Storys > Artikel > Vermischtes > Die Entscheidung über Leben und Tod - Corona und Ethik

Die Entscheidung über Leben und Tod - Corona und Ethik

54
02.04.20 18:16
Fertiggestellt

 

 

 

Die aktuelle Corona-Krise verlangt uns allen eine Menge ab und bringt uns in vielerlei
Hinsicht an unsere Grenzen. In Zeiten einer solchen, jeden Bürger gleichermaßen
betreffenden Extremsituation, offenbart sich erst, wie zusammenhängend unser
moderner Staat und unsere heutige Gesellschaft aufgebaut ist. Ein Aspekt folgt
auf den nächsten, sobald ein Zahnrad ausfällt, wird das gesamte System
zusammenbrechen. Wirtschaft und Gesundheit wirkt sich auf individuelle
Lebensgestaltung aus. Die Beispiele aus dem Alltag sind zahlreich und
überflüssig zu erwähnen.

Wir alle werden täglich mit einer gigantischen Welle an Informationen und
Neuentwicklungen konfrontiert, der wir uns zumeist auch freiwillig aussetzen.
Schließlich interessieren wir uns alle dafür, wann die Krise beispielsweise
vorbei sein wird, wie lange die einschränkenden Maßnahmen noch aufrecht
erhalten werden können, wie man sich und andere am besten schützen kann, etc.

Einleitend sollten wir uns also mit bestimmten wissenschaftlichen Fakten auseinandersetzen,
bevor wir zum eigentlichen Thema übergehen, da hierfür die Kenntnis gewisser
Faktoren und Zusammenhänge unerlässlich ist. Ich bitte an dieser Stelle um
Verständnis dafür, dass die folgenden Ausführungen allgemein gehalten sind und
nicht in die Tiefe gehen, da sie uns schließlich nur als Hintergrundwissen
dienen sollen und nicht schwerpunktmäßig bearbeitet werden. Bei den folgenden
Angaben berufe ich mich auf Stellungnahmen und Veröffentlichungen des
Robert-Koch-Instituts.

Zu Beginn ist festzuhalten, dass die Corona-Epidemie in Deutschland erst als beendet
betrachtet werden kann, wenn es entweder einen Impfstoff gibt (womit vor Sommer
2021 wohl nicht zu rechnen ist) oder eine sogenannte „Herden-Immunität“
eingesetzt hat, was bedeutet, dass die deutsche Bevölkerung überwiegend immun
geworden ist gegen den Erreger, da sie bereits infiziert waren und somit nicht
erneut erkranken. Für eine „Herden-Immunität“ ist es allerdings notwendig, dass
sich ca. 60-70% der Bevölkerung infizieren und anschließend wieder erholen. Der
Ausbruch der Krankheit würde in diesem Fall zum Erliegen kommen. Das waren in
Bezug auf die deutsche Gesamtbevölkerung 48-56 Millionen Menschen. Hierbei
fällt natürlich sofort auf, dass wir von Zahlen in dieser Größenordnung
meilenweit entfernt sind, da wir uns, Stand 1. April 2020, laut
Robert-Koch-Institut bei 67.366 Infizierten befinden und wenngleich diese
Zahlen schneller veralten als man „Corona“ aussprechen kann, so ist eine
„Herden-Immunität“ kaum jemals zu verwirklichen, da dies eine sehr lange Zeit
benötigen würde und es sowohl aus wirtschaftlicher, wie auch aus sozialer
Sicht, völlig undenkbar ist, die einschränkenden Maßnahmen über diese
Zeitspanne hinweg aufrecht zu erhalten.

