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Homo ergaster - warum ein Bedingungsloses Grundeinkommen wünschenswert wäre

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27.04.20 22:19
Fertiggestellt

Wenn wir über die Zukunft sprechen und uns in politischen Diskussionen
fragen, wie die Welt in einigen Jahren aussehen könnte oder sollte, haben wir
mehrere Aspekte, auf die wir unsere Aufmerksamkeit lenken können. Am häufigsten
debattiert wird natürlich über den Klimawandel. In diesem Zusammenhang fragen
wir uns, wie wir heute sicherstellen können, dass unser Planet morgen noch für
Mensch und Tier bewohnbar ist. In diesem Zusammenhang bieten sich Diskussionen
über grundlegende Wirtschaftsmodelle (das Modell der „Gemeinwohl Ökonomie habe
ich in einem anderen Essay thematisiert)
aber
auch über zukünftige Formen des Regierens an, um das Erreichen dieser
ambitionierten Ziele zu gewährleisten. Bei einem weiteren äußerst beliebten und
umstrittenen Thema handelt es sich um den Arbeitsmarkt der Zukunft, der
angesichts gegenwärtiger Tendenzen und Entwicklungen vor allem im digitalen
Bereich, grundlegenden Veränderungen notwendigerweise unterworfen wird. Zu
Zeiten des Corona-Virus ist eben jenes Thema wieder in aller Munde. Kurzarbeit
und Entlassungen als Reaktion auf die globale Pandemie, befeuern neue Theorien
und Modelle, um die Arbeitswelt diesen Bedingungen anzupassen.

Eine Art „zweiten Frühling“ erlebt in diesen Zeiten auch das
altbekannte Modell des Bedingungslosen Grundeinkommens, welches  viele verschiedene Bezeichnungen besitzt, wie
zum Beispiel das „Solidarische Bürgergeld“ aber allgemein als BGE bekannt ist.
Interessanterweise wird schon seit Jahren immer mal wieder über eine Einführung
des Bedingungslosen Grundeinkommens nachgedacht. Hierbei liegt die Betonung allerdings
auf „immer mal wieder“, denn wirklich ernst ist es nie zugegangen. Es blieb
zumeist bei unverbindlichen, lockeren Diskussionen. Ob die aktuelle Krise daran
etwas zu verändern vermag, bleibt abzuwarten, daher auch der für meine
Verhältnisse eher zurückhaltende Titel, der im Konjunktiv verfasst wurde.
Nichtsdestotrotz halte ich es für durchaus möglich, dass Corona eine
ernsthaftere und auch nachhaltigere Auseinandersetzung mit diesem Modell
herbeiführen könnte, da wir vor allem jetzt erleben, woran es mangelt und was
durch ein BGE verbessert werden kann. Zumindest die Bevölkerung könnte durch
Corona in dieser Hinsicht sensibilisiert werden, sodass das Verlangen nach
einem Bedingungslosen Grundeinkommen innerhalb des Volkes derart stark würde,
dass es die demokratisch legitimierten Abgeordneten nicht länger ignorieren
könnten. Schließlich war es nicht zuletzt auch die aktuelle Entwicklung rund um
die Pandemie, die mich dazu bewegt hat, über das Thema zu schreiben, wenngleich
ich schon seit Jahren das Modell mit großem Interesse verfolge. Das ist alles
nach wie vor viel Konjunktiv. In diesem Essay wollen wir uns aber auf festem
Boden und nicht auf unsicherem Grund bewegen, daher werden später knallharte
Argumente folgen, warum Deutschland, in meinen Augen, ein Bedingungsloses
Grundeinkommen gut tun würde! Bevor wir uns jedoch mit der Definition und dem
BGE an sich auseinandersetzen, ist es erforderlich, grundsätzliche Hintergründe
zu erarbeiten, womit wir uns im Folgenden beschäftigen.

Kennern der Biologie, insbesondere der Human-Evolution, wird
der Begriff „Homo ergaster“ vertraut sein. Hierbei handelt es sich um die
Bezeichnung einer Gattung Mensch, die vor 1,9 bis 1,4 Millionen Jahre auf der
Erde lebte und ein Vorfahre von uns, des modernen Menschen darstellte. Dem
aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass auch der Titel dieses Textes
so lautet. „Homo ergaster“ bedeutet übersetzt „der arbeitende Mensch“ oder je
nach Definition auch „tätig“ oder „schaffend“. Die Namensgebung hat ihren
Ursprung in den Fähigkeiten des Homo ergaster, auch komplexe Werkzeuge
herzustellen und  mit deren Hilfe neue
Objekte zu produzieren. An dieser Stelle wären wir auch bei dem zentralen Thema
der gesamten Argumentation angelangt: Der Arbeit!

