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Das letzte Steichholz

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07.12.19 22:27
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

4 Charaktere

Tao Xuan

Tao Xuan ist der CEO des eSport Teams Excellent Era. Zuvor war er der Inhaber eines Internetcafés mit dem selben Namen. Er war einer der wenigen, die von Anfang an an den Erfolg von Glory geglaubt hat und dafür belohnt wurde, bis ihn seine Geier zum Verhängnis wurde. Einst war er ein Freund von Ye Xiu.

Su Mucheng

Su Mucheng ist eine langjährige Begleiterin von Ye Xiu, mit dem sie seit ihrem Debüt in Saison 4 mehrere "Best Partner Awards" gewonnen hat. Sie möchte Ye Xiu, der sie und ihren älteren Bruder unterstützt hat, eine kleine Stütze sein.

Ye Xiu

Ye Xiu ist der Protagonist in The King's Avatar und der beste Gloryspieler, der aber von seinem Team rausgeworfen wird und sich dann wieder von ganz unten nach ganz oben arbeiten muss. Dabei helfen ihm, neben seinen neuen Teammitglieder, seine jahrelange Erfahung und sein ungewöhnlicher Account mit einer noch ungewöhnlicheren Waffe.

Su Muqiu

Su Muqiu ist ein talentierter Junge, der früh sein Leben lassen musste. Er hat One Autumn Leafs, Dancing Rains und Lord Grims Silver Waffen erschaffen und ist zudem für Erstellung von Dancing Rain und Lord Grim verantworlich. Zudem ist er Su Muchengs großer Bruder.

Graue Gewitterwolken verdeckten den Himmel. Die meisten Menschen, die noch klar bei Verstand waren und für die es keinen Grund gab nun draußen zu sein, zogen sich in ihre Wohnungen zurück. Ye Xiu gehörte nicht zu diesen Leuten. Er war zwar bei Verstand, hatte aber keinen triftigen Grund – rauchen konnte man wohl kaum als solchen bezeichnen – draußen zu sein. Nichtsdestotrotz stand er bei Wind und baldigem Regen vor dem Seiteneingang des eSport Clubs Excellent Era.
Normalerweise begab er sich nicht extra nach draußen, um eine zu rauchen. Heute aber hatte er das Gefühl, er würde ersticken, wenn er noch länger drinnen blieb. Der heutige Tag war nicht sonderliche gut verlaufen – eben so wenig wie der gestrige oder der davor. Excellent Era fiel in den Platzierungen immer weiter ab. Wenn sich nicht bald etwas besserte, könnte es sogar passieren, dass sie aus der Liga flogen. Die letzten beide Plätze – Platz neunzehn und zwanzig – wurden am Ende der Saison durch neue Teams ersetzt. Eines dieser Teams hatte durch ein Bewerbungsverfahren die Befugnis erhalten ein Teil der Liga zu werden und das zweite Team war der Sieger der sogenannten Challenger League. Bis jetzt wurde dieses immer nur von ehemalige eSport Teams gewonnen, was der Challenger League den Namen „Revival Tournament“ eingebracht hatte.
Für Excellent Era wäre die Teilnahme an der Challenger League eine Schmach! Immerhin war das Team einst an der Spitze der Liga gewesen und hatte nicht nur drei Meisterschaften gewonnen, sondern drei aufeinander folgende Meisterschaften! Etwas das bisher kein anderes Team geschafft hatte – es gab noch nicht einmal ein Team, das zwei Meisterschaften hintereinander gewonnen hatte. Leider verbesserte sich Excellent Era seit ihrem dritten Sieg im Final nicht mehr, sondern verschlechterte sich stetig. Hochmut kam bekanntlich vor dem Fall und diesen Fall würde niemand unbeschadet überstehen.

Ye Xiu wusste, dass seine Zeit vorbei war. Nicht weil er zu alt für die eSportszene war, sondern weil man ihn hier nicht mehr wollte. Der Grund, warum Excellent Era immer schlechter wurde und nun auch kurz vor dem Rausschmieß aus der Liga stand, war er. Er, weil er nicht, wie vom Management gewünscht und gefordert, an die Öffentlichkeit trat – sie wollten ihn zu Geld machen, aber er spielte nicht mit, blieb im Hintergrund. Seine Teamkammeraden befolgten seine Befehle nicht, weil sie auf ihn herabsahen, dachten sie wären besser als er – weil sie die Schnauze von ihm und seinen Lektionen voll hatten. Ohne Teamwork konnte man aber keine Spiele gewinnen.
Es war zu spät jetzt noch etwas zu ändern. Selbst wenn er den Forderungen des Managements nachkommen würde, so würde es nichts daran ändern, dass ihn seine Teamkollegen hassten und wahrscheinlich hatte man sowieso schon einen Ersatz für ihn gefunden.
Der Gedanke zu gehen tat weh. Der Gedanke, dass Excellent Era, das Team das er mit aufgebaut hatte, so tief sank, dass es in die Challenger League abstieg, tat weh. Das Wissen, dass es seine Schuld war, wenn auch nur teilweise, schmerzte auf eine Art und Weise, die Ye Xiu niemals in Worte fassen könnte – und trotzdem bereute er nichts.
Vielleicht war das alles nur der sogenannte „Wink des Schicksals“. Was das Schicksal aber genau von ihm wollte, wusste Ye Xiu nicht. Jetzt wollte er erst einmal eine Zigarette rauchen und zur Ruhe kommen, bevor er zurück zu seinen Kollegen musste, die ihn mit vorwurfsvollen Blicken und Anschuldigungen strafen würden, um sicher zu gehen, dass er auch wirklich verstand, dass er nicht mehr willkommen war.

