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Der Erbe der Erinnerungen

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20.10.2018 23:35
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

3 Charaktere

Harry Potter

Albus Dumbledore

Severus Snape

Es war der Morgen nach der Schlacht um Hogwarts. Harry hatte kaum geschlafen, zu viel war geschehen, um Ruhe zu finden. Durch seine müden Augen sah er verschwommen Schutt und Trümmer um sich herum, wie das Leben so vieler nach dieser Nacht Asche war. Doch Harry blieb auf seinem Weg. Sein Ziel war das Schulleiterbüro. Er musste noch einmal dorthin zurück, musste etwas zu Ende bringen. Der Raum sah aus, wie Harry ihn verlassen hatte. Keine Zeit schien vergangen zu sein. Nichts hatte sich verändert.

Langsam betrat Harry das Zimmer, schritt auf das seltsame Becken zu. Noch immer schwammen im Denkarium silbrig glänzend die Erinnerungen. Sie waren die Essenz eines gesamten Lebens. Eines Lebens, das erloschen war. Kein fröhliches, friedvolles, erfülltes Leben war es gewesen, nein, ein getriebenes, einsames, gequältes. Und doch eines, in dem es Momente des Glücks gab, so stark einen gestaltlichen Patronus daraus zu weben. Es war ein Leben, in dem sich Liebe und Hass umschlungen und beide gleichsam um die Seele des Menschen rangen, der es lebte. Auch ein Leben der Geheimnisse war es gewesen. Ein Leben, dessen wahre Natur sich stets hinter einer Maske verbarg. Nie war der Mensch, der es lebte, ganz er selbst gewesen. Seine Wahrheit trug er stets in sich verschlossen. Nur einem einzigen Menschen hatte er jemals davon erzählt, als er noch lebte. Auch ein mutiges Leben war es gewesen, ein Leben voll harter Entscheidungen und Gefahren, die keine Feigheit, kein Wimpernzucken erlaubten. Doch vor allem war es ein Leben aus vielen Fehlern, aus tiefer Schuld und tiefer Reue gewesen, 21 Jahre für das eine, 17 für das andere.

Harry legte vorsichtig seine Hände an die Ränder des Denkariums wie auf eine Truhe, die einen Goldschatz verwahrte. Er konnte nicht sagen, dass er den Menschen, dem all diese Erinnerungen gehörten, nicht gemocht hätte. Nein, er hatte ihn abgrundtief gehasst. Genau wie dieser ihn. Und doch hatte eben dieser Mensch gerade ihn, Harry Potter, auserwählt, um ihm in der Sekunde seines Todes alles zu hinterlassen, was von ihm noch blieb. Er war das Ohr und das Auge gewesen, vor dem dieser Mensch seine Lebensbeichte abgelegt hatte. Er hatte ihm seinen letzten Wunsch erfüllt. Er wurde von ihm zu seinem Erbe bestimmt. Der Erbe seiner Erinnerungen. Snapes Erinnerungen. Harry blickte in das Wasserbecken hinab, auf den Nebel, auf das Treiben der Bilder. Fast war es ihm so, als hielte er Snape selbst in den Händen. Ein eigenartiger Gedanke. So sehr Harry auch in sich hineinhorchte, er konnte nicht sagen, was er fühlte. Es war seltsam an diesem Ort zu stehen, all diese Bilder zu sehen. Die Bilder, wegen denen er einst aus dem Kerkerzimmer geworfen wurde, nun überlassen bekommen zu haben. Wäre Snape noch am Leben, alles wäre so einfach gewesen. Er hätte die Erinnerungen aus dem Denkarium gefischt und sie zurückgegeben, wie man ein Buch in die Bibliothek zurückbringt. Doch die Bibliothek war niedergebrannt, ihre Tür auf ewig verschlossen. Snape war tot. Und er, Harry, hielt die Bücher nun für immer in seiner Hand. Es war merkwürdig, dass gerade er dazu bestimmt war, die Erinnerungen und damit die Wahrheit des Mannes, den er so sehr verabscheut hatte, zu verwahren. Das Schicksal hatte sie beide auf rätselhafte Weise miteinander verbunden. Wie konnte Harry ahnen, dass der Mensch, der ihn vom ersten Moment an gehasst hatte, seine Mutter fast sein ganzes Leben lang geliebt hatte? Ihre Leben waren enger miteinander verwoben als Harry je geahnt hatte. Snape war nur wegen ihm in Hogwarts, nur wegen ihm Dumbledores Spion gewesen! Harry konnte ihn nicht mehr hassen – ja, er fühlte noch Wut. Doch er hatte verstanden. Verstanden, warum er so war – so kalt, so hart, so gemein und warum Dumbledore ihm doch immer vertraute, absolut vertraute. So sehr vertraute, dass er sogar seinen Tod in dessen Hände legte. Und in Harrys Händen? Da lag nun Snapes Tod oder sein Leben oder das, was von seinem Leben nach dem Tod noch blieb.

Ein Gefühl von Wehmut packte Harry. Wenn er gewusst hätte, was er in dieser Nacht erst erfahren hatte, vielleicht wäre alles anders gekommen. Vielleicht hätten sie noch einmal neu beginnen können. Doch wollte Snape das überhaupt? Was dachte er wohl in der letzten Sekunde, als er in Harrys Augen blickte? Harry beschloss, nicht mehr darüber nachzudenken. Es war zu spät, für dieses Leben zu spät. Er fragte sich nur noch, was er nun tun sollte. Die Erinnerungen hier im Denkarium lassen? Harry schloss die Augen und dachte kurz nach. „Nimm sie… Nimm sie!“ waren Snapes letzte Worte, sein Letzter Wille gewesen. Ja, er würde sie nehmen. ER würde SIE nehmen.

Schnell suchte Harry nach Hermines Phiole, zog jede Erinnerung aus dem Denkarium, verschloss sie gut und verstaute sie sicher in seiner Hemdtasche. „Professor Snape!“, rief er schließlich in die Stille des Schulleiterbüros hinein, „Es tut mir leid, dass ich Ihnen nie vertraut habe. Ich weiß, dass Sie das nicht für mich, sondern für meine Mutter getan haben. Aber ich wollte Ihnen Danke dafür sagen. Danke, dass Sie Ihr Leben für mich riskiert haben. Und ich…“ Harry stockte für einen Moment, „ich verzeihe Ihnen. Ich verzeihe Ihnen alles!“ Plötzlich hörte Harry ein Schniefen. Verwundert blickte er sich um. War Snapes Porträt endlich im Schulleiterbüro erschienen? Er hatte es bisher noch nicht gesehen.

Doch das Geräusch kam gar nicht von Snape. Es war Dumbledore, dessen Augen abermals vor Tränen glitzerten. „Harry, mein guter Junge, ich bin stolz auf dich“, sagte er sanft, „Du hast gerade etwas Wunderbares für Severus getan, wozu er selbst nie fähig war“. Harry blickte verwundert auf. „Was… Was konnte Professor Snape nie?“, fragte er das Porträt leise. „Vergeben, Harry“, antwortete Dumbledore und Tränen liefen in seinen weißen Bart, „sich selbst vergeben“.

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Kurzbeschreibung

Harry kehrt am Morgen nach der Schlacht ins Schulleiterbüro zurück und überlegt sich, was er mit den Erinnerungen tun soll, die noch immer im Denkarium schwimmen - Snapes Erinnerungen. Was ihm dabei durch den Kopf geht, wie er nach allem, was er in der letzten Nacht erfuhr, über seinen Zaubertranklehrer denkt, das erfahrt ihr hier. Oneshot

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