzen jetzt?“, fragte sie.

Die Frage war auch nicht viel besser. Ich wollte nicht mit einer fremden Ärztin über Mama und den Albtraum reden, denn ich kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich dann unweigerlich auch das Thema ‚Borderline‘ berühren würde.

„Ich hatte … ‘nen Albtraum“, antwortete ich dann aber doch, um überhaupt etwas zu sagen.

„Hm …“ Dr. Matsuyama sah mich erst nachdenklich an, dann ernst. „So gravierende Schmerzen sind bei einem ansonsten gesunden Menschen sehr ungewöhnlich.“

Auch, wenn sie es nicht direkt fragte, so stand hinter ihren Worten doch die eindeutige Frage danach, ob ich ihr etwas verschwieg. Einen kurzen Moment lang hätte ich ihr beinahe erzählt, was mit mir nicht stimmte, doch ein einziger Gedanke ans Krankenhaus reichte aus, damit ich wieder wusste, wohin ich auf gar keinen Fall wollte: Dorthin, in die Klinik.

 

Meto beugte sich zu mir runter und fragte, ganz leise: „Willst du nicht sagen, was los ist?“

„Dann komm ich doch gleich in die Klinik.“

„Ich hab ihr gesagt, dass du auf keinen Fall ins Krankenhaus willst, sonst hätte sie den Krankenwagen gerufen, aber sie hat’s gelassen, weil ich ihr gesagt hab, dass du so große Angst vor Krankenhäusern hast. Ich glaube … du kannst ihr vertrauen.“ So, wie Meto mich ansah, konnte ich ihm nur glauben. Und so entschloss ich mich doch dazu, der Ärztin zumindest ungefähr zu sagen, was los war. Sie hatte wahrscheinlich sowieso gehört, was Meto und ich sprachen.

„Sie müssen keine Angst haben, Aoba-san. Sie können hier zu Hause bleiben“, sagte sie auch gleich und lächelte sogar ein wenig. „Sagen Sie mir nur, was los ist, damit ich Ihnen hier helfen kann.“

 

Und so beschloss ich, zum ersten Mal einer Ärztin gegenüber über meine Probleme zu sprechen, die Dinge zumindest mal beim Namen zu nennen. Auch, wenn ich mir nicht vorstellen konnte, wie sie mir helfen sollte. Aber mein Untergewicht sah sie ja sowieso.

„Ich … bin psychisch nicht gesund“, begann ich und konnte weder Dr. Matsuyama, noch Meto dabei ansehen, blickte hoch an die Decke. „Ich hab ein Problem mit dem Essen  und … sehr wahrscheinlich  … ‘ne Borderline-Störung. Und der Albtraum jetzt, der die Schmerzen ausgelöst hat … Ich hab mich an meine Mutter erinnert, sie ist vor ungefähr zweieinhalb Jahren an ‘nem Herzanfall gestorben …“

„Sind Sie denn auf Borderline diagnostiziert worden?“

Ich schüttelte den Kopf. „Aber … ich merk doch, was mit mir nicht stimmt.“

 

„Na ja, dass Sie zu dünn sind, sehe ich ja. Und mir sind auch Ihre Narben aufgefallen. Aber was so eine Störung angeht, sollten Sie sich noch mal mit einem Psychiater unterhalten.“ Dr. Matsuyama sah mich wieder einen Moment lang nachdenklich an, dann sagte sie: „Nun, so etwas kann natürlich auch psychosomatische Schmerzen mit sich bringen, erst recht, wenn Sie vom Tod Ihrer Mutter  traumatisiert sind. Von daher kann das schon sein. Aber Sie sollten das abklären.“

„Ich geh nicht ins Krankenhaus“, sagte ich, klang dabei so schwach, wie ich mich fühlte.

„Sie müssen ja nicht über Nacht dort bleiben. Nur, dass Sie mal ein paar Termine machen.“

 

Meto streichelte mit dem Daumen über meinen Handrücken und sah mich immer noch mit Sorge in den Augen an. Ich wusste, ich hatte ihm wieder Angst gemacht, große Angst. Er liebte mich, und es tat ihm weh, wenn ich so litt. Zwar hatte ich diese Schmerzen ja wirklich nicht absichtlich gehabt, doch trotzdem hatte ich irgendwie ein schlechtes Gewissen, dass ich ihn damit so in Angst und Sorgen versetzt hatte.

 

„Meto …“, flüsterte ich, „Tut mir leid …“

„Was tut dir denn jetzt leid?“, fragte er.

„Dass du wieder solche Angst um mich hast und so … Ich will das nicht …“

„Alles gut, Tsuzuku. Mach dir keinen Kopf.“ Er beugte sich runter, strich mir wieder die Haare aus dem Gesicht und küsste meine Stirn. „Ich bin bei dir. Ich liebe dich.“ Die letzten, süßen Worte sagte er so, als wollte er mir das einfach noch mal versichern, damit ich es nur ja nicht vergaß. Er verließ mich nicht. Liebte mich und blieb bei mir.

 

Ich dachte daran, dass ich immer noch vorhatte, ihm einen Heiratsantrag zu machen. Auch, wenn unser Staat es nicht anerkennen würde, wenn es keine echte Ehe sein würde, so wollte ich ihm doch wenigstens diese eine, besondere Frage stellen und ihm einen Ring an den Finger stecken.

Der Gedanke daran ließ mich lächeln und Meto sah mich fragend an. „Woran denkst du jetzt, mein Schatz?“

Ich hob die Hand, legte sie in seinen Nacken und zog ihn zu mir runter, wobei mir völlig egal war, dass die Ärztin noch da war. Küsste meinen Liebsten auf seine süßen, vollen Lippen und hauchte: „Daran, dass ich dich liebe.“

 

Dr. Matsuyama räusperte sich leise, stand auf und packte ihre Tasche wieder zusammen.

„Da Sie ja nicht ins Krankenhaus wollen: Kann ich mich darauf verlassen, dass Sie sich melden, wenn die Schmerzen wieder auftreten?“, fragte sie.

Ich löste mich von Meto und versuchte, mich aufzurichten, hatte jedoch keine Kraft und sank wieder ins Kissen zurück.

„Wir … Sie anrufen … wenn wieder schlimmer …“, antwortete mein Freund an meiner Stelle.

Die Ärztin zog eine Visitenkarte aus ihrer Tasche und Meto nahm sie entgegen.

„Das ist die Nummer von meinem Büro in der Klinik.“ Sie lächelte leicht. „Melden Sie sich morgen bei mir, dann kann ich Ihnen auch wegen weiterer Termine weiterhelfen.“

Dann ging sie, Meto brachte sie noch zur Tür und kam dann zu mir zurück. Ich war auf einmal furchtbar müde, konnte kaum noch die Augen offen halten und fühlte mich so komplett kraftlos, dass ich mich fragte, wie ich morgen überhaupt irgendetwas tun sollte.

 

Meto legte sich nah neben mich und deckte mich ganz liebevoll zu, legte seinen Arm um mich, und ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter. In diesem Moment erschien er mir so viel stärker als ich, wie jemand, der mich hielt und bei dem ich mich anlehnen konnte.

Einerseits wollte ich ihm nicht so viel aufbürden, doch auf der anderen Seite genoss ich es auch sehr, wenn er derjenige war, der auf mich aufpasste. In meiner Zeit auf der Straße war es ja auch so gewesen und da ich mich jetzt ähnlich instabil fühlte wie damals, tat es sehr, sehr gut, Meto bei mir zu haben und zu wissen, dass ich mich auf seine Stärke in diesem Augenblick verlassen konnte.

Und irgendwann, es war wohl gegen zwei, sank ich in einen tiefen, gottseidank traumlosen Schlaf.

 

 

Als ich wieder aufwachte, war es hell. Zu hell für mein Gefühl, welches mir sofort sagte, dass ich verschlafen hatte. Ich tastete über Metos Betthälfte, doch da war kein Meto, und so drehte ich mich um und entdeckte einen Zettel auf seinem Kopfkissen.

„Tsuzuku, mein Herz, ich hab dich schlafen lassen. Ich hab im Studio angerufen und gesagt, dass du krank bist. Bin jetzt selber los zum Café. In der Küche steht Frühstück für dich. Mach dir einen schönen Tag, erhol dich gut, und wenn was ist, ruf mich an. Ich liebe dich. Meto.“

Ich stellte mir vor, wie er das wohl gemacht hatte, einfach beim Studio anzurufen und denen da verständlich zu machen, dass ich heute nicht zur Arbeit kommen würde. Er musste sich unheimlich angestrengt haben, ich wusste ja, dass er wegen seiner Sprachprobleme nur sehr ungern mit Fremden telefonierte.

 

Seine süße Fürsorglichkeit rührte mich und ich stand langsam auf, lief, nur in Shorts, in die Küche und erblickte einen schön gedeckten Tisch mit einem liebevoll angerichteten Frühstück. Eigentlich hatte ich keinen Hunger, aber ich setzte mich trotzdem hin und begann zu essen.

Meto musste heute Morgen extra noch mal einkaufen gewesen sein im Conbini um die Ecke, denn das Essen bestand nicht nur aus dem wenigen, was wir im Kühlschrank gehabt hatten, sondern enthielt auch frische Brötchen und Lachs, es war ein richtiges Restaurantfrühstück.

Ich stand auf und schaute in den Kühlschrank, der gestern Abend noch ziemlich leer gewesen und jetzt für unsere Verhältnisse recht voll war.

„Du bist so süß, Meto …“, murmelte ich in Gedanken an meinen Liebsten und setzte mich wieder, hatte auf einmal richtig Hunger und musste aufpassen, dass ich nicht zu viel aß. Nach einem ganzen Brötchen und einer Tasse Kaffee war ich dann aber auch so satt, als hätte ich zu Mittag gegessen, und hatte das Gefühl, dass das jetzt auch für den Tag reichte.

 

Nach dem Frühstück ging ich schnell duschen und zog mich dann an, ließ das Schminken ausfallen und zog als Schmuck auch nur meine Uhr an, neben dem Ring, den ich ja Tag und Nacht trug.

Ich setzte mich aufs Bett und überlegte, was ich mit dem Tag heute anfangen sollte.

Ich ging ins Wohnzimmer und stand eine Weile vor dem Regal mit den Büchern, welche, mit Ausnahme von Hitomis beiden Büchern, alle Meto gehörten. Ich hatte früher, in meinem alten Leben, mal ganz gern gelesen, doch mit meinem Absturz völlig die Lust daran und auch meine sämtlichen Bücher verloren, sodass ich jetzt keine mehr besaß.

 

Zuerst griff ich mir einen von Metos Gay-Romance-Romanen und begann, darin zu lesen, doch die Geschichte nahm mich nicht so recht gefangen und so stellte ich das Buch zurück.

Dabei streifte mein Blick das Borderline-Buch von Hitomi, ich griff danach und nahm es mit dem Gedanken in die Hand, dass ich darin vielleicht eine Erklärung für meinen Schmerzanfall von letzter Nacht finden würde. Ich konnte mich jetzt nur noch bruchstückhaft daran erinnern, aber ich wusste, dass das neu war, dass ich derartig schlimme Herzschmerzen vorher nicht gehabt hatte. Höchstens vielleicht in der Zeit kurz nach Mamas Tod, doch da mir an jene Zeit nahezu jede Erinnerung fehlte, wusste ich es nicht sicher. Ich hatte dieses tiefschwarze Kapitel meines Lebens ganz extrem verdrängt.

 

Mit dem Buch in der Hand setzte ich mich aufs Sofa und suchte im Inhaltsverzeichnis nach ‚psychosomatische Symptome‘. Ganz am Ende fand sich ein kurzes Kapitel darüber, ich schlug es auf und begann zu lesen. Dort stand, dass solche Symptome zwar nicht direkt zum Krankheitsbild gehörten, aber durchaus vorkommen konnten. Es wurde der Fall einer Frau beschrieben, deren Geschichte ähnlich wie meine klang, und abschließend stand da, dass man diese Anzeichen sicherheitshalber immer von einem auf Psychosomatik spezialisierten Arzt untersuchen lassen sollte.

 

Ich behielt das Buch in der Hand und las noch ein wenig darin, hatte dabei das Gefühl, mich selbst besser zu verstehen und wieder zu finden, fühlte mich verstanden und irgendwie so … als ob es auch in irgendeiner Weise okay war, wie ich war. Ich war, wie ich nun mal war, und fühlte bei diesem Gedanken beinahe so etwas wie … Selbstbewusstsein.

Es war, wie Hitomi gesagt hatte: Die Störung war ein Teil von uns, und ich musste lernen, damit zu leben und zurechtzukommen. Irgendwie.

 

Schließlich nahm ich auch noch den schwarzen Gedichtband aus dem Regal und begann, diesen von Anfang an zu lesen. Irgendwann holte ich mir von Metos Schreibzeug einen Stift und ein leeres Heft und begann, meine Gedanken und Gefühle zu den Gedichten und Texten aufzuschreiben. Zuerst schrieb ich einfach nur auf, was ich dachte und empfand, doch dann begann ich, die Worte in ähnliche Gedichte zu fassen, wie ich sie in dem Buch fand. So etwas zu schreiben war mir nicht neu, doch das letzte Mal, dass ich meine Gefühle zu Papier gebracht hatte, war so lange her, dass ich erst wieder hineinfinden musste.

 

Mein Herz zitterte mit jedem Wort, ich spürte, welche Kraft die Schriftzeichen hatten, und wie es mich lockte, das Dunkel. Es zog mich an und gleichzeitig hatte ich Angst davor. Und so wagte ich nicht, meine Gedanken ganz direkt aufzuschreiben, umschrieb manches so metaphorisch, dass nur ich es noch erkennen konnte, und einiges schrieb ich auch ganz einfach auf Englisch, damit es nicht mehr diese ganz direkte Wirkung auf mich hatte.

 

Ich las und schrieb eine ganze Weile lang, und als ich keine Kraft mehr dafür hatte, war es schon fast Mittag. Hunger hatte ich keinen, aber ich wollte raus, nach draußen, in die Stadt oder zum Strand, nur nicht länger hier drinnen herumsitzen.

Auf Metos Schreibtisch fand ich die Visitenkarte von Frau Dr. Matsuyama und dachte darüber nach, ob ich ins Krankenhaus gehen und mit ihr sprechen sollte, und danach vielleicht noch in die Stadt.

Diese Entscheidung, zu der Ärztin zu gehen, war schwer, weil sie auch bedeutete, dass ich mit einer vom Fach, die sich auskannte und vielleicht sogar richtige Diagnosen stellen konnte, über meine Probleme sprach. Bis jetzt hatte ich mir sozusagen ein wenig aussuchen können, wem ich davon erzählte, und es war immer noch ein wenig mein Geheimnis gewesen. Wollte ich, dass irgendwo in einer Akte über mich dieses Wort ‚Borderline‘ stand und dass es dann jeder Arzt lesen konnte?

Nein, eigentlich wollte ich das nicht. Aber ich wusste, irgendwas musste infolge der letzten Nacht geschehen, das war einfach zu schlimm gewesen, um folgenlos zu bleiben.

 

Ich konnte mich jetzt nicht entscheiden, wollte aber in jedem Fall raus, also beschloss ich, das ganz spontan zu entscheiden, falls ich auf meinem Weg durch die Stadt an der Klinik vorbeikam.

Und so nahm ich erst mal einfach meine Tasche und ging raus, nahm die Bahn in die Innenstadt und lief dort ein wenig herum.

Als ich dann am Krankenhaus vorbeikam, entschied ich mich doch dagegen, hineinzugehen, und ging in die entgegengesetzte Richtung weiter. Ich hatte einfach nicht den Mut, mit der Ärztin über meine Probleme zu sprechen. Vielleicht sollte ich vorher erst noch mit Meto und mit Hitomi darüber reden.

 

Ich ging einfach ziellos weiter durch die Straßen und irgendwann fand ich mich in der abseitigen Gegend wieder, wo sich der Sexshop befand, in dem ich letztens mit Meto gewesen war. Und weil mir ein wenig langweilig war und mich dieser Ort außerdem reizte, lief ich nun hier herum, obwohl um diese Zeit noch nicht wirklich was los war. Ich schaute in die Schaufenster, in manchen saßen schöne Mädchen, in anderen wurden alle möglichen Sexspielzeuge und Porno-DVDs ausgestellt.

 

Eines der Mädchen lächelte mir einladend zu, ich sah sie an und erwartete irgendwie, dass mich ihr nur mit einem knappen Spitzenkleid bekleideter Körper ansprach. Doch ich fühlte bei ihrem Anblick so gut wie nichts außer einer blassen Erinnerung an früher, der jedoch jegliche Erregung fehlte. Kein Interesse, sie zu berühren, kein Gefühl von Lust. Als ich dann jedoch kurz an Meto dachte, daran, wie es sich anfühlte, wenn er nackt und mit verbundenen Augen unter mir lag, da war es wieder da, das Kribbeln im Bauch.

Machte mich ein männlicher Körper wirklich mehr an als ein weiblicher, obwohl ich doch früher eindeutig Frauen gemocht hatte? Oder war es nur Meto, den ich eben liebte und dessen Körper mich darum erregte? Bisher hatte ich mir um diesen Unterschied irgendwie kaum Gedanken gemacht. Meine Gefühle für Meto waren einfach so stark, dass ich mir seitdem nie die Frage gestellt hatte, wie ich denn nun eigentlich orientiert war.

 

Aber jetzt war die Frage in meinem Kopf und ich hatte das Gefühl, dass ich dem nachgehen musste. Ich hatte ja Zeit und war schon am richtigen Ort. Und so ging ich an dem Fenster mit den Mädchen vorbei weiter, erblickte am Ende der Straße einen Laden, der im Gegensatz zu den umliegenden Etablissements nicht nach Hetero aussah.

Über dem Eingang leuchtete ein rot-pinkfarbenes Neonschild mit der Aufschrift ‚Love has no gender‘ und als ich näher kam, erkannte ich einschlägige Film-DVDs und andere Gegenstände im Schaufenster. Das typische rote Licht, das hinter den Fenstern leuchtete, zeigte an, dass schon geöffnet war, und kurzentschlossen ging ich auf die Tür zu und öffnete diese, wobei sie eine leise Glocke klingeln ließ. Es schien sich um eine Mischung aus Sexshop, Kino und Club zu handeln, aus einem Raum weiter hinten kam jedenfalls leise Musik und Gläserklappern, und auf der anderen Seite erkannte ich ein paar solcher Kinokabinen. Der erste Raum sah ähnlich aus wie der andere Sexshop, lauter Vitrinen und Regale mit Sachen drin.

„Hallo“, hörte ich eine weibliche Stimme von irgendwoher. „Schau dich ruhig um, ich bin gleich wieder da.“

 

Ich wusste ja gar nicht so recht, was genau ich wollte. Mich nur umschauen? Einen Film ansehen? Irgendwas kaufen? Was ich wusste, war, dass ich neugierig war und wissen wollte, wie nah ich dieser Szene und Lebensweise stand. Ich hatte nicht das Gefühl, wirklich schwul oder bisexuell zu sein, aber hetero war ich ja wohl auch nicht mehr. Ich liebte Meto über alles, und auch seinen Körper, doch ich hatte wie gesagt nicht das Gefühl, allgemein auf Männer zu stehen.

 

Weil ich nicht einfach nur herumstehen wollte, sah ich mich dann doch in dem Ladenraum um. Neben allen möglichen üblichen und unüblichen Sextoys gab es eine große Anzahl an Filmen und auch ein kleines Regal voll einschlägiger Manga und Bücher, welche mich in diesem Moment am meisten interessierten, weil Meto auch solche besaß.

Ich nahm einen der Manga aus dem Regal und schaute hinein, das Heft war nicht in Folie eingeschweißt und so konnte ich einfach so ein wenig darin herumblättern. Es war keiner dieser leichten Boyslove-Manga für junge Mädchen, sondern ein in einem ganz realistischen Stil gezeichnetes Werk aus der schwulen Szene, welches eine Abgrenzung von diesen Mädchen-Manga ganz deutlich machte.

 

Da die Verkäuferin sich nicht blicken ließ, nahm ich den Manga einfach mal mit in eine der Kabinen, um ungestört darin lesen zu können. Zuerst las ich etwas von der Geschichte, dann blätterte ich vor bis zur ersten Sexszene und sah mir diese genau an. Ich wollte wissen, ob es mich anmachte, Bilder von zwei Männern beim Sex zu sehen.

Ja, musste ich nach einer Weile vor mir selbst zugeben, diese Bilder hatten was. Obwohl die beiden Männer in der Geschichte nur wenig Ähnlichkeit mit Meto und mir hatten, erkannte ich uns doch irgendwo darin wieder, und diese Gedanken wirkten durchaus erregend auf mich.

Aber wenn ich mir die Bilder ohne den Gedanken an mein eigenes Sexleben anschaute, verlor sich diese erregende Wirkung fast völlig, und ich spürte recht genau, wie es sich bei mir damit verhielt: An anderen Männern als Meto hatte ich kein sexuelles Interesse. Ich begehrte nur ihn. Und da ich nun mal irgendwann das Interesse an Frauen verloren hatte, war ich jetzt weder hetero-, noch wirklich homosexuell. Es fühlte sich seltsam an, undefiniert und ein wenig verwirrend, dass ich anscheinend zwischen den Orientierungen stand, und ich spürte, wie abhängig ich von Meto war, weil es für mich nur noch ihn gab.

 

Ich stand wieder auf und brachte den Manga ins Regal zurück. In dem Moment kam die Verkäuferin um die Ecke, ein junges Mädchen, wahrscheinlich gerade erst volljährig, und fragte: „Kann ich helfen?“

Zuerst tat ich so, als schaute ich mir die Buchrücken der Werke im Regal weiter an, während ich überlegte, ob ich danach fragen sollte, ob es hier auch Bücher gab, deren Protagonisten in einer ähnlichen Lage und Orientierung waren wie ich. Ich wusste ja nicht, ob und in welcher Form es auch so etwas gab, aber wenn ja, dann wollte ich gern etwas davon lesen.

 

„Ähm … ja“, begann ich und tat nachdenklich, „Ich suche … eine bestimmte Art von Geschichte. Ich weiß aber nicht, ob es so was überhaupt gibt, ich kenne mich da nicht aus.“

„Beschreib es einfach mal, dann kann ich schauen, ob wir was in der Richtung da haben“, sagte die Verkäuferin und lächelte. Aus irgendeinem Grund duzte sie mich, vielleicht war das hier so üblich, also ging ich darauf ein und benutzte ebenfalls die weniger höfliche Form.

„Also, stell dir vor … Ein Mann, der früher nur Frauen mochte, hat einen besten Freund, den er wahnsinnig gern hat, und nach einer Weile verliebt er sich in ihn. Er verliert jegliches Interesse an Frauen, interessiert sich aber sexuell auch nicht für andere Männer, sondern nur für seinen Freund, der diese Liebe erwidert. Gibt es so eine Geschichte?“

„Hmm… lass mich mal nachdenken.“ Sie kniete sich vor das Regal und suchte bei den weiter unten einsortierten Büchern, zog schließlich eines heraus, ein dickes, vielversprechend aussehendes, und hielt es mir so hin, dass ich den Text auf der Rückseite lesen konnte. „Da, das könnte dir gefallen.“

„Darf ich eben ein bisschen darin lesen?“

„Natürlich.“ Sie verschwand wieder zwischen den Vitrinen und ließ mich mit dem Buch alleine.

 

Ich zog mich wieder in die eine Kabine zurück und begann zu lesen. Von der ersten Seite an gefiel mir der Schreibstil, und die Geschichte hatte wirklich kleine Ähnlichkeiten mit meinem Leben, zumindest so weit, dass ich mich bald mit dem Ich-Erzähler der Geschichte identifizieren konnte. In dem Buch, das ich vorhin zu Hause in der Hand gehabt hatte, war es um ganz andere Dinge gegangen, dieses hier passte besser für mich.

Ich las das erste Kapitel und blätterte dann noch ein wenig weiter, insgeheim hoffend, dass ich so auf eine Sexszene stieß. Ich fand sogar recht bald eine, die sich über mehrere Seiten hinzog und in einer fesselnden, angenehm erotischen und mich sehr ansprechenden Wortwahl geschrieben war. Was da beschrieben wurde, war vor allem kein schneller One-Night-Stand oder dergleichen, sondern ein Liebesakt zwischen zwei Menschen, die sich wahnsinnig nahestanden und liebten, genau so, wie es bei Meto und mir eben auch war.

 

Mit einem Unterschied: Der Ich-Erzähler in der Geschichte war in diesem Akt der ‚Bottom‘, der unten lag und sich nehmen ließ. Durch den sehr eingängigen und deutlichen Schreibstil bekam ich eine recht genaue Vorstellung davon, wie das war, und spürte sofort meine eigene Neugierde darauf.

Ich wollte nicht nur der Gleichberechtigung halber mit Meto tauschen, ich wollte es auch, weil ich wissen wollte, wie es sich anfühlte. Ich spürte, wie es mich reizte und lockte, wie ein Geheimnis, das mir die meiste Zeit meines Lebens über vollkommen fremd gewesen war. Ich hatte ja in meinem Leben schon einige sexuelle Praktiken und dergleichen ausprobiert, aber diese eine war mir, als ich mich noch für hetero gehalten hatte, ja gar nicht in den Sinn gekommen. Jetzt, wo ich die Möglichkeit hatte, wollte ich es auch tun. Ganz zu schweigen davon, dass ich es für Metos und meine Beziehung wichtig fand, dass er auch mal zum Zuge kam.

 

Ich verschlang die Beschreibung des Aktes in dem Buch geradezu, las sie sogar zweimal und spürte, wie es mich fesselte, faszinierte und geil machte. Danach klappte ich das Buch zu, legte es beiseite und schloss die Kabine von innen ab, entdeckte dabei neben der Sitzbank eine Box Taschentücher, die ganz sicher nur für einen bestimmten Zweck hier stand.

Sollte ich? Hier und jetzt? Ich spürte, wie sehr mich das Lesen dieser Szene erregt hatte, und wollte so nicht raus gehen, wo das sicher aufgefallen wäre. Kurz dachte ich an meine Zeit auf der Straße, wo ich mir manchmal nachts, wenn alle schliefen, und ich jenen körperlichen Druck verspürte, möglichst leise einen runtergeholt hatte.

 

Ich kontrollierte noch einmal, ob die Tür gut verschlossen war, dann setzte ich mich wieder, öffnete meine Hose und schob meine Hand hinein. Es ging schnell, die Aufregung aufgrund der fremden Umgebung erregte mich, und ich dachte an Meto, stellte mir seinen nackten Körper vor und dass es seine Hand war, nicht meine, die mein hartes Glied berührte. Ich kam mit einem halb unterdrückten Keuchen, blieb danach einen Moment einfach sitzen und nahm mir schließlich welche von den Taschentüchern, säuberte meine Hand und warf die benutzen Tücher in den daneben stehenden Mülleimer. Dann schloss ich meine Hose wieder, öffnete ich die Tür, nahm das Buch und meine Tasche mit und suchte nach der Kasse, um das Buch zu kaufen.

 

Als ich den Laden mit dem Buch wieder verließ, fiel draußen ein leichter Nieselregen. Meine leichte Jacke hatte keine Kapuze und einen Schirm hatte ich natürlich auch nicht, also beeilte ich mich, zur nächsten Bahnstation zu kommen und mich dort unterzustellen.

Von dort nahm ich dann die Bahn zurück nach Hause. Während der Fahrt wurde der Regen draußen immer heftiger, auf dem Weg von unserer Bahnstation zurück nach Hause wurde ich klatschnass und spürte, wie mich das gefährlich frustrierte. Schlechtes Wetter war für meine Stimmung schon oft Grund genug für einen Zusammenbruch gewesen, und ich musste wirklich aufpassen, damit die Frustration mich nicht abstürzen ließ.

 

Als ich die Haustür öffnete, war ich nass bis auf die Haut und gefährlich nah an meiner inneren emotionalen Grenze. Ich dachte angestrengt an eine heiße Dusche und kämpfte mich die Treppen hoch, mein Herz klopfte schneller und es stach ein wenig. Ich öffnete die Wohnungstür und zerrte mir die nassen Schuhe von den Füßen.

Dabei bemerkte ich einen Brief auf dem Boden, der durch den Briefschlitz in der Tür hereingeworfen worden war. Ich hob den Umschlag auf und nahm ihn mit in die Küche, wo ich ihn erst mal auf den Tisch legte und mich bis auf die Unterwäsche auszog. Dann zündete ich mir eine Zigarette an, öffnete das Fenster und dann den Brief, las diesen, während ich rauchte und draußen der Regen rauschte.

 

Es war der Brief mit den Ergebnissen der Blutuntersuchung, die ich bei Dr. Ishida hatte machen lassen. Er war direkt nur an mich adressiert und kam von einem Labor, das im Auftrag des Arztes mein Blut untersucht hatte. Ich verstand nicht viel von dem medizinischen Drumherum und überflog die Tabelle mit den verschiedenen Werten nur, denn darunter musste ja irgendwo stehen, ob ich nun irgendeine Krankheit hatte oder nicht.

„… liegt die Wahrscheinlichkeit einer bekannten Geschlechtskrankheit oder von anderen getesteten Krankheiten bei Ihnen augenblicklich bei unter 1 Prozent …“, stand da. Und dass ich mich bei jedem weiteren Verdacht wieder untersuchen lassen sollte, um weitere Krankheiten auszuschließen.

Ich atmete erleichtert aus. Obwohl ich mir nicht allzu viele Sorgen und Gedanken darum gemacht hatte, war die Gewissheit, dass ich zumindest in dem Bereich keine körperlichen Krankheiten hatte, jetzt doch sehr erleichternd. Ich las die Tabelle noch einmal, versuchte, sie zu verstehen und zu erkennen, ob das Ergebnis auch Herzkrankheiten ausschloss. Doch da ich von derlei medizinischen Fachbegriffen keine Ahnung hatte, wurde ich nicht recht schlau daraus.

 

Dieser Anfall, oder was das auch gewesen war, von letzter Nacht, gab mir weit mehr zu denken als irgendwelche Geschlechtskrankheiten. Dr. Matsuyama hatte zwar gesagt, dass sie zumindest in dem Moment keine körperliche Ursache hatte feststellen können, doch das beruhigte mich kaum. Schließlich waren meine Schmerzen zuvor nie so extrem gewesen, ich war bisher nie davon ohnmächtig geworden.

Jetzt konnte ich mich auch wieder genauer daran erinnern und versuchte, selbst zu verstehen, wie es dazu gekommen war und woran es liegen könnte. Es hatte mit meinem Albtraum zu tun gehabt, mit der Erinnerung an mein tiefstes Trauma, da war ich mir ziemlich sicher. Aber konnte ein Albtraum wirklich ganz allein solche schlimmen körperlichen Schmerzen auslösen?

 

Einen Moment lang dachte ich darüber nach, mich wieder anzuziehen und doch noch zu Dr. Matsuyama zu gehen, aber ein Blick aus dem Fenster nach draußen, wo es immer noch in Strömen regnete, reichte aus, damit ich es mir doch wieder anders überlegte.

Aber anrufen konnte ich ja. Damit die Ärztin zumindest wusste, dass es mir gut ging. Ich drückte meine Zigarette aus und schloss das Fenster, dann ging ich ins Wohnzimmer und suchte die Visitenkarte raus, nahm mein Handy und wählte die Nummer auf der Karte.

 

Es dauerte ein wenig, bis die Ärztin abnahm und sich mit ihrem Namen meldete.

„Aoba hier“, meldete ich mich. „Ich wollte nur sagen, mir geht’s gut. Ich wollte auch zu Ihnen kommen, aber … wegen dem Regen …“

„Sind Sie heute zu Hause geblieben?“

„Ja. Ich hab total verschlafen und dachte auch, ich ruhe mich mal besser aus.“

„Aoba-san, ich habe über ihre Symptome noch einmal nachgedacht. Und ich denke, Sie sollten sich in nächster Zeit sicherheitshalber doch untersuchen lassen, einfach, um eine körperliche Ursache der Schmerzen auszuschließen. Ansonsten … wegen Ihrer psychischen Probleme und so weiter … da können Sie erst einmal auch zu mir kommen. Sie müssen auch bestimmt nicht gleich über Nacht in der Klinik bleiben.“

„Danke.“

„Ich sage Ihnen einfach mal, wann ich noch Termine frei habe, dann können Sie zu mir kommen und wir reden über alles“, sagte sie und nannte mir dann Zeiten, wo ich zum Reden und für Untersuchungen zu ihr kommen konnte. Es war auch ein Termin für morgen Nachmittag dabei, nach meiner Arbeitszeit, und den schrieb ich mir auf, sagte, dass ich dann zu ihr ins Krankenhaus kam.  

„Passen Sie gut auf sich auf“, sagte Dr. Matsuyama zum Schluss. „Und wenn es Ihnen nicht gut geht, melden Sie sich bitte.“

„Mach ich“, antwortete ich, wusste aber nicht, ob ich es wirklich tun würde.

 

Ich spürte, irgendwas in mir war durch den Regen und die Erinnerung an den Albtraum aus dem Gleichgewicht geraten. Und weil ich jetzt nichts mit mir anzufangen wusste, ging ich ins Schlafzimmer und legte mich aufs Bett. Eigentlich hatte ich ja duschen wollen, aber auf einmal fehlte mir die Lust dazu und ich blieb einfach eine Weile so auf dem Bett liegen, in Unterwäsche und mit vom Regen nassen Haaren. Wieder diese Leere, wie gestern Abend.

Mir fiel ein, dass ich seit heute Morgen nichts mehr gegessen hatte und es längst Nachmittag war, aber ich konnte mir nicht vorstellen, jetzt etwas zu mir zu nehmen. Ich hatte das Gefühl, als ob mir von jedem kleinen Bissen übel werden würde.

Auf einmal fühlte ich mich entsetzlich einsam, einfach so, ohne ersichtlichen Grund. Ich starrte hoch an die weiße Decke und stellte mir vor, sie schwarz zu färben. Den ganzen Raum rot und schwarz, so wie das Bett.

 

Ich drehte mich auf die Seite, starrte nun an die Wand, zog die Knie hoch und weinte einfach, ohne recht zu wissen, warum. Wünschte mir, dass Meto da war und mich in seine Arme schloss, und hatte gleichzeitig irgendwie Schuldgefühle, weil ich so abhängig von ihm war. Einerseits wollte ich ihn anrufen, einfach um seine Stimme zu hören, doch auf der anderen Seite fürchtete ich, dass er sich dann wieder Sorgen um mich machte und dass ich ihm zur Last fiel.

‚Borderline‘, flüsterte es in meinem Kopf, immer wieder.

 

Ich erinnerte mich an meine rasende Eifersucht, als Meto noch mit MiA zusammen gewesen war und es mich unheimlich wütend gemacht hatte, die beiden zusammen zu sehen. An meine Angst davor, dass er mich wegen MiA, der so viel gesünder und umgänglicher war als ich, verlassen könnte. Die Erinnerung an diese Angst hatte ich bisher verdrängt, doch jetzt flammte sie wieder auf, brannte wie Glut auf meinem Herzen, das sofort wieder wehtat.

Ich liebte Meto wahnsinnig und je mehr ich ihn liebte, umso größer wurde meine Angst, dass er mich allein ließ. Mich mit meinen vielen Fehlern und einer solchen Störung. Wie machte er das, mich so zu lieben? Warum begehrte er gerade mich? Warum hatte er sich für mich entschieden und nicht für MiA? Was hatte ich denn an mir, dass er mich mehr liebte? Ich sah es nicht.

 

Weinend vergrub ich mein Gesicht im Kopfkissen, mein ganzer Körper zitterte und meine Sehnsucht nach Meto wurde immer größer. Ich griff nach meinem Handy, das auf dem Nachttisch lag, und schaute auf den Bildschirm, wo ich ein Foto von uns beiden als Hintergrund eingestellt hatte. Das Foto, auf dem ich ihn küsste. Er sah so lieb und glücklich aus. Und ich musste noch mehr weinen, weil ich mir gerade einfach nicht vorstellen konnte, wie er an meiner Seite so glücklich sein konnte.

 

Der Wunsch, Metos Stimme zu hören, wurde so übermächtig stark, dass ich schließlich doch seine Nummer raussuchte und ihn anrief. Es dauerte einen Moment, bis er abnahm.

„… Tsu?“, fragte er sofort, „Alles okay?“

„Ich … wollte deine Stimme … hören …“ Meine Stimme klang deutlich tränenerstickt und natürlich bemerkte er das.

„Hey, was hast du denn?“

„Ich … weiß nicht … Mir geht’s einfach … nicht gut …“

„Einfach so?“, fragte er. „Oder ist irgendwas passiert?“

„Ich bin vorhin in den Regen gekommen“, antwortete ich, während in meinem Kopf weiter diese schmerzhaften Fragen nach dem Warum von Metos Liebe zu mir herumschwirrten. Ich wusste, es verletzte ihn, wenn ich diese Fragen aussprach, doch ich konnte nicht anders: „Meto? Warum liebst du mich eigentlich?“

Er antwortete nicht gleich und ich wusste, jetzt machte er sich wieder große Sorgen um mich.

„Tsuzuku, was ist denn das wieder für eine Frage? Ich liebe dich, weil ich dich liebe, da gibt’s kein Weil und kein Warum. Höchstens, dass du für mich der liebste und begehrenswerteste Mensch auf der Welt bist.“ Seine Stimme klang leise und ein wenig rau, wahrscheinlich, weil er bei der Arbeit ja eigentlich nicht sprach. „Ich liebe dich, hörst du?“

Ich wollte erklären, warum ich so etwas fragte, doch er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen.

„Tsu, ich weiß ja, warum du solche Fragen stellst. Aber ich kann’s dir nur immer wieder sagen, dass du alles für mich bist und dass ich dich niemals verlassen werde. Ich bleibe bei dir, ich weiß doch, wie sehr du mich brauchst. Ich hab jetzt noch zweieinhalb Stunden zu arbeiten, dann bin ich wieder bei dir. Bis dahin halte bitte durch und tu dir nicht weh, ja?“

 

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Denn der Gedanke, mich zu verletzen, war so präsent, dass ich kaum dagegen ankam. Es erschien mir als einzige erreichbare Möglichkeit, meinen seelischen Schmerz zu betäuben. Ihn mit körperlichen Schmerzen zu überdecken, welche ich mir selbst zufügte.

„Tsuzuku?“, sprach mich Meto an, als ich nicht antwortete. „Bleib stark, ja? Ich glaub an dich.“

„M-hm …“, machte ich und dachte mit aller Kraft an sein Gesicht, wenn er lachte. Stellte mir vor, dass er mich nachher, wenn er wieder da war, umarmte und küsste und mir wieder Kraft schenkte, weiter zu machen, weiter zu kämpfen.

„Bis nachher, mein Herz.“ Er machte noch ein leises Kussgeräusch zum Schluss und legte dann auf.

 

Ich wusste, wenn ich hier so liegen blieb, wurde es nicht besser. Und so stand ich auf, zog mich wieder an und setzte mich ins Wohnzimmer vor die Spielekonsole, um mich zu beschäftigen und abzulenken. Und tatsächlich gelang es mir, mich da hinein zu vertiefen und an nichts anderes mehr zu denken. Einmal in die Spielwelt abgetaucht, verging die Zeit wie im Flug und irgendwann hörte ich dann, wie Meto die Wohnungstür aufschloss und seine Schuhe auszog.

„Tsu, ich bin wieder da.“

Ich stoppte das Spiel, stand auf und ging zu ihm in den Flur, wo er mich sofort umarmte.

„Wie geht’s dir, mein Herz?“, fragte er und küsste mich. Seine süßen, weichen Lippen vertrieben sofort jedes Gefühl von Einsamkeit und ich fühlte mich wieder sicher.

„Geht wieder“, flüsterte ich. „Wenn du bei mir bist …“

„Na, siehst du.“ Meto lächelte. „Und? Was machen wir heute Abend noch? Ich bin noch nicht wirklich müde, und du?“

Nein, müde war ich auch noch nicht. „Such du dir was aus.“

Meto sah mich einen Moment lang nachdenklich und prüfend an, dann fragte er: „Wollen wir vielleicht mal wieder ausgehen, in ‘nen Club, zum Tanzen? Oder ist dir heute nicht nach Menschenmengen?“

 

Ich fühlte in mich hinein, ob ein Clubbesuch gerade infrage kam oder nicht, und kam zu dem Schluss, dass ich es zumindest versuchen wollte. Tanzen gehen, ein bisschen was trinken, damit der Tag noch ein schönes Ende hatte.

„Das geht schon“, sagte ich und lächelte. „Ich würde gerne mal wieder mit dir tanzen gehen.“

Meto hob die Hand und streichelte sanft meine Wange. „Dann machen wir uns erst schön und gehen dann in denselben Club wie letztes Mal?“

Ich nickte. Dachte an meine schönsten Klamotten und fühlte schon einen Anflug von Vorfreude.

 

Wir gingen zusammen ins Schlafzimmer und Meto kramte sein schönstes Lolitakleid raus, das gepunktete, dazu die hellblaue Lockenperücke mit Haarschleife, und rote Lackschuhe.

„Das willst du anziehen?“, fragte ich.

„Ich dachte, dann fällt es nicht auf, dass wir beide Männer sind, und du fühlst dich von den Leuten deshalb nicht so angestarrt“, erklärte Meto. „Und außerdem hatte ich dieses Kleid lange nicht an.“

Ich hatte eigentlich vorgehabt, meine Lacksachen anzuziehen, aber die passten irgendwie nicht so recht zu Metos Kleid, und so wusste ich jetzt außer dem Netzhemd, das ich unterziehen wollte, nicht, was ich anziehen sollte.

 

Mein Liebster griff rüber in meine Hälfte unseres Kleiderschrankes und zog mein einziges helles Hemd zwischen meinen Shirts raus. Es war ein ganz leichtes Hemd aus hell bedrucktem Stoff, ein Geschenk von Metos Mama zu meinem Geburtstag.

Dazu hatte ich nur eine passende Hose, eine schwarze aus einem schönen, samtigen Stoff, und ein langes Jackett aus demselben Stoff, beides hatte ich im vergangenen Winter gekauft und dann bei Meto zuhause aufbewahrt. Ebenso wie ein Paar schöne rote Schuhe, die ich bisher erst einmal getragen hatte und die auch dazu passten.

„Zieh doch das alles zusammen an“, sagte Meto. „Das sieht gut aus.“

Er lächelte wieder und hielt mir das Hemd hin. Ich zog mich bis auf die Shorts aus, stieg in die Anzughose und zog dann erst eins meiner Netzhemden, dann das helle Hemd und schließlich die Jacke an. Wahrscheinlich würde es mir nachher warm werden, aber ich wollte lieber eine Jacke dabei haben, als auf dem Hin- und Rückweg zu frieren.

 

Als wir dann beide angezogen zusammen im Bad vor dem Spiegel standen, hatte Meto die Idee, dass er mich zuerst schminkte und dann ich ihn. Dass er mich schminkte, war mir ja vertraut, aber umgekehrt hatten wir’s noch nie gemacht, dass ich ihn im Gegenzug auch schön machte.

Zuerst kamen sowieso die Haare dran, wobei ich bei mir mit dem ganzen Haarspray mehr zu tun hatte als Meto, der ja nur die Perücke aufsetzen und diese einmal ordnen musste.

Ich setzte meine hellblauen Kontaktlinsen ein, Meto seine üblichen Scleras, eine schwarz und eine weiß, und dann fing er an, mich zu schminken. Er wusste ja, wie ich mein Makeup am liebsten mochte, und so bekam ich es auch, mit viel Schwarz um die Augen und diesem einen, dunklen Rotton beim Lippenstift.

 

Es fühlte sich immer noch unheimlich gut an, wenn er mich schminkte, das erinnerte mich so an seine Fürsorglichkeit in der Zeit, als ich nicht für mich selbst hatte sorgen können.

Und als mein Makeup fertig war und ich begann, Meto in ganz anderen, helleren Farben zu schminken, da hatte ich das Gefühl, ihm damit etwas von seiner Fürsorglichkeit zurückgeben zu können, sodass es wieder ausgeglichen war zwischen uns. Metos Makeup war, weil er gern Glitzersteinchen und dergleichen verwendete, etwas komplizierter als meines, aber am Ende sah es besser aus als ich mir am Anfang zugetraut hatte.

„Hab ich das gut gemacht, gefällt’s dir?“, fragte ich.

Meto sah in den Spiegel, nickte, lächelte, strahlte mich an.

„Bist du jetzt im Puppenmodus und redest nicht mehr?“

Er grinste und nickte wieder, flüsterte dann jedoch: „Doch. Aber nur ganz leise.“

 

Ich ging in die Küche und schaute aus dem Fenster. Der Regen hatte aufgehört und der Himmel war wieder frei, die langsam untergehende Sonne strahlte die verbliebenen Wolken an, sodass diese in sanften Orange- und Rosatönen am Himmel hingen. Einen Moment lang blieb ich am Fenster stehen und schaute mir diesen schönen Himmel an, dann steckte ich meine Zigaretten und das Feuerzeug ein und ging in den Flur, um die roten Schuhe anzuziehen.

Meto kam aus dem Schlafzimmer, hatte Ruana im Arm, die ein ähnlich süßes Kleid wie seines trug.

„Soll Ruana mitkommen?“, fragte ich.

Meto nickte und antwortete leise: „Ich hab so lange nichts mehr mit ihr zusammen gemacht.“

„Dann darf sie mit“, sagte ich und lächelte.

 

Der Club, in dem wir auf unserer kleinen Reise damals ja schon gewesen waren, war nur zwei Bahnstationen von unserer Wohnung entfernt. Er lag in der Nähe des Strandes und ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie wir damals dort gewesen waren.

In der Bahn spürte ich die Blicke der Leute, doch da ich wusste, dass sie Meto wahrscheinlich für ein Mädchen hielten und nur so schauten, weil wir beide so auffällig zurechtgemacht waren, kam ich relativ gut damit klar.

Meto lehnte sich an mich, seine eine Hand lag auf meinem Bein, die andere hielt Ruana fest, und ich legte meinen Arm um seine Schultern.

 

„Oh, was für ein niedliches Paar“, flüsterte eine Mädchenstimme hinter uns. „Das Mädel hat ja ein tolles Kleid an!“

„Er sieht aber auch toll aus“, antwortete eine andere, die anscheinend daneben saß.

Ich drehte mich nicht um, doch Meto schien es ebenfalls gehört zu haben, er wandte sich zu den beiden Mädchen um und lächelte sie an. Dann drehte er sich wieder zu mir um und drückte mir Ruana in die Hand. Hinter mir hörte ich sofort ein begeistertes Quietschen.

„Ein süßer Typ mit ‘nem süßen Teddy, awww!“

Jetzt drehte ich mich doch um und sah die Mädchen, die beide Schuluniform trugen, an. Sie schienen total begeistert von uns zu sein, und ich hatte so das Gefühl, dass sie auch kein Problem damit haben würden, wenn Meto jetzt etwas sagte und sie an seiner Stimme sein Geschlecht erkannten.

Ich wusste ja, dass es viele Mädchen gab, die homosexuelle Männerpaare irgendwie toll fanden, nur war mir das bisher immer ein wenig unheimlich gewesen. Ich verstand es nicht so ganz, doch jetzt freute ich mich ein wenig darüber, denn es war immerhin besser als die Ablehnung, die ich ja auch schon erfahren hatte.

 

An der nächsten Station stiegen wir aus, Meto lächelte den beiden Mädchen noch einmal zu und nahm dann meinen Arm, verhielt sich genau so, wie es das Bild eines puppenhaften Mädchens an der Seite ihres Freundes vorsah. Er hatte ja vorhin gesagt, dass er das auch für mich tat, und das rührte mich, auch wenn es mir irgendwie ein wenig unangenehm war, dass er wieder diese Frauenrolle spielte. Aber so war Meto eben.

 

Als wir den Club erreichten, war dort noch recht wenig los. Nicht weiter verwunderlich an einem normalen Wochentag, aber gut für uns, wenn es nicht so voll war. Der Mann an der Eingangstür wollte Metos Ausweis sehen, bekam ihn gezeigt und ließ uns rein, drinnen war die Musik noch nicht so laut und im Augenblick wurde auch ein eher ruhiges Lied gespielt. Meto gab seine Handtasche an der Garderobe ab, Ruana würde dort ebenfalls auf uns warten, damit ihr im Gewirr des Clubs nichts passierte.

 

„Wollen wir zuerst bisschen was trinken?“, flüsterte Meto als wir den Raum mit der Bar betraten. Er sprach gerade laut genug, dass ich es trotz der Musik hören konnte, kein bisschen lauter.

„Ja, ein bisschen was“, antwortete ich.

An der Bar bestellte ich mir ein kleines Bier, und Meto tippte auf einen Cocktail auf der auf dem Tresen liegenden Getränkekarte. Er bezahlte für uns beide und wir setzten uns mit den Getränken in eine ruhigere Ecke.

Meto lehnte sich wieder ein wenig an mich, legte seine Hand auf mein Bein und nach einer ganzen Weile fragte er leise: „Tsu? Darf ich … dich was … fragen? Es ist … ein bisschen was Schwieriges …“

„Was denn?“

„Deine Angst, dass ich dich allein lasse … hast du die auch, wenn ich bei dir bin, oder nur, wenn ich gerade mal nicht da bin?“ Metos Hand lag fest auf meinem Bein, so als wollte er mir damit zeigen, dass meine Angst völlig unbegründet war.

„Jetzt gerade ist sie nicht da. Zumindest fühle ich sie gerade nicht“, antwortete ich. „Aber … eigentlich ist sie immer irgendwie vorhanden. Sobald ich daran denke, dass ich krank bin und … dass du mich deswegen … verlassen könntest.“

„Aber eigentlich weißt du doch, dass ich das nicht tun werde, oder?“

„Eigentlich schon.“

„Was kann ich denn tun, dass du das nicht mehr vergisst, dass ich bei dir bleiben will?“

„Sag’s mir einfach immer wieder. Ich glaube, mehr kannst du auch nicht tun.“

Meto antwortete nicht mit Worten darauf. Stattdessen beugte er sich vor und tupfte seine rot geschminkten Lippen vorsichtig und lieb auf meine, legte seine Hand auf mein Herz und streichelte über meine Rippenbögen.

„Ich weiß doch, dass das da drinnen nur für mich schlägt“, sagte er und lächelte. Dann stand er auf, hielt mir seine Hand hin, damit ich aufstand, und fragte: „Wollen wir jetzt tanzen gehen?“

 

Tanzen war gut. Es machte den Kopf frei, lenkte die Konzentration auf schönere Dinge und ich bekam ein richtig gutes Gefühl dabei. Meto hielt meine Hände, lächelte mich an, brachte spielerisch Abstand zwischen uns und kam dann wieder näher, um mich zu küssen und sich dann von mir herumdrehen zu lassen. Um uns herum wurden es immer mehr Menschen, doch ich hatte keine Angst. Ich war vollkommen auf Meto konzentriert, er bemerkte es und strahlte mich glücklich an.

 

Als das Lied wechselte und etwas Langsameres gespielt wurde, legte er seine Arme um mich, und ich umarmte ihn meinerseits, er sah mich an und fragte leise: „Bist du glücklich, Tsuzuku?“

Ich nickte, lächelte, drückte ihn enger an mich. Ja, in diesem Moment an der Seite meines Liebsten war ich wirklich glücklich. Es tat mir einfach gut, ihn nah bei mir zu haben und an nichts denken zu müssen außer an ihn.

Wir wiegten uns ein wenig zu dem langsamen, romantischen Song, Meto lehnte seinen Kopf an meine Schulter und ab und zu spürte ich ganz leicht und zart seine Lippen an meinem Hals.

 

Auf der Tanzfläche wurde es langsam doch merklich voller und schließlich zog Meto mich einfach hinter sich her weg aus der Menge und zurück zur Bar. Er hatte, noch bevor es gefährlich für mich wurde, bemerkt, dass mir die Menschenmenge nicht lange guttun würde.

Wir zogen uns in eine ruhigere Ecke zurück und Meto nahm mich in seine Arme, zog mich an sich und flüsterte in mein Ohr: „Wollen wir nach Hause? Ich würde gerne … was mit dir versuchen.“

„Was denn?“, fragte ich und versuchte, in seinen Augen zu erkennen, in welche Richtung seine Gedanken gerade gingen.