Wie Sie persönlich über Arbeit an sich denken, hängt wohl
stark damit zusammen, was Sie von ihrem Beruf halten. Der Begriff der Arbeit
erhält dann eine negative Assoziation, wenn die Lohnarbeit, der man nachgeht,
einen unzufrieden zurücklässt und andersherum genauso. Beruf ist Lohnarbeit und
Lohnarbeit wird heutzutage zumeist mit Arbeit an sich gleichgesetzt. Dieser
„Verdienst“ ist dem kapitalistischen Wirtschaftssystem zuzuschreiben, das es
geschafft hat, dass wir Arbeit ausschließlich über Bezahlung gegen Entgeld  definieren. Somit natürlich gleichzeitig auch
den Wert von Arbeit, der in konkrete Zahlen in Form von Stundenlohn oder
Monatsgehalt angegeben wird und auf diese Weise eine Verknüpfung von Arbeit und
Geld herstellt. Eben jene Verbindung wird nicht oft hinterfragt und meistens
einfach so hingenommen. Man arbeitet, um Geld zu verdienen. So weit, so klar.

In Wahrheit ist dies jedoch alles andere als klar, im
Gegenteil, der Schluss, arbeiten, um Geld zu verdienen, entbehrt jedweder
natürlichen Grundlage. Diese kapitalistische Denkweise ist, entgegen unserer
Erwartungen, nicht auf Logik gegründet, sondern auf der Willkür eines
menschengemachten Systems. Uns wurde nur äußerst erfolgreich eingeredet, dass
der Sinn von Arbeit das Geldverdienen ist! Lohnarbeit dient dem Gelderwerb, das
ist richtig. Bei der Lohnarbeit handelt es sich aber ebenfalls um eine rein
kapitalistische Erfindung. Es ist aber unbedingt vonnöten streng zu
differenzieren zwischen Lohnarbeit und Arbeit an sich, ein Vorgehen, welches
uns heute oftmals als ungemein schwer erscheint. Arbeit im wesentlichen Sinne
ist erheblich mehr als der reine Gelderwerb.

Dass der Gelderwerb nicht der Sinn von Arbeit sein kann, ist
ebenso leicht wie nachvollziehbar bewiesen. Das Arbeiten ist im Wesen des
Menschen tief verankert, schon unsere Vorfahren haben den Drang der tätigen
Beschäftigung aufgewiesen. Zu Zeiten des Homo ergaster gab es noch kein Geld.
Es gab auch keine kapitalistische Arbeitswelt mit eindeutig definierten
Abhängigkeitsverhältnissen von Arbeitgeber auf der einen und Arbeitnehmer auf
der anderen Seite. Es gab keine Lohnarbeit, nur Arbeit. Und dennoch wurde
dieser Menschengattung der Name „arbeitender Mensch“ zuteil.

Arbeit war für den Menschen schon immer ein wesentlicher Teil
des Ausdrucks und des Fortschritts. Sehen Sie sich nur einmal um! Alles um uns
herum, beruht auf menschlicher Arbeit. Mal abgesehen von ungetrübter Natur,
wurde alles vom Menschen in schöpferischen Prozessen hergestellt und für sich
nutzbar gemacht. Der Mensch hat sich eine eigene Welt erarbeitet, die sich von
der natürlichen Umgebung stark unterscheidet. Alles menschengemachte beruht auf
Arbeit, es wird als „Kultur“ bezeichnet. Straßen wurden Stein für Stein
gepflastert, Häuser gebaut, Instrumente und Werkzeuge hergestellt, um die Natur
für uns nutzbar zu machen, künstlerische Meisterwerke entstanden im Laufe der
Menschheitsgeschichte und moderne technische und naturwissenschaftliche
Errungenschaften garantieren beinahe grenzenlosen Fortschritt. Und das alles
beruht auf dem urmenschlichen Bedürfnis, selbst schöpferisch tätig zu werden,
sein Leben mit Sinn zu füllen und produktiv mit erfüllender Arbeit zu
gestalten. All unsere zahllosen Erfindungen wären ohne diese spielerische
Kreativität und Schaffensfreude undenkbar.

Selbstverständlich kann man keinen Text über Wesen und
Ursprung der Arbeit  verfassen, ohne sich
dabei auf den wohl bekanntesten Theoretiker dieses Gebiets zu berufen: Den
Ökonomen und Philosophen Karl Marx (1818-1883). 
Die folgenden Zitate sind allesamt seinem mehrbändigen Hauptwerk „Das
Kapital“ zu entnehmen (die genaue Ausgabe wird im Quellenverzeichnis
aufgelistet).