Bis eine zufriedenstellende und sinnvolle Lösung gefunden werden kann, heißt es also,
das deutsche Gesundheitssystem möglichst zu entlasten, wozu auch die aktuellen
Maßnahmen der Bundesregierung dienen sollen. In diesem Zusammenhang entstand
auch der Hashtag #flattenthecurve , der sich bei den sozialen Medien verbreitet
hat und darauf anspielt, die graphisch als Kurve dargestellte Rate der
Neuinfektionen möglichst flach, gleichbedeutend mit gering, zu halten, also
sicherzustellen, dass möglichst wenige Menschen zeitgleich infiziert sind und
daher medizinische Hilfe benötigen. Um die Kapazitäten eines Gesundheitssystems
zu bestimmen, sind selbstverständlich mehrere Faktoren ausschlaggebend, wie
beispielsweise die Ausrüstung, also wie viele Beatmungsgeräte, Schutzanzüge,
Medikamente und Personal zur Verfügung stehen, jedoch wird die Kapazität der
Einfachheit halber auf einen entscheidenden Aspekt reduziert. Hierbei handelt
es sich um die Anzahl an Intensivbetten, folglich Betten, die von Patienten benötigt
werden, die einen schweren Krankheitsverlauf erfahren, der lebensbedrohlich
werden kann. Man schätzt die Anzahl dieser Betten auf 30.000, wobei dies
allerdings nur die halbe Wahrheit ist, werden Intensivbetten schließlich auch
von Patienten eingenommen, die an anderen Krankheiten oder Verletzungen leiden
und ebenfalls weiter behandelt werden müssen, unabhängig vom Corona-Virus. Ist
diese Schwelle überschritten, so sind drastische Folgen zu beobachten, wie die
traurigen Beispiele von Italien und Spanien zeigen. Somit wären wir bei unserem
Hauptthema angelangt, was sich mit der Frage auseinandersetzt, wie man denn nun
vorgehen sollte, wenn die Schwelle eben überschritten wird. Angesichts der
rasanten Ausbreitung des Virus und der Schwierigkeit, Kapazitäten im gleichen
Tempo auszubauen, sowie der mahnenden Beispiele der eben genannten Staaten, ist
dieses Szenario auch in Deutschland nicht auszuschließen. Für den Fall, dass es
mehr Kranke gibt, als behandelt werden können, ist der Schluss logisch: Nicht
jeder kann behandelt werden, das heißt man muss selektieren und abwiegen. Zu
genau dieser Situation ist es vor allem in Italien schon zuhauf gekommen. Ärzte
befinden sich in einem ethischen Dilemma und es ist an ihnen, zu entscheiden,
welcher schwer Erkrankte mit entsprechenden Maßnahmen am Leben gehalten wird
und welchen Patienten man aufgeben muss. Hierbei liegt ein Szenario vor, in
welchem der Mensch in eine gottesgleiche Position gebracht wird und explizit
und unwiderruflich über Leben und Tod entscheiden muss. Eine eigentlich
unvorstellbare Angelegenheit, die niemandem zu wünschen ist und doch leider für
tausende Ärzte, Pfleger und Helfer zur Realität wurde.

Lassen wir alle womöglich zuvor getroffenen oder eben auch nicht getroffenen Maßnahmen,
die eine solche Entwicklung begünstigt haben, außer Acht. Wir setzen uns nicht
damit auseinander, wie man es verhindern kann oder im Vorfeld hätte verhindern
können, dass es überhaupt so weit gar nicht kommen muss, sondern befassen uns
nur mit der Situation an sich, das über Leben und Tod von Patienten entschieden
werden muss, auch wenn dies natürlich alles andere als wünschenswert ist.

Medizinethiker haben hierfür beispielsweise darauf plädiert, dass der Staat dabei eingreifen
muss und den Ärzten verbindliche Vorschriften mitteilt, wann und in welcher
Situation, ein Patient bei der Behandlung dem anderen vorgezogen werden muss,
wenn dieser entsetzliche Konflikt unter keinen Umständen zu verhindern ist.

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte am 26. März 2020 den Artikel „Wenn zwischen
Sterben und Leben entschieden wird“, worin berichtet wurde, dass Experten aus
sieben medizinischen Fachbereichen wohl schon eine Art Handlungsanweisung für
Ärzte publiziert hätten. Laut diesen Empfehlungen solle das Alter allein nicht
das ausschlaggebende Argument sein, sondern vielmehr die allgemeine
Überlebenschance des Patienten. Da das Retten von möglichst vielen
Menschenleben stets das oberste medizinische Ziel sei, so solle auch nicht
zwischen Corona und Nicht-Corona-Patient unterschieden werden. Wer einer
Intensivbehandlung bedürfe und grundsätzlich bessere Überlebenschancen habe,
der solle diese auch erhalten, nur weil jemand Corona habe, werde er deswegen
nicht bevorzugt oder benachteiligt.

