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Yasashikunai Mirai

3
17.8.2018 17:49
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

MEJIBRAY, Alternative Universe, No-Band-Content
Fortsetzung von Muzukashii Sekai
Boys Love & Hetero -> Tsuzuku/Meto, Koichi/Mikan (OC)
Trigger Warnung: beschriebene Borderline Persönlichkeitsstörung ...

Der Gesang der Vögel im Tempelgarten weckte mich am Morgen des 1. März schon lange, bevor der Wecker im Zimmer klingeln sollte. Irgendein Vogel saß im Baum vor dem Fenster und sang sich die Seele aus dem Leib, so als wäre schon Mitte April. Genervt von diesem fröhlichen Trällern zog ich mir das Kissen über den Kopf und versuchte so, es abzuschirmen, doch das Fenster war offen und so brachte das nicht viel.

Komori schlief noch, trotz des Gezwitschers, und so blieb ich ebenfalls liegen, um ihn nicht zu wecken. Obwohl … jemand, der nicht mal aufwachte, wenn direkt vor dem Fenster ein Vogel herumschrie, würde wohl auch weiterschlafen, wenn ich mal eben aufstand, um dieses verdammte Fenster zu schließen. Und so erhob ich mich, schritt zum Fenster und klappte es entschlossen zu, woraufhin der Vogel auch gleich davonflog, um irgendwo anders weiter zu singen, wo er vielleicht nicht gerade jemanden weckte und nervte, der sowieso schon aufgeregt war, weil heute sein letzter Tag hier war.

 

Jemanden wie mich. Ja, heute war er, der Tag, an dem meine Zeit im Hikuyama-Tempel vorbei ging. Meine Tasche stand offen vor dem Schrank, bereit, dass ich meine Sachen wieder hineinräumte, und die Wohnung, die Koichi letztes Jahr in der nächsten Großstadt gefunden hatte, war inzwischen auch frei und bezugsfertig. Ich hatte in den nächsten Wochen vier Vorstellungsgespräche bei ganz verschiedenen Arbeitgebern und fühlte mich motiviert und bereit, mein neues Leben in Angriff zu nehmen.

Zumindest einerseits.

Denn andererseits hatte ich Angst. Vor dem vielen Neuen, was auf mich zukam, vor den Menschen, mit denen ich zu tun haben würde, und davor, dass ich das vielleicht nicht packte.

 

Ich setzte mich auf die Bettkante, streckte mich und schaute an mir herunter: Da ich ja eben erst aufgewacht war, hatte ich mich natürlich noch nicht angezogen und trug nur ein T-Shirt und Shorts am Leib. Ich mochte keine Shorts, zumindest nicht, wenn mich jemand außer Meto darin sah. Shorts betonten zu sehr, wie dünn meine Beine waren, auch, wenn es inzwischen nicht mehr ganz so schlimm war, weil ich in der Zeit hier einige Kilos zugenommen hatte. Eben jene konnte ich sehen, wenn ich mich so anschaute. Auch wenn ich immer noch unterhalb des Normalgewichtes war, so sahen gerade meine Beine nicht mehr ganz so krank aus.

 

Was ich hier im Tempel angefangen hatte und sich ebenfalls langsam an meinem Körper zeigte, war: Ich versuchte mich wieder am Kraftsport. Es gab hier einen kleinen Trainingsraum und irgendwann war mir die Idee gekommen, meine viele Freizeit dazu zu nutzen, dieses frühere Hobby von mir wieder aufleben zu lassen. Wenn ich nichts zu tun hatte oder es mir mental nicht gut ging, kümmerte ich mich jetzt darum, meinen Körper wieder halbwegs in Form zu bringen.

 

Mich bis über die Schmerzgrenze hinweg auszupowern, hatte mir schon in meinem alten Leben früher geholfen, mit meinen seltsamen Stimmungsschwankungen und Negativgedanken umzugehen. Danach, wenn mir alle Knochen und Muskeln wehtaten, ging es mir im Kopf immer irgendwie besser und ich konnte wieder klarer denken. Doch nach Mamas Tod hatte mir die psychische und auch die physische Kraft gefehlt, damit weiter zu machen, und später, als ich alles verloren hatte, war daran natürlich nicht mehr zu denken gewesen.

 

Das Piepen des Weckers riss mich aus meinen Gedanken. Es folgte ein energischer Schlag, als Komori, an dessen Bett unser gemeinsamer Wecker stand, ihn ausschaltete.

„Morg’n, Tsu“, begrüßte er mich verschlafen.

„Morgen.“

Ich stand auf, ging zum Schrank, öffnete die Türen und Schubladen und begann, meine Sachen in meine mehr als abgewetzte Tasche zu packen. Über den Winter war mein Besitz um mehrere Kleidungsstücke, zwei Paar Schuhe, zwei Bücher und einen MP3-Player (den Meto mir zu Weihnachten geschenkt hatte) angewachsen. Nicht mitgezählt diejenigen Sachen, die ich immer noch bei Meto zu Hause lagerte.

 

„Ich hab’s gewusst …“, murmelte ich, als ich meine Tasche randvoll gepackt hatte und trotzdem noch zwei Hosen und meine zerrissene schwarze Sweatjacke im Schrank lagen.

„Passt nicht alles rein?“, fragte Komori.

„Ich kann kaum glauben, dass ich so viel Kram angesammelt habe“, antwortete ich und blickte zu den Sachen, die ich heute anziehen wollte und die deshalb auf dem Stuhl neben meinem Bett lagen.

„Du hast es gut, Tsu, du hast einen Freund, der dich von hier abholt. Er hat bestimmt noch ‘ne Tasche dabei“, sagte er.

 

Komori und ich waren, wenn man das so nennen konnte, Freunde geworden. Wir verstanden uns recht gut, zumal er jemand war, der einen, wenn man nicht gut drauf war, konsequent in Ruhe lassen konnte und sich nicht aufdrängte. Ich hoffte, mit ihm auch weiterhin irgendwie in Kontakt zu bleiben und dass unsere allein durch räumliche Nähe entstandene, lockere Freundschaft nicht abbrach. Er hatte ebenfalls eine Wohnung gefunden, allerdings nicht so wie ich in der Großstadt, sondern hier, sogar ganz in der Nähe des Tempels. Ich kannte die Adresse, hatte ihn zur Besichtigung begleitet, so wie er die Adresse meiner neuen Wohnung ebenfalls kannte.  

 

„Tsu?“, fragte er, als wir beide richtig aufgestanden und angezogen am wieder geöffneten Fenster saßen und rauchten.

„Hm?“

„Hast du denn das Gefühl, dass du die Zukunft packst?“ Er sah mich ernst an und blickte dann nach draußen zu den im Zen-Garten mit ihren Übungen beschäftigten Mönchen.

„Ich denke, schon“, antwortete ich. „Ich hab hier einiges wieder gelernt und mir geht’s gut, also muss es doch klappen, oder?“

„Na ja … Was machst du, wenn es dir wieder schlechter geht?“

Einen Moment lang schwebten seine Worte zwischen uns, dann sagte ich: „Dann hole ich mir Hilfe.“  

„Gut.“ Komori lächelte. „Ich geh jetzt frühstücken.“

„Ich komm gleich nach“, erwiderte ich. Und das war weder gelogen, noch vorgeschoben. Ich hatte wirklich Hunger und auch Lust auf Essen, nur wollte ich vorher noch mal in die Gebetshalle, um heute, an meinem letzten Tag hier, noch einmal ein wenig mit dem Buddha allein zu sein.

 

Ich ließ mich vor der großen Statue auf die Knie sinken und schaute dem Buddha in das mild und freundlich lächelnde Gesicht. Spürte die angenehme Ruhe, die von ihm ausging und die mich in den letzten Monaten immer wieder auf den Boden zurückgeholt hatte, wenn ich drohte, mich wieder zu sehr in meinen Gedanken zu verstricken.

 

Ich hatte den Winter über viele Gespräche mit Frau Watanabe geführt. Über Arbeit, selbstständiges, stabiles Leben, und natürlich auch über mich und Mama. Doch ich war dem Thema meistens ausgewichen, aus Angst, dass ich, wenn ich mit jemandem ‚vom Fach‘ über meine Trauer und meine Schuldgefühle sprach, gezwungen sein würde, da tiefer zu graben und alles wieder hochzuholen.

Wenn ich mit Meto über meine Traurigkeit sprach, lief das oft darauf hinaus, dass ich weinend in seinen Armen lag, er stellte keine Fragen, sondern ließ mich einfach wie ich war.

 

Eine Psychologin wie Frau Watanabe dagegen hätte, wenn ich es denn zugelassen hätte, nachgefragt, analysiert, diagnostiziert, alle möglichen tiefenpsychologischen Ideen ausprobiert, und das wollte ich nicht. Zum einen eben, weil ich meine Schuldgefühle nicht anrühren und dadurch wieder präsent machen wollte, und dann … dann war da noch die Sache mit diesem Wort, Borderline, das ich einfach nur verdrängen wollte.

 

Ein Mal, ein einziges Mal, war ich alleine losgezogen, in die Stadt gegangen und hatte mir in der Bibliothek ein Buch über psychische Störungen angeschaut. Und was ich da über das Krankheitsbild Borderline erfahren hatte, hatte mich fast wieder abstürzen lassen. Da hatte etwas gestanden von Veranlagung, davon, dass sich so etwas schon in der Jugend herausbildete und dass es extrem schwer zu heilen war. Von Selbstverletzung, Angst vor Menschen und vor Einsamkeit, von mangelnder Distanz, extremen Stimmungsschwankungen und von Selbstmordfantasien.

Lauter Dinge, die mal mehr und mal weniger im Laufe meines Lebens aufgetreten waren.

Nachdem ich das alles erfahren hatte, hatte ich mich im Trainingsraum des Tempels eingeschlossen und mich stundenlang durch das Kraftsportprogramm gequält, bis mir alles wehtat und ich nicht mehr daran denken konnte, dass ich krank war.

Doch ich hatte mit niemandem darüber gesprochen. Nicht einmal mit Meto.

 

Noch immer vor dem Buddha kniend, verbarg ich mein Gesicht mit meinen Händen und wollte am liebsten wieder weinen. Auf einmal hatte ich große Angst vor der Zukunft, wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Eigentlich war alles klar und geregelt, die Wohnung, Vorstellungsgespräche für Arbeit, der ganze Papierkram, alles gut. Doch mein Innenleben fühlte sich schwach und unsicher an, ich wusste einfach nicht, wie ich mit diesem Ungeheuer Borderline umgehen sollte. Der Gedanke, an einer handfesten Persönlichkeitsstörung zu leiden, machte mir Angst, obwohl ich mich ja eigentlich längst damit abgefunden hatte, nicht ganz gesund zu sein. Aber irgendwie hatte ich das, woran ich litt, immer eher für eine Folge meiner Trauer um Mama gehalten. Persönlichkeitsstörung, das klang so, als sei mein Charakter, mein ganzes Ich, von Anfang an dazu verurteilt, krank zu sein.

 

Ich hatte keine Schritte hinter mir gehört, doch als ich eine vertraute Hand auf meiner Schulter spürte, wusste ich sofort, dass Meto da war. Ich ließ die Hände sinken und drehte mich zu ihm um.

„Tsuzuku? Alles okay?“, fragte er besorgt.

So schnell ich konnte, schloss ich meine Angst hinter der Gedankentür ein. Ich wollte nicht, dass Meto davon wusste. Wollte nicht, dass er schon wieder Angst um mich haben musste und sich Sorgen machte.

„Alles gut“, sagte ich.

Meto kniete sich neben mich, schaute kurz zu dem Buddha hoch und fragte dann: „Hast du nicht auch ein bisschen Angst davor, was jetzt kommt?“

„Ja, schon“, gab ich zu. „Ein bisschen.“

Mein Liebster sah mich an und lächelte, dieses wahnsinnig süße, strahlende Lächeln, und sagte dann: „Aber ich freu mich wahnsinnig darauf, jetzt mit dir zusammen zu leben.“

„Ich auch“, erwiderte ich, konnte nun ebenfalls wieder lächeln.

Meto beugte sich vor und hauchte einen Kuss auf meine Wange. „Komm, steh auf und geh noch was frühstücken, dann packen wir deine Sachen und du kommst mit zu mir.“

 

Ich erhob mich, atmete tief durch und sah den Buddha wieder an. Und glaubte zu hören, wie diese eigentlich leblose Statue mir zuflüsterte: „Du schaffst das schon, Tsuzuku.“

Meto nahm meine Hand, was augenblicklich dafür sorgte, dass ich mich gut fühlte, und begleitete mich zum Essraum. „Ich warte draußen auf dich.“

 

Während des Frühstücks, das wie immer aus Reis und Gemüse bestand, kam mir ein Gedanke, der mich irgendwie ziemlich glücklich machte: Wenn Meto und ich ab jetzt zusammen lebten und ich für uns arbeiten ging, würde endlich ich es sein, der ihn versorgte, und nicht umgekehrt.

Klar, er wollte auch arbeiten und etwas dazuverdienen, doch allein die Tatsache, dass ich mir dann irgendwann kein Geld mehr von ihm würde leihen müssen, und dass ich uns beide von meiner Hände Arbeit ernähren würde, machte, dass ich mich jetzt wesentlich stärker fühlte als eben noch in der Gebetshalle.

 

Nach dem Frühstück sprach mich Frau Watanabe noch einmal an.

„Haben Sie noch einen Moment, Aoba-san?“, fragte sie.

„Mein Freund wartet draußen auf mich“, antwortete ich.

„Es dauert auch gar nicht lange“, sagte sie. „Ich wollte Sie nur noch einmal fragen, ob Sie sich in dem, was wir wegen Ihrer Arbeitsfähigkeit besprochen haben, sicher genug fühlen. Falls irgendwelche Unsicherheiten auftreten, kommen Sie bitte schnellstmöglich zu mir.“

Ich nickte. „Ja, werde ich machen.“

In diesem Moment fühlte ich mich zwar wieder so, als ob ich das alles schon schaffen würde, doch ich kannte mich gut genug um zu wissen, dass meine Unsicherheit jederzeit zurückkommen konnte.

 

Ich ging in mein Zimmer, um meine Tasche zu holen und mich von Komori zu verabschieden.

„Jetzt gehst du also?“, fragte er, auf dem Bett sitzend, eine Zigarette in der Hand.

„Ja“, sagte ich. „Ich geh jetzt erst mal mit zu Meto nach Hause und morgen ziehen wir in die neue Wohnung.“

„Na dann, viel Glück, Tsuzuku. Und lass dich vom Leben da draußen nicht unterkriegen.“ Komori lächelte, nahm einen Zug von seiner Zigarette und hielt sie mir hin. „Hier, als kleine Abschiedsgeste.“

Ich nahm die halbe Zigarette an und rauchte sie noch zuende, bevor ich meine letzten herumliegenden Klamotten noch irgendwie in meine Tasche zwängte und dann den Raum, der die letzten Monate über mein Zuhause gewesen war, verließ. Komori lächelte mir zu, als ich die Tür hinter mir zuzog. Es war durchaus möglich, dass wir uns wiedersahen, schließlich kannte ich seine neue Adresse, doch ich wusste nicht, ob ich ihn wirklich einmal dort besuchen würde.

 

Meto erwartete mich im Tempelgarten. Er hatte zwei Taschen dabei, einmal seine übliche Umhängetasche und dann noch eine zweite, die er mit Blick auf meine übervolle schwarze Reisetasche öffnete.

„Pack doch ein paar Sachen hier rein“, sagte er, woraufhin ich meine Tasche abstellte und diejenigen Sachen, die kaum noch da hineingepasst hatten, herausnahm und umpackte.  

 

Auf dem Weg nach Akayama redeten wir nicht viel. Ich war in Gedanken damit beschäftigt, mir das jetzt auf mich zu kommende neue Leben vorzustellen, und nahm an, dass Meto dasselbe tat.

Morgen schon würden wir zusammenziehen, in die große Stadt am Meer, in eine Wohnung, die nur uns beiden gehörte. Ein seltsames Gefühl irgendwie. Da kam etwas ganz neues auf mich zu, etwas, worauf ich mich freute, und gleichzeitig auch ein wenig Angst davor hatte.

„Ich bin ganz aufgeregt“, sagte Meto leise, kurz bevor wir sein Elternhaus erreichten.

„Wegen morgen?“

Er blieb stehen, nickte, nahm meine Hand.

„Wir schaffen das schon irgendwie“, sagte ich und spürte weiter diese Mischung aus Vorfreude und leichter Angst. Ich wollte das so sehr, mein Leben mit Meto verbringen, doch ich kannte mich gut genug, um zu wissen, dass es nicht leicht werden würde.

 

„Da seid ihr ja“, begrüßte uns Metos Mama an der Tür. „Yuu, fangt ihr gleich an, deine Sachen einzupacken? Dann können wir die ersten Kisten nachher schon losschicken, wenn der Umzugswagen da ist.“

„Ich … hab schon fast alles … eingepackt“, antwortete Meto und zog sich die Schuhe aus. „Gestern Abend …“

 

Die Planung unseres Umzuges hatte fast den ganzen Winter in Anspruch genommen. Immer mal wieder war ich zu Meto nach Hause mitgekommen und wir hatten mit seinen Eltern alles besprochen. Sie hatten darauf bestanden, uns nicht nur sämtliche neuen Möbel zu bezahlen, sondern auch die ersten Mieten zu übernehmen, bis er und ich genug eigenes Geld verdienten.

Und, was für mich emotional noch viel wichtiger war: Die Eltern meines Liebsten behandelten mich inzwischen wie ein Familienmitglied. Metos Mama Manami war dazu übergegangen, mich ab und zu Genki zu nennen, da sie anscheinend fand, dass, wenn sie ihren Sohn mit seinen richtigen Namen ansprach, das auch für mich als So-was-wie-Schwiegersohn-in-spe galt. Ich bekam dadurch langsam wieder so etwas wie ein Familiengefühl und spürte, dass ich das vermisst hatte.

 

Zu meiner verbliebenen Blutsverwandtschaft wollte ich jedoch auch weiterhin keinen Kontakt. Die sahen mich sicher nur als abgestürzte Existenz an und hatten in meiner Gefühlswelt auch absolut nichts mit Mama gemeinsam, zumal wir beide auch, als sie noch gelebt hatte, kaum Kontakt zu ihrer Familie gehabt hatten. Nein, ich brauchte diese Leute nicht. Und meinen Vater, den ich seit meinem achten Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte, schon gar nicht. Ich konnte mich ja kaum mehr an ihn erinnern.

 

Meto und ich gingen Hand in Hand hinauf in sein Zimmer. Dort herrschte schon totales Umzugschaos, nichts war mehr an seinem Platz und um das Bett herum standen Kisten, gefüllt mit allem, was in den Schränken gewesen war oder herumgestanden hatte. Auf einer der Kisten las ich meinen Namen und vermutete, dass sie die Sachen aus der großen Schublade unter Metos Bett enthielt.

Das Bett war der einzige Ort in diesem Chaos, der noch normal aussah. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass es hier bleiben sollte und wir in der neuen Wohnung ein neues bekamen. Für den Fall, dass wir mal wieder hierher zu Besuch herkamen und über Nacht blieben.

 

Meto setzte sich aufs Bett, zog mich zu sich herunter und küsste mich. Seine Lippen, so unglaublich süß und weich, vertrieben sofort jede Angst, mit einem Mal fühlte ich mich wieder vollkommen sicher. Ich legte meine Hände auf seine Schultern und drückte ihn rückwärts in die Kissen, meinen Körper an seinen, küsste ihn mit meiner ganzen Liebe. Dachte daran, dass ich ab Morgen jeden Tag neben ihm aufwachen würde, und dieser Gedanke machte mich einfach wahnsinnig glücklich.

„Ich liebe dich“, flüsterte ich gegen seine Lippen.

„Ich dich auch, Tsu.“

 

Am liebsten wäre ich mit ihm viel länger so liegen geblieben, doch hier lagen noch einige Sachen herum, die darauf warteten, in Kisten gepackt zu werden. Und so erhob ich mich wieder und begann, mir einen Überblick über die Umzugskartons und ihren Inhalt zu verschaffen. Alles war noch nicht eingepackt und so brachten Meto und ich die nächste Viertelstunde damit zu, diesen Rest auch noch irgendwie unter zu bringen.

 

In diesem Durcheinander fand ich mein Messer wieder. Es steckte in dem Spalt zwischen Matratze und Bettrahmen, wo ich es nur zufällig entdeckte, als ich einen kleinen Stapel DVDs in einen der Kartons packen wollte.

Ich erschrak ein wenig, zog es mit leicht zitternden Händen aus dem Spalt heraus und hielt es geschlossen in der Hand, wusste nicht, wohin damit.

„Meto …“, begann ich, doch er hatte schon gesehen, was ich gefunden hatte.

„Gib das mir, ich tu’s in den Karton mit deinen Sachen.“

Ich gab ihm das Messer in die Hand und spürte augenblicklich, dass ich mich besser fühlte, wenn ich es nicht hatte. Denn solange ich es nicht zur Hand hatte, konnte ich mir damit ja auch nichts tun.

Meto legte es zu meinen anderen Sachen in den Karton, klappte diesen zu und kurz darauf rief Manami von unten: „Der Umzugswagen ist da!“

 

Es war irgendwie ein etwas eigenartiges Gefühl, die ganzen Kartons aus dem Zimmer zu tragen und unten auf der Straße in den Umzugswagen zu räumen. Es erinnerte mich ein wenig daran, wie ich damals, als ich Mamas und meine Wohnung verloren hatte, den Großteil meines Besitzes hatte verkaufen müssen. Doch ich wischte diese Gedanken schnellstmöglich beiseite. Vor mir lag eine neue Zukunft, da war es nicht gut, an solche vergangenen Dinge zu denken.

 

Um mich abzulenken, dachte ich daran, wie ich heute Abend mit Meto in seinem bis auf das Bett leeren Zimmer liegen würde. Ich hatte nicht vor, heute mit ihm zu schlafen, sondern wollte ihn einfach im Arm halten, ein bisschen kuscheln und küssen. Sex würden wir dann in der neuen Wohnung haben, wo keine Eltern da waren, die uns hätten hören können, und wo der Reiz einer neuen Umgebung es sicher noch mal anders schön machen würde.

 

Als der Umzugswagen dann davonfuhr, bemerkte ich, dass Meto ziemlich aufgeregt war. Verständlich, denn immerhin würde er morgen sein Elternhaus verlassen. Ich legte meinen Arm um ihn, zog ihn an mich und drückte meine Lippen kurz auf seine.

„Hey, wir schaffen das schon“, sagte ich, auch um mich selbst noch einmal zu überzeugen. „Und wenn nicht, können wir immer noch wieder zurück.“

„Meinst du, du packst das?“, fragte Meto leise.

„Na klar, ich hab ja dich.“

 

Da fast alles, womit wir uns sonst beschäftigt hatten, jetzt verpackt und weggeschickt war, mussten wir uns irgendwas einfallen lassen, um die Zeit bis Mittag herumzukriegen.

Letztendlich landeten wir vor dem Fernseher im Wohnzimmer mit einer DVD, die deshalb nicht in die Umzugskisten gewandert war, weil der Film Manami gut gefiel und sie die DVD deshalb hierbehalten wollte. Der Film war zwar nicht hundertprozentig mein Fall, aber okay, und er war lang genug, damit wir bis zum Mittag beschäftigt waren.

 

Mittags hatte ich richtig Hunger, es gab irgendwas Italienisches, was ich auch recht gern mochte. Im Tempel wurde nur traditionell japanisch gekocht, das war mir über den ganzen Winter immer mal wieder beinahe ein wenig langweilig geworden.

Ich aß auch heute nicht viel, aber genug, wurde satt und verspürte kaum Angst vor dem Essen. Ich war nur ein wenig aufgeregt und hatte auch das Gefühl, dass mein Magen nicht so viel aufnehmen konnte wie der von anderen Menschen.

„Schmeckt’s dir?“, fragte Manami.

Ich nickte, lächelte, nahm mir aber nicht noch mehr, weil ich wirklich nichts mehr runterbekam.

„Das ist schön. Ich kann euch was davon einpacken, dann müsst ihr morgen nicht kochen, sondern nur aufwärmen.“

„Danke.“

 

Manami war wirklich toll, hatte auch ein bisschen Ähnlichkeit mit Mama und ich mochte sie sehr gern. Wie gesagt, sie behandelte mich schon wie ein festes Mitglied ihrer Familie, sah mich als ihren Schwiegersohn an und ich vermutete, dass sie sich viele Gedanken um mich machte.

„Yuu, Genki, wenn ihr irgendwie Hilfe braucht, dann bin ich da, hört ihr?“, sagte sie.

„Jaa, Mama …“, antwortete Meto leise, klang wie ein leicht genervter Teenager.

„Wir kommen darauf zurück“, sagte ich und lächelte.

 

Nach dem Mittagessen wollten wir noch los, in die Stadt, zu einem Einrichtungsladen, da Manami darauf bestand, dass wir unsere neue Wohnung ordentlich ausstatteten.

Tamotsu, wie ich Metos Vater inzwischen nannte, war natürlich wieder arbeiten und kam nicht mit, aber es reichte auch vollkommen, dass Manami dabei war, um die Sachen, die sie längst mit uns zusammen bestellt hatte, entweder abzuholen oder die Lieferung zu unserer Wohnung zu organisieren.

 

Am Anfang der ganzen Planung hatte ich noch darauf bestanden, dass das Geld für das alles nur geliehen war und ich es irgendwann zurückzahlen würde, doch das hatten mir die Eltern meines Liebsten sehr schnell ausgeredet.

„Keine Widerrede, wir schenken euch das!“, hatte Tamotsu gesagt und damit war das Thema Geld fürs Erste vom Tisch gewesen. Und ich hatte mich damit zufrieden gegeben, zumal ich mangels eines gesicherten Jobs auch keine Argumente hatte. Es hatte definitiv seine Vorteile, wenn der eigene Freund aus einer reichen Familie kam, in der man sich um Geld keine Sorgen machen musste.

 

Als wir den Laden erreichten, dessen Sortiment sich, schon am Schaufenster ersichtlich, in einer gehobeneren Preisklasse befand, war es mir dann aber doch wieder ein wenig unangenehm, dass wir hier die Möbel für unsere kleine Wohnung kaufen sollten. Aber Manami ließ in der Hinsicht nicht mit sich reden. Ich verstand zwar nicht ganz, warum sie so sehr auf einer teureren Einrichtung bestand, doch ich nahm es wie gesagt irgendwie hin.

 

Als ich mir das Schaufenster genauer ansah, fiel mir eine kleine, silberne Buddha-Figur zwischen den teils sogar antiken Möbeln auf. Sie hatte genau denselben Ausdruck auf dem Gesicht wie die Statue im Tempel und strahlte eine solche ruhige Schönheit aus, dass ich vor dem Fenster stehen blieb.

Meto sah mich fragend an und ich deutete auf die Figur.

„Die ist schön, oder?“

Er nickte und sah sie sich ebenfalls genauer an. „Magst du die?“, fragte er dann.

Manami war schon voraus in den Laden gegangen, ich sah durchs Fenster, wie sie eine der Verkäuferinnen ansprach und wahrscheinlich mit dieser den Einkauf, beziehungsweise das Abholen der bestellten Möbel, besprach.

Ich wusste, ich musste nur etwas sagen und ich würde diese Statue bekommen. Doch nach den zwei Jahren auf der Straße wollte ich nicht so wirken, als ob ich mir jetzt, wo das vorbei war, auf einmal alles nahm, was mir angeboten wurde. Ich hatte immer noch das Gefühl, in Metos Schuld zu stehen, und die Großzügigkeit seiner Eltern verstärkte das noch.

 

Meto sah mich einen Moment lang aufmerksam an.

„Die sieht fast so aus wie die im Tempel“, sagte ich mit Blick auf diese Statue.

„Glaubst du jetzt daran? Nachdem du da gelebt hast?“

„Ja“, antwortete ich. „Irgendwie schon.“

Ich zählte mich zwar immer noch zu keiner Religion und genau benennen, woran ich glaubte, konnte ich auch nicht, doch da war irgendwas, so ein Gefühl in mir, das sich ein wenig so anfühlte, wie ich mir ‚glauben‘ vorstellte.

 

„Du willst diese Statue hier haben, oder?“, fragte Meto.

Ich atmete einmal ein und aus und nickte.

„Dann sag das doch!“

„Ich wollte nicht … wegen dem ganzen Geld …“

„Hm … versteh ich. Aber du musst dir da wirklich keine Gedanken machen. Meine Eltern tun das wirklich gern.“

„Das weiß ich ja auch, aber …“

„Willst du sie jetzt haben oder nicht?“

„Ja. … Will ich.“

„Dann kriegst du sie.“ Meto lächelte mich strahlend an. „Keine Widerrede, Tsu.“

 

Wenn er mich so anstrahlte, konnte ich auch gar nicht widersprechen. Dieses Lächeln hatte auf mich eine derartig einnehmende, jede Widerrede in Luft auflösende Wirkung, dass es mir fast schon ein wenig unheimlich war. Ich war immer noch so wahnsinnig verliebt in ihn wie vor dem Winter, und es fühlte sich auch nicht so an, als würde dieses Gefühl jemals nachlassen.

Ich blieb vor dem Laden stehen, Meto lief hinein und berichtete seiner Mama von unserer Absicht, diese Buddha-Statue zu kaufen. Manami hatte anscheinend alles, was die Möbel betraf, geklärt, und kam mit Meto wieder aus dem Laden.

„Die ist aber auch wirklich schön“, sagte sie mit Blick auf die kleine Statue.

„Sie soll mich an den Tempel erinnern, an das, was ich da gelernt habe“, erwiderte ich leise.

„Das ist eine schöne Idee. Du bist ja sicher aufgeregt wegen der Vorstellungsgespräche, oder?“

Ich nickte. Ja, ich war aufgeregt, und ja, ich hatte Angst. Aber sobald ich dem Buddha in das gelassene, ruhige Gesicht blickte, wurde diese Angst weniger und ich konnte wieder lächeln.  

„Und wenn was nicht klappt, musst du dir auch keine Sorgen machen. Wir unterstützen euch so lange, wie ihr es braucht“, sagte Manami.

„Danke.“ Ich deutete eine leichte Verbeugung an, die sie jedoch abwinkte.  Vielleicht sollte ich das, was ich von ihr und Tamotsu geschenkt bekam, wirklich annehmen.

 

Der eigentliche Kauf der Statue war dann keine große Sache mehr, die Manami wieder allein erledigte. Währenddessen standen Meto und ich wieder vor dem Laden.