So einfach sein Plan war gewesen sein mochte, ohne ein Feuerzeug konnte man schlecht eine Zigarette rauchen. Wie konnte er nur sein Feuerzeug vergessen? Das war ihm bis jetzt noch nie passiert – aber es gab ja immer ein erstes Mal; auch wenn er auf dieses Mal gut und gerne verzichten hätte können, insbesondere in seiner momentanen Lage.
Zu seinem Glück kam Excellent Eras Chef Tao Xuan vorbei, der ebenfalls Raucher war. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser auch kein Feuerzeug hatte war doch sehr gering, oder?
„Hey, Old Tao, hast du ein Feuerzeug für mich?“, fragte Ye Xiu ohne ein Wort zum Gruß.
Warum auch? Sie waren doch Freunde. Oder waren es zumindest mal gewesen.
Tao Xuan war Ye Xius Art gewohnt und in diesem Moment bevorzugte er es auch, nur so wenige Worte wie möglich mit dem anderen wechseln zu müssen, weshalb es ihn auch nicht stört, dass der andere die Begrüßung kurz hielt beziehungsweise ausließ. Ye Xiu hatte etwas an sich, dass seine Mitmenschen schneller als der Wind von null auf hundertachtzig bringen konnte, und Tao Xuan hatte nun wirklich keine Lust sich unnötig aufzuregen – ihre Beziehung zu einander, die sich über die Jahre hinweg verschlechtert hatte, trug hierzu auch ihren Teil bei. Dementsprechend griff er in seine Anzugtasche und holte etwas Kleines hervor.
„Ich rauch‘ nicht mehr“, antwortete Tao Xuan und warf Ye Xiu einen kleinen Gegenstand zu, damit war er dann auch schon verschwunden.

Eigentlich war es ungewöhnlich das Tao Xuan den Seitenausgang nutzt, aber wahrscheinlich hatte er Angst sich mit neugierigen Reportern und aufgebrachten Fans auseinander setzten musste. Diese beiden Personengruppen traf man in den letzten Monaten häufiger an. Warum er dann aber so eilig von dannen zog, wenn weder die eine noch die andere Personengruppe anwesend oder in Sichtweite war, war Ye Xiu schleierhaft. Dass er der Grund sein könnte, kam ihm nicht in den Sinn.
Er starrte seinem Boss – und ehemaligen Freund – verwundert hinterher. Gerade noch so hatte er es geschafft den kleinen Gegenstand, den Tao Xuan ihm zugeworfen hatte, zu fangen. Und wieso teilt ihm Tao Xuan erst mit, dass er nicht mehr rauchte, nur um dann doch ein Feuerzeug oder etwas ähnliches aus der Tasche zu ziehen? War das nicht ein wenig widersprüchlich oder nur die Macht der Gewohnheit?
In Wahrheit machte sich Ye Xiu nicht allzu viele Gedanken, da er dazu noch ein wenig zu verdutzt war. Ja, auch jemand wie Ye Xiu, der eigentlich mit allen Wassern gewaschen war und der zumindest auf dem digitalen Schlachtfeld schon so gut wie alles gesehen und erlebt hatte, konnte man eiskalt erwischen. Dazu bedurfte es noch nicht einmal einer höchst komplizierten Taktik.

Reichlich verdattert starrte Ye Xiu noch ein wenig vor sich hin, bis er sich dem Gegenstand, der sich nun in seiner rechten Hand befand, widmete. Anders als erwartet und erhofft, war es kein Feuerzeug, sondern eine kleine viereckige Schachtel. Wäre Tao Xuan nicht Tao Xuan und Ye Xiu nicht Ye Xiu, hätte besagte Schachtel schneller ihren Weg in die Mülltonne gefunden, als eine leere Zigarettenpackung. Vermutlich hätte es auch ein paar Schimpfwörter geregnet.
Auch wenn sich die Beziehung zwischen Tao Xuan und Ye Xiu über die Jahre hinweg verschlechtert hatte, so war sich Ye Xiu sicher, dass der andere ihm nicht einfach Müll in die Hand drücken würde, insbesondere nicht, wenn es nur um ein Feuerzeug ging.

Sah man genauer hin, konnte man erkennen, dass die Schachtel an der Längsseite angeraut war. Eine Streichholzschachtel? Hatte Tao Xuan ihm anstatt eines Feuerzeuges eine Streichholzschachtel gegeben? Sofern noch ein Streichholz vorhanden war, würde es auch den gewünschten Effekt erzielen, aber es war doch relativ ungewöhnlich. In den letzten Jahren hatte Ye Xiu fast ausschließlich Feuerzeuge verwendet, um seine Zigaretten an zu zünden. Damals, vor einigen Jahren, als er mit dem Rauchen angefangen hatte, war sein Feuerzeug oft leer gewesen, weshalb er Tao Xuan immer um Hilfe gebeten hatte, der ihm dann gerne mit einem Streichholz zur Seite gestanden war. Über die Jahre war das aber weniger geworden und wenn Ye Xiu darüber nachdachte, sah er auch nur noch selten Streichhölzer zum Kaufen angeboten.

Das Schächtelchen, das Tao Xuan ihm zugeworfen hatte, war alt. Man konnte es daran erkennen, dass die Packung an ein paar Stellen eingerissen war und das Logo, welches auf einer Seite abgebildet war, war von einer Firma, die schon vor ein paar Jahren insolvent ging und daher nicht mehr existierte. Ein weiteres Indiz war die kleine krakelige Zeichnung auf der noch freien Seite. Ye Xiu konnte sich nicht mehr erinnern, was das Gekritzel darstellen sollte. Wenn er sich recht erinnerte, hatte Su Muqiu, wann immer er eine neue Idee für ein neues Equipment hatte, besagte Idee auf dem erst besten Gegenstand verewigt. Scheinbar war diese Streichholzschachtel eine der vielen Opfer dieser Ideen gewesen.
Bei genauerer Betrachtung und ein wenig Fantasie, konnte man erkennen, dass es sich um eine längliche Schusswaffe handelte – für Ye Xiu war schnell klar, dass Muqiu hier einer der vielen Formen des Myriad Manifestation Umbrellas abgebildet hatte. Muqiu hatte recht früh angefangen an dieser speziellen Waffe zu basteln. Es war wahrlich eine Tragödie, dass man ihr jäh den Riegel vorgeschoben hatte, in dem man die Möglichkeit seinen Account als „Unspecialised“ zu spielen für die Spieler unattraktiv gestaltet hatte. Leider war der Myriad Manifestation Umbrella nur genau für diese inoffizielle Klasse von Nutzen.

