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Das Tagebuch des Haytham E. Kenway - Die verlorenen Seiten - Part 1

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14.06.20 14:13
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

6 Charaktere

Charles Lee

Charles Lee (*6. Februar 1732 in Cheshire, England;† 2. Oktober 1782 in Pennsylvania) war ein Templer und ein General während der Amerikanischen Revolution. Er wurde kurz nach der Ankunft von Haytham Kenway in Boston von den Templern rekrutiert, obwohl er bereits mit ihnen sympathisierte. Er arbeitete sich sehr schnell in der Hierarchie nach oben und wurde bald die rechte Hand des Großmeisters.

Edward J. Kenway

Britischer Pirat und Freibeuter, geboren am 1. März 1693 in Swansea, Wales. Er ist der Vater von Haytham Kenway und Großvater von Ratonhnhaké:ton (Connor). 1711 traf Edward im Alter von 17 auf Caroline Scott. Die Mutter seiner Tochter Jennifer.

Haytham Edward Kenway

Haytham E. Kenway, Sohn von Edward J. Kenway, geboren 04. Dez. 1725, London, gestorben 16. Sep.1781, New York, durch die Hand seines eigenen Sohnes Connor Kenway. Haytham war ein sehr vornehmer Engländer, der jedoch immer bereit war, alles zu tun was nötig war um sein Ziel zu erreichen. Er verachtete den Assassinenorden, hielt die Ziele, die sie vor hunderten von Jahren hatten, aber für ehrenhaft.

Shay Patrick Cormac

Shay Patrick Cormac (12.09.1731-Unbekannt) war einst ein Assassine, der später ein Mitglied des Templerordens wurde, im Atlantik während des Siebenjährigen Krieges tätig war, und den Kolonialen Assassinenorden mit anderen Templern fast vollständig auslöschte.

Thomas Hickey

Thomas Hickey war ein Templer während der Amerikanischen Revolution. Auch er war daran beteiligt den verborgenen Tempel der Ersten Zivilisation zu finden. (geb. unbekannt + 1776) Hickey durchlief verschiedene Positionen im Revolutionskrieg. Zu Beginn noch an der Front stationiert, wurde er bald zur persönlichen Wache Washingtons. Zudem war er für die Finanzen der Kontinentalarmee zuständig.

Alexandra Frederickson

Die verlorenen Seiten

*** Tagebucheinträge von Haytham E. Kenway ***



20. September 1759


Jetzt wo ich hier am Schreibtisch sitze und die Ereignisse der letzten Tage Revue passieren lasse, dann kommt es mir vor wie ein schlechter Traum oder … auch nicht so ganz.

Aber ich sollte wohl von Anfang an berichten. Von dem Tag, als die Brig meines Vaters wie eine Fatamorgana hier im Hafen von New York plötzlich vor Anker ging. Es war gegen Mittag, als Charles hier im Fort George auftauchte, ohne Anmeldung und völlig aufgeregt von einem Schiff erzählte, welches sich beim Hafenmeister angekündigt hätte.

„Sir, es ist angeblich die Jackdaw! Aber sagtet ihr nicht, sie sei gesunken?“ fragte er mich etwas ungläubig.

„Gesunken und das schon vor über 20 Jahren. Das stimmt. Vielleicht habt ihr euch auch einfach nur verhört, Charles?“ Ich sah ihn etwas fordernder an, denn es wäre nicht das erste Mal, dass er etwas in den falschen Hals bekommt.

„Nein, Sir, ganz bestimmt nicht! Und sie wird in wenigen Stunden einlaufen. Ihr solltet euch dann selber davon überzeugen, ob es wirklich diese Brig ist oder doch nur ein Versehen! Aber ich bin mir sicher, mich nicht verhört zu haben!“ Er machte den Eindruck eines kleinen, aufgeregten Kindes, welches gleich ein Geschenk bekommt!

„Also gut Charles. Ich werde noch Master Cormac dazu bitten und dann sollten wir im Hafen warten. Wisst ihr, welchen Anlegeplatz das Schiff bekommen hat?“

„Ja, ich zeige ihn euch dann, wenn wir dort sind.“ mit einem Schwung drehte er sich um und ging. Vermutlich um auch noch Thomas hinzu zu holen! Den würde er wahrscheinlich erst aus der Taverne zerren müssen! Ich seufzte, denn manchmal verstand ich die beiden nicht.

Sie konnten sich nicht leiden und gerieten immer wieder im Streit aneinander. Dann aber gab es Momente, in denen waren sie wie Pech und Schwefel! Doch für diese Überlegung hatte ich jetzt keine Zeit.

Außerdem hoffte ich, dass ich nur Shay antraf, denn Faith war derzeit mit ihrer kranken Tochter und der Arbeit im Hospital beschäftigt. Und war, nunja, etwas unleidlich von Zeit zu Zeit. Sie hatte vorerst ihr altes Quartier bei Lady Melanie bezogen, welche in der Nähe ihrer Arbeitsstelle lebte. Auch ihr musste ich noch einen Besuch abstatten, aber das müsste jetzt erst einmal warten!

Ich ließ mein Pferd satteln und machte mich dann auf zum Fort Arsenal. Es war ein Segen, dass Master Cormac dieses Anwesen sein Eigen nennen konnte. So hatten wir einen zweiten Stützpunkt und das kam unserem Vorhaben nur zugute!

Marge ließ mich ein und ich folgte ihr zum Arbeitszimmer. Shay saß ein wenig mürrisch, wie immer, wenn er den Papierkram zu erledigen hatte, an seinem Schreibtisch. Als ich eintrat erhob er sich und schien dankbar für eine Abwechslung zu sein. Na, die würde ich ihm sicherlich gleich bescheren. Denn auch er kannte die Geschichte um die Jackdaw, die Geschichten über meinen Vater.

„Ah, Master Kenway, welch Überraschung! Was kann ich für euch tun?“ kam es im Plauderton von ihm.

„Ich wollte euch nur wissen lassen, dass in den nächsten Stunden ein Schiff hier im Hafen anlegen wird. Und es ist anscheinend nicht irgendein Schiff!“ ich konnte mir dieses wissende Grinsen nicht verkneifen.

„Oh, und wie lautet der Name des Schiffes? Vielleicht habe ich ja schon von ihr gehört?“ Sein Blick war gleich neugierig.

„Ich vermute tatsächlich, dass ihr schon von ihr gehört habt! Es ist die Jackdaw!“ triumphierend stand ich vor ihm und seine Augen wurden groß.

„Bei allem Respekt, Sir, aber seid ihr euch da sicher? Sie ist vor über 20 Jahren gesunken. Adéwalé hat ihr Wrack mit eigenen Augen gesehen!“

„Ja, das habe ich auch gehört. Aber nichts desto trotz wird sie hier in den Hafen einlaufen! Und ich möchte mich persönlich davon überzeugen, ob es eine Falschmeldung ist oder ob wir uns damit dann noch näher beschäftigen werden!“ Ich schlug einen etwas autoritären Ton an, denn es sollte den Anschein von Arbeit haben und kein Ausflug werden!

„Dann sollten wir uns auf den Weg machen, Master Kenway. Ich bin selber gespannt, ob ihr Recht habt.“ Manchmal hatte er dann doch eine zu lapidare Haltung mir gegenüber! Ich ließ es ihm des Öfteren durchgehen, denn oft sah ich in ihm mich selber. Auch Shay zweifelte vieles an. Aber ich drängte diese Gedanken beiseite.

Wir gingen das kurze Stück zu Fuß Richtung Hafen und ich stand eine Weile am Kai und sah auf das Meer hinaus. Und plötzlich schoss mir ein Bild in den Kopf... ich stehe hier starre hinaus, aber ich bin nicht alleine hier. Ich schüttelte meinen Kopf, um dieses eigenartige Gefühl loszuwerden.

Eine halbe Stunde später trafen dann auch Charles und Thomas ein. Dieser war mal wieder nicht ganz nüchtern, er schwankte gefährlich. Doch darüber machte ich mir weniger Sorgen, denn das kannten wir alle schon. Er war trotzdem ein Mann, der seine Arbeit ordentlich verrichtete, auch wenn man ihm das nie zutrauen würde!

Wir vier suchten uns ein Plätzchen, von wo aus wir einen guten Blick auf die Anlegestelle hatten und warteten dort. Ich lehnte mich an diese Kisten hinter uns.

Es dauerte nicht lange, vermutlich eine weitere halbe oder dreiviertel Stunde und dann kam Bewegung in den Hafenbereich. Einige Schaulustige hatten sich ebenfalls eingefunden. Ich sah Charles scharf an. „Habt ihr etwa laut verkündet, dass die Jackdaw hier vor Anker gehen wird? Oder warum finden sich hier immer mehr neugierige Menschen ein?“

„Verzeihung, Sir, es kann mir durchaus heraus gerutscht sein. Ich meine, wann hat man schon die Gelegenheit, so ein Spektakel mit zu verfolgen!“ Er war völlig aus dem Häuschen, ließ es sich aber äußerlich nicht anmerken. Da hatte Charles meine Lektionen ja doch noch verinnerlicht!

„Ihr solltet in Zukunft besser ruhiger sein. Ihr wisst nie, wen ihr damit anlocken könntet!“ tadelte ich Lee.

Und dann sah ich sie. Die Jackdaw wurde gerade mit den Beibooten in den Hafen gelotst und die Taue wurden festgemacht. Ich konnte nicht anders, als dieses Schiff anstarren. Es WAR die Jackdaw. So wie ich sie noch aus einer dunklen Erinnerung her kannte!

Der Hafenmeister eilte gerade darauf zu, als eine Frau als erstes von Bord ging. Nicht besonders groß, ordentliche weiße Haube und, soweit ich das sehen konnte, dunkelblonde Haare. Leider konnte ich ihr Gesicht nicht richtig erkennen, die Sonne blendete mich ein wenig.

Ich konnte aber ihren doch sehr eigentümlichen Akzent heraushören. Engländerin war sie auf jeden Fall nicht. Aber da Mr. Bent sie persönlich in Empfang nahm, ging ich davon aus, dass SIE die Eigentümerin dieser Brig war. Verdammt, wir mussten heraus finden, was hier gespielt wird.

Kapitel 2

Als diese Frau sich gerade umwandte, um sich dem Rest ihrer Crew anzuschließen, blieb sie kurz stehen und sah zu uns hinüber. Täuschte ich mich, oder wartete sie auf etwas? Ich würde sicherlich nicht, ohne zu wissen, mit wem ich es zu tun habe, diese Frau ansprechen. Aber sie zuckte mit den Schultern und ging an uns vorbei. Und dann hörte ich noch, wie sie mit einem jungen Mann auf deutsch sprach. Das wurde ja immer besser.

„Sir, Master Kenway?“ riss mich Charles von meinen Gedanken weg.

„Was ist denn, Charles?“ fragte ich etwas zu genervt.

„Wir sollten den Hafenmeister vielleicht befragen, dann hätten wir schon einmal einen Anhaltspunkt. Oder wir durchsuchen das Schiff einfach!“ er dachte wieder sehr pragmatisch.

„Und wie stellt ihr euch das vor? Diese Frau hat genügend Wachen an Bord gelassen, so dass es ziemlich schwer werden sollte, ungesehen auf das Schiff zu gelangen!“ gab ich zu bedenken.

Ich beschloss für mich, dass ich für heute genug gesehen hatte und verabschiedete mich noch von Lee und Hickey. Shay instruierte ich jedoch, dass er diese Preußin, wie ich vermutete, doch bitte weiter beschatten solle.

„Aber Sir, ich muss auch noch nach meiner Tochter sehen...“ er sprach nicht weiter, denn mein Blick sollte ausreichen, dass er ohne zu zögern meinen Befehl ausführte. Sollte seine Frau ihm Ärger machen, würde ich schon mit ihr reden!

Er drehte sich um und stapfte etwas säuerlich davon. Ein Grinsen war meinerseits nicht zu unterdrücken.

Einem Gedankenblitz folgend, ging ich wieder zurück zu meinem Quartier im Fort George. Denn mir fiel ein, ich sollte noch einmal die alten Tagebücher hervorholen und sie studieren. Vielleicht hatte ich doch irgendwann einen Vermerk über die Jackdaw gemacht.

Also setzte ich mich an meinen Schreibtisch und fing an zu lesen. Aber ich fand nichts über das Schiff meines Vaters. Es waren die Einträge über den Überfall und die Begräbnisse und alle anderen Ereignisse danach. Hatte ich etwas vergessen niederzuschreiben? Ich zermarterte mir gerade mein Hirn, denn ich war mir sicher, dass ich die Jackdaw als kleiner Junge gesehen hatte sogar betreten hatte mit meinem Vater zusammen.

Oder war es doch nur eine Einbildung? Wie mit einigen Momenten, die, wenn ich sie vor mir sah, wie aus einer Erzählung stammten.

Ich verstaute meine Tagebücher wieder in der Schublade und begab mich ins Esszimmer zum Abendessen. Mrs. Wallace hatte wieder ganze Arbeit geleistet und es war köstlich.

Kurz darauf erschien Besuch. Es war Master Lee. Mir war zwar gerade nicht nach Konversation, aber ich bat ihn, Platz zu nehmen.

„Was kann ich jetzt noch für euch tun? Oder habt ihr weitere Neuigkeiten bezüglich der Brig?“ fragte ich frei raus.

„Sir, nein. Es gibt keine großen Neuigkeiten bezüglich dieser Frau oder des Schiffes. Sie ist mit einigen Crewmitgliedern in einer Taverne abgestiegen und feiert dort anscheinend. Aber viel mehr konnte ich auch noch nicht herausfinden!“ gab Charles etwas kleinlaut von sich.

„Das ist wirklich nicht viel, Charles. Aber sei es drum. Ich werde morgen mit Shay den Hafenmeister befragen und ich hoffe, dass wir endlich herausfinden können, wer sich hinter dieser Person versteckt.“

„Master Kenway, ich würde trotzdem vorschlagen, das Schiff zu durchsuchen. Denn ich gehe davon aus, dass auch die Assassinen davon Wind bekommen haben und ...“ ich fuhr ihm über den Mund.

„Das ist mir durchaus bewusst und daran gedacht hatte ich auch schon. Wir sollten eventuell doch noch einmal Faith zu Rate ziehen.“ bei dem Namen verdrehte Lee nur die Augen! „Lasst das, Charles!“ Tadelte ich ihn! Denn schließlich war ich mit eben dieser Frau jahrelang, auch wenn es nur auf dem Papier war, verlobt. Aber ich schweife ab.

Als Charles gegangen war, ging ich hinauf, um mich für die Nacht bereit zu machen. Mir ging diese Person einfach nicht aus dem Kopf. Die ganze Zeit hockte sie wie eine weitere dunkle Erinnerung in meinem Kopf. Aber ich wusste beim besten Willen nicht, was ich tun sollte.

Am nächsten Morgen brach ich schon zeitig nach dem Frühstück auf, um Shay abzuholen und dann dem Hafenmeister einen Besuch abzustatten. Master Cormac war nicht gerade einer der Frühaufsteher, also musste ich noch auf ihn warten und leistete ihm Gesellschaft bei seiner Mahlzeit. Unterdessen erzählte er von seiner nächtlichen Beschattung dieser Frau. Aber viel hatte er nicht herausgefunden. Der junge Mann war zwischendurch aber plötzlich verschwunden, welcher sich vorher noch angeregt mit der Dame unterhalten hatte. Leider verstand Master Cormac kein Deutsch, also konnte er mir auch nicht sagen, worüber die beiden gesprochen hatten. Also war das eine Sackgasse. Etwas ungeduldig war ich schon, denn ich hatte das Gefühl, ich könnte zu spät kommen.

Im Hafen angekommen, klopfte ich an die Tür des Büros und hörte ein mürrisches „Herein!“. Es war nicht Mr. Bent, der dort an seinem Schreibtisch saß, sondern es war irgendeine Aushilfe.

Nachdem wir ihm erklärten, was wir suchten, sah er uns nur an. „Und warum sollte ich euch Auskunft geben? Es ist ja nicht euer Schiff!“ grinsend sah er uns an und streckte seine Hand aus. Ah, daher wehte der Wind. Mit ein paar Schilling würde es mir gehören und ich würde erfahren, was ich wissen will. Wie immer!

Also bekam er ein paar Geldstücke und fing an unsere Fragen zu beantworten.

„Die Eignerin des Schiffes ist eine Alexandra Frederickson, Preußin. Mit ihr an Bord ist ihr Sohn und die übliche Mannschaft. Laut Aussage ihres ersten Maates ist sie nur auf der Durchreise, auf der Suche nach einem Verwandten, den sie hier in New York vermutet. Von daher, kann ich nicht sagen, wie lange die Jackdaw hier im Hafen bleibt. Fracht hatte sie nicht geladen und wird auch keine an Bord nehmen. Und mehr weiß ich auch nicht. Nur soviel, dass sie in keiner Pension abgestiegen ist. Sie nächtigt auf der Brig.“ Dieser Mann bedachte mich mit einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht, so als hätte er mir gerade die Welt erklärt.

„Danke für die Auskunft!“ meinte ich kurz angebunden, wandte mich Shay zu und wir verließen das Büro. „Na, das war ja eine magere Ausbeute. Das heißt, wir müssen weiter graben. Es kann doch nicht so schwer sein, dieses Frauenzimmer zu finden!“

Wir sollten uns tatsächlich etwas beeilen, denn wer weiß, was die hiesigen Assassinen noch planten. Die konnte ich gerade nämlich überhaupt nicht gebrauchen. Master Cormac wandte sich wieder dem alten Fort Arsenal zu, weil er noch die neue Route für die nächste Spur für die Vorläuferschatulle ausarbeiten wollte. Ich machte mich derweil etwas ziellos auf nach Hause. Für den Abend hatte ich mich mit Cormac und unserem inneren Kreis zum Dinner verabredet. Vorher jedoch hätte ich noch die Reiseroute gerne mit ihm besprochen. Daher ging ich jetzt erst einmal, um mich umzuziehen und mir für die Nacht etwas einzupacken, da ich plante dort zu nächtigen.

Ich nahm, als ich alles verstaut hatte, mein Pferd und ritt gen Fort Arsenal. Dort angekommen nahm der Stallmeister meinen Hengst entgegen und ich ging zum Eingang. Auf mein Klopfen reagierte aber nicht gleich jemand und gerade als ich noch einmal auf mich aufmerksam machen wollte, wurde die Tür geöffnet.

Kapitel 3

Vor mir stand eine kleine Frau, mit blassem Gesicht und vor Erstaunen weit aufgerissenen grün Augen. Sie starrte mich an, aber sagte nichts, nur ihr Mund wollte sich nicht schließen. Ich musterte sie nur amüsiert, denn eine solche Wirkung hatte ich weiß Gott noch nicht hervorgerufen. Sollte ich mich geschmeichelt fühlen? Aber sie schien neu hier zu sein. Seltsam, Cormac hatte mir gar nichts von einer neuen Angestellten gesagt. Wieder ging mir eine dunkle Erinnerung durch den Kopf, als ich sie ansah.

Als diese Frau immer noch nicht reagierte, griff Mrs. Marge ein und bat mich hinein. Sie führte mich mit den üblichen Floskeln zum Herrn des Hauses, aber nicht, ohne dem neuen Mädchen einen tadelnden Blick zuzuwerfen.

„Ah, Master Kenway, schön dass ihr es pünktlich geschafft habt. Dann haben wir noch Zeit, alles in Ruhe zu besprechen!“ kam es fröhlich von unserem neuen Ordensmitglied. Und ich konnte mir jetzt einen bissigen Kommentar nicht verkneifen.

„Ich wäre bald zu spät gekommen, eure neue Angestellte hätte mich fast nicht hineingebeten. Entweder ist sie zu schüchtern oder sie hat eine grauenhafte Ausbildung genossen. Wer ist sie überhaupt?“

„Das ist natürlich ärgerlich, Sir und ich entschuldige mich dafür. Sie hat heute erst hier angefangen. Man hat sie mit ihrem Sohn einfach hier abgesetzt, weil sie die Weiterfahrt nicht bezahlen konnte und ist nun völlig mittellos. Ihr Name ist Masterson, Alexandra Masterson und ihr Sohn heißt Yannick. Den Jungen habe ich für die Pferde eingestellt.“ erzählte er mir jetzt die Geschichte. Aber irgendetwas daran machte mich stutzig, so plötzlich zwei neue Angestellte und zeitgleich die Ankunft der Brig meines Vaters. Vielleicht war es auch nur Zufall, wir sollten abwarten, bis wir etwas mehr über die Eignerin des Schiffes wussten.

Wir hörten Geschirr gefährlich laut klirren vor der Tür, dann ein zögerliches Klopfen und Master Cormac bat sie herein. Es war Mrs. Masterson, welche das Tablett gekonnt auf einer Hand balancierte, aber man befürchtete, es würde ihr gleich aus der Hand fallen. Mit Bedacht stellte sie es auf den Schreibtisch und goss unsere Tassen ein und reichte sie mir und Shay. Dabei vermied sie aber konsequent den Augenkontakt mit mir. Ich hingegen ließ jetzt meinen Sinn über sie wandern, denn irgend etwas war seltsam an ihr. Ich konnte nur noch nicht sagen was.Ihre Aura erschien in einer weißen nebligen Art, ähnliches hatte ich noch nicht gesehen.

„Habt ihr noch einen Wunsch, Master Cormac?“ fragte sie mit einem seltsamen Akzent. Hatte diese Frederickson nicht einen ähnlichen an den Tag gelegt? Es wurde merkwürdig, aber wir würden schon noch herausfinden, was hier vor sich ging.

Shay entließ sie, mit den Worten, er würde sie rufen lassen, wenn etwas sei. Erleichtert knickste sie und ging dann hinaus. Ihre Aura pulsierte in einem unwirklichen Nebel, es war noch nicht einmal eine Farbe, sondern wabernder Nebel!

Wir wandten uns unserer eigentlichen Arbeit zu, der Berechnung und Besprechung der Route! Bis zum Abendessen hatten wir noch Zeit, denn wirklich große Lust hatte ich derzeit auf die Truppe nicht. Es war immer etwas anstrengend, zumal ich im Moment auch mit Faith wieder oft aneinander geraten bin, weil sie Shay oft von seiner Arbeit ablenkt und das können wir einfach nicht gebrauchen.

Gegen 18 Uhr gingen wir hinüber ins Esszimmer zu den anderen Gästen. Alle vier waren gemeinsam angekommen und wurden dieses mal ohne Umschweife hinein gebeten. Dann hatte man dieser Mrs. Masterson also schon erzählt, dass ihr Verhalten vorhin ungehörig war. Hoffentlich behielt sie es im Hinterkopf.

Wir nahmen unsere Plätze ein und dann wurde der erste Gang aufgetragen. Ich beobachtete die Angestellten dabei und insbesondere das neueste Mitglied der Angestellten. Shay verkündete dann noch, dass ich über Nacht hier bleibe und das stieß nicht gerade auf Begeisterung der Angestellten.

Beim zweiten Gang jedoch fiel mir ein, dass ich diese Frau doch tatsächlich schon einmal irgendwo gesehen haben könnte. Also griff ich, gerade als sie mir etwas Fleisch auf den Teller geben wollte, nach ihrem Handgelenk, sah sie an und fragte sie einfach. Sie fing an sich zu winden und schaute ängstlich in Richtung von Shay und wieder zu mir.

„Master Kenway, verzeiht aber das glaube ich kaum. Ich war vor meiner hiesigen Anstellung in … Hannover bei einer Familie im Dienst!“ Sie wurde nervös und als ich sie musterte sah ich wieder nur diesen Nebel! „Also ich wüsste nicht, dass wir uns schon einmal begegnet sind!“ Damit ließ ich sie los und musste mich wohl mit dieser Antwort begnügen. Vorerst.

Als es Zeit war, den Brandy zu reichen, fiel mir ein, dass es die letzten Tage recht kalt geworden ist und bat entsprechend Mrs. Masterson, dafür zu sorgen, dass der Kamin angeheizt wurde in meinem Zimmer! Ein „Sehr wohl, Master Kenway!“ war alles und ich hörte, wie ihre Zähne knirschten. Was bitte hatte ich ihr getan? Ich kannte sie angeblich nicht und sie mich auch nicht! Es war seltsam.

Wir unterhielten uns noch angeregt bis dann Jack, Charles, William und Thomas etwas angetrunken das Haus wieder verließen. Ich wünschte meinem Gastgeber noch eine gute Nacht und ging nach oben. Als ich Tür öffnete, stand Alexandra an der Kommode und war gerade dabei, das Wasser nachzufüllen. Erschrocken, weil ich nicht geklopft hatte, verschüttete sie die Hälfte. „Master Kenway, verzeiht, ich werde es sofort aufwischen!“ Schon wieder agierte diese Frau in meiner Gegenwart eigenartig. Ich verstand es nicht, aber ich testete sie jetzt einfach weiter. Ich bat um ein Glas Portwein. Ihr Blick wurde eisern und mit zusammen gebissenen Zähnen kam ein „Natürlich, Master Kenway! Ich bringe euch den Wein sofort!“ über ihre Lippen. Welche, und das muss ich sagen, eine wirklich schöne Form hatten und ich kurz daran hängen blieb.

Kurz darauf polterte es so laut an meiner Zimmertür, dass ich regelrecht erschreckte. Was war in dieses Weib gefahren? Doch bevor sie die Tür eintreten konnte, öffnete ich und bat sie, das Glas auf den Nachttisch zu stellen. Mit wehenden Röcken drehte sie sich um und verschwand ohne ein weiteres Wort und ließ mich verdutzt zurück.

Kapitel 4

Der nächste Morgen kam und ich hatte leichte Probleme, wach zu werden. Mühsam stand ich auf und machte mich fertig. Als es dann klopfte brachte ich nur ein „Herein“ zustande, nicht gerade freundlich, aber mehr konnte ich noch nicht. „Guten Morgen, Master Kenway, ich hoffe, ihr hattet eine angenehme Nachtruhe?“ Mrs. Masterson war die Höflichkeit in Person plötzlich, wenn nicht dieses Knirschen gewesen wäre. Ich sagte aber nichts und sie wechselte lediglich das Wasser und meinte beim Hinausgehen nur, dass das Frühstück fertig wäre.

Als ich unten ankam, erschien Shay ebenfalls und wir setzten uns. Der Tee tat gut und weckte meine Lebensgeister. Die letzten Wochen waren überaus anstrengend, aber es war nur noch eine Frage der Zeit, bis wir die Artefakte in den Händen halten würden! So hoffte ich. Nach dem Frühstück hingen wir wieder über der Seekarte. Wir mussten die Witterung im Auge behalten. Jetzt, wo es Herbst wurde, war es stellenweise ein riskantes Unterfangen, aber ich vertraute Master Cormac bei seinen Fähigkeiten als Kapitän.

Irgendwann brauchte ich kurz frische Luft und ging über die obere Galerie nach draußen auf die Balustrade und sah auf den Hof hinunter. Von Weitem bemerkte ich, wie Mrs. Masterson aus den Ställen kam und in Richtung des Angestellteneingangs unterwegs war. Unsere Blicke trafen sich kurz und wieder hatte ich das Gefühl, diese Frau irgendwo gesehen zu haben! Sie schüttelte kurz den Kopf, als wolle sie einen unangenehmen Gedanken vertreiben und ging dann weiter.

Ich ging wieder zu Master Cormac und wir brüteten wieder über den Aufzeichnungen. Irgendwann war es fast Zeit für das Mittagessen und ich ging hinauf um mich frisch zu machen. Als ich mein Zimmer betrat, traf mich fast der Schlag. Es war nichts fertig. Das Bett nicht gemacht, nicht gelüftet, der Krug war nicht gewechselt und meine Wäsche lag auch einfach so auf dem Bett. Das konnte doch nicht wahr sein.

Ich ging hinunter und traf auf Shay. „Ihr solltet euch vielleicht einmal von den Qualitäten eures neuen Zimmermädchens überzeugen.“ und bat ihn, mit nach oben zu kommen. Er sah sich im Gästezimmer um und schüttelte nur den Kopf und ging dann hinüber in sein eigenes Schlafzimmer. Auch dort herrschte das reine Chaos!

„Das darf doch nicht wahr sein. Ich sollte beizeiten einmal mit Mrs. Masterson reden. Vermutlich ist es noch nicht so in Fleisch und Blut übergangen, was sie alles an Aufgaben hier hat.“ meinte Shay mit seinem üblichen friedlichen Wörtern. Er hasste es, jemandem eine Schelte zu geben. Aber das musste er ja auch nicht, das könnte ich durchaus auch übernehmen.

„Nein, es ist besser, wenn man das Zimmermädchen gleich damit konfrontiert. Lasst Mrs. Masterson in euer Arbeitszimmer rufen.“ Und damit ging ich hinunter und Master Cormac folgte mir. Unten angekommen bat er einen der Diener, Alexandra zu ihm zu bringen!

So warteten wir beide und als sie eintrat konnte ich regelrecht spüren, dass sie Angst hatte. Zurecht! In Richtung Shay knickste sie: „Master Cormac, ihr habt nach mir geschickt?“ Dieser versuchte einen bösen Blick aufzusetzen und es gelang ihm auch einigermaßen. „Ja, Alexandra, das habe ich. Ihr kennt eure Aufgaben hier doch, oder? Marge hat euch gestern entsprechend eingewiesen, wie ich hörte!“ Er versuchte es doch etwas freundlicher als mir lieb war. Doch Mrs. Masterson wurde immer nervöser! „Ja, Sir, sie hat mir erklärt, was ich zu tun habe und wo ich alles finde. Habe ich etwas übersehen?“ Das war eine der unnötigsten Fragen, die ich in den letzten Stunden gehört hatte.

Ich lehnte mich zurück und wartete auf die Reaktion von Shay! „Das habt ihr in der Tat! Master Kenway war gerade in seinem Zimmer, um sich umzuziehen und fand es unaufgeräumt vor. Ebenso ist mein Schlafzimmer ein einziges Durcheinander! Was habt ihr den ganzen Vormittag gemacht, dass ihr es nicht einmal geschafft habt, diese Kleinigkeiten zu erledigen?“ Der Ire konnte also doch lauter werden, wenn er wollte.

Doch ich konnte nicht an mich halten und erwiderte etwas zu arrogant „Gutes Personal finden, ist nicht so einfach, Shay. Ich hatte euch gewarnt, dass ihr lange suchen werdet!“ denn sie sollte schon wissen, WER das sagen hat! Und schon wieder konnte ich ihren Zorn mir gegenüber regelrecht spüren, auch aus ihren Augen blitzte es förmlich.

Sie schluckte aber ihre Worte hinunter und versuchte sich heraus zureden! Das wurde ja immer besser! „Verzeiht, Master Cormac, das war ein Versehen. Aber ich habe nach meinem Sohn gesehen, ob er mit seiner Arbeit zurecht kommt. Und dann ist heute ja auch Waschtag...“

Shays einzige Reaktion war, dass er ihr mitteilte, dass er den Wochenlohn behielt, als Warnung! Und jetzt erstaunte mich diese Frau. In einem so demütigen Ton wie nur irgendwie möglich hörte ich nur: „Es tut mir leid, Master Cormac. Ich werde sofort die Zimmer herrichten. Es wird nicht noch einmal vorkommen!“ Ihre Aura war aber noch dieselbe, es änderte sich nichts daran.

Cormac schien Gefallen an seiner neuen autoritären Rolle gefunden zu haben: „Ich glaube, ihr solltet euch auch bei Master Kenway entschuldigen. Schließlich ist er Gast hier und soll sich wohlfühlen! Also, worauf wartet ihr noch?“ Sie drehte sich langsam zu mir und schlug die Augen auf und es kam eine Entschuldigung, aber das Zähneknirschen übertönte schon fast ihre Worte! „Verzeiht, Master Kenway, es wird nicht wieder vorkommen.“ Ein Knicks und schon wanderte ihr Blick wieder gen Boden.

Doch ich war noch nicht fertig, denn ich konnte mich gerade nicht zurückhalten, es machte fast schon Freude, sie zu provozieren! „Alexandra, das will ich hoffen. Denn ansonsten werde ich eure Arbeit persönlich überwachen! Und glaubt mir, das wird kein Vergnügen. Weder für euch noch für MICH!“ In ihrem erschrockenen Blick konnte ich die Frage lesen, was ich damit meinte. Ich lächelte voller Genugtuung und genoss ihre Unsicherheit.

Shay beendete das Ganze aber abrupt. „Ihr könnt jetzt gehen!“ Ein erleichterter Gesichtsausdruck ihrerseits und ein braver Knicks in unsere Richtungen und schon war sie mit wehenden Röcken aus der Tür!

Und jetzt erklärte ich meinem Gegenüber, warum ich so harsch mit dieser Frau umgehe. Meine Zweifel teilte er allerdings nicht ganz. Mit den Worten, dass es ja auch nur Zufall sein könnte, dass die Brig hier einläuft und plötzlich neue Angestellten bei ihm vorstellig werden. Zumal dieser Akzent ähnlich ist, wenn nicht sogar der selbe. In diesem Moment ärgerte ich mich, dass ich ihr Gesicht am Hafen nicht richtig erkennen konnte.

Ich beendete das Ganze jetzt damit, dass ich Charles auf diese Frau ansetzen werde. Vielleicht hat er mehr Erfolg, ich hoffte es einfach mal! Ich bat einen der Diener nach ihm zu schicken, denn ich wollte das so schnell wie möglich in die Wege leiten!

Eine halbe Stunde später ging ich endlich hinauf, um mich umzuziehen. Vor meiner Tür prallte ich mit Mrs. Masterson zusammen, die mich keines Blickes würdigte, sondern mit gesenktem Kopf ein schnelles „Verzeiht, Master Kenway!“ murmelte und dann verschwand. Wenigstens hatte sie für Ordnung hier gesorgt und sie machte eigentlich eine gute Arbeit. Sie war gründlich.

Das Essen verlief ruhig und ohne Zwischenfälle. Kurz danach erschien Mrs. Masterson mit Charles im Schlepptau in Cormacs Studierzimmer. Shay bat um ein paar Erfrischungen und ich sah, wie Alex Master Lee musterte. Es war ein sehr skeptischer Blick, den sie ihm zuwarf. Aber sie tat, wie man ihr sagte und verschwand mit einem Knicks. Ich besprach mit den beiden Männern jetzt mein Vorhaben!

Charles fand diesen Gedanken mehr als nur gut, ich sah es in seinem Gesicht. Ob es ein Fehler war, gerade IHN dafür auszusuchen, schoss es mir durch den Kopf. Denn ich hatte plötzlich den Eindruck, als würde er ihr zu gerne hinterher steigen! Doch es war zu spät, um ihm diese Aufgabe wieder zu entziehen und was sollte schon schlimmes passieren?

Der Abend kam und wir versammelten uns zum Dinner im Esszimmer. Ich konnte es nicht sein lassen und musterte diese Mrs. Masterson immer wieder, aber es änderte sich nichts an der Farbe ihrer Aura. Nur Charles saß dort und lauerte regelrecht! Alexandra schien es zu bemerken und reagierte wieder einmal nervös darauf.

Nachdem das Essen beendet war, beschlossen wir, noch eine der zahlreichen Tavernen aufzusuchen. Ein wenig Abwechslung und andere Menschen sehen. Obwohl mir so etwas nicht unbedingt lag, ich war eher ein zurückhaltender Mensch. Nunja, bei Mrs. Masterson fiel es mir sichtlich schwer, aber warum ich gerade in ihrer Gegenwart meine Provokationen nicht lassen konnte, war mir ein Rätsel.

Leider kann ich mich nur noch daran erinnern, dass Shay und ich alleine auf dem Weg zum Fort Arsenal unterwegs waren. Charles hatte sich frühzeitig verabschiedet und war schon wieder in seiner Unterkunft.

Unglücklicherweise hatte ich dem Ale zu sehr zugesprochen und hatte mich unter anderem auch noch mit einer der Bedienungen eingelassen, was aber mehr einem Desaster gleichkam. Weswegen ich das auch nicht näher ausführen werde.

Wir waren also auf dem Weg in Richtung des Forts, als uns eine Gruppe von Reitern regelrecht überrannte. Ich stürzte und ab da fehlt mir einfach alles bis zum nächsten Morgen, als mich Mrs. Masterson versuchte zu wecken.

Kapitel 5

Ich hörte es Klopfen und meine Kehle brannte und ich hoffte mein „Herein“ wäre überhaupt zu hören. Mein Kopf schien zu zerplatzen bei jedem Buchstaben. Plötzlich wurde es hell im Zimmer und ich spürte einen kalten Luftzug über mich hinweggleiten. Ich spürte sie mehr, als das ich sie sah. „Master Kenway, soll ich euch beim Ankleiden helfen? Oder möchtet ihr genauso wie Master Cormac euer Frühstück auf dem Zimmer einnehmen?“

Ich wollte nur schlafen, eigentlich widerstrebte mir das, aber ich konnte mich nicht rühren. Ich bat sie mit schwerer Zunge mir ins Bett zu helfen. „Sir, ihr müsstet euch vielleicht erst entkleiden. Ihr tragt ja noch eure Sachen von gestern.“ Herr Gott nochmal, musste ich echt alles alleine machen. Ich machte meinem Unmut Luft in dem ich sie anfauchte, mir einfach zu helfen, anstatt zu reden. Das wurde mir gedankt, in dem sie mich unsanft am Arm hochzog und ich das Gefühl hatte, mir würde mein Kopf in tausend Teile zerspringen! Aber sie tat, um was ich gebeten hatte. Zögerte jedoch, als es um die Hosen ging, doch mir war nicht danach, darüber nachzudenken. Ich ließ mich in die Kissen fallen und spürte plötzlich ein kaltes Tuch auf meiner Stirn! Es war eine Wohltat und das sagte ich auch.

Als Mrs. Masterson gegangen war, lag ich noch kurz so entspannt im Bett, bis mich dieser widerliche Brechreiz schon wieder überkam. Das konnte unmöglich nur der Alkohol sein, aber es war mir gerade egal, ich konnte nicht wirklich dagegen ankämpfen. Kurz darauf spürte ich wieder diese wohltuende Kälte auf meiner Stirn und ich hörte die Worte, die mich baten etwas zu trinken! Aber das verneinte ich vehement, ich konnte nichts trinken. Mir war einfach elend zumute und ich griff nach meiner Decke und drehte mich um und schlief wieder ein.

Einige Male überkam mich dieser Würgereiz, es war einfach widerlich. Hatte ich etwas falsches gegessen? Ich schlief immer wieder ein, doch plötzlich schreckte ich hoch, denn mich beobachtete jemand, ich packte nach der Hand, hielt sie fest und ich sah in die Augen des neuen Zimmermädchens, die selber erschrocken dreinblickte. Unnötigerweise erklärte sie mir, dass sie für Master Cormac arbeitete. Ich hatte auf einmal dieses unsagbare Gefühl, als würde ich in diesen Augen versinken, so als würde sie mich völlig verschlingen! Es fühlte sich wie ein Albtraum an. Zu spät merkte ich, dass ich sie immer noch festhielt und sie hatte genügend Kraft um sich zu lösen. Mit den besorgten Worten: „Bleibt einfach liegen, Master Kenway, ich hole Hilfe um euch neu einzukleiden und um das Bett neu zu beziehen!“ Und das hörte sich nicht falsch an, sondern sie meinte es ernst. Die Besorgnis stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Um ihr zu beweisen, dass es mir doch eigentlich gar nicht so schlecht ging, versuchte ich aufzustehen. Aber dieses Laken hinderte mich daran und als ich mich aufgerichtet hatte und stand, wurde mir schwarz vor Augen. Danach weiß ich erst einmal wieder nichts.

Als ich kurz wieder bei mir war und die Augen öffnete fühlte ich mich so dermaßen geblendet, dass ich die Person an meinem Bett bat, die Vorhänge zu schließen. Ich vernahm diesen Akzent von Mrs. Masterson, also war sie immer noch hier. „Sehr wohl, Master Kenway.“

Und ich musste es einfach fragen, denn warum sollte hier jemand Wache bei mir halten? Die Antwort war eigentlich einleuchtend „Master Cormac gab mir den Auftrag, dafür zu sorgen, dass es euch an nichts fehlt und ihr schnell wieder auf die Beine kommt. Und wo wir davon sprechen, der Arzt sagte, ihr sollt viel trinken! Soll ich euch den Becher reichen?“ Ich bemerkte ihr Zittern und sie verschüttete die Hälfte vom Wasser. „Warum zittert ihr? Geht es euch nicht gut?“ Es war eine berechtigte und ernst gemeinte Frage!

Alex´ Erklärung war aber mehr als schwammig, dass sie halt seit heute früh schon hier über mich gewacht habe und das nur die Erschöpfung sei. Ich hingegen spürte, wie ich ein wenig klarer im Kopf wurde und die Schmerzen etwas nachließen.

Ich wollte wissen, ob sich jemand nach mir erkundigt hatte. Sie sah mich jedoch völlig entgeistert an und schüttelte leicht den Kopf, als wäre ich nicht ganz richtig im Kopf. „Ja, ich war die ganze Zeit hier, nur kurz war ich draußen, um … nach meinem Sohn zu sehen. Da ihr fragt, ja, es hat jemand nach euch gefragt, es war Master Lee. Wenn ich ihn noch einmal sehe, soll ich ihm dann etwas ausrichten?“

Sie sollte eine Nachricht überbringen lassen, dass ich ihn umgehend zu sprechen wünsche. Warum wusste ich aber gerade selber nicht. Ich versuchte mich aufzusetzen, aber in meinem Kopf flackerten grelle Blitze auf und ich dachte wieder er würde explodieren! Besorgt wies mich Alex darauf hin, dass ich lieber noch liegen sollte. Ich fuhr ihr in meiner eigenen Wut einfach über den Mund, dass ich es selber wohl am besten wisse, was gut für mich ist.

Diese Frau rührte sich plötzlich keinen Millimeter mehr und starrte mich mit einem eiskalten Blick an, der vermutlich alles zu Stein werden lassen konnte. Auf meine Frage, warum sie das täte, erfuhr ich ihre ganze Wut, die sich bis dato aufgestaut hatte. „Sir, ich starre nicht, ich war nur in Gedanken. Denn ich war am überlegen, wie ihr am schnellsten wieder gesund werden könntet! Aber eure undankbare Art verhindert, dass ich mir Sorgen um euch mache. Verzeiht, wenn man sich um euer Wohlergehen sorgt! Ich bin schon weg und werde jemand anderes zu euch schicken, der wohl eher dafür sorgt, dass ihr wieder genesen werdet!“ Sie schrie mich regelrecht an und rannte dann aus dem Zimmer. Ich blieb wie erstarrt für einen Moment zurück und musste meine Sinne sammeln. Was bitte war denn jetzt gerade passiert?

Im selben Moment erschien Charles schon in der Tür und sah sich verwundert nach Mrs. Masterson um. „Was ist denn in dieses Frauenzimmer gefahren, Master Kenway?“ Das fragte er mich nicht wirklich, oder? Woher sollte ich das wissen.

Aber in mir wuchs der Verdacht, dass ICH sie vielleicht nicht mehr erkannte, SIE mich aber schon kannte. Oder ich mag mich täuschen, ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Also beließ ich es vorerst bei meiner pragmatischen Art, die Dinge nüchtern zu betrachten, wie sie waren.

„Wir sollten sie wieder hier her zitieren, für ein solches Verhalten sollte sie eine Strafe erhalten. Denn das geht doch zu weit.“ brachte ich etwas widerwillig vor. Doch Charles´ Gesicht erhellte sich auf unnatürliche Art plötzlich. Woran zum Teufel dachte er gerade? „Geht und sucht sie, weit wird sie nicht gekommen sein. Und schickt mir Shay! Wir werden aufbrechen. Da wir die Abreise für morgen geplant haben, passt es ganz gut. So kann er den Jungen auch noch mitnehmen, dann kann dieser keinen Einfluss mehr auf seine Mutter nehmen. Und diese Frau wird vielleicht endlich zur Vernunft kommen und reden!“ Ich hatte mich in Rage geredet und ich spürte, dass ich wieder müde wurde und mir die Übelkeit wieder zu schaffen machte. Diese Gehirnerschütterung war unerträglich, wann würde dieses schwindelige Gefühl endlich nachlassen?

Charles ging hinaus und ich versuchte mich hinzusetzen. Als ich die Beine über der Bettkante hatte kam dieser Würgereiz zurück und ich war dankbar für den vorsorglichen Eimer vor meinem Bett. Hatte ich ihr Unrecht getan? War ich in irgendeiner Form unhöflich gewesen? Shay riss mich aus meinen Gedanken und reichte mir einen frischen kalten Lappen! Ohne Umschweife kam ich auf den Punkt, denn ich wollte alles wesentlich schon geklärt haben, bevor Lee mit Alex wieder hier erschien. Doch Shay hatte noch andere Neuigkeiten!

„Master Kenway, die Jackdaw hat heute morgen Segel gesetzt und hat den Hafen verlassen. Laut Aussage des Hafenmeisters ohne genaue Angaben, wohin. Aber mit ein bisschen Gold ließ sich seine Zunge lockern. Sie ist zwar zu einem unbestimmten Ort unterwegs, aber ist Richtung Norden unterwegs. Wenn ich mich beeile, kann ich sie noch einholen mit der Morrigan!“

DAS war genau das, was ich wollte. „Shay, dann nehmt den Jungen mit. Ihr könnt ihm dort unverfänglich Fragen stellen, er wird antworten müssen, ohne seine Mutter zur Seite zu haben. Vielleicht haben wir Glück und er erzählt uns etwas mehr.“

„Seid ihr sicher, dass das eine gute Idee ist? Mütter von ihren Kindern zu trennen...“ da sprach der Vater aus ihm, Herr Gott noch mal, es war dermaßen nervtötend.

„Es ist mir gerade herzlich egal, das Kind ist 17 Jahre alt und braucht seine Mutter ja wohl nicht mehr so dringend!“ Ich konnte gar nicht richtig klar denken, ich musste mich arg zusammenreißen.

„Wie ihr wünscht, Master Kenway.“ Kam es etwas widerstrebend von Shay. Und in diesem Moment erschien auch schon Charles mit Mrs. Masterson. Diese sah weder zu mir, noch zu Shay, sondern zuckte zusammen als Lee hinter ihr die Tür schloss. Nun, ihre Fluchtmöglichkeiten waren jetzt gleich Null. Gerade als ich etwas sagen wollte, kam Shay mir zuvor und zwar in einer Art die ich so von ihm nicht gleich vermutet hätte.

Kapitel 6

„Was glaubt ihr eigentlich, was ihr hier macht? Wie könnt ihr es wagen, so mit Master Kenway zu sprechen! Was ist in euch gefahren, zum Teufel noch eins!“ er schrie diese Frau förmlich an, er war außer sich. Genau wie ich auch. Sie starrte aber weiterhin auf ihre Füße, ob nun aus Angst oder anderen Gründen, es war eigentlich egal. Mit brüchiger Stimme versuchte sie eine Erklärung, aber es kam nur ein „... ich weiß es nicht“ aus ihrem Mund. Und wieder ertappte ich mich, trotz der Kopfschmerzen dabei, wie ich auf diesen Mund starrte. Es war Cormac, der sie jetzt wieder zurecht wies! „DAS ist keine akkurate Antwort auf meine Frage!“ bellte er zurück. „Ihr solltet euch für euer Verhalten entschuldigen und lasst euch gesagt sein, euer Lohn für die nächste Woche ist ebenfalls damit gestrichen!“ Ihrerseits stotterte sie nur noch, vermutlich war sie zu eingeschüchtert. Sie war eingekesselt von uns und hatte keine Chance hier einfach so zu entkommen.

Doch ich riss mich zusammen und als ich mich nur kurz bewegte durchzuckten mich wieder diese wahnsinnigen Schmerzen und ich verfiel in eine Wut auf mich und meinen Körper, welche ich aber an dieser Frau ausließ! „Mrs. Masterson, wenn ihr euch außerstande seht, euren Pflichten hundertprozentig nachzukommen, dann solltet ihr über eine Kündigung nachdenken!“

Ich konnte sprichwörtlich in ihrem Gesicht lesen, dass sie ihre Wut und ihren Hass gegen uns alle und vermutlich am meisten gegen mich, zügeln musste. Und es kam eine zögerliche Entschuldigung mit zusammen gebissenen Zähnen ... doch... Sie setzte ein ABER dahinter. In diesem Moment sah ich im wahrsten Sinne des Wortes Rot. Wie konnte dieses Weib es wagen, mir so eine Frechheit ins Gesicht zu sagen. Wobei, sie schaute eher durch mich hindurch! Und wieder versuchte sie eine Entschuldigung! „Sir, es ist mir nur herausgerutscht. Ich kann nur sagen, dass es mir aufrichtig leid tut. Es wird nicht wieder vorkommen.“

Aufrichtig? Das war einfach nur gelogen! Ich ließ sie meinen Unmut über diese lapidare Entschuldigung spüren! „Aufrichtig sagt ihr! Das klingt, als wolltet ihr mich auf die Probe stellen. Aufrichtig ist an dieser Entschuldigung NICHTS. Das kann ich euch versichern!“

„Master Kenway, was soll ich denn sonst sagen, als das es mir leid tut? Was wollt ihr denn noch hören?“ Das fragte sie nicht allen Ernstes jetzt auch noch? Für wie dumm hielt sie uns eigentlich. Aber es war Shay, der sich jetzt meldete. Und ich sah, dass er so allmählich seine Geduld verlor! „Wie wäre es, wenn ihr endlich einmal ehrlich wärt?“ In der Hoffnung, dass dieses Weib jetzt endlich reden würde, sah ich sie an und bemerkte, dass der Ire sie genau wie ich auch musterte. Doch meine Kopfschmerzen ließen das nicht zu, denn ich spürte sofort diesen Brechreiz. Es war zum Verrückt werden!

„Master Cormac, ich war ehrlich! Was habe ich getan, dass ihr mich der Lüge bezichtigt? Ich sage die Wahrheit!“ War das etwa eine ernst gemeinte Frage? Aber Shay klärte sie jetzt über den weiteren Verlauf auf.

„Das werden wir ja bald sehen. Bis dahin werdet ihr das Haus nicht mehr verlassen! Und euer Sohn wird mich auf der Morrigan begleiten, vielleicht kommt ihr dann zur Vernunft!“ Entsetzen trat in ihre Augen und zum ersten Mal, seit sie dieses Zimmer wieder betreten hat, sah sie in totaler Panik von einem zum anderen. Ich war leider nicht fähig, sie aufzuhalten, aber ich sah, wie sie sich mit einem Male umdrehte und Charles zur Seite stieß und zur Tür hechtete. Doch Gott sei Dank war Shay so geistesgegenwärtig und hielt sie auf!

