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Die Stadt des Staubs

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17.5.2018 3:08
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

Die Stadt des Staubs

 

Prolog

 

Die Taverne war gut gefüllt. An den Tischen drängten sich die Arbeiter und Farmer dicht an dicht, die dicken Fäuste fest um ihre Bierkrüge gekrallt und die Schultern hochgezogen. Sie unterhielten sich mit tiefen, rauen Stimmen, und obgleich niemand wirklich laut wurde, so hielten sie die Stimmen doch auch nicht gesenkt. Immer wieder flogen Namen durch die Gaststube, Namen von König Mandwyn und Prinz Kalwyn, Namen verschiedener Generäle.

Und immer wieder wanderten die Gespräche zum Löwen des Kaisers, jenem adhalischen Kommandanten, der entscheidend dazu beigetragen hatte, dass Sarwyl heute in einer Taverne voller frustrierter Sarrakanier saß.

Sarwyl nahm einen tiefen Schluck aus seinem Bierkrug und ließ den Blick wandern. Ihm fiel auf, dass sich die elfischen Arbeiter mehr abzusondern schienen, als es früher der Fall gewesen war. Und auch die Farmer warfen ihren eigenen Arbeitern öfter scheele Blicke zu.

Der Krieg hatte das Land vernarbt zurückgelassen, ging es Sarwyl durch den Kopf. Er war sich nur nicht sicher, wie tief die Wunden wirklich ragten. 35 Jahre Krieg gingen nicht spurlos an einem Land vorüber – oder an seinem Volk. Doch bis zu seiner Heimkehr hatte Sarwyl sich erfolgreich eingeredet, dass es sich hier, am westlichsten Rand von Sarrakanien, nicht so gravierend ausgewirkt haben konnte.

Nun fand er sich wieder in einer zerrissenen Gesellschaft. Und er hatte das Gefühl, dass es mit jedem Tag schlimmer zu werden schien.

Irgendwo hinter ihm hörte er das wütende Gezeter betrunkener Männer beim Würfelspiel. Die meisten dieser Männer kannte Sarwyl seit seiner Kindheit, doch jetzt, nach fünf Jahren aktivem Kriegsdienst, fühlte er sich fremd unter ihnen. Wenn er mit ihnen sprach, schlug ihm eine frustrierte Müdigkeit entgegen, ein unterdrückter Zorn, der sich gegen alles mögliche richtete: den König und den Prinzen, weil sie das Land aufgegeben hatten. Die adhalischen Generäle, die die sarrakanischen Kommandanten vernichtet hatten. Die Elfen, weil sie sich große Hoffnungen gemacht hatten, unter dem Kaiser eine Verbesserung ihrer Lebensumstände zu erfahren.

Und gegen Sarwyl, weil er lebendig, aber nicht siegreich zurückgekehrt war.

Unbehaglich veränderte Sarwyl seine Position, da ihm das Tischbein unangenehm gegen das Knie drückte. Die Wunden waren so gut verheilt, wie es zu hoffen gewesen war, doch weder die Schmerzen, noch das Hinken wurden besser. Inzwischen hatte sich Sarwyl beinahe damit abgefunden.

Erneut ertönte vom Würfeltisch empörtes Rufen der Männer, die sich gegenseitig des Betrugs beschuldigten. Angestachelt vom Alkohol und Frust wurde der Streit leidenschaftlicher und lauter und die Gewaltbereitschaft der Männer stieg in gleichem Maße, wie ihre Trunkenheit.

Ehe der Streit jedoch eskalieren konnte, öffnete sich die Tavernentür und ein Stoß kalter Luft strömte herein. Ein in feste Reisekleidung gehüllter Mann schob sich in die Stube und warf die Tür hinter sich zu. Kurz war er das Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit, doch seine Erscheinung war zu wenig ungewöhnlich, um die übrigen Männer lange abzulenken.

Schnell wurden die Gespräche wieder aufgenommen. Die Spieler setzten sich wieder an ihre Würfel, da ihre Meinungsverschiedenheit unterbrochen worden war.

Der Reisende bahnte sich den Weg zur Theke, wo er sich vorbeugte und leise mit dem Wirten sprach. Er legte zwei Münzen auf den Tresen, die der Wirt kurz begutachtete und dann nickend einsteckte. Kurz darauf hatte er dem Fremden einen vollen Bierkrug hingestellt.

Der Reisende nahm sich das Getränk und kam dann, nach kurzem Zögern, auf Sarwyl zu. „Verzeiht, mein Freund, ist dieser Platz noch frei?“, erkundigte er sich höflich und deutete auf den leeren Platz an Sarwyls Tisch.

Sarwyl musterte den Fremden kurz, nickte jedoch. Die übrigen Männer im Dorf mieden ihn, weswegen er des Öfteren allein saß, doch er sah keinen Grund, dem Reisenden einen Platz zu verweigern.

„Woher kommt Ihr, guter Mann?“, fragte er, während er einen Schluck aus seinem eigenen Bierkrug nahm. Der Fremde setzte sich und schob die Kapuze seines Mantels zurück. Er war kein junger Mann mehr, jedoch auch kein Greis – das schüttere Haar war mehr grau als schwarz und sein Gesicht war von Wind und Wetter gegerbt. Seine Kleidung war von einfacher Machart und zeigte deutliche Spuren langen Gebrauchs. Ein völlig normaler Mann.

Bis er den Mund aufmachte. „Ich fürchte, junger Kamerad, diese Frage ist nicht mehr so leicht zu beantworten. Noch gestern hätte ich gesagt, ich stamme aus dem Süden Sarrakaniens, heute liegt meine Heimat im zentralen Adhal. Wer kann schon sagen, woher ich morgen stammen werde?“

Die Stimme des Mannes klang rau und ein wenig heiser, doch ein belustigter Ton schwang darin mit. Doch das war es nicht, was Sarwyls Aufmerksamkeit erregte.

Er hatte die letzten fünf Jahre in der Armee des Königs gedient. Mit Männern, die aus ganz Sarrakanien eingezogen worden waren. Und er glaubte, die unterschiedlichen Dialekte inzwischen ganz gut zu kennen.

Der Reisende mochte behaupten, aus dem Süden zu stammen, doch seiner Sprache haftete nicht eine Spur des südlichen Dialekts an. Vielmehr sprach er mit einer Bedachtsamkeit und Überdeutlichkeit, wie sie Sarwyl vor allem bei jenen Soldaten gehört hatte, die aus den äußeren, östlichen Distrikten stammten und deren Muttersprache kaum noch etwas mit dem gemeinen Sarrakan gemeinsam hatte.

Er sprach den Fremden nicht auf diese Unstimmigkeit an, sondern stellte sich stattdessen vor. „Mein Name ist Sarwyl Galydd. Wie darf ich Euch nennen?“

Der Fremde lächelte und streckte ihm die Hand hin. „Parwyn Halen, es ist mir eine Freude.“ Sarwyl schüttelte ihm bereitwillig die Hand, dann nahm er wieder einen Schluck aus seinem Krug.

„Was führt Euch in diese entlegene Gegend, Parwyn? Es ist dieser Tage gefährlich auf den Straßen geworden.“ Sarwyl lehnte sich zurück, um Gelassenheit vorzutäuschen, doch in Wahrheit war er sehr aufmerksam.

Parwyn jedoch lächelte nur noch breiter und hob die Hände. „Ich bin nur ein einfacher Reisender auf der Suche nach Geschichten. Ich gehe, wohin das Gerede mich treibt.“

„Also seid Ihr ein fahrender Geschichtenerzähler?“, fragte Sarwyl stirnrunzelnd. Doch Parwyn schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Seht Ihr, Sarwyl... ich betrachte mich eher als... Zuhörer.“

„Das klingt mir wie ein Spitzel“, polterte da plötzlich ein Mann vom Nachbartisch. Sarwyl zuckte zusammen – ihm war nicht aufgefallen, dass die Männer um sie her dem Gespräch gelauscht hatten. Der schon deutlich angetrunkene Mann fuhr fort: „Seid Ihr ein Spitzel des verfluchten Kaisers? Wollt Ihr 'rausfinden, wie wir hier zu ihm stehen? Oder steht Ihr mit den Spitzohren im Bunde?“

Bei seinen letzten Worten drehten sich einige der elfischen Arbeiter missbilligend zu ihm um, doch sie waren schlau genug, nichts zu erwidern. Elfen äußerten ihre Abneigung nur selten offen. Doch ihre Blicke sprachen Bände.

Parwyn ließ sich von den Vorwürfen nicht aus der Ruhe bringen. „Lieber Mann, keineswegs stehe ich mit irgendwelchen Mächten im Bunde. Ich schwöre Euch, ich bin nichts, als ein neugieriger Reisender, der auf Neuigkeiten aus der Welt hofft.“

Irgendetwas an seiner Stimme war beruhigend, beinah einlullend. Sarwyl beobachtete den betrunkenen Mann nervös, doch dieser ließ sich murrend wieder auf seinen Platz sinken. „Dann lasst Euch von dem da“ - er deutete auf Sarwyl - „doch erzählen, wie er unser Land dem Löwen zum Fraß vorgeworfen hat, um seine eigene Haut zu retten. Eine Schande!“

Sarwyl errötete und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Bierkrug um keine Antwort geben zu müssen. Solche Dinge hatte er schon öfters zu hören bekommen, seit er zurückgekehrt war, doch niemals in dieser Öffentlichkeit.

Parwyn wandte sich Sarwyl neugierig zu. „Dann wart Ihr ein Soldat?“, fragte er interessiert. Doch ehe Sarwyl antworten konnte, warf der Betrunkene wieder ein: „Ein Feigling ist er, wenn Ihr mich fragt. Ist wie ein Hund mit eingezogenem Schwanz heim gekrochen, ohne den Löwen aufzuhalten.“

„So war es nicht“, rutschte es Sarwyl nun doch heraus. Mehrere Männer drehten sich nun zu ihnen um. Sarwyl bereute sogleich, überhaupt etwas gesagt zu haben, doch nun konnte er keinen Rückzieher machen: „Ich wurde von meiner Armeepflicht befreit, als ich verwundet wurde. Das war kurz vor der Auflösung der Armee. Wir haben versucht, den Löwen aufzuhalten, aber er hat uns einfach überrannt. Es gab nichts, das ich hätte tun können.“

Kurzes Schweigen folgte seinen Erklärungsversuchen, doch der Betrunkene schnaubte nur. „Davongelaufen ist er, der Hund, jawohl! Wie ein Feigling hat er sich daheim versteckt. Mein Sohn, sag' ich Euch, das war ein richtiger Soldat! Der hat für Sarrakanien gekämpft, bis zum letzten Atemzug. Der ist lieber im Kampf gestorben, als dem Löwen einfach so das Feld zu überlassen! Wäre mein Sohn heim gekrochen, ehe der Krieg gewonnen war, ich hätte ihn verstoßen und aus dem Dorf gejagt, jawohl!“

Parwyn hatte dem Schlagabtausch bisher stumm gelauscht, nun fragte er: „Wer ist dieser Löwe, von dem Ihr sprecht?“

Viele Augen richteten sich erstaunt auf ihn. „Der Löwe des Kaisers“, versuchte Sarwyl zu erklären. Wie konnte ein Sarrakanier noch nicht vom Löwen gehört haben? „Kommandant Stanton vaan Emhydd. Einer der obersten Kommandanten der kaiserlichen Armee.“

„Landsverräter!“, schallte es gleich darauf durch die Wirtsstube. Doch einer der Männer, die noch nicht betrunken genug waren, um sich vom Hass überwältigen zu lassen, widersprach: „Ich hörte, sein Vater stamme aus Hardland.“

„Und wenn! Wer war es denn, der Hardland besiedelt hat? Sarrakanische Männer und Frauen! Nur, weil sie vor dem Kaiser das Knie gebeugt haben, macht sie das nicht weniger zu Landsverrätern!“

Sarwyl senkte den Kopf, während die Männer weiter diskutierten. Parwyn hörte noch eine Weile zu, dann fragte er Sarwyl: „Und Ihr habt gegen diesen Löwen des Kaisers gekämpft?“

Sarwyl zögerte, doch niemand nahm mehr Notiz von ihm. Daher antwortete er leise: „Ich war in jenem Regiment, das ihn vor Kholthal hätte aufhalten sollen. Wir haben die Minen eine Woche halten können, aber es war von Anfang an aussichtslos. Wenn er gewollt hätte, hätte der Löwe die Minen in der Hälfte der Zeit einnehmen können.“

Parwyn runzelte die Stirn. „Das klingt nach einem großen Krieger. Ihm gegenüberzustehen muss beängstigend gewesen sein.“

Sarwyl seufzte. „Was macht das jetzt schon?“, fragte er leise. „Der Krieg ist vorbei. König Mandwyn und der Kaiser sind zu einer Einigung gekommen.“

„Es ist eine Schande!“, schrie der Betrunkene wieder. Doch dann sackte er auf seinem Platz zusammen und bedeckte das Gesicht mit einer Hand. Tränen liefen ihm über die Wangen. „Es ist eine Schande!“, wiederholte er leiser.

Die Stimmung in der Wirtsstube kippte wieder, die Aggressivität legte sich und eine lethargische Niedergeschlagenheit ergriff von den Männern Besitz.

„Wer weiß schon, was jetzt kommen mag“, tönte es leise aus einer Ecke, „Nun wird alles anders“, aus einer anderen.

Sarwyl senkte ebenfalls den Kopf. Er hob nicht einmal den Blick, als Parwyn ihn wieder ansprach: „Sagt, ist es wahr, dass die Adhali keine Götter verehren?“

Sarwyl zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich glaube nicht. Sie glauben an die gleichen Götter wie wir, aber immer wenn sie von ihnen sprechen, dann immer nur von den toten Göttern. Sie glauben offenbar, ihr erster Kaiser hätte die Götter einst getötet.“

Parwyn sah äußerst interessiert drein. „Und was glaubt Ihr? Die Götter sind schon lange fort. Glaubt Ihr, sie sind tatsächlich tot?“

Sarwyl fühlte sich plötzlich unbeschreiblich müde. Er würde sein Bier austrinken und sich dann nach Hause begeben, beschloss er. „Ich weiß es nicht. Unsere Priester behaupten, die Götter hätten sich wegen unserer Sünden von uns abgewandt. Die Adhali behaupten, die Götter seien tot. Macht es einen Unterschied, warum sie fort sind?“

„Also glaubt Ihr, dass ein Mensch womöglich in der Lage gewesen sein soll, Götter zu töten“, hakte Parwyn mit sonderbarer Stimme nach. Sarwyl schauderte – ihm behagte der Blick nicht, mit dem der Reisende ihn bedachte.

„Ich glaube...“, ja, was glaubte er eigentlich noch? „Ich glaube, ein Gott kann niemals von einem Menschen getötet werden. Sonst wäre er kein Gott.“

„Das ist alles Unsinn“, ertönte da eine leise Stimme von der Seite. Ein Elf hatte sich ihnen genähert und setzte sich nun unaufgefordert zu Sarwyl und Parwyn an den Tisch. „Die Götter sind nicht tot. Sie haben sich auch nicht abgewandt. Sie schlafen nur.“

Parwyn schien geneigt, auch diese Behauptung in Betracht zu ziehen. Der Elf fuhr fort: „Die Götter kümmern sich nicht um die lächerlichen Belange der Sterblichen. Wir sind nur ihre Diener – unser einziger Daseinszweck liegt darin, ihnen ergeben zu sein, auf dass unsere Seelen nach unserem Tod nicht zu Staub zerfallen. Nach Halsarko – den Götterkriegen – fielen sie in einen tiefen Schlaf. Aber eines Tages werden sie wieder erwachen und erneut ihre wahren Gläubigen um sich scharen und die Welt wieder regieren, wie es ihr göttliches Recht ist.“

„Genug von diesem Elfengeschwätz“, rief der Betrunkene in die Runde. Der Elf verstummte und erhob sich, um sich wieder zu seinen Gefährten zu gesellen. Doch zuvor beugte er sich noch einmal zu Parwyn vor und sagte mit einer Überzeugung in der Stimme, die Sarwyl schaudern ließ: „Ihr werdet es sehen. Die Götter werden wiederkehren. Es wird nicht mehr lange dauern. Und wenn es soweit ist, wird jeder Sterbliche sich entscheiden müssen, wem er wahren Respekt schuldet. Und die, die es nicht erkennen... sie werden die ersten sein, deren Seelen im ewigen Staub vergehen werden.“

Mit diesen Worten ließ er Sarwyl und Parwyn wieder allein am Tisch und Sarwyl entschied, dass es höchste Zeit war, heimzukehren. „Genug für heute“, murmelte er und leerte seinen Krug. Dann erhob er sich umständlich, ob seines lahmen Beines. „Ihr werdet mich entschuldigen, Parwyn, doch ich sehne mich nach meinem Bett. Dieses Gerede von Kriegen und Göttern und düsteren Elfenlegenden macht mich mürbe.“

„Düster mögen sie wohl sein“, antwortete Parwyn nachdenklich. „Doch ich spüre eine gewisse Wahrheit darin. Gute Nacht, mein junger Freund, ruht wohl. Es stehen Veränderungen bevor, ob irdischer oder göttlicher Art. Wir alle sollten bereit sein, wenn sie eintreffen.“

Sarwyl liefen erneut Schauer über den Rücken, doch er ließ sich nichts anmerken, sondern humpelte zur Tür. Als er sich kurz am Türrahmen festhielt, um das Gewicht auf sein gesundes Bein zu verlagern, drehte er sich noch einmal zu Parwyn um.

Dieser saß noch immer an dem Tisch, in der Hand seien Bierkrug, das Gesicht halb hinter einem fast herunter gebrannten Kerzenständer verborgen. Als hätte er Sarwyls Blick gespürt, drehte er ebenfalls ihm noch einmal das Gesicht zu.

Sarwyl erstarrte. Für einen Moment, einen winzigen, kurzen Augenblick war ihm, als starre er in ein leeres Gesicht – ein Gesicht ohne Augen, ohne Nase, ohne Mund, wie bei einer Lehmfigur bevor die Züge ausgearbeitet worden waren.

Doch dann blinzelte er und der Augenblick war vorbei und er sah wieder Parwyns lächelndes, wettergegerbtes Gesicht, mit dunklen Augen und grauen Bartstoppeln.

Du bist müde, sagte er sich und schob seine Einbildung auf das flackernde Kerzenlicht, das ihm die Augen tränen ließ, deine Sinne spielen dir einen Streich.

Dennoch verließ er die Taverne beinah fluchtartig, ohne sich um die Schmerzen in seinem Bein zu kümmern. Er warf die Tür hinter sich zu und eilte hinaus in die Nacht. Ein scharfer, kalter Wind ließ ihn erzittern, doch er wusste, dass es nicht allein die nahende Regenzeit war, die ihn frösteln ließ.

Es stehen Veränderungen bevor, ob irdischer oder göttlicher Art.

Er eilte die Straße entlang, wobei er immer wieder Pausen einlegen musste, um seinem Bein einen Moment der Ruhe zu gönnen. Immer wieder sah er sich dabei über die Schulter, doch außer ihm war niemand auf den Straßen unterwegs.

Als er sein Haus erreichte, warf er die Tür hinter sich zu und verriegelte sie eilig. Dann schloss er auch die hölzernen Fensterläden, wie um sich vor dem nahenden Sturm zu verstecken.

Oder vor etwas anderem.

Wir alle sollten bereit sein, wenn sie eintreffen.

Stanton nahm einen großzügigen Schluck aus seinem Weinkelch; nicht weil der Wein sonderlich gut war, sondern weil er permanent das Gefühl hatte, dass sich der Staub der Hinterlande in seiner Kehle festgesetzt hatte.

Der Wein war sauer, hätte wohl als Essig durchgehen können, doch Stanton hatte schon Schlimmeres getrunken, sodass er seinen Becher trotzdem ohne zu zögern leeren konnte. Nach mehr als zwanzig Jahren in der Armee hatte er gelernt, keine Ansprüche zu stellen, die ohnehin nicht erfüllt werden würden.

Der Minister hingegen, der erst seit einigen Tagen in den Hinterlanden war, zögerte nicht, sein Missfallen zum Ausdruck zu bringen: „Wie könnt Ihr dieses Gebräu nur trinken, Kommandant? Dieses Zeug hat es nicht verdient, als Wein bezeichnet zu werden.“

Stanton stellte seinen Becher weg und zuckte mit den Schultern. „Bei der Belagerung von Welas vor acht Jahren lagerte die Armee auf einem brachliegenden Feld vor der Stadt. Der Fluss war durch die Leichen der vorangegangenen Kämpfe verseucht und das Wasser war selbst nach mehrmaligem Abkochen kaum genießbar. Wein und andere Getränke waren im Handumdrehen aufgebraucht und hätte der welaser Stadthalter nur einen Tag später kapituliert, wäre die halbe Armee verdurstet. Damals habe ich gelernt, dass selbst Essig süßer schmecken kann als der teuerste Wein, wenn er nur den Durst löscht.“

Minister Brilon verzog das Gesicht und sah alles andere als überzeugt aus, doch er ließ sich auf keine Diskussion ein. Stattdessen zog er ein Taschentuch aus einer Tasche seiner Robe und tupfte sich die Stirn ab. Stanton hatte ihm angeboten, die schwere Uniform gegen leichtere Kleidung zu tauschen, die die Hitze der Hinterlande leichter erträglich machten. Doch Brilon hatte nur verächtlich geschnaubt und verlautbaren lassen, dass er dies für einen gar verwerflichen Vorschlag hielte, da es einem kaiserlichen Abgesandten nicht zustand, auf seine offizielle Uniformierung zu verzichten.

Inzwischen bereute er diese voreilig gesprochenen Worte offensichtlich sehr. Nicht nur war es ein unmögliches Unterfangen, die schwarze Robe sauber halten zu wollen, denn der rote Staub des Hinterlands legte sich auf alles und hob sich beinah leuchtend von dem dunklen Stoff ab. Zudem strahlte die Sonne mit voller Kraft vom Himmel, verbrannte die Erde unter sich und war gerade während der Mittagszeit nur schwer zu ertragen, so man sie nicht gewohnt war.

Stanton selbst hatte sich der Hitze entsprechend gekleidet, hatte seine Stahlrüstung gegen die Alltagsuniform eines kaiserlichen Kommandanten eingetauscht.

Allen vorangegangenen Worten zum Trotz bot er dem Minister ein weiteres Mal einen Becher Wein an und schließlich gab Brilon seinem Durst nach und stimmte zu. Spätestens als er jedoch an dem Wein nippte, kehrte sein Abscheu wieder zurück.

Stanton setzte sich an den runden Tisch, den der Minister in seinem Zelt hatte aufbauen lassen und lehnte sich entspannt zurück.

Minister Brilon war nicht der erste Stadtmensch, dem die Hinterlande zusetzten und er würde nicht der letzte sein. Doch Stanton hatte den Großteil seines Lebens hier verbracht, auf staubigen Steppenebenen und inmitten der kaiserlichen Armee. Ihn konnte so etwas Profanes wie das Wetter nicht aus der Ruhe bringen.

Stanton verschränkte die Hände und begann schließlich das unausweichliche Gespräch: „Nun, Minister Brilon. Ihr habt einen langen Weg auf Euch genommen. Gibt es Neuigkeiten aus der Hauptstadt?“

Brilon stellte seinen Weinkelch weg und lehnte sich ebenfalls zurück. Stanton fiel auf, dass der Minister an allen Fingern protzige Ringe trug. Unwillkürlich fragte er sich, ob Brilon wohl jemals einen tatsächlichen Kampf ausgetragen hatte. Mit Waffen, anstatt mit Feder und Tinte.

