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Der lange Weg nach Hause

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8.1.2018 20:15
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

2 Charaktere

Sakura Haruno

Sakura Haruno ist zusammen mit Naruto Uzumaki, Sasuke Uchiha und Kakashi Hatake ein Teil von Team 7. Die temperamentvolle Kunoichi wurde unter der legendären Tsunade trainiert. Sie ist in Sasuke verliebt und ihr einziger Wunsch ist es, ihn von seinem Rachplan abzubringen und Team 7 wiederzuvereinen.

Sasuke Uchiha

Sasuke Uchiha ist das letzte lebende Mitglied des großen Uchiha-Klans. Sein einziges Ziel es, Rache zu nehmen und seinen Bruder Itachi umzubringen. Zusammen mit Naruto Uzumaki, Sakura Haruno und Kakashi Hatake ist er ein Teil von Team 7.
A/N: Ich bin ein bisschen late to the party, aber mir ist leider erst drei Jahre später eingefallen, dass ich noch meine Version, wie Sasuke und Sakura nach Kapitel 699 zusammenkommen, schreiben muss, haha. Was passierte nach Kapitel 699, in dem Sasuke Sakura bei seinem Abschied verspricht, sie nächstes Mal mitzunehmen und vor Erscheinen von Naruto Gaiden, in dem erklärt wird, dass Sakura auf ihren Reisen mit Sasuke Sarada auf die Welt bringt? Kishi hat hier viel Raum für Interpretationsmöglichkeiten offen gelassen; es erinnert mich ein bisschen an die mysteriösen Jahre, die Vegeta auf der Erde mit Bulma verbrachte ;). Meine anderen offenen Stories wurden übrigens nicht vergessen- ich versuche gerade nur eine Schreibblockade zu überwinden.
Was euch erwartet: Canonverse, Liebe, Fluff, Herzschmerz
Zeitlicher Rahmen: Die Story schließt direkt an Kapitel 699 an, in dem sich Sasuke auf seine Reise macht und bevor Naruto Gaiden beginnt. Den Film „The Last“ habe ich allerdings nicht gesehen, daher werde ich die Geschehnisse aus dem Film beim Schreiben nicht berücksichtigen. 
Kapitelanzahl: Etwa 4-7 Kapitel
Rating: Die Fanfiktion ist auf FSK-16 gesetzt wegen einigen sex. Andeutungen. Eventuell werde ich sie auf FSK-18 setzen, da ich mir noch nicht sicher bin, inwieweit einige Szenen zensiert werden. Sollte ich das Rating ändern, gebe ich früh genug Bescheid, damit minderjährige Leser rechtzeitig abspringen können.
Ansonsten here we go!
Update 25/10/2017: Die Story wurde von der lieben Tomoe betagelesen. Sollten sich dennoch Fehler finden, gehen die allein auf mein Konto ;)

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Der lange Weg nach Hause

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„The Uchihas are the ones who valued love and friendship above all else... So much so that they deemed it necessary to seal them off.”

Tobirama Senju, zweiter Hokage, Naruto, Kapitel 619

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Es sind nicht die Vollkommenen, sondern die Unvollkommenen, welche der Liebe bedürfen. Wurde einem eine Wunde zugefügt, sei es durch die eigene oder die fremde Hand, dann sollte die Liebe herannahen und ihm Heilung schenken - aus welchem Grunde sonst existierte die Liebe?

Oscar Wilde (1854-1900), ir. Schriftsteller

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Akt I

Wiedersehen

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Die Sonnenstrahlen blendeten ihn, als er aus dem Wald trat und die Straße erreichte. Er hob den Blick und betrachtete die Tore der Stadt, die vor ihm aufragten.

Er war wieder in Konoha.

Kurzzeitig horchte er in sich hinein.

Aber da war nichts. Weder Freude, Trauer, Aufregung noch eine andere Emotion.

Einfach… nichts.

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„Sakura!“

Mit einem lauten Knall flog die Tür zum Krankenzimmer auf.

Sie hob nicht den Kopf, sondern runzelte nur genervt die Stirn, während sie am Krankenbett stand und die Patientenhistorie überprüfte.

„Ino, siehst du nicht, dass ich gerade arbeiten muss?“

„Ach, papperlapapp, das kann warten. Ich habe unglaublich gute Neuigkeiten.“

Ihre Freundin ließ sich in den Besuchersessel fallen und warf ihre blonde Mähne zurück. Sie ignorierte den sichtlich verstörten Patienten, der den Blick zwischen ihr und Sakura hin- und herwarf.

Sakura notierte sich einige Angaben auf dem Krankenblatt. Sie verabschiedete sich vom Patienten und verließ das Zimmer. Ino folgte ihr widerwillig.

„Stirngesicht, du kannst doch wenigstens etwas Neugierde heucheln“, schmollte sie.

Sakura ignorierte das laute Lamentieren ihrer Freundin - sie hatte keine Zeit für den neusten Klatsch und Tratsch. In Gedanken ging sie ihre To-do-Liste durch. Um 14 Uhr hatte sie ihre Patientenvisite auf Station drei und um 16.30 Uhr war Teambesprechung. Vielleicht schaffte sie es noch vorher, sich einen Kaffee zu holen, bevor sie-

„Rate mal, wer wieder in Konoha ist!“

Abrupt blieb Sakura stehen. Die Gedanken waren in ihrem Kopf schlagartig still. Der vielsagende Ton ihrer Freundin war ihr nicht entgangen.

Triumphierend sah Ino Sakura an. Endlich hatte sie diesem Dickschädel eine Reaktion entlocken können.

Sie wackelte suggestiv mit den Augenbrauen. „Und, wirst du alles stehen und liegen lassen, um deinen Liebsten zu empfangen?“

Sakura biss sich auf die Lippe. Sie zog demonstrativ die Tür ihres Büros auf.

„Jetzt nicht, Ino. Ich habe zu tun.“

Sie schloss die Tür vor der Nase ihrer völlig perplexen Freundin.

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So hatte sich Sasuke das Wiedersehen nicht vorgestellt.

Eigentlich hatte er sich gar nichts vorgestellt. Tief drinnen hatte er eher damit gerechnet, dass alles beim Alten blieb.

Die Gesichter der Hokage starrten ihn wie immer grimmig von oben herab an, als er über die Torschwelle trat. Als er im Hokage-Tower zum Report antrat, sprang Naruto, der neue, amtierende Hokage, sofort von seinem Platz auf und erdrückte ihn fast in einer stürmischen Umarmung. Anschließend verpasste er dem finster dreinblickenden Uchiha ein paar Seitenhiebe und verkündete lautstark, dass sie später auf dem Trainingsplatz unbedingt ein Kräftemessen austragen mussten, da er in dem Jahr, wo Sasuke auf seiner Reise fort gewesen war, definitiv noch stärker und unbesiegbarer geworden war. Sasuke quittierte den leidenschaftlichen Ausbruch seines Teamkollegen nur mit einem Augenrollen.

Zurück auf der Straße lief er Kakashi über den Weg, der es sich mit der neusten Ausgabe der Icha Icha Paradise-Reihe auf einer Bank gemütlich gemacht hatte. Als er Sasuke entdeckte, hob er die Hand und grüßte ihn mit einem kurzen „Jo.“ Nach ein paar kurz ausgewechselten Worten, einem etwas umständlichen, väterlichen Tätscheln auf dem Kopf (Sasuke war in den letzten Monaten in die Höhe geschossen) und einem halbherzigen Versprechen, am Abend beim Ichiraku-Nudelshop vorbeizuschauen, trennten sich ihre Wege. Allerdings waren bis auf die Begegnungen mit Naruto und Kakashi die restlichen Bewohner Konohas weniger erpicht darauf, den letzten Uchiha freundlich zu empfangen. Obwohl seine Hilfe essentiell im Kampf gegen Kaguya gewesen war und Tsunade selbst ihn begnadigt hatte, blieb das Misstrauen. Seine Sünden wurden nicht vergessen. Er war nicht willkommen.

Eindeutig alles beim Alten.

Aber wieso hatte er trotzdem das Gefühl, dass etwas nicht stimmte?

Er ignorierte die argwöhnischen Blicke und das Tuscheln hinter vorgehaltenen Händen. Als er den totenstillen Uchiha-Distrikt erreichte, ließ er endlich die penetranten Blicke der Bewohner hinter sich. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, während er seinen Blick über die verlassenen Häuser wandern ließ.

Aber der altbekannte Zorn blieb dieses Mal weg.

Die alten Dielen knarzten unter seinen Sandalen, als er das Haus seiner Eltern betrat. Die Möbel waren bedeckt mit weißen Laken und leuchteten geisterhaft in der Dunkelheit. Er strich mit den Fingern über das Familienporträt, das in der Diele hing.

Seine Eltern, sein Bruder und sein jüngeres Ich lächelten ihn an.

Er hatte sie alle gerächt. Die Bürde auf seinen Schultern war nicht mehr länger da. Aber statt Erleichterung oder Ruhe zu empfinden, spürte er es jetzt nur noch härter denn je.

Er war der Letzte seiner Art.

Er war vollkommen allein.

Bevor ihn die dumpfe Leere übermannen konnte, entledigte er sich seiner Sachen und ließ sie achtlos auf den Boden fallen. Unter dem prasselnden Wasser der Dusche ließ er die Stirn gegen die nassen Fliesen sinken. Wieso war er überhaupt zurückgekehrt? Es gab nichts mehr, das ihn noch hier hielt. Nur das Opfer, das sein Bruder für diese Stadt gebracht hatte und mit nichts in dieser Welt aufzuwiegen war, hatte ihn nach Konoha zurückgetrieben.

An die tiefen Schuldgefühle, die er gegenüber seinen Teamkameraden hegte, wollte er lieber gar nicht erst denken. 

Nachdem er aus der Dusche gestiegen war, zog er sich schwarze Trainingskleidung über, die das Uchiha-Symbol zierte. Nach einigen Meditationsübungen trieb ihn die erdrückende Stille im Haus wieder raus auf die Straßen Konohas. Er entschied, dass er genauso gut bei Ichirakus vorbeischauen konnte. Abgesehen davon hätte der blonde Idiot eh keine Ruhe walten gelassen, bis er dazu gestoßen wäre.

Und nun saß er hier zwischen Naruto und Kakashi beim Nudelshop, während ihn der Duft von gebratenen Nudeln umwölkte. Da Naruto wie üblich einen großen Teil des Gesprächs übernahm, konnte er in Ruhe seinen Gedankengängen nachhängen.

Bis ihn Narutos Frage aufhorchen ließ. 

„Oi, Kakashi-sensei, wo steckt überhaupt Sakura-chan?“

„Meinte sie nicht, dass sie heute eine längere Schicht hat? Bestimmt ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie auftaucht - ah, wenn man vom Teufel spricht.“

Sasuke drehte sich just in dem Moment um, als sich die Tücher über dem Eingang teilten und eine bekannte Gestalt den Nudelshop betrat. Ihre überhitzten Wangen deuteten darauf hin, dass sie gerannt war. Die feuchten Haare kräuselten sich in der warmen Luft und grüne Augen strahlten auf, als sie ihre Teammitglieder entdeckte.

„Naruto, Kakashi-sensei, ich-“ Ihre Stimme stockte, als sie ihn entdeckte. Unmöglich große Augen wurden noch größer.

Er starrte sie abwartend an.

Sie trat zögernd einen Schritt auf ihn zu. An ihrer steifen Haltung konnte er deutlich erkennen, dass sie innerlich mit sich kämpfte. Sie biss sich auf die Lippe.

Schließlich nickte sie ihm einfach nur zu.

„Willkommen zurück, Sasuke-kun.“

Er ließ sich seine Überraschung nicht anmerken.

Das Wiedersehen war definitiv nicht das, was er erwartet hatte.

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Am liebsten hätte sie sich innerlich einen Tritt verpasst.

So hatte sie sich das Ganze nicht vorgestellt.

Sakura stocherte in ihrer Nudelsuppe herum und lauschte nur mit halbem Ohr Narutos Plappern. Stattdessen betrachtete sie unter halb gesenkten Augenlidern das jüngst dazu gestoßene Mitglied von Team 7. 

Er war wirklich wieder zurück.

Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Herz bei seinem Anblick leise aufflatterte. Das dümmliche Grinsen, das sich auf ihr Gesicht stahl, konnte sie ebenfalls nur schwer unterdrücken. Es wirkte schon fast surreal, ihn mehr als ein Jahr später friedlich zwischen ihnen sitzen zu sehen. Wehmut überflutete sie, als ihr bewusst wurde, dass sie so zuletzt mit 13 Jahren zusammen gegessen hatten. Es schien eine Ewigkeit her zu sein.

Schwamm drüber, Haruno, solche Abende wird es nun öfter geben.

Die zuversichtliche Stimme ihres inneren Ichs versuchte ihr Mut zuzusprechen. Sie hoffte, dass ihre innere Stimme am Ende recht behielt. Ihn nochmal fortgehen zu sehen, würde sie nicht ertragen können.

Ihm zuliebe würde sie alles opfern. Zur Not ihre Liebe.

Sie verzog den Mund, als sie wieder an ihren Auftritt von vorhin denken musste. Sie hatte es versucht. Ehrlich. Eigentlich hatte sie vorgehabt, mit einem souveränen, selbstbewussten Auftritt zu glänzen, so wie es sich für die stärkste Kunoichi nach der legendären Lady Tsunade gehörte. Er sollte nicht von ihren Gefühlen völlig überrumpelt werden. Zumindest nicht gleich beim allerersten Treffen.

Leider hatte sie nicht bedacht, dass auf ihre miserablen Schauspielkünste kein Verlass war. Ihre Begrüßung war mehr als gestelzt und unglaublich peinlich gewesen. Alles andere als locker und lässig, Haruno. Wem versuchte sie überhaupt etwas vorzumachen? Dass sie Uchiha Sasuke seit Kindheitstagen vollkommen verfallen war, stand praktisch auf ihrer übergroßen Stirn (in die sie zum Glück hineingewachsen war) in Leuchtbuchstaben geschrieben.

Nach dem Essen traten alle vier raus auf die Straße.

Genüsslich rieb sich Naruto den Bauch. „Das müssen wir jetzt jeden Abend machen.“ Er wies drohend mit dem Finger auf Sasuke. „Und keine faulen Ausreden.“

„Hn.“ Statt näher darauf einzugehen, nickte Sasuke allen kurz zu. „Wir sehen uns.“

Naruto runzelte die Stirn, als sein Blick plötzlich auf Sakura fiel.

„Hey, warte mal! Begleite erstmal Sakura-chan nach Hause.“

Sie wirbelte überrascht herum. „Was-“

„Das Gleiche gilt für dich, Sakura-chan. Was auch immer da los ist, macht es unter euch aus.“ Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und trabte davon. Hilfesuchend wandte sich Sakura an Kakashi. Dieser zuckte nur ratlos mit den Schultern und war ebenfalls auf und davon, so dass sie mit Sasuke alleine zurückblieb.

Sie hätte sich denken können, dass ihr Auftritt bei Kakashi und Naruto ebenfalls für Stirnrunzeln gesorgt hatte. Sie vergaß manchmal, wie sensibel Naruto war. Er hatte instinktiv gespürt, dass ihre Beziehung zu Sasuke - anders als seine - noch viele offene Fragen aufwies.

Plötzlich trat Sasuke neben sie. Überrascht blickte sie auf. Er schaute stur nach vorne.

„In diese Richtung, nicht wahr?“

Sie konnte nur stumm nicken.

Schweigend gingen sie nebeneinander her. Unausgesprochene Worte hingen zwischen ihnen beiden. Oder bildete sie es sich nur ein? Der Uchiha war anders als sie schon immer von Natur aus sehr wortkarg.

Sie verschränkte die Arme hinter dem Rücken und lächelte zu ihm auf. „Erzähl, Sasuke-kun. Wie war deine Reise?“

Es schien wohl eine Ewigkeit zu vergehen, bevor er kurzbündig antwortete: „Gut.“ Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie ihr Lächeln in sich zusammenfiel. Irritiert zog er die Augenbrauen zusammen. Wieder einmal mehr war er die Ursache für Haruno Sakuras Kummer.

„Zuletzt war ich in Karagakure.“

Überrascht blinzelte sie ihn an. „In dem Dorf hinter den grünen Wasserfällen?“

Er nickte.

„Ich war da vor einigen Jahren wegen einer Mission. Ein sehr armes Dorf, aber trotzdem begegnen die Bewohner Fremden mit einer unglaublichen Gastfreundschaft.“ Traurig schüttelte sie den Kopf. „Durch den Ninja-Krieg wurde dieses Gebiet besonders in Mitleidenschaft gezogen. Immer muss es die Ärmsten treffen.“

In Gedanken musste er ihr zustimmen.

Plötzlich breitete sich auf ihrem Gesicht ein kleines Lächeln aus. „Und du warst dort für den Wiederaufbau, stimmt’s?“

Er spürte, wie sich seine Ohren plötzlich unangenehm warm anfühlten. „Es gibt noch viel zu tun“, antwortete er brüsk.

Erst einige Sekunden später wurde ihr die Tragweite seiner Antwort bewusst. Bestürzt blieb sie mitten auf der Straße stehen.

„Du gehst wieder zurück?“, flüsterte sie. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

Er ging ungerührt weiter. „Ich werde übermorgen aufbrechen.“

Sprachlos starrte sie den roten Fächer auf seinem Rücken an. In ihrem Mund breitete sich ein bitterer Geschmack aus. Sie bemerkte, dass sie bei der verhassten Bank stehen geblieben war. Wäre die Situation nicht so unendlich traurig, hätte sie zynisch gelacht. 

Er würde sie alle verlassen. Wieder einmal.

Ein drittes Mal kam sie sich in dieser Situation unglaublich hilflos vor. Sie wusste, dass er sich durch nichts auf dieser Welt aufhalten ließ. Dazu kannte sie diesen Sturkopf zu gut.

Plötzlich ballte sie die Hände zu Fäusten zusammen. Zorn schoss durch ihre Adern.

Aber dieses Mal würde sie nicht untätig hinter ihm herschauen.

„Sasuke-kun, warte!“

In zwei Schritten hatte sie ihn aufgeholt. Sie packte ihn an der Schulter und riss ihn zurück. Überrascht drehte er sich zu ihr um. Er betrachtete ihre Finger, die ihn mit ihrem fast unmenschlichen Chakra festhielten. Schließlich hob er fragend eine Augenbraue.

In ihren grünen Augen blitzte eiserne Entschlossenheit auf.

„Nimm mich mit.“

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tbc…

Akt II

Erinnerungen

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Seine Entscheidung, fortzugehen, hatte er erst beim Essen mit Naruto und Kakashi gefällt.

Obwohl er sich teilnahmslos gab, waren ihm Narutos aufgeregte Berichte über sein Leben als frischgebackener Hokage nicht entgangen - die neuen Freiheiten, der Respekt, den ihm die Bewohner Konohas entgegenbrachten (für Naruto war dies als Langzeitausgestoßener weiterhin eine neuartige Erfahrung), die unzähligen Verpflichtungen und der nervtötende Papierkram, mit dem er definitiv nicht gerechnet hatte. Er erzählte von Shikamaru, der sich zu seinem persönlichen Berater auserkoren hatte, von Ebisu, der ihm ständig in den Ohren lag, von der Hyuuga-Erbin, mit der er neuerdings viel Zeit verbrachte, von Shino, der sich zum Lehrer fortbilden ließ, von Kibas Eskapaden, von Lee, und, und, und. Während Naruto seinen Monolog herunterratterte, zwischenzeitlich Kakashi auf den Rücken klopfte und ihn zu seiner Freundin, einem ANBU-Mitglied, beglückwünschte, wurde es Sasuke schlagartig bewusst.

Obwohl der Ninja-Krieg seine Spuren hinterlassen hatte, hatte er trotzdem seine Teamkameraden nicht daran gehindert, da weiterzumachen, wo sie aufgehört hatten. Sich ein eigenes Leben aufzubauen.

Alle außer ihm.

Auf ihn warteten nur Scherben. Ein leeres Haus, eine Stadt, dessen Bewohner ihn überwiegend lieber tot als lebendig sehen wollten und mehr oder weniger zerbrochene Freundschaften. Es gab keine Rache mehr, die seiner Aufmerksamkeit bedurfte. Die ihn ablenken würde von dem Berg an Arbeit, der ihn bei seiner Rückkehr erwartete.

Tief in seinem Inneren wusste er, dass er den Status quo ändern könnte. Der Weg bis dahin erschien ihm jedoch hart und beschwerlich. Ob er jemals so ein sorgenfreies und unbekümmertes Leben wie seine Teamkameraden führen konnte, stand in den Sternen geschrieben. Uchiha Sasuke war ein Mann, der selten eine Herausforderung ausschlug. Aber mit seiner jetzigen Situation wollte er sich lieber ungern befassen.

Und nun hatte ihm Sakura völlig unwissend die perfekte Ausrede geliefert. Jetzt musste er sie bloß von ihrem eigenen aberwitzigen Plan abbringen.

Er ließ sie nicht aus den Augen, als er langsam ihre Finger von seiner Schulter löste.

„Sakura“, begann er ruhig, „meine Sünden haben-“

„Nichts mit mir zu tun“, unterbrach sie ihn. „Ich weiß, das hast du mir bereits bei deiner Abreise gesagt. Aber hier geht es nicht um uns beide, sondern um die Bewohner Karagakures. Das Dorf ist sehr arm - ich bin mir sicher, dass sie jede helfende Hand benötigen können. Besonders die eines Medizin-Ninjas.“

„Du wirst hier gebraucht.“

Sie schüttelte den Kopf. „Tsunade-sama hat hier alles bestens unter Kontrolle. Ich bin mir sicher, dass sie meine Abwesenheit für einige Monate verschmerzen kann.“

Er musterte sie eindringlich. Ihre Logik war unbestechlich - das musste er ihr lassen. Das Dorf konnte auf einen Medizin-Ninja, besonders einem mit Sakuras Fähigkeiten, nicht verzichten. Aber dennoch…

„Das ist nicht der einzige Grund“, stellte er fest.

Sie erwiderte seinen Blick furchtlos. Nur der zarte Rosaton, der sich auf ihren Wangen vertiefte, verriet ihm, dass sie seine Andeutung sehr wohl verstanden hatte. Schließlich hatten beide ihr Geständnis auf dem Kampfplatz vor mehr als einem Jahr nicht vergessen.

„Aber deiner auch nicht“, flüsterte sie.

Seinen Augen weiteten sich kaum merklich.

Sakura ahnte also den wahren Grund für seine überstürzte Abreise. Sie hatte bereits im Alter von zwölf Jahren die nervige Angewohnheit entwickelt, zu wissen, was in ihm vorging. Er bildete sich ein, in ihren grünen Augen Vorwurf und Spott zu lesen. Augen, die ihn als Feigling betitelten. Ihre Blicke trugen einen Kampf von unausgesprochenen Worten aus. Als er merkte, dass sie sich nicht unterkriegen ließ, wandte er ruckartig den Kopf ab.

