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Nightmares of Jack

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4.4.2019 14:09
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

Danke and die lieben Leser und Leserinnen, die so lange auf das zweite Kapitel gewartet haben. Hiermit veröffentliche ich das nächste Kapitel zu "Nightmares of Jack".

4 Charaktere

Jack von Janitzki

Der Protagonist des Romans. Jack ist am Anfang 13 Jahre alt, etwa 1,58m groß und hat haselnussbraune Haare und grüne Augen. Er interessiert sich für Ägypten, Sport und Krimiromane. Von Natur aus ist er ein Einzelgänger, weshalb ihm Empathie für die Personen um ihn herum fehlt, außerdem ist er etwas schüchtern uns sarkastisch. Durch seine Umgebung und seiner Erfahrung will er einfach nur "normal" sein, denn er stammt aus einer Adelsfamilie.Sohn von: Richárd von Janitzki/ ?

Richárd von Janitzki

Vater von Jack, 48 Jahre alt, etwa 1,85m groß und hat schwarze Haare und braune Augen. Er ist von Beruf Kinderarzt und besitzt ein Schloss im Süden von einem fiktiven England. Richárd ist ein ernster und strenger Mensch, kann aber auch sehr liebevoll sein, wenn seinem Sohn Jack etwas zustößt. Hat seinen Abschluss in einem Internat für Problemschüler absolviert. Er liebt Klassische Musik.Familie: Jack (Sohn); noch unbekannte Ehefrau

Morpheus

Gott der Träume, wird als Gott des einschlafenden Todes verehrt. Er versucht Jack in dessen Träumen zu töten. Motiv noch unbekannt.Komplett in schwarz gekleidet, hervorstechende Merkmale sind seine Rabenmaske und seine roten AugenScheint eine reale Person zu sein

Daniel Ewans

Privatlehrer von Jack, 38 Jahre alt. Hat haselnussbraune Haare und grüne Augen, etwa 1,89 m groß. Liebt alles, was mit Ägypten zutun hat. Ist eine sehr liebevolle Person, sehr ordentlich und pflichtbewusst. Stammt aus einer wohlhabenden Familie. Familie: ????

Einige Polizisten stürmten durch die Stadt in der Nähe unseres Schlosses. Alles ging hastig von Statten.

Ihr denkt euch jetzt bestimmt: Was ist das denn für ein komischer Anfang? Nun, aber genauso hat alles begonnen.

Mein Name ist Jack. Jack von Janitzky. Ich bin 13 Jahre alt. Mein Alltag bestand eigentlich nur aus meinem Privatunterricht, aber… Daniel, mein Lehrer, ist seit einigen Tagen nicht auffindbar. Weder in seinem Haus, noch in einem Hotel oder bei Freunden. Deshalb wurde er vorrübergehend als vermisst eingestuft. Deshalb schnüffelt die Polizei überall nach ihm. Doch bis jetzt hat die Polizei keine Fortschritte gemacht. Ich war der letzte, der ihn gesehen hatte, das war vor zwei Wochen, an einem Freitag-Nachmittag im Unterricht. Was ich wusste, hatte ich den zuständigen Kommissar bereits erzählt. Aber ich wusste genau, dass meine Aussage ihnen nicht viel weiterhelfen würde. Vorerst würde die Polizei nichts finden.

Nun, soweit, so gut. Im Moment saß ich allein in meinem Studienzimmer und blickte aus dem Fenster. Von hier aus konnte man die ganze Stadt unter uns sehen. Sie ist nicht besonders groß, war auch nicht für irgendetwas bekannt. Das einzige Auffallende war unser Schloss, doch ist es nicht für die Öffentlichkeit geöffnet, weshalb fast keine Touristen kamen. Durch diese Tatsache sind die Leute unten auf solchen Trubel gar nicht eingestellt. So auch ich nicht, denn ich war fast die ganze Zeit im Schloss und machte nichts außer meine Schulaufgaben. Und das schon, seit ich fünf zarte Jahre alt bin.

„Jack? Was sitzt du hier so rum? Deine Schularbeiten machen sich nicht von selbst. Genau das passiert, wenn man dich allein in einem Raum lässt. Tagträumer.“ „Ja, Vater…“, seufzend stand ich auf und setzte mich an den alten Buchenholztisch. Vater tippte mit einem Finger auf das Arbeitsblatt vor mir. Ich sollte einen Aufsatz über Goethe schreiben und mich mit ihm auseinandersetzen. (Besser gesagt mit seinen Werken, ugh…) Grummelnd zückte ich meinen Füller und begann zu schreiben. Zufrieden kreuzte Vater seine Arme und setzte sich ebenfalls, auf einen Stuhl an dem Bücherregal rechts von mir. Er hatte ein Buch von Daniel in der Hand und las es sehr interessiert. Aber seien wir mal ehrlich. Welcher Teenager aus den 21. Jahrhundert steht auf Goethe? Also ich könnte mir nicht stundenlang „Faust“ durchlesen, geschweige denn verstehen. Langweilig! Das spiegelte sich auch irgendwie in meinem Aufsatz wieder. Auch wenn man es nicht auf Anhieb bemerkt. Ich bin doch nicht blöd und schreibe sowas direkt in den Text, den mein Vater lesen würde. Er ist zwar kein Lehrer, aber er kannte sich schon ein wenig damit aus.

Nach knapp zwei Stunden war ich fertig und händigte ihm die Blätter aus. „Gut. Du hast jetzt eine Stunde Pause, nicht länger, hast du verstanden?“ Jauchzend rannte ich eiligst aus dem Raum, bevor mein Vater noch irgendetwas hinzufügen hätte können. Ich hatte vor, in die Stadt zu gehen, und mir ein paar Süßigkeiten in dem Supermarkt in der Nähe von Daniels Haus zu kaufen.

Als ich das riesige Gemäuer verließ, erblickte ich massive Türme und Mauern und ich rannte automatisch schneller durch den Garten. Es gibt nämlich eine kleine Lücke in der Mauer, versteckt hinter einer großen Hecke. Schnell zwang ich mich durch das Gestrüpp, durch die Mauer, in ein angrenzendes Waldstück mit einem alten, ungepflasterten Weg. Als kleines Kind durfte und konnte ich das Schloss nicht verlassen, bis ich dieses Loch gefunden habe. Da habe ich mich einfach rausgeschlichen und mir vorgestellt, ich sei ein Spion des Königs (mein Vater) und erkundete jedes kleinste Detail auf meinen Weg. Wenn ich heute daran dachte, war das ziemlich dumm von mir gewesen, denn ich hatte mich gnadenlos verlaufen. Aber Vater hatte mich dennoch gefunden und mir kräftig den Hintern versohlt. Ah, und ich durfte nicht aus meinem Zimmer für einen ganzen Monat. Das war echt heftig für mich als Kind. Im gleichmäßigen Schritt lief ich die Straße hinunter und war kurze Zeit später unten in der Stadt. Daniels Haus war im Zentrum, so auch der Supermarkt, der Einzige hier in der Umgebung, und ich deckte mich mit Süßigkeiten zu. Als ich mit einem vollen Beutel aus dem Gebäude kam, herrschte ein großer Trubel vor Daniels‘ Haus. Überall Polizisten und Schnüffelhunde. Der Kommissar, der für den Fall zuständig war, stand im kleinen, aber feinen Garten, und unterhielt sich mit der lokalen Polizei. Er kam nicht von hier. Jedoch kannte ich den Mann sehr gut. Er bekam mich in den Blick und winkte mich lächelnd zu sich. „Hallo, Junge… Hast wohl eine Auszeit vom alten Herren bekommen?“ Nickend steckte ich mir ein Bonbon in den Mund und drückte es in meine rechte Wange. „Nur eine Stunde“, nuschelte ich. Herr Kurater, so hieß er, war asiatischer Herkunft und sehr nett. „Naja, wenigstens etwas, besser als gar nichts.“ Nickend wippte ich von links nach rechts. „Wir haben leider nichts Neues erfahren. Tut mir echt leid, Shonen.“ Er benutzte das japanische Wort für Junge, also Shonen. Ein lustiges, aber auch sympathisches Detail. „Verstehe… Aber wenn Sie was neues Wissen, erzählen Sie es mir dann, Kommissar Kurater?“ Er grinste und zündete sich eine Zigarette an. „Na klar.“, er wuschelte durch mein Haar. Dann kramte er in seiner Hosentasche und streckte mir ein japanisches Bonbon entgegen. „Pass auf, die sind echt sauer.“ Grinsend steckte ich es nun in meine Hosentasche. „Ich… ähm sollte langsam gehen. Vater wird sonst noch wütend auf mich.“ „Dann lass deinen Oto-san mal nicht warten.“ Ich zerbiss das Bonbon auf den Weg nach oben ins Schloss. Dieses Mal ging ich aber auf offiziellen Weg, also durchs Tor, ins Schloss. Pünktlich stand ich vor dem Studienzimmer. Schnell trat ich ein und packte die Süßigkeiten in eine Box, versteckt in einer Schublade. Gerade noch rechtzeitig, bevor Vater ins Zimmer trat. Er händigte mir ein paar Schulbücher aus, die allesamt was mit Biologie zu tun hatten. Sie waren alle nicht besonders dünn… Aber es waren Klebezettel in jedem Buch angebracht, was heißt, dort wo sie klebten musste ich lesen. „Vielleicht interessiert dich dieses Thema ja. Es geht um Chromosomen. Les‘ es dir genau durch, das wird in der Überprüfung für dein Zeugnis drankommen.“ Seufzend begann ich die Bücher durchzuackern, so wie er es mir aufgetragen hatte. Dad ließ sich wieder auf den Stuhl in der Nähe fallen und las. Nach knapp einer Stunde wars mir zu blöd. „Dad...?“ „Du sollst deine Aufgaben machen. Wenn du so weiter machst, dann weiß ich nicht, was aus dir mal werden soll.“ Wütend knurrte ich und knirschte mit den Zähnen. Immer dasselbe! „Es ist einfach nur langweilig! Wofür brauche ich zu wissen, was Goethe geschrieben hat und wie viel Chromosomen ein Hund hat?!“ Ruckartig stand mein Vater auf und trat zu mir an den Tisch. „Wie oft muss ich dir das noch sagen?! Du musst das wissen. Das ist Allgemeinbildung. Wärst du in einer Schule, müsstest du das auch lernen. Und du weißt, Wissen ist Macht.“ „Aber ich brauche keine Macht! Und es interessiert keinen!“ Ehe ich mich versah, landete eine große Hand auf meiner Wange. Es schallte durch das Zimmer. Trotzig biss ich mir auf die Lippen. „Das hat dich sehr wohl zu interessieren. Wer sonst sollte die Verwaltung des Schlosses übernehmen?“ „Ich will das aber nicht! Ich will nicht ewig an dieses Loch gebunden sein!“

Wir schrien uns eine ganze halbe Stunde an. Bis ich nicht mehr konnte und Vater mich in meinem Zimmer einschloss. Wütend hämmerte ich an der Tür. „Lass‘ mich raus! Mach‘ die Tür auf, Vater!“ Doch er machte keine Anstalten dazu, die Tür aufzuschließen. „Wenn du dich beruhigt hast. Jetzt hast du genug Zeit, dich mit deinen Fehlern auseinander zu setzen.“ „Was?! Das kannst du doch nicht machen!“ Es war kurz still. „Denk darüber nach, was du falsch gemacht hast. Heute Abend darfst du wieder raus.“ Entsetzt keuchte ich und rutschte mit geballten Fäusten die Tür hinunter. „Verdammt!“ Geschlagen gab ich mich meinem Schicksal hin und setzte mich auf mein Bett. „Blöder Vater! Der hat doch gar keine Ahnung. Aber er hört mir ja gar nicht zu…“ Seufzend vergrub ich mich in ein altes, ägyptisches Buch voller Hieroglyphen. Ägypten interessierte mich brennend. Es war einfach faszinierend, wie Menschen vor vielen tausend Jahren riesige Bauten, medizinisches Wissen und weiter erforscht und erbaut haben. Ohne Maschinen wie heute, ohne Internet oder Bücher. Lächelnd linste ich zu der kleinen Pyramide auf meinen Nachttisch, die mir meine verstorbene Mutter hinterlassen hatte. Langsam ließ ich mich seitwärts ins Bett fallen und schloss meine Augen. Und da passierte es zum ersten Mal.