Dann antwortete der Minister in jener gestelzten Sprechweise, die Stanton inzwischen als besonderes Merkmal Abgesandter aus der Hauptstadt betrachtete: „In der Tat, Kommandant. Ich bringe Neuigkeiten von höchster Wichtigkeit. Seine heilige Majestät, Kaiser Asher selbst hat mich beauftragt, Euch die Botschaft zu überbringen.“

Stanton lächelte geduldig, doch er nahm die Worte des Ministers nicht allzu ernst – wann immer Gesandte aus der Hauptstadt ins Hinterland kam, um eine Botschaft zu überbringen, war diese in ihren Augen von höchster Wichtigkeit. Meistens handelte es sich jedoch nur um bürokratische Angelegenheiten, hin und wieder Befehle, die Armee zu einem bestimmten Punkt marschieren zu lassen oder Nachrichten, die Stanton daran erinnern sollten, dass wichtige Gäste – Adelige und Stadthalter – bevorstünden.

„Ich hoffe, seine heilige Majestät erfreut sich bester Gesundheit“, lenkte Stanton das Thema ein wenig ab.

Brilon ging nur zu gerne darauf ein. „In der Tat. Kaiser Asher steht in der Blüte seiner Jahre, so man das denn von einem unsterblichen Mann sagen kann. Tatsächlich steht er kurz vor seiner Verlobung.“

Stanton nickte abwesend. Genau so etwas hatte er erwartet – Nachrichten über die Politik der Hauptstadt, die in den letzten zwanzig Jahren keinen Einfluss auf das Hinterland gehabt hatte, abgesehen davon, dass sich hin und wieder belagerte Städte ergeben hatten oder die Armee abgezogen worden war, wenn die Politiker zu einer Einigung gelangt waren. Darüber hinaus hatte Stanton noch nie großes Interesse für die verschlagenen Spiele der Adeligen gehegt. Und auch die Hochzeit des Kaisers konnte seine Neugierde nicht wecken.

„Ich bin erfreut, das zu hören“, sagte er dennoch und hob seinen Weinkelch. „Ich trinke auf die Gesundheit unseres verehrten Kaisers und seiner Auserwählten.“

Minister Brilon warf Stanton einen giftigen Blick zu, denn durch seinen Trinkspruch zwang Stanton ihn noch einen Schluck des schrecklichen Weines zu ertragen. Vielleicht war das schließlich auch der Grund dafür, dass die nächsten Worte des Ministers einen schadenfrohen Beiklang hatten: „Mich freut es, Euch mitteilen zu können, dass Ihr schon bald in der Lage sein werdet, dem Kaiser Eure Ehrerbietung persönlich entgegenzubringen. Ihr werdet mit sofortiger Wirkung in die Hauptstadt beordert, um Euch im kaiserlichen Palast zu melden.“

Eisiges Schweigen folgte diesen Worten und mit einem Mal schien selbst die Hitze im Zelt nicht mehr halb so stickig.

Stanton war wie erstarrt, dann blinzelte er verwirrt. Er war sich sicher, den Minister falsch verstanden zu haben und so antwortete er: „Aber Minister Brilon, da muss doch gewiss ein Missverständnis vorliegen. Ich kann die Armee keinesfalls jetzt verlassen. General Gwarhyls Armee lagert keine zwanzig Meilen östlich von hier. Sie können jeden Tag angreifen.“

Minister Brilon hatte dieser Erklärung schweigend zugehört, doch er wirkte unnachgiebig. „Ganz im Gegenteil, Kommandant. Die Befehle seiner heiligen Majestät sind eindeutig. Ihr werdet Euch unverzüglich auf den Weg nach Khaers Wess begeben.“

„Und die Armee? Die Stadt? Ich habe Order, sie zu halten, bis ein kaiserlicher Stadthalter eintrifft“, argumentierte Stanton fassungslos. Mehr und mehr glaubte er, einem schlechten Scherz zu erliegen. Selbst der Minister, selbst die Politiker in Khaers Wess, die allesamt keine Ahnung von dem tatsächlichen Leben eines Soldaten oder dem wirklichen Kriegsalltag hatten... selbst sie konnten nicht ernsthaft glauben, es sei eine gute Idee, Stanton von der Front abzuziehen.

Doch Minister Brilon schüttelte nur erneut den Kopf und zog eine Schriftrolle aus seiner Robe, die er vor Stanton auf den Tisch legte.

„Das wird nicht nötig sein, Kommandant. General Gwarhyl, als ein Offizier unter der Herrschaft von König Mandwyn von Sarrakanien ist ab sofort offiziell Verbündeter des Kaiserreiches und eine Ablöse ist nicht länger erforderlich. Der Krieg ist vorbei.“

Es dauerte beschämend lange, bis Stanton diese Worte begriffen hatte.

Vorbei. Der Krieg gegen Sarrakanien, dem Stanton vierundzwanzig Jahre seines Lebens gewidmet hatte, an den Stanton so viele Freunde und Waffengefährten verloren hatte, der ihn zweieinhalb Jahrzehnte lang unter teils grässlichen Strapazen hatte leben lassen... dieser Krieg sollte nun einfach vorbei sein? Vierundzwanzig Jahre des Kämpfens, des Belagerns, des Marschierens und des Tötens einfach beendet durch eine Unterschrift auf einem Dokument, das er nie gesehen hatte, aufgesetzt von Monarchen, denen er nie begegnet war.

Das konnte nicht sein.

Mit steifen Fingern griff er nach der Schriftrolle, brach das Siegel und entrollte sie langsam. Er brauchte einen Moment, bis die Buchstaben für ihn einen Sinn ergaben und auch danach musste er sich durch die Worte quälen, die sein Verstand nicht recht begreifen wollte.

...und so stimmt König Mandwyn von Sarrakanien der Verlobung seiner ältesten Tochter mit seiner heiligen Majestät, Kaiser Asher, Herrscher über das glorreiche Kaiserreich von Adhal, zu. Jedwede kriegerische Handlung beider Parteien wird umgehend eingestellt, und Sarrakanien wird als vollwertiger Untertan und Verbündeter des Kaiserreiches anerkannt...

Stantons Augen huschten über das dicht beschriebene Papier, übergingen die endlosen Absätze voller politischer Phrasen und Floskeln und suchten nach jenen Abschnitten, die das Unbeschreibliche bestätigten.

...wird Kommandant Stanton vaan Emhydd, Heerführer des achtzehnten Regiments der Armee seiner heiligen Majestät aufgefordert, umgehend nach Khaers Wess zurückzukehren, wo er für seine treuen Dienste für Kaiser und Vaterland geehrt und ausgezeichnet werden soll...

Unterhalb des Textes folgten eine Vielzahl an Unterschriften – die der Hohepriester, die der Botschafter, die der sarrakanischen Politiker und natürlich die Unterschriften König Mandwyns und des Kaisers.

Stanton hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Minister Brilon lächelte süffisant, als er sah, welche Wirkung die Neuigkeiten auf Stanton hatten und schlug einen eindeutig gespielten, mitleidigen Ton an: „Ich verstehe, dass dies ein ziemlicher Schock für Euch sein muss, Kommandant. Immerhin habt Ihr beinah Euer ganzes Leben außerhalb der zivilisierten Welt verbracht. Nichtsdestotrotz hat seine heilige Majestät einen Befehl erteilt, der umgehendes Handeln nötig macht. Wir dürfen keine Zeit verlieren und müssen uns so schnell wie möglich auf den Weg nach Khaers Wess begeben. Wann könnt Ihr reisefertig sein?“

Stanton brauchte mehrere Augenblicke, ehe er heiser und mit mechanischer Stimme eine Antwort zustande brachte: „Ich... ich muss noch Angelegenheiten regeln... Leutnant Tommand Befehle geben, die Armee zu verwalten, bis weitere Anweisungen eintreffen... und ich muss noch einige unerledigte Geschäfte beenden... zwei Tage. Ich brauche noch zumindest zwei Tage, um alles zu regeln.“

Minister Brilon nickte großzügig. „Nun gut, Kommandant, dann regelt Eure Angelegenheiten. Aber beeilt Euch – in zwei Tagen brechen wir auf, ob Ihr Eure Geschäfte nun erledigt habt, oder nicht.“
 

 

Das Lager zu durchqueren, fühle sich seltsam an, nun da er wusste, dass es wahrscheinlich das letzte Mal sein würde. Einen gesamten Tag hatte Stanton in seinem Zelt verbracht, Briefe und Befehle aufgesetzt, seine rechte Hand Tommand offiziell darüber in Kenntnis gesetzt, dass er das Kommando übernehmen würde, bis anderslautende Befehle aus Khaers Wess einträfen, hatte die Quartiermeister instruiert, die Vorräte zu prüfen und die Ausrüstung zu kontrollieren.

Außerdem hatte Stanton seine Läufer losgeschickt, um in der ganzen Stadt auf seine eigenen Kosten so viel Alkohol wie möglich kaufen. Zum einen würde es Tommand leichter fallen, sich Respekt zu verschaffen, wenn er über die Alkoholreserven der Armee verfügte, zum anderen hoffte Stanton darauf, dass die Soldaten sich nicht zu sehr in der Stadt würden gehen lassen, wenn es dort nichts mehr zu trinken gab.

Stanton befürchtete, dass Tommand Schwierigkeiten haben würde, das gute Benehmen der Soldaten zu gewährleisten. Er war nicht die schlechteste Wahl, wenn es darum ging einen neuen Kommandanten auszuwählen, doch er war zu jung und hatte zu kurz in der Armee gedient, als dass Stanton glauben konnte, er würde die Draufgänger unter den Männern in Zaum halten können. Unter den üblichen Umständen hatte Stantons Bataillon als herausragend diszipliniert gegolten, doch das lange Lagern und die Eintönigkeit eines Belagerungsfeldzuges hatten die Männer mürbe gemacht und sie ungeduldig – und oftmals skrupellos gegenüber der Bevölkerung – werden lassen.

Tatsächlich hatte Stanton sogar überlegt, das Kommando nicht Tommand, sondern einem der älteren, wenngleich rangniedrigeren Soldaten zu übergeben, doch er brachte es nicht über sich, Tommand diese Chance, sich zu bewähren zu verbauen.

Er kam an einer Gruppe Männer vorbei, die sich aus Menschen und Elfen zusammensetzte. Sie alle lungerten faul auf dem Boden herum, polierten ihre Messer, spielten Würfel oder kauten träge auf einigen Streifen Trockenfleisch herum. Als Stanton ihr Lager passierte, sprangen die Menschen sofort auf, die Elfen unterbrachen immerhin ihre Tätigkeiten, um zu salutieren. Wie aus einer Kehle riefen sie ihrem Kommandanten einen Gruß zu und erst, als Stanton ein Stück entfernt war, nahmen sie ihre Tätigkeiten wieder auf.

Stanton fühle sich sonderbar bei diesen Respektbekundungen. Er war mit diesen Männern aufgewachsen, hatte an ihrer Seite gekämpft, gefeiert und gehungert. Als Kommandant war er immer respektiert worden und er hatte eine gewisse Befriedigung darin gefunden, zu wissen, dass dieser Respekt auf beiderseitigem Vertrauen basierte und nicht auf Angst oder ohnmächtiger Wut.

Er hatte ihn sich verdient.

Und nun nahm man ihm das alles weg.

Er ging die Hauptstraße hinab, die einst aus Pflastersteinen bestanden hatte, inzwischen jedoch kaum mehr als ein breiter Trampelpfad war. Am Rand der Straße hatten Händler ihre Stände aufgestellt und boten die traurigen Überreste all jener Waren feil, die nicht von den kaiserlichen Soldaten konfisziert worden waren. Stanton sah mehrere alte Frauen, die versuchten, etwas Gemüse aus eigenem Anbau an den Mann zu bringen. Ein müde aussehender Elf mit eingefallenen Wangen hatte zwei magere Ziegen an einen Pflock gebunden und verhandelte erschöpft mit einem Bauern aus einem der nahe gelegenen Dörfer um den Preis für eine von ihnen.

Stanton verzog das Gesicht. Jahrzehnte des Krieges hatten dem Land und vor allem dem weitläufigen nördlichen Ebenen der Hinterlande sehr zugesetzt. Stanton tat es Leid, dass ausgerechnet die Bewohner der von der Außenwelt isolierten Dörfer und Städte den Preis zahlen mussten.

Sein Hauptziel war das kleine, ehemalige Kloster im Südviertel. Die Mauern, die das Gelände einzäunten waren schon lange verfallen und von Unkraut überwuchert, doch der Garten im Inneren war gepflegt und die Pflanzen hübsch zurechtgestutzt. Einst waren hier heidnische Götter verehrt worden, doch diese Zeiten waren lange schon vorbei – heute diente das Kloster vor allem als Waisenhaus und Zufluchtsstätte. Stanton selbst hatte Soldaten abgestellt, die den Eingang bewachten und sicherstellten, dass diejenigen, die hier um Asyl ansuchten, es auch fanden.

Er hatte das Gelände kaum betreten, als eine Gruppe Kinder mit klaren, hohen Stimmen seinen Namen riefen. Fünf kamen auf ihn zugelaufen, griffen nach seien Händen und seiner Kleidung und zogen ihn mit sich in den Garten.

Stanton lächelte und folgte den Kindern. Im hinteren Bereich waren sie gerade dabei gewesen, unter Anleitung einiger Frauen Rüben aus einem Beet zu sammeln. Die Kinder liefen zu den Körben und zeigten Stanton stolz die Größten, die sie hatten finden können, um damit zu prahlen. Stanton bewunderte jede einzelne, nickte auch den Frauen höflich zu. Die meisten von ihnen waren schlanke Elfinnen, deren spitze Ohren unter Tüchern verborgen waren, die gegen Staub und Sonne schützen sollten.

Erst nach einer Weile konnte Stanton die Kinder davon überzeugen, ihn gehen zu lassen, wobei vor allem die ihnen zugeflüsterte Wette, sie würden sicherlich keinesfalls noch mehr Rüben sammeln können, den Ausschlag gab. Sogleich machten sich die Kinder mit Feuereifer wieder an die Gartenarbeit, um ihm das Gegenteil beweisen zu können.

Stanton betrachtete sie lächelnd, doch nicht ohne ein gewisses Bedauern. Es waren wieder mehr geworden – im Schatten des Klosters sah er noch mehr Kinder sitzen, zu scheu, um sich zu den anderen zu gesellen. Ihre Augen waren ängstlich aufgerissen und ernster, als es bei Kindern der Fall sein sollte. Bei fast allen handelte es sich um Mischlinge.

Stanton seufzte und betrat das Kloster. Im Inneren des Gemäuers war es kühl, denn die dicken Lehmmauern hielten die Hitze draußen. Das Dach war ursprünglich kaum mehr als eine löchrige Ansammlung morscher Bretter gewesen, doch mit vereinter Kraft hatten die hilfsbereiteren Bewohner der Stadt die schlimmsten Schäden ausbessern können.

Er nickte höflich zwei Männern zu, die die Wand mit grobem Mörtel ausbesserten und die schlimmsten Risse im Lehmgestein füllten. Der Mörtel war heller als die eigentliche Wand, sodass ein mosaikartiges Muster entstand.

In den Räumen, die ursprünglich einmal Gebetsräume gewesen sein mochten, drängten sich Dutzende Flüchtlinge, die meisten von ihnen elfische Frauen und Kinder. Hin und wieder fanden sich auch komplette Familien, doch die schiere Unterzahl männlicher Flüchtlinge war bedrückend.

Stanton schritt vorsichtig durch die Reihen der Flüchtlinge, die auf Schilfmatten auf dem Boden lagen und ihre wenigen Habseligkeiten – so sie denn überhaupt noch etwas besaßen – an sich drückten. Ihre Augen folgten Stanton, doch er gab sich Mühe, das Mitleid zu unterdrücken, das in ihm hochstieg.

Er fragte eine freiwillige Helferin nach Rhea, einer der Hauptverantwortlichen des Klosters. Stumm deutete die Frau in den benachbarten Raum und Stanton bahnte sich seinen Weg durch die Flüchtlinge, darauf bedacht, niemanden zu verletzen.

Er fand Rhea schnell – sie kniete neben einem Elfenmädchen, das noch keine achtzehn Jahre alt sein konnte. Die Elfin hielt einen Säugling an sich gedrückt und Tränen liefen ihr über das hübsche, doch von blauen Flecken verunstaltete Gesicht. Die Erscheinung des Kindes ließ Stanton erahnen, was der Grund für die Flucht des Mädchens gewesen war – es war ein Mischling. Zu rundlich für ein elfisches Neugeborenes, doch die Ohren waren leicht angespitzt, wenn auch nicht so ausgeprägt, wie bei reinblütigen Elfen. Diese Kinder gab es oft in Kriegsgebieten und sie erwartete wenig Gutes. Die meisten Menschen weigerten sich, sie anzuerkennen und verstießen sie. Einige elfischen Gemeinden jedoch gingen noch einen Schritt weiter – für sie stellten diese Mischlingskinder eine schlimme Kränkung der Familienehre dar. Eine Kränkung, die nur durch des Tod des Kindes gesühnt werden konnte.

Rhea sprach leise auf sie ein, streichelte ihr immer wieder über die Schulter und versuchte mit allen erdenklichen Mitteln, ihr Mut zu machen. Als Stanton näher kam, konnte er Fetzen des Gespräches aufschnappen.

„...wird dich nicht finden. Ihr seid hier sicher, du und der Kleine. Niemand wird euch beide verletzen. Wir lassen nicht zu, dass Mikago euch etwas antut.“

Sie sprach noch weitere Ermutigungen aus, dann fiel ihr Blick auf Stanton, der ein Stück entfernt wartete. Sie bedeutete ihm, gleich bei ihm zu sein, dann sagte sie zu der jungen Elfin: „Versuch ein bisschen zu schlafen. Vielleicht fällt dir im Traum ja ein Name für den Kleinen ein. Wenn du irgendetwas benötigst, zögere nicht, darum zu bitten.“

Sanft half sie dem Mädchen, sich auf eine Matte sinken zu lassen und strich ihr eine letzte Haarsträhne aus dem Gesicht, ehe sie sich erhob und zu Stanton kam.

Sie blieb nicht bei ihm stehen, sondern ergriff ihn am Arm und zog ihn hinaus aus den Schlafräumen. Dabei seufzte sie und strich sich übers Gesicht.

Stanton fragte leise: „Wann ist sie angekommen?“

Rhea schüttelte den Kopf und antwortete: „Heute morgen. Ihr Bruder wollte das Kind töten – sie hat sich geweigert, es ihm auszuhändigen. Er hat sie verprügelt und sie ist mit dem Kleinen weggerannt. Sagt, das Kind dürfe nicht für ihre Schande büßen.“

Rheas Lippen wurden schmal und Abscheu schwang in ihrer Stimme mit. Stanton verstand sie nur zu gut. Dieser Krieg hatte zu lange gedauert – nicht nur für die beteiligten Soldaten, sondern vor allem für die Zivilbevölkerung, die der Willkür gleich zweier Armeen ausgeliefert gewesen war. Auch Stanton konnte nicht alle Männer davon abhalten, in den eroberten Gebieten zu plündern und sich den Frauen aufzudrängen, so sehr er es auch versuchte. Er wusste, dass viele seiner Kameraden seine Bemühungen als Kampf gegen Windmühlen empfanden, doch allein das Wissen um die wahren Opfer jener Eskapaden – die vergewaltigten und somit entehrten Frauen, sowie die ungewollten Kinder – ließ ihn an seiner Strenge festhalten. Doch nach beinah vierzig Jahren Krieg, immer nur von kurzen Friedensphasen durchbrochen, war die Zahl der Bastarde überall im besetzten und umkämpften Gebiet enorm angestiegen. Und allein der Gedanke an all jene Kinder, die für die Ehre der Familie hatten sterben müssen, machte ihn krank.

„Hat sie einen Namen genannt, was den Vater des Kindes betrifft?“, fragte Stanton. Sollte der Vater einer der Männer aus seinem Regiment sein, könnte Stanton ihn zumindest dazu bewegen, der grundlegendsten Verantwortung um die Versorgung des Kindes nachzukommen.

Doch Rhea schüttelte den Kopf. „Sie sagte, es sei ein sarrakanischer Soldat gewesen, der nahe ihrem Dorf stationiert war. Hat ihr wohl große Versprechungen gemacht, sie zu nach dem Krieg zu heiraten und nach Suleyk zu bringen. Dann ist er abgezogen worden und sie hat nie wieder auch nur ein Wort von ihm gehört.“

Stanton verkniff sich einen Fluch. Er hatte diese Geschichte schon zu oft in sämtlichen möglichen Ausführungen gehört. „Hast du genug Wachen? Soll ich mehr Männer abkommandieren? Wenn der Bruder mit Begleitung hier auftaucht, muss sichergestellt sein, dass er nicht an sie herankommt.“

Rhea seufzte, und richtete ihr Kopftuch. „Wenn du welche entbehren kannst, wäre ich dafür dankbar. Die Elfen in dieser Gegend sind keine Kämpfer und sollten sich von der bloßen Anwesenheit von Soldaten abschrecken lassen.“

Wenn er sie entbehren konnte. Ohne es zu wissen, streute Rhea Salz in Stantons Wunde. Doch zugleich nahm er sich vor, mit Tommand eine regelmäßige, erweiterte Wache in der Stadt zu besprechen. Immerhin würde es die Soldaten beschäftigen, bis neue Befehle eintrafen.

„Reichen die Lebensmittel? Ich habe viele neue Flüchtlinge gesehen“, bemerkte er so leise, dass es niemand außer Rhea hörte. Sie senkte den Blick und erklärte: „Wir haben gestern mehrere Säcke mit Hirse von einem Bauern unten in der Talsenke bekommen – er meinte, er könne es im Moment sowieso nicht gewinnbringend verkaufen...“ - Stanton ahnte, dass der wahre Grund eher darin begründet lag, dass der Bauer seine Vorräte nicht an die adhalische Armee verkaufen wollte - „...und bevor es in seinem Keller vergammelt, gibt er es lieber uns. Zudem kommen immer wieder Helfer vorbei, die uns bringen, was sie entbehren können...“

„Rhea. Reicht es aus?“, wiederholte Stanton seine Frage. Rhea hob den Blick, sah ihm in die Augen und sagte: „Für ein paar Wochen. Die Ernten sind nicht so schlimm ausgefallen, wie befürchtet und wir konnten die haltbaren Lebensmittel – das gesalzene Fleisch und den Trockenfisch, sowie das eingelegte Gemüse – aufsparen. Aber sobald die Regenzeit kommt, wird es eng. Wir hoffen, dass der Gemüsegarten bis dahin Gestalt annimmt. Zumindest die Kinder könnten wir dann aus eigenem Anbau satt bekommen.“

Stanton presste die Kiefer aufeinander. „Ich habe einige Überschüsse im Armeelager. Zwei Bataillone sind kürzlich abgezogen worden, daher haben wir keinen Mangel an Zwieback, Linsen und Bohnen – ich werde veranlassen, dass alles, was wir entbehren können, hierher gebracht wird.“

Sie traten in den Garten hinaus, wo sie Sonne sie beide kurz blendete, nachdem sie die schummrige Dunkelheit im Kloster genossen hatten.

„Danke, Kommandant“, sagte Rhea auf sein Angebot hin. „Wir wissen das zu schätzen.“ Sie schwieg kurz, betrachtete die Kinder, die noch immer Rüben ernteten, dann lächelte sie leise. „Du solltest öfter herkommen. Die Kinder freuen sich immer, dich zu sehen.“

Stanton fuhr sich durch die Haare. Es hatte keinen Zweck, es aufschieben zu wollen, das wusste er.

