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Detroit Evolution - Night

30
19.04.20 12:57
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
Asexualität
Fertiggestellt

Autorennotiz

Eine wichtige Info vorab: Dieser Oneshot basiert auf dem brillanten DBH-Fanfilm "Detroit Evolution" von Octopunk Media. Der Film ist auf Youtube verfügbar und ich empfehle dringend, ihn sich zu Gemüte zu führen, bevor ihr diesen Oneshot lest, damit ihr den korrekten Kontext habt und die kleinen und großen Andeutungen versteht, die sich darin finden.
Darüber hinaus kann ich euch den Film auch abseits dieser Geschichte nur ans Herz legen. Neben sehr hochwertigen technischen Aspekten (Musik, Kostüme, Setpieces, Schnitt, Shotkomposition, etc...) und hochtalentierten Schauspielern, quillt der Film über vor Herz und Passion und ich kann jedem DBH-/Reed900-Fan nur dringendst raten, sich den Film zu Gemüte zu führen und den Machern etwas Liebe in Form von Likes und Kommentaren dazulassen. Sie haben etwas Außerordentliches für uns Fans erschaffen und ich wünsche ihnen allen Erfolg, der ihnen dafür zusteht.

Detroit Evolution – Night


Nines hatte die Augen entspannt geschlossen, während er einen Bericht für Captain Fowler aufsetzte. Ihr letzter Fall hatte sich unerwartet schnell lösen lassen, nachdem Gavin und er die Aufnahmen einiger Sicherheitskameras eines nahe dem Tatort gelegenen Cafés hatten sichten und einen deutlichen Faceshot des flüchtigen Täters scannen können. Es hatte nur ein paar Stunden gedauert, den zu Mann identifizieren, ausfindig zu machen und festnehmen zu können. Dementsprechend blieb nichts mehr zu tun, als den Bericht fertigzustellen, ihn Fowler zu übermitteln und den Fall zu den Akten zu legen.

Gavin bewegte sich leicht neben ihm. Nines schob den Bericht in den Hintergrund und öffnete die Augen. Er ließ seinen Blick über Gavins Körper wandern und scannte dessen Zustand. Gavins Gesicht war nicht so entspannt, wie es bei einem schlafenden Menschen hätte der Fall sein sollen, doch er und Nines hatten eine Übereinkunft getroffen, Gavin nur zu wecken, wenn es absolut nötig war. Obgleich Nines Gavin verschwiegen hatte, dass seine Interpretation von 'absolut nötig' deutlich niedriger angesetzt war als Gavins.

Dennoch beschloss er, dass er Gavin im Moment noch nicht wecken wollte. Stattdessen griff er sanft nach Gavins Hand und nahm sie in seine. Er streichelte mit dem Daumen über Gavins Handrücken, bis dessen Atmung wieder etwas gleichmäßiger ging. Nines lächelte leise und ohne, dass er es bewusst hervorgerufen hätte, zog sich die Haut an seiner Hand zurück. Das blaue Licht seiner LED wurde von dem weißen Plastik reflektiert und Nines schwächte sicherheitshalber die Leuchtkraft ein wenig ab, damit Gavin nicht gestört wurde.

Seit Gavin ihm gestattete, die Nacht über bei ihm zu bleiben, brachte er es auf eine beinah normale Anzahl an Stunden von ruhigem Schlaf. Doch Nines war bewusst, dass Jahre der nächtlichen Panikattacken und Albträume nicht einfach aus Gavins Bewusstsein gelöscht werden konnten. Es würde vermutlich Jahre dauern, ehe Gavin diese Ängste endgültig würde ablegen können.

Nines hatte einmal den Vorschlag gemacht, dass sich Gavin einer Therapie unterziehen könnte, doch Gavin hatte davon nichts hören wollen: „Ich muss mich doch schon dauernd damit 'rumärgern, dass du mich gegen meinen Willen scannst. Das letzte, was ich brauche, ist ein fucking Psychodoc, der in meinem Hirn wühlt.“

Er hatte in Betracht gezogen, Gavin darüber aufzuklären, dass diese Vorstellung von Psychotherapie nicht sonderlich realistisch war, aber dann hatte er sich dazu entschlossen, sich Gavins Tempo anzupassen. Er kannte ihn mittlerweile zu gut, als dass er nicht wüsste, dass zu viel Druck Gavin nur noch unkooperativer machen würde.

