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Ein Jahr für fünf [Kalender 2019]

73
18.3.2019 19:39
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

5 Charaktere

Albus Dumbledore

Hermine Granger

Minerva McGonagall

Remus Lupin

Severus Snape

Erschöpfung, Große Halle, Herbstwind

~*~

Sie hatte sie alle gleichermaßen erfasst, die Lider gesenkt, sich auf die Glieder geschlagen. Ein müdes Gähnen nur hier und da durchbrach das Schweigen, übers Schloss verteilt. Alles lag in tiefem Schlummer, alles war im Land der Träume. Alles? Nein! Rastlose Geister wandelten noch immer in Gedankentürmen umher, suchten nach einer Antwort. 

Hermine trotzte der Erschöpfung. Vielleicht war sie als Einzige im Schloss noch wach. Vielleicht lagen auch andere schlaflos auf ihrem Lager. Wer wusste das schon? Morgen, wenn sie in ihr Haus zurückkehrte, würde sie es gewiss bereuen. Doch jetzt fand sie einfach keine Ruhe. Ihr Gehirn ratterte, wälzte die Ereignisse, die sie in Atem gehalten hatten, hin und her, her und hin. Wie nur hatte das passieren können? Wo war bloß das Schlupfloch, das es zu schließen galt? All die Dementoren und doch nutzlos! Sorgenfalten kräuselten ihre Stirn als sie sich müde zur Seite drehte. Oh Harry, abermals sind wir nicht mehr sicher, mögen die Lehrer klüger sein als wir!

Sie waren nicht klüger geworden! Stunden über Stunden der Suche und keine Spur, nicht einmal im Ansatz! Keine Ahnung und keine Idee. Er war wieder wie vom Erdboden verschluckt, wie ein Geist einfach verschwunden. Wusste der Geier, warum die Sicherheitszauber der Schule ihn nicht aufgehalten hatten. Minerva gähnte. Sie fühlte sich müde und unendlich schlapp. Eigentlich hätte sie Albus in der Großen Halle aufsuchen müssen, die Lage mit ihm besprechen, sich den Kopf zermartern sollen, wie die Sicherheit der Schüler wieder herzustellen sei. Es wäre ihre Pflicht gewesen. Doch sie war zu erschöpft dazu. Schläfrig schlug sie am Treppenhaus den Weg nach oben ein, schläfrig und mit einem schlechten Gewissen.

Gewissenbisse. Remus fühlte sie zwicken und nagen, stechen und beißen. Das schlechte Gewissen saß ihm im Nacken, trieb ihn durch die Korridore, obwohl ihm die Augen zuzufallen drohten. Vage ahnte er wie seinem alten Freund und neuem Feind dieses Kunststück gelungen war, das allen anderen Rätseln aufgab. Das alte Geheimnis, der Schwur ihrer Schulzeit geisterte durch seinen Kopf wie ein Phantom längst vergangener Zeiten. Doch er brachte es nicht über sich, den Mund aufzumachen. Wagte nicht, seine Bedenken, Befürchtungen auszusprechen. Nach allem was geschehen war fühlte es sich noch immer an wie Verrat. Dumbledore würde es das Herz brechen. Und Severus? Was würde er erst denken, bei all diesem Hass?

Der Werwolf war es gewesen, ganz gewiss! Er, Severus, hatte es all die Zeit gewusst. Remus Lupin war ein faules Ei im Nest. Und endlich zeigte er sein wahres Gesicht! Der Hass, die Wut, der nahe Triumpf in diesem stillen Krieg, trieben Severus die Erschöpfung aus den Gliedern. Sein Körper schrie nach Schlaf, sein Geist aber war hellwach. Albus musste ihm glauben, konnte nicht anders, nach diesen Beweisen! Der Werwolf war eine Gefahr. Er hatte seinem alten Kumpel hinein und hinaus verholfen und wenn Dumbledore ihn nach dieser Nacht nicht glaubte…. Aber nein, das würde nicht geschehen! Siegessicher stieß Severus die Tür zur Großen Halle auf, bereit den Verbrecher anzuklagen.

Albus seufzte tief und schwer. War dieser Krieg zwischen seinen Schützlingen niemals beizulegen?  Er hatte Severus‘ Anschuldigungen gelauscht als dieser Remus an den Pranger stellte und war doch nicht bereit, ein Urteil zu fällen. Remus war unschuldig wie ein Lamm, dessen war Albus sich sicher. Und er war müde ein Richter zu sein, müde überhaupt. Dieser Abend hatte alle Kräfte aufgezehrt und noch immer hatte er den Dementoren zu sagen, dass die Suche beendet war. Wie das alles überhaupt hatte passieren können, blieb ein Rätsel. Sein Kopf war leer. Er hob den Zauberstab und sprach ein stummes Alohomora, das die Fenster der Großen Halle öffnete: Frische Luft für die Schlafenden.

Frische Luft durchzog den Saal, durchzog die leeren Flure und dunklen Klassenzimmer. Der Herbstwind, kalt und klar, der alle Sinne kühlte, der die Lungen erfrischte und die Gedanken zum Schlaf bettete. Fünf Paar Augen fielen zu, entschieden sich nach langem Denken endlich zu ruhen. Zweifel und Rätsel, Sorgen und Ängste, Anklagen und schlechtes Gewissen, sie schwiegen. Hermine und Minerva, Remus, Severus und Albus, sie gaben endlich der Erschöpfung nach und folgten ihr ins Land der Träume. Nur der Herbstwind ging noch durchs Schloss, sang sein stummes Lied: Sirius Black war in Hogwarts eingedrungen und wartete irgendwo da draußen…

Hoffnung, Pokalzimmer, Schneefall

~*~

Ein kühler Lufthauch zog durch die Treppenhäuser von Hogwarts. Kühl war es in allen Fluren und Zimmern. Der Frost war über das Land hereingebrochen, ließ Blumen und Pflanzen aus Eis auf den Fensterscheiben sprießen. Über den Dächern, über den Zinnen trieben seit Tagen puderweiße Wolken und unablässig rieselte der Schnee. Das neue Jahr glich einer frischen Leinwand. Niemand wusste, welche Szenen die Hand des Schicksals noch darauf zeichnen würde.

Remus lächelte als er kurz ans Fenster trat und hinaus in das Schneetreiben sah, die Hitze der leeren Tasse noch an seinen Fingern. Der Tee aus dem Lehrerzimmer wärmte ihn gut. Um ihn her herrschte klirrende Kälte, hinter ihm klirrte funkelndes Metall. In den zahllosen Vitrinen versprühte es ein goldenes Blitzen wie ein Hoffnungsschimmer im tristen Wintergrau. Seitdem die meisten Schüler über die Ferien nachhause gefahren waren und das Schloss so still und leer war, hatte er sich angewöhnt, in den Korridoren ein wenig zu lustwandeln und den Erinnerungen an alte Zeiten nachzuhängen. So hatte es ihn heute ins Pokalzimmer verschlagen, um sich ein wenig im Glanz der Geschichte der altehrwürdigen Schule zu sonnen und dem letzten Zeugnis von James‘ Quidditcherfolgen die Ehre zu erweisen: Der Name seines Freundes eingraviert in Gold. Wehmütig betrachtete Remus gerade die Pokale und Medaillen als ein Geräusch ihn aufmerken ließ: Jemand hatte das Pokalzimmer betreten. Sofort wandte er sich um. Ein Mädchen stand im Türrahmen, langes buschiges Haar umrahmte sein Gesicht ehe es auf dem rot-gold-gestreiftem Schal endete: Hermine Granger. 

 „Professor Lupin“, rief sie abgehetzt, „Ich habe Sie im ganzen Schloss gesucht. Harry hat mir erzählt, dass Sie ihm schon heute Abend den Patronuszauber zeigen wollen, ist das wahr?“ 

„Das stimmt“, entgegnete Remus und fragte sich, was sie wohl von ihm wollte. Die Schülerin setzte ihre Ledertasche ab, während sie die Vitrinen musterte.

„Harry, er ist immer noch traurig, dass er das Quidditchspiel gegen Hufflepuff verloren hat. Und er ist sauer auf mich, weil ich auf McGonagalls Seite bin, wegen dem Feuerblitz, wissen Sie. Er versteht einfach nicht, dass… dass ich Angst habe, dass Sirius Black…“

Sie brach ab. Und mochte ihr bester Freund ihre Bedenken auch nicht verstehen: Remus verstand.

