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Ein Jahr für fünf [Kalender 2019]

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10.12.2019 19:27
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

5 Charaktere

Albus Dumbledore

Hermine Granger

Minerva McGonagall

Remus Lupin

Severus Snape

Erschöpfung, Große Halle, Herbstwind

~*~

Sie hatte sie alle gleichermaßen erfasst, die Lider gesenkt, sich auf die Glieder geschlagen. Ein müdes Gähnen nur hier und da durchbrach das Schweigen, übers Schloss verteilt. Alles lag in tiefem Schlummer, alles war im Land der Träume. Alles? Nein! Rastlose Geister wandelten noch immer in Gedankentürmen umher, suchten nach einer Antwort. 

Hermine trotzte der Erschöpfung. Vielleicht war sie als Einzige im Schloss noch wach. Vielleicht lagen auch andere schlaflos auf ihrem Lager. Wer wusste das schon? Morgen, wenn sie in ihr Haus zurückkehrte, würde sie es gewiss bereuen. Doch jetzt fand sie einfach keine Ruhe. Ihr Gehirn ratterte, wälzte die Ereignisse, die sie in Atem gehalten hatten, hin und her, her und hin. Wie nur hatte das passieren können? Wo war bloß das Schlupfloch, das es zu schließen galt? All die Dementoren und doch nutzlos! Sorgenfalten kräuselten ihre Stirn als sie sich müde zur Seite drehte. Oh Harry, abermals sind wir nicht mehr sicher, mögen die Lehrer klüger sein als wir!

Sie waren nicht klüger geworden! Stunden über Stunden der Suche und keine Spur, nicht einmal im Ansatz! Keine Ahnung und keine Idee. Er war wieder wie vom Erdboden verschluckt, wie ein Geist einfach verschwunden. Wusste der Geier, warum die Sicherheitszauber der Schule ihn nicht aufgehalten hatten. Minerva gähnte. Sie fühlte sich müde und unendlich schlapp. Eigentlich hätte sie Albus in der Großen Halle aufsuchen müssen, die Lage mit ihm besprechen, sich den Kopf zermartern sollen, wie die Sicherheit der Schüler wieder herzustellen sei. Es wäre ihre Pflicht gewesen. Doch sie war zu erschöpft dazu. Schläfrig schlug sie am Treppenhaus den Weg nach oben ein, schläfrig und mit einem schlechten Gewissen.

Gewissenbisse. Remus fühlte sie zwicken und nagen, stechen und beißen. Das schlechte Gewissen saß ihm im Nacken, trieb ihn durch die Korridore, obwohl ihm die Augen zuzufallen drohten. Vage ahnte er wie seinem alten Freund und neuem Feind dieses Kunststück gelungen war, das allen anderen Rätseln aufgab. Das alte Geheimnis, der Schwur ihrer Schulzeit geisterte durch seinen Kopf wie ein Phantom längst vergangener Zeiten. Doch er brachte es nicht über sich, den Mund aufzumachen. Wagte nicht, seine Bedenken, Befürchtungen auszusprechen. Nach allem was geschehen war fühlte es sich noch immer an wie Verrat. Dumbledore würde es das Herz brechen. Und Severus? Was würde er erst denken, bei all diesem Hass?

Der Werwolf war es gewesen, ganz gewiss! Er, Severus, hatte es all die Zeit gewusst. Remus Lupin war ein faules Ei im Nest. Und endlich zeigte er sein wahres Gesicht! Der Hass, die Wut, der nahe Triumpf in diesem stillen Krieg, trieben Severus die Erschöpfung aus den Gliedern. Sein Körper schrie nach Schlaf, sein Geist aber war hellwach. Albus musste ihm glauben, konnte nicht anders, nach diesen Beweisen! Der Werwolf war eine Gefahr. Er hatte seinem alten Kumpel hinein und hinaus verholfen und wenn Dumbledore ihn nach dieser Nacht nicht glaubte…. Aber nein, das würde nicht geschehen! Siegessicher stieß Severus die Tür zur Großen Halle auf, bereit den Verbrecher anzuklagen.

Albus seufzte tief und schwer. War dieser Krieg zwischen seinen Schützlingen niemals beizulegen?  Er hatte Severus‘ Anschuldigungen gelauscht als dieser Remus an den Pranger stellte und war doch nicht bereit, ein Urteil zu fällen. Remus war unschuldig wie ein Lamm, dessen war Albus sich sicher. Und er war müde ein Richter zu sein, müde überhaupt. Dieser Abend hatte alle Kräfte aufgezehrt und noch immer hatte er den Dementoren zu sagen, dass die Suche beendet war. Wie das alles überhaupt hatte passieren können, blieb ein Rätsel. Sein Kopf war leer. Er hob den Zauberstab und sprach ein stummes Alohomora, das die Fenster der Großen Halle öffnete: Frische Luft für die Schlafenden.

Frische Luft durchzog den Saal, durchzog die leeren Flure und dunklen Klassenzimmer. Der Herbstwind, kalt und klar, der alle Sinne kühlte, der die Lungen erfrischte und die Gedanken zum Schlaf bettete. Fünf Paar Augen fielen zu, entschieden sich nach langem Denken endlich zu ruhen. Zweifel und Rätsel, Sorgen und Ängste, Anklagen und schlechtes Gewissen, sie schwiegen. Hermine und Minerva, Remus, Severus und Albus, sie gaben endlich der Erschöpfung nach und folgten ihr ins Land der Träume. Nur der Herbstwind ging noch durchs Schloss, sang sein stummes Lied: Sirius Black war in Hogwarts eingedrungen und wartete irgendwo da draußen…

Hoffnung, Pokalzimmer, Schneefall

~*~

Ein kühler Lufthauch zog durch die Treppenhäuser von Hogwarts. Kühl war es in allen Fluren und Zimmern. Der Frost war über das Land hereingebrochen, ließ Blumen und Pflanzen aus Eis auf den Fensterscheiben sprießen. Über den Dächern, über den Zinnen trieben seit Tagen puderweiße Wolken und unablässig rieselte der Schnee. Das neue Jahr glich einer frischen Leinwand. Niemand wusste, welche Szenen die Hand des Schicksals noch darauf zeichnen würde.

Remus lächelte als er kurz ans Fenster trat und hinaus in das Schneetreiben sah, die Hitze der leeren Tasse noch an seinen Fingern. Der Tee aus dem Lehrerzimmer wärmte ihn gut. Um ihn her herrschte klirrende Kälte, hinter ihm klirrte funkelndes Metall. In den zahllosen Vitrinen versprühte es ein goldenes Blitzen wie ein Hoffnungsschimmer im tristen Wintergrau. Seitdem die meisten Schüler über die Ferien nachhause gefahren waren und das Schloss so still und leer war, hatte er sich angewöhnt, in den Korridoren ein wenig zu lustwandeln und den Erinnerungen an alte Zeiten nachzuhängen. So hatte es ihn heute ins Pokalzimmer verschlagen, um sich ein wenig im Glanz der Geschichte der altehrwürdigen Schule zu sonnen und dem letzten Zeugnis von James‘ Quidditcherfolgen die Ehre zu erweisen: Der Name seines Freundes eingraviert in Gold. Wehmütig betrachtete Remus gerade die Pokale und Medaillen als ein Geräusch ihn aufmerken ließ: Jemand hatte das Pokalzimmer betreten. Sofort wandte er sich um. Ein Mädchen stand im Türrahmen, langes buschiges Haar umrahmte sein Gesicht ehe es auf dem rot-gold-gestreiftem Schal endete: Hermine Granger. 

 „Professor Lupin“, rief sie abgehetzt, „Ich habe Sie im ganzen Schloss gesucht. Harry hat mir erzählt, dass Sie ihm schon heute Abend den Patronuszauber zeigen wollen, ist das wahr?“ 

„Das stimmt“, entgegnete Remus und fragte sich, was sie wohl von ihm wollte. Die Schülerin setzte ihre Ledertasche ab, während sie die Vitrinen musterte.

„Harry, er ist immer noch traurig, dass er das Quidditchspiel gegen Hufflepuff verloren hat. Und er ist sauer auf mich, weil ich auf McGonagalls Seite bin, wegen dem Feuerblitz, wissen Sie. Er versteht einfach nicht, dass… dass ich Angst habe, dass Sirius Black…“

Sie brach ab. Und mochte ihr bester Freund ihre Bedenken auch nicht verstehen: Remus verstand.

„Professor McGonagall und Professor Flitwick tun ihr Bestes, um den Feuerblitz auf mögliche Flüche zu überprüfen. Vielleicht ist er ja auch ein Geschenk eines Verehrers. Harry ist berühmt und hat viele Bewunderer“, erklärte er beschwichtigend und warf einen Seitenblick zum Fenster, damit er nicht in ihre Augen sehen musste. Dass dieses Geschenk Sirius‘ Handschrift trug wie kein Anderes, verschwieg er. Wäre er nicht der Verräter gewesen, der James ans Messer geliefert hatte, es wäre genau das gewesen, was Sirius getan hätte, hätte er vom Quidditch-Unfall eines geliebten Patenkindes erfahren. Doch das konnte er einem vierzehnjährigen Mädchen nicht sagen. Für eine Weile standen sie schweigend nebeneinander und sahen durch die Fenster hinaus in den fallenden Schnee, jeder in seine Gedanken versunken. Die Stille schien durchtränkt von namenlosen Sorgen, unsichtbaren Schatten gleich der Dementoren, die um die Schule kreisten, während ruhig der Schnee fiel, sanft und weich wie Watte. 

„Was denken Sie, Professor Lupin, wird er…?“, fragte da Hermine Granger, flüsternd fast. 

Der Hauch ihrer Worte ging durchs Zimmer wie eine Winterbrise, zu schwach um den Weg fallender Flocken zu verwirbeln. Remus sah hinauf in den Himmel, ebenso weiß und unbeschrieben wie die Landschaft ringsumher.

„Ich denke, dass Harry das nächste Spiel gewinnen wird“, erwiderte er dann, wissend, dass es nicht die Antwort  auf ihre stumme Frage war, „Und dass er auch aus anderen Kämpfen siegreich hervorgehen wird.“

Hermine wandte den Kopf, blickte zu ihm auf. In ihren Augen las Remus Zweifel, doch besaß sie zu viel Anstand, um einen Lehrer offen der Leichtgläubigkeit zu bezichtigen. 

„Ich werde Harry alles sagen, was ich in den letzten Tagen in der Bibliothek über den Zauber gelesen habe“, erklärte sie bestimmt und verabschiedete sich.

Still lächelnd und mit einem heimlichen Respekt vor ihrer Courage sah Remus ihr nach. Er wusste nicht woher er diese plötzliche Gewissheit nahm, doch war er guter Dinge. Alles würde sich aufdecken und zu einer Lösung kommen, die keinen Blutzoll verlangte. Das spürte er einfach.  Hoffnungsvoll blickte Remus zum Fenster hinaus. Der Horizont glich einer weißen Leinwand und hinter ihm blitze James‘ Name im Gold.

Stolz, Flourish & Blotts, Buch

~*~

Die Bretter ächzten und keuchten stumm unter der seitenschweren Last, die sie zu wuchten hatten. Wälzer und Folianten, Taschenbücher und  Broschüren drängten sich Rücken an Rücken aneinander, leinengebunden und in Leder geschlagen. Albus atmete tief ein, genoss den Duft von Wissen und Weisheit, von altem Pergament und frischer Setzkastentusche, der aus allen Ecken auf ihn einströmte. Gab es einen herrlicheren Ort als einen Raum voller Bücher? Flourish & Blotts mochte zwar kaum mit der Schulbücherei von Hogwarts zu vergleichen sein, doch war es noch immer die beste Adresse, wenn man seine Privatbibliothek etwas aufzustocken gedachte. Während er hin und wieder einen Band aus den Regalen zog, hier und da etwas schmökerte, begleitete ihn das Rascheln von Papier. Nach einer Weile hielt Albus die Neugierde nicht mehr aus, sah von seiner Lektüre auf und warf einen verstohlenen Seitenblick hinüber in die Ecke des Raumes, wo eine schwarzgekleidete Gestalt das Angebot der Abteilung Zaubertränke studierte: Severus Snape. Die dünnen Finger an die schmalen Lippen gelegt, die Bücherrücken eingehend musternd war er offenbar auf der Suche nach einem ganz bestimmten Titel. Für welches Werk er sich wohl entscheiden würde? Albus fragte nicht nach. Er würde es früh genug erfahren, spätestens in der letzten Woche der Sommerferien, wenn alle Lehrer seine Unterschrift für die Liste der Schullektüre erbaten, die sie fürs nächste Schuljahr zusammengestellt hatten. Für Severus war es das zweite Mal und wie es schien, machte er es sich mit seiner Aufgabe nicht allzu leicht. Albus war ihm zufällig in der Winkelgasse begegnet und für einen seltsamen Augenblick wunderte er sich, warum der junge Mann sein Angebot ihn zu begleiten nicht mit einer Ausrede ausgeschlagen hatte. Jedem Anderem zeigte Severus Snape die kalte Schulter. Etwas, das Albus zuweilen besorgte, wenn er an die Worte seines Schützlings dachte, damals bei dessen Zusammenbruch in seinem Büro. Dann jedoch verdrängte er seine düsteren Gedanken. Er mochte Severus nicht weiter stören. Kaum hatte er sich dem Bücherregal vor sich wieder zugewandt, machte sein Herz mit einem Mal einen Satz als er etwas entdeckte, das seine Stimmung schlagartig kippen ließ.

„Du meine Güte!“ gluckste er als den goldenen Schriftzug ‚Albus Percivals Wulfric Brian Dumbledore Gesamtwerk Sonderausgabe‘ auf dem edlen Folianten mit Goldschnitt entdeckte, der im obersten Regalbrett ausgestellt war. Ihm war zumute wie einem Kind, das zum ersten Mal sich selbst im Spiegel sah. Hier war es, sein Lebenswerk, seine größten Leistungen auf dem Gebiet der Alchemie, die Lorbeeren all seiner Forschungen, vergoldet und auf ewig auf Pergament gebannt. Vergnügt und mit geschwellter Brust nahm Albus das Zeugnis seiner Berühmtheit aus dem Regal und begann darin zu blättern. Wie sehr rührte ihn die Ehre, die ihm hier zuteilwurde. Sein Ausruf hatte Severus hellhörig werden lassen und der junge Zauberer war in skeptischer Neugierde neben ihn getreten. Albus erzählte ihm wie ein strömender Wasserfall von den kleineren und größeren Unfällen bei der Erforschung von Drachenblut und von der langen Zusammenarbeit mit Flamel. Severus schwieg, doch verfinsterte sich seine Stirn, als trieben dahinter dunkle Wolken, als tose in der Seele ein Unwetter. Schließlich klappte Albus das Buch zu.

„Ich hoffe, ich langweile Sie nicht, Severus?“, fragte er vorsichtig und sah seinen Schützling über die Handmondbrille hinweg eindringlich an.

„Nein“, erwiderte Severus, „Es ist nur…“

Er sprach es nicht aus, doch Albus vernahm die Worte auch so: Sie sind so berühmt, die Gallionsfigur der magischen Welt und ich bin ein Nichts, namenlos und entstellt durch das Dunkle Mal. 

„Vielleicht wird auch Ihr Name eines Tages hier im Regal stehen, Severus. Wenn Sie Ihre Arbeit weiterhin so gewissenhaft betreiben, sehe ich gute Chancen für Sie.“ 

Severus sah auf. Nun glich sein Blick der Wüste auf die plötzlich ein lang ersehnter Regentropfen gefallen war.

„Ich muss noch in die Apotheke. Möchten Sie mich begleiten, Professor Dumbledore?“, fragte er. Albus brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, dass der größte Eigenbrötler im Kollegium von Hogwarts ihn gerade eben um seine Gesellschaft gebeten hatte.

„Natürlich“, erwiderte er und sah Severus, der schon vorausging, einen Augenblick lang nach. In seiner Hand lag noch immer schwer das Buch. Doch war es mit einem Mal nur noch ein Haufen bedruckten Papiers, wertlos und unbedeutend. Die wahren Meisterwerke wurden nicht in Schreibstuben vollbracht. Sie entstanden zwischen den Zeilen des Lebens. 

Zorn; Gemeinschaftsraum; Kamin

~*~

Das kann sie nicht machen!

 

Hermine starrte auf das Porträtloch und ihre braunen Augen funkelten vor Zorn. Wut schwelte in ihr, glühte wie die Asche des Feuers im Kamin. Das Feuer, das nun nicht mehr brannte, nicht mehr auf diese Weise jedenfalls. Noch immer schien ein Schatten im Durchgang zu stehen. Noch immer glaubte Hermine ihre Silhouette dort zu erkennen, die Brille mit den Vierecksgläsern, das schottenkarierte Schultertuch, den strengen, schwarzen Dutt. Professor McGonagall hatte den Raum noch nicht lang verlassen. Noch immer hing ein Hauch ihrer verhängnisvollen Worte in der Luft, schien sich in den Ecken zu sammeln, wie ein Echo auf Hermine einzuströmen. Die Hauslehrerin war im Gemeinschaftsraum nicht gerade ein häufiger Gast. Ihr Erscheinen war stets ein hoher Besuch, der selten etwas Gutes bedeutete. Doch diese Hiobsbotschaft hatte keiner erwartet, zumindest die jüngeren Jahrgänge nicht. Hermine aber hatte es befürchtet, leise schon lange geahnt, seitdem sie ihr falsches Lächeln beim Schuljahresdiner am Lehrertisch gesehen hatte. Es passte ins Bild. Der Glorienschein verblasste, die Repressalien nahmen zu. Die mächtigste Frau unter dem Dach dieser Schule zeigte mehr und mehr ihr wahres Gesicht. Mit grollendem Magen blickte Hermine auf den Kaminsims. Die Dose mit dem Pulver hatte Professor McGonagall gleich mitgenommen, zur Sicherheit wie sie sagte, denn die Gefahr sei groß und Harry  habe schon mehrfach kopflos gehandelt, womit sie nicht ganz Unrecht hatte. Noch immer klangen Hermine ihre strenge Worte in den Ohren. Es täte ihr leid, ihr seien die Hände gebunden und sie bemühe sich, eine Lösung zu finden. Konnten ihre Worte die Zukunft sein? Hermine zweifelte. Gedankenvoll blickte sie ins Feuer, das Feuer im Gryffindorkamin. In die Flammen, rot und gelb und orange, die niemals grün mehr leuchten würden, durch die höhere Macht bestimmt. Und in ihrem Magen schwelte noch immer heiß wie Zunder der Zorn.  

 

Sie hat es getan!

 

Minerva atmete tief aus als sie den leeren Flur betrat, von der Fetten Dame im rosa Kleid misstrauisch beäugt. Ein Atemzug wie das Pfeifen der Dampflock, ein Atemzug aus Rauch und Dampf und Wut. Sie hatte ihren Zorn gezügelt als vor den Schülern stand. Doch hier draußen gab es keine Zeugen; niemand, der ihre glühende Miene sah. Nur das Porträt im Nacken, dem sie längst den Rücken zugewandt hatte, einen Knoten schwarzen Haares entgegenhielt, der vielleicht das Letzte war, das ihre Beherrschung zusammenhielt. Unter dem geordneten, schottenkarierten Schultertuch brodelte es wirld. Die Augen der Schüler schienen Minerva noch immer zu durchbohren, rissen, zerrten an ihrem Nervenkostüm. Blasse, entsetzte Gesichter. Besonders das von Miss Granger hatte sich ihr eingebrannt. Miss Granger, die stellvertretend für Mister Potter stand, der mit Mister Weasley bei irgendeiner Strafarbeit saß. Die Augen des Mädchens waren voller Anklage gewesen. Ihre Worte hätten ihre Fassade fast zum Einsturz gebracht. Fast, ja fast hätte Minerva sich hinreißen lassen ihre wahren Gefühle, ihre wahren Gedanken in einem bösen Wort zu offenbaren. Gerade noch hatte sie sich gebremst und doch war sie sich sicher, Miss Granger ahnte etwas. Schwer lag die Flohpulverdose in Minervas Hand. Schwerer als sie eigentlich war. Sollte sie Reue empfinden? Nein, sie hatte nur getan, was sie hatte tun müssen. Sie handelte nur im Sinne der Schüler, warum verstanden die Kinder das nicht? Ein entsetzter Aufschrei war durch die Reihen gegangen. Nur Miss Granger hatte geschwiegen, die Stirn wie von düsteren Gedanken umwölkt. Ahnte sie, wie vage ihr Versprechen war, eine Lösung zu finden? Auf welch wackligen Beinen es stand? Oh, wenn Minerva sie doch nur in die Finger bekäme! Ihr Magen grollte wie hundert Löwen, die eine Hydra zerreißen wollten. Hastig steckte sie die Flohpulver ein; rauschte davon, im Rauch der Wut.

 

Das Porträt am Durchgang aber, die Fette Dame, vergaß nicht. Sie hatte in den Gemeinschaftsraum gelauscht und so erfahren, was wirklich geschah.

„Bitte, Miss Granger, versammeln Sie als Vertrauensschülerin ihre Hauskameraden. Ich habe Ihnen leider eine ernste Mitteilung zu machen“, sprach Minerva und wartete angespannt, bis der Gemeinschaftsraum sich füllte.

„Was ist geschehen?“, fragte ein Schüler aufgebracht und sie holte tief Luft.

„Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass unsere Großinqusitorin Dolores Umbridge neuerdings das Flohnetzwerk im gesamten Haus kontrolliert“

„Was?!“, tobte Hermine, „Aber Professor, das kann sie nicht machen!“

Minerva seufzte schwer. 

„Ich fürchte, Miss Granger, Sie hat es getan!“

Bewunderung, Weasleys Zauberhafte Zauberscherze, Spiel

 ~*~

Albus lächelte als er sich mit einem Anflug kindlichen Vergnügens, das er sich bis ins hohe Alter bewahrt hatte, über den Glaskasten beugte, um das Modell einer Zirkuslandschaft darunter zu bewundern. Es waren doch wahrlich die kleinen Dinge, die einem das Dasein versüßten und selbst in Zeiten größter Finsternis Momente des Lichts bescherten. Darin bestand die wahre Kunst des Lebens: Die unscheinbaren Freuden nicht zu vergessen. Dem neu eröffneten Scherzartikelladen in der Winkelgasse einen Besuch abzustatten, war natürlich eine Ehrenpflicht gewesen. Noch allzu gut erinnerte sich Albus an die Scherze und Streiche der beiden Lausbuben, die er stets mit einem lachendem und einem weinenden Auge, mit dem mahnend erhobenen Zeigefinger des Schulleiters und dem spitzbübischen Zwinkern des Schelms verfolgt hatte wie einst auch bei Sirius Black und James Potter. Wenn er sich nun im Geschäft umsah, musste er zugeben, dass Mollys Zwillinge sich wirklich gemacht hatten, so wie sich jugendlicher Übermut in späteren Jahren oftmals zu Gewitztheit und Gewandtheit wandelte. Mit Weasleys Zauberhafte Zauberscherze hatten die beiden jedenfalls Geschäftssinn bewiesen und das Zirkusspiel war wirklich eine Augenweide. Ganz gebannt betrachtete Albus die kleine Manege, auf der Clowns und Seiltänzer, Feuerspucker und Dompteure auf die Anweisungen wechselnder Spielkarten hin ihre Kunststücke vollführten und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Gegen die feingeschnitzten Glieder dieser Tiere und Figuren und ihrer fließenden Bewegungen waren alle Zauberschachfiguren, die er in seinem langen Leben schon gesehen hatte, grobschlächtige Holzklötze. Im Geiste zog Albus seinen Spitzhut vor den Ladenbetreibern. Die Jungen verstanden ihr Handwerk. Ein solcher Zauber war nicht leicht. Er bedurfte einiges an Raffinesse und die ausgefeilten Details der Spielfiguren bewiesen eine Leidenschaft fürs Handwerk. Wenn er nur wüsste, woran das Zirkusspiel ihn erinnerte! Denn irgendetwas daran kam Albus bekannt vor, vage und dunkel. Ins Grübeln versunken sah er dabei zu, wie die nächste Spielkarte sich vom Stapel hob und ein hölzerner Messerwerfer seine Klingen wetzte. Erinnerungsfetzen zogen an seinem geistigen Auge vorüber. Bilder, die nicht zusammenpassten, als gehörten sie zu zwei Puzzles, die zufällig vermischt worden waren. Da bemerkte er auf der anderen Seite des Glaskastens plötzlich ein Paar Augen, die das Zirkusspiel ebenso verträumt betrachteten wie er. Braune Augen, die Albus durchaus nicht fremd waren. Sofort riss er seine Aufmerksamkeit vom Glaskasten los und nahm wieder Haltung an.

„Hallo, Remus. Welch ein Zufall, dir hier zu begegnen“, begrüßte er den Zirkuszuschauer freundlich, der daraufhin sofort aufsah.

„Oh, guten Tag, Dumbledore. Ich habe Sie gar nicht bemerkt“, erwiderte Remus.

„Ein herrliches Spiel, nicht wahr?“, rief Albus seinem Gegenüber fröhlich zu.

„Ja…“

Remus lächelte. Doch dann plötzlich verfinsterten sich seine Züge und auf seiner Stirn zeigten sich Runzeln. Albus sah ihn alarmiert an. Stimmte etwas nicht? Er war schon gewillt, vorsichtig nachzuhaken als Remus wieder das Wort ergriff.

„Als kleiner Junge war ich ganz versessen auf Modelle“, erzählte er, der Blick nachdenklich und leer als sähe er in die Ferne der Vergangenheit, „Mein Vater schenkte mir zu jedem Feiertag ein neues. Sie waren mein Tor zur Welt. Ich… ich durfte ja nicht mit anderen Kindern spielen.“

Albus lauschte gebannt und spürte die Gänsehaut im Nacken.  Auf einmal wusste er wieder, woran ihn das Zirkusmodell erinnerte. Es waren die Gesichter der Figuren. Es war… Ariana! Ariana hatte einst einige Miniaturen von Geschäften der Winkelgasse besessen. Wenn sie damit spielte, war sie nicht mehr ansprechbar und man mochte nur erahnen, was sie hinter ihrer blassen Stirn und den stillen Augen alles erlebte, während die Welt um sie einsam und trist war. Dann fiel es Albus wie Schuppen von den Augen als eine weitere Erinnerung Gestalt annahm: Ein kleiner Junge, der mit einem Modell von Beauxbaton spielte, während ein Vater ihm, Albus, zuraunte: „Die Vollmondnächte sind eine Tortur“.

„Ich denke, ich werde mich mal nach dem Preis erkundigen“, verabschiedete sich Remus mit einem Räuspern. Albus nickte und sah ihm gedankenvoll nach. War das der Moment gewesen, in dem er beschlossen hatte, diesen Jungen nach Hogwarts zu holen, allen Gefahren zum Trotz – die Erinnerung an seine Schwester? Nachdenklich senkte Albus den Blick, betrachtete die kleine Manege, die Artisten, die Zirkustiere. Vielleicht lag der Zauber des Modells gar nicht in der Ausgestaltung der Figuren, sondern viel tiefer. Für die weggeschlossenen Kinder war die kleine Welt der Schlüssel zur großen!

Gelassenheit;  Eulerei;  Bitte

 ~*~

 

Mr. H. Potter

Im Schrank unter der Treppe

Ligusterweg 4

Little Whinging

Surrey

 

Ein Umschlag, zwei Umschläge, hundert Umschläge, tausend Umschläge. Minerva ächzte und stöhnte. Rings um sie scharten sich Körbe voller Briefe. Sie quollen über die Ränder, fielen hinaus, bedeckten den Boden. Briefe alle mit derselben Adresse versehen. Warum nur hatte Albus den Jungen damals zu bei seiner Tante unterbringen müssen? Sie hatte einen ganzen Tag lang auf der Mauer im Vorgarten gesessen und die Familie beobachtet. Gewarnt hatte sie ihn, es sei kein Ort für einen kleinen Zaubererjungen. Nun, zehn Jahre später bestätigte sich ihr Verdacht. Die Briefe wurden abgefangen, einfach vernichtet. Ob sie wohl je denjenigen erreichten für den sie bestimmt waren? Mit schmerzenden Gelenken knotete Minerva der nächsten Schuleule einen Umschlag um. Zu gerne hätte sie diese Arbeit jemand Anderem überlassen. Doch das Übersenden der Schulbescheinigungen  war seit jeher ihre Chefinnensache. Wenn nur die Postenboten ausreichten. Nachdenklich sah Minerva dem Waldkauz nach, der mit einem Flügelschlag im blauen Himmel verschwand. Langsam leerten sich die Vogelstangen in der Eulerei. Sie stützte gerade ihre Hand in die Seite und atmete tief durch als sich hinter ihr plötzlich mit einem Knarren die Tür öffnete. Sofort drehte Minerva sich um und begegnete dem fahlen Gesicht Severus Snapes.

„Oh, Professor McGonagall, am frühen Morgen schon so fleißig?“, begrüßte der unliebsame Kollege sie mit einem spöttischen Unterton.

„Severus, Sie wissen, dass in dieser Woche die Schulpost verschickt wird“, erwiderte sie trocken,

„Was gibt es?“

Er sah sie nicht an, sondern musterte die Briefumschläge am Boden und - bildete sie sich das ein – hielt angesichts des Empfängers für einen Moment die Luft an. Dann jedoch räusperte er sich und nahm wieder Haltung an.

„Eigentlich hatte ich selbst vor, einen Brief zu verschicken. Aber wenn Sie schon einmal dabei sind, würden Sie dies für mich gerade mit versenden, Bitte?“ Und mit einem hämischen Grinsen hielt er ihr einen Brief entgegen. Minerva glaubte sich verhört zu haben. Was bildete er sich ein?! Wie konnte er es wagen?! Schon war sie gewillt, ihm eine gepfefferte Standpauke zu halten. Doch dann fiel ihr der Glanz des Triumpfs in seinen Augen wieder ein als sie das letzte Mal auf seine Provokationen hereingefallen war. Ihrer Empörung Luft zu machen war keine gute Idee. Tief atmete Minerva aus und sprach sich selbst Gelassenheit zu. Auf einen Brief mehr oder weniger kam es nicht an und Post, die er ihr anvertraute, konnte nicht sonderlich wichtig für ihn sein. Sie würde Granny, die flügellahme Schneeeule, die schon lange sehnsüchtig auf eine Aufgabe wartete, damit beauftragen. Die wertvolle Schulpost wollte Minerva ihr nicht anvertrauen, aber wenn sie Severus‘ Brief ausflöge, wäre das arme Tier gewiss glücklich.

„Meinetwegen, legen sie ihn dort drüben auf den Korb“, antwortete sie ihrem Kollegen gelassen und begann den nächsten Brief an Harry Potter an einem ausgestreckten Vogelbein festzubinden. Professor Snape sah sie von der Seite mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Was bitte?!“

„Sie haben mich gehört, legen sie ihn dort drüben auf den Korb und ich erledige es später“, wiederholte Minerva sich tonlos. Severus Snape stieß die Luft aus.

„Schönen Dank, aber ich glaube, darum kümmere ich mich besser selbst. Wer weiß, wo mein Brief sonst noch landet!“

Mit abgehackten Schritten trat er an ihr vorbei und rief mit einem Pfiff eine der kleinen Zwergohreulen zu sich herab. Kopfschüttelnd sah Minerva ihm zu. So ein Griesgram, der hinter jeder Freundlichkeit eine Finte vermutete!

„Ein schönen Tag noch“, verabschiedete Severus sich barsch als er den Kauz in die Lüfte entlassen hatte und lief hastig aus der Eulerei. Einen Augenblick lang starrte Minerva noch auf die geschlossene Tür, während der Wind und Flügelrascheln sie umwehten. Gedanken, nebulös wie die Schleierwolken am Himmel, durchzogen ihren Kopf. Doch da schüttelte sich Minerva und machte sich wieder an ihr Werk. Behände nahm sich einen weiteren Brief und rief mit einer Seelenruhe die nächste Eule zu sich herab. Mit einem Mal kam ihr ihre Arbeit gar nicht mehr so beschwerlich und undankbar vor. Es gab Schlimmeres womit man einen Sommermorgen verbringen konnte als fünf Körbe von Briefe an die gleiche Adresse zu verschicken. Zum Beispiel sich in ein dunkles, kaltes Kerkerzimmer zu verkriechen und jeden wegzubeißen. Auch den, der es nur gut mit einem meinte.

Schuld, Lehrerbüro, Melodie

 ~*~

Die Welt stand still, ausgebremst von Worten. Bedeutungsvoll sanken sie, schwer wie Blei, in die Ruhe des kreisrunden Büros, in das Schweigen zwischen zwei Menschen.

Das frühe Morgenlicht fiel fast waagrecht durch die Scheiben der Bogenfenster, blendete Hermine so, dass sie blinzeln musste. Sie schaute ihren Schulleiter an, blickte ihm direkt ins Gesicht. Er hatte geweint, das konnte sie sehen. Tränen glitzerten noch in seinen Augen. Was an der langen Unterregung zwischen ihm und Harry diese Tränen ausgelöst hatte, das vermochte sie nicht zu sagen und sie wagte auch nicht, darüber zu spekulieren. Nur Gesprächsfetzen hatte sie belauscht, draußen in ihrem Versteck zwischen der fahrenden Wendeltreppe und dem Greifenklopfer. Fetzen, die sie unruhig gestimmt hatten. Fetzen, die sie nicht hatte überhören können. Fetzen, die sie hatten anklopfen lassen, weil sie einfach etwas unternehmen musste. Zu den Lehrern gehen, sich ihnen anvertrauen, mit ihnen reden, das war ihre Taktik. Etwas anderes wäre ihr gar nicht in den Sinn gekommen. Und da stand sie nun und sah ihm in die alten Augen, blau und voller Reue. Ein Anblick, der ihr durch Mark und Bein ging. Nie hatte sie ihren Schulleiter, zu dem sie aufblickte, vor dem sie Respekt hatte, auch wenn sie manche seiner Entscheidungen mit Skepsis betrachtete, so schwach, so niedergeschlagen, so hilflos erlebt. Stimmte, was er ihr erwidert hatte? War er im Recht und sie im Unrecht? Hermine wäre gar nicht geblieben, hätte sich gar nicht versteckt und das Gespräch belauscht, wäre Harry nicht so aufgelöst gewesen, dass sie es als ihre Pflicht angesehen hätte, für ihn zu sorgen. Als sie schließlich beschlossen hatte, Dumbledore aufzusuchen, mit ihm zu reden, hatte sie nur freundlich sein wollen. Sie hatte die Gallionsfigur des Widerstands gegen Voldemort nur ein wenig aufmuntern wollen. Doch nun nagten Zweifel an ihr. Sie konnte ihm nicht widersprechen, es wäre eine Lüge gewesen. In seinen Worten lag eine bittere Wahrheit. Eine Wahrheit, die ihr die Zunge lähmte, ihr die Sprache verschlug. Und so schwieg Hermine Granger. 