Doch er antwortete nicht darauf, lächelte mich nur an und sagte dann: „Lass dich überraschen.“

Eine Überraschung also? Na, so was hatte ich gern … Aber irgendwo ahnte ich, dass es irgendwas Sexuelles war, was er vorhatte, in seinen Augen leuchtete eine gewisse Lust.  

 

Wir holten unsere Taschen und Ruana an der Garderobe wieder ab und verließen den Club. Draußen war es jetzt ganz dunkel, die Luft war ganz klar und am Himmel leuchteten die Sterne.

Ich fragte mich, was Meto gerade im Kopf herumging, was er vorhatte, womit er mich überraschen wollte. Wir hatten ja inzwischen vieles ausprobiert und es dauerte eine Weile, bis ich auf den Gedanken kam, was es sein könnte, was er mit mir tun wollte: Hatte er etwa vor, jetzt, heute Nacht, zum ersten Mal zu tauschen?

„Meto?“, fragte ich ihn leise, als wir schon fast bei der Bahnstation waren. „Kann es sein, dass du … dass du vielleicht heute Nacht tauschen willst?“

Er lächelte mich nur geheimnisvoll an.

„Sag schon!“, forderte ich, mich hatte die Neugierde gepackt. „Was hast du vor?“

„Es wird dir gefallen“, flüsterte er und ging dann ein paar Schritte voraus, sodass ich sein Gesicht nicht sehen konnte.

„Meto! Jetzt sag schon! Spann mich nicht so auf die Folter!“ Ich lief schneller, holte ihn ein und griff seinen Arm.

Er lachte. „Du bist ja richtig ungeduldig, Tsu!“

„Natürlich, wenn du vielleicht tauschen willst!“

„Du wirst schon sehen, was ich mir ausgedacht habe.“

 

In der Bahn war aus ihm wieder kein Ton mehr rauszukriegen, doch auf dem Heimweg versuchte ich es weiter, ihm sein kleines Geheimnis zu entlocken. Aber er kannte mich einfach zu gut, hielt komplett dicht und lachte über meine Ungeduld und Neugierde. Und so musste ich, ob ich wollte oder nicht, warten, bis wir zu Hause waren.

Doch auch dort verriet er mir zuerst nicht, was er vorhatte, sondern verschwand erst einmal im Bad, um sich auszuziehen und abzuschminken. Ich tat es ihm gleich und versuchte, währenddessen noch einmal herauszubekommen, was er denn nun vorhatte.

 

Meto lächelte wieder nur, legte mir den Finger auf die Lippen und flüsterte: „Gleich, Tsu. Du kannst dich ja schon mal hinlegen, ich bin gleich bei dir.“

Ich war sowieso gerade fertig mit Abschminken, ging rüber ins Schlafzimmer und begann schon mal, mich auszuziehen. Da hatte ich also richtig geraten, mein Liebster hatte irgendwas Verführerisches vor. Na ja, das war bei uns beiden auch wenig verwunderlich. Mein Herz klopfte schneller vor Spannung und Vorfreude und ich stellte mir alles Mögliche vor, dachte dabei an das Buch, das ich heute in dem Laden im Rotlichtviertel gekauft hatte.

 

Wo war dieses Buch eigentlich geblieben? Ich konnte mich nicht erinnern, es ins Regal gestellt zu haben. Nur mit meinen Shorts bekleidet, ging ich zurück auf den Flur und sah die diskret dunkelblaue Plastiktüte des Ladens neben meinen noch immer ein wenig nassen schwarzen Schuhen stehen. Da war das Buch also! Ich hatte es nicht mal aus der Tüte genommen.

Ich stellte es noch schnell ins Regal, ging dann ins Schlafzimmer zurück und legte mich aufs Bett.

 

Es dauerte noch eine Weile, bis Meto in Unterwäsche aus dem Bad kam, und ich fragte mich, was da jetzt so lange gedauert hatte.

„Jetzt sag mir aber auch mal, was du vorhast“, sagte ich und richtete mich wieder halb auf, sah ihn erwartungsvoll an. Wenn er wirklich das plante, was ich mir dachte … Aber eigentlich war das unwahrscheinlich. Denn so, wie ich Meto kannte, hätte er dann mit mir darüber gesprochen, statt so ein Geheimnis darum zu machen. Nein, es musste irgendwas anderes, weniger Bedeutsames sein, was er jetzt mit mir tun wollte.

Meto lächelte und kam dann zu mir aufs Bett, küsste mich und flüsterte: „Was Schönes.“

„Sehr informativ“, lachte ich, küsste ihn zurück und sah ihn dann an. „Nein, mal ernsthaft, Meto, was wird das?“

 

Er merkte, dass ich langsam echt ein wenig ungeduldig wurde, und kam noch ein wenig näher, legte sich zu mir und schmiegte sich eng an mich.

„Also gut“, sagte er schließlich, „Ich hab mir gedacht, wir machen … ein bisschen so was, wie du dir gewünscht hast.“

Ich wusste sofort, was er meinte, und fragte: „Ein bisschen? Wie meinst du das?“

„Na, ein bisschen eben. Den Anfang davon.“ Meto hob eine Hand, berührte meinen Hals und ließ seine Hand von da aus über meine Schulter runter auf meine Brust wandern, streichelte mein Tattoo und berührte dann meine Brustwarze, ließ seinen Finger darum kreisen. Ich seufzte wohlig und spürte, wie mich schon diese kleine Zärtlichkeit erregte, jede sanfte Berührung vonseiten meines Liebsten tat mir so unsagbar gut.

 

Ich zerrte mir die Shorts vom Leib, ehe sie noch enger wurden, Meto tat es mir gleich und schloss mich dann fest in seine Arme, um mich lange und liebevoll zu küssen. Ich drückte mich eng an seinen nun ganz nackten Körper, sein schon halb hartes Glied berührte meines und ich stöhnte in den Kuss, was Meto ein leises Lachen entlockte.

Er löste den Kuss, ließ mich los und richtete sich halb auf, um sich dann über mich zu beugen und meinen Oberkörper mit lauter süßen kleinen Küsschen zu übersäen.

 

Und obwohl das ganz sicher nur das Vorspiel zu dem war, was er eigentlich vorhatte, erregten mich diese zärtlichen Küsschen schon sehr. Ich bog ihm meinen Körper entgegen, verlangte wortlos nach mehr, wünschte mir, dass er meine Nippel küsste und mit meinen Piercings dort spielte. Er kannte mich gut genug, um bald zu wissen, was ich wollte, und er tat es, senkte seine süßen, weichen Lippen auf meine Brustwarze, küsste, leckte, saugte und ließ seine heiße Zunge mit dem Piercing spielen.

„Mmeto …“, kam mir sein Name schon ein wenig verwaschen über die Lippen, „Ohhh…“

„Das magst du richtig gerne, oder?“, fragte er liebevoll, um dann gleich weiter zu machen.

„Ohh … jaah …!“

 

Viel zu früh hörte er damit auf, legte sich wieder neben mich und rückte dann so weit hoch, dass er mit dem Rücken ans Kopfteil unseres Bettes lehnte.

„Tsu? Machst du jetzt auch für mich was, was ich mag?“, fragte er mit einem kleinen Lächeln.

Ich drehte mich ganz zu ihm um, sah ihn an und fragte zurück: „Was möchtest du denn?“

„Das … was du letztens gemacht hast …“ Jetzt stieg ihm doch wieder ein sichtbarer Rotschimmer in die Wangen. Ich fand es so süß, wenn er rot wurde. Es zeigte, dass er immer noch viel unschuldiger als ich an die Sache ranging.

Ich lächelte anzüglich. „Du meinst ‘nen Blowjob?“

Meto nickte, immer noch mit diesem süßen Rot auf den Wangen. „Ja. Das war schön.“

 

Ich richtete mich auf, schob seine Beine sanft auseinander und kniete mich so dazwischen, dass ich mich nur runterbeugen musste, um mit den Lippen sein Glied zu berühren. In dieser Position, streichelte ich es, bis es ganz hart wurde, und setzte dann kleine Küsse auf die zarte, nach ihm schmeckende Haut. Als ich seinen erregten Pulsschlag unter meinen Lippen spürte, schlug mein eigenes Herz ebenso schneller und ließ meine Erregung ein wenig pochen.

Und obwohl ich Meto ja mit dem, was ich jetzt tat, noch nicht zum Kommen bringen wollte, konnte ich nicht anders, als seine lustgerötete Eichel zwischen meine Lippen zu nehmen und seinen heißen, in diesem Moment austretenden Lusttropfen abzulecken. Es schmeckte zwar bitter, doch das Gefühl dazu war süß, so süß! Ich schluckte, nahm es in mich auf, und löste dann meine Lippen vom Glied meines Liebsten, rückte hoch bis zu seinem Gesicht und hauchte einen zarten Kuss auf seinen Mund, wusste, dass er jetzt sich selbst an meinen Lippen schmecken konnte.

Er sah mich mit diesem einen Blick an, wie er mich immer ansah, wenn ich solche Dinge tat, die er sich selbst nicht traute, die ihm aber trotzdem gefielen.

 

„Und?“, fragte er leise. „Möchtest du, dass ich mal den Anfang versuche?“

Ich stellte es mir vor, wie er mit mir dasselbe tat wie ich sonst mit ihm, fragte mich, wie es sich wohl anfühlte, wenn er mich erst mal nur vorbereitete, und spürte ein neugieriges, erregtes Kribbeln im Bauch.

„Ja, will ich“, antwortete ich und erhob mich, um mich dann wieder richtig hinzulegen.

Meto stand ebenfalls kurz auf, griff in meine Nachttischschublade und nahm die Tube mit dem Gleitgel heraus, legte sich dann wieder zu mir, vor mich, so, dass ich ihn ansah. Er legte seinen Arm um mich, schob den anderen unter meine Taille und zog mich an sich, rutschte dabei ein Stückchen runter und hauchte einen Kuss auf mein Schlüsselbein, während seine Hände begannen, meinen Hintern mit Streicheleinheiten zu verwöhnen. Mein Herz schlug immer schneller und ich seufzte angetan, die Vorstellung dessen, was gleich kommen würde, erregte mich immer mehr.

 

Ich spürte, wie aufgeregt Meto war, fühlte seinen Herzschlag neben meinem, seine Körpermitte berührte die meine, und als seine Finger an meinem Hintern nach meinem Eingang tasteten, stöhnten wir beide auf. Ich, weil es so neu und anders war, weil ich niemals zuvor jemand anderes Finger dort gespürt hatte, und er, weil es auch für ihn neu war, er es noch nie bei jemand anderem getan hatte.

Er nahm sich die Tube mit dem Gleitgel, tat sich etwas davon auf die Finger und machte weiter, verteilte dabei etwas davon um meinen Eingang. Es fühlte sich erst doch ein wenig merkwürdig an, doch ich war so erregt, dass ich mich schnell daran gewöhnte.

 

Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen, spürte den heißen Körper an meinem und das Tasten um mein Loch herum, und hörte Metos leise Stimme: „Entspann dich, Tsuzuku.“ Ich hörte aus seinen Worten noch eine gewisse Unsicherheit heraus, vielleicht wusste er noch nicht ganz sicher, was zu tun war, und so antwortete ich, ebenso leise: „Weißt du, was du tun musst? Mach einfach dasselbe mit mir, was ich sonst immer mit dir mache.“

„Genau dasselbe?“, fragte er.

Ich nickte, woraufhin er noch ein Stückchen runter rutschte und begann, meine Brust und meine Nippel zu küssen und vorsichtig zu saugen. Sollte ich eben noch nicht richtig entspannt gewesen sein, so war ich es jetzt ganz sicher. Ich fühlte mich wie Butter in der Sonne, zerging geradezu unter seinen zärtlichen, süßen Berührungen, seufzte erregt, und stöhnte, als Metos Finger vom Tasten zum Eindringen übergingen und noch etwas zögerlich begannen, mein Inneres zu erkunden und meinen Eingang weiter zu dehnen.

Die erregten Laute, welche sich zunehmend lauter von meinen Lippen lösten, ermutigten ihn, immer weiter zu machen, und ich spürte, wie es ihm gefiel.

 

Kurz kam mir der Gedanke, dass er durch sein Tun jetzt mehr zum Mann wurde und ein Gefühl entdeckte, das er bisher nicht gekannt hatte. Ich hatte jedenfalls das Gefühl, dass wir nun ein bisschen mehr gleichauf waren und er sich ein wenig aus der ‚Frauenrolle‘ löste, in die ich ihn mehr versehentlich gedrängt hatte.

Doch es erschien mir nicht so, als würde ich diese Rolle nun übernehmen müssen oder dergleichen. Viel mehr war es so, dass wir nun beide einfach Männer waren, die sich liebten und auch im Bett gleichberechtigt waren. Er war immer doch der Jüngere, der mit weniger Erfahrung, und der Süßere von uns beiden sowieso, aber eben mit der Möglichkeit, durchaus auch mal im Bett die Führung zu übernehmen. Und genau das hatte ich mir gewünscht.

 

Eine glühend heiße Lustwelle riss mich aus den Gedanken und ich spürte einen süßen, schwebenden Schwindel, hörte mich selbst laut aufstöhnen, es war fast schon ein Schrei. Ich wusste sofort, was es war, dass Meto jenen hocherregenden Punkt in mir gefunden hatte, den ich in ihm auch jedes Mal zu reizen suchte.

Er lächelte und strich dann wieder in mir über diese heiße Zone, ganz langsam, fast schon quälend, sodass ich nicht anders konnte, als wieder zu schreien. Mein ganzer Körper erbebte und ich war selbst überrascht, reagierte ich doch noch heftiger als Meto es tat, wenn ich dasselbe mit ihm machte. Möglicherweise war ich da empfindlicher.

 

„Lass … das!“, keuchte ich, vor meinen Augen tanzten weiße Punkte und ich fragte mich, soweit ich dazu imstande war, warum ich jetzt noch nicht gekommen war.

„Warum? Ist das zu gut?“

„Viel … zu gut …!“

„Soll ich aufhören?“, fragte Meto, klang dabei aber ganz ruhig.

Ich nickte, und er zog seine Finger aus mir zurück, küsste dabei sachte meine Brust und ließ seine Lippen auch über die Haut über dem Implantat streichen. In meinem Innern blieb ein seltsames Gefühl von Aufgewühltsein zurück, mein Glied pochte wieder und ich wünschte mir jetzt nichts weiter, als endlich von Metos Hand zu kommen.

Er rutschte wieder hoch, bis sein Gesicht vor meinem war, und küsste mich. Seine Hand war noch ganz glitschig vom Gleitgel, als er sie um mein Glied legte und dann liebevoll, aber bestimmt drückte. Ich stöhnte laut auf und ergoss mich in seine Hand, mein ganzer Unterleib zitterte und ich schloss wieder die Augen, genoss die heißen Lustwellen, die durch meinen Körper fluteten. Nur am Rande bekam ich mit, wie Meto sein Glied an meine Hüfte drückte und rieb, bis er ebenfalls mit einem tiefen Stöhnen kam.

 

Danach lag ich in seinen Armen, innerlich immer noch ein wenig schwebend, und ließ meine Gedanken auftauchen und wieder vorbeiziehen, fühlte mich ganz ruhig und entspannt.

„Tsuzuku?“, sprach Meto mich irgendwann leise an.

„Hm?“ Ich war schon fast weggedämmert und brachte nicht mehr heraus.

„Willst du … immer noch, dass ich … irgendwann … damit weitermache?“

Ich nickte, mir fielen schon die Augen zu.

„Und du willst das auch ganz sicher?“

„Jaah …“, antwortete ich schlaftrunken. „Hab ich dir doch gesagt.“

Meto bemerkte, dass ich schon fast schlief und fragte nichts mehr, küsste mich stattdessen auf die Stirn und zog mich an sich, sodass ich mich ganz von selbst an seinen warmen Körper kuschelte.

„Schlaf schön, mein Herz“, waren seine geflüsterten Worte, bevor ich in tiefen Schlaf sank.

 

Ich wachte wieder früh auf an diesem Morgen, ein Blick auf die Leuchtanzeige meines Weckers zeigte mir fünf Uhr zwanzig an. Tsuzuku lag immer noch nah bei mir, mein Arm unter der Decke auf seiner Seite, und als ich mich ein wenig an ihn kuschelte, kitzelten seine schwarzen Haare meine Nase.

Ich strich sie vorsichtig weg und fuhr dann mit den Fingern noch ein wenig hindurch, sie fühlten sich ganz glatt und weich an, gesünder als meine eigenen, die ich ja auch mit Bleichen und Färben traktierte. Obwohl ich selbst meine Haare am liebsten kurz trug, fand ich es wunderschön, dass Tsuzukus Haare ihm bis auf die Schultern reichten und ich so die schwarzen Strähnen durch meine Finger gleiten lassen konnte.

 

Ich streckte mich, bis ich mit der anderen Hand den Lichtschalter erreichen konnte, und machte Licht an, sodass ich das Gesicht meines Schatzes sehen konnte. Er sah so lieb und weich aus, wenn er so friedlich schlief, und ich konnte nicht anders, als ihn ganz vorsichtig und zärtlich auf seine wundervollen, süßen Lippen zu küssen. Tsu gab im Schlaf einen leisen Laut von sich und schmiegte sich enger an mich, so als träumte er gerade von mir.

„Ich liebe dich“, kam es mir leise über die Lippen, und am liebsten wollte ich ihn wieder küssen, aber andererseits wollte ich ihn ja nicht wecken, also ließ ich es. Ich blieb einfach so liegen und wartete, hing derweil meinen eigenen Gedanken nach, die sich vor allem um Tsuzuku und mich drehten.

 

Ich dachte an die vorletzte Nacht, an Tsus rätselhaften Schmerzanfall, der bei mir einen bleibenden Eindruck von Angst und Hilflosigkeit hinterlassen hatte. Zu sehen, wie mein liebster Mensch auf der Welt solche Schmerzen hatte, und wie er dann sogar davon ohnmächtig geworden war, hatte mir ebenfalls sehr wehgetan. Ich hatte wieder furchtbare Angst um ihn gehabt.

Bis zum Eintreffen der Ärztin und ihrer beruhigenden Diagnose, dass körperlich gesehen mit Tsuzukus Herzen alles okay war, hatte ich befürchtet, dass er vielleicht an derselben Krankheit litt wie seine Mama. Es war zwar nicht das erste Mal gewesen, dass Tsuzuku scheinbar sehr nah an der Grenze zwischen Leben und Tod gestanden hatte (ich konnte mich noch gut an die Zeit erinnern, als wir uns gerade erst kennen gelernt hatten und er oft gesagt hatte, dass er nicht mehr leben wollte), aber da das letzte Mal, dass er vom Sterben gesprochen hatte, so lange her war, war es doch ein ziemlicher Schock gewesen.

Und als er plötzlich ohnmächtig geworden war, hatte ich ganz kurz gedacht: „Was, wenn er jetzt …?“

Ich hatte dann sofort die Notrufnummer gewählt, mit zitternder Stimme und stockenden Worten unsere Adresse genannt und versucht, möglichst genau zu beschreiben, was los war.

 

Ich sah Tsu an, wie er immer noch tief schlafend neben mir lag, und auf einmal hatte ich wieder große Angst um ihn. Was, wenn es irgendwann noch schwerer wurde, das alles? Wenn dieses Ungeheuer Borderline in ihm noch größer wurde und ich ihm nicht mehr helfen konnte? Wenn es irgendwann nicht mehr ausreichte, ihn in meinen Armen zu halten, zu küssen und meine Hand auf sein Herz zu legen? Wenn ich nichts mehr tun konnte?

Mir blieb nichts, als zu hoffen und zu beten, dass es nicht schlimmer wurde, und dass Tsuzuku sich doch, falls er abstürzte, professionelle Hilfe suchen würde. Aber ich wusste, dass ich ihn dazu nicht zwingen konnte.

 

Wieder spürte ich diese Last auf meinen Schultern, die Verantwortung, für ihn da zu sein und mich um ihn zu kümmern. Ich wusste, ich war nicht ganz allein damit, da war auch noch Koichi, und Tsu hatte außerdem noch Hitomi, aber mir war klar, dass ich derjenige war, von dem er emotional am abhängigsten war. Er liebte mich wahnsinnig und obwohl sich das sehr, sehr schön anfühlte und mich glücklich machte, war da eben doch diese schwer wiegende Verantwortung.

Seine Angst davor, verlassen zu werden, verstärkte das noch. Ich fragte mich, woher diese Angst eigentlich kam. So, wie er das sagte, hing sie direkt mit der Tatsache, dass er krank war, zusammen, damit, dass er fürchtete, seine Art und sein Wesen könnten mir zu viel werden. Und obwohl ich mir sicher war, dass ich, auch wenn es ihm schlechter ging, nicht von seiner Seite weichen würde, konnte ich ihm diese Angst nicht nehmen.

 

Als ich Tränen in meinen Augen spürte, war mir klar, dass ich ganz schnell ein anderes Thema für meine Gedanken finden musste. Vorsichtig löste ich mich von Tsu und stand auf, zog mir Shorts und mein Schlafanzughemd an und ging vom Schlafzimmer in die Küche, wo ich mir einen starken Kaffee kochte und dann mit der Tasse in der Hand auf meinem Platz am Tisch saß.

 

Bemüht, mit meinen Gedanken nicht wieder an die schmerzhaften Dinge und die Angst zu rühren, dachte ich an gestern Abend, als mir beim Tanzen mit Tsuzuku die Idee gekommen war, das, was wir dann ja auch getan hatten, zu versuchen. Erst einmal nur den Anfang des sexuellen Positionstauschs zu wagen, den er sich ja so wünschte.

Es hatte mir gefallen, ihn vorher ein bisschen auf die Folter zu spannen, und ihn dann so zu verführen, wie er es am liebsten hatte. Nur, dass es dieses Mal eben nicht darin geendet hatte, dass er mich nahm, sondern dass ich zum ersten Mal erlebt hatte, wie es war, selbst den dominanteren Part zu übernehmen. Und dieser Part hatte mir so für den ersten Versuch doch recht gut gefallen. Es war noch ein wenig ungewohnt, doch irgendwas daran löste in mir schon beim Gedanken ein leises, angenehmes Kribbeln aus.

 

Ich erinnerte mich an das starke Herzklopfen, das ich verspürt hatte, und an Tsuzukus erregten Reaktionen, besonders daran, wie er reagiert hatte, als ich jene süße Stelle in seinem Innern entdeckt hatte, von der ich von mir selbst wusste, dass eine Berührung dort eine heftige Lustwelle auslöste. Er hatte darauf noch heftiger reagiert als ich und ich hatte gespürt, wie es ihm fast zu viel geworden war, noch kurz bevor er das auch gesagt hatte.

Aber es hatte ihm anscheinend gefallen, so, wie er danach gewirkt hatte. Entspannt und müde und zufrieden, weil wir endlich den Anfang dessen gemacht hatten, was er sich wünschte.

 

Und noch ein anderer Gedanke schwirrte jetzt in meinem Kopf herum: Ich hatte vorher gar nicht gewusst, dass mir doch irgendwie ein Teil meines Männlichkeitsgefühls gefehlt hatte. Wie denn auch, wenn ich doch bisher nie den männlicheren Part einer Beziehung so inne gehabt hatte.

Doch jetzt fühlte ich mich in Bezug auf mein Liebesleben so, als sei ich durch diesen kleinen Anfang doch ein wenig mehr erwachsen und mehr zu einem ‚richtigen Mann‘ geworden. Der Gedanke fühlte sich noch ein wenig seltsam an, und mir wurde klar, dass ich doch irgendwie ziemlich die Frauenrolle gespielt hatte.

 

Draußen wurde es langsam heller und ich blieb noch eine Weile in der Küche sitzen, trank meinen Kaffee und dachte über meine eigene Vorstellung von Männlichkeit und meine Orientierung nach, darüber, wie ich mich eigentlich als Mann sah, der ich ja nun mit meinen zwanzig Jahren war.

Ich hatte schon recht früh gemerkt, dass ich ausschließlich auf Männer stand, dass Frauen für mich nur gute Freundinnen waren und ich mir sexuelle Dinge nur mit einem anderen männlichen Wesen vorstellen konnte.

Doch lange Zeit hatte ich mich wegen meiner Sprachprobleme nicht getraut, mit einem eine Beziehung anzufangen, und es war auch keiner da gewesen, mit dem ich mir so etwas hätte vorstellen können. Irgendwo hatte ich auch gewusst, dass ich für eine dauerhafte Beziehung ein enges Vertrauen zu jemandem brauchte. Nur war ich ja damals noch davon ausgegangen, dass Tsuzuku, mein liebster, bester Freund, hetero wäre, weshalb ich gar nicht daran gedacht hatte, dass er der Richtige für mich sein könnte.

Dann war da MiA gewesen, der mir Ablenkung und ein bisschen Ruhe vor Tsuzukus Problemen geboten hatte, und von dem ich mir gewünscht hatte, dass er vielleicht der Richtige war.

 

Der Richtige. Die perfekte, oder zumindest fast perfekte Beziehung, in der man sich angekommen und angenommen fühlte, und in der es einfach passte. Ich hatte das bestimmte Gefühl, dass das zwischen Tsuzuku und mir genau das war und dass er das genauso empfand. Immer, wenn er mich seinen ‚Liebsten‘ nannte, mich so lustvoll und sehnsüchtig küsste und ganz fest umarmte, spürte ich es, wie sehr er mich liebte, und dass er mich so annahm, wie ich war.

 

Ich trank den Kaffee aus und ging dann ins Schlafzimmer zurück, wo Tsuzuku immer noch schlafend halb unter der Decke lag, und ich legte mich wieder zu ihm, um ihn ganz langsam und liebevoll zu wecken. Ich schmiegte mich eng an seinen schmalen, warmen Körper, küsste seinen Hals und seine Schulter, und berührte schließlich seine süßen, leicht dunklen Nippel, die von der Kühle im Raum hart waren und sich ein wenig röteten, als ich sie zärtlich streichelte.

„Mhh… Meto …“, seufzte er schlaftrunken, die Augen noch geschlossen.

Ich beugte mich über ihn und küsste seine weichen Lippen, leckte dabei zärtlich über seine Unterlippe und hauchte: „Guten Morgen, mein Herz.“

„Mach weiter … das ist schön …“

„Sicher?“, fragte ich. „Ich meine, wir müssen doch heute beide arbeiten.“

Tsuzuku öffnete die Augen, legte seine Arme um mich und drehte uns dann mit einem Mal beide herum, sodass er auf mir lag. „Aber bis dahin ist doch noch Zeit, oder?“, schnurrte er in mein Ohr.

 

Ich blickte zur Seite, der Wecker zeigte jetzt sechs Uhr fünfzehn an. Sollten wir? Jetzt noch so etwas wie Sex zu tun, was mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, war das richtig?

„… Es sei denn, du möchtest nicht?“, fragte Tsu und sah mich an. Ich versuchte, in seinen dunklen Augen zu lesen, ob er, sollte ich jetzt ‚Nein, ich möchte nicht‘ sagen, enttäuscht sein würde.

„Wir können doch auch mal einfach nur ein bisschen kuscheln, oder?“, fragte ich.

Tsuzuku lächelte. „Na klar können wir das.“

 

Und so taten wir jetzt nichts anderes, als uns zu umarmen und zu küssen, wobei Tsu es sich jedoch nicht nehmen ließ, mein Schlafhemd aufzuknöpfen und mein von ihm so geliebtes Tattoo-Baby zu streicheln und mit kleinen Küsschen zu übersäen.

Im Gegenzug verwöhnte ich ein bisschen seine Nippel, wohl wissend, wie sehr er das mochte und dass ich ihn damit sehr schnell erregen konnte. Als er selbst merkte, dass es ihn nur allzu geil machte, hielt er meine Hand fest und lenkte meine Aufmerksamkeit auf seine Seiten und seinen Rücken, wo ich ihn weiter streichelte, und ihn dann ganz fest und liebevoll umarmte.

Ich spürte Tsuzukus Herzschlag, seine Atemzüge, seine glatte, warme Haut an meiner, und wollte ihn am liebsten nie wieder loslassen. Immer bei ihm bleiben, jede Dunkelheit aus seinem Herzen vertreiben und ihn spüren lassen, wie sehr ich ihn liebte.

Er genoss meine Nähe ebenso und ich spürte, dass er jetzt gerade, in diesem Moment, vollkommen entspannt war, und verliebt bis in die Haarspitzen.

 

Eine ganze Weile blieben wir so eng zusammen liegen, ohne ein Wort, einfach nur so, und unser beider gleichmäßiger Herzschlag ließ uns fast wieder einschlafen. Doch dann bewegte Tsu sich, hob den Kopf und küsste mich.

„Hab ich dir heute eigentlich schon gesagt, dass ich dich liebe?“, fragte er lächelnd.

Ich schüttelte, ebenfalls lächelnd, den Kopf.

Tsuzukus dunkelbraunen Augen leuchteten glücklich, als er ein leises „Ich liebe dich, Meto“ gegen meine Lippen hauchte. Irgendetwas blitze in ihnen auf, ein Gedanke oder eine Idee, die ihn offenbar sehr glücklich stimmte.

 

„Weißt du, was wir heute Nachmittag nach der Arbeit machen?“, fragte er mich dann.

„Was denn?“

„Wir kaufen Farbe und dann machen wir dieses Zimmer hier mal schön. Ich kann diese weißen Wände nicht mehr sehen.“

„Und welche Farben nehmen wir?“, fragte ich, obwohl wir das ja schon irgendwann mal besprochen hatten.

„Ich dachte an Rot und Schwarz. Oder hättest du gern was anderes?“

Ich erinnerte mich kurz an den Mietvertrag, ob es darin erlaubt war, die Wände mit solchen starken Farben zu streichen. „Ich weiß nicht …“, sagte ich. „Ist das überhaupt erlaubt?“

„Sind doch unbemalte Tapeten drauf. Sollten wir hier jemals wieder ausziehen, reißen wir einfach die Tapeten von den Wänden, dann ist die Farbe mit weg.“ Tsuzuku grinste. „Also, willst du Rot und Schwarz, oder was anderes?“

„Eine schwarze Wand erschlägt einen doch, oder?“, fragte ich.

„Dann machen wir Rot mit irgendwelchen schwarzen Mustern drauf, wie wäre das?“

Ich nickte. Tsuzuku war eh nicht mehr von seiner Farbwahl abzubringen und seine Motivation war auch irgendwie ansteckend.

„Aber erst mal gehen wir heute Vormittag arbeiten“, sagte ich. „Irgendwo muss ja das Geld für so was herkommen.“

 

Aufstehen, duschen, anziehen und schönmachen ging dann doch recht schnell, und als ich zum Frühstücken in die Küche kam, stand Tsu schon mit einer Zigarette am Fenster.

„Hast du schon gegessen?“, fragte ich.

„Hab keinen Hunger.“

Es war schon seltsam. Eben war er noch so gut drauf gewesen, und jetzt stand er da, schaute aus dem Fenster und rauchte, statt zu essen. Doch er wirkte gar nicht so wirklich traurig. Viel mehr sah es so aus, als hätte er einfach keinen Antrieb, etwas zu essen.

„Komm, Tsu“, sagte ich und hielt ihm meine Schale mit kaltem Reis hin. „Iss ein bisschen was, für mich, bitte.“

 

Er sah mich erst einfach nur an, dann huschte ein kleines Lächeln über sein Gesicht. Er drückte die Zigarette aus, kam auf mich zu, hockte sich vor mich hin und machte den Mund auf, wie ein Vogelküken, das gefüttert werden wollte. Ich nahm ein bisschen Reis zwischen die Stäbchen und schob es ihm in den Mund, musste dabei lächeln, weil er, um die Niedlichkeit perfekt zu machen, ganz große Augen machte.

„Braves Tsu“, grinste ich. „Und nochmal …“

Wir spielten dieses Spiel noch ein wenig weiter, wobei Tsu immer mehr auf niedlich machte. Ich war ein bisschen überrascht, weil diese Seite von ihm nur selten zu sehen war, aber irgendwie passte das auch zu ihm, zu seiner Gegensätzlichkeit. Als er dann anfing, Geräusche zu machen, die sich sehr nach einer kleinen Katze anhörten, musste ich aber so lachen, dass mir fast die Essstäbchen aus der Hand gefallen wären.

„Und du willst mir erzählen, dass du nicht süß bist?“, lachte ich.

Er zuckte nur mit den Schultern, lächelte wieder.

 

Ich legte die Stäbchen weg, Tsu stand wieder auf und schloss das Fenster. Während ich den Tisch abräumte, ging er schon mal zur Tür und zog seine Schuhe an. Ich folgte ihm kurz darauf und wir gingen dann zusammen raus in Richtung Bahnstation.

Auf dem Weg hielt Tsuzuku meine Hand und so spürte ich deutlich, dass er sich gerade durchweg gut fühlte. Und als er plötzlich stehen blieb, mich spontan umarmte und küsste, da hatte ich das Gefühl, dass heute ein guter Tag wurde.

 

„Sag mal, Meto …“, begann er dann, als wir weitergingen, „… wovon bezahlen wir nachher die Farbe und das alles eigentlich?“

Ich dachte an mein Bankkonto, auf das ich zurzeit immer noch Geld von meinen Eltern bekam. Da war bestimmt noch genug drauf, dass wir davon zwei Eimer Farbe, und was man sonst noch so brauchte, kaufen konnten.

„Du hast noch keinen Lohn bekommen, oder?“, fragte ich noch mal nach.

Tsu schüttelte den Kopf. „Nein. Und eigentlich wollte ich den auch für das neue Tattoo ausgeben.“

„Na, was willst du zuerst haben? Rot-schwarze Schlafzimmerwände oder ein neues Tattoo?“, fragte ich. „Da musst du dich entscheiden.“ Ich lachte, denn so ganz ernst gemeint war das nicht. Natürlich war ich als der finanzkräftigere von uns beiden bereit, den größten Teil unserer spontanen Schlafzimmer-Streichaktion zu bezahlen.

„Ach man, was soll denn das?“, seufzte Tsu.

„Hey, das war ‘n Scherz. Ich bezahl die Farbe, wer sonst?“

 

Wir erreichten die Bahnstation und setzten uns auf eine der Bänke, warteten, bis die nächste Bahn in die Innenstadt kam. Tsuzukus Hand lag wieder auf meinem Bein, liebevoll und zugleich besitzergreifend, deutlich machend, dass er und ich zusammen gehörten. Er sah mich an und in seinen dunklen Augen leuchtete etwas auf, so als ob ihm wieder eine schöne Idee kam, die irgendwie mit mir zu tun hatte. Jetzt, in diesem Moment, hatte er bestimmt keine Angst, dass ich ihn allein lassen könnte.

 

Auf dem Bahnsteig wurden es immer mehr Menschen und ich spürte ab und an einen irritierten oder abfälligen Blick auf uns. Hoffentlich, so wünschte ich es mir von ganzem Herzen, fühlte Tsu sich gerade gut und stark und sicher, sodass ihm diese Blicke nichts anhaben konnten. Dass seine Hand auf meinem Bein liegen blieb, er sie nicht zurückzog, sprach jedenfalls dafür, dass er gerade keine Angst vor den Blicken der Leute hatte.

 

Als die Bahn einfuhr, stand er mit einem Ruck auf, umarmte mich noch einmal und stieg dann ein, sah mich noch durch ein Fenster an, als die Bahn schon losfuhr, und formte seine Lippen zu einem Kussmund.

‚Hoffentlich bleibt er heute so glücklich‘, dachte ich, und dann: ‚Wird es immer so sein, dass seine Stimmung so sehr schwankt und ich immerzu hoffen muss?‘

Kurz darauf kam auch meine Bahn und auf dem Rest des Weges zu meiner Arbeitsstelle musste ich daran denken, wie Tsu früher auf der Straße gewesen war. Manches war jetzt ja viel besser, anderes schien schlimmer zu werden. Oder einfach irgendwie anders. Ich war froh, dass er nicht mehr ganz so kaputt war wie damals, als ich ihn kennen gelernt hatte, denn das war auch für mich, der ich ihn sofort gern gehabt hatte, eine schwere Zeit gewesen.

 

Ich kam recht nachdenklich im Café an, und Koichi, der schon da war, bemerkte das sofort, als wir zusammen in der Umkleide waren.

„Na, Meto-chan, woran denkst du?“, fragte er.

„Wegen Tsu … ihm geht heute grad sehr gut … aber ich hab dann so Angst, dass … er einfach so wieder … abstürzt“, antwortete ich leise und begann, mich umzuziehen.

„Hm …“, machte Koichi und setzte sich neben mich. „Kommt das denn öfter vor?“

„Ab und zu. Einen Moment … ist er total gut drauf und dann … na ja, weißt du ja. Und weil ich jetzt weiß, wie man das nennt und was das ist … Es wird immer so sein, oder?“ Ich spürte, wie ein kleiner, fieser Zweifel in mir hochkam, eine gemeine Angst davor, dass Tsuzukus größte Angst sich bewahrheiten und ich ihn wirklich irgendwann nicht mehr aushalten würde.

 

„Meto, ich denke mal, solange wir beide bei ihm sind, wird’s nicht arg schlimmer werden“, sagte Koichi. „Wir sind doch genau das, was Tsuzuku am meisten braucht. Du bist nicht allein mit ihm, ich bin auch noch da, und Tsu hat ja jetzt noch Hitomi.“

„Aber … weißt du, vielleicht… wir mal so richtige… Hilfe brauchen ... Und das will er nicht. Er absolut nicht …ins Krankenhaus will…“

„Weißt du, warum er nicht will?“

„Er sagt, …will nicht so… unter Kranken sein. Dass… Angst hat, dann sein letztes bisschen Normalität  verliert und völlig durchdreht.“

„Okay, das kann ich irgendwie verstehen“, sagte Koichi und knöpfte dabei die Weste seiner Uniform zu. „Wenn man den falschen Psychiater erwischt, kann das übel schiefgehen.“

 

Die Arbeit lenkte mich dann aber ganz gut von der Sorge um meinen Freund ab. Ich hatte alle Hände voll zu tun damit, stumm die Mädchen im Café zu bespaßen, Essen zu servieren und immer wieder für Fotos bereitzustehen. Ein bisschen überfordert und ungeübt war ich zwar immer noch, aber ich kam zurecht und Koichi half mir auch, wo er konnte. Er ging richtig auf in seiner Arbeit und ich hatte den Eindruck, dass er sich aus seiner Traurigkeit der letzten Tage rausgekämpft hatte.

 

„Geht dir besser, Ko, oder?“, fragte ich, als wir in der Pause im Hinterhof standen.

Koichi zündete sich eine Zigarette an und nahm einen Zug, dann antwortete er: „Ja, alles wieder so weit gut.“ Er schwieg einen Moment, lächelte und sagte dann: „Mikan und ich, wir sind jetzt so was wie zusammen.“

„Echt? Also, so ein … richtiges Paar?“, fragte ich erstaunt, denn ich hatte nicht gedacht, dass das so schnell gehen würde.

„Na ja, so ganz und gar klar ist es noch nicht. Aber wir sprechen darüber und wir küssen uns. Das ist doch schon was, oder?“

„Schön ist das!“ Ich lächelte. Es freute mich sehr für Koichi, dass er nicht mehr so einsam war und dass Mikan ihn jetzt anscheinend auch als vollwertiges männliches Wesen ansah. Das hatte ihn offenbar doch sehr gekratzt, dass ihn die Mädels als ‚halbe Frau‘ angesehen und auch irgendwie so behandelt hatten.

 

In dieser Pause rauchte ich mal wieder eine einzelne Zigarette mit, hatte irgendwie Lust darauf. Ich wusste, ich konnte mich glücklich schätzen, dass ich nicht immer rauchen musste, sondern es die längste Zeit über sein lassen konnte.

Tsuzuku war da ja ganz anders, er war so ziemlich abhängig und konnte nicht ohne seine Zigaretten klarkommen. Ich konnte mich noch gut erinnern, wie ich ihm damals im Akutagawa-Park fast jeden Tag ein Päckchen mitgebracht hatte. Inzwischen rauchte er weniger als damals, vielleicht vier oder fünf am Tag, aber aufhören würde er bestimmt nicht.

 

„Sag mal, wie geht’s Tsu?“, fragte Koichi mich. „Also, so allgemein?“

Und da erst fiel mir ein, dass Koichi vielleicht noch gar nichts von dem schlimmen Schmerzanfall wusste, den Tsu letztens gehabt hatte. Ich traute meinem Freund zu, dass er diese Sache vor Koichi verschwiegen hatte, aber irgendwie fand ich, dass dieser darüber Bescheid wissen sollte.

„Tsu dir erzählt hat, … was vorletzte Nacht war …?“, fragte ich deshalb.

„Nein. Was war denn?“

„Er… so ‘ne Art schlimmen Schmerzanfall… hatte. Irgendwie… Albtraum oder so …, und dann …aufgewacht und… Herz tat ihm sehr weh. Er ist richtig …ohnmächtig geworden… von den Schmerzen. Ich hab… Notärztin gerufen, aber die… hat keine körperliche …Ursache gefunden …“

„Oh Gott …“, entfuhr es Koichi, er schlug sich die Hand vor den Mund vor Schreck. „Warum sagt er mir so was nicht?“

„Wahrscheinlich, damit… dir keine Sorgen machst… Kennst ihn doch, so ist er.“

 

Koichi nickte mechanisch, und ich fragte mich, ob es nicht doch falsch war, dass ich ihm das jetzt erzählt hatte. Er schien ziemlich schockiert zu sein.

„Und ist er wenigstens deswegen mal im Krankenhaus gewesen?“, fragte er dann.

„Nein, noch nicht. Weil … die Ärztin hat gesagt, dass … halt psychosomatische Ursache sein kann … und Tsu will halt nicht … in Klinik über … na ja, Borderline und das alles reden …“

„Hm … Ach man, warum muss das auch immer alles so schwer sein?“, seufzte Koichi.

Ich zuckte mit den Schultern, wusste ja auch nicht, warum.

„Wir beide müssen gut auf Tsuzuku aufpassen“, sagte er dann. „Anscheinend weiß er mal wieder vor lauter Angst nicht mehr, was gut für ihn ist.“

 

Wir gingen beide wieder an die Arbeit und machten bis Mittag durch, dann hatte ich Schluss, während Koichi noch bis abends zu tun hatte. Wenn er nicht noch zu arbeiten gehabt hätte, hätte ich ihn gefragt, ob er Tsu und mir beim Streichen unseres Schlafzimmers helfen wollte, aber so musste ich jemand anderes fragen. Und darum meldete ich mich, als ich auf dem Heimweg war, nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder bei Haruna. Sie war anscheinend wieder mal im Akutagawa-Park, denn ich hörte im Hintergrund das Rauschen der Bäume und das Reden der anderen.

„Hey, Meto! Gibt’s dich auch noch?“, fragte sie und lachte.

Ich nickte, dann fiel mir wieder ein, dass sie das ja am Telefon nicht sehen konnte, und ich brachte ein leises „Ja“ raus.

„Du und Tsuzuku, ihr fehlt hier ein bisschen bei uns im Park. Will er immer noch nicht wieder herkommen?“, fragte Haruna.

„Nein … Aber Hanako und du, ihr … gerne zu  uns … kommen könnt. Darum … ich anrufe, weil … Tsu und ich … das Schlafzimmer streichen wollen … heute.“

„Und da braucht ihr Verstärkung, ja?“ Haruna lachte wieder.

„M-hm.“

„Okay, wann sollen wir da sein?“

„Irgendwann … heute Nachmittag. Tsu und ich … noch erst die Farbe kaufen müssen.“

„Also so um drei oder so?“

„Ja, … drei is gut.“

„Alles klar, ich sag Hana und Yami Bescheid, dann treffen wir uns beim Baumarkt, okay? Dann können wir euch gleich schleppen helfen.“

 

Als ich zu Hause angekommen die Wohnungstür aufschloss, schallte mir laute Musik entgegen. Dir en grey, Raison d‘être. Ich schaute ins Schlafzimmer und sah Tsuzuku bäuchlings auf dem Bett liegen, er hatte meine Musikanlage auf den Boden gestellt und um ihn herum lagen eine Menge Zettel, Stifte und aufgeschlagene Bücher.

„Was machst du da?“, fragte ich laut gegen die Musik an.

„Siehst du doch“, antwortete er. „Ich schreibe wieder.“

„Und was schreibst du?“

Er stand auf, stellte die Musik etwas leiser und sagte: „Gedichte, Texte, alles, was mir so einfällt.“

Ich wusste, dass er früher mal Gedichte geschrieben hatte, doch ich hatte ihn noch nie direkt kreativ schreiben sehen. Und irgendwie, obwohl die Gedichte, die er jetzt schrieb, wahrscheinlich überwiegend dunkel und traurig waren, hatte dieses Bild von ihm, so umringt von Zetteln und Büchern, etwas Positives.

 

Auf der hellen Bettwäsche sah ich etwas liegen, das meine Aufmerksamkeit auf sich zog: Eine rote, runde Schachtel, eine von denen, die man im Juwelierladen bekam, wenn man ein Paar Ohrringe oder dergleichen kaufte. Hatte Tsuzuku sich irgendein neues Schmuckstück gekauft?

Er bemerkte meinen Blick und nahm die Schachtel in die Hand, doch statt sie zu öffnen und mir zu zeigen, was darin war, steckte er sie in die Tasche seines Kapuzenpullovers.

„Hast du schon Lohn bekommen und dir was gekauft?“, fragte ich.

„Ja, Kurata hat heute mal ausgezahlt. Ist nicht viel, reicht noch nicht für das Tattoo.“

„Und was hast du gekauft?“

„Siehst du noch früh genug“, sagte Tsu und lächelte. Er war immer gut drauf, wenn er ein schönes neues Teil erstanden hatte, aber das Leuchten, das jetzt in seinen Augen strahlte, war irgendwie ein bisschen anders als seine normale Freude über etwas neu Gekauftes. Und so fragte ich mich, was wohl in dieser kleinen, roten Schmuckschachtel steckte, dass es meinen Freund so glücklich stimmte.

 

Tsuzuku räumte die Schreibsachen weg, ich brachte die Musikanlage zurück ins Wohnzimmer und setzte mich dann in die Küche, um mal zu überlegen, was wir alles brauchten, um das Schlafzimmer schön zu machen.

„Meto, ich war vorhin kurz bei Dr. Matsuyama. Sie sagt, ich soll demnächst doch noch mal für Untersuchungen zu ihr kommen, EKG und so was“, sagte er auf einmal und öffnete dabei wieder das Fenster, um eine Zigarette zu rauchen.

„Und? Gehst du dann auch hin?“

„Wäre wohl besser, oder?“ Er zündete die Zigarette an und nahm einen Zug. „Und sie hat für mich bei einem Psychiater angerufen … Da weiß ich allerdings wirklich nicht, ob ich das will …“

„Eher nicht, oder?“, fragte ich.

„Nein … Wenn ich so dran denke, will ich das wirklich nicht.“

„Hast du ihr das gesagt?“

„Ja. Sie meinte auch, ich muss nicht sofort mit dem Psychiater sprechen. Aber … ich weiß ja selber, dass ich das irgendwann muss …“

„Rede da doch mal mit Hitomi drüber“, schlug ich vor. „Die kennt sich doch aus mit so was, da kann sie dir bestimmt sagen, was man da am besten sagt.“

„M-hm …“

 

Ich nahm mir Zettel und Stift und wechselte das Thema: „Also, wir brauchen Farbe und Pinsel und diese Malerrollen, Folie, um das Bett und den Schrank abzudecken und … was noch?“

„Dieses Klebeband aus Papier, was man ganz leicht wieder abkriegt, oder? Wenn wir auf dem Rot einen schwarzen Streifen haben wollen.“

Ich schrieb alles auf und sagte dann: „Haruna, Hanako und Yami warten beim Baumarkt auf uns. Dann müssen wir beide nicht alles allein schleppen.“

„Und Koichi muss arbeiten?“

„Ja, bis heute Abend.“

 

„Meinst du, wir schaffen das ganze Zimmer heute?“, fragte Tsu.

„Weiß nicht. Aber eigentlich schon, zu fünft müsste das zu schaffen sein.“

„Sonst schlafen wir halt eine Nacht im Wohnzimmer, ne?“ Tsuzuku grinste und fügte dann mit einem leicht anzüglichen Ton in der Stimme hinzu: „Das hat doch auch was Romantisches an sich.“

Ich lachte. „Wie du immer gleich an Sex denkst …“

„Ich bin verliebt, ich darf das.“

Ich stand auf und umarmte ihn, flüsterte in sein Ohr: „Ich auch.“ Das brachte mir einen besonders süßen Kuss ein und Tsuzukus Hand unter meinem Shirt an meinem Rücken.

„Heute lieb ich dich irgendwie ganz besonders“, flüsterte er zurück. „Ich will dich am liebsten gar nicht mehr wieder loslassen.“

Einen Moment blieben wir so stehen, eng umarmt und verliebt, und ich spürte geradezu, wie sich Tsu’s innerer Liebesspeicher auffüllte mit meiner Nähe.

 

„Wir müssen los“, sagte ich schließlich leise. „Komm, heute Abend kann ich dich noch viel mehr umarmen.“

Er löste sich langsam von mir, ich nahm die Liste vom Tisch und tat sie im Flur in meinen Rucksack, der sicher groß genug war, um Pinsel, Malerrollen und eine Rolle Folie unterzubringen. Die Eimer mit der Farbe würden wir so tragen müssen. Zum ersten Mal ärgerte ich mich, dass ich nie den Führerschein gemacht hatte und deshalb immer alles zu Fuß oder mit der Bahn erledigen musste.

„Sag mal, Tsu, hast du eigentlich früher mal Auto fahren gelernt?“, fragte ich ihn, während ich meine Schuhe anzog.

„Ich hab mal angefangen. Aber ich hatte immer Stress mit dem Fahrlehrer und dann halt keine Lust mehr. Außerdem hatten Mama und ich nicht das Geld für ein Auto.“

 

Wir machten uns auf den Weg zur Bahnstation, und Tsuzuku hielt wieder die ganze Zeit über meine Hand, ganz fest, sodass ich spürte, dass er wieder diese leise, gemeine Angst hatte, ich könnte ihn irgendwann verlassen. Ich drückte seine Hand, streichelte mit dem Daumen über seinen Handrücken und sah ihn ab und zu an, er sah nachdenklich aus.

Und als wir die Bahnstation erreichten, spürte ich, wie seine Hand mit einem Mal zu zittern anfing.

„Alles okay?“, fragte ich leise.

Er zuckte mit den Schultern. „Es ist nur … dieser Zwiespalt immer. Einerseits will ich mit dir auch öffentlich Händchen halten, aber … ich hab Angst vor den Blicken, die dann kommen.“

„Vergiss die Leute. Ignorier sie. Lass nicht zu, dass dich das kratzt“, sagte ich und lächelte leicht.

„Das sagst du so.“

„Versuch es mal. Sieh mal, ich falle auch auf, aber ich kann die Blicke ausblenden. Und ich glaube, das kannst du auch lernen.“

„Meinst du?“

 

Ich antwortete nicht darauf, denn in diesem Moment fuhr die Bahn ein, die wir nehmen mussten, um in das Industriegebiet am Stadtrand zu gelangen, wo es sicher auch einen Baumarkt gab. Die Fahrt ging einmal quer durch die Stadt, aber wir redeten in der Bahn nicht viel, Tsuzuku hing seinen eigenen Gedanken nach, und ich versuchte, im Kopf auszurechnen, wie lange wir zu fünft für das ganze Schlafzimmer brauchen würden, es zu streichen.

 

Von der Bahnstation war es ein ganzes Stück zu Laufen, bis wir vor der riesigen Industriehalle standen, über deren Tür in großen Zeichen der Name des Marktes stand. Davor, auf dem Boden an der Mauer, sah ich Haruna und Hanako sitzen, beide in denselben Klamotten wie im Park: Buntschwarz, zerrissen und auffällig, so, wie ich sie kannte.

Zuerst dachte ich, dass Yami vielleicht doch nicht mitgekommen war, aber dann kam sie um die Ecke, mit einer Tüte vom Schnellimbiss, der sich auf der anderen Straßenseite befand. Sie sah ebenfalls genauso aus, wie ich sie kannte, komplett in Schwarz und eine deutliche Spur abgerissener und ärmlicher als die beiden anderen. Anscheinend lebte Yami immer noch dort im Park unter der Brücke, im Gegensatz zu Haruna und Hana, die ja beide in richtigen Wohnungen lebten.