Die Freiheit und Selbstbestimmung, die der ursprüngliche
Mensch in seiner Arbeit fand und in ihm dieses Gefühl von Sinnhaftigkeit
erweckte, beschreibt Marx an einer Stelle folgendermaßen: „Die Arbeit ist
zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch
einen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und
kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber.“

Überdies ist, laut Marx, ein grundlegender Unterschied von
der schöpferischen Arbeit des Menschen und der instinktiven Form der Betätigung
bei Tieren existent, was er selbst folgendermaßen erläutert: „Eine Biene
beschämt zwar durch den Bau ihrer Wachszelle manchen menschlichen Baumeister.
Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene
auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in
Wachs baut.“

Beim Mensch ist das Resultat des Arbeitsprozesses also
bereits im Vorfeld, kraft seiner Vorstellungskraft und Wunschvorstellungen,
ideell vorhanden, im Gegensatz zu den Vorgängen bei den Tieren. Dies alles
stellt die besondere Bedeutung der Arbeit für den Menschen heraus.

Bekanntermaßen lebte Marx zu Zeiten der industriellen
Revolution, dem Aufstieg des Bürgertums als führende Gesellschaftsschicht und
dem Beginn des Kapitalismus. Er wurde Zeuge von grauenhafter Ausbeutung und
Massenverelendung der arbeitenden Bevölkerung durch eine kleine Gruppe Fabrikbesitzer,
die über den größten Teil des materiellen Besitzes verfügten. In diesem
Zusammenhang wird Marx in seinem Werk oft von der „entfremdeten Arbeit“
sprechen. Während der Mensch im Idealzustand selbst entscheidet, was er wie
herstellt und sich diesen Luxus auch erlauben kann, da er selbst über die für
seine eigene Produktion notwendigen Produktionsmittel (wie Werkzeuge oder
Rohstoffe) verfügt, dient er in der kapitalistischen Produktion nur dem
Kapitalisten, dem er Arbeitskraft anbieten muss, um sein eigenes Überleben zu
sichern, da eben jener Kapitalist über die Produktionsmittel verfügt. Durch
eintönige Arbeit, die am Fließband oftmals nur auf eine einzige über Stunden
immer und immer wiederholte Armbewegung beruhte, hatte der Mensch weder zu seiner
eigenen Tätigkeit, noch zu dem Produkt, welches aus seiner Arbeit resultierte,
einen Bezug, er entfremdet sich folglich von seiner eigenen Natur, während der
frei schöpferische Mensch in seiner Arbeit Erfüllung findet und sich mit dem
fertigen Produkt stolz identifizieren kann. Marx dazu: „In Manufaktur und
Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der
Maschine.“

Arbeit im kapitalistischen Sinne ist Ausbeutung, die mit
großer Unfreiheit des Arbeiter einhergeht. Marx will diesen Widerspruch mit der
Begründung einer klassenlosen, der kommunistischen Gesellschaft, auflösen und
den Menschen die Verfügung über die Produktionsmittel zurückzugeben. Der Mensch
ist nicht länger abhängig von Arbeitgeber, von dem Druck des notwendigen
Gelderwerbs (nicht notwendig, da im Kommunismus jedem alles zur Verfügung steht
und sich jeder in die Gesellschaft einbringt, wie es seinen Fähigkeiten, seinem
Willen und seinen Bedürfnissen entspricht), er wird auch nicht länger
kategorisiert in „Jäger“, „Fischer“, „Hirt“, oder „Kritiker“, sondern es jedem
ermöglicht, sich in allen erwünschten Berufsfeldern einzubringen (die Beispiele
stammen übrigens auch von Marx selbst).

Wenn ich eines zutiefst bedauere, dann sind es die zahllosen
negativen Vorurteile, die heutzutage über die Gesellschaftsidee des Kommunismus
existieren und zumeist auf völligem Unwissen über die ursprüngliche Theorie
beruhen. Der real existierende Kommunismus in der Sowjetunion, der DDR oder der
Volksrepublik China hat zweifellos einige unverzeihliche Menschheitsverbrechen
hervorgebracht und endeten in Diktatur, Gewalt und Unterdrückung. Vergessen
dürfen wir hierbei jedoch nicht, dass diese historischen Beispiele mit dem
Kommunismus nach Marx nichts gemeinsam haben und den guten Namen für eine
schreckliche Sache missbrauchten und so unglücklicherweise Gräben schafften,
die wohl nie mehr überwunden werden können.