„Professor McGonagall und Professor Flitwick tun ihr Bestes, um den Feuerblitz auf mögliche Flüche zu überprüfen. Vielleicht ist er ja auch ein Geschenk eines Verehrers. Harry ist berühmt und hat viele Bewunderer“, erklärte er beschwichtigend und warf einen Seitenblick zum Fenster, damit er nicht in ihre Augen sehen musste. Dass dieses Geschenk Sirius‘ Handschrift trug wie kein Anderes, verschwieg er. Wäre er nicht der Verräter gewesen, der James ans Messer geliefert hatte, es wäre genau das gewesen, was Sirius getan hätte, hätte er vom Quidditch-Unfall eines geliebten Patenkindes erfahren. Doch das konnte er einem vierzehnjährigen Mädchen nicht sagen. Für eine Weile standen sie schweigend nebeneinander und sahen durch die Fenster hinaus in den fallenden Schnee, jeder in seine Gedanken versunken. Die Stille schien durchtränkt von namenlosen Sorgen, unsichtbaren Schatten gleich der Dementoren, die um die Schule kreisten, während ruhig der Schnee fiel, sanft und weich wie Watte. 

„Was denken Sie, Professor Lupin, wird er…?“, fragte da Hermine Granger, flüsternd fast. 

Der Hauch ihrer Worte ging durchs Zimmer wie eine Winterbrise, zu schwach um den Weg fallender Flocken zu verwirbeln. Remus sah hinauf in den Himmel, ebenso weiß und unbeschrieben wie die Landschaft ringsumher.

„Ich denke, dass Harry das nächste Spiel gewinnen wird“, erwiderte er dann, wissend, dass es nicht die Antwort  auf ihre stumme Frage war, „Und dass er auch aus anderen Kämpfen siegreich hervorgehen wird.“

Hermine wandte den Kopf, blickte zu ihm auf. In ihren Augen las Remus Zweifel, doch besaß sie zu viel Anstand, um einen Lehrer offen der Leichtgläubigkeit zu bezichtigen. 

„Ich werde Harry alles sagen, was ich in den letzten Tagen in der Bibliothek über den Zauber gelesen habe“, erklärte sie bestimmt und verabschiedete sich.

Still lächelnd und mit einem heimlichen Respekt vor ihrer Courage sah Remus ihr nach. Er wusste nicht woher er diese plötzliche Gewissheit nahm, doch war er guter Dinge. Alles würde sich aufdecken und zu einer Lösung kommen, die keinen Blutzoll verlangte. Das spürte er einfach.  Hoffnungsvoll blickte Remus zum Fenster hinaus. Der Horizont glich einer weißen Leinwand und hinter ihm blitze James‘ Name im Gold.

Stolz, Flourish & Blotts, Buch

~*~

Die Bretter ächzten und keuchten stumm unter der seitenschweren Last, die sie zu wuchten hatten. Wälzer und Folianten, Taschenbücher und  Broschüren drängten sich Rücken an Rücken aneinander, leinengebunden und in Leder geschlagen. Albus atmete tief ein, genoss den Duft von Wissen und Weisheit, von altem Pergament und frischer Setzkastentusche, der aus allen Ecken auf ihn einströmte. Gab es einen herrlicheren Ort als einen Raum voller Bücher? Flourish & Blotts mochte zwar kaum mit der Schulbücherei von Hogwarts zu vergleichen sein, doch war es noch immer die beste Adresse, wenn man seine Privatbibliothek etwas aufzustocken gedachte. Während er hin und wieder einen Band aus den Regalen zog, hier und da etwas schmökerte, begleitete ihn das Rascheln von Papier. Nach einer Weile hielt Albus die Neugierde nicht mehr aus, sah von seiner Lektüre auf und warf einen verstohlenen Seitenblick hinüber in die Ecke des Raumes, wo eine schwarzgekleidete Gestalt das Angebot der Abteilung Zaubertränke studierte: Severus Snape. Die dünnen Finger an die schmalen Lippen gelegt, die Bücherrücken eingehend musternd war er offenbar auf der Suche nach einem ganz bestimmten Titel. Für welches Werk er sich wohl entscheiden würde? Albus fragte nicht nach. Er würde es früh genug erfahren, spätestens in der letzten Woche der Sommerferien, wenn alle Lehrer seine Unterschrift für die Liste der Schullektüre erbaten, die sie fürs nächste Schuljahr zusammengestellt hatten. Für Severus war es das zweite Mal und wie es schien, machte er es sich mit seiner Aufgabe nicht allzu leicht. Albus war ihm zufällig in der Winkelgasse begegnet und für einen seltsamen Augenblick wunderte er sich, warum der junge Mann sein Angebot ihn zu begleiten nicht mit einer Ausrede ausgeschlagen hatte. Jedem Anderem zeigte Severus Snape die kalte Schulter. Etwas, das Albus zuweilen besorgte, wenn er an die Worte seines Schützlings dachte, damals bei dessen Zusammenbruch in seinem Büro. Dann jedoch verdrängte er seine düsteren Gedanken. Er mochte Severus nicht weiter stören. Kaum hatte er sich dem Bücherregal vor sich wieder zugewandt, machte sein Herz mit einem Mal einen Satz als er etwas entdeckte, das seine Stimmung schlagartig kippen ließ.

„Du meine Güte!“ gluckste er als den goldenen Schriftzug ‚Albus Percivals Wulfric Brian Dumbledore Gesamtwerk Sonderausgabe‘ auf dem edlen Folianten mit Goldschnitt entdeckte, der im obersten Regalbrett ausgestellt war. Ihm war zumute wie einem Kind, das zum ersten Mal sich selbst im Spiegel sah. Hier war es, sein Lebenswerk, seine größten Leistungen auf dem Gebiet der Alchemie, die Lorbeeren all seiner Forschungen, vergoldet und auf ewig auf Pergament gebannt. Vergnügt und mit geschwellter Brust nahm Albus das Zeugnis seiner Berühmtheit aus dem Regal und begann darin zu blättern. Wie sehr rührte ihn die Ehre, die ihm hier zuteilwurde. Sein Ausruf hatte Severus hellhörig werden lassen und der junge Zauberer war in skeptischer Neugierde neben ihn getreten. Albus erzählte ihm wie ein strömender Wasserfall von den kleineren und größeren Unfällen bei der Erforschung von Drachenblut und von der langen Zusammenarbeit mit Flamel. Severus schwieg, doch verfinsterte sich seine Stirn, als trieben dahinter dunkle Wolken, als tose in der Seele ein Unwetter. Schließlich klappte Albus das Buch zu.

„Ich hoffe, ich langweile Sie nicht, Severus?“, fragte er vorsichtig und sah seinen Schützling über die Handmondbrille hinweg eindringlich an.

„Nein“, erwiderte Severus, „Es ist nur…“

Er sprach es nicht aus, doch Albus vernahm die Worte auch so: Sie sind so berühmt, die Gallionsfigur der magischen Welt und ich bin ein Nichts, namenlos und entstellt durch das Dunkle Mal. 

„Vielleicht wird auch Ihr Name eines Tages hier im Regal stehen, Severus. Wenn Sie Ihre Arbeit weiterhin so gewissenhaft betreiben, sehe ich gute Chancen für Sie.“ 

Severus sah auf. Nun glich sein Blick der Wüste auf die plötzlich ein lang ersehnter Regentropfen gefallen war.

„Ich muss noch in die Apotheke. Möchten Sie mich begleiten, Professor Dumbledore?“, fragte er. Albus brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, dass der größte Eigenbrötler im Kollegium von Hogwarts ihn gerade eben um seine Gesellschaft gebeten hatte.

„Natürlich“, erwiderte er und sah Severus, der schon vorausging, einen Augenblick lang nach. In seiner Hand lag noch immer schwer das Buch. Doch war es mit einem Mal nur noch ein Haufen bedruckten Papiers, wertlos und unbedeutend. Die wahren Meisterwerke wurden nicht in Schreibstuben vollbracht. Sie entstanden zwischen den Zeilen des Lebens. 

Zorn; Gemeinschaftsraum; Kamin

~*~

Das kann sie nicht machen!

