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Camembert und Kekse

86
11.2.2018 22:00
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Autorennotiz

Hallo Leute,
das ist nicht meine erste FF, aber die Erste zu diesem Thema.
Ich freu mich über Kritiken und Verbesserungsvorschläge.

Viel Spaß

Disclaimer:
Mir gehören weder die Figuren noch die kleinen Flashbacks aus der Serie, die ich eingebaut habe.

Cover:
Wurde erstellt von meiner lieben Freundin -KruemelKekschen- auf Animexx.

Betaleser:
Imaginis

2 Charaktere

Adrien Agreste

Adrien ein hübscher, netter und beliebter Junge. Er möchte so sein, wie alle anderen Jungen in seinem Alter, denn lange Zeit wollte sein berühmter Vater ihn vor den Gefahren der Welt schützen. Freiheit genießt er als der Superheld Cat Noir. Zusammen mit Ladybug, in die er verliebt ist, kämpft er gegen Hawk Moth. Um sie zu beeindrucken, gibt er oft an und verursacht schlimmste Katastrophen.

Marinette Dupain-Cheng

Marinette ist eine nette, freundliche Jugendliche, immer gut gelaunt, aufgeweckt und positiv, aber auch sehr tollpatschig. Sie ist in den beliebten Jungen Adrien verliebt und verbirgt ein Geheimnis: Sie ist die Superheldin Ladybug.

„Kääääse!“, nölte es unmittelbar, nachdem Adrien seine Schultasche auf den Boden seines Zimmers hatte fallen lassen. Der kleine, schwarze Unruhestifter schwebte mit verschränkten Armen direkt vor seinem Gesicht. Die Zimmertür war sperrangelweit offen. Adrien schloss sie schnellstmöglich mit der einen Hand, während er mit der anderen nach ihm schnappte und ihn festhielt.

„Warum schreist du nicht noch lauter, ich glaube es gibt noch ein paar Menschen am Rand von Paris, die dich noch nicht gehört haben … Autsch!“ Erschrocken öffnete er seine Hand und steckte den blutenden Finger in den Mund.

„Musste das sein?“, fuhr er ihn genervt an und untersuchte die vier winzigen Löcher in seinem Daumen, welche die Zähne des Kwamis hinterlassen hatten.

„Wer nicht hören will, muss eben fühlen“, erwiderte dieser trotzig. „Erst Schule, danach eine Verwandlung mit ewig langem Kampf, hast du auch nur einmal an mich gedacht? Ich sterbe vor Hunger!“ Ein vernehmbares Grummeln seines Magens unterstrich seine Aussage.

„Trotzdem“, nuschelte Adrien mit dem Daumen im Mund und schlurfte zu einem Schrank, in dem er den Camembert verstaut hatte. Der Geruch stieg ihm schon einen Meter vor dem Schrank in die Nase. Er legte die Packung mit spitzen Fingern auf das eine Ende seines Schreibtisches, setzte sich auf seinen Stuhl und kramte am anderen Ende des Tisches in einer Schublade nach einem Pflaster. Als der Finger versorgt war, war der halbe Käselaib schon in Plaggs Bauch verschwunden.

Adrien schüttelte verständnislos den Kopf: „Beiß nie die Hand die dich füttert. Schon mal was davon gehört?“

Der Kwami rülpste laut und machte es sich in der leeren Schachtel bequem. „Doch, aber wenn das Futter nicht schnell genug kommt …“ Er zuckte kurz mit den kleinen Schultern.

Manchmal war sich Adrien nicht sicher, ob Plagg eher Fluch oder Segen für sein Leben war. Natürlich nervte ihn seine mürrische Art und seine Faulheit, von seiner Vorliebe für übelriechende Nahrungsmittel mal abgesehen, aber durch ihn eröffneten sich Möglichkeiten, die er vorher nicht hatte. Regelrecht eingesperrt von seinem Vater, unter strenger Beobachtung von Nathalie und seinem Bodyguard, ohne den er eigentlich keinen Schritt vor die Tür machen durfte, war Plagg seine Tür zur Freiheit. Einmal in Cat Noir verwandelt, war es kein Problem leichtfüßig von Dach zu Dach zu springen und zu tun, wonach ihm der Sinn stand. Natürlich war sein Privatvergnügen nicht der Zweck der Verwandlung. Denn er tat es, um die Bürger von Paris vor den Bösewichten zu schützen, die durch Hawk Moth Unruhe stifteten. Das Gefühl von Freiheit war eine willkommene Zugabe.

Wie immer, wenn seine Gedanken zu seinem zweiten Ich schweiften, kam er nicht umhin über sie nachzudenken. Ladybug, seine hübsche Partnerin im Marienkäferkostüm. Er liebte einfach alles an ihr. Sie war clever, kreativ und selbstbewusst. Sie wusste immer was zu tun war und er konnte sich auf ihre Freundschaft und ihre Hilfe verlassen. Immer. Leider blieb es nur bei einer guten Partnerschaft. Zumindest, wenn es nach ihr ginge. Er seufzte leise und sank mit dem Kopf auf die Arme, die er auf seinem Schreibtisch verschränkt hatte. Apropos Partner … er hatte seinen kleinen, schwarzen, verfressenen Katzenkwami, wen Ladybug wohl hatte? Er versuchte sich im seinem Kopf Plagg in rot und mit schwarzen Punkten vorzustellen. Er gluckste, nein das war zu albern. So recht konnte er sich ihren Kwami nicht vorstellen. War er so wie seiner? Nervig und verfressen? Ob er auch Camembert liebte oder etwas anderes bevorzugte? Seltsam, dass er darüber vorher noch nie nachgedacht hatte.

Gedankenverloren bemerkte er nicht, wie Plagg ihn beobachtete. „Ich verwette meinen geliebten Käse darauf, dass du gerade mal wieder an Ladybug denkst.“

Adrien drehte den Kopf nur um ein paar Zentimeter in seine Richtung ohne sich aufzurichten. „Falsch.“ Er grinste verschmitzt.

Plagg verlor nur kurz die Fassung und schwebte dann zu ihm herüber. „Dann denkst du an ihre geheime Identität. Und eins sag ich dir, das zählt auch, weil sie sind ein und dieselbe Person.“ Mit einem gewinnenden Ausdruck auf dem kleinen, frechen Gesicht setzte er sich auf Adriens Computertastatur, die direkt vor dem Jungen stand.

„Die Wette verlierst du“, sagte Adrien triumphierend. „Ich hab an Ladybugs Kwami gedacht.“

„Was an Tikki? Das ja mal ganz was Neues“, antwortete Plagg verdutzt. Seine leuchtend grünen Augen wurden groß.

„Tikki?“ Adrien war überrascht. Sein Kopf fuhr hoch. Ein weiblicher Kwami. Ok, das hatte er nicht erwartet. Einerseits, weil er nur immer nur Plagg vor Augen hatte. Andererseits war es logisch, immerhin war Ladybug auch weiblich. Und da sie sich sonst auch im allem unterschieden, passte das. Cat Noir, der das Unglück und die Zerstörung repräsentierte und Ladybug, die Glücksbringerin mit der Kraft des Erschaffens.

„Warum denkst du gerade über sie nach?“, fragte Plagg skeptisch und schwebte nun wieder vor Adriens Gesicht.

„Naja, ich habe über dich … ich meine uns beide nachgedacht und dann über sie und ihren Kwami.“

„Aha …“ Plagg legte den Kopf schief und betrachtete seinen menschlichen Freund. „Und warum gleich nochmal?“, überlegte er übertrieben gespielt.

„Hab ich vorher noch nie“, erklärte Adrien nüchtern und zuckte die Achseln.

„Sonst denkst du an nichts anderes als Ladybug und wer sie sein könnte“, antwortete er vorwurfsvoll.

„ Ich finde es allerdings sehr interessant, dass du an ihren Kwami denkst, aber deinen eigenen so schändlich vernachlässigst.“ Theatralisch enttäuscht drehte sich Plagg von ihm weg.

Und schon war es wieder soweit, dachte Adrien und verdrehte die Augen. Bei neun von zehn Gesprächen mit Plagg kam immer der Punkt,  an dem er ihm haltlose Vorhaltungen machte.

„Komm runter Plagg. Das war das erste Mal.“ Er rollte mit seinem Bürostuhl zu dem müffelnden Schrank in der Ecke und platzierte zurück am Schreibtisch erneut eine Schachtel Camembert darauf. Es verging nur der Bruchteil einer Sekunde und Plagg saß zufrieden kauend neben der Schachtel: „Früdenschangebod ascheptiert.“

Adrien grinste. Trotz allem mochte er Plagg. Mit all seinen Macken. Den meisten zumindest.
Allerdings war das nicht hilfreich bei der Frage, wer Ladybug war. Seine Miene wurde wieder etwas nachdenklich und er starte Löcher in die Luft.

„Hey Adrien, diesmal liege ich aber nicht falsch. Du denkst an Ladybug.“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

„Du hast gewonnen“, sagte er ergeben. „Und bevor du fragen kannst, den Käse hast du gerade bekommen.“

Plagg wollte tatsächlich gerade zu einem Protest anheben, verkniff es sich allerdings. Es tat ihm schon ein wenig Leid, dass er ihn gebissen hatte. Aber der Hunger gewann manchmal die Kontrolle über ihn. Er hatte viele Cat Noir gekannt, aber Adrien hatte er sehr lieb gewonnen, konnte es ihm nur manchmal nicht so zeigen. „Meine Güte, es wird an der Zeit, dass wir rausfinden, wer sie ist. Damit du endlich Ruhe gibst.“

„Heißt das, du kennst ihren Kwami, aber weist nicht wer sie ist?“ Er war etwas enttäuscht. Hatte er doch ein klein wenig Hoffnung gehabt.

„Als entschieden wurde, wer der neue Cat Noir und die neue Ladybug werden, war ich in einer Holzschachtel, wie du weißt.“

Ach ja, die Schachtel, Adrien hatte sie weit hinten in einem seiner Schränke verstaut. Nicht das sein Vater in seinem Zimmer herumschnüffeln würde, aber bei seiner Assistentin Nathalie war er sich nicht sicher und überhaupt gehörte die Schachtel, wie der silberne Siegelring, sein Miraculous, an seiner rechten Hand und der kleine schwarze Kwami, zu seinem größten Geheimnis und mussten versteckt gehalten werden. „Schon klar, aber ich habe keine Ahnung, wie wir das rausfinden sollen.“

„Nichts für ungut Adrien, aber du hättest es schon lange wissen können.“ Plagg liebte es, wenn er ihm Vorwürfe machen konnte.

„Nicht die Leier schon wieder.“ Ja er hätte die Chance gehabt, mein Gott. Wie oft wollte er es ihm noch vorhalten.



„Verschwinden wir, du hast nur noch eine Minute.“ Cat Noir deutete auf Ladybugs kleine, runde Ohrringe, die soeben eindringlich gepiepst hatten. Der rote Untergrund zeigte nur noch einen von fünf schwarzen Punkten. Sie nickte ihm zu und beide drehten sich auf dem Absatz um und rannten durch die Tür auf dem Dach des Hotels. Sie sprinteten schon durch das Treppenhaus und hörten nur noch dumpf die Stimme von Alya auf dem Dach: „Oh nein, wo sind sie denn?“

Im Erdgeschoss des Hotels angekommen schaute sich Ladybug leicht panisch um und entdeckte zu ihrer Rechten eine Tür. Nicht perfekt, aber das sollte reichen. Der Lagerraum für Koffer, direkt neben der Rezeption. Sie griff schnell nach der Klinke und zog sie schwungvoll auf. Sie war noch nicht ganz durch die Tür, da hielt Cat Noir sie auf. „Warte! Ich verrate nicht, wer du wirklich bist, Katzenehrenwort.“ Um seine Worte zu unterstreichen, legte er seine rechte Hand aufs Herz, die andere streckte er in die Luft. Mit leisem Bedauern, aber dennoch direkt antwortete Ladybug: „Aber wer wir wirklich sind, darf keiner wissen, nicht einmal wir.“ Sie lächelte schwach und ging rasch durch die Tür, die sie hinter sich nur anlehnte.

Cat Noir schlug das Herz bis zum Hals. Er schluckte gequält. Die zitternde, schwarz behandschuhte Hand schwebte über der Türklinke. Er griff nach ihr und aus dem entstandenen Spalt, zwischen Tür und Rahmen, drang ein schwaches Leuchten.

Wenn er sie jetzt öffnete … und er wünschte sich nichts sehnlicher, dann wüsste er, wer seine Angebetete wirklich war. Aber er riskierte auch ihren Zorn. Er und Ladybug waren nicht nur ein sehr gutes Team, sondern auch Freunde geworden. Wollte er das wirklich aufs Spiel setzten? Vielleicht, mit ein bisschen Glück, würde sie es ihm irgendwann selbst verraten, wenn sie ihm vertrauen konnte. Das würde sie voraussetzen. Und wenn er jetzt durch diese Tür stolpern und sie sehen würde. Dann wäre es vorbei mit dem Vertrauen zwischen ihnen … Insgeheim wusste er, was das Richtige war, schloss aber dennoch mit großem Bedauern die Tür vor sich. Er atmete hörbar aus. Erleichtert und enttäuscht zur gleichen Zeit, aber zufrieden mit sich, dem Verhältnis zwischen ihnen und seiner Entscheidung. Er wandte sich zur großen, gläsernen Eingangstür des Hotels und bevor er sie durchquert hatte, war auch seine Zeit vorbei und nicht Cat Noir betrat den Bürgersteig, sondern der Schüler Adrien Agreste.