Also gab er sich für den Moment damit zufrieden, persönlich über Gavins Nachtruhe zu wachen, so gut er es eben konnte. Er wusste, welches Zugeständnis Gavin ihm bereits damit machte, ihn nachts neben sich zu dulden. Wie schwer es ihm fiel, alle die Mauern zu senken, die er um sich aufgebaut hatte und zuzulassen, dass Nines ihn sah, wenn er am verletzlichsten war. Nines konnte nicht in Worte fassen, was dieses ihm entgegengebrachte Vertrauen in ihm auslöste.

Er streichelte noch einmal mit dem Daumen über Gavins Handrücken, dann schloss er wieder die Augen und wollte sich zurück in seine Stasis begeben. Seit dem Vorfall mit Ada hatte er es noch nicht geschafft, seinen Rückzugsort vollständig wiederherzustellen, doch es reichte aus, um die Gedankenprozesse des Tages verarbeiten und archivieren zu können.

Gerade als er sich ausklinken wollte, bewegte Gavin sich erneut und gab ein unterdrücktes Stöhnen von sich. Sofort öffnete Nines die Augen wieder und musterte ihn. Er streckte die Hand aus und strich Gavin durch die Haare, durch es brachte nicht die erhoffte Wirkung mit sich. Erneut ließ Gavin ein Raunen hören und schien sich zu krümmen. Seine Hände krallten sich in den Bettbezug und sein Gesicht war verzerrt. Er murmelte etwas, doch es war zu undeutlich, als dass Nines spezifische Worte hätte heraushören können.

„Gavin?“, flüsterte er sanft und drehte sich so, dass er Gavin mit beiden Händen erreichen konnte. „Gavin, wach auf. Du bist in Sicherheit. Alles ist gut.“

Zu seiner Besorgnis reichte das nicht aus, um Gavin aus den Fängen seines Albtraumes zu ziehen. Beunruhigt beobachtete er, wie Gavin sich wand, wie er den Kopf immer wieder ins Kissen drückte und wie sich seine Brust in unregelmäßigen Abständen hob und senkte. Die Laute, die er von sich gab wurden lauter und verzweifelter. Perlen kalten Schweißes schimmerten auf seiner Haut.

Nines beschloss, nicht mehr länger zu warten. Er beugte sich über Gavin und nahm dessen Gesicht in seine Hände. „Gavin, wach auf“, sagte er, diesmal lauter. „Du träumst, Gavin. Wach auf. Ich bin hier, es ist nicht echt. Du bist in Sicherheit. Wach auf.“

Gavin bäumte sich unter ihm auf, seine Lider flatterten, dann schlug er die Augen auf und sah sich gehetzt um. Seine Arme fuhren hoch, als er instinktiv nach Nines' Handgelenken greifen wollte, doch Nines kam ihm zuvor und drückte Gavins rechte Hand sanft auf die Matratze. Die andere Hand hielt er an Gavins Wange gelegt, während er weiter beruhigend auf ihn einredete: „Es ist okay, alles okay, Gavin. Du bist nicht dort. Es ist nicht echt. Ich bin hier. Ich bin hier.“

Gavin wehrte sich noch kurz gegen seinen Griff, dann gelang es ihm, die letzten Reste des Albtraumes abzuschütteln, die über den Schlaf hinaus in sein Bewusstsein gesickert waren. Er blinzelte mehrmals verwirrt und Nines konnte spüren, wie sehr Gavins Herz in dessen Brust raste. Er ließ Gavins Hand los und rückte ein wenig ab, um ihm Raum zu geben, doch er hielt den Körperkontakt über seine Hand aufrecht.

Gavin starrte Nines  schwer atmend an. Sein Haar klebte ihm in der Stirn. Dann streckte er langsam die Hand nach Nines aus und legte sie an dessen Brust. „Nines...?“, es war unmöglich, das Zittern in Gavins Stimme zu überhören.

Nines lächelte ihm zu und antwortete: „Ich bin hier, Gavin. Es war nur ein Traum. Du bist in Sicherheit.“

Gavin starrte ihn noch einige Momente lang an, dann zog er sich plötzlich von Nines zurück. Mit fahrigen Bewegungen warf er die Decke zurück und setzte sich am Bettrand auf. „Fuck...“, fluchte er leise und wischte sich mit der Hand übers Gesicht. Sein Shirt war schweißgetränkt.