Master Cormac war geschickt, das musste ich ihm lassen. Er hatte den Arm von Mrs. Masterson so auf den Rücken gedreht, dass es für sie unmöglich war, sich zu bewegen. Ansonsten würde sie sich selber verletzen. So stand er dicht hinter ihr und ich hörte wie er ihr nur ein „Na na … wohin so eilig? Wir sind hier noch nicht fertig!“ zuraunte.

Auch Charles hatte sich wieder gefangen und funkelte Alex mit einem Zorn an, der schon unheimlich war, gleichzeitig sah ich aber noch etwas anderes in seinen Zügen, etwas was ich nicht deuten konnte!

Jetzt fing sie an zu stammeln und zu betteln, man möge sie loslassen. Shays Antwort war lediglich, dass er es erst tun würde, wenn sie den Mund aufmachte und sagte, was wir hören wollten.

„Ich habe nichts getan, verdammt. Ich lüge nicht, ich habe die Wahrheit gesagt. Und es tut mir wirklich leid, was ich vorhin gesagt habe!“ Sie blieb wirklich standhaft! Charles mischte sich mit einer eher unpassenden und süffisanten Art ein. „Ihr habt ein ziemlich loses Mundwerk, Mrs. Masterson!“

Doch Shay lockerte den Griff und drehte die Frau herum. Ich hatte mich auf der Bettkante abgestützt und mich überkam wieder dieses überwältigende Schwindelgefühl. Doch ich riss mich jetzt zusammen, schlimmer konnte es nicht werden! Meinen nächsten Satz bereute ich ein wenig, denn er kam unfreundlicher über meine Lippen, als ich es wollte.

„Was sollen wir nur mit euch machen? Vielleicht noch eine Chance geben?“ Charles und Cormac mussten dann doch lachen und es war nicht wirklich meine Absicht gewesen! Jetzt hatte ich es gesagt, also blieb ich standhaft! „Nein, ich denke, das Beste wäre es, wenn ihr euren Dienst in meinem Haushalt weiter verrichtet und endlich euren Pflichten vernünftig nachkommt. Da Master Cormac ja jetzt vermutlich ein paar Tage nicht anwesend sein wird, werdet ihr hier nicht gebraucht! Und ihr werdet mein Haus ebenfalls nicht ohne Erlaubnis und Begleitung verlassen! Und zwar solange, bis ich sicher sein kann, dass ihr wirklich die Wahrheit gesagt habt!“

Ein paar Mal sprach Shay Mrs. Masterson an, doch sie reagierte nicht, sondern starrte mich an! Plötzlich reagierte sie. „Wie... ihr meint.... jetzt sofort? Aber Master Kenw...“ Aber ich ließ sie nicht zu Wort kommen, denn ich wollte in meine eigenen vier Wände und das so schnell wie möglich! Und so brach wieder mein Templer-Ich aus mir heraus! „Ich sagte bereits, ich kann sehr wohl für mich selber entscheiden! Und jetzt tut das, was man euch sagt und packt!“

Charles flüsterte ihr noch etwas ins Ohr, was ich aber leider nicht verstand, ihr Blick sagte aber alles. Als Master Cormac mit dem Zimmermädchen zum Packen unterwegs war, musste ich Lee bitten mir beim Einkleiden zu helfen. Es war mir einfach nicht möglich, länger als fünf Minuten zu stehen. Meine Beine gaben unter mir einfach nach und dieser Schwindel tat den Rest. Zuhause würde ich mich einfach hinlegen und eine Nacht schlafen, dann wäre alles wieder besser.

Doch Master Lee stellte sich in meinen Augen ungeschickter an, als ein Kleinkind beim Anziehen. Mehrmals wäre ich fast gestürzt, aber er konnte mich festhalten. Als ich dann Schweißgebadet endlich aus dem Zimmer kam und auf die Treppe zuhielt, dachte ich noch, dass es keine gute Idee wäre. Doch jetzt stand ich hier und wer wäre ich, wenn ich mir jetzt Schwächen eingestehen würde. Also riss ich mich wieder zusammen und schaffte es, meinen Atem unter Kontrolle zu bringen und dieses Schwindelgefühl zu unterdrücken. Ich sah dieser Frau die ganze Zeit in die Augen und konnte ihren amüsierten Gesichtsausdruck beinahe schon auf mir spüren!

Unverschämtes Frauenzimmer, aber ich würde sie ja für einige Tage unter meiner Kontrolle haben, dann würden wir ja sehen, wer das letzte Wort hat! Am Fuße der Treppe war ich heilfroh, dass nichts passiert ist und Charles führte mich an Master Cormac und Mrs. Masterson vorbei, welcher ich einen möglichst bösen Blick zuwarf.

Draußen vor der Kutsche weiß ich nur noch, dass ich grelle Blitze vor den Augen hatte und dann nichts mehr!

Ich wurde erst wieder in meinem eigenen Bett wach! Und zwar von zwei Frauenstimmen, die sich über meinen Gesundheitszustand unterhielten, ohne mich einzubeziehen. Und meine Haushälterin wollte doch tatsächlich über meinen Kopf hinweg bestimmen, WAS mit Mrs. Masterson passierte. Soweit kommt es noch. „Mrs. Masterson wird in dem Ankleidezimmer nebenan einquartiert, Mrs. Wallace! Doktor Ambrosch hat darauf bestanden, dass ich jemanden in meiner Nähe habe, gerade Nachts.“ Beide Damen sahen mich überrascht an, sie hatten wohl nicht damit gerechnet, dass ich so schnell wieder wach wurde.

Es war Mrs. Masterson die mich mit offenem Mund anstarrte und erwiderte: „Aber Master Kenway, ist das nicht etwas übertrieben. Ich werde doch sicher kein Zimmer beziehen, welches sich weit weg befindet. Oder Mrs. Wallace?“ Sie sah zu meiner Haushälterin hinüber, doch auch diese konnte ihr nicht helfen, denn es war so wie ich es sagte. Und wieder spürte ich diese Freude, sie provozieren zu können. Als die beiden Frauen dann nach unten gingen und mein Kammerdiener erschien, war ich froh, dass ich frische Sachen anziehen konnte. Ich fühlte mich mittlerweile einfach nur noch unwohl.

Alexandra erschien nach einer Weile wieder in meinem Schlafzimmer und sah sich nach dem polternden Geräusch aus dem Ankleidezimmer um. „Euer Nachtlager wird gerade fertiggestellt. So habe ich euch auf jeden Fall im Auge und ihr könnt nicht auf dumme Gedanken kommen!“ Und wieder starrte sie mich für einen Moment so seltsam an! Und dann kam ihr loses Mundwerk wieder durch!

„Ich höre es bereits. Und glaubt mir, da ich nichts zu verbergen habe, ist es mir gleich wo ich übernachte. Solange ich wenigstens zum Waschen ein wenig Privatsphäre habe, soll es mir recht sein!“ Die könnte ich ihr auch noch nehmen, schoss es mir durch den Kopf, aber ich verdrängte diese Phantasie! Ich brachte nur ein „Wir werden sehen“ hervor.

Die nächste Frage war wieder unnötig, aber auch Mrs. Masterson stichelte was das Zeug hielt. „Ja, das werden wir, Master Kenway. Und jetzt? Was kann ich für euch tun?“ Diese Frau stand mit einer solch provokanten Geste an meinem Bett, dass ich ihr am liebsten eine schallende Ohrfeige verpasst hätte. Gehorsam kannte sie nicht, das war mir mittlerweile klar! Aber ich versuchte mich zu beruhigen und bat sie, den Tee hinauf zubringen, den Mrs. Wallace sicherlich schon fertig haben sollte! Mit einem abfälligen Blick und einem Knicks ging sie hinunter.

Kapitel 7

Ich konnte für ein paar Minuten meine Sinne sammeln, ich war völlig übermüdet, die Übelkeit war auch noch nicht überwunden und mein Kopf tat mir immer noch weh. Dieser Zustand war für mich einfach beängstigend. Ich fühlte mich wehrlos und war dieser Frau jetzt ausgeliefert, wenn man es genau nahm.

Und gerade, als ich mich umdrehen wollte, überkam mich dieses Würgen wieder. Es war widerlich, aber ich konnte es nicht unterdrücken, so wie meine Emotionen! Das war so demütigend! Und genau in diesem Moment erschien Alexandra, aber sie reagierte wie ein Soldat. Sie kam einfach ihrer Pflicht nach. Sie nahm einen kühlen Lappen und wischte mir kurz über das Gesicht und legte ihn auf meine Stirn. Und ich brachte nur ein „Jesus, mein Kopf zerspringt gleich!“ zustande.

In einem doch sehr harschen Ton schalt sie mich, endlich etwas zu trinken, denn ansonsten würde ich verdursten. Aber... ich hatte diese Angst, dass ich es nicht bei mir behalten würde. „Herr Gott, Master Kenway, ihr verdurstet sonst noch! Trinkt jetzt endlich etwas, oder muss ich euch zwingen?“

Mit einem resignierten „Dann her damit“ nahm ich den Becher zur Hand. Es war eine Wohltat für meine Kehle und ich musste mir eingestehen, dass sie recht hatte. Aber das musste ich sie ja nicht wissen lassen.

Als die Handwerker nach getaner Arbeit verkündeten, dass alles an Ort und Stelle im Ankleidezimmer sei, warf Mrs. Masterson einen Blick hinein und einen sehr fragenden, skeptischen in meine Richtung. „Master Kenway, verzeiht die Frage, aber wo lasse ich meine persönlichen Sachen? Hier ist kein Platz dafür!“

Ich hatte, aus welchen Gründen auch immer, eine Schublade der Kommode frei. Für den Übergang musste das reichen. Aber ich konnte kaum zu Ende sprechen, als sich das Wasser wieder aus meinem Magen erhob. Es war schrecklich!

Das Ganze setzte sich wie eine Spirale fort, aber ich fühlte mich immer besser. Nicht komplett genesen, aber besser. Als Shay dann noch erschien, um mitzuteilen, dass er am Morgen ablegen konnte, war ich erleichtert, dass alles so reibungslos funktionierte. Ich wünschte Master Cormac viel Erfolg, mit einem sarkastischen Seitenblick auf Mrs. Masterson.

Es dauerte nicht lange und Master Lee erschien und brachte auch gleich seine zwei Spitze mit. Eigentlich waren es mal drei, doch einer fiel der Pistole von Master Cormac zum Opfer! Doch das ist eine andere Geschichte! Ich sah, dass Alexandra mehr als angewidert war und anscheinend nichts für Hunde übrig hatte. In den nächsten Stunden muss ich gestehen, tat sie mir leid, aber... sie könnte uns ja auch einfach mit der Wahrheit überraschen, dann wäre sie erlöst. Naja, nicht ganz. Denn ich hätte schon noch die ein oder andere Frage!

Geduldig ertrug sie den Nachmittag und ich dachte nur Sie ist Mutter, sie scheint wirklich eine unendliche Geduld zu besitzen! Als Charles endlich gegangen war, überkam mich einfach der Schlaf.

Wach wurde ich eigentlich nur, weil wieder so ein kalter Luftzug über mich hin wegfuhr. Als ich aufsah, sah ich Mrs. Masterson am offenen Fenster stehen und sie deutete jemandem unten auf der Straße, mit dem Hand aufs Herz, dass vermutlich alles in Ordnung ist. WER zum Teufel war sie und was hatte DAS wieder zu bedeuten. Als ich sie darauf ansprach, schrak sie zurück und sah mich an, als wäre ich ein Geist. „Wer war das unten auf der Straße? Bekannte von euch?“ Mein Ton sollte sie daran erinnern, die Wahrheit zu sagen.

Stattdessen log sie mir frech ins Gesicht! „N...nein, Master Kenway, es war nur... die frische Luft tat einfach gut. Es ist doch recht … stickig hier drin!“ Aber ich war zu erschöpft um mich aufzuregen. Meine Bitte mir bei den etwas flach gelegenen Kissen zu helfen, stieß auf eine ebenso genervte Person. Und ich konnte wieder dieses Zähneknirschen hören! Doch diese Frau hatte anscheinend vor, mich ins Koma zu schlagen. Mit einer ausladenden Bewegung hatte ich ihren Ellbogen im Gesicht! Was konnte dieses Weib eigentlich?

„Entschuldigt, Sir, das war keine Absicht. Aber wenn ihr euch auch so ungünstig bewegt, dann kann das schon mal passieren!“ kam es in einem Ton, den ich ihr am liebsten mit einer weiteren schallenden Ohrfeige ausgetrieben hätte. Was in aller Welt dachte sie, wer sie ist? „Hütet eure Zunge oder ich vergesse mich!“ sagte ich nur mit zusammen gebissenen Zähnen, denn ich garantierte wirklich für nichts mehr in ihrer Gegenwart!

Und plötzlich sahen wir uns beide nur an und wussten nicht, wie es weiter gehen sollte. Doch sie ergriff das Wort und war die gespielte Höflichkeit in Person. „Verzeiht, Master Kenway. Kann ich euch sonst noch behilflich sein?“

Da ich ja bereits sagte, dass ich noch nach meinem Kammerdiener schicken lassen wollte, wusste sie ja, was zu tun ist. Mit einem völlig übertriebenen Knicks ging sie mit einem breiten, ironischen Grinsen aus dem Zimmer. Am liebsten wäre ich ihr hinterher und hätte... Meine Gedanken schweifen schon wieder ab.

Jones war binnen weniger Minuten hier und half mir, mich für die Nacht fertig zu machen. Eine gefühlte Ewigkeit später erschien dann auch mal Alexandra wieder. Und das tat ich lautstark kund. Warum in drei Teufels Namen fand ich Gefallen daran, sie zu provozieren. Warum hatte ich diese zwiegespaltene Meinung zu ihr?

Ich zitierte Jones für 8 Uhr wieder hierher und er war die Demut in Person, es war schon ziemlich widerlich und ich dachte mit einer gewissen Trauer plötzlich an Holden! Doch ich konzentrierte mich auf das jetzt und hier!

Ich gab die Anweisung, die Kerzen zu löschen, denn ich war wirklich zu nichts mehr in der Lage. Meine Gedanken schweiften immer wieder ab und ich wollte mit ihnen alleine sein. Mrs. Masterson verabschiedete sich ebenfalls und ging nach nebenan. Doch so wirklich zur Ruhe kam ich nicht, denn immer wieder überkam mich dieser Brechreiz und ich fühlte mich immer elender. Aber Alex ließ es sich nicht nehmen, mir immer und immer wieder Wasser einzuflößen. Warum gerade Wasser? Es gab doch auch wesentlich geschmackvollere Getränke.

Am nächsten Morgen erschien pünktlich mein Kammerdiener und rasierte mich, welch Wohltat. Danach fühlte ich mich doch schon ein wenig besser. Der ganze Tag verlief dann eher ruhig. Mrs. Masterson verbrachte ihre Zeit an meinem Bett, wechselte die Eimer oder das Tuch auf meiner Stirn. Sie reichte mir das Wasser und... sie kümmerte sich um mich, wenn auch nicht unbedingt freiwillig, aber sie tat es. Und ich muss sagen, wenn ich einmal wach war und einen Blick auf sie werfen konnte, sah ich, dass sie mich irgendwie versuchte zu erforschen. Warum auch immer, ich wurde aus ihr nicht schlau!

Gegen Abend kam Jones noch einmal und half mir, mich frisch zu machen. Nachdem dieser wieder gegangen war, stand nun Alex völlig verloren vor meinem Bett. „Was steht ihr eigentlich immer so unbeholfen herum? Habt ihr eure Arbeit, wegen der ihr hier seid, schon wieder vergessen?“ Kam es schärfer von mir, als mir lieb war!

Ihre Antwort kam prompt „Verzeiht, Master Kenway, aber ich wüsste jetzt wirklich nicht, was ich noch tun sollte. Ihr erwartet ja wohl nicht, dass ich euch vorlese, oder?“ aber mit einem leicht entschuldigendem Blick.

Ich versuchte es wieder auf die autoritäre Art. „Wenn ihr nicht endlich lernt, eure Ausdrucksweise mir gegenüber zu zügeln, ziehe ich hier andere Seiten auf!“ Doch irgendwie zog es bei dieser Frau nicht so, wie ich gedacht hätte. Denn ich bekam eine passende Retourkutsche. „Dann solltet ihr mir vielleicht einfach sagen, WAS ich tun soll und WIE sich meine Ausdrucksweise bessern kann! Dann wäre uns beiden bestimmt am ehesten geholfen!“ und das in einem fauchenden Ton!

DAS konnte ich kontern. „Mrs. Masterson, es ist ganz einfach. Macht das, weswegen ihr hier seid. Und da ihr ja schon in anderen Haushalten gedient habt, sollte das für euch kein Problem darstellen, nehme ich an.“ Ich wartete ab, was jetzt kommen würde. Aber... ich hatte nicht mit dieser schlagfertigen Art gerechnet!

„Das ist sicherlich richtig, aber ihr müsst zugeben, HIER darf ich mich keinen Meter von euch wegbewegen. Es gäbe sicherlich noch eine Menge Aufgaben, die zu erledigen sind. Aber die kann ich nicht machen, da ich hier bei euch in EUREM Schlafzimmer festsitze!“ Touché!

Aber ich ging darüber hinweg, denn ich hatte immer noch das Sagen hier, oder nicht? Mrs. Masterson sollte sich nicht einbilden, MIR zu sagen, was wie zu laufen hatte! „Man merkt eindeutig, dass euch so einige Manieren fehlen! Aber wir haben ja genug Zeit, bis Master Cormac wieder da ist. Die kann ich nutzen und euch zeigen und erklären, wie ihr euch mir gegenüber gefälligst zu verhalten habt!“ Und wieder drifteten meine Gedanken in eine ungewollte Richtung ab, die sich nicht geziemten, aber ich konnte sie nicht leugnen!

Kapitel 8

Und wieder, da war dieser ungezügelte Ton in ihrer Stimme mit diesem Akzent! „Wie ihr meint, Master Kenway. Wie wäre es dann mit einer ersten Lektion? Denn ich weiß immer noch nicht, was ihr jetzt von mir erwartet?“ Ich rollte mit den Augen, zu spät bemerkte ich, dass ich es nicht unbemerkt getan hatte. „Bringt mir einfach meine Bücher, Feder und Tinte!“ brachte ich dann doch eher verlegen hervor.

Und schon wieder bekam ich diesen so eigentümlichen Akzent zu hören mit den Worten, wenn sie dieses Mal auch schwerer zu verstehen waren „Und wo finde ich die Schreibutensilien?“

Und ich parierte ihre Stichelei gekonnt! „Ihr findet alles unten in meinem Arbeitszimmer! Mrs. Wallace wird es euch zeigen!“ Ihr Blick war einfach... wie soll ich es ausdrücken... bezaubernd, denn damit hatte sie nicht gerechnet und war endlich sprachlos! Aber ich musste es doch noch, nur ein einziges Mal, testen! „Ist noch etwas? Soll ich euch vielleicht eine Wegbeschreibung mitgeben?“ Doch ich konnte mir ein breites Lächeln nicht verwehren.

Und auch Mrs. Masterson konnte schwer an sich halten, ich sah es einfach an ihrer Haltung. Aber es machte sie einfach immer mehr... ja... ich konnte es nicht benennen. Sympathisch? Sie hatte etwas, das andere Frauen, denen ich bisher begegnet bin oder auch vorgestellt wurde, dank Lady Melanie, nicht hatten. WAS es war, konnte ich nicht sagen!

Mit einem entspannten Ausdruck im Gesicht verließ sie mein Schlafzimmer. Doch mir fiel ein, dass meine Tagebücher, nicht alle, denn ich hielt die ältesten unter Verschluss, in meinem Schreibtisch lagen. Jetzt wäre es die Probe aufs Exempel, ob diese Frau sich unter Kontrolle hat oder mich doch versucht zu hintergehen! Es dauerte eine Weile bis Alexandra wieder in meinem Zimmer erschien, aber sie hatte alles, um was ich sie gebeten hatte, dabei und reichte es mir. Sie zündete noch die zusätzlichen Kerzen an. Aber ich konnte mir diese Stichelei nicht abgewöhnen. „Ich hoffe, ihr konntet eure Neugierde stillen?“ ich dachte, wenn ich ihr mit einem Hauch des Adlerblickes in die Augen blickte, wüsste sie, was ich meinte.

Aber ich konnte wirklich spüren, dass sie meine Tagebücher nicht gelesen hatte, sondern nur in der Hand gehalten hatte. Ich weiß nicht warum, aber ich SAH es förmlich in ihren Augen. Denn es lag eine Ehrlichkeit darin, die ich vorher nicht gesehen hatte.

Trotzdem rutschte mir „Dann muss ich euch das wohl so glauben!“ Aber ich sah sie plötzlich mit anderen Augen, im wahrsten Sinne des Wortes! Irgendetwas an diesem Abend war anders. Ich konnte es nicht deuten oder benennen. Als sie jedoch hinüber ins Ankleidezimmer ging, wurde ich stutzig und fragte, was sie denn vorhätte. Denn ich dachte, sie wollte sich schon zurück ziehen. Dafür war es definitiv zu früh und … ich wollte ehrlich gesagt nicht ohne Gesellschaft hier liegen.

„Was denkt ihr, Master Kenway? Ich gehe meiner Arbeit nach, so wie ihr es vermutlich auch angedacht hattet!“ Und wieder dieser zynische Unterton, welchen ich von meinen Angestellten nicht kannte. Sie hatte zu lernen, das stand fest. Für heute war es aber genug.

Mrs. Masterson hatte zwei meiner beschädigten Hemden in den Händen und fing an, diese zu flicken. Oder besser, sie sah sie staunend an. Täuschte ich mich, oder hatte sie einen ungläubigen Ausdruck in den Augen? Diese Kleidungsstücke waren keine Weltneuheit, soweit ich wusste! „Mrs. Masterson, ihr seht gerade aus, als hättet ihr zum aller ersten Mal ein Männerhemd in Händen!“ äußerte ich meine Gedanken laut!

„Zumindest ist es eines, welches von sehr guter Qualität ist und so etwas habe ich tatsächlich so noch nie gesehen.“ Sie räusperte sich und ich nahm an, dass sie einfach in der Vergangenheit keine solche Ware in den Händen hielt.

„Ich lege schon wert auf ordentliche saubere Kleidung.“ erklärte ich Mrs. Masterson nicht ohne einen gewissen Stolz, denn nicht jeder konnte es sich leisten.

„Das sieht man durchaus, Master Kenway. Wenn ich etwas fragen dürfte?“ Was kam denn jetzt auf einmal, ich wappnete mich für das Schlimmste, sagte aber nur „Ja, immer raus damit?“

„Euer Gehrock, der blaue, den ihr die Tage anhattet. Aus was für einem Material ist dieser gemacht? Er ist unglaublich schwer! Aber sehr gut verarbeitet. Ihr habt ihn sicher nicht hier anfertigen lassen?“ Wie kam Alexandra bitte jetzt auf meine offizielle Kleidung für Kämpfe zu sprechen? Und, was interessierte sie an dem Material. Es war einfach ein sehr fester Stoff, welcher an die Ornate der Assassinen angeglichen wurde... und plötzlich dämmerte es mir. Aber... Nein, das konnte nicht sein. Wir hatten ihr Hab und Gut durchsucht, es waren keinerlei Spuren der Assassinen zu finden gewesen. Dennoch war ich mit meiner Antwort vorsichtig.

„In der Tat, diesen habe ich im Ausland fertigen lassen. Genauer gesagt in Frankreich!“ Denn ich hatte über Reginald einen Schneider ausgemacht, der sich darauf spezialisiert hatte.

„Die Franzosen verstehen ihr Handwerk, wenn es um das Ankleiden geht!“ Immer noch ein wenig verträumt sah sie sich dieses Hemd an.

„Das stimmt. Aber, wie kommt ihr darauf? Es ist eine etwas ungewöhnliche Frage!“
Und wie immer hatte sie eine passende Erklärung parat!

„Als ich ihn in eurem Ankleidezimmer weg hängen wollte, ist mir dieser schwere Stoff aufgefallen und es ließ mir irgendwie keine Ruhe! Verzeiht meine Neugierde!“ Ich musste aufgrund dieser doch plötzlich nicht mehr so losen Zunge lächeln!

Irgendwann fielen mir die Augen so langsam zu und ich sah, dass auch Mrs. Masterson ihr Gähnen nicht mehr unterdrücken konnte. Also entließ ich sie in ihre wohlverdiente Nachtruhe und mich selber auch.

Ein Gedanke blieb aber hängen. Sie hatte einen wunderschönen Mund und diese Augen waren etwas ungewöhnlich und strahlten etwas aus, was ich nicht benennen konnte. Sie ging mit den Worten, dass sie mir eine angenehme Nachtruhe wünsche hinüber und schloss leise die Tür.

Und ich saß in der Dunkelheit meines Schlafzimmers und wurde einfach nicht schlau aus dieser Frau!

Irgendwie wurde ich mitten in der Nacht wach und konnte nicht wieder einschlafen. Meine Kopfschmerzen hatten sich ein wenig verflüchtigt und ich fühlte mich etwas besser. Also stand ich auf, um an meinem Schreibtisch hier zu arbeiten. Doch ich kam nicht weit, der Schwindel überkam mich so plötzlich, dass ich hinfiel und mir schmerzhaft das Knie anschlug.

Mrs. Masterson war in einem Tempo bei mir, dass ich schon dachte, sie hätte darauf gewartet. Sie kniete neben mir und tadelte mich. „Master Kenway, was macht ihr denn? Ihr sollt noch nicht alleine aufstehen. Soll ich lieber nach eurem Kammerdiener rufen? Ich werde euch leider nicht alleine stützen können.“

Ich versuchte zu erklären, dass ich mich besser fühlte und dachte ich könnte aufstehen. Ich lehnte mit dem Rücken an meinem Bett und Alexandra kniete vor mir und sah mich besorgt an. Als ich sicher war, wenigstens wieder ins Bett zu können, half sie mir auf und ich ließ mich auf die Bettkante sinken. Ich bat sie, mir das Wasser zu reichen. Denn mein Hals war wie ausgetrocknet.

„Hier, Master Kenway. Aber bitte in kleinen Schlücken! Nicht dass euch wieder schlecht wird.“ ermahnte sie mich. Ich musste dabei doch grinsen. Sie blieb neben mir sitzen, bis ich den Becher geleert hatte, nahm ihn mir ab und ich ließ mich wieder in die Kissen gleiten. Und dann sah ich nur, wie sie hastig die Bettdecke über mich legte mit einem hochroten Kopf, den ich in diesem halbdunkel schon fast leuchten sehen konnte! Ich sagte aber nichts, denn ich war wieder zu müde und schlief auch sofort wieder ein.

Ich wurde kurze Zeit später wieder wach, weil ich wieder den Eimer brauchte. Hörte das auch endlich einmal auf. Und wieder war Mrs. Masterson prompt zur Stelle, ich musste es ihr lassen. Durchhaltevermögen besaß sie, genau wie Geduld, so dachte ich zumindest. Irgendwann schlief ich wieder ein.

 

Kapitel 9

Als es bereits hell war, wurde ich von einer Bewegung neben mir geweckt und sah eine schlafende Mrs. Masterson in meinem Bett. Ich stützte mich auf meinen Ellbogen und betrachtete sie. Jetzt in diesem Zustand hatte sie völlig entspannte Gesichtszüge und ich muss sagen, sehr hübsche sogar. Ich wollte schon meine Hand nach ihr ausstrecken, als sie sich zu mir umdrehte, verschlafen und vorsichtig die Augen öffnete und in einer Geschwindigkeit aus meinem Bett gesprungen war, die mich selber erschreckte! „Ach du heilige... ich... bei Odin... ich...!“ kam es auf Deutsch von ihr. Sie hatte einen hochroten Kopf und rannte nur ins Ankleidezimmer, schmiss die Tür hinter sich zu und ich hörte sie schwer atmen.

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, denn es war... ja wie soll ich es sagen? War sie wirklich so schüchtern, oder war es weil sie meine Angestellte war? Ein wenig provozieren musste ich diese Frau jetzt aber doch! „Mrs. Masterson, ihr habt eure Aufgaben wohl etwas zu wörtlich genommen! Aber ich fühle mich geschmeichelt!“

Kurz darauf erschien Jones pünktlich um mich zu rasieren. Ich musste schrecklich aussehen. Alexandra schlich förmlich an uns vorbei, ohne mich anzusehen und hinunter!

Plötzlich erschien Mrs. Wallace. „Master Kenway, wie ich sehe fühlt ihr euch besser. Das freut mich! Möchtet ihr euer Frühstück, oder lieber nur etwas Tee? Und, verzeiht, aber, was ist denn mit Mrs. Masterson passiert? Sie ist völlig aufgelöst.“ Ich erzählte ihr von der Überraschung in meinem Bett und musste einfach dabei Schmunzeln, denn ich war dieser Frau ja nicht böse. Es kann halt passieren!

Ich bat dann meine Haushälterin mir irgend etwas leichtes zu bringen, aber ich wünschte Mrs. Masterson zu sehen. Sie ging wieder hinaus und Jones fuhr mit seiner Arbeit fort und als er fertig war und ich wieder wie ein Mensch aussah, klopfte es und Alexandra trat ein. Sie sah zu mir hinüber und ich grinste sie einfach an. Das Geschirr fing gefährlich an zu klappern und sie stotterte „Ich … b...b...bringe euer Frühstück!“. Mit diesen Worten stellte sie es auf meinen Schoß, aber vermied vehement den Blickkontakt mit mir. Nachdem sie mir dann etwas Tee eingegossen hatte, fragte sie zögerlich, ob ich noch einen Wunsch hätte. Immer noch lächelnd bat ich sie, sich zu setzen, denn ich hätte tatsächlich noch etwas mit ihr zu besprechen.

Sie setzte sich demonstrativ ans Fußende und sah gebannt auf den Fußboden. Ich erklärte ihr, dass ich nicht böse auf sie wäre, sondern nur erschrocken heute früh, als ich nicht alleine wach wurde. Ich versuchte ihr diese Scheu zu nehmen, indem ich ihr versicherte, dass es jedem passieren könne, der so übermüdet wie sie ist. Doch wieder kam es in einem seltsamen Tonfall von ihr „Master Kenway, es ist mir dennoch unangenehm. So etwas ist mir noch nie passiert! Und es hätte nicht passieren dürfen!“ Auch sah ich in ihren Augen plötzlich so etwas wie Trauer aufflackern. Seltsam.

Da es aber passiert war, machte ich einen pragmatischen Vorschlag. Sollte es noch einmal geschehen, würde ich sie sofort meines Bettes verweisen. Ich fragte mit einem breiten Grinsen, ob sie damit einverstanden wäre.

Dankbar lächelte sie mich an und meinte „Damit bin ich einverstanden!“ Und ein weiteres Stück Eis war gebrochen und ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass ich fast an meinem Ziel wäre. Wenn sie sich in meiner Gegenwart sicherer und wohler fühlte, würde sie eventuell auch eher die Wahrheit sagen? Es war eigentlich nicht fair, aber ich musste auch an den Orden denken, dass durfte ich bei all dem Gefühlschaos in meinem Inneren nicht vergessen!

So bat ich Mrs. Masterson noch, mir Gesellschaft zu leisten. Denn sie hatte den Vorschlag gemacht, dass wir Dr. Ambrosch noch einmal holen sollten, damit er mir erlaubte, das Bett zu verlassen. Dies tat sie sicherlich auch nicht ohne Hintergedanken, wie ich vermutete. Wir unterhielten uns eine Weile über ganz alltägliche Dinge und ich war erstaunt, wie leicht sie antwortete. Es war entspannend, sich mit ihr zu unterhalten. Wieder einmal fragte ich mich aber, wie kann es sein, dass eine einfache Hausangestellte aus Preußen so gut englisch sprechen konnte. Denn es war fließend, zwar mit Akzent, aber sehr gut und sie verstand auch alles. Ich verdrängte aber diesen Gedanken wieder.

Als ich fertig war, nahm sie mir das Tablett ab und ging hinunter. Man wollte jetzt den Arzt holen. Kurz darauf erschien Mrs. Masterson wieder mit einer Nachricht, die ein Bote überbracht hatte. „Er sagt, ihr sollt sofort antworten, der Bote wartet unten so lange!“ Ich nahm erstaunt den Brief entgegen und öffnete ihn. Er war von einem meiner Informanten im Hafen. Ein anderes Schiff hatte die Jackdaw gesehen und das nicht einmal sehr weit weg von New York. Aber nicht, wie Shays Information war, im Norden sondern eher westlich. Da würde er ja nie fündig werden. So etwas ärgerliches aber auch! „Reicht mir bitte Papier, Feder und Tinte!“ sagte ich schärfer, als nötig und ein alarmierter Ausdruck trat in ihr Gesicht. Aber Alexandra reichte mir meine Schreibutensilien und wartete geduldig, bis ich fertig war. Ich bat um das Siegelwachs und meinen Siegelring.

Es war schon wieder seltsam, sie hielt ihn in der Hand und starrte meinen Ring an und wieder sah ich so etwas wie Trauer über ihr Gesicht fliegen! Sie übergab ihn mir mit einem ertappten Räuspern und nahm dann die Nachricht entgegen und ging hinunter. Jetzt war ich gespannt, ob sie auch jetzt noch ihre Neugierde im Zaum halten konnte, wie bei meinen Tagebüchern. Ich hatte Anweisung gegeben, die Jackdaw jetzt mit einem anderen Schiff suchen zu lassen und sofort hierher bringen zu lassen, in der Hoffnung, dass wir dann endlich Gewissheit haben werden.

Bis der Arzt kam, bat ich sie, mir noch Gesellschaft zu leisten. Und dann kam völlig unerwartet eine Frage „Master Kenway, ich hoffe, es waren keine schlechten Neuigkeiten, die ihr schon so früh am morgen erhalten habt?“ und sie sah mir dabei fest in die Augen. Diese Augen waren faszinierend und ich hatte wieder dieses Gefühl, als würden sie mich in sich aufnehmen. Ich riss mich davon los und antwortete nur, dass es eher gute Nachrichten seien, ich aber noch einiges abwarten müsse. Ich spürte ihr Unbehagen bei diesen Worten, es war nicht zufriedenstellend für sie.

Doch sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Im Gegenteil, sie schlug einen Plauderton an und fragte, wie ich mich fühlte. Ich versuchte ihr zu erklären, dass mir dieses im Bett liegen und nichts tun nicht läge und dass ich froh bin, wieder auf den Beinen sein zu dürfen!

„Das kenne ich selber auch, Master Kenway, als Mutter ist man so etwas nicht gewohnt. Da ist man auch immer auf den Beinen und Kranksein ist ein Fremdwort!“ kam es dann nicht ohne Stolz von Mrs. Masterson! Und ich konnte nicht anders, ich lobte sie für ihr Engagement und das ihr Sohn stolz auf sie sein konnte! Sie errötete leicht, das machte sie unglaublich sympathisch. Und genau dort platzte der Arzt dazwischen, ärgerlich!

Alexandra ging zur Seite, damit Dr. Ambrosch mich untersuchen konnte, aber auch sie ließ mich nicht aus den Augen. Doch plötzlich schien sich in ihr etwas zu verändern. Sie schüttelte sich wie ein nasser Hund und in ihrem Gesicht spielte sich ein wahres Gefühlschaos ab. Wahrscheinlich das selbe, welches IN mir tobte. Ich hätte zu gerne gewusst, was sie gerade dachte und fühlte. Meine Zuneigung wurde immer größer, aber ich musste mir eingestehen, dass ich damit ein zu hohes Risiko eingehen würde und das nicht zulassen durfte.

Als wir wieder alleine waren, wusste ich erst nicht, wie ich ein Gespräch anfangen sollte. Eigentlich hatte ich nie Probleme damit, aber jetzt war mein Gehirn gerade wie leer gefegt. Der Arzt war der Ansicht, ich könne das Bett verlassen und bräuchte auch keine weitere Pflege. Gerade als ich diesen Gedanken aufgreifen wollte, kam mir Mrs. Masterson zuvor.„Das freut mich Master Kenway. Ich wusste doch, ihr kommt schnell wieder auf die Beine. Aber ein wenig schonen sollte ihr euch noch, bis ihr wieder ganz bei Kräften seid!“ kam es in einem mehr als gespielten Plauderton von ihr.

Ich hingegen brachte auch nichts anderes zustande und erwiderte nur, dass ich ihre Pflege sicherlich vermissen werde, mit einem schiefen Grinsen versuchte ich das Ganze zu retten.

Sie stand an meinem Bett vor mir, ich sah zu ihr auf und sie sah mich wieder so seltsam an. Doch sie brachte ihre Gedanken zu ende. „Master Kenway, ich bin ebenso untröstlich. Aber versteht mich nicht falsch. Ich würde gerne meine Weiterreise planen und endlich ein normales Leben führen dürfen!“ Etwas perplex sah ich zu ihr hoch. Aber mehr als, nichts leichter als das, brachte ich nicht heraus. War es Enttäuschung, die da aus mir sprach? Es war, wie ich schon oft erwähnte, zum Verrückt werden!

Ihr erstaunter Blick und das „Wie.. wie meint ihr das?“ brachten mich wieder zum Schmunzeln. „So wie ich es sagte. Wenn wir alles geklärt haben, steht es euch frei, zu gehen und euer Leben einzurichten. Aber solange wie wir hier noch nicht fertig sind, werdet ihr mir weiter unterstellt bleiben! In meiner Nähe!“ Ich musste noch eine Weile meine Gefühle für mich behalten und beschloss, jetzt wo es mir besser ging, wieder daran zu arbeiten.

Mrs. Masterson spürte das, denn ich konnte sehen, wie ihr Kiefer schon wieder arbeitete und sie mit dem Zähneknirschen anfing.

Und jetzt, wo ich wieder gesund bin und hier sitze und darüber sinniere, tut mir diese Frau leid. Aber ich kann sie nicht einfach näher an mich heran lassen. Ich muss erst Klarheit haben. Diese letzten vier oder fünf Tage waren anstrengend, für alle Beteiligten.
 

Kapitel 10

24. September 1759


Die letzten Tage waren damit gepflastert, dass ich alles, was an Arbeit liegen geblieben ist, nachholte und alles auf den neuesten Stand brachte. Mrs. Masterson ließ ich dabei nicht aus den Augen. Teilweise folgte ich ihr sogar in die Küche, um ihre Arbeit dort zu überwachen, oder achtete darauf, wie sie mein Schlafzimmer aufräumte. Ich spürte, dass sie zusehends genervter war und mich immer mit diesem bösen Blick anfunkelte. Es kam oft vor, dass sie mit den Worten „Jetzt geht doch bitte einmal zur Seite!“ meine Anwesenheit bemängelte. Eigentlich war es amüsant, denn ich hatte immer noch eine perverse Freude daran, sie zu provozieren!

Heute kam meine kleine Schwester vorbei, um sich vermutlich selber auf den neuesten Stand zu bringen. Denn ich vermutete, dass sie nicht glücklich über die Abreise von Master Cormac war, aber es gibt Pflichten im Orden, die müssen erfüllt werden. Das sollte sie mittlerweile gelernt haben. Auch wenn sie nicht dem kolonialen Ritus angehörte, sondern bald dem britischen. Sollte mir recht sein, denn ich war nicht ihr Großmeister, ich hatte das nicht zu entscheiden.

Ich ging mit ihr in mein Arbeitszimmer, aber bat Mrs. Masterson, in meiner Nähe zu bleiben. Ich sah, wie sie verstohlen die Augen verdrehte. Und wieder ein Punkt für mich!

Faith setzte sich nicht, sondern baute sich vor meinem Schreibtisch auf und kam auch gleich zum Punkt ihres Besuches. „Was wird das hier eigentlich? Kannst du mir das bitte erklären? Shay hatte schon solche Andeutungen gemacht und meinte, genaueres könntest du mir mitteilen. Also, ich warte!“ Ich sah über meine Schulter zu meiner neuen Angestellten und dann wieder zu Mrs. Cormac.

Ich erklärte ihr, natürlich nicht ganz wahrheitsgemäß versteht sich, dass wir hier Differenzen mit der Arbeitsweise von Mrs. Masterson hätten und ich sie daher unter Beobachtung halte. „Differenzen? Was denn für welche? Hat Mrs. Masterson dein Bett falsch bezogen? Du kannst doch nicht jemanden einfach so festsetzen, mit der lapidaren Begründung, es gäbe Differenzen.“ Sie verstand es natürlich nicht, aber ich wollte und konnte es ihr nicht erklären und ließ meinem Ärger freien Lauf.

„Ich bin dir gegenüber keine Rechenschaft schuldig, Faith. Vergiss das nicht! Aber es gibt Ungereimtheiten, die ich erst geklärt haben will, bevor ich Alexandra machen lassen kann, wonach ihr der Sinn steht.“ waren meine Worte. Und dann meldete sich eben diese ungefragt zu Wort, was mich doch wieder an ihren Manieren zweifeln ließ!

„Verzeiht, Master Kenway, aber ich stehe direkt neben euch.“ Ich warf ihr einen Blick zu der ihr hoffentlich kund tat, dass ich so ein Verhalten nicht dulde!

Und natürlich kam Faith auf das Thema Mutter und Kind! Das war klar, ich hätte es mir denken können! „Haytham, dein Verhalten erinnert mich an damals, als wir noch Kinder waren. Es musste immer erst alles genauestens geklärt sein, bevor du auch nur ein kleines Stück nachgegeben hast. Diese Sturheit ist ja nicht auszuhalten. Und dann nimmt Shay den Jungen auch noch mit auf die Morrigan, was ich auch nicht verstehe. Du kannst doch einer Mutter nicht das Kind, auch wenn es schon älter ist, wegnehmen, in dem Glauben, dass sie dann genau das tut, was DU sagst. Glaub mir, ich bin selber Mutter und weiß, dass DAS ganz bestimmt nicht hilft!“

Also versuchte ich es noch einmal, aber meine Geduld war langsam am Ende. Ich erzählte kurzerhand von meinem Verdacht, dass diese Frau den Orden ausspionieren könnte. Jetzt wusste auch Mrs. Masterson von meinen Gedanken, darüber hatte ich nicht wirklich nachgedacht. Doch jetzt war es zu spät. Und prompt ertönte hinter mir eine ungläubige Stimme. „Master Kenway, ihr glaubt ich würde euch ausspionieren wollen? Das ist ein absolut absurder Gedanke!“

Mir blieb nichts anderes, als ihr mitzuteilen, dass ich dann auch endlich mal die Wahrheit von ihr wissen möchte, wenn sie schon keine Spionin ist. Aber natürlich erwiderte sie nur, dass sie weder von jemandem geschickt wurde, noch uns ausspionieren wollte. Endlich meldete sich meine kleine Schwester wieder zu Wort. „Mrs. Masterson, aber warum seid ihr dann hier?“

„Miss Cormac, ich bin einzig und allein hier gelandet, weil ich eine Anstellung brauchte. Damit ich Geld verdienen kann und um meine Weiterreise finanzieren zu können, da man mich hier einfach mit meinem Sohn mittellos abgesetzt hatte. Ich gehe davon aus, dass euch euer Mann das auch schon erklärt hat.“ Es klang wie eine abgelesene oder auswendig gelernte Aussage! DAS war gelogen, ich konnte es spüren!

Faith erzählte dann noch, dass sie den Gedanken an ein neues Zimmermädchen nicht besonders gut fand, denn das letzte hatte sich zu sehr um Master Cormac gekümmert. Ich wusste davon, da sich diese Justine gerne an alles schmiss, was männlich aussah, auch an mich. Eine sehr unangenehme Person, das musste ich zugeben und ich war froh, dass man sie entlassen hatte.

„Das ist natürlich verständlich, dass ein solches Verhalten nicht toleriert wird. Aber ich versichere euch, ich habe lediglich meine Arbeiten verrichtet und mehr nicht. Auch wenn diese Tätigkeiten derzeit sehr eingeschränkt sind, da Master Kenway ja immer daneben steht!“ Diese Frau hatte keine Manieren, ich fragte mich zum tausendsten Male, WO oder WER sie ausgebildet hatte. Ich stand auf und sah drohend auf sie herab und musste mich arg zusammenreißen, ihr nicht eine schallende Ohrfeige zu verpassen.

Von der anderen Frau erntete ich keine Unterstützung, warum auch. Sie hielten wirklich in irgendeiner Form zusammen! „Haytham, was soll das jetzt? Die Gehirnerschütterung scheint dir nicht gut bekommen zu sein. Sie hat doch nur dem zugestimmt, was ich sagte und sie hat ja recht! Viel machen kann sie sicherlich nicht, wenn du sie immer im Auge behalten willst. Vermutlich stehst du auch noch immer Weg!“

Ich sah, wie ein Grinsen in Mrs. Mastersons Gesicht erschien, aber sie war wenigstens so höflich und senkte den Blick. Das Gespräch war hiermit beendet, beschloss ich. Und mit den Worten, wenn sonst nichts mehr sei, ließ ich meine kleine Schwester gehen.

Der restliche Tag und auch die Nacht verliefen wie immer. Ich ertappte mich abermals bei dem Gedanken, dass ich diese Frau gerne in meiner Nähe hatte. Und wiedermal musste ich mir wie ein Mantra sagen, dass die Sicherheit des Ordens Vorrang vor allen Gefühlen hatte!

Kapitel 11

27. September 1759



Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst anfangen soll. Diese Nacht vom 25. auf den 26. September werden wir alle nicht so schnell vergessen. Vor allem die arme Mrs. Masterson nicht!

Wir waren alle wie immer zeitig zu Bett gegangen und ich hatte nur kurz noch ein paar Papiere bezüglich der Artefakte durchgeblätterte, ehe ich mich hinlegte. Alexandra entließ ich auch frühzeitig, denn ich bemerkte, dass sie ebenfalls erschöpft war.

Doch plötzlich rissen mich Schreie aus meinem Schlaf. Jemand rief lautstark nach mir! Ich schreckte hoch und zog mir nur schnell eine Hose über und warf unachtsam die Hosenträger über. Als ich nach unten eilte, hörte ich die Schreie aus der Küche kommen und erkannte die Stimme von Mrs. Masterson! Als ich eintrat, sah ich Charles, wie er hinter ihr stand, ihr Nachthemd und der Morgenrock waren hochgeschoben über dem Rücken. Master Lee hatte mich noch nicht bemerkt, also konnte ich ihn von ihr herunterziehen und verpasste ihm einen Kinnhaken. Damit landete er rücklings auf dem Boden und sah mich entsetzt an! Ich aber konnte nicht mehr sagen, als dass er SOFORT mein Haus verlassen solle und er bis auf weiteres Hausverbot hatte. Ich würde mich mit ihm in Verbindung setzen. Das hätte noch ein Nachspiel für ihn, dann verließ er kleinlaut die Küche und verschwand.

Ich ging zu Alex hinüber und sie saß mit leeren Augen einfach nur auf der Bank vor dem Tisch und starrte auf ihre Hände. Ich sprach sie an, aber sie reagierte nicht. Also hob ich sie einfach hoch und brachte sie in mein Schlafzimmer. Ich legte sie in mein Bett und deckte sie noch zu. Dann löschte ich die Kerzen und legte mich ebenfalls wieder schlafen. Instinktiv, denn ich war ebenfalls zu keinem klaren Gedanken gerade fähig, nahm ich sie in den Arm und hielt Alex einfach fest. Ich spürte, wie das Zittern weniger wurde und sie ruhiger atmete, das übertrug sich auch auf mich und ich wurde ebenfalls ruhiger und schlief alsbald ein.

Am Morgen wurde sie wach und drehte sich zu mir um, ich war schon eine Weile wach und hatte über ihren Schlaf gewacht. Doch sie reagierte mit blankem Entsetzen, als sie realisierte, dass sie wieder einmal in meinem Bett lag. Ich versuchte ihr die Panik zu nehmen und erklärte ihr die Lage.

„Könntet ihr mich... trotzdem bitte loslassen, Master Kenway? Bei allem Respekt, ich...“ Erst jetzt bemerkte ich, dass ich sie noch in den Armen hielt. Ich ließ sie los und sie brach in Tränen aus. Aber ich konnte nur tatenlos zusehen. Ich wusste nicht, wie ich ihr helfen könnte!

Ich entschuldigte mich bei ihr, dass so etwas in meinem Haus passierte! Alex sah mich nur an, zog ihre Beine hoch und vergrub ihr Gesicht. Jetzt versuchte sie ihrerseits eine Erklärung. „Master Kenway es ist nicht eure Schuld, es ist einzig und allein Master Lee, der dafür verantwortlich ist. Er ist derjenige der sich nicht unter Kontrolle hatte. Und ich hätte vielleicht auch einfach vorsichtiger sein müssen. So spät noch alleine nach draußen...“ Das ist richtig, was wollte sie so spät noch da draußen! Aber ich schob den Gedanken nach hinten, ich wollte jetzt nicht paranoid werden.

Ich startete einen weiteren Versuch, mich zu entschuldigen, obwohl es an Charles wäre, doch er wäre schneller tot, als dass er ein Wort gesagt hätte, vermutete ich. „Das gibt ihm aber keinen Grund, Hand an euch zu legen! Ich dulde so eine Art und Weise einfach nicht!“ Das klang erbärmlich, wie ich fand, aber etwas besseres fiel mir nicht ein.

Mrs. Masterson bat mich nur darum, sich zurück ziehen zu dürfen. Natürlich erlaubte ich das, denn ich verstand, dass sie alleine sein wollte. Als sie die Tür zum Ankleidezimmer geschlossen hatte, fiel mir allerdings ein, dass ich noch keine Kleidung für heute hatte. Dann musste die Notfallgarderobe wohl herhalten.

Ich war immer noch unsicher, wie ich mich jetzt verhalten sollte. Beschloss aber kurzerhand, dass ich mich mit meiner Haushälterin zusammen setzen sollte. Sie wüsste sicher, was man machen könnte. Mit diesem Gedanken ging ich hinunter und ließ mir meine Kleidung bringen und wusch mich ebenfalls unten. Als ich frühstücken wollte, bat ich Mrs. Wallace, sich kurz zu mir setzen. In knappen Worten erklärte ich ihr, was letzte Nacht passiert war und sie sah mich entsetzt an. „Wie bitte? WAS hat Master Lee getan? Das darf doch nicht wahr sein. Die arme Mrs. Masterson! Wie geht es ihr denn? Soll ich vielleicht mal nach ihr sehen?“

Das wäre sicherlich nicht so gut und wir beschlossen, dass nach dem Essen, ein Bote zu Charles geschickt wird, mit der Nachricht, dass ich ihn umgehend zu sprechen wünsche! Gesagt getan. Es dauerte ungefähr eineinhalb Stunden, dann erschien dieser Widerling kleinlaut in meinem Arbeitszimmer. Die weiblichen Angestellten, weigerten sich in seine Nähe zu kommen! Verständlich. Ich sah ihn erst einmal nur an und schüttelte meinen Kopf. „WAS Charles, war da gestern Nacht los?“ ich presste diese Worte mehr raus, als das ich richtig sprach. Ich musste meine Wut immer noch stark unterdrücken.