„Du hast mir das schon mindestens eine Million Mal vorgeworfen, aber ich bleibe bei meiner Antwort. Ich habe auf mein Herz gehört und es war das Richtige. Punkt! Ich wollte und sollte es auch nicht so erfahren. Am liebsten wäre es mir, sie würde sich mir anvertrauen.“

„Träum weiter Romeo“, meinte Plagg abschätzig. „Das wird sie nie tun.“

„Ich habe schon lange so ein Gefühl, weißt du. Manchmal denke ich, ich kenne sie mit Sicherheit auch als Adrien, aber ich kann nicht sagen warum, geschweige denn wer.“

„Nun ja, vielleicht siehst du einfach nicht richtig hin“, sagte Plagg und klang damit wie die weisen, alten Männer, die in Filmen den Protagonisten sanft belehren.

„Wie meinst du das?“ Adrien war von Plaggs Tonfall überrumpelt, so hatte der Kwami noch nie mit ihm gesprochen. Normalerweise klang seine Stimme irgendwo zwischen Fingernägeln auf einer Tafel und dem schrillen Geräusch einer Kreissäge.

„Ich weiß nicht, wer sie ist, aber eigentlich sollte es herauszufinden sein“, erklärte Plagg zuversichtlich.

Dieser Tatendrang und dieser Optimismus passten so gar nicht zu seinem kleinen Freund, aber es hatte Adrien hellhörig gemacht. Er grinste und erwiderte: „Dann schieß mal los, ich bin ganz Ohr.“

„Hier drin seid ihr in Sicherheit!", sagte Ladybug bestimmt und verschloss die Käfigtür hinter sich. Sie verschwand eilig und verfolgte das neueste Opfer eines Akumas - Animan. Sie betete, dass es die richtige Entscheidung war, die beiden zusammen in einen Tierkäfig zu stecken. Aber etwas anderes war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen. Immerhin ging es ihr nur darum, dass die beiden in Sicherheit waren, solange überall wilde Tiere umherliefen. Der Käfig war leer und bot somit Schutz. Sobald sie den Akuma hätte, würde sie die beiden wieder freilassen.

Alya war sprachlos vor Entsetzen. So war das nicht geplant gewesen. Durch die große Plexiglasscheibe des einem Dschungel nachempfundenen Geheges, in dem sie nun steckte, sah sie, wie Ladybug um eine Ecke schnellte und verschwand.

Ein nervöses Räuspern hinter ihr, erinnerte sie daran, dass sie nicht alleine war. „Ähm, was geht ab?", stammelte Nino neben ihr und sie schlug sich genervt mit der Hand an den Kopf.

Nein, nein und nochmals nein, das würde sie ihrer Lieblingsheldin nie verzeihen. Nichts gegen Nino, er war ein guter- nein, ein sehr guter Freund sogar, aber mehr auch nicht. Und sie wollte nicht alleine mit ihm sein. Nicht jetzt, da sie durch das Headset mit angehört hatte, dass er auf sie stand. Das ging doch einfach nicht. Sie war dagewesen, um Marinette für ihr Date mit Adrien zu coachen, und jetzt saß sie auf unbestimmte Zeit hier mit ihm fest.

„Das darf doch nicht wahr sein!", schrie sie und wütend schlug sie mit der Faust gegen die zentimeterdicke Stahltür. Die bewegte sich kein Stück. Sie zog scharf Luft ein und hielt sich mit einem leisen „Au." die pochende Hand.

Oh nein, Marinette. Sie ist noch da draußen, stelle sie erschrocken fest. Ihr Entsetzten spiegelte sich in ihrem Gesicht. Langsam glitt sie an der Tür zu Boden, den Kopf auf die Knie gestützt.

„Was ist los?", fragte Nino besorgt und kam schüchtern näher.

„Marinette. Ich hab sie aus den Augen verloren. Hoffentlich ist ihr nichts passiert." Kurz vergaß sie ihre eigene Situation.

Auch Ninos Augen wurden groß. Nicht nur Marinette, auch Adrien war im Zoo gewesen. Er sank neben ihr auf den Boden, seine Hand schwebte über ihrer Schulter. Er schluckte seine Angst und seine Schüchternheit herunter und tätschelte sie sanft. „Ich bin mir sicher, dass Ladybug und Cat Noir sie auch in Sicherheit gebracht haben. Das machen sie doch immer." Er legte allen Optimismus in seine Stimme und schaute sie aufmunternd an. Sie blickte hoffnungsvoll zu ihm auf. Er wusste, wie viel Alya von Ladybug hielt. Das munterte sie mit Sicherheit auf.

„Du hast Recht, wenn ich mir nur nicht solche Sorgen machen würde. Ich hab sie ganz schön runtergemacht durch das Headset." Noch bevor Alya darüber nachdenken konnte, was sie gerade gesagt hatte, wäre sie am liebsten an ihren Worten erstickt.

Verdutzt sah Nino sie an. „Sie hatte auch ein Headset auf?"

„Was genau meinst du mit auch?", fragte nun Alya verwundert. Jetzt verstand sie gar nichts mehr.

Nino wirkte verlegen. Auch er hatte nun etwas im Affekt gesagt, was er lieber für sich behalten hätte. Peinlich berührt, fuhr er fort. „Ich hatte auch eins." Er versuchte zu kichern, es klang aber eher, als ob er sich verschluckt hätte.

„Wer?", fragte Alya tonlos, obwohl sie eine schwache Ahnung hatte. Nino hatte nur einen besten Freund.

„Adrien. Ich war so aufgeregt und er wollte mir helfen. Er ist auch noch irgendwo da draußen. Darum hoffe ich ja, dass unsere Helden sich auch um ihn gekümmert haben."

Alya war einen Moment sprachlos, aber sie hatte wie immer schnell ihre Fassung zurück. „Ich glaub es einfach nicht." Unbewusst prustete sie los. Auch wenn ihr die aktuelle Situation überhaupt nicht passte, war es komisch sich die Szene vorhin im Park vorzustellen mit dem Wissen, das Adrien Nino hatte helfen wollen und sie selbst Marinette. Verrückte Welt.

Jetzt war Nino etwas verwirrt. Eben noch war sie total sauer gewesen und jetzt lachte sie aus vollem Hals. Aber sie saß dabei so süß aus. Nun lächelte auch er. Die Sorgen waren zumindest ein Stück weit in den Hintergrund gerückt. Sie hatte Recht, die Situation könnte komischer nicht sein. Und er war glücklich, dass sie nicht sauer war oder ihn von sich wegstieß. Er hatte sie beobachtet, sie hatte Temperament und sagte immer was sie dachte, ohne Rücksicht auf Verluste. Aber diese Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit mochte er total. Das vermisste er manchmal bei Adrien. Sicher er war sein bester Freund, mit dem er über absolut alles reden konnte, aber er war manchmal etwas vielbeschäftigt und wenn er plötzlich verschwand, hatte er merkwürdige Ausreden. Er fühlte sich wohl mit Alya, sie war stets gut gelaunt so wie er selbst und hübsch fand er sie auch. Bei dem Gedanken erschien ein leichter Rotschimmer auf seinen Wangen. Hoffentlich war Alya noch so lange abgelenkt, bis es vorüber war. Er schwieg, denn langsam spürte er wieder eine leichte Nervosität. Alya strich sich eine kleine Lachträne aus dem Augenwinkel und schaute ihn jetzt aufmerksamer an.

„Entschuldige, aber die ganze Sache ist so verdammt verworren und irgendwie auch saukomisch." Alya wirkte nun entspannter, aufgelockert durch das Lachen.

„Kein Problem, du hast ja Recht." Er machte eine kleine Pause, atmete tief durch und fuhr dann schließlich fort. „Hör mal Alya, ich wollte dir noch etwas erklären." Er druckste etwas herum. Er hoffte, dass sie das jetzt richtig verstand. Denn so eine Chance wie jetzt, so ungezwungen mit ihr reden zu können, durfte er nicht verstreichen lassen. „Ich stehe nicht auf Marinette. Ich dachte es eine Zeit lang, aber ...", er stockte. „In Wirklichkeit mag ich dich. Das ist mir erst jetzt so richtig bewusst geworden, obwohl ich es schon eine Weile gespürt habe. Ich bin sehr gern mit euch beiden zusammen und dabei muss ich meine Gefühle etwas falsch gedeutet haben. Marinette ist eine gute Freundin, aber für dich empfinde ich ein wenig mehr", er brach ab. Er bat inständig, dass sie nach dieser Erklärung nicht auch in lautes Gelächter ausbrach.

„Nino, ich ...", begann Alya. Sie hatte damit gerechnet, aber irgendwie ... hatte sie gehofft, dass er es vielleicht doch nicht tun würde. Da war es also, das gefürchtete Geständnis. Nachdem er Marinette gestanden hatte, das er in Wirklichkeit sie mag, war sie überrascht gewesen. Negativ überrascht. Von dieser Seite hatte sie Nino nie betrachtet. Er war immer ein Freund gewesen. Ein Kumpel, wie ein großer Bruder, den sie nie hatte. Aber er hatte sie hier drin echt aufgebaut und getröstet und wenn sie so länger drüber nachdachte, hatte sie sich schon einmal vorgestellt einen festen Freund zu haben, mit dem sie auch befreundet war. Mit dem man lachen und durch dick und dünn gehen konnte. Da wusste sie, was sie sagen sollte.

„...ich mag dich auch. Sehr sogar. Wir sind so gute Freunde geworden. Was hältst du davon, wenn wir hier raus sind, gehen wir mal einen Kaffee trinken oder ins Kino? Nur wir beide." Sie lächelte ihn keck an und er verstand. „Allerdings hab ich oft mit Babysitten zu tun. Da ist es schwierig neben meinem Blog und der Schule noch Zeit freizuschaufeln."

„Und wenn wir zusammen Aufpasser spielen müssen", sagte Nino erfreut. „Ich habe noch zwei jüngere Brüder. Die muss ich auch regelmäßig hüten. Das sollten wir hinbekommen. Ich freu mich darauf, etwas mit dir zu unternehmen." Er konnte sich vorstellen, dass sie so auf die Schnelle nicht anders reagieren konnte. Aber er war glücklich. Wenn sie noch etwas mehr Zeit allein miteinander verbringen würden, dann... wer weiß.

Sie lächelte erleichtert. Manchmal hatte sie Marinette gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil sie häufig wegen ihrer Geschwister keine Zeit hatte. Sie war Einzelkind und konnte das nicht immer nachvollziehen, wie es war große Schwester zu sein und das rund um die Uhr. Die eine Stunde, die sie pro Woche auf Manon aufpasste, war da kein Vergleich. Sie war froh jemanden zu haben, der das verstehen würde und mit dem sie auch mal darüber sprechen konnte.

„Alya, eine Frage hab ich nur noch." Dieser Gedanke war Nino eben erst gekommen. „Wie erklären wir das Marinette?"

Alya begann zu glucksen: „Oh mach dir keine Sorgen, du hast sie nicht verletzt oder enttäuscht."

„Puh ... Ok ich dachte schon." Da war er schon ein wenig erleichtert, das war seine nächste Sorge gewesen. Marinette hatte so begeistert dem Treffen zugestimmt. Dann im Zoo war sie so hilfsbereit, als er sagte, sie mag Alya, dass er nicht recht wusste, was er davon halten sollte. „Aber warte mal, warum ist sie dann überhaupt mitgegangen?"

Nur nichts Falsches sagen, schalt sich Alya schon vorsorglich selbst: „Weil ihr doch auch gute Freunde seid. So ist Marinette eben. Mach dir nicht so viele Gedanken. Sie schwärmt für jemand anderen. Das weiß ich zufällig, immerhin bin ich ihre beste Freundin." Stolz das sie sich nicht verplappert hatte, grinste sie ihn an.

„Kenn ich ihn?" Jetzt war er schon ein wenig neugierig. Er war ja sonst kein Tratschmaul, aber wenn Alya einmal so schön in Erzähllaune war. Vielleicht kannte er den Betreffenden ja wirklich.

Nun gefror Alya das Lächeln auf dem Gesicht. Mist! Damit hätte sie rechnen müssen. Ok, ganz ruhig, Marinette war ihre beste Freundin, sie durfte sie nicht verraten. Vor allem nicht vor Nino, Adriens bestem Freund. Wenn er sich verplappern würde, Marinette würde sie umbringen. Obwohl sie selbst der Ansicht war, dass die Geschichte mit den beiden festgefahren wahr und eigentlich einen Schupps in die richtige Richtung nötig hätte. Aber sie wollte auch nicht schuld sein, wenn es schiefging. Sie druckste ein wenig herum. Und bevor sie eine Antwort im Kopf formulieren konnte...

„Also ja." Nino klang interessiert, aber er wollte es sich auch nicht mit Alya verscherzen, indem er sie bedrängte. Wer könnte es sein? So viele Jungs in der Klasse gab es nicht und andere, die er kannte und Marinette auch, fielen ihm nicht ein. Moment mal, da legte sich ein Schalter in seinem Kopf um. Als er Marinette umgerannt hatte, trug sie eine Modezeitschrift von Gabriel Agreste voll mit Bildern von ... und als er sie in den Zoo einlud, war auch nur ein anderer anwesend. Und im Zoo ... nach wem hatte sie mehr als einmal gefragt? Eine imaginäre Glühbirne in seinem Kopf begann zu leuchten. Seine Miene wurde ungläubig und sein Mund öffnete sich zu einer Bemerkung: „Nicht dein er-!"

„Bitte Nino!" Alya hielt ihm den Mund zu und sprach schnell und eindringlich zischend. „Denk was du willst, aber von mir erfährst du nichts. Und wenn auch nur ein Wort über deine Lippen kommt, dann bist du ein toter Mann!" Sie gab ihn wieder frei.

Nino begann in Zeitlupe zu nicken. „Aber -"

„Nichts aber, hörst du ...!", sie brach erschrocken ihre Standpauke ab. Ein Rasseln und ein Klicken verrieten ihr, dass das Schloss des Käfigs geöffnet wurde. Na endlich!

 


***



Erschöpft ließ sich Marinette auf das rosa bezogene Sofa in ihrem Zimmer fallen. Kaum lag sie eine Sekunde so da, klingelte ihr Handy. Sie spähte auf das Display und stellte erschrocken fest, dass es Alya war. „Oh nein, ich hab sie total vergessen. Sie ist bestimmt super sauer auf mich." Marinette schlug die Hände über den Kopf zusammen, entsetzt darüber, wie sie das vergessen konnte.