Nichtsdestotrotz ist anzumerken, dass es sich bei dieser Publikation keineswegs um eine für alle
gleichermaßen geltende Forderung handelt, sondern nur um eine Empfehlung. Die
Ärztinnen und Ärzte sind letztendlich nach wie vor diejenigen, die sich in der
Situation befinden.

Würde eine solche Publikation jedoch vonseiten des Staates erfolgen, so läge eine gänzlich
andere Autorität vor und ein weitaus größerer Einfluss, da die Regierung
schließlich auch über die Möglichkeit der Gesetzesinitiative verfügt. Die
Frage, die sich hierbei notwendigerweise stellt, ist, ob es sinnvoll wäre, wenn
die Frage nach Leben und Tod wirklich dem Staat überlassen würde. Mit dieser
Problematik beschäftigen wir uns im Folgenden.

 

Wir als vernünftige Menschen, die die Einzigartigkeit und Würde eines jeden Individuums
zu schätzen wissen, würden vermutlich in den meisten Fällen argumentieren, dass
es keinem Menschen zusteht, über Leben und Tod zu entscheiden. Wie anmaßend
wäre das schließlich angesichts unserer eigenen Unvollkommenheit, wir sind
schließlich keine Götter! An dieser Stelle möchte ich aber erneut betonen, dass
wir uns in einer Extremsituation befinden und zwar einer, die nicht fiktiv und
vollkommen unrealistisch ist, wie es ethischen Problem leider oftmals zu
Unrecht vorgeworfen wird, sondern in einer vollkommen realen und echten Krise,
die dementsprechend auch besondere Maßnahmen erfordert. Wir können unsere
demokratischen und humanistischen Methoden unglücklicherweise eben nicht 1:1
auf die vorliegende Situation anwenden. Bei zu wenig Ressourcen für zu viele
Hilfsbedürftige geraten wir unweigerlich in einen ethischen Konflikt. Irgendein
Mensch muss letztendlich Wohl oder Übel über Leben und Tod entscheiden. Ob es
sich bei der betroffenen Person um einen einzelnen Arzt oder um Vertreter der
Regierung handelt, ist in Bezug auf die grundsätzliche Problematik erstmal
irrelevant. Die einzig denkbare Alternative wäre die, sich der Entscheidung zu
entziehen. Ein solcher Arzt beispielsweise müsste also sofort seinen Job
aufgeben, nach Hause gehen und dabei sagen: „Wenn ich nicht alle retten kann,
rette ich gar keinen.“ Doch diese ethische Ansicht, können wir tatsächlich
getrost als unrealistisch und realitätsfern einstufen.

Bei vielen ethischen Entscheidungen in der Politik ist mir aufgefallen, dass sich die
gegenüberliegenden Lager zusammenfassend zumeist in zwei große ethische Positionen
einordnen lassen. Wir haben auf der einen Seite die Anhänger der
deontologischen Ethik, die ich gerne als Kantianer bezeichne, da sie sich in
erster Linie wissentlich oder unwissentlich auf die Lehren des deutschen
philosophischen Aushängeschildes, Immanuel Kant (1724-1804) berufen. Diese
Vertreter argumentieren mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde und lehnen es
folglich grundsätzlich ab, einer Instanz zu erlauben, Menschenleben
gegeneinander wie auf einer Waage abzuwägen und sie somit zu instrumentalisieren.
Mein fiktiver Arzt aus dem Beispiel vorhin, der lieber gar nicht handelt,
anstatt sich selbst in die Situation zu bringen, in der er gar nicht anders
kann, als selbst den Wert eines Lebens mit dem eines anderen zu vergleichen,
obwohl er dies für unvergleichbar hält, wäre ein geeignetes Beispiel für einen
Kantianer. Dass jeder Mensch kein Zweck für irgendetwas, auch nicht für
medizinische Abwägungen darstellt, sondern über einen Zweck an sich verfügt,
bringt Kant selbst mit seiner sogenannten „Selbstzweckformel“, einer Abwandlung
seines berühmten kategorischen Imperativ, zum Ausdruck.