Nines setzte sich ebenfalls auf. Seine LED warf ein gelbliches Licht an die Wand. „Gavin? Was ist los?“, fragte er und wollte die Hand nach ihm ausstrecken, doch Gavin sprang auf, als befürchte er einen elektrischen Schlag von Nines Berührung.

„Ich... ich bin... shit. Ich... bin okay. Ich, ähm...“ Er ballte und öffnete mehrmals die Fäuste, während er um Worte zu ringen schien. Er hielt den Kopf gesenkt und wich Nines' Blick aus.

„Gavin? Geht es dir gut?“, fragte Nines, diesmal besorgter. Dass Gavins Albträume ihn auch in wachem Zustand verfolgten war nichts ungewöhnliches, doch bisher hatte er danach stets zugelassen, dass Nines ihn erdete, ihn aus seiner Angst herausholte und in die Realität zurückzog. Dass Gavin nun auf Abstand ging, gefiel Nines gar nicht und er befürchtete, dass Gavin in eine Panikattacke hineinschlitterte.

Gavin schüttelte mehrmals den Kopf, wie ein Tier, dass eine Fliege loswerden wollte. „Mir... ja, ja, mir geht’s gut. Alles bestens. Ich, äh...“ Er gestikulierte undeutlich. Noch immer vermied er es, Nines anzusehen. „Ich brauche nur frische Luft.“

Mit diesen Worten verließ Gavin beinah fluchtartig das Schlafzimmer.

Nines blieb verwirrt am Bettrand sitzen und sah ihm nach. Seine LED blinkte kurz rot auf, dann wechselte sie wieder zu gelb. Dann hatte er sich gefangen und spang auf, um Gavin zu folgen.

Als er das Wohnzimmer betrat, registrierte er die geöffnete Terrassentür. Durch die Glasscheibe konnte er sehen, dass Gavin draußen stand, die Arme fest vor der Brust verschränkt und am Geländer der Holzveranda lehnend.

Nines zögerte, Gavin direkt zu folgen. Vielleicht wäre es besser, wenn er ihm für einen Moment seinen Freiraum gewährte? Gavin wurde nicht gerne in die Ecke gedrängt und Nines wollte ihn nicht noch mehr Stress aussetzen.

Aus dem Augenwinkel nahm Nines eine Bewegung in der Dunkelheit war. Er drehte leicht den Kopf, doch es war nur Gavins Katze, die durch die nächtliche Unruhe aufgeschreckt worden war. Sie hockte geduckt auf der obersten Plattform ihres Kratzbaums und starrte Nines empört an. Ihre Augen schienen im schwachen Licht von Nines' LED zu glühen.

Nines wandte sich von der Katze ab und betrachtete Gavin durch die halb geöffnete Glastür. Sein Modell verfügte über eine ausgeprägte Nachtsichtfunktion, weswegen er auch ohne extra Licht erkannte, dass Gavins Schultern zitterten. Er konnte hören, dass Gavins Atmung immer noch schwer war, wenngleich auch inzwischen etwas langsamer. Er versuchte eifrig, die klügste Vorgehensweise zu eruieren. Er war sich nicht sicher, wie Gavin reagieren würde, wenn er ihn jetzt bedrängte, doch alles in ihm wehrte sich dagegen, ihn in diesem Zustand allein zu lassen.

Nachdem Nines durch Logik zu keinem Ergebnis kam, entschloss er sich, sich auf seine Gefühle zu verlassen. Langsam trat er durch die Terrassentür hinaus auf die Veranda. Das Holz war kühl unter seinen nackten Fußsohlen. Er hoffte, dass es nicht zu kalt für Gavin war – dieser trug lediglich ein Paar Shorts, sowie ein altes Shirt.

„Gavin?“, fragte er sacht, um auf sich aufmerksam zu machen, doch Gavin reagierte nicht. Also trat Nines vorsichtig näher, bis er neben Gavin am Geländer stand. Er verspürte einen überwältigenden Drang, Gavin zu berühren, ihn an sich zu ziehen, doch er unterdrückte ihn. „Gavin, bitte sprich mit mir. Was ist los?“

Gavin hatte den Blick bis eben starr auf den Boden gerichtet, nun hob er den Kopf ein wenig und warf Nines einen kurzen Blick zu. Seine Augen waren gerötet. „Es ist nichts. Es... shit... es ist... okay. Du... du kannst wieder rein gehen. Ich komme dann gleich nach.“

„Nein“, erwiderte Nines sanft. „Wenn du nicht reden möchtest, ist das okay. Aber ich lasse dich nicht allein. Nicht so.“

Gavin verzog das Gesicht und senkte wieder den Blick. Nines lehnte sich ebenfalls gegen das Geländer und sah hinaus in die Nacht. In den Lichtkegeln der Straßenlaternen konnte er Motten sehen, die sich um das Licht scharten und aus einigen Blocks Entfernung hörte er Motorengeräusche, doch ansonsten war die Nacht still.