Tikki kam aus ihrer kleinen Umhängetasche geflogen und schwebte nun aufgeregt neben ihr. „Stell dir vor, wenn sie wüsste, dass du Ladybug bist und sie mit Nino eingesperrt hast." Sie klang ein wenig besorgt, aber der amüsierte Tonfall überlagerte das doch erheblich.

„Das wäre das Einzige, was noch schlimmer wäre. Ich werde versuchen die Wogen zu glätten." Optimistisch nahm sie das Gespräch an und begann sofort zu erklären. „Hör mal Alya, es tut mir leid wegen vorhin. Ich hätte nicht versprechen sollen Nino ein Date mit dir zu arrangieren." Während sie sich entschuldigte, lief sie die Treppen wieder hinunter, mit der Absicht, sofort in den Zoo zu gehen, um die beiden zu befreien. „Ich werde es ihm nachher alles erklären, versprochen. Verzeihst du mir?" Sie trat aus der Haustür und wollte gerade die Bäckerei umgehen, als sie innehielt, das Handy immer noch am Ohr. Da stand Alya vor ihr. Direkt vor der Eingangstür zur Bäckerei, die sich in dem Moment mit einem leisen Bimmeln öffnete. Mit einer großen Papiertüte in der Hand erschien Nino und reichte Alya einen der Kekse, die er aus der Tüte gefischt hatte. „Oh, danke Nino", antwortete sie und strahlte.

Warum strahlte sie so? Und warum war sie nicht sauer auf Nino oder noch verständlicher, auf sie? Marinette konnte ihre beiden Mitschüler nur verständnislos anstarren. Ein Wort brachte sie nicht heraus.

„Willst du auch einen Marinette?", fragte Nino im gemütlichen Plauderton. Vorhin im Zoo klang das noch ganz anders. Da hatte sie sich beinahe selbst erkannt. Stotternd und stammelnd hatte Nino kein Wort herausbekommen. Er steckte sich einen Keks in den Mund und kaute mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

Jetzt schaffte sie es sich zu rühren und fragte Alya leise: „Was ist denn hier los?"

„Ladybug hat uns zusammen in einen Käfig gesperrt", begann Alya glücklich. „Und dabei haben wir festgestellt, dass wir viel gemeinsam haben", ergänzte Nino.

Was war denn das? Ergänzten die beiden etwa gegenseitig ihre Sätze? Wie schräg war das denn?

Leicht nervös kratzt sich Nino am Hals und fuhr fort: „Weißt du Marinette, ich dachte doch ich sei verliebt."

„Oh, äh, ja ..." Marinette nickte zum Zeichen, dass sie sich erinnerte und lächelte etwas verlegen.

„Und zwar in dich", fuhr Nino ungerührt und gut gelaunt fort. „Das dachte ich jedenfalls, aber jetzt da ich Alya besser kennen gelernt habe ..." Mit einem Knuff in die Seite brachte Alya ihn zum Schweigen. „Ich glaube nicht, dass sie alle Einzelheiten hören mag."

„Klar, tut mir leid." Er entschuldigte sich und lies Alya weitererzählen, denn sie stand ganz hibbelig neben ihm. „Weißt du, was verrückt ist? Ich war im Zoo dein Coach und Nino wurde von Adrien gecoacht."

„Adrien war da?", entfuhr es Marinette, nur eine Spur zu hoch und zu schnell.

„Total verrückt, oder?" Alya war bestens gelaunt. Na immerhin eine.

„Alya hat gesagt, dass du voll auf einen Typen stehst", begann Nino mit derselben übertrieben guten Laune.

Alya fuhr schnell dazwischen und packte Marinette an den Schultern: „Er weiß nicht auf wen, großes Ehrenwort. Ich habe ihm nichts verraten", sagte sie schnell und zwinkerte ihr zu. Es war zwar nicht ganz die Wahrheit, aber eins stimmte. Sie hatte es nicht verraten.

„Aber wenn du willst, könnte ich dir irgendwie helfen ...", begann Nino enthusiastisch, bis sie hörte, wie er scharf Luft durch die Zähne einzog. Alya hatte ihn getreten. „... Falls ich den Typen kennen sollte", presste er noch zwischen zusammengebissen Zähnen hindurch.

„Nino!", schalt ihn Alya empört.

„Ok vergiss, was ich gesagt hab ..., aber wenn du Hilfe brauchst ...", wieder unterbrach ihn Alya mit einem vorwurfsvollen „Nino!", die Hände dabei in die Hüften gestemmt. „Wir gehen jetzt! Bis später", verkündete sie laut.

„Ich ruf dich an", flüsterte sie an Marinette gewandt, während sie Nino am Kragen gepackt hatte. Ihre rechte Hand formte dabei ein imaginäres Telefon an ihrem Ohr. Mit einem breiten Grinsen verschwanden die beiden hinter einer Hausecke.

Perplex stand Marinette vor der Bäckerei und blinzelte verwundert. Sie brauchte ein paar Minuten, in denen sie versteinert dastand und über das nachdachte, was soeben passiert war.

 


***



„Das ist ja toll Alya, ich freu mich für dich." Marinette legte ihr Handy auf ihren Schreibtisch und aktivierte den Lautsprecher, während Alya weitererzählte. Sie gönnte ihrer besten Freundin aufrichtig ihr Glück, auch wenn sie leicht wehmütig bei dem Gedanken wurde, dass sie ihren Seelenverwandten gefunden hatte und von diesem dann auch wusste, wie er für sie empfand. Anfangs war sie überhaupt nicht begeistert gewesen, aber das Glück hatte seine eigenen Methoden. Sie lächelte in sich hinein. Das Glück, vielleicht half es ihr auch eines Tages. Wenn sie an den Beginn dieses Tages zurückdachte, wurde ihr schwer ums Herz. Sie hatte sich gefreut mit Adrien in den Zoo zu gehen. Zwar nicht allein, aber das wäre wahrscheinlich sowieso keine gute Idee gewesen, aber immerhin. Als Nino dann alleine vor ihr stand, war das an Peinlichkeit nicht zu übertreffen gewesen.

Es hatte knapp zwei Stunden gedauert, bis der angekündigte Anruf von Alya dagewesen war. Und nun hörte sie ihr schon eine gefühlte Ewigkeit zu. Leicht abgelenkt von ihren eigenen Gedanken, warf sie in Alyas Erzählungen hin und wieder ein: „Nicht wahr?", oder ein „Und dann?" ein.

Das flog allerdings auf als Alya ihre Erzählung mit: „Und dann hab ich dich angerufen", beendete und Marinette antwortete: „Und dann?"

Tikki, die auf Marinettes Schulter einen Keks mit Schokostücken knabberte, bemerkte den Fehler als Erstes und zog ihr kurz an einer dunklen Haarsträhne.

Marinette zuckte zusammen und wollte sich gerade korrigieren, als Alyas Stimme verstärkt durch das Telefon tönte. „WIE UND DANN! Hast du mir überhaupt zugehört?"

Das war so laut, dass ihre Mutter den Kopf durch die Klappe im Fußboden ihres Zimmers steckte und zu einem „Hallo Alya, ich wusste gar nicht das du ...", ansetzte. Tikki versteckte sich gerade noch Rechtzeitig im Kragen von Marinettes Jacke.

Verdutzt schaute ihre Mutter einige Sekunden in das Zimmer, bis Marinette sie mit einem stillen „Pardon!" und dem Deaktivieren des Lautsprechers veranlasste, wieder nach unten zu gehen.

Sie atmete kurz durch und begann Alya zu erklären: „Nein, nein natürlich hab ich zugehört. Ich glaube es einfach nicht das Ladybug das getan hat." Mit diesem Thema war sie immer auf der sicheren Seite.


„Ja oder! Aber eigentlich bin ich mittlerweile froh drüber. Wo warst du eigentlich die ganze Zeit, ich meine du bist einfach ..."

Leicht verärgert versuchte sie die Kekskrümel aus ihrem Ausschnitt zu schütteln die Tikki versehentlich darauf verstreut hatte, als sie sich schnellstmöglich mit dem angebissenen Keks in ihrer Jacke versteckt hatte. Super, braune Schokoflecken auf einem weißen T-Shirt. Tikki folgte ihrem Blick, sah sie entschuldigend an und zog die kleinen Schultern hoch.

„Ich... ich habe es noch aus dem Zoo geschafft und konnte mich zu Hause verstecken. Und Ladybug hatte wirklich keine Zeit für ein Interview?", nuschelte sie in das Handy.

„Nein ich hab doch gesagt, sie hat die Tür geschlossen und war gleich verschwunden. Und Zack da standen wir! Sag mal du klingst ganz schön fertig."

„Ja bin ich auch. Wir sehen uns morgen ok?"

„Alles klar. Gute Nacht!"

Puh, geschafft. Das Telefonat war fast anstrengender als der ganze Tag. Sie streckte sich verschlafen und gähnte.

„Entschuldige bitte", piepste Tikki kleinlaut. Der kleine, rote Kwami schwebte mit hängendem Kopf knapp über Marinettes Schreibtisch.

„Nein, es muss dir nichts leidtun Tikki. Die Flecken bekomm ich wieder raus." Sie konnte ihr einfach nicht lange böse sein. Ganz sachte legte sie einen Finger unter Tikkis Kinn und hob ihren Kopf an.

Erleichtert lächelte sie und drückte mit ihren winzigen Ärmchen Marinettes Finger. „Es nimmt dich wirklich mit, das Adrien heute nicht gekommen ist, oder?", bemerkte sie. Es war eindeutig mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Kannst du etwa Gedanken lesen?", sagte Marinette niedergeschlagen.

„Nein", grinste Tikki und setzte sich in die zu einer Schale geformten Hände, die Marinette ihr hinhielt. „Aber ich kenne dich mittlerweile ziemlich gut. Und vergiss nicht, gerade wenn du verwandelt bist, bekomme ich mehr von deinen Gefühlen mit, als dir vielleicht lieb ist."

„Oh, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Wirklich? Und du behauptest trotzdem, sie nicht lesen zu können?" Marinette war nun trotz ihrer Müdigkeit doch interessiert und kurz hellten sich ihre Gesichtszüge auf. Gespräche mit Tikki taten ihr oft sehr gut, denn der kleine Kwami wusste meist ziemlich genau wie ihr zu Mute war und fand die richtigen Worte.

„So funktioniert das nicht, aber ich empfinde es sozusagen zusammen mit dir. Weil ich in dem Moment du bin. Oder umgedreht? Das kann ich dir nicht so genau sagen." Kurz von ihrem eigenen Gedanken abgelenkt, hielt sie inne und wandte den Blick ab. Sie verharrte einige Sekunden so, bis sie schulterzuckend Marinette wieder direkt ansah und fuhr fort: „Du bist enttäuscht, dass es nicht darum ging, dass Adrien dich in den Zoo einladen wollte, sondern er Nino geholfen hat, sich mit dir zu treffen."

„Ja, du hast Recht." Natürlich hatte sie Recht. Sie hatte immer Recht. Tikki war das moralische Vorbild, manchmal eine kleine Besserwisserin und es nervte hin und wieder schon, dass das was sie sagte, so viel Sinn ergab und die unverblümte Wahrheit enthielt. Die hatte nämlich manchmal, nein ziemlich häufig sogar, einen bitteren Beigeschmack. Sie war so oft ihr kleines Gewissen, welches ihr ins Ohr flüsterte, was das Richtige war. Ihr persönlicher Jiminy Cricket. Und sie war der kleine dumme Pinocchio, der von einem Abenteuer und einer Dummheit in die Nächste rannte. Sie seufzte tief. „Dir kann man echt nichts vormachen." Ihr Kopf wurde schwer wie Blei und sie senkte den Blick.

„Ich verstehe voll und ganz, dass du das vor Alya jetzt nicht zugeben konntest. Immerhin war es für sie so ein schöner Tag mit Nino." Sie beobachtete kurz ihre Freundin und stellte fest, dass sie ihr damit nicht wirklich weitergeholfen hatte.

„Hey, denk doch einfach daran, was für ein tolles Gefühl es ist, zwei Seelenverwandte miteinander verbunden zu haben. Das ist doch auch etwas", rief sie begeistert.

„Ja super, alle finden ihr Glück und freuen sich. Nur ich sitze alleine zu Hause und werde begraben unter meinen eigenen Gedanken und Selbstzweifeln." Ihre Stimme verzog sich zu einem mürrischen Gebrumme.

„Jetzt hör aber mal auf Marinette."

„Warum? Ich habe gerade feststellen müssen, dass es dem Jungen, in den ich schon eine Ewigkeit verschossen bin, total egal ist, dass es mich überhaupt gibt, geschweige denn, dass sein bester Freund kurzzeitig Gefühle für mich hatte. Wenn es ihm auch nur im Entferntesten etwas bedeuten würde, ich ihm etwas bedeuten würde, dann hätte er doch irgendetwas tun müssen oder etwas sagen müssen oder zumindest erscheinen müssen", verzweifelt hob sie ihre Hände, um das Gesagte zu unterstreichen und ließ sie anschließend lustlos fallen.

„Marinette", begann Tikki vorsichtig. „Ich verstehe dich. Wirklich. Und ja es ist seltsam, das Adrien heute nicht da war. Also nicht in dem Sinne. Aber vielleicht hatte er auch seine Gründe. Nehmen wir mal an, er ist sich der Gefühle für dich nicht sicher oder noch nicht bewusst oder traut sich nicht es frei heraus zu sagen und dann kommt Nino, der mit ihm über dich spricht und sagt das er dich mag und er vor hat es dir zu sagen. Was blieb ihn denn anderes übrig, als seinem besten Freund zu helfen?"

