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Koi no mae wa ...

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09.10.20 06:56
16 Ab 16 Jahren
In Arbeit

Autorennotiz

Vorgeschichte zu Muzukashii Sekai und Yasashikunai Mirai.
MEJIBRAY; Tsuzuku und Meto
Alternatives Universum, No-Band-Content
(noch) kein Yaoi!
Trigger Warnung: Depression, Essstörung, Selbstwertprobleme, Borderline ...

Schweigen. Stille. Kein Ton, kein Laut, kein Geräusch. Nur vielleicht das Ticken der Uhr an der Wand meines Zimmers, und das kaum hörbare Piepsen meines PCs im Standby-Modus. Aber kein Wort. Ich saß seit bestimmt einer Viertelstunde auf meiner Bettkante und starrte Löcher in die Luft, wie so oft. Draußen schien die Sonne, ich spürte sogar ein wenig Wärme auf meiner Haut. Aber zugleich auch Angst. Angst vor draußen, vor den Menschen dort, ihren Blicken und Bemerkungen, mit denen ich nicht umgehen konnte, aus demselben Grund, aus dem ich in diesem Moment in Stille hier saß. Ich konnte nicht sprechen.

 

Nun ja, theoretisch beherrschte ich die Sprache. Ich konnte ganz normal Worte denken, und lesen und schreiben ging auch, man konnte sogar meine Handschrift als ‚schön‘ bezeichnen. Aber sobald ich versuchte, etwas zu sagen, wirklich auszusprechen, versagte ich, brachte nur stotternde, ungeordnete, dumm klingende Satzteile zustande.

 

Das war noch nicht immer so, hatte erst begonnen, als ich in der Mittelschule war, und jetzt, mit achtzehn Jahren, war es so weit, dass ich fast gar nicht mehr sprach, vor lauter Scham über meine Unfähigkeit. Ich hatte jetzt vor Wochen zuletzt wirklich gesprochen …

Die Schule hatte ich mit Ach und Krach hinter mich gebracht, mich aber nie für eine Universität beworben. Wie sollte ich denn so, wie ich war, auch irgendwo angenommen werden?

 

Und nachdem sich das Thema Uni also erledigt hatte, hatte ich mich mit meiner ganzen Energie einem anderen Projekt zugewandt, das in die entgegengesetzte Richtung wies: Visual Kei.

Ich hatte meine Haare färben lassen, zuerst blond, dann hellblau, trug einen Sidecut und Undercut auf beiden Kopfseiten, so eine richtig schöne Punkfrisur, mit der ich mich echt wohl fühlte. Entsprechende, schräge, schwarz-bunte Klamotten waren dazu gekommen, und dann die Piercings, an meinen Ohren, Lippen, meiner Nase …

 

Und als mir auch das zu wenig gewesen war, weil ich meine Freude an der Körperkunst entdeckt hatte, kamen zwei Tattoos dazu. Zuerst ein rot-schwarzes Anarchie-A auf meiner Brust, geschmückt von zwei weiteren Piercings dort. Und dann, als ich in der Materie so richtig aufging, hatte ich mich mit einer sehr fähigen und lieben Tattoo-Künstlerin zusammengesetzt und mein eigenes Motiv entwerfen lassen: Ein knallbunt gemaltes Baby im Mutterleib, das seinen Platz schließlich auf meiner linken Brustseite fand, und sich mit weiteren bunten Elementen bis auf meinen linken Arm und meine Hand ausdehnen sollte. Es war ein schräges, verrücktes, durchgeknalltes Bild meiner Selbst, das Baby trug dieselben Ohr-Piercings wie ich. Noch war nur dieses Baby bunt, vom Rest hatte ich nur die noch ungefärbten Linien auf dem Arm, etwa bis zum Ellbogen.

 

Doch in letzter Zeit hatte ich nicht mehr daran weiter arbeiten lassen. Nicht, weil es mir nicht mehr gefiel, sondern weil ich kaum noch das Haus verließ. Ich lebte mit meinen Eltern in einem sehr großen, edlen Haus, das sich gut und gerne als Luxus-Villa beschreiben ließ, und weil meine Eltern viel arbeiteten, um unseren Reichtum zu erwirtschaften, war ich meistens alleine. Ich fühlte mich einsam, doch zugleich wollte ich nicht mehr raus gehen. Eine Angst hatte von mir Besitz ergriffen, die sich vielleicht mit „Sozialphobie“ beschreiben ließ und mich auch nahe an eine Art Depression brachte.

Ich erwog jeden Tag ein Stückchen mehr, einfach gar nicht mehr raus zu gehen. Das Wort Hikikomori schwirrte mir durch den Kopf, und ich dachte, vielleicht würde das meine Art zu leben sein. Zu meinen früheren Schulfreuden hatte ich längst den Kontakt verloren, neue Freunde fand ich wegen meiner Sprachprobleme nicht, nur ein paar Internetkontakte, die sich ja vielleicht ausbauen ließen …

Meine Eltern merkten langsam schon, dass es mir nicht gut ging, aber ich sprach nicht mit ihnen darüber, wollte sie nicht belasten. Und ganz sicher, dass ich zum Hikikomori werden wollte, war ich auch noch nicht.

 

Während ich hier saß und über mich und mein Leben nachdachte, mein Alleinsein und meine Angst vor der Gesellschaft, zu der ich mich nicht mehr zugehörig fühlte, zogen draußen Wolken vor die Sonne. Vielleicht würde es nachher regnen.

Ich ließ mich auf den Rücken sinken, starrte an die Decke, und dachte kurz daran, Musik anzumachen, Dir en grey vielleicht, die mochte ich ziemlich gern. Ich hatte sogar ein Poster von ihnen an der Wand.

 

Neben meinem Kopfkissen saß mein Teddy, Ruana, sie sah ebenso schräg aus wie ich, mit ihrem Reißverschlusshals und dem lila Kopf dort, wo sich mal ihr rechtes Auge befunden hatte. Sie sah mich an, und ich blickte zurück. Ruana mochte es nicht, dass ich so einsam war, sie versuchte mit solchen Blicken, mich dazu zu bewegen, dass ich doch noch raus ging in die Stadt.

„Ich kann das nicht“, dachte ich, laut sprechen brauchte ich bei Ruana nicht.

„Kannst du doch.“

„Nein.“

„Doch!“ Ruana sah mich für Teddy-Verhältnisse ziemlich energisch an. „Meto, du kannst doch nicht immerzu nur drinnen sitzen! Geh raus, heute ist Stadtfest, da sind viele Leute kostümiert, niemand wird dich anstarren!“

Stadtfest. Trubeliges, lautes, viel zu lebhaftes Stadtfest.

„Metoooo …“ Ruana zog meinen von mir selbst ausgedachten Pseudonym-Namen ungeduldig in die Länge. „Komm schon!“

„Nur, wenn du mitkommst“, zischte ich in Gedanken und griff sie mir. Stand auf, nahm meine Tasche mit Portmonee und Handy darin, und zog meine Jacke an. „Zufrieden.“

Ruana grinste. „Japp.“

 

Und so ging ich die Treppe runter, zog im großen Eingangsbereich unserer Villa meine Schuhe an und ging dann tatsächlich raus.

„Das wird jetzt die Probe aufs Exempel. Wenn ich das jetzt verbocke, dann war’s das, dann geh ich gar nicht mehr raus“, dachte ich und steckte Ruana tief in meine Umhängetasche. Sie war meine Privatsache, ging niemanden was an.

 

Während ich dann also von meiner etwas außerhalb gelegenen Wohngegend in Richtung Innenstadt lief (die Stadtbahn mochte ich nicht nehmen), überall Läden und Restaurants und kleine Parks und viele, viele Menschen sah, machte mich die Aussicht, das alles bald nicht mehr sehen zu können, weil ich mich in meinem Zimmer vor der Welt verstecken wollte, doch irgendwie traurig. Denn ich hasste die Welt ja nicht, ich fühlte mich nur so ausgeschlossen und allein …

 

Warum ging ich nur gerade auf dieses Stadtfest? Ich verstand es selbst nicht so wirklich. Schließlich hatte die Unterhaltung mit Ruana vorhin nur in meinem Kopf stattgefunden, ich war also selbst auf die Idee gekommen. Ich wusste nur nicht, woher. Aber es fühlte sich irgendwie wie Schicksal an, wie „Letzte Chance“ und „Jetzt oder nie mehr“.

 

Mit diesem Gefühl kam ich auf dem großen Platz an, an dessen Kopfende ein großes Tor mit roter Laterne stand. Ich sah die Unzahl an bunten Festständen und hörte die schrille, laute Musik der Musiker vom Schrein.

„Dann mal los“, dachte ich zu Ruana und packte meine Tasche etwas fester. Tatsächlich schien mich in diesem Getümmel niemand so wirklich zu bemerken. Ich fühlte mich nicht angestarrt, konnte fast in der Menge abtauchen, und wenn doch jemand starrte, so gelang es mir heute, das nicht zu bemerken. Die zahllosen Eindrücke, der Geruch der Essensstände, die bunten Stände voller Spielzeug und anderem Zeug und die lauten Rufe der Glückslosverkäufer überdeckten alles.

Ich sah hierhin und dorthin, während ich durch die schmalen Gassen zwischen den Ständen ging, kurz dachte ich sogar daran, mir an einem der Stände eine Tüte Cracker zu holen. Aber ich entschied mich dagegen, ließ mich weiter treiben, ohne die Menschen um mich herum wirklich anzusehen …

 

Bis ich, unaufmerksam wie ich war, in diesem fließenden Gedränge mit jemandem aus der mir entgegen kommenden Menge zusammenstieß.

Einen  Augenblick lang schien alles auf einmal zu passieren, ich fiel beinahe hin, hörte das metallische Klimpern zu Boden fallender Münzen, fing mich gerade noch so selbst ab, und hörte im selben Moment ein gezischtes „Fuck!“

 

Meine Tasche glitt mir von der Schulter und landete auf dem Boden, ich hob sie auf und sah dann erst, wen ich da umgerannt hatte: Eine schmale Gestalt, die vor mir auf dem Boden kniete und hastig die herumliegenden Münzen wieder einzusammeln versuchte. Ein junger Mann, vielleicht nur ein wenig älter als ich. Schwarzes Haar, etwas über schulterlang, aber strähnig und ungewaschen. Sein abgewetztes, dunkles T-Shirt entblößte mit dunkelblauer Tinte zutätowierte Arme, eine zum Teil zerrissene Jeans verbarg auffallend dünne Beine, und die schwarzen Schuhe waren völlig abgetragen.

 

Er hob kurz den Kopf, sah mich an, mit dunkelbraunen Augen, in denen eine solche Einsamkeit und Trauer herrschte, die so hoffnungslos und resigniert aussahen, dass mir zum ersten Mal seit Wochen ein einzelnes Wort entwich: „… Entschuldigung…“

Er antwortete nicht, sondern kroch weiter auf dem Boden herum und versuchte, trotz der vielen Leute um uns herum, sein Geld wieder zusammen zu suchen. In der Hand hielt er eine abgewetzte Mütze, da hatte er die Münzen wohl drin gehabt. Ein Obdachloser? Sofort tat mir unser Zusammenstoß noch mehr leid. Anscheinend war er einer der Obdachlosen, die das Fest zum Betteln nutzten, und ich hatte durch meine Unachtsamkeit seine gesamten, mageren Einnahmen verstreut.

 

Ich kniete mich hin und versuchte, ihm beim Aufsammeln zu helfen. Dabei sah ich wieder seine Augen und diese wahnsinnige Trauer und Einsamkeit in ihnen. Einsamkeit, das kannte ich auch, nur zu gut. Augenblicklich fühlte ich eine Art Verbindung zu diesem Mann, der anscheinend genauso am Rande der Gesellschaft stand wie ich, wenn auch auf andere Art.

 

Manche der Münzen waren so weit weg gerollt, dass wir sie nicht mehr aufsammeln konnten. Schon wichen die Leute um uns herum aus, doch sie gingen und gingen und ich kam an die meisten Münzen nicht mehr ran. Kurzentschlossen kramte ich mein Portmonee aus meiner Tasche, nahm einen Tausend-Yen-Schein heraus und hielt ihn dem Mann hin.

„… Hier, …bitte …“, sagte ich leise, es fühlte sich seltsam an, wieder zu sprechen.

Er sah mich ungläubig an. „… So viel?“

„Ja… Jetzt… nimm schon…“ Ich lächelte ihn an, oder versuchte es zumindest. Es fühlte sich an, als ob ich fast ein wenig rot wurde.

 

Er streckte die Hand aus und ich drückte ihm den Schein in die Hand, die größer war als meine. Obwohl sie nicht sauber waren, Schmutz unter den Fingernägeln und dunkle Schrammen auf der Haut, hatten seine Hände etwas Schönes an sich, etwas, das mich dazu brachte, ihn wieder anzulächeln. Er hatte zwei kleine Tattoos auf den Fingern der linken Hand, die gefielen mir.

Einen Moment lang blickten wir uns an, dann stand er auf, steckte den Geldschein tief in seine Hosentasche und sagte leise: „Danke.“

Er drehte sich um, wandte sich zum Gehen, doch aus einem inneren Impuls heraus packte ich ihn am Ärmel.

 

Er war der erste Mensch, mit dem ich seit langem ein paar Worte gewechselt hatte und allein deshalb konnte ich ihn nicht so einfach gehen lassen. Ich wollte zumindest seinen Namen wissen.

„Warte … mal“, stotterte ich, als er mich irritiert und fragend ansah. „Wie …heißt du…?“

Er sah mich einen Moment lang an, ohne etwas zu sagen, dann antwortete er: „Nenn mich Tsuzuku.“

Tsuzuku. Ein schöner, irgendwie besonderer Name. Er konnte ‚buchstabieren‘ bedeuten, oder auch ‚andauern, weitergehen, etwas fortsetzen‘. Als Vorname war er aber eher unüblich, und ich vermutete, dass es sich um ein Pseudonym handelte.

„Ich… bin Meto…“, sagte ich leise, benutzte also selbst meinen Nicknamen und fügte automatisch ein leises „Freut mich, dich kennen zu lernen“ an, von dem mir erst Sekunden später auffiel, dass ich es ohne jedes Stocken herausgebracht hatte.

Tsuzuku lächelte, nur ein wenig und es erreichte seine Augen kaum, aber er tat es und es sah ein bisschen schön aus, und er erwiderte höflich: „Freut mich auch.“

 

„Wo … lebst du denn…?“, fragte ich leise.

„Akutagawa-Kouen … unten am Fluss, bei der Brücke.“ Die Antwort schien ihm doch schwer zu fallen, sicher nicht verwunderlich, vermutlich schämte er sich dafür.

Ich ließ seinen Arm los, er drehte sich einfach um und verschwand wieder in der Menge. Doch ich wusste, ich würde hingehen zu diesem Park, und ihn wiedersehen.

 

Er hatte etwas an sich, das mich anzog, wie ein fremder, seltsamer, und zugleich so eigenartig vertrauter Magnet, dessen Anziehung sich neu und vertraut zugleich anfühlte. Ich überlegte, ob ich ihn irgendwoher kannte. Vom Tätowieren vielleicht? Nein, in dem Studio, wo ich immer hin ging, wäre er mir längst aufgefallen. Und in der Szene bewegte ich mich so wenig, nein … Ich kannte ihn nicht, hatte ihn nie zuvor gesehen, und dennoch war es so, als kannte ich ihn doch.

 

Dass ich ihm gegenüber einen Satz ohne Stocken herausgebracht hatte, und diese Einsamkeit und Trauer in seinen Augen, es ließ mich nicht mehr los. Wie automatisch ging ich weiter, in dieselbe Richtung, in der er verschwunden war, doch ich fand ihn nicht mehr.

Und so beschloss ich, nach Hause zu gehen. Morgen war auch noch ein Tag, und diesen Mann dort zu suchen, wo er seinen Worten nach in der Stadt zu finden sein konnte, würde ein Vorhaben sein, für das es sich lohnte, raus zu gehen und das Hikikomori-Dasein noch ein wenig aufzuschieben.

 

Auf dem Weg raus aus der Innenstadt und in Richtung zu Hause fing es dann wirklich noch zu regnen an. Ich setzte meine Kapuze auf und rannte die Straße zu unserem Haus entlang, und dabei musste ich an Tsuzuku denken, diesen jungen, so furchtbar einsam aussehenden Obdachlosen, der jetzt vielleicht irgendwo in einer zugigen, kalten Ecke saß und fror, während ich gleich in mein warmes, gemütliches, luxuriöses Zuhause zurückkehren würde.

 

Den Abend dieses Tages verbrachte ich mit meiner Spielekonsole, nur unterbrochen davon, dass meine Mutter mich zum Abendessen rief. Ich ging runter, aß mit, aber ich sprach kein Wort, erzählte auch nicht, was ich erlebt hatte.

Nach dem Essen ging ich wieder rauf und spielte weiter, später klickte ich mich noch ein wenig durchs Internet, suchte zum ersten Mal nach Informationen über die Obdachlosen in meiner Stadt und die Hilfsangebote für solche Menschen, und fand die Seite einer Organisation, die hier in der Stadt eine Notunterkunft betrieb. Aber viel Information oder gar Bilder waren da nicht zu sehen, und so schloss ich die Seite wieder.

 

Ich nahm Ruana wieder aus meiner Tasche, setzte sie auf ihren Stammplatz neben meinem Bett und ging dann in mein Badezimmer, das sich direkt neben meinem Zimmer befand. Mama und Papa hatten unten ein anderes Bad, weshalb ich dieses hier oben ganz für mich allein hatte. Ich hatte eine Dusche, eine Badewanne, Waschbecken und Toilette, und alles, was ich nur gebrauchen konnte an Spiegeln, Kosmetik und so weiter.

Seit ich mich für Visual Kei begeisterte, glich mein Bad eher dem einer sich viel schminkenden, schönheitsbewussten jungen Frau, als dem eines Jungen oder Mannes von achtzehn Jahren, der ich ja war. Aber das war mir egal, ich war nun mal so. Ich schminkte mich gern und trug wahllos Kleidung aller Geschlechter, Hosen, Röcke, alles, Hauptsache es gefiel mir. Und dass ich schon seit meiner Kindheit wusste, dass für mich als Partner in der Liebe nur ein anderer Junge beziehungsweise Mann infrage kam, und ich Mädchen und Frauen nur als gute Freundinnen ansehen konnte, machte es einfach noch klarer. Ich hatte zwar bis jetzt noch keinen festen Freund oder auch Sex gehabt, aber ich wusste es einfach, ich stand auf Männer.

 

Nach dem Badezimmerbesuch ging ich gleich ins Bett, aber es dauerte eine Weile, bis ich einschlief. In meinem Kopf stellte ich mir vor, morgen in diesen Park zu gehen, den Akutagawa-Park, von dem ich wusste, dass dort oft eine Mischung aus Punks, Visuals und Obdachlosen herumhing. Ich hatte tatsächlich schon öfter überlegt, dorthin zu gehen, eben wegen der Visuals, aber bisher hatte ich mich nicht getraut.