Es war erstaunlich, dass Tao Xuan dieses kleine Schächtelchen solange aufbewahrt hatte. Wer behielt über mehrere Jahre hinweg einen eigentlich nutzlosen Gegenstand? Auf der anderen Seite hatte sich Tao Xuan nicht auch jahrlange mit Ye Xiu abgegeben, obwohl letzterer in den Augen des anderen nutzlos war? Ein trauriger Vergleich. Ein trauriger Gedanke. Aber die Wahrheit.

Vorsichtig schob Ye Xiu die Schachtel auf. Ein einzelnes Streichholz war noch vorhanden. Nicht nur hatte Tao Xuan die Schachtel für viele Jahre aufbewahrt, er hatte in den letzten Jahren eine fast leere Streichholzschachtel herum getragen – aber damit war sie wohl noch nicht nutzlos für den anderen oder nicht nutzlos genug, um sie los zu werden; anders als Ye Xiu.
Eine Welle an Emotionen brach über Ye Xiu zusammen und er beschloss, lieber doch keine Zigarette zu rauchen – vielleicht später, wenn er sein Feuerzeug wieder hatte. Die Pause, die er für das Team angeordnet hat, war sowieso bald vorbei. Als Kapitän war es nicht angebracht zu spät zum Training zu erscheinen, ganz besonders nicht, wenn der Grund dafür eine Zigarette war.

Mit einem kleinen Schächtelchen voller Erinnerungen und Emotionen begab sich Ye Xiu zurück an einen Ort, an dem er nicht willkommen war und aus dem man ihn bald vertreiben würde. Alles was dann bleiben würde waren Erinnerungen und Emotionen.

Die Tage wurden länger. Zogen sich ins Endlose. Früher verging die Zeit schneller, kaum hatte er angefangen Glory zu spielen, war es schon wieder Mittag und Wu Xuefeng zerrte ihn zum Essen. Kaum war das Mittagessen vorbei war es auch schon wieder Abend und er musste Glory fürs Abendessen unterbrechen. Früher waren die Tage kürzer. Er verlor sich in der Welt von Glory zusammen mit seinen Teamkollegen. Gemeinsam arbeiteten sie ihrem Ziel entgegen besser und besser zu werden. Es gab kein „Bester“, sondern nur ein „besser“. Heutzutage war das anders. Das Training war eine einzige Tortur. Egal wie sehr er sich auch versuche zu konzentrieren, er erwischte sich immer wieder dabei, wie er verstohlen auf die Uhr blickte. Wie lange musste er noch mit seinen „Teamkameraden“ spielen? Wie lange musste er diese Scharade noch mit machen? Für wie blöd hielt man ihn eigentlich? Und wie blöd und unfähig waren seine Kollegen eigentlich wirklich? War das wirklich alles nur gespielt oder gaben sie nur vor Unfähigkeit vorzuspielen? Glory mit seinem Team zu spielen wurde eine Last.
Zum Ausgleich begab er sich gerne ins Trainingscamp und half dort den potentiellen zukünftigen Spielern sich zu verbessern. Und wenn er nicht gerade dort war, so saß er in seinem Zimmer und durchstreifte Glorys Welt mit einem der Accounts, die er irgendwo in seiner Schublade aufbewahrte. Heute war er nur kurz im Trainingscamp gewesen, da man ihn dort wohl auch nicht mehr wollte. Die meisten Schüler sahen ihn zwar auf der einen Seite als Vorbild, als zu erreichendes Ziel, aber gleichzeitig auch als veraltet und unnütz. Sie bildeten sich ein, sie wären besser als er, würden ihn besiegen können, wenn sie nur den richtigen Account hätten. Egal wie oft er ihnen das Gegenteil bewies, sie sahen auf ihn herab. Was für ein Armutszeugnis. Der Battle God war tief gefallen.
Nichtsdestotrotz kam er immer wieder vorbei, um nach Qiu Fei Ausschau zu halten, denn dieser war nicht nur bereit sich belehren zu lassen, sondern sollte irgendwann auch One Autumn Leaf übernehmen. Im Moment war sich Ye Xiu aber leider nicht mehr sicher, ob es jemals soweit kommen würde.

Heute hatte man ihn im Trainingscamp nicht gebraucht und auf Glory konnte er sich nicht konzentrieren. Zwar hatte er mit ein paar anderen Spielern einen Dungeon erledigt und war anschließend in der Arena unterwegs gewesen – jemand aus der „Research & Development“ Abteilung hatte ihn gebeten, jemanden zu erledigen, der ihn vor einigen Tag in Glory getötet und beklaut hatte. Es war nichts Ungewöhnliches beklaut zu werden, was das vorherige töten des Charakters voraussetze, und es war auch nicht ungewöhnlich, dass man jemand anderen für die anschließende Rache beauftragte. Die Angestellten in Excellent Era hatten das Glück, dass Ye Xiu, auch als Battle God bekannt, kein Problem damit hatte, genau das zu tun. Alle anderen mussten sich an Freunde wenden oder ein Gamingstudio damit beauftragen, wofür die meisten dann doch kein Geld hatten. Mal abgesehen davon, dass die Glorys Welt inzwischen so groß geworden war, dass die Suche nach dem Mörder der Suche nach der Nadel im Heuhaufen glich. Ye Xiu hatte damit aber keine Probleme, wenn er eh durch Glorys Welten streifte, konnte er auch Ausschau nach einem Mörder halten und diesen dann erledigen. Heute hatte er seinen Auftrag rechtzeitig erledigen können und bei seinem unverschämt großen Glück hatte der besiegte Gegner sogar die gestohlene Ausrüstung fallen gelassen, die Ye Xiu sich gleich in die Tasche gesteckt hatte, um sie später an den ursprünglichen Besitzer zurück zu geben. Anschließend war er mit einer Truppe von herumlaufenden Spieler in einen Dungeon gegangen, den sie mehr oder minder problemlos hinter sich brachten. Damit war sein Tag auch beendet gewesen. Egal wie sehr er Glory auch mochte, egal wie gern er noch länger gespielt hätte: er war müde. Einfach nur so unendlich müde. Immer wieder die gleichen Befehle, immer wieder die gleichen Bewegungen, immer wieder die gleichen Fehler, immer wieder die gleichen Worte der Reue, immer wieder die gleiche Erwiderung, immer und immer wieder. Er war es leid. Er war müde, so unendlich müde.
Jetzt saß er an seinem Fenster und blickte stumm nach draußen. Sein Ausblick war nicht schlecht. Es gefiel ihm, dass er so weit oben wohnte. Am Anfang der Liga war Excellent Era noch nicht so groß gewesen, aber sie hatten bereits einige hartgesottene Fans, die vor ihren Toren wachten, in der Hoffnung Ye Xiu zufällig anzutreffen. Jetzt da er so weit oben wohnte, musste er sich nicht davor fürchten, dass diese Fans plötzlich vor seinem Fenster standen. Und im Gebäude selbst kam auch keiner ohne entsprechenden Ausweis beziehungsweise ohne entsprechender Genehmigung weit. Er hatte seine Ruhe.