Über die Statue waren meine Gedanken wieder bei der großen im Tempel gelandet und bei dem, was ich heute Morgen gedacht hatte, als ich zum letzten Mal in der Gebetshalle gewesen war. Dass ich krank war, gestört, kaputt, vielleicht unheilbar. Und dass ich nicht wollte, dass Meto sich deswegen Sorgen um mich machte. Deshalb sprach ich nicht darüber. Solange ich selbst noch nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte, wollte ich nicht, dass sich jemand anderes Gedanken darum machte.

 

„Tsuzuku?“, riss mich Meto aus meinen Gedanken. „Ist was?“

„… Hm? Nein, wieso?“

„Du siehst gerade so traurig aus.“

„Bin ich aber gar nicht“, antwortete ich und das war noch nicht mal gelogen. Eigentlich war ich schließlich nicht traurig.

Meto sah mich an, legte dann seine Arme um mich und sagte: „Hey, lächeln! Ist doch alles gut, oder?“

Ich lächelte, konnte es jedoch nicht lange auf meinen Lippen halten. Und ich spürte, dass Meto sich jetzt Sorgen machte. Genau das wollte ich ja nicht, deshalb erwiderte ich die Umarmung und drückte kurz meine Lippen auf seine, nickte dann. „Ja, alles gut.“

 

In dem Moment kam Manami aus dem Laden, in der Hand eine Tüte mit einer rechteckigen Kiste darin, welche die kleine, silberne Statue enthielt. Ich hoffte, dass dieser Buddha uns Glück bringen, und mich in schweren Momenten beruhigen würde, wie es der im Tempel getan hatte.

Auf dem Weg zurück zur Villa hielt Meto fast die ganze Zeit über meine Hand. Ich spürte, dass er sich Gedanken machte und sich wahrscheinlich fragte, ob bei mir wirklich alles in Ordnung war.

 

Den Rest des Tages hingen wir wieder mehr oder weniger herum. Es gab nichts weiter zu tun und so landeten wir zum wiederholten Male vor dem Fernseher. Zum Glück liefen dort einige genügend interessante Sendungen, sodass es wenigstens nicht vollkommen langweilig wurde. Ab und zu sah ich Meto an und überlegte, was er wohl dachte und inwiefern er wohl bemerkte, dass ich ihm im Moment nicht die ganze Wahrheit von mir zeigte.

 

Irgendwie kam ich dann mit den Gedanken auf Koichi. Bei ihm war ich mir nämlich beinahe schon sicher, dass er wusste, was los war. Schließlich war ich für ihn wie ein offenes Buch und mich wunderte schon, dass er mich noch nicht darauf angesprochen hatte. Na ja, vielleicht wusste er zwar, dass bei mir wieder mal etwas nicht stimmte, doch hatte noch nicht ganz herausgefunden, worum es genau ging. Oder er spürte, dass ich nicht darüber sprechen konnte. Ich wusste es nicht.

 

Irgendwann, als wir einfach auf gar nichts mehr Lust hatten, gingen Meto und ich hinauf in sein fast leeres Zimmer, ins Bett. Da wir beide irgendwie noch nicht wirklich müde waren, lagen wir einfach Arm in Arm da und sprachen ein wenig darüber, wie unser Leben in der Großstadt am Meer von jetzt an aussehen würde. Wir gerieten beide ein wenig ins Träumen davon, jeden Tag zusammen zu sein, zu arbeiten und uns irgendwann selbst zu versorgen.

 

„Ich freu mich da irgendwie total drauf“, sagte Meto leise, rückte noch ein wenig näher zu mir und barg sein Gesicht an meinem Hals. „Immer mit dir zusammen zu sein.“

Ich lächelte, diesmal ganz ehrlich und glücklich. „Ich auch.“ Und legte meinen Arm um ihn, um seinen Körper enger an meinen zu drücken.

„Ich liebe dich“, flüsterte er, drückte seine Lippen auf meine Haut, während seine Hand von meinem Bauch nach oben wanderte und über meine Brust streichelte. Es tat mir immer noch so wahnsinnig gut, von ihm berührt zu werden, seine Hände und Lippen auf meiner Haut und seinen ganzen Körper nah an meinem zu spüren.

Es machte mich unheimlich glücklich, doch gleichzeitig tat es in diesem Moment auch irgendwie weh. Aber dieser Schmerz war … nicht unangenehm. Es war der Schmerz eines verliebt klopfenden Herzens.

 

Meto beugte sich über mich, drückte mich mit der einen Hand in die weiche Matratze und senkte den Kopf so weit, dass seine weichen, vollen Lippen mein Implantat berührten. Ich seufzte wohlig, schloss die Augen und genoss das sanfte Tasten auf meiner Haut, dachte daran, was diese süßen Lippen schon alles mit mir angestellt hatten und wie sehr ich Meto dafür liebte, dass er meine starken Gefühle für ihn so erwiderte.

Diese Zärtlichkeiten zwischen uns hatten, obwohl wir die vergangenen Monate über einige Male miteinander geschlafen hatten, immer noch etwas geradezu Magisches an sich, etwas, das mich völlig verzaubern konnte und seit unserem ersten Mal nichts von seiner Schönheit verloren hatte.

 

„Ist das schön?“, hörte ich Meto leise fragen. Ich nickte und hob meinen Brustkorb ein wenig an, zum Zeichen, dass er nur nicht aufhören sollte. Seine Hand strich über meinen Körper, blieb dann auf meinem Herzen liegen. Sofort begann es, wild zu klopfen, was mein Liebster mit einem leisen Lachen zur Kenntnis nahm und dann, als wollte er mich noch mehr in Ekstase versetzen, mit seinen Lippen über meine Brustwarzen streifte.

Ich liebte es, wie er einfach so die Initiative ergriff, und war froh, dass ihm das anscheinend so leicht fiel, ein bisschen die Rollen zu tauschen und mich spüren zu lassen, dass er mich genauso sehr begehrte und liebte wie ich ihn.

 

„Ich lieb dich so …“, sagte er. „So … so … so … so sehr …“ Zwischen jedem ‚so‘ hauchte er kleine Küsse auf meine Brust, drückte sich ein wenig enger an mich, sodass ich spüren konnte, wie er langsam heiß wurde.

Ich schob meine Hand zwischen uns, berührte vorsichtig seine Körpermitte und fragte: „Willst du?“

Er hob den Kopf, lächelte, rückte ein Stückchen hoch und küsste mich. „Aber nur anfassen.“ Legte sich wieder neben mich und zog seine Shorts aus. Ich tat es ihm gleich, wobei mein Herz vorfreudig zu klopfen begann.

 

Dann setzte er sich auf, zog mich mit hoch, sodass wir voreinander saßen. Es erinnerte mich ein bisschen an unsere erste Nacht, damals in dem Hotel am Meer, als ich ihm meine Liebe gestanden hatte.

Und jetzt taten wir als richtiges Paar dasselbe, berührten einander, schenkten uns gegenseitig Lust als Zeichen unserer Liebe.

Metos Kopf ruhte an meiner Schulter, sein zuerst leises, dann immer tieferes Stöhnen drang an mein Ohr, und die lustgeladene Hitze zwischen uns nahm an Intensität immer weiter zu, schuf eine ganz eigene Atmosphäre um uns herum,  und baute dieses wundervolle Gefühl in meinem Innern auf, das fast noch schöner war als der darauf folgende Höhepunkt.

 

Danach lagen wir eng umarmt da, ich spürte Metos Hand streichelnd auf meinem Rücken und hörte ihn leise atmen. Er reckte den Hals, drückte mir einen Kuss auf die Stirn und flüsterte: „Schlaf schön, Tsuzuku.“

Ich wachte sehr früh auf am nächsten Morgen. Es war noch dunkel und da ja kein Wecker mehr hier war, wusste ich nicht, wie früh es genau war. Ich schätzte ungefähr drei oder vier Uhr.

Im Dunkel sah ich Tsuzuku schemenhaft neben mir liegen, er lag auf dem Bauch, mit dem Gesicht zu mir, atmete leise und gleichmäßig. Ich setzte mich auf, streckte die Hand aus und berührte seine Schulter, spürte seine warme Haut unter meinen Fingern, streichelte ihn ein wenig, vorsichtig, um ihn nicht zu wecken. Ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen, ich zog meine Hand zurück und legte mich wieder neben ihn, ein bisschen näher als zuvor.

 

Wie ich so bei ihm lag und hoch an die dunkle Decke meines Zimmers blickte, kam ich mit den Gedanken auf etwas,  das ich eigentlich zu verdrängen versuchte: Und zwar, dass ich schon seit einer ganzen Weile das Gefühl hatte, als hätte Tsuzuku ein Geheimnis vor mir. Und jetzt, wo ich hier lag und er tief und fest schlief, konnte ich mich nicht davon ablenken. Meine Gedanken begannen, sich darum zu drehen, Fragen schwirrten durch meinen Kopf.

 

Als ich Tsuzuku gestern vom Tempel abgeholt hatte, in der Gebetshalle, da hatte er irgendwie so besorgt und traurig gewirkt. Ich spürte, dass etwas nicht stimmte, doch ich hatte keine Ahnung, was es war und warum er nicht mit mir darüber sprach. Er konnte mir doch vertrauen und eigentlich wusste er doch auch, dass ich für ihn da war, wenn es ihm nicht gut ging. Warum sagte er mir dann nicht, was los war?

Oder … war es vielleicht irgendwas wirklich Schlimmes? Etwas, das er mir nicht sagen durfte, oder nicht aussprechen konnte, weil es furchtbar wehtun würde? Aber was konnte das sein? Das Schlimmste in seinem Leben, die Geschichte vom Tod seiner Mutter, kannte ich inzwischen in fast allen Details, an die er sich erinnerte. Gab es da etwas, das noch schmerzhafter war? Ich konnte es mir kaum vorstellen.

Und doch hatte ich schon seit Monaten das Gefühl, dass er mir etwas Wichtiges verschwieg.

 

Da ich jetzt nicht so einfach wieder einschlafen konnte, stand ich auf und ging ins Bad, um schon mal zu duschen. Ich stand eine ganze Weile einfach unter dem warmen Regen, während sich meine Gedanken weiter drehten, ohne zu einem anderen Ergebnis zu kommen als dass Tsuzuku wieder  Probleme hatte und ganz offenbar nicht darüber sprechen wollte.

 

Nachdem ich mich gewaschen und dann abgetrocknet hatte, ging ich mit dem Handtuch um die Hüften wieder in mein Zimmer zurück. Tsuzuku schlief immer noch, doch als ich mich wieder zu ihm legte, wachte er auf.

„… Meto?“, fragte er verschlafen. „Du bist schon wach?“

„Ich war duschen“, antwortete ich.

 

Er setzte sich auf und strich mir durch meine noch etwas nassen Haare, ließ seine Hand dann in meinen Nacken wandern und zog mich zu sich, um mich zu küssen.

„Mmmh, frisch geduscht hab ich dich am liebsten …“, raunte er in mein Ohr und senkte den Kopf, um meinen Hals zu küssen. Ich legte den Kopf in den Nacken und seufzte leise, als er sein Tun auf meine Schulter ausdehnte und gleichzeitig meinen Rücken streichelte. Er war so unglaublich lieb und sanft zu mir, jede Berührung sagte ‚Ich liebe dich‘ und jeder kleine Kuss ‚Ich will dich‘.

 

Wenn er mich so berührte, vergaß ich alles andere, die Sorge um ihn, um die Zukunft, alles Schwere glitt dann von mir ab. Ich war so glücklich, ihn zu haben und von ihm so geliebt zu werden, wie ich ihn liebte. Und so legte ich meine Arme um ihn, zog ihn an mich und küsste ihn zurück, ließ meine Lippen über das tätowierte Herz an seinem Hals wandern und hörte ihn wohlig seufzen.

 

„Ich bin so wahnsinnig aufgeregt“, flüsterte er.

„Wegen heute, wegen dem Umzug und so?“

Tsuzuku nickte, schmiegte sich dann enger an mich. „ … Ich hab davon geträumt. Und davon, dass du und ich … dass wir immer zusammen bleiben …“

Ich lächelte, nahm sein Gesicht in meine Hände und drückte meine Lippen auf seine. Wollte seine Probleme, von welcher Art sie auch sein mochten, einfach wegküssen, und dass wir uns beide nur gut fühlten. Für immer bei ihm sein, auf ihn aufpassen und ihn glücklich machen.

„Wir bleiben immer zusammen“, sagte ich, während meine Hände durch seine schwarzen Haare strichen. „Ich kann mir mein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen. Wir schaffen das schon.“

 

Ich konnte es nicht sehen, weil es immer noch ziemlich dunkel war, doch ich spürte es irgendwie: Tsuzuku hatte, wieder oder immer noch, einen Schatten auf der Seele, etwas, das ihm große Sorgen und wahrscheinlich auch Angst machte. Doch ich traute mich jetzt nicht, danach zu fragen.

 

Und er überspielte diesen kurzen Moment, küsste mich zurück und flüsterte mit einem leisen Zittern in der Stimme: „Meto, du hast ja keine Ahnung, wie sehr … wie wahnsinnig ich dich liebe. Ich muss dir das einfach immer wieder sagen …“

„Ich glaube schon, dass ich das weiß“, erwiderte ich.

Auf einmal hörte ich ihn leise lachen, dann war er kurz verschwunden und im nächsten Moment spürte ich seine starken Arme von hinten um mich und wie er mich eng und fest an sich zog. Ich ließ mich zur Seite ins Kissen sinken, riss ihn mit, hörte ihn wieder lachen, spürte seine Lippen im Nacken, seine Hände an meinem Bauch und meiner Brust und seinen warmen Körper an meinem Rücken.

„Tsu …!“, protestierte ich. „Was wird das?“

„Du glaubst also, dass du das weißt, ja?“, fragte er, und ich konnte richtig hören, wie er grinste.

 

Spätestens jetzt ahnte ich, was er vorhatte, und da spürte ich auch schon, wie er heiß wurde. 

„Wollten wir das … nicht auf heute Abend verschieben?“, fragte ich.

„Komm, nur ein bisschen …“

Jetzt musste ich grinsen. „Tsuzuku, ich weiß genau, wie ‚ein bisschen‘ bei dir aussieht!“

Er lachte wieder. „Du kennst mich zu gut.“

„Heute Abend, okay?“, fragte ich und drehte den Kopf in seine Richtung.

„Versprochen?“

„Ja. Versprochen.“

 

Er ließ mich jedoch noch nicht los, eine Weile blieben wir so liegen, und ich schlief schon fast wieder ein. Ich schreckte erst auf, als er sich von mir löste und aufstand.

„Ich geh auch duschen“, sagte er und verschwand dann in Richtung Bad.

Ich blieb liegen und irgendwann war ich wirklich wieder eingeschlafen, bis ich davon aufwachte, dass Sonnenstrahlen sich ihren Weg durch die Jalousien meines Zimmers bahnten, das von heute an nicht mehr mein täglicher Lebensraum war, weil ich es gegen meine erste eigene Wohnung eintauschen würde. Die Wohnung, in der ich von nun an mit Tsuzuku zusammen leben würde.

 

Ich lächelte gedankenversunken und sah mich dann nach ihm um. Er saß, nur mit Shorts bekleidet, auf der Bettkante und schaute aus dem Fenster.

„Mh … ich bin wieder eingeschlafen …“, murmelte ich, und er drehte sich zu mir um.

„Ich hab dir beim Schlafen zugeschaut“, antwortete er und lächelte leicht. „Du siehst süß aus, wenn du schläfst.“ Wie er das sagte, so ganz einfach so, ohne jede Scham. Das gefiel mir, ich mochte seine direkte Art und wollte am liebsten auch so offen über gewisse Dinge reden können.

„Du auch“, wagte ich einen Versuch, es ihm gleichzutun, wurde jedoch ein wenig rot dabei.

Tsuzuku lächelte wieder, kam dann übers Bett auf mich zu und drückte mir einen kurzen Kuss auf die Lippen. „Danke, mein Süßer.“

 

Ich setzte mich auf und begann, mich anzuziehen.

Heute war er also, der Tag, an dem ich mein Elternhaus verlassen und mit meinem festen Freund zusammen in eine neue Wohnung in einer anderen Stadt ziehen würde. Wir hatten ja schon alles beisammen, Möbel, Farben für die Wände, alles Notwendige an Hausrat und so weiter. Die Wohnung war klein, aber ich mochte sie und wollte auch gern dort leben. Aber trotzdem fiel mir der Gedanke, meine Eltern zu verlassen, seltsam schwer. Wahrscheinlich war das ganz normal, immerhin war ich noch nie lange ohne die beiden gewesen.

 

Zwar hatte ich meine Tage meist im Akutagawa-Park verbracht und auch eine Zeit lang keine besonders enge Bindung zu meinen Eltern gehabt, doch seit dem letzten Herbst, als wir uns wieder angenähert hatten, war unsere Beziehung wieder familiärer geworden und nun fiel mir der Abschied eben schwer, auch wenn besonders Mama sich auch auf die Entfernung weiter um mich kümmern und ich sicher meine Eltern auch besuchen würde.

 

„Woran denkst du gerade?“, riss mich Tsuzuku mit sanfter Stimme aus meinen Gedanken.

„Daran, dass ich … Mir fällt der Abschied von Mama und Papa gerade ein bisschen schwer“, gab ich zu.

„Aber … du willst doch … mit mir zusammen leben, oder?“ Seine Stimme klang auf einmal verunsichert, so als glaubte er, dass ich jetzt doch lieber hier bleiben wollte.

Ich drehte mich zu ihm um. „Natürlich will ich das. Aber … ich war noch nie lange von Mama getrennt, verstehst du? Und meine Eltern und ich … wir verstehen uns gerade so gut, deshalb ist es eben ein bisschen schwer.“

„Hm, ja, verstehe ich“, antwortete er.

 

Ich stand, fertig angezogen, auf und wartete noch auf ihn, bis er sich ebenfalls angezogen hatte, dann gingen wir zusammen ins Bad. Geduscht hatten wir ja jetzt beide schon, also war nur noch Haare machen und ein bisschen Schminken notwendig.

 

Danach gingen wir runter in die Küche, wo meine Mam schon mit dem Frühstück wartete. Papa saß auch da und las die Zeitung. Als er sah, dass Tsu und ich beide unser übliches Make-up trugen, fragte er: „Müsst ihr denn gleich für den ersten Eindruck in eurem neuen Haus geschminkt sein?“

„Ja“, antwortete ich, noch ziemlich überzeugt, doch dann kam mir ein ziemlich unangenehmer Gedanke, der dafür sorgte, dass ich nichts weiter sagte und der meine Angst vor dem Ausziehen noch ein wenig verstärkte:

Die Leute in dem Haus, in welchem sich unsere neue Wohnung befand, kannte ich noch überhaupt nicht. Ich wusste weder, was für Leute das waren, ob alt oder jung, und ob sie damit zurechtkamen, wenn so ein Paar, wie Tsuzuku und ich nun mal waren, da einzog.

 

Und ich spürte, dass er denselben Gedanken hatte, sich darum auch Sorgen machte. Ich konnte sehen, wie es hinter seinen Augen arbeitete, und fühlte, wie seine Hand, die meine hielt, sie etwas fester drückte.

„Ich will euch beiden keine Angst machen, aber es kann ja durchaus sein, dass ein paar Leute … nicht an Paare wie euch zwei gewöhnt sind“, sprach Papa unsere neu aufgekommene Angst direkt an.

Ich sah Tsuzuku an und wie er sich innerlich zusammenriss, bevor er lächelte und antwortete: „Also kein Rumknutschen im Treppenhaus, alles klar, das kriegen wir hin.“

 

„Ihr könnt euch ja erst mal nach außen hin als Freunde vorstellen“, fuhr Papa fort.

Tsuzukus Griff um meine Hand wurde noch etwas fester. „Nein! Ganz sicher nicht. Ich werd den Leuten schon sagen, dass wir ein Paar sind!“, sagte er, klang fast schon ein bisschen wütend. „Ich werde mich ganz sicher nicht verstellen oder verstecken.“

Ich wollte mich setzen und mir ein Brötchen nehmen, aber Tsuzuku ließ meine Hand nicht los.

„Tut mir leid, aber das mache ich einfach nicht!“, wiederholte er noch einmal. „Es sei denn, Meto hat ein Problem damit.“ Er sah mich an, fragend und zugleich mit einem entschlossenen Leuchten in den Augen. Und ich wusste sofort, dass ich mich ebenfalls nicht würde verstellen wollen und können. Wir waren, wie wir nun mal waren, und würden dazu stehen.

 

Während des Frühstücks beobachtete ich meinen Freund, mehr aus Gewohnheit denn aus Sorge, einfach weil ich darauf eingestellt war, beim Essen auf sein Verhalten zu achten und aufzupassen, dass es ihm gut ging.

Er aß wenig und langsam, nahm nur kleine Schlucke Kaffee, doch irgendwie wirkte er dabei sehr viel weniger krank als vor dem Winter. Die vergangenen Monate über hatten wir gemeinsam an seinem Essverhalten gearbeitet, sodass er zumindest mit dem Geschmack vieler Nahrungsmittel wieder zurechtkam und es beim Essen nicht mehr ganz so sehr auffiel, dass er nicht gesund war.

 

Als wir gerade mit dem Frühstück fertig waren, schellte die Türklingel. Wir hatten ein paar unserer Freunde aus dem Akutagawa-Park eingeladen, uns beim Einzug zu helfen, Koichi hatte Haruna, Hanako und Yami die Adresse gegeben und er wollte vorher noch hier vorbeischauen, um dann mit uns zusammen hinzufahren.  

 

„Hey, ihr Süßen!“, sagte er und strahlte Tsu und mich an. „Ihr habt gestern schon alles losgeschickt, ne? Dann müssen wir jetzt nur noch hinfahren und ‘ne Wohnung draus machen.“

Ich nickte und sah, wie Koichi meinem Freund kurz prüfend in die Augen schaute. Anscheinend war ich nicht der einzige, dem auffiel, dass mit Tsuzuku irgendwas nicht stimmte.

„Geht’s dir gut, Tsu?“, fragte Koichi.

„Ja, alles gut. Ich bin nur ein bisschen aufgeregt.“ Tsuzuku lächelte, legte einen Arm um meine Schultern und zog mich an sich. „Ich ziehe ja zum ersten Mal mit jemandem zusammen.“

Ich spürte, dass Tsu in Bezug darauf, wie es ihm ging, nicht die ganze Wahrheit sagte. Und ich war mir, so, wie ich Koichi kannte, absolut sicher, dass dieser das auch bemerkte.

Koichi war sensibel und aufmerksam, er konnte alles Mögliche in den Augen der Menschen lesen, also musste er in diesem Moment sehen, dass Tsuzuku uns etwas verschwieg. Doch statt das anzusprechen, lächelte er und sagte nur: „Wenn ihr heute Abend da alleine seid, wird es euer Zuhause werden.“

 

Wieso sagte Koichi nichts dazu, dass Tsuzuku uns offensichtlich etwas vorenthielt?

Während wir auf dem Weg zum Bahnhof waren, um zur Wohnung, unserem neuen Zuhause, zu fahren, dachte ich darüber nach, und mir fiel nur ein halbwegs logischer Grund ein: Koichi spürte anscheinend noch deutlicher als ich, dass das, was Tsu uns verschwieg, etwas Schlimmes war, etwas, über das man nicht so einfach sprechen konnte. Anders konnte ich es mir nicht erklären.

 

Ich hielt Tsuzukus linke Hand, ging zwischen ihm und Koichi, und dachte daran, dass schon wieder nicht alles gut war und dass der liebste Mensch, den ich auf dieser Welt hatte, wieder einen Schatten auf der Seele trug. Mit dem Wunsch, ihn wissen zu lassen, dass ich für ihn da war, drückte ich seine Hand und schmiegte mich im Gehen an seinen Arm.

Er sah mich fragend an und ich lächelte, so fröhlich wie ich es nur vermochte.

„Bist du glücklich, Meto?“, fragte er.

Und ich log, oder verschwieg zumindest meine Sorge: „Ja. Sehr glücklich.“

Tsuzuku ließ meine Hand los, um mir den Arm um die Taille zu legen, mich an sich zu ziehen und mir einen Kuss auf die Schläfe zu drücken.

„Ich liebe dich“, flüsterte er.

 

Ich hörte von der anderen Seite Koichi leise „So süß …“ hauchen.

Seine fast mädchenhafte Begeisterung für Tsuzukus und meine Beziehung hatte den Winter überdauert und dann, wenn Tsu ihn hin und wieder scherzhaft darauf aufmerksam machte, dass sein Verhalten etwas von einem Fangirl hatte, lachte der Rosahaarige und behauptete weiter, dass wir eben das niedlichste Liebespaar wären, das er kannte.

 

Im Zug hatten wir ein Abteil zu dritt für uns und Tsuzuku nutzte die etwas vertrautere Atmosphäre, um mich im Arm zu halten und ein bisschen zu streicheln. Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter, spürte seinen Atemrhythmus und seine eine Hand auf meinem Bein, die andere an meiner Seite.

Als ich einen Blick zu Koichi warf, der am Fenster saß und uns beobachtete, fiel mir so ein irgendwie sehnsüchtiger Ausdruck in seinen Augen auf. Ich hatte diesen Blick schon einmal bei ihm gesehen, als wir zu dritt den Liebesfilmabend gemacht hatten, den wir ihm mal versprochen hatten.

 

Ob er wohl ein bisschen neidisch auf uns war? Meinem Wissen nach war er immer noch single, obwohl er, wie er sagte, viele gute Freundinnen hatte.

„Koi…?“, fragte ich vorsichtig. „Hast du… eigentlich mal wieder… ein Mädchen… kennen gelernt…?“

Er schrak ein wenig auf, als wäre er mit den Gedanken eben ganz woanders gewesen.

„Nein, in letzter Zeit nicht. Wieso fragst du, Meto-chan?“

„…Nur so“, antwortete ich und versucht, mir Koichi an der Seite einer Frau vorzustellen. Irgendwie war das schwierig, vielleicht weil ich mir heterosexuelle Paare einfach aufgrund meiner eigenen Orientierung nicht so gut vorstellen konnte, oder weil Koichi so feminin wirkte, dass es kein wirkliches Paar-Bild ergab.

„Bist du überhaupt noch auf der Suche?“, fragte Tsuzuku ihn.

„Nein, im Moment nicht mehr.“ Koichi lächelte, doch es wirkte irgendwie ein wenig aufgesetzt. „Ich bin sowieso immer der Friendzone-Kandidat.“

 

Es war das erste Mal, dass ich glaubte, auch bei ihm, der sonst immer so gut gelaunt und fröhlich wirkte, einen Schatten zu bemerken. Es war eine verborgene, kleine Dunkelheit, von der Koichi vielleicht selbst nichts wusste, doch in diesem Moment sah ich sie.

Und kaum hatte ich das bemerkt, war es auch schon wieder verschwunden, verdeckt, hinter das süße, strahlende Lächeln des Rosahaarigen zurückgetreten, als wäre da gar nichts dunkles, nur Sonnenschein in ihm. Und ich war mir irgendwie sicher, dass er das selbst gar nicht bemerkt hatte.

 

Er nahm sein Handy raus und suchte damit irgendwas, dann hielt er uns das Gerät hin. Auf dem kleinen Bildschirm war ein bodenlanges, schulterfreies, schwarzes Rüschenkleid zu sehen, dazu hohe Schuhe und jede Menge glitzernder Schmuck.

„Das wird meine nächste Errungenschaft“, sagte er und lächelte. „Ist das nicht süß?“

„Schwarz? Mal nicht pink?“, fragte Tsuzuku scherzhaft.

„Schwarz mag ich auch“, antwortete Koichi und deutete auf seine heute tatsächlich in einer sehr dunklen Farbe gehaltene Hose.

 

Für den Rest der Fahrt war die Stimmung in meinem Empfinden ein wenig seltsam, doch als wir in der anderen, größeren Stadt ausstiegen, war alles wieder normal. Tsuzuku wirkte relativ entspannt, Koichi so locker und fröhlich wie immer, und ich war ein bisschen aufgeregt wegen des Umzuges.

Wir mussten noch ein ganzes Stück laufen, bis wir an dem fünfstöckigen Haus ankamen, in dem sich unsere neue Wohnung befand. Während der letzten Monate war ich ein paar Mal hier gewesen und hatte mir alles angeschaut, zuerst von außen, dann auch von innen, das Treppenhaus und dann, als sie frei und leer war, auch die Wohnung selbst. Küche und Badezimmer waren schon fertig eingebaut und installiert, es fehlten nur noch unsere Möbel und Sachen.

Tsuzuku war zwei Mal mit dabei gewesen, hatte mir dabei auch von der Wohnung erzählt, in der er früher mit seiner Mama gelebt hatte, und dann festgestellt, dass unsere neue jetzt zum Glück ganz anders geschnitten war und ihn so kaum an sein früheres Leben erinnern würde.

 

Schon im Treppenhaus hörten wir vertraute Stimmen und als wir im zweiten Stock ankamen, wo links die Tür zum neuen Zuhause abging, sahen wir Haruna, Hanako und Yami auf den Treppenstufen sitzen, wo sie auf uns warteten und sich ein wenig unterhielten.

„Da sind sie ja, die Turteltäubchen!“, rief Hanako, als sie uns sah. Sie stand auf und ich umarmte sie zur Begrüßung, ebenso wie Haruna und Yami. Dann kramte ich den Schlüssel aus meiner Tasche und schloss die Wohnungstür auf. Es fühlte sich an, als täte ich das zum ersten Mal, dabei war es schon das zweite oder dritte Mal.

 

Und blieb, ein wenig erschlagen von dem, was mich drinnen erwartete, erst mal auf der Türschwelle stehen: Anscheinend hatten sich die Umzugsleute, obwohl sie jede Menge Zeit gehabt haben mussten, nicht großartig die Mühe gemacht, die vielen Kisten, Kartons und eingepackten Möbel in der Wohnung zu verteilen, weshalb jetzt vieles davon noch in dem relativ kleinen Flur stand und es auf den ersten Blick gar kein Durchkommen gab.

„Muss man denn hier alles selber machen?“, seufzte Koichi hinter mir und trat dann neben mich, um sich dem sich vor uns ausbreitenden Chaos als erster zu widmen.

 

Und so war das erste, was wir zu sechst taten, ein paar von den Kisten raus ins Treppenhaus zu stellen und dort möglichst so zu stapeln, dass man noch gut durchkam. Als wir bei der Küchentür angekommen waren, deren Küchenzeile wir zum Glück von den Vormietern hatten übernehmen können, bot sich dort fast dasselbe Bild.