„Mensch Tikki, du machst es einem echt nicht leicht sauer zu bleiben." Marinette fuhr sich zerstreut mit einer Hand durch die schwarzen Haare und schaute unschlüssig in die großen blauen Augen des kleinen Kwamis, der unschuldig und süß auf ihrer anderen Hand saß.

„Ok vielleicht war es so, erfahren werde ich es nie." Immer noch etwas betrübt, schloss Marinette gedanklich mit dem Thema ab und lächelte etwas gequält auf ihre kleine Partnerin herab. Trotz allem war sie ihr immer eine gute Freundin und immer da, wenn sie sie brauchte.

Tikki lächelte sie ebenfalls an und hoffte sie mit einem anderen Thema ablenken zu können. „Du hast Cat Noir heute ganz schön erschreckt, glaub ich."

„Wie kommst du jetzt darauf? Und wie meinst du das?" Angestrengt dachte sie nach, kam aber nicht darauf.

Tikki grinste und rollte mit den Augen: „Weil du dir nie Gedanken über ihn machst?" Da war sie wieder, diese Frage, die keine war, sondern eine unumstößliche Feststellung. Verdammter Gedankenlese-Hokuspokus.

„Könnte daran liegen, dass er mich ständig nur nervt", erwiderte sie und prompt erschien vor ihrem inneren Auge das freche Grinsen des Katers, kurz bevor er sich in Schwierigkeiten brachte. Sie musste zugeben, in dem Fall kam sie sich häufig vor wie Jiminy Cricket.

Mit einem ohrenbetäubenden Krachen schnappte das gewaltige, mit scharfen Zähnen bestückte Maul über Ladybug zusammen.

„Ich weiß, was ich tun muss“, hatte sie gesagt, nachdem sie ihn vor dem akumatisierten Tierpfleger in Gestalt eines riesigen T-Rex gerettet hatte. Hatte sich ihren Glücksbinger geschnappt, diesmal war es ein roter Wagenheber mit den dazugehörigen schwarzen Punkten und war losgerannt. Direkt in das Maul des Untiers.

„NEEEEEIN!“ Cat Noirs Schrei durchschnitt die Stille. Eine Hand noch verzweifelt nach seiner Angebeteten ausgestreckt, die grünen Augen weit aufgerissen, fassungslos. Den Bruchteil einer Sekunde später, wirbelte er auch schon seinen silbernen Kampfstab herum und machte sich bereit diesem verdammten Mistvieh in den Hintern zu treten, um Ladybug zu rächen. „Das wirst du bereuen.“ Seine Stimme war brüchig, aber bestimmt. Er wollte gerade losrennen, als ein widerliches, quietschendes Geräusch die Stille zerriss.

Ladybug hebelte das Maul des T-Rex mit dem verwandelten Glücksbringer auf und sorgte so dafür, dass er nicht mehr schnappen konnte.

Sie hatte es schon wieder getan. Mutig und mit einem kühlen Kopf hatte sie den Bösewicht Schach-Matt gesetzt. Cat Noir strahlte über beide Ohren und er beobachtete, wie sie ohne Probleme das Armband zerstörte und geschickt den so freigelassenen Akuma wieder einfing. Die abertausend kleinen, magischen Marienkäfer beseitigten das angerichtete Chaos. Es war geschafft.

„Gut gemacht!“ Sie stand mit erhobener Faust neben ihm, um mit ihm einzuschlagen, wie sie es sonst immer nach einem erfolgreichen Kampf taten. Doch diesmal konnte er nicht anders. Er stürmte auf sie zu, schlang die Arme um ihre Taille und presste sie fest an sich, seine Wange an ihre gedrückt. „Ich hab gedacht du wärst verloren.“, sagte er erleichtert.Überglücklich darüber, dass sie unversehrt war, atmete er tief durch. Ihr unwiderstehlicher Duft stieg ihm in die Nase. Er war süß und schwach nahm er ein Aroma, das er nicht recht deuten konnte, an ihrem Haar war, welches ihn an der Nasenspitze kitzelte. Schnell löste er die Umarmung, als er realisierte, was er da tat. Glücklich über den Ausgang des Kampfes, legte er ihr die Hände auf die Schultern und blickte sie lächelnd an, bevor ihn sein piepsender Ring erinnerte, dass es Zeit war zu gehen.



Unruhig wälzte sich Adrien in seinem großen Bett hin und her. Ein leises Stöhnen entfuhr ihm. Mit einer unbewussten, schwungvollen Bewegung des rechten Armes, den er in hohem Bogen von einer Seite auf die andere schleuderte, kickte er den schlafenden Plagg von einem der zahlreichen Kissen, die über das ganze Bett verstreut lagen.
Der schwarze Kwami setzte, wie ein gefitschter Stein auf einem See, ein paar Mal auf dem Boden auf und kam dann am anderen Ende des Zimmers zum Stehen. Aus der Ferne hörte er ein gemurmeltes: „…ds wirs su breun!“, das aus dem Deckenkneul kam, von dem er vermutete, dass es Adrien war.

„Du Arsch!“, fluchte er und schwor sich, es ihm sofort heimzuzahlen. Aber als er über dem schlafenden Jungen schwebte und so tat, als würde er sich seine nicht vorhandenen Hemdärmel hochrollen, hielt er inne. Auf einmal wirkte Adrien friedlich und was war das … er lächelte. Hatte er gar keinen Alptraum? Oder hatte er seine Ängste im Traum besiegt? Er wusste es nicht zu deuten.

Obwohl ihm der Hintern von der unsanften Landung noch gewaltig brummte, riss sich Plagg zusammen und schluckte seinen Ärger hinunter. Moment mal, das hatte er noch nie getan. Normalerweise war er ein strenger Verfechter der sofortigen Strafmaßnahmen bei Kwamiquälerei, aber nach dem Gespräch mit Adrien am Abend verflog der Ärger sehr schnell. Der Junge hatte es alles in allem echt nicht leicht. Keiner wusste wo die Mutter war. Der Vater ständig beschäftigt und kalt wie Eis. Eingesperrt in einem goldenen Käfig, mit dem banalen Wunsch ein ganz normaler Junge zu sein. Und dann die große Verantwortung, als Cat Noir Tag für Tag die Stadt zu retten. Und jeden Tag das Mädchen zu sehen, das er liebte, von dem er nicht wusste wer sie war und von dem er ebenso oft, wie er ihr half die Stadt zu retten, einen Korb kassierte. Er seufzte gequält. Die Diskussion darüber, wer sie in Wirklichkeit war, war weniger erfolgreich gewesen, als er gehofft hatte.

Beim verführerischen Duft seines geliebten Camemberts, es musste doch einen Anhaltspunkt geben. Er erinnerte sich an seine eigenen Worte. „…vielleicht siehst du einfach nicht richtig hin.“ Er hatte es gesagt, ohne groß nachzudenken. Einfach, weil es ein cooler Spruch war. Aber an jedem Gedanken war meist mehr dran, als man im ersten Moment vermutete. Er war einmal wach und konnte gerade sowieso nicht mehr einschlafen, warum nicht zur Abwechslung mal etwas Nützliches tun?

Eifrig flog er hinüber zu Adriens Schreibtisch. Er war vorbildlich aufgeräumt und geputzt, kein Wunder, Hauspersonal, Putzfrauen und so. Alles, was zu einer steinreichen Familie dazugehörte. Neben sorgfältig aufgereihten Stiften, der Tastatur und der Maus lagen noch ein paar Schulbücher, ordentlich gestapelt, obenauf eine signierte CD von Jagged Stone, Adriens Lieblingsmusiker, eine angefangene Flasche Wasser und eine Zeitung auf dessen Titelblatt Ladybug prangte. Natürlich, die würde er bestimmt aufheben.

Er betrachtete das Bild, obwohl er sie zusammen mit Adrien schon oft gesehen hatte, versuchte er das Mädchen oder die Frau hinter der Maske zu sehen. Dunkles Haar, blaue Augen, fast wie die Augen von Tikki, nur eine Spur heller. Rote Bänder hielten die Haare zusammen, passend zu Maske und Outfit. Schlank und groß, sportlich und mutig, mit einem gewinnenden Lächeln auf den vollen rosa Lippen. Hübsch, keine Frage, aber er konnte sich bei aller Zuneigung zu seinem Kumpel nicht vorstellen, dass er Chancen bei ihr hätte. Er schüttelte genervt von sich selbst den Kopf, sodass die Katzenohren schlackerten. Nicht ablenken Plagg. Wenn du endlich deine Ruhe haben willst, dann such weiter. Der Computer war aus und er traute sich nicht ihn anzuschalten. Vom Licht des Bildschirms würde Adrien sicher wach werden, denn das Bett stand zu nah am Schreibtisch.

Er ließ sich langsam und bedächtig auf der Tischplatte nieder, mit einer Pfote kratze er sich abwesend seitlich am Kopf. Sieh genau hin, sieh genau hin … Das war im Moment sein Mantra geworden und er dachte fieberhaft nach. Menno, ein Stück Käse würde seine grauen Zellen bestimmt anregen. Er hatte es Adrien bisher nicht gezeigt, aber er konnte durch Wände gehen, also warum diesen Vorteil jetzt nicht nutzen. Ihm tropfte der Zahn, wenn er an den Camembertvorat dachte, den Adrien für ihn angelegt hatte. Er schnupperte und fand blind den Weg zu seinem Lebensinhalt. Wie erwartet war die Tür kein Problem und er biss genüsslich in das erste Stück des zähen weißen Käses, das ihm vor die Nase kam. Nach den ersten Camembertecken, die er verputzt hatte, merkte er deutlich, dass sein Gehirn an Leistungsfähigkeit zunahm. Und er blickte sich aufmerksam um. Es waren mehrere kleine Käseräder säuberlich übereinandergestapelt, bis auf eins natürlich, das ihm gerade als Mitternachtssnack diente.

Während er kaute, entdeckte er, was sich noch in dem Schrank befand. Es war nicht viel, aber als Erstes stach ihm ein Karton ins Auge auf dem mit Adriens säuberlicher Handschrift „Fotos“ geschrieben stand. Kein schlechter Anfang beschloss er und schaute hinein. So ordentlich er von außen wirkte, umso größer war die Unordnung darin. Es war nichts sortiert. Obenauf lag ein bekanntes Foto, es war das der siebzehnjährigen Madam Agreste, Adriens Mutter, welches er schon von Adriens Computerbildschirm kannte. Die Ähnlichkeit erstaunte ihn immer wieder, aber das Bild war nichts Neues und sie war sicher nicht Ladybug, denn blond und grünäugig machte sie eher zu einem Kandidaten für Cat Noir. Er grinste und schob das Bild beiseite. Darunter fand er mehrere Aufnahmen, die bei Fotoshootings gemacht worden waren. Adrien vor einem Springbrunnen, mit einem kleinen brünetten Mädchen auf dem Arm, Adrien in einem verschneiten Wald wie er selig lächelte, Adrien, der im Studio mit den neuesten Kreationen seines Vaters für ein Modemagazin posierte. Alles nichts Neues, solche Bilder gab es millionenfach, wenn nicht sogar noch mehr.

Er wollte fast aufgeben, als ein Bild seine Aufmerksamkeit erregte. Das Bild war erst vor kurzem aufgenommen worden, wie er wusste. Es war schönes Wetter, die Bäume im Park grün, auf einer Parkbank hatte sich ein Teil von Adriens Mitschülern gesetzt, der Rest stand versetzt dahinter. Er entdeckte Adrien selbst, mit einem legeren Lächeln, perfekt wie immer. Er verstand seinen Job, das musste der Kwami zugeben. Auch die anderen auf dem Foto lächelten glücklich. Vor allem das Mädchen ganz vorn mit den langen dunklen Haaren. Figur und Größe konnten stimmen, aber Haar und Augenfarbe waren komplett anders. Auch wirkte sie nicht sehr selbstbewusst und er konnte sich nicht vorstellen, dass sie in der Lage wäre, Akumas einzufangen. Überhaupt sie war Opfer eines Akumas gewesen, fiel also auch als Ladybugkandidatin raus. Das war ein guter Einfall. Alle, die je akumatisiert wurden, konnten gar nicht Ladybug sein. Ein Hoch auf den Camembert. Schon hatte er eine erste Idee. Gedanklich ging er die Reihen ab. Die Jungs ließ er dabei außen vor. Princesse Fragrance, Reflekta, Horrificator und Timebreaker saßen vorn. Und dahinter waren noch Lady Wifi und …ja …das Mädchen, das direkt neben Adrien stand. Marinette, unscheinbar und tollpatschig, konnte kein klares Wort herausbringen. Zugegeben, die Optik ließ den Gedanken durchaus zu, aber sie und Ladybug? Er prustete laut los und verteilte dabei etwas Spucke und Käse in dem Durcheinander, das er bereits angerichtet hatte. Bei aller Fantasie, sie war kein Mädchen, das sich todesmutig in den Kampf stürzt.

Aber sie war die Einzige, die bisher nicht akumatisiert worden war. Es fiel auf, da selbst die beiden Mädchen, die nicht auf dem Bild waren, die nervtötende Blonde, die ständig an Adrien klebte wie eine Klette und deren unterwürfige Speichelleckerin, Antibug und Vanisher, schon einmal verwandelt worden waren. Hatte Marinette einfach nur Glück gehabt bisher? War sie dann womöglich die nächste? Das hielt er für wahrscheinlicher, als dass sie Ladybug sein könnte. Aber er beschloss den Gedanken im Hinterkopf zu behalten. Angespornt von seinem ersten guten Einfall durchsuchte er auch noch den Rest der Kiste und den hintersten Teil des Schrankes, bis er erschöpft neben seinem Käse einschlief.

 


***



„Plagg?“

Keine Antwort.