Alles was ihm jetzt noch zu seinem Glück fehlte, war ein gutes Team. Ein Team mit dem er zusammen gewinnen konnte. Ein Team auf das er sich verlassen konnte. Ein Team, das auch wirklich ein Team war. Leider würde er das wohl mit Excellent Era nicht mehr erleben. Zu tief waren die Schluchten zwischen ihm und den Management und den anderen Spielern. Sie alle hatten sich in ihre Sicht der Dinge festgebissen und weigerten sich auch nur einen Millimeter nach zu geben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es zur Eskalation kam.

Die Zigarette zwischen seinen Lippen war noch nicht angezündet. Sein Feuerzeug lag auf seinem Schreibtisch und er hatte nicht die Kraft oder den Willen aufzustehen und es zu holen. Leichte Kopfschmerzen machten sich bereits bemerkbar. Vielleicht kamen die Kopfschmerzen aber auch durch seine nicht enden wollenden Gedanken. Was sollte er jetzt machen? Sein Team weiter versuchen zusammenzuführen und zu gewinnen oder einfach aufgeben? Aber was aufgeben? Er hatte Excellent Era mitaufgebaut, er konnte den Klub doch jetzt nicht einfach verlassen und so tun als hätte es die Jahre hier nicht gegeben. Glory, er konnte jetzt nicht einfach aufhören Glory zu spielen, gab es doch noch etwas das er begehrte und das konnte er nur in der professionellen Liga erlangen. In ein anderes Team wechseln? Und was war dann mit Su Mucheng? Und wie sollte er diese Entscheidung vor sich oder Su Muqiu rechtfertigen? Er konnte nicht gehen. Nicht jetzt. Noch hatte nicht alles versucht.
Und doch kreisten seine Gedanken, um die Frage, was wohl wäre wenn; wenn Muqiu noch bei ihnen wäre, wenn er sich nicht der Öffentlichkeit entziehen würde, wenn er alleine die Kämpfe entscheiden könnte, wenn Wu Xuefeng noch hier wäre.

Ein sanftes Klopfen riss Ye Xiu aus seinen trüben Gedanken. Bevor er etwas sagen konnte, hatte Su Mucheng die Tür zu seinem Zimmer geöffnet und war eingetreten. In ihrer Hand hielt sie einen Schuhkarton, der schon reichlich mitgenommen aussah.
„Ye Xiu, schau Mal was ich gefunden habe!“, grüßte sie ihn fröhlich und setzte sich an seinen Schreibtisch, auf dem sie den Inhalt der Schachtel anfing auszubreiten.
„Einen Karton?“
„Ja, einen Karton voll mit alten Sachen, die einst meinem Bruder gehört haben. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich den Karton mitgenommen habe.“
Nachdem Su Muqiu verstorben war und Excellent Era immer größer, und somit Wohnmöglichkeiten für die Teammitglieder anbot, wurde, waren Ye Xiu und Su Mucheng aus ihrem kleinen Apartment in das Teamapartment gezogen. Bei Umzügen verschwand nicht nur gerade etwas, manchmal musste man sich auch von dem ein oder anderen liebgewonnen Stück trennen. Zwar hatten die drei nie viel gehabt, aber nachdem sie nur noch zu zweit waren, war die Sachen um eine Person zu viel.
Ye Xiu hatte sich damals nicht in Muchengs Entscheidung, was verkauft oder weggeschmissen werden sollte, eingemischt. Egal wie gut er und Muqiu befreundet gewesen waren, Mucheng war Muqius kleine Schwester gewesen und sie musste den Verlust ihres letzten Familienmitgliedes verarbeiten. Irgendwie hatte es sich für Ye Xiu angefühlt, als wäre es nicht sein Ding, als dürfe er als Außenseiter sich nicht einmischen. Dass er keine Außenseiter in dieser Angelegenheit gewesen war, hatte er erst viel später begriffen.