Allein  Fawkes, der Phönix‘ sang in der Stille, flötete seine traurige Melodie, ein Hauch nur von Trost und Hoffnung.

Und so schwieg Albus Dumbledore. Einen Augenblick lang lauschte er noch traurig dem Lied seines treuen, gefiederten Gefährten und wandte sich mit einem tiefen Seufzen ab, musterte jedes seiner zahllosen Geräte, das Harry in seinem gerechten Zorn, in seiner Trauer und Wut zerstört hatte . Die Morgensonne brannte ihm im Rücken wie ein Vorbote des Fegefeuers und in seiner Kehle schwoll ein Kloß, der sie rau und heiser werden ließ. Das Krächzen des Sünders, wenn er zu Kreuze kroch. Denn was war er mehr als ein Büßer im Büßergewand? Gewiss hatte es Miss Granger nur gut mit ihm gemeint. Doch er konnte ihr nicht weiter in die Augen sehen. Diese unschuldigen, liebevollen Worte mehrten seinen Schmerz nur noch. Er hatte diesen Trost aus dem Munde eines jungen Mädchens, fast noch Kindes, nicht verdient. Was wusste eine, wenn auch sehr kluge Jugendliche schon davon, die magische Welt durch einen Krieg zu lotsen? Was wusste eine Schülerin davon, Kapitän eines Boots in einer stürmischen See zu sein, in der es eine Gewissheit war, dass irgendwann Männer von Bord gehen würden? Entscheidungen zu treffen, die Leben kosten konnten? Albus Herz‘ wurde schwer wie Blei. Worte wie ein Lufthauch, Worte die seine Finsternis nicht durchdrangen. Sie sah in ihm, was alle sahen: Den berühmten Albus Dumbledore, Bezwinger Grindelwalds, Widersacher Voldemorts, größter weißer Magier der Gegenwart, der beste Schulleiter, den Hogwarts je hatte. Doch in Wahrheit, in Wahrheit war er ein Mann, der zutiefst versagt hatte. Der einen Anvertrauten, dessen Leben er wahren wollte, zum Tode verurteilt hatte, weil er einen Jungen, den er liebte wie einen Sohn, ebenfalls vor allen Gefahren schützen wollte. Albus blinzelte, schloss die Lider, sich der Blicke des Mädchens bewusst. Tränen rannen auf seine Hakennase, perlten hinab und tropften zu Boden, wo sie im Teppich versickerten - wie der Tod, für alle Zeit.

Die Welt stand still, ausgebremst von Worten. Bedeutungsvoll sanken sie, schwer wie Blei, in die Ruhe des kreisrunden Büros, in das Schweigen zwischen zwei Menschen.

„Es ist nicht Ihre Schuld, Professor Dumbledore, Bellatrix Lestrange hat ihn ermordet!“

„Doch, Miss Granger, es ist meine Schuld. Ich hätte es besser wissen müssen!“

Entspannung, Nokturngasse, Münze

 ~*~

Severus hatte es nicht eilig. Sein Gang verfiel in einen Schlenderschritt, was für den Tränkemeister von Hogwarts recht ungewöhnlich war. Doch hier war auch nicht die Schule, in der hinter jeder Ecke ungezogene Schüler lauerten, die Streiche ausheckten und Hauspunkte abgezogen bekommen wollten. Ein angenehmer Schatten fiel Severus ins Gesicht, während sich links und rechts hohe Hauswände erhoben. Finsternis verschluckte die Gasse, Finsternis verschluckte Severus und er fühlte sich, was selten geschah, richtig wohl. Diese ewige Düsternis, wo statt halbwüchsigen Nervensägen zwielichtige Gestalten umher huschten, war der einzige Ort außerhalb seines Kerkers, an dem Severus wirklich abschalten konnte. Ein paar freie Tage und es zog ihn hier her, um zu entspannen. So auch heute. Gerade heute. Es war das letzte Wochenende der Sommerferien, der ersten Pause seit einem Jahr von Harry Potter und seinen verzogenen Freunden. Severus mochte sich nicht ausmalen, welche Dummheiten der kleinen Bande als Zweitklässler noch einfallen würden. Da war ein Samstag in der Nokturnhgasse angenehmer. Die Sabberhexen, Todesfeen und anderen Gestalten, die sich hier tummelten, störten ihn wenig, solange es Geschäfte gab, in denen er stöbern könnte. Gerade hatte er die Auslage von Foliant Inferius, der Fachbuchhandlung für Dunkle Künste, inspiziert als ihn plötzlich etwas innhalten ließ. Diese Stimme! Hatte er nicht eben eine Stimme gehört? Ja, da sprach jemand. Jemand, den er kannte. Doch woher? Hastig sah Severus sich um. Einige Frauen, vermutlich Sabberhexen, liefen achtlos an ihm vorüber. Severus aber war sich sicher, dass es die Stimme eines Mannes gewesen war. Schon an seiner Wahrnehmung zweifelnd, runzelte er die Stirn. Da trat die Gruppe Hexen auseinander und plötzlich sah Severus es oder besser gesagt ihn. An der Kreuzung zum Palusviertel, der Siedlung mit dem schlechtesten Ruf der magischen Welt, kauerte ein Bettler auf den Pflastersteinen. Sein vielfach geflickter Zaubermantel war ein einziger Putzlumpen und seine ganze Habe schien ein mit Seilen umwickelter Koffer zu sein. Das Gesicht des Mannes konnte Severus nicht erkennen, denn der Zauberer hatte die Kapuze seines Umhang tief in sein Gesicht gezogen und las in einer sichtlich zerfledderten Lektüre. Doch zu seinen Füßen hatte er ein Schild aufgestellt: SUCHE ARBEIT - NUR TAGSÜBER. tagsüber. Das Wort brachte Severus ins Stutzen. Das Palusviertel war bekannt dafür, dass dort viele Halbmenschen lebten. Um einen Vampir konnte es sich kaum handeln. Die einzigen Wesen, für die die Nacht ein Problem darstellen konnte, waren Werwölfe. Werwölfe, irgendetwas klingelte in Severus‘ Erinnerung bei diesem Stichwort, doch kam er im Moment nicht darauf. Seine Augen musterten noch immer das Schild. Ein Schauder von Grauen und Ekel packte ihm bei Gedanken daran, welche Art von Dienstverhältnissen einem wohl auf solch ein Bettelschild zwischen Plausviertel und Nokturngasse angeboten würden. Und doch, obwohl Severus sich für Regungen dieser Art in Grund und Boden schämte, konnte er nicht leugnen, dass er sich ein wenig mit diesem namenlosen Kerl verbunden fand. Staub, Dreck und zerschlissene Bücher. Geflickte und notdürftig reparierte Kleidung, vermutlich nicht mehr als eine heruntergekommene Bruchbude in einem Elendsviertel als Bleibe, wenn es denn überhaupt eine Bleibe gab. Wie gut kannte er es selbst. Schniefelus hatten sie ihn genannt, weil alles, das er besaß, so schmutzig, unpassend, alt und kaputt gewesen war. Was all die feinen Kinder mit ihrer feinen Kleidung und feinen Manier nicht wussten und nicht sehen wollten, war, dass auch er selbst zumindest für seinen Vater nur Dreck gewesen war und wo Fliegen im Geldbeutel hausten, auch ein Zuhause nur aus Dreck bestehen konnte. Für einen Moment fühlte Severus einen Hauch von Bedauern für diesen Fremden, dessen Stimme ihm bekannt vorkam. Wenn Dumbledore ihn nicht nach Hogwarts geholt hätte, säße er vielleicht selbst dort unten? Kaum hatte Severus es gedacht, da geschah es. Ein Zauberer lief an ihm vorbei und bog ins Palusviertel ab. Im Vorrübergehen griff er in seine Robentasche und warf dem Bettler eine Münze hin. Ihr goldener Schimmer blitze noch als dieser schon die Kapuze zurückschlug, um sich zu bedanken – und das Entsetzen Severus in die Glieder fuhr. Atemlos und ohne einen weiteren Blick machte er kehrt und suchte plötzlich hasserfüllt das Weite. Der Fremde, den er bemitleidet, mit dem er sich verbunden gefühlt hatte, war jemand, den er nie mehr wiedersehen wollte. Es war niemand Geringeres als sein alter Feind Remus Lupin.

Freude, Seeufer, Geschenk

~*~

Es war ein guter Tag, ein Tag voller Glück und Freude. Minerva lächelte in sich hinein und hickste leise. Das Goldlackwasser, ihr Lieblingsgetränk, war ihr doch ein wenig zu Kopf gestiegen. Aber das konnte ihre gute Laune nicht trüben. Angeheitert und die Wangen glühend schlenderte sie den Weg zum Schloss empor, im Gleichschritt mit ihrem Begleiter, der sie galant an Stock und Stein vorbeilotste. Durch die Haare fuhr ihr eine milde Brise und kitzelte angenehm ihr Gesicht. Die Blätter der Bäume ringsumher trugen schon goldene Ränder, die den nahenden Herbst ankündigten und von Ferne meinte Minerva bereits das Pfeifen der roten Lok zu hören, die in wenigen Stunden in Hogsmwade eintreffen würde. Doch noch war es Nachmittag und warmes Licht erfüllte die Flur. Am Ufer des Sees machten sie für eine kurze Weile unter der großen Linde Rast. Kräuselwellen gingen über das Wasser, sandten ein geheimnisvolles Glitzern aus. Im Flirren der Sonne schienen die Erinnerungen zu tanzen. Erinnerungen an ein Vierteljahrhundert seitdem sie diesen Weg zum ersten Mal als erwachsene Frau zurückgelegt hatte, die Koffer bepackt mit Unterrichtsmaterialen und dem Ehrgeiz aus magischen Kindern begabte Hexen und Zauberer zu machen. Die Luft schmeckte leicht wie damals und die Vögel sangen noch immer ihr altes Lied. Nichts schien sich verändert zu haben. Nur das Silberweiß von Albus‘ Bart und Haaren, das ihm über Brust und Schulter fiel, erinnerten Minerva daran wie viel Zeit vergangen war.

„Es war eine herrliche Feier“, bemerkte sie, leise und rundum zufrieden.

„Das freut mich zu hören und Rosmerta sicher ebenso“, erwiderte er, in den Augen über der Halbmondbrille jenes schelmische, rätselhafte Funkeln, das sie an ihm so mochte.

Er hatte den Festsaal im Drei Besen gebucht um ihr eine prächtigere Feier zu gönnen als es im bescheidenen Lehrerzimmer möglich gewesen wäre. Noch immer gingen Minerva die Sinne über vom fließenden Met und Goldlackwasser; der leckeren Torte; dem silbernen Konfetti und Flius‘ reichlich schrägem Gesang. In ihrer Robentasche steckte, für den Transport magische geschrumpft, die Urkunde, vom Schulleiter und allen Mitgliedern der Schulbehörde unterzeichnet und der schwere Duft des riesigen Blumenstraußes umwehte ihre Nase. Minerva lächelte, während sie die Feier Revue passieren ließ und mit ihr all die vergangenen Jahre. Sie mochte es nur selten zeigen, streng zu ihren Schülern sein, doch war sie tief im Herzen mit Leib und Seele Lehrerin. Hogwarts war ihr zuhause und so viele Nerven ihr die Kinder auch rauben mochten: Die magische Jugend Magie zu lehren, sie zu fordern, zu fördern und wachsen zu sehen, war ihre Berufung und das Schönste daran in Hogwarts zu sein. Nun war die Feier vorüber und der Rest des Kollegiums ins Schloss zurückgekehrt um die letzten Vorbereitungen fürs neue Schuljahr zu treffen. Nur Albus war noch ein wenig geblieben, hatte angeboten sie zum Schloss zurück zu begleiten. Dabei war er vertieft in jenes seltsame Schweigen, das sie von ihm nur kannte, wenn er etwas im Schilde führte. Und es fuchste Minerva, dass sie nicht erriet, was. Doch hatte es keinen Sinn, einen Albus Dumbledore auszufragen.

„Minvera“, räusperte er sich plötzlich und riss sie aus ihren Gedanken. Sie blickte auf und fand sein Gesicht in feierlichem Ernst vor als er hätte er nur auf diesen Moment gewartet, in dem sie alleine waren.

„Das hier wollte ich dir noch geben“, erklärte er knapp und zog eine samtbeschlagene Schatulle aus seiner Robentasche. Verwundert legte Minvera ihren Blumenstrauß beiseite und nahm das Geschenk an sich. Ihr Herz machte einen Sprung und es verschlug ihr fast den Atem als sie den Deckel zurückschluck. In der Schatulle lag ein funkelndes Amulett, eine 25, gesetzt aus roten Edelsteinen und gefasst in Gold, den Farben des Hauses Gryffindors. Ungläubig besah Minerva ihr Geschenk, das ein Vermögen gekostet haben musste. 

„Oh Albus!“, entwich es ihr, die Augen feucht vor Rührung und Freude. 

„Alles Gute zu deinem Dienstjubiläum“, erwiderte er nur, lächelnd und noch immer mit jenem spitzbübischen Glanz in den Augen als gratuliere er sich selbst zu seiner gelungenen Überraschung. Da hielt es Minerva nicht mehr auf den Beinen. Trunken vor Glück nahm sie ihn in die Arme, hauchte ihm ihr Dankeschön ins Ohr und wusste zugleich: Sie hatte sich geirrt. Das größte Geschenk an Hogwarts waren die Freunde, die sie hier gefunden hatte.

Triumpf; Verbotene Abteilung; Urkunde

~*~

Jeden seiner Schritte abwägend und darauf bedacht, bloß kein Geräusch zu machen, schlich Severus an den langen Regalreihen der Schulbibliothek vorüber. Lautlos wie eine Fledermaus im Flug, fixiert wie ein Raubvogel auf der Jagd. Er ging ihr nach, ihr und ihren frechen Freunden, seit Stunden, seit Tagen schon. Er lauerte in den Schatten der Korridore, behielt sie scharf im Auge, wenn sie seinen Weg kreuzten. Zu oft steckten die drei Bälger ihre Köpfe zusammen, tuschelten hinter vorgehaltener Hand. Und das gefiel Severus nicht. Es gefiel ihm ganz und gar nicht. Dass die kleine Bande wieder etwas ausheckte, dass sie die Lehrer belogen und selbst dem Schulleiter etwas verheimlichten, hatte er spätestens in jenem Moment gewusst, in dem ausrechnet Potter als Erster bei der Schmiererei, mit der jemand die Wände der Schule verschandelt hatte, und der versteinerten Katze gesichtet worden war. Doch Albus in seiner grenzlosen Gutmütigkeit mit dem Lümmel hatte auf Beweisen bestanden. Sollte ihn doch der Hinkepank holen! Bisher hatte Severus kein Glück gehabt. Immer waren die Bengel und das Gör ihm durch die Lappen gegangen, waren von einem Kollegen in Schutz genommen worden oder hatten mit Unschuldsmienen beteuert, keine Schulregel gebrochen zu haben. Und Severus hatte nichts gefunden, das er gegen sie hätte vorbringen können. Doch heute, das spürte er, war sein Tag. Der Sieg war nahe, der Sieg war seiner! Ein Hochgefühl überkam Severus, während er der buschigen, braunen Mähne der Zweitklässlerin folgte. Das Mädchen lenkte seine Schritte zielstrebig durch die Bibliothek. Typisch, die kleine Besserwisserin verschlang Bücher wie dieser Rotschopf das Essen beim Schuljahresdiner. Doch - oh was war denn das? Betraten wir da gerade die Verbotene Abteilung? Mathematik war nicht ihre Stärke, so viel Wälzer sie auch auswendig lernte. Ganze fünf Jahre zu früh! Mit einem bitterbösen Grinsen trat Severus aus dem Schatten, baute sich direkt hinter der ahnungslosen Schülerin auf. Was für ein Glücksgriff! Keinesfalls würde er sich diese Chance entgehen lassen. Die Chance, sie auf frischer Tat zu ertappen und endlich der gerechten Strafe zuzuführen. Das Mädchen las gerade einen Notizzettel als Severus sich räusperte.

„Sieh an, wen haben wir denn da?! Ist Ihnen Ihr Strebertum nun schon so zu Kopf gestiegen, dass die Lektüre der allgemeinen Schulbiliothek für Sie zu schnöde ist, Miss Granger?“

Erschrocken wirbelte die Angesprochene zum ihm herum. Severus genoss wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich und das selige, langersehnte Gefühl des Triumpfs ihn überkam. Endlich, endlich - ein Schuss ins Schwarze! Die Lorbeeren seiner Mühen.

„Snape!“, entfuhr es dem Mädchen unwillkürlich im Ärger.

„Professor Snape!“, korrigierte er sie, „Ich denke, für diese Ungezogenheit, verdient Gryffindor fünf Minuspunkte. Darf ich fragen, wer Ihnen erlaubt hat, sich in einer Abteilung umzusehen, die der Abschlussklasse vorbehalten ist?!“

Severus hatte mit nervösen Gestammel gerechnet, mit peinlich berührtem Erröten oder einer schnellen Flucht. Doch nicht damit, dass das Mädchen tief Luft holte und ihm direkt in die Augen sah.

„Professor Lockhart“, erklärte sie knapp.

„Wie bitte?!“ Er musste sich verhört haben. Doch in diesem Moment wühlte die Schülerin bereits in ihrer Tasche und hielt ihm ein parfümiertes Dokument in einem Magentaton entgegen. Widerwillig griff Severus danach und begann, das Schreiben zu überfliegen.

URKUNDE… Miss Hermine Granger… Erster Platz des Wissensquizzes „Gilderoy Lockharts Lebenswerk“… Gewinn: Einjährige Erlaubnis, die Verbotene Abteilung zu konsultieren… Unterschrift Gilderoy Lockhart, 20. Januar 1993.

Severus biss die Zähne aufeinander, um den Groll nicht zu spüren, der plötzlich in seinem Magen gärte und das süße Gefühl des Triumpfs zu bitterem Wermut verkochte. Mit spitzen Fingern reicht er das Dokument zurück an dessen Besitzerin. Er hätte die Urkunde in Flammen aufgehen lassen können. Doch wahrscheinlich hatte Lockhart davon ebenso viele Kopien erstellt wie von seinen grässlichen Autogrammkarten, die inzwischen in allen Korridoren herumflogen.

„Nun, Miss Granger“, presste Severus hervor und hatte das Gefühl, Blei läge auf seiner Zunge, „Ich hoffe, Sie wissen auch bessere Lektüre als Zauberisches Ich zu schätzen. Auf Ihren Geschmack jedenfalls sollten Sie sich nicht verlassen. Es könnte ins Auge gehen“.

Dann, ohne ein weiteres Wort, wirbelte Severus herum und rauschte davon, im Geiste Mordpläne an gewissen Kollegen schmiedend und einen fetten Beschwerdebrief an Dumbledore verfassend. Diesmal mochte Granger ihm entkommen sein. Doch bald schon würde der Triumpf seiner sein! Es war nur eine Frage der Zeit.

Mitgefühl; Astronomieturm; Truhe

~*~

Remus stand an der Balustrade und blickte hinaus in die Nacht. Brausend umwehte ihn der Wind, den er noch aus den nächtlichen Unterrichtsstunden seiner eigenen Schulzeit kannte als sie die Sterne studiert hatten. Hier oben ging immerzu Wind. Wind, um alle Erinnerungen hinfort zu wehen. Tief holte Remus Luft, atmete ihn ein und schluckte. Gleich eines Echos erklang von überall her das traurige Lied des Phönix‘. Wie Balsam legte es sich auf Remus‘ Seele und schaffte es doch nicht, die Kälte aus seinen Gliedern zu vertreiben. Der Wind… der Wind ließ ihn frieren. Er hatte sich mit Tonks ausgesprochen, ihr seine Liebe versichert, vereinbart sich am Tage noch einmal zu treffen, um in Ruhe zu reden. Nun war seine Kehle rau, sprachlos. Kein Wort war mehr in ihm und auch keine Tränen. Die Augen trockneten im Wind. Remus schien es als ob die Zeit nicht mehr fließe, als ob die Welt sich nicht mehr drehe, als ob er gefangen wäre in einem Alptraum, der Ewigkeiten währte. 

So hoch war der Astronomieturm, so tief der Abgrund hinter dem Geländer. Der Abgrund, in den er gefallen war. Schwarz und tief wie die Nacht. Remus war hier hoch gekommen, um Abschied zu nehmen, nachdem die Kämpfer des Orden des Phönix sich aus dem Krankenflügel zurückzogen hatten. Doch wie sollte man Abschied nehmen, wenn einem das Geschehene unbegreiflich war? Kaum hatte Remus es gedacht, hörte er hinter sich das Knarren einer Tür. Er drehte sich um und erkannte im Mondlicht die Silhouette Minerva McGonagalls, die wohl in der gleichen Absicht wie er heraufgekommen war.

„Remus?“, rief sie ihm zu.

„Ja“, antworte er und es sollten für eine ganze Weile ihre einzigen Worte bleiben. 

Schweigend trat sie auf ihn zu, schweigend standen sie nebeneinander an der Ballustrade. So vielsagend schweigend.

„Ich habe begonnen, seine Wertsachen durchzusehen“, erklärte Minerva McGonagall auf einmal, die Stimme bitter und schwer, „Er hat mir erst letzte Woche eine Truhe anvertraut mit diesem Funkeln in den Augen. Ich dachte, dass er da drin wohl einen Familienschatz verwahre oder sowas in der Art, irgendetwas Wertvolles. Doch als ich sie vorhin öffnete, waren da nur Gläser voller Himbeermarmelade und Strickmusterbücher… Strickmusterbücher und bestimmt ein Jahresvorrat an Brausedrops.“

Plötzlich schluchzte sie laut und heftig. Und als Remus sich zu ihr umwandte, sah er im Mondlicht wie Tränen ihre Wangen hinab liefen. Es war als bräche die Fassade, die sie vor Harry und den anderen Schülern bewahrt hatte, in diesem einen Moment zusammen.

„Ich kann das einfach nicht glauben. Severus hier oben und… oh Albus, Albus!“, keuchte sie und Remus zog es das Herz zusammen. In diesem Moment tat sie ihm unendlich leid und ihr Schmerz berührte ihn tief. Er hatte ein Vorbild verloren. Einen Mann, den er geschätzt, zu dem er aufgeblickt hatte und für den er tiefe Dankbarkeit empfand, weil dieser ihm den Schulbesuch ermöglicht hatte. Doch auch einen Mann, der ihm trotz allem immer ein wenig fremd geblieben war wie ein Stern am Horizont, dessen Licht einen berührte, doch stets fern und unerreichbar blieb. Sie hingegen, sie hatte ihren wohl besten Freund verloren, ihren engsten Vertrauten seit so vielen Jahren. Remus kannte das Gefühl, kannte es zu gut. Sirius‘ Gesicht flackerte durch seine Erinnerung, wechselte sich ab mit dem von James.

„Hier!“, flüsterte er, kramte in seiner Manteltasche nach einem frischen Taschentuch und reichte es ihr. Wortlos nahm Minerva es entgegen. Dann legte er behutsam die Hand um ihre Schultern und als sie ihn gewähren ließ, schloss er sie fest in die Arme. So hielt er die Hexe tröstend umschlungen, die einst seine Lehrerin gewesen war, ihm jetzt nur noch wie noch wie eine alte Frau erschien, gebeugt von der Bürde der Jahre. Ihr Haar, das bis ins hohe Alter seine schwarze Farbe bewahrt hatte, wirkte im Mondlicht auf einmal blass und grau.

„Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, gestand sie noch immer weinend, „ich meine, ohne ihn…“

„Ich auch nicht“, erwiderte Remus und seine Brust fühlte sich an wie Blei. Der Himmel war wolkenverhangen. Jeder Stern schien erloschen. „Vielleicht sollten wir uns ein Brausedrop genehmigen.“ 

Sie sah ihn verwundert an, während er sich an einem gequälten Lächeln versuchte. Dann nickte sie. Und über ihren Köpfen sang der Phönix sein Lied. 

Angst; Tropfender Kessel; Foto

~*~

Doxyzid während Voldemort auf seine Chance wartete! Es waren seltsame Zeiten, dachte Hermine

als sie aus dem grünen Feuer trat und Rons Familie folgte, die im Tropfenden Kessel nach einem freien Tisch fürs Mittagessen Ausschau hielten. Plötzlich hielt sie inne. Dort hinten in der Ecke saß jemand, der ihr flüchtig bekannt vorkam. Schnell drehte Hermine sich um. Es war Professor Lupin. Nein, Remus, korrigierte sie sich. Jetzt, da er im Orden des Phönix war, bestand er darauf, mit seinem Vornamen angesprochen zu werden.

„Hallo Remus!“, rief Hermine ihm freundlich zu und bahnte sich ihren Weg zu seinem Tisch. 

Er blickte auf. „Guten Tag, Hermine. Na das ist ja eine Überraschung. Was treibt dich denn hier her“, begrüßte er sie freundlich.

„Wir kaufen ein paar Dinge ein“, antwortete sie, „Und du?“

„Ich bin im Auftrag Dumbledores unterwegs“, erklärte Remus Lupin knapp, nachdem er ihr einen Platz angeboten hatte, den Hermine jedoch nicht annahm, weil die Weasleys auf sie warteten. Gerade als er sich wieder setzte, fiel ihr Blick auf ein magisches Foto, das auf seinem Tisch.

„Was ist das denn für ein Bild?“, fragte sie neugierig.

„Oh, das war der erste Orden des Phönix“, erklärte Remus kurzangebunden.

„Der ganze Orden des Phönix?“ Mit einem Schlag war Hermines Neugierde geweckt.   

„Nein, Alastor Moody hat ein vollständiges Foto. Das hier sind nur ein Teil der alten Kämpfer“, erklärte Remus heiser. Erst jetzt bemerkte Hermine die tiefen Runzeln auf seiner Stirn als ob ihm irgendetwas Sorgen bereite. Verwundert sah Hermine ihn an. Nach einer Weile räusperte sich Remus.  

„Manchmal schaue ich gern dieses alte Bild an, um mich an all die Gefährten zu erinnern, deren Namen nur noch auf Grabsteinen stehen. Es hilft, nicht zu vergessen, wofür man kämpft“, gestand Remus leise und sprach doch mehr zu sich selbst. Sein Blick wanderte ins Leere und Hermine spürte, wie ihre Nackenhaare sich aufrichteten. Von einer Sekunde auf die andere war ihr als griff ein namenloses Grauen nach ihr, als ging ein Gespenst durch den Schankraum, das sie zuvor nicht bemerkt hatte.

„Wie viele“, begann sie zu sprachen, obwohl ihr Mund trocken war, „Wie von ihnen haben Voldemort und seine Anhänger denn getötet?“

Remus sah von seinem Foto auf und schaute sie an. So durchdringend und taxierend als überlege er scharf, was er ihr anvertrauen könne.

„Alle“, sagte er schließlich, hart und kalt. 

Hermine schluckte. Plötzlich war ihr so kalt als hätte sie jemand mit einem Eimer Wasser übergossen. Sie zitterte und ihr Herz raste.

„Das - das habe ich nicht gewusst“, stammelte sie. Doch Remus schwieg nur und senkte den Blick. Im gleichen Augenblick wurde Hermine klar, dass es nicht seine Antwort gewesen war, die so entsetzte. Hatte sie damit nicht schon gerechnet? Sprach er nicht aus, was sie schon vermutet hatte? Nein, es war nicht die Vergangenheit, die ihr Angst einjagte. Dieses namenlose Grauen trug einen anderen Namen. Für eine Sekunde schloss Hermine die Lider, sah tief in sich hinein. Manchmal spürte und ahnte man Dinge, die unbegreiflich waren. Manchmal kannte man längst schon eine bittere und traute sich doch nicht, ihr ins Gesicht zu sehen, bis einen etwas unabwendbar darauf stieß.

Als Hermine die Augen wieder aufschlug, sah sie noch immer Remus‘ Kopf vor sich, tief über das Bild gebeugt.

„Es wird wieder Krieg geben, oder? Er wird sich nicht ewig bedeckt halten. Sobald er genug Gefolgsleute gefunden hat, wird er wieder nach der Macht streben und dann werden Menschen sterben, Freunde, nicht wahr?“

Remus antwortete nicht. Einen schier endlosen Augenblick saß er nur da. Dann seufzte er schwer und stand auf.

„Ich muss los“, erklärte er, nahm seine Sachen und Mantel vom Stuhl. Bevor er jedoch ging, packte er Hermine an den Schultern, so dass sie ihm in die Augen sehen musste.

„Mach dir keine Sorgen“, sprach er ihr Mut zu, „Wir werden nicht zulassen, dass es soweit kommt“.

Plötzlich sah er an ihr vorbei in den Schankraum hinein.

„Ich glaube, Molly winkt nach dir. Auf Bald“. Mit diesen Worten ließ er sie los und war verschwunden. Hermine sah ihm nach. Noch immer war ihr kalt und flau. Noch immer saß ihr die Angst im Nacken, umwehte sie der Hauch eines Dementors.

„Auf bald“, flüsterte sie, „Und wenn doch, werden wir kämpfen!“

Verzweiflung, Eberkopf, Tür

~*~

 

Überlege dir stets gut, an welchen Schlüssellöchern du horchst. Schon so mancher Lauscher hat hinterher bitter bereut, was er auf diesem Weg erfuhr.

„Er ist disappariert!“

Aberforths Stimme zerschnitt den Regen, zerteilte den Nebel. Doch die Worte rührten Albus nicht, ebenso wenig wie die Kälte des kühlen Märztages. Besorgt blickte er hinauf in die grauen, bedrohlichen Wolken, vom Hauch dunkler Vorahnungen umweht. Nur wenige Minuten zuvor hatte er noch im warmen Hinterzimmer des Eberkopfs gesessen, hatte beim Vorstellungsgespräch, das sich so plötzlich gewendet hatte, gebannt den verhängnisvollen Worten der Wahrsagerin gelauscht. Er hielt nicht viel von Prophezeiungen, doch wusste er genug, um trotz seiner Skepsis den Ernst der Lage zu erkennen. Sie war nicht bei Sinnen gewesen, hatte in Zungen gesprochen, Voldemorts Ende durch die Geburt seines Widersachers vorausgesagt. Wichtige Worte, gefährliche Worte, wenn sie von falschen Ohren vernommen. Falsche Ohren…. Noch immer vermeinte Albus das Wortgefecht auf dem Flur zu hören, das Poltern, die Schritte, das wilde Gezeter, den Tumult, der seine Aufmerksamkeit entzwei gerissen hatte, dort drin an der Tür zum Hinterzimmer, wenige Sekunde erst her. Tatsächlich aber umgab ihn jetzt nur noch die Stille; das Schweigen seines Bruders, nachdem alle Fragen eine gefürchtete Antwort gefunden hatten.

„Aberforth, was war los?“, hatte Albus ihn angesprochen, als er in jener Sekunde, in der die Wahrsagerin erschöpft in sich zusammensank und wieder zu Bewusstsein zu kommen schien, aus dem Zimmer gestürzt war.

„Ein Lauscher an der Tür!“

„Ein Lauscher?“

„Einer der Gäste, ist häufiger hier. Zwielichtiger Typ. Snape heißt er.“

Albus war ein eisiger Schauer den Rücken hinab gelaufen. Snape. Severus Snape. Der junge Mann hatte sich ebenfalls um eine Lehrerstelle beworben, wenn auch für einen anderen Posten. Einen Posten, den einst Voldemort innehaben wollte.

„Was heißt zwielichtig?“, hatte er seinen Bruder gefragt, doch Aberforth hatte geschwiegen und damit alles verraten.  

„Er – er kann nicht viel gehört haben, ich hab ihn sofort weggezogen, rausgeworfen!“, erklärte er nun, die Miene blass, die Augen zusammengekniffen wie um sich selbst zu beschwichtigen.

„Hoffentlich“, erwiderte Albus und blickte mit einem stummen Stoßgebet zum Himmel. Hinter ihnen fiel quietschend die Hinterzimmertüre ins Schloss.

Zeitenwende, Seitenwechsel. Tage fließen dahin im dunklen Strom. Düster sind zuweilen die Fäden der Schicksalsweberinnen, grausam und kalt.   