 

Hermine starrte auf das Porträtloch und ihre braunen Augen funkelten vor Zorn. Wut schwelte in ihr, glühte wie die Asche des Feuers im Kamin. Das Feuer, das nun nicht mehr brannte, nicht mehr auf diese Weise jedenfalls. Noch immer schien ein Schatten im Durchgang zu stehen. Noch immer glaubte Hermine ihre Silhouette dort zu erkennen, die Brille mit den Vierecksgläsern, das schottenkarierte Schultertuch, den strengen, schwarzen Dutt. Professor McGonagall hatte den Raum noch nicht lang verlassen. Noch immer hing ein Hauch ihrer verhängnisvollen Worte in der Luft, schien sich in den Ecken zu sammeln, wie ein Echo auf Hermine einzuströmen. Die Hauslehrerin war im Gemeinschaftsraum nicht gerade ein häufiger Gast. Ihr Erscheinen war stets ein hoher Besuch, der selten etwas Gutes bedeutete. Doch diese Hiobsbotschaft hatte keiner erwartet, zumindest die jüngeren Jahrgänge nicht. Hermine aber hatte es befürchtet, leise schon lange geahnt, seitdem sie ihr falsches Lächeln beim Schuljahresdiner am Lehrertisch gesehen hatte. Es passte ins Bild. Der Glorienschein verblasste, die Repressalien nahmen zu. Die mächtigste Frau unter dem Dach dieser Schule zeigte mehr und mehr ihr wahres Gesicht. Mit grollendem Magen blickte Hermine auf den Kaminsims. Die Dose mit dem Pulver hatte Professor McGonagall gleich mitgenommen, zur Sicherheit wie sie sagte, denn die Gefahr sei groß und Harry  habe schon mehrfach kopflos gehandelt, womit sie nicht ganz Unrecht hatte. Noch immer klangen Hermine ihre strenge Worte in den Ohren. Es täte ihr leid, ihr seien die Hände gebunden und sie bemühe sich, eine Lösung zu finden. Konnten ihre Worte die Zukunft sein? Hermine zweifelte. Gedankenvoll blickte sie ins Feuer, das Feuer im Gryffindorkamin. In die Flammen, rot und gelb und orange, die niemals grün mehr leuchten würden, durch die höhere Macht bestimmt. Und in ihrem Magen schwelte noch immer heiß wie Zunder der Zorn.  

 

Sie hat es getan!

 

Minerva atmete tief aus als sie den leeren Flur betrat, von der Fetten Dame im rosa Kleid misstrauisch beäugt. Ein Atemzug wie das Pfeifen der Dampflock, ein Atemzug aus Rauch und Dampf und Wut. Sie hatte ihren Zorn gezügelt als vor den Schülern stand. Doch hier draußen gab es keine Zeugen; niemand, der ihre glühende Miene sah. Nur das Porträt im Nacken, dem sie längst den Rücken zugewandt hatte, einen Knoten schwarzen Haares entgegenhielt, der vielleicht das Letzte war, das ihre Beherrschung zusammenhielt. Unter dem geordneten, schottenkarierten Schultertuch brodelte es wirld. Die Augen der Schüler schienen Minerva noch immer zu durchbohren, rissen, zerrten an ihrem Nervenkostüm. Blasse, entsetzte Gesichter. Besonders das von Miss Granger hatte sich ihr eingebrannt. Miss Granger, die stellvertretend für Mister Potter stand, der mit Mister Weasley bei irgendeiner Strafarbeit saß. Die Augen des Mädchens waren voller Anklage gewesen. Ihre Worte hätten ihre Fassade fast zum Einsturz gebracht. Fast, ja fast hätte Minerva sich hinreißen lassen ihre wahren Gefühle, ihre wahren Gedanken in einem bösen Wort zu offenbaren. Gerade noch hatte sie sich gebremst und doch war sie sich sicher, Miss Granger ahnte etwas. Schwer lag die Flohpulverdose in Minervas Hand. Schwerer als sie eigentlich war. Sollte sie Reue empfinden? Nein, sie hatte nur getan, was sie hatte tun müssen. Sie handelte nur im Sinne der Schüler, warum verstanden die Kinder das nicht? Ein entsetzter Aufschrei war durch die Reihen gegangen. Nur Miss Granger hatte geschwiegen, die Stirn wie von düsteren Gedanken umwölkt. Ahnte sie, wie vage ihr Versprechen war, eine Lösung zu finden? Auf welch wackligen Beinen es stand? Oh, wenn Minerva sie doch nur in die Finger bekäme! Ihr Magen grollte wie hundert Löwen, die eine Hydra zerreißen wollten. Hastig steckte sie die Flohpulver ein; rauschte davon, im Rauch der Wut.

 

Das Porträt am Durchgang aber, die Fette Dame, vergaß nicht. Sie hatte in den Gemeinschaftsraum gelauscht und so erfahren, was wirklich geschah.

„Bitte, Miss Granger, versammeln Sie als Vertrauensschülerin ihre Hauskameraden. Ich habe Ihnen leider eine ernste Mitteilung zu machen“, sprach Minerva und wartete angespannt, bis der Gemeinschaftsraum sich füllte.

„Was ist geschehen?“, fragte ein Schüler aufgebracht und sie holte tief Luft.

„Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass unsere Großinqusitorin Dolores Umbridge neuerdings das Flohnetzwerk im gesamten Haus kontrolliert“

„Was?!“, tobte Hermine, „Aber Professor, das kann sie nicht machen!“

Minerva seufzte schwer. 

„Ich fürchte, Miss Granger, Sie hat es getan!“

Bewunderung, Weasleys Zauberhafte Zauberscherze, Spiel

 ~*~

Albus lächelte als er sich mit einem Anflug kindlichen Vergnügens, das er sich bis ins hohe Alter bewahrt hatte, über den Glaskasten beugte, um das Modell einer Zirkuslandschaft darunter zu bewundern. Es waren doch wahrlich die kleinen Dinge, die einem das Dasein versüßten und selbst in Zeiten größter Finsternis Momente des Lichts bescherten. Darin bestand die wahre Kunst des Lebens: Die unscheinbaren Freuden nicht zu vergessen. Dem neu eröffneten Scherzartikelladen in der Winkelgasse einen Besuch abzustatten, war natürlich eine Ehrenpflicht gewesen. Noch allzu gut erinnerte sich Albus an die Scherze und Streiche der beiden Lausbuben, die er stets mit einem lachendem und einem weinenden Auge, mit dem mahnend erhobenen Zeigefinger des Schulleiters und dem spitzbübischen Zwinkern des Schelms verfolgt hatte wie einst auch bei Sirius Black und James Potter. Wenn er sich nun im Geschäft umsah, musste er zugeben, dass Mollys Zwillinge sich wirklich gemacht hatten, so wie sich jugendlicher Übermut in späteren Jahren oftmals zu Gewitztheit und Gewandtheit wandelte. Mit Weasleys Zauberhafte Zauberscherze hatten die beiden jedenfalls Geschäftssinn bewiesen und das Zirkusspiel war wirklich eine Augenweide. Ganz gebannt betrachtete Albus die kleine Manege, auf der Clowns und Seiltänzer, Feuerspucker und Dompteure auf die Anweisungen wechselnder Spielkarten hin ihre Kunststücke vollführten und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Gegen die feingeschnitzten Glieder dieser Tiere und Figuren und ihrer fließenden Bewegungen waren alle Zauberschachfiguren, die er in seinem langen Leben schon gesehen hatte, grobschlächtige Holzklötze. Im Geiste zog Albus seinen Spitzhut vor den Ladenbetreibern. Die Jungen verstanden ihr Handwerk. Ein solcher Zauber war nicht leicht. Er bedurfte einiges an Raffinesse und die ausgefeilten Details der Spielfiguren bewiesen eine Leidenschaft fürs Handwerk. Wenn er nur wüsste, woran das Zirkusspiel ihn erinnerte! Denn irgendetwas daran kam Albus bekannt vor, vage und dunkel. Ins Grübeln versunken sah er dabei zu, wie die nächste Spielkarte sich vom Stapel hob und ein hölzerner Messerwerfer seine Klingen wetzte. Erinnerungsfetzen zogen an seinem geistigen Auge vorüber. Bilder, die nicht zusammenpassten, als gehörten sie zu zwei Puzzles, die zufällig vermischt worden waren. Da bemerkte er auf der anderen Seite des Glaskastens plötzlich ein Paar Augen, die das Zirkusspiel ebenso verträumt betrachteten wie er. Braune Augen, die Albus durchaus nicht fremd waren. Sofort riss er seine Aufmerksamkeit vom Glaskasten los und nahm wieder Haltung an.

