Playstorys > Le Livre Noir

Le Livre Noir

124
24.2.2017 14:11
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

Autorennotiz

Diese Geschichte ist eigentlich ein Roman, den ich für StoryHub zu einer PlayStory erweitert habe.
Da der Roman mit dem Stilmittel des Voice-Over spielt, sind auch hier die einzelnen Abschnitte abwechselnd in Ich- und personaler Perspektive gehalten.

Es gibt pro Abschnitt genau eine "richtige" Lösung, die einen im Plot voran bringt, die andere Variante beendet die Geschichte vorzeitig, teils auf absurde Art und Weise.

Die Geschichte begann wie diese Geschichten immer anfangen. Genau genommen begann die Geschichte an einem Morgen, der begann wie jeder andere Morgen:

Ich hatte keine Zeit gefunden, mich zu rasieren, da ich mich nach dem Fahrplan des öffentlichen Nahverkehrs richten musste und so saß ich stoppelig und mit dem Abdruck des Kissens in meinem Gesicht an meinem Schreibtisch und stocherte in den verstopften Schneideblättern meines alten Elektrorasierers mit einer Nadel herum. Das Ding wollte den Geist aufgeben, aber wenn das Geld für die Büromiete reichen sollte, musste der Apparat wohl oder übel noch zwei Wochen überstehen.

Es war noch recht früh und der kommende Herbst schickte die Vorboten einer frühwinterlichen Kälte. In den letzten Tagen war das Tageslicht nicht über ein Dämmern hinausgekommen und auch heute blieb der Himmel zugezogen und grau. In diesem Teil des Landes war das nichts ungewöhnliches und es schlug sich in den Gemütern der Menschen nieder. Zumindest in diesem Viertel.

Seit ich aus New York nach Chicago gezogen bin, nehme ich die Menschen nur noch eingehüllt in einen Schleier grauer Lethargie wahr.

Es ist nicht das schlechteste Kleid, das ein Mensch tragen kann, vor allem, wenn man als Alternative lediglich die glänzenden, uniformhaften Anzüge und die Hektik an Börsen, Banken und Versicherungsgesellschaften zu Verfügung stehen.

Ich hatte New York damals nicht wegen der Anzüge verlassen, aber es wäre ein Grund, den ich durchaus hätte durchgehen lassen bei einem Verhör.

New York zu verlassen war vielleicht die beste und die falscheste Entscheidung, die ich je getroffen hatte. Ich tauschte ein sicheres Einkommen in einem unsicheren Job gegen ein unsicheres Einkommen in einem unsicheren Job. Doch ich war unabhängig und konnte mir meine Kunden und Fälle aussuchen.

Als Polizist ist man gezwungen allen Hinweisen, Bitten und Verdächtigungen nachzugehen. Als Privatdetektiv ist man nur gezwungen die Miete zu bezahlen. Meistens läuft es auf das selbst hinaus, aber es fühlt sich besser an.

Ich mag es mir selbst und anderen Leuten etwas vorzumachen. Ich will nicht bestreiten, dass ein ehemaliger New Yorker Polizist nicht besonders qualifiziert für die Arbeit als Privatermittler geeignet ist. Er ist hart im nehmen, hat viel gesehen, viel erlebt und er hat überlebt, was bedeutet, dass er schnell, effektiv und zu gegebenen Zeiten diplomatisch agieren kann. Jedoch stellt man ihm viel zu häufig die Frage, warum er seinen Posten aufgegeben hat.

Um dieser Frage aus dem Weg zu gehen, beantworte ich sie bereits bevor sie gestellt wird. Ich habe den Zeitungsartikel aufgehoben und an meine Pinnwand geheftet. Es ist Werbung, Nostalgie und ein seltsamer Hang für das Morbide in mir.

„Kommissar der Bestechung überführt und gefeuert"

Diese Dinge haben nichts mit jenem Morgen zu tun, aber ich habe das Gefühl, dass eine Geschichte mit solchen Dingen anfangen sollte.

Der gläserne Lampenschirm meiner Bürobeleuchtung war eine Woche zuvor zerbrochen, als ich eine dieser kleinen, flachen Whiskyflaschen nach ihm warf. Ich weiß nicht mehr, warum ich es tat, aber es erschien mit zu jenem Zeitpunkt sinnvoll. Es führte dazu, dass nun eine flackernde Glühbirne zwischen einigen Scherben baumelte.

Mein Schreibtisch war aufgeräumt. Der Aktenschrank wies keine offenen Fälle auf und ein kräftiger Wind zog durch die schlecht isolierten Fenster, an denen als einem weiteren Akt der Werbung mein Namensschriftzug zu lesen war, wenn man sich besonders anstrengte und sich die Buchstaben „s" und „n" dazu dachte.

Mein Bürostuhl bestand aus Holz und war keines dieser neumodischen Exemplare mit Polsterung und einer Rückenlehne bis zum Schädel.

Ich zündete mir eine Zigarette an, bevor ich ernsthafter versuchte den verstopften Rasierapparat zum Laufen zu bekommen.

Ich jonglierte gerade mit der Zigarette im Mund, als ich mein Kinn bearbeitete und ein Pochen an der Tür verriet, dass sich jemand freiwillig oder unfreiwillig in den Flur vor meinem Büro verirrt hatte.

Gewähren wir dem Besucher Eintritt?
Lassen wir den Besucher warten?

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

suedeheads Profilbild suedehead

Bewertung

2 Bewertungen

Kurzbeschreibung

Eine Geschichte, die ich vor einigen Jahren geschrieben habe und jetzt zur Playstory ausbaue. Sam Mason - Privatdetektiv - ermittelt im Auftrag der undurchsichtigen Judith Leery den Fall eines mutmaßlichen Heiratsschwindlers und stolpert dabei über Leichen. Ein Noir-Krimi, eine Genre-Parodie, eine Hommage an sehr alte, sehr gute Filme.

StoryHub empfiehlt Playstorys