Meine Gedanken kreisten um Tsuzuku, diese Begegnung mit ihm, der so kaputt und traurig aussah und dabei hinter dem mangels Möglichkeiten ungepflegten Äußeren irgendwo so eine Schönheit in sich hatte. Ich erinnerte mich an den Klang seiner Stimme, an die Form seiner Hände, und immer wieder dieser Ausdruck totaler Einsamkeit und tiefem Schmerz in diesen braunen Augen. Irgendwas war da, was in mir den Wunsch weckte, ihn wieder zu sehen, und ihm zu helfen.

 

Ich sah mich in meinem Zimmer um, sah meine große Musikanlage, meine Spielekonsole, meine teuren Kleider und die vielen Dinge, die ich besaß, die Zeichen des großen Wohlstandes, in dem ich von klein auf lebte.

Und dachte dann an diesen Mann, der wahrscheinlich nur das besaß, was er am Leib trug, oder was vielleicht noch in einen kleinen Koffer passte. Es war ungerecht, fand ich, und dachte an das, was soziale Organisationen auf ihren Plakaten verkündeten: Dass jeder etwas Kleines tun konnte und musste, um anderen zu helfen, denen es schlechter ging.

Meine Eltern halfen auch, indem sie in ihrer Arbeit als Anwälte Menschen verteidigten, die vielleicht zu Unrecht unter Verdacht standen. Und bisher hatte ich immer nur zugesehen, nur gute Gedanken gehabt, und nichts getan.

Jetzt sah ich, ich hatte die Möglichkeit, etwas zu tun. Ich würde anfangen, zu helfen, indem ich morgen zu Tsuzuku ging, ihm vielleicht noch ein wenig Geld zusteckte, und ihn fragte, was ich für ihn noch tun konnte.

Am nächsten Morgen war ich schon früh wach. Und tatsächlich war eins der ersten Dinge, die mir einfielen, das, was ich heute vorhatte: In diesen Park gehen und schauen, ob und was ich für Tsuzuku tun konnte. Ich war schon ganz schön aufgeregt, so etwas hatte ich kaum jemals getan, mich um jemand Fremden bemüht. Ich hatte mich schlicht nie getraut.

Und dass es außerdem gerade dieser Ort war, der Treffpunkt der hiesigen Punk- und VKei-Szene, veranlasste mich dazu, dass ich nicht lange herumlag, sondern aufstand und überlegte, was ich heute am besten anzog, und wie ich mich schminken sollte. Ich wollte nicht overdressed aussehen, aber schon noch so, dass man mir meine Freude am Visual Kei ansah.

 

Ich suchte mir ein kunstvoll zerfetztes Shirt in Schwarz und Rot aus, dazu eine mit Sicherheitsnadeln und silbrigen Schnallen geschmückte, schwarze Hose, und nahm beides samt Unterwäsche mit rüber ins Bad, wo ich erst mal unter die Dusche verschwand.

Duschen, Haare waschen, anziehen, und dann schminken und meine Haare ein wenig stylen, das alles nahm einige Zeit in Anspruch, obwohl ich nicht mal auf mein volles Programm an Make-up mit bunten Kontaktlinsen und Glitzer zurückgriff, sondern für meine Verhältnisse ganz dezent blieb. Dennoch war es, als ich mit allem fertig war und wieder zurück in mein Zimmer ging, schon acht Uhr und ich dachte, so konnte ich raus gehen.

Ich hatte ein kleines Café im Sinn, wo es ein schönes, kleines Frühstück gab, und dort wollte ich als erstes hin, danach in den Park.

 

Draußen war es hell, die Sonne schien und es sah nach einem schönen Tag aus, wahrscheinlich würde es sogar ganz schön warm werden. Ich nahm mir trotzdem eine kleine Jacke mit, schnappte mir meine Tasche und ging die Treppen runter. Im Eingangsbereich standen meine Lieblingsstiefel, dunkellilafarbene Doc Martens, die zog ich an und machte mich dann auf den Weg.

 

Das kleine Café lag in der Nähe des Akutagawa-Kouen, und ich konnte von dem Fensterplatz, an dem ich dann saß, rüber schauen, den kleinen Park und die ihn zum Teil überspannende Fußgängerbrücke sehen, die über den Fluss dahinter führte. Unter dieser Brücke lebte Tsuzuku also, eine andere Brücke gab es in dieser Gegend auch nicht.

Der Park hatte eine Stelle für Lagerfeuer, die jetzt zwar kalt war, aber ich sah ein paar Leute dort sitzen, mir fiel ein Mädchen dort auf, die langes, dunkelblaues Haar hatte, und einen auffälligen, rot karierten Minirock trug. Die anderen Leute waren eher schlicht gekleidet und in dunklen Farben, ich ordnete sie eher den Obdachlosen, als den Punks und Visuals zu.

 

Zuerst einmal frühstückte ich gemütlich, sah dabei aus dem Fenster und beobachtete die Menschen, die auf den Straßen und die im Park gegenüber. Ich sah Firmenangestellte in Anzug und Kostüm vorbeilaufen, Kinder und Jugendliche in Schuluniformen auf dem Weg zur Schule, Mütter mit Kinderwägen, ältere Damen, manche sogar im Kimono … Und drüben sah ich die abgerissenen Obdachlosen und die Punks, die ganz in ihrer eigenen Gesellschaft zu leben schienen.

Ich ahnte, wohin ich gehörte, ich fühlte mich zu ihnen hingezogen, den Leuten, die aussahen wie ich es schön fand, wie ich auch selbst aussah. Und ich würde ihnen gegenüber Meto sein, diesen Namen benutzen, weil mein Taufname Yuuhei Asakawa dort meinem Gefühl nach nicht hinpasste.

 

Nach dem Frühstück wagte ich es dann, verließ das Café und ging über die Straße. An der Ampel musste ich noch kurz stehen bleiben, und während ich wartete, dass sie auf blau umsprang, sah ich rüber, ob mich schon jemand bemerkte. Neu zu einer Gruppe dazu zu kommen, war ja nicht so einfach, und ich hoffte, dass sie mich einfach mit meinem zu ihnen passenden Aussehen annahmen.

Als ich den Park betrat, kam gerade in dem Moment von der anderen Seite aus eine Gruppe von jungen Leuten an, die alle eindeutig szenetypisch gekleidet waren. Vorne ging ein Mädchen mit kurzen, grün-schwarzen Haaren, sie lief auf das blauhaarige Mädchen zu, diese sprang auf, sie umarmten und küssten sich.

„Ein lesbisches Pärchen, das ist gut“, dachte ich, und hoffte, dass sie mich als Mann, der auf Männer stand, freundlich aufnehmen würden. Die Chancen dafür schienen gut zu stehen.

 

Ich ging auf die Gruppe zu, die sich jetzt um den Lagerfeuer-Platz sammelte, und jetzt suchte ich auch genauer, ob ich Tsuzuku irgendwo bei ihnen entdecken konnte. Er war aber nicht zu sehen, also ging ich in Richtung der Brücke, wo Taschen und Schlafsäcke lagen und auch ein paar Leute saßen. Aber auch hier fand ich ihn nicht, und ich befürchtete schon, dass er mir falsche Angaben gemacht hatte.

 

„Hey“, hörte ich hinter mir jemanden rufen und drehte mich um, sah das Mädchen mit den langen blauen Haaren und dem roten Minirock auf mich zukommen. „Suchst du jemanden?“

Ich realisierte, dass sie mich bemerkt und angesprochen hatte, und sofort setzte meine Stimme aus und ich merkte, wie ich klatschmohnrot wurde. „… J-ja …“, brachte ich viel zu leise heraus. „I-ich… suche… einen …. hier …“ Innerlich hasste und verfluchte ich mich für diesen Sprachfehler, doch davon wurde es eher schlimmer.

„Wie heißt er denn?“ Das Mädchen, sie war vielleicht etwa so alt wie ich, sah mich ein bisschen mitleidig an.

„Tsu … Tsuzuku … oder so …“, antwortete ich leise.

„Tsuzuku?“

„Lebt er … hier … nicht?“

„Doch, doch. Also, wir haben hier einen, der so heißt. Aber … na ja, es ist ungewöhnlich für ihn, dass er jemand Neues kennen lernt …“ Das Mädchen sprach vorsichtig, so als gäbe es etwas, über das offen zu sprechen nicht einfach war. Sie sah sich suchend um. „Also, seine Sachen liegen hier. Vielleicht ist er drüben am Fluss, manchmal sitzt er gerne dort.“

Ich sah hin, wo an der Wand auf dem gepflasterten Boden eine schwarze, abgenutzte Reisetasche, ein Schlafsack und eine einfache Matte lagen. Das war also sein Schlafplatz, mehr besaß er nicht.

 

„Ich bin übrigens Haruna“, sagte das Mädchen. „Komm mit, ich zeig dir, wo er sein könnte.“

Ich folgte Haruna einen schmalen Pfad entlang, durch ein kleines Gebüsch, auf dessen anderer Seite wir das Flussufer erreichten.

Hier standen ein paar Bänke, manche in kleinen Nischen versteckt, und auf einer dieser Bänke sah ich Tsuzuku sitzen. Er hatte die Knie angezogen, die Arme darum gelegt und den Kopf darauf, so als machte er sich ganz klein und unsichtbar. Vom Flussufer aus war diese Bank nicht zu sehen, nur wenn man diesen kleinen Pfad nahm und dann hinsah, entdeckte man sie, und das ganze Bild, wie Tsuzuku dort auf der Bank kauerte und nicht mal aufblickte, hatte etwas so Einsames und Trauriges, dass mir Tränen in die Augen stiegen.

 

„Tsuzuku?“, sprach Haruna ihn vorsichtig an. „Hier ist jemand für dich …“

„Geh weg, Haruna.“ Er sah immer noch nicht auf, hatte sein Gesicht hinter seinen Unterarmen verborgen. Ich betrachtete ein wenig seine Tattoos und sah, dass unter dem  dunkelblauen Drachen auf der Außenseite seines Unterarms die Haut irgendwie uneben schien, wie Narben …

„Kommt schon, geht weg!“ Seine Stimme klang erschreckend nach Weinen. Ihm ging es ganz offenbar gar nicht gut, und es tat mir schon leid, dass ich hergekommen war. Er wollte mich wohl doch nicht wieder sehen.

 

„Wie heißt du eigentlich?“, flüsterte Haruna zu mir.

„… M-meto …“, antwortete ich ebenso leise.

„Komm doch erst mal ein wenig mit zu uns, Meto. Vielleicht geht’s Tsuzuku später wieder besser, dann kommt er auch dazu.“ Den letzten Satz sagte sie mit heraushörbarer Aufforderung an Tsuzuku, dann gab sie mir mit einer Berührung am Arm zu verstehen, dass wir zum Park zurückgingen. Ich folge ihr, sah mich aber noch einmal nach Tsuzuku um, der sich jedoch nicht rührte. Mir dämmerte, dass mit ihm etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, und ich fragte mich, ob ich mir nicht zu viel vorgenommen hatte, als ich beschlossen hatte, ihm zu helfen.

 

„Wa-was … Tsuzuku … denn h-hat?“, fragte ich leise und wurde ob meines Stotterns schon wieder rot.

„Ihm geht’s oft so. Deshalb hat‘s mich auch so gewundert, dass er jemanden kennen gelernt hat, denn normalerweise hält er sich von anderen eher fern. Ich weiß nicht, was in ihm vorgeht, aber wir kennen ihn nicht anders, er hat wahrscheinlich so was wie eine Depression, es ist ziemlich ... schlimm. Wo hast du ihn denn getroffen?“

„G-gestern … auf … Stadtfest … I-ich bin … mit … ihm zu-zusammen … gestoßen …“

„Und da willst du ihn jetzt wiedersehen?“, fragte Haruna verwundert.

„Ich … ich d-dachte … er da … so … einsam aussah … und dachte ich, vielleicht ich … ihm was h-helfen kann …?“, brachte ich mit Mühe heraus.

„Das ist aber sehr nett von dir. Nur … na ja, wir hier können alle nicht viel für ihn tun. Er redet nicht darüber, was in ihm vorgeht, erzählt so gut wie nichts … Ich weiß nicht, wie du ihm helfen könntest.“

 

Haruna setzte sich zu den anderen, bot mir einen Platz neben sich an und stellte mich den anderen vor. „Das ist Meto. Er hat gestern zufällig Tsu getroffen und ist so lieb, er möchte ihm helfen“, sagte sie. „Hat irgendjemand von euch nen Plan, wie das gehen kann?“

„Was sollen wir Tsuzuku helfen, wenn er sich nicht helfen lassen will?“, fragte einer auf der anderen Seite des Platzes. „Er gehört in eine Klinik, das sieht doch ein Blinder!“

„Wie denn, wenn er keine Krankenversicherung hat?!“, fragte Haruna zurück. „Wir sind im Moment wahrscheinlich die einzigen Leute, die er überhaupt noch hat, ich glaube, er hat keine Familie mehr, und so, wie es jetzt ist, geht’s nicht weiter. Ich hab keine Lust mehr, zuzusehen, wie er sich weiter selbst kaputt macht, und ich lasse keinen so einfach untergehen.“

„… S-sich selbst … kaputt macht?“, fragte ich, wieder viel zu leise.

„Er ritzt sich“, flüsterte Haruna. „Und er hat Bulimie.“

„Oh …“, entfuhr es mir erschrocken. Ritzen, sich selbst verletzen, davon hatte ich zwar schon gehört, aber noch nie jemanden gekannt, der so etwas tat. Und Bulimie … essen und dann willentlich erbrechen … erschreckte mich ebenso.

Und dennoch, obwohl er mich eben abgewiesen hatte und ich nun so erschreckende Dinge über ihn erfuhr, schwand mein Interesse an ihm nicht. Etwas in mir mochte ihn irgendwie, und ich wollte diesem Teil von mir Raum geben.

 

Ich stand einfach auf, ging von der Gruppe weg, wieder den kleinen Pfad hinauf, zurück zu der Bank, wo er immer noch saß, in derselben Haltung.

„H-hey …“, sagte ich leise.

Er bewegte sich ein wenig, sah mich aber immer noch nicht an.

Ich sammelte meinen ganzen Mut zusammen und alles, was ich an Sprechfähigkeit aufzubieten hatte, und sagte: „I-ich weiß … ich seh’s ja … dir geht’s nicht gut, und du möchtest … alleine sein. Aber … ich möchte dir nur … was sagen.“

„Raus damit“, sagte er, ohne aufzublicken.

„Ich … hab gestern … noch lange an dich gedacht. Ich würde gern … was für dich tun … und zwar mehr als nur den einen Tausend-Yen-Schein …“ Erst, als ich es ausgesprochen hatte, bemerkte ich selbst, dass ich auf einmal viel sicherer sprach und kaum mehr stotterte. Es wunderte mich sehr, warum fiel mir das Sprechen mit einem Mal so leicht? „Sag … sag einfach, was kann man tun, damit es dir … ein wenig besser geht?“

 

Jetzt hob er den Kopf, und ich blickte in zwei vom Weinen stark gerötete Augen, ein völlig verheultes Gesicht mit wund gebissenen Lippen und einer roten Stelle an der Stirn, die aussah, als hätte er sich den Kopf gestoßen.  

Ich sah Verwunderung in seinem Ausdruck, er verstand nicht, warum ich, ein Fremder, etwas für ihn tun sollte. Wie hätte ich ihm auch erklären sollen, dass ich ihn irgendwie mochte, obwohl wir uns nicht kannten?

 

„Hast du … irgendeinen Wunsch?“, fragte ich. „Vielleicht … deine Sachen waschen? Oder ein schönes, warmes Bad?“

„Ist das dein Ernst?“, fragte er, klang auch komplett ungläubig. Er schien nicht fassen zu können, dass ich mich um ihn sorgte.

„Ja.“ Als ich es aussprach, war ich mir ganz sicher. „Das ist mein Ernst.“ Ich dachte an mein vieles Geld, das mir diese gute Tat ermöglichte, und auch ein wenig daran, dass ich selbst ja so alleine war. Auch, wenn Tsuzuku offenbar kein einfacher Mensch war, ich sah etwas in ihm, das mich hoffen ließ, dass wir uns vielleicht anfreunden konnten. Allein schon, dass mir ihm gegenüber das Sprechen so überraschend leicht fiel, war mir Grund genug.

„Ich habe Zeit … viel Zeit …“, sagte ich. „Wir können ins Badehaus gehen, oder deine Sachen waschen, oder was anderes, was du willst … Ich zahle.“

 

Tsuzuku antwortete erst nicht, blickte an mir vorbei, so als wagte er nicht, mir zu glauben und mich anzusehen, und wusste nicht, was er sagen sollte.

„… Wow …“, sagte er schließlich und veränderte dabei seine Haltung, streckte die Beine ein wenig aus und stützte seine Hände auf seine Knie. „Ich hab absolut keine Ahnung, womit ich das verdient habe, und du musst echt komplett verrückt sein, aber du lässt mich jetzt wahrscheinlich eh nicht mehr in Ruhe, oder?“

„Nein“, sagte ich und fühlte mich auf einmal so leicht, dass es mir ein kleines Lächeln auf die Lippen zauberte.

„Und ich darf aussuchen?“

Ich nickte, lächelte.

„Badehaus“, sagte Tsuzuku, lächelte zurück, und dieses Mal erreichte es auch seine Augen. Irgendwie schien in ihm ein Schalter umgesprungen zu sein, er sah plötzlich so glücklich aus, und ich sah zum ersten Mal, was ich bisher nur geahnt hatte: Dass er schön war, und ein wunderschönes Lachen hatte.

„Okay, dann Badehaus“, antwortete ich.

 

Und so machten wir uns zusammen auf den Weg. Am Bahnhof gab es diese großen Schließfächer, wo man für ein paar Yen einen Schlüssel mieten und seine Sachen einschließen konnte, und dort schlossen wir Tsuzukus Habseligkeiten ein, ehe wir rüber zum Badehaus gingen. 

 

Das große Badehaus am Bahnhof war ein relativ neues Schwimmbad, das mit einem traditionellen Onsen so gut wie nichts mehr gemein hatte. Es gab nur ein einziges heißes Becken, das auch mehr einem modernen Whirlpool glich, und das Beste war, dass es im ganzen Bad kein Tattoo-Verbot gab. Es gingen viele ausländische Touristen dorthin zum Schwimmen, sie kamen aus Europa oder Amerika, und von denen waren viele tätowiert, sodass sich inzwischen in diesem Schwimmbad niemand mehr daran störte.

Vor der Kasse gab es einen Stand, an dem man Badesachen kaufen konnte, und da Tsu sagte, dass er keine Badehose besaß, und ich meine nicht dabei hatte, kauften wir uns einfach beide welche, die ich bezahlte. Handtücher konnte man leihen, auch das taten wir, dann zahlte ich unseren Eintritt und wir gingen uns umziehen.