Mit einem desinteressierten Blick nahm sich Ye Xiu ein Notizbuch, dass Mucheng gerade aus der Schachtel geholt hatte, und blättere es durch. Mit krakeligen Schriftzeichen hatte sich Muqiu wichtige Eigenschaften unterschiedlicher Materialien und Items aufgeschrieben. Ein sanftes Lächeln stahl sich auf Ye Xius Lippen. Bei ein paar der Materialien konnte er sich noch lebhaft daran erinnern, wie Muqiu ihm sein Ohr abgekaut hatte und dabei immer wieder zwischen Bildschrim und Notizbuch hin und her geschaut hatte. Die Zeit und Liebe, die Muqiu in den Equipmenteditor gesteckt hatte war vergleichbar mit Ye Xius Liebe zu Glory und seiner Zeit, die er in das Spiel steckte. Zwar hatte sich ihr Interesse auch wegen des Geldes in dieses Spiel gelenkt, aber geblieben war es wegen etwas anderem. Etwas, das keiner von ihnen in Worte fassen konnte. Vielleicht konnten sie es umschreiben, aber es gab kein Wort, das gezielt ihre Gefühle beschrieb; es gab keinen einfachen Satz, um auszudrücken, was sie empfanden. Glory war nicht so einfach, wie viele vielleicht dachten.
Mucheng sah sich derweilen ein altes, leicht verblasstes Foto an. Sie und ihr Bruder waren Waisenkinder. Anders als Muqiu hatte sie ihre Eltern nie kennen gelernt. Sie kannte nur Geschichten, aber keine Gesichter. Aber es bedurfte keines Genies, um zu verstehen, dass die beiden Erwachsen auf dem Foto ihre Eltern waren. Der kleine Junge war dann ihr Bruder und das Neugeborene in den Armen der Frau war sie selbst. Für einen kurzen Augenblick musste sie innehalten. Der Verlust ihres Bruder hatte sie damals tief getroffen und auch jetzt, egal wie stark sie sich gab, stimmte sie der Gedanke an ihren Bruder traurig – sie konnte über ihre schönen Erinnerungen lachen und sich freuen, doch es schwang immer eine Prise Trauer mit.
Schweren Herzens legte sie das Foto zur Seite.

„Hast du dir schon überlegt, was du mit den Sachen machen wirst?“
„Nein, noch nicht. Ich denke aber, das meiste werde ich wohl wegschmeißen. Die Figuren hier zum Beispiel sind schon recht verschließen, ich kann sie also nicht mehr verkaufen und sie haben keinen Wert für mich. Wenn du etwas willst, nimm dir ruhig was. Mein Bruder hätte sicherlich nichts dagegen.“
Die Figuren, die Mucheng meinte, waren kleine Spielsteine, die Muqiu einst genutzt hatte, um verschiede Strategin theoretisch durch zu spielen. Um sich und seine Schwester über Wasser zu halten, hatte er überwiegend durch das Anbieten von verschiedenen Diensten in MMOs Geld verdient. Dadurch hatte er sich nicht nur Freunde gemacht, weshalb er immer wieder Wege finden musste, um seinen Feinden aus den Weg zu gehen oder wie er durch mögliche Hinterhalte kam.
„Dann werde ich das Notizbuch hier behalten. Auch wenn die Informationen zum Teil veraltet sind, sind sie dennoch nicht wertlos.“
„Ich weiß nicht was mich mehr überrascht, die Tatsache, dass es mich noch immer überrascht, dass du so Gloryverrückt bist oder das du wirklich so Gloryverrückt bist.“
„Das hat nichts mit Gloryverrückt zu tun, hier geht es um Vorteile im Wettkampf. Mit diesem Equipment haben wir bessere Chancen auf den Sieg.“
Mucheng konnte nur mit dem Kopf schütteln und den Karton weiter ausräumen. Manche Dinge würden sich wohl nie ändern.

„Hm? Was ist denn das?“
Neugierig nahm Mucheng eine Streichholzschachtel aus dem Karton, die von irgendwem, höchstwahrscheinlich ihrem Bruder, bekritzelt worden war. Sie konnte nicht erkennen, was das Bild darstellen sollte und ob es vielleicht ein Hinweis darauf war, was sich in dem Schächtelchen befand. Vorsichtig schüttelte sie es, um zu hören, ob es überhaupt etwas darin befand. Es fühlte sich zumindest schwer an, also musste etwas drin sein, nicht wahr?
Sie konnte ein leises Klappern hören.
Die Streichholzschachtel war der letzte Gegenstand im Karton und so nahm sie sich etwas mehr Zeit, sich das kleine unscheinbare Ding an zu schauen.
„Ye Xiu, weißt du, was es mit diesem Schächtelchen auf sich hat?“, fragte Su Mucheng, während sie die Streichholzschachtel aufschob, um sich den Inhalt ansehen zu können.
„Nein, aber Muqiu hat gerne auf allem möglichen herum gemalt und geschrieben. Vielleicht hat er es aufgehoben, weil später noch etwas dazu niederschreiben wollte, aber hat es dann vergessen.“
Wer wusste schon, was im Kopf eines Genies, wie Su Muqiu vor sich ging. Vielleicht hat diesem auch einfach nur sein „Kunstwerk“ gefallen.
„Hm, kann sein. Oder er hat etwas kaputt gemacht und wollte seine Schandtat verbergen oder auf das nächste Mal vorbereitet sein.“
Mit einem breiten Grinsen hielt Mucheng Ye Xiu das Schächtelchen entgegen, das mit vielen kleinen Knöpfen gefüllt war. Es dauerte eine Weile bis Ye Xiu verstand, was Mucheng meinte, aber sobald es Klick macht, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Sie hatten nie viel Geld gehabt und daher mussten sie mit dem, was sie hatten, sorgsam umgehen. Das stellte sich aber immer wieder als gar nicht so einfach heraus. In ihrem jugendlichem Leichtsinn hatten sie schon oft das ein oder andere kaputt gemacht und egal wie oft sie sich anschließend vorgenommen hatten, besser auf zu passen, es passiert doch immer und immer wieder. Um zumindest nicht jedes Mal vor einer Katastrophe zu stehen oder ungeplant Geld in Kleinigkeiten stecken zu müssen, hatte Su Muqiu irgendwann angefangen Knöpfe zu sammeln. Mucheng hatte eines Tages dann herausgefunden, dass der Grund dafür nicht die Ein- oder Weitsicht ihre Bruders war, sondern die Tatsache, dass eines ihrer Lieblingsshirts beim Waschen kaputt gegangen war und Muqiu verhindern wollte, dass sie davon etwas mitbekam.