 

„Heeey, Meto“, rief Hanako und stand auf. „Hey, Tsu!“

Sie kamen alle drei auf uns zu und ich fühlte ein klein bisschen was von dem alten Akutagawa-Park-Gefühl, von dem Zusammenhalt dort. Es fühlte sich seltsam an, ich wusste nicht, ob ich noch wirklich dazugehörte oder nicht.

Haruna umarmte erst mich, dann Tsuzuku, und Yami lächelte nur leicht, blieb wie immer erst mal auf Abstand. Und irgendwie fragte ich mich auf einmal, was mit ihr eigentlich los war. Ich kannte sie kaum richtig, eben weil sie sich selbst immer eher aus Gruppen herauszog und Distanz hielt, aber anscheinend ließ sie sich von Haruna immer wieder überzeugen, Sachen mitzumachen. Ich wusste, ‚Yami‘, Dunkelheit, war ihr selbstgewähltes Pseudonym, und sie wirkte auch so, dass es zu ihr passte.

 

Als wir alle zusammen in den Markt gingen, sah ich aus dem Augenwinkel, wie Tsuzuku Yami ansprach, und hörte ihn fragen, wie es ihr ging. Ich ließ mich zwei Schritte zurückfallen und ging neben Tsu, hörte ein bisschen zu, was Yami sagte.

„Na ja, geht so … Letzte Woche war ich schlimm erkältet, deshalb war ich in der Unterkunft. Aber kennst du ja, Tsu, die vielen Menschen da machen einen wahnsinnig.“ Sie blickte zu Boden, dann griff sie an ihren Arm, strich über den löchrigen Stoff ihrer schwarzen Jacke. „… Sieht so aus, als ob ich ein bisschen deine Rolle bei uns im Park übernehme, Tsuzuku.“

„Wie jetzt, meine Rolle?“, fragte mein Freund, klang alarmiert.

Yami blieb stehen, blickte wieder nur zu Boden und sagte dann: „Na ja, mit dem Ritzen und so … Ich hab das jetzt auch ein paar Mal gemacht.“

Tsu sah ziemlich erschrocken aus, blieb ebenfalls stehen und sagte recht laut: „Hör damit auf, solange du noch kannst! Sonst kommst du nie wieder davon weg.“

Ich spürte, wie seine Stimmung umschlug und dann lief er voraus, zu Hana und Haruna, die schon auf der Suche nach dem Regal mit den Wandfarben waren.

 

„Jetzt ist er sauer auf mich, oder?“, fragte Yami mich leise.

„Nein…“, sagte ich. „Ist er nicht … Es ist nur … na ja, er da so tief drin steckt, in dieser… Borderline-Sache, deshalb… ihn regt das auf…“

„Also hat er das so richtig, Borderline?“

„Wahrscheinlich schon…“

Yami sagte nichts mehr dazu und wir gingen die anderen einholen.

Als wir an dem Regal ankamen, hörte ich Hanako fragen: „Schwarz? Echt jetzt, Tsuzuku, du willst die eine Wand schwarz streichen?!“

„Ja, will ich. Zwei Wände rot, zwei schwarz.“

„Das wird dann aber dunkel, euer Liebesnest …“, sagte Haruna.

„Ich mag‘s dunkel, das wisst ihr doch.“

„Und was sagt Meto dazu?“, fragte Hanako, dann sah sie mich und fragte mich direkt: „Meto, was sagst du dazu, dass Tsu die Wand bei den Fenstern  und die mit der Tür schwarz streichen will?“

 

Was sollte ich dazu sagen? Ich konnte mir das noch nicht so wirklich gut vorstellen, obwohl ich irgendwo doch das Gefühl hatte, dass es zum Bett, das ja auch rot und schwarz war, passen würde. Und ich wollte Tsuzuku nicht in seine Farbwahl reinreden, weil ich selbst keinen besseren Vorschlag hatte. Mein Zimmer zu Hause war hellblau und das war ja nun wirklich nicht seine Farbe.

„Meto, lass dich doch von Tsu nicht immer unterbuttern“, sagte Hanako. „Schließlich musst du auch in dem Zimmer schlafen.“

Das hätte sie mal lieber nicht gesagt. Tsuzuku, der sich gerade schon die Farbstreifen am Regal angeschaut und die Rottöne mit dem tiefen Lackschwarz verglichen hatte, fuhr mit einem Ruck herum und blitzte sie wütend an.

 

„Ich buttere ihn nicht unter! Wir haben die Farben zu Hause besprochen und da war Meto vollauf damit einverstanden, dass ich schwarz dabei haben will!“, widersprach er ziemlich laut. „Und wenn euch das nicht passt, dann machen wir das halt nur zu zweit!“

„Darum geht’s nicht, dass ich nicht mithelfen will oder so. Nur solltest du mal drauf achten, ob ihr beide wirklich zusammen Dinge entscheidet, oder ob du die Sachen einfach beschließt und Meto das dann nur mitmacht.“ Hanako wurde nun auch merklich laut, sodass sich schon die Leute am anderen Ende des Regals nach uns umdrehten.

 

„Ach ja?! Dann weißt du ja bestimmt auch, wie ich mit meinem Freund am besten umzugehen habe, oder?! Dass ich ihm ja so ein schlechter Freund bin und so weiter …! Sag mir doch auch noch, wie ich wieder gesund und normal werde, wenn du’s alles so genau weißt!“ Innerhalb von ein paar Augenblicken war Tsuzuku komplett auf hundertachtzig, so schnell, dass ich gar nicht richtig mitkam.

„Tsu…“, begann ich, doch er unterbrach mich, schrie mich geradezu an: „Sag’s mir, Meto, hab ich über dich hinweg entschieden?! Bin ich so ein unerträglicher, egoistischer Typ, dass ich keine ordentliche, gleichberechtigte Beziehung auf die Reihe kriege?! Ist das so offensichtlich, dass ich ‘n gottverdammter Borderliner bin?!“ Bei den letzten Worten sprangen ihm Tränen in die Augen, er drehte sich um und lief weg, nach draußen.

Hanako blickte ganz schockiert und betroffen zu Boden.

„Das wollte ich nicht“, sagte sie leise. „Echt nicht. Ich dachte nur …“

 

Ich drehte mich um und lief raus aus dem Markt, sah mich draußen suchend nach Tsuzuku um. Hoffentlich war er jetzt nicht zu weit weg gelaufen.

Ich fand ihn auf einem fast leeren Parkplatz, wo er mit hochgezogenen Knien auf einem Kantenstein saß. Schon von weitem sah ich an seiner Haltung, dass er weinte. Schnell lief ich zu ihm, setzte mich neben ihn und legte meinen Arm um seine Schultern.

„Fuck!“, fluchte er mit tränenerstickter Stimme. „Ich hab’s schon wieder verbockt.“

„Hana hat’s nicht so gemeint“, sagte ich leise. „Sie wollte dich nicht verletzen.“

„Aber mir sagen, was ich zu tun habe, oder was?!“

„Tsu, wir gehen gleich zurück und dann kaufen wir die Farben, die du möchtest, okay?“

„Aber willst du das denn auch? Möchtest du auch, dass wir die zwei Wände schwarz machen?“

„Ja“, sagte ich und fühlte, dass es stimmte. „Wir haben das heute Morgen beschlossen und wenn ich da was dagegen gehabt hätte, dann hätt ich dir das schon gesagt.“

„Sicher?“

„Ja. Ganz sicher.“ Ich stand auf und hielt meinem Freund die Hand hin, um ihm aufzuhelfen. „Alles gut, mein Herz.“

Er stand auf und umarmte mich, und da spürte ich sie wieder, seine Angst, dass ich ihn verlassen könnte. Ich fühlte es daran, wie er mich an sich drückte: So, als wollte er mich festhalten, gar nicht wieder loslassen, weil er fürchtete, ich könnte verschwinden.

 

Wir gingen Hand in Hand wieder zurück in den Baumarkt, zu dem Regal mit den Farben, wo Haruna gerade versuchte, die immer noch geschockte Hanako zu beruhigen, und Yami etwas unschlüssig danebenstand.

„… Vielleicht geh ich besser“, hörte ich Hana gerade sagen.

„Nein, wir machen das jetzt zuende. Schau, da sind die beiden schon wieder“, erwiderte Haruna.

Tsuzuku ließ meine Hand los und ging auf Hanako zu. „Tut mir leid, Hana“, sagte er.

Sie stand auf und sah ihn an. „Na ja, war ja irgendwie mein Fehler. Ich muss mich entschuldigen.“

Und bevor es schon wieder gefährlich wurde, mischte sich Haruna ein: „Ist doch jetzt egal, wer  angefangen hat. Vertragt euch wieder, und dann ist gut.“

 

Und obwohl danach Ruhe war und keiner mehr ein böses Wort verlor, war die Stimmung so ziemlich hin. Wir kauften vier Eimer Farbe, zwei rot, zwei schwarz, dazu Malerrollen, Pinsel, Abdeckfolie und Kreppband. Ich bezahlte alles mit Karte und erinnerte mich kurz an die Zeit, als ich vor den Leuten im Akutagawa-Park damals verheimlicht hatte, dass ich aus reichem Hause stammte. Als nicht mal Tsuzuku gewusst hatte, wovon ich seine Zigaretten und die häufigen Besuche im Badehaus bezahlt hatte. Heute verstand ich kaum mehr, warum ich das damals so geheim gehalten hatte.

 

Im Zug zu uns nach Hause fielen wir mit dem ganzen Kram natürlich ziemlich auf. Wer schleppte schon Farbeimer mit der Stadtbahn nach Hause? Es war auch ziemlich voll und wir hatten Mühe, zusammen zu bleiben und die Eimer an der Haltestelle aus der Bahn zu kriegen.

Auf dem Weg von der Bahn zu uns nach Hause kam dann wieder etwas bessere Stimmung auf. Haruna und Yami redeten über irgendwelche Geschichten aus dem Park, Hanako sagte etwas dazu und Tsuzuku mischte sich schließlich auch wieder ein und zeigte so, dass er Hana den Streit von eben nicht länger nachtrug. Ich sagte nicht viel, da ich den Mädchen gegenüber immer noch nicht gut sprechen konnte und es mir vor Tsu immer irgendwie ein wenig peinlich war, dass ich mit allen anderen außer ihm immer noch nur mit Sprachfehler redete.

 

Wir schleppten die Eimer bis rauf zu unserer Wohnung, es gab ja keinen Fahrstuhl, deshalb dauerte es ziemlich lange, bis wir oben angekommen waren.

Oben im Flur stellte Haruna dann mit Blick ins Schlafzimmer fest, dass es schon ziemlich spät war, und sagte: „Ich glaube, wir müssen das Ganze in zwei Etappen machen. Heute schaffen wir nicht alles.“

„Wir können ja morgen wieder herkommen, dann machen wir den Rest, während Tsu und Meto bei der Arbeit sind“, schlug Yami vor. „Geht das?“

Sie sah mich fragend an und ich nickte, fragte sicherheitshalber meinen Freund noch mal: „Oder, Tsu, das geht doch …?“

„Klar geht das.“ Tsuzuku lächelte.

Irgendwie schien es ihm wieder gut zu gehen. So war er eben: Innerhalb von Sekunden konnte er sowohl völlig zusammenbrechen, als auch wieder bester Laune sein. Ich hatte mich eigentlich schon längst daran gewöhnt und kam einigermaßen damit zurecht, aber jetzt, wo diese starken Schwankungen einen Namen hatten, sah ich sie ein wenig mit anderen Augen. Ich fragte mich einfach, ob die jemals wieder weniger werden, oder ob es in Zukunft schlimmer werden würde.

 

Mir blieb jedoch keine Zeit, weiter über die psychische Gesundheit meines Freundes nachzudenken, denn jetzt ging es daran, Schrank und Bett mit der Folie abzudecken und das Zimmer für’s Streichen vorzubereiten. Die Folie reichte geradeso auch noch für den Fußboden, und wir holten uns die Stühle aus der Küche, weil wir ja keine Leitern hatten. Die Matratzen und das Bettzeug kamen rüber ins Wohnzimmer, wo Tsu und ich uns dann später ein Lager für die Nacht machen wollten.

 

Das Streichen an sich machte zu fünft dann doch ziemlich viel Spaß. Haruna und Hanako hatten sich alte Hosen und Shirts mitgebracht, auch welche für Yami, die ja so wenig besaß. Ich suchte mir ebenfalls geeignete Sachen raus, ein ausgeleiertes T-Shirt und eine alte Sporthose, und auch Tsuzuku kramte eine abgewetzte Jeans und ein schon leicht kaputtes, schwarzes Shirt aus dem Schrank.

Wir fingen mit Rot an, strichen erst die von der Tür aus gesehen rechte Wand, wo ja nichts im Weg stand und wir so ohne Hindernisse einfach den Streifen vorzeichnen und dann alles drum herum rot streichen konnten.

Dabei kleckste Haruna sich natürlich Farbe auf die Hose, Hanako lachte sie aus und bekam dafür einen Tupfen mit dem Pinsel ab, wurde dafür wiederum von Tsuzuku ausgelacht, der jetzt allerbester Laune war und mir dementsprechend auch einen Farbtupfer verpasste. Yami kicherte verhalten, und um sie ein bisschen mit einzubeziehen, verpasste Haruna ihr auch einen Klecks rote Farbe.

 

„Geht die Farbe eigentlich leicht wieder ab?“, fragte Yami auf einmal und grinste.

„Mit Wasser und Seife wahrscheinlich schon“, sagte Hanako. „Musst sie halt nur schnell wieder abwaschen, denke ich.“

„Dann ist ja gut.“ Yami nahm grinsend ihren Pinsel, an dem ordentlich Farbe war, schnappte sich Tsu, und ehe der sich irgendwie hätte wehren können, hatte sie ihm einen roten Streifen auf die Wange gemalt.

„Woah, Yami, was …?!“ Ein weiterer Streifen kam auf seine Hand, seinen Arm, noch einer in sein Gesicht, er lachte laut, griff sich seinerseits einen Pinsel und verpasste Yami ebenfalls einen Farbstreifen ins Gesicht.

„Iiieeeks, das kitzelt!“, quietschte sie. „Mal du lieber mal Meto an!“

 

Und bevor ich irgendwas dagegen sagen konnte, hatte ich von Tsu nicht nur einen roten Farbtupfer aufs T-Shirt, sondern auch einen ins Gesicht bekommen.

„Steht dir gut“, lachte er. „Passt zu deinen Haaren.“

„Findest du, dass das passt?“, fragte ich und bemerkte erst gar nicht, dass ich ganz fließend sprach, obwohl ich nicht mit Tsuzuku allein war.

Haruna, deren rückenlange Haare ja ebenfalls blau waren, wenn auch ein wenig dunkler als meine, bemerkte es aber: „Also, ich finde, das passt wunderbar. Aber was ich noch mehr finde, ist, dass Metolein ja gerade ganz ordentlich spricht!“

„Stimmt, das war gerade ganz einfach und fließend“, sagte Hanako.

Sofort wurde ich rot und brachte dank Vorführeffekt nur wieder stockend heraus: „Das… wegen Tsu. Ich… mit ihm ja… gut spreche…“

„Ich glaube, wenn du nicht drüber nachdenkst, dass du sprichst, dann klappt es auch“, sagte Haruna.

Das gab mir ordentlich zu denken, und ich verschwand erst mal ins Bad, um mir die Farbe wieder abzuwaschen. Tsu tat es mir danach gleich und auch die Mädels wuschen das Rot wieder ab, bevor es antrocknete. Dann machten wir weiter, zumindest ich und die Mädchen, während Tsuzuku sich für eine kurze Zigarettenpause ans Küchenfenster zurückzog.

 

Gegen sieben Uhr waren wir mit der ersten Wand fertig und nahmen uns die zweite Wand, rechts von der Tür vor, wo der Schrank stand. Nachdem wir diesen von der Wand abgerückt hatten, zeichneten Haruna und ich den Streifen wieder mit Kreppband vor und dann ging die Malerei von vorne los. Die zweite Wand war, da wir schön in Schwung waren, um einiges schneller fertig, und dann war auch schon die rote Farbe leer.

„Machen wir das Schwarze heute noch oder verschieben wir das auf Morgen?“, fragte Yami.

„Ich würde sagen, wir machen alles, was wir heute noch schaffen“, antwortete Haruna und sah auf die Uhr. „Wir haben jetzt halb neun. Wann wollt ihr Jungs denn schlafen gehen?“

„Keine Ahnung. Vielleicht um zehn oder elf, das geht auf jeden Fall, oder, Meto?“, fragte Tsu.

Ich nickte. Dachte an das Schlaflager im Wohnzimmer und freute mich schon drauf, mich nachher mit Tsu zusammen dort schlafen zu legen. Allein, wenn ich daran dachte, dass wir einander wieder in den Armen hielten, küssten, und noch mehr …

 

Aber erst einmal mussten wir die schwarze Wand zumindest anfangen. Ich war vollauf einverstanden damit, dass wir die Wand, in der die beiden Fenster waren, schwarz machten, auch, wenn das Tsuzukus Idee und nicht meine gewesen war. Schließlich lebten wir hier zusammen und er hatte es sich nun mal sehr gewünscht.

Wand Nummer drei in schwarz wurde tatsächlich noch zur Hälfte fertig, dann hatte zuerst Yami, dann auch Haruna genug vom Streichen.

 

„Den Rest machen wir morgen, okay?“, sagte Haruna.

„Haste keine Lust mehr?“, fragte Hanako grinsend.

Haruna nickte, legte den Pinsel weg und umarmte ihre Freundin. „Ich bin fix und alle.“

„Alles klar, meine Süße. Willst du noch Entspannungsprogramm a la Hana bei mir zu Hause oder gleich in die Heia?“

„Entspannungsprogramm?“, mischte sich Tsuzuku mit einem breiten Grinsen ein. „So nennt ihr Frauen das also?“

„Was du immer gleich denkst …“

„Etwa nicht? Habt ihr keinen Sex?“, fragte Tsu ganz direkt.  

Haruna lachte. „Doch, klar. Aber eben nicht nur.“

„Was macht ihr denn noch?“

„Als wenn dich das was angeht … Aber okay, ja, Hana hat ‘ne tolle Badewanne zu Hause, da baden wir oft zusammen. Zufrieden, Mr. Neugierde?“ Haruna lachte, zum Zeichen, dass sie Tsu seine Neugier nicht übel nahm, fragte dann aber: „Und ihr beide? Macht ihr auch ... noch andere Sachen?“

Ich wurde sofort rot, aber Tsuzuku sah die Sache natürlich wieder ganz offen: „Meto und ich duschen ab und zu zusammen. Und wir gehen halt auch zusammen ins Schwimmbad.“

 

„Ihr Männer seid bei so was ein bisschen direkter, oder?“, fragte Hanako.

„Kann sein“, antwortete Tsuzuku. „Wobei ich nicht so wirklich weiß, ob ich da normal bin.“

„Gibt’s bei Sex überhaupt ‚normal‘ und ‚unnormal‘?“, sagte Hanako und fügte noch hinzu: „Ich meine, wenn es total einvernehmlich ist, kann man doch fast alles machen, oder?“

„Ja, das schon. Aber … ich weiß manchmal nicht, ob es okay ist, dass ich so oft will.“ Tsu sah mich an und in seinen Augen stand die Frage, ob ich denn das alles auch wollte.

„Tsuzuku, wie alt bist du jetzt? Fünfundzwanzig, oder? Ich glaub, da ist es ziemlich normal, oft Sex zu wollen. Und solange Meto das mag, was ihr zusammen tut, brauchst du dir, denke ich, keine Sorgen zu machen“, sagte Haruna.

Ich lächelte, griff Tsu’s Arm und zog ihn zu mir, küsste ihn und flüsterte: „Alles gut, es gefällt mir sehr, was wir zusammen tun.“

Er lächelte mich an, küsste mich zurück, und ich hörte, wie Yami neben uns ein leises „Irgendwie seid ihr schon echt süß, ihr beiden“ hauchte.

 

Später dann, als die Mädels weg und wir wieder allein waren, legten Tsu und ich die beiden Matratzen im Wohnzimmer aus und machten uns dort ein gemütliches Schlaflager aus Kissen und Decken, zogen uns bis auf die Unterwäsche aus und kuschelten uns eng zusammen.

„Und? Wie findest du unser Schlafzimmer jetzt?“, fragte Tsuzuku.

„Schön“, sagte ich und lächelte. „Ich dachte erst, die schwarze Wand wäre vielleicht doch zu viel, aber jetzt mag ich’s.“

 

Tsus Finger malten kleine Kreise auf meinen Arm, er wirkte ein bisschen unruhig und aufgeregt. Sein Blick ging zu der roten Schmuckschachtel, die auf dem Bücherregal lag, und ich spürte, wie sich sein Herzschlag unter meiner Hand ein wenig beschleunigte. Auf einmal beugte er sich über mich, sah mich kurz mit leuchtenden Augen an und knutschte mich dann ins Kissen, drückte seinen ganzen Körper an meinen. Mir entwich ein überraschter Laut, den er mit einem kurzen Lachen quittierte, und dann löste er sich wieder von mir, stand auf und nahm tatsächlich die Schachtel aus dem Regal, kam mit ihr in der Hand zu mir zurück, kniete sich neben mir hin.

„Was ist da-…“, begann ich, weiter kam ich nicht, denn er legte mir den Finger auf die Lippen.

„Shhh, keine Fragen, Meto“, sagte er und lächelte.

 

Langsam und mit leicht zitternden Fingern klappte er die samtig bezogene Schachtel auf. Und was mir da entgegen strahlte, war keine Kette, kein Ohrschmuck, sondern ein silberner Ring mit einem einzigen, winzig kleinen, weißen Stein in der Mitte. Im Gegensatz zu den auffälligen Ringen, die ich sonst trug, war dieser ganz schlicht und praktisch gehalten, wie einer, den man immer trug.

„Gefällt er dir?“, fragte Tsuzuku, seine Stimme klang ganz weich.

Ich nickte, mein Kopf brauchte eine Weile zum Nachdenken. Tsu wollte mir einen Ring schenken? Ein Ring hatte deutlich mehr Bedeutungskraft als eine Kette oder ein Armband, also musste da irgendwas dahinterstecken. Ich war zugegeben ein wenig verwirrt.

 

Tsuzuku lächelte wieder. „Ich wollte es eigentlich so richtig kitschig machen, mit Rosen und Kerzen und so, aber … na ja, irgendwie ist mir da gerade nicht nach“, sagte er und verwirrte mich damit noch mehr. „Also wird es jetzt eben ganz einfach, nur du und ich und dieser Ring.“

„Tsuzuku? Wovon sprichst du?“, fragte ich.

Er lächelte, sah mich mit diesem unglaublich liebevollen Blick an und nahm dann mit leicht zitternden Fingern den Ring aus der Halterung der Schachtel.

Langsam ahnte ich, dass er irgendetwas sehr Wichtiges und Besonderes vorhatte, doch so richtig begriff ich es erst, als er mir bedeutete, mich vor ihn zu knien, was ich auch tat, und er dann wieder tief durchatmete.

Oh Gott, das war doch jetzt kein …?

 

„Ich weiß ja, unser Staat wird das nicht anerkennen, aber das ist mir auch egal. Mir geht es nur um dich, Meto. Darum, dass ich dich über alles liebe und keinen Tag mehr ohne dich sein will. Und ich will, dass das fest wird, dass man es sieht, dass du zu mir gehörst.“

Mein Herz klopfte wie verrückt, bei seinen Worten, und so, wie er mich ansah. Ich versuchte, diesen Moment in mir aufzunehmen, jede Sekunde in meine Erinnerung zu brennen und diese ganze starke Liebe zu spüren, die Tsuzuku in diesem Moment für mich empfand.

„Ich bin schon den ganzen Tag furchtbar aufgeregt, weil ich dir das unbedingt sagen will und dir diese eine Frage stellen muss“, fuhr er fort und hatte dieses wunderschöne Leuchten in den Augen. „Meto, ich liebe dich mehr als mein Leben, mehr als mich selbst und mehr, als ich jemals jemanden geliebt habe. Du bist mein Lebensinhalt und deshalb ...“ Er drehte den Ring zwischen seinen Fingern hin und her, blickte abwechselnd auf seine Hände und wieder in meine Augen. Mein Herz raste und ich glaubte, seines ebenso schnell und laut klopfen zu hören, als er sie stellte, diese eine Frage:

„… Deshalb will ich dich fragen: Willst du dein Leben mit mir verbringen, für immer, und … willst du mich heiraten?“

 

Im ersten Moment war ich zu keiner Antwort imstande. Ich konnte ihn einfach nur ansehen, spürte sofort, dass er unsicher wurde, weil ich nicht gleich antwortete. Ich blickte auf seine Hände, die den Ring weiter unruhig hin und her drehten, und dachte daran, dass ich diesen Ring gleich tragen würde, denn meine Antwort war: Ja. Ja! Ja!!

„Meto …?“, fragte Tsuzuku, seine Stimme zitterte ein wenig.

Und da brach es geradezu aus mir heraus: „Ja! Ja, ich will dich! Ich will dich heiraten!“

Ich sah, wie sich ein überglückliches Strahlen auf Tsuzukus Gesicht ausbreitete, legte im selben Moment meine Arme um seinen Hals und drückte meine Lippen auf seine, küsste ihn mit all meiner Liebe. Er ließ sich rückwärts ins Kissen sinken, ich auf ihm, doch einen Moment später fand ich mich unter ihm wieder, meine Hand in seiner, und sah den Ring aufblitzen. Tsuzuku küsste mich, ganz zärtlich und liebevoll, und schob dann langsam den Ring auf meinen Ringfinger.

 

„Du machst mich so wahnsinnig glücklich!“, flüsterte er in mein Ohr, küsste mich wieder und wieder und wieder, schmiegte sich eng an mich und ließ mich spüren, dass er heiß und erregt vor Liebe war. Fast sofort waren seine Finger an meinen Brustwarzen, drückten, streichelten, wobei er mein leises Seufzen mit seinen Lippen auffing.

‚Jetzt sind wir verlobt‘, dachte ich mit klopfendem Herzen. ‚Bestimmt hat Tsu gerade überhaupt keinen Zweifel daran, dass ich bei ihm bleiben werde‘

Meine Hände strichen über seinen warmen Körper, bis sie seine Nippel fanden und meine Finger schon fast wie von selbst mit ihnen zu spielen begannen. Tsuzuku stöhnte, ich beobachtete seine erregte, genießende Mimik und dachte daran, wie sehr ich ihn liebte. Ich wollte wirklich mein Leben mit ihm verbringen und trug den Beweis dafür jetzt am Finger, was mich ebenso glücklich machte wie ihn. Und so schob ich meine Shorts runter, zog seinen Körper noch etwas näher an meinen und flüsterte: „Ich will mit dir schlafen.“

 

Tsu lächelte, drückte mir einen kurzen, sehr süßen Kuss auf die Lippen und richtete sich dann auf, um seine schon recht eng sitzende Shorts ebenfalls auszuziehen. Er war schon richtig erregt, und ich wollte sein Glied einfach nur noch in mir haben, ohne Kondom dazwischen.

Ich lächelte ihn an und fragte leise: „Ist eigentlich das Ergebnis von dem Bluttest schon da?“

„Ja“, sagte er, seine Augen leuchteten erregt. „Alles gut. Wir können’s ohne Kondom tun.“

Er ging kurz das Gleitmittel aus dem Schlafzimmer holen, war schnell wieder bei mir, legte sich zu mir und fragte: „Wie hättest du es denn gern?“

„Ich will dich anschauen, wenn du mich nimmst“, antwortete ich. „Ich will deine Lust sehen, dich küssen und anfassen und lieb haben.“

 

Was dann folgte, war der wohl liebevollste und süßeste Sex meines bisherigen Lebens. Tsuzuku gab sich noch mehr Mühe als sonst, lieb und zärtlich zu mir zu sein, und doch fühlte ich seine kaum beherrschbare Leidenschaft und Ekstase, diese fast schon wahnsinnige Liebe. 

Und als er kurz nach mir mit einem tiefen, erlösten Stöhnen kam und sich endlich, zum ersten Mal, richtig in mein Inneres ergoss, war das genauso schön, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Etwas von ihm in mir zu haben, seinen heißen Samen, seine ganze Lust und Liebe, das fühlte sich unglaublich schön an.

 

Danach lag er nah bei mir, in meinen Armen, sah mich an und flüsterte, noch ganz schwebend: „Ich liebe dich. Oh Gott, Meto, wenn du wüsstest, wie wahnsinnig ich dich liebe! Du bist das Beste, was mir je passiert ist, das Allerbeste!“

Er griff rüber zu meinem Kopfkissen, wo Ruana saß, und schob sie zwischen uns, kraulte sie ein bisschen zwischen den Ohren, und ich drückte sie an mich.

„Schau mal, Ruana“, sagte er leise, nahm meine Hand und hielt meinem Bärchen den Verlobungsring vor die Nase. „Meto bleibt jetzt für immer bei mir.“

„Ja, das tue ich“, sprach ich und küsste meinen Schatz über Ruanas Köpfchen hinweg.

Tsu legte seinen Arm um mich und drückte mich mitsamt meinem Bärchen eng an sich. Küsste erst mich, dann sie, dann wieder mich, und ich spürte, wie er sich von seinen eigenen Glücksgefühlen berauschen ließ und sich ihnen vollkommen hingab.

 

So, wie wir lagen, konnte ich aus dem Fenster schauen und die Sterne sehen, die über der Stadt und dem Meer leuchteten. Sie waren nicht stark zu sehen, nur ein wenig, aber sie waren da und ich fand sie romantisch.

„Tsu, schau mal, da sind Sterne“, flüsterte ich.

Er drehte den Kopf, löste sich dann von mir, so, dass er auch zum Fenster schauen konnte.

„Wenn da jetzt eine Sternschnuppe wäre … was würdest du dir wünschen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Weiß ich gar nicht … Gibt so vieles … Außerdem darf man’s doch nicht sagen, oder?“

„Stimmt.“

Auf einmal huschte ein Lächeln über sein Gesicht. „Du, ich glaube, ich weiß sogar doch was. Aber ich sag’s nicht.“

„Macht’s dich glücklich?“

„Wenn es sich erfüllen würde, wäre ich der glücklichste Mensch auf der Welt.“

„Dann wünsch ich’s mir auch, für dich mit.“

Tsuzuku lächelte wieder und küsste mich. „Danke, mein Liebster.“

 

Er schmiegte sich eng an mich, ich setzte Ruana beiseite und umarmte Tsu, fühlte seinen warmen, nackten, wunderschönen Körper Haut an Haut an meinem und war glücklich, ebenso glücklich wie er.

 

Seit ich mich mit Mikan ausgesprochen hatte und aus uns eine Art Paar geworden war, das es miteinander versuchen wollte, waren meine Einsamkeit und das Gefühl des Verkanntwerdens fast völlig verschwunden.

 

Doch als ich an diesem Morgen fast eine Stunde früher aufwachte, kam ich irgendwie ins Denken darüber, ob es richtig war, dass Mikan und ich jetzt zusammen waren. Ich spürte nämlich nur wenig von der schwebenden Verliebtheit, die ich erwartet hatte. Dieses Gefühl, das ich bei Tsuzuku beobachtete, wenn er von Meto sprach, diese überschäumenden, rauschhaften Glücksgefühle und diese wahnsinnige Liebe, für die ich die beiden so bewunderte, die sah ich bei Mikan und mir irgendwie kaum. Wir waren immer noch mehr Freunde, als ein richtiges Paar, und ich fragte mich, woran das lag.

Ich hoffte sehr, dass sich dieses Gefühl von richtiger Liebe bald einstellen würde, denn ich wollte zu Mikan ganz ehrlich und von ganzem Herzen ‚Ich liebe dich‘ sagen.

 

Immer noch im Bett liegend, dachte ich an sie, an ihre süßen, weichen Lippen, ihre reine Haut und ihre nussbraunen Augen, und fragte mich, wann ich sie wohl in meinen Armen halten würde. Ich war unheimlich neugierig auf ihren Körper und darauf, ob ihr der meine gefallen würde. Wollte ihr zeigen, dass ich gerne ein Mann war, und sie liebhaben, nackt und warm und weich.

Und so stellte ich es mir vor, während meine Hände unter der Bettdecke über meinen Körper tasteten und ich mir vorstellte, dass es Mikans Hände waren. Es war noch dunkel und meine Fantasie nur allzu lebhaft, begierig und eindeutig. Langsam kam auch mein Gefühl für Sex zurück, und ich merkte, dass ich diese Empfindungen doch ziemlich weggeschlossen hatte, weil ich in der Hinsicht so allein gewesen war. Doch jetzt war ich nicht mehr Single, jetzt durfte ich Sex wollen, fantasieren und mir beim Gedanken an meine Mikan einen runterholen, und das tat ich.

 

Danach blieb ich noch ein bisschen liegen, bevor ich aufstand und duschen ging. Weil es ja noch früh war, konnte ich mir ganz entspannt Zeit lassen, schminkte mich danach ausgiebig und drehte meine Haare in Locken. Dann machte ich mir in aller Ruhe Frühstück, sah währenddessen am Laptop meine sozialen Netzwerke nach Neuigkeiten durch und stellte ein Foto von mir und meinem Frühstück auf mein Blog.

Ich klickte mich auch kurz bei Tsuzukus Blog rein, schaute nach, ob dort noch ein Hasskommentar aufgetaucht war, aber zum Glück war alles gut. Kein böser Kommentar, keine neuen Dislikes. Tsuzuku hatte den Hasskommentar gelöscht, und die anderen Kommentare waren drei, vier durchweg positive Rückmeldungen: Ein Kommentar kam von einem recht offensichtlichen Boyslove-Fangirl, die anderen von visuell geprägten Leuten, die Tsu’s Selfies anscheinend toll fanden.

Ich suchte noch ein paar nette, vertrauenswürdige Leute aus meiner Freundesliste aus und empfahl denen den Blog weiter, damit Tsu noch ein bisschen mehr positives Feedback bekam, dann loggte ich mich aus und klappte den PC zu.

 

Nach dem Frühstück machte ich mich ebenso entspannt für die Arbeit fertig und beschloss kurzerhand, dass ich heute statt des edlen Anzugs, den ich sonst immer trug, ein Kleid anziehen wollte. Mein Selbstbewusstsein als Mann war soweit wiederhergestellt, dass es mir nichts ausmachte, Frauenkleider zu tragen, und irgendwie hatte ich gerade Lust darauf.

Es war ein niedliches, knielanges Maid-Kleid im viktorianischen Stil, in derselben schönen kaffeebraunen Farbe wie der Anzug, und ich fühlte mich, sobald ich es anhatte, so hübsch und süß, sah mich im Spiegel an und lächelte. Mir schien es wirklich wieder gut zu gehen und darüber war ich wirklich sehr, sehr froh. Auch, dass ich mich in meinen geliebten mädchenhaften Sachen wieder so wohl fühlte. Zwischenzeitlich hatte ich nämlich fast schon Angst gehabt, dass mir diese Klamotten vielleicht bald nicht mehr gefallen könnten.

 

Ich machte ein Foto von meinem Look und stellte das auch gleich auf mein Blog. Und wo ich schon mal wieder online war, schaute ich meine Nachrichten durch und sah, dass Tsuzuku in seinem Blog vor zwei Minuten einen neuen Eintrag geschrieben hatte, einen Texteintrag, der mir augenblicklich ein Lächeln aufs Gesicht zauberte und ein spontanes Quietschen entlockte:

„Ich hab Meto gestern Abend einen Antrag gemacht. Ja, ihr lest richtig, ich will ihn heiraten. Und er hat ‚Ja‘ gesagt! ‚Ja‘! Ich bin so glücklich! Mein liebster Schatz auf der Welt bleibt jetzt für immer bei mir! Er liegt hier neben mir und schläft, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie süß das aussieht. Oh Gott, wie sehr ich ihn liebe …!“

 

Ein Heiratsantrag! Wie wundervoll war das denn bitte!?

Ich konnte nicht anders, als aufzustehen und ein bisschen durch mein Wohnzimmer zu tanzen, so sehr freute ich mich für die beiden. So was Süßes! Und Tsuzuku schien wahnsinnig glücklich zu sein. Er war echt süß, wenn er so verliebt war, und am liebsten wollte ich sofort zu ihm fahren und ihm und Meto zur Verlobung gratulieren.

Ich sah auf die Uhr, es war immer noch sehr früh und ich würde eine Bahn früher als sonst nehmen können, um dann als einer der ersten bei der Arbeit zu sein. Auf jeden Fall würde ich Meto, wenn er dann ebenfalls dort ankam, über alle Einzelheiten des Heiratsantrages ausfragen. Und natürlich schrieb ich Tsu auf sein Blog ein Kommentar: „Oh, wie toll! Herzlichen Glückwunsch euch beiden! Bin ich dann auch zur Hochzeit eingeladen? ko_1“

Die Antwort kam erst, als ich schon auf dem Weg zur Bahn war, und zwar per SMS: 

„Na klar bist du eingeladen!“, schrieb Tsuzuku mir zurück, „Wird wahrscheinlich nur ‘ne kleine Feier, aber DU bist auf jeden Fall dabei.“

 

Die Bahnfahrt über dachte ich dann darüber nach, dass in unserem Land die Regierung sich immer noch dagegen sperrte, dass Männerpaare anerkannt heirateten. Ich fand diese Intoleranz ziemlich idiotisch und engstirnig, und ich verstand es auch nicht wirklich, warum man da überhaupt was dagegen haben konnte. Liebe war doch verdammt nochmal Liebe, und die fiel nun mal da hin, wo sie wollte. Und außerdem: Was ging es den Staat an, welches Geschlecht Paare hatten, die ihr Leben nun mal fest miteinander verbringen wollten? Gar nichts ging den das an!

 

Als ich beim Café ankam, war ich wirklich der Erste dort, es war noch dunkel drinnen und ich machte erst mal Licht und begann dann mit den alltäglichen Vorbereitungen. Da wir seit einiger Zeit auch Frühstück anboten, musste ich den Ofen für die Brötchen vorheizen und schon mal einen Schwung Eier kochen, die Theke einräumen und so weiter.

Nebenbei schrieb ich am Handy mit Tsuzuku, dem es heute anscheinend wirklich ganz besonders gut ging und der mir wieder alles erzählte, was ihm gerade einfiel.

Dann schrieb mich Mikan an, sie wünschte mir mit Kusssmiley und Herzchen einen guten Morgen, was mich geradezu euphorisch stimmte und mich stark hoffen ließ, dass heute ein wundervoller Tag wurde.

 

Meine Kollegen trudelten dann auch langsam ein und nachdem sie festgestellt hatten, dass ich den Großteil der morgendlichen Vorbereitungen bereits erledigt hatte, bekam ich dafür ein kleines Lob von Satchan, die in dem Zuge auch gleich mein heute ja wieder sehr mädchenhaftes und niedliches Outfit komplimentierte.

„Heute sind wir richtige Otokonoko-Maids“, grinste mein Kollege Haruma, der sich gerade ebenfalls ein Kleid angezogen hatte. Er griff in seinen Spind und nahm ein Paar Katzenöhrchen raus, die er mir aufsetzte und mich wiederum angrinste. „Miau, miau, Kocha-kun ist ein Kätzchen!“

Ich lachte mit, setzte die Katzenohren dann jedoch wieder ab. Die waren dann doch irgendwie zu viel der Niedlichkeit.

 

Als Meto dann mit Ruana zusammen ankam und sein getupftes Lolita-Kleid anzog, bekam er auch noch mal Katzenohren aufgesetzt, aber da diese nicht mit seiner großen, roten Haarschleife harmonierten, nahm auch er sie wieder ab.

Bevor der Betrieb losging, fing ich Meto noch mal ab, um ihm zu gratulieren und alles noch mal aus seiner Sicht zu hören, nachdem Tsuzuku mich ja schon mit allen Einzelheiten versorgt hatte.

„Meinen allerherzlichsten Glückwunsch zur Verlobung, Meto-chan!“ Ich umarmte ihn.

„Dankeschön“, antwortete er und strahlte mich an. Er wirkte ebenso glücklich wie Tsuzuku, total verliebt und happy. Hatte er gestern noch über seine Sorgen um seinen Freund gesprochen, so sah er heute so zufrieden und glücklich aus, dass man fast vergessen konnte, dass es in der Beziehung zwischen den beiden durchaus auch dunkle Tage gab.

Meto erzählte mir nicht ganz so viel wie Tsu, was aber wohl zum größten Teil an seinem Sprachproblem lag, aber das war auch nicht weiter schlimm, da Tsuzuku mir ja schon alle für mich interessanten Details mitgeteilt hatte.

 

Wir machten uns an die Arbeit, die Mädels standen schon vor der Tür und wollten frühstücken. Und ich stellte recht zufrieden fest, dass Metos Art bei den Gästen immer noch sehr gut ankam, und das wohl besonders deshalb, weil sich irgendwie doch rumgesprochen hatte, dass er auf Männer stand. Ich bekam ein paar Mal mit, wie er gefragt wurde, ob er Tsuzuku nochmal ins Café mitbringen konnte, und viele wollten das Foto sehen, das Meto von Tsu im Geldbeutel hatte.

So ganz und gar verstand ich den Zusammenhang zwischen „kawaii“ und „homosexuelle Jungs sind toll“ zwar nicht, aber ich vermutete, dass viele der Mädchen es einfach aus demselben Grund mochten, wie ich solche Paare süß fand: Wegen der Liebe, weil es einfach romantisch war. Jedenfalls freute ich mich, dass Meto bei den Gästen beliebt war und Spaß an der Arbeit hatte.

 

In der Mittagspause schrieb ich Mikan an, die wohl auch gerade Pause hatte in dem Modeladen, wo sie arbeitete, und bekam einen süßen Kusssmiley als Antwort. Ich schickte ihr ebenfalls einen und sie schrieb zurück: „Ko, du Süßer! Hab dich lieb.“

„Ich dich auch“, schrieb ich und spürte mein Herz klopfen. Ich hatte sie wirklich lieb, auch, wenn sie manchmal so schwer zu durchschauen war und ich oft nicht genau wusste, was sie gerade dachte und fühlte. Ein bisschen war ich manchmal ja genauso, wenn ich anderen nur meine fröhliche Seite zeigte und verbarg, dass es mir auch ab und an mal nicht so gut ging.

Aber im Moment ging es mir echt gut und so machte ich schnell ein Foto von meinem Kleidchen heute und schickte es Mikan, einfach so, und weil ich wusste, dass sie mich im Kleid genauso schön fand wie in Hosen.

„Awww, Koi! Wie süüüß!“, schrieb sie daraufhin zurück. Und es kratzte mich nicht mal mehr, dass sie mich süß fand. Weil ich wusste, dass sie damit nur mein Aussehen meinte und dass ich lieb und nett war. Sie sah mich trotzdem jetzt als männliches Wesen an.

Auf einmal wollte ich sie heute unbedingt noch sehen, sie küssen und umarmen.

„Gehen wir heute Abend was trinken?“, schrieb ich ihr.

„Klar, können wir machen. Ich muss jetzt weiter arbeiten. Hab dich ganz furchtbar lieb, Koi!“

„Ich dich auch.“

 

Ich steckte mein Handy weg, drehte mich um und sah Meto hinter mir stehen. Er sah ein bisschen traurig aus und hielt sein eigenes Handy in der Hand.

„Koichi?“, fragte er mit leiser Stimme, „Können wir … heute nach der Arbeit … irgendwas zu dritt machen? Wegen Tsu … Ihm geht’s schon wieder nicht gut …“

„Was, wieso denn?“, fragte ich, sofort besorgt. Heute Morgen war Tsuzuku doch noch so himmelhoch euphorisch und glücklich gewesen! Warum fiel das immer wieder in sich zusammen?!

„Er hat mir grad geschrieben, dass er sich nicht gut fühlt.“

„Aber er ist noch bei der Arbeit?“

Meto nickte. „Ja. Er will halt durchhalten und so. Aber er schreibt, dass er sich leer und einsam fühlt, und dass er halt gern was mit uns beiden unternehmen will, um das irgendwie wegzukriegen.“

„Eigentlich hab ich mich eben gerade mit Mikan verabredet …“, sagte ich nachdenklich und überlegte schon, wie man das jetzt lösen konnte, so, dass weder meine Freundin sich versetzt fühlte, noch mein bester Freund womöglich furchtbar litt. Ich wollte Mikan gern heute noch sehen, aber Tsuzuku war mindestens genauso wichtig, gerade wenn es ihm wieder nicht so gut ging.

 

„Aber ich kann sie fragen, ob wir auch was zu viert machen können … Sofern das für Tsu auch okay ist, wenn Mikan dabei ist …“, sagte ich schließlich.

Meto schrieb das gleich an Tsu weiter, und ich schrieb meiner Freundin eine Nachricht, in der ich erklärte, dass es meinem besten Freund nicht gut ging, und fragte, ob es vielleicht okay war, wenn wir anstatt eines Dates einfach irgendwas zu viert machten.

Als sie zurückschrieb, waren Meto und ich schon wieder mit Arbeiten beschäftigt. Tsu hatte schon geantwortet, dass es für ihn in Ordnung war, zu viert was zu machen, und Mikan schrieb dann auch, dass sie die Idee gut fand.

„… Wir könnten ja erst alle zusammen was trinken gehen, und dann vielleicht ins Kino oder bei dir zu Hause nen Film schauen, oder, Ko?“, fragte sie noch.

Ja, schrieb ich zurück, das war eine gute Idee.

 

Die Arbeit zog sich heute aus irgendeinem Grund besonders hin, und ich bemerkte, dass Meto jetzt weniger entspannt war als zuvor. Sicher machte er sich wieder Sorgen um Tsuzuku, weil es diesem ja anscheinend doch wieder nicht gut ging.

Ich kam nicht umhin, Meto für seine Stärke zu bewundern. Auch, wenn Tsu mein bester Freund war, war mir klar, dass ich seine Stimmungsschwankungen und das alles wohl nicht lange aushalten würde, wenn ich mit ihm in einer Wohnung zusammenleben würde. Aber Meto hielt das alles so unnachgiebig und stark aus, seine bedingungslose Liebe zu Tsuzuku schien selbst so eine furchtbare Krankheit wie Borderline irgendwie in ihren Schranken zu halten.

Ich sah zu Meto hinüber, der gerade einer Kundin ein Stück Kuchen brachte, und musste lächeln, weil ich diese Liebe zwischen ihm und Tsu einfach so wahnsinnig schön fand. Und ich hoffte, dass Tsuzuku wusste, welchen großen Schatz er in seinem Liebsten hatte. Offenbar schon, wenn ich daran dachte, wie liebevoll er immer über Meto sprach. Die beiden wussten genau, was sie aneinander hatten.

 

Als die Arbeit endlich getan und das Café wieder geschlossen war, fragte Meto, während wir uns in der Umkleide umzogen: „Tsu ist noch im Studio. Wollen wir ihn da abholen und dann Mikan treffen?“

„Können wir machen. Mikan hat mir vorhin noch geschrieben, sie kennt eine nette Kneipe da in der Gegend, da will sie auf uns warten. Der Laden heißt Takamatsu, ist wohl so ein ganz gemütlicher, älterer Laden, wo’s auch nicht teuer ist.“

 

Meto hängte sein Kleid in den Spind, schwieg einen Moment und fragte dann: „Ist doch furchtbar unfair, oder? Ich meine, wegen Tsu, dass es ihm so geht, immer rauf und runter und so. Ich hab ihn so lieb, so furchtbar lieb, und trotzdem muss ich immer wieder mitansehen, wie er leidet …“ Er setzte sich auf die Bank vor dem Spind und blickte zu Boden. „Ich find’s einfach gemein, dass so ein lieber Mensch wie er so leiden muss.“

„Ja, das ist es“, stimmte ich ihm zu. „Das ist wirklich alles andere als fair. Wir beide, wir müssen einfach für ihn da sein.“

„Das will ich ja auch, für ihn da sein. Ich will mein ganzes Leben mit ihm verbringen, für ihn sorgen und da sein. Aber … ich hab manchmal Angst, dass ich das nicht schaffe. Und ich weiß eben, dass er ohne mich zerbrechen würde. Diese Verantwortung, weißt du …“

„Aber du trägst sie, die Verantwortung. Du stellst dich dem. Merkst du eigentlich, Meto, wie unheimlich stark du bist? Es gibt ganz sicher genug Leute, die das nicht mal ansatzweise schaffen würden, mit einem Partner zusammen zu leben, der  Borderline hat und den man so sehr festhalten muss, damit er nicht zerbricht. Das, was du da leistest in eurer Beziehung, das ist unglaublich.“

„Danke, Koichi …“, Meto lächelte ein wenig. „Weißt du, ich kann auch gar nicht anders. Weil ich Tsuzuku einfach so sehr liebe, ich kann genauso wenig ohne ihn, wie er ohne mich.“

 

Wir machten uns auf den Weg zum Studio und auf dem Weg kamen wir darauf, dass Meto mit dem Sprechen mir gegenüber schon richtig gut war.

„Hast du das vorhin gemerkt, Meto?“, fragte ich. „Du hast ganz normal und flüssig gesprochen, da war fast kein Stocken mehr drin.“

Er sah mich an, mit einem Rotschimmer auf den Wangen, und antwortete leise: „Ja… jetzt, wo du sagst…“ Da war wieder ein kleiner Fehler drin, wahrscheinlich vom Vorführeffekt, aber den überhörte ich. Ich freute mich, dass Meto langsam seinen Sprachfehler besiegte und auch selbst merkte, dass er ein starker Mensch war. Dieser Sprachfehler hatte ihn immer so unsicher und schüchtern wirken lassen, doch das war er gar nicht. Er war ein starker junger Mann, der ziemlich genau wusste, was er wollte, und zudem noch jemanden mittrug.

 

Als wir am Bodyart-Studio ankamen, stand Tsuzuku schon davor und wartete auf uns. Er sah müde aus, erschöpft und sehr nachdenklich. Von der euphorischen Stimmung, die er noch heute Morgen über sein Blog mitgeteilt hatte, war jetzt nichts mehr zu sehen, und ich fand das furchtbar schade, hätte ihn gerne  so glücklich gesehen.

Meto lief auf ihn zu und umarmte ihn, und ich sah, wie Tsu’s Gesichtszüge sich ein wenig aufhellten, während er seinen Liebsten ganz fest an sich drückte. Als er ihn wieder los ließ, um mich zu begrüßen, sah er einen Moment lang ganz zerbrechlich aus und ich fragte mich wieder einmal, was in seinem Kopf vorging, dass er gleich am Tag nach seiner Verlobung wieder innerlich abstürzte.

 

„Hey, Tsu.“ Ich umarmte ihn ebenfalls, einfach um ihn festzuhalten, weil er alles andere als stabil aussah. „Was los, hm? Heute Morgen warst du doch noch so happy.“

Er zuckte nur mit den Schultern. „Weiß nicht … Ich fühl mich einfach nicht gut.“

„Wie denn genau? Kannst du’s beschreiben?“, fragte ich, wollte ihn verstehen.

Tsuzuku löste sich von mir, sah mich an und antwortete: „… Leer. Und traurig, weil … heute Morgen war ich so glücklich und das ist jetzt alles wieder weg … Und irgendwie … fühl ich mich einsam.“

„Warum denn einsam?“, fragte ich weiter. „Du bist doch nicht allein.“

Er zuckte wieder mit den Schultern. „Ich weiß. Aber ich fühl mich trotzdem so.“

„Und meinst du, es hilft was, wenn wir jetzt zu viert ausgehen? Oder ziehst du dich dann innerlich raus und fühlst dich weiter allein?“

„Weiß nicht … Ich hoffe einfach, dass es mich ablenkt.“

„Okay, wir versuchen es“, sagte ich. „Aber du sagst sofort Bescheid, wenn irgendwas ist, kann ich mich da drauf verlassen?“

Tsuzuku nickte, und lächelte auch ein wenig. Und ich hoffte inständig, dass er wirklich sagen würde, wenn irgendwas war.

 

Zu dritt machten wir uns auf den Weg zu der Kneipe, wo Mikan auf uns warten wollte. Es waren nur recht wenige Leute auf den Straßen und ich beobachtete, wie Tsuzuku Metos Hand griff und festhielt. Er suchte sichtlich nach Halt und bekam ihn, und ich bemerkte es, weil er neben mir ging und seine Stimmung sehr abstrahlte.

Ich versuchte, mir die Situation gleich vorzustellen, was passieren würde, wenn es Tsu noch schlechter ging und er das sagte, wie er es eben versprochen hatte. Wahrscheinlich wäre die gute Stimmung dann ziemlich hin.

