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Von schicksalhaften Zeitreisen und dem Ruf der Nornen

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03.07.22 17:23
16 Ab 16 Jahren
In Arbeit

Autorennotiz

Herzlich Willkommen!

Die Zeitreisegeschichte um Alex Frederickson aka Mistress Kenway geht weiter!

Wir beginnen in Frankreich, genauer gesagt in Calais am 21. Juli 1764. Von hier aus beginnt ab jetzt eine recht turbulente Einführung in die mythische Welt der nordischen Götter!

Die Familie wird wachsen, es gibt einigen tierischen Nachwuchs, neue Gefährten werden hinzustoßen oder aber andere Personen werden gehen müssen!

Die Suche nach den Artefakten wird auf eine neue Ebene gehoben, welche den Kenways neue Fähigkeiten offenbart. Vorfahren werden Einzug halten, genau wie die Vergangenheit immer wieder in den Mittelpunkt rückt.

Ich wünsche viel Vergnügen bei diesem 5. Part der „Even when your kind appears...“-Reihe und ich rate dazu, auch die anderen Parts vorher gelesen zu haben. Sonst fehlt es an einigen Stellen an Durchblick.

Außerdem lege ich es euch nahe die Geschichte „Bluterbe“ mit zu verfolgen, welche ich aber zusätzlich immer entsprechend kennzeichnen werde in den einzelnen Kapiteln.

Liebe Grüße eure MrsHEKenway

PS: Ich habe versucht immer Links zu entsprechenden Erklärungen einzufügen, damit ein besseres Verständnis für die nordische Mythologie entsteht.

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Wie immer sei angemerkt, dass mir nur meine eigenen Charaktere gehören. Alle anderen sowie das eigentlich AC Universum unterliegen den Rechten von Ubisoft!

Diese Geschichte widmet sich im weiteren Verlauf der nordischen Mythologie und einigen Ritualen etc. Die Kapitel standen schon, bevor Assassins Creed Valhalla überhaupt angekündigt wurde. Sollten also in irgendeiner Form Parallelen oder Ähnlichkeiten auftauchen, kann ich es nicht ändern, weil die Götter sich nicht umschreiben lassen. ;)

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7 Charaktere

Charles Lee

Charles Lee (*6. Februar 1732 in Cheshire, England;† 2. Oktober 1782 in Pennsylvania) war ein Templer und ein General während der Amerikanischen Revolution. Er wurde kurz nach der Ankunft von Haytham Kenway in Boston von den Templern rekrutiert, obwohl er bereits mit ihnen sympathisierte. Er arbeitete sich sehr schnell in der Hierarchie nach oben und wurde bald die rechte Hand des Großmeisters.

Edward J. Kenway

Pirat Edward James Kenway, geboren 10. März 1693 Swansea, Wales, gestorben 3. Dezember 1735 London. Vater von Haytham Edward Kenway und Großvater von Ratonhnhaké:ton (Connor Kenway), ein stoischer Mensch, der zu Beginn der Piraterie nur Ruhm und Reichtum im Sinn hatte. Bei den Assassinen lernt er, dass das alles keinen Sinn hat, wenn keine Familie und Freunde mehr da sind.

Haytham Edward Kenway

Haytham E. Kenway, Sohn von Edward J. Kenway, geboren 04. Dez. 1725, London, gestorben 16. Sep.1781, New York, durch die Hand seines eigenen Sohnes Connor Kenway. Haytham war ein sehr vornehmer Engländer, der jedoch immer bereit war, alles zu tun was nötig war um sein Ziel zu erreichen. Er verachtete den Assassinenorden, hielt die Ziele, die sie vor hunderten von Jahren hatten, aber für ehrenhaft.

Jennifer Scott

Edwards Tochter, geboren 1713, Halbschwester von Haytham E. Kenway, Jennifer wuchs bei ihrer Mutter Caroline Scott in Bristol auf. Da Jennifer nach der Abreise von Edward erst geboren wurde, blieb ihm seine Tochter lange Zeit unbekannt. Das änderte sich 1720, dem Jahr, in dem Caroline starb. Danach arrangierte sie eine Reise zu ihrem Vater in die Karibik, um ihn auf Great Inagua kennenzulernen.

Shay Patrick Cormac

Shay Patrick Cormac (12.09.1731-Unbekannt) war einst ein Assassine, der später ein Mitglied des Templerordens wurde, im Atlantik während des Siebenjährigen Krieges tätig war, und den Kolonialen Assassinenorden mit anderen Templern fast vollständig auslöschte.

William Miles

William "Bill" Miles, geb. 1948, war von 2000 bis 2013 der Anführer des Assassinen-Ordens und Vater des Assassinen Desmond Miles. Als in die Bruderschaft hineingeborene Person hat er sein ganzes Leben den Assassinen gewidmet.

Mistress Alexandra Kenway

 

Kapitel 1

 

*** Ankunft in Calais ***

 

21. Juli 1764

 

4 Tage später legten die Schiffe in dem kleinen französischen Hafen an. Es war später Nachmittag und dieser Anblick war wirklich mehr als malerisch! Als meine Füße festen Untergrund berührten fühlte es sich einfach fantastisch an, Edward hingegen war etwas irritiert, nachdem ich ihn auf seine Füße gestellt hatte. Wer weiß, wie es sich für ihn anfühlt, wenn wir nach einigen Monaten auf See zu Hause ankamen!, ging es mir durch den Kopf und dachte etwas wehmütig an Virginia!

Wir waren also alle von Bord, da eilte uns auch schon ein kleiner Mann entgegen. Und wenn ich klein sage, dann meine ich es auch so! Er erinnerte mich an Mr. Doyle, welcher mir ebenfalls nur bis zum Ausschnitt reichte!

„Maîtresse Kenway, Maître Kenway, mein Name ist Adrien Martineau! Zu euren Diensten!“ vernahm ich seine wohlklingende tiefe Stimme mit einem wunderschönen französischen Akzent. „Madame Jomphe hat mich geschickt, um euch in Empfang zu nehmen.“ dann richtete er seinen Blick auf unseren Sohn. „Und ihr seid demnach Maître Edward, nehme ich an.“ und reichte auch ihm seine Hand.

Skeptisch sah er mich an, dann zu dem fremden Mann, nahm seinen Daumen aus dem Mund und reichte ihm die leicht angesabberte Hand.

 

Unsere Beschützer und Bediensteten hatten sich bereits auf die Kutschen und Pferde aufgeteilt, welche uns zur Verfügung gestellt wurden von unseren Kontakten hier, während ein Teil der Wachen die Kisten begann zu verladen. Ich konnte nicht anders, ich behielt ein Auge darauf, bis alles entsprechend sicher verstaut war.

Wir verabschiedeten uns noch von Mr. Higgins und Mr. Hargreaves, welchen wir entsprechende Börsen an die Hand gaben, damit sie Unterkünfte für sich und die Mannschaften beziehen konnten! Schweren Herzens ließ ich mein Schiff mal wieder alleine, weil die Fahrt bis nach Troyes rund 7 Tage in Anspruch nahm.

Monsieur Martineau bestieg mit uns gemeinsam eine der insgesamt 4 Kutschen und so machte sich unser Tross langsam auf den Weg aus dem Hafenviertel hinaus Richtung Stadtmitte.

Eigentlich war ich froh, dass ich diesem starken Gestank nach Fisch, Schweiß, verfaulten Lebensmitteln und dahin rottendem Holz nicht mehr ausgesetzt war. Aber schlimmer als in Nassau war es keinesfalls, vielleicht könnte sich die Nase auch daran gewöhnen.

 

Nach gut einer Stunde verließen wir die kleine Hafenstadt und jetzt sah ich, warum es mir so vor dieser Überlandfahrt eigentlich graute. Es gab noch keine wirklich befestigten Straßen, es war wie die Reise nach London. Holprig! SEHR holprig.

Als ich einen Blick auf Edward warf, welcher bei Sybill auf dem Schoss saß und aus dem kleinen Fenster sah, konnte ich aufatmen. Er fand dieses Schaukeln lustig, weil er auf und ab wippte! NOCH fand er es gut.

Wir unterhielten uns über die Unterkunft, welche wir für diese Nacht beziehen würden.

„Ich habe dafür gesorgt, dass es euch an nichts fehlen wird. Die Herbergen sind sauber und geräumig und vor allem sind uns die Inhaber bekannt. Alle durch die Bank weg loyal und vertrauenswürdig.“ gab Adrien als Erklärung und ich fragte mich, in wieweit er in die ganze Geschichte eingeweiht war. Ich vermutete, über die Götter wisse er nicht Bescheid, nur über Templer und Assassine war er im Bilde.

 

Kurz bevor wir in London ablegten, hatte Francis noch ihr Versprechen eingelöst und mir die goldene Schale übergeben, welche ich auf meiner Liste der zu suchenden Artefakte nun streichen konnte. Sie ruhte in einer der gesicherten Truhen.

Der Moment, als ich dieses Gefäß in den Händen hielt, fühlte sich an, als würde die Zeit für einen Moment still stehen. So als könne ich in der Schale mein Spiegelbild auf einer Wasseroberfläche sehen. Es war aber nicht MEIN Gesicht. Es war tätowiert über dem linken Auge und die Frau hatte seltsam geflochtene Haare in einem fast schwarzen Ton. Mich umspülte das Gefühl, dass ich mich aber tatsächlich selber sah und lächelte dieses Bild an.

„Mi sol, dieses Spiegelbild ist wunderschön und diese Augen sind wirklich die deinen!“ hörte ich Haytham damals neben mir leise sprechen.

„Aber bin ich das wirklich?“ fragte ich immer noch leicht verwirrt.

Wir alle haben Ahnen und Vorfahren, mein Kind. Auch DU! Bei dir sind ihre körperlichen und geistigen Merkmale aber stärker ausgeprägt, als bei normalen Menschen! Odin hatte diese Worte leise und mehr flüsternd gesprochen, was mir einen Schauer über den Rücken jagte. Was bitte meinte er mit „normalen“ Menschen? Doch auf diese Frage erhielt ich keine Antwort mehr und wir gingen dann an Bord.

 

Ich sah zu Adrien und versuchte herauszufinden, was oder wer er war. Er war der Diener der Eheleute Jomphe, soviel war klar. Aber auch die Bediensteten bei Finley waren ja nicht eingeweiht in die Hintergründe der Familiengeschichte. Ich hoffte, dass ich im Laufe der Fahrt einmal einen ruhigen Moment mit dem Herrn abpassen konnte.

 

Als die Sonne bereits untergegangen war, erreichten wir unser erstes Etappenziel und Monsieur Martineau hatte Wort gehalten! Das Gasthaus war sauber, die Zimmer war perfekt für uns mit den entsprechenden Durchgangstüren und es gab sogar ein Kinderbett für unseren Sohn.

Edward war auf dem Schoß seines Kindermädchens eingeschlafen, als sie ihm eines der Märchen erzählte aus dem Buch von Faith. Beim Aussteigen jedoch schlug er die Augen auf, brüllte laut „Mamaaaaa aaaaaam“ und reckte seine kleinen Ärmchen. Soviel verstand ich nun, er meinte ARM!

Wir aßen noch eine Kleinigkeit, während unsere kleine Reisetruhe für die Nacht hoch gebracht wurde. Der Rest wurde in der großen Scheune nebenan bewacht.

Mir tat mein Rücken weh und ich freute mich auf das weiche Bett mit meinem Mann darin.

Adrien hatte eine kleine Kammer mit Michael zusammen bezogen, während Magda und Sybill sich das Zimmer neben unserem teilten. Mir fiel wieder die Verlobung ein und ich freute mich schon, wenn es dann auch offiziell war.

„Mi sol, ich kann dich lesen und ich freue mich auch für die beiden. Und jetzt… komm ins Bett!“ hörte ich meinen Mann fast flüsternd reden, während ich noch die Kerzen auf der Kommode löschte. Vor allem war ich froh aus den Schuhe zu sein und als ich endlich lag, bewegte ich wohlig seufzend meine Füße.

„Das hört sich ziemlich verlockend an…“ und seine Finger begannen über meinen Körper zu wandern. Leider musste ich Haytham unterbrechen.

„Wir sind nicht alleine! Denk an Edward.“ ich gab ihm noch einen Kuss und schmiegte mich dann an ihn. Es war etwas kühler mittlerweile, weswegen ich diese Körperwärme gerade einfach genoss.

Ein resigniertes Seufzen „Es gäbe doch auch die Scheu….“

„Nein, Haytham! Da schlafen unsere Wachen! Ich verspreche dir, wir finden einen passenden Moment!“

 

Die halbe Nacht lang machte ich jetzt kein Auge zu, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte, ihn abgewimmelt zu haben. Im Morgengrauen weckte ich meinen Mann leise, da ich einen Einfall hatte, wie ich es wieder gut machen konnte.

„Ist etwas passiert, mi sol?“ leicht alarmiert sah er sich im Zimmer um.

„Nein, aber zieh dir deinen Morgenrock an und folge mir!“ flüsterte ich verschwörerisch.

Auf unserem Stockwerk gab es, laut des Herbergswirtes noch eine kleine Kammer, sollte man eine Ausweichmöglichkeit brauchen. Und wenn man es genau nahm und ich meinen Gatten betrachtete, war es notwendig. Bei Odin, ich wurde bei diesem Gedanken knallrot, weil wir uns wie Teenager fort stahlen um etwas, nicht ganz, verbotenes zu tun.

„Alex… das ist unfassbar…“ kam es leise lachend von ihm und ich zog ihn hinter mir her, über den Korridor zur besagten Kammer.

 

Ich schob ihn hinein, schloss die Tür hinter uns und lehnte mich für einen Moment daran. In Haythams Augen war dieser fast schwarze Ton getreten, als er langsam auf mich zukam, mein Nachthemd über meine Schulter auf den Boden gleiten ließ und mich dann auf seine Hüften hob.

Mit seinem Gewicht drückte er mich gegen das Holz in meinem Rücken und seine Erregung war deutlich zu spüren. Sein Atem beschleunigte sich und als er mich nahm, war es auch mit mir vorbei.

Ich klammerte mich an ihn, presste meine Beine um ihn weiter zusammen und bog ihm mein Becken entgegen. Mehr, ich will mehr!, ging es mir durch den Kopf! Ich war nach den Tagen auf der Jackdaw wieder wie ausgehungert und ihm ging es nicht anders. Es war ein leises und leider auch sehr schnelles Vergnügen, wenn auch überaus befriedigend und ich war entspannt, als wir wieder in unserem Bett lagen.

„Du hast eine enorme Kraft in den Beinen, mi sol. Weißt du das eigentlich? Ich hoffe, ich habe morgen keine blauen Flecken.“ hörte ich meinen Mann lachend neben mir.

„Und wenn, dann weißt du ja, wo ich zu finden bin, falls du jemandem die Schuld zuweisen möchtest. Ich stehe da jederzeit zur Verfügung.“ hauchte ich an seiner Brust und spürte, wie mich die Müdigkeit packte.

„Das hört sich vielversprechend an.“ und ein Kniff in meinen Po war alles was ich noch bekam.

 

*** 23. Juli 1764 ***

 

Ein kleines Dorf in Aufruhr

 

Die letzten beiden Tage verliefen mehr als anstrengend, weil unser Sohn genau jetzt wieder mit ein paar Zähnen begann. Hätte er das nicht noch in London machen können? Ich war in dem Moment mehr als Dankbar für die Tinktur von Jenny, welche sie mir noch in ausreichendem Vorrat mitgegeben hatte.

Leider waren nun alle etwas angeschlagen und unausgeschlafen, als wir in einem kleinen Dorf Rast machten und uns ein Gasthaus suchten.

Vor besagter Taverne tummelten sich einige Menschen, die sich lautstark über etwas beschwerten. Haytham übersetzte für uns wie selbstverständlich und Monsieur Martineau, welcher schon ansetzen wollte, sah ihn erstaunt an.

„Sie verlangen eine Wiedergutmachung! Der Wirt hat den Sohn dieser Familie aus dem Dorf jagen lassen, weil dieser seine Tochter erst geschwängert hat und sie dann der Hexerei bezichtigt hat.“ Oh bitte, nicht schon wieder diese Hexenjagd!

„Das Mädchen hat sich ein paar Tage darauf aber selber das Leben genommen und man hatte das Teufelsmal auf ihrer Schulter gesehen!“ Das war unmöglich… Diese Kennzeichnung rührte, wenn man Zeichnungen aus dieser Zeit genauer betrachtete, von einer alten Pockenimpfung her, die bis in die 1970er gemacht wurde. Du hast sie nicht mehr., dachte ich erleichtert und fasste mir unwillkürlich an den Oberarm. Oder meinte man vielleicht doch etwas anderes, so etwas wie ein Muttermal? Gab es doch noch mehr Menschen wie mich, die in andere Zeiten gereist waren? So wie Marius es ja auch getan hatte!

 

Zum Grübeln blieb aber keine Zeit, als plötzlich die Blicke die Straße runter gingen, wo ein verwahrloster junger Mann humpelnd auf die Leute zukam.

„Der verstoßene Sohn kehrt zurück.“ kam es zynisch von Haytham und er schüttelte den Kopf. „Sie wollen, dass er wieder in die Dorfgemeinschaft aufgenommen wird, weil er nichts unrechtes getan hätte. Angeblich hat er sogar um die Hand des Mädchens angehalten!“ seine Augenbraue hob sich, als der Wirt auf diesen dreckigen Menschen zuging und unvermittelt einen Dolch aus seinem Gürtel zog.

„Verschwinde du Nichtsnutz! Wir wollen keine geisteskranken in unserem Dorf! VERSCHWINDE!“ rief er dem Jungen zu, welcher ihn mit offenem Mund anstarrte. Jetzt sah ich, dass wirklich etwas nicht mit ihm stimmte. Seine linke Körperhälfte war schief, sein Arm hing schlaff herunter und er humpelte.

Was hatte man dem Armen nur angetan? Eine Frau trat vor und schlang ihre Arme um ihn, so weit ich das verstand, muss es seine Mutter gewesen sein!

„Sie ist froh, dass er den Weg zurück gefunden hat. Sein Name ist Phillippe und sie verspricht ihm, sich wieder besser um ihn zu kümmern, damit ihm nicht noch einmal so etwas passiert!“

Ich stand wie angewurzelt da und betrachtete diese absurde Szenerie. Dieser geistig behinderte junge Mann hatte also die Tochter des Wirtes geschwängert? Natürlich wollte dieser keinen, wie nannte er gerade diesen armen Tropf?, Idioten in der Familie haben und es sei auch besser ums Kind gewesen, dass es nicht auf die Welt kam.

 

Haytham hatte sichtlich Mühe nicht aus der Haut zu fahren, weil auch ihm gerade der Gedanke kam, dass die junge Frau KEINEN Selbstmord begangen haben wird. Vielerorts war es Gang und Gebe, wenn man keine Engelmacherin fand, sich das Leben zu nehmen um Schande von der Familie abzuwenden. Auch wenn in diesen abergläubischen und sehr christlichen Zeiten der Selbstmord verpönt war, weil man dann ins Fegefeuer kam.

Dieses Jahrhundert war einfach so unglaublich unaufgeklärt, dass es mir schlecht wurde!

 

Jetzt trat ein Herr vor, welcher nach seiner Kleidung zu deuten, der Dorfpriester sein dürfte. „Ah, der Advokat und Pastor der Gemeinde.“ meinte Adrien und wartete, wie alle, gespannt auf dessen Worte.

„Er sagt, er habe das Mädchen in der Beichte gehabt und sie hätte ihm gesagt, dass der Teufel wollte, dass sie mit dem Jungen das Bett teile. Auch sei der Teufel persönlich dabei gewesen… Mi sol… muss ich das wirklich weitergeben? Es klingt einfach völlig absurd und…“ ich sah Haytham mit hochgezogener Augenbraue an.

„Also schön…“ ein Seufzen und er übersetzte weiter „… ein paar Tage später nach der besagten Nacht, war Phillippe zum Wirt gegangen und hat ihn um die Hand der Tochter gebeten. Der Pastor war gerade zugegen und hat dann alles erforderliche in die Wege geleitet…. Du meine Güte, das ist die reinste Verschwörung hier. Wir sollten besser ein anderes Dorf finden, hier ist…“ doch weiter kam er nicht.

 

„Ihr da…!“ kam es von dem Pastor und er eilte auf uns zu und mein Mann übersetzte weiter. „Was wollt ihr hier? Seid ihr gekommen um dem Spektakel beizuwohnen, welches Phillippe nun erwarten wird? Wollt ihr euren reichen Freunden von diesem Teufelswerk berichten?“ Dieser Mann war mir unheimlich, weil ich überhaupt nicht verstand, was er gerade meinte.

„Maîtresse Kenway, bitte sagt nichts weiter. Der Gottesmann wird euch in keinster Weise Glauben schenken!“ hörte ich die warnende Stimme von Adrien neben mir und die Hand meines Mannes lag auf meinem Arm.

„Alex, beruhige dich. Die Zeichen auf deiner Haut und… verdammt…“ irritiert sah ich zu Haytham und dann folgte ich seinem Blick. Edward war bei Sybill auf dem Arm und auch bei ihm waren die leuchtenden Zeichen zu sehen und er hatte die Hand in Richtung des Pastors erhoben, während er diesen bösen anstarrte!

 

Nein… nein… bitte nicht hier und jetzt… schoss es mir durch den Kopf! Um uns kam Bewegung in die Menge und sie teilte sich wie bei Moses das Meer! Der Pastor starrte von mir zu meinem Sohn und brüllte dann etwas…

„Da seht ihr sie! Die Heiden sind unter uns! Sie verschmähen unseren Gott und machen sich über uns lustig! Sie verhöhnen die Worte, welche uns der Herr lehrte! Ihre gottlosen Bräuche werden ihnen aber hier nichts nützen!“ schrie dieser Herr nun schon fast panisch, während er weiterhin zwischen Edward und mir hin und her blickte!

Edwards Mund öffnete sich und man hörte ein hämisches Lachen, welches zu seinem Ausdruck im Gesicht passte und ich bekam es mit der Angst zu tun! Und nicht nur ich!

Ich schnappte mir meinen Sohn und begann ihn im Geiste zuzureden!

„Schätzchen, lass das. Du machst den Menschen gerade Angst. Lass uns gemeinsam ruhig werden…“ und ich formte ein Lied in meinem Kopf und suchte eine Strophe von den 115 Versen…

Meine Hand hielt dabei seinen dunklen Schopf an meine Brust, damit er nicht abgelenkt wurde… doch es war zu spät!

 

Auch wenn ich kein Französisch verstand, soviel wusste ich aus den Gesten und den Mimiken der umstehenden Bewohner. Sie fürchteten, dass ihr Gott sie nun bestrafen würde, weil sie in unserer Nähe gewesen waren! So als wären wir wie eine Seuche, eine ansteckende Krankheit. Eine älter Frau baute sich vor Sybill auf und beschimpfte sie wüst und bespuckte sie, bevor ein Herr sie zurückhalten konnte! Edward hatte sich mittlerweile beruhigt, aber ich nicht…

 

Wie aus dem Nichts umhüllten uns plötzlich Wolken oder war es einfach Nebel, der uns umgab? Doch woher kam er?

 

(Leider weiß ich nicht, wer der/die Künstler*in hinter dem Bild ist, sorry!)

 

Kapitel 2

*** Mrs. Wallaces wahre Gestalt ***

 

Diese Wand umschloss uns, die wir gerade erst in diesem Dorf aufgetaucht waren und schützte uns. Unsere Wachen waren zwar schon in Gefechtsstellung gegangen um uns zu verteidigen, doch das war nicht nötig.

Dann hörte ich ihre Stimme! Frigg sprach zu uns…

Ich muss nun doch in das irdische Geschehen eingreifen, obwohl ich es nie tun wollte. Mein Gatte hat es ja sonst in der Hand… und in diesem Satz konnte man den vorwurfsvollen Blick Richtung Odin förmlich sehen! … Ihr werdet euch nun mit den Wächtern langsam von hier entfernen und seht nicht mehr zurück. Ihr werdet nichts ändern können!, die letzten Worte waren an mich gerichtet mit einem befehlenden Unterton!

„Wir können doch nicht zulassen, dass diesem jungen Mann …“ weiter kam ich aber nicht!

Du gehst jetzt, Kind! Sie werden sich wie an eine alte Legende an diesen Tag erinnern!

Und ich fühlte, wie wir regelrecht aus einem Bild geschoben, ausradiert wurden.

Als ich wieder klar sehen konnte und meine Sinne beieinander hatte, sah ich mich um und wir standen auf einem Feldweg. Die Kutschen, die Wachen, Monsieur Martineau … einfach alles war da …

 

Adrien ergriff als erster das Wort. „Maîtresse Kenway, ich wusste, wir können uns auf euch verlassen. Loki sprach lobend von euch und eurem Gatten!“ verwirrt sah ich diesen kleinen Mann an.

„Entschuldigt, aber… ihr wisst…“ stammelte ich vor mich hin, weil ich noch nicht realisiert hatte, was gerade passiert war.

„Ich bin ein Diener Freyrs, man nennt mich Skirnir! Ich habe Fenrir, verzeiht mir Loki, mit einer Kette gebunden! Ich weiß, wer und was ihr seid und nicht ohne Grund hat man mich ausgewählt, an der Seite von Bragi und Idun zu stehen. Auch ihnen diene ich in dieser Welt. Wir wollen die Menschheit vor sich selber schützen!“ wieder hörte ich diesen Satz, doch wie wollte man das schaffen?

Ich hatte selber eine Pandemie erlebt, in welcher es kaum möglich war, alle an einem Strang ziehen zu lassen.

War es aber möglich, wenn wir alles vereinen, jedwede Katastrophe abzuwenden? Ein völlig utopisches Ziel, nur Verrückte und Geisteskranke… auch Phillippe hatte diese Gedanken, aber niemand glaubte ihm, auch nicht seine Geliebte! Deswegen wurde er ausgelacht und verstoßen! Und sie? Sie konnte nicht weiter leben, mit dem Gedanken, so tief gefallen zu sein. Die Schande war einfach zu groß, also hat ihr Vater dem ein Ende gesetzt!

Dann hatte ich tatsächlich recht mit meiner Vermutung!

Jetzt wo wir hier auf diesem Weg standen, fühlte es sich an, als wäre man aus einem Märchenwald herausgetreten und blicke der Realität wieder in die Augen.

Edward hatte sich beruhigt und ich mich langsam auch!

 

Es war Mrs. Wallace welche uns aus all den wirren Gedanken riss.

„Mistress Kenway, ich glaube… mir … ist nicht…“ Michael konnte sie gerade noch halten und sanft auf den Boden legen, als sie schon ohnmächtig war. Erst jetzt sah ich diesen Schweißfilm auf ihrer Stirn!

„Sybill ist ganz warm und sie zittert….“ hörte ich Magda ängstlich sagen.

Haytham, Michael und einer der Kutscher verbrachten das Kindermädchen in unsere Kutsche und wir beschlossen nun weiter zureisen. Der nächste Ort wäre nur 2 Stunden entfernt, erklärte Adrien.

 

Edward hingegen war wieder völlig nervös und jammerte leise vor sich hin. Immer wieder sah er zu seinem Kindermädchen, streckte seine Hand nach ihr aus und wollte zu ihr.

„Edward, Mrs. Wallace ist krank, sie muss sich ausruhen. Wenn es ihr besser geht, dann kannst du wieder zu ihr.“ sprach Haytham leise und strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht.

„NEIN! MEIN!“ brüllte er auf einmal und wir alle sahen ihn entsetzt an! Es wurde heute nicht besser mit den Neuigkeiten, den Erkenntnissen und der Lehrstunden wie es schien. WAS war auf einmal in unseren Sohn gefahren?

Ich konnte ihn kaum auf dem Schoß halten, so zappelte er herum. Erst als ich ihn zu Michael gab, welcher den Kopf von Sybill hielt, gab er Ruhe und schniefte angelehnt an Haythams Kammerdiener herum.

Seine kleine Hand fuhr kontinuierlich und bedächtig über die Wange von Mrs. Wallace und hinterließ eine leichte goldene Spur. So ging es einige Zeit, bis sein Kopf einfach zur Seite kippte und Edward eingeschlafen war. Er hatte sich zu sehr verausgabt!, ging es mir durch den Kopf, doch gerade als ich ihn zu uns nehmen wollte, riss er die Augen auf und schrie „NEIN!“

Resigniert saß ich da und ließ ihn bei Sybill, es dauerte nicht lange, da war er wieder eingenickt.

 

Als wir nun an unserem nächsten Reiseziel angekommen waren, brachte man, unter lautem Protest von Edward, Sybill als erstes ins Haus und wir folgten der Truppe. Haytham klärte mit Adrien alles für die Übernachtung, während uns eine ältere Dame die Zimmer oben zeigte.

Die übermüdeten Wachen wurden hier unten und in einigen Zimmern untergebracht. Man versprach uns aber noch Frühstück am nächsten Morgen, leider wäre vom Abendessen nichts mehr übrig. Ich vermutete, niemandem war mehr nach Essen nach diesem Tag. Aber ich könnte jetzt etwas alkoholisches vertragen und zwar etwas starkes!

Ich muss es wohl nicht erwähnen, aber diese Nacht war alles andere als erholsam für uns. Sybill hatte neben uns eine Kammer, doch Edward wollte nicht von ihrer Seite weichen. Immer wieder leuchteten seine Augen und seine Hände berührten ihre Wangen, die Arme… es war, als würde er wie ein Reiiki-Lehrer agieren.

Er nimmt ihr ihren Schmerz, Kind! Edward bringt sie wieder zurück, langsam und erholsam, damit sie nicht überfordert ist. Ein Mensch könnte sonst großen Schaden nehmen, würden wir es wie bei uns angehen!, hörte ich Iduns Stimme plötzlich!

Wie aufs Stichwort trat ein wahres Leuchten in Edwards Gesicht! „Ich kann das schon!“ hörte ich ihn stolz sagen und Haytham neben mir zitterte plötzlich. Ich sah zu ihm auf und seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt!

„Was sind wir nur für eine eigenartige aber faszinierende Familie geworden?“ flüsterte er und sah gebannt zu seinem Sohn.

 

Magda und Michael blieben genau wie wir hier, wir wechselten uns im Stundentakt mit Wache halten ab, damit nichts mehr passieren konnte.

Ein paar Stunden später dann plötzlich, legte sich mein Sohn auf die Brust seines Kindermädchens und kuschelte sich an sie mit einem seligen Lächeln.

„MEIN!“ hörte ich noch und ich brach in Tränen aus, ob nun aus Übermüdung oder einfach nur, weil es ein göttlicher Anblick war… ich weiß es nicht!

Und wir alle wurden Zeuge von einer sprichwörtlichen Eingebung!

 

Endlich ist es soweit. Ich kann mich ganz meiner Bestimmung widmen! Diese Stimme kannte ich nicht, sie war aber sanft, melodisch und meine Arme überzogen sich mit einer wohligen Gänsehaut!

Und dann sah ich die goldene Gestalt einer Frau vor mir, welche sich vor mir verbeugte. Ihr kennt mich nicht, aber ich war die ganze Zeit bei eurem Sohn und werde es auch bei eurer späteren Tochter und eurem anderen Sohn sein! Ich wache über die Tugend, die Sittsamkeit und bin eng verbunden mit meiner Freundin Freya! Es ist jetzt an der Zeit, dass ihr wisst, ihr seid alle beschützt. Freya und ich werden eine Brücke zu EURER Freundin schaffen, welche uns ebenfalls zur Seite stehen wird. Und nun lasst uns meine menschliche Gestalt wieder genesen!

Ich starrte diese Silhouette immer noch an, doch es war Haytham welcher recht schnell wieder Worte fand, oder aber auch nicht, je nachdem wie man es sah.

„Ich… weiß gar nicht… was ich sagen soll.“ Sybill war schon eine gefühlte Ewigkeit in seinem Haushalt, war auch das schon von den Göttern erdacht? Sollte es so sein?

 

Was glaubt ihr denn? Nichts passiert ohne Grund! Und diese Worte schienen von allen Göttern der Erde gleichzeitig zu kommen und ließen mich erzittern. Das ging einfach alles zu schnell, selbst für meine Begriffe und ich hatte Probleme diesen Übergang zu verstehen und zu verinnerlichen.

Sybill schlug plötzlich die Augen auf, sah Edward auf sich ruhen und brach ebenso in Tränen aus. „Ich habe es nicht nur geträumt, er ist wirklich hier.“ sanft strich sie meinem Sohn über die dunklen Haare und sah ihn liebevoll an.

In mir keimte eine gewisse Eifersucht auf! Es war MEIN Sohn! Nur ich konnte ihn wie eine Mutter lieben…

„Alex! Beruhige dich…“ kam es sanft von Haytham und er hielt meine Hand.

 

Plötzlich stand ich mit dieser leuchtenden Gestalt Snotras in einem grell erleuchteten Raum, genauso wie damals bei Odin oder eben Elias… mir dröhnte mein Kopf mit einem Male und ich sah mich fragend um. Erst jetzt bemerkte ich meinen Mann, welcher neben mir stand und auch nicht so recht wusste, was er davon halten sollte.

Ich sah, ihr habt viele Fragen. Haytham, als erstes beantworte ich dir die Frage, warum ich schon so lange an deiner Seite stehe. Erinnerst du dich an den Tag, als du mich eingestellt hast? Oder besser Sybill, welcher ich bis dahin noch nicht wirklich erschienen war. Doch das ist eine andere Geschichte und sie wird sie sicherlich noch erzählen. Erwartungsvoll sah sie ihn an und er grübelte mit gerunzelter Stirn.