„Ich muss gehen.“

Seine kurz angebundenen Worte entlockten Rhea nur ein verwirrtes Stirnrunzeln. „Aber du bist doch gerade erst gekommen“, protestierte sie.

Stanton verfluchte sich für seine Ungeschicktheit und stellte unglücklich richtig: „Ich meine, ich muss das Hinterland verlassen, Rhea. Ich wurde nach Khaers Wess beordert. Morgen früh muss ich aufbrechen.“

Daraufhin entstand ein langes, unangenehmes Schweigen. Rhea sah ihn nicht an, ihr Blick war noch immer auf die Kinder gerichtet, doch Stanton bemerkte das Beben ihrer Schultern. Sie fuhr sich mit den Fingern über die Stirn, wobei das Tuch verrutschte, das sie um ihren Kopf gewickelt hatte. Ihre spitzen Ohren kamen zum Vorschein und seufzend machte sie sich daran, das Tuch wieder zu richten.

Dann endlich brach sie das Schweigen: „Ich nehme an, der Befehl kommt von oben.“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

Stanton nickte. „Der Kaiser höchstselbst hat meine Rückkehr befohlen“, bestätigte er. „Ich soll für meine Verdienste in der Armee geehrt werden. Der Krieg ist vorbei.“

Ihm war bewusst, dass seine niedergeschlagene Stimme nicht zu diesen Worten passte, doch er konnte beim besten Willen keinen Stolz empfinden. Er war ein Diener des Kaiserreiches und hätte bis zum letzten Atemzug in dessen Eroberungsfeldzügen gekämpft, wenn man es von ihm verlangt hätte... doch auch wenn er überzeugt war, dass es den Dörfern und Städten im Hinterland besser ergehen würde, wenn sie erst Untertanen des Kaisers waren, so sah er doch, welche Auswirkungen der jahrelange Krieg auf die Bewohner hatte. Und er sah, wer den Preis für die Streitigkeiten von Herrschern zahlen musste – die kleinen Leute, die Landbewohner und die einfachen Menschen. Sie waren es, denen Rationierungen, Zwangserhebungen, die einbrechende Wirtschaft und die durchreisenden Armeen am meisten zusetzten.

Stanton war nicht stolz darauf, seinen Teil zum Leid der Leute beizutragen, obgleich er sich immer wieder sagte, dass es besser sei, er half dabei, den Krieg schnell zu beenden.

Doch nun war der Krieg vorbei. Und Stanton fühlte sich schuldiger denn je, als er sich wünschte, es wäre anders.

Rhea war bei seinen Worten stehen geblieben, sah ihn ungläubig an und fragte: „Vorbei? Was... was meinst du damit?“

Stanton fuhr sich erneut durch die Haare und fühlte sich sehr müde. Dennoch antwortete er: „König Mandwyn hat einen Friedensvertrag mit dem Kaiser geschlossen. Dieses Land ist offiziell Staatsgebiet des Kaiserreiches und alle seine Bewohner sind Untertanen von Kaiser Asher.“

Rheas Gesicht war fassungslos, doch als sie die Worte begriffen hatte, flackerte Zorn in ihren Augen auf. „Ich nehme an, damit hat König Mandwyn jede Macht aus der Hand gegeben?“

Stanton sah sie nicht an. „Sein Titel und seine Position bleiben erhalten. Er ist noch immer Herrscher über Sarrakanien. Aber... es stimmt. Es steht zu erwarten, dass die Priester des Kaisers genaue Vorstellungen haben, wie Sarrakanien von nun an verwaltet werden soll.“

Rhea fragte: „Und wenn König Mandwyn diesen Vorstellungen nicht entspricht?“

Stanton antwortete nicht – sie wussten beide, dass in diesem Fall bald ein anderer Thronhalter gefunden würde.

Rhea seufzte und sagte leise: „Es klingt verrückt, nicht wahr? Ich sollte mich eigentlich freuen, dass der Krieg vorbei ist. Er hat viel zu lange gedauert und viel zu viel Leid verursacht. Die meisten Elfen haben einen Sieg des Kaisers herbeigesehnt. Aber...“

Sie ließ ihren Blick über die Kinder in den Beeten schweifen. „Ich kann einfach keine Freude darüber empfinden, dass Sarrakanien sich in fremde Hände begeben hat. Dieses Land ist uralt... es hätte nicht vom Kaiserreich verschlungen werden dürfen. Schon bald wird niemand mehr wissen, wo einst die Landesgrenzen verliefen... dann wird die ganze Welt ein einziges, großes Reich sein.“

Unwillkürlich verspürte Stanton das Bedürfnis, sein Vaterland zu verteidigen, doch er hielt sich zurück. Natürlich hatte Rhea jedes Recht, der Unabhängigkeit ihrer Heimat nachzutrauern. Er würde ihr ihre Vaterlandsliebe nicht vorwerfen, wo sie doch stets großzügig über seine Rolle in der Eroberung Sarrakaniens hinweg gesehen hatte.

Rhea sah nach wie vor unglücklich aus, als sie den Blick hob und fragte: „Die Armee wird hierbleiben? Wer übernimmt das Kommando?“

Stanton setzte sich auf eine der alten Steinbänke und faltete die Hände. „Ich habe Tommand die Befehlsgewalt übertragen, bis anderweitige Befehle eintreffen. Er wird alles dafür tun, die Disziplin im Lager aufrecht zu erhalten.“

Er sprach nicht aus, was sie beide wussten – dass es Tommand nicht gelingen würde. „Ich verspreche dir, niemand wird sich am Kloster oder den Kindern vergreifen. Ich habe Anweisung gegeben, rund um die Uhr Wachen im Dorf zu positionieren, die für eure Sicherheit sorgen werden. Sicherlich wird die Armee bald aufgelöst und die Soldaten abgezogen werden.“

Rhea antwortete zunächst nicht, dann setzte sie sich neben ihn und sagte mit trauriger Stimme: „Du hast deine Männer Disziplin und Ehre gelehrt. Vielleicht reicht das, um die schlimmsten Übergriffe zu verhindern.“

Das Schweigen, das folgte, war beinah schmerzhaft. Stanton wusste, dass Rhea darauf wartete, dass er die eine Frage stellen würde, die noch offen war. Dass er die eine Bitte formulierte, der sie noch nachkommen konnte.

„Es tut mir so Leid“, sagte er stattdessen leise. Er hatte das Gefühl, dass keine seiner Worte auch nur im Entferntesten ausdrücken konnten, was er tatsächlich sagen wollte.

Rhea drehte sich scharf zu ihm herum und funkelte ihn an. „Wag' es nicht“, ermahnte sie ihn leise, doch eindringlich. „Wage es nicht, dich zu entschuldigen, als hättest du mir ein Versprechen gegeben. Ich bin nicht dumm – ich wusste immer, dass es nur ein schöner Traum war. Rede nicht mit mir, als sei ich ein naives Kind.“

„Ich wollte nicht... das war nicht meine Absicht“, beeilte Stanton sich zu sagen. „Du bist eine bemerkenswerte Frau und ich bin stolz, deine Bekanntschaft gemacht zu haben. Das weißt du.“

Sie sah ihn weiter an, ihr Blick wurde etwas weicher. „Ich weiß“, flüsterte sie. „Entschuldige. Du warst immer aufrecht und ich kann dir nicht genug für alles danken, was du für die Flüchtlinge und die Kinder getan hast.“

Ein Schweigen entstand zwischen ihnen, das Stanton beinah in die Knie zwang. Sein Herz raste und er fühlte sich, als stünde er auf dem Schlachtfeld, Auge in Auge mit einem scheinbar übermächtigen Feind.

„Rhea, ich...“, begann er, doch sie schüttelte den Kopf. Sacht nahm sie seine Hand in ihre, streichelte ihm mit den Fingern über den Handrücken und schloss für einen Moment die Augen. Dann sah sie ihm ins Gesicht, ein Lächeln auf den Lippen und Tränen in den Augen.

„Ich wünsche Euch alles Gute, Kommandant vaan Emhydd. Mögen die Götter immer über Euch wachen.“

Damit ließ sie seine Hand los, drehte sich um und betrat das Kloster. Stanton sah ihr nach, bis sie hinter den Türen verschwunden war, dann seufzte er und machte sich auf den Weg zurück zum Lager.

Gwendwyn legte Halt suchend eine Hand an die Reling, als das Schiff unter einer kräftigen Windböe erzitterte. Dann schloss sie die Augen, atmete tief durch und richtete ihren Blick auf die dünne Küstenlinie, die sich am Horizont erhob.

Khaers Havor mochte der größte Hafen der gesamten westlichen Welt sein – aus der Ferne sah er nicht anders aus, als der Hafen zuhause in Suleyk. Doch im Dunst des Morgennebels, der über der Küste hing wie ein Schleier, konnte sie die Konturen einer gewaltigen Stadt erkennen, über der der berühmte Palast des Kaisers thronte, wie ein Drache auf seinem Hort.

Ihre Hände krampften sich in das lackierte Holz der Reling, als sie daran dachte, dass nun ein Ozean zwischen ihr und ihrer Heimat lag. Bis eben war es ihr gelungen, diesen Gedanken erfolgreich beiseite zu schieben, doch nun, da sich zum ersten Mal seit Wochen das Geschrei von Möwen unter die groben, vielsprachigen Gespräche der Matrosen mischte und ihre Reise sich dem Ende zuneigte, wurde sie sich der Tatsache wieder gewahr.

Sie war in ihrer neuen Heimat angekommen.

Sie spürte Bewegung neben sich, als Arthur sich neben ihr gegen die Reling lehnte und den Küstenstreifen ebenso nachdenklich musterte, wie sie zuvor.

„Das soll der größte Hafen der Welt sein? Sieht aus wie der Pier eines Fischerdorfs auf den Kieselinseln“, bemerkte er in ihrer Muttersprache. Sie musste lächeln und antwortete: „Vaters Büchern zufolge war dies ursprünglich ein Außenbezirk von Khaers Wess. Irgendwann wurde der Hafen innerhalb der Stadtmauern zu klein für die Anzahl von Schiffen, die ihn täglich nutzten und so wurde der Hauptschiffsverkehr nach Khaers Havor verlegt, um den Alt-Hafen zu entlasten.“

Arthur warf ihr einen ärgerlichen Blick zu. „Hör auf! Du bist schlimmer als Meister Hermyn.“

Er fuhr sich mit den Fingern durch die vom Wind zerzausten Haare, wie er es als Kind immer getan hatte. „Aber ich würde seine Unterrichtsstunden allzu gern wieder aufnehmen, wenn wir dafür wieder direkt nach Hause segeln könnten.“

Gwendwyn runzelte die Stirn und sagte leise: „So etwas solltest du nicht sagen. Es könnte als Beleidigung aufgenommen werden.“

Arthur schnaubte wütend und richtete sich auf. „Sollen sie doch! Wir haben nicht um diese Hochzeit gebeten! Ich kann immer noch nicht glauben, dass Vater das zulassen will!“

Er hatte darauf geachtet, die Stimme nicht zu erheben, dennoch beäugten ihn einige Matrosen neugierig. Gwendwyn sah sich besorgt um, doch keiner der kaiserlichen Botschafter und Priester schien Arthur gehört zu haben.

„Arthur! Hör auf. Du weißt genauso gut wie ich, warum Vater uns hergeschickt hat“, versuchte sie ihn zu beruhigen, ehe er noch mehr unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zog.

Arthur ließ die Schultern hängen und erinnerte sie plötzlich wieder sehr an den kleinen Jungen, der Stunde um Stunde mit Pfeil und Bogen geübt hatte und jedes Mal enttäuscht gewesen war, wenn er das Ziel verfehlt hatte.

„Ich weiß, ich weiß“, murmelte er und lehnte sich wieder gegen die Reling. „Aber es ist nicht fair, dass du den Preis dafür zahlen musst. Manchmal...“

Er verzog das Gesicht, dann sagte er leise: „Ich sehe einfach nicht ein, warum Vater aufgegeben hat. Wir hätten diesen Krieg gewinnen können.“

Gwendwyn legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Vater wusste, dass das nur möglich wäre, wenn er gewaltige Verluste in Kauf nimmt. Er wollte nicht sein Volk opfern, nur um einen Titel behalten zu können.“

„Aber wir waren immer Könige“, widersprach Arthur trotzig. „Es ist nicht gerecht, dass wir nun das Haupt beugen sollen, vor einem Mann, der sich selbst Gott nennt...“

„Streng genommen“, unterbrach ihn da eine Stimme, „hat seine Majestät sich noch nie selbst als Gott bezeichnet. Als einziger, aktueller Erbe Kaiser Varvins, der einst die Götter tötete, trägt er nach wie vor einen Funken ihrer Göttlichkeit in sich und bildet das Oberhaupt der Kirche, doch die Adhali lehnen die Vorstellung lebender Götter strikt ab.“

Gwendwyn und Arthur drehten sich erschrocken herum. Botschafter Nathan war ein Mann in den späten Dreißigern, jung für ein Amt wie das seine, doch er hatte von Beginn an stets wie ein wahrer Sohn des Kaiserreiches gesprochen. In jedem seiner Worte klang der tiefe Vaterlandsstolz mit, den Gwendwyn inzwischen bei vielen offiziellen Vertretern ihrer Nation bemerkt hatte. Es verwunderte sie kaum, dass er es bis zum Botschafter gebracht hatte.

Allerdings verwunderte es sie durchaus, dass der Mann sie in ihrer Muttersprache angesprochen hatte – bisher hatte er sich für Unterhaltungen stets auf Adhali beschränkt. „Ich wusste nicht, dass Ihr Sarrakan sprecht, Botschafter“, versuchte sie sogleich das Thema auf Unverfänglichkeiten zu lenken. Arthur neben ihr presste die Lippen auf einander und schwieg – den Göttern sei Dank!

Nathan lächelte gutmütig und antwortete in akzentuiertem Sarrakan: „Nur mangelhaft, befürchte ich. Das Studium fremder Sprachen war nie meine größte Stärke. Ich habe Schwierigkeiten, mir die nötigen Vokabel einzuprägen, die für eine flüssige Unterhaltung notwendig wären. Ich hoffe daher...“, mit den letzten Worten wechselte er wieder zu Adhali, „..., dass Ihr mir vergebt, wenn ich Euch bitten muss, Eure Sprachkenntnisse zu bemühen. Ich glaube, Euer Adhali dürfte weitaus respektabler sein als mein Sarrakan.“

Gwendwyn zwang sich zu einem Lächeln und sagte, nun ebenfalls in Adhali: „Oh, aber Euer Sarrakan ist ganz vortrefflich, Botschafter. Ich wüsste nicht, was es daran auszusetzen gäbe.“

Nathan beugte den Kopf, ob dieses Kompliments. „Das ist sehr freundlich von Euch“, erwiderte er schlicht. Dann trat er an ihr vorbei und betrachtete den fernen Hafen. „Es dauert nun nicht mehr lange, Herrin“, erklärte er. „Noch vor Einbruch der Dunkelheit werden wir den Palast von Khaers Wess erreichen. Ihr müsst schon aufgeregt sein, könnte ich mir vorstellen?“

„Ich hoffe, seiner Majestät keine Enttäuschung zu sein“, antwortete sie ohne zu Überlegen. Diese Worte hatte man ihr eingebläut und sie trug sie wie einen Schild mit sich.

Nathan lächelte. „Nun, das kann wohl niemand von uns mit Sicherheit sagen. Der Kaiser ist niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig und einzig seine engsten Berater können von sich behaupten, ihn einschätzen zu können. Wir übrigen... wir können nur darauf hoffen, ihm in seinen Wünschen entsprechen zu können.“

Arthur runzelte die Stirn, war jedoch glücklicherweise klug genug, nichts zu sagen. Den Lobpreisungen des Kaisers konnte er seit jeher nichts abgewinnen, doch weder er, noch Gwendwyn befanden sich in der Situation, ihre Zweifel an der Allmacht des Kaisers auszusprechen. „Dann hoffen wir alle auf das Beste, Botschafter“, antwortete sie höflich und versteckte ihre Sorge. Denn ob der Mann, den sie bald heiraten würde nun ein falscher Gott war oder bloß ein Mensch – am Ende war sie seiner Gnade ausgeliefert und ganz Sarrakanien mit ihr.

Botschafter Nathan lächelte, dann wanderte sein Blick zur langsam nahenden Küstenlinie. „Ihr solltet Euch bereit machen, Herrin. In einigen Stunden werden wir anlegen und gewiss wird man uns bereits erwarten. Es wird dafür Sorge getragen, dass Ihr – und natürlich auch Ihr, Prinz Arthur – auf direktem Wege zum Palast gebracht werdet. Diese ermüdende Reise ist bald vorbei, Herrin.“

Gwendwyn musste schlucken, doch die Stimme des Botschafters enthielten keinerlei Boshaftigkeit, sodass sie beinah zu glauben bereit war, dass er seine Worte tatsächlich für beruhigend hielt. Daher rang sie sich ein Lächeln ab und sagte: „Ich danke Euch für Eure Sorge, Botschafter. Ich werde mich nun in meine Kabine zurückziehen, um mich für das Anlegen vorzubereiten.“

Der Botschafter verneigte sich leicht vor ihr und Gwendwyn hielt Arthur ihre Hand hin. „“Wärst du so freundlich, Arthur?“, bat sie ihn. Sie wollte ihn nur ungern mit dem Botschafter allein lassen. Arthur war weder dumm, noch taktlos, doch er war noch jung und Gwendwyn wollte das Gelingen ihrer diplomatischen Mission nicht seinem ohnehin schon gespannten Nervenkostüm anvertrauen.

Arthur verstand und bot ihr seinen Arm um ihr beim Überqueren des Schiffes zu helfen, obgleich der Wellengang ruhig und der Wind, bis auf einige unerwartete Böen, gleichmäßig waren. Ihnen waren, dank ihrer Titel, zwei nah beieinander liegende Kabinen zugewiesen worden, direkt unter dem erhöhten Achterdeck, sodass sie nicht gezwungen waren, über Strick- und Fallleitern unter Deck klettern zu müssen.

Nachdem sie in Gwendwyns Kabine angekommen und die Tür hinter sich geschlossen hatten, ließ Arthur seine Fassade fallen und ließ sich unzufrieden auf Gwendwyns Bett sinken.

„Wie er schon über ihn gesprochen hat! Wie er ihn hochhält, als sei er... oh, wenn ich noch einmal diese Kindergeschichte über Kaiser Varvin hören muss, dann werde ich... ah!“, er warf frustriert die Arme in die Luft, ließ sich rücklings auf das Bett fallen und starrte wütend an die Decke.

Gwendwyn betrachtete ihn kurz, dann setzte sie sich neben ihn auf die Matratze. Es tat ihr Leid, Arthur so zu sehen, denn sie wusste, dass er fest entschlossen war, ihrem Vater keine Schande zu machen. Dennoch – er war zu jung. Wenn es nicht als Bedingung des Friedensvertrags verlangt worden wäre, dass neben Gwendwyn auch der jüngere Sohn des Königs nach Khaers Wess geschickt werden solle – um freundschaftliche Bande zwischen ihren Dynastien zu schmieden, wie es der Botschafter ausgedrückt hatte – so hätte Gwendwyn gern versucht, ihren Vater davon abzubringen, Arthur mitzuschicken.

„Ich weiß, wie hart das für dich sein muss“, sprach sie leise auf ihn ein. „Ich wünschte, du hättest in Suleyk bleiben können.“

Arthur richtete sich mit einem Ruck auf. „Damit mir tagtäglich in Erinnerung gerufen wird, dass Vater auf dem Thron nur geduldet wird und ich Ziel von Kalwyns Ausbrüchen bin?“, fragte er bitter. „Ich wünschte, ich könnte dem Ganzen ebenso ruhig entgegensehen, wie du.“

Er klang so niedergeschlagen, dass Gwendwyn unwillkürlich das Verlangen spürte, ihn aufzuheitern, auch wenn sie wusste, dass ihr das vermutlich nicht gelingen würde. Nichtsdestotrotz erklärte sie: „Das scheint nur so. Natürlich bin ich... nervös. Und natürlich habe ich Angst.“

„Aber wie machst du das?“, fragte Arthur leise. „Wie schaffst du es, dass das niemand sieht? Du zahlst von allen den höchsten Preis für diesen Krieg. Und du hast dich kein einziges Mal beschwert oder gezeigt, dass du all das hier nicht willst. Wie schaffst du es, deine Gefühle so unter Kontrolle zu halten?“

Gwendwyn nahm Arthurs Hand und brachte ihn so dazu, sie anzusehen. „Ich bin Vaters einzige Tochter, Arthur“, sagte sie leise. „Ich bin die einzige Prinzessin von Sarrakanien. Mit Kalwyn und dir hat Vater die Erbfolge sichergestellt. Mir war immer klar, dass meine Pflicht darin bestehen würde, eines Tages einen ausgesuchten Adeligen zu heiraten, um Vaters politische Position zu stärken. Natürlich hatte ich immer gedacht, es würde ein sarrakanischer Fürst oder General sein, oder vielleicht auch ein hardländischer Adeliger... aber am Ende ist meine Situation nur marginal anders, als ich es immer erwartet hatte. Ich wurde mein Leben lang für genau das hier ausgebildet. Das heißt aber nicht, dass ich es mir so gewünscht hätte. Ich kenne meine Pflicht, aber...“

„Aber Angst hast du trotzdem“, beendete Arthur ihren Satz für sie. Sie nickte. Dann sagte sie: „Nichtsdestotrotz werde ich die Verantwortung annehmen, die auf mir lastet. Es ist meine oberste Pflicht, dem Volk von Sarrakanien zu dienen, so gut ich kann. Und wenn das bedeutet, Kaiser Asher zu ehelichen, um so für freundschaftliche Beziehungen zwischen unseren Reichen einzustehen, so werde ich das tun.“

Natürlich entsprachen diese Worte den endlosen Tiraden ihrer Lehrmeister, die ihr diese Sichtweise immer wieder eingetrichtert hatten. Arthur seufzte. „Du hast ja recht. Ich weiß, was von mir verlangt wird. Unter anderen Umständen hätte ich auch gar kein Problem, nach Khaers Wess zu gehen, glaube ich. Wenn wir nur nicht wie Geiseln ins Land gebracht würden.“

„Wir sind Gäste, Arthur“, verbesserte ihn Gwendwyn ruhig. Arthur widersprach ihr zwar nicht offen, doch sein Blick sprach Bände. Selbstverständlich hatte er Recht – Gwendwyn war nicht so naiv zu glauben, ihre erzwungene Anwesenheit in Khaers Wess diene nicht auch dazu, ihren Vater zur Kooperation zu bewegen.

Arthur erhob sich und trat an das große Fenster auf der anderen Seite der Kabine. Im Moment war es geöffnet, um ein wenig von der Meeresbrise hereinzulassen und die stickige Luft etwas erträglicher zu machen. Je weiter sie nach Süden gesegelt waren, desto milder war die Temperatur geworden. Allerdings, das hatte Gwendwyn bereits bemerkt, waren die wenigen wirklich heißen Tage dafür unangenehm schwül. Auch heute strahlte die Sonne vom Himmel und das Gekreische der Möwen wurde lauter, je näher sie dem Hafen kamen.

Unwillkürlich begannen ihre Gedanken zu wandern. In nur wenigen Stunden würden sie im Althafen von Khaers Wess anlegen – Botschafter Nathan hatte bereits erklärt, dass dieser extra für ihre Ankunft geräumt worden war – und dann wäre es nur noch ein kurzer Weg durch die Stadt bis zum kaiserlichen Palast. Und dann... dann würde sie wohl früher oder später dem Kaiser begegnen.