Dass auch unser deutsches Grundgesetz in vielen Aspekten stark an Kant angelehnt ist,
wird beispielsweise vor allem bei der Betrachtung des Ersten und über allem
stehenden Artikel ersichtlich, der bekanntermaßen die Unantastbarkeit der
Menschenwürde definiert. Ein Staat, der festlegt, welcher Patient gerettet
werden darf und wer nicht, wäre somit aus rein juristischer Sicht wohl kaum
umsetzbar. Schließlich könnte man eine solche Maßnahme als einen Verstoß gegen
den ersten Artikel auslegen und somit unterbinden. Andererseits ist die
Interpretation eines Gesetzes auch eine Kunst für sich. Nicht umsonst können
sich selbst Juristen untereinander leidenschaftlich über die Auslegung eines
bestimmten Aspektes streiten. Wäre eine unterlassene Hilfeleistung, wie sie
mein Arzt aus dem Beispiel an den Tag legt, nicht auch im Grunde genommen
gesetzeswidrig? Außerdem hat der Staat in der gegenwärtigen Corona-Krise
bereits Maßnahmen ergriffen, die ebenfalls gegen Aspekte des Grundgesetzes
verstoßen, jedoch in diesem Fall richtigerweise nicht als illegal angesehen
werden, da eben eine Notsituation vorliegt. Dazu zählen zum Beispiel die
Einschränkung des Versammlungsrechts.

Wir sehen also, dass es sich bei der kantischen Moralphilosophie zwar um ein sehr
erstrebenswertes Ideal handelt, welches jedoch bedauernswerterweise in der
aktuellen Krise nicht anzuwenden ist. An dieser Stelle ist eine
Auseinandersetzung mit der zweiten zuvor angedeuteten ethischen Position
vonnöten, nämlich dem Utilitarismus. Diese Denkrichtung geht erstmalig auf den
britischen Philosophen Jeremy Bentham (1748-1832) zurück, die im Laufe der Zeit
jedoch von vielen weiteren Theoretikern wie John Stuart Mill oder Peter Singer
erweitert wurde. Der Begriff leitet sich vom Lateinischen „Utilitas“ ab, was
mit „Nutzen“ übersetzt werden kann und bewertet den moralischen Gehalt einer
Handlung aus dem namengebenden Nutzen für die Allgemeinheit, also den
generellen Folgen und Konsequenzen, die sich aus einer Handlung ergeben. Der
zentrale Maßstab hierfür ist das Glück der Mehrheit von Menschen. Der
ursprüngliche Utilitarismus verlangt, dass das Glück dem Leid gegenüber am Ende
überwiegt. Um dies zu gewährleisten sind drastische Maßnahmen nicht
grundsätzlich abzulehnen. Menschenleben dürfen dem zufolge in Extremsituationen
gegeneinander abgewogen werden und die Entscheidung muss demjenigen zu Gunsten
ausfallen, der dem Prinzip der Nützlichkeit am meisten entspricht. Wie schwierig
es ist, diese „Nützlichkeit“ zu definieren, wird ersichtlich, wenn wir
folgendes Beispiel betrachten:

Angenommen zwei Patienten benötigen unbedingt medizinische Hilfe, es kann jedoch nur einer
von beiden behandelt werden und der andere muss seinem Schicksal überlassen
werden. Bei dem einen handelt es sich um einen jungen Mann, der in der Blüte
seines Lebens steht, eine Familie und viele Freunde hat, aber beruflich noch
keine großen Errungenschaften vorzuweisen hat. Der andere Patient ist ein
alter, grimmiger Mann, der alleine lebt, über keine sozialen Kontakte verfügt
und allgemein nicht sonderlich beliebt ist. Er ist jedoch Wissenschaftler und
steht kurz vor dem Durchbruch bei der Entwicklung eines Heilmittels gegen
Krebs. Wer von beiden ist „nützlicher“ in dem Sinne und darf somit behandelt
und gerettet werden? Der junge Mann hat noch viel von seinem Leben vor sich.
Seine Rettung würde zu viel Glück auf seiten seiner Familie und Freunden
führen. Den alten Mann würde in dem Sinne keiner vermissen, allerdings könnte
er, würde man ihn retten, unter Umständen für mehr Glück sorgen als der junge
Mann es jemals könnte, da Krebs fortan heilbar wäre, was Millionen von Menschen
das Leben retten würde. Seine Rettung würde Familie und Freunde des jungen
Mannes für den gegenwärtigen Augenblick leidend und zutiefst traurig
zurücklassen, könnte eventuelles zukünftiges Leid von anderen Menschen jedoch
verhindern.

Wir sehen also, dass allein die Begriffe „Glück“ und „Nützlichkeit“ im Utilitarismus sehr
schwammig sind und unterschiedlich ausgelegt werden können. Das Beispiel
verdeutlicht allerdings, dass es unglaublich schwierig ist, abzuwägen, je mehr
Informationen man über einen Menschen hat. Eine ausführlichere Erklärung des
Utilitarismus würde den Rahmen dieses Essays jedoch sprengen, weshalb wir es
vorerst dabei belassen müssen.

Ersichtlich ist auf jeden Fall, dass wir in Bezug auf die Corona-Krise, ob wir es wollen
oder nicht, eine utilitaristische Debatte führen müssen. Andere Optionen sind
uns nicht gegeben, wir müssen uns entscheiden, wir müssen abwägen. Einzig und
allein die Maßstäbe, nach denen dies geschehen soll und die allgemeine Art und
Weise bleiben abschließend noch zu klären.

 

Das vorherige Beispiel hat verdeutlicht, dass individuelle Gegebenheiten bei der Bewertung eine Rolle spielen. Wäre es somit nicht ungerecht und undifferenziert, würde eine Instanz, in dem Fall der Staat, verbindlich festlegen, wer gerettet wird und wer nicht? Ist es nicht sinnvoller, den Einzelfall zu bewerten? Mal abgesehen davon, dass die Ärzte unter enormem Zeitdruck stehen und gar nicht in der Lage sind, sich umfassend mit den Akten ihrer Patienten vertraut zu machen und somit ohnehin aus dem Bauch heraus und nicht unter Abwägung der rationalen Fakten entscheiden, so verfügt der Staat doch über die Möglichkeit, einheitliche Handlungsweisen vorzugeben, was den Vorteil mit sich bringt, dass niemand mehr in einen persönlichen Gewissenskonflikt gelangen kann. Zwischen Leben und Tod muss abgewogen werden, es bleibt in der Realität keine Zeit, um sich mit den Individuen intensiver auseinanderzusetzen. Dies allein ist für die Ärztinnen und Ärzte schon schlimm genug! Sich am Ende auch noch mit dem entsetzlichen „Was-wäre-wenn-Szenario“ auseinanderzusetzen, welches im Anschluss im Kopf stattfindet und somit Gewissensbisse zu haben, dass man einen Menschen hat sterben lassen und im schlimmsten Fall sogar noch rechtliche Konsequenzen zu befürchten hat, darf schlichtweg nicht sein! Meines Erachtens hat der Staat die Pflicht, in dieser Hinsicht zumindest die Ärzte zu entlasten und selbst durch klare Vorgaben die volle Verantwortung für das notwendigerweise eintretende Sterben von vielen Menschen, zu übernehmen und den Konflikt nicht den zuständigen Arzt selbst austragen zu lassen. Schließlich stellt dies für die Helferinnen und Helfer eine enorme psychische Belastung dar. Diese Belastung wäre natürlich auch im Falle des staatlichen Eingriffes nach wie vor vorhanden, kann aber sicherlich dadurch reduziert werden, dass dem Arzt zumindest die individuelle Schuld womöglich falsch gehandelt zu haben, abgesprochen wird, indem man ihm die schwerwiegende Entscheidung bereits im Vorfeld abnimmt. Überdies sind in dieser Krise menschliche Eigenschaften, die selbstverständlich auch den Ärzten zu eigen sind, an manchen Stellen sogar eher hinderlich als fördernd. Subjektiv zu sein, ist aus menschlicher Sicht nachvollziehbar und verständlich. Ein Arzt, der einen Patienten persönlich kennt, wird natürlich alles daran setzen, ihn unbedingt zu behandeln, selbst wenn dessen Überlebenschancen als eher niedrig eingestuft werden und ein anderer Patient bessere Aussichten hätte. Außerdem ist es in diesen Zeiten niemals vollkommen sicher, ob nicht auch Korruption unter Umständen eine entscheidende Rolle spielen könnte und letztendlich für den besser situierten Patienten den Ausschlag gibt.