 

Ich zog mich einfach vor dem Spind um, Tsuzuku ging dafür lieber in eine Kabine, und als er wieder kam, sahen wir uns einen Moment lang einfach nur an, jeder ein wenig erstaunt über die viele Körperkunst des anderen.

Er hatte nicht nur komplett zutätowierte Arme, sondern auch zwei große Tattoos auf der Brust, eines am Bauch, eins am Hals und einen hübschen Schmetterling unten am Rücken. Und das war noch nicht alles, zu den Tattoos kamen zwei Brustwarzen-Piercings, eins im Bauchnabel, und dazu ein ringförmiges Implantat auf seinem Brustbein.

 

„Guns ‘n‘ Roses?“, fragte ich und deutete auf die beiden Tattoos auf seiner Brust.

Er nickte, lächelte. „Die fand ich mal ziemlich cool. Und du, dein Baby da? Wer ist das?“

„Ich bin das“, sagte ich und lächelte ein bisschen stolz.

„Wow!“ Er lächelte zurück. „Echt cool, wirklich.“ Er beugte sich ein wenig vor, sah sich meine Ohr-Piercings an und sagte: „Ja, das Baby hat dieselben, ne?“

„Wie viel … hast du insgesamt?“, fragte ich.

Tsuzuku strich sein schwarzes Haar hinter die Ohren, und ich sah, dass er locker doppelt und dreifach so viele Piercings in den Ohren hatte wie ich. Einer seiner großen Tunnel schien gerissen zu sein, der andere war noch intakt, und zusammen mit seinen beiden Piercings in Nase und Augenbraue sah es einfach richtig toll aus!

„Cool!“ Ich war ziemlich begeistert.

 

Und wo wir schon mal dabei waren, zeigte ich ihm auch noch mein Zungenpiercing.

Er hatte darauf so ungefähr die für mich beeindruckenste und interessanteste Antwort, die ich mir vorstellen konnte: Streckte mir nun seinerseits die Zunge raus, sodass ich sah, dass seine an der Spitze nicht gepierct, sondern richtig gespalten war!

Ich muss ihn wohl ziemlich hin und weg angestarrt haben, denn er grinste und fragte: „Magst du’s?“

„Ja!“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen, denn ich fand das echt richtig cool.

Tsuzuku lachte. „Eine Leidenschaft haben wir beide also schon mal gemeinsam, ja?“

„Sieht so aus“, sagte ich und bemerkte wieder, wie unglaublich leicht mir das Sprechen bei ihm fiel. Ich konnte es wirklich kaum glauben! Da sprach ich hier einfach mit einem Mann, den ich gerade nicht mal einen Tag lang kannte, mit dem ich mich aber so gut verstand, als ob wir uns schon ewig kennen würden, und mir kamen die Worte so leicht und vor allem richtig über die Lippen! 

 

Wir gingen zu den Vorduschen, und während ich mich abbrauste, beobachtete ich ihn ein bisschen, wie er sich seinerseits wusch. Er war wirklich sehr dünn, seine Beine wie Streichhölzer und seine Rippen deutlich zu sehen, und überall hatte er Narben, an den Beinen, am Bauch, und an den Unterarmen, besonders am linken …

„Wo gehst du normalerweise hin, wenn du dich waschen willst?“, fragte ich, als wir die Duschen verließen.

„In der Notunterkunft gibt’s so Waschräume, da gehe ich zweimal pro Woche hin. Aber … ich mag’s da nicht so, man hat keine Ruhe.“

 

Der Whirlpool war gerade komplett frei, und wir setzten uns dort hinein, in das heiße, sprudelnde Wasser. Tsuzuku legte den Kopf in den Nacken, fuhr sich mit den Händen durch die schwarzen Haare und seufzte wohlig.

„Ahh, wie lange hab ich so was nicht mehr gemacht …“

Im Vergleich zu vorhin war er jetzt wie ausgewechselt, entspannt und gut drauf. Einzig die immer noch gerötete Stelle an seiner Stirn sah noch nach Verletzung aus. Ich hoffte, dass das aus Versehen entstanden war, nicht mit Absicht …

„Gefällt es dir hier?“, fragte ich.

Er nickte. „Tut echt gut. Ich kann zwar immer noch nicht glauben, dass das hier gerade wirklich wahr ist, aber … mir geht’s gut.“

 

„Geht mir genauso.“

Er sah mich verwundert an. „Genauso?“

Sollte ich ihm erzählen, wie einsam ich gestern noch gewesen war? Dass ich sonst diesen Sprachfehler hatte, der sich bei ihm jetzt wie ausgeknipst anfühlte?

„Ja“, sagte ich schließlich. „Genauso. Weißt du … mir fällt das Sprechen sonst nicht so leicht. Ich bin … nicht gerade gut darin. Ich stottere ganz furchtbar, werde rot, kriege keine richtigen Sätze zustande.“

„Hörst dich jetzt gar nicht so an.“

„Das meine ich ja“, erklärte ich. „Ich kann nicht glauben, dass ich das hier gerade tue. Ich spreche mit dir, wie ich seit Jahren mit niemandem mehr sprechen konnte. Und das, obwohl wir uns ja echt kaum kennen.“

„Okay, das ist wirklich ziemlich unglaublich“, sagte Tsuzuku. „Du kennst mich gar nicht, und dennoch bin ich der Einzige, mit dem du so reden kannst?“

„Ich kann’s mir auch nicht erklären, echt nicht.“

 

„Und ich dachte immer, ich glaube nicht an Wunder …“ Tsuzuku lachte beinahe. „Aber langsam glaube ich, du bist das Verrückteste, was mir bisher so begegnet ist.“

„Findest du, ich bin verrückt?“

„Ja. Aber im positiven Sinne. Du musst nämlich wirklich ganz schön verrückt sein, wie du vorhin am Fluss einfach so wieder bei mir angekommen bist, obwohl ich so abweisend war. Machst du das immer so?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Noch nie.“

„Ich sag ja, du bist verrückt, Meto.“

„Dann bin ich gerne verrückt.“

 

„Wenn du mir jetzt noch sagst, warum das Ganze?“, fragte er weiter.

„Weil ich dir gerne helfen will. Und … na ja, weil ich auch niemanden so wirklich habe. Ich bin ziemlich allein.“

„Und da suchst du dir ausgerechnet mich aus?“

„Mit dir kann ich normal reden. Mit niemandem sonst. Das ist mir Grund genug.“

„Okay, das lasse ich gelten.“ Tsuzuku lächelte wieder, dann wurde er ernst und sagte: „Ich … bin gerade auch ganz überrascht von mir selbst. Ich mache so was … eigentlich … auch nicht so, also das hier, mit jemandem, den ich gar nicht kenne, irgendwas unternehmen …“

„Aber ist doch schön, oder?“

„Ja … aber auch, na ja, irgendwie verwirrend …“, sagte er. „Ich kenn das nicht mehr …“

„Nicht mehr?“, fragte ich nach.

 

„Ich hab ja nicht immer auf der Straße gelebt. Ich hatte auch mal ein normales Leben. Aber … dahin kann ich nicht mehr zurück …“

Ich wusste nicht recht, was ich darauf erwidern sollte. Es erschien mir noch viel zu früh, ihn danach zu fragen, was dazu geführt hatte, dass er auf der Straße lebte und so allein war. Aber irgendwie musste ich ihm mein Mitgefühl ausdrücken, und so legte ich vorsichtig meine Hand auf seine Schulter. Er fühlte sich warm an.

„Ich … weiß nicht, was dir passiert ist … aber … ich möchte trotzdem … dir helfen“, sagte ich leise und weil das Thema so schwer war, stockte ich wieder ein wenig. „Sag mir einfach, wenn ich was für dich tun kann, okay?“

„Das tust du doch schon.“ Tsuzuku lächelte wieder ein klein wenig. „So was wie das hier, das hat lange niemand mehr für mich getan.“

„Fällt’s dir schwer? Also, wenn dich jetzt jemand von den Leuten aus dem Park ins Badehaus einladen würde?“, fragte ich.

Tsuzuku nickte. „Deshalb sag ich ja, du musst verrückt sein. Ich kann eigentlich niemanden so nah an mich ran lassen, die anderen und so … Von denen würde mich keiner berühren, das würde ich gar nicht zulassen.“

 

„Magst du die anderen nicht?“

Er sah mich einen Moment lang nachdenklich an. „Ich weiß nicht … So wirklich hassen tu ich sie nicht, ich … ich glaube, es ist mehr Angst oder so …“

„Und bei mir, jetzt so?“

„Irgendwie geht’s mit dir, aber ich hab echt keine Ahnung, warum.“

„Das ist … seltsam. Aber auch schön, oder?“

„Schön, mh …“ Er blickte an mir vorbei, an die Wand, und sah auf einmal wieder so traurig aus.

„Nicht schön?“, fragte ich leise und vorsichtig.

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt  noch kann, etwas wirklich … schön zu finden“, sagte er und klang dabei furchtbar traurig. Sein Blick wirkte leer, beinahe leblos, und seine Stimme klang … fast wie ein Geist.

Ich konnte mir denken, dass es das war, was Haruna vorhin „Depression“ genannt hatte. Aber ich traute mich nicht, Tsuzuku jetzt danach zu fragen, obwohl ich schon irgendwie wissen wollte, warum er so furchtbar traurig war.

 

Und so sagte ich nichts darauf, wir saßen eine Weile schweigend in dem sprudelnden Wasser, und irgendwann fing Tsuzuku an, von ganz alltäglichen Dingen zu reden, Sachen, die für einen Obdachlosen eben zum Alltag gehörten, so was wie die Unruhe in der Unterkunft oder die Frage, wo man ab und zu ein paar neue Kleider her bekam.

Schließlich fragte er mich dann, wie es denn bei mir aussah, wo ich her kam und wie ich lebte.

Ich tat mich schwer, auf diese Fragen wahrheitsgemäß zu antworten. Irgendwie dachte ich, dass er sich als Obdachloser mir gegenüber minderwertig fühlen könnte, wenn ich ihm erzählte, aus was für einem vornehmen Haus ich kam. Und dass er sich noch minderwertiger fühlte als sowieso schon, wollte ich nicht. Also dachte ich mir etwas aus.

 

„Ich wohne in Natsukita“, log ich, Natsukita war eine große Hochhaussiedlung mit vielen kleinen Wohnungen, in denen vor allem ärmere Familien lebten. „Meine Eltern arbeiten beide, Geschwister hab ich keine …“

„Natsukita … hm, ich glaube, ich hatte mal eine Freundin dort, früher …“, sagte Tsuzuku.

„Wo hast du denn gewohnt, bevor du … auf der Straße gelandet bist?“, fragte ich.

„Sangenjinja“, nannte er den Namen eines Viertels unserer Stadt. „Aber ich halte mich von der Gegend heute lieber fern …“

„Warum?“

„Es macht mich traurig.“

„Oh … okay“, sagte ich leise. „Sag mal … hast du denn noch irgendwie jemanden, also Familie?“

„Nein.“ Mit einem Mal war sein Blick komplett verschlossen, verbot jede weitere Nachfrage. Und so erfuhr ich erst mal nichts weiter, nur eben, dass er keine Familie mehr hatte.

Mir gingen Vorstellungen und Ideen durch den Kopf, davon, wie es sein konnte, dass ein Mann von Anfang Zwanzig keine Familie mehr hatte … Waren sie tot oder nur der Kontakt abgerissen? Wie war das passiert? War es der Grund für seine Traurigkeit?

 

Ein bisschen saßen wir noch zusammen, redeten aber nicht mehr viel, und dann stand Tsuzuku auf einmal auf, nahm sich sein Handtuch und sagte: „Ich möchte gehen.“

Ich dachte mir, dass dieses Gespräch ihm gerade zum Ende hin wehgetan hatte, und stand ebenfalls auf und folgte ihm zu den Duschen. Doch als ich dort ankam, war er nicht zu sehen, ich lief zwischen den Leuten herum und suchte ihn, bis ich ihn in einer Ecke zwischen zwei Umkleidekabinen fand, wo er auf einem kleinen Vorsprung saß, wieder die Knie angezogen und die Arme darum, diese eindeutige Haltung, an der man sofort sah, dass es ihm gar nicht gut ging.

 

„Hey, was los?“, fragte ich leise und vorsichtig.

Wieder, wie vorhin im Park, antwortete er zuerst nicht.

„Hat dir … von dem, was wir geredet haben, etwas so wehgetan?“, fragte ich weiter.

Er nickte nur, verbarg dann sein Gesicht wieder hinter seinen Armen.

„Das tut mir Leid, wirklich. Ich wollte nur … dich ein bisschen kennen lernen, verstehst du?“ Ich wusste nicht, was zu sagen oder zu tun jetzt richtig war, aber ich wollte, dass Tsuzuku sich wieder sicherer fühlte, und so blieb mir nur, zu fragen: „Möchtest du … eine Umarmung oder so?“

Er sah mich an, ein bisschen ungläubig, doch dann nickte er. Die Ecke, in der er saß, war ziemlich eng, und ich fand kaum Platz neben ihm, also stand er dann doch auf und ich legte mit aufgeregt klopfendem Herzen meine Arme um ihn. Er war ein wenig teilnahmslos, auch für ihn schien die letzte Umarmung lange her zu sein. Aber ich dachte nur daran, dass er viel wärmer war, als er aussah, und dass ich ihm unbedingt helfen wollte.

 

„Ist das gut?“, fragte ich, und meine Hand wagte sich in seinen Nacken, unter sein nasses, schwarzes Haar, streichelte dort ein wenig.

„Ja …“, antwortete er, seine Stimme klang ganz weich, so nah an meinem Ohr.

Wir blieben eine Weile so, standen in dieser versteckten Nische und umarmten einander, und es fühlte sich an, als kannte ich Tsuzuku schon Wochen und Monate. Und mangels anderer, vergleichbarer Menschen in meinem Leben nannte ich ihn in meinen Gedanken einen guten Freund.

Als er sich wieder aus meiner Umarmung löste, sah er tatsächlich ein klein wenig glücklicher aus.

 

Wir gingen dann wieder duschen, danach zum Anziehen, und verließen schließlich das Badehaus, gingen rüber zum Bahnhof und holten seine Sachen.

Auf dem Rückweg zum Park fühlte sich alles irgendwie so leicht und stimmig an, und mir fiel auf, dass mein Plan, mich zu Hause einzuschließen, sich jetzt ganz weit weg anfühlte, weil es hier draußen einen neuen Sinn gab, für den es sich lohnte, raus zu gehen.

„Was … denkst du jetzt über mich?“, fragte ich.

Tsuzuku lächelte. „Dass du ein kleiner Verrückter bist, den ich aber irgendwie mag.“ Er sah mich an, blieb stehen, ich ebenso, und dann fragte er: „Meto … wie lange muss man sich kennen, bis man normalerweise das Gefühl hat, einen Freund gefunden zu haben?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Aber wenn man zusammen badet und sich umarmt, dann ist man doch ‚Freunde‘, oder?“

„Es ist total verrückt“, sagte er wieder. „Komplett verrückt und irre.“

„Aber auch schön …“, erwiderte ich.

„Ja“, sagte Tsuzuku und lächelte wieder. „Du hast Recht, das ist schön.“

 

Wir erreichten den Park und brachten seine Sachen zu seinem Schlafplatz. Haruna war auch da, und ihre Freundin, die mir als Hanako vorgestellt wurde.

„Tsu strahlt ja richtig“, sagte Haruna. „Wie hast du das denn gemacht?“

„Wir … im Badehaus … waren.“ Ach Mist! Kaum war ich wieder mit anderen zusammen, war mein Sprachfehler wieder da … Offenbar, und das erschien auch mir jetzt als ‚verrückt‘, konnte nur Tsuzuku diesen Fehler bei mir für eine Zeit abschalten.

„Macht ihr das jetzt öfter?“, fragte Hanako. Offenbar, so hörte es sich an, hatte mein Auftauchen hier schon die Runde gemacht, und dass ich ganz offensichtlich einen guten Draht zu dem sonst so verschlossenen Tsuzuku gefunden hatte, war inzwischen der ganzen Gemeinschaft hier bekannt.

Ich nickte nur. Und musste an das Bild eines Kometen denken, der plötzlich und überraschend auftauchte und den dunklen Himmel eines Menschen auf einen Schlag erhellte.

 

Ich setzte mich dann noch ein wenig bei den anderen hin, während Tsuzuku auf seinem Schlafplatz blieb. Kurz ging ich zu ihm rüber, fragte, ob er nicht auch dazu kommen wollte, doch er sagte, das sei ihm zu viel und er wäre müde, wollte schlafen. Es war noch mitten am Tag, aber er kroch tatsächlich in seinen Schlafsack und drehte sich zur Wand der Brücke hin, zeigte eindeutig, dass er schlafen wollte.

Ich ging dann auch bald nach Hause, nahm aber auf dem Weg einen kleinen Umweg durch die Innenstadt, wo ich ein bisschen durch die Läden streifte. Ich sah mir Klamotten an, die im Preis soweit runter gesetzt waren, dass Tsuzuku sich vielleicht etwas davon leisten konnte. Er trug sicher S oder sogar XS, so dünn wie er war, und ich schaute gezielt nach diesen Größen. Irgendwann, so nahm ich mir vor, würde ich mit ihm mal neue Kleider kaufen gehen. Gebrauchen konnte er das sicher.

 

Zu Hause ging ich gleich rauf in mein Zimmer, machte mir Musik an und klickte mich ein wenig durchs Internet, sah mir Bilder von Visuals zur Inspiration für meine eigenen Looks an und landete dabei irgendwie auf der Seite eines kleinen Sweet Lolita-Modelabels, wo mir einige der süßen Kleider doch sehr gefielen. Im Moment trug ich am liebsten Schwarz und eher männliche Kleidung, aber ich besaß zwei süße Perücken, ein niedliches Kleid, Röcke, passende Accessoires, und ein paar dieser Teaparty-Schuhe in rot, für die Tage, an denen ich Lust auf ein mädchenhaftes Outfit hatte.

 

Den Rest des Tages verbrachte ich dann mit meiner Spielekonsole, holte mir zwischendurch was zu essen aus der Küche unten.

Und als mir das Spielen zu anstrengend wurde, weil ich auch müde war, legte ich mich ins Bett, wo ich aber noch eine ganze Weile wach lag und nachdachte, über diesen Tag, der sich so lang anfühlte und an dem sich für mein Gefühl so viel sehr schnell verändert hatte.

Ich hatte jetzt so was wie einen guten Freund, jemanden, an den ich denken konnte, sodass ich mich nicht mehr so allein fühlte. Zwar war Tsuzuku wohl kein einfacher Mensch und trug eine große Last an Traurigkeit und Schmerz mit sich herum, aber ich mochte ihn dennoch gern, und ich wollte ihm helfen. Dass es mir sogar irgendwie gelang (immerhin hatte er sich von mir umarmen lassen), gab mir das Gefühl, dass ich offenbar doch etwas geben konnte, und imstande war, ihm zu helfen.