Es war direkt nach meiner Ankunft in Boston, als ich dort das kleine Haus gemietet hatte. Sie kam aufgrund meines Aushangs zu mir und bat um eine Anstellung…“ sprach er leise und überlegte weiter. „Wir waren uns sofort einig und, wenn ich es jetzt recht betrachte, war es als würde sie mich schon mein Leben lang kennen!“ In sein Gesicht trat ein erstaunter Ausdruck, als ihm klar wurde, WER sie geschickt haben muss. Sein Vater!

Genauso war es, Haytham. Heimdall hat mich zu Mrs. Wallace geschickt, damit wir ein Auge auf dich haben können. Und wie ich sehe, hat das wunderbar funktioniert. Ihr Strahlen wurde noch intensiver, als sie nun mich ansah.

 

Alexandra, auch du siehst jetzt, wie die Fäden oder wie du es genannt hast, die Puzzleteile zusammen geführt werden! Deine Aufgabe bestand schon immer darin, diese Reise anzutreten! Wir haben bereits vor mehreren hundert Jahren kleinere Einflüsse und Ereignisse in das Leben deiner Vorfahren einfließen lassen. Aus diesem Grunde besitzt du tatsächlich fast reines Wikinger-Blut, dass war entscheidend, damit du deine Bestimmung erfüllen kannst. Du musst diesen Glauben an uns Götter verinnerlicht haben, uns und unsere Bräuche verstehen und ebenso unsere Riten!

Ich stand immer noch reglos dort und sah sie an.

Warum hat man mich nicht schon früher eingeweiht? Warum wurde ich damals mit dem Armreif ins kalte Wasser geworfen? Es hätte doch auch alles ganz anders verlaufen können… Und warum beherrsche ich dänisch oder einige gälische Ausdrücke? Warum erst JETZT????“ ich wurde lauter, weil auch diese Eifersucht noch nicht abgeklungen war.

Die Erklärung was die Sprachen anging, war einleuchtend! Ich beherrschte sie, weil wir mittlerweile enge Bindungen eingegangen sind. Außerdem waren wir im Besitz der Artefakte und der Schmuckstücke.

Vergiss auch nicht, es ist nicht das reine dänisch, sondern eine Mischung aus der alten Sprache. Du singst deinem Sohn abends immer ein Lied vor, welches den alten Wortstamm nutzt. Und ja, eure Enkelin hat dieses Talent der Sprachen mit bekommen, weil sie es in der Zukunft sein wird, die dein Werk fortsetzt! Es klingt alles noch neu für euch beide, aber ihr werdet euch daran gewöhnen. Jedoch darf ich dir noch nicht alles kundtun, Alexandra, weil deine Schwester im Geiste deine Geschichte ebenso miterleben wird. Es ist aber noch nicht an der Zeit, so leid es mir tut. Ihre Stimme wurde immer sanfter und ich hatte den Eindruck, ihre schimmernde Silhouette würde sich festigen.

 

Eine Frage brannte mir aber noch unter den Nägeln. Warum hatte Sybill nie etwas zu Haytham oder mir gesagt. Es gab nicht einmal Andeutungen oder den kleinsten Hinweis, woran wir bei ihr sind!

Nenne es eine Absicherung! Es war ausschließlich für euren Schutz gedacht, solange ihr beide euer Schicksal noch nicht kanntet. Zudem wollte ich euch nicht beunruhigen, weil ich auch nicht wusste, ob ich euch nicht doch überfordere. Das kam tatsächlich entschuldigend über ihre Lippen und ein warmes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

Plötzlich schoss mir der Satz in den Kopf, dass sie auch für unsere Tochter und den weiteren Sohn da sein würde! Wir würden noch weitere Kinder bekommen? Aber auf meine Frage WANN, erhielt ich keine befriedigende Antwort, lediglich, wir würden es dann wissen, wenn es soweit ist.

Langsam drifteten wir aus diesem hellen Raum und ich musste mich an Haytham festhalten, weil mir wahnsinnig schwindelig wurde.

 

Als ich jetzt auf Edward sah, welcher immer noch an sein Kindermädchen gekuschelt lag, liefen mir Tränen über die Wangen. Es verband die beiden wirklich eine Art Familienbande. Edward Senior in seiner Funktion hatte Snotra geschickt, um seinen Sohn und die Enkelkinder beschützen zu können und das so unauffällig wie nur möglich!

„Mi sol, ich bin immer noch sprachlos. Aber nun verstehe ich auch, was mich mit dieser Frau so verbunden hat und warum ich sie nicht gehen lassen würde.“ uns beiden fiel wieder ein, dass wir ja eigentlich noch eine Unterstützung für Mrs. Wallace einstellen wollten und ich sah meinen Mann fragend an.

„Nur zur Sicherheit sollten wir eine weitere Aufsichtsperson haben…“ doch weiter kam Haytham nicht, weil Sybill ihn mit leuchtenden Augen ansah.

„Master Kenway, dagegen ist nichts einzuwenden! Ich werde das neue Kindermädchen sicherlich gut und nach euren Wünschen einarbeiten.“ und dann veränderte sich etwas an ihr. Es war als würde sie… jünger werden…

Neben mir hörte ich ein Flüstern „Es ist wie bei dir …“ Idun hatte auch hier ein paar Jahre verschenkt, damit uns Sybill noch lange erhalten bleiben wird.

Bevor wir uns versahen, schlug Edward die Augen auf, sah von Sybill zu seinem Vater und dann zu mir. Hellwach auf einmal setzte er sich auf und meinte laut „Sisi… daaaa… min“ Ja, sie war sein ein und alles wie es schien. Gerührt nahm ich ihn auf den Arm und lächelte auf die noch etwas erschöpfte Sybill hinab.

„Es war eine gute Entscheidung, euch diese Anstellung zu geben. Ich bin sehr dankbar, Sybill!“ heulte ich und drückte meinen Sohn an mich!

 

Mittlerweile war es kurz vor Sonnenaufgang, aber wir alle waren uns einig, dass wir noch ein wenig Schlaf finden sollten! Sogar Edward ließ sich ohne Meckern hinlegen und schloss lächelnd die Augen, nachdem ich ihm noch etwas Tinktur verabreicht hatte.

Sybill hatte Magda bei sich im Zimmer, Michael und Adrien teilten sich ein Nachbarzimmer. Als ich endlich neben Haytham im Bett lag, schniefte ich immer noch. Meine Gefühle waren kaum zu bändigen!

„Mi sol, wie es scheint, sind wir von Anfang füreinander bestimmt gewesen. Und wenn ich so darüber nachdenke, vielleicht war ich einfach als Test für dich angedacht gewesen, um zu sehen, ob wir uns irgendwann annähern können. Wer weiß das schon…“ ich spürte sein Zucken, als er in sich hinein lachte.

„Ja, du warst die reinste Herausforderung für mich! Und du weißt ja, du warst wirklich ein süßer Fratz damals… und jetzt? Wer könnte da schon widerstehen?“ und auch ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen!

„Wie es scheint, DU nicht…“ und seine Lippen verschlossen meinen Mund, bevor ich noch etwas erwidern konnte.

 

Liste der Götter und Artefakte

 

Heimdall

Edward James Kenway

Gjallarhorn (Das Horn, mit welchem die Ragnarök angekündigt wird!)

Fulla

Tessa Kenway

Hüterin des Schmuckkästchens der Göttermutter Frigg

Odin

Elias Lestrange (Duke of Ironside)

Speer und Schwert - Odins Thron befähigt ihn, alle 9 Welten zu sehen, weswegen Elias in seinem Studierzimmer einen reichverzierten Stuhl hat. Dieser begleitet ihn auf jeder Reise!

Frigg

Mistress Lestrange (Odins Gemahlin!)

Spinnrad (sie soll laut Überlieferung, die Wolken gewoben haben!) Frigg gehört zum Götter-Geschlecht der Asen. Sie ist die Gemahlin des Göttervaters Odin und Mutter des Lichtgottes Balder, des blinden Gottes Högur, von Hermor und Bragi, Gott der Dichtkunst und auch die Mutter der Walküren.

Frigg ist die Göttin des Hausstandes, der Sippe und der Familie. Sie ist Hüterin und Bewahrerin der göttlichen Ordnung, greift jedoch nicht, wie ihr Gatte Odin, in das irdische Geschehen ein.

Loki

Finley Bradshaw

Ring der die Midgardschlange darstellt.

Loki ist eine der vielschichtigsten Gestalten des nordischen Pantheons: Einerseits hilft er den Göttern, andererseits spielt er ihnen auch Streiche und hintergeht sie. Dabei macht er von seiner Fähigkeit als Gestaltwandler Gebrauch und erscheint zum Beispiel in der Gestalt eines Lachses oder einer Fliege. Aufgrund dieser ambivalenten Rolle wird er häufig als Trickster-Figur interpretiert. Es gibt viele Geschichten in der Edda, in denen Loki eine Rolle spielt:

- Loki, Thjazi und die Entführung Iduns

- Loki und der Bau von Asgard

- Loki und Thor

- Loki und die Kleinode der Götter

- Loki als Räuber des Brisingamens

- Loki und Andvari

- Loki und Balders Tod

- Loki und Ragnarök

- Loki und Celty

    Sigyn

    Francis Bradshaw (Lokis Ehefrau)

    Eine goldene Schale, mit welcher sie das Schlangengift auffing, damit ihr Mann nicht leiden musste! Sie ist das Sinnbild der ehelichen Treue!

    Ymir

    Artem Alexeeva

    ~kein Schmuck~ Ein Riese, welcher als das erste Lebewesen gilt in der nordischen Mythologie. Später wird er von Odin und seinen Brüdern zerrissen! Und aus seinem Körper entsteht die Welt!

    Hrymr

    Eugene Avdeyev

    ~kein Schmuck sondern sein Schiff ist besonders~ Naglfar, das Totenschiff, mit welchem er durch die Welten reisen kann! Hrymr (altnordisch), auch Hrym oder Hrymir, ist in der nordischen Mythologie ein Riese, der in der Ragnarök auftritt. Nach der Prosa-Edda steuert er das Totenschiff Naglfar, nach der Völuspá kämpft er in Waffen gegen die Götter. (Nicht zu verwechseln mit der Naglfar aus „The Witcher 3“!!! Man hat sich dort nur der nordischen Mythologie bedient!!!!)

    Snotra

    Mrs. Wallace

    Snotra ist die Göttin der Klugheit, der Tugend und der Sittsamkeit. Sie gilt als kluge, zierliche Asin und schützt tugendhafte Menschen, besonders die edlen und sittsamen Jungfrauen und Jünglinge. Sie ist eine Freundin der Freyja und hält sich in deren Gefolge auf.

    Bragi

    Monsieur Jomphe (Kontakthändler Frankreich und Niederlande!)


    Bragi gehört zum Götter Geschlecht der Asen. Er ist ein Sohn von Odin und Frigg. Bragi ist der Gott der Dichtkunst.

    Bei den Germanen, hatte die Dichtkunst eine sehr hochgeschätzte Bedeutung: Dichtkunst war heilig. Alles Wissen sowie alle historischen Ereignisse, ja ganze Familienchroniken wurden so weiter vermittelt. Was der Nachwelt erhalten bleiben sollte, musste in Gedichtform gebracht werden.

    Magie ist ein anderer Aspekt der Dichtkunst. In der germanischen, magischen Tradition sind Zaubersprüche, welche direkt auf das Unterbewusstsein einwirken und nur durch gezielte Anwendung der Dichtkunst funktionieren ein wichtiger Angelpunkt. Dies alles müssen wir wissen, wenn wir den Bereich des Gottes Bragi verstehen wollen. Seine Gemahlin ist Idun.

    Idun(a)

    Madame Laurette Jomphe (Kontakthändlerin Frankreich und Spanien)


    Idun wird dem Götter Geschlecht der Asen zu gerechnet, obwohl sie die Tochter eines Zwerges sein soll. Sie ist die Gemahlin des Dichtergottes Bragi. Ihr Zuständigkeitsbereich ist Jugend und Unsterblichkeit. Mit ihren goldenen Äpfeln versorgt sie die Götter und verhilft ihnen zu ewiger Jugendlichkeit.

    Als Loki die Göttin Idun samt ihrer goldenen Äpfel dem Frostriesen Thiazi ausliefert, altern die Götter sofort. Treffsicher haben die Götter sofort Loki in Verdacht und befehlen ihm, Idun zurückzubringen. Das tut Loki denn auch. Er verwandelt sich in Falken, verwandelt Idun in eine Nuss und fliegt mit ihr zurück nach Asgar. Thiazi bemerkt den Raub und verfolgt den flüchtenden Falken Loki in Gestalt eines Adlers.

    So können die Götter von Asgard den Frostriesen töten, indem sie über den Mauern von Asgard seine Flügel verbrennen.

    Als Ragnarök sich ankündigt, sinkt Idun von Asgard in die Unterwelt hinab. Ihr Gemahl Bragi folgt ihr.

    Skirnir

    Monsieur Adrien Martineau (Diener der Eheleute Jomphe)

    Skirnir ist in der nordischen Mythologie Freyrs Freund und Diener. Er wirbt in Jötunheim im Namen Freyrs um die Riesin Gerda. Als Lohn dafür erhält er Freyrs Schwert und sein Pferd. Skirnir wird von den Göttern als zuverlässiger Vasall angesehen und mit Botschaften oder Aufträgen in andere Welten geschickt. Ein weiteres Mal wird Skirnir, im Auftrag Odins, zu den Zwergen nach Schwarzalbenheim geschickt um die unverwüstbare Kette Gleipnir zu holen, um damit den Fenriswolf zu binden.

    Kapitel 3

     

    *** Das Chateau in Compiègne ***

     

     

    Wir verbrachten noch zwei Tage hier in diesem kleinen Ort, bis Sybill sich vollends erholt hatte. Wie es schien, hatte sie sich bei diesem widerlichen Weib eine Grippe oder ähnliches eingefangen. Mich schüttelte es immer noch bei diesem Gedanke an dieses spuckende Miststück!

     

    Ich nutzte diese Zeit auch um mich hier umzusehen und um einfach mal etwas Bewegung zu bekommen. Noch waren wir nicht am Ziel, es würde noch mindestens eine Woche dauern bis zum Chateau.

    Gerade waren Magda, Edward und ich mit zwei unserer Wachen unterwegs in den umliegenden Wald, als uns auf der Straße der Gottesmann des Nachbardorfes entgegen kam.

    Mein Herz begann nervös zu pochen und auch Edward wurde unruhig.

    „Mistress Kenway, er sieht nicht so aus, als würde er sich noch an euch erinnern.“ versuchte meine Kammerzofe mich zu beruhigen.

    Neben uns jedoch spürte ich die Anspannung der Wachen, welche sich wappneten.

    Der Herr ging weiter, sah uns fragend an, runzelte etwas die Stirn und marschierte an uns vorbei. Ich sah ihm hinterher, aber er machte keinerlei Anstalten uns anzugehen. Seltsam…

    Aber vermutlich war das Friggs Einfluss und sie hatte die Dorfbewohner wirklich alles an diesen Vorfall vergessen lassen. Mit Schrecken fiel mir aber der junge Mann wieder ein und ich fragte mich, was nun mit ihm passieren wird. Leider erhielt ich keine Antwort.

     

    Endlich als der dritte Tag anbrach, bestiegen wir unsere Kutschen und machten uns auf Richtung Troyes, besser gesagt nach Compiegne. Dort lag das Jagdschloss, welches Reginald vor Jahren erworben hatte, versteckt in einem großen Wald.

    „Es ist wirklich wunderschön dort, auch wenn ich seit Birchs Tod nicht mehr dort war.“ kam es gedankenverloren von Haytham, während er grübelnd aus dem Fenster sah.

    „Ich vermute mal, es wird sich nicht so großartig verändert haben, mi amor. Aber wie fühlt es sich für dich an, wieder dorthin zu reisen?“ diese Frage hatte ich schon länger im Kopf.

    „Wenn ich darüber nachdenke, habe ich gemischte Gefühle in mir. Ein schlechtes Gewissen, Angst und so etwas wie eine Art angewidert sein überkommt mich immer wieder. Sein Zimmer ist, so hatten Jenny und ich es angeordnet, verschlossen und für niemanden zu betreten!“ der letzte Satz kam mit so einer Bestimmtheit, dass es mich schüttelte. ICH wollte bestimmt nicht den Tatort seines begangenen Mordes sehen! Auch wenn in meinem Hinterkopf das kleine neugierige und perverse Teufelchen genau DAS wollte.

     

    Mrs. Wallace erholte sich im Laufe unserer Reise immer mehr und übernahm wieder, kurz vor unserer Ankunft, ihre reguläre Aufgabe. Edward war sichtlich begeistert und brabbelte ihr etwas vor, vermutlich konnten nur die beiden diese Gespräche verstehen. In mir nagte dennoch seit diesem Vorfall mit Snotra eine leise Eifersucht auf diese Frau…

    Er bleibt DEIN Sohn, mi sol, mir geht es nicht anders. Sieh es von der anderen Seite, somit brauchen wir kein schlechtes Gewissen haben, sollten wir überstürzt einmal aufbrechen müssen oder länger fort sein!

    Ich weiß, Haytham meinte es nur gut, aber… ich atmete tief durch und begann ein neues Mantra für mich zu sprechen. In diesem sagte ich mir immer wieder, dass mein Schatz mein Schatz blieb!

     

    So in etwa stelle ich mir das Chateau vor! (Ein wenig Phantasie und Vorstellungsvermögen ist erwünscht ;))

    Nach 9 Tagen fuhren wir aus dem Waldstück heraus und die Sonne, welche sich aufgrund der Mittagszeit voll am Himmel zeigte, blendete uns regelrecht.

    Mit Staunen sah ich auf die vor uns aufragende Mauer, noch konnte ich nicht erahnen, wie es dahinter aussah.

    Wir näherten uns einem Tor, welches geöffnet wurde, sobald man uns sah. Unsere Ankunft wurde also schon erwartet!

    Auf dem Grundstück selber erstreckten sich Rasenflächen, welche unterbrochen wurden von getrimmten Buchsbäumen, oder Kieswege die die Ordnung zu verschieben schienen.

    Wer hier Hand anlegte machte es mit Freude und Sorgfalt. Man sah die Liebe zum Detail einfach!

     

    Dann fiel mein Blick auf das eigentliche Schloss und mir blieb der Mund offen stehen.

    „Mi sol, willst du nicht aussteigen?“ holte mich mein Mann aus meiner Starre und reichte mir seine Hand.

    Langsam stieg ich aus, so als könnte ich etwas falsch machen, sobald ich hier den Boden betreten würde. Unser ganzer Tross wurde nun von einer Gruppe hier arbeitenden Dienern in Empfang genommen und ein großer, grauhaariger Herr trat auf Haytham zu.

    „Master Kenway, es freut mich, dass ihr nach so langer Zeit wieder hier seid. Wir haben eure Ankunft schon sehnsüchtigst erwartet und es ist alles für euch und eure Familie vorbereitet und hergerichtet.“ dabei neigte er das Knie vor meinem Mann. Diese Geste hatte ich noch nicht gesehen, ich hatte nur davon gelesen und es als schnulzige Geste in Kitschromanen abgetan. Nein, Haytham galt hier als der hochrangigste Templer und wurde auch so behandelt.

    „Monsieur Lacasse, es freut mich wieder hier sein zu können. Darf ich euch meine Frau und unseren Sohn vorstellen?“ damit schob er mich und Edward vor und wir wurden ebenfalls mit Kniefall begrüßt.

    Hinter dem Verwalter waren zwei junge Damen aufgetaucht, welche mir dieses Streitgespräch mit meinem Mann wieder ins Gedächtnis riefen. Diese Weiber waren ihm also so gut in Erinnerung geblieben? Ich schüttelte mich, weil ich befürchtete sonst wieder eifersüchtig und zornig zu werden, doch ich konnte sicher sein, dass Hrymr uns nicht, noch nicht, hierher gefolgt war. Wir würden es alle spüren!

     

    Man begrüßte sich und die Damen, Marienne und Adéle, stellten sich als recht nette Personen heraus. Auch sahen sie Haytham weder lüstern noch sonst wie anzüglich an, sondern senkten ihre Blicke in seiner Gegenwart. Aber auch das musste nichts heißen… Bei Odin! Meine Eifersucht…

     

    Nachdem nun das beendet war, wurden wir hinein geleitet und ich war mal wieder überwältigt von der Größe hier. Diese imposante Eingangshalle war schon atemberaubend, von hier aus erstreckten sich rechts und links zwei Treppen aus dunklem Holz, bedeckt mit weinrotem Teppich.

    Kurz wurden mir die Räumlichkeiten hier unten erläutert, ehe es hinauf in den privaten Bereich ging. Im Grunde wie üblich gab es den großen Salon, das Arbeitszimmer mit seinem ausladendem Schreibtisch, ein Esszimmer wo locker 100 Gäste Platz hätten und im hinteren Bereich die Küche, Anrichte und von dort ging man in die Vorratsräume im Keller.

    Unter der rechten Treppe gab es eine Tür, welche in den zweiten Keller führte.

    „Ich erkläre es dir später.“ hörte ich Haytham neben mir und wir gingen nun alle hinauf.

    Sogar Edward wollte selber laufen, also nahmen sein Vater und ich ihn zwischen uns an die Hand und hoben ihn die Stufen hoch. Glucksend ließ er sich baumeln und wieder auf seine kleinen Füße stellen.

    Diese Etage führte rund um das Untergeschoss und ließ nur eine schmale Aussparung, wo man nach unten auf die schwarz-weißen Kacheln des Eingangsbereich blickte.

     

    Hier gab es besagtes „Mordzimmer“ und 6 kleine Zimmer für die engsten Bediensteten, wo sich schon Magda, Michael und Sybill unterbringen ließen. Rundum verliefen weitere Räume, welche recht großzügig gehalten waren und alle bereits bezugsfertig waren. Man brachte meinen Mann und mich in unser Zimmer, doch als ich mich umsah, fand ich kein Bett für Edward und fragte den Verwalter danach.

    „Maîtresse Kenway, euer Sohn hat sein Zimmer direkt neben eurem.“ und er deutete mit einer Handbewegung auf die Durchgangstür zu unserer Linken.

    „Ich würde ihn aber gerne, weil er noch fremd hier ist…“ doch mein Mann ließ mich nicht ausreden!

    „Das ist wohldurchdacht, Monsieur Lacasse.“ damit war für ihn das Thema mal wieder abgeschlossen und in mir fing es an zu brodeln. Sybills Zimmer lag gegenüber auf dem anderen Korridor und nicht gerade nahe bei Edward und… ich will ihn bei mir haben!, ging es mir durch den Kopf.

    Darüber reden wir später, Alex! Seine Worte waren befehlend und ich erschrak im ersten Moment.

    Eine gewisse Verunsicherung begann sich in mir breit zu machen. Musste ich wirklich NOCH weiter lernen mein Kind abzugeben? Doch mein Trotz brach durch und in meinem Kopf formte ich schon meine Übernachtung in Edwards Zimmer.

    Das wirst du sein lassen! Deine Worte waren, so lange du ihn stillst, bleibt Edward bei uns. Erinnere dich! Wieder musste ich schwer schlucken und sah in den Augen von Haytham eine Wut, welche mich erschauern ließ.

     

    Unwillkürlich sah ich mich nach einer Bedrohung hier um, fühlte und nahm aber keinerlei Präsenz wahr, auch unser Sohn war die Ruhe in Person und machte keine Anstalten, Angst zu haben.

    Was war es dann, was uns beide so in Rage versetzte?

    „Mama...aaaaaaaam!“ holte mich mein kleiner Schatz aus diesen dumpfen Gedanken.

    Wir gingen nun in sein Reich und es war wirklich wunderschön hier, es gab sogar Spielzeug und das Bett war einfach ein Traum. Groß wie ein normales Doppelbett, aber es war etwas niedriger und hatte kleine Gitter an den Seiten, damit er nicht hinausfallen konnte. Da hatte jemand beim Bau mitgedacht! Dieser Anblick beruhigte mich etwas, aber nur ein ganz kleines bisschen, muss ich gestehen.

     

    Auf dem Weg hinunter und in den hinteren Garten, betrachtete ich die Gemälde an den Wänden. Sie hätten auch von sonst wem sein können. Kennt ihr diese Fakebilder in Bilderrahmen, die man so kaufen kann? So kam es mir hier vor, aber Haytham klärte mich auf, dass es die Vorbesitzer dieses Schlosses seien und dann standen wir vor einem Porträt eines Herren, welcher erhaben an einer Stuhllehne stand und mit erhobenem Kinn einem direkt in die Augen zu schauen schien.

    „Das ist Maître Birch, Maîtresse Kenway.“ meinte Emanuel, der Verwalter, an mich gerichtet, vermutlich weil er meinen fragenden Ausdruck bemerkte.

    Ich hatte mir den gealterten Großmeister des britischen Ritus immer etwas, nunja, imposanter vorgestellt. Dieser Mann war ja nicht mal annähernd so autoritär wie mein Mann, Lucius oder mein Mentor.

    Glaub mir, wenn Reginald wollte, konnte er auch ganz anders in Erscheinung treten. Frag einfach mal beizeiten Lucius! Sogar Braddock kuschte hin und wieder vor ihm, bevor er sich vom Orden abwandte! Erklärte Haytham neben mir.

     

    Draußen trafen wir auf einige Angestellte, welche den Mittagstisch deckten und erst jetzt nahm ich das Grummeln in meinem Magen wahr. Es roch herrlich nach Kräutern und Gebratenem!

    „Ham“ meinte Edward zappelnd auf meinem Arm und auch bei ihm hörte ich es knurren.

    Und ehe wir uns versahen, konnten wir uns setzen mit den Worten, der Rest der Besichtigung würde dann später erfolgen.

    Wir aßen zu Mittag und auch Mrs. Wallace hatte wieder Appetit, was mich unendlich freute. Für einen Moment blieb ich an ihrem Gesicht hängen und bestaunte die glatte Haut. Dort wo noch vor einigen Tagen die Falten waren, sah es aus, als hätte man darüber gebügelt und auch ihre Augen hatten einen neuen Glanz angenommen. Wenn ich ehrlich bin, ich hatte mir diese Frau nie genauer angesehen, weil sie einfach da war und… ich hatte tatsächlich ein schlechtes Gewissen plötzlich, weil ich sie immer nur als anwesend wahrgenommen hatte. Es war halt so, sie war da und gehörte dazu…

    Du brauchst kein schlechtes Gewissen haben, es freut mich eigentlich, dass du so selbstverständlich von Anfang an mit mir umgegangen bist. Snotras wohlige Stimme ertönte in meinem Geist und ich lächelte ihr zu. Sie war mir von Anfang an sympathisch, sie war… nett und hat mich unterstützt. Auch wenn ich mich über dein Kochverhalten beschwert habe im Fort George. Ihr Lachen klang hell und ließ mich diesen Augenblick wieder vor meinem inneren Augen sehen!

     

    Mrs. Wallace übernahm nach dem Essen unseren Sohn und brachte ihn ins Bett, was er ohne Maulen über sich ergehen ließ.

    Somit hatten Haytham und ich jetzt einen Moment für die weitere Besichtigung. Jetzt aber war er es, der mich herumführte und mir die Ställe zeigte, den Gemüse- und Kräutergarten und auch diesen wunderschöne Obstgarten. Es gab Sträucher mit Brombeeren und Himbeeren, leider waren noch nicht alle reif nur ein paar wenige, aber die ließ ich mir einfach schmecken. Eine Wohltat, mal wieder, wenn man nichts abspülen musste!

     

    Plötzlich hielt Haytham inne und stand einfach auf dem Rasen. Sein Blick ging ins Leere und ich folgte ihm, sah aber nichts. Auch konnte ich nicht in seinen Geist eindringen, mein Mann wollte in Ruhe gelassen werden.

    Solche Momente machten mich immer nervös und ich ging ein wenig weiter, bis ich die große Sonnenuhr inmitten eines runden Kiesbeetes sah. Für einen Moment war ich an ein altes Videospiel erinnert, wo es ein Rätsel um dieses Konstrukt gab und automatisch sah ich mich genauer um.

    „Mi sol, was suchst du? Hast du etwas verloren?“ hörte ich Haytham hinter mir und er klang sehr belustigt. Kein Wunder, ich hockte hier auf dem Schotter und besah mir den Unterbau der Uhr. Das muss für jeden „normalen“ Menschen seltsam aussehen und ich stand grinsend wieder auf.

    „Ich habe nichts verloren, aber manchmal… ach vergiss es einfach.“ redete ich abwinkend und hoffte, er gäbe Ruhe.

    „Warum sollte ich, ich finde dich hier auf allen Vieren auf dem Boden, was schon sehr verlockend aussah und dann dein prüfender Blick auf den Stein gerichtet dabei… Verzeih wenn ich mich dann frage, was du genau suchst!“ seine hochgezogene Augenbraue brachte mich dann doch zum Reden.

    Ich erzählte ihm von diesem Videospiel, wo besagte Lara Croft ein Rätsel um eine Sonnenuhr lösen muss.

    „Und du meinst, hier gibt es etwas ähnliches?“ nun begann auch er sich genauer umzusehen. „Vielleicht sollten wir uns demnach mal im Keller etwas genauer umsehen, vielleicht …“ doch ich hörte in seiner Stimme einen spottenden Unterton und stieß ihm meinen Ellbogen in die Seite.

    „Verarschen kann ich mich alleine, man. Ich weiß doch auch nicht, es sah halt … seltsam aus.“ meinte ich lachend und hatte seine flache Hand auf meinem Hintern.

    „Mi sol, deine lose Zunge und… könntest du mir bitte diesen Ausdruck erklären? Du kannst bitte WAS machen?“ ich sah aber, er hatte bereits eine neue Lektion im Kopf für mich.

    „Das heißt, du sollst mich nicht auf den Arm nehmen, Master Kenway.“ hauchte ich an seiner Halsbeuge und zog dann seinen Mund zu mir herunter. Seine Bilder im Kopf ließen mich einfach so an Ort und Stelle zerfließen.

    „Ich sagte ja, den Keller sollten wir näher untersuchen beizeiten, Mistress Kenway.“ seine Stimme war rau und atemlos. Seine Arme schlangen sich um mich, hielten mich an sich gepresst, bis wir uns etwas beruhigt hatten.

     

     

    Kapitel 4

     

    *** Alex´ Paradies und ein geheimer Raum ***

     

    Auf dem Weg wieder zurück auf die Terrasse, zeigte er mir noch den Taubenschlag und den Fuhrpark. Im Kopf begann ich das Ganze durchzurechnen, was das alles kosten würde, wurde aber von meinem Mann unterbrochen.

    „Keine Sorge, das Ganze ist fast selbst tragend und die Angestellten versorgen sich hier selber. Bleiben die Instandhaltungskosten und die Gehälter. Aber auch das habe ich seit Jahren im Griff, mi sol. Und vergiss nicht, die Anlagen, die mein Vater beizeiten getätigt hatte, bieten eine stabile Grundlage.“ das beruhigte mich etwas.

    „Es ist wirklich wunderschön hier!“ sprach ich jetzt leise und drückte seinen Arm dabei. „Hast du eigentlich sehr viel Zeit hier verbracht, Haytham?“

    „Einige Jahre, bis ich offiziell in den Orden aufgenommen wurde und entsprechend auf die Missionen geschickt wurde. Reginald hatte für mich Hauslehrer angestellt, jedoch hatte ich hier zu meiner großen Freude einen Kammerdiener und keine Kindermädchen mehr!“ wer konnte es ihm verübeln, hier waren diese Damen nicht mehr von Nöten, der junge Kenway brauchte lediglich noch jemanden, der sich um sein Wohl sorgte.

    Haytham erzählte mir von seinem Training hier auf dem großen Rasen, wo er vorhin noch Gedankenverloren vor sich hin gestarrt hatte. Deswegen war er so weggetreten, seine Gefühle waren dabei ihn zu übermannen.

    „Wenn ich ehrlich sein soll, man hat dich wirklich sehr gründlich ausgebildet. Wirst du auch Edward so intensiv unterrichten?“ kam es mir plötzlich in den Sinn.

    „Natürlich, auch er muss vorbereitet werden.“ diese Selbstverständlichkeit in seinen Worten war mal wieder etwas erschreckend für mich, weil ich einfach anders aufgewachsen bin und ich spürte wieder, dass ich loslassen musste und mich den Gepflogenheiten dieser Zeit anpassen musste.

     

    Am Abend, als unser Sohn im Bett war in seinem Zimmer, was mir immer noch sehr missfiel!, zeigte mir Haytham die hiesige Bibliothek und ich konnte wirklich ganz in Ruhe durch die Regale schauen. Er verstand es mich abzulenken. Du meine Güte, es war einfach unglaublich und dieses Gefühl von „ich bin im Paradies“ überkam mich wie immer, wenn ich so etwas sah.

    Ich entdeckte Schriften über die irische Mythologie, es gab dicke Wälzer über meine nordischen Götter und was natürlich nicht fehlen durfte, die hauseigene Bibel. Die überging ich aber schnell, weil sie mich nicht interessierte.

    Einige Enzyklopädien über Ethik, historische Abhandlungen über das Hängen als Hinrichtungsform zum Beispiel bis hin zu kleinen Romanen von mir unbekannten Autoren, waren hier vertreten!