 

Ich bin mir darüber bewusst, dass wir Karl Marx und die
Situation, die er im 19. Jahrhundert vorfand, nicht eins zu eins auf unsere
heutigen Umstände anzuwenden sind und doch bleibe ich bei meiner Meinung, dass
grundsätzliche Überschneidungen und erschreckende Gemeinsamkeiten kaum zu
übersehen sind. Der Unterschied besteht womöglich nur darin, dass wir das Elend
nicht mehr unmittelbar selbst miterleben, da es nicht vor unserer Haustür
stattfindet, sondern in den Ländern der Dritten Welt. Schließlich sind wir im
Westen mittlerweile zu den Kapitalisten geworden! Doch auch hierzulande erleben
wir eklatante Unterschiede zwischen Angehörigen der verschiedenen
Gesellschaftsschichten, resultierend in einer immer weiter
auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich. Auch wenn Konservative und
Liberale es nicht gerne hören: Wir haben Marx noch nicht überwunden, weil wir
es uns angesichts der bedrohlichen Lage schlichtweg nicht erlauben können!

Erschwerend dazu kommt noch, dass wir uns vor einer ähnlich
einschneidenden Wende befinden, wie die Menschen des 19. Jahrhunderts. Auch uns
stehen radikale technische Neuerungen bevor, Roboter und die KI werden immer
intelligenter, Maschinen dringen immer weiter in unsere Arbeitswelt ein. Genau
wie damals werden bald Maschinen und Computer Aufgaben ausüben, die derzeit
noch von Menschen verrichtet werden. Freilich, dadurch entstehen neue Arbeitsplätze,
schließlich müssen Computerprogramme programmiert und Maschinen gewartet
werden. Allerdings ist auch ersichtlich, dass diese Arbeitsplätze eine hohe
Qualifikation erfordern. Zugute kommen wird dies IT-Experten und Informatikern,
nicht jedoch einem einfachen und nicht in dem Maße gebildeten Arbeiter.
Millionen Menschen auf der Welt und auch in Deutschland könnten auf der Strecke
bleiben und die Gesellschaft weiter spalten, ein Risiko, das die Politik nicht
eingehen darf! Genau an dieser Stelle kommt das Bedingungslose Grundeinkommen
zum Einsatz!

Dieses Modell sieht folgendermaßen aus: Jeder Bürger erhält,
unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage, eine gesetzlich festgelegte und
für jeden gleiche vom Staat ausgezahlte finanzielle Zuwendung, ohne dafür eine
Gegenleistung in Form von Lohnarbeit erbringen zu müssen. Sagen wir, diese
Summe beträgt 1000 Euro monatlich. Dieses Geld dient der Grundversorgung eines
jeden Menschen. Die Erfüllung lebensnotwendiger und essentieller
Grundbedürfnisse wäre nicht länger von der Erwerbsarbeit abhängig.

Der erste Einwand, den Kritiker dieses Konzepts schon seit
Jahren einbringen, ist der der Finanzierbarkeit dieses aufwendigen
Unterfangens. Diese Problematik lässt sich jedoch wesentlich leichter
aufklären, als angenommen. Das Bedingungslose Grundeinkommen stellt nämlich
kein Zusatz zu allen anderen sozialstaatlichen Maßnahmen dar (dies dürfte in
der Tat kaum zu finanzieren sein), sondern eine Art Ersatz für alles andere.
Folglich würden Unterhaltszahlungen, ALG-Leistungen, Sozialhilfezahlungen,
Arbeitslosengelder, BAföG-Leistungen, Wohngeld und so weiter alle in dem BGE
aufgehen, welches die Grundversorgung in sämtlichen Lebensbereichen
gewährleistet.

Selbst, wenn dies wirtschaftlich nicht eins zu eins aufgehen
würde, so gäbe es zahlreiche weitere Möglichkeiten der Finanzierung, allen
voran die höhere Besteuerung von Superreichen und Unternehmen. Eigentum
verpflichtet! Eine solidarische und ethisch gerechte Gesellschaft muss so
aussehen, dass die Stärksten die Schwächsten unterstützen, die Zweitstärksten
die Zweitschwächsten und so weiter, um den sozialen Ausgleich herbeizuführen.
Bildlich gesprochen muss also der Millionär den Obdachlosen unterstützen, der
Angehörige des gehobenen Bürgertums den Angehörigen der unteren Mittelschicht
und so weiter. Hier spricht keiner von vollständiger Gleichschaltung oder
sozialistischer Enteignung. Es geht nur darum, die Unterschiede zurück in ein
nachvollziehbares Verhältnis zu rücken und eine gewisse Verhältnismäßigkeit zu
schaffen. Zum Wohle aller, denn extremer Unmut der unteren Schichten kann auch
nicht im Sinne der Elite sein, muss diese unter diesen Umständen doch stets
eine gewaltsame Eskalation in Form einer Revolution befürchten.