„Mach dir keine unnötigen Hoffnungen“, entgegnete er barsch.

Er machte auf dem Absatz kehrt und ließ sie alleine zurück. Über ihr Gesicht huschte kurzzeitig ein verletzter Ausdruck. Aber dieser hielt nicht lange an, bevor ihre Lippen ein triumphierendes Lächeln umspielte.

Er hatte ihr indirekt erlaubt, ihn zu begleiten.

Aus dieser Schlacht war sie dieses Mal als Siegerin hervorgegangen.

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Sie sprangen von Ast zu Ast und ließen Konoha schon bald hinter sich. Sakura warf einen Blick nach vorne zu ihrem einsilbigen Reisepartner, der sich einige Meter vor ihr befand. Seit ihrem Aufbruch hatte sich ihr Wortwechsel nur auf das Nötigste beschränkt. Sie wusste, dass es ihn wurmte, sie mitnehmen zu müssen.

Aber so schnell würde sie ihn nicht mehr alleine lassen.

Wie erwartet hatte Tsunade keine Probleme gehabt, sie freizustellen. Tatsächlich schien sie erfreut darüber zu sein, dass ihre hart arbeitende ehemalige Schülerin endlich mal aus dem Krankenhaus kam und „sich eine Auszeit gönnte“. Sie ließ ihre Reise nach Karagakure eher wie einen Ferienaufenthalt erscheinen. Ino hatte sie dagegen verschmitzt angegrinst. „Soso, alleine auf Reisen mit Sasuke-kun. Dann könnt ihr ja nachts wunderbar eure Körperwärme teilen!“ Sakura hat trotz Augenverdrehens nicht verhindern können, dass sie rot wie eine Tomate anlief. Ino und ihre absurden, völlig unanständigen Fantasien wieder.

Von Naruto hatte sie eher erwartet, dass er darauf bestand, beide zu begleiten, nur um der guten alten Zeiten willen, bis ihm enttäuscht einfallen würde, dass er als Hokage das Shinobi-Dorf nicht so lange alleine lassen konnte. Überraschenderweise war Naruto nach ihrer Ansage still geworden. Nachdenklich hatte er sie angesehen, bevor er sie in den Arm genommen hatte. „Bring ihn heile nach Hause zurück, Sakura-chan“, hatte er gemurmelt.

Dieses Mal lag es in ihrer Hand, ihr Team wieder zu vereinen.

„Wir schlagen hier unser Lager für die Nacht auf.“ Sasukes Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

Während er die naheliegenden Wälder nach potentiellen Feinden durchkämmte, entfachte sie ein Feuer. Sie teilten sich ihr Proviant und aßen schweigend am Lagerfeuer. Er hatte gegenüber von ihr Platz genommen. Sie spürte seinen schweren Blick auf sich ruhen. Irgendwo zirpten Grillen und sie hörte das weit entfernte Heulen von Wölfen. Obwohl sie selbst nicht auf den Mund gefallen war, wünschte sie sich plötzlich, dass Naruto hier wäre. Er hätte mit seinem Redeschwall so eine unangenehme Stille gekonnt verhindert. Verlegen erinnerte sie sich daran, wie Sasuke ihr unterstellt hatte, nur mit ihm gehen zu wollen, weil sie ihn liebte.

Dabei sehnte sie sich nach weiter nichts, als dass er wieder glücklich wurde. Mit ihnen zusammen.

Plötzlich fühlte sie sich völlig ausgelaugt. Ihre Euphorie, mit der sie heute Morgen aufgestanden war, schien wie weggeblasen. Ihr Ziel, ihn nicht nur physisch, sondern auch psychisch zurückzuholen, schien auf einmal unerreichbar.

Sie rollte ihren Schlafsack auf und schaute ihm kurz in die Augen, bevor sie wieder schnell den Blick senkte. Die Flammen wurden von seinen schwarzen Augen reflektiert und ließen seinen Blick unergründlich wirken.

„Gute Nacht, Sasuke-kun.“

Er beobachtete, wie sie in ihren Schlafsack schlüpfte und ihm den Rücken zuwandte.

Er öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder. Wieso hatte er das Gefühl, Sakura enttäuscht zu haben? Er schüttelte seine irrsinnigen Gedanken ab und schaute hoch zu den Sternen am Himmelszelt.

Sie hatten den gesamten Weg über kaum miteinander geredet. Eigentlich sollte es ihn wenig kümmern. Er erinnerte sich gut an die Zeiten, als Sakura auf ihren Missionen unentwegt nur am Reden wie ein Wasserfall war. Jedes Mal richtete sie das Wort an ihn, versuchte ihn in ihre Gespräche mit Naruto und Kakashi einzubeziehen, versuchte es immer wieder und ließ sich von seiner Teilnahmslosigkeit nicht entmutigen.

Aber diese Sakura war bisher nur professionell und distanziert geblieben.

Plötzlich fragte er sich, wie viel von dem Mädchen von früher noch in der jungen Frau steckte, die wenige Meter entfernt von ihm lag.

Er schloss die Augen und versuchte sie aus seinen Gedanken zu verbannen - Sakura, die ihn wie einen Fremden behandelte und nicht wie einen Teamkameraden, dem sie einst ihre Liebe gestand.

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„Nein!“

Er riss die Augen auf und war augenblicklich auf den Beinen. Ein kurzes Scannen mit seinem Sharingan-Auge verriet ihm, dass keine unmittelbare Gefahr zu befürchten war. Das Feuer war heruntergebrannt und in der Dunkelheit konnte er Sakuras Schemen ausmachen.

Sie stieß ein leises Wimmern aus.

Einen Herzschlag später war er bei ihr. Zögernd beugte er sich über sie. Unter ihren geschlossenen Augenlidern konnte er das wilde Rollen ihrer Augäpfel beobachten.

Sie hatte einen Albtraum.

Er überlegte, aufzustehen und sie alleine zu lassen. Es war ein ungewöhnlich intimer Moment, sie so schutzlos ausgeliefert zu sehen. Zu wissen, dass sie ähnlich wie er nachts von Dämonen aufgesucht wurde. Aber dann dachte er an seine Kindheit zurück, und wie ihm Itachi Nacht für Nacht einen Besuch in seinen Träumen abstattete, ihn in einem endlosen Tsukuyomi die Gräueltaten jener Nacht immer und immer wieder erleben ließ. Dachte daran, wie er einst wünschte, dass ihn jemand aus diesem Höllentraum wecken würde. 

Er rüttelte sie leicht an der Schulter.

„Sakura, wach auf.“

Blitzartig riss sie die Augen auf. Mit den Reflexen eines jahrelangen harten Trainings hatte sie sich in Sekunden halb aufgerichtet, ihre linke Hand in seinen Oberarm vergraben und mit der anderen Hand presste sie ein Kunai in seine Halsbeuge - direkt oberhalb der Halsschlagader.

Ihre desorientierten Augen strichen über sein Gesicht. Er spürte ihren warmen, hektischen Atem auf seinen Lippen.

Als sich langsam der Schleier des Schlafs lichtete und sie in die Realität zurückkatapultiert wurde, ließ sie kraftlos ihren Kopf gegen seine Brust sinken. Mit einem leisen Klirren fiel das Kunai auf den Boden. Instinktiv spürte er, wie sich ihr schraubstockartiger Griff um seinen Arm lockerte. Das Blut strömte fast schmerzhaft durch seine kurzzeitig abgepressten Venen.

„Sasuke-kun“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang belegt. „Kami sei Dank- du bist noch hier. Ich habe geträumt, dass du uns wieder verlässt.“

Ihre Lider fühlten sich schwer an, als langsam der Schlaf wieder überhandnahm.

Die Stimme der Vernunft riet ihr, von ihm abzurücken, da sie nur zu gut seine Aversion gegenüber körperlicher Nähe in Erinnerung hatte. Aber stattdessen schlang sie im Schutz der Dunkelheit ihre Arme um seinen Oberkörper und presste ihr Gesicht noch enger an seine Brust. Erst jetzt merkte sie, wie sehr sie es vermisst hatte, ihn in den Armen zu halten. Sie spürte unter ihren Fingerspitzen seine Körperwärme und das dumpfe Klopfen seines Herzens. So lebendig. Er war bei ihr und nicht mutterseelenallein irgendwo in fremden Ländern, um hasszerfressen einer aussichtslosen Rache hinterherzujagen.

Als er schon dachte, dass sie eingeschlafen wäre, drang ihre leise Stimme an seine Ohren.

„Ich bin froh, dass du wieder bei uns bist.“ Sie schloss die Augen. Worte, die ihr schon seit geraumer Zeit auf der Zunge lagen, fanden endlich ihren Weg nach draußen. „Ich habe dich vermisst, Sasuke-kun. Bitte, geh nie mehr wieder fort.“

Er rührte sich nicht und starrte in die Schatten der Bäume. Ihre Haare kitzelten sein Kinn.

Abwesend bemerkte er, dass sich Haruno Sakuras Umarmungen nicht verändert hatten- zu fest, zu eng, zu überwältigend.

Es hatte etwas seltsam Tröstliches an sich.

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Am nächsten Morgen wachte Sakura allein am Lagerplatz auf. Im ersten Moment glaubte sie, den Vorfall von gestern Nacht nur geträumt zu haben. Aber dann entdeckte sie ihr heruntergefallenes Kunai auf dem sandigen Boden.

In ihrem Bauch breitete sich eine angenehme Wärme aus, als ihr bewusst wurde, dass er tatsächlich gestern Nacht neben ihr aufgetaucht war.

Auf seine Weise hatte er sich um sie gesorgt und sie nicht mit ihren Albträumen alleingelassen. Seine gleichgültige Miene ließ nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser stoische Kerl unter seiner harten Schale weiterhin einen weichen Kern besaß.

„Lass uns aufbrechen.“ Sasuke trat zwischen den Bäumen hervor.

Sie konnte nicht anders - sie schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. „Danke, Sasuke-kun.“ Eine weitere Erklärung brauchte es nicht.

Er starrte sie sekundenlang an, bevor er ihr schließlich den Rücken zukehrte. „Nicht dafür“, murmelte er.

Sie kicherte, als ihr seine roten Ohren auffielen. Die angespannte Stille von gestern war wie von Zauberhand verschwunden.

Am späten Nachmittag erreichten sie das Dorf Karagakure. Wie erwartet, herrschte eine unglaubliche Armut. Sie übertraf sogar die Zustände, die sie damals mit zwölf im Wellen-Reich angetroffen hatte. Die Bewohner lebten in den wenigen maroden Lehmhütten, die vom Krieg verschont geblieben waren. Eine Schar neugieriger Kinder folgte ihnen, als sie sich dem Dorfzentrum näherten. Ihr Ankommen schien sich schnell herumgesprochen zu haben, da sie auf dem Marktplatz von einer großen Gruppe von Bewohnern begrüßt wurden. Ein älterer Herr auf einem Krückstock löste sich von der Menge und kam ihnen entgegen.

„Uchiha-san, Ihr seid zurückgekehrt.“ Ehrfürchtig verbeugte er den Kopf. Die Menschen hinter ihm taten es ihm gleich.

Sasuke nickte ihm zu. „Ich hatte es Euch versprochen.“

„Wer ist Eure reizende Begleitung?“ Der ältere Mann schaute Sakura neugierig an.

Sie neigte respektvoll den Kopf. „Mein Name ist Haruno Sakura. Ich bin Medizin-Ninja aus dem Dorf Konohagakure. Ich werde Euch bei der medizinischen Versorgung unterstützen.“

Die Augen des Mannes weiteten sich. „Haruno-san? Die Schülerin einer der legendären Sannin?“

Verblüfft hob sie die Augenbrauen. „Ihr kennt meinen Namen?“

Die Falten um seine Mundwinkel vertieften sich, als er sie anlächelte. „Aber ja. Eure einzigartigen Fähigkeiten haben sich auch bis hier herumgesprochen. Abgesehen davon gehört Ihr zu den Kriegshelden- es käme einer Schande gleich, euren Namen nicht zu kennen. Mein Name ist Shioshi Masumoto, ich bin der Dorfälteste. Es ehrt mich, dass Ihr uns Eure Dienste zur Verfügung stellt.“

Er wies mit dem Kopf Richtung Hauptstraße. „Ihr seid bestimmt müde von eurer Reise. Ich zeige euch eure Räumlichkeiten.“

Sakura und Sasuke folgten ihm die Straße hinunter. Hier reihten sich die Häuser nebeneinander, die etwas besser in Stand waren. Sie betraten eine Taverne und wurden direkt von der lächelnden Besitzerin begrüßt, die sich als Akiko vorstellte. Shioshi verabschiedete sich von ihnen an der Türschwelle.

Sie folgten der laut schnatternden Akiko in den ersten Stock. Sie öffnete eine Zimmertür und ließ Sasuke und Sakura eintreten.

Beim Anblick, der ihnen geboten wurde, klappte Sakuras Mund auf.

Doppelbett.

Ein Doppelbett.

Siedende Hitze schoss ihr in die Wangen, als ihr bewusst wurde, in was für einer Beziehung die Bewohner sie und ihren Teamkameraden vermuteten.

Wie zur Bestätigung kreuzte sich ihr Blick mit dem von Sasuke. Der Blick des Uchihas war durchdringend und ließ nichts von seinen Gedanken erahnen. Anscheinend ließ ihn die Situation kalt.

„Ich hoffe, euch gefällt dieses Zimmer. Es ist das beste, was wir hier zu bieten haben.“ Akikos stolzes Lächeln sackte etwas zusammen, als sie Sakuras entgeisterten Gesichtsausdruck bemerkte. „Stimmt etwas nicht?“

Sakura riss sich aus ihrer Erstarrung los. Professionalität! Professionalität wahren, Haruno!

Wo war die toughe Kunoichi geblieben, die berufsbedingt ständig von sexy, durchtrainierten Männern umgeben war? Sasuke schien die missliche Lage nicht zu kümmern. Sollte sie sich einschüchtern lassen, wie es sicherlich ihr jüngeres Ich mit zwölf getan hätte? Einen Teufel würde sie tun!

Abgesehen davon wollte sie diesem von Armut geplagten Dorf nicht allzu viele Umstände bereiten.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Alles bestens.“

Innerlich seufzte sie schwer. Na wunderbar. Über ihr Problem, nachts überhaupt ein Auge zuzukriegen, würde sie sich später Gedanken machen.

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tbc…

Akt III

Stärke

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„Und hier standen mal die Gebäude, die als Vorratsräume dienten. Jetzt sind nur noch die Reste geblieben.“

Sprachlos blieben sie neben dem Dorfältesten stehen, der auf die Ruinen zeigte, die sich vor ihnen auftürmten. Nach dem Essen hatte Shioshi sie bei der Taverne abgeholt, um beide im Dorf herumzuführen. Dieses Viertel war allerdings komplett abgebrannt. Und so, wie die aus den Trümmern aufsteigenden Rauchschwaden andeuteten, vor gar nicht allzu langer Zeit.

Sasuke war der Erste, der seine Sprache wieder fand. „Wie ist das passiert?“, fragte er ruhig.

„Direkt nach Eurer Abreise vor einigen Tagen. Abtrünnige Ninjas haben nachts das Dorf überfallen, die Vorratskammern geplündert und anschließend die Dächer angezündet. Der einzige Trost bleibt, dass sie immerhin die Felder verschont haben. Eine Hungersnot bleibt uns erspart.“ Auf Shioshis Gesicht erschien ein bitteres Lächeln. „Dieses Mal konntet Ihr das Dorf nicht beschützen, Uchiha-san.“

Erstaunt drehte sich Sakura zu Sasuke um. So hast du also deine Zeit hier verbracht. Sie hatte sich die ganze Zeit gefragt, wie er Karagakure unter die Arme gegriffen hatte. Aber nun fügten sich die Puzzleteilchen zusammen. Das Dorf war zu arm, um eigene Ninjas auszubilden oder für einen Schutzauftrag anzuheuern. Daher war es nicht weiter verwunderlich, dass sie, vor allem im Chaos der Nachkriegszeit, immer wieder Zielscheibe von Straßenräubern, Nukenins oder anderen zwielichtigen Gestalten wurden.

Und Uchiha Sasuke hatte seine Fähigkeiten - als wohl stärkster lebender Ninja neben Naruto auf diesem Planeten - dazu genutzt, um diese bitterarmen Menschen, die im Nirgendwo lebten, mit seinem Leben zu beschützen.

Ihr Herz schwoll an, während sie sein Profil betrachtete.

Als ob er ihre Blicke spüren würde, wandte er ihr plötzlich das Gesicht zu. Ihre Blicke verhakten sich miteinander. Sie erwartete, dass er sich jeden Moment abwenden würde, aber stattdessen ließ sein Blick ihren nicht los. Die Falte, die zwischen seinen Augenbrauen seit Shioshis Bericht erschienen war, glättete sich. Im Licht der untergehenden Sonne glaubte sie, in seinen faszinierenden Augen zu versinken.

Ich falle, falle und falle…

„Haruno-san, ich zeige Euch nun unsere Klinik.“

Sasuke blinzelte und schaute weg. Verlegen wandte sie sich ebenfalls ab.

Der Moment zwischen ihnen beiden war vorbei.

Das wissende Lächeln auf dem Gesicht des Dorfältesten entging beiden.

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Die Klinik des Dorfes stellte sich als ein kleines Bauwerk heraus, das nur fünf Krankenschwestern und einen ins Alter gekommenen Arzt beherbergte. Als Sakura den Krankensaal betrat, schlug ihr der beißende Gestank von versenktem Fleisch entgegen. Durch das Feuer wurden dutzende Dorfbewohner schwer verletzt. Nun lagen die Verletzten wimmernd auf Pritschen, während die überforderten Krankenschwestern zwischen ihnen hin- und hereilten.

Sakura zögerte nicht lange - sie krempelte die Ärmel hoch und rieb ihre Hände mit dem bereitstehenden Desinfektionsmittel ein. Während Shioshi am Eingang stehen geblieben war und eine Krankenschwester zur Seite nahm, eilte sie zum ersten Patienten, dessen Gesicht und Hände komplett einbandagiert waren.

Sanft berührte sie den Mann an der Schulter.

„Ich heiße Sakura und werde dir helfen.“

„Bitte.“ Die dunklen Spuren, die sich unter den Augen abzeichneten, deuteten darauf hin, dass er weinte. „Tu alles, aber befreie mich von diesen verdammten Schmerzen.“

„Darauf kannst du zählen.“ Vorsichtig fing sie an, die Bandagen zu lösen.

Die dunklen Augen, die auf ihr ruhten, bemerkte sie nicht.

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Erschöpft stolperte Sakura durch die Dunkelheit, als sie hinter sich die Zimmertür schloss. Nach einer schnellen Dusche kroch sie fröstelnd unter die Bettdecke. Sie warf einen kurzen Blick zu ihrem Teamkameraden, der mit dem Rücken zu ihr auf der anderen Seite des Bettes lag.

Zu einem anderen Zeitpunkt hätte sie ihr Glück kaum fassen können - endlich war sie im wahrsten Sinne des Wortes mit Uchiha Sasuke im Bett gelandet.

Stattdessen konnte sie an nichts anderes als Schlaf denken. Shioshi und Sasuke hatten sie in der Klinik alleine gelassen, als sie gemerkt hatten, dass sie sich Hals über Kopf in die Arbeit gestürzt hatte. Nachdem sie damit beschäftigt gewesen war, die gröbsten Verbrennungen der zahlreichen Patienten zu heilen, lagen ihre Chakrareserven nun ziemlich im Keller.

Kaum berührte sie das Kopfkissen, war sie schon eingeschlafen.

Sasuke schlug die Augen auf, als er kurze Zeit später hinter sich ihren regelmäßigen Atem hörte.

Reglos starrte er die Wand an. An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Es war praktisch unmöglich, Sakuras Anwesenheit auszublenden. Ihr leiser Atem, der zarte blumige Duft, der an ihr seit der Dusche hing und den ganzen Raum zu erfüllen schien, sowie ihre Chakrasignatur, die nur schwach vom Schlaf überdeckt wurde, ließen ihn nur zu deutlich wissen, dass er nicht alleine im Zimmer war.

Es fühlte sich sonderbar an, in einem geschlossenen Raum mit jemand anderem zu liegen, nachdem er jahrelang seine Nächte alleine im Freien oder in seiner dunklen Gruft in Orochimarus Versteck verbracht hatte.

Wie hatte er es bloß geschafft, während ihrer Missionen vor vielen Jahren neben Sakura überhaupt ein Auge zuzukriegen?

Er schnaubte leise, als es ihm wieder einfiel. Narutos Schnarcher haben alle anderen Nebengeräusche effektiv übertönt.

„Mhmm.“

Sakuras leiser Seufzer ließ ihn innehalten. Bevor er überhaupt wusste, wie es ihm geschah, hatte er sich bereits zu ihr umgedreht.

Sie lag mit dem Gesicht zu ihm gewandt auf ihrer Seite des Bettes. Eine Hand war unter ihr Gesicht gebettet, während ihr linker Arm ausgestreckt war und nur wenige Zentimeter entfernt von ihm lag.

Obwohl ausreichend Platz vorhanden war und er wirklich keinen Grund zur Beschwerde hatte, ahnte er, dass er trotzdem kein Auge zukriegen würde.

Sogar im Schlaf konnte sie ihn in den Wahnsinn treiben.

Wieder seufzte sie. Mit seinen äußerst sensiblen Augen konnte er mühelos ihr Gesicht im Dunkeln betrachten. Obwohl sie längst eingeschlafen war, war ihre Stirn trotzdem leicht gerunzelt. Er hörte aus ihren geöffneten Lippen ihren schweren Atem.

Die Erschöpfung stand ihr buchstäblich ins Gesicht geschrieben.

Es war so sakuratypisch, sich gleich mit Elan in die Arbeit zu stürzen und sich um das Leid der Menschen in ihrer Umgebung zu kümmern. Ihre Güte, ihre Fürsorglichkeit, die Aufmerksamkeit, die sie ihren Mitmenschen schenkte, unabhängig davon, ob sie es verdienten oder nicht - manche Dinge änderten sich nicht.

Sie war einfach zu… gut.

Während sie gestern noch Distanz zu ihm gewahrt hatte, brauchte es nur eine lächerliche Nacht, in der er sie aus ihrem Albtraum geweckt hatte, damit sie all ihre Bedenken um ihn fallen ließ.