Ye Xius Blick blieb aber nicht lange auf den Knöpfen hängen. Ihn interessierte das Motiv auf der Schachtel mehr. Auch wenn die Zeichnung krakelig war, so konnte er durchaus erkennen oder besser gesagt erahnen, was es darstellen sollte. Lord Grim mit einer Waffe, die Ye Xiu stark an eine Lanze erinnerte.
„Ich werde mir das hier auch nehmen, wenn du nichts dagegen hast.“
„Dann werde ich von jetzt an zu dir kommen, wenn mir ein Knopf verloren geht.“
Ohne ein weiteres Wort packte Su Mucheng den Karton wieder zusammen und verließ Ye Xius Zimmer. Sie hatte ihm nur ihren Fund zeigen wollen und das hatte sie getan. Jetzt war es wohl besser, ihn ein wenig allein zu lassen. Auch wenn Ye Xiu es nie zugeben würde, wusste sie, dass ihn Muqius Verlust reute. All die verlorenen Möglichkeiten, all die verlorenen gemeinsamen Träume, ließen Ye Xiu an seinem Kurs festhalten, ließen ihn voran schreiten, auch wenn sein Team ihn schon längst abgeschrieben hatte und sie ließen das Verhalten des Teams nur noch deutlicher und grausamer erscheinen, als es eh schon war.

Was Mucheng nicht wusste, war das Ye Xiu auch Hoffnung schöpfte. Es mochte nur eine fast unkenntliche Zeichnung auf einem kleinen Stück Pappe sein, aber es erinnerte ihn daran, dass man manchmal einfach wieder von vorne anfangen musste.
„Es ist ein Neustart!“

Er hatte die Kälte des massiven Holztisches nie so intensiv wahrgenommen wie in diesem Moment. Wie oft hatten sie schon hier gesessen und geredet – einfach nur geredet? Man könnte sagen, Ye Xiu war schon ein Teil des Inventars. Seit dem es Excellent Era gab, war Ye Xiu ein Teil davon – seit dem es Excellent Era gab, war er der Kapitän des Teams. Er war dabei gewesen, als man den alten, kleinen Tisch durch diesen dunkelbraunen massiven Holztisch ausgetauscht hatte. Das Team war größer geworden und jeder sollte Platz haben. Eine simple Begründung. Nach und nach wurde mehr und mehr ausgetauscht. Erst die Möbel, dann das Personal – oder erst das Personal und dann die Möbel? Ye Xiu wusste es nicht mehr so genau. Was er aber wusste war, dass Tao Xuan zu spät war. Ganze fünfzehn Minuten wartete er jetzt schon auf seinem ehemaligen Freund.
Als Inhaber des ESport Clubs Excellent Era hatte Tao Xuan immer viel zu tun und es war daher auch nicht allzu verwunderlich, wenn er zu einem Termin verspätet erschien. Nichtsdestotrotz beschlich ihn das Gefühl, dass Tao Xuans Verspätung nicht aufgrund eines vorhergegangenen Termins war. Wahrscheinlich wollte der andere einfach nur seine Macht ausspielen, zeigen, dass er es war, der andere warten ließ und dass andere, dass Ye Xiu, auf ihn zu warten hatten. Irgendwie erbärmlich.

Um sich die Zeit zu vertreiben, spielte er mit der Streichholzschachtel in seiner Hand. Ihr Inhalt klapperte unnatürlich laut in der Stille des Raums. Sollte er noch ein wenig warten oder einfach gehen? Man könnte meinen, dass Ye Xiu nichts Wichtiges zu tun hätte, aber die Zeit, die er hier verplemperte könnte er nutzen, um den Mitgliedern des Trainingscamps beim Training zu helfen oder er könnte die Gilde dabei unterstützen einen BOSS zu erledigen oder einen Dungeonrekord zu setzten. Im war bewusst, dass man ihn an beiden Ort, warum auch immer, nicht gerne sah – man nutzte ihn zwar gerne, aber man wollte ihn irgendwie trotzdem nicht haben. Ihm war es relativ egal. Er brauchte niemanden helfen, er konnte sich auch durch Glory schlagen und irgendwelchen Spielern, die Hilfe brauchten, helfen.

Mit einem leichten Knarzen öffnete sich die große Tür zum Besprechungsraum und Tao Xuan trat ein. Wie immer trug er einen Anzug und sah wie frisch gestriegelt und geputzt aus. Was hatte Ye Xiu auch anderes erwartet? Gutes Aussehen war ein wichtiger Punkt, nicht nur für die Geschäftsführung, sondern inzwischen auch für die Spieler selbst. Wer gut aussah, bekam mehr Sponsorenaufträge und mehr Aufträge brachte mehr Geld und mehr Geld half dem Club bessere Spieler einstellen zu können oder andere Abteilungen, wie beispielsweise das Research and Development Department, die für die Erforschung und Erstellung von Silberequipment zuständig waren, auszubauen. Geld regierte die Welt – auch die der Glory Liga, insbesondere die der Glory Liga.
„Ye Xiu.“
„Tao Xuan.“
Eine kühle Begrüßung. Sie hatten sie eigentlich nichts mehr zu sagen. Ye Xiu wusste, was Tao Xuan sagen wollte und Tao Xuan wusste, was Ye Xiu antworten würde. Nichtsdestotrotz waren sie hier und würden dasselbe Gespräch, das sie schon so oft geführt hatten, wieder führen. Oder vielleicht auch nicht. Keiner hatte Lust auf eine Wiederholung, aber das Thema hatte sie nicht geändert.
„Ich habe hier neue Anfragen für Sponsorships. Du solltest sie dir ansehen.“
Tao Xuan legte ein paar schwarze Mappen auf den Tisch und schob sie mit einem kräftigen Schubs in Ye Xius Richtung. Jener nahm die oberste Mappe desinteressiert in die Hand, schlug sie aber nicht auf. Mit seiner freien Hand schob er die geöffnete Streichholzschachtel zu, die ein letztes Mal ein klappern von sie gab, und steckte sie in seine Manteltasche.
„Kein Interesse“, antwortete Ye Xiu wie immer.
Wie Tao Xuan vor einem Augenblick, schubste Ye Xiu die Mappe wieder zurück und stand auf. Er hatte nichts mehr zu sagen und Lust auf eine stundenlange Diskussion, die sich nur im Kreis drehen würde, hatte er auch nicht. Dasselbe galt wohl auch für Tao Xuan, der seinen alten Freund ohne einen weiteren Kommentar gewähren ließ. Seine Hand ruhte auf der schwarzen Mappe. Für einen Moment wollte er sich seinem Impuls, die Mappe zu nehmen und Ye Xiu entgegen zu schleudern, nachgeben, aber er konnte sich zusammenreisen. In seiner Zeit als Excellent Eras Inhaber, hatte er schon so einiges erlebt. In all dieser Zeit hatte sich mit Ye Xiu herumschlagen müssen, während er sich um Sponsoren und finanzielle Stabilität kümmern musste. Wenn sie weiterhin an der Spitze der Liga stehen wollten, dann mussten sie auch schneller sein als alle anderen, wenn es um die Entwicklung von neuem Equipment ging. Equipment wurde nicht von den Spielern selbst erstellt, also mussten neue Leute gestellt werden, die den ganzen Tag nichts anderes machten, als Glorys Materialien und Items zu erforschen und Equipment zu erstellen. Sowas kostete Geld. Von Luft und Liebe allein konnte kein Unternehmen bestehen und ein eSport Club war nichts anderes als ein Unternehmen. Leider schien Ye Xiu diesen Punkt nicht zu verstehen oder zu interessieren.