Vor ihm fiel quietschend die Hinterzimmertüre ins Schloss. Eine Sekunde sah Severus dem Wirt nach, der einen Stuhl in denen Nebenraum brachte, dann wandte er sich wieder ab, schlug die Hände vors Gesicht, um seine Tränen aufzuhalten, die ihm schon wieder in Augen schießen wollten. Könnte er sie sich nur ausreißen, um nichts mehr zu sehen. Könnte er seine Ohren nur verschließen, um die Stimme der Wahrsagerin nicht mehr zu hören. Tausendfach wollte er seinen Kopf gegen das Holz schlagen, nur um alles zu vergessen. Vor eineinhalb Jahren war er das letzte Mal hier gewesen. Damals so aufrecht, heute gebrochen. Damals im Licht, heute in der Finsternis. Warum er hier gekommen war, wusste Severus nicht. Er wollte sich betrinken, alle Sorgen im Feuerwiskey ertränken. Doch der verfluchte Fusel bereitete ihm nur Kopfweh. Vom seinem Schmerz nahm er nichts. Der Anblick der Tür, dieser Tür, all die Erinnerungen an jenen verhängnisvollen Tag, waren ein Dolchstoß ins Herz. Warum nur hatte er gelauscht? Warum hatte er die Worte weitergetragen? Sein Stolz, seine geschwellte Brust als er vor seinen Herrn getreten war - wie widerten sie ihn heute an. Oh, könnte er die Zeit zurückdrehen, er würde es nicht dem Wirt überlassen, ihn rauszuwerfen. Er selbst würde sich am Schlafittchen packen und vor die Türe setzen. Doch er konnte es nicht. Nichts half. Was geschehen war, war geschehen. Unwiderruflich. Severus mochte schreien bis seine Kehle wund war; er mochte weinen, bis kein Tröpfchen Wasser mehr in ihm blieb; um sich schlagen, bis seine Knochen zersplitterten. Es war vergebens, alles vergebens. All seine Reue, all sein Bemühen, nur ein verlorener Tanz im Kreis, ein sinnloses Spiel, um dem Wahnsinn zu entfliehen, der Wirklichkeit hieß. Haltlos griffen seine Hände ins Leere. Nichts blieb, was er tun konnte. Nichts brachte sie zurück!  Sie lag tot in ihrem Grab. Und es war seine Schuld, seine allein. Verzweifelt blickte Severus auf, sah zur Tür. Der Tür, an der das Unheil seinen Lauf genommen hatte...

Überlege dir stets gut, an welchen Schlüssellöchern du horchst.

Scham, Hogwarts Express, Nadel

~*~

Dichter, grauer Rauch stieg aus dem eisernen Schornstein empor. Schrill schallte verheißungsvolles Pfeifen über den Bahnsteig, da setzten sich mit einem Schnauben der roten Dampflock als sei sie ein wildes Ross auch schon die großen, schweren Räder in Bewegung. Minerva lächelte während sie einen letzten Blick aus dem Fenster auf den Bahnhof warf und der Qualm ihr ins Gesicht wehte. Fast fühlte sich wieder wie ein junges Mädchen und die Aufregung ihrer ersten Zugfahrt ins Ungewisse kehrte für einen Augenblick in die Gegenwart zurück. Doch als sie das Fenster schloss, besann sie sich wieder ihres Alters und damit ihrer Pflichten. Seitdem Voldemort zurückgekehrt war, hatte Albus wie schon einmal beschlossen, dass ein Lehrer und im besten Falle noch ein Mitglied des Phönixordens den Hogwarts Express begleiten sollte, um die Sicherheit der Schüler und insbesondere Harrys sicherzustellen. Dieses Jahr war die Wahl auf sie gefallen. Jede volle Stunde ein Rundgang und um 11:15 die Leitung eines Sondertreffens der Vertrauensschüler. Minerva warf einen kritischen Blick auf ihre Uhr, dann beschloss sie loszugehen. Sie war stets lieber ein wenig zu früh vor Ort als zu spät. Während sie sich ihren Weg durch die schmalen Gänge bahnte, ließ sie die Ferien Revue passieren. Schade, dass sie von nun an wieder weniger Zeit für ihre Handarbeiten haben würde. Sie hatte erst am Wochenende eine neue Quiltdecke begonnen. So zog sie gedankenverloren von Abteil zu Abteil bis sie ihr Ziel erreichte – und feststellen musste, dass jemand noch pünktlicher gewesen war als sie. Hinter den Glastüren saß mit einem blitzenden Abzeichen an ihrem Umhang die Vertrauensschülerin ihres Hauses, ganz versunken in eine Strickarbeit auf ihrem Schoß. Einen Augenblick lang musste Minerva lächeln. Offenbar war sie nicht die Einzige, die in den großen Ferien trotz der Hitze gerne mal zu Nadeln und Garn griff. Dann aber stutze sie. Das Mädchen mühte sich sichtlich ab, ließ Maschen fallen und strickte versehentlich Umschläge ein. Als Lehrerin erkannte Minerva, wenn sie eine Anfängerin vor sich hatte. Stirnrunzelnd zog sie die Abteiltür auf.

„Guten Tag, Miss Granger, sind Sie die Erste?“

Das Mädchen blickte auf und ließ ihr Strickzeug sinken.

„Oh, Professor McGonagall! Nein, Ron ist auch schon da. Aber er ist gerade auf Toilette.“

Minerva nickte und belegte den Platz gegenüber ihrer Schülerin am Fenster. 

„Ich habe Sie gerade ein wenig beobachtet. Woran stricken Sie denn da?“, fragte sich noch im Hinsetzen.

„Ach, das… das sind nur Haus…ähm Handstulpen. Weil ich im Winter immer so friere“, entgegnete Miss Granger ein wenig zu hastig und legte das Strickzeug schnell beiseite. Minerva musterte ihre Schülerin eindringlich. War das etwa Scham? Zwei rosa Flecken erschienen auf den Mädchenwangen.

„Und es gelingt Ihnen nicht so, wie sie wollen?“, stellte sie mehr fest als sie fragte.

„Doch, schon“, protestierte das Mädchen und gab dann eine Sekunde später mit einem Seufzen kleinhaut zu: „Nein“.

Minerva nickte verständnisvoll.

„Lassen Sie mich mal sehen wie sie stricken, Miss Granger“, erwiderte sie ruhig. Das Mädchen starrte sie verdutzt an.

„Vielleicht kann ich Ihnen noch etwas Anderes beibringen als Verwandlungszauber“, erklärte Minerva. Eine Weile beobachtete sie die Strickversuche ihrer Schülerin genau. Dann unterbrach sie die junge Miss Granger.

„Sie müssen die Nadeln anders halten, dann geht es einfacher“, erklärte sie und trat neben die Fünftklässlerin und deren Strickarbeit um es ihr zu zeigen, „Ja, so ist es richtig. Achten Sie darauf, dass sich kein Faden um die Nadel legt, sonst haben sie nachher Löcher in ihrer Arbeit. Und stecken Sie Perlen auf die Nadelenden, dann rutschen ihnen keine Maschen ab. Sie sollten außerdem eine Maschenprobe machen. Ich fürchte, für Handstulpen haben Sie hier zu viele Maschen angeschlagen, der Durchmesser ist zu groß.“

Das Mädchen strickte einige Maschen, die ihr schon viel flinker von der Hand gingen. Dann sah sie wieder auf. Erstaunen lag in ihrem Blick. 

„Ich wusste gar nicht, dass Sie stricken, Professor McGonagall“, bemerkte die Schülerin.

Minerva lächelte leise.

„Nun, auch Lehrer haben ihre Geheimnisse, Miss Granger“, erwiderte sie amüsiert und musste an Albus denken, der Strickmusterbücher sammelte und Rubeus, der nicht einen gekauften Pullover besaß. Da ging plötzlich die Türe auf. Ron Weasley trat ein und starrte sie und Hermine Granger an als wäre er mitten in eine Verschwörung geraten. Und vielleicht… vielleicht war er das ja auch.

Ausgelassenheit; Quidditch Feld; Motorrad

~*~

 

„Bei Merlin, Tatze! Wo hast du das Gerät her?“

Peter pfiff bewundernd und James grinste verschlagen.

„Heißer Tipp von Krone“, antwortete Sirius lässig, „Schwarzes Brett im Kramladen. Der Typ wollte es schnell loswerden, ehe das Ministerium bei ihm aufkreuzt. Es ist nicht ganz muggelgerech, kann  nämlich fliegen.“

Sie betrachteten das Gefährt in Ehrfurcht.

„Also wenn du damit Marlene nicht rumkriegst, bin ich Slytherin!“, rief James.

„Und wenn McGonagall uns erwischt, kriegen wir nen Schulverweis!“ Remus blickte seine Freunde ernst an.

„Stimmt. Wir sollten es verstecken. Aber wo?“

„Dort drüben im Schuppen. Da lagern sie nur kaputte Quaffel und so, da schaut nie jemand nach“, schlug James vor. Gesagt, getan. 

„Tatze, dürfen wir eigentlich auch mal…“, fragte Peter auf dem Rückweg.

„Na klar“, feixte Sirius, „Jederzeit!“

 

Jederzeit. Das Wort ging Remus nicht aus dem Kopf als hätte ihm jemand einen aufpeitschenden Zaubertrank eingeflößt. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, schlich geduckt wie ein Tier, das sich anpirschte. Der Halbmond stand hoch am Septemberhimmel, der Abend war kühl und klar. Bäume, Bänke, das Schloss, sie alle warfen Schatten. Nicht er. Denn er hielt sich im Dickicht. Nur das Unterholz knackte leise unter seinen Füßen. Was war er aufgeregt! Er war kein guter Besenpilot. Doch ein Motorrad war etwas ganz anderes. Ein Motorrad, das fliegen konnte! Remus war wie im Rausch, während sein Herz vor Vorfreude pochte. Sonst war er immer der Vernünftige und James und Sirius die Anstifter. Doch wer konnte einem fliegenden Motorrad schon widerstehen? Es musste ein Traum sein, damit durch die Lüfte zu fahren.

„Alohomora“, flüsterte er als er den Schuppen erreichte und hielt den Zauberstab bereit. Im Schein des Lumos funkelte der Lack geradezu. Was für ein Gerät! Schnell hatte Remus jeden wichtigen Hebel und Knopf gefunden, Sirius hatte alles haargenau erklärt. Er startete den Motor, gab Gas und bretterte hinaus auf Quidditchfeld, das ihm allein zu gehören schien. Einen Augenblick noch hielt es die Räder auf dem Rasen, dann hob das Motorrad ab. Remus raste und sauste, schoss und flog - vorbei an den leeren Rängen, vorbei an den Torringen, dem Himmel nahe. Sterne blitzen am Horizont. Der Mond lächelte ihm zu. Fahrtwind schlug ihm ins Gesicht, zerzauste sein Haar und sein Herz machte einen Satz als der Geschwindigkeitsrausch ihn ergriff. So also ging es James, wenn er als Jäger durch die Lüfte schoss? Atemberaubend, gigantisch! Remus lachte laut,  nahm voller Übermut scharfe Kurven, trat aufs Gas. Was für eine wilde Fahrt, was für ein Vergnügen. Nie hatte er solches Glück gekannt. Da plötzlich bremste das Motorrad, sank leicht wie eine Feder zu Boden. Zuerst glaubte Remus der Treibstoff sei leer, doch die Anzeige stand auf halbvoll. Er drückte alle Hebel und Pedale, vergebens. Dann, als das Gefährt aufsetzte, drang plötzlich Applaus an sein Ohr. Remus riss den Kopf herum und erschrak. Im Mondlicht stand auf dem Quidditchfeld eine Gestalt: Lange Robe, wallendes Haar, den Zauberstab gezückt.

„Professor Dumbledore!“, keuchte Remus erstickt und erbleichte. Jetzt war alles aus – und er hatte es verdorben. Ihm war elend zumute. Doch der Schulleiter lächelte.

„Eine ziemlich rasante Tour mit einem zum Glück begabten Fahrer!“ sagte er und Remus war sich nicht sicher, ob es eine Schelte sein sollte oder er sich einen Scherz erlaubte.

„Es… ich… Entschuldigung“, stammelte er. Doch Dumbledore wehrte ab.

„Ein solches Gefährt findet man nicht überall. Gewiss wird es euch eines Tages noch von großem Nutzen sein“, sagte er ruhig und wurde dann plötzlich ernst, „Bis dahin jedoch hat es nichts unter dem Dach der Schule verloren. Genauso wenig wie Schüler nach Einbruch der Dunkelheit in den Schlossgründen. Remus, ich muss Gryffindor für diesen kleinen Ausflug leider Punkte abziehen und eure Hauslehrerin informieren. Du kennst die Schulregeln. Wessen Motorrad ist das eigentlich?“

„Sirius‘“, gab Remus zu und fühlte sich wie ein Verräter.

„Dann werde ich den Potters schreiben, dass sie das Fahrzeug morgen abholen“.

Remus senkte beschämt den Blick. „Ja Sir“, flüsterte er. Als er wieder aufschaute, hatte Dumbledore die Finger an die Lippen gelegt.

„Hm, ich frage mich, ob man damit auch Loopings fliegen kann“, murmelte er vor sich hin.

Remus starrte seinen Schulleiter verdutzt an bis dieser ihm zulächelte. Dann schüttelte er den Kopf. Er war doch ein seltsamer Kauz, dieser Dumbledore.

Ungeduld; Apotheke; Reise

 ~*~

Sieben Minuten! Severus starrte auf seine Taschenuhr. Dann presste er zornig die Lippen aufeinander und ließ sie zurück in seine Robentasche fallen. Sieben geschlagene Minuten musste er jetzt schon das schottenkarierte Schultertuch ertragen, dass seine Kollegin ihm im wiederholten Versuch, es festzuknoten, immer wieder fast um die Nase schlug. Sieben geschlagene Minuten war er jetzt schon malträtiert worden von dummen Fragen, noch dümmeren Antworten und dem sinnentleertem Smalltalk, den seine Vorgesetzte und Mister Mullpepper austauschten. Seine Ohren bluteten, sein Hirn vergor allmählich zu Matsch unter den Schlägen des verbalen Dilettantismus, denen er hier ausgesetzt war. Entnervt verrollte Severus die Augen, trommelte mit den Fingern auf seiner Ledertasche und wippte von einem Fuß auf den andern - schön hinter der roten Wartelinie wie es sich gehörte. Noch. Denn wie lange er gewillt war, sich an die Regeln der Höflichkeit und das Hausgebot zu halten, war ungewiss. Jeder hatte seine Grenzen und Minerva war gerade dabei, munter über seine hinweg zu trampeln. Dachte sie etwa, er stände zum Spaß an?! Glaubte sie wirklich, nur sie hätte ihre Urlaubsapotheke aufzustocken?! Wahrlich, den kurzen Abstecher in die Winkelgasse auf der Heimreise nach Spinner’s End, wo er die Sommerferien verbringen würde, hatte er sich anders vorgestellt. Nein, er war nicht ungeduldig. Nach sieben Minuten war es höchst angemessen, sauer zu werden. Nach sieben Minuten konnte jeder verlangen, endlich eine Reihe zu kommen - und sich nicht hirnloses Geplänkel anhören zu müssen oder Wurfgeschossenen aus Wollstoff ausweichen zu müssen. Das Maß war voll! Noch mehr von diesem Geschwätz und ihm platzte der Kragen!

„Wohin geht die Reise denn?“, fragte Mister Mullpepper in diesem Moment fröhlich.

„Australien, vier Wochen!“, antwortete Minerva McGonagall mit einem Anflug geradezu widerlich guter Laune, „Wenn ich nur etwas gegen Runespoorbisse hätte…“

„Also da empfehle ich -“, begann der Apotheker, doch Severus war schneller.  

„ – einen Heiltrank gegen Furunkeln“, fiel er Mullpepper ins Wort. Minerva starrte ihn verdutzt an, wie er aus dem Augenwinkel bemerkte als frage sie sich wie er es wagen könne, sich einzumischen. Doch Severus beachtete sie nicht.

„Da Ihre Kundin wahrscheinlich weder Talent noch einen Reisekessel besitzt, verkaufen Sie Ihr besser einen Fertigtrank. Außerdem Diptam-Essenz, sollte sie in Erwägung ziehen, zu apparieren; Aufpäppeltrank gegen Montesumas Rache und Blutbildenden Trank, es soll etliche Vampire dort unten geben. Oh und natürlich ein Bezoar gegen die örtliche Flora und Fauna.“

Sie sog hörbar die Luft ein als er sich zu ihr umwandte.

„Bezoare sind natürlich etwas kostspielig, doch da Dumbledore Ihnen in seiner unparteiischen Großzügigkeit offenbar ein so gutes Gehalt zahlt, dass sie sich eine wochenlange Australienreise leisten können, von der wir einfachen Lehrer nur träumen können, dürfte das für Ihren galleonenschweren Geldbeutel kein Problem darstellen!“

McGonagall starrte ihn an und in ihren Augen loderte Wut. Severus lächelte. Er hatte sie genau da, wo er sie haben wollte.

„Unerhört!“, protestierte sie, „Ich verbitte mir diesen Umgangs-“  

„-Sie wollen nicht bestens auf Ihre Reise vorbereitet sein?“, fiel Severus ihr ins Wort.

„Doch, natürlich!“, lenkte sie energisch ein, „Aber-“

Ihre Widerworte ignorierend wandte Severus sich Mister Mullpepper zu, der ihr Streitgespräch mit unschlüssiger Miene verfolgte.

„Sie haben die Wünsche Ihrer Kundin gehört. Na los, stellen Sie schon die Reiseapotheke zusammen, ehe ich ungemütlich werde.“

Einen Moment lang musterte der Apotheker ihn kritisch. Doch da er im Gegensatz zu Minerva ein Stammkunde war, wagte er wohl nicht, sich ihm zu widersetzen und begann die Sachen einzupacken. McGonagall indessen durchbohrte ihn mit giftigen Blicken.

„Severus, ich warne Sie“, raunte sie. Doch er reagierte nicht darauf.

„Sie haben Glück, Professor McGonagall, dass diese Apotheke nicht nur Bargeld nimmt. Mister Mullpepper, stellen Sie die Rechnung aus und schicken Sie sie Albus Dumbledore zu! Er wird sie gewiss beim nächsten Gehaltsscheck bedenken“, erwiderte er und wandte sich der Theke zu, wo eine Sekunde später auch die Einkaufstüte stand. 

Mit einem empörten Schnauben packte McGonagall sie. Sie mochte ihn hassen, doch hatte Severus ihr die beste Urlaubsapotheke zusammengestellt und das wusste wohl auch sie. Wortlos wandte sie sich ab und stapfte aus dem Laden.

„Eine schöne Reise und grüßen Sie die Runespoore!“, rief er ihr nach, dann wandte er sich dem Apotheker zu, der ihn fragend anblickte.

„Und nun zu meiner Bestellung“, erklärte Severus und es fühlte sich gut an.

Begeisterung; Winkelgasse; Wiedersehen

 ~*~

Was für ein herrliches Wetter! Was für ein wundervoller Tag! Albus genoss die Sonne, die ihm prall und grell auf den Spitzhut brannte; genoss die Hitze, die ihm ins Gesicht schlug, seine Haut wohl bald rösten würde, hätte er nicht in weiser Voraussicht großzügig Aurorarauschs Sonnenmilch um die Halbmondbrille und den Silberbart aufgetragen. Der Himmel über London zeigte sich an diesem Tag im späten August strahlend blau und wolkenlos, die Gasse durchwehte ein Geruch von Eis und nassgeschwitzten Körpern und in seinen Stiefeln knirschte noch der Sand vom zurückliegenden Urlaub in jenem kleinen Cottage an der Küste.  Ferien, Sommerferien! Wochenlang Ruhe vor allen Pflichten. Was gab es schöneres, diese entspannte, erholsame Zeit mit einem ausgedehnten Bummel durch die Winkelgasse zu beschließen? Albus hatte an diesem Mittwoch schon ein neues Lunaskop 

bewundert, Garrick einmal wieder einen Besuch abgestattet und Fawkes‘ Kalkschulpvorrat ein wenig aufgestockt. Inzwischen war ihm nach einer Pause zumute und darum steuerte er auf Florean Fortescues Eissalon zu, um sich eine schmackhafte Abkühlung zu gönnen. Als er die Auslagen betrachtete, gingen ihm die Augen fast über und er wagte ihnen im ersten Moment nicht zu trauen. Unwillkürlich stahl sich gut gelauntes Glucksen über seine Lippen. Jetzt, für den Hochsommer, hatte Florean Fortescue sein Angebot erweitert. Neuartige Kreationen reizten die Geschmacksinne und nicht nur diese. Das war ein Glitzern, ein Duft und eine Farbenpracht! Albus war äußert angetan von der Auswahl. Solche Gaumenfreuden kannte er sonst nur aus dem Honigtopf. Ihm lief schon das Wasser im Mund zusammen, während er überlegte, welche Sorte er bestellen sollte. Da hörte er auf einmal eine aufgeregte Mädchenstimme fröhlich und schwärmerisch. Ein Spiegelbild seiner Begeisterung, nur dass sie von etwas völlig anderem sprach.

„Mum, Dad, wenn wir in Gringotts waren, müssen wir gleich zu Flourish & Blotts und meine Bücher besorgen. Er gibt dort heute eine Autogrammstunde, Gilderoy Lockhart. Ich habe gestern noch alles nachgelesen. Er ist berühmt. Er hat Vetteln besiegt und Ghoule und Vampire. Oh, ihr wisst ja gar nicht, was das alles ist, aber das erkläre ich euch später. Er ist ein Held, wisst ihr und er weiß so viel über Verteidigung gegen die Dunklen Künste! Ich muss dort hin. Ich brauche all seine Bücher, nicht nur die für die Schule. Ich muss sie alle lesen. Bitte, sagt ja!“

Noch während Albus sich frage, welche seiner zahlreichen Schülerinnen da erzählte, erklang die Stimme erneut.

„Bei Merlin, da vorne ist ja ER!“

„Gilderoy Lockhart?“, mischte sich nun eine Frau ein.

„Nein, Albus Dumbledore. Ihr wisst schon, mein Schulleiter und der größte weiße Magier der Gegenwart!“

Bei diesen Worten blickte Albus auf und sah die Gasse hinunter. Ein Stück von ihm entfernt stand ein Ehepaar, offensichtlich Muggel und zwischen ihnen ein Mädchen mit braunem, buschigem Haar und aufgeweckten Augen.  

Natürlich! Er hätte es wissen müssen - die kleine Miss Granger. Albus lächelte sie an als sie auf ihn zugesprungen kam.

„Hallo Hermine, wie schön dich wiederzusehen!“, begrüßte er sie.

„Guten Tag, Professor Dumbledore“, entgegnete das Kind artig, „Das sind meine Eltern!“

Die Frau, die Albus ein wenig zögerlich musterte, war ihm fremd, nicht aber der Mann.

„Wir kennen uns bereits“, erwiderte Albus, als er Mister Granger zur Begrüßung die Hand reichte.

„Ja, stimmt“, entgegnete dieser, „Sie haben mich damals in meiner Zahnarztpraxis besucht, um mir zu raten, meine Tochter auf Ihre Schule zu schicken“.

„Und ich bin froh, dass Sie meinem Rat gefolgt sind. Hermine ist, wie man im Kollegium hört, die klügste Hexe ihres Jahrgangs“.

Das Mädchen lief rot an als Albus ihr heimlich zuzwinkerte und ihr Vater lächelte.

„Kommen Sie auch zur Autogrammstunde?“, fragte die Mutter höflich.

„Nein, ich habe bereits etwas vor. Aber ich bin mir sicher, dass Hermine ihre neuen Schulbücher geradezu verschlingen wird“.

Die Schülerin nickte eifrig und wollte etwas sagen, doch auf einen warnenden Blick ihrer Eltern hin schwieg sie. Als die Familie sich verabschiedetet hatte, sah Albus ihr noch eine Weile nach. Er hielt weit weniger von Gilderoy Lockhart und hatte ihn nur eingestellt, weil sich in diesem Jahr außer Severus keiner für den Job gefunden hatte. Doch das verschwieg er Hermine Granger, deren Wissbegier ihm ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Jugendliche Begeisterung war doch stets ein Herzenswärmer. Mochte sie nur nie auf falsche Bahnen geraten!

Hass; Godric’s Hollow; Erinnerung

 ~*~

Kalte Luft, Novemberregen, Wolken grau und trist. Er stand auf kahler Erde und zu seinen Füßen nur ein schwaches Flackern des Lichts - rotglimmend, rot wie die Wut. Seine Kehle fühlte sich rau an, zugeschnürt, der Mund war trocken vor Bitterkeit. Die Tränen in den Augenwinkeln, langverwahrte Tränen für diesen Moment, sie wollten nicht rinnen. Zu fest kniff er die Augen zu, nur ein salziger Film verklebte die Lider. Vor ihm im Stein klaffte noch immer die Inschrift wie gerade eben erst gemeißelt. Mahnmal größter Brutalität, Namen und Tage, Geburt und Tod. Ein Jahr hatte die Spuren nicht verwischt. Ein Jahr hatte es nicht vermocht, Gras über die Zeichen wachsen zu lassen, ihre Schärfe durch weiches Moos abzumildern. Die Wunde brannte in einem fort. Ihm war elend zumute. Verzweiflung und Trauer zwangen ihn in die Knie, tief in seiner Seele zumindest. Warum, warum nur hatte das Schicksal so grausam sein müssen?  Wirre Bilder, Fragmente der Zeit durchwirbelten seinen Geist, strömten aus der Tiefe seines Gedächtnisses empor. Heitere Tage, Lachen und Scherze, so viele gemeinsame Stunden zwischen Koboldsteinen und Schokofroschkarten, zwischen Pergamenten und dem strengen Blick der Lehrer. Eine unbeschwerte Jugend, in denen Herzen noch durchs tiefe Band der Freundschaft verwoben waren. Doch dann plötzlich die Finsternis, die alles zerschlug und Freunde zu Feinden werden ließ. Das Haus, das Haus nur ein paar Straßen von hier, die Kürbisgeister mit gefletschten Zähnen. Zu große Stille, Herzrasen, blanke Angst. Und dann der Moment, in dem alles stillstand. Schemen auf dem Boden. Augen, grausam reglos, furchtbar starr. Tote Augen, lebenslichterloschen. Augen, die einst Freunden gehörten. Die Erkenntnis wie rieselender Schnee, langsamer als das Verstehen, schneckengleich, kam von außen angeschlichen. Nein, Nein, NEIN! Schockwelle, erschüttert bis ins Mark, erschüttert auf alle Zeit. Noch immer saß der Schock ihm in den Gliedern, scherte sich nicht um über dreihundert Tage, die verstrichen waren. Die Erinnerungsflut schwächte ihn. Doch da war noch ein anderes Gefühl, siedend heißt, gewaltsam brennend und alles verzehrend: Hass, blanker Hass. Hass auf den Verräter, der ihm alles genommen hatte, das ihm je etwas bedeutet hatte. Der Hass war wie eine eisernere Klinge, im Höllenfeuer geschmiedet.  Der Hass trieb ihm eine stählerne Härte ins Herz. Oh, wenn er noch einmal in dieses Gesicht sähe, sollte der Verräter bloß auf der Hut sein vor seiner Rache. Er neigte nicht dazu, unüberlegt zu handeln; neigte nicht dazu, den Zauberstab zu früh zu ziehen. Doch wer ihm das Liebste nahm, entfesselte ungeahnte Stürme. Schmerz und Zorn vergoren in ihm zu einem bitteren Gift, zu einem Zündstoff für gewaltige Explosionen. Ihr Freund war er gewesen und hatte sie ans Messer geliefert! Ihr Freund war er gewesen und hatte sie verraten. Er war ihr Todesurteil gewesen. Doch eines Tages, eines schönen Tages würde der Richtspruch auch über ihn gesprochen, würde das Fallbeil auf ihn niedergehen. Mochte er in seiner Zelle in Askaban verrotten, der Verräter, der sie getäuscht hatte. Mochten die Dementoren ihn  küssen. Er würde das Gesicht auf ewig in Erinnerung behalten, würde es für alle Zeit verfluchen, jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick. Denn er würde nicht vergessen, niemals, wer dem liebsten Freund das Leben genommen hatte.

So standen sie da auf kahler Erde, auf dem Friedhof in Godric’s Hollow, vor Lily und James Potters Grab. Ein Kloß im Hals, die Miene bleich, Tränen, die nicht fließen wollten vor Bitterkeit und Hass. Zwei Männer wie zwei Seiten einer Medaille, ahnungslos und doch verbunden durch jene eine Unglücksnacht. Synchrongefühle, ein seltener Gleichklang des Schicksals. Traurig senkten beide den Blick, senkten die Knie und sprachen ihr stummes Gebet. Dabei fiel ihr Blick ins Rot des Grablichts, rot wie das Blut, rot wie der Hass. Pulsierende Glut in den Adern, die selbst die Sanftmut des Einen und die Taktik des Anderen auf ungeahnte Bahnen lenkte. Die Seelen noch immer in Wallung standen sie auf, warfen einen flehenden Blick in die trübgraue Novembersonne - Remus ins Licht des Morgengrauen, Severus in den Schein der Abenddämmerung – und disapparierten. Die Drehbewegung und die Wucht ihres Abgangs zeichneten, wie ein Symbol der Ewigkeit, Kreise in den Matsch der Erde, die vom Regen aufgeschwemmt worden war. Und keiner von beiden wusste, dass auch der Andere vor ihm und nach ihm seine Spur im Boden hinterließ.

Sehnsucht; Gewächshäuser; Badewasser

~*~

Ihr schmerzten die Schultern. Zu lange schon stand sie aufrecht, den Rücken immer grade gehalten. Stunden waren bereits vergangen. Stunden, in denen sie sich unzählige Male gedehnt und gestreckt hatte, um die Schrankablegen des Besenlagers in Augenschein zu nehmen oder die oberen Regale der Schulbibliothek. Mit eigenen Augen, mit eigener Körperkraft, weil ein Zauber die Goldenen Schnatze unruhig hätte werden lassen oder Madam Pince einen Herzinfarkt beschert hätte.

Ihm schmerzten die Füße. Er konnte nicht zählen, wie viele Wege er schon zurückgelegt hatte, wie viele Schritte er an diesem Tag schon gegangen war. Tausende? Millionen? Ruhelos führte sein Pfad ihn fort durchs Schloss, von einer Tür zur anderen, hinter eine neue Ansammlung von Dingen, die seiner kritischen Blicken harrte. Dinge, die gezählt, inspiziert und vermerkt werden wollten. Immer auf den Beinen, alle Zeit. Eine endlose Pilgerfahrt.

So war der Tag für beide verflossen zwischen Stunden harter Arbeit ohne Rast und ohne Pause. Der große Tag der Jahresinventur in Hogwarts, mitten in den Sommerferien. Allzeit waren sie zusammen gewesen, Seite an Seite, der Schulleiter und seine Stellvertreterin, Albus und Minerva. Gemeinsam hatten sie die große Aufgabe bestritten. Gemeinsam hatten sie gelitten. Immerhin waren sie beide nicht mehr die Jüngsten. Doch verlor keiner von ihnen auch nur ein Wort über seine Wehwehchen.

Die Gewächshäuser waren die letzte Station. Pomona Sprout begrüßte sie mit einem Lächeln in ihrem Domizil. Mit einem Lächeln und einer Brise heißer Luft, die ihnen aus der Pforte zum Glasbau entgegen wogte. Tropische Hitze, warm und feucht. Schwüle Hitze, die das Atmen beschwerlich werden ließ, doch sich wie ein Balsam auf schmerzende Gelenke legte. Heimlich schlossen beide, Minerva und Albus, für einen Augenblick die Augen. Genossen die Schwüle auf ihrer Haut als ihre Kollegin für Kräuterkunde, ihnen etwas vom Pilzbefall der Mimbolus Mimbeltona, von keimenden Kartoffelbauchpilzen und von aufgebrauchten Reserven an Drachenmistdünger und Doxyzid erzählte. Diese Wärme, diese Wohltat! Ach, könnte es doch so bleiben! Könnten sie doch nur ewig in diesem Meer feuchter Hitze treiben, das ihre steifen Muskeln entspannte, das alle Krämpfe löste. Die Gedanken gingen auf Reise, entflohen der mühevollen Aufgabe. Wie schön wäre es doch jetzt in einem wohlig warmen Meer zu treiben, umflossen von Wogen aus heilsamer Kraft. Versinken in heißen Fluten, die Augen schließen, träumen. Sich einfach nur treiben lassen, Nichtstun und den beanspruchten Gelenken die wohlverdiente Ruhe gönnen. Einfach nur abtauchen und entspannen. Schon meinten sie das Wasser zu hören, wie es sprudelnd in die Wanne prasselte, zu spüren wie die Schwere sie verließ und ihr Körper leicht wurde, von der Wasserkraft getragen. Fast schon dachten sie, den Schaum zu sehen, der in lustigen weißen Bergen emporwuchs, mit kindischen Vergnügen lockend dazu einlud, einzusteigen. Schon glaubten sie, den Duft den Badeöls zu riechen, herbe Zedern und Latschenkiefer und auf der Haut der angenehme, sanfte Film, der sich mit der Wärme verband, die alles durchdrang - eine Wohltat bis ins Mark. In Wahrheit jedoch berührten ihre Füße den kargen, harten Gewächshausboden und ihre Schultern streiften spitze, mit Dornen besetzte Schlingen und trockene, harte Blätter. Statt angenehmer Entspannung blühte ihnen eine weitere Stunde schweißtreibender Mühen. Warum konnte die Arbeit auch kein Ende nehmen, dachten beide still und schämten sich heimlich. Der Andere an ihrer Seite verzog keine Miene, verrichtete sein Werk ergeben und ohne zu Murren, obwohl die Gebrechen des Alters auch ihm Beschwerden bereiten mussten.  Sie sollten sich zusammenreißen, sie mussten sich konzentrieren und zäh sein. Noch war das Tagwerk nicht vollbracht. Noch stand es ihnen nicht zu, vom Feierabend zu träumen. Und doch…

„Was habt ihr eigentlich heute nach Dienstschluss vor?“, fragte da Pomona unschuldig und durchkreuzte ihre Pläne der Selbstbeherrschung.   

„Ein Schaumbad gegen schmerzende Glieder!“, gestanden beide wie aus einem Mund, vollkommen synchron. Minerva drehte den Kopf, Albus wandte sich um. Überrascht sahen sie einander an, Vierecksgläser und Halbmondbrille, der Blick in einen Spiegel. Einen Moment nur, dann plötzlich verfielen sie beide in schallendes Lachen.

„Nun, Minerva, ich glaube, wir müssen unserer Tour noch eine Station hinzufügen: Das Bad der Vertrauensschüler“, erklärte Albus, den Schalk im Nacken. 