    „Da werde ich in den nächsten Tagen genügend Lesestoff haben, mi amor.“ seufzte ich glücklich und ließ mich auf das kleine Sofa sinken. Haytham reichte mir ein Glas von dem französischen Portwein und ich lehnte mich an seine Schulter.

    „Hätte ich Reginald anders bestrafen sollen?“ seine unsichere Stimme ließ mich aufhorchen, zumal dieses Thema so überraschend kam.

    „Wenn ich ehrlich bin, ja, dass hättet IHR! Im Grunde hast du dich gerächt und soviel weiß ich über den Templerorden, dass DAS nicht zu den Lehren zählt. Auch wenn Reginald es verdient hat.“ ich seufzte tief und dachte daran, dass auch ich diesen Mann schon früher hätte um die Ecke bringen können. Was wäre aber dann mit Familie Kenway passiert?

     

    „Nein, ich habe damals eine Entscheidung getroffen, welche mir richtig erschien. Du hättest Jenny damals sehen sollen, sie war alt geworden und hatte diesen Hass auf ihn in ihren Augen… Meine Schwester brauchte diese Rache, genau wie ich auch. Oder auch Faith bei Zoe zum Beispiel.“ sprach er mehr zu sich, als mit mir. Doch er hatte recht und ich nahm seine Hand und drückte sie einfach zur Bestätigung.

    „Auch ich habe Entschlüsse gefasst, welche vielleicht nicht immer richtig waren. Aber was zählt ist doch das jetzt und hier, oder nicht?“ meine Stimme war kaum zu hören, weil bei mir ein schlechtes Gewissen im Bezug auf Marius wieder hochkam. Ich schüttelte diesen Gedanken aber von mir!

    „WIR zählen, mi sol. Unsere Bestimmung und unsere Aufgabe ist wichtig, daran sollten wir festhalten und unseren Sohn immer daran erinnern!“ jetzt trat ein Lächeln in sein Gesicht und ich wurde etwas ruhiger.

     

    Plötzlich stand mein Mann unvermittelt auf, zog mich ohne etwas zu sagen hoch und führte mich in einen Raum neben dem Arbeitszimmer. Dieser war durch eine Geheimtür nur zu betreten und ich staunte nicht schlecht als ich ihn betrat. Nein, nicht weil überall Spinnweben hingen, sondern weil es hier eine beachtliche Sammlung an alten Rüstungen, Schwertern und Pistolen gab.

    Haytham entzündete eine Fackel an der Wand und erleuchtete so nach und nach diese Waffen- und Rüstkammer!

    In einigen Regalen waren kleine Kisten, welche staubig und völlig eingewebt waren über die Jahre. Hier war schon lange niemand mehr gewesen, vermutlich wusste auch niemand von dieser Geheimtür!

    „Alex, wir suchen doch nach einigen bestimmten Artefakten, richtig? Mir ist gerade eingefallen, dass auch Birch einiges zusammengetragen hatte. Leider hatte ich nie die Gelegenheit mir das alles genauer anzusehen. Und als er dann beerdigt war, sind wir von hier aufgebrochen und waren hier gar nicht mehr drin!“ er klang wie ein kleiner aufgeregter Junge und ließ mich schmunzeln. Diese Art stand ihm einfach!

     

    „Gibt es eine Art Bestandsliste von den Dingen, die hier lagern? Vielleicht müssen wir gar nicht immer so weit reisen um die Gegenstände zu finden.“ langsam breitete sich auch in mir eine freudige Stimmung aus, weil wir unserem Ziel näher kamen und das vielleicht ohne großen Aufwand.

    „Ja, warte einen Moment… sie ist… hier.“ Haytham hatte in einer der Schubladen des Schreibtisches ein Buch gefunden und reichte es mir.

    Ich hielt es in das Licht der Fackeln, doch leider verflog meine Euphorie so schnell wie sie gekommen war. Die Sprache auf dem Einband war hebräisch! Verdammt nochmal! „Kannst du vielleicht diese Sprache, mi amor?“ grinste ich ihn an und Haytham ließ die Schultern sinken.

    „Das ist doch nicht wahr! Alles wird immer verschlüsselt, oder in fremden Sprachen verfasst! Vielleicht finden wir hier aber einen Dolmetscher, der uns kurzfristig helfen könnte!“ sein Optimismus reichte für uns beide und ließ mich etwas zuversichtlicher nach vorne sehen.

     

    Ich nahm Stichprobenartig eine kleine Kiste aus einem Regal und stellte sie, nachdem ich sie abgewischt hatte, auf den Schreibtisch. Sie war nicht verschlossen, also ging ich davon aus, dass nichts spektakuläres darin sein konnte.

    Ich hob den Deckel an und sah eine goldene Kette mit einem blauen Saphiranhänger, welcher umrahmt von Diamanten war. Das muss ein Vermögen sein!, ging es mir durch den Kopf. Der Saphir hatte einen Durchmesser von locker 3 Zentimetern und war in Herzform geschliffen.

    Vorsichtig ließ ich meine Finger darüber gleiten und meine Fingerspitzen begannen zu prickeln. Erschrocken zog ich meine Hand zurück und Haytham zuckte ebenso zurück.

    (Beispielbild!!!!!)

     

    „Wir sollten hier nichts anfassen, ehe wir nicht wissen, womit wir es zu tun haben. Ich will keine bösen Geister wecken, Haytham!“ meinte ich ängstlich, weil mir gerade klar wurde, dass die Vorläufer ja auch noch einen Einfluss hatten und der war nicht zu verachten!

    „Dann lass uns morgen noch einmal mit unserer Liste hierher kommen. Vielleicht können wir schon einmal grob aussortieren, was für uns wichtig ist und was, nun ja, unnütz ist.“ er stellte die kleine Kiste wieder zurück aufs Regal und wir löschten die Fackeln.

     

    Mittlerweile war es gegen elf Uhr nachts und die Müdigkeit überkam mich.

    „Lass uns schlafen gehen, morgen werden wir sicherlich wieder früh geweckt.“ kam es von meinem Mann, als hätte er meine Gedanken… ja, natürlich hatte er das!

    In unserem Zimmer war es still und ich lauschte auf Geräusche aus Edwards Zimmer, vernahm aber nichts. Jetzt wurde ich doch wieder etwas unruhig und wollte gerade die Tür öffnen, als mich mein Mann abhielt.

    „Alex, lass ihn schlafen. Wenn etwas ist, dann meldet er sich! Es sind nur ein paar Meter zwischen uns.“ damit drehte er mich entschieden zu sich um und ließ Magda und Michael kommen, damit sie uns beim Umziehen helfen konnten.

    Ich ließ ihn die ganze Zeit nicht aus den Augen, weil ich ehrlich gesagt immer noch über sein Verhalten sauer war. Auch wenn ich mir eingestehen musste, dass ich ihm ja versprochen hatte, dass Edward nur solange bei uns bleibt, bis ich ihn nicht mehr stillte. Ich fluchte über mich selber und ließ mich dann frustriert auf das Bett fallen, welches wahnsinnig weich war. Die Matratze bestand also aus Wolle und war frisch befüllt worden! DAS besänftigte mich dann ein wenig und ich rollte mich in meine Decke.

     

    Gerade als ich mich um meinen Mann schlingen wollte, kam er über mich und bedeckte meinen Mund mit Küssen.

    „Haytham…“ zu mehr kam ich aber nicht wirklich, weil seine Hände gierig über meinen Körper wanderten und begannen, jeden Zentimeter einzunehmen.

    Mein Nachthemd war schnell hochgeschoben und sein Hemd lag in Sekunden neben uns. In diesen grauen Augen las ich seine Lust, seinen Wunsch mich zu haben und seine Lektion von vorhin setzte er in die Tat um.

    Bei Gott ich habe dich die ganzen Tage vermisst, mi sol.

    Er schob mein Hemd jetzt über meinen Kopf, machte aber keine Anstalten, es mir ganz auszuziehen. Im Gegenteil, er nutzte den Stoff wie eine Art Fessel an meinen Handgelenken.

    In seinem Geist las ich, dass er genau DAS gerade sehr genoss und mich jetzt unter Kontrolle hatte. Und ich genoss es umgekehrt, eben diese abzugeben, mich ihm ganz hingeben zu können.

    Ein Aufbäumen von ihm mit meinem gestöhnten Namen auf den Lippen, zeigte mir, dass mein Mann dieses kleine Zwischenspiel sichtlich genossen hatte. Vorsichtig fuhr er mit seiner rechten Hand an meinem Po entlang und den Oberschenkel hinunter. Seine Berührungen ließen mich zusammenzucken, da meine Haut durch seine doch sehr intensive Zuwendung gereizt war.

     

    Langsam wanderte sein Mund zu meiner Körpermitte und hinterließ wohlige Schauer auf dem Weg. Seine Lippen und seine Zunge brachten mich zu einem wunderbaren Höhepunkt und ließen mich erzittern. Ein leises „Oh bei Odin…“ während ich ihm mein Becken entgegen reckte, war alles zu was ich gerade fähig war.

    Vorsichtig taucht er wieder über mir auf, küsste mich und ließ mich mich selber schmecken.

    „Ich bin immer wieder von deiner Hingabe fasziniert, mi sol. Vor allem, dass du ohne zu murren die Arme oben behalten hast.“ ein verschmitztes Grinsen erschien auf seinem Gesicht.

    „Hätte ich einfach in deine Haare gegriffen, wäre es vielleicht nicht so schön für mich ausgegangen.“ meinte ich ebenso grinsend und zog ihn wieder zu mir herunter. Mittlerweile lag mein Nachthemd ebenfalls neben mir.

    Mein Mann deckte uns beide zu, als er sich neben mich legte und zog mich zu sich. Mein Arm und mein Bein schlangen sich um ihn und ich hörte seinen ruhiger werdenden Herzschlag an meinem Ohr, was mich langsam einschlafen ließ.

     

    *** Der erste Tag im Chateau ***

     

    30. Juli 1764

     

    „Mamaaaaaaaaaaaaa!!!“

    Erschrocken fuhr ich zusammen und musste meine Sinne sammeln. Es war gerade dabei zu dämmern und ich musste mich im Zimmer erst einmal zurecht finden. Wo war Edward? Wo war mein Nachthemd und… hektisch suchte ich danach und stieß etwas unsanft meinem Mann in die Seite, welcher diese Aktion knurrend kommentierte.

    „Alex, er ruft nur nach dir. Mach dich nicht verrückt…“ und damit reichte er mir mein zerknittertes Nachtgewand.

    „Danke!“ gab ich etwas unwirsch von mir, zog es an… natürlich falsch herum… Bei Odin!!! Endlich angezogen öffnete ich die Tür zum Zimmer unseres Sohnes, welcher schon direkt vor meinen Füßen weinend auf dem Boden saß.

    Mrs. Wallace war ebenfalls schon, wenn auch verschlafen, im Raum erschienen, doch ich konnte sie mit ruhigem Gewissen wieder in ihr Quartier schicken. Ein Lächeln auf ihren Schützling und sie verabschiedete sich.

    „AAAAAAAAAAAAMMMMMMM!“ brüllte er nun noch lauter und frustrierter. Edward war wirklich sauer, er kam zwar alleine aus seinem Bett, aber noch nicht an diese hohen Türklinken heran!

    „Min lille skat, beruhige dich. Komm, wir ziehen dir eine frische Windel an und dann kannst du noch bei Mama und Papa kuscheln.“ sprach ich leise und ging mit ihm auf dem Arm zu der kleinen Kommode.

    Während ich ihn saubermachte und neu anzog, begann er wieder zu quasseln. „Nini… nein… Sisi …. daaaaa… mein….“ und über sein kleines Gesicht huschte ein Strahlen. Er sortierte, wer hier war und wer nicht.

    „Genau, Tante Jenny kommt uns aber zu Weihnachten zuhause besuchen. Und Sybill ist immer bei dir, min lille skat!“ ich drückte Edward an mich und gab ihm einen dicken Kuss, was er mit einem „iiiiiiiiiiiiihhhhhhhhhh“ quittierte. Aber ich bekam einen seiner nassen Schmatzer auf die Wange, ich nannte sie liebevoll „Schneckenküsse“.

     

    Wieder im Zimmer bei Haytham saß dieser schon im Bett und hatte sich ein Buch geschnappt.

    „Du hättest uns ruhig Gesellschaft leisten können, mi amor. Stattdessen bleibst du faul im Bett und gibst dich Abenteuergeschichten hin, so gut hätte ich es auch gerne mal.“ lachte ich und ließ Edward zu seinem Vater krabbeln.

    „Ich muss mich doch weiterbilden, damit ich diesem kleinen Quälgeist etwas von den spannenden Abenteuern der Seefahrer berichten kann! Stimmt es nicht, Edward?“ mit Schwung zog er seinen Sohn zu sich auf den Schoß und begann ihm aus dem Buch vorzulesen.

    Eine Piratengeschichte, wenn ich es richtig deutete, wenn auch sehr haarsträubend geschrieben und mir ging das Tagebuch von Edward Senior durch den Kopf. „Ich hatte noch nie jemandem die Nase abgeschnitten… aber jetzt musste es auch noch ausgerechnet die vom Smutje sein…“ bei den Worten kicherte ich vor mich hin, weil ich ihn mir gerade in seinem feinen Zwirn dabei vorstellte und nicht in der Assassinen-Montur… doch ich schweife ab, verzeiht.

    Plötzlich hörten wir ein leises fragendes „Opaaaaa?“ von unserem Sohn und er sah von einem zum anderen.

    Wie schnell begann dieses Kind bitte mit dem Sprechen?

    Ich sah meinen Mann an, welcher mich ebenso staunend betrachtete. „Edward, genau, du hast Recht. Dein Großvater war auch ein Pirat, wie hier im Buch!“ kam es von Haytham, wenn auch recht zögerlich. Wir waren uns aber einig gewesen, ihm die Wahrheit von Anfang zu erzählen!

    Und dann klatschte der kleine Kenway freudig in die Hände und zappelte auf Haythams Schoß herum und rief immer wieder „Opaaa… Opaaaaaa“ dieser Anblick war einfach herzzerreißend.

     

    Er sieht mich tatsächlich vor sich, wenn ihr ihm Geschichten erzählt, Alex. Und ich sehe jetzt, dass er weit mehr in meine Fußstapfen treten wird, als ich angenommen habe.

    Diese Worte hörte ich, sah aber meinen Piraten nicht und dann war er auch schon wieder komplett verschwunden. Ich seufzte, setzte mich zu meinen Männern und lauschte der Geschichte aus dem Buch. Noch war kein Frühstück fertig, was aber klein Edward nicht davon abhielt um seinen kalten Tee zu betteln.

    Kapitel 5

     

    *** Ein kurzes Zwischenspiel mit Frosch ***

     

    Wir erhielten beim Frühstück die Nachricht von Madame Jomphe, dass sie uns übermorgen besuchen würden. Leider wären sie verhindert gewesen, als wir in Calais angelegt haben und bedauerten es sehr.

    Diese Handschrift war so wunderschön geschwungen, dass ich neidisch wurde. Meine geschriebenen Worte sahen immer noch krakelig aus, weil ich es einfach nicht so gut mit der Feder hinbekam. Bei Zeiten sollte ich mir eine Metallfeder fertigen lassen., ging es mir durch den Kopf.

     

    Das hieß jetzt, wir hätten noch zwei freie Tage, in denen wir uns hier einrichten konnten und ich war froh darum. So konnte ich vielleicht auch ein bisschen die Wälder hier erkunden und wir hätten wirklich eine kleine Auszeit von allem Trubel, Stress und den bösen Göttern!

    „Mistress Kenway, soll Edward euch auf eurem Spaziergang begleiten?“ fragte Sybill und ich sah, sie würde auch gerne mit dabei sein.

    Also machten wir uns fertig und drei Wachen schlossen sich uns an in den Wald.

    Mein Mann zog es vor, sich die Liste der zu suchenden Artefakte anzusehen und dann auch gleich den Artefakten-Raum zu inspizieren.

     

    Leider mussten wir nach kurzer Zeit feststellen, dass die Gegend hier recht unspektakulär war und es nichts spannendes zu entdecken gab. Bis auf ein paar Rehe, Eichhörnchen und Hasen sahen wir nichts.

    Aber wir sahen auch nicht mit den Augen eines Kleinkindes! „Ha!“ kam es freudig von Edward und er schmiss sich in den Dreck. Langsam rappelte er sich wieder hoch und hielt etwas in seinen kleinen Händchen. Ich kniete mich vor ihn und gerade als ich fragen wollte, was er da gefangen hatte, kicherte klein Kenway vor sich hin.

    Vorsichtig hob ich einen seiner Finger und sah einen kleinen Frosch, welcher zusammengekauert in seiner Höhle hockte.

    Es war mir nicht möglich meinem Sohn dieses Tier abzunehmen. Weder zureden noch erklären… es brachte nichts. „Mit…. Mein!“ Anscheinend eines von Edwards Lieblingswörtern mittlerweile „MEIN“ … nun gut, dann soll er ihn mitnehmen. So könnte ich ihm auch zeigen, wie man sich um ein Tier kümmert, wie man es füttert und so weiter.

     

    Im Chateau angekommen, bat ich eines der Küchenmädchen um ein großes Glasgefäß. Ich würde nun eine Art Terrarium für diesen Frosch einrichten und Edward konnte mir helfen. Gesagt getan. Der Laubfrosch Mit einem Tuch abgedeckt, in das wir Löcher geschnitten hatten, stellten wir das Behältnis nun hier auf die Terrasse. Mit meinen doch eher dürftigen Kenntnissen hoffte ich, dass dieser kleine Hüpfer länger als nur zwei Tage überleben würde.

    Gebannt sah Edward seinem ersten Haustier dabei zu, wie er an den Zweigen und Blättern emporkletterte.

    „Wir müssen auch für das Essen sorgen, min lille skat. Auch dein Frosch hat Hunger, genau wie du auch!“ erklärte ich, während seine kleinen Finger das große Glas immer wieder anstupsten.

    Eigentlich behagte es mir nicht, dieser Frosch gehörte in die Natur. Sollte ich ihn einfach nachts wieder aussetzen und es wie einen Ausbruch aussehen lassen. Moment mal, plante ich für einen kleinen grünen Hüpfer wirklich so eine Aktion? Aber ich musste selber dabei grinsen.

    Doch der neue Mitbewohner hatte schon andere Pläne, ihm behagte seine Unterbringung eben sowenig und als wenn Edward es gespürt hätte, fummelte er an dem Tuch herum.

    „Soll ich es abnehmen? Möchtest du den Frosch rauslassen?“ fragte ich meinen Sohn leise.

    Mit Tränen in den Augen nickte er und warf sich in meine Arme. Ich war etwas perplex, also übernahm Sybill die Freilassung. Warum ich nun auch in Tränen ausbrach, kann ich gar nicht sagen, aber es war so herzzerreißend, wie Edward hinter diesem kleinen Lebewesen hersah und sogar winkte. Und das mit nicht mal 8 Monaten!, dachte ich und schluckte schwer.

     

    „Habe ich etwas verpasst oder vergessen, weswegen man hier den Tränen nahe ist?“ hörte ich meinen Mann plötzlich und unser Sohn rief gleich „Papaaaa… AAAAAMM!“

    Ich erklärte, was vorgefallen war und erntete einen weiteren fragenden Blick.

    „Es war nur ein Frosch, Edward!“ Haytham nahm seinen Sohn auf den Arm und begann ihm zu erzählen, woher diese Tiere kamen und dass man sie nicht einsperren sollte. Sagte der Mann, welcher fasziniert vor einem eingepferchten Löwen im Londoner Tower gestanden hatte! Doch ich verkniff mir einen Kommentar!

     

    Am späten Nachmittag erhielten wir eine weitere Nachricht und zwar dieses mal von dem niederländischen Händler, Mr Jon de Gooijer! Ihn hatte ich ehrlich gesagt ein wenig verdrängt und erst jetzt fiel mir sein Amulett wieder ein, welches er geerbt hatte.

    Er hatte über die Eheleute Jomphe erfahren, dass wir nun endlich in Frankreich eingetroffen waren und hatte sich sogleich auf den Weg gemacht. Er wollte keine Zeit mehr verlieren. Mr de Gooijer bat um ein Treffen in Paris, weil er einige Zeit dort geschäftlich zu tun hatte und unter anderem auch auf einem Ball zu Ehren von König Ludwig XV. eingeladen war.

    In seiner Nachricht lag ein Umschlag mit königlichem Siegel von Ludwig XV. Vorsichtig nahm ich ihn in die Hand und mich durchströmte eine gewisse Ehrfurcht!

    „Mi sol, bist du jetzt zu den wahrsagenden weisen Frauen gewechselt, oder warum starrst du diesen Brief an, als könntest du seinen Inhalt erahnen?“ Haythams mehr als amüsierte Stimme klang an mein Ohr und ich warf ihm einen bösen Blick zu. Meine Zunge zeigte dann mein Missfallen um so deutlicher, nicht nur meine, auch Edward tat es mir gleich und kicherte dann drauf los. Ach ja, wir mussten aufpassen, was wir taten, dieser kleine Mann machte uns gerne nach und das könnte mitunter nicht so leicht zu rechtfertigen sein.

     

    Ludwigs Notiz enthielt eine Einladung zu einem Sommerball am 12. August!

    Ich starrte immer noch diese an Haytham und mich gerichteten Zeilen an. Es war damals schon eine unglaubliche Erfahrung King George III persönlich zu treffen und nun hier auch den französischen derzeit amtierenden König? Das ging etwas über meinen Horizont und ich reichte meinem Mann das Schriftstück, stand auf und ging in den Garten!

    Meine Gefühle fuhren gerade Achterbahn. Ich hatte Angst, etwas falsch zu machen, ich freute mich riesig darüber, so eine historische Persönlichkeit kennenlernen zu können, dazu gesellte sich meine Schüchternheit, was diese großen offiziellen Anlässe anging… Und hatte ich überhaupt etwas passendes zum Anziehen? Bei Odin, ich klang wie so ein schnöseliges neureiches Vögelchen!

    Ich hob mein Kinn, straffte die Schultern und sah in den Wasserspiegel des Teiches unter mir. Gerade als ich den Mund auf machte um mir Mut zu zusprechen, sah ich ein Bild, welches nicht wirklich ich war… seltsam geflochtene Haare… über dem linken Auge eine Tätowierung…

    Ich schreckte zurück. Das hatte ich schon einmal gesehen! Meine Vorfahrin?

     

    Langsam beruhigte ich mich wieder und blickte vorsichtig erneut in das Wasser. Dieses Mal aber sah ich MEIN Spiegelbild.

    „Mamaaaaaaa… Aaaaaaaaaaaaaam!“ kreischte es neben mir und ich fiel unsanft auf meinen Hintern vor Schreck. Ein kleiner kichernder Kenway stand vor mir und warf sich auf meine Brust. Dann erschienen in meinem Blickfeld schwarze Stiefel, welche zu meinem Mann gehörten und ich sah grinsend zu ihm auf.

    „Geht es dir besser, mi sol?“ er reichte mir seine Hand und zog mich hoch, mitsamt unseres Sohnes.

    „Danke, es geht schon wieder. Es ist einfach unfassbar, was ich an Historie noch alles erlebe und dabei sein kann. Das überwältigt mich einfach.“ dabei sah ich auf meinen kleinen Schatz, welcher an meinen Ketten herumhantierte und vor sich hin brabbelte.

     

    Wir würden jetzt das Treffen mit unseren Kontaktpersonen abwarten und dann nach Paris aufbrechen. Die Reise würde auch noch ein paar Tage in Anspruch nehmen, so sagte man mir später beim Abendessen und innerlich stöhnte ich, weil ich die Befürchtung hatte für diesen Zeitraum meine Blutung wieder zu haben. Das würden ja lustige Tage werden!, im wahrsten Sinne des Wortes.

     

    Haytham brachte mich aber auf andere Gedanken und erzählte von seinem Fund in der Artefaktenkammer.

    Wie vermutet gab es 5 Teile von unserer Liste, zumindest dem Aussehen nach, die dort verwahrt wurden.

    Besagtes und bereits in Augenschein genommenes „Herz des Ozeans“ konnten wir abhaken und mir fiel ein, woher ich es kannte. Und jetzt nennt mich kitschig, aber es hing mit „Titanic“ zusammen und ich sah diesen Film wieder vor mir.

    Hannibals „Trinkpokal“, mit welchem er immer auf Siege mit seinen Leuten anstieß war auch dort versteckt. Nicht zu verwechseln mit dem „Heiligen Grahl“, den suchten wir nämlich tatsächlich NICHT!

    In einer Truhe war Haytham dann fündig geworden was die zwei Steintafeln aus dem versunkenen Atlantis anging. „Es fühlte sich seltsam an als sie vor mir lagen. Es war, als würde um mich herum Wasser sein. Leider konnte ich die Hieroglyphen nicht entschlüsseln.“ seufzte Haytham frustriert. Wir würden sicherlich noch jemanden finden, der das alles übersetzen konnte und zur Not schickte ich Bilder in Gedanken an Faith.

     

    Plötzlich sah mein Mann mich aber seltsam an, betrachtete mich fragend von oben bis unten und sagte dann „Dort ist auch das Schwert des Arminius, welches er in der Schlacht im Teutoburger Wald geführt hat. Von ihm ging etwas aus, was mich an dich erinnert hat. Außerdem gibt es auch die römische Standarte mit dem goldenen Adler hier.“ immer noch sah er mich an, als ob er überlegen müsse, ob ich real bin.

    „Nun, ich bin Deutsche, Haytham. Da kann es doch durchaus vorkommen, dass Gegenstände, welche dort in Schlachten oder ähnlichem genutzt wurden, das bewirken. Aber lass uns die Übersetzung der Bestandsliste abwarten und schauen, ob Reginald eventuell noch weitere Erklärungen dazu geschrieben hat.“

     

    Es war aber sehr befriedigend zu sehen, dass wir voran kamen und im Stillen musste ich jetzt doch Master Birch loben, dass er so tatkräftig seinen Wunsch, mehr über die Vorläufer zu erfahren, durchgesetzt hat.

    „Er war wirklich stellenweise wie besessen. Damals habe ich es oft nicht verstanden, erst als ich auf der „Providence“ Vaters Buch ein paar Mal gelesen hatte, konnte ich seinen Enthusiasmus nachvollziehen!“ Er beschrieb es als eine Art „erleuchtet werden“ und grinste dabei aber, weil es wirklich etwas seltsam klang.

     

    *** Besprechungen und Alltag ***

     

    31. Juli 1764

     

    Ein Tritt in meinen Bauch machte mich wach und ließ mich laut fluchen. Verdammt tat das weh!

    „Edward, das hast du jetzt nicht gehört und entschuldige dich bei deiner Mutter! Du hast ihr wehgetan damit!“ doch so wirklich ernst klangen die Worte von Haytham nicht und ich warf ihm einen bösen Blick zu. Unser Sohn sah mich aufmerksam dabei an und versuchte ebenso zu gucken, aber es klappte nicht. Im Gegenteil, dieses krampfhafte Runzeln der Stirn und die roten Wangen von der Anstrengung waren zuckersüß. Im Nu war meine Laune wieder gestiegen und ich gab meinen beiden Männern ihre verdienten Guten Morgen Küsse. Nur einer von ihnen erwiderte ihn, der andere meckerte herum.

     

    Nachdem wir angezogen waren, konnten wir hinunter zum Frühstück und ich war gespannt, ob es hier auch diese leckeren fluffigen Croissants gab, wie in der einen Herberge auf unserem Weg. Während meiner Recherchezeit daheim, hatte ich nachgelesen, dass es keine reine französische Speise war, sondern ein Österreicher diese Hörnchen erfunden hatte. Konnte mir aber auch egal sein, sie waren einfach lecker und vermisst hatte ich sie hier im 18. Jahrhundert tatsächlich ab und an.

    Der Kaffee hier war ein Traum, sogar noch besser als der in Virginia.

    „Vielleicht wissen Eheleute Jomphes wer für die Lieferungen zuständig ist und welcher Händler die Kaffeebohnen woher genau bezieht.“ Haytham war in seinem Element, weil er mal wieder Nachforschungen anstellen konnte. Ich hingegen witterte einen weiteren Zweig für mein Geschäft.

     

    Das Mittagessen fiel etwas mickrig aus, weil wir am Abend mit unseren Kontakten essen würden. Es würde Reh geben, weil man bereits durchsickern ließ, dass ich keinen Hasen essen würde.

    Ich ging mit Magda nach dem Essen in die Küche, während Sybill Edward zu Bett brachte. Unser Sohn war nicht begeistert, dass er nun schlafen sollte und hatte sogar um sich gehauen. Haytham hatte ihn kurzerhand auf den Arm genommen und seine Hände eisern festgehalten und in einem festen, bestimmenden Ton ihm gesagt, dass es keine Widerworte gibt! Mit zitternden Lippen sah er zu seinem Vater auf, wehrte sich aber tatsächlich weiterhin gegen diesen Griff, gab es dann aber doch auf, weil er einfach nicht dagegen ankommen würde!

    In der Küche erwartete uns das fünfköpfige Fachpersonal, angeführt von Annalies Lacasse, der Frau des Verwalters. Ihre Helferinnen, darunter sogar ein junger Mann von ungefähr 17 Jahren, knicksten brav oder verbeugten sich und warteten auf meine Anweisungen.

    „Wie ich sehe, habt ihr schon mit den Vorbereitungen angefangen. Wir werden zu viert sein und die Gäste erscheinen gegen sechs Uhr am Abend. Für den Aperitif hätte ich gerne Sherry, den trockenen, dazu bitte Obst. Für die Vorspeise soll es eine klare Suppe sein mit Einlage und dazu getoastetes Weißbrot und Weißwein. Die Hauptspeise ist, wie ich sehe schon dabei, zu zubereitet zu werden. Steht der Rotwein schon bereit?“ und damit wandte ich mich an Madame Lacasse.

    „Ja, Maîtresse Kenway. Wir haben ihn schon aus dem Keller geholt. Die Nachspeise, der Früchtekuchen, ist ebenfalls fertig und steht zum Abkühlen dort auf dem Fenstersims.“ ihr Finger deutete in die Richtung.

    „Das hört sich fantastisch an.“ lächelte ich jetzt in die Runde und konnte mich nun unbesorgt wieder verabschieden.

     

    Mit meiner Kammerzofe im Schlepptau ging ich hinauf um ein Kleid für heute Abend auszusuchen. Es sollte nicht zu protzig wirken, aber auch nicht zu billig. Bei der Auswahl mittlerweile kein leichtes Unterfangen, musste sich sogar Magda eingestehen.

    Da fiel mir auch wieder ein, dass mein Mann doch die Verlobung hier in Frankreich offiziell machen wollte. Ich hoffte, dass er es noch tat bevor wir nach Paris aufbrachen, weil ich einfach wissen wollte, wie meine Kammerzofe reagierte. Ich komme aber wieder vom Thema ab.

    Das Kleid war in weiß gehalten, Schulterfrei und hatte einen kleinen „Unterbau“ für die Unterröcke mit dabei. Aber der Stoff war wunderbar leicht und bei den warmen Temperaturen genau das Richtige. Ich konnte es wagen diesen Traum zu tragen, weil Edward nicht mitessen würde, auch wenn ich es mal wieder nicht gut fand. Andere Zeiten…

    Außerdem besprachen wir noch, wie meine Haare gemacht werden sollten und meine Zofe fischte schon Bänder in weiß und dem dunklen grün aus der Schublade meiner Kommode.

     

    Für einen Moment hatte ich jetzt noch etwas Zeit, ehe sich unser Sohn wieder bemerkbar machen würde. Leise schlich ich in sein Zimmer und Mrs. Wallace nickte mir lächelnd zu, während Edward ausgestreckt auf dem Rücken leise vor sich hin säuselte. Ein Anblick der mich einfach zum Dahinschmelzen brachte.

    Unten erwartete mich schon Haytham und hielt unsere Liste in der Hand.

    „Leider gibt es sonst nichts, was sich damit vergleichen ließe. Aber 5 Stücke haben wir schon beisammen, wenn wir richtig liegen. Das ist doch keine schlechte Ausbeute, oder mi sol?“

    Ich stimmte ihm freudig zu und erzählte ihm dann, was ich tragen würde, damit er sich entsprechend anpassen konnte am Abend.

    „Dieses Kleid steht dir übrigens wirklich gut, schon bei der Anprobe konnte ich meine Augen kaum von dir lassen und von meinen Fingern ganz zu schweigen.“ raunte er leise an mein Ohr und mich überlief eine warme Gänsehaut. Noch immer hatte ich meine Probleme mit Komplimenten und nickte eifrig grinsend.

     

    Kapitel 6

     

    *** Bragi und Idun ***

     

    Für einen Moment, als ich eingekleidet war, konnte ich noch mit Edward spielen. Er saß auf dem Boden im Salon und sah sich mit einem der Diener und Sybill ein Buch über die Tiere des Waldes an. Dort wurde auch erklärt, was die Tiere gerne fraßen und wie groß sie wurden.

    Plötzlich kam ein Knurren aus Edwards Mund und wir sahen ihn alle fragend an. Dann zeigte er auf das Bild eines Wolfes. „Nir…“ hörten wir ihn sagen und seine kleinen Arme breiteten sich aus, als wolle er zeigen, wie groß dieses Tier sei. Nir… meinte er Fenrir? Auf meine Frage nickte er eifrig.