Morgen würde ich nicht zu ihm gehen können, weil meine Eltern einen Ausflug mit mir vorhatten, aber übermorgen wollte ich wieder in den Park, Tsuzuku wieder sehen und schauen, was ich noch für ihn tun konnte.

Schwarz. Finsternis, tiefe Dunkelheit.

Ich öffnete die Augen, nahm optisch die Welt um mich herum wahr, doch die Schwärze blieb. Sie lag wie ein dunkler Schleier auf allem, wie dichter, grauer Staub, der jeden Glanz überdeckte und für mich nichts als trübe, matte Farben zu sehen übrig ließ. Manchmal war der Schleier so dicht, der Staub so dick wie Asche, so dass ich kaum noch etwas von der Welt wirklich erkennen konnte.

Manchmal fühlte ich schon kaum noch etwas, nur Leere. Und wenn ich doch noch fühlte, dann nichts als Schmerz und Trauer. Mein Herz, zerrissen und stumpf von Schmerz und Asche, schlug noch, irgendwie, aber ich fühlte mich wie ein lebender Toter.

 

Wie lange war es jetzt her? Ein halbes Jahr, vielleicht noch etwas mehr, so acht oder neun Monate? Ich wusste es kaum mehr. Besaß ich doch weder ein Handy, noch einen Kalender, in dem ich hätte die Tage und Wochen zählen können. Meine Erinnerungen waren lückenhaft geworden, mir fehlten ganze Wochen meines Lebens, einfach weg.

Waise … Ich dachte dieses Wort, und es fühlte sich zutreffend an. Oder, war man denn Waise, wenn man mit zweiundzwanzig Jahren die Mutter verlor? Mein Vater lebte vielleicht noch, ich wusste es nicht. Er war schon so lange weg, ich wusste kaum mehr, wie er aussah.

Ich fühlte mich als Waise. Als schuldige Waise.

 

Ich mochte nicht daran denken, an Mama und das, was passiert war, wie ich sie verloren hatte, es tat zu sehr weh, und doch war es so präsent. Es war der Grund für alles, was mein Leben im Moment war, meine ganze Haltlosigkeit, das einsame Leben auf der Straße, die Distanz zu den anderen, das, was sie, wenn sie über mich sprachen, meine „Depression“ nannten.

 

Depression … ja, vermutlich traf das sogar zu. Vermutlich war ich depressiv, aber ich wusste nicht genug darüber, um das sicher zu wissen. Denn ich war viel mehr als nur einfach „traurig“, ich war vollkommen leer, zerstört bis an den Rand des Erträglichen und noch darüber hinaus, bis zu dem Gedanken, dass ich am liebsten gar nicht mehr weiterleben wollte.

Wirklich versucht, das alles zu beenden, mich umzubringen, hatte ich, soweit ich mich erinnerte, noch nicht. Oder waren die blutigen Schnitte, die ich mir selbst immer wieder zufügte, schon der Anfang dessen?

Jedenfalls fragte ich mich schon lange, warum ich überhaupt noch da war. Wartete etwas in mir noch verzweifelt hoffend darauf, dass sich doch noch ein Grund fand, weiter zu leben?

 

Ich hatte diese Gedanken jeden Tag. Wachte morgens damit auf und ging abends damit schlafen. Doch ich sprach nicht darüber. Wenn mich jemand fragte (was nur selten vorkam), dann vertrieb ich denjenigen meist mit einem bissigen „Lass mich in Ruhe!“, und die meisten Menschen beließen es dann dabei, sodass niemand wusste, welche abgrundtief schwarzen Gedanken mir tagtäglich durch den Kopf gingen. Sicher, wahrscheinlich merkte man es mir schon irgendwie an. Aber darüber sprechen, das tat ich eben nicht.

 

Aber jetzt … jetzt war da dieser Junge, oder junge Mann, ich schätzte ihn auf nicht mal zwanzig Jahre. Meto hieß er, oder nannte sich nur so, und er hatte diese völlig verrückte Art an sich, die man fast schon „liebevoll“ nennen konnte, und mit der er binnen eines unglaublichen Tages tatsächlich begonnen hatte, meine harte Schale ein klein wenig aufzuweichen. Warum er das tat, verstand ich nicht. Er hatte gesagt, es sei, weil er mit mir sprechen konnte wie mit sonst niemandem, und allein das war schon unglaublich, sodass mich die Frage, wie um alles in der Welt ich seine Aufmerksamkeit verdient hatte, kaum mehr losließ. Was hatte ich an mir, dass er sich so für mich interessierte??

 

Während mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, lag mein Körper unbeweglich im Schlafsack, ich spürte ihn kaum, und zugleich fühlte er sich so schwer an. Viel zu schwer, um aufzustehen. Ich blieb einfach liegen, mit dem Gesicht zur Wand der Brücke, unter der ich lebte.

Ich war hier nicht der Einzige, neben meinem eigenen Schlafplatz gab es hier derzeit noch vier andere, jeder aus nicht viel mehr bestehend als einer Matte mit Schlafsack und ein, zwei großen Taschen. Einer meiner Leidensgenossen hatte irgendwo ein großes Stück Pappe aufgetrieben, das er wie einen improvisierten Wandschirm verwendete, um wenigstens auf seinem Schlafplatz ein klein wenig Privatsphäre zu haben.

 

Das Glück hatte ich noch nicht gehabt, so einen Schutz zu finden, und so hatte ich mich auf der Suche nach Orten, an denen ich allein sein konnte, für diese Parkbank drüben beim Flussufer entschieden. Der Park war nur durch ein langgezogenes Gebüsch von der Promenade am Fluss getrennt, und diese eine Bank, die in diesem Gebüsch versteckt lag, war mein Zufluchtsort, wo ich mich hinsetzte, wenn ich niemanden sehen wollte.

 

Ich wusste nicht, was mich heute erwartete, mein Tag hatte wieder, wie nur allzu oft, keine sinnvolle Perspektive. Ich konnte den ganzen Tag hier liegen und nichts tun, oder losgehen, mich in der Stadt herumtreiben, aber beides fühlte sich dermaßen sinnlos an, dass ich mich nicht mal für eines entscheiden konnte. Nachdem ich aber die Erfahrung gemacht hatte, dass mich bloßes Herumliegen oder Sitzen irgendwann wahnsinnig machte, raffte ich mich in letzter Zeit bemerkenswert oft dazu auf, in die Innenstadt zu gehen und zu schauen, wie ich an ein bisschen Geld heran kam.

 

Seit gestern war das Badehaus in meinen Fokus gerückt, doch den Eintritt dort konnte ich mir allein nicht leisten, also musste ich entweder warten, dass Meto wieder kam und mich erneut zu einem Bad einlud, oder ich kam irgendwie anders an ein wenig Geld.

Mir fiel der Tausend-Yen-Schein ein, den ich vorgestern von ihm bekommen hatte. Tausend Yen, dafür bekam man im Hundert-Yen-Shop eine ganze Tüte voll Sachen. Oder es ließ sich eben auch ein Badehaus-Besuch davon bezahlen. Und da ich sowieso nicht viel kaufen konnte, weil alles, was ich besaß, in meine abgenutzte Reisetasche passen musste, war es für mich tatsächlich sinnvoller, mein Geld in Erlebnisse zu investieren, statt in feste Güter.

Sollte ich also heute ins Badehaus gehen? Obwohl es mir vom Verstand her sinnvoll erschien, und ich mich auch danach sehnte, etwas zu tun, fiel mir die Entscheidung dennoch schwer. Es war ein Gefühl von „Ich bin es nicht wert“, das dafür sorgte, dass das Einzige, was ich schaffte, war, mich vom Liegen weg wenigstens hinzusetzen, aber verhinderte, dass ich aufstand.

 

Ich hoffte, dass Meto heute wieder herkam. Doch er kam nicht. Es wurde hell, und der Morgen ging dann irgendwie herum, quälend langsam, diese zähflüssige Zeit …

Als es auf Mittag zuging, und ich das Knurren in meinem Magen, der seit zwei Tagen nichts Richtiges mehr bekommen hatte, nicht mehr ignorieren konnte, hatte ich mich damit abgefunden, den Tag heute allein zu verbringen. Vielleicht hatte Meto etwas anderes vor, es gab so vieles, was man besser tun konnte als sich mit einem schwer depressiven Obdachlosen abzugeben.

Als ich mich dann fragte, ob ich ihm vielleicht doch nicht so wichtig war, einfach weil es so unwahrscheinlich war, dass er mich mögen könnte … und dachte, dass ich ihm vermutlich doch egal war, denn wem bedeutete ich schon etwas … da schoss mir ein derartiger seelischer Schmerz durch den Körper, dass ich heiser aufkeuchte, mein ganzer Körper spannte sich an und mir stiegen heiße Tränen in die Augen.

Was machte dieser verrückte Junge nur mit mir?! Hatte er gestern Abend etwa irgendwie begonnen, den Staub und die Asche von meinem Herzen weg zu waschen? Vielleicht, denn es fühlte sich auf einmal wieder so wund an. Der Staub hatte mich auch ein wenig geschützt.

 

Mittag ging vorbei, ohne dass ich etwas aß. Ich atmete, zog dabei den Bauch ein, sah an mir herunter und erkannte die Aushöhlung in meinem Körper, spürte den stechenden Hunger. Doch das animierte mich nicht zum Essen, im Gegenteil: Ich genoss diesen Schmerz, den Hunger, den Anblick meines abgemagerten Körpers. Es war ein Gefühl von Kontrolle, einem letzten Rest Kontrolle und Macht über mich selbst …

 

Gegen fünfzehn Uhr stand auf einmal Haruna vor mir.

„Hey, Tsuzuku, wie geht’s dir heute?“, fragte sie.

„Was interessiert dich das“, brummte ich nur.

„War das nicht schön gestern, das Baden gehen?“

„Doch …“, murmelte ich.

Haruna kramte in ihrer Tasche und holte eine Packung Cracker heraus. „Da, nimm. Du hast doch wieder den ganzen Tag noch nichts gegessen, oder?“

„Lass mich in Ruhe.“

Haruna legte die Packung einfach vor mich hin, drehte sich um und ging wieder zu den anderen. Sie war die Einzige von ihnen, die überhaupt noch aktiv auf mich zuging, die anderen hatten mich wahrscheinlich längst aufgegeben.

 

Ich konnte ja auch in meinem Zustand nichts zu ihrer Gemeinschaft beitragen. Früher, als ich noch so etwas wie ein Leben gehabt hatte, ein Leben mit Freunden und Freundinnen, mit denen ich feiern und trinken gehen konnte, war ich anders gewesen.

Aber dieses Leben von damals erschien mir heute so, als hätte es ein anderer gelebt. Genki Aoba schien verschwunden zu sein, hatte sich mit dem Tod seiner Mutter in Luft aufgelöst, und übrig geblieben war eine leere, zerstörte Seele mit dem Namen Tsuzuku.

 

Paradoxerweise bedeutete dieser Name ja unter anderem ‚weitergehen‘ oder ‚fortdauern‘. Ich wusste nicht mehr, warum ich mich so genannt hatte. Vielleicht aus einem Moment der Hoffnung heraus? Hoffnung darauf, dass ich doch irgendwie wieder in ein Leben zurück fand, das diese Bezeichnung ‚Leben‘ auch verdiente?

Na ja, immerhin lebte ich noch. Ich hatte es noch nicht über mich gebracht, einen Selbstmordversuch zu unternehmen, also musste in mir noch etwas sein, das leben wollte. Nur, dass mir jeglicher bewusste Lebenssinn fehlte. Ich verstand nicht, warum ich noch lebte, welchen Sinn das alles noch hatte. Manchmal fragte ich mich, warum ich noch über ‚leben‘ nachdachte, wo es doch einfach keinen Sinn ergab.

 

Irgendwie wurde es Abend. Wieder war ein leerer Tag herumgegangen, wieder hatte ich mich kaum ein, zwei Mal von meinem Schlafplatz entfernt. Ich war nur aufgestanden, um die öffentliche Toilette am anderen Ende des Parks aufzusuchen, mich ein wenig zu waschen und zu rasieren, und hatte mich danach wieder auf meinen Platz gesetzt. Die Leere hielt mich gefangen, hatte ihre schwarzen Schlingen um meinen Körper gelegt und ließ mich nicht mehr gehen.

 

Erst, als es schon dunkel wurde und ich solchen wahnsinnigen Durst bekam, dass ich mich eben gerade durchgerungen hatte, zu den anderen zu gehen und um eine Flasche Wasser oder Bier zu bitten, bekam dieser Tag doch noch einen Sinn:

Ich war gerade aufgestanden, da sah ich ihn auf der anderen Straßenseite stehen, an der Ampel vor dem kleinen Café. Er war durch seine himmelblauen, mit viel Haarspray aufgestellten Haare unübersehbar.

Es war, als ob die Sonne, die eben glutrot hinter den Bäumen und Häusern verschwunden war, es sich noch mal anders überlegt hätte und wieder zurückgekehrt wäre. Nur stand sie nun nicht mehr leuchtend rot über dem Fluss, sondern in blauhaariger Menschengestalt dort drüben an der Ampel.

 

Die Ampel sprang auf blau um und Meto ging über die Straße, schaute suchend herum, entdeckte mich, hob die Hand und winkte mir zu. Ich spürte einen Hauch von Wärme in mir, einen Anflug von Süße, wie ich ihn schon sehr, sehr lange nicht mehr verspürt hatte. Und je näher Meto auf mich zukam, umso stärker wurde dieses Gefühl in mir, ein Gefühl von Lebendigkeit, das sich beinahe schon fremd anfühlte, weil ich es nicht mehr kannte.

 

„Entschuldige … ich konnte … nicht eher herkommen …“, sagte er leise, als er vor mir stand. „Wie geht’s dir?“

„Weiß nicht“, antwortete ich. Ich wusste wirklich nicht, wie es mir ging.

Meto nahm seinen punkig bunten Rucksack ab und zog eine Flasche Limonade heraus. „Hier, hab ich dir mitgebracht. Deine Lippen sind total trocken, du musst was trinken.“

Es war, als hätte er gewusst, dass ich Durst hatte. Ich nahm die Flasche entgegen, öffnete sie und nahm einen Schluck. Es war Zitronenlimo, sie schmeckte süß und frisch und kribbelte im Hals, und ich hatte solchen Durst, dass ich in zwei Zügen die halbe Flasche austrank.

„Danke“, sagte ich danach und fuhr mir mit dem Ärmel meiner Jacke über die Lippen.

Meto lächelte, und mir fiel zu ersten Mal so richtig auf, was für einen großen Mund er hatte. Einen großen Mund mit vollen Lippen, eine recht kleine Nase, und vermutlich braune Mandelaugen, die gerade jedoch stark geschminkt und von bunten Kontaktlinsen verdeckt waren, sodass sie doppelt so groß aussahen.

 

Er setzte sich einfach auf den gepflasterten Boden neben meinen Schlafplatz und bemerkte die Packung mit den Crackern, die immer noch unangetastet dort lag.

„Die hat Haruna mir heute gegeben“, sagte ich nur.

„Und du hast noch nichts davon gegessen?“

„Nein … Hab keinen Hunger …“

In dem Moment strafte mich mein knurrender Magen Lügen, und es war tatsächlich so laut, dass Meto mich besorgt ansah.

„Du sagst, du hast keinen Hunger? Das hört sich aber ganz anders an …“

„Ich will nichts essen“, präzisierte ich. „Ich kotz eh alles wieder aus.“

 

Metos Blick nahm weiter an Besorgnis zu. Er schien sich einen Moment lang zu fragen, ob er das, was ihm auf der Zunge lag, auch wirklich sagen konnte, dann fragte er leise: „Warum eigentlich? Also, weshalb spuckst du alles wieder aus?“

Ich zuckte nur mit den Schultern.

„Na ja, du wirkst ja nicht gerade so wie diese jungen Mädchen, die ‘ne Essstörung haben, weil sie so gerne superschlank sein wollen“, sagte Meto, und irgendwie musste ich auf einmal lachen.

„Ich bin ja auch kein Mädchen.“

„Das meine ich nicht, Tsuzuku. Ich glaube, der Grund dafür, dass du dich erbrichst, ist doch bestimmt ein anderer, oder?“

Ich nickte. Natürlich hatte ich einen anderen Grund. Nur, welcher das genau war, und wie das alles in mir zusammen hing, verstand ich ja selbst nicht. Dass ich mich selbst verletzte, hing ganz klar mit Mama zusammen, mit ihrem Tod und meinen Schuldgefühlen. Und vielleicht war das Essen, Kotzen, Essen, Kotzen ja auch so was wie Selbstverletzung?

„Magst du mir sagen, was der Grund ist?“, fragte Meto.

„Nein“, sagte ich nur. Und dann, weil ich Angst hatte, dass nun das Gespräch versiegte: „… Später vielleicht …“

„Ist okay. Ich will dich ja auch nicht bedrängen.“

„Tust du nicht. Ich … kann nur nicht drüber reden.“

 

Ich befürchtete, dass meine verschlossene Art dafür sorgte, dass Meto sich von mir weggestoßen fühlte und wieder ging, doch das tat er nicht. Er blieb einfach bei mir sitzen, sah mich an und sagte nichts weiter, war ganz einfach nur da.

Anscheinend war er wirklich ziemlich allein, wenn er sich solche Mühe mit jemandem wie mir gab. Es gab doch so viele andere Menschen, die so viel aufgeschlossener, lebendiger und interessanter waren als ich … Aber er saß hier bei mir, zwar schweigend, aber ab und zu lächelte er mich ein wenig an und ich haderte jedes Mal mit meiner harten Schale.

 

„Wollen wir irgendwas machen?“, fragte er irgendwann. „Die Läden haben noch ein bisschen offen und ich hätte Lust, ein wenig durch die Innenstadt zu gehen …“

„Weiß nicht“, sagte ich wieder.

„Wir müssen ja nichts kaufen. Ich hab nur Lust, was mit dir zu unternehmen.“

Ich schwankte innerlich zwischen dieser leblosen Antriebslosigkeit einerseits, und dem Wunsch, nach diesem leeren Tag noch etwas zu erleben auf der anderen Seite. Wusste nicht, welchem Impuls ich nachgeben sollte, und beschloss, dass ich Meto entscheiden ließ. Und da er ja vorgeschlagen hatte, etwas zu unternehmen, schloss ich mich dem einfach an.

 

Wir gingen also wieder zum Bahnhof, schlossen dort meine Sachen ein, und machten uns dann auf den Weg in die Innenstadt. Auf dem Platz vor dem Tor mit der großen, roten Laterne, wo vorgestern noch das Stadtfest gewesen war, herrschte jetzt wieder der normale Betrieb.

Ich folgte Meto quer über den Platz und er blieb vor einem Laden stehen, der relativ neu hier war und nach einer Mischung aus Schönheitssalon und Bodyart-Studio aussah. Ich war noch nicht drinnen gewesen, mir fehlten ja definitiv die Mittel, um wieder irgendwas an meinem Körper machen zu lassen, obwohl ich schon gerne mal ein neues Tattoo gehabt hätte. Aber das war eben nicht mehr drin, wenn man auf der Straße lebte.