Und Minerva gluckste. „Albus, doch nicht vor den Kollegen!“, schimpfte sie, doch war es ihr nicht ernst. Vielleicht, dachten beide, war das ein schönes Lehrstück: Egal, um was es ging, man war nie allein.

Unwohlsein; Hogwarts Flure; Duft

~*~

Brüchiges Leder, gebundenes Pergament und Staub in den Regalen; regennasses Gras, rinnender Schweiß, frische Luft und feuchte Erde; alte Ölfarbe, morsches Holz, Moder im Mauerwerk, der Dreck von Eulen; dampfende Platten, Kürbissaft; Pudding und Kuchen; Fleisch und Gemüse und Zwiebeln.

Hogwarts war ein Ort voller Gerüche, zumindest für den, der eine feine Nase hatte, um sie wahrzunehmen. So mancher Duft konnte einem hier die Geruchssinne kitzeln. Severus Snape hatte eine feine Nase. Als Meister der Zaubertränke hatte sie ihm schon oft gute Dienste geleistet und vermutlich hätte er ohne sie sein Handwerk nie zu solcher Brillanz gebracht. Die feinen Duftnuancen der Ingredienzien zu unterscheiden wie sich in den verschiedenen Stadien des Brauprozesses entfalteten, die Frische der Zutaten anhand ihres Geruchs zu unterscheiden und auch auf die Distanz eines ganzen Klassenzimmers hinweg zu wissen, dass in der letzten Reihe ein Trank vergoren war, weil ein leichter, saurer Gestank die Luft verpestete, gehörte zu seinem Beruf. Der Nachteil an einer feinen Nase jedoch war, dass sie nicht abzustellen war. Dass sie auch dann Gerüche erschnüffelte, wenn er nichts riechen wollte.

So erging es Severus am Morgen des zweiten Septembers. In den Korridoren von Hogwarts herrschte dichtes Gedränge, Schülermassen bahnten sich ihren Weg zu den Klassenzimmern. Und Severus hatte schlechte Laune. Zugegeben hatte er die fast immer. Doch an diesem Morgen war sie besonders schlecht. Er war mit Magenschmerzen aufgewacht, wie an jedem ersten Schultag, wenn er daran dachte, dass ihm wieder ein ganzes Jahr voll nerviger Halbwüchsiger bevorstand. Grade bog er in den nächsten Korridor ein, sein Bauch ein einziges Grummeln, da passierte es: Ein Duft stieg im ihn in die Nase, der ihn plötzlich innehalten ließ; wie von Donner gerührt. Plötzlich wusste er nicht mehr, ob sein Magen wegen der Schmerzen rebellierte oder wegen der Flut der Erinnerungen, die ihn plötzlich überschwemmte. Dieser Duft… dieser Duft, er hatte ihn seit vielen Jahren nicht mehr gerochen. Das letzte Mal als er sie heimlich in den Schlossgründen beobachtet hatte, bei jenem verstohlenen Kuss, für den er Potter am liebsten auf der Stelle totgeflucht hätte. Liys Duft,  Lilys Parfüm!  Doch es konnte nicht sein! Sie konnte nicht hier sein! Sie war doch tot!  Severus wurde übel und schwindelig vor den aufbrechenden Gefühlen. Verdutzt sah er auf, blickte sich vorsichtig um. Er ahnte nicht, dass er nicht alleine war…

Schon seit Stunden kämpfte Hermine gegen das Ziehen in ihrem Unterleib an. Was für ein Pech – der erste Schultag und schon ihre Tage. Ihr war übel und sie fühlte sich so unwohl, dass sie sich am liebsten ins nächste Loch verkriechen wollte. So würde sie Rons Aufmerksamkeit gewiss nicht ernten. Es war ohnehin eine dämliche Idee gewesen, Ginny zu Rate zu ziehen, ohne ihr zu sagen um welchen Jungen es ging und sich von ihr diesen Duft aufschwatzen zu lassen, Odem der Lilie. Sie und Parfüm... Aber nun war es zu spät. Sie hatte ihn aufgetragen und musste mit der Duftwolke leben, die ihr den Atem raubte. Mausgleich drängte Hermine sich dicht an den Wänden vorbei. Da plötzlich umnebelte ein anderer Geruch ihre feine Nase. Ein Geruch, der schlagartig ihren ohnehin schon leichten Magen anhob; der ihr einen Schauer über den Rücken trieb. Schweiß. Schweiß von fettigem Haaren, ungewaschener Haut und Kleidung. Für einen Moment dachte sie an Ron nach dem Quidditchtraining. Doch da war noch mehr: Kräuter und Kohlegeruch. Ein Gestank, der mit einem Schlag alle Erinnerungen an Demütigungen vor der ganzen Klasse, kalte durchdringende Augen und ungerechte Noten wieder aufleben ließ. Ein Gestank, den sie nie wieder riechen wollte. Ihre Übelkeit herunterwürgend, ihr Unterleib verkrampft, sah Hermine auf.

Da trafen sich ihre Blicke, braune Augen, schwarze Augen, sie geduckt, an die Wand gepresst wie ein Reh, zum Sprung in die Flucht bereit, er sehnsüchtig und verwirrt zunächst, dann mit kalter Abscheu, Wut über eine Täuschung in den geweiteten Pupillen. Ein Blick, ein Wimpernschlag und sie wandten sich ab, versuchten zu vergessen, zu verdrängen, was sie gerochen hatten, wen sie gerochen hatten. Ein Hauch von Übelkeit hielt noch immer an, als sie im nächsten Quergang verschwanden und der Duft von Ekel, von Gier und Scham haftete ihnen an.

In Hogwarts gab es viele Düfte. Viel konnte man riechen, wenn man nur eine feine Nase besaß.

Nachdenklichkeit; Hogsmeade Straße; Abschied

 ~*~

Staub wirbelte von der trockenen Straße auf. Ehe er in feinen Flocken niedersank verschleierte er die Sicht wie ein Hauch des Ungewissen. Minerva folgte der Silhouette den gewundenen Weg nach Hogsmeade hinab, folgte den Stiefeln auf dem festgetretenen Boden, deren Spur in der dörren Sommererde schon nicht mehr zu sehen war. Ihr Kopf war schwer von kreisenden Gedanken, von düsteren Grübeleien. Was würde die Zukunft bringen? Albus hatte ihr alles anvertraut, die ganze Wahrheit über Sirius Black und Peter Pettigrew, die sie noch immer verblüffte. Und auch, was Harry ihm berichtet hatte: Sibylls sonderbarer Zusammenbruch. Gewiss von Wahrsagerei hielt sie wenig. Doch Menschenkenntnis war ein ganz anderes Kapitel. Die Zweifel in Albus‘ Stimme; Zweifel, die er vor Harry wohlweislich verbarg, hatten sie nachdenklich gestimmt „Was glaubst du? Wird Pettigrew nach ihm suchen?“ Schweigen, viel zu lang. „Nein“, hatte Albus dann geantwortet ohne ihr in die Augen zu sehen. Die Stimme ein Flüstern. Zu schwach, um verstummen zu lassen, was sie zwischen seinen Worten erlauschte, ein Echo eigener Befürchtungen. Dieses Schuljahrs brachte vielleicht die Wende, das Damoklesschwert, das über Harry hing. Doch es waren nicht ihre Zukunftsängste, die Minerva in diesem Augenblick die Straße hinabtrieben. Es war er, ihr Schützling, ihr Kollege, den Severus aus dem Schloss gejagt hatte. Einmal wenigstens noch wollte sie ihn sehen, einmal noch ihr Mitgefühl ausdrücken. Der Abschied fiel ihr schwer. Sie mochte ihn. Nicht wie einen Kollegen oder einen ehemaligen Schüler, einer von vielen. Nein, ihre Gefühle gingen tiefer. Sie hatte ihn nicht nur unterrichtet, nicht nur bei Konferenzen im Lehrerzimmer mit ihm an einem Tisch gesessen. Sie hatten in anderen Zeiten Seite an Seite gegen Voldemort kämpft, gemeinsam Verbündete fallen gesehen, zusammen so manche Schlacht geschlagen. Er war ein Freund für sie. Ein jüngerer Freund, für den sie sich verantwortlich fühlte. Vielleicht wie für einen Patensohn. Sie, die niemals Mutter gewesen war und doch so viele Kinder erzogen hatte. Ihm wenigstens Lebewohl sagen, ihn wissen lassen, dass er ihr immer willkommen war, das wollte sie noch. Ihr Herz war schwer, wenn sie daran dachte, wie grausam seine Zeit in Hogwarts beendet worden war, von Severus, der ihr immer schon ein Dorn im Auge gewesen war. So folgte sie ihm, gedankenschwer, bis hinab ins Dorf. Fast schon hatte er, schwer bepackt mit seinem Koffer und dem Grindelohaquarium, den Bahnhof erreicht als sie ihn endlich einholte. Er bemerkte sie zuerst, drehte sich langsam zu ihr um.

„Remus!“, rief sie ihm zu, die Stimme schwer von allem Mitleid, die Augen feucht vor Tränen. Tröstend schloss sie ihn, als er sie gewähren ließ, in ihre Arme, „Es tut mir so leid!“

„Es ist nicht deine Schuld“, erwiderte er beschwichtigend und heiser, nachdem Minerva ihn losließ.

„Ich weiß“, erwiderte sie, „Wenn ich Severus in die Finger kriege-“   

„-Es ist auch nicht seine“, unterbrach er sie zu ihrem Erstaunen. Irritiert blickte Minerva ihn an.

 Remus seufzte schwer und schaute hinauf in die Wolken.

„Severus mag mir übel mitgespielt haben. Er trägt mir die Vergangenheit noch immer nach und seine Rache, sein Schachzug gegen mich… ja, es war nicht fair. Aber hatte er nicht Recht? Ich habe vergessen, meinen Trank zu nehmen. Was ich Harry und seinen Freunden hätte antun können! Ich war eine Gefahr für die Schüler!“ 

„Nein“, wollte Minerva ihm widersprechen. Doch sie konnte nicht. In seinen Worten lag Wahrheit.

So sehr sie ihn mochte, als Schüler, als Kollegen, als Verbündeten. Sie konnte nicht leugnen, dass auch sie sich Nächte den Kopf darüber zerbrochen hatte, ob die Heulende Hütte wirklich sicher war, ob Albus nicht zu blauäugig mit der Gefahr umging. 

„Remus“, sagte sie nur, ein verzweifelter Versuch des Trosts. Er schien nicht zuzuhören.

„Ich danke dir, dass du gekommen bist, um mir Lebewohl zu sagen“, ergriff er das Wort, „Es bedeutet mir viel. Ich wünschte nur, ich hätte Peter…“. Plötzlich brach er ab als hätte er zu viel verraten. Ein Schauer ergriff Minerva. All die Gedanken, sie strömten wieder an die Oberfläche. Remus räusperte sich. „Nun, dann auf Wiedersehen!“, verabschiedete er sich. Minerva sah ihm nach als er die Straße zum Bahnhof nahm, gedankenvoll und grüblerisch. Staub wirbelte von der trockenen Straße auf. Ehe er in feinen Flocken niedersank verschleierte er die Sicht wie ein Hauch des Ungewissen.

Ekel; Madam Malkins; Mondlicht

~*~

Fahles Licht, zu weiß, zu schwach. Schatten an den Wänden, geworfen von Kleiderständern und Schneiderpuppen, zu düster und zu intensiv. Remus blinzelte, versuchte seine Augen an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Aus irgendeinem Grund war ihm schummrig. Verschwommene Sicht, ein leichtes Schwanken, der Magen rebellierte. Vielleicht lag es an der Hitze. Es war Hochsommer und im Laden von Madam Malkins zwischen all den Stoffen und Gewändern heiß und stickig. Dass ihm abgestandene Luft an diesen Tagen auf den Magen schlug, wusste er schon lange. Normalerweise wäre er längst in ein einsames Waldgebiet appariert und hätte dort auf den Einbruch der Nacht erwartet. Doch heute Morgen hatte ihn eine eilige Eule aus Hogwarts erreicht mit einer Zusage Dumbledores für seinen neuen Posten. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, seine Angelegenheit zu regeln, bevor er die neue Stelle antreten würde. Dazu zählte auch sein Kleiderschrank. Ein Lehrer, der einer ganzen Schar Jugendlicher ein Vorbild sein sollte, brauchte eine annehmbare Garderobe, keine tausendfach geflickten Putzlappen. So war er aufgebrochen, um sich neu einzukleiden, auch wenn es seine letzten Ersparnisse fraß. Doch das würde der erste Gehaltsscheck wieder ausgleichen. Außer ihm war im Laden heute nicht viel los. Vermutlich waren die meisten Familien mit Kindern im schulfähigen Alter um diese Uhrzeit noch beim Mittagessen im Tropfenden Kessel. Die einzigen Kunden außer ihm waren ein alter Zauberer, der die Hutabteilung studierte und ein junges Mädchen, das offenbar die Größen von Umhängetaschen verglich, indem sie – Remus musste grinsen, weil es ihn an sich selbst erinnerte - Bücherstapel hinein wuchtete. Er hätte in Ruhe Hemden und Roben anprobieren können. Doch sein Zustand ließ ihn unruhig werden. Sein Zustand und das Mädchen. Aus den Augenwinkeln sah er auf einmal, wie sie zu ihm herüberschaute, ihn mit den braunen Augen musterte. Erriet sie, dass es ihm nicht gutging? Würde sie zu ihm kommen, ihn darauf ansprechen? Mehrmals versuchte Remus ihren Blick zu fangen, doch erwischte er immer nur die buschige braune Mähne, die sich wieder umdrehte. Solange, bis er eines der Hemden vor sich von der Stange nahm. Ein plötzlicher Schmerz durchzuckte seinen Arm. Er jaulte auf. Sie sah zu ihm her, da trafen sich ihre Blicke. Im selben Moment ließ das Mädchen ihre Sachen fallen und schlug sich die Hand vor dem Mund. Zuerst glaubte Remus Entsetzen in ihrem Blick zu lesen. Doch als sie würgen musste, wusste er, dass er sich geirrt hatte. Sie ekelte sich. Sie ekelte sich vor ihm. Aber warum? Hastig stürzte das Mädchen davon, in die nächste Kabine, wo es sich den Geräuschen nach übergab. Verdutzt sah Remus ihr nach. Er musste geistesabwesend den Kopf gedreht haben, denn sein Blick fiel auf einmal in einen Spiegel. Plötzlich stülpte es ihm selbst vor Ekel fast den Magen um. Aber wie konnte das sein, mitten am Tag? In seinem Gesicht sprossen dicke, graue Haare und sein Mund war mit Reißzähnen besetzt. Verzweifelt sah Remus auf zur Lampe unter der Ladendecke. Da plötzlich begriff er. Natürlich! Lorando Lightbulbs Lunalicht. Es war ein neuer Einrichtungstrend der magischen Welt: Glühbirnen, die Mondlicht erstaunlich gut imitierten – und damit Seinesgleichen erhebliche Probleme bereiteten. Nie kam es zu einer vollständigen Wandlung, aber zu widerwärtigen Veränderungen. Ein schwacher Evanesco, gefolgt von einem Ratzeputz aus der Kabine, ließ Remus wissen, dass das Mädchen ihren Ekel besiegt hatte. Und ebenso war ihm klar, dass er ihr Gedächtnis verändern musste. Sie mochte dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein, gewiss war sie Hogwartsschülerin. Seufzend schlich er zum Ausgang des Ladens und wartete dort auf sie, während die Mittagssonne den Schaden heilte. Als sie endlich mit einer neuen Büchertasche in gigantischen Ausmaß aus dem Geschäft trat, huschte er in den Schatten zwischen den Häusern und zog den Zauberstab: „Obliviate“. Das Mädchen hielt kurz inne, zuckte einmal, schüttelte dann ihren Kopf und lief weiter als wäre nichts geschehen. Traurig sah Remus ihr nach. Wer sie wohl gewesen war, die junge Leseratte? So gern hätte er sich mit ihr über die vielen Bücher unterhalten, die sich mit sich herumschleppte und sich ein Bild von seiner zukünftigen Schülerin gemacht. Doch es blieb das alte Spiel: Der Fluch machte einem stets einen Strich durch die Rechnung. Mit einem letzten traurigen Blick drehte Remus sich um und lief in die einsame Gegenrichtung davon.

Geborgenheit; Borgin & Burkes; Spielfigur

~*~

Das Spiel muss weitergehen, nie darf die Maske vor den Würfeln fallen... 

Severus blieb stehen, mitten im Laden, tief in seinen schwarzen Umhang gehüllt, Stirnrunzeln und weite Pupillen. Durch Adern floss die Kälte, hinter der Stirn pulsierte der Schmerz. Schmerz wie schon seit Tagen, seit Wochen, Monaten. Zu viel, zu viel der Okklumentik. Der Dauerzustand forderte seinen Tribut. In seiner Seele aber fühlte Severus nichts. Die Schrecken bei Borgin & Burkes, die grausamen Fratzen der Schrumpfköpfe, das Grauen der verfluchten Artefakte, sie rührten ihn nicht an. Der Dunkle Lord begehrte eine Information und hatte ihn gesandt, sie einzuholen. Die Finsternis, die ihn einst so faszinierte, sie überwand die Mauer nicht. Nichts schien in die Festung einzudringen. Und doch… und doch fiel ein Licht auf Severus. Berührte auf seltsame Weise, was hinter den Toren lag. Sein Blick war auf eine Vitrine gerichtet. Schwarz und Weiß, Weiß und Schwarz standen darin zwei Spielfiguren eines Schachspiels. Erinnerungen stiegen in ihm, Erinnerungen wie Nebel. Wie lange war es her?

In kleine Quadrate unterteilt lag das Spielbrett auf dem großen Pult, dort vor dem thronartigen Stuhl. Leise murmelten die Figuren, König und Dame, Bauern und Springern, schwarz und weiß, nur die Türme schwiegen wie von dunkler Vorahnung umweht. Dampf kräuselte sich, stieg vom Teekessel auf. Tee wie alles durchdringende Wärme. Tee, so süß wie Brausedrops. Blitzend funkelten die blauen Augen hinter der Halbmondbrille, halb vom Schalk durchdrungen. Auf den Lippen im Silberbart lag ein großväterliches Lächeln. Und warme Worte wehten wie eine Sommerbriese durch den Raum. Worte, so viele Worte zwischen den Zügen gesprochen – gehört, geteilt erwidert. Weise Worte, rätselhafte Worte, manchmal auch Worte liebevoller Ironie. Oh wie erinnerte Severus sich noch wie seine Ohren lauschten, jedes Wort aufsogen wie ein Schwamm; wie diese Augen ihn durchdrangen, in ihm lasen wie in einem offenen Buch, obwohl seine Lippen Siegel waren. Albus‘ Tür stand immer offen. Für den Zorn, für die Zweifel, für jede Regung einer Seele. Und so oft Severus ihn auch verfluchte, so oft er dort oben nur eine Bürde gegen die nächste tauschte, weil es Pläne zu erfüllen gab, so sehr brauchte er doch diese Worte, dieses Lächeln, diese alten Finger, die süßen Tee ausschenken und Figuren übers Schachbrett schickten. Brauchte sie wie ein Schiff den Anker, um nicht von den Stürmen fortgerissen in den Fluten unterzugehen. Nur ein Wort war der Schlüssel. Ein Wort, das den Wasserspeier beiseite springen ließ. Dann die Wendeltreppe empor und an die Tür mit dem Greifen geklopft. Und hinter dieser Tür lag Licht. Hinter dieser Tür lag Heimat. Hinter dieser Tür lag Geborgenheit in den Augen eines alten Mannes. Eines alten Mannes, der das Schachspiel beherrschte. Das Schachspiel auf dem Pult.

Severus sah auf, gedankenverloren, erinnerungsvernebelt. Seine Augen waren auf die Vitrine und sahen verschwommen doch nur die Schemen alter Zeiten. Benommen trat er einen Schritt vorwärts und wich im nächsten Augenblick wie im Schock zurück. Die Wirklichkeit trat als Pfeil in sein Gedächtnis, ließ die Erinnerung zerplatzen, seifenblasengleich.

Verfluchte Spielfiguren, stand auf dem Schild geschrieben, so treffend, als hätte seine Seele die Feder zur Hand genommen. Das Schachbrett war nicht mehr das gleiche, die Partie längst eine andere. Verloren war die Vergangenheit, in den grauen Staub gesunken, zertreten in einer Sommernacht. Der weiße König war vom schwarzen Turm gefallen. Das Licht der blauen Augen verloschen. Bitter schmeckte das Salz auf der Zunge. Das Salz der Tränen, die ein Mörder weinte in schwachen Nächten, in denen Kopfschmerzen das Gefüge des Mauerwerks um eine Seele nicht mehr zusammenhielten. Geborgenheit, sie gab es nicht mehr. Die Wendeltreppe war für immer verschüttet von den Trümmern der Zeit. Was blieb auf dem Feld war der schwarze König und ein paar weiße Bauern. Und die weiße Dame, Berater beider Könige, in Schwarz getarnt, den Dolch unter dem Mantel.

Severus schluckte die Erinnerung herunter, vergaß Albus Dumbledore, vergaß das Schachspiel und war wieder kalt. Hinter seiner Stirn pulsierte der Schmerz von zu viel Okklumentik. Unter seiner Robe fror er, denn es gab keinen warmen Ort mehr. Doch das zählte nicht. Der Dunkle Lord begehrte eine Information. Und er, Severus, würde sie ihm beschaffen wie der treue Diener, der er nicht war. 

Das Spiel muss weitergehen, nie darf die Maske vor den Würfeln fallen... 

Stress, Drei Besen, Maske

 ~*~

Manchmal im größten Sturm sind es sie seichten Winde, die uns die Wahrheit zuflüstern. Manchmal, in der tiefsten Finsternis, sind es die kleinen Lichter, die uns hell den Weg leuchten. Wehe dem, der Aug und Ohr vor den Brisen und Funzeln verschließt… 

 

Minerva wusste nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. In der Hektik um sie her hatte sie das Gefühl, eine ganze Armee an wilden Bergtrollen stürme auf sie ein. Die Fachwerkwände des alten Gasthauses fassten kaum die schiere Masse der Jugendlichen, die Schulter an Schulter beieinander standen, sich in der Enge schubsten und gegenseitig auf die Füße traten. Angstvolle Augen blickten Minerva an. Aufgeregte Münder bedrängten sie mit Fragen. Sie atmete schwer. Zum Luftholen war keine Zeit geblieben. Sie hatte handeln müssen und zwar sofort. Drei Katzenpatroni waren von ihrem Zauberstab gesprungen und losgestürmt: einer um die Vertrauensschüler zu befehligen, die Häuser zu versammeln, einer um  Nymphadora Tons zu warnen und ein letzter, um Albus oben im Schloss zu verständigen, dessen Erscheinen nun alle erwarteten. Atemlos zählte sie die Reihen. Alles war in solcher Windeseile abgelaufen, dass sie die Schülerscharen nicht im Augen hatte behalten können als sie zur Tür des Drei Besens hereinstürmt waren. Doch schien die Zahl der Versammelten vollständig zu sein.

„Professor McGonagall!“, rief ihr wieder jemand zu als sie die letzten Gesichter zählte. Es war Hermine Granger, die neben ihren Freunden unruhig auf ihrem Platz wippte. Ihre Stimme war für Minerva wie der Stich einer Mücke. Gewiss, die Schülerin war ein kluges Mädchen, doch neigte sie dazu, sich vorzudrängen. Und gerade das konnte Minerva im Moment gar nicht gebrauchen. Ihre Nerven lagen blank. 

„Nicht jetzt, Miss Granger, Sie sehen, dass ich zu tun habe!“, fuhr sie das Mädchen an, das offenbar jeden Respekt vor den Erwachsenen verloren haben musste. 

„Aber…“, Minerva ignorierte sie und wandte sich Rosmerta zu, die noch immer kreidebleich das Corpus Delicti in Händen hielt: Die weiße Maske, die einer der Unruhestifter verloren hatte. Minerva zog es den Magen zusammen. Todesser in Hogsmeade! Eine solche Wendung hätte kein Schulausflug nehmen sollen. Noch war über keinem Haus des Dorfes das Dunkle Mal aufgestiegen. Doch die Zaubererwelt befand sich mitten im Krieg. Jedes Zeichen wollte ernstgenommen werden. Was Voldemorts Anhänger wohl hier her verschlagen hatte, gerade heute? Es schien ein seltsamer Zufall zu sein, dass sie ausgerechnet am Datum des Hogsmeadeausflugs zuschlugen, wo Harry die schützenden Mauern der Schule verließ. Es war, ja, als ob sie es gewusst hätten. Doch woher?

„Haben Sie jemand Verdächtigen bemerkt, Rosmerta?“, befragte Minerva die Wirtin, die noch immer unter Schock stand. Doch diese schüttelte nur den Kopf.

„Sie kamen wie aus dem Nichts und alles ging so furchtbar schnell. Als Dädalus aufsprang, um ihnen zur Gästetoilette zu folgen, den Zauberstab zog und sie entwaffnete, waren sie schon fast disappariert. Ich kann nicht einmal sagen, was sie hier wollten. Sie kamen und gingen wieder, scheinbar ohne Ziel.“

Minerva runzelte die Stirn. Das alles klang reichlich merkwürdig und ergab keinen Sinn. Was wollten Voldemorts Gefolgsleute in Hogsmeade? Und wenn ein Dorfbewohner sie gerufen hatte, warum hatten die Posten den Phönixordens - Tonks, Aberforth und Dädalus – nichts bemerkt? Aus den Augenwinkeln nahm Minerva wahr, wie ihre Schülerin sie eindringlich musterte, sichtlich unruhig als säße sie auf glühenden Kohlen.

„Professor McGonagall, bitte!“, flehte das Mädchen.

„Miss Granger!-“, fuhr Minvera sie an. Allmählich wurde sie wirklich ungehalten. Sah sie denn nicht, dass sie beschäftigt war, dass sie störte? Doch Hermine Granger hörte nicht auf sie.  

„-Es war Draco Malfoy!“, platze sie heraus, „Er trägt das Dunkle Mal und er war auf der Gästetoilette als es geschah. Sie haben ihm etwas übergeben. Er hat sie gerufen!“

Im Raum herrschte plötzlich Totenstille. Minerva traute ihren Ohren nicht. Sollte das wahr sein? Ein Schüler?! Schnell wandte sie sich zum Beschuldigten um, der kreidebleich angelaufen war und etwas davon stammelte, nichts ohne seinen Vater zu sagen – ein Schuldeingeständnis aus dem Bilderbuch.

Einen Augenblick brauchte Minerva, um die Wahrheit zu fassen. Dann hatte sie das Gefühl, ins Bodenlose zu stürzen. Da lag die Lösung des Rätsels vor ihrer Nase und sie? Sie hatte sie die ganze Zeit ignoriert, weil es nur die Stimme einer Schülerin gewesen war.

„Danke, Miss Granger“, sagte sie ruhig. Und das Mädchen nickte.

Aufregung; Gringotts; Verwechslung

~*~

Ab und auf, hin und her – her und hin, auf und ab. Remus fand einfach keine Ruhe. Es war unmöglich, stillsitzen und zu warten. Seine Beine bewegten sich wie von selbst über den Marmorboden und in der Stille der riesigen Halle echoten seine Schritte. Die Kobolde beäugten ihn schon kritisch, weil er sich nicht wie anderen Besucher in einer Reihe vor den Schaltern einreihte. Doch Remus war das egal, er konnte nicht anders. Sowieso warf er ihnen nur hin und wieder einen kurzen Seitenblick zu, während er unter der Kapuze, die er sich tief ins Gesicht gezogen hatte, damit niemand ihn erkannte, die Eingangstür scharf im Auge behielt. Sein Atem ging stoßweise und sein Puls raste. Mit der linken Hand spielte er an einem Knut in seiner Robentasche, um sich zu beruhigen. Es war das allererste Mal, dass er nebst Sirius und James bei einer Operation des Phönixordens dabei war. Und er war furchtbar aufgeregt. Bisher hatte er sich für Dumbledore nur unter den Werwölfen umgehört – und dabei einiges Interessante in Erfahrung gebracht. So auch die brisante Angelegenheit, die ihn und seine Freunde nun hier her geführt hatte. Richard Hulker, ein junger Werwolf, der in Voldemorts Diensten stand, hatte sich zuerst von Remus‘ Freundlichkeit und dann ein paar Feuerwhiskeys einlullen lassen und ein wenig geplaudert. „Der Dunkle Lord hat ihm etwas sehr Wertvolles anvertraut. Ich weiß nicht, worum es sich handelte, hab ja auch nur an der Tür gelauscht. Doch Lucius hat versprochen, es noch dieses Wochenende an einen sicheren Ort zu bringen.“ Was das für ein sicherer Ort war, hatte Remus nicht aus ihm herausbekommen, doch hatte er sofort ein Verlies in Gringotts im Sinn gehabt. Dumbledore jedenfalls war von der Information höchst alarmiert gewesen und hatte sofort ihn und seine Freunde angewiesen, die Zaubererbank zu observieren. Remus war erbleicht, in stiller Ehrfurcht vor dem größtem Zauberer jüngerer Geschichte und dem schieren Unglauben, dass dieser ihm eine solch verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut hatte. Und das war der Grund seiner Nervosität. Er wollte seine Sache gut machen; wollte dass der Mann, der ihm Hogwarts ermöglicht hatte, stolz auf ihn sein konnte und es keineswegs vermasseln. Mit Argusaugen betrachte Remus von links hinten aus den Eingang. Seine Freunde lauerten irgendwo im Schatten zwischen einem Schalter und einer der zahllosen Türen. Sie waren die zweite Schicht heute. Es war abgesprochen, dass, sobald Malfoy zur Tür hereinkam und in den Schatten der riesigen Geldsack-Statue trat, Remus ihn blitzschnell schocken würde und dann James und Sirius den Tarnumhang über ihn ausbreiten würden, um kein Aufsehen zu erregen, während sie ihm den Gegenstand abnahmen. So harrte Remus getrieben von einer inneren Unruhe seiner bedeutenden Aufgabe, als sich die Silbertür zur Marmorhalle öffnete. Er hatte den Eintretenden von hinten noch kaum erkannt, als es ihn wie ein Blitz durchzuckte. Seine Augen hatten etwas erspäht: Helles, langes Haar. Helles, langes Haar, wie Lucius Malfoy es immer getragen hatte. Remus‘ Hand war schneller als sein Kopf. Im Reflex und jede Faser angespannt zückte er den Zauberstab. Und kaum dass der Mann den Schatten der Statue mit der Fußspitze betrat:

„Stupor!“

Der Zauber hatte gewirkt, doch etwas ging schief. Remus hörte nur noch ein ebenso blitzschnelles „Protego!“, dann wurde plötzlich alles um ihn schwarz.

Als er wieder zu sich kam, standen Sirius und James neben ihm und er blickte in ein vertrautes Gesicht: Blaue Augen, Halbmondbrille, ein langer Silberbart.

„Dumbledore!“, keuchte er noch benommen, „Ich…“

Plötzlich war Remus hellwach und es fiel ihm wie Schuppen den Augen: Langes, helles Haar und ein blitzschnelles Schutzschild?

„Ich habe doch nicht Sie geschockt?!“

Dumbledore lächelte und seine Augen blitzten. „Von dieser kleinen Sünde kann ich dich leider nicht freisprechen, Remus. Doch ich versichere dir, ich bin noch nie so sympathisch beinahe-geschockt worden wie gerade eben. Nun, eigentlich war meine Absicht, eure Mission ein wenig zu unterstützen. Doch bei dieser Begrüßung, hege ich keinen Zweifel, dass es euch auch ohne meine Hilfe gelingen wird, Lucius zu überwältigen.“ Seine Stimme war leicht von schelmischem Vergnügen als würde ihn der Vorfall zutiefst amüsieren. Remus beruhigte sich etwas, obwohl ihm noch immer das Gesicht vor Scham glühte. Das nächste Mal, schwor er sich im Stillen, würde er zuerst nachdenken, ehe er seiner nervösen Hand freien Lauf ließ. 

Rachsucht; Kesselladen; Fenster

~*~

Was ist ein Fenster – Scheibe, Rahmen? Ein Tor, das die Welten verbindet, ein Auge, das uns sehen lässt? Oder aber eine unsichtbare Wand, eine Barriere, wo einst eine Brücke war?

Minerva stand, eingehüllt in ihren dicksten Reisemantel, auf dem winterkalten Pflaster, zog sich den Spitzhut tief ins Gesicht, damit niemand sie allzu leicht erkennen konnte. Vereinzelt huschten Zauberer und Hexen zwischen den Läden umher, stets auf der Hut, auf der Flucht vor den schwarzgewandeten Häschern, die noch immer nach Muggelstämmigen jagten. Wer hätte gedacht, dass die Winkelgasse einst der Nokturngasse gleichen würde? Dass es gefährlich werden könnte, sein Verlies in Gringotts zu besuchen? Doch es war nicht ihre Geldbörse, die Minerva in diesem Augenblick beschäftigte. Es war die Gestalt, die plötzlich in ihr Blickfeld rückte, und ihre Schritte abrupt bremsen ließ. Sie passierte gerade Potages Kesselladen und dort, hinter dem Schaufenster, war er. Der Mann, den sie einst als Kollegen betrachtet hatte bis zu seinem tödlichen Verrat. Tief beugte er sein bleiches Gesicht mit dem fettigen schwarzen Haar über einen Goldkessel, studierte ihn als sei er noch immer der Tränkemeister, der wie viele Lehrer die Winterferien nutze, um seine Unterrichtsmaterialien aufzustocken. Doch war dies kein gewöhnliches Schuljahr, kein gewöhnliches Weihnachten. Der Tränkemeister, er war zum Mörder geworden, zu Voldemorts rechter Hand. Minvera beobachte ihn durch die Scheiben und ein lang schon glimmendes, im Verborgenen brennendes Feuer, loderte lichterloh in ihr auf. Einst würde sie Severus Snape zur Strecke bringen, würde beenden, was Albus begonnen hatte, das hatte sie sich in der Einsamkeit ihrer vier Wände im letzten halben Jahr immer wieder geschworen. Einst, wenn sie nur ihre Chance bekäme. Einst und vielleicht – jetzt? In Hogwarts war Snape stets von seinen Schergen, den Carrows, umgeben. Nie seit Albus‘ grausamen Tod war er so schutzlos gewesen, so ausgeliefert, nur getrennt durch Glas. Glas, das so leicht splittern konnte! Ihre Hand zuckte schon um den Zauberstab. Sie würde ihn überwältigen können. Sie war seine Lehrerin gewesen, eine ebenbürtige Gegnerin. Die lang ersehnte Vergeltung schien nah, so greif nah. Allein die Vernunft hielt Minerva zurück. Todesser patrollierten in der Gasse! In ihren Adern aber glühte das Feuer der Rache. 