Ihre Hände verkrampften sich ineinander. Sie mochte Arthur gegenüber tapfer von Pflichterfüllung sprechen, sie mochte ihrem Vater versichert haben, dass sie jederzeit bereit war, im Dienste ihres Landes auch diese Bürde auf sich zu nehmen – nichtsdestotrotz graute ihr vor dem Moment, an dem sie dem Kaiser – ihrem baldigen Ehemann! - begegnen würde.

Ihre Lehrmeister hatten sich Mühe gegeben, ihr so viel wie möglich über Kaiser Asher zu vermitteln, dennoch hatte sie das Gefühl, als wisse sie im Grunde gar nichts. Oh, natürlich wusste sie schon einiges. Sie wusste, dass er erst siebzehn gewesen war, als sein Vater gestorben war und er seinen Platz auf dem Thron hatte einnehmen müssen. Sie wusste, dass er den Krieg weitergeführt hatte, den sein Vater begonnen – und dass er ihn nun auch beendet hatte. Sie wusste, dass er, wie alle adhalischen Kaiser, unnatürlich langsam zu altern schien. Der letzte Kaiser war weit über hundert Jahre alt gewesen, als er verstarb.

Darüber hinaus jedoch wusste sie erbärmlich wenig über ihren zukünftigen Gatten. Nicht einmal sein Aussehen hatten ihr ihre Lehrmeister beschreiben können, da nur einige wenige veraltete Bilder von ihm existierten. Und auch von anderen Dingen den Kaiser betreffend hatte sie keine Ahnung. Wie würde er sein? War er erfreut über diese Hochzeit oder würde er sie als einen notwendigen, politischen Schachzug betrachten? Würde er sie und Arthur mit Respekt behandeln oder mit Verachtung?

Die Fragen machten sie beinahe verrückt und energisch stand sie auf. Arthur fuhr aus seinem stummen Brüten hoch und sah sie fragend an.

Gwendwyn verschränkte die Hände ineinander und sagte mit fester Stimme: „Wir sollten uns tatsächlich bereit machen. Ich denke, es wäre angeraten, dass wir uns von unserer besten Seite präsentieren. Ich schlage vor, du gehst du umziehen.“

Arthur warf einen kurzen Blick an sich herunter – im Laufe der Reise hatte er sich angewöhnt, lediglich in Hemd und Weste herumzulaufen – und stimmte ihr zu: „Du hast wohl Recht. Brauchst du Hilfe beim Umziehen? Soll ich deine Zofe rufen lassen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Danke, aber ich schaffe das. Ich werde das feine Reisekleid anlegen. Dazu benötige ich keine Hilfe.“

Arthur nickte und schob sich an ihr vorbei und aus der Kabine, um sich in seine eigene zurückzuziehen.

Als sie allein war, nahm Gwendwyn einen langsamen, tiefen Atemzug. Sie sah aus dem Fenster und die Brise trug ihr einen neuen Geruch zu – zu dem inzwischen vertrauten Salzgeruch mischte sich der eindeutige, fische Gestank von Hafen.

Mit erneutem Seufzen machte sie sich daran, ihr Reisekleid aus ihrer Truhe zu holen und sich umzuziehen.


 

Khaers Wess war durchaus eine beeindruckende Stadt. Das nahm Gwendwyn zumindest an, denn viel bekam sie auf ihrer Fahrt zum Palast nicht davon zu Gesicht. Im Hafen angekommen, war sie von einer großen Gruppe von Würdenträgern empfangen worden, jedoch hatte Botschafter Nathan sie und Arthur beinah augenblicklich zu einer der wartenden Kutschen gelotst. Diese waren klein und eng, sodass sie und Arthur allein in der Kutsche fahren mussten. Sie vermutete, dass größere Kutschen nicht ohne Weiteres durch die Gassen der Stadt passten.

Zunächst war es ihr beinah wie ein Vertrauensbeweis erschienen, dass man sie und Arthur für die Dauer der Fahrt allein ließ. Ein kurzer Blick aus dem kleinen Kutschfenster jedoch machte diese Illusion zugleich zunichte. Ihre Kutsche fuhr zwischen jeweils zwei anderen und neben ihnen ritten kaiserliche Gardewachen auf Pferden her, die aufmerksam sowohl ihre Kutsche, als auch die Umgebung im Auge behielten.

Während der Fahrt selbst, sah Gwendwyn nur wenig von der Stadt – zumeist nur steinerne Hauswände und enge, verwinkelte Gassen. Sie vermutete, dass dem Tross auch noch Wachen voraus ritten, denn es waren nur einige wenige Menschen auf den Straßen zu sehen, welche sich immer unauffällig in Hauseingänge oder Seitengassen drückten.

Dennoch wurde ihr bewusst, wie gewaltig die Stadt sein musste, denn die Fahrt dauerte viel länger, als sie es vermutet hätte. Als sie allmählich in die höheren Bezirke kamen – zumindest vermutete Gwendwyn das aufgrund der besser gepflasterten Straßen – war die Sonne bereits beinah untergegangen und im Inneren der Kutsche breitete sich fahles Zwielicht aus.

Arthur, ebenso begierig darauf, sich umzusehen, wie sie, hing praktisch am Fenster. „Ich hatte ja immer gehört, dass Khaers Wess die größte Stadt der westlichen Welt ist, aber... ich hatte mir nie so recht vorstellen können, wie groß sie ist. Was glaubst du, wie viele Menschen hier leben?“

Gwendwyn antwortete nur knapp – sie fühlte sich angespannt und nervöser, als je zuvor während der Reise. Sie würde es nie zugeben, aber ihrer Meinung nach dürfte die Fahrt gar nicht lang genug dauern.

Arthur schien ihre Wortkargheit zu bemerken, denn er ließ vom Fenster ab, setzte sich wieder richtig auf die Kutschbank ihr gegenüber und sah sie besorgt an.

„Hab keine Angst“, sagte er leise und auf Sarrakan zu ihr. „Es wird schon alles gut werden. Du hast es selbst gesagt, wir sind Gäste hier. Und außerdem...“ Er warf wieder einen Blick aus dem Fenster und fuhr noch leiser fort: „Wenn man uns hier schlecht behandelt... dann verschwinden wir. Vertrag hin oder her, ich werde nicht zulassen, dass man dir hier nicht mit Respekt begegnet.“

Erschrocken sah Gwendwyn ihn an. So entschlossen hatte Arthur noch nie geklungen und es war gefährliches Terrain, auf das er sich begab.

„Das darfst du nicht sagen, Arthur“, flüsterte sie eindringlich und so ernst, wie es ihr nur möglich war. „So etwas darfst du nicht einmal denken! Das wäre eine Beleidigung, ja sogar ein Kriegsakt, denn es würde gegen den Friedensvertrag verstoßen, den Vater unterzeichnet hat. Du würdest ihn damit wie einen Lügner dastehen lassen.“

Arthur wirkte trotzig, doch etwas geläutert. „Ich weiß. Aber wenn ich daran denke, dass du dich diesem... diesem... ihm ausliefern musst... es macht mich beinah krank.“

„Ich kenne meine Pflicht und ich werde nicht vor ihr davonlaufen“, machte Gwendwyn entschlossen klar. „Der Kaiser mag nicht der Mann sein, den ich mir selbst je gewählt hätte, doch er ist immer noch ein Kaiser. Unsere Ehre gebietet es, dass wir ihm mit Respekt entgegentreten müssen. Alles andere wäre unredlich und würde den Namen unserer Familie beschmutzen. Ich erwarte also, dass auch du dem Kaiser den gebührenden Respekt zollen wirst, Arthur. Du brauchst ihn nicht zu mögen, das verlange ich nicht, aber ich will, dass du dich so verhältst, wie du es bei jedem anderen Herrscher tun würdest, der ein Verbündeter unseres Vaters ist. Hast du mich verstanden?“

„Ja. Ja, das habe ich“, sagte Arthur mit grimmiger Miene. Plötzlich schien ein helles Licht durch das Fenster – sie waren auf einem großen Platz vorgefahren und Dutzende, mit Laternen ausgestattete Diener standen parat, um sie zu empfangen. Sie hatten den Palast erreicht.

Arthur beugte sich zu ihr, als die Kutsche mit einem Ruck anhielt. Ehe Diener die Tür öffnen und ihnen heraus helfen konnten, flüsterte er: „Aber wenn er dich verletzen sollte – egal wie – dann schwöre ich, interessiert es mich nicht mehr, ob er Gott oder Kaiser oder sonst was ist. Denn wenn er es wagen sollte, dir etwas anzutun, werde ich ihn umbringen.“

Noch bevor Gwendwyn den Mund aufmachen konnte, um eine Erwiderung zu geben, Arthur vielleicht erneut für seine Worte zu schelten, wurde die Kutschtür geöffnet und Diener standen bereit, ihnen beim Aussteigen zu helfen.

Arthur warf ihr einen letzten, störrischen Blick zu, dann kletterte er aus den Kutsche und half auch Gwendwyn hinaus. Sie musste sich darauf konzentrieren, sich nicht mit dem Saum ihres Kleides an der Trittleiter zu verfangen, weswegen ihr Blick nach unten gerichtet war. Als sie dann endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte und nach oben sah, stockte ihr der Atem.

Vor ihr ragte der Palast des Kaisers auf, wie ein Berg – sofern man sich einen Berg aus blauem Stein vorstellen konnte. Nein, blau war nicht richtig – die Wände und Mauern waren aus einem hellen Fels mit sonderbar schillernden Einschlüssen errichtet worden. Je nach Lichteinfall strahlten diese Einschlüsse in den verschiedensten Blautönen, sogar im verwaschenen Grün des Ozeans. Es war, als sei der Palast aus Saphiren zusammengesetzt worden.

Sie musste ein wenig zu lange da gestanden und den Eindruck auf sich wirken gelassen haben, denn sie zuckte zusammen, als Botschafter Nathan neben ihr erschien. „Ich vermute, der erste Blick auf den kaiserlichen Palast kann dem unvorbereiteten Betrachter den Atem rauben.“

Es lag eine gewisse Zufriedenheit in seiner Stimme, als freue er sich, wie beeindruckt sich Gwendwyn zeigte. Sie bemühte sich, ihre gelassene Haltung wieder herzustellen. „Ein wahrlich bezaubernder Anblick, Botschafter. Was für ein Stein wurde benutzt, um diesen Effekt zu erzielen?“, erkundigte sie sich höflich, um etwas Zeit zu gewinnen.

Botschafter Nathan zuckte mit den Achseln. „Um ehrlich zu sein, Herrin – das weiß niemand. Diese äußeren Mauern sind ein Überbleibsel aus der Zeit der Götterkriege, als Kaiser Varvin die Götter niederschlug. In all der Zeit war kein Baumeister in der Lage, einwandfrei zu klären, was für ein Material hier verbaut wurde. Dementsprechend konnte der Effekt leider auch nie rekonstruiert werden – die inneren Bereiche des Palasts, sowie die später hinzu gebauten Teile bestehen alle aus gewöhnlichem Stein. Letzten Endes ist es also doch immer nur der äußere Schein, der uns Perfektion vorgaukelt.“

Nathan schmunzelte über seine eigenen Worte, als hätte er einen Witz erzählt, den nur er verstand. Gwendwyn fragte sich, ob es vielleicht eine versteckte Spitze gewesen war; womöglich hatte der Botschafter andeuten wollen, dass er Gwendwyns Fassade schon lange durchschaut hatte. Doch Nathan gab ihr keine Gelegenheit, dies herauszufinden, denn er wandte sich von ihr ab, um sich mit einem Mann zu unterhalten, der an ihn herangetreten war.

Gwendwyn wusste nicht genug über die Uniformierung der kaiserlichen Beamten, als dass sie anhand der Kleidung des Mannes seinen Rang hätte ablesen können. Wie auch Botschafter Nathan trug der Mann eine Variation einer schwarzen Uniform, doch der Neuankömmling trug zusätzlich noch eine rote Schärpe. Womöglich ein Gelehrter?

Nach kurzem Gespräch mit Botschafter Nathan drehte sich der Mann zu Gwendwyn und Arthur herum und verbeugte sich höflich vor ihnen. „Prinz Arthur, Prinzessin Gwendwyn – es ist mir eine Ehre, Euch im Namen des Kaisers in Khaers Wess willkommen zu heißen. Ich bin Meister Milton, Mitglied des inneren Beraterkreises seiner Majestät. Ich wurde beauftragt, Euch bei Ankunft zu empfangen und zu den Gemächern zu geleiten, die für Euch vorbereitet wurden. Der Kaiser wünscht, dass Ihr Euch in aller Ruhe von den Strapazen Eurer Reise erholen könnt.“

Meister Milton hatte diesen kleinen Vortrag höflich, doch ohne besondere Freundlichkeit hervorgebracht. Dennoch bemühte sich Gwendwyn um ein Lächeln und antwortete: „Habt Dank, Meister Milton. Mein Bruder und ich sind äußerst dankbar für die Fürsorge, die man uns entgegen bringt.“

Meister Milton nickte, scheinbar zufriedengestellt, und bedeutete Gwendwyn und Arthur, mit ihm zu kommen. „Dann ist es mir eine Ehre, Euch umgehend zu Euren Gemächern zu geleiten. Bitte, Eure Hoheiten, wenn Ihr mir folgen würdet.“

Gwendwyn nickte zustimmend. Bevor sie und Arthur von Meister Milton davon geführt wurden, verneigte sie sich noch ein letztes Mal vor Nathan. „Es war mir eine Ehre, Botschafter. Ich danke Euch für die komfortable Reise. Ich hoffe, dass sich unsere Wege wieder kreuzen werden.“

Botschafter Nathan schmunzelte und neigte ebenfalls den Kopf. „Nicht doch, werte Herrin“, sagte er mit amüsierter Stimme. „Die Ehre liegt ganz auf meiner Seite. Erlaubt mir, Euch meine guten Wünsche für die Zukunft auszusprechen – vermutlich werden wir keine Gelegenheit haben, uns vor Eurer Hochzeit noch einmal zu unterhalten.“

Gwendwyn presste die Lippen zusammen, zwang sich jedoch zu einem Lächeln. Dann wandte sie sich endgültig von Botschafter Nathan ab und trat an Arthurs Seite, um Meister Milton in den kaiserlichen Palast zu folgen.

Als sie gerade die imposante, blau schimmernde Eingangshalle betreten hatten, warf Gwendwyn noch einen letzten Blick über die Schulter zurück zu dem großen Platz. Für einen kurzen Moment glaubte sie zu sehen, wie Nathan ihr lächelnd hinterher sah, dann schlossen sich die mächtigen Flügel des Eichentors. Sie atmete tief durch, dann hob sie stolz den Kopf und begab sich tiefer in den Palast, ihrem neuen Leben entgegen.

Jargo erwachte mit schmerzenden Gliedern und einem gemeinen Pochen hinter den Schläfen. In seinem Mund lagen die Geschmäcker von Metall und Salz und seine Zunge fühlte sich an, als sei etwas Pelziges in seinem Mund gestorben.

Er stöhnte, als Licht auf sein Gesicht fiel und ihn selbst durch die geschlossenen Augen hindurch blendete. Die Sonne zeigte sich in dieser Jahreszeit nicht oft am wolkenverhangenen Himmel, doch ausgerechnet heute, da er viel für etwas Ruhe und Dunkelheit gegeben hätte, strahlte sie umso kräftiger vom Himmel.

Das Geschrei von Straßenkindern vermischte sich mit dem Kreischen der Möwen, die ihr Glück in den Abfällen des Flusses suchten und Jargo zwang sich, die Augen ein wenig zu öffnen.

Er lag, halb verborgen unter einem Haufen alter, zerschlissener Fischernetze, am Rande des Kanals. Nur einen Meter neben ihm fiel die Kante des gepflasterten Vorsprunges steil ab und grau-braunes Wasser floss träge dahin.

Jargo fragte sich, wie er hierher gekommen war – soweit er sich erinnern konnte, hatte er sich am Vorabend auf einer der kleinen Brücken mit seinem Auftraggeber getroffen, ehe er sich von seinem Gewinn eine Hure gesucht und mit ihr in die dunklen Ecken des Hafens gegangen war. Seine letzte Erinnerung zeigte zwei Männer mit Knüppeln in den Händen.

Dann setzte sein Gedächtnis aus, doch es fiel ihm nicht schwer, den übrigen Abend zu rekonstruieren. Vermutlich hatte man ihn beobachtet, als er sich mit seinem Auftraggeber getroffen hatte. Die Schläger hatten Jargo in der Hoffnung auf leicht verdientes Gold verfolgt, ihn in einem günstigen Moment niedergeschlagen und – vermutlich im Glauben, er sei tot – am Kanal versteckt, wo eine Leiche nicht so schnell entdeckt würde.

Stöhnend setzte Jargo sich auf, die Netze von sich schiebend und mit einer Hand seinen Kopf abtastend. Er fand keine Spuren angetrockneten Blutes, doch seitlich am Schädel erfühlte er eine große, schmerzende Beule.

Danach suchte er nach seinem Geldbeutel, doch auch der war weg. Jargo seufzte, dann zog er sich langsam den rechten Stiefel aus. Dass er seine Schuhe noch besaß, wunderte ihn – gute, passende Schuhe auszutreiben war schwierig und Jargo hatte schon mehr als ein Paar an Plünderer und andere Ratten verloren. Sein jetziges Paar wirkte von außen zwar abgetragen und schmuddelig, doch das Leder war noch immer fest und geschmeidig und ließ weder Kälte noch Feuchtigkeit an die Füße dringen. Es überraschte Jargo, dass die Schläger sie ihm nicht auch abgenommen hatten.

Er drehte den Stiefel herum und griff mit einer Hand hinein. Zuerst löste er die lederne Sohle, dann schüttete er eine kleine Handvoll Münzen in seine Hand. Fünf Goldstücke waren kein Vermögen, doch immerhin stand er nicht mittellos da.

Jargo wusste, dass die meisten Menschen ungläubig den Kopf geschüttelt hätten, wenn sie gesehen hätten, wie unbeteiligt er den Vorfall betrachtete. Doch für Jargo war es nichts Neues, ausgeraubt zu werden und er war auch schon mehrmals mit schmerzendem Kopf an ihm unbekannten Orten aufgewacht. Tatsächlich fühlte er sich beinah beflügelt. Nicht jeder hatte das Glück fälschlicherweise für tot gehalten zu werden und so achtlos beiseite geschafft zu werden – und dann auch noch so stümperhaft, dass er auch die stundenlange Ohnmacht überlebte. Hätten ihn seine Angreifer in den Fluss geworfen, wäre seine Leiche zwar vermutlich früher gefunden worden, doch zumindest wäre er tatsächlich eine Leiche gewesen.

Er steckte zwei der Goldmünzen in seine Westentasche, die übrigen drapierte er wieder im Stiefel und bedeckte sie mit der Sohle. Dann zog er den Stiefel wieder an und stützte den Kopf in die Hände. Zu den Kopfschmerzen hatte sich inzwischen eine sich steigende Übelkeit gesellt und er fühlte den Brechreiz in der Kehle. Ein paar Mal würgte er und der Geschmack von Galle stieg ihm in den Mund, doch er schaffte es, sich zu beherrschen, bis die Übelkeit ein wenig abflaute.

Er seufzte. Schläge auf den Kopf waren immer eine unangenehme Angelegenheit und es würde eine Zeit dauern, bis er sich von der Gehirnerschütterung – zumindest nahm er an, sich eine zugezogen zu haben – erholt hatte und selbst dann war keinesfalls sicher, dass er keine Schäden davontragen würde. Er hatte Männer gekannt, die mehrere Wochen nachdem ihre Kopfverletzungen verheilt waren plötzlich an schrecklichen Anfällen gestorben waren.

Doch es war keine Option, hier sitzen zu bleiben, zwischen Fischabfällen und kaputten Netzen und so erhob er sich langsam, sich an der Wand neben ihm abstützend. Welch eine Ironie wäre es, wenn er jetzt noch in einem Anflug von Schwindel in den Kanal stürzen und ertrinken würde. Er konnte schwimmen, doch in seinem derzeitigen Zustand würde er sich wohl kaum über Wasser halten können.

Er tastete sich ganz langsam an der Wand entlang, bis er eine Treppe fand, die ihn aus der Kanalsenke herausführte. Die Stufen waren eine Herausforderung, doch es gelang ihm ohne gröbere Peinlichkeiten bis nach oben zu gelangen. Dort stützte er sich erst einmal gegen das Geländer und schloss die Augen, um neue Kräfte zu sammeln.

Die Sonne schien ihm warm ins Gesicht und obgleich sie immer noch blendete, weckte sie auch seine Lebensgeister. Er begann, seine Umgebung genauer wahrzunehmen – der Geruch von Fisch, der vom Hafen herüber wehte, das Rufen der Händler, die ihre Waren feilboten und die Kinder dazwischen, die sich eine herabfallende Münze oder einen unaufmerksamen Obsthändler erhofften.

Zwei Stadtwachen patrouillierten gemächlich am Pier entlang. Als sie an Jargo vorbeikamen, der immer noch gegen das Geländer lehnte, blieben sie kurz stehen und musterten ihn misstrauisch.

„Hey, du, Elf! Weitergehen. Herumlungerer wollen wir hier nicht sehen“, fuhr ihn einer der Männer an, wobei er seinen Speer etwas fester packte.
Unter normalen Umständen hätte Jargo sie gar nicht beachtet, ihnen vielleicht sogar eine freche Antwort gegeben – er war schneller als die Wachen in ihren gepanzerten Rüstungen und kannte genügend Schlupflöcher, wenn es darum ging, Verfolgern zu entkommen.

Doch in seiner derzeitigen Verfassung verspürte er kein Bedürfnis, sich mit den Männern anzulegen und so nickte er bloß und sagte: „Jawohl, Herr. Bin schon weg.“
Er stieß sich von der Mauer ab und taumelte die Straße entlang, zwischen die Häuser. Eine der Wachen murmelte noch gedämpft: „Widerliche Ratten. Schon am frühen Morgen besoffen.“

Er hörte gar nicht hin – selbst wenn die Wachen gewusst hätten, dass er niedergeschlagen und ausgeraubt worden war, so hätte es sie nicht interessiert. Offiziell war es Aufgabe der Stadtwache, Verbrechen zu verhindern und den Opfern, egal welchen Standes, beizustehen. In Wahrheit jedoch war es ihre Aufgabe, die guten, ehrlichen Bürger – also jene, die pünktlich und verlässlich ihre Steuern entrichteten – vor Abschaum wie Jargo zu beschützen und zu verhindern, dass sich Adelige und Händler von den Stadtratten belästigt fühlten.

Er zwang sich selbst zu einem halbwegs aufrechten Gang, als er den Marktplatz überquerte. Als ihn Kinder umringten, stieß er sie unwirsch zur Seite. Immerhin, dachte er grimmig, können sie mir nicht den Geldbeutel stehlen.

Er scheuchte auch die letzten hartnäckigen Hände weg, die ihn um eine Münze anbettelten, dann schob er sich zwischen den eng stehenden Marktständen hindurch in die Gassen. Hier sammelte sich stets der Müll, die Überreste dessen, was die Händler nicht verkaufen konnten. Zwischen vergammeltem Essen, das nicht einmal die Straßenkinder anrührten, lagen auch zerschlissene Stoffstücke, zerbrochene Tongefäße und anderer Unrat, der unter Jargos Stiefeln knirschte.