Mein Handy klingelte mitten in der Nacht. „Wer… zur Hölle ruft mich zu dieser Zeit an?!“ Aus Gewohnheit tippte ich auf das grüne Hörer-Symbol und drückte es an mein Ohr. „Ja?“ Es rauschte kurz. „Wer… ist da?“ Ein ekelhaftes Gelächter dran durch meine Lautsprecher. Da lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. „Wer zur Hölle sind Sie?“ Es wurde kurz still, doch dann ertönte eine verzerrte Stimme. „Mein Name ist Morpheus… Wenn dir dein Leben und das deiner Familie am Herzen liegt… dann mach dich bereit… Du entkommst den Fängen Morpheus nicht. Niemand entkommt den Fängen Morpheus, kleiner Jack…“ Es knackte kurz und das Gespräch war beendet. „Wa-was… zur H-Hölle?“ Ich schaute auf das Display, um die Nummer zu sehen, aber sie war unterdrückt. Logisch, sonst könnte ich ihn bei der Polizei anschwärzen. Aber… war das nur ein blöder Scherz oder meinte er es doch ernst? Morpheus… Irgendwo hatte ich diesen Namen schon mal gehört. Hatte Daniel nicht einmal in einer Stunde darüber geredet? „Hmm, das muss doch hier irgendwo sein?“ Seufzend gab ich auf und entsperrte mein Handy, und startete meinen Browser. In die Suchzeile gab ich kurzerhand „Morpheus“ ein. Wikipedia wird mir bestimmt weiterhelfen?

„Aha, der Artikel ist mehrdeutig. Warte…“ Ich scrollte weiter nach unten und sah ein Bild von ihm. Ein nackter Mann und eine Frau? Ein Gemälde von 1811. „Ah, da steht was. Morpheus, griechisch für Gestalt, ist der Sohn des Hypnos, des Gottes des Schlafes, in der griechischen Mythologie. Er ist ein Gott der Träume. Was zur Hölle. Da steht noch mehr. Er kann sich in jede beliebige Form verwandeln? Erklärt die Stimme. Oh mann, er wird als Gott des einschlafenden Sterbens verehrt.“

Ab diesen Moment wusste ich, dass es sich hierbei nicht um einen dummen Scherz handelte. Mit echt mulmigem Gefühl legte ich mich zurück in mein Bett und versuchte zu schlafen…

„Es freut mich, dich kennen zu lernen. Schade das diese Freude nicht lange anhalten wird, kleiner Jack.“ Ich drehte mich um. Da sah ich einen groß gewachsenen Mann vor mir. Er war komplett in schwarz gehüllt. Auf dem Kopf, und das machte mir am meisten Angst, trug er eine Rabenmaske, wie sie früher die Ärzte im Mittelalter trugen um sich vor der Pest zu schützen und seine Haare waren schwarz und mittellang, etwas unordentlich. Die Schultern des großen Mannes waren breit, und über sie hatte er einen schwarzen Mantel geworfen, dessen Kragen hochgeklappt waren und sein Kinn verdeckte. Unter dem Mantel hatte er ein graues Kragenhemd an, das von einer Krawatte streng gehalten wurde. Über dem Hemd trug er eine genauso schwarze Weste. Außerdem trug er eine enge, schwarze Jeans und schwarze, glänzende Lederschuhe. Und er hatte wirklich große Füße, mindestens Größe 45! Irre grinsend kam der mir urplötzlich näher und streckte seine Arme aus. „N-nein… Lassen Sie mich in Ruhe!“ keuchend drehte ich mich um, kam aber irgendwie nicht vom Fleck. Im meinem Nacken spürte ich schon bald seine Hand, die mich am T-Shirt nach hinten zog. Außerdem kam mir ein beißender Blutgeruch in die Nase, dass ich mich fast deswegen übergeben musste. Doch bevor noch weiteres passieren konnte, wurde ich plötzlich weggerissen. Das nächste was ich sah, war mein Vater, der mich im Nacken gepackt hatte, da ich anscheinend aus dem Bett gefallen war. Meine Nase blutete. Kein Wunder, dass es nach Blut gerochen hat. „Aufwachen! Jack, hörst du mich?“ Mein Vater rief schon etwas lauter. Im Hintergrund dudelte mein Wecker. Schwer atmend betrachtete ich das Blut, das von meiner Nase auf den Boden tropfte. Mein Vater klang wütend. Doch als ich mein Kopf zu ihm hinter drehte, änderte sich sein Blick sofort. Dicke Tränen flossen über mein blutverschmiertes Gesicht. Dad zog mich hoch und setzte mich auf mein Bett. „Uhh, P-Papa…“ ich konnte es nicht leugnen. Im Moment hatte ich riesige Angst, fast Todesangst. Ich konnte noch seine Hand spüren und diese Atmosphäre die er um sich hatte und in dem kleinen Raum meines Albtraumes verbreitet hat. Und dieser Blutgeruch. Zwar blutete meine Nase und es roch ebenfalls nach Blut, aber nicht so… wie er. Sein Geruch war wie… Blut, das mehrere Jahre alt war. Es war richtig ekelhaft, und ich musste mit einem Würgereiz kämpfen.

Vater sah mich besorgt an. Er wischte das Blut von meiner Nase ab, bevor ich mich in sein Hemd krallte und mein Gesicht an seine Brust drückte. So wütend er auch war, umso besorgter war er nun. „Warum weinst du? Was ist los? Tut deine Nase sehr weh?“ Ich schüttelte mit dem Kopf. Als erstes traute ich mich nicht, doch als er sanft über meinen Rücken streichelte, platzte es förmlich aus mir heraus: „Da… da war ein Mann… Mit einer Rabenmaske i-in meinem Traum… e-er hat mich festgehalten… und er roch nach Blut… Und e-er hat mich gestern Nacht angerufen… Er meinte, wenn mich das Leben meiner Familie und meines interessiere, solle ich aufpassen…“ Wimmernd vergrub ich mein Gesicht fester in Dads Brust. Er lies mich erst einmal weinen. Er nahm mich auf den Schoß und ich legte meinen Kopf auf seine Schulter. „Du hast schlecht geträumt… Aber jetzt ist alles in Ordnung, hier kommt keiner ins Schloss… Hier bist du sicher.“ „Hmm, ja.“ Ich blieb noch so für eine Weile, bis ich mir die Tränen vom Gesicht wischte und meinem Vater in die Augen blickte. Er lächelte und wuschelte mir sanft durch mein Haar. „Deine Nase.“ Ich schaute ihn fragend an. „Sie blutet immer noch. Lass mich mal schauen.“ Nickend ließ ich ihn das machen. Mein Vater war Kinderarzt, der aber zurückgetreten war, als Mama mit mir schwanger wurde. Ab und zu nahm er noch Aufträge aus der Stadt und Umgebung an. „Hmm, sie ist zum Glück nicht gebrochen. Aber wir stabilisieren sie zur Vorsorge, ja?“ Ich nickte und folgte meinem Vater, immer noch wackelig auf den Beinen. Langsam stieg ich die Treppen neben meinem Bett hinunter und lief meinem Vater ins Bad hinterher.

„Setz‘ dich bitte hin… Ich muss nur noch dem Erste Hilfe-Kasten aus dem Schrank holen.“ Leise seufzend setzte ich mich breitwillig auf den Rand der Badewanne. Vater kam recht schnell wieder zurück und holte ein paar Dinge aus dem Verbandskasten: Pflaster, die man erst zurechtschneiden muss, eine Mullauflage und kleine Tupfer. Zuerst schnitt er die Pflaster zurecht, dann drückte er die Mullauflage auf mein Nasenbein. Danach klebte er die Pflaster fest, wie ein Kreuz, auf meine Nase. Das hielt. „So, fertig. Wenn deine Nase noch weiter wehtun sollte oder sie anschwillt, dann müssen wir ins Krankenhaus.“ Ich nickte unvorsichtig, doch wurde sofort mit Schwindel bestraft. Aber ich riss mich zusammen und ließ mir nichts anmerken. „Ich… mach mich jetzt fertig. Wenn ich fertig bin, komme ich runter.“ Zustimmend summend lief mein Vater aus dem Bad, nach einem „Lass es heute etwas langsamer angehen. Es ist schließlich Samstag.“, war er auch schon verschwunden. Naja, jetzt sollte ich auch wirklich das tun, was ich gesagt hatte. Deswegen zog ich mich um.

Mein Vater unterdessen schlich sich in mein Zimmer, nahm sich mein Handy und scrollte durch die Anruferliste. Als er die unbekannte Nummer sah verfinsterte sich sein Blick. Sofort sperrte er die Nummer und legte es an seinen Platz zurück.