„Hallo, Remus. Welch ein Zufall, dir hier zu begegnen“, begrüßte er den Zirkuszuschauer freundlich, der daraufhin sofort aufsah.

„Oh, guten Tag, Dumbledore. Ich habe Sie gar nicht bemerkt“, erwiderte Remus.

„Ein herrliches Spiel, nicht wahr?“, rief Albus seinem Gegenüber fröhlich zu.

„Ja…“

Remus lächelte. Doch dann plötzlich verfinsterten sich seine Züge und auf seiner Stirn zeigten sich Runzeln. Albus sah ihn alarmiert an. Stimmte etwas nicht? Er war schon gewillt, vorsichtig nachzuhaken als Remus wieder das Wort ergriff.

„Als kleiner Junge war ich ganz versessen auf Modelle“, erzählte er, der Blick nachdenklich und leer als sähe er in die Ferne der Vergangenheit, „Mein Vater schenkte mir zu jedem Feiertag ein neues. Sie waren mein Tor zur Welt. Ich… ich durfte ja nicht mit anderen Kindern spielen.“

Albus lauschte gebannt und spürte die Gänsehaut im Nacken.  Auf einmal wusste er wieder, woran ihn das Zirkusmodell erinnerte. Es waren die Gesichter der Figuren. Es war… Ariana! Ariana hatte einst einige Miniaturen von Geschäften der Winkelgasse besessen. Wenn sie damit spielte, war sie nicht mehr ansprechbar und man mochte nur erahnen, was sie hinter ihrer blassen Stirn und den stillen Augen alles erlebte, während die Welt um sie einsam und trist war. Dann fiel es Albus wie Schuppen von den Augen als eine weitere Erinnerung Gestalt annahm: Ein kleiner Junge, der mit einem Modell von Beauxbaton spielte, während ein Vater ihm, Albus, zuraunte: „Die Vollmondnächte sind eine Tortur“.

„Ich denke, ich werde mich mal nach dem Preis erkundigen“, verabschiedete sich Remus mit einem Räuspern. Albus nickte und sah ihm gedankenvoll nach. War das der Moment gewesen, in dem er beschlossen hatte, diesen Jungen nach Hogwarts zu holen, allen Gefahren zum Trotz – die Erinnerung an seine Schwester? Nachdenklich senkte Albus den Blick, betrachtete die kleine Manege, die Artisten, die Zirkustiere. Vielleicht lag der Zauber des Modells gar nicht in der Ausgestaltung der Figuren, sondern viel tiefer. Für die weggeschlossenen Kinder war die kleine Welt der Schlüssel zur großen!

Gelassenheit;  Eulerei;  Bitte

 ~*~

 

Mr. H. Potter

Im Schrank unter der Treppe

Ligusterweg 4

Little Whinging

Surrey

 

Ein Umschlag, zwei Umschläge, hundert Umschläge, tausend Umschläge. Minerva ächzte und stöhnte. Rings um sie scharten sich Körbe voller Briefe. Sie quollen über die Ränder, fielen hinaus, bedeckten den Boden. Briefe alle mit derselben Adresse versehen. Warum nur hatte Albus den Jungen damals zu bei seiner Tante unterbringen müssen? Sie hatte einen ganzen Tag lang auf der Mauer im Vorgarten gesessen und die Familie beobachtet. Gewarnt hatte sie ihn, es sei kein Ort für einen kleinen Zaubererjungen. Nun, zehn Jahre später bestätigte sich ihr Verdacht. Die Briefe wurden abgefangen, einfach vernichtet. Ob sie wohl je denjenigen erreichten für den sie bestimmt waren? Mit schmerzenden Gelenken knotete Minerva der nächsten Schuleule einen Umschlag um. Zu gerne hätte sie diese Arbeit jemand Anderem überlassen. Doch das Übersenden der Schulbescheinigungen  war seit jeher ihre Chefinnensache. Wenn nur die Postenboten ausreichten. Nachdenklich sah Minerva dem Waldkauz nach, der mit einem Flügelschlag im blauen Himmel verschwand. Langsam leerten sich die Vogelstangen in der Eulerei. Sie stützte gerade ihre Hand in die Seite und atmete tief durch als sich hinter ihr plötzlich mit einem Knarren die Tür öffnete. Sofort drehte Minerva sich um und begegnete dem fahlen Gesicht Severus Snapes.

„Oh, Professor McGonagall, am frühen Morgen schon so fleißig?“, begrüßte der unliebsame Kollege sie mit einem spöttischen Unterton.

„Severus, Sie wissen, dass in dieser Woche die Schulpost verschickt wird“, erwiderte sie trocken,

„Was gibt es?“

Er sah sie nicht an, sondern musterte die Briefumschläge am Boden und - bildete sie sich das ein – hielt angesichts des Empfängers für einen Moment die Luft an. Dann jedoch räusperte er sich und nahm wieder Haltung an.

„Eigentlich hatte ich selbst vor, einen Brief zu verschicken. Aber wenn Sie schon einmal dabei sind, würden Sie dies für mich gerade mit versenden, Bitte?“ Und mit einem hämischen Grinsen hielt er ihr einen Brief entgegen. Minerva glaubte sich verhört zu haben. Was bildete er sich ein?! Wie konnte er es wagen?! Schon war sie gewillt, ihm eine gepfefferte Standpauke zu halten. Doch dann fiel ihr der Glanz des Triumpfs in seinen Augen wieder ein als sie das letzte Mal auf seine Provokationen hereingefallen war. Ihrer Empörung Luft zu machen war keine gute Idee. Tief atmete Minerva aus und sprach sich selbst Gelassenheit zu. Auf einen Brief mehr oder weniger kam es nicht an und Post, die er ihr anvertraute, konnte nicht sonderlich wichtig für ihn sein. Sie würde Granny, die flügellahme Schneeeule, die schon lange sehnsüchtig auf eine Aufgabe wartete, damit beauftragen. Die wertvolle Schulpost wollte Minerva ihr nicht anvertrauen, aber wenn sie Severus‘ Brief ausflöge, wäre das arme Tier gewiss glücklich.

„Meinetwegen, legen sie ihn dort drüben auf den Korb“, antwortete sie ihrem Kollegen gelassen und begann den nächsten Brief an Harry Potter an einem ausgestreckten Vogelbein festzubinden. Professor Snape sah sie von der Seite mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Was bitte?!“

„Sie haben mich gehört, legen sie ihn dort drüben auf den Korb und ich erledige es später“, wiederholte Minerva sich tonlos. Severus Snape stieß die Luft aus.

„Schönen Dank, aber ich glaube, darum kümmere ich mich besser selbst. Wer weiß, wo mein Brief sonst noch landet!“

Mit abgehackten Schritten trat er an ihr vorbei und rief mit einem Pfiff eine der kleinen Zwergohreulen zu sich herab. Kopfschüttelnd sah Minerva ihm zu. So ein Griesgram, der hinter jeder Freundlichkeit eine Finte vermutete!

„Ein schönen Tag noch“, verabschiedete Severus sich barsch als er den Kauz in die Lüfte entlassen hatte und lief hastig aus der Eulerei. Einen Augenblick lang starrte Minerva noch auf die geschlossene Tür, während der Wind und Flügelrascheln sie umwehten. Gedanken, nebulös wie die Schleierwolken am Himmel, durchzogen ihren Kopf. Doch da schüttelte sich Minerva und machte sich wieder an ihr Werk. Behände nahm sich einen weiteren Brief und rief mit einer Seelenruhe die nächste Eule zu sich herab. Mit einem Mal kam ihr ihre Arbeit gar nicht mehr so beschwerlich und undankbar vor. Es gab Schlimmeres womit man einen Sommermorgen verbringen konnte als fünf Körbe von Briefe an die gleiche Adresse zu verschicken. Zum Beispiel sich in ein dunkles, kaltes Kerkerzimmer zu verkriechen und jeden wegzubeißen. Auch den, der es nur gut mit einem meinte.

Schuld, Lehrerbüro, Melodie

 ~*~

Die Welt stand still, ausgebremst von Worten. Bedeutungsvoll sanken sie, schwer wie Blei, in die Ruhe des kreisrunden Büros, in das Schweigen zwischen zwei Menschen.