Da plötzlich trafen sich ihre Blicke.

Severus sah vom Goldkessel auf, seiner nächsten Neuanschaffung für den einzigen Zeitvertreib, der seinen gepeinigten Nerven in diesen aufreibenden Tagen Ruhe spenden konnte. Da entdeckte er hinter der Schaufensterscheibe im Grau des fallenden Schnees die Silhouette einer wohlbekannten Hexe, die ohne es zu wissen, eine Verbündete war. Und ihr Blick, dieser Blick, traf ihn wie ein böser Zauber, gegen den kein Protego half. Der Schimmer der Metalle ringsumher, das prasselnde Kaminfeuer, all das wärmte ihn nicht. So viel eisige Kälte lag in diesem Blick, dass selbst ihn ein Schauer ergriff. Er brauchte keine Legilimentik mehr, um in ihm zu lesen, zu oft schon war diesem Blick, diesen Augen in den Fluren von Hogwarts begegnet. „Mörder!“, schrien sie wie ein stummer Fluch, funkelnd von Rachgier und Hass, lauernd, wartend auf eine Chance. Zu gern hätte Severus seine Stimme erhoben oder den Zauberstab des Legilimentikers und geschrien. Geschrien: „Er wollte es so, nicht ich! Es war ein Opfer für den Plan. Und bei Merlin, mich widert es an, was ich tun musste!“  Doch er konnte nicht, durfte nicht. Seitdem mit Albus und Alastor die besten Strategen gefallen waren, würde der gerupfte Orden des Phönix zu Unvorsichtigkeiten neigen, wenn auch nur einer die Wahrheit wüsste. Sie waren doch alle Gryffindors im Blut – kampfbereit, tapfer und dabei dumm wie Stroh. Falls sie ihm, dem Mörder ihrer Gallionsfigur, überhaupt Glauben schenken würden! Nein, ihr Hass gegen ihn, schütze die Verbündeten. Ihr Hass gewährte es Severus erst, sie zu beschützen. Die Rachsucht in Minervas Augen, sie war der Preis. So oft er Albus auch verfluchte dafür: Es war der einzige Weg. Verloren und elendig erwiderte Severus den Blick, hielt ihm Stand. Dem Blick der heimlichen Verbündeten, die nicht wusste, dass seine Rachlust demselben Feind galt. Die nicht wusste, dass sie das gleiche Ziel verfolgten: Voldemorts Niedergang!

So standen sie da, schauten sich an durch die Schaufensterscheibe des Kesselladens, musterten das Gesicht des Anderen genau, Severus Snape und Minerva McGonagall. Und doch sahen sie einander nicht. Getrennte Gedanken, getrennte Geister, getrennt durch eine Mauer aus Glas…

Langeweile; Honigtopf; Feder

~*~

Die Luft war leicht, der Himmel blau. Kein Wölkchen trübte den Horizont und strahlender Sonnenschein ließ alle Fenster glänzen. Der Ausflug nach Hogsmeade hätte zu keinem schöneren Tag stattfinden können. Und doch war Hermine unzufrieden. Unzufrieden, obwohl der Frühling sich von seiner Schokoladenseite zeigte. Denn Schokolade war alles, was sie heute von Hogsmeade zu sehen bekommen sollte, wenn es nach Harrys und Rons Köpfen ging. Schokolade, Zucker und Bonbons. Hermine gähnte. Eine geschlagene Stunde, vielleicht sogar zwei, hing sie nun schon im Honigtopf herum, betrachtete Schokofrösche, Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung und Zauberstäbe aus Lakritze. Sie fühlte sich fehl am Platze. Während die Jungs jede Süßigkeit genau unter die Lupe nahmen und heftig diskutieren, wofür sie ihr knapp bemessenes Geld ausgeben sollten, stand Hermine in der Ecke, wippe auf ihrem Fuß und wünschte sich weit, weit hinfort von diesem Ort. Alles, alles hier war öde. Gewiss, beim ersten Mal war es noch ganz interessant gewesen. Neugierde hatte sie hier hergetrieben, nicht der Appetit. Die Magie in den Süßigkeiten hatte sie gelockt, nicht der Zucker. Doch jetzt war alles ihr lange schon bekannt und kein selbstumrührender Schokokessel, kein zischendes Wisbie oder flatterndes Fledermausweingummi weckte noch ihr Interesse. Ihre Eltern waren Zahnärzte. Sie hatte früh gelernt, dass Zucker schädlich war, dass er in Maßen genossen werden wollte und irgendwie hatte ihr das den Appetit verleidet. Sie war kein Leckermaul, keine Naschkatze so wie Ron. So stand sie da, sah nach links und rechts, ohne dass etwas ihren Blick fing und hoffte, dass sie bald gehen würde, ehe sie noch einschliefe. Warum hatte sie eigentlich kein Buch mitgenommen? Ein Buch hätte sie gewiss viel besser unterhalten als dieser Laden.

Gerade drifteten ihre Gedanken ab, grade träumte Hermine von der Bibliothek als plötzlich etwas in ihr Blickfeld trat, das ihre Aufmerksamkeit fesselte, sie aus ihrem Dämmerzustand riss. Etwas oder besser gesagt jemand. Hermines Augen weiteten sich vor Überraschung, sofort nahm sie Haltung an, stand ein Bisschen grader. Sie hätte nicht erwartet, ihn hier anzutreffen, obwohl es nahelag, so wie nach Harrys Erzählungen die Passwörter für sein Büro lauteten. Doch ihr war nicht bewusst gewesen, dass auch er den Schulausflug begleitete. Grade begutachtete er ein Bonbonglas mit Karamellkäfern, die blauen Augen hinter der Halbmondbrille so verzückt blitzend wie die von Ron, da trafen sich ihre Blicke in den Spiegelungen. Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Guten Tag, Professor Dumbledore“, sprach Hermine förmlich, nicht wissend, wie sie ihn begrüßen sollte.

„Guten Tag, Miss Granger, welch eine Überraschung“, antworte er fröhlich und wandte sich zu ihr um. Doch sein Lächeln verblasste als er ihre wohl recht finstere Miene mustere, „Ist Ihnen nicht wohl, Mädchen?“

Hermine atmete tief durch, überlegte, was sie antworte sollte und entschied sich für die Wahrheit.

„Mir ist langweilig, Sir“, gestand sie und erntete ein Stirnrunzeln.

„Langweilig, an einem Ort solcher Gaumenfreuden?! Das muss ein seltsamer Zauber sein“, bemerkte er verdutzt.

„Ich wäre lieber bei meinen Büchern als hier“, gestand Hermine.

Einen Augenblick lang musterte Dumbledore sie, dann wandte er sich ab und studierte erneut die Bonbongläser. 

„Ja, zuweilen werden wir, die unseren Geist stets füttern, blind dafür, dass auch die Seele ihre Nahrung in Form kleiner Leckereien braucht“, antwortete er ohne sie anzusehen.

Und nun war Hermine verwirrt. Sie wollte etwas erwidern. Doch Albus Dumbledore kam ihr zuvor.

„In welchem Laden wären Sie, Miss Granger, wenn Ihre Freunde sich nicht für den Honigtopf entschieden hätten?“, fragte er,  als er sich wieder zu ihr umdrehte. Und Hermine war noch verwirrter als zuvor.

„In Schreiberlings Federladen“, antwortete sie ohne nachzudenken. Und Dumbledore nickte.

„Das dachte ich mir. Warten Sie einen Augenblick“, erwiderte er und ging. Als er zurückkehrte, trug er eine Schreibfeder in der Hand und reichte sie ihr.

Für mich?!“ Hermine errötete.

„Betrachten Sie es als kleine Lektion, Miss Granger Es ist nicht gut, nur den Kopf zu nähren. Dies wird Ihnen das Warten wie auch Ihre Studien versüßen“. Ein Zwinkern und er war verschwunden. Hermine starrte ihm nach, dann auf sein Geschenk. Plötzlich musste sie lachen. Der Federkiel war ja aus Zucker! Und jetzt, da er in ihrer Hand lag, kam ihr doch Appetit auf die süße Leckerei. Vielleicht hatte Dumbledore Recht. Vielleicht sollte sie sich ihre Studien versüßen, zumindest ein wenig.

Neid; Klassenzimmer; Prüfung

~*~

„In diesem Schuljahr bestehen die praktischen Jahresabschlussprüfungen im Brauen des Euphorie-Elexiers. Bitte bereiten Sie Ihre Kessel, Zutaten und Utensilien vor!“

Professor Slughorns Stimme brach sich an den Wänden und der Decke des hohen Kellergewölbes. Sie dröhnte Remus in den Ohren ehe die Worte im Scheppern von Metall untergingen wie Mondsteinpulver im Zaubertrank. Ein Hauch von Kälte, die Andeutung einer Gänsehaut nur, zog sich seinen Rücken hinab. Trockenheit breitete sich in seinem Mund aus. Würde diesmal alles gutgehen?

Als sie vor einem halben Jahr den Trank im Unterricht durchgenommen hatten, war sein Ergebnis mäßig ausgefallen, gerade noch ein Annehmbar. Maisgelb, viel zu dunkel, kein strahlendes Sonnengelb. Der traurige Gnom hatte nur ganz kurz gegrinst ehe seine Mundwinkel wieder nach unten hingen. Während Sirius zu seiner Linken James in die Seite knuffte und Peter zu seiner Rechten ratlos die Tafel anstarrte, gingen Remus die letzten Wochen wieder durch den Kopf.

Turmhoch waren die Bücherwände gewachsen, hinter denen er sich in der Bibliothek versteckt hatte. Die Abende waren zwischen bedruckten Seiten verflossen, ein einziges Pauken für die Zaubertrankprüfung und doch….

Remus betrachtete seinen Tisch. Mörser, Flakons, Schneidebrett und Messer – ein riesiges Chaos. Dampf stieg von den Kesseln auf, die rings umher angeheizt wurden. Heißer Dampf, der sein Gedächtnis einlullte. Wie viele Feuerschoten waren es noch mal gewesen? Wie fein sollten die Billywigstacheln gemahlen werden? Wurden die Pfefferminzblätter gehackt oder im Strunk in den Trank gegeben? Remus setzte sich, wollte die Rattenmilzen zerteilen, von denen er immerhin die Anzahl noch wusste. Doch das Messer glitt an der glitschigen Masse vorbei, hinterließ nur Matsch auf dem Brett. Er presste die Lippen aufeinander als er die Unordnung beseitigte. Die Hitze ließ ihn allmählich schwindelig fühlen. Ratlos sah er auf – und begegnete plötzlich den dunkeln Augen Severus Snapes, der einige Reihen vor ihnen am Werk war.

Sein Mitschüler aus Slytherin, der Feind seiner Freunde - er schien sie die ganze Zeit zu beobachten. Ein gehässiges, triumphierendes Grinsen stahl sich über seine schmalen Lippen als Severus demonstrativ das Messer an der Rattenmilz ansetzte, sie mit der Präzision eines Chirurgen und flink wie ein Schnatz in gleichgroße Würfel zerteilte. Ein Kloß schwoll in Remus‘ Hals an, sein Magen zog sich zusammen während Severus in nur einer einzigen, fließenden Bewegung die Feuerbohnen in den Schoten freilegte. Erst das laute Blubbern seines Kessels riss Remus aus seinen Gedanken. Zu heiß! Das Quellwasser war schon viel zu heiß. Panisch drosselte er die Temperatur während Tropfen von seiner Stirn perlten. Auch bei seinen Freunden lief nicht alles glatt. Im Schweiße ihrer Angesichter kämpften sie alle darum, die Zutaten zur rechten Zeit in der rechten Menge und der rechten Art und Weise einzurühren. Nur der schwarz gekleidete Junge mit dem langen, fettigen Haar zwei Reihen vor ihnen arbeitete in einer Seelenruhe, die Ihresgleichen suchte. Dabei besaß er sogar den Schneid, das Rezept eigenmächtig zu ändern.

Remus senkte den Blick, machte sich daran die Diricrawlstacheln zu zermahlen. Mit einem Mal fühlte er sich unendlich klein und nichtig. Berühmter Tränkemeister bittet Merlin Akademie um Gelder zur Erforschung eines Werwolf-Gegengifts, kam ihm die Schlagzeile des vorgestrigen Tagespropheten in den Sinn. Er versuchte sie zu verdrängen, sie mit Erinnerungen zu ersetzen wie Severus mit grimmigen Blicken die Quidditchmatches verfolgte, in denen James als Jäger das Slytherinteam alt aussehen ließ. Doch die Bilder verblassten im aufsteigenden Dampf.

„Noch fünf Minuten“, erschallte irgendwann Slughorns Stimme und Remus‘ Mut sank, sank so tief wie Rattenmilzstücke im Sud. Sein Trank war und blieb maisgelb. Zwei Reihen vor ihm aber erstrahlte im Kessel das hellste Sonnengelb, das die Welt je gesehen hatte, reflektierte sich in den glänzenden Augen des Lehrers, der seinem Lieblingsschüler bereits bewundernd zulächelte.

Leise seufzend legte Remus den Rührlöffel beiseite, ergab sich der Schwere, die sein Herz nach unten zog. Es war nicht das erste Mal und es würde nicht das letzte Mal sein. Er, Remus, verharrte im Schatten der Mittelmäßigkeit, während Severus nebst Lily unter dem Gewölbe des Kerkerklassenzimmers im Ruhmeslicht glänzte. Und so wenig er Severus auch leiden mochte, so konnte Remus doch eines nicht verleugnen: Um seine Fähigkeiten in Zaubertränke beneidete er ihn.

Wäre er selbst nur halb so begabt, vielleicht… vielleicht würde dann er eines Tages den Trank erfinden, der ihn von seinem pelzigen Problem erlöste.

Besorgnis; St. Mungo; Baum

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Einsam auf steinigem Grund, die Wurzeln tief in die harte Erde geschlagen, die Krone der einzige Farbklecks vom Grün zwischen dem tristen Grau der Gebäude: So stand er im Innenhof, der alte Baum, wie ein Zeichen vager Hoffnung, das den Stürmen trotzte, den äußeren und den inneren in den Seelen der Menschen. Lange betrachtete Albus ihn durch das Klinikfenster, in trübe Gedanken versunken. Die Besuchszeit war längst vorüber, doch er konnte einfach nicht gehen. Jede Stufe der vier Treppen hinab ins Foyer war eine zu viel. Was war er für ein Narr? Glaubte er, sein Bleiben könnte irgendetwas bewirken? Dachte er tatsächlich, solange er nur in der Nähe war und auf den Fluren auf und ab schritt, würde sie schneller genesen?

Albus seufzte schwer. Wieder einmal wie so oft stritt sich die Vernunft seines Kopfes mit der Dummheit seines Herzens. Die Kristallsphären, die unter der Decke schwebten, tauchten den Korridor in weiches Licht. Porträts debattierten lautstark über Diagnosen und Heilmethoden, Hexen und Zauberer in limonengrünen Umhängen hasteten an ihm vorüber. Überall um ihn her herrschte reges Treiben und doch fühlte Albus sich unendlich allein. Nur der Baum vor dem Fenster, dieser Baum, der ihn etwas an die Peitschende Weide erinnerte, spendete ihm ein wenig Trost und Hoffnung. Hoffnung, dass auch sie bald nachhause zurückkehren würde. Hoffnung, dass dieser schreckliche Zustand bald überstanden sein würde; dass die Waagschale sich zum Guten, nicht zum Schlechten neigen würde. Er war gerade im Süden des Landes gewesen um einem Mister Odgen um eine Erinnerung zu erleichtern, als ihn Severus‘ und Hagrids Eulen gleichzeitig erreicht hatten. Vier Schockzauber direkt in die Brust. Vier! Er war sofort aufgebrochen, hatte alles stehen und liegen lassen, bleich und bangend. Das Porträt von Dilys Derwent, das ihm in Eingangsbereich einen schönen guten Morgen hinterhergerufen hatte, hatte er nicht einmal zurückgegrüßt. Sofort war er die Treppen emporgestiegen, vierter Stock, Fluchschäden, Station Row Klyde: Intensivbehandlung. Wie ging es ihr? Schwebte sie zwischen den Welten? Würde der Seidenfaden reißen? Vier Schockzauber waren kein Pappenstil.

„Sie ist außer Lebensgefahr“, hatte der Heiler ihm beschwichtigend erklärt und damit die schlimmste seiner Sorgen genommen. Er war 115 Jahre alt. In seinem langen Leben hatte er schon viele Menschen gehen sehen, einige davon mit eigenen Augen. Er wusste, dass der Tod zum Leben gehörte, dass er nur der Aufbruch ins nächste Abenteuer war. Als er Grindelwald entgegengetreten war, war er sich der Möglichkeit zu sterben voll bewusst gewesen und hatte sie aus ebenso vollem Herzen akzeptiert. Doch wenn der Schnitter am Bett geliebter Menschen lauerte, versagte all seine Weisheit und er war stets wieder jener Junge, der sich nächtelang um seine Familie die Augen ausweinte und seinen Schmerz ins Kissen schrie. Im Krankenzimmer war es still und dunkel gewesen. Nur ein weiterer Patient hatte in einem Bett am anderen Ende des Zimmers gelegen. Doch Albus hatte keinen Acht auf ihn gehabt. Da war sie: der starre Leib von einem Konkon aus flirrenden Zaubern geschlossen; Energie, die auf ihren Körper einwirkte, die Lebenskräfte nach und nach auffüllte, so viel verstand er von Heilzaubern. Es war ein Stich ganz tief im Herzen; etwas, das ihm die Kehle zuschnürte. Wie sie so dalag….Vorsichtig bedacht, kein Geräusch zu machen, hatte Albus sich zu ihr gesetzt, zärtlich seine Hand auf die ihre gelegt, während die flirrenden Zauber auf seiner Haut kribbelten.

„Minerva“, hatte er sein engster Freundin, seiner treuesten Gefährtin zugehaucht, die Stimme schwer von all seiner freundschaftlichen Liebe zu ihr und all seiner Sorge. Ihre Lider hatten geflattert.

„Albus“, hatte sie geantwortet, ein Hauch nur von Worten und auf ihren Lippen war ein zaghaftes Lächeln erschienen. Doch dann überkam sie wieder der flache Atem des Schlafs.

„Die Phasen, in denen sie bei Bewusstsein ist, sind noch sehr kurz“, hatte der Heiler erklärt und Albus hatte zum Zeichen des Verständnisses genickt. Bis zum Ende der Besuchszeit war er geblieben, hatte ihre Hand gehalten, von den Erfolgen seiner Reise erzählt.

Nun war sie wieder allein und er stand verloren im Korridor des St. Mungo Hospitals.

„Sie wird es schon schaffen!“, rief ihm aus der Ferne der Heiler zu, der ihn zufällig bemerkte. Albus nickte abermals und wandte sich dem Fenster zu. Im Innenhof erstrahlte das Grün des Baumes.  

„Hoffentlich“, sprach Albus leise.

Überraschung; Myrthes Klo; Zukunft

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Hermine huschte. Hermine flitze. Hermine schlich sich ganz leise hinein in die Myrthes Toilette, dort wo in der hintersten Kabine der Vielsafttrank brodelte. So war es die letzten zwei Tage gewesen und immer war es gut gegangen. Sie hatte alle Zutaten aus Snapes Büro stibitzt ohne erwischt zu werden. Sie hatte mit Lockharts Unterschrift das Buch aus der Verbotenen Abteilung besorgt. Sie das Rezept gründlich durchgelesen und Farbe und Geruch bisher bilderbuchreif hinbekommen. Alles lief wie am Schnürchen und doch hatte Hermine heute das Gefühl, dass irgendetwas etwas nicht stimmte. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Rücken aus als sie den Flur zum unbenutzten Mädchenklo hinabging. Ihr war als würde sie beobachtet, als brenne sich ein Paar scharfer Augen direkt in ihren Nacken. Schnell huschte Hermine in die Toilette, weiter in die Kabine und schlug die Tür hinter sich zu. Ihr Puls raste. Doch dann atmete sie tief durch und machte sich an die Arbeit. Die Ruhe währte nicht lange.

Plötzlich knarrte die Tür des Mädchenklos. Und da, da waren Schritte zu hören! Waren das Harry und Ron, die kamen um ihr zu assistieren? In freudiger Erwartung riss Hermine die Kabinentüre auf, bereit ihre Freunde zu begrüßen und erstarrte zur Salzsäule. Damit hatte sie nicht gerechnet! Mitten in Myrthes Klo stand ein Mann. Ein grimmiges, bleiches Gesicht, hinter schwarzem, fettigem Haar. Niemand Geringeres als Professor Snape.

„Ah, sieh mal an, wen haben wir denn da?“, sprach er kalt, „Die junge Miss Granger! Darf ich erfahren, was sie hier treiben? Diese Toilette ist seit vielen Jahren gesperrt und liegt nur rein zufälliger in direkter Nähe zum Korridor, in dem die versteinerte Mrs. Norris aufgefunden wurde.“

Hermine sah auf und spürte wie ihr ein Kloß im Hals anschwoll. Snapes Blicke aus den schwarzen Augen schienen sie regelrecht zu durchbohren.

„Ich - ich -“, stammelte sie zu überrascht, um ein klares Wort herauszubringen. Reiß dich zusammen, sprach sie sich im Geiste zu. Sie brauchte eine gute Ausrede, die ganze Zukunft ihres Vorhabens hing davon ab. Snape durfte nicht herausfinden, was sie hier braute, „ich lerne“.

„Sie lernen also?! Wirklich interessant!“, höhnte Snape, „Lüg mich nicht an, Mädchen. Ich weiß, dass du neulich in meinen Vorratsschrank eingebrochen bist. Wollen wir doch mal sehen, was sich hinter dieser Kabinentüre verbirgt.“ Und mit diesen Worten trat er auf sie zu und griff nach dem Türknopf.   

Hermine hatte keine Wahl, sie musste ihn gewähren lassen. Gleichzeitig durfte sie nicht zulassen, dass er ihr Geheimnis aufdeckte, denn dann wäre alles verloren. Die Aufregung trieb ihr den Schweiß aus allen Poren, da hatte sie plötzlich eine Idee. Eine Idee, die die Arbeit von zwei Tagen ruinieren würde, doch Hermine blieb nichts anderes übrig. Genau in jener Sekunde als Snape die Tür aufriss, zog sie den Zauberstab.

„Evanesco Flammen, Evanesco Sud“, flüsterte Hermine, zu leise für seine Ohren, doch laut genug für die Magie. Das Feuer und der Zaubertrank, sie lösten sich auf im Nichts. Auf dem Boden blieben nur noch ihre Bücher, der Kessel und die Ledertasche liegen.

„Hier ist immer ruhig, ruhiger als in der Bibliothek, weil nie jemand reinkommt. So kann man am besten lernen“, erklärte Hermine mit Unschuldsmiene. Snape presste die Lippen zusammen und verzog das Gesicht.

„Fünfzehn Punkte Abzug für Gryffindor! Die Bücher unserer Schulbücherei gehören nicht auf den Boden einer Klokabine, Granger. Sehen Sie zu, dass Sie Ihre Sachen packen und von hier verschwinden“, raunte er, machte auf dem Absatz kehrt und rauschte davon.

Als die Tür der Mädchentoilette ins Schloss fiel, ließ sich Hermine an der Kabinenwand hinab gleiten und atmete tief durch. Da hörte sie auf einmal das Kichern eines anderen Mädchens und über ihr erschien die durscheinende Gestalt eines Geistes.  

„Das war knapp gewesen, wirklich knapp“, säuselte die Maulende Myrthe und Hermine nickte.

„Ja“, gab sie zu und betrachtete nachdenklich den Kessel. Sie musste vorsichtiger sein, besser aufpassen. Das ganze Gelingen ihrer Mission hing davon ab, dass niemand ihr Geheimnis entlarvte. Solch eine böse Überraschung durfte es nie wieder geben. Die Zukunft lag in ihren Händen. Und Hermine würde dafür sorgen, dass diese Geschichte ein gutes Ende nahm. Mit festem Willen griff sie den Kessel, füllte ihn mit Quellwasser aus einer Flasche in ihrer Tasche und begann ihr Werk von Neuem.

Ehrgeiz; Ministerium; Waffe

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Sie würden es schaffen, ganz gewiss. Sie mussten es einfach. Kein Krieg duldete Zweifel, kein Krieg duldete ein Vielleicht. Diese Schlacht würden sie entscheiden. Ihre Ziele waren klar, ihr Wille stark. Sie zogen es durch. Hart und eisern kannten sie weder Angst noch Zweifel, weder Hunger noch Schlaf.

Remus reckte seine Schnauze in die Londoner Luft, schnüffelte und spähte. Der Abend hatte eine angenehme Abkühlung von der Sommerhitze gebracht. Seine Sinne aber liefen noch immer auf Hochtouren, liefen sich heiß. Zum Glück braute Severus wieder den Wolfsbanntrank für ihn, so dass er in dieser Nacht nicht den Verstand verlor, zumindest nicht des Vollmonds wegen. Jede Faser angespannt, Augen und Ohren geschärft, durchstreifte er die Gassen und Gässchen rund ums Ministerium, registrierte jeden Schatten, jedes Rascheln der Bäume, jeden Flügelschlag einer aufgeschreckten Taube. „Immer wachsam!“, war Moodys Leitspruch. Und Remus war es. Denn er kannte nur ein Ziel, das ihn anpeitschte wie eine Gerte: Voldemorts Pläne durchkreuzen. Er durfte es nicht zulassen, dass der Dunkle Lord sich besorgte, was Sirius vor Harry so treffend als Waffe bezeichnet hatte, auch wenn der Gegenstand im Zweikampf unnütz war. Er würde es vereiteln, mit aller Macht. Dass der größte dunkle Magier es in die Hand bekäme, war… undenkbar. Und darum pirschte er durch die Nacht, bereit zu kämpfen, wenn es darauf ankäme. Nur einen Augenblick lang, einen einzigen, hielt Remus inne, betrachtete das Firmament. Wie lang war es noch hin bis zur Dämmerung, dem Ende seiner Schicht hier draußen? Wie es seiner Ablösung wohl grade ging? Sein Fell sträubte sich für eine Sekunde als ihm bewusst wurde, dass er allein war. Doch erstickte Remus den Gedanken schon im Keim. Die Pflicht rief. Einsam zog er seine Runden fort.

Einsam verharrte Minerva auf ihrem Posten. Stocksteif, mucksmäuschenstill, nicht eine Regung ging durch ihren Körper. Es schien als wäre sie zu Stein erstarrt, nicht zum ersten Mal. Vor langer Zeit hatte sie einen ganzen Tag auf einer Mauer verbracht, statuengleich. Doch war es damals eine Katzenstatue gewesen und nun die Statue einer Frau, verborgen unter einem Tarnumhang. Der Korridor vor Mysteriumsabteilung war ruhig und menschenleer. Keine Schritte auf dem Marmor, keine Stimmen, nicht einmal ein Lufthauch. Minerva schmerzte das Kreuz, doch rührte sie sich nicht einen Millimeter vom Fleck. Hinter ihr lag die Halle voller Glaskugeln. Hinter ihr lag die Waffe, die Voldemort begehrte und sie war die Torwächterin, die ihn nicht hindurch lassen würde. Er konnte jederzeit aus dem Nichts erscheinen, sie musste stets kampfbereit sein. Darin hatte Alastor Recht. Und Minerva schwor sich verbissen, dass sie es sein würde. Harry war ihr Schüler, sie war für den Jungen verantwortlich. Mit Albus‘ Anhängern, mit seinen Freunden, hatte Voldemort sich die falschen Gegner ausgewählt. Sie war eine hervorragende Duellantin und konnte drei Patroni auf einmal beschwören, um die Verbündeten herbeizurufen. Wie viel Uhr es wohl war? Der Schichtwechsel war für den Sonnenaufgang angesetzt. Hoffentlich ging es Remus gut da draußen. Hoffentlich erlebte auch sie keine böse Überraschung. Doch Minerva gestatte sich keine Sorge. Ihre Aufgabe verlangte volle Aufmerksamkeit und sie war wild entschlossen, die Pforte zu verteidigen, die ihr anvertraut war. Die Pforte zu Trelawneys Prophezeiung.

Irgendwo auf der Schwelle, zwischen Nacht und Tag, trafen sie sich. Mond und Sonne stritten darum, wessen Licht die Welt erhellen sollte. In der Gasse selbst, dem versteckten Treffpunkt, lag Finsternis. Der Wolf verwandelte sich, wurde wieder zum Mann. Die Frau änderte ihre Gestalt, war fortan eine Katze. Von einer Hand zu Hand wanderte, fast unsichtbar, der Tarnumhang, gleich einer übergegeben Standarte. Der Staffellauf begann von Neuem.

Bevor die Wege sich trennten, an der Kreuzung mit der Telefonzelle, warfen sie sich einen letzten Blick zu. Was immer auch darin für eine Sekunde vorsichtig und verschämt aufflackerte – Erschöpfung, Zweifel, Hunger und Angst – es fand den Weg zu den Lippen nicht. 

„Viel Glück!“, wünschten sie einander und schwiegen, wortkarg und vielsagend. Dann zogen sie davon, fest im Willen, eisern und zäh. Ehrgeiz glühte in ihren Adern, Ehrgeiz den Feind zu besiegen, würde er es wagen, ihnen gegenüberzutreten. Der Geist des Kampfes.

Sie würden es schaffen, ganz gewiss. Sie mussten es einfach. Kein Krieg duldete Zweifel, kein Krieg duldete ein Vielleicht. Diese Schlacht würden sie entscheiden. Der Orden des Phönix, er war bereit!

Tapferkeit; Hagrids Hütte; Geheimnis

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„Psst, Fang!“, zischte Hermine und blickte mahnend auf den Hund herab, der ihr leise knurrend folgte. Die Tür knarrte, Wärme strömte ihr entgegen. Doch Hermine war allein. Allein in Hagrids Hütte, dem besten Versteck für ihr Vorhaben. Einmal noch sah Hermine aus den Fenstern, warf einen scharfen Blick in jede Richtung, dann schloss sie die Tür mit einem Colloportus. Während Fang es sich im Körbchen gemütlich machte, zog sie mit zittrigen Fingern das dünne Goldkettchen hervor. So oft sie diese Reise schon gemacht hatte, blieb sie immer ein Risiko. Heute hatte Hermine Glück gehabt. Als Hagrid die Stunde überzog, befürchtete sie schon, die Schüler würden alle zur nächsten Stunde eilen, so dass es auffiel, wenn sie sich absetze. Doch als Fang ungeduldig wurde, hatte Hermine sich freiwillig gemeldet, ihn zurückzubringen. Es war ihre Chance! Hier würde niemand hinter ihr Geheimnis kommen. Schon schlossen sich ihre Finger um die Sanduhr. Doch plötzlich…KNARR! Die Hüttentür flog auf. Erschrocken ließ Hermine los und drehte sich im Reflex um. Professor Lupin stand im Türrahmen und sah sie überrascht an.

„Oh, guten Tag, Miss Granger. Ich wollte eigentlich zu Professor Hagrid, wegen der Erk-…“

Sein Blick fiel auf den Zeitumkehrer. Mit einem Mal weiteten sich seine Augen. Hermines Herz jedoch sank in ihre Kniestrümpfe. Er hatte ihn gesehen. Jetzt war alles aus! Ihre Hauslehrerin hatte ihr erklärt, dass nicht das ganze Kollegium, sondern nur sie, der Schulleiter und die Lehrer der Wahlfächer davon wussten. Verteidigung gegen die Dunklen Künste gehörte nicht dazu.

„Ist… ist das ein Zeitumkehrer?!“, fragte Professor Lupin verdutzt. Hermine sah ihn an, das Gesicht vermutlich kalkweiß, so sehr kalt waren ihre Wangen. Sie hätte verschämt zu Boden blicken, sie hätte lügen können. Doch Hermine schluckte nur, sammelte ihren Mut und sah ihm tapfer in die Augen.

„Ja“, gestand sie geradewegs, so ruhig wie sie nur konnte. Für eine Sekunde herrschte Stille im Raum. Professor Lupin runzelte die Stirn, Hermine holte tief Luft.

„Ich habe ihn mit Erlaubnis des Ministeriums und Professor Dumbledores von Professor McGongagall bekommt, damit ich alle Wahlfächer belegen konnte. Es hätte sonst zeitlich nicht geklappt. Sie können sie fragen, es ist die Wahrheit“, gestand Hermine in rasender Geschwindigkeit. Einen Augenblick lang musterte Professor Lupin sie noch, dann lächelte er.

„Sie sind eine wirklich tapfere Schülerin, Miss Granger, so viel zu lernen“, erwiderte er und Hermine traute ihren Ohren nicht.

„Sie werden mich doch nicht verraten, oder Sir?“, fragte sie unsicher. Professor Lupin schüttelte den Kopf und blickte zum Kamin. Bildete Hermine sich das ein oder lag ein Hauch von Schwermut in seinem Blick?