In Bezug auf das vorherige Beispiel, müsste während der
digitalen Revolution, die voraussichtlich zur Folge haben wird, dass viele
Menschen für das System „entbehrlich“ und somit nicht mehr gebraucht werden,
niemand mehr um seine Grundsicherung bangen.

Das BGE ist generell eine reizvolle Möglichkeit, die
Schattenseiten des Kapitalismus zu überwinden und dabei doch seine Vorzüge
beizubehalten.

Liberale, die diesem Modell meist eher ablehnend
gegenüberstehen, verweisen auf die Kräfte des freien Marktes und der scheinbar
logischen „Notwendigkeit“, Produktion voranzutreiben, um Gewinne zu erzielen.
Tatsächlich beruht doch die gesamte neo-liberale Ideologie auf völlig falschen
Voraussetzungen. Zum einen ist der Mensch nicht derart frei, wie behauptet
wird, er liegt überall in Ketten, um mit Rousseau zu sprechen. Zu diesen Ketten
gehören die kapitalistischen Arbeitsverhältnisse, die von den Liberalen
befürwortet werden. Abhängigkeitsverhältnisse und die Notwendigkeit des
Gelderwerbs mithilfe von Lohnarbeit zählen zu diesen fesselnden Ketten der
Unfreiheit. Ironischerweise sorgen ausgerechnet diejenigen, die im öffentlichen
Diskurs am häufigsten von ihrer heiß geliebten „Freiheit“ sprechen, für die
größtmögliche Unfreiheit, nämlich der kapitalistischen Unterbindung jedweder
menschlicher Schöpfungskraft. Nur mit Meinungsfreiheit und freien Wahlen ist
eben nicht alles getan!

Ebenfalls der Kritik zu unterziehen ist das
wirtschaftsliberale Verständnis vom freien Markt. Bei diesem handelt es sich um
eine menschengemachte Fiktion. So etwas wie einen Markt gibt es eigentlich gar
nicht, alle Prozesse, die von ihm ausgehen, angefangen bei Angebot und
Nachfrage, gehen letztlich auf menschliche Erfindungen zurück. Die Liberalen
behandeln ihren heiligen Markt, der beinahe zu einer Art Religionsersatz
geworden ist, wie ein natürliches Ereignis, der Logik der Naturgesetze
unterworfen, wobei die Logik, die ihm in Wahrheit zu Grunde liegt, nur unsere
„Spielregeln“ sind. Und Spielregeln sind immer menschengemacht und beruhen
niemals auf einer natürlichen Ordnung! Die Prinzipien von Angebot und Nachfrage
funktionieren in der Praxis nämlich nur so gut, weil wir alle an sie glauben,
da wir diese Ideen lang genug in unser kollektives Bewusstsein geprügelt
bekommen haben. Ähnlich verhält es sich bei dem Geld als Zahlungsmittel. Was
uns so wertvoll erscheint, ist in Wahrheit nichts anderes als ein völlig
wertloser, bedrückter Papierschein. Der Gegenwert definiert seinen eigenen
Wert, doch das Problem ist, dass der Gegenwert vollkommen beliebig gewählt
werden kann. So lassen sich exorbitante Preise und auch Gehälter erklären. So
absurd uns diese „Logik“ auch vorkommt, so wenig können wir als Einzelne daran
ändern. Wir alle, die ganze Welt, glaubt an den Wert eines Papierscheins und so
lange dieser Glaube aufrecht erhalten werden kann, so lange wird auch das
kapitalistische System weiter funktionieren. Dies ist, meines Erachtens, das
größte Problem von allen: Geld wird benötigt, um überleben zu können, um sich
Lebensmittel, eine Unterkunft und dergleichen leisten zu können. Je mehr ich
darüber nachdenke, desto perverser erscheint mir diese Vorstellung. Die
Erfüllung essentieller Grundbedürfnisse, die die Menschheit seit Anbeginn ihrer
Existenz zu stillen hatte, soll plötzlich von dem Besitz oder Nicht-Besitz
eines Papierscheins abhängig sein? Die Würde und der Wert eines Menschen soll
über einen Papierschein definiert werden? Das ist nämlich das zweite Problem:
Auch die Arbeit des Menschen, das, was uns von Natur aus derart viel bedeutet,
wird instrumentalisiert und greifbar gemacht in Form von Geld. Daraus folgt
notwendigerweise, dass bestimmte Arbeit, gemäß dieser kranken Logik, mehr Wert
ist, als andere. Wie will man eine solch individuelle Ausdrucksform wie sinnstiftende
Arbeit in einen verallgemeinerbaren Wert wie Geld umwandeln? Dies läuft doch
der ursprünglichen Definition von Arbeit bereits im Kern zuwider!