Er schloss die Augen, als er daran dachte, wie sie ihn angesehen hatte. Als ihr bewusst geworden war, dass er Karagakure die letzten Monate Schutz gewährt hatte, damit die Bewohner in Ruhe ihr Dorf wiederaufbauen konnten. Er hatte sich in diesem Moment einfach nicht ihrem Blick entziehen können. Ihre grünen Augen hatten ihn mit solch einer Wärme und Zärtlichkeit angestrahlt, dass er ihre Wirkung bis in seine Fingerspitzen hatte spüren können. Für einen Moment hatte er in ihrer Bewunderung gebadet. Sich eingebildet, dass seine Hände nicht mit den Sünden seiner Vergangenheit befleckt waren und er so gut war, wie sie ihn ansah.

Als er die Augen wieder öffnete, hatte sich mittlerweile ein fast seliger Ausdruck auf ihrem Gesicht ausgebreitet.

Plötzlich merkte er, wie falsch die Situation war.

Wie sie so schutzlos neben ihm lag, mit dem Gesicht zu ihm gewandt, fast schon lächelnd. Mit einer Vertrautheit und einer Intimität, als ob er sie und Naruto niemals verraten hätte und er niemals der Grund für ihre unzähligen Tränen gewesen war.

Als ob sie beide an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben niemals bereit gewesen waren, sich gegenseitig umzubringen.

Er biss die Zähne zusammen, während er sich an die dunkelsten Momente seines Lebens erinnerte. Als der Wahnsinn ihn befallen und er im Blutrausch gelebt hatte und jeden ausrotten wollte, der sich zwischen ihm und seinen ausgelöschten Klan stellen wollte.

Nein.

Dieser friedliche Anblick, ihre Loyalität, ihre Liebe - er hatte es nicht verdient.

Ruckartig kehrte er ihr den Rücken zu und schloss die Augen.

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Im Morgengrauen verließ er fluchtartig die Taverne. Noch aufgewühlt von letzter Nacht, betrat er den naheliegenden Wald und zog Kusanagi. Im morgendlichen Nebel wirbelte er das Schwert in seiner Hand herum und in einem wilden, konzentrierten Katharsis-Tanz hinterließ er nur Chaos und Zerstörung.

„Schon so früh auf den Beinen?“

Schwer atmend wirbelte er herum.

Sie kam zu einem bedeutend schlechten Zeitpunkt. Seine Augen bildeten sich zu Schlitzen, als er beobachtete, wie Sakura lächelnd auf ihn zutrat.

„Was willst du?“ Seine Stimme klang bissiger, als er beabsichtigt hatte.

Ihr Lächeln verschwand. Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete sie die zerstörten Bäume um sie herum. Dann fiel ihr Blick auf sein Katana.

Ihr Blick war herausfordernd, als sie ihn ansah.

„Lass uns kämpfen.“

Seine Augenbrauen schossen in die Höhe. Das konnte sie vergessen. In seinem Gemütszustand sollte sie lieber das Weite suchen.

„Angst?“, fügte sie spöttisch hinzu.

„Tz.“ Entgegen seinem Willen war er beeindruckt von ihrem Kampfgeist. Diese Sakura hatte immer wieder Überraschungen auf Lager.

Er hielt Kusanagi zum Angriff bereit und schenkte ihr ein einfältiges Grinsen. „Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“

Ohne Vorwarnung schoss Sasuke auf sie zu. Sie hatte wohl mit einem Frontalangriff gerechnet, da sie ihm gekonnt auswich und mit einem Tritt in die Magengrube in die umgestürzten Bäume beförderte. Er konnte sich gerade noch fangen, bevor er mit voller Wucht in die Stämme krachen konnte. Während er sich das Blut aus dem Mundwinkel wischte, musterte er sie von oben nach unten. Er sollte sie nicht unterschätzen - Sakuras zierliche Statur täuschte darüber hinweg, welche Monsterkräfte ihr innewohnten. Zu gut erinnerte er sich daran, wie sie ihn mit Obito aus der Wüstendimension gerettet hatte.

Monsterkräfte gepaart mit einem unerschütterlichen Willen.

Sie war stark. Aber nicht stark genug, um jemals gegen ihn ankommen zu können. Anders als er und Naruto, war sie nicht nach einer uralten Legende mit unermesslichen Kräften, einem Bijuu oder einem Kekkei Genkai gesegnet.

Gerade wollte er nach Kusanagi greifen, als sie rief: „Ohne dein Schwert traust du dich wohl nicht?“

Sein Blick schoss zu ihr. Sie wusste zu gut, dass er sein Katana wie kein anderer führen konnte. Er hatte keinen blassen Schimmer, was in sie gefahren war. Aber sie sollte bekommen, was sie haben wollte.

Sasuke raste auf sie zu und Sakura konnte seinen Faustschlag gerade noch abfangen, bevor sie ihn an der Schulter packen und zu Boden stürzen konnte. Aber ohne Chance - mit seinem Tempo konnte keiner mithalten. Er war unerbittlich und ließ immer wieder seine Faust auf sie herabregnen. Sein aktiviertes Sharingan-Auge verschaffte ihm zusätzlich einen Vorteil. Nur mit Mühe konnte sie ihm standhalten. Seine plötzliche Wut überraschte ihn selbst. Manchmal wünschte er sich, dass er sie einfach an den Schultern packen und schütteln konnte. Ihre Naivität und wie sie für andere ihr Leben - ganz besonders für ihn - leichtfertig aufs Spiel setzte, frustrierte ihn ungemein.

Er steigerte seine Geschwindigkeit fast auf Maximalstufe und fegte dann ihre Beine ein für alle Mal vom Boden.

Sie krachte zu Boden und bevor sie sich aufrappeln konnte, hatte er sie bereits mit seinem Körper an Ort und Stelle festgenagelt. Er hielt mit seinem verbliebenen Arm ihre beiden Hände über ihren Kopf fast schmerzhaft zusammen.

„Gibst du auf?“, grollte er. Seine tiefe Stimme vibrierte gegen ihre Haut.

Atemlos starrte Sakura zu ihm hoch. Ihr wurde fast schwindelig bei dem Anblick, wie er auf sie hinabblickte - der feine Schweißfilm, der sich auf seinem Nacken und seiner Brust abzeichnete, seine geröteten Wangen und sein wilder, fast animalischer Blick.

Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Gedanken ganz andere Bahnen einschlugen. Wie würde er reagieren, wenn sie ihre Brust enger an seine pressen würde?

Stattdessen hauchte sie: „Ja.“

Seine Augen weiteten sich und er ließ instinktiv ihre Hände los. Er hatte mit Zorn gerechnet, aber in ihren Augen lag ein unergründlicher Ausdruck, den er nicht zu deuten vermochte. Ihr schien die Situation zu gefallen.

Er rappelte sich eilig auf und griff nach seinem Schwert. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie sie ebenfalls aufstand.

„Lass uns das jeden Morgen machen!“, rief sie. Der Schalk war deutlich aus ihren Augen zu lesen.

Einen Augenblick lang betrachtete er sie stumm, bevor er sich abrupt umdrehte.

„Wenn du eine weitere Niederlage einstecken kannst“, murmelte er verhalten.

Ihr helles Lachen begleitete ihn, als er den Wald verließ.

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Es war nur eine Frage von wenigen Stunden, bis praktisch das gesamte Dorf Haruno Sakura ins Herz geschlossen hatte.

Es lag in ihrer Natur, dass sie sich um ihre Mitmenschen kümmerte und im Gegenzug kümmerten sich diese um sie. Das hatte er bereits während ihrer Geninzeit erkannt. Wie im Wald des Todes aus allen Ecken Rookies geeilt waren, um ihr Beistand zu leisten, war nur ein Beispiel von vielen.

„Haruno-san! Haruno-san!“

Er ließ den Plan für den Bau einer Stadtmauer sinken, den er Sekunden zuvor eingehend studiert hatte. Eine Schar von Kindern zog eine lachende Sakura hinter sich her, die sich nur geringfügig sträubte. Die Kinder zeigten aufgeregt mit den Fingern nach vorne und gestikulierten wild.

Shioshi verließ die Gruppe von Dorfbewohnern, die am Bau eines Hauses beschäftigt waren. Er trat neben Sasuke und beobachtete für einen kurzen Moment schweigend die Szene, die sich ihnen bot.

„Wenn ich es kurz anmerken dürfte, Uchiha-san, aber Ihr habt eine wunderbare Weggefährtin an Eurer Seite.“

Sakuras Gesicht hellte sich auf, als sie Sasuke entdeckte. Sie winkte ihm lächelnd zu. Dann zogen die Kinder sie in die nächste Gasse hinein, bis er sie aus den Augen verlor.

Erst jetzt merkte er, dass er Shioshi noch nicht widersprochen hatte. „Sie ist nicht meine... Gefährtin.“

Sein schwacher Protest lief ins Leere, da sich der ältere Mann bereits umgedreht hatte.

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Sie versuchte noch einen Blick auf ihn zu erhaschen, aber sie hatte Sasuke bereits aus den Augen verloren, sobald sie um die Ecke gebogen war.

Heute Morgen hatte sie fest damit gerechnet, dass er entweder einen Kampf mit ihr ausschlagen oder sich ihr gegenüber zumindest beherrschen würde. Er würde sie immer noch als die kleine, schwache Sakura in Erinnerung haben. Aber stattdessen hatte er zu ihrer eigenen Überraschung alles gegeben, sie als ebenbürtige Gegnerin angesehen und sogar nicht davor zurückgeschreckt, sein Sharingan-Auge einzusetzen. Er hatte um jeden Preis gewinnen wollen. Statt über ihre Niederlage Trübsal zu blasen, fühlte es sich eher wie ein Sieg an. Sie hatte seinen Respekt – dessen war sie sich sicher.

Und als er sie dann am Ende überwältigt hatte… Die Schmetterlinge brachen wieder in ihrem Bauch aus, als sie daran dachte, wie er sich über sie gebeugt und sie sein Gewicht auf sich gespürt hatte. Pünktlich zum Ende des Ninja-Krieges meldeten sich ihre Hormone wieder. Sie konnte nicht verhindern, dass sie sich von ihm körperlich angezogen fühlte. Beide waren schließlich keine zwölf mehr. Sie war jetzt eine junge Frau und er-

„Suri! Komm da herunter!“

Die wütende Stimme eines der älteren Kinder riss sie aus ihren Tagträumen. Entsetzt blieb sie stehen, als sie der Situation gewahr wurde.

Ein etwa sechsjähriges Mädchen war in eines der verbrannten Gebäude gerannt und lachte sie nun von den oberen Stockwerken an, während sie an den eingestürzten Dachbalken baumelte. Mit einem lauten Knirschen gab das morsche Holz schlagartig nach.

„Pass auf!“

Sakuras Warnrufe gingen im ohrenbetäubenden Lärm unter, der sie plötzlich umgab.

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Einer der Dorfbewohner kam schnaufend angerannt. „Shioshi-sama! Eines der verbrannten Häuser ist zusammengestürzt!“

Schockiert drehten sich alle zu ihm um. Die nächsten Worte verschluckte er fast, während er laut nach Luft japste. „Direkt über eines der Kinder und der Medizinerin, Haruno-san!“

Bevor sich Shioshi zu Sasuke umdrehen konnte, war dieser bereits verschwunden.

Innerhalb von wenigen Sekunden war Sasuke am Unfallort angelangt. Er schob die Menschen grob zur Seite, die sich aufgeregt vor dem eingestürzten Gebäude versammelt hatten. Wie vom Donner gerührt blieb er stehen, als er die Asche und den Schutt sah, wo kurz zuvor noch ein Gebäude gestanden hatte. Für den Bruchteil einer Sekunde hörte er nur das wilde Rauschen von Blut in seinen Ohren. Von Sakura fehlte jede Spur. Bevor er jedoch reagieren konnte, brach die Oberfläche auf und eine staubverkrustete Person bahnte sich einen Weg durch das Geröll.

Eine blutüberströmte Sakura hielt ein bewusstloses Mädchen in ihren Armen.

Er war an ihrer Seite, bevor sie zu Boden stürzen konnte.

„Sakura-“

Sie schüttelte den Kopf. Sanft legte sie das Mädchen auf dem Boden ab und fing sogleich an, ihre Wunden zu heilen. Sein Blick blieb an ihrer Schläfe hängen. Blut tropfte aus der Wunde und färbte den Lehmboden rot. Aber statt sich um ihre eigenen Wunden zu sorgen, leuchteten ihre Hände grün auf. Stille kehrte ein, als die Dorfbewohner fasziniert beobachteten, wie sich die schweren Wunden des Kindes unter Sakuras Händen schlossen.

Einen Moment lang hielten alle den Atem an. Schließlich flatterten die Augen des Mädchens auf. Jubelschreie brachen aus.

Plötzlich schwankte Sakura. Bevor sie zur Seite kippen konnte, hatte Sasuke sie bereits aufgefangen.

„Das Mädchen…“, protestierte sie schwach.

Grimmig biss er die Zähne zusammen. „Der Arzt ist auf dem Weg. Jetzt bist du dran.“

„Sasuke-kun, lass mich sofort los!“

Obwohl sie wild gegen seine Brust trommelte, blieb er hartnäckig. Er teleportierte sie innerhalb kürzester Zeit in ihr Zimmer in der Taverne. Schließlich schaffte sie es, sich aus seinen Armen zu befreien. Sie plumpste auf das Bett und starrte ihn vorwurfsvoll aus vor Zorn blitzenden Augen an.

„Was sollte das werden? Wieso hältst du mich bei meiner Arbeit auf?“ Sakuras Stimme überschlug sich. Sie hatte einen Eid geleistet, um in Not geratene Menschen mit ihrem Leben zu schützen und zu heilen. Sie nahm ihre Profession sehr ernst und sie konnte niemandem verzeihen, der sie daran hinderte, diese auszuüben. Nicht einmal ihm.

„Sieh dich an, du blutest aus allen Ecken.“ Nur mit Mühe konnte er seine Stimme kontrollieren.

Nun platzte auch ihr der Kragen.

„Verdammt, Sasuke, das ist mein Job! Ich bin Medizinerin!“, schrie sie.

„Und was bringt es den Menschen hier, wenn du verblutest?!“, brüllte er zurück.

Wie vom Blitz getroffen starrte sie ihn an. Sie konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt in ihrer Gegenwart so die Fassung verloren hatte. Vielleicht damals, als sie sich im Eisenreich begegnet waren und er Karin töten wollte? Erst jetzt bemerkte sie das leichte Zittern seiner Hand, die zu einer Faust geballt war.

Langsam stand sie auf und näherte sich ihm. Er mied ihren Blick.

„Sasuke-kun, sieh mich an.“

Als er ihrer Aufforderung nicht nachkam, legte sie ihm sanft ihre blutbeschmierte Hand auf die Wange und zwang ihn mit Nachdruck, sie anzuschauen.

Seine asymmetrischen Augen bohrten sich in ihre. Hinter seinem ausdruckslosen Blick sah sie kurz etwas aufflackern. War es Angst? Um sie?

„Mir geht es gut“, flüsterte sie. „Ich bin doch Medizin-Ninja und kann auf mich selbst aufpassen. Schau, meine Wunden schließen sich schon.“ Sie wandte ihm leicht die Stirn zu und nun sah er auch, dass die Kopfwunde mittlerweile geschlossen war. Es blieben nur noch blutverkrustete Ränder zurück. 

Während sie seine Wange streichelte, schmiegte sie ihr Gesicht an seine Brust.

Sein Blick blieb an ihrer Wunde geheftet. Obwohl sich sein Puls mittlerweile beruhigt hatte, schwirrten die Gedanken in seinem Kopf nur um eine Erkenntnis herum. 

Sakura würde auf dem Kampfplatz niemals gegen ihn ankommen können – das hatten sie beide bereits vor langer Zeit realisiert. Die stärkste Kunoichi im Feuerreich hatte keine Chance gegen Uchiha Sasuke. Dennoch besaß sie eine mentale Stärke, mit der sie ihn ohne Mühe übertrumpfen konnte. Eine Gefasstheit, eine Selbstbeherrschung und ein tiefer Glaube an das Gute im Menschen waren Charakterzüge, die er niemals besitzen würde. 

Er war ihr komplett unterlegen.

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tbc…


A/N: Katharsis: (Psychologie) das Sichbefreien von psychischen Konflikten und inneren Spannungen durch emotionales Abreagieren (Quelle: duden)

Akt IV

Sinne

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Als er zum ersten Mal in den Genuss gekommen war, Sakuras heilende Kräfte zu spüren, hatte er mit Naruto zusammen im völlig zerstörten Tal des Endes gelegen - beide kurz vor dem Verbluten.

Das war‘s, hatte er gedacht. Hier wird alles enden, wo alles angefangen hat. Endlich hatte es Naruto geschafft, ihn buchstäblich zur Besinnung zu prügeln. Aber bevor Sasuke für seine Verbrechen Wiedergutmachung leisten konnte, würde er aus dieser Welt scheiden. Als er langsam gespürt hatte, wie sich die Enden seines Blickfeldes verdunkelten und seine Körperglieder spürbar kälter wurden, war Sakura zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht. Die Kunoichi hatte ohne lange zu zögern ihre kostbaren Chakrareserven verwendet, um ihn vor dem Tod zu bewahren. Unter halb gesenkten Augenlidern hatte er jede ihrer Bewegungen verfolgt. Als schließlich ihre Kraft seine Haut durchdrungen hatte, war er unwillkürlich zusammengezuckt. Bildlich hatte er sich vorgestellt, wie ihre Energie durch seinen Körper schoss, jede einzelne Zelle zum Leben erwachte und ihr grünes Chakra schließlich mit seinem blauen verschmolz. Sofort hatte er Erleichterung verspürt, und wie die unfassbaren Schmerzen aus seinem Körper verdrängt wurden.

Wie sie dann so über ihn gebeugt saß, mit einem verschlossenen Gesichtsausdruck, der nicht verriet, was in ihr vorging, war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. Ein letztes Mal wurde ihm die Chance geboten, um Vergebung bitten zu können.

„Sakura, ich…“, war es aus ihm herausgebrochen. Selten hatte er sich in seinem Leben so hilflos gefühlt.

„Sei still, ich muss mich konzentrieren.“

„Es tut mir leid…“

„Leidtun? Wofür?“ Der harte Ton ihrer Stimme war weiterhin geblieben.

„Für alles, was ich getan habe.“ Vor allem dir. Unwillkürlich hatte er die Luft angehalten, als sie beharrlich geschwiegen hatte.  

Schließlich hatte sie erstickt gemurmelt: „Solltest du lieber auch… Du machst nichts als Ärger, du Mistkerl.“ Als er dann ihre Tränen auf seinem Gesicht gespürt hatte, war ihm erst bewusst geworden, wie groß Sakuras Barmherzigkeit tatsächlich war. Keine Absolution der Welt würde ihn begnadigen können, wenn es nicht zuerst das Mädchen tat, das er schon so oft in der Vergangenheit verletzt hatte.

Auf seiner Reise nach Erlösung durch die verschiedensten Länder der Welt würde er manchmal an sie und ihr Chakra denken, wenn er sich im Kampf verletzen und der Heilungsprozess schließlich eintreten würde.

Ihr warmes Chakra, das anders als sein zerstörerisches, für Leben, Gutes und Vergebung stand, strömte durch sein Blut und war unwiderruflich ein Teil von ihm geworden.

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Sakura winkte den Krankenschwestern zum Abschied zu. Fahles Mondlicht begrüßte sie, als sie die Klinik verließ und den Weg zur Taverne antrat. Sie versuchte den Gedanken an ihre verletzten Patienten zu verdrängen. Feierabend. Wird Zeit, den Kopf für andere Sachen freizumachen! Ihre Laune hob sich spürbar, als sie daran dachte, dass sie gleich ihren Teamkameraden sehen würde.

In den letzten Tagen hatte sich eine Routine zwischen ihnen beiden eingestellt. Früh morgens würden beide aufbrechen - sie würde den ganzen Tag in der Klinik beschäftigt sein, während er den Dorfbewohnern half, ihre Pläne für eine Stadtmauer in die Tat umzusetzen. Erst abends würde sie ihn zu Gesicht bekommen, wenn auch nur für einen kurzen Moment, da er ihr im Bett immer noch den Rücken zukehren würde. Aber es reichte aus, damit sie ihm nah sein konnte.

Sie würde nicht so schnell die Verletzlichkeit vergessen, die sie in seinen Augen gesehen hatte, als er vor einigen Tagen in ihrer Gegenwart die Fassung verloren hatte.

Dieser sture Mann brauchte ganz dringend viel unerschütterliche und vor allem geduldige Liebe.

Schwungvoll öffnete sie die Tür zu ihrem Zimmer. „Sasuke-“

Die Worte blieben in ihrem Mund stecken, als er sich mit seinem Shirt in der Hand zu ihr umdrehte.

Wohlgemerkt oberkörperfrei.

Sakura spürte, wie ihr Mund ganz trocken wurde. Mund zu, Haruno, sonst kommen Fliegen rein.

Sasuke nickte ihr zu und wollte gerade sein Shirt über den Kopf ziehen, als sie ihn aufhielt.

„Warte!“

Er verharrte mitten in der Bewegung und beobachtete mit Argusaugen, wie sie näher trat und mit gerunzelter Stirn den frischen Schnitt betrachtete, der sich quer über seine Brust zog.

„Wie ist das passiert?“

„Vorhin beim Bauen. Es ist nichts“, fügte er nach einem kurzen Moment hinzu, als er die Besorgnis in ihren Augen sah.

Sanft schob sie seine Hand zur Seite. „Lass mich die Wunde heilen.“

Sie erwartete, dass er sich sträuben würde, aber stattdessen ließ er den Arm sinken.

„Hn.“

Sakura legte ihre Hände auf seine warme Brust und versuchte, ihre Nervosität zu überspielen. Bildete sie es sich ein oder waren tatsächlich die Muskeln unter ihren Fingern zusammengezuckt? Sie zwang sich, ihren Blick auf die Wunde zu richten, und nicht allzu sehr über seinen Oberkörper wandern zu lassen. Jetzt bloß nicht anfangen zu sabbern! Eigentlich war eine gut durchtrainierte Shinobi-Brust Alltag für sie. Zur Hölle, wie oft hatte sie Männer als Patienten gehabt, die ein Six- oder sogar Eightpack aufwiesen? In einer sterilen Umgebung wäre ihr die Arbeit vielleicht auch einfacher gefallen. Aber sie standen beide alleine im Zimmer und das goldene Licht der Nachttischlampe warf Schatten auf die definierten Brustmuskeln. Und es war immer noch der Mann, dem sie vor langer Zeit ihr Herz geschenkt hatte. Fokus, Haruno. Sie schloss die Augen und ließ ihr Chakra durch seine Haut strömen.