Das frühe Morgenlicht fiel fast waagrecht durch die Scheiben der Bogenfenster, blendete Hermine so, dass sie blinzeln musste. Sie schaute ihren Schulleiter an, blickte ihm direkt ins Gesicht. Er hatte geweint, das konnte sie sehen. Tränen glitzerten noch in seinen Augen. Was an der langen Unterregung zwischen ihm und Harry diese Tränen ausgelöst hatte, das vermochte sie nicht zu sagen und sie wagte auch nicht, darüber zu spekulieren. Nur Gesprächsfetzen hatte sie belauscht, draußen in ihrem Versteck zwischen der fahrenden Wendeltreppe und dem Greifenklopfer. Fetzen, die sie unruhig gestimmt hatten. Fetzen, die sie nicht hatte überhören können. Fetzen, die sie hatten anklopfen lassen, weil sie einfach etwas unternehmen musste. Zu den Lehrern gehen, sich ihnen anvertrauen, mit ihnen reden, das war ihre Taktik. Etwas anderes wäre ihr gar nicht in den Sinn gekommen. Und da stand sie nun und sah ihm in die alten Augen, blau und voller Reue. Ein Anblick, der ihr durch Mark und Bein ging. Nie hatte sie ihren Schulleiter, zu dem sie aufblickte, vor dem sie Respekt hatte, auch wenn sie manche seiner Entscheidungen mit Skepsis betrachtete, so schwach, so niedergeschlagen, so hilflos erlebt. Stimmte, was er ihr erwidert hatte? War er im Recht und sie im Unrecht? Hermine wäre gar nicht geblieben, hätte sich gar nicht versteckt und das Gespräch belauscht, wäre Harry nicht so aufgelöst gewesen, dass sie es als ihre Pflicht angesehen hätte, für ihn zu sorgen. Als sie schließlich beschlossen hatte, Dumbledore aufzusuchen, mit ihm zu reden, hatte sie nur freundlich sein wollen. Sie hatte die Gallionsfigur des Widerstands gegen Voldemort nur ein wenig aufmuntern wollen. Doch nun nagten Zweifel an ihr. Sie konnte ihm nicht widersprechen, es wäre eine Lüge gewesen. In seinen Worten lag eine bittere Wahrheit. Eine Wahrheit, die ihr die Zunge lähmte, ihr die Sprache verschlug. Und so schwieg Hermine Granger. 

Allein  Fawkes, der Phönix‘ sang in der Stille, flötete seine traurige Melodie, ein Hauch nur von Trost und Hoffnung.

Und so schwieg Albus Dumbledore. Einen Augenblick lang lauschte er noch traurig dem Lied seines treuen, gefiederten Gefährten und wandte sich mit einem tiefen Seufzen ab, musterte jedes seiner zahllosen Geräte, das Harry in seinem gerechten Zorn, in seiner Trauer und Wut zerstört hatte . Die Morgensonne brannte ihm im Rücken wie ein Vorbote des Fegefeuers und in seiner Kehle schwoll ein Kloß, der sie rau und heiser werden ließ. Das Krächzen des Sünders, wenn er zu Kreuze kroch. Denn was war er mehr als ein Büßer im Büßergewand? Gewiss hatte es Miss Granger nur gut mit ihm gemeint. Doch er konnte ihr nicht weiter in die Augen sehen. Diese unschuldigen, liebevollen Worte mehrten seinen Schmerz nur noch. Er hatte diesen Trost aus dem Munde eines jungen Mädchens, fast noch Kindes, nicht verdient. Was wusste eine, wenn auch sehr kluge Jugendliche schon davon, die magische Welt durch einen Krieg zu lotsen? Was wusste eine Schülerin davon, Kapitän eines Boots in einer stürmischen See zu sein, in der es eine Gewissheit war, dass irgendwann Männer von Bord gehen würden? Entscheidungen zu treffen, die Leben kosten konnten? Albus Herz‘ wurde schwer wie Blei. Worte wie ein Lufthauch, Worte die seine Finsternis nicht durchdrangen. Sie sah in ihm, was alle sahen: Den berühmten Albus Dumbledore, Bezwinger Grindelwalds, Widersacher Voldemorts, größter weißer Magier der Gegenwart, der beste Schulleiter, den Hogwarts je hatte. Doch in Wahrheit, in Wahrheit war er ein Mann, der zutiefst versagt hatte. Der einen Anvertrauten, dessen Leben er wahren wollte, zum Tode verurteilt hatte, weil er einen Jungen, den er liebte wie einen Sohn, ebenfalls vor allen Gefahren schützen wollte. Albus blinzelte, schloss die Lider, sich der Blicke des Mädchens bewusst. Tränen rannen auf seine Hakennase, perlten hinab und tropften zu Boden, wo sie im Teppich versickerten - wie der Tod, für alle Zeit.

Die Welt stand still, ausgebremst von Worten. Bedeutungsvoll sanken sie, schwer wie Blei, in die Ruhe des kreisrunden Büros, in das Schweigen zwischen zwei Menschen.

„Es ist nicht Ihre Schuld, Professor Dumbledore, Bellatrix Lestrange hat ihn ermordet!“

„Doch, Miss Granger, es ist meine Schuld. Ich hätte es besser wissen müssen!“

Entspannung, Nokturngasse, Münze

 ~*~

Severus hatte es nicht eilig. Sein Gang verfiel in einen Schlenderschritt, was für den Tränkemeister von Hogwarts recht ungewöhnlich war. Doch hier war auch nicht die Schule, in der hinter jeder Ecke ungezogene Schüler lauerten, die Streiche ausheckten und Hauspunkte abgezogen bekommen wollten. Ein angenehmer Schatten fiel Severus ins Gesicht, während sich links und rechts hohe Hauswände erhoben. Finsternis verschluckte die Gasse, Finsternis verschluckte Severus und er fühlte sich, was selten geschah, richtig wohl. Diese ewige Düsternis, wo statt halbwüchsigen Nervensägen zwielichtige Gestalten umher huschten, war der einzige Ort außerhalb seines Kerkers, an dem Severus wirklich abschalten konnte. Ein paar freie Tage und es zog ihn hier her, um zu entspannen. So auch heute. Gerade heute. Es war das letzte Wochenende der Sommerferien, der ersten Pause seit einem Jahr von Harry Potter und seinen verzogenen Freunden. Severus mochte sich nicht ausmalen, welche Dummheiten der kleinen Bande als Zweitklässler noch einfallen würden. Da war ein Samstag in der Nokturnhgasse angenehmer. Die Sabberhexen, Todesfeen und anderen Gestalten, die sich hier tummelten, störten ihn wenig, solange es Geschäfte gab, in denen er stöbern könnte. Gerade hatte er die Auslage von Foliant Inferius, der Fachbuchhandlung für Dunkle Künste, inspiziert als ihn plötzlich etwas innhalten ließ. Diese Stimme! Hatte er nicht eben eine Stimme gehört? Ja, da sprach jemand. Jemand, den er kannte. Doch woher? Hastig sah Severus sich um. Einige Frauen, vermutlich Sabberhexen, liefen achtlos an ihm vorüber. Severus aber war sich sicher, dass es die Stimme eines Mannes gewesen war. Schon an seiner Wahrnehmung zweifelnd, runzelte er die Stirn. Da trat die Gruppe Hexen auseinander und plötzlich sah Severus es oder besser gesagt ihn. An der Kreuzung zum Palusviertel, der Siedlung mit dem schlechtesten Ruf der magischen Welt, kauerte ein Bettler auf den Pflastersteinen. Sein vielfach geflickter Zaubermantel war ein einziger Putzlumpen und seine ganze Habe schien ein mit Seilen umwickelter Koffer zu sein. Das Gesicht des Mannes konnte Severus nicht erkennen, denn der Zauberer hatte die Kapuze seines Umhang tief in sein Gesicht gezogen und las in einer sichtlich zerfledderten Lektüre. Doch zu seinen Füßen hatte er ein Schild aufgestellt: SUCHE ARBEIT - NUR TAGSÜBER. tagsüber. Das Wort brachte Severus ins Stutzen. Das Palusviertel war bekannt dafür, dass dort viele Halbmenschen lebten. Um einen Vampir konnte es sich kaum handeln. Die einzigen Wesen, für die die Nacht ein Problem darstellen konnte, waren Werwölfe. Werwölfe, irgendetwas klingelte in Severus‘ Erinnerung bei diesem Stichwort, doch kam er im Moment nicht darauf. Seine Augen musterten noch immer das Schild. Ein Schauder von Grauen und Ekel packte ihm bei Gedanken daran, welche Art von Dienstverhältnissen einem wohl auf solch ein Bettelschild zwischen Plausviertel und Nokturngasse angeboten würden. Und doch, obwohl Severus sich für Regungen dieser Art in Grund und Boden schämte, konnte er nicht leugnen, dass er sich ein wenig mit diesem namenlosen Kerl verbunden fand. Staub, Dreck und zerschlissene Bücher. Geflickte und notdürftig reparierte Kleidung, vermutlich nicht mehr als eine heruntergekommene Bruchbude in einem Elendsviertel als Bleibe, wenn es denn überhaupt eine Bleibe gab. Wie gut kannte er es selbst. Schniefelus hatten sie ihn genannt, weil alles, das er besaß, so schmutzig, unpassend, alt und kaputt gewesen war. Was all die feinen Kinder mit ihrer feinen Kleidung und feinen Manier nicht wussten und nicht sehen wollten, war, dass auch er selbst zumindest für seinen Vater nur Dreck gewesen war und wo Fliegen im Geldbeutel hausten, auch ein Zuhause nur aus Dreck bestehen konnte. Für einen Moment fühlte Severus einen Hauch von Bedauern für diesen Fremden, dessen Stimme ihm bekannt vorkam. Wenn Dumbledore ihn nicht nach Hogwarts geholt hätte, säße er vielleicht selbst dort unten? Kaum hatte Severus es gedacht, da geschah es. Ein Zauberer lief an ihm vorbei und bog ins Palusviertel ab. Im Vorrübergehen griff er in seine Robentasche und warf dem Bettler eine Münze hin. Ihr goldener Schimmer blitze noch als dieser schon die Kapuze zurückschlug, um sich zu bedanken – und das Entsetzen Severus in die Glieder fuhr. Atemlos und ohne einen weiteren Blick machte er kehrt und suchte plötzlich hasserfüllt das Weite. Der Fremde, den er bemitleidet, mit dem er sich verbunden gefühlt hatte, war jemand, den er nie mehr wiedersehen wollte. Es war niemand Geringeres als sein alter Feind Remus Lupin.