    Doch schon hatten es ihm die kleinen Eichhörnchen angetan und er strich vorsichtig über die Bilder.

    „Er lernt unglaublich schnell, mi sol. Auf der einen Seite macht es mir Angst, weil er überfordert sein könnte. Umgekehrt bin ich einfach unglaublich stolz auf diesen kleinen Mann!“ hörte ich Haytham hinter mir.

    „Wenn wir merken, dass es zu viel für ihn wird, dann können wir das Pensum ja auch verringern…“ doch weiter kam ich nicht.

    „Nicht, wenn es um das Kampftraining geht! Bei den wissenschaftlichen oder sprachlichen Fächern kann man sicherlich eine Ausnahme machen!“ seine Arme legten sich beschwichtigend um meine Taille und ich drehte mich etwas, damit ich ihn ansehen konnte.

    „Ich denke, dass werden wir individuell dann abklären.“ ich erntete ein Seufzen, welches mir zeigte, dass ich mich an die Regeln hier halten musste und selber auch noch lernen musste. Ich musste lernen, mehr zuzulassen, als ich es gewohnt war.

     

    Bevor es jedoch ausarten konnte, wurden Laurette und Yves angekündigt. Mein Mann nahm Edward auf den Arm und wir begrüßten die Eheleute.

    Madame Jomphe war etwas größer als ich, blonde helle Haare, welche schon fast golden schimmerten. Ihr Alter war kaum auszumachen, was sie aber mit einem Zwinkern abtat, weil sie … in mir lesen konnte. Ich hatte es mal wieder vergessen.

    Bragi, oder besser Yves, war genauso groß wie seine Gattin, hatte aber leicht schütteres ergrauendes Haar, vielleicht war er Anfang 60. Auch bei ihm war es nicht wirklich zu erkennen.

    Als beide Edward erblickten, stahl sich ein breites Lächeln auf ihre Gesichter. „Da ist ja unser kleiner Schützling, welcher schon so groß ist und immer fleißig lernt.“ ihre Stimme war, jetzt wo ich sie hier live hörte, dieselbe wie in dem Tempel damals.

    „Ja, er ist wirklich sehr groß und er mag euch.“ stellte ich fest, weil er nach Iduns Arm griff. Zwischen den beiden entspann sich eine leuchtende Verbindung und ein Strahlen huschte über Edwards rotwangiges Gesicht. „Idu!“ hörte ich ihn und es klang so glücklich, dass ich fast in Tränen ausbrach.

    „Du bist so artig, mein kleiner Mensch. Du machst das alles schon großartig und jetzt ist es aber Zeit, dass du schläfst.“ meinte sie leise und strich ihm über seine dunklen Haare. Seinen Kopf ließ er an ihre Schulter sinken, nahm seinen Daumen in den Mund und ohne Murren übernahm ihn Sybill. Wir wünschten alle noch ein gute Nacht, dann waren sie verschwunden.

     

    „Seine Fortschritte sind wirklich bemerkenswert!“ begann Bragi ohne Umschweife und sah den beiden noch hinterher. Der Diener räumte die Bücher und das Spielzeug unterdessen weg und wir Erwachsenen konnten uns setzen.

    „Für mich ist es immer noch erschreckend, wie weit Edward ist.“ Haytham klang dabei ehrfürchtig und sah zu unseren Gästen.

    „Es liegt noch ein weiter Weg vor ihm und auch vor euch. Aber das wisst ihr ja bereits.“ lächelte Idun uns nun an. „Aber wir sind ja eigentlich auch noch aus einem anderen Grund hier. Die Truhe ist heile hier angekommen, nehme ich an? Ich habe keinen Verlust spüren können.“ kam es etwas nachdenklich von der blonden Frau.

    „Wohlbehalten steht sie im Arbeitszimmer, neben den anderen Waren. Außerdem wird sie bewacht, 4 Wächter wechseln sich ab, sie zu schützen.“ Haytham war stolz, dass er diese Wachen dann doch noch zusätzlich angeheuert hatte. Bisher hatten sie auch einen guten Job gemacht, musste ich neidlos anerkennen.

    „Ich denke, wir werden uns nach dem Essen dem Inhalt widmen. Ich bin doch zu neugierig, wie es euch geht und es ist immer noch aufregend, euch beide nun endlich auch von Angesicht zu Angesicht sehen zu können.“ sie klang wie ein aufgeregtes Schulmädchen und lächelte von uns zu ihrem Mann.

    „Meine Frau hat mich die letzten Tage ganz verrückt gemacht. Sie wäre vermutlich schon vor Wochen in London erschienen, hätten uns nicht dringende Geschäfte aufgehalten!“ lachte Bragi und sein Blick hing liebevoll an seiner Frau.

     

    In mir herrschte aber ein ähnliches Gefühl und ein ziemliches Durcheinander. Wenn ich es recht verstanden hatte, dann war er so etwas wie der Bewahrer der Chroniken. Und Idun ist nun einmal selbsterklärend, sie ist für die Erneuerung, Jugend und Unsterblichkeit verantwortlich, grob gesagt. Uns hatte sie ja schon überzeugt, weil Haytham und ich von nun an anders alterten als die normalen Menschen. Und wie wir wissen, hatte auch Sybill eine große Portion Jugend erhalten, was mich immer noch wahnsinnig freute. Gerade auch für Edward oder unsere späteren Kinder…

     

    „Damit hat es noch etwas Zeit, Alex. Ihr müsst erst sicher wieder zuhause sein, dann können wir den Nachwuchs in Angriff nehmen. Und ihr seid übrigens nicht die einzigen die sich darauf freuen dürfen.“ grinste sie uns wissend an und sah von einem zum anderen. „Fenrir und Brida werden nächstes Jahr mit einem Fohlen gesegnet sein, ihr seht, während eurer Abwesenheit sind keine großen Katastrophen passiert dort.“ ihr Lachen war so hell und ansteckend, dass ich mit einstimmte.

    „Mein Friese wird Vater? Du meine Güte, da bin ich ja gespannt was uns dann erwartet.“ ich freute mich wirklich auf das Fohlen, auch mein Mann schüttelte ungläubig den Kopf.

    „Das sind doch mal gute Nachrichten!“ kam es dann erleichtert seufzend von ihm.

    Madame Lacasse kündigte kurz darauf das Essen an und wir nahmen auf der Terrasse Platz, weil es doch recht warm noch war.

    Während des Essens unterhielten wir uns über die üblichen Belange, was wir in London sonst noch erlebt haben und wie ich mich eigentlich so zurechtfinde.

    „Ich muss gestehen, die erste Zeit war sehr sehr schwer für mich. Weil mich immer wieder großes Heimweh plagte. Aber Haytham tat immer sein bestes mich abzulenken und ich bin ihm sehr dankbar dafür.“ Das war ich wirklich und drückte seine Hand zur Bestätigung.

    „Wenn man sieht, wie ihr mit einander umgeht, dann können wir beruhigt sein, dass wir das Richtige in die Wege geleitet haben. Auch wenn ihr alle nicht gleich eingeweiht ward in unsere Pläne.“ kam es etwas leise und entschuldigend von Bragi. Doch wir wären die letzten die deswegen noch böse wären.

     

    Für einen Moment gingen wir nach dem Essen durch den hinteren Bereich des Parks und vertraten uns die Beine. Ich hoffte, dass ich gleich wieder sitzen konnte, da ich dem Reh doch sehr zugesprochen hatte und ziemlich satt war.

    „Wie ich gesehen habe, konnte Edward sogar schon kleinere Wunden heilen lassen?“ meinte Laurette etwas nachdenklich.

    „Das stimmt, einen Wespenstich hatte er verarztet. Strengt ihn das aber nicht zu sehr an? Ich meine, er ist noch so klein und…“ fragte Haytham besorgt, doch Bragi ließ ihn den Satz nicht beenden.

    „Es strengt ihn an, auf jeden Fall. Aber genauso schnell erholt sich Edward dann auch wieder. Außerdem macht er es noch nicht ganz richtig, ich möchte es, auch wenn es ungerecht klingt, halbherzig nennen. Seine Fähigkeit zum Heilen ist noch unausgereift, aber meine Gattin arbeitet mit ihm. Euer Enkel hingegen ist mit seinen 22 Jahren vollständig ausgebildet und besitzt ein großes Wissen über den menschlichen Körper!“ so erzählte er uns nebenbei von Alexanders Werdegang und mich überkam ein so großer Stolz als Großmutter, dass ich vermutlich einige Zentimeter wuchs!

    „Franziska hingegen wird die Rolle der Diplomatin und Vermittlerin übernehmen, weswegen wir ihr alle dieses Sprachtalent gaben.“ verkündete Idun zufrieden und sah auf die gerade erst wieder gestutzten Buchsbäume. „Warum lasst ihr der Natur nicht einfach ihren Lauf?“ fragte sie gedankenverloren, während sie über die Blätterstrich.

    „Ich brauche eine gewisse Ordnung und Struktur… es sind andere Dinge, welchen wir ihren Lauf lassen.“ auch mein Mann klang als sei er weit weg und ich sah, wie sich ein Band zwischen ihm und Idun auftat. In mir kroch leise Eifersucht hoch, welche ich nicht wirklich bändigen konnte. Plötzlich spürte ich die Hand Bragis auf meinem Arm und hörte seine Stimme in meinem Kopf.

    Kind, keine Eifersucht, sie ist fehl am Platz! Deinem Mann wird nur gezeigt, wie sich die Natur auch anders entwickeln kann und trotzdem einer gewissen Struktur und Ordnung unterliegt. Wenn auch ihrer ganz eigenen!

     

    Wir sahen vermutlich gerade beide dieselben Bilder, in welchen sich Bäume ihren Weg suchten für die Wurzeln, Blumen einfach dort wuchsen, wo sie es wollten und die Insekten und Tiere folgten diesem wenn auch schwer zu erkennenden Rahmen, passten sich an.

    Wir sollten nicht alles trimmen und uns Untertan machen!, ging es mir durch den Kopf. Aber hier ging es um repräsentative Dinge, wo es die Allgemeinheit nicht verstehen würde, wenn alles einfach wuchern würde.

    Dennoch verstand ich, was sie meinten und ich nahm mir vor, dass wir daheim in Virginia ein wenig der Natur ihren Lauf lassen sollten.

    Was die Bewirtschaftung der Felder anging, war es selbstverständlich nicht möglich, aber mit unserem privaten Garten konnte ich anfangen! Und jetzt freute ich mich umso mehr auf Virginia und unsere Plantage.

    Über Bragis Gesicht lief ein wissendes Grinsen, genauso wie bei seiner Gattin. „Ihr habt es verstanden, das freut mich.“

     

    Im Arbeitszimmer begutachteten die Eheleute Jomphe die Wachen und nickten anerkennend in unsere Richtung. Dann wurde die große Runentruhe auf den Arbeitstisch gehievt und Bragi nahm den formbaren Schlüssel zur Hand.

    Dieser war etwas anders. Er sah geschwungener und runder aus. Auch war er an anderen Stellen biegsam, als die bisherigen, wenn ich es recht in Erinnerung habe.

    Der Deckel wurde angehoben und zum Vorschein kamen alte Papiere, Papyrusrollen, Bücher und auch das passende Schreibzeug konnte ich ausmachen.

    Idun holte sich einen kleinen Stapel zusammengelegter Briefe heraus, die mit einer dicken Schnur umschlungen waren.

    „Da sind sie ja. Briefe von Karl dem V.!“ hörte ich sie freudig rufen! Sofort begann sie darin zu lesen und als ich einen Blick darauf warf, konnte ich kein Wort lesen. Es musste wohl spanisch sein, nunja, kein Wunder. Es war der spanische König welcher 1540 – 1544 Krieg gegen Frankreich bis zum Sieg führte. Fragend sah ich nun die Göttin an.

    „Oh, ich verstehe. Es geht hier um seine irdischen Dinge, welche in Frankreich verblieben sind. Seht, hier steht eine kleine Liste von Dingen, welche sein Leibdiener erstellt hatte, damit man ihm diese von seinem Lohn abziehen konnte.“ Ich schüttelte unwissend den Kopf, denn ich verstand das nicht wirklich. In diesem Falle wurde dem, damals nannte man ihn Leibdiener heute im 18. Jahrhundert hießen sie Kammerdiener, Diener die Schuld an dem Verlust dieser Sachen gegeben und er musste dafür grade stehen. Es war seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alles an Ort und Stelle war und auch blieb!

    Meine Nackenhaare stellten sich auf, weil ich mir gerade die ärmlichen Verhältnisse vorstellte und wenn dann auch noch Geld fehlte wegen dieses unbeabsichtigten Fehltrittes? Nicht auszudenken.

     

    Idun las ein paar Zeilen vor und es war die Rede von einem kunstvollen Rasiermesser mit Elfenbeingriff, welcher großzügig verziert war. Mein Mann hatte als erster die Eingebung, dass wir davon auf unserer Liste gelesen hatten.

    „Madame Jomphe…“

    „Nennt mich Laurette, bitte!“ kam es mit hochgezogener Augenbraue.

    Nun gut… „Laurette, wir haben ein Rasiermesser, auf welches diese Beschreibung passen würde, auf unserer Liste der zu suchenden Artefakte und Relikte. Haytham holt sie gerade.“

    Bragi und Idun warfen sich einen erstaunten Blick zu und dann kam es wie aus einem Mund der beiden.

    „Wie? Es ist auf eurer Liste? Das ist aber unmöglich, weil es nicht zu der Art Artefakt gehört, die …“ sie unterbrach sich selber, als sie ihren Fehler bemerkte. „Es ist keines, wo wir Einfluss darauf haben!“

    Aber mir lief ein Schauer über den Rücken, also gab es tatsächlich unterschiedliche Gegenstände und beide Seiten wussten nicht immer darüber Bescheid!

    „Wie können wir das ganze aber voneinander trennen, oder ist das gar nicht wichtig?“ fragte ich nun nach.

    „Du, Haytham und sogar Edward würden es spüren können. Unser Einfluss geht immer mit einem leichten Leuchten einher. Wohingegen der Einfluss dieser Vorläufer eher eines elektrischen Impuls gleichkommt.“ Den letzten Satz sprach Bragi mit einer gewissen Abscheu. Also waren sich die Götter und die Isu gar nicht immer einig? Das würde auch Odins Verhalten gegenüber Faith oder Lucius erklären!

     

    Der Impuls, das Kribbeln an den Fingern, als ich das „Herz des Ozeans“ berührte! Zu weiteren Überlegungen kam ich nicht, weil mein Mann hier wieder erschien und auf den entsprechenden Teil der Liste zeigte.

    „Ich verstehe…“ kam es lang gezogen von Laurette und sie griff sich grübelnd ans Kinn, als sie ihren Blick über die Papiere gleiten ließ. „Das erklärt einiges!“ kam es dann resolut von ihr und sie sah uns durchdringend an.

    „Es gibt Sachen, bei der Suche können wir euch gar nicht helfen, weil es schlichtweg nicht in unserer Macht liegt. Es übersteigt sogar unseren Horizont, wie ihr Menschen so gerne sagt. Aber wir werden unser Bestes tun, um euch Hilfestellung zu geben. Bis dahin wisst ihr ja jetzt, wo ihr dieses Barbier-Werkzeug finden könnt.“ und ihre Stimme war wieder um einiges friedlicher.

    Unnötigerweise fragte ich nach, ob sie wirklich Paris meinte, dort wo Karl damals einmarschiert war. Die Antwort war klar, doch wo genau, dass konnte man jetzt nicht deuten. Also las sie noch einmal die Briefe und die Notizen durch, kam aber zu keinem schlüssigen Punkt. Das hieß, wir müssten in Paris auf die Suche gehen und die Nadel im Heuhaufen ausfindig machen. Was ein ironischer Vermerk… Heuhaufen… Assassinen… ich weiche vom Thema ab.

     

    Ansonsten gaben die anderen Gegenstände keinerlei wichtige Aufschlüsse preis, nicht für mich oder Haytham. Aber auch Bragi besah sich weiter kopfschüttelnd den Inhalt, griff dann zu der am Grund liegenden Krone und hob sie ins Licht eines Kerzenleuchters. Unbemerkt war es schon ziemlich dunkel geworden, stellte ich jetzt erschrocken fest und orderte noch eine Karaffe Wein.

    „Diese Krone gehörte Guthfrith von Ivar, das geht aus den anderen Schriften in der Truhe hervor.“ ( Guthfrith - nicht ganz offiziell!) In seinen Händen begannen die vereinzelten Edelsteine in den Spitzen zu leuchten, aber nur sehr schwach, so als seien die Batterien alle.

    Vorsichtig streckte ich die Hand danach aus und die Steine strahlten heller, je näher ich mit den Händen kam.

     

    Kapitel 7

     

    *** Die Vorfahrin ***

     

    Ich stand in einer Art Scheune und sah mich von Menschen umgeben, welche einfachste Kleidung trugen. Sachen, welche man zu Zeiten des frühen Mittelalters am Leib hatte, oder wenn ich mich zurückerinnerte, so um 1000 nach Christi.

    Langsam konnte ich meinen Blick klären, hörte Stimmen und nahm einen stechenden Geruch von Schweiß, Dung, Exkrementen und ähnlichem wahr. Eine Hand vor meiner Nase haltend ging ich durch die Menschenmenge und auf eine Tür zu.

    Wo willst du so eilig hin, Thyra? Hast du etwa schon genug von deiner eigenen Siegesfeier!“ hörte ich eine laute grölende Stimme hinter mir.

    Langsam drehte ich mich um und sah einen Mann auf einer Art Thron sitzen. Ein reichverzierter breiter Stuhl aus Holz, wo er sich belustigt vorgebeugt hatte und mich musterte.

    Graue Augen sahen mich immer noch fragend an, die Haare nach hinten gebunden, welche einen rötlichen Schimmer hatten. Seine Aufmachung war ähnlich die eines Kriegers… eines mir bekannten Mannes aus Aufzeichnungen… ich schüttelte meinen Kopf, weil es einfach nicht sein konnte.

    Auf der anderen Seite der Scheune, nein es war ein nordisches Langhaus, so etwas wie die große Halle des Jarls, saß Sigtryggr und grinste mich breit an.

    Was?“ kam es rau aus meiner Kehle und ich sah mich weiterhin nur ungläubig um… wo war ich bitte, wie kam ich hierher und … WER war ich? Thyra? Der Name sagte mir nichts.

    Du hast mich schon verstanden, Mädchen. Zu deinen Ehren haben wir dieses Fest ausgerichtet, weil du heute diesen britannischen Ärschen gehörig in die Eier getreten hast!“ in sein lautes Lachen stiegen alle Anwesenden mit ein.

    Das habe ich dann wohl gut hinbekommen, wie?“ stammelte ich leise vor mich, ehe mich eine Frau am Arm packte und mich ein Stück an den Rand der Menge zog.

    Wach auf! Was hast du schon alles in dich hineingeschüttet, dass du noch nicht einmal mehr weißt, wie du heißt!“ fauchte sie mich an und ich sah ihr in die dunklen braunen Augen, konnte aber nichts sagen. Stattdessen begann ich zu würgen und erbrach mich vor ihren Füßen!

    Lauthals brachen die Menschen um mich in Gelächter aus, klopften mir auf den Rücken und meinten, ich solle alles rauslassen. Danach könnten wir ja dann weiterfeiern! Mir war aber überhaupt nicht mehr danach…

     

    Mir dröhnte der Kopf, mir war übel und ich hatte diesen widerlichen Gallengeschmack im Mund. Mein Blick klärte sich, ich nahm Stimmen wahr und fühlte einen kalten Gegenstand auf meiner Stirn.

    „Jesus, Alex… du bist wieder da!“ war das nicht dieser schnöselige Brite wieder, welchen ich endlich unter der Erde sehen wollte? Der rannte mir wohl überall hinterher!, dachte ich genervt und richtete mich auf. Zumindest versuchte ich es.

    „Bleib wo du bist…“ mehr hörte ich nicht und ich erbrach mich erneut. Was hatte man mir bitte alles zu trinken gegeben?

    „Wolltet ihr mich alle vergiften, oder warum ist mir so schlecht? Und jetzt… lasst mich gehen, verdammt!“ hörte ich mich selber, doch es klang irgendwie anders…

    „ALEX! Sieh mich an!“ diese harsche Stimme schien direkt in meinem Kopf zu sein, sie war aber harmonisch, fast schon friedlich.

     

    Ich tat, wie man mir sagte und sah in warme dunkelblaue Augen und ein freundliches Gesicht, welches umrahmt von goldschimmernden Haaren war.

    „So ist es gut. Du bist in Frankreich, in eurem Chateau und du bist Alexandra Kenway, Ehefrau von Haytham Kenway! Euer Sohn schläft friedlich oben in seinem Zimmer, beschützt von allen Göttern die du kennst!“ ich fühlte ein Tätscheln auf meiner Wange und öffnete vorsichtig erneut meine Augen.

    Neben mir hörte ich wieder dieses erleichterte Seufzen.

    „Die Rückführung rückt immer näher!“ hörte ich eine männliche Stimme von der anderen Seite und sah mich blinzelnd weiter um.

    „Ich will nach Hause…“ nuschelte ich und wollte mich gerade umdrehen, als mir ein bekannter Duft in die Nase stieg. Lavendel und Seife…

    „Du bist zuhause, mi sol!“ hörte ich die tiefe vertraute Stimme… dieses dämlichen Großmeisters, welcher mich immer nur ärgerte!

    „Verpiss dich einfach und lass mich gehen!“ und ich spürte einen brennenden Schmerz auf meiner Wange. Hatte mich dieser Idiot jetzt wirklich geschlagen? Wütend richtete ich mich auf, griff aber gleichzeitig, nach dem kalten Tuch auf meiner Stirn und… langsam gewann mein Verstand wieder die Überhand.

     

    Um mich herum standen mein Mann, Laurette und Yves, daneben waren noch zwei Mädchen, welche den Fußboden reinigten und ein Diener hielt einen Eimer neben mich. Ich starrte sie alle nur an und ließ dann meine Beine vom Sofa gleiten, sodass ich richtig saß.

    Als ich das Malheur auf dem Teppich sah, fragte ich besorgt, ob ich das gewesen sei. „Ja, aber dass ist nicht schlimm. Das kriegen wir schon wieder weg!“ seine Worte beruhigten mich und ich sah diesem Mann entgegen. Es war Haytham, mein Mann, Vater unseres Sohnes und die Liebe meines Lebens.

    Aus einer plötzlich aufkommenden Emotion heraus, schmiss ich mich ihm an den Hals. Ich umklammerte ihn mit Armen und Beinen und weinte nur noch! Warum? Das konnte ich nicht sagen.

    Es war Erleichterung, weil ich wirklich zuhause war. Es war Scham, weil ich auf den Teppich gekotzt habe. Es waren Selbstzweifel, weil ich nicht wusste, was in meinem früheren Leben passiert war. Oder war es das Leben meiner Vorfahrin, welche ich schon einige Male in einem Spiegelbild gesehen habe? Zum ersten Mal im Fort George!, ging es mir durch den Kopf! Kurz bevor ich Haytham das zweite Mal alleine lassen musste!

     

    „Kind, wir sind alle bei dir. Habe keine Angst, das was du gerade erlebt hast, war nicht real. Es war nur ein kurzer Einblick in ein Leben, welches deine Vorfahrin führte! Es ist aber noch zu verfrüht, dich dorthin gehen zu lassen! Vorher musst du dich wappnen und weitere Fähigkeiten erwerben!“ hörte ich die Stimme von Bragi und als ich in seine Richtung sah, war ein warmer goldener Glanz in seinen Augen, welcher mich umgehend beruhigte und mich in das Hier und Jetzt zog!

    „Verzeiht mir, aber… es war unheimlich… Was habe ich denn getan?“ leider bekam ich nur Andeutungen und ausweichende Antworten. Soviel verstand ich, ich hatte mich vor Iduns Füßen übergeben, nachdem ich in Richtung Haytham gesehen hatte. Nicht gerade schmeichelhaft für meinen Mann, wenn man mich fragt. Doch es wurde als Trugbild, was es ja auch war, abgetan.

    „Beizeiten werden wir dich dort näher heranführen.“ vorsichtige, sanfte Worte kamen nun von Idun.

    „Für heute sollten wir aber einen Schlussstrich ziehen. Ich denke, es war für uns alle ein anstrengender Tag.“ kam es lächelnd von der Göttin und ich nickte zur Bestätigung, weil ich keine Worte aus meinem Mund bekam. Er war wie mit Kleister vollgestopft, genauso wie mein Kopf.

    Es wurden noch Gute Nacht Wünsche ausgesprochen, ehe wir vier uns auf unsere Zimmer verteilten. Laurette und Yves hatten das große Gästezimmer uns gegenüber bezogen, wie mir gerade auffiel.

    Magda begann mich mit besorgtem Blick aus meinem Kleid zu befreien. „Mistress Kenway, ihr seid so blass. Ist es schon wieder die Zeit?“ und mir fiel siedend heiß ein, dass sie nicht unrecht hatte. Aber bitte nicht heute schon, ich wollte noch diese Nacht schlafen ohne Bauchschmerzen.

    Und so war es mir auch vergönnt und ich kuschelte mich kurze Zeit später an meinen Mann. Diesen schnöseligen, nervenden, Ordnung liebenden, aber überaus gutaussehenden Briten, der mich immer wieder zur Weißglut brachte.

     

    „Es tut mir leid.“ nuschelte ich an seiner Brust und seine Finger fuhren unter mein Kinn, sodass ich ihn ansehen musste. Was im Dunkeln eher schemenhaft war!

    „Auch ich hatte vorhin die Gelegenheit, in die Vergangenheit meiner Vorfahren einzutauchen. Wie es aussieht aber nicht so intensiv wie bei dir.“ hörte ich ihn vorsichtig sagen.

    Jetzt wurde ich aber hellhörig und wollte es näher wissen. „Mi sol, ich bin erschlagen von diesen ganzen Emotionen, Erinnerungen und Bildern. Lass uns bitte morgen darüber reden, ja?“ kam etwas gequält von Haytham.

    Ich spürte, dass mich ebenfalls diese Müdigkeit vereinnahmte und gemeinsam entschleunigte sich unser Atem, der Herzschlag und wir waren wieder eins.

     

    *** Neue Erfahrungen und Erkenntnisse ***

     

    1. August 1764

     

    Ich wurde von warmen Lippen auf meinem Mund geweckt und einem lustvoll geraunten „Guten morgen, mi sol.“ während sich geschmeidige Finger ihren Weg in meine Körpermitte bahnten. Ich lag wohlig seufzend da und genoss diese Zuwendung.

    Meine Hand hingegen suchte ebenfalls Halt, fand ihn und massierte diese pulsierende Lust.

    Ehe ich mich versah, waren meine Arme über meinem Kopf mit seinen Händen fixiert und mich erfüllte seine ganze Leidenschaft, welche ich ebenso wiedergab und Haytham mein Becken entgegen bog. Es fühlte sich einfach wunderschön an, keine Hektik, keine lauten Worte… einfach nur Berührungen und Körpersprache waren von Nöten!

    Doch dann war etwas anders zwischen uns, wir beide nahmen es gleichzeitig wahr. Es war eine alte Leidenschaft, welche uns plötzlich übermannte! Etwas das wie aus einem alten Traum nach oben an die Oberfläche driftet und dort verharrt.

    „Nimm mich! Jetzt!“ hörte ich mich plötzlich sagen und nahm umgekehrt ein stockendes „Wie du willst!“ wahr und es war schon beinahe animalisch, wie er sein Recht einforderte! Das Recht auf SEINE Frau!

    Du gehörst ihm, du trägst seinen Namen, das ist sein gutes Recht!, waren Worte, welche ich hörte und es war mir nicht einmal unangenehm, oder machten mich wütend. Nein, im Gegenteil. Genauso war es, wir standen füreinander ein und waren im Kampf auf Augenhöhe. Hier passierte gerade etwas ganz anderes und ich genoss es, ließ es zu und ich wollte mehr, viel mehr davon haben. Dieser Gedanke durchströmte meinen Körper und pulsierte in meinen Adern wie eine Erinnerung, welche immer wieder unterschwellig auftaucht!

    Mein Höhepunkt kam völlig unerwartet und kurz darauf spürte ich eine weitere Welle auf mich zukommen. Mein Mann umschloss mich mit seinen Armen und wir durchlebten beide Zeitgleich diese, im wahrsten Sinne des Wortes, Erschütterung unserer Körper. In kurzer Zeit diese Höhepunkte, das war einfach unglaublich, aber auch wahnsinnig entspannend und ich strich Haytham langsam über den Rücken.

     

    „Verzeih mir, ich habe gar nicht an dich gedacht. Aber…“ druckste er herum und ich lächelte ihn selig an.

    „Es war einfach unglaublich und glaub mir, ich bin definitiv auf meine Kosten gekommen. Ich würde gerne mehr davon haben, das war einfach fantastisch.“ hauchte ich und zog seinen Mund zu mir herunter.

    „Mehr als unglaublich! Es fühlte sich erst schmerzhaft an, dann aber auch wiederum nicht und dann war es, als würde ich von etwas befreit werden und … auch ich will mehr davon, Alex!“ sein Lächeln war so voller Liebe und Zuversicht, dass ich schon wieder fast anfing zu heulen.

    „Ich dachte immer, dass man… du weißt schon… so schnell…“ natürlich war mir klar, worauf Haytham anspielte, es gab halt eine gewisse „Regenerationsphase“ für Männer, aber in diesem speziellen Moment war diese anscheinend außer Kraft gesetzt gewesen.

    „Nimm es einfach hin, mi amor und genieße diese Entspannung.“ dabei ließ ich meine Finger weiter über seinen Rücken gleiten, spürte die Gänsehaut welche ich hinterließ und griff dann unangekündigt einfach seinen Po.

    „Und DAS fühlt sich auch wahnsinnig gut an!“ meinte ich leise und drängte mich schon wieder an ihn.

     

    Ein leises, quengeliges „Papaaaaaaaaaa“ kam aus Richtung Edwards Zimmer und wir wurden voneinander getrennt. Mein Mann zog sich schnell eine Hose über und einen Morgenrock, während ich mein Nachthemd richtete und ebenfalls aufstand.

    Edward saß auf seinem Bett inmitten seiner Spielzeugpferde und plapperte vor sich hin. Als er uns aber sah, krabbelte er flink herunter und watschelte dann auf Haytham zu.

    „Papaaaa…aaaaaaaam“ und seine Arme hoben sich. „Guten morgen, mein Sohn! Wie ich sehe, hast du dir deine Pferde selber ins Bett geholt.“ und er lächelte unseren verwuschelten Nachwuchs an.

    Sybill erschien ebenfalls und machte sich daran, unseren Schatz fertig zu machen. Auch mein Mann und ich ließen uns einkleiden und machten uns im Anschluss auf zum Frühstück.

     

    Laurette und Yves waren bereits im Esszimmer als wir unten erschienen. Während wir alle genüsslich unserem Essen nachgingen und ich mein göttliches Heißgetränk endlich bekam, erzählten unsere Gäste von ihrem Leben hier in Frankreich.

    „Es ist nicht immer leicht für uns, weil wir lange auf diesen Moment, euch zu treffen, warten mussten. Unsere Kinder sind jetzt auch schon erwachsen, haben eigenen Nachwuchs und bereiten sich ihrerseits auf ihre Bestimmungen vor. Wenn wir es genauer betrachten, dann ist es ein immer wiederkehrender Zyklus…“ kam es etwas nachdenklich von Idun.

    „Wie eine unendliche Geschichte könnte man auch meinen. Ich hoffe aber, dass es vielleicht doch irgendwann ein friedliches Ende geben wird.“ mir ging nämlich auch noch die Vereinigung der Bruderschaft und dem Orden im Kopf herum. Noch waren wir nicht am Ziel, bei weitem nicht!

    „Wenn ihr in Paris seid, werdet ihr auf einen Herren des dortigen Templerordens treffen und auch von den Assassinen wird ein Vertreter vor Ort sein. Wir konnten in den einzelnen kleinen Regionen um Paris und im weiteren Umland schon Zuspruch bekommen und Waffenstillstände herbeiführen. Und es ist erstaunlich, aber eure Taten haben sich herumgesprochen, Alex. Vor allem auch, weil ihr bisher niemanden hintergangen habt und keine Intrigen geschmiedet habt. Das wird euch beiden immer wieder hoch angerechnet. Leider gibt es aber diese Widersacher und spöttelnden Menschen, von denen wir einfach Abstand halten sollten! Überzeugungsarbeit leisten wir ja mittlerweile alle, die diese Vereinigung wünschen. Es wird ein langer und schwieriger Weg werden, aber wem sage ich das.“ Bragi war aber zuversichtlich, als er sprach.

     

    Als der Tisch abgeräumt wurde, gingen wir ins Arbeitszimmer und begannen die Waren, welche wir liefern sollten oder entsprechend laden sollten, zu besprechen. Außerdem bekamen wir noch zwei Kriegsschiffe und eine Fregatte an die Hand, welche uns in Zukunft bei dem Transport von Runentruhen oder Artefakten allgemein begleiten sollten. Diese Geste war ein großer Vertrauensbeweis der Assassinen und in mir breitete sich weiterer Frieden aus.

    Ich fragte nach, ob man uns schon Namen nennen könne, von den entsprechenden Personen in Paris und Laurette grinste mich entschuldigend an.