„Plagg??“ Adrien stellte sein ganzes Bett auf den Kopf. Für gewöhnlich hielt sich der Kwami immer in seiner Nähe auf. Gerade nachts machte es sich dieser faule Kater gern auf einem der Kissen bequem. Doch er war weg. Panisch warf er ein Kissen nach dem andern aus dem Bett und drehte zum dritten Mal seine Bettdecke um aus Angst, dass er sich in der Nacht versehentlich auf seinen Kwami gelegt hatte. Das durfte doch nicht wahr sein. Hatte er alles nur geträumt? War er nie Cat Noir gewesen?

Die zweifelhaften Gedanken verflogen augenblicklich, als sich ein durchdringender Geruch zu ihm hinüber stahl. Angewidert hielt er sich die Nase zu und sprang aus dem Bett. Er ging schnurstracks zu dem Schank, in dem er Plaggs stinkenden Camembert verwahrte und riss die Tür auf.

„Du verdammtes Dreckschwein!“ Fassungslos betrachtete Adrien das Chaos aus Fotos, leeren Camembertpackungen, Käsekrümeln, Zetteln, Büchern und undefinierbaren weißen Schnodders, der überall klebte, nur nicht an dem kleinen schwarzen Etwas, das seelenruhig zwischen all dem Gerümpel schlief.

Mit zwei Fingern packte er Plagg am Schwanz, zog ihn auf Augenhöhe und schrie: „AUFWACHEN!“

„Wasn los?“, murmelte Plagg verschlafen. Die Augen nur halb geöffnet, gähnte er herzhaft, während er schlapp an Adriens Fingern herunterbaumelte. Keine Körperspannung, kein Einsehen, kein Schamgefühl. Plagg wie er leibt und lebt. In solchen Momenten war Adrien überzeugt, dass Plagg nur die Abkürzung von Plagegeist sein konnte.

„Erklärs mir“, sagte Adrien schroff und drehte den Kwami so, dass er das Innere des Schranks betrachten konnte. Die kleinen, grünen Katzenaugen blinzelten müde. Er schaute zu Adrien und meinte nur ganz selbstverständlich: „Arbeit macht hungrig.“

Dass er Hunger hatte, was er etwa vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche der Fall war, war Adrien schon klar, aber was meinte er mit Arbeit? Und wie zum Geier war er in den Schrank gekommen?

„Ich habe versucht herauszufinden wer Ladybug in Wirklichkeit ist, damit du glücklich wirst“, piepste er unschuldig, um schlimmeres Unheil von sich abzuwenden.

„Das ist noch lange kein Gr …, wie bitte was?“

Plagg stupste ein paar Mal verlegen seine beiden Pfoten aneinander und erzählte ihm von seiner Theorie.

Immer noch etwas missmutig, setzte sich Adrien auf sein Bett und hörte ihm aufmerksam zu, danach brach er in lautes Lachen aus.

„Was? Willst du mir etwa sagen, dass Marinette doch akumatisiert worden ist und ich es nur vergessen habe?“, plärrte Plagg beleidigt und verschränkte die Arme vor der Brust, die Augen böse funkelnd auf Adrien gerichtet.

„Nein, ich kann mich nicht erinnern, dass wir sie von einem Akumaangriff gerettet hätten, aber das ändert nichts daran, dass so ziemlich jedes Mädchen in Paris geeigneter wäre Ladybug zu sein als sie.“

„Ach was, das ist mir auch klar. Aber hey, das wäre eine super Tarnung. Niemand würde je auf den Gedanken kommen, dass sie es ist. Das macht sie schon verdächtig, oder?“ Auch wenn Plagg seiner eigenen Theorie genauso wenig Glauben schenkte wie Adrien, diskutierte er aus Prinzip weiter. Und wenn es nur half, dass Adrien abgelenkt war und nicht mehr über das Chaos in seinem Schrank nachdachte.

„Oh man Plagg, ich gebe ja zu das sie ihr ähnlichsieht, aber …“ Er überlegte einen Moment wie er fortfahren sollte. Da kam unerwartete Hilfe. Sein programmierter Fernseher ging an. Er hatte ihn so eingestellt, dass er keine Nachrichten verpasste. Auf die Meldungen achtete er diesmal wenig, aber er stutze, als wie immer zum Abschluss der Sendung der Wetterbericht eingeblendet wurde. „Sie mal, das tut Mireille die Wetterfee im Fernsehen auch, sie hat dieselbe Haarfarbe.“

Plagg schwebte zu dem riesigen Bildschirm und betrachtete das Mädchen eindringlich. Auch sie war hübsch mit kurzem, dunklem Haar, es fehlten nur die zwei Zöpfe. Aber der größere Fehler lag in der Augenfarbe. Er gab jedoch zu das auch sie noch nicht akumatisiert worden war.

„Nein, Adrien. Kann ich mir nicht vorstellen.“

„Wieso nicht?“

„Du hast Recht, auch sie sieht Ladybug ähnlich, aber der Punkt geht an Marinette für die Augenfarbe. Mireilles sind braun“, stellte Plagg fest.

Adrien sah genauer hin. Es stimmte, die Augen der Wetterfee waren tief braun und nicht blau wie die von Ladybug. „Meinst du nicht, das könnte die Verwandlung ändern?“

Plagg schüttelte den Kopf: „Wir verändern eure physischen Kräfte. Wir machen euch stark und verleihen euch eure speziellen Fähigkeiten, Erschaffen und Zerstören und so weiter, aber bis auf euer Outfit, verändern wir optisch nicht viel, oder siehst du das anders?“

Adrien war verblüfft über die logischen Schlüsse, die der Kwami gezogen hatte. Warum hatte er selbst sich darüber nie Gedanken gemacht. Wenn er sich verwandelte, steckte er in seinem schwarzen Kampfanzug. Die ohnehin schon hellgrünen Augen wurden nur ein wenig intensiver durch die Maske und bekamen einen leichten katzenhaften Touch durch die veränderten Pupillen. Die schwarzen Katzenohren, die er trug, beeinflussten seine Frisur nur gering. Seine Haare waren durch sie nur etwas platter, fielen ihm vorn mehr in die Stirn und bedeckten seine Ohren. Als Adrien strich er sie sich meist komplett aus dem Gesicht. Aber sonst, was war sonst anders an ihm?

Plagg konnte sehen, wie es in Adriens Kopf arbeitete. Das war lustig, dass er ihn so einfach hatte von einem großen Wutausbruch abbringen können. Während er darauf wartete, dass Adrien etwas sagte, hing er seinen eigenen Gedanken nach. Jetzt wo er ausgesprochen hatte, wie wenig sich die beiden veränderten, wenn sie verwandelt wurden, fiel auch ihm die erschreckende Ähnlichkeit von Marinette und Ladybug immer stärker auf.

Erschöpft war Marinette ins Bett gefallen. Normalerweise schlief sie sehr gut nach so einem Tag, zu gut meistens. Das war auch einer der Gründe, warum sie häufig zu spät in die Schule kam. Aber wie so oft, wenn es sich ein Gedanke im Kopf breitgemacht hatte und einen nicht losließ, war es unmöglich einfach so die Augen zu schließen und einzuschlafen. Sie versuchte sich bequem hinzulegen, atmete tief durch. Aber der erholsame Schlaf wollte sich nicht einstellen. Mit einem Blick zur Seite stellte sie fest, dass Tikki auf dem Kissen neben ihr damit weniger Probleme hatte. Sie lag entspannt da und die winzige Brust hob und senkte sich mit entspannter Gleichmäßigkeit. Beneidenswert …

Es war verrückt, länger als nötig darüber nachzudenken, aber etwas das Tikki gesagt hatte, beschäftigte sie nach wie vor. Sie dachte nie über Cat Noir nach. Das war die Realität. Zumindest wenn sie Marinette war, denn als Ladybug war er sehr wohl wichtig für sie. Aber wichtig eher im Sinne von hilfreich und als ihr Partner im Kampf. Denn nur als Team war es ihnen bis jetzt gelungen alle Opfer der Akumas zu retten. Und er hatte ihr auch schon dutzende Mal aus ziemlich brenzligen Situationen geholfen, war da wenn er gebraucht wurde, meistens zumindest oder tauchte im entscheidenden Moment auf. Sie drehte sich auf dem Rücken und bettete ihren Kopf auf die im Nacken verschränkten Arme. Sie blickte nach oben zur dem kleinen Fenster, das zu ihrer Dachterrasse führte. Ein paar wenige Sterne schimmerten am nachtschwarzen Himmel.

Sie seufzte tief. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe, …dieser Blödsinn hatte noch nie funktioniert … und irgendwie ließen ihre Gedanken ihr keine Ruhe. Ja verdammt, Ladybug brauchte Cat Noir, aber ebenso oft wie er eine Hilfe war, brachte er sich auch in Schwierigkeiten. Und diese ständige Sprücheklopferei. Sie rollte mit den Augen und zog eine Schnute. So wie sie es sonst als Ladybug tat, wenn ein solcher Spruch fiel. Plötzlich wurde sie von einer lebhaften Erinnerung überrascht, die sich klammheimlich in ihren Kopf geschlichen hatte und die ihr die Schamesröte ins Gesicht trieb.



„LADYBUUUG!“ Der in Dark Cupid verwandelte Kim brüllte inbrünstig ihren Namen. Das war Musik in ihren Ohren. Sie grinste selbstzufrieden, denn es bedeutete, dass ihr Plan aufgegangen war. Ihr Glücksbringer, der sich diesmal in einen klebrigen kandierten Apfel in Herzform verwandelt hatte, sorgte dafür, dass Dark Cupid es nicht schaffte, weitere unheilbringende Pfeile abzuschießen. Cat Noir hatte es schon erwischt, bei dem Versuch sie selbst vor einem dieser Pfeile zu retten. Er verzog die schwarz gefärbten Lippen zu einem bösen Lächeln. Der Pfeil manipulierte seine Wahrnehmung und er war der Überzeugung, dass er Ladybug abgrundtief hasste. Sie wusste, wie sie ihn befreien konnte … ansatzweise …eventuell …okay, zumindest glaubte sie es zu wissen. Hundertprozentig sicher war sie sich nicht, aber was für eine Chance hatte sie sonst?

„Kommen wir nun zu dem Kätzchen.“ Sie hockte gespannt auf dem Kopf einer großen Steinstatue und beobachtete ihr nächstes Ziel aufmerksam. Sie hoffte inständig, dass ihr Plan aufgehen würde.

Der Kater hatte sich wieder aufgerichtet und mit der immer noch aktivierten, ausgestreckten, rechten Hand rannte er auf sie zu. Ein wütendes Knurren drang aus seiner Kehle. Spielerisch wich sie ihm aus und hüpfte geschickt und sicher wie immer von einer Statue zur nächsten, dicht gefolgt von ihrem Partner. Beim Sprung zurück auf den gepflasterten Platz hatte er sie doch erwischt. Das war jedoch nicht seinem Können zu verdanken, denn sie wollte gefangen werden. Er wirbelte sie herum und sie kam unter ihm mit dem Rücken auf dem Boden zum Liegen. Die Hand, in der die Kräfte des Kataklysmus unheilbringend schwarz pulsierten, schwebte drohend über ihr. Dark Cupid landete neben ihnen und rief gierig: „Cat Noir, ihr Miraculous!“

„Mit Vergnügen!“, antwortete er grimmig und wandte sich wieder seinem Opfer zu. Währenddessen versuchte Dark Cupid die klebrigen Hände im Brunnen hinter ihnen abzuwaschen.

„Endlich werde ich erfahren, wer du wirklich bist, Ladybug!“, sagte Cat Noir erwartungsvoll und strich ihr mit der linken Hand am Ohr entlang. Sie erschauerte unter der Berührung.

Eben noch ängstlich zittern, entspannte sich plötzlich Ladybugs Körper und mit einem gewinnenden Lächeln griff sie mit beiden Händen nach Cat Noirs Kopf, zog ihn zu sich herunter und drückte ihre Lippen auf seine. Sie hatte ihre Augen geschlossen, das gehörte für sie irgendwie dazu, auch wenn sie auf dem Gebiet keine Erfahrung hatte. Seine hingegen waren erst vor Überraschung weit aufgerissen, schlossen sich aber ebenfalls nach wenigen Augenblicken. Nach kurzer Zeit gab sie ihn frei und der schwarze Schatten auf seinen Lippen verschwand. Perplex richtete Cat Noir sich auf: „Was mach ich hier?“




Du liebe Güte, sie hatte das wirklich getan. Sie wäre am liebsten im Erdboden versunken. Ihr erster Kuss und das mit Cat Noir. Ihr schlechtes Gewissen gegenüber Adrien war grenzenlos. Obwohl es natürlich absoluter Quatsch war, aber unterbewusst kam es ihr so vor, ihre Liebe betrogen zu haben. Nur um ihn zu retten versteht sich und es hatte doch funktioniert und nur das zählte. Glücklicherweise erinnerte Cat Noir sich nicht daran und konnte somit auch nicht darauf herumreiten. Sie stellte sich vor, wie er nach jedem Kampf einen Kuss einfordern würde und sie ihn überhaupt nicht mehr auf Abstand würde halten können. Es war gut so wie es war. Nur sie wusste, was passiert war und dabei würde es auch bleiben.

 


***



„Okay Plagg, lassen wir das. Es dreht sich doch nur im Kreis. Wir finden keine Beweise für unsere Vermutungen.“ Etwas geknickt beendete Adrien das Rätselraten mit seinem Kwami. Es hatte ja doch keinen Sinn.

„Du gibst aber schnell auf“, stellte Plagg trocken fest. „Ich hätte ja gedacht du würdest alles versuchen um herauszufinden wer das Mädchen ist, das dir deinen ersten Kuss gestohlen hat. War doch der Erste oder?“ Er überlegte kurz und legte dabei den Kopf etwas schräg. „Ich meine, ich weiß natürlich nicht, was du vor meiner Zeit gemacht hast und es stehen ja echt nicht wenig Mädchen auf dich, aber zumindest seit wir uns kennen, wüsste ich nicht, dass du …“ Abrupt brach er ab, als er in das Gesicht seines Freundes blickte.