Sie standen mehrere Minuten schweigend nebeneinander. Keiner von ihnen sagte ein Wort und lediglich Gavins zitternde Atemzüge waren zu hören. Nines gab sich größte Mühe, sich seine Unruhe nicht anmerken zu lassen, in der Hoffnung, dass Gavin sich schneller würde beruhigen können, wenn Nines selbst ruhig blieb.

Irgendwann flüsterte Gavin: „Es war so... echt. So real. Als ob... als ob ich wirklich dort wäre.“

Er zeigte es nicht, doch Nines war unendlich erleichtert, als Gavin mit ihm sprach. Er drehte sich zu ihm herum und wiederholte: „Gavin, es ist okay. Du bist nicht dort. Du bist nicht allein und du wirst nicht...“

„Es war nicht... der Traum“, unterbrach Gavin ihn, seine Stimme lauter.

Nines blinzelte verwirrt. Er war fest davon ausgegangen, dass es erneut die Erinnerung an die Nacht war, in der Fowler ihn verletzt von der Straße aufgelesen hatte, die Gavin quälte. Die Nacht, die ihn noch immer verfolgte. Die Angst davor, was aus ihm geworden wäre, wenn nicht ein mitfühlender Cop über ihn gestolpert wäre und ihm eine zweite Chance gegeben hätte. Die Angst, allein und unbeachtet auf den Straßen Detroits zu sterben.

„Wovon hast du dann geträumt?“, fragte er.

Gavin presste die Lippen aufeinander, dann atmete er tief ein und antwortete mit dünner Stimme: „Von dem Abend, als Chris seine Beförderungs-Party veranstaltet hat. Als du mit... Ada aus der Bar gegangen bist.“

Ohne Nines anzusehen streckte er ihm einen Arm entgegen und Nines verschränkte sofort seine Finger in Gavins. Er wartete ab, bis Gavin von selbst fortfuhr.

„Ich hab dich dort in der Gasse liegen sehen“, flüsterte Gavin schließlich. „Genau wie damals. Und ich hab dich angefleht, nicht einzuschlafen, aber... aber ich konnte nichts tun. Es war so echt.“

Nines runzelte die Stirn und sprach leise auf Gavin ein: „Es ist nichts passiert. Hey...“. Er drückte sanft Gavins Hand und lächelte ihm zu. „Mir ist nichts passiert. Ich bin wieder aufgewacht. Ich bin zu dir zurückgekommen.“

„In meinem Traum aber nicht“, gestand Gavin und sah Nines ängstlich an. „In meinem Traum hast du dich... abgeschaltet. Ich hab dich angefleht, nicht einzuschlafen, aber ich konnte dir nicht helfen. Ich konnte nichts tun. Wir waren allein in dieser dreckigen kleinen Hintergasse und ich war völlig hilflos. Und du bist in meinen fucking Armen gestorben.“

Dann presste er die Lippen aufeinander und ballte die Hände zu Fäusten. Nines betrachtete ihn traurig, dann gab er dem Drang in sich nach und trat näher an Gavin heran, bis sich ihre Körper fast berührten. Gevin wich nicht zurück, doch er hielt den Blick gesenkt.

„Gavin“, raunte er leise und wartete, bis dieser endlich den Kopf hob und ihn ansah. Da war er wieder, dieser Blick, der Nines das Herz brach. Dieser Blick, in dem sich alle Ängste widerspiegelten, die Gavin ansonsten so sorgfältig hinter einer Fassade aus Sarkasmus und Bissigkeit verbarg. Ängste, die außer Nines vielleicht drei Menschen auf der Welt je zu sehen bekommen hatten.

Nines hob seine Hand und umfasste Gavins Nacken, zog ihn sanft zu sich, bis seine Stirn an Nines' lag. Gavin schloss die Augen und stieß zitternd Luft aus.

Sie blieben mehrere Minuten lang so stehen, einander so nahe, wie sie nur sein konnten, umgeben von der kühlen Dunkelheit. Irgendwo in der Straße bellte ein Hund, aber nicht laut genug, um sie stören zu können.