    „Verzeiht mir, ich habe nicht daran gedacht. Ihr könnt es vielleicht nicht wissen. Ihr werdet den Großmeister, Maître Francois de la Sèrre antreffen. Er arbeitet zwar hin und wieder schon mit der Bruderschaft zusammen, doch eine wirkliche Verbrüderung hat noch nicht stattgefunden. Von den Assassinen gibt es den Großmeister, Maître Charles Dorian, welcher derzeit ganz und gar nicht vom Orden überzeugt ist. Im Gegenteil muss ich leider sagen und ich hoffe, ihr könnt ihn umstimmen.“ ich sah die beiden mit großen Augen an und brachte kein Wort heraus.

    Diese beiden Vertreter der zwei Bünde würden später noch in Erscheinung treten und ich würde ihnen jetzt schon begegnen müssen? Besonders graute mir eigentlich vor dem im Moment noch recht jungen Charles Dorian! Shays Opfer in ungefähr 12 Jahren! Ich musste mich wieder setzen…

     

     

    Kapitel 8

     

    *** Wie viel müssen wir wissen? ***

     

    Drei Augenpaare sahen mich besorgt an, doch es war Bragi, welchem als erster ein Licht aufging.

    „Es ist wegen Dorian, nicht wahr? Wir wissen um sein Schicksal. Ihr beide werdet es aber nicht verhindern können. Sein Tod wird eintreten, selbst wenn euer Freund Shay nicht Hand anlegt.“ seine Worte waren sanft, so als wolle er versuchen uns zu beruhigen.

    „Master Cormac hat den Auftrag nach der Schatulle und einigen anderen Artefakten zu suchen, nicht jemanden zu beseitigen.“ hörte ich meinen Mann zweifelnd, fragend und gleichzeitig entrüstet sagen.

    „Haytham, ich glaube… also ich sollte da etwas erklären…“ im Grunde wusste ich gar nicht, WIE ich das jetzt anfange. Weil ich damit verrate, WO sich die Schatulle, zumindest in 12 Jahren, befinden wird. „Nun gut… Shay wird weiter nach ihr suchen und wird sie dann in einigen Jahren bei eben diesem Dorian finden. Wie genau und auf welchen Umwegen sie zu ihm gelangt, kann ich nicht sagen, weswegen wir weiter recherchieren müssen.“ ich holte tief Luft und sah zu meinem Mann auf, welcher eine sehr rote Gesichtsfarbe angenommen hatte.

    „Sag mir nicht, du weißt das schon die ganze Zeit? Wir müssten eigentlich nur noch diese Zeit absitzen?“ seine Stimme wurde lauter und ungehaltener.

    „Im Grunde… ja, so könnte man es auch sehen. Aber sieh es bitte anders herum! Durch die Suche finden Shay und Faith noch weitere Artefakte, welche wichtig sind und erlangen weitere Fähigkeiten. Genau wie wir auch! Und… versprich mir, dass du es den beiden noch nicht sagen wirst! Sie sind sich im Klaren, dass ich über ihre Zukunft Bescheid weiß, aber eben nicht alles preisgeben kann!“ meine Worte kamen leicht flehend über meine Lippen.

    „Das ist viel verlangt, Alex. Das ist dir hoffentlich bewusst, oder? Was ist, wenn ich in einem unbedachten Moment doch diesen Namen fallen lassen oder wir hier in Frankreich diesem Dorian einen Wink geben. Selbst wenn es nur aus Versehen ist, das könnte wieder einmal ungeahnte Kreise ziehen.“ sein Seufzen war entnervt und frustriert zugleich.

     

    „Dass diese Reise kein leichtes Unterfangen werden würde, war uns allen, denke ich, bewusst, oder?“ fragte Laurette jetzt leise und sah uns auffordernd an.

    „Natürlich hatte ich diese Gedanken, was passiert wenn und so weiter. Es hieß immer, ich darf nicht in die Geschichte eingreifen. Also werde ich auch jetzt nicht damit beginnen.“ sollte ich meinem Mann aber von Shays Tat genauer berichten und ihn wieder an den Tod seines eigenen Vaters erinnern?

    Mit einem Male starrte Haytham vor sich hin und ich sah, wie er blass wurde. Yves eilte zu ihm, genau wie die Wache, welche hier mit anwesend war. Gemeinsam hievten sie ihn auf das Sofa und dann konnten wir nur abwarten. Seine Hände fühlten sich eiskalt an… War das auch bei mir immer so, wenn ich diese Art Visionen hatten? Was zeigte man ihm aber gerade?

    „Alex, wir müssen Haytham ebenfalls an seine Vorfahren heranführen und dazu gehört, dass er diesen Mord an Dorian jetzt sieht und was danach passiert. Sobald Schatulle und Manuskript wieder vereint sind, wird es für euch auch noch einmal einen neuen Schritt und Fähigkeiten geben.“ diese Worte waren mehr als unbefriedigend, weil ich nicht verstand, warum man die Zukunft zeigt, wenn es doch um Ahnen meines Mannes ginge!

    „Das hängt alles zusammen, wie ein großes Spinnennetz. Alles ist miteinander verwoben! So wie wir die Zeitreise für dich schon von langer Hand planen!“ Iduns Stimme drang nur gedämpft zu mir durch, weil mein Verstand gerade nicht ganz folgen konnte. „Du wirst es sehr bald verstehen, ich verspreche es dir. Einiges musst du, oder besser müsst IHR, selber erfahren und begreifen! Wir können nicht immer Hilfestellung geben!“

     

    Plötzlich schüttelte sich Haytham wie ein nasser Hund und das grau seiner Augen klärte sich wieder.

    „Ich kann es nicht fassen!“ ungläubig sah er von den Eheleuten Jomphe zu mir und dann auf seine Hände, welche er in seinem Schoß gefaltet hielt. „Der Junge wird nicht nach Shay suchen? Aber warum? Ich verstehe das nicht…“ diese Frage habe ich mir auch schon öfter gestellt, bin aber auch nie zu einem Ergebnis gekommen.

    „Arno wird andere Sorgen im Kopf haben und sich damit beschäftigen. Außerdem hat er kaum Zeit darüber nachzudenken. Er verrichtet als Mündel ja auch Arbeiten der einfachen Dienerschaft, was einen Großteil seines Tages einnimmt.“ erklärte Laurette leise.

    „Wir könnten ihn aber von einer Vereinigung überzeugen, sehe ich das richtig?“ kam es fragend von meinem Mann.

    „Das werden wir bis dahin nicht mehr müssen, wenn unser Plan dann langsam weitere Kreise zieht oder bereits gezogen hat!“ meinte ich zuversichtlich und kniete mich vor Haytham. „Es gibt Dinge, die weder ich noch du verhindern können. Auch ich musste das erst lernen, was mir bis heute noch sehr schwer fällt, aber das weißt du ja.“ ich legte eine Hand auf seine Wange und sah ihn bittend an.

    „Du hast Recht, man sollte vielleicht auch den Dingen einfach ihren Lauf lassen. Ich hoffe aber, es kommt nicht zu irgendwelchen Katastrophen, wenn wir erst mal in Paris sind!“ jetzt hörte er sich schon wieder ganz wie mein Templer an und ich atmete erleichtert aus.

    „Nein, ich verspreche dir, ich fasse nichts an und verhalte mich ganz still.“ mit einem Kuss besiegelte ich meine Worte und erntete ein hochgezogene Augenbraue.

    „Wer es glaubt, mi sol!“

     

    Hinter uns vernahm ich leises Gelächter und ich erhob mich langsam wieder.

    „Auf diesen Schrecken brauche ich jetzt etwas zu trinken!“ damit ging Haytham zu dem kleinen Tischchen auf welchem Gläser und eine Karaffe mit Brandy standen. Er goss einfach für jeden eines ein und reichte sie uns. So früh am Tage schon trinken?, ging mir sein Satz von damals im Kopf herum und ließ mich lächeln.

    „Ich weiß, dass ist nicht unbedingt meine Art, aber ab und an muss man auch eine Ausnahme machen! Auf gutes Gelingen unserer Missionen und Aufträge!“ wir stimmten mit ein und die goldene Flüssigkeit lief warm in meinem Hals hinunter und wärmte auch noch meinen Magen.

    „Wann werdet ihr aufbrechen nach Paris?“ fragte Bragi und wieder einmal fiel mir ein, dass ich die Truhen gar nicht hätte auspacken lassen sollen. Wobei noch nicht alle leer waren und das würde ich gleich den Mädchen noch mitteilen. Sie sollten beginnen zu packen, weil wir spätestens übermorgen, am 3. August, aufbrechen sollten, um pünktlich zum Ball dort sein zu können.

     

    Gemeinsam aßen wir noch zu Mittag und dann verabschiedeten sich Bragi und Idun um wieder nach Hause zu fahren. Sie würden nicht am Ball teilnehmen, was ich sehr schade fand.

    „Wir werden uns sicherlich noch wiedersehen, davon bin ich überzeugt.“ lächelte mich Idun an und schloss mich in ihre Arme. „Und vergiss nicht, wenn es an der Zeit für eure Tochter ist, dann lasse ich es dich wissen!“ flüsterte sie mir verschwörerisch ins Ohr und kicherte wie ein kleines Mädchen, aber es stand ihr und war ansteckend.

    „Ich danke dir!“ mehr konnte ich nicht sagen, weil ich noch nicht realisiert hatte, dass wir wirklich noch einmal Eltern werden sollten.

    Mit Edward auf dem Arm, winkten wir ihnen hinterher, wie sie aus dem Tor des Schlossgartens fuhren und dann waren sie im Wald verschwunden.

    „Iduuu…“ flüsterte unser Sohn und sah mit zitternden Lippen hinter ihnen her.

    „Wir sehen sie bestimmt bald wieder, min lille skat!“ langsam strich ich über seine dunklen Haare und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.

    Den restlichen Nachtmittag verbrachten wir mit Edward und Sybill. Haytham begann langsam ihm Englisch beizubringen, was nicht so einfach war, weil die Schneidezähne noch nicht da waren. Aber unser Sohn hörte aufmerksam zu, versuchte die Mundbewegungen seines Vaters nachzuahmen und lachte, wenn er die Grimassen von ihm sah.

    „Master Edward ist ein richtiger Sonnenschein, Mistress Kenway.“ ich sah etwas erstaunt zu Sybill und dann fiel mir wieder ein, dass gerade die anderen Bediensteten mit anwesend waren, weswegen sie mich entsprechend betitelte.

    „Aber ihr wisst genauso gut wie ich, dass er auch ganz anders kann. Erst gestern haben wir es wieder erlebt.“ ich schüttelte dabei meinen Kopf. Wie würde sich dieser kleine süße Mensch eigentlich noch entwickeln? Edward Senior hatte es ja auch schon angedeutet und wir alle wussten es eigentlich. Er schlug sehr stark nach seinem Großvater, hatte aber das Aussehen seines Vaters geerbt. Wir konnten nur abwarten.

     

    An diesem Abend bat Haytham seinen Kammerdiener und Magda in den Salon, wo er schon den Ring parat hielt und die Dienerschaft ebenso anwesend war.

    Die beiden betraten etwas zögerlich den Raum, sahen sich fragend um und standen dann erwartungsvoll vor Haytham.

    Michael, ich glaube, ihr wolltet Magda etwas fragen, oder nicht?“ lächelnd reichte er ihm den kleinen Behälter, welcher den Verlobungsring für meine Kammerzofe enthielt.

    Zitternd nahm der junge Mann das Kästchen in die Hände und sein Gesicht war kreidebleich geworden.

    Ich stand neben Haytham und drückte seine Hand, gleichzeitig versuchte ich aus Magdas Gesicht schlau zu werden. Sie starrte auf die Bewegungen ihres Angebeteten und zitterte ebenfalls. Für einen kurzen Augenblick sah sie zu mir und ich nickte leicht mit einem zustimmenden Lächeln.

    Michael kniete sich vor sie, nahm ihre Hand in seine und sah zu ihr auf. Seine Stimme klang kratzig bei den nächsten Worten.

    Magda Lindstad, du bist… also wir sind… ich habe bei dir meine Liebe gefunden. Ich möchte dich nie wieder verlieren! Willst du meine Frau werden?“ die letzten Worte preschten aus ihm heraus, als hinge sein Leben davon ab. Nun ja, im weitesten Sinne konnte man es auch so deuten.

    Meine Kammerzofe sah mit Tränen auf den Wangen, auf Michael herunter und öffnete den Mund, musste sich dann aber doch räuspern, weil kein Ton über ihre Lippen kam. Dann sah sie sich aber noch einmal um, so als suche sie die Erlaubnis eine Antwort geben zu dürfen. Haytham, ganz der Templer wie er so oft auftritt, nickte ihr zu und deutete mit seiner Hand, sie solle antworten!

    Ja… ja, ich will deine Frau werden, Michael Turner!“ und ein erleichtertes Schluchzen war zu vernehmen. Ihr jetzt Verlobter steckte ihr den wirklich wunderschönen goldenen Ring an und erhob sich dann langsam, nur um sich bei meinem Mann zu vergewissern mit einem Blick, ob er sie in unserer Gegenwart küssen durfte.

    Und jetzt erstaunte mich mein Templer doch! Er klopfte dem jungen Briten einfach auf die Schulter, nickte und lächelte ihm aufmunternd zu. Das ließ sich der Diener nicht zweimal sagen, schlang seine Arme um seine zukünftige Frau und hob sie hoch.

    Ich liebe dich, Magda! Vom ersten Tag an!“ und dann folgte ein langer Kuss.

    Ich stand daneben und mir schossen die Tränen in die Augen, oder vielleicht lag es an einem Windzug oder jemand hatte hier Zwiebeln geschnitten. Schniefend sah ich die frisch Verlobten dort stehen und freute mich einfach für sie. Dann spürte ich Arme um mich herum, welche mich an einen warmen Körper drückten.

    Freue dich für die beiden. Auch sie haben dieses Glück verdient, genau wie ich es auch mit dir erleben darf! Und ein Kuss als Bestätigung und Liebesbekundung folgte.

     

    Es wurde noch ein recht feuchtfröhlicher Abend, welchen wir tatsächlich mit den Angestellten hier verbrachten und ich genoss dieses Ungezwungene, diese, ja ich muss es einfach so nennen, Leichtigkeit in allem.

    In mir aber wuchs die Angst, dass ich mich bald nach einer anderen Kammerzofe umsehen musste, sollte Magda schwanger werden. Natürlich würde ich mich für die beiden freuen, aber umgekehrt würde ich nur ungerne auf Magda verzichten müssen. Ich seufzte und mein Gatte fragte, was los sei. Meine Sorge teilte er nur bedingt, weil es nur mich beträfe, doch wir würden sicherlich einen Ersatz als Übergang finden, hörte ich ihn zuversichtlich sagen.

     

    Als wir dann gegen Mitternacht im Bett waren, dachte ich an unsere „Verlobung“ und eine leichte Enttäuschung machte sich in mir breit.

    Bei Marius und mir war es auch eher ein „Hey, wollen wir zusammenbleiben?“ und das wars damals. Kein Ring, nichts… gar nichts.

    Um nicht wieder das Grübeln anzufangen schlang ich mich um Haytham und drückte mich an ihn.

    Als hätte er meine… die Gedanken waren frei, oder wie heißt es so schön?

    Ich weiß, du hast eigentlich einen besonderen Antrag verdient. Wie wäre es, wenn wir in Virginia noch einmal eine kleine Verlobungsfeier nachholen? Zu Silvester wäre ideal, weil dann auch der Tag der inoffiziellen Hochzeit ist. Was meinst du?“ sprach er leise an meinen Kopf gelehnt und strich mir immer wieder über den Rücken.

    Das hört sich fantastisch an, Haytham!“ in diesem Moment brach meine Stimme, weil mir bewusst wurde, dass ich den Mann geheiratet hatte, bei dem ich nicht immer alles erklären musste. Mit seinem Versprechen im Kopf und der Szenerie bei Lady Melanie damals schlief ich langsam ein.

    Ich liebe dich über alles, mi sol.“ auch seine Stimme versagte und er klammerte sich an mich.

    Kapitel 9

     

    *** Wir brechen auf nach Versailles ***

     

    8. August 1764

     

    Am 3. August, machten wir uns auf den Weg gen Paris, naja, ein Stück weiter außerhalb, muss ich korrekterweise schreiben! Ich war schon ganz gespannt, wie das Schloss Versailles heute aussah, weil ich es nur von späteren Bildern kannte.

    Die Fahrt war die reinste Hölle für mich, wie befürchtet hatte ich meine Blutung und fühlte mich einfach elend. Leider hatte ich die Kräuter für Faiths Tee nicht mitgenommen und fluchte tagtäglich über meine Schusseligkeit!

    Alex, bitte. Edward übernimmt deine Flüche sonst noch!“ mahnte mich mein Gatte immer wieder, doch das war mir egal.

    Soll er doch, fluchende Menschen sind sehr intelligent!“ dabei streckte ihm in meiner auf Krawall gebürsteten Laune die Zunge heraus.

    Deine Intelligenz werde ich dich bald spüren lassen, verlass dich darauf. Dein Pensum an Lektionen steigt mal wieder ins Unermessliche, mi sol.“ seine Stimme war so dunkel und rau, dass ich für einen kurzen Moment meine Krämpfe vergaß und stattdessen ein wohliges Kribbeln in meinem Unterleib verspürte.

    Werden wir vielleicht in Versailles Zeit für einander haben, mi amor?“ hauchte ich ihm ans Ohr und strich über seine Halsbeuge.

    Das will ich hoffen, ansonsten weißt du ja... du bist so klein, dich verschleppe ich einfach ungesehen!“ seine Lippen waren die reinste Wohltat, doch schon hatten wir die angesabberte Hand unseres Sohnes zwischen uns.

     

    Heute am späten Vormittag fuhren wir auf das Schloss zu und über Versailles hingen Wolken, die schon fast die hohen Tannenspitzen rundherum zu berühren schienen. Ein kalter Wind fegte uns beim Aussteigen entgegen und ich erschauerte leicht. Meinen Umhang schlang ich auch gleich um Edward, weil auch er zitterte, was aber auch daran lag, dass er gerade erst wieder wach geworden war.

    Unser Tross wurde nun aufgeteilt, die Diener bekamen ihre Quartiere zugewiesen und als man Sybill auch in einem anderen Teil des Schlosses unterbringen wollte, bat ich einfach darum, sie neben unseren Gemächern wohnen zu lassen. Das brachte mir rollende Augen des hiesigen Hausdieners ein und ein entnervtes Schnalzen mit der Zunge. Die Arroganz in Person, sag ich nur.

    Unser Schlafzimmer, oder sollte ich eher sagen Schlafsaal, war… ja riesig. Hier könnte man den Salon aus Virginia zum Vergleich ziehen! Edward bekam ein Zimmer, welches auf dem Korridor zwei Zimmer von uns entfernt war. Das sogenannte Kinderzimmer, weil noch weitere Kleinkinder erwartet wurden. Entsetzt sah ich meinen Mann an, doch konnte da nicht auf sein Verständnis hoffen, wie ich an seinem Gesichtsausdruck bemerkte.

    Sybill, tut mir einen Gefallen. Bleibt bei meinem Sohn, lasst ihn nicht mit den anderen alleine und wenn ihr vor seinem Bett schlafen müsst. Aber ich will nicht, dass er in einer ungewohnten Umgebung ohne ein bekanntes Gesicht schläft!“ flüsterte ich ihr zu.

    Mistress Kenway, meine Kammer ist direkt daneben. Als Kindermädchen bin ich dort mit den anderen Frauen untergebracht. Keine Mutter, oder vielleicht auch nur sehr wenige, würden ihre Söhne oder Töchter sich selbst überlassen! Seid unbesorgt!“ ihre Hand auf meinem Arm beruhigte mich ein wenig.

     

    Edward wurde nun zu den anderen Kindern gebracht und ich wurde für das Mittagessen eingekleidet. Laurette hatte uns noch entsprechend eingewiesen, wann was zu tragen war, wie oft man überhaupt umgezogen wurde, wann welche Aktivitäten anstanden und so weiter. Hier herrschte ein wohldurchdachter Tagesablauf, auch wenn er für mich völlig absurd klang. Gefühlt alle Stunde musste ich neue Kleider anziehen und war jetzt dankbar, dass ich so viele zur Auswahl hatte!

    Fertig ausstaffiert wurden wir zum Essen in den großen Speisesaal geleitet. Der Ball stand erst in ein paar Tagen an, doch man könnte meinen, ALLE Gäste seien schon da.

    Maîtresse Kenway, es sind nicht mal annähernd alle geladenen Damen und Herren angereist. In den nächsten zwei Tagen werden es noch mehr werden.“ meinte eine junge Frau neben mir und stellte sich als Comtesse Sophie de Montpellier vor. Und mein erster Gedanke war, dass ich schon wieder zig neue Menschen traf, von denen ich nie wieder etwas hören würde.

    Die Speisen waren unsagbar lecker und ich hätte gerne alles gekostet, es war aber einfach zu viel Auswahl. Mit Schrecken stellte ich dann auch fest, dass die Reste so üppig waren, aber einfach abgeräumt wurden. Aus den Aufzeichnungen wusste ich, dass sie einfach entsorgt wurden oder den Tieren gegeben wurden. Was für eine riesige Verschwendung.

     

    Der Nachmittag bestand aus Gesprächen und dem ersten Kennenlernen der hier Anwesenden Damen und Herren. Durch die Bank weg waren es alles Hochwohlgeborene, reiche Händler oder aber Generäle der Armee. Die Herren zogen sich wie gewohnt zurück und überließen uns Damen sich selbst.

    Ich begann ein Gespräch mit einer Dame, welche in meinem Alter war, also meinem eigentlich richtigen meine ich. Sie hatte 4 Kinder, davon waren die beiden kleinsten 1 Jahr und 2 einhalb Jahre mit angereist. „Ich werde gleich mal nach ihnen sehen, wer weiß was unser Kindermädchen wieder treibt. Sie ist die Unzuverlässigkeit in Person, mein Liebe. Sie schäkert mit allem was nur Ansatzweise männlich aussieht herum und vernachlässigt ständig ihre Pflicht!“ flüsterte sie mir verschwörerisch zu. „Dieses Weib steigt sogar mit meinem Gatten ins Bett, aber was soll ich machen.“ in ihrer Stimme schwang eine große Traurigkeit plötzlich mit und ich verspürte ein tiefes Mitleid für sie.

    Habt ihr schon einmal daran gedacht, euren Mann darauf anzusprechen? Oder dieses Frauenzimmer zu entlassen?“ für mich war das die einfachste Lösung und auch die logischste.

    Entsetzt sah sie mich an. „Und dann? Muss ich mich nach einem neuen Kindermädchen umsehen, welches nicht einfach nur hinter unserem Geld her ist. Es ist nicht so einfach, Maîtresse Kenway, eine zuverlässige Angestellte zu finden! Und mein Gatte, nun ja, er hat da auch seine Vorlieben was das Aussehen angeht, also käme für ihn auch nicht jede in Frage, wenn ihr versteht was ich meine!“ die Regeln des 18. Jahrhundert, da waren sie wieder und dieses mal so deutlich, dass ich hätte kotzen mögen.

    Also müsst ihr sprichwörtlich das hinnehmen, was euch euer Mann vorsetzt? Ohne Murren müsst ihr alles geschehen lassen?“ meine Stimme war zickig geworden und ich wäre dem besagten Mann gerne an den Hals gegangen.

    Mein Gatte mag es halt etwas … ausgefallener… ihr wisst schon… ich habe oft wachgelegen und auf ihn gewartet, weil er im Nebenzimmer noch nicht mit ihr fertig war.“ diese Worte kamen schon fast wie eine Belehrung rüber!

     

    Zum Einen hatte ich verstörende Bilder von wilden Orgien im Kopf und auf der anderen Seite war ich wütend, dass eine Ehefrau das einfach so hinnehmen musste. Doch es dauerte nicht lange, da brachten mich zwei andere Damen auf andere Gedanken. Sie waren nämlich das genaue Gegenteil, sie hatten sich reiche ältere Adelsmänner gesucht und sich nebenbei einen jungen Geliebten zugelegt.

    Diese Freizügigkeit in diesen Kreisen war erschreckend und ich war drauf und dran mit Haytham hier wieder zu verschwinden. Wer weiß, welches Weib sich ihm an den Hals werfen würde, weil ihr Gatte eine Niete im Bett war oder mich umgekehrt ein alter knittriger Herr mit sich zerrte.

     

    Vor dem Abendessen hatte ich einen Moment für meinen Sohn, welcher im Kinderzimmer mit den anderen 6 Jungen und Mädchen mit Spielen beschäftigt war. Das besagte unzüchtige Kindermädchen saß gelangweilt auf einem Stuhl und hatte ein Glas in der Hand in welches sie mit glasigen Augen starrte. Sybill sah mich nur kopfschüttelnd an, nahm ein kleines Mädchen hoch und begann sie zu wickeln. In diesem Moment war ich für Mrs. Wallace, oder auch Snotra, unendlich dankbar und konnte mit einem ruhigen Gewissen, nachdem ich ausgiebig meinen Sohn geknuddelt hatte, zum Essen gehen.

    Vorher natürlich der obligatorische Kleiderwechsel und sogar Magda meinte, es sei total überflüssig, tat aber ihre Arbeit. Weil es auch noch bei den Haaren besondere Vorschriften gab. Im Grunde graute mir sogar schon vor dem eigentlich Ball oder der Audienz beim König selber!

    Nach dem Essen ging man in den Garten und auch die Kinder wurden nun noch eine Weile dazu geholt, was mich unendlich freute und auch Edward war begeistert uns zu sehen.

    Gegen neun wurde der gesamte Nachwuchs aber eingesammelt und zu Bett gebracht. Leider hatte ich hier nicht die Möglichkeit, unser Zu Bett bring Ritual mit dem Lied zu machen. „Keine Sorge, ich habe ein passendes Lied für den Kleinen. Und wenn wir wieder daheim sind, dann holt ihr das alles einfach nach!“ Sybills Hand legte sich wieder beruhigend auf meinen Arm und ich gab unserem Nachwuchs noch einen dicken Kuss.

    Mama… nat“ und ich bekam einen Schneckenkuss, ebenso wie Haytham von diesen nassen Zuwendungen seines Sohnes nicht verschont blieb.

    Dann waren sie in Richtung Schloss und Kinderzimmer verschwunden. Meine Gefühle konnte ich nicht so richtig verbergen, weil ich es nicht ertragen konnte, dass Edward, na ja, soweit weg war!

    Mi sol, er ist in guten Händen und wenn etwas ist, probiere doch einfach in seinen Geist einzudringen, dann kannst du dich von seinem Wohlergehen auch überzeugen.“ Du meine Güte, was war ich für eine dumme Kuh! Natürlich, mir war noch gar nicht dieser Gedanke gekommen!

     

    Glücklich umschlang ich meinen Mann und drückte ihm einen langen Kuss auf! „Danke, mi amor. Ich hätte selber drauf kommen müssen! Danke!“ und meine Lippen blieben an seinen hängen, weil auch er mit einem Male in etwas anderer Stimmung war. Sein Atem ging schwerer und sein Kuss wurde verlangender, genauso wie seine Finger über meinen Rücken glitten und an meinem Hintern hängen blieben.

    Ähäm… Mistress Kenway? Master Kenway?“ sprach uns ein Herr mit holländischen Akzent an und wie ertappte Teenager ließen wir voneinander ab.

    Ähm… ja? Und mit wem haben wir die Ehre?“ fragte ich höflich und im selben Moment fiel mir dieser Händler wieder ein!

    Unnötigerweise stellte er sich nun vor, es war tatsächlich Jon de Gooijer, welchen wir auf dem Empfang bei den Pritchards kennen gelernt hatten. Ich meinerseits entschuldigte mich für mein Unwissen, doch er nahm es mir nicht übel.

    Im Gegenteil, er kam auch gleich auf den Punkt, weil er sich mit diesem Amulett anscheinend nicht wohl fühlte.

    Versteht mich nicht falsch, ich bin kein abergläubischer Mann, aber es geht eine Art Schwingung von diesem Schmuckstück aus, welche ich mir nicht erklären kann. Wenn es eure Zeit erlaubt, würde ich gerne morgen alles weitere besprechen. Meine Räumlichkeiten habe ich mit meiner Gattin im Gästeflügel bezogen, unweit eurer Gemächer, wie mir mein Kammerdiener mitteilte. Ach, da muss ich noch gratulieren, dass ihr einen so guten anständigen Mann habt, welcher seiner Angebeteten einen Antrag macht, bevor er sie… ihr wisst schon.“ dieser Holländer war wie das Klischee es immer sagte, offen, redselig und irgendwie immer fröhlich. Er war mir gleich sympathisch und wir verabredeten uns für morgen nach dem Frühstück.

    Der Rest des Abends war mit ein bisschen „Smalltalk“ versehen, hin und wieder ein Glas Champagner, welcher wirklich ausgezeichnet schmeckte und diversen Erzählungen und Gerüchten über den König gespickt.

     

    Gegen Mitternacht zerstreuten sich die Gäste und auch wir machten uns auf den Weg zu unserem Schlafzimmer, wo uns Michael und Magda schon erwarteten. Woher wussten sie, wann wir hier erscheinen würden?

    Es gibt einen Diener, welcher uns Bescheid gibt, dass die Herrschaften sich jetzt zu Bett begeben wollen. Somit können wir rechtzeitig anwesend sein.“ kam es erklärend von Michael. Regeln, Ordnung und Struktur. Der Templerorden lässt grüßen und ich schmunzelte in mich hinein.

    Den Gedanken hatte ich auch schon, mi sol. Aber ich denke, wir sollten jetzt an deine Regeln und deine Lektionen denken! Hörte ich Haytham in meinem Kopf, als Magda und Michael gegangen waren und er schritt langsam auf mich zu. Seine Augen ruhten dunkel auf mir, aber er sagte kein Wort mehr, sondern schob mich so immer weiter auf das Bett zu.

    Was hast du vor? Fragte ich vermutlich unnötig, dennoch war ich verunsichert.

    Dreh dich um und beuge dich über das Bett. Wir waren am Fußende angekommen und jetzt wusste ich, was mich erwarten würde. Hier hatten wir Platz, Ruhe und konnten uns ein wenig austoben.

    Meine Hände stützte ich auf dem Bett ab und mein Mann stand direkt hinter mir, fuhr mit seinen warmen Fingern über meinen Rücken, hinab zu meinem Hintern und an den Seiten der Oberschenkel entlang. Er bekam den Saum meines Nachthemdes zu packen und hob es Stück für Stück, wie in Zeitlupe hoch, über meinen Po.

    Weißt du eigentlich, dass das ein fantastischer Anblick ist, mi sol? Sogar in meinem Kopf klang seine Stimme leicht atemlos und auch ich wurde immer unruhiger. Der einfache Gedanke „Nimm mich endlich“ formte sich unweigerlich.

    Nicht so schnell, ich musste wieder einige Zeit auf deinen Körper verzichten, lass es mich einfach genießen. Und seine Finger wanderten über meine Haut und fanden ihren Weg zwischen meine Schenkel, wo sie in mich eintauchten und mir ein leises Stöhnen entlockten. Sagte ich nicht gerade, nicht so schnell? Du bist schon wieder viel weiter!

     

    Ich spürte, wie Haytham sein Hemd auszog und sich hinter mich drängte.

    Du willst, dass ich mir nehme was ich will?“ seine Stimme hallte in diesem großen Raum regelrecht und sein kühler lauernder Ton ließ mich erschauern.

    Ja, das will ich.“ mein gesamter Unterleib zog sich zusammen und pulsierte regelrecht bei dem Gedanken was jetzt kommen würde.

    Seine Hand griff in meine Haare, zog mich zu sich heran und seine Lippen waren an meinem Ohr zu spüren.

    Dann werde ich deinem Wunsch nachkommen, aber beschwere dich nachher nicht!“ Haytham klang anders, aber es ließ die Lust in mir weiter wachsen und ich begann nach ihm zu betteln.

    Die nächsten Minuten, wie viele genau kann ich nicht mehr sagen, waren wie in einem anderen Körper oder einem anderen Leben. Dieses Gefühl ausgehungert zu sein, breitete sich wieder aus und wir ließen uns ganz darauf ein.

    Nicht nur seine Hände hinterließen dieses Mal ihre Spuren auf meiner Haut, sondern auch ein Gürtel zu meinem eigenen Erstaunen. Dieser lag wie aus dem Nichts plötzlich auf dem Bett neben mir!

    Es war einfach ein Rausch und ich vergaß alles um mich herum, nahm nur noch die Gegenwart meines Mannes wahr und wollte am liebsten in diesem Taumel bleiben!

    Mit einem lauten Aufstöhnen sackte Haytham an meinem Rücken mit einem Male zusammen und krallte sich in meiner Hüfte fest.

    Doch er ließ es sich nicht nehmen, mir ebenfalls über die Schwelle zu helfen und ich war über seine geschickten Finger sehr dankbar.

     

    Kurz darauf lag ich neben ihm und strich über seine Brust. „Was ist das plötzlich zwischen uns?“ fragte ich leise. Natürlich waren wir uns über das Machtgefälle im Bett im klaren, doch so intensiv war es völlig neu für mich und auch Haytham schien sich noch ein wenig daran gewöhnen zu müssen.