Zum Frühstück gab es amerikanische Pfannkuchen mit Ahornsirup. Dazu trank ich Orangensaft. Ich sah meinen Vater schmunzeln, als ich mir einen ganzen Pfannkuchen in den Mund stopfte. „Iss langsam, sonst verschluckst du dich noch.“ „Aber ich bin hungrig!“ Schmollend drehte ich meinen Kopf auf die andere Seite und aß weiter. „Danke für’s Frühstück.“ Dad lächelte wieder. „Hast du Pläne für heute?“ Seit wann fragte er mich denn das? „Ähh, ich wollte in die Stadt runter und ein bisschen Sport treiben, aber das fällt ja wegen meiner Nase ins Wasser. Deswegen werde ich mich wohl mit Thomas und den anderen treffen.“ „So ein Rotz aber auch.“ „!“ …Das war doch jetzt nicht gerade sein Ernst! Da benutzte mein Vater einfach mal so ein Wortspiel… Und es passte auch noch! Was ist denn heute mit ihm los? Hat er was genommen? Wortlos starrte ich ihn an. Er räusperte sich und drückte mir ein 20-€ Schein in die Hand. „Häh?“ „Nicht „Häh“ sondern „Wie bitte“, soviel Zeit muss sein. Ich war noch nicht fertig. Ich möchte, dass du mir beim Buchhändler ein Buch bestellst, hier ist ein Zettel mit dem Titel.“ Er reichte mir den Zettel, auf dem der Titel, Autor und Preis stand. „Aber der Roman kostet nur 15€. Soll ich den Rest wieder mitbringen?“ Doch Vater schüttelte mit dem Kopf. „Das Restgeld darfst du behalten. Aber wehe du kaufst dir davon Süßigkeiten. Du hast dir letztens schon welche gekauft. Dein ganzer Schrank ist voll damit.“ Ugh… Er hatte also wieder in meinem Zeug rumgeschnüffelt. „Ugh, ja, okay. Ich brauche eh neue Stifte. Naja, bis heute Abend.“ Grummelnd stand ich auf und zog mich am Eingang des Schlosses an. Dieses Mal schlich ich mich nicht durch die Mauer, sondern verließ es auf offiziellem Wege. Gebremst von meiner angebrochenen Nase bewegte ich mich dem Berg hinunter und blickte auf die Stadt. „Das einzig Gute an dieser Stadt ist, dass sie gut von oben aussieht.“ Genüsslich ließ ich den Berg und das Schloss, sowie Alleen hinter mir, bis mir der Buchladen in die Glubscher geriet. Als ich die Tür vom Laden öffnete, klingelte es über meinem Kopf. „Willkommen… Ah, hallo Jack. Wie geht es dir?“ Es stand ein älterer Herr hinter einem der Bücherregale. Er sortierte gerade neue Bücher ein. „H-Hallo. Ich soll ein Buch für meinen Vater bestellen.“  „Na das ist ja kein Problem. Ich schau mal in meiner Liste nach. Wie heißt es denn.“ Mitten im Satz war er aus seiner knienden Position aufgestanden und hinter den Tresen gelaufen. Dann schaute er mich auffordernd an. „Ah, ähh… Hier…“ Ich reichte ihm den Zettel. Nach einem kurzen Blick nickte er und sagte: „Das kommt nächste Woche. Und dein Vater möchte es vorbestellen?“ Nickend nahm ich den Zettel wieder entgegen. „Das machte dann 15€, junger Mann.“ Sofort gab ich ihm das Geld und er im Gegenzug gab mir das Restgeld. „Vielen Dank. Hier.“ Der Buchhändler reichte mir einen Schein, auf dem stand, welches Buch vorbestellt wurde und wann es eintreffen würde. Es war gleichzeitig ein Beweis dafür, dass ich, beziehungsweise mein Vater es bestellt und bezahlt hatte. „Und wer holt es dann ab? Du oder dein Vater?“ Hmm, das wusste ich nicht genau. „Das weiß ich noch nicht. Kommt darauf an, wie viel Zeit mein Vater hat. Aber… das hier ist sein Name, falls er es abholen sollte.“ Er lächelte mich erneut freundlich an, als ich den Laden verließ. „Tschüss.“ Genauso höflich verabschiedete er sich von mir.  „So, nur noch neue Stifte kaufen…“ Im Supermarkt in der Nähe kaufte ich mir diese und entschied mich, nochmal beim Sportplatz vorbeizuschauen.

Es gab zwar eine Schule in der Stadt, aber die wurde geschlossen, da es nicht genug Kinder in der Stadt gibt. Und von außerhalb kommt auch keiner. (Denn die Züge fahren nur aller Stunde.) Es gab nur Karo, Michelle, Thomas und mich. Wir werden alle zuhause unterrichtet. Deswegen sahen wir uns recht selten, denn auch ihre Eltern waren recht streng. Meist sah ich sie nur Samstag und Sonntag. Und so wie es aussah hatte ich heute Glück, denn Thomas stand allein auf dem Platz der sportlichen Betätigung. „Thomas!“ Der Junge drehte sich zu mir und sah mich erstaunt an, sodass ihm fast sein Essen im Halse stecken blieb. „Hey, Jack. Hat dein alter Herr mal Gnade mit dir gehabt? Aber Alter, was ist mit deiner Nase los? Hat er dir eine…“, er traute sich fast nicht, es auszusprechen. „Nee, ich bin aus meinem Bett gefallen und hab mir dabei fast meine Nase gebrochen.“ Amüsiert schüttelte er mit dem Kopf und biss von seinem Brot ab. „Du machst ja Sachen. Aber sag mal, hast du Karo und Michelle gesehen?“ Schnell schüttelte ich mit dem Kopf. „Dann würden sie wie Kletten an mir hängen, Thomas. Du kennst sie doch.“ „Stimmt, stimmt.“ Kurz dachte ich nach. „Haben die beiden nicht letztens etwas von einem Familienausflug gesagt? Vielleicht sind sie ja unterwegs. Frag sie doch einfach mal.“ Aber anstatt dies zu tun, zuckte er mit den Schultern. „Ist doch auch mal schön bloß so zu zweit.“ Seufzend ließ ich mich ins weiche Gras fallen. „Und? Was wollen wir jetzt machen?“ Sofort, nachdem ich gefragt hatte, breitete sich ein dickes Grinsen auf Thomas‘ Gesicht aus. „Wie wäre es mit was Abenteuerlichem?“ Uninteressiert zuckte ich mit den Schultern. „Nun sag schon.“, forderte ich ihn leicht desinteressiert auf. „Du weißt doch, wo Daniels Haus ist, oder?“ „Ja, und was willst du mir damit sagen?“ Das Grinsen auf seinem sommersprossigen Gesicht wurde um einiges breiter. „Lass‘ uns dort einschleichen und nach Hinweisen zu Daniels Verschwinden suchen.“ Entsetzt keuchte ich auf und starrte ihn an. „Du… Du spinnst wohl! Da wimmelt es nur so vor Polizisten! Dort können wir nicht rein. Außerdem, wie gedenkst du in sein Haus zu kommen? Eine Scheibe einschlagen?“ Wie auf Knopfdruck verschwand Thomas‘ Grinsen und er setzte ein Ernstes auf. Und das tat er nur, wenn er sich einer Sache sehr sicher ist. Seine rechte Hand verschwand in seiner Hosentasche und holte ein Schlüsselbund zum Vorschein. „Hey, hey, sag mir nicht, das sind…!“  „Oh ja, Daniels Schlüssel. Ein Polizist hat die auf seinem Grundstück fallen gelassen.“ Ich verzog meinen Mund zu einem Schmollmund. „Sowas kann auch nur dir passieren.“ Thomas‘ Gelächter drang in mein Ohr. „Naja. Und? Kommst du mit?“

Seufzend gab ich mich meiner Neugier hin. Aber ein mulmiges Gefühl hatte ich schon dabei. Nichts desto trotz ging ich mit Thomas zu dem Haus meines einzigen Privatlehrers. Niemand schien uns bemerkt zu haben, auch waren keine der blau-weißen Friedensbeschützer im Haus, noch außerhalb. „Heute ist Samstag, da haben die frei.“, meinte Thomas knapp und tapste auf Zehenspitzen durchs Haus. „Zieh dir Hausschuhe an, und hier, Handschuhe. Wir wollen doch nicht auffliegen?“ Also echt, Thomas hatte an alles gedacht. Aber planen hatte er es nicht können… „Gehen wir zuerst ins Wohnzimmer.“ Das war auch der erste Raum, der uns in die Augen fiel. Die Wände des Wohnzimmers waren mit ägyptischen Zeichnungen und Skizzen übersehen. In einer Ecke stand ein Esstisch mit 3 Stühlen und eine Pinnwand. Links von uns hatte er ein Sofa stehen, in Blickrichtung zu seinem großen Flachbild-Fernseher. „Mensch, ist der staubig…“ Er sah definitiv nicht aus, als würde er ihn häufig benutzen. „In der Küche ist auch nichts Besonderes, die Polizei hat alles schon gründlich durchsucht. Lass und nach oben gehen.“ „Okay.“ Leise liefen wir die Treppe hoch. Mein Herz pochte bei der ganzen Sache wie wild. Wenn Dad das hier herausfinden würde, dann könnte ich mich auf mehr als eine Woche Hausarrest bereit machen. Ich schwitzte, doch wir gingen weiter nach oben. „Weißt du, was mir gerade einfällt?“ Thomas blickte mich fragend und gleichzeitig auffordernd an. „Nein, was denn?“ Schluckend blickte ich zurück. „Daniel hat mir einmal erzählt, er habe 2 Arbeitszimmer. Aber ich sehe hier nur eins… Was bedeutet, die Polizei hat das Zweite noch nicht gefunden!“ „Echt jetzt? Hat er dir außer dem noch mehr erzählt?“ Niedergeschlagen schüttelte ich meinen Kopf. „Erstmal müssen wir das Zimmer finden. Vielleicht ist ja hier irgendwo ein Hohlraum?“ So klopften wir gegen die kaffeebraunen Holzwände. „Hey, hörst du das? Hier… klingt die Wand dumpf.“ Ich zeigte es ihm und er nickte. „Aber ich sehe gier keine Möglichkeit, die Tür zu öffnen… Lass‘ uns mal dagegen drücken.“ Mit sanfter Gewalt drückten wir beide gegen die dumpfe Stelle und eine Drehtür öffnete sich ein Spalt breit, der gerade noch so groß war, das wir hineinschlüpfen konnten. „Rätsel gelöst.“ „Mal sehen, was Daniel zu verbergen hat, Jack.“

Um ehrlich zu sein, war ich jetzt extrem neugierig. „Vielleicht versteckt er ja seine Schmuddelheftchen hier.“, scherzte ich. Mein bester Freund folgte mir lachend durch den schmalen Gang, durch den ein erwachsener Mann passte, in Daniels zweites Büro.

Was wir dort sahen, ließ unsere Kinnlade nach unten klappen. „Ich weiß, Daniel steht echt auf ägyptischen Kram, aber das hier ist verrückt!“ Langsam schritt ich zu eines der vielen Bücherregalen, in dem massenhaft ägyptische Bücher standen. Eines zog ich heraus. „Ägyptische Schriften lesen und verstehen. Altertümliche Hieroglyphen.“ Mein bester Freund gluckste und drehte sich zu mir um. „Uhh, nichts für mich. Daniel und du interessiert euch doch für solches Zeug?“ „Hahaha, da muss ich dir recht geben. Aber alle Bücher zu durchsuchen würde Stunden dauern, lass uns einfach mal in seinen Schreibtisch suchen.“ Thomas stimmte mir zu und wir schlichen leise zum besagtem Möbelstück. Auf dem ersten Blick war nichts Besonderes auf dem hölzernen Tisch zu erkennen. Doch da kam mir Thomas zuvor. „Hey, da liegt ein Brief unter dem Tisch…“ Der Junge hob ihn auf und hielt ihn mir vor die Nase. Er war schon geöffnet. Der Umschlag wurde ziemlich abrupt aufgerissen. „Das sieht Daniel gar nicht ähnlich, sonst ist er doch immer so ordentlich… Vielleicht war er irgendwie schlecht gelaunt?“ „Oder nervös… Ist das Geschriebene noch im Umschlag?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm ich mir das zerfledderte Ding und wagte einen Blick hinein. „Ja… Mal sehen was drin steht… Oh… ok, klingt nicht besonders angenehm.“ Mein Kumpel blickte mich fragend an. „Was ist? Was steht da drin?“ „Hier steht, dass das Familienoberhaupt, bzw. sein Großvater gestorben ist…“ „Oh, stimmt, das ist echt mies. Warte mal, ist Daniels Familie nicht stinkreich? Heißt das nicht, dass er was geerbt hat?“ Zustimmend nickte ich und zeigte ihm die betreffende Zeile im Brief. „Was?! So viel? Halleluja! Kann das sein, dass er deswegen weg ist? Weil jemand spitzbekommen hat, dass er so viel erbt?“ Das klingt fast wie ein schlechter Krimi. „War klar, dass du wieder solche Schlüsse ziehst, Thomas. Aber irgendwie… ich weiß nicht, ich habe das Gefühl, das da noch mehr dahintersteckt. Jedenfalls sieht es nicht so aus, als wäre er in den Urlaub gefahren. Dafür sieht es hier zu unordentlich aus, außerdem hat er noch Lebensmittel im Kühlschrank… Jemand der in den Urlaub fährt verbraucht alles, bevor er losfährt… Irgendwas… hat ihn dazu gebracht, das Haus eilig zu verlassen. Sogar so eilig, dass er uns nicht Bescheid gesagt hat.“