Meine Eltern hatten uns einen Teil des Geschirr- und Besteckbestandes, der seit Jahren bei uns in diversen Wohnzimmerschränken auf Benutzung wartete, gespendet, dazu solche Dinge wie Wasserkocher und Küchenmesser, nicht zu viel, aber genug für die ziemlich kleine Küche, auf deren Ablageflächen sich die großen und kleinen Kisten jetzt stapelten.

 

Ich musste lächeln, als ich daran dachte, wie Mama mir immer wieder Vorträge darüber gehalten hatte, dass Tsu und ich uns bloß nicht nur von Tiefkühlpizza und dergleichen ernähren sollten. Ich war nicht besonders gut im Kochen, und Tsuzuku, wie er gestand, ebenfalls nicht, also hatte Mama zumindest mir, damit wenigstens einer von uns irgendwas selbst kochen konnte, einen Crashkurs in Sachen Nahrungszubereitung und gesunder Ernährung verpasst und mir allen Ernstes unter anderem ein Kochbuch zum Geburtstag geschenkt.

„Wer alleine leben will“, hatte sie gesagt, „der muss auch für sich kochen können.“ Und dann hatte sie, leise und mit ein wenig Sorge in den Augen hinzugefügt: „Und außerdem musst du dich, gerade was das Essen angeht, gut um Genki kümmern, Yuu. Pass auf, dass er nicht wieder so abnimmt.“

In dem Moment hatte ich sie sehr deutlich gespürt, die Verantwortung, die ich nun wieder trug, wenn auch nicht ganz allein. Ich war jetzt als sein fester Freund für Tsuzuku verantwortlich, auch wenn Menschen wie Koichi mir manches abnahmen.

 

Über diesen Gedanken hatte ich angefangen, die Kisten mit dem Geschirr zu öffnen und alles in die Schubladen und Schrankklappen zu räumen. Geistesabwesend verspann ich mich weiter in meinen Gedanken und so bemerkte ich erst, dass ich nicht mehr allein in der Küche war, als ich Harunas Stimme neben mir hörte.

„Meto?“ Sie sah mich fragend von der Seite an. „Alles okay?“

Ich schreckte auf, wollte „Ja?“ antworten, verhaspelte mich jedoch und brachte schließlich nur ein heiseres „Hm…?“ heraus.

Haruna lächelte meine Ungeschicklichkeit einfach weg, zog sich ein Haargummi vom Handgelenk und band ihre langen, dunkelblauen Haare zusammen. „Die Wohnung ist ja echt süß. Bezahlen deine Eltern die?“

„Bis … ich fest Arbeit … habe“, antwortete ich. Obwohl ich mit Haruna relativ gut befreundet war, fiel mir das Sprechen ihr gegenüber nach wie vor etwas schwer.

„Was willst du denn arbeiten?“, fragte sie weiter und begann, mir beim Einräumen zu helfen.

„Ich… geh da arbeiten, …wo Koichi …auch ist. Das ist… so ein Café…“

 

Ich war zwei Mal mit Koichi mitgekommen zu dem Café, in dem er arbeitete. Es war eine Art Maid-Café, in dem aber eben keine Maids, sondern vor allem mädchenhafte Männer wie er beschäftigt waren, die alle anscheinend irgendwas Besonderes an sich hatten. Dort war ich mit meinen blauen Haaren, meinen Tattoos und Piercings und sogar mit meinem Sprachfehler gar nicht weiter aufgefallen. Die vornehmlich weiblichen Gäste, denen Koichi mich vorgestellt hatte, fanden diesen Makel an mir seltsamerweise überhaupt nicht hinderlich, sondern sogar niedlich, und wollten mir zuerst gar nicht glauben, dass ich wirklich nicht richtig sprechen konnte. Und als Koichi ihnen dann auch noch erzählt hatte, dass ich Männer mochte, da kriegten sie sich gar nicht mehr wieder ein vor Begeisterung. Dass Mädchen so etwas offenbar toll fanden, wusste ich ja, aber diese Exemplare waren mir immer noch ein wenig unheimlich. Ich war natürlich knallrot geworden und selbst das schienen sie wahnsinnig süß zu finden.

„Du kommst ja gut an bei den Gästen“, hatte der Leiter des Cafés am Schluss zu mir gesagt. „Solche wie dich können wir hier gut gebrauchen. Willst du’s hier mal versuchen?“

Und ich hatte, noch ein bisschen benommen von der mir entgegengebrachten Begeisterung, mit roten Wangen genickt.

Der Termin für das Vorstellungsgespräch war am 6. März.

 

„Ist das so ein Kawaii-Café?“, riss mich Haruna aus meinen Gedanken.

Ich nickte nur, mein Sprechzentrum fiel mal wieder aus irgendeinem Grunde aus. Vielleicht wegen der Aufregung des Umzugs.

„Und was will Tsuzuku arbeiten?“, fragte Haruna weiter.

Mühsam kratzte ich meine Sprechfähigkeit wieder zusammen und erzählte Haruna, dass Tsu sich unter anderem bei zwei Tattoo-Studios beworben hatte. Er hatte von früher eine angefangene Ausbildung in der Richtung und wollte jetzt daran anschließen. Ich fand, dass es für ihn nichts Besseres gab. Schließlich liebte er Bodyart (und ich liebte jedes Detail seiner Körperkunst), und auch, wenn er es oft nicht so mit Menschen hatte, war ich mir sicher, dass ihm diese Arbeit gefallen würde.

 

In dem Moment kam er zu uns in die Küche und sah sich suchend um. „Steht hier vielleicht die Kiste mit meinen Sachen?“

„Nee, ich glaube, hier sind nur die Küchensachen“, antwortete Haruna. „Aber ich hab vorhin eine Kiste mit deinem Namen drauf ins Treppenhaus geräumt. Wieso suchst du die denn?“

„Die Verpackungen von den ganzen Möbeln sind mit Pakettape zugeklebt, die krieg ich ohne Messer nicht auf.“

Sein Messer suchte er also. Aus irgendeinem Grund machte dieses bestimmte Messer mir auch dann Angst, wenn es Tsu gut ging und keine Gefahr bestand, dass er sich verletzte. Ich griff in die offene Schublade vor mir und nahm ein kleines, aber neues und somit bestimmt scharfes Küchenmesser heraus.

„Hier, das geht doch auch, oder?“ Ich hielt es ihm vorsichtig hin und er nahm es entgegen, mit diesem Blick eines Menschen, der nur zu genau wusste, wie man sich damit verletzen konnte. Und irgendwas war da noch in seinen Augen, etwas, das ich in dem Moment nicht deuten konnte.

 

„Meto, kannst du Hanako und mir gleich mit den Wohnzimmermöbeln helfen?“, fragte er dann.

„Wir räumen das hier eben noch ein, dann helfen wir euch“, antwortete Haruna an meiner Stelle, und ich nickte.  

Wir sortierten noch die letzten Sachen an Geschirr und Besteck ein, packten den Wasserkocher und die kleine Kaffeemaschine aus und schlossen beides an, dann falteten wir die leeren Kisten zusammen und brachten sie in den Flur.

Anschließend gingen Haruna und ich rüber ins Wohnzimmer, wo mein Freund gerade auf dem Boden kniete und mit dem kleinen, scharfen Küchenmesser die Folien aufschnitt, die die Einzelteile des neuen Regals enthielten. Hanako riss ein Tütchen mit Schrauben auf und warf immer mal wieder einen Blick auf die Aufbauanleitung. Koichi war mit dem ebenfalls in Folie eingepackten Sofa beschäftigt, welches er mithilfe einer Schere aus ebenjener Folie zu befreien versuchte.

 

„Ich hab so was noch nie gemacht, ich hab keine Ahnung davon“, seufzte Hanako.

„So schwer ist das nicht, es ist nur ein Regal. Das Bett und der Schrank nachher werden  komplizierter“, antwortete Tsu.

„Also hast du das schon mal gemacht?“

„Einmal, früher.“ Er schwieg einen Moment und wirkte auf einmal ein wenig traurig. „Ich hab mal mit meiner Mutter zusammen mein Zimmer neu gemacht.“

Ich kniete mich neben ihn, half dabei, die Bretter aus der Folie zu nehmen, und beobachtete ihn aufmerksam, achtete genau darauf, ob er okay war. Er wirkte zwar ruhig, abgelenkt, und mit dem, was er tat, beschäftigt, aber ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass es in ihm ganz anders aussehen konnte. Doch an seinen Augen war immer gut zu erkennen, ob er auch im Inneren so entspannt war, wie er nach außen hin wirkte. Und als ich ihm jetzt in die dunkelbraunen Augen sah, konnte ich gottseidank zumindest in diesem Moment keine dunklen Schatten auf seiner Seele erkennen.

 

„Lasst mich da mal ran“, sagte Koichi, der inzwischen mit dem Sofa fertig war und Hanako die Aufbauanleitung abnahm. Nachdem er diese kurz, aber offenbar eingehend überflogen hatte, griff er nach einem der langen Bretter, richtete es probeweise auf und schaute dann wieder auf die Anleitung. Und auf einmal wirkte er irgendwie … anders. Sein Ausdruck veränderte sich und er kam plötzlich sehr viel weniger mädchenhaft rüber als vorhin noch.

„Kannst du das, Ko?“, fragte Tsuzuku ein wenig erstaunt.

„Japp!“, antwortete Koichi grinsend. „Ich bin gut in so was.“

Und anscheinend hatte er wirklich Ahnung davon, denn so, wie er uns anwies, erst das Regal und dann die anderen Wohnzimmermöbel zusammen zu bauen, wurde wirklich etwas daraus.

 

„Woher kannst du das?“, fragte Haruna ihn, als er ihr bei dem kleinen Wohnzimmerschrank half.

Er zuckte nur mit den Schultern und meinte, dass er mal vor Ewigkeiten eine Zeit lang in einem Möbelladen gejobbt und das dort gelernt hätte.

Dank seiner Hilfe waren wir mit den Wohnzimmermöbeln kurz nach Mittag fertig und nachdem Yami etwas verspätet mit dem Essen eingetroffen war, machten wir Pause, und wandten uns danach dem Schlafzimmer zu.

 

„Sehr gemütlich, dieses Weiß“, sagte Haruna ironisch und zog eine Augenbraue hoch mit Blick auf die weißen Wände.

„Das kommt alles noch“, antwortete Tsu. „Wir wollen erst mal hier einziehen, dann können wir immer noch streichen.“

„Und an welche Farbe dachtest du da?“

„Ich finde schwarz oder rot ganz gemütlich“, antwortete er und grinste leicht.

Haruna lachte. „Wieso frag ich dich eigentlich noch?“

 

Das Bett und den Kleiderschrank zusammen zu bauen, erwies sich wirklich als recht kompliziert. Gerade das Bett machte es selbst Koichi schwer. Tsu und ich hatten uns beim Aussuchen für ein edles Modell mit rotschwarzer Kunstlederpolsterung entschieden (wobei das eher Tsuzukus, als meine Idee gewesen war) und das war irgendwie nicht ganz so leicht zusammen zu bauen wie ein normales, nur aus Holz gebautes Bett.

„Schönes Liebesnest“, kommentierte Hanako zwischendurch das halb fertige Möbel. „Lasst mich raten, das war deine Idee, Tsu?“

„Ich weiß nicht, was ihr habt“, erwiderte mein Freund und strich mit der Hand über das glatte, rote Polster. „Ihr könnt mir nicht erzählen, dass ihr zwei nicht auch von so einem Bett träumt.“

„Könnt ihr mir mal helfen, statt hier die erotische Ausstrahlung dieses unmöglichen Bettchens zu besprechen?!“, unterbrach Koichi die etwas merkwürdige Unterhaltung, welche mir schon ein wenig das Blut in die Wangen getrieben hatte. „Wo steckt Yami eigentlich schon wieder?“

„Die ist eine rauchen gegangen“, antwortete Haruna, griff sich eins der Polsterteile und machte sich daran, Koichi beim Zusammenbauen zu helfen.

 

Als Yami nach einer ganzen Weile vom Rauchen zurückkam, waren wir mit dem Aufbau des Bettes fertig und hatten gerade mit dem Schrank angefangen. Sie wirkte auf einmal irgendwie merkwürdig und sagte dann: „Wisst ihr, was hier ganz in der Nähe ist?“

„Was denn?“, fragte Koichi.

„Die Psychiatrische Klinik. Ich bin bisschen rumgelaufen und da vorbeigekommen. Irgendwie total unheimlich, so was, oder?“

„Was ist daran unheimlich?“, fragte Haruna.

„Na ja … die Geschlossene und so was. Ich stell mir das furchtbar vor, wenn man da eingesperrt ist.“

„Bei manchen Krankheiten muss das eben sein“, sagte Hanako.  

 

Ich sah, mehr zufällig, zu Tsuzuku, der auf dem Boden kniete und eine Schraube am Schrank anzog. Auf den ersten Blick wirkte er ganz konzentriert und ruhig, doch als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass er den Schraubenschlüssel krampfhaft fest mit der Hand umklammert hielt, so fest, dass seine Fingerknöchel schon ganz weiß waren.

Vielleicht musste er bei der Erwähnung der Klinik an das Mädchen aus dem Tempel denken, Hitomi, die sich im Herbst die Arme aufgeschnitten hatte und dann in die Psychiatrische Klinik gekommen war. Das hatte ihn damals ziemlich mitgenommen und so war es vielleicht nicht verwunderlich, dass ihn das jetzt innerlich aufregte.

 

Yami vertiefte das Thema zum Glück nicht weiter und so war nach ein paar Augenblicken alles wieder okay. Irgendwie wurde dann auch der Schrank fertig und wir konnten auch hier die Sachen aus den Kisten einräumen.

Dabei entdeckte Haruna Tsuzukus Visual Kei Sachen und fragte: „Wow, sind die cool! Wo hattest du die denn die ganze Zeit?“

„Die habe ich mit Meto zusammen gekauft und er hatte sie dann in seinem Zimmer“, antwortete mein Freund und hängte den schwarzen Lackmantel in den Schrank.

„Komm doch mal wieder zu uns in den Park und zieh dann so was an“, sagte Yami.

„Ich weiß nicht, ob ich da überhaupt jemals wieder hinkomme“, erwiderte Tsuzuku. „Ich denke, das würde mich zu sehr daran erinnern, wie schlecht es mir ging, versteht ihr?“

„Ach so …“, sagte Haruna, lächelte dann aber. „Na dann, kommen wir dich eben hier besuchen.“

 

Später, als wir dann mit allem fertig waren, waren wir alle zusammen in der Küche. Tsuzuku stand am offenen Fenster und rauchte, ich saß mit hochgezogenen Knien auf einem unserer wenigen Stühle und Haruna und Hanako saßen mir gegenüber, während Koichi an der Küchenzeile lehnte und Yami sich auf den Boden gesetzt hatte.

„Wenn ihr die Wände streichen wollt, helfen wir wieder“, sagte Haruna und nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. „Oder wenn was anderes ist, einfach Bescheid sagen.“

„Danke, machen wir“, erwiderte Tsuzuku und drückte seine Zigarette auf der äußeren Fensterbank aus, ließ sie dann aus dem Fenster fallen.

 

„Sag mal, Yami …“, fragte er nach einer Weile, „Du hast vorhin, als du draußen warst, nicht zufällig irgendwo hier in der Nähe ein Sportstudio gesehen?“

„Doch, hab ich“, antwortete sie. „Hier die Straße runter ist eines, ein ziemlich großes sogar. Brauchst du eins?“

Tsuzuku lächelte leicht. „Den Trainingsraum im Tempel kann ich ja jetzt nicht mehr nutzen.“

„Wie viel trainierst du denn eigentlich?“, fragte Koichi. „Du hast ja schon bisschen was zugelegt.“

„Ich dachte, jetzt so zwei Mal die Woche, wenn ich dann arbeite. Im Tempel hab ich jeden zweiten Tag was gemacht.“

„Dann solltest du aber nicht so viel rauchen, Tsu“, sagte Hanako.

„Ich glaube, damit kann ich nicht aufhören. Ich brauche das zur Beruhigung.“

 

Daraus entspann sich eine kleine Diskussion über das Rauchen, an der ich mich jedoch kaum beteiligte. Ich rauchte zwar selbst, aber nur hin und wieder mal, mehr aus gegebenen Anlässen, als aus Sucht. Tsuzuku und Yami dagegen waren wirklich abhängig, und Koichi gab zu, ebenfalls nicht wirklich ohne Zigaretten auskommen zu können.

 

„Bin ich hier etwa die einzige, die noch nie an ‘nem Glimmstängel gezogen hat?“, fragte Hanako verwundert.

„Ich hab aufgehört“, sagte Haruna. „Ich brauch das Zeug nicht.“

„Ich weiß. Danke, mein Schatz.“ Hanako lächelte und drückte ihrer Freundin einen kurzen Kuss auf die Lippen. Irgendwie fand ich die beiden in dem Moment süß, so zusammen, nicht so als weibliche Wesen, sondern einfach als zwei Menschen, die sich sehr gern hatten und ihr Leben miteinander verbrachten.

 

Irgendwann, als es schon ganz dunkel draußen war, machte sich zuerst Yami auf den Heimweg, dann Haruna und Hanako. Koichi blieb noch eine Weile, er wohnte ja in dieser Stadt und musste nur die Stadtbahn nehmen.

„Was macht ihr morgen?“, fragte er.

„Essen kaufen“, antwortete Tsuzuku und deutete auf den leeren Kühlschrank.

„Ich kann mitkommen, dann könnt ihr mehr kaufen und ‘nen kleinen Vorrat anlegen“, bot Koichi an, woraufhin ich nickte und zu Tsu sah, der den Kühlschrank öffnete und irgendwas von Bier murmelte.

„Klappt das denn jetzt mit dem Essen?“, fragte Koichi dann.

„Ja.“ Mein Freund lächelte. „Alles gut, ich bin okay.“

„Beim Arzt und so bist du aber noch nicht gewesen, oder?“

„Nein. Wie ich schon sagte, mir geht’s gut.“

Ich glaubte, einen leicht genervten Ton aus Tsuzukus Stimme herauszuhören, doch das konnte auch meine Einbildung sein, weil ich mir eben weiterhin angewöhnt Sorgen um ihn machte. Und ich dachte an meine eigenen Probleme, daran, wie ich letztes Jahr auch nicht zu Frau Hiranuma hatte gehen wollen, weil es mich genervt hatte. Von daher konnte ich verstehen, dass Tsu weder zu einem Arzt, noch zu einem Psychologen gehen wollte.

 

Kurz darauf machte sich auch Koichi auf den Heimweg und Tsu und ich machten uns kurz für die Nacht fertig. Und als ich dann in der Tür des Schlafzimmers stand und mir das ansah, was von jetzt an mein – unser – Zuhause sein sollte, da fühlte ich mich schon ein wenig daheim. Ich hörte die Badezimmertür klappen, dann leise Schritte hinter mir, und ein warmer, noch bekleideter Körper schmiegte sich von hinten an meinen.

 

„Gefällt dir unser Zuhause?“, fragte Tsuzuku mit sanfter Stimme und streifte mit den Lippen meinen Nacken, was mir eine leichte Gänsehaut bescherte. Ich nickte, lehnte mich ein wenig an ihn und berührte seine Hände an meinem Bauch, strich gedankenverloren mit dem Daumen über seinen Handrücken, spürte die Sehnen und Adern unter der glatten, warmen Haut.

 

„Wie wär’s, wenn wir das jetzt einweihen?“ Seine Stimme nahm einen verführerischen Klang an, während seine Hand etwas höher wanderte und über meine Brust strich. „Du hast es mir versprochen, Meto-chan.“

Ich lächelte, drehte mich in seinen Armen zu ihm um und nahm sein Gesicht in meine Hände.

„Einweihen nennst du das?“, fragte ich lächelnd. „Das fällt wohl eher unter ‚Entweihen‘.“

„Nenn es, wie du willst, mein Süßer.“ Er grinste, überbrückte dann die kurze Distanz zwischen meinen und seinen Lippen und küsste mich, wobei er mich eindeutig spüren ließ, dass das ein ‚Ich will dich‘-Kuss war. „Und?“, fragte er. „Willst du?“

 

Natürlich wollte ich! Aber ganz so leicht wollte ich es meinem Freund nicht machen. Schließlich lebte das Ganze ja nicht zuletzt auch von einer gewissen Spannung. Er wollte mich kriegen, erobern, verführen? Das konnte er haben!

Ich schob meine Hände zwischen uns und hielt ihn fest, mit einem gewissen Abstand, der ihn spüren lassen sollte, dass ich ihn heute nicht ohne ein kleines Spiel vorher ranlassen würde.

„Immer einfach wird doch langweilig, oder?“, sagte ich leicht grinsend und brachte noch ein wenig mehr Abstand zwischen uns.

 

Er verstand sofort, und sprach mit verrucht rauer Stimme in mein Ohr: „Soso, Meto will spielen?“

„Erraten!“, grinste ich, stieß ihn spielerisch von mir und lief los, wahllos in die Küche. Er war sofort gleich hinter mir, und als ich den kleinen Tisch umrundete und mich dabei nach ihm umsah, war da so ein Leuchten in seinen Augen. Anscheinend hatte ich seinen Spieltrieb geweckt, und das würde ich jetzt, so gut ich konnte, ausnutzen.

 

„Ich krieg dich!“, rief er lachend, als ich knapp vor ihm über den Flur ins Wohnzimmer rannte. Vor der Couch bekam er mich zu fassen, versuchte, mich darauf niederzudrücken und zu kitzeln, doch ich wollte die Spannung noch ein wenig halten und ließ ihn nicht ganz an mich heran. Ich selbst spürte schon, wie sich das heiße Kribbeln in meinem Bauch ausbreitete, und hätte Tsuzuku am liebsten sofort alle Kleider vom Leib gerissen, doch ein wenig beherrschte ich mich noch und spielte das Spiel ein paar Momente lang weiter. Ich wand mich in seinen Armen, musste lachen, als er mich wieder kitzelte, doch als er dann auf einmal mit der Handfläche fest auf meinen Unterleib drückte, genau da wo es kribbelte, da entfuhr mir ein eindeutiges Stöhnen.

 

„Genug gespielt“, sagte er und drückte mich auf die Couch, sah mir dann tief in die Augen, während er mich an den Schultern festhielt. „Willst du es hier oder im Bett?“ Seine Atmung ging schon etwas tiefer und als ich kurz den Blick nach unten senkte, sah ich auch die verräterische Ausbeulung in seiner Hose.

Da konnte es wohl jemand kaum noch erwarten! Na dann wollte ich ihn mal nicht länger warten lassen. Schließlich wollte ich ja genauso.

„Im Bett“, antwortete ich, woraufhin er meine Schultern los ließ, sodass ich aufstehen konnte. Erst dabei bemerkte ich, wie heiß ich selbst schon war, wenn auch noch weniger und langsamer als Tsu. Ihm entging das natürlich nicht, er streckte die Hand nach mir aus und berührte meinen Schritt, lächelte anzüglich und sagte: „Du wirst ja auch schon ganz geil.“

„Du aber auch“, machte ich wieder mal einen Versuch, genauso unverblümt zu reden wie er. Sogar recht erfolgreich, denn ich spürte diesmal kein Blut in meine Wangen steigen und fühlte mich auch kaum unsicher oder peinlich. Vielleicht wurde das ja doch noch was mit mir und dem Reden.

 

Tsuzuku erwiderte darauf nichts, legte mir nur die Hände an die Seiten und küsste mich, während er mich langsam rückwärts in Richtung Schlafzimmer dirigierte. Ich stolperte etwas ungeschickt vor ihm her, er hielt mich fest, sah mich an und unterbrach den Kuss, als wir gerade mitten im Flur standen.

„Vertraust du mir?“, fragte er und schob langsam mein Shirt hoch. Seine großen, warmen Hände auf meiner Haut ließen heiße Schauer über meinen Körper huschen und ich seufzte angetan.

„Ja“, hauchte ich wahrheitsgemäß. „Na klar tu ich das.“

„Dann … darf ich dir gleich wieder die Augen verbinden?“

„Wieso das denn?“, fragte ich, obwohl ich ja genau wusste, dass ihn das anmachte, wenn ich die Augen verbunden hatte. Aber ich wollte es hören.

Er senkte den Kopf, bis seine Lippen an meinem Hals waren, und antwortete mit leiser, rauer Stimme: „Weil mich das so verdammt heiß macht …“

Es tat mir sehr gut, zu spüren, wie selbstsicher er in diesem Moment war und es gab mir wieder diese Sicherheit, dass ich mir keine Sorgen um ihn machen musste.

 

„Dann mach“, antwortete ich, er nahm meine Hand, führte mich in unser Schlafzimmer und begann, nachdem ich mich aufs Bett gesetzt hatte, damit, im Schrank und den letzten noch nicht ausgeräumten Kisten nach einem meiner Schals zu suchen.

Ich zog mich inzwischen aus, und als Tsuzuku sich mir wieder zuwandte, mein schwarzes Halstuch in der Hand, sagte er: „Eigentlich wollte ich dich ja ausziehen.“ Er setzte sich zu mir und fuhr fort: „Aber so ist auch gut.“ Ich sah ein warmes Leuchten in seinen Augen, bevor er mir das Tuch anlegte und fest zuband.

„Wenn irgendwas ist, wenn du dich unwohl fühlst oder so, dann sag mir das, okay?“, hörte ich seine Stimme.

 

Ich nickte und spürte dann, wie er aufstand, hörte ihn sich ausziehen, das Rascheln von Stoff und das metallische Klimpern seiner Gürtelschnalle. Obwohl ich nichts sah, wusste ich relativ genau, was er tat, und als er sich wieder zu mir setzte, spürte ich seine Nacktheit, noch ehe er sich an mich schmiegte, mich küsste und umarmte. Sein warmer Körper an meinem fühlte sich unheimlich gut an und ich tastete nach ihm, berührte seine weiche, glatte Haut und hörte ihn wohlig seufzen.

„Kennst du das auch?“, fragte er. „Dass man viel empfindlicher ist, wenn man gar nichts mehr anhat?“

„M-hm.“ Ich nickte.

 

Tsuzuku stand wiederum auf, blieb jedoch nicht lange von mir, sondern setzte sich rittlings auf meinen Schoß und drückte sich an mich, sodass seine erregte Körpermitte die meine berührte, die inzwischen nicht weniger heiß war.

Ich keuchte leise, hörte ihn aufstöhnen und ließ meine Hände von seinen Schultern aus abwärts wandern, bis zu seinen gepiercten Nippeln, die ich mit sanftem Druck streichelte, wissend, wie sehr er das mochte. Seine Atmung beschleunigte sich weiter, wurde tiefer und ich spürte die ruckartigen Bewegungen seiner Brust unter meinen Händen.

Etwas zu tun, das ihm so gefiel, machte mich an, und ich war glücklich, dass ich ihm so gute Gefühle schenken konnte.

 

„Leg dich hin“, hörte ich ihn sagen, seine Stimme klang tief, rau und erregt.

Ich ließ mich langsam nach hinten sinken, etwas unsicher und einen Moment lang ein wenig orientierungslos. Ich hatte den Raum noch nicht im Gefühl und spürte jetzt, dass ich doch ein wenig aufgeregt war, einfach noch wegen des Umzuges und weil das hier die erste Nacht in unserer ersten gemeinsamen Wohnung war, in unserem neuen Leben.

 

Tsuzuku beugte sich über mich, ich spürte seine Hände auf meiner Brust, seine Fingerspitzen an meinen Nippeln, hörte ihn ganz nah atmen und dann lagen seine Lippen auf meinen, er knutschte mich wild und leidenschaftlich ins Kissen, während seine Finger meine Brustwarzen so erregend drückten und rieben, dass ich in den Kuss stöhnte und meinen Körper seiner Nähe und seinen Zärtlichkeiten entgegenbog. Er löste den Kuss, lachte leise und rutschte ein Stück weit runter, im nächsten Moment spürte ich statt seiner Finger nun seine Lippen auf meiner Brust, wie sie küssten und saugten und mich so schon ansatzweise um den Verstand brachten. Seine Zunge trug auch ihren Teil dazu bei und so gab ich, nach lautem Stöhnen, ein unwilliges Jammern von mir, als er plötzlich aufhörte und von mir verschwand.

 

„Ich bin gleich wieder bei dir“, antwortete er und ich hörte, wie er irgendwo herumkramte, höchstwahrscheinlich das Gleitmittel und die Schachtel mit den Kondomen suchte. Er gab ein leises „Ah“ von sich und war kurz darauf wieder bei mir, legte die beiden Sachen irgendwo neben mich aufs Bett. Dann beugte er sich wiederum über mich, begann von neuem, meine Nippel zu küssen, und gleichzeitig wanderte seine Hand unter meinen Rücken, runter zu meinem Hintern, wo seine Finger zwischen meinen Pobacken nach meinem Eingang tasteten.

Kurz zog er seine Hand wieder zurück, ich hörte das klackende Geräusch vom Öffnen der Gleitmitteltube und spürte das kühle, glitschige Zeug bald darauf in der Ritze. Damit er besser rankam, drehte ich mich auf die Seite und hörte ihn fragen: „Wie hättest du es denn gern?“

 

Nach unserem zweiten Mal, das ich nach wie vor als schönsten Sex meines Lebens in Erinnerung hatte, hatte Tsuzuku sich diese Frage ein wenig angewöhnt. Er fragte immer, wie ich es gern haben wollte, wir hatten uns zuvor informiert und infolgedessen schon ein bisschen was an Stellungen und Spielarten ausprobiert. Nichts Besonderes, nur das, wo er sicher sein konnte, dass es mir wirklich gefiel.

Am liebsten mochte ich es, wenn er hinter mir lag, mich im Arm hielt und so nahm, während er, ehrlich wie er diesbezüglich war, zugab, dass es ihm am besten gefiel, mich auf dem Bauch liegend unter sich zu haben und so in mich zu stoßen. Letzteres hatten wir jedoch nur bei unserem ersten Mal und noch einmal danach gemacht, weil Tsuzuku sich, wie er sagte, dabei nicht ganz sicher sein konnte, die Kontrolle über sich selbst zu wahren und mir nicht zu sehr weh zu tun. Es war, wie er mir versicherte, keineswegs so, dass ihm nur diese Stellung wirklich gefiel, nur machte ihn diese eben am meisten an.