Nach und nach gelang es Gavin, sich zu entspannen und die Schweißperlen auf seiner Haut begannen zu trocknen. Sein Atem war ruhiger geworden und sein Gewicht lehnte sich gegen Nines' Körper. An seiner Brust fühlte Nines den Puls von Gavins Herzschlag und er konnte spüren, wie er langsam aber sicher aus seiner Angst zurückkehrte.

Schließlich flüsterte Nines ihm zu: „Ich lebe, Gavin. Du hast mich aufgeweckt und ich bin hier. Bei dir. Und ich gehe nirgendwohin.“ Die letzte Worte wählte er bewusst dazu aus, um Gavin an das Versprechen zu erinnern, das sie einander auf dem Raucherdeck des DPD gegeben hatten.

„Ich weiß“, flüsterte Gavin zurück, dann zuckten seine Mundwinkel. „Ist ja auch nicht so, als ob ich dir nochmal erlauben würde, dich von einer fucking Androiden-Braut abschleppen zu lassen. Die Chance hast du verspielt.“

Nines lächelte, froh darüber, dass Gavin seinen Sarkasmus wiedergefunden hatte. „Ist notiert. Obwohl ich darauf hinweisen möchte, dass ich nicht denke, dass ich überhaupt je wirklich eine faire Chance hatte. Wenn Blicke töten könnten, hättest du Ada schon bei unserem ersten Treffen mit ihr eliminiert.“

„Ich spiele nicht fair. Gewöhn' dich besser dran, Blechbüchse“, ätzte Gavin, doch es lag keine Härte in seiner Stimme.

Nines löste sich ein wenig von Gavin und lächelte ihn schief an. „Ist das eine Einladung für mich, ebenfalls zu unfairen Mitteln greifen zu dürfen, Detective?“

„Pah! Als ob das was ändern würde. Ich hab doch so oder so keine Chance gegen den fortschrittlichsten Androiden, den CyberLife je entwickelt hat.“ Gavins Stimme war voll des Spotts, während er Nines mit der Faust leicht gegen die Brust boxte.

„Schön, dass Sie meine Überlegenheit endlich anerkennen, Detective Reed“, konterte Nines ohne Zögern. „Dann sollte es auch keiner Diskussion bedürfen, dass ich in Zukunft die Führung in den Ermittlungen unserer Fälle übernehme. Nicht, dass ich Ihre Erfahrung in Frage stellen wollen würde, aber es wäre unserer Arbeit bestimmt zuträglich, wenn ich nicht mehr den irrationalen Launen eines koffeinsüchtigen Cops unterworfen bliebe.“

„Arschloch!“, lachte Gavin und wollte ihn erneut boxen, doch Nines fing mit Leichtigkeit seine Hand ab. Er hielt sie gerade fest genug, dass Gavin sich nicht einfach losreißen konnte, doch nicht fest genug, als dass er ihn verletzt hätte.

„Körperliche Gewalt gegen Vorgesetzte ist ein ernsthaftes Vergehen, Detective Reed“, sagte Nines so ernsthaft, wie es ihm möglich war. „Ich befürchte, ich werde Beschwerde über Sie einreichen müssen.“

Gavin versuchte vergeblich, seine Faust aus Nines' Griff zu befreien, dann rollte er mit den Augen. „Pack sie zu den anderen. Ich glaube, es gibt einen eigenen Aktenschrank im Archiv, nur für Beschwerden über mich.“

„So, wie ich Sie kenne, dürften es mindestens zwei Aktenschränke sein“, entgegnete Nines und konnte sein Grinsen nicht mehr unterdrücken. Er zog Gavin an seiner Faust näher zu sich heran, bis ihre Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt waren und Gavin gezwungen war, zu ihm heraufzuschauen. „Aber ich könnte mich vielleicht dazu überreden lassen, meine Beschwerde zurückzuhalten. Für eine entsprechende Gegenleistung, versteht sich.“

Er hob die Augenbrauen und wartete, was Gavin darauf erwidern würde. Dieser versuchte erneut, seine Faust zu befreien, doch Nines hielt seinen Griff erbarmungslos aufrecht. Dann gab Gavin seine Bemühungen auf, schnaubte und knurrte: „Wer spielt hier jetzt unfair, hm?“

Damit streckte er sich Nines entgegen und küsste ihn.