Nachdenklich hatte ich mich vom Schreibtisch entfernt und mich zu der Kommode hinter dem besagten Möbelstück gedreht. Auf dieser lag ein umgedrehter Bilderrahmen. Neugierig nahm ich ihn in die Hand und betrachtete das alte Bild. „Junge, Daniel hat mir nie erzählt, dass er einen Zwillingsbruder hat! Schau mal, sie sehen komplett identisch aus!“ Thomas kam sofort zu mir und blickte ebenfalls auf das alte Foto. „Hmm, der muss bestimmt sein Vater sein… Und er der Großvater… Aber wer sind die Zwei da?“, er deutete zuerst auf den Vater, dann den Opa und zuletzt auf die zwei Fremden. „Ich weiß nicht, Bekannte vielleicht?“, beantwortete ich seine Frage, jedoch fragte er gleich weiter. „Genau, die zwei sehen sich auch verdammt ähnlich, vielleicht sind sie Familie?“ „Hmm, wer weiß, jedenfalls ist das Foto sehr alt… Da muss Daniel noch echt jung gewesen sein, so um die 12 oder so…? Schau mal, wie klein er war!“ Thomas lachte kurz und stach mit den Ellenbogen in meine Rippen. „Genau wie du, hahaha!“ Ich setzte ein falsches Lächeln auf und öffnete aus Neugier den Rahmen. Sofort flatterte das Foto hinaus und landete mit der „farbigen“ Seite auf den Boden. „Da steht ja was auf der Rückseite. Ach du meine Güte, was für eine alte Schrift… Umm ich glaub da steht…. Sommer 1989 – Familie Ewans mit Freunden… Die anderen Buchstaben sind verblasst…“ Mein sommersprossiger Freund seufzte geschlagen. „Also wissen wir immer noch nicht, wer die zwei sind. Na ganz toll. Sollten wir das ganze hier nicht den Bullen zeigen? Das würde den Fall wohl weiterbringen.“ Schnell schüttelte ich mit dem Kopf. „Das wird seine Familie in Gefahr bringen, das will ich nicht! Außerdem wird uns niemand glauben. Welcher Erwachsene glaubt zwei 13- Jährigen?“ Da musste sich er sich wohl oder übel geschlagen geben, denn er schwieg.

Wir entscheiden uns, das Haus zu verlassen und nach Hause zu gehen. Mein 13-jähriges Ich konnte sich nicht vorstellen, dass genau diese Entscheidung zu vielen Problemen führen würde. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, wäre es das beste gewesen, der Polizei davon zu erzählen. Aber nein, mein Ego musste sich mal wieder durchsetzen.

 

Kapitel 2

Seit diesem Tag kamen immer mehr Anrufe, Drohbriefe und SMS. Aber die ignorierte ich schon, die Albträume mit dem Mann in Schwarz mit der Rabenmaske, namens Morpheus, waren das Schlimme. Nicht eine Nacht ohne dem Typen. Zuerst konnte ich es noch vor meinem Vater verbergen, jedoch wurde meine körperliche Konstitution immer schlechter, bis ich vor Schlafmangel umfiel und ins Krankenhaus musste. Man sah mich nicht mehr ohne Augenringe und geröteten Augen. Mein Vater war wirklich besorgt und ließ mich nur wenn nötig aus dem Haus und lockerte meine Schulbildung ein wenig.

Seufzend bahnte ich mir meinen Weg durch mein unordentliches Zimmer und tippte auf meinem Smartphone herum und las die SMS meiner Freunde. Im Hinterkopf hatte ich die letzte Nacht. Ich war beim Buchlesen eingenickt und, wer hätte es gedacht, Morpheus hatte mir einen Besuch abgestattet. Mal wieder hatte er versucht, mich zu foltern und/oder umzubringen. Bevor ihm das gelang, hatte Vater mich geweckt. Ich weiß nicht, wie ich die Träume anders beschreiben sollte als Folter. Sein genaues Ziel wusste ich immer noch nicht, auch nicht, was die Quelle meiner Träume ist. „Er ist ein Irrer…“, murmelte ich leise vor mich hin und verschwand aus meinem Zimmer. Ach, falls ihr euch fragt, wie lange ich das schon aushalten muss… Nun ja… ich bin jetzt 16 Jahre alt. Ich glaube, das könnt ihr euch ganz einfach ausrechnen. Jedenfalls machte ich mich auf den Weg zum Zimmer meines Vaters, denn er wolle etwas besprechen…

Ich klopfte an die alte, hölzerne Tür und betrat das Zimmer ganz geschmeidig, um nicht den Eindruck zu machen, als ginge es mir wie ein Häufchen Elend. Mein Vater saß am Schreibtisch in einer Ecke seines Zimmers, doch er drehte sich zu mir, als ich das Zimmer betrat und nun vor ihm stand. „Sieht so aus, als hättest du heute wieder schlecht geträumt. Das Übliche?“ Ich nickte und blickte zu Boden. „Hast du eine Nachricht von dem Typen bekommen?“ Erneut nickte ich und reichte ihm das kleine elektrische Gerät. Sein Gesichtsausdruck verdunkelte sich, als er die Zeilen las. „Was… wolltest du eigentlich mit mir besprechen? Du hattest es so eilig heute Morgen?“ Er blickte vom Handy auf zu mir und legte seine schmale Lesebrille ab. „Ich weiß, das wird dir nicht leichtfallen, aber hör es dir bitte bis zum Ende an. Nach langem Überlegen habe ich entschieden, dich an ein Internat zu schicken.“ Eh? „W-Warum das? Hast du eine neue Arbeit gefunden?“ Er nickte und holte ein paar Papiere aus seiner Aktentasche. „Hier, ein Schreiben von der Schule.“ Ich nahm sie entgegen und las mir den Text durch. Anscheinend lag die Schule mit Wohnheim in einem kleinen Wäldchen. Die nächste Stadt war ein paar Stunden entfernt und man konnte die Schule nur mit dem Auto oder Bus erreichen. „Muss das wirklich sein… Ich bin kein kleines Kind mehr… ich hätte doch auch einfach zu…“ Er schüttelte mit dem Kopf. „Du brauchst eine anständige Schulbildung und jemand, der auf dich aufpasst. Den Job, den ich angenommen habe, ist in einem Krankenhaus in der nächsten Stadt, das heißt, ich werde tagsüber nicht da sein… Ach, und sieh es als Chance, aus „diesem Loch“ zu entkommen.“ Er zwinkerte mir zu. Ich wusste, dass er es eigentlich sarkastisch gemeint hatte. Jedenfalls wusste ich, dass sich mein ganzes Leben ändern würde, wenn ich nun in eine Schule gehen würde.

„Das wird hundertpro richtig anstrengend. Ich habe gehört, dass in Klassen viele Personen sind…“ Dad verdrehte seine Augen. „Das ist eine Schule, die sich auf spezielle Fälle spezialisiert, weshalb in einer Klasse nicht mehr als 15 Personen sitzen. Außerdem kannst du dich in versiedene Kurse, je nach deinen Interessen, einschreiben. Dafür bekommst du extra Noten.“ Das klingt echt nicht schlecht. „Und… wann soll ich da hin?“ „Noch diese Woche.“ Was?! Ich blickte meinen Vater entsetzt an. Ich hatte mit nächstem Jahr gerechnet, aber nicht noch diese Woche! „Wieso das denn?! Das…“ „Das liegt daran, dass das Schuljahr diese Woche begonnen hat. Außerdem wäre es nicht besonders förderlich, dich mit 17 in die zehnte Klasse zu schicken.“ „Häh? Wieso zehnte Klasse?“ Vater nickte und zeigte mir ein Stapel Blätter. Ich nahm mir eins und stellte fest…: „Das sind doch die Aufgaben, die ich hier machen musste… Und das ist nicht deine Schrift… Wer hat das denn kontrolliert?“ „Dein neuer Klassenlehrer, Herr Müller. Er meinte, du seiest genau im Niveau der zehnten Klasse, die er leitet. Ich habe sie ihm geschickt, um zu wissen, wie gut du bist. Da kam er auf die Idee, dass du die Schule, an der er unterrichtet, besuchen könntest. Er und der Schulleiter sind alte Freunde von mir. Normalerweise kommt man da nur mit einer staatlichen Empfehlung rein, doch er macht eine Ausnahme bei dir.“ Oha, so viele Informationen auf einmal. „Verstehe… Aber das kann nicht alles ein… Du schickst mich doch auch wegen Morpheus weg, nicht wahr?“ Seine Finger zuckten erwischt und er seufzte. „Vor dir kann ich echt nichts mehr geheim halten. Ja, das stimmt. Deshalb möchte ich, dass du mir dein altes Handy abtretest.“ Das kann dich nicht sein Ernst sein! „Wieso das denn?“ „Du bekommst ein neues… Hier.“ Er reichte mir eine kleine Box mit einem neuen Handy und eine neue Sim-Karte. „Oh, verstehe, um Morpheus‘ Nachrichten loszubekommen.“ Dad tippte mit dem Finger auf seine Schläfen. „Schön, dass du so gut mitdenkst. Jedenfalls solltest du deine Sachen alsbald packen. Um Geld brauchst du dir keine Gedanken machen, ich überweise dir genug auf dein Konto.“ K-Konto? Was meint er damit? Ich habe doch keins? „Aber…“ Er lächelte mich sanft an und reichte mir eine EC-Karte. „Du bist alt genug, um damit umzugehen. Es ist schon ein wenig auf dem Konto, Geld, das ich von deiner Geburt an aufgespart habe. Es reicht zu sagen, wenn ich jeden Monat 20 Glocken überwiesen habe.“ Meine Augen weiteten sich. „…“, ich war sprachlos. „Eigentlich war das Geld dafür geplant, dir zu geben, wenn du ausziehst. Im Grunde genommen ziehst du ja aus.“ Er drehte sich weg und stützte seinen Kopf auf seine Hand und seufzte leise. „Glaub mir, das fällt mir auch nicht leicht.“ „Ja, ich weiß, Dad… Dann gehe ich mal meine Sachen packen.“ Gesagt getan. Nachdenklich lief ich zurück zu meinem Zimmer. Zuerst wollte ich über das Ganze hier nachdenken. Klar, es war großartig, dass ich aus diesem Loch herauskam und in eine Schule gehen konnte, aber andererseits musste ich dafür meine Freunde hier allein lassen. Und das gefiel mir ganz und gar nicht. Immerhin kannte ich Michi, Karo und besonders Thomas seit meiner Geburt… hatte ich überhaupt noch eine Chance mich bei ihnen zu verabschieden?