Etwas, das uns beiden gefiel, war, wenn ich auf dem Rücken lag, die Knie hochzog und mich ein wenig verbog, während Tsu zwischen meinen Beinen kniete und ich dann, wenn er in mir war, meine Beine um seinen Rücken legte.

Ich mochte es, ihm in die Augen zu sehen, wenn wir miteinander schliefen, konnte ich dann doch seine Gefühle, seine Lust und Selbstsicherheit sehen.

 

„Meto?“, sprach Tsuzuku mich wieder an, als ich zuerst nicht antwortete. „Wie möchtest du’s?“

Sein Finger drückte gegen meinen Eingang, drang langsam in mich und vernebelte mir so den Verstand. Es war nicht nur so, dass ich seine Berührung jeder Art mochte, sondern inzwischen machte es mich explizit an, etwas dort in mir zu spüren. Ich stöhnte, drückte mich seiner Hand entgegen und antwortete: „Heute … ohhh… überlass ich das dir …!“

Wie zur Antwort nahm er einen zweiten Finger dazu und begann, mich vorsichtig zu dehnen. Doch anscheinend ging das nicht so gut wie sonst, denn er flüsterte: „Entspann dich“, küsste meine Schulter und streichelte mit der anderen Hand meinen Bauch. Ich spürte eine ganz leichte Anspannung in meinem Innern, doch so verschwindend gering, dass ich sie zu ignorieren suchte.

 

„Ich bin entspannt“, sagte ich, denn eigentlich war ich das ja. Ich war entspannt, heiß und willig, und hatte wirklich Lust auf Sex. Wenn ich daran dachte, ihn gleich in mir zu spüren, bekam ich vorfreudiges Herzklopfen, und als seine freie Hand meine Erregung griff und zu massieren begann, kamen die Worte dessen, was ich wollte, ganz leicht über meine Lippen: „Tsuzuku, nimm mich …! Ich will dich in mir haben. Mach mit mir, was du willst, ich vertrau dir, und lass mich spüren, was du fühlst!“

Er lachte, dieses süße, leise Lachen, und antwortete: „Das kannst du haben, mein Süßer.“

Seine Hand wanderte von meiner Härte hoch zu meinen Nippeln und täuschte dort Küsse vor, während die andere mich weiter dehnte, so lange, bis ich vollkommen im Zustand ‚rollige Katze‘ war. In meinem Bauch wachte das heiße Ziehen auf und ich wand mich stöhnend unter der zärtlichen, liebevollen, und doch sehr bestimmten ‚Behandlung‘ meines Liebsten.

 

Er ließ mich wieder los, zog seine Finger aus mir zurück, und ich hörte, wie er ein Kondom aus der Schachtel nahm, auspackte und über seiner Härte abrollte.

Durch die Augenbinde waren meine übrigen Sinne geschärft, ich lauschte dem Geräusch seines erregten Atmens und spürte seine wohltuende Nähe. 

„Bereit?“, flüsterte er, bis aufs Äußerste erregt.

Ich nickte, was er mit einem spielerischen Zwicken in meine Brustwarze quittierte.

„Sag, Meto. Bist du soweit?“

„Jaah! Mach!“

 

Einen Moment später fand ich mich auf dem Bauch liegend wieder, die Beine gespreizt und Tsuzuku dazwischen. Irgendetwas fühlte sich ein wenig seltsam an, doch ehe ich herausfinden konnte, was es war, oder etwas sagen konnte, senkte sich der heiße, hocherregte Körper meines Freundes auf mich und drängte in mein Inneres.

Ich hörte sein tiefes Stöhnen und genoss einige Augenblicke lang das wunderschöne Gefühl, eins mit ihm zu sein und seine Selbstsicherheit zu spüren. Ich liebte ihn so sehr und zu wissen, dass er sich mehr als gut fühlte, machte mich so glücklich!

 

Tsuzuku küsste kurz meinen Nacken, richtete sich dann auf und legte beide Hände auf meinen Rücken, drückte mich in die weiche Matratze und ich spürte, wie er seine Dominanz in dieser Stellung genoss. Dass ich immer noch die Augen verbunden hatte, machte ihn sicher zusätzlich an. Doch ich fühlte mich dadurch keineswegs unwohl, und auch, als er dann zum ersten Mal in dieser Nacht in mich stieß, fühlte sich das gut an.

 

Umso überraschter und verwirrter war ich, als sich mein Körper einige Stöße später plötzlich anspannte und krampfte. Mit einem Schlag war das schöne Gefühl fast weg und ich spürte nur noch ein Spannen und brennenden Schmerz.

Tsuzuku bekam davon im ersten Moment nichts mit, er war schon viel zu versunken in seiner eigenen Lust und stieß weiter in mich, stand am Rande seiner Selbstbeherrschung.

Ich drückte mein Gesicht ins Kissen, erstickte so das schmerzerfüllte Zischen und versuchte, den Schmerz irgendwie zu ignorieren. Die Worte „Hör auf …“ brachte ich kaum übers Herz, doch irgendwann verließen sie von selbst meine Lippen.

 

Tsuzuku stoppte beinahe sofort, nahm seine Hände von meinem Rücken und fragte, noch ganz atemlos: „Was ist? Was hast du?“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, war viel zu verwirrt davon, dass es auf einmal wieder wehtat, ihn in mir zu haben. Ich hatte keine Ahnung, was der Grund dafür sein konnte, und vor allem wollte ich nicht, dass Tsu sich jetzt schuldig fühlte.

„Meto, was ist los? Hab ich dir wehgetan?“, fragte er mit besorgter Stimme.

Ich wollte antworten, wollte sagen, dass es nicht seine Schuld war und ich mir das selbst nicht erklären konnte, doch meine Stimme versagte mir den Dienst.

 

Ganz langsam und sehr vorsichtig zog Tsu sich aus mir zurück, legte sich dann neben mich und streichelte etwas unbeholfen meinen Arm. Kurz darauf spürte ich seine Hand an meinem Kopf, er löste die Augenbinde, sodass ich ihn wieder sehen konnte. Und er die Tränen in meinen Augen bemerkte.

Er sah mich erschrocken an, dann sah ich die Schuldgefühle in seinem Blick. Immer noch unfähig zu sprechen, wandte ich mich ihm zu, schmiegte mich an ihn, um ihm irgendwie zu zeigen, dass er nicht die Schuld für meine Schmerzen trug. Er hatte nichts falsch gemacht. Und so hob ich den Kopf und küsste ihn, so liebevoll wie ich nur vermochte.

 

„Sag doch, was los ist“, flüsterte er verzweifelt. „Ich hab dir wehgetan, oder? War ich zu hart zu dir, hab ich mich zu sehr gehen lassen? Sag doch was!“

Mühevoll sammelte ich meine Sprache wieder zusammen und brachte ebenso leise heraus: „Du hast nichts falsch gemacht, Tsuzuku. Gar nichts. Mach dir bitte, bitte keine Vorwürfe. Mein Körper hat einfach nicht mitgespielt, da kannst du absolut nichts dafür.“

„Ich hätte es merken müssen“, widersprach er.

„Hättest du nicht!“ Ich richtete mich, den Schmerz verbeißend, auf, beugte mich über ihn und sah ihm fest in die Augen. „Tsu, du warst geil bis in die Haarspitzen, du musstest gar nichts merken! Ich weiß ja selber nicht, wieso das jetzt so passiert ist, aber was ich weiß, ist, dass du nichts, aber auch gar nichts falsch gemacht hast! Es lag an mir, an meinem Körper, und ich komm schon damit klar, hörst du?“

 

Da war er wieder, der Schatten, der Schmerz in seinen Augen. Hinter ihnen arbeitete es, verletzt, reuevoll und voller Selbstvorwürfe. Und ich sah Angst.

Er drehte den Kopf zur Seite, wich meinem Blick aus, und ich spürte deutlicher als je zuvor, dass da etwas war, worüber er mit mir nicht sprechen wollte oder konnte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, traute mich jetzt auch nicht, zu fragen, was mit ihm los war. Wenn ich ehrlich war, hatte ich selbst Angst davor.

 

„Meto, es tut mir leid, wirklich …“, sagte er leise. „Ich weiß ja, dass du diese Stellung nicht so magst, aber … ich hab die Kontrolle verloren.“

Offenbar hatte es ihn wirklich tief getroffen. Und zu spüren, wie er sich selbst fertig machte, tat mir noch viel mehr weh als der körperliche Schmerz. Eben noch war Tsuzuku so glücklich und selbstbewusst gewesen und jetzt brach er so zusammen. Und dabei hatte er sich doch den ganzen Tag darauf gefreut, mit mir zu schlafen … Ihm das verwehren zu müssen, machte mich unheimlich traurig. Ich wusste doch, wie wichtig ihm das war.

 

Und als ich ihn wieder ansah, da sah ich Tränen in seinen braunen Augen, und wie er sich auf die Lippen biss. Er flüsterte, mehr zu sich selbst, Worte, die ich nicht verstand, dann setzte er sich auf und zog die Knie an. Es war diese Haltung, die immer dann kam, wenn er innerlich abstürzte, das Glück in ihm wieder einmal zerbrach.

 

Das konnte doch nicht nur daran liegen, dass er mir versehentlich wehgetan hatte! Da war noch etwas anderes im Spiel. Und schon wieder waren wir an diesem Punkt, an dem ich nicht weiter wusste.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und wagte einen Versuch, an diesen Punkt näher heranzukommen: „Tsuzuku, was denkst du denn jetzt?“

 

Er antwortete nicht, blickte nur ins Leere, und ich wusste, ich war ganz nah dran an seinem Geheimnis. Ich setzte mich ebenfalls auf, ignorierte den Schmerz, der auch schon etwas weniger geworden war, und sah meinen Freund von der Seite an.

Die Tränen liefen über seine Wangen, er zitterte leicht und ich spürte, wie niedergeschlagen und traurig er war und dass er große Angst hatte.

 

Und als er dann endlich doch etwas sagte, half das auch nicht weiter: „Ich glaub, ich schlafe jetzt besser auf dem Sofa.“ Er wollte aufstehen und gehen, doch ich ließ ihn nicht, nahm seine Hand und hielt ihn fest.

„Du bleibst hier!“, sagte ich laut. „Das hier ist unsere erste Nacht in unserem neuen Leben, die wirst du ganz sicher nicht auf der Couch verbringen!“

 

Er sah mich mit großen Augen an, ungläubig. Ich zog ihn zu mir, legte eine Hand in seinen Nacken, während ich mit der anderen die seine festhielt, und küsste ihn, ganz zärtlich und weich und liebevoll, mit allem, was ich für ihn empfand.

„Ich lass dich doch jetzt nicht gehen“, flüsterte ich und nahm ihn in meine Arme. Tsuzuku wehrte sich nicht, sondern ließ sich einfach von mir umarmen. Er zitterte immer noch, und als er sein Gesicht an meinem Hals barg, spürte ich seine Tränen, doch ich fühlte, dass es ihm ein wenig besser ging.

„Meto …“, sprach er leise und küsste meine Halsbeuge. „Wie hab ich so was Süßes wie dich nur verdient?“

 

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, hielt ihn einfach im Arm und streichelte ihn, bis er sich wieder beruhigt hatte und nicht mehr zitterte. Irgendwann ging seine Atmung wieder ganz ruhig und gleichmäßig und ich spürte, dass er sich wieder einigermaßen gut fühlte.

 

Ich ließ mich langsam auf den Rücken sinken, zog Tsuzuku mit mir und eng an mich. Dabei dachte ich an unsere kleine Reise damals, als er mir seine Liebe gestanden hatte und wir sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Nacht intim miteinander geworden waren. Jene zweite Nacht war in meiner Erinnerung nicht ganz einfach gewesen und deshalb dachte ich jetzt daran.

 

Tsuzuku schmiegte sich an mich und ich fühlte, wie, wenn auch langsam und zögerlich, seine Lust wieder aufflammte. Seine Fingerkuppen gruben sich in meinen Rücken, er küsste meine Schulter und flüsterte: „Mach mit mir, was du möchtest …“ Und dann: „Ich gehör‘ nur dir.“

Seine Worte rührten mich, ich spürte ein leichtes Kribbeln in meinem Innern und gerührte Hitze in meinen Augen, so als müsste ich gleich weinen. Ich wollte etwas erwidern, wollte sagen, dass er vor allem sich selbst gehörte, doch meine Sprache versagte mir wieder den Dienst. Und so tat ich, wie er sagte, berührte und streichelte ihn überall, wo ich herankam, küsste ihn und freute mich über seine wohligen, genießenden Seufzer.

 

„Ich liebe dich, Tsuzuku“, flüsterte ich, als ich meine Sprache wieder beisammen hatte. „Vergiss das nie, hörst du?“

Er nickte, seufzte dann, weil ich ihn weiter streichelte und ihm das gut tat, einfach nur angefasst und umarmt zu werden. Seine Angst und Traurigkeit schienen wieder verschwunden, er wieder glücklich, und alles gut. Ich wusste, das würde nicht so bleiben, doch daran wollte ich jetzt nicht denken. Alles, was ich wollte, war, Tsuzuku zu lieben und zu halten, es mit der Lust ganz langsam angehen zu lassen und auch von ihm gehalten zu werden. Und das bekam ich.

Wir liebten uns langsam und ein bisschen vorsichtig, ohne erneutes Eindringen, nur lieb haben und anfassen, und danach, als Tsuzuku in meinen Armen einschlief, fühlte ich mich schwebend, wie im Traum, bevor ich selbst in einen tiefen Schlaf sank.

Es war spät abends, als ich mich als Letzter auf den Weg nach Hause machte. Meine Wohnung lag in einem anderen Stadtviertel und ich nahm die Nachtbahn, die zu dieser Zeit fast völlig leer war. Ich holte mein Handy aus der Tasche, steckte mir die Kopfhörer in die Ohren und stellte leise Musik an, während ich aus dem Fenster in die Dunkelheit schaute. Bahnfahren hatte für mich immer etwas meditatives, gerade wenn es so leer und ruhig war. Ich konnte dann immer gut nachdenken und so dauerte es auch heute nicht lange, bis ich in Gedanken war. Die sich, nachdem ich ja den Tag mit Tsuzuku und Meto verbracht hatte, vor allem um die beiden drehten.

 

Ich machte mir Sorgen um Tsu. Er wirkte irgendwie belastet und schien vor etwas Angst zu haben. Doch, und das war es, was mir wirklich Sorgen machte, er schien nicht darüber sprechen zu wollen. Und deshalb sprach ich ihn auch nicht darauf an. Ich sah viel Abwehr und eben Angst in seinen Augen, spürte deutlich, wie sehr er sich davor fürchtete, dass jemand bemerkte, dass bei ihm etwas nicht stimmte, und ihn darauf ansprach.

Also behielt ich meine Sorge für mich, machte mir meine eigenen Gedanken und Vermutungen und versuchte, mir nicht allzu viel anmerken zu lassen. Auch, weil ich selbst ein wenig Angst hatte. Hoffentlich war das, was Tsuzuku da mit sich herumtrug, nichts allzu schlimmes. Wobei mein Gefühl, auf das ich mich eigentlich immer verlassen konnte, mir sagte, dass genau das der Fall war. Dass es schlimm war, schlimm und gefährlich, und dass Tsuzuku deshalb nicht darüber sprach.

 

Die Bahn hielt an meiner Station und ich stieg aus, ließ aber die Musik an und hörte weiter, auf dem ganzen Weg bis zu meiner Wohnung. Es war kalt, normal für Anfang März, und ich kuschelte mich in meine cremefarbene Winterjacke und den rosa Wollschal. Mit klammen Fingern stellte ich die Musik aus, zog den Schlüssel aus meiner Vivienne Westwood Bambitasche und schloss die Tür auf, zog die Schuhe aus und hängte meine Jacke an die Garderobe.

 

Meine Schritte führten mich gleich ins Wohnzimmer, zum Kokatsu-Tisch, wo ich die Steuerung der Heizdecke aufdrehte, und dann in die Küche ging, um mir Tee zu kochen. Während der zog, hörte ich meinen Anrufbeantworter ab.

„Hey, Kocha, hier ist Mikan. Sag mal, hast du nächste Woche vielleicht Zeit, mit mir zum Shoppen nach Tokyo zu fahren? Ich brauch mal wieder ein paar neue Klamotten und Closet Child hat neue Ware reinbekommen. Ruf mich zurück, wenn du Zeit hast.“

Jetzt war es natürlich zu spät, Mikan zurückzurufen, also verschob ich das auf Morgen, nahm mir meinen Tee und setzte mich an den inzwischen schön warmen Kokatsu.

 

Augenblicklich machte die Wärme mich müde und ich schaltete den Fernseher an, um wach zu bleiben. Dort lief jedoch irgendwie nur uninteressantes Zeug und so machte ich ihn wieder aus, trank meinen Tee und begnügte mich damit, mein kleines, süß eingerichtetes Wohnzimmer zu betrachten.

Meine niedlichen Möbel, meine Filmsammlung, eine Menge verschiedenster CDs und nicht zuletzt meine Sammlung von etwa zwanzig kleinen und größeren Rehen aus Plüsch, Plastik und Porzellan. Ich mochte Rehe (obwohl Bambi, mein Liebling, ja bekanntlich ein Hirsch war) und irgendwann hatte ich angefangen, sie zu sammeln.

 

Einen Moment lang überlegte ich, den Bambi-Film, der sich als Sonder-Schmuck-Fanedition in meiner Sammlung befand, jetzt anzuschauen, doch da ich morgen arbeiten musste, entschied ich mich dagegen, einen stundenlangen Film inklusive Extras jetzt so spät noch zu sehen. Stattdessen trank ich meinen Tee aus,  ging ins Bad, wo ich mich auszog, abschminkte und das Haarspray rauskämmte, um dann noch mal ins Wohnzimmer zu huschen, den Kokatsu auszuschalten und mich dann in mein Bettchen zu begeben.

 

Ich zog die Knie an, wie eigentlich immer und gegen die Kälte, und blickte auf meine im Dunkel schemenhaft erkennbare Handtaschen- und Schmucksammlung. Chanel, Dior und eben meine Lieblingsdesignerin Westwood waren die Urheber der meisten meiner Schmuckstücke und ich liebte jedes einzelne. Ich war schon ein kleiner Sammelfreak und Markenfan, doch ich stand dazu, weil ich gern so war.

 

Lag es an der Kälte im Raum, dass ich mich auf einmal seltsam beengt, kalt und irgendwie allein fühlte? Es kam völlig aus dem Nichts und fühlte sich an wie ein kleines, dunkles Loch, durch das ein eisiger Wind zog. Plötzlich bekam ich Angst, zog meine Bettdecke etwas höher und fragte mich, was denn auf einmal mit mir los war. Ich kannte dieses Gefühl nur aus meinen seltenen Albträumen, doch dass es mich jetzt auch im Wachzustand heimsuchte, war mir völlig neu. Langsam stand ich auf, nahm ein Sweatshirt mit Kapuze aus dem Schrank und zog es mir über, legte mich dann wieder ins Bett und brauchte sehr lange, bis ich endlich eingeschlafen war. 

 

 

Ein durchdringendes „Piep, piep, piep, piep …“ weckte mich am nächsten Morgen. Ich kroch unter der Decke hervor, streckte die Hand aus und versetzte der Lärmquelle, auch Wecker genannt, einen gezielten Schlag, was ihn für die nächsten vierundzwanzig Stunden zum Schweigen bringen sollte.

Gähnend richtete ich mich auf, streckte mich, woraufhin mir prompt leicht schwindlig wurde, und erst jetzt bemerkte ich, dass ich kein Schlafshirt, sondern einen meiner Kapuzenpullis trug.

Warum? Ich versuchte, mich an gestern Abend zu erinnern, doch ich bekam das seltsame Gefühl, das mich vor dem Einschlafen heimgesucht hatte, nicht recht zu fassen, konnte mich nur schemenhaft und entfernt daran erinnern. Vielleicht war das ganz gut so, immerhin war es kein gutes Gefühl gewesen und ich sollte gar nicht so sehr darüber nachdenken.

 

Mit einem Ruck zog ich die Bettdecke beiseite, stand auf und öffnete meinen Kleiderschrank, suchte mit geübtem Blick eine pinke Jeans, einen hellen, geblümten Pullover und eine lange, altrosa Strickjacke heraus, dazu eine schlichte Halskette, zwei Ringe und einen meiner Herzanhänger. Zusammen mit meiner Standartausstattung ergab das ein einigermaßen gelungenes Outfit.

Mit den Klamotten über dem Arm und dem Schmuck und meinem Handy in der Hand ging ich ins Bad, legte alles auf dem Regal ab, stellte Musik an, zog mich aus und ging erst einmal schnell unter die Dusche.

 

Das heiße Wasser vertrieb die Kälte und tat mir gut, die Musik sorgte dafür, dass ich gute Laune bekam und ich summte leise mit, während ich mich wusch und dann noch eine Weile unter dem warmen Regen stand. Schließlich stieg ich aus der wasserdampfgefüllten Kabine, schnappte mir ein Handtuch und trocknete mich schnell und gründlich ab, um mich dann anzuziehen.

Während meine Haare in ein Handtuch eingewickelt trockneten, ging ich ins Wohnzimmer und setzte mich kurz an meinen Laptop, um meine Nachrichten auf diversen sozialen Netzwerken zu lesen und zu nachzuschauen, was es neues gab.

Es war nichts Großartiges passiert und so wandte ich mich wieder meiner Körperpflege zu, indem ich meine Haare trockenrieb, kämmte und zu meinem üblichen Zopf zusammenband. Ein Blick in den Spiegel sagte mir, dass ich ein bisschen schwarzen Ansatz hatte und daher demnächst ein Besuch bei meiner Lieblingsfriseurin angesagt war.

Während ich mich schminkte, ließ ich weiter Musik laufen. Ich wusste nicht, warum, aber ich konnte mich immer besser hübsch machen, wenn dabei Musik lief, am besten melodische Rockmusik.

 

Als ich dann mit allem fertig war, wurde es langsam hell draußen und ich verließ die Wohnung, lief durch das kalte Treppenhaus nach unten und aus dem Haus, zur Bahnstation, die mich in das Viertel bringen sollte, in welchem sich meine Arbeitsstelle, das Kawaii-Café ‚Amai Ame‘ befand. Es lag gut, genau zwischen meiner Wohnung und der, in der Meto und Tsuzuku jetzt lebten. Da Meto, wenn alles gut lief, in ein paar Tagen dort anfangen würde, würden wir uns wohl jeden Morgen an der Bahnstation treffen und dann den Tag über zusammen arbeiten.

Es hatte mir Spaß gemacht, ihn die zwei Tage, die er zur Probe da gewesen war, in den Betrieb einzuführen und den Gästen vorzustellen. Er schien ziemlich überrascht, dass er bei den vornehmlich weiblichen Gästen so gut ankam, wirkte aber sonst recht zufrieden und schien sich darauf zu freuen, zu arbeiten. Meinem Wissen nach war das seine erste Beschäftigung nach dem Schulabschluss und dafür hatte er sich an diesen zwei Tagen recht gut geschlagen.

 

In der Bahn dachte ich noch ein bisschen über ihn und Tsuzuku nach, darüber, wie besonders das zwischen den beiden war und wie schwer zu verstehen es für andere schien. Ich erinnerte mich noch gut an MiA, daran, wie dieser versucht hatte, einen Blick ins Innere dieser engen, damals noch eher freundschaftlichen Beziehung zu werfen und daran gescheitert war.

‚Zwischen Tsuzuku und Meto passt kein Blatt Papier …‘, dachte ich und musste lächeln. Ich wusste, ich benahm mich da manchmal wie ein kleines Fangirl. Tsuzuku zog mich ja oft genug aus Spaß damit auf, dass ich schwärmerisch reagierte und ein wenig schmachtete, wenn er in meiner Anwesenheit Meto küsste und berührte. Aber ich nahm ihm das nicht übel, im Gegenteil, ich fand seine manchmal so leicht ironische Art sympathisch.

Und, zugegeben, ich war ein wenig neidisch. Wie gern hätte ich selbst so eine enge, süße Beziehung gehabt, in der man füreinander da war und sich gegenseitig ergänzte.

 

Die Bahn hielt und ich stieg aus, lief durch die Straßen, in denen es jetzt schon recht hell war, bis ich meinen Arbeitsplatz erreicht hatte.

„Morgen, Kocha!“, rief mir meine Kollegin Satsuki, genannt Satchan, entgegen. Sie war, mit Ausnahme unserer Junior-Chefin, die einzige weibliche Kraft hier, schlug sich aber ganz gut.

„Guten Morgen!“, grüßte ich sie lächelnd zurück und ging dann in die Privaträume, um meine Uniform anzuziehen. Diese bestand aus einem kaffeebraunen Anzug mit weißem Rüschenhemd und Schuhen mit leichtem Absatz, dazu meinem Namensschild, auf dem neben der niedlichen Zeichnung eines kleinen Rehkitzes mein Spitzname ‚Kocha‘ in Katakana stand. Eigentlich war es keine richtige Uniform, denn jede Bedienung in diesem Laden trug ein in Farbe, Schnitt und Muster individuell angefertigtes Outfit, doch der Einfachheit halber hieß diese edle Arbeitskleidung eben ‚Uniform‘.

 

Nachdem ich mich umgezogen hatte, begann ich mit der Arbeit, die vor den Öffnungszeiten vor allem daraus bestand, alles vorzubereiten und Waren wie Kuchen, Milch und so weiter aus dem im Hinterhof stehenden Kühlwagen in den Kühlschrank des Cafés zu räumen. Als ich damit fertig war und mir am Fenster des Umkleideraumes eine Zigarette genehmigte, kam Satchan dazu und fragte: „Weißt du, wann der Neue jetzt kommt?“

„Das Vorstellungsgespräch ist am Donnerstag“, antwortete ich. „Und er heißt Meto.“

Satchan kicherte. „Ich finde den so niedlich! Wo hast du so ein süßes Etwas gefunden?“

Ich nannte den Namen der Stadt, in der Meto bis gestern gelebt hatte, und den Namen des Parks.

 

„Und er ist echt schwul und hat ‘nen Freund?“, fragte Satchan weiter, mit einem Leuchten in den Augen, das sie eindeutig als Fujoshi auswies.

„Ja. Aber du musst da nicht so ein Theater drum machen. Meto ist, na ja, nicht direkt schüchtern, aber eben nicht daran gewöhnt, dass irgendwelche Mädels ihn wegen seiner sexuellen Orientierung fangirlen. Ich möchte dich auch bitten, ihn nicht nach Top oder Bottom und so etwas zu fragen, okay?“, erwiderte ich, ruhig aber bestimmt. Ich wollte, dass Meto gern hier arbeitete, und möglichst ohne andauernd intime Fragen gestellt zu bekommen.

„Ist gut“, sagte sie und senkte den Blick. „Ich hab nur noch nie ‘nen Schwulen getroffen, deshalb bin ich halt so neugierig. Ich kenn das nur aus Manga und so.“

„Geh einfach ganz nett und normal mit ihm um“, sagte ich und drückte meine Zigarette auf dem Fenstersims aus.

Satchan nickte und verschwand wieder, ich blieb noch eine Weile am Fenster sitzen, machte es dann zu und mich wieder an die Arbeit.

 

Der Vormittag verlief so wie immer, ein fast normaler Arbeitstag in einem nicht ganz so gewöhnlichen Café. Ich bediente die Gäste, machte bei den Spielchen und Aktionen mit, die wir ihnen anboten, und hatte das Gefühl, meinen Job gut zu machen. Immerhin war ich relativ beliebt bei einer bestimmten Art von Mädchen und manche wollten explizit von mir und niemand anderem bedient werden.

 

„Kocha, du bist so niedlich!“, quietschte eine unserer Stammbesucherinnen, nachdem ich ihr den Kuchen mit einem Herz aus Schokosoße verziert hatte.

Ich lächelte, malte noch einen Smiley dazu, und sie fotografierte mein Stegreif-Kunstwerk mit der Handykamera, bevor sie ein Stück davon nahm, aß, und mich dann wieder anstrahlte.

Länger konnte ich nicht bei ihr bleiben, denn einer meiner Kollegen rief mich, weil eine andere Besucherin ein Foto mit ihm und mir wollte.

Ich wusste nicht genau, ob meine Beliebtheit bei den Gästen nur auf meine rosa Haare und mein feminin geschnittenes Gesicht zurückzuführen war oder darauf, dass ich einfach freundlich und aufgeschlossen war, aber ich nahm es so hin, schließlich war es ja ganz schön, beliebt und erfolgreich in meinem Tun zu sein.

 

Meine Mittagspause verbrachte ich woanders, in einem kleinen Park ein paar Straßen weiter. Ich kaufte mir an einem Stand etwas zu essen und setzte mich dann auf eine Bank, von wo aus ich den Leuten zusah, die ihre Pause ebenfalls hier verbrachten.

Dabei dachte ich an Mikan und an ihren geplanten Shoppingtrip. Kurzentschlossen holte ich mein Handy heraus und schrieb ihr eine Mail: „Hey, Mikan-chan! ^-^ Ich würde gern mit dir nach Tokyo fahren. Kann ja immer mal neue Sachen gebrauchen. ^_- Herz dich, Süße. Koichi <3“

 

Und schon musste ich grinsen. Ich freute mich jedes Mal unheimlich auf solche Shoppingtrips, einfach weil ich Einkaufen liebte und Mikan gern mochte. Meistens fuhr ich mit ihr, manchmal auch mit jemand anderem. Ich hatte fünf, sechs gute Freundinnen, und Mikan war meine beste.

Sie war zwei Jahre jünger als ich und ich kannte sie schon recht lange, genauer gesagt seit einer Visual-Styling-Convention vor fünf Jahren. Ich besuchte regelmäßig solche Veranstaltungen und Treffen, zum einen, um keinen Trend zu verpassen, und zum anderen, weil ich einfach gern neue Leute kennen lernte.

 

Während ich so da saß und über Sachen nachdachte, die so gewesen waren und was wohl noch kam, landeten meine Gedanken bei dem Tag im letzten Herbst, als ich mit Hanako und Haruna zum ersten Mal im Akutagawa-Park gewesen war und dort Tsuzuku getroffen hatte.

 

Er hatte abseits auf seinem Platz gesessen und zuerst hatte ich ihn gar nicht wahrgenommen mit seinen abgewetzten Sachen und den dunklen Klamotten. So richtig gesehen hatte ich ihn erst, als er auf Harunas Aufforderung hin zu uns gekommen und sich dazu gesetzt hatte.