Sasuke versuchte sich auf den gesenkten, rosafarbenen Haarschopf vor ihm zu konzentrieren, aber sobald er ihre Energie in sich spürte, wurden seine Lider unendlich schwer. Er widerstand der Versuchung, sich an sie zu lehnen. Aber dieses Gefühl war einfach unbeschreiblich. Sofort spürte er nicht nur das Heilen des Kratzers auf seiner Brust, sondern auch wie die dumpfen Schmerzen an seiner Schläfe gelindert wurden. Die Wirkung ihrer heilenden Kräfte war noch besser, als er sie in Erinnerung hatte. In seinem Körper kehrte eine Ruhe ein, die keine Meditationsübung so schnell vollbringen konnte.

An dieses Gefühl hätte er sich glatt gewöhnen können.

Er hob die Augenlider, als sie fertig war. Kühle Finger strichen behutsam über seinen Armstumpf.

„Bereitet dir die Narbe noch Schmerzen?“

Sasuke schüttelte den Kopf.

Ihre Finger glitten von der Schulter zurück zu seiner Brust. Ihrem fachmännischen Blick entging nicht das feine Netz aus alten Narben, die sich zickzackartig über den Oberkörper zogen. Sie waren der Beweis dafür, wie weit er gegangen war, um seine heutige Stärke zu erlangen.

„Und was ist mit diesen hier?“

Aufmerksam studierte er ihr Gesicht. Sakuras Berührungen hatten sich verändert. Ihre Fingerkuppen tänzelten nun federleicht über seine Haut. Sie fühlten sich eher… wie Liebkosungen an. Ihr schien diese Wendung der Dinge auch nicht entgangen zu sein, da sich auf ihren Wangen ein hauchzarter Rosaton ausbreitete. Geräuschvoll atmete sie ein. Ihr warmer Atem war nah genug, dass sich die feinen Härchen auf seinem Nacken aufstellten.

„Nein“, murmelte er schließlich.

Er wusste nicht, was Sakura sah. Aber was auch immer sie erblicken mochte, schien ihr zu gefallen. Andernfalls hätte sie schon längst die Hände gesenkt. Er war nicht blind - schon als kleiner Junge hatte er früh gelernt, wie er auf das andere Geschlecht wirkte. Liebend gerne hätte er mit seinen Altersgenossen getauscht, nur damit er endlich seine Ruhe haben konnte. Umso mehr war er überrascht, als in ihm plötzlich das dringende (und allen voran alberne) Bedürfnis aufkam, seine Muskeln spielen zu lassen. Nur damit sich der Rotton auf ihren Wangen vertiefen würde.

Da ihr Kopf gebeugt war, konnte er ihre grünen Augen nicht sehen. Er widerstand dem Drang, ihr Kinn zu heben. Zu gerne hätte er gewusst, was er in ihrem Blick lesen würde.

Sakura spürte seine Augen auf sich ruhen. Natürlich, sie musste ihn loslassen, aber ihre Hände schienen auf seiner Haut wie festgeklebt. Aber er selbst schien auch keine Anstalten zu machen, um von ihr loszukommen. Sei kein Feigling, flüsterte eine Stimme in ihr, heb deinen Blick. Was würde sie in seinen Augen sehen? Irritation, Belustigung oder gar Ärgernis?

Sie biss sich nervös auf die Lippe…

…und ließ los.

Ohne ihm in die Augen zu schauen, drehte sie sich um und flüchtete ins Bad.

Sasuke starrte ihr hinterher.

Ein dumpfes Gefühl der Enttäuschung blieb in ihm zurück.

.


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Entnervt warf sich Sakura auf dem Bett hin und her. Seit gefühlt zwei Stunden war sie wach. Der langersehnte Schlaf schien einfach nicht zu kommen.

„Sakura.“

Sasukes tiefe Stimme hallte durch das stille Zimmer.

Sofort wurde sie still und hob erwartungsvoll den Kopf. „Ja?“

„Nerv nicht.“

Sie zog einen Schmollmund. Wieso musste er auch immer so griesgrämig sein? Aber statt verärgert zu sein, wandte sie sich neugierig ihrem Teamkameraden zu.

„Sasuke-kun, kannst du auch nicht schlafen?“ Die Klarheit seiner Stimme war unüberhörbar gewesen.

„…“

Wie erwartet antwortete der Uchiha nicht.

Nichtsdestotrotz ließ sie sich von seiner Zurückhaltung nicht entmutigen. Die Hände unter das Gesicht gebettet, betrachtete sie seinen breiten Rücken.

„Ich zumindest kann es nicht.“

3… 2… 1…

Innerlich seufzte Sasuke. Diese Frau würde ihn irgendwann noch vollkommen um den Verstand bringen. Ruckartig drehte er sich zu ihr um.

„Wieso nicht?“, fragte er schroff.

Sakura konnte sich nicht ein kleines Lächeln verkneifen - mittlerweile kannte sie ihn gut genug, um zu wissen, welche Knöpfe sie drücken musste.

Sie spürte Sasukes abwartende Blicke. Stimmt, sie musste ihm noch antworten. Schlagartig verdunkelte sich ihr Gesicht, als sie an den Grund für ihre Schlaflosigkeit dachte. Sie drehte sich auf dem Rücken und starrte die Decke an.

„Einer meiner Patienten liegt im Sterben“, erklärte sie bedrückt.

Sekundenlang herrschte Stille.

„Ich dachte, die meisten hätten das Schlimmste überwunden“, sagte er schließlich.

Sie betrachtete die langgezogenen Risse an der Decke, die sie im fahlen Mondlicht erkennen konnte. „Dachte ich eigentlich auch. Aber die Infektion bei diesem Patienten ist schon so weit vorangeschritten, dass viele Organe bereits befallen sind. Er befindet sich im terminalen Stadium und ich… ich bin machtlos dagegen.“ Ihre Stimme brach. Als Medizin-Ninja war der Tod ihr ständiger Begleiter. Obwohl sie ihren Beruf liebte, hatte dieser eine Schattenseite, mit der sie nur schwer zurechtkam. Tsunade-sama sagte immer, dass sie zu weich wäre. In solchen Momenten merkte sie, dass sie, obwohl sie ihr Handwerk wie kein anderer verstand, von ihrer Mentorin immer noch viel zu lernen hatte.

Sasuke starrte Sakuras Gesicht an. Ihr gedämpfter Schluchzer war seinen empfindlichen Ohren nicht entgangen. Sakura lag neben ihm, war kurz vor dem Weinen und er wusste sich nicht zu helfen. Im Gegensatz zu ihm war sie ein sehr emotionaler Mensch, der seine Expressionen auch ständig zur Schau stellte. Sie weinte, wenn sie etwas bekümmerte, sie weinte, wenn sie glücklich war - eine Eigenart, die sie nicht abgelegt hatte. Und sieben Jahre später überforderten ihn diese Situationen immer noch.

 „Sakura.“ Gedankenverloren betrachtete er über ihre Schulter hinweg die gegenüberliegende Wand. „Du kannst nicht jeden retten.“

Abrupt hielt das Beben ihrer Schultern an.

Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber sicherlich nicht mit der nachfolgenden Reaktion.

Blitzartig rollte sie zu ihm rüber, so dass ihre Gesichter nur noch Millimeter voneinander entfernt waren. Das einfallende Mondlicht zeigte ihm die nassen Spuren auf ihren Wangen. Aber es war der unbeugsame Blick in ihren Augen, der ihn für einen Sekundenbruchteil den Atem stocken ließ.

„Was mich nicht daran hindert, es trotzdem zu versuchen.“

Sein harter Blick ließ ihren nicht los.

„Manche sind dazu verdammt, nicht gerettet werden zu können“, erklärte er ungerührt.

„Und andere sind dazu bestimmt, es immer und immer wieder zu versuchen“, schoss sie zurück. Wieso hatte sie das Gefühl, dass sie beide über etwas völlig anderes sprachen?

Der Blickwechsel zwischen ihnen war unerbittlich – keiner von beiden bereit, nachzugeben.

Schließlich senkte Sakura besänftigend den Kopf und ließ ihn gegen seine Brust sinken. In der Dunkelheit war es so viel einfacher, ihm näher zu sein.

„Ich habe Angst um ihn“, gestand sie leise. Obwohl der Uchiha kein Mann großer Worte war, reichte ihr allein seine Körperwärme als Trost aus.

Mehrere Sekunden lang lauschte sie seinem regelmäßigen Herzklopfen.

„Sasuke-kun“, fragte sie zaghaft, „gibt es etwas, das dir auch Angst bereitet?“ Augenblicklich biss sie sich auf die Lippe, als er nicht antwortete - war sie zu weit gegangen?

Tatsächlich dachte Sasuke über ihre Frage nach. Abwesend glitt sein Blick über ihr Haar, das im Mondlicht einen bläulichen Ton angenommen hatte.

Gab es etwas, wovor Uchiha Sasuke Angst hatte?

Hätte man ihm diese Frage mit zwölf gestellt, hätte er die Antwort sofort gewusst. Der unerträgliche Gedanke, niemals seinen Klan rächen zu können, war seine größte Angst gewesen.

Jetzt, Jahre später, wusste er es jedoch nicht. Er hatte seinen Klan gerächt und war mächtiger denn je. Was konnte ihn noch in Angst und Schrecken versetzen?

Aber dann fiel der Groschen. Zu gut erinnerte er sich daran, wie er nach seiner Rückkehr vor dem Porträt seiner Familie gestanden und sekundenlang versucht hatte, sich jeden Gesichtszug, jedes Detail einzuprägen.

Schon jetzt waren die Gesichter seines toten Klans nur noch verschwommene Erinnerungsfetzen der Vergangenheit. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er das Gesicht jedes Einzelnen vergessen würde.

Und dann wäre er wahrhaftig allein.

„Ja“, sagte er schlicht.

Sakura schwieg. Sie hakte nicht weiter nach, da sie ahnte, dass sie sich auf gefährlichem Terrain bewegte. Ein falsches Wort und er wäre wieder so verschlossen wie eh und je. Nachdenklich spielte sie mit dem Kragen seines Shirts.

„Meinst du nicht auch, Sasuke-kun“, fing sie zögernd an, „dass es traurig ist, wie sehr wir uns von unseren Ängsten leiten lassen? Wir geben ihnen so viel Macht über uns, dabei sind sie nur in unserem Kopf drin. Sie sind ein unsichtbarer Feind, der sich nur besiegen lässt, wenn wir uns ihm stellen und jeden Tag das Gegenteil beweisen.“

Da er nicht antwortete, schloss sie die Augen.

Dabei war Sasuke kein Wort entgangen. Händeringend suchte er nach einer passenden Antwort, bis ihn Sakuras leiser Atem an seinem Nacken darauf hinwies, dass sie längst eingeschlafen war.

Diese Nacht und die Nächte darauf kehrte er ihr den Rücken nicht mehr zu.

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Es war beinahe unmöglich, Sakura zu ignorieren. Überall, wo sie auftauchte, lenkte sie die Aufmerksamkeit auf sich. Zu seinem Leidwesen auch seine eigene.

Er gestand es sich nur schwer ein, aber in den nächsten Wochen lernte er sie besser kennen, als es ihm lieb war. Wenn sie nervös war, nagte sie an ihrer Unterlippe, und wenn sie ihn anstrahlte, wurde das intensive Grün ihrer Augen um einige Nuancen heller. Er kannte ihre leisen Seufzer, die sie beim Schlafen ausstieß und den melodischen Klang ihres Lachens, wenn sie etwas erheiterte. Wenn sie direkt aus der Klinik kam, hing der penetrante Geruch von Desinfektionsmittel an ihr, und wenn sie duschte, präferierte sie Seife, die einen blumigen Duft nach Frühling verströmte. Aus erster Hand erfuhr er, wie schmerzhaft ihr Faustschlag sein konnte, aber gleichzeitig auch, dass die Finger jener Hände keine Schwielen aufwiesen und unglaublich sanft sein konnten.

Er nahm sie mit all seinen Sinnen wahr.

Nein, korrigierte er sich in Gedanken, einer fehlt.

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Der Angriff erfolgte kurz vor Anbruch der Dunkelheit.

Sakura verließ die Klinik und lief dabei ihrem Teamkameraden über den Weg, der soeben die Stadtmauer, die sich im Bau befand, inspiziert hatte. Gerade wollte er auf sie zutreten, als beide ein leises Knacken vernahmen.

Augenblicklich kreuzte sich ihr Blick. Die fremden Chakrasignaturen waren ihnen nicht entgangen. Wortlos nickten sie sich bedeutungsvoll zu und waren dann sekundenspäter verschwunden.

Sasuke materialisierte sich am Rande des Waldes wieder. Hinter ihm tauchte ein fremder Ninja auf.

„Na, wen haben wir denn da?“, nuschelte der Mann unter seiner Maske. „Ich wusste gar nicht, dass hier neuerdings Grünschnäbel wie du rumlaufen. Ich werde dir eine Lektion erteilen, die sich gewaschen hat.“

Sasuke warf ihm über die Schulter hinweg einen kühlen Blick zu.

„Was wollt ihr hier?“

Der Mann stieß ein gackerndes Lachen aus.

„Uns das holen, was wir letztes Mal vergessen haben.“

Wie zur Bestätigung stieg Sasuke sofort der Geruch von Rauch in die Nase. Er riss seinen Kopf herum und sah nun über die Baumwipfel hinweg die lodernden Flammen, die über vereinzelte Dächer aufstiegen. Aus der Ferne erklang auch schon das Heulen des Notrufsignals.

Er wirbelte zu seinem Gegner herum und zog dabei Kusanagi. „Das hättet ihr euch besser anders überlegen sollen“, presste er hervor.

Der Mann stutzte, als er sein Schwert sah.

„Wer bist du, Bengel?“

Statt zu antworten, ließ Sasuke sein Sharingan-Auge sprechen.

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Der Kampf war innerhalb von wenigen Minuten vorbei. Der abtrünnige Ninja, dessen Stirnband gefehlt hatte, war höchstens auf Chunin-Level gewesen. Sasuke hatte ihn ohne Mühe überwältigen können.

Aber wo steckte Sakura?

Sasuke ortete das Chakra der Kunoichi und machte sich augenblicklich auf die Suche nach ihr. Er fand sie am anderen Ende des Waldes, wo sie gerade zwei Ninjas gleichzeitig niederschlug. Den Dritten im Bunde, der sich ihr von hinten näherte, bemerkte sie allerdings nicht.

„Sakura!“, rief er warnend.

Sie drehte sich genau zum rechten Zeitpunkt um. Mit einem gekonnten Schlag beförderte sie den Ninja in die Bewusstlosigkeit. Lächelnd wandte sie sich an Sasuke, während sie sich die Haare aus dem Gesicht strich.

„Das ging schnell. Aber ich muss gestehen, dass dieser Kampf eine nette Abwechslung war.“

Sasuke nickte und warf einen prüfenden Blick zum Dorf. Das Flammeninferno am Himmel war verschwunden. Die Dorfbewohner hatten das Feuer wohl noch rechtzeitig unter Kontrolle kriegen können.

„Lass uns zurückkehren.“

Der Uchiha drehte sich um und wollte gerade durch die Dunkelheit stapfen, als er plötzlich den Boden unter den Füßen verlor und abrutschte. Mit einem überraschten Ruf polterte er den Abhang hinunter und konnte sich gerade noch fangen.

„Sasuke!“

Sakura lief ihrem Teamkameraden hinterher. Sie suchte mit den Augen die Böschung ab und entdeckte ihn schließlich, wie er sich gerade aus einem Busch aufrappelte. Kichernd schlug sie ihre Hand an den Mund, als sie sah, was für einen Anblick Sasuke bot. Er war in einen Haufen Disteln gefallen und nun klebten ihm die Kletten überall in den Haaren fest. Er warf ihr einen finsteren Blick zu, während er vergeblich versuchte, die verfluchten Pflanzen aus seinen Haaren zu befreien - aber keine Chance. Tatsächlich machten seine fahrigen Bewegungen alles nur schlimmer.

Leise lachend bereitete sie seinem aussichtslosen Unterfangen ein Ende.

„Warte. Ich mache das.“

Vorsichtig zog sie leise summend die Kletten aus seinen Haaren. Unter ihren Fingern bemerkte sie die seidige Textur der dunklen Strähnen. Als sie schließlich fertig war, standen dem Uchiha buchstäblich die Haare zu Berge.

Sie versuchte ein Glucksen zu unterdrücken, was ihr nur schwer gelang - aber er sah einfach unwiderstehlich aus, wie er erfolglos versuchte, sie mit seinen finsteren Blicken einzuschüchtern. Dass er dabei so wirkte, als ob er direkt in die Steckdose gegriffen hätte, machte ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung.  

Verschmitzt schaute sie zu ihm auf, während sie versuchte, die trotzigen Strähnen zu glätten.

„Übrigens“, erklärte sie ausgelassen, „danke, dass du mich rechtzeitig gewarnt hast.“ 

Sie wusste nicht, woher dieser Mut kam, der sie plötzlich überfiel - später würde sie es auf die Wirkung des Adrenalins schieben, die noch in ihrem Körper abklingen musste-, aber bevor sie ihre waghalsigen Gedanken reflektieren konnte, hatte sie sich bereits auf Zehenspitzen gestellt und drückte ihm sanft die Lippen auf die Wange.

Genau dann, als er das Gesicht abwandte.

Ihre weichen Lippen trafen zu einer Hälfte seine Wange - und zur anderen Hälfte seinen Mund.

Die Berührung dauerte nur für einen Sekundenbruchteil an, aber lang genug, dass ein rasender Blitz geradewegs durch ihren Körper schoss und sich in ihrer Magengrube festsetzte. Schockiert riss sie sich zurück.

Die Augen des Uchihas waren ähnlich geweitet wie ihre.  

„Da sind die beiden!“         

Die aufgeregten Stimmen der Dorfbewohner holten sie in die Realität zurück. Sie wirbelte herum und sah im Dunkeln einige Männer oben an der Böschung stehen.

„Haruno-san, Uchiha-san, seid ihr wohlauf?“

„Ja!“, rief sie. Ihre Stimme hörte sich seltsam schrill in ihren Ohren an. „Ich hoffe, es ist keiner von euch zu Schaden gekommen.“

Er blendete die wirren Stimmen der Dorfbewohner aus. Stattdessen war sein Blick nur auf Sakuras Rücken fokussiert.  

Obwohl der Kampf schon lange vorbei war, galoppierte sein Herz immer noch in einem Tempo, als ob es jeden Moment aus seiner Brust springen würde. Bevor er überhaupt wusste, was er tat, öffnete sich sein Mund und seine Zunge strich reflexartig über seine Lippen.

Der fünfte Sinn.

Nun konnte er Sakura auch schmecken.

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tbc…


A/N: Bezüglich der ersten Szene: Da ich Naruto nur auf Englisch gelesen habe, kann es sein, dass die offizielle deutsche Übersetzung von den beschriebenen Dialogen abweicht, die ich aus Kapitel 699 freihändig übersetzt habe.

Akt V

Wahn

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Es war ein Kuss. Es war kein Kuss. Es war ein Kuss. Es war kein-

„Verdammt, doch, es war einer!“

Die Kreide in ihren Fingern brach mit einem leisen Knacken entzwei.

Ein leises Hüsteln wies Sakura darauf hin, dass sie ihre wirren Gedanken laut ausgesprochen hatte. Sechs Augenpaare schauten sie perplex an. Ups, das war peinlich.

Mit einem gespielten Lachen griff sie nach einem neuen Stück Kreide und wandte sich dem Plenum zu. „Wo waren wir stehen geblieben? Stimmt, bei den Primärinfektionen. Nach dem derzeitigen Stand der medizinischen Forschung können fakultativ pathogene Mikroorganismen wie Enterokokken…“ Während sie sprach, hielt sie ihre Ausführungen in kurzen, präzisen Worten an der Tafel fest. Dennoch konnte sie nicht verhindern, dass ihre Gedanken abschweiften.

Sakura hatte sich vor einigen Tagen bereit erklärt, dem Klinikpersonal Fortbildungen auf den wichtigsten Gebieten der Medizin anzubieten, die auch dankend angenommen wurden. Ihr kläglicher Versuch, sich auf diese Weise abzulenken, schien aber nur zum Scheitern verurteilt zu sein.

Sie konnte nichts anderes tun, als an dieses… Was-auch-immer zu denken.

Mittlerweile zweifelte sie nicht daran, dass sie sich den Schock, den sie sekundenlang auf Sasukes Gesicht gesehen hatte, gänzlich eingebildet hatte. Stattdessen trug er wie immer seine typisch ausdruckslose Maske – wenn auch häufiger, als ihr lieb war.

Wieso konntest du deine verfluchten Lippen nicht bei dir behalten, Haruno? Wenn jetzt das zerbrechliche Band zwischen euch beiden wieder am Kriseln ist, hast du es allein dir und deiner dämlichen Impulsivität zuzuschreiben.

Entschlossen verfrachtete Sakura ihre nervtötende innere Stimme in die hintersten Winkel ihrer Gedanken.

Nein. Sie war sich sicher, dass Sasuke diesem Kuss keine Bedeutung zuschrieb. Zumindest nicht so, wie sie es tat. Er hatte noch nie Interesse an körperlichen Annäherungen gezeigt und jetzt, als erwachsener Mann, schien es auch nicht anders zu sein. Wahrscheinlich machte sie sich unnötige Sorgen und er hatte es längst vergessen.

Um ihre Lippen legte sich ein bitterer Zug, während sie die Kreide für einen Moment sinken ließ.

Auch wenn der Gedanke sie traurig stimmte, war es wahrscheinlich so am besten für sie beide.

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Süß.

Das war Sasukes erster Gedanke gewesen, als er sie auf seiner Zunge geschmeckt hatte.

Ein leicht zuckriger Geschmack, den er nicht zu deuten vermochte. Obwohl er süße Sachen verabscheute, machte ihn der Gedanke rastlos, dass er ihn nicht näher definieren konnte. Immer häufiger überkam ihn der quälende, schwer zu unterdrückende Wunsch, noch mal probieren zu dürfen – um den Geschmack bis auf seinen Grund zu erforschen, ihn in seine Einzelteile zu zerlegen und vollständig analysieren zu können. Und dann, vielleicht dann konnte er ihn endlich aus seinen Gedanken verbannen.

„Uchiha-san?“

Er riss den Kopf hoch und schaute in die faltenversehenen Augen des Dorfältesten. Erst jetzt merkte er, dass Shioshi ihm eine Frage gestellt hatte. Der forschende Blick des älteren Mannes schien bis in seine Seele blicken zu können.

„Ihr scheint in jüngster Zeit abgelenkt zu sein.“

In Gedanken fluchend rollte Sasuke einen weiteren Bauplan auf und legte ihn auf dem Arbeitstisch bereit. Abwesend betrachtete er die Aufzeichnungen.