    Ich bin ehrlich gesagt etwas überfragt. Es fühlt sich wie etwas an, was eigentlich immer da war, aber man es nie wahrgenommen hat. So als hätte ich es seit dieser Vision mit Idun und Bragi ausgegraben und könnte nun erst darauf zurückgreifen. DU fühlst dich an, als hätte ich nie jemand anderes in meinem Bett gehabt… ich kann es nicht erklären.“ ein wenig klang er verzweifelt, was aber verständlich war, weil auch ich es war.

    Wenn ich jetzt sage, dass ich es aber liebe, wie du mich dann nimmst und nicht diese Rücksicht wie sonst an den Tag legst, dass mich das noch mehr erregt, ist das falsch oder bin ich nicht ganz richtig? Weil… eigentlich sollte ich so etwas nicht gut finden, gerade auch wegen… den Katakomben!“ mir lief es bei dem Gedanken eiskalt den Rücken runter.

    Alex, es ist doch eine Sache zwischen dir und mir. Was wir in unserem Bett machen, bleibt bei uns und… ich muss gestehen, dass ich diese neue Hingabe von dir wahnsinnig genieße. Das lässt auch mich darüber nachdenken, ob ich vielleicht in meinem Kopf nicht ganz richtig funktioniere. Es… gehört sich nicht, eine Frau zu schlagen oder ihr wehzutun, aber ich… liebe es bei dir. Ich genieße dein Winden unter mir, wenn du zusammen zuckst.“ seine Stimme war immer ruhiger geworden und ich spürte, dass auch Haytham sich gerade frei geredet hatte und sein Geist zur Ruhe kam.

     

    Wir wissen, wo wir stehen in unserer Beziehung, das ist das wichtigste! Und ich weiß, dass ich dich unendlich liebe und dir vertraue, egal was wir noch miteinander im Schlafzimmer oder auch woanders, anstellen werden.“ bei diesem Gedanken musste ich kichern, weil es so schmutzige Dinge waren, welche mir wieder durch den Kopf gingen.

    Dachte ichs mir doch, dass wir uns einig sind, mi sol.“ sein Mund fand meinen und wir verloren uns ein weiteres Mal, doch dieses Mal friedlich, liebevoll und einfach nur genießend.

    Dieser Mann brauchte nur mit den Fingern schnipsen und ich wäre sein. Doch das ging sonst niemand anderen etwas an.

     

    Kapitel 10

     

    *** Wir lernen die de Gooijers kennen ***

     

     

    Ein lautes Klingeln auf dem Korridor kündete von einem Weckdienst. Die gingen nicht ernsthaft mit einer Glocke auf den Gängen entlang um die Gäste zu wecken, oder? Blinzelnd sah ich mich um und sah in ein breit grinsendes Gesicht.

    „Guten morgen, mi sol. Ich hoffe, dieser sanfte Klang dieses Weckers ist nach deinem Geschmack?“ lachend zog mich über sich.

    „Ist das deren Ernst, ich dachte im ersten Moment, es brennt irgendwo!“ aber auch ich musste lachen, weil es ja schlimmer als beim Militär war.

    Haythams Hände glitten Richtung meines Hintern und drückten zu. „AUA!“ kam es nur jaulend aus meinem Mund und ein zufriedener Ausdruck trat auf sein Gesicht.

    „Dann habe ich also gestern Nacht ganze Arbeit geleistet. Wir wollen ja keine halben Sachen abliefern und du sollst ja auch deine Lektionen nicht so schnell vergessen.“ kichernd klatschte seine Hand noch einmal auf meinen Po, was ich mit einem zischenden Laut quittierte.

    „Danke, ich glaube davon werde ich wirklich länger etwas haben!“

     

    Mit einem Male wurde unsere Tür aufgerissen und ein Diener in königlicher Livree erschien.

    „Madame, Monsieur! Das Frühstück wird gleich angerichtet. Hopp hopp aus dem Bett!“ ein solch vertraulicher Wortlaut von einem Bediensteten war selbst mir neu! Und erst jetzt sah ich, wohin sein Blick breit grinsend gegangen war. Schnell zog ich die Decke über mein lädiertes Hinterteil und gerade als ich von Haythams Schoß wollte, hielt mich dieser mit einem Kopfschütteln auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass er noch einen kleinen Moment benötigen würde um … nunja, sich zu beruhigen!

    Der besagte Eindringling machte sich daran die Vorhänge aufzuziehen und die Fenster zu öffnen. Ein Zimmermädchen war ebenfalls mit erschienen und begann die Waschschüsseln zu befüllen. Ein weiteres Mädchen stand an unserem Bett und wartete.

    „Madame, das Bett soll gemacht werden. Wir haben einen Zeitplan einzuhalten. Alle Gäste möchten pünktlich bei Tisch sein!“ kam es von dem Diener und er eilte wieder hinaus, mitsamt des Krüge wechselnden Mädchens.

    Augen rollend schob mich mein Mann von sich und bedeckte seine Blöße hastig. Unbeeindruckt, wie es schien, machte sich nun dieses junge Ding daran, schon mal eine Seite des Bettes zu richten. Haytham schlängelte sich unter der Decke hinweg, während ich ihm einen Morgenrock reichte. Kurz darauf erschienen auch schon unsere Zofe und der Kammerdiener. Beide sahen etwas übermüdet, aber glücklich aus.

     

    Für das Frühstück galt es, ein etwas unauffälliges Kleid zu wählen, die Haare sollten ebenso einfach geflochten und hochgesteckt werden. Man steigerte sich im Laufe des Tages um am Abend dann seine volle „Pracht“ entfalten zu können, so hatten mir die Damen das Prozedere auch noch einmal gestern erklärt.

    Und wir hatten noch nicht einmal den König selber gesehen. Wo war er überhaupt?, ging es mir gerade durch den Kopf, als es klopfte und Mrs. Wallace mit unserem Sohn erschien.

    Edward stiefelte freudig auf uns zu und rief laut nach uns. Dass es hier so hallte schien ihn zu faszinieren und er rief immer wieder etwas und lauschte dann. Anscheinend galt auch schon für die kleinsten eine Kleiderordnung. Unser Sohn trug ein seltsam anmutendes Gewand, was eher einem rosa Mädchenkleid gleichkam und ich war alles andere als angetan davon.

    „Mistress Kenway, es ist hier so üblich. Es gibt für die Kleinen eine eigene Garderobe, welche weitergereicht wird. Master Edward wird hier kaum seine eigenen Sachen tragen dürfen.“ kam es entschuldigend von Sybill.

    „Das sieht aber schrecklich aus. Wer findet denn so etwas toll?“ schmollte ich und drückte meinem Schatz einen dicken Kuss auf.

    „Mamaaaaa… ham…“ da hatte wohl jemand Hunger.

    „Ich bringe den jungen Herren dann mal zum Frühstück, Mistress Kenway, Master Kenway.“ Sybill knickste und nahm Edward wieder auf den Arm. Unter Protest seinerseits verließen sie das Zimmer und ich fragte mich, ob er gleich mit am Tisch säße.

     

    Nach einer gefühlten Ewigkeit war auch ich endlich fertig eingekleidet und stand staunend vor Haytham!

    Michael hatte ihn in einen dunkelblauen Gehrock mit passenden Hosen gesteckt, dazu die Haare geflochten und mit einem schwarzen Band geschnürt.

    „Sehe ich so schrecklich darin aus, mi sol?“ diese Frage war eigentlich unnötig, aber er bekam eine Antwort.

    „Ja, grausam. Dieser Anblick ist nicht auszuhalten. Mi amor, du weißt doch, du könntest auch…“

    „Nein, denk nicht einmal daran und danke, auch du siehst fantastisch aus und die ganze Aufmachung nur, weil wir frühstücken werden.“ lachend reichte er mir seinen Arm.

     

    Im Speisesaal herrschte schon reger Betrieb und wieder einmal hatte man den Eindruck, als würde der Tisch unter all diesen Speisen zusammenbrechen.

    Von unserem Sohn fehlte aber jede Spur und auf meine Frage bekam ich erstaunte Gesichter zu sehen. Die Ammen und Kindermädchen seien dafür doch da. So hätte ich viel mehr Zeit mich den wichtigen Dingen zu widmen. WELCHEN denn bitte? Hier hatte ich nicht wirklich etwas zu tun. Noch nicht, muss ich vielleicht ergänzend erwähnen.

    Wir nahmen unsere Plätze ein und dieses mal saß eine ältere Dame neben mir, welche mich in ein Gespräch über meinen deutschen Akzent verwickelte. Sie selber hätte ja Verwandte in Hamburg, aber leider war es ihr noch nicht vergönnt, dorthin zu reisen. Es plage sie die Seekrankheit und die Galle wäre auch nicht mehr in Ordnung und so weiter.

    Nach dem ich mit meinem Kaffee und dem Frühstück fertig war, wurde ich erlöst von den Krankheiten der Frau, welche mir zwar leid tat, aber ich Angst hatte, ihre Wehwehchen könnten auch auf mich überspringen und das nur, weil sie ununterbrochen davon sprach!

     

    Ich war froh ein wenig an die frische Luft zu kommen, ehe wir die Verabredung mit Herrn de Gooijer hatten.

    „Haytham, ich habe ein wenig Angst, was sein Amulett angeht. Könntest du es bitte im ausreichenden Abstand zu mir inspizieren. Ich ziehe es vor, nicht wieder in eine andere Welt geschubst zu werden.“ meinte ich leise und sah mich dabei um, weil ich befürchtete, jemand könnte uns zuhören.

    „Daran hatte ich auch schon gedacht. Was glaubst du, wie viele von diesen Dingern gibt es wohl noch?“ sein Blick ging über den wunderschön angelegten Park und er dachte wahrscheinlich daran, welche Möglichkeiten uns eigentlich damit noch zur Verfügung stehen würden.

    Die Anzahl dieser Schmuckstücke entzog sich meiner Kenntnis, von Zweien wusste ich ja nun, aber ob es verstreut auf der Welt noch viele andere Exemplare gab, konnte ich nicht sagen.

    Dann war es Zeit und wir gingen zum Gästeflügel und ließen uns das Zimmer von dem Holländer zeigen.

     

    Nach kurzem Klopfen wurde uns geöffnet und er begrüßte uns freudig. Wenn ich ehrlich bin, ich hatte ihn gerade unten am Tisch gar nicht gesehen, was aber auch nicht verwunderlich war. Mittlerweile waren noch eine Fülle an weiteren Menschen hinzugekommen.

    „Ahhhhh, Mistress Kenway! Master Kenway! Tretet näher. Darf ich euch meine Gattin vorstellen? Myrte de Gooijer!“ neben dem schlaksigen Mann trat eine recht korpulente Dame mit roten Wangen, braunen Haaren und dunklen grünen Augen. Ihr Lächeln war unglaublich angenehm und ihre Stimme einfach passend zu ihrer Erscheinung.

    Wir sprachen noch einmal unser Beileid für den Verlust des Familienmitglieds aus und dann kam der Holländer auch gleich auf den Punkt.

    Er schien es wirklich eilig zu haben, was mich für einen Moment misstrauisch werden ließ, weil so ein Verhalten eher für schlechte Ware stand, die schnell den Besitzer wechseln sollte. Doch es war eher diesem Amulett geschuldet, welches er wohl nicht mehr in seiner Nähe haben wollte.

     

    Wir gingen zu einer Sitzgruppe, bestehend aus Sofa, Tisch und zwei Sesseln. Daneben war ein kleiner Schreibtisch und dahinter erstreckten sich drei Regale mit irgendwelchen Büchern, Büsten und Nippes!

    „Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber mir brennt es unter den Nägeln. Werft bitte selber einen Blick darauf.“ Seine Hand holte aus einem der Kästen auf dem Schreibtisch besagtes Schmuckstück und wollte es mir reichen, als ich auch schon die Vibrationen spürte. Die Anwesenden nahmen aber auch noch das Leuchten wahr, welches in meiner Nähe intensiver wurde und meine Tätowierung sogar durch die ganzen Lagen Stoff hindurch zu sehen war!

    Haytham griff einfach nach dem Anhänger und ging ein Stück von mir weg, sagte aber nichts weiter, sondern hielt den runden Gegenstand gegen das Licht. Drehte es immer wieder hin und her, kniff dabei die Augen zusammen und schüttelte dann den Kopf.

    „Es sind andere Schriftzeichen darauf, als auf meinem Anhänger, Alex. Und es leuchtet gelblich in deiner Nähe. Wie es scheint besitzt es die gleiche Kraft wie meines oder das von Marius.“ Haytham reichte es wieder seinem Besitzer, welcher mit offenem Mund dastand und von einem zum anderen starrte.

    „Wie ist das möglich? Was ist das? Hexerei?“ ohhhh nein… bitte keine Anschuldigungen oder dergleichen und schon gar nicht hier in der Nähe des Königs!

    „Nein, Master de Gooijer, das hier ist… einfach ein Schmuckstück, welches das Sonnenlicht speichern kann und deshalb so leuchtet.“ versuchte ich nun Schadensbegrenzung, weil mein Gatte leider zu offen gesprochen hatte und nun unser Gegenüber völlig verunsichert war.

     

    „Ihr meint, es verzaubert niemanden oder kann böse Flüche über eine Familie bringen?“ diese Worte kamen so zögerlich von Myrte und sie sah ängstlich zu ihrem Gatten.

    „Liebling, du glaubst doch nicht wirklich daran, dass dieses Ding an dem Tod… nein, das glaube ich auch nicht. Aber was denkt ihr könnte es auf dem Markt wert sein, Mistress Kenway?“ da kam sehr schnell sein Geschäftssinn hoch und ließ mich wieder stutzen. Er ahnte doch, dass hier etwas nicht stimmte, warum wollte er nun den Wert wissen?

    „Master de Gooijer, es ist besser, wenn ihr uns dieses Schmuckstück überlasst und wir werden euch entsprechend entlohnen. Aber es sollte nicht auf den freien Markt gelangen, weil es schon sehr alt und wirklich wertvoll ist. Sagt, wie ist eure Familie in den Besitz gelangt?“ ich war in meine Rolle als Händlerin getaucht und ließ mich auf dem Sofa nieder.

    „Das ist wirklich eine sehr seltsame Geschichte wisst ihr, ihr werdet mich für dumm halten…“ stammelte nun Myrte herum und sah immer wieder zu ihrem Mann, welcher aber auffordernd nickte.

     

    Vor 200 Jahren ungefähr, sei ein Vorfahre von Mrs de Gooijer auf ein altes Hügelgrab an der Küste der burgundischen Niederlande (Haus Habsburg) gestoßen. Geschichte der Niederlande Aus reiner Neugierde hatte man dann einfach, Stein um Stein entfernt und einen darunter befindlichen Eingang zu einer Höhle gefunden. Immer noch vom Abenteuergeist beseelt folgte man dem Weg nach unten und fand sich kurz darauf in einer großen Kammer wieder. Diese war aus groben Stein gehauen und etwa so groß wie ein kleiner Salon, wobei diese Bezeichnung eher irre führend für mich war, weil ich diese Größenbeispiele nie zuordnen konnte.

     

    Im besagten Raum befanden sich mehrere hölzerne Truhen, steinerne Sarkophage und diverse herumstehende Gegenstände. Aus welcher Zeit das alles stammte, konnte man nicht deuten und begann alles zu öffnen und genauer in Augenschein zu nehmen. Es dauerte aber nicht lange, bis man dieses Amulett fand und es begann auch dort zu strahlen. Aus Angst, den Teufel persönlich geweckt zu haben, wurde der Gegenstand in eine kleine Kiste aus Metall gepackt und mitgenommen.

    Es gab aber noch einige andere Dinge, die dort lagerten. Unter anderem ein seltsam anmutendes Schild aus reinem Metall mit einem komischen Kreuz darauf, eine Rüstung mit ebensolchem Symbol und Schwerter.

    In den Sarkophagen jedoch lagen nur Gerippe und die üblichen Darreichungen für Tote. Leider fand man keine Aufzeichnungen dort unten oder Inschriften auf den Särgen. Die Bücher, welche dort zu finden waren, seien beim Berühren direkt zu Staub zerfallen.

    Nachdem die gesamte Truppe den Schauplatz wieder verlassen hatte, wohlgemerkt hatte man einiges mitgenommen, unter anderem die Schwerter, die Rüstung und so weiter, begab man sich auf den Rückweg.

    Dieser war aber so beschwerlich, dass die Plünderer des Grabes die Befürchtung hatten, verflucht worden zu sein. Und wäre diese Befürchtung nicht schon schlimm genug, erkrankten nach und nach die Männer an den unterschiedlichsten Gebrechen. Ruhr, Cholera (man nutzt eigentlich noch eine andere Bezeichnung im 18 Jahrhundert dafür!), Pocken und am Schlimmsten traf es den Anführer, welcher es als letzter Überlebender mit den ganzen Packtieren in sein Heimatdorf schaffte.

    Sein Geist war umnachtet und er war wie von Sinnen, faselte immer wieder etwas von leuchtenden Wesen, welche ihm sagten, sie sollen umkehren und alles an Ort und Stelle lassen, es sei nicht für sie bestimmt.

     

    Kurz darauf verstarb dieser Mann unter mysteriösen Umständen, es war als hätte er sich im Schlaf selber erdrosselt mit dem Amulett um den Hals!

    Seine Tochter fand ihn morgens in der Früh und konnte sich keinen Reim darauf machen, weil niemand etwas gesehen, gehört oder überhaupt bemerkt hatte.

    Ab diesem Zeitpunkt wurde dieser Anhänger nur unter der Warnung in der Familie weitergegeben, ihn nicht zu lange zu tragen oder ihn länger als eine Stunde zu berühren.

    „Ihr glaubt jetzt sicher, ich bin eine von diesen abergläubischen Waschweibern, aber nein! Das bin ich nicht, das ist die Geschichte, die sich erzählt wird.“ sie erhob sich und holte ein Buch aus einer der bereit stehenden Kisten und reichte es mir.

    Auf dem Einband stand geprägt der Name der Familie „Griekspoor“ (griechische Spur) und ich schlug es vorsichtig auf. Aufgebaut am Anfang wie ein Tagebuch, wurde es unübersichtlicher von Seite zu Seite, ähnlich wie dem Manuskript von Edward. Es war durch viele Hände gegangen und jeder schien etwas hinzugefügt oder aber auch entfernt zu haben!

     

    Ich besaß doch die Fähigkeit, Menschen zu reinigen und ihnen Informationen einzupflanzen, jetzt wäre der ideale Zeitpunkt., ging es mir durch den Kopf und ich bekam von Odin die Bestätigung und Freigabe für mein Tun.

    Haytham, was jetzt passiert, ist zu unserem Schutz und dem Schutz der Familie de Gooijer. Folge mir im Geiste in Myrtes und Jons Kopf bitte.

    Im Raum herrschte völlige Stille plötzlich, so als hätte ich die Uhr angehalten und ich konzentrierte mich auf die Eheleute, sah in ihren Geist, drang ein und begab mich auf eine Reise…

     



     

    Kapitel 11

     

    *** Geistige Konversation und Erkundung ***

     

     

    Es dauerte einen Moment, bis ich einen passenden Korridor gefunden hatte. Ich musste die Erinnerung an die Familiengeschichte finden, was nicht so einfach war, weil Myrte sogar britische Vorfahren hatte und alles etwas durcheinander war.

    Ich tastete mich weiter vor und spürte Haythams Gegenwart, welcher mir folgte wie ein Schatten.

    Dann endlich sah ich die Tür und folgte dem flackernden Schein von Erinnerungen. Von hier aus konnte ich tatsächlich in die Vergangenheit ihres Geistes eintauchen und wischte im wahrsten Sinne des Wortes unangebrachte oder eben unerwünschte Momente hinfort. Stattdessen gaben Idun und auch Frigg mir wunderschöne Bilder, die ich hinterlassen konnte.

    Diese Familie hatte nämlich ein uraltes Templergrab gefunden, welches nur uns vorbestimmt gewesen war. Doch uns kam nun dieser Fund zugute, weil wir nicht extra dorthin reisen mussten. Alles was wir brauchten befand sich hier in diesen Truhen in Frankreich!

    So hart wie es klingt, aber ich betrieb wahrste Gehirnwäsche und auch bei Jon machte ich das gleiche, doch in seiner Familienerinnerung herrschte nur ein Krieg untereinander. Das übliche halt und somit verschwand ich dort sofort wieder, als ich auch ihm entsprechend angepasste Bilder schickte.

    Bevor wir uns jedoch zurückzogen, musste ich noch die Erinnerung an mein Tun auslöschen und ich wusste, dass ich eigentlich nicht manipulieren sollte… In diesem Falle ist es aber unerlässlich, es wird sicherlich nicht das letzte Mal gewesen sein. Aber für dein erstes Mal hast du es gut hinbekommen. Elias klang voller Stolz und ich war glücklich in diesem Moment.

     

    Wieder im Hier und Jetzt plauderten wir über die Waren, welche wir übernehmen würden und welche wir liefern sollten. Es schien, als hätten wir wirklich nichts anderes hier getan und ich atmete unmerklich erleichtert aus.

    „Dann sind wir uns also einig, dass ich euch mit dem Schmuck betrauen kann?“ hörte ich jetzt de Gooijer fröhlich reden.

    „Natürlich und ich denke, dass wir euch umgekehrt mit dem Kakao auch zufrieden stimmen werden. Von dem Kaffee mal ganz abgesehen!“ wir stießen auf unser neues erfolgreiches Handelsabkommen an.

    Ab jetzt gehörten auch die Niederländer zu unseren Abnehmern oder auch Lieferanten, was den Blaudruckern in den Kolonien wieder zugute kam, weil die Fliesenbrennerei noch in den Kinderschuhen steckte und auch die Drucke für Tuch oder ähnlichem war noch nicht vollends über den Atlantik gewandert.

    Außerdem freute ich mich auf einen Besuch der beiden auf unserer Plantage, weil beide noch nicht in Amerika waren. Die Zeit hatte es noch nicht zugelassen, erklärte Myrte bedauernd.

    Die niederländischen Bruderschaften unterlagen aber Bragi und Idun, welche sich bereits dort einen Namen gemacht haben und einige Gefolgsleute hatten. Wir kamen unserem Ziel immer näher!

     

    Wir verließen ihre Räumlichkeiten mit den entsprechenden Truhen, welche vier Diener in unsere Gemächer brachten und den Wachen übergaben.

    Ja, unser Wachschutz war hier nicht gerne gesehen, dass hatte ich schon festgestellt, doch diesen Männern vertraute ich mittlerweile blind und wollte keine dieser hochnäsigen Palastwachen in meiner Nähe haben.

    Man hatte bei diesen immer den Eindruck, als sei man unwichtig, nichtssagend und nicht Wert beschützt zu werden.

    Im Zimmer bat ich meinen Mann erneut, das Amulett in die Hand zu nehmen.

    „Gelb, hat das etwas zu bedeuten? Eines leuchtet bläulich, das andere grünlich und jetzt das? Regenbogenfarben? Oder wonach muss man da gehen?“ im Grunde redete ich gerade mit mir selber.

    „Willst du es ausprobieren, Alex?“ diese Frage kam sehr zögerlich von meinem Templer und ich sah ihn etwas entsetzt an.

    „Nein, bist du wahnsinnig geworden? Ich will nicht schon wieder neben dem Chevalier oder schlimmeren erwachen!“ ich schüttelte mich bei dem Gedanken, dass ich neben Charles Lee stehen könnte!

    „Wie finden wir aber heraus, in welche Welt dieses Amulett einen bringen würde?“ diese Neugierde in seiner Stimme war schon wieder ein Grund, weswegen ich in Versuchung war zu sagen, wir sollten es doch ausprobieren. Aber … nein!

    „Gar nicht, mi amor. Wir werden es unter Verschluss halten, bis wir weitere finden und wir eine Definition finden konnten! Vorher rühren wir diese Viecher nicht mehr an! Verstanden? Das ist ein Befehl!“ und ich gab ihm einen Kuss.

    „hhhhmmmmm… das hat was, mi sol…“ raunte er leise und bevor ich darauf eingehen konnte, klopfte es und ein Diener trat ohne Aufforderung ein.

    „Man erwartet die Dame und den Herren zum Mittagstisch!“ eine Verbeugung und er war verschwunden! In meinen Augen einfach nur unhöflich, aber anscheinend eine normale Art hier mit den Gästen umzugehen. Und wieder fragte ich mich, wo eigentlich das Königspaar war?

     

    Prompt erschienen Magda und Michael und erneut hieß es umziehen, Haare machen und für einen Moment bekam ich Edward auch zu sehen. Er steckte jetzt in einem kleinen Anzug, welcher wirklich niedlich aussah, auch wenn er etwas zu groß war. Stolz lief er zu Haytham und rief „Papaaaa… aaaaam!“

    „Du siehst aus, als würdest du einen Staatsempfang geben wollen, mein Sohn!“ grinste er ihn an.

    „Das ist ein hinreißender Anblick, mi amor. Ihr beide seid farblich aufeinander abgestimmt. Er sieht aus wie du!“ ich schluckte meine mütterlichen Gefühle gerade herunter um nicht in Tränen auszubrechen.

    „Weißt du eigentlich, dass meine Mutter ebenso reagierte, wenn sie mich neben meinem Vater sah?“ und er küsste mich liebevoll.

    „Mamaaaaaa… mein!“ entschieden schob er seinen Vater von mir weg und wollte auf meinen Arm.

    Kinder und ihre Besitzansprüche. Dieser Moment währte leider nur kurz, dann ging Mrs. Wallace mit ihm ebenfalls zum Essen, doch die Kinder waren separiert und wir würden unseren Sohn erst am Nachmittag wieder sehen.

     

    Das Essen war natürlich üppig und es waren noch mehr Menschen an der Tafel. Ein junges Ding saß neben mir, welches ihrem Gegenüber hungrige Blicke zuwarf und sich über die Lippen leckte. Der Herr, welcher gemeint war, überging diese Flirtversuche aber nicht wirklich, obwohl seine Gattin neben ihm für alle hörbar laut knurrte, er solle gefälligst seinen Schwanz in Ruhe lassen. Wenn ich noch einmal auf meine lose Zunge hingewiesen werde, werde ich diese Dame als Referenz angeben!

    Zum Glück hatte mein Gatte eine ältere gelangweilte Dame auf der gegenüberliegenden Seite und neben sich eine Frau, welche verliebt an ihrem Mann klebte und nicht den Teller anrührte. Aber wer weiß, auf was man hier nun noch so trifft.

    Eheleute de Gooijer saßen uns schräg gegenüber, lächelten uns zu und hoben prostend ihre Gläser.

     

    Im Anschluss ging man in den Park, weil heute das Wetter entsprechend mitspielte und die Kinder wurden dazu geholt. Somit verbrachten wir als Familie den Nachmittag und unsere neuen niederländischen Geschäftspartner lernten Edward kennen.

    Nee, hoe schattig is de kleine! Hij lijkt op zijn vader!” hörte ich Myrte freudig ausrufen, als sie meine beiden Männer nebeneinander sah.

    Wir kamen unweigerlich auf ihre Kinder zu sprechen, welche aber zuhause geblieben waren und das Landgut hüteten.

    Aus den Augenwinkeln beobachtete ich die anderen Kinder und ihre Eltern und versuchte herauszufinden, ob ich mich tatsächlich noch weiter anpassen musste. Und ich sah, dass sich die Herren eigentlich gar nicht um ihren Nachwuchs scherten, sondern sich Gesprächen mit anderen Männern widmeten.

    Wo hingegen die Frauen sich nur mit den anderen Damen unterhielten und nur vereinzelt mal ein Auge auf die Kleinen hatten. Die Kindermädchen und Gouvernanten waren ja da, das war anscheinend Erziehung und Nähe genug.

     

    Nein, ich wollte und konnte das nicht so ablegen, es war für mich schon schwer genug meinen kleinen Schatz nur so selten hier zu sehen! Daher genoss ich jeden Moment mit ihm gerade!

    Ihr seid ganz anders, als die Frauen die ich kenne, Mistress Kenway. Ist Edward euer erstes Kind?“ kam es plötzlich von Mrs de Gooijer, aber es war keine Neugierde, sondern eher, ja, sanft und vorsichtig, wie sie fragte.

    Nein, ich habe bereits einen erwachsenen Sohn, welcher in meiner Heimat geblieben ist und mein Gatte hat auch bereits einen Sohn. Warum fragt ihr?“ ich fühlte mich etwas ertappt, was mir immer unangenehm war.

    Ihr seid so aufmerksam was den Kleinen angeht, ihr achtet auf seine Schritte, was er tut und was er sagt. Das ist aber doch die Aufgabe des Kindermädchens. Es wundert mich nur, dass ihr den Mut habt, euch so eurem Sohn zu widmen. Eure Aufmerksamkeit sollte eurem Gatten und dessen Wohlergehen gewidmet sein!“ in ihren Worten lag aber kein Tadel, sondern eher Trauer und Wut darüber, dass Frauen mal wieder nur eine begrenzte Auswahl an Betätigungen zugestanden wurde. Wir könnten uns nicht auf so vieles konzentrieren, weil der arme Gatte ja sonst zu kurz kommen könnte.

    Mein Mann und ich haben eine gewisse Aufteilung und auch ich habe meine Verpflichtungen, deren ich mir durchaus bewusst bin. Darüber hinaus aber bin ich Mutter und stehe meinem Kind bei, egal was da komme. Auch wenn man uns Frauen diese Fähigkeit nicht zutraut, wir können viel mehr gleichzeitig bewältigen als die Herren der Schöpfung glauben!“ ich versuchte nicht verbissen zu klingen, eher zuversichtlich und ein wenig zynisch!

    Ein breites Grinsen erschien auf Myrtes Gesicht. „Ihr wisst was ihr wollt und setzt es durch. Haytham kann sich glücklich schätzen, eine solche Frau zu haben und so einen prächtigen Sohn!“

    Dieses Kompliment gab ich gerne zurück, denn man spürte auch bei den Holländern diese innige Liebe.

     

    Als sie mich nun fragte, wie alt Edward sei, weiteten sich bei „acht Monate“ ihre Augen und sie sah ungläubig auf ihn herab. „Wie ist das möglich? Man könnte meinen er ist schon über ein Jahr alt, so groß wie er ist und er läuft schon und… Die Luft in Virginia muss ihm sehr gut tun!“ lachte Myrte und wir kamen auf das Klima dort zu sprechen.

    Ich musste aber erklären, dass wir ja gar nicht so lange mit Edward dort waren, weil er schon mit knapp 3 Monaten über den Atlantik geschleppt wurde, weil unser Auftrag drängte.

    Dann war es die gute Seeluft, die seine Entwicklung voran getrieben hat!“ ihr Blick war immer noch ungläubig auf den kleinen Kenway gerichtet.

     

    So verging der Nachmittag relativ entspannt und als ich abends erschöpft von den vielen Gesprächen und dem ganzen Essen und allem neben Haytham aufs Bett fiel, schlief ich unweigerlich einfach ein. Ich konnte es nicht verhindern.

    Kapitel 12

     

    *** Monsieur de la Sèrre ***

     

    11. August 1764

     

    Wir verlebten eine angenehme Zeit, auch wenn ich meinen Sohn hier schmerzlich vermisste. Letzte Nacht, zum Beispiel, habe ich mich zum Kinderzimmer geschlichen und Edward einfach mit zu uns ins Bett geholt.

    „Mistress Kenway, das ist aber nicht gerne gesehen.“ flüsterte Sybill grinsend, als ich ihr mitteilte, dass ich ihn mitnehme.

    „Ich weiß, ist mir aber egal.“ kicherte ich verschwörerisch und verschwand auf leisen Sohlen wieder über den Korridor zu unserem Zimmer. Als ich eintrat bedachte mich Haytham mit einer tadelnd hochgezogenen Augenbraue und schüttelte den Kopf. Konnte sich aber ein breites Grinsen dann doch nicht verkneifen!

    „Du bist wirklich unmöglich, mi sol.“ und er nahm Edward zu sich auf den Schoß, welcher eigentlich nur müde war und wieder einschlief, als er seinen Vater spürte.

    „Ich bin halt eine Glucke manchmal. Ich kann nicht anders!“ meinte ich und kuschelte mich an meine Männer. Meine kalten Füßen fanden die warmen Beine meines Gatten, was er mit einem unterdrückten Aufschrei kundtat.

    „Wir haben Sommer und du fühlst dich wie eingefroren an, mi sol.“ maulte er mich jetzt an.

    „Stell dich nicht so an, ich musste dich auf der Jackdaw auch schon als Eisblock ertragen. Ich werde es wieder gut machen und dich beizeiten wärmen, wie es sich für eine gute Ehefrau gehört.“ flüsterte ich lüstern an seinem Ohr.

    „Dann hättest du Edward nicht mit in unser Bett holen sollen…“ in diesem Moment unterbrach er sich selber. „… es gibt hier ja genügend Räume, in welche wir uns für ein paar Minuten zurück ziehen können, mi sol. Und morgen haben wir auch gar keine Termine oder Gespräche…“ seine Stimme hatte ebenfalls einen sehr dunklen reizvollen Ton angenommen.

    „Ist das eine Drohung, Master Kenway?“ und in meinem Bauch begann es schon wieder zu kribbeln, als dann auch noch seine Lippen mich zur Bestätigung liebkosten!

     

    Heute also hatten wir noch Zeit, den Palast etwas zu erkunden und ich stellte mit Staunen fest, dass die Arbeiten noch lange nicht abgeschlossen waren. Es gab eigentlich überall kleinere oder auch größere Baustellen, ob IM oder UM den Palast.