Zutiefst geschockt und mit heruntergeklappter Kinnlade starrte Adrien den kleinen schwarzen Kater an, der gelassen auf seiner Augenhöhe schwebte und sich immer nur wenige Zentimeter nach oben oder unten bewegte. So als wäre die Luft unter ihm ein Meer und die Wellen würden ihn tragen.

Die Minuten verstrichen ohne, dass sich Adrien bewegt hatte und nun machte sich Plagg Sorgen. Er wedelte mit seinen kurzen Ärmchen vor Adriens Augen. Keine Reaktion. Oh-oh, das sah nach Gehirnüberladung aus. Jeder Computer wäre an seiner Stelle abgestürzt. Er stellte sich bildlich vor, wie überall in Adriens Gehirnwindungen rote Lämpchen panisch blinkten und zwischen Sirenengeheul eine Durchsage in Dauerschleife lief: „Achtung, Achtung, alle Systeme überladen.“

Er lachte kurz über sein Kopfkino, nahm dann all seine Kraft zusammen, flog ein Stück von ihm weg und ließ sich wie ein Falke im Sturzflug gegen seinen Bauch prallen. Adrien keuchte überrascht, fing sich aber gleich wieder.

„W-was ha-hast du ge-gesagt? Ich meine, wie meinst du das?“, fragte er gepresst, mit einem Ausdruck des Entsetzens auf dem Gesicht und hielt sich den Bauch. Das würde einen blauen Fleck geben.

Auch Plagg war nicht verschont geblieben und rubbelte sich mit der Pfote über die pochende Stirn, um das unangenehme Gefühl zu vertreiben. „So wie ich es gesagt habe“, erwiderte er mürrisch.

Genervt von dem divenhaften Gehabe seines Kwamis stöhnte Adrien und fuchtelte wild mit den Armen umher: „Geht es wohl noch etwas undeutlicher?“

„Nein, braucht es nicht. Du scheinst es auch so schon nicht begriffen zu haben.“ Es machte immer so viel Spaß Adrien zu ärgern. Sofort hatte Plagg seine gute Laune zurück und grinste in sich hinein.

„Bitte Plagg, lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“ Langsam verlor Adrien die Geduld. Mussten die Gespräche mit ihm immer so anstrengend sein und in endlosen Diskussionen enden?

Er beschloss für sich, dass es erst mal wieder genug war und begann zu erklären: „Erinnerst du dich an den Kampf gegen Dark Cupid?“

Adrien ließ sich schlaff auf seine Couch plumpsen, ohne dabei seinen Kwami aus den Augen zu lassen. Den Kopf lehnte er hinten an. „Teilweise. Falls du es vergessen hast, mich hat einer dieser beschissenen Pfeile erwischt. Und was hat das jetzt damit zu tun?“

Natürlich hatte er das nicht vergessen. Im Gegenteil, das war eine seiner Lieblingsgeschichten. Denn es war unfassbar lustig gewesen, was Cat Noir im verwandelten Zustand seiner angebeteten Ladybug alles an den Kopf geworfen hatte. Er grinste breit, schwebte ein Stück näher an Adrien heran und wollte gerade anfangen diese Story ein weiteres Mal aufzuwärmen, als er seinen erhobenen Zeigefinger bemerkte.

„Ich weiß was du sagen willst, aber wenn du das tust, sorge ich dafür, dass du nie wieder Käse zu Gesicht bekommen wirst.“ Diese Drohung war ernst zu nehmen, das erkannte selbst Plagg. Er wurde zur Abwechslung mal ruhiger und erläuterte sachlich: „Schon gut, beruhige dich. Ich will auf etwas Anderes hinaus. Wie du weißt, bekomme ich sehr viel mit, wenn du verwandelt bist, obwohl ich in dem Ring stecke. Ist manchmal ganz schön …“ Da war es wieder das kleine, fiese Grinsen, aber er riss sich zusammen. „Und manchmal weniger.“

Adrien hatte das hin und her so satt, saß regungslos da und schaute an die Decke seines Zimmers: „Ja und?“

„Ich weiß im Gegensatz zu dir was passiert ist, als du von Dark Cupids Pfeil verwandelt warst“, schloss er in überheblichem Ton, genauso wie jemand, der eine entsicherte Handgranate hinter seinem Rücken versteckte.

Erst begriff Adrien nicht, doch dann fiel der Groschen und er starrte ihn mit geweiteten Augen an. „Das hat sie nicht …!“

„Und wie glaubst du dann bitte, warst du von jetzt auf gleich wieder du selbst? Sie hat mit einem Kuss den Bann gebrochen.“

Adrien stand erneut kurz davor im Error-Modus zu landen, stotterte aber dann: „W-wies … wieso k-kann ich mich nicht erinnern?“ Unbewusst hob er langsam seine Hand und legte seine Fingerspitzen an die Lippen. Diese Lippen hatte sie geküsst. Seine Ladybug … es war nicht zu glauben. Es war wirklich nicht zu glauben. Viel zu schön, um wahr zu sein.

„Du verarschst mich doch schon wieder!“ Er funkelte Plagg zornig an. Das hatte sich dieser kleine Mistkerl doch bestimmt ausgedacht. Garantiert! Jeden Moment würde er laut loslachen.

Beleidigt verschränkte Plagg die Arme vor der Brust: „Tu ich nicht. Dann sag mir doch wie der Fluch gebrochen wurde, außer durch einen Kuss?“

Er überlege fieberhaft einige Zeit, aber vergebens: „Ich weiß es nicht.“ Adrien senkte betrübt den Kopf. Es gab keine logische Erklärung dafür, dass er so plötzlich vom Bann der Pfeile befreit worden war.

Plagg schwebte zu ihm hinüber und setzte sich auf seine Schulter. „Du wirst mir wohl vertrauen müssen.“

„Schwöre es mir. Schwöre mir, dass du mich nicht anflunkerst.“ Adrien sah ihn eindringlich an.

Feierlich hob Plagg seine rechte Pfote, die andere legte er auf seine Brust: „Großes Katzenehrenwort.“

„Oh mein Gott, ich habe Ladybug geküsst.“ Das Gefühl des Unglaubens ließ sich schwer abschütteln. Es nagte zwar immer noch ein schwaches Gefühl des Misstrauens an ihm, aber nach dem Schwur traute er selbst Plagg nicht zu, dass er ihn weiter anlügen würde. Er schwebte förmlich vor Glück, als er sich versuchte, die Szene vorzustellen.

„Genauer gesagt, hat sie dich geküsst.“ Plagg verstand es wirklich einem die Stimmung zu versauen. „Denn freiwillig wolltest du das zu dem Zeitpunkt nicht. Ich glaube, du wolltest gerade dein Kataklysmus an ihr ausprobieren.“

Adrien stockte der Atem. Er hielt sich fassungslos beide Hände vors Gesicht und wäre am liebsten im Erdboden versunken. „Also nochmal von vorn. Habe ich das richtig verstanden. Ich wollte sie mit meinen Kräften umbringen, sie hat mich geküsst und ich erinnere mich aber an nichts.“ Er schien diese Tatsachen langsam zu akzeptieren, obwohl es schwer war sich etwas vorzustellen, wenn man sich selbst nicht daran erinnern konnte. „Aber was heißt das jetzt? Wie soll ich jetzt weitermachen?“

„So wie bisher?“, fragte Plagg nicht sehr überzeugend.

„Das ist nicht so einfach!“ Er hob verzweifelt die Hände und ließ sie ruckartig wieder sinken. Das pure Entsetzen auf dem Gesicht.

„Ging doch bisher auch“, meinte sein Kwami ziemlich unbeteiligt.

„Da wusste ich ja noch nicht, dass mich Ladybug, wie im Märchen, mit einem Kuss von einem Fluch erlöst hat. Und ich hab mich noch nicht mal für den Angriff entschuldigt. Sie muss mich doch hassen!“

Plagg sah förmlich, wie seine Stimmung sich wieder bedrohlich dem Nullpunkt näherte.

„Ich würde mir da jetzt keine Gedanken drüber machen. Immerhin hat sie dir eine Valentinskarte geschickt, oder nicht?“ Plagg hoffte inständig, dass er sich damit nicht schon wieder in die Bredouille gebracht hatte, sondern es auch mal schaffte, ihn aufzuheitern.

„Mensch Plagg, die Karte war nicht unterschrieben. Und überhaupt es ist mir nach wie vor ein Geheimnis wie diese Unbekannte auf mein Gedicht antworten konnte. Ich bin mir sicher, dass ich es weggeworfen hatte. Es gibt absolut keinen Beweis dafür, dass es von Ladybug kommt.“ Er konnte die Stunden, die er über diesem Mysterium gebrütet hatte, nicht mehr zählen. Irgendwann hatte er aufgegeben. Eigentlich hatte er keine Lust das Thema wieder aufzuwärmen.

In seinen Gedanken versunken, bekam Adrien erst nicht mit, wie sich Plagg noch einmal in den verwüsteten Schrank stahl und eine herzförmige, rosa Valentinskarte hervorzog. Es war DIE Karte.

„Plagg wirklich, das ist eine Sackgasse.“

Aber wie immer hörte dieser kleine Sturkopf nicht auf ihn. Er flog mit der Karte zum Schreibtisch, wo er sie aufklappte und gründlich untersuchte.

Lass ihn nur machen. Sagte sich Adrien still. Er wird schon aufgeben, wenn er nichts findet und keinen Bock mehr hat. Wenn er die Augen schloss, dann konnte er auch ohne sich die Karte noch einmal anzusehen, die Worte klar vor sich sehen.


Dein Haar so strahlend und so schön,

die Augen leuchten so grün.

Seh ich dich an erscheint der ganze Raum

mir wie ein Traum.

Die Deine wär ich gern am Valentinstag,

unsre Liebe wär für alle Zeit und hielt in alle Ewigkeit.

Eine ziemlich kurze Nacht lag hinter ihr. So wenig hatte sie schon lange nicht mehr geschlafen. Mit müden Augen blickte sie gedankenverloren an die Wand in ihrem Zimmer, die förmlich tapeziert war mit Fotos. Alle zeigten nur ein Motiv. Einen hübschen, blonden Jungen, der aus allen möglichen Perspektiven mit hellgrünen Augen zu ihr herunterschaute. Leider tat er das nur auf den Bildern. Im realen Leben sah er sie leider nicht so an. Sie hatte das Gefühl, dass er sie gar nicht richtig für voll nahm. Nur eine Mitschülerin, mehr nicht. Sie seufzte und senkte den Kopf. Unbewusst griff sie in die kleine Schatulle, die sie gebastelt hatte, um ihr Tagebuch sicher zu verwahren. Sie entnahm ihr einen kleinen, vom vielen auf und wieder zu falten abgegriffenen Zettel. Er war zerknittert und in dem Text, der darauf gekritzelt war, hatte der Autor an mehreren Stellen ausgebessert, durchgestrichen und Passagen neu geschrieben. Ohne wirklich aufmerksam zu lesen, konnte sie sich den Text trotzdem vor Augen rufen.


Dein Haar wie Ebenholz so schwarz,

so himmelblau die Augen.

Ich frag mich wer du bist,

wer hinter dieser Maske ist.

Wir sehen uns jeden Tag,

ich hoffe, dass ich dich bald frag.

Und du dann weißt, wie ich dich mag,

verbring mit mir den Valentinstag.



Das hatte Adrien geschrieben. Da gab es keinen Zweifel. Sie hatte ihn in der Schule dabei beobachtet. Und dann hatte er es einfach weggeworfen. Aber sie wurde nicht schlau daraus. Die Person, die er im Gedicht beschrieben hatte, kam ihr optisch schon sehr nahe. Dass sie sich jeden Tag sahen, stimmte so auch. Aber der Teil mit der Maske war ihr unklar. Tikki hatte zwar gemeint, dass es poetisch und tiefgründig zu deuten wäre, aber sie glaubte daran nicht wirklich. Und wenn er tatsächlich sie damit meinte, dann zeigte er es ihr mit keiner Geste. Es war zum Verzweifeln. Sie setzte sich schlapp auf ihren Schreibtischstuhl und legte den Kopf auf die kühle Tischplatte. Frustriert blies sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Ihr Versuch auf das Gedicht zu reagieren, war ja auch gründlich in die Hose gegangen. Wie konnte sie nur so blöd sein, es nicht zu unterschreiben? Sie war doch so entschlossen gewesen ihm ihre Gefühle auf diese Weise zu gestehen. Es ihm direkt sagen fiel definitiv aus. Das würde sie nie schaffen, denn es war nicht sehr hilfreich, dass sie ununterbrochen stotterte, wenn er in der Nähe war oder sie sich wahlweise noch tollpatschiger benahm als sonst. Das war so belastend. Warum konnte sie nicht einfach ungezwungen mit ihm reden? Er war doch auch nur ein Mensch wie jeder andere. Naja, nicht direkt wie jeder andere. Es ging hier schließlich um Adrien. Und sobald sie wieder intensiver an ihn dachte, tanzten ihre Gedanken zusammen mit ihren Hormonen Tango.

„Marinette?“, fragte Tikki leise und vorsichtig. Sie wollte sie nicht zu grob aus ihren Gedanken reißen, denn es war schon häufiger vorgekommen, dass sie sich dabei auf irgendeine Weise weh tat.

Sie erschrak trotzdem. Genau wie befürchtet. Sie war zusammengezuckt, der Bürostuhl dabei nach hinten gerollt und sie war mit dem Kopf von der Tischplatte gerutscht. Marinette hielt sich gerade so mit den Händen am Tisch fest, aber da ihr der Stuhl den Hintern wegzog, streifte ihr Kopf die Kante und sie schlug trotz allem um ein Haar auf den Boden auf. Sie ließ sich langsam nach unten sinken und blicke verwirrt ihre kleine Freundin an. „Ja?“

„Ich wollte dich nicht erschrecken.“ Tikki sah sie entschuldigend an.