Ja, die hatte ich. Anscheinend hatte Dad es allen erzählt, denn, kurz bevor ich abreiste, standen die drei vor dem Schloss. „…W-was macht ihr denn hier?“ Thomas trat an mich heran und wischte sich seine aufquellenden Tränen aus dem Gesicht. „Dein Dad hat uns gesagt, dass du auf ein Internat gehst… Deshalb sind wir gekommen um uns zu verabschieden… Du… schreibst uns gefälligst jeden Tag! Sonst sind wir nicht mehr deine Freunde!“ „Eeh?! Ich hätte das auch so getan… Dafür seid ihr mir zu wichtig. Tut mir leid, dass ich euch nichts erzählt habe…“ Karo und Michi kamen zu mir und drückten mich fest. „I-Ihre… Brüste…“ Mein Kopf schoss tomatenrot an, denn die Zwei waren größer als ich, sodass mein Gesicht an ihre kissenweichen Rundungen gedrückt wurde. „Ich… bekomm keine Luft…“ Sofort ließen sie mich los. „Schick uns eine SMS, wenn du da bist, in Ordnung?“ Nickend blickte ich zu Thomas, der mit gesenkten Blick vor mir stand. Es gab sonst keine weiteren Jungen in unserem Alter in der Stadt, klar fühlte er sich da schlecht und… einsam. „Ich komm in den Ferien zurück, da hängen wir jeden Tag ab, ok?“

Er nickte und schluckte die Tränen hinunter. „Bis… zu den Ferien…“ Ich klopfte ihm auf die Schultern, doch ein lautes Hupen riss mich aus meinen Gedanken. Vater wartete mit dem Auto auf mich. Schnell rannte ich zum Auto, ohne nach hinten zu schauen. Ich wollte es nicht, sonst würde ich wohl auch mit Weinen anfangen. Stumm saß ich auf dem Beifahrersitz und steckte mir meine Ohrstöpsel in die Ohren und schaltete meine Musik auf dem Handy an. Deshalb merkte ich nicht, wie ich einschlief, zum Leidwesen meines Vaters, der mit besorgter, gerunzelter Stirn zu mir blickte.

 

„Du versuchst also abzuhauen, kleiner Jack… Nun, heute lass ich dich mal in Ruhe… Aber mach dich bereit… denn ich verschwinde nicht einfach mal so, weil du von Zuhause weg bist…“ „Als ob ich das nicht wüsste…“

Und dann ging alles so schnell. Das nächste was ich merkte, war das mein Vater meine Schulter rüttelte und mich aufforderte, aufzuwachen. „Ah… Sind wir schon da?“ „Ja. Du hast ganz schön tief geschlafen, hattest du dieses Mal keinen Albtraum?“ Ich schüttelte mit dem Kopf. „Er war der Meinung, mich heute mal in Ruhe zu lassen. Höchstwahrscheinlich wird das das letzte Mal sein, dass er so glimpflich mit mir umgegangen ist. Du weißt, wie sehr sich die Albträume verschlimmert haben, Dad.“ Zustimmend nickte er und drosselte das Gefährt und hielt vor einem altmodischen Gebäude, es glich schon fast unserem Schloss. Außerdem fiel mir auf, dass wir uns mitten in einem Wald befanden, abgeschnitten von der Außenwelt. „Jack, hilfst du mit bitte mit dem Gepäck?“, rief mein Vater, als er den Kofferraum geöffnet hatte und eins nach dem anderen hervorholte. „Ich komm ja schon!“ Dad reichte mir ein paar Beutel und einen Koffer, und folgte ihm in das alte Gemäuer. Sofort, als er die große Tür öffnete, kam mir ein alter Geruch entgegen. Oh wow. Die Eingangshalle war voller Schüler jeden Alters. Einige von ihnen blickten zu uns, jedoch schienen sie sich nicht großartig für uns zu interessieren. „Hier hat sich echt nicht viel verändert…“, murmelte mein Vater. Verwundert blickte ich ihn an. „Uhmm, wie meinst du das?“ Dad lief vor mir zielstrebig durch den Gang. „Ach, das hatte ich dir ja noch gar nicht erzählt… Als ich 18 Jahre alt war, habe ich hier meinen Abschluss gemacht.“ Echt, Dad war hier als Kind? „Oh… dann macht es Sinn, wieso du mich hier angemeldet hast.“ Er gab ein kurzes Lachen von sich und hielt vor einer Tür an. An einem Schild neben der Tür stand mit Großbuchstaben geschrieben: „Sekretariat – J. Bosworth“ Daraus schloss ich, dass in diesem Raum der Schulleiter sitzen würde. Ich war ein wenig nervös. Hoffentlich ist er nicht streng… „Jack? Träumst du schon wieder? Also ich gehe jetzt hinein.“ Das tat mein Vater auch nach seiner Ansage und klopfte an der Tür. Eine männliche Stimme erklang: „Herein.“ Schnell atmete ich tief ein und folgte meinem Vater in das Büro. Als wir im Raum standen, kam mir ein besonderer Duft entgegen. Es roch nach alten Büchern, Zigarren und… Schokolade? Vor uns standen zwei Männer. Einer stand am Fenster, der andere stand an einer der Bücherregalen, die links und rechts den Raum füllten. Der Mann am Fenster drehte sich zu uns. Er schien in seinen Vierzigern zu sein, trug ein rotes Stirnband um den Kopf, um seine schwarzen, wilden Haare zu bändigen, die ihm bis über die Schultern gingen und kratzte sich gerade über seine Stoppeln am Kinn. Zuerst betrachtete er mich, dann schweifte sein Blick zu meinem Vater.

„Oh…. Kann das sein…? Richárd, altes Haus! Mann, ich habe dich lange nicht mehr gesehen!“ Er kam auf uns zu und schüttelte die Hand meines Vaters freundschaftlich. „Und… wer bist du? … Ah, du bist Jack, nicht wahr?“ „Ja…“ „Ich habe dich bisher nur auf einem Kinderfoto gesehen… Mensch, bist du groß geworden.“ Er wusste also schon mal mehr über mich, als ich über ihn. „Dad, kennst du ihn?“ Ein Nicken seinerseits. „Er ist ein Kumpel aus meiner Schulzeit, wir haben wirklich viel Unsinn angestellt, aber… das beiseite. Er heißt Jordan Bosworth und ist der Schulleiter. Und er da…“, Dad blickte zu dem Mann am Bücherregal, „Ist Dan Müller, dein Klassenlehrer. Aber ich denke, er stellt sich dir auch noch vor.“ Der Mann lächelte und kam nun ebenfalls zu uns. „Wie dein Vater schon gesagt hat, ich bin Dan Müller, dein Klassenlehrer. Ich unterrichte in den Fächern Mathematik und Sport.“ Eine Hand reichte nach meiner und schüttelte sie. „H-hallo…“ Der blondhaarige Typ lächelte freundlich und ließ meine Hand nach einer gefühlten Ewigkeit los. Dann keilte sich Dad ein, als er mein Unwohlsein bemerkte. „Er… ist noch ein wenig zurückhaltend, was andere Menschen angeht… Du weißt Bescheid wegen der Sache.“ Was?! Hatte Dad dem Typen darüber erzählt?! „Herr Müller war übrigens der Lehrer, der deine Arbeiten kontrolliert hat, und als ich ihm ein wenig über dich erzählt habe, war er der Meinung, dass du hier gut aufgehoben wärst.“ Herr Müller nickte zustimmend und reichte mir einen Stoffbeutel in die Hand. „In dem Beutel findest du alles Wichtige für deine Schulbildung, Bücher, Arbeitshefte, und so weiter.“ „D-Danke.“

Mein Vater unterhielt sich noch ein bisschen mit den zwei fremden Männern, während ich mich ein klitzekleines bisschen sammeln konnte. Diese Schule… Hier ist mein Vater bis zu seinem Abschluss eingeschrieben gewesen… Eine Schule für Problemkinder… Hah, das beschreibt mich ja perfekt… Ein 16-Jähriger, der keine Lust aufs Lernen hat und von einem mysteriösen Mann mit Rabenmaske bedroht wird. Na super, da wird man ja sofort als bescheuert abgestempelt! Wütend kreuzte ich meine Arme und blickte stichelnd zu den Männern. Mein Vater hatte dies sofort bemerkt und brach das Gespräch mit ihnen höflich ab. Er kam zu mir aufs Sofa und setzte sich neben mich. „Ich kann mir schon vorstellen, was du jetzt denkst, Jack. Aber auch ich war mal hier auf der Schule… Wegen… naja, sagen wir mal, ernsteren Problemen. Glaub mir, hier wird dich niemand auslachen… Die meisten hier haben weitaus mehr Probleme als du. Aber ich denke, das wirst du schnell merken.“ „… schon klar…“ Seufzend legte er einen Arm um meinen Oberkörper und drückte mich kurz. „Das schaffst du, Jack. Oder willst du jetzt schon aufgeben, bevor du es ausprobiert hast?“ Grummelnd befreite ich mich aus seiner Umarmung und richtete mich auf. „Nee, auf keinen Fall.“ „Das wollte ich hören! Dann kann es ja losgehen. Dan, wenn ich dich bitten dürfte…“ Blitzschnell drehte ich mich zu Herr Müller, der noch etwas in der Hand hatte. Zuerst sah es nur wie eine große weiße Tüte aus, doch als er sie mir reichte, klopfte mein Herz wie wild. „Mach sie auf, Jack.“ Sie war prall gefüllt und weich. Ich riss sie eilig auf und darin befanden sich…

„Schuluniformen! Und eine Tasche! Klasse!“ Ich wollte schon immer mal eine Schuluniform haben! „Unser Kleidungscodex ist nicht so streng wie der in einer Privatschule in London oder Cambridge, aber wir bitte alle Schüler und Schülerinnen, wenigstens die Hose und den Blazer zu tragen.“ Das verpasste dem Ganzen doch noch ein Sahnehäubchen. „Darf… ich die gleich anziehen?!“ Herr Müller und der Schulleiter grinsten. „Natürlich, wir bitten dich darum, du bist doch jetzt ein offizieller Schüler unserer Schule.“ Nun doch aufgeregt, verschwand ich ins nebenzimmer und zog mir mein Pullover und Hose vom Leib, und schlüpfte in das weiße, langärmliche Hemd, den koboldblauen Blazer und die schwarze Hose. „Komm, ich helfe die bei der Krawatte.“ Herr Müller zeigte mir, wie man eine Krawatte bindet und schon sah ich wie ein komplett anderer Mensch aus. „Die Ärmel und Hosenbeine sind ein wenig lang, aber da wächst du sicherlich hinein.“ Lächelnd sah ich mich von oben bis unten im Spiegel an. Uwah!! das war klasse… Im Spiegel sah ich den weichen, stolzen Blick meines Vaters. „Das erinnert mich an damals, als ich meine bekommen habe… Sie ist immer noch die gleiche wie früher, ihr habt das Design nicht verändert. Nun… jetzt wird es langsam Zeit für mich zu gehen…“ Ich drehte mich zu meinem Vater, der sich aus dem alten Ledersofa erhoben hatte und umarmte ihn fest. „Hey, wir sehen uns doch in den Sommerferien wieder… Humm, okay, verstehe schon…“ Wortlos klammerte ich mich an ihn und genoss noch einmal seine Körperwärme und die Ruhe, die mein Vater von Natur ausstrahlte. „Bis… zu den Sommerferien, Dad.“ Lächelnd ließ er mich los und drehte sich langsam um. Und dann… war er weg. Ich schaute aus dem Fenster auf den Parkplatz, wo unser Auto stand. nach ein paar Minuten stieg Dad ein und fuhr langsam vom Grundstück des Internats. „Also, führst du ihn ein wenig herum, Dan?“ Der blonde Mann blickte auf seine Armbanduhr, die er rechts trug. Er musste also Linkshänder sein. „Hmm, meine Stunde beginnt gleich… Aber der Heimleiter von seinem Flügel könnte ihn ein bisschen herumführen, er hat gerade eine Freistunde. Ich nehme ihn mit zum Lehrerzimmer.“ „Danke. Nun dann, bis später, Jack.“ Ich nahm meine Koffer, den Lernbeutel und die Schuluniformen nahm Herr Müller an sich, den ich bis zum Lehrerzimmer begleitete. Mit einem Schlüssel schloss er die alte Holztür auf und der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee kam in meine Riecher. „Ich hole ihn fix.“ Als er aus meinem Sichtbereich gelang, blendete ich das meiste aus. Im Hintergrund hörte ich viele Stimmen, Kratzen von Stühlen, Stiften und das Rascheln von Blättern. Ich schloss meine Augen und lauschte ein paar Gesprächen… „Ich muss mir noch etwas für das Naturprojekt der Achten ausdenken…“ „Wie wäre es, wenn du mit ihnen in den Wald gehst und ein Zeltlager machst?“ Weiter hinten ging es um eine schwierige fünfte Klasse, und andere sprachen über Klausuren und Abiprüfungen. In einer Ecke knarzte ein Drucker und einer Lehrerin fiel ein Kugelschreiber zu Boden. „Hallo? Wer da?“ Ich schreckte auf, als eine große Hand auf meiner Schulter landete. Ein großer, schlaksiger Mann in Kragenshirt, rotem Blazer und hochgekrempelten Jeans stand vor mir. „Oh, Entschuldigung… ich war in Gedanken…“ Ich blickte zu ihm hoch. Er war wirklich sehr groß. Seine grünen Augen betrachteten mich mit einer bestimmten Art und Weise, die ich nicht richtig beschreiben konnte. Der Mann wusste, was er tat. Nervös schluckte ich und erwartete eine Standpauke. Doch dann grinste der Typ freundlich. „Du musst Jack von Janitzki sein. Hi, ich bin Thomas Hoffmann, ich bin der Heimleiter für die Jungen der Klasse 7 bis 10.“ Schnell schüttelte er meine Hand und meine Nervosität war wie verflogen. „H-hallo.“ Er nahm mir die Koffer ab und nahm mich mit durch das riesige Schulgebäude.