Ich hatte mich mit Hanako unterhalten und den auffallend dünnen, aber für einen Obdachlosen recht gepflegten Mann, der älter wirkte als ich, obwohl wir etwa gleich alt waren, erst dann wirklich angeschaut. Hatte bemerkt, wie er mein an dem Tag sehr schickes, pastellfarbenes Outfit mit leicht hochgezogenen Augenbrauen gemustert hatte und erst einmal nur zuhörte, wie ich mich mit Mikan und den beiden anderen unterhielt. Nebenbei hatte ich etwas von seiner dunklen Ausstrahlung mitbekommen, und in seinen dunkelbraunen Augen etwas gesehen, das irgendwie mein Interesse weckte.

Dann hatte Hanako mich vorgestellt und ich hatte erfahren, wie sein Name war und dass er wirklich hier lebte. Und ich, freundlich wie ich eben war, hatte ihn gleich mit Namen angesprochen und gesagt, dass es mich freute, ihn kennen zu lernen.

 

Sein scheues Lächeln, welches als Erwiderung auf meine Freundlichkeit zurückgekommen war, hatte mein Interesse weiter bestärkt. Abgesehen von seinem offensichtlichen Untergewicht war Tsuzuku ein attraktiver Mann mit einer zwar dunklen, aber überhaupt nicht unangenehmen Aura, seine Tattoos und Piercings machten ihn interessant und ich hatte mir sofort gewünscht, mich mit ihm anzufreunden.

Von dem kurzen Gespräch zwischen ihm und Haruna hatte ich nicht viel mitbekommen, er war dann noch eine Weile geblieben, doch mit einem Mal aufgestanden, zu seinem Platz und dann woanders hingegangen.

„Koichi?“, hatte Haruna mich gefragt und ernst angesehen. „Würdest du Hanako und mir … einen Gefallen tun?“

„Was denn?“, war meine Antwort gewesen, ich hatte gelächelt.

„Könntest du dich … na ja, ein bisschen um Tsuzuku kümmern? Er ist ziemlich einsam, hat nur einen einzigen guten Freund, und es geht ihm … nicht so gut. Ich glaube, es würde ihm gut tun, mal jemand neues kennen zu lernen.“

 

Ich schreckte aus meinen Erinnerungen auf, als eine Taube direkt vor meinen Füßen plötzlich aufflog und mit einem klappernden Geräusch in einem der Bäume hinter mir verschwand. Automatisch blicke ich auf meine Armbanduhr. Ich hatte noch zehn Minuten, dann musste ich mich wieder auf den Weg ins Café machen. Und so hing ich noch eine Weile meinen Gedanken nach und erinnerte mich weiter daran, wie ich Tsuzuku kennen gelernt und zum ersten Mal auch in seine Dunkelheit geblickt hatte.

 

Mir war sofort klar gewesen, dass er, auch wenn er auf den ersten Blick eher zurückhaltend gewirkt hatte, auch ganz anders sein konnte, und so hatte es mich wenig überrascht, dass er, als ich zu ihm gegangen war und ihn gefragt hatte, ob alles okay war, ziemlich abweisend reagierte. Harunas Worte, dass Tsuzuku irgendwelche schwerwiegenden Probleme hatte, hatten sich in dem Moment bestätigt, als ich ihn auf dieser Bank am Fluss sitzen sah und den traurigen Ausdruck in seinen Augen bemerkt hatte.

In dem Moment hatte ich beschlossen, mich mit ihm anzufreunden. Ich hatte nur wenige männliche Freunde, und Tsuzuku war mir schnell als jemand erschienen, mit dem ich mich vielleicht, wenn ich denn erst einmal durch seine harte Schale durch kam, gut verstehen konnte.

Und so hatte ich mich neben ihn gesetzt und ihm meine freundschaftlichen Absichten mehr oder weniger direkt ins Gesicht gesagt.

 

Ich wusste nicht, woher genau ich diese Fähigkeit hatte, in den Augen mancher Menschen ihr Gefühlsleben zu lesen. Na ja, meine Mutter konnte das auch, vielleicht hatte ich es ja von ihr geerbt. Jedenfalls konnte ich es und Tsuzuku war so ein Mensch, bei dem es mir sehr leicht fiel, zu erkennen, wie er sich gerade fühlte. So gesehen war er der perfekte beste Freund für mich, zumindest wenn es darum ging, ihm zu helfen. Es gab auch Menschen, die ich weniger gut lesen konnte, bei Meto zum Beispiel klappte es nicht so einfach, was jedoch meiner Zuneigung zu ihm keinerlei Abbruch tat.

 

Jedenfalls hatte ich diese meine Fähigkeit bei Tsuzuku von Anfang an voll ausgespielt und so sehr bald erkannt, dass er verliebt war, und von welcher Art seine Probleme mit dem Essen waren. Zusammen mit meiner Offenherzigkeit hatte meine Gefühlsleserei wohl einen ziemlich nervigen Ersten Eindruck hinterlassen, jedoch offensichtlich erfolgreich, denn wir hatten uns ja tatsächlich sehr gut angefreundet. Ich hatte seine harte Schale geknackt, oder zumindest einen Schlüssel zu seinem Innern gefunden, und bis jetzt war ich eigentlich relativ sicher gewesen, dass ich ihm damit helfen konnte.

Doch anscheinend war dem nicht so, zumindest schien es auf einmal etwas zu geben, das er so tief und fest in seinem Innern verschlossen hatte, dass nicht mal ich da wirklich rankam. Wann genau es begonnen hatte, konnte ich nicht sagen, nur, dass ich mir jetzt große Sorgen um ihn machte, weil er sich offenbar alle Mühe gab, etwas vor mir und auch vor Meto zu verbergen.

 

Ich stand auf, nahm meine Tasche und ging zur Arbeit zurück, wo ich den Rest des Tages verbrachte. Nachmittags war natürlich sehr viel mehr los und so hatte ich reichlich zu tun, merkte jedoch erst auf dem Weg zur Bahnstation, dass es mich doch ziemlich erschöpft hatte. Beklagen wollte ich mich nicht, schließlich war der Job sehr viel besser bezahlt als eine normale Kellner-Stelle und passte besser zu mir als jede andere Arbeit, die ich zuvor gemacht hatte.

Von der Bahnstation fuhr ich nicht nach Hause, sondern in Richtung von Tsus und Metos Wohnung, da ich ja versprochen hatte, den beiden beim Einkaufen zu helfen. Ich stieg die Treppen in den zweiten Stock hoch und gerade, als ich auf die Klingel mit der Aufschrift: ‚Aoba und Asakawa‘ drücken wollte, hörte ich hinter mir ein missbilligendes Zischeln.

 

Ich drehte mich um. Eine Frau von etwa sechzig Jahren musterte mich von oben bis unten, blickte dann auf die Wohnungstür und fragte dann: „Sagen Sie, was sind das für Leute, die da gestern eingezogen sind?“

„Freunde von mir“, antwortete ich. „Wieso?“

„Wir sind hier eine Hausgemeinschaft. Gedenken Ihre beiden Freunde auch mal, sich uns der Form halber vorzustellen?“ Der scharfe Ton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Sicher“, erwiderte ich, ähnlich bissig. „Aber gestern, als sie hier eingezogen sind, war keiner da, um sich vorzustellen.“

Die Frau sah ziemlich ertappt aus, murmelte noch irgendwas und verschwand dann nach unten.

 

‚Oh man‘, dachte ich. Hausgemeinschaft! Fast musste ich lachen. Ausgerechnet in so einem Haus waren Tsu und Meto also gelandet. Ich schlug mir leicht mit der Hand vor die Stirn, dann drückte ich den Klingelknopf und wartete, bis Tsuzuku, nur mit Jeans und Tanktop bekleidet, die Tür öffnete. Er war nicht geschminkt und wirkte auch sonst so, als wäre er den Tag über gar nicht richtig wach geworden. Und als ich ihm in die Augen schaute, sah ich, dass er innerlich auch nicht gerade stabil gestimmt war.

 

„Hey, Tsu!“, sagte ich und umarmte ihn kurz, ehe er mich in die Wohnung ließ. Es roch nach Kaffee und Zigarettenrauch und als ich kurz durch die offene Schlafzimmertür blickte, sah ich Meto schlafend im Bett liegen.

„Sorry, Koichi, wir sind irgendwie … heute nicht so wirklich aufgestanden“, sagte Tsuzuku.

„Das seh ich“, sagte ich. „Warum?“

Tsuzuku senkte seine Stimme und wich meinem Blick aus, als er antwortete: „War nicht so gut … gestern Abend …“

„Wieso?“, flüsterte ich. „Was war denn?“

 

Wir gingen in die Küche, Tsuzuku stellte sich wieder ans Fenster und ich setzte mich auf einen der drei Küchenstühle.

„Erzähl, was ist passiert?“, fragte ich.

Tsuzuku schaute noch einmal in Richtung Schlafzimmer, wo Meto immer noch schlief, und antwortete dann mit leiser Stimme: „Ich … hab ihm wehgetan. Er hat manchmal so … Verspannungen, verstehst du, und ich hab‘s erst nicht gemerkt.“

„Und deshalb habt ihr heute jetzt nur rumgesessen?“, fragte ich verwundert. „Ist Meto überhaupt mal aufgestanden?“

„Ja, aber vor ner Stunde hat er sich wieder hingelegt.“

„Weißt du denn, wo die … Verspannungen herkommen?“, wollte ich vorsichtig wissen.

Tsuzuku schüttelte den Kopf. „Ich hab keine Ahnung. Koichi, ich …“, begann er, brach dann aber ab und ich sah wieder diese Abwehr in seinen Augen.

 

Ich ahnte, dass er gerade kurz davor gewesen war, mir etwas Wichtiges zu sagen, und fragte: „Was denn?“

Er antwortete nicht, sah mich nur an, mit Angst und Abwehr in den Augen. Und ich beschloss, dass das so nicht gehen konnte. Tsu würde, jetzt oder später, darüber reden müssen, was eigentlich mit ihm los war.

„Tsuzuku, sprich. Ich merk doch, dass bei dir irgendwas nicht stimmt. Also sag, was ist los?“, forderte ich und deutete auf den leeren Küchenstuhl mir gegenüber. Er setzte sich, sagte aber nichts.

Es dauerte eine ganze Weile, die wir uns schweigend gegenüber saßen, dann sagte er leise: „Ich kann nicht drüber reden. Das geht nicht. Wenn ich das tue, dann bricht es aus und ich dreh durch. Und außerdem … ich will nicht, dass ihr euch Sorgen um mich machen müsst.“

„Was denn? Was bricht aus? Tsu, ich mach mir doch schon Sorgen um dich! Eben weil du nicht sagst, was los ist.“

Er sah mich an, ganz ernst und ganz nah dran an dem, was er vor mir zu verbergen versuchte, und sagte: „Koichi, es geht nicht. Ich muss erst mal selber halbwegs damit klarkommen, vorher kann ich nicht darüber reden. Ich brauch noch Zeit, verstehst du das?“

Ich nickte. Ja, irgendwie verstand ich das. Und trotzdem fragte ich mich, nach dem, was er jetzt gesagt hatte, was es denn bitte war, wovor er sich so fürchtete und was seinen Worten nach ‚ausbrechen‘ konnte.

 

„Komm, zieh dir was Warmes an, weck Meto und dann gehen wir erst mal einkaufen. Ihr braucht hier was zu essen und man muss mindestens einmal am Tag raus vor die Tür gehen“, sagte ich schließlich, stand auf, nahm Tsu bei den Händen und zog ihn hoch.

 

Und als er sich dann ordentlich angezogen hatte, Meto wach war und wir zu dritt so was wie eine halbwegs vollständige Einkaufsliste zusammen hatten, zogen wir los zum nächsten Conbini. Auf dem Weg dahin erzählte ich den beiden von meiner Begegnung mit ihrer Nachbarin.

„Na klasse. Als wir uns die Wohnung letzten Monat zusammen angeschaut hatten, war kein Mensch da, und jetzt auf einmal sind die neugierig, oder was?“, seufzte Tsuzuku.

Meto sagte nichts, sah aber nicht gerade zufrieden mit der Tatsache aus, dass im Haus anscheinend ein paar konservative Leute wohnten, die wahrscheinlich nicht mit schiefen Blicken geizen würden. 

 

„Ich glaube fast …“, sagte ich leise, „… ihr könnt denen nicht einfach so sagen, dass ihr ein Paar seid. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr das nicht verbergen wollt, aber manchmal hat man keine Wahl. Wenn’s schlecht kommt, verliert ihr die Wohnung sonst wieder.“

„Meinst du?“, fragte Tsuzuku.

Ich nickte. Es regte mich ja selbst auf, dass es so intolerante Leute gab, die aus irgendeinem Grund ein Problem mit homosexuellen Paaren hatten, aber ändern konnte ich ja nichts daran. Als ich die Wohnung für Tsuzuku ausgesucht hatte, hatte ich nicht gewusst, dass er vorhatte, mit Meto zusammen dort einzuziehen, und so hatte ich nicht recherchiert, ob vielleicht jemand dagegen war. Doch nach der Begegnung mit dieser Frau im Hausflur befürchtete ich jetzt, dass es Schwierigkeiten geben könnte, wenn die beiden zu ihrer Beziehung standen.

 

Wir erreichten den Conbini und so war das Thema erst mal beiseite, sodass wir uns auf den Einkauf konzentrieren konnten. Schon bald fiel mir auf, dass Tsuzuku dazu tendierte, ein paar nicht gerade notwendige Sachen einzupacken, was mich zu der Frage brachte, ob er heute überhaupt schon richtig gegessen hatte oder jetzt etwa hungrig einkaufen ging.

 

„Tsu?“, fragte ich leise und nahm ihn kurz beiseite. „Hast du heute schon was gegessen?“

Er nickte. „Metos Mama hat uns was vorbeigebracht, heute Mittag. Wie kommst du drauf?“

Ich atmete erleichtert aus und lächelte. „Man soll ja nicht hungrig einkaufen gehen …“

Tsu lächelte zurück, nahm besagte Sachen wieder aus dem Korb und legte sie zurück. „Hast Recht.“

 

Und dann: „Kocha … irgendwann, da kann ich mit dir drüber reden. Es … geht nur jetzt noch nicht … okay?“

Ich wusste gleich, was er meinte, und antwortete: „Du solltest vor allem mit Meto reden. Er ist dein fester Freund, dein Lebenspartner, es ist nicht gut, wenn du Geheimnisse vor ihm hast.“

„Ich weiß … Aber ich will einfach nicht, dass er sich wieder solche Sorgen um mich machen muss.“

„Meinst du denn, er merkt nicht, dass du was hast?“, flüsterte ich.

„Wir reden später, okay?!“ Auf einmal wirkte Tsu ziemlich gereizt, und ich wusste, er kämpfte innerlich, darum, jetzt nicht weiter reden zu müssen und das, was ihn belastete, für sich zu behalten.

Und ich ließ ihn, fragte nicht weiter, weil ich wusste, dass es jetzt nichts bringen würde.

 

Über diesem Gespräch waren wir bei den Kühltruhen angekommen, wo Meto schon seit ein paar Minuten stand und auf uns wartete.

„Wollt ihr euch denn nur von Tiefkühlessen ernähren?“, fragte ich.

„Ich kann nicht kochen“, antwortete Tsuzuku. „Alles, was ich da versuche, brennt entweder an, oder verkocht. War schon früher so.“

So, wie er das sagte, musste ich beinahe ein bisschen lachen. Tsu war, auch abgesehen von seinen Problemen, irgendwie wirklich nicht der Typ für die Küche. Meto auch nicht so recht, daher wahrscheinlich der Hang zur Tiefkühlnahrung.

„Heute Abend könnte ich euch was kochen“, schlug ich vor, woraufhin Tsuzuku mich mit diesem Blick ansah, auf den stets ein Kommentar zu meinem femininen Verhalten folgte, und fragte: „Du kannst kochen, Kocha?“ Und dann, etwas leiser: „Aber natürlich kannst du das …“

Ich boxte ihm spielerisch in den Oberarm. „Ja, selbstverständlich kann ich kochen!“

„Dann lass sehen, Küchenfee.“

 

Ich brauchte einen Moment, bis mir eine Idee kam, was man denn mal eben für drei Leute kochen konnte und was für Zutaten ich dafür brauchte. Schließlich entschied ich mich für simple italienische Nudeln mit Tomatensoße, wobei die Soße natürlich selbst gemacht wurde. Hoffend, dass ich nichts vergaß, lief ich noch einmal durch den Laden, sammelte alles zusammen und erwischte, als ich zurückkam, Meto dann doch dabei, wie er etwas aus dem Tiefkühlkasten nahm.

 

„Damit wir morgen auch was haben“, erklärte er.

„Meto-chan, hattest du nicht erzählt, dass deine Mama dir kochen beigebracht hat?“, fragte ich.

„Ich … trau mich da nicht so richtig ran“, antwortete er.

„Okay“, antwortete ich. „Weißt du, was wir machen? Du schaust mir gleich, wenn ich in eurer Küche das Essen mache, ganz genau zu und hilfst mir.“

Meto nickte und sah Tsuzuku an, der jedoch dazu nur meinte: „Ich halt mich da raus. Mir kann man Kochen nicht mehr beibringen.“

 

Als wir, nach dem Bezahlen, mit vollgepackten Tüten wieder auf dem Rückweg waren, beobachtete ich die beiden Süßen ein wenig. Ich wusste ja nur von dem, was Tsu gesagt hatte, davon, dass ihre erste Nacht in der neuen Wohnung wohl nicht so gut gelaufen war und offenbar hatten beide infolgedessen auch keinen so schönen Tag gehabt. Es ging mich zwar wirklich nichts an, was die beiden nachts zusammen taten, und im Grunde interessierte es mich auch nicht, aber so, wie ich das verstanden hatte, hatte Meto da ab und an Probleme und das wiederum interessierte mich als guten Freund der beiden sehr wohl.

Ich hatte keinerlei Ahnung oder Erfahrung mit solchen Verspannungen, außer, dass ich mal irgendwo davon gelesen hatte, dass es das gab und dass es wohl oft mit unterbewussten psychosomatischen Vorgängen zusammenhing. Vielleicht, so dachte ich in diesem Moment, hing ja auch Metos Sprachproblem irgendwo damit zusammen? Er wirkte sonst kaum wie jemand, der psychosomatische Probleme hatte, aber die sah man ja auch nicht jedem an.

 

Wieder in der Wohnung angekommen, füllten wir mit den Einkäufen den Kühlschrank und dann machte ich mich daran, für uns drei ein schönes, italienisches Abendessen zu kochen.

Tsuzuku zog sich mithilfe von Metos Spielekonsole sofort aus der Affäre, während sein Schatz bei mir blieb und mir aufmerksam beim Zerschneiden der Tomaten zusah. Ich übertrug ihm das Kleinhacken der Kräuter, was er auch recht gut hinbekam, und unterhielt mich ein wenig mit ihm über Dieses und Jenes. Über den Winter hatten wir uns ein wenig besser kennen gelernt und wahrscheinlich lag darin auch der Grund, dass Meto mir gegenüber inzwischen recht fließend und verständlich sprach. Zwar war er nicht so redegewandt und offenherzig wie Tsuzuku, doch trotzdem war es schön, sich mit ihm zu unterhalten.

 

Meto fragte mich auch nach meinem Freundeskreis, danach, was ich so machte und vorhatte, und ich erzählte ihm von meinen Shoppingtouren mit Mikan und auch davon, dass ich erst einmal nicht mehr nach einer festen Freundin suchte. Ich hatte in dem Moment kaum das Gefühl, dass mir irgendwas fehlte oder so, und als Meto dann ein wenig besorgt fragte, ob ich denn auch wirklich nicht einsam sei, antwortete ich: „Nein, ich bin ja nicht alleine. Ich hab euch und so, ich bin echt nicht einsam.“

 

Meto sah irgendwie nicht so aus, als würde er mir das glauben, aber mehr als sagen konnte ich es ja nicht. Und so wechselte ich das Thema, fragte ihn nach seinen und Tsuzukus Plänen für die Wohnung und erzählte dann, als er mir davon berichtet hatte, von meiner eigenen. Er lachte, als ich mich zu meiner Sammelleidenschaft bekannte, und Tsu, der aus dem Wohnzimmer mitgehört hatte, dass ich Rehkitze sammelte, rief mir wieder einmal, ebenfalls lachend, zu, was für ein Mädchen ich doch sei.

„Wie wär’s, wenn du, statt zu zocken, lieber mal den Tisch deckst?“, antwortete ich und nahm die Nudeln vom Herd, um sie über der Spüle abzugießen. Dabei fragte ich mich, ob Metos Mama die Sachen für die Küche allesamt mit viel Bedacht ausgesucht hatte, denn es war praktisch alles vorhanden, was man so zum einfachen Kochen brauchte.

 

Das Essen verlief normal, jedenfalls so normal, wie es eben sein konnte, wenn einer sehr wenig aß und der andere kaum sprach. Ich hatte bei Meto den Eindruck, dass er, wenn er viel gesprochen hatte, immer erst mal eine Weile schweigen musste, um sich sozusagen vom Sprechen zu erholen und seinen Vorrat an Worten wieder aufzufüllen. Und mir fiel auf, dass er Tsuzuku beim Essen sehr genau beobachtete. Wahrscheinlich hatte er sich das angewöhnt, noch aus der Zeit, als er allein für seinen Freund hatte sorgen müssen. Zwar achtete ich ebenfalls darauf, dass Tsu sich nicht zu viel nahm, aber auch nicht zu wenig, aber die Sorge in Metos Augen wirkte noch weitaus größer als die Gedanken, die ich mir darum machte.

 

Nach dem Abendessen ließ ich nicht zu, dass Tsuzuku sich wieder verzog, sondern drückte ihm ein Handtuch in die Hand und er half mir infolge dessen beim Abwasch, während Meto sich irgendwohin setzte und seiner Mama eine ausführliche SMS schrieb.

„Koichi?“, sprach Tsuzuku mich auf einmal an, nachdem wir eine Weile schweigend das Geschirr gespült und getrocknet hatten. „Kannst du … weil wir ja gerade kein Internet haben … da mal was für mich nachschauen?“

„Was denn?“, fragte ich zurück.

Er schwieg einen Moment, schien nach den richtigen Worten zu suchen, dann sagte er: „Ich wüsste gern … na ja, ob das normal ist, dass ich, wenn ich mit Meto schlafe, so auf Macht und Erobern aus bin. Ich hab ihm wehgetan, weil ich nicht rechtzeitig bemerkt habe, dass er Schmerzen hatte, und das macht mich ziemlich fertig …“

„Ich glaube, das kann dir das Internet auch nicht beantworten“, sagte ich.

„Ich will einfach wissen, ob das … ob es ein Wort dafür gibt, verstehst du?“

„Und was soll dir das helfen? Ich meine, was bringt das, wenn man weiß, dass irgendein Verhalten angeblich gestört ist und einen Namen hat? Das zieht einen doch nur runter, oder?“

 

Tsuzuku schwieg daraufhin und mir fiel auf, dass seine Hände, die mechanisch einen der Teller abtrockneten, irgendwie angespannt wirkten. Vielleicht war diese Frage danach, ob ich etwas für ihn recherchieren konnte, eine Art versteckter Hilferuf, den er nicht offen aussprechen konnte?

„Okay“, sagte ich schließlich. „Ich schau mal nach, ob ich was finde. Aber wenn ich den Eindruck habe, dass dir das Wissen darum nicht gut tut, dann erzähl ich dir nichts.“

Er nickte, stellte dann den Teller in den Schrank und hängte das Handtuch über die Heizung.

 

Bald darauf machte ich mich wieder auf den Weg nach Hause. Tsuzuku umarmte mich zum Abschied und flüsterte mir noch einmal seine Bitte zu, dass ich diese Sache für ihn nachschaute. Ich fragte mich, wie diese Nacht für ihn und Meto wohl werden würde, und hoffte, dass er sich nicht zu viele schlechte Gedanken machte.

 

Zurück in meiner Wohnung setzte ich mich mit meinem Laptop an den Kotatsu und überlegte eine ganze Weile, was ich da jetzt als Suchbegriff eingeben sollte. Schließlich tippte ich einfach die Frage ein, die Tsu mir gestellt hatte, und landete auf einer Selbsthilfesite für Menschen, deren psychische Probleme sich auf ihr Sexualleben auswirkten.

Es gab dort tatsächlich einige Einträge, die dem, was Tsuzuku mir erzählt hatte, ähnelten, doch diese anonymen Menschen schienen genauso ratlos zu sein wie er. Und die Antworten auf diese Einträge reichten von Intoleranz und Unverständnis bis hin zu schlichten, unzureichend begründeten Diagnosen irgendwelcher Störungen, die allesamt unheimlich klangen und von denen ich meinem besten Freund garantiert kein Wort erzählen würde.

 

Ich suchte weiter, innerhalb dieser Site, die ansonsten relativ seriös wirkte, und während ich mir die vielen Einträge durchlas, spürte ich, dass ich unabsichtlich anfing, mich sehr auf Tsuzukus Probleme, seine dunklen Seiten, zu konzentrieren. Das war gar nicht gut, fühlte sich ziemlich mies an, und ich schloss die Site schnell, damit ich nicht noch mehr davon las.

Ich wollte ihn, obwohl ich seine Probleme kannte, nicht als kranken, vielleicht sogar gestörten Menschen sehen. Wollte sein Verhalten als seinen Charakter und die Folge dessen, was er erlebt hatte, ansehen, und nicht mit irgendwelchen Störungen abgleichen.  

 

Nicht wissend, was ich ihm von den Suchergebnissen erzählen sollte, und unwillig, das Ganze noch mal zu recherchieren, machte ich mir meine eigenen Gedanken zu seinen Fragen. Ich wollte gar nicht so genau wissen, was Tsuzuku und Meto nachts zusammen taten, aber so, wie ich die beiden kannte, ging es doch wahrscheinlich liebevoll zwischen ihnen zu. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Tsu seinem Liebsten absichtlich wehtat, doch dass er sich trotzdem Vorwürfe machte, wenn es passierte, passte zu ihm.

 

Irgendetwas brachte ihn seit einiger Zeit offenbar dazu, sein eigenes Verhalten als krank oder sogar gestört einzuordnen und seine besitzergreifende Art zu lieben vor sich selbst schlechtzureden.

Als ich ihn kennen gelernt hatte, war davon noch nichts zu sehen gewesen.

Ich hatte ihn erlebt, wie er vor verzweifelter Eifersucht geweint und gewütet hatte, als Meto noch mit MiA zusammen gewesen war, und erinnerte mich noch gut an seine Worte damals. Er war vor mir ganz offen gewesen, hatte „Mein Meto gehört zu mir!“ und solche Dinge gesagt, ganz ohne diese Selbstkritik, die er jetzt an den Tag legte.

Ich hatte keine Ahnung, ob man eine solche Eifersucht und besitzergreifende Art irgendwo als krank bezeichnete, aber für mich war das immer einfach ein Teil von Tsuzukus Charakter gewesen, etwas, wo man sagte: ‚So ist er eben‘

Das würde ich ihm sagen, wenn er danach fragte. Dass er eben so war, wie er war und ich keinen Grund sah, ihn, abgesehen von seiner Essstörung und den Schuldgefühlen seiner Mutter gegenüber, als krank zu bezeichnen.

 

Ich klappte den Laptop zu, blieb aber noch eine Weile sitzen, auch weil der Kotatsu so schön warm war. Jetzt, wo meine Gedanken sich einmal so richtig auf Tsuzuku eingestellt hatten, wollten sie ihn nicht recht wieder loslassen und so dachte ich noch ein bisschen über ihn nach, darüber, was ich an ihm mochte und wie ich ihn kannte.

Ich war wirklich gern sein bester Freund und da, wo andere, die ihn weniger gut kannten, vielleicht nur einen essgestörten Typen sahen, mit Stimmungen, die wie Aprilwetter wechselten, und einer Tendenz zum negativen Denken, da sah ich einen heftig liebenden, leidenschaftlichen, emotionalen Menschen, offenherzig ehrlich und in seiner Art zwar zweiseitig, schwarz und weiß, aber dabei immer noch lieb und auf gewisse Weise süß. Und ich wollte nicht, dass er so schlecht von sich dachte.

 

Irgendwann stand ich auf und ging ins Bad, machte mich für die Nacht fertig und begab mich dann in mein Schlafzimmer, wo ich weiter über Tsu und Meto nachdachte, mich fragend, ob die beiden jetzt auch eine schöne Nacht hatten, bis …

 

Ja, bis ich auf einmal wieder dieses kleine, dunkle, eisige Loch spürte.

Gestern Abend hatte ich eher das Gefühl gehabt, dass dieses Loch im Zimmer war, irgendwo in der Wand, doch jetzt fühlte es sich so an, als wäre diese kleine, schmerzhafte Kälte in mir drin, so als hätte ich ein kleines Loch im Herzen. Automatisch schlang ich meine Arme um meine Brust und zog die Knie hoch, was nur kurz Abhilfe schaffte. Ich hatte keine Ahnung, woher es kam und was es war, und es machte mir Angst.

Intuitiv wusste ich, dass es keine anatomische Ursache hatte, dass ich körperlich vollkommen gesund war und dieses Loch ein Produkt meiner Seele, doch ich konnte es mir nicht erklären, hatte ich doch meine Seele immer für ziemlich gesund gehalten. Ich hatte nie irgendwelche schlimmen seelischen Verletzungen erlitten, zumindest nichts, was mich wirklich aus der Bahn geworfen hatte, und so fand ich keinen greifbaren Grund dafür, dass ich mich auf einmal so seltsam und schlecht fühlte.

 

Zitternd vergrub ich mich unter der dicken Bettdecke und versuchte, mich abzulenken. Doch weder der Gedanke an Tsu und Meto, noch die Vorstellung, bald wieder mit Mikan nach Tokyo zu fahren, lenkten mich ab, im Gegenteil, ich fühlte mich noch schlechter.

Nicht wissend, was das jetzt sollte und warum ich mich auf einmal so mies fühlte, schlief ich irgendwann ein, träumte absolut wirres Zeug und wachte mitten in der Nacht auf.

 

Ich war sofort hellwach und wusste, dass jetzt am besten ein nächtlicher Spaziergang helfen konnte, der jedoch in einer Großstadt nachts um zwei keine so gute Idee war. Stattdessen schnappte ich mir meine Zigaretten, zog mir meinen Morgenmantel über und ging durchs Wohnzimmer auf den Balkon, wo ich Nachtluft atmete, rauchte und dann versuchte, ein bisschen zu meditieren, was jedoch darin endete, dass ich am liebsten zu weinen angefangen hätte. Ich wollte nicht weinen, schluckte die Tränen runter und ging wieder hinein, legte mich zurück ins Bett und schlief gottseidank bald ein.