Freude, Seeufer, Geschenk

~*~

Es war ein guter Tag, ein Tag voller Glück und Freude. Minerva lächelte in sich hinein und hickste leise. Das Goldlackwasser, ihr Lieblingsgetränk, war ihr doch ein wenig zu Kopf gestiegen. Aber das konnte ihre gute Laune nicht trüben. Angeheitert und die Wangen glühend schlenderte sie den Weg zum Schloss empor, im Gleichschritt mit ihrem Begleiter, der sie galant an Stock und Stein vorbeilotste. Durch die Haare fuhr ihr eine milde Brise und kitzelte angenehm ihr Gesicht. Die Blätter der Bäume ringsumher trugen schon goldene Ränder, die den nahenden Herbst ankündigten und von Ferne meinte Minerva bereits das Pfeifen der roten Lok zu hören, die in wenigen Stunden in Hogsmwade eintreffen würde. Doch noch war es Nachmittag und warmes Licht erfüllte die Flur. Am Ufer des Sees machten sie für eine kurze Weile unter der großen Linde Rast. Kräuselwellen gingen über das Wasser, sandten ein geheimnisvolles Glitzern aus. Im Flirren der Sonne schienen die Erinnerungen zu tanzen. Erinnerungen an ein Vierteljahrhundert seitdem sie diesen Weg zum ersten Mal als erwachsene Frau zurückgelegt hatte, die Koffer bepackt mit Unterrichtsmaterialen und dem Ehrgeiz aus magischen Kindern begabte Hexen und Zauberer zu machen. Die Luft schmeckte leicht wie damals und die Vögel sangen noch immer ihr altes Lied. Nichts schien sich verändert zu haben. Nur das Silberweiß von Albus‘ Bart und Haaren, das ihm über Brust und Schulter fiel, erinnerten Minerva daran wie viel Zeit vergangen war.

„Es war eine herrliche Feier“, bemerkte sie, leise und rundum zufrieden.

„Das freut mich zu hören und Rosmerta sicher ebenso“, erwiderte er, in den Augen über der Halbmondbrille jenes schelmische, rätselhafte Funkeln, das sie an ihm so mochte.

Er hatte den Festsaal im Drei Besen gebucht um ihr eine prächtigere Feier zu gönnen als es im bescheidenen Lehrerzimmer möglich gewesen wäre. Noch immer gingen Minerva die Sinne über vom fließenden Met und Goldlackwasser; der leckeren Torte; dem silbernen Konfetti und Flius‘ reichlich schrägem Gesang. In ihrer Robentasche steckte, für den Transport magische geschrumpft, die Urkunde, vom Schulleiter und allen Mitgliedern der Schulbehörde unterzeichnet und der schwere Duft des riesigen Blumenstraußes umwehte ihre Nase. Minerva lächelte, während sie die Feier Revue passieren ließ und mit ihr all die vergangenen Jahre. Sie mochte es nur selten zeigen, streng zu ihren Schülern sein, doch war sie tief im Herzen mit Leib und Seele Lehrerin. Hogwarts war ihr zuhause und so viele Nerven ihr die Kinder auch rauben mochten: Die magische Jugend Magie zu lehren, sie zu fordern, zu fördern und wachsen zu sehen, war ihre Berufung und das Schönste daran in Hogwarts zu sein. Nun war die Feier vorüber und der Rest des Kollegiums ins Schloss zurückgekehrt um die letzten Vorbereitungen fürs neue Schuljahr zu treffen. Nur Albus war noch ein wenig geblieben, hatte angeboten sie zum Schloss zurück zu begleiten. Dabei war er vertieft in jenes seltsame Schweigen, das sie von ihm nur kannte, wenn er etwas im Schilde führte. Und es fuchste Minerva, dass sie nicht erriet, was. Doch hatte es keinen Sinn, einen Albus Dumbledore auszufragen.

„Minvera“, räusperte er sich plötzlich und riss sie aus ihren Gedanken. Sie blickte auf und fand sein Gesicht in feierlichem Ernst vor als er hätte er nur auf diesen Moment gewartet, in dem sie alleine waren.

„Das hier wollte ich dir noch geben“, erklärte er knapp und zog eine samtbeschlagene Schatulle aus seiner Robentasche. Verwundert legte Minvera ihren Blumenstrauß beiseite und nahm das Geschenk an sich. Ihr Herz machte einen Sprung und es verschlug ihr fast den Atem als sie den Deckel zurückschluck. In der Schatulle lag ein funkelndes Amulett, eine 25, gesetzt aus roten Edelsteinen und gefasst in Gold, den Farben des Hauses Gryffindors. Ungläubig besah Minerva ihr Geschenk, das ein Vermögen gekostet haben musste. 

„Oh Albus!“, entwich es ihr, die Augen feucht vor Rührung und Freude. 

„Alles Gute zu deinem Dienstjubiläum“, erwiderte er nur, lächelnd und noch immer mit jenem spitzbübischen Glanz in den Augen als gratuliere er sich selbst zu seiner gelungenen Überraschung. Da hielt es Minerva nicht mehr auf den Beinen. Trunken vor Glück nahm sie ihn in die Arme, hauchte ihm ihr Dankeschön ins Ohr und wusste zugleich: Sie hatte sich geirrt. Das größte Geschenk an Hogwarts waren die Freunde, die sie hier gefunden hatte.