Mit dem System des Geldes werde ich mich wohl nicht
anfreunden können. Der Idealzustand ist für mich nach wie vor eine Welt ohne
Geld. Dass dies nicht mehr möglich ist, sehe ich vollkommen ein und ich mache
mir diesbezüglich nichts vor. Die nächst naheliegende Alternative ist, die
Macht des Geldes insofern zu entschärfen, dass es nicht über den Wert eines
Menschen entscheidet und auch dessen Grundversorgung nicht gefährdet. Da Geld
nicht komplett abgeschafft werden kann, muss es folglich allen zumindest in
ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt werden. Damit wären wir wieder beim
Bedingungslosen Grundeinkommen, welches ich allein aus humanitären Gründen für
sehr erstrebenswert halte!

Der Mensch muss sich nicht beweisen. Er muss seinen Wert und
seine „Würdigkeit“ nicht mit ausbeuterischer Lohnarbeit demonstrieren. Er
verfügt über einen Wert an sich, etwas, das sich Würde nennt. Aus diesem Grund
verdient er menschenwürdige Behandlung und dementsprechend die Sicherung seiner
Existenz, völlig unabhängig von erbrachten Leistungen und Verdiensten. Bei
alledem darf nicht vergessen werden, dass das Bedingungslose Grundeinkommen
eben nur jene Sicherung darstellt, nicht mehr und nicht weniger. Wer mehr Geld
haben möchte, dem steht es selbstverständlich zu, weiter zu arbeiten. Die
Freiheit ist nur der ausschlaggebende Punkt. Für den unwahrscheinlichen Fall,
dass in Deutschland tatsächlich bundesweit ein BGE eingeführt würde, müsste man
natürlich mit Kündigungen rechnen. Viele Menschen führen ihre aktuelle
Tätigkeit nur des Geldes wegen aus. Wer will es ihnen verdenken? Die
Kündigungen würden sich vordergründig auf Berufe beziehen, die zwar für die
Gesellschaft von größter Wichtigkeit sind aber leider in keiner Weise
angemessen gewürdigt werden. Umgangssprachlich also die „Drecksarbeit“, die
keiner, verständlicherweise, machen will. Eine Kündigungswelle würde wohl endlich
zu einem lang ersehnten gesellschaftlichen Umdenken führen und in höherer
Anerkennung und auch besserer Bezahlung resultieren, sodass diese Jobs wieder
attraktiv werden. Vielleicht würde Lohnarbeit dann endlich nicht nach den
„Regeln des Marktes“, sondern nach Nutzen für die Gesellschaft entlohnt werden.
Zu wünschen wäre es all den Pflege-und Putzkräften, den Bauarbeitern und
Erzieherinnen, den Müllmännern und so weiter! Davon einmal abgesehen, ist es
absehbar, dass bestimmte „Drecksarbeiten“ in Zukunft ohnehin von Maschinen
übernommen werden können. Ein Zusammenbruch der Gesellschaft ist durch das BGE
und die damit wohl damit einhergehende Welle an Kündigungen also nicht zu
erwarten. Außerdem, ist es nicht eine absolute Unverschämtheit, ein BGE abzulehnen,
nur weil die Menschen dann keine Lust und keinen Antrieb für wichtige
„Drecksarbeit“ hätten? Sind einfache Arbeiter also nicht als Menschen, sondern
als willenlose und lebensunwerte Sklaven zu betrachten, die gerade so gut genug
sind, unseren Dreck zu entfernen? Wie anmaßend und entwürdigend! Liberale
Arroganz.