„Master Kenway, es... es tut mir wirklich leid. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Glaubt mir, ich... hatte vielleicht zu viel getrunken und... ich sollte doch ein Auge auf diese Frau haben!“

„Aber warum treibt ihr euch dann des Nachts in meinem Hinterhof herum?“ Denn das war die nächste Frage, die ich mir die ganze Zeit stellte!

„Sir, ich hatte den Verdacht, dass man Mrs. Masterson heimlich Nachrichten zukommen ließ. Ich hatte zwei Männer gesehen, wie sie aus dem Hof wieder auf die Straße kamen. Und... nicht viel später erschien diese Frau dort.“ Seine Hände arbeiteten in seinem Schoss, denn er konnte nicht erklären, warum er sie vergewaltigen wollte! Nur weil sie eine Nachricht bekam?

„Eine Nachricht sagt ihr? Habt ihr sie gefunden, oder vielleicht gelesen?“

„Nein, Master Kenway, dass habe ich nicht. Aber ich glaube, sie müsste noch im Hof liegen, oder vielleicht in der Küche... Sir, es tut mir wirklich leid. Ich weiß, ich werde das nie wieder gut machen können!“ Er sah mich hilfesuchend an, aber irgend etwas sagte mir, dass er sehr wohl wusste, was er getan hat und auch WARUM! Denn ich kannte ihn jetzt schon 4 Jahre und er legte immer eine verachtende Miene gegenüber den Bediensteten an den Tag!

„Dann werde ich diese Notiz suchen gehen. Aber lasst euch gesagt sein, eure Strafe wird noch kommen. Ich werde mich mit den anderen diesbezüglich noch beraten. Und bis dahin, werdet ihr hier in meinem Haus nicht mehr auftauchen! Habe ich mich klar ausgedrückt, Charles?“ Das wäre dann eigentlich schon das zweite Hausverbot, denn bei Shay hatte er auch schon für Ärger gesorgt. Nicht er selber, sondern einer seiner Hunde, der mein Patenkind gebissen hat. Doch Shay hatte ihn kurzerhand erschossen, ich hätte genauso reagiert!

„Ja, Sir, ich habe das verstanden!“ brachte er mit zusammen gebissenen Zähnen hervor. Also täuschte ich mich wirklich nicht, er bereute seine Tat nicht wirklich! Also musste seine Strafe entsprechend härter ausfallen, ich würde mir noch etwas einfallen lassen müssen!

Und mal wieder nagten diese Zweifel an mir. Dieser Gedanke, ob der Orden das alleinige Richtige war für mich, oder ob es nicht doch noch eine Einigung zwischen Bruderschaft und uns geben konnte. Gerade jetzt wieder, wo Charles mal wieder wie ein Schandfleck hier auftauchte. Doch eines nach dem anderen...

Damit war das Gespräch erst einmal für mich beendet und ich brachte ihn noch zur Tür. Er wand sich immer noch und war sich irgendwie seiner Schuld nicht bewusst. Plötzlich wurden seine Augen groß wie Teller und er sah die Treppe hinauf. Dort stand Mrs. Masterson und starrte ihn an. Auf ihrem Gesicht erschien ein fieses Lächeln und sie kam Schritt für Schritt langsam die Stufen hinunter.
 

Kapitel 12

Doch ich konnte nicht mehr rechtzeitig reagieren, zu spät sah ich, dass sie ein Messer in der rechten Hand hielt. Die letzten Meter sprintete sie förmlich auf Charles zu und warf ihn damit um. Dann hockte sie wie ein Gargoyl über ihm und drückte das Messer an seinen Hals. Ich zerrte sie etwas grober als ich es wollte, von ihm runter und befahl Master Lee auf der Stelle zu gehen! Mit Mrs. Masterson vor mir, die ich einfach nur vor mir herschob, ging ich zur Küche. Dort ließ ich sie Platz nehmen und … sah auf sie herab. Ihre Augen hatten wieder diesen eigenartigen leeren Blick in die Ferne!

Es war Mrs. Wallace, die als erste mit ihr sprach und da reagierte sie wieder. „Alex, es tut mir so leid. Was hat euch dieser Mann nur angetan? Ich habe erst heute morgen davon erfahren. Wir können Gott danken, dass euch nichts Schlimmeres widerfahren ist!“ Doch mit der Reaktion von Mrs. Masterson hatte ich nicht gerechnet. Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und schrie uns förmlich an.

„Gott hat damit nichts zu tun! Es war Haytham, der mich beschützt hat! Sonst war ja niemand da...!!“ Hatte sie gerade wirklich nur meinen Vornamen gebraucht? Ich schob es jetzt auf ihr nicht vorhandenes Urteilsvermögen, denn sie war außer sich, verständlicherweise!

Ohne mich zu beachten, sprach sie mit meiner Haushälterin: „Sybill, ich brauche etwas stärkeres als Tee! Und... ich nehme mir einen Tag frei... ist mir egal ob Master Kenway einverstanden ist oder nicht!“

Ich versuchte es erneut, ihr zu erklären, dass es mir leid tut und ich keine Worte hätte. Jetzt sah sie mich an und schien mich zu bemerken. „Ihr könnt gar nichts tun. Es ist schlicht und ergreifend MEIN Problem. Und ich werde bei nächster Gelegenheit abreisen! Ich will niemanden mehr sehen! Ich hätte nie hierher kommen sollen! Und...“ Ich versuchte sie zu beruhigen, damit sie keine voreiligen oder übereilten Entscheidungen traf und legte ihr meine Hand auf die Schulter.

Und jetzt brach sich ihr ganzer Zorn, ihre Wut auf alles und jeden Bahn und wir konnten sie nur anstarren! „Was zur Hölle soll ich denn machen? Ich will nach Hause! IHR haltet mich hier fest! Und das nur aufgrund eines Verdachtes!!! WAS WOLLT IHR???“ Schrie sie mir ins Gesicht, sie war aufgestanden und stand nur wenige Zentimeter vor mir.

Doch plötzlich war es, als schwankten ihre Gefühle. Ich sah wieder dieses Chaos in ihrem Gesicht. Sie überlegte, sie dachte über etwas nach und sah mich dabei an. Verdammt noch eins, WAS beschäftigte sie so? In meiner Sorge um ihre geistige Gesundheit, machte ich den Vorschlag, Dr. Ambrosch kommen zu lassen, oder vielleicht auch einfach nur Faith. Mit den abfälligen Worten „Danke, aber ich brauche nichts. Ich brauche nur Ruhe und... meine Familie! Aber dank euch, ist mein letzter Halt ja jetzt auf See! Ich danke euch dafür!“ ging sie an mir vorbei in den Hof und stand dann gedankenverloren auf der Mauer, die das Fort umgab!

Jetzt wusste ich aber, was ich tun konnte, um sie versöhnlich zustimmen. Wenn ich die Nachricht erhielt, dass die Jackdaw wieder im Hafen einlaufen würde, dann werde ich sie einfach zum Hafen führen, in der Hoffnung, dass sie glücklich ist. Herr Gott noch eins. Ich dachte schon wieder wie ein verliebter Idiot. Wieder einmal musste ich mit meinen Gefühlen kämpfen und sie unterdrücken bis alles geklärt ist. WENN denn dann irgendwann einmal das ganze Schauspiel ein Ende hat!

Kurzerhand beschloss ich, meiner kleinen Schwester und meinem Patenkind einen Besuch abzustatten. Ich musste für einen Moment hier raus, um meine Gedanken zu sortieren. Und... vielleicht hätte Faith noch einen Rat, bezüglich Mrs. Masterson. Auch wenn ich es nicht gerne zugebe, aber auch mein Repertoire an Wissen, hat seine Grenzen. Gerade wenn es um Frauen geht.

Als ich im Fort Arsenal ankam, führte mich Mrs. Marge in den Salon und hieß mich warten. Kurz darauf erschien Mrs. Cormac mit ihrer Tochter auf dem Arm. Als sie July auf den Boden setzte, krabbelte sie auf mich zu und ich nahm sie hoch. Sie war schon ein hübsches Kind und es war beruhigend, sich mit ihr zu beschäftigen. Aber ich musste heute leider passen, denn mir war es wichtig, dass ich mit Faith meine Gedanken kurz teilen konnte. „Setz dich Haytham und erzähl mir was los ist, du siehst aus als hättest du diese Nacht nicht geschlafen“ bat sie mich. Ich erzählte ihr, was vorgefallen war, in kurzen Sätzen. „Dann bestrafe Lee, erst beißt seine Töle July und nun das. Haytham er ...ist ein ...“ kam es kalt aus ihrem Mund. Aber ich musste sie mal wieder daran erinnern, dass ich Lee brauchte! Er war wichtig und ich konnte ihn nicht einfach so aus den Orden werfen.

„Ja, nur aus diesem Grund haben wir ihn noch nicht umgebracht“ Shay wäre einer der ersten, der Charles am liebsten tot sähe. „Ja..., aber du bist doch nicht hier um mit mir über Lee zu sprechen, oder?“ Nein, das war ich nicht nur. Also erzählte ich von meinen Zweifeln, die sich seit Wochen in mir breitmachten, was den Orden und die Bruderschaft anging. Es nagte an mir und ich war immer noch der Meinung, dass es eine Lösung für beide Seiten geben MUSSTE. Sie hatte doch auch lange an eine Einigung geglaubt.

„Ja bis ich merkte, dass das nicht möglich ist. Es wird immer Menschen geben die dagegen sind, also schlag es dir aus dem Kopf, es ist ein sinnloser Gedanke“ Wieder diese Kälte in der Stimme, ihre Erfahrungen in den letzten Jahren hatten ihr gezeigt, dass sie dem Templerorden angehörte und den Assassinen den Rücken kehren würde. Und das befürworte ich ja auch, aber wäre es nicht doch möglich?

„Haytham auch wenn ich mir keinen Frieden mehr vorstellen kann, dann tu du das. Du weißt, wenn du es beschließt, werde ich hinter dir stehen“ Mir kam nur ein etwas kleinlautes „Danke, kleine Schwester“ über die Lippen.

Als ich gehen wollte, musste ich feststellen, dass mein Patenkind großen Gefallen an meinem Hut gefunden hat und ihn nicht mehr hergeben wollte. Ich seufzte nur und es schlich sich ein Lächeln in mein Gesicht. Dann musste halt ein Neuer her, Jones sollte sich darum kümmern!

Bis zum Nachmittag blieb alles ruhig. Mrs. Masterson war etwas beruhigter, auch wenn ich eine leichte Rumfahne bei ihr wahrnahm. Hatte Mrs. Wallace ihr also ein wenig von der guten Medizin gegeben? Ich grinste in mich hinein! Eigentlich duldete ich keinen Alkohol bei meinen Angestellten während der Arbeitszeiten, aber ich sollte hier wohl eine Ausnahme machen. Gegen 15 Uhr erhielt ich die Nachricht, dass die Morrigan wieder vor Anker gegangen war.

Ich ließ verkünden, dass für heute Abend dann ein größeres Essen anstand. 6 Personen mindestens. Denn es ging nicht nur um die Jackdaw, sondern auch noch um eine Entdeckung hinsichtlich der Artefakte, die Shay zufällig gemacht hatte.

„Mein Sohn! Geht es ihm gut? Kann ich ihn sehen?“ Mrs. Masterson hatte leuchtende Augen, als sie das erfuhr. Ich lächelte sie an, denn ich freute mich für sie. Was machte ich gerade schon wieder? Es wurde immer schwieriger, alles unter Kontrolle zu halten. Ich erklärte ihr, dass er nur noch beim Entladen helfen würde und dann hier in den Angestelltenunterkünften Quartier bezog.

Das Leuchten verschwand postwendend aus ihren Augen und ein „Oh, achso...!“ war alles was ich hörte. Gerade als sie an mir vorbei gehen wollte, hielt ich sie mit meiner Hand auf ihrer Schulter auf. Denn ich musste sie daran erinnern, dass noch lange nicht alles geklärt sei und sie solange hier bliebe, bis wir Sicherheit hatten, dass sie dem Orden nicht gefährlich werden könnte!

„Nein, wie konnte ich auch nur ansatzweise etwas anderes denken, verzeiht!“ Ihre Stimme war so kalt, dass es mich erschauern ließ. Ich sah ihr nach und hätte mich am liebsten geohrfeigt. Ich betete mein Mantra vor mich hin. Keine Gefühle, die Sicherheit und Belange des Ordens gehen vor!

Die Vorbereitungen überwachte ich nur sporadisch, denn ich machte mich, kurz bevor die Gäste kamen, noch frisch und zog mich zum Essen um. Pünktlich erschienen sie alle und wir nahmen im Esszimmer Platz. Wie gesagt, es war die übliche Runde. Nur dieses mal war auch Mrs. Cormac mit anwesend und ich freute mich, dass sich auch Jonathan freimachen konnte.

Das Essen war wie immer köstlich und ich bemerkte immer wieder, wie Shay Mrs. Masterson betrachtete. Entweder hatte er mir noch nicht alles über die Reise und die Gespräche mit Yannick erzählt, oder es war noch etwas anderes. Ich sollte ihn später noch einmal danach befragen. Jedoch konnte ich spüren, dass Alexandra die Blicke ebenfalls bemerkte und, aufgrund des Vorfalls mit Charles, noch unsicher war und wieder nervös wurde.

Als die einzelnen Gänge beendet waren, konnte ich den Alkohol regelrecht in mir fühlen. Wir hatten alle dem guten Wein zugesprochen und ich sah, wie Thomas mal wieder völlig blau vor sich hin schwankte. Jack schnappte ihn sich und brachte ihn nach Hause. Jonathan und William waren auf einmal weg, ich vermutete, sie würden frische Luft schnappen. Faith hatte sich schon vor dem Dessert verabschiedet, weil sie noch im Hospital etwas zu erledigen hatte.

So saß ich mit Shay noch eine Weile im Esszimmer und gerade als ich ihn nach den Tagen auf See befragen wollte, verabschiedeten sich Pitcairn und Johnson. Als die beiden aus der Tür waren, spürte ich mittlerweile doch die Müdigkeit und der Wein tat seinen Rest, dass ich beschloss, das Gespräch mit Master Cormac auf morgen zu verschieben. Ich erhob mich leicht schwankend, ebenso Shay, der sich überlegte, hier zu nächtigen. Auch er war definitiv nicht mehr nüchtern.

Ich rief nach Mrs. Masterson, die auch prompt erschien und in einem etwas genervten Ton fragte, was ich denn wünsche. Ich bat sie, das Gästezimmer herzurichten und mir Bescheid zu geben, wenn alles fertig sei. Wieder kam genervt nur ein „Sehr wohl, Master Kenway!“ und ein Knicks. Dann verschwand sie nach oben.

Kapitel 13

Shay und ich gingen noch kurz nach draußen, um ebenfalls frische Luft zu tanken. Es war schon recht kühl geworden nachts. Als wir auf der Mauer des Forts standen, erzählte er mir, dass er nichts aus dem Jungen herausbekommen hat. Der hatte ihm zwar brav alle Fragen beantwortet, aber es gab nichts spektakuläres zu berichten. Seltsam, war Yannick vielleicht gar nicht in die Belange seiner Mutter eingeweiht? Das einzige, was Master Cormac bemerkte, war, dass der Junge des öfteren wenn er sich unbeobachtet fühlte, seine Finger bewegte. So als würde er eine versteckte Klinge aktiveren wollen. Das war zwar eine interessante Theorie, aber wir hatten da noch nichts handfestes. Wir hatten ja keine Klingen oder ähnliches gefunden!

Aber die könnten sich auch noch auf der Jackdaw befinden. Und es war ja auch noch die Frage, welcher Seite diese Frau angehörte. Wir wussten es ja nicht und konnten nur mutmaßen. Ein Räuspern aus Richtung Küchentür, riss uns aus dem Gespräch. Dort stand Mrs. Masterson und teilte mit, dass die Zimmer fertig seien. Und wieder konnte ich mir einen provokanten Spruch nicht verkneifen.

„Ah, Mrs. Masterson, seid ihr schon fertig mit allem? Ich hoffe doch, dass Master Cormac kein Chaos vorfinden wird, wie ich bei ihm vor einigen Tagen?“ Über ihren genervten Blick musste ich dann doch schmunzeln, sie hatte ihre Lektion also gelernt. Als wir an ihr vorbei in die Küche traten, teilte sie uns in einem immer noch sehr unwirschen Tonfall mit dass sie hoffe, alles zu unserer Zufriedenheit erledigt zu haben. Das würden wir ja gleich sehen.

Shay ging mit mir hinauf und verschwand auch gleich in seinem Zimmer, während ich vor meinem Schlafzimmer stand und mich wunderte, wo denn Mrs. Masterson blieb. Also rief ich kurzerhand nach ihr. Ich betrat meine Gemächer und ließ mich auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch fallen. Ich war hundemüde, betrunken und ich hatte Probleme meine Stiefel auszuziehen! Immer wenn ich mich vorbeugte hatte ich das Gefühl, mir wird übel.

Irgendwann bemerkte ich, dass Alexandra mich beobachtete und einen doch amüsierten Ausdruck im Gesicht hatte. Ich wurde ein wenig ungehalten! Also meckerte ich sie an, sie solle mir helfen und nicht so tatenlos herumstehen. Berechtigterweise fragte sie, ob sie nicht lieber Jones rufen sollte. Doch auf ihn hatte ich gerade keine Lust und es würde auch zu lange dauern. Das teilte ich ihr dann auch in einem ziemlich mürrischen Ton mit. Ich bekam wieder ein Zähneknirschen zu hören, doch sie kniete sich vor mich hin und fing an, mich von den Stiefeln zu befreien.

Sie hatte so ihre Probleme, dieselben, welche ich schon beim Anziehen hatte. Denn sie waren neu und das Leder war noch nicht richtig weich. Ich sah auf sie herab und … es war eine sehr merkwürdige Situation. Am liebsten hätte ich sie jetzt hier und auf der Stelle genommen, denn dieser Anblick, wie sie vor mir kniete brachte meine Phantasie auf Hochtouren. Als sie dann anfing die Weste aufzuknöpfen war es schon fast unmöglich für mich, meine Hände bei mir zu behalten. Ihre Finger waren filigran und sie ging behutsam mit den Knöpfen um.

Plötzlich sah sie zu mir hoch und für einen kurzen Moment dachte ich, sie würde das gleiche fühlen. Doch sie entledigte mich meiner Weste und stand dann abrupt auf und legte sie beiseite. Sie drehte sich wieder zu mir und ich konnte nicht anders. Dieser Wunsch, sie zu haben, sie zu nehmen, war stärker, als mein Geist. Ich legte meine Hand unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht an und sah ihr in die Augen.

Mit einem Mal ging sie zwei Schritte zurück und ich hörte ein leises „Es tut mir leid, Master Kenway.“ über ihre Lippen kommen. Mir entfuhr ein ziemlich frustriertes Seufzen, welches mir gleich wieder leidtat. Denn ich musste mir vor Augen halten, dass sie gestern Nacht fast vergewaltigt worden wäre. Sie schlug mein Bett auf und als ich dann endlich in den Kissen lag und schon fast eingeschlafen war, spürte ich ihre Lippen auf meiner Stirn und sie hauchte ein „Ich wünsche euch eine gute Nacht!“. Dann verschwand sie in windeseile in ihr Quartier.

Ich fand immer wieder nur kurz in den Schlaf. Ich hatte Träume, in denen ich mit ihr alles erdenkliche tat! Irgendwann stand ich wieder auf, denn so konnte ich keine Ruhe finden. Ich zog mir meine Hosen über und ging nach unten. Gerade als ich in meinem Arbeitszimmer saß, hörte ich, dass jemand die Treppe herunter kam. Mein erster Gedanke war, es wäre hoffentlich Mrs. Masterson, doch es war nur Shay. Dieser bemerkte meinen enttäuschten Gesichtsausdruck und setzte sich einfach mir gegenüber.

„Könnt ihr auch nicht schlafen, Master Cormac?“ Fragte ich ihn unnötigerweise. Er grinste nur und meinte, ihm läge das Essen zu schwer im Magen um vernünftig schlafen zu können. Und so setzten wir einfach das Gespräch von vorhin fort.

Auch erzählte ich ihm von meinem Annäherungsversuch bei Mrs. Masterson und dass ich es bereute. Alles gab ich natürlich nicht preis, aber ich ging davon aus, dass er verstand was ich meinte. Es war doch erleichternd, wenn man das Ganze auch mal aussprach. So musste ich diese Gedanken nicht mit mir alleine herumtragen.

Nach einiger Zeit fragte Shay, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er sich noch etwas zu trinken aus der Küche hole. Ich verneinte und er machte sich auf den Weg.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit bis er wieder hier erschien. Aber er war nicht alleine. Erstaunt sah ich auf, als ich Mrs. Masterson vor ihm sah, welche ziemlich sauer zu sein schien. „Sir, wir sollten uns unterhalten. Denn Mrs. Masterson hat Interessantes zu berichten!“ Etwas übermüdet rieb ich mir den Schlaf aus dem Gesicht. Eigentlich war mir gerade nicht danach, noch lange Gespräche führen zu müssen. Also tat ich das auch kund, fragte aber auch gleich, was denn so spannendes passiert sei.

Alex giftete mich nur an mit den Worten „Gar nichts gibt es!“ Bei Gott, das war doch jetzt nicht wahr. Das würde jetzt wahrscheinlich Stunden so gehen. Aber ich riss mich zusammen und versuchte meine Templerart hervorzuholen. Der Alkohol machte es nicht leichter!

„Das hörte sich gerade eben aber noch anders an! Master Kenway, Alexandra hier scheint euch schon länger zu kennen, als ihr glaubt!“ Das ließ mich aufhorchen. Hatte ich die ganze Zeit mit meiner Vermutung also doch Recht? SIE kannte mich aus irgendeinem Grund, ICH aber umgekehrt sie nicht mehr? „Ist das so? Das interessiert mich jetzt aber dann doch brennend. Und vor allem, WOHER kennt ihr mich?“ wollte ich jetzt wissen.

„Ich frage mich, warum ihr fragt, wenn ihr es doch schon wisst? Für wie dumm haltet ihr mich eigentlich? Und ehrlich gesagt, ich bin es leid! Ihr wisst beide, wer ich bin. Also... wozu noch die Fragerunde hier?“ Wir hatten die ganze Zeit recht gehabt! Aber warum dieses Spielchen?

„Euer loses Mundwerk ist erstaunlich! Und hatte ich mich diesbezüglich nicht schon dazu geäußert, dass ich euch schon noch beibringe, wie ihr mit mir zu reden habt? Muss ich euch wirklich immer und immer wieder daran erinnern, Mrs. Masterson?“ Ich verlor so langsam die Geduld, auch wenn ich vor ein paar Stunden noch ganz anders gedacht hatte. Diese Art, wie sie mit mir sprach, missfiel mir zutiefst.

„Oh bei Odin, ja das habt ihr. Aber beigebracht habt ihr mir GAR NICHTS! Und ich weiß, wer vor mir sitzt! Auch wer HINTER mir gerade steht! Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass ich jetzt endlich wieder nach Hause will und es leid bin, diese Spielchen zu spielen!“ Diese Frechheiten sollte man ihr austreiben. Aber es half mir, mich auf mein Mantra zu konzentrieren. Und es dauerte nicht lange, da war ich ganz der Templer, der ich sein sollte!

„Was ihr wollt, ist mir einerlei! Solange ich nicht aus eurem Mund die ganze Geschichte höre, bleibt ihr hier. Ich habe übrigens Zeit! Besonders für Spione, die sich so ungeschickt verhalten, wie ihr es getan habt!“ Mit einem fiesen Lächeln lehnte ich mich zurück und betrachtete sie eindringlich. Völlig unbeeindruckt wie mir schien antwortete sie nur: „Was wollt ihr denn genau wissen? Erleuchtet mich, Master Kenway.“ Sie war auf einmal die Selbstsicherheit in Person. Ich verstand dieses Weib nicht mehr!

Ich wollte von ihr wissen, wie sie hier ankam, woher sie kommt und ich wollte endlich ihren richtigen Namen wissen. Den wussten wir zwar, aber ich wollte auf Nummer sicher gehen! Aber diese Frau fand es anscheinend amüsant, mir unverschämte Antworten zu geben. Mit einem breiten Grinsen kam nur „Ich bin mit einem Schiff angekommen, ich komme aus der Nähe von Hannover und...“ Das wurde mir jetzt zu bunt! Ich wurde lauter und drohte ihr, ihr wehzutun, wenn sie weiter so unverschämte Antworten gab! Ich hielt mich noch unter Kontrolle, ballte aber meine Hände auf dem Schreibtisch!

„Nein, ich finde das sicherlich NICHT witzig. Aber ich kann nichts dafür, wenn IHR die falschen Fragen stellt.“ Mit meiner Reaktion hatte diese Frau nicht gerechnet und als ich mich mit erhobener Hand drohend vor ihr aufbaute, schaute sie mich erschrocken an. Ich brachte nur ein „Ich warne euch!“ hervor, mein Kiefer tat mir schon weh! Ich senkte meine Hand und hielt sie an ihren Hals und ich drückte zu.

Anscheinend jedoch zu fest, denn ich sah, dass sich ihre Augen leicht verdrehten und sie bat mich darum, etwas vorsichtiger zuzudrücken, denn ohnmächtig könnte sie schlecht reden! Da hatte sie recht, also nahm ich den Druck ein wenig von meiner Hand. Ich hatte aber gespürt, wie ihr Körper in Alarmbereitschaft ging. Sie saß stocksteif vor mir und es tat mir schon wieder ein wenig leid. Aber dann sollte man mich auch nicht so herausfordern.

„Ich warte immer noch auf eine Antwort!“ forderte ich sie wieder auf, endlich den Mund aufzumachen. Ich vernahm ein entnervtes Seufzen und sie fing an zu erzählen!

„Mein Name ist Alexandra Frederickson, ich lebe in der Nähe von Hannover und bin vor ungefähr zwei Wochen hier mit der Jackdaw angekommen. MEINEM Schiff wohlgemerkt! Auf dieser Reise hat mich mein Sohn begleitet, weil er noch in der Ausbildung zum Assassinen steckt und es eine gute Gelegenheit für ihn war, seine Kenntnisse auszubauen und eventuell auch seine Techniken zu erweitern!“ Das war alles? Keine Erklärung bezüglich der Brig meines Vaters? Keine Antwort darauf, was sie hier wollte?

Kapitel 14

Also stellte ich ihr die Frage, die mich am meisten interessierte. „Aha, diese Brig dürfte nicht einmal existieren! Das wisst ihr doch, oder etwa nicht? Wie seid ihr in ihren Besitz gelangt?“ Die Antwort fiel sehr sehr kurz aus. „Edward hat sie mir überschrieben, da er mit seiner Vergangenheit abschließen wollte und damit das Gerede über ihn endlich ein Ende nimmt!“

Ich nahm meine Hand von ihrem Hals, nicht ohne den Gedanken, dass ihre Haut unglaublich weich war. Nein, nicht diese Gedanken... mahnte ich mich selber!

Diese Erzählung war mir zu kurz und nicht schlüssig, also fragte ich nach, ob mein Vater ihr das Schiff einfach so überlassen hat, denn ich konnte es mir beim besten Willen nicht vorstellen!

Doch die nächsten Dinge, die sie zu berichten hatte, waren mehr als unglaublich! Ich hoffe, ich bringe alles richtig wieder zu Papier, denn es ist eine Menge gewesen. Angefangen mit „Es war Ende November 1735! Ein paar Tage vor eurem 10. Geburtstag!“ Vor meinem... Sie war damals anwesend, bei dem Überfall? Ich hoffte inständig, dass sie nicht daran beteiligt war! Also fragte ich nach, wie es weiterging. „Weiter? Das war es. Euer Vater übergab mir die Schenkungsurkunde und ich reiste ab!“

Innerlich verdrehte ich die Augen, verstand sie nicht, WAS ich meinte? Aber mir kam gerade ein anderer Gedanke. Wenn sie vor über 20 Jahren dort war, musste sie schon in ihren 20ern gewesen sein oder sogar älter. Das heißt, sie müsste demnach jetzt so das alter meines Vaters haben! Sie sah aber nicht danach aus. Und diese Vermutung tat ich kund!

Und schon wieder bekam ich eine patzige Antwort, sie trieb mich zur Weißglut! „Ich weiß es nicht, Master Kenway! Aber ich muss schon sagen, ihr habt ein sehr schlechtes Gedächtnis. Ihr erinnert euch nicht an mich? Traurig, aber naja, was sollte ich auch anderes erwarten.“ Ich atmete tief durch und fragte sie, ob sie die Güte hätte mir mitzuteilen, warum ich gerade SIE in Erinnerung behalten haben sollte.

Doch sie war mit ihrer Art noch nicht fertig. „Also schön... ehrlich gesagt, ich bin müde, ich bin in schlechter Verfassung und habe nicht mehr die Geduld und Lust, mich mit euch auseinander zusetzen. Aber ich habe eine Bedingung!“ Das konnte nicht ihr Ernst sein. Gerade als ich sie darauf hinweisen wollte, dass es nicht an IHR sei Bedingungen zu stellen, fuhr sie mir lautstark über den Mund.

„Verdammt nochmal, ich will ja nicht, dass ihr eure Niere dafür spendet! Master Cormac, Master Haytham. Ich werde euch alles erzählen, aber nur, wenn ich euer Wort habe, dass nichts davon irgendwo oder irgendwann schriftlich auftaucht! Es bleibt hier in diesen Räumlichkeiten und niemand, auch nicht Master Lee oder sonst irgendwer darf davon erfahren! Versprecht es!“ Darauf fiel mir nichts ein, was sollte so wichtig und so geheim sein, dass es nur in diesem Raum bleiben sollte? Aber ich sah Shay an, der kurz nickte und wir versicherten ihr, dass sie unser Wort hat.

Doch mit dem, was sie jetzt erzählte, habe ich weiß Gott nicht gerechnet!

„Meinen Namen wisst ihr bereits und dieser stimmt auch. Ich werde im Mai 1976 geboren. Ihr seht, ich bin eigentlich noch gar nicht da. Ausgebildet zur Assassine wurde ich ab meinem 11. Lebensjahr. Ich lebe in der Nähe von Hannover, für euch ist das noch Preußen, wenn ich mich recht erinnere. Dort haben wir unser Büro und einige Einheiten. Meine Bruderschaft hat im Jahr 2000 ein Artefakt der Vorläufer bergen können. Mit diesem ist es uns möglich gewesen, in der Zeit zur reisen. Die erste Reise trat ich an, da war ich noch alleinstehend und somit ging ich kein größeres Risiko ein.“ Sie sah mich erwartungsvoll an, aber ich konnte nichts sagen. Als sie jedoch anstalten machte sich zu erheben, wurde ich misstrauisch. Doch sie hob nur die Hand und erklärte, dass sie so besser reden könne und sie nicht die Absicht hätte uns umzubringen.

Wie auch? Sie war unbewaffnet, ich aber auch, wie mir gerade einfiel!

Sie berichtete davon, wie sie meinen Vater 1718 in Nassau traf und mit ihm gesegelt ist, dass es noch ein weiteres dieser Zeitreise-Artefakte gab und sie es bergen konnten. Zwischendurch hatte ich aber immer wieder das Gefühl, dass sie ein paar Details verschwieg. Doch ich war zu fasziniert, als dass ich mir gerade jetzt Gedanken darum machte.

Als Mrs. Masterson... nein, Mrs. Frederickson, erzählte, dass sie dann noch einmal in die Vergangenheit reiste, als mein Vater sich schon in London niedergelassen hat, wurde es noch interessanter. Also kam ich jetzt mit ins Spiel. Es fühlte sich seltsam an, wie sie so über meine Familie sprach. Es klang nicht abfällig oder so, es war eher ehrfürchtig und ich hatte den Eindruck, dass sie meinen Vater mehr als nur respektierte. Doch das verdrängte ich vorerst.

Der Nächste Satz ließ mich ungläubig dreinschauen. „Ich wusste, das Edward wieder geheiratet hatte und einen Sohn bekommen hat. Und, ich muss gestehen, es war reine Neugierde von mir. Aber... ich musste leider überstürzt abreisen damals. Jedoch nicht ohne euch einmal gesehen zu haben. Und, verzeiht Master Kenway, aber ich hätte euch fast fallen gelassen.“ Es war ein solch absurder Gedanke, dass diese Frau mich bereits als Baby auf dem Arm hatte, dass ich sie plötzlich mit ganz anderen Augen sah! Aber mich interessierte das WARUM?

„Ich habe mich nur erschrocken, denn als eure Mutter mir euch in den Arm legte, hatte ich nicht damit gerechnet. Denn sie machte eher den Eindruck, als würde sie nichts und niemanden an euch heran lassen! Und dann... verzeiht, aber... es war dieser Schleier der über eure Augen lief. Euer Adlersinn war damals schon zu erkennen! Und das war ebenfalls ein Grund, der mich erschreckte.“ Sie wusste die ganze Zeit davon? Und dann meldete sich Shay plötzlich zu Wort. Er fragte mich nur, ob ich diesen Sinn auch besitze. Wie? Er hatte diese Fähigkeit ebenfalls? Es wurde immer wunderlicher.

„Verzeiht, Gentlemen, aber... ich dachte ihr wüsstet, dass ihr BEIDE diese Fähigkeit habt! Unterhaltet ihr euch denn gar nicht über solch wichtige Dinge?“ Eine berechtigte Frage, aber ich hatte darauf keine Antwort. Und Master Cormac auch nicht.

Und dann sah ich ein triumphierendes breites Grinsen in ihrem Gesicht aufglimmen! „Und vergesst nicht die versteckten Klingen! Shay, ihr seid nicht der einzige damit hier in diesem Raum!“ Ich hatte Shay nie davon erzählt, weil ich es nicht für nötig hielt. Als ich jedoch jetzt meinte, es sei ein Geschenk gewesen, fuhr mir Alexandra gleich über den Mund mit den Worten, dass ich sehr wohl weiß, dass es KEIN Geschenk sei und ich bitte bei der Wahrheit bleiben sollte. Also erzählte ich knapp, dass ich sie einem Assassinen damals abgenommen hatte. Mehr musste ich nicht preisgeben, dachte ich.

Mrs. Frederickson berichtete weiter, dass sie meinem Vater von dem Adlerblick erzählte und dieser ebenfalls diese Fähigkeit besaß. Jedoch gäbe es verschiedene Formen davon und auch Shays und meiner schienen sich zu unterscheiden. Als sie sich entschuldigte und unsere Nachnamen nannte, bemerkte ich erst, dass sie die ganze Zeit immer unsere Vornamen gebraucht hatte. Das war mir nicht unbedingt egal, es war mir nur nicht aufgefallen!

Als sie jetzt tief durchatmete, ahnte ich, an welchem Punkt ihrer Erzählung sie angekommen ist und ich sollte Recht behalten! „Ich reiste danach noch einmal zurück. Wir hatten mittlerweile die Jackdaw gefunden und sie wieder reparieren lassen, sodass sie wieder Hochseetauglich war. Und ja, ich weiß, Adéwalé glaubte ihr Wrack gefunden zu haben. Es war aber NUR die Galionsfigur, die anderen Wrackteile gehörten zu einem anderen Schiff!“ Shay gab nur entrüstet zu bedenken, dass Adéwalé sich wohl kaum so getäuscht haben kann. Sie sah ihn nur an und schüttelte verständnislos mit dem Kopf. Doch Alexandra erzählte weiter und jetzt wurde es noch interessanter. Denn sie kam zu dem Punkt, dass mein Vater ihr die Brig tatsächlich nicht einfach so ohne Gegenleistung überlassen hatte. Er hatte mit ihr vereinbart, dass ich Unterricht bei ihr bekommen sollte. Sie sollte diesen Adlerblick mit mir trainieren. Und erst jetzt dämmerte es mir langsam, weswegen ich immer wieder in ihren Augen dieses Versinken gefühlt habe.

Sie besaß diesen Blick ebenfalls und sie hat mich also auch schon entsprechend geprüft. Ich hatte es aber überhaupt nicht bemerkt.

Ihr Bericht über mich, war nicht gerade wohlwollend. „Ihr habt mich zur Weißglut getrieben, Master Kenway, ihr ward so, verzeiht aber... so arrogant und selbstgefällig, dass es mich Mühe gekostet hat, euch nicht die Leviten zu lesen. Aber hätte ich das getan, hätte ich mir vermutlich ebenfalls eine Ohrfeige von Edward eingefangen.“ Der Gedanke an meinen Vater ließ meine Emotionen kurz wieder an die Oberfläche ploppen, doch ich versuchte sie wieder zu kontrollieren! Erfolgreich!

Ich meinerseits versuchte jetzt eine Erklärung, denn ich hatte den Eindruck, ich müsse mich entschuldigen. „Sollte ich euch damals gekränkt haben, dann tut es mir selbstverständlich leid. Aber ich war zu dem Zeitpunkt noch recht unerfahren und... von einer Frau unterrichtet zu werden...“ Täuschte ich mich, oder lächelte sie plötzlich?

„Keine Sorge, Master Kenway... ich hatte mich genug unter Kontrolle. Aber glaubt mir, als ich euch hier wieder sah... fiel es mir stellenweise schon sehr schwer, nicht wieder diese Wut zu spüren. Denn... entschuldigt, aber zwischenzeitlich hatte ich den Eindruck, als hättet ihr nicht viel dazu gelernt!“ Diese Schärfe in ihrer Stimme ließ mich aufhorchen.

Kapitel 15

Auf meine Frage, wie es dann weiterging und sie ihre Erzählung fortsetzte, sah ich plötzlich wie ihr die Tränen über die Wangen liefen. „Als wir alle an Deck standen, übergab mir Edward die Schenkungsurkunde. Ich hatte ehrlich gesagt, nicht mehr daran gedacht. Und glaubt mir, der Abschied fiel mir schwer. Ich... wusste um euer Schicksal, das von Jenny und Tessa und... das von Edward...“ Ich starrte sie nur an! Shay reichte ihr etwas hilflos ein Taschentuch, doch ich hätte diese Frau in diesem Moment am liebsten umgebracht!

Es platzte förmlich aus mir heraus! Sie hatte meinen Vater zum Sterben zurückgelassen, ohne ihm oder uns zu helfen. Sie wäre in der Lage gewesen! Sie wusste was passieren wird und hätte es verhindern können! Bei meinen Worten ging ich auf sie zu, ich wollte dass sie meine Wut spürte! Aber sie sah mich nur ungläubig an.

„Wie bitte? Ihr glaubt, ich bin einfach so gegangen? Wisst ihr eigentlich, wie schwer es für mich war? Ich wusste aus den Aufzeichnungen, WAS geschehen wird! Und glaubt mir Haytham, ich habe versucht auf Edward einzureden. Und nicht nur ich! Auch eure Schwester und Mutter haben es versucht, aber wir konnten ihn nicht überzeugen!“

Ich stand nur wenige Zentimeter von ihr weg und spürte ihren Herzschlag! Ich griff sie bei den Schultern und schüttelte sie und brüllte sie nur an, sie hätte bleiben müssen und uns helfen müssen! Der Gedanke, dass mein Vater noch leben könnte und nur, weil sie es nicht für nötig gehalten hat, einzuschreiten, gestorben ist, brachte mich zur Weißglut! Shay griff ein, das war ihr Glück, ich garantierte gerade für nichts mehr.

Doch sie versuchte eine erneute Erklärung und es klang in meinen Ohren einfach wie eine Lüge! „Master Kenway, ich bitte euch! WAS hätte ich machen sollen? Wenn ich eingegriffen hätte, hätte das fatale Auswirkungen auf die Geschichte und die Zukunft gehabt! Ich DARF nicht in die Geschichte eingreifen! Und glaubt mir, ich hätte euch allen gerne geholfen! Ich hätte alles dafür getan. Aber es ging nicht!“ Auch sie wurde lauter!

Diese Trauer von damals kroch in mir wieder hoch. Die Wut und der Wunsch nach Rache kamen auch wieder und drohten mich zu überrennen! Und mir ging der absurde Gedanke durch den Kopf, dass diese Frau das Ganze geplant haben musste, nur um an die Brig zu kommen! Als ich diesen Gedanken laut ausgesprochen hatte, bereute ich es schon fast wieder. Ich unterstellte ihr etwas, was vermutlich nicht der Wahrheit entsprach.

Mrs. Frederickson sah mich für einen Moment sprachlos an. „Es kam mir gelegen? Glaubt ihr, ich hatte das GEPLANT? Seid ihr noch ganz richtig im Kopf? Wie paranoid muss man sein, um SOETWAS zu denken? Was fällt euch ein?“ Ich legte meine ganzen Emotionen in meinen Schlag und meine flache Hand gab ihr eine schallende Ohrfeige! Entsetzt ob meiner Tat, schrak sie zurück und ich sah die Tränen wieder in ihren Augen.

„Wie könnt ihr es wagen, Haytham? Ihr habt wirklich NICHTS dazu gelernt!“ Hatte sie immer noch nicht genug? Hatte sie mich nicht oft genug beleidigt? Es brodelte immer weiter in mir und ich sah drohend auf sie herunter. Den nächsten Satz würde ich vermutlich später bereuen, aber nicht in dem Moment! „Alexandra, ihr bringt mich gerade in eine Situation, die euch euer Leben kosten wird, wenn ihr noch einen Ton sagt!“ Sie zitterte vor mir, wich aber nicht zurück.

„Das ist mir gleich, denn ich habe nichts falsches gesagt. Ich entschuldige mich natürlich für die Beleidigung. Aber … ihr könnt doch nicht ernsthaft denken, dass ich das geplant hatte? Die Jackdaw ist in meiner Zeit einfach nicht mehr zu gebrauchen. Sie ist wie ein Museumsstück. Und ihr glaubt, ich hätte euch und euren Vater dafür verraten?“ Ja, das dachte ich!

Also sagte ich ihr, dass sie mir doch bitte dann erklären soll, WARUM sie nicht geholfen hat! Sagen wäre jetzt untertrieben, ich schrie Alexandra immer weiter an. Mittlerweile war sie verzweifelt, das konnte ich sehen. „Ich konnte nicht, ich durfte nicht... Es war unmöglich! Genauso ist es mir nicht möglich, EUCH über eure Zukunft aufzuklären! Versteht mich doch bitte!“ Sie erwartete ernsthaft Verständnis für ihr Nichteinschreiten? Das ist wohl etwas zu viel verlangt und gerade als ich sagen wollte, das mein Vater noch leben könnte, fiel sie mir ins Wort!

„Nein, hätte er nicht. Denn er wäre vielleicht etwas später verstorben, aber Reginald HÄTTE es weiter versucht! Versteht ihr denn nicht? Ich hätte an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen müssen. Aber das geht einfach nicht. Die Geschichte, DAS SCHICKSAL lässt sich nicht beeinflussen!“ Es klang nicht nach einer Erklärung, es klang nach einer Ausrede. Ich brauchte dringend frische Luft und ließ Mrs. Frederickson und Master Cormac einfach stehen. Es war mir egal!

Als ich auf der Fortmauer stand und der Sonne zusah, wie sie sich langsam erhob beruhigten sich meine Nerven und ich konnte wieder etwas klarer denken! Diese Frau hatte nicht ganz unrecht, musste ich mir eingestehen. So in meine Gedanken versunken, hatte ich Shay nicht bemerkt, der sich neben mich gestellt hatte. Er sah mich nur fragend an. „Master Cormac, ich weiß wirklich nicht, wie ich mit diesen Informationen umgehen soll! Hat Alex recht? Kann man das Schicksal nicht beeinflussen? Oder hätte sie nicht mehr daran setzen können, meinen Vater zu retten?“ Doch auch der Ire hatte keine Antwort darauf.

„Master Kenway, ich kann euch das nicht sagen. Aber ich bin schon immer der Meinung, dass alles im Leben Schicksal ist. Die Menschen, die wir kennenlernen. Die Entscheidungen, die wir treffen. Einfach alles ist in irgendeiner Form vorherbestimmt.“ Weise Worte und sie entsprachen eigentlich auch meiner eigenen Philosophie.

Mir ging wieder einmal durch den Kopf, ob ich das Wagnis, Assassinen und Templer in irgendeiner Form zu vereinen, wirklich umsetzen könnte. Oder ist eben dieses Schicksal für unsere beiden Gruppen vorherbestimmt? Gibt es keine Alternative für uns? Warum war ich Templer geblieben, als ich erfuhr, dass mein Vater Assassine war? Weil es sich für mich richtig anfühlt und ich die Lehren beider Seiten miteinander verbinden konnte. Doch ich hatte immer wieder diese Zweifel, ob nun der Orden oder die Bruderschaft auf dem richtigen Weg ist. Es war einfach schwer zu sagen.

Ich teilte Shay das erste mal jetzt mit, dass ich solche starken Zweifel in mir hatte. Er sah mich nur an und meinte, dass es völlig normal sei. Jeder kommt in seinem Leben an einen Punkt, an dem er nicht weiß, was richtig oder falsch ist!

Aber musste es gerade JETZT sein? Doch ich straffte die Schultern, atmete tief durch und bat Shay, dass er Mrs. Frederickson bitte hierher bringen soll. Master Cormac nickte nur und ging zurück zum Haus.

Ich hing immer noch diesen Gedanken nach und traf eine Entscheidung! Ich durfte diese Frau nicht näher an mich und meine Gefühle lassen. Es war nicht gut und sie brachte das Gleichgewicht gefährlich ins Wanken! Ich fing an, mich innerlich abzuschotten!

Als Shay mit ihr im Schlepptau hier erschien, sagte ich nur sie habe Recht. Fragend sah sie mich an. „Womit habe ich Recht?“

Auf meine nächste Frage, erwartete ich keine Antwort. „Wir hätten es nicht verhindern können, denn ich würde auch dem Orden nicht einfach so den Rücken kehren. Obwohl ich weiß, dass man mich belogen hat all die Jahre! Denn ich weiß, wo meine Wurzeln liegen, was ich bin und was ich will! Ich würde auch DAS Schicksal nennen, oder nicht?“ Wieder ein verständnisloser Blick von Mrs. Frederickson.

Ich teilte ihr noch mit, dass wir nach der Jackdaw schicken, damit sie so schnell wie möglich nach Hause in ihre Zeit kann. Dann drehte ich mich um und ging ohne ein weiteres Wort hinauf in mein Schlafzimmer. Ich durfte jetzt keine Gefühle mehr zulassen, ich spürte, wie ich innerlich auseinander gerissen wurde. Die ganze Trauer um meinen Vater, meine Mutter, einfach alles war in dieser Nacht wieder hochgekocht!

Ich stand am Fenster und starrte ins Leere, als es vorsichtig klopfte. Es war Shay, mit Alex. Master Cormac meinte nur, dass ich mir anhören sollte, was diese Frau noch zu erzählen hatte. Was das bringen sollte, fragte ich nur!

Sie trat zu mir ans Fenster, drehte mich zu sich und sah mir in die Augen. „Haytham, verzeiht, Master Kenway, es... ich oder besser wir sind in diese Zeit gereist, weil es einige Unklarheiten bezüglich des... Lebens von Master Cormac gibt. Ich wollte Licht ins Dunkel bringen und die Lücken versuchen zu füllen. Mehr war es nicht und ja, es klingt, als würde ich euch und den Orden ausspionieren wollen. Aber so ist es nicht.“ Sie hatte immer wieder hilfesuchend zu Master Cormac gesehen, der konnte ihr jedoch auch nicht helfen. Und sie kann von Glück reden, dass sie sich noch verbessert hat, als sie mich schon wieder nur mit meinem Vornamen angesprochen hat.

Es klang natürlich danach, als wolle sie uns ausspionieren, was dachte sie denn, wie wir darauf reagieren würden? Aber es war Shay, der jetzt wissen wollte, warum man in seinem Leben herum stochern wollte.

„Darum geht es nicht wirklich, Master Cormac! Es geht um die Zeiten, in denen Ereignisse fehlen, so als würdet ihr einen Filmriss haben.“ Ich sah, dass sie plötzlich überlegte, was sie gerade gesagt hat. Was bitte ist ein Filmriss? Ihre Erklärung war mal wieder wunderlich und ich konnte es mir nur schwer vorstellen, dass es irgendwann bewegte Bilder, die von einer Art Laterna Magicka projiziert werden können, geben wird. Ihre Zeit muss schon sehr seltsam sein.

Kapitel 16

Shay sah sie aber immer noch fragend an. „Wenn es doch nur um einen Abend ging, dann hättet ihr doch einfach fragen können.“ Nein, das hätte sie nicht. Denn eine Antwort hätten weder ICH noch Shay ihr gegeben, das wusste der Ire auch. „Da habt ihr nicht ganz unrecht, aber jetzt denkt mal darüber nach. Ich komme hier an und klopfe an eurer Tür und stelle Fragen! Hättet ihr mir diese wirklich beantwortet? Ich glaube kaum. Zumal ich eigentlich auch nicht auffallen wollte.“ Sie wollte nicht auffallen? Das ist ihr gründlich misslungen, denn die Jackdaw war mehr als auffällig. Und meine Meinung tat ich jetzt auch kund.

„Ja, das ist mir jetzt auch bewusst. Aber ich wollte sie einfach auch mal wieder auf dem Meer sehen. Sie ist nun mal einfach wunderschön und sieht mit vollen Segeln umwerfend aus!“ Mit einem Mal sah ich, wie die beiden leuchtende Augen bekamen, als die Rede von Schiffen auf hoher See war. Sie liebte diese Brig wirklich, das wurde mir klar und eigentlich war die Jackdaw doch in guten Händen, aber warum fiel es mir so schwer, loszulassen?

Die Erklärungen wurden immer phantastischer, aber nicht im Sinne von großartig, sondern absonderlich und mir schwirrte allmählich der Kopf. Denn sie versuchte zu erklären, warum sie nur auf der Suche nach Bruchstücken der Geschichte war und nicht nach dem großen Ganzen! Es scheint in ihrer Zeit einen Moment gegeben zu haben, wo die Welt kurz vor dem Untergang stand. Aber irgendein Mann konnte das mithilfe von MEINEM Amulett verhindern? Sie nannte sogar ein Datum. Den 21.12.2012. Das klang so... weit weg. Ich konnte mir das nicht vorstellen.