Noch schlimmer als der Anblick waren allerdings die Gerüche – verwesendes Fleisch, rottender Fisch und faulige Früchte, kombiniert mit dem scharfen Gestank menschlicher Exkremente füllten die Gassen wie Nebel. Hätte Jargo nicht den Großteil seines Lebens in der Kanalisation der Stadt verbracht, wäre der Gestank kaum zu ertragen gewesen.

Er beeilte sich auf seinem Weg durch das Labyrinth der Gassen so gut es ging. Abseits der Straßen, im fahlen Zwielicht der heruntergekommenen Armenvierteln war er aufgewachsen. Die Ruinen waren seine Kinderstube gewesen, die halb zerfallenen Hütten und Häuser seine Spielplätze – und die dunklen Gassen seine Wege. Selbst blind hätte er sich hier nicht verlaufen können – jede Biegung und jede Sackgasse waren ihm vertraut.

Doch das bedeutete nicht, dass ihm hier keine Gefahr drohen konnte. Ratten gaben nicht viel auf Loyalität oder Treue und egal mit wie vielen von ihnen Jargo schon Geschäfte gemacht hatte, kaum eine würde zögern, wenn sie ihn in diesem Zustand vorfinden würde.

Jargo lauschte aufmerksam auf seine Umgebung, bereit, beim ersten Anzeichen von Gefahr mit den Schatten zu verschmelzen. Doch heute war es still in den dunklen Wegen, wie die Ratten die Gassen der Stadt nannten. Unwillkürlich fragte sich Jargo, ob er gerade eine einmalige Gelegenheit verpasste – wenn die Ratten nicht hier waren, dann mussten sie irgendwo anders sein. Und Ratten waren stets da, wo sie sich Gewinn erhofften.

Jargo steuerte das Staubviertel der Stadt an, dem einzigen Ort, an dem Elfen und Menschen fast friedlich nebeneinander leben konnten. So man überhaupt friedlich unter Ratten leben konnte.

Die Gebäude hier waren nicht aus Stein, sondern aus Holz und Lehm, die meisten halb zerfallen und überfüllt. In den Gassen sammelte sich noch mehr Müll, als andernorts und die einstmals gepflasterte Straße hätte schon vor Jahrhunderten erneuert werden sollen. Mitten auf den Wegen brannten oft Feuer, um die sich jene drängten, die keinen Platz in den Hütten gefunden hatten und jene, die es bevorzugten, unter freiem Himmel zu sterben als in stickigen Krankenquartieren.

Jargo bewegte sich bedacht zwischen ihnen. Die meisten warfen ihm nur einen kurzen Blick zu – für sie war er nur ein Elf unter Tausenden, nicht beachtenswerter als eine Kakerlake. Für Menschen sahen Elfen zumeist alle gleich aus – zumindest hatte Jargo das oft zu hören bekommen.

Er durchquerte das Staubviertel so rasch es ihm möglich war, betrat das nördlich gelegene Marmorviertel, wo Handwerker und Arbeiter ihr Zuhause hatten. An der Grenze zwischen den beiden Bezirken erhob sich eine Mauer. Eigentlich stellte sie eher ein symbolisches Hindernis dar, doch die Tore zwischen den Viertel waren stets von kaiserlichen Wachmännern besetzt, die die Ordnung aufrecht erhalten sollten.

Jargo verspürte keinerlei Bedürfnis, sich auf Debatten darüber einzulassen, warum er Einlass in die edleren Viertel begehrte und so wählte er den Weg der Ratten – durch die Kanalisation.

Durch den Keller eines alten, verlassenen Hauses gelangte er in die Tunnel, die die ganze Stadt unterhöhlten wie ein Netz aus unterirdischen Straßen. Ursprünglich waren sie dazu bestimmt gewesen, die Abwasser der Stadt abzuleiten. Die Kanäle waren ein Meisterwerk der architektonischen Lehre und obgleich ihre Wartung sich bereits seit Jahrhunderten nur noch auf die wichtigsten Abflüsse und Schleusen konzentrierte, waren die meisten Tunnel bis heute begehbar. Natürlich waren sie nie als Fußwege gedacht gewesen, doch Ratten lernten, sich ihre Umgebung zu Nutze zu machen und so waren die Abwasserkanäle von Khaers Wess schon lange ihre geheimen Pfade und Routen geworden. Dank der Kanalisation gab innerhalb der Stadtmauern keine ernstzunehmenden Grenzen mehr... zumindest für jene, die sich in der Dunkelheit und Enge zurechtfanden.

Jargo kannte die Tunnel seit seiner Kindheit und fand sich blind darin zurecht. Eine Hand hielt er stets an die Wand neben ihm gelegt, und ohne jedes Licht tastete er sich zielstrebig vorwärts. Hin und weder hörte er leise Geräusche, die von den Kreaturen stammten, die hier unten lebten, doch keine davon zeigte sich und er konnte ungestört passieren.

Er folgte einem schmalen, niedrigen Gang, von dessen Decke es unablässig tropfte, bis er an der Wand eine Biegung spürte. Der Boden neigte sich und führte ihn zurück an die Oberfläche. Der von ihm gewählte Ausgang lag im Hinterhof eines Bordells, der von allen Seiten von hohen Mauern umgeben war. Beobachtet zu werden, war unwahrscheinlich, dennoch beeilte er sich, den getarnten Kanaldeckel zu heben und, nachdem er hinausgeklettert war, wieder sorgfältig mit Laub und Steinen zu bedecken, um zu vertuschen, dass hier regelmäßig ein- und ausgegangen wurde.

Das Bordell war ein stattliches, steinernes Haus, dessen Außenfassade stets gepflegt wirkte. An den Wänden hingen rote Papierlaternen, die bei Nacht entzündet wurden und interessierte Kunden anlocken sollten.

Jargo betrat das Bordell durch die Hintertür, doch weit kam er nicht – drinnen stand ein gewaltiger, menschlicher Wächter, mit verschränkten Armen und finsterem Gesicht, der Jargo erst überrascht, dann zornig betrachtete. Berg, wie Jargo ihn liebevoll nannte, arbeitete im Bordell. Seine Aufgabe war es, die Sicherheit der Kunden und Mädchen zu garantieren. Lediglich bekannte Stammkunden durften das Etablissement betreten, ohne vorher von Berg auf Waffen – und Zahlungsmittel – untersucht worden zu sein.

Sogleich baute der Wächter sich vor Jargo auf, mit so grimmigem Blick, dass wohl selbst ein Blinder die Flucht ergriffen hätte.

Jargo sah zu dem Hünen auf, grinste versuchsweise und sagte in dem schmeichelndsten Tonfall, der ihm in derzeitiger Kondition möglich war: „Berg – wie schön dich wiederzusehen. Ich hoffe, den Fingern geht es besser?“

Tatsächlich hob Berg eine seiner gewaltigen Fäuste und hielt sie Jargo drohend vors Gesicht – die Finger waren noch immer von ihrer letzten Streitigkeit bandagiert, doch Jargo zweifelte keine Sekunde daran, dass das Bergs Schlagkraft nur marginal einschränken würde. Körperlich waren Elfen den meisten Menschen unterlegen, doch Berg war selbst unter seinesgleichen ein wahrer Koloss. Wenn er es gewollt hätte, hätte er Jargo vermutlich mit einem einzigen, gut platzierten Schlag töten können.

Jargo betrachtete die geballte Faust vor seinem Gesicht und fragte: „Du bist doch nicht immer noch beleidigt? Komm schon... ich habe dir doch alles zurückgegeben.“ Zumindest fast alles. „Wegen einer kleinen Gaunerei unter Freunden brauchst du doch wirklich keinen solchen Aufstand machen.“

Berg fletschte die verfärbten, abgebrochenen Zähne und grunzte. Er machte einen Schritt auf Jargo zu, als eine Stimme ertönte: „Lass den Unsinn. Schick ihn rein.“

Berg drehte sich um und stöhnte enttäuscht, während er auf Jargo deutete. Doch die Elfin, die lautlos wie ein Schatten hinter ihn getreten war, stolz wie eine Königin, bedachte ihn nur mit strengem Blick, unter dem Berg sich krümmte, wie ein Kind, das von der Mutter bei einer Missetat ertappt worden war. Schließlich machte er einen Schritt zur Seite und ließ Jargo passieren, nicht jedoch, ohne ihm noch einen wütenden Blick zugeworfen zu haben.

Jargo lächelte Berg noch einmal an und schob sich dann an ihm vorbei – natürlich nicht, ohne ihm unauffällig in die Westentasche gefasst und zwei kleine Münzen herausgezogen zu haben.

Dann folgte er der Dame ins Innere des Etablissements.

Die Wände waren mit bunten Stoffen verhangen, der Boden mit viel zu teuren Teppichen ausgelegt und das Mobiliar hätte eher in den Salon eines feinen Herrn gepasst, als in ein Bordell, doch die Freier schätzten die Exquisität der Einrichtung.

Die Frau, die Berg in die Schranken verwiesen hatte, musterte Jargo abschätzig von Kopf bis Fuß und rümpfte die Nase. „Du siehst furchtbar aus. Darf man fragen, wo du dich diesmal herum getrieben hast?“

Jargo seufzte und schloss die Augen. Im Inneren des Bordells war es angenehm dunkel, was seinem Kopf ein wenig Linderung verschaffte. Er lehnte sich gegen den Sekretär, der in der Eingangshalle stand und an dem während der Öffnungszeiten stets die Arbeit der Damen koordiniert wurde.

„Herrin Idaeyla, so charmant wie immer. Am Hafen. Habe einem Auftraggeber seine Bestellung abgeliefert. Danach hat er seine Hunde auf mich gehetzt. Bin gerade erst am Kanal aufgewacht. Du hast nicht zufällig ein Gläschen Whiskey irgendwo für mich rumstehen?“

Idaeyla verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn tadelnd an. „Bist du verletzt?“, verlangte sie zu wissen, worauf Jargo nur antwortete: „Hab 'nen Knüppel über den Schädel bekommen. Tut scheiß weh und ich werde mir vermutlich noch tagelang die Seele aus dem Leib kotzen, aber sonst alles in Ordnung.“

„Ruinier' mir nicht den Teppich!“, drohte Idaeyla scharf, öffnete ihm aber dennoch die Tür, die zu den Privaträumen der Mädchen und Mitarbeiter führte. Jargo war kein Angestellter bei Herrin Idaeyla, aber ihre besondere Beziehung erlaubte es ihm, ein- und auszugehen, wie es ihm beliebte.

Solange er Idaeyla keine Schwierigkeiten machte.

Sie führte ihn durch den langen Gang, der zu dieser Urzeit ausgestorben war – das Bordell hatte kurz nach Sonnenaufgang seine Pforten geschlossen und die Damen schliefen nach einer arbeitsreichen Nacht. Insgeheim hatte sich Jargo schon oft gefragt, wann Herrin Idaeyla jemals schlief – noch nie hatte er sie nicht wach angetroffen, unabhängig von Tages- und Uhrzeit.

Sie lotste ihn in ihr eigenes Gemach. Ein großes Himmelbett, das völlig unberührt aussah, stand auf der einen Seite des Raumes, auf der anderen befanden sich ein ordentlich aufgeräumter Schreibtisch, eine Sitzecke für Besucher und Kunden, sowie mehrere volle Bücherregale. Auf dem Kaminsims befanden sich einige gut abgestaubte Flaschen teuren Alkohols, von denen sie einen nahm und zusammen mit einem Glas vor Jargo abstellte, der sich sogleich in einen der weichen Polstersessel sinken ließ.

Herrin Idaeyla setzte sich ihm gegenüber, öffnete die Flasche und goss ihm ein. Jargo hatte noch nie etwas schöneres gesehen, als den honigfarbenen Whiskey und er genoss jeden Tropfen davon, als sei es flüssiges Gold.

Herrin Idaeyla wartete, bis er ein Glas geleert hatte, ehe sie ihm nachschenkte und sagte: „Also gut. Und nun erzähl mir, was genau passiert ist.“
Jargo nippte noch an dem zweiten Glas, dann begann er, die Geschehnisse der letzten Nacht zu rekapitulieren. „Du erinnerst dich doch bestimmt an Lord Rankin – großer, blonder Kerl, trägt immer eine blaue Nelke am Revers und hat dieses grässliche Veilchen-Parfüm aufgelegt...“

Idaeyla nickte um ihm zu signalisieren, dass sie sich erinnerte.

Jargo räusperte sich und fuhr fort: „Der Bastard hat mich angeheuert, ihm Waren von einem Unterhändler in den Apothekervierteln abzuholen – irgendwelche verbotenen Substanzen vermutlich. Ich sollte ihn am Hafen treffen, ihm die Ware übergeben und mein Geld entgegennehmen.“

Er trank noch einen Schluck und allmählich fühlte er sich wieder wie ein lebendiger Mann. „Lief soweit alles gut. Der Kerl war zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort und er hatte das Geld bei sich. Hat es mir ohne zu zögern ausgehändigt und ist mit der Ware abgehauen, kaum, dass ich mit dem Zählen fertig war. Keine Stunde später lauerten mir zwei hirnlose Muskelprotze in einer Gasse auf, zogen mir ihre Knüppel über den Schädel und schleppten mich runter zum Kanal. Als ich zu mir kam, was das Geld natürlich verschwunden.“

Herrin Idaeyla hörte ihm schweigend zu, dann lehnte sie sich zurück und fragte: „Wie hoch war die Summe?“

Jargo nannte ihr die Hälfte – er vertraute ihr, aber sie brauchte nicht über alle Einzelheiten seiner Geschäfte Bescheid zu wissen. Doch selbst die halbe Summe war immer noch hoch genug, um Idaeyla ein Stirnrunzeln zu entlocken. „Und du bist sicher, dass die Schläger von Rankin kamen?“

Jargo nickte mit bitterem Gesichtsausdruck. „Auf jeden Fall. Die Typen waren Amateure... selbst bezahlte Trunkenbolde hätten das besser hingekriegt. Haben nicht mal sicher gestellt, dass ich wirklich tot bin. Haben mich einfach am Rand des Kanals liegen lassen. Nicht mal meine Stiefel haben sie mitgenommen. Die haben sich nur geholt, was ihnen aufgetragen wurde – das Geld – und sind damit abgehauen.“

Idaeyla nickte verstehend. Eine Weile war es ruhig zwischen ihnen. Dann fuhr sie fort, als sei das Gespräch nie unterbrochen worden: „Ich nehme an, du möchtest, dass ich Rankin ausfindig mache?“

Jargo senkte den Blick. „Wenn es nicht zu viele Umstände macht.“

Sie sah ihn an, er wich ihrem Blick aus. „Wirst du ihn umbringen?“

Jargo lehnte sich zurück und rieb sich die Schläfe. „Erstmal werde ich die nächsten Tage durchschlafen und drauf warten, dass die scheiß Kopfschmerzen nachlassen. Dann werde ich dem Bastard einen Besuch abstatten.“

Herrin Idaeyla ließ sich nicht von seinem scharfen Tonfall einschüchtern. „Wirst du ihn umbringen?“, fragte sie erneut.

Jargo schnaubte und sagte: „Vorerst reichen mir mein Geld und zwei seiner Finger. Wenn er das Spiel dann noch weiterspielen möchte, hole ich mir seine Eier. Und wenn er dann noch nicht genug hat, dann bringe ich ihn um.“

Idaeyla sah ihn ruhig an, so lange, bis Jargo seinerseits den Blick abwenden musste. „Ich kann nicht zulassen, dass das Gerücht in Umlauf kommt, ich würde mich einfach übertölpeln lassen. Wenn ich Rankin nicht eine Lektion erteile, werden andere seinem Beispiel folgen... und wahrscheinlich erfolgreicher sein“, er war sich nicht sicher, warum er sich rechtfertigte, doch Idaeylas Musterungen hatten schon immer eine solche Wirkung auf die Leute gehabt.

Nach seinem ärgerlichen Worten wurde Idaeylas Blick nachsichtiger und sie stimmte knapp zu: „Nein, das kannst du nicht zulassen.“

Dann verfielen sie wieder in Schweigen.

Irgendwann, nachdem Jargo sein Glas geleert hatte, stellte er es auf dem Tisch zwischen ihnen ab und fragte beiläufig: „Gibt es irgendwas, das ich wissen sollte? Hab auf dem Weg hierher keine einzige Ratte gesehen. Entgeht mir gerade irgendwas?“

Idaeyla zuckte nachdenklich mit den Schultern und antwortete abwesend: „Heute morgen machte die Nachricht die Runde, dass drei Schiffe aus Sarrakanien in Khaers Havor einlaufen sollen. Eines davon beherbergt einige Adelige, die anderen zwei sind bis oben hin beladen sind mit Waren dem Hinterland.“

Jargo schloss die Augen, lehnte sich zurück und fluchte leise. Waren aus dem Hinterland, insbesondere Gewürze und Öle waren hoch gefragt und wenn man es geschickt anstellte, gab es immer ein paar bestechliche Wachen, die für etwas Alkohol oder Tabak einige Minuten lang blind für alles wurden, was in den Lagerhäusern vor sich ging.

„Nun“, sagte Jargo in einem Tonfall, der nicht einmal ihn selbst überzeugte, „ich schätze, ich muss zufrieden sein, noch zu leben.“

Idaeyla schmunzelte leise, dann erhob sie sich. „Du kannst ein paar Tage hierbleiben, wenn es sein muss. Brauchst du Hilfe beim Auskleiden?“

Jargo massierte sich die Schläfen und antwortete: „Danke, aber ich fürchte, derzeit würde es nicht einmal Jessy gelingen, mich hochzukriegen.“ Er ignorierte Idaeylas vorwurfsvollen Blick und warf einen kurzen Blick auf die Whiskey-Flasche, die noch immer auf dem Tisch stand und fragte, auf sie deutend: „Kann ich den Rest haben?“

Idaeyla seufzte und nickte. Jargo lächelte in sich hinein, dann erhob er sich stöhnend, griff sich die Flasche und verließ den Raum, wobei ihm Idaeyla die Tür aufhielt. „Nimm ein Bad“, wies sie ihn noch an, bevor sie die Tür schloss. „Du stinkst zum Himmel.“

Jargo folgte der Aufforderung gerne – er durfte nicht häufig die Bäder des Bordells nutzen. Zwar waren die Öfen bereits ausgegangen, sodass Jargo sich mit kaltem Wasser zufriedengeben musste, doch das Wasser war sauber und in einem kleinen Schrank befand sich stets ein Vorrat an echter, teurer Seife. Nachdem er sowohl sich selbst, als auch seine Kleidung so gründlich wie möglich abgeschrubbt hatte, fühlte er sich, wie ein neuer Mann. Als er die Bäder verließ, fand er vor der Tür ein neues Hemd und eine einfache Stoffhose, beider sauber und trocken. Jargo wusste, dass Idaeyla sie ihm geschickt hatte.

Im obersten Geschoss des Gebäudes, da, wo Idaeyla für gewöhnlich Waren lagerte, war Jargo schon öfters untergekommen. Zwischen Kisten und Regalen hatte er sein persönliches Lager geschaffen, bestehend aus Kissen, Decken und einer durchgelegenen Matratze. Es war kein bequemes Bett, wie die, die Idaeyla den Kunden oder sich selbst gönnte, doch es war sauber, trocken und warm und nach einer unfreiwilligen Nacht zwischen Fischabfällen und Müll fühlte Jargo sich sehr behaglich, als er sich erschöpft in die Kissen sinken ließ. Er nahm noch einen Schluck aus der Flasche, bevor er sie neben sich abstellte und die Arme unter dem Kopf verschränkte. Kurz kam ihm noch der Gedanke, dass er besser seine Schuhe ausziehen sollte, doch ehe er sich aufraffen konnte, diesem Gedanken zu folgen, war er bereits eingeschlafen.

Die Stadt war dreckiger, als Stanton sie in Erinnerung hatte. Laute Rufe in verschiedenen Sprachen wurden sich über das Deck zugeworfen, als die Matrosen die letzten Vorbereitungen trafen, ehe sie nach wochenlanger Reise auf hoher See endlich wieder an Land gehen konnten.

Stanton sah dem Ende seiner Reise weniger enthusiastisch entgegen. Er hatte die Hauptstadt nicht mehr besucht, seit er mit sieben Jahren fortgebracht worden war – und das war immerhin mehr als zwanzig Jahre her.

Nachdenklich lehnte sich Stanton gegen die Reling, betrachtete den Hafen, der selbst am frühen Morgen bereits vor Leben flirrte. Händler bauten ihre Stände auf und boten Waren feil, Matrosen und Mitarbeiter der Reedereien verluden Güter, Wachen patrouillierten über die großen Plätze. Zwischen all den Menschen tummelten sich zudem noch Kinder, streunende Hunde und Möwen, die einen beinah ohrenbetäubenden Lärm verursachten.

Stanton sah sich an der Hafenpromenade um, erkannte jedoch nur zwei Gebäude wieder – das große Lagerhaus der kaiserlichen Reederei und das Amtshaus des Hafenmeisters. Die übrigen Hallen und Gebäude mussten nach seinem Weggang entstanden sein.

Salzige Meerluft, gepaart mit dem fischigen Gestank des Hafens umwehten ihn, doch Gerüche konnten ihn nicht erschrecken. Er hatte fünfundzwanzig Jahre auf Schlachtfeldern verbracht, hatte Verwundete und Tote in viel zu hoher Zahl gesehen – und gerochen – als dass ihn der Geruch von verfaultem Fisch hätte ernstlich stören können.

Er hob den Blick, betrachtete den Palast, der weit über dem Rest der Stadt auf den hohen Klippen thronte, wie ein Adler in seinem Nest. An ihn konnte er sich erinnern – es war das letzte Bild gewesen, das er von der Hauptstadt gesehen hatte, als er sie verlassen hatte und obgleich viel Zeit seitdem vergangen war, so hatte er es stets im Gedächtnis behalten.

Inzwischen war die Stadt größer, ausgedehnter und – so kam es Stanton zumindest vor – unordentlicher, als in seiner Kindheit. Schon vom Meer aus hatte man die weitläufigen Siedlungen sehen können, die sich von außen an die Stadtmauern geschmiegt hatten, immer enger, bis sie irgendwann ein Teil der Stadt waren und die Mauern nur mehr eine Trennlinie zwischen den Vierteln bildeten.

Dies war die Stadt in der er geboren war, doch in Stanton wollte sich kein Heimatgefühl einstellen.

Er war ein Fremder hier.

Stanton lehnte sich gegen die Reling und beobachtete, wie die Matrosen emsig arbeiteten, um endgültig anzulegen. Die Anker wurden herunter gelassen und das Schiff mit dicken, stahlverstärkten Seilen gesichert und vertäut.

Stanton war in einem der ersten Boote, die die Reisenden an Land bringen würden. Bei sich trug er seinen Reisebeutel, den er sich achtlos über die Schulter geworfen hatte. Der Kapitän hatte ihn darüber informiert, dass man sein Gepäck schnellstmöglich zum Palast bringen würde, doch Stanton hatte sich sonderbar nackt gefühlt und zumindest einige Habseligkeiten in seinen Beutel gepackt und sich sein Schwert um die Hüfte gegürtet. Das Gewicht wirkte beruhigend auf ihn, auch wenn einige der anderen Reisenden – allesamt Adelige in feinen Kleidern – ihm missbilligende Blicke zuwarfen. Offenbar war es nicht in Mode, offen Waffen zu tragen.