„Wie kommt Ihr zu dieser Annahme?“

Shioshi legte eine bedeutungsvolle Pause ein, bevor er antwortete: „Eure Augen verraten es mir.“

Sasuke schaute nicht auf. „Dann liegt Ihr leider falsch.“

Shioshi betrachtete ihn mit einem fast mitleidigen Blick. „Ihr gebt mehr Preis, als Ihr zu glauben scheint. Ich bin alt, aber nicht blind. Ihr solltet öfters weniger Eurem Verstand, sondern mehr Eurem Herzen folgen.“

Abrupt stand Sasuke auf. Plötzlich hatte er den Verdacht, dass der Dorfälteste mehr wusste, als es ihm gut tat.

Er marschierte zum Ausgang der Hütte und blieb an der Türschwelle stehen.

„Mich lenkt nichts ab. Zumindest nichts, was Euch angehen sollte“, erwiderte er kühl, bevor er die Hütte verließ. Was auch immer mit ihm los war – es war nur eine Frage der Zeit, bis er wieder in seinen gewohnten Alltag zurückkehren konnte.

Zumindest hoffte er es.

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Er hatte keinen Blick für Ästhetik übrig.

Durchaus konnte Sasuke für einige materielle und immaterielle Dinge Interesse zeigen. Ein gutes Schwert, ein neues Jutsu oder sogar ein vielversprechender Kampf gegen einen ebenbürtigen Gegner konnten in ihm eine Emotion auslösen, die fast an Begeisterung grenzte.

Aber etwas schön finden?

Er war ein praktisch veranlagter Mann, der es als Zeitvergeudung sah, Sonnenuntergänge, Regenbögen oder blühende Landschaften zu beobachten.

Aber er müsste schon gehörig auf den Kopf gefallen sein, um nicht zu erkennen, dass Sakura schön war. Und damit meinte er nicht mal ihre innere Ausstrahlung. Dass sie im Gegensatz zu ihm eine reine Seele hatte, war unbestreitbar.

Des Öfteren erwischte er sich dabei, wie ihn eine eigenartige Stille überfiel, wenn sein Blick auf sie fiel. Unter halb gesenkten Lidern würde er den Schwung ihrer Lippen betrachten, die langen, wohlgeformten Beine, die unter den kurzen Shorts hervorlugten oder wie die Sonnenstrahlen in ihrem glänzenden, rosafarbenen Haar gebrochen wurden.

Nur mühsam konnte er sich dann aus solchen tranceartigen Momenten befreien.

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Er war sich nicht sicher, wann die Träume anfingen. Vielleicht irgendwann, als er dachte, ihren Geschmack endlich verdrängt zu haben.

Oft waren es verwirrende Sequenzen der Vergangenheit - manche längst vergessen, andere auf ewig in sein Hirn eingebrannt -, die mit der Gegenwart, seinen Gefühlen und Gedanken wild vermischt wurden, dass er oft nicht wusste, wo Wirklichkeit anfing und Hirngespinste endeten.

Aber sie handelten immer von Sakura.

Er träumte davon, wie er ihr schmales Handgelenk umklammerte. Gerade wollte sie schluchzend ihren Arm in die Luft schießen, um die Chuunin-Prüfer auf das Mal des Fluches an seinem Nacken aufmerksam zu machen. „Nicht einmal dir werde ich es verzeihen, wenn du mir das alles wegnimmst“, zischte er. Unerbittlich starrte er in ihre tränenverhangenen Augen. Dann endete die Szenerie und er spürte wieder die fast körperliche Eifersucht, die ihn ergriff, als er ihren sanften Gesichtsausdruck bemerkte, der nicht ihm galt. Gerade war ihr bewusst geworden, dass es eigentlich Naruto war, der sie vor Gaara gerettet hatte. Plötzlich fand er sich mit Naruto auf dem Dach des Krankenhauses wieder, beide rasend vor Wut. Innerhalb von Sekunden holte er zum Chidori aus, während Naruto mit seinem Rasengan auf ihn zuschoss. Von Weitem hörte er noch Sakuras gellenden Schrei, aber weder er noch Naruto konnten die gewaltige Macht in ihren Händen stoppen. Dieses Mal konnte Kakashi nicht rechtzeitig eingreifen. Mit vor Horror geweiteten Augen beobachtete er, wie sie zwischen die Fronten geriet und ihr Körper in tausend Teile zerfetzt wurde.

Schwer atmend wachte er dann auf. Mit zitternder Hand wischte er sich die verschwitzten Haarsträhnen aus dem Gesicht. Erst als er sich vergewissert hatte, dass Sakura friedlich und heile neben ihm schlief, fand er wieder Ruhe.

Ein anderes Mal träumte er davon, wie er skeptisch ihr gezwungenes Lächeln betrachtete, als sie Naruto kurz vor den Chuunin-Prüfungen mit einer lahmen Rede abwimmelte. Er dachte, dass sie eine grottenschlechte Lügnerin wäre, da ihr Gesicht nahezu ein offenes Buch darstellte. Aber aus unerklärlichen Gründen verspürte er das dringende Bedürfnis, sie aufzumuntern. Als sich auf ihrem Gesicht, das noch Sekunden zuvor von Kummer gezeichnet war, ein Lächeln ausbreitete, dachte er, dass es wert wäre. Dann fand er sich plötzlich im Wald des Todes wieder, zuckend und zitternd in Sakuras Armen, während eine Schmerzenswelle nach der anderen seinen Körper überrollte. Aber dieses Mal verlor er nicht das Bewusstsein, da ihre Wärme ihn tröstlich umfing. Die Szene verschwamm und er träumte davon, wie er sie Jahre später in Orochimarus Versteck wiederantraf. In ihren ausdrucksstarken Augen spiegelte sich zuerst Erkennen, Schock und schließlich Entschlossenheit wieder. Freude fand er jedoch keine.

Meistens waren es aber einfach nur ihre großen, grünen Augen, von denen er träumte.

Dass die wichtigste Frau in seinem Leben - denn das war Sakura - ihn in seinen Träumen einen Besuch abstattete, fand er zunächst nicht besorgniserregend. Es war nur natürlich, jetzt wo er mehr Zeit mit ihr verbrachte und sie praktisch jede Nacht einatmete.

Aber dann änderten sich die Träume.

Und nichts war mehr wie vorher.

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Als er zum ersten Mal glaubte, dem Wahnsinn vollkommen verfallen zu sein, hatte er im Morgengrauen wieder einen Traum von ihr.

Sie standen beide allein in der kochend heißen Wüstendimension. Er spürte ihr Gewicht, während sie sich erschöpft an ihn lehnte. Schließlich verhakten sich ihre Blicke. Als ob sie seine Gedanken gelesen hätte, drehte sie sich plötzlich in seiner Umarmung zu ihm um. Ihre Hände strichen verlangend über seine Brust. Er hielt den Atem an, als sich ihr Gesicht seinem näherte. Kurz bevor sich ihre Lippen berührten, hauchte sie: „Sasuke-kun.“

Die Szenerie änderte sich blitzschnell und sie fanden sich auf dem Waldboden wieder. Sie waren beide mit Kratzern und Wunden versehen, beide nach Atem ringend, verschwitzt und splitternackt. Er dominierte sie mit seinem Körper, aber weniger wie ein Kampfpartner, sondern eher wie ein Liebhaber, der sich über seine Geliebte beugte.

„Gibst du auf?“, murmelte er.

„Ja“, flüsterte sie.

Er senkte sich auf ihrem Körper herab-

und dann wachte er auf.

Mit wild klopfendem Herzen starrte er schwer atmend die Decke des Zimmers an. Nur langsam verschwand der Traumnebel und mit ihm Sakura. Das Pochen zwischen seinen Beinen verriet ihm, dass der Traum nicht ganz spurlos an ihm vorbeigegangen war.

Er biss die Zähne zusammen und zählte in Gedanken bis zehn.

Genau in diesem Moment meldete sich Sakura mit einem leisen Seufzer zu Wort. Er riss den Kopf herum und sah, wie sie ihm ihr schlafendes Gesicht zuwandte. Ein unschuldiges Lächeln umspielte ihre Lippen.

Es gab eine Handvoll Emotionen, die Sasuke bisher in seinem Leben verspürt hatte. Dazu zählten unter anderem verschiedene Stufen von Zorn, Hass und Verbitterung. Aber Scham empfand er selten. Tatsächlich hatte er diese Emotion zuletzt auf dem Kampfplatz erlebt, als Sakura ihn geheilt hatte.

Und ein Jahr später löste sie genau die gleiche Empfindung wieder in ihm aus.

Während Sakura ahnungslos neben ihm im Bett schlief, missbrauchte er ihr Vertrauen und träumte von ihr, wie sie sich ihm hingab. Dass er derjenige gewesen war, der schon so viel Leid über sie gebracht hatte, schien seinen Körper und Verstand nicht zu kümmern. 

Angeekelt von sich selbst kehrte er ihr den Rücken zu. Aber Schlaf fand er keinen mehr.

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Sein beunruhigender Traum mit Sakura sollte zu seinem Leidwesen nicht ein einmaliges Ereignis bleiben.

In immer kürzeren Abständen träumte er von ihr. Manchmal würde er sie ausziehen, in anderen Träumen würden sie beide von Anfang an völlig nackt sein. Besonders intensiv waren die Träume, wenn sie ihm den Tag davor besonders lange im Gedächtnis geblieben war. Und nach all diesen Nächten würde er morgens komplett erregt aufwachen. Nur durch eine eiskalte Dusche würde er wieder ansatzweise funktionsfähig sein.

Sasuke war kein wollüstiger Mann. Anders als seine Altersgenossen, wurde er nicht von niederen Instinkten geleitet, die ihn nach jedem Rockzipfel hecheln ließen. Ihm war bewusst, dass er sich mit diesem Verhalten in einer Außenposition befand. Aber als Heranwachsender hatte er, während sich Jungs seines Alters anfingen, für das andere Geschlecht zu interessieren, nur Pläne geschmiedet, wie er am besten seinen Bruder umbringen konnte. Jahrelang hatten Rachegelüste seine Gefühle bestimmt. Dass er so etwas wie eine Libido besaß, hatte er bis vor Kurzem nicht mal selbst geahnt.

Umso erschreckender waren die neuartigen Empfindungen, die plötzlich auf ihn einprasselten.

Liebend gerne hätte er behauptet, dass er nicht empfänglich gegenüber ihnen war. Aber in seinen Traumfetzen konnte er deutlich seine eigene Sehnsucht nach ihrer Nähe, ihrer Haut und ihren Berührungen sehen.

Manchmal erwischte er sich selbst dabei, wie er sie im Tageslicht musterte, in Gedanken versunken und sich fragend, wie sie wohl tatsächlich unter ihrer Kleidung aussehen würde. Abrupt würde er den Kopf abwenden, wenn sich ihre Blicke kreuzten.

Sakura hatte zu viel Macht über ihn. Sie geisterte zu oft in seinen Gedanken herum, lenkte ihn ab, plagte ihn so sehr, dass er manchmal nachts keinen Schlaf mehr fand.

Dank ihr schien er jegliche Kontrolle über seinen Körper und seinen Gedanken verloren zu haben.

Es erinnerte ihn stark an andere Zeiten, als er nicht mehr Herr über sich selbst war. Zeiten, an die er ungern zurückdachte. Und sie schaffte es, ihn wieder in jenes Wrack zurückzuverwandeln.

Er hasste diesen Zustand abgrundtief.

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Sasuke ging ihr aus dem Weg.

Mittlerweile war sich Sakura sicher, dass sie es sich nicht einbildete. Sobald sich ihre Wege im Dorf kreuzten, beachtete er sie nicht. Er kehrte erst spätabends zurück, wenn sie schon längst eingeschlafen war und war morgens schon aus dem Haus, wenn sie aufwachte. Und wenn er mal das Wort an sie richtete, klang seine Stimme kalt und gereizt.

Seit dem Kuss schien alles zwischen ihnen beiden nur noch bergab zu gehen.

Traurig senkte sie den Blick. Sie sehnte sich wieder nach ihren Sasuke zurück, der sie Wochen zuvor noch allein mit seiner Körperwärme getröstet hatte, der mit ihr nachts im Bett Gespräche führte und Seite an Seite mit ihr kämpfte. Dieses kostbare Etwas, das langsam zwischen ihnen aufgeblüht war, hatte sie verloren, bevor sie es je richtig besitzen konnte.

„Haruno-sensei?“

Sie blickte auf und sah die Gruppe von Kindern, die sie neugierig ansah. Mittlerweile hatte sie einige der älteren Kinder unter die Fittiche genommen, um sie zu Genin-Ninjas auszubilden. „Wieso schaut Ihr so traurig aus?“, fragte eines der Mädchen.

Sakura zwang sich zu einem Lächeln und wedelte stattdessen mit dem Glöckchen in ihrer Hand. „Schon gut. Kommt, wir versuchen die Übung noch einmal!“

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Es sollte nur eine Frage der Zeit sein, bis ihm vollkommen die Kontrolle entgleiten und der Wahnsinn überhandnehmen sollte.

Wieder einmal wachte er im Morgengrauen auf. Als ihm bewusst wurde, dass es dieses Mal eine traumlose Nacht gewesen war, befiel ihn für einen Sekundenbruchteil tatsächlich Enttäuschung.

Wie automatisch glitt sein Blick zu seiner schlafenden Teamkameradin.

Und dann erstarrte er wie zur Salzsäule.

Während der schwülen Nacht hatte sie sich aus der Decke gestrampelt, so dass diese nur noch um ihre nackten Unterschenkel gewickelt war. Unter ihren grünen Shorts blitzten ihre Oberschenkel auf, die im Morgenlicht schneeweiß wirkten. Ihr Top war ihr hochgerutscht. Deutlich konnte er ihren Nabel und die glatte Haut ihres durchtrainierten Bauches sehen. Er bildete sich sogar ein, den Ansatz ihrer Brüste wahrnehmen zu können.

Sein Körper antwortete augenblicklich auf ihren unerträglichen Anblick. Und dabei konnte er dieses Mal seine Reaktion nicht mal mit seinen Träumen entschuldigen.

Als er spürte, wie Wärme in seine unteren Regionen schoss, riss er sich aus seiner Erstarrung und stolperte wie von Sinnen aus dem Bett. Im Bad riss er sich die Kleidung vom Körper. Unter der Dusche griff er mit fahrigen Händen nach dem Wasserhahn, um sich eine weitere eiskalte Dusche zu verpassen, als er mitten in der Bewegung anhielt.

Wenn er nur dieses eine Mal nachgab, würde er vielleicht endlich von ihr loskommen. Diesen Bann brechen können, der ihn befallen hatte und zu keinem klaren Gedanken mehr befähigte.

Langsam ließ er seine Stirn gegen die Fliesen sinken. Hinter seinen geschlossenen Augenlidern tauchte ihr Anblick wieder auf, der sich wohl für immer in sein Hirn eingebrannt hatte. Bevor er es sich zweimal überlegen konnte, war seine Hand schon abwärts gewandert. Im Schutz der Dusche fand er endlich Erleichterung. Wochenlang aufgestautes Verlangen wurde frei und gleißend weißes Licht empfing ihn, sodass er nur schwer ein Keuchen unterdrücken konnte. Aber dieser glücksselige Zustand hielt nur für einen kurzen Moment an. Als die gnadenlose Realität auf ihn einbrach, vergrub er zornesbebend das Gesicht in seiner Hand.

Dass er sich so weit gehen ließ.

Und alles ihretwegen.

Nachdem er sich die Reste seiner beschämenden Tat weggewaschen hatte, riss er die Badezimmertür auf-

und wäre um ein Haar in Sakura reingekracht.

Für einen Sekundenbruchteil verrutschte die ausdruckslose Maske und Scham huschte über sein Gesicht. Sie bemerkte seine rotgeräderten Augen und wie seine Kleidung an seinem nassen Körper klebte. Er sah abgehetzt und müde aus.

„Sasuke-kun.“ Besorgt legte sie ihre Hand auf seinen Arm. „Was ist los mit dir? Wieso-“

„Lass mich los“, zischte er.

Er befreite sich von ihrer Hand und verließ fluchtartig das Zimmer.

Mit einem betroffenen Gesichtsausdruck blieb Sakuras Blick auf dem Boden geheftet.

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Allmählich ebbte das Kreischen von tausend zwitschernden Vögeln ab. Schwer atmend ließ er seine Hand, in der noch Sekunden zuvor weißblaues Licht aufgeflammt war, sinken. Aber er hatte keinen Blick für die zerstörte Landschaft um ihn herum übrig.

Sasuke spürte ihre Anwesenheit, noch bevor sie sich zu Wort meldete.

„Wieso gehst du mir aus dem Weg?“

Statt sich zu Sakura umzudrehen, blieb sein Blick stur nach vorne gerichtet.

Er war ein jämmerlicher Feigling. Nichts anderes war er. Er ahnte, dass er in ihren Augen Schmerz, Wut und Frust sehen würde. Lieber kehrte ihr den Rücken zu, als dass er mit ihren Emotionen, die durch ihn hervorgerufen wurden, konfrontiert wurde. Er hatte es mit dreizehn getan, er hatte es auf dem Kampfplatz getan. Es war schon immer so und würde wohl auf ewig so bleiben.

„Antworte mir!“ Das leise Zittern ihrer sonst so festen Stimme konnte sie nicht unterdrücken.

Schließlich drehte er sich um und marschierte mit festen Schritten an ihr vorbei, den Blick auf einen unsichtbaren Punkt in der Ferne fixiert. Aus dem Augenwinkel nahm er ihre zu Fäusten geballten Hände wahr.

„Wenn du nicht mit mir reden willst“, brach es aus ihr heraus, „dann kämpfe wenigstens mit mir.“

Er blieb stehen.

„…und was bringt mir das?“, fragte er gedehnt. Auch ohne ihr ins Gesicht zu schauen, wusste er, dass sie verletzt zurückwich. Dieses dringende Bedürfnis, ihr emotionale Wunden hinzuzufügen, kam urplötzlich in ihm auf. Wenn sie ihn hasste, würde sie Abstand wahren. Und dann wäre auch endlich dieses Gefühlschaos in ihm vorbei.

Aber er vergaß, dass es sich hier immer noch um seine dickköpfige Teamkameradin handelte. Sakura entzog sich jeglicher Logik und hatte ihn schon von klein auf dieses Band zwischen ihnen beiden nicht kappen lassen. 

„Gewinne gegen mich und ich werde dich in Ruhe lassen“, erwiderte sie unerschrocken.

„Hn.“ Nichts leichter als das.

Ein leises Bimmeln ließ ihn endlich zu ihr herumfahren.

In ihrer Hand blitzte ein kleines Glöckchen auf, ähnlich wie jene, die Kakashi damals in seiner ersten inoffiziellen Prüfung eingesetzt hatte.

Nun wurde auch seine Neugier geweckt.

„Wenn du es schaffst, dir dieses Glöckchen zu schnappen, habe ich verloren. Du hast nur einen Versuch.“

Er verschränkte die Arme und hob argwöhnisch eine Augenbraue.

„Das war’s?“

„Das war’s.“ Plötzlich hoben sich ihre Mundwinkel. „Oh, und wir kämpfen fair. Kein Ninjutsu, kein Genjutsu. Nur Taijutsu.“

Seine Augen bildeten sich zu Schlitzen. Ein Kampf, der nur auf reinem Körpereinsatz basierte. Nun, das erklärte ihre Selbstsicherheit. Leise fluchend erinnerte er sich daran, dass seine Chakrareserven nach seinem exzessiven Gebrauch von Chidori merklich reduziert waren. Sie hatte wohl damit gerechnet, andernfalls würde sie nicht so hoch pokern.

Clever.

Haruno Sakura war nicht umsonst Musterschülerin seines Jahrgangs gewesen.

Sie band sich das Glöckchen an die Hüfte und machte sich zum Angriff bereit. Dunkle Wolken waren aufgezogen und es herrschte im Wald eine bedrückende Stille. Er umkreiste sie wie eine Katze seine Beute, bevor sie zum gezielten Schlag ausholte. Sakura spürte, wie sich ihr Bauch vor Aufregung zusammenzog. Sie sah in seinen ausdruckslosen Augen Angriffslust aufblitzen. Endlich hatte sie ihn aus der Reserve locken können. Für diesen Kampf würde sie alles geben und wenn sie dabei draufgehen sollte.

Entgegen seinem Willen spürte Sasuke, wie Vorfreude in ihm aufkam. Sie war eine unvorhersehbare Kampfpartnerin. Anders als Naruto ging sie sparsam mit ihren Chakrareserven um, da sie keinen Kyuubi mit einer unendlichen Chakraquelle besaß. Das ließ eine ganz andere Vorgehensweise zu. Die Atmosphäre war aufgeladen und nicht zu vergleichen mit ihrem allerersten Kampf.

Vergessen war sein innerer Konflikt, der ihn noch bis vor Kurzem den letzten Nerv geraubt hatte.

Urplötzlich schoss er mit erhobener Faust auf sie zu. Kurz bevor er sie erreichte, verpasste Sakura ihm jedoch einen saftigen Hieb mit ihrem Ellbogen. Sie packte Sasuke blitzschnell am Arm und wirbelte ihn durch die Luft. Bevor er fallen konnte, machte er einen Salto und warf sie mit seinem Körpergewicht um.

Sie schlugen beide krachend auf dem Boden ein. Er setzte sich rittlings auf sie drauf und  presste ihr Gesicht in die Erde hinein. Allein mit seinen Beinmuskeln hielt er sie fest. Sasuke beugte sich nach vorne und drückte seine Brust an ihren Rücken.

„Das ging schnell, Sakura“, murmelte er zynisch. Seine suchende Hand streifte ihren Hintern.

Sie spuckte Erde aus, bevor sie zischte: „Freu dich nicht zu früh, Sasuke-kun.“

Ohne Vorwarnung stemmte sie ihre Hände auf dem Boden ab, so dass er von ihr herunterflog. Geschwind wirbelte sie zu ihm herum und ihre Fäuste flogen auf seinen Brustkorb. Er konnte jedes Mal ausweichen, aber ab und zu schaffte sie es, ihm einen schmerzhaften Hieb zu versetzen, dass ihm kurzzeitig die Luft wegblieb.

Sie kämpften beide wild und aggressiv.

Dieser Kampf dauerte für seinen Geschmack zu lange. Nur einer von beiden konnte als Sieger hervorgehen. Blitzschnell schlug Sasuke mit seinem Knie in ihre Magengrube hinein. Sie schaffte es, von ihm wegzuspringen, bevor sie sich schmerzhaft zusammenkrümmte.

Langsam ging er auf sie zu.

„Gib auf, Sakura.“

Als sie den Blick hob, stockte ihr der Atem. Er erinnerte sie an ein Raubtier, wie seine funkelnden Augen auf sie fixiert waren und seine Lippen umspielte ein unverschämtes Grinsen. Der Sieg war greifbar nah.

Ihr Körper reagierte instinktiv auf ihn - ein warmer Schauer rann ihr über den Rücken und in ihrem Unterleib bildete sich ein fast schmerzhafter Knoten. Es war nicht fair, dass er so eine Wirkung auf sie hatte.