Alex erzählte auch noch von einer anderen Möglichkeit, die Zeiten zu bereisen, aber das verstand ich überhaupt nicht. Es sei, als würde man ein Buch lesen und könne sich in dieser Geschichte selber bewegen.

„Ich bin aus freien Stücken hier. Es gibt nichts, was euch misstrauisch werden lassen sollte. Dass die Jackdaw natürlich die Aufmerksamkeit erregt, hätte mir bewusst sein sollen. Aber ich habe nicht darüber nachgedacht!“ Der letzte Satz kam kleinlaut aus ihrem Mund, also hatte sie eine weitere Lektion gelernt. Wie schön. Da fiel mir wieder ein, dass sie ja meine Unterrichtsstunden als eine Qual oder Strafe bezeichnete. Als ich nachhakte, sah ich in ihren Augen nur Erstaunen.

„Haytham, es fühlte sich so an, ja! Denn ihr habt mir gegenüber keinerlei Respekt gezeigt. Im Gegenteil, ihr habt mich spüren lassen, dass ihr ja ach so privilegiert seid und ich euch nicht ansatzweise das Wasser reichen könne.“ Sie tat es schon wieder. Ich musste mich immer noch stark konzentrieren, damit ich nicht wieder laut wurde. Aber als ich sie nur fragte, ob ich das wirklich getan habe, kam endlich noch eine Erläuterung, die mir ein wenig mehr auf die Sprünge half.


„Verdammt noch mal, JA! Aber ich habe versucht euch etwas beizubringen. Wir gerieten in eine Situation, wo ich mit euch draußen war, in welcher ihr euren Sinn testen solltet. Erinnert ihr euch nicht? Der Moment in dem kleinen Park vor dem Anwesen am Queen Anne´s Square. Ihr habt diese rote Aura ebenfalls bei diesem Mann erkannt!“ Ich ging immer davon aus, dass ich das nur geträumt hätte. Ich hatte wirklich keine echten Erinnerungen an diese Zeit, wer konnte es mir verübeln.

„Master Kenway, es tut mir leid, aber es war wirklich real. Ich habe versucht, euch damit vertraut zu machen. Aber... ich habe es leider nicht so ernst genommen. Da ich schon wusste, dass ihr dem Orden beitretet, habe ich das Ganze leider auch nur halbherzig durchgeführt.“ Es wurde wieder grotesk. Jetzt musste ich mir auch noch anhören, ich sei es nicht wert gewesen, diese Fähigkeit auszubauen und etwas darüber zu erfahren? Ich spürte diesen Zorn wieder in mir.

„Nein, das meinte ich so nicht. Aber... Der Adlerblick wird eigentlich nur bei Assassinen weitergegeben. Und... Ich wollte einfach nicht, dass ihr mehr wisst und könnt, als unbedingt nötig. Verdammt noch mal, ihr seid Templer. Was wollt ihr denn hören? Es ist schon schlimm genug, dass Reginald euch jahrelang im Unklaren gelassen hat. Er hätte euch weit mehr erklären und beibringen können, aber er tat es nicht!“ All diese Erklärungen trafen bei mir auf taube Ohren. Ich wollte nichts mehr hören. Diese Nacht war die schlimmste, die ich seit Langem erlebt habe und ich war müde. Ich fühlte mich regelrecht erschlagen, ob der ganzen Informationen. Ich tat meinen Unmut kund, indem ich sagte, dass das zu nichts mehr führen würde und ging zu meinem Bett.

Shay verstand sofort und ging ebenfalls in sein Zimmer. Und wieder stand diese Frau völlig verloren dort und machte nichts. Sie sah mich an, als würde sie auf etwas warten. Also erinnerte ich sie an ihre Pflichten. Sie half mit den Schuhen und den Kissen. Halt das übliche. Als ich endlich lag, fielen mir einfach die Augen zu. Und dann spürte ich wieder ihre Lippen auf meiner Stirn und... weinte sie etwa? Ich fühlte wie mir eine ihrer Tränen übers Gesicht lief, aber ich ließ mir nichts anmerken. Bei dem nächsten Satz musste ich mich aber zusammenreißen, sie nicht einfach in den Arm zu nehmen. „Es tut mir alles furchtbar leid für euch und das meine ich auch so! Ich würde gerne so einiges ungeschehen machen!“ Ich fühlte ihre Anwesenheit noch ein Weile und dann ging sie leise hinüber. Vorsichtig richtete ich mich auf und lauschte. Und ich vernahm ein heftiges Schluchzen, anscheinend war ich nicht der einzige hier, der von Trauer, Wut und Zorn übermannt wurde.

Ich versuchte wenigstens noch ein wenig Schlaf zu bekommen, auch wenn die Angestellten bereits alle schon auf den Beinen waren.

Es war ein unruhiger Schlaf und ich hatte Bilder von Mrs. Frederickson im Kopf, die nicht dorthin gehörten! Sie raubte mir förmlich den Schlaf. Nach einigen Stunden, stand ich resigniert auf, wusch mich und zog nur meine Hosen über. Ich hatte einen Entschluss gefasst.

Wenn alles im Leben schon vorherbestimmt ist, dann würde ich nichts falsch machen, wenn ich dieser Frau meine Zuneigung zeigte. Ich hatte gerade die Nachricht erhalten, dass man die Jackdaw gefunden hat und sie in ein paar Stunden hier im Hafen anlegen wird.

Mein Entschluss stand fest. Ich wollte sie. Ich wollte diese manchmal so nervtötende Frau einfach um mich haben. An ihren Manieren konnte man ja noch arbeiten, aber ich würde sie nicht kampflos aufgeben! Die Erkenntnis, dass sie recht hatte, traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Denn es hätte nicht verhindert werden können und als ich jetzt so darüber nachdachte, hatte ich ihr wirklich unrecht getan. Ich hatte sie beschuldigt, nur wegen der Brig uns verraten und gleichzeitig den Tod meines Vaters verschuldet zu haben!

Ich hatte vieles letzte Nacht gesagt, was mir jetzt ein schlechtes Gewissen bereitete. Ich wollte es wieder gut machen!

Leise öffnete ich die Tür zum Ankleidezimmer und sah auf die schlafende Mrs. Frederickson. Sie hatte ein rotes Gesicht und man sah, dass sie geweint hatte. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich so dastand und sie betrachtete, aber sie schien meine Anwesenheit zu spüren und schrak hoch. „Verzeiht, habe ich etwas vergessen? Braucht ihr etwas?“ Ich grinste in mich hinein. Sie hatte sofort im Kopf, wenn sie mich sah, dass sie etwas vergessen hatte?

Aber ich konnte sie beruhigen und sagte das auch. Ich zog sie hoch und ihr stieg diese Röte ins Gesicht, das stand ihr gut zu Gesicht. Ich schlang meine Arme um ihre Taille und zog sie an mich. Es war nicht, weil ich ein Verlangen nach ihr hatte, aber ich hatte nicht vergessen, wie es sich anfühlte, sie im Arm zu haben. Wie ich mich beruhigte und sie sich ebenso. Und dann legten sich ihre Hände etwas unbeholfen auf meine Brust, ebenso lehnte sie ihren Kopf daran und wir standen eine gefühlte Ewigkeit so da... Bis wir aus dieser tröstlichen Umarmung gerissen wurden durch mehrmaliges Klopfen.

Es war Master Cormac, der sich verabschiedete. Er lobte die Kochkünste meiner Haushälterin und war der Meinung, sie sich zu holen, wenn seine Köchin einmal krank war. Ich würde Sybill ganz bestimmt nicht gehen lassen, sie ist schon eine gefühlte Ewigkeit in meinen Diensten. Als er gegangen war, drehte ich mich zu Mrs. Frederickson, sie stand immer noch, nur mit ihrem Nachthemd in der Tür. Wie sollte ich sie jetzt davon überzeugen, dass sie mit mir gemeinsam zum Hafen kommt? Etwas unverfängliches musste her. Also fragte ich einfach, was WIR denn mit diesem angebrochenen Tag machen sollten.

Ihre Augen wurde groß und sie fing an zu stottern. Anscheinend hatte Alex mit allem gerechnet, nur nicht mit dieser Frage. Ich konnte mir ein breites Grinsen nicht verwehren. „Ich, ähm... ich weiß es nicht, Master Kenway. Ich denke, ich werde in der Küche gebraucht und...“ nein, ich ließ sie nicht ausreden!

Ich schlug ihr vor, wenn sie sich angezogen hat, dass ich ihr New York ein wenig zeigen würde. Denn Ablenkung wäre für uns BEIDE gerade ganz gut! Dieser Mund mit diesen feinen Lippen öffnete und schloss sich etwas undamenhaft und sie fing wieder an zu stammeln. Doch entschlossen drehte sie sich um und schloss die Tür.

Ich konnte nicht an mich halten, anscheinend hatte ich eine sehr eigene Wirkung auf diese Frau. Ich fühlte mich ein wenig geschmeichelt.

Kapitel 17

Ich nahm mir mein Rasierzeug und begann mich fertig zumachen. Und mir fiel auf, dass niemand das Wasser gewechselt hatte im Krug. Kurz war ich in Versuchung nach Alex zu rufen, es war schon eine gewisse Routine geworden. Aber ich konnte mich noch rechtzeitig zügeln. Danach blieb mir nichts anderes übrig als zu warten. Denn meine Sachen waren ebenfalls dort drin.

Ich hatte bereits von Shay oft Klagen darüber gehört, dass seine Frau oft länger brauchte um sich einzukleiden, als eine Seeschlacht dauert. Doch ich machte mir irgendwann Sorgen, Mrs. Frederickson könnte ja auch aufgrund der letzten Tage und dem Schlafmangel in Ohnmacht gefallen sein. Also ging ich zum Ankleidezimmer hinüber und klopfte vorsichtig und fragte, ob alles in Ordnung sei!

Ein erschrockener Ausruf und sie öffnete die Tür mit den Worten, dass alles in Ordnung sei, sie wäre nur abgelenkt gewesen. Auf ihrem Gesicht erschien ein warmes Lächeln, als sie zu mir aufsah und sie sich für die lange Wartezeit entschuldigte. Und wie selbstverständlich, bot sie mir Hilfe an, sollte ich diese benötigen. Ich ging dicht an ihr vorbei und hörte plötzlich ein Seufzen von ihr. Als ich sie im Spiegel ansah, wurde sie so rot im Gesicht, als hätte sie sich die Haut verbrannt. Grinsend schüttelte ich nur den Kopf. Verstand einer die Frauen!

Als ich dann alleine war, überlegte ich, was ich überhaupt tragen sollte. Da nichts an besonderen Anlässen anstand, konnte ich mich etwas einfacher kleiden. Ich nahm die erst besten Sachen aus dem Schrank und befand, dass ich so gehen konnte. Nur mit meinen Haaren stimmte etwas nicht, es war nicht möglich, dass ich sie zusammen gebunden bekam. Doch als ich auf meine Hände sah, konnte ich sehen, dass sie zitterten. Verstohlen sah ich über meine Schulter zur Tür, war es ihre Anwesenheit, war ich ernsthaft nervös wegen dieser Frau?

Ein neuer Versuch, heraus zu finden, wie sie zu mir stand und ich öffnete die Tür und betrat das Schlafzimmer. Mrs. Fredericksons Blick blieb an mir kleben und schon wieder blieb MEIN Blick wiederum an ihrem Mund hängen. Fast hätte ich vergessen, was ich vorhatte und als ich sie ansprach, schien ich sie wirklich aus tiefen Gedanken zu reißen. Ich bat sie, mir beim Binden der Haare zu helfen. „Ähm.... ja natürlich, Master Kenway!“ kam es etwas zögerlich mit diesem unglaublich eigentümlichen Akzent. Doch als sie mit der Bürste hinter mir stand, hörte ich nur, dass sie mich bat mich zu setzen. Mrs. Frederickson war nun wirklich nicht sehr groß und reichte mir nur bis zum Kinn.

Also ließ ich mich auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch nieder und sie fing an meine Haare zu bürsten. Ich sah, wie sie wieder einen verträumten Blick bekam und es machte den Eindruck, sie sei weit weit weg. Auch dieses mal musste ich sie aus ihren Gedanken holen. Ich stand auf und sah in diese Augen, die mich, wie ich ja jetzt wusste, ebenfalls mustern konnten. Ich hob ihr Kinn und wollte gerade näher kommen, da zuckte Alex wieder zurück. Brauchte sie vielleicht einfach noch Zeit?

Bis dahin sollten wir uns einfach aufmachen, New York zu erkunden. Als wir unten ankamen und gerade zum Esszimmer gehen wollten, kam uns Yannick entgegen. Und er legte ein Benehmen seiner Mutter gegenüber an den Tag, welches ich einfach nicht gutheißen konnte. „Was ist denn hier los? Was wird das, wenn ich fragen darf? Habe ich etwas verpasst?“

Alex wollte darauf etwas erwidern, aber ich kam ihr zuvor und belehrte ihren Sohn, doch seinen Ton besser noch einmal zu überdenken! In seinem Gesicht konnte ich diese Wut über meine Worte förmlich auflodern sehen, ihm passte nicht, dass jemand anderes als seine eigene Mutter ihm etwas sagte! Aber auch er musste noch an seinen Manieren arbeiten, kein Zweifel. Die beiden wechselten einen Blick, Alex nickte leicht und der Junge rollte nur mit den Augen. Doch wirklich angebrachter, war seine Wortwahl nicht gerade.

„Entschuldige, MUTTER! Aber... eine solch traute Zweisamkeit und das so plötzlich? Woher der Sinneswandel?“ Was ging diesen Bengel, ich möchte es noch nicht Beziehung nennen, aber das Verhältnis zwischen seiner Mutter und meiner Person an? Doch für eine Erklärung und weitere Belehrungen war keine Zeit, denn einer meiner Diener zitierte ihn mit nach draußen!

Mrs. Frederickson sah nur kopfschüttelnd hinterher und ich sagte nur, dass er noch so einiges zu lernen hatte. „Ja, das muss er. Aber das wird er auch, ich muss nur Zeit haben mit ihm alleine. Dann werde ich ihm das schon erklären, wie er sich zu benehmen hat.“ Ich musste lachen. Das sagte die Frau, welche ein ebensolches Mundwerk hat?

Als ich ihr sagte, dass ich es überaus amüsant fand, dass ausgerechnet sie so etwas sagt und ich ihr ja einige Lektionen heute zeigen könnte, kam eine Reaktion, mit der ich nicht gerechnet hatte. „Master Kenway, um die Schulbank zu drücken bin ich zu alt!“ Dabei hatte sie einen unglaublich lasziven Ton angeschlagen, den ich ihr nicht zugetraut hatte! Und alles, was ich sagen konnte, war, dass wir das noch sehen werden.

Diese Frau saß an meinem Esstisch und seufzte in ihre Kaffeetasse, als wäre es der Himmel auf Erden! Ich saß schon wieder nur da und sah ihr dabei zu. Als wir fertig waren, ging es bereits auf den Nachmittag zu. Ich hoffte, wir würden nicht zu spät kommen, denn ich wollte das Überraschungsmoment gerne auf meiner Seite haben.

Ich schlug vor, zu Fuß zu gehen, denn es war herrlichstes Herbstwetter und die frische Luft machte den Kopf frei. Da stimmte mir Mrs. Frederickson überschwänglich zu, wie es aussah, war sie froh endlich einmal hinaus zu können.

Langsam steuerte ich sie Richtung Hafen und Lower Manhatten. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich immer wieder diese unverfrorenen Soldaten, wie sie den Frauen anzügliche Blicke und Bemerkungen zuwarfen. Doch Alex an meiner Seite blieb verschont. Jedoch die Blicke einiger Damen, die uns entgegen kamen, waren weniger wohlwollend und ich schmunzelte in mich hinein.

Wir hatten bisher beide geschwiegen, aber es war nicht unangenehm gewesen. Also sagte ich weiterhin nichts und ging mit ihr bis zum Ende des langen Stegs und sah hinaus aufs Meer. Alex tat es mir gleich, warf mir aber einen fragenden Blick zu, sagte aber nichts. Und in diesem Moment fiel mir der Gedanke ein, den ich damals hatte, als die Jackdaw das erste Mal hier vor Anker ging. Dass ich hier nicht alleine stehen würde! War es also doch Schicksal? So standen wir eine Weile da und dann erschienen die Segel der Jackdaw. Erleichtert, dass mein Plan bis jetzt funktionierte, atmete ich auf.

„Master Kenway! Sind wir deswegen hier? Habt ihr nach ihr schicken lassen?“ In ihrer Stimme klang Enttäuschung mit, damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Also erklärte ich ihr, weshalb ich das getan hatte, dass ich dachte, dass sie auch gerne wieder nach Hause wollte. Doch ich schien etwas falsch interpretiert zu haben, denn der nächste Satz von ihr, kam mit einer Trauer, die mich schon fast überwältigte.

„Nein, ihr habt euch nicht geirrt, Master Kenway. Wenn ihr wünscht, dass ich unverzüglich aufbreche, hättet ihr das auch einfach sagen können. Dann werde ich jetzt nach der restlichen Mannschaft suchen und diese informieren...“ Ich ließ sie nicht ausreden, denn SO war das sicherlich gemeint.

Ich startete noch einen Versuch, dieser Frau zu erklären, was ich mir dabei gedacht hatte, dass ich sie nicht fortschicken wollte, sondern ihr eine Freude machen wollte. Und das ich sehr wohl bemerkt habe, dass sie sie vermisst! Als ich sagte, dass sie mich mittlerweile doch so gut kennen sollte und wüsste, dass ich kein Unmensch sei. Bei meinen Worten sah sie mich wieder so seltsam an. Ihre Frage, wann ich und vor allem, woher ich wusste, WOHIN sie unterwegs war, beantwortete ich lediglich mit einem breiten Grinsen. Denn sie hatte sich die Antwort selber gegeben. Der Hafenmeister war halt eine Klatschbase!

Als ich den Nachrichtenaustausch mit dem Boten erwähnte, als ich noch mit der Gehirnerschütterung im Bett lag, legte sich eine gewisse Erleichterung auf ihr Gesicht. „Ah, darum ging es in diesem Schreiben. Entschuldigt, aber das konnte ich nicht wissen. Ihr hättet mich aber in eure Pläne einweihen können.“ Und wieder klärte ich Mrs. Frederickson darüber auf, dass ich um nichts in der Welt ihr erstauntes Gesicht verpassen wollte.

Ihr Blick blieb an der Brig hängen und ich spürte eine gewisse Unruhe in ihr aufsteigen. Sie wollte an Bord der Jackdaw. Doch vorher hatte ich noch dafür gesorgt, dass die hiergebliebene Männer pünktlich bei uns erscheinen. Ein Räuspern hinter uns kündigte ihre Anwesenheit an. Sie stürmte auf die 6 Männer zu und nahm sie in den Arm. Sie war glücklich!

Doch mir versetzte es einen Stich ins Herz, denn ich musste mir auch eingestehen, dass ich nicht wollte, dass diese Frau jetzt mir nichts dir nichts wieder aus meinem Leben verschwindet. Aber ich hatte dafür gesorgt, dass ihr Weg wieder frei ist. Die Hoffnung in mir, dass Alex ebensolche Gefühle hatte, schwand plötzlich und ich sah sie etwas verunsichert an. Und als sie endlich an Bord konnte, rannte sie regelrecht drauf zu. Ich half ihr aber mit den vielen Röcken, denn diese sind wirklich hinderlich, um diese Planken hinaufzugehen.

An Deck der Jackdaw sah ich mich dann erst einmal um. Ich konnte mich wirklich kaum noch daran erinnern. Ein ungefähr 40jähriger Mann kam auf Mrs. Frederickson zu umarmte sie stürmisch und gab ihr einen Kuss. Sie kicherte nur und ließ es geschehen. Als dieser Herr jedoch mich bemerkte, ließ er sofort von ihr ab und stellte Alex wieder vorsichtig auf ihre Füße.

Er wurde mir als Rafael vorgestellt, der erste Maat und beste Freund von ihr. Doch dann wurde ihr Freund ernst und bat um ein Gespräch unter vier Augen. Ich hoffte, es waren keine schlechte Neuigkeiten, die hatten wir eigentlich in letzter Zeit zu oft erfahren!

Kapitel 18

Derweil sah ich mich weiter um. Eine dunkle Erinnerung stieg in mir auf, als ich oben am Steuerrad stand. Aber ich war mir wieder nicht ganz sicher, ob es nicht doch nur ein Wunschgedanke war. Ich schüttelte die dunklen Wolken weg, die mich wieder in eine gewisse Trauer ziehen wollten und ging hinunter zu Mrs. Frederickson und Rafael. Die beiden hatten ihr Gespräch beendet, wie es aussah. Ich schnappte den Namen Garfaut auf und Gaultier. Das konnte nichts Gutes bedeuten, oder aber, und jetzt kam mein Misstrauen wieder ans Tageslicht, sie konspirierte mit diesem Chevalier.

Von Shay wusste ich, mit ihm war nicht zu spaßen und er war ein miesepetriger, mürrischer Mensch. Er hatte sich einige Kämpfe bereits mit Master Cormac geliefert, aber nie ging er wirklich siegreich daraus hervor.

Frei raus fragte ich dann, ob ich eventuell helfen könnte. Und schlug vor, bei nächster Gelegenheit Master Cormac zu befragen! Ich erntete ein Nicken, aber Alex war schon wieder mit ihren Gedanken woanders. „Master Kenway, ich würde euch jetzt gerne die Urkunde zeigen, damit ihr wirklich beruhigt sein könnt, dass ich die Wahrheit sagte!“ Und damit nahm sie meine Hand und zog mich hinter sich her in die Kapitänskajüte, schob mich auf die vor dem Schreibtisch stehenden Stühle zu und drückte mich auf einen.

Sie legte eine gewisse Euphorie an den Tag, die ich sehr erfrischend fand und meine eigenen finsteren Gedanken verschwanden allmählich wieder. Doch das währte nicht lange. Als sie mir eine große Ledermappe mit Assassinen-Symbol gab und ich diese aufschlug, wurde ich postwendend misstrauisch.

Ich las mir die Schenkungsurkunde meines Vaters einige Male durch und stolperte immer wieder über das Datum bei der Unterzeichnung. Es war der 4.12.1735. Das war unmöglich, er lebte dort bereits nicht mehr. Ich sah zu ihr auf und ließ meinen Adlerblick über sie gleiten. Es war immer noch dieser Nebel, nichts deutete auf Gefahr hin.

„Master Kenway, lasst das! Ist etwas nicht in Ordnung mit den Papieren?“ Damit riss sie mich aus meinen Gedanken und ich antwortete ihr nur, dass etwas seltsam sei. Das einzige was sie jetzt sagte war „Was?“ und sie sah mich fragend an. Ich reichte ihr die Unterlagen und in einem fast schon befehlenden Ton, sagte ich ihr, sie solle selber schauen.

Sie besah sich die Dokumente, aber schien nichts merkwürdiges zu sehen. „Nein, mir fällt nichts auf. Jetzt sprecht schon. WAS ist denn nicht Ordnung damit? Erleuchtet mich!“ Da war wieder dieser Ton in ihrer Stimme, der mich wütend werden ließ. Und ich konnte nicht verhindern, dass ich jetzt einfach nur laut auf das Datum verwies.

Doch ihr fiel es jetzt auch auf, aber sie fand eine Erklärung dafür. Wie immer. In meiner Wut hatte ich ihren Oberarm gegriffen und hielt ihn fest, sehr fest! „Master Kenway, ihr tut mir weh! Lasst mich los! Ich kann das erklären, denn ihr habt mir gestern Nacht anscheinend nicht richtig zugehört.“ Ach, so ist das? „Ich gehe einfach davon aus, dass Edward an eurem zehnten Geburtstag das Ganze etwas feierlicher gestalten wollte. Aber dazu kam es ja leider nicht mehr. Die Urkunde muss er schon vorher fertig gestellt haben. Glaubt mir, ich belüge euch nicht! Das ist die Wahrheit VERDAMMT!“ Sie zerrte jetzt an ihrem Arm und erst jetzt wurde mir bewusst, dass sie wirklich nicht log.

Sie reiste damals wirklich früher ab. Mir kam dieses Bild in den Sinn, oben am Steuerrad wo ich neben meinem Vater, meiner Mutter und Jenny stand. Plötzlich sah ich es klar vor mir! Aber ich konnte mich nicht an Mrs. Frederickson erinnern, es war, als hätte man sie einfach ausradiert. Seltsam!

Ich seufzte und ließ sie los. Ich wollte mich entschuldigen, doch als ich ein ABER anfügte, fuhr sie mir über den Mund! Hatte ich dasselbe nicht auch schon bei ihr gemacht? „Ihr setzt allen Ernstes ein ABER dahinter? Ihr habt mich die ganze Zeit analysiert, mich beobachtet und müsstet eigentlich wissen, dass ich die Wahrheit sage! Und jetzt bekomme ich eine Entschuldigung mit einem ABER dahinter?“ Hätte sie mich ausreden lassen, wären wir schon fertig.

Ich setzte erneut mit meiner Entschuldigung an. Dieses mal ließ ich mich nicht beirren. Ich erklärte ihr, dass ich einfach zu einem Menschen geworden bin, der vorsichtig und sehr sehr misstrauisch durch die Welt ging. Vertrauen fiel mir halt schwer und es konnte bisweilen lange dauern, bis ich zu jemandem dieses aufbauen konnte.

Für kurze Zeit standen wir uns einfach nur gegenüber und ich wusste nicht so recht, wie es jetzt weitergeht. Doch plötzlich machte es klick in meinem Kopf und ich nahm sie wie heute Mittag schon, einfach in den Arm. Sie schmiegte sich wie abgesprochen hinein und so beruhigten wir uns beide wieder. Ihre Haare rochen nach Rosen und einem süßlichen Duft, den ich nicht kannte, ich legte meine Wange auf ihren Kopf und ich konnte an meiner Brust spüren wie sie immer ruhiger atmete und sich entspannte. Mir ging es nicht anders und ich hätte so noch Stunden verbringen können!

Irgendwann löste sie sich von mir und sah zu mir auf. Dieses mal hatte sie einen für mich nicht zu deutenden Ausdruck im Gesicht! „Master Kenway, ich denke, es ist an der Zeit, dass ich mit meiner Mannschaft und meinem Sohn abreise!“ Wovor hatte sie Angst? Bevor ich nicht wusste, was sie von mir fernhielt, wollte ich sie einfach nicht gehen lassen. Also schlug ich vor, dass sie noch eine Nacht bliebe, als mein Gast. Bei diesem Wort sah sie mich misstrauisch an und ich konnte mir ein zynisches Grinsen nicht verkneifen. Ich sagte Mrs. Frederickson noch einmal, das ICH das Misstrauen in Person bin, nicht SIE!

Ihre nächsten Worte waren wie Balsam für mich! „Einverstanden Master Kenway, ich freue mich noch eine Nacht als Gast bei euch bleiben zu dürfen!“ Damit war es abgemacht und wir verließen das Schiff. Doch dieses mal rief ich nach einer Kutsche.

Als wir endlich an meinem Haus ankamen und hineingingen, blieb Mrs. Frederickson plötzlich stehen und sah fragend ins Esszimmer. Ich teilte ihr mit, dass ich mir gedacht hatte, ihr Sohn würde lieber mit ihr gemeinsam Essen wollen, daher auch das 5. Gedeck. Dieser Blick war wieder bezaubernd.

Sie ging an mir vorbei nach oben mit den Worten, dass sie sich noch frisch machen wolle. Wenn ich mir so die Haare besah, konnte ich das durchaus verstehen. Ich folgte ihr nach oben und als sie vor dem Spiegel im Ankleidezimmer stand und versuchte die Haare wieder zu bändigen, sah ich einfach nur zu. Im Spiegel konnte ich ein schüchternes Lächeln von ihr wahrnehmen, welches sie mir zuwarf. Ich ging an ihr vorbei und hängte meinen Gehrock auf. Als ich schon auf der Schwelle stand, drehte ich mich, einem Impuls folgend, noch einmal um. Ich trat hinter Mrs. Frederickson, nahm ihre Arme herunter und gab ihr einen langen Kuss in ihre Halsbeuge.

Ich konnte die Schauer über ihren Körper förmlich spüren und ich war zufrieden mit dieser Reaktion auf mein Tun! Ich lächelte ihr noch zu und ging hinaus.

Unten erwartete mich schon Master Cormac mit seiner Frau! Ich begrüßte die beiden und bekam von Shay einen dieser wissenden Blicke zugeworfen. Entweder ahnte er nur, was ich fühlte oder man sah es mir an. An Faiths Gesichtsausdruck erkannte ich sofort, dass sie nicht glücklich über die Situation ist. Aber das konnte und wollte ich jetzt definitiv weder besprechen, noch ändern!

Als Mrs. Frederickson eintrat begrüßte Shay sie ein wenig kalt und Faith bekam einen Blick mit einem unglaublich schlechten Gewissen zugeworfen. Machte sie sich Vorwürfe, dass sie meine kleine Schwester angelogen hatte? Darüber sollte Alex jetzt gar nicht nachdenken. Es dauerte ein wenig bis unser fünfter Gast erschien. Yannick hatte und da wiederhole ich mich mal wieder, einiges zu lernen! Doch es stand mir nicht zu, in die Erziehung mit einzugreifen. Es war ja nicht mein Sohn!

Der Gedanke an Kinder kam mir immer mal wieder, doch seit ein paar Tagen schlummerte er weiter oben in mir. Ich wage aber zu bezweifeln, dass ich jemals eigene Kinder haben werde.

Während des Essens blieb es ruhig und die Unterhaltungen hielten sich im Rahmen von Erlebnissen und Geschichten aus unseren Leben. Die Hochzeit meiner kleinen Schwester und Shay vor einem Jahr, ließ einen versonnen Ausdruck auf dem Gesicht von Alex erscheinen. Ich konnte nicht anders, ich sah diese Frau ständig an und konnte mich schlecht auf etwas anderes konzentrieren.

Außerdem brachten wir Yannick auch gleich auf den neuesten Stand und Alex versuchte eine Erklärung für unser Verhalten zu finden. Ihr Sohn sah sie nur an und meinte, warum denn Erwachsene immer so schwierig sein mussten. Da konnten Shay und ich uns nicht mehr zurück halten. Als hätte man Faith wachgerüttelt, sah sie fragend in unsere Richtung. Anscheinend war sie die ganze Zeit mit der Beobachtung von Mrs. Frederickson beschäftigt gewesen.

Alex ließ es sich nicht nehmen, Mrs. Cormac nach ihrer Meinung zu befragen, wenn ihr Ehemann mal wieder eine Nacht NICHT daheim verbrachte. Faiths Gesicht hatte einen erstaunten Ausdruck angenommen. Ja, Mrs. Frederickson war stellenweise mehr als direkt. Daran musste sie sich noch gewöhnen, ich mich übrigens auch, wenn ich ehrlich bin!

Die beiden kamen jetzt auf das Thema Kinder, wie sollte es anders sein. Doch mit einem Mal, als Alex ihren Sohn versonnen betrachtete, fragte dieser frech, was er denn jetzt schon wieder falsch gemacht hätte. Und im selben Moment trat ein erschrockener Ausdruck auf Mrs. Fredericksons Gesicht. „Ich habe deinen Geburtstag ganz vergessen!“ kam es nur. Yannicks Reaktion war aber nicht böse, sondern eher ironisch und das machte ihn sympathisch. „Du hast mich vergessen? Dein Ernst? 3 Tage noch und ich werde 18. Ich kann es gar nicht mehr abwarten!“ Er stupste seine Mutter in die Seite und die beiden waren wieder im Einklang.

Und dann hatte Alex wieder diesen leeren Blick und schien ins Nichts zu schauen! Zu dritt redeten wir auf sie ein. „Mrs. Frederickson!“ kam es fast wie aus einem Mund. „Verzeiht, das war unhöflich von mir. Aber... mir gingen gerade einige Dinge, die ich bezüglich des Geburtstages zu erledigen habe, durch den Kopf.“ kam es leicht verlegen von ihr. Ich versuchte immer noch aus dieser Frau schlau zu werden. Und ich drohte wieder von diesen Augen aufgenommen zu werden!

Kapitel 19

Die beiden Frauen unterhielten sich noch darüber, dass Faith ihr unter die Arme greifen würde und ihr bei den Vorbereitungen gerne helfen würde. Das war doch schon mal ein Anfang und ich hoffte, meine kleine Schwester würde ihr Missfallen irgendwann ablegen! Doch noch war es nicht soweit.

Es war Alex die mich aus meinen Gedanken riss. „Master Kenway, darf ich euch etwas fragen?“ kam es steif von ihr. Seit wann war sie so schüchtern? Aber bitte, sollte sie ruhig fragen. Ihre Nervosität nahm zu und ich sah, wie sie ihre Hände über ihr Röcke rieb. „Ich... also, ich würde gerne wissen, woher ihr beide euch eigentlich kennt? Verwandt seid ihr auf jeden Fall nicht, dass hätte ich anhand von Unterlagen sicher herausgefunden. Sollte ich zu weit gehen, dann entschuldige ich mich. Es ist nur reine Neugierde meinerseits. Denn, nunja... der Ornat ist mir halt nicht entgangen bei unserem ersten Treffen, Miss Cormac. Da stellt sich mir die Frage, wie das alles hier zusammenpasst!“

Daher wehte der Wind. Natürlich verstand sie das nicht, woher sollte sie auch wissen, wie hier die Verhältnisse waren. Doch meine kleine Schwester übernahm fürs Erste das Reden! „Wir kennen uns schon mein gefühltes Leben lang. Ich war drei Jahre alt, da wurden wir einander vorgestellt. Wirklich daran erinnern kann ich mich natürlich nicht. Das weiß ich aus Erzählungen meiner Großmutter zum Beispiel. Aber mein Vater und Master Birch ließen es sich nicht nehmen, eine Verlobung daraus zu machen.“ Mrs. Frederickson bekam große Augen, damit hatte sie vermutlich nicht gerechnet, aber ich ließ Faith einfach erst einmal weiter reden.

„Haytham war für mich damals wie ein großer Bruder und mehr nicht. Unsere Streitereien waren ebenfalls wie unter echten Geschwistern und man hätte wirklich meinen können, wir wären verwandt. So dickköpfig, wie wir beide sein können.“ Und wieder schlug die Frauensolidarität durch. Denn Mrs. Frederickson meldete sich nach dem ersten Schrecken zu Wort. „Ja, diese Sturköpfigkeit liegt in der Familie der Kenways. Ich durfte ebenfalls schon einmal Bekanntschaft damit machen!“ Ihr Blick ging in meine Richtung, aber ihr loses Mundwerk brach sich Bahn und das war mir nicht wirklich recht!

Doch sie ließ sich nicht beirren. „Verzeiht, Master Kenway, aber ihr müsst zugeben, es stimmt. Ihr könnt es nicht leugnen.“ Ihr Lächeln ließ mich darüber hinwegsehen und ich erzählte weiter. Das ich oft dort zu Gast war, bei Lady Melanie und als ich dann ungefähr 17 Jahre alt war, in die Arbeit mit Reginald weiter involviert wurde. Meine Besuche wurde seltener, aber hörten nie ganz auf. Ihr Blick verriet, dass sie nicht ganz folgen konnte. Faith hingegen erfasste die Situation richtig und klärte sie auf.

„Mrs. Frederickson, ich sehe euch an, euch brennt eine entscheidende Frage unter den Nägeln. Lasst mich raten: Warum ich als Assassine mit den Templern zusammenarbeite? Habe ich recht?“ Ein breites Grinsen erschien auf Mrs. Fredericksons Gesicht. „Da habt ihr Recht, denn... es ist ungewöhnlich und ich frage mich das halt die ganze Zeit. Ich möchte euch nicht zu nahe treten.“

Bei Faiths nächsten Worten verfinsterte sich jedoch ihr Blick wieder! „Ich habe vor ein paar Monaten meine Entscheidung gefällt und mich für den Orden entschieden! In zwei Welten kann ich nicht leben und ich möchte auch nicht, dass unsere Tochter so aufwächst.“ Und jetzt dämmerte es MIR. Sie saß alleine als Assassine unter Templern! Sie fing sich aber wieder und stellte eine Frage, die ich gelegentlich meiner kleinen Schwester auch stellte.

„Aber Miss Cormac, wenn ich das fragen darf. Warum hattet ihr dann, als wir uns das erste Mal begegneten diesen Meisterornat an? Ich bin zu neugierig, verzeiht meine Frage. Vergesst sie einfach!“ Sie hatte Angst, etwas falsches gefragt zu haben, denn der Blick meiner kleinen Schwester war auch alles andere als freundlich, eher genervt. Sie musste sich halt diese Frage und meine Belehrungen schon oft genug anhören!

Aber auch Mrs. Frederickson erhielt die immer gleiche Antwort, dass es aus Gewohnheit wäre und sie ja noch nicht so lange diese Entscheidung getroffen hätte. Ich grinste nur in mich hinein.

Und jetzt trat schon wieder dieser gedankenverlorene Blick auf ihr Gesicht. Aber ich beschloss, sie da hinaus zu holen und begann die Geschichte weiter zu erzählen. Wie ich meine kleine Schwester vor zwei Jahren wieder traf und wir eigentlich nur unterschiedliche Aufträge hätten, so aber im Zuge dieses Treffens dann die Verlobung gelöst haben. Auch erklärte ich, dass es für mich nur auf dem Papier war und ich das Ganze verdrängt hatte. Aber ich ließ es mir nicht nehmen, davon zu berichten, dass mich Shay und Faith einfach vor vollendete Tatsachen gestellt haben! Doch ich konnte diesem Iren nicht wirklich böse sein, er erinnerte mich zu oft an mich selber!

Es war Yannick, der sich als erster verabschiedete und sich zurück zog. Und er legte eine Höflichkeit an den Tag, die sehr überraschend kam. Er lernte schnell! Wir vier blieben noch eine Weile wo wir waren und ich fing an mit Shay über die nächsten Aufträge zu sprechen. Nebenbei fing ich immer wieder Fetzen des Gesprächs von Mrs. Frederickson mit Faith auf, es ging um Kinder und Erziehung. Des öfteren öffnete Alexandra ihren Mund, um etwas zu erwidern im Bezug auf das Gespräch zwischen mir und Shay, aber es war, als fiele ihr ein, dass das keine gute Idee sei.

Gegen Mitternacht war Alex diejenige, die sich zurückziehen wollte. Leicht schwankend stand sie auf und ich befürchtete, sie würde es nicht heile bis nach oben schaffen. Doch ich bekam nur ein „Doch doch, ich schaffe das schon. Gute Nacht!“ Ich konnte einen amüsierten Ausdruck auf meinem Gesicht nicht verhindern. Diese Art hätte ich ihr gar nicht zugetraut, sie war eigentlich schon sehr diszipliniert, aber der Wein schien wohl doch besser gewesen zu sein, als sie gedacht hatte.

Aber kurz nachdem Mrs. Frederickson gegangen war, beschlossen auch wir anderen drei, es wäre Zeit für die Nachtruhe. Die nächsten Tage standen auch einige Aufträge wieder an!

Als ich mein Schlafzimmer betrat fand ich Alex in MEINEM Bett vor. Sie blinzelte kurz und fragte mich, ob es mich stören würde, wenn sie einfach hier liegen bliebe? Ich musste an mich halten, nicht laut zu Lachen! Aber ich erwiderte nur, sie könne ruhig weiter schlafen, jedoch morgen früh mich nicht meiner Ohrfeige wecken, weil sie sich an nichts mehr erinnerte. Doch auch das konterte sie wie immer gekonnt. „Keine Sorge, das wird nicht passieren. Ich verspreche es. Haltet nur eure Finger bei euch, dann passiert schon nichts...“

Plötzlich stand sie auf und marschierte ins Ankleidezimmer. Was hatte sie denn jetzt vor? Ich machte mich in der Zwischenzeit bettfertig und lag gerade, als sie wieder ins Schlafzimmer trat. Sie hatte sich lediglich ein Nachthemd angezogen. Also war sie doch diszipliniert, es machte sie immer sympathischer.

Und wieder schlug ihre Meinung abrupt um. „Ich... werde lieber nebenan schlafen. Ich wünsche euch eine gute Nacht, Master Kenway!“ Gerade als sie sich umdrehte und wieder verschwinden wollte, dachte ich nur ... nein, nichts da. Du bleibst hier! Ich hielt sie auf und drehte sie wieder zu mir. Ich wollte jetzt wissen, was da los war. Schüchternheit konnte es nicht sein, denn ich kannte kaum, eigentlich gar keine Frau, die sich einem ihr fremden Mann so zeigte im Nachthemd. Frei raus fragte ich sie, was denn so plötzlich so anders war und dass mir ihr Verhalten schon den Tag über aufgefallen ist.

Ihr Gesicht war wieder das reinste Gefühlschaos, Alex tat mir tatsächlich leid. „Master Kenway, ich... weiß einfach nicht, was ich sagen soll.“ Diese Antwort machte es nicht besser.

Ich versicherte ihr, dass ich sie nicht zwinge mit mir das Bett zu teilen, und wenn es wegen Charles wäre, könnte ich es verstehen. Aber sie ließ mich nicht ausreden! Es wäre nicht deswegen. Aha... „Nicht NUR! Ich weiß nicht, WAS es ist. Immer wenn... ihr mir nahe kommt, schaltet mein Kopf auf Abstand! Es ist... eigenartig.“ Ich konnte nicht anders, mein Adlerblick überflog sie und sie machte ihrem Unmut darüber Luft. Ich solle das bitte lassen. Doch ich war so verblüfft, dass ich ihr meine Beobachtung mitteilte.

Erst erschien sie für einen Bruchteil einer Sekunde in hellem leuchtenden rot und schlug schließlich in dieses Gold um, welches man bei vertrauten Personen sieht. Es umgab sie kein Nebel mehr, wie die letzten Tage!

Versprechen konnte ich ihr nicht, dass ich nicht doch hin und wieder einen Blick wagen würde, aber ich würde es versuchen! Pragmatisch schlug ich jetzt vor, dass wir einfach Schlaf finden sollten und schob sie zum Bett, hieß sie sich hinlegen und deckte sie zu. Ich ging auf die andere Seite und als ich so dalag, hörte ich neben mir ein leises Kichern. „Verzeiht, Master Kenway. Aber... es ist lächerlich. Wir sind erwachsen und sollten uns auch so verhalten. Jedoch fällt mir das in eurer Gegenwart immer wieder schwer.“

Jetzt war es an mir, ein Prusten auszustoßen. Mir war meine Wirkung auf diese Frau ja schon aufgefallen. Ich konnte mir aber jetzt eine provokante Bemerkung bezüglich ihres doch sehr losen Mundwerkes nicht verkneifen. Wir waren nur Millimeter voneinander entfernt, als sie sich auf den Ellbogen stützte und mir einen bösen Blick zuwerfen wollte. Ich konnte mein Verlangen nicht zurückhalten und nicht nur ich konnte es spüren.

Und als hätte man eine Glocke in ihrem Kopf geläutet, weiteten sich ihre Augen und sahen mich erschrocken an! War ihr eingefallen, WARUM sie immer auf Abstand ging? Aber es kam wieder nur ein „Master Kenway, ich... es geht nicht!“ Sie zog sich ans Kopfende und winkelte die Beine an. Mir rutschte ein resigniertes Seufzen raus.

Ich fragte noch einmal, WARUM sie immer wieder zurückschreckte. Was war es, wovor sie Angst hatte! Und dann konnte ich förmlich sehen, wie sie zusammenbrach, wie sie die Erinnerungen, die sie von mir fernhielten, vor Augen hatte. Gerade als sie wieder mit „Master Kenway, es ist...“ anfangen wollte, bat ich sie, endlich meinen Vornamen zu benutzen. Schließlich hatte sie es ja oft genug schon ohne meine Erlaubnis getan, dann konnte sie jetzt ruhig damit weiter machen. Ich hoffte, das würde ihr helfen, sich mir leichter zu öffnen. „Also schön, Haytham.“ Es klang merkwürdig.
 

Kapitel 20

Doch was jetzt kam, damit hatte ich nicht wirklich gerechnet. „Ich... also, als ich damals mit eurem Vater auf Great Inagua war und wir die Ruinen erkundet hatten, mussten wir über einen Wasserfall entkommen. Und... es war einfach... Ich wusste, dass jetzt die Zeit für meine Abreise war und das ließ mich alles um mich vergessen. Edward und ich, wir BEIDE vergaßen alles um uns, wenn ihr wisst, was ich meine?“

Sie war so rot angelaufen, wie vorhin schon einmal und starrte mich jetzt an. Aber ich brachte nur ein „Ihr meint... ihr habt...“ zustande. Mein Verstand konnte gerade nicht damit umgehen!

Und es wurde nicht besser. „Haytham, es ist einfach passiert. Aber das war nicht das einzige Mal. Bei meinem ersten Besuch in London, da... also, es war nicht geplant. Es war einfach merkwürdig, als ich Edward wieder sah. Und es ist dann einfach passiert und ich gebe zu, ich habe es vermutlich auch ein wenig provoziert. Danach reiste ich dann aber auch unverzüglich ab.“ Ich spürte nur, wie sie meinen Mund schloss, ich hatte nicht bemerkt, dass ich sie so anstarrte. „Haytham, könntet ihr vielleicht etwas sagen. Ich fühle mich gerade nicht sehr wohl, wenn ihr mich so anstarrt, als würde eine Schlange auf ihre Beute warten.“

Ich schüttelte meinen Kopf, um ihn wieder frei zu bekommen, aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte und tat es ich auch kund. Nur Mrs. Frederickson wusste es auch nicht und meinte nur, sie hätte das Gefühl, vor Gericht zu sitzen oder einem Verhör. Ganz unrecht hatte sie ja nicht, ich richtete gerade über sie, über meinen Vater. Und dann erzählte sie mir von einer dritten Nacht mit meinem Vater. „Aber... es... als ich dann noch einmal zurück reiste und Edward und ich beide wussten, dass wir uns nie wieder sehen würden, war es wieder wie beim Wasserfall. Und auch dieses mal reiste ich am nächsten Tag ab.“

Das war zu viel und ich stand auf, ich musste mich bewegen. Das war... ich kann es nicht in Worte fassen! Doch langsam kehrte mein Verstand zurück und versuchte eine Erklärung zu finden. Keine Entschuldigung, denn die gab es nicht. Doch es war, als hielte Alex einfach der moralische Aspekt und der Anstand von mir fern. Was durchaus lobenswert ist, aber ich bin sein Sohn. Es war absurd, denn ich spürte, dass ich diese Frau trotzdem begehrte. Ich wollte sie trotzdem haben! Sie stand plötzlich vor mir, sah zu mir auf und in ihrem Blick lagen Entschuldigungen und Bedauern, aber jetzt war dort nichts mehr von dieser Angst zu sehen. „Haytham, jetzt sagt doch etwas. Ich fühle mich eh schon schuldig genug. Und ihr lasst mich hier weiter schmoren. Und ja, ich weiß, dass es nicht richtig war...“ Die Verzweiflung in ihrer Stimme ließ mich einen Entschluss fassen. Ob ich ihn irgendwann einmal bereuen würde? Das kann ich jetzt schlecht sagen.

Wie für mich selber, erklärte ich ihr, wie ich darüber dachte. Denn es war VOR meiner Zeit und ja, es war mein Vater, mit dem sie das Bett geteilt hat. Ich hatte Verständnis dafür, dass sie aus diesem Grunde mir fern bleiben wollte. Doch ich war jemand ganz anderes. Ich war eine eigenständige Persönlichkeit, auch wenn ich das gleiche Blut wie mein Vater hatte. Und dann erinnerte ich Alex an ihre eigene Aussage, dass wir erwachsen wären und uns auch so verhalten sollten.

Ich ging zum Schreibtisch und goss jedem von uns ein Glas Brandy ein, ich brauchte gerade irgendetwas alkoholisches. Als ich ihr das Glas reichte, sah sie mich kurz an und dann auf das Glas, machte aber keinerlei Anstalten etwas zu trinken. Ich konnte nicht anders, sie sah gerade einfach bezaubernd aus, wie sie so da stand und mich plötzlich ansah. Ich nahm ihr das Glas ab und leerte es. Jetzt ging es mir etwas besser.

„Haytham, ich...könnt ihr mir verzeihen?“ Jetzt stand sie direkt vor mir und ich umschlang ihre Taille wieder und hielt sie fest. Ihre Arme legten sich ebenfalls um mich. Es war wieder dieses Gefühl von Ruhe, welches diese Umarmung in mir und auch in dieser Frau hervorrief. Ich meinte nur leise, dass wir klein anfangen sollten. Obwohl mir eigentlich nicht nach kleinen Schritten zumute war, musste ich mir insgeheim dann doch eingestehen.

Dann sah sie zu mir auf. „Haytham, darf ich euch etwas fragen?“ Ein wenig Angst machte mir die Frage schon, aber bitte. Immer raus damit! „Warum seid ihr heute wie ausgewechselt? Was ist passiert? Ihr habt mir heute den ganzen Tag ein wenig Angst gemacht, so kannte ich euch nicht. Ihr wart so … ruhig, gerade so als würdet ihr in euch selber ruhen!“

Also hatte sie es doch bemerkt, ich hatte nicht beabsichtigt ihr Angst zu machen. Aber ich erklärte ihr, dass es eigentlich so ähnlich wäre und SIE daran Schuld sei! Und jetzt war mir egal was passierte, ich hob sie auf meine Hüfte und ihre Beine schlangen sich automatisch um meine Taille, um Halt bemüht! So trug ich diese Frau zum Bett und als sie so unter mir lag, konnte ich ihre Verwirrung sehen.

Alex versuchte sich zu konzentrieren, aber hatte durchaus ihre Schwierigkeiten damit. Sie wollte eine Erklärung von mir hören, was diesen Wandel hervorgerufen hat. Also erklärte ich auch das. Denn ihr Satz, dass es ihr leid täte, war etwas, dass ich so noch nie von einem Menschen gehört hatte. Es waren immer nur Heucheleien, Entschuldigungen und Ausreden.

Ich versuchte ihr zu erklären, dass es für mich auf die Ehrlichkeit dieser Worte ankommt und sie waren in ihrem Falle echt, ich hatte es gefühlt. Auch erzählte ich ihr, dass ich sie habe weinen hören und das mich das alles, zum Nachdenken gebracht hatte. Ich sah in ihre Augen und verlor mich wieder ein kleines Stückchen weiter darin.