„Dort im Roten Gebäude ist der Grundschulbereich…Natürlich hast du dort kein Unterricht.“ Er deutete draußen auf ein modernes, bunt gestaltetes Gebäude, aus dem jüngere Schüler kamen. Sie beachteten wir nicht weiter. Weiter ging es die Treppe hinauf, zu einer großen Halle. „Hier ist der Sammelbereich für die Klassen 7 bis 10. Da hinten beginnen die Klassenzimmer. Komm, ich zeig sie dir.“ „A-aber ist nicht gerade Stunde?“, sagte ich, mich an die Worte von Herr Müller erinnernd. „Stimmt schon, aber an den Türen hängen Türschilder mit den Fächern, die dort stattfinden.“ Deshalb liefen wir den Gang entlang und ich konnte jedes Schild kurz lesen. Auf der ersten Etage gab es einen Raum für Deutsch, Englisch und Geschichte, einen Raum für Chemie und Biologie und einen für Physik. Auf der zweiten Etage gab es ein Computerkabinett, einen Raum für Ethik und einen Wirtschafts- und Erdkunderaum und eine Lehrküche. Im Keller, so sagte jedenfalls Herr Hoffmann, gab es noch eine Holzwerkstatt und einen Schulclub. „Über uns sind die Räume für die Abiturienten. Dort kommst du noch von selbst hin. Rechts und links von uns gibt es noch Treppen, die alle Etagen und das Internat miteinander verbinden. So, jetzt bleibt ja nur noch das Internat übrig. Dafür müssen wir ins Erdgeschoss. Beide Treppen haben im Erdgeschoss und ganz oben einen Übergang, die zum Internat führen. Links zu den Räumen der Jungen, rechts zu denen der Mädchen.“

Uhh, streng getrennt in verschiedenen Gebäuden, wie von einem britischen Internat zu erwarten war. Aber macht schon Sinn, sie müssen sich ja absichern, das Gesetz will es so. „Folge mir und präge dir den Weg ein, ab morgen musst du allein laufen.“ Nicht sein Ernst! Wohl oder übel musste ich das, wenn ich mich hier zurechtfinden will. Deshalb merkte ich mir bestimmte Wegpunkte, die ich später in meinem Kopf zusammenpuzzeln konnte, um den Weg zurück ins Schulgebäude zu finden. Als wir im Internatsteil ankamen, rannten uns zwei jüngere Buben entgegen, ich schätzte sie auf dreizehn oder vierzehn. Der Lehrer schnappte sich beide beim Kragen. „Vincent, Tim, wie oft muss ich euch sagen, dass ihr im Flur nicht rennen sollt! Zur Strafe macht ihr heute den Küchendienst.“ Beide grummelten und schlurften den Flur dann langsam weiter. Ich hatte so den Eindruck, dass Herr Hoffmann nicht besonders beliebt bei den Jungen war. (Kein Wunder, so streng wie er ist.) „Immer dieselben. Sorry, Jack. Wir können jetzt weiter.“ Schulterzuckend lief ich hinter ihm her und blickte mich um. Die Wände waren mit hellblauem Mosaik-Scherben verziert und sah sonst sehr modern aus. „Ach, übrigens… Jeder Schüler teilt sich ein Zimmer mit einem oder zwei weiteren Mitschüler aus derselben Klassenstufe.“ Das hatte ich erwartet, weshalb ich mich im Voraus darauf mental vorbereitet hatte. „Und mit wen teile ich ein Zimmer?“ Der Lehrer kniff seine Augen zusammen und blieb vor einer Tür stehen. „Jeromé Marcen. Er geht in deine Klasse. Mach dich darauf gefasst, dass er… recht unordentlich ist. Ich hoffe, das bessert sich…“ Der Pauker klopfte an die Tür und wartete. Im Hintergrund hörte ich ein lautes Scheppern, ein Knarzen, danach nackte Füße auf dem Holzfußboden. Na das klang ja schon mal himmlisch… nicht. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit und ein bebrillter braunschopfiger Junge blickte hindurch. Als er Herrn Hoffmann sah, öffnete er die Tür. Und was da in meinem Blick geriet, überbietet mein altes Zimmer in allen Punkten. Überall lagen Anziehsachen, Plastikverpackungen und Zeichenmaterialien. „Was ist den los, Hoffi…?“ Als sich der braunhaarige Junge vor uns gerade hinstellte, sah ich erst, wie riesig er war. Entsetzt blickte ich von dem Sauhaufen und dann zu Jeromé, der sich durch die wilden braunen Locken rieb. „Für dich Herr Hoffmann. Hier sieht es wieder himmlisch aus. Kannst du nicht etwas Ordnung halten?“ Der Angesprochene schwieg. „Nun, wie auch immer. Du bekommst ab heute…“ Der Pauker wurde von Jeromé unterbrochen. „Ach, der Neue… Ja schon klar… Hi.“ Er reichte mir seine riesige Pranke. Zögernd nahm ich sie entgegen. Sie war feucht vor Schweiß. Ugh! Schnell wischte ich sie mir am Shirt ab. „So, ich lass euch jetzt allein, wenn etwas ist, ich bin im Zimmer am Ende des Flurs.“ Damit verschwand der Typ und nun stand ich wie ein hilfloses, verlaufenes Kind in der Türschwelle. „Komm rein.“, forderte mich mein neuer Zimmergenosse auf. Erschrocken blickte ich ihn an. „Hey, du brauchst echt nicht so steif sein.“ „Sorry, ich habe mir das echt nicht ausgesucht… Also…“ Seufzend trat ich in den Saustall und schmiss mein Rucksack auf das freie Bett im hinteren Teil des Zimmers. „Willkommen im Raum Anubis… Meinem Reich. Fühl dich wie Zuhause. Auch wenn es ein wenig… unordentlich ist.“ Ein wenig ist untertrieben… „Lass mich raten… Dein Vater hat dich hierhergeschickt?“  Stumm nickte ich, als ich ein paar wichtige Sachen aus meinem Rucksack räumte. „Geht mir genauso. Was hast du angestellt?“ Fragend blickte ich ihn an. „Nichts…“ Überrascht wurde ich von ihm herumgewirbelt. „Das glaub ich nicht! Ein Schüler ohne Vorgeschichte? Das gabs seit mindestens 20 Jahren nicht mehr… Der Letzte ist heute Arzt…“ Sprach er vielleicht von meinem Vater? Naja, ganz stimmte das so nicht. Ich hatte eine Vorgeschichte, nur nicht so eine wie viele andere hier. „Hmm… Nun, jetzt kann ich es auch nicht mehr ändern. Ach, ich heiße übrigens Jack. Jack von Janitzki.“ „Ein Adelstitel? Kommst wohl aus guten Verhältnissen?“ Schulterzuckend riss ich mich von ihm los. „Ich mach mir nicht viel daraus. Was bringts mir auch Großes? Ich habe kein Bock darauf, als „Prinz“ bezeichnet zu werden.“ Jeromé seufzte und grinste dann breit. „Du bist voll in Ordnung, ich mag dich.“ Puh, und ich dachte schon, er wird sofort auf die „Prinzen“-Tour gehen.

 

Am nächsten Tag hatte ich schon meine erste Stunde. Zum Glück nahm mich Jeromé überall mit, sodass ich nicht allein durch die langen, verworrenen Flure des alten Schulgebäudes gehen musste. In der ersten Stunde hatten wir Englischunterricht. Als ich die Tür zum Klassenzimmer öffnete, bot sich mir ein Bild, das ich bisher nur aus Büchern kannte: Frontalunterricht mit Sitzreihen. Fast alle Sitzplätze waren bereits besetzt, jedoch gab es noch zwei freie Plätze, einer am Fenster und der rechts daneben. Ich kniff meine Augen zusammen und konnte ein Namensschild auf dem Fensterplatz erkennen. Mein… Name? Oh, dann muss das mein Platz sein. Ich musste höllisch aufpassen, nicht über die Schultaschen der anderen zu stürzen, als ich durch die Gänge zwischen den Tischen lief. Seufzend setzte ich mich auf den Holzstuhl und blickte zu den anderen. Sie tuschelten leise untereinander, doch als Jeromé sich rechts neben mir auf den Stuhl setzte, wurde es ruhig. Und da schaltete ich schon aus. Ich bemerkte nicht, wie sich das Klassenzimmer langsam füllte. Auch den Lehrer bemerkte ich nicht, doch als plötzlich ein schrilles Klingeln ertönte, schreckte ich laut auf. „W-was zur Hölle war das?!“ Meine neuen Mitschüler kicherten leise, doch der Lehrer beauftragte die Klasse leiser zu werden. „Schön, dass du heute da bist. Komm doch zu mir nach vorne und stell dich vor.“ Schluckend ging ich denselben Weg zurück und stellte mich mit dem Rücken zur Tafel und starrte in die Runde. „H-Hallo… ich bin Jack von Janitzki… I-ich komme aus dem Süden…“ Der Lehrer, der etwas älter zu sein schien, blickte mich überrascht an. „Janitzki? Bist du vielleicht der Sprössling von Richárd von Janitzki?“ Jetzt war auch ich überrascht. „Sie kennen mein Vater?!“ „Aber ja! Ich habe ihn damals auch unterrichtet. Ein toller Bub.“ Oh nein, das fängt ja schon gut an, jetzt hat er große Erwartungen an mich. „Um… genau zu sein, bin ich bisher noch nie in einer Schule gewesen… ich bin also nicht so… gut wie er?“ Die anderen tuschelten leise, doch hörten dann auch wieder auf. „Das wird schon, Jack. Wenn du möchtest, kannst du dich jetzt wieder hinsetzen.“ Ich war ihm dankbar, dass ich wieder aus dem Rampenlicht verschwinden konnte. „Was du da eben gehört hast, das war das Stundensignal, auch Stundeklingeln genannt, es signalisiert den Anfang und das Ende einer Stunde.“ „Verstehe, Entschuldigung wegen vorhin, ich kenn das einfach nicht.“ Wieder erhielt ich ein Lächeln des Lehrers.