„Ye Xiu, so kann es nicht weitergehen. Wir alle müssen unseren Teil zum Team beitragen. Nur zu trainieren und Matches zu bestreiten reicht heutzutage nicht mehr. Warum willst du das nicht einsehen?“
Es war seltsam ein Gespräch zu suchen, von dem man von Anfang wusste, dass es zum Scheitern verurteilt war. Übermannte ihn die Verzweiflung? Wenn Ye Xiu nicht von seinem Standpunkt rückwicht; wenn nicht ein wenig auf Tao Xuans Angebote einging, dann wäre es das für ihn gewesen. Tao Xuan mochte zwar ein Geschäftsmann sein, der auch bereit war seine persönlichen Gefühle und Beziehungen für das Geschäft zu ignorieren, aber das hieß nicht, dass es ihn nicht doch schmerzte.
Wie lange hatten er und Ye Xiu zusammengearbeitet? Jeder hat sein bestes im jeweils zugeteilten Bereich gegeben.
Als er Ye Xiu herbestellt hatte, hatte er nicht gefühlt. Er hatte bereits den Entschluss gefasst, Ye Xiu fallen zu lassen, dabei hatte nichts gefühlt. Keine Reue. Keine Trauer. Einfach nichts. Es war als würde er einen Reinigungskraft zu entlassen: Nicht sein Problem. Und doch, als er schlussendlich hier her kam, verwand seine Entschlossenheit. Ein Fünkchen Menschlichkeit in ihm rebellierte gegen seinen Geschäftssinn; gegen seinen herzlosen Entschluss.

Ye Xiu, der gerade den Raum verlassen wollte, blieb stehen und sah seinen ehemaligen Freund schweigend an. Was wohl gerade in seinem Kopf vor sich ging. Tao Xuan würde es nur zu gern wissen.
„Ich geben dem Team alles, was ich habe. Mehr geht nicht.“
Eine schlichte, nichtssagende Antwort. Was hieß hier „ich gebe dem alles, was ich habe“? Das Team fiel immer mehr auseinander und Ye Xius Art war durchaus Mitschuld. Natürlich war der schnelle Zerfall in erster Linie aufgrund von Liu Haos Intrige und dem schweigendem Management, aber Ye Xius Art trug einen Teil bei. Nicht jeder konnte mit einem dauernörgelnden, besserwisserischen Gloryfreak, der kein Blatt vor den Mund nahm und wohl auch nicht wusste, wie man auf die Gefühle anderer Rücksichtnahm, klarkommen. Während alle anderen Teammitglieder untereinander Freundschaft schließen konnten – die einen mehr, die anderen weniger – blieb Ye Xiu außen vor, was, neben seiner Art, daran lag, dass er außer Glory keine Hobbys oder Interessent hatte. Über was sollte man sich unterhalten? Was sollte man groß miteinander unternehmen? Nicht jeder wollte oder konnte tagein, tagaus nur Glory spielen.
Wenn das alles war, was Ye Xiu zu bieten hatte, dann war es an der Zeit ihm auch das zu geben, was er für seinen Beitrag zum Team, verdiente.

Um den Raum zu verlassen, musste Ye Xiu an Tao Xuan vorbei. Bevor er die Tür erreichte wandte er sich noch einmal zu seinem ehemaligen Freund und holte die Streichholzschachtel aus seiner Manteltasche.
„Hier, das habe ich auf dem Weg hier her auf dem Boden gefunden. Es glaube, es gehört dir.“
Aus der Schachtel holte er einen flachen Gegenstand hervor und hielt ihn Tao Xuan entgegen. Es war eine alte Münze.
Tao Xuan sah sich die Münze kurz an. Er kannte sie wieder. Vor vielen, vielen Jahren hatten er, Ye Xiu und Su Muqiu einen Abend in einer Spielhalle verbracht. Natürlich war er dabei stets als Verlierer herausgegangen, während Su Muqiu und Ye Xiu sich bei den Siegen abgewechselt hatten. Irgendwann hatte er sich in eine Ecke der Spielhalle verzogen, da ihn seine ständigen Niederlagen nur frustrierten. Er hatte Stunden in dieser Ecke verbracht, bis Su Muqiu und Ye Xiu mitbekommen hatten, dass er nicht mehr da war. Damals hatte es ihn amüsiert, dass die beiden so in ihrer Welt vertieft gewesen waren, dass sie alles um sich herum vergessen hatten. Su Muqiu hatte es nicht besonders leicht, sich und seine jüngere Schwester über Wasser zu halten. Und auch wenn er nicht viel über Ye Xiu gewusst hatte – nicht viel wusste – war er sich sicher, dass auch dieser seine Laster zu tragen hatte. Ye Xiu wirkte etwas zu eigenständig für einen Jungen in seinem damaligen Alter.
Am Ende des Abends hatten außer ihm niemand mehr Spielmünzen. Su Muqiu hatte ihn angebettelt, ihm doch die letzte Spielmünze zu überlassen. Er wollte ein Geschenk für seine Schwester Su Mucheng gewinnen. Tao Xuan war auf das Gebettelt eingegangen. Was interessierte ihn schon eine Spielmünze, wenn es einen guten Freund und dessen kleine Schwester glücklich macht? Womit er nicht gerechtet hatte, war das Su Muqiu kurze Zeit später wieder vor ihm stand mit einem großen Stoffbären und einer Spielmünze. Auf die Frage, woher jener die Münze hatte, hatte Tao Xuan nie eine Antwort erhalten.