Bei den Worten „Haytham, ich... ich habe es ernst gemeint!“ füllten sich diese Augen mit Tränen, aber gleichzeitig spürte ich ihre Hände in meinen Haaren und sie zog mich zu sich hinunter und ich konnte sie endlich berühren!

Diese Lippen, die ich schon den ganzen Tag angestarrt hatte. Sie fühlten sich einfach so weich an und ich wollte mehr. Nichts deutete mehr auf diesen Abstand hin, nichts was mich von dieser Frau noch fernhalten konnte. Wir versanken förmlich ineinander. Es war egal, ich wollte sie, egal was es kostet. Ihr Nachthemd wurde Opfer meiner Kraft und landete neben dem Bett. Genau wie meine Beinkleider achtlos daneben lagen.

Wir sahen uns die ganze Zeit an und behielten diesen Augenkontakt, ich wollte sie sehen und spüren und schmecken. Es war unglaublich, als sie mich völlig in sich aufnahm. Es war überwältigend und ich konnte ein lautes Stöhnen einfach nicht unterdrücken und sie fand schnell einen Einklang mit mir und als sie ihre Augen schloss, befahl ich ihr, mich anzusehen. Doch es schien in ihr etwas anderes noch ausgelöst zu haben, sie schlang wieder ihre Beine um mich. Nein, ich dirigierte uns beide und ließ mich nicht mehr davon abhalten.

Wir wollten uns beide haben und sie bekam mich und ich spürte wie sie dem Höhepunkt immer näher kam und unser Rhythmus schneller wurde. Ich hörte plötzlich nur noch wie sie meinen Namen im wahrsten Sinne des Wortes rief, aber es war mir egal, denn auch so konnte ich mich völlig vergessen und ihr Name kam lauter als gedacht über meine Lippen! Ich hatte meinen Kopf an ihrer Schulter vergraben und musste wieder zu Atem kommen. Auch Alex lag schwer atmend unter mir, aber ein seliger Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich die ganze Zeit ihre Arme über ihrem Kopf festgehalten hatte. Nicht ganz, ich hatte mich daran festgehalten. Als ich sie losließ, schlang sie sie sofort um mich und ich gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Stirn. Ich hatte plötzlich Angst, etwas kaputt zu machen.

Als ich neben ihr lag, zog ich sie an mich heran und deckte uns beide zu. Sie lag ruhig atmend in meinen Armen und es fühlte sich richtig an und ich wollte, dass es für immer so bliebe. Irgendwann war Alex eingeschlafen und murmelte in ihrem Schlaf etwas von „Ich liebe dich!“

Aber das würde ich ihr nicht erzählen. Es war einfach etwas, was nur mir galt und ich wollte es am liebsten wegschließen und nie wieder hergeben!

Kapitel 21
 

28. September 1759



Als ich erwachte, erschrak ich leicht. Denn ich war nicht alleine in meinem Bett. Dann war die letzte Nacht doch keine Einbildung gewesen und sie lag tatsächlich neben mir. Ich stützte mich auf einen Ellbogen und sah diese Frau einfach an, wie sie so schlief. Ihre Gesichtszüge waren völlig entspannt und sie hatte unglaublich glatte Haut. Ein etwas absonderliche Gedanke kam mir plötzlich, ich wusste gar nicht so recht, wie alt sie eigentlich war. Beizeiten sollte ich noch einmal nachfragen, denn ich hatte nicht mehr alle Jahreszahlen im Kopf.

Mit einem wohligen Seufzen drehte sich Alex jetzt auf den Rücken und ich konnte ihre Brüste unter der Decke sich bei jedem Atemzug bewegen sehen. Es war vorbei, ich konnte nicht an mich halten. Ich musste sie wieder berühren und so beschloss ich, die Dame vorsichtig mit meinen Lippen und Händen zu wecken.

Mein Mund fuhr an ihrem Hals hinab, während meine Hände über ihren Bauch strichen. Diese Frau schmeckte einfach gut und ich atmete sie tief in mich ein. Es dauerte nicht lange und sie schlug verschlafen die Augen auf und als sie sah, wer sie wach gemacht hatte, lächelte sie zufrieden und hob mir ihr Becken entgegen.

Nein, das ging zu schnell. Mit einem leichten Befehlston, sagte ich nur „Nicht so schnell, Mrs. Frederickson!“ und zog mich ein Stück zurück. Ich sah sie stumm an, machte aber keine Anstalten, weiter zu machen. Ich ließ meine Hände lediglich an ihren Oberschenkeln entlanggleiten und verstärkte nach und nach den Druck. Ich konnte ihre Lust förmlich ansteigen sehen.

Und endlich hörte ich das, was ich wollte. „Haytham, das ist nicht fair!“. Sie jammerte regelrecht und das trieb mir ein triumphierendes Grinsen ins Gesicht.

Ich konnte meine Begierde nicht länger unter Kontrolle halten und befahl ihr, mir gefälligst zu sagen, WAS sie will!

Mit ihrer Antwort gab ich mich nicht zufrieden, denn ich wusste ja, wonach sie sich sehnte, aber ich wollte es hören. Aus ihrem Mund und mit dieser Stimme, die diesen Akzent mit sich führte. Meine Hände griffen nach Alex´ Hüfte und ich zog sie ein wenig in Position. Mit einem feuerroten Gesicht lag sie vor mir, bereit für mich, aber ich wollte es hören! Mit einem Krächzen brachte sie nur „Nimm mich endlich, ich brauche dich!“

Das war es und ich gab ihr, wonach ihr der Sinn stand. Aber ich ließ sie nicht die Oberhand gewinnen. Mit einem heftigen Aufkeuchen nahm sie mich wieder in sich auf und wir fanden wieder diese Einheit. Es fühlte sich so wahnsinnig gut an und als ich ihr befahl mich anzusehen, war wieder zu spüren, dass sie schneller auf ihren Höhepunkt zusteuerte. Wir halfen uns gegenseitig dabei und wieder hörte ich sie meinen Namen sagen, dieses mal jedoch leiser, aber leidenschaftlicher! Meine Erlösung war hart und schnell, zitternd ließ ich mich auf ihr Brust sinken.

Ihre Hände vergruben sich in meinen Haaren. Und genau in diesem Moment klopfte es. Das durfte nicht wahr sein! Und es war auch noch Shay, der unnötigerweise nachfragte, ob alles in Ordnung sei! Das wird noch ein Nachspiel haben, dachte ich und im selben Moment musste ich ob dieser Zweideutigkeit grinsen!

Ich teilte ihm leicht atemlos mit, dass alles in Ordnung sei und sie schon einmal nach unten gehen sollten. Wir würden nachkommen.

Widerwillig löste ich mich von meiner … ja, was war Alex für mich? Meine Frau NOCH nicht, vermutlich wird sie das auch NIE werden. Der Begriff Gefährtin war in meinen Augen auch unpassend und vor allem, wo standen wir jetzt? Wie geht es weiter?

Doch ich wollte noch nicht darüber nachdenken. Ich gab ihr noch einen langen Kuss und saß dann für einen Moment auf der Bettkante und fuhr mir durch die Haare. Diese Frau hatte ganze Arbeit geleistet, aber dafür würde sie sie mir bürsten, beschloss ich. Gerade als ich ihr sagen wollte, wie ich die letzte Nacht empfand, schlang sie von hinten ihre Arme um mich und gab mir ein ausgiebigen Kuss auf den Nacken mit den Worten. „Ja, das war es. Und ich habe es genossen, DICH genossen!“

Und damit war sie aus dem Bett, was ich sehr schade fand, aber es waren Gäste anwesend, da konnten wir schlecht im Bett bleiben. Vielleicht ergab sich ja irgendwann einmal eine passende Situation. Sie bemerkte mein Schmunzeln und fragte, woran ich gerade dachte. Ehrlich antwortete ich, dass ich an sie dachte, die den ganzen Tag in meinem Bett verbrachte mit mir zusammen! Wurde Alex jetzt wieder rot?

Als wir beide für den Tag fertig waren, gingen wir nach unten. Daran, dass sie mir die Haare morgens band, konnte ich mich durchaus gewöhnen. Als wir das Esszimmer betraten warfen Shay und Faith uns nur zwinkernde Blicke zu und ich konnte mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Mir entgingen aber diese doch recht, ich nenne es einfach mal eifersüchtigen Blicke der beiden nicht! Sie waren anscheinend nicht ganz so glücklich über die Entwicklung.

Jedoch bemerkte ich schnell, dass auch Yannick nicht so friedlich gelaunt war. Seine Begrüßung fiel einfach wieder so dermaßen aus der Rolle, dass ich mich nur schwer zusammenreißen konnte. Aber es war Shay, der mich abhielt etwas zu sagen, denn ich hatte nicht Alex bemerkt, welche ihren Sohn vom Tisch wegzerrte, mit den harschen Worten, sie müssten REDEN!

„Ich glaube bei den späteren jungen Leuten ist irgendwas in der Erziehung falsch gelaufen, dass sie keinen Respekt mehr haben“ kam es von Faith und ich dachte an mein Patenkind und äußerte meine Hoffnung, dass es bei July nicht so wäre!

„Auf keinen Fall Haytham, dafür werden wir sorgen. Wie wäre es, wir schicken den Jungen eine Woche zu Lady Melanie dann spurt er“ war Shays Vorschlag und ich muss sagen, dieser war genau richtig. Ich sollte später mit Alexandra darüber reden!

Unterdessen ließ ich mir das doch wohlverdiente Frühstück schmecken. Es dauerte nicht lange und die beiden waren wieder da. Sie nickte mir nur zu, also hatte sie ihm, wie nannte sie es immer so gerne, die Leviten gelesen! Ich hoffte, es würde etwas bewirken.

Nach dem Frühstück brach Shay mit Faith auf und Alex machte sich auf zur Jackdaw mit ihrem Sohn. Denn es musste ja die Abreise besprochen werden.

Für mich hieß es, die liegengebliebene Arbeit nachzuholen der letzten Tage! Es war lästig, aber musste gemacht werden. So brütete ich eine Weile über den Büchern, konnte mich aber nicht richtig konzentrieren. Verdammt, diese Frau geisterte in meinem Kopf rum. Ich schlug das Geschäftsbuch wieder zu, zog mir meinen Mantel über und ging hinaus. Ein kleiner Spaziergang würde mir gut tun.

Doch ich war noch nicht ganz aus de Tür raus, da sah ich eine Menschentraube auf der Straße vor dem Fort stehen. Ich konnte leider nicht alles verstehen und wollte gerade darauf zu, als ich Alexandra auf mich zukommen sah. Sie sah alles andere als glücklich aus und schielte immer wieder über die Schulter zu dieser Meute!

Auf meine Frage, was genau denn dort vorgefallen ist und ob jemand ermordet worden ist, antwortete sie nur trocken „Nein, das nicht. Aber kein geringerer als Monsieur Louis-Joseph Gaultier, Chevalier de La Vérendrye, hält dort Hof. Naja, nicht ganz, er diskutiert lautstark mit seinem Adjutanten.“

Woher wusste sie, dass es der Adjutant war? „Er hat mir einen Besuch abgestattet.“ Ah, daher wehte der Wind. Das Debakel mit den Probeschüssen der Jackdaw und jetzt war er nicht gut zu sprechen auf den Kapitän. Doch mich wunderte es, warum er nicht direkt mit Mrs. Frederickson gesprochen hatte.

„Deswegen bin ich eigentlich auch wieder hier. Ich brauche deinen Rat. Denn... er hat seinen Adjutanten geschickt, um mitteilen zu lassen, dass er mich herausfordert. Sprich er will ein Duell! Aber als Mr. Wolferton, der Laufbursche, herausfand, dass ich eine Frau bin, wusste er nicht so recht, was er machen sollte. Ich habe einfach darauf bestanden, die ganze Sache nach den Vorschriften durch zuziehen.“

Diese Frau! „Du hast was? Alexandra, du weißt nicht, worauf du dich da einlässt.“ war alles, was ich noch sagen konnte! Ich würde zu gerne wissen, was in ihrer Zeit denn so anders lief, dass sie sich so verhielt. Es war einfach nichts für Frauen. Da gab es keine Diskussionen darüber. Aber wie sollte ich ihr das erklären?

„Warum glaubst du denn, bitte ich dich um Rat? Ich habe doch nicht wirklich Ahnung, nach welchen Regeln GENAU so ein Duell stattfindet. Woher soll ich das auch wissen. Wir wissen das nur aus irgendwelchen Romanen oder ähnlichem. Kannst du mir nicht einfach erklären, wie so etwas abläuft? Muss ich etwas beachten, gibt es Etikette in diesem Zusammenhang...?“ ich hörte diese Verzweiflung in ihrer Stimme und der erste Gedanke der mir kam war, dass ich sie nicht auf der Schwertspitze dieses Mannes sehen wollte.

Kapitel 22

Ich konnte aber in ihrem Gesicht förmlich die Wut und das Unverständnis sehen, welches sie wieder hatte. Sie verstand einfach nicht, dass es Dinge gab, die eben nur den Männern vorbehalten waren! „Aber was soll ich denn jetzt machen? Wenn der Chevalier sich nicht bereit erklärt, kann er doch nicht jemand anderen einfach auffordern, gegen ihn anzutreten, oder?“ Da musste ich sie enttäuschen. Er konnte und würde es auch tun. Und vermutlich würde er auf ihren Sohn zurückgreifen!

Als ich ihr dann erklärte, dass ihr Sohn als Vertreter für sie durchaus in Frage kam, klammerte sie sich an meinen Ärmel und sah mir flehend in die Augen! „Das ist doch nicht wahr, oder? Nicht mein Sohn. Haytham, das geht nicht!“

Wenn sie aber Glück hatte, könnte sie auch jemand anderen bestimmen. Vielleicht war der Chevalier ja doch nicht so ein Unmensch. Doch mein Vorschlag stieß bei ihr auf noch mehr Entsetzen, denn ich konnte wieder sehen, dass sie wusste, dass ich mich selber meinte! „Nein, das kommt nicht in Frage Haytham, nur über meine Leiche! DU wirst bestimmt auch nicht für mich einstehen. Das lasse ich nicht zu... Niemals.“

Wir standen noch eine Weil so da und dann sah ich, dass Yannick durch das Tor kam. In einem fröhlichen Tonfall fragte er, ob er etwas Spannendes verpasst hatte. Seine Mutter drehte ihn nur demonstrativ in die Richtung der Menschenmenge und erklärte ihm, WER dort stand! „Das dort draußen ist der Chevalier, wenn du es genau wissen willst. Und jetzt kannst du dir an drei Fingern abzählen, warum ich nicht zulasse, dass DU dich mit ihm duellierst. Sieh ihn dir an!“ Doch das schien den Jungen nicht im geringsten zu beeindrucken!

„Ja und? So furchterregend ist er nun auch wieder nicht!“ Und wieder fragte ich mich, wie es denn in diesem 21. Jahrhundert zugehen musste, dass dieses Kind so leichtsinnig dachte! Also versuchte ich es auf die hoffentlich vernünftige Art, ihm zu erklären, dass dieser Mann dort wesentlich älter sei und entsprechend Kampferprobt war! Yannick hätte keine Chance. Doch dieser Bengel fiel mir einfach ins Wort mit den Worten „Pffff, als wenn ich das nicht wüsste. JEDER belehrt mich diesbezüglich, MASTER Kenway, insbesondere meine eigene Mutter, die anscheinend kein Vertrauen in meine Fähigkeiten hat!“

Ich musste an mich halten, um ihm nicht eine Ohrfeige für seine Unverschämtheit zu verpassen. Und mir ging durch den Kopf, dass ich dringend den Vorschlag mit einer Lektion bei Lady Melanie ansprechen sollte! Ich versuchte mich zu beruhigen und atmete tief durch! Also versuchte ich es erneut „Junger Mann, ihr habt auch noch keine nennenswerten Fähigkeiten erworben. Dafür seid ihr einfach zu jung und in... einer anderen Zeit aufgewachsen. DAS wird auch das Problem werden!“ Ich hoffte, DAS würde er verstehen!

Doch weit gefehlt! „Warum zum Teufel ist das ein Problem? So schwer kann es doch wohl nicht sein. Ich bin ein recht guter Schütze, oder nicht Mum? Du hast das doch schon auf dem Schießstand gesehen! Ich bin ja keine Blindschleiche!“ Und wieder diese Bezeichnung für seine Mutter. Es war zum Verrückt werden!

Alexandra gab mir aber recht und versuchte es ebenfalls noch einmal. „Yannick, das waren Übungen mit UNSEREN Waffen. Die Steinschlosspistolen hier sind aber wesentlich schwerer, unhandlicher und auch viel ungenauer, was das Zielen angeht. Und an eines muss ich dich wohl nicht erinnern, was wenn dir … ich kann das nicht zulassen!“

Und dann sah ich nur, wie er zuckte und schon los rennen wollte. Ich konnte den Bengel gerade noch am Ärmel packen und ihn davon abhalten in sein Verderben zu rennen! Und MIR wurde Sturköpfigkeit nachgesagt! Louis-Joseph würde kurzen Prozess mit ihm machen, was dachte sich der Junge eigentlich. Aber vermutlich war genau DAS das Problem. Er dachte nicht.

„Und was glaubt IHR wer ihr seid, MIR zu sagen, was ICH zu tun habe?“ Ich sah diese Wut in seinen Augen mir gegenüber. Natürlich hatte ich nicht unbedingt das Recht, ihn zu rügen, ich war nicht sein Vater. Aber ich verstand mein Handwerk, er nicht!

Wir konnten uns aber nicht weiter damit auseinander setzen, denn Shay tauchte auf und sprang neben Mrs. Frederickson auf den Boden. Erschrocken und mit einem bösen Blick in seine Richtung, ging sie ein Stück zurück. Mit einem ironischen Gesichtsausdruck fragte Master Cormac nur, ob wir schon die Bekanntschaft mit dem Chevalier gemacht haben. Manchmal war auch er etwas anstrengend!

„Bekanntschaft würde ich es nicht nennen. Persönlich habe ich noch nicht mit ihm gesprochen. Aber vielleicht könnt ihr uns ja ein wenig beratschlagen, denn ihr kennt ihn ja besser, als wir alle vermute ich mal.“ Also brachten wir Shay jetzt auf den neuesten Stand, was es mit diesem Tumult auf sich hat. Er war alles andere als begeistert, denn auch Master Cormac wusste um die Kampffähigkeiten des Chevaliers und seine doch sehr unfairen Methoden. In einem, ich würde es Plauderton nennen, fragte er dann, ob gerade darüber diskutiert würde, wer denn dieses Duell bestreiten solle.

Alexandra versuchte wieder eine Erklärung „Diskutieren nenne ich es nicht, ich versuche nur, Haytham und meinen Sohn davon zu überzeugen, dass BEIDE nicht antreten werden, sondern ich. Aber, ich bin eine Frau, also habe ich nicht einmal das Recht mich selbst zu verteidigen. Ich muss jemand anderen vorschicken.“ doch ich konnte spüren, dass sie immer noch wütend über diesen Zustand war.

Shays Frage war brillant wie ich dachte! „Aber warum habt ihr Einwände dagegen? Wollt ihr lieber selber eine Kugel abbekommen?“ Und wieder konnten wir nicht nachvollziehen, warum diese Frau das nicht verstehen wollte! „Ja, das würde ich auf mich nehmen. Ich stehe für mich selber ein und werde dem Chevalier sicherlich kein Kanonenfutter darreichen auf dem Silbertablett!“ Alex stand mit hoch erhobenen Kopf vor uns und sah herausfordernd zu uns auf.

Und Shay versuchte es weiter zu erklären, dass sie halt aufgrund ihrer Unerfahrenheit, diese Situation nicht nachvollziehen kann und sich auf unser Urteilsvermögen verlassen musste. Es schmeckte ihr nicht, ich sah es Alex wieder an! „Wenn das so ist. Ich muss jetzt wirklich abwarten? Er steht doch dort drüben! Ich könnte doch...“ Und jetzt war es an mir, ihr auch noch einmal zu sagen, dass sie sich DAS ganz schnell aus dem Kopf schlagen sollte. Doch wirklich mehr sagen konnte ich nicht, denn der Adjutant kam langsam auf uns zu!

Dieser bat Mrs. Frederickson und ihren Stellvertreter zu Monsieur Gaultier. „Ich habe keinen Stellvertreter...“ Und schon wieder! Shay, Yannick und ich waren uns unabgesprochen mal einig und meinten wie aus einem Mund „Doch, sie hat einen Stellvertreter!“ Der arme Mr. Wolferton tat mir schon fast leid, er wusste nicht, was er machen sollte.

Er stammelte und suchte nach einer Erklärung. Nach einigem Hin und Her wurde Alex sichtlich wütender und ungehaltener. „Verdammt noch mal, ich weiß, was der Chevalier gesagt hat! Und jetzt bringt mich endlich zu ihm, damit wir die Angelegenheit klären können! Ich bin nicht gerade für meine Geduld bekannt!“ Resigniert seufzte Mr. Wolferton nur und bat sie, ihm zu folgen! Als wir uns alle mit ihr aufmachten, bedachte sie uns mit einem ziemlich genervten Ausdruck. „Was soll das denn jetzt? Ich will doch erst einmal nur mit ihm reden und ihn nicht gleich aufspießen!“

Wir würden nur auf Nummer sicher gehen, waren wir Herren uns da einig und gingen mit. Der Chevalier beäugte uns vier misstrauisch und als sein Blick auf Shay fiel, konnte ich seinen Hass lodern sehen. Und prompt machte er seinem Unmut auch Luft! Und als wenn ich es geahnt hätte, befand er, dass Shay genau DER sei, den er als Stellvertreter akzeptieren würde.

Alex erstaunte mich dann doch jetzt. Sie war die Höflichkeit in Person und erwartete eine Vorstellung seitens des Chevaliers. Sie hatte nicht unrecht, man hatte ihn nicht vorgestellt. Entschlossen hielt sie ihm die Hand hin und er nahm sie automatisch und hauchte einen Kuss darüber. Doch seinen Blick ließ er auf ihr ruhen. Ich spürte eine gewisse Eifersucht und hätte ihm am liebsten gleich den Federhandschuh hingeworfen!

Der Höflichkeiten war nun genüge getan und jetzt ging es darum, was genau passieren sollte. Gaultier beschwerte sich seinerseits darüber, dass man sein Schiff fast versenkt hätte, Alex wiederum argumentierte, dass er anscheinend nicht in der Lage sei seine Garfaut zu steuern. Dieser wörtliche Schlagabtausch der beiden hatte etwas erfrischendes, wie ich fand!

Die beiden nahmen sich nichts und irgendwann war es dem Chevalier zu viel und er beendet das Ganze mit den Worten, er erwarte den Verräter morgen früh im Morgengrauen! Er war derjenige der bestimmen konnte, also mussten wir es so hinnehmen.

Doch ich sah, dass Mrs. Frederickson völlig geschockt von diesem Arrangement war. An ihrer Stelle wäre ich das auch. Denn würde Master Cormac etwas zustoßen, dann hätte sie den geballten Zorn meiner kleinen Schwester auf sich! Und das könnte durchaus unangenehm werden.

Ich war aber zuversichtlich, dass Shay wusste, was er tat und er würde auch heile aus dieser Sache kommen. Aber ich sah, wie sie ihm hinterher eilte. Umstimmen wird sie ihn nicht können und entschuldigen wäre noch verfrüht. Was genau sie wollte, konnte ich nicht verstehen und ich wollte auch nicht hinterher gehen. Also ging ich zurück in den Militärbereich und zu meinem Haus. Yannick folgte mir und wir unterhielten uns tatsächlich ganz normal.

„Master Kenway, es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe.“ gab er kleinlaut von sich. Er konnte also doch höflich sein. „Aber ich bin 17 fast 18, da sollte man mir schon etwas mehr zutrauen. Aber sogar meine Mutter scheint mir nichts zuzutrauen!“ er klang ein wenig traurig darüber.

„Yannick, du brauchst definitiv mehr Ausbildung und Erfahrung. Wir werden hier nicht viel ausrichten können, aber denke daran, wenn ihr wieder zurück seid, dass du dein Training ausbaust! Es kann nicht schaden!“ Gab ich ihm den Rat. Kurz darauf erschien Alex auch wieder, aber sie machte nicht den Eindruck, als fühle sie sich mit dem jetzigen Arrangement besonders wohl. Wir sollten es auf uns zukommen lassen.

Wir aßen zu Abend und überlegten uns, wie der morgige Tag ablaufen würde. Irgendwann verabschiedete sich Alex´ Sohn und wir beide traten auch unsere wohlverdiente Nachtruhe an. Doch schon nach kurzer Zeit merkte ich, dass Alex neben mir nicht schlafen konnte. Sie drehte sich hin und her. Also nahm ich sie kurzentschlossen in den Arm und hielt sie an mich gedrückt. Ich versicherte ihr, dass Master Cormac wisse, was er tut und sie sich keine Gedanken zu machen braucht!

Ihre Atemzüge wurden langsamer und gleichmäßiger, genau wie ich auch wieder ruhiger wurde. Das passierte jedes mal, wenn sie in meinen Armen lag, es war eigenartig, was diese Frau in mir auslöste! Aber auch ich schlief jetzt ruhiger.

Kapitel 23

28. September 1759

Ich wurde vor Alex wach und sah auf ihr friedliches Gesicht, sie machte im Schlaf keinen gehetzten Eindruck mehr. Nur wenn sie wach war, legte sie diese Züge ab und zu an den Tag! Ich betrachtete sie noch kurz und stand dann auf. Ich konnte davon ausgehen, dass sie sofort wach wird, wenn ich aus dem Bett bin und so war es auch.

Hinter mir ertönte eine leicht maulige Stimme, welche mich fragte, warum ich sie denn nicht mitgeweckt hätte! Wir waren beide keine Morgenmenschen, Alex sogar noch weniger als ich! Und ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Als ich wieder im Schlafzimmer war, stand sie an der Kommode und schüttelte sich. Ja, das Wasser war kalt. Wir hatten ja auch keinen Sommer mehr, mir machte so eine Kleinigkeit nichts aus.

Entschlossen schritt sie nackt wie sie war an mir vorbei und ich konnte nicht umhin, an die vorletzte Nacht zu denken. Jetzt könnte ich das kalte Wasser selber gut gebrauchen! Ich saß auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch und sah ihr zu, wie sie ihren Ornat anlegte. Es missfiel mir, dass sie ihn anzog, denn tief in mir drin war der Wunsch wieder entstanden, sie für unsere Sache zu gewinnen! Ich verdrängte diese Gedanken, denn es wäre sinnlos, Alex würde wieder in ihre Zeit gehen und nicht bleiben!

Auf einmal hielt sie inne, als sie ein kleines Messer in den Händen hielt und ich sah einen Anflug von Trauer in ihrem Gesicht. Sie steckte es schnell in ihre Stiefel und ich sprach sie nicht darauf an, denn ich konnte mir irgendwie denken, woran oder an WEN sie gerade gedacht hatte! Dann sah ich, wie sie eine seltsame Waffe hinter den Rücken schob.

Voller Erwartung drehte sich Mrs. Frederickson zu mir um und sah mich aufmunternd an. Sie wollte eine Meinung von mir? Doch ich konnte nur meine Faszination darüber ausdrücken, wie schnell aus einer einfachen Frau eine Assassine wurde. Aber die Waffe interessierte mich dann doch und ich hakte nach!

„Das ist eine Schusswaffe aus meiner Zeit. Ich habe sie gerne dabei, einfach nur aus Sicherheitsgründen. Sie ist schneller, genauer beim Zielen und vor allem, ich muss nicht jede Kugel einzeln nachladen.“ Wie bitte soll das funktionieren, doch Alex ließ mich nicht ausreden und meinte nur, sie würde mir diese Waffe später erklären und drückte mir entschuldigend einen Kuss auf die Wange!

Wir gingen hinunter und Yannick kam mit Mrs. Wallace im Schlepptau aus der Küche. Diese reichte Mrs. Frederickson wortlos und grinsend einen Becher Kaffee. Sie wusste genau, wer in diesem Hause was für Vorlieben hatte. Mir übergab sie lediglich eine Tasse Tee. Es war dann doch zu früh für diesen Kaffee.

Gestärkt gingen wir hinaus und zu der Kutsche, welche uns in Richtung Hopes Anwesen bringen würde. Der Tag fing neblig und trübe an, Alexandra meinte, es sei wie in diesen Romanen, wo es um Duelle ging. Klischeemäßig im Morgengrauen im Nebel. Ich fragte mich, was diese Frau eigentlich so als Lektüre besaß. Vielleicht sollten Faith und ich ihr einfach ein paar vernünftige Bücher mitgeben!

Auf dem Weg hingen wir alle unseren Gedanken nach und ich machte mir doch ein wenig Sorgen um Shay. Was wenn der Chevalier doch unfaire Mittel einsetzte. Oder das ganze Unterfangen nur eine Falle war? Ich versuchte mir aber nichts anmerken zu lassen.

Alex hingegen ließ mal wieder tief blicken. Ihr Gesicht war wieder ein offenes Buch und sie machte sich ebenfalls Sorgen und vermutlich auch Vorwürfe. Den Zorn von Faith schien sie auf jeden Fall zu fürchten, leider zu recht, wenn Master Cormac etwas zustieß.

Wir erreichten kurz darauf das Anwesen und Shay stand schon an einen der Bäume gelehnt. Ich ging auf ihn zu und begrüßte ihn mit der Frage, ob er sich vorbereitet hätte. Der Ire war der Ansicht, er kenne die Kampftaktiken des Franzosen und wisse um dessen Erfahrung und ich solle mir keine Sorgen machen. Seine Frau war auf jeden Fall nicht mitgekommen, vermutlich hatte sie noch im Hospital zu tun.

Es dauerte nicht lange und der Chevalier trat um die Ecke und kam missgelaunt auf uns zu. Noch jemand der kein Morgenmensch war. Ohne uns zu beachten ging er direkt auf Master Cormac zu und als er den Mund aufmachte, kam die erste Beleidigung gleich über seine Lippen. Dieser Mann hatte keinerlei Benehmen und ich musste mich zügeln, ihm nicht doch noch das Schwert in den Leib zu bohren! „Ah, der Bauernlümmel hat es pünktlich geschafft und ist auch noch nüchtern. Welch erfreulicher und zudem seltener Zustand!“

Shay hingegen war ebenfalls nicht um Worte verlegen und der Chevalier erhielt seine verdiente Retourkutsche! „Ich wünsche euch ebenfalls einen guten Morgen! Wie ich sehe, konntet ihr eure alten Knochen noch aus dem Bett bewegen ohne Hilfe!“ Ich schmunzelte in mich hinein. Und prompt wurde Shay belehrt, wohin ihn diese alten Knochen bringen würden!

Das Ganze Machtgehabe wurde durch ein Räuspern der Sekundanten beendet. Gist war für Shay erschienen und ein anderer, mir unbekannter Mann, war für Gaultier anwesend. Gaultiers Sekundant reichte einen Kasten mit den Schwertern und hieß den Chevalier wählen. Dann übergab er den Kasten Shay und dieser nahm die verbliebene Klinge. Unterdessen hatte ich meinen Sinn über die Anwesenden schweifen lassen.

Shay und Christopher waren wie üblich bläulich, genau wie Gaultiers Sekundant. Alex erschien in diesem grellen Goldton, nur der Chevalier war leuchtend rot. Sollte mir das doch zu denken geben? Aber für einen Rückzug war es jetzt zu spät.

Nun vereinbarte man, WAS genau als Siegerprämie in Frage kam und als hätte ich es geahnt, verlangte Louis-Joseph tatsächlich die Jackdaw! DAS kam definitiv nicht in Frage! Gerade als Mrs. Frederickson etwas erwidern wollte, ging ich dazwischen und teilte ihm mit, dass eine andere Prämie, wie zum Beispiel die Übernahme der Reparaturkosten und eine volle Geldbörse sinnvoller wären. Denn dieses Schiff sei mein Erbe und hätte nur eine andere Eignerin!

Mit knirschenden Zähnen und einer tiefgehenden Überlegung, stimmte der Franzose zu. Aber nicht, ohne noch einmal zu drohen, dass er kurzen Prozess mit der Brig machen würde, sollte sie ihm noch einmal begegnen. Und dann eröffneten die beiden Sekundanten das Duell.

Wir gingen alle ein Stück zurück und beobachtete meinen neuesten Zugang im Orden beim Kämpfen. Shay war gut und schnell, da er jünger als der Chevalier war. Doch dieser und das hatte ich ja auch dem Jungen schon gesagt, hatte mehr Erfahrung und größeren Weitblick. Dieser Hass zwischen den beiden war förmlich zu sehen, die Schläge waren teilweise einfach nur unkontrolliert, weil man die Fronten klären wollte!

Yannick neben seiner Mutter fragte dann irgendwann, ob sie nicht eine Wette abschließen sollten. Sollte ich den beiden erzählen, dass ich sie immer verstand, wenn sie Deutsch sprachen? Mrs. Frederickson jedoch fuhr ihm sofort über den Mund mit der Aussage, dass man ja wohl für Shay sei und damit hätte sich die Sache.

Der Junge hingegen war völlig fasziniert von dem Kampf und tat dies auch kund. „Aber das mal so in real zu sehen, ist wahnsinnig interessant. Ich würde auch gerne so mit dem Schwert umgehen können.“ Ohne weiter nachzudenken antwortete ich, aber auf englisch. Der Gesichtsausdruck von Alexandra war einfach bezaubernd, großes Erstaunen wechselte sich mit Besorgnis ab. Sie dachte an die Momente, in denen ich nicht verstehen sollte, was sie besprachen! Doch ich überging das und sprach direkt mit Yannick. „Wenn ihr mehr Zeit hättet, würde ich ja sagen, wir könnten dich unterrichten. Aber ich vermute, dass hiernach eure Heimreise anstehen wird.“

Ich konnte es nicht verhindern, aber eine leichte Traurigkeit schlich sich in meine Stimme. Auch Alex registrierte es. Ihr Sohn wollte gerade zu mir hinüber gehen, als ich nur aus dem Augenwinkel etwas kurz aufblitzen sah und einen Fluch von Shay hörte. Mrs. Frederickson sah einem Gegenstand nach, der in unsere Richtung flog. Zu spät erkannte ich, dass es ein Dolch war, den Master Cormac dem Chevalier aus der Hand geschlagen haben muss. Also trieb er doch ein falsches Spiel hier. Ich war nicht mehr schnell genug und Alex konnte auch nicht so schnell reagieren und das Wurfgeschoss landete im Oberschenkel ihres Sohnes! Sie warf sich gleich neben ihn und hielt Yannick fest. Ich kniete ebenfalls neben den Beiden und warf Louis-Joseph einen vernichtenden Blick zu. Das würde noch ein Nachspiel haben. Doch dieser stand jetzt sprachlos da und starrte auf uns herunter und ich sah eine kleine Schnittverletzung, welche Shay ihm obligatorisch verpasst hatte.

Es war Christopher der dann sagte, wir sollten den Jungen nach Hause bringen und Faith möge doch nach ihm sehen. Wir konnten keinen normalen Arzt holen, denn streng genommen sind Duelle nicht erlaubt und ich wollte mir den Zorn des Militärs nicht unnötig zuziehen. Also verbrachten wir den Jungen jetzt in die Kutsche und fuhren zurück zu mir!

Alex hatte bisher kein einziges Wort gesagt, sie war in Panik und Leichenblass. Genau wie ihr Sohn, der mittlerweile das Bewusstsein verloren hatte. Ich versuchte sie zu beruhigen, als sie zu mir hinüber sah. Doch sie hatte Angst um ihren Nachwuchs, was verständlich war, doch ich vertraute da auf die Fähigkeiten meiner kleinen Schwester!

Kapitel 24

Angekommen zuhause halfen uns die Bediensteten, das Kind nach oben zu bringen. Mrs. Frederickson stand nur neben dem Bett und sagte nichts. Als Mrs. Cormac endlich eintraf schickte sie uns alle hinaus, mit der Bemerkung, dass sich Alex sofort hinlegen sollte, bevor sie in Ohnmacht fällt.

Als Shay, Gist und ich mit ihr draußen vor der Tür standen, sagte sie nur, das wäre eine gute Idee und sackte vor meinen Füßen zusammen. Ich brachte sie hinüber in mein Schlafzimmer und blieb an ihrem Bett sitzen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis Faith bei dem Jungen fertig war. Ich machte mir ernsthaft Sorgen, doch sie teilte uns mit, dass die Wunde nicht tief gewesen wäre und wir nur aufpassen sollten, dass er noch nicht aufsteht. Und sie gab Anweisung, was er essen und trinken sollte.

Danach sah sie sich Alex noch an, gab aber Entwarnung, mit den Worten, es sei nur eine Ohnmacht und nichts schlimmeres. Erleichtert atmete ich auf und Faith verabschiedete sich. Shay und Gist blieben noch unten im Salon und unterhielten sich leise. Ich aber konnte hier nicht von ihrem Bett weg, ich hatte Angst, ich könnte etwas verpassen.

Und wieder ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich diese Frau nicht gehen lassen kann! Ich wechselte den kühlen Lappen auf ihrer Stirn und strich ihr vorsichtig eine Strähne aus dem Gesicht. Ich nahm ihre Hand in meine und versuchte sie zu wärmen, sie war eiskalt! Dann endlich öffnete Alex wieder die Augen und sah mich fragend an. Die erste Frage, nachdem wie lange sie weg war, konnte ich beruhigend beantworten. Genauso wie ihre Besorgnis über ihren Sohn.

Bei dem Gedanken an ihr krankes Kind war sie zu schnell hoch gekommen und ich sah, wie der Schwindel wiederkam. In kurzen Sätzen versuchte ich sie zu beruhigen und gab das wieder, was Faith mir mitgeteilt hatte. Die nächste Frage konnte ich vollstens verstehen, ob sie zu ihm dürfte. Doch ich sähe es lieber, wenn sie sich noch ein wenig erholte. Sie wollte schon die Beine aus dem Bett schwingen, als es an der Tür klopfte.

Hatte man nicht einmal seine Ruhe hier? Shay bat um ein Gespräch unter vier Augen! Ich gab Mrs. Frederickson noch einen Kuss auf die Stirn und ging mit ihm hinunter. Was konnte jetzt so wichtig sein?

Wir gingen in mein Arbeitszimmer und Shay kam gleich auf den Punkt, denn ihm brannte, natürlich, diese Sache mit der Schatulle und dem Manuskript unter den Fingernägeln!

„Master Kenway, wir sollten uns zügig auf den Weg machen, denn ich weiß aus sicherer Quelle, dass wir uns dringend an den Chevalier halten sollten. Doch nach dem Duell ist er abgereist und hat verständlicherweise kein Ziel angegeben.“ Dieser Louis-Joseph war mir ein Dorn im Auge! Er machte nur Ärger.

„Dann solltet ihr den Hinweisen nachgehen und sehen, ob ihr eine weitere Spur findet. Ich werde Charles und Thomas ebenfalls darauf ansetzen.“ und ich merkte, dass ich genervt klang. Aber ich konnte nicht immer alles unter Kontrolle halten.

„Apropos Charles, was erwartet ihn eigentlich noch für eine Strafe? Ihr sagtet, dass er für seine abscheuliche Tat an Mrs. Frederickson bezahlen wird. Und wenn ich offen sein darf, ungestraft sollte man ihn nicht davon kommen lassen!“ kam es neugierig von Shay mit einer sehr freudigen Erwartung in der Stimme.

Er hatte Recht, was konnte ich tun, um Lee zu bestrafen? Ich konnte ihn schlecht des Ordens verweisen. Er war wichtig für uns, unser Werk und die Armee. Das war eine schwierige Frage und sie lastete schon einige Tage auf mir. Ich konnte Alexandra verstehen, dass sie ihn bestraft sehen wollte. Doch so einfach war das nicht. Faith war derselben Meinung wie sie, sie hatte einen großen Hass gegen ihn. Und... wenn ich ehrlich sein darf, war er wirklich mehr ein Sadist als ein Menschenfreund. Ihm waren seine Mitmenschen egal, es sei denn, sie brachten für ihn einen Nutzen und seiner Karriere!

„Wir werden sehen, Master Cormac. Und erst einmal muss der Junge wieder auf den Beinen sein, dann sehen wir weiter.“ Ich erhob mich, denn meine Gedanken waren in weite Ferne gerückt. Diese Frau machte mich wahnsinnig und nicht nur mich, ich sah es Master Cormac an. Er war alles andere begeistert. Umgekehrt sollte er sich aber auch einmal Gedanken über seine Taten machen, wenn es um seine Frau und meine kleine Schwester ging. Er würde über Leichen für sie gehen!

Würde ich das auch tun? Würde ich für diese Frau ebenso handeln? Die ganzen Lektionen von Reginald waren dahin, denn ich konnte meine Emotionen nicht so verbergen, wie ich es gerne wollte und ich spürte, dass auch Shay meinen Zwiespalt sah. Innerlich hoffte ich, dass er mich verstehen würde. Doch irgendwie hatte ich immer mehr den Eindruck, dass er nicht gut zu sprechen war auf Mrs. Frederickson.

Wir besprachen noch kurz das nächste Prozedere und waren uns vorerst einig, dass wir in den nächsten Tagen aufbrechen werden, um diese Artefakte wieder an uns zu bringen! Jetzt musste ich es nur noch Alexandra erklären. Warum in drei Teufels Namen, fiel mir das so schwer?

Ich erhob mich und verabschiedete den Iren. Langsam ging ich die Treppe hinauf, ich vermutete Alex bei ihrem Sohn, denn... sie war Mutter. Meine eigene hätte auch an meinem Bett gesessen. Und ich fühlte wieder diesen Stich, dass ich sie vermisste!

Vorsichtig klopfte ich und trat dann ein. Als ich Mrs. Frederickson sah, fühlte ich mich erleichtert, denn sie hatte wieder Farbe im Gesicht und sah besser aus, als noch vorhin. Mrs. Wallace hatte wieder ganze Arbeit geleistet.

Als ich aber sagte, dass ich diese Frau zur Not auch einsperren würde, damit sie Shay nicht in die Finger bekäme, wäre ich am liebsten im Erdboden versunken. Denn... hatte ich mit Alex etwas anderes gemacht? Und auch sie bemerkte meine Aussage und drückte nur meine Hand, denn sie schien es zu verstehen, dass ich es nicht so gemeint hatte.

Plötzlich wurde Yannick wach und rief nach seiner Mutter, doch es dauerte nicht lange und er war wieder eingenickt. Alex war schon wieder in voller Alarmbereitschaft und ich fand es erstaunlich, wie schnell sie reagieren konnte, wenn es um das Wohl ihres Kindes ging. „Was hat Miss Cormac denn noch erzählt? Wie lange wird es dauern, bis Yannick wieder auf den Beinen ist?“ Es klang weniger nach einer interessierten Frage, als nach einer Ablenkung, die sie suchte. Aber auch dahingehend konnte ich sie beruhigen, denn in drei oder vier Tagen sollte er wieder auf den Beinen sein.

Als ich erklärte, dass Faith den Rat gegeben hatte, dem Jungen Wein in geringen Mengen zu geben, bekam ich es mit der Angst zu tun. Denn Mrs. Frederickson kicherte völlig ungehalten und fragte nur, ob das mein Ernst sei. Doch sie erklärte mir dann, dass es in ihrer Zeit unüblich, sogar ungesund sei, so viel Wein oder ähnliches zu sich zunehmen. Er sollte ja auch kein ganzes Fass leeren und als ich versprach, darauf zu achten, dass es eine überschaubare Menge blieb, sah ich plötzlich eine Trauer in ihrem Gesicht. Doch woher sie rührte, konnte ich nicht deuten.

Dann erklärte sie mir, dass sie die Nacht lieber hier verbringen wollte. Auf der einen Seite konnte ich das verstehen, aber mein Herz hatte kein Verständnis, doch ich unterband dieses Gefühl und fragte, ob ich ihr helfen könne, ein paar Sachen hierher zu holen. Alex wollte jedoch selber nachsehen, was sie benötigt und als ich sah, dass sie schwankend aufstand, hielt ich sie fest, aus Angst sie könne wieder in Ohnmacht fallen.

Sie lächelte mich aber nur an und sagte, ihr sei der Fuß durch das unbequeme Sitzen eingeschlafen. Das beruhigte mich und so gingen wir hinüber in mein Schlafzimmer. Umständlich kramte Alex ein paar Dinge zusammen und es fiel ein Buch aus der Truhe. Eines was ganz anders aussah, als die Bücher die ich kannte. Es war ein bunter Einband und es war ein Mann darauf abgebildet.

Es hieß „Forsaken“ und ein Oliver Bowden hatte es geschrieben. Da ich ebenso neugierig wie meine Mrs. Frederickson bin, schlug ich es auf und staunte nicht schlecht. Auf der ersten Seite las ich nur Auszüge aus Haytham E. Kenways Tagebüchern. Im ersten Moment fehlten mir die Worte und ich las die nächste Seite, es fing mit meinen damals neuen Einträgen an, nach dem Tod von Vater! WIE war das möglich?

Kapitel 25

Alex sah mich erschrocken an und sie suchte nach einer Erklärung! Ja, die hätte ich gerne, denn es war … es war einfach ein Unding, in meinen privaten Aufzeichnungen zu lesen, oder wie hier, auch noch öffentlich zu machen. Was fiel diesem Mann überhaupt ein. „Haytham, ich hatte dir doch von solchen Aufzeichnungen erzählt und dass es eben auch Briefe und Tagebücher von dir gibt.“

Ich musste meine innere Ruhe wieder gewinnen, doch es fiel mir verdammt schwer. Ich fühlte mich hintergangen! Die Erklärung die ich von Alex bekam, war jedoch logisch und einleuchtend.

„Sieh es doch einmal von meiner Seite. Für uns liegen diese Ereignisse schon über 250 Jahre zurück. Für unsere Forscher sind das wichtige Dokumente, die uns die Geschichte und ihre Hintergründe näher bringen. Was würdest du mit einem Tagebuch oder einem anderen Schriftstück machen, welches so alt wäre? Hättest du da auch moralische Bedenken?“

Trotzdem hatte man meine persönlichen Dinge durchwühlt und das konnte ich einfach nicht gutheißen. Ich blätterte weiter und las einige Absätze. Es war ein unangenehmes Gefühl, die eigenen Gedanken zu lesen, wenn sie ungewollt jemand anderes aufgeschrieben hat. Ihre Hand legte sich beschwichtigend auf meinen Arm, sodass ich sie ansehen musste. „Haytham, du solltest nicht jetzt darin lesen. Du weißt, was du damals geschrieben hast. Belaste dich jetzt nicht mit der Vergangenheit. Bitte, tu mir den Gefallen!“ Doch ich konnte nichts sagen, mich überkam die Trauer von damals, als ich an Vaters und Mutters Tod dachte.

Jetzt flehte sie mich regelrecht an, ihr zu antworten und ich sah in ihren Augen, dass sie Angst hatte. Vor mir? Und ich versuchte mich zu erklären, ich wollte wissen warum man danach gesucht hatte. Angeblich wäre es nicht so gewesen, diese Dinge wurden einfach weitergereicht. Mein Misstrauen kehrte zurück bei diesen Worten, denn Alex war Assassine, keine Templerin. Wie kam sie also an dieses Buch? Ich setzte meinen Blick ein und erntete prompt ein „Lass das, ich mag das nicht!“ Doch ihre Aura war wie immer, golden.

Dann drehte sie sich zu ihrer Truhe und holte ein kleines Buch heraus und reichte es mir, mit den Worten, es wäre ihr Tagebuch und ich sollte darin lesen! Sie wollte mich nur beruhigen, doch irgendwie spürte ich, dass es wirklich so war. Aber ich gab es ihr einfach zurück. Denn ich wollte jetzt nicht damit anfangen. Ihre Bemerkung, dass ich ja vermutlich auch noch eine Art Kopie hätte, so etwas wie eine unzensierte Variante meiner Aufzeichnungen, fand ich erschreckend, denn so war es. Entweder ahnte sie es nur, oder sie wusste es, doch das würde ich vermutlich nie erfahren!

Plötzlich hatte ich einen Kuss von ihr auf der Wange und als ich wissen wollte, wofür der war, bekam ich eine sehr beruhigende Antwort. „Der war einfach für dich, weil ich dich nämlich durchaus verstehen kann. Aber ich kann ja nicht ändern, dass ich dieses Buch in die Finger bekommen habe. Und wenn ich ehrlich sein darf, dort stehen gar nicht so spannende Sachen. Die erlebe ich dann doch lieber direkt mit dir!“ Das war mein Stichwort, ich schnappte mir ihre Taille und schon lag sie auf ihrem improvisierten Nachtlager unter mir und ich würde ihre gerne bei diesen Erlebnissen behilflich sein!

Auf einmal hörten wir nur noch lautes Rufen über die Galerie hinweg, es war Yannick. Alex war vor mir dort und als ich eintrat sah ich den Jungen auf dem Boden liegen, den Kopf auf dem Schoß seiner Mutter. Er funkelte mich wütend an mit diesen fiebrigen Augen und sagte nur „Du schienst ja wieder BESCHÄFTIGT gewesen zu sein mit diesem Templerabschaum!“ Mir fehlten die Worte und ich drehte mich um und ging. Denn sonst hätte ich die Beherrschung verloren! Dieser Bursche erlaubte sich in meinen Augen einfach zu viel, auch wenn man jetzt sagen könnte, dass das Fieber schuld sei. Doch es ist einfach eine Erziehungsfrage in meinen Augen und die Standards dafür scheinen im 21. Jahrhundert sehr gesunken zu sein.

Ich schickte Jones nach oben, dass er hilft Yannick wieder ins Bett zu bekommen und dann ließ ich Mrs. Cormac wieder rufen. Sicher ist sicher, dachte ich mir nur. Aber in mir kochte es und ich konnte mich nicht abreagieren. Also tat ich das, was ich am besten konnte. Ich ging einfach hinaus und stand auf der Außenmauer des Forts und sah hinaus aufs Meer. Meine Nerven beruhigten sich so langsam und ich fühlte mich wieder in der Lage hinein zugehen!

Gerade als ich die Treppe hinauf wollte, hörte ich einen Schmerzensschrei von einem Mann und sah nur, wie Mrs. Frederickson, grün im Gesicht, mich kurz ansah und dann an mir vorbei nach unten rannte. Auf dem Treppenabsatz oben hing auf allen Vieren Charles und hatte sich gerade übergeben und aus seiner Nase schoss das Blut.