 

„Wie wär’s?“, fragte er. „Hättest du Lust drauf, dass dich jemand hier mal richtig hübsch macht?“

Ich fühlte in mich hinein. Nein, ehrlich gesagt war mir nicht danach. Es kostete zu viel Geld, und obwohl ich in meinem Leben früher ab und zu gern mit Make-up experimentiert hatte, fühlte sich der Gedanke, mich hier und jetzt wieder in einem Salon schminken zu lassen, so fremd an.

Und so schüttelte ich den Kopf. „Nein, mir ist nicht danach“, sagte ich.

Meto sah mich einen Moment lang an, und ich blickte zurück, betrachtete ein wenig das aufwändige, ziemlich beeindruckende Make-up-Kunstwerk in seinem Gesicht.

„Und … wenn ich dich mal schminke?“, fragte er dann. „Ich hab alles dabei, wir können uns einfach irgendwo gemütlich hinsetzen und ich mach dich mal ein bisschen hübsch.“

„Ich … weiß nicht“, sagte ich.

„Wir versuchen es? Und wenn es dir nicht gefällt, können wir es ja wieder abwischen.“

 

„Woher weißt du das eigentlich?“, fragte ich.

„Was denn?“

„Dass ich mal Make-up mochte …“

Meto lächelte mich an. „Ich kenn mich aus mit V-Kei. Ich hab‘s dir angesehen.“

„Woran?“

„Die Piercings, die Tattoos, deine Haare …“ Er grinste. „Nur eine Frage: Magst du lieber roten oder schwarzen Lippenstift?“

„Beides“, antwortete ich, und dass das kam wie aus der Pistole geschossen, zeigte mir selbst, dass ich durchaus immer noch Interesse an Make-up hatte.

 

Meto griff meine Hand und führte mich zu einem kleinen Park mit ein paar Bänken. Wir suchten uns eine, die etwas abgelegen stand, jedoch in der Nähe einer Laterne, die genügend Licht spendete.

Meine blauhaarige Sonne kramte ein niedliches Kosmetiktäschchen aus dem Rucksack und zog die Jacke aus, legte sie auf die Bank und breitete den Inhalt des Täschchens auf dem Jackenfutter aus.

Er hatte wirklich alles dabei: Ein Puder, bunte Lidschattenpaletten, Eyeliner, Wimperntusche, roten Lippenstift und ein Etui mit verschiedenen Schminkpinseln. Mit zwei kleinen Klammern steckte er meine Haare zurück, dann nahm er das Puder und einen großen Kabuki-Pinsel und begann, mich zu schminken.

Ich schloss die Augen, und spürte, wie gut es sich anfühlte, nach ewig langer Zeit mal wieder Make-up auf meiner Haut zu haben, und jemanden bei mir, der sich um mich kümmerte.

 

„Das tut gut, oder?“, fragte Meto leise, während er vorsichtig mit einem kleinen Pinsel dunklen Lidschatten auf meinen geschlossenen Lidern verteilte.

„M-hm“, machte ich, „… Ist lange her, dass ich Make-up drauf hatte …“

„Du hast das passende Gesicht dafür“, sagte er. „Das wird richtig gut aussehen.“

„Du schminkst dich gerne, oder?“, fragte ich ihn, hatte dabei immer noch die Augen geschlossen.

Meto lachte leise. „Ja. Ich mag das sehr. Und ich mag’s auch, andere zu schminken, aber ich hab sehr selten Gelegenheit dazu.“ Er nahm den Pinsel von meiner Haut weg und fragte: „Willst du dir die Mascara selber drauf machen?“

„Wenn du mir nen Spiegel hälst“, sagte ich und öffnete die Augen.

 

Meto nahm eine der Lidschattenpaletten, in deren Deckel ein kleiner Spiegel eingelassen war, und hielt ihn mir so hin, dass ich gut sehen konnte.

Ich griff mir die schwarze Mascara und begann, meine Wimpern zu tuschen, wobei ich an die Zeiten denken musste, als ich auch mal mit falschen Wimpern experimentiert hatte. Meiner damaligen Freundin hatte das jedoch nicht gefallen, und so hatte ich mich damit nicht allzu lange ausgelebt.

Der Anblick meiner jetzt dunkel geschminkten Augen hatte etwas Ungewohntes und zugleich Vertrautes, es war einfach so lange her, dass ich Make-up getragen hatte …

Und als Meto dann den Lippenstift nahm und ihn mir reichte, damit ich meine Lippen dunkelrot färben konnte, da schaute mich dann, als ich damit fertig war, so was wie mein altes Ich im Spiegel an, was sich aber nochmal seltsamer anfühlte. Irgendwie beinahe so, als ob ich mich kaum mehr selbst erkannte …

 

„Gefällt’s dir?“, fragte Meto.

Ich wusste es nicht. Gefiel ich mir so? War das noch ich? Würde ich, wenn Meto mich jetzt vielleicht öfter mal schminkte, in dieses alte Bild meiner Selbst zurückfinden? Es verwirrte mich.

„Ist einfach so lange her“, sagte ich wieder.

„Wenn du magst, gewöhne ich dich wieder daran“, sagte er. „Ich finde nämlich, du siehst so ganz, ganz toll aus!“

„M-hm“, machte ich nur.

 

Wir gingen dann so durch die Stadt, und dadurch, dass Meto noch stärker geschminkt war als ich jetzt, fielen wir natürlich schon auf.

„Brauchst du noch irgendwas? Klamotten oder Schuhe oder so?“, fragte er, als wir an einem Laden einer großen Modekette vorbei kamen.

„Ich … finde selten was“, sagte ich. „Mir passt das meiste nicht, ist mir alles zu weit …“

„Dann kaufen wir zu ner Hose noch nen Gürtel dazu. Weil … na ja, das, was du geraden anhast, sieht schon ziemlich kaputt aus …“

„Ich lebe auf der Straße“, sagte ich nur.

Meto blieb stehen, nahm meine Hände in seine. „Du kannst doch trotzdem ab und zu neue Klamotten gebrauchen“, sagte er. „Fühlt sich doch gut an, mal neue Sachen am Körper zu haben, oder?“

 

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Fühlte meine Hände, wie Meto sie festhielt, und spürte, wie er sich um mich sorgte.

„Später vielleicht“, sagte ich. „Ich fühle mich gerade nicht nach Einkaufen.“

„Ist es … zu anstrengend?“

„Ja … irgendwie strengt mich so was an.“

„Ist okay. Ich komme ja immer wieder“, sagte Meto. „Wir haben ab jetzt ganz, ganz viel Zeit zusammen, da können wir auch später noch einkaufen gehen.“

 

„Was … ist das jetzt eigentlich?“, fragte ich. „Du kommst zu mir, nimmst mich mit ins Badehaus, schminkst mich, willst mir Kleider kaufen …“

„Ich hab sonst keine Freunde“, sagte Meto und lächelte mich dabei an. „Also bist du jetzt mein Freund.“ Wie einfach er das sagte! Dabei wusste er doch inzwischen, dass ich beileibe nicht der geeignete Typ für ‚mal eben anfreunden‘ war!

Aber irgendwie … tat mir diese Einfachheit gut. Mich von ihm einfach umsorgen und führen zu lassen, weil mir selbst die Kraft fehlte …

So ging es ein paar Tage irgendwie gut. Oder so ähnlich wie gut.

Meto kam jeden Tag, mal früher und mal etwas später, setzte sich zu mir und war einfach da. Jedes Mal brachte er mir etwas zu trinken mit, Limo oder Wasser, und wir gingen auch einmal wieder zusammen in die Innenstadt, wo er mir einen neuen Gürtel für meine Hosen kaufte, weil mein alter schon ziemlich brüchig war, und dann noch ein T-Shirt.

 

Aber die meiste Zeit über saß er einfach bei mir, und ich merkte, dass man mit ihm gut zusammen schweigen konnte. Es war kein unangenehmes Schweigen, sondern fühlte sich gut an, so als ob es mir gut tat, dass jemand einfach bei mir war, ohne zu verlangen, dass ich über irgendwas sprach.

Und Meto schien ohnehin daran gewöhnt, nicht viel zu reden. Nach dem, was er mir erzählt hatte, fiel ihm das Sprechen mit anderen sehr schwer, er schien so etwas wie einen Sprachfehler zu haben, der dafür sorgte, dass er am liebsten wenig redete. Warum das mir gegenüber anders war, verstand ich immer noch nicht, aber ich nahm es hin und es freute mich sogar irgendwie.

 

An diesem Tag, es war wohl so eine Woche, nachdem ich zum ersten Mal mit Meto im Badehaus gewesen war, wachte ich morgens mit einem noch stärkeren Gefühl unendlicher Schwere in mir auf. Der dunkle Schleier, der über allem lag, schien noch ein wenig dunkler und dichter geworden zu sein, nachdem die vergangenen Tage eigentlich ganz erträglich gewesen waren.

 

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich soweit wach und bewusst war, dass ich den stechenden Schmerz in meinem Magen spürte. Wieder zweieinhalb Tage ohne richtiges Essen forderten ihren Tribut, ich spürte starke Krämpfe und hörte das fordernde Knurren selbst nur allzu laut.

Langsam und vor Schmerz zitternd richtete ich mich auf, zog meine Tasche heran und holte all das heraus, was mir Haruna über die Woche hinweg immer mal wieder zugesteckt hatte: Cracker, zwei Reisbällchen, eine Packung gewöhnliches Brot, zwei Packungen Instant-Raamen.

 

Ich riss das Papier um die Reisbällchen ab und biss wahllos in das erste hinein. Innen drin steckte ein Stückchen Fisch oder Ähnliches, und es schmeckte nicht mal schlecht, sodass ich das ganze Reisbällchen in ein paar Bissen aufaß, um mit dem zweiten ebenso zu verfahren. Was da als Füllung drin war, wusste ich danach schon nicht mehr, ich bemerkte es einfach nicht, schlang es nur so runter.

Als nächstes riss ich die Cracker auf, nahm zwei oder drei auf einmal raus und stopfte sie mir in den Mund, eine Ladung, noch eine und noch eine … Sie waren ziemlich trocken, sodass ich zwischendurch einen Schluck Wasser brauchte, ich trank die Flasche fast aus und aß weiter, die ganze Packung leer, schnell und ungehalten, und ohne an irgendwas zu denken.

 

Mit einem Mal fühlte ich mich richtig gut, stand einfach auf und zog meine Jacke an, dann ging ich rüber zum Fluss, wo die Sonne gerade über dem Wasser aufging und sich darin spiegelte. Ich setzte mich auf eine der Bänke und genoss eine Weile den Sonnenaufgang, fror ein wenig, doch das machte mir wenig aus. Ich musste sogar ein wenig lächeln, so gut fühlte ich mich.

Es war so früh, dass fast niemand auf dem Fluss oder an seinen Ufern unterwegs war, nur weiter hinten, auf der anderen Seite, saßen ein paar Männer herum, die vielleicht von einer nächtlichen Party kamen und offenbar noch Reste von Alkohol im Blut hatten, denn sie lachten laut, es schallte zu mir herüber.

 

Doch mit einem Mal zerplatzte mein Glück, wieder einmal, wie so oft. Mein Magen, von der vielen, viel zu schnell aufgenommenen Nahrung heillos überfordert, krampfte sich wieder zusammen, und ich konnte mich gerade noch so über das Geländer zwischen mir und dem Fluss beugen, ehe mir alles hochkam und ich mich ins Wasser erbrach.

Danach sank ich mitten auf dem Uferweg zusammen und blieb dort eine ganze Weile sitzen. Mein Körper schmerzte, ich zitterte, und in meinem Kopf ging alles durcheinander, hoffnungslos ineinander verschlungen und ohne einen erkennbaren Ausweg. Ich war schon so oft an diesem Punkt gewesen, an dem ich im Grunde keinen Sinn mehr im Leben sah, und manchmal fragte ich mich wirklich, warum ich überhaupt noch lebte, wenn doch jedes Glück so schnell wieder vorbei war und sich immer sinnloser anfühlte.

Ich erhob mich, ging zu einer der Bänke, die hier standen, und ließ mich darauf sinken, und dabei blickte ich hoch, zu den Bäumen. Mein Blick suchte nach einem stabilen, geeigneten Ast …

Nein … Irgendwas in mir wollte das noch immer nicht. Da war noch dieses kleine Fünkchen Leben in mir, noch ein kleines bisschen Wunsch danach, weiter zu gehen, zu leben.

 

Ich stand wiederum auf, ging zum Park zurück, zu meinem Schlafplatz, wo ich mich auf meinen Schlafsack setzte und mein Messer aus meiner Tasche kramte.

Es war ein kleines, aber scharfes Armeemesser eines Schweizer Herstellers, ich hatte es bekommen, als ich ungefähr vierzehn gewesen war und ein Messer als Statussymbol irgendwie cool gefunden hatte. Das Geld dafür hatte mir Mama zum Geburtstag geschenkt … noch nicht ahnend, was ich später damit tun würde …

Ich spürte das kühle, schwere Metall in meiner Hand, klappte die Klinge aus, fuhr vorsichtig mit dem Daumen darüber.

 

Es war paradox, aber manchmal, wenn ich wieder ans Sterben gedacht hatte, dann wollte ich mich verletzen, um mich wieder lebendiger zu fühlen. Ich tat mir nicht weh, um zu sterben, und ich hatte nicht die Absicht, mir die Pulsadern vollends aufzuschneiden. Sterben wollte ich anders. Wenn ich mich ritzte, dann entweder, um den unerträglichen Schmerz in meiner Seele zu betäuben, oder mich lebendig zu fühlen.

Durch die vielen großen Tattoos auf meinen Armen war nicht mehr allzu viel Platz dort, und so stand ich wiederum auf und ging zu dem gemauerten Toilettenhäuschen, welches mir und den anderen als Waschraum diente, weil es dort auch einen Spiegel und ein Waschbecken gab.

 

Ich betrat den Raum, machte Licht an, schloss die Tür hinter mir und zog vor dem Spiegel meinen Pullover aus. Mein Körper war in einem erbärmlichen Zustand, und ich fand, dass es dann auch wohl passte, wenn ich die Haut über meinen darunter so sichtbaren Rippen ein wenig einschnitt, um das Bild meiner Selbstzerstörung noch weiter zu treiben.

Ich konnte meinem Spiegelbild nicht in die Augen sehen, blickte nur auf meinen Körper und setzte die Klinge unterhalb des Implantats auf meinem Brustbein an, spürte das kalte Metall und zog es langsam über meine Haut nach unten … Ein Schnitt, noch einer, und noch einer, immer mehr … Es fühlte sich gut an.

Blutstropfen rannen über meine Haut, kitzelten mich und schienen warm, so warm und rot und irgendwie süß … Ich spürte mein Herz klopfen, aufgeregt und lebendig, und wusste, dass ich ohne das hier kaum leben konnte. Ich brauchte es zu sehr.

 

Und so versank ich fast ein wenig darin, ehe mich ein Klopfen an der Tür aufschrecken ließ.

„Tsuzuku, bist du da drin?“, hörte ich von draußen die Stimme von Hiro, einem meiner ‚Mitbewohner‘ unter der Brücke. „Blockierst du wieder das Bad, oder was?!“

„Hau ab!“, schrie ich durch die geschlossene Tür.

„Es gibt hier noch andere Menschen, die dieses Bad brauchen!“

„Ich bin ja gleich fertig!“

Ich zog den Pullover einfach wieder an. Ob er drinnen Flecken vom Blut bekam, war mir egal. Dann schloss ich die Tür auf und ließ Hiro rein, ehe ich selbst den Raum verließ und mich wieder zu meinem Schlafplatz begab.

 

Erst, als ich mich dort hinsetzte, spürte ich so etwas wie unangenehmen Schmerz auf meiner Haut. Und es dauerte noch eine ganze Weile, bis mir auch nur ein wenig klar wurde, dass das, was ich da getan hatte, irgendwie nicht richtig war. Es war falsch, krank, gestört, sagte mein Verstand. Doch mein Gefühl hatte den Anblick meines Blutes derartig genossen, dass ich es wohl wieder tun würde. Immer wieder, ich war schon daran gewöhnt …

 

An diesem Tag dauerte es lange, bis die anderen in den Park kamen, und Haruna und Hanako tauchten überhaupt nicht auf. Ich wusste nicht, welchen Wochentag wir hatten, und es war mir auch irgendwo egal. Ich hoffte nur, dass Meto herkommen würde, denn dieses Gefühl, dass er meinen leeren Tagen wieder so etwas wie einen Sinn und ein bisschen Freude gab, begann langsam, dafür zu sorgen, dass ich mich nach seiner Anwesenheit sehnte.

 

Immer wieder sah ich rüber zu der Ampel, wo er immer kam, doch es wurde Mittag und er war immer noch nicht da. Ich stand in der Zeit mehrmals auf, nahm mir mein Waschzeug und ging noch mal zum Toilettenhäuschen, um mich ein wenig frisch zu machen.

Seit ich Meto kannte, war es mir auf einmal wieder wichtiger, nicht so allzu sehr wie das Wrack auszusehen, als das ich mich fühlte. Ich wollte ihn nicht dadurch abschrecken, dass ich mich äußerlich komplett gehen ließ. Zwar beschränkte sich dieses Kümmern um mein Erscheinungsbild nur darauf, dass ich mich ordentlich wusch, etwas sorgfältiger als sonst rasierte und meine Haare besser kämmte, aber immerhin …

 

Als ich zum gefühlt einhundertsten Mal rüber zu der Ampel schaute, wo Meto immer noch nicht aufgetaucht war, hörte ich plötzlich seine Stimme hinter mir: „Ich bin hier!“

Ich drehte mich um und da kam er auf mich zu, aus Richtung der Innenstadt. Er hatte zwei volle Tüten bei sich, die aussahen, als käme er gerade vom Shoppen.

„Was ist das?“, fragte ich und deutete auf die Tüten.

„Ich hatte Lust, einkaufen zu gehen, und hab dir auch bisschen was mitgebracht“, sagte er und stellte eine der Tüten vor mich hin. „Jeans und zwei Shirts und so … Nur Schuhe konnte ich dir keine kaufen, ich weiß ja deine Größe nicht.“

„Sechsundzwanzig“, nannte ich meine japanische Schuhgröße.

 

„Hast du denn Lust, mit mir loszugehen? Ich glaube, du könntest ein neues Paar Schuhe brauchen, oder?“, fragte Meto.

Ich sah auf meine gründlich abgewetzten Turnschuhe und nickte. „Ja, vielleicht wär das ganz gut.“

„Aber erst gehen wir baden.“ Meto lächelte und reichte mir seine Hand, ich nahm sie und er zog mich hoch.

Erst dann fiel mir wieder ein, dass ich mich verletzt hatte. Und dass ich somit heute besser nicht ins Badehaus ging.