Ohne ein weiteres Wort verließ Ye Xiu den Raum und hinterließ eine drückende Stille sowie eine kalte Leere. Die Münze in seiner Hand wog schwer. Su Muqius lächelndes Gesicht kam ihn in den Sinn. Er erinnerte sich an Su Muchengs Freunde, als sie das Geschenk ihres Bruders entgegen nahm. Welch schönen Erinnerungen. Mucheng war inzwischen eine junge Frau und kein Kind mehr. Die Zeit verging so rasend schnell. Mit ihrem Können und Aussehen brachte sie Excellent Era nicht nur viel Geld, sondern auch positive Aufmerksamkeit. Gute weibliche Spieler waren noch immer recht rar gesät. Es waren gute Zeiten. Aber alles Gute hatte mal ein Ende.
Mit etwas zu viel Kraft warf Tao Xuan die Münze in den Mülleimer.

Wenn er Excellent Era aufrechterhalten wollte, dann musste er Ye Xiu loswerden und solange er selbst noch an der Vergangenheit hing, würde er das nie schaffen. Er mochte von Ye Xiu losgelassen haben, aber nicht von Su Muqiu, nicht von Su Mucheng und noch weniger von ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Sein schlechtes Gewissen gegenüber den Su Geschwistern hielt ihn auf, doch in der Geschäftswelt durfte man sich von nichts und niemanden aufhalten lassen.
Wie oft hatte er darüber nachgedacht, wie es nur wäre, wenn Su Muqiu noch da wäre? Ye Xiu hatte nur Augen für Glory und schien keinen Geschäftssinn zu haben. Su Muqiu hingegen war nicht nur ein großartiger Gamer, sondern auch ein Geschäftsmann. Wenn Su Muqiu noch da wäre, würde sich Ye Xiu wohl nicht so quer stellen und sich zumindest anhören, was Tao Xuan zu sagen hatte.
Leider war Muqiu aber nicht mehr bei ihnen und so gab es niemanden, der zwischen Tao Xuan und Ye Xiu vermitteln konnte. So traurig es auch sein mochte, das war die Realität.

Tao Xuan nahm die Sponsorenangebote vom Tisch und verließ den Besprechungsraum. Er musste jetzt erst einmal ein paar Absagen verschicken lassen und dann einen Weg finden, wie er Ye Xiu schnell und unauffällig los werden konnte – außerdem musste er einen Ersatz für Su Mucheng finden.

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Augurey Am 25.05.2019 um 18:09 Uhr
Hallo SuYeon, jetzt habe ich mich aus Neugierde mal auf deinem Profil umgesehen und dachte mir, einen kleinen Oneshot kann ich mal lesen. Dazu muss ich sagen, dass ich von den Fandoms, in denen du schreibst, absolut keine Ahnung habe, daher hab ich mich an was längeres nicht herangetraut. Viel im Text ist mir naturgegeben natürlich fremd und rätselhaft, aber ich wollte dich lassen, dass mir gefällt, wie du die Streichholzschachtel hier einsetzt. Das ist ein schönes Spiel mit der Symbolik für die Freundschaft, die da zerbrochen ist und an der beide Seiten bis zu diesem Moment doch noch irgendwo festhielten. Dass Tao Xuan sie so lang aufbewahrt hat mit einem einzigen Streichholz darin und sie nicht etwa in den Müll wirft, sondern Ye Xiu gibt, sagt viel aus über die Bedeutung und die hintergründe Enttäuschung. Was Ye Xiu betrifft, tut er mir sehr leid und ich hoffe, dass es für ihn eine Zukunft gibt, auch ohne das Team. So als Außenstehende betrachtet ist es ein trauriger, aber ganz guter Oneshot. Hier und da sind ein paar Grammatik- und Rechtschreibfehler drin, aber auch das hält sich zum Glück in Grenzen. Im diesem Sinne hoffe ich, dass auch ein paar Leute hier reinschauen, die das Fandom kennen. Grüße, Augurey Mehr anzeigen
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SuYeon (Autor)Am 26.05.2019 um 22:46 Uhr
Hallo Augurey, vielen Dank für deinen Kommentar. Freut mich zu hören, dass dir die Geschichte gefallen hat (auch wenn du vom Fandom selbst keine Ahnung hast).
Ein One Shot ist die Geschichte allerdings nicht. Es sind noch ca. 3 folge Kapitel geplant, die ich irgendwann schreiben und veröffentlichen werde. (Du hast dir ausgerechnet die eine deutsche TKA Fanfiktion von mir ausgesucht, die kein One Shot ist. :) )

Bezüglich der Rechtschreib- und Grammatikfehler werde ich noch mal über das Kapitel gehen. (Und hoffentlich viele davon vernichten. Danke für den Hinweis. :) )

Ich hoffe, dass auch ein paar nicht Fans/nicht Kenner sich dazu verleiten lassen Mal in TKA rein zu schauen/lesen. Der Novel ist wirklich witzig und die erste Staffel des Animes ist meiner Meinung sehr schön zum Anschauen - leider geht sehr viel vom Novel verloren, aber das ist irgendwie normal bei Anime-Adaptionen.
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Eine Bewertung

Statistik

Kapitel:3
Sätze:329
Wörter:6.296
Zeichen:36.841

Kurzbeschreibung

Eigentlich wollte Ye Xiu nur schnell eine Rauchen. Aber nicht alles läuft immer nach Plan. [Anime: Quan zhi gao shou/The king's avatar | Charaktere: Ye Xiu, Tao Xuan, Su Muqiu | Genre: Gen]

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Alternativuniversum, Gen und Angst getaggt.

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