In der kapitalistischen Arbeitswelt liegen überwiegend
extrinsische Motivationen vonseiten der Arbeitnehmer vor. Dazu zählen alle
äußeren Antriebe wie Einkommen oder Anerkennung. Somit entfremdet sich der
Mensch von seiner eigenen Natur, da er sich nicht mehr auf sich selbst, seine
eigenen Interessen, Fähigkeiten und Leidenschaften bezieht, sondern auf das,
was außer ihm liegt, ganz genau wie es Karl Marx schon immer wusste. Durch das
Bedingungslose Grundeinkommen würde dem entgegengewirkt werden. Die Menschen
könnten Arbeit endlich wieder von Lohnarbeit unabhängig betrachten und ihrer
intrinsischen Motivation folgen, also dem, was ihnen Freude bereitet und was
für sie eine Erfüllung darstellt. So wird der Mensch wieder in Bezug auf die
Arbeit mit seiner eigenen Natur übereinkommen und schöpferisch tätig werden.
Sagen die Liberalen nicht ständig, dass persönliche Selbstverwirklichung auch
zu allgemeinem wirtschaftlichen Wohlstand beiträgt? Warum dann also das BGE
vehement ablehnen?  Sicherlich, einige
würden wahrscheinlich gar nicht mehr arbeiten, da sie des tätigen Lebens
allgemein überdrüssig sind, doch diese Menschen gibt es jetzt bereits auch. Sie
erhalten das entwürdigende Hartz Vier und kosten dem Staat jetzt auch schon
Geld. Das BGE sieht von Stigmatisierungen jedweder Art ab! Jedem wird es
zuteil, also braucht sich auch keiner beispielsweise für seine Arbeitslosigkeit
zu rechtfertigen oder negative Reaktionen zu erwarten. Das BGE ist allen Menschen
gegenüber tolerant und sorgt somit für erhöhte Zufriedenheit innerhalb der
Bevölkerung. Was kann sich eine Regierung mehr wünschen?

Für die in diesem Artikel heftig kritisierten Liberalen, habe
ich jedoch auch noch eine positive Nachricht. Das Bedingungslose Grundeinkommen
gewährleistet die Kaufkraft der Bürger. Sie haben Geld zur Verfügung, für das
sie nicht arbeiten mussten und da die meisten von ihnen in anderer Form noch
tätig sein werden, ist davon auszugehen, dass der gesamtgesellschaftliche Wohlstand
steigt. Dies führt dazu, dass die Menschen auch wieder mehr Geld investieren.
Es werden Produkte gekauft, die Wirtschaft wird dadurch angekurbelt. Außerdem
steigt die Risikobereitschaft, da die Grundversorgung ja nicht in Gefahr ist,
ein Umstand, der aktuell noch viele Menschen beispielsweise von der Gründung
eines eigenen Unternehmens und des Schrittes in die Selbstständigkeit abhält.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass nach der Einführung eines BGE neue
Start-Ups aus dem Boden schießen. Das Bedingungslose Grundeinkommen gefährdet
unsere Wirtschaft nicht, es unterstützt diese vielmehr! Wer weiß, vielleicht
wäre ja unter diesen „BGE-Unternehmen“ eines, welches ein Heilmittel gegen
Krebs herstellt oder mit technischen Innovationen letztendlich den Klimawandel
bremst. Wenn die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt sind, haben diese
endlich die Möglichkeit, kreativ tätig zu werden und somit wissenschaftlichen
und kulturellen Fortschritt herbeizuführen, etwas, das ihnen zuvor nicht
möglich war, mussten sie doch Tag für Tag um ihr Überleben kämpfen. Profitieren
wir nicht letztendlich alle davon?

Des Weiteren könnte ein BGE dazu führen, dass wir uns wieder
mehr in Richtung einer kollektivistischen Gesellschaft entwickeln, also einer
Gemeinschaft, die untereinander zusammenhält, weg von jener kapitalistischen
„Ellenbogen-Gesellschaft“, da schließlich keiner mehr zu befürchten bräuchte,
dass sein Gegenüber ihm das letzte Stück Brot raubt.

Wir alle kennen die Geschichten von Prominenten, die früher
arm waren und nichts hatten und sich dann mit gigantischem Ehrgeiz und Fleiß
großen Reichtum erarbeitet haben. So inspirierend diese Erzählungen auch sind,
so unnötig sind sie doch in meinen Augen. Niemand muss in völliger Armut leben,
ein  menschenunwürdiges Leben führen, um
sich den Erfolg quasi zu verdienen. Armut praktisch als Rechtfertigung für ein
späteres gutes Leben. Kein Mensch sollte in Armut leben und auch wenn diese
zugegebenermaßen ein großer Antrieb sein kann, etwas an seinem Leben radikal zu
ändern, so muss es doch nicht sein. Wir sehen nur die Fälle, wo es funktioniert
hat, nicht jene, die in Armut versunken sind und aus dem Elend zeitlebens
keinen Ausweg gefunden haben. Eine definitive Grundsicherung mithilfe des
Bedingungslosen Grundeinkommens, macht die Arbeit an persönlichen Träumen und
die Verwirklichung erstrebenswerter Ideale viel einfacher und sozial
verträglich!