„Geht nicht …“, sagte ich leise und blickte zu Boden. „Ich kann heute nicht baden gehen.“

„Warum nicht?“

Ich konnte ihn nicht ansehen, als ich es aussprach: „… Weil ich mich … wieder geritzt habe …“

Meto sah mich erschrocken an. „Oh …“

„Nicht tief, du musst mich nicht verbinden oder so … Aber ich kann so nicht ins Badehaus.“

 

„Okay, dann eben nur einkaufen“, sagte er, und dann, leiser: „Aber wenn du dich mal … schlimmer verletzt, sagst du mir das dann? Nicht, dass du mir noch umkippst oder so…“

„Muss ich dir das versprechen?“, fragte ich.

„Bitte …“

„Ist gut … Ich sag’s dir dann …“

„Am besten wäre es natürlich, wenn du es gar nicht erst tust …“, sagte Meto, ganz leise.

„Das kann ich nicht.“

 

Erst einmal beließ er es dabei, wir gingen los in die Innenstadt und zu einer dieser preisgünstigen Schuhladen-Ketten, wo man für 2000 Yen ein Paar Schuhe bekam.

Ich hatte meine schwarzen Turnschuhe tatsächlich gründlich satt und als ich ein ähnliches Paar in dunkelrot in einem der Regale stehen sah, lief ich darauf zu. 2500 Yen, das war natürlich mehr, als ich besaß. Schon war ich ein wenig enttäuscht, weil mir diese Schuhe wirklich gefielen, ich aber eben nur 1500 Yen besaß.

 

„Diese da?“, fragte Meto, und ich nickte. Und schon hatte er sein Portmonee draußen und sah nach, wie viel Geld er noch dabei hatte.

„Ich zahl es dir zurück“, sagte ich.

„Musst du nicht. Du hast nur dieses eine Paar, die sind kaputt, also brauchst du wirklich neue, die schenk ich dir.“

„Danke … Aber, kann ich das irgendwie wieder gut machen?“ Ich konnte mich nicht so einfach damit abfinden, dass Meto mir die Schuhe schenken wollte.

„Indem du … heute mal ein bisschen glücklich bist“, antwortete er. „Das reicht mir schon.“

 

Und so wurde das Paar rote Schuhe gekauft, ich zog sie gleich vor dem Laden an und die alten, kaputten Schuhe kamen in den nächsten Mülleimer. Irgendwie fühlte sich das befreiend an. Und auf den neuen Schuhen lief ich gefühlt wie auf Wolken. Eine rauschende Hochstimmung ergriff mich, und ich schwebte geradezu durch die Innenstadt, neben Meto her, der sich darüber offenbar sehr freute.

 

„Siehst du, jetzt geht’s dir gut“, sagte er.

„Die fühlen sich toll an, die Schuhe!“

„Und du bist unheimlich hübsch, wenn du gut drauf bist, weißt du das?“

Ich musste lachen. „Bist du schwul oder was?“

Mit einem Mal blieb Meto stehen, knallrot im Gesicht. Zuerst verstand ich nicht mal, warum, doch als er nicht einfach weiter ging, sondern sich auf eine Bank setzte und immer noch rot wie Klatschmohn zu Boden blickte, da kapierte ich es.

„Oh …“, entkam es mir. „Tut mir leid … sorry …“ Ich ging zu ihm, setzte mich neben ihn.

„Wusstest du ja nicht“, sagte er leise und mit Tränen in den Augen.

„Hey, ist doch kein Ding. Mich stört so was nicht, wirklich nicht!“, erwiderte ich.

Meto sah mich an, errötet und unsicher. „Wirklich nicht?“, fragte er.

„Nein, und warum auch? Ich weiß, dass auch ein Mann, der Männer lieber hat als Frauen, nicht gleich jeden bespringt. Ich bin kein homophober Idiot.“

Meto lächelte ein wenig. Und nun war ich es, der ihn umarmte, zum ersten Mal, einfach um ihm zu beweisen, dass ich ihm gegenüber, trotz dass er schwul war, keine Berührungsängste hatte.

 

„Aber … nen festen Freund oder so hast du nicht, oder?“, fragte ich dann.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Und … na ja, Jungfrau bin ich auch noch …“

Ich musste lächeln. „Wie alt bist du denn eigentlich?“

„Achtzehn …“

„Dann ist das doch noch gar kein Ding …“, sagte ich und meinte das auch so. „Ist ja auch nicht so einfach für dich, nen Partner zu finden, oder?“

Meto zuckte mit den Schultern. „… Ich kann eben nicht gut reden …“

„Jungfrau mit achtzehn ist kein Drama, Meto. Okay, ich hatte meine erste Freundin mit sechzehn, und danach noch einige andere … Aber ich bin da echt kein Maßstab. Ich hab da … sehr viel falsch gemacht, verstehst du? Ich wünschte, ich hätte diese Erfahrungen nicht.“

Er sah mich an, schien überrascht, vielleicht von meiner plötzlichen Offenheit.

„Du findest bestimmt noch jemanden“, sagte ich und lächelte ein wenig. „Du bist so ein lieber Mensch, irgendwann wird das jemand bemerken und sich in dich verlieben.“

 

Wir gingen dann noch nicht gleich zurück in den Park, sondern zu einem großen Platz, auf dem es einen Brunnen gab. Auf dessen Rand setzten wir uns hin und beobachteten einfach eine Weile lang die Menschen, die an uns vorbei liefen.

Es war warm heute und nach einer Weile zog ich meine Jacke aus, machte meine zutätowierten Arme sichtbar, was Meto dazu animierte, sich diese mal genauer anzusehen.

 

„Was ist das alles?“, fragte er und deutete auf meinen rechten Arm, wo sich in meinem Fullsleeve-Tattoo ein Selbstbildnis von mir der Gesellschaft einiger dämonischer Wesen erfreute.

Ich nannte die Namen der Dämonen und ihre verschiedenen Bedeutungen, und Meto hörte mir interessiert zu.

Manches fiel mir schwer, zu erklären, weil es eher Gefühle waren, die sich zwar in Bilder, aber nur schwer in Worte fassen ließen. Warum die Wesen auf meinem Arm zumeist schwer untergewichtig aussahen, war so etwas. Ich konnte sagen „Ich hab eben Probleme mit dem Essen“, aber das war längst nicht der ganze Grund, warum es so war. Der wahre, vollständige Grund ließ sich für mich einfach kaum in Worte fassen.

 

„Und du, deine Tattoos?“, fragte ich Meto, aus Interesse, und auch, um damit von mir selbst ein wenig abzulenken. „Warum hast du gezeichnete Spermien auf deinem Arm?“ Ich musste ein bisschen lachen, vielleicht weil einen so etwas Sexbezogenes leicht lachen ließ …

„Das sind die Spermien zu dem Baby“, sagte er und deutete dabei auf seine linke Brustseite, wo sich ja, wie ich schon vom Badehaus her wusste, dieses Baby im Mutterleib bunt und groß ausbreitete.

„Ah“, machte ich und musste wieder grinsen. „Und die sind noch nicht bunt, weil?“

„Ich war lange nicht mehr im Studio. Das Tattoo ist noch längst nicht fertig“, erklärte Meto. „Auf meine Hand muss noch ein Spinnennetz hin, und dann wird alles bunt gemacht.“

„Cool“, sagte ich, „Dieses Bunte, das steht dir. Meins wäre es nicht, aber zu dir passt es gut.“

„Du magst einfarbige Tattoos lieber?“

Ich nickte. „Vielleicht bin ich einfach nicht der Typ für Bunt …“

 

Wir blieben noch eine Weile dort an dem Brunnen sitzen, dann stand Meto irgendwann auf, sagte, dass er Hunger hatte.

Gegenüber, am Rand des Platzes, gab es einen dieser süßen Bäckereishops, wo man Donuts und dergleichen essen konnte. Auf diesen Laden steuerte Meto zu, und ich ging langsam hinter ihm her, hoffend, dass ich vor der Tür auf ihn warten konnte, denn da hinein zu gehen, wo es so nach Essen roch, das wollte ich nicht.

Meto drehte sich zu mir um. „Möchtest du … auch was?“, fragte er.

Mein Kopf sagte ‚Nein, nichts essen, nie was essen, bloß nichts essen‘, doch ich spürte, mein Magen war leer, und sobald ich wagte, daran zu denken, was man in diesem Laden alles essen konnte, fing er an, fordernd zu knurren.

„Oder soll ich dir nur was zu trinken holen?“, fragte Meto, als ich nicht antwortete.

Ich nickte nur.

 

Ich wartete also vor dem Laden und sah durch die Fensterscheibe zu, wie Meto sich ein Tablett nahm und an der Selbstbedienungstheke zwei Donuts und zwei Flaschen Limo aussuchte. Beim Gedanken an das süße, fettige Gebäck mit der bunten Glasur fühlte ich Hunger und Abstoßung zugleich, und als Meto aus dem Laden kam, war mir ein wenig schwindlig.

Wir gingen zum Brunnen zurück, und Meto öffnete die Tüte, der sogleich dieser typische süße Geruch entstieg.

„Sag Bescheid, wenn du auch was haben willst, okay?“, sagte er.

Ich beugte mich ein wenig vor, schnupperte vorsichtig, spürte dabei, wie leer mein Bauch war, fühlte wieder leichten Schwindel.

 

Meto nahm einen der Donuts aus der Tüte und biss hinein, ich sah zu und der Schwindel in mir wurde mehr und mehr, in meinen Ohren fing es an zu rauschen, vor meinen Augen blitzten kleine weiße Punkte, und ich hörte mich selbst sagen: „… Nicht gut …“

Meto sah mich an, ich nahm ihn nur verschwommen wahr, und als er fragte: „Was ist?“, da konnte ich das unter dem Rauschen kaum hören.

„Tsuzuku? Hey, du bist ja ganz blass!“

Ich spürte seine Hand, die meine ergriff, und seine andere Hand berührte meine Stirn, die vielleicht feucht oder kalt war, doch das fühlte ich schon nicht mehr wirklich, denn im nächsten Moment sackte ich weg.

 

„Tsuzuku?! Hörst du mich?!“

Ich blinzelte, langsam kam die Welt zurück, und das erste, was ich wirklich spürte, war, dass ich irgendwie von Leuten umringt war. Langsam öffnete ich die Augen und blickte in Metos besorgtes Gesicht, er sah mich von oben her an, und das, was ich unter meinem schmerzenden Kopf spürte, mussten seine Knie und Oberschenkel sein, auf denen ich lag.

Um uns herum standen drei oder vier Leute, und jemand Fünftes kniete neben mir und fühlte gerade meinen Puls. Ich erkannte eine weiße Uniform, vielleicht ein Notarzt, und langsam dämmerte mir, was passiert war.

 

„Ah, da sind Sie ja wieder“, sagte die weiße Uniform, und ich erkannte eine Frau. „Sie sind ein paar Minuten ohnmächtig gewesen, ich war zum Glück gerade in der Nähe. Passiert Ihnen das öfter, dass Sie einfach umkippen?“

„Nein …“, sagte ich, und präzisierte dann: „Nur manchmal …“ Ich versuchte, mich aufzurichten, doch sofort war der Schwindel wieder da und so stark, dass ich wieder auf Metos Knie sank.

„Haben Sie heute schon genug gegessen und getrunken?“, fragte die Frau.

Ich schüttelte den Kopf. „Noch nichts“, sagte ich, was halb gelogen war, nur hatte ich das Essen von heute Morgen ja wieder erbrochen.

Die Frau griff nach der Limo-Flasche, die Meto für mich gekauft hatte, und reichte sie mir. „Sie sind vermutlich unterzuckert, da ist Limonade genau richtig“, sagte sie.

Ich richtete mich wieder auf, dieses Mal etwas langsamer, Meto öffnete die Flasche für mich, und er stützte mich auch, als ich sie an meine Lippen setzte und einen Schluck nahm.

 

Die Leute, die um uns herum gestanden hatten, gingen nun auch wieder weg, nur die Frau, die wohl Ärztin war, blieb noch einen Moment.

„Sie müssen drauf achten, immer genug zu trinken und zu essen“, sagte sie.

Ich antwortete nichts darauf. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass ich obdachlos, depressiv und essgestört war? Ich wollte darüber nicht reden.

Die Limonade trank ich aus, dann half Meto mir, aufzustehen. Ich war noch ein wenig wacklig auf den Beinen, weshalb er zur Sicherheit meinen Arm hielt und mich ein wenig stützte. Aber als wir wieder im Akutagawa-Park angekommen waren, fühlte ich mich schon wieder halbwegs sicher.

„Geht’s wieder?“, fragte Meto, als ich wieder auf meinem Schlafplatz saß.

Ich nickte.

„Dann kann ich dich jetzt alleine lassen?“

‚Nein‘, sagte mein Gefühl. ‚Bleib bei mir, bitte …‘ Aber ich sagte nichts. Weil ich Angst hatte. Angst, dass ich ihm mit meiner Angst, allein wieder in mir selbst zu versinken, zur Last fiel. Er tat schon mehr als genug für mich.

Und so sagte ich „Ja, geht schon, ich bin okay“ und ließ ihn gehen.

„Ich komme morgen wieder“, sagte er.

 

Ich sah ihm lange nach, als er den Park verließ. Zwar wusste ich, er würde morgen wieder da sein, doch die Aussicht darauf, wieder den ganzen Abend allein hier zu sitzen, ließ mich schon wieder beinahe verzweifeln.

Wenn ich so alleine hier saß, verlor ich mich jedes Mal in mir selbst, anders ließ es sich nicht beschreiben. Ich versank in meinem leeren und zugleich chaotisch überfüllten Innenleben, und meine große Angst vor den anderen Menschen verhinderte, dass ich zu ihnen ging, um meine Einsamkeit durch die Gesellschaft anderer zu vertreiben.

An den nächsten drei Tagen sah ich Tsuzuku nicht. Es regnete und so blieb ich zu Hause, verbrachte die Zeit mit meiner Spielekonsole und damit, mein Zimmer und mein eigenes Bad mal ordentlich aufzuräumen und in Ordnung zu bringen.

 

Zwar dachte ich schon immer wieder an Tsu, fragte mich, was jemand wie er bei solchem Wetter machte, aber ich hoffte einfach mal, dass er irgendwo untergekommen war.

Am dritten Tag ging ich dann doch mal raus, zum Akutagawa-Park, um nach Tsuzuku zu sehen, doch er war nicht da. Einer der anderen Obdachlosen sagte mir, Tsu sei in die Unterkunft gegangen, also ging ich dort hin, aber ich kam auch da nicht weit. Die Diakonin, die dort ihren Dienst tat, konnte sich nicht erinnern, Tsu gesehen zu haben, auch nicht, als ich ihr einigermaßen detailliert seine Körperkunst beschrieb. Mein Problem mit dem Sprechen tat sein Übriges dazu, sodass ich Tsuzuku auch an diesem Tag nicht sah, weil er sich irgendwo herumtrieb und ich nicht wusste, wo ich sonst noch nach ihm suchen sollte.

Langsam machte ich mir doch Sorgen um ihn. Er war so instabil und ich hatte das bestimmte Gefühl, dass es in ihm drin noch viel dunkler aussah, als er es nach außen hin zeigte.

 

Am vierten Tag schien gleich morgens wieder die Sonne, und ich ging wieder los, um Tsuzuku zu suchen. Im Park war er nicht, in der Unterkunft auch wieder nicht, und so ging ich in die Innenstadt und suchte dort weiter.

In einem kleinen Park am anderen Ende der Innenstadt sah ich dann ein paar Leute herumhängen, vielleicht auch Obdachlose, die beschloss ich zu fragen.

Sie musterten mich halbwegs interessiert, als ich auf sie zu ging und stockend und unsicher fragte, ob sie heute hier irgendwo einen jungen Mann mit vielen Tattoos und Piercings gesehen hatten, antwortete tatsächlich einer von ihnen: „Ja, so einer mit knallroten Schuhen, ne?“

Rote Schuhe, das kam hin, die hatten Tsuzuku und ich ja gemeinsam für ihn gekauft.

 

„Wo … er ist … hi-hingegangen?“, fragte ich.

Der Mann deutete auf die andere Straßenseite, wo sich ein kleiner Kiosk befand, in dessen Schaufenster neben Zeitungen auch Zigaretten und Flaschen mit Spirituosen zu sehen waren.

„Da drüben ist er rein. Ich glaube, er wollte sich Alkohol besorgen. Er sah nämlich nicht besonders glücklich aus.“

Ich bedankte mich und lief in die besagte Richtung, und tatsächlich fand ich Tsuzukus Sachen auf einer Bank liegend. Er selbst war zuerst nicht zu sehen, erst als ich hinter die Bank ins Gebüsch schaute, sah ich ihn dort auf dem Erdboden sitzen. Mit geschlossenen Augen lehnte er an der Rückseite der Bank, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen eine Flasche mit klarem Sake.

 

„Tsuzuku?“, sprach ich ihn leise an, er fuhr erschrocken zusammen und sah sich um. Sein Blick war glasig vom Alkohol und sah zugleich so leer und todtraurig aus, dass ich erschrak.

„Hey, was ist denn los?“, fragte ich und ging um die Bank herum, hockte mich neben ihn hin.

„Nichts“, antwortete er, ohne mich anzusehen.

„Das glaub ich dir nicht. Man betrinkt sich nicht einfach wegen ‚nichts‘.“

Tsuzuku sah mich an, sein Blick schien zu sagen ‚Lass mich in Ruhe‘, aber er sagte: „Ich glaub nicht, dass du das wissen willst.“

 

Ein bisschen unsicher war ich schon. Tsuzukus Probleme waren offensichtlich ziemlich schwerwiegend, und ich wusste nicht, ob ich ihm würde helfen können.

Und trotzdem, ich wollte es wissen. Und wenn es nur war, damit er sich, wenn er es mir erzählt hatte, ein wenig erleichtert fühlte.

„Und wenn doch?“, fragte ich. „Wenn ich das wissen will, weil du mein einziger Freund bist?“

Tsuzuku sah mich an, blickte dann wieder ins Leere und sagte mit vom Alkohol beschwerter Stimme: „Ich komm‘ nicht mit Menschen klar. Bei dem Regen musste ich in die Unterkunft, und da war es so voll, überall Menschen, keine Ruhe …“

„Und deswegen trinkst du jetzt?“

Er nickte nur.

„Hilft es denn wenigstens?“

Tsu zuckte mit den Schultern. „Ich weiß halt nichts Besseres. Außer … na ja, ritzen vielleicht …“

„Hast du das jetzt auch wieder gemacht?“

Er schüttelte den Kopf. Und ich atmete erleichtert auf. Dass er das manchmal tat, sich selbst verletzte, erschreckte mich immer noch, und so war ich jetzt einfach froh, dass er wenigstens das jetzt nicht getan hatte. Obwohl sich zu betrinken auch keine gute Lösung war.

 

Ich blieb bei Tsuzuku, ging nicht weg, passte auf ihn auf. Er saß einfach da, trank und rauchte und sagte nicht mehr viel. Einmal weinte er ein wenig, sagte aber nicht, warum, und ich fragte auch nicht viel, sondern legte nur meine Hand auf seinen Rücken, bis er sich wieder beruhigt hatte.