Am Pier angekommen, kletterte Stanton sofort an Land und machte einige Schritte auf den großen Hafenplatz hinaus. Nach mehreren Wochen auf See fühlte es sich seltsam an, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Ein wenig ratlos sah er sich um. Seine Mitreisenden schienen genau zu wissen, wo sie hin wollten und stoben sogleich allein oder in Grüppchen auseinander um ihren Geschäften nachzugehen.

Minister Brighton hatte Stanton bis zur Küste begleitet, sich dann jedoch von ihm verabschiedet und ihm erklärt, er habe noch weitere Aufträge in Sarrakanien zu erfüllen. Dann hatte er Stanton ein Schriftstück übergeben, in dem auf hochoffizieller Weise Stantons Befehle, sich so bald als möglich im Palast einzufinden ausformuliert waren.

Jenes Schriftstück trug er nun sicher in der Tasche seines Mantels, doch er fühlte sich etwas verloren. Was sollte er nun genau tun? Er hatte erwartet, dass man ihn am Hafen empfangen und zum Palast geleiten würde. Doch nirgends konnte er jemanden ausfindig machen, der aussah, als würde er auf ihn warten.

Sollte er beim Hafenmeister vorstellig werden? Oder sollte er sich selbst zum Palast aufmachen? Zu Fuß würde es gewiss einige Stunden dauern, ihn zu erreichen, vorausgesetzt, Stanton verlief sich nicht in den Gassen.

Seine Überlegungen wurden schließlich durch eine Stimme unterbrochen: „Kommandant Stanton vaan Emhydd? Liege ich richtig?“

Er drehte sich um und sah einen Elfen, der gerade an ihn herantrat. „Verzeiht, Herr, aber gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr Kommandant van Emhydd seid?“, fragte der Elf in vollendeter Höflichkeit. Er war schon etwas älter, sein dunkles Haar war bereits von erstem Grau durchzogen. Er trug eine schlichte, doch fein gearbeitete schwarze Robe. An der Brust steckte eine Brosche mit dem kaiserlichen Siegel.

Stanton war etwas verblüfft, doch er antwortete: „In der Tat, der bin ich. Ihr seid mir gegenüber im Vorteil, Herr. Mit wem habe ich die Ehre?“

Der Elf verneigte sich leicht vor ihm und erklärte: „Verzeiht, Kommandant; ich bin Meister Kiyelo, oberste Archivar und Mitglied des inneren Beraterkreises seiner kaiserlichen Majestät. Ich wurde beauftragt, Euch zum Palast zu geleiten.“

Eine enorme Erleichterung durchflutete ihn und er neigte den Kopf. „Ich bin erfreut, Euch kennenzulernen, Meister Kiyelo und ich danke Euch, für Eure Aufmerksamkeit.“

Kiyelo verschränkte die Hände ineinander und antwortete höflich: „Es war der ausdrückliche Wunsch des Kaisers, Euch schnellstmöglich empfangen zu können, sobald Euer Schiff angelegt hätte. Wollen wir uns also direkt auf den Weg machen? Ich habe für eine Kutsche gesorgt, die uns in den Palastbezirk bringen wird.“

„Sehr wohl, Meister Kiyelo. Bitte, geht voran“, sagte Stanton und folgte dem Elfen über den großen Hafenplatz, wobei sie sie, wie die anderen anwesenden Beamten abseits der Menschenmengen hielten. Immer wieder kamen ihnen Beamte und Adelige entgegen, die ihren Geschäften nachgingen. Stanton warf ihnen im Vorbeigehen neugierige Blicke zu. In den Erinnerungen seiner Kindheit waren Adelige protzig hergerichtete Gestalten, die ihren Reichtum in Form von teurem Schmuck und reichverzierter Kleidung offen zur Schau trugen. Davon konnte zumindest bei den hier anwesenden Männern und Frauen der Oberschicht keine Rede sein – sie alle trugen Kleidung, die Stanton nur als betont schlicht bezeichnen konnte. Die Männer waren in lange Roben gehüllt, ähnlich der von Meister Kiyelo, doch ausnahmslos heller Farbe. Lediglich durch Details wie etwa geprägte Knöpfe oder farbige Schärpen verliehen die Adeligen ihren Roben eine persönliche Note.

Die wenigen Damen, die Stanton erblickte – zumeist als Begleitung der Männer – schienen ebenfalls auf Schlichtheit zu setzen, obgleich sie sich mehr Farben erlaubten, als die Herren. Stanton sah mehrere Ausführungen alltagstauglicher Kostüme und auf den Köpfen trugen die Damen feine Hüte.

Und – wie ihm erst beschämend spät auffiel – viele von ihnen, Männer wie Frauen, warfen Kiyelo im Vorbeigehen abschätzige Blicke zu, obgleich sie stets höflich nickten und ihnen einen guten Tag wünschten. Stanton sagte nichts, doch ihn verwunderte dieses Verhalten. Als persönlicher Berater des Kaisers hätte er Kiyelo eine besonders respektable Stellung angedacht.

Wenn Kiyelo die Blicke bemerkte, so gab er gekonnt vor, sie zu ignorieren, denn er zeigte keinerlei Reaktion. Er grüßte höflich, wo es sich anbot, doch er blieb zielstrebig auf dem Weg zu der Hafenstraße, wo, wie er Stanton mitteilte, eine Kutsche auf sie warten würde.

Während sie sich ihren Weg über die Hafenpromenade bahnten, begann Kiyelo, was er wohl für ein ungezwungenes Gespräch hielt: „Ich nehme an, es muss ein sonderbares Gefühl sein, nach so langer Zeit, die Ihr nur Soldaten als Gesellschaft hattet, wieder unter Zivilisten zu verkehren.“

Stanton neigte den Kopf. „Das kann ich nicht leugnen, Meister Kiyelo, obgleich mir nichts ferner läge, als schlecht von meinen Kameraden zu sprechen. Der allgemeine Umgangston in der Armee mag ein anderer sein, als bei Hofe, jedoch hatte ich niemals Grund, mich diesbezüglich zu beschweren. Einen rauen Ton kann ich verzeihen, wenn ich mich im Gegenzug darauf verlassen kann, im Ernstfall meinen Rücken gedeckt zu wissen.“

Kiyelo nickte verstehend. „Ich kann mir vorstellen, dass das Band, das Soldaten miteinander verbindet, oftmals dem von Brüdern in nichts nachsteht. Selbst Gelehrte wie Tavor, aus der Zeit vor den Götterkriegen, wussten bereits; es existieren zwei Arten der Blutsverwandten – jene, die vom gleichen Blute geboren wurden und jene, die das gleiche Blut vergossen.“

Stanton legte ein wenig den Kopf schief. „In Anbetracht dessen, dass Tavor letztlich wegen Brudermordes verurteilt und hingerichtet wurde, weiß ich nicht, ob ich ausgerechnet seine Definition heranziehen wollen würde, wenn es um Brüderlichkeit geht. Ich halte es da eher mit Van Gylwen. Ein Mann, der dich verflucht, wenn du ihn übertrumpfst, der über dich lacht, wenn du scheiterst und der sich dennoch vor dich stellt, wenn du am Boden liegst – wer einen solchen Mann findet, der hat wahrlich einen Bruder gefunden.“

Kiyelo war so überrascht, dass er kurz stehenblieb und Stanton eingehender betrachtete, als habe sich ihm soeben ein gänzlich neuer Blickwinkel aufgetan. „Ich wusste nicht, dass General Ronins Ausbildung auch einen Überblick über klassische, adhalische Literatur beinhaltete. Ihr seht mich überrascht und beeindruckt, Kommandant.“

Stanton schmunzelte. „So sehr es mich betrübt, General Ronins Ansehen in Euren Augen zu schmälern, aber tatsächlich enthielten seine Lehren nur einen rudimentären Überblick über alles, was über militärisches Wissen hinausgeht. Natürlich, er hat darauf bestanden, dass ich mich auszudrücken weiß, in geschriebenem, wie in gesprochenem Wort und er war unerbittlich in seiner Ansicht, ein kaiserlicher Offizier im aktiven Dienst müsse die Sprache seines Feindes ebenso gut beherrschen, wie seine eigene. Ihm war der Gedanke zuwider, sich bei Gesprächen mit den Sarrakaniern auf Übersetzer verlassen zu müssen. Literatur jedoch gehörte nicht zu seinen Steckenpferden. Ich persönlich fand stets eine gewisse Ruhe in Büchern, die mir oftmals sehr willkommen war, wenngleich die Auswahl an adhalischen Werken nie sonderlich befriedigend gewesen ist. Allerdings verfügten einige der größeren Städte an der Westküste Sarrakaniens über beeindruckende Sammlungen sarrakanischer und sogar ein wenig alt-elfischer Lietratur. Obwohl ich Letztere aufgrund der Sprachbarriere leider nie besonders genießen konnte.“

„Dafür braucht Ihr euch nicht zu schämen, Kommandant“, beruhigte Kiyelo ihn trocken. „Ich glaube kaum, dass es in Adhal, Sarrakanien und Hardland zusammen auch nur ein halbes Dutzend Männer gibt, die mehr als einige Grundlagen des Alt-Elfischen beherrschen. Selbst unter Elfen ist dieser Teil unserer Kultur beinah gänzlich verloren gegangen.“

Obgleich sich Meister Kiyelo durch nichts in seinem Gesicht anmerken ließ, was er bei diesen Worten dachte, so war sich Stanton doch sicher, so etwas wie Bitterkeit in seiner Stimme gehört zu haben. Das kam nicht gänzlich überraschend; zwar hatten die adhalischen Elfensöldner in Stantons Truppen nie sonderliches Interesse an ihrem kulturellen Erbe gezeigt, unter den sarrakanischen Elfen jedoch war ein unbestreitbarer Hang zum Traditionalismus weit verbreitet. Rhea hatte einmal gesagt, dies sei durch die erbärmlichen Lebensumstände der Elfen verschuldet, von denen die meisten nicht mehr im Leben zu erwarten hatten, als eine Stellung als Feldarbeiter oder niederer Bediensteter. Diese Perspektivlosigkeit sorgte in den elfischen Kommunen für Neid und Zorn und trieb sie dazu, sich umso fester an das wenige zu klammern, das von der alt-elfischen Kultur geblieben war. Umso tiefer drang der Frust darüber, dass das Wissen um jene Kultur bestenfalls lückenhaft, schlimmstenfalls nur noch bruchstückhaft vorhanden war.

Stanton fragte sich, welcher Herkunft Kiyelos Gefühle waren – trauerte er um den Verlust einer Kultur, die die seine hätte sein sollen oder war dies der unbefriedigte Wissensdrang eines Historikers?

Als sie endlich das hektische Treiben des Hafenplatzes hinter sich gelassen hatte, sprang der Kutscher sogleich von seinem erhöhten Sitz und verneigte sich tief vor ihnen beiden. Dann öffnete er die Tür und ließ eine Steighilfe hinab. Kiyelo deutete auf die Kutsche und sagte: „Bitte, nach Euch, Kommandant.“

Stanton kletterte in die Kutsche und ließ sich auf eine der gepolsterten Sitzbänke sitzen. Kiyelo folgte ihm gleich darauf, setzte sich ihm gegenüber und nickte dem Kutscher zu. Dieser schloss die Tür, kletterte wieder auf seinen Kutschbock und die Kutsche setzte sich mit einem Ruck in Bewegung. Die Straßen des Hafenviertels waren aus groben Pflastersteinen gelegt und hätten dringend einer Ausbesserung bedurft, wie Stanton rasch feststellte.

Als hätte Kiyelo seine Gedanken gelesen, bemerkte dieser: „Es ist bedauernswert, in welchem Zustand sich die Straßen der unteren Viertel befinden. Durch den Krieg hat es in den letzten Jahren an Arbeitern gefehlt, vor allem in den ländlichen Gebieten im westlichen Adhal, wo die größten Steinbrüche liegen. Der kaiserliche Baumeister hat jedoch die Hoffnung, durch das Hinzufügen sarrakanischer Betriebe und Ressourcen diese Defizite nun wieder ausgleichen zu können.“

Stanton wandte sich Meister Kiyelo zu und lehnte sich interessiert vor. „Hat die Hauptstadt sehr unter dem Krieg gelitten? Die meisten Soldaten unter meinem Kommando stammten aus den äußeren Gebieten. Dementsprechend habe ich nur selten Nachrichten über die Lage in Khaers Wess erhalten.“

Kiyelo nickte. „Es wäre wohl vermessen, darauf zu hoffen, dass eine Hauptstadt vom Krieg nicht tangiert würde. Die Preise für Waren aller Art sind in die Höhe getrieben worden und vor allem Gewürze aus dem Hinterland wurden schnell rar. Zudem war Khaers Wess das begehrteste Ziel für Schlepper und Flüchtlinge, weswegen Söldner angeheuert werden mussten, um die Stadtwache aufzustocken. Glücklicherweise beschäftigt der Kaiser fähige Minister, deren weise Vorausplanung verhinderte, dass die Situation je wirklich außer Kontrolle geriet. Wie ich hörte, wurde kürzlich der Vorschlag eingereicht, die körperlich tüchtigen Flüchtlinge auf die umliegenden landwirtschaftlichen Betriebe zu verteilen, um die Arbeitskraft der gefallenen Soldaten zu ersetzen.“

Stanton runzelte die Stirn. Kiyelos Worte passten in deprimierender Art und Weise zu jenem Bild, das Stanton sich von den Adeligen der Hauptstadt gemacht hatte; realitätsfremde Männer und Frauen, deren größte Sorge die regelmäßige Versorgung mit Gewürzen war. Dass seit über zwanzig Jahren tagtäglich Soldaten ihr Leben in einem Krieg ließen, den die Adeligen in ihren bequemen Heimen aussitzen konnten, schien ihnen dabei keiner weiteren Erwägung wert zu sein.

Vielleicht hatte Kiyelo ihm seine Gedanken angesehen oder aber er dachte ähnlich – jedenfalls beugte er sich vor, nachdem er Stanton kurz gemustert hatte und sagte in gedämpftem Ton: „Wenn Ihr gestattet, Kommandant... geht nicht zu hart mit ihnen ins Gericht. Die Herren und Damen am Hofe sind ebenso Produkte ihrer Umwelt und Erziehung, wie Ihr es seid.“

Stanton antwortete nicht, sondern richtete seinen Blick aus dem Fenster. Draußen erkannte er enge Straßen, abgenutzte Häuserfassaden – und in den Schatten der Gassen zusammengekauerte Gestalten, die sich ängstlich noch tiefer in ihre Ecken und Winkel zu drücken schienen, als die Kutsche vorüber fuhr.

„Ich will Euch gerne glauben, Meister Kiyelo“, sagte er schließlich. „Und ich bin bereit, mich von Euren Worten überzeugen zu lassen. Ich werde jedoch nicht leugnen, dass meine Erfahrungen... anderweitige Eindrücke hinterlassen haben.“

Kiyelo nickte nachsichtig. „Das ist nachvollziehbar. Und ich will Euch nichts vormachen. Eure Taten haben Euch einige Bewunderer am kaiserlichen Hof eingebracht, doch ebenso viele der Adlige dürften in Eurem rasanten Aufstieg eine Bedrohung ihrer eigenen Position sehen. Ich befürchte, es könnten Kämpfe auf Euch zukommen, wenn auch nicht der Art, mit der Ihr bereits reichlich Erfahrung habt.“

Stanton schwieg, da er sich selbst nicht zutraute, eine Antwort zu geben, die seine Gefühle nicht sogleich offenbart hätte. Kiyelo wartete kurz ab, doch als Stanton nichts sagte, ergriff er selbst erneut das Wort und führte das Gespräch in weniger beunruhigende Bereiche: „Der Kaiser hat angeordnet, dass Euch das Anwesen Eurer Familie im Palastbezirk wieder übertragen wird. Es war natürlich nach dem Verrat und der darauffolgenden Verbannung des ehemaligen Herrn van Emhydd beschlagnahmt worden, doch seine Majestät befand, dass es ein gerechter Lohn für Eure Treue darstellt. Zudem wird Euch freigestellt, ein neues Wappen zu wählen, da das ursprüngliche Wappen des Hauses van Emhydd geächtet wurde.“

„Aha...“, war alles, was Stanton dazu einfiel. Kiyelo musterte ihn und auf einmal wurde Stanton bewusst, dass er vermutlich keinen besonders guten Eindruck machte. Kiyelo schien ehrlich bemüht, eine freundliche Unterhaltung mit ihm zu führen und er wusste kaum, was er dazu sagen sollte.

„Ich... ich bitte um Verzeihung, Meister Kiyelo“, versuchte er sich zu entschuldigen. „Ich... ich befürchte, ich habe zu viel Zeit außerhalb der Hauptstadt verbracht, sodass meine Umgangsformen nicht den üblichen Gepflogenheiten entsprechen. Ich bitte Euch, mir zu glauben, dass mir nichts ferner liegt, als Euch in irgendeiner Art zu beleidigen.“

Kiyelo hob die Brauen und seine Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln. „Bei mir müsst Ihr Euch nicht entschuldigen, Kommandant. Ganz im Gegenteil – ich bin es, der um Verzeihung bitten muss. Immerhin bin ich dafür mitverantwortlich, dass Ihr jene Zeit im Ausland verbrachtet.“

Stanton horchte erstaunt auf. „Was... was meint Ihr denn damit?“, wollte er wissen.

Kiyelo hob die Hände und erklärte: „Das war keine meiner Glanzstunden, noch bin ich besonders stolz darauf. Ich war gerade in den inneren Beraterkreis seiner Majestät befördert worden und wie jeder Emporkömmling war ich fest entschlossen, zu beweisen, dass das in mich gesetzte Vertrauen gerechtfertigt war. Zu jener Zeit müsstet Ihr ungefähr sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, wenn ich mich nicht verrechne und der Verrat des letzten Herrn van Emhydd war noch zu frisch im kollektiven Gedächtnis der Adeligen, sodass die Frage nach Eurem Verbleib nicht ignoriert werden konnte. Seine Majestät hatte natürlich stets betont, dass er nicht gedenke, ein Kind für den Verrat seines Vaters bestrafen zu wollen, doch es ergab sich dennoch das Problem, dass niemand so recht wusste, was nun mit Euch – und damit mit Eurem Haus – anzufangen sei.“

Kiyelos Stimme blieb die ganze Zeit über ruhig, doch nun senkte er den Blick und verschränkte die Hände ineinander. „Einige Mitglieder des inneren Kreises brachten den Vorschlag auf, Euch eine militärische Ausbildung zukommen zu lassen und Euch eine Karriere im kaiserlichen Heer zu ermöglichen.“

Er hob den Blick wieder, doch er schien Stantons Blick auszuweichen. „Zu meiner Verteidigung kann ich lediglich anbringen, dass ich nicht geglaubt hatte, dass der Vorschlag nicht nur angenommen würde, sondern sogar noch umgehend umgesetzt würde, anstatt erst, wenn Ihr ein angemessenes Alter erreicht hättet. Nichtsdestotrotz kann ich nicht leugnen, dass ich, trotz meiner Bedenken einem solchen Vorgehen gegenüber, nicht den Mut aufbrachte, den alteingesessenen Mitgliedern des Beraterkreises zu widersprechen. Ich sah mich seit meiner Beförderung ununterbrochener Beobachtung und Feindesligkeit ausgesetzt – als neuestes Mitglied des inneren Kreises galt es unter den übrigen Meistern als ungeschriebenes Gesetz, meinen Vorschlägen zu widersprechen – und befürchtete, meine Position zu gefährden, wenn ich einem der ranghöheren Berater seiner Majestät offen entgegenstellte.“

Endlich sah er Stanton wieder an. In seinem Gesicht stand echtes Bedauern. „Ironischerweise fand ich meine Position seitdem gefestigt. Der makellose Erfolg des Vorschlags und die Tatsache, dass ich ihm stillschweigend zugestimmt hatte, brachte mir einen Respekt ein, nicht nur von den übrigen Mitgliedern des inneren Kreises, sondern auch von seiner Majestät selbst, den ich mir andernfalls sicherlich über viele Jahre hinweg hätte erarbeiten müssen. Nichtsdestotrotz – ich versichere Euch, ich hätte die Jahre der Arbeit nur zu gern auf mich genommen, wenn ich dafür nicht mit der Schuld hätte leben müssen, einen Achtjährigen in den Krieg geschickt zu haben. Jeden Tag erwartete – fürchtete – ich, dass Nachricht über Euren Tod in Khaers Wess eintreffen würde. Und deswegen, Kommandant van Emhydd, hoffe ich inständig, dass Ihr mir diesen aus falschem Ehrgeiz gewachsenen Fehler verzeihen könnt.“

Als Kiyelo seine Rede beendet hatte, saß er eine ganze Weile schweigend da, während Stanton versuchte, seine Gedanken zu ordnen.

Er hatte sich nie Gedanken zu machen, wessen Entscheidung es gewesen war, ihn zum Soldaten ausbilden zu lassen. Tatsächlich war es ihm sogar sehr lange nicht in den Sinn gekommen, dass es überhaupt irgendjemandes Entscheidung gewesen war. Als Kind hatte er seine Entsendung nach Sarrakanien mit derselben Gleichgültigkeit betrachtet, mit der ein Seemann die Gezeiten betrachten würde. Und später, als er alt genug gewesen war, um die Hintergründe seines Werdegangs hinterfragen zu können, da hatte er sich bereits nichts anderes mehr vorstellen können, als das Leben als Soldat. Der Gedanke, dass irgendjemand seine Entsendung bedauert haben könnte, wäre ihm sicherlich niemals von allein gekommen.

„Ich... ich versichere Euch, dass es zwischen uns nichts zu verzeihen gibt, Meister Kiyelo“, brachte er schließlich heiser hervor. „Ich hege keine bitteren Gefühle hinsichtlich meines bisherigen Lebens und war stets stolz, seiner Majestät und dem Kaiserreich dienen zu können. Und wo es Dinge gegeben haben mag, die ich bedaure, so fiele es mir im Traum nicht ein, Euch dafür verantwortlich zu machen.“

Kiyelo runzelte die Stirn. „Ich bin... geehrt, dass Ihr mir solche Großzügigkeit entgegenbringt. Und ich versichere Euch, dass Ihr jederzeit auf mich bauen könnt, wenn es darum geht, Euch in diesem neuen Aspekt Eures Lebens zurechtzufinden.“

Stanton nickte und hielt Kiyelo lächelnd die Hand hin. „Dann lasst uns dieses Thema ein für alle Mal hinter uns lassen und der freundschaftlich und ohne bittere Gefühle entgegen gehen.“

Kiyelo erwiderte sein Lächeln und schlug ein, der Griff fest und entschlossen. „Ich hätte es nicht treffender formulieren können, Kommandant. Und wo Ihr eine solch gelungene Überleitung geschaffen habt... wenden wir uns doch noch einmal der Wahl Eures neuen Familienwappens zu. Habt Ihr denn bereits etwas im Sinn?“

Stanton musste lachen und hob hilflos die Hände. „Meister Kiyelo, ich gebe nicht gerne zu, unbewaffnet zu sein, aber ich fürchte, ich muss ein Geständnis ablegen; ich weiß noch nicht einmal wie jenes Wappen aussah, dass der Kaiser ächtete. Das Vermächtnis meines Vaters war stets nur ein dunkler Schatten, der über mir zu schweben schien und ich verspürte nie das Bedürfnis, mich eingehender über ihn oder mein... Haus zu informieren.“

Zuerst erschien ein geradezu schockierter Ausdruck auf Kiyelos Gesicht – offensichtlich war ein solches Desinteresse an persönlicher Familiengeschichte kaum zu glauben, bedachte man, mit welchem Stolz jeder andere Adelige Adhals seine Farben und seinen Namen trug.