Dann musste sie wohl härtere Geschütze ausfahren.

„Niemals.“

Geschwind riss sie das Glöckchen von ihrer Hüfte. Misstrauisch beobachtete er, wie sie es kurz hin- und herschwenkte.

„Los, hol es dir“, spottete sie noch, bevor sie das Glöckchen in ihren Ausschnitt fallen ließ.

Beinahe hätte sie gelacht, als sich Unglauben auf Sasukes Gesicht breitmachte. Aber der euphorische Moment blieb nur von kurzer Dauer, da sein wutverzerrtes Gesicht augenblicklich verschwand, bevor er hinter ihr auftauchte. Ehe sie es sich versah, hatte er bereits ihre Hände in einem schmerzhaften Griff umklammert und presste sich eng an ihren Rücken.

„Wieso hast du es getan?“, knurrte er in ihr Ohr.

„Ich-ich will nicht verlieren“, keuchte sie.

Sakura lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Seine Nähe war überwältigend. Mittlerweile hatte es angefangen zu regnen und sie spürte unter dem feuchten Stoff seine harten Brustmuskeln, die ihr so nah waren. Obwohl die Temperaturen merklich gefallen waren, hatte sie das Gefühl, als ob seine Körperwärme sie versenken würde.

Schwer atmend lehnte er sein Kinn an ihre Schläfe und schloss die Augen. Er spielte mit dem Feuer, aber etwas in ihm trieb ihn dazu, sich absichtlich zu verbrennen.

„Rück es raus“, verlangte er. Seine Stimme klang heiser und um einige Oktaven tiefer als sonst.

Sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte vehement den Kopf.

Sasuke öffnete die Augen und schaute hinab. Aus seinem Blickwinkel sah er, wie Regentropfen langsam über die weiche Haut ihres Dekolletés rannen. Wie hypnotisiert beobachtete er, wie es ein vorwitziger Tropfen schließlich schaffte, im dunklen Tal zwischen ihren Brüsten zu verschwinden. Dorthin, wo er keinen Zugang hatte.

Sie wussten beide, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Sein einziger Arm hielt ihre beiden Hände zusammen. Auch wenn er es gewollt hätte, er hatte keine Möglichkeit, sich das Glöckchen zu holen. Entweder er ließ los und riskierte es zu verlieren, oder aber sie verharrten in dieser Position bis ans Ende ihrer Tage.

Dritte Möglichkeit: er warf all seine guten Vorsätze über Bord.

Er vergrub seine Nase in ihr feuchtes rosafarbenes Haar und atmete sie ein. Sie roch nach Regen, Schweiß und ewig blühenden Wiesen. Ein seltsam betörender Duft.

„Du kämpfst dreckig“, raunte er.

Unter seiner Hand spürte er, wie sie erzitterte. Nur mühsam konnte er sich ein Lächeln verkneifen, bis ihm einfiel, dass sie ihn nicht sehen konnte.

Schließlich erwiderte sie atemlos: „Nur mit dir.“

Ohne Vorwarnung wirbelte er Sakura herum. Sie schlug mit ihrer Brust an seine, dass ihr kurzzeitig die Zähne klapperten. Dank seiner gnadenlosen Umklammerung würden ihre Hände später sicherlich blaue Flecken aufweisen. Aber es war ihr gleich. Sie war gebannt von seinen dunklen Augen, die hinter den nassen dunklen Strähnen aufblitzten. Es ging schon lange nicht mehr ums Kämpfen – etwas vollkommen anderes lag in der Luft. Die Anspannung zwischen ihnen beiden war fast greifbar.

„Dieses Spiel kann ich auch spielen.“

Und dann senkte sich sein Kopf auf ihrem Hals ab.

Sakura riss die Augen auf, als ihr bewusst wurde, was er vorhatte. Aber sie war außerstande, ihn aufzuhalten. Wie paralysiert beobachtete sie, wie sein dunkler Haarschopf sich über ihre Brust beugte.

Ohne sie loszulassen, wanderte langsam sein Gesicht ihren Hals hinab. Er berührte sie nicht - zwischen ihm und ihrer Haut befanden sich nur wenige Millimeter Abstand. Als sein kühler Atem über ihre erhitzte Haut strich, wimmerte sie auf. Sie warf ihren Kopf zurück und bot ihm mehr von ihrem Körper an. Seine Nähe brachte sie fast um den Verstand.

Er war ihr so nah, dass er nur seine Zunge ausstrecken musste, um ihre salzige Haut schmecken zu können. Aber seine Augen waren nur auf das dunkle Tal vor ihm gerichtet. Aufregung machte sich in ihm breit, ähnlich wie ein kleines Kind, das kaum abwarten konnte, endlich seine Geschenke auszupacken. Ohne Vorwarnung schnappten seine Zähne nach ihrem Ausschnitt und quälend langsam zog er millimeterweise den Stoff herunter.

Hilflos schloss sie die Augen, als seine Zähne für einen Sekundenbruchteil über ihre Haut kratzten.

Mit klopfendem Herzen beobachtete er, wie stückchenweise ihre porzellanartige Haut freigelegt wurde. Er bildete sich ein, etwas Goldenes zwischen ihren Brüsten aufblitzen zu sehen.

Er war seinem Ziel so nah.

Nur noch wenige Zentimeter und dann-

Ein gleißender Blitz erhellte urplötzlich ihre Gesichter.

Sie erstarrten in ihrer Position. Sekunden später erklang das Krachen des Donners am Himmelszelt.

Wie in Zeitlupe ließ er den Stoff los und hob den Kopf. Ihre Haut war gerötet, der Ausschnitt fast schon skandalös heruntergezogen. Ihre grünen Augen waren unnatürlich geweitet und der Atem aus ihren Lippen kam stoßweise.

Fassungslosigkeit machte sich langsam auf seinem Gesicht breit.

Er wich ein paar Schritte zurück. Und dann weitere. Bis er sich Hals über Kopf umdrehte und mit rasender Geschwindigkeit zwischen den Baumwipfeln verschwand.

Sakura hob ihre Hand und legte sie auf ihr klopfendes Herz, das in einem unregelmäßigen Stakkato gegen ihren Brustkorb hämmerte. Sie spürte unter ihrer Hand ihre nackte Haut, die seinetwegen nur noch dürftig von Stoff bedeckt war.

Allmählich lichtete sich der Nebel in ihrem Kopf.

„Was zur Hölle war das?“, flüsterte sie in die Stille hinein.

Nur das leise Prasseln des Regens antwortete ihr.

.

.

tbc…

 

Akt VI

Gegengift

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Es fielen nur noch vereinzelt Regentropfen vom Himmel.

Langsam kehrte sein Herz in seinen normalen Takt zurück. Er lag komplett durchnässt mit dem Rücken auf dem Laubboden und schaute nach Atem ringend die Sterne an, die hinter den Wolken aufgetaucht waren. Wenn er nicht schleunigst seine Klamotten loswurde, würde er sich garantiert noch den Tod holen.

Aber Sasuke registrierte seinen desolaten Zustand kaum.

Seine Gedanken galten nur der Frau, die er unten im Tal zurückgelassen hatte. Er war wie von Sinnen gerannt, ohne Ziel vor Augen, nur um endlich Abstand zwischen sich und diesem Etwas zu wahren. Aber er bezweifelte, dass sie ihm dieses Mal folgen würde.

Dabei hätte er liebend gerne dort weitergemacht, wo er aufgehört hatte.

Frustriert biss er die Zähne zusammen. Das Geständnis war nicht einfach, aber er sehnte sich Sakuras Nähe zurück. Er hatte keinen blassen Schimmer, welcher Teufel ihn gerade geritten hatte. Für wenige Minuten hatte er die Welt um sich herum vergessen, fast schon manisch auf sein Ziel fokussiert. Dabei war er nur Zentimeter davon entfernt gewesen, sie auf der Lichtung komplett zu entblößen. In ihrer Nähe schien er sich immer wieder zu vergessen und seine sorgsam auferlegte Selbstbeherrschung zu verlieren. Wenn er nicht bald die Zügel in die Hand nahm, würde er sie beide noch ins Verderben reißen.

Dabei liebt sie dich doch, lockte eine flüsternde Stimme.

Die selbstsüchtige Seite in ihm drängte ihn dazu, sich das zu holen, wonach er sich so sehr verzehrte.

Denn von heute auf morgen könnte die Welt untergehen, aber Sakuras Liebe zu ihm würde jeden dunkelsten Winter überstehen.

Ihre tiefe Zuneigung war eine der wenigen Konstanten in seinem Leben. Sie hatte ihn von klein auf begleitet, von seinem Werdegang vom kleinen Jungen bis zum heutigen Mann. Sakura, die er so oft von sich gestoßen hatte, nahm etwas in ihm wahr, was es zu lieben galt. Selbst dann, als er zeitweise für sich selbst die Hoffnung verloren hatte. Er hatte es längst aufgegeben, sie zu verstehen. Meinte Kakashi nicht zu ihm damals auf dem Kampfplatz, dass sich Liebe jeglicher Vernunft und Rationalität entzog? Sakura brauchte keinen triftigen Grund, um ihn zu lieben.

Dennoch würde Sasuke ihr und ihrer unerschütterlichen Liebe auf ewig dankbar bleiben. Während seiner dunkelsten Momente im Leben, als er buchstäblich zum Monster wurde, hatte ihre Liebe ihm noch die letzten menschlichen Züge verliehen.

Er war ein gebrochener Mann, der für einen Augenblick alles verloren hatte – seine Familie, seine Freunde und vor allem sich selbst. 

Wie konnte er sich dann ihr auch noch körperlich aufdrängen?

Sasuke schloss die Augen, als er sich für einen kurzen Moment erlaubte, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Was wäre passiert, wenn er einfach weitergemacht hätte? Nicht wegen des Glöckchens, sondern einfach nur, um ihre weiche Haut zu spüren? Was wäre passiert, wenn sie seine Berührungen mit der gleichen Leidenschaft erwidert hätte?

Seine Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln.

Sakura war schon seit seiner Kindheit das einzige weibliche Wesen und eine der wenigen Auserwählten, deren körperliche Kontakte er ertragen konnte. Oft stieß er sie von sich, sträubte sich vehement dagegen, gab aber aus unerklärlichen Gründen ihren Umarmungen – all ihren Berührungen – immer nach.

Er könnte behaupten, dass es an ihr lag, da sie einfach nie locker ließ. Aber tief drinnen ahnte er, dass es einen anderen Grund dafür geben musste.

Wenn es simple Umarmungen schafften, ihn zum Stillschweigen zu bringen, wie hätte er wohl reagiert, wenn ihre Hände mit alles andere als unschuldigen Absichten über seinen Körper gewandert wären?

Entweder gar nicht…

…oder er wäre unter ihren Berührungen in Flammen aufgegangen.

Urplötzlich verschwand sein Lächeln.

Was er wollte, konnte und durfte nicht sein.

Er presste frustriert seine Hand auf das Gesicht.

„Verdammt.“

Sein leise gezischter Fluch blieb ungehört.

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Es wunderte sie nicht, dass er nicht heimgekehrt war.

Sakura starrte seine Hälfte des Bettes an, die unberührt da lag.

Sie hatte die ganze Nacht kein Auge zubekommen. Stattdessen waren ihre Gedanken ständig um ihren Kampf im Wald gekreist. Wie hatte die Situation zwischen ihnen beiden bloß so dermaßen außer Kontrolle geraten können? Im ersten Moment hatten sie noch unerbittlich gegeneinander gekämpft, und im nächsten Moment war er nur noch Sekunden davon entfernt gewesen, sie auszuziehen – wohlgemerkt mit seinem Mund. Siedende Hitze breitete sich in ihr aus, als sie daran dachte, wie nah seine Lippen ihren Brüsten gekommen waren. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie behaupten, dass die Atmosphäre zwischen ihnen beiden fast von sexueller Anspannung getränkt gewesen war. Dass sie bei ihrem kleinen Spielchen alles um sich herum vergessen würde, war nachvollziehbar. Aber er? Uchiha Sasuke?

Sakura hatte ihn noch nie in solch einem Zustand erlebt. Vollkommen auf sein Ziel fixiert, aber gleichzeitig so neckisch und so verspielt.

Sie wusste nicht, was in ihm vorging, aber für sich selbst konnte sie zumindest behaupten, dass er sie komplett aufgelöst zurückgelassen hatte.

Seufzend vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen. Hatte sie sich am Ende doch nur alles eingebildet? Seine belegte Stimme, seinen beschleunigten Atem, seinen Körper, der ihr so nah gewesen war?

Sie behauptete von sich selbst, ihn gut zu kennen - all seinen Schmerz, seine Ängste und seine Einsamkeit. Aber wenn es um seine Empfindungen ihr gegenüber ging, hatte sie ein Brett vor dem Kopf. Wieso musste zwischen ihnen beiden auch alles nur so kompliziert sein? Nichts hatte sich geändert. Seine Beziehung zu Kakashi und Naruto war umso vieles einfacher – mit dem Letzteren verstand er sich wunderbar mit den Fäusten, aber nicht einmal das klappte anscheinend zwischen ihnen beiden, dachte sie bitter.

Niedergeschlagen strich sie mit der Hand über seinen Schlafplatz. „Sasuke-kun, was machst du nur mit mir?“

Als Sakura vor einigen Monaten mit ihm aus Konoha aufgebrochen war, war ihr einziges Ziel gewesen, ihn heimzubringen.

Aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie am Ende so etwas erwarten würde. Ihr Kopf fühlte sich wie leer gefegt an.

Was sollte sie bloß tun?

.


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Ihre Sorge sollte sich als unbegründet herausstellen.

Sasuke behandelte sie wie Luft und ließ sich nichts anmerken. Natürlich. Was hatte sie denn sonst erwartet? Dass sie sich beide zusammensetzen und über den Vorfall in Ruhe diskutieren würden?

Sakura erwischte ihn dennoch dabei, wie er sie quer über den Marktplatz hinweg mit einem nichtssagenden Gesichtsausdruck musterte. Sie hielt seinem Blick sekundenlang stand, bis er sich plötzlich abwandte und mit festen Schritten davon marschierte.

Sie schluckte schwer.

Der Verlust war fast körperlich spürbar.

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Er erlaubte es sich nicht, zurückzuschauen. Dabei spürte er, wie sich ihr durchdringender Blick in seinen Rücken bohrte.

Immerhin musste einer von ihnen beiden einen klaren Kopf behalten. Sonst würde er nicht nur sich selbst, sondern auch sie, die unschuldige, gutmütige Sakura, zerstören. Und das war das Letzte, was er tun wollte.

Sie brauchte ihn nicht.

Genauso wenig, wie er sie brauchte.

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Es sollte sich als glücklicher Zufall herausstellen, als sie ihn eines Abends nach der Arbeit im Schankraum der Taverne antraf.

Sakura blieb zögernd auf der Türschwelle stehen, als sie ihn alleine sitzend an einem Tisch entdeckte. Aber als sich ihr Magen mit einem lauten Brummen meldete, straffte sie die Schultern und betrat den Raum.

„Hey.“

Sie plumpste auf den Sitz ihm gegenüber und lächelte ihn warm an.

Er hob den Blick und starrte sie mit einer Intensität an, dass ihr Lächeln ins Wanken geriet. Als er dann Anstalten machte aufzustehen, tauchte plötzlich Akiko auf.

„Wohin des Weges, mein Freundchen? Hier wird erstmal in Ruhe gegessen.“ Die stämmige Tavernenbesitzerin duldete keine Widerworte. Dieses Mal musste sich sogar der Uchiha beugen.

Sakura konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sie ignorierte Sasukes finsteren Blick und widmete ihre volle Aufmerksamkeit den dampfenden Platten, die Akiko vor ihnen abstellte. In einem bleiernen Schweigen nahmen sie ihre Mahlzeit ein. Sakura stocherte mit ihren Stäbchen in ihrem Essen herum und warf ihrem schweigenden Teamkameraden immer wieder abschätzende Blicke zu. Wie sollte sie das ansprechen, was ihr so sehr auf dem Herzen lag, ohne dass es allzu unangenehm für sie beide wurde?

Du, Sasuke-kun, sag mal, wieso hast du im Wald plötzlich versucht, mich auszuziehen?

Sakura,… nerv nicht.

Oh ja, dachte sie säuerlich, der Auftakt zu einer vielversprechenden Konversation.

Aber bevor sie den Mund aufmachen konnte, traten auf einmal mehrere laut auflachende Männer in den Schankraum. An ihren bunten, aufwendig genähten Gewändern erkannte Sakura sie als Kaufmänner. Sicherlich waren sie auf Durchreise und nutzten Karagakure als Zwischenstopp. Sie besetzten mehrere Tische und die geschäftige Akiko eilte zwischen ihnen hin und her, um ihre Bestellungen aufzunehmen. Der vorhin noch nahezu stille Schankraum war plötzlich mit Leben erfüllt.

Sakuras Augen wanderten über die Männer, die in tiefen Gesprächen verwickelt waren, als sich ihr Blick mit dem eines jungen Kaufmannes kreuzte. Er hatte sandfarbenes Haar und einen sauber gestutzten Bart. Als sie automatisch sein Lächeln erwiderte, sah er es wohl als Aufforderung an, sich an ihren Tisch zu setzen.

Er nahm  direkt neben Sasuke Platz und nickte beiden zu.

„Abend. Ich bin Fuma Aisu, Seidentuchhändler aus Iwagakure.“

Sasuke verzog keine Miene, während Sakura seine Begrüßung freundlich erwiderte, ohne sich jedoch vorzustellen.

Aisu ließ sich nichts anmerken. Er warf einen betont beiläufigen Blick über ihre Kleidung.

„Ihr seid auch nicht von hier, oder?“

Sakura schüttelte den Kopf. „Wir sind aus dem Feuerreich“, erklärte sie vage.

Er verzog den Mund zu einem wissenden Lächeln. „Ich verstehe. Ihr wollt wohl lieber unerkannt bleiben.“

„So könnte man es auch ausdrücken“, sagte sie freundlich. Oft war es besser, den Menschen zu verschweigen, dass es sich bei ihnen um S-Klasse-Ninjas handelte.

Nachdenklich blieb der Blick des Kaufmannes an ihrem Haar hängen, bis er plötzlich die Augen aufriss. Geschwind fischte er aus seiner Hosentasche ein kleines, zerfleddertes Buch.

Eine ältere Auflage des Bingobuches.

Er blätterte eilig zum Anfang des Buches und zeigte Sakura triumphierend eine ihr wohlbekannte Doppelseite. Ihr Foto lächelte sie an.

„Wusste ich doch, dass diese rosafarbenen Haare mir bekannt vorkamen. Ihr seid Haruno Sakura.“

Sie rieb sich verlegen den Nacken. „Mist, erkannt.“

Aisu lachte schallend. „Mir braucht man nichts vorzumachen. Ich kenne dieses Buch in- und auswendig.“

Neugierig hob Sakura die Augenbrauen. „Wieso führt Ihr als Kaufmann ein Bingobuch mit Euch?“

„Nun“, er lehnte sich zurück und warf ihr ein spitzbübisches Lächeln zu. Dieser Mann wusste seine Vorzüge als Waffe einzusetzen. „Als Kind wollte ich immer Shinobi werden. Zu meinem Leidwesen wurde ich in eine Kaufmannsfamilie geboren und ich habe stattdessen den Weg der Familientradition gewählt. Aber meine Faszination für die Ninja-Welt ist geblieben.“

Sein Blick glitt zu Sasuke, der sich bisher nicht beteiligt hatte und in Ruhe weiteraß.

„Und ich nehme an, Ihr seid der berüchtigte Uchiha Sasuke?“

Beeindruckt starrte er Sasukes linkes Auge an, das ausnahmsweise nicht von widerspenstigen Haarsträhnen verdeckt war.

„Das Rinnegan…“, flüsterte er begeistert.

Sakura kicherte. Es war niedlich, Aisus kindliche Faszination zu beobachten. Allerdings sollte der Kaufmann seine Sympathiepunkte bei ihr schnell verspielen.

Sein Lächeln verschwand, als er merkte, dass Sasuke keinen Blick für ihn übrig hatte. Plötzlich verfinsterte sich seine Miene und Sakura hätte den Kaufmann fast nicht wiedererkannt.

„Soso, der Erbe des Uchiha-Klans also“, fing er gemächlich an. „Ich habe viel über Euch und Eurem Kekkei Genkai gelesen. Eurem Klan wurde nachgesagt, dass er vor seinem Auslöschen der stärkste im ganzen Feuerreich gewesen sein soll. Getötet durch Euren einzigen Bruder. Sehr tragisch, dieser Verlust.“

Sasuke ließ seine Hand mit den Stäbchen sinken. Das kurzzeitige, kaum wahrnehmbare Zittern seiner Finger entging Sakuras aufmerksamem Blick nicht. 

„Aber wie ich gehört habe, konntet Ihr Euren Bruder, Uchiha Itachi, am Ende doch noch besiegen. Trotz Eures Sieges soll er der mächtigste Uchiha gewesen sein. Er war bloß gekennzeichnet durch eine schwere Krankheit. War Euch dies bekannt?“

Auf Sakuras Stirn erschien eine steile Falte. Was erzählte dieser Mann bloß? Anscheinend erhoffte er sich eine bestimmte Reaktion. Ihr besorgter Blick flog zu Sasuke, der die Tischplatte regungslos anstarrte. Gerade wollte sie einschreiten, als Aisu ihr das Wort abschnitt.

„Nur leider seid Ihr als junger Mensch vom rechten Weg abgekommen. Fragt Ihr Euch manchmal nicht auch, ob nicht alles anders gekommen wäre, wenn Ihr Euer Dorf nicht verraten hättet? Aber immerhin konntet Ihr für einen Teil Eurer Vergehen Buße tun, nicht wahr, Uchiha-san?“ Sein zuckersüßes Lächeln widerte Sakura an.

Abrupt stand Sasuke auf.

Die Stäbchen fielen mit einem lauten Klirren auf den Tisch. Sofort wurde es im Schankraum mucksmäuschenstill und alle Augen waren auf sie gerichtet.

Kommentarlos verließ er den Raum.

Sakura warf Aisu einen giftigen Blick zu, als sie ebenfalls aufsprang.

„Hättet Ihr doch einfach euren unsensiblen Mund gehalten.“

Sie wartete nicht seine Antwort ab, sondern eilte Sasuke hinterher.

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Sie fand ihn draußen im Hinterhof auf der Treppe sitzend, während er hoch zum Nachthimmel schaute.

Sakura ließ sich einige Stufen über ihm nieder.

„Sasuke-kun, an was denkst du gerade?“, fragte sie sanft.

Seine Antwort fiel knapp aus.