Er hatte sich nicht ernsthaft hier wieder Zutritt verschafft und wollte dort weitermachen mit Alex, wo er unterbrochen worden ist damals? Mit schnellen Schritten war ich bei ihm und zerrte ihn am Kragen hoch. „Charles, sagt mir, dass ihr andere Absichten hattet, als das letzte Mal. Ihr lebt gerade sehr gefährlich und ich muss mich arg zusammen reißen, euch nicht meine Klingen in den Leib zu rammen!“

Doch er brachte nur ein ersticktes „Entschuldigung“ hervor. Ich zerrte ihn die Treppe hinunter und bat eines der Mädchen die Sauerei dort oben weg zu machen. So stand ich kurz darauf mit Lee vor der Tür und teilte ihm mit, dass er bis auf weiteres suspendiert wird und ich ihn hier nicht mehr sehen wolle. Mit eingezogenem Schwanz schlich er davon und was sollte ich jetzt tun?

Diese Frau hatte es nicht leicht in den letzten Tagen, musste denn jetzt auch noch zum zweiten Mal dieser Bastard hier aufkreuzen und sie belästigen? Als ich in den Eingangsbereich kam, kam mir Mrs. Wallace entgegen und sagte, dass Alex draußen auf der Außenmauer stehen würde. Ich ging hinaus und direkt auf sie zu. Sie stand gedankenverloren dort oben und ich nahm sie einfach in meine Arme, keine Entschuldigung könne es wieder gut machen, sagte ich. Als ich sie ansah und mich eher laut selber fragte, wie das passieren konnte, durchlief ihr Gesicht ein Chaos an Gefühlen mal wieder.

Und schon bekam ich wieder ihre ganze Wut und den Hass ab. „Woher soll ich das wissen? Anscheinend gibt es Sicherheitslücken! Vielleicht solltest du vernünftige und besser ausgebildete Leute einstellen, denn... gutes Personal ist schwer zu finden! DAS waren deine Worte, die du Shay ja noch gepredigt hast!“ Es tat mir leid, aber das war zu viel und auch ich ließ jetzt meine eigene Wut an ihr aus und sagte nur mit meiner mir so eigenen Templerart: „Nein, vielleicht sollte ich aufhören, so gutmütig und hilfsbereit zu sein. Ich bin anscheinend zu sehr abgelenkt!“ Ich schob sie grob von mir und ging einfach wieder ins Haus. Ich wollte mich nicht belehren lassen, nicht wenn ich selber nicht wusste, was ich machen sollte. Dieses Gefühl war einfach unerträglich für mich, so etwas hatte ich noch nie in mir gehabt. Es war wie eine gewisse Machtlosigkeit und das war nicht gut, so sollte es nicht sein.

Und wieder stand ich im Eingangsbereich und sah mich hilfesuchend um. Doch das Personal war mit Aufräumen beschäftigt und ich sah und hörte niemanden sonst. Yannick schien es wohl gut zu gehen, denn als ich Faith sah, wie sie aus dem Zimmer kam, konnte ich erkennen, dass sie guter Dinge war. Ihr Blick wanderte über das Malheur auf dem Teppich und dann zu mir.

Langsam kam sie die Treppe hinunter und auf mich zu. „Dem Jungen geht es soweit ganz gut, ich musste die Wunde noch einmal nähen, aber er sollte sich jetzt vorsichtiger bewegen, Haytham. Und dann werde ich einen Tee hierlassen, den er regelmäßig trinken sollte.“ Doch irgendwie hörte ich ihr nicht richtig zu und nickte nur. Kopfschüttelnd ging sie Richtung Küche und ich ging, nachdem ich meinen Gehrock übergestreift hatte, auf die Straße. Ich musste alleine sein!

Ich war kaum aus der Tür, schon eilte mir Alex` erster Maat entgegen und fragte, wie es denn Yannick ginge und ihr und … ich hatte keine Lust, mich mit ihm auseinander zusetzen. Also erzählte ich in kurzen Sätzen, was passiert war und deutete nach oben. So würde er sie schon finden.

Derweil ging ich weiter und meine Füße trugen mich Richtung Hafen, zur Brig meines Vaters. Es war immer noch ein eigenartiges Gefühl, wenn ich sie sah und wusste, dass nicht Edward Kenway der Kapitän war, sondern jetzt eine fremde Frau. Nunja, ganz fremd ja nicht, dennoch besaß sie einen Teil meines Vaters.

Kapitel 26

Ich stand am Kai und sah auf die Jackdaw. Sie war wirklich wunderschön und Vater hatte nicht gelogen, als er sagte, in der untergehenden Sonne wäre sie eine Schönheit ohne Gleichen! Aber ich wusste auch, die Brig war in guten Händen und sie würde noch viele Jahre überdauern, dank dieser Umbaumaßnahmen, wie Alex es nannte.

Irgendwann ging ich dann doch wieder zurück, denn ich musste Mrs. Frederickson noch mitteilen, dass Shay und ich einige Zeit fort sein würden. Ich bezweifelte, dass sie nach diesem Vorfall jetzt auf mich warten würde und wieder hatte ich den dringenden Wunsch, diese Frau bei mir zu behalten! Es war zum Verrückt werden, verdammt! Und meine Worte von vorhin hatten sich in meinem Kopf in Luft aufgelöst. Ich hoffte, wir könnten immer noch... einen Einklang finden!

Als ich zuhause ankam, war es völlig still. Mrs. Wallace kam auf mich zu und nahm mir den Gehrock ab und fragte, ob ich etwas essen wolle. Ich lehnte dankend ab, danach war mir gerade nicht. Stattdessen nahm ich mir ein Glas von dem Portwein und wartete auf die Wirkung. Dann spürte ich, wie sich mein Geist ein wenig beruhigte und ich ging hinauf, auf dem Weg überlegte ich mir, wie ich es ihr sagen sollte.

Vorsichtig öffnete ich die Tür zum Krankenzimmer und sah, wie Alex auf dem Bett saß mit dem Rücken am Kopfende. Sie las in einem Buch, vermutliche eines aus meinem Arbeitszimmer. Seltsam, sie als Assassine bemerkte nicht einmal, dass ich eingetreten war. Deshalb ging ich jetzt einfach weiter und stellte mich neben sie und sah auf sie herab. Mit einem Satz flog ihr das Buch aus der Hand und erschrocken kam nur „Bei Odin, Haytham, musst du dich so anschleichen?“ von ihr. Meine Zweifel bezüglich ihrer Fähigkeit als Assassine tat ich kund, auch wenn es nicht gerade förderlich war in diesem Moment. Doch sie sollte wissen, was sie verbessern könnte.

Nachdem ich mich erkundigt hatte, eher pro Forma als aus Unwissenheit, wie es Yannick ging, fing sie an, sich für ihn zu entschuldigen. Doch ich musste ihr dazwischen fahren, denn nicht SIE musste sich entschuldigen, sondern ihr SOHN! Und mir kam ein ganz anderer Gedanke in diesem Moment. Was musste dieser Junge über mich denken? Was erzählte man denn für Schauergeschichten über mich in ihrer Zeit? Würde ich in naher Zukunft schlimme Dinge tun? Oder lag es einfach nur an dem ewigen Zwiespalt der Assassinen und Templer? Auf diese Frage hin, stieg ihr eine ertappte Röte ins Gesicht. Also hatte auch sie so einiges über mich erfahren und ihrem Nachwuchs berichtet. Mehr als ein „Ich verstehe!“ brachte ich jetzt noch nicht zu Stande.

Plötzlich fing sie an zurück zu rudern. „Nein, nein... du verstehst das falsch. Es ist nicht so, wie es aussieht! Haytham, es ist einfach die Tatsache, dass wir als Assassinen seit je her eingetrichtert bekommen, dass die Templer ja die Bösen sind. Und... was deine Person angeht, nunja. In unseren Reihen gibt es immer noch Skeptiker, die nicht verstehen wollen oder können, warum du dem Templerorden treu geblieben bist, obwohl du doch wusstest, dass dein Vater Assassine war!“

Jetzt war es an mir, ihr mitzuteilen, wie ich wirklich dachte. Denn ich haderte seit geraumer Zeit mit mir und meiner Stellung als Großmeister. Ich würde dem Orden sicherlich nicht gänzlich den Rücken kehren können und auch nicht wollen, denn ich hatte einfach eine moralische Verpflichtung. Jedoch würde ich es begrüßen, wenn man eine gewisse gemeinsame Arbeit und Ebene schaffen konnte. Eine Art Kompromiss mit den Assassinen, denn ich vermutete einfach, dass wir gemeinsam mehr erreichen können.

Bei diesen Worten wurde Alex leichenblass und sah mich erschrocken an. Hatte sie nicht ebenfalls solche Gedanken? Hatte ich jetzt einen Fehler begangen? Oder wusste sie wieder etwas, was ich erst später erfahren würde?

Auf ihre Aussage, dass das ja wohl nicht mein Ernst sei, sagte ich nur, dass sie mir einen einzigen Grund nennen sollte, warum nicht! Sie schien wirklich in Panik zu sein, irgend etwas hatte ich bei ihr in Gang gesetzt, nur WAS wusste ich noch nicht.

„Weil... du bist in den Kolonien der Großmeister. Bisher gibt es hier ja noch niemanden. Und... weil deine Gefolgsleute dir gegenüber loyal sind, aber werden sie es auch noch sein, wenn du ihnen DAS offenbarst? Und vorhin hast du selber noch gesagt, du weißt was du willst und wer du bist und würdest deshalb den Templern treu bleiben!“

Ich versuchte es mit Logik und Vernunft und teilte ihr meine Gedanken mit, dass ich meine Männer schon auf meiner Seite weiß und sie mir weiterhin loyal zur Seite stehen würden. Aber dass ich eben meine Zweifel nicht so einfach aus dem Weg räumen konnte!

Was jetzt kam, hätte ich mir denken können, doch als ich es von ihr noch einmal hörte, durchbohrte mich die Angst, wieder alleine zu sein. Alleine OHNE sie!

„Wenn du dich entscheidest, dem Templerorden, auch wenn es nicht ganz ist, den Rücken zukehren, dann kann es passieren, dass ICH nicht mehr zurück kann oder mein ganzes Leben verändert wird! Du könntest genau jetzt mit einem einzigen Satz MEIN Leben verändern! Ach verdammt, ich hätte einfach nicht noch einmal eine Zeitreise machen sollen! Es war eine dumme Idee!“

Ich konnte nicht anders, meine Gefühle brachen sich Bahn und ich konnte sie nicht mehr stoppen. Sie hatte keinen Fehler begangen, nur vielleicht den mit der Jackdaw, doch das war ein anderes Thema. Ich versuchte zu erklären, WAS genau ich gerade empfand und das ich genau jetzt wusste, was ich will. In ihrem Gesicht konnte ich mal wieder lesen, wie in dem offenen Buch am Boden! Sie dachte an meine Zeit mit Ziio, doch nicht eifersüchtig, sondern sie schien sich zu fragen, ob es nicht ähnlich wie bei ihr war.

Also erklärte ich weiter, weswegen es etwas anderes war und warum ich immer mehr den Orden anzweifelte. Die Geschichte mit Reginald und der Selbstmord von Holden, den ich bis heute nicht richtig verarbeiten konnte.

Alex kam mit dem Argument, dass sie mich doch auch belogen hätte, auch wenn es nur eine Notlüge war. Doch das war etwas anderes. Jetzt kam aber das, wovor sie sich fürchtete. Mrs. Frederickson hatte Angst, sie hätte jetzt genau in diesem Moment etwas angetreten, was so noch nicht hätte sein dürfen. Dieses Risiko kannte sie und war es eingegangen. Jetzt war es eh zu spät und wir konnten nur noch das beste daraus machen!

Doch ich konnte meinen Wunsch, dass sie ganz bei mir blieb noch nicht vor ihr äußern, etwas hielt mich noch davon ab, aber ich konnte einen kleinen Anfang machen. So versuchte ich es mit dem Argument, dass ich sie nicht überreden werden könne, hier zu bleiben und dass uns beiden die Risiken durchaus klar waren. Als ich aber an dem Punkt ankam, an dem ich ihr sagen wollte, dass ich sie noch eine Weile gerne bei mir hätte, fing ich an zu stottern.

Sie bemerkte meine Unsicherheit und schlang ihre Arme um mich und sah mich mit diesem Leuchten in ihren Augen an und ich drohte wieder zu versinken. Ich nahm mir mein Herz und sagte, dass ich es gerne sehe, wenn sie noch hier bliebe bei mir. Und ihre Antwort brachte mich in eine gewisse Hochstimmung und ich drückte sie nur an mich. Denn auch Alex hatte genau das gleiche im Sinn!

Ein schmerzerfülltes „Mum“, welches ich meinem Sohn verbieten würde, es war seine Mutter, wachte Yannick auf. Sofort war Alex in ihrer Rolle als Mutter, diese Wandlung fand ich immer noch faszinierend, wie schnell sie von Statten gehen konnte. Sie unterzog dem Jungen einer kurzen Inspektion mit vielen Fragen, nach seinem Befinden und dieser war sichtlich genervt, da er noch nicht ganz wach war.

Wie lange er hier schon liegen würde, war die nächste Frage. Alex erklärte in kurzen Sätzen was bisher geschehen ist und Yannick erzählte von seinen wirren Träumen. Ich verstand nicht wirklich etwas, denn es war für ihn ein Albtraum gewesen. Scheinbar hatte er auch von zuhause geträumt. Wie gerne würde ich mehr über sie erfahren, dachte ich für einen kurzen Moment!

Als Mrs. Frederickson nach dem Wasserkrug griff, fielen mir Faiths Worte wieder ein, dass er doch Wein bekommen sollte. Also machte ich mich auf den Weg nach unten. So konnten die beiden auch noch kurz ungestört reden. Der Junge hatte mich bis jetzt nicht beachtet, er schien wirklich nicht gut zu sprechen zu sein auf mich. Doch dafür konnte ich nichts, oder doch? Aber dafür wäre später noch Zeit.

In der Küche angekommen, bat ich eines der Mädchen, mir Wein und ein Glas zu geben und gleichzeitig orderte ich Essen für den Patienten. Denn auf nüchternen Magen wäre Alkohol nicht gut. Sybill freute sich sichtlich, dass er wieder wach war und machte sich gleich an die Arbeit.

Oben angekommen, stellte ich beides auf den Nachttisch und sagte, dass er gleich noch etwas zu essen bekommen würde. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Alex ihren Sohn anstieß und in meine Richtung nickte. Also hatte sie ihn bereits instruiert, sich zu entschuldigen. Ich konnte mir ein Grinsen leider nicht verkneifen, denn Yannick brachte wirklich nur Zähneknirschend ein „Entschuldigung für vorhin“ hinaus. Alex sah mich an und ich lächelte auf sie herunter.

Meine Erklärung, dass er sich in Zukunft einfach besser beherrschen sollte, weil er sonst Gefahr lief auch mal an den Falschen zu geraten, brachte eher mäßigen Erfolg. Aber ich akzeptierte die Entschuldigung. Ein Schweigen breitete sich aus, welches aber von Mrs. Wallace und dem Essen unterbrochen wurde.

Nachdem ich sie entlassen hatte für heute Abend, saßen wir am Bett des Patienten und sahen zu, wie er mit Heißhunger die Speisen runter schlang. Als er mit seiner Mahlzeit fertig war, lobte er, nunja es klang ein wenig seltsam, die Kochkünste von Mrs. Wallace!

Ich hatte mir einen Stuhl an das Bett geholt und saß da, ohne recht zu wissen, wie ich anfangen sollte. Alex bemerkte mein zögerliches Verhalten und fragte mich frei raus, was los sei! Dann berichtete ich ihr von der geplanten Reise mit Master Cormac und das ich vermutlich einige Zeit weg sein würde. Doch ich hätte auch direkt sagen können worum es geht, denn sie wusste natürlich, dass es um die Vorläufer-Artefakte ging!

Doch auch Mrs. Frederickson musste sich eingestehen, nicht alles zu wissen. Ich sah in ihrem Gesicht diese leichte Frustration aufkeimen. Auch erwähnte sie, dass es diese Lücken im Leben von Shay gab, weswegen sie nicht alles genau wusste.

Kapitel 27

Es fiel mir schwer, sie zu fragen, ob sie auf mich hier warten würde, denn ich hatte Angst vor der Antwort. Doch ich wollte es wissen, also wappnete ich mich und sah sie dabei an. Alex sah mich völlig erstaunt an. „Wie... Warum sollte ich nicht mehr hier sein?“ Ich sah zu Yannick und dann wieder zu ihr und versuchte zu erklären, dass wir womöglich länger als nur ein paar Tage unterwegs seien.

Ich sah ihre Enttäuschung in den Augen und ich hätte mich selber ohrfeigen können, dass ich so unvorbereitet daran gegangen bin. Und ich muss sagen, dass ich ihre Bitte, die Reise noch um drei oder vier Tage zu verschieben durchaus nachvollziehen konnte und ich würde mit Master Cormac darüber beraten. Denn wenn ich ehrlich bin, ich würde derzeit am liebsten Tag und Nacht mit dieser Frau verbringen, denn sie gab mir eine Kraft und innere Ruhe, die ich schon längst vergessen hatte.

Plötzlich sah Alex zum Bett und wir bemerkten erst jetzt, dass der Patient eingeschlafen war. Vermutlich hatte ihn unser Gespräch gelangweilt. Allmählich wurde ich aber auch müde und stand auf und verabschiedete mich, aber nicht ohne einen fragenden Blick, ob ich alleine schlafen müsse.

Mrs. Frederickson schlang ihre Arme um meinen Nacken, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab mir einen durchaus langen und angenehmen Kuss. Doch auch sie wünschte mir eine gute Nacht, bot jedoch ihre Hilfe an, sollte ich sie benötigen, natürlich mit einem Augenzwinkern. Diese Frau machte mich einfach wahnsinnig, aber genau das war es, was mich so an ihr faszinierte.

Leider konnte ich ein frustriertes Seufzen nicht unterdrücken, gab ihr aber auch noch einen Kuss und ging dann hinüber.

Als ich schon halb im Bett lag, klopfte es zögerlich und ich wunderte mich schon, doch als ich die Tür öffnete, warf sich mir Mrs. Frederickson entgegen und schob mich direkt zum Bett. Ich protestierte nicht, auch wenn es für mich ungewohnt war, wenn eine Frau die Initiative ergriff. Aber es war ein sehr angenehmes Gefühl und ich ließ es geschehen, denn ihr Körper und ihr Geruch machten es mir leicht, nichts außer uns mehr wahrzunehmen.

Sie war fordernd und nahm sich, was sie wollte und das im wahrsten Sinne des Wortes. Als sie vor mir kniete mit diesem Blick, der zu mir aufsah und ich nur noch ihre Lippen und ihre Zunge spürte, war es vollends um mich geschehen. Ich griff in ihre Haare und lenkte Alex... nur ein bisschen. Aber diese Augen... es war als wäre ich zuhause, als wäre ich angekommen, ich musste mich nicht verstellen oder jemand anderes sein. Ich konnte mich völlig auf sie einlassen, es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich solche Gefühle hatte und sie auch zuließ. Und ich wollte, dass es nie endet!

Irgendwann lag sie schwer atmend an meiner Brust und ich konnte loslassen. Ich hielt sie fest, so als könnte ich verhindern, dass Alexandra bald gehen würde. Wir hatten diese innere Ruhe wieder und lagen völlig entspannt neben einander.


29. September 1759


Irgendwann wurde ich wach und fühlte diese, noch immer, ungewohnte Wärme neben mir. Ich sah auf meine... ja, was war Alex denn jetzt für mich? Eine Affäre? Nein! Sie war etwas, dass man nicht benennen konnte! Mrs. Frederickson war eine Frau, die mich neugierig machte! Ihr Gesicht war völlig entspannt und sie drehte sich auf den Rücken und ihre Brüste lagen frei, doch nicht nur diese und ich begann, ihren Körper zu erkunden. Es war mir egal, ob sie wach war oder noch schlief. Ich konnte davon ausgehen, dass sie durch meine Berührungen erwachte. Denn ich spürte, dass ich mich nicht mehr lange zügeln können würde.

Meine Hände bahnten sich ihre Wege über ihren Hals, über ihre Brüste und fanden schnell ihr Ziel, welches Alex leicht aufstöhnen ließ. Doch sie war noch nicht ganz wach, also fuhr ich fort und … dann klopfte es! Das durfte doch nicht wahr sein... ging es mir durch den Kopf und ich sah, wie Alex mit den Fäusten auf die Matratzen schlug. Also war auch sie nicht begeistert von der Störung!

Als ich kundgetan hatte, dass wir bald unten erscheinen würden, wegen des überaus unpassenden Besuchers, kam es mal wieder in ihrer ganz eigenen Art „Ein Großmeister der Templer der eine Mission nicht zu Ende bringt... den sollte man zügig ersetzen oder ihm Nachhilfe geben!“ denn ich hatte mich nicht mehr bewegt, ich wollte diesen Moment inne behalten.

Sie schlängelte sich aber unter mir hinweg und gab mir mal wieder eine Kostprobe ihrer Fähigkeiten, mich einfach so zu nehmen, ohne Kompromisse. Was sollte ich tun? Ich ließ es geschehen, denn es war eine Art Befreiung für mich und ich sah, dass auch sie diesen Gedanken hatte!

Doch ich konnte auch sehen, dass sie sich immer wieder diesem Gedanken hingab, was passiert, wenn sie wieder in ihre Zeit reisen würde. Aber ich wollte nicht darüber nachdenken. Dafür gäbe es später noch Zeit genug! Das es anders kommen sollte, wusste ich ja noch nicht!

Alex war hellwach, doch ich hegte die Hoffnung, sie würde bleiben wo sie ist, damit ich dort weitermachen konnte, wo ich angefangen hatte. Sie jedoch fing an, sich für den Tag zurecht zumachen. Ich war derweil schon fertig, auch wenn ich, warum auch immer, genau JETZT ihre Arbeit an meinen Haaren vermisste. Ich schüttelte diesen Gedanken ab und gab ihr einen innigen Kuss und sagte, dass ich bald zurück bin... oder dachte ich es nur? Ihre Augen sagten, dass sie es verstand. Das musste aber ja nichts heißen!

So ging ich dann etwas frustriert nach unten. In meinem Arbeitszimmer wartete ein etwa 35 jähriger Mann und besah sich meine Sammlung an Büchern. Denselben Ausdruck in den Augen hatte ich auch schon bei Alexandra wahrgenommen.

Als ich eintrat, drehte er sich um. „Ah, ihr müsst Master Kenway sein, nehme ich an?“ kam es von diesem Mann. Dieser Akzent! Irgendwie klang er ähnlich dem, welchen Alexandra inne hatte! Etwas verwundert und erstaunt nickte ich und reichte ihm meine Hand. Es war ein seltsames vertrautes Gefühl, doch ich konnte es nicht zuordnen.

Er erzählte mir, dass er über Freunde erfahren hätte, dass dieses Haus zum Verkauf stehe und er es gerne erwerben würde. Und ob es noch zum Verkauf angeboten wurde, wollte er wissen. Doch ich verneinte, denn mir war nichts dergleichen bekannt. Denn ich war alleiniger Eigentümer und niemand würde dieses Haus verkaufen wollen, ohne meine Zustimmung.

Wir unterhielten uns danach noch über Belanglosigkeiten und ich hatte eher den Eindruck, er wolle sich einen gewissen Überblick verschaffen, über die Räumlichkeiten! Es war seltsam wie er sich bewegte, aber es war auch etwas Vertrautes darin. Seine Art war mir nicht fremd, wenn auch etwas eigenwillig.

„Master Kenway, solltet ihr eure Meinung doch noch ändern, dann findet ihr mich unter dieser Anschrift in der Pension!“ damit reichte mir Mr. Engelhardt, so lautete sein Name, einen Zettel mit der Anschrift der Finnegan-Pension.

Ehrlich gesagt, war ich froh, dass dieser Mann einfach wieder ging, ohne dass ich noch etwas sagen musste. Als wir in den Eingangsbereich traten, sah ich Alex auf der Treppe. Ihr Blick glitt von mir zu Mr. Engelhardt und wieder zu mir. Langsam kam sie die Stufen hinunter und sah auf diesen Mann... Ihr Blick war unergründlich, gar fragend, doch ich sah, dass sie nicht wusste, was gerade geschah. Am Fuße der Treppe, sackte sie plötzlich zusammen und ich hörte eine seltsame Melodie, welche dieser Herr summte und zufrieden mein Haus verließ. So sah es für mich aus! Für einen kurzen Moment, hatte ich den Eindruck, als wäre die Sonne heller geworden, als dieser Mann verschwand!

Ich konnte nur noch Mrs. Frederickson in mein Schlafzimmer bringen, denn sie war Ohnmächtig, so dachte ich. Aber was hatte diesen Anfall ausgelöst? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen und ich bekam es mit der Angst zu tun. Ich ließ Faith rufen, auch wenn es so früh am Morgen war, ich brauchte Gewissheit, dass ihr nichts fehlte und sie wieder aufwachen würde.

Eine geschlagene Stunde später, hielt Mrs. Cormac es dann auch mal für nötig, hier zu erscheinen. Meinen Unmut ließ ich auch gleich das Ehepaar spüren. Doch meine kleine Schwester ließ sich nicht davon beirren und drückte mir mein Patenkind auf den Arm. Dann ging sie in die Küche und anschließend nach oben.

Mit July und Shay ging ich in den Salon und wir warteten. Meine Patentochter half mir, mich zu beruhigen und ich fragte mich mal wieder, ob ich irgendwann einmal eigene Kinder haben werde. Shay und ich versuchten diesem Mädchen jetzt zum tausendsten Male diese vermaledeite Assassinenpuppe auszureden. Was hatte sich Faith dabei gedacht, ihr so etwas zu schenken. Gerade als wir mit guten Argumenten für den Orden anfingen, erschien sie im Salon.

Auf ihrem Gesicht konnte ich sehen, dass sie mit sich unzufrieden war. Auf meine Frage, was Alex fehlte, bekam ich keine zufriedenstellende Antwort! „Haytham ich weiß es nicht, es scheint als würde sie tief und fest schlafen, dass einzige ist, sie hat geredet, aber es war, als würde sie mit jemand anderen reden. Es tut mir leid, ich kann ihr nicht helfen.“

Kapitel 28

Wie, sie konnte ihr nicht helfen? Was war das bitte für eine dumme Aussage und in mir stieg Wut und diese Machtlosigkeit wieder auf. Mit einem Nicken, schickte sie Shay und July aus dem Zimmer. Was bitte kam denn jetzt? „Haytham es gibt Krankheiten auf dieser Welt, die können nicht geheilt werden, denkst du ich würde es nicht tun, wenn ich könnte. Ich würde so gern deiner Alexandra helfen, aber ich kann nicht. Genauso wenig kann ich die Schwester meines Kindermädchens von ihrer Schwindsucht heilen, oder Bailong seine Finger zurückgeben“

Das war nicht ihr Ernst? „Du versuchst es nur nicht genug!“ kam es jetzt kälter als gewollt über meine Lippen, doch ich war wirklich wütend. Meine kleine Schwester ließ mich aber gar nicht erst weiter reden, sondern fragte mich, ob ich diese Frau lieben würde! Ich bejahte es und meinte, dass es für mich das Schlimmste gerade war, sie so zu sehen und nichts tun zu können. Faith nahm mich in den Arm und ich erwiderte die Umarmung und sie versprach mir, es zu versuchen, aber sie könne auch keine Wunder vollbringen.

Ich erzählte ihr nun von dem seltsamen Besucher vorhin, dass dieser mir suspekt vor kam, ich aber keine Erklärung dafür hätte. Das mit dem heller werdenden Licht erwähnte ich nicht, denn es war vermutlich wirklich nur eine Art Reflektion gewesen!

Dann kam ich an den Punkt mit dieser gesummten Melodie und mir kam die Erinnerung an ein Konzert, welches wir vor einiger Zeit besucht hatten. Es waren zwei Herren, die Cello ( Oneshot vom todesengel! ) gespielt hatten und irgendwie war es ähnlich gewesen. Doch Faith meinte, die beiden seien gerade gar nicht hier, sondern in Europa unterwegs. Das war ja auch nicht, was ich meinte, sondern ich wollte einen Vergleich anbringen. Manchmal war es ermüdend den Menschen meine Gedankengänge immer erläutern zu müssen, aber ich riss mich zusammen.

Plötzlich erschien mein Diener und reichte Mrs. Cormac eine Notiz, alarmiert stand sei auf und meinte, ich solle mir keine Sorgen um Alex machen und mir den Tag frei nehmen. Vielleicht sollte ich etwas mit meiner Patentochter und Shay unternehmen, es wäre eine Übung für mein eigenes Kind später und mit einem Grinsen im Gesicht, verschwand meine kleine Schwester.

Den Rest des Tages sah ich in regelmäßigen Abständen nach Alex und ließ Mrs. Wallace über sie wachen. In mir war diese Unruhe nicht abgeklungen und meine Laune war entsprechend angeschlagen. Doch July erforderte ebenfalls unsere Aufmerksamkeit und so brachte Shay ihr bei, wie man einen Dolch hielt und wie sie sich verteidigen konnte. Auch wenn sie noch nicht mal auf eigenen Beinen stehen konnte, dass sollte sie schon beherrschen. Ich bezweifelte allerdings, dass ihre Mutter das für gut heißen würde. Sie müsste es ja nicht erfahren.

Zwischendurch war Master Gist noch erschienen, um sich zu erkundigen, wann und ob wir denn nun aufbrechen würden. Was sollte ich darauf schon sagen? Wir würden NICHT los segeln, nicht bevor Mrs. Frederickson wieder wach war und ich sie... wieder bei mir hatte.

Am Abend saß ich mit Master Cormac beim Essen und seine Frau erschien ziemlich erschöpft in der Tür und trug einen sehr unangenehmen Geruch in den Raum. Schlimmer wie eine ganze Taverne und Shay äußerte denselben Gedanken. Sie wäre ja auch in einigen gewesen, um zu finden was sie suchte. WAS es genau war, erläuterte sie nicht. Mich störte mal wieder ihre Art, wie sie ohne Begrüßung hier herein marschierte, aber ich sagte nichts, denn ich wollte ja, dass sie meiner... verdammt! WAS war diese Frau für mich? Ich wollte, dass sie Alex hilft.

Nachdem wir ihr noch erklärt hatten, sie solle lieber weiter beobachten und nicht gleich in Aktion treten, bei ihrem Problem mit diesem anderen Templer. Kurz darauf erhob sie sich und ging nach den Patienten sehen und entschuldigte sich noch für ihr Verhalten und ich teilte ihr mit, dass ich ihr dieses eine Mal verzeihe.

Master Cormac und ich blieben noch sitzen und unterhielten uns weiter über diese Artefakte, denn ich wollte schon so langsam wissen, was es genau damit auf sich hat. Das Buch von Reginald hatte mir die Augen geöffnet für die Welt der Vorläufer. Sie müssen eine wahnsinnige Macht besessen haben oder besser sie besitzen sie immer noch. Shay hatte von dieser Kraft in dem Tempel in Lissabon berichtet, auch wenn es ihm immer noch sehr schwer fiel davon zu sprechen. Was ich durchaus nachvollziehen konnte.

Faith kam einige Zeit später wieder hinunter und sagte, dass es Yannick ganz gut ginge, er aber dringend an seinen Manieren arbeiten sollte. Und sie bat mich, ihm ein Buch nach oben zu bringen, denn er würde sich langweilen. Das konnte ich verstehen, es ging mir vor einiger Zeit nicht anders.

Und was Alex angeht, so müssten wir abwarten, denn sie rührte sich nicht. Hatte kein Fieber oder ähnliches. Keine Verletzungen oder Entzündungen oder etwas in der Art. Es war weiterhin ein Rätsel, warum sie so einfach in einen tiefen Schlaf gefallen war! Familie Cormac verabschiedete sich mit der Frage, ob ich alleine zurecht käme und ich erwiderte nur, dass sie mich eh schon den ganzen Tag von meiner Arbeit abgehalten hätten.

Mir blieb jetzt nichts anderes übrig, als zu warten. Ich ging in mein Arbeitszimmer und überlegte, welches Buch ich Yannick geben konnte, welches ihn interessieren würde. Da wurde mir bewusst, dass ich nichts über ihn wusste. Ich kannte weder seine Angewohnheiten, außer dass er ein loses Mundwerk wie seine Mutter hatte, noch kannte ich seine Interessen. Er mochte Pferde, dass hatte ich schon bemerkt. Ich zog aber das Buch „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift aus dem Regal, denn ich befand, dass es ihn ablenken würde.

Damit ging ich hinauf, denn es war auch schon recht spät geworden. Als ich klopfte, kam ein höfliches „Herein“ und ich betrat das Krankenzimmer. Yannick saß immer noch auf dem Bett am Kopfende und hatte ein kleines Buch in der Hand, welches er aber beiseite legte und mich misstrauisch beäugte.

„Mrs. Cormac meinte, dir wäre langweilig, daher dachte ich, dass du vielleicht dieses Buch lesen könntest. Der Autor hat ein Händchen für diese leichte Lektüre und seine Erzählweise ist sehr angenehm.“ damit reichte ich ihm das Buch.

„Danke, Master Kenway.“ sagte er nur und sah mich immer noch so seltsam an. Ich nahm mir mein Herz und setzte mich auf die Bettkante.

„Yannick, warum reagierst du so misstrauisch, ja fast schon eifersüchtig und wütend auf mich? Ist es wegen der Sache zwischen deiner Mutter und mir?“ ich hatte ins Schwarze getroffen, denn er lief dunkelrot an und funkelte mich böse an. „Was dachtet ihr denn? Natürlich sehe ich es nicht gerne, dass meine Mutter in ein solches Gefühlschaos gestürzt wird und ihr seid daran schuld. Mum wird euch sicher erzählt haben, was wir als Assassinen beigebracht bekommen, nehme ich an.“ Ja, dass hatte Alex. Doch ich war mir immer noch nicht sicher, ob das der wahre Grund für sein Verhalten mir gegenüber war.

„Junge, ich denke du weißt, dass man die eigenen Gefühle nicht abschalten kann. Und das, was deine Mutter und mich verbindet, ist etwas, das auch du noch erfahren und lernen wirst. Ich meine es nicht böse mit deiner Mutter, im Gegenteil, ich würde alles tun um sie zu schützen. Doch gerade geht das leider nicht, denn ich bin machtlos!“ versuchte ich es ihm zu erklären.

Sein Ausdruck wurde milder und etwas kleinlaut kam es jetzt von ihm. „Ich weiß es ja eigentlich, Master Kenway. Aber versteht mich doch, ich bin... wenn ihr hier etwas zustößt bin ich alleine und ich habe Angst davor! Ich entschuldige mich natürlich auch bei euch für mein unfreundliches Verhalten.“ Seine Haltung hatte sich verändert, sie war plötzlich entspannter nicht mehr so steif wie die letzten Tage.

Ich reichte ihm die Hand mit den Worten. „Wir sollten eine Art Frieden schließen, findest du nicht Yannick? Wir sind uns einig, dass wir beide sehr an dieser Frau hängen und wir wollen sie beide wieder zurückhaben. Dann sollten wir gemeinsam daran arbeiten!“ Auf seinem Gesicht erschien ein breites Lächeln und ich fühlte mich mit einem Male wohler.

Ich verabschiedete mich und wünschte dem Jungen noch eine gute Nacht und er solle rufen, wenn etwas ist. Einer der Diener würde auch hier oben Wache halten, hatte ich beschlossen. Sicher ist sicher!

Als ich das Schlafzimmer betrat, saß Mrs. Wallace am Bett von Alex und hielt ihre Hand. Mit rotunterlaufenden Augen, sah mich meine Küchenfee an. „Oh Master Kenway, das ist doch alles nur ein schlechter Traum, oder? Mrs. Frederickson wird doch wieder gesund, nicht wahr?“ Mit Faiths Hilfe würde sie das sicherlich, teilte ich ihr mit und konnte sie damit ein wenig beruhigen.

Auch sie entließ ich für heute Nacht und machte mich daran, ebenfalls zu Bett zugehen. Es war ein eigenartiges Gefühl, so alleine zu sein, aber gleichzeitig zu wissen, dass die geliebte Person doch direkt neben einem liegt. Ich lehnte am Kopfende und betrachtete Alex mal wieder. Sie sah völlig entspannt und friedlich aus, wirklich so, als würde sie schlafen und gleich aufwachen. Vorsichtig strich ihr über die Wange, aber meine Berührung zeigte keinerlei Wirkung, das war seltsam, wie ich fand. Normalerweise sprang sie, auch wenn sie tief schlief, darauf an.

Irgendwann muss ich eingenickt sein und wurde von lautem Geschrei wach und sah wie Alex sich hin und her warf. Ich konnte sie fast nicht halten, so heftig waren ihre Bewegungen und sie schlug um sich! Der hier oben Wache schiebende Diener stürmte ins Zimmer und half mir, sie zu bändigen. Es dauerte nicht einmal lange, aber es war das Unheimlichste, was ich je gesehen hatte. Für kurze Zeit hatte sie die Augen geöffnet, aber sie hatten nicht dieses grün wie sonst, sondern leuchteten eigenartig.

Danach lag ich noch lange wach und hielt sie fest, in der Hoffnung, dass sie es im Unterbewusstsein spüren konnte. Es war einen Versuch wert! Ich wollte, dass sie weiß, sie ist nicht alleine!

Kapitel 29


 

30. September 1759



Als ich erwachte, lag Alexandra immer noch in meinen Armen, aber hatte sich nicht mehr gerührt. Geschweige denn etwas gesagt, so wie gestern Nachmittag noch. Ich würde zu gerne wissen, WAS es war, was sie gesagt hatte. Faith konnte leider nicht verstehen, was sie gesagt hatte.

Frustriert machte ich mich für den Tag fertig, aber eher widerwillig. Denn ich hatte immer noch dieses Gefühl von Machtlosigkeit in mir und das behagte mir nicht.

Gerade als ich frühstückte, erschien auch schon Faith und erkundigte sich nach Mrs. Frederickson. Ich berichtete von dem Anfall letzte Nacht und auch sie konnte sich keinen Reim darauf machen! Genervt, dass auch sie keine Erklärung hatte, ging sie wieder heim.

Ich hingegen blieb noch eine Weile an Alex´ Bett sitzen und wartete darauf, dass sie wieder erwachte. Doch es war vergebene Liebesmüh und das Warten zermürbte mich nur, also beschloss ich, Mrs. Wallace hier oben abzustellen. Sie sollte ein Auge auf sie haben! Ich ging noch einmal zu Yannick hinüber, aber ihm ging es soweit ganz gut und wir unterhielten uns kurz über „Gullivers Reisen“. Er war ein guter Beobachter und hatte eine schnelle Auffassungsgabe, wie ich fand. Gute Eigenschaften, die er sich zu Nutze machen sollte.

Aus reiner Neugierde, fragte ich ihn, was er für einen Beruf ergreifen wolle. Seine Mutter erzählte, sein Vater hatte in einer Tischlerei gearbeitet und die meisten Jungen traten in die Fußstapfen ihrer Väter. Doch der Junge war sich noch nicht ganz sicher und meinte nur „Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht. Ich würde gerne in der IT Branche was machen. Aber ich muss zuerst noch meine Schule beenden und meine Ausbildung als Novize abschließen. Dieses Jahr im Sommer kann ich meine Lehre anfangen!“ Was ein IT war, erklärte er mir, aber ich konnte nichts damit anfangen. Das musste eine sehr merkwürdige Zeit sein, in der er aufwuchs. Doch es machte mich auch neugierig.

Danach ging ich hinunter und in mein Arbeitszimmer. Ich nahm mir noch einmal den Zettel von Herrn Engelhardt vor und besah ihn mit meinem Adlerblick. Aber es war nichts Außergewöhnliches darauf zu erkennen. Es machte mich wahnsinnig, dass ich nichts unternehmen konnte.

Zwischenzeitlich war Shay hier gewesen und fragte nach dem letzten Stand der Dinge, aber da alles unverändert war, blieb er nicht lange. Aber lange alleine blieb ich auch nicht, denn die Mannschaft der Jackdaw erschien in kleinen Gruppen, um sich über Alex und Yannick zu erkundigen. Nach und nach gingen sie hinauf und leisteten so dem Jungen ein wenig Gesellschaft. Der war mittlerweile schlechter Laune, weil er noch das Bett hüten sollte. Aber aß brav, was man ihm brachte und trank erstaunlicherweise auch diesen widerlichen Tee, den Faith ihm hat angedeihen lassen!

Als es schon dunkel war, hörte ich im Eingang nur meinen Diener sagen, dass ich nicht gestört werden wolle und ich vernahm Faiths Stimme. Was wollte sie denn um diese Uhrzeit so plötzlich hier?

Ich trat in die Halle und sah sie nur Richtung Schlafzimmer gehen, aber dort blieb sie nicht lange und ging stattdessen hinüber zu Yannick. Dort warf sie den Diener kurzerhand raus und verschloss die Tür. WAS spielte sie für ein Spielchen? Ich wollte der Sache auf den Grund gehen, doch als ich auf halbem Wege die Treppe hinauf war, kam meine kleine Schwester sichtlich zufrieden aus dem Zimmer und sah mich an. Ich kam nicht umhin, sie böse anzusehen, denn ich mochte es nicht, wenn man mich im Unklaren ließ. „Hallo Haytham ich habe nur noch mal nach den beiden gesehen und ich denke, Yannick darf morgen mal probieren aufzustehen, aber er soll sich noch schonen.“ War alles, was sie sagte und ging dann hinaus.

Also würde ich sie beizeiten darauf ansprechen. Ich ging noch kurz zu dem Jungen und fragte, ob alles in Ordnung sei und er bejahte es. Frei heraus fragte ich ihn, was Mrs. Cormac denn noch von ihm wollte. Und da kam dieser misstrauische Blick wieder. „Sie wollte wissen, wie diese Artefakte aussehen, mit denen uns diese Reisen möglich sind. Ich vermute, sie wird eine Ahnung haben, wie man meiner Mutter helfen kann. Hoffe ich einfach mal. Aber sie war etwas seltsam, so, als würde sie mehr wissen, als sie sagt!“ Ja, das war eindeutig Faith. Sie spielte gerne die Verschlossene und brachte sich dadurch oft in Schwierigkeiten, doch ich hoffte, dass es dieses mal nicht so sein würde. Ich verabschiedete mich von dem Jungen und ging hinaus.

Dann ging ich zu Mrs. Frederickson hinüber und Mrs. Wallace saß immer noch Wache haltend an ihrem Bett. Sie sah müde aus und ich würde ihr ein paar Tage frei geben, wenn das alles hier vorbei war! „Sie hat sich nicht gerührt, aber sie spricht unentwegt, doch es ergibt keinen Sinn. Auch Mrs. Cormac kann sich keinen Reim darauf machen! Master Kenway, seid ihr sicher, dass wir nicht lieber einen Priester rufen sollten?“ Nein, das kam gar nicht in Frage. Ich wollte nicht das Gesprächsthema Nummer eins auf einer der nächsten Versammlungen sein. Und das erklärte ich ihr auch so.

Ich ging noch einmal hinunter in mein Arbeitszimmer und wollte eigentlich anfangen, mir einen Art Plan zu machen, was als nächstes zu tun sei. Da fiel mir ein, ich sollte Yannick fragen, wo die Artefakte seiner Mutter waren, damit ich eventuell einen Anhaltspunkt hatte, ob sie etwas damit zu haben könnten. Also ging ich wieder hinauf, aber Yannick schlief bereits, dann musste ich wohl oder übel auf morgen warten.

Und jetzt sitze ich hier und schreibe Seite um Seite, damit meine Gedanken geordneter werden, doch ich spüre, wie immer mehr alles in ein heilloses Chaos abdriftet. Es war zum Verrückt werden, doch wir mussten eine Lösung finden und eine rasche Hilfe für Alex.

Kapitel 30


 

1. Oktober 1759




Meine Nacht war alles andere als erholsam. Ich hatte seltsame Träume von Alex und ihrem Kind, ich sah sie mit einem Baby auf dem Arm in einem Schlafzimmer auf dem Bett sitzen und mich anlächeln. War das die Zukunft, oder spielte mir mein Verstand jetzt einen Streich?

Mrs. Frederickson hatte sich nicht wirklich gerührt, bis auf die Momente, in denen sie sprach. Teilweise war es sogar französisch, obwohl sie, wie sie mir sagte, diese Sprache nicht wirklich beherrschte. Ich sah sie wieder lange an und sah ihre langen Wimpern und den sich schnell bewegenden geschlossenen Augen. Sie hatte hohe Wangenknochen, die Wangen aber wirkten irgendwie eingefallen und ihre Haut war leicht durchschimmernd. Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn und stand dann auf. Wie immer in den letzten Tagen, eher widerwillig, aber es musste sein.

Der Vormittag verlief ohne weitere Zwischenfälle und ich konnte mich ein wenig mehr noch mit Yannick unterhalten, dieser hatte Geburtstag heute, wenn ich mich recht erinnerte. Es tat mir leid, dass er ihn nicht richtig feiern konnte. Aber ich ging mit ihm hinüber, denn Faith sagte ja, er dürfe aufstehen. Als er am Bett seiner Mutter stand, sah ich, dass er den Tränen nahe war. Es ist immer schlimm, einen Elternteil leiden zu sehen und zu wissen, dass man nichts tun konnte.

Er ließ sich auf der Bettkante nieder, strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und hielt ihr Hand fest. „Mum, ich werde alles tun, damit du wieder zurück kommst und egal wer dir das hier angetan hat, wird nicht mehr lange leben, das schwöre ich dir.“ Das waren harte Worte, aber ich sah, dass der Junge es todernst meinte! Er würde seine Mutter rächen und das mit allen Mitteln! JEDER Junge würde das tun, auch ich habe es getan und die Mörder meines Vaters bestraft!

Ich ließ die beiden für einen Moment alleine und ging hinunter, um mir einen Tee zu holen. Es fühlte sich so unwirklich an, so eigenartig im Moment, ich tigerte wie eingesperrt hier herum und fühlte immer mehr diese Angst, dass diese Frau für immer aus meinem Leben verschwinden könnte. Ohne dass ich auch nur die Chance gehabt habe, ihr meine Liebe zu gestehen, oder sie gar zu fragen, ob sie meine Frau werden wolle. Auch wenn das sicherlich noch viel zu verfrüht gedacht war, so waren es meine Gedanken, die ich hatte, wenn ich sie ansah!

Als ich so in meinen Gedanken versunken im Arbeitszimmer saß, hörte ich wie Yannick die Treppe herunter kam und etwas unbeholfen am Fuße stand. Ich ging zu ihm und fragte, was los sei. Aber er meinte nur, er wolle in die Küche, aber er fühle sich schwindelig. Ich stützte ihn ein wenig und begleitete ihn in das Reich von Mrs. Wallace, welche jetzt ihre Arbeit an die Mädchen abgegeben hatte und oben Wache hielt.

Ich ließ den Jungen hier zurück und ging wieder an meinen Schreibtisch. Ich saß noch nicht ganz, da tauchte aus heiterem Himmel Shay mit July auf und das Kindermädchen war auch gleich dabei. Ich erhob mich und begrüßte die drei. Faith war gleich Richtung Küche gebracht worden, denn sie wollte Yannick ein Geschenk geben, so erzählte Shay.

Wir setzten uns und ich nahm mein Patenkind auf den Schoß. Sie wurde scheinbar über Nacht immer größer und ich lächelte in mich hinein, weil ich dieses Bild plötzlich aus meinem Traum vor Augen hatte.

Ich schüttelte diesen Geistesblitz aber ab und wollte gerade fragen, was denn so wichtig sei, als Faith ins Arbeitszimmer kam. Doch sie kam nicht zu Wort, denn mein Diener kündigte Charles an. Hatte ich ihm nicht absolutes Hausverbot erteilt? Meine kleine Schwester sah mich erschrocken an und bat mich in einem leisen Ton, ich möge sagen, dass sie bis Mitternacht gestern hier bei mir war und sie würde mir später alles erklären. Sie flehte mich regelrecht an.

Und dann stand Lee schon hinter ihr und sah wie immer mit diesem verächtlichen Blick auf sie herab. Ich schickte alle hinaus in den Salon und sagte, ich komme nach. Dann hieß ich Charles Platz zu nehmen. Auf meine Frage, ob ihn meine Befehle auf einmal nicht mehr interessierten, bekam ich nur die Antwort, dass er auf Wunsch von Lady Melanie hier sei.

Verwundert sah ich ihn an. „Und warum gerade Lady Melanie?“ hakte ich jetzt nach und in seinem Gesicht erschien ein wissendes und widerlich überhebliches Grinsen. „Master Kenway, bei Lady Melanie wurde letzte Nacht eingebrochen und sie vermutet ihre Enkelin hinter der Tat! Aber Mrs. Cormac sagte sie wäre die ganze Zeit über hier bei euch gewesen. Ist es so gewesen, oder lügt diese Frau einfach?“ kam es in einem solch bösen Tonfall, dass ich ihm am liebsten meine Faust ins Gesicht geschlagen hätte.

„Charles, meine kleine Schwester hat sicherlich NICHT gelogen und ich verbiete mir, dass ihr so von ihr redet! Ihr habt euch in den letzten Wochen nicht gerade mit Ruhm bekleckert, denkt daran. Und ich bin der Meinung, ihr solltet die Füße für eine lange Weile stillhalten! Habe ich mich klar ausgedrückt?“ sprach ich ihn jetzt in meiner Funktion als SEIN Großmeister an und mein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass ich ihm auch ganz anders kommen könnte.

Etwas kleinlaut meinte Lee nur, er würde dann genau das auch Lady Melanie mitteilen und wünschte mir noch einen guten Tag. Ich stand immer noch da und schüttelte mit dem Kopf. WAS hatte Faith nur wieder angestellt und was zum Teufel hatte sie gestohlen?

Als ich in den Salon kam, sah sie mich ängstlich an. Ich sah fordernd auf sie herab und fragte nur, was für ein Spiel sie hier trieb! Und dann erklärte sie mir, dass sie wahrscheinlich wisse, wie sie Alexandra helfen könnte. Sie benötige nur noch ein paar Tage um alles zu überprüfen, sie hatte einige Aufzeichnungen und Bücher entwendet. Unter anderem auch eines, welches niemand einfach so zu Gesicht bekommen sollte. Weiter erklärte sie, wenn alles erledigt wäre, dann gäbe sie alles an Lady Melanie zurück.

Das waren gute Nachrichten und ich bat sie nur noch, sich zu beeilen. Denn ich vertraute ihr dabei, dass sie wusste was sie tat. Ich erntete ein erleichtertes „Danke das werde ich“

Den restlichen Tag verbrachte ich hier in meinem Arbeitszimmer und brütete über einigen Verträgen, die ich noch ausarbeiten musste. Es war einiges liegengeblieben, doch so wirklich konzentrieren konnte ich mich nicht. Immer wieder ging ich hinauf und blieb für eine Weile an ihrem Bett, ich hatte den Eindruck, dass sie immer blasser wurde. Doch ich mochte mich auch täuschen.