Dann, zu Stanton Erleichterung jedoch, lachte Kiyelo auf und rief: „In diesem Fall ist es wohl ratsam, wenn ich Euch alsbald eine umfassende Liste aller adhalischen Häuser und ihrer Wappen zukommen lassen, zusammen mit den wichtigsten hardländischen Familien und deren Insignien. Eine derartige Wissenslücke mag einem Emporkömmling aus dem Bauernadel gestattet sein, nicht jedoch dem Löwen des Kaisers.“

Stanton lächelte gequält. „Ich sehe, diese Schlacht kann ich nicht gewinnen. Gratulation, Meister Kiyelo, Euch ist gelungen, was nur wenigen je gelungen ist – ich strecke meine Waffen vor Euch.“

Gwendwyn hatte mit vielem gerechnet, als sie in Khaers Wess angekommen war. Sie hatte sich unzählige Male vorgestellt, wie man ihr und Arthur begegnen würde und sich insgeheim Strategien zurechtgelegt, um sich in allen erdenklichen Positionen behaupten zu können.

Sie war fest entschlossen gewesen, alle Bedingungen, denen ihr Vater bei ihrer Entsendung zugestimmt hatte, klaglos zu erfüllen, dennoch hatte sie sich vorgenommen, jedwede Unschicklichkeiten ihr oder Arthur gegenüber von Beginn an zu unterbinden.

Sie war überzeugt davon gewesen, dass ihr die überwältigende Mehrheit der Adhali mit nichts anderem als Hohn und Verachtung entgegentreten würden. Und sie hatte sich vorbereitet. Jede unangebrachte Bemerkung hätte sie mit kühler Gelassenheit beantwortet und höflich, jedoch bestimmt auf den ihr zustehenden Respekt bestanden.

Nicht eine einzige Beleidigung hätte sie stumm über sich ergehen lassen.

Umso sonderbarer war es, dass sie nun, nach fast einer Woche in Khaers Wess beinah frustriert darüber war, wie höflich man ihr und Arthur im Allgemeinen begegnete.

Nach ihrer Ankunft im kaiserlichen Palast hatte sich Meister Milton – ein angesehenes Mitglied des Haushaltsvorstandes seiner Majestät, wie Gwendwyn später erfahren hatte – vorbildlich um sie gekümmert und weder Gwendwyn, noch Arthur Grund zur Beschwere geliefert. Er hatte ihnen eigene Gemächer zugeteilt, die ohne weiteres eines Königs würdig gewesen wären und ihnen jegliche Annehmlichkeiten zukommen lassen, die sie nach einer so langen Reise dringend benötigten. Wann immer er mit ihnen sprach, trat er gesetzt und nüchtern auf, jedoch stets mit angemessener Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Er hatte eigens dafür Sorge getragen, dass Gwendwyn und Arthur mit dem Palastgelände vertraut gemacht wurden und wenngleich es ihnen im Moment nicht gestattet war, sich alleine aus ihren Gemächern zu entfernen, so waren die für sie abgestellten Wachen stets freundlich und jederzeit bereit, Gwendwyn zu begleiten, wenn diese sich die Beine vertreten oder die beeindruckende, kaiserliche Bibliothek erforschen wollte.

Arthut hingegen hatte es nach ihrer ersten Besichtigung kein zweites Mal in die gewaltigen, mit Regalen und Büchern gefüllten Hallen gezogen – stattdessen verbrachte er täglich Stunden damit, mit fast schon ehrfürchtiger Begeisterung der kaiserlichen Garde beim Exerzieren zuzusehen, wann immer diese im Palasthof ihre Übungen machte. Gwendwyn hatte ihn einmal begleitet, doch obwohl sie durchaus anerkennen konnte, mit welcher Präzision die Gardisten alle ihre Formationsmanöver ausführten, empfand sie die ewig gleichen Übungen doch schnell als ermüdend.

Nichtsdestotrotz konnte sie nicht guten Gewissens behaupten, sie würde schlecht behandelt. Die Mahlzeiten, die ihr und Arthur serviert wurden, waren ausgezeichnet und offensichtlich hatte man die Köche angehalten, sich an sarrakanischer Küche zu orientieren, um Gwendwyns und Arthurs Eingewöhnung etwas einfacher zu gestalten.

Neben Meister Milton und ihren Wachen hatte Gwendwyn bislang kaum Kontakt zu adhalischen Adeligen gehabt. Hin und wieder begegnete sie einigen Damen und Herren, wenn sie einen Spaziergang durch den Palastgarten machte, doch die Adhali hielten sich stets entfernt und begnügten sich damit, ihr unauffällig musternde Blicke zuzuwerfen. Gwendwyn wusste nicht, ob dieses Benehmen dem Umstand geschuldet war, dass ihre Wachen die Adeligen einschüchterten oder ob sie sie bewusst mieden, doch auf ihr vorsichtiges Nachfragen bei Meister Milton hatte dieser ihr versichert, dass sie nach ihrer Vermählung mit dem Kaiser ausreichend Kontakt zu den adhalischen Adeligen haben würde.

Bei aller Fürsorge, die ihr und Arthur entgegengebracht wurde, kam Gwendwyn jedoch nicht umhin, zu bemerken, dass Meister Milton noch kein Wort darüber verloren hatte, wann die Hochzeit stattfinden würde – oder wann genau Gwendwyn den Kaiser überhaupt erstmals treffen würde. Bislang hatte sie ihn nicht zu Gesicht bekommen und als sie am vierten Tag nach ihrer Ankunft den höflichen Vorschlag gemacht hatte, dass sie und Arthur dem Kaiser doch ihre Aufwartung machen müssten, hatte Milton nur ausweichend geantwortet: „Seine Majestät wünscht, Euch ausreichend Zeit zu geben, Euch von den Strapazen Eurer Reise erholen zu können, ehe es zu einer Audienz kommt. Kaiser Asher hat ausdrücklich befohlen, dass Ihr Euch in Eurer Eingewöhnungszeit keine Sorgen um politische Angelegenheiten zu machen braucht.“

Gwendwyn hatte skeptisch reagiert und behutsam angedeutet, dass ihr eine Audienz beim Kaiser keineswegs Unannehmlichkeiten bereiten würde, sondern sie es geradezu als ihre Pflicht betrachte, seiner Majestät ihren Respekt zu zollen. Doch Milton hatte sie nur angesehen und seine Erklärung wie eine einstudierte Phrase wiederholt, sodass Gwendwyn ihre Bemühungen in dieser Hinsicht eingestellt hatte.

Dennoch wurde sie nun mit jedem Tag, der verstrich, nervöser. Die adhalischen Verhandlungspartner in Suleyk hatten immer betont, dass eine zeitnahe Vermählung Gwendwyns und des Kaisers unumgänglich sei und hatten darauf gedrängt, sie so schnell wie möglich nach Khaers Wess zu bringen. Dass sie nun, wo sie hier angekommen war, auf solche – offenbar gewollte – Verzögerungen stieß, bereitete ihr Sorge. Hatte sich der Kaiser womöglich umentschieden? Würde er Gwendwyn doch nicht heiraten wollen? Und falls es so wäre – wäre dies eine gute oder schlechte Neuigkeit?

Sie hatte Arthur gegenüber einmal vorsichtig ihre Bedenken zum Ausdruck gebracht, als sie beide allein gewesen waren, doch er schien ihre Sorge nur bedingt nachvollziehen zu können. „Wenn er dich nicht mehr heiraten will, brauchen wir ja nicht hierzubleiben“, hatte er gesagt. „Dann können wir vielleicht bald wieder heim.“

Gwendwyns Überlegungen hingegen führten sie eher zu der unangenehmen Vermutung, dass es sein könnte, dass die Hochzeit nur ein Vorwand der Adhali gewesen sein könnte, sie und Arthur nach Khaers Wess zu locken, um sie nun als Geiseln zu halten und ihren Vater unter Druck setzen zu können. Wann immer diese Gedanken in ihr erwachten, versuchte sie sie eifrigst wieder zu unterdrücken – sicherlich hätten die Adhali andere Wege gefunden, ihren Vater zur Kooperation zu zwingen. Ein derartiges Komplott schien ihr nicht nur ehrlos, sondern auch unnötig kompliziert, wenn das vermeintliche Ziel auch einfacher erreicht hätte werden können.

Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass sich ihr Verdacht mit jedem verstrichenen Tag verstärkte. Und nun, nach beinah einer Woche war sie fast schon bereit, energischer nach Antworten zu verlangen, einerlei, ob sie damit jemanden beleidigen könnte.

„Nächstes Mal, wenn Mitlon hier auftaucht, fragen wir ihn einfach“, schlug Arthur während ihres gemeinsamen Frühstücks vor. „Wir müssen ja nicht unhöflich sein. Aber es sollte uns doch zustehen, dass wir über die weiteren Pläne informiert werden. Vor allem, da wir doch ein so wichtiger Teil all dieser Pläne sein dürften.“

Gwendwyn nippte an ihrem Tee – das Heißgetränk war das einzige, das in ihr ein vertrautes Gefühl von Heimat zu vermitteln vermochte. Meister Milton hatte erklärt, dass Tee und Gewürze aus den sarrakanischen Hinterlanden beim adhalischen Adel äußerst gefragt seien und der Kaiser nur höchste Qualität am Hofe duldete.

„Und wenn er wieder nur ausweicht“, fuhr Arthur fort, „dann packen wir unsere Sachen und reisen ab. Sollen sie uns doch aufhalten.“ Fast schon trotzig biss Arthur in das mit Butter bestrichene Gebäckstück, das er – trotz Gwendwyns tadelnder Blicke – im Ganzen auf seine Gabel gespießt hatte.

Gwendwyn seufzte und antwortete: „Arthur, wie oft soll ich es noch sagen – solche Dinge solltest du nicht laut aussprechen. Es ist eine Sache, nach Antworten zu verlangen; es ist eine ganz andere, unsere Gastgeber vorsätzlich zu beleidigen. Zumal wir bislang wirklich gut behandelt wurden.“

Arthur besaß den Anstand, beschämt auszusehen. In diesen Momenten erinnerte er Gwendwyn stets an den kleinen, neunjährigen Jungen, der sich aus dem Unterricht seiner Lehrmeister davongestohlen hatte, um heimlich mit Schwert und Bogen zu trainieren. Arthur hatte schon immer ein Talent dafür gehabt, sich Ärger einzuhandeln, allerdings hatte man ihm auch nur schwer ernstlich böse sein können.

Nun jedoch war er kein Neunjähriger mehr, der den Unterricht schwänzte, sondern ein sechzehnjähriger Prinz von Sarrakanien, dessen gutes Betragen ausschlaggebend für den Erfolg ihrer Mission sein könnte. „Versuche zumindest daran zu denken, dich auf Sarrakan zu beschränken, wenn du schon solche Sachen sagen musst.“

Arthur seufzte und wollte etwas erwidern, doch in jenem Moment klopfte es an der Tür. Gwendwyn legte ihr Besteck beiseite, tupfte sich sicherheitshalber noch einmal den Mund mit ihrer Serviette ab und deutete Arthur mit einem energischen Blick, sich aufrechter hinzusetzen. Dann rief sie ruhig: „Herein.“

Die Tür wurde von einer ihrer Wachen geöffnet. Der Mann verbeugte sich erst vor Gwendwyn und Arthur, dann trat er einen Schritt beiseite, um dem eigentlichen Gast Platz zu machen. Gwendwyn nahm an, dass Meister Milton ihnen einen erneuten Besuch abstatten wollte.

Doch stattdessen betrat eine Frau Gwendwyns Gemächer, die sie noch nie gesehen hatte. Sie trug ein praktisches, einfaches Kleid in dunkelblauer Farbe und hatte die Haare zu einem strengen Knoten zurückgebunden. Ihr Gang war aufrecht und sie hielt die Hände vornehm vor dem Körper verschränkt. Ihr Gesicht, welches von ersten Falten durchzogen war, wirkte würdevoll und ernst.

Sie mochte um die vierzig Jahre alt sein, doch was Gwendwyn kurz sprachlos machte, war die Tatsache, dass es sich bei der Frau um eine Elfin handelte.

Durch die hochgesteckten Haare waren ihre spitzen Ohren entblößt und auch ihr schmaler Körperbau ließ keinen Zweifel zu. Die Elfin trat noch einige Schritte ins Zimmer hinein, bis sie vor dem Tisch stand. Sie verneigte sich höflich vor Gwendwyn und Arthur, dann wandte sie sich mit selbstverständlicher Autorität an den Wachmann: „Ich danke Euch. Bitte lasst uns nun allein.“

Der Soldat, mindestens zwei Köpfe größer als die Elfin, beugte gehorsam den Kopf vor ihr – Gwendwyn musste die Zähne zusammenbeißen, um ihn nicht mit offenem Mund anzustarren – und verließ ihr Gemach, wobei er die Tür hinter sich zuzog.

Gwendwyn wusste nicht, was sie von der Szene halten sollte. Keinem sarrakanischen Soldaten wäre es je eingefallen, das Haupt vor Elfen zu beugen, geschweige denn, Befehle von ihnen entgegenzunehmen! Sie hatte gehört, dass Adhali Elfen höhere Positionen zugestanden, als es in Sarrakanien üblich war, doch der bloße Gedanke, dass eine Elfin im kaiserlichen Palast angestellt wäre und über die Autorität verfügte, Wachsoldaten Befehle zu erteilen, erschien ihr fremd.

Die Elfin stand nach ihrer ersten Verneigung von Gwendwyn und Arthur absolut aufrecht vor ihnen und sprach mit ruhiger, kontrollierter Stimme: „Prinzessin Gwendwyn, Prinz Arthur, bitte verzeiht mein unangemeldetes Eindringen zu solch früher Stunde. Mein Name ist Natala, Tochter von Salo. Meister Milton hat mich darüber informiert, dass Ihr, Prinzessin Gwendwyn über keine Zofe verfügt, da Ihr Euren persönlichen Angestellten aus Rücksichtnahme die Rückkehr nach Sarrakanien befohlen habt. Er hat angeordnet, dass ich den Platz Eurer Kammerzofe einnehme, um Euch bei allen anfallenden Pflichten behilflich zu sein, so Ihr es wünscht.“

Während ihrer kleinen Ansprache hatte Natala keine Miene verzogen. Gwendwyn hingegen hatte ihre liebe Mühe, ihre Verwunderung nicht offen zu zeigen.

Warum sollte Meister Milton ihr ausgerechnet eine Elfe zur Zofe bieten? War dies eine versuchte Beleidigung? Wollte er ausdrücken, dass Gwendwyn keiner anständigen Zofe würdig war? Und wenn es so war – was sollte sie auf einen solchen Affront erwidern? Sollte sie auf eine menschliche Bedienstete bestehen oder ihren Stolz schlucken und diese Elfe akzeptieren? Sicherlich könnte sie später immer noch auf einen Wechsel beharren...

Sie überließ ihrer guten Erziehung die Kontrolle und antwortete, ehe das Schweigen zu lange würde: „Das ist äußerst zuvorkommend von Meister Milton. Bitte richtet ihm meinen Dank aus, dass er sich so sehr um mein Wohlergehen sorgt. Wäre es vermessen, zu fragen, wonach er Euch für diese Position auserwählt hat?“

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Arthur ihr einen Blick zuwarf, doch sie gab vor, es nicht zu bemerken. Natala antwortete höflichst: „Eure Frage ist selbstverständlich nur allzu berechtigt. Meine Eignung beruht auf meiner langjährigen Erfahrung als persönliche Zofe adeliger Damen verschiedenster, angesehener Häuser. In den letzten zwanzig Jahren war ich sowohl für die Erziehung junger Mädchen, als auch für das Wohlergehen der Herrinnen verantwortlich und ich kann von mir behaupten, meine Pflichten stets zur ausgesprochenen Zufriedenheit aller Involvierten erfüllt zu haben. Wenn Ihr es wünscht, lasse ich Euch natürlich gerne eine Kopie meines persönlichen Zeugnisses zukommen, damit Ihr Euch persönlich ein Bild meiner Befähigung machen könnt.“

Gwendwyn starrte die Elfe an, welche zum ersten Mal ein winziges Lächeln über ihre Lippen gleiten ließ – nur für einen Moment, dann erwartete sie Gwendwyns Antwort mit der gleichen Gelassenheit, wie zuvor.

Ehe Gwendwyn jedoch etwas sagen konnte, platze Arthur heraus: „Die Adeligen von Adhal beschäftigen Elfen als Kammerdiener?“

Gwendwyn brachte ihn eilig mit einem bösen Blick zum Schweigen, doch Natala schien keinen Anstoß an der Frage zu nehmen. „Es ist nicht zu leugnen, dass die Zahl elfischer Bediensteter in derartig hohen Positionen prozentuell geringer ist, als die menschlicher Bediensteter. Mir war der gute Name meines Vaters dabei behilflich, erste Anstellungen zu finden und nachdem ich bewiesen hatte, dass das in mich gesetzte Vertrauen gerechtfertigt war, erarbeitete ich mir über Jahre hinweg meine heutige Position. Ihr müsst wissen, Prinz Arthur, meine Familie dient bereits seit fünf Generationen im Palastbezirk und mein Vater schaffte es sogar bis zu einer Anstellung als Kammerdiener des Vaters unserer Majestät. Meine Familie genießt bei Hofe einen guten Ruf und ich bin selbstverständlich entschlossen, diesem gerecht zu werden.“

Arthur hatte den Mund bereits wieder geöffnet, als Gwendwyn ihm barsch ins Wort fiel, um ihn von weiteren Unflätigkeiten abzuhalten: „Das sind beeindruckende Erfolge. Ich fühle mich geehrt, dass Ihr Euch bereit erklärt habt, mir Eure Dienste zur Verfügung zu stellen, Natala.“

Natalas Blick fuhr schnell von Gwendwyn zu Arthur, doch sie enthielt sich höflicherweise jedes Kommentars. „Ich erachte es als Ehre, der zukünftigen Kaiserin von Adhal dienen zu dürfen, Prinzessin Gwednwyn. Und auch für Euch, Prinz Arthur, steht meines Wissens nach bereits ein ebenso fähiger Kammerdiener zur Verfügung, wenn ich Meister Milton recht verstanden habe. Sicherlich wird er Euch ebenfalls in Bälde seine Aufwartung machen. Im Moment jedoch besteht meine erste Amtshandlung darin, Euch zu bitten, Prinzessin Gwendwyn und mich allein zu lassen, damit ich ihr dabei behilflich sein kann, sich für die heutige Audienz vorzubereiten.“

Bei Natalas letzten Worten blieb Gwendwyns Herz für einen Moment stehen. „Welche Audienz?“, fragte sie alarmiert. Unwillkürlich rutschte ihre Stimme in eine höhere Tonlage.

Natala erklärte geduldig: „Meister Mitlon hat mich darüber in Kenntnis gesetzt, dass heute Mittag eine Audienz bei seiner Majestät bevorsteht. Ziel der Audienz ist es, Euch seiner Majestät vorzustellen und die ausstehenden Details zur Hochzeit zu besprechen, welche bisher noch ungeklärt sind.“

Gwendwyn musste schlucken – in ihrem Hals hatte sich ein dicker Kloß gebildet. Tagelang hatte sie immer wieder auf eine Audienz beim Kaiser gedrängt und versucht, endlich den Mann treffen zu können, den sie in Kürze heiraten sollte. Doch nun, da ihr Wunsch endlich in Erfüllung ging, sehnte sie sich plötzlich nach einigen Tagen mehr, die sie ausharren könnte.

Nichtsdestotrotz straffte sie tapfer den Rücken und nickte. „Dann dürfen wir keine Zeit verlieren. Arthur, bitte lass uns allein; ich muss mich auf die Audienz vorbereiten und du musst dasselbe tun. Beachte, dass wir uns seiner Majestät von unserer besten Seite präsentieren wollen.“

Arthur starrte sie kurz an, dann hatte er sich gesammelt. „Ähm... ja, natürlich. Ich werde mich in meine Gemächer begeben. Ich nehme an, du brauchst keine Hilfe meinerseits...?“

Den letzten Satz hatte er mit einem Seitenblick zu Natala ausgesprochen, doch Gwendwyn schüttelte den Kopf. „Ich bin sicher, mit Natalas Hilfe werde ich gut zurechtkommen. Geh nun, Arthur. Wir sehen uns später, wenn wir uns zur Audienz aufmachen.“

Arthur nickte zögerlich, dann erhob er sich und küsste Gwendwyns Hand. Dann drehte er sich zu Natala und machte Anstalten, sich leicht vor ihr zu verneigen, ehe er mitten in der Bewegung innehielt und sich offenbar daran erinnerte, dass er im Begriff war, sich vor einer Elfin zu verbeugen. So harrte er mehrere Sekunden in seltsam gebeugter Position, ehe er sich dazu entschied, es bei einem höflichen Kopfnicken zu belassen. Dann – endlich – verließ er beinah fluchtartig Gwendwyns Gemächer und Gwendwyn kam nicht umhin, sich einzugestehen, dass sie es ihm gern gleichgetan hätte.


 

„Bist du nervös?“, flüsterte Arthur ihr auf Sarrakan zu, während sie die Gänge des kaiserlichen Palasts entlang schritten, begleitet von einer kleinen Prozession, welche von Meister Milton angeführt und von einigen Gardesoldaten des Kaisers beendet wurde.

Gwendwyn achtete darauf, ihren Kopf erhoben zu halten und Arthur in einer betont unbesorgten Stimme zu antworten: „Selbstverständlich bin ich nervös. Ich weiß nicht einmal, wie der Kaiser aussieht.“

Arthur verzog die Lippen und sagte, in einem Ton, den er wohl für aufmunternd hielt: „Ich habe meinen Kammerdiener danach gefragt. Er sagte, der Kaiser sei groß, hellhaarig und äußerlich in seinen Dreißigern. Außerdem sagte er, es sei unmöglich, den Kaiser nicht zu erkennen, aber ich glaube, das war nur das übliche Götter-Geschwätz der Adhali.“

„Das heißt also, der Kaiser sieht aus, wie die Mehrheit der adhalischen Männer, nur göttlicher? Sei mir nicht böse, Arthur, das ist nicht besonders hilfreich, entgegnete sie mit zusammengebissenen Zähnen. Arthur sah aus, als wolle er noch etwas sagen, doch in diesem Moment blieb Meister Milton vor einer schlichten Tür stehen und stoppte so den Zug hinter ihm.

Milton drehte sich zur ihr und Arthur herum und erklärte: „Ich werde dem Kaiser Eure Anwesenheit ankündigen. Bitte wartet für einen Moment, es wird nicht lange dauern.“

Dann öffnete er die Tür und schob sich eilig in den Raum, während Gwendwyn und Arthur angespannt und schweigend mit den Gardisten warteten.

Für einen kurzen Augenblick, einen winzigen, törichten Moment, kam Gwendwyn der Gedanke, einfach davon zu laufen – einfach den Gang weiter entlang gehen, sich nicht mehr umdrehen und verschwinden. Dann hatte sie sich wieder – halbwegs – gefasst und ging in Gedanken all die Mantras durch, mit denen sie sich zu beruhigen pflegte.

Es ist meine Pflicht. Diese Verbindung wird Sarrakanien dienen. Ich darf Vater keine Schande bereiten. Es ist meine Pflicht.

Aus dem Inneren des Raumes waren leise Stimmen zu hören, dann kam Meister Milton wieder heraus und deutete Gwednwyn und Arthur, ihm hinein zu folgen. „Seine Majestät wird Euch nun empfangen.“

Gwendwyns Herz setzte einen Schlag aus, doch ihre Füße setzten sie wie von selbst in Bewegung.