 

Mikan stand vor dem Lokal und lächelte, als sie mich sah. Ich ging auf sie zu und umarmte sie, spürte, wie mein Herz dabei etwas schneller schlug.

„Ich hoffe, das ist wirklich okay, dass wir jetzt zu viert sind“, sagte ich.

„Klar ist das okay.“ Mikan lächelte wieder und sah zu Tsu und Meto, die ein Stück hinter mir ankamen. Tsuzuku sah immer noch ziemlich fertig aus, und Mikan fragte mich leise: „Was ist denn mit Tsu?“

Ich wusste nicht recht, was ich antworten sollte. Mikan wusste nichts von Tsuzukus Krankheit, sie wusste nur, dass er in seiner Zeit auf der Straße sehr gelitten hatte, da hatte sie ihn ja auch gesehen. Sie war ja dabei gewesen, als ich ihn damals kennen gelernt hatte.

Ich sah Tsu kurz fragend an und er verstand, antwortete auf Mikans Frage hin: „Mir … geht’s einfach nicht so gut. Ich brauche Ablenkung, verstehst du, Mikan?“

Sie nickte. „Ja, das kann ich verstehen. Alles gut, Tsu, kein Problem.“

 

Das Lokal war etwas dunkel, aber durchaus gemütlich eingerichtet, wenn auch ein wenig altmodisch. Wir suchten uns eine ruhige, etwas abgelegene Ecke und setzten uns um einen Tisch herum, Tsu und Meto auf der einen, und Mikan und ich auf der anderen Seite.

Ich hörte, wie Meto leise fragte: „Willst du was essen, mein Herz?“, und Tsuzuku antwortete: „Hab keinen Hunger …“

„Du kannst ja erst mal nur was trinken“, sagte ich, woraufhin Tsu dann tatsächlich den gerade vorbeikommenden Kellner heranwinkte und sich ein Bier bestellte.

Ich nahm ebenfalls ein Bier, Mikan einen Cocktail, und Meto bestellte sich als einziger Saft mit der Begründung, dass wenigstens einer von uns irgendwas ohne Alkohol trinken sollte. Es war recht offensichtlich, dass er dabei vorausschauend daran dachte, dass Tsuzuku es mit dem Alkohol gern mal übertrieb, und er daher bereit sein wollte, ihm in diesem Fall zu helfen.

Zu essen gab es hier vor allem Kleinigkeiten, keine größeren Gerichte, und als wir etwas davon bestellten, blieb Tsu dabei, dass er nicht essen wollte. Er sagte, dass er befürchtete, ihm könnte vom Essen schlecht werden.

„Hast du heute denn schon was gegessen?“, fragte ich.

„Heute Morgen“, antwortete er. „Aber jetzt möchte ich wirklich nichts.“

 

Ob es daran lag, dass er sein Bier auf leeren Magen trank, oder irgendeinen anderen Grund hatte, jedenfalls wirkte er recht bald ganz schön betrunken. Jedoch wurde er nicht so redselig wie sonst, sondern saß einfach nur still da und starrte Löcher in die Luft.

Während ich versuchte, den Abend wenigstens für Mikan schön zu machen und mich mit ihr über die neue Modekollektion des Ladens unterhielt, in dem sie arbeitete, hatte Meto alle Mühe, sich um Tsuzuku zu kümmern und diesen davon abzuhalten, sich nach dem zweiten noch ein drittes Bier zu bestellen. Der Abend drohte, eine kleine Katastrophe zu werden, weil Tsu’s miese Laune natürlich  auf die Stimmung drückte, und ich hoffte inständig, dass Mikan ihm das nicht allzu übel nahm.

 

Eine Weile lang ging es noch halbwegs gut, es gelang mir sogar, Mikan zum Lachen zu bringen, und hatte gerade das Gefühl, dass wir das Ruder noch rumreißen konnten. Aber dann kippte von einem Moment auf den anderen die Stimmung endgültig: Es fing damit an, dass Tsuzuku nach der Getränkekarte griff und sich einen hochprozentigeren, härteren Sake bestellen wollte. Meto versuchte, das zu verhindern, indem er die Karte zuklappte und sagte: „Nein, Tsu, nicht noch mehr von dem Zeug“, was dazu führte, dass Tsuzuku plötzlich aufsprang.

„Lass mich! Ich brauch das jetzt!“, fuhr er seinen Freund an.

„Du bist doch schon total betrunken. Wenn du noch mehr …“, begann Meto, doch Tsu unterbrach ihn laut: „Anders krieg ich diese scheiß Leere aber nicht weg! Die killt mich, verstehst du?! Dieses gottverdammte Gefühl, als ob es mich von innen auffrisst!“

 

Meto stand ebenfalls auf, wollte Tsu dazu bewegen, sich wieder hinzusetzen. Er packte ihn an den Schultern und drückte ihn mit sanfter Gewalt wieder auf die Bank, was der sogar geschehen ließ und erst dachte ich, dass die gefährliche Situation gerade noch mal gutgegangen war.

Doch statt sich zu beruhigen, fing Tsuzuku mit einem Mal furchtbar an zu weinen, klammerte sich an Meto und sprach mit tränenerstickter Stimme irgendwas aus, wovon ich nur ein einziges Wort verstand: Borderline.

 

Ich sah sofort zu Mikan, die das ganze reichlich entsetzt verfolgt hatte, jetzt ganz betroffen aussah und sich sichtlich fehl am Platze fühlte.

„Wa-was ist denn los?“, fragte sie leise. „Warum weinst du, Tsu?“

Ich sah mich in der Pflicht, ihr die Situation zu erklären, wollte dies aber nicht in Tsuzukus Anwesenheit tun, da ich ihm nicht das Gefühl geben wollte, dass ich vor ihm über ihn sprach. Und so stand ich auf, nahm Mikan an der Hand und zog sie mit nach draußen.

„Koichi, was ist hier los?“, fragte sie sofort, als wir vor der Tür standen.

„Wie soll ich dir das jetzt erklären …?“, begann ich langsam, „Eigentlich ist es recht einfach zu sagen, aber … irgendwie auch nicht.“

„Sag mir doch einfach, warum dein bester Freund sich erst betrinkt und dann in Tränen ausbricht! Das sah für mich nicht nach ‘nem Einzelfall aus“, erwiderte sie.

„Also gut ... Kannst du dich noch dran erinnern, wie wir ihn kennen gelernt haben? Wie er da war, auf der Straße?“

Mikan nickte.

„Dann hast du vielleicht auch seine Narben an den Armen gesehen, oder? Und du kannst dir auch denken, woher die kommen.“

„Ja … Also ist er … richtig psychisch krank?“

„M-hm.“ Ich nickte und sprach das Wort dann einfach aus: „Borderline.“

„Oh Gott …“, entfuhr es ihr und sie schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Oh Gott, der Arme! Das ist richtig schlimm, oder?“

„Hast du ja gesehen.“

 

Ich hatte befürchtet, dass Mikan jetzt lieber gehen wollen würde, doch zum Glück schien sie das anders zu sehen. Sie ging wieder mit mir zusammen rein und zum Tisch zurück, wo Meto die Lage anscheinend in den Griff bekommen hatte, jedenfalls lehnte Tsuzuku sich an ihn, weinte zwar immer noch ein wenig, wirkte aber um einiges ruhiger.

„Geht’s wieder?“, fragte ich meinen besten Freund.

Meto nickte, als Tsu kaum reagierte. „Ist wieder okay …“

„Ihr wollt jetzt wohl lieber nach Hause, oder?“, fragte Mikan.

Doch zu meiner Überraschung widersprach Tsu: „Ich … will jetzt nicht nach Hause … Ko, können wir einfach zu dir und … irgendeinen Film schauen?“

„Fühlst du dich denn soweit wieder?“, versicherte ich mich, „Nicht, dass du nochmal so … abstürzt.“

Tsuzuku fuhr sich mit der Hand über die Augen und lächelte leicht. „Geht schon wieder. Ich brauch das jetzt, Meto und dich, euch beide.“

„Okay. Aber keinen Alkohol mehr für dich, verstanden?“

„Verstanden ...“

 

Wir bezahlten alles, was wir bestellt hatten, und verließen das Lokal wieder, nahmen die Bahn in Richtung meiner Wohnung. In der Bahn saßen wir einander gegenüber, so wie am Tisch zuvor, und während Mikan sich an mich lehnte, beobachtete ich Tsuzuku, der seinen Kopf auf Metos Schulter anlehnte und dessen Hand mit der seinen verschränkt hatte. Er wirkte total erschöpft und fertig, aber ruhig, sodass ich keinen erneuten Ausbruch befürchtete.

Ich war ziemlich froh darüber, dass Mikan Tsuzuku anscheinend nicht dafür verurteilte, dass er uns den ersten Teil des Abends verdorben hatte. Sie hatte offenbar verstanden, dass er nichts dafür konnte. Es war ja nicht seine Schuld, es war diese furchtbare Krankheit, die ihn im Augenblick einfach fest im Griff hatte.

 

Auf dem Weg zu meiner Wohnung gingen Tsu und Meto ein Stückchen hinter uns und Mikan sagte leise zu mir: „Ich weiß über solche Störungen ja auch nur das, was man so hört und mitbekommt … Redet Tsu mit dir darüber?“

„Manchmal ein bisschen“, antwortete ich. „Wenn wir mal so drauf kommen und so. Aber es ist halt auch so in vielem drin, was er sagt und tut.“

Mikan schwieg einen Moment, dann sagte sie nachdenklich: „Es ist schwer, jemanden noch als normalen Menschen anzusehen, wenn man weiß, dass er so eine Krankheit hat, oder?“

 

Damit sprach sie eine Sache aus, die mir hintergründig schon eine ganze Weile im Kopf herumging. Mir fiel es ja auch selbst auf, dass ich, ohne es wirklich zu wollen, Worte wie ‚impulsiv‘ und ‚emotional instabil‘ dachte, wenn ich über Tsuzuku nachdachte, und wenn ich mich dabei selbst erwischte, ärgerte ich mich über meine eigenen Gedanken. Tsu war doch mein bester Freund, ich wollte nicht so über ihn denken, so beurteilend. Er konnte schließlich nichts dafür, dass er so war.

Auf Mikans Worte hin nickte ich und antwortete: „Ja, das ist schon irgendwie … schwer. Aber ich will Tsuzuku auf keinen Fall verletzen, deshalb versuche ich wirklich, nicht so abwertend über ihn zu denken.“

 

Wir kamen an dem Haus an, in dem sich meine Wohnung befand, und Tsu und Meto holten uns wieder ein, wobei ich den Eindruck hatte, dass auch sie beide über etwas Ernstes gesprochen hatten. Tsuzuku wirkte jedoch relativ ruhig und einigermaßen entspannt, auch wenn seine Augen noch ein wenig vom Weinen gerötet waren.

„Und was machen wir jetzt gleich?“, fragte ich. „Ich hab hauptsächlich solche Kitschfilme da, die willst du wahrscheinlich nicht sehen, oder, Tsu?“

„Ist mir heute mal egal“, antwortete er. „Ich bin sowieso müde.“

 

Wir gingen rauf zu meiner Wohnung, und auf der Treppe wäre Tsu beinahe noch hingefallen, woraus ich schloss, dass er entweder immer noch angetrunken oder einfach total erschöpft war. Meto fing ihn zum Glück geradeso auf und half ihm, die letzten Stufen hochzusteigen.

Nach dem Schuhe-Ausziehen und so weiter ging ich als erster ins Wohnzimmer und begann, Filme auszusuchen, wobei ich dann doch drauf achtete, dass auch ein Actionfilm für Tsuzuku und ein Anime für Meto dabei waren.

 

Auf einmal stand Mikan hinter mir und umarmte mich. Ihre Hände tasteten über meinen Oberkörper und sie schmiegte sich an meinen Rücken.

„Weißt du, Kocha, was wir nachher machen?“, fragte sie leise.

„Hm?“

„Ich übernachte hier.“ Sie lachte leise und ihre rechte Hand schlüpfte unter mein Shirt. „Ich bin nämlich neugierig.“

„Worauf denn?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon ahnte.

„Auf dich. Oder, besser gesagt, auf den Koichi, der seinen Körper nicht unter Frauenkleidern versteckt.“

Jetzt musste ich auch lachen. Aber Mikan lachte nicht mit, sondern wurde ernst.

„Ko, ich hab da wirklich Lust drauf.“

„Ist gut, du kannst hier schlafen.“

„In deinem Bett?“

„Gerne“, sagte ich und spürte, wie mich der Gedanke mit Vorfreude erfüllte.

 

Inzwischen waren Tsuzuku und Meto auch ins Zimmer gekommen und ich bot ihnen an, es sich auf meiner Couch bequem zu machen. Die DVDs legte ich auf den Tisch, und Tsu griff sich gleich den Actionfilm, sah sich die Beschreibung an und sagte: „Ich glaube, den kenn ich schon.“

„Ich dachte, du wolltest heute mal mit uns Kitschfilme schauen.“ Mikan lachte.

„Mir egal. Guckt, was ihr wollt.“ Tsuzuku lehnte sich zurück und legte seinen Arm um Metos Schultern. Ich konnte nicht einschätzen, ob es ihm gut ging oder nicht, er wirkte einerseits müde und andererseits irgendwie aufgedreht.

Meto nahm sich den Anime, es war ‚Das Schloss im Himmel‘, und er fragte: „Können… nicht den hier… schauen…?“

„Klar können wir“, sagte ich. „Oder ist wer dagegen?“

Tsu schüttelte den Kopf, und auch Mikan verneinte.

„Gut, dann wäre das ja geklärt.“

Meto reichte mir den Film und ich legte ihn in den DVD-Player ein, dann machte ich es mir neben Mikan auf dem Sofa gemütlich.

 

Zuerst schauten wir einfach nur den Film an und jeder war mit sich selbst und der Handlung auf dem Bildschirm beschäftigt. Ab und zu sagte Mikan etwas dazu, und hin und wieder kommentierte auch Tsu die Handlung.

Einmal stand Mikan auf und holte sich was zu essen aus der Küche, beschwerte sich dabei gespielt, dass ich keine Chips da hatte, woraufhin Tsuzuku ein halblautes „Bleib mir weg mit Fresszeug“ von sich gab. Irgendwo in der Mitte des Films sah ich in seine Richtung und stellte fest, dass er sich an Meto angekuschelt hatte und fest eingeschlafen war. Kein Wunder, so müde, wie er gewesen war. Meto hatte seinen Arm schützend um ihn gelegt und in diesem Moment sah es wirklich so aus, als wäre er nicht der Jüngere, sondern der Ältere von beiden, der auf den anderen aufpasste.

Ich tippte Mikan an und flüsterte leise: „Sind die beiden nicht süß?“

Sie grinste. „Kocha, du Fanboy … Aber stimmt, die zwei sind wirklich süß zusammen.“

Meto blickte in unsere Richtung und lächelte leicht.

 

Als der Film vorbei war, versuchten wir, Tsuzuku zu wecken, doch er schlief so tief und fest, dass wir ihn nicht wach bekamen. Also beschlossen wir kurzerhand, dass er und Meto ebenfalls bei mir übernachteten und dann morgen früh wieder nach Hause fuhren.

Ich kramte meinen Gästefuton raus, Meto machte sich damit ein Lager im Wohnzimmer und machte es dann für Tsuzuku auf der Couch so gemütlich, wie es eben ging. Ich beobachtete, wie er ihm vorsichtig ein Kissen unter den Kopf schob und ihn ganz liebevoll zudeckte, und wieder konnte ich nicht umhin, diese Liebe und Vertrautheit zwischen den beiden unglaublich süß und schön zu finden.

 

Als ich in mein Schlafzimmer ging, saß Mikan auf meinem Bett und zog sich gerade die Strümpfe aus. Sie hatte sich einfach ein Schlafanzugoberteil aus meinem Schrank genommen und angezogen, was irgendwie total niedlich aussah, und als sie mich hereinkommen sah, lächelte sie.

„Komm kuscheln, Koi“, sagte sie und ließ sich auf den Rücken sinken.

Ich setzte mich auf die Bettkante und begann, mich ebenfalls umzuziehen. Griff mir einen anderen Schlafanzug aus dem Schrank und zog den an, wobei ich Mikans Blick auf meinem Körper spürte. Ich wusste nicht genau, ob sie mich schon mal so fast nackt gesehen hatte, vielleicht war es das erste Mal. Sie kroch unter die Bettdecke und ich tat es ihr gleich, machte das Licht aus und eine Weile blieben wir einfach so liegen.

 

„Koichi?“, unterbrach Mikan schließlich die etwas unangenehme Stille. „Darf ich dich so in den Arm nehmen?“

„Klar darfst du. Warum denn auch nicht?“, antwortete ich.

„Na ja … weil wir ja langsam machen wollten. Deshalb frag ich. Ich würde aber gern … weil ich wirklich neugierig drauf bin, wie es sich anfühlt, dich so anzufassen.“

„Dann tu’s“, flüsterte ich. „Fass mich an.“

 

Langsam rückte sie näher zu mir und legte ihren Arm um mich. Ich spürte ihre Wärme und roch ihr süßes Parfüm, ihr Gesicht kam meinem immer näher und dann legte sie ganz vorsichtig und sanft ihre Lippen auf meine. Mein Herz klopfte wie verrückt und ich umarmte sie meinerseits, küsste sie um einiges leidenschaftlicher zurück. Ihre Hände streichelten über meinen Rücken und meine Seite und sie lächelte an meinen Lippen, löste den Kuss und flüsterte: „Zieh dich aus, Ko.“

„Ganz?“, fragte ich.

„Erstmal das Oberteil“, antwortete sie und begann, die Knöpfe meines Schlafanzughemdes einen nach dem anderen zu öffnen, zog es mir anschließend von den Schultern, und ich streifte es ganz ab, ließ es auf den Boden vor dem Bett fallen.

 

Mikan streckte die Hand nach dem Schalter der Nachttischlampe aus und machte Licht an, sagte: „Ich will dich sehen.“ Küsste mich und begann dann erneut, mich anzufassen und zu streicheln, diesmal meine bloße Haut ohne Stoff dazwischen. Ihre Hände erkundeten jeden Zentimeter meines Oberkörpers, von meinem Bauch über meine Rippenbögen rauf zu meiner Brust, meinen Schultern und Armen, ich seufzte genießend und sie lachte leise.

„Was für einen schönen Männerkörper du hast …“, sprach sie leise. „Warum hab ich das die ganzen Jahre über nicht gesehen? Ich muss ja blind gewesen sein.“

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, und Mikan ließ mich auch gar nicht zu Wort kommen, sondern streichelte weiter meine Brust, entdeckte meine Brustwarzen und berührte diese. Ich seufzte wieder und hörte Mikan flüstern: „Die sind ja süß!“

Ihre zarten Finger begannen, ein wenig mit meinen Nippeln zu spielen und ich seufzte immer lauter, bis sie meine Lippen wiederum mit den ihren verschloss.

 

„… Dann will ich dich aber auch anfassen“, entkam es mir, zugegeben recht unüberlegt, und ich spürte die Neugier und Begierde in meinen eigenen Händen, welche kaum noch erwarten konnten, endlich Mikans weiche Brüste zu berühren.

Sie kicherte leise und küsste mich wieder, sah mir einen Moment lang in die Augen und setzte sich dann auf, um sich das Oberteil in einem einzigen Zug über den Kopf zu ziehen. Zum ersten Mal sah ich ihren nackten Oberkörper, ihre hübschen, kleinen Brüste, die so weich aussahen, und ihre Brustwarzen, die genauso schön hell waren, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Sie waren durch die Kühle im Zimmer ein wenig hart und ich verspürte den Wunsch, diese zarten Knospen zu küssen.

 

„Gefalle ich dir?“, fragte Mikan und lächelte.

„Ja, sehr“, antwortete ich, setzte mich ebenfalls auf und fügte dann mit weicher Stimme hinzu: „Du bist schön.“

„Sind sie dir auch nicht zu klein?“

„Nein, genau richtig. Ich mag’s, wenn sie nicht so groß sind.“

Ich setzte mich ebenfalls auf und dann streckte ich langsam, jede Sekunde auskostend, die Hand aus, berührte Mikans nackte Haut und umschloss ihre linke Brust mit meiner Hand. Mein Herz klopfte wie wild und meine Atmung beschleunigte sich, als ihre Brustwarze gegen meine Handfläche drückte und ich die wundervolle Weichheit ihrer Brust spürte und ihren aufgeregten Herzschlag darunter.

„Mikan …“, kam mir ihr Name über die Lippen, und ich senkte den Kopf, um ihren Hals zu küssen. Dieser Moment hatte etwas Zauberhaftes, Magisches an sich, wie eine Seifenblase um uns beide herum. Ich hörte Mikan erregt seufzen, ihre Stimme klang ganz weich, so weich wie sie im Ganzen war, sie war weich und warm und lieb und ich hatte sie so furchtbar gern.

„Wie weit gehen wir heute?“, fragte sie leise und ich war mir sicher, dass sie die Magie dieses Momentes genauso spürte wie ich.

„Wie du möchtest“, antwortete ich.

„Willst du mit mir … schlafen?“ Sie sah mir in die Augen.

„Ich kann auf dich warten.“

„Das ist gut.“

 

Ich nahm meine Hand von ihrer Brust und umarmte sie, drückte ihren warmen, weichen, weiblichen Körper eng an meinen, sie seufzte wieder, es war fast schon ein Stöhnen.

„Du … wirst ja schon hart …“, hauchte sie und ich spürte ihre Lippen an meiner Halsbeuge.

„Stört dich das?“

„Nein, es ist nur so … Es macht mir deutlich, was du willst, Koichi.“ Sie löste sich von mir, sah mich an und fügte hinzu: „Ich bin mir einfach noch nicht sicher, ob wir schon so weit gehen sollten.“

„Wie gesagt, ich kann auf dich warten“, sagte ich und fühlte, dass es stimmte. Es war mir nicht wichtig, jetzt schon so weit zu gehen. Klar, irgendwann wollte ich schon mit Mikan schlafen, aber wenn sie im Moment noch unsicher war, konnte ich warten.

 

Und auf einmal war es da, dieses Gefühl von tiefer Verbundenheit, dass sich zwischen uns etwas verändert hatte, enger geworden war und sich auf eine andere Ebene verlagerte. Ich umarmte Mikan wieder, fühlte ihr Herz schlagen, ihre Atemzüge, ihre warme Haut, und hatte sie einfach so lieb, liebte sie so! Sie schmiegte sich in meine Umarmung und küsste mich, es fühlte sich so süß und liebevoll an, dass ich aufseufzte, gegen ihre weichen Lippen.

„Mikan …“

„Koichi?“

„Ich liebe dich“, flüsterte ich.  

„Ich dich auch.“ Sie lächelte.

 

Wir legten uns beide hin, ich umarmte und küsste sie, es war gar nicht viel, aber einfach nur schön. Meine traurige Sehnsucht war ganz weg und schien auch nicht vorzuhaben, zurückzukehren. Wozu auch, wo ich doch nicht mehr einsam war.

Irgendwann schlief Mikan ein, ich lag noch ein bisschen wach, dann wurde ich auch immer müder, bis mir die Augen zu fielen.

 

Mitten in der Nacht wachte ich davon auf, dass ich zur Toilette musste. Ich stand auf, vorsichtig, um Mikan nicht zu wecken, hob mein Schlafanzughemd vom Boden auf, die Hose hatte ich ja noch an, und ging ins Bad.

Als ich kurz darauf von dort wieder auf den Flur trat, hörte ich, ganz leise, Tsuzukus Stimme im Wohnzimmer: „Meto? Wach auf … bitte …“ Anscheinend war er jetzt doch aufgewacht und versuchte, Meto zu wecken.

Ich blieb erst einfach stehen und lauschte, ob ich Meto auch hören konnte, und kurz darauf hörte ich ihn leise fragen: „Mh … Tsu? Was ist?“

„Warum sind wir noch hier?“

„Du hast so fest geschlafen, dass Koichi und ich beschlossen haben, dass du und ich auch hier übernachten.“

„Ist Mikan noch hier?“, hörte ich Tsu fragen. 

„Ich glaub, sie schläft bei Kocha im Zimmer“, antwortete Meto und fragte dann: „Geht’s dir denn ein bisschen besser, mein Herz?“

Ich konnte ja nicht sehen, ob Tsuzuku nickte oder den Kopf schüttelte, weil ich immer noch um die Ecke im Flur stand, aber ich hörte ihn antworten: „Geht so. Ich bin nur … irgendwie so traurig, weil ich ja eigentlich glücklich sein sollte, es auch so gern wäre, aber einfach nicht bin. Ich würde mich so gern so glücklich fühlen, wie man sich fühlt, wenn man gerade frisch verlobt ist.“

„Und warum fühlst du dich nicht gut? Ich meine, gibt’s einen Grund oder ist das einfach nur so?“ Metos Stimme klang ganz lieb und geduldig.

„Einfach nur so. Zumindest … kann ich keinen Grund erkennen. Ich fühl mich einfach nur so leer.“

 

Ich ging auf die Wohnzimmertür zu, die einen Spalt breit offen stand, und schaute hindurch, sah, dass Tsuzuku sein Schlaflager auf der Couch verlassen und sich zu Meto in den Futon gelegt hatte. Viel konnte ich sonst nicht erkennen, es war zu dunkel, aber ich sah, wie Meto sich über seinen Freund beugte und ihn küsste.

„Kann ich irgendwas tun, dass du dich … nicht mehr so leer fühlst?“, fragte er liebevoll.

„Halt mich fest“, flüsterte Tsuzuku. „Nimm mich einfach in deine Arme und halt mich fest.“

„Hilft das?“

„Ein bisschen.“

Ich sah, wie die beiden enger zusammenrückten und sich umarmten, wie Tsu sich an Meto klammerte, und ich hörte ihn ganz leise flüstern: „Berühr mich ... bitte … Ich will spüren, dass du mich liebst …“

Die Bettdecke raschelte und ich hörte Tsuzuku aufseufzen. Er klang eindeutig erregt und mir schoss das Blut in die Wangen, als mir klar wurde, in welche Richtung das ging und dass ich immer noch hier stand und zuhörte.  

 

Auf leisen Sohlen schlich ich zurück in mein Schlafzimmer und legte mich wieder ins Bett zu Mikan, die davon aufwachte.

„Koi? Was los?“, fragte sie verschlafen.

„Ich war nur auf der Toilette“, antwortete ich und gleich darauf war ein eindeutiges Stöhnen aus dem Wohnzimmer zu hören.

Mikan kicherte. „Sind die beiden auch wach?“

„Anscheinend …“, sagte ich, denn dass ich die zwei eben gerade beobachtet und belauscht hatte, musste Mikan ja nicht wissen.

 

Und so lagen meine Freundin und ich in meinem Bett und versuchten beide, nicht allzu genau hinzuhören, was da in meinem Wohnzimmer … ähm, getrieben wurde. Ich hatte zwar absolut nichts dagegen, dass Tsuzuku und Meto sich auch in meiner Wohnung lieb hatten, aber so ganz genau wollte ich dann doch nicht mitbekommen, was die beiden zusammen taten, auch wenn Tsu ja bei diesem Thema ein gewisses Mitteilungsbedürfnis an den Tag legte und mir vieles einfach frei raus erzählt hatte. Und so frei heraus, wie er darüber redete, hörte ich ihn jetzt stöhnen.

 

„Man kann einfach kaum weghören“, wisperte Mikan irgendwann. „Und dann stellt man es sich auch irgendwie vor, ne?“

Ich nickte, und spürte schon längst, wie mir das Blut in die Wangen gestiegen war.

„Tsu erzählt mir viele solche Sachen, von daher … weiß ich halt auch ungefähr, was die beiden so machen …“, antwortete ich und versuchte, meine Verlegenheit mit einer gewissen Coolness zu überspielen. „Und weil die beiden ja jetzt auch frisch verlobt sind … na ja, ist es wohl verständlich, dass sie viel intim miteinander sind.“

„Verlobt?“, fragte Mikan. „Jetzt echt?“

Ich nickte. „Ja, seit vorgestern oder so. Deshalb hab ich mich auch so gewundert, dass Tsuzuku so niedergeschlagen war.“

„Na ja, das lag dann wohl … an dieser Krankheit, oder?“, fragte Mikan vorsichtig.

„Ja, wahrscheinlich“, sagte ich. „Oh mann, das stell ich mir echt schlimm vor, wenn man sich gerade verlobt hat und dann klappt einem das eigene Gefühlsleben ab und man kann sich gar nicht mehr wirklich freuen …“

 

„Tsu tut mir richtig leid …“, sagte Mikan leise. „Er ist doch schon gestraft genug damit, dass er seine Mutter verloren hat und auf der Straße leben musste …“

„Ist schon echt ungerecht, das Leben.“ Ich wusste nichts mehr weiter zu sagen. Wenn ich so über das Leben und das Schicksal nachdachte, das meinen besten Freund so furchtbar leiden ließ, wurde ich selber ganz traurig.

In dem Moment hörte ich ihn aber wieder so lustvoll und genießend aufseufzen, er klang so glücklich, dass ich leise zu Mikan sagte: „Aber jetzt gerade, in diesem Augenblick, scheint er sich mehr als gut zu fühlen …“

„Ja, ganz bestimmt. Er hat ja Meto bei sich.“

Irgendwann danach schlief ich wieder ein, und durch bis zum Morgen.

Als ich aufwachte, wusste ich erst gar nicht, wo ich war. Ich lag nackt in einem weißen Futon, in einem Raum, der mir auf den ersten Blick fremd erschien, und hörte aus einem anderen Raum nebenan Tellerklappern und leise Stimmen. Erst ein Blick auf die umfangreiche Bambi-Sammlung auf dem Regal neben dem Fernseher brachte Klarheit und ließ mich wissen, dass ich in Koichis Wohnzimmer lag.

 

Langsam und mit zunehmend dröhnendem Kopf richtete ich mich auf, und ebenso langsam kehrte meine Erinnerung an gestern Abend zurück. An das, was in der Kneipe passiert war, und daran, dass Meto und ich danach zu Koichi nach Hause mitgekommen waren. Wir hatten anscheinend noch einen Film geschaut und ich musste irgendwann eingeschlafen sein. Und später in der Nacht dann war noch irgendwas gewesen, ich erinnerte mich an Wärme und an Zärtlichkeiten, welche die entsetzliche Leere für ein paar Augenblicke aus meinem Herzen vertrieben hatten.

Ich suchte unter der Bettdecke nach meinen Shorts, fand sie und zog sie schnell an, schälte mich aus dem Futon und hob meine Jeans auf, um sie ebenfalls anzuziehen.

 

„Meto?“, rief ich nach meinem Freund.

Er kam aus der ans Wohnzimmer grenzenden Küche, wo ich Koichi mit Mikan reden hörte, und lächelte mich an. „Hast du ausgeschlafen?“

„Hab Kopfschmerzen“, antwortete ich und drückte meinen Handballen gegen meine Stirn, die sich anfühlte, als würde von innen etwas gegen den Knochen hämmern. Seltsam, denn ich konnte mich nur an zwei Bier gestern erinnern, und das reichte normalerweise nicht, damit ich solche Kopfschmerzen bekam …

„Frag mal Koichi, vielleicht hat er Kopfschmerztabletten da“, sagte Meto. „Ansonsten gehen wir nachher an einer Apotheke vorbei und holen dir welche.“ Er sah mich einen Moment lang einfach nur an, dann fragte er: „Und wie geht’s dir sonst? Ist diese Leere gerade … weg?“

Ich fühlte kurz in mich hinein und antwortete dann: „Ich merk sie zumindest gerade nicht.“

„Und möchtest du was essen?“, fragte er dann.

Ich schüttelte den Kopf, hatte wieder einmal überhaupt keinen Hunger.

„Nicht mal ein kleines bisschen was?“, fragte Meto.

„Nein … Ich hab das Gefühl, dass mir schlecht wird, wenn ich was esse.“

 

Ich zog mich fertig an, ging dann mit in die Küche und setzte mich zu Koichi und Mikan an den Tisch, auch wenn ich nicht vorhatte, etwas zu essen. Wieder kam mir das Essen, was auf dem Tisch stand, nicht wirklich wie etwas Essbares vor, ich fühlte eine Art Distanz dazu und, dass ich jetzt nichts davon würde zu mir nehmen können. Es war frustrierend, dass mein Essverhalten wieder so stagnierte, aber ich fühlte mich absolut nicht so, als könnte ich jetzt etwas daran ändern.

Koichi hatte tatsächlich eine Kopfschmerztablette da, die ich mit einem Glas Wasser herunterspülte, mehr nahm ich nicht zu mir.

„Willst du … echt nichts essen?“, fragte Mikan mich vorsichtig, als ich keine Anstalten machte, mir etwas zu nehmen.

Ich schüttelte den Kopf. „Vielleicht später …“, sagte ich, mehr um meine Freunde zu beruhigen.

 

Meto sah mich besorgt an und ich lehnte mich an seine Schulter, fühlte mich furchtbar müde und antriebslos. Er legte seinen Arm um mich, streichelte meine Seite und hauchte einen Kuss auf meinen Kopf. Mir war nach Weinen zumute, doch ich wollte nicht, dass Koichi und Mikan mich schon wieder so aufgelöst sahen, und so riss ich mich innerlich mit aller Kraft zusammen. Doch das brachte nur kurz etwas, und Minuten später spürte ich die erste Träne meine Wange hinablaufen.

„Tsuzuku? Hey, was ist denn los?“, fragte Koichi sofort besorgt.

Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht …“

Ich wusste es wirklich nicht. Es gab keinen bestimmten Auslöser, ich fühlte mich einfach nur furchtbar und wollte am liebsten in ein Loch im Boden verschwinden.

Meto hielt mich, zog mich näher an sich und nahm dann mein Gesicht in seine Hände, um meine Tränen weg zu küssen und dann seine Lippen ganz sanft auf meine zu drücken.

 

Mein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, als ich wieder an dieses Wort denken musste, den Grund, warum ich mich leer und einsam fühlte, nicht aß, und ständig emotional zusammenbrach. Ich hatte das Gefühl, als ob es mit mir immer schlimmer wurde, und in diesem Moment tat mir dieses Wort Borderline wieder furchtbar weh.

Vielleicht sollte ich, falls ich heute überhaupt arbeiten ging, danach zu Hitomi gehen und mit ihr darüber sprechen. Denn zu einem Psychiater oder Psychologen traute ich mich immer noch nicht. Mit einer guten Freundin, die solche Dinge von sich selbst nur allzu gut kannte, über so etwas zu reden, war einfach etwas ganz anderes, als zu jemandem ‚vom Fach‘ zu gehen und vor dem mein kaputtes Seelenleben auszubreiten.

 

Metos Nähe sorgte dafür, dass ich mich bald wieder ein klein wenig besser fühlte, zumindest so weit, dass ich mich doch dazu entschließen konnte, heute arbeiten zu gehen. Ich wollte nicht so oft dort fehlen und außerdem würde mir zu Hause eh nur die Decke auf den Kopf fallen. Zwar konnte ich immer noch nichts frühstücken, aber eine Zigarette und ein Glas Cola reichten aus, damit ich wach genug war, mich für die Arbeit fertig machen zu können.

 

Obwohl ich mich immer noch nicht wirklich gut fühlte, beschloss ich, es mit der Arbeit heute wenigstens zu versuchen. Auch, weil ich wusste, dass Herumsitzen und Nichtstun meinen Zustand sicher nicht verbesserte.

Koichi und Meto fuhren zum Café, Mikan zu ihrer Arbeitsstelle, und ich also ins Studio, hoffend, dass ich die Arbeit heute halbwegs hinbekam. Ich würde heute nur einfache Aufgaben übernehmen, nichts Kompliziertes oder Verantwortungsvolles.

 

Als ich beim Studio ankam und mich auf meinen Platz setzte, kam Takashima auf mich zu und fragte, wie es mir ging. Er hatte gestern bemerkt, wie meine Euphorie plötzlich abgekühlt war und ich mich wieder nicht gut gefühlt hatte, und wir hatten ein wenig über das gesprochen, was bei mir gerade los war.

„Geht so …“, antwortetet ich und klappte meinen Skizzenblock auf, nahm einen Bleistift und begann, irgendwas flüchtig hinzuzeichnen.

„Und … es ist echt nur dein Gefühl, was nicht mitspielt?“

Ich nickte, sah ihn aber nicht an. „Nachher gehe ich vielleicht noch zu Hitomi, sie besuchen und ein bisschen reden.“

Takashima lächelte. „Das ist gut, das hilft dir bestimmt.“

 

Im Verlauf des Arbeitstages bemerkte ich, dass mir die Arbeit guttat. Es war einfach gut, etwas zu tun zu haben und nicht über mein Leben nachdenken zu müssen, sondern nur über das, was ich gerade tat. Ich zeichnete unheimlich viel, hatte auch einige Aufträge für Entwürfe, und die waren überwiegend eher dunkel und unheimlich, gefielen mir und es machte Spaß, die Motive auszuarbeiten und schon mal probeweise auf Tierhaut zu stechen.

Das Summen der Nadel hatte eine beruhigende Wirkung auf mich, weil ich mir dabei vorstellte, wie ich selbst ein neues Tattoo bekam und mir diesen Schmerz ins Gedächtnis rief, der jeden Druck von mir nahm und mir so guttat. Mir war klar, dass das krank war, aber in diesem Moment war mir das ziemlich egal.

 

Mittags war ich ziemlich erschöpft, weil ich mich doch sehr in die Arbeit vertieft und nur meine üblichen, kurzen Zigarettenpausen gemacht hatte. Ich fühlte mich jedoch insgesamt etwas besser, und erwischte Kurata in einem günstigen Moment, um ihn zu fragen, ob ich den Nachmittag frei machen konnte. Er ließ mich gehen, und ich setzte meinen Plan, Hitomi zu besuchen, in die Tat um.

 

Ich traf sie vor der Klinik, sie saß auf einer Bank und rauchte. Als sie mich bemerkte, blickte sie kurz auf. Sie wirkte müde und nachdenklich, nicht so lebhaft wie beim letzten Mal.

„Hey, Tsu …“, sagte sie leise, nahm einen Zug von ihrer Zigarette und blickte dann wieder an mir vorbei. Es war heute schon ein bisschen wärmer und sie trug eine graue Strickjacke mit dreiviertel langen Ärmeln, so dass ich die Narben auf ihren Unterarmen sehen konnte.

Ich setzte mich neben sie und sah sie eine Weile lang einfach nur an. Anscheinend ging es uns beiden heute nicht so wirklich gut.

 

„Wie geht’s dir, Tsu?“, fragte Hitomi irgendwann.

Ich brauchte einen Moment, bis ich antworten konnte, diese Frage war nicht einfach zu beantworten.

„Eigentlich müsste ich richtig glücklich sein“, sagte ich. „Ich hab Meto einen Heiratsantrag gemacht, er hat ‚Ja‘ gesagt und bis gestern Morgen war ich auch richtig glücklich, aber dann … Kennst du das, wenn sich alles auf einmal in Nichts auflöst und nur noch Leere übrig bleibt?“

Hitomi nickte. „Ja … Das kenn ich nur zu gut …“

„Kann man denn …“, fragte ich, „… irgendwas dagegen tun?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich. Es gibt zwar Medikamente, die das angeblich abmildern sollen, aber nicht mal da hast du ‘ne Garantie, dass sie wirken. Oder Alkohol … manchmal bringt das was, aber oft genug auch nicht und außerdem … sich zu betrinken ist auch nicht gerade klug.“

„Das hab ich gestern auch versucht …“, sagte ich. „Aber vom Alkohol ist es nur schlimmer geworden.“

„Eben. Man weiß nie, wie so was wirkt.“ Hitomi nahm einen Zug von ihrer Zigarette und fügte dann hinzu: „Ich schlucke drei Tabletten jeden Tag und trotzdem geht’s mir heute einfach nicht gut.“

 

„Kannst du denn … beschreiben, was in dir los ist?“, fragte ich vorsichtig.

Sie schüttelte den Kopf. „Zumindest nicht so richtig.“ Sie nahm wieder einen Zug Rauch und fuhr dann mit einer seltsam ironisch klingenden Stimme fort: „Chronische Einsamkeit, innere Leere, Ritzdrang, Hass, Wut, Angst. Ach ja, und ich fühl mich ausgeliefert. Meine Gefühle jagen mich durch meine Innenwelt und ich kann nicht weg.“ Ihre Hand krampfte, ließ die Zigarette fallen, und sie trat sie mit plötzlicher Wut aus.

Es war wie ein Spiegel. Ich erinnerte mich an die zerbrochene Fensterscheibe in der Schule früher und an die zersplitterten Glasflaschen im Park. An meine eigenen plötzlichen Wutanfälle, mein unbeherrschtes Temperament.

„Ich kenn das“, sagte ich.

„Weiß ich.“

„Hilft dir das, dass ich weiß, wie du dich fühlst?“

„Irgendwie schon …“

 

Hitomi schwieg eine Weile und sagte dann: „Tsuzuku, du weißt, was du für ein wahnsinniges Glück mit deinem Freund hast, oder?“

Ich sah sie an und nickte. „Ja, das weiß ich.“

„Ich würde das wahrscheinlich gar nicht hinbekommen, so fest und lange mit jemandem zusammen zu sein“, sagte sie. Ihr Blick ging in die Ferne und ihre Stimme klang jetzt traurig und nachdenklich. Ich fragte mich, wie ihr bisheriges Leben wohl ausgesehen hatte, ihre Vergangenheit: Wie war sie auf der Straße gelandet, was für Freunde hatte sie gehabt, was für eine Familie?

„Warum denn nicht?“, fragte ich auf ihre Worte hin.

„Ich bin nicht beziehungsfähig. Mich hat noch kein Mann länger als ein halbes Jahr lang ausgehalten.“ Hitomi klang traurig, beinahe wieder wütend, und so resigniert, dass ich sie am liebsten umarmt hätte. „Ich fühle mich durchgehend einsam, aber ich kann nichts daran ändern. Es geht nun mal nicht mit mir und dem, was man so Liebe nennt.“

„Versuchst du’s denn noch?“, fragte ich leise, rückte näher zu ihr und sah sie an.

Hitomi schüttelte den Kopf. „Ich hab mir das selbst verboten. Jede gescheiterte Beziehung reißt das Loch in mir größer und wenn ich noch ein bisschen leben will, sollte ich das besser lassen.“ Auf einmal klang sie ganz kühl und sachlich, so, als ob sie sich selbst von außen beobachtete. Das Wort ‚Borderline‘ hing geradezu greifbar in der Luft, und ich fühlte mich eigenartig, mein Herz kribbelte.

 

Einen Moment später fühlte ich Hitomis schmalen Körper in meinen Armen, ihr Haar kitzelte meine Nase. Sie keuchte überrascht und erst dann wurde mir klar, dass ich es schon wieder getan hatte. Sofort löste ich mich von ihr, ging auf Abstand und entschuldigte mich.

„Ist schon okay“, sagte sie. „Ich weiß ja …“

Eine unangenehme Stille entstand zwischen uns. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Wusste aber, dass diese Umarmung, wären wir in Europa gewesen und beide keine Japaner, etwas völlig normales gewesen wäre. Einfach eine Umarmung unter Freunden. Doch hier, in Japan, in unserer Gesellschaft, war es nicht so üblich, sich als Freunde einfach so zu umarmen. Und so machte es unser Anders-sein deutlich und weckte in meinem Kopf das Wort ‚impulsiv‘.

Irgendwie bemerkte Hitomi meine Unsicherheit. Sie kam näher und legte ihre Hand auf meine. Sagte nichts, doch in ihrer Berührung lag etwas, das mir ein gutes Gefühl gab.

 

Erst jetzt fiel mir wieder ein, dass ich sie ja etwas hatte fragen wollen. Sie kannte hier in der Klinik sicher mehrere Psychologen und Psychiater.

„Sag mal …“, wechselte ich also das Thema, „Du kennst hier ja sicher einige Psychologen und so weiter … Ich wüsste gerne, wie man mit solchen Leuten vom Fach am besten redet. Weil … irgendwann muss ich da ja mal hin und … ich hab ziemliche Angst davor.“

„Tsu, das ist ‘ne gute Frage …“, antwortete Hitomi. „Ich hab das auch noch nicht ganz raus. Meine eine Therapeutin, bei der ich die Gruppe habe, ist ziemlich furchtbar, ich hab keine Ahnung, wie ich mit der klarkommen soll. Und die anderen beiden … na ja, die sind ganz nett, aber ich hab nicht das Gefühl, dass die mir wirklich helfen können.“ Sie schwieg einen Moment und fuhr dann fort: „Wenn du meinst, dass du anders nicht klarkommst und eine Therapie brauchst, ist das eine Sache, dann helfe ich dir, jemanden zu finden. Aber wenn du gerade noch alleine zurechtkommst, wenn’s noch geht, dann schieb das mit der offiziellen Diagnose und der Therapie noch auf. Gerade, wenn du sowieso Angst davor hast.“

 

„Ich weiß es nicht …“, sagte ich. „Ich hab das Gefühl, dass es im Moment schlimmer wird, aber ich hab einfach Angst.“

„Es ist halt auch leider so, dass man an die falschen Leute geraten kann, wenn man eine Therapie sucht. Zum Beispiel eben meine Therapeutin in der Gruppe, die ist furchtbar streng und eingebildet und hat null Einfühlungsvermögen für mich. Vor solchen Leuten muss man aufpassen.“

„Genau davor hab ich Angst …“, gestand ich. „Ich kenne eine Ärztin in der ‚normalen‘ Klinik und die würde mich an einen Psychiater weiterleiten, aber was, wenn ich mit dem nicht klarkomme?“

„Im schlimmsten Fall kriegst du ein richtig fettes Tief …“, sagte Hitomi. „Und das musst du verhindern. Lieber hilfst du dir selbst, als dass du einen Therapeuten vor dir hast, der dir nur Vorwürfe macht.“

„Aber … muss man nicht irgendwie eine Therapie machen?“, fragte ich unsicher.

„Man muss selbst wissen, ob man für eine Therapie bereit ist. Wenn du Angst davor hast, bringt es nichts.“ Hitomi sah mich ernst an und ihre Hand streichelte über meine.

Ich fühlte mich bei ihr ganz sicher und gut aufgehoben, und ich wusste, wenn ich etwas sagte, verstand sie es. Und dieses Verstanden-werden tat mir gut.

 

„Tsuzuku?“, fragte sie nach einer Weile. „Magst du mich eigentlich?“

Ich nickte. „Klar mag ich dich.“

„So klar ist das nicht“, sagte sie. „Zumindest mag ich mich selber nicht so wirklich.“

„Ich mich selbst doch auch nicht. Aber … auch, wenn man sich selbst nicht mag, gibt es irgendwie immer jemanden, der einen trotzdem gern hat …“ Ich dachte an Meto und fühlte, wie mein Herz davon warm wurde. Ein kleines Lächeln schlich sich auf meine Lippen, und Hitomi lächelte mit ihrem scheuen Lächeln zurück.

„Du denkst wieder an Meto, oder?“, fragte sie. „Ich freu mich echt für dich, dass du ihn hast.“

Meine Gedanken blieben bei Meto hängen und ich fühlte mich, als ob die Sonne endlich wieder zwischen den grauen Wolken durchkam und mich wärmte. Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen und genoss diese Wärme, die mich durchströmte und die Leere ein wenig vertrieb. Und dann war es wieder da, dieses rauschhafte Glücksgefühl von gestern Morgen, als ich auf mein Blog geschrieben hatte, wie glücklich ich mit Meto war und dass wir irgendwann heiraten würden.

 

„Ich liebe ihn wahnsinnig“, sagte ich lächelnd. „Er ist mein Leben.“

Hitomi lächelte wieder. „Ich hab dir damals schon gesagt, ein Freund hält einen von der Grenze weg.“

Ich erinnerte mich sogar noch daran, wie sie das damals im Tempel zu mir gesagt hatte. Damals hatte ich ihre Worte erst noch nicht verstanden, doch kurz darauf war ich ja dahintergekommen, was sie mit ‚Grenze‘ meinte.

„Wir waren zuerst beste Freunde, Meto und ich“, sagte ich. „Vorher, bevor ich ihn kannte, wollte ich eigentlich nur noch sterben. Aber seit er bei mir ist, nicht mehr. Ich hab ihn zu meinem Sinn im Leben gemacht.“

„Das ist schön, Tsu. Halt das fest, halt ihn fest, tu alles, damit ihr zusammen bleibt.“

„Das werde ich“, sagte ich und war mir in diesem Moment sicher, dass ich es konnte. „Und er wird bei mir bleiben, das hat er mir versprochen.“

 

Wieder schwiegen wir eine Weile. Ich beobachtete Hitomis Gesicht von der Seite, den wechselnden Ausdruck, dem ich entnehmen konnte, dass sie über viele verschiedene Dinge nachdachte.

„Sag mal …“, brach sie schließlich die Stille, „…kennst du das auch, dass du manchmal einfach so, ohne Grund, wütend auf jemanden bist?“

Ich dachte an früher, als so etwas öfter vorgekommen war, und dann an die letzten Monate, wo ich das zum Glück nicht mehr so oft gehabt hatte.

„Manchmal …“, antwortete ich. „Aber bei Meto zum Glück nur sehr selten.“

„Ich hab das oft.“ Hitomi blickte an mir vorbei und fügte dann hinzu: „Tsuzuku, falls ich das bei dir mal habe, dass ich ohne Grund wütend auf dich bin, dann denk bitte daran, dass ich das nicht mit Absicht mache. Nachher tut’s mir immer leid, aber ich bin eben so … so ‘ne Borderlinerin.“

„Ist okay, ich merk’s mir.“ Ich lächelte sie an, sie lächelte zurück und sagte: „Danke, Tsu, du bist echt ein Schatz.“

 

Irgendwann danach ging ich wieder nach Hause. Auf dem Heimweg fiel mir wieder ein, dass Haruna, Hanako und Yami ja inzwischen mit unserem Schlafzimmer fertig sein mussten.

Meto war schon da, er stand wieder in der Küche und kochte, ich roch schon im Flur den Duft von Reis und Currysoße. Ich hatte heute noch nichts gegessen, mein knurrender Magen verlangte  nach Nahrung, und so ging ich in die Küche und setzte mich auf meinen Platz. Meto drehte sich zu mir um, legte den Kochlöffel weg und umarmte mich.

„Geht’s dir besser?“, fragte er.

Ich nickte, lehnte mich an ihn und hörte sein Herz. „Ich war eben bei Hitomi.“

„Sie hilft dir gut, oder?“

„Ja.“

 

Das Fleisch in der Pfanne zischte und Meto wandte sich wieder dem Kochen zu. Ich sah ihm zu und versuchte, das lautstarke Verlangen meines Magens zu unterdrücken.

„Vorhin hat hier jemand vom Krankenhaus angerufen. Du hast deinen Termin bei Dr. Matsuyama vergessen“, sagte Meto nach einer Weile.

Den Termin hatte ich tatsächlich komplett vergessen. Aber da ich mich sowieso im Moment nicht imstande fühlte, das Krankenhaus auch nur zu betreten, fiel mein schlechtes Gewissen, weil ich es vergessen hatte, ziemlich gering aus.

„Ich wäre sowieso nicht hingegangen“, sagte ich.

„Hast du immer noch diese Krankenhaus-Angst?“

„M-hm …“

 

In dem Moment gab mein Magen ein eindeutiges Knurren von sich.

„Tsu, wie lange hast du jetzt eigentlich nichts gegessen?“, fragte Meto und sah mich besorgt an.

Ich zuckte mit den Schultern. „Heute noch nichts. Und gestern auch fast nichts.“

„Aber jetzt hast du Hunger, oder?“

Ich musste nichts sagen, mein Magen sprach für sich. Ich atmete tief ein, roch den Reis und das Curry, und auf einmal hatte ich riesigen Hunger. „Gib her!“

„Das Essen ist gleich fertig, mein Schatz.“

 

Als das Curry fertig war, stellte Meto es vor mich auf den Tisch und ich sog den berauschenden Duft ein, bevor ich mich auf das Essen stürzte und meinen Teller bis zum Rand mit Curryreis und dem in der Soße gegarten Geflügelfleisch füllte.

„Nimm nicht zu viel“, warnte Meto mich. „Sonst wird dir am Ende wieder schlecht.“

Am liebsten hätte ich das Essen geradezu heruntergeschlungen, doch ich wusste, dass ich nach fast zwei Tagen ohne eine richtige Mahlzeit erst mal langsamer essen musste.

„Hast du extra für mich gekocht?“, fragte ich zwischen zwei Bissen.