„Nein, Miss Granger, Sie können sich auf mein Stillschweigen verlassen. Wir haben alle unsere kleinen oder auch größeren Geheimnisse“, antwortete er und seine Stimme war schwer von Traurigkeit. Wieder war es still im Zimmer und so gedrückt als würden dunkle Wolken am Himmel aufziehen und der Regen gegen die Scheiben prasseln.

„Ich weiß“, antwortete Hermine schwer. Sie hatte Snapes Vertretungsstunden mit der Mondkarte verglichen, „Ich weiß, wer sie sind, was sie sind. Sie sind ein Werwolf.“

„Aber ich verurteile sie nicht und sag’s auch keinem“, fügte sie hastig hinzu.

Professor Lupin wandte sich wieder zu ihr um. An seiner Stelle wäre ihr jede Farbe aus dem Gesicht gewichen, wären ihr alle Züge entglitten und kein Wort über die Lippen gekommen. Doch auf Professor traf nichts davon zu. Höchstens war er ein bisschen blasser geworden.

„Ja, das ist wahr“, gestand er, vollkommen ruhig, ja er lächelte sogar, obwohl seine Augen noch dunkel und trist wie Regenwetter wahren, „Sie sind wahrlich die klügste, junge Hexe, die ich kenne, dass Sie das durchschaut haben. Wie haben Sie es herausgefunden?“

„Der Mondkalender, Snapes Vertretungsstunden“, erklärte Hermine, von seiner Ruhe völlig überrascht.

„Ah, verstehe“, entgegnete Professor Lupin, „Professor Snape braut mir jeden Monat einen Trank, der verhindert, dass ich den Verstand verliere, wenn… wenn ich mich verwandele. Nun, ich denke, ich sollte langsam nach Professor Hagrid suchen. Einen schönen Tag Ihnen, Miss Granger.“

Noch einmal schenkte er ihr ein Lächeln, dann war er an der Tür und verschwand. Noch immer verdutzt sah Hermine ihm nach, bis seine Silhouette in den Schatten des Verbotenen Waldes verschwand. Tapfer hatte er sie genannt. Doch das stimmte nicht. Nicht sie war tapfer. Er war es!

Schlossgründe; Schock; Suche

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Sie suchten nach ihm! Severus hatte es ein Jahr lang gewusst, seitdem er Narzissa unter Bellatrix‘ Zauberstab die Hand gereicht hatte. Doch wirklich begriff er es erst in diesem Moment als er mit Draco im Schlepptau die Schlossgründe hinab rannte und der Aschengeruch ihm in die Nase stieg. Der Aschengeruch von Hagrids Hütte, die diese Wahnsinnige in Brand gesetzt hatte. Potter und seine Freunde, die Kollegen, der Phönixorden‘. All die einstigen Verbündeten - von einer Sekunde auf die Anderen war er für sie zum größten Feind geworden. Flucht! Severus floh, floh vor seinem eigenen Zuhause. Seine Lungen wollten bersten, der Qualm brannte in seinen Augen. Hinter sich hörte er Stimmen. Potter schrie, dass er stehen bleiben, dass er kämpfen solle. Doch es waren nicht seine Verfolger, die Severus den kalten Schweiß auf Stirn trieben, die seinen Puls zum Rasen brachten, die seine Kehle zuschnürten. Es waren die Bilder vom Astronomieturm, eingebrannt in seine Netzhaut, eingebrannt in seinen Kopf und doch so fern, so wirklich, dass sie nicht wahr sein konnten, nicht wahr sein durften. Bei Merlins Bart: Was hatte er getan?! Noch immer sah er vor sich die brechenden Augen, jene blauen Augen hinter der Halbmondbrille, in denen das Lebenslicht erlosch. Diese Augen, die als einzige auf der Welt seine Okklumentik überwinden konnten. Diese blauen Augen, die er so oft voll Verzweiflung gesucht hatte und darin stets ein schelmisches Funkeln, eine gütige Wärme oder den Glanz der Weisheit vorgefunden hatte. Dass diese Augen nie mehr leuchten sollten! Dass die Halbmondbrille zersplittert am Boden lag. Nein! Nein, er durfte nicht daran denken. Die Bilder drohten jede Faser zu betäuben, ihm den Verstand zu rauben. Der Schock lähmte ihn, zehrte all seine Kräfte auf. Kräfte, die er brauchte um diesen Krieg zu seinem Ende zu führen, um den Dunklen Lord aus dem inneren Kreis heraus zu besiegen. Doch wie sollte man vergessen? Wie konnte man vergessen, wenn man zum zweiten Mal zum Mörder geworden war, ohne es zu wollen?

Wenn an den eigenen Fingern das Blut der wenigen Menschen klebte, der einem etwas bedeuteten?   Severus war als liefe er doch einen Alptraum. Als müsste nur jede Sekunde sein Wecker schellen, ihn aus dem Schlaf reißen. Doch das Schellen schwieg. Nur der Phönix sang und sang als schrie er wie ein Jobberknoll den letzten Hauch seines Lebens aus. Die Melodie drang Severus tief ins Herz. Sie war wie ein letzter Abschiedsgruß und vielleicht der einzige Zaubertrank, der ihn noch aufrecht hielt. Erinnerung stiegen in Severus empor. So viele Worte, die stets wie Balsam für seine gepeinigte Seele gewesen waren, obwohl er es nie zugegeben hatte. So viele widerliche Brausedrops, die ihm plötzlich bitter fehlten. Nie hatte Severus mehr gespürt, wie sehr er ihn brauchte als in dieser Sekunde.

Warum tust du mir das an, Albus?, fragte Severus stumm und antwortlos.  

Es war sein Flehen gewesen. Ohne dieses Flehen hätte er den Fluch nicht über sich gebracht. Er hätte den Zauberstab sinken lassen und wäre am Bruch des Unbrechbaren Schwurs gestorben. Albus hatte es gewusst. Er hatte nicht um sein eigenes Leben gefleht, sondern um das seine, um Severus‘. Es trieb ihm fast die Tränen in die Augen. Wieder wie vor so vielen Jahren fühlte er sich als sei ein Teil seiner Selbst mit dem Anderen gestorben. Lily hatte er über alles geliebt. Und Albus? Er wagte kaum es sich einzugestehen, geschweige denn es auszusprechen. Doch war Albus für ihn mehr Vater gewesen als es Tobias je hätte sein können. Severus wusste, er konnte nicht fliehen. Soweit ihn seine Füße trugen, die Bilder würden immer bei ihm, in ihm sein. Sie würden ihn in den Nächten verfolgen und vielleicht auch bei Tag. Dies war der Preis für ihre Mission. Den Preis, den er willens war zu zahlen, auch wenn das Opfer grausam war. Feigling nannte Potter ihm, trieb ihm den Dolch noch tiefer in die Brust, so dass Severus kurzzeitig die Kontrolle verlor ehe der Hippogreif ihn wieder zur Besinnung brachte.

Sie jagten ihn! Die Suche hatte begonnen. Eine Nacht nur hatte ihn gleich nach dem Dunklen Lord zum Staatsfeind Nummer Eins gemacht. Doch die wahren Jäger trugen keine Zauberstäbe

„Bitte“, flehte Albus und die Augen durchbohrten Severus. Durchbohrten ihn an für alle Zeit.

Einsamkeit; Qualität für Quidditch; Strumpfband

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Allein, völlig allein. Hermine blickte durch die Scheiben hinaus in die Wolken über den Dächern, aufs leere Pflaster der Gasse, den fallenden Nieselregen. Alles Grau in Grau, draußen und in ihr. Es war richtig gewesen, die Sonderrechte für volljährige Schüler zu nutzen und an diesem Samstagmorgen hierher zu kommen. Der Krieg hielt die Menschen von der Winkelgasse fern, so wie sie gehofft hatte. Einsamkeit. Sie hatte die Einsamkeit gesucht, fern von allen, die sie kannte. Das Regenwetter spiegelte sich in ihren Tränen, die ungeniert rannen. Sie mochte nicht an Hogwarts denken. Vergebens. Er war immer in ihren Gedanken. Warum sah er sie denn nicht? Hatte es nicht gereicht, dass sie vor zwei Jahren Ewigkeiten darauf gewartet hatte, dass er sie zum Weihnachtsball ausführen würde, solange bis sie aufgeben und Krums Einladung angenommen hatte? Merkte er nicht, wie sehr er sie verletzte? Merkte er denn nicht, dass sie mehr für ihn empfand als Freundschaft?! Wie konnte er nur mit Lavender anbandeln?! Won-won hier, Won-won da. Hermine konnte es nicht mehr hören, die zwei nicht mehr zusammen sehen. Sie konnte es nicht ertragen. In ihrer Robentasche lag das Strumpfband. Das Strumpfband, das sie im Gemeinschaftsraum verloren hatte, nachdem sie ihm auf den Schoß geklettert war und er sie an den Beinen gestreichelt hatte. Gestreichelt. Hermine knüllte es zusammen. Zerreißen wollte sie es in ihrer Wut. Dann atmete sie tief durch, ließ es los und wandte sich vom Fenster ab, um ihre einsame Bummelei durch den Laden fortzusetzen. Quaffel, Trikots, Pokale schoben sich in ihr Blickfeld, ohne dass Hermine sie wirklich wahrnahm. Sie wusste nicht, warum es sie gerade hier her verschlagen hatte. Vielleicht weil Quidditch sie an ihn erinnerte, wie er da auf dem Besen vor seinen Ringen schwebte, die roten Haare im Wind. Vielleicht, weil es sie zurückdenken ließ an letztes Jahr, als er solche Panik gehabt hatte und sie sein Selbstbewusstsein wieder aufgebaut hatte. Vielleicht weil sie sich selbst gerne quälte mit der Erinnerung. Hermine wusste es nicht. Sie fühlte sich nur einsam; unendlich einsam, verlassen, verstoßen, allein. Niemand litt so wie sie. Niemand kannte diesen Schmerz. Vielleicht war sie der letzte Mensch auf der Welt. Vielleicht… plötzlich hielt Hermine inne. Dort hinten, dieses schottenkarierte Schultertuch kannte sie doch. Und die Stimme, die Stimme, die gerade mit dem Ladenbesitzer über einen Mengenrabatt für Goldener Schnatze verhandelte.

„Professor McGonagall?“, rief Hermine verdutzt.

Ihre Hauslehrerin wandte sich um und wirkte nicht weniger überrascht als sie.

„Miss Granger! Was machen Sie denn hier?“

„Ich wollte mich über Rennbesen informieren“, log Hermine.

Plötzlich herrschte Schweigen. Am Blick ihrer Lehrerin erkannte sie, dass McGonagall ihre Tränen bemerkt hatte.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte sie und kam auf Hermine zu. Schnell wandte Hermine sich ab und starrte eine Ansammlung von Torringen für den Hausgebrauch an.

„Es… es ist nichts“, keuchte sie, verschweigend, dass nichts mit Vornamen Ron hieß.

Noch immer spürte sie McGonagalls Blick im Nacken, dann plötzlich ein Seufzen.

„Ach Mädchen“, erwiderte die Hexe, ungewohnt sanftmütig, „Wenn er nicht erkennt, was er an Ihnen hat, ist er der Tränen nicht wert.“

Verwundert wandte Hermine sich ihr wieder zu: „Woher wissen Sie…“

McGonagall lächelte leise. „Glauben Sie, ich war nie jung?“

Als Hermine sie ratlos anblickte wurde ihre Hauslehrerin wieder ernst.

„Ihre kleine Dreiecksgeschichte ist im Unterricht ja kaum zu übersehen und Sie an diesem Ort…“

Hermine, die es als Rüge auffasste, wollte sich rechtfertigen, doch Professor McGonagall gebot ihr Schweigen.

„Schon in Ordnung. Einmal im Leben müssen wir da alle durch. Und glauben Sie mir, Miss Granger: Bisher hat es jeder überlebt. Hier, nehmen Sie fürs Erste das.“

Professor McGonagall reichte ihr ein Taschentuch und einen Ingwerkeks. Hermine bedankte sich leise und nahm sie an sich.

„Und nun versprechen Sie mir, Miss Granger, dass Sie tapfer sein werden. Vergessen Sie nicht, Sie sind eine Schülerin meines Hauses. Ich erwarte, dass die Tugenden Gryffindors hochgehalten werden“.

„Ich werde es versuchen“, erklärte Hermine zögerlich und blickte in ein stummes Lächeln. 

„Gut, dann bis heute Abend“, verabschiedete McGonagall sich, nahm ihre Schnatze und verließ den Laden.

Eine Weile sah Hermine ihr durchs Fenster nach. Dass ihre Lehrerin sie verstand, nahm ihr nicht den Schmerz, doch war es ein Trost. Vielleicht war sie doch nicht völlig allein.

Schmerz, Heulende Hütte, Versprechen

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„Versprechen Sie es, Professor Dumbledore?“

Die Augen des Jungen blickten Albus an - herzzerreißend. Sein Flehen, die schwache Stimme verlor sich fast in der Weite des Raums, der doch so schmal gebaut war. Striemen, rote Striemen zeichneten sich auf den Ärmeln des Nachthemds des Jungen ab. Noch waren sie feucht, nicht verkrustet, nicht vernarbt. Die Dielenbretter waren gesprungen, die Vase auf dem alten Tisch auf dem Boden zerbrochen. Doch wusste Albus, dass es keine Holzschiffern und keine Glasscherben waren, die Remus Lupin diese Wunden zugefügt hatten. In seinem Gesicht stand noch immer der Schmerz geschrieben. Der Schmerz in seinen Gliedern, der Schmerz in seiner Seele. Albus atmete schwer. Diese Augen, diese Stimme erinnerten ihn zu sehr an seinen Frevel. Zerbrechlich wie Glas war ihm einst ein Mädchen anvertraut gewesen. Ein Mädchen, für das sich seine Eltern geopfert hatten und er hatte es im Taumel einer ersten Liebe auf den Boden geworfen, wo es zerbrach. Ariana. Arianas Geist streckte die bleichen Finger aus, legte ihm einen Stein aufs Herz. Doch Remus Lupin war noch jünger als sie. Dieses Kind hier war erst elf Jahre alt. Elf und schon mit solch einem entsetzlichen Fluch gestraft. Könnte Albus ihm das Leiden nehmen, er würde es tun. Doch mochte ihm das Mitleid auch die Tränen in die Augen treiben, seine Hände waren gebunden. Er hatte getan, was er für den Jungen tun konnte. Er hatte Remus nach Hogwarts geholt. Doch diese Tat ging mit Verantwortung einher. Erst jetzt wurde Albus wirklich bewusst, wie sehr der Junge an seinem Schicksal trug. Worum er ihn bat, war ein Wunder. Nichts in dieser Zeit, in der sie lebten, konnte es vollbringen. Und er war alt. Er wusste nicht, was die Zukunft bringen würde, ob er sie noch erlebte. Einen Augenblick überlegte Albus, dann war seine Entscheidung gefällt. 

„Ich verspreche es dir, Remus!“

Remus fiel ein Stein vom Herzen. Die Worte des Schulleiters gingen wie ein erster Lichtstrahl durch die Dunkelheit der Heulenden Hütte, die für nur ihn gebaut worden war. Sie waren ein Diffindo für die Fesseln um seinen Kopf; für die Gedanken, die ihn den ganzen Morgen über quälten, seitdem er sich zurückverwandelt hatte. Seine Arme brannten, juckten und stachen von Schmerz. Von den Krallen, die das eigene Fell blutig gekratzt hatten und von dem Maul, das den eigenen Pelz gebissen hatte, waren tiefe Wunden auf seinen Unterarmen geblieben. Noch immer verzog Remus das Gesicht, noch immer krümmte er sich, weil alle Glieder schmerzten, als er lächeln wollte. Doch er lächelte. Ein schiefes, gequältes Lächeln vielleicht, doch ein Lächeln voller Hoffnung. Das Versprechen des Schulleiters war wie ein Silberstreif am Horizont. Und die Schmerzen taten ein bisschen weniger weh. Zumindest stachen sie nicht mehr in seiner Seele. Remus hatte lange überlegt, ob er den großen Albus Dumbledore um diesen Gefallen bitten durfte. Doch er wusste nicht, wen er sonst darauf hätte ansprechen können, wem er sonst dieses Geheimnis und seinen innigsten, verzweifelsten Wunsch anvertrauen könnte. Sein Vater hatte ihm einmal am Küchentisch erklärt, dass sie alles schon versucht hätten, es aber keine Hoffnung für ihn gäbe. Und damit war das Thema für ihn erledigt gewesen. Doch Remus wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Denn Hoffnung allein hielt ihn aufrecht. Und wenn ein Mensch Hoffnung für ihn war, dann war es Albus Dumbledore. Ein Wunder hatte er schon gewirkt und ihn nach Hogwarts gebracht. Leise hauchte Remus Danke, verabschiedete den Schulleiter, das Herz übervoll von Freude und Dankbarkeit. Dann schloss er noch einmal die Augen, sank in einem heilsamen Schlaf, ehe die nette Heilerin aus dem Krankenflügel ihn holen würde. Langsam, ganz langsam, wich von Remus der Schmerz.  

 

An den Wänden aber hallten noch immer wie ein stilles Echo die Worte wider.

„Wie war deine erste Vollmondnacht?“, fragte Dumbledore und blickte auf seinen Schüler hinab. Remus räkelte sich verschlafen und schmerzerfüllt. 

„Es ging“, sagte er und biss sich auf die Lippen, „Darf ich Sie etwas fragen, Sir?“

Dumbledore nickte, seine Stirn in Sorgenfalten gelegt.

„Wenn es irgendwann einen Heiltrank für mich gibt, werden Sie ihn mir geben?“

„Das ist eine große Bitte. Noch ist nichts über eine solche Medizin bekannt. Aber ich werde sehen, was sich tun lässt.“

„Versprechen Sie es, Professor Dumbledore?“

„Ich verspreche es dir, Remus!“

Belustigung, Verbotener Wald, Erbstück

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Minerva schimpfte leise in sich hinein – fauchend und maunzend. Worte, die in einer anderen  Sprache ein Fluch auf Merlins Bart hätten gewesen sein können. Doch es war keine Katze hier, um ihr Miauen zu vernehmen, geschweige denn irgendeine Menschenseele. Nur die schattig grüne Dunkelheit der Bäume, die ihre Kronen über ihr zu immer dichteren Baldachinen verschränkten. Schlingpflanzen wanden sich um ihre Beine, brachten sie wieder und wieder ins Taumeln. Dornen und Steine bohrten sich in ihre Pfoten. Selten berührten ihre Tatzen weiches Moos. Zweifelsohne war dieser Ort ein Urwald, der seinesgleichen suchte. Doch das war nicht der Grund, warum Minerva heimlich fluchte. Wer einen ganzen Tag lang stocksteif auf einer Mauer ausharren konnte, dem machte auch das Gestrüpp des Verbotenen Waldes nichts aus. Nein, ihr Ärger galt ihr selbst. Wie nur hatte ausgerechnet ihr dieses Missgeschick passieren können, wo sie sonst doch so gewissenhaft war?! Es war dumm gewesen, Albus die Wirkweise des kostbaren Familienschatzes auf einem Sparziergang zu erklären und mitten in der Wildnis zu erörtern, ob so den versteinerten Schülern zu helfen war. Nun warteten er und Poppy im Schulleiterbüro, während sie sich ihrer Unachtsamkeit wegen die Pfoten krummtrat. Aufmerksam ließ Minerva ihren geschärften Blick über den Boden schweifen. Doch auch ihre feineren, tierischen Sinne erspähten nirgendwo ein verräterisches Goldschimmern. Könnte sie nur einen Accio anwenden! Doch das Erbstück war gegen solche Zauber geschützt. Es würde die fragile Magie darin durcheinanderbringen, hatte ihre Großmutter einst erklärt. Verzweifelt wiegte Minerva den Kopf, dann verwandelte sie sich zurück in ihre Menschengestalt und lehnte sich für eine kleine Verschnaufpause gegen einen Baumstamm. Noch als sie Atem schöpfte, trat etwas in ihr Blickfeld, das ihre Aufmerksamkeit für kurze Zeit von der Suche abzog. Am Rande des Hains beugte sich ein Mann in einer schwarzen Robe über den Waldboden. Strähniges, schwarzes Haar fiel auf seine Schultern, während er mit einem Messer Morcheln aus der Erde stach. Spinnenartig schlossen sich die langen, bleichen Finger um die Pilze als er sie behutsam in Flakons einlegte. Severus! Severus, der Zaubertrankzutaten sammelte! Na, der hatte ihr gerade noch gefehlt! Minerva musste im Ärger einen Schritt nach hinten getreten sein, denn im nächsten Augenblick stolperte sie rückwärts und konnte sich im Sturz gerade noch fangen. Natürlich hatte das Knacken der Äste den Tränkemeister auf sie aufmerksam gemacht.

„Guten Abend, Frau Kollegin!“, begrüßte er sie und beugte sich mit einem höhnischen Grinsen, das seinen Spott verriet, über sie.

Heute war wirklich ihr Unglückstag! Doch Minerva verzog keine Miene. Sie musste ein jämmerliches Bild abgeben und fühlte sich beschämt. Aber das würde sie ihn gewiss nicht spüren lassen.

„Guten Tag, Se-“

Plötzlich sah sie es. Da, das Erbstück, direkt neben sich im Gebüsch: die goldene Kette, das Plättchen mit ihrem Namen und eingefasst in einen Glaskäfig der Stein.

Die Augen des Tränkemeisters weiteten sich als Minerva wieder auf die Beine kam und sich den Schatz, ihren Schatz, umlegte.

„Bei Merlin, das ist ja ein Allwasserwandler!“, bemerkte er, das Schmuckstück entgeistert anstarrend, die Augen glühend vor Gier, „Einer von vielleicht hundert weltweit. Sind sie darauf geeicht-“

„-Können sie gewöhnliches Wasser selbst in den kompliziertesten Zaubertrank verwandeln“, ergänzte Minerva, während ihr Kollege wieder aufblickte, „Vielen Dank für Ihre Erklärungen, Professor Snape. Meine Großmutter war mit Arsenius Bunsen bekannt.“

Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen als sie den Tränkemeister musterte. Es war gewiss keine Absicht, doch flackerte für einen Augenblick ein Hauch von Bewunderung über sein bleiches Gesicht. Wenn er wüsste, dass es nur eine Sommerromanze gewesen war...

„Und auf welchen Trank wandelt er?“, erklang im nächsten Moment seine ölige Stimme, hörbar um Fassung bemüht.

„Nun, eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht für Alraunen-Wiederbelebungstrank“, erklärte Minvera kühl, obwohl sie sich dessen keineswegs sicher war, „Entschuldigen Sie mich, Severus, aber Albus Dumbledore erwartet mich auf der Krankenstation.“

Der Kollege verzog das Gesicht während er knapp nickte.

„Grüßen Sie den Schulleiter von mir. Ich hoffe, er hat nicht vergessen, wer sein Tränkemeister ist“, raunte er, dann zog er mit abgehackten Schritten und in stillem Groll davon. Minerva sah ihm eine Weile lang nach und als er außer Hörreichweite war, schüttelte sie lachend und trunken vor Belustigung den Kopf. Severus‘ Gesicht zu sehen, wenn er in seinem eigenen Fachgebiet geschlagen wurde, war doch wahrlich jede Stolperjagd wert!

Rührung; Schulküche; Schachtel

~*~

Wütend kettete Hermine die letzten Maschen ab und warf ihr Strickzeug in den Koffer. Es war ungerecht, einfach nur ungerecht! Keinen Urlaub, keine Krankenversicherung, ja nicht einmal Lohn oder gar so etwas Selbstverständliches wie Kleidung. Sklavenarbeit! Nichts als Sklavenarbeit. Sklaven kochten ihr Essen, Sklaven fegten ihr Zimmer und niemand schien sich daran zu stören. Die Geschichte von Hogwarts schwieg sich aus. Das dunkelste Kapitel der Chronik, es wurde einfach unter den Tisch gekehrt. Und selbst Dumbledore, selbst er, unternahm nichts dagegen. Dabei besaß er als Schulleiter doch alle Macht, diese Gräuel zu beenden. Es war ein Skandal, eine Verschwörung. Doch am schlimmsten war, dass Hermine nichts dagegen tun konnte. Sie hatte es versucht, hatte B.ELFE.R gegründet und Elfenhüte im Gemeinschaftsraum verteilt, um die Sklaven zu befreien. Doch es hatte nur dazu geführt, dass niemand außer Dobby mehr den Gryffindorturm betrat. Die Sache war komplizierter als sie erwartet hatte. „Die Hauselfen wollen es doch so“, bogen sich die Zauberer die Sache zurecht wie es ihnen passte. Doch Hermine wusste es besser. Niemand bügelte sich gern die Hände, niemand schlief gerne in einem Küchenschrank. Gehirnwäsche war das, nichts als Gehirnwäsche. Und ihr waren die Hände gebunden. Nun ja, vielleicht nicht ganz. Nachdenklich betrachtete Hermine den Haufen Stricklappen am Boden. Kleidung nahmen sie nicht an, ebenso wenig wie Knuts, Sickel und Galleoen. Doch diese kleinen Helfer, die ihnen die Arbeit erleichtern würden, konnten sie nicht ablehnen. Schnell raffte Hermine die Lappen zusammen, warf sie in den Schuhkarton und schlug den Deckel zu. Sie hatte Ewigkeiten gebraucht, um die Zauber einzuweben, doch nun war ihr Geschenk fertig. Mit der Schachtel unter dem Arm stahl Hermine sich davon, folgte den richtungswechselnden Treppen bis hinab zur Schulküche. Ein seltsames Geräusch wie ein Schaben hinter der Wand ließ sie kurz aufmerken. Doch dann schüttelte sie den Kopf,  verdrängte das Geräusch und kitzelte wildentschlossen die Birne im Gemälde. Die Geheimtür hatte sich kaum aufgetan, da stürmte Hermine schon in die Schulküche – und prallte plötzlich mit voller Wucht gegen etwas Rotes. Aus den Augenwinkeln sah sie noch einen langen weißen Bart, eine Halbmondbrille und dahinter blaue Augen. Da fiel auch schon die Schachtel zu Boden. Die Stricklappen purzelten heraus und stürzten sich auf die Arbeit. Manche schäumten und schrubbten den Boden, die nächsten platschten in die Spüle und putzen Geschirr und wieder andere wischten ohne Unterlass die sauberen Teller und Tassen, Messer und Gabeln trocken. Die Hauselfen unterbrachen ihre Arbeit, standen wie begossene Pudel da und warfen einander ratlose Blicke zu.  

Dumbledore aber, in den Hermine hineingelaufen war, reagierte blitzschnell. „Finite incantatem“, rief er und all die Spülschwämme, Putzlappen und Küchenhandtücher fielen reglos zu Boden. Dann wandte er sich um zu ihr, Verwunderung in seinem Blick.

„Miss Granger, was machen Sie hier?“ 

Sklaventreiber, schoss es Hermine nur durch den Kopf. Der Zorn hatte die Überraschung besiegt und ließ sie jeglichen Respekt vor ihrem Schulleiter verlieren.

„Den Hauselfen Geschenke bringen, die sie bei der Arbeit entlasten. Es schert sich ja sonst keiner um ihr Schicksal“, gab sie patzig, trotzig zur Antwort und rechnete schon damit, dass er Gryffindor deswegen Hauspunkte abziehen würde. Doch was wirklich geschah, war jenseits aller Vorstellungskraft.

„Den Hauselfen Geschenke…“, wiederholte Dumbledore und in seinen Augen glitzerten auf einmal Tränen, „Das ist wahrlich ein gutes Werk. Ein Werk von dem es auf der Welt zu wenige gibt.“

Hermine starrte ihn an, völlig verwirrt von der plötzlichen Rührung.

„Ich sollte Ihnen erklären, warum ich hier bin, Miss Granger“, fuhr Dumbledore fort, „Ich habe soeben Dawl, einer alten Hauselfe, mitgeteilt, dass sie ihren Lebensabend in Hogwarts verbringen kann. Sie müssen wissen, die Hauselfen gehören der Schulbehörde und sind nur eine Leihgabe an Hogwarts. Immer wieder kommt es deswegen zu Problemen. Dawl ist fast blind und leidet an Gicht. Elfen wie ihr wird oft Kleidung gegeben und was dann aus ihnen wird…. Es war ein langer Kampf, sie in der Schule behalten zu dürfen.“

Hermine wurde auf einmal ganz still. Das hatte sie nicht gewusst!

„Besuchen Sie mich demnächst in meinem Büro, Miss Granger, dann erzähle ich Ihnen gern mehr“, lud Dumbledore sie ein.

Sie nickte und sah ihm lange nach als er sich verabschiedete. Vielleicht war er doch kein Sklaventreiber, sondern ein Verbündeter. Ihr einziger in einem verzweifelten Kampf.

Eifersucht; Olivander; Wunsch

~*~

Zauberstäbe über Zauberstäbe! Bis unter die Decke reichten die Regale, in denen sich ringsumher im kleinen, verstaubten Laden die länglichen Schachteln türmten. Doch Severus sah sie nicht. Er hatte nur Augen für sie. Für Lily, die ihn begleitet hatte und nun darauf wartete, dass auch er seinen Zauberstab für Hogwarts finden würde. Verstohlen warf Severus ihr einen Seitenblick zu, während ein fliegendes Maßband die Länge seiner Arme und sogar den Abstand seiner Nasenlöcher maß. Sein Herz machte einen Hüpfer, als sie ihm zulächelte, ein leichtes Rot auf ihren Wangen und Severus war ganz schummrig zumute. Gleich würde er seinen Zauberstab haben ihr zeigen, wie gut er damit umgehen konnte, dachte Severus noch, da ging auf einmal die Tür. Verwirrt blinzelnd sah Severus auf. Er hatte die Glocke gar nicht gehört.  Doch da schob schon eine Frau einen blassen Jungen in seinem und Lilys Alter in den Laden. 

„Ich bin gleich da“, flüsterte sie und war wieder verschwunden. Im gleichen Augenblick kehrte Olivander zurück.

„Wollen wir es doch mal hiermit probieren. Eiche mit Drachenherzfaser, elfeinhalb Zoll, nicht biegsam“.

Er reichte Severus den Zauberstab und riss ihn damit von Lily fort. Stolz griff Severus den Zauberstab und überlegte, womit er Lily wohl beeindrucken könnte als er hinter sich Stimmen hörte.

„Hi, ich bin Lily. Kommst du auch auf Hogwarts?“, fragte seine beste Freundin den fremden Jungen.

„Ähm ja. Meine Mum holt nur noch kurz meine Bücher. Ich bin Remus“, antworte dieser. Lily kicherte. „Ein schöner Name!“

„Deiner aber auch. Ich mag Lilien“, erwiderte er.

Und Lily hauchte: „Danke“.

Etwas in Severus‘ Magen zog sich zusammen. Ohne auf den Zauberstabmacher zu achten, drehte er sich um. Was er sah war wie Eileens kalter Waschlappen morgens im Gesicht. Der fremde Junge, dieser Remus, war ganz nah an Lily herangetreten. Beide sahen einander tief in die Augen und lächelten sich an. Sie schienen sich blendend zu verstehen. Sie schienen sich anzufreunden. Und das gefiel Severus gar nicht. Ein Gefühl regte sich in seinem Magen. Ein Gefühl wie brennendes Kaminfeuer. Im Reflex bewegte er den Zauberstab und hinter ihm explodierte eine Kiste. Lily und dieser Remus zuckten für eine Sekunde zusammen.

„Nein, nicht der Richtige“, erklärte Olivander und riss Severus den Zauberstab wieder aus der Hand. Doch Severus achtete nicht darauf. Sie ist meine beste Freundin, dachte er nur, lass die Finger von ihr. Am liebsten wäre er zwischen die beiden gegangen. Doch er wusste, dass er Lily damit nur verärgert hätte. Also kochte er still in seinem Zorn und hoffte er nur, dass sie bald den Laden verlassen würden; dass er diesen Remus lange nicht wieder sehen müsste und auch Lily ihn vergessen würde. Ja, er wünschte sich aus tiefsten Herzen, dass er irgendetwas tun könnte, um sie so zu beeindrucken, dass sie nicht einen Gedanken an ihn mehr verschwendete. Dass Lily ihn bewunderte, war sein größter Wunsch. Da brachte ihm Olivander den nächsten Zauberstab: Ebenholz mit Phönixschwanzfeder, dreizehneinviertel Zoll, elastisch. Entschlossen nahm ihn Severus an sich, hob ihn, dachte an Lily und… rote und goldene Funken sprühten. Der ganze Laden war plötzlich in glitzerndes Licht getaucht. Überall leuchtete und funkelte es. Ein Feuerwerk wie zur Guy Fawkes Nacht.

„Wow“, murmelte Lily und blickte mit staunenden Augen um sich. Und der fremde Junge wurde ganz still. Severus aber setzte eine Siegermiene auf und wandte sich dem Zauberstabmacher zu.

„Ich nehme diesen“, erklärte er schlicht. 

„Das war richtig gut“, bemerkte Lily als sie später vor dem Laden standen, „Sogar Remus hat gestaunt!“

Severus verzog das Gesicht. „Du magst ihn, oder?“, fragte er unsicher.

Lily nickte.

„Er ist ganz nett“, sagte sie und Severus spürte einen Stich im Herzen, „Aber an dich kommt er nicht heran! Dieser Funkenregen war der Wahnsinn!“

Mit einem Mal blickte Severus auf und strahlte. Vielleicht gab es doch keinen Grund zur Eifersucht. Und vielleicht.. ja, vielleicht war dieser Remus doch ganz nett? Vorsichtig drehte Severus den Kopf, blickte sich verstohlen um. Hinter ihm trat ein blasser Junge mit seiner Mutter aus dem Zauberstabladen, sah schüchtern zu ihm herüber. Ihre Blicke fanden sich und ein leises Lächeln stahl sich über die Lippen des fremden Jungen. Zögerlich erwiderte Severus es. Doch Lily lachte, glockenhell.