Ich hatte es also gewagt. Hatte Koichi gegenüber genügend Andeutungen gemacht, damit er vielleicht von selbst herausfand, was mit mir los war. Ich stellte mir vor, wie er in seiner Wohnung vor dem PC saß, das, worum ich ihn gebeten hatte, recherchierte, und wie er dabei, hoffentlich, oder hoffentlich nicht, von selbst über das Wort stolperte, das mir die Luft abdrückte und mein Herz vor Angst und Schmerz rasen ließ.

 

In gewisser Weise war es feige von mir, ihn sozusagen allein ins offene Messer laufen zu lassen und nicht richtig mit ihm darüber zu sprechen, doch das konnte ich nach wie vor nicht, da ich wahnsinnige Angst davor hatte, dieses Ungeheuer Borderline könnte, wenn ich darüber sprach, es beim Namen nannte, noch größer und bedrohlicher werden und mich noch kränker machen. So, als ob es eben ausbrach, wenn ich darüber redete. Zudem befürchtete ich, was das Schneiden anging, rückfällig zu werden, und das wollte ich auf keinen Fall. Ich dachte an Mama, daran, was ich ihrem Geist versprochen hatte.

 

Angezogen auf dem Bett liegend, ließ ich meine Gedanken sich weiter drehen, immer im Kreis darum, dass alles, was ich tat, irgendein Symptom sein konnte, so lange, bis ich schließlich das Gefühl hatte, rein gar nichts Gesundes tun zu können.

‚… haben sich nicht unter Kontrolle …‘

‚… Selbstverletzendes Verhalten …‘

‚… impulsiv …‘

‚… gute und schlechte Phasen …‘

‚… manipulativ …‘

Es redete in meinem Kopf auf mich ein, laut, gehässig, kalt. Am liebsten hätte ich das Buch, aus dem all diese Worte und Sätze stammten, auf der Stelle zerrissen und verbrannt, doch es war ja nicht hier, gehörte nicht mir, sondern der Bibliothek. Ich hatte nicht mal lange darin gelesen, nur ein wenig, und trotzdem hatte sich das, was dort stand, in mein Herz gefressen und ließ mich nicht mehr los.

 

Und jetzt hatte ich, in diesem Wissen, meinem Liebsten wehgetan, hatte mich nicht kontrollieren können und ihm die erste Nacht in unserer neuen Wohnung beinahe kaputtgemacht.

Ich liebte ihn doch, so sehr, warum tat ich ihm dann weh, hatte mich ihm zuliebe nicht ein bisschen mehr im Griff? Ich wollte es nicht und wollte es doch, schwankte dazwischen, vorsichtig mit ihm sein zu wollen, und diesem Gefühl von ‚Er ist mein‘, das mich so erregen konnte. Ich wusste, ich war besitzergreifend, doch das fühlte sich andererseits viel zu gut an, um es wirklich ändern zu wollen.

 

„Tsuzuku?“, riss mich Metos leise Stimme aus meinen schmerzhaften Gedanken. „Alles okay bei dir?“

Er stand im Türrahmen, kam wohl gerade aus dem Bad, denn er hatte seinen Bademantel an und feuchte Haare. Ich hatte das Wasser der Dusche gar nicht rauschen gehört, zu sehr war ich in Gedanken gewesen. Meto sah mich besorgt an und ich wusste, dass ich traurig aussah, spürte selbst die Tränen in meinen Augen.

Ich setzte mich auf und er kam auf mich zu, setzte sich neben mich aufs Bett und sah mich eine Weile wortlos an. Dann griff er nach meiner Hand, ich ließ es zu, und er streichelte über meinen Handrücken.

 

„Machst du dir immer noch Vorwürfe wegen letzter Nacht?“, fragte er irgendwann.

Ich wusste, es hatte keinen Sinn, jetzt zu lügen. Und so nickte ich, sagte leise „Ja“ und spürte dabei einen kleinen Stich im Herzen.

„Musst du nicht, wirklich nicht. Ehrlich, mir geht’s wieder gut und ich hab dir das nicht eine Sekunde lang vorgeworfen. Ich hab mich ja selbst geärgert, dass ich wieder so verkrampft habe.“

Seine Worte erreichten mich und ich glaubte ihm auch. Doch das änderte nichts daran, dass ich mir sicher war: Wenn ich mich besser unter Kontrolle gehabt hätte, dann wäre es gar nicht dazu gekommen.

In einem Versuch, ihm nah zu sein und ihn trotzdem wissen zu lassen, dass ich vorsichtig mit ihm sein wollte, streckte ich die Hand aus und streichelte seine Wange, strich mit den Fingern durch sein kurzes, hellblaues Haar und berührte dabei sein Ohr. Er schmiegte seinen Kopf gegen meine Hand und lächelte leicht.

 

„So etwas wird nicht wieder vorkommen, dass ich dir so wehtue“, sprach ich und ließ meine Hand zu seinem Hals wandern. „Meto, ich liebe dich, über alles, und ich werde alles tun, was ich kann, um mich zu bessern.“

„Tsu, ich geh demnächst mal zum Arzt und lass mich untersuchen, ob man da nicht was machen kann. Du musst dich nicht ändern. Ich liebe dich so, wie du bist“, erwiderte er und sah mir dabei direkt in die Augen.

 

Ich dachte nur: ‚Der Junge ist einfach viel zu gut für mich‘ und fühlte mich auf einmal wieder leicht und glücklich. Meine Hand wanderte weiter abwärts, unter seinen Bademantel, auf seinen Rücken, er löste das Kleidungsstück, sodass es nur noch seinen Schritt und seine Beine bedeckte, und ich umarmte ihn ganz einfach, zog ihn an mich und spürte, wie seine Hände zwischen uns meinen Pullover und das Top darunter hochschoben, meine nackte Haut berührten.

Ein Teil von mir wollte sofort mehr, doch ich konnte das geradeso wegschieben, denn der weitaus vernünftigere Teil in mir hatte beschlossen, Meto heute Nacht einfach nur im Arm zu halten.

Und als hätte er das gespürt, fragte er leise: „Tsu? Kann ich in deinen Armen schlafen?“

„Na klar“, antwortete ich und hauchte einen kurzen Kuss auf seinen Hals.

 

Ich löste mich von ihm, um mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen und legte mich dann hin. Er legte sich zu mir, und ich griff kurzentschlossen rüber auf seine Betthälfte, wo Ruana neben dem Kopfkissen saß, und holte sie dazu.

„Damit sie aufpasst, dass ich dich nicht doch so überfalle“, sagte ich lächelnd, als er mich fragend ansah. Er lachte leise und drückte Ruana an sich, was einfach nur wahnsinnig süß aussah, und ich küsste seine Stirn, fühlte die fünf Jahre Altersunterschied zwischen uns und mich irgendwie als sein Beschützer. Ich war der Ältere, er war mir anvertraut, und ich wollte lieb zu ihm sein und auf ihn aufpassen. Und das tat ich, legte meine Arme um Meto und hielt ihn, bis wir beide eingeschlafen waren.

 

 

Ich wachte davon auf, dass ich zwei warme Hände spürte, die vorsichtig über meinen Körper tasteten, und weiche, gepiercte Lippen an meinem Hals. Noch im Halbschlaf und mit geschlossen Augen, lächelte ich, seufzte angetan und bewegte mich ein wenig der Berührung entgegen.

Meto schien jedoch zunächst nicht zu bemerken, dass ich im Aufwachen begriffen war, denn er streichelte mich einfach weiter, küsste meinen Hals und ich hörte ihn leise sprechen:

„Tsu, du bist so wunderschön. Weißt du eigentlich, wie süß du bist? Aber du weißt, wie sehr ich dich liebe, oder?“

Ich gab ein leises „Mh…“ von mir und öffnete die Augen. Es war schon hell und wahrscheinlich hatten wir komplett verschlafen, aber das war mir so was von egal, solange Meto nur nicht aufhörte, mich so liebevoll wach zu streicheln.

 

„Ich weiß, dass du mich liebst“, antwortete ich auf seine Frage, meine Stimme klang noch ganz müde.

Er stockte kurz, fragte: „Oh, du bist wach? Hab ich dich geweckt?“

Ich nickte, lächelte. „Aber so werde ich doch gern geweckt, mein Süßer.“

Meto lachte leise, dann beugte er sich über mich und küsste mich, lange und lieb und ein bisschen lustvoll. Mein Herz überschlug sich fast vor Glück und innerhalb weniger Sekunden war ich komplett wach, was dazu führte, dass ich ziemlich leidenschaftlich auf den Kuss einging. Ich griff in seinen Nacken, hielt ihn fest und ließ mich von ihm ins Kissen knutschen, bis wir beide kaum noch Luft bekamen und uns schwer atmend wieder ein wenig voneinander lösen mussten. So ein inniger Kuss am Morgen ließ mich auf einen schönen Tag hoffen und stimmte mich entspannt und glücklich.

 

„Und weißt du auch …“, begann Meto, küsste mich wieder und fuhr dann fort: „… dass ich dich will, und wie sehr?“

„Du willst doch jetzt nicht …?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich will einfach, dass du weißt, dass ich dich genauso begehre wie du mich. Du musst nicht denken, dass du mich mit deinen Gefühlen bedrängst, hörst du?“

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Das war genau der Punkt, an dem ich mir Gedanken machte und mein eigenes Verhalten hinterfragte. Ich hatte Angst, zu impulsiv zu sein, meinen Liebsten mit meinen starken Gefühlen und meiner Lust zu bedrängen und ihn am Ende zu verletzen.

 

„Tsuzuku, ich hab es dir schon mal gesagt: Ich mag das, wenn du so weißt, was du willst. Ich fühle mich dann sicher und habe keine Angst mehr um dich. Verstehst du das?“

„Ja, schon“, antwortete ich, denn im Grunde verstand ich sehr gut, was er mir damit sagen wollte. Und damit die schöne Stimmung jetzt nicht zerbrach, der Tag gut und glücklich wurde, lächelte ich und sagte dann: „Ich kann mich auch gar nicht dagegen wehren, dass ich dich so liebe und begehre. Ich glaube, das ist das stärkste, schönste Gefühl, das ich je empfunden habe.“

 

Meto strahlte mich an, stürzte sich dann geradezu auf mich und küsste mich wieder und wieder und wieder. In diesem Moment fühlte ich mich so wahnsinnig geliebt von ihm und liebte ihn so sehr, dass ich es kaum auszudrücken wusste.

Ein ‚Ich liebe dich‘ schien da nicht auszureichen und ich glaubte, dass nicht mal der liebevollste Liebesakt, den ich zustande brachte, dieses überwältigende Gefühl wirklich vollkommen zeigen und ausdrücken konnte.

 

Ich drehte uns beide herum, sodass ich auf ihm lag, und jetzt war ich es, der ihn ins Kissen knutschte. In meinem Kopf herrschte ein emotionsgeladener, liebestrunkener Schwindel und ich glaubte schon wieder, beinahe wahnsinnig zu werden vor Glück.

„Meto …!“, keuchte ich und spürte, wie ich heiß wurde. „Ich liebe dich! Ich liebe, liebe, liebe dich!“

Er sah mich an, mit leuchtenden Augen, sah so süß aus und antwortete: „Ich liebe dich auch.“ 

Es war so schön, so absolut wundervoll, jedenfalls so lange, bis meinem liebeskranken Gehirn wieder einfiel, dass ich jetzt nicht mit meinem Liebsten würde schlafen können.

 

Doch bevor die schwirrenden Glücksgefühle aus meinem Kopf verschwinden konnten, riss ich mich mit aller Kraft zusammen. Vielleicht würde es ja heute Abend gehen. Und ich würde ganz vorsichtig sein, vorsichtig und lieb und so sanft, wie ich nur vermochte. Ich nahm mir fest vor, mich in Zukunft besser unter Kontrolle zu haben, und klammerte mich an die Hoffnung, dass ich das auch konnte.

 

„Tsu … Ich glaube, wir sollten mal aufstehen“, sagte Meto und drehte den Kopf in Richtung der Uhr.

„Wie spät ist es denn?“, fragte ich.

„Halb neun“, informierte er mich und grinste. „Wir haben total verschlafen.“

Ich ließ mich seufzend neben ihn sinken, stand dann langsam auf und ging zum Kleiderschrank, um mir meine Klamotten für heute auszusuchen. Mein Blick streifte meinen Lackmantel, doch ich sah keinen Anlass, den heute zu tragen, und entschied mich schließlich für Jeans und einen dunkelroten, gestrickten Pullover, dazu einen zweiten Ring zu dem, den ich sowieso immer trug, und eine Halskette mit Pentagramm.

 

Jetzt, wo ich einen richtigen, großen Kleiderschrank hatte, fiel mir auf, wie wenige Sachen ich immer noch besaß. Meine Schrankhälfte war fast leer, während Metos ganz normal voll war. Ich war immer noch daran gewöhnt, dass meine wichtigsten Sachen in eine Reisetasche passen mussten, und der Gedanke, irgendwann richtig groß einkaufen zu gehen und mir, ohne weiter nachzudenken, alle möglichen Sachen kaufen zu können, fühlte sich noch seltsam fremd an. Ebenso, wie diese Wohnung noch nicht ganz zu meinem Zuhause geworden war. Sie fühlte sich ein bisschen an wie die Ferienwohnung, in der ich als Junge mal mit Mama im Urlaub gewesen war.

 

Mit den Klamotten in der Hand begab ich mich ins Bad, wo Meto schon vor dem Spiegel stand und sich anzog. Unser Badezimmer war recht klein, sodass ich mich an ihm vorbeidrängeln musste, um meine Sachen auf der Fensterbank abzulegen, mich auszuziehen und dann erst einmal unter der Dusche zu verschwinden.

Mich daran erinnernd, dass er ja gestern Abend geduscht hatte, fragte ich nicht, ob er auch wollte, und sah ihm zu, wie er sich zurechtmachte und mich dann über den Spiegel zurückhaltend beobachtete. Er musste nichts fragen, ich wusste auch so, dass er mich vor allem deshalb so ansah, weil er sehen wollte, ob ich weiter zugenommen hatte. Und anscheinend stellte ihn das, was er sah, zufrieden, denn er lächelte.

 

Ich beeilte mich mit dem Duschen, trocknete mich dann schnell ab und zog mich an. Und als ich dann vor dem Spiegel stand, bekam ich auf einmal Lust, mich so richtig zu schminken, mit Lippenstift und viel dunkler Farbe um die Augen. Ich hatte nur ein Paar Kontaktlinsen, blaue, die setzte ich zuerst ein, und dann tobte ich mich so richtig aus mit allem, was ich an dazu passenden Schminksachen hatte.

Meto war längst fertig mit Schminken, er schien heute weniger Lust auf das volle Make-up-Programm zu haben, aber er blieb und beobachtete mich.

„Du siehst toll aus“, sagte er, als ich fertig war, beugte sich vor und gab mir einen Kuss auf die Wange.

 

„Weißt du, was wir heute machen, Tsu?“, fragte er, als wir in der Küche saßen und Kaffee tranken. Er frühstückte auch ein wenig, ich dagegen hatte überhaupt keinen Hunger.

„Was denn?“, fragte ich zurück.

„Wir gehen dir ein Handy kaufen. Du hast ja immer noch keins.“

Ein Handy. Ja, wahrscheinlich brauchte ich jetzt wieder eins. Früher hatte ich mir ein Leben ohne solche Sachen kaum vorstellen können, doch nach meinem Absturz hatte ich mich daran gewöhnen müssen, ohne persönliche technische Geräte zu leben. Der Gedanke, wieder ein Handy zu haben, erreichbar zu sein und mich der Welt wieder auf diesem Wege mitzuteilen, fühlte sich jetzt irgendwie merkwürdig an. So, als sei ich, zumindest aus der Sicht derjenigen, die diese Dinge tagtäglich nutzten, für zwei Jahre aus der Welt gefallen gewesen.

 

„Und wovon bezahlen wir das?“, fragte ich, denn das nötige Geld für eine solche Anschaffung fehlte mir nach wie vor.

„Schenk ich dir“, antwortete Meto und lächelte. Seine übliche Antwort, wenn es ums Geld ging. Ich wusste ja, dass er mehr als genug davon hatte, doch ich wollte nicht immer Schulden bei ihm machen.

 

Zwar war morgen das erste Vorstellungsgespräch, das die Sozialarbeiterin vom Tempel mir vermittelt hatte, und falls das passte, würde ich bald eine bezahlte Arbeit haben, aber ich wusste weder, wie gut der mich erwartende Job bezahlt wurde, noch, ob ich überhaupt … ja, ob ich denn arbeitsfähig war.  Beim Verlassen des Tempels war ich mir ganz sicher gewesen, dass ich das mit dem Arbeiten hinbekommen würde, doch jetzt zweifelte ich daran.

Mein möglicher Arbeitsplatz war ein Bodyart-Shop in der Innenstadt und einerseits freute ich mich darauf, wieder in dem Beruf zu arbeiten, in dem ich früher eine Ausbildung gemacht hatte, aber die Angst, dass ich es nicht schaffte, ließ sich einfach nicht vertreiben.

 

„Tsu?“, riss mich Meto aus meinen Gedanken. „Woran denkst du?“

„An das Vorstellungsgespräch morgen …“, antwortete ich. „Ich hab … ein bisschen Angst davor.“

Meto nahm einen Schluck Kaffee, schluckte und fragte dann: „Aber du hast doch mit der vom Tempel alles abgeklärt, oder? Da kann doch eigentlich nichts mehr schief gehen.“

„Wahrscheinlich bin ich einfach aufgeregt“, sagte ich und betete innerlich, dass ich nicht nur das Gespräch und den Job, sondern auch alles andere irgendwie packte.

Vielleicht, so hoffte ich immer noch ein wenig, bildete ich mir die Sache mit Borderline ja auch nur ein, und das, was ich für diese Störung hielt, war möglicherweise doch halbwegs normal. Vielleicht hatte ich ja nur diese Probleme mit dem Essen und würde schon irgendwie wieder gesund werden.

 

„Komm, wir gehen jetzt gleich los“, sagte Meto, stellte seinen Kaffeebecher in die Spüle und ich stellte meinen dazu, obwohl er noch nicht leer war.

Als ich meine Jacke und die Schuhe anzog, sah ich anscheinend wieder irgendwie traurig aus, denn Meto sah mich mit diesem lieb besorgten Blick an und sagte: „Lächeln, Tsuzuku.“

Ich tat wie mir geheißen und lächelte kurz leicht, doch es fühlte sich komisch, unecht an. Als würde ich meinen Liebsten anlügen, auch wenn es nur eine ganz kleine Lüge war. Und mit einem Mal verspürte ich den starken Impuls, Meto ganz fest in meine Arme zu schließen, ihn lange nicht mehr los zu lassen und ihm dann die Wahrheit über mein Innenleben zu sagen. Ihm zu gestehen, dass ich furchtbar kaputt war und große Angst hatte. Es zu teilen, damit es mich nicht von innen her noch mehr zerstörte.

‚Nicht jetzt‘, dachte ich und riss mich zusammen. ‚Später, irgendwann, wenn es irgendwie passt.‘

 

Auf dem Weg durchs Treppenhaus nach unten hielt Meto meine Hand, so als spürte er, dass ich das brauchte. Ich fühlte die Wärme und die Energie, die durch seine Hand in meine floss, und spürte, wie die Berührung mich ein wenig stärkte. Wenn ich daran dachte, dass es vielleicht heute Abend klappte mit ein bisschen Sex, und mir vorstellte, wie er nicht nur meine Hand, sondern meinen ganzen Körper so berührte … Obwohl wir das jetzt schon so oft getan hatten, war der Gedanke daran immer noch wunderschön.

 

Aber dann kam uns diese Frau entgegen, als wir gerade aus dem Haus wollten. Sie war so um die sechzig und wirkte ziemlich streng. Vielleicht war das die Frau, die Koichi gestern vor unserer Wohnungstür getroffen hatte?

„Ah, Sie beide“, sagte sie und zog die Augenbrauen hoch.

Ich sah Meto an, dem sichtlich die Sprache den Dienst versagte. Also musste ich wohl reden. Die Frau machte mir mit ihrer offensichtlichen Strenge ein wenig Angst, doch ich brachte mit halbwegs fester Stimme ein „Ja?“ heraus.

Sie lächelte, doch das sah so falsch aus, dass ich innerlich schauderte, und als sie dann mit deutlicher Missbilligung auf Metos und meine noch immer verschränkten Hände blickte, schwand dieses Lächeln so schnell, wie es gekommen war. Solche Leute hatte Tamotsu gemeint, als er uns davor gewarnt hatte, unsere Beziehung in dem Sinne öffentlich zu machen. Es war das erste Mal, dass ich so ganz direkt mit Homophobie konfrontiert wurde (die abfälligen Blicke fremder Passanten zählte ich nicht), und es tat mehr weh, als ich gedacht hatte.

„Heute um achtzehn Uhr ist ein Treffen unserer Hausgemeinschaft“, sagte sie nur, dann ging sie, nach einem weiteren abschätzigen Blick, an uns vorbei, die Treppe rauf.

 

„Ich schätze mal, wir haben ein Problem“, sagte ich leise, als sie verschwunden war und Meto und ich aus dem Haus waren.

Er nickte und sah mich fragend an. „Wirst du da hingehen?“

Erst jetzt stellte ich es mir vor, den Leuten, mit denen wir von nun an in einem Haus zusammen wohnten, bei so einem Treffen gegenüberzutreten. Menschen, die mich, wenn sie alle so waren wie diese Frau, unablässig missbilligend anstarren würden und mich höchstwahrscheinlich sowohl für mein Äußeres, als auch für meine Liebe zu einem Mann, der fünf Jahre jünger war als ich, verurteilen würden. Augenblicklich bekam ich Angst davor, und diese Angst wurde mit jeder Sekunde, die ich daran dachte, größer.

„Nicht ohne dich. Ich schaff das nicht alleine“, antwortete ich.

Meto lächelte. „Als ob ich dich da allein hingehen lassen würde. Nee du, wir stehen das zusammen durch.“

 

Ich konnte nicht anders, als stehen zu bleiben, Meto an mich zu ziehen und fest in meine Arme zu schließen. Und in einem Anflug von fast schon wahnsinniger Liebe flüsterte ich in sein Ohr: „Weißt du, dass du das Allerbeste bist, was mir je passiert ist?“

Mir war in diesem Moment völlig egal, dass wir uns in der Öffentlichkeit befanden, dass uns die Leute sehen konnten und das alles. Ich dachte an nichts anderes als daran, dass ich Meto wie verrückt liebte und ihn ganz nah bei mir haben wollte.

„Tsu …!“, protestierte er, klang dabei jedoch keineswegs so, als ob es ihm nicht gefiel, einfach so öffentlich von mir umarmt zu werden.

„Komm, es gefällt dir doch“, erwiderte ich lächelnd, in meinem Kopf schwirrte das Glück.

 

Doch einen Moment später zerplatzte es, einfach so, ohne jede Vorwarnung.

‚… Mangelnde Affektkontrolle …‘, flüsterte die Dunkelheit in meinem Kopf, gehässig, mit einem fiesen Grinsen, weil sie mich erwischt hatte. Weil ich meine Gefühle und die daraus folgende Tat tatsächlich nicht unter Kontrolle hatte.

Augenblicklich ließ ich Meto los, brachte Abstand zwischen uns. Er sah mich zuerst verwundert, dann besorgt an.

„Tsu, was ist los?“

Ich stand einfach nur da, sah ihn an, während die Dunkelheit in meinem Kopf Symptome und so weiter herunter ratterte, die sich wie tausende Nadeln von innen in mein Herz bohrten.

‚… Plötzlicher Stimmungsumschwung …‘ war eines davon und ich fühlte mich auf einmal schrecklich hilflos. Was konnte ich denn noch tun, wenn in allem, was ich tat, immer irgendein Merkmal dieser Störung, deren Namen ich in diesem Moment nicht zu denken wagte, steckte? War ich denn wirklich so vollkommen krank und gestört?

 

Meto griff meine Hand, sah mir in die Augen und fragte noch einmal: „Tsuzuku, was hast du?“

„Nichts, geht gleich wieder“, hörte ich mich sagen, meine Stimme klang schwach.

„Ist dir schwindlig?“

Ich nickte, schneller als ich denken konnte. Schon wieder gelogen.

„Willst du was trinken? Oder vielleicht was essen? Wir haben ja kaum gefrühstückt.“

Essen? Nein, das ging jetzt nicht. Auf einmal war der Druck im Bauch wieder da, die Angst vor dem Brechen, das innere Zittern. Ich schüttelte den Kopf.

„Geht gleich wieder, wirklich.“

Meto glaubte mir nicht, machte sich Sorgen, das war ihm deutlich anzusehen.

Ich musste mich zusammenreißen, daran denken, was wir jetzt vorhatten, dass wir etwas Wichtiges kaufen wollten und ich mich dafür  zu konzentrieren hatte.

 

Wir fuhren mit der Stadtbahn in die Innenstadt, wo wir einen Handyladen zu finden suchten. Diese Stadt war um einiges größer und unübersichtlicher als unsere Heimatstadt und es dauerte ein wenig, bis wir uns halbwegs zurechtgefunden hatten.

 

An einer Straßenecke, in einem Hauseingang, sah ich im Vorbeigehen jemanden sitzen, einen Mann, vielleicht ein paar Jahre älter als ich. Die große Tasche und der zusammengerollte Schlafsack wiesen ihn untrüglich als Obdachlosen aus und ich hatte augenblicklich das Gefühl, in eine Art Spiegel zu blicken. Noch vor ein paar Monaten hätte das auch ich sein können. Ich drehte mich um und trat auf ihn zu, kramte in meiner Jackentasche nach meinem Geldbeutel. Er blickte zu mir hoch und ich sah unsägliche Einsamkeit in seinen Augen.

 

Hatte ich damals genauso ausgesehen, auf dem Stadtfest, als Meto versehentlich mein weniges Geld verstreut und mir dann beim Aufsammeln geholfen hatte? Wahrscheinlich schon.

Ich nahm drei Einhundert-Yen-Münzen aus meinem Geldbeutel und legte sie dem Mann in seine vor ihm liegende Mütze. Ob er das Geld für Alkohol und Zigaretten ausgab, war mir egal, ich hatte ja damals mein weniges Geld auch dafür ausgegeben.

Er sah mich dankbar an, bedankte sich, und ich hätte mich am liebsten zu ihm gesetzt und ein wenig mit ihm gesprochen. Doch ich ließ es. Stattdessen sagte ich nur: „Bitte. Ich war auch mal so“ und ging weiter. Meto war in einigem Abstand stehen geblieben und fragte mich, als ich wieder neben ihm ging: „Kanntest du ihn?“

„Nein. Aber, weißt du, immer wenn ich so jemanden sehe, fühlt sich das ein bisschen an wie so ein Spiegel, ich sehe dann mich selbst. Deshalb hab ich ihm was gegeben.“

 

Irgendwie hatte mich diese kurze Begegnung wieder ein wenig zu mir selbst finden lassen. Meine Erfahrung mit den Abgründen des Lebens hatte mich mitfühlend gemacht, und vielleicht sogar zu einem etwas besseren Menschen. Zumindest hoffte ich das. Was ich wusste, war, dass ich nie zu dem geworden wäre, der ich jetzt war, wenn ich mein selbstbezogenes Leben von früher hätte weiterleben können.

 

„Da“, sagte Meto und deutete auf einen kleinen, schick aussehenden Laden, in dessen Schaufenster verschiedene, für mich viel zu teuer aussehende Mobiltelefone, Tablets und Laptops ausgestellt waren. Ich fragte mich, wie lange es wohl dauern würde, bis ich mich wirklich daran gewöhnt haben würde, mir wieder teure Sachen kaufen zu können.

Meto drehte sich zu mir um, sah mich fragend an, und ich brauchte einen Augenblick, bis ich verstand, dass er dort drinnen im Laden nicht viel reden würde. Wenn wir so viel zusammen waren wie jetzt und miteinander redeten, vergaß ich manchmal beinahe, dass er Fremden gegenüber immer noch diesen Sprachfehler hatte und dann am liebsten schwieg.

Das Problem in diesem Moment war nur, dass ich mich ein wenig unsicher fühlte und es gern gehabt hätte, wenn Meto mich unterstützt hätte.

 

Wir gingen auf den Laden zu, ich sah von draußen schon die Verkäuferin da stehen und auf Kundschaft warten.

Ein Handy kaufen, nichts Großartiges, ganz einfach. Und trotzdem hatte ich Angst.  Irgendwas in mir war aus dem Gleichgewicht geraten und obwohl es sich eben noch so angefühlt hatte, als hätte ich wieder zu mir selbst gefunden, fürchtete ich jetzt, irgendeinen Fehler zu machen. Dabei hatte der Tag doch so gut angefangen.

Ich ging, Meto hinter mir, auf die gläserne Ladentür zu und öffnete sie, was einen elektrisch klingenden Ton auslöste. Sofort sah mich die Verkäuferin an und lächelte automatisch. Sie war noch ziemlich jung, und hübsch, sah aus wie aus der Fernsehwerbung.

„Sie wünschen?“, fragte sie und ich konnte nicht erkennen, ob sie mich, mit meinem auffälligen Äußeren, hinter ihrem Lächeln vielleicht irgendwie komisch fand.

 

Irgendwie schaffte ich es, zu funktionieren, mich zu konzentrieren und nach kurzem, unauffälligen Durchatmen zu sagen, was ich wollte: „Ich möchte ein Handy kaufen. Ein Smartphone, aber ein ganz einfaches, muss nicht das Neueste sein.“

‚Seltsam‘, dachte ich. ‚Wieso fällt mir so was jetzt so schwer?‘

„Mit Vertrag? Oder lieber zum Aufladen?“, fragte die Verkäuferin.

Ich versuchte, mich so gut wie möglich an früher zu erinnern, als ich noch stärker gewesen war, mich besser ausgekannt hatte und mir so was wie das hier ganz leicht gefallen war.

„Aufladen“, sagte ich.

Die junge Frau lächelte wieder und holte dann drei Modelle aus einer Schublade unter dem Tresen.

„Das sind die, die wir dafür gerade da haben.“

Die Smartphones waren in durchsichtigen Plastikboxen verpackt, auf denen auch die Preise standen, und ich entschied mich ohne viel Nachdenken für das günstigste Modell, ein ganz schlichtes, schwarzes, viel einfacher als Metos, welches viel bunter und schicker war.