Nines schmunzelte gegen Gavins Lippen und gab seine Faust frei. „Geht doch“, murmelte er gedämpft, dann legte er seine Arme um Gavin und erwiderte den Kuss. Gavin seufzte theatralisch, doch er zog sich nicht zurück und Nines registrierte befriedigt, dass Gavins Schultern sich endlich entspannten.

Als sie den Kuss lösten, hörte er, dass Gavin erneut schwer atmete, wenn auch aus einem anderen Grund als zuvor. Nines hatte sich noch nicht vollständig an die Zufriedenheit gewöhnt, die es in ihm auslöste, wenn Gavin so stark auf ihn reagierte. Er ließ Gavin durchatmen, doch gerade als Nines vorschlagen wollte, dass sie wieder hineingehen sollten, murmelte Gavin mit funkelnden Augen: „Jetzt fahr' mal lieber deine Haut wieder hoch, bevor ich dich noch wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses festnehmen muss.“

Nines blinzelte verwirrt, dann sah er hinunter auf seine Hände, die er um Gavins Mitte gelegt hatte. Seine Haut hatte sich bis zu den Ellbogen hinauf zurückgezogen, ohne dass er es bemerkt hätte.

Er schmunzelte und schloss seine Haut wieder über dem weißen Kunststoff. „Wessen Ärgernis würde ich denn erregen? Außer dir ist niemand hier, der mich sehen könnte und du hast mich bereits mit deutlich weniger aktivierter Haut gesehen.“

„Und der Anblick verfolgt mich noch immer“, spottete Gavin und küsste ihn erneut. Dann seufzte er und strich sich übers Gesicht. „Lass uns wieder reingehen. Wenn du dich benehmen kannst, lasse ich dich auch wieder mit ins Bett.“

Nines lächelte. „Ich bin außerordentlich bewandert darin, mich an Regeln zu halten. Mich zu benehmen sollte mir nicht weiter schwer fallen.“

Gavin rollte wieder mit den Augen, dann ließ er ihn stehen und begab sich zurück ins Appartement. Nines folgte ihm auf dem Fuße und schloss die Terrassentür hinter sich.

Kurz darauf lagen sie wieder nebeneinander im Bett. Gavin versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch die Tatsache, dass er so nah wie möglich an Nines herangerückt war und ihre Finger ineinander verschränkt hatte, sagte Nines genug. Er ließ kommentarlos zu, dass Gavin den Kopf auf seine Schulter legte, dann zog er die Decke über Gavins Brust.

„Hey, Nines... ähm...“, raunte Gavin heiser in die Dunkelheit hinein.

Nines sah ihn an und fragte leise: „Ja?“

Gavin zögerte, dann fuhr er fort: „Du weißt, was passiert, wenn du jemandem hiervon erzählst, Blechbüchse.“

Nines lächelte still und antwortete in Erinnerung an die erste Nacht, die er Gavin beigestanden hatte: „Du und deine leeren Versprechungen.“

Dann fügte er noch flüsternd hinzu: „Gute Nacht, Gavin.“

Gavin schloss die Augen und murmelte: „Danke.“

Sie wussten beide, wofür.

Nines streichelte mit dem Daumen über Gavins Handrücken, bis dessen gleichmäßige Atemzüge ihm signalisierten, dass er eingeschlafen war. Nines erwog, sich in seine Stasis zu begeben, doch er wollte sichergehen, dass Gavin okay war. Also blieb er aktiv und beobachtete Gavins Vitalzeichen nach Indizien auf neuerliche Albträume, doch außer einem gelegentlichen Zucken in Gavins Gesicht war sein Schlaf ruhig.

Nachdem er sicher war, dass Gavin fest schlief, erlaubte er sich selbst, die Augen zu schließen und damit zu beginnen, die Ereignisse des Tages in seine Speicher zu sortieren und sich wieder dem Bericht für Fowler zu widmen. Seine Finger hielt er dabei fest mit Gavins verschränkt. Glücklicherweise schlief dieser tief genug, um nicht mehr mitzubekommen, dass Nines' Hand erneut aus nichts als weißem Kunststoff bestand.

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Kurzbeschreibung

Wochen nachdem sie Ada das Handwerk gelegt haben, muss Nines erneut miterleben, wie Gavin von Albträumen geplagt wird. Von alten und von neuen. | Fanfiction zu Detroit Evolution. Bitte Autorennotiz lesen.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Schmerz und Trost und Liebe getaggt.