Die Stunde verlief recht ereignislos, sogar so sehr, dass ich mich wunderte wieso sich niemand über den langweiligen Schulstoff beschwerte. Sie nahmen es wohl einfach hin. Schon am Anfang der Stunde merkte ich, wie wenig ich im Vergleich zu den Anderen wusste. „Uff, hätte ich gewusst, dass Dad mich irgendwann in eine Schule schicken würde, hätte ich mir mehr Mühe gegeben, alles zu verstehen.“ Frustriert biss ich auf meinem Füller herum, bis mich Herr Wilson antippte. Er beugte sich zu mir hinunter und blickte auf meine Aufzeichnungen. „Kommst du hinterher, Jack?“ „Uhmm… geht schon.“ Er seufzte, zog den Stuhl neben mir zu sich und nahm neben mir Platz. „Ich sehe schon… zeig mir, womit du nicht klarkommst.“ Ich lief tomatenrot an, als sich ein paar Mitschüler nach hinten drehten. Doch sie wandten sich schnell ab, als sie sahen, dass Herr Wilson mir half. „Also… Ich verstehe den Text nicht wirklich…“ „Das habe ich mir schon gedacht, der Text ist in alter Sprache geschrieben. Und als wir Übungen dazu gemacht haben, warst du noch nicht bei uns. Dafür kannst du demnach nichts. Du musst dich nicht für etwas schämen, das du nicht verstehst. Genau deswegen sind wir Lehrer da. Alle Lehrkräfte an dieser Schule haben eine spezielle Zusatzqualifikation dafür.“ „Zusatzqualifikation? Was ist das?“ „Einfach gesagt haben wir einen Kurs absolviert, in dem wir Methoden und Theorien für die Unterstützung von lernschwächeren Kindern und Jugendlichen erlernt haben. Wir sind also Experten darin, Leute wie euch zu helfen.“ Ich senkte den Blick. War ich wirklich so schlecht? „Nicht alle Schüler haben eine Lernschwäche. Aber der Begriff Lernschwäche ist breitgefächert. Lernschwäche kann bedeuten, dass man, wie der Begriff sagt, durch erbliche Komponenten nicht gut lernen kann. Lernschwäche kann aber auch die fehlende Bereitschaft zum Lernen bedeuten. Du musst dich also nicht abgestempelt fühlen, Jack.“ Leicht nickte ich. „Wie wäre es, wenn wir uns nach dem Unterricht ein wenig unterhalten? Ich möchte gerne wissen was du alles schon kannst, damit ich mich darauf vorbereiten kann.“ Ich bejahte seine Frage und er setzte seinen Unterricht von meinem Platz (!) aus fort, bis die Schulklingel den Unterricht beendete. „Hey, ich warte dann auf dem Schulhof auf dich. Bis später, Neuer.“ Jeromé packte seine Sachen und huschte aus dem Zimmer, wie alle anderen Schüler.

Herr Wilson wischte die Tafel ab, als er das Gespräch ganz lässig begann. „Wie findest du es hier bisher? Konntest du dich einfinden?“ Ich zuckte mit den Schultern, doch als ich Dummkopf bemerkte, dass er es natürlich nicht sehen konnte, gab ich ein Wort von mir. „Ich weiß noch nicht so recht, wie ich das alles so finden soll. Aber an sich ist echt… nicht übel.“ Der ältere Pauker lachte kurz. „Dein Vater hat damals fast genau das Gleiche gesagt. Aber am Ende wollte er gar nicht mehr gehen.“ „Echt?! Wow, das hätte ich echt nicht von ihm erwartet.“ Als er fertig mit dem Tafelwischen war, kam er wieder zu mir nach hinten und setzte sich erneut neben mich, sodass wir beide auf Augenhöhe waren. Daniel hat das auch immer gemacht, als er noch da war… „Genug zu deinem Vater. Erzähl mir mal, wieso ein Junge wie du hierhergekommen bist.“ Ich schluckte und kniff die Augen zusammen. „Sie wissen doch schon bescheid, oder?“ „Nun, im Groben, ja. Aber ich hätte gern deine Sichtweise dazu.“ Mein Bauch drehte sich um, als ich das gedankliche Abbild von Morpheus in meinem Kopf bekam. Ich holte tief Luft, bevor ich anfing zu sprechen: „Also… Eigentlich hat es mit dem Verschwinden meines Privatlehrers, Daniel Ewans, begonnen. Wir wissen seit ein paar Jahren nicht, was mit ihm passiert ist. Die Polizei hat das erste Jahr nach ihm gesucht… Nun gilt er als tot. Als ich dreizehn war, bin ich verbotenerweise in sein Haus mit einem Freund eingestiegen, um auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen.“ „Und, habt ihr etwas herausgefunden? Also, du musst es mir nicht erzählen, wenn du das nicht möchtest.“ Ich mied seinen Blick als er mich anlächelte. „Also… wir haben ein verstecktes Büro hinter einer doppelten Wand gefunden, indem Daniel so einiges versteckt hatte. Wir wussten zwar, dass seine Familie wohlhabend war, aber dass seine Familie wohlhabender als meine ist, wusste ich bis dato nicht. Sein Vater war in dem Jahr gestorben, weshalb er das gesamte Erbe bekam. Und mit dreizehn malt man sich da die krassesten Geschichten aus.“ „Und die wären?“ Ich lachte kurz. „Thomas und ich waren davon überzeugt, dass er deswegen entführt wurde oder untertauchen musste, um sich zu schützen.“ Herr Wilson kicherte kurz und stützte seinen Kopf ab. „Könnte es nicht einfach sein, dass er mit dem Geld ins Ausland verschwunden ist? Oder zur Beerdigung seines Vaters gegangen ist?“ „Wissen Sie, Daniel ist… nicht so eine Person, die einfach so ohne Mitteilung verschwindet. Mein Vater und er sind beste Freunde, die sich alles erzählen würden. Außerdem… kenne ich ihn, seit ich ein Baby bin. Das sind immerhin dreizehn Jahre.“ Wilson nickte und rieb sich das Kinn. „Aber nicht immer kann man alles wissen. Manche Leute verbergen Geheimnisse jahrelang erfolgreich. Wer weiß, ob du den richtigen Daniel kennst, oder nur eine Fassade von ihm.“ Ich schüttelte den Kopf. „Naja, wir schweifen ab. Du warst noch nicht zu ende, nicht wahr?“ Ich musste zugeben, dass Herr Wilson sehr spitzfindig für so etwas war. „Ja. In der Nacht, bevor wir Daniels Haus durchsucht haben, bekam ich einen Anruf von einer unterdrückten Nummer. Die Person am anderen Ende stellte sich als „Morpheus“ vor, der Gott der Träume. Er drohte mir, wenn mir das Leben meiner Familie am Herzen liegt, mich bereit zu machen und dass niemand Morpheus‘ Fängen entkommt. Danach hat er aufgelegt. Ich nahm das alles als Scherz wahr und bin einfach schlafen gegangen. Das Kuriose kommt aber jetzt erst. Der Typ ist mir im Traum begegnet… komplett in Schwarz und mit einer Rabenmaske auf dem Gesicht, weshalb ich ihn nicht erkennen kann. An dem Tag habe ich versucht, zu entkommen, aber er hat mich festgehalten. Und… ich weiß nicht, ob es Einbildung war, oder real, aber er hat wie… Blut gerochen. Nicht so, wie frisches Blut riecht, sondern… wie richtig altes Blut von einer Leiche, die mehrere Jahre alt ist. Fragen Sie mich nicht, wieso ich weiß wie das riecht.“ Der Mann zog eine Augenbraue nach oben, fragte mich aber echt nicht wieso. „Danach bin ich wieder aufgewacht. Ich habe diese Nacht einfach als abgeschlossen betrachtet, jedoch verfolgt der Typ mich immer noch jede Nacht in meinem Träumen und versucht mich zu töten.“ Herr Wilsons Augen weiteten sich mit Entsetzen. „Immer noch?! Wird man davon nicht langsam wahnsinnig?!“ Als er meinen zerknirschten Blick sah, verstummte er. „Das ich überhaupt noch bei Sinnen bin, verdanke ich meinen Freunden und meinem Vater. Jedoch hat er wieder eine Arbeit angenommen, weshalb er mich hierhin geschickt hat. Für… mein eigenes Wohl, denke ich.“ „Das kann ich verstehen. Gibt es etwas, womit ich dir helfen könnte?“ Ich drehte meinen Kopf zu ihm. „Nein, ich glaube nicht. Aber… trotzdem danke, dass Sie sich meine Geschichte angehört haben.“ Der Pauker schüttelte mit dem Kopf und richtete sich auf. „Nein, ich muss danken. Ich habe nun ein eindeutig besseres Bild von dir. Du kannst jetzt die restliche Pause genießen.“ Fragend blickte ich ihn an. „Ich dachte, Sie wollten…“ Ich konnte meinen Satz nicht beenden, denn der ältere Mann unterbrach mich. „Ich glaube, dass ist jetzt unangebracht. Erhol‘ dich ein bisschen, ihr habt nach der Pause Mathematik.“ Genervt ließ ich meinen Kopf nach unten auf die Tischplatte sacken. „Och nöö!“ Lachend verließ der Mann den Raum, wartete jedoch auf mich, denn er musste ihn noch abschließen.

Eilig rannte ich durch den Flur, um zum Schulhof zu gelangen. Jeromé stand an einen Getränkeautomaten um die Ecke gelehnt und tippte auf seinem Smartphone herum. Als er mich hörte, hob er den Kopf und kam auf mich zugelaufen. „Hast du Hunger? Bis zur Cafeteria können wir es noch schaffen, um die Uhrzeit sind eh dort alle schon weg.“ Nachdenklich rieb ich mir den Bauch. „Ein Sandwich könnte ich schon vertragen.“ Der schlaksige Junge grinste und zog mich am Ärmel durch die breiten, altmodischen Gänge des Schulgebäudes. Und er hatte recht, die Cafeteria war wie leergefegt. „Wow.“ „Na ihr zwei Küken, seid ihr hungrig?“ Ich drehte mich zur Quelle der weiblichen Stimme und sah, wer hätte es gedacht, eine Frau. Sie war zu 100% die Verkäuferin. „Ja, haben Sie Sandwiches?“ „Aber ja, Häschen, ich habe welche mit Ei, Mayonnaise, Salat, Wurst und Käse.“ Sie deutete auf eine Tafel an der Wand. „Dann… nehme ich ein Sandwich mit Ei und Mayonnaise.“ „Kommt sofort.“ „Und was willst du, Jeromé?“ Er lehnte kopfschüttelnd ab. Nach ein paar Minuten kam die pummelige Frau zurück und reichte mir ein frisch belegtes Sandwich. „Das wären dann 90 Pence.“ Ich reichte ihr die Münzen und biss herzhaft in das Brot. Das schmeckte herrlich!