„An nichts Bestimmtes.“

Eigentlich sollte sie ihn alleine lassen, aber sie ahnte, dass er wie immer vor sich hinbrütete. Es war schon schlimm genug, dass zwischen ihnen beiden alles schief lief. Nun sollte er nicht auch noch in alten, schmerzhaften Erinnerungen schwelgen und wieder in den Strudel des ewigen Gedankenkarussells gezogen werden. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie seine Reaktion, während sie ihre nächsten Worte sorgfältig wählte: „Als du auf deiner Reise fort warst… Glaubst du, du hast eine Antwort auf deine Fragen gefunden?“

Er schien nach einer gefühlten Ewigkeit zu antworten: „Auf einige, ja.“

„Zum Beispiel?“

Sie rechnete nicht wirklich damit, dass er sich ihr öffnete. Umso mehr freute sie sich, als er nach einem kurzen Augenblick des Schweigens anfing, wenn auch nur zögernd, zu reden.

„Ich bin… vielen Menschen begegnet. Ihnen ist nicht das gleiche, aber ein ähnliches Leid widerfahren. Und obwohl sie so viel Schmerz erlitten haben, machen sie dennoch weiter.“

Sasuke runzelte kurz die Stirn, als er seine ausgesprochenen Gedanken reflektierte. Tatsächlich stimmte es. Sein Zorn und seine Rachegedanken waren verraucht. Er hegte keinen Hass mehr gegenüber dem Dorf, das seinen Klan hintergangen und seinen Bruder zu so einer niederträchtigen Tat gezwungen hatte. Dazu hatte er zu viel Leid auf seiner Reise gesehen. Sein Schmerz war einer von vielen.

Was blieb, war ein Gefühl der gähnenden Leere.

Sakuras Herz blutete bei seinen Worten. Sie konnte sich nicht länger zurückhalten – sie schlang von hinten ihre Arme um seinen Oberkörper und vergrub ihr Gesicht in seinen Rücken.

„Sakura, lass das.“ Er versuchte sich von ihr loszureißen, aber keine Chance. Dank ihrer Kräfte rückte sie keinen Zentimeter ab. Wehmütig dachte sie an andere Zeiten zurück, als sie ein Déjà-vu-Gefühl überfiel. Wie immer sträubte er sich gegen ihre Umarmungen.

„Wieso quälst du dich dann so?“

Er hielt mitten in der Bewegung inne, als er ihre flüsternde Stimme vernahm. Da er sich nicht regte, sah sie es als Aufforderung an, weiterzusprechen.

„Du hast schon so viel für deine Wiedergutmachung geleistet. Deine Hilfe im Ninja-Krieg, deine Reise, deine Zurückgezogenheit und du hast nicht einmal das Angebot von Tsunade-sama akzeptiert, einen neuen Arm, entstanden aus den Zellen des Ersten, anzunehmen. Meinst du nicht, dass du genug gelitten hast?“

Da er nicht antwortete, fügte sie einen Herzschlag später ruhig hinzu: „Meinst du nicht, dass deine Familie gewollt hätte, dass du glücklich wirst?“

Er senkte den Blick und starrte den Boden vor sich an. Aber vor seinen Augen erschien das lächelnde Gesicht seiner verstorbenen Familienmitglieder.

Was würde seine Familie denken, wenn sie ihn so sehen würde?

Er sah vor sich die weichen Gesichtszüge seiner Mutter. Langes, ebenschwarzes Haar, blasse Haut und sanfte, gütige Augen. Er war schon immer ein Müttersöhnchen gewesen. Obwohl er sich ständig nach der Aufmerksamkeit seines großen Bruders gesehnt hatte, hatte er sich insgeheim gerne von seiner Mutter verwöhnen lassen. Sie hatte ihn verhätschelt, ihn mit Kosewörtern überhäuft und versucht, ihn ständig zum Reden zu bewegen, damit er sich nicht auch noch die typische Wortkargheit der Uchiha-Männer angewöhnte. Es schmerzte, dass er nicht mehr Zeit mit ihr verbracht hatte.

Es hätte seine Mutter tief getroffen, wenn sie ihn heute so sehen würde. Nach außen hin stark, aber nach innen hin einsam und verloren.

Seine Mutter, sein Bruder und sein Vater – sie hätten nicht gewollt, dass er sich so bestrafte.

Sakura schloss die Augen, während sie sich an ihn lehnte.

„Du musst das nicht alles alleine durchstehen. Ab und zu ist es in Ordnung, eine ausgestreckte Hand zu ergreifen. Obwohl wir Ninjas sind, sind wir immer noch aus Fleisch und Blut und haben Wünsche und Ängste. Du bist nicht gefühllos, Sasuke-kun. Vergiss das nicht.“

Sie blieb noch einige Sekunden an ihn geschmiegt, bevor sie schließlich aufstand. Instinktiv vermisste er ihre Wärme an seinem Rücken.

„Ich gehe jetzt schlafen. Kommst du auch gleich ins Bett?“ Ihre Frage lag bedeutungsschwer in der Luft. Nahm er ihr Friedensangebot an?

Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen, als sie ihn schließlich nicken sah.

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Schläfrig öffnete Sakura die Augen, als sie in die Dunkelheit blinzelte. Was hatte sie geweckt?

Und dann spürte sie es.

Eine warme Brust presste sich eng an ihren Rücken.

Sie riss den Kopf herum und starrte in Sasukes schlafendes Gesicht. Wärme durchflutete sie, als ihr bewusst wurde, dass er tatsächlich zu ihr ins Bett zurückgekehrt war. Sie hatte seine Nähe so schmerzlich vermisst.

Und er wohl auch, da er sich im Schlaf unbewusst an sie gedrängt hatte.

Plötzlich vergrub er das Gesicht in ihrer Halsbeuge.

„Sakura…“ Seine Stimme klang durch den Schlaf schwer und belegt. Sein heißer Atem kitzelte ihren Nacken. Ehe sie sich‘s versah, schlang sich ein Arm um ihre Mitte und sie wurde noch enger an seinen stählernen Oberkörper gezogen.

Sakura lief knallrot an.

Sasuke träumte doch wohl nicht gerade von ihr, oder?

Aber bevor sie sich den Kopf über diesen unerwarteten – aber dennoch reizvollen – Gedanken zerbrechen konnte, hatte er sie urplötzlich herumgewirbelt, sodass sie unter ihm zu liegen kam. Sie hielt den Atem an, als er sich nur mit einem Arm abgestützt über sie beugte. Die Augen waren auf Halbmast und wirkten desorientiert.

Er schlief eindeutig noch.

Sie konnte sich nicht erinnern, dass er in der Vergangenheit so lebhaft geträumt hatte. Das Erlebnis im Schankraum schien ihn doch stärker aufgewühlt zu haben. Sofort wurden ihre Beschützerinstinkte wach.

„Sakura.“ Wieder murmelte er ihren Namen.

Liebevoll fuhr sie ihm mit einer Hand durch die dunklen Haare und strich ihm Haarsträhnen aus dem Gesicht, die ihm immer wieder über die Augen fielen. Er musste wirklich dringend zum Friseur. Sie runzelte die Stirn, als sie das Glühen seiner Haut unter ihrer Hand bemerkte. Auf seinen Augen lag ebenfalls ein glasiger Glanz. Fieberte er etwa? Um ihn zu beruhigen, ließ sie gekonnt etwas Chakra in seine Schläfe strömen. Sie lächelte, als er sich instinktiv in ihre Berührung lehnte.

„Was ist los, Sasuke-kun?“, wisperte sie.

Erwartungsvoll sah sie zu ihm auf, während er sie für einen Augenblick mit glühenden Augen anstarrte.

„Ich brauche dich.“

Und dann krachten seine Lippen auf ihren Mund.

Sie hatte keine Chance zu reagieren. Mit aufgerissenen Augen starrte sie die Decke an, aber ihr Hirn war nicht mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Der verzehrende Kuss war brutal, fast schon schmerzhaft, aber mit solch einer Verzweiflung, dass diese ihr durch Mark und Bein ging. Innerhalb von Sekunden ahmte sie seine Bewegungen nach, ebenso wild und ungestüm. Die Berührung seiner Lippen ließ kribbelnde Energie bis in ihre Zehenspitzen schießen und ihre Beine wären unter ihr weggesackt, wenn sie nicht schon längst liegen würde.

Aber so schnell, wie es passiert war, war es schon wieder vorbei.

Bevor sie seine Berührungen richtig genießen konnte, schlossen sich langsam seine Augen und er sank kraftlos auf ihren Körper ab. Sein Gesicht kam neben ihrem zum Liegen. Doch sie nahm sein Gewicht kaum wahr, da ihr Herz laut stark in ihren Ohren dröhnte. Dank seinem regelmäßigen Atem an ihrem Nacken ahnte sie, dass er tief und fest schlief.

Sakura schloss den Mund, öffnete ihn jedoch wieder. Ihre Lippen fühlten sich empfindlich und aufgeraut an, aber das köstliche Summen in ihrem Körper hatte nicht aufgehört. Die Gedanken wirbelten so schnell in ihrem Kopf herum, dass sie nur schwer hinter ihnen herkam.

Erde an Haruno! Ganz langsam mit den jungen Pferden hier. Okay, was fangen wir mit dieser einmaligen Information nun an?

Oh ja, gute Frage. Was fing sie damit an?

Denn eins war sicher.

Sasuke wollte sie so sehr, wie sie ihn wollte.

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tbc…


A/N: Mir ist klar, dass Sakura nie im Bingobuch stand, aber ich habe es für diese Story einfach etwas angepasst (nach diesem ultracoolen Kampf gegen Sasori muss das einfach sein ;)). Übrigens, laut Narutopedia stehen nicht nur Nukenins in diesen Büchern, sondern auch solche Ninjas, die noch für ihr Dorf arbeiten, aber überaus gefährlich sind.

Akt VII

Sehnsucht

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Zum wiederholten Mal wechselte sie die Kompresse auf seiner Stirn aus.

Sakura nahm das Tuch, tauchte es in die Schüssel auf dem Tisch und wrang das überschüssige Wasser aus, bevor sie es wieder auf seine glühend heiße Stirn legte. Seiner Körpertemperatur nach zu urteilen, würde sie die Kompresse eh wieder in wenigen Minuten auswechseln müssen. Sanft kämmte sie Sasuke die Haare aus dem Gesicht und legte anschließend ihre Hand prüfend gegen seine Wange. Ihr Blick glitt über sein schlafendes Gesicht. Seine Wangen waren durch das hohe Fieber stark gerötet und dunkle Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab.

Es war ein ungewohnter Anblick, ihn so schwach zu sehen.

Er konnte mit seinen Augen Ungeheuer bändigen, es mit zig Gegnern gleichzeitig aufnehmen und sogar einen Krieg beenden. Aber dennoch war er genauso sterblich wie jeder andere von ihnen auch und wurde von Gebrechen und Krankheiten nicht verschont.

Sie nutzte die seltene Gelegenheit, um sein Gesicht eingehend zu mustern. Seine Augen waren gesäumt von dichten, schwarzen Wimpern, für die manche Frauen sterben würden. Sie warfen lange Schatten auf seine Wangen. Ihr Blick wanderte über seine gerade Nase und blieb an seinen Lippen hängen, die durch das Fieber spröde und trocken waren.

Die gleichen Lippen, die sich gestern Nacht so erbarmungslos gegen ihre gedrängt hatten.

Die Erinnerung an seinen Kuss ließ wieder alles in ihrem Bauch auf angenehme Weise zusammenziehen. Man konnte es nicht einmal als richtigen Kuss bezeichnen – mehr ein sekundenlanges hartes Lippen-aufeinander-pressen. Aber es hatte ausgereicht, dass in ihrem Körper seit gefühlt 24 Stunden die Schmetterlinge tobten.

Sein Kuss war wie alles andere an ihm auch - kraftvoll, stürmisch und völlig unbezwingbar.

„An wie viel wirst du dich noch erinnern können, Sasuke-kun?“, murmelte sie gedankenversunken.

Sie bezweifelte stark, dass es viel sein würde. Der Schlaf, gepaart mit dem hohen Fieber, würde schon dafür sorgen. Er hatte im Delir Dinge getan, die er so vielleicht niemals getan hätte – und je wieder tun würde. Und dass, obwohl sie das Verlangen aus seiner Stimme herausgehört hatte, es in seinen Augen gesehen hatte.

Er würde sich vielleicht an nichts mehr erinnern können, aber sie würde diesen kurzen Augenblick in ihrem Herzen bewahren und ihr Leben lang nicht mehr vergessen.

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Im Laufe des Tages schaute Sakura immer wieder nach ihm, aber er lag genauso reglos im Bett, wie sie ihn zurückgelassen hatte. Am Abend brachte sie ihm eine leichte Suppe aus der Küche mit. Sie half ihm beim Aufrichten, sodass er gegen das Kopfende des Bettes lehnte. Da er nicht in der Lage war, alleine zu essen, tauchte sie kurzerhand den Löffel in die Suppe und führte es an seine Lippen. Sasuke öffnete automatisch den Mund und ließ sich von ihr füttern. Er starrte vor sich hin und schien nicht viel von ihr und der Umgebung mitzubekommen.

Sakura schmunzelte. Bei klarem Bewusstsein würde es ihm garantiert gegen seinen Stolz gehen, sich wie ein Kleinkind bemuttern zu lassen. Nach einigen Schlucken schüttelte er schwach den Kopf.

Sie legte den Teller weg und betrachtete nachdenklich sein komplett durchgeschwitztes Shirt. Entschlossen stand sie auf und holte aus dem Bad eine Schüssel mit kühlem Wasser und einen Waschlappen. Sie setzte sich auf die Bettkante und zog Sasuke sanft das Shirt aus. Er gab widerstandslos nach. Mit dem Waschlappen befreite sie seine Brust von Schweiß und Müdigkeit. Im Laufe der Prozedur kippe er mit dem Oberkörper nach vorne und lehnte sich erschöpft an sie, während sie vorsichtig mit dem Lappen über seinen Rücken fuhr. Sein heißer Atem hinterließ feuchte Flecken auf ihrem Nacken.

„Sakura…“, murmelte er. Sie senkte ihre Hand, als sie seine schwache Stimme vernahm.

„Du riechst gut.“

Sie biss sich auf die Lippe. Sogar im Fieber konnte er ihr den Wind aus den Segeln nehmen.

„Meinst du?“, entgegnete sie leicht.

Als Antwort brummte er nur etwas Unverständliches.

Ihr Lächeln verschwand nicht, als sie weitermachte. Irgendwie war er in diesem Zustand doch ganz knuffig.

Sie zog ihm ein sauberes Shirt über und packte ihn wieder unter die Decke. Nun brauchte er ausreichend Ruhe und Schlaf. Vielleicht konnte sie Akiko fragen, ob sie ihr eines der freien Zimmer überließ? Gerade wollte sie aufstehen, als seine tiefe Stimme hinter ihr ertönte.

„Bleib.“

Langsam drehte sie sich zu ihm um. Er starrte sie unter halb gesenkten Augenlidern an. Sie bildete sich ein, die Hitze in seinem Blick auf ihrer Haut spüren zu können. 

„Bleib hier,… Sakura.“

Sie nickte zögernd. Er verfolgte jede ihrer Bewegungen, als sie auf ihrer Seite des Bettes mit gebührendem Abstand zu ihm unter die Decke schlüpfte. Erst dann schloss er die Augen.

Durch ihre Arbeit als Medizin-Ninja besaß sie ein gutes Immunsystem und war immer ausreichend geimpft. Daher bezweifelte sie, dass sie sich anstecken würde.

Und wer war sie, dass sie ihm diesen Wunsch ausschlagen konnte, wo sie doch selbst so gerne in seiner Nähe war?

Während sie zärtlich sein Gesicht betrachtete, das zu ihr gewandt war, fielen ihr langsam die Augen zu.

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Es waren die morgendlichen Sonnenstrahlen, die ihn weckten.

Sasuke kniff die Augen zusammen, als es hinter seinen Augenlidern urplötzlich sehr hell wurde. Er drängte sich enger gegen seine Wärmequelle. Die Weichheit seines Kissens lullte ihn ein und er spürte, wie er wieder in den Schlaf abdriftete. Er holte einen tiefen Atemzug und sog den wohlvertrauten Duft ein. Er erinnerte ihn an Frühling, Wiesen und Sak-

Schlagartig riss er die Augen auf.

Sein Sichtfeld wurde von einem allzu bekannten Haarschopf, der sich gegen sein Kinn presste, versperrt. Wie in Zeitlupe senkte er seinen Blick. Sakuras schlafendes Gesicht drängte sich gegen seine Brust. Sie hatte beide Hände in sein Shirt vergraben und ihr ruhiger Atem strich über seinen Hals.

Aber es war sein eigener Arm, von dem er nicht den Blick losreißen konnte. Er hatte ihn um ihre Hüfte geschlungen und die Kunoichi eng an sich herangezogen, dass nicht einmal ein Lufthauch zwischen ihnen passte.

Was zur…?

Mit gerunzelter Stirn hob Sasuke den Kopf und ließ seinen Blick über ihre schlafende Gestalt hinweg gleiten. Er entdeckte auf dem Nachttisch die Waschschüssel, ausgewrungene Tücher, leere Teller und Medikamente. Nun spürte er auch, wie ausgeruht und gestärkt sein Körper sich anfühlte. Die Lethargie, die ihn die letzten Tage heimgesucht hatte, schien aus seinen Körpergliedern wie von Zauberhand verschwunden zu sein.

Hatte Sakura ihn etwa gesund gepflegt?

Er betrachtete ihre sanften Gesichtszüge. Natürlich. Dafür würde er seinen einzigen Arm ins Feuer legen.

Sein Blick blieb unweigerlich an ihren Lippen hängen und er erstarrte.

Eine geisterhafte Erinnerung von weichen Lippen gegen seine huschte über ihn hinweg.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen versuchte er den Gedankenfetzen zu packen, bevor er ihm entglitt. Aber es war aussichtslos – mehr als eine schemenhafte Erinnerung blieb nicht übrig. Waren es nur seine Hirngespinste, die sich da wieder etwas zusammenbrauten, oder hatte er Sakura tatsächlich geküsst?

Leise fluchend wich sein Blick nicht von ihrem Mund.

Was war bloß vorgefallen?

Und wieso konnte er sich verdammt nochmal an nichts mehr erinnern?

Genau in diesem Moment spürte er, wie sich Sakura regte. Sofort schloss er die Augen.

Ihre Wimpern strichen über Sasukes Schlüsselbein, als ihre Augenlider aufflatterten. Zögernd hob sie den Kopf und stieß dabei ihren Scheitel noch enger gegen sein Kinn.

„Sasuke-kun?“

Er antwortete nicht. Stattdessen ermahnte er sich, ruhiger zu atmen. Fast unbewusst verstärkte er seinen Griff um ihre Mitte. Er wusste nicht, woher dieses urplötzliche Bedürfnis kam, aber er war nicht gewillt, so schnell aus ihrer Umarmung zu flüchten.

Schließlich senkte sie den Kopf und kuschelte sich noch enger gegen seine Brust.

.


.

Wenige Stunden später öffnete Sakura die Augen. Sie hob den Blick und ertappe Sasuke dabei, wie er sie beobachtete. Keiner sagte etwas - stattdessen waren beide damit beschäftigt, in den Augen des Anderen zu versinken. Schließlich verzogen sich ihre Lippen zu einem kleinen Lächeln.

„Guten Morgen.“

„Hn.“

Sakuras Lächeln wurde breiter. Seine nichtssagende Antwort, die alles oder nichts bedeuten konnte, war immer unglaublich frustrierend. Aber gleichzeitig war sie so typisch für ihn, dass sie es nicht missen wollte. Sie hob ihre Hand und legte sie auf seine kühle Stirn. Er zuckte leicht zusammen, wich aber nicht zurück.

„Wie geht es dir? Das Fieber scheint immerhin weg zu sein.“

Sasuke zuckte mit den Schultern. „Besser als vorher.“

„Das freut mich.“ Sie schwieg einen Moment, bevor sie weitersprach: „Ich habe mir Sorgen gemacht. Du warst drei Tage lang nicht ansprechbar.“

Er hob nur erstaunt die Augenbrauen. So lange?

Sakuras Finger spielten mit einer schwarzen Strähne. Ihr Handballen strich dabei über seine Wange, die mit kurzen Bartstoppeln versehen war. Sie sehnte sich danach, über seine Haut zu streichen und die Erhebungen mit ihren Fingerspitzen zu erkunden.

Stattdessen senkte sie die Hand und nickte, als sie die Überraschung in seinen Augen sah. „Du warst absolut nicht bei Sinnen. Kannst du dich denn an nichts mehr erinnern?“, fragte sie zögernd. Hatte er den Kuss vollkommen vergessen?

Er sah die stumme Frage in ihren Augen. Was versuchte sie ihm mitzuteilen? Hatte er sie etwa tatsächlich geküsst? Die Frage lag ihm bleischwer auf der Zunge, aber er bekam die Zähne einfach nicht auseinander.

„Nein. Ich kann mich an nichts erinnern“, sagte er schließlich.

„Oh.“

Ihr Lächeln fiel in sich zusammen. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Gerade wollte er nachhaken, als es an der Zimmertür klopfte.

Verlegen schälte sie sich aus seiner Umarmung und tapste zur Tür. Sie öffnete diese einen Spaltbreit. Er hörte Akikos Stimme, die sich nach seinem Befinden erkundigte. Sein Blick glitt über Sakuras schlanke Gestalt und blieb wie hypnotisiert an ihren sanft gerundeten Hüften hängen.

Sasuke hob rechtzeitig den Blick, als sie sich zu ihm umdrehte.

„Uhm. Dann mache ich mich mal fertig für die Klinik.“ Bevor er etwas entgegnen konnte, war sie bereits im Badezimmer verschwunden.

Verdammt.

Wie sollte er sich ihr gegenüber verhalten, wenn er nicht einmal wusste, was zwischen ihnen beiden vorgefallen war?

Und dass etwas vorgefallen war, war unbestreitbar.

.


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Sasuke verließ noch am gleichen Tag entgegen Sakuras Proteste das Bett. Nachdem er sichergestellt hatte, dass der Mauerbau, der kurz vorm Ende stand, zufriedenstellend verlief, nutzte er die Gelegenheit, um wieder zu seiner alten Stärke zu gelangen. Die nächsten Tage trainierte er unbarmherzig und ließ seinen Körper immer wieder bis an seine Grenzen gelangen.

Den Nebel in seinem Kopf konnte er allerdings nicht lichten.

Er redete sich ein, dass alles wieder seine gewohnten Bahnen ging. Beide gingen ihrer Arbeit nach, er versuchte sie wie immer zu ignorieren und sie ließ ihn weitestgehend in Ruhe. Fast könnte er meinen, dass alles wieder wie vorher war - bevor sie beide während des Kampfes im Wald eine unsichtbare Grenze überschritten hatten.