Yannick leistete mir irgendwann Gesellschaft und wir konnten uns ganz in Ruhe unterhalten. Seit wir uns einig waren, dass wir uns um die gleiche Frau sorgten und an einem Strang ziehen mussten, war er wie ausgewechselt. Ich erklärte ihm auch, dass wir auf Faiths Forschung warten mussten, ich aber da guter Dinge wäre. „Vielleicht könnte ich Mrs. Cormac bei ihrer Arbeit behilflich sein?“ bot er sich an, doch da musste ich ihn enttäuschen, da es Bücher des Ordens waren, die meine Schwester gerade in den Fingern hielt, konnte ich ihn nicht dorthin lassen!

Da der Junge jetzt auf den Beinen war, ließ ich ihm einige Übungen für den Schwertkampf angedeihen. Natürlich nur im Rahmen seiner eingeschränkten Möglichkeiten. Aber er lernte schnell und ich spürte, dass er alles wie ein Schwamm aufsaugte. Solche Schüler hatte man selten und ich könnte mir vorstellen, ihn auch weiterhin zu unterrichten oder zu trainieren. Gegen Abend aßen wir gemeinsam und er zog sich dann erschöpft zurück.

Mir hatte dieser Nachmittag ein wenig Ablenkung gebracht und ich spürte, dass ich wieder etwas ruhiger und zufriedener war. Nach dem Essen ging ich hinauf und setzte mich an den kleinen Schreibtisch hier, um meine Gedanken niederzuschreiben. So hatte ich Alexandra auch im Blick und Mrs. Wallace konnte ihre wohlverdiente Nachtruhe antreten.

Als es dunkel war, fielen mir schon fast die Augen zu und ich beschloss mich auch hinzulegen.

Kapitel 31


 

2. Oktober 1759




Am Morgen wurde ich von Alex wach, sie sprach wieder. Dieses Mal aber deutlicher und sie schien jemanden ziemlich übel zu beschimpfen. Kurz darauf war es, als würde sie etwas entsetzliches sehen. Auf ihrem Gesicht spielten sich ganze Geschichten ab.

Ich nahm sie wieder in meinen Arme, immer noch in der Hoffnung, dass sie es spüren könnte. Und es war, als würde Alex sich wirklich beruhigen. Es mag auch nur mein Wunschdenken gewesen sein, ich weiß es nicht. Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn und stand vorsichtig auf.

Ich hoffte, Faith hatte mittlerweile etwas herausgefunden, auch wenn ich jetzt fies klang, denn sie konnte schlecht Tag und Nacht wach bleiben. Doch ich wollte wissen, worauf sie hin arbeitete. Sybill erschien und teilte mir mit, das Frühstück sei fertig. Ich ging dankend nach unten und sie blieb wieder bei Alex und wusch ihr durchs Gesicht, denn sie hatte einen leichten Schweißfilm nach diesem Gerede auf dem Gesicht.

Als ich im Esszimmer saß, erschien auch der Junge und grüßte höflich und ließ sich neben mir nieder. Ihm ging es schon besser, versicherte er mir, nachdem ich ihn auf sein Bein angesprochen hatte. „Master Kenway, darf ich euch etwas fragen?“ kam es zögerlich von ihm und ich ermunterte ihn einfach dazu.

„Wenn meine Mutter wieder genesen ist, dann werden wir ja sicherlich abreisen. So denke ich mir das, oder? Aber...“ er druckste herum „... ich weiß nicht, ob ich meine Mutter so leiden sehen kann. Wenn wir wieder daheim sind, kann sie sich sicherlich ablenken und alles. Doch ich habe Angst um sie. Ich habe nachgedacht und hatte diesen irren Gedanken, dass sie ja vielleicht... NUR vielleicht... hier bei euch bleiben könnte?“ Yannick sprach das aus, was ich mir wünschte. Er hatte eine wirklich schnelle Auffassungsgabe. Aber ich erklärte ihm, dass das nicht möglich sei.

Alex muss zurück in ihre Zeit, denn … ja, warum eigentlich? Theoretisch könnte sie bleiben, hier an meiner Seite. Doch was dann? Ihren Sohn konnte sie schlecht einfach so alleine lassen! Ich versuchte Yannick genau das auch zu vermitteln.

„Ihr liebt meine Mutter wirklich, oder?“ fragte er schüchtern und wurde rot dabei. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ich sah ihn an und sagte, dass ich Alexandra wirklich liebte, er aber bitte nicht gleich damit hausieren gehen solle! „Das ist doch wohl selbstverständlich, ich bin ja keine Tratschtante!“ kam es lachend von ihm. Dann waren wir uns ja einig.

Der Vormittag war sonnig, aber mittlerweile schon recht frisch. Und ich stand kurz auf der Fortmauer um meinen Geist wieder zu beruhigen. Als es Zeit für das Mittagessen war, traf ich den Jungen wieder. Dieser hatte sich mit einem Buch über Schwertkampf in meinem Arbeitszimmer eingerichtet. „Wie ich sehe, willst du es wirklich wissen!“ grinste ich ihn an. „Master Kenway, es wäre wirklich super... verzeiht, schön, wenn ich mehr lernen könnte. In meiner Zeit ist das ja nicht mehr so verbreitet. Wir haben andere Waffen und man darf auch keine mehr einfach so bei sich tragen!“ Das hatte mir Alex auch schon erklärt. Doch wieder dachte ich daran, wie man sich denn dann verteidigen sollte, wenn man überhaupt keine Waffen dabei hatte.

Doch das würde man mir nicht erklären können, vermutete ich. Wir aßen also zu Mittag und danach versuchte ich dem Jungen noch ein paar Dinge über das Kämpfen beizubringen. Plötzlich stürmte Mrs. Wallace ins Arbeitszimmer und rief nur, dass etwas mit Alex nicht stimme!

Ich war schneller im Zimmer, als ich gedacht hätte. Sie bewegte sich wieder und fing an wieder um sich zu schlagen. Doch sie redete völlig ruhig und ich hörte wie sie noch sagte, dass seine Entscheidung die Richtige gewesen wäre! WESSEN Entscheidung?

Und dann schlug sie ihre Augen auf! Was soll ich sagen? Es war wie ein Befreiungsschlag für mich, ich sah in ihre grünen Augen und brachte nur ein „Da bist du ja wieder“ hervor und strich ihr über die Wange! Ich war so erleichtert, dass ich die anderen Anwesenden im Raum gar nicht mehr wahrnahm.

Plötzlich kam sie hoch und umschlang mich förmlich und hielt mich fest. Dann fing sie an, mich genauer zu untersuchen und mit erstickter Stimme sagte sie nur „Haytham, du lebst! Bei Odin... ich... Was ist denn passiert?“ In kurzen Sätzen erklärte ich, was passiert war und hielt sie dabei immer noch fest. Ich hatte Angst, sie könne einfach wieder verschwinden. Doch mir kam ihre Aussage eigenartig vor, dass sie sich wunderte, dass ich lebe. Doch Alex meinte nur, dass sie mir das nicht erklären könne, noch nicht!

„In dieser anderen Welt, hat man dich... ich... ich kann das nicht erzählen! Bitte! Haytham, dieser Besucher... ist er noch einmal hier gewesen?“ Das war ein überraschender Themenwechsel. Doch ich erklärte ihr, dass er nicht noch einmal hier war und mich lediglich nach dem Verkauf gefragt hatte.

„Es... das war mein Ex-Verlobter, es war Marius! Und er hat mit Hilfe eines weiteren Artefaktes eine Parallelwelt geschaffen, in die ich hineingezogen wurde. Haytham, es war wie in einem Albtraum!“ Es wurde immer absonderlicher! Alex lehnte an meiner Schulter und schluchzte einfach nur noch. Ich konnte nur erahnen, was sie erlebt haben mag!

Plötzlich, wie von der Tarantel gestochen sprang sie auf und meinte nur „Mein Sohn! Was ist mit Yannick? Wo ist er? Wie geht es ihm?“ ich konnte sie gerade noch so wieder auf das Bett schieben, denn sie drohte ohnmächtig zu werden.

Also erzählte ich ihr, dass es Yannick gut ginge und sich Faith darum gekümmert hatte. Und dann musste ich dieser Frau fast schon befehlen, im Bett zu bleiben, bis Mrs. Cormac sie untersucht hatte. Doch es war seltsam, es kamen keine Widerworte, hatte da jemand sein loses Mundwerk verloren? Ich konnte nicht anders, ich gab ihr einen vorsichtigen Kuss und hörte ein AUA, ihre Lippen waren trocken und aufgesprungen.

Als sie jetzt um ein Glas Wasser bat, war es an mir, sie an ihre eigenen Lektionen zu erinnern. Langsam trinken, in kleinen Schlucken und Bettruhe! Mit einem sehr sehr süffisanten Grinsen brachte sie „Aber sicher doch, Master Kenway, wie ihr wünscht. Ich werde das Bett hüten, solange wie IHR es für richtig haltet!“ heraus und ihre lockere Zunge war wieder da.

Wir würden noch darüber reden, gab ich als Antwort und zwinkerte ihr zu und erntete ein schüchternes Lächeln. Diese Frau war einfach seltsam, aber interessant! Ich ging hinunter und bat Mrs. Wallace dafür zu sorgen, dass Alex sich frisch machen konnte.

Als ich unten im Salon ankam, war Faith schon mit Shay erschienen und Yannick war bei ihnen. Master Cormac erkundigte sich als erster nach dem Befinden von Mrs. Frederickson. Und als ich sagte, sie sei aufgewacht und es ginge ihr den Umständen entsprechend gut, sah ich, dass auch meine kleine Schwester beruhigter war. In mir regte sich aber ein gewisser Missmut und es fühlte sich plötzlich alles seltsam an.

Und dann hörte ich nur noch, wie Sybill lautstark nach mir rief und mir entgegeneilte. Sie faselte etwas von einer Tätowierung und Sonne... ich verstand kein Wort sondern eilte sofort die Treppe hinauf. Im Schlafzimmer sah ich nur, wie Alex auf dem Bett saß und sich an den Bauch fasste. Sybill deutete mir, dass dort dieses Sonnensymbol sei. Doch Alex konnte nicht reden, sie war völlig neben der Spur, diese Entdeckung muss sie erschreckt haben. Langsam kam sie wieder zu sich und sah mich an.

Kapitel 32



„Es … ist ein Sonnensymbol. Mit Hilfe eines Artefaktes in dieser Form und deinem Amulett konnte ich wieder hierher zurück! Dieser andere Haytham, das... warst zwar du, oder auch nicht? Aber... ein anderer halt...!“ Ich verstand gar nichts mehr. Doch ihre Erklärung war auch nicht besser. Sie erwachte in einer Art parallel Welt in der sie, oder diese andere Frau Marie, mit dem Chevalier verheiratet war. Ich musste mich zügeln, denn der Gedanke, dass sie das Bett mit einem anderen Mann und dann auch noch diesem Gaultier, geteilt hatte, brachte mich in Rage! Alexandra versicherte mir aber, dass dem nicht so war und ich versuchte ihr zu glauben. Als sie weitersprach, wurde sie immer aufgeregter und als sie mir von der Vergewaltigung von Charles UND Thomas erzählte, hätte ich die beiden am liebsten sofort umgebracht.

Ich verstand diese beiden Männer einfach nicht, aber auch dafür hatte Alex eine Erklärung parat. Es sei eine andere Welt gewesen und es mag Ähnlichkeiten hierher geben, doch es war anders. Es wurde immer wunderlicher und ich hielt ihre Hand wieder fest und bat sie, weiter zu erzählen. Mittlerweile standen Sybill und Faith ebenfalls hier, ich hatte sie noch gar nicht bemerkt.

Sie erzählte, wie sie den Chevalier kennengelernt hatte, er sei nicht wirklich ein schlechter Mensch und seiner Familie gegenüber freundlich und nett. Meine kleine Schwester zeigte ihren Unmut mit einem Prusten und dass sie es mehr als Heuchelei, als wahre Liebe sehe! Und das dieser Mann keinerlei Manieren und Gefühle hätte. Da musste ich ihr zustimmen, so wie ich ihn kennengelernt hatte, machte er genau DEN Eindruck.

Irgendwann bemerkte Alex, dass sie nicht alleine in diesem Körper war, etwas schien sich in den Vordergrund zu schieben und sie dachte, es wäre einfach eine Art Nervenzusammenbruch. Doch wie sie den Moment beschrieb, in dem sie MICH traf, war für mich grauenhaft. Es klang, als hätte sie alle Gefühle für mich plötzlich abgelegt und ich hatte mit einem Mal Angst, dass es hier und jetzt genauso sei, dass sie... anders denken würde über uns.

Doch sie versicherte mir, dass sie mich vermisst hatte in dieser Zeit, auch wenn dieser Satz sehr sehr leise von ihr kam, schon fast schüchtern. Es beruhigte mich aber wieder.

Die nächsten Ereignisse waren alles andere als einfach zu verstehen. Denn sie, oder besser diese Marie, schien schwanger gewesen zu sein. Von MIR oder eben diesem anderen Haytham, es war so absurd und es klingt auch völlig dämlich, wenn ich es jetzt so aufgeschrieben lese. Aber es war so. Alex hatte dieses Kind spüren können und bei diesen Worten, sah ich plötzlich diesen Wunsch nach einem eigenen Kind in ihren Augen! Ich lächelte sie nur und gab ihr einen vorsichtigen Kuss. Das wäre ein Thema für später, wenn es überhaupt jemals ein Thema wäre.

Dann erzählte sie von einem Turm, in dem ein leuchtendes Wesen sich ihrer bemächtigte und ihr damit das Kind nahm, mit den Worten, dass sei ihr Schicksal und sie hätte sie alle gerettet. Ich hörte ein leises Schluchzen von Sybill und sah nur, wie sie sich verstohlen eine Träne wegwischte!

In dieser anderen Welt hatte sie sich nach der Begegnung im Turm wieder auf den Weg zurück machen wollen. Doch es tauchten Charles und Hickey auf und verhöhnten sie und in dem Moment sah sie rot und ermordete beide. „Dann hattest du deine Rache ja jetzt!“ gab ich nur von mir. Denn ich konnte sie ja verstehen, doch … musste es gleich so eine drastische Maßnahme sein, aber das behielt ich für mich. Ich ahnte, dass ich sonst wieder ihren Zorn spüren würde.

Das Beste kam aber noch, sie konnte einen Blick auf die Schatulle und das Manuskript werfen. Denn in der anderen Welt waren wir Templer bereits im Besitz dieser beiden Artefakte. Alex erklärte dann, dass sie aber nicht alles verstehen konnte, was dort geschrieben stand, nur eben einige Dinge. Ich verstand, was sie meinte, denn es ging um Sachen aus ihrer Zeit.

Als sie weitersprach konnte ich plötzlich sehen, dass eine Veränderung in ihrem Körper vor sich ging und sie saß auf der Bettkante und starrte einfach nur ins Leere! Ich kniete mich vor ihr hin und hielt sie bei den Schultern und schrie sie förmlich an, mich anzusehen. Wie aus dem Nichts, klärte sich ihr Blick wieder und sie sah mich verwirrt an. Ihre Erklärung war mir unheimlich, denn sie vermutete, dass diese andere Frau in ihrem Geist ist, dass sie sich an sie geheftet haben musste.

Ich sah in ihrem Gesicht die Panik aufsteigen, doch ich nahm ihre Hand und legte sie auf mein Herz und sah sie durchdringend an. Auch sie konzentrierte sich auf meine Augen und so spürte ich, dass sie diese andere Frau verdrängen konnte.

Langsam sprach sie weiter, doch wir konnten alle sehen, dass sie mit sich rang, die Geschichte fortzusetzen. Und wieder sprudelten die Wörter aus hier heraus und mich traf fast der Schlag! Sie hatte mich, oder den anderen Großmeister, umgebracht, genauso wie sie auch Liam und Achilles umgebracht hatte. Ich konnte sie nur anstarren, denn in ihren Augen lag eine solche Trauer, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Dieser Anblick muss für sie die Hölle gewesen sein, sie konnte nichts tun, denn diese andere Frau hatte sie gelenkt.

Ich glaubte Alex, denn sie wäre nicht in der Lage, Hand an mich zu legen, auch wenn sie vor einigen Tagen noch gerne ein Kissen auf meinem Gesicht gesehen hätte. Faith war es, die unter Tränen sagte, dass sie diesen Bastard nicht eher ruhen lassen würde, bis sie sich gerächt hätte für eine solche Tat.

In diesem Moment tauchte Yannick auf und Alex sprang einfach auf, schob uns alle aus dem Weg und sprintete regelrecht in die Arme ihres Sohnes. Sie liebte ihn über alles und das versetzte mir wieder einen Stich ins Herz, ich war in diesem Moment ein wenig eifersüchtig musste ich mir eingestehen!

Die beiden standen aneinander geklammert einen Moment da und plötzlich vernahmen wir alle eine eigenartige Stimme. Sie kam von Alex, aber es war nicht sie, die sprach! „Ahhhhhhhhhh... das ist also das Prachtstück, auf welches so geachtet wird! Wir werden ja sehen, wer den längeren Atem hat!“

Sie fiel auf die Knie und hielt sich den Kopf! Ich hob sie einfach nur hoch und brachte sie wieder zum Bett. Und dann sprudelten die Worte wieder aus Alex heraus. „Haytham, hilf mir. Dieses Frauenzimmer steckt immer noch in meinem Kopf. Aber jetzt bin ich in meinem eigenen Körper, sie soll verschwinden! HILF MIR!“ Doch wie sollte ich ihr helfen, ich hatte keine Ahnung! Doch alle im Raum mit Versammelten waren sich einig, dass wir eine Lösung finden würden.

Und wieder dröhnte diese andere Stimme aus ihrem Mund. „Ihr glaubt, ihr könnt mich einfach so loswerden? Ja? Glaubt ihr das wirklich? Ihr seid so naiv und dämlich... ihr könnt nichts, aber auch gar nichts gegen mich unternehmen....“ Ich war zu langsam und plötzlich legte mir Alex ihre Hände um den Hals und fing an mich zu würgen. Doch Shay und Faith kamen mir zu Hilfe und hielten sie wieder fest!

Ich musste tief durchatmen, denn was bitte war in sie gefahren, dass sie mich umbringen wollte. Aber ich konnte es mir ja schon denken! Doch ich wollte sicher sein und fragte, ob Alex wirklich da wäre! „Ja, jaaaaa... ich bin da. Ich war die ganze Zeit da, aber... nicht in meinem Körper. Ich... es ist schrecklich. Ich habe Angst, dass ich jetzt diese Frau nicht mehr unter Kontrolle halten kann.“ Wir sollten schnell eine Lösung finden, doch WIE? Ich spürte, als sie erneut sprach, dass sie sich konzentrieren musste. Sie fragte mich jetzt, ob ihr Ex etwas hinterlassen hatte, doch das konnte ich verneinen. Er hatte lediglich den Zettel mit der Anschrift liegenlassen.

Ich schlug vor, dass ich mit Master Cormac gemeinsam dorthin gehen würde, um uns einen Überblick zu verschaffen! Ein wenig Eifersucht konnte ich nicht aus meiner Stimme bannen, denn... es war eigenartig. Es war ihr Ex-Verlobter, VOR meiner Zeit und dennoch war er mir ein Dorn im Auge!

„Lasst mich mitgehen! Ich kann hier nicht tatenlos herumliegen oder herumsitzen! Ich muss etwas tun, ich werde sonst noch wahnsinnig, BITTE! Lass mich nicht hier alleine!“ Bettelte mich Alex jetzt regelrecht an, aber das konnte ich nicht zulassen. Ich wollte vorerst kein Risiko mehr eingehen. Als wenn sie es verstanden hätte, nahm sie mein Gesicht in ihre Hände und ihre grünen Augen sahen mich mit einem gewissen Leuchten an und dann bekam ich einen doch recht stürmischen Kuss von ihr. So etwas gehört sich für ein unverheiratetes Paar eigentlich nicht. Mir war es aber in diesem Moment ebenfalls egal, ob gerade noch jemand mit ihm Raum war, ich genoss ihn und erwiderte ihn. „Danke für diesen Moment, Haytham. Damit kann ich an meiner Konzentration arbeiten!“ kam es jetzt mit diesem geliebten Akzent und leicht kratziger Stimme von ihr und ihre Hand fuhr über meine Wange!

Ein einheitliches Geräusper riss uns aus dieser Umarmung und ich spürte eine leichte Wärme in meine Wangen steigen. Etwas widerwillig überließ ich meiner kleinen Schwester jetzt das Revier und ging mit den anderen hinaus, denn ich musste mich noch mit Shay beraten.

Kapitel 33



Als wir auf der Galerie standen fühlte ich mich plötzlich so seltsam benebelt, doch ich dachte mir nichts dabei und wir gingen hinunter. Wenn etwas ist, würde Faith sich sicher melden. Ich brauchte frische Luft und bat Master Cormac nach draußen. Ich erklärte ihm, dass die Pension in der Mr. Engelhardt untergekommen war, die der Finnegans war. Dort war er gesund gepflegt worden damals, also kannte er sie und wir könnten sicher einen Blick in das Zimmer von diesem Herren werfen.

Gerade als wir wieder in den Eingangsbereich traten, hinkte uns Yannick mit schnellen Schritten entgegen und hinter ihm standen Sybill und Alex und nickten nur. Shay hatte geistesgegenwärtig seine Pistole gezogen und als der Junge vor ihm stand, schlug er einfach mit dem Griff zu. Er kippte vornüber und blieb dann bewusstlos am Boden liegen.

Etwas sprachlos brachten wir ihn nach oben in das Gästezimmer und fixierten seine Arme und Beine, denn anscheinend hatte diese Marie beschlossen, den Körper zu tauschen. Eine seltsame Art und Weise dieser Vorläufer, bisher ging ich immer davon aus, dass sie uns wohlgesonnen sind. Das glaubst aber auch nur du! Was war das für eine Stimme, ich sah mich um, aber außer Master Cormac, Alex und Mrs. Wallace war niemand hier.

Als Alex´ Sohn die Augen aufschlug, kamen Worte aus seinem Mund, die nicht seine eigenen waren, ganz bestimmt nicht. „Sieh einer an. Die Templerschlampe wacht über ihr Kind! Ohhhh... der arme Junge. Was muss er nur durchmachen. Seine eigene Mutter lässt ihn wegen dieses Templers alleine und er muss sehen wo er bleibt!“ Ich sah, wie sich Mrs. Frederickson zusammenreißen musste, doch sie schaffte es nicht so ganz und schrie ihren Sohn, oder eben diese Marie an. „WAS in Odins Namen wollt ihr von mir??? WAS habe ich euch getan??? SPRECHT WEIB!“

Doch bevor Alex jetzt ihrem Sohn eine Schelle verabreichen konnte, zog Mrs. Wallace sie schnell ein Stück weg. Erschrocken über ihre eigenen Gedanken starrte sie uns an und versuchte wieder klarer zu denken. Es war doch zum Verrückt werden! „Oh du dummes Stück. Hast du es immer noch nicht verstanden? DU hast mir mein Kind genommen!!!!“ Diese Wesen führten eine Sprache, die es in sich hatte!

Jetzt wurde es interessant und ich fragte mich, ob nicht doch noch mehr dahinter steckte! Alex versuchte jetzt eine Erklärung ihrerseits. „Das habe ich ganz bestimmt nicht! Ich bin dem Licht gefolgt, ich konnte nicht anders! Und... ihr wart es doch, die mich die ganze Zeit dahin gedrängt hat!“

Diese Marie war gerade außer sich und gab meckernd „Oh nein, jetzt dreht es nicht so, wie ihr es gerade für euch haben wollt. Ich konnte nichts tun, ihr habt zugelassen, dass man mir dieses Kind nimmt! IHR wart es, die mir Master Kenway wegnehmen wollte!“ von sich. Sollte ich mich geschmeichelt fühlen? Ich wusste ja noch nicht einmal, wie diese andere Frau aussah und WARUM machte ich mir gerade jetzt darüber Gedanken? Weil du immer noch nicht verstehst, was hier gerade passiert, aber sieh gut zu und lerne! In meinem Kopf tat es plötzlich weh und ich musste meine Augen zukneifen. Langsam ließ dieser Schmerz nach und mein Blick klärte sich wieder!

Doch Alex schien es unangenehm zu sein, in meinem Beisein noch weiter über die Vorfälle in der anderen Welt zu sprechen. Also verabschiedeten wir uns, ich eher widerwillig, aber vielleicht war es auch besser so. Sollte etwas sein, könnten die Damen uns jederzeit rufen!

Du bist so naiv. Als wenn die Weiber auch nur einen Gedanken, jetzt wo sie alleine sind, an DICH verschwenden würden! Und wieder fühlte ich ein Stechen in meinem Kopf und Master Cormac sah mich besorgt an. „Master Kenway, ist alles in Ordnung?“ Ich erklärte, dass es mir gut ginge und ich nur ein wenig Ruhe benötigte. Wir gingen wieder hinunter und in mein Arbeitszimmer. Ich sah auf die verschlossene Truhe in der Ecke und fühlte mich mit einem Male magisch davon angezogen. Doch ich wusste, ich konnte sie nicht ohne weiteres öffnen.

Dieser Armreif hatte es mir plötzlich angetan, warum auch immer. Doch ich ließ mir nichts anmerken und wir setzten uns und besprachen die restliche Vorgehensweise, hinsichtlich der Schatulle und des Manuskriptes! Und... dann weiß ich noch, wie meine kleine Schwester eintrat und kurz darauf auch Alex … und dann... hatte ich diese Albträume!

Es war grauenhaft. Ich sah ein riesiges Schlachtfeld mit Soldaten in mir völlig unbekannten Uniformen und Waffen, die ich nicht kannte. Ich sah am Horizont einen Feuerball aufsteigen der sich wie ein Pilz erhob. Dann war ich plötzlich in einem Gebäude, welches scheinbar völlig aus Glas bestand und ich konnte über eine Stadt schauen, die ich nicht kannte. Es gab dort Häuser, welche so hoch waren, dass sie fast die Wolken berührten.

Dann sah ich mit einem Mal auf den Himmel und dort waren Vögel aus Metall zu sehen. Es war grauenhaft und nichts von alledem verstand ich, mein Verstand wurde regelrecht hin und her geschoben und Traum und Realität verschwammen wie in einem Strudel.

Mit einem Mal sah ich mich selber. Ich stand einem jungen Mann gegenüber, welcher ein Assassinenornat trug. Er war indianischer Herkunft... konnte es sein... mir blieb jedoch keine Zeit darüber nachzudenken, denn mir wurde in einer großen Geschwindigkeit dieser Kampf gezeigt, bei dem ich am Ende unterlag und dieser Mann mich tötete. Ich war wie erstarrt und plötzlich sah ich, wie Alex an einem Grab steht. Ich stehe hinter ihr und sehe, dass mein Name auf dem Grabstein steht und das Datum! Sie redet und ich höre immer nur wieder Ich habe versucht dich zu beschützen. Ich habe es versucht. Aber es war vergebens! Vergib mir Haytham!

War das die Zukunft? Hatte ich jetzt wirklich meinen eigenen Tod gesehen? Oder sollte es nur eine Warnung sein? War es Schicksal, dass wir wirklich nichts verändern konnten?

Dann plötzlich hatte ich das Gefühl, als sähe ich in die grünen Augen von Alex und fing an zu reden. Denn ich ahnte, was sie dringend brauchte. Doch ich konnte so schnell nicht erklären und schon war sie wieder weg!

Ich war auf einmal einfach nur noch müde und wollte schlafen. Ich wollte diese Bilder wieder loswerden und dann spürte ich, wie mich etwas weckte. Es fühlte sich an, als würde man mir etwas aus dem Körper ziehen, es war aber nicht unangenehm, sondern eher befreiend und ich öffnete meine Augen.

Vorsichtig sah ich mich um. Links neben mir standen Shay und Faith und blickten gebannte auf ein waberndes Gebilde, welches sich langsam auflöste. Yannick stand davor und zwischen ihm und mir stand Alex mit den Artefakten in der Hand. Master Cormac sprach als erster, denn er schien erstaunt zu sein, dass ich wieder wach war. „Er ist wieder wach!“ war alles was er sagte und drehte Mrs. Frederickson zu mir. Als ich sie sah, war ich einfach nur erleichtert, dass sie da war. Doch sie ging zögerlich auf mich zu, so als hätte sie Angst vor mir. WAS zum Teufel war hier passiert, aber mein Kopf wollte nicht daran denken.

Ich setzte mich auf die Bettkante und als sie vor mir stand schlang ich meine Arme um diese Frau und legte meinen Kopf auf ihren Bauch. Ich war müde und als ich ihre Hände spürte, wie sie leicht über meinen Nacken strichen, wusste ich, ich war wieder zuhause und ich würde diese Frau nicht gehen lassen! „Du bist wieder da!“ war alles, was Alex sagte mit einer rauen Stimme und einem Schluchzen.

Kapitel 34



Master Cormac äußerte sich dann als erster, dass er erleichtert sei, dass ich wieder da bin und meinte noch, ich hätte allen einen Schrecken eingejagt! Ich war zu erschöpft um darauf einzugehen und meinte nur, dass ich seltsame Dinge gesehen hätte. Dann meldete sich Faith zu Wort und fragte WAS ich denn gesehen hätte und ob es wie bei Mrs. Frederickson gewesen wäre. Nunja, es war halt ähnlich. Doch ich wollte jetzt nicht darüber reden.

„Vielleicht solltest du dich jetzt lieber ausruhen und wir sprechen morgen in aller Ruhe darüber. Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, dass das anstrengend ist.“ Alex spürte, dass ich Ruhe brauchte und ich war ihr dankbar, dass sie es kundtat. Also bat ich die Cormacs zu gehen, da wir uns dann später zusammen setzen werden um alles zu klären. Yannick ging ebenfalls und als wir endlich alleine waren, konnte ich mich endlich entspannen. Alex lehnte ihren Kopf an meine Schulter und meinte auf einmal „Das war ein Albtraum, Haytham. Ich mag einfach nicht mehr...“ Da hatte sie recht, das war es wirklich gewesen.

Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände, denn ich musste etwas wissen! Als ich Alex fragte, ob sie von meinem Tod wusste, wann und wie ich sterben werde, schlug sie die Augen nieder und in ihrer Stimme hörte ich die Trauer! „Ja, ich wusste es!“ Aber wie konnte sie dabei noch so ruhig bleiben und neben mir stehen? Darauf angesprochen, ob sie dass denn überhaupt nicht aufgeregt hätte, sah sie mich erschrocken an.

„Wie bitte? Natürlich geht mir das nahe und ich kann diesen Gedanken auch nicht ertragen. Es macht mich wahnsinnig, dass ich so etwas weiß und...“ Ja, sie durfte es nicht ändern, dass wusste ich ja. Ich nahm ihr Kinn, damit sie mich ansah, denn ich wollte in ihren Augen lesen. Und was ich sah und dann aus ihrem Munde hörte, war etwas, dass ich nicht unbedingt erwartet hatte, mir aber sehnlichst gewünscht hatte.

„Haytham, ich muss dir, glaube ich, jetzt erzählen, was ich vorhabe. Wenn ich es nicht tue, dann zerreißt es mich. Ich... würde gerne wieder zurückkommen dürfen! Ich weiß, dass ich damit ein Risiko eingehe und vermutlich auch die halbe Welt aus den Angeln hebeln könnte. Doch ich kann dich nicht alleine lassen! Ich kann es einfach nicht!“ Ich nahm Alex in meine Arme. Meine Antwort kam ohne zu zögern, denn ich wollte ebenfalls, dass sie bei mir ist! Auch erzählte ich, dass mir das in den letzten Wochen klar geworden ist und ich nicht mehr immer nur aus Vernunftsgründen entscheiden werde!

In mir herrschte ein wahres Gefühlschaos und ich konnte meine eigenen Tränen nicht mehr unterdrücken, als Mrs. Frederickson mir in die Augen sah, küsste sie schweigend darüber und dann spürte ich ihre Lippen auf meinen. Ich war wieder angekommen und wir waren wieder eine Einheit.

Als ich sie dieses mal nahm, war es anders, es war wie losgelöst und wir fanden schnell einen gemeinsamen Rhythmus. Sie ließ sich völlig darauf ein und sah mich mit diesen wunderschönen grünen Augen verlangend an. Ich drehte uns, so dass sie auf meinem Schoß saß und meine Hände ihren Hüften umfassen konnten. So konnte ich ein wenig den Takt angeben und ich musste sie wieder ermahnen mich anzusehen. Bei diesen Worten spürte ich ihren Höhenpunkt und mein Name kam laut über Lippen, dann ließ sie sich an meine Schulter sinken. Jetzt endlich konnte ich auch loslassen und ich kam hart und ein heftiges Stöhnen konnte ich mir nicht verkneifen.

Schwer atmend sah ich Alex wieder an und fühlte, dass wir einen nächsten Schritt getan hatten. Wir waren noch lange nicht am Ziel, aber ich wusste jetzt, was ich wollte! SIE!

Ich nahm die Decke und sie legte sich neben mich und ich schlang sie um uns. Ehe ich noch etwas sagen konnte, war Alex eingeschlafen und dieser ruhige Atem entspannte mich, so konnte ich auch einschlafen!


4. Oktober 1759


Ich genoss die Wärme ihrer Haut und spürte mit einem Mal ihren Blick auf mir ruhen. Aber ich ließ mir nichts anmerken, bis ich ihre Lippen auf meinen fühlen konnte. Ich zog Alex wieder zu mir und fragte grinsend, ob ihr gefallen hätte, was sie gesehen hat!

„Du hast es bemerkt? Das ist nicht fair, ich dachte du schläfst tief und fest!“ kam es gespielt empört von ihr und ich musste lachen. Ich erklärte ihr, dass ich durch meine Ausbildung und jahrelanges Training einfach einen sehr leichten Schlaf hatte und ihre Bewegungen waren ja nun mal auch zu spüren gewesen, nicht nur die!

Alex wollte sich gerade von mir lösen und aufstehen mit den Worten, sie hätte wahnsinnigen Hunger, als ich sie einfach festhielt. Denn ich würde erst einmal meinen Hunger gestillt wissen. Mit einem gezierten „Master Kenway, ihr solltet euch etwas genauer ausdrücken.“ sah sie mich an und ich musste mich schwer zusammenreißen, denn wie sie das Master Kenway aussprach, brachte mich immer auf sehr schmutzige Gedanken!

Ich beschloss, dass ich diesen Gossengedanken jetzt einfach in die Tat umsetze und drehte mich über sie und hielt ihre Arme über ihrem Kopf fest. Mit meinen Oberschenkeln öffnete ich ihre Beine und fand so meine Platz. Dann meinte ich nur, sie müsse noch viel lernen und ich wüsste gar nicht, wo ich zuerst anfangen sollte! Ich musste sie einfach küssen, aber dieses mal hielt ich mich nicht zurück und nahm mir, was meins war. Ich konnte diese Frau regelrecht zerfließen sehen und sie gab sich mir völlig hin. Sie nahm mich ganz in sich auf mit diesem tiefen Aufseufzen, welches mir zeigte, dass Anstand und Moral gerade nicht mehr existierten.

Sie hatte verstanden was ich wollte und als ich ihr befahl mich anzusehen, glitt dieser Schleier über ihre Augen und zeigte mir, dass sie kam und ich konnte ihre Bewegungen fühlen und die Kontraktionen. Sie umschloss mich damit und ich konnte ebenfalls kommen, sie ließ mich nicht los, sondern klammerte sich immer noch an mich. In mir breitete sich dieser Frieden und diese Ruhe wieder aus! Diese Frau machte mich wahnsinnig, aber im positiven Sinne!

Irgendwann bekam ich aber wirklich Hunger und fragte, ob sie ebenfalls noch nach Essen lechzte. Und ich muss sagen, sie verstand es, mitzudenken. Denn sie vermutete eine Fangfrage dahinter und ich schmunzelte in mich hinein. Das könnte ich später sicher noch des öfteren nutzen.

Also hieß ich sie aufzustehen und meine flache Hand landete auf ihrem doch sehr ansehnlichen Hinterteil und ich stand auf. Ihr Blick klebte förmlich an mir und ich musste grinsen.

Endlich im Esszimmer angekommen, hatte Mrs. Wallace wieder ganze Arbeit geleistet und mein Hunger verschwand in Windeseile. Danach machten wir uns auf den Weg zum Fort Arsenal, es muss gegen 19 Uhr gewesen sein. Denn ich würde schon gerne noch Einzelheiten erfahren, was alles in meiner Abwesenheit geschehen war.

Auf dem Weg fing Alex an zu erzählen, dass sie einen Hass und eine Wut den ganzen Vormittag in sich gespürt hatte, seit ich besessen war. Dann erwähnte sie, dass Master Cormac ihr eine Ohrfeige aus Wut verpasst hätte, als sie aus der Garnison zurückkam. Was um alles in der Welt war denn bitte alles passiert und warum war sie dort gewesen? Doch sie wollte mir nichts weiter erklären, sondern lieber auf Faith und Shay warten.

Ich brannte auf Einzelheiten, denn es schienen wirklich innerhalb von wenigen Stunden tausend Dinge passiert zu sein! Als wir eintrafen wurden wir in den Salon gebracht und Familie Cormac genoss gerade ein Stück das Familienleben. Ich beneidete sie darum und auch in Alex´ Gesicht konnte ich sehen, dass sie so etwas vermisste. Und wieder keimte in ihren Augen dieser Wunsch nach einem Kind, als sie July sah.

Faith riss uns aus den Gedanken und wir setzten uns, nachdem wir etwas zu trinken bekommen hatten. Doch es war, als würden die drei nicht wissen, wie sie anfangen sollten. Es war Alex die anfing die Geschichte zu erzählen! „Als wir herausfanden, dass dieses Wesen dich besetzt hat, war das erst einmal ein Schock. Und ich, oder besser wir, wussten im ersten Moment nicht, was wir machen sollten. Also brachte ich zuerst Marie zurück und dann wollten wir uns um dich kümmern!“ Ich sah sie weiter nur an, denn das war ja nichts neues für mich.

Kapitel 35



Die drei haben dann den Finnegans einen Besuch abgestattet, dort fanden sie eine Truhe mit einigen Erbstücken und unter anderem auch Briefen. Eben solchen, die ich meiner Schwester Jenny schicken werde oder schon geschickt habe. Wieder war es ein seltsames Gefühl, dass mein Leben in der Zukunft so offen ausgebreitet wurde.

Alex erzählte weiter, dass sie vermutete, dass Shay mit der Person, die diese Briefe aufbewahrt hatte noch in Berührung kommen würde. Sie wusste WER es war, sagte es aber nicht. Sollte ich es jetzt unfair finden, oder würde ich nicht genauso agieren?

Shays Erzählung fing gleich mit diesem Buch an, welches auch Mrs. Frederickson besaß. „Forsaken“ und er erzählte, dass dort mein Tod beschrieben stand. Alex fiel ihm aber ins Wort und erwähnte, dass ich bereits im Bilde sei, ich war nicht der Meinung, dass ihn das etwas anginge, doch verhindern konnte ich es nicht mehr. Er erzählte dann, dass auch die Schatulle und das Manuskript in dieser Truhe waren und sie beides jetzt an sich genommen haben. Die Gefahr, welche davon ausging, dass diese Gegenstände jetzt doppelt hier existierten blendete ich aus und verfiel in meine Templerart. „Du bist im Besitz BEIDER Artefakte und WIR können nichts mit ihnen anfangen? Wir müssen wirklich weitersuchen?“

„Darauf läuft es hinaus, ja. Es tut mir leid, aber es geht nicht anders, Haytham! Die Gefahr, dass noch mehr in Gang gesetzt wird, ist zu hoch und ich bin schon zu viele Risiken eingegangen. Alleine, dass ich hier mit euch sitze und euch so etwas erzähle. Ich könnte in Teufels Küche kommen!“ Wenn es nach den alten Regeln ginge, würde sie das schon und ich konnte in ihrem Gesicht lesen, dass sie ebenfalls den selben Gedanken hatte. Sie hatte sich als Assassine auf einen Templer eingelassen!

In dieser Truhe war ebenfalls ein Erbstück von Faith, ihre silberne Kette mit den Portraits ihrer Eltern und sich selber darin. Ich besaß von meiner Mutter den Schmuck, aber von Vater hatte ich nichts mehr retten können. Auch mein Kurzschwert war nicht mehr zu retten. Als ich jetzt zu Alex sah, konnte ich wieder sehen, dass sie über etwas grübelte. Ich teilte ihr meine Besorgnis mit und meinte, dass man nicht alle Geheimnisse ergründen müsse. Leise und leicht enttäuscht kam nur „Verzeih mir, es war nicht so gemeint. Ich möchte nur, dass du glücklich bist. Ich … werde mich wohl zusammenreißen müssen in Zukunft! Schaut doch bitte nicht so, ihr wisst alle was ich meine.“ ich hatte es nicht so gemeint, ich wollte nur nicht, dass sie sich in etwas verrennt!

Um das Wesen zu bannen, wollten sie ja die Schatulle nutzen. Doch sie ließ sich, laut Shays Erzählung nur mit diesen Blitzen öffnen. Als Alex jetzt dahingehend weiter erzählte, sprach sie von Strom, was auch immer das sein sollte. Die Jackdaw wäre aber der Ort, von dem sie ihn herbekommen würde. Sie machten sich dorthin auf und trafen auf einen Haufen Templer aus ihrer Zeit und einigen hessischen Assassinen aus unserer Zeit. Ich wusste von Faith, dass sie seit längerem hinter diesen her waren! Was wollten sie von Mrs. Frederickson?

„Diese hessische Bruderschaft gibt es in unserer Zeit übrigens gar nicht mehr. Wir haben eine große Vereinigung mit mehreren kleineren Zellen. Aber so wie ihr die Assassinen kennt, existieren sie nicht mehr.“ meinte sie jetzt und Shay war erstaunt darüber, wie denn dann die Korrespondenz laufen sollte. Es wären ja Umwege bis eine Nachricht überbracht würde.

Sie versuchte uns zu erklären, dass so etwas wie Nachrichten auf Papier, die mit einem Boten übergeben werden, nicht mehr üblich seien. Sie meinte, dass es eine Art unsichtbares Netzwerk gab, über welches die Korrespondenz ablief. Genau wie damals, als sie Shay und mir den Filmriss erklärte, sahen wir sie nur fragend an. Denn... WIE sollte das gehen?

Doch sie kam noch einmal auf die Assassinen zu sprechen. „Dass ihr mir nicht vertraut ist mir klar, aber wenn ich wenigstens einen Namen hätte, könnte ich eventuell sagen, ob ich den schon einmal gehört habe. Ich könnte euch helfen! Was denn?“ Was ich jetzt sagte und vor allem WIE ich es sagte, sollte ich sofort bereuen! „Alex, das sind Ordens-Angelegenheiten, die dich nicht zu interessieren haben!“ Ich war in meine Templerrolle gefallen, denn … es gab sie. Diese Barriere! Diese galt es aber irgendwann zu überwinden, doch jetzt noch nicht!

Innerhalb von einer Sekunde war ihr Gesicht blass und die blanke Enttäuschung war zu sehen. Wortlos und kopfschüttelnd stand sie auf und verschwand. Ich konnte nur meine Hände vors Gesicht legen und hätte mich am liebsten selber geohrfeigt. Es war nicht gegen sie persönlich, es ging darum, dass es Ordensinterna waren, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Das musste sie doch verstehen.

Faith war es, die dann meinte, ich hätte Recht und Alex müsse es verstehen. Denn wir konnten keinerlei Risiken eingehen. Etwas wortlos saßen wir da, als ihr Sohn erschien. Er war bester Laune und hatte Henry im Schlepptau. Beide sahen uns nur an und ich bat Yannick nach seiner Mutter zu sehen, sie sei gerade einfach hinausgelaufen. Mehr sagte ich nicht, denn mich würde interessieren, welche Erklärung sie ihm geben würde.

Doch es dauerte mir zu lange und ich stand auf und ging hinterher. Shay meinte noch, ich solle es lieber lassen und die beiden noch einen Moment reden lassen. Ich ignorierte ihn und ging hinaus. Ich fand die beiden auf der Außenmauer zum Kai hinaus. Ihre Worte konnte ich noch hören, als sie Yannick in einer Stimme voller Trauer mitteilte, dass sie in den nächsten ein oder zwei Tagen abreisen werden und dann legte sie ihren Kopf an seine Brust.

Es versetzte mir wieder einen Stich ins Herz, denn diese Zweisamkeit und diese Verbundenheit zwischen ihnen, würde ich vermutlich nie mit ihr haben. Die gab es nur zwischen Mutter und Sohn und in diesem Moment vermisste ich meine eigene wie noch nie zuvor!

Langsam ging ich auf die beiden zu. Als der Junge mich bemerkte, bat ich ihn, mich kurz mit ihr alleine zulassen. Widerwillig und mit einem bösen Blick nickte er und ging an mir vorbei.

„Alex, versteh mich bitte. Ich darf keine Risiken eingehen! Ich habe eine Verpflichtung als Großmeister! Umgekehrt, würdest DU mir entsprechende Informationen geben?“ irgendwie musste ich mich erklären, oder nicht? Doch ich hatte Angst, ihr zu nahe zu kommen. Es war auf einmal nicht möglich. Auch sie stand nur da und machte keine Anstalten in meine Nähe zu kommen.

„Ich weiß es nicht. Doch dein Ton war geradezu abwertend und eiskalt! Ich bin nicht irgendetwas daher gelaufenes, das solltest du bedenken. Jetzt ist es aber auch egal, denn wir werden fürs erste abreisen und ich werde diesen Abstand nutzen, um herauszufinden, was ich wirklich will. Und ich sollte mir überlegen, ob ich tatsächlich alles aufgeben kann! Genauso wie du es vermutlich auch nicht einfach so könntest. Du hast mir nur einfach gerade mit einem einzigen Satz so dermaßen wehgetan, dass es schon körperlich weh tut!“ Warum ich jetzt nur anmerkte, dass sie dann wohl besser packen sollte, weiß ich nicht. Ich wollte es eigentlich nicht. Sie sollte nicht gehen, sie sollte bleiben! Warum war alles so kompliziert? Doch bevor ich noch mehr kaputt machen konnte, drehte ich mich um und ging. Und dann hörte ich sie weinen, aus einem Impuls wollte ich zurück, aber ich tat es nicht.

Stattdessen ging ich in den Salon und Faith und Shay sahen mich erwartungsvoll an. Es war Shay der mich ansah, als wäre ich geisteskrank geworden! „Master Kenway, aber bei allem Respekt. Wir wissen alle, dass ihr DAS nicht ernst gemeint haben könnt! Wo ist Mrs. Frederickson jetzt?“ besorgt sah er über meine Schulter. Wenn ich richtig lag, war sie immer noch draußen auf der Mauer, in meinen Gedanken jedoch sah ich sie ertrinkend im Meer.

WAS hatte ich nur getan? Ich schüttelte mich und ließ mich schwer auf das Sofa vor dem Kamin fallen. Master Cormac war hinaus geeilt und Faith stand hinter mir. „Bruder, was ist nur los mit dir? Du liebst diese Frau, warum willst du sie dann gehen lassen?“ Auch ihr erklärte ich noch einmal, dass ich das ja nicht wollte, aber ich in meine verfluchte Templerrolle verfallen war, weil ich mal wieder zu paranoid war. Doch auch meine kleine Schwester stimmte mir zu, dass es Dinge gab, die wir nicht einfach so nach Außen tragen durften. Doch auch Alex hatte Recht, der Ton war einfach nicht angebracht! Sie verstand ja die Belange des Ordens, nur WIE ich es gesagt hatte, war für sie wie ein Schlag ins Gesicht!

Ich seufzte nur und starrte ins Feuer, dann stand ich auf und nahm mir ein Glas von dem guten Whiskey. Ich brauchte ein wenig alkoholischen Beistand. In diesem Moment erschien Shay mit Alex, er schob sie förmlich in den Salon in Richtung Sofa und ließ sie darauf nieder und reichte ihr mein Glas. Doch sie starrte nur hinein mit den Worten „Als wenn das jetzt hilft!“ Die Cormacs gingen wortlos und ließen uns alleine.

Ich trat hinter sie und meinte so ruhig wie möglich, wir müssten reden. Gerade als sie Widerworte geben wollte, zog ich sie hoch und nahm sie in meine Arme und wie es in den letzten Tagen immer war, beruhigte sie sich und ich mich auch. Man konnte die Veränderung förmlich sehen und es war einfach wie Balsam für meine Seele. Ich konnte nur ein „Es tut mir leid“ von mir geben und ich bekam ein „Mir auch!“ zurück.

Kapitel 36



Als ihre grünen Augen zu mir aufsahen, war mir wieder wohler und ich versuchte eine erneute Erklärung und dieses mal in einem anderen Ton! „Alex, wir haben eine Menge Dinge, die wir erst einmal besprechen müssen. Wir haben wahnsinnig viel, was wir beide zu bedenken haben und aufarbeiten müssen! Dass es nicht einfach würde, war mir klar und ich denke, dir auch, oder?“ Aber ich konnte davon ausgehen, dass sie es selber wusste! „Das ist mir bewusst, Haytham. Doch ich möchte nicht das Gefühl haben, wie eine Aussätzige behandelt zu werden.“ Und ich wollte ihr das Gefühlt nicht geben! Ich erklärte ihr einfach, dass es ihre Zugehörigkeit ist, die mich oder uns einfach davon abhält, Wissen weiter zugeben!

„Was soll ich deiner Meinung nach machen? Der Bruderschaft den Rücken kehren? Das kann ich nur, wenn ich erst einmal zurückkehre in meine Zeit und dann? Ich kann ja schlecht meine Kündigung einreichen und sagen, so tschüss, das war es dann!“ Ihre pragmatische Denkweise und ihre doch sehr lose Sprache, brachten in mir ein Kopfschütteln hervor. Etwas zögerlich versuchte Alex aber noch eine Erklärung anzubringen. „Sollte ich, und ich betone, SOLLTE ich noch einmal hierher zurückkehren, würde ich keiner Seite mehr angehören. Denn für die Assassinen hätte ich hier keine Fürsprecher, oder? Was dann?“ Also war dieser Gedanke nicht nur aus einer Laune heraus in ihr gereift, sie machte wirklich schon Pläne im Kopf, wie es weitergehen würde? Ich hatte es, als sie es vorhin erwähnte für einen sehr schönen Gedanken gehalten, doch so dramatisch klang es nicht.