„Ich dachte, wenn ich dir so ein richtig schönes Essen mache, dann kannst du gar nicht anders, als zu essen und dich zu freuen.“ Meto lächelte, dieses wahnsinnig süße Strahlelächeln, und füllte sich dann selbst etwas auf den Teller.

„Ich liebe dich, weißt du das?“, antwortete ich mit noch vollem Mund, schluckte und schob mir den nächsten Löffel voll Reis mit Soße rein. Ich konnte gar nicht anders, als so zu schlingen, es schmeckte einfach zu gut und ich hatte solchen Hunger!

 

Meto griff über den Tisch nach meiner Hand und hielt sie fest. „Tsu, iss mal langsamer. Du hast genug Zeit und keiner nimmt dir was weg.“ Und dann: „Wäre doch furchtbar schade, wenn du mein mit Liebe gekochtes Essen nachher wieder ausspucken müsstest.“

Das reichte, um mich zu bremsen. Ich legte den Löffel für einen Moment ab und atmete einmal tief ein und wieder aus. Meto hatte sich solche Mühe mit dem Essen gegeben, es mit ganz viel Liebe zubereitet, es war viel zu wertvoll, um es am Ende wieder auszukotzen. Viel mehr wollte ich es genießen, und glücklich sein, dass mein Liebster mich so schön bekochte. Und so aß ich dann langsamer weiter, ließ mir die scharf-süße Soße auf der Zunge zergehen und genoss sie.

 

Nach dem Essen setzte ich mich mit dem Buch, das ich letztens in dem Gayshop gekauft hatte, ins Wohnzimmer und begann, es von vorne an zu lesen. Meto kam dazu, setzte sich neben mich und  fragte, was ich da las, also las ich ihm eine Passage daraus vor, woraufhin er mich fragte, wo ich das Buch her hatte.

„Ich war letztens in so einem Laden, in der Nähe von dem Sexshop“, antwortete ich. „Weißt du, ich musste mir mal klar darüber werden, wie ich denn jetzt eigentlich orientiert bin …“

„Und was ist dabei rausgekommen?“, fragte er und sah mich dabei an.

„Ich finde Frauen nicht mehr anziehend. Aber … andere Männer als dich auch nicht“, sagte ich, wobei mir noch mal deutlich wurde, dass ich wirklich so empfand. Ich streckte die Hand aus und berührte Metos Wange, flüsterte: „Nur du kannst mich noch erregen. Ich will nur noch dich.“

„Nur mich …?“, fragte er leise.

Ich nickte, streichelte seine Wange. „Du bist die Liebe meines Lebens, Meto. Vergiss das bitte nie.“ Auf einmal musste ich an Hitomis Worte über plötzliche, grundlose Wut denken. Ich hoffte inständig, dass so etwas zwischen Meto und mir nicht so bald passieren würde …

 

Später abends dann lagen wir zusammen im Bett und hingen jeder seinen eigenen Gedanken nach. Ich blickte an die schwarze Wand und fand, dass zwei schwarze und zwei rote Wände ziemlich gut aussahen. Die Mädels hatten das letzte Stück Streichen gut hinbekommen und ich fühlte mich wohl in diesem Raum, der jetzt ein bisschen mehr nach mir aussah.

 

Auf einmal fragte Meto: „Sag mal, Tsu … Als du dich in mich verliebt hast, hast du dir da nicht schon mal die Frage gestellt, ob du jetzt auf Männer oder Frauen oder beides stehst?“

Ich sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Diese Frage hab ich mir erst viel später gestellt. In dem Moment, als ich erkannt habe, dass ich dich liebe, waren die Gefühle so stark, und ich so kaputt, dass ich gar nicht darüber nachgedacht habe.“

Meto lächelte. „Das ist schon ziemlicher Wahnsinn, diese Liebe …“

„Ja, das ist es. Ich hab so was in meinem Leben früher nie empfunden.“ Ich blickte wieder hoch an die Decke und einen Moment herrschte wieder Stille, dann fragte ich: „Und du? Ich meine, wusstest du schon immer, dass du nur Männer magst?“

„M-hm.“ Meto nickte. „Irgendwo war mir das schon als Kind klar. Ich hab mich immer gut mit den Mädchen verstanden, aber für mich war immer klar, dass ich mal mit einem Jungen zusammen sein wollte. Nur … na ja, irgendwann hab ich dann eben bemerkt, dass die Gesellschaft, die Leute um mich herum, dass die damit anscheinend ein Problem hatten. Ich wusste irgendwann, dass ich es vor meinen Eltern geheim halten musste.“

 

„Hm …“, machte ich leise, denn mir kam gerade ein bestimmter Gedanke, den ich vorher irgendwie noch nie so gedacht hatte, und ich sprach ihn einfach aus: „Meto, sag mal, kann es sein, dass dein Sprachfehler damit zu tun hat? Dass du einfach nicht mehr richtig sprechen konntest, weil du in dir diesen Zwiespalt hattest? Und deine Verspannungen, deine Unsicherheit, für mich sieht das so aus, als ob du … na ja, du hast ja vieles versteckt und geheim gehalten, da kann es doch sein, dass dein Körper auf diese Weise darauf reagiert hat?“

Er sah mich an und ich sah etwas in seinen Augen, die Erkenntnis, dass es so war. Dass er deshalb die Probleme mit dem Sprechen und die Verspannungen hatte, weil er so lange seine Orientierung versteckt und nicht richtig ausgelebt hatte. Es passte einfach, so sehr, dass ich mich fragte, wieso ich nicht schon viel früher darauf gekommen war. Vielleicht, weil ich so sehr mit mir selbst beschäftigt war und so viel zu kämpfen hatte, dass ich Metos Ängste und seine Probleme nicht richtig wahrnehmen konnte.

 

Und auf einmal war sie da, die Gelegenheit, das zu ändern und mal für ihn da zu sein. Ihm zu zeigen, dass ich mich auch um ihn kümmern konnte, nicht immer nur er um mich.

Denn je länger ich ihn ansah, umso trauriger sah er aus, und dann waren da Tränen in seinen Augen und er biss sich auf die Lippen. Ich rückte näher zu ihm und legte meinen Arm um ihn, es fühlte sich irgendwie neu und ein wenig seltsam an, weil es sehr lange her war, dass er vor mir wegen seiner eigenen Probleme geweint hatte. Und ich spürte deutlich seinen Wunsch, unbedingt für uns beide stark zu sein und uns beide zu halten.

„Du musst nicht immer nur der Starke sein …“, sagte ich leise und strich ihm durch seine hellblau gefärbten Haare. „Ich liebe dich auch, wenn du mal Schwäche zeigst.“

Meto versuchte, die Tränen wegzublinzeln. „Tsu, ich … Weißt du, dir geht’s oft so schlecht und ich weiß, dass ich die Verantwortung für dich habe, dass du mich brauchst … Ich kann doch nicht …“

„… Vor mir auch mal in Tränen ausbrechen? Doch, das kannst du.“

 

Er schüttelte den Kopf, doch da liefen die Tränen schon über seine Wangen und es brauchte nur ein leises „Lass es raus“ von mir, damit er richtig zu weinen anfing. Ich umarmte ihn, zog ihn nah an mich und spürte seine Tränen auf meiner Haut, sein Zittern, seine Traurigkeit und dabei immer noch seinen unbedingten Wunsch, stark zu sein.

„Ach Meto …“, sagte ich und streichelte über seinen Rücken, „Du darfst doch auch mal vor mir weinen. Das ist vollkommen okay.“ Und irgendwie hatte ich auf einmal auch Tränen in den Augen.

„Ich will einfach nicht, … dass es dich verunsichert, Tsu …“, brachte Meto leise und mit zitternder Stimme heraus. Er sah mich an, sah die Tränen in meinen Augen. „Siehst du, jetzt weinst du auch schon …“

„Dann weinen wir eben zusammen.“ Als ich es aussprach, klang meine Stimme schon tränenerstickt, und ich fühlte, dass es meine Liebe war, die mich weinen ließ. Ich litt mit meinem Liebsten mit und irgendwie fühlte sich das ein bisschen gut an, weil ich ausnahmsweise mal nicht um mich selbst weinte.

 

Und so lagen wir eine Weile einfach da und weinten zusammen, ich spürte die Nähe zwischen uns. Irgendwann löste Meto sich wieder von mir und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Beugte sich über mich, küsste mich auf den Mund und sagte: „Dankeschön, Tsu …“

„Dafür nicht.“ Ich lächelte und küsste ihn zurück. „Weißt du, nur weil ich so viel weine, heißt das noch lange nicht, dass du nicht das Recht hast, auch mal zu weinen.“

„Ich … wollte nur nicht, dass du siehst, dass ich … nicht immer so stark bin … Du sollst dich auf mich verlassen können, verstehst du?“

„Aber wäre es nicht furchtbar einseitig, wenn du nur immer für mich da wärst und nicht auch andersherum? Meto, ich liebe dich, und das bedeutet auch, dass ich auch mal für dich da sein will. So funktioniert Liebe. Ich bin zwar krank, okay, aber das heißt nicht, dass ich nicht auch mal deine Schulter zum Anlehnen sein kann.“

 

Meto stand auf, zog sich um, und ich tat es ihm gleich, dann legten wir uns wieder hin und er deckte uns beide zu. Ich fühlte mich gut, mein Herz war voller Liebe, und als mein Liebster begann, mich zu streicheln, seufzte ich leise, schloss die Augen und kuschelte mich eng an ihn. Da war keine innere Leere und keine Einsamkeit, keine Angst, nur Metos Hände auf meinem Körper, sein Herzschlag und seine Atemzüge, ich fühlte mich geliebt und sicher.

Ich nahm seine Hand und sah den Verlobungsring an seinem Finger, das Zeichen, dass er sein Leben mit mir verbringen wollte. Dass er bei mir blieb, mich nicht verließ, egal, was passieren würde. Ich hob seine Hand an meine Lippen und hauchte einen Kuss auf den Ring, spürte mein Herz schlagen und war einfach glücklich.

 

Meto griff mit der anderen Hand nach Ruana und schob sie zwischen uns, lächelte mich an, küsste mich und sagte: „Ruana ist irgendwie unser Baby. Sie und du und ich, das ist doch schon fast wie eine kleine Familie …“

Ich lachte, weil es irgendwie stimmte und weil er so süß war, wie er das sagte. „Irgendwie schon.“

Er ließ Ruana mit dem Köpfchen wackeln und sie mir ein Küsschen geben, sprach dann mit süß verstellter Stimme: „Ruana Tsu ganz doll lieb.“

„Ich hab dich auch lieb, Ruanalein“, antwortete ich und drückte ihr einen Kuss auf den Kopf. Fühlte mich irgendwie wirklich so, als sei sie unser Baby und wir zu dritt eine kleine Familie. Ich hatte mich nie großartig für Kinder und Familiengründung interessiert, doch auf einmal war da dieses Familiengefühl in mir, nur dass es sich nicht auf ein Kind, sondern auf Ruana bezog. Ich wusste, wie wichtig sie für Meto war, und die Idee von uns dreien als kleine Familie gefiel mir.

 

Auf einmal stand Meto wieder auf und lief aus dem Zimmer, kam wenig später mit seinem Handy in der Hand zurück. Er legte sich wieder zu mir und tippte irgendwas in das Gerät ein, dann hielt er es mir hin. Auf dem Bildschirm war ein buddhistischer Tempel zu sehen, welcher sich der Überschrift der Webseite nach in Kyoto befand. Und unter dem Bild stand, am Ende einer Reihe von Stichworten: „Angebot von gleichgeschlechtlichen Hochzeitszeremonien“

„Hast du das gewusst?“, fragte Meto, seine Augen leuchteten. „In Kyoto gibt es einige Tempel, wo wir heiraten könnten.“

 

Diese Information war mir neu. Ich wusste zwar, dass gleichgeschlechtliche Paare im Buddhismus anerkannter waren, doch dass es in Kyoto Tempel gab, die tatsächlich Hochzeiten für Paare wie uns anboten, hatte ich nicht gewusst. Ich war davon ausgegangen, dass wir zum Heiraten nach Thailand oder sogar bis nach Europa reisen müssten.

Die Aussicht auf eine solche lange Reise hatte mir schon ein wenig Angst gemacht und so war ich doch sehr froh, dass wir, wenn auch eben nur in einem Tempel, auch in Japan würden heiraten können.

 

„Dann fahren wir im Sommer nach Kyoto und heiraten“, sagte ich, fühlte mein Herz klopfen und legte meinen Arm um Meto, zog ihn nah an mich. „Du wirst ein wundervolles, weißes Kleid tragen, ich einen schönen Anzug, und Ruana kriegt ein Kleidchen passend zu deinem. Oder möchtest du auch einen Anzug anziehen?“ Es fühlte sich gut an, solche Hochzeitspläne zu machen und mir vorzustellen, wie es sein würde, unsere Liebe fest und ganz öffentlich zu machen.

Meto schüttelte den Kopf und lächelte mich dann an. „Nein, ich würde gern ein Kleid anziehen. Ich mag mich in Kleidern.“

 

Er sah so glücklich aus, und der Gedanke, dass ich der Grund dafür war, schickte mir eine warme Welle aus gutem Gefühl durch den Körper. Und so beugte ich mich über ihn und küsste ihn, so liebevoll und zärtlich, wie ich es nur vermochte.

„Ich liebe dich“, flüsterte ich in sein Ohr.

„Ich dich auch.“ Meto lächelte wieder, so wahnsinnig süß, dass mir ganz warm davon wurde.

Wir kuschelten uns eng zusammen, Ruana zwischen uns, ich legte meinen Arm um meine beiden Liebsten und irgendwann war ich eingeschlafen.

 

 

Als ich am nächsten Morgen die Augen öffnete, war es schon hell. Meto lag neben mir, er schlief noch, hatte Ruana im Arm und sah so wahnsinnig süß aus, dass ich nicht anders konnte, als erst ihm und dann unserem ‚Baby‘ einen Kuss zu geben. Da ich aber nicht vorhatte, ihn zu wecken, stand ich auf und ging zum Schrank, um mir Unterwäsche für heute rauszusuchen.

 

Dabei fiel mein Blick aus dem Fenster und ich sah etwas, das ich entweder gestern nicht wirklich bemerkt hatte, oder das erst heute Nacht gekommen war: Gegenüber gab es einen kleinen, traditionellen Lebensmittelladen, neben dem stand ein Kirschbaum, und eben jener Baum hatte über Nacht in zartem Rosa zu blühen angefangen. Es sah wunderschön aus und ich blieb einen Moment am Fenster stehen, schaute hinüber und freute mich. Der Anblick der Kirschblüte fühlte sich für mich immer ein bisschen so an, wie wenn man als Kind im Winter morgens aus dem Fenster schaute und den ersten Schnee erblickte. Schnee hatte für mich seit meiner Zeit auf der Straße seinen Reiz verloren, doch die Kirschblüte als Zeichen des Frühlingsanfangs fand ich immer noch schön.

 

Ich ging zum Bett zurück und schaute auf die Datumsanzeige des Weckers. Dieses Jahr waren die Kirschblüten recht früh dran, und noch dazu war heute Sonntag, was bedeutete, dass die ganze Stadt mehr oder weniger frei hatte und den Frühlingsanfang feiern würde. Vielleicht würden Meto und ich uns dem anschließen und auch in einen der vielen Parks gehen, um die rosa Blüten anzuschauen.

 

Zuerst einmal ging ich jedoch duschen und mich schön machen. Ich hatte Lust auf schicke, auffällige Klamotten, auf Schmuck und auf Make-up, und so pflegte ich mich erst ausgiebig und zog dann Netzhemd und Lacksachen an. Die Sonne schien schon durchs Fenster herein und ich hatte das Gefühl, dass heute der erste schön warme Tag des Jahres sein würde. Mein Make-up fiel dagegen so dunkel aus wie immer und würde einen schönen Kontrast zu den rosa Kirschblüten bilden.

 

Als ich fertig angezogen, geschminkt und mit schön gemachten Haaren vor dem Spiegel stand und mich betrachtete, hörte ich auf einmal eine Stimme, die mich mit meinem Taufnamen ansprach. Es fühlte sich an, als würde jemand neben mir stehen, doch da war niemand. Und es war Mamas Stimme. Einen Moment lang konnte ich nicht sicher sagen, ob ich sie nur in meinem Kopf hörte oder sie nicht doch irgendwie da war, ich hörte sie ganz deutlich und fühlte eine hauchzarte Berührung ihrer Hand auf meiner Schulter.

„Du siehst schön aus, Genki.“

Ein leichtes Lächeln schlich sich auf meine Lippen. „Findest du?“, fragte ich und sah mich dabei mit leicht hochgezogener Augenbraue im Spiegel an.

„Ja“, sagte Mamas Stimme. „Heute geht’s dir gut, oder?“

Ich nickte, das Lächeln auf meinen Lippen wurde etwas deutlicher.

„Mach dir heute einen schönen Tag, mein Junge. Und vergiss nicht, dass ich immer bei dir bin. Ich sehe dich, jeden Augenblick deines Lebens.“

Ihre Stimme klang so liebevoll und warm, fühlte sich so echt an, als sei sie wirklich da. Ich blickte neben mich, wo sie meinem Gefühl nach hätte stehen müssen, und fragte: „Hast du auch gesehen, dass Meto und ich jetzt verlobt sind?“

„Ja, das habe ich gesehen“, antwortete sie. „Ich sehe alles, was du tust.“

„… Was bist du denn jetzt?“, fragte ich.

„Das kannst du dir aussuchen“, sagte sie. Ich blickte in den Spiegel und sah ihr Gesicht wie einen ganz leichten, blassen Schatten neben meinem. Sie lächelte.

Ich wusste keine Antwort auf die Frage, was Mama denn jetzt war, aber es war okay. Hauptsache, sie war irgendwie bei mir.

 

In dem Moment wurde die Badezimmertür geöffnet, Meto stand im Schlafanzug vor mir und sah mich fragend an. „Tsuzuku, mit wem redest du?“

„Mit Mama“, antwortete ich. „Ich hab ihre Stimme gehört, sie hat mit mir gesprochen.“

Meto lächelte. „Und was hat sie gesagt?“

„Dass ich heute gut aussehe. Und … dass sie immer bei mir ist.“ Ich lächelte meinen Freund an, spürte, dass meine Augen strahlten.

Meto sah mich einen Moment lang nachdenklich an, dann fragte er vorsichtig: „Hast du das öfter, dass du sie so … hörst?“

„Manchmal.“

„Und siehst du sie auch?“

„Ein bisschen. Nicht so richtig, aber so, dass es sich gut anfühlt.“

„Tsu … Ich glaube, das bleibt besser ein Geheimnis zwischen uns. Ich weiß nicht … was zum Beispiel ein Psychologe dazu sagen würde, wenn du dem erzählst, dass du deine verstorbene Mama sprechen hörst …“ Er sah mich ernst an. „Ich glaube dir, dass das nicht krank ist, aber solche Leute vom Fach glauben so was gerne mal nicht so.“

„Ich will sowieso erst mal keinen Psychologen. Ich brauch so was nicht. Ich hab ja dich und Ko und Hitomi. Und diese Gespräche mit Mama, die tun mir gut.“

„Das kann ich mir vorstellen, dass dir das guttut.“ Meto lächelte wieder.

 

„Hast du schon die Kirschblüten gesehen?“, fragte ich, um das Thema zu wechseln.

„Nein. Sind sie schon draußen?“

„Guck mal im Schlafzimmer aus dem Fenster.“

Meto lief aus dem Bad zurück ins Schlafzimmer, um sich die Blüten anzusehen, und sobald er weg war, stand Mama wieder schattenhaft neben mir. Ich fühlte ihre Arme um mich und hörte ganz leise ihre Stimme: „Ich hab dich lieb, Genki.“

Dann verschwand das Gefühl der Berührung, ich hörte sie nicht mehr, sie war wieder weg. Doch sie ließ mich in dem Wissen zurück, dass sie immer irgendwie bei mir war und ich jederzeit mit ihr sprechen konnte.

 

„Woah, Tsu, das sieht ja toll aus, die Kirschblüten!“, hörte ich Meto im Schlafzimmer rufen.

„Ja, ne?“, antwortete ich. „Hast du heute eigentlich auch frei?“

„Glaub schon. Ich schau mal in meinen Planer.“

Ich verließ das Bad und ging in die Küche, zündete mir meine allmorgendliche Zigarette an und machte wie immer das Fenster auf. Hier auf der anderen Seite stand ebenfalls ein Kirschbaum in voller Blüte, und als ich mit Rauchen fertig war und sich der Nikotingeruch aus meiner Nase verzogen hatte, nahm ich auch den süßen Duft der Kirschblüten wahr.

Meto kam dazu, hatte seinen Kalender in der Hand und sagte: „Ich hab heute frei. Wollen wir uns zusammen die Kirschblüten anschauen?“

 

Ich atmete noch einmal den Blütenduft ein, schloss dann das Fenster und ging auf Meto zu, umarmte ihn und fragte: „So ein richtig romantisches Kirschblütendate?“

Meto nickte, lächelte mich an. „Wir gehen in den Park und picknicken, und dann kommt ein Windstoß und du hast die Haare voller Blütenblätter.“

„Die du mir dann alle wieder raussuchst“, erwiderte ich lachend.

„Mach ich doch gerne, mein Herz.“ Er küsste mich. „Und was soll ich anziehen?“

„Was du möchtest“, antwortete ich. „Wobei … ich seh dich ja gern im Kleid.“

Meto lachte, dieses süße, liebe Meto-Lachen, und fragte dann: „Und warum?“

„Du siehst schön aus in ‘nem Kleid. Ich finde, es steht dir sehr gut.“

„Und wenn ich heute mal etwas männlicher aussehen möchte?“, fragte er.

„Dann kannst du das machen. Ich finde dich auch dann schön.“ Ich küsste ihn, senkte den Kopf auf seine Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich find dich immer schön, egal was du anhast.“

 

„Na ja …“, erwiderte er leise, „… wenn ich mich heute mal männlicher kleide, sieht jeder, dass wir zwei Männer sind …“

„Das ist mir heute mal egal. Sollen die Leute sich doch sonstwas denken!“ Ich fühlte mich in diesem Moment ganz stark und sicher, wollte, dass es mir egal war, was fremde Menschen von mir dachten. Es ging niemanden was an, ob die Liebe meines Lebens nun männlich oder weiblich war, und irgendwie wollte ich es auch zeigen, dass ich jemanden hatte und liebte, und nicht allein war.

Ich folgte Meto ins Schlafzimmer, wo er sich eine schwarze, weiß bedruckte Hose und ein kunstvoll zerrissenes, buntes T-Shirt aus dem Schrank nahm und mir beides vorzeigte.

„Wenn ich dazu ein auffälliges Make-up mache und viel Schmuck nehme, passt es auch zu deinem Outfit heute“, sagte er und deutete auf meine ja heute ziemlich lackstofflastigen, schwarzen Sachen.

 

Ich setzte mich aufs Bett und wartete, bis er sich angezogen hatte und zum Schminken und Zurechtmachen im Bad verschwand. Während Meto sich dann schön machte, saß ich im Wohnzimmer und las noch ein wenig in dem Roman, den ich letztens gekauft hatte.

Es war wirklich eine schöne Geschichte und es gab immer wieder diese schön geschriebenen Aktszenen darin, die in einer Weise ausgeschrieben waren, die man durchaus als ästhetisch bezeichnen konnte. Es war nicht zu erkennen, ob die Person, die dieses Buch geschrieben hatte, männlich oder weiblich war, der Autorenname war ziemlich geschlechtsneutral und es gab immer wieder Stellen in der Geschichte, wo ich nicht sicher war, ob die Ausdrucksweise die einer Frau oder eines Mannes war.

Ich fand das ziemlich faszinierend, zumal ich ja selbst in Meto und Koichi zwei Männer kannte, die sich gern weiblicher Ausdrucksweisen bedienten. Und wenn ich daran dachte, wie oft ich selbst Worte wie ‚süß‘ oder dergleichen verwendete, und dass ich mich auch gern mal schminkte …

 

Wieder kam ich beim Lesen an eine Aktszene und wieder war der Ich-Erzähler, mit dem ich mich doch ziemlich identifizierte, der ‚Bottom‘. In dieser Geschichte gab es wie ganz selbstverständlich Positionswechsel, beide Partner waren komplett gleichauf, doch da das bei Meto und mir noch nicht ganz so war, fühlte ich wieder diese Neugierde darauf, wie es wohl sein würde, wenn wir irgendwann demnächst mal tauschten. Ob es mir wohl gefallen würde, wenn er in mich eindrang? Es würde definitiv eine ganz neue Erfahrung sein, doch ich spürte keine Angst.

Das Gefühl hatte ein bisschen Ähnlichkeit mit dem Gefühl, was ich damals gehabt hatte, bevor ich mein erstes Tattoo bekommen hatte. Neugierde auf eine neue Erfahrung, ein bisschen Nervenkitzel und eine etwas eigenartige Empfindung, die ich schon mein Leben lang kannte, jedoch nicht wirklich beschreiben konnte.

 

Ich hörte Metos Schritte auf dem Flur und klappte das Buch zu. Er kam zu mir, stellte sich vor mich hin und fragte: „Na, wie seh ich aus?“

„Schön siehst du aus“, antwortete ich und lächelte.

Er sah wirklich toll aus, hatte sich in seiner Kunst, sich selbst in eine Art Puppe zu verwandeln, wieder einmal selbst übertroffen. Zwar sah er von der jungenhafteren Kleidung und seinen kurzen Haaren her weniger puppenhaft als im Kleid aus, doch die riesigen Kontaktlinsen, die falschen Wimpern und der strahlend rote Lippenstift machten das wieder wett.

Ich liebte es, wenn er diesen bestimmten Lippenstift trug, der betonte die auffällige, volle Form seiner Lippen so schön und war außerdem kussecht. Und so legte ich das Buch weg, stand auf und küsste diese vollen, weichen, roten Lippen, und flüsterte: „Du bist wunderschön, mein Liebster.“

 

Als wir dann die Treppen hinunter gingen, kam uns, weil es ja auch nicht mal ein, zwei Stunden lang nur schön sein konnte, natürlich Frau Yamaguchi entgegen. Sie hob missbilligend eine Augenbraue, als sie uns sah, und als sie eigentlich schon an uns vorbei war, blieb sie noch mal stehen.

„Ich soll Ihnen von Frau Hirasawa ausrichten, sie möchten bitte in Zukunft von lärmenden Aktivitäten in den Abendstunden absehen“, sagte sie mit hörbar spitzer Stimme.

„Hirasawa?“, fragte ich, der Name sagte mir nichts.

„Die Dame in der Wohnung unter Ihrer“, erklärte Frau Yamaguchi mit noch etwas spitzerer Stimme und blitzte mich bissig an. „Sie beklagt sich wiederholt darüber, dass Sie beide abends oft laut seien und fragt auch, was Sie zu dieser Zeit bitte tun.“

 

Das Gefühl von Stärke, was ich vorhin gespürt hatte, dieser Gedanke, dass es mir egal sein konnte, was Leute von mir dachten, war immer noch da, und mit diesem Gefühl antwortete ich: „Das geht Sie und jeden anderen hier überhaupt nichts an, was mein Freund und ich in unserer Wohnung machen.“ Ein kurzes, überlegenes Lächeln huschte über meine Lippen und ich fügte noch hinzu: „Sagen Sie Frau Hirasawa das. Und wenn sie sich dran stört, dass wir ab und zu die Musik aufdrehen, soll sie selber kommen und sich beschweren.“

„Oh, es geht nicht um die Musik, Aoba“, zischte Frau Yamaguchi. „Es geht darum, dass Sie beide mit ihrer Liebelei hier das Hausklima verschmutzen.“

„Ich glaube nicht, dass man das hören kann“, erwiderte ich.

„Frau Hirasawa will Schreie gehört haben.“

„Wie gesagt, wenn sie ein Problem hat, soll sie selber vorbeikommen.“ Ich fühlte mich stark, überlegen und zudem im Recht. Und ich war mir ziemlich sicher, dass unsere Wohnung so gut gedämmt war, dass man Meto und mich nachts nicht hören konnte.

 

„Sagen Sie, Aoba, eins noch: Was war das eigentlich neulich mit dem Notarztwagen hier nachts um eins?“, fragte Frau Yamaguchi noch ein wenig bissiger. „Die waren doch in Ihrer Wohnung, oder?“

Mit einem Schlag war meine Selbstsicherheit weg, zerbrochen und verflogen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte nicht, dass diese Frau von meinem Schmerzanfall erfuhr.

Und Meto, der den ganzen Streit ohne ein Wort mit angehört hatte, bemerkte das und sagte, wesentlich leiser als ich eben: „Tsu hatte … hohes Fieber, deshalb hab ich … sicherheitshalber den Notarzt gerufen.“

„Soso …“, sagte Frau Yamaguchi nur, sah uns noch einmal abschätzig an und verschwand dann die Treppen rauf.

 

Na toll. Jetzt war meine gute Laune wieder mal so ziemlich weg. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ich mal länger als zwei Stunden gut drauf war … Wieso mussten wir auch gerade heute dieser alten Schachtel wieder begegnen?!

Ich spürte, wie mich diese Begegnung frustrierte, wie meine Gedanken zu kreisen begannen und sich meine Gefühle schon in Richtung Abgrund bewegten. „Fuck!“

Meto sah mich an, bemerkte, dass meine Stimmung am Absacken war und griff einfach meine Hand, als wir aus dem Haus gingen. Er sagte nichts, zog mich einfach mit sich in Richtung des nächsten größeren Parks, wo die Kirschbäume blühten.

 

Es waren mehr Leute unterwegs als sonst um diese Zeit, und der größte Park unseres Stadtviertels war voller Menschen, die Picknickdecken ausgebreitet hatten und offenbar heute draußen frühstückten. Ich ließ meinen Blick über die Leute schweifen und entdeckte tatsächlich eine Gruppe junger Leute, die ähnlich gekleidet waren wie Meto und ich. Dann waren wir wenigstens nicht die einzigen, die durch unsere Kleidung auffielen.

„Komm, wir gehen da rüber“, sagte Meto und deutete auf ebenjene Gruppe.

Ich fühlte mich immer noch unsicher, ging aber trotzdem mit ihm mit, ohne etwas zu sagen. Er versuchte schließlich, mich abzulenken und dafür zu sorgen, dass es mir gut ging, was sollte ich da anderes tun, als mitzumachen?

 

Mein Freund hatte heute anscheinend seinen sozialen Tag und setzte sich einfach auf eine Bank in direkter Nähe der Gruppe von Visuals, von denen einige zu uns hersahen. Es waren hauptsächlich junge Mädchen, aber auch zwei junge Männer dabei. Ich setzte mich ebenfalls hin und versuchte, mir meine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.

Irgendwann stand eins der Mädchen auf und kam auf uns zu. Sie trug als einzige ein aufgebauschtes Lolitakleid ähnlich dem, was Meto auch besaß, aber heute ja nicht trug.

„Hey, seid ihr neu in der Gegend?“, fragte sie und lächelte. „Ich hab euch noch nie hier gesehen.“

Ich sah zu Meto, der anscheinend doch wieder kein Wort herausbekam, und antwortete an seiner Stelle: „Wir sind Anfang März hergezogen.“

„Und woher kommt ihr?“

Ich nannte den Namen unserer Heimatstadt.

„Setzt euch doch mit zu uns“, bot das Mädchen an. „Wir haben auch was zu knabbern da.“

 

Das musste man mir nicht zweimal sagen. Ich hatte schließlich heute noch nichts gefrühstückt. Froh darüber, dass ich überhaupt richtigen Hunger hatte, stand ich auf und setzte mich auf eine der Picknickdecken auf dem Boden unter den Kirschbäumen. Meto setzte sich neben mich.

“Greift zu“, sagte das Mädchen und hielt uns eine Schale mit Crackern hin, aus der ich mir gleich eine Handvoll nahm.

„Und habt ihr euch hier schon gut eingelebt?“, fragte eine der anderen.

„Ja, ein bisschen schon.“ Ich nickte, lächelte, überspielte meine Unsicherheit, so gut ich eben konnte.

Meto nahm sich ebenfalls welche von den Süßigkeiten und sah so aus, als wollte er etwas sagen und konnte aber irgendwie nicht.

„Ihr wohnt also zusammen?“, fragte das Mädchen im Lolitakleid.

 

Es war wirklich alles andere als einfach, normal und locker Leute kennen zu lernen und mit ihnen zu sprechen, wenn ich nicht wusste, wie sie darauf reagieren würden, dass Meto und ich ein Paar waren. Es gab sowohl in seinem, als auch in meinem und unserem gemeinsamen Leben so viele Dinge, die nicht gerade gesellschaftstauglich waren. Meine frühere Obdachlosigkeit und meine mentalen Probleme, Metos Homosexualität und sein Sprachfehler, und nicht zuletzt unsere Beziehung als solche. Über diese Dinge konnte man nicht einfach so sprechen. Und so wusste ich nicht, was ich auf die Frage danach, ob wir zusammen wohnten, antworten sollte. Ich wollte nicht lügen.

 

„Ja. Wir … leben zusammen“, hörte ich da die leise Stimme meines Freundes neben mir. Seine Wangen und Ohren schimmerten verräterisch rot. Und obwohl ihn diese Röte unsicher wirken ließ, erkannte ich seine Stärke in diesem Moment.

Einer der beiden jungen Männer, die ein Stückchen hinter den Mädchen saßen, aber doch eindeutig zur Gruppe dazugehörten, sah erst Meto, dann mich verwundert an.

„Wie, ihr lebt zusammen?“, fragte er. „Wie ein Paar, oder was?!“

 

Meto sah mich an, in seinen Augen stand die Frage, ob wir nun ganz mit der Wahrheit rausrücken sollten, oder besser nicht. Ich wusste es auch nicht. So, wie der Typ da gefragt hatte, klang es nicht gerade so, als sei es kein Problem. Ich dachte an meinen Kollegen Takashima, der mein Outing einfach so hingenommen hatte, und dann an Frau Yamaguchi, die ihre Abneigung offen zur Schau trug. Ich verlangte ja nicht mal, dass alle so begeistert reagierten wie zum Beispiel die Mädchen in dem Café, wo Meto arbeitete, doch insgeheim wünschte ich mir doch, dass es den Leuten wenigstens egal war, ob ich mit einer Frau oder eben mit einem Mann zusammen war.

Die Ablehnung tat mir weh und ich beschloss den Versuch einer Lüge.

 

„Es ist … ein bisschen kompliziert“, sagte ich. „Ich mag nicht gern allein leben, deshalb sind wir zusammen gezogen.“

„Na, solange ihr nicht schwul seid oder so …“, sagte der Typ und klang genauso abfällig, wie ich befürchtet hatte.

Ich sah Meto an, der den anderen jungen Mann wie versteinert anstarrte. Er sah verletzt und wütend aus, und ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ich hätte einfach die Wahrheit sagen sollen und dann hätten wir gehen sollen, woanders hin oder nach Hause. Gerade heute, nachdem ich gestern Abend doch erst wirklich verstanden hatte, wo Metos Schwäche lag und warum er mit fremden Menschen nicht richtig sprechen konnte.

 

Und als ich schon beschlossen hatte, zu gehen, und aufstehen wollte, da platzte Meto neben mir geradezu, er sprang auf und sein Blick traf kurz meinen, er sah furchtbar enttäuscht aus.

„Bin ich aber!“, sagte er laut und blitzte den anderen Typen wütend an. „Ich bin schwul, und Tsu und ich sind zusammen! Er traut sich nur nicht, das öffentlich zuzugeben!“ Er sah mich an, schrecklich enttäuscht, wütend und mit Tränen in den Augen, und fragte leise: „Warum stehst du nicht zu mir?“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Aber ich wusste, dass ich in meiner Angst davor, dass mich die Leute hassten, dem liebsten Menschen in meinem Leben gerade furchtbar wehgetan hatte. Und weil ich ihm andererseits versprochen hatte, ihn zu heiraten und unsere Liebe öffentlich zu machen, war er jetzt so enttäuscht von mir.

 

„Meto …“, begann ich, ebenso leise wie er, „Es tut mir leid, ich …“

„Überleg mal, was du eigentlich willst“, sagte er, klang jetzt eindeutig wütend. „Willst du den Leuten gefallen oder mich glücklich machen?“ Er drehte sich um und lief einfach weg, in irgendeine Richtung.

„Meto, warte!“, rief ich, wollte ihm nach, doch meine Beine bewegten sich nicht, fühlten sich wie festgewachsen an. In meinem Kopf drehte sich alles, Sätze, einzelne Worte, Bilder, alles wirbelte durcheinander.

…. ‚Du willst allen gefallen‘

… ‚Borderline‘

… ‚beziehungsunfähig‘

… ‚Zerreißprobe‘

… ‚Jetzt verlässt er dich, weil er dich nicht erträgt‘

… ‚Geh dich ritzen‘

… ‚Er verlässt dich … verlässt dich … verlässt dich‘

 

Ich stand einfach nur da, blickte, ohne wirklich zu sehen, in die Richtung, wo Meto zwischen den Menschen und Kirschbäumen verschwunden war, und fühlte mich unendlich einsam und leer. Dass die Tränen über mein Gesicht strömten, bemerkte ich erst, als das Mädchen im Lolitakleid mich darauf ansprach und fragte, was das denn eben gewesen war.

Ich blickte an ihr vorbei zu dem Typen, der das alles ausgelöst hatte. Der schien nicht recht zu wissen, was er davon halten sollte, sah aber doch betroffen aus, als er meinen Blick bemerkte und sah, dass ich weinte.

Und erst, als ich mich fragte, wo Meto denn jetzt hingelaufen war, fühlte ich mich selbst wieder, spürte, dass mein Herz furchtbar wehtat, und, dass ich am ganzen Körper zitterte.

‚Er verlässt dich‘, flüsterte der schwarze Strudel in meinem Kopf. ‚Genau wie alle anderen auch …‘

Mein schmerzendes Herz fühlte sich an, als würde es ein paar Schläge aussetzen, und es war, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Ich sah die Kirschblüten, dachte auf einmal an Vergänglichkeit und Tod, in dem Moment gaben meine Beine unter mir nach, mir wurde schwarz vor Augen und ich sackte weg.

 

Ein leises, gleichförmiges Piepen ließ mich irgendwann wieder die Augen öffnen. Ich war in einem weißen Raum, der anscheinend große Fenster hatte, denn es war hell. Zuerst sah ich alles nur verschwommen, dann etwas klarer, ich blickte zur Seite und sah, woher das Piepen kam: Ich lag in einem Bett und daneben stand so eine Maschine, die verschiedene Linien anzeigte, und immer, wenn die oberste Linie ausschlug, war dieses Piepen zu hören. Mein Verstand arbeitete noch langsam und ich brauchte einen Moment, bis ich erkannte, dass es sich um ein Gerät zur Überwachung von Herztätigkeit handelte. Meiner eigenen Herztätigkeit.

Ich spürte, dass ich andere Sachen anhatte, sah meine Lackjacke, die Weste und meine Hose auf einem Stuhl neben dem Bett liegen und meine Schuhe darunter stehen. Stattdessen fühlte ich ein weites Nachthemd an meinem Körper.

War ich etwa im Krankenhaus?!

Panik ergriff mich, ich wollte mich aufsetzen, doch mir war so schwindlig, dass ich sofort wieder ins Kissen zurücksank. Und so musste ich liegen bleiben, und spüren, wie die Angst sich in mir ausbreitete, während mein Verstand versuchte, sich daran zu erinnern, was passiert war, wie ich hier her gekommen war. Ich wusste es nicht mehr.

 

Ich hob den Kopf und sah, dass ich nicht allein im Zimmer war. An der gegenüberliegenden Wand standen noch zwei Betten, in dem einen lag eine Frau von etwa Vierzig, in dem anderen eine alte Dame. Die jüngere Frau hatte eine Zeitschrift vor sich liegen und die ältere ein Buch in der Hand.

Die Angst stieg in mir hoch, erreichte mein Herz und ließ es schmerzen, woraufhin das Piepen der Maschine neben mir schneller und lauter wurde. Ich hob den Arm und sah, dass ich eine Infusionsnadel mit einem dünnen Schlauch an der Hand hatte, was sich für mich so anfühlte, als sei ich festgebunden. Der Schlauch führte zu einem hängenden Beutel mit einer durchsichtigen Flüssigkeit darin und ich erinnerte mich kurz daran, dass ich in den letzten Tagen nur einmal wirklich gegessen hatte.

 

Ich dachte an das Curry gestern und dabei fiel mir Meto wieder ein. Wo war er? Warum lag ich allein in einem Krankenhausbett und er war nicht da, um meine Hand zu halten? Was war überhaupt passiert? Ich wusste, irgendetwas war gewesen, doch ich hatte keine Ahnung, was genau.

Die Ungewissheit verstärkte meine Angst. Angst vor dem Krankenhaus, davor, hier bleiben zu müssen, und Angst, dass Meto vielleicht etwas passiert war und er deshalb nicht bei mir sein konnte.

 

Die Tür des Zimmers wurde geöffnet und jemand kam herein, ich erkannte Frau Dr. Matsuyama. Froh darüber, wenigstens ein vertrautes Gesicht vor mir zu haben, sah ich sie an, und sie kam auf mich zu.

„Aoba-san, Sie sind wieder wach? Wie geht es Ihnen?“, fragte sie.

„Was … ist passiert?“, fragte ich, meine Stimme klang kraftlos.

„Erinnern Sie sich nicht?“

Ich schüttelte den Kopf. Das letzte, was ich noch wusste, war, dass ich mit Meto zusammen aus unserer Wohnung gegangen war und dass er die Tür abgeschlossen hatte. Danach war nichts mehr.

„Sie sind beim Kirschblütenfest im Park zusammengebrochen. Die Leute, die dort waren, haben den Krankenwagen gerufen“, sagte Dr. Matsuyama.

 

„Wo ist mein Freund?“ Allein beim Gedanken an ihn tat mein Herz weh und das piepende Gerät neben mir schlug etwas schneller aus.

„Wir haben ihn nicht gefunden.“

„Er war nicht bei mir?“

„Nein. Die Leute, die da waren, haben ausgesagt, dass es Streit gab und er deshalb davongelaufen ist.“ Dr. Matsuyama ging auf die Maschine neben mir zu und stellte irgendetwas neu ein, dann fragte sie: „Können Sie sich wirklich nicht erinnern?“

„Nein … Ich weiß nur noch, dass wir rausgegangen sind und auf dem Weg in den Park waren …“

„Haben Sie öfter solche Erinnerungslücken?“

Ich fühlte in meine Erinnerungen, fragte mich, wie viele Lücken es da wohl gab. So jetzt fiel mir nur die eine Lücke nach Mamas Tod ein, die vier oder fünf Monate, an die mir jede Erinnerung fehlte. Das einzige, was ich davon noch hatte, waren blasse Narben von Schnitten auf meinen Armen, Beinen und meinem Bauch. Ich ahnte, woher die kamen.

 

„Eigentlich nur eine. Als meine Mutter gestorben ist, die Zeit kurz danach, davon weiß ich gar nichts mehr“, antwortete ich.  

„Aoba, sie haben keinerlei Verletzungen, die einen Gedächtnisverlust erklären würden. Ich habe mit einem Psychiater der hiesigen psychiatrischen Klinik gesprochen und der würde sich gern später mit Ihnen unterhalten. Ist Ihnen das recht?“

Ich schüttelte den Kopf. „Kann ich nicht einfach nach Hause?“

„Leider noch nicht. Wir müssen Sie noch ein wenig hier behalten. Mit Ihrem Herzen scheint doch irgendetwas nicht in Ordnung zu sein und wir müssen herausfinden, was da los ist.“

„Holen Sie meinen Freund her, dann geht’s mir schon wieder gut“, entgegnete ich.

„Haben Sie seine Handynummer bereit?“

„Ist in meinem Handy eingespeichert.“

Dr. Matsuyama gab mir meine Tasche und ich zog mein Handy heraus, suchte Metos Nummer raus und sie schrieb sie sich auf.

„Aber Sie bleiben trotzdem besser ein, zwei Tage hier. Nur für den Fall, dass Ihre Herzprobleme doch auch eine organische Ursache haben.“

 

Sie ging hinaus und ich nahm an, dass sie zu einem Telefon lief, um Meto anzurufen. Währenddessen versuchte ich weiter, mich zu erinnern, doch je mehr ich mich dabei anstrengte, umso mehr sperrte sich mein Kopf, die Erinnerung freizugeben.

Meto und ich hatten gestritten? Warum? In dem Teil des Tages, an den ich mich erinnern konnte, waren wir beide doch gut drauf gewesen. Hatte ich irgendetwas getan, etwas Schlimmes oder Falsches, irgendwas gesagt, was ihn wütend gemacht hatte? Ich hatte absolut keine Ahnung.

Als Dr. Matsuyama zurückkam, sagte sie: „Ihr Freund ist bei seinen Eltern. Ich habe ihm gesagt, dass Sie hier sind. Er kommt, so schnell es geht.“

„Danke.“

 

Die Ärztin ging wieder und ich blieb, immer noch ratlos, zurück. Es war lange her, dass ich eine solche Erinnerungslücke zu verarbeiten gehabt hatte, und ich verspürte das Bedürfnis, mit Hitomi darüber zu sprechen und sie zu fragen, ob sie das auch kannte. Ich hatte das Gefühl, dass diese Amnesie ziemlich direkt mit meinen anderen Problemen zusammenhing.

Meine beiden Zimmergenossinnen beachteten mich nicht weiter, und so war ich mit meinen Gedanken allein, drehte mich zum Fenster und schaute hinaus in den Garten des Krankenhauses. Ich war wohl so ungefähr im dritten oder vierten Stockwerk und so konnte ich in die Bäume sehen, von denen einige blühende Kirschbäume waren.

Ich dachte daran, was ich letztes Jahr um diese Zeit getan hatte: Ich hatte auf der Straße gelebt, mit den anderen im Park die Kirschblüte gefeiert und damit das Ende des für einen Obdachlosen einfach nur furchtbar strapaziösen Winters. Meto war damals noch nur mein bester Freund gewesen.

Es war kaum zu glauben, dass wir noch nicht mal ein Jahr als Paar zusammen waren, nur erst ein paar Monate. Mir kam es schon so lange vor. Dabei waren wir erst seit letztem Herbst ein Paar, und jetzt war Frühlingsanfang.

 

Ich schaute aus dem Fenster, zu den Kirschblüten, dachte daran, dass es jetzt Frühling wurde, dass ich fünfundzwanzig war, und wie schön der Tag heute begonnen hatte. Sofort fühlte ich eine heiße, wilde Sehnsucht nach Meto, seiner Stimme und seinem Körper. Ich wollte in seinen Armen liegen, ihn lieben und von ihm geliebt werden. Und sogleich sprangen mir Tränen in die Augen, weil ich nicht wusste, wann und wie er wieder bei mir sein würde. Hoffentlich war er nicht allzu wütend auf mich. Ich wusste ja immer noch nicht, was genau eigentlich passiert war.

 

Wieder betrat jemand das Zimmer, doch es war nicht Dr. Matsuyama, sondern ein etwa fünfzig Jahre alter Mann in Zivilkleidung, der ein kleines Namensschildchen am Pullover trug. Er trug eine Brille und sah mich über deren Rand aufmerksam an.

„Aoba Genki-san?“, sprach er mich an.

Ich nickte nur. War das der Psychiater, von dem Dr. Matsuyama gesprochen hatte? Ich hatte doch deutlich gemacht, dass ich nicht mit einem Psychiater reden wollte.

„Ich weiß, Sie möchten nicht mit mir sprechen, Aoba-san, aber ich wollte mich zumindest einmal bei Ihnen vorstellen. Mein Name ist Niimura, ich bin Psychiater an der Psychiatrischen Klinik in dieser Stadt“, stellte er sich vor. 

Er hatte Recht, ich wollte nicht mit ihm sprechen. Ich drehte mich weg, zog die Bettdecke hoch bis über meinen Kopf und sagte nur: „Gehen Sie weg …“

Die neue Lücke in meiner Erinnerung, das Krankenhaus, die Tatsache, dass Meto nicht bei mir war, und jetzt auch noch der Psychiater, all das sorgte dafür, dass mein Herz wieder zu schmerzen begann und die Maschine neben mir schneller und lauter piepte.

„Verschwinden Sie!“, fuhr ich den Arzt an, „Lassen Sie mich in Ruhe!“

„In Ordnung, ich bin schon weg. Aber, wenn sie es sich anders überlegen, Frau Dr. Matsuyama hat meine Nummer.“ Dr. Niimura drehte sich um und ging wieder hinaus.

 

Meine eben noch aufgekeimte gute Stimmung war weg und ich kroch ganz unter die Decke, wollte nur noch weinen. Ich sehnte mich nach Meto, nach seiner Hand auf meinem schmerzenden Herzen, seiner lieben, leisen Stimme und seinem süßen Lachen. Allein beim Gedanken an ihn weinte ich stärker und vergrub mein Gesicht im Kopfkissen.

Was die beiden Frauen in den anderen Krankenbetten jetzt von mir dachten, war mir gerade ziemlich egal. Sollten sie mich doch für weinerlich und übertrieben emotional halten, sogar für unmännlich, oder sonst was von mir denken. Ich wollte sowieso nur weg.

Als mich der Anruf von der Klinik erreichte, saß ich gerade mit meiner Mama am Küchentisch. Sie hatte mir Tee gekocht und versucht, mich wieder zu beruhigen, nachdem ich völlig verheult, wütend und verzweifelt bei ihr angekommen war und ihr erzählt hatte, was passiert war.

Wir hatten dann lange geredet, über Tsuzukus und meine Beziehung, und auch über seine Probleme. Und ich hatte diese zum ersten Mal meiner Mama gegenüber beim Namen genannt, sie wusste jetzt, dass mein Freund an einer Borderline-Störung litt. Mama wusste etwas mehr darüber als ich und erzählte mir, dass sie einen Mandanten hatte, der anscheinend ebenfalls so eine Krankheit hatte.

 

Als mein Handy klingelte, ging ich mit großer Sorge ran und erfuhr von Dr. Matsuyama, dass Tsuzuku im Krankenhaus war. Im Krankenhaus!?

Mein erster Gedanke war: „Er hat doch nicht etwa versucht …“, und mir schoss sofort die Angst in die Knochen. Gerade, wo ich mit Mama über das alles gesprochen hatte, war ich mit den Gedanken nah dran, und die Angst, Tsuzuku könnte sich etwas angetan haben, lähmte mich fast.

„Was… denn… mit ihm …ist?“, fragte ich mit zitternder Stimme und verfiel in meinen Sprachfehler.

„Er ist zusammengebrochen, im Park“, antwortete Dr. Matsuyama am anderen Ende der Leitung. „Er war eine Weile ohnmächtig, aber jetzt ist er wieder wach.“ Sie schwieg einen Moment, dann fügte sie hinzu: „Aber er kann sich nicht erinnern, wie das passiert ist.“

 

„… Wir… hatten Streit, ich bin… einfach weggelaufen…“, sagte ich leise, bekam nur mit Mühe die Worte halbwegs richtig heraus. „Ich… dran schuld,  hab ihm … Vorwürfe gemacht… und bin… dann einfach weg …“

„Asakawa-san, Sie müssen sich keine Vorwürfe machen. Wenn Ihr Freund wirklich Borderline hat, dann ist diese Krankheit schuld, sonst niemand.“ Dr. Matsuyama klang ganz ernst und ich hatte das Gefühl, dass unser Fall ihr persönlich nahe ging. Sie war ja eigentlich Notärztin und musste sich gar nicht weiter um ihre Fälle kümmern, nachdem sie sie ins Krankenhaus eingeliefert hatte, doch sie tat es und ich fand das sehr nett von ihr.

 

„Ich… mach mich… gleich auf den Weg, bin… bald da“, sagte ich schnell und stand schon auf. Die Ärztin legte auf und ich steckte mein Handy weg, nahm meine Tasche.

„Was ist denn?“, fragte Mama besorgt.

„Tsuzuku ist im Krankenhaus“, antwortete ich und zog meine Jacke an. „Er ist wieder zusammengebrochen.“

 

Ich zog hastig meine Schuhe an und lief, so schnell ich konnte, zum Bahnhof. Gerade, als ich dort ankam, fuhr der Zug in die Großstadt weg, also musste ich warten. Ich setzte mich auf eine der Bänke und hatte alle Mühe, vor Sorge um meinen Freund nicht verrückt zu werden. Meine Wut auf ihn war erst mal weg, wurde von der Angst beiseitegeschoben. Wie konnte ich auch wütend auf ihn sein, wenn es ihm schlecht ging?