Aber es waren die Kleinigkeiten im Alltag, die ihn stutzen ließen.

Die Art, wie sie sich im Bett gefährlich nah seiner Seite näherte, die zarte Röte, die sich manchmal in seiner Nähe ohne Grund auf ihren Wangen ausbreitete und ihr Lächeln erst. So vertrauensvoll, so intim. Ihre strahlenden Augen trugen dabei eine geheime Botschaft, die er einfach nicht entziffern konnte.

Von Tag zu Tag verwirrte sie ihn immer mehr. Sollte sie nicht Abstand wahren? Waren seine Signale vor seiner Krankheit etwa nicht deutlich genug gewesen?

Aber das war, bevor er im Fieber etwas getan hatte, was er offensichtlich nicht hätte tun sollen.

Glaubst du, du hast eine Antwort auf deine Fragen gefunden?

Er holte mit Kusanagi aus und zerteilte die Bäume vor ihm gezielt in zwei Teile. Sekundenspäter schlugen die Stämme mit einem lauten Krachen auf den Boden ein. Während die pechschwarzen Flammen von Amaterasu am Holz leckten, ließ er gedankenverloren sein Katana sinken. Ihr Gespräch nach der Begegnung mit dem Kaufmann hatte er nur zu gut in Erinnerung.

Allerdings hatte Sasuke ihr nur einen Teil der Wahrheit erzählt.

Seine Reise hatte ihm in vielerlei Hinsicht geholfen. Er hatte Zeit für sich gefunden, über seine Vergangenheit, Itachis Tat und seine und Narutos Verantwortung, die sie von Geburt an trugen, nachzudenken. Vieles sah er jetzt aus einem anderen Blickwinkel.

Aber er hatte ihr nicht erzählt, dass Sakura selbst zu eines seiner größten, ungelösten Probleme zählte.

Sasuke hatte gehofft, seine Gedanken auf seiner Reise soweit sortieren zu können, um herauszufinden, welche Position sie in seinem Leben einnahm. Während er Naruto als seinen Bruder sah und mit Kakashi eine vater-sohn-ähnliche Beziehung führte, konnte er Sakura nicht einordnen. Mit ihr war es schon gefühlt seit seiner Kindheit anders. Nie verhielt sie sich so, wie er es sich wünschte. Nie benahm sie sich so, wie er es erwartete. Wenn er glaubte, sie endlich in ihrer Gesamtheit verstanden zu haben, machte sie etwas, was ihn wieder völlig aus der Bahn warf. Ihr Temperament war weit gefürchtet, aber gleichzeitig war sie sanft und besonnen. Sie war unglaublich intelligent und gerissen, dennoch war sie von einer unschuldigen, naiven Natur umgeben. Die Zerstörungskraft ihrer Hände war verheerend, was sie aber nicht davon abhielt, zu heilen und zu reparieren. Sie war durch und durch mit Widersprüchen versehen.

Wie konnte eine Kunoichi, so simpel und doch so hoch komplex, so ein Chaos in seinem Kopf anrichten?

Je mehr er Zeit mit Sakura verbrachte, umso komplizierter wurde sein Problem.

Dabei liegt die Antwort doch so nah.

Aus unerfindlichen Gründen sträubte er sich, in den Tiefen seiner Gedanken und seines Herzens auf die Suche nach der Lösung des Problems zu machen. In wenigen Tagen würde der Mauerbau abgeschlossen sein. Und dann würden Sakura und er wieder getrennte Wege gehen. Ein Ausweichen würde sein Problem nicht lösen.

Aber manche Fragen blieben besser unbeantwortet.

.


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Die Zeit rannte ihr davon.

Sakura verabschiedete sich vom Patienten, der sich überschwänglich bei ihr bedankte und anschließend von seiner Frau begleitet die Klinik verließ. Lächelnd schaute sie ihm hinterher. Der gleiche Patient hatte noch Wochen zuvor wimmernd vor Schmerzen in seinem Bett gelegen und nun sah man ihm nichts mehr von seinen Verletzungen an. Die Zeit war wie im Fluge vergangen.

Aber ihr eigenes Problem war weiterhin ungelöst.

Ihrem Ziel, Sasuke davon zu überzeugen, mit ihr nach Konoha zurückzukehren, schien sie auch Monate später kein bisschen nähergekommen zu sein. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass der Uchiha sofort das Weite suchen würde, sobald ihre Arbeit in Karagakure erledigt war. Und dieses Mal würde er sich nicht umstimmen lassen und sie nicht mehr auf seine weitere Reise mitnehmen. Zu allem Überfluss machten ihre Gefühle – und seine – ihr zusätzlich einen Strich durch die Rechnung. Er schien etwas für sie zu empfinden, was weit über rein platonische Freundschaftsgefühle hinausging. Seine Berührungen waren Beweis genug. Und natürlich erinnerte er sich nicht mehr an den Kuss. Wäre ja zu schön gewesen, um wahr zu sein. Manchmal sehnte sie sich einfach danach, diesen dickköpfigen Kerl an den Schultern zu packen und hemmungslos zu küssen. Genauso, wie er es getan hatte. Vielleicht konnte sie so seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen.

Einzig seine Reaktion, die sich nicht abschätzen ließ, hielt sie von ihrem gewagten Unterfangen ab.

Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder er erwiderte ihre Annäherungen mit der gleichen Leidenschaft oder aber er wies sie zurück und ihr letztes Fünkchen Hoffnung, ihn nach Hause zu bringen, ging verloren.

Grübelnd nagte sie an ihrer Unterlippe, während ihr Blick durch den nahezu leeren Krankensaal schweifte.

Wie überzeugte man einen sturen Uchiha, der sich offensichtlich nicht überzeugen lassen wollte?

.


.

„Ihr kommt doch heute Abend, Haruno-san, oder?“

Sakura hatte gerade die Taverne nach ihrer Arbeit in der Klinik betreten, als Akiko ihr entgegen kam.

Sie runzelte die Stirn. „Was meint Ihr?“

„Na, wolltet Ihr morgen nicht schon abreisen?“, fragte Akiko verwundert. „Zumindest hat es Shioshi-sama berichtet. Jedenfalls wurde zu Eurem und Uchiha-sans Ehren ein Dorffest auf dem Marktplatz arrangiert.“

Sakura starrte die Tavernenbesitzerin mit offenem Mund an, hatte sich dann aber schnell wieder unter Kontrolle.

„Selbstverständlich. Wir werden beide kommen.“

Nachdem sie Akiko versichert hatte, dass Sasuke und sie als Ehrengäste natürlich nicht auf dem Fest fehlen würden, machte sie sich wutschnaubend auf den Weg zu ihrem Zimmer.

Diesem Mann würde sie gehörig die Leviten lesen!

Aber als Sakura die Tür aufriss, fehlte vom Uchiha jede Spur.

Typisch. Jede Wette, dass sich dieser Sturkopf irgendwo verkrochen hatte, um nicht am Fest teilnehmen zu müssen. Um sich beruhigen, trat sie unter die Dusche und versuchte sich anschließend passabel herzurichten, soweit es möglich war. Sie hatte nur ihre Shinobi-Kleidung mitgenommen, die wohl oder übel ausreichen musste. Mit Spangen steckte sie ihre Haare hoch und zupfte einige Strähnen heraus, die ihr Gesicht umrahmten. Nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel, verließ sie die Taverne. Auf der Straße hörte sie schon von Weitem laute Musik und Gelächter. Aber stattdessen marschierte sie gezielt in den naheliegenden Wald.

Als sie Sasuke jedoch entdeckte, blieb sie wie angewurzelt stehen.

Er wirbelte Kusanagi gerade über seinen Kopf hinweg. Seine Bewegungen waren geschmeidig und ähnelten denen eines Raubtiers. Das Mondlicht ließ die feinen Schweißperlen auf seiner nackten Brust aufleuchten und seine Silhouette hatte in der Dunkelheit etwas fast Magisches. Sein Anblick ließ ihr Herz schmerzhaft zusammenziehen.

Seelenruhig senkte Sasuke sein Schwert. Er nahm sein Hemd und wischte es sich über die Brust, bevor er Kusanagi wieder zurück in die Scheide steckte. Erst dann schaute er Sakura direkt an.

„Wir werden morgen aufbrechen.“

„Das habe ich mittlerweile auch schon aus zweiter Hand erfahren.“

Er ignorierte den leisen Vorwurf in ihrer Stimme. „Unsere Arbeit hier ist getan.“

„Aber die Mauer ist doch noch gar nicht fertig“, warf sie ein.

„Die paar Steine können sie auch ohne uns aufeinanderstapeln“, erklärte er unwirsch.

Gerade wollte er an ihr vorbeigehen, als ihre erstickte Stimme ihn mitten in der Bewegung innehalten ließ.

„Was ist mit uns beiden?“

Er schwieg einen Moment, bevor er kühl erwiderte: „Ich werde weiterreisen… und du wirst nach Konoha zurückkehren.“

Sasukes reservierter Ton versetzte ihr einen Stich. Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und wirbelte entschlossen zu ihm herum. „Aber zum Dorffest kommst du doch, oder?“

Er neigte seinen Kopf über die Schulter hinweg in ihre Richtung. „Sollte ich?“

Oh, dieser arrogante Mistkerl.

Sakura stemmte die Hände in die Hüften und starrte ihn angriffslustig an. „Ja, das solltest du. Das gebietet die Höflichkeit. Immerhin erweisen uns die Dorfbewohner so ihre Dankbarkeit.“ Sie schloss kurz die Augen, als sie sich sammelte. „Wenn du nicht für sie gehen willst, dann tu es mir zuliebe. Lass uns noch den letzten gemeinsamen Abend zusammen genießen.“

Sie hielt den Atem an, als sie seinen schweren Blick auf sich spürte. Es verging wohl eine Ewigkeit, als er schließlich nickte.

„Meinetwegen.“

Sofort strahlte sie auf. Sanft schubste sie Sasuke an der nackten Schulter Richtung Dorf. „Na los, geh schon duschen.“ Sie kicherte, als er sie mit hochgezogenen Augenbrauen anschaute. „Oder willst du vollkommen verschwitzt auftauchen?“

„Tz.“

Er verdrehte leicht die Augen und wollte gerade den Wald verlassen, als Sakuras fröhliche Stimme hinter ihm erklang.

„Und wehe, du tauchst nicht auf. Ich werde auf dich warten.“

.


.

Sasuke näherte sich dem Marktplatz und blieb unschlüssig stehen. Wer hätte gedacht, dass in diesem kleinen Dorf so viele Menschen lebten? Es war rappelvoll und immer mehr Menschen strömten aus den Straßen auf den Platz. In der Luft hing der Geruch von gebratenem Fleisch, bunte Lampions waren aufgehängt, die die Massen in sanftes Licht tauchten und von irgendwoher erklang laute Musik. Die Dorfbewohner genossen das Fest in vollen Zügen, da sie in den letzten Monaten immer wieder schwere Schicksalsschläge erlitten hatten.

Da er Sakura in der Menge nicht entdecken konnte, lehnte er sich gegen eine Hausmauer und schaute dem Treiben zu. Sasuke war kein großer Freund von Menschenansammlungen, was sich leicht durch seine Leben als Shinobi erklären ließ. Außerdem fühlte er sich bei solchen Anlässen einfach fehl am Platz. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er den Abend nur mit Trainieren verbracht. Die Enttäuschung in Sakuras Gesicht hatte er aber einfach nicht ertragen können. Einmal mehr wunderte er sich, wie viel Einfluss sie doch über ihn zu haben schien.

„Da bist du ja!“

Plötzlich tauchte Sakuras strahlendes Gesicht vor ihm auf, und ehe er protestieren konnte, hatte sie bereits seine Hand gepackt und zog ihn in die Menschenmenge.

„Sasuke-kun, du musst unbedingt die Takoyaki hier probieren. Die sind einfach unglaublich lecker! Ich konnte mich einfach nicht zurückhalten…“

Er blendete ihren begeisterten Wortschwall aus und starrte stattdessen ihre beiden ineinander verschlungenen Finger an. Ihre Hand war warm und fest, und obwohl sie so viel kleiner als seine war, konnte sie ihn mühelos mit sich ziehen. Es erinnerte ihn daran, wie sie einst ihn und Naruto immer an den Händen gepackt und überall mit sich geschleift hatte. Ein seltsames Ziehen stellte sich in seiner Brust ein.

Mitten im Menschengetümmel blieben sie stehen und Sakura sah ihn erwartungsvoll an.

„Auf was hast du Lust?“

Sein Blick strich über ihr Gesicht und blieb schließlich an ihren Lippen hängen, die im sanften Licht rosig und glänzend wirkten. Es wurmte ihn, dass er von der geisterhaften Erinnerung an einen Kuss geplagt wurde, aber sich nicht an einziges Bruchstück richtig erinnern konnte. Auf sein Gedächtnis war doch sonst auch immer Verlass.

Wie es sich wohl anfühlte, seine Lippen auf Sakuras zu legen?

„Warte. Ich komme gleich wieder.“

Sakura tauchte in der Menge unter und er blieb alleine zwischen den Menschen stehen. Einige Dorfbewohner nutzten die Gelegenheit, um ihm zu danken und andere klopften ihm beim Vorbeigehen anerkennend auf die Schulter. Da er nicht wusste, was er sagen sollte, nickte er nur höflich.

Sakura erlöste ihn schließlich, als sie mit rosafarbener Zuckerwatte auftauchte. Sie lachte, als sich sein Gesicht beim Anblick des Zuckeralbtraums verzog.

„Keine Sorge, ich weiß doch, dass du keine süßen Sachen magst.“ Sie zauberte hinter ihrem Rücken Takoyaki am Stiel hervor. Während beide nebeneinanderstehend die Menschen um sich herum beobachteten, verzehrten sie die Köstlichkeiten in einem angenehmen Schweigen. Als an ihrem Stiel nur noch ein Fitzelchen Zuckerwatte kleben blieb, konnte sie es einfach nicht sein lassen, ihn noch ein bisschen zu ärgern.

Sie wedelte mit der Zuckerwatte vor seinem Gesicht herum.

„Willst du denn nicht auch einmal probieren, Sasuke-kun?“, kicherte sie.

Als er sich ihr zuwandte, erstarrte er.

Sasukes Augen fixierten das Stück Zuckerwatte, das an ihrem Mundwinkel hängen geblieben war. Plötzlich fühlte sich sein Mund wie ausgedörrt an. Er schien wohl völlig die Kontrolle über seine Körperglieder verloren zu haben, als sich seine Hand wie von selbst hob. Mit dem Daumen strich er über ihren Mundwinkel und führte die Zuckerwatte an seine Lippen.

Seine dunklen Augen blickten unentwegt in ihre, als seine Zunge kurz über seinen Daumen fuhr und die Zuckerwatte in seinen Mund beförderte.

„Schmeckt süß“, murmelte er nach dem Schlucken.

Mit aufgerissenen Augen starrte Sakura ihn an. Ein heißer Blitz jagte geradewegs in ihren Unterleib und nistete sich dort ein.

Oh Kami. Ich sterbe.

Plötzlich fühlte sie sich völlig kurzatmig und hatte das Gefühl, jeden Moment unter seinem durchdringenden Blick dahin zu schmelzen.

„Und jetzt wird getanzt!“, rief jemand laut.

Auf einmal wurden sie beide von hinten in die Menge geschubst und fanden sich zwischen lauter tanzenden Menschen wieder. Der Andrang war groß und sie stießen immer wieder gegeneinander. Gerade, als er flüchten wollte, packte Sakura ihn lachend an der Hand.

„Lauf nicht weg, du Miesmuschel. Lass uns tanzen.“

Seine Antwort kam postwehend.

„Nein.“

Sakura grinste. Als ob sie ihn nach dieser Aktion einfach gehen lassen würde.

„Gib’s zu, Sasuke-kun“, sagte sie mit einem schelmischen Lächeln, „du weiß nicht, wie man tanzt.“

An seinem Mundwinkel zuckte es verdächtig, aber er schwieg.

„Dabei ist es doch so einfach“, rief sie, während sie sich mit ausgebreiteten Armen im Kreis drehte. Sie wusste nicht, ob es an seiner Anwesenheit lag, aber sie fühlte sich wie berauscht. Diese Nacht mit ihm sollte nie mehr aufhören.

Nachdem sie eine schiefe Pirouette vollzogen hatte, wäre sie beinahe hingefallen, als ein saftiger Schubser von einem tanzenden Dorfbewohner sie ins Straucheln brachte. Aber ein starker Arm umschlang ihre Mitte und sie wurde an Sasukes Brust gezogen, bevor sie Bekanntschaft mit dem Boden machen konnte.

Sie legte ihre Hände auf seine Brust und schaute mit leuchtenden Augen zu ihm auf.

„Siehst du, ganz leicht.“

Sasuke schluckte schwer. Irgendetwas stimmte mit seinem Körper nicht. Seit Sakura ihn auf dieses Fest geschleppt hatte, nahm er die Farben und Geräusche seiner Umgebung stärker wahr als sonst. Korrektur, er nahm sie stärker wahr. Das Grün ihrer Augen schien zu brillieren und alles im Hintergrund verblassen zu lassen. Außerdem hörte sein Herz nicht auf, in seiner Brust wie wild zu hämmern und kribbelnde Energie schoss unentwegt durch seinen Bauch. Er hasste dieses ungewohnte Gefühl, wünschte sich aber gleichzeitig, dass es nicht aufhörte.

Zweifelnd hob er eine Augenbraue.

„Das nennt man Tanzen?“

Ihr Lächeln wurde breiter. „Oh, ich kann es sogar noch besser.“

Sakura drehte sich geschwind in seiner Umarmung um, sodass sie mit dem Rücken an seiner Brust lehnte. Aufregung machte sich ihr breit, da ihr diese Position nur zu gut bekannt war. Wie schaffte es dieser Mann bloß, dass sie in seiner Nähe immer wieder völlig die Kontrolle über sich verlor? Ein Blick, und jedes Mal war es um sie geschehen. Sie drapierte seine Hand auf ihren Bauch und schaute zu ihm hoch. „Aber dieses Mal zusammen.“

Bevor Sasuke etwas entgegnen konnte, fing sie an, ihren Körper langsam zum Takt der Musik zu bewegen.

Wie hypnotisiert betrachtete er die rosafarbenen Haarsträhnen an, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatten und nun in ihrem Nacken kräuselten. Die Sehnsucht, über jenes Stückchen Haut zu streichen, das üblicherweise immer von Haaren bedeckt war, war fast überwältigend. Er spürte jede Kurve ihres weichen Körpers, der sich im Takt zur Musik gegen seinen drängte.

Spielte das Schicksal ihm einen bösen Streich oder wiederholte sich gerade ihr Erlebnis während des Kampfes im Wald?

Sasuke schien hinter ihr wie versteinert zu sein. Kurzerhand presste sie ihren Körper der Länge nach an seinen. Sie schlang einen Arm um seinen Nacken und zog seinen Kopf herunter zu ihrem.

„Wieso tanzt du nicht?“, flüsterte sie.

Er strich mit seiner Nase aufreizend langsam über die Linie ihres Nackens. Ein verbotenes Bild tauchte vor seinen Augen auf, wie seine Lippen eine feuchte Spur von ihrem Hals bis zu ihrem Mund zogen.

„So…“, presste er heiser hervor, „tanzt man nicht auf einem Dorffest.“

Röte schoss ihr in die Wangen. „Ich weiß“, gestand sie leise. „Stört es dich?“

„Sehr sogar.“

Aber er rückte keinen Zentimeter ab.

Ermutigt von seiner Reaktion, wippte sie mit geschlossenen Augen weiter zur Musik und ließ es nicht aus, ihren Hintern immer wieder gegen seinen harten Körper zu pressen. Ihr Verhalten hätte ihr in einer anderen Situation die Schamesröte ins Gesicht getrieben, aber heute war wohl ihre letzte gemeinsame Nacht und plötzlich schien sie keine Hemmungen mehr zu haben.

„Hör auf.“ Mit malmenden Zähnen versuchte Sasuke sie am Bewegen zu hindern. Er wusste nicht, wie lange er ihre Nähe noch ertragen konnte. Schon spürte er, wie Blut in Regionen schoss, die sich lieber nicht bemerkbar machen sollten.

Aber stattdessen schmiegte sie sich noch enger an ihn.

„Wenn du dich nicht bewegst, werde ich mir einen anderen Tanzpartner suchen“, murmelte sie. Eine leere Drohung.

Fast unwillkürlich zog er sie näher an sich heran. Ihm missfiel der Gedanke, dass Sakura so mit einem anderen Mann tanzte. Aber gleichzeitig war er auch derjenige, der sie am wenigsten verdient hatte.

„Und wieso tust du es nicht?“, fragte er dennoch.

„Du weißt, wieso.“

Ihre leise Antwort hing bedeutungsschwer zwischen ihnen beiden. Sakura drehte den Kopf zu ihm um. Sie schämte sich nicht für ihre Gefühle und stand zu ihnen.

Sasuke schaute sie mit einer Intensität an, dass sie unweigerlich an seinen Kuss in jener Nacht denken musste. Die gleiche Hitze, der gleiche brennende Blick. Aber anders als letztes Mal war er bei klarem Bewusstsein. Wie von selbst fiel ihr Blick auf seine Lippen.

Jetzt oder nie.

Mit wild klopfendem Herzen näherte sie sich langsam seinem Gesicht.

Bevor sie jedoch den Abstand zwischen ihnen beiden überbrücken konnte, explodierten urplötzlich Feuerwerkskörper hinter ihr. Sakura riss den Kopf herum und sah, wie sich leuchtende Muster am Himmelszelt abbildeten. Sofort klatschten die Dorfbewohner laut Beifall.

Plötzlich spürte sie, wie Sasuke sie losließ und von ihr wegtrat.

„Wir werden noch vor Sonnenaufgang aufbrechen.“

Er wartete ihre Antwort nicht ab und verschwand zwischen den drängenden Massen. Mit schwerem Herzen schaute Sakura seinem dunklen Haarschopf nach. Sekunden zuvor hatte sie vor Verlangen buchstäblich noch gebrannt, aber nun fröstelte sie. Sie umschlang ihren Oberkörper mit beiden Armen und biss sich auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. Während die Dorfbewohner neben ihr ausgelassen tanzten und lachten, versuchte sie, die aufsteigenden Tränen wegzublinzeln.

Morgen würden sich ihre Wege trennen.

Und sie war außerstande, etwas dagegen zu tun.

.

.

tbc…

 

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Autor

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Kapitel:7
Sätze:1.773
Wörter:25.437
Zeichen:151.556

Kurzbeschreibung

Dieses Mal lag es in ihrer Hand, ihr Team wieder zu vereinen. – Vom Lieben und Liebenlernen. SasuSaku. Post-War.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Liebe und Drama (Genre) getaggt.