„Hast du mich nicht ernst genommen, Haytham? Das war mein Ernst, dieser Gedanke kam mir schon, als … also … ich...“ kam es jetzt stotternd und leicht ängstlich aus ihrem Mund und ich musste sie unterbrechen. Denn es war einfach der Moment, in dem ich wusste, dass sie die Richtige war und aus ihrem Munde das ganze noch einmal zu hören, war eine Wohltat!

Und jetzt gab sie ihre Pläne preis und zwar ALLES. Ich war erstaunt, wie genau sie schon alles in ihrem Kopf zurecht gelegt hatte. Und ich erfuhr, dass sie Eigentum besaß, zwar kein Anwesen oder Haus, aber eine Wohnung, welche sie mit ihrem Sohn bewohnte. Sie sprach von ihrem Testament und wie das laufen sollte, denn sie müsste für tot erklärt werden, so schwer es auch wäre. In ihren Augen lag so viel Vorfreude und Euphorie, dass sie schon ansteckend war.

Mir kam aber ein ganz anderer Gedanke und ich unterbrach sie kurzerhand. Denn, wenn Alex zurückkam, wäre sie wieder mittellos und was dann? Doch ich erwähnte das nicht ohne einen gewissen Hintergedanken und prompt sprang sie darauf an. „Nunja, Master Kenway, ich bin ein gutes Zimmermädchen und kann mit anpacken! Und ich könnte durchaus auch noch andere Dienste übernehmen! Und wenn die Bezahlung stimmt, dann kann ich mir...“ Und wieder... wie sie dieses Master Kenway aussprach, brachte meine Gedanken in die Gosse und ich konnte nur schwer an mich halten.

Ich hob sie auf meinen Schoß und umfasste ihren Hintern und klammerte mich daran. „Über Ihre Bezahlung werden wir dann noch reden, Mrs. Frederickson! Fürs erste wäre die Kost und Logis aber frei gegen... ein paar persönlicher Dienste!“ konnte ich nur leicht atemlos von mir geben. „Master Kenway, wir sollten dieses Gespräch vielleicht noch um ein oder zwei Stunden verschieben!“ kam es jetzt ebenfalls stockend von Mrs. Frederickson. „Haytham, es tut mir leid, dass ich hier alles durch einander bringe. Das war nicht meine Absicht!“ Doch ich verzieh ihr mit einem langen und ausgiebigen Kuss. Mal wieder wurden wir unterbrochen von Faith und Shay und ich konnte mir ein frustriertes Seufzen nicht verkneifen!

Faiths Frage, ob wir alles geklärt hätten, beantwortete Alexandra einfach damit, dass sie jetzt wüsste, was sie zu tun hätte. Auch sie konnte die Verschwiegenheit in Person sein, wenn sie wollte. Unser Gespräch von vorhin war aber noch nicht abgeschlossen, also setzten wir uns wieder und begannen wieder. Als die drei auf der Jackdaw ankamen, waren, soweit ich verstand diese hessischen Assassinen und eine Gruppe Neuzeit-Templer an Bord. Alex war nicht angetan von diesen Ordensbrüdern und -schwestern, denn sie waren in der für ihre Zeit üblichen Kleidung hierher gekommen und hatten auch noch die Finnegans bedroht! Sie bezeichnete sie als unfähige Stümper und dass sie die Sache einfach nicht so ernst genommen hatten. Denn ihr Ex war wohl nicht unbedingt der beste Freund dort.

Plötzlich sprang Alex auf und meinte nur, dass sie die Assassinen vergessen hätte. Eigentlich sollte sie sich heute mit ihnen auf dem Schiff treffen, doch eine Nachricht oder ähnliches hatte sie nicht erhalten. Aus Sorge um die Jackdaw, welche ich durchaus nachvollziehen konnte, eilten wir mit einer hastigen Verabschiedung Richtung Lower Manhattan Hafen!

Doch als wir dort eintrafen, war alles ruhig und die Wache teilte mit, dass es keine besonderen Vorkommnisse gegeben hätte. Seltsam! „Haytham, es ist wirklich wichtig. Ich muss wissen, wer diese Männer sind. Ich kann die Brig hier nicht im Hafen lassen, mit dieser Ungewissheit!“ Ich konnte ihr nur zustimmen, denn sie wollten ja etwas von IHR. „Wir sollten Faith fragen, denn es ist schon etwas seltsam, dass heute nicht einmal eine Nachricht kam!“

Gerade als wir in der Kutsche saßen, sah ich, wie sich mehrere rote Auren auf die Jackdaw zu bewegten. Ich deutete Alex sich ruhig zu verhalten, doch sie hatte sie auch schon gesehen und war im Begriff auszusteigen. Langsam gingen wir wieder Richtung Schiff, immer darauf bedacht, nicht gesehen zu werden. Dann vernahm ich einen Fluch von ihr und sah sie nur tadelnd an, manchmal führte sie ein Sprache, die ich ihr dringend abgewöhnen musste!

Wir konnten hören, dass die Wachen an Bord überrascht wurden und jetzt hieß es, schnell handeln. Doch mit dem Kleid wäre das Kämpfen für Mrs. Frederickson schlecht, dennoch schlich sie leise mit mir an Deck. Und es war eigenartig, es war als würden uns diese Assassinen gar nicht sehen. Mit einem Mal preschte aber dieser Meisterassassine vor und direkt auf sie los und was dann geschah, kann ich kaum in Worte fassen.

Plötzlich umgab sie ein weißer Schimmer, er blendete nicht, aber sie hatte ihr Messer gezückt und … ich muss es so sagen, sie schnetzelte sich durch die Reihen der Assassinen. Es war wie im Blutrausch, aber es sah aus, als hätte sie seit Jahren nichts anderes gemacht. Ich tat mein bestes um ihr Rückendeckung zu geben, doch die war gar nicht wirklich von Nöten. Die Geschwindigkeit ihrer Bewegungen trotz der vielen Röcke war beeindruckend, als ich sah, dass der Meisterassassine sich aus dem Staub machte, ging ich auf sie zu und legte meine Hand auf ihren Messerarm.

Langsam drehte sie ihr Gesicht zu mir und ich sah, dass sie wie aus einem Traum aufwachte, oder wie aus einer Trance. Es war unheimlich! Und dann sprach sie mit mir und ich wollte meinen Ohren nicht trauen! „Bei Odin, was ist hier passiert? Ich … jemand hat mir die ganze Zeit gesagt, was ich tun soll. Blocken, parieren, Fußarbeit, Balance, aufpassen, vorausschauen. Ich habe nur...“ Ja, ich wusste, was sie getan hat. Sie hat das Mantra meines Vaters gehört und es befolgt! Doch auch Alex schoss dieser Gedanke in den Kopf und sie meinte nur „Haytham, warum habe ich auf einmal die Stimme deines Vaters im Kopf? Was ist hier los und wo ist dieser dämliche Meisterassassine jetzt hin?“

Ich hatte leider auf beide Fragen keine Antwort. Und wieder fragte sie, wo dieser Mann hin sei. Sie war außer sich, denn auch für sie ergab das Ganze jetzt keinen Sinn. Diese Vorläufer waren mir immer wieder ein Rätsel und wir wussten nicht, was sie jetzt schon wieder planten. Was aber, wenn die Vorläufer einige Fähigkeiten verteilten? Bei ihr könnte es durchaus sein, dass sie jetzt den Schwertkampf beherrschte oder das Kämpfen allgemein.

„Das wäre eine mögliche Erklärung, aber warum DEIN Vater?“ DAS wäre eine weitere zu klärende Frage!

Mit einem Schwung drehte Alex sich jetzt um, denn wir hatten beide gehört, dass noch jemand am Leben war. „Sagt mir, wo euer Mentor hin ist und ich lasse euch am Leben!“ fragte sie den Assassinen kalt mit ihrem Messer an seiner Kehle, doch dieser dachte gar nicht daran, ihr das mitzuteilen. Stattdessen rammte er es sich die Klinge selber in den Hals. Ein frustriertes „Verdammt nochmal!“ kam über ihre Lippen. Ja, diese Meuchelmörder genossen eine seltsame Ausbildung und die Erklärung von ihr war, dass es der sogenannte levantinische Weg sei, jeder Novize lernt die Bedeutung und muss sie verinnerlichen!

Dann sah ich wie ihr erster Maat auf sie zuschoss, er gehörte zur Wachablösung, welche gerade eintraf. Alarmiert besah er sich Alex von allen Seiten genau und erst dann sah er zu mir mit den Worten „Ich würde mal sagen, ganze Arbeit, Master Kenway!“ Doch ich musste ihm mit Bewunderung verkünden, dass es das Werk ihrer Kapitänin war.

Ich ordnete an, dass hier aufgeräumt werden soll und ich würde mit ihr wieder zurück zum Fort George fahren, damit Alex sich umziehen konnte. Sie sah ziemlich fertig auf einmal aus. Morgen Mittag sollten sie bitte zum Fort Arsenal kommen und wir würden alles weitere besprechen. Rafael nickte nur und wünschte eine gute Nacht. Naja, was davon übrig war.

Als wir von Bord gingen spürte ich, wie sie anfing heftig zu zittern und ich hatte Angst, dass sie mir gleich zusammenbricht. Einen Menschen tötete man nicht leichtfertig, sondern es war immer mit einem Schuldgefühl verbunden, welches man sich bewahren sollte. Mir schoss der Gedanken in den Kopf, dass sie ja vielleicht noch nie jemanden wirklich umgebracht hat und fragte vorsichtig danach.

Kapitel 37



Doch sie sagte, dass sie das schon des öfteren getan hat, aber eben nicht so wie gerade eben. Es waren alles Aufträge, die sie ausgeführt hatte. Wenn ich das so hörte, bekam ich eine Gänsehaut, denn auch jetzt erkannte ich, dass diese Assassinen wirklich anders gestrickt waren. Ja, auch ich hatte schon Menschen das Leben genommen, aber... es war nicht so geschäftsmäßig, wie es sich gerade bei Alex anhörte.

„Doch, aber... nicht so! Diese Männer waren kein Auftrag! Es war als hätte ich mich für irgendwas rächen wollen. Doch das ist nicht das, was ich beigebracht bekommen habe! Und es sind so viele Tote! Haytham, was hab ich nur getan?“ Und jetzt kamen ihre Zweifel wieder, ich hielt sie weiterhin fest, und versuchte meinerseits eine plausible Erklärung zu finden. Sie sei einer Stimme gefolgt, die ihr lediglich gezeigt hat, wie sie sich schützen kann. Und dass ich froh bin, dass sie sie gehört hatte, denn sonst wäre Alex nicht mehr bei mir und wenn ich ehrlich bin, als ich das sagte, brannten meine Augen. Denn dieser Gedanke breitete sich plötzlich in mir aus und ich wollte ihn nicht wahrhaben. Ich schüttelte ihn ab und führte Sie jetzt weg vom Geschehen und wir fuhren zu mir.

Als wir ankamen, öffnete uns Mrs. Wallace die Tür und wurde kreidebleich, als sie uns sah und erst jetzt bemerkte ich, dass wir beide voller Blut waren. Ich bat meine Haushälterin den Mädchen Bescheid zu geben, dass wir ein Bad benötigen und dass dringend gewaschen werden musste. Auch gab ich noch eine kurze Erklärung, was passiert war, aber eben ohne Details.

Ich ging mit Alex nach oben und half ihr aus dem blutnassen Kleid und legte ihr einen meiner Morgenmäntel über. Sie stand immer noch schweigend und blass da. Als ich mir ebenfalls einen Morgenrock angezogen hatte, führte ich sie wieder hinunter und zur Waschküche. Das Bad war bereits fertig, ich nahm ihre dürftige Bekleidung ab und half ihr in die Wanne. Ein wohliges Seufzen kam über ihre Lippen und ich nahm hinter ihr Platz. Ich zog sie zu mir und legte ihren Kopf auf meine Brust. Für einen Moment lagen wir so da und sagten nichts.

Etwas musste ich trotzdem loswerden, denn ich war in gewisser Weise froh, dass es die Stimme meines Vaters war, der sie Folge leistete. Erstaunt kam ein „Warum?“ ich konnte aber spüren, dass sich dunkle Wolken in meinem Geist breit machten, dennoch versuchte ich eine Erklärung. „Weil er so den Menschen weiterhin helfen kann, sie beschützen kann! Er hat es immer mit seiner Familie so gemacht und nun kannst du sein Tun fortsetzen.“

„Haytham, aber glaubst du wirklich, dass es jetzt immer so sein wird? Dass ich diese Techniken immer beherrschen werde? Kann es nicht auch einfach Zufall gewesen sein, weil wir gerade auf der Jackdaw waren?“ Ich konnte fühlen, dass sie die damit einhergehende Verantwortung nicht tragen wollte, denn es war nicht einfach nur ein Spaziergang, sondern sie musste sich beweisen! Darauf angesprochen kam nur „Nein, ich mag sie nicht. Und ich würde sie lieber abgeben, denn ich habe Angst, dass ich versagen könnte! Dass ich eben nicht alle beschützen kann, die mir wichtig sind.“

„Keiner verlangt, dass du das schaffst. Denn es wäre utopisch zu denken, jemand könne alles und jeden vor Schaden bewahren! Doch du kannst anfangen und versuchen etwas zu verändern!“ versuchte ich sie ein wenig zu beruhigen. „Das hört sich nach einem Wunschtraum an, Haytham. Einem sehr schönen.“ Ja, da hatte Alex recht, aber ein Anfang war gemacht.

Als sie sich wieder an meine Brust lehnte, ließ ich meine Hände über ihren Hals streichen und nahm ihre Arme Überkreuz und hielt sie fest. Mich überlief ein wohliger Schauer und ich wollte sie jetzt haben, hier auf der Stelle. Das sagte ich nicht ganz so direkt, doch Alex verstand meine Zweideutigkeit und bat mich ihre Haare zu waschen. Im Gegenzug würde sie mir sicherlich einen kleine Traum schon mal erfüllen können. Ich hatte nicht mit der Menge an Haar gerechnet, als sie sie jetzt öffnete und ihre Mähne mir auf die Brust fiel. Doch ich hielt mich an mein Versprechen und es dauerte nicht lange, da sah sie wieder wie ein Mensch aus.

Plötzlich drehte sich Mrs. Frederickson um und saß auf meinem Schoß und ließ meinen Haare ebenso eine Wäsche angedeihen. Als sich ihre Arme um meinen Nacken legten, ließ sie ihren Kopf nach hinten fallen und ich spürte, wie sie mich aufnahm. Nach der ganzen Aufregung fühlte es sich einfach gut an und ich nahm keine Rücksicht auf die Überflutung die wir anrichteten. Dieses mal kam ich vor ihr und meine Finger halfen ihr, um mir zu folgen und sie tat es mit einem leise gehauchten Haytham auf den Lippen.

Langsam kamen wir wieder zu Atem und das kalte Wasser deutete uns, wir sollten lieber hinaus und uns abtrocknen. Ich schlang mir eines der Handtücher nur um die Hüfte und als ich Alex ansah, konnte ich ihren Gedanken lesen. Ich verneinte, dass ich gewiss nicht nur DAS hier tragen werde. „Ich werde doch wohl auch noch träumen dürfen, Master Kenway?“ Und da war diese Stimmlage, wenn sie das sagte, die mich wieder zu schmutzigen Gedanken brachte und mit einem Klaps auf meinen Hintern und anerkennenden Blick gingen wir wieder hinauf.

Wenn ich noch auf eine Fortsetzung gehofft hatte, so hatte ich sie ohne Alexandra gemacht. Sie lag noch nicht ganz im Bett, da war sie schon eingeschlafen!

Mitten in der Nacht wurde ich wach, weil sie plötzlich keuchte und um sich schlug, gerade so, als würde sie ertrinken! Dann schlug sie endlich die Augen auf und ich konnte nur ein seliges „Gott sei Dank, da bist du ja wieder!“ von mir geben. Doch ihre nächsten Worte konnte ich erst nicht zuordnen.

„Haytham ich habe von Edward geträumt! Und von deiner Mutter! Er... er hat mir eine Art Auftrag gegeben!“ in ihren Augen lag völliger Unglaube, aber auch ich war nicht besser dran. Was denn für ein Auftrag? Und... sie hatte auch meine Mutter gesehen? „Naja, es war... er sagte, ich solle auf dich acht geben und sollte dir etwas zustoßen, würde er mich ganz alleine dafür verantwortlich machen!“ Ihr Zögern lag förmlich im Raum, ich konnte es spüren. Doch innerlich war ich mit diesem Auftrag, den sie nun hatte mehr als im Reinen und zufrieden.

Ich versprach ihr noch, dass ich es ihr nicht allzu schwer machen würde und sie meinte im Gegenzug, wäre sie mir sehr dankbar am Anfang, bis sie sich daran gewöhnt hat. Es war noch dunkel, also schloss ich sie wieder in meine Arme und wir schliefen wieder mit dieser Ruhe ein.


5. Oktober 1759


Ich erwachte vor ihr und hatte so mal wieder Zeit, sie in Ruhe zu betrachten. Ihre Gesichtszüge waren nicht unbedingt makellos, hier und da um die Augen eine kleine Falte aber ihre Haut war so weich und hell und fühlte sich einfach gut an. Dann erwachte sie und sah mich fragend an. „Warum tust du das, Haytham?“ und ihre Hand strich leicht über meine Wange. Das konnte ich ehrlich beantworten, denn ich wollte diese Momente festhalten, für die Zeit, wenn sie nicht bei mir sein konnte. Mit einem breiten Grinsen kam nur „Ich verspreche dir, ich beeile mich und werde dir schneller als dir lieb ist, wieder auf die Nerven gehen!“

„Warum glaube ich dir das aufs Wort, Mrs. Frederickson?“ fragte ich lachend, denn es lag viel Wahrheit in diesem Satz! „Weil ich dich nie belügen würde, Master Kenway!“ Und da war es wieder, wie sie dieses Master Kenway betonte und ihre Hand fuhr in meine Haare und zog mich zu sich hinunter. Es hätte so schön werden können, doch Jones klopfte und teilte uns mit, dass das Frühstück fertig sei. Achja, ich hatte gebeten uns rechtzeitig zu wecken. Mehr als ein genervtes „Danke“ brachte ich aber nicht raus.

Wir machten uns fertig und nach dem Frühstück ging es für uns mal wieder Richtung Fort Arsenal. Es gab noch einiges zu besprechen. Wir warteten im Salon und kurz darauf erschien Familie Cormac. Als alle saßen, begann Alex zu berichten, was sich gestern auf der Jackdaw zugetragen hatte. Als sie meinen Vater erwähnen wollte, sah sie kurz zu mir und ich nickte ihr aufmunternd zu. So erzählte sie weiter, wie sie wie im Rausch diese Assassinen einen nach dem anderen erledigt hatte und erst aus diesem Zustand erwachte, als ich sie ansprach.

Kapitel 38



Doch wir mussten auch kundtun, dass der Hauptcharakter einfach verschwunden war, so etwas war immer unangenehm, doch nicht mehr zu ändern. „Und dieser Mann war einfach weg. Mrs. Cormac, ich muss euch wirklich bitten, mir zu helfen. Denn ich habe hier weder Verbündete noch Informanten und habe keine Möglichkeit, heraus zu finden, WO diese Deutschen sich jetzt aufhalten und was sie planen. Denn ich kann unmöglich die Jackdaw so im Hafen liegen lassen, wer weiß, WAS sie sich als nächstes einfallen lassen!“ Aus Alex schossen diese Worte regelrecht, mit Faiths Antwort hatte ich aber dennoch nicht gerechnet.

„Mrs. Frederickson, ich denke, ich kann euch helfen. Doch die Sache werde ich alleine in die Hand nehmen, denn in dieser Angelegenheit liegt auch ein großes persönliches Interesse meinerseits. Ich kann euch versichern, dass ich es klären werde. Doch ihr solltet überlegen, aufzubrechen und... eure Pläne weiter umsetzen!“ Dabei lächelten sich die Frauen an. Doch ganz zufrieden war Alex nicht und meinte etwas verkniffen „Wenn ihr meint!“

Und wie aus dem Nichts erzählte sie mir plötzlich von der Geschichte in der Garnison. Charles hatte ihr in meinem Haus aufgelauert, sie niedergeschlagen und sie dann verschleppt. Dort hatte er sie mit Thomas gemeinsam bedroht, um Antworten aus ihr heraus zubekommen. Innerlich kochte ich schon wieder und musste an mich halten, um diesen Mann nicht sofort einen Kopf kürzer zu machen. Was fiel diesem Menschen ein, keinerlei Respekt und geschweige denn Empathie.

Als sie dann erzählte, wie sie entkommen konnte, sträubten sich mir die Nackenhaare. Sie hatte riskiert, Lee umzubringen, in dem sie ihm schwere Stichwunden mit dem Messer zufügte. Wir brauchten ihn, auch wenn er in letzter Zeit nicht gerade der nettesten einer war. Als ich das sagte stand Alexandra abrupt auf und funkelte mich giftig an. „Wie bitte? Das war mir in diesem Moment herzlich egal, ER hat mich entführt! Sollte ich also deiner Meinung nach, still halten? Das kann doch nicht dein Ernst sein!“ In dem Moment begriff ich, was ich gesagt hatte. Ich meinte es ja nicht so, also versuchte ich meinerseits eine Erklärung, warum er ein so großes Interesse an ihr hätte.

Ihre Erläuterung war glasklar, denn Charles war nicht eingeweiht, er wusste nichts von ihrer Herkunft oder von den ganzen Dingen, die bisher passiert waren. Für ihn war sie eine Spionin der Assassinen, mehr nicht. Und ja, da musste ich mir etwas einfallen lassen, um ihm das zu erklären. Doch dazu dann später mehr. Faith hatte eine gewisse Anerkennung im Gesicht, denn auch sie hatte ein reges Interesse daran, Lee tot zu sehen. Ich fuhr Shay an, seine Frau im Zaum zu halten, bevor ein Unglück passierte und erntete einen wütenden Blick von ihr.

Also beschloss ich, Charles vorerst von allen Pflichten dem Orden gegenüber zu entbinden und auf längere Missionen zu schicken zusammen mit Thomas! Auch das Hausverbot sollte aufrecht bleiben, wenn ich ehrlich bin, ich wollte ihn auch erstmal nicht mehr in meinen privaten Räumen sehen!

Weiter im Text, dachte ich nur und fragte, wie es denn nun weiter gegangen war. „Nachdem man mir noch eine Ohrfeige verpasst hat, ging es.“ In einem Ton, der so schnippisch war, kam es auf einmal von Alex und ich sah von ihr zu Shay und wäre ihm am liebsten an die Kehle gegangen!

Doch er entschuldigte sich und die Erklärung war auch einleuchtend, denn dieses Wesen hatte eine manipulierende Macht. Es hatte sie alle aufgehetzt, gegeneinander und auch gegen sich selber. Es muss schlimm gewesen sein. Nun kamen wir zum spannenden Thema, denn ich brannte darauf, wie sie dieses Ding aus mir heraus bekommen hatten.

Alex erzählte, dass sie das Artefakt, welches ihr Ex-Verlobter zum Reisen genutzt hatte, dafür hernahmen. Das klang einleuchtend, denn als er es damals aktivierte, sprang das Wesen auf ihn über! Mir kam aber ein anderer Gedanke, wenn diese Wesen mein Amulett brauchten, wie konnte Mr. Engelhardt besetzt werden? Doch ich schob ihn beiseite, darüber würde ich mir später Gedanken machen.

Als Mrs. Frederickson erwähnte, dass darauf andere Symbole waren, als auf den sonst üblichen Artefakten, fragte Faith neugierig nach, ob sie denn die anderen wenigstens schon erforscht hatten. „Ja, soweit es ging haben wir das. Jedoch fehlten uns immer mal wieder schlüssige Beschreibungen. Die haben wir uns... nunja, besorgt!“ Ein „Aha“ meinerseits und sie sah mich schuldbewusst an.

„Ich gehe aber davon aus, dass wir mit dem Manuskript einiges erreichen können und ich werde alles daran setzen, weitere Berichte und Schriften zu studieren. Auch will ich eine Erklärung, warum ich plötzlich diese Fähigkeiten besitze. Ich meine, ich möchte nicht undankbar erscheinen, aber im 21. Jahrhundert benötige ich keine Schwertkampf-Techniken.“ Da hatte sie Recht, wenn ich denn ihren Erzählungen Glauben schenken durfte, was ich natürlich tat. Es war trotzdem immer noch undenkbar für mich.

Sie erzählte von der Vermutung, dass diese Vorläufer unser Unterbewusstsein nutzten, um herauszufinden, was sie uns hinterlassen konnten. Doch was war es denn bei mir, noch spürte ich keinerlei Veränderungen. Yannick besaß jetzt diesen Adlerblick, aber was hatte das Wesen bei IHR gesehen, weswegen sie Fähigkeiten, die erstmal völlig absurd erscheinen, bekommt?

Mrs. Frederickson riss mich aus meinen Gedanken und fragte mich, was dieses Ding mir gezeigt hatte. Also versuchte ich eine Erklärung, doch es klang lächerlich, kindisch und einfach dumm. Doch ich hatte all diese seltsamen Dinge gesehen. Auch meinen Tod und das Alex an meinem Grab steht! DAS waren die schlimmsten Bilder von allen!

Ich sprach von dem Kampf und dem daraus resultierenden Tod, auch erwähnte ich, dass ich den Eindruck hatte, dass es wie ein Aufgeben aussah. „Nein, du hast nicht aufgegeben. Du hast theoretisch etwas verstanden!“ meinte Alex nur. Ja, aber WAS hatte ich verstanden. „Das es keinen Frieden zwischen Templern und Assassinen geben wird.“ sagte sie nur und ich sah, dass sie etwas zurückhielt, ob es ihr Wunsch nach dem Zusammenschluss oder einer Übereinkunft mit beiden Seiten war, konnte ich nicht deuten. Mir blieb also nur das Abwarten mal wieder.

Aufmunternd drückte mir Alex die Hand mit den Worten „Ja, das wirst du tun müssen. Aber ich sagte ja, ich finde einen Weg!“ Mit einem Mal fühlte ich mich müde und ich berichtete, wie es sich angefühlt hatte. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich das Gesehene überhaupt irgendwann verarbeiten kann. Ihre Worte bauten mich aber wieder ein stückweit auf. „Du kannst alleine nichts ausrichten, aber denk an deine Worte vorhin an mich. Versuche in kleinen Schritten etwas zu verändern und siehe dann weiter nach Vorne! Und ich werde es genauso versuchen, dann tu du bitte das selbe.“

Da fiel Alex ein, dass sie sich noch nicht nach den Finnegans erkundigt hatte, doch Shay versicherte ihr, dass es ihnen gut ginge. Sie wären nur geschockt gewesen, von diesen Rüpeln. Sie waren einfach hierher gereist, ohne Vorbereitung oder auch nur ansatzweise mit Bedacht.

Und dann kamen sie auf ihren Sohn zu sprechen, doch Shay teilte ihr mit, dass der Junge im Stall bei den Pferde sei. Als es Mittag war, lud man uns zum Essen ein. Ich war dankbar, denn ein wenig Hunger hatte ich schon! Danach saßen wir noch im Salon zusammen und unterhielten uns über diverse politische Dinge. Mir entging nicht, das Alex des öfteren etwas sagen wollte, doch sie behielt es für sich. Irgendwann hielt sie es wohl nicht mehr aus und ging zu Yannick.

Als wir, Faith, Shay, und ich alleine waren kamen wir auf einige Ordengespräche. Gerade als es um diese hessischen Assassinen ging, kam Alex zurück mitsamt ihres ersten Maates. In ihrem Gesicht konnte ich sehen, dass sie nicht begeistert war, dass wir einfach so unsere Unterhaltung unterbrochen hatten. Es waren aber nicht IHRE Angelegenheiten, trotzdem tat sie mir leid!

Meine kleine Schwester bat Alex jetzt, ihr zu folgen, sie hätte noch etwas mit ihr zu besprechen. WAS würde ich vermutlich später erfahren, also nickte ich nur, als Mrs. Frederickson mich fragend ansah und sie ging Faith hinterher. Mir war bei dem Gedanken, die beiden alleine zulassen, nicht ganz wohl, denn sie waren vom selben Schlag, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollten.

Shay besprach mit Rafael den morgigen Tag und auch die Verladung des Proviants. Es wurde ernst und der Tag der Abreise stand unmittelbar bevor. Ihr erster Maat war aber guter Dinge und freute sich bereits auf sein Zuhause, was ich ihm nicht verübeln konnte. Ich würde aber alleine alle verabschieden, denn ich wollte Master Cormac und seiner Familie eine Auszeit geben, bevor wir uns aufmachten, die Schatulle und das Manuskript weiter zu suchen!

Kapitel 39



Dann endlich nach einer gefühlten Ewigkeit tauchten beide Frauen wieder auf und Alex versteckte schnell zwei Bücher hinter ihrem Rücken. Auf meine Frage hin, WAS das wäre, sagte sie nur, dass meine Schwester sie sich ausgeliehen hätte. Warum hatte sie das getan? Aber ihre Neugierde und ihr Wissensdurst kannten keine Grenzen, vermutlich würde sie sogar über Leichen dafür gehen. Doch ich behielt diesen Gedanken für mich.

Als Alex dann Faith bat, mit zur Jackdaw zu kommen, um sie in alles einzuweisen, brach mir ein wenig der Schweiß aus. WAS planten diese Frauen nur da? Rafael riss mich aus diesem Gedanken und als er freudestrahlend mitteilte, dass sie morgen pünktlich ablegen könnten, sah ich, wie ihr die Tränen in den Augen traten und sie nur sagte „Das freut mich, dann steht der Abreise ja nichts mehr im Weg!“ Es klang ein wenig wie ein Vorwurf.

Wir gingen alle zum Hafen, wo die Brig noch friedlich vor Anker lag. Dort herrschte reges Treiben, denn man hatte mit der Beladung und Verräumung bereits begonnen. Die Mannschaft freute sich, als sie Alex sahen. Sie blieb plötzlich wie angewurzelt stehen, doch es war Faith, die beruhigend auf sie einsprach, aber ich konnte nicht verstehen, was sie sagte. Dann setzten sie sich wieder in Bewegung.

An Deck bat Alex uns, Shay und mich, hier zu bleiben, stattdessen nahm sie Rafael mit. Immer noch wollte ich wissen, WAS die beiden planten! Doch auch aus Shay wurde ich nicht schlau, der zuckte nur mit den Schultern. Ihm schien das alles nichts auszumachen. Aber ich mochte es nicht, wenn man mich im Unklaren ließ. Da waren Alex und ich uns mal wieder sehr ähnlich, ging es mir durch den Kopf!

Es dauerte nicht lange, dann erschienen die drei wieder hier oben und wir konnten uns auf den Weg nach Hause machen. Ich bat die Anwesenden dann noch zu einem … Abendessen, mir wäre fast ein ABSCHIEDSessen herausgerutscht. Alex hingegen entließ ihre Mannschaft für den Landgang, bis auf die Wachen und wir gingen zu Fuß zurück zum Fort George.

Während wir auf dem Weg waren, hielt Alex plötzlich inne und sah mich erschrocken an. „Haytham, ich habe an Yannicks Geburtstag gar nicht mehr gedacht. Was mach ich denn jetzt? Ich... oh es ist doch zum Wahnsinnig werden!“ Ich konnte ihr schlechtes Gewissen förmlich fühlen. In der Aufregung hatten wir das alle nicht mehr bedacht und auch mir war es etwas unangenehm. Doch mir fiel ein, was ich dem Jungen als Geschenk und Wiedergutmachung geben konnte. Ich erzählte ihr, dass meine kleine Schwester bereits für ein Geschenk gesorgt hatte, also ganz vergessen wurde er nicht. Und damit er dieses Präsent auch bei sich tragen konnte, hätte ich noch den passenden Gürtel.

„Du würdest das wirklich für ihn machen? Nach allem, was passiert ist und wie er dich behandelt hat? Das … das ist großartig und ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“ kam es völlig entgeistert von ihr und sie lächelte mich einfach an.

Als wir endlich ankamen, verabschiedete sich Alex von Yannick, Rafael und mir und ging mit den Worten hinauf, dass sie sich frisch machen wolle. Doch ich sah, dass sie alleine sein wollte. Sie war wieder in Gedanken verfallen auf dem restlichen Weg. Ich wartete einige Minuten ab, doch es hielt mich nicht hier, ich musste zu ihr. Und als ich auf der Treppe war, hörte ich ihr Schluchzen bereits.

Vorsichtig öffnete ich die Tür zum Schlafzimmer und sah sie auf dem Boden knien. Ich setzte mich hinter sie und nahm sie in den Arm. So saßen wir einen Moment einfach da und ich spürte wieder diese Ruhe aufkommen und ihre Tränen versiegten langsam. Doch ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Auch Alex wusste es nicht.

Dann drehte sie sich zu mir um und nahm mein Gesicht in ihre Hände und ich sah in ihre wunderbaren grünen Augen, wir wollten beide diesen Moment festhalten und so saßen wir eine Weile einfach nur so da. Als sie mich zu sich zog und mich küsste, hätte ich gerne die Zeit angehalten und sie einfach auf dem Fußboden unter mir haben wollen. Wir wussten aber beide, dass Gäste unten warteten und auch bald noch welche eintreffen werden. Ich erhob mich und zog sie ebenfalls auf die Beine.

Als ich sie fragte, warum ich sie nicht gehen lassen konnte, warum mir das so schwer fiel, kam eine Antwort, die mich etwas erleichterte. „Haytham, ich weiß, dass ich bleiben sollte. Doch wir beide wissen auch, dass es noch nicht soweit ist. Und ich habe dir und auch Faith mittlerweile versprochen, dass ich zu dir zurückkehren werde. Ich kann nur noch nicht sagen, wann genau.“ Das war die Wahrheit, noch war es nicht soweit und ein genaues Datum wäre auch nicht möglich. Ich konnte nicht anders, ich zog sie wieder zu mir und ließ sie mein Verlangen spüren und ihre Schauer übertrugen sich auch auf mich.

Auf meine nächste Frage, was sie, Mrs. Frederickson, bloß mit mir gemacht hätte, hörte ich in ihrer Stimme diesen lasziven Unterton wieder, der mich wieder schlimme Gedanken haben ließ. „Ich weiß nicht, vielleicht lag es daran, dass ich dich zur Weißglut getrieben habe? Dass ich einfach mein loses Mundwerk nicht halten konnte, Master Kenway?“ Diese Frau war einfach unmöglich, doch diese direkte und unkonventionelle Art würde ich vermissen und ich liebte sie an ihr!

Resigniert ließ sie mich los und wandte sich der Kommode und der Waschschüssel zu. Als sie in den Spiegel sah, formte ihr Gesicht eine Frage, welche ich direkt beantworten konnte. Denn ICH war derjenige, der dieses etwas übermüdete Gesicht, mit den verheulten Augen hübsch fand!

Ein Grinsen und die unnötige Frage „War ich wieder ein offenes Buch?“ ließen mich etwas aufatmen. Ich half Alex noch mit ihren Haaren, denn sie waren völlig durcheinander. Danach gingen wir hinunter in den Salon, wo schon alle anwesend waren und bat dann die Gäste  hinüber ins Esszimmer.

Mrs. Wallace hatte mit dem Küchenpersonal hervorragend improvisiert und es schmeckte fantastisch. Nur Alex ließ irgendwann das Dessert aus, doch ich ahnte, dass es mal wieder an dem Korsett liegen durfte. Aber mir gefiel ihre Figur dadurch sogar noch ein kleines bisschen besser, auch wenn sie... doch ich schweife ab.

Alex war gelöster als sonst und das fand ich eine erfrischende Abwechslung, sie konnte jetzt ohne auf jedes Wort zu achten, von ihrem Zuhause erzählen. Yannick quittierte diese Geschichten des öfteren mit einem bösen Blick, denn ihm war es nicht recht, dass seine Mutter so etwas erzählte.

Auch die Cormacs erzählten einiges und es war entspannt. Ich behielt Alex den ganzen Abend im Auge und als ihr Blick auf July fiel, konnte ich regelrecht sehen, dass sie sich überlegte, wie ein gemeinsames Kind bei uns aussähe. Als ich erwiderte, das ich darauf gespannt sei, kam ein leicht erschrockener Blick von ihr! Doch... es war einfach bezaubernd.

Es war an der Zeit, dass Yannick sein Geschenk bekam und nachdem ich ein paar Worte an ihn gerichtet hatte, übergab ich mein Präsent. Der Junge sah mich nur mit großen Augen an. Als er die Schachtel öffnete, erklärte ich nur, dass er damit seine Waffen jetzt bei sich tragen konnte. „Master Kenway, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich danke euch. Dann kann ich mein Geschenk von Mrs. Cormac auch endlich zeigen!“ er kam auf mich zu und schüttelte mir überschwänglich die Hand. Also einen festen Händedruck hatte er, dass musste man ihm lassen!

Dann meldete sich seine Mutter zu Wort, sie hätte auch noch ein Geschenk. Erstaunt sah er sie an und meinte nur, dass er das doch eigentlich erst wieder zuhause bekommen sollte. Doch WAS es war, würde mich auch interessieren. Die Erklärung kam und Shay, Faith und mir blieben die Münder offen stehen. „Nein, auch wenn hier und jetzt nicht ganz der Rahmen ist, den du verdienst, solltest du es bekommen. Denn nach allem, was hier vorgefallen ist, denke ich, solltest du sie haben!“ und damit holte sie ein dunkelrotes Tuch mit Assassinen-Symbol hervor und überreichte es Yannick. Als er es auswickelte, kam ein Satz perfekt gefertigter versteckter Klingen zum Vorschein.

Jetzt erhob sich Alex und stellte sich vor ihren Sohn und ihre nächsten Worte waren... eigenartig, da sie sie hier unter Templern sprach! „Yannick, hiermit überreiche ich dir in meiner Funktion als Meisterassassine, die zweiten Klingen, welche eines Assassinen würdig sind. Trage sie mit Stolz und bringe der Bruderschaft Ruhm und Ehre. Und bedenke, halte die Klingen fern von dem Fleisch Unschuldiger, halte dich im Hintergrund ohne aufzufallen und kompromittiere nie die Bruderschaft. Halte dich an diese Regeln und sie werden dich weiter bringen. Missachte sie und sie werden dich vernichten!“ Mit einer kleinen Pause und einem Blick in die Runde, ging die Ansprache weiter. „Wir arbeiten im Dunkeln...“ Yannick fuhr fort „... um dem Licht zu dienen“ und gemeinsam fuhren sie fort „... denn wir sind Assassinen!“

Ich selber hatte noch nie einer solchen Zeremonie beigewohnt, aber Shay und Faith kannten es. Dieses hier war sicherlich nicht ganz das, was dann später zuhause noch kam, doch Alex hatte ihren Sohn in die Bruderschaft aufgenommen. Sie war jetzt seine Mentorin und das versetzte mir wieder einen Stich. Denn würde sie jetzt noch die Seiten wechseln, könnte ich sie von unserer Templersache überzeugen?

Ich hörte nur wie der Junge sagte, dass er sie liebe und sie lagen sich beide in den Armen. Alex konnte ihre Tränen nicht zurückhalten, verständlicherweise. Doch wir sollten die beiden wieder auf den Boden der Tatsachen holen und etwas verlegen nahmen die beiden wieder Platz. Mrs. Frederickson erklärte uns, warum er die Klingen jetzt bekam, oder besser verfrüht. Denn in ihrer Zeit führte man diese Art Waffen nicht mehr bei sich, genau wie man keine Schwerter oder Dolche mehr bei sich hatte. Ich fand es immer noch befremdlich, doch wer bin ich, das zu beurteilen?

Faith und Shay verabschiedeten sich dann, weil July ins Bett musste und wünschten Alex noch alles Gute für die Heimreise. Ihr erster Maat blieb noch bei mir und ich kam mit ihm auf das Thema Seefahrt und ich konnte ihn ein wenig über die Jackdaw ausfragen. Yannick verabschiedete sich dann ebenfalls für die Nacht! Mrs. Frederickson ging dann kurz darauf mit den Worten, sie würde sich noch bei Sybill verabschieden wollen und für alles bedanken!

Aber als ich nach einer geschlagenen dreiviertel Stunde immer noch keine Alex oder eine Sybill gesehen hatte, ging ich in die Küche. Rafael wünschte eine gute Nacht und ging mit einem zufriedenen Ausdruck.

Kapitel 40




Ich stand in der Küchentür und musste schmunzeln, die beiden hatten ein wenig zu tief in die gute Rumflasche geschaut. Sybill fuhr erschrocken hoch, als sie mich sah, doch Alex zog sie wieder runter und kam leicht schwankend auf mich zu. „Sei nicht so streng, es war ein Abschiedstrunk!“ kam es mit schwerer Zunge von ihr und sie sah mich mit leicht glasigen Augen an. Doch ich versicherte ihr, dass dem nicht so ist, sie aber für heute genug hatte, denn wenn ich ehrlich bin, ich hatte da noch etwas vor. Sie verabschiedete sich von Sybill, welche ich entließ für die Nachtruhe und dann zog ich Alex hinter mir her nach oben ins Schlafzimmer.

Für einen Moment standen wir uns hier nur gegenüber, denn beide wussten wir nicht, wie wir beginnen sollten. Also zog ich sie mit mir zum Bett und ließ mich auf die Kante sinken, dann umfasste ich ihre Taille und legte meinen Kopf wieder auf ihren Bauch. Ihre Hände begannen langsam durch meine Haare zu streichen, als sie auf den Widerstand des Haarbandes traf, entfernte sie es einfach und fuhr fort. Es war, als würde sie beginnen, den Abschied Schrittweise herbeizuführen.

Die Kleidung folgte in allen Einzelheiten und mit einer unglaublichen Ruhe, der Blickkontakt brach nie ab und ich genoss diese Ruhe und ihre Bewegungen und ihren Körper. Dann hob ich sie auf meinen Schoß und sie klammerte sich an mich. Ich ließ meine Hände über ihren Rücken gleiten, spürte die Wärme die von ihr ausging und als ich mit rauer Stimme sagte, sie solle bei mir bleiben, kam ihr Versprechen, dass sie wieder zurückkommen wird!

Ich drehte sie unter mich und ich wusste, ich würde sie heute für eine sehr sehr lange Zeit das letzte mal nehmen. Ein letztes Mal wollte ich sie haben und ich zügelte mich nicht, sondern ließ es darauf ankommen. Doch schon bald spürte ich, dass auch sie alles wollte für diese letzte Nacht. Als sie laut stöhnend kam, konnte ich auch loslassen und lag kurz darauf, keuchend auf ihrer Brust.

Ein Versprechen nahm ich ihr in diesem Moment aber ab, denn ich bat sie, mich nicht zu lange warten zu lassen. „Ich verspreche es, Haytham.“ Sie besiegelte es mit einem langen Kuss!

Diese Nacht war wieder anders als die anderen. Es war, als wuchsen wir immer weiter zusammen, aber es war wie eine Sucht. Ohne diese Frau könnte ich gar nicht mehr leben!

 

6. Oktober 1759




Der Morgen kam zu früh und ich war wieder einmal vor Alex wach. Ich prägte mir mal wieder ihr Gesicht ein, ihren Körper, denn ich hatte einen wunderbaren Blick gerade auf ihre Brüste. Doch wir würden nicht mehr viel Zeit haben, von unten vernahm ich schon Geschirrgeklapper. Ein vorsichtiger Kuss auf ihre Stirn und ich bekam ein leicht gekrächztes „Guten Morgen“ heraus.

Dann hörte ich Yannick auf der Galerie rufen „Endlich wieder nach Hause“ ich konnte es ihm nicht verübeln und ich sah, dass Alex nicht ganz glücklich mit dieser Äußerung war. Ich wies darauf hin, dass wir uns fertig machen sollten. „Du hast ja Recht, aber … ich will einfach nicht!“ das klang bockiger als eine Dreijährige. Ich versicherte ihr aber noch einmal, dass ich auf sie warten werde und sie das nie vergessen sollte! Mit einem langen leidenschaftlichen Kuss versuchte ich ihr das klar zu machen!

Und dann klopfte Sybill auch schon zögerlich und teilte mit, dass der Kaffee warten würde. DAS war einzig für Alex bestimmt und sie kicherte einfach, denn es war ihr Stichwort. Also stiegen wir aus dem Bett und fingen an uns fertig zu machen. Als sie vor mir stand in ihrem Meisterassassinen-Ornat konnte ich mir nicht verkneifen, sie darauf hinzuweisen, dass wir das beizeiten ändern sollten. Wenn sie denn bereit wäre, versteht sich!

„Darüber muss ich nachdenken, denn du weißt, dass ich immer noch der Meinung bin, es gibt einen Mittelweg. Doch das ist ein Thema für eine andere Zeit!“ Und damit begann sie, ihre Sachen in die Truhen zu räumen. Sie schulterte den Seesack, denn die Truhen würden gleich von der Besatzung abgeholt werden.

Wir gingen hinunter und im Esszimmer gab es ein letztes Frühstück und ein letztes Mal sah ich, wie diese Frau ihren Kaffee mehr anhimmelte als mich. Dann war es soweit und Alex verabschiedete sich von Mrs. Wallace „Ich wünsche euch alles erdenklich Gute, Sybill und passt auf meinen …“ meine Haushälterin überging es gekonnt und meinte, sie würde ein Auge auf mich haben, Alex bräuchte sich keine Sorgen machen!

Als wir in der Kutsche saßen, welche uns zum Hafen brachte, konnte ich spüren, dass Alex immer nervöser wurde, je näher wir diesem kamen. Mit einem mal hatte ich den Eindruck, sie würde einfach hinausspringen und hielt ihre Hände fest und drückte sie auf meine Brust und sah ihr wieder in die Augen. Ich schüttelte nur leicht den Kopf und ihre Augen füllten sich mit Tränen, es fühlte sich an, als würde in mir etwas zerspringen!

Wir kamen bei strahlendem Sonnenschein beim Anlegeplatz der Brig an und ich führte Alex zu ihrem Schiff, doch immer wieder hielt ich kurz inne. Denn... es war soweit und ich wollte es nicht wahrhaben, doch ich musste sie jetzt gehen lassen. Ich redete mir die ganze Zeit ein, sie käme wieder und dann für immer. Es würde nicht lange dauern! Doch... WIE lange musste ich warten? Diese Ungewissheit war unerträglich für mich und fraß mich jetzt schon förmlich auf!

Ihre Mannschaft begrüßte sie jubelnd, die Truhen wurden an Bord gebracht und ich stand vor ihr und sah sie nur an. Plötzlich wurde es still um uns und ich nahm ihr Gesicht und gab ihr einen letzten Kuss. Ich weiß, es gehört sich nicht für ein unverheiratetes Paar sich in der Öffentlichkeit zu küssen, doch es war mir in diesem Moment egal. Es war, als hielten die Umstehenden die Luft an. Doch als ich mich von ihr löste, kam wieder Bewegung in die Menschen.

Ich ging einen Schritt zurück und Alex sah mich nur mit Tränen in den Augen an. Wir hatten beide kein einziges Wort mehr gesprochen, Worte waren auch nicht nötig. Kaum, dass sie an Bord war, setzte die Jackdaw Segel und nahm langsam Fahrt auf!

Ich stand am Pier und sah ihr noch kurz nach, doch ich konnte diesen Anblick nicht länger ertragen und machte mich auf den Weg... ja wohin sollte ich denn jetzt? Ich konnte ihren Blick förmlich in meinem Rücken spüren, wie sie die Menschenmenge nach mir absuchte, aber... ich musste da weg!

Ab jetzt hieß es warten, oder?

 

*** To be continued ***

 

Danke!

 

Nun ist auch der erste Teil von Master Kenways Tagebuch abgeschlossen und ich möchte mich bei allen Leser*innen fürs Durchhalten bedanken.

 

Auch danke ich für die neuen Favoriteneinträge und Empfehlungen. So was motiviert zum Weiterschreiben und ich bin dabei, versprochen.

 

Somit bleibt mir zu sagen, dass ich mich auf ein Wiederlesen mit euch freue!

 

Ein ganz persönlicher Dank geht an meinen kleinen Todesengel, welcher immer wieder über die Kapitel liest als meine Betaleserin und die mich schon des öfteren vor großem Chaos bewahrt hat!

 

GLG eure Chaoshexe (Mrs. Shaytham Corway)

 

PS: Ich werde mal die letzten Seiten wieder zurücklegen, ich habe keine Lust, noch mehr putzen zu müssen! ;-)

 

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Autorennotiz

Einleitung und Erklärung

Vorwort

Herzlich Willkommen zu einer weiteren FanFiktion von mir.

Vor einiger Zeit hatte ich den Gedanken, meine eigene Geschichte „Even when your kind appears to triumph... Still we rise again!“ aus der Sicht von Master Haytham Kenway zu schreiben, eine Art Tagebuch. Ich finde diesen Charakter einfach wahnsinnig spannend und bin immer noch der Meinung, der kam zu kurz! :-)

Ich mache es kurz: Ich habe begonnen und es ließ mich nicht los.

Aus diesem kleinen Einfall ergaben sich jetzt einige Kapitel und ich würde sie jetzt gerne öffentlich machen. Doch zuerst hatte ich, damit ich einen Anreiz zum Schreiben habe, das Ganze im NaNoWriMo schon kundgetan und hatte auch mein Ziel schnell erreicht.

Jetzt ist der erste Part bereits fertig geschrieben, genau wie meine Hauptgeschichte.

Ab heute lade ich dann, wenn möglich jeden Mittwoch ein oder zwei Kapitel davon hoch!

Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen und habt noch eine schöne Vorweihnachtszeit.

GLG Chaoshexe

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Autor

MrsHEKenways Profilbild MrsHEKenway

Bewertung

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Statistik

Kapitel:40
Sätze:4.385
Wörter:61.127
Zeichen:346.358

Kurzbeschreibung

********* Ich bin ein Mensch, der seine Tagebücher gewissenhaft führt. Auch diese werde ich fortlaufend weiter schreiben! Doch es war der 20. September 1759, welcher mein Leben auf den Kopf stellen sollte. Oder besser, eine Frau würde mein Leben völlig durcheinander bringen! Ihr Name ist Alexandra Frederickson und ich weiß nur, sie macht mich wahnsinnig! Doch ihre Art und Weise mir gegenüber ist anders, erfrischend möchte schon fast sagen. Ich werde es auf mich zukommen lassen und euch auf dem Laufenden halten! ********

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Zeitreise, Assassins Creed 3, Assassins Creed Rogue, Kolonialzeit (amerikanische), Tagebuch und Liebesbeziehung (problematisch) getaggt.