„Vielleicht werdet ihr ja Freunde. Ich würde es mir wünschen!“

Lampenfieber; Bibliothek; Stein

~*~

Gediegenes Licht, der Geruch von altem Leder und ein Funke von Aufregung in den Adern. Ein Funke, der drohte einen Flächenbrand zu entfachen. Unruhig überflog Albus im flackernden Schein des Öllichts die geschwungenen Tintenspuren auf dem Pergament vor sich und die schwarzen Lettern der aufgeschlagenen Wälzer ringsumher. Schweiß stand auf seiner Stirn, leichte Kopfschmerzen klopften hinter der Schläfe. Auf einem goldenen Sockel hinter den Bücherstapeln blitzte der sagenumwobene Stein der Weisen oder besser gesagt eine detailgetreue Nachbildung aus gefärbtem Kristall, denn das kostbare Original hielt Nicholas an einem geheimen Ort gut versteckt. Das rote Leuchten der Replik stach Albus direkt ins Auge. Der Stein glühte wie das lebendige Auge eines Drachen. Es sah ihm über die Schulter, schien jeden Federstrich kritisch zu beäugen. Stundenlang schon hatte Albus das Lebenswerk seines Freundes und Studienkollegen studiert. Bis in den späten Abend hinein hatte er an seiner Rede geschrieben, an jedem Wort gefeilt, um das Ergebnis ihrer Forschungsarbeit im besten Licht darzustellen. Interessant sollte der Vortrag werden und wissenswert. Kein Detail durfte fehlen, unter den Tisch fallen. Der Erfolg ihres Buches, ja ihrer ganzen Forschungsarbeit würde vom Wohlwollen der Professoren und der Dekanin der alchemistischen Fakultät abhängen. Zum vielleicht zehnten Mal las Albus seine Zeilen durch. Er wusste, dass seine Rede gut war und doch biss es ihn wie Flöhe. Er konnte die Feder nicht beiseitelegen und endlich zu Bett gehen. Er fand einfach keine Ruhe. Ein Blick auf seine Taschenuhr steigerte seine Nervosität noch. Vierzehn Stunden noch. Und mit jeder Sekunde blieb ihm weniger Zeit. Tief atmete Albus durch, versuchte zu vergessen, was ihm Sorgen bereitete. Nicht die Ausschmückung ihres Vortrags, sondern die Gesichter in den Reihen des Hörsaals. Es war lächerlich! Er war Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore. Er hatte die zwölf Anwendungen von Drachenblut beschrieben und Gellert Grindelwald besiegt. Seit fast einer Dekade schon leitete er Großbritaniens berühmte Zauberschule. Er war es gewohnt, regelmäßig vor hunderten junger Menschen zu sprechen, ja selbst vor dem Zaubergamot, in dem er seit drei Jahren Ehrenmitglied war. Doch der Gedanke an jene Hexen und Zauberer mit ihren akamdemischen Graden und Titeln, die seine und Flamels Arbeit beurteilen würden, ließ ihn so flau und mulmig fühlen als wäre ein schwacher Schüler, der vor der ganzen Klasse abgefragt wurde. Kaum hatte Albus dies gedacht, erklang plötzlich das Knarren einer Tür und Schritte auf dem Marmorboden der Bibliothek. Albus wandte sich um und sah auf einmal in die kleinen, müden Augen von Minerva McGonagall hinter der Vierecksbrille.

„Albus?“, bemerkte sie leise und in ihrer Stimme lag mehr als Verwunderung, „Du so spät noch hier? Ich dachte, irgendein Schüler hätte sich mal wieder davongeschlichen.“

Er räusperte sich.

„Ich habe meine Rede noch einmal überarbeitet. Ich hoffe sie ist nun etwas überzeugender“.

Seine Stimme war brüchig und er spürte, wie sein Gesicht kalt wurde, während sie ihn durchdringend musterte. Für einen Augenblick herrschte Schweigen.

„Du hast Lampenfieber“, bemerkte sie sie dann. 

Er antwortete nicht, senkte nur den Kopf und seufzte schwer. Minvera, sie war neben Aberforth der einzige Mensch auf der Welt, der nicht nur Dumbledore kannte, sondern auch Albus. Der hinter seine Maske schauen konnte und all seine Schwächen entlarvte. 

Sie dimmte das Licht ihres Zauberstabs und setzte sich zu ihm. Liebevoll und aufmunternd legte sie ihre Hand auf die seine.

„Albus, Sie werden euch gewiss nicht ausbuhen. Du und Nicholas, ihr habt Rang und Namen, ihr seid beide Koryphäen. Sie werden eure Forschung gewiss zu würdigen wissen!“

„Ich bin mir nicht sicher“, gestand Albus leise.

„Wenn du willst, komme ich mit. Als Hogwartslehrerin für Verwandlung zähle ich zum Fachpublikum.“

„Das wäre in der Tat eine große Hilfe“

Minerva nickte und für einen Moment sahen sie einander an, vielsagend und schweigend.

„Dann bis morgen“, verabschiedete sie sich schließlich und ging, nicht ohne ihm aufmunternd auf die Schulter zu klopfen.

„Danke!“, rief Albus ihr noch nach, leise. Doch Minvera hörte es nicht mehr. Nur die Wärme auf seiner Hand sowie die Ruhe in seinem Herzen blieben. Und das stumme Lächeln auf seinen Lippen. Nachdenklich senkte Albus den Blick und betrachtete seine Notizen, die ihm mit einem Mal lächerlich unwichtig erschienen. Mochte Nicholas mit dem Stein der Weisen brauen, was er mochte. Er, Albus, wusste, was sein wahres Lebenselexier war.

Entschlossenheit; Gleis 9 3/4; Rätsel

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Als der Zug hielt waberte weißer Rauch über den Bahnsteig, verhüllte die Fenster und verdeckte als Vorhang den Ausstieg. Weißer Rauch wie der Nebel, in der die Zukunft lag. Als Hermine in diesem Sommer von den Stufen aufs Pflaster sprang, wusste sie nicht, wohin die Reise führte. Sie wusste nicht, in welche Welt sie zurückkehren würde, wenn sie im September nach King’s Cross zurückkäme. In ihren Händen hielt sie Rita Kimmkorns Einmachglas. Doch dachte sie gerade nicht an die Skandalreporterin. Dumbledores Abschlussrede ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Die Zeit war gekommen, sich zu entscheiden und gegen Voldemort aufzustehen. Wie seltsam es da war in die Sommerferien zu fahren als wäre nichts geschehen. Gedankenverloren und kampflustig sah Hermine sich nach ihren Eltern um, die irgendwo hier am Gleis 9 ¾ warten, um sie abzuholen. Doch war das Gedränge groß und im weißen Nebel fiel es ihr schwer, die Gesichter der Erwachsenen zu unterscheiden. Gerade wuchtete Ron hinter ihr polternd seinen Koffer aus dem Zug als sie in alle Richtungen spähte und mit einem Mal erstarrte. Wie ein kalter Schauer fuhr es Hermine in die Glieder. Sie hatte tatsächlich ein vage bekanntes Gesicht entdeckt. Doch war es niemand aus ihrer Familie. Dieses spitze Form, dieses bleichblonde Haar gehörte zu Lucius Malfoy, Dracos Vater, der ihr noch allzu gut und allzu schlecht von der Quidditch-Weltmeisterschaft in Erinnerung war. Und neben ihm stand niemand Geringeres als Professor Snape, offenbar tief ins Gespräch vertieft. Hermine riss die Augen auf, um die Szene besser zu beobachten. Sie hatte in den letzten vier Jahren wohl mitbekommen, dass Draco viel von seinem Hauslehrer hielt und Sirius hatte Harry erzählt, dass Snape schon als Schüler mit Malfoy befreundet gewesen war. Doch so gut, dass er ihn begleitete, um dessen Sohn abzuholen?! Und das auch noch während sein Platz an der Lehrertafel in den letzten Tagen leer geblieben war?! Hermine runzelte die Stirn. Ihr Zaubertranklehrer wurde ihr immer rätselhafter. Wie Harry herausgefunden hatte, war er Todesser gewesen. Sie selbst hatte mit eigenen Augen gesehen, wie er im Krankenflügel Fudge seinen Arm mit den Dunklen Mal entgegen gestreckt hatte und all ihre Nackenhaare hatten sich aufgerichtet. Noch immer schüttelte es Hermine, wenn sie daran dachte. Er war ein zwielichtiger Kerl, das stand außer Frage. All die Jahre hatte sie versucht, über seine Gemeinheiten hinwegzusehen.  Konnte sie es noch immer? Wer wusste, ob er den dunklen Künsten und dem Reinblutwahn wirklich abgeschworen hatte? Er hatte sie, das Schlammblut, immer fies behandelt. Doch Neville, der Zauberereltern hatte, kam auch nicht besser weg. Und warum hatte er sich vor dem Zaubereiminister so angreifbar gemacht? Harry hatte erzählt, dass Dumbledore offenbar etwas über ihn wusste, aber nicht darüber reden wolle und dass Snape früher für ihn spioniert hatte. Wahrscheinlich tat er es nun wieder. Doch für welche Seite? In diesem Moment traf Hermines Blick plötzlich auf zwei paar schwarze Augen, die sich erst weiteten und sie dann grimmig anstarrten. Erschrocken, dass er sie entdeckte hatte, senkte sie den Blick, betrachtete eine Sekunde lang das Pflaster zu ihren Füßen, nur um dann verstohlen wieder aufzusehen. Severus Snape, er war wahrlich ein Buch mit sieben Siegeln. Warum vertraute Dumbledore ihm? Auf welcher Seite stand er wirklich? Was war dieses sonderbare Geheimnis, das nur der Schulleiter kannte? Einen Moment lang sah Hermine in die Ferne, musterte den Kopf mit dem fettigen, vorhangartigen schwarzen Haar, der sich schon wieder in ihre Richtung neigte, als spüre er ihre Blicke. Betrachtete den Rauch, der über den Bahnsteig waberte, sich nur hier und da für einen kurzen Moment lichtete, für einen Blick auf ein Puzzlestück der Bahnsteigszenerie, doch nie für das ganze Bild. Da plötzlich packte es sie. Mit einem Schlag wusste Hermine, was zu tun war. Wie eine Welle rauschte es durch ihre Adern. Wie Blitz leuchtete es in ihrem Geist auf. Es war egal, in welche Schatten Snape sein Geheimnis zu hüllen versuchte. Sie würde das Rätsel lösen! Sie würde alles ans Licht bringen und ihm die Maske herab reißen. Dies waren ihre Hausaufgaben für das neue Schuljahr. Dies war der Beginn ihres Kampf gegen Voldemort. Wild entschlossen zog Hermine ihre Tasche fest, raffte ihre Sachen und stapfte durch den Rauch davon, der sich hinter ihr langsam lichtete.

Enttäuschung; Magische Menagerie; Kreisel

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„Sie sind dort hinten, kommen Sie!“

Remus folgte der Ladenbesitzerin ins Nebenzimmer. Ein wenig aufgeregt, ein wenig skeptisch, ein wenig um den Erfolg seiner ehrgeizigen Pläne bangend. In letzter Zeit hörte man Gerüchte über Kreuzungen mit Impen. Die Mischlinge waren auf den ersten Blick kaum von ihren reinrassigen Verwandten zu unterscheiden. Ihr Flug war ein wenig schwerfälliger, ihre Haut ein wenig matter, doch traf all dies auch auf altersschwache Tiere zu. Auf den Trick aber zeigten die Impe keine Reaktion und die Mischlinge taten es ihnen gleich. Schwer fühlte Remus den Gegenstand in seiner Robentasche, der seinen Umhang nach unten zog. Er konnte nur hoffen, dass man in der Magischen Menagerie sein Handwerk verstand. Der erste Blick auf die Käfige weckte böse Vorahnungen. Nicht eines der Exemplare war von jener satten, stahlblauen Farbe wie sie die Lehrbücher beschrieben.

„Soll ich die Türe schließen?“, fragte die Ladenbesitzerin in diesem Moment. Doch Remus schüttelte den Kopf.

„Ich habe nicht vor, sie hier frei zu lassen“, entgegnete er und meinte ein erleichtertes Ausatmen zu hören. Da wandte die Ladenbesitzerin sich ab. Während ihre Schritte verklangen, beäugte Remus zweifelnd die Wesen hinter den Gittern. Es nützte  nichts, er würde es auf einen Versuch ankommen lassen müssen. Mit einem Kribbeln in den Fingern griff er in die Robentasche und holte ihn hervor: Einen Kreisel aus massivem Metall, glitzernd, schimmernd, mit einer Goldlegierung überzogen. Es war ein Erbstück, sein wertvollster Besitz und in diesem Moment überaus entscheidend. Hätte er es wirklich mit Pixies zu tun, würden sie von dem Drehen des Spielzeugs paralysiert und damit vollkommen wehrlos. Genau das wollte er seinen zukünftigen Schülern zeigen, wenn natürlich mit einfachen Holzkreiseln und nicht derart kostbaren Schmuckstücken. Angespannt setzte Remus den Kreisel auf den Boden und stieß ihn an. Da hatte er plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden, als spüre er Blicke im Nacken, als stände irgendwer hinter ihm. Das Spielzeug setze sich in Bewegung, drehte und drehte sich, reflektierte das Licht der Deckenleuchte. Ein Blitzen und Funkeln ging über die Käfige. Doch die Wichtel waren völlig unbeeindruckt. Sie zogen ihre Fratzen und Grimassen als hätten sie das Spielzeug nicht einmal bemerkt. Remus‘ Herz sank. Ihm war als stürze er aus großen Höhen und schlage mit Wucht auf den Boden auf. Das war es! Sein Vorhaben, den Zweitklässlern den Wichteltrick zu zeigen, konnte er knicken. Zutiefst enttäuscht wollte Remus schon nach dem Kreisel greifen um ihn wieder einzugreifen, als mit einem Mal von hinten der Schatten eines Tieres an ihm vorbeisauste. So schnell konnte er gar nicht schauen, da hielt das Spielzeug plötzlich an, umgeworfen von der Pfote einer Katze. Verdutzt starrte Remus die Tatze an, ließ seinen Blick hinauf zum Körper wandern und begegnete Katzenaugen, die von schwarzen Vierecken umrahmt wurden und ihn tadelnd ansehen. Remus‘ Stimmung kippte schlagartig.

„Professor McGonagall?“, rief er erfreut und erstaunt gleichermaßen und sein Gegenüber nahm wieder Menschengestalt an.

„Entschuldige, Remus“, erklärte Minerva ernst, „Aber da draußen sind ein paar schläfrige neue Posteulen für Hogwarts, die von diesem Ding ganz nervös werden.“

Reumütig senkte Remus den Blick. „Das habe ich nicht bemerkt, tut mir leid“.

Doch Minerva lächelte.

„Es freut mich, dich noch vor Schuljahresbeginn wiederzusehen. Seitdem Albus mir berichtete, dass er dich eingestellt hat, zähle ich die Tage. Wir hatten in den letzten Jahren reichlich Pech mit diesem Posten. Wie geht es dir?“

„Ganz gut“, erwiderte Remus und blickte dann traurig hinab auf den Kreisel, „Naja, wie man es nimmt, was?“

Schweigend folgte Minerva seinem Blick und legte ihm tröstend ihre Hand auf die Schulter.

„Gräm dich nicht. Der letzte Verteidigungslehrer versuchte sich auch an Pixies. Eine Katastrophe, sag ich dir. Hast du Lust auf einen kleinen Abstecher zu Fortescue?“

„Gerne“, erwiderte Remus, „Aber für mich nur einen Tee. Meine Börse ist fast leer.“

Sie nickte, während er noch immer enttäuscht den goldenen Kreisel betrachtete.  

„Ich frage mich nur, was ich den Schülern nun beibringen soll!“

„Nun ja“, erklärte Minvera trocken, „Wir hatten in letzter Zeit ein paar Probleme mit Nifflern“

Sie sahen einander an, einen Wimpernschlag lang, dann schlug Minerva die Hand vor dem Mund. Im nächsten Augenblick aber mussten beide leise grinsen.

„Ich werde es überdenken“, erklärte Remus und ließ den Kreisel langsam und verschlagen in seine Robentasche zurückgleiten.

Wonne; Kutsche; Mantel

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Es war herrlich! Herrlich, wieder auf dem Weg zurück nach Hogwarts zu sein. Die Kutsche schaukelte, und schwankte in holpriger Fahrt. Die Räder ratterten geschwind über Stock und Stein hinweg, hastig den Schotterweg hinauf, immer auf das Schloss in der Ferne zu, immer weiter den Berg hoch. Fahrtwind schlug Hermine ins Gesicht, fegte durch ihr Haar, wild und verheißungsvoll. Es hatte aufgehört zu regnen und die Luft schmeckte frisch und salzig vom aufsteigenden Dunst. Hermines Herz hüpfte und schaukelte wie der Sitz der Kutsche.  Oh, konnte es etwas Schöneres geben als den Weg zurück zur Schule? Dieser Wind in den Haaren, dieser Duft in der Nase – schon lange nicht mehr war ihr so wohlig zumute gewesen, wie jetzt da der schottische September ihre Sinne kitzelte, als ob er sie begrüßen wollte. Für eine Sekunde schloss Hermine die Augen, roch nur und fühlte, genoss mit jeder Körperfaser. Längst hatte sie die Schrecken der Zugfahrt vergessen, den Angriff des Dementors, der Harry solche Angst eingejagt hatte. Vor ihr lag das Schloss, vor ihr lag ein ganzes Schuljahr mit ihren Freunden. Was sie nicht alles lernen würde, was sie nicht alles erleben würde! Daheim, endlich daheim. Sie kam wieder nachhause, wieder zurück nach Hogwarts. Der Wind streichelte ihr Gesicht. Der Regengeruch schmeichelte ihrer Nase. Schon meinte Hermine den Duft des Festessens an den großen Haustafeln zu riechen, Pudding, Gebratenes und Kürbissaft. Schon meinte sie den Schimmer der schwebenden Kerzen zu sehen und das Blitzen der blankgeputzten Kelche. Schon glaubte sie die Stimme des Schulleiters zu hören, der einmal wieder augenzwinkernd seine Begrüßungsrede hielt. Und die Bücher, die vielen Bücher der Bibliothek, Tinte und Pergament, Feder und schwarze Zeichen, so viele schwarze Zeichen voll Wissen. Die Lider noch immer geschlossen, lockerte Hermine ihren Schulmantel, um den Herbst bis auf die Haut zu spüren. Sie ahnte nicht, dass sie nicht alleine war. 

Remus Lupin beobachte das Mädchen, das er schon im Zug kennengelernt hatte, einen Augenblick still. Ein warmer Fleck breitete sich in seiner Brust aus. Die Schülerin, die ihm in der Kutsche gegenübersaß und offenbar eine gute Freundin Harrys war, schien die Fahrt richtig zu genießen. Und ihre Wonne steckte ihn an. Der Septemberwind brauste Remus um die Ohren, fand die Schlitze in seinem vielfach geflicktem Mantel und dem mottenzerfressenen Hemd, kitzelte die Haut darunter und Remus war einfach nur wohl zumute, rundum wohl. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal so gut gefühlt hatte, so sorglos und zufrieden. Lang, lang musste es her sein. Sein Blick wanderte an den Laternen der Kutsche, den mageren Körpern der Thestrale vorbei in die dunklen Wälder, in den dichten Forst, in dem tausend Erinnerungen wieder auferstanden. Regendunst stieg vom Boden wie der dichte Nebel in längst vergangenen Tagen, als vier Tiere, die keine Tiere waren, sorglos den Hain durchstreiften auf der Suche nach Abenteuern. Ein kleiner Teil von ihm war auf einmal wieder ein Junge. Dass er einst nach Hogwarts zurückkehren würde, er hätte es sich nie träumen lassen! Tief atmete Remus durch, sog die kühle Herbstluft ein. Sie schmeckte nach Freundschaft, nach Geborgenheit, nach Heimkehr. Stumm genoss Remus, wie sie seine Lungen füllte. Schweigend genoss er das Rumpeln des Gefährts, das ihn dem Schloss Stück für Stück näherbrachte. Still genoss er die Kälte, die herbstliche Frische, die allmählich seine Kleidung durchdrang. Was für ein wundervoller Tag, was für ein unerwartetes Glück, was für eine herrliche Fahrt! Remus war auf dem Weg zu seinem neuen Arbeitsplatz, er war auf dem Weg zu seinem neuen Posten, neuen Leben.  Doch eigentlich, eigentlich führte dieser Pfad nachhause. Der Wind, der Wald, die Kutsche, der Regen – sie alle flüsterten ihm zu, sprachen von Heimkehr. Da schlug das Mädchen die Augen auf.

Unsicher sahen sie einander an, musterten sich gegenseitig, Schülerin und Lehrer, Lehrer und Schülerin. Ihre Gesichter gerötet von der Abendkälte, ihr Haar vom Fahrtwind wild zerzaust. Die Mäntel weit und offen, ein Spiel für die Böen. Und die Augen, die Augen trunken von Wonne, blitzend und funkelnd. Einen Augenblick nur, eine Sekunde im Schweiflicht der Kutschenlaterne, sahen sie einander so an, blinzelten, während das Gefährt sie dem Schloss näher trug. Da plötzlich grinste Hermine Granger. Und Remus Lupin lächelte zurück. Beide wissend und erfüllt von Glück.

Fahrender Ritter; Eifer; Flasche

~*~

Albus lehnte sich zurück, presste den steifen Rücken gegen die ebenfalls steifen Polster und versuchte das Flaugefühl in seinem Magen zu ignorieren. Die heiße Schokolade schwappte über den Rand der Tasse und hinterließ einen unschönen See auf seinem Robenärmel. Seelenruhig zog Albus den Zauberstab und beseitigte das Unglück. Es war lange her, dass er mit dem Fahrenden Ritter gefahren war. In der Regel bevorzugte er es, zu apparieren oder von Kamin zu Kamin zu reisen. Doch von der Rückkehr aus dem Urlaub in der einsamen Berghütte, die nicht ans Flohnetzwerk angeschlossen war und so weit von Hogwarts entfernt lag, dass selbst er nicht davor sicher war, zersplintert zu werden, war es die einfachste Art zu reisen, wenn auch nicht die unbedingt die bequemste. Nachdenklich nippte Albus an seinem Kakao, schaute aus dem Fenster und sah doch nicht mehr als ein verschwommenes Meer vorbeirauschender Lichter, als der Bus abrupt anhielt. Auch das hätte Albus nicht aus seiner Ruhe gerissen. Doch die Stimme des Schaffners, Stan Stunpikes, ließ ihn aufmerken.

„Nächster Halt: Cokeworth, Ecke Spinner’s End, empfehlenswert für alle, die das Bedürfnis haben, sich ein klassisches Muggelwohngebiet der Unterschicht anzusehen.“

Cokeworth? Spinner’s End? Albus kannte nur einen Zauberer, der in dieser Gegend wohnte. Neugierig reckte Albus seine Hakennase über den Vordersitz und spähte zum Fahrer. Tatsächlich! Den schwarzgewandeten Zauberer mit dem fettigen, dunklen Haar, der dort seine Knuts abzählte, würde Albus auf hundert Meilen erkennen. Es war Severus und schleppte rund fünf Truhen, einen Feuerkrabbenkessel und eine lederne Reisetasche mit  sich.

„Guten Abend, Severus!“, begrüßte Albus ihn herzlich, als er sich in der Zugluft der kühlen Nachtbriese mit seinem unhandlichen Gepäck durch den Gang zwängte und mit mürrischer Miene einen Sitzplatz suchte. Verdutzt sah er auf und ihre Blicke trafen sich.

„Dumbledore!“, rief er und schien sich erst in diesem Moment den Manieren zu besinnen, „Ich meine, guten Abend, Dumbledore. Ich bin zugegeben überrascht, ich hätte nicht erwartet, Sie hier anzutreffen!“

„Dann haben wir ja etwas gemeinsam“, gestand Albus lächelnd und rückte beiseite um ihm Platz zu machen. Severus nahm das Angebot an und verstaute seine Habseligkeiten auf der Gepäckablage und leeren Sitzen ihnen gegenüber ehe er sich neben ihm niederließ. 

„Sie reisen mit schwerem Gepäck“, bemerkte Albus nicht ohne einen unüberhörbaren Unterton von Neugierde.

„Das sind Zaubertränke für meine Vorratskammer in Hogwarts“, erklärte Severus nüchtern, während er eine Thermosflasche aus seiner Reisetasche holte und sie auf dem Tisch abstellte, „Gut die Hälfte dessen, was ich während der Ferien der Ferien braute“.

Für eine Sekunde verfiel Albus in ein bewunderndes Schweigen. Wie viele Flakons mochten in diese Kisten passen. Zweihundert? Dreihundert? Severus musste die ganzen Ferien über am Kessel gestanden haben, ruhelos, pausenlos, wurde ihm mit einem Schlag bewusst. Albus betrachtete die Kisten mit einem lächelnden und einem weinendem Auge. So wertvoll Severus‘ Arbeit war, ihm wäre es lieber gewesen, sein Schützling hätte sich den Urlaub gegönnt.

„Welch ein Eifer!“, bemerkte er nichtsdestotrotz voller Anerkennung, „Hogwarts ist dieses Schuljahr wohl bestens versorgt, Ihrem Fleiß sei Dank!“

Doch Severus schien das Kompliment nicht einmal zu bemerken. Er nickte nur knapp.

„Und Sie?“, fragte er.

„Ich?“, erwiderte Albus mit einiger Beschämung, „Ich habe die letzten Wochen in einer Berghütte auf der faulen Haut gelegen und die Aussicht genossen. Was ist eigentlich in dieser Flasche? Noch ein besonderer Zaubertrank?“

Neugierig musterte er die Thermosflasche.

„Nein“, entgegnete Severus kühl, „Es ist…“

Plötzlich stockte Severus, schlug sich gegen die Stirn und ein leises verdammt huschte über seine Lippen.

„Stimmt etwas nicht“, fragte Albus besorgt.

„Es sollte Moccachino sein Aber ich habe in der Eile das Pulver vergessen. Also ist es nur heißes Wasser“, gestand er betrübt.

Doch Albus lächelte.

„Nun, das lässt sich beheben. Wenn du mich für einen Augenblick entschuldigst“, murmelte er geheimnisvoll und stahl sich an Severus vorbei zum Schaffner. Stirnrunzelnd verfolgte sein Schützling ihn mit Blicken. Doch als er zurückkehrte, wurden seine Augen groß. Direkt vor seine Nase stelle Albus eine riesen Tasse dampfenden Kakao ab.

„Für mich?“, frage Severus und Albus nickte.

„Wer so eifrig ist, hat eine kleine Auszeit verdient. Und nun genieße die letzten Stunden deines Urlaubs. Hogwarts ist nah!“

Lächelnd ließ er sich nieder und betrachtete Severus.

„Danke“, murmelte dieser und in seinem Gesicht lag tatsächlich ein Hauch von Wohlbefinden.

Gier; Lehrerbüro; Uhr

 ~*~

„Ich hoffe, Miss Granger, Sie sind sich Ihrer Verantwortung bewusst. Es war keine leichte Aufgabe, das Ministerium zu überzeugen, einer minderjährigen Hexe einen Gegenstand zu überlassen, der solche Risiken birgt, nur damit Sie all Ihre Wahlpflichtfächer belegen können. Albus Dumbledore hat ein gutes Wort für Sie eingelegt. Ich rate Ihnen, sein Vertrauen in Sie nicht zu enttäuschen, indem sie in Ihrem Wissensdurst wieder Bergtrollen nachstellen oder ähnliche Dummheiten begehen!“

Die mahnenden Worte ihrer Hauslehrer verklangen wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Hermine saß auf dem Stuhl vor ihrem Pult, in ihrem Lehrerbüro. Doch war Professor McGonagall nur eine Erscheinung am Rande ihrer Wahrnehmung.  Ihre Augen, ihr Geist, all ihre Sinne und Gedanken waren auf den Gegenstand gerichtet, der vor ihrer Nase von der alten Hand baumelte. Die Luft schien zu vibrieren. Im Kerzenlicht lag ein Glänzen und Schimmer. Die Uhr, sie blitzte golden, so wertvoll wie nicht tausend Galleonen. Hermine hielt den Atem an. Ihr Herz raste. Und in ihren Fingerkuppen kribbelte es. Schon wollte sie im Reflex die Hand ausstrecken, wollte nach dem Gegenstand greifen. Sie musste ihn haben, unbedingt. Die Gier drängte, rumorte in ihrer Brust. Doch die Vernunft mahnte sie zur Geduld. Staunend beschied sich Hermine damit, den Gegenstand bewundernd zu betrachten, noch. Die fein gearbeiteten Ringe, die kleine Sanduhr, das feine, goldene Kettchen. Der Zeitumkehrer! Eines der mächtigsten magischen Artefakte der Welt! Und bald, bald schon, läge er in ihrer Hand. Eine Leihgabe des Ministeriums, eine Leihgabe der Macht.  Hermines Geist schien zu explodieren. Was alles möglich wäre, gehörte er erst einmal ihr! Sie könnte mit Harry durch die Zeit reisen! Sie könnte seine Eltern retten. Sie könnte den Krieg verhindern, ja sogar Voldemorts Geburt! Sie könnte in der zurückreisen bis ins finstere Mittelalter, in die Zeit, als Hogwarts erst erbaut worden war. Sie könnte Slytherins Basilisken töten als er noch ein Ei gewesen war und dafür sorgen, dass niemand den Schwachsinn vom reinen Blut glaubte. Sie könnte die Koboldaufstände mit eigenen Augen sehen. Sie könnte Nicholas Flamel die Hand schütteln als er noch ein junger Mann gewesen war und gemeinsam mit Bathilda Bagshot im Mädchenschlafsaal die Geschichte von Hogwarts niederschreiben. Sie könnte...

„Miss Granger?!“

Die Stimme ihrer Lehrerin riss Hermine jäh aus ihren Gedanken. Mit trockenem Mund und einem flauen Gefühl blickte sie auf. Ihre Hauslehrerin hielt den Zeitumkehrer fest umklammert, so fest als wäre ihre Hand aus Stein und die kleine Uhr, sie war Exkalibur, felsenfest vom Stein verschlossen, unerreichbar für den, der unwürdig war.  

„Haben Sie mich gehört, Miss Granger?“, fragten ihre schmalen Lippen streng.

Hermines Herz sank. Ihr Mund war trocken, die Kehle rau. Die Gier legte sich zum Schlafen.

„Verzeihung, Professor McGonagall, ich war in Gedanken.“

„Ich hoffe nicht darüber, was Sie mit dieser Leihgabe noch anstellen könnten außer von einer Unterrichtsstunde zur nächsten zu gelangen.“

Hermine musste schlucken. Erschrocken blickte sie auf. Hitze schoss ihr ins Gesicht. Doch Professor McGonagall nickte nur wissend.

„Zeitreisen sind gefährlich“, mahnte sie, ernst, doch nicht schimpfend und warf einen Seitenblick auf die Sanduhr in den goldenen Ringen, den Hermine nicht recht zu deuten wusste, „So mancher, der der Versuchung erlag, das Schicksal der Welt zu ändern, hat es letztlich nur verschlimmert. Viele Zauberer und Hexen, die mit der Zeit spielten, haben den Verstand verloren, manche sogar ihr Leben.“

Für einen Moment verfiel sie in Schweigen und betrachtete die Sanduhr an der goldenen Kette mit verschleiertem Blick. Dann jedoch stand sie auf und sah Hermine direkt in die Augen.“ 

„Ich hoffe, ich kann mich auf sie verlassen, Miss Granger. Sie sind ein vernünftiges Mädchen. Sie wissen, welche Verantwortung mit dieser Leihgabe auf Ihren Schultern ruht.“

„Das können Sie, Professor McGonagall, ich schwöre es“, sprach Hermine und befahl der Gier, die sich wieder regte zu schweigen. Ihre Lehrerin musterte sie mit einem, letzten kritischen Blick, dann legte sie ihr die Kette um. Noch immer hielt ihre Hand die Uhr fest, als wolle sie nur ungern hergeben.

„Eine letzte Warnung: Sollte mir zu Ohren kommen, Miss Granger, dass Sie unser Vertrauen in Sie missbrauchen, ist Ihnen der Schulverweis gewiss“.

Doch Hermine hörte nicht mehr zu.

„Danke, Professor McGonagall“, strahlte sie, nahm ihre Sachen und schritt überglücklich zur Tür. Hinter ihr verklang ein Seufzen, ein Seufzen voll versagter Gier.

Fernweh; Lehrerzimmer; Geständnis

~*~

„Und wie gefällt es dir, auf der anderen Seite der Tafel zu stehen? Hast du dich gut in Hogwarts eingelebt?“

Albus betrachtete den Rücken seines Schützlings, der sich gerade einen Tee eingoss und dann zu ihm umwandte.