Triumpf; Verbotene Abteilung; Urkunde

~*~

Jeden seiner Schritte abwägend und darauf bedacht, bloß kein Geräusch zu machen, schlich Severus an den langen Regalreihen der Schulbibliothek vorüber. Lautlos wie eine Fledermaus im Flug, fixiert wie ein Raubvogel auf der Jagd. Er ging ihr nach, ihr und ihren frechen Freunden, seit Stunden, seit Tagen schon. Er lauerte in den Schatten der Korridore, behielt sie scharf im Auge, wenn sie seinen Weg kreuzten. Zu oft steckten die drei Bälger ihre Köpfe zusammen, tuschelten hinter vorgehaltener Hand. Und das gefiel Severus nicht. Es gefiel ihm ganz und gar nicht. Dass die kleine Bande wieder etwas ausheckte, dass sie die Lehrer belogen und selbst dem Schulleiter etwas verheimlichten, hatte er spätestens in jenem Moment gewusst, in dem ausrechnet Potter als Erster bei der Schmiererei, mit der jemand die Wände der Schule verschandelt hatte, und der versteinerten Katze gesichtet worden war. Doch Albus in seiner grenzlosen Gutmütigkeit mit dem Lümmel hatte auf Beweisen bestanden. Sollte ihn doch der Hinkepank holen! Bisher hatte Severus kein Glück gehabt. Immer waren die Bengel und das Gör ihm durch die Lappen gegangen, waren von einem Kollegen in Schutz genommen worden oder hatten mit Unschuldsmienen beteuert, keine Schulregel gebrochen zu haben. Und Severus hatte nichts gefunden, das er gegen sie hätte vorbringen können. Doch heute, das spürte er, war sein Tag. Der Sieg war nahe, der Sieg war seiner! Ein Hochgefühl überkam Severus, während er der buschigen, braunen Mähne der Zweitklässlerin folgte. Das Mädchen lenkte seine Schritte zielstrebig durch die Bibliothek. Typisch, die kleine Besserwisserin verschlang Bücher wie dieser Rotschopf das Essen beim Schuljahresdiner. Doch - oh was war denn das? Betraten wir da gerade die Verbotene Abteilung? Mathematik war nicht ihre Stärke, so viel Wälzer sie auch auswendig lernte. Ganze fünf Jahre zu früh! Mit einem bitterbösen Grinsen trat Severus aus dem Schatten, baute sich direkt hinter der ahnungslosen Schülerin auf. Was für ein Glücksgriff! Keinesfalls würde er sich diese Chance entgehen lassen. Die Chance, sie auf frischer Tat zu ertappen und endlich der gerechten Strafe zuzuführen. Das Mädchen las gerade einen Notizzettel als Severus sich räusperte.

„Sieh an, wen haben wir denn da?! Ist Ihnen Ihr Strebertum nun schon so zu Kopf gestiegen, dass die Lektüre der allgemeinen Schulbiliothek für Sie zu schnöde ist, Miss Granger?“

Erschrocken wirbelte die Angesprochene zum ihm herum. Severus genoss wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich und das selige, langersehnte Gefühl des Triumpfs ihn überkam. Endlich, endlich - ein Schuss ins Schwarze! Die Lorbeeren seiner Mühen.

„Snape!“, entfuhr es dem Mädchen unwillkürlich im Ärger.

„Professor Snape!“, korrigierte er sie, „Ich denke, für diese Ungezogenheit, verdient Gryffindor fünf Minuspunkte. Darf ich fragen, wer Ihnen erlaubt hat, sich in einer Abteilung umzusehen, die der Abschlussklasse vorbehalten ist?!“

Severus hatte mit nervösen Gestammel gerechnet, mit peinlich berührtem Erröten oder einer schnellen Flucht. Doch nicht damit, dass das Mädchen tief Luft holte und ihm direkt in die Augen sah.

„Professor Lockhart“, erklärte sie knapp.

„Wie bitte?!“ Er musste sich verhört haben. Doch in diesem Moment wühlte die Schülerin bereits in ihrer Tasche und hielt ihm ein parfümiertes Dokument in einem Magentaton entgegen. Widerwillig griff Severus danach und begann, das Schreiben zu überfliegen.

URKUNDE… Miss Hermine Granger… Erster Platz des Wissensquizzes „Gilderoy Lockharts Lebenswerk“… Gewinn: Einjährige Erlaubnis, die Verbotene Abteilung zu konsultieren… Unterschrift Gilderoy Lockhart, 20. Januar 1993.

Severus biss die Zähne aufeinander, um den Groll nicht zu spüren, der plötzlich in seinem Magen gärte und das süße Gefühl des Triumpfs zu bitterem Wermut verkochte. Mit spitzen Fingern reicht er das Dokument zurück an dessen Besitzerin. Er hätte die Urkunde in Flammen aufgehen lassen können. Doch wahrscheinlich hatte Lockhart davon ebenso viele Kopien erstellt wie von seinen grässlichen Autogrammkarten, die inzwischen in allen Korridoren herumflogen.

„Nun, Miss Granger“, presste Severus hervor und hatte das Gefühl, Blei läge auf seiner Zunge, „Ich hoffe, Sie wissen auch bessere Lektüre als Zauberisches Ich zu schätzen. Auf Ihren Geschmack jedenfalls sollten Sie sich nicht verlassen. Es könnte ins Auge gehen“.

Dann, ohne ein weiteres Wort, wirbelte Severus herum und rauschte davon, im Geiste Mordpläne an gewissen Kollegen schmiedend und einen fetten Beschwerdebrief an Dumbledore verfassend. Diesmal mochte Granger ihm entkommen sein. Doch bald schon würde der Triumpf seiner sein! Es war nur eine Frage der Zeit.

Mitgefühl; Astronomieturm; Truhe

~*~

Remus stand an der Balustrade und blickte hinaus in die Nacht. Brausend umwehte ihn der Wind, den er noch aus den nächtlichen Unterrichtsstunden seiner eigenen Schulzeit kannte als sie die Sterne studiert hatten. Hier oben ging immerzu Wind. Wind, um alle Erinnerungen hinfort zu wehen. Tief holte Remus Luft, atmete ihn ein und schluckte. Gleich eines Echos erklang von überall her das traurige Lied des Phönix‘. Wie Balsam legte es sich auf Remus‘ Seele und schaffte es doch nicht, die Kälte aus seinen Gliedern zu vertreiben. Der Wind… der Wind ließ ihn frieren. Er hatte sich mit Tonks ausgesprochen, ihr seine Liebe versichert, vereinbart sich am Tage noch einmal zu treffen, um in Ruhe zu reden. Nun war seine Kehle rau, sprachlos. Kein Wort war mehr in ihm und auch keine Tränen. Die Augen trockneten im Wind. Remus schien es als ob die Zeit nicht mehr fließe, als ob die Welt sich nicht mehr drehe, als ob er gefangen wäre in einem Alptraum, der Ewigkeiten währte. 

So hoch war der Astronomieturm, so tief der Abgrund hinter dem Geländer. Der Abgrund, in den er gefallen war. Schwarz und tief wie die Nacht. Remus war hier hoch gekommen, um Abschied zu nehmen, nachdem die Kämpfer des Orden des Phönix sich aus dem Krankenflügel zurückzogen hatten. Doch wie sollte man Abschied nehmen, wenn einem das Geschehene unbegreiflich war? Kaum hatte Remus es gedacht, hörte er hinter sich das Knarren einer Tür. Er drehte sich um und erkannte im Mondlicht die Silhouette Minerva McGonagalls, die wohl in der gleichen Absicht wie er heraufgekommen war.

„Remus?“, rief sie ihm zu.

„Ja“, antworte er und es sollten für eine ganze Weile ihre einzigen Worte bleiben. 

Schweigend trat sie auf ihn zu, schweigend standen sie nebeneinander an der Ballustrade. So vielsagend schweigend.

„Ich habe begonnen, seine Wertsachen durchzusehen“, erklärte Minerva McGonagall auf einmal, die Stimme bitter und schwer, „Er hat mir erst letzte Woche eine Truhe anvertraut mit diesem Funkeln in den Augen. Ich dachte, dass er da drin wohl einen Familienschatz verwahre oder sowas in der Art, irgendetwas Wertvolles. Doch als ich sie vorhin öffnete, waren da nur Gläser voller Himbeermarmelade und Strickmusterbücher… Strickmusterbücher und bestimmt ein Jahresvorrat an Brausedrops.“

Plötzlich schluchzte sie laut und heftig. Und als Remus sich zu ihr umwandte, sah er im Mondlicht wie Tränen ihre Wangen hinab liefen. Es war als bräche die Fassade, die sie vor Harry und den anderen Schülern bewahrt hatte, in diesem einen Moment zusammen.

„Ich kann das einfach nicht glauben. Severus hier oben und… oh Albus, Albus!“, keuchte sie und Remus zog es das Herz zusammen. In diesem Moment tat sie ihm unendlich leid und ihr Schmerz berührte ihn tief. Er hatte ein Vorbild verloren. Einen Mann, den er geschätzt, zu dem er aufgeblickt hatte und für den er tiefe Dankbarkeit empfand, weil dieser ihm den Schulbesuch ermöglicht hatte. Doch auch einen Mann, der ihm trotz allem immer ein wenig fremd geblieben war wie ein Stern am Horizont, dessen Licht einen berührte, doch stets fern und unerreichbar blieb. Sie hingegen, sie hatte ihren wohl besten Freund verloren, ihren engsten Vertrauten seit so vielen Jahren. Remus kannte das Gefühl, kannte es zu gut. Sirius‘ Gesicht flackerte durch seine Erinnerung, wechselte sich ab mit dem von James.