Marinette lächelte sanft, stand schließlich auf und rieb sich den Kopf. „Alles in Ordnung. Du weißt doch, ich hab einen Dickschädel. So schnell passiert da nichts.“ Sie lachte, fischte den Kwami aus der Luft und drückte sie gegen ihre Wange.

„Wolltest du vor der Schule nicht noch zu Alya gehen?“

Oh Mist, wenn sie Tikki nicht hätte. Sie war manchmal besser als jeder Terminplaner. Ihr externes Gedächtnis konnte man so sagen. „Du hast Recht. Das hätte ich fast vergessen. Ich mach mich gleich auf den Weg.“ Marinette setzte Tikki in ihre kleine Umhängetasche, schnappte sich ihren Rucksack und ein sorgfältig eingeschlagenes Päckchen, verschwand durch die Bodenluke ihres Zimmers und schwebte förmlich die Treppe hinab.

 


***



„Alles Gute zum Geburtstag!“ Marinette fiel ihrer besten Freundin breit grinsend um den Hals, um sie kurz darauf loszulassen und ihr freudestrahlend ein hübsch verpacktes Geschenk zu überreichen.

Perplex stand Alya in der Wohnungstür, lächelte aber dann bis über beide Ohren. „Danke!“ In Windeseile hatte sie das Papier abgerissen und starrte ungläubig auf eine neue Umhängetasche. „Die ist ja der Wahnsinn!“ Ihre Augen leuchteten vor Freude. Sie liebte es, wenn Marinette etwas Neues entwarf. Sie war echt begabt was das anging. Und jetzt besaß sie eines ihrer Einzelstücke.

„Schau mal, ich hab etwas rumprobiert und verschiedene Materialien benutzt um die Deckklappe zu verzieren. Verschiedene Stoffe, etwas Leder und hier hab ich einfach ein Stück gestrickt und es eingefügt.“ Sie war sichtlich stolz und freute sich, dass Alya es toll fand. Die verschiedenen Materialien wirkten nicht wie ein Patchworkmuster, sondern waren ein kunstvolles Mosaik.

Liebevoll strich Alya über die verschiedenen Teile und war begeistert, wie weich es sich anfühlte. „Du bist wirklich die Beste! Kommst du heut Abend vorbei? Ich wollte eigentlich ein bisschen Feiern. Meine Eltern und meine Geschwister sind bis morgen früh bei meinen Großeltern auf dem Land. Ich hab also mal sturmfrei.“

„Natürlich!“ Marinette nickte begeistert. Sie wollte gerade zu einer Frage ansetzen, doch plötzlich war leise das Klingeln der Schulglocke zu hören und die beiden Mädchen zuckten zusammen, als wäre direkt neben ihnen eine Bombe hochgegangen.

„Nichts wie los“, rief Alya panisch und drapierte die neue Tasche auf ihrem Geburtstagstisch, schnappte ihren Rucksack und zusammen mit Marinette rannte sie rüber zum Schulgebäude. Mit knapper Verspätung stürmten sie förmlich in den Klassenraum. Sie hatten Glück, denn Madame Bustier war noch nicht da. Erleichtert atmeten sie aus und setzten sich auf ihre Plätze in der zweiten Reihe.

„Das war knapp!“ Stellte Nino mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht fest. Er war eben neben der Bankreihe der beiden aufgetaucht. „Alles Liebe zum Geburtstag!“ Er beugte sich zu Alya herunter und umarmte sie kurz.

„Dankeschön.“ Mit einem Hauch von Rot auf den Wangen saß Alya neben Marinette und blickte stur geradeaus. Zur Abwechslung war es mal Marinette, die über Alya kichern musste.

Adrien hatte überrascht aus den Augenwinkeln beobachtet, wie selbstverständlich Nino das durchgezogen hatte. Er war etwas verblüfft, wie es zu der plötzlichen Zuneigungsbekundung kam, ohne dass Alya Widerspruch eingelegt hatte. Er stieß seinen Kumpel sacht in die Seite und beugte sich zu ihm rüber. „Hab ich was verpasst?“, fragte er deshalb leise, aber interessiert.

Nino strahlte immer noch und antwortete gut gelaunt: „Wir hatten eine kleine Aussprache nach dem Chaosdate im Zoo. Wir haben eine gute Stunde allein in einem Käfig verbracht. Kann ich nur empfehlen.“ Er zwinkerte ihm vielsagend zu und Adrien hätte fast schwören können, dass das Grinsen noch ein wenig breiter geworden war.

Das verblüffte ihn. Er hätte nicht erwartet, dass es zwischen seinem besten Freund und Alya tatsächlich funken würde. Aber er freute sich für Nino, es schien ihn schließlich glücklich zu machen.

„Ruhe bitte, ich möchte anfangen“, erklärte Madame Bustier, die soeben den Raum betreten hatte, laut und die Gespräche zwischen den Schülern verstummten.

„Ich erzähl dir nachher alles“, sagte Nino aufgeregt. Er wirkte, als ob er es kaum abwarten könne. Anscheinend war an diesem Tag mehr passiert, als er gedacht hatte.

In der großen Mittagspause wollte Adrien mit Nino herausgehen und etwas frische Luft im Park nebenan schnappen, etwas essen und dann erfahren was genau vorgefallen war. Aber Nino hielt sich noch bei Alya und Marinette auf. Er sprach mit den beiden, nickte ihnen zu und dann kam er schließlich zu ihm rüber mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er gerade im Lotto gewonnen.

„Ich hab tolle Neuigkeiten. Alya schmeißt heute Abend eine Geburtstagsparty und hat mich eingeladen. Kommst du mit?“, rief Nino begeistert und schaute seinen besten Freund erwartungsvoll an, so als wäre es überflüssig, ihn überhaupt zu fragen.

„Was ich? Aber ich hab doch gar nicht so viel mit ihr zu tun.“ Adrien war verunsichert. Er war noch nie auf einer solchen Party gewesen. Und an seinen eigenen Geburtstag wollte er lieber nicht zurückdenken. Nino hatte es nicht böse gemeint, aber sein Vater war immer noch etwas sauer auf ihn. Seinen Auftritt als Bubbler würde er jedenfalls so schnell nicht vergessen.

„Das geht schon klar.“ Nino grinste breit. Er hatte Alya nicht gefragt, ob er Adrien mitbringen durfte, aber er wusste, dass Marinette hundertprozentig da sein würde. Auch wenn sie keine Hilfe gewollt hatte, so würde sie doch welche bekommen. Das würde super werden.

„Na gut, wenn es für sie okay ist.“ Er zuckte mit den Schultern und lächelte. Es würde bestimmt ein lustiger Abend werden. Und sicher war er nicht der Einzige aus der Klasse, der noch mitkommen würde.

Nach der Pause gingen sie in die Sporthalle für ihre letzten beiden Stunden an diesem Tag. Monsieur D'Argencourt wartete schon mit erhobenem Haupt auf sie. Nach ein paar Dehnungen und Aufwärmübungen fuhren sie mit einem Basketballspiel fort. Die Klasse war in zwei Teams aufgeteilt worden und das Spiel sollte gerade beginnen.

„Das ist absolut lächerlich!“, kreischte Chloé schrill, quer über den ganzen Platz. Monsieur D'Argencourt weigerte sich sie vom Sport freizustellen. Sie hatte einen von ihrem Vater unterzeichneten Zettel, laut dem sie wegen einer Erkältung nicht teilnehmen konnte. Adrien, der nicht weit entfernt stand, verdrehte die Augen. Sicherlich hatte sie nur Angst um ihre Fingernägel und ihre Frisur, wie immer. Sie konnte manchmal eine ziemliche Diva sein, aber das kannte er ja von ihr nicht anders.

Energisch schob der Lehrer sie auf den Platz, auf dem sich die anderen einspielten, wo sie wütend mit einem Fuß aufstampfte: „Das erzähl ich meinem Vater!“ plärrte und mit verschränkten Armen mitten auf dem Feld stehen blieb. Dann ging alles ganz schnell. Marinette, tollpatschig wie immer, war beim Dribbeln über ihren Ball gestolpert. Kim, der mit einem coolen Sprung den Ball im Korb versenken wollte, fiel über sie und anstatt den Basketball durch das Netz zu drücken, rutschte er ab und traf er damit Chloé am Kopf. Sie verdrehte die Augen und fiel wie ein Stein zu Boden.

 


***



„Nein, nein und nochmals Nein!“ Den Lärm, den die Tochter des Bürgermeisters im Krankenzimmer verursachte, konnte man nur peinlich nennen. Die Schule hatte eine tüchtige Krankenschwester, die ihren Job sehr ernst nahm und Chloé ohne Untersuchung und eine Beobachtungszeit, um sicherzugehen, dass sie keine Gehirnerschütterung hatte, nicht gehen lassen wollte. Ein dicker Verband zierte nun statt einer Sonnenbrille den blonden Kopf. Die Krankenschwester Madame Durand, welche alle Schüler nur Schwester Lucie nannten, begann sie mit einem Stethoskop abzuhören. Kaum berührte das Instrument Chloés Haut, schlug sie es der jungen Frau förmlich aus der Hand. „Das ist viel zu kalt und ich habe nein gesagt! Ich will nach Hause!“ Sie reagierte wie üblich, trotzig wie ein kleines Kind.

„Du kannst noch nicht gehen. Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich dich mindestens eine Stunde beobachten will. Wenn in der Zeit nichts passiert, bringe ich dich nach Hause“, sagte sie sanft und geduldig zu ihrer Patientin. Aber Chloé hatte anderes im Sinn. „Ich sitz doch hier keine Stunde rum. Und außerdem will ich von einem richtigen Arzt untersucht werden, meinem Privatarzt. Wer weiß, ob sie es nicht schon schlimmer gemacht haben. Ich rufe jetzt meinen Vater an und sie werden mich nicht daran hindern!“, sprach sie und schlug die weiße Decke des Krankenbettes um, in dem sie gelegen hatte. Wütend stolzierte Chloé hinaus, das Handy schon am Ohr. „Papa! …“

Das traf Madame Durand sehr hart. Bisher hatte sie jeden Schüler nach bestem Wissen versorgt und alle wieder auf die Beine gebracht. Egal ob es nur ein Pflaster wegen eines aufgeschürften Knies, Sportverletzungen, Kopfschmerzen oder ein anderes Problem war. Besonders stolz war sie gewesen, als sie eine Schülerin gerettet hatte, die beim Mittagessen fast an einer Gräte erstickt wäre. Aber gerade eben fühlte sie sich nutzlos. Sie wusste sehr wohl, dass kein Lehrer, nicht einmal der Direktor, gegen Chloé und ihren Vater ankam. Die beiden schmissen, sobald ihnen etwas nicht passte, mit Drohungen, Kündigungen und Beleidigungen um sich. Und Monsieur Damocles hatten sie schon mehr als einmal gedroht die Schulförderungen zu sanktionieren. Ihr fröstelte unter ihrem weißen Schwesternkittel, als sie daran dachte, dass es mit dieser Geschichte noch nicht vorbei war.

Und sie sollte Recht behalten. Am späten Nachmittag, kurz vor Feierabend, wurde sie in das Büro des Direktors bestellt. Er teilte ihr mit, dass eine Beschwerde eingegangen war. Chloé behauptete, dass sie durch ihren fehlerhaft angebrachten Verband schlimme Kopfschmerzen bekommen hätte. Fassungslos schüttelte die junge Frau den Kopf und versuchte sich zu erklären, aber mit einem bedauernden Blick brachte sie der Direktor zum Schweigen.

„Ich möchte das genauso wenig wie sie Madame Durand, aber mir sind die Hände gebunden. Solange die Verletzung nicht von einem unabhängigen Arzt begutachtet wurde, muss ich sie suspendieren. Vielleicht machen sie etwas Urlaub und wenn die Sache geklärt ist, kommen sie frisch erholt wieder und alles ist beim Alten“, erklärte er ihr traurig.

Sie nickte ergeben, kochte aber innerlich als sie die Tür hinter sich schloss. Das war eine Frechheit. Noch nie hatte sie eine falsche Behandlung durchgeführt, noch nie!

Mit herunterhängenden Schultern stieg sie die Treppe hinab und ging durch die Eingangstür. Es war Schulschluss und nur noch ein paar Schüler tummelten sich auf dem Hof. Bevor sie das Schulgelände verlassen hatte, bemerkte sie in einer Ecke ein rothaariges Mädchen mit Brille, das zwei anderen Kindern gestikulierend erzählte. Sie schnappte einige Bruchstücke auf: „Sie wird jetzt richtig untersucht …die besten Ärzte von Paris …schrecklich, was Schwester Lucie ihr angetan hat …“

Starr geradeausblickend, stapfte sie die letzten Meter vom Hof und rannte dann schluchzend nach Hause. Als ihre Wohnungstür ins Schloss fiel, riss sie sich das Stethoskop ab, das sie stets um den Hals trug und sackte erschöpft und niedergeschlagen an der Tür zusammen.

 


***



Mit einem leisen Surren öffnete sich die Luke des großen, runden Fensters. Helle, gleißende Lichtstrahlen fielen herein und scheuchten eine große Anzahl an Schmetterlingen auf, die vorher still in der Dunkelheit auf dem Boden gesessen hatten. Sie waren perlweiß und flatterten nun aufgeregt um eine Gestalt herum, die den Raum betrat und begeistert zu dem Fenster aufblickte. Seine silberne Maske schmiegte sich eng um sein Gesicht und ließ nur Mund und Augen frei. Den reich verzierten Gehstock hatte er locker an die Seite gestellt, gekleidet in einen violetten Anzug, dessen Kragen am Hals von einer ovalen Brosche gehalten wurde.

„Oh, ich liebe es, wenn jemand in seinem Beruf aufgeht. Allzu leicht kann es passieren, dass man enttäuscht wird. Respektlosigkeit, das Gefühl nutzlos zu sein und dann fühlt sie sich auch noch ungerecht behandelt. Ein perfekter Nährboden“, rief er begeistert.