„Sehr gut“, antwortete Remus, während er den Dampf von der Tasse blies, „Dieser Posten ist das Beste, was mir seit Jahren passiert ist. Manchmal glaube ich sogar, dass hierin meine wahre Berufung liegt. Ich hatte selten so viel Freude bei einer Arbeit wie jetzt.“

Albus lächelte sanft. „Das freut mich zu hören“, erwiderte er gedankenversunken und betrachtete die Holztäfelung des Lehrerzimmers hinter Remus‘ Kopf. Mit einem Mal breitete sich ein mattes, lähmendes Gefühl in seiner Brust aus. Die Maserung der Wände, die schattige Dunkelheit des Zimmers, sie hatten etwas Beklemmendes und Albus kam sich vor wie ein gefangenes Tier. Träge schlug er die Augen nieder und fragte sich, was mit ihm los war. In letzter Zeit hatte ihn immer wieder jene seltsame Stimmung überkommen. Diese Stimmung, in der ihm Hogwarts, sein Hogwarts, das er eigentlich liebe, vorkam wie eine waffenbewehrte Festung, an die er gekettet war. Sicher, in gewisser Weise war es das auch. Er hatte sich einst, vor so langer Zeit, hier versteckt, wie ein Sünder im Kloster, hatte sich hinter den Mauern verborgen, um die Welt vor seiner Machtgier zu schützen und sich selbst vor dem Spiegel, dem ihn die Welt entgegenhielt. Damals, ehe er sich ein Herz gefasst hatte, Gellert entgegenzutreten. Doch nie in seinem Leben hatte er so wie jetzt das Gefühl gehabt, dass die Wände des Schlosses immer näher rückten, dass er durch nicht enden wollende, triste Tunnel irrte, wenn er die Korridore entlangging, dass das ewig Bekannte, ewig gleiche Schloss zur Qual für seine Sinne wurde und er es mit wachsener Verachtung betrachtete. Nachdenklich ließ er Remus stehen, der noch irgendetwas erwiderte, das er nur mit halbem Ohr hörte und trat ans Bogenfenster. Die Septembersonne senkte sich bereits über Hogsmeade und den Verbotenen Wald. Sie tauchte die Landschaft in einen verlockenden Glanz. Dort draußen, hinter der Scheibe, hinter den Wänden, hinter den Toren, lag eine ganze Welt. Dichte, geheimnisvolle Wälder, in denen Wesen hausten, die selbst Newt nie berschrieben hatte; raue, felsige Küsten umspült von weißer Gischt, auf denen Schiffe wie das sagenumwobene Boot von Durmstang in ferne Länder segelten; uralte Städte, die den Geist der Jahrhunderte ausatmeten, in denen man an jeder Ecke auf den Spuren der magischen Geschichte wandeln konnte; einsame Inseln, kleine Dörfer; ferne Länder; Wüsten, Felder, Wiesen und Meere. Und was hatte er hier? Nur massiven, undurchdringlichen Stein, den er seit fast einem Jahrhundert tagtäglich sah. Remus, der inzwischen neben ihn getreten war, berichtete nun vom Darben in den Jahren vor seiner Lehrerzeit, in der er nirgendwo feste Arbeit fand, weil keiner einen Werwolf einstellen wollte und von den kleinen Verdiensten als Erntehelfer, die ihn in alle Winde verschlugen. Gegen seinen Willen spürte Albus so etwas wie Neid in sich wachsen. Wie viel lieber würde er bettelarm auf Wanderschaft gehen als hier zu verrosten. Remus indessen schien in einer rührseligen Stimmung, während er erzählte.

„Hogwarts, es war für mich schon immer wie ein zweites Zuhause“, erklärte er gerade. 

„Wirklich? Mir erscheint es eher wie ein Gefängnis!“, gestand Albus plötzlich ohne viel über seine Worte nachzudenken.

Wie vor den Kopf gestoßen starrte Remus ihn an. Erst jetzt wurde ihm bewusst, was er eigentlich gesagt hatte.

„Verzeih mir, ich glaube, ich brauche einfach etwas Urlaub“, erklärte er nach einem tiefen Seufzen leise.

Remus, der den Blick wieder dem Sonnenuntergang zugewandt hatte, nickte.

„Wenn man sich zu lange an einem Ort aufhält, kann einen schon mal das Fernweh packen“, erwiderte er und Albus war froh über dieses Verständnis.

Einen Moment lang standen sie noch schweigend beieinander im Abendrot, dann riss Albus sich vom Fenster los und wandte sich Remus zu.

„Falls es in der nächsten Woche Schwierigkeiten gibt, wirst du dich an Minerva wenden müssen. Ich werde ihr gleich Bescheid geben. Eine Woche an der Küste sollte reichen“. 

Remus nickte abermals und Albus lächelte.

„Ich verlasse ein Gefängnis, doch werde in ein Zuhause zurückkehren“.

Wieder sah ihn Remus verdutzt an, doch Albus zwinkerte nur geheimnisvoll. Wen das Fernweh packte, den packte auch irgendwann wieder das Heimweh.

Liebeskummer; zuhause; Blume

~*~

Cokeworth war Severus nie so düster erschienen, nie so trostlos und grau wie in diesem Sommer, der dem November glich. Gewiss, Spinner’s End war immer schon ein trister Ort gewesen, ohne Lächeln, ohne Wärme, nur verwahrloste Seelen in heruntergekommenen Fabrikarbeiterhäusern, Reihe an Reihe, rußgeschwärzt. Doch hatte jenseits dieser Gasse immer eine Sonne geschienen. Eine Sonne mit roter Lockenmähne und strahlend grünen Augen. Ein Licht in der Finsternis seiner Kindertage, so lang schon erloschen. Jetzt aber schien nicht einmal die wirkliche Sonne. Nur Kälte, graue Wolken und peitschender Regen. Das Werk der Dementoren als gäbe es irgendwo noch eine glückliche Erinnerung zu rauben. Severus goss sich Feuerwhiskey nach. Ein weiterer Schluck für seine Kopfschmerzen. Die Welt vor seinen Augen verschwamm - Bücher, Sessel, Kamin, die Funzel an der Decke, ein einziges Grau. Er lächelte bitter. Einen Farbklecks hatte er doch gefunden, auch wenn es einem Wunder glich oder einem seltsamen Scherz des Schicksals. Sie hatte einsam unten am Fluss geblüht, eine einzelne Lilie, Feuerlilie, strahlendes Orangerot, wie ein Zeichen von ihr. Und weil sie ihr so geähnelt hatte, hatte er die Lilie gebrochen, hatte sie mit nachhause genommen und in die Vase gestellt, um sich selbst mit traurigen Erinnerungen zu quälen. Doch ihr Feuer verblasste bereits, ihre Blätter welkten, ihr Kopf hing matt vom Stängel. Bald war sie verdorrt, nach nur einem Tag in seiner Wohnung. Welcher Hohn! Musste er alles, was er liebte, zerstören? Severus sah die Blume an und fühlte nur Schmerz. Schmerz, der sich mit einem Herzschlag vereinte, der einfach keine Ruhe geben wollte. Wenn er an ihre glänzenden Augen dachte, an ihr leuchtend rotes Haar, an ihre vollen, weichen Lippen, an ihre zierlichen Brüste, überlief noch immer ein wohliger Schauer, ein süßer Taumel und Rausch. Ein Mal, ein einziges, unvergessenes Mal, hatte er sie geküsst und hätte es doch gern tausendmal, hätte ihr für alle Zeiten Liebe und Treue geschworen. Warum hatte alles so enden müssen? Er hier allein und sie verwest in James Potters Armen. Warum hatte er sie nur Schlammblut genannt? Warum bei Merlins Bart war er nicht klüger gewesen?! Einst hatte er die beiden beobachtet als sie sich heimlich trafen. Potters dreckige Finger in ihrem Haar, Potters geifernder Mund auf ihren Lippen, ein verliebter Glanz in ihren Augen. Es mochte Severus in den Wahnsinn treiben, es brannte und stach wie eine offene Wunde. Warum Potter und nicht er?!

Da plötzlich riss ein Klopfen an seiner Tür Severus aus den Gedanken. Drei lange Schläge, ein kurzer. Das Zeichen des Phönixordens. Sofort sprang Severus auf, öffnete. Eine Katze mit schwarzen Vierecken um die Augen sprang über die Schwelle. Minerva McGonagall, die sofort ihre wahre Gestalt annahm, als er die Tür hinter ihr schloss.

„Ist er hier?“, fragte sie flüsternd und tauschte mit Severus einen eindringlichen Blick. 

„Sie meinen Wurmschwanz? Nein, der treibt sich irgendwo in der Weltgeschichte rum!“, antwortete Severus tonlos und schleppte sich zurück ins Wohnzimmer, „Was gibt es?“

Er hatte erwartet, dass sie gleich zur Sache kommen würde, doch Minerva McGonagall schwieg und ließ ihren Blick über die Whiskeyflaschen schweifen.  

„Haben Sie das alles getrunken?!“, bemerkte sie dann mit jenen Hauch von Entsetzen in ihrer Stimme, den Severus an allen Gutmenschen wie ihr hasste.

„Ist das etwas verboten?!“, antwortete Severus patzig. Schweigen. Er wandte sich ab, um die Spuren seines Besäufnisses zu beseitigen. Da packte ihn eine Hand am Gelenk. Minerva zwang ihn, sie anzusehen.

„Severus“, sagte sie ernst, „Wir haben unsere Differenzen. Doch glauben Sie nicht, dass es mir gleichgültig wäre, wenn ich sehe, dass Sie wie mit sich selbst umgehen. Sie sind noch immer ein Kollege und Sie waren mein Schüler.“

Plötzlich erfasste ihr Blick die Blume und ihre Augen weiteten sich, weiteten sich wie von plötzlicher Erkenntnis. Severus wurde mit einem Schlag ganz anders zumute. Doch da räusperte sie sich und blickte ihm wieder ins Gesicht.

„Ich habe Ihnen einige Beobachtungen aus meinen Observationen notiert, die Sie mit Dumbledores Genehmigung unserem Feind weitergeben dürfen. Albus will Sie sprechen.“

Hastig reichte Minerva ihm einen Brief, wandte sich um und war verschwunden. 

Mit einem Frösteln, das Severus tiefer unter Haut ging als der Angriff eines Dementors, sah er ihr nach. Und nur eine Frage schoss ihm durch den Kopf: Was hatte sie begriffen?

Neugier; bei Freunden; Lampe

~*~

„Nun, da wir alle gemeinsam an dieser Tafel sitzen, ist es wohl an der Zeit, mit der Versammlung zu beginnen! Doch ehe wir zu den geheimen Besprechungen kommen, ist noch eine kleine Vorbereitung zu treffen. Für ein konspiratives Treffen wie dem unsrigen fehlt es am rechten Licht.

Albus zwinkerte den Weasleykindern zu, zog den Deluminator aus seiner Robentasche und ließ die Lichter ringsumher im Esszimmer des Fuchsbaus erlöschen. Dunkelheit legte sich über den Raum, Mucksmäuschenstille. Dann ein Klicken und die Lichtbälle huschten zurück in ihre Lampen. Tosender Applaus brach am Tisch aus, Pfeifen und Rufen. Solange bis…

„Fred, George, Bill, Charlie, Ron und Ginny, kommt sofort in die Küche und helft mir gefälligst beim Abendessen!“, erschallte ein wütender Ruf in Mollys Stimme.

Vielstimmiges Seufzen erhob sich und die Tafel leerte sich, wie auch schon Harry, Tonks und Lupin aufgestanden waren, um vor dem Abendbrot noch einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Mit einem tiefen Seufzen steckte Albus den Deluminator wieder ein. Ohne ein Publikum hatte seine kleine Showeinlage, die sie alle ein wenig von den schweren Zeiten ablenken sollte, keinen Zweck mehr. Allein die junge Miss Granger saß noch am Tisch als Albus sich in der plötzlichen Einsamkeit auf seinem Stuhl niederließ. Ins Grübeln über die Zukunft versunken gab er keine Acht auf das Mädchen. Doch mit einem Mal riss ihre Stimme ihn aus seinen Gedanken.

„Darf ich sie etwas fragen, Professor Dumbledore?“, sprach sie. Albus wandte ihr den Kopf zu. Im Lampenschein lag unverhohlene Neugierde auf dem Gesicht des Mädchens und weckte so seine Lebensgeister an.

„Natürlich, Hermine. Man kann in dieser Welt nicht genügend Fragen stellen. Also welche davon darf ich dir beantworten?“, erwiderte er und schenkte seiner Schülerin ein großväterliches Lächeln.

„Dieses Gerät, das Sie gerade benutzt haben-“, begann sie zu erklären.

„-Du meinst den Deluminator?“, unterbrach Albus sie. Hermine Granger nickte.

„Verzeihen Sie meine Neugierde, aber haben Sie es selbst entwickelt? Ich habe alle Bücher über magische Artefakte gelesen. Aber ich habe nirgendwo etwas darüber gefunden. Es ist ein Unikat, nicht wahr?“

Albus gluckste vergnügt und konnte sich ein Auflachen gerade noch verkneifen. Obgleich er das Kompliment nicht verdient hatte, schmeichelte es ihm. Und für diesen einen Augenblick nahm er gern die Lorbeeren für einen Anderen entgegen.

„Es ehrt mich, Miss Granger, dass Sie mir dies zutrauen, doch leider muss ich sie enttäuschen. Ich habe den Deluminator nicht entwickelt, obwohl ich einen kleinen Anteil zu seiner Erfindung beigetragen habe“, stellt Albus die Sache klar „Doch ja, es handelt sich um ein Unikat, wie Sie sehr gut erkannt haben. Mein guter Freund Elphias Doge entwickelte ihn auf meine Anregung hin während des letzten Krieges. Da es keine Zauberei braucht, um ihn zu benutzen, konnten wir so die Sicherheit einiger Muggel und Squibs erhöhen, die vor den Todessern flohen.  Nach Voldemorts Fall jedoch verlor er an Bedeutung, das heißt bis heute Abend natürlich. Nun, vielleicht sollte ich ihn irgendwann einem Wanderzirkus vermachen. Was meinen Sie, gäbe ich mit dieser Nummer einen guten Clown ab?“

Miss Granger sah ihn mit weiten Augen an. Sie hing förmlich an seinen Lippen und brauchte eine Sekunde, um sein Augenzwinkern zu bemerken. Dann wiegte sie den Kopf.

„Wie funktioniert er?“, fragte sie und ihre Neugierde stachelte Albus an. Schon schürzte er die Lippen, um ihr die Zauber darzulegen, die in dem Gerät wirkten. Doch in dieser Sekunde schwebte ein riesiger Topf dampfender Suppe aus der Küche herein und sein knurrender Magen versiegelte seine Zunge.

„Nun, vielleicht sollten wir dies ein andermal besprechen“, antwortete er dem Mädchen und nickte in Richtung des Durchgangs. Sofort drehte der buschige, braune Haarschopf sich der Küche zu. Dann sprang Hermine auf, um ihren Freunden zu helfen.

„Oh Ron, pass doch auf, wo du hinläufst“, schimpfte sie, während ein rothaariger Junge zum Tisch stolperte.

„Hier ist es viel zu dunkel. Dumbledore könnte uns noch mehr Licht machen“, klagte er und stellte den Topf ab.

Später als Albus im Kreise seiner Freunde saß und in dessen Haus seine Suppe löffelte, gingen ihm seine eigenen Worte noch einmal durch den Kopf. Vielleicht sollte er den Deluminator wirklich weitervererben. Doch nicht an einen Wanderzirkus. Er wusste jemand Besseren. Geheimnisvoll lächelnd blickte er zu seinen Tischnachbarn hinüber. Es waren Ron Weasley und Hermine Granger.

Heimweh;  Askaban; Tagebuch

~*~

„Sie ist dort hinten, siebte Tür rechts!“

Remus blickte in das ausgemergelte Gesicht des Schlüsselwarts und nickte wortlos. Der Zauberer, der auf einer Hallig lebte, fern genug, um sicher vor den Schrecken zu sein, doch nah genug, um die Gefängnistürme allzeit im Auge zu behalten, zeigte keine Anzeichen irgendeiner Regung. Remus aber war mulmig und flau. So flau als wären ihnen die Dementoren noch immer auf den Fersen, die fünf mächtige Patroni vertrieben hatten. Askaban. Graue, trostlose Gänge; einsame, vergitterte Zellen in einem endlosen Band aneinandergereiht. Es war als hätten die Wände mit der Feuchtigkeit auch den Wahnsinn aufgesaugt, dem die Gefangenen hier so oft verfielen, als könne er ihre Angst und ihre Tränen riechen. Zum Glück gedachte niemand ihn hier einzusperren. Er war nur als Besucher da, doch trieb es ihm einen eisigen Schauer den Rücken hinab, wenn er daran dachte, wer hier eingesessen hatte, zwölf grausame Jahre lang. Haltsuchend umklammerte er den Brief mit der Unterschrift des ehemaligen Zaubereiministers in seiner Robentasche. Ihm auf Dumbledores Fürsprache hin die Genehmigung zu erteilen, sich die Zelle anzusehen, war Fudges letzte Amtshandlung gewesen. Keiner außer Dumbledore wollte verstehen, warum es Remus in seiner Trauer gerade an diesen finsteren Ort verschlug, um von seinem besten Freund Abschied zu nehmen. Doch sie hatten auch die Zeilen nicht gelesen, so viele Zeilen in seiner fahrigen Schrift. Seitdem er aus dem Zauberergefängnis ausgebrochen war, hatte Sirius heimlich Tagebuch geführt, hatte sich all seine Erlebnisse, seine Erinnerungen von der Seele geschrieben und darüber zu Lebzeiten doch nie ein Wort verloren. Erst im Grimmauldplatz, als Remus die Habseligkeiten seines besten Freundes durchgegangen war, war es ihm in die Hände gefallen und jedes Wort, jede Zeile war wieder ein neuer Stich in der brennenden Wunde gewesen. Alle Freunde hatten der Schnitter oder der Verrat ihm genommen.

Endlich hatte Remus die Zelle erreicht, seine Zelle, Sirius‘ Zelle. Muffiger Gestank strömte Remus entgegen als er eintrat. Feuchte Luft, klamme Enge, graue Düsternis. Er schluckte als sich alles in ihm mit einem Schlag zusammenzog. Der Raum war kleiner als eine Besenkammer, Stroh bedeckte den Boden und nur ein hohes, winziges Gitterfenster ließ etwas Licht herein. Und er fühlte in einer Sekunde, was Sirius zwölf Jahre empfunden haben mochte. Er wollte wieder zurück, er wollte raus, wieder nachhause. Heimweh!  Heimweh war ein Wort, das oft in Sirius Niederschriften fiel, auch wenn nie so klar war, welches Zuhause er meinte. Manchmal schien er von James‘ Haus zu sprechen, manchmal von Harry und ja, auch von ihm. Ich will nachhause, nur nachhause. Lasst mich doch endlich fort.  Heimweh. Remus hatte es oft empfunden als er bettelnd in der Fremde umhergezogen war und gehofft hatte, dass irgendwer einem Werwolf Arbeit geben mochte. Doch erst hier, zwischen diesen bedrohlichen Wänden, spürt er, was es wirklich bedeutete. Unbewusst, wie ein getriebenes Tier, wandte er sich der einzigen Verbindung nach draußen zu: Dem kleinen Gitterfenster. Da sah Remus plötzlich einen Schatten vor dem Horizont und riss die Augen auf. Nein, das war kein Dementor! Da flog ein Zauberer auf einem Besen in einem langen schwarzen Cape und einer bleichen Maske. Ein Todesser zweiflsohne. Aber ganz allein?! Remus runzelte die Stirn. Dunkel erinnerte ihn der Besenflieger an etwas. Dann fiel es ihm ein.

„Der Dunkle Lord hat beschlossen, Askaban auszukundschaften“, erklärte Severus Snape auf der letzten Versammlung des Phönixordens.

„Dann sollten wir ihm zuvorkommen“, hatte Dumbledore geantwortet und seine Tonlage hatte keinen Zweifel daran gelassen, wer mit wir gemeint war.

Remus schärfte seinen Blick und nun erkannte er auch, dass der Mann keineswegs eine Maske trug. Die blasse Miene mit der groben Hakennase verriet unverkennbar den Tränkemeister von Hogwarts, wenn man auf die Zeichen achtete. Einsam zog er seine Runden vor dem Horizont, den Blick immer wieder sehnsuchtsvoll gen Osten gerichtet, dort wo fern die britische Küste lag. Abermals packte Remus ein Schauer. Heimweh, schoss es ihm durch den Kopf. Alles an Snapes Gestik schrie geradezu nach Heimweh. Nachdenklich senkte er den Blick. Sirius und Severus, zwei Feinde, die sich bis aufs Blut gehasst hatten. Und doch fühlten sie am selben Ort das gleiche. Das Leben schrieb seltsame Geschichten. Wer wusste, welche Schicksale die Menschen verbanden, ohne dass sie selbst davon ahnten und im Anderen nur einen Fremden sahen.

Liebe; Krankenflügel; Verrat

~*~

Tränen, nichts als Tränen, als ob kein Wasser mehr in ihr bliebe. Tränen für so viele Jahre für eine Lebenszeit. Durch den Schleier ihrer Tränen sah Minerva hinab auf die ausgestreckte Gestalt, die mit verdrehten Gliedern vor ihr im Bett lag. Kein Licht brannte mehr im Krankenflügel, kein Hoffnungsschimmer mehr in der Welt. Einsamkeit füllte die Fluren, Totenstille den Saal. Alle waren gegangen, mit verhärmten Gesichtern, der Phönixorden, die Schülerschaft. Nur sie war geblieben, beugte sich traurig über ihn, während voller Klage in den Schlossgründen der Phönix sang.

„Ach, Albus“, murmelte sie – so leicht, so schwer und griff nach seiner Hand. Sanft streichelte Minerva sie. Den Rücken, die Finger, die nichts mehr empfanden. Doch wen kümmerte das? Seine Haut war bleich wie Pergament, weiß bald wie sein Haar und kalt, furchtbar kalt. Kein Zucken regte sich auf den Lippen. Kein weises Wort war gesprochen, kein Rätsel, ja nicht einmal ein Scherz. Die blauen Augen hinter der Halbmondbrille, aus denen so oft der Schalk geblitzt hatte, sie hatten jeden Glanz verloren. Gläsern und leer, kein Leben mehr darin. Und in Minerva: Leere. Leere und ein warmes Pochen. Ein Herzschlag im Vakuum. Ein Herzschlag für ihn. Etwas, das der Tod nicht nehmen konnte. Etwas, stärker als das Grauen. Liebe. Liebe war stets seine Predigt gewesen, so einfach und so kompliziert. Und sie? Sie hatte ihn geliebt. Nicht wie eine Frau einen Mann liebte. Nicht auf diese Weise. Sie hatte ihn geliebt wie eine Schwester den Bruder, wie ein Freund den Freund. Ihr ältester Vertrauter, ihr engster Gefährte, so grausam ihr und der Welt entrissen. Entrissen durch feigen Verrat. Durch den Verrat eines Mannes, dem er vertraut hatte. Den er aus den Händen den Unnennbaren entrissen hatte, dem er eine neue Chance geben wollte, ihn unter seinen Fittichen auf den rechten Weg führen wollte. Wie grausam hatte er sich in ihm geirrt! Welches Verhängnis war über sie gekommen! Sie hatte ihn stets gewarnt, doch Albus hatte davon nichts wissen wollen. „Ich vertraue Severus Snape“, war seine einzige Antwort gewesen, mit der er die Warnung stets von sich wies.  Nun ließ der Phönix die Flügel hängen, nicht fähig noch einmal aus der Asche aufzuerstehen. Und Fawkes sang noch immer sein trauriges Lied. Das Herz im Vakuum pochte schneller, der Herzschlag wurde schmerzvoller. Minerva versuchte zu lächeln. Zu lächeln über die Scherze, die er so oft gerissen hatte, wenn sie furchtbar ernst geblieben war, sich nur ein verstecktes Grinsen gestattet hatte. Sie versuchte dem Geschmack der Brausedrops nachzufühlen, die er ihr oft in den unpassendsten Momenten angeboten hatte.  Doch das Lächeln war eine einzige Qual. Ihr Mund war trocken, die Kehle heiser und rau vor lauter Tränen und stummen Schreien, vor Klagen um ihn. Langsam ließ Minvera seine Hand sinken. Zärtlich streichelte sie über sein Gesicht, tastete mit den Fingern und schloss seine Lider. Nun waren seine Augen geschlossen. Für immer geschlossen. Sein letzter, leer Blick galt ihr. Er war tot und sie allein. Die Welt kannte keine Farben mehr, alles war grau. Keuchend zog Minerva ihr Taschentuch, trocknete die Tränen hinter der Brille mit den Vierecksgläsern. Dann stand sie auf von ihrem Stuhl, schwer wie Stein. Warmer Nachtwind blies durch die gekippten Fenster herein, spielte in seinem silberweißen Haar, das wallend sich von Kopf und Kinn über Kissen und Laken ergoss. Die Brise blies in ihre Seele, entfachte noch ein ganz anderes Feuer. Die Liebe verglühte zu Entschlossenheit. Sie und ihre Verbündeten, seine Schützlinge, seine Leute, sie würden ihn jagen, den Verräter; den Mörder, der ihm den Todesfluch entgegengeworfen und der sein Schicksal besiegelt hatte. Das versprach sie ihm, unter Tränen, im Angesicht seines Todes und ging, mit Schwur auf den Lippen. Ihre Schritte hallten auf den Fliesen des Krankenflügels in der Einsamkeit der Nacht. Doch auf der Schwelle hielt Minerva auf einmal inne, lauschte mit weiten Ohren in die Stille. Ihr war als hätte sie ein Flüstern gehört.

„Ich liebe dich, meine Schwester, meine treue Freundin“, rauschte es im Wind, „Doch glaube, es war mein Wille auf diese Weise von dir zu scheiden, kein Verrat.“

Verdutzt wandte Minerva sich um. Doch Albus‘ lag reglos auf seinem Bett im Mondlicht. Und vor dem Fenster sang der Phönix, sang sein trauriges Lied in der Nacht.

Zerstreutheit; Todesser Hauptquartier; Schlüssel

 ~*~

‚Es muss Zerstreutheit gewesen sein, nichts als Zerstreutheit. Er muss abgelenkt und unachtsam gewesen sein. Anders war es nicht zu erklären. Es war die einzige Möglichkeit und sie würde ihm noch zum Verhängnis werden!‘

Severus las es in ihren weit aufgerissenen Augen, in ihren Gedanken, in ihrem Geist. Das Mädchen, gerade erst von den Crutiatusflüchen aus Bellatrix‘ Zauberstab befreit, blicke an ihm vorbei auf den Kaminsims. Er schaute ihr nicht ins Gesicht, sah die Gattin und die Schwägerin seines alten Schulfreundes an, von der die eine ihn durchs Flohfeuer, dessen Ruß noch seinem Umhang klebte, zur Verstärkung in die Manor gerufen hatte. Denn der Dunkle Lord hielt inzwischen größere Stücke auf ihn als auf seine treue Gefährten, hatte ihm in der Ferne von Hogwarts, anvertraut, was nun so scheinbar achtlos auf den Kaminsims gefallen war. Und doch behielt Severus das Mädchen am Boden gut im Blick, aus den Augenwinkeln, mit Seitenblicken.  Ihre Augen, Hermine Grangers Augen, waren trunken von Gier, blitzten von verzweifelter Hoffnung, obwohl ihr Körper noch immer unter den Auswirkungen der Folter zuckte. Noch war sie zu schwach um aufzustehen. Doch sobald sie ihre Kraft wiederfände, dann würde sie es tun und ihn ergreifen, den blitzenden Gegenstand auf dem Kaminsims, daran bestand nicht der leiseste Zweifel. Sie würde es tun, um ihre Freunde zu befreien. Die beiden Taugenichtse, Harry Potter und Ron Weasley, saßen in der Falle. Im Gefängnis unter ihren Füßen nämlich, der Geheimkammer, über die der Dunkle Lord nun wachte, seitdem die Manor nicht mehr dem Hausherren gehörte. Seine Schergen konnten Gefangene wohl darin einsperren, doch jemanden herausholen, das vermochte allein der Schlüsselwart. Der Schlüsselwart, zu dem der Dunkle Lord ihn, Severus Snape, bestimmt hatte. Der Schlüsselwart, der seinen wichtigsten Besitz soeben auf einem Kaminsims verloren hatte. Einmal nur, ganz kurz, warf Severus Miss Granger einen Blick zu. Einen finsteren, mahnenden Blick, den alle im Raum gewiss als Drohung deuteten, der jedoch als geheimer Aufruf gemeint war. Die braunen Augen, die Severus anstarrten, füllten sich mit Hass. Hass auf den Todesser, der Dumbledore ermordet hatte und tief unter der Maske seiner Okklumentik durchzuckte für eine Sekunde verzweifelte Wut seine Brust. 

„Ihr habt sie also endlich gefangen, Potter, den Blutsverräter und das nichtsnutzige Schlammblut“, sprach er verächtlich, während auf das Mädchen herabsah wie auf ein widerliches Insekt. Der Hass in den braunen Augen loderte noch stärker auf. Feuerfunken stoben Severus entgegen, brannten sich schmerzvoll in meine Augen.

„Und den Dunklen Lord habt ihr auch gerufen?“.

Severus blickte wieder auf und sah Bellatrix an, deren Augen im Feuerschein ebenfalls glühten, doch auf eine ganz andere Weise, mitten ins Gesicht.

„Natürlich!“, lachte sie vergnügt, „Er wird begeistert sein!“

„Wie gut, dass ich den Schlüssel zur Geheimkammer unter diesen Dielen gleich mitgebracht habe. Er wäre sicher nicht begeistert, wenn ich seinen kleinen, silbernen, wie eine Schlange geformten Lieblingsschlüssel erst noch aus Hogwarts holen müsste. Doch vielleicht sollten wir uns bis zu seiner Ankunft noch einen kleinen Aperitif im Esszimmer gönnen, auf den großen Coup“, sprach Severus und drängte die Schwestern demonstrativ in Richtung Diele, verbarg mit seinem Rücken ihren Blick in den Salon. Doch kaum, dass sie die Tür passiert hatten und die beiden Schwestern allein weitergingen, warf Severus noch einen letzten Blick zurück. Was er sah, stimmte ihn zufrieden. 

Hermine Granger kam auf die Beine, schlich sich zum Kaminsims und nahm den Schlüssel an sich. Wenigstens eine von dreien besaß eine Unze an Verstand. Der Dunkle Lord würde sein Blaues Wunder erleben. Bis er in der Manor eintraf, würden seine Gefangenen abermals geflohen und seine treue Gefährtin und deren Schwester unbekannterweise obliviert worden sein. Ein leises Lächeln stahl sich über Severus‘ Lippen, alles verlief nach Plan. Doch im nächsten Augenblick erstarb sein Lächeln und seine Miene war wieder eisig.

‚Es muss Zerstreutheit gewesen sein, nichts als Zerstreutheit. Anders war es nicht zu erklären, warum er Schlüssel auf den Kamin abgelegte, direkt vor meine Nase‘, hatte er im Geist des Mädchens gelesen.

Zerstreutheit wie eine Hirschkuh an einem zugefrorenen See. Zerstreutheit wie Vorzeigen des Dunklen Mals vor den Augen des Ministers. Zeustreutheit wie ein Gegenspruch, der Quirrells schwarze Flüche brach.  Severus atmete tief aus. Für eine Sekunde wünschte er sich, er wäre weniger zerstreut. Zumindest in den Augen Hermine Grangers. 

Autorennotiz

Hallo zusammen! Schön, dass ihr hereinschaut. Dieser Kalender ist ein Beitrag zu meinen Schreibprojekten "Ein Tribut an Fünf" im Forum. Zusätzlich zu den Projektvorgaben hat jeder Oneshot hier genau 700 Worte. Ich hab die Sammlung als "Gen" und "Headcanon" getaggt, denn auf die meisten trifft beides zu. In ein paar wenigen gibt es Was-wäre-AU und Romanze zwischen Canonpairs (nicht den Dous!). Ansonsten ist von Fluff bis Tragödie alles dabei.

Bis auf die 1. und die 52. Woche gilt für die Dous folgende Reihenfolge. Kalenderwoche endet auf..

0: Hermine & Severus
1: Minerva & Remus
2: Hermine & Remus
3: Albus & Severus
4: Hermine & Minerva
5: Albus & Remus
6: Minerva & Severus
7: Albus & Hermine
8: Remus & Severus
9: Albus & Minerva

Viel Spaß beim Lesen!

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Larlysia Am 31.10.2019 um 17:23 Uhr Mit 2. Kapitel verknüpft
Ich mag dein Zitat "Niemand wusste, welche Szenen die Hand des Schicksals noch darauf zeichnen würde."! Ich wollte diese OS-Sammlung schon länger lesen, habe es aber prokrastiniert, weil ich einfach zu faul war, sso viele OS zu lesen, aber ich bin froh, jetzt endlich damit angefangen zu haben!
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LaylaMalfoy Am 19.08.2019 um 17:01 Uhr Mit 32. Kapitel verknüpft
Eine authentische Szene, die sich wahrhaftig so ereignet haben könnte. Du beschreibst Lupin und seine geheimnisvolle, weise und besonnene Art sehr lebendig, ich kann ihn vor meinem inneren Auge ganz deutlich sehen. Gerade durch seine Reaktionen, die man nicht erwartet, wie sein Lächeln nachdem Hermine ihn entlarvt hat. Besonders gefallen hat mir auch wie du die Umgebung, in dem Fall die Natur, als Spiegel der Stimmung und Gefühle der Szene mit eingebunden hast. LG
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LaylaMalfoy Am 02.08.2019 um 16:35 Uhr Mit 31. Kapitel verknüpft
Mir gefällt es, wie du zunächst die Gedanken und Gefühle der beiden Charaktere wiedergibst und sie schließlich kurz aufeinander treffen lässt - im Herzen und auch im Wechsel ihrer äußerlichen Form verbunden. Ein sehr schönes und passendes Motiv. Auch die kleinen Anspielungen verbindet mit der Geschichte rund um das Harry Potter Universum von Beginn an und nimmt den roten Faden der Buchreihe auf, um ihn dann weiterzugeben. Diese Tiefe schätze ich sehr.
Liebe Grüße, Layla

Autor

Augureys Profilbild Augurey

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Statistik

Kapitel:50
Sätze:2.872
Wörter:37.762
Zeichen:227.080

Kurzbeschreibung

Ein Jahr ist eine lange Zeit, ein ganzes Leben noch viel länger. Für Albus Dumbledore, Hermine Granger, Minerva McGonagall, Remus Lupin und Severus Snape ist beides erfüllt von Momenten. Glückliche Momente und traurige , witzige und spannende Momente. Momente, die einer mit dem Anderem teilt! Fünf Lieblingscharaktere, zehn Dous, zweiundfünzig Begegnungen. Kunerbunte Geschichten für ein ganzes Jahr! Oneshotsammlung, keine canonfremden Ships, zu 90% Gen und canonkompatibel.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Kalender, OneShot-Sammlung, Gen, Headcanon, Allgemein und Schreibprojekt getaggt.