    Fasziniert stand ich an einer der Außenfassaden und besah mir das recht wackelige Holzgerüst, auf welchem gefühlt ein Dutzend Männer hin und her eilten um den Putz zu verteilen, oder bereits Farbe aufzutragen. Es wackelte wirklich gefährlich und ich dachte an die Baugerüste im 21. Jahrhundert, welche einer gewissen Norm entsprachen. Das HIER würde niemals durchgewunken und mir taten die Arbeiter leid, welche im wahrsten Sinne des Wortes ihr Leben für den Aufbau des Palastes aufs Spiel setzten.

    Mit Edward auf dem Arm schlenderten wir eine Weile durch den Park, bis das Mittagessen angerichtet wurde. Unser Sohn betrachtete mit großen Augen die noch kleinen Büsche und Hecken und Haytham erklärte ihm die Botanik hier.

     

    Als wir an einem Springbrunnen ankamen, welcher bereits Wasser führte, war klein Kenway wieder in seinem Element. Ich ließ ihn mit seinen Füßen in das flache Becken steigen und prompt ließ er sich auf seinen Hintern plumpsen und begann zu planschen!

    Ich hatte mitgedacht und wenigstens eine neue Windel und ein trockenes Hemd mitgenommen, außerdem hatte ich noch ein paar von den kleinen Keksen vom Frühstück dabei. Nachdem Edward sich ausgiebig nassgemacht hatte und auch sein Vater nicht verschont geblieben war, verlangte er nach seinen Keksen und ich konnte ihn in Ruhe in eine trockene Windel packen.

    So konnten wir uns auf den Weg zurück machen und dieses mal ließen wir ihn zwischen uns an den Händen laufen. Er wurde immer sicherer dabei und freute sich selber über seine Fortschritte. Mit einem „Gaga… lein“ wollte er sich von unseren Fingern befreien! Alleine gehen!

    Kaum losgelassen, marschierte dieser kleine Wonneproppen über den Rasen und das in einer unglaublichen Geschwindigkeit, die man ihm nicht zutraute! Haytham eilte ihm nach und ich fand diesen Anblick einfach göttlich, wie er hinter seinem kichernden Sohn her rannte. Er bekam ihn zu packen, hob ihn hoch und schwang ihn hoch über seinen Kopf. „Papa!“ gluckste klein Kenway.

    „Na, wolltest du reiß aus nehmen, mein Sohn? Ich freue mich schon, wenn ich dir zeigen kann wie man ganz schnell auf ein Gebäude kommt und wie du dann mit einem Sprung heile wieder unten ankommen kannst.“ ein verschwörerischer Seitenblick auf mich und er fuhr fort. „Deine Mutter hat einen kleinen Helfer an ihrer Hand, welcher sie hat faul werden lassen. Sie klettert nicht mehr.“

    „Glaub deinem Vater kein Wort, Edward! Ich weiß sehr wohl, wie man sich an einer Fassade schnell nach oben bewegen kann.“ und ich streckte meinem Mann die Zunge raus und auch der kleine Ausreißer machte die Geste nach. Ach verdammt, ich musste dringend auf so was achten!, ging es mir wieder durch den Kopf.

    Zum Nachdenken blieb aber keine Zeit, Magda und Michael erschienen um uns mitzuteilen, dass wir uns für das Essen umziehen sollten. Schweren Herzens überließ ich nun Sybill, welche auch gerade nach draußen gekommen war, wieder ihren Schützling und folgte meinem Mann und den Dienern.

     

    Am Nachmittag erhielten wir eine kleine Notiz von einem der königlichen Dienern. „Monsieur de la Sèrre wünscht euch zu sprechen.“ mit einer tiefen Verbeugung eilte er wieder von dannen.

    Auf dem Zettel stand lediglich, WO er zu finden sei und zwar in einem der unteren Freizeiträume. Zu meinem Gefallen war es der Raum, wo auch ein Großteil der Bibliothek untergebracht war und an einem Tisch, wo ein Schachspiel aufgebaut war, fanden wir ihn.

    „Ahhhhh, ihr müsst Master Kenway sein, nehme ich an? Und eure bezaubernde Gattin, Mistress Kenway!“ eine tiefe Verbeugung und ein warmer Handkuss folgten.

    Der Herr war etwas kleiner als mein Mann, warme braune Augen und dunkelblonde Haare, welche auch er in einem Zopf im Nacken trug. Seine Kleidung ließ keinen Zweifel an seinem Stand aufkommen, er war bereits jetzt, mit etwas über 30 Jahren, der Großmeister des Pariser Templerordens.

    „Da geht ihr Recht in der Annahme. Es freut mich, euch nun persönlich kennenzulernen, Monsieur de la Sèrre!“ Haythams Französisch klang einfach so, als hätte er nie eine andere Sprache gesprochen und ich war mal wieder neidisch auf sein Sprachtalent!

    Der Höflichkeit halber, sprachen die Herren dann auf englisch weiter und wir setzten uns etwas abseits an einen Spieltisch.

     

    Auch dieser Herr verlor keine Zeit und brachte sein Anliegen gleich auf den Tisch.

    „Mir ist zu Ohren gekommen, dass es eure Absicht ist, Bruderschaft und Orden zu vereinen, oder hat man mich falsch unterrichtet?“ in seiner Stimme klang eine gewisse Neugierde mit, aber er war nicht wütend oder ähnliches.

    „So ist es, Monsieur. Wir, das heißt meine Frau und ich haben schon große Fortschritte machen können und versuchen ein Netz aufzubauen, Verbündete zu finden und eine Einigung zu erreichen.“ Haytham sah seinem Gegenüber fest in die Augen, um zu zeigen, dass er unser Vorhaben wirklich ernst meinte.

    „Warum sollten wir uns mit den Bruderschaften auf einmal verbünden, wenn sie doch alles daran setzen uns weiter zu schädigen und zu minimieren. Ich muss euch sicherlich nicht an die letzten Jahre erinnern, Master Kenway. Ich habe viele gute Männer durch diese Assassinen verloren und bin nicht gewillt mich mit ihnen zusammen zuschließen!“ er verlor wirklich keine Zeit seinen Unmut über die Meuchelmörder kund zu tun!

    „Niemand verlangt, dass ihr von jetzt auf gleich eure Bedenken über Bord werft! Wir alle werden uns langsam annähern müssen! Und wenn ich das anmerken darf, in Amerika und auch England gibt es bereits die ersten Verbindungen. Bedenkt einfach, dass uns auch kleine Schritte ans Ziel führen. Wir müssen sie mit Bedacht setzen und auch die Assassinen wissen das, Monsieur de la Sérre. Ich weiß wovon ich rede und ich konnte durch meinen Handel und die einhergehenden Geschäfte bereits einige der hochrangigen Brüder und Schwestern von unserem Vorhaben überzeugen.“ ich versuchte mein Bestes, doch bei diesem Mann würde es schwer werden, weil er zu hohe Verluste erlitten hatte. Da war es verständlich, dass er mehr als zögerlich war. Vielleicht würde ihm aber auch die Zeit über sein Misstrauen helfen!

     

    „Ich würde gerne von euch wissen, was uns eine Verbindung zu den Assassinen bringen würde, Mistress Kenway.“ mit dieser Frage hatte ich bereits gerechnet und sie passte mir überhaupt nicht. Warum musste es immer nur Vorteile von einem Waffenstillstand geben? Konnte man nicht auch einfach darin seinen eigenen Frieden sehen und finden? Reichte das nicht als „Belohnung“ aus?

    Ich seufzte tief und versuchte diese Worte nun in einen freundlichen Satz zu verpacken, doch Haytham kam mir zuvor.

    „Es gibt einen entscheidenden Vorteil! Ihr könntet wieder sicheren Fußes reisen, der Orden würde stabil bleiben und sich sogar noch erweitern. Außerdem wäre es von großem Nutzen wenn man, bedingt durch diese ganzen Unruhen die zu spüren sind, eine größere Vereinigung hätte um sich zur Wehr setzen zu können! Wie gesagt, niemand zwingt euch heute, hier und jetzt eine Entscheidung zu treffen. Wägt es richtig ab und denkt darüber nach. Besprecht euch mit euren eigenen Brüdern und Schwestern. Über kurz oder lang werden wir aber nicht drumherum kommen, uns gegenseitig zu stärken.“ seine Worte waren mit Bedacht und sehr ruhig gesprochen und ich sah erwartungsvoll zu dem Franzosen.

    „Aber wir hätten keine Garantie, keine 100 Prozentige meine ich, dass wir zukünftig keine weiteren Verluste mehr erleiden werden. Gehe ich da recht in der Annahme?“ de la Sèrres Blick glitt zu mir und er hob fragend eine Augenbraue.

    „Nein, die gibt es nie. Und ich kann es euch auch erklären, weil es immer diese extremen Widersacher geben wird. Die Leute, die einfach nicht über den Tellerrand und ihren eigenen Horizont hinaus blicken können. Die die sich keiner Veränderung stellen wollen, weil das Alte so bequem ist, weil man es schon so lange kennt. Aber gerade diese Menschen werden wir nie überzeugen können und ich gehe davon aus und ich hoffe es, dass ihr nicht zu diesen Personen zählt. Ich halte euch für einen Mann der einen gewissen Weitblick hat! Nicht ohne Grund wäret ihr sonst schon in jungen Jahren Großmeister geworden!“ ich zitterte leicht, weil ich befürchtete in meiner Kompetenz zu weit gegangen zu sein. Doch dann rief ich mir meine eigene Position als Großmeisterin wieder vor Augen und straffte die Schultern. Ich hatte diese Befugnisse, ich durfte ihm auch diese Worte einfach sagen!

     

    Sein Blick wurde etwas milder, aber ich sah auch sein Missfallen an unserem Vorhaben. Bei diesem Herren mussten wir noch einiges an Überredungskunst und guten Argumenten aufbringen.

    Tief in mir bohrte sich aber ein anderer Gedanke nach oben. Ich sollte ihn vorerst noch außen vor lassen und auf später zählen, wenn er mit dem späteren Großmeister der Assassinen verhandelt. Monsieur Mirabeau war noch kein Großmeister in der Bruderschaft, noch war es Charles Dorian. Und was wäre, wenn ich diese beiden Herren schon einmal an einen Tisch setzen würde, damit sie ihre Differenzen klären konnten? Oder würde das in einem Blutbad enden?

    In mir tobte jetzt ein Konflikt, weil ich nicht mehr wusste, was richtig, was falsch oder was ich überhaupt tun sollte.

    Wir sind an dem Punkt, an welchem wir dir keine Hilfestellung geben können. Es kommt jetzt auf dein eigenes Urteilsvermögen an. Vertraust du auf dein Herz, deinen Bauch oder deinen Verstand?, hörte ich die Stimme des Allvaters in meinem Kopf und erstarrte. War ich wirklich dieses mal auf mich alleine gestellt?

    Mein Verstand sagte mir, ich sollte die beiden Männer zusammenbringen und sehen, was dann passiert. Außerdem wäre es vielleicht auch für Arno dann später von Vorteil, wenn sein Vater bereits bekannt wäre mit der Familie de la Sérre. Auch wenn sie keine Einigung hinbekämen, sie wären sich aber schon mal begegnet, kannten die Namen und würden vielleicht langsam anfangen umzudenken.

     

    „Monsieur de la Sérre, es mag sich jetzt forsch anhören, aber ich wäre mehr als dankbar, wenn ihr wenigstens ein paar Worte mit dem hiesigen Großmeister der Assassinen haben könntet. Ich bin sicher, dass man…“ er ließ mich aber nicht ausreden.

    „Ihr meint diesen Dorian? Wisst ihr eigentlich wie er meinen besten Mann, Gilbert Saufrid, dahin gemetzelt hat? Und das nur, weil er einer falschen Fährte gefolgt war! Diese Meuchelmörder folgen nicht mehr ihrem Kredo, in welchem die Klinge fern von unschuldigem Fleisch gehalten werden soll. Nein, im Gegenteil, sie töten oft blindlings und nur aufgrund eines Befehls!“ seine Stimme hatte sich erhoben und wir erweckten langsam Aufmerksamkeit, unerwünschte wenn ich das so sagen darf!

    „Das war mir nicht bekannt, verzeiht mir.“ meinte ich leise und setzte an, um ihm doch noch das Treffen schmackhaft zu machen. Aber mein Mann hatte beschlossen, auch seine Meinung einzuwerfen.

    „Natürlich ist das ein herber Verlust. Glaubt mir, auch ich kenne so etwas. Mein heutiger bester Mann, Shay Cormac, war einst selber Assassine und hat mir einige unserer Männer genommen, eben wegen eines fehlgeleiteten Befehls seines Mentors. Ich weiß, wie ihr euch dabei fühlt, aber vergesst nicht, jeder Mensch kann sich ändern, wenn er denn gewillt ist, Veränderungen zuzulassen. Das ist ein langwieriger Prozess, welcher eben nicht über Nacht stattfindet. Versteht doch, es geht hier um mehr als nur zwei verfeindete Bünde. Gemeinsam können wir mehr erreichen und der Menschheit zur Seite stehen, den Menschen helfen sich zu verteidigen!“ In Haythams Stimme lag eine solche Leidenschaft für die Sache, dass ich hoffte, sie würde auf den Franzosen überspringen. Doch leider…

     

    „Nein, ich denke, dass wäre alles noch zu verfrüht und ich werde einige Zeit darüber nachdenken und mich beraten müssen! Außerdem wird dieser Dorian am morgigen Ball ebenfalls hier erscheinen, wenn ihr also die Güte hättet, mich nicht in ein Gespräch mit ihm zu verwickeln? Ich wäre euch unendlich dankbar, Master Kenway!“ meine Hoffnung auf die Einigung und den Waffenstillstand in Frankreich verpuffte wie eine Seifenblase und ich rutschte enttäuscht auf dem Sofa zusammen.

    „Wenn ihr meint, dann lasst es eben!“ hörte ich mich sagen und erschrak selber über meine patzigen Worte. Beide Herren sahen mich mit großen Augen an. „Was denn? Wer nicht will der hat schon!“ wieder diese ungezügelten Worte und ich hielt mir die Hand vor den Mund, entschuldigte mich und rannte hinaus in den Garten.

     

    Was war das auf einmal? Mein Pirat war nicht in meinem Kopf, Hrymr konnte es auch nicht sein, weil Haytham ihn auch gespürt hätte. Ich fühlte mich aber ganz normal, doch ich würde einfach nicht so reagieren.

     

    ahhhhhhh, es beginnt langsam … diese Stimme hatte ich schon gehört, als Shay mit dem Chemiker zu tun gehabt hatte. Hing es mit meiner Rückführung zusammen, welche die Götter geplant hatten? War es wie dieser Sickereffekt, von dem ich gelesen hatte? Aber ich war nie im Animus, hatte nie diese genetische Verbindung zu meinen Vorfahren.

    Das brauchst du auch nicht Kind, du bist deine Vorfahrin! Hab aber keine Angst, ihre Art und ihr Wesen entsprechen dir völlig. Ihr seid euch mehr als ähnlich, äußerlich wie auch geistig! Auch sie ist eine Kämpferin und trägt ihr Herz auf der Zunge!

    Odins Worte waren in diesem Moment zwar verständlich, aber einfach nicht hilfreich! Wie erklärte ich bitte mein Verhalten dem Franzosen?

    Langsam beruhigte ich mich wieder und ging zurück zu den beiden Herren, welche sich angeregt unterhielten. Hatten sie doch noch einen gemeinsamen Nenner gefunden? In mir keimte eine kleine Hoffnung auf!

    „Ah, Mistress Kenway, ich hoffe, euch geht es wieder besser. Euer Gatte erklärte mir euer Verhalten. Diese schweren Schicksalsschläge, welchen ihr ausgesetzt ward, sind wirklich nicht leicht zu verarbeiten. Ich wünsche euch baldige Genesung für eure Hysterie.“ meinte de la Sérre milde lächelnd. Für einen Moment war ich versucht zu fragen, ob er mich auf den Arm nehmen wollte? Hysterie? Sein Ernst? Wütend funkelte ich Haytham an, welcher nur entschuldigend die Schultern hochzog.

    Ich atmete tief durch, ehe ich antwortete. „Das hoffe ich auch, Monsieur de la Sérre. Es waren schlimme Zeiten und es ist noch nicht vorbei.“ da ich nicht wusste, WAS genau mein Mann ihm erzählt hatte, beließ ich es bei diesen wenigen Worten.

    „Meine Schwester ist durch eine ebensolche Hölle gegangen, hat sich aber nie davon erholen können. Vor ein paar Jahren hat sie sich dann das Leben genommen, weil sie die Schmach nicht ertragen konnte.“ sprach er von einer Vergewaltigung?

     

     

     

    Kapitel 13

     

    *** Geduld und Missgunst ***

     

     

    Und jetzt erzählte er mir, wenn auch etwas zögerlich und in mehr als gemilderter Form, was seiner Schwester widerfahren sei.

    Eines Nachts seien Männer in ihr Familienanwesen eingedrungen, auf der Suche nach Silber und Wertsachen. Als sie aber nicht fündig wurden, ging man zu der Schändung der weiblichen Bewohner über. Man verschonte niemanden! Mehr sagte er nicht, er ließ nur traurig die Schultern sinken und starrte für einen Moment ins Leere.

    Diese Eindringlinge waren aber keine Assassinen, wie er später wohl von seinem Vater erfuhr. Es waren einfache Diebe, welche, wie er es nannte, auf der Durchreise waren. Es waren schon einige Einbrüche, Diebstähle und ähnliches begangen worden, aber die Familie de la Sérre wähnte sich in Sicherheit, weil sie nicht reich gewesen sein.

    Danach war seine Schwester, damals gerade mal 15 Jahre alt, in tiefe Depressionen gestürzt und hatte kaum noch das Haus verlassen. Nur ihre Gouvernante hatte noch Zugang zu dem Mädchen und fand sie schließlich an einem Juli Morgen in ihrem Bett mit aufgeschnittenen Pulsadern!

    Mir wurde ganz anders bei dem Gedanken und dieser Mann tat mir unendlich leid. Er selber war zu dem Zeitpunkt erst 17 und konnte den Verlust kaum ertragen. Der Franzose beschloss daher, niemandem mehr zu vertrauen, sondern sich den Templern anzuschließen, wie es sein Vater verlangte. Nur sie würden ihm diese Sicherheit, die Ordnung und Struktur geben können, in welcher er Frieden finden würde.

    Diese Trauer in seiner Stimme trieb mir die Tränen in die Augen!

    „Jetzt wisst ihr, warum ich euer Verhalten gerade sehr wohl nachvollziehen kann. Doch ich kann nicht gutheißen, dass ihr, trotz alle dem, den Assassinen beistehen wollt, wo es doch eben genau DIESE waren, welche die abscheuliche Tat an euch begangen haben…“ sprach er nach einer kurzen Pause.

     

    „Es stimmt, es waren Meuchelmörder. Fehlgeleitete Männer, welche einem Befehl gefolgt waren, der ebenfalls auf einer Lüge aufbaute. Sie haben ihre gerechte Strafe bekommen und ich werde mich auch noch an ihrem Drahtzieher rächen! Dennoch bedenkt, dass nicht ALLE so sind und es auch in den Reihen der Assassinen mitunter kriselt und sie ihr Kredo hinterfragen!“ in seinen braunen Augen sah ich eine gewisse Milde.

    Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Ihr seid hartnäckig, Mistress Kenway, das muss ich euch lassen. Aber bitte! Lasst mir Bedenkzeit, ich bin ja auch nicht alleine um eine so große weitreichende Entscheidung zu treffen, welche auch eine so riesige Auswirkung auf die Politik haben kann! Ich möchte nicht unbedacht handeln!“

    Er erhob sich und wir verabschiedeten uns noch, mit dem Hinweis, dass wir uns freuen, ihn morgen auf dem Ball wieder zusehen.

    Als Haytham und ich wieder alleine waren, saß ich einfach nur da und starrte vor mich hin.

    „Wir wussten, dass es nicht immer so leicht werden würden, mi sol. Mach dir keine Sorgen, es ist weder deine noch meine Schuld. Gib ihm Bedenkzeit und er wird sicherlich anders denken.“ in seinen Augen lag ebenfalls diese Zuversicht, dass wir den Franzosen auf unsere Seite ziehen könnten.

    „Vielleicht hat er aber recht und wir sollten ihn nicht mit Monsieur Dorian zusammen bringen. Die Zeit ist noch nicht reif, irgendwie spüre ich es auch, so als würde man noch etwas anderes abwarten müssen.“ grübelte ich ein wenig vor mich hin.

    „Spätestens wenn de la Sérre den kleinen Arno aufnimmt, wird es anders werden. Aber das ist erst in etlichen Jahren. Ich weiß gar nicht genau wann, ich sah nur Shay, wie er Dorian ermordet und wie der Junge bei der anderen Familie aufgenommen wird. Wird er das wirklich tun? Ich meine Shay!“

    Haytham hatte es doch gesehen, oder nicht? „Ja, wird er. Wegen der Schatulle, er erfüllt seinen Auftrag.“ antwortete ich etwas traurig, weil ich ja auch diese Geschichte kannte. Aber keine wirklichen Bilder vor Augen hatte.

    „Ich kann sie dich sehen lassen, Alex!“ kam es scharf von meinem Mann und ich sah ihn erschrocken an.

    „Das ist nicht nötig!“ meinte ich ebenso hart. „Ich brauche frische Luft!“ mit diesen Worten eilte ich hinaus in den Garten!

     

    Cormac befolgte Haythams Befehle! Warum hatte mein Mann aber mit seiner Autorität plötzlich solche Probleme? Ich war sicherlich nicht Schuld an diesem Dilemma, im Gegenteil, ich würde es jetzt, spätestens morgen einfach nicht geschehen lassen können. Ein Satz und die Geschichte würde sich ändern, doch wo ständen wir dann? Was passierte dann mit dem Artefakt? Das Risiko ist einfach nicht überschaubar!, huschte mir der Gedanke durch den Kopf.

    Aus den Augenwinkeln sah ich einen Diener mit einem Tablett an mir vorbei eilen und ich winkte ihn zu mir. Es war Champagner und ich nahm mir dreist gleich zwei Gläser, wer weiß, wann er wieder hier vorbeikommt.

    „Danke, dass du auch an mich gedacht hast.“ hörte ich die Stimme meines Mannes hinter mir und drehte mich erschrocken rum.

    „Ja… natürlich… hier bitte…“ und reichte ihm eines der Gläser.

    „Alex, es tut mir leid. Wirklich. Aber diese Bilder sind in meinem Kopf und lassen mich immer wieder an die Nacht des Überfalls denken. Ich sehe nicht Charles Dorian dort liegen, sondern meinen Vater und wenn ich aufblicke sehe ich Shay dort stehen. Es vermischt sich und das ist einfach nicht richtig, aber ich kann es nicht abstellen.“ seine Worte kamen wie ein Wasserfall aus ihm heraus.

     

    „Daran hatte ich auch schon gedacht, die Geschichte wiederholt sich, Haytham. Deswegen wollte ich dir eigentlich gar nicht davon erzählen. Doch nun weißt du es. Ist es wirklich so besser?“ mein Blick ruhte auf dieser perlenden Flüssigkeit in dem Kelch in meinen Händen, ich traute mich nicht aufzusehen. Dann legten sich Haythams Finger unter mein Kinn und hoben es an, so dass ich ihn ansehen musste.

    „Nein, es ist nicht besser. Wir müssen beide anscheinend noch lernen, diese Vergangenheit zu vergessen oder besser auszublenden. Und nein, die Geschichte wiederholt sich nicht ganz. Der Junge wird zu den Assassinen gehen, oder? Also folgt er seinem Vater nach! Während er mit de la Sèrres Tochter ebenfalls den Wunsch hat, Orden und Bruderschaft zu vereinen. Auch sie haben diesen Wunsch! Vielleicht müssen wir hier in Frankreich wirklich noch warten, bis die Zeit reif ist.“ Warten? Geduld haben? Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen!

    „Ja, du wirst in diesem Falle wohl wirklich Geduld beweisen müssen, mi sol“ seine Stimme war wieder warm und in seinen Augen lag dieser liebevolle Ausdruck.

    „Aber nur, wenn du mir dabei hilfst, mi amor.“ ich konnte nicht anders, ich musste ihn küssen, so wie er auf mich herunter sah und… seine freie Hand mich an sich drückte!

     

    Bevor wir jedoch auf die Suche nach ein wenig Privatsphäre gehen konnten und ich mein Versprechen, meinen Mann zu wärmen, einlösen konnte, hörten wir aufgeregte Stimmen aus dem Freizeitraum!

    Als wir näher kamen, klang es aber nicht bedrohlich oder ängstlich! Im Gegenteil, man hörte Getuschel und wir vernahmen die Worte, dass der König Hof hielt. Man sei ja so froh, dass er endlich auch den Weg zu seinem Volk gefunden hätte und so weiter. Zu seinem Volk? Nun gut, ich hätte die Ansammlung hier zwar Gäste genannt, doch nun gehörte ich zum Volk. Solange es kein billiges Fußvolk ist., ging es mir durch den Kopf.

     

    Nachdem Haytham mich durch die Menge an Menschen bugsiert hatte und ich endlich etwas sehen konnte, klappte mir mein Mund auf.

    DAS war König Ludwig? Ich hatte Bilder von ihm Kopf, welche ich damals im Internet gesucht hatte. Doch das hier wurde dem nicht gerecht! In feinen weißen Zwirn gehüllt schritt dieser Mann durch die Grüppchen. Dunkle Haare, keine Perücke wie ich eigentlich vermutet hatte, mit einem feinen Gesicht und hohen Wangenknochen. Dazu dunkelbraune Augen und eine sehr imposante Stimme, welche nicht zu überhören war.

    Ich sah zu Haytham, welcher ebenso mit offenem Mund da stand und sich nicht rührte. Ich beobachtete die anderen Personen hier im Raum und verinnerlichte das, was sie taten. Sobald der König mit seiner doch sehr großen Gefolgschaft in unsere Nähe kam, sollte ich schon einen ordentlichen Knicks machen.

    Eine gefühlte Ewigkeit später kam Bewegung in unsere Reihe, er kam näher und begrüßte tatsächlich alle, mit den Worten er freue sich auf den kommenden Ball und dass man erschienen sei zu diesem Anlass.

    Mit zittrigen Knien hing ich gebeugt an der Seite meines Mannes, welcher sich tief beugte und dann sah ich die hellen Schuhe vor mir. Eine beringte Hand tauchte in meinem Blickfeld auf und deutete mir, mich zu erheben.

    „Ich freue mich, dass ihr mir die Ehre erweist, an meinem jährlichen Ball teilzunehmen und dass ihr meiner Einladung ganz aus Amerika gefolgt seid.“ damit ging er zu meinem Gatten, auch er wurde mit den gleichen Worten bedacht. Ehe ich aber nachfragen konnte, woher er das wusste, hörte ich seinen Lakaien, welcher ihm die nötigen Informationen immer zuflüsterte. So etwas wie die Souffleuse beim Theater und ich musste ein Kichern unterdrücken.

     

    Sein Gefolge bestand aus eben diesem Lakaien, drei Herren mit gepuderten Perücken und feinen Gehröcken in Seide, einigen Damen, welche sich kichernd hinter ihren Fächern versteckten und einem alternden Mann, der das Schlusslicht bildete. Dieser schien lediglich dafür da zu sein, dass niemand den König hinterrücks belästigen konnte.

    Diese ganze Prozedur dauerte ungefähr eineinhalb Stunden und es war eine Erleichterung, als wir uns wieder normal bewegen durften.

    „Mi amor, versteh mich nicht falsch, aber Ludwig sieht wirklich gut aus. Auf den Bildern und Portraits konnte ich das gar nicht so erkennen.“ meinte ich etwas abseits jetzt von den anderen Leuten.

    „Und wieder hatte ich verdrängt, dass du ja schon weißt, wie diese Personen aussehen. Aber keine Sorge, ich bin dir nicht böse, mi sol. Solange du ihm nicht hinterher schmachtest und gleich das Bett mit ihm teilen willst…“ sein breites Grinsen überspielte seine doch recht ernstgemeinten Worte.

    „Muss ich dich immer daran erinnern, dass nur du für meine schmutzigen Gedanken und meine Lust zuständig bist, mi amor?“ hauchte ich an seinem Hals und fuhr mit meinen Lippen hinauf zu seinem Mund.

    „Nein, aber du könntest es mir mal wieder beweisen!“ diese raue Stimme ließ mich erschauern und ich wäre am liebsten über Haytham hergefallen.

    „Monsieur, Madame! Eure Majestät bittet euch zu einer Audienz um 5 Uhr in sein Studierzimmer!“ kam es von einem jungen Diener, welcher sich tief vor uns verbeugte und uns dann wartend ansah. Mussten wir jetzt zusagen, oder wartete er auf ein Trinkgeld?

    „Wir werden pünktlich erscheinen und fühlen uns geehrt von dieser Einladung!“ antwortete Haytham und der junge Mann verschwand in der Menschenmenge.

    „Was habt ihr doch für ein Glück, Madame! Wir warten schon seit Wochen auf diese Gelegenheit, aber er scheint uns zu ignorieren.“ hörte ich die wütende Stimme eines Herrn neben mir.

    „Das tut mir sehr leid, Monsieur. Aber wir sind auch mehr als überrascht von dieser Audienz, wir hatten nicht damit gerechnet.“ mein Templer war wieder in seine übliche Rolle gerutscht und erntete weiterhin einen bösen Blick.

    „Dann wünsche ich gutes Gelingen, Madame… Monsieur…“ damit entfernte sich der Mann.

     

    Missgunst unter den Höflingen war nichts ungewöhnliches, wie ich aus den Geschichtsbüchern wusste. Jetzt wurde sie mir aber vor Augen geführt und ich sah, warum das so war. Es schien eine Art Ordnung zu geben, wer wann zum König vorgelassen wurde. Hier ging es nicht nach Termin, sondern nach der Gunst des Herrschers und die hatten wir anscheinend inne.

    Mir erschloss sich aber nicht, warum wir zu ihm sollten. Im Grunde waren wir wegen des Balls hier und weil unser neuer Geschäftspartner ein gutes Wort für uns eingelegt haben muss.

    „Du meine Güte, meinst du de Gooijer ist mehr als nur ein einfacher Händler, Haytham?“ dieser Gedanke war nicht einmal abwegig, weil wie konnte dieser Mann so etwas erreichen?

    „Könnte sein, mi sol. Ich habe auch schon darüber nachgedacht.“ grübelte er vor sich hin und bevor er noch etwas sagen konnte, hörten wir eine weitere vertraute freudige Stimme.

    „Mistress Kenway! Master Kenway!“ und ein kleiner bebrillter Herr eilte freudig auf uns zu! Benjamin Franklin! Sollte er nicht eigentlich noch in London sein und sich um das Gegengift und ähnliches kümmern?

    „Master Franklin, es freut mich euch hier zu sehen. Ich hoffe, eure Überfahrt war nicht beschwerlich?“ begrüßte ich ihn erleichtert, weil ich englisch sprechen konnte.

    „Es war etwas windig, Mistress Kenway, aber nichts im Vergleich zu der Segelei über den Atlantik.“ lachte er und ließ meine Hand los um auch meinen Mann ebenso herzlich zu begrüßen.

    Er wäre hierher eingeladen worden, weil man auf seine Experimente aufmerksam geworden war und seine Hilfe benötigte im Bezug auf ein paar seltsame Vorfälle hier im Palast und allgemein in Paris. Genaueres hatte man wohl auch ihm noch nicht mitgeteilt und hielt sich diesbezüglich sehr bedeckt.

    „Dann werdet ihr König Ludwig also auch persönlich vorgestellt werden bei einer Audienz, nehme ich an?“ fragte Haytham und der Wissenschaftler nickte freudig.

    „Ich bin gerade rechtzeitig hier erschienen wie es scheint, weil er mich um fünf zu sehen wünscht!“ sein Blick glitt von einem zum anderen.

    „Das freut mich, dann werden wir gemeinsam dort erscheinen.“ ich fragte mich allerdings, warum und jetzt fiel mir auch auf, dass wir nicht im Audienzsaal auf ihn treffen würden! Man hatte uns gesagt, er wolle uns in seinem Studierzimmer in Empfang nehmen!

    Alles Grübeln würde jetzt aber nicht helfen, wir müssten es abwarten und so machten wir uns daran, mit Benjamin ein wenig in den Park zu gehen. Ich hatte eine unserer Wachen gebeten, Sybill mit Edward zu uns zu bringen, weil wir jetzt etwas Zeit hatten.

     

    Master Franklin zeigte sich erfreut, als er unseren Sohn sah. „Was für ein hübscher Junge. Wie heißt der junge Herr denn?“ und er streckte ihm die Hand entgegen. Skeptisch sah unser Sohn den Herrn vor sich an und zack, hatte er die Brille in der Hand und fing an, sie mit dem Mund zu bearbeiten.

    Schnell entzog ich ihm das neue Spielzeug, ging zu einem der Brunnen und versuchte die Augengläser wieder zu reinigen.

    „Das ist doch nicht nötig, Mistress Kenway.“ lachte Ben hinter mir und nahm mir seine Sehhilfe aus der Hand. „Glaubt mir, meine Kinder haben schon mehrere Exemplare zerstört, weil sie mit ihnen spielten.“

    Mein Sohn war sichtlich enttäuscht, dass er nicht damit spielen durfte und heulte an Haythams Schulter, welcher versuchte ihm sein Verhalten zu erklären. Wie war das? Reden bringt noch nichts! Die Worte des werten Vaters!