Das einzige Gegenargument in Bezug auf das BGE, welches ich
überhaupt ernst nehmen kann, ist, dass eine Einführung desselben in Deutschland
eine Masseneinwanderung zur Folge haben könnte. Gefundenes Fressen für
Rechtspopulisten, die sich diese Entwicklung für ihre Parolen zunutze machen
würden, um unsere Gesellschaft in ihrem Kern zu attackieren.

Entgegnen kann ich dem nur, dass ich mir wünsche, dass es
beispielsweise europaweit eine Entwicklung hin zum Bedingungslosen
Grundeinkommen geben wird, wenngleich dies, aufgrund gänzlich verschiedener
wirtschaftlicher Voraussetzungen wohl einheitlich niemals vonstatten gehen
würde. Man könnte natürlich auch argumentieren, dass ein solches BGE nur den
Staatsbürgern eines Landes zustehen soll, also in diesem Fall nur den
Deutschen. Jedoch befindet man sich hierbei in rechtsextremen Denkrichtungen,
die Angehörige anderer Nationen diskriminiert und per se ausschließt. Von
derart nationalsozialistischen Argumentationen sollten wir uns alle fern
halten. Allgemein bin ich der Auffassung, dass wenn es um die existenzielle
Grundsicherung eines Menschen geht, Fragen wie die nach der Nationalität keine
Rolle spielen dürfen. Völlig egal ob Deutscher, Russe, Spanier, Amerikaner oder
Syrer. Am Ende sind wir doch alle nur Menschen und verdienen eine
menschenwürdige Behandlung und haben auch das Recht auf persönliche
Selbstverwirklichung fernab jedweder kapitalistischer Lohnarbeit, die den
Fortschritt doch letztendlich nur hemmt, anstatt zu fördern.

 

Eine zweite Aufklärung bahnt sich an, ähnlich der geistigen
Bewegung im 18. Jahrhundert. Eine Aufklärung für die digitale Revolution und
eine globalisierte Welt mit Problemen wie dem Klimawandel und der Ausbeutung
von Menschen durch den Menschen. Nach verzweifelten Jahren des Wartens, werden
die Philosophen endlich wieder gebraucht und eine wichtige Rolle einnehmen in
dieser turbulenten Zeit, um den gesellschaftlichen Wandel erfolgreich
einzuleiten und zu gestalten. Dafür müssen wir alle gemeinsam die erdrückend
schweren Fragen unserer Zeit einleiten und natürlich auch den Arbeitsmarkt
einer grundsätzlichen Hinterfragung unterziehen. Meines Erachtens ist das
Modell des Bedingungslosen Grundeinkommens weitaus mehr als nur sozialistische
Träumerei. Es könnte in der Tat das Gesellschaftsmodell der Zukunft werden,
welches die ganze Welt in vielerlei Hinsicht vor dem Untergang bewahrt. Die
Corona-Krise führt uns dies eindrucksvoll vor Augen. Eine der Hauptgründe,
warum die weltweite Wirtschaft derart schwächelt, ist schlichtweg, dass die
Menschen bedingt durch plötzliche Arbeitslosigkeit und allgemeiner Unsicherheit
nicht mehr in der Stimmung für Innovationen und Investitionen sind und somit
die Wirtschaft nicht ankurbeln. Hätten wir ein BGE würde das mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit anders aussehen, denn die Sicherheit, nach der
wir Menschen uns so sehnen, wäre gegeben und wir könnten weiter kaufen,
konsumieren und selbst aktiv werden. Wie schön wäre es doch, wenn die Politik,
wenn die ganze Welt, daraus lernen würde, um derartige Fehler in Zukunft zu
vermeiden. Doch ich bin und bleibe, so erstrebenswert und wichtig Ideale auch
sind, ein realistischer Idealist und Utopist. Straft mich bitte Lügen!
                                        

 

 

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BerndMooseckers Profilbild
BerndMoosecker Am 28.04.2020 um 19:08 Uhr
Ob das funktioniert? Zumindest kurzfristig (Jahrzehnte sind in dem Fall kurzfristig) wird sich keine Mehrheit für einen solchen radikalen Umbau der Gesellschaft finden und ich gehe doch davon aus, dass hier nicht die Demokratie gleich mit dem kapitalistischen System abgeschafft werden soll.

Gruß Bernd

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