Groß, helle Haare, äußerlich in seinen Dreißigern. Unmöglich nicht zu erkennen.

Oh Götter, lasst mich diese Prüfung bestehen!

Gwendwyn verschränkte die Finger ineinander, damit nicht auffiel, dass sie zitterten. Dann folgte sie Meister Milton erhobenen Hauptes in den Raum.

Obwohl sie hinter dem Meister stand, hatte sie das Gefühl, dass sich die Blicke sämtlicher Anwesender ausschließlich auf sie konzentrierten. Etwa ein halbes Dutzend Adhali begutachtete sie eingehend, wobei niemand einen Laut von sich gab.

Gwendwny versuchte, einen kurzen Blick auf sie alle zu werfen, doch dazu blieb ihr kaum Zeit. Vor ihr verbeugte sich Meister Milton tief und ehe sie sich die Anwesenden hätte einprägen können, sank sie auf ein Knie herab und senkte den Blick. Hinter sich spürte sie Bewegung und erleichtert erkannte sie, dass auch Arthur sich widerstandslos den Sitten der Adhali beugte.

Meister Milton begann: „Eure Majestät, ich verfüge über die Ehre, Euch Prinz Arthur und Prinzessin Gwendwyn von Sarrakanien vorzustellen. Die königlichen Hoheiten sind Eurem Angebot einer Audienz äußerst dankbar und gewillt, Euch ihre Ehrerbietung zu erweisen.“

Gwendwyn konnte ihren Herzschlag in ihren Ohren pochen hören. Es war soweit. Sie würde den Kaiser endlich sehen – sie würde endlich den Mann kennenlernen, den sie in Kürze heiraten würde. Tausend Gedanken schnellten durch ihren Kopf, jeder einzelne Ratschlag, den ihre Lehrer ihr mit auf den Weg gegeben hatten. Bleibe ruhig. Bleibe gefasst. Bleibe höflich. Zeige Respekt. Zeige keine Angst.

Keine Angst.

„Ich danke Euch, Meister Milton. Bitte – erhebt Euch.“

Noch bevor Milton sich aufrichten konnte und Gwendwyn seinem Beispiel folgte, hatte sie bereits begonnen, die Stimme zu analysieren. Der Kaiser musste vor ihr stehen, vielleicht einige Schritt entfernt, in der Nähe des Fensters. Er hatte eine kräftige, kontrollierte Stimme, nicht allzu tief, doch mit einer intuitiven Autorität behaftet.

Meister Mitlon stellte sich wieder aufrecht hin und mit jahrelang einstudierter Anmut tat Gwendwyn es ihm gleich. Dann – endlich – hob sie den Blick.

Groß. Helle Haare. Äußerlich in seinen Dreißigern. Unmöglich nicht zu erkennen.

Im Raum – ein Arbeitszimmer, soweit Gwendwyn es beurteilen konnte – befanden sich neben ihr, Arthur und Meister Milton etwa ein Dutzend adhalischer Beamter. Sie alle schienen Gwendwyn eingehend zu mustern und ihre Blicke reichten von neutraler Neugierde zu offener Skepsis.

Direkt vor Gwendwyn, neben einem großen Schreibtisch aus massivem Holz, stand ein hoch gewachsener Mann mit dem typisch adhalisch-dunkelblonden Haar und breiten Schultern. Im Gegensatz zu den Beamten trug er eine Militäruniform und an seinem Gürtel hing ein Schwert.

Es war soweit. Dies war der entscheidende Moment, die letzte große Prüfung. Gwendwyn schritt an Meister Milton vorbei und verneigte sich noch einmal vor dem Kaiser. Dann sprach sie mit allem Selbstbewusstsein, das sie aufbringen konnte: „Ich habe den Tag herbeigesehnt, da ich Euch endlich persönlich kennen lernen kann, Eure Majestät. Ich habe so viele Geschichten über Euch und Euer beeindruckendes Reich gehört, doch keine Geschichte könnte Euch je wirklich gerecht werden. Bitte erlaubt mir, Euch im Namen meines Vaters, König Mandwyn von Sarrakanien und dem gesamten sarrakanischen Volk, meine tiefste Ehrerbietung auszusprechen.“

Ihren Worten folgte eisiges Schweigen und alle im Raum schienen zu erstarren. Gwendwyns Herz setzte mehrere Schläge aus – hatte sie etwas falsches gesagt? Hätte sie den Kaiser noch nicht ansprechen dürfen? Doch man hatte ihr keine derartige Regel erläutert. Hatte sie den Kaiser womöglich beleidigt? Das Schweigen schien sich auszudehnen und sie beinah zu ersticken. Bei allen Göttern, hatte sie am Ende gerade mit wenigen Worten ihre gesamte Mission zunichte gemacht?

Der Kaiser hatte sie mit einem Ausdruck angesehen, den sie für eine Mischung aus Entsetzen und tiefster Verwunderung hielt. Dann jedoch erschien noch eine weitere Nuance in seinem Gesicht – und Gwendwyn hätte bei allen Göttern geschworen, dass es Mitleid sei.

Der Kaiser verschränkte beklommen die Hände hinter dm Rücken, räusperte sich vernehmlich und deutete mit den Augen auf einen Punkt rechts neben Gwendwyn.

Gwendwyn blinzelte irritiert, folgte seinem Blick – und fühlte, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

Direkt neben ihr, keine zwei Schritte entfernt, stand ein Mann in strahlend weißer Uniform. Er trug kein Schwert, dafür jedoch unübersehbar das kaiserliche Siegel an der Brust, sowie einen silbernen Ring an der linken Hand. Sein Gesicht war glattrasiert, sein blondes Haar zurückgebunden. Er wirkte wie ein Mann in den frühen Dreißigern.

Und aus seinen Augen strahlte eine Macht, wie sie Gwendwyn noch nie erlebt hatte. Plötzlich wusste sie genau, was Arthurs Kammerdiener gemeint hatte – niemand konnte diesem Mann in die Augen sehen und nicht den Kaiser darin erkennen. Auf einmal schien ihr der Glaube der Adhali über die vermeintliche Göttlichkeit ihres Herrschers beinah nachvollziehbar – kein Sterblicher konnte solch eine Aura besitzen!

Ihre Überwältigung hielt nur kurz; dann wurde ihr schmerzhaft bewusst, was gerade geschehen war und sie hatte das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden.

Sie hatte den falschen Mann als Kaiser gegrüßt!

Ohne, dass sie es hätte verhindern können wanderte ihr Blick zurück zu dem Mann in der Militäruniform. Sein Äußeres hatte ihn so sehr von den übrigen Anwesenden abgehoben und seine Haltung eine so selbstverständliche Autorität ausgestrahlt, dass er Gwendwyns Aufmerksamkeit gefangen hatte. Daher hatte sie auch versäumt, sich die direkt Umstehenden näher anzusehen.

Sie war völlig unfähig, etwas zu sagen. Zum ersten Mal, seit sie in Khaers Wess angekommen war, fühlte sie sich vollkommen hilflos. In ihrer Verzweiflung wanderte ihr Blick zu Arthur, welcher jedoch ebenso fassungslos aussah, wie sie sich fühlte. Sie wünschte sich, der Boden würde sich unter ihr auftun und sie verschlingen.

Dann, nach unerträglichen Sekunden des Schweigens, verzog der Kaiser – der echte Kaiser – das Gesicht und stieß ein merkwürdiges Schnauben aus. Alle Blicke wanderten von Gwendwyn zu ihm.

Kaiser Asher überwand den Abstand zwischen ihm und Gwendwyn und verneigte sich vor ihr. Als er sich wieder erhob, war ein sonderbares Funkeln in seinen Augen zu erkennen und er sprach mit etwas gepresster Stimme: „Ich danke Euch für die freundlichen Worte, Prinzessin Gwendwyn. Ich freue mich, dass mein Eindruck bei Euch ein so guter zu sein scheint. Und ich denke, ich spreche auch im Namen des verehrten Kommandanten van Emhydd, wenn ich sage, dass auch er sich von einem Kompliment einer so schönen Frau ebenso geehrt fühlt, wie ich es tue.“

Während er sprach, streckte er ihr höflich die Hand entgegen und seine Mundwinkel zuckten. Auf einmal begriff Gwendwyn, dass sich der Kaiser offensichtlich mit aller Macht das Lachen zu verbeißen versuchte. Das Blut schoss ihr ins Gesicht und ihr wurde beinah unerträglich warm. Um nicht alles noch schlimmer zu machen, reichte sie dem Kaiser ihre Hand und erlaubte, dass er sie galant küsste.

„Eure Majestät... ich bitte vielmals um Verzeihung“, brachte sie schließlich hervor. „Ich versichere Euch, es lag nicht in meiner Absicht, Euch zu beleidigen. Von ganzem Herzen flehe ich Euch an, mir diesen unentschuldbaren Fehltritt zu vergeben.“

Unerwartet kam ihr Meister Milton zu Hilfe: „Eure Majestät, ich bin sicher, dieser Fehler entsprang keiner Respektlosigkeit Euch gegenüber, sondern der Unerfahrenheit gegenüber unserer Sitten und Gebräuche.“

Kaiser Asher nickte und antwortete, an Gwendwyn gewandt: „Bitte, ich versichere Euch, Prinzessin Gwednwyn, natürlich gibt es kein böses Blut zwischen uns, nur aufgrund eines Missgeschicks. Für meinen Teil wäre ich gerne bereit, so zu tun, als seien dies unsere ersten ausgetauschten Worte.“

Gwendwyn begriff, dass ihr der Kaiser einen Ausweg aus der unangenehmen Situation bot und stieg dankbar darauf ein. „Ihr seid zu gütig, Majestät. Ich danke Euch für Eure Nachsicht und versichere Euch meines tiefsten Respekts.“

Ein unhörbarer Seufzer der Erleichterung schien durch den Raum zu wandern und die adhalischen Beamten entspannten sich sichtlich.

Der Kaiser wandte sich nun auch an Arthur: „Prinz Arthur, bitte verzeiht – natürlich gebührt auch Euch eine Begrüßung. Ich bin höchst erfreut, Euch und Eure Schwester in meinem Palast willkommen heißen zu können.“

Arthur schien immer noch etwas geschockt von den Ereignissen, doch er reagierte mit einer höflichen Verbeugung und es gelang ihm, seine sicherlich einstudierte Antwort halbswegs natürlich klingen zu lassen: „Die Freude liegt ganz auf meiner Seite, Majestät. Ich bin zutiefst beeindruckt von dieser Stadt und Eurem Palast.“

Kaiser Asher meinte höflich: „Man hat mir mitgeteilt, dass Ihr, um herzukommen, Eure militärische Ausbildung unterbrochen habt. Entspricht dies der Wahrheit?“

Arthur zögerte kurz, doch dann antwortete er: „Ich... ja, Majestät.“

Der Kaiser lächelte und blickte hinüber zu jenem Mann, den Gwendwyn fälschlicherweise für den Kaiser gehalten hatte. „Es tut mir Leid, Euch solche Umstände zu bereiten. Jedoch habe ich aus diesem Grund Kommandant van Emhydd gebeten, heute bei dieser Audienz anwesend zu sein.“

Er trat an den Kommandanten heran und erklärte: „Der Kommandant ist selbst ebenfalls erst kürzlich aus Sarrakanien heimgekehrt. In Anbetracht der Unannehmlichkeiten, die Ihr um meinetwillen in Kauf zu nehmen bereit wart, möchte ich Euch gerne den Vorschlag unterbreiten, Eure Ausbildung hier in Khaers Wess fortzusetzen. Ihr würdet ins reguläre Training der Garde eingebunden und Kommandant van Emhydd hat sich bereit erklärt, Euch persönlich im Schwertkampf zu unterrichten, wenn Ihr einverstanden seid.“

Gwednwyn glaubte nicht, dass es schwer war, Arthurs Begeisterung für diesen Vorschlag in seinem Gesicht zu erkennen. Arthur hatte seine militärische Ausbildung immer genossen und Kampftraining hatte ihm stets deutlich mehr Freude bereitet, als trockene Studien von Geschichte oder Politik. Seine Augen wurden riesig und er überschlug sich beinahe, als er antwortete: „Gerne! Ich meine... ähm... es wäre mir eine Ehre, Majestät. Kommandant.“ Arthur beeilte sich, sich auch vor dem Kommandanten zu verneigen und fügte hinzu: „Unter den sarrakanischen Generälen galten Eure Fähigkeiten beinah als legendär. Es gibt keinen Soldaten in ganz Sarrakanien, der nicht vom Löwen des Kaisers gehört hat.“

Gwendwyn horchte auf, dann besah sie sich den Kommandanten genauer. Natürlich, schalt sie sich, ich hätte seinen Namen wiedererkennen müssen. Kommandant Stanton van Emhydd war unter den Soldaten ihrer Heimat gleichermaßen berühmt und berüchtigt. Seine Fertigkeiten im Kampf galten als unerreicht. Er hatte zahlreiche Städte eingenommen und gehalten und viele Schlachten für sich entschieden, selbst, wenn seine Männer deutlich in der Unterzahl gewesen waren. Dennoch hatten die Generäle stets mit einem gewissen, widerstrebenden Respekt von ihm gesprochen – soweit Gwendwyn wusste, wurde ihm nachgesagt, Besiegte und Eroberte gerecht zu behandeln und die Zivilisten in von ihm besetzten Gebieten vor Übergriffen seiner Männer zu schützen.

All die Geschichten hatten in Gwendwyn ein gewisses Bild keimen lassen. Sie hatte sich den Löwen des Kaisers als älteren, erfahrenen Mann vorgestellt, ähnlich wie die Generäle ihres Vaters. Kommandant van Emhydd sah jedoch kaum älter aus, als ihr Bruder Kalwyn, welcher kurz von ihrer Abreise seinen fünfunddreißigsten Geburtstag gezählt hatte.

Der Kommandant hatte bei Arthurs Erwähnung seines Spitznamens unbehaglich das Gesicht verzogen. Dennoch antwortete er höflich: „Die Ehre ist ganz meinerseits, Prinz Arthur. Ich freue mich, wenn ich von Nutzen sein kann.“

In seiner Stimme klang eine leichte Bitterkeit mit, bemerkte Gwendwyn. Doch ehe sie sich weitere Gedanken machen konnte, wandte sich Kaiser Asher wieder an sie. „Prinzessin Gwendwyn, ich weiß, dass ich Euch zu lange habe warten lassen und ich danke Euch vielmals für die Geduld, die Ihr bisher aufbrachtet. Meister Milton sollte sich auf mein Ersuchen hin in der Stadt nach einem sarrakanischen Geistlichen erkundigen, der unserer Hochzeit beiwohnen wird. Die Suche hat sich als etwas schwieriger erwiesen, als ursprünglich gedacht, was zu dieser Verzögerung führte. Inzwischen wurde ein Mann ausfindig gemacht, der in den Lehren Eurer Geistlicher ausgebildet wurde und bereit ist, die Zeremonie zu begleiten. Ist dies in Eurem Sinne?“

Gwendwyns Gedanken rasten, dann nickte sie. „Selbstverständlich, Majestät. Ich bin äußerst dankbar über die Mühen, die Ihr und Eure Beamten für uns auf sich nehmen. Wenn mir jedoch die Frage gestattet ist... ich dachte, dass die Anwesenheit Geistlicher bei adhalischen Hochzeiten unüblich sei. Lag ich damit falsch?“

Kaiser Asher verschränkte die Hände ineinander und etwas an seiner Haltung kam Gwendwyn merkwürdig bekannt vor. Sie konnte jedoch nicht den Finger darauf legen.

„Unter gewöhnlichen Umständen entspräche dies der Wahrheit, Herrin“, bestätigte der Kaiser. „Allerdings... nahm ich an, dass es Euch ein Anliegen wäre, Euren Bräuchen entsprechend einen geistlichen Zeugen zu haben, vor dem Ihr die Hochzeitsschwüre ablegen könnt. Ich weiß, dass dies in Eurem Land für beide Parteien des Brautpaares zwingend erforderlich ist, um die Ehe zu legitimieren. Ich hoffe... es stellt keinen unverzeihlichen Affront dar, dass zumindest ich diesem Brauch nicht werde entsprechen können.“

Und auf einmal wusste Gwendwyn, was sie in Kaiser Asher zu erkennen geglaubt hatte – der Kaiser hatte dieselbe Haltung eingenommen, die Arthur sich angeeignet hatte, um Nervosität zu verbergen. Die ineinander verschränkten Hände verhinderten unruhige Bewegungen und der etwas zu durchgestreckte Rücken sollte wohl Standhaftigkeit signalisieren.

Der Kaiser war nervös!

Diese Erkenntnis verwirrte sie – woher sollte Kaiser Ashers Nervosität stammen? Geschah diese Hochzeit nicht auf seinen Willen hin? Was hatte der mächtigste Mann Adhals schon zu fürchten?

Oder... war sie nicht, was er sich erwartet – oder erwünscht – hatte?

Sie schluckte all ihre Fragen herunter und zwang sich zu einer Antwort: „Ich... ich danke Euch Majestät. Selbstverständlich werde ich mich Euren Plänen beugen. Dass Ihr mir die Möglichkeit gebt, meinen Bräuchen zu entsprechen, ehrt mich sehr.“

Kaiser Asher entspannte sich kaum merklich und lächelte, doch es kam Gwendwyn nicht echt vor. „In diesem Fall steht der Durchführung der Zeremonie innerhalb weniger Tage nichts mehr im Wege. Noch einmal danke ich Euch für Eure Geduld, Prinzessin Gwendwyn. Wenn es bis zur Hochzeit irgendetwas gibt, das ich für Euch tun kann, bitte ich Euch, nicht zu zögern. Dieser Stadt – und dieser Palast – sollen von nun an ebenso Eure Heimat sein, wie sie die meine sind.“

Gwendwyn neigte den Kopf und verneigte sich. „Ihr seid zu freundlich, Majestät“, presste sie heiser hervor.

Kaiser Asher schien, nun da die wichtigsten Details geklärt waren, bestrebt, die Audienz schnell zu Ende zu bringen. „Meister Milton, bitte geleitet Prinzessin Gwendwyn und Prinz Arthur zurück in ihre Gemächer. Prinz Arthur, Kommandant van Emhydd wird sich in Bälde mit Euch in Verbindung setzen, um die genauen Umstände Eurer Ausbildung zu besprechen. Ich danke Euch für Eure Zeit.“

Er neigte den Kopf vor Gwendwyn und Arthur und sie sanken im Gegenzug wieder auf ein Knie herab, ehe sie sich erhoben und Meister Milton aus dem Zimmer folgten.

Als sie wieder in den kühlen Gang hinausgetreten waren, drehte Gwendwyn sich noch ein letztes Mal um. Gerade bevor sich die Tür zum Arbeitszimmers des Kaisers wieder schloss, erhaschte sie einen kurzen Blick auf sein Gesicht.

Zum ersten Mal sah sie ein ausdrückliches Gefühl in seinen Augen – Sorge.

Autorennotiz

Herzlich willkommen, liebe Leser. Dies ist das erste Mal, dass ich mich an einem richtigen Fantasy-Roman versuche. Was mich auf diesem Weg erwartet, das werde ich wohl noch herausfinden. Zwar habe ich durchaus einen Plan, wohin diese Story führen soll, die Details hinsichtlich der finalen Umsetzung stehen jedoch noch nicht gänzlich fest.
Ich habe das Rating vorläufig auf P16 gesetzt, da das für die ersten Kapitel definitiv ausreichend sein wird. Sollte der weitere Storyverlauf Beschreibungen erfordern, die ein höheres Rating voraussetzen, wird dies entsprechend angepasst.
Was Upload-Zeiten betrifft, so kann und will ich nichts versprechen, was ich nicht halten kann. Einige Kapitel habe ich bereits fertig, später wird es jedoch unweigerlich auch zu Wartezeiten kommen. Solange der Vorrat reicht, werde ich mich bemühen, zumindest einmal wöchentlich ein Kapitel hochzuladen.
Ich hoffe, den ein oder anderen geneigten Leser mit diesem Projekt ansprechen zu können und wünsche viel Spaß mit meinem ersten Versuch eines Fantasy-Romans.

Feedback

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MarcENicollsons Profilbild
MarcENicollson Am 04.10.2017 um 12:48 Uhr
Wow, gar nicht mal so schlecht, du hast einen super Stil, umschreibst gut und baust eine tolöe Atmosphäre auf. Klar ist es erst dee Prolog, aber er ist schonmal vielversprechend!
Klasse, dass du neue aber für die Geschichte wichtige Begriffe verwendest, der Leser aber dennoch weiß, was gemeint ist und so direkt einen tollen Überblick über die dortige Situation erhält. Lob, Lob.
Ich bin neidisch! :D

Lg Marc
MarcENicollsons Profilbild
MarcENicollson Am 04.10.2017 um 16:03 Uhr
@ViennaVampire Natürlich werde ich mit meiner Kritik nicht hinter dem Berg halten - immerhin ist für den Verfasser konstruktive Kritik der Dünger, durch den seine Werke gedeihen (sehr poetisch, jaja).
Lg Marc
ViennaVampires Profilbild
ViennaVampire (Autor)Am 04.10.2017 um 15:46 Uhr
Hallo Marc,
oh wow! Vielen, vielen Dank für deine Rückmeldung und deine Bewertung. Ich freue mich, wenn der Prolog so gut bei dir ankam. Ich bin gerade tatsächlich ein bisschen sprachlos, ob so viel Lobes. :D
Ich hoffe, dass auch die weiteren Kapitel deinem Geschmack entsprechen werden. Sollte aber etwas negativ auffallen, so zögere nicht, mir das um die Ohren zu hauen. :) Ich freue mich über jedwede Rückmeldung, auch über Kritik.
Vielen lieben Dank und einen schönen Tag wünsche ich dir noch,
Vienna
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AuctrixMundis Profilbild
AuctrixMundi
M
Am 26.09.2017 um 9:40 Uhr
Hallo,
Der Prolog klingt schon mal nicht schlecht. Lediglich am Anfang, wo die Charaktere sich begrüßt haben, fand ich ihre Redeweise ziemlich gekünstelt und aufgesetzt. Ansonsten ... Na ja, noch kann man nicht viel sagen ^^ Ich bleib aber erst mal am Ball und bin gespannt, welche Abenteuer ich hier mitverfolgen darf.
Lg Auctrix
ViennaVampires Profilbild
ViennaVampire (Autor)Am 26.09.2017 um 16:04 Uhr
Hallo, AuctrixMundi.

Danke für deine Rückmeldung. Ich sehe schon, das mit den gestelzten Dialogen ist ein wiederkehrendes Problem bei mir. ^^ Darf ich allerdings nachfragen: bezog sich dein Gefühl der unnatürlichen Sprache auf alle Charaktere oder nur auf Parwyn (das wäre dann immerhin beabsichtigt gewesen)?

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, mir ein Feedback dazulassen. Ich weiß es sehr zu schätzen.

LG
Vienna

Autor

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Bewertung

3 Bewertungen

Statistik

Kapitel:6
Sätze:1.455
Wörter:25.891
Zeichen:156.505

Kurzbeschreibung

Das Kaiserreich Adhal hat den langjährigen Krieg gegen seinen nächsten Nachbarn gewonnen. Eine neue Zeit bricht an und Gewinner und Verlierer müssen sich ihren Platz in dieser neuen Zeit sichern. Doch verborgen vor den Augen der Sterblichen regen sich uralte Mächte, die vor allem nach einem streben – sie wollen sich zurückholen, was rechtmäßig ihnen gehört.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Abenteuer auch in den Genres Fantasy und Krieg gelistet.

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