Auch um diesen möglichen Nachteilen zu entgehen, wäre das Eingreifen des Staates
sinnvoll. Vorher muss selbstverständlich in aller Deutlichkeit festgelegt
werden, dass es sich bei dieser dominanten und autoritären Befugnis um eine
absolute Ausnahme handelt, die nur angesichts der überwältigenden Krise als
letzte Notfall Maßnahme umgesetzt wird und nach Überstehen der Epidemie sofort
wieder unterlassen wird. Doch an dieser Stelle halte ich es tatsächlich für
sinnvoll, wenn der Staat seine Autorität nutzt. Letztendlich kommt dies nämlich
auch nur den Menschen zugute, in erster Linie den Ärztinnen und Ärzten!

 

Die Maßstäbe, die festlegen, wer gerettet wird und wer nicht, die in diesem Fall von
staatlicher Seite erfolgen würden, müssten nach wie vor noch unmissverständlich
festgelegt werden, sodass keine Auslegung möglich ist, da dies allein aus
pragmatischen Gründen nicht zielführend ist, da es wertvolle Zeit kostet und es
ein Richtig und Falsch wohl ohnehin niemals geben kann. In ein und derselben
Situation könnten schließlich zwei verschiedene Menschen aufgrund
divergierender Weltanschauungen zu zwei unterschiedlichen Bewertungen gelangen.

Wichtig ist nur, dass die Maßstäbe des Staates, nur auf der wissenschaftlichen Grundlage
mehrerer voneinander unabhängiger Institutionen, festgelegt werden. Es sollte
also ein Rat einberufen werden, dem beispielsweise Politiker, Mediziner,
Philosophen und allgemein Männer und Frauen gleichermaßen angehören, um die
Bewertung aus möglichst vielen Blickwinkeln zu betrachten, um vernünftige
Beschlüsse für eine allgemein unverschuldet unvernünftige Entscheidung zu
beschließen.

Ich selbst bin natürlich heilfroh, dass ich nicht in der Situation bin, entscheiden zu müssen
und spreche meinen größtmöglichen Respekt an all diejenigen aus, die es sich
anders gewünscht hätten aber jetzt mittendrin stecken.

Müsste ich eine Empfehlung aussprechen, dann würde ich mich wohl den Expertenmeinungen aus
dem eingangs thematisierten Zeitungsartikel anschließen und die allgemeinen
Überlebenschancen als Grundlage für weiteres Vorgehen betrachten. Am Ende zählt
jeder einzelne Mensch, dem das Leben geschenkt wurde! Auch wenn wir es uns
nicht aussuchen können, so lasst uns doch sicherstellen, dass wir uns am Ende
nicht vorwerfen können, nicht genug getan zu haben. Die Gesellschaft ist ein
großer Körper, von dem jeder einzelne ein Teil ist. Wir sind zusammengehörig
und nicht separat zu betrachten. Wir sind die Patienten, wir sind die Ärzte,
wir sind die Verkäufer, wir sind all diejenigen, die ihre Arbeit verloren
haben. Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo es unerlässlich ist,
sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen! Das soll der Maßstab
unseres Handelns sein, denn das entscheidet über Leben und Tod. Entscheiden wir
uns für uns und alle anderen für das Leben!

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

MichaelLutzs Profilbild MichaelLutz

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Sätze:110
Wörter:3.010
Zeichen:20.589