Irgendwann stand er auf, ließ die Flasche stehen, trat die Zigarette aus (es war so ungefähr die zehnte gewesen) und setzte sich auf die Bank, auf seinen Schlafsack.

Ich setzte mich neben ihn, er sah mich an und sagte, ganz leise: „Danke, Meto …“

„Wofür?“

„Dass du da bist …“

Ich lächelte. „Ich tu das gern.“

„Du musst wirklich verrückt sein …“, sagte er.

„Dann bin ich eben verrückt. Ich bin jedenfalls gern für dich da.“ Ich lächelte ihn an, und tatsächlich lächelte Tsuzuku sogar ein klein wenig zurück. Es war nur ein kurzes, kleines Lächeln, aber er sah sofort richtig hübsch aus und es machte mich ein bisschen glücklich.

 

„Möchtest du erst mal hierbleiben?“ fragte ich.

Tsuzuku sah mich an, und in seinem Blick stand eine seltsame Unklarheit, fast so, als könnte er nicht ganz verstehen, was ich sagte.

„… Schlafen …“, flüsterte er, klang jetzt vollkommen kraftlos. „Ich will … nur schlafen …“

„Leg dich hin“, sagte ich. „Ich bleibe bei dir.“

 

Und das tat ich. Er legte sich auf die Bank, auf seinen Schlafsack, und ich blieb bei ihm. Ich saß einfach da und sah zu, wie er einschlief.

Zuerst waren die Anspannung und der seelische Schmerz noch an seinem Gesicht erkennbar, doch dann entspannten sich seine Züge. Ich hoffte, dass er sich bei mir sicher fühlte und mir vertraute, und damit er auch im Schlaf spürte, dass ich bei ihm war, berührte ich ab und zu seine Schulter und Seite.

 

Er schlief lange, bis über die Mittagszeit, als er wieder wach wurde, war es halb zwei. Als er die Augen öffnete und sah, dass ich immer noch da war, schien ihn das zu erstaunen. Hatte er gedacht, ich würde ihn so alleine lassen?

„Du bist ja noch da …“, sagte er und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

Ich lächelte. „Hab ich doch gesagt, ich bleibe bei dir.“

Tsuzuku sah mich an, mit einer Mischung aus viel Unglauben und ein wenig Freude, dann setzte er sich langsam auf. Sofort griff er sich an den Kopf, stöhnte ein wenig. Wahrscheinlich hatte er einen ziemlichen Kater.

Ich hielt ihm meine Limo-Flasche hin. „Da, das ist gut gegen Kater.“

Er lächelte matt. „Danke.“ Und dann fragte er: „Willst du nicht mal was essen gehen oder so?“

„Ich wollte dich nicht allein hier liegen lassen. Essen kann ich später noch“, antwortete ich. 

Tsuzuku hielt sich die Hand vor die Augen, so als ob ihn das Tageslicht blendete.

„Ich würd‘ ja mit dir zusammen essen gehen … aber ich glaube, das lasse ich besser …“ Wieder stöhnte er vor Schmerz. „Mein Gott, ist mir schlecht!“

„Musst du erbrechen?“

Er schüttelte den Kopf. „Jetzt noch nicht …“

 

„Magst du mir nicht sagen, warum du dich wirklich so abgeschossen hast?“, wollte ich vorsichtig wissen.

„Ich werde wahnsinnig, wenn ich in diese Unterkunft muss. Die Leute dort und diese Unruhe, es ist so laut und wirr, das halte ich nicht aus.“ Seinen Händen war die Spannung in ihm anzusehen, so wie er die Finger ineinander verkrallte und immer wieder Fäuste ballte. Ich wusste nicht, ob das Nicht-aushalten-können von Menschenmengen und Unruhe zu einer Depression dazu gehörte, aber mir war ziemlich offensichtlich, dass Tsuzukus Probleme mit Menschen nicht einfach ‚normal‘ waren, sondern Züge einer Krankheit hatten. Aber ich verurteilte ihn dafür nicht. Denn ‚Große Angst vor Menschen‘ war mir selbst ja nur allzu vertraut.

 

„Ich weiß auch nicht, warum ich das so schlecht vertrage“, sagte er. „Früher hätte mir das überhaupt nichts ausgemacht, Menschen und Chaos und so was …“ Er ließ sich wieder auf den Schlafsack sinken, die Hände vor dem Gesicht.

„Als du … noch nicht depressiv warst?“, fragte ich leise.

Tsuzuku zuckte nur mit den Schultern, nickte dann.

„Diese Depression, hast du die schon lange?“

„Mal mehr, mal weniger … Wobei, seit ich auf der Straße lebe, ist sie eigentlich immer da.“ Er sah mich kurz an, blickte dann hoch in die Baumkronen und fuhr fort: „Früher war ich … sprunghafter. Es ging mir zwischendurch oft auch richtig gut. Ich war viel auf Partys und so, hatte Spaß, auch wenn ich zwischendurch manchmal auch traurige Phasen hatte und mich auch damals schon ab und zu geritzt habe. Aber jetzt … jetzt ist alles einfach nur noch schwarz. Ich habe eben niemanden mehr …“

 

„Wen … hattest du denn?“, fragte ich, ganz leise und vorsichtig.

„Freunde …“, antwortete Tsuzuku ebenso leise. „Und … na ja, meine Mutter. Sie … war meine … einzige Familie …“ Aus seiner Stimme sprach eine solche Traurigkeit, dass ich erst gar nicht wusste, ob ich überhaupt weiter fragen sollte. So, wie er es sagte, lebte seine Mutter vermutlich nicht mehr, und er, noch so jung, vielleicht nur drei oder vier Jahre älter als ich, war jetzt Waise.

„Hast du … keinen Vater?“, fragte ich leise.

„Der ist schon verschwunden, als ich klein war.“

„Und … deine Mutter? Was ist mit ihr passiert?“

Tsuzuku sah mich erst kurz an, dann sammelten sich wirklich Tränen in seinen braunen Augen und er blickte zu Boden, während sie über sein Gesicht liefen.

„Sie ist gestorben“, sprach er tonlos. „Ist jetzt wohl ungefähr fast ein Jahr her …“ Er krallte wieder seine Hände ineinander, so als täte es ihm fast körperlich weh, sich zu erinnern, dann sagte er: „Sie hatte ein schwaches Herz, eine Krankheit … Eines Tages kam ich nach Hause und sie lag tot in der Küche …“

 

Ich streckte vorsichtig die Hand aus und berührte Tsuzuku am Arm, streichelte ein wenig, während er wieder weinte. Und als es heftiger wurde, er sich kaum beruhigen konnte, umarmte ich ihn schließlich, hielt ihn fest, während er mein Shirt nassweinte.

„Shhh …“, machte ich leise. „Shhh, Tsu, ich bin da …“

„Danke …“, flüsterte er wieder. „Danke, dass du bei mir bist …“

 

Wir blieben eine ganze Weile noch dort sitzen, so lange, bis Tsuzuku sich wieder ein wenig gefangen hatte, und dann packten wir seine Sachen zusammen und gingen zurück zum Akutagawa-Park, wo er sich wieder seinen üblichen Schlafplatz einrichtete.

Jetzt waren dort mehr Leute als heute Morgen, die Feuerstelle war an, und Haruna, Hanako und ein paar andere saßen dort und machten sich Stockbrot oder ähnliches.

Als Haruna Tsu und mich bemerkte, winkte sie, stand auf und kam zu uns herüber.

„Hey, ihr beiden“, rief sie und als sie uns erreichte, breitete sie die Arme aus, um mich zu umarmen. Tsuzuku bot sie das dann ebenfalls an, aber er ging nicht darauf ein. Ihm war noch anzusehen, dass er geweint hatte, und ich war mir sicher, dass Haruna Verständnis dafür hatte, dass er so nicht einfach umarmt werden wollte.

 

„Wir haben dich heute schon vermisst, Tsuzuku“, sagte sie. „Warst du bei dem Regen in der Unterkunft?“

Er nickte nur.

„War wieder nicht so schön dort, ne?“, sagte sie, und dann zu mir gewandt: „Wenn es regnet, ist das für die meisten hier schon ‘ne kleine Katastrophe. In die Unterkunft geht kaum jemand gerne.“

„Warum die anderen nicht?“, fragte ich.

„Es ist total eng dort, das Gebäude ist viel zu klein. Und das Personal behandelt einen auch nicht gerade nett, sogar die tun so, als sei ein Obdachloser weniger wert“, antwortete Haruna. „Und wenn schon jemand Gesundes dort fast irre wird, muss es für Tsuzuku mit seiner Depression ja noch mal schlimmer sein.“

 

Ob es daran lag, dass Haruna das sagte, oder ob Tsuzuku einfach noch nicht wieder erholt war, wusste ich nicht, aber er sah schon wieder so aus, als finge er gleich wieder an zu weinen.

„Setz dich mal schön auf deinen Platz hin, Tsu, oder geh zu deiner Bank. Meto kommt sicher mit, dann geht’s dir bald wieder besser“, sagte Haruna und berührte ihn leicht am Arm.

Tsu wandte sich um und ging mit gesenktem Kopf und vom Weinen zitternden Schultern in Richtung der versteckten Bank, wo er sich immer hinsetzte, wenn es ihm nicht gut ging. Ich folgte ihm und setzte mich dann neben ihn hin.

„Lass mich alleine“, sagte er leise.

„Sicher?“, fragte ich.

Er nickte, dann zog er die Knie hoch legte die Arme darum und den Kopf so, dass sein Gesicht verborgen war.

„Ich geh zu den anderen“, sagte ich. „Wenn du was brauchst, komm einfach zu mir, okay?“

Wieder nickte er, und ich stand auf und ging zur Feuerstelle zurück.

 

Ich saß dann also eine Weile bei den anderen, dachte dabei aber fast die ganze Zeit über nur an Tsuzuku. Und als er auch nach einer halben Stunde nicht wieder da war, machte ich mir dann doch solche Sorgen, dass ich aufstand und zu seiner Bank zurück ging.

Ich kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie er seinen linken Ärmel hochzog, und dabei hatte er ein kleines, schon aufgeklapptes Armee-Taschenmesser in der rechten Hand. Es war offensichtlich, was er im Begriff war zu tun, und ich starrte ihn nur erschrocken an.

„Geh weg!“, fauchte Tsuzuku, er sah völlig verzweifelt aus. „Bitte …!“

„Warum … machst du das?“, fragte ich leise.

„Weil ich es anders nicht aushalte!“

„Was nicht aushältst?“

„Das Leben …“, antwortete er mit brechender Stimme. „Oder das, was davon noch übrig ist …“

Ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte. Wie konnte ich ihn denn auch davon abhalten, sich zu verletzen? Ihm einfach das Messer weg zu nehmen, traute ich mich nicht.

 

„Geh bitte, Meto. Ich möchte alleine sein“, sagte er dann, etwas ruhiger. „Ich verspreche dir, ich bringe mich jetzt nicht um. Ich will mir nur ein bisschen weh tun, ich brauche das.“

Was sollte ich tun? Ich kannte Tsuzuku noch nicht gut genug, um ihn aufhalten zu können. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu glauben und ihn jetzt erst mal allein zu lassen, auch wenn ich wusste, was er dann tun würde.

 

Und so ging ich, verließ den Park für heute und machte mich auf den Weg nach Hause. Kurz dachte ich darüber nach, zu Hause im Internet nach Informationen über Depression und Selbstverletzung zu suchen, doch ich ließ es dann sein, denn ich fürchtete, dann Dinge zu lesen, die mir Angst machten.

Zu Hause war dann meine Mutter gerade da und sah am Küchentisch sitzend eine Akte durch.

Einen Moment lang erwog ich, ihr zu erzählen, dass ich jetzt fast jeden Tag in einen Park ging, dort ein paar Leute kennen gelernt hatte und mich um einen an Depressionen leidenden Obdachlosen kümmerte.

Aber ich ließ es, erzählte nichts. Mama wusste nicht mal, dass ich mich außerhalb von zu Hause ‚Meto‘ nannte, und von meiner Einsamkeit wusste sie auch nichts. Sie machte sich zwar wahrscheinlich Sorgen um mich, weil ich so wenig und fehlerhaft sprach, aber meistens hatte sie einfach so viel zu tun, dass sie sich kaum um mich kümmern konnte. Ich machte ihr keinen Vorwurf deswegen, mir war es im Moment ganz recht, wenn sie mich in Ruhe ließ.

Meine Eltern wussten ja nicht mal, dass ich homosexuell war, obwohl ich selbst das ja schon sehr früh gemerkt hatte. Und so lange ich mich nicht verliebte, bestand auch kein direkter Grund, es ihnen zu sagen.

 

Ich verbrachte den Rest des Tages in meinem Zimmer, las ein wenig, hörte Musik und spielte dann noch ein paar Runden an der Konsole. Und als es dunkel wurde, ging ich schlafen, wobei ich mal wieder Ruana mit ins Bett nahm.

Leise flüsternd erzählte ich ihr meine Geheimnisse und meine große Sorge um Tsuzuku. Ich hatte ihn allein gelassen, er hatte mich darum gebeten, und ich wusste, danach hatte er sich verletzt, sich selbst blutige Schnitte zugefügt, weil er, wie er sagte, das Leben als solches nur ertrug, wenn er sich ritzte.

Ich fragte mich, was ihn so furchtbar kaputt gemacht hatte. Was war in seinem Leben passiert, dass er das Leben als so sinnlos und schwer empfand, so entsetzlich schwer, dass er nicht anders damit umgehen konnte, als sich selbst weh zu tun? Wie er erzählt hatte, war sein Vater wohl früh abgehauen, und seine Mutter hatte er vor etwa einem Jahr verloren, sodass er jetzt mit ungefähr dreiundzwanzig Jahren offenbar ganz alleine dastand.

 

 

Am nächsten Tag ging ich wieder in den Park. Einfach, um nach Tsuzuku zu sehen und ihn wissen zu lassen, dass ich für ihn da war. Aber es ging ihm kaum besser als gestern. Er lag auf seinem Schlafsack und ihm war anzusehen, dass er lange geweint hatte. Seine Augen waren gerötet und von leichten Spuren aus getrocknetem Tränensalz umgeben, und er hatte sich die Lippe wund gebissen.

Ich fragte also gar nicht erst, wie es ihm ging, weil ich fürchtete, dass er dann gleich wieder weinen würde. Stattdessen fragte ich leise: „Kann ich mal … deinen Arm sehen?“

Er setzte sich langsam auf, zog die Jacke aus und den linken Ärmel seines langen Shirts hoch. Zwischen dem Drachen auf der Außenseite seines Unterarms und der Madonna auf der Innenseite hatte er drei gerötete Schnitte.

 

Ich stellte meinen Rucksack ab, zog mein Kosmetiktäschchen raus und entnahm diesem ein Pflaster, das ich zu Hause für genau diesen Zweck eingepackt hatte, um es Tsuzuku zu geben.

„Du musst das nicht …“, sagte er.

„Ich will aber“, antwortete ich.

Woraufhin er mir dann aber wirklich seinen Arm hinhielt, sodass ich das Pflaster auf seine verletzte Haut kleben konnte. Tsuzuku sah mich an, mit einer Mischung aus Unglauben und einem winzig kleinen Lächeln, und ich dachte, dass es ihm innerlich wahrscheinlich mehr guttat, als er sich traute mir zu zeigen.

 

„So ist gut“, lobte ich ihn und setzte mich dann zu ihm auf die Matte. So nah saß ich bei ihm, dass ich hören konnte, wie sein Magen vor Hunger knurrte. Und auch dafür hatte ich ihm etwas mitgebracht: Ich hatte zu Hause eine Packung Mochi, gefüllt mit An – Azukibohnenpaste - gefunden und zwei Stück daraus mitgenommen. Die packte ich jetzt aus und bot Tsuzuku einen der beiden kleinen Reiskuchen an.

„Da, iss“, sagte ich und lächelte. „Oder magst du kein An?“

„Doch, schon …“, antwortete er und nahm sich dann den Mochi. Er aß ihn sehr langsam, aber danach sagte er, dass es doch ganz gut geschmeckt hatte.

 

Ich aß den anderen und nahm dann einen Schluck aus meiner Wasserflasche, die ich Tsu danach auch anbot. Er trank schnell und gierig, so als hätte er die ganze Nacht keinen einzigen Schluck Wasser gehabt, und vermutlich traf das auch zu.

„Du musst drauf achten, genug zu trinken“, sagte ich. „Trinken ist wichtig, noch wichtiger als Essen.“

Er wollte mir die Flasche zurückgeben, doch ich fuhr fort: „Behalt sie. Gibt es hier einen Wasserhahn oder so, wo du Wasser holen kannst?“

Tsu nickte und deutete auf ein kleines, gemauertes Toilettenhäuschen am Rand des Parks. „Da drüben, da ist auch ein kleiner Waschraum und ein Wasserhahn drin.“

„Gut“, sagte ich. „Dann möchte ich, dass du, wenn du schon nicht viel essen magst, wenigstens regelmäßig Wasser trinkst. Und ich bringe dir jetzt immer Limo mit, damit du auch bisschen Zucker bekommst.“

 

„Das musst du nicht …“, sagte Tsuzuku.

„Will ich aber. Ich will für dich sorgen, verstehst du?“

„Ehrlich gesagt, ich versteh’s nicht …“

„Dann glaub es mir einfach. Ich mag dich nämlich.“ Ich lächelte ihn an, und er lächelte ein klein wenig zurück.

[Zwei Wochen später]

 

Manchmal hatte ich schwarze Tage. Oder, besser gesagt, Tage, die noch schwärzer waren, als es für mich in meiner ständigen Depression fast schon normal war. Tage, an denen ich morgens zitternd aus einem Albtraum erwachte und einfach nur noch sterben wollte. An denen ich nicht, wirklich nicht, wusste, warum ich überhaupt noch am Leben war.

 

So ein Tag war heute, an diesem Morgen.

Ich erwachte aus einem von Schmerz durchdrungenen Traum und blieb darin hängen, konnte gefühlte Stunden lang (vielleicht waren es in Wirklichkeit nur zehn Minuten) nicht unterscheiden, ob das, was ich sah und fühlte, Traum oder Realität war. Ich hatte von meiner Mama geträumt, wirre, schmerzhafte Szenen, von denen ich nicht wusste, ob sie Erinnerung oder Erfindung waren.

Langsam wurde ich wacher, aber der Gedanke an Mama blieb in meinem Kopf hängen, ich fühlte die dunkle Schwere noch stärker als sonst.

 

Ich vermisste sie unsäglich, und meine Schuld wog ebenso schwer, drückte mich so sehr nieder, dass mein Körper sich wie gelähmt und bleischwer anfühlte. Ich sah, dass meine Hände zitterten, noch bevor ich es überhaupt spürte.

„Warum … warum bin ich noch hier?“, kam es mir über die Lippen. „Ich versteh’s nicht … was soll das, leben? Wozu lebt man?“

Jede kleine Bewegung war schwer, ein Kraftakt, ich hatte fast das Gefühl, mein Körper und ich seien keine ganze Einheit mehr. Es machte mir Angst, irgendwo, und zugleich war es mir so seltsam egal.