 

Und doch, während ich dort saß und auf den Zug wartete, dachte es in meinem Kopf darüber nach, warum er mich vorhin so verraten und nicht zu mir gestanden hatte. Anscheinend hatte er so große Angst davor, dass ihn Leute hassten, dass er sich zu der Lüge, wir seien gar kein Paar, entschlossen hatte. Und das ausgerechnet in dem Moment, als ich mich selbst dazu durchgerungen hatte, zu meiner Homosexualität zu stehen.

Es hatte furchtbar weh getan, denn mir war durch unser tränenreiches Gespräch von gestern Abend selbst erst so richtig deutlich geworden, dass mein Sprachfehler, die Verspannungen und meine Unsicherheit direkt damit zusammenhingen, dass ich eben auf Männer stand und das vom Großteil der Welt um uns herum nicht akzeptiert wurde. Da hatte ich mich endlich mal dazu durchgekämpft, dazu zu stehen, und dann war es ausgerechnet Tsuzuku gewesen, der es so geleugnet hatte. Ich war einfach so enttäuscht von ihm!

 

Wenn wir allein miteinander waren oder in vertrauter Umgebung, war er immer so überschwänglich zärtlich, sprudelte über vor Liebe und machte mich unendlich glücklich, doch sobald wir in die Öffentlichkeit gingen und die Blicke der fremden Leute spürten, hatte er offenbar oft mehr Angst, als dass er zu uns stehen wollte oder konnte.

Bisher hatte mir das wenig ausgemacht, doch dieses Gespräch gestern Abend hatte etwas in mir verändert. Ich wollte wirklich zu ihm stehen und dass er auch zu mir stand. Immerhin wollten wir heiraten. Und ich hatte gedacht, er wollte unsere Liebe öffentlich machen, zeigen, dass wir zusammen gehörten.

Wo war das hin, wenn er dann doch wieder leugnete, dass wir ein Liebespaar waren? Und warum tat er das? Wo kam seine Angst vor der Ablehnung vonseiten fremder Menschen her?

 

Der nächste Zug in die Großstadt fuhr ein, ich stieg ein und suchte mir einen ruhigen Platz, schaute während der Fahrt aus dem Fenster und dachte über meinen Freund nach, über seine Probleme und meine, und als der Zug schließlich hielt, hatte ich einen Entschluss gefasst: Tsuzuku brauchte professionelle Hilfe.

 

Es waren nicht mal seine Stimmungsschwankungen, seine Selbstverletzung oder seine Essstörung, an die ich da dachte, sondern seine Angst vor Ablehnung fremder Menschen und sein Hinterfragen meiner Liebe. Die beiden Dinge an ihm, mit denen ich am wenigsten zurechtkam.

Ich konnte mit jemandem leben, der sich selbst wehtat. Ich kam halbwegs damit klar, dass er zu wenig aß. Ich konnte mich auf seine Stimmungsschwankungen einstellen und auf sein impulsives Verhalten, und ich wusste ungefähr, was zu tun war, wenn er sich abgrundtief traurig und leer fühlte.

Ich liebte ihn über alles, und ich war bereit, mein Leben mit jemandem zu verbringen, dessen Persönlichkeit nicht gesund war, und das nun mal diesen Namen Borderline-Persönlichkeitsstörung trug. Eben weil ich Tsuzuku so sehr liebte.

Aber ich kam nicht damit klar, wenn er das anzweifelte, dass ich ihn liebte. Und noch weniger kam ich damit zurecht, dass er wegen Angst vor dem Urteil und der Ablehnung fremder Leute nicht zu unserer Beziehung stand. Darüber würden wir sprechen müssen. Und ich würde versuchen, ihn doch zu überreden, sich hilfesuchend an einen Psychologen zu wenden.

 

Kurz erinnerte ich mich daran, dass meine Eltern mich im vergangenen Jahr auch zu einer Psychologin geschickt hatten, wegen meiner Sprachprobleme, und dass ich mich ebenfalls sehr dagegen gesperrt hatte. Doch letztendlich hatte mir diese Frau doch einmal helfen können, und deshalb glaubte ich, dass so jemand Tsu vielleicht auch helfen konnte.

 

Von Bahnhof aus lief ich zum städtischen Krankenhaus, fragte am Schalter nach Frau Dr. Matsuyama und wurde angewiesen, auf sie zu warten. Lange warten musste ich nicht, die Ärztin kam bald auf mich zu und bat mich in einen kleinen Besprechungsraum, wo sie sich setzte und mir den Platz gegenüber anbot.

„Ich möchte mich kurz mit Ihnen unterhalten, Asakawa-san“, sagte sie.

Ich sah sie nur an, antwortete nicht, mein Sprachzentrum war wieder einmal lahmgelegt.

 

„Sie leisten in der Beziehung zu Aoba-san offensichtlich sehr viel. Als ich bei Ihnen war, ist mir ganz deutlich geworden, wie eng Sie beide verbunden sind und das, obwohl ihr Freund an einer solchen Krankheit leidet. Aber … Sie können nicht alles für ihn tun. Asakawa-san, Ihr Freund braucht Hilfe. Professionelle Hilfe, von Leuten, die Sie beide im Leben unterstützen.“

„Ich… weiß“, sagte ich leise. „Soweit… bin ich… auch schon…“

„Ich habe einen sehr guten Psychiater zu ihm geschickt, aber Ihr Freund hat das Gespräch verweigert. Wissen Sie, warum?“

„Er… ja Angst hat… vor Krankenhaus… und so. Und besonders… vor Psychiatern… und Psychologen… und solchen…“, antwortete ich leise. „Genau… weiß ich auch… nicht, warum…“

„Reden Sie bitte mit ihm darüber. Ich denke, Ihnen hört er da noch am ehesten zu.“

Ich nickte. Auch, wenn ich noch nicht wusste, wie ich Tsuzuku meinen Entschluss, dass wir richtige Hilfe annehmen mussten, beibringen sollte.

 

Dr. Matsuyama stand auf, und ich folgte ihr aus dem Raum, den Gang hinunter und einige Treppen hinauf, bis sie vor einer Krankenzimmertür stehen blieb. Sie öffnete die Tür und ich betrat das Zimmer, in dem drei Betten standen, zwei an der Wand und eins am Fenster.

Die beiden an der Wand waren im Augenblick leer, doch es war zu erkennen, dass sie sonst belegt waren. Und in dem Bett am Fenster war die Bettdecke bis übers Kopfkissen hochgezogen, darunter erkannte ich versteckt den Körper meines Freundes. Zuerst schien es, bis auf das leise Piepen des neben dem Bett stehenden EKG-Geräts, still im Zimmer zu sein und ich dachte schon, dass Tsuzuku vielleicht schlief, doch dann hörte ich ihn leise schluchzen.

 

Langsam ging ich zu dem Bett hinüber und als ich davor stand, sagte ich leise: „Hey, Tsu …“

Ich setzte mich auf die Bettkante und streckte die Hand nach der unter der Decke verborgenen, zitternden Schulter aus, streichelte sanft und liebevoll. Und obwohl ich immer noch mit ihm über vorhin reden und wissen wollte, warum er unsere Beziehung so verleugnet hatte, spürte ich doch, ich hatte ihm das im Grunde längst verziehen.

Langsam und vorsichtig zog ich die Bettdecke weg, und sah, dass Tsuzuku sich darunter ganz klein und eng zusammen gekauert hatte. Wie ein Kind, das sich bei Gewitter unter der Decke versteckte, hatte er sich aus Angst vor der Welt verkrochen und machte sich ganz klein.

„Meto …“, flüsterte er mit tränenerstickter Stimme meinen Namen und sah mich an, seine Augen waren gerötet vom Weinen und seine Hände wieder ganz zerkratzt. „Was immer ich getan hab … verzeih mir, bitte …“

 

Tsuzuku sah so unglaublich traurig und kaputt aus, wie er da lag und mich fast schon flehend ansah, dass mir selbst ebenfalls Tränen in die Augen stiegen. Ich stellte meine Tasche ab, zog meine Schuhe aus und legte mich einfach zu ihm, meinen Arm um ihn, und fühlte mich wieder als der, der ihn beschützen musste.

„Alles gut, Tsuzuku, ich bin bei dir“, flüsterte ich. Er zitterte, ich zog die Bettdecke wieder hoch, deckte uns beide zu und fügte hinzu: „Ich wärm dich.“

Ein lautes, schnelles Piepen ließ mich zu der Maschine neben dem Bett schauen. Die Linien, die Tsu’s Herzschlag aufzeichneten,  schlugen etwas stärker aus. Er hatte einen damit verbundenen, kleinen Sensor auf der Brust kleben, und noch dazu eine Infusion an der Hand.

„Beruhige dich, mein Schatz, es ist alles gut, ich bin da“, sagte ich noch einmal und streichelte über seine Seite. „Ich pass auf dich auf, dann kann dir nichts passieren.“

 

„Lass mich bitte … nie wieder allein …“, flüsterte Tsuzuku, er drehte sich zu mir um und klammerte sich an mich. „Du darfst mich nicht verlassen …!“

Ich umarmte ihn fester, zog ihn nah an mich und küsste ihn, dachte daran, dass es an mir lag, dafür zu sorgen, dass er sich wieder ein wenig stabilisierte. Er küsste mich sehnsüchtig zurück, seine Lippen schmeckten nach dem Salz seiner Tränen, und seine Hand krallte in meine Seite, so als wollte er mich mit aller Kraft festhalten, damit ich nie wieder weg ging.

„Ich verlass dich nicht“, antwortete ich. „Ganz bestimmt nicht.“

„Das darfst du nicht … Ich überleb das nicht …“ Seine Stimme klang so verzweifelt, genauso, wie er mich ansah. Der Schmerz in seinem Gesicht, die Angst, es war fast wieder wie damals, als ich ihn gerade neu gekannt und er oft vom Sterben gesprochen hatte.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Hatte keine Worte, um dem Schmerz in seiner verletzten Seele etwas entgegenzusetzen. Alles, was ich tun konnte, war, ihn weiter ganz fest zu halten, damit er fühlte, dass ich bei ihm war, und er nicht zerbrach.

 

„Und du kannst dich wirklich nicht an vorhin erinnern, hat die Ärztin gesagt?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf, sagte mit ganz leiser und kraftloser Stimme: „Ich weiß nur noch, dass wir aus der Wohnung gegangen sind.“ Und dann: „Was ist dann passiert?“

„Tsu, ist es okay, wenn wir später darüber reden? Dann, wenn es dir ein wenig besser geht?“, fragte ich leise. Es war mir zu gefährlich, diese schlimme Situation da im Park jetzt wieder hochzuholen, weil ich ja auch nicht wusste, ob und wie Tsuzuku sich daran wieder erinnern würde.

Er nickte auf meine Worte hin und drückte sich an mich, ich spürte immer noch seine Angst. Und ich beschloss, dass wir erst richtig über alles reden würden, wenn Tsu wieder aus dem Krankenhaus raus war. Das war besser für ihn, und auch für mich. Er musste sich erst einmal erholen, und ich musste überlegen, wie ich ihm beibringen sollte, dass wir professionelle Hilfe brauchten. 

 

Wir blieben eine Weile so liegen, ich hielt ihn im Arm, bis er sich wieder beruhigt hatte.

Irgendwann kamen zwei Frauen herein, denen wohl die beiden anderen Betten gehörten, und die ältere von ihnen sah uns etwas irritiert an, sagte aber nichts. Ich war froh darüber, und Tsuzuku wirkte viel zu kaputt und erschöpft, reagierte gar nicht auf die beiden.

Als die jüngere, eine Frau von etwa vierzig, uns dann doch ansprach und fragte, ob alles in Ordnung sei, und Tsuzuku immer noch einfach nicht auf sie reagierte, antwortete ich, zu meinem eigenen Stolz fast ohne Stocken: „Ja … alles gut, ich … kümmere mich schon um ihn …“

„Sind Sie beide verwandt?“, fragte die Frau.

Ich sah Tsu an, ob er wollte, dass ich antwortete, und er lächelte matt, schmiegte sich enger an mich.

„Nein… wir… sind zusammen“, sagte ich.

Selbst wenn Tsuzuku sich nicht an vorhin erinnern konnte, so war ihm doch anzumerken, dass er irgendwo doch wusste, was der Grund für seinen Zusammenbruch gewesen war. Er kuschelte sich an mich, so als wollte sein Unterbewusstsein mir zeigen, dass er seinen Fehler wieder gut machen wollte.

Die Frau sagte nichts weiter dazu, sondern legte sich wieder hin und wandte sich einer Zeitschrift auf ihrem Nachttisch zu.

„Meto …“, sprach Tsu mich leise an, „Ich liebe dich.“

Ich lächelte, drückte ihn fest an mich und flüsterte zurück: „Ich dich auch.“

 

Ich blieb bei ihm, und später, als ich Hunger bekam, stand ich auf, um mir etwas zu Essen aus der Cafeteria zu holen.

„Ich hab Hunger. Soll ich dir was mitbringen?“, fragte ich meinen Freund.

Tsuzuku schüttelte den Kopf. „Ich will nichts.“

„Du musst was essen. Wir machen es so, dass ich mir einfach ein bisschen mehr hole und dann kriegst du von meinem was ab, okay?“

Er streckte seine Hand nach mir aus. „Sei bitte schnell wieder da.“

„Klar, ich beeil mich.“ Ich lächelte.

 

Ich lief den Gang und die Treppen runter in die Cafeteria, überlegte mir auf dem Weg schon mal, was ich essen wollte, und entschied mich, als ich mich in die Schlange vor der Theke einreihte, für ganz einfachen Reis mit Sauce, dazu ein Päckchen Eistee.

Die Schlange war doch recht lang und je länger ich da stand und wartete, umso mehr kam ich wieder ins Nachdenken. Irgendwie … war von einem Moment auf den anderen alles wieder schlimmer geworden mit Tsuzukus Krankheit, er wirkte wieder so kraftlos und kaputt wie früher und jetzt mussten wir außerdem befürchten, dass mit seinem Herzen wirklich etwas nicht stimmte.

Als ich endlich drankam und bestellte, war ich innen drin voller Angst, dass mein Freund diese Krise nicht so einfach überstehen würde.

 

Mit dem Essen in den Händen lief ich zurück, und als ich wieder ins Zimmer kam, lag Tsuzuku mit leerem Blick im Bett und ich sah wieder Tränen auf seinen Wangen. Ich stellte das Essen auf den Nachttisch und legte mich erst mal wieder zu ihm, streichelte ihn und flüsterte ihm zu, dass doch alles gut und ich wieder da war.

„Komm, wir essen ein bisschen, ja?“, sagte ich, setzte mich auf und nahm den Teller und die Stäbchen in die Hand.

„Ich will nichts.“

„Bitte. Für mich.“ Ich sah ihn lieb an, küsste seine Wange.

Tsu sah mich abwägend an, dann fragte er leise, fast schüchtern: „Fütterst du mich?“

Ich grinste. „Immer doch.“ Nahm ein bisschen Reis zwischen die Stäbchen, Tsuzuku öffnete den Mund und ich schob es ihm rein, einen Happen nach dem anderen. Zwischendurch ließ ich ihm genug Zeit, dass er in Ruhe kauen und schlucken konnte, und ich aß selbst auch etwas, achtete aber darauf, dass er ungefähr die Hälfte der Portion abbekam.

 

Die beiden Damen in den anderen Betten sahen uns zu, aber zumindest mir war das egal, und Tsu anscheinend auch, denn mit jedem Happen Reis, den ich ihm ‚verfütterte‘, wirkte er entspannter. Ich hatte zwei Päckchen Eistee mitgebracht, und als der Reis aufgegessen war, reichte ich meinem Freund eines davon, welches er auch gleich gierig austrank.

„Gut gemacht“, lobte ich ihn und gab ihm noch einen Kuss.

Er kuschelte sich an mich, wirkte wie ein glückliches Kind, das sehr krank gewesen war und sich jetzt aber auf dem langsamen Weg der Besserung befand. Und ich freute mich, dass es ihm etwas besser ging, auch wenn ich die Verantwortung für ihn deutlich spürte, wenn ich so für ihn sorgte. Aber ich tat es gern, sehr gern, weil ich ihn liebte und ich wollte, dass er sich so gut wie möglich fühlte.

 

Ich verbrachte den ganzen Nachmittag im Krankenhaus, an Tsuzukus Seite. Irgendwann holte ich ein Buch und zwei Zeitschriften vom Kiosk und begann, ihm daraus vorzulesen, dann las er mir vor, immer abwechselnd. Auch, als Visite war, blieb ich bei ihm sitzen, passte auf ihn auf und tat das, was ich ihm mit meinem ‚Ja‘ zu seinem Heiratsantrag versprochen hatte: Bei ihm zu sein, in guten und schlechten Zeiten, einfach immer, damit er sich nicht allein fühlte.

 

Ich wusste, wir hatten vorhin im Park beide Fehler gemacht: Er, indem er sich nicht zu mir bekannt hatte, und ich, indem ich einfach weggelaufen war. Ich konnte mir vorstellen, dass das in ihm diese furchtbare Angst vor dem Verlassenwerden wieder wachgerufen und dass eben das zu seinem Zusammenbruch geführt hatte.

Aber jetzt machten wir es beide wieder gut. Tsuzuku stand zu mir, verleugnete den Ärzten und anderen Patienten gegenüber nicht unsere Beziehung, und ich blieb bei ihm und machte ihm keine Vorhaltungen. Uns war jetzt beiden klar, dass unser Zusammenhalt und unsere Beziehung für ihn absolut lebenswichtig waren, und auch, wenn er sich nicht an den Grund für den Zusammenbruch erinnern konnte, war ich mir sicher, dass er dem Fehler, unser Zusammensein zu verleugnen, so schnell nicht wieder machen würde. Aber wir würden, sobald er aus dem Krankenhaus raus und wieder halbwegs gut drauf war, noch einmal in Ruhe darüber reden.

 

Abends, als ich nach Hause musste, fiel es mir sehr schwer, zu gehen und Tsuzuku hier allein zu lassen. Ich wusste, die Nacht ohne mich im Krankenhaus zu verbringen, machte ihm sehr große Angst, doch ich hatte es nicht geschafft, die Ärzte davon zu überzeugen, dass ich über Nacht bei ihm bleiben durfte. Sie hatten gesagt, eine oder zwei Nächte würde er hier bleiben müssen. Und ich musste morgen wieder arbeiten, er würde also die Nacht und den ganzen Vormittag ohne mich sein. Am liebsten wollte ich entweder gar nicht gehen, bei ihm bleiben, oder ihn wieder mit nach Hause nehmen, weil ich genau wusste, dass er mich in diesem Zustand sehr vermissen würde.

Zum Abschied küsste ich ihn lange und mit all meiner Liebe, er hatte schon Tränen in den Augen und bat dann die Krankenschwester, die uns das Ende der heutigen Besuchszeit angekündigt hatte, um eine Schlaftablette, damit er gleich schlafen konnte und nicht so lange ohne mich wachliegen musste.

„Ich komme morgen Mittag wieder“, sagte ich und streichelte Tsu’s Wange. „Schlaf gut, mein Herz, und hab keine Angst, es wird alles wieder gut.“

 

Als ich die Tür des Krankenzimmers hinter mir wieder schloss, hatte ich auch Tränen in den Augen. Ich würde Tsuzuku heute Nacht ebenfalls sehr vermissen, unser Bett würde so leer sein ohne ihn. Mit schwerem Herzen und mit den Tränen kämpfend verließ ich das Krankenhaus, lief zur Bahnstation und setzte mich in die Bahn nach Hause. In der Bahn schrieb ich eine längere SMS an Koichi, der ja auch wissen musste, dass Tsuzuku im Krankenhaus war, und bekam eine heftig besorgte Antwort, was denn passiert sei.

Ich rief ihn an, als ich aus der Bahn raus war, erzählte ihm in kurzen Worten, was passiert war, und musste Koichi erst mal beruhigen, weil er sich jetzt natürlich wahnsinnige Sorgen um Tsuzuku machte. Daraus folgte, dass wir wieder einmal länger über meinen Freund sprachen, darüber, was wir beide tun konnten und sollten, damit es ihm besser ging, und wir waren uns wieder einmal einig, dass dieses Ungeheuer Borderline absolut furchtbar war und wir nicht aufhören durften, an Tsuzukus Seite dagegen anzukämpfen.

Ich erzählte Koichi auch, dass anscheinend doch auch mit Tsuzukus Herzen irgendetwas nicht stimmte, dass die Ärzte jedoch noch nicht wussten, was da genau los war. Dr. Matsuyama hatte gesagt, morgen würden sie noch ein paar Untersuchungen machen, dann wüsste man vielleicht mehr.

 

Zu Hause angekommen, suchte ich nach irgendwas, womit ich mich von meiner Sorge um meinen Freund ablenken konnte, und landete schließlich vor der Spielekonsole, spielte ungefähr eine Stunde, bis ich endlich zu müde dafür wurde, mich abschminkte und auszog und dann ins Bett legte.

Es war ungewohnt, allein hier zu liegen, und nachdem ich einige Minuten vergeblich versucht hatte, ruhig einzuschlafen, und mich immer wieder von einer Seite auf die andere drehte, stiegen mir wieder Tränen in die Augen.

 

Und als ich dann daran dachte, dass Tsuzuku jetzt, auch ganz traurig und allein, im Krankenhaus lag, musste ich richtig weinen. Ich vermisste ihn, das Bett war so leer und ich hatte Angst um ihn, dass er furchtbar litt und sich wieder kratzte und selbst wehtat, weil er mich ebenso vermisste.

Und, auch wenn das jetzt vielleicht ein wenig unpassend war: Ich sehnte mich nach seinem warmen Körper, nach seinen Armen um mich und den allabendlichen Zärtlichkeiten zwischen uns. Und ich war mir ganz sicher, dass er sich ebenso nach mir sehnte. Zärtlichkeiten, Lust, eng umarmt Haut an Haut einzuschlafen, das war uns beiden so wichtig, er vermisste das ganz sicher genauso sehr wie ich.

 

Irgendwann schlief ich dann doch ein, doch es war kein ruhiger Schlaf, sondern einer voller Albträume, Ängste und Sehnsucht. Ich träumte, dass Tsuzuku sich selbst verletzte, schrie und weinte, dass es ihm so schlecht ging, dass ich ihn kaum beruhigen konnte. Ich hatte furchtbare Angst um ihn und meine Träume spiegelten das.

Und andererseits träumte ich von seiner Lust, seiner unbeherrschten Leidenschaft und seinem heißen Körper, davon, dass er mich fesselte und nahm, und ich wieder seine Selbstsicherheit in solchen Momenten spürte. Doch diese schönere Seite meiner Träume löste sich immer wieder plötzlich auf und ich sah ihn weinen.

 

Mitten in der Nacht wachte ich davon auf, dass mein Handy auf dem Nachttisch klingelte. Ich bekam einen wahnsinnigen Schrecken und sprang sofort aus dem Bett, bevor ich ranging und sah, dass Tsuzukus Name und Nummer auf dem Screen standen.

„Meto …?“, hörte ich seine Stimme, ganz leise, „Tut mir leid … dass ich dich wecke …“ Seine Stimme zitterte und klang ganz verweint und schwach.

„Tsu, was ist los?“, fragte ich besorgt, „Hast du auch schlecht geträumt?“

„M-hm …“, machte er leise, „Und ich wollte … deine Stimme hören. Mein Herz tut weh und ich sehne mich so nach dir, nach deiner Hand auf meinem Herzen …“

Fast war es schon wieder süß, wie er das sagte. Aber ich wusste, er meinte das ganz ernst.

 

„Tsuzuku, du musst schlafen“, sagte ich. „Sonst bist du morgen so müde …“

„Ich kann nicht schlafen. Die Tablette wirkt nicht mehr“, flüsterte er und klang mit jedem Wort zerbrechlicher. „Meto … ich hab solche Angst …! Ich halte das hier nicht aus, ich brauche dich bei mir. Bitte sei da …!“

„Wovor … hast du denn Angst?“, fragte ich vorsichtig, um herauszufinden, was genau gerade in ihm vorging. Ich wollte ihn verstehen, wollte wissen, was ich tun konnte.  

„Ich will nicht wieder sterben wollen“, antwortete er. „Aber meine Gefühle, die Angst, der Hass auf mich, das wird immer mehr, immer schlimmer … Irgendwann halte ich das nicht mehr aus …“

Er klang wirklich gar nicht gut, nicht nur seine Worte machten mir große Sorgen, sondern auch der verweinte, verzweifelte Klang seiner Stimme. Ich stand auf und ging ins Wohnzimmer, setzte mich auf die Couch und zog die Knie hoch, während ich am Handy versuchte, Tsuzuku zu beruhigen und ihm über die Entfernung hinweg Halt zu geben: „Hilft es dir, wenn du dir sagst, dass eigentlich alles soweit gut ist? Ich meine, ich bin für dich da, und morgen Mittag kann ich wieder bei dir sein. Die Ärzte werden schon rausfinden, was mit deinem Herzen los ist und wie sie dich wieder gesund kriegen.“

 

„Ich … vermiss dich so …!“ Jetzt weinte er richtig, ich hörte ihn schluchzen und er konnte kaum noch sprechen. „Bitte, kannst du … morgen früh schon … bei mir sein?“

„Tsu, ich muss arbeiten. Und vorher muss ich auch noch bei deiner Arbeit vorbei und sagen, dass du krank bist“, erwiderte ich und hätte am liebsten gesagt, dass ich jetzt einfach zu ihm kam und die Nacht und den ganzen Tag bei ihm blieb. Aber wenn wir beide bei unseren Arbeitsstellen so oft fehlten, das ging einfach nicht.

 

„Ich vermiss dich doch auch, mein Schatz“, sagte ich, als er nicht antwortete und ich ihn weiter weinen hörte. „Ich kann dich morgen auch in meiner Pause mal anrufen, und mittags bin ich ganz bestimmt wieder bei dir.“

„Ich … will hier weg …“

„Tsuzuku, das ist ein Krankenhaus. Die wollen dir helfen, etwas tun, damit es dir bald wieder besser geht. Du musst keine Angst haben, morgen oder übermorgen kannst du bestimmt wieder nach Hause zu mir.“

„Ich hab aber Angst …!“ Jetzt klang er nicht nur völlig verweint, sondern richtig panisch. Ich überlegte fieberhaft, was ich sagen konnte, damit er sich wieder beruhigte.

„Okay, dann stehst du jetzt auf, rufst die Nachtschwester und sagst ihr, dass du Panik hast. Entweder redet sie mit dir, oder sie gibt dir noch eine Tablette, dann kannst du schlafen.“

 

Ich hörte ihn keuchen, dann ein lautes, schnelles Piepen im Hintergrund, das bestimmt von dem Gerät neben seinem Bett kam. Am liebsten hätte ich mich jetzt ganz angezogen und wäre zum Krankenhaus gefahren, um bei Tsuzuku zu sein und ihn in meine Arme zu nehmen. Aber ich wusste, dass sie mich jetzt, mitten in der Nacht, nicht zu ihm lassen würden.

„Tsu?“, fragte ich besorgt, als er nichts sagte. „Was hast du?“

„… Mein Herz …“, keuchte er, „… es tut so weh …“

„Hör zu, du drückst jetzt den Schalter, mit dem man die Nachtschwester ruft, verstanden? Und dann lässt du dir bitte helfen. Ich bin morgen wieder bei dir, bis dahin musst du noch ein wenig durchhalten.“ Innerlich betete ich zu allen mir bekannten Göttern, dass mein Freund diese Krise einigermaßen heil überstand und dass er danach wieder glücklich werden würde. Auch, wenn ich wusste, dass das Glück bei ihm nur bis zur nächsten Tiefphase hielt. Und so versicherte ich ihm noch einmal: „Tsu, ich liebe dich, mein Schatz.“

„Ich lieb dich auch …“, flüsterte er, ich hörte ein anderes Piepen, das wahrscheinlich von dem Notrufknopf herrührte. Dann wurde die Leitung unterbrochen, er hatte aufgelegt.

 

Danach war an Schlafen natürlich nicht mehr zu denken. Ich versuchte es noch, aber ich war so hellwach und voller Angst um meinen Freund, dass ich kein Auge mehr zu bekam. Und so musste die Spielekonsole wieder als Ablenkung herhalten, erfüllte diesen Zweck jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Ich spielte den Rest der Nacht durch, doch zwischendurch musste ich immer wieder unterbrechen, weil ich so weinen musste.

Als es zum Morgen dämmerte, war ich völlig müde und fertig, schaltete die Konsole aus und begann schon, mich für die Arbeit fertig zu machen. Ich stand über eine halbe Stunde unter der Dusche, ließ das heiße Wasser auf mich niederregnen und schwankte dazwischen hin und her, einerseits nur an Tsuzuku zu denken, und mich andererseits ablenken zu wollen. Ich vermisste ihn, machte mir wahnsinnige Sorgen um ihn, aber ich musste nachher arbeiten gehen und mich ja irgendwie auch darauf konzentrieren.

 

Und so machte ich mich dafür zurecht, machte mich so hübsch, wie ich konnte, damit wenigstens die Gäste im Café glücklich und zufrieden waren, wenn ich selbst es heute nicht sein konnte. Ich wollte Ruana heute mal wieder mitnehmen, sie bekam ein Puppenkleid an und eine Schleife auf den Kopf.

Beim Frühstück saß sie mir gegenüber auf Tsuzukus Platz (auch damit der nicht ganz so leer aussah) und ich redete ein bisschen mit ihr, erzählte ihr alles, was sie nicht mitbekommen hatte. Ich wollte sie auch deshalb mit zur Arbeit nehmen, weil ich danach gleich vom Café aus ins Krankenhaus wollte und da sollte sie mitkommen, schließlich war sie sozusagen Tsu’s und mein Baby.

Kurz vorm Losgehen packte ich schnell noch eine kleine Tasche für Tsuzuku, mit normalen Klamotten und seiner Kulturtasche, damit er sich anziehen und waschen konnte.

 

Mit Ruana in der Handtasche machte ich mich schließlich auf den Weg zur Bahn, setzte mich in die, welche in die Innenstadt fuhr, und stieg erst noch beim Tattoo-Studio aus, um Bescheid zu sagen, dass Tsuzuku jetzt ein paar Tage nicht zur Arbeit kommen würde.

Dort wurden gerade eben erst die Rollläden hochgezogen und Tsuzukus Kollege Takashima schien auch als einziger schon da zu sein. Ich klopfte ans Fenster und er öffnete die Tür.

„Ah, du bist doch Genkis Freund, oder?“, fragte er. „Ist was?“

Ich sammelte mein mageres Sprechvermögen zusammen und sagte leise: „Tsu … also Genki, ist krank. Er liegt … in Krankenhaus … deshalb … er jetzt ein paar Tage … fehlen wird.“

„Oh, im Krankenhaus?“, fragte Takashima erschrocken. „Was hat er denn?“

„Er … zusammengebrochen ist … gestern. Vielleicht … irgendwas mit … seinem Herzen … nicht okay ist …“, antwortete ich leise.

„Also, ist er im städtischen Klinikum? Nicht in der Psychiatrischen?“, fragte Takashima weiter. „Kann man ihn besuchen?“

„Ich bin heute Mittag bis abends dann bei ihm“, sagte ich.

„Vielleicht schau ich nachher mal bei ihm vorbei. Wir verstehen uns ja ganz gut.“

 

Nachdem ich also Bescheid gesagt hatte, dass Tsuzuku erst mal nicht zur Arbeit erscheinen würde, fuhr ich mit der Bahn weiter zu meiner eigenen Arbeitsstelle, wo ich auf Koichi traf, der schon da war und gerade die Frühstückstheke vorbereitete. Als er mich sah, stürzte er geradezu auf mich zu.

„Meto, hey, bist du in Ordnung?“, fragte er besorgt. „Du siehst total fertig aus.“

„Ich hab auch … die halbe Nacht nicht geschlafen“, antwortete ich. „Tsu hat mich … mitten in der Nacht … angerufen, und ich musste ihn … wieder beruhigen, und danach … konnte ich dann nicht mehr schlafen.“

„Und da kommst du trotzdem zur Arbeit?“, fragte Koichi.

„Zu Hause würde mir … jetzt doch nur … die Decke auf den Kopf fallen …“, sagte ich. „Heute Mittag geh ich ins Krankenhaus, ihn besuchen.“

„Da komm ich mit. Ich muss ihn doch schließlich auch besuchen.“ Koichi ging zur Theke zurück und fuhr fort, sie einzuräumen, und sagte dann: „Ich hoffe, er macht keinen Blödsinn, wenn wir nicht bei ihm sind. Aber im Krankenhaus passen sie gut auf ihn auf, oder?“

„Ich glaube, er hat heute den Vormittag über Untersuchungen, und die eine Ärztin weiß auch, was er für Probleme hat …“, sagte ich. „Von daher passen sie wahrscheinlich schon besonders auf ihn auf.“

 

Ich machte mich an die Arbeit, half zuerst Koichi bei den Vorbereitungen für das Frühstücksangebot und tat dann noch dieses und jenes, was in einem Café vor den Öffnungszeiten erledigt werden musste. Die Arbeit lenkte mich ein bisschen ab und ich sammelte nach dieser furchtbaren Nacht neue Kraft, damit ich nachher zu Tsuzuku gehen und ihm wieder etwas von meiner Kraft abgeben konnte.

Als das Café öffnete, war ich bereit, die Gäste zu bedienen, und zuerst lief alles prima, ich funktionierte einfach und dachte, während ich arbeitete, an nichts anderes.

 

Doch dann, als ich gerade drei Teller mit Brötchen, Marmelade und Butter zu einem Tisch bringen wollte, betraten drei Personen das Café, von denen ich bei zweien geglaubt hatte, ich würde sie niemals wieder sehen. Mein Herz machte einen erschreckten Satz und mir wären fast die Teller heruntergefallen, ich bekam sie nur gerade eben so heil auf den Tisch und starrte die drei an, die sich an einen Tisch setzten und mich zuerst gar nicht besonders bemerkten.

 

MiA sah gut aus, hatte immer noch die Haare lila und trug sehr schicke Sachen, die stark an einen Märchenprinzen erinnerten. Mit ihm zusammen waren die Prinzessin, mit der ich ihn zuletzt gesehen hatte, und ein jugendlich wirkender Typ mit silbrig gefärbten, langen Haaren hergekommen, und dieser winkte meinen Kollegen Haruma heran, um etwas zu bestellen.

Ich stand einen Moment wie erstarrt da, konnte MiA einfach nur anstarren und mein Herz raste. Und im nächsten Augenblick handelte mein Körper gottseidank von selbst, ich drehte mich schnell um und lief nach hinten in die Umkleide, schlug die Tür hinter mir zu und ließ mich auf die Bank vor meinem Spind sinken.

 

Hoffentlich, oh bitte, bitte hatte er mich nicht erkannt!

Ich hatte heute eine langärmlige Strickjacke über dem Kleid an, sodass mein Tattoo kaum zu sehen war, und mit der Perücke hatte MiA mich, soweit ich das noch wusste, nie gesehen. Die Chancen standen gut, dass er mich nicht erkannt hatte.

Jemand klopfte an die Tür und ich erschrak wiederum, bis ich Koichis Stimme leise wispern hörte: „Meto? Hast du gesehen, wer da ist?“

Ich stand auf, öffnete die Tür und flüsterte: „Ja, hab ich. Deshalb bin ich ja hier hinten. Ich komm nicht eher raus, bis er wieder weg ist.“

„Okay, bleib da drin, oder geh rüber ins Büro, da kannst du auch Sachen bearbeiten und so“, sagte Koichi leise und fragte dann: „Soll ich zu ihm gehen, oder nicht?“

Am liebsten wollte ich, dass MiA auch Koichi nicht sah, aber das konnte ich Ko doch irgendwie schlecht vorschreiben.

„Mach, wie du willst“, sagte ich also.

„Ich sag ihm nicht, dass du hier arbeitest“, erwiderte Koichi. „Und ich rede mit ihm auch nicht über dich und Tsu, versprochen.“

 

Ich huschte also über den Gang ins Büro, wo ebenfalls niemand war, weil Satchan heute nicht da war, und begann, mich mal näher mit den Rechnungen und allgemeinen Geschäftsunterlagen des Cafés zu befassen. Zwischendurch rief ich noch Tsuzuku über Handy an, was ich ihm ja heute Nacht versprochen hatte.

„Wie geht’s dir, mein Herz?“, fragte ich.

„Geht so …“, antwortete er. „Die schleppen mich hier von einer Untersuchung zur nächsten.“

Ich atmete erleichtert auf, weil er eher gleichgültig oder ein bisschen genervt klang, jedenfalls nicht traurig oder verängstigt. „Bald ist Mittag, dann bin ich bei dir.“

„Ich vermiss dich …“, flüsterte er.

„Ich dich auch. Bis nachher, mein Schatz.“

 

Als ich nach etwa einer halben Stunde soweit mit der Büroarbeit durch war, dass ich absolut keine Lust mehr auf Papierkram hatte, riskierte ich einen vorsichtigen Blick in den Caféraum und sah, dass MiA immer noch mit seinen zwei Leuten da saß, während Koichi gerade für ein Foto mit zwei Mädchen bereitstand.

Schnell verschwand ich wieder in die Umkleide und schaute dort auf die Uhr. Es war halb zwölf Uhr mittags, bald musste ich los zu Tsuzuku in die Klinik. Aber dafür musste erst MiA verschwinden, denn das Café hatte nur diesen einen Ausgang zur Straße hin.

 

Und als wenn das nicht schon nervig genug gewesen wäre, dass ich mich hier vor meinem Exfreund versteckte, begannen auch noch meine Augen aus einem unerfindlichen Grund zu tränen und ich musste die Kontaktlinsen rausnehmen, wobei auch noch mein ganzes schönes Augen-Makeup verwischt wurde.

Leise vor mich hin schimpfend, machte ich es schnell neu, ließ die Linsen aber weg, weil ich den Verdacht hatte, dass sie entweder nicht mehr gut waren oder ich irgendwas ins Auge bekommen hatte, was beides ein Grund war, den Rest des Tages auf die Dinger zu verzichten.

 

Einen Moment später klopfte Koichi an die Tür der Umkleide: „Er ist weg, du kannst wieder rauskommen.“

Ich atmete erleichtert auf, packte schnell meine Taschen zusammen und öffnete die Tür.

„Ziehst du dich um, Ko? Es ist gleich Mittag.“

Koichi betrat die Umkleide und beeilte sich mit dem Umziehen. Ich behielt mein Kleid an, hatte ja heute Morgen nur Wechselsachen für Tsu eingepackt und entschieden, dass ich heute auch den Rest des Tages in Kleid und Perücke herumlief.

Dann machten wir uns auf den Weg zum städtischen Krankenhaus.

 

Auf dem Weg fragte ich Koichi, ob und was er mit MiA gesprochen hatte, und er antwortete, dass er nur kurz ‚Hallo‘ gesagt und ihm dann Kaffee und Frühstück gebracht hatte. MiA hatte nicht nach mir gefragt, also ging ich davon aus, dass er mich wirklich nicht erkannt hatte, worüber ich sehr froh war.

Ich konzentrierte meine Gedanken wieder ganz auf Tsuzuku und hoffte, dass es ihm nach dieser grauenvollen Nacht wieder einigermaßen gut ging. Aber vorhin hatte er ja ganz gut geklungen.

 

Als wir das Krankenzimmer betraten, lag er im Bett, wandte uns den Rücken zu und blickte aus dem Fenster. Die Maschine zur Überwachung seines Herzschlags stand noch am Bett, war aber ausgeschaltet, und die Infusion war weg. Ich ging zu ihm, er hörte meine Schritte und drehte sich zu mir um. Einen Moment sah er noch traurig aus, hatte Tränen auf den Wangen, doch als er mich sah, leuchtete sein Gesicht geradezu auf.

„Meto!“ Aus seiner Stimme klang die pure Wiedersehensfreude.

Ich setzte mich auf die Bettkante, er setzte sich auf und ich umarmte ihn, was dazu führte, dass er sich an mich klammerte und mich voller Freude küsste.

„Hast mich sehr vermisst, hm?“, fragte ich und streichelte durch seine Haare.

Er nickte an meiner Schulter, drückte sich enger an mich, sah mich an, hatte Freudentränen in den Augen und küsste mich wieder. „Mein Liebster“, flüsterte er, „Bist du wieder bei mir?“

„Ja, ich bin wieder bei dir“, antwortete ich, lächelte und küsste ihn ebenfalls, mit all meiner Liebe.

Hinter mir hörte ich, wie Koichi ein leises „Hach, wie süß“ von sich gab.

 

Tsuzuku legte seine Hände auf meine Schultern, sah mich an und sagte: „Ich komm heute mit nach Hause. Noch eine Nacht hier drin überstehe ich nicht, und das wissen die hier auch.“

Dann blickte er an mir vorbei zu Koichi, der kam zu uns ans Bett, und Tsu umarmte ihn ebenfalls.

„Tsu, deine Hände …“ Koichi sah ihn erschrocken an. „Die sind ja ganz zerkratzt!“

Tatsächlich, es fiel mir erst jetzt auf! Tsuzukus Handrücken sahen noch schlimmer aus als gestern, und sein rechtes Handgelenk, wo neben den Tattoos noch ein wenig Platz war, war jetzt auch total zerkratzt und gerötet. Ich musste nicht groß nachdenken oder fragen, es war offensichtlich, dass er sich da mangels einer brauchbaren Klinge mit den Fingernägeln die Haut kaputt gekratzt hatte.

 

Ich umarmte ihn wieder, drückte ihn fest an mich und streichelte über seinen Rücken.

„Was machst du denn nur für Sachen, mein Schatz?“, fragte ich leise.

Tsuzuku antwortete erst nicht, dann sagte er leise: „Kennst mich doch …“ Und dann: „Letzte Nacht … weißt du, ich hab das anders nicht ausgehalten …“

„So sehr hast du mich vermisst?“, fragte ich erschrocken.

Tsu nickte. „Und dann waren da die anderen Sachen, das mit Mama wieder und mein Herz und … erst diese Leere, dann so viele Gefühle, dass ich einfach nicht anders konnte …“

 

Als er es aussprach, waren da fast wieder Tränen in seinen Augen, ich sah den Schmerz in seinem Gesicht, und mir wurde noch mal so richtig klar, wie verletzt und kaputt er innerlich war. Es tat mir weh, das so zu sehen, und dann war da dieser Gedanke in meinem Kopf, der mir noch mehr wehtat: ‚Du bist mit ‘nem Borderliner zusammen.‘

Um diesen schmerzhaften, fiesen Gedanken zu vertreiben, umarmte ich meinen Freund wieder und dachte ganz fest daran, dass ich ihn liebte und wie sehr. Ich wollte nicht noch einmal, nie wieder, zulassen, dass sich dieses Ungeheuer in seiner verletzten Seele so zwischen uns drängte! Wenn es auf uns zukam, fies, gemein, wütend und gefährlich, würde ich mich schützend vor Tsuzuku stellen und ihn beschützen. Ihn nie wieder so allein lassen, weil ich doch ganz genau wusste, dass er ohne mich diesem Biest schutzlos ausgeliefert war!

 

„Ich lass dich nie wieder so allein“, flüsterte ich. „Von jetzt an passe ich noch besser auf dich auf!“

Tsuzuku schmiegte sich in meine Umarmung, ich sah ihn an und er lächelte ein wenig. „Nimmst du mich nachher mit nach Hause?“, fragte er.

„Ja. Noch eine Nacht allein halten wir wohl beide nicht aus“, sagte ich. „Und ich kann doch nur auf dich aufpassen, wenn du bei mir bist.“

„Auf mich aufpassen?“ fragte er. „Wovor willst du mich denn beschützen?“

„Vor dem Ungeheuer. Dieses Borderline-Biest, ich lass nicht zu, dass es dir so wehtut!“

Tsuzuku lächelte wieder, küsste mich. „Meto, ganz ehrlich, du bist so was von wundervoll …“

 

Koichi saß neben uns und obwohl er sich zurückhielt und nicht viel sagte, war zu erkennen, dass er die Innigkeit und Nähe zwischen Tsuzuku und mir sehr bewunderte.

Einen Moment lang sah ich meinen Freund und mich wie von außen und spürte selbst, dass ich wirklich stark war, stark genug, um Tsuzuku zumindest ein wenig zu halten und zu beschützen. Mir war ja nun schon oft gesagt worden, dass ich psychisch sehr viel stärker war als Tsu, und gewusst hatte ich es selbst auch immer, aber jetzt fühlte ich es richtig.

Und es fühlte sich irgendwie ziemlich gut an. Dieses Gefühl, stark genug zu sein, um jemanden, den man über alles liebt, zu beschützen und festzuhalten. Es füllte mein Herz aus, ließ mich lächeln, und ich sah Tsuzuku an, erkannte in seinen Zügen, dass meine Worte ihm Kraft gaben und ihn glücklich machten.

 

Ich nahm meine Tasche und holte Ruana heraus, Tsu nahm sie in beide Hände und drückte sie an sich.

„Hast du unser Baby mitgebracht?“, fragte er und lächelte.

„Ja, sie wollte dich auch besuchen“, antwortete ich.

Er sah Ruana an und sagte, direkt zu ihr: „Das ist aber lieb von dir, Ruanalein.“

Ich ließ sie antworten: „Ruana Tsu lieb, deshalb besuchen, dass Tsu sie nicht auch vermisst.“

Tsuzuku drückte ihr einen Kuss auf das Köpfchen, dann zog er mich zu sich und küsste mich auf den Mund. Und als Koichi gespielt protestierte, dass er sich ausgeschlossen fühlte, da bekam er auch einen Kuss auf die Wange ab. Tsu lachte, wirkte richtig locker und gut drauf, schien sich wieder vollkommen gut und sicher zu fühlen.

 

Als wenig später Dr. Matsuyama das Zimmer betrat, blieben Koichi und ich da, während die Ärztin die Ergebnisse der Untersuchungen mit Tsuzuku besprach.

Sie sagte, dass sie inzwischen recht fest davon ausging, dass es sich bei seinen Herzproblemen noch um keine Herzkrankheit, sondern um psychosomatische Beschwerden handelte, aber auch, dass er aufpassen sollte, dass sich das nicht doch irgendwann änderte und sein Herz die Belastung auch physisch nicht mehr aushielt und doch noch richtig krank wurde.

„Es wäre gut, wenn Sie weniger rauchen würden. Und wegen Ihrer psychischen Probleme … da kann ich Ihnen nur noch einmal wärmstens eine Therapie empfehlen. Dr. Niimura hat derzeit ein bisschen Terminspielraum, machen Sie da zumindest einen Anfangstermin.“

„Ich hab doch gesagt, dass ich das nicht will“, widersprach Tsuzuku.

„Ich weiß. Aber sehen Sie es mal so: Wenn sich Ihre Borderline-Symptome verschlimmern und Sie sich öfter und mehr aufregen und diese starke Angst haben, wird Ihr Herz davon immer stärker belastet. Dann können wir nicht mehr ausschließen, dass es richtig krank wird, denn erblich vorbelastet sind Sie und das wissen Sie auch.“ Dr. Matsuyama klang streng, wie sie das sagte, aber ihr war sehr deutlich anzumerken, dass sie es gut meinte.

 

Tsuzuku senkte den Kopf, blickte nachdenklich auf die Bettdecke, wo seine zerkratzten Hände mit dem weißen Stoff spielten.

„Machen Sie einen Termin bei Dr. Niimura, Aoba-san. Er ist ein wirklich guter Arzt und ich bin sicher, dass er Ihnen hervorragend helfen kann, wenn Sie es nur zulassen“, sagte Dr. Matsuyama.

„… Ist gut …“, antwortete mein Freund leise.

„Sie müssen wirklich keine Angst haben. Wir wollen Ihnen nur helfen“, verdeutlichte die Ärztin noch einmal und sah mich dann an. „Asakawa-san, sprechen Sie beide darüber.“

Dann ging sie aus dem Zimmer.

 

Sofort, als die Ärztin weg war, stand Tsuzuku auf, griff nach der Tasche, in der ich die Klamotten für ihn mitgebracht hatte, und begann einfach, sich anzuziehen. Dann packte er die Lacksachen ein, machte das Bett ordentlich und sagte: „Die können sagen, was sie wollen, ich bleib auf keinen Fall noch eine Nacht hier.“

Er war ziemlich deutlich nicht davon abzubringen und so sagte weder Koichi noch ich etwas dagegen. Nur eine Sache wagte ich doch anzusprechen: „Tsu, dann machen wir aber gleich einen Termin bei dem Psychiater.“

„Und was soll mir das bringen?!“

„Dass du mal richtig professionelle Hilfe bekommst“, mischte sich Koichi zu meiner Verstärkung mit ein. „Du hast doch gehört, was die Ärztin eben gesagt hat, Tsuzuku. Wenn du dir nicht helfen lässt, kann das auch sehr gefährlich für dein Herz sein.“

 

Tsuzuku setzte sich auf die Bettkante, blickte einen Augenblick ohne ein Wort aus dem Fenster und schien über Koichis und meine Worte nachzudenken. „Meinetwegen, geh ich halt mal zu dem Psychiater. Aber ich lass mich von dem nicht umkrempeln.“

„Das will doch auch niemand. Du musst nur lernen, wie du mit deinen Problemen umgehen kannst, ohne dass immer gleich so eine Katastrophe dabei rauskommt“, sagte Koichi.

„Wir sind ja auch für dich da …“, sagte ich. „Und ich werde immer für dich da sein. Aber, Tsu, du merkst doch selbst, das wir das nicht ganz alleine schaffen.“

Er sah mich nicht an, blickte weiter aus dem Fenster und fragte schließlich mit einem seltsamen Klang in der Stimme: „Überfordere ich euch?“

 

Was sollte ich antworten? Ich wollte auf keinen Fall, dass er glaubte, er würde mir zu viel werden. Und ich wollte ihn ja festhalten und für ihn da sein, mit all meiner Kraft!

Doch irgendwo … da spürte ich auch, dass ich nicht alles für ihn tun konnte. Dass ich auch meine Grenzen hatte und dass es nicht ewig so gehen konnte. Tsuzuku brauchte mehr Hilfe, als ich, der ich immer noch nur sehr wenig über seine Krankheit wusste, ihm geben konnte.

 

Ich ging zu ihm, setzte mich neben ihn und legte meinen Arm um ihn.

„Tsuzuku, ich liebe dich. Und ich will alles für dich tun, was ich nur kann. Aber … was, wenn das, was ich kann, irgendwann nicht mehr reicht? Wenn ich dich nicht mehr so einfach beruhigen kann, wenn wir mehr streiten und deine Krankheit schlimmer wird? Und wenn dein Herz wirklich in Gefahr gerät, dass du es überlastest? Dann brauchen wir jemanden, der dir noch mal anders helfen kann. Jemanden, an den du dich wenden kannst, wenn ich mal nichts tun kann.“

„Ich geh nicht in die Psychiatrie.“

„Musst du ja auch nicht. Du musst nur hin und wieder einen Termin bei diesem Arzt machen, den ein bisschen auf dem Laufenden halten und dir von ihm helfen lassen.“ Ich streichelte über seinen Rücken und hoffte, dass meine Worte ihn erreichten.

 

„Tsu, es gibt Therapien für Menschen wie dich“, sagte Koichi. „Ich hab mich da gestern Abend mal informiert, du musst dafür nicht unbedingt in die Klinik. Du kannst zu Hause bleiben und musst nur einmal in der Woche oder so zum Therapeuten. Der bringt dir dann bei, wie du besser auf deine Gefühle und das alles reagierst und damit umgehst.“

Tsuzuku erwiderte nichts darauf, er nahm seine Tasche und die mit den Lacksachen und sagte nur: „Lass mal gehen, hier drinnen kann ich nicht klar denken.“

Wir verließen zu dritt das Zimmer und am Ausgang des Krankenhauses musste Tsu noch was unterschreiben, dass er sich selbst entließ, dann gingen wir raus.

 

Auf dem Weg durch die Stadt zurück nach Hause wirkte er sehr nachdenklich, sagte kaum etwas und schien sich Gedanken um das zu machen, was die Ärztin und Ko und ich ihm gesagt hatten.

Aber dann, als Koichi sich verabschiedet hatte und wir zu zweit vor unserem Haus standen, griff Tsu auf einmal meine Hand und sah mich an.