     

    Als dann die Gläser wieder frei von Sabber und Patschhänden waren, reichte Franklin sie wieder Edward. Besser er ließ ihn hindurch sehen und für einen Moment hatte ich den Eindruck, als wäre unser Sohn mehr als erstaunt was er nun sehen konnte.

    „Kann es sein, dass Master Edward eine Sehschwäche hat? Ich möchte nicht unhöflich sein, aber das Verhalten deutet schon jetzt darauf hin.“ er konnte Recht haben, weil ja auch Haytham damals nicht richtig sehen konnte.

    „Mamaaaaa…“ kam es nur atemlos von meinem kleinen Schatz und zeigte auf mich mit offenem Mund. Plötzlich begann er zu lachen und schien um mich herum zu schauen mit diesem Schleier über seinen graublauen Augen. Begeistert begann er nun von einem zum anderen zu sehen und blieb bei Sybill hängen, welche er ohne eine Regung zu zeigen, anstarrte. „Sisi… aaaaaaaaam“

    Irgendwie fehlten mir die Worte gerade, nicht nur mir, auch Haytham sah auf diese seltsame Szene.

    „Ich… es ist erstaunlich, aber ich hatte ja keine Ahnung, was meine Brille bewirken kann.“ hörte ich Benjamin völlig perplex sagen.

    „Wir auch nicht, Master Franklin. Darf ich mir eure Sehhilfe einmal genauer ansehen?“ fragte ich etwas zögerlich und nahm sie dann unserem Nachwuchs ab, unter Protest seinerseits, wohlgemerkt.

    Ich sah hindurch und es schien, als sei Franklin kurzsichtig. Ich kannte es aus meiner Familie, da waren einige damit gesegnet. Ich reichte sie aber nun wieder ihrem Besitzer und wir überlegten gemeinsam, wie man einem so kleinen Kind mit Augengläsern weiterhelfen konnte.

    Ben und ich fachsimpelten über ein kleines Gestell und wie die Gläser geschliffen werden mussten, damit sie nicht zu groß sind. Neben mir bemerkte ich wie Haytham lächelnd dasaß und seinem Sohn beruhigend zuredete.

    „Deine Mutter plant etwas zu bauen, was dich besser sehen lässt und jetzt würde ich zu gerne wissen, WAS du gerade gesehen hast.“ flüsterte er Edward zu.

     

    Es verging mindestens noch eine Stunde, ehe wir übereinkamen, dass wir uns, zurück in Amerika, zusammen setzen werden und eine solche Sehhilfe fertigen werden. Bei diesen Worten hörten wir eine Leibwache des Königs, welche uns nun bat, ihr zu folgen.

    War die Zeit so schnell vergangen? Ich verabschiedete mich noch mit einem dicken Schmatzer von meinem kleinen Schatz und wir folgten der Wache in das Studierzimmer des Königs!

     

     

    Kapitel 14

     

    *** Lasst die Befragungen beginnen ***

     

    Das Leben von Ludwig dem XV.

     

    Warum ich so nervös wurde konnte ich gar nicht wirklich erklären. Ich war nicht alleine, es war eine Einladung der man folgte… aber es war König LUDWIG… es war eine historische, wichtige Persönlichkeit! Noch nie, bis auf King George III und auch eher beiläufig, war ich so wichtigen Menschen begegnet!

    Die Türen wurden geöffnet und wir traten in einen Raum, welcher die Größe unseres Wintergarten hatte! Auch war es genauso hell hier, weil die Fenster bodentief waren und es eine Vielzahl davon ringsum gab. Die Regale mit den vielen Büchern, Skulpturen und Büsten lockten mich regelrecht, doch ich musste mich konzentrieren um beim König zu bleiben.

    Dieser stand mit dem Rücken zu uns an einem der geöffneten Fenster – wie unvorsichtig – und schien in Gedanken versunken zu sein.

    Erst als die Wache sich räusperte, wandte er sich um und sah uns wohlwollend lächelnd an.

    Zu meinem Erstaunen sprach er englisch, eigentlich war ich erleichtert nicht erstaunt, und tat seiner Freude kund, dass wir erschienen sein.

    In diesem Raum gab es nur Wachen, seine Gefolgschaft insbesondere die Damen – welche vermutlich seine Mätressen darstellten – waren nicht anwesend. Aber ich wusste, die Wände hatten überall Ohren… ich schweife ab.

     

    „Bitte, nehmt Platz.“ und er setzte sich uns gegenüber an den ausladenden Schreibtisch, auf welchem sich einige Papiere stapelten, Tintenfässer nebst Federn und einem filigranen Kerzenleuchter zu finden waren.

    „Es ist mir eine Ehre, heute hier sein zu dürfen, eure Majestät.“ Franklin setzte sich gelassen auf seinen Stuhl.

    Mir fehlten noch die Worte, aber Haytham fand sie und bedankte sich ebenfalls für diese Audienz, dann setzten auch wir uns.

    „Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber ich musste abwarten bis Master Franklin ebenfalls angereist ist. Und ich komme auch gleich auf ein sehr delikates Anliegen.“ eine kleine Pause trat ein, in welcher sich Ludwig versuchte eine Strategie zurechtzulegen, so hatte es den Anschein.

    „Wie es sicherlich schon bekannt ist, ist Madame de Pompadour vor einigen Monaten auf eine, nunja, eher unerklärliche Weise verstorben. Ihr Verlust schmerzt mich zutiefst. Sie war eine wichtige Person in meinem Umfeld, welche mir immer beratend zur Seite stand! Mein Minister ist seitdem ein treuer Begleiter geworden, welcher aber immer mehr mein Misstrauen erweckt!“ wieder eine Pause und er sah uns nacheinander an, nickte dann, als wolle er eine Zustimmung, dass wir verstanden hatten.

    Langsam setzte er nun seine Erzählung fort. „Monsieur Choiseul, mein Minister wie ihr wisst, legt es darauf an, mich in einem guten Licht zu präsentieren. Seit aber Madame de Pompadour verstorben ist, zieht er Marie-Louise O’Murphy in seine Belange mit ein und bespricht sich mit ihr.“ wieder trat eine kurze Pause ein. „Ich muss mittlerweile davon ausgehen, dass der Tod von ihrer Vorgängerin nicht ihrer Gesundheit geschuldet ist, wenn ihr versteht was ich meine.“ seine Stimme hatte einen verschwörerischen Unterton angenommen.

    Zur Bestätigung nickten wir lediglich und ich war gespannt, was noch alles aus dem Nähkästchen geplaudert würde. Man vermutete, dass hier mit Gift gearbeitet wurde. Nicht immer sichtbar, sprich es wurde nicht wie üblich unter das Essen oder in die Getränke gemischt, sondern es schien auch über die Luft verabreicht werden zu können. Auch in Paris selber war es zu einigen unschönen und seltsamen Todesfällen gekommen. In der Bevölkerung, wie auch bei Adligen und Mitgliedern der Räte.

     

    Plötzlich verlor Master Franklin jegliche Farbe im Gesicht und stützte seinen Kopf in seine Hände! „Das… ich hatte doch keine Ahnung… Wie kommt es hierher… wir konnten doch die Lager räumen… auch in London!“ Völlige Verzweiflung und vor allem Schuldgefühle waren in seiner Stimme zu vernehmen!

     

    „Master Franklin, seid ihr euch sicher? Deswegen habe ich euch eigentlich auch rufen lassen! Mir ist zu Ohren gekommen, dass ihr von derlei Anschlägen und dem Gift wusstet. Und mir wurde gesagt, ihr seid ein Experte auf dem Gebiet, Gegengifte zu entwickeln!“ die Stimme Ludwigs nahm einen fordernden Ton an und Ben sah ihn wie ein verschrecktes Kaninchen an.

    „Eure Majestät, ja… ich… habe… aber ich konnte doch nicht wissen… ich ging davon aus, dass es zum Wohle der Menschen getan wurde. Aber wir haben ein Gegengift, mehrere Varianten, weil ich davon ausgehen muss, dass es auch weiterentwickelt wurde.“ er wurde immer leiser in seiner Erklärung und schien immer kleiner zu werden.

    „Wenn ich bitte etwas dazu sagen darf, eure Majestät.“ begann ich und Ludwigs Kopf schoss zu mir herum, mit wütendem Blick, welcher aber nicht meiner Einmischung galt.

    „Eine Intrige, ich wusste es!“ fauchte er plötzlich und schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch.

    „Nicht unbedingt, eure Majestät. Bitte, lasst es mich erklären!“ meine Stimme klang schon wieder eher bettelnd, weil ich eigentlich gar nicht wusste, wie ich mich diesem Mann gegenüber verhalten sollten. „Wir können dem entgegenwirken. Doch brauchen wir zu aller erst Zeugenaussagen, Personen die etwas gesehen haben, oder auch einfach Gespräche mitangehört haben.“

    Ein huldvolles Nicken, welches mich an dieses herablassende von Lady Melanie erinnerte, sagte mir, ich solle fortfahren.

     

    „Es ist wichtig herauszufinden, wo euer Minister zu der Zeit war, oder auch Mrs O´Murphy! Welche Kontakte sie hatten und vor allem, wer Zugang zum Palast hat. Sie gehören zu den Hauptverdächtigen!“ mein Gehirn arbeitete und dachte sich einen Plan aus, welcher alles und jeden hier umfasste. Doch das würde Monate in Anspruch nehmen, also würden wir bei den beiden anfangen müssen. Minister und derzeitige bevorzugte Mätresse, was mir etwas widerstrebte, weil ich diese Frau wie eine Affäre sah. Ludwig ging seiner Frau fremd! Nein, es war nicht meine Zeit, ich musste umdenken… ein neues Mantra? Ja, das sollte ich mir dringend aneignen!

    „Wie stellt ihr euch das vor, Mistress Kenway? Ihr könnt nicht einfach so eine Untersuchung beginnen! Es wird Misstrauen und Gerede hervorrufen!“ kam es vorwurfsvoll von Ludwig. „Und ich möchte nicht, dass Miss O´Murphy behelligt wird! Sie steht mir treu zur Seite!“ innerlich rollte ich mit den Augen. Diese Frau hatte ihn um den Finger gewickelt und steuerte ihn und seine Gefühle. Verdammt!

    „Wir sollen ein Verbrechen aufklären! Dafür muss man aber alles und jeden in Betracht ziehen!“ sprach Ben wie beiläufig und hatte sich vermutlich auch schon einen Plan zurechtgelegt!

    „Gehe ich also recht in der Annahme, dass ihr meine engsten Vertrauten verdächtigt?“ Ludwigs Stimme klang entsetzt und völlig ungläubig. So naiv konnte dieser Mann doch nicht sein, nicht dieser doch recht imposante und autoritäre Monarch, welcher souverän auftritt!

     

    Wir versuchten nun ihn umzustimmen, ihm zu erklären, worauf wir achten müssten und wer als Verdächtiger für den Mord am ehesten in Frage kam. Von dort könnten wir dann die Liste abarbeiten, auch wenn ich hoffte, dass wir das nicht noch monatelang machen mussten. Ich wollte auch irgendwann wieder nach Virginia aufbrechen.

    „Wir werden also als erstes Miss O´Murphy befragen, im Beisein eurer Majestät, wenn es gewünscht ist und dann werden wir weiter nach der Liste vorgehen.“ Haytham war in seine Templerrolle gefallen und hatte, wie ich sah, ebenso einen detaillierten Plan vor Augen.

    „Ich sehe schon, ich habe meine Wahl sehr weise getroffen, Master Kenway! Euer Ruf eilt euch voraus!“ kam es anerkennend von dem Monarchen und ich sah etwas erstaunt auf meinen Gatten. WELCHER Ruf? Woher wusste er… Das Königshaus wusste um die Templer und Assassinen! Natürlich, sie machten sich diese Organisationen zu Nutze! Je nachdem spielte man eine Partei gegen die andere aus!

    Oh, was für ein perfides Spiel diese Könige doch trieben und in mir kroch Wut hoch! Es war doch immer das gleiche.

     

    Man ließ als erstes den Minister rufen, Mrs. O´Murphy wollte der König persönlich informieren, wenn ihre Aussage gewünscht wird. So wirklich passte mir das nicht, so wäre diese Frau vorgewarnt. Leider musste ich mich dem Ganzen nun fügen!

    Monsieur Choiseul trat nach einer viertel Stunde ein und verbeugte sich tief vor seinem König!

    In diesem Moment fiel mir auf, dass die Königin bisher noch nicht in Erscheinung getreten war und ich fragte mich, ob wir sie nicht auch noch befragen sollten!

    „Eure Majestät, ihr ließet mich rufen?“ seine Stimme war sehr melodisch und ruhig. Sein Blick ging erwartungsvoll von einem zum anderen.

    „Sehr richtig, Minister! Nehmt bitte Platz!“ der Angesprochene setzte sich und faltete die Hände im Schoß. „Wir müssen annehmen, dass Madame de Pompadour keines natürlichen Todes gestorben ist und diese Herrschaften hätten ein paar Fragen bezüglich eurer Involviertheit!“ sprach Ludwig mit starrem Blick auf den Herren vor sich gerichtet.

    „Natürlich gebe ich bereitwillig Auskunft, wenn ich helfen kann, eventuelle Missverständnisse aus dem Weg zu schaffen!“ in sein Gesicht trat ein Lächeln und er straffte die Schultern.

     

    Haytham begann als erster die Befragung und hatte sich dabei erhoben. Er schritt langsam an den Regalen entlang, als müsse er sich sammeln. „Monsieur Choiseul, wie standet ihr zu der Verstorbenen? Wie würdet ihr eure Beziehung beschreiben?“ seine Stimme hatte einen kühlen Ton angenommen.

    „Sie war eine Vertraute von mir und wir pflegten eine enge Freundschaft. Auch halfen wir uns gegenseitig, das Beste für den König und seine Königin zu erreichen. Das Wohlergehen ihrer Majestäten liegt uns allen natürlich am Herzen und steht an erster Stelle!“ der letzte Satz kam sehr entschieden vom Minister und ließ keinen Zweifel daran, dass ihm wirklich wichtig war, wie der König auf die Untertanen wirkte.

    Natürlich war eine Frage unausweichlich, nämlich ob die beiden eine Affäre pflegten, ob sie jemanden eifersüchtig gemacht haben könnten oder ob eventuell auch Feinde an der Tat beteiligt gewesen sein könnten. Alles verneinte der Herr, meinte aber beiläufig, dass es sicherlich Widersacher des französischen Königshauses gäbe und man davor nie gefeit sei! Damit hatte er Recht, also stand immer noch die Frage im Raum, ob er wüsste, wie die Mätresse des Königs ums Leben kam.

    „Ihre Kammerzofe fand sie am Morgen leblos in ihrem Bett vor, Maîtresse Kenway! Es war ein grauenhafter Anblick.“ bei diesen Worten senkte er betrübt den Kopf und sah zu Boden. Die Dame hatte sich in ihrem Todeskampf noch erbrochen und das Bett war völlig zerwühlt. Es fehlte aber nichts aus ihrem Besitz, auch fand man keine Spuren eines Eindringlings. Der Wein auf ihrem Nachttisch war auch rein, das Obst wies auch keine Giftstoffe auf.

     

    „Das hatte man mir bereits alles schon mitgeteilt.“ hörte ich Ludwig resigniert sagen und auch er hatte sich nun erhoben und schritt auf und ab.

    „Verzeiht mir, eure Majestät, aber mehr gibt es auch nicht zu berichten.“ kam es entschuldigend vom Minister.

    „Lag ein eigenartiger Geruch in der Luft? Roch es anders als sonst im Zimmer von der Madame?“ fragte nun Franklin leise und sah Choiseul auffordernd an.

    „Daran kann ich mich nicht erinnern. Als ich dort eintraf, waren die Fenster bereits geöffnet und man nahm nur, verzeiht, diesen widerlichen Geruch des Erbrochenen wahr.“ Natürlich! Man hatte zum Durchlüften, weil es vermutlich mehr als unangenehm dort roch, die Fenster aufgerissen!

    Die Kammerzofe! Wenn sie als erste dort war, wird sie sich vielleicht noch an einen bestimmten Geruch erinnern!

    Fürs Erste war nun der Minister entlassen und König Ludwig ging mit ihm hinaus, um Madame O´Murphy zu holen. Vielleicht mussten wir sie gar nicht befragen. Mir lag aber eine andere Frage auf der Zunge, nämlich WONACH es gerochen haben sollte. Ben musste es ja wissen!

    Etwas verwirrt sah er mich an und meinte dann trocken. „Also, wenn ich das so sagen darf, es riecht leicht wie Dung, vermischt mit einem beißenden säuerlichen Ton! Es ist schon recht widerlich, wenn man mich fragt.“

     

    Das würde dann bei der Kammerzofe zumindest weiterhelfen. Aber wie hat man das Gift in das Zimmer bekommen? Auf meine Frage deutete mein Gatte auf ein Gitter auf Bodenhöhe in der Wand hier. „Lüftungsschächte, mi sol. Vermutlich hat sich da jemand mit diesen ausgekannt und wusste, wo er das Gift platzieren musste! Wenn wir jetzt darüber nachdenken, wer kennt sich mit solchen Dingen aus?“ in seinem Gesicht lag ein wissendes Grinsen.

    „Bauarbeiter unter anderem und derjenige, der die Pläne für den Palast mit entwickelt hat. Die Architekten!“ kam es freudig von Benjamin und er strahlte uns an.

    „Also hätten wir noch mehr Personen, die es zu befragen gilt!“ seufzte ich laut und ließ mich auf meinen Stuhl sinken!

     

    Kapitel 15

     

    *** Ein Bankett ***

     

    Nach dieser Erkenntnis, traten Ludwig und seine neue Mätresse ein. Sie war eine kleine hübsche Frau, welche schüchtern von einem Herrn zum anderen sah und mich dann fragend musterte.

    Wir stellten uns vor und wie befürchtet, hatte der König bereits erste Fragen gestellt und sie darauf vorbereitet, dass dies hier eine Art Verhör werden wird. Sie war also schon unterrichtet, aber ich hoffte, dass Madame O´Murphy eine ehrliche Person war.

    „Mein König hat mir bereits erklärt, worum es geht und ich bin entsetzt, dass man mich für den Tod von Madame de Pompadour verantwortlich machen will!“ ihre Stimme hatte einen harschen vorwurfsvollen Ton und sie sah jetzt böse von einem zum anderen.

    „Niemand sagt, ihr seid die Täterin. Wir sind auf der Suche nach einem möglichen Verdächtigen, Madame. Vielleicht könnt ihr uns einfach behilflich sein, die richtige Person ausfindig zu machen. Ihr kennt euch ja hinreichend im Palast aus und hört auch das Gerede der andern Gäste und Bediensteten!“ sprach mein Mann etwas ruhiger um sie zu besänftigen und es half!

    „Natürlich kenne ich mich aus, Monsieur! Ich werde euch sicherlich bei der Suche nach dem wahren Mörder zu Diensten sein.“ bei diesen Worten sah sie Haytham mit leuchtenden Augen an und ich stellte mich demonstrativ neben ihn, nahm seine Hand und drückte zu. Wehe sie kommt meinem Mann zu nahe!

     

    Aber leider konnte diese Frau uns kein Stück weiterhelfen, auch sie hatte weder jemanden verdächtiges in oder aus dem Palast gehen sehen. Es waren die üblichen Personen hier. Auch konnte sie keine Auskunft darüber geben, ob es jemand persönlich auf Madame de Pompadour abgesehen haben könnte. Etwas an ihrer Stimme bei dieser Aussage ließ mich aber aufhorchen, auch weil ihr Blick verstohlen Richtung König Ludwig ging! Nein, er war nicht dafür verantwortlich, aber… könnte es seine Frau gewesen sein, die den Mord in Auftrag gegeben hat? Wäre sie so kaltblütig? Ich hatte sie noch nicht zu Gesicht bekommen, geschweige denn wusste ich mehr als das übliche von ihr aus den Aufzeichnungen!

    „Ich habe an dem Tag lediglich mit den Bediensteten noch gesprochen und ihnen Beistand geleistet. Alle waren sehr erschüttert durch diesen plötzlichen Tod.“ ihre Worte klangen ehrlich und auch ihre Stimme war fest!

    Ich atmete tief durch und mir ging der Ausdruck, welchen Ludwig vorhin auch schon angebracht hatte wieder durch den Kopf. INTRIGEN! Jeder deckte jeden, oder man bestach die richtigen Leute. Es war doch immer so und es würde sich auch nie ändern.

    Wir entließen Madame O´Murphy jetzt und Benjamin bat den König um die Blaupausen des Palastes oder zumindest die der Lüftungsschächte. Außerdem möge doch bitte ein entsprechender Experte hinzugezogen werden.

     

    „Ihr glaubt, es war wirklich dieses Gas in der Luft, welches auch in Paris schon Todesopfer gefordert hat?“ in sein Gesicht trat Entsetzen, weil er im Grunde auch um seine Wenigkeit bangen musste! Auch ihm war das Volk nicht zu 100 Prozent wohlgesonnen.

    Nun ja, sein Nachfolger wäre noch schlimmer, ging es mir durch den Kopf.

    Das Ganze wurde aber nun auf den nächsten Tag verschoben und ich hoffte, dass der Minister und die Mätresse Stillschweigen bewahren konnten, wir hatten es ausdrücklich erbeten!

     

    An diesem Tag leisteten der König und seine Gattin den Gästen Gesellschaft. „Ich kann mich nicht immer verstecken, denke ich.“ diese Worte klangen nicht wie von einem Monarchen gesprochen, sondern skeptisch wie von einem ganz normalen Mann.

    Seine Frau war eine ruhige, aber sehr umgängliche Person. Wir hatten interessante Themen über das Theater, die Parkanlagen und deren Bepflanzungen. Außerdem riet uns König Ludwig, wir sollten uns unbedingt die Stallungen ansehen.

    Edward war mit Sybill auch dabei und konnte sich kaum sattsehen.

    25 prächtige Pferde waren hier untergebracht und eines schöner als das andere.

    Mir wurde nun nacheinander erklärt, welche Rasse das Tier war, wie alt es war und woher es kam. Das Königshaus war unter anderem auch stolz auf die eigenen Züchtungen, wobei diese auch gerne weiterverkauft wurden zu einem guten Preis.

     

    Am Abend, als ich mit Sybill meinen Sohn zu Bett gebracht und mich für das Bankett umgezogen hatte, ging ich wieder hinunter und erhaschte einen Blick auf einen Herrn, welcher eng umschlungen mit einer Zofe in einer Ecke stand.

    „Nicht, Monsieur. Wenn uns jemand sieht! Ich verliere meine Anstellung!“ hörte ich die Stimme des jungen Mädchens.

    „Nun habt euch nicht so, Michéle! Wenn ihr brav seid, lege ich auch ein gutes Wort beim König für euch ein!“ raunte eine tiefe Männerstimme.

    Ein Klatschen folgte und der Herr fuhr erbost diese Frau an „Immer das Gleiche mit euch Weibern. Das wird noch ein Nachspiel für dich haben, du dumme Gans!“ es war leider etwas zu dunkel, ich sah nur fliegende dunkle Rockschöße verschwinden. Es folgte ein junges Mädchen, welches schwer atmend die Röcke richtete und sich hastig umsah, dann aber ihrer Wege ging!

    Sie gefiel mir, sie ließ sich nicht auf so einen billigen „Anmachspruch“ ein, auch wenn es zu dieser Zeit mehr als unüblich war, weil jede Frau auf gute Fürsprache angewiesen war. Gerade hier im Palast sollte man auf seinen Ruf achten, doch der war, meiner Meinung nach, durch diese Mätressen Geschichten schon oft dahin!

     

    Ich setzte meinen Weg fort in den Ballsaal, wo sich schon alle Gäste prächtig amüsierten. Meinen Gatten fand ich im ersten Moment nicht und schob mich durch die Menge, als ich ihn umringt von einigen jungen Damen fand. Sie alle sahen mit leuchtenden Augen und roten Wangen zu ihm auf. Als er mich sah, erhellte sich seine Miene und streckte die Hand nach mir aus.

    „Darf ich den Damen meine Gattin vorstellen? Maîtresse Alexandra Kenway!“ ich lächelte diesem Hühnerhaufen zu und schmiegte mich an Haytham mit einem triumphierenden Lächeln.

    „Oh, ihr seid verheiratet, Monsieur…“ durch die Bank weg hörte man große Enttäuschung aus diesen wollüstigen Mündern.

    Nur eine Dame funkelte mich überlegen an. Genau die, die neben mir bei einem der ersten Essen gesessen hatte. Als sie nun an mir vorbeiging hörte ich sie leise an meinem Ohr zischen „Passt gut auf ihn auf, er ist schneller in einem fremden Bett und zwischen willigeren Schenkeln als euren, als euch lieb ist!“

    Ich sah auf meine rechte Hand, wo sich der wunderschöne Ring mit dem leckeren Pülverchen befand.

    „Nein Alex. Tu es nicht. Nicht hier! Wer weiß, was dann passiert. Denk daran, dass wir gerade dabei sind, einen eventuellen Mord aufzuklären!“ mahnte mich Haytham und ja, er hatte Recht. Aber wenn das erledigt war, dann würde dieses Frauenzimmer noch ihre verdiente Dosis bekommen!

     

    All zulange verbrachten wir nicht im Ballsaal, weil es mir zu warm und stickig wurde. Außerdem stand der eigentliche Sommerball morgen an und ich wollte nicht zu spät im Bett sein!

    Draußen trafen wir Benjamin, welcher in ein Gespräch mit einer älteren Dame war. Aus den Wortfetzen vernahm ich, welche an mein Ohr drangen, dass es um die Elektrizität und was er schon alles erforscht hatte ging. Als unser Freund uns bemerkte, bat er uns mit einem Winken, dass wir uns dazugesellten. Man stellte uns vor und so berichtete der Wissenschaftler weiter von seinen Fortschritten.

    „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie diese Spannungen kribbeln auf der Haut. Meine Finger waren eine ganze Woche taub…“ lachte er völlig unbekümmert und mir stellten sich die Nackenhaare auf. Da ich aber wusste, dass Franklin nicht daran sterben würde, beruhigte ich mich ein wenig.

    „Maître Franklin, ihr müsst unbedingt weiter daran arbeiten. Wer weiß, zu was man dieses… wie nanntet ihr sie? … Spannung noch verwenden kann! Sie soll ja so hell wie ein Blitz sein, kann man sie aber auch berühren?“ für den Bruchteil einer Sekunde lag mir auf der Zunge „Bist du bescheuert Weib?“, aber woher sollte sie es wissen?

    In aller Seelenruhe erklärte er nun weiter und hin und wieder streute ich ein paar „Ideen“ mit ein, bei denen ich sicher sein konnte, nicht in die Geschichte einzugreifen.

     

    Wir hatten dann auch noch eine nette Unterhaltung mit dem Königspaar, welche sich etwas später noch unter ihre Höflinge gemischt hatten. Immer noch war es für mich wie in einem Kostümfilm und völlig unwirklich im Grunde.

    Mir wurde bewusst, dass auch diese Personen einfach nur Menschen waren, Gefühle hatten und sich, wie alle anderen auch, Sorgen machten.

    Bevor ich jedoch ins Grübeln kommen konnte, zog mein Mann mich mal wieder auf die Tanzfläche und wir ließen uns mit den anderen Anwesenden und der Musik durch den Abend gleiten! Je länger wir hier verweilten um so mehr entspannte ich mich seltsamerweise.

    Ich fühlte mich wohl!

    „Du siehst wunderschön aus, wenn du so versonnen in Gedanken versunken bist, mi sol.“ hauchte mir Haytham an mein Ohr und drehte mich im Takt weiter.

    „Dankeschön, mi amor. Ich fühle mich auch gerade ausgesprochen wohl. Was nicht zuletzt deiner ausgesprochen attraktiven Erscheinung geschuldet ist.“ und ich sah ihn mir genauer an. Michael hatte ihn in den schwarzen Anzug gesteckt, welcher mit Goldfäden bestickt war und mich hatte Magda in das passende Pendant gepackt.

    „Nein… kein Handtuch… nicht jetzt.“ kam es leise und seufzend aus seinem Mund.

     

    Später auf unserem Zimmer, als meine Zofe und Haythams Diener uns in die Nachtgewänder geholfen hatten, saß ich für einen Moment auf der Bettkante und sah meinem Mann dabei zu, wie er sich noch durch das Gesicht wusch.

    „Mi sol. Du siehst mich so seltsam an. Wartest du auf etwas bestimmtes?“ seine hochgezogene Augenbraue zeugte davon, dass er genau wusste, worauf ich spekulierte.

    Langsam schritt er auf mich zu und zog mich in seine Arme.

    „Sag nicht, dass dir das Spiel von vorletzter Nacht gefallen hat. Du bist ganz schön ungezogen, weißt du das?“ Seine Augen hatten diesen dunklen Ton angenommen, genau wie seine Stimme.

    Ich brachte nur ein dümmliches Grinsen zustande und sah zu ihm auf. Krächzend hörte ich mich sagen „Es hat mir sehr gefallen, Master Kenway!“

    In seinem Gesicht sah ich ein breites Grinsen und seine Finger öffneten die Schleife an meinem Nachthemd, ließen es damit über meine Schultern auf den Boden gleiten.

    „Dann sollten wir dort weitermachen und ich zeige dir, was dir noch alles Freude bereiten kann, Mistress Kenway!“ seine Stimme war jetzt ebenso rau wie meine und ich war wieder Wachs in seinen Händen. Verdammte Axt, ich konnte doch nichts dafür und ehrlich gesagt, wollte ich auch nicht dagegen angehen.

     

    Kapitel 16

     

    *** Der Anschlag auf den König ***

     

     

    Ich erwachte von einer warmen Hand auf meinem ebenfalls sehr warmen Hintern. Ein Zischen kam über meine Lippen und hinter mir vernahm ich ein „Hmmmm… das gefällt mir, mi sol. Vergiss nicht, du gehörst mir!“ als wären diese Worte noch nötig, aber ich genoss sie dennoch.

    Nur leider konnte ich meine Zunge nicht zügeln und meinte nuschelnd „Dann denke daran, dass auch DU nur mir gehörst und diese Weiber von gestern ohne Finger aufwachen, sollten sie dich auch nur in Gedanken anfassen wollen.“ sein Glucksen an meinem Rücken trieb mich dazu ihn böse anzufunkeln.

    „Was denn? Diese Frauenzimmer haben dich alle mit den Blicken schon ausgezogen gehabt und …“ ich kam aber nicht weiter.

    „… und ich werde mich zu wehren wissen! Eine Frau welche solch hohe Ansprüche an meine Künste hat, reicht mir. Zumal ich meine Vorlieben genauestens kenne und keine dieser Tratschtanten entsprach meinen Wünschen und Phantasien. Sei unbesorgt, mi sol.“ seine warmen Lippen gaben mir die Bestätigung und meine Eifersucht flachte wieder etwas ab. Trotzdem würde ich diese eine Frau im Auge behalten, nahm ich mir vor.

     

    Bevor dieser nervige Weckdienst die Tür aufreißen konnte, hatte ich nach Magda und Michael gerufen. Außerdem wurde Edward, begleitet von Mrs. Wallace, in unser Zimmer gebracht. „Mamaaaaa… Papaaaaaa…“ und er stiefelte mit diesem kleinen dunkelblauen Anzug auf uns zu.

    „Na min lille skat, hast du auch gut geschlafen?“ fragte ich und er nickte eifrig. „Sisi…“ und seine Augen leuchteten dabei. Hieß das jetzt, er hatte von ihr geträumt, oder war er einfach froh, dass Sybill bei ihm war? Ich wäre dankbar für ein Kinderwörterbuch und Dolmetscher!

    Haytham nahm seinen Sohn auch noch auf den Arm und drückte ihn an sich. „Du siehst wirklich sehr erholt aus. Vielleicht können wir nachher wieder in den Park und zu den Pferden gehen. Was meinst du?“ Bei seinen Worten begann Edward auf seinem Arm vor Freude zu zappeln! Damit war das abgemacht.

     

    Der Vormittag verging mit weiteren Befragungen, unter anderem auch der der Kammerzofe von Madame de Pompadour.

    Sie erzählte, wie sie ihre Herrin vorfand und dass es ein grausiger Anblick gewesen wäre. DAS konnten wir uns alle vorstellen.

    Also fragte Benjamin nach, ob es seltsam in den Gemächer gerochen hätte. Ob es eventuell „faulig“ gerochen hätte.

    Ein erstaunter Blick glitt in die Runde. „Ja, es roch… sehr unangenehm im Raum, aber es ist ja auch kein Wunder…“ die Frau kannte sich also nicht wirklich aus und ging von der Übelkeit ihrer Herrin aus. Auf Drängen schilderte sie ihre Eindrücke aber genauer.

    „Es roch, als wäre man auf dem Land und ich hatte einen stechenden Geruch in der Nase. So als würde eine Zitrusfrucht schlecht werden…“ sie sah in die Runde und hoffte, wir würden wissen, was sie meinte.

    „Danke, dass reicht schon. Ihr habt uns sehr weitergeholfen, Mademoiselle!“ meinte Franklin freundlich.

    Damit hatte sie zumindest bestätigt, dass es sich um das Gift handeln musste, was sich über die Luft übertrug.

     

    Es war an der Zeit, dass wir den Architekten hinzuzogen, weil auch diese Zofe nieman