 

Er stand neben mir, sah mich an, seine Augen sagten: ‚Gut gemacht‘ und obwohl das lieb und aufmunternd gemeint war, kam ich mir auf einmal vor wie ein unfähiges Kind.

Die Verkäuferin erklärte mir noch ein paar Sachen, die ich bei genauerem Erinnern selbst noch wusste, und informierte mich darüber, dass man die Aufladung sowohl in Banken, als auch in vielen Supermärkten machen konnte.

Meto gab mir seinen Geldbeutel und ich bezahlte, wobei mir in dem durchsichtigen Fach des Portmonees ein Foto von mir auffiel, das er irgendwann im Winter gemacht und dann offenbar ausgedruckt hatte. Er hatte ein kleines Herz auf das Bild gemalt, was mich innerlich unheimlich rührte, und ich drückte, als ich ihm den Geldbeutel zurückgab, kurz seine Hand.

 

Als wir wieder aus dem Laden raus waren, sprach ich ihn darauf an: „Du hast ein Foto von mir im Geldbeutel?“

Meto nickte strahlend. „Natürlich. Du bist doch mein Schatz.“

Ich musste lachen. „Dann will ich aber auch eins von dir.“

Heute schienen meine Stimmungen wirklich sehr auf und ab zu fahren, so krass war es eigentlich selten. In einem Moment ging es mir gut, im nächsten bekam ich Angst, dann kamen die Gedanken daran, dass ich offenbar völlig krank war, und dann wieder ging es mir so gut, dass ich mich fragte, wieso ich eigentlich Angst gehabt hatte. Und ich suchte nach einer Erklärung dafür, hoffend, dass es nicht das war, für das ich es hielt.

 

„Und was machen wir jetzt?“, fragte ich. Es war fast Mittag und trotz der Anspannung bekam ich Hunger. Ich wusste, ich musste essen, und es schien auch ein guter Hunger zu sein, ein positiver, der nicht darin enden würde, dass ich zu viel aß.

Meto zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht.“

Ich sah mich um, suchte die Einkaufsstraße, in der wir uns befanden, nach einem günstigen Restaurant ab, und da kam mir eine Idee: Eigentlich konnten wir doch jetzt gut zu Koichi ins Café gehen und dort essen. Wenn man schon mal einen besten Freund hatte, der in der Gastronomie arbeitete.

Zwar war die Art von Café, wo er arbeitete, nicht so ganz mein Fall, aber ich war ein bisschen neugierig und außerdem wollte ich auch sehen, wo Meto dann, wenn das alles klappte, ja ebenfalls arbeiten würde.

„Wir könnten zu Koichi ins Café gehen“, schlug ich vor.

„M-hm.“ Mein Liebster schien die Idee gut zu finden, er nickte und griff meine Hand, führte mich durch die Straßen, bis wir die Gegend erreichten, wo sich das Café befand.

 

Schon von außen war deutlich zu erkennen, dass das einer dieser rosapinken Läden war, die ich allein und ohne einen der Mitarbeiter zu kennen, niemals betreten hätte, und dessen Kundschaft wohl vorwiegend jung und weiblich war. Aber zu Koichi passte es und um ihn ging es mir ja, wenn ich hier her kam.

Als wir den Laden betraten, schallte uns fröhliche Musik von einer dieser Idol-Gruppen entgegen, von irgendwoher rief jemand „Willkommen zuhause!“ und ich fühlte mich wie eine Art Fremdkörper mit meinen schlichten, dunklen Klamotten und dem finsteren Make-up.

 

Es gab einen kleinen Verkaufstresen, hinter dem sich sichtbar die Küche befand, und dort stand eine junge Frau im Maid-Kleid, die sich in diesem Moment zu uns umdrehte und augenblicklich lächelte.

„Meto-chan! Hey, schön dich zu sehen!“, rief sie und winkte, was ganz eindeutig meinem Freund galt.

Er lächelte zurück und ich spürte, dass er sich hier wesentlich wohler fühlte als ich. Nach seinen Probetagen hier hatte er mir erzählt, dass es ihm gefallen hatte, und auch, dass er anscheinend recht beliebt bei den Mädchen war.

Die im Maid-Kleid kam um den Tresen herum auf uns zu und als sie näher kam, konnte ich ihren Namen auf dem Schildchen an ihrer Schürze sehen: Satchan hieß sie.

„Ist das dein Freund, Meto-chan?“, fragte sie.

Langsam taute ich auf, sodass ich meinen Arm um Metos Schultern legte und ihn ein wenig an mich zog, um zu zeigen, dass wir zusammen gehörten.

Satchan bekam leuchtende Augen, schien sich aber nicht ganz zu trauen, ihrer Begeisterung, die ich auch nicht so ganz verstand, Ausdruck zu verleihen, und fragte mich dann nach meinem Namen.

Ich stellte mich kurz vor und fragte dann nach Koichi.

„Moment, ich geh ihn holen“, sagte Satchan, strahlte uns noch einmal an und verschwand dann in Richtung der hinteren Räume.

 

Bald darauf kam sie mit Koichi zusammen zurück. Zuerst schien alles ganz normal, wie immer, aber als ich meinen besten Freund genauer ansah, fiel mir auf, dass er müde wirkte, und irgendwie ein bisschen durcheinander. So, als hätte er nachts nicht allzu gut geschlafen.

„Hey, ihr Süßen“, sagte er und umarmte erst mich, dann Meto. „Kommt ihr mich besuchen?“

„Wir waren gerade in der Stadt, Handy kaufen, und da dachte ich, wenn wir schon mal unterwegs sind, können wir auch zu dir gehen“, antwortete ich.

„Das ist aber lieb von euch.“ Koichi lächelte, das übliche süße Koichi-Lächeln, und deutete auf einen Tisch in einer Ecke des Raumes. „Setzt euch doch da hin. Was wollt ihr denn trinken?“

 

Ich überlegte einen Moment. Kaffee war zum Mittag wohl nicht das richtige und für etwas Alkoholisches wie Bier war es definitiv noch zu früh. Im Tempel war es üblich gewesen, zum Mittag kalten Tee zu trinken, aber das hatte mir nicht wirklich gut gefallen.

Während Meto sich schneller entschieden hatte und einfach eine Cola bestellte, kam ich zu keinem Schluss und fast schon wieder ins Denken. Schließlich beschloss ich, ebenfalls eine Cola zu nehmen, einfach weil mir nichts anderes einfiel.

Wir setzten uns an den Tisch und Koichi ging die Cokes holen. Auf einmal war das laute Klirren von zerbrechendem Glas zu hören und ich hörte meinen besten Freund fluchen.

„Was ist?“, rief ich.

„Mir ist das Glas runtergefallen. Zum Glück war’s noch leer“, antwortete Koichi. „Ich kehr das eben zusammen, dann komm ich wieder zu euch.“

 

Als er dann mit zwei Gläsern Cola an unseren Tisch kam und sie uns hinstellte, fiel mir auf, dass er seltsam unkonzentriert wirkte. Ich fragte mich, ob er okay war, und kam dann mit den Gedanken auf die Bitte, die ich ihm gestellt hatte, diese eine Sache für mich zu recherchieren. Hatte er dabei vielleicht wirklich herausgefunden, was mit mir los war, und stand deshalb jetzt ein wenig neben sich? Oder war da irgendwas anderes aus seinem Privatleben, etwas, was nichts mit mir zu tun hatte?

 

„Na, Tsu, wie geht’s dir?“, fragte er in diesem Moment.

„Okay“, antwortete ich. „Mir geht’s gut.“

„Du, ich hab deine Sache da gesucht. Aber ich hab nicht wirklich was Brauchbares gefunden“, sagte Koichi leise.

Sofort sah Meto ihn fragend an und ich erklärte schnell mit abgesenkter Stimme: „Ich hab Koichi gebeten, nachzuschauen, ob mein … Machtding, … ob das ‘nen Namen hat.“

„Tsu …“, sagte Meto leise und sah mich besorgt an. „Wieso willst du so was wissen?“

„Ich will, dass das nicht noch mal vorkommt“, flüsterte ich. „Ko, was hast du denn gefunden?“

„Wie gesagt, nicht viel. Es gibt eine Menge Vermutungen und ratlose Fälle, da war vor allem zu lesen, dass das echt viele, viele Ursachen haben kann. Tsuzuku, ich finde einfach, du solltest dir da nicht so viele Gedanken drum machen. Vielleicht ist das einfach ein Charakterzug von dir, so wie du eben bist, das muss keine Störung sein.“

 

Beinahe schon lag sie mir auf der Zunge, die Frage, ob er bei diesen Vermutungen auch über das Wort ‚Borderline‘ gestolpert war. Einen Moment lang war ich kurz davor, mein Schweigen zu brechen und zu sagen, was los war, welche große Angst ich hatte und dass dieses Wort mir die Luft zu Atmen nahm. Doch ich konnte es nicht, darüber sprechen. Es ging einfach nicht. Es gab zu viele Dinge, die dann drohten zu zerbrechen.

 

Koichi wechselte das Thema, fragte danach, was wir essen wollten. Meto bestellte ein Omelett und ich nahm, ohne weiter nachzudenken, einfach dasselbe.

Und während wir dann darauf warteten, setzte Koichi sich zu uns und fragte nach dem Handy. Ich zeigte es ihm und er meinte, dass es zu mir passte. Und zum ersten Mal hatte ich irgendwie das Gefühl, dass Koichi etwas zu verdrängen versuchte. Irgendwas stimmte bei ihm nicht, er war nicht so offenherzig fröhlich wie sonst.

„Kocha?“, sprach ich ihn ohne nachzudenken an, „Hast du gut geschlafen? Du siehst irgendwie … müde aus.“

Er sah mich ertappt an, verwundert darüber, dass mal ich ihn nach seinem Befinden fragte und nicht umgekehrt. „Nein, ehrlich gesagt hab ich … ziemlich schlecht geschlafen. Hab komisches Zeug geträumt und bin mitten in der Nacht aufgewacht.“

Oh, das kam mir bekannt vor. Sehr bekannt.

„Hast du das öfter?“, fragte ich.

„Nein, eigentlich nicht. Ich weiß auch nicht, was das soll.“

 

Er wirkte auf einmal sehr nachdenklich und ich dachte zum ersten Mal daran, dass ich ihm bisher in unserer Freundschaft noch so gut wie nichts geholfen hatte, während er doch immer für mich da war.

„Koichi, wenn mal irgendwas ist, wenn du mal was hast, dann kannst du auch zu mir kommen“, sagte ich. „Vielleicht kann ich dir auch mal was helfen, nicht immer nur du mir.“

Koichi lächelte, offen und ehrlich. „Danke, Tsu. Bist ein Schatz.“

Dann ging er die Omeletts holen.

 

Beim Essen bekam ich, wie so oft, nicht wirklich viel runter. Etwas schien mir von innen den Hals zuzudrücken und dass ich genau wusste, was es war, machte es nicht besser. Ich wusste, das konnte nicht lange so weiter gehen. Irgendwann würde ich darüber sprechen müssen. Gab es denn nicht irgendeine Möglichkeit, den Schaden, der dabei entstehen würde, so gering wie möglich zu halten? Es ging ja nicht nur um mich, sondern auch um Meto und Koichi, um jeden, der mich kannte, und auch um Mama. Ich wollte das Versprechen, das ich ihr gegeben hatte, auf keinen Fall brechen, doch ich fürchtete, dass genau das passieren würde, wenn ich anfing, über Borderline zu sprechen.

Allein, dieses Wort zu denken, löste Druck in mir aus, und dieser Druck war der Anfang. Er war verbunden mit dem Drang, zu erbrechen oder mich zu verletzen, die beiden Dinge, von denen ich unbedingt weg wollte.

Ich spürte ein Stechen in der Brust, fuhr unwillkürlich mit der Hand darüber, und das blieb nicht unbemerkt.

 

„Tsuzuku?“ Meto sah mich besorgt an. „Alles okay?“

Ich blinzelte, schluckte und log. „Ja, alles gut.“

Mein Liebster schaute mich eine Weile einfach an, dann sagte er leise: „Heute Abend … versuchen wir’s nochmal.“

Ich brauchte einen Moment, bis ich wieder so weit im Hier und Jetzt war, dass ich wusste, was er meinte. Mein Herz machte einen kleinen Satz vor Freude und ich streckte meine Hand über den Tisch aus, nahm Metos und drückte sie. Sein zufriedenes Lächeln ließ mich verstehen, dass er mich von meinen anscheinend sichtbar dunklen Gedanken ablenken wollte, und da er ziemlich genau wusste, wie mein rettungslos verliebtes Hirn tickte, gelang es ihm auch.

Man hätte sagen können, dass ich zurzeit zwischen verzweifelter Angst und verliebter Lust schwankte, das traf es ziemlich genau. Angst davor, unheilbar gestört und krank zu sein, und Lust an meinem Schatz, dem liebsten, süßesten jungen Mann auf der ganzen Welt.

 

Als wir uns von Koichi wieder verabschiedet hatten und das Café verließen, fühlte ich mich einigermaßen ausgeglichen und entspannt. Es war inzwischen halb drei und ich zählte die Stunden bis heute Abend. Jedenfalls so lange, bis mir das Hausgemeinschaftstreffen um sechs wieder einfiel. Aber das verdrängte ich. Der Tag heute war sowieso schon ein erstklassiges Beispiel meiner Stimmungsschwankungen, da musste ich nicht auch noch selbst was dazu beitragen.

 

Zurück in unserer Wohnung blieb, in Ermangelung eines funktionierenden Fernsehprogrammes, nur die Wahl zwischen DVDs und Spielekonsole, wobei wir uns schließlich für ersteres entschieden und einen Actionfilm aus Metos umfangreicher Filmsammlung ansahen.

Danach stellten wir zusammen mein Handy ein und Meto gab mir neben seiner eigenen Nummer und Manamis auch gleich die von Koichi. Dann gingen wir noch mal raus, zum Conbini, und ich kaufte die erste Aufladung, bestand darauf, sie selbst zu bezahlen.

 

Es wurde sehr viel schneller sechs Uhr abends, als mir lieb war. Und sobald mir das bewusst wurde, kam die Angst wieder. Die Angst, es zu verbocken, vielleicht die Wohnung wieder zu verlieren oder dass uns die Leute hier das Leben schwer machten. Dass sie mich verurteilten, für mein Äußeres, meine sexuelle Orientierung, meine Vergangenheit. Und auch, dass sie Meto schlecht behandelten.

 

„Komm, Tsu“, sagte Meto, stand auf und hielt mir die Hand hin. „Wir gehen da zusammen hin. Du musst keine Angst haben, ich bin bei dir.“

Ich erhob mich langsam, nahm seine Hand, er zog mich ganz hoch und drückte mir einen kurzen, liebevollen Kuss auf die Lippen.

„Wenn die uns rauswerfen wollen, ziehen wir halt zu mir zurück. Meine Eltern hätten da nichts dagegen. Wir sind sicher“, fügte er hinzu, hielt weiter meine Hand und wir gingen so aus der Wohnung in Richtung des Raumes im Keller, von dem wir vermuteten, dass dort das Treffen stattfand.

 

Schon auf der Treppe hörten wir von dort Stimmen reden. Mein Herz klopfte schneller vor Angst und mir wurde zum ersten Mal so richtig klar, dass ich wirklich ein Problem mit Menschen hatte. Wurde mir das nur deshalb so deutlich, weil ich mich jetzt selbst diagnostizierte, oder hätte diese Situation auch normalen, gesunden Menschen Angst gemacht? Ich wusste es nicht, aber dass ich daran dachte, krank zu sein, machte meine Angst schlimmer. Meto bemerkte das irgendwie und drückte meine Hand.

 

Wir waren früh dran, zum Glück, und die Frau von heute Morgen war noch nicht da. Der Raum war relativ groß, mit Fotos von irgendwelchen Feiern an den Wänden und einem großen Tisch mit Stühlen darum. Ich fühlte mich seltsam, hatte einerseits immer noch Angst, doch auf der anderen Seite war ich auch ein bisschen neugierig, wer noch alles hier lebte und wer unsere Nachbarn waren. Schließlich wollte ich die nächsten Jahre hier wohnen, in diesem Haus, da war es doch gut, wenn wir ein bisschen Anschluss fanden.

 

Die Leute, die schon da waren, ein junges Mädchen mit ihrer Mutter und ein älterer Herr, sahen mich und Meto aufmerksam an, als wir uns setzten. Ich grüßte kurz, Meto nickte nur, und ich hoffte, dass wir jetzt nicht schon den ersten Eindruck verbockt hatten. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn wir den Leuten einfach egal gewesen wären. Sie sollten uns in Ruhe in unserer Wohnung leben lassen, egal wie wir waren.

 

Das junge Mädchen lächelte leicht und ich hatte das Gefühl, dass sie mich ein bisschen interessant fand. Vielleicht war sie eine von den Mädchen, die Visual Kei und dergleichen mochten und vielleicht fand sie mein Make-up ja ansprechend. Ich lächelte ein wenig zurück, woraufhin sie sich vorbeugte, mich direkt ansah und dann fragte: „Hey, ihr seid die Neuen im Haus, oder?“

Ich nickte. „Ja.“

„Ich wohne in der Wohnung gegenüber von eurer. Mein Name ist Yamada Akko.“

Ich stellte Meto und mich mit unseren Taufnamen vor und fügte unsere Pseudonyme hinzu. Als Akko Meto fragend ansah, erklärte ich ihr, dass er Probleme mit dem Sprechen hatte, und sie nahm das mit sehr viel mehr Verständnis auf, als ich gedacht hatte.

 

Nach und nach kamen immer mehr Leute, der Raum füllte sich und auch die streng wirkende Frau von heute Morgen war dabei. Sie tuschelte mit einer anderen, jüngeren, die Meto und mich daraufhin abschätzig musterte.

Doch es schienen nur diese beiden zu sein, die ein Problem mit uns hatten. Denn als ich die anderen ansah, schienen die uns zwar natürlich als die Neuen zu registrieren, doch in ihren Gesichtern sah ich kaum Ablehnung. Vielleicht waren es ja wirklich nur die beiden, die was gegen uns hatten, und die anderen würden uns ganz normal aufnehmen. Ich hoffte, dass ich mich umsonst verrückt gemacht hatte und alles schon irgendwie gehen würde. Tief durchatmend, versuchte ich, mich zu beruhigen, auch damit ich, falls es Schwierigkeiten gab, richtig reagieren konnte.

 

„Was sagt eigentlich der Hausverwalter dazu?“, hörte ich in dem Moment die eine, jüngere Frau zu der Älteren fragen.

„Der scheint ja“, die Ältere warf einen Blick in unsere Richtung, „kein Problem damit zu haben, dass neuerdings jeder hier einziehen darf.“

Ich hatte den Verwalter des Hauses nur einmal gesehen, bei der ersten Besichtigung. Da hatte Koichi aber schon alles ausgehandelt und anscheinend hatte er das irgendwie geregelt. Jedenfalls hatte der Verwalter bei dem Treffen damals kein Wort zum Thema Homosexualität gesagt und uns einwandfrei freundlich behandelt.

 

Ich sah zu Akko, die anscheinend dem Gespräch der beiden Frauen zuhörte, denn sie sah von ihnen zu uns und flüsterte dann über den Tisch zu mir: „Seid ihr zusammen, ihr beiden?“

Ich beschloss, ehrlich zu sein, einfach weil ich nicht anders konnte, und nickte.

Akko lächelte. Dann warf sie einen Seitenblick auf die ältere Frau und flüsterte: „Yamaguchi-san stellt sich wegen solcher Sachen immer unheimlich an. Beachte sie nicht weiter, sie spielt sich auf, hat aber im Grunde nichts zu sagen.“

 

Das Treffen begann kurz darauf damit, dass Frau Yamaguchi aufstand und die, wie sie sagte, Tagesordnung, vorlas. Dann wurde darüber gesprochen. Es ging um lauter Kleinigkeiten, Dinge, von denen ich mich nicht angesprochen fühlte. Meto saß stumm und teilnahmslos neben mir, streichelte aber unter dem Tisch meine Hand, und ich spürte, dass er genauso aufgeregt war wie ich.

 

Irgendwann schreckte ich davon auf, dass ich meinen Nachnamen hörte und spürte, wie mich mit einem Mal alle im Raum befindlichen Menschen anstarrten. Ich war froh, einen langärmligen Pullover zu tragen, sodass meine vielen Tätowierungen und das Implantat nicht zu sehen waren.

„… und neuerdings haben wir mit ihm und seinem Freund ein homosexuelles Paar in unserem Haus. Ich weiß nicht, wie die Hausverwaltung genau darüber denkt, aber …“, sagte Frau Yamaguchi und sah erwartungsvoll in die Runde, „… ich frage mich, ob das nicht dem Ruf unserer Hausgemeinschaft schadet …“

Das waren die Worte, die ich befürchtet hatte. Dem Ruf schaden. Es tat sehr viel mehr weh, als ich gedacht hatte. Ich fühlte mich verletzt, unter Druck gesetzt, ausgeschlossen.

Ich sah Akko mit ihrer Mutter flüstern, hörte die anderen murmeln und wagte nicht, genauer hinzuhören. Meine Hände zitterten und mein Herz raste. Ich stellte mir vor, wie sie uns anwiesen, wieder auszuziehen, nur weil es ihnen nicht passte, dass wir waren, wie wir nun mal waren. Und es kostete mich meine ganze Kraft, nicht aufzuspringen und hinauszurennen, zu verschwinden.

 

„Aoba-san?“, riss mich Akko aus meinen schmerzhaften Gedanken, „Alles okay?“

Verdammt, anscheinend war mir anzusehen, dass ich verletzt war. Ich war einfach überhaupt nicht gut darin, meine Gefühle zu verbergen.

Als ich nicht antwortete, wechselte Akko wieder mit ihrer Mutter ein paar Worte, dann standen beide auf, sodass sie Frau Yamaguchi gegenüber standen.

„Wir sehen da kein Problem“, sagte Akko laut. „Die beiden sind doch ein Paar wie jedes andere auch.“

„Wo denn bitte? Zwei Männer, dazu noch tätowiert, wo ist das normal?!“, fragte die jüngere Frau, mit der Frau Yamaguchi vorhin gesprochen hatte. Ich spürte ihren abfälligen Blick auf dem Tattoo an meinem Hals, das sich nicht verdecken ließ, und es war das erste Mal seit Mamas Tod, dass ich mich selbst für mein selbstgewähltes Äußeres plötzlich hasste.

„Und Sie? Ist das normal, so unhöflich zu neuen Bewohnern eines Hauses zu sein?“, hörte ich Akkos Mutter laut sagen. „Wenn der Verwalter kein Problem damit hat, sollten wir keines daraus machen.“

 

Ich wusste, entweder würde ich gleich aufspringen und verschwinden, oder ich würde wütend werden, herumschreien, mich aufregen und dann die Tür knallend hinausrennen. In mir baute sich ein unheilvoller Druck auf, der immer weiter stieg, je mehr die Leute über meinen Kopf und den meines Freundes hinweg diskutierten, ob wir nun normal und in Ordnung waren oder nicht.

 

Und irgendwann, da platzte es einfach. Ehe ich mich hätte aufhalten können, stand ich mit einem Ruck auf, hörte meinen Stuhl klappernd nach hinten umfallen, und spürte sofort wieder alle Blicke auf mir. Ich stützte meine Hände auf den Tisch, blickte nach unten, konnte niemanden ansehen.

„Lasst uns doch alle einfach in Ruhe!! Ihr habt keine Ahnung! Von gar nichts! Ihr wisst nicht, wie das ist, wenn man von der Straße kommt und dann wieder ein normales Leben will! Ein normales Leben, versteht ihr?! Nein, wahrscheinlich versteht ihr’s nicht! Ich will nichts, gar nichts weiter, als mit meinem Freund in dieser Wohnung zu leben und ein bisschen glücklich zu werden! Nur ein glückliches, normales Leben!!“ Meine Stimme brach zusammen, ich spürte heiße Tränen in meinen Augen, drehte mich um und lief raus, weg, nur weg. Sofort hörte ich Meto aufspringen und mir nachlaufen, weit kam ich nicht, brach auf der Treppe weinend zusammen.

 

„Tsuzuku …“ Meto setzte sich neben mich und zog mich einfach in seine Arme.

Er hielt mich, bis ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte, dann sagte er leise: „Zumindest haben wir’s klargestellt.“

„Ich hab’s verbockt …“, schluchzte ich. „Jetzt können wir bestimmt gleich wieder ausziehen.“

„Quatsch. Der Verwalter hat gesagt, wir können hier wohnen, also kann uns kein anderer rauswerfen.“

Ich hörte Schritte von unten und einen Moment später kam Akko um die Ecke. Sie sah ziemlich betreten aus, als ob es sie selbst mitnahm, dass ich mich so aufgeregt hatte.

„Hey …“, sagte sie. „Tut mir leid, das eben. Die stellen sich halt an, die Leute. Eigentlich ist nur die Yamaguchi so … altmodisch, aber die reißt die anderen immer irgendwie so mit. Ihr müsst euch keine Sorgen machen, da hat der Verwalter das letzte Wort und der ist total okay.“

 

„… Sie… uns aber… das Leben hier… schwer machen, …oder?“, fragte Meto leise.

Akko sah zu Boden und erwiderte, ebenso leise: „Vielleicht. Aber ihr dürft euch von so was nicht unterkriegen lassen. Ihr habt fast alle hier auf eurer Seite, wenn die sich erst mal an euch gewöhnt haben. Den meisten hier müsst ihr einfach nur beweisen, dass ihr eigentlich ein ganz normales Paar seid und keine Schwierigkeiten macht.“

Ich sagte nicht, dass wir das nicht waren, dass ich alles andere als normal war, und dass ich früher dort, wo ich mit Mama gewohnt hatte, öfter mal Schwierigkeiten mit den Nachbarn gehabt hatte. Weil ich irgendwo hoffte, dass ich mich geändert hatte und dass das hier nicht vorkommen würde.

 

„Wollt ihr wieder mit rein, oder geht ihr jetzt in eure Wohnung zurück?“, fragte Akko dann.

Meto sah mich fragend an, ich musste einen Moment nachdenken und abwägen, und entschied mich dann dafür, denjenigen Leuten, die sich vielleicht entschuldigen wollten, eine Chance zu geben.

Mit einem Ruck stand ich auf und ging die Treppe wieder hinunter. Meto nahm meine Hand, als wir den Raum wieder betraten, und ich versuchte, ganz aufrecht und gefasst zu wirken.

Einen Moment lang war es ganz still, diese betretene, unangenehme Stille.

„Wir … möchten uns gern entschuldigen“, begann eine etwa vierzig Jahre alte Frau schließlich und sah dabei auch ehrlich betroffen aus. „Selbstverständlich haben wir, wenn der Verwalter entschieden hat, nichts dagegen einzuwenden, dass Sie beide hier leben.“

Ich sah vorsichtig zu Frau Yamaguchi, die ziemlich beleidigt aussah. Da würde noch was nachkommen, das wusste ich, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich damit zurechtkommen sollte.

„Wir werden uns Mühe geben, nicht schlecht aufzufallen“, sagte ich mit halbwegs fester Stimme zu den anderen. Akko lächelte mich an. „Und falls doch mal irgendwas passieren sollte …“, fügte ich hinzu, „… dann möchte ich mich jetzt schon dafür entschuldigen.“

„Angenommen“, sagte Akko. „Und jetzt noch einen schönen Abend euch beiden.“

 

Ich verbeugte mich, Meto tat es ebenfalls, dann gingen wir aus dem Raum, die Treppe wieder hoch, zurück in unsere Wohnung. Ich war völlig fertig, doch gleichzeitig so aufgewühlt, dass ich jetzt unmöglich schon schlafen gehen konnte.

Und Meto schien ebenfalls noch nicht ans Schlafen gehen zu denken. Stattdessen holte er eine der Tiefkühlpackungen aus dem Eisfach des Kühlschranks, packte sie aus, machte den Backofen an und schob den Inhalt der Packung, zwei Stücke panierten Fisch, hinein. Ich hatte überhaupt keinen Appetit, doch mein knurrender Magen verriet, dass ich sehr wohl hungrig war. Schließlich hatte ich heute nicht mehr als Kaffee, ein bisschen Omelett, Cola und ein paar Kekse beim Film schauen zu mir genommen.

 

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Besserung meines Essverhaltens in letzter Zeit stagnierte. Ich brach zwar nicht, aber ich aß auch nicht so gut, wie ich sollte und wollte. Ich erinnerte mich daran, wie ich damals auf der kleinen Reise mit Meto zusammen begonnen hatte, mich wirklich mit meiner Essstörung auseinander zu setzen, daran, dass ich richtige Aufbruchsstimmung verspürt und geglaubt hatte, dass es aufwärts ging mit mir. Aber anscheinend war es längst nicht so einfach und dass ich gerade nicht wirklich vorankam, gehörte wohl auch dazu.

 

Während wir darauf warteten, dass der Fisch fertig wurde, holte Meto sich eins seiner Bücher aus dem Wohnzimmer, einen Roman, den ich auch schon mal angelesen, aber nicht die Geduld gehabt hatte, ihn zuende zu lesen. Ab und zu las er mir eine Stelle daraus vor und ich stellte fest, dass die Geschichte, die dort erzählt wurde, Ähnlichkeiten mit unserem Leben hier hatte.

Ich hatte meistens nicht die Geduld und Lust, die man zum Lesen brauchte, deshalb kam es selten vor, dass ich selbst ein Buch zur Hand nahm. Ganz im Gegensatz zu meinem Freund, der sich, vielleicht wegen seines Sprachfehlers, gerne mal mit einem Buch in eine ruhige Ecke zurückzog.

„Geht die Geschichte gut aus?“, fragte ich irgendwann.

„Weiß ich nicht. Ich hab’s noch nie ganz durchgelesen“, antwortete Meto.

 

Als der Fisch fertig war, aßen wir erst einmal und ich schaffte es überraschenderweise sogar, mein Stück ganz aufzuessen. Vielleicht half es, wenn ich mir öfter bewusst machte, dass ich mir ja fest vorgenommen hatte, gesund zu werden und nicht aufzugeben. Ich hatte Mamas Geist versprochen, mir alle Mühe zu geben, glücklich zu werden, und dieses Versprechen war mir heilig, auch, wenn es mir im Moment schwer fiel, es zu halten.