„Ist gut“, sagte er, „Ich versuch das mit der Therapie.“ Er zog mich zu sich, beugte sich ein wenig vor und flüsterte in mein Ohr: „Aber du, Meto, bist und bleibst das Beste, was mir hilft.“

Ich lächelte, und spürte im nächsten Moment seine Lippen hauchzart an meinem Hals, bevor er sie sanft und ein bisschen sehnsüchtig auf meine drückte. Er umarmte und küsste mich, mitten auf dem Gehweg vor unserem Haus, ihm war wieder egal, ob uns jemand sah.

„Lass uns raufgehen und dann machen wir es uns schön“, flüsterte er. „Ich will in deinen Armen liegen, und vorher dich in meinen halten.“ Er küsste mich wieder und sagte dann, ganz leise und liebevoll: „Ich hab dich so vermisst letzte Nacht, mein Körper hat sich so nach deinem gesehnt.“

„Gleich kannst du mich ja haben“, lächelte ich.

 

Wir liefen die Treppen rauf, es war sonst niemand im Treppenhaus, und kaum, dass ich die Tür unserer Wohnung aufgeschlossen und den Schlüssel wieder eingesteckt hatte, drängte Tsuzuku mich hinein und schlug die Tür hinter uns zu, bevor er sich geradezu auf mich stürzte. Er strich die langen, gelockten Haare meiner Perücke beiseite und begann, meinen Hals zu küssen und zu beknabbern, während seine andere Hand unter den Rock meines Kleides fuhr und den Petticoat runterzerrte.

„Heute muss ich dich ja richtig auspacken“, sagte er und lachte. „Wie ein Geschenk.“

„Hätte ich mich doch lieber umziehen sollen nach der Arbeit?“, fragte ich.

„Nein. Ich packe gern Geschenke aus.“

 

Ich lachte ebenfalls, der Petticoat fiel raschelnd zu Boden und schon waren Tsuzukus Hände an meinem Rücken zugange, öffneten die Schleife und den Reißverschluss und zogen mich nah an seinen Körper, sodass ich aufseufzte.

Es fühlte sich ein wenig seltsam an, dass ich so weibliche Kleidung trug, während mein männlicher Körper darin auf die erregenden Zärtlichkeiten meines Freundes reagierte. Und es war das erste Mal, dass es dazu kam, weshalb ich jene mich ebenfalls erregende Aufregung verspürte, die man fühlt, wenn man in Bezug auf Sex etwas Neues ausprobiert. Ich spürte, wie mir trotzdem das Blut in die Wangen stieg, und Tsuzuku bemerkte das.

 

„Gefällt dir das?“, fragte er leise, während seine Hand an meinem Rücken wieder unter mein Kleid schlüpfte und dort ihren Weg hinten in meine Shorts suchte. „Magst du das, wenn ich dich geil mache, während du so ein Kleid anhast?“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, doch das Rot auf meinen Wangen und die Reaktion meines Körpers waren meinem Freund anscheinend schon Antwort genug, denn er lachte kurz auf und machte weiter, berührte mich mit dieser absoluten Zärtlichkeit, während er mich langsam ins Schlafzimmer dirigierte und mich dabei immer wieder küsste.

 

Als ich unser Bett hinter mir spürte und mich darauf fallen ließ, war er gleich über mir und kniete sich über meine Beine, zog dann seine Jacke und sein Oberteil aus und beugte sich runter, um mich erst wieder zu küssen und dann in mein Ohr zu flüstern: „Ich hab dich so vermisst, Meto. Nachts brauche ich dich immer ganz besonders …“

Ich lachte. „Du hast zu viel Sex im Kopf, mein Schatz.“

Tsuzuku sah mich an, ganz ernst, und erwiderte: „Mir geht’s nicht nur um Sex. Auch, ja, aber nicht nur. Ich brauche dich bei mir, wenn mich nachts die Verzweiflung packt, wenn ich vor Angst fast verrückt werde. Wenn du dann neben mir liegst und ich dich anschauen und berühren kann, sodass ich spüre, dass du bei mir bist, dann hilft mir das.“

„Wachst du oft nachts auf?“, fragte ich.

„Manchmal. Und als ich jetzt so allein da in der Klinik lag … da hat es mich wieder gepackt, die Verzweiflung und das alles.“

„Und dann hast du mich angerufen …“

Tsuzuku nickte. „Eigentlich viel zu spät.“ Er schaute runter auf seine Hände, seine Handgelenke, die so furchtbar zerkratzt waren. Er hatte das getan, bevor er mich angerufen hatte.

 

Einen Moment lang schien es so, als seien seine Lust und Erregung von eben wieder verschwunden, doch dann sah er mich an, so liebend und lustvoll, beugte sich wieder runter, küsste mich und drückte sich fest an mich, sodass ich seine Härte an meiner Hüfte spürte.

„Tsu, warte mal, ich will mich eben ganz ausziehen“, sagte ich, und er ließ mich aufstehen, damit ich das Kleid, die Perücke und alles andere ausziehen konnte, während er selbst sich seiner Schuhe und Hose entledigte. Währenddessen sah er mich die ganze Zeit an und ich sah das lustvolle, verliebte Leuchten in seinen Augen, das Zeichen, dass er sich gut und sicher fühlte.

 

Ich umarmte ihn, fühlte seinen Körper Haut an Haut an meinem und zusammen sanken wir wieder aufs Bett, in die Kissen, fühlten nur Nähe und Liebe und Lust. Tsuzuku liebte mich sehnsüchtig, flüsterte mir immer wieder zu, dass er mich sehr vermisst hatte, und obwohl es nur eine Nacht und ein Vormittag gewesen waren, kam es ihm offenbar wie eine halbe Ewigkeit vor. Sein Seufzen und Stöhnen klang irgendwie ein wenig anders als sonst, schien von ganz tief drinnen zu kommen, und ich fühlte mich so geliebt von ihm, er war einfach so wundervoll und süß!

„Meto“, sprach er mich an, sah mich an und ich versank in seinen schönen Augen. „Lass mich nie wieder los!“

Ich griff nach seiner Hand, hielt sie fest, und fühlte im selben Moment die flüssige Liebe in mir, sah den wunderschönen Ausdruck auf Tsuzukus Gesicht.

 

Danach lag er wieder in meinen Armen, sein Kopf auf meiner Brust, eine Weile lagen wir einfach ohne ein Wort da und fühlten uns gut. Als Tsu den Kopf hob und mich ansah, war da dieses liebe, süße Lächeln auf seinem Gesicht und er sagte leise: „Wenn ich so darüber nachdenke … eigentlich waren wir von Anfang an schon wie ein Paar, oder?“

Ich dachte an den Tag, als wir uns kennen gelernt hatten, daran, wie ich ihn dann immer im Park besucht hatte und was für eine harte Zeit er damals durchgemacht hatte. Ich war von Anfang an nah bei ihm gewesen, da war immer dieses Band zwischen uns, das mich ihm zuhören und helfen ließ. Wir waren uns seelisch fast von Anfang an nah gewesen und auch, wenn ich in ihm lange Zeit keinen möglichen  Partner gesehen hatte, waren wir doch schon früh mehr als nur gute Freunde gewesen.

„Irgendwie schon …“, antwortete ich. „Auf die eine oder andere Weise hab ich dich schon sehr bald geliebt. Und ich bin sehr, sehr glücklich, dass du mich auch liebst.“

„Wie könnte ich auch so einen wundervollen, süßen Menschen wie dich nicht lieben?“ Tsuzuku lächelte immer noch. „Du bist wirklich unglaublich, Meto.“

 

„Sag mal …“, begann ich, denn mir war eine Frage gekommen, die ich so bisher noch nicht so wirklich gestellt hatte: „Wie … siehst du mich eigentlich … so als Mann? Begehrst du mich vor allem, weil du mich liebst, oder …?“ Ich dachte an das, was ich von Tsu’s altem Leben wusste, von den vielen Mädchen, die er gehabt hatte, und dann daran, was er vorgestern gesagt hatte, von wegen seiner Orientierung.

Tsuzuku richtete sich auf, beugte sich über mich und küsste mich, ganz weich und süß.

„Hmm, wie sag ich das jetzt am besten …? Meto, du bist der einzige Mann, für den ich jemals solche Gefühle hatte und habe. Ich begehre dich, ich liebe deinen Körper, du bist ein wundervoller Mann. Ich kann dich nur nicht mit anderen vergleichen, weil es keinen anderen gibt, für den ich jemals etwas Ähnliches empfunden habe. Frauen erregen mich nicht mehr, andere Männer aber auch nicht, das hab ich dir ja schon gesagt. Und ich kann den Augenblick, wenn wir endlich verheiratet sind und du mein Mann bist, kaum erwarten.“

 

Mein Herz begann, wild zu klopfen, und ich spürte, wie mir wieder einmal die Röte in die Wangen stieg. Sein Mann. Allein, wie wunderschön er dieses ‚mein‘ betonte! Als sei ich der größte Schatz in seiner Welt, das Wertvollste, was er kannte! Und ich wusste, das war ich.

Ich hob die Hand, griff in Tsuzukus Nacken und zog ihn sanft zu mir herunter, um ihn mit meiner ganzen Liebe zu küssen. „Ich kann’s auch kaum erwarten, dich zu heiraten“, flüsterte ich gegen seine himmlisch weichen Lippen, meine Hand streichelte seinen Hals.

Er seufzte wohlig, ließ sich ganz auf mich sinken und schmiegte sich an mich. Seine weiche, glatte Haut an meiner und seine Liebesbedürftigkeit zusammen mit seiner Liebe seinerseits zu mir, das fühlte sich wundervoll an und ich wollte am liebsten jetzt eng umarmt mit ihm einschlafen, obwohl es dazu eigentlich noch zu früh am Tag war.

 

Doch auf einmal löste er sich von mir und stand auf, zog sich Shorts und T-Shirt wieder an und ging in die Küche, wo er, wie ich sah, irgendwas aus dem Kühlschrank nahm.

„Ich hab Hunger“, erklärte er. „Haben wir irgendwo noch Reste von dem Curryreis?“

„In dem Topf mit Deckel ist noch was“, antwortete ich. „Ansonsten müssten wir auch mal wieder einkaufen gehen.“

Ich zog mir ebenfalls Shirt und Hose an, räumte mein Kleid und den Petticoat in den Schrank und nahm Ruana aus meiner noch im Flur stehenden Tasche, um sie auf ihren Platz neben meinem Kopfkissen zu setzen.

Dann ging ich in die Küche, wo Tsuzuku gerade etwas von dem Reis mit Currysoße im Kochtopf auf den Herd gestellt hatte. Ich umarmte ihn von hinten und achtete mit darauf, dass nichts anbrannte, stellte jedoch zu meiner Freude fest, dass Tsuzukus Aussage „Ich lass doch sowieso immer alles anbrennen“ übertrieben war und er sehr wohl wusste, wie man sich Essen warm machte.

 

Er schien wirklich Hunger zu haben, zumindest aß er heute gut und auch nicht zu schnell oder zu viel, und nach dem Essen gingen wir noch raus und runter in den nächsten Conbini, um unseren Kühlschrank wieder aufzufüllen. Tsu holte sich außerdem noch Zigaretten, wobei ich ihn an die mahnenden Worte der Ärztin erinnerte, woraufhin er jedoch widersprach.

„Ich brauch das Zeug. Anders krieg ich mich nicht ruhig.“

„Weiß ich ja. Aber eine Packung am Tag ist doch ein bisschen viel, oder?“, versuchte ich, ihn wenigstens von einer Minderung seines Rauchverhaltens zu überzeugen, wenn er schon nicht ganz davon abzubringen war. „Versuch doch mal, dass eine Packung zwei oder drei Tage hält.“

Tsuzuku zuckte nur mit den Schultern. „Versuchen kann ich’s ja …“

 

Als wir wieder zu Hause waren und die Einkäufe in den Kühlschrank geräumt hatten, startete ich einen weiteren Versuch, den Fernseher anzuschließen. Ein Anschluss war vorhanden und eine Anleitung ebenfalls, und nachdem Tsu mir half, bekamen wir die Kiste zum Laufen und konnten uns zumindest mal einen Film anschauen. Mein Freund hatte sich Bier vom Conbini mitgebracht und eine Tüte scharfe Chips, und ich trank ab und zu einen Schluck mit und nahm mir von dem Knabberzeug.

 

Da es Tsuzuku gerade so gut ging, verschob ich das Gespräch über unseren Streit auf irgendwann später. Er konnte sich anscheinend immer noch nicht daran erinnern und ich wollte, dass er sich erst mal stabilisierte und eine Weile gut fühlte, bevor ich riskierte, dass er sich wieder erinnerte und es ihm infolgedessen wahrscheinlich wieder schlechter ging.

Gegen vier Uhr rafften wir uns noch mal auf und Tsuzuku suchte die Telefonnummer von Dr. Niimura raus, rief dort an und holte sich für morgen einen Termin. Wir hatten dann noch einen recht schönen Abend zu zweit und in dieser Nacht schlief ich gut, erholte mich und war mir sicher, dass Tsuzuku sich ebenfalls von den Strapazen der letzten beiden Tage erholte.

Nachdem ich Tsuzuku und Meto noch vom Krankenhaus bis zu ihnen nach Hause begleitet hatte, ging ich gleich nach Hause. Setzte mich im Wohnzimmer mit einer Tasse Tee an den Kokatsu und machte den Fernseher an. Es lief nichts wirklich interessantes, aber ich ließ ihn trotzdem an, weil ich gern ein bisschen Hintergrundgeräusch haben wollte.

Ich hatte gestern Abend eine ziemliche Angst um Tsuzuku gehabt. Als Meto mich angerufen hatte, um mir zu sagen, dass Tsu im Krankenhaus war, hatte ich gleich ans Schlimmste denken müssen und infolgedessen nicht wirklich gut geschlafen, weil ich mir furchtbare Sorgen um meinen besten Freund gemacht hatte. Mir wurde immer deutlicher, was es wirklich bedeutete, dass er krank war.

Zwar schien es ihm jetzt wieder besser zu gehen, doch ich wusste, dass sich das jederzeit wieder ändern konnte. Ein falscher Gedanke, eine einzige irgendwie belastende Situation, und schon konnte er wieder abstürzen.

 

Ich stand auf und holte mir mein Laptop, stellte es auf den Kokatsu und öffnete Google, um … ja, um was zu tun? Ich hatte das Gefühl, noch mehr wissen zu müssen über dieses Ungeheuer, das meinem besten Freund das Leben so schwer machte. Zwar hatte ich ihm ja mal versprochen, dass ich nichts in der Richtung nachlesen würde, doch nachdem er mir letztens mal erzählt hatte, dass er mit Meto zusammen darüber gesprochen und dabei auch ein psychologisches Buch zur Hilfe genommen hatte, fand ich irgendwie, dass ich jetzt doch selbst recherchieren durfte. Also hatte ich gestern schon nach dem Namen der speziellen Therapie gesucht, und jetzt wollte ich mehr darüber wissen.

 

Trotzdem klopfte mein Herz aufgeregt und ich spürte eine gewisse Angst, als ich, zum zweiten Mal, ‚Borderline-Persönlichkeitsstörung‘ in die Suchleiste eingab. Ich wusste nicht mal genau, was ich mir davon versprach. Doch ich tat es trotzdem, klickte ‚Suchen‘ und saß dann vor einem riesigen Angebot an Seiten, alles von Wiki bis zu Foren, Online-Artikeln und Homepages von psychiatrischen Kliniken.

Das Wiki ließ ich gleich weg, doch da war ein Forum, das irgendwie interessant aussah, und dort klickte ich mich rein. Doch weit kam ich da nicht, man brauchte einen Account, um die meisten Dinge lesen zu können.

Schließlich landete ich über die allgemeine Suche auf einer englischsprachigen Seite, die Artikel, medizinische Abhandlungen und ähnliches zum Thema Borderline enthielt, von denen ich die meisten nicht verstand, doch auf dieser Seite war ein Artikel dabei, der einfacher geschrieben war und den ich ohne größere Probleme lesen konnte.

 

Es fühlte sich eigenartig und irgendwie nicht richtig an, so als ob ich hinter Tsuzukus Rücken schlecht über ihn redete oder so, aber irgendwie konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen, bis ich den zum Glück nicht allzu langen Artikel durch hatte. Und als ich die Seite schloss, um nicht noch mehr zu lesen, fühlte sich auch das merkwürdig an. Ein Teil von mir weigerte sich, zwischen dem Inhalt dieses Artikels und Tsuzukus Verhalten einen Zusammenhang herzustellen, und ich hatte das Gefühl, jetzt zu viel zu wissen.

 

Ich schloss Google und klappte den Laptop zu, setzte mich aufs Sofa und musste das, was ich gerade gelesen hatte, erst mal sacken lassen. Worte wie ‚emotionale Instabilität‘ ‚Impulsivität‘ und  ‚Suizidalität‘ kreisten durch meine Gedanken und ich spürte, wie die großen Sorgen um meinen besten Freund wieder hochkamen.

Von der harten Zeit in seinem Leben, als er in Gefahr gewesen war, sich ernsthaft was anzutun, wusste ich ja nur, weil er und Meto es mir erzählt hatten. Ich hatte ihn ja erst kennen gelernt, als diese Zeit schon vorbei gewesen war. Im Moment schien er zumindest in der Hinsicht weniger gefährdet, dafür machten ihn aber, so wie ich das mitbekam, seine Stimmungsschwankungen und seine Angst davor, verlassen zu werden, wahnsinnig.

 

Auf einmal hatte ich das Gefühl, mit Tsuzuku reden zu müssen. Weil ich wissen wollte, wie er sich im Moment fühlte. Als ich gegangen war, hatte er gut gelaunt und entspannt gewirkt, wahrscheinlich war bei ihm grad so ziemlich alles gut, aber dadurch, dass ich jetzt diesen Artikel gelesen hatte, waren meine Gedanken sehr darauf konzentriert, wie Tsu war, wenn es ihm schlecht ging.

Sollte ich ihm sagen, dass ich wieder recherchiert hatte? Oder würde ihn das verletzen? Ich wusste auf einmal nicht mehr recht, wie ich mit ihm umgehen sollte. Jede Kleinigkeit konnte ihm furchtbar wehtun, und dadurch, dass ich das jetzt gelesen hatte, konnte ich an nichts anderes denken.

Ich entschloss mich, ihn doch nicht anzurufen. Bestimmt lag er gerade sowieso glücklich mit Meto im Bett und ich hätte nur gestört, wenn ich mich jetzt gemeldet hätte.

 

Stattdessen begann ich, meine Wohnung ein wenig aufzuräumen, und dachte dabei konzentriert an alles Mögliche, nur nicht an Tsu‘s Krankheit. Ich wollte ihn als den sehen, der er war, nicht als kranken, wenn nicht sogar schwer gestörten Menschen. Und als ich mit dem Aufräumen fertig war, tat es mir furchtbar leid, diesen Artikel gelesen zu haben.

Ich setzte mich wieder an den PC, jedoch öffnete ich nicht die Suchmaschine, sondern klickte mich in Tsuzukus Blog rein, schaute mir die Bilder wieder an, wo er zusammen mit Meto zu sehen war und so glücklich aussah. Dieses Bild, wo er Meto umarmte und beide in die Kamera lächelten, zeigte sein wahres Gesicht, wie er wirklich war, abseits von jeder Störung oder Krankheit. Diese wahnsinnige Liebe, die er für Meto empfand. Und auch, wie lieb er zu mir gewesen war, als es mir schlecht gegangen war. Er war so ein toller, lieber Mensch, und auch wenn er diese großen Probleme hatte, so beschrieben sie nur einen Teil von ihm.

 

Ich klickte nochmal die Suchmaschine an und löschte den Suchverlauf, dann klappte ich den PC wieder zu und ging ins Schlafzimmer, um auch da ein wenig aufzuräumen. Als ich damit fertig war, schaute ich in der Küche in den Kühlschrank und stellte fest, dass ich mal einkaufen gehen musste.

Ich machte mich also auf den Weg zum Supermarkt, kaufte vorher am Automaten an der Straßenecke zwei Packungen Zigaretten, und betrat dann den Laden, überlegend, ob ich mir heute Abend noch was kochen sollte oder irgendein Fertiggericht genug war.

Schließlich entschied ich mich fürs Selberkochen und kaufte Gemüse, Nudeln und ein bisschen mageres Fleisch für ein einfaches Pfannengericht. Dann noch ein bisschen Kleinkram, alles bezahlen, und schon war ich wieder raus aus dem Laden.

 

Wieder zu Hause begann ich gleich mit dem Kochen, was nur davon unterbrochen wurde, dass jemand mich anrief. Ich legte das Messer, mit dem ich den Pak Choi kleingehackt hatte, beiseite, und lief zum Telefon, erkannte Mikans Nummer auf der Anzeige.

„Hey, Kocha! Hast du heute noch was vor?“, fragte sie direkt.

„Ich koche gerade mein Abendessen.“

„Wollen wir heute Abend vielleicht ausgehen? Im Visual-Club ist Kawaii-Party.“

Ich überlegte schnell: Eigentlich hatte ich wirklich nichts vor, und Mikan sehen wollte ich auch gern. Unsere Beziehung war immer noch nicht richtig fest, auch wenn wir ja vor ein paar Tagen zum ersten Mal ein bisschen intim miteinander geworden waren. Es konnte nicht schaden, wenn wir öfter mal ein Date hatten.

„Okay“, sagte ich. „Ich muss nur schauen, was ich anziehe.“

„Mit ‘ner ordentlichen Portion Rosa kannst du bei dieser Party nichts falsch machen.“ Mikan lachte kurz. „Ich hol dich dann in ‘ner Stunde bei dir zu Hause ab, ja?“

 

Ich kochte also erst einmal mein Essen fertig, ging zwischendurch immer wieder in mein Schlafzimmer zum Kleiderschrank und suchte mir mein Outfit zusammen. Als das Essen fertig war, aß ich gemütlich und zog mich anschließend um.

Mikan klingelte genau währenddessen an meiner Tür, als ich halb angezogen und mit provisorisch hochgesteckten Haaren im Bad vor dem Spiegel stand und gerade anfangen wollte, mich zu schminken.

Sie lachte, als sie mich so unfertig sah, ließ es sich aber nicht nehmen, mich zu umarmen und zu küssen. „Na, Mr. Prinzessin?“, fragte sie neckend und beäugte mein halb fertiges Outfit.

Mikan sah mal wieder absolut umwerfend aus. Sie trug denselben niedlichen Stil wie sonst auch, aber im Detail deutlich aufgehübschter als sonst, mit zig bunten Ketten und Haarspängchen. Ihre Haare hatte sie zum Teil in Locken gedreht und auch neue Farbe drin, wieder Violett, nur jetzt deutlich kräftiger. Anscheinend hatte sie heute nachgefärbt.

 

„Ich hab vorhin noch gekocht, willst du was davon?“, fragte ich.

„Danke, ich hab schon gegessen.“

Ich stellte also den Rest von der Fleisch-Gemüse-Pfanne in den Kühlschrank und fuhr fort, mich für die Party anzuziehen und schön zu machen, während Mikan erst in meinem Wohnzimmer wartete, und dann zu mir ins Bad kam, um sich an meinem Styling zu beteiligen.

Als wir dann beide wie rosa Zuckerwattepuppen aussahen, machten wir uns auf den Weg zum Club, der nur zwei Stadtbahnstationen entfernt war.

 

Aus dem Club schallte, anders als sonst, kein Rock a la Dir en grey, sondern ein fröhliches Lied irgendeiner süßen Oshare-Band, die ich aber nicht näher kannte. Heute schienen die Gäste ein paar Jahre jünger zu sein als die, die sonst hier tanzen gingen, aber vielleicht sahen sie auch nur einfach jünger aus als sonst, weil heute der Dresscode einfach so pink und kindlich war. Ich sah mich selbst in einer spiegelnden Fensterscheibe und musste feststellen, dass ich in diesem Styling auch nicht gerade wie Mitte Zwanzig aussah, sondern eher wie siebzehn oder so.

Mikan nahm meine Hand und zog mich hinter sich her in den Club. Wir gaben unsere Taschen an der Garderobe ab und stürzten uns ins Partygetümmel, das durch eben jenen heutigen Dresscode einerseits sehr jung und niedlich wirkte, aber genau dadurch auch seltsam surreal, fast ein bisschen wie die Tee-Party aus ‚Alice im Wunderland‘.

 

Mikan bestellte uns zwei Getränke und wir standen erst mal ein bisschen an der Bar. Sie fragte, wie es Tsuzuku ging, und ich sagte nur: „Besser“. Ich hatte Mikan nicht erzählt, dass er im Krankenhaus gewesen war, es hatte sich einfach nicht ergeben, und wahrscheinlich dachte sie an unseren Abend zu viert, als es Tsu ja auch nicht gut gegangen war.

„Kommen Meto und er eigentlich auch manchmal in diesen Club?“, fragte Mikan.

Ich nickte. „Aber heute wahrscheinlich weniger. Dieses Pink mit Glitzer ist ja nichts für Tsu.“

Mikan lachte. „Ja, das kann ich mir vorstellen. Er hat’s ja mehr mit Schwarz.“

 

Als wir beide ausgetrunken hatten, gingen wir dann endlich tanzen. Es wurden Lieder von SuG und An Café gespielt, wozu Mikan besser tanzte als ich, aber Spaß hatten wir trotzdem beide, auch wenn ich diese Musik zu Hause eher seltener hörte. Ab und zu mochte ich so was schon ganz gerne und außerdem war Tanzen mit meiner besten, jetzt festen Freundin immer toll, egal zu welcher Musik.

Als ein langsames, verträumtes Lied gespielt wurde, umarmte Mikan mich und wir verfielen in dieses paartypische Schmusetanzen. Ich fühlte ihre Hände auf meinen Schultern und meinem Rücken, ihren weiblichen, süßen Körper nah bei mir, und wollte am liebsten, dass sie nachher noch wieder mit zu mir kam und wir das von letztens fortsetzen konnten.

 

„Kommst du nachher wieder mit zu mir?“, fragte ich leise in ihr Ohr.

Sie lächelte. „Willst du kuscheln?“

Ich nickte. „Oder auch mehr …“

„Mehr?“, fragte sie lächelnd. „Wie viel mehr?“

Ich antwortete nicht mit Worten, sondern nahm ihr Gesicht in meine Hände und küsste sie, ließ sie durch diesen Kuss spüren, wie viel mehr ich mir mit ihr wünschte. Sie seufzte leise und erwiderte den Kuss mit derselben Lust, dann sah sie mich an und fragte: „Willst du jetzt schon gehen?“

Ich musste nicht lange überlegen und nickte. Fühlte, dass ich mit Mikan allein sein wollte, bei mir zu Hause. Weil ich mich gerade nach Dingen sehnte, die in heimische vier Wände gehörten.

„Gut, dann gehen wir.“ Sie nahm meine Hand und zog mich weg von der Tanzfläche, wir holten unsere Taschen ab und verließen den Club.

Draußen war die Luft ganz klar, duftete jedoch schon deutlich nach Frühling. Die Kirschbäume überall in der Stadt standen in voller Blüte und auch wenn die einzelnen Blüten jetzt in der Nacht geschlossen waren, so hing doch ihr Duft vom ganzen Tag noch in der Luft, weckte in mir eine Menge Frühlingsgefühle und machte mich ganz kribbelig.

 

Wir nahmen die letzte Bahn in Richtung meiner Wohnung und während der kurzen Fahrt lehnte Mikan sich an mich, ihre Hand war mit meiner verschränkt und ganz warm.

Als wir ausstiegen, griff sie meinen Arm und hängte sich ein wenig an mich, und auf dem Weg zu meiner Wohnung flüsterte sie mir dann auf einmal ins Ohr: „Koichi … ich bin jetzt bereit für mehr …“

„Mehr was?“, fragte ich, obwohl ich wusste, wovon sie sprach.

„Mehr mit dir.“ Sie blieb stehen, sah mich an, lächelte und fügte hinzu: „Ich will dich.“

 

Wir hatten mein Haus fast erreicht, ich schloss auf und wir liefen schnell die Treppen rauf zu meiner Wohnung, gingen rein und ich zog meine Schuhe aus, fühlte, wie diese eine positive Anspannung in mir hochstieg, die mein Herz wild klopfen ließ. Mikan schlüpfte aus ihren weniger aufwändig auszuziehenden Schuhen und hängte ihre Tasche an die Garderobe, dann sah sie mich wieder an, ich fühlte ihren Blick auf meinem Körper. Ein zartes, süßes Rosa war in ihre Wangen gestiegen und sie atmete ein wenig schneller und tiefer, ihre Augen leuchteten.

 

„Erst abschminken?“, fragte ich. „Oder willst du mich gleich haben?“

„Abschminken ist vielleicht ganz gut vorher …“, antwortete sie und folgte mir ins Bad.

Wir beeilten uns beide damit, Makeup, Kontaktlinsen und Haarspray loszuwerden, und als das erledigt war, waren wir beide voller Vorfreude auf das, was wir gleich vorhatten. Darauf ein wenig warten zu müssen und sich dabei vorzustellen, wie es sein würde, das machte es noch schöner als wenn wir gleich im Bett gelandet wären.

 

Mikan sah mich im Spiegel an und ich drehte mich zu ihr um, nahm ihr Gesicht in meine Hände und küsste sie, schmeckte noch ein bisschen fruchtigen Lipgloss an ihren Lippen. Sie drückte sich sehnsüchtig an mich, ich spürte ihr klopfendes Herz und ihr rasches Atmen, das Zeichen, dass sie schon ziemlich erregt war.

„Koichi …“, flüsterte sie, als ich ihre Lippen wieder freigab. Sie sah mir tief in die Augen und dann schob sie mich vor sich her, rückwärts aus dem Bad, in Richtung Schlafzimmer. Ich fühlte mich ein wenig eigenartig, als ich dort meine Sammlung von Schmuck und Handtaschen an der Wand hängen sah und den Kontrast zwischen diesen femininen Sachen, und meinem Gefühl, das sich im Augenblick recht männlich anfühlte, bemerkte. Ich war erregt und spürte unter meiner niedlichen, rosa-lastigen Kleidung die Reaktion meines männlichen Körpers auf die Schönheit und Süße meiner Freundin.

 

Mikan umarmte mich, drückte sich an mich, und ich fühlte, wie ihr Unterleib an meine erregte Körpermitte unter meiner Kleidung drückte. Ich seufzte leise und Mikans Hände schlüpften unter mein Shirt, sie lächelte.

„Fass mich an, Koichi“, flüsterte sie  und ich tat es, legte meine Hände an ihre Taille, unter ihrer pastellfarbenen Bluse. Sie ließ sich auf mein Bett sinken und zog mich mit, ich setzte mich rittlings über ihre Beine und als sie sich auf den Rücken fallen ließ, war ich über ihr, sie zog mich zu sich runter und ich küsste sie. Ihre weichen, zarten Lippen schmeckten so süß, waren genauso warm und weich wie ihre Hände, und verzauberten mich geradezu. Ich ließ meinen Händen freien Lauf, knöpfte ihre Bluse auf und öffnete ihren Rock, tastete fasziniert über ihre weiche, warme Haut und hörte sie seufzen. Ihr Atem ging immer schneller und tiefer, und ich hörte die Erregung in ihren Seufzern.

 

Ich löste mich kurz von ihr und stand auf, aber nur, um mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen, und Mikan tat es mir gleich, ließ nur BH und Slip noch an.

„Das darfst du mir ausziehen“, sagte sie und sah mich verheißungsvoll an, ehe ihr Blick, nur noch ein klein wenig zögerlich, über meinen nun fast unbekleideten Körper wanderte und dabei auch meine sich unter meiner Shorts deutlich abzeichnende Erregung streifte.

Ich machte einen Schritt auf sie zu und umarmte sie, meine Hand fand wie von selbst den Verschluss ihres BHs und versuchte, ihn zu öffnen. Als mir das jedoch zuerst nicht gelang, lachte Mikan leise.

„Kriegst du ihn nicht auf?“, fragte sie lächelnd.

„Doch.“

Ich nahm die andere Hand zur Hilfe und löste die beiden kleinen Häkchen, woraufhin Mikan sich die Träger von den Schultern streifte und den BH zu Boden fallen ließ.

 

Sie legte sich wieder auf mein Bett und ihre Hand streichelte einladend über ihre Körpermitte, ich legte mich zu ihr und fuhr dann ganz langsam mit meiner Hand über ihren flachen Bauch, ihre schöne helle Haut, fühlte die Bewegungen ihrer Atmung, bis ich am Bund ihres Slips angekommen war.

Einen Moment lang zögerte ich, war irgendwie nicht ganz sicher, ob das jetzt wirklich das Richtige zu tun war. Sollten wir jetzt schon so weit gehen? Ich fühlte, dass ich, wenn wir jetzt damit anfingen, nicht mehr würde aufhören können, und spürte auch, dass ich als Mann die Verantwortung trug.

 

Apropos Verantwortung: Ich hatte keine Ahnung, wo sich etwaige noch bei mir vorhandene Kondome gerade befanden. Irgendwo mussten noch welche sein, aber ich wusste absolut nicht, wo genau. Und ich war nun wirklich nicht in der Stimmung, jetzt die ganze Wohnung abzusuchen. Beim Aufräumen vorhin hatte ich jedenfalls keine gefunden.

„Mikan?“, sprach ich meine Freundin an, „Sag mal, nimmst du eigentlich … die Pille oder so?“

„Klar nehm ich die. Allein schon wegen meiner Regel. Aber die, die ich nehme, ist nicht ganz sicher, so vom Schutz her“, antwortete sie, grinste mich dann frech an und fragte: „Hast du etwa keine Kondome da?“

„Ich … hab irgendwo schon welche. Aber …“, gestand ich und spürte, wie ich rot wurde, „… ich weiß gerade wirklich nicht, wo die gelandet sind.“

 

„Im Nachtschrank?“, fragte Mikan.

Ich streckte mich, bis ich mit der Hand an die Schublade herankam, und öffnete diese. Doch bis auf meine Kopfschmerztabletten, ein paar Haarklammern, und ein altes Notizbuch war sie leer.

„Warte kurz, ich schau mal im Badezimmer.“ Ich stand auf und lief rüber ins Bad, öffnete dort sämtliche Schränke, doch außer viel zu vielen Produkten zur Schönheitspflege und meinen fluffigen Handtüchern fand ich nichts.

„Keine da!“, rief ich über den Flur.

Mikan seufzte kopfschüttelnd. „Also echt, Koichi! Hast du nicht mal Kondome da?“ Sie stand auf und kam zu mir ins Bad. „Dann wird das wohl nichts heute …“

„Hm“, machte ich, da ich gerade auch nicht wirklich wusste, was wir tun sollten. „Kann auch sein, dass ich die Dinger irgendwann mal weggetan habe …“

 

Mikan sah mich einen Moment lang an, dann sagte sie: „Sag mal … würde es dir reichen, wenn du mich nur … fingerst oder so?“

Das war durchaus eine gute Frage. Klar, ich konnte mich durchaus beherrschen und noch nicht aufs Ganze gehen. Und ging ja jetzt wohl auch nicht anders, so ohne Kondome. Aber … ich wollte auch nicht nachher unzufrieden sein. Es war ein eigenartiges Gefühl und ich wusste nicht so wirklich, was ich tun sollte. Ein Teil von mir wollte definitiv Sex, oder jetzt eben mindestens Petting, doch meine Vernunft zögerte aus irgendeinem Grund.

 

Wir gingen ins Schlafzimmer zurück und Mikan hob ihren BH auf, zog ihn sich wieder an. Das war relativ eindeutig und ich wusste, dass sie mein Zögern als ein „Ich will doch nicht“ von meiner Seite gedeutet hatte.

„Geh mal erst einmal Kondome kaufen, dann können wir an der Stelle weitermachen“, sagte sie, klang aber zum Glück nicht eingeschnappt oder so. Während wir uns wieder anzogen, sah ich sie an und versuchte, in ihrem Gesicht zu lesen. Aber sie war wieder mal so undurchschaubar.

 

Ich brachte sie noch zur Tür und war dann wieder allein in meiner Wohnung. Die abgekühlte Lust in mir fühlte sich schal und seltsam an, ich war richtig vorfreudig gewesen und hatte das, was ich mir so gewünscht hatte, jetzt wegen meiner eigenen Schussligkeit nicht bekommen.

Müde war ich überhaupt nicht und so setzte ich mich noch ein bisschen vor den Fernseher, schaute mir einen Film an und versuchte zu verhindern, dass mich dieses gescheiterte Erste Mal mit meiner Freundin mich in mein Gefühl von Einsamkeit zurückwarf.

Irgendwann danach ging ich dann doch ins Bett, doch es dauerte relativ lange, bis ich einschlief.

 

 

Am nächsten Morgen wurde ich von meinem Handy geweckt. Ich schaute drauf und sah, dass es Tsuzuku war, der mich anrief. Langsam richtete ich mich auf und meldete mich: „Morgen …“

„Morgen, Koichi.“ Zuerst war ihm nicht anzuhören, ob er müde war oder nicht, aber als er weiter sprach, klang seine Stimme doch so, als hätte er nachts nicht besonders viel geschlafen: „Können wir … uns heute sehen? Ich mag … heute noch nicht wieder … arbeiten gehen.“

Ich überlegte schnell, ob ich Zeit hatte, dann fiel mir ein, dass ich heute nur die Nachmittagsschicht hatte, und Meto die für heute Morgen.

„Klar können wir“, antwortete ich und fragte dann vorsichtig: „Wie … geht’s dir denn?“

„… Ich hab … nicht so wirklich gut geschlafen …“

„Schlecht geträumt?“

„Ja, zuerst das, und dann konnte ich nicht wieder richtig einschlafen … Hab mir Gedanken gemacht und so weiter … immer so weiter …“ Tsuzuku schwieg einen Moment und sagte dann: „Ich komm von dem Gedanken nicht mehr weg, dass ich euch zur Last falle.“

„Weißt du was?“, sagte ich kurzentschlossen und angelte mir meine Klamotten, „Ich hol dich in einer Stunde bei dir an der Wohnung ab, und dann gehen wir in die Stadt und irgendwo frühstücken. Wie wäre das?“

„Frühstücken …“, wiederholte Tsu mit diesem bestimmten, ironischen Tonfall. „Mit mir …“

„Du musst ja nicht viel essen. Nur, dass wir in Ruhe irgendwo sitzen können“, erklärte ich. „Machen wir das so?“

„Meinetwegen …“

„Ich mach mich nur eben soweit fertig, dann bin ich bei dir.“

 

Tsu legte auf und ich fing an, mich für den Tag zurechtzumachen. Ich wählte relativ schlichte, bequeme Sachen, nichts großartig Süßes oder Feminines, sondern so mehr oder weniger den Jeans-und-Shirt-Look. Meine Haare band ich einfach zu einem offenen Zopf zusammen und mein Makeup beschränkte sich auf das Basic-Programm.

Dann schnappte ich mir meine Bambitasche, die heute das auffälligste Accessoire neben meinen rosa Haaren darstellte, und lief los zur Bahn. Die Fahrt dauerte nicht lange, und den Fußweg bis über die Treppen rauf zu Tsuzukus und Metos Wohnung hatte ich auch schnell hinter mich gebracht. Doch als ich schließlich klingelte, öffnete mir ein sehr müde aussehender Tsuzuku, der noch kein bisschen zurechtgemacht war, die Tür.

 

„Hey …“, sagte er leise.

„Meto ist schon los, oder?“, fragte ich, einfach um überhaupt irgendwas zu fragen.

„Ja, schon ganz früh.“ Tsu ließ mich rein und ich sah mich kurz um, ob in der Wohnung alles okay war. Dabei fiel mir auf, dass das Schlafzimmer nicht mehr weiß war, sondern rote und schwarze Wände hatte, farblich passend zu dem schicken Bett.

„Ihr habt das Schlafzimmer gestrichen?“, fragte ich.

„Ja, vor ein paar Tagen. Haruna, Hanako und Yami haben uns geholfen.“ Tsuzukus Stimme klang wirklich müde, ganz leise und fast gleichgültig.

 

Ich konnte das nicht mitansehen, wie er da in Tanktop und Shorts vor mir stand, mit ungekämmten Haaren und diesem leeren, traurigen Ausdruck in den Augen. Also griff ich kurzentschlossen seine Hand und führte ihn ins Bad, sagte: „Jetzt mach dich erst mal schön, und dann gehen wir raus.“

Er stand erst unschlüssig da, dann griff er nach seiner Haarbürste und begann, seine schönen, schwarzen Haare zu ordnen. Ich lief schnell rüber ins Schlafzimmer und suchte ihm Klamotten raus, einfach eine Jeans und einen grauen Pullover, brachte ihm die Sachen ins Bad und ging dann in die Küche, wo ich kurz in den Kühlschrank schaute und wenigstens feststellen durfte, dass genug zu essen da war.

Ich setzte mich auf einen der Küchenstühle und während ich auf Tsuzuku wartete, schaute ich aus dem Fenster nach draußen, wo die Kirschbäume noch in voller Blüte standen. Irgendwie fand ich es furchtbar schade, dass es Tsuzuku gerade jetzt, wo alles zu blühen und zu grünen anfing, eine so schlechte Phase hatte und die Schönheiten draußen gar nicht genießen konnte.

 

Als Tsu dann aus dem Bad kam, sah er ein wenig besser aus, seine Augen wirkten wieder lebendiger und interessierter, und er war sogar ein kleines bisschen geschminkt.

„So gefällst du mir schon viel besser“, sagte ich lächelnd und stand auf. „Komm, auf geht’s!“

Tsuzuku sah mich einen Moment lang einfach an, und ehe ich mich versah, hatte er mich auch schon fest umarmt. Ich wusste erst nicht so recht, wie ich auf diese plötzliche Nähe reagieren sollte, denn ich hatte jetzt einfach nicht damit gerechnet, aber Tsu war eben ab und zu für eine Überraschung gut und schien das jetzt offenbar zu brauchen, also streichelte ich einfach mit meinen Händen über seinen Rücken und fragte: „Na, bist du heute ein bisschen nähebedürftig?“

 

Doch auf einmal schien es ihm doch unangenehm zu sein und er wollte sich wieder von mir lösen, doch ich ließ ihn nicht so schnell los. „Ist doch okay. Wenn du grad mal ‘ne Umarmung brauchst, das ist doch komplett in Ordnung.“

„Ich hab … nicht drüber nachgedacht. Ko, weißt du, diese Dinge, die ich manchmal tue, einfach so, ohne einen einzigen Gedanken …“

„Schscht …“, machte ich, denn ich sah dieses Wort ‚impulsiv‘ schon kommen. „Wir gehen jetzt schön in die Stadt, essen was, und dann kaufen wir uns noch ein paar schöne Sachen, was meinst du?“

„Den Part mit dem Essen können wir gern weglassen …“, murmelte er.

„Nichts da!“, widersprach ich lächelnd. „Wir finden schon was, was dir schmeckt, und zu viel brauchst du ja nicht zu nehmen.“

 

Den Weg in die Innenstadt legten wir wieder in der Stadtbahn zurück, fuhren bis in die Nähe eines netten Restaurants, wo es das beste (oder zumindest zweitbeste) Frühstück der ganzen Stadt gab. Als selbst in der Gastronomie Beschäftigter musste ich natürlich das Essen an meiner eigenen Arbeitsstelle besser finden, doch dieses andere Restaurant hier war eine ganze Spur ruhiger und somit eine passendere Umgebung für jemanden wie Tsuzuku, der dem quietschig-niedlichen Ambiente meines Arbeitsplatzes nur sehr wenig abgewinnen konnte.

 

In diesem Restaurant suchten wir uns eine abgelegene, ruhige Ecke, die sowohl von der nach Essen duftenden Küche, als auch dem quirligen Eingangsbereich recht weit entfernt war. Ich nahm mir die Frühstückskarte und begann, mir etwas auszusuchen, und Tsuzuku griff ebenfalls nach einer Karte, jedoch war ihm kurz darauf schon recht deutlich anzusehen, dass er sich absolut nicht entscheiden konnte. Er hatte eine nachdenkliche Falte auf der Stirn und diesen einfach nicht gesund aussehenden Blick in den Augen.

„Wenn du nicht selber was bestellen willst, kannst du auch was von mir haben“, sagte ich, und das schien ihn sehr zu erleichtern.

Als der Kellner an unseren Tisch kam und fragte, ob es schon ein Getränk sein durfte, bestellte ich mir einen Kaffee, und Tsuzuku nahm nach einem wahllosen Blick auf die Karte dasselbe.

Ich bestellte auch gleich mein Frühstück, da ich mich schon für eines entschieden hatte. Als der Kellner sich dann fragend an Tsu wandte, wurde ich Zeuge, wie mein bester Freund eine Art lächelnder Maske aufsetzte und den Kellner mit einem höflichen „Für mich nichts weiter, danke“ abspeiste. Dieser sagte noch irgendwas von einem zweiten Teller und Besteck, was er bringen wollte, und verschwand dann wieder.

 

Zwischen Tsuzuku und mir breitete sich zunächst eine unschlüssige, etwas nachdenkliche Stille aus. Ich wusste nicht, ob ich ihn nach seiner schlechten Nacht fragen sollte oder besser nicht, und er schien gerade generell nicht zu wissen, was er sagen sollte. Eine Weile saßen wir uns einfach gegenüber und ich sah mir ein wenig die Bilder an, die an den Wänden hingen, während Tsuzuku auf seine auf dem Tisch liegenden Hände blickte.

 

Doch als dann auf einmal eine Träne seine Wange hinunter lief und eine zweite rasch folgte, da musste ich ihn einfach fragen, was denn jetzt los war: „Hey, Tsu, was ist denn? Warum weinst du?“

Er antwortete erst nicht, wich meinem Blick aus, während die Tränen einfach über sein Gesicht liefen. Ich streckte meine Hand aus und berührte seine, einfach um ihm so was wie Halt zu geben, er ließ es zu und sah mich an, in seinen dunklen Augen stand die reine Verzweiflung.

„Ko, ich … ich hab geträumt, dass ich … Meto und dir und allen … zu viel werde … Dass ich einfach zu kompliziert bin … Und wer will schon immer … auf so ‘nen … verheulten Borderliner wie mich … aufpassen?“, brachte Tsuzuku unter Schluchzern und immer weiter fließenden Tränen heraus.

 

Ich musste nicht großartig überlegen, was ich tun sollte, sondern ich tat es einfach, wissend, dass es das einzig richtige war: Ich stand auf, ging um den Tisch herum und legte meine Arme um Tsuzukus Kopf und Schultern, so dass er, immer noch sitzend, sich an mich anschmiegen konnte. Mir war egal, ob uns jemand sah und es vielleicht eigenartig fand, ich dachte nur daran, dass ich meinem besten Freund jetzt den größtmöglichen Halt geben wollte.

„Schscht, Tsu … Du brauchst nicht zu weinen, ich bin bei dir, du hast nur schlecht geträumt heute Nacht“, sagte ich leise und streichelte durch sein Haar.

Tsuzuku blickte zu mir hoch, mit Angst in den Augen, und fragte mit einem Ton, der fast wie der eines weinenden, ängstlichen Kindes klang: „Und du verlässt mich ganz bestimmt nicht?“

„Nein, ich bleib bei dir. Meto und ich, wir lassen dich niemals allein.“ Ich drückte ihn noch einmal lieb an mich, dann ging ich zu meiner Tasche und nahm ein Päckchen Taschentücher heraus. „Und jetzt wisch dir die Tränen weg und putz dir die Nase, und dann essen wir. Essen ist gut.“

 

Kurz darauf wurde dann das Essen gebracht. Ich teilte mein Frühstück so auf, dass Tsuzuku genug bekam, aber nicht zu viel, und er sagte auch, dass ihm ein einziges Brötchen mit ein bisschen Butter und Marmelade genügte. Es war okay, denn schließlich wollte ich auch nicht, dass ihm wieder schlecht wurde. Während ich aß, sah ich ihn immer wieder an und beobachtete, wie sich seine Stimmung wieder ein wenig hob, und auf einmal lächelte er mich an.

„Wie geht’s mit Mikan?“, fragte er.

Ich wunderte mich ein wenig, fragte mich, wie er jetzt darauf kam, aber gleichzeitig war ich einfach froh, dass er sich offenbar wieder gut fühlte, und antwortete: „Ganz gut.“

„Hast du sie schon rumgekriegt?“ Diese direkte, unverblümte Art, so was zu fragen, war so typisch Tsuzuku, und ich musste lachen.

„Noch nicht ganz“, antwortete ich lachend und fügte dann etwas leiser hinzu: „Ich hatte keine Kondome da.“

Ich hatte ja erwarten können, dass Tsuzuku mich dafür auslachen würde, doch dass er es wirklich tat, überraschte mich doch, da er ja eben noch geweint hatte. Aber so war er eben. Saß mir gegenüber im Restaurant und lachte mich ziemlich lauthals aus, weil ich mein erstes Mal Sex mit meiner Freundin nicht auf die Reihe bekommen hatte.

„Wie geil! Ko, du bist echt … geil!“

 

Ich spürte, wie ich rot wurde. Es war mir doch ein bisschen peinlich, die Sache gestern Abend mit Mikan, und dass Tsuzuku mich jetzt so schamlos auslachte.

„Tsu! Jetzt lach nicht!“ Doch dass ich selber ein bisschen grinsen musste, weil die Situation doch was echt Komisches an sich hatte, nahm meiner Entrüstung die Kraft.

„Sorry“, entschuldigte er sich, grinste dabei aber immer noch. „Ich hab mir das nur gerade vorgestellt, wie Mikan und du endlich aufs Ganze gehen wollt und dann hast du kein Gummi da …“

Ich schüttelte den Kopf, lächelte aber dabei. „Du bist echt unmöglich.“

 

Tsu erwiderte nichts darauf, biss von seinem Brötchen ab, und eine ganze Weile saßen wir einfach einander gegenüber und aßen. Schließlich sagte er leise und wieder recht ernst: „Koichi … wenn dich das nervt, dass ich … so unverschämt bin und so … dann kannst du das sagen.“ Er blickte auf seine Hände und fügte noch etwas leiser hinzu: „Ich kann zumindest versuchen, mich zu bessern …“

Ich sah ihn an und sagte dann, ganz einfach und völlig von meinen Worten überzeugt: „Es ist okay. Du darfst gern lachen, wenn du so was lustig findest. Ich weiß ja, wie du das meinst.“

„Hinterher tut mir so was leid. Aber … weißt du, dann hab ich es eben schon getan.“

„Tsu, das weiß ich doch.“

„Denkst du das dann? Hast du eben gedacht: ‚Jetzt war Tsuzuku wieder impulsiv‘?“, fragte er und sah schon wieder fast traurig aus.

„Nur ganz kurz, wirklich. Ich denke viel mehr, dass du eben einfach so bist, wie du bist. Dieses Wort … ‚impulsiv‘ … das benutze ich in Gedanken kaum und auch nicht gern.“ Ich griff über den Tisch und berührte wieder seine ineinander verschränkten Hände, die eine seltsam haltlose Ruhelosigkeit ausstrahlten. „Du brauchst keine Angst zu haben, dass ich dich irgendwie beurteile oder so. Hey, du bist mein bester Freund und ich hab dich gern. Ich will, dass es dir gut geht, und ich versuche immer nur, dich zu verstehen.“

Tsuzuku lächelte leicht. „Danke, Ko. Ich hab dich auch gern.“

 

Wir aßen noch beide auf, dann ging ich zum Bezahlen und wir verließen das Lokal.

„Wollen wir noch ein bisschen durch die Stadt?“, fragte ich.

Tsu zuckte nur mit den Schultern. „Meinetwegen …“ Und dann: „Na ja, ein neues Hemd könnte ich schon brauchen …“

Ich lächelte. „Na, siehst du. Shoppen hat bisher noch immer die Stimmung gehoben.“

„Ich hab nur kaum Geld …“ Zuerst sah er so aus, als ob er es sich doch noch anders überlegt hatte, doch dann sagte er: „Für ein Teil reicht‘s aber sicher noch.“

 

Und so gingen wir wieder zusammen einkaufen. Hier in der Gegend gab es einen größeren Supreme-Laden und da ich dieses Label sehr mochte, schleppte ich Tsuzuku dorthin mit. Schon als wir vor dem Schaufenster standen, sah ich, wie mein bester Freund in seinen Shoppingmodus wechselte und seine Augen geradezu aufleuchteten.