„Hier!“, flüsterte er, kramte in seiner Manteltasche nach einem frischen Taschentuch und reichte es ihr. Wortlos nahm Minerva es entgegen. Dann legte er behutsam die Hand um ihre Schultern und als sie ihn gewähren ließ, schloss er sie fest in die Arme. So hielt er die Hexe tröstend umschlungen, die einst seine Lehrerin gewesen war, ihm jetzt nur noch wie noch wie eine alte Frau erschien, gebeugt von der Bürde der Jahre. Ihr Haar, das bis ins hohe Alter seine schwarze Farbe bewahrt hatte, wirkte im Mondlicht auf einmal blass und grau.

„Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, gestand sie noch immer weinend, „ich meine, ohne ihn…“

„Ich auch nicht“, erwiderte Remus und seine Brust fühlte sich an wie Blei. Der Himmel war wolkenverhangen. Jeder Stern schien erloschen. „Vielleicht sollten wir uns ein Brausedrop genehmigen.“ 

Sie sah ihn verwundert an, während er sich an einem gequälten Lächeln versuchte. Dann nickte sie. Und über ihren Köpfen sang der Phönix sein Lied. 

Angst; Tropfender Kessel; Foto

~*~

Doxyzid während Voldemort auf seine Chance wartete! Es waren seltsame Zeiten, dachte Hermine

als sie aus dem grünen Feuer trat und Rons Familie folgte, die im Tropfenden Kessel nach einem freien Tisch fürs Mittagessen Ausschau hielten. Plötzlich hielt sie inne. Dort hinten in der Ecke saß jemand, der ihr flüchtig bekannt vorkam. Schnell drehte Hermine sich um. Es war Professor Lupin. Nein, Remus, korrigierte sie sich. Jetzt, da er im Orden des Phönix war, bestand er darauf, mit seinem Vornamen angesprochen zu werden.

„Hallo Remus!“, rief Hermine ihm freundlich zu und bahnte sich ihren Weg zu seinem Tisch. 

Er blickte auf. „Guten Tag, Hermine. Na das ist ja eine Überraschung. Was treibt dich denn hier her“, begrüßte er sie freundlich.

„Wir kaufen ein paar Dinge ein“, antwortete sie, „Und du?“

„Ich bin im Auftrag Dumbledores unterwegs“, erklärte Remus Lupin knapp, nachdem er ihr einen Platz angeboten hatte, den Hermine jedoch nicht annahm, weil die Weasleys auf sie warteten. Gerade als er sich wieder setzte, fiel ihr Blick auf ein magisches Foto, das auf seinem Tisch.

„Was ist das denn für ein Bild?“, fragte sie neugierig.

„Oh, das war der erste Orden des Phönix“, erklärte Remus kurzangebunden.

„Der ganze Orden des Phönix?“ Mit einem Schlag war Hermines Neugierde geweckt.   

„Nein, Alastor Moody hat ein vollständiges Foto. Das hier sind nur ein Teil der alten Kämpfer“, erklärte Remus heiser. Erst jetzt bemerkte Hermine die tiefen Runzeln auf seiner Stirn als ob ihm irgendetwas Sorgen bereite. Verwundert sah Hermine ihn an. Nach einer Weile räusperte sich Remus.  

„Manchmal schaue ich gern dieses alte Bild an, um mich an all die Gefährten zu erinnern, deren Namen nur noch auf Grabsteinen stehen. Es hilft, nicht zu vergessen, wofür man kämpft“, gestand Remus leise und sprach doch mehr zu sich selbst. Sein Blick wanderte ins Leere und Hermine spürte, wie ihre Nackenhaare sich aufrichteten. Von einer Sekunde auf die andere war ihr als griff ein namenloses Grauen nach ihr, als ging ein Gespenst durch den Schankraum, das sie zuvor nicht bemerkt hatte.

„Wie viele“, begann sie zu sprachen, obwohl ihr Mund trocken war, „Wie von ihnen haben Voldemort und seine Anhänger denn getötet?“

Remus sah von seinem Foto auf und schaute sie an. So durchdringend und taxierend als überlege er scharf, was er ihr anvertrauen könne.

„Alle“, sagte er schließlich, hart und kalt. 

Hermine schluckte. Plötzlich war ihr so kalt als hätte sie jemand mit einem Eimer Wasser übergossen. Sie zitterte und ihr Herz raste.

„Das - das habe ich nicht gewusst“, stammelte sie. Doch Remus schwieg nur und senkte den Blick. Im gleichen Augenblick wurde Hermine klar, dass es nicht seine Antwort gewesen war, die so entsetzte. Hatte sie damit nicht schon gerechnet? Sprach er nicht aus, was sie schon vermutet hatte? Nein, es war nicht die Vergangenheit, die ihr Angst einjagte. Dieses namenlose Grauen trug einen anderen Namen. Für eine Sekunde schloss Hermine die Lider, sah tief in sich hinein. Manchmal spürte und ahnte man Dinge, die unbegreiflich waren. Manchmal kannte man längst schon eine bittere und traute sich doch nicht, ihr ins Gesicht zu sehen, bis einen etwas unabwendbar darauf stieß.

Als Hermine die Augen wieder aufschlug, sah sie noch immer Remus‘ Kopf vor sich, tief über das Bild gebeugt.

„Es wird wieder Krieg geben, oder? Er wird sich nicht ewig bedeckt halten. Sobald er genug Gefolgsleute gefunden hat, wird er wieder nach der Macht streben und dann werden Menschen sterben, Freunde, nicht wahr?“

Remus antwortete nicht. Einen schier endlosen Augenblick saß er nur da. Dann seufzte er schwer und stand auf.

„Ich muss los“, erklärte er, nahm seine Sachen und Mantel vom Stuhl. Bevor er jedoch ging, packte er Hermine an den Schultern, so dass sie ihm in die Augen sehen musste.

„Mach dir keine Sorgen“, sprach er ihr Mut zu, „Wir werden nicht zulassen, dass es soweit kommt“.

Plötzlich sah er an ihr vorbei in den Schankraum hinein.

„Ich glaube, Molly winkt nach dir. Auf Bald“. Mit diesen Worten ließ er sie los und war verschwunden. Hermine sah ihm nach. Noch immer war ihr kalt und flau. Noch immer saß ihr die Angst im Nacken, umwehte sie der Hauch eines Dementors.

„Auf bald“, flüsterte sie, „Und wenn doch, werden wir kämpfen!“

Autorennotiz

Hallo zusammen! Schön, dass ihr hereinschaut. Dieser Kalender ist ein Beitrag zu meinen Schreibprojekten "Ein Tribut an Fünf" im Forum. Zusätzlich zu den Projektvorgaben hat jeder Oneshot hier genau 700 Worte. Ich hab die Sammlung als "Gen" und "Headcanon" getaggt, denn auf die meisten trifft beides zu. In ein paar wenigen gibt es Was-wäre-AU und Romanze zwischen Canonpairs (nicht den Dous!). Ansonsten ist von Fluff bis Tragödie alles dabei.

Bis auf die 1. und die 52. Woche gilt für die Dous folgende Reihenfolge. Kalenderwoche endet auf..

0: Hermine & Severus
1: Minerva & Remus
2: Hermine & Remus
3: Albus & Severus
4: Hermine & Minerva
5: Albus & Remus
6: Minerva & Severus
7: Albus & Hermine
8: Remus & Severus
9: Albus & Minerva

Viel Spaß beim Lesen!

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Autor

Augureys Profilbild Augurey

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Kapitel:12
Sätze:632
Wörter:9.039
Zeichen:54.313

Kurzbeschreibung

Ein Jahr ist eine lange Zeit, ein ganzes Leben noch viel länger. Für Albus Dumbledore, Hermine Granger, Minerva McGonagall, Remus Lupin und Severus Snape ist beides erfüllt von Momenten. Glückliche Momente und traurige , witzige und spannende Momente. Momente, die einer mit dem Anderem teilt! Fünf Lieblingscharaktere, zehn Dous, zweiundfünzig Begegnungen. Kunerbunte Geschichten für ein ganzes Jahr! Oneshotsammlung, keine canonfremden Ships, zu 90% Gen und canonkompatibel.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Kalender, OneShot-Sammlung, Gen, Headcanon, Allgemein und Schreibprojekt getaggt.