 

Nach dem Essen ging ich ins Bad und schminkte mich ab. Während ich die Kontaktlinsen herausnahm, die verschmierte dunkle Farbe von meinen Augen wegwischte und die Reste des Lippenstiftes entfernte, hatte ich das Gefühl, mich wieder in den Menschen zurück zu verwandeln, der ich heute Morgen, als der Tag so gut angefangen hatte, gewesen war. Eigentlich war heute nicht auffallend viel passiert, doch ich hatte das Gefühl, emotional überdurchschnittlich viel mitgemacht zu haben.

Ich kämmte das Haarspray aus meinen Haaren, nahm den Schmuck ab und zog dann den Pullover aus, weil mir irgendwie warm war.

 

Auf einmal stand Meto hinter mir, legte seine Arme um mich und schmiegte sich an meinen Rücken. Seine Hände auf meinem Oberkörper streichelten über den Stoff meines Tanktops, von meinem Bauch über mein Herz zu meiner Brust, wo seine Fingerspitzen, ganz kurz und vorsichtig, meine Nippel berührten. Diese kurze Berührung reichte aus, damit sich meine Atmung ein wenig beschleunigte, und ich seufzte leise.

Ich hörte Metos süßes, leises Lachen, fühlte mich fester von ihm umarmt, und dann war da seine warme Hand an meiner Hüfte, die unter mein Top schlüpfte und meine nackte Haut streichelnd berührte, weiterwanderte bis zum Nabel, wo seine Finger mit meinem Piercing spielten. Seine weichen Lippen tasteten über meinen Nacken, während seine Hand unter meinem Top nach oben wanderte, bis zu meinem Herzen, das von dieser liebevollen Behandlung schneller zu klopfen begonnen hatte.

„Dein Herz …“, sagte er, seine Stimme klang ganz weich und andächtig.

„Weißt du eigentlich, dass es nur für dich schlägt?“, fragte ich, wissend, wie kitschig das klang. Aber das war mir egal, ich sprach einfach das aus, was ich fühlte, und wenn es eben kitschig war.

 

Meto lachte wieder leise, ich drehte mich in seinen Armen zu ihm um und küsste ihn.

„Tsuzuku, du bist so süß“, sagte er, legte beide Hände an meine Brust und berührte wieder meine Nippel durch den Stoff, diesmal deutlich machend, welche Absichten er damit hatte. „Darf ich … dich verführen?“

„Du tust es ja schon“, erwiderte ich, denn das, was er mit mir machte, war nichts anderes, als mich langsam und liebevoll zu verführen und heiß zu machen.

Meto schob die Hände wieder unter mein Top und zog es mir mit einer einzigen, fließenden Bewegung über den Kopf, sodass ich es nur noch abstreifen und zu Boden fallen lassen musste. Kurz löste er sich von mir, um sein eigenes Oberteil ebenfalls auszuziehen, dann nahm er mich wieder in seine Arme und schmiegte sich an mich, lehnte seinen Kopf an meine Schulter.

 

„Weißt du …“, fragte er leise und seine Lippen streiften meinen Hals, „ …dass ich mich den ganzen Tag darauf gefreut habe?“

Eigentlich sah ich ja mehr mich selbst als jemanden, der so etwas sagte und empfand, aber anscheinend unterschätzte ich meinen Freund da ziemlich und er fühlte genauso wie ich. Es fiel mir seltsamerweise seit einer Weile ein wenig schwer, ihm zu glauben, dass er mich genauso begehrte wie ich ihn.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Sag’s mir.“

Meto sah mich ganz direkt an, nahm mein Gesicht in seine Hände und atmete einmal tief ein und aus, bevor er sprach: „Ich hab mich den ganzen Tag darauf gefreut, mit dir zu schlafen. Das von heute Morgen, das war so schön, und ich würde es jetzt gern fortsetzen.“ Ein feines, aber deutlich sichtbares Rot breitete sich auf seinen Wangen aus und ich spürte, dass es nicht ganz einfach für ihn war, so offen zu sprechen. Und irgendwie … fand ich das einfach wahnsinnig süß.

„Dann verführ mich“, sagte ich, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken. „Mach mich so heiß, dass ich nur noch an dich denke, an nichts anderes mehr.“

 

Meto ließ mir auch keine Zeit, im Nachhinein über meine Worte nachzudenken. Kaum hatte ich es ausgesprochen, waren da seine Finger an meinen Nippeln, seine Lippen an meinem Hals und seine Hüfte, die gegen meine drückte, wobei ich spürte, dass er schon ziemlich erregt war. Vorsichtig, um mir nicht weh zu tun, spielte er mit den Piercings, was in mir eine erste heiße Lustwelle auslöste und meine Atmung und meinen Herzschlag beschleunigte. Er wusste einfach ganz genau, womit er mich heiß machen konnte, und schien meine Lust auch zu genießen.

 

Ich schloss die Augen und spürte einen Moment später, wie Metos warmen Hände an mir herunter wanderten, bis zum Verschluss meiner Jeans, und diesen öffneten. Seine rechte Hand tauchte unter den Stoff in meine Shorts, berührte mein sich schon langsam härtendes Glied und begann, es zu streicheln, während er seine linke hinten in meine Hose schob und mich dort berührte.

Ich konnte nicht anders, als schon leise zu stöhnen, zu gut fühlte sich das an, was er mit mir machte.

Dass er offenbar Lust daran fand, die Initiative zu ergreifen, machte mich zusätzlich an und es gab mir Sicherheit, zu spüren, dass er mein Verlangen teilte und es nicht als bedrängend empfand.

 

„Komm, lass dich fallen, Tsu“, sprach Meto leise. „Du musst dir keine Sorgen machen. Es ist alles gut. Tu einfach das, wonach dir ist.“

„Was, wenn es wieder so endet wie vorgestern?“, fragte ich mit leiser Angst in der Stimme.

„Das wird es nicht. Ich bin nämlich so heiß auf dich, dass ich komplett entspannt bin.“ Mit diesen Worten ließ er seine Hand von meinem Hintern wieder nach oben und nach vorn wandern und berührte wiederum meine Nippel, diesmal jedoch um einiges mutiger und gezielter. Seine Finger spielten mit dem körperwarmen Metallring und als er schließlich daran zupfte, stöhnte ich laut auf und drängte mein Becken seiner noch immer in meiner Hose befindlichen Hand entgegen. Ich spürte süßesten, erregenden Schmerz an meinen Brustwarzen, ein mich wahnsinnig anmachendes Gefühl, das ich so wohl nur wegen der Piercings empfand.

 

„Darf ich … dich was fragen?“, fragte Meto, streichelte mich dabei weiter.

„Ja … klar.“

„Bist du wegen der Piercings da so empfindlich oder bist du deshalb da gepierct, weil du so sensibel bist?“

Ich lachte leise auf. Meto war nicht die erste Person, die mir diese Frage stellte. Eine meiner Freundinnen früher hatte, nachdem ich meine Brustwarzen hatte piercen lassen, genau dasselbe gefragt.

„Irgendwie beides“, antwortete ich. „Ich steh da schon immer drauf, aber seit ich die Piercings habe, ist das noch intensiver geworden.“

 

Meto lächelte, seine Hand in meinem Schritt griff ein wenig fester zu und die andere an meiner Brust rieb mit dem Daumen ganz gezielt über besagte erogene Knospen. Ich stöhnte wiederum, senkte dann leicht den Kopf, küsste seine Schulter, dort, wo das bunte Tattoo endete, legte meinen Arm um seine Taille und zog ihn an mich, was ihn leise seufzen ließ.

Wären wir jetzt schon im Schlafzimmer gewesen, hätte ich mich augenblicklich auf ihn gestürzt, doch so musste ich mich noch darauf beschränken, ihn nur anzufassen und von ihm angefasst zu werden.

 

Doch Meto gedachte das offenbar zu ändern.

„Ins Bett?“, fragte er und griff meine Hand.

Ich nickte, lächelte. „Ist sicher gemütlicher.“

Mein Liebster lachte leise, dann führte er mich über den Flur ins Schlafzimmer, wo er sich aufs Bett setzte und mich zu sich zog. Er ließ meine Hand los, legte beide Hände an meine Hüfte und schob meine Hose runter, mir deutlich zu verstehen gebend, was er wollte.

Und ich ließ es ihm, überließ ihm dieses Mal die Führung, auch weil ich mich nach dem, was letztes Mal passiert war, doch nicht so recht an meine eigene Lust und diesen Machtwunsch herantraute. Das hier sollte nicht so enden und ich gab mir alle Mühe, mich zurückzuhalten.

 

Ganz ausgezogen, legte ich mich schließlich aufs Bett und glaubte zuerst, dass Meto sich einfach ebenfalls ausziehen, neben mich legen, und mich weiter anfassen würde.

Doch er schien andere Pläne zu haben, denn er setzte sich, nachdem er sich ausgezogen hatte, wieder auf die Bettkante und sah mich erwartungsvoll an.

„Jetzt du“, sagte er schließlich. „Ich hab dich verwöhnt, jetzt du mich.“

Und da war sie wieder, meine Unsicherheit. Auf einmal hatte ich wieder Angst, dass meine Leidenschaft zu stark und meine Selbstkontrolle zu schwach war.

„Ich weiß nicht, ob ich … ob ich mich genug unter Kontrolle habe, um dich nicht zu überfallen.“

 

„Ach Tsu …“ Meto drehte sich ganz zu mir um und kam dann über das Bett auf mich zu gekrabbelt. Er kniete sich über meinen Bauch, drückte mich an den Schultern ins Kissen, sah mir in die Augen und sprach: „Warum geht das nicht in deinen Kopf rein, dass ich das will? Oder, besser gesagt, warum hast du dir das selbst ausgeredet? Vor dem Winter warst du da anders.“

„Wie … meinst du das?“ Ich drehte den Kopf zur Seite, wich seinem Blick aus.

Meto beugte sich vor, berührte mich am Kinn und drückte dort sanft aber bestimmt, bis ich ihn wieder ansehen musste. „Erinnerst du dich noch, als wir im Love-Hotel waren? Was du da gemacht hast?“

„Ja.“ Natürlich erinnerte ich mich daran. Damals hatte ich mir absolut keine Gedanken darum gemacht, ob ich Meto mit meiner Lust bedrängte oder nicht. Und mein Verhalten hatte sich seitdem eigentlich kaum verändert. Nur dachte ich jetzt anders über mich.

 

Dass er mich jetzt so bestimmend behandelte, machte mich irgendwie an, doch ich wagte nicht, das zu zeigen. Doch anscheinend bemerkte er es irgendwie.

„Weißt du, genau das meine ich. Seit vorgestern Abend scheinst du dich nicht mehr so recht zu trauen, mich richtig anzufassen. Du weißt doch eigentlich, dass ich drauf stehe, also, warum hast du Angst? Nur, weil es einmal schief gegangen ist?“

Ich konnte nicht antworten. Denn die Antwort wäre gewesen: ‚Ich hab Angst, dass ich mich nicht unter Kontrolle habe, dir wehtue und mir selbst endgültig beweise, dass ich völlig gestört bin. Mangelnde Selbstkontrolle ist anscheinend noch ein Anzeichen für Borderline.‘

 

Als ich nicht antwortete, stand Meto wieder auf, stieg vom Bett und holte Dinge aus meiner Nachttischschublade, legte die dann aufs Bett: Das schwarze Tuch, die Gleitmitteltube und die Schachtel mit den Kondomen.

Musste er noch deutlicher werden? Nein, eigentlich nicht. Ich wusste, was er wollte, und ich wollte es ja auch. Sehr sogar. Mein ganzer Körper schrie geradezu danach, mein Herz sehnte sich nach der vollkommenen Nähe meines Liebsten, doch etwas in meinem Kopf sagte Nein. In einem Versuch, dieses Etwas zu überwinden, richtete ich mich auf, griff nach Metos Hand und zog ihn zu mir.

„Hilf mir. Ich glaube, ich denke einfach zu viel. Verführ mich, mach mich so geil, dass ich nicht mehr denken kann!“

 

Meto lächelte, küsste mich und antwortete: „Sehr gern. Aber nur, wenn du dasselbe mit mir machst.“ Er legte sich neben mich und zog mich in seine Arme. Sein nackter Körper an meinem, seine Hände auf meiner Haut und seine Lippen, die immer wieder meine streiften, all das fühlte sich so gut an, dass meine Selbstkontrolle, mein Versuch zu beweisen, dass ich nicht gestört war, schmolz wie Schnee in der Sonne, und aufgestauter, heftiger Lust wich. Seltsam, so viel konnte sich da doch eigentlich in zwei Tagen gar nicht aufgestaut haben. Egal.

 

Ich drückte mich an Metos heißen Körper, barg mein Gesicht an seinem Hals, wo ich erst seinen Duft einatmete und dann an seiner Haut saugte, während meine Hände über seine Brust tasteten, bis sie seine noch weichen Nippel gefunden hatten, diese drückten und rieben, und ihm so ein lautes Stöhnen entlockten.

Überglücklich, dass ich meine Leidenschaft scheinbar bedingungslos wiederhatte, richtete ich mich halb auf, drückte Meto ins Kissen und machte mich mit dem Mund über seine Brust her, schmeckte die süße, zarte Haut seiner Brustwarzen und spürte, wie sie sich unter meinen Lippen härteten.

Zu spüren, wie er sich unter mir wand und meine Lust genoss, erregte mich noch mehr. Und als ich mich wieder aufrichtete und ihn ansah, wie er da vor mir lag, die Augen geschlossen, die vollen, weichen Lippen leicht geöffnet, mit diesem absolut süßen Rotschimmer auf den Wangen, lustgeröteten Nippeln, zuckender Bauchdecke und seinem bereits voll erigierten Glied, aus dessen ebenfalls geröteter Spitze schon der Lusttropfen austrat, da wäre von diesem Anblick am liebsten schon gekommen.

 

Anscheinend hatte er sich sehr danach gesehnt, es wieder mit mir zu tun, wenn er jetzt schon so erregt war. Innerlich lachte ich mich aus und nannte mich selbst einen Idioten, weil ich Meto, meinem festen Freund, der offenbar ebenso geil auf mich war, wie ich auf ihn, nicht zugetraut hatte, mich derartig zu begehren.

„Tsu…“, stöhnte er und hob sein Becken leicht an, gab mir deutlich zu verstehen, was er wollte. Ich kniete mich über seine Oberschenkel, er setzte sich auf und ich umfasste seine harte, heiße Erregung, was er mir augenblicklich nachmachte, mit dem Daumen meine Vorhaut zurückzog und über meine Eichel rieb. Laut aufstöhnend, drängte ich meine Körpermitte seiner Hand entgegen, spürte einen heißen Schwindel im Kopf und brauchte einen Moment, bis ich mich wieder soweit beisammen hatte, dass ich für ihn dasselbe tun konnte.

 

Eine Weile ging das so weiter, wir heizten uns gegenseitig immer mehr auf, doch auf einmal hielt Meto inne und schob meine Hand von sich weg.

„Wenn … du so … weiter machst, … komm ich gleich …“, keuchte er und ließ sich auf den Rücken sinken.

„Und was … möchtest du jetzt …?“, fragte ich, in meinem Kopf herrschte immer noch dieser hocherregte Schwindel und ich konnte tatsächlich nicht mehr wirklich denken. Ich fühlte mich wahnsinnig gut und alles, was heute gewesen war, schien ganz weit weg, unwichtig in diesem Moment, in dem es nur Meto, mich, unsere Liebe und unsere Lust aneinander gab.

 

Meto sah mich an, seine Augen schimmerten und seine vollen, gepiercten Lippen verzogen sich zu einem absolut süßen Lächeln. Er bewegte ein wenig seine Beine, um mir zu bedeuten, dass ich von ihnen runtergehen sollte, was ich sofort tat. Augenblicklich spreizte er die Beine, winkelte sie an und hob sein Becken so an, dass ich genau wusste, was er jetzt wollte.

Ich kniete mich dazwischen, griff nach der Gleitmitteltube, öffnete sie und tat mir etwas von ihrem Inhalt auf die Finger. Tastete nach seinem Eingang, schob meinen Finger vorsichtig hinein und berührte sein Inneres. Er hatte Recht gehabt, als er gesagt hatte, dass er vollkommen entspannt war, es ging ganz leicht und ich fand schnell die Stelle in ihm, die ihn vor Lust aufschreien ließ. Und auch, als ich langsam dazu überging, ihn zu dehnen, blieb er so, da war keine Spur von Anspannung zu bemerken, stattdessen stöhnte er lauter.

 

Vielleicht war die Verspannung von vorgestern Abend etwas gewesen, das nur ab und zu vorkam. Möglicherweise war Meto wegen des Umzuges noch zu aufgeregt gewesen oder hatte sonst irgendwas gehabt, was nichts mit mir zu tun hatte. In diesem Moment konnte ich das wirklich glauben und einfach genießen, dass es wieder klappte mit uns, dass ich gleich in ihn eindringen und ihm damit nur Lust schenken würde, keinen Schmerz.

 

Mein Blick wanderte über seinen nackten, bebenden Körper, den ich so absolut wunderschön fand, bis zu seinem Gesicht, auf das sich in diesem Moment Lust und beginnende Ekstase malten. Doch etwas fehlte da noch, etwas für meinen eigenen Genuss: Die Augenbinde.

„Meto?“, fragte ich, „Magst du dir die Augen selbst verbinden? Ich hab nur eine Hand frei.“

Er hob den Kopf, sah mich an und sagte, wieder mit diesem feinen, süßen Rotschimmer auf den Wangen: „Heute … will ich dich lieber sehen.“

Irgendwie fühlte sich das fast noch besser an, als wenn ich meinen Willen bekommen hätte. Der Gedanke, ihm in die Augen zu sehen, wenn ich in ihn eindrang, machte mich unheimlich an und ich umfasste wieder seine Erregung, um sie zu massieren und so seine und meine Lust weiter zu steigern. 

Mein Liebster stöhnte laut, drängte sich mir entgegen, schrie, als ich mit dem Finger in ihm wieder über diese heiße Stelle in seinem Innern strich und ihn weiter dehnte, und ich sah zu, wie er begann, sich selbst zu streicheln, seine eigenen Nippel drückte und seine Hand dann abwärts wandern ließ, bis sie die meine an seinem lustzuckenden Glied berührte. Irgendwie löste diese Berührung unserer Hände bei mir wildes Herzklopfen aus und ich spürte, wie meine eigene Körpermitte heißer und heißer wurde, sodass ich mich kaum noch zurückhalten konnte.

„Tsu…zuku …! Jetzt mach! Nimm mich …!“

Ich lächelte anzüglich, sah ihm einmal tief in die Augen und fragte, leicht keuchend: „Willst du … mich in dir haben …?“

Metos Antwort war ein tiefes, eindeutiges Stöhnen.

 

Beinahe hätte ich das Kondom vergessen, im letzten Moment dachte ich noch daran und beeilte mich damit. Ich nahm noch etwas Gleitmittel dazu, dachte, soweit mein hocherregt liebeskrankes Hirn dazu imstande war, daran, dass ich dieses Mal so lieb und vorsichtig wie möglich mit Meto sein wollte, dann zog ich sein Becken auf meine Oberschenkel und schob mich langsam in ihn. Sein glühheißes Inneres nahm mein Glied ganz leicht auf, er schrie nicht auf, sondern stöhnte ekstatisch, und ich fühlte mich vollkommen gut und sicher.

Mein Herz bebte vor Liebe und Erregung, hämmerte gegen meine Rippen, und ich legte, die Augen schließend, den Kopf in den Nacken, um auf dieses wahnsinnig schöne Gefühl irgendwie klarzukommen. Meine Augen fühlten sich seltsam heiß an, wie von Tränen, und ich verharrte einen Moment so, um sicher zu gehen, dass ich jetzt nicht vor Rührung zu weinen anfing.

 

Als ich mich wieder halbwegs gefangen hatte, beugte ich mich vor, stützte meine Hände links und rechts auf und sprach meinen Liebsten leise an: „Meto?“

Er hob den Kopf, stützte sich auf seine Unterarme, sodass sein Gesicht meinem näher kam und ich ihn küssen konnte. Er öffnete die Lippen und ließ mich ein, seine Zunge spielte mit meiner, fuhr in den Spalt und tauchte dann in meinen Mund, machte mir noch einmal deutlich, dass er mich genauso begehrte wie ich ihn. Einen Moment lang blieben wir so, dann löste ich den Kuss und sah Meto fest in die Augen. Diese wunderschönen, dunkelbraunen Augen, in denen ich hätte versinken können. Ich konnte nicht anders, als ihn wieder zu küssen.

„Wir sind eins“, flüsterte ich rau gegen seine Lippen und leckte zärtlich darüber. „Ich liebe dich.“

„Ich dich auch. Sehr …“, antwortete er. „Und jetzt … beweg dich bitte.“

 

Eine Aufforderung, der ich nur allzu gern nachkam. Meto ließ sich wieder ganz auf den Rücken sinken, krallte die Hände in die Matratze und drängte seinen Körper mir entgegen, wodurch ich mit einem Mal ganz tief in ihm war und fast schon automatisch leicht in ihn stieß.

Sofort hielt ich inne. ‚Bewegen‘ hatte er gesagt, nicht ‚stoßen‘. Ich versuchte, mich einerseits zu kontrollieren, um ihm nicht weh zu tun, und andererseits seiner Bitte nachzukommen, ihm wahnsinnige Lust zu bereiten und ihn meine Leidenschaft spüren zu lassen. Der Grat dazwischen war schmal und mein Körper bewegte sich wie von selbst, ließ sich kaum beherrschen.

‚Sanft sein‘, dachte ich, ‚Du willst dir doch nicht nachher wieder Vorwürfe machen. Sei so sanft, lieb und vorsichtig, wie du nur kannst.‘

 

Und so bewegte ich mich langsamer, genoss jede Sekunde, jede Reaktion meines Liebsten und das überwältigende Gefühl, eins mit ihm zu sein. Ihm schien das sehr zu gefallen, er stöhnte, flüsterte meinen Namen, sah mich ab und zu an und lächelte leicht, bevor er wieder stöhnte und den Kopf zur Seite warf. Eine seiner Hände löste sich wieder von der Matratze, suchte nach meiner und hielt sie fest. Und wieder löste das in mir starkes Herzklopfen aus.

 

„Du … musst nicht … so vorsichtig sein …“, flüsterte er, klang so, als ob die Sprache ihm gleich den Dienst versagen würde. „Halt dich … nicht zurück, … ich halte das … schon aus …“

„Bist du ganz sicher …?“, fragte ich atemlos.

Statt einer verbalen Antwort drängte Meto sich mir wieder entgegen, heftig, mit einem Verlangen, dass ich so von ihm kaum kannte (was auch immer mich dazu brachte, ihn da zu unterschätzen …).  

Und mehr als das brauchte es nicht, um meine Selbstkontrolle wieder einmal aufzulösen, meine Lust zu entfesseln und mich vollkommen verrückt zu machen.

Tief einatmend, zog ich mich ein Stück weit aus ihm zurück, verharrte einen Moment so und stieß dann in ihn, wobei mir einen Augenblick lang das Gefühl für oben und unten abhandenkam. Sofort verlangte es mich nach mehr, immer mehr, so sehr, dass ich mein eigenes heftiges Stöhnen nur am Rande mitbekam, während ich wieder und wieder zustieß.

 

Ich hörte ihn aufschreien, doch es klang so viel mehr nach Lust, denn nach Schmerz, und aufhalten konnte mich jetzt sowieso nichts mehr.

Meine Selbstkontrolle, ohnehin ja nicht besonders stark, hatte sich binnen Sekunden in Nichts aufgelöst, und darunter spürte ich Gefühle hochkommen, die ich eigentlich einzusperren versucht hatte. Da war dieses Machtgefühl, das erhebende Wissen, dass Meto jetzt zur mir gehörte, dass niemand mehr versuchte, ihn mir wegzunehmen. Dass er es mochte, wenn ich ihn meine Lust so deutlich spüren ließ, und dass mich das wahnsinnig geil machte. Und ein dunkles Verlangen danach, ihn zu erobern, mir zu Eigen zu machen und ihm mein Siegel aufzudrücken.

Ob das krank war, oder nicht, war mir in diesem Moment vollkommen egal, ich konnte nur noch, wenn man das denn überhaupt ‚denken‘ nennen konnte, daran denken, dass ich es wollte und dass ich absolut wahnsinnig, intensiv und besessen verliebt war.

 

Der Höhepunkt kam schneller, als es mir gefallen hätte, war kurz und heftig, ich spürte nichts als reine Lust und Hitze und verlor für einen kurzen Moment vollkommen die Kontrolle über mich.

Als sich mein Bewusstsein wieder zum Dienst meldete, lag ich vornübergebeugt auf Metos Körper und spürte seine Hand zwischen uns, er fasste sich selbst an, und erst, als er einen Moment später erbebte und gegen meinen Bauch kam, spürte ich, dass ich noch in ihm war.

Langsam und leicht zitternd, richtete ich mich wieder auf und zog mich vorsichtig aus ihm zurück, schob ihn dann, ebenso vorsichtig, sanft von mir und ließ mich, immer noch schwer atmend, neben ihn sinken, blickte hoch an die weiße Decke, eine ganze Weile blieben wir so liegen.

 

Langsam beruhigten sich meine Atmung und mein Herzschlag, ich kam wieder zu klarem Bewusstsein und damit kehrten auch die Gedanken und leisen Zweifel zurück. Ich selbst fühlte mich wahnsinnig gut, aber ob es Meto genauso ging, wusste ich nicht. Hoffentlich war ich am Schluss nicht doch zu heftig gewesen. Ich hatte so versucht, mich zu beherrschen, doch gegen diese beinahe schon wahnsinnige Lust war meine Selbstbeherrschung machtlos, zu gut, zu geil fühlte es sich an.

 

„Tsu … das war so schön …“, brach Meto schließlich die Stille, ich spürte seine Hand streichelnd an meinem Arm.

Ich wandte mich ihm zu, sah ihn an, hob die Hand und strich ihm die verschwitzten türkisblauen Haarsträhnen aus der Stirn. „War’s dir auch nicht zu heftig am Ende?“

Er schüttelte den Kopf und lächelte. „Nein, das war schön. Genau das, was ich wollte.“

Wieder fragte ich mich, wie ich so jemand Süßes wie ihn eigentlich verdient hatte. Wie konnte es sein, dass er so perfekt zu mir passte und mich Gestörten so sehr liebte? Mein Herz zitterte vor Liebe und den Nachwellen dessen, was wir gerade getan hatten, und auf einmal war mir nach Weinen zumute.

 

Ich rückte noch etwas näher zu ihm, nahm ihn in meine Arme und flüsterte mit zitternder Stimme: „Ich liebe dich, Meto. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr.“

Er schmiegte sich an mich, ganz süß und lieb, und ich fügte noch leiser hinzu: „Und wenn ich vielleicht mal ganz furchtbar zu dir bin, dann vergiss bitte nicht, dass du alles für mich bist. Du bist mein Leben.“

Meto lächelte, seine Hand streichelte meine Seite. „Das vergesse ich bestimmt nicht. Ich lieb dich doch auch.“

 

Und wieder war da so ein Moment, in dem ich über meine Angst und meine dunklen Gedanken hätte sprechen können. Ein paar Sekunden lang fühlte ich mich danach, alles auszupacken und zu sagen, was in mir los war. Doch ich ließ den Moment ungenutzt verstreichen, hatte das Gefühl, dass es nicht der richtige dafür war. Auch, wenn ich nicht wusste, wann denn dann der passende Augenblick war, um darüber zu sprechen, dass ich mich für völlig gestört hielt und Angst hatte, dass es schlimmer werden würde.

 

Meto zog mich eng an sich, seine Lippen streiften meine noch schweißfeuchte Haut, und er sagte ganz leise etwas, das wie „Du bist so schön warm, Tsu“ klang. Seine Stimme hörte sich schon ganz müde an, was angesichts dessen, was wir getan hatten, ja kein Wunder war, und bald darauf hörte ich seine gleichmäßigen, schlafenden Atemzüge.

 

Ich stand auf, warf das Kondom in den Mülleimer, griff dann nach der Taschentücher-Box auf meinem Nachttisch, zog ein paar heraus und befreite damit Meto und mich von den Spuren unserer Leidenschaft. Dann zog ich die Bettdecke hoch, kroch darunter, deckte uns beide zu und blieb noch eine Weile wach liegen, hielt ihn im Arm, während sich in meinem Kopf die Gedanken drehten. Irgendwann würde ich nicht mehr darüber schweigen können, das wusste ich, aber ich hatte Angst, damit dann alles kaputt zu machen. Doch andererseits … würde denn nicht auch dann alles zerbrechen, wenn ich weiter schwieg und mein Leid verheimlichte?

 

Je mehr es sich in meinem Kopf drehte, umso mehr furchtbare Gedanken kamen dazu. Nicht nur, dass ich möglicherweise mein Versprechen an Mama brechen würde, sondern auch, ob Meto denn überhaupt mit jemandem zusammen sein wollen würde, dessen Seele und Persönlichkeit den Stempel ‚Borderline‘ trug. Augenblicklich sprangen mir Tränen in die Augen, heftigste Verzweiflung durchfuhr mich und ich drückte mich enger an meinen tief und fest schlafenden Freund, hoffend, dass seine Nähe diesen unerträglichen Gedanken irgendwie vertreiben konnte.

Ich konnte ihm doch vertrauen, oder? Er würde mich nicht allein lassen, liebte mich doch so, wie ich war … oder nicht? Schließlich konnte ich seine Gedanken nicht lesen, wusste nur durch seine Worte und das, was er tat, wie er mich sah.

 

Als ich die ersten schweren Schluchzer spürte, löste ich mich von ihm, um ihn nicht zu wecken, drehte mich auf die andere Seite und vergrub mein Gesicht im Kissen. Schlang meine Arme um meinen Körper, mein Herz tat weh vor Angst, und weinte mich in den Schlaf.

 

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Kapitel:4
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Kurzbeschreibung

Yasashikunai Mirai – Die nicht-einfache Zukunft Eigentlich sollte Tsuzuku glücklich sein: Der Winter ist vorbei und er kann den Tempel verlassen, endlich wegziehen, das Straßenleben ganz hinter sich lassen und zusammen mit Meto neu anfangen. Zuerst sieht es auch nach einer glücklichen Zukunft für das verliebte Paar aus. Doch das neue Leben gestaltet sich schwieriger als beide dachten und bekommt schnell erste Kratzer. Meto ahnt, dass Tsuzuku noch einen großen Schatten mit sich herumträgt, und dann droht die alte Dunkelheit die beiden einzuholen …

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