 

Ich kämpfte mich hoch, zumindest ins Sitzen, und griff in das Seitenfach meiner schwarzen Tasche, wo sich, wie ich wusste, mein Messer versteckte. Das kühle, harte Metall unter meinen Fingern beruhigte und entspannte mich sofort, ich schloss meine Hand um das eingeklappte Messer und zog es aus der Tasche, konnte endlich wieder atmen und mich bewegen.

Während ich den Reißverschluss meines Schlafsacks bis zu meinen Füßen runterzog und die Decke beiseite schlug, hörte ich mich selbst laut atmen, und als ich meine Knie anzog und das linke Bein meiner Jeans hochkrempelte, spürte ich meinen eigenen Herzschlag.

Ich klappte die Klinge aus, setzte sie an meine Haut und schnitt, einmal, zweimal, viele Male … Irgendwann fing ich an zu weinen, fuhr mir mit der Hand über die Augen, wischte dann über die Schnitte an meinem Bein, vermischte Blut und Tränen, es brannte und ließ mich erzittern.

 

Ich zitterte so sehr, dass ich mein Messer nicht mehr halten konnte, es fiel mir aus der Hand auf den Schlafsack, blieb dort liegen. Blut lief in kleinen, dunkelroten Tropfen über mein Bein, und als der erste Tropfen meine Socke erreichte, sprangen mir wiederum heiße Tränen in die Augen. Ich drehte mich um, griff mein Kopfkissen und presste mein Gesicht hinein, erstickte meine eigenen Schluchzer darin, damit mich niemand hörte.

Mein Herz tat weh, und ich sehnte mich danach, dass Meto seine Hand auf meinen Rücken legte. Aber er war nicht da, ich war allein. Ganz allein. Und so weinte ich, verlor irgendwann das Zeitgefühl, weinte und weinte und weinte, bis ich fast vergaß, warum …

 

Irgendwann ging die Sonne auf, leuchtete durch die Bäume, blendete mich. Und bald darauf sah ich die ersten Leute in den Park kommen, und meine Nachbarn wachten auch nach und nach auf.

Ich sah, wie Haruna und Hanako ankamen, und Haruna sah mich. Ich muss wohl ziemlich schlimm ausgesehen haben, hatte mein Hosenbein immer noch oben und die blutigen Schnitte waren zu sehen.

„Tsuzuku!“, rief Haruna und rannte auf mich zu, kniete sich sofort neben mich und sah mich heftig besorgt an. „Hast du’s schon wieder gemacht?“

Ich antwortete nicht, sah sie nur an.

 

„Du siehst echt beängstigend aus, weißt du das?“, fragte sie und kramte dabei in ihrer Tasche. „Ach Mist, ich hab kein Verbandszeug dabei.“ Sie fand eine kleine Packung Papiertücher und drückte sie mir in die Hand. „Da, wisch zumindest das Blut ein bisschen weg, ja?“

Ich tat, wie mir geheißen, und Haruna suchte in meinen Sachen nach meiner Kulturtasche, zog sie heraus und sagte: „Da, wasch dir das Gesicht und kämm dir die Haare. Meto kriegt sonst noch ‘nen Schreck, wenn er dich so sieht.“

Ihrer Bestimmtheit hatte ich nichts entgegen zu setzen. Ich fühlte mich so leer und kraftlos, dass ich froh darüber war, gesagt zu bekommen, was ich tun sollte.

 

Haruna half mir, aufzustehen, und begleitete mich dann zum Waschhäuschen, wo ich hineinging und versuchte, mich möglichst ohne einen Blick in den Spiegel zu waschen und ein wenig frisch zu machen. Ich wusste, dass sie draußen auf mich wartete, also beeilte ich mich.

„Gut so“, sagte sie lächelnd, als ich wieder herauskam. Wir gingen zu meinem Platz zurück und Haruna bot mir eine Packung mit Keksen an.

Ich schüttelte den Kopf.

„Komm, Tsuzuku, nimm nur einen, bitte …“

„Ich möchte nicht …“

„Du musst doch was essen …“

„Ich kotz‘ es eh wieder aus!“

„Meto kommt bestimmt bald, und er wird auch wollen, dass du was isst“, sagte Haruna. „Komm schon, von einem einzigen Keks wird dir schon nicht übel werden.“

 

Ich wusste, sie würde mich jetzt kaum in Ruhe lassen, und so nahm ich brav einen einzigen Keks. Ich aß sehr langsam, traute dem Essen kaum.

Einerseits fürchtete ich mich sogar davor, zu erbrechen, und dann war da außerdem noch dieses Gefühl in mir, dass „Essen“ ja etwas Lebendiges war und mich am Leben erhielt … und dass ich das eigentlich nicht wollte … leben …

 

Haruna blieb bei mir. Auch, als Hanako nach ihr rief und schließlich herkam, weil sie etwas von ihrer Freundin wollte, blieb Haruna neben mir sitzen. Sie hob mein Messer auf, klappte es wieder ein, aber sie nahm es mir nicht weg, sondern fragte mich nur, ob sie es mir geben konnte oder ob ich dann wieder „Mist machen“ würde, wie sie es ausdrückte.

Ich aß noch einen zweiten Keks, nachdem sie mich darum bat, und langsam, ganz langsam, wurde es in mir wieder ein klein wenig heller. Oder nur ein bisschen weniger dunkel.

 

Haruna bemerkte Meto als Erste, noch bevor ich selbst ihn sah.

Er stand wieder drüben an der Ampel und sah mit seiner blau gefärbten Punkfrisur und seinem dunkelbunten Outfit irgendwie unglaublich toll aus.

Ich hatte ihn jetzt zwei Tage lang nicht gesehen und als er auf uns zu kam, sah ich, dass sich an seinem linken Arm etwas verändert hatte: Sein Tattoo, das bei unserer letzten Begegnung noch am Arm nur die Konturen gehabt hatte, war jetzt zumindest am Oberarm ein wenig bunter geworden. Unter dem kurzen Ärmel seines T-Shirts leuchteten regenbogenbunte Farben heraus.

Ich fragte mich, in welches Tattoo-Studio er ging. In unserer Stadt kannte ich eigentlich fast alle Studios, und ich hatte ihn da früher nie gesehen. Entweder kannte ich sein bevorzugtes Studio nicht, weil es vielleicht erst nach meiner aktiven Zeit eröffnet hatte, oder er ging für sein Tattoo in eine andere Stadt.

 

„Hey, hallo Meto!“, rief Haruna ihm zu, er ging schneller, überquerte die Straße und lief auf uns zu. Ich war einfach nur froh, dass er da war, und als er uns erreichte, stehen blieb und mir sein breites, hübsches, sonnengleiches Lächeln schenkte, war es, als durchdrang ein heller Sonnenstrahl die tiefe Dunkelheit in mir.

Meto kniete sich vor mich hin, sah mich an und sagte mit seiner leisen Stimme: „Hey, Tsu … Wie … geht dir?“

Er klang ein bisschen stockender als sonst, und ich vermutete, dass es daran lag, dass Haruna dabei war. Denn als sie aufstand und zu den anderen ging, zeigte Meto mir den Fortschritt seines Tattoos und sprach deutlich fließender: „Guck mal, ich hab‘s weiter machen lassen.“

Ich sah es mir an, und musste ein bisschen lachen. „Ich fass es immer noch nicht, dass das Spermien sein sollen …“

Meto errötete ein wenig. „Das sind doch die Spermien zu dem Baby …“, sagte er und wies auf seine Brust, wo sich, wie ich ja wusste, unter dem Shirt das Baby-Tattoo befand.

Ich grinste.  

 

„Wie geht’s dir?“, fragte Meto noch einmal, sah mich aufmerksam an.

Ich blickte zu Boden, wusste nicht, ob ich es ihm sagen sollte.

„Nicht gut?“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. „Gar nicht gut …“ Und als hätten meine Tränen nur darauf gewartet, flossen sie sogleich wieder, es war ihnen einfach egal, ob ich mich für mein ständiges Weinen schämte oder nicht.

Meto rückte näher zu mir und legte seine Hand auf meinen zitternden Rücken, und als ich einfach nicht aufhören konnte zu weinen, nahm er mich in den Arm.

„Hey, was ist denn los, Tsuzuku? Was tut dir so furchtbar weh?“, fragte er und klang dabei so lieb.

Und da brach es einfach aus mir heraus: „Mein ganzes Leben … alles tut mir weh! Eigentlich … also, am liebsten, möchte ich einfach nur sterben …! Ich weiß auch nicht, warum ich es nicht schon wirklich versucht habe, ich habe eigentlich nichts mehr, was mich davon abhält … Ich weiß nicht mehr, warum ich noch lebe …“

Meto sah ziemlich erschrocken aus, seine Hand auf meinem Rücken löste kurz die Berührung, doch dann, nach ein oder zwei Sekunden, die sich mir schmerzhaft lange anfühlten, berührte er mich wieder, erst nur seine Hand, dann umarmte er mich erneut.

„Oh, Tsu … So schlimm?“, fragte er und drückte mich an sich.

Ich fühlte seine Wärme, seinen lebendigen Körper, seinen Herzschlag, und waren meine Tränen eben für einen Moment versiegt, so flossen sie nun wiederum, erstickten meine Stimme, sodass ich nichts mehr sagte und mich nur von Meto halten ließ. Er war so lieb und so warm, und es ging eine solche Stärke von ihm aus …!

 

„Mach das bitte nicht, Tsuzuku“, sprach er. „Versuch es bitte nicht mal, … dich umzubringen … Denn, weißt du, ich mag dich. Mir bist du wichtig, und ich bin mir sicher, dass auch dein Leben einen Sinn hat. Vielleicht siehst du ihn nicht, aber er ist da.“ Meto drückte mich noch mal ganz fest an sich, dann sah er mich an. „Also … wenn du so verzweifelt bist, dass du gar nicht mehr leben magst … dann denk bitte an mich, okay? Ich komme her, zu dir, so oft ich kann. Und, weißt du, du bist mein einziger Freund. Ich hab sonst keine Freunde, nur dich. Würde dir das helfen, wenn du das weißt und daran denkst?“

Ich zuckte mit den Schultern. Es fiel mir schwer, das, was Meto da sagte, wirklich zu glauben. Mir blieb nur übrig, seinen Worten zu vertrauen. Und mein letztes Bisschen Lebenswille klammerte sich daran, an diese Worte und an Meto selbst.

 

Was hatte ich denn auch zu verlieren? Es gab sonst nichts mehr in meinem Leben. Meto war schon in dieser kurzen Zeit zu meinem persönlichen Sonnenstrahl geworden, und dass er nun sagte, dass er das auch tatsächlich sein wollte, entfachte ein unwiderstehlich warmes Gefühl in meinem zuvor so ausgekühlten, leeren Herzen. Wenn ich nichts anderes hatte, war es vielleicht wirklich eine gute Idee, die Leere in meinem Herzen mit Metos Wärme zu füllen.

 

Und so ließ ich es zu. Ich ließ zu, dass er mich umarmte, mich wärmte, meine Sonne sein wollte.

Ich wusste, ich machte mich abhängig, aber was hatte ich zu verlieren? Was war theoretische Freiheit, wenn ich mich darin so kalt fühlte und keinen Sinn mehr im Leben sah? Sollte Meto mich irgendwann doch allein lassen, konnte ich mich immer noch umbringen. Aber bis dahin wollte ich dem Leben noch eine Chance geben, und wenn ich mich damit auch abhängig machte, konnte mir das egal sein.

 

Meto ließ mich los, stand auf und hielt mir seine Hand hin. „Komm, Tsuzuku, wir gehen ein bisschen los …“

„Wohin?“, fragte ich.

„Wo du willst, in die Stadt oder woanders hin, such’s dir aus.“ Er lächelte leicht.

Ich erhob mich, und begann, meine Habseligkeiten zusammen zu packen, sodass wir sie wieder zum Bahnhof bringen und dort einschließen konnten.

Als wir dann in die Innenstadt gingen, nahm Meto auf einmal einfach meine Hand in seine. Ich sah ihn fragend an und er sagte nur: „Ich will, dass du spürst, dass ich da bin.“

 

Und das war der Moment, mit dem sich dieser zuerst so schwarz gewesene Tag in einen weißen, strahlenden verwandelte.

Ich spürte die Wärme wieder, Metos warme Hand und die warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht, fühlte, dass ich lächelte, sah Meto an, der hierhin und dorthin schaute und meine Hand hielt, und auf einmal war ich einfach glücklich. Was immer dieser Junge hier mit mir machte, er machte es einfach verdammt gut. Er war zwar reichlich verrückt, aber in einer Weise, die mich mitzog und die sich so unglaublich warm und gut anfühlte.

 

Wir gingen dann tatsächlich in einem Straßencafé einen Kaffee trinken und Meto bestellte sich ein Stück Kuchen, Erdbeer-Pudding-Kuchen, der so süß duftete, dass ich auch einen Bissen davon nahm.

„Möchtest du auch ein Stück?“, fragte er lächelnd.

„Nein, das bisschen reicht mir“, antwortete ich. „Sonst krieg ich nur wieder Bauchschmerzen …“

„Versuch’s doch. Du siehst gerade so glücklich aus, vielleicht klappt es dann besser mit dem Essen?“

„Und wer bezahlt das?“

„Ich. Komm schon.“ Er lächelte mich breit und strahlend an, und so entschied ich, mir doch auch ein Stück Kuchen zu bestellen.

Ich winkte die Bedienung heran, sie kam zu uns und ich sagte, zum ersten Mal nach langer Zeit: „Ich hätte gern auch so ein Stück Kuchen.“

Sie lächelte. „Kommt sofort.“

 

Das Stück Kuchen schmeckte dann so wahnsinnig süß, wie ich mich in Metos Nähe fühlte. Es war schon etwas eigenartig, dass dieser Junge mich mit seiner Anwesenheit so berauschte und glücklich machte, aber vielleicht war das angesichts meiner Einsamkeit auch ganz normal. Ich war zuvor so einsam gewesen, so leer und kaputt, dass mir jetzt alles, was Meto tat, so überwältigend süß und lieb erschien. Zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit hatte ich das Gefühl, jemanden wirklich gern zu haben und mich dabei auch gut zu fühlen.

 

Meto lächelte mich an, und sein Lächeln fegte alles Traurige einfach aus meinem Kopf fort, ich lächelte zurück, und er streckte seine Hand aus und berührte meine.

„Geht dir besser, ne?“, fragte er.

Ich nickte, nahm einen Bissen Kuchen, kaute und schluckte und antwortete dann: „Ja, viel besser.“

Es fühlte sich an, als ob meine tiefschwarze, suizidale Traurigkeit bereits Tage her war, ich konnte mich kaum noch daran erinnern, so glücklich war ich jetzt. Nur mein Verstand wusste, dass ich noch vor ein, zwei Stunden furchtbar geweint hatte. Selbst die Schnitte an meinem Bein spürte ich kaum mehr.

Wir redeten über ganz gewöhnliche Dinge, Meto erzählte mir von einem schönen Film, den er im Fernsehen gesehen hatte, und einmal lachte ich sogar richtig, weil er mir von einer lustigen Szene aus diesem Film erzählte!

Meto strahlte mich an, mit der vollen Breite seines himmlischen Lachens, und sah dabei ein bisschen wie ein Anime-Charakter aus, weil sein Mund durch die rot geschminkten Lippen noch größer wirkte als sowieso schon.

„Du hast ‘n schönes Lachen, Tsuzuku“, sagte er.

„Musst du grad sagen mit deinem Strahlelächeln“, erwiderte ich.

„Nein, wirklich. Ich möchte das öfter sehen, weißt du … Du bist wahnsinnig hübsch, wenn du lachst.“

„Danke“, sagte ich und versuchte, das zu tun, was er sagte: Zu lächeln. Doch so auf Kommando gelang es mir nicht gut. Fast spürte ich wieder Tränen in meinen Augen. Aber ich blinzelte sie weg. Ich wollte jetzt nicht weinen.

 

Nach dem Essen gingen wir wieder zum Bahnhof und dann zurück zum Park. Ich setzte mich wieder auf meinen Schlafplatz und Meto setzte sich neben mich. Er holte sein Handy raus, machte leise Musik an und wir hörten sie zusammen, es war Rock von irgendeiner Visual Kei Band, die ich aber nicht kannte.

 

Immer wieder sah Meto mich an, wie um sicher zu gehen, dass ich okay war. Und nach einer ganzen Weile fragte er, ob er meine Verletzungen mal sehen dürfte, nur um sie zu versorgen.

Ich krempelte zögerlich mein Hosenbein hoch und ließ ihn die Schnitte sehen.

„So viele …“, entkam es ihm leise, erschrocken. Er kramte Verbandszeug aus seinem Rucksack hervor, und ich war mir ziemlich sicher, dass er das nur wegen mir dabei hatte. Und während er dann mein Bein mit Salbe, Pflastern und Mullbinden versorgte, sah er mir immer wieder aufmerksam ins Gesicht, so als ob er nachsah, wie es mir ging.

 

Wir blieben bis zum Abend zusammen. Viel redeten wir nicht, die meiste Zeit über saß Meto einfach bei mir und ab und zu nahm er meine Hand in seine. Wenn er das tat, wurde ich innerlich ganz ruhig und ein warmes Gefühl breitete sich in meinem Herzen aus.

„Ich … bin so froh, dass du da bist“, sagte ich leise.

Und Meto lächelte. „Das ist gut.“ Und dann: „Ich hab dich gern.“

 

Ob er mich ‚gern hatte‘, weil ich sein einziger Freund war, oder ob dieses ‚gern haben‘ mit seiner Homosexualität zusammen hing, war mir so egal. Wirklich, es interessierte mich einfach nicht. Ich dachte nur daran, weil man daran irgendwie dachte.

Selbst wenn er mich geküsst hätte, es wäre okay gewesen, zumindest in der Hinsicht dessen, dass wir beide Männer waren. So was interessierte mich nicht, solche unwichtigen Unterschiede. Vielleicht hätte es mich verunsichert, weil ich diese gewisse Angst vor Beziehung hatte, aber sicher nicht deshalb, weil er ein Mann war.

 

„Ich … hab dich auch gern“, sagte ich leise.

Und Meto strahlte mich an. „Das ist gut, oder? Weil, wenn du mich gern hast, dann lebst du.“

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HaruMaeUchidas Profilbild HaruMaeUchida

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Kapitel:6
Sätze:1.240
Wörter:22.360
Zeichen:126.522

Kurzbeschreibung

Teil 0.1: Dies ist die bisher ungeschriebene Vorgeschichte von Muzukashii Sekai und Yasashikunai Mirai. Die Geschichte von Meto und Tsuzuku, wie sie überhaupt beste Freunde wurden, wie alles begann. Es ist eine emotionale, dramatische, manchmal traurige Geschichte. Aber auch die einer liebevollen, engen Seelenverwandtschaft ...

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