„Die haben hier echt schöne Sachen“, sagte ich, aber das war eigentlich komplett überflüssig, denn Tsu hatte schon den Laden betreten und ein dunkelblau-weiß gemustertes Hemd in der Hand, das er mir strahlend hinhielt und fragte: „Meinst du, das steht mir?“

Ich sah erst das Hemd an, dann ihn, und stellte fest, dass es zwar ziemlich anders war als die schwarzen, finsteren Sachen, die er sonst viel trug, er aber trotzdem gut darin aussehen würde.

„Ja, ich würde sagen, das ist was für dich“, sagte ich und begann dann, mir selbst die Auslagen genauer anzuschauen.

 

Zwischendurch beobachtete ich Tsuzuku ein wenig und sah zu, wie er, obwohl er ja laut eigener Aussage nur Geld für ein einziges Teil hatte, immer mehr Sachen zusammensuchte, Oberteile und Hosen und den einen oder anderen Schal oder Hut.

„Tsu, hattest du nicht gesagt, du hast kaum Geld?“, fragte ich vorsichtig.

Er kam auf mich zu, beide Arme beladen mit Klamotten, und erwiderte: „Ich kann mich nicht für ein Teil entscheiden …“

Ich musste lachen, einfach weil das irgendwie so süß aussah, wie er da vor mir stand.

„Probier die Sachen doch erst mal an“, sagte ich und wies rüber zu den Umkleiden. „Ich helfe dir auch beim Aussuchen.“

 

Die Situation war einerseits irgendwie seltsam, aber auf der anderen Seite auch so typisch für Tsuzuku und mich, dass ich mich eher freute, als dass mich irgendwas daran störte. Und so stand ich dann vor der Umkleide und wartete immer wieder, während Tsu ein Teil nach dem anderen anprobierte, um es mir dann zu präsentieren.

Es waren ganz unterschiedliche Sachen dabei, einiges in seiner Lieblingsfarbe Schwarz, aber auch viel Rot und Blau und das eine oder andere bunt gemusterte Shirt oder Hemd. Er hatte sich dazu passende Schals, Hüte und Caps ausgesucht, die ihm überraschend gut standen, und ich entdeckte, dass mein bester Freund bei all seiner Stilsicherheit doch auch für stilistische Überraschungen gut war. Er war, wenn auch eben in seinem Stil männlicher und dunkler, im Grunde genauso experimentierfreudig und shoppingwütig wie ich.

 

Letztendlich entschied er sich dann doch für das blau-weiß gemusterte Hemd, das er zuerst gesehen hatte, und für einen schwarzen Hut, der ihm wirklich sehr gut stand.

Ich selbst kaufte infolge dessen, dass ich Tsu beim Aussuchen geholfen hatte, dieses Mal nichts, aber ich hatte ja auch wirklich genug Sachen, während Tsuzukus Kleiderschrank sicher noch einigen Platz für neue Klamotten bot.

 

Eigentlich hätte es danach schön sein müssen, alles gut und wir beide happy, aber so war es mit Tsuzukus Problemen nun mal einfach nicht. Ich wusste erst nicht einmal, warum, als er auf einmal auf dem Weg durch die Stadt mitten auf dem Weg stehen blieb und wieder diese Angst und Traurigkeit in den Augen hatte. Ich sah ihn an, war erst ein wenig verwirrt, weil er eben noch gelacht und einen Witz über sein eigenes Einkaufsverhalten gemacht hatte, jetzt aber plötzlich wieder so niedergeschlagen wirkte.

 

„Hey, was los?“, fragte ich besorgt und machte einen Schritt auf ihn zu, nahm seine Hand und ging mit ihm zu einer Bank am Wegesrand, wo er sich setzen konnte.

„Ich … hab heute noch nachher den Termin … bei dem Psychiater …“, antwortete Tsuzuku leise.

„Und du hast Angst davor?“

Er nickte. „Ich hab so Angst … dass alles noch schlimmer wird, wenn ich da bei dem über das alles rede … Hitomi hat auch gesagt, dass das furchtbar schiefgehen kann …“

Ich legte ihm meine Hand auf den Rücken, damit er sicher fühlte, dass ich da war, und sagte: „Wieso sollte es denn schlimmer werden? Der Psychiater will dir doch sicher auch helfen, und vielleicht weiß er sogar etwas, womit du dir selbst helfen kannst und so. Und nur, weil das bei Hitomi nicht richtig klappt, heißt das nicht, dass es bei dir genauso schief läuft.“

 

Tsuzuku hatte wieder Tränen in den Augen und sagte dann, ganz leise: „Weißt du, Ko … Ich war schon mal suizidal. Ich will das nicht wieder. Ich will nicht wieder sterben wollen.“ Er schwieg einen Moment, den ich ihn hochgradig besorgt ansah und nicht wusste, was ich sagen sollte, dann fügte er ebenso leise hinzu: „Aber ich fühle, dass es wieder … näher kommt, dieses Gefühl von … von ‚Ich will nicht mehr‘…“

„Tsu …“, begann ich und hörte meiner eigenen Stimme die entsetzte Sorge an, „Du musst kämpfen! Und du brauchst Hilfe, viel Hilfe. Also geh bitte zumindest zu diesem ersten Termin hin, ja?! Wenn du mit diesem Arzt nicht klarkommst, suchen wir dir ‘nen anderen, aber du musst da heute hingehen!“

Er sah mich an, ein wenig verwundert vielleicht, weil ich ein bisschen laut geworden war, und fragte dann einfach: „Kommst du mit?“

„Sollte nicht besser Meto mit dir hingehen?“

„Der Termin ist in zwei Stunden, und ich weiß nicht, ob er dann schon wieder da ist …“

„Müsste er eigentlich schon“, sagte ich. „Komm, wir gehen zu dir nach Hause und dann gehst du nachher mit ihm los, okay?“

 

Wir machten uns dann auf den Weg, zurück zu Tsuzukus und Metos Wohnung, und warteten dort auf Meto. Währenddessen kümmerte ich mich ein bisschen um Tsu, kochte ihm Tee und redete weiter mit ihm, über alles Mögliche, um ihn ein bisschen abzulenken. Aber das Gespräch kam immer wieder auf das Thema ‚Psychiater‘ zurück, vielleicht weil Tsu einfach so wahnsinnige Angst davor hatte und an nichts anderes denken konnte in diesem Moment.

„Koichi, weißt du …“, sprach er mich an, als ich mir gerade eine zweite Tasse Tee einschenkte.

„Hm?“

„Weißt du, ob ich, wenn der mir mit Medikamenten kommt … ob ich da auch Nein sagen kann?“

„Sicher. Der kann dich zu nichts zwingen“, antwortete ich. „Aber … vielleicht gibt es ja ein Medikament, was dir hilft. Eins, mit dem du dieses Gefühl von Leere nicht mehr so hast und deine Angst nicht mehr so groß ist … Ich kenn mich da nicht aus, aber könnte doch sein, oder?“

„Ich will nichts nehmen, keine Tabletten oder so. Das kommt mir … irgendwie falsch vor.“

„Dann sag das dem Arzt. Es geht schließlich darum, dass der sieht, was in dir los ist, und dir dann hilft. Denke ich zumindest …“

„Und wenn er sowieso beleidigt ist, weil ich ihn vorgestern so angefahren habe?“

„Dann wäre das sehr unprofessionell von ihm. Ich denke mal, einer, der sich mit solchen Sachen auskennt, wird schon verstehen, warum du Angst hast. Er hat das schließlich studiert.“

 

Es war doch recht schwierig irgendwie, meinen besten Freund davon zu überzeugen, dass er zu diesem Termin hinging. Er hatte offenbar wirklich sehr große Angst davor und widersprach deshalb so ziemlich allem, was ihm hätte helfen können. Ich fühlte mich ein bisschen hilflos, weil ich mich ja selbst kaum auskannte und keine Erfahrung mit Psychiatern hatte.

 

Als Meto dann kurz darauf nach Hause kam, hatte der schon an den Termin gedacht und schlug von sich aus vor, dass er Tsuzuku dorthin begleitete. Tsu war sichtlich froh darüber und wirkte sowieso, sobald Meto nah bei ihm war, viel entspannter. Unnötig zu erwähnen, dass ich das wieder unheimlich süß fand, diese Vertrautheit und Nähe zwischen den beiden.

 

Ich machte mich dann wieder auf den Heimweg zu meiner Wohnung, wo ich, als ich dort an meiner Tür angekommen war, mich gleich wieder umdrehte, die Treppen wieder runterlief und mich auf den Weg zu einem kleinen, aber durchaus gut ausgestatteten Sexshop in der Nähe machte, um ein Päckchen Kondome zu kaufen. Ging ja wohl nicht an, dass ich so was nicht im Haus hatte. Der nächste Versuch von Sex zwischen Mikan und mir sollte sicher nicht wieder daran scheitern, dass ich unvorbereitet war.

Aber heute wurde nichts mehr daraus. Ich schrieb ihr zwar, dass ich die Kondome besorgt hatte, doch sie antwortete, dass sie sich für heute Abend mit einer Freundin zum Bowlen verabredet hatte und deshalb nicht zu mir kommen konnte.

 

Und so saß ich bis zum Abend mehr oder weniger herum, surfte ein bisschen im Internet und machte dann noch ein wenig Hausarbeit, steckte eine Ladung Wäsche in die Waschmaschine und räumte endlich die in Tokyo gekauften Klamotten ordentlich in den Schrank.

Ich hoffte, dass bei Tsuzuku alles gut war, dass sein Gespräch beim Psychiater gut verlaufen war, aber ich rief ihn jetzt nicht an, weil ich vermutete, dass er mit Meto vielleicht anderweitig beschäftigt war.

 

Stattdessen schaute ich kurz auf seinem Blog vorbei. Und da hatte sich schon wieder irgendein homophober Idiot einen fiesen Kommentar erlaubt. Es war kein langer Post, nur ein „Igitt, Schwule, wie eklig!“ unter einem Foto von Tsu und Meto, das eigentlich für Außenstehende gar nicht so sehr nach Beziehung aussah.

„Maul halten!“, schrieb ich als Antwort darunter.

Und natürlich ließ die Retourkutsche nicht lang auf sich warten: „Was willst du denn?!“

„Meinen besten Freund verteidigen. Schreib ihm weiter solchen Shit und ich hetz dir ein paar Leute auf den Hals!“

„Das wagst du nicht.“

„Tu ich doch.“

 

Ich hatte Tsuzuku versprochen, dass ich gegen solche Leute, die es wagten, ihm Hasskommentare zu schreiben, vorgehen würde, und dieses Versprechen hielt ich. Zumal ich eben einige Freunde auf der Website hatte, die durchaus imstande waren, jemanden ziemlich zur Schnecke zu machen.

Von eben jenen Leuten schrieb ich einige besonders schlagfertige Personen an und bat sie, den Kommentarschreiber, bitte abseits von Tsuzukus Blog, damit er das nicht mitbekam, per Privatnachricht mal ordentlich Bescheid zu sagen, dass das ja wohl mal gar nicht ging! Aus dem weiteren Stress hielt ich mich dann raus. Ich legte keinen Wert darauf, da mit zu streiten, das überließ ich anderen, die das besser konnten. Stattdessen schrieb ich per Handy eine Nachricht an Tsu, dass ich auf seinen Blog aufgepasst und einen Hater fürs erste vertrieben hatte.

Er antwortete mit einem kurzen Danke und einem kleinen Herzchen, das mir Lohn genug war.

 

Und wo ich schon mal im Kontakt zu ihm war, rief ich Tsuzuku auch gleich an und fragte, wie das Gespräch beim Psychiater gelaufen war.

„Ganz okay …“, antwortete er. „Der ist sogar … irgendwie nett …“

„Das ist doch schon mal gut.“

„Er hat aber schon von Medikamenten angefangen. Ich hab ihm gesagt, ich bin da unsicher, und er meinte, ich soll mal darüber nachdenken.“

„Und tust du das, darüber nachdenken?“

„Ja, schon … Ich weiß nicht …“, sagte Tsuzuku. „Ko, kannst du … mir da vielleicht ein bisschen helfen? Also, na ja … ich weiß, ich hab dir mal gesagt, du sollst nichts drüber nachlesen, aber … jetzt brauch ich deine Hilfe. Können wir da mal zusammen drüber recherchieren und so?“

„Klar, natürlich“, antwortete ich.

„Danke dir. Ich … will das Meto nicht aufbürden irgendwie … Er ist gerade sowieso irgendwie … unsicher, wegen der ganzen Sache …“

„Wieso denn?“, fragte ich.

„Er war bei dem Gespräch dabei, ich wollte ihn dabei haben, und jetzt sieht er die ganze Zeit so nachdenklich aus und ich hab das Gefühl, er weiß nicht recht, wie er damit umgehen soll, was der Psychiater alles gesagt hat …“ Tsuzukus Stimme zitterte ein wenig und er klang wieder so, als hätte er ziemliche Angst.

„Lass Meto ein bisschen Zeit. Er muss ja auch mit dem ganzen, was jetzt ist, klarkommen, genau wie du. Das ist für euch beide ja nicht einfach, für dich nicht und für ihn eben auch nicht.“

„Ja …“, sagte er, und fragte dann: „Ko … wie soll ich das machen, Meto Zeit lassen?“

„Indem du einfach so bist wie immer. Ich kann mir vorstellen, dass so ein Gespräch das Bild, was Meto von dir hat, durcheinander bringen kann. Zeig ihm jetzt einfach, dass du noch derselbe Mensch bist wie sonst auch.“

„Danke, Ko.“ Und schon hatte Tsuzuku wieder aufgelegt. So war er eben beim Telefonieren: Wenn es nichts mehr zu sagen gab, legte er einfach auf. Aber ich hatte jetzt keine Angst um ihn. Er hatte im Großen und Ganzen gut und sicher geklungen, und ich war mir relativ sicher, dass er jetzt nicht in irgendeiner Gefahr schwebte.

 

Ich wandte mich noch mal ein wenig meiner Wohnung zu, schaute danach noch ein bisschen fern, machte mir ein schönes Abendessen und ging dann recht früh ins Bett.

Mitten in der Nacht wachte ich dann noch mal auf, weil ich viel zu früh schlafen gegangen war, und sah mir spontan noch einen Film an, bis ich wieder müde wurde und bis zum Morgen durchschlief.

 

[Zuvor, vor dem Gespräch beim Psychiater]

 

Die Kirschbäume blühten noch und auf den Straßen roch es nach Frühling, süß und blumig, als ich mit Meto zusammen in Richtung der psychiatrischen Klinik ging, die ja nur ein paar Straßen von unserer Wohnung entfernt lag. Wir durchquerten den großen Park, liefen durch die rosafarben blühende Allee von Kirschbäumen und ich atmete ihren Duft ein, fühlte, wie schon einzelne Blütenblätter herunterfielen und sich in meinen Haaren verfingen.

 

Auf einmal blieb Meto stehen, sah mich an, und fragte dann: „Kannst du dich jetzt eigentlich erinnern, was vorgestern passiert ist?“  

Ich schüttelte den Kopf. Nein, da war immer noch nichts.

„Es war genau hier“, sagte Meto leise.

„Ich kann mich nicht erinnern.“

„Willst du es denn wissen?“

„Ich weiß nicht …“

Meto sah mich etwas unsicher an, schien selbst nicht recht zu wissen, ob dies der richtige Moment war, über das zu sprechen, was passiert war, bevor ich im Krankenhaus wieder aufgewacht war.

„Ich muss mit dir irgendwann darüber reden …“, sagte er. „Aber wir können das auch später machen. Vielleicht dann, wenn du dich wieder daran erinnerst?“

„Ja … Ich glaube, ich könnte das jetzt nicht …“, sprach ich aus, dass ich mich wegen des gleich anstehenden Termins zu unsicher fühlte, um an meiner Erinnerungsfähigkeit zu graben.

 

Halb erwartete ich, dass Hitomi wieder auf der Bank vor der Klinik sitzen würde, doch sie war nicht da. Und ich würde sie heute wahrscheinlich auch nicht sehen, wenn wir uns nicht gerade zufällig begegneten. Heute war das erste Mal, dass ich die psychiatrische Klinik als möglicher Patient betrat.

Meine Hand, die von Metos festgehalten wurde, begann zu zittern, und ich spürte meinen eigenen, aufgeregten Herzschlag und leichten Druck im Bauch. Ich musste an das Brötchen von heute Morgen denken und schon hatte ich das Gefühl, es wieder loswerden zu müssen. Meine Stimmung sackte schlagartig ab.

 

Wir gingen zum Schalter und ich riss mich unheimlich zusammen, fragte nach dem Büro von Dr. Niimura und sagte, dass ich einen Termin bei ihm hatte.

„Ihr Name bitte?“

„Aoba Genki.“

„In Ordnung, ich sage Dr. Niimura Bescheid, dass Sie da sind. Sie können noch einen Moment Platz nehmen.“

 

Meto und ich setzten uns in den Wartebereich und ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter, während die Fingernägel meiner rechten Hand sich in meinen linken Unterarm bohrten, reflexartig, um den Druck zu verringern und mich irgendwie zu entspannen.

„Tsu, lass das doch …“, flüsterte Meto, als er es bemerkte.

„Ich … hab Angst … und ich halte das nicht anders aus …“, antwortete ich ebenso leise.

Meto sah mich an und tat dann das einzig Richtige: Mit der einen Hand ergriff er die meine und zog sie von meinem Arm weg, und die andere legte er auf mein Herz, ganz fest und warm. Es dauerte keine zwei Sekunden, da spürte ich die Wirkung, fühlte mich wieder etwas sicherer.

„Ich lieb dich, mein Süßes“, flüsterte er. „Und ich bin bei dir, du brauchst keine Angst zu haben.“

„Kannst du … gleich mit rein kommen?“, fragte ich, meine Stimme klang schon wieder fast nach Tränen.

„Klar, wenn ich denn darf?“

„Ich werde dem Arzt sagen, dass ich dich dabei haben will.“

„Ich komm mit. Ich lass dich doch nicht allein.“

 

Wir mussten etwa zehn Minuten warten, dann kam Dr. Niimura um die Ecke und begrüßte uns.

„Und Sie sind …?“, fragte er dann Meto.

Meto schien einen kurzen Moment zu brauchen, bis er seine Sprechfähigkeit beisammen hatte, dann stellte er sich mit seiner leisen Stimme vor: „Ich bin … Asakawa Yuuhei. Sein fester Freund.“

Dr. Niimura lächelte und hatte dabei etwas Freundliches, fast Väterliches an sich. „Wie wollen Sie es halten? Möchten Sie ihren Freund bei dem Gespräch dabei haben, Aoba-san?“

„Ja.“ Ich nickte, und beschloss, diesen Arzt jetzt doch ein bisschen sympathisch zu finden. Metos Nähe beruhigte mich, sorgte dafür, dass ich einigermaßen klar und geordnet denken konnte, und so wusste ich, dass es hier nur darum ging, dass ich Hilfe bekam.

 

Wir folgten dem Arzt die Treppen rauf zu seinem Büro, welches sich in der Nähe der Station 3 befand. Es war hell und freundlich eingerichtet und mir fiel ein Foto von einer Frau und zwei Kindern auf dem Schreibtisch auf. Er hatte also Familie, und ich hoffte einfach mal, dass damit die Chancen, dass er nett war, gut standen.

Er bot uns aber nicht die Plätze vor dem Schreibtisch an, sondern setzte sich an eine schöne Sitzgruppe auf der anderen Seite des Raumes und wies uns die beiden anderen Plätze dort zu.

„Vor dem Schreibtisch ist es doch ungemütlich, oder?“, bemerkte er und lächelte wieder. Er hatte ein Klemmbrett mit Blättern und einen Stift in der Hand und schob eine Box mit Taschentüchern so hin, dass ich leichter dran kam.

 

Einen Moment lang herrschte eine etwas unangenehme Stille. Ich wusste nicht recht, wo ich anfangen sollte, und der Arzt wollte wohl mir den Anfang überlassen.

Als er bemerkte, dass ich diesen Anfang gerade nicht fand, sagte er: „Frau Dr. Matsuyama sagte mir, Sie hätten diese Herzbeschwerden schon einmal gehabt. Können Sie mir beschreiben, wie diese Schmerzen entstehen, wie es dazu kommt?“

„Ich hab das schon lange, dass mein Herz wehtut, wenn es mir nicht gut geht“, antwortete ich und war ein bisschen überrascht, wie ruhig ich dabei klang. „Es war aber nie so schlimm, dass ich zusammengebrochen bin oder so … Aber jetzt vor einer Woche oder so, da hatte ich nachts Albträume … und bin mit höllischen Schmerzen aufgewacht …“

„Und das hing direkt mit dem Albtraum zusammen?“

Ich nickte. „Die Schmerzen gingen schon im Traum los.“

„Können Sie sich noch erinnern, was in dem Traum passiert ist?“

Wieder nickte ich, doch ich fühlte mich absolut nicht danach, diesen Albtraum von Mamas Tod wieder hochzuholen und darüber zu sprechen. „Ich weiß den Traum noch … aber ich kann jetzt nicht darüber reden.“

 

„In Ordnung. Wir haben ja Zeit. Wenn Sie weiter Termine bei mir haben, können Sie später darüber sprechen, wenn es Ihnen dann möglich ist“, sagte Dr. Niimura und sah mich einen Moment lang abwägend an, ehe er fragte: „Wie ist es denn im Augenblick … mit Ihren anderen Symptomen? Frau Dr. Matsuyama sagte, Sie hätten das schon selbst benannt, aber das hat Ihnen noch kein Arzt oder Psychologe bestätigt, oder?“

Ich schüttelte den Kopf. Meto sah mich an und rückte dann näher zu mir, streckte die Hand aus und berührte mich leicht am Arm, einfach, um mir zu zeigen, dass er bei mir war.

„Wie sind Sie denn auf den Gedanken gekommen, dass es sich bei ihren Problemen um eine Borderline-Störung handeln könnte?“

Ich erinnerte mich daran, an diesen schmerzhaften Moment nachts im Tempel, als ich dieses Wort zum ersten Mal auf mich selbst bezogen hatte. Und an dieses Gefühl von Ähnlichkeit, das ich bei Hitomi gleich zu Anfang schon gehabt hatte.

„Ich kann es nicht richtig erklären …“, sagte ich leise. „Ich weiß nur einfach, was mit mir nicht stimmt. Ich hab dieses Wort gehört und wusste irgendwie sofort, dass es mit mir zu tun hat, verstehen Sie?“

 

„Und wann war das?“

„Letzten Herbst. Ich hab eine kennen gelernt, im Hikuyama-Tempel, und irgendwie kam mir was an ihr so bekannt vor, und dann … na ja, sie hat dann versucht, sich das Leben zu nehmen … und da hab ich zum ersten Mal dieses Wort Borderline auch auf mich bezogen …“

„Kannten Sie es vorher schon?“

„Nicht wirklich, nur so, wie man es halt hört. Ich … bin so was früher immer … möglichst aus dem Weg gegangen … weil meine Mutter ja herzkrank war und … ich fand Krankheiten jeder Art unheimlich irgendwie …“ Meine Stimme zitterte, als ich mich an früher erinnerte. Hätte ich damals schon mehr über diese Krankheit Borderline gewusst … dann wäre mir früher sicher schon aufgefallen, dass ich auch da schon anfällig dafür gewesen war.

 

„Herzkrank war?“, wiederholte Dr. Niimura, „Wie geht es Ihrer Mutter denn jetzt?“

Ich fühlte einen schmerzhaften Stich am Herzen, wie von einer scharfen Nadel, und bekam einen Augenblick lang kaum Luft.

„Sie ist gestorben.“ Meine Stimme hatte kaum Klang, es war eher ein tonloses Flüstern, und ich fühlte schon Tränen in meinen Augen. „Vor etwas über zwei Jahren …“

„Oh, das tut mir leid …“ Der Arzt sah ehrlich betroffen aus. „Das tut Ihnen noch sehr weh, nicht wahr?“

Ich nickte, und da lief die erste Träne über meine Wange. Meto war sofort nah bei mir und berührte mich am Rücken, streichelte vorsichtig und sah mich besorgt an.

 

Ich fühlte, wie der Schmerz in meiner Seele zusammen mit dem meines Herzens anstieg, und wie damit auch der Druck in mir wieder mehr wurde. Ich hatte zwei Gründe, mir jetzt selbst wehtun zu wollen: Diesen Druck abzubauen, und den seelischen Schmerz mit körperlichem zu überdecken. Denn das Stechen in meinem Herzen reichte dafür nicht aus.

Und so begann ich wieder, mich zu kratzen, und kurz flammte in mir der Wunsch auf, jetzt bei der Arbeit im Studio zu sein, alleine, und mir einfach irgendein Tattoo selbst zu stechen, nur um mir weh zu tun. Einen Moment lang tauchte ich komplett in meine Innenwelt ab, aus der ich aber Sekunden später wieder herausgerissen wurde, weil Meto meine mich selbst kratzende Hand ergriff und festhielt, mich stoppte.

Ich schreckte aus der Fantasie auf und sah kurz den Arzt an, konnte dessen Blick nicht recht deuten. Er sah nicht schockiert oder unfreundlich aus, nur besorgt, wahrscheinlich hatte er sehr viele Patienten, die so vor ihm saßen wie ich jetzt und weinten und sich selbst wehtaten.

 

„Darf ich fragen … wie lange Sie so etwas schon tun?“, fragte er.

„Schon … lange“, brachte ich leise und immer noch weinend heraus. „Früher waren’s nur die Tattoos und das alles … aber seit … Mamas Tod, da hab ich … irgendwie die Kontrolle darüber verloren …“

Und dann ging es irgendwie ganz leicht, das Reden. Obwohl ich immer noch Angst hatte und der Schmerz auf meiner Seele brannte, oder vielleicht auch gerade deshalb …

Ich redete über meine Zeit auf der Straße, über die Leere, die Bulimie, die Schuldgefühle, die Hoffnungslosigkeit und den Hass auf mich selbst. Und auch darüber, dass Meto, seit ich ihn kannte, immer da gewesen war, bei mir, und dass es mir heute leid tat, ihm so viel zugemutet und aufgebürdet zu haben.

Dr. Niimura hörte einfach nur zu, schrieb nichts auf, sah mich einfach nur aufmerksam an. Hin und wieder fragte er etwas und ich antwortete, während Meto still neben mir saß und meinen angekratzten Arm streichelte.

 

„Aoba-san, wissen Sie, dass Sie sich sehr glücklich schätzen können, eine solche Beziehung zu haben?“, fragte der Arzt schließlich. „Viele Menschen mit Borderline bekommen das gar nicht hin. Aber Sie haben jemanden und für mich sieht es auch so aus, als ob ihre Beziehung funktioniert.“ Er sah sowohl mich, als auch Meto anerkennend an.

Meto sah mich einen Moment lang an, dann sagte er leise in Richtung des Arztes: „Er … aber trotzdem … Angst hat … dass ich ihn … allein lasse …“

„Woher kommt denn diese Angst?“, fragte Dr. Niimura mich ganz direkt, und hatte ich mich eben noch fast wieder gut gefühlt, so musste ich jetzt schon wieder weinen.

„Ich … hab einfach Angst … dass ich zu schwierig bin … dass er mich irgendwann … nicht mehr aushält und … ich weiß, dass ich … dann ohne ihn … nicht mehr leben mag …“ Es war das erste Mal, dass ich das so aussprach, den Gedanken daran, dass ich ... ja, Angst hatte, wieder suizidal zu werden, falls Meto mich wirklich mal länger allein lassen würde.

Mein Herz tat wieder weh und ich hatte wirklich Angst, dass Metos Hand jetzt von meinem Arm verschwinden würde. Doch das tat sie nicht. Stattdessen stand Meto auf und umarmte mich einfach, hielt mich fest, während ich sein Shirt nassweinte.

„Tsu, mein Herz, ich bin doch bei dir …“, flüsterte er. „Ich kann dich doch gar nicht alleine lassen.“

 

Einen Moment lang blieb es so, Meto umarmte mich, ich weinte, und Dr. Niimura sah einfach zu. Und als mein Liebster sich dann vorsichtig wieder von mir löste, sich wieder setzte und meine Hand ergriff, sein Daumen streichelte über meinen Handrücken, da sagte der Arzt: „Das ist wirklich beeindruckend, das muss ich Ihnen beiden mal so sagen. Ich hab so einige Menschen mit Borderline in Behandlung und kaum einer von diesen Menschen hat eine solche Liebesbeziehung wie die Ihre. Halten Sie das bitte mit aller Kraft fest.“

Ich schluchzte noch, konnte nicht antworten, und so sagte Meto an meiner Stelle mit seiner leisen Stimme: „Ich … lieb ihn … halt so sehr …“

Dr. Niimura hielt mir die Box mit den Taschentüchern hin und ich wischte mir die Tränen und die Reste meines leichten, nun aber völlig ruinierten Makeups aus dem Gesicht.

„Tut mir leid, ich … fange immer so leicht an zu weinen …“, sagte ich mit noch erstickter Stimme.

„Das ist vollkommen in Ordnung“, widersprach mir der Arzt. „Es wäre viel schlimmer, wenn es Ihnen so schlecht ginge und Sie nicht weinen könnten.“

 

Er stand auf und holte etwas vom Schreibtisch, das ich als Broschüre einer Medikamentenfirma erkannte. „Aoba-san, wie wäre es, wenn Sie sich das hier zu Hause mal ansehen?“

„Was ist das?“, fragte ich.

„Da steht etwas über die Medikamente drin, die für Sie infrage kommen. Ich hab Ihnen da schon welche unterstrichen, die wegen Ihrer möglichen Herzprobleme geeigneter sind als die klassischen Präparate. Gesetzt natürlich den Fall, dass Sie überhaupt eine medikamentöse Therapie möchten …“

„Ich … weiß nicht, ob ich das will …“, gab ich zu.

„Was macht Sie da denn unsicher?“

„Weiß nicht … mir ist das irgendwie unheimlich …“

„Schauen Sie beide es sich einfach gemeinsam mal an. Und wenn Sie Fragen haben, rufen Sie mich an. Außerdem … können wir beim nächsten Mal auch über ein verhaltenstherapeutisches Therapieprogramm sprechen. Aber lassen Sie das hier erst einmal sacken und ruhen Sie sich aus.“

 

Dr. Niimura gab mir noch eine Visitenkarte mit seiner Telefonnummer mit und ich steckte sie zusammen mit der Broschüre ein.

Wir verabschiedeten uns und verließen die Klinik, Meto hielt meine Hand, und als wir auf dem Heimweg wieder durch den Park kamen, packte mich plötzlich der heftige Wunsch danach, dass er meine Hand nie, niemals wieder loslassen sollte. Er sollte immer bei mir bleiben, denn ich würde es nicht überleben, wenn er mich verließ.

„Meto“, sprach ich ihn an, er blieb stehen, sah mich an und ich umarmte ihn, ganz eng und fest. „Lass mich niemals los …“

Er sagte nichts, ich fühlte nur, wie seine Hände über meinen Rücken streichelten. Irgendwie wirkte er ein wenig … verwirrt und nachdenklich, so als hätte das Gespräch eben mit dem Psychiater etwas in ihm durcheinander gebracht und er müsste sich jetzt erst wieder ordnen.

Wir gingen den Rest des Weges nach Hause wieder Hand in Hand, mein Herz klopfte und ich fühlte die Wärme, die von Metos kleiner Hand ausging und mich mit neuer Kraft füllte.

 

Als wir wieder in der Wohnung waren, setzte Meto sich gleich vor die Spielekonsole und ich legte mich aufs Bett. Ich hatte das bestimmte Gefühl, dass er wirklich ein bisschen durcheinander war, und so traute ich mich irgendwie nicht, ihn jetzt anzusprechen und zu fragen, ob irgendwas war.

Und es machte mir Angst. Wenn irgendwas von dem, was Dr. Niimura gesagt hatte, meinen Liebsten jetzt verwirrt hatte und er jetzt vielleicht … Abstand oder so was wollte … weil er mit dem bewussten Wissen, mit einem Borderliner wie mir zusammen zu sein, doch nicht umgehen konnte … Was dann?

Meine Angst davor, dass er mich allein ließ, flüsterte mir diese Dinge zu, brachte mich dazu, mir vorzustellen, wie Meto heute Abend vielleicht auf der Couch schlafen wollte, statt mit mir in einem Bett, und dass er dann … morgen vielleicht nicht mehr da sein würde …

 

Sofort fühlte ich verzweifelte Tränen in meinen Augen und mein Herz begann zu schmerzen. Es war so leicht, mich in diese Verzweiflung zu stürzen, ein einziger Gedanke reichte aus. Und es tat so furchtbar weh!

Ich biss mir auf die Lippen, während sich meine Fingernägel wieder einmal in meine Unterarme bohrten und ich mich so zu entspannen versuchte.

In dem Moment summte mein Handy in meiner Hosentasche, ich erschrak, zog es heraus und sah, dass Koichi mir eine Nachricht geschrieben hatte. Auf meinem Blog war anscheinend wieder ein Hasskommentar aufgetaucht und Koichi berichtete mir, dass er sich darum schon gekümmert hatte.

 

Dadurch abgelenkt, beruhigte ich mich wieder ein wenig und schrieb ein kurzes Danke mit Herzchen an meinen besten Freund, woraufhin er mich Sekunden später anrief und fragte, wie es gelaufen war.

Ich erzählte ein bisschen was, dass der Arzt eigentlich ganz nett war, aber mich schon gleich auf das Thema ‚Medikamente‘ angesprochen hatte. Kurzentschlossen bat ich Koichi, mir da zu helfen und sich die Broschüre und etwaige andere Informationsquellen mit mir zusammen anzusehen. Ich wollte Meto, weil ihn das Thema anscheinend ja verwirrte, nicht gleich damit belasten.

 

Koichi fragte, was los sei, und ich erzählte ihm, auch weil ich drüber sprechen musste, von meiner Vermutung, dass Meto dieses Gespräch mit dem Psychiater im Nachhinein nicht so gut vertragen hatte. Ich hörte dabei selbst die Angst in meiner Stimme.

Koichi sagte, dass ich Meto ein bisschen Zeit lassen sollte. Dass es ja für uns beide, Meto und mich nicht einfach war, weil wir beide mit dieser Situation im Moment und der Tatsache, dass ich eben krank war, zurechtkommen mussten.

Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das gehen sollte, Meto diese Zeit zu lassen. Bedeutete das Abstand? Distanz, bis er nicht mehr so verwirrt war? Der Gedanke machte mir Angst.

„Indem du einfach so bist wie immer. Ich kann mir vorstellen, dass so ein Gespräch das Bild, was Meto von dir hat, durcheinander bringen kann. Zeig ihm jetzt einfach, dass du noch derselbe Mensch bist wie sonst auch“, sagte Koichi und zerstreute damit wieder einmal meine Angst.

Ich war davon so gerührt und auch noch so angegriffen von der Angst, dass ich einfach nur „Danke, Ko“ sagte und dann ohne ein weiteres Wort auflegte.

 

In dem Moment kam Meto aus dem Wohnzimmer, blieb im Türrahmen stehen und sah mich eine Weile nur nachdenklich an. Ich blickte zurück und versuchte so was wie ein Lächeln.

„War das gerade Koichi?“, fragte er.

Ich nickte.

Meto kam zum Bett, setzte sich auf die Kante und einen Moment herrschte wieder Stille, dann sagte er leise: „Tsu … ich … ich bin ein bisschen … durcheinander …“

Ich fühlte meine Angst, brachte nur ein leises „Warum?“ heraus.

 

„Wegen dem, was der Arzt gesagt hat … von den Leuten, die keine Beziehung hinbekommen … und so, ich … weiß nicht, was ich davon halten soll.“

Das war ziemlich genau das, was ich befürchtet hatte. Dass Meto sich jetzt fragte, wie stabil das zwischen uns wirklich war, wenn es doch zu meiner Krankheit gehörte, Beziehungen nicht auf die Reihe zu bekommen.

Meine Angst war mir wohl deutlich anzusehen, denn Meto sah mich erschrocken und besorgt an und fragte dann leise: „Oh … hab ich dir jetzt … irgendwie weh getan?“

Ich riss mich mit aller Kraft, die ich nur hatte, zusammen, und schüttelte den Kopf, griff seine Hand, sah ihm fest in die Augen und antwortete: „Meto, hör mir gut zu: Ich krieg das hin, das mit uns! Ich lass nicht zu, dass das irgendwelche Schäden abkriegt! Das mit dir und mir, das ist das Wichtigste und Allerwertvollste in meinem Leben und das wird nichts und niemand kaputtmachen, schon gar nicht dieses Borderline-Ding in meinem Kopf, hörst du?!“

 

Ich sah Tränen in seinen Augen und spürte, er hatte genauso große Angst wie ich. Angst, dass ich mich zum Schlechten verändern würde und dass unsere Beziehung dann nicht mehr funktionierte.

Um ihn und auch mich selbst zu überzeugen, dass das nicht passieren würde, und dass wir zusammen blieben und gemeinsam irgendwie glücklich wurden, beugte ich mich vor, griff in Metos Nacken und zog ihn sanft zu mir, um ihn mit all meiner Zärtlichkeit und Liebe zu küssen. Es war ein süßer, unschuldiger Kuss, nur schönes Gefühl, aber keine Lust oder dergleichen. Ich war selbst ein wenig verwundert, dass ich einen solch reinen Kuss ohne jedes sexuelle Verlangen hinbekam.

Als ich ihn wieder löste, lächelte mein Liebster und ich wusste, er fühlte sich wieder sicher.

 

„Wollen wir … schlafen gehen?“, fragte er leise. „Oder noch irgendwas essen?“

„Ich hab keinen Hunger“, antwortete ich. „Aber du kannst ja essen.“

Meto stand auf, ging in die Küche, und ich erwartete, dass er sich irgendwas zu essen machte. Doch stattdessen kam er bald zurück und hatte eine Schale mit Früchten in der Hand, die wir gestern Abend gekauft hatten. Er schälte einen Apfel, schnitt ihn in kleine Stücke und hielt mir eins der Stückchen vor die Nase. „Mund auf, Tsu.“

Ich sah das Stückchen Apfel an und fühlte dabei in mich hinein, ob ich es jetzt würde essen können, ohne dass mir schlecht wurde. Es fühlte sich unsicher an. Ein Stück Obst war nicht so schlimm wie ein Stück Brot oder so etwas, aber … ich wollte es eigentlich nicht wieder ausspucken. Also besser gar nicht erst essen.

 

„Komm, Tsu, mach den Mund auf und iss“, bat Meto und sah mich so lieb an, dass ich mich wieder sicherer fühlte und das Obststückchen mit meinen Lippen aus seiner Hand nahm.

„Sehr gut“, lobte er mich und hatte gleich das nächste Stück für mich bereit.

Irgendwas in mir genoss dieses Spiel sehr, mochte gern gefüttert werden, und so machte ich mit und aß den Apfel Stückchen für Stückchen ganz auf. Zwischendurch nahm Meto sich auch selbst davon, sagte aber, dass er gleich noch was Richtiges essen wollte.

Und während er sich dann in der Küche noch Reis mit Soße machte, lag ich einfach auf dem Bett und fühlte mich irgendwie gut. Schließlich stand ich auf, ging zu Meto in die Küche und rauchte am offenen Fenster eine Zigarette, und gleich noch eine zweite hinterher, bis ich innerlich ganz ruhig war.

 

„Du rauchst gar nicht mehr, ne?“, fragte ich ihn, weil mir auffiel, dass ich ihn schon lange nicht mehr mit einer Zigarette gesehen hatte.

„Ich muss das nicht“, antwortete er. „Nur, wenn ich Lust auf den Geschmack habe.“

„Und hast du?“, fragte ich und hielt ihm meine Zigarette hin.

Meto schüttelte den Kopf. „Jetzt gerade nicht.“ Er kam auf mich zu, nahm mir die Zigarette aus der Hand und drückte sie auf dem äußeren Fenstersims aus. „Komm, ich esse eben auf und dann hab ich Lust auf einen ganz anderen Geschmack …“

Ich erriet, was er meinte, und grinste. „Welchen denn?“, fragte ich, weil ich es von ihm hören wollte.

Meto legte seine Arme um meinen Hals, barg sein Gesicht an meiner Halsbeuge und flüsterte mit einer leicht rauen Stimme, die mich ein wenig überraschte: „Den Geschmack deiner Haut …“

Ich lachte leise, und er fügte noch hinzu: „Ich will … dich vernaschen …“

Ich konnte nicht anders, als sein Gesicht mit meinen Händen leicht anzuheben und ihn wieder zu küssen. Dieser Kuss fiel deutlich heißer und lustvoller aus als der vorhin, weil mich schon die Vorfreude erfüllte auf das, was gleich folgen würde.

 

Metos Essen blieb auf dem Tisch stehen und würde kalt werden, doch das war uns beiden egal. Ich schloss nur eben das Fenster und dann hielt uns nichts mehr, weder ihn noch mich. Nur war es diesmal er, der sich mit den Lippen über meinen Hals hermachte und mich vor sich her in Richtung Schlafzimmer schob, mich auf dem Weg dorthin immer wieder küsste, und dessen Hände deutlich verlangend unter mein Shirt schlüpften und an Knopf und Reißverschluss meiner Hose herumnestelten, bis beides offen war und ich rückwärts aufs Bett fiel.

Meto zog sich das Shirt über den Kopf, schob seine legere Hose runter und ich sah, dass er schon ziemlich erregt war, hörte es auch an seinem raschen Atmen. Ich beeilte mich mit dem Ausziehen, und da kam mir der Gedanke: ‚Jetzt könnten wir doch … eigentlich auch mal tauschen …‘

 

„Willst du … jetzt … tauschen?“, fragte ich darum, nackt ausgezogen auf dem Bett liegend, und sah meinen Liebsten an, der, ebenfalls unbekleidet, vor mir saß.

Schon an seinem Blick sah ich, dass jenes ‚Positionen tauschen‘ nicht das war, was er jetzt mit mir vorhatte. Vielleicht brauchte er noch ein wenig bis dahin. Er schüttelte den Kopf, kam näher, bis er neben mir kniete und sich über mich beugte, und antwortete: „Nein. Aber bald … Aber das, was ich jetzt möchte … ist auch neu.“

„Und was ist das?“, fragte ich, jetzt mit aufflammender Neugierde.

 

Meto antwortete erst nicht, stattdessen kniete er sich über meine Beine und beugte sich wieder runter, bis seine Lippen an meinem Ohr waren. „Ich will nur  auch … mal oben sein.“

„Reiten?“, fragte ich, unverblümt wie ich eben war. Es war wirklich süß, dass er das nicht so direkt aussprach wie ich, und wie er wieder rot wurde …

Meto nickte, mit roten Wangen und Ohren, und gleichzeitig leuchtete in seinen Augen eine solche Lust und ein eindeutiges Verlangen, das die doch ein wenig mädchenhafte Röte wieder wett machte und mir deutlich zeigte, dass er richtig geil auf mich war, auch wenn er es anders ausdrückte als ich.

 

„Und wie?“, fragte ich, ein wenig herausfordernd. „Wie möchtest du es?“ Ich wollte, dass er es mir sagte, in seinen eigenen Worten, mit seiner leisen, lieben Stimme und dieser absolut süßen Röte auf den Wangen. Zum einen für mich, weil es mir gefiel, ihn ein bisschen herauszufordern, und auch, weil ich das für ihn selbst wichtig fand.

Meto wich meinem Blick aus, sah nach unten, auf seine Hände, mit denen er sich links und rechts von meiner Brust abstützte. „Ich … möchte auf deinem Schoß sitzen … und dich umarmen ... und küssen … und dass du dabei … in mir bist …“, sprach er leise, seine Stimme zitterte ein wenig vor Aufregung.

 

Ich lächelte. „Also willst du es mal im Sitzen?“

Er nickte, ein kleines Lächeln huschte über seine vollen Lippen und das Rot auf seinen Wangen und Ohren wurde ein bisschen weniger. Langsam erhob er sich und ich rutschte zur Bettkante, dorthin, wo das Gleitgel in der Nachttischschublade lag, setzte mich aufrecht hin und bedeutete Meto, sich auf meine Oberschenkel  zu setzen.

Es war so lange her, dass ich in dieser Stellung mit jemandem Sex gehabt hatte, ich konnte mich nicht einmal erinnern, mit welcher meiner früheren Freundinnen das gewesen war. Die kurze Erinnerung daran war ganz blass und fühlte sich eigenartig fremd an, und ich schob sie schnell beiseite, nachdem ich wieder wusste, wie Sex in dieser Haltung überhaupt ging.

„Meto …“, sprach ich den Namen meines Liebsten aus, um mich wieder ganz ins Hier und Jetzt zu bringen, und als er mich fragend ansah, sagte ich leise: „Ich … hab das lange nicht gemacht, ich bin nicht sicher, ob ich dir nicht vielleicht wehtun werde …“

Er senkte den Kopf und küsste mich, dann flüsterte er: „Ich halte das schon aus, Tsuzuku.“

 

Ich griff zur Seite, öffnete die Schublade und nahm die Tube Gleitgel heraus, tat mir hinter Metos Rücken etwas davon auf die Finger und tastete, als er sich etwas anhob, nach seinem Eingang.

Er seufzte leise, seine Hände lagen auf meinen Schultern, und als ich den Blick hob und zu seinem Gesicht sah, hatte er die Augen geschlossen und seine weichen, vollen Lippen leicht geöffnet, schien schon diese kleine Berührung da unten zu genießen.

Und ich wusste da noch etwas, was er sehr mochte: Ich senkte den Kopf, verteilte kleine Küsschen über seine Schulter und das bunte Tattoo, leckte zärtlich über seine nach ihm schmeckende Haut und drückte dann meine Lippen liebevoll auf seine zarten, süßen, hellen Nippel, zuerst auf die eine, die sich augenblicklich erregt festigte und sanft rötete, dann die andere, die ebenso reagierte.

Mein Liebster stöhnte, zuerst leise, dann ein wenig lauter, der genießende Ausdruck auf seinem Gesicht wurde geradezu wunderschön und sein kleines Loch zog sich so süß zusammen, als ich mit dem Finger dagegen drückte und schon ein wenig eindrang, während ich die erregte Knospe seiner rechten Brustwarze zwischen meine gespaltene Zunge nahm.

 

„Tsu…zuku …!“, sprach er meinen Namen aus, legte seine Arme um meinen Hals und drückte sich sehnsüchtig und erregt an mich, ich fühlte sein Glied und seinen Lusttropfen an meinem Bauch.

„Ich weiß doch, wie sehr du das liebst“, sagte ich, während meine Finger fortfuhren, seinen Eingang und sein heißes Inneres zu weiten. Er war bereit und weich, es ging ganz leicht und ich konnte sicher sein, dass es ihm nicht wehtat.

Ich fühlte schon ein leichtes Pochen in meinem Glied, das sich verlangend danach sehnte, Metos Inneres zu erobern und ihn richtig zum Stöhnen zu bringen.

 

„Bereit?“, fragte ich, obwohl ich wusste, dass er es war.

Er nickte, küsste mich, dann hob er sich ein Stück weit an und senkte sein heißes, weiches Loch langsam auf mein hartes Glied. Ich sah ihn an, beobachtete das genießende, lustvolle Spiel seiner Mimik, dann senkte er den Kopf und küsste mich wieder, meine Lippen, meinen Hals, die kleine Vertiefung an meinem Schlüsselbein, meine Schulter, die Tattoos, das Implantat, einfach alles, wo er in dieser Position herankam.

Ich seufzte wohlig, was er zum Anlass nahm, mit seiner gepiercten Zunge über meine Haut zu lecken, und ich dachte an das, was er vorhin vom Geschmack meiner Haut gesagt hatte.

„Tiefer …“, flüsterte er gegen meine Haut. „Ich will dich … tiefer in mir …“

Ich lachte leise. „Das musst du selbst machen. In dieser Haltung kann ich nicht stoßen …“

 

Irgendwas daran schien ihm zu gefallen, denn er küsste mich wiederum und lächelte, dann lehnte er sich ein wenig zurück, hielt sich dabei an meinen Schultern fest und begann, seine Hüfte zu bewegen. Ich hielt ihn fest und er legte seine Beine um mich, wir klammerten uns aneinander, während er sich leicht auf und ab bewegte und die Verbindung zwischen uns immer heißer wurde.

„Gefällt dir das?“, fragte ich mit weicher Stimme, und Meto seufzte ein süßes, erregtes „Jaah…“, seine Arme um meinen Nacken griffen ein wenig fester zu. Da ich in dieser Position nicht so wirklich stoßen konnte, blieben meine Gedanken noch recht klar und ich konnte meinen Liebsten ganz bewusst dabei beobachten, wie er sich an meinem Körper selbst in die tiefen Sphären seiner eigenen Lust und Erregung begab. Ich fühlte sehr, sehr deutlich, wie geil er war und dass er meinen Körper sehr liebte und begehrte.

 

Seine ganze Körpersprache drückte reinste Ekstase aus und als ich ihn weiter streichelte und wiederum seine süßen, rosa Nippel zärtlich küsste, bog er sich mir sehnsüchtig entgegen, stöhnte ein leises „… Mehr …!“ und dabei veränderte sich der Winkel, wie ich in ihm war.

Er schrie auf, in einem Ton, der mir eindeutig sagte, dass ich jene hochsensible, süßeste Stelle in ihm getroffen hatte, und senkte sich ganz auf mich, mein Glied vollkommen in seiner heißen Tiefe, seine Hände krallten in meinen Rücken. Ein tiefer Laut kam über seine Lippen, wie ich ihn noch nie von Meto gehört hatte.

Und irgendwie machte mich diese seine Lust so sehr an, dass ich allein von diesem Laut und dem Ganz-tief-in-ihm-sein fast gekommen wäre.

 

„Meto …“ keuchte ich seinen Namen, er sah mich an und ich versank in seinen braunen Augen. „Das ist … ahhh … ohhh jaaah, oh Gott, so schön … Ich … ohhh … liebe dich …!“

Ein Lächeln huschte über seine lustvoll verzogenen Lippen, er senkte den Kopf, presste seine Lippen heiß und fest auf meine, und in dem Augenblick zog sich sein heißes Inneres eng zusammen und er kam, atemlos gegen meine Lippen stöhnend, mit geschlossenen Augen.

Meinen eigenen Höhepunkt spürte ich kaum, es war nur ein kurzes Erbeben meines Unterleibs und das Fühlen meines Samens im heißen Körper meines Liebsten. Der schönste Moment war das davor gewesen, als ich ihm in die Augen gesehen hatte. Diese wunderschönen braunen Augen, in denen ich jedes Mal am liebsten versinken wollte, weil sie diesem so wundervollen jungen Mann gehörten, der mein Herz liebend in seinen Händen hielt und es beschützte.

 

Ich ließ mich schwer atmend auf den Rücken sinken, Meto über mir, er sank ganz auf mich und eine Weile blieben wir so liegen, Haut an Haut, sein Gesicht an meinem Hals, seine Hände zwischen uns an meiner Brust. Sie tasteten über meine schweißnasse Haut, fanden meine Brustwarzen, berührten sie ganz leicht und vorsichtig. Ich fühlte mich schwebend, mein ganzer Körper war voller Liebe und wurde noch von den süßen Nachwellen der Lust durchströmt. Und so war mir ein kleines Nachspiel mehr als recht und ich genoss es sehr, dass mein Liebster mich noch ein bisschen verwöhnte und der Sex noch nicht ganz vorbei war.

Er hob den Kopf und küsste mich, hauchte ein leises „Ich liebe dich, Tsuzuku“ und ich fühlte, dass ich ihn glücklich gemacht hatte. Der Gedanke, dass wir jetzt fast gleichauf waren, gefiel mir nochmal besser, und ich freute mich schon darauf, dass wir demnächst mal ganz tauschten und ich erfahren würde, wie es sich anfühlte, wenn er in mich eindrang.

 

Kurz darauf löste Meto sich langsam wieder von mir, mein jetzt wieder weiches Glied glitt aus seinem Innern, und er legte sich zum Schlafen hin. Ich tat es ihm gleich, nachdem ich seinen Samen von meinem Körper weggewischt hatte, und dann deckte er uns beide zu, kuschelte sich eng an mich und drückte einen liebevollen Kuss auf meine Stirn.

„Schlaf schön, Tsu, und träum süß. Ich liebe dich.“

 

 

Mitten in der Nacht wachte ich wieder auf. Ich hatte total wirres, unerklärbares Zeug geträumt und brauchte einen Moment, bis ich wieder klar und ganz wach war. Meto lag neben mir und schlief tief und fest, ich spürte seine Nähe und hörte ihn ruhig atmen.

Licht anzumachen traute ich mich nicht, weil ich ihn nicht wecken wollte, und so