Nach dem leckeren Sandwich machten wir uns auf den Weg zurück ins Schulgebäude, denn die Pause war so gut wie vorbei und keiner von uns beiden hatte Lust zu spät zu kommen. Nach Mathe hatten wir noch Biologie und Sport. Zu Sport kamen wir zu spät, denn die Glühbirne Jeromé hatte doch tatsächlich seine Sportsachen vergessen, weshalb wir den ganzen Weg zurück ins Internat laufen mussten und dann erst zur Turnhalle konnten. Was für ein Idiot! Das war schonmal kein guter Eindruck bei meinem Klassenlehrer. Der stand auch schon am Eingang der Turnhalle. „Da seid ihr ja endlich! Wir warten nur auf euch! Ich drücke dieses Mal ein Auge zu, aber seid beim nächsten Mal bitte pünktlich.“ Hastig stürmten wir in die Umkleidekabinen und quetschten uns auf eine der Bänke, um dort unsere Sachen abzulegen und um uns umzuziehen. „Oh Mann, die warten echt…“ „Das macht der Müller immer so, deshalb vermeide ich es, bei ihm zu spät zu kommen.“ Jeromé klang nicht gerade begeistert, was mir wenig Hoffnung bescherte. Als wir in T-Shirt und Shorts in den Hauptteil der Halle traten, tuschelten die Meisten untereinander. Als sie uns erblickten, blickten sie uns mitleidig an. „Da sind ja unsere Zuspätkommer…“ Herr Müllers‘ Stimme erklang durch die Halle. Grinsend kam er zu uns und hielt uns jeweils ein Springseil entgegen. Fragend blickte ich Jeromé an, der tief seufzte. „Müller bestraft jeden der zu seinem Unterricht zu spät kommt, meistens mit Laufen, Sit-Ups, Liegestütze oder Springseilspringen.“, flüsterte er mir zu. „So ihr Zwei. Ihr habt… drei Minuten Zeit, um mir 200 Seilsprünge zu zeigen, sonst bekommt ihr 50 Punkte Abzug für das Jungeninternat. Jeromé, du weißt, was das heißt.“ Häh?! Sind wir hier in H**ry Po**er oder was?! Jeromé drückte mich weiter, weshalb ich wohl oder übel mit ihm vor die Klasse treten musste. Die Mädchen kicherten leise, als Herr Müller uns Springseile in die Hand drückte. „So, Jungs. Macht euch bereit. In 5 Sekunden geht es los. Fünf, vier, drei, zwei, eins, los!“ Stöhnend hüpfte ich, so schnell es mir möglich war, los. Ich wusste, dass ich in etwa einer Minute 150 Sprünge schaffen konnte, aber ob ich es die drei Minuten aushalten würde, war eine andere Sache. Ächzend musste ich eine kurze Pause einlegen, als ich bei 145 Sprüngen war. „Hey, jetzt nicht schlapp machen! Du hast noch ein paar!“ Sofort fing ich wieder an zu springen, aber es wollte mir nicht so recht gelingen. Meine Arme schmerzten und waren gleichzeitig so müde wie nie. „Jack, schwing das Seil nur aus deinem Handgelenk!“ Aus dem Handgelenk? Genervt probierte ich Herr Müllers Tipp aus – und brachte tatsächlich etwas! Es war mir nun ein leichtes Spiel die restlichen 55 Sprünge darzubieten. Ich war sogar noch vor dem Zeitlimit fertig.

Laut ächzend ließ ich mich auf den Hallenboden sinken. „Nicht schlecht, Jack. Du kannst dich wieder hinsetzten. Jeromé, noch 13 Sprünge, dann hast du es geschafft!“, brüllte uns der Sportlehrer zu. Die nächsten Jahre würden echt lustig werden mit dem Typ. Nicht. Auch Jeromé hatte die 200 Sprünge mit ach und Krach gemeistert und schmiss sich schwer atmend auf den Boden. Kopfschüttelnd wendete er sich dem anderen Jungen zu. „Ihr braucht echt mehr Ausdauer, Jungs. Aber das bekommen wir schon hin in den nächsten Jahren. Ihr dürft euch jetzt hinsetzen.“ Ich verdrehte die Augen und lies mich auf die Bank sinken und beobachtete das folgende Unterrichtsgeschehen.

Nach dem Sportunterricht rannten wir laut lachend in die Kabinen. „Das war echt eine geile Aktion von Terry, als er sich beim Zweifelderball abgerollt hat! Oh man, echt einmalig!“ Jeromé konnte vor Lachen nicht antworten, weshalb ich den schweißverschmierten Riesen in die Garderobe schleppte. „Was haben wir eigentlich nach der Pause?“ Die Meisten in der Klasse machten Kotzgeräusche. „Gemeinschaftskunde, blergh!“ Auch ich verzog das Gesicht, denn ich erinnerte mich an all die langweiligen Stunden mit Daniel und meinem Vater. „Sag‘ mal, bleibst du in den Ferien im Internat oder fährst du nach Hause, Jack?“ Wieso fragt er das jetzt? Das steht irgendwie gar nicht im Kontext unseres Gesprächs. „Das weiß ich noch nicht so genau, aber in den Sommerferien fahre ich nach Hause. Meine Freunde werden sonst fuchsteufelswild.“ Er nickte und starrte auf seine Schultasche. „Und du? Bleibst du im Internat?“ Wieder ein Nicken von dem schlaksigen Jungen. Auch war sein Blick nicht gerade fröhlich. Was der Blick in Zusammenhang mit seiner Frage bedeutete, würde ich erst später herausfinden. Noch kannte ich ihn nicht genug, um mich mit seinen Problemen auseinander zu setzen, außerdem hatte ich selbst mit einem Problem namens Morpheus zu kämpfen, weshalb ich keinen Gedanken an die Seinen verschwendete. Auch fehlte es mir an Empathie, sodass ich keine Ahnung hatte, was gerade in seinem Kopf und in seiner Gefühlswelt vor sich ging.

Apropos Morpheus. Der Typ mit der Rabenmaske war immer noch nicht verschwunden. Zwar bekam ich keine SMS mehr von ihm, aber er terrorisierte mich dennoch stets jede Nacht aufs Neue. Dabei war er am Anfang nicht sehr kreativ gewesen, aber mit der Zeit wurden seine Handlungen immer extremer und hasserfüllter. Auch nach den 3 Jahren hatte ich immernoch dieselbe Frage: "Warum?" Was ich wusste, dass er mich gut kannte, jeden Gedanken, jedes Gefühl schien er zu wissen, als ob er meine Gedanken lesen könnte. Genau das machte mich verrückt - und ließ mich an mir selbst zweifeln. Hatte ich dem Menschen, der hinter der Maskerade steckte irgendwann Irgendetwas angetan, dass er mich töten will? Noch konnte ich es verstecken, aber wie wird es aussehen, wenn ich mal unter Stress stehe und Schlaf brauche? Zuhause war das nie ein Problem gewesen, Dad wusste ja darüber Bescheid. Klar, alle Lehrer wurden darüber informiert, aber ich bezweifle, dass jeder von ihnen so sehr daran interessiert ist wie Herr Wilson. Jedenfalls dachte ich, das alle Lehrer darüber wussten, bis zu einem ganz bestimmten Tag.

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LizTonks Am 14.04.2019 um 9:09 Uhr Mit 1. Kapitel verknüpft
Huhu
das 2. Kapitel hat mir auch gut gefallen. Was eine Hau-Ruck-Aktion mit dem Internat. Wenn ich Jack wäre, würde ich wahrscheinlich ausflippen, allein schon, weil ich mich schwer an neue Orte gewöhnen kann. Dass sein Vater ihn einfach so ohne weitere Vorwarnung 'wegschickt' finde ich krass. Dass Jack es so gut aufnimmt ist eigentlich ziemliches Glück. Auch wenn sein Vater es natürlich nur macht, um ihm zu helfen. Insofern merkt man schon, dass Jack seinem Vater nicht scheißegal ist.
Das Internat wirkt soweit ja ganz in Ordnung, auch wenn ich echt nicht gerne in dem Sportunterricht mitmachen würde. Ich mag Internatgeschichten echt gerne, bin also gespannt wie es sich noch alles entwickeln wird.
Die Dialoge haben mir wieder gut gefallen. Nur die Absätze könntest du der Lesbarkeit wegen noch anpassen :)
Ich hoffe, es geht bald weiter :)
LG
Liz
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LizTonkss Profilbild
LizTonks Am 10.03.2019 um 22:04 Uhr Mit 1. Kapitel verknüpft
Huhu,
mir hat der Anfang deiner Geschichte schon mal sehr gut gefallen. Das Thema gefällt mir und anders als so manch andere Geschichten sind in deiner die Szenarien und Dialoge auch sehr realistisch. Jack tut mir leid. Auch wenn sein Vater nicht wie ein Monster wirkt, wünschen würde ich ihn mir jetzt nicht.
Und die richtige Portion Spannung war auch dabei.
Eine Sache habe ich noch anzumerken: Absätze. Bei jedem neuen Sprecher sollte man der Leslichkeit halber einen Absatz machen.
Ansonsten habe ich nichts zu meckern. Du hast einen sehr angenehmen Schreibstil.
LG Liz
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NightmaresOfJack (Autor)Am 11.03.2019 um 16:23 Uhr
Danke Liz für deinen tollen Kommentar :3

Ich finde, wenn mann schon einen Mystery-Drama-Roman schreibt, sollte man realistisch bleiben, sonst kann sich der Leser/die Leserin nicht in die vorkommenden Personen, in diesem Fall Jack, hineinversetzen. Ich versuche bei meinen Lesern Empathie zur Hauptperson herauszukitzeln, damit die handlungen und Entscheidungen des Charakters möglichst nachvollziehbar sind.

Ja, Jacks Vater würde ich auch nicht gern haben...

Ich versuche am Anfang noch recht realistisch zu bleiben, denn die Geschichte spielt ja aus Jacks Sicht auf die Welt und sein Weltbild ist recht realistisch veranlagt (durch seinen Vater). Vielleicht ändert sich das im Verlauf noch, mal sehen.
Toll, dass dir mein Schreibstil gefällt!

Ich hoffe du bleibst drann, bin dabei das zweite Kapitel zu digitalisieren

LG, Jessica aka NightmaresOfJack
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Autor

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Statistik

Kapitel:2
Sätze:1.133
Wörter:12.217
Zeichen:70.227

Kurzbeschreibung

Jack von Janitzki stammt aus gutem Hause und der Dreizehnjährige lebt einen ruhigen, unbeschwerlichen Alltag. Dieser wird jeh unterbrochen, als sein Privatlehrer Daniel urplötzlich verschwindet. Als er mit seinem Freund Nachforschungen anstellt, stellt sich heraus, dass sein Lehrer ein riesiges Vermögen geerbt hat. Hat das was mit Daniels Verschwinden zutun? Und warum wird er von einem Mann names "Morpheus" im Schlaf terrorisiert?

Kategorisierung

Diese Story wird neben Abenteuer auch in den Genres Fantasy, Drama, Entwicklung und Mystery gelistet.

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