Er streckte nun seine schwarz behandschuhte Hand aus und einer der kleinen Schmetterlinge setzte sich darauf. Anschließend bedeckte er ihn mit der anderen Hand und aus dem Nichts erschuf er eine schwarze Aura, mit der er den Schmetterling umgab. Als er seine Hand wegzog, hatten sich die Flügel des Tieres verändert. Sie waren nun tiefschwarz mit einem bedrohlichen violetten Schimmer.

„Flieg los mein kleiner Akuma“, flüsterte er liebevoll. Gehorsam und eifrig flatterte der Schmetterling davon, direkt durch ein kleines Loch in der Mitte des riesigen Fensters.

Der Akuma, einer unsichtbaren Kraft folgend, fand sein Ziel. Die junge Frau war hübsch, mit kurzem, schwarzen Haar und einem schmalen, freundlichen Gesicht. Sie saß auf dem Fußboden ihrer Wohnung und regte sich nicht. Schnurstracks schlüpfte das kleine Insekt durch ein gekipptes Fenster in die Wohnung und steuerte auf das Instrument zu, das die Frau immer noch in der Hand hielt. Es verfärbte sich und wurde schwarz. Im selben Augenblick riss die Frau ruckartig den Kopf hoch, den sie vorher auf die Brust hatte sinken lassen und starrte grimmig geradeaus. Unter ihren Augen waren dunkle Ringe aufgetaucht und ihren Mund hatte sie zornig verzogen. Plötzlich hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf düster zu ihr sprechen.

„Menschen deines Berufs geben jeden Tag so viel und gedankt wird es euch mit Respektlosigkeit. Ich bin Hawk Moth, ein Freund und Bewunderer deiner Arbeit. Ich gebe dir, Black Nurse, die Möglichkeit allen zu zeigen wie es ist, wahren Schmerz zu fühlen, um dich an deinen Peinigern zu rächen. Aber dafür erwarte ich eine kleine Gegenleistung.“

„Ja, Hawk Moth“, sagte sie entschlossen mit einem bösen Lächeln auf dem Gesicht. Und in derselben Sekunde breitete sich ein warmes Kribbeln von ihrer Hand aus, die immer noch das Stethoskop umklammert hatte. Schwarzer Rauch umhüllte die Hand und breitete sich von dort über ihren ganzen Körper aus. Nachdem er sich verzogen hatte, spürte sie ungeahnte Kräfte. Es fühlte sich verdammt gut an. „Dann machen wir mal Visite“, sagte sie mit einem diabolischen Lachen und verschwand durchs Fenster.

„Hallo Rose, hallo Juleka!“ Freudestrahlend öffnete Alya die Tür und ließ ihre ersten Gäste in die Wohnung. Marinette und sie hatten den Nachmittag damit verbracht, alles vorzubereiten. Die Wohnung war mit Luftballons geschmückt, Getränke standen bereit und Marinette hatte mit Hilfe ihrer Eltern ein kleines Snackbuffet zusammengestellt.

Innerhalb kürzester Zeit folgten die anderen Klassenkameraden, die Ayla eingeladen hatte. Max, Nathanaël, Kim, Alix, Ivan, Mylène und eine Hand voll Mitschüler aus der Parallelklasse. Alle waren gekommen, nur Nino fehlte noch. Während die Mitschüler sich schon begeistert unterhielten und sich an den Tischen bedienten, tigerte Alya etwas ungeduldig durch die Wohnung. Sie überprüfte, ob die eine oder andere Luftballonkette richtig befestigt war oder schaute zum hundertsten Mal, ob genug Getränke da waren. Marinette, die das bemerkt hatte, kam nun auf sie zu. „Was ist los? Haben wir noch was vergessen?“

Ungeduldig blickte Alya auf die Küchenuhr und erwiderte etwas genervt: „Ich kapier nicht was man an -sei bitte pünktlich- nicht verstehen kann.“
     


***



„Plagg beeil dich bitte. Wir müssen gleich los.“ Adrien stiefelte ungeduldig durch sein Zimmer und wartete darauf, dass der Kwami seine Mahlzeit beendete.

„So eine Delikatesse wie Camembert sollte man eigentlich genießen“, erwiderte Plagg pikiert. Aber als er in Adriens vorwurfsvolles Gesicht schaute, ergänzte er schnell: „ Ich esse schon so schnell ich kann.“ Und das stimmte allerdings. Käseecke um Käseecke verschwand in seinem gierigen Maul. Ein schwarzes Loch war nichts gegen ihn.

Adrien verschwand gut gelaunt im Bad und betrachtete sich im Spiegel. Er zupfte hier und da noch etwas an seinen Haaren herum und stellte den Kragen seines weißen Hemdes wieder auf. Dann überlegte er noch einmal angestrengt und schnappte sich den blauen Schal, der immer griffbereit auf einer Kommode lag. Es war das letzte Geburtstagsgeschenk von seinem Vater, sein Lieblingsaccessoir, und jedes Mal, wenn er über die feinen Maschen strich, war er glücklich. Er drückte den Stoff gegen sein Gesicht, danach wurde immer ganz warm ums Herz. Schließlich legte er ihn sich locker um die Schultern und überprüfte die Wirkung noch einmal im Spiegel.

Plagg schwebte zur Tür herein: „Jetzt trödelst du aber.“

„Was meinst du Plagg, mit oder ohne?“

„Der Herr fragt mich nach seiner Meinung zum Partyoutfit? Wie ungewöhnlich für den Sohn eines Modezaren. Aber wenn du es wirklich wissen willst, lass ihn hier. Das ist eine Party und kein Laufsteg. Und außerdem wird auf Feiern getanzt, du schwitzt dich noch kaputt.“ Eines musste man Plagg lassen, er dachte praktisch.

Etwas widerwillig legte er ihn zurück, beschloss aber ihn bei nächster Gelegenheit wieder zu tragen. Dann öffnete er sein Hemd und Plagg verschwand wie immer darin. Er rannte die Treppe hinunter ins Foyer der großen Villa, wo Nathalie schon auf ihn wartete, den Gorillabodyguard bei Fuß. „Ich soll dir von deinem Vater mitteilen, dass du Ausgang bis Mitternacht hast. Unter der Bedingung, dass deine Leibwache dich hinbringt, abholt und vor der Lokalität wachehält.“

„Ok.“ Etwas genervt von seinem Babysitter war er ja schon, aber das war besser als nichts. „Haben sie besorgt, was ich wollte?“

Nathalie streckte ihre Hand aus und hielt ihm ein Kuvert hin. „Ein Gutschein für die Boutique deines Vaters.“

„Danke Nathalie.“ Er nahm den Umschlag entgegen. Viel zu spät war ihm eingefallen, dass er für eine Geburtstagsparty ein Geschenk benötigte. Und mit Klamotten machte man bei Mädchen selten etwas verkehrt.

Er stieg in die Limousine und sie fuhren los.


***



„Alter, wo warst du so lange?“ Nino wartete ungeduldig vor dem Haus auf Adrien.

„Entschuldige.“ Verlegen fasste er sich an den Hinterkopf, wie er es immer tat.

„Schnell rein oder Alya köpft mich!“ Er klang etwas verärgert. Und es war ja auch nicht unbegründet. Alya hatte ihn gebeten, sich um die Musik zu kümmern. Und es machte keinen guten Eindruck, wenn der DJ Verspätung hatte.

Die beiden Jungen betraten den Hausflur, wobei Adrien mit einem Blick über die Schulter feststellte, dass der Bodyguard wirklich im Auto vor der Tür warten würde. Für seinen Vater zu arbeiten, war ein echter Fluch. Sie klingelten oben an der Wohnungstür und Alya öffnete diese augenblicklich schwungvoll: „Wo hast du solange ge …?“, setzte sie energisch an, verstummte aber und starrte die beiden verdutzt an.

Nino, der nicht wollte, dass sein Schwindel vor Adrien auffiel, stürzte sich auf Alya und umarmte sie wieder. Anschließend zog er sie, mit dem Arm um die Taille, weiter in die Wohnung hinein und redete schnell auf sie ein, während er Adrien mit der anderen Hand hereinwinkte.

Schüchtern trat Adrien ein und sah sich verlegen um. Er wusste nicht so recht, was er jetzt machen sollte. Alya unterhielt sich mit Nino und er wollte jetzt nicht dazwischen Platzen, um ihr sein Geschenk zu geben. Die Wohnung war klein, aber hübsch eingerichtet und gemütlich. In einer Ecke stand ein voll beladener Tisch mit schon geöffneten und noch verpackten Geschenken. In der anderen Ecke waren über die Länge der Küchenzeile Essensplatten und Getränke aufgestellt. Er beschloss, dass es höflich war die anderen Gäste zu begrüßen. Also gesellte er sich rüber zu dem großen Sofa, an dem sich alle gerade tummelten und sagte: „Hey Leute.“ Mit großen Augen sahen ihn seine Klassenkameraden an, erwiderten aber den Gruß freundlich.

„Bist du wahnsinnig!“ Alya versuchte zwar zu flüstern, aber ihre Stimme erreichte ungeahnte Oktaven.

„Wieso? Alya, komm schon. Er wäre der einzige in der Klasse gewesen, der nicht eingeladen war. Von Chloé und Sabrina mal abgesehen.“

„Warum hast du mich nicht gefragt?“, setzte sie erneut zu einer Standpauke an. Doch Nino legte eine bittende Miene auf und erwiderte im Ton eines bettelnden Kleinkindes: „Er ist mein bester Freund und ich wollte, dass er mal einen schönen Abend mit uns allen hat.“

„Aber... aber...“ Alya wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte Marinette nicht im Detail gesagt, wen sie alles eingeladen hatte. Aber sie war sich sicher, dass es in einer Katastrophe enden würde, wenn sie ihn entdeckte. Andererseits, wenn sie es sich richtig überlegte, war es eine Gelegenheit für Marinette. Sie atmete tief durch und funkelte ihn sauer an. „Ich weiß genau, was du damit bezwecken willst. Wenn das schiefgeht, Gnade dir Gott.“ Sie bohrte ihm drohend den ausgestreckten Zeigefinger in die Brust. „Und du trägst die Verantwortung! Jetzt leg los!“, sagte sie bestimmt und stapfte hinüber zu ihrer Freundin am Büffet. Das war knapp gewesen. Nino beschloss, dass es gesünder für ihn wäre, wenn er Alya heute keinen Grund mehr dafür gäbe, wütend auf ihn zu sein und werkelte geschäftig am Mischpult.

„Ich hab eine Überraschung für dich!“, rief Alya trällernd und hielt Marinette die Augen zu, drehte sie mit dem Blick in Richtung Couch und nahm die Hände weg.

„Adrien!“, piepste sie entsetzt und machte einen Satz zurück. „Wierum, washalb, weso … ich meine, du hast ihn eingeladen?“

„Ich hab die ganze Klasse eingeladen, bis auf du weißt schon.“ Sie druckste etwas herum. Ungern belog sie ihre Freundin. „Und er ist Ninos bester Freund“, schloss sie in der Hoffnung, sie damit überzeugen zu können.

„Warum hast du mir das nicht erzählt?“, fragte sie verzweifelt und spürte bereits die aufsteigende Panik.

Alya wusste nicht, wie sie ihr das erklären sollte, denn als ihre beste Freundin hätte sie ihr das definitiv erzählen müssen. Darum wiederholte sie noch einmal überschwänglich, aber etwas nervös: „Überraschung?“

„Aber ich kann doch nicht einfach so mit ihm reden!“, sagte Marinette kleinlaut. Sie machte sich schon wieder viel zu viele Gedanken. Bevor Alya etwas erwidern konnte, wurde die Musik leiser gedreht und Ninos Stimme, verstärkt durch ein Mikrofon, ertönte. „Seid ihr alle gut drauf?“ Die Gäste pfiffen und johlten zur Bestätigung. „Alles klar, dann drehen wir jetzt mal die gute Musik auf!“, sagte Nino begeistert und legte eine neue Platte auf. Gut gelaunt begannen ihre Mitschüler zu tanzen und auch Adrien wippte grinsend im Takt mit.

„Du brauchst nicht zu reden, tanz mit ihm“, erläuterte Alya grinsend.

„Waaas? Nein!“

Aber sie ließ keine Widerrede zu und schubste Marinette in Richtung der anderen. Sie folgte ihr und begann neben dem kleinen Pult zu tanzen, an dem Nino stand und machte eine Handbewegung zu Marinette, die ihr bedeuten sollte näher ran zu kommen.

Es sah einfach verboten aus, wie steif Marinette sich bewegte. Ihr brach der Schweiß aus und panisch versuchte sie so wenig wie möglich Raum zu beanspruchen, um ja nirgendwo anzustoßen. Die anderen tanzten entweder zu Zweit oder Dritt zusammen und unterhielten sich hier und da über die Musik hinweg. Marinette schluckte gequält einen großen Kloß im Hals herunter und versuchte um Myléne und Ivan herumzutanzen, denn nahe der Wand bewegte sich Adrien locker im Takt der Musik. Kurz bevor sie ihn erreichte, schlotterten ihre Knie so stark, dass sie fast zusammengesackt wäre. Ihr wurde heiß, ihre Handflächen waren verschwitzt und in ihren Gedanken reihte sich ein Horrorszenario nach dem anderen. Um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, machte sie einen Schlenker zurück und ging an den Tisch mit den Getränken, um sich ein Glas Bowle einzugießen.

Tikki streckte vorsichtig den Kopf aus der kleinen, runden Umhängetasche, die Marinette immer bei sich trug. „Warum bist du weggelaufen?“

„Das verstehst du nicht. Ich kann es einfach nicht. Sobald ich den Mund aufmache, kommt doch nichts Gescheites dabei raus.“ Marinette war geknickt, so hatte sie sich den Abend nicht vorgestellt. Reichte es nicht, dass sie sich in der Schule regelmäßig vor ihm lächerlich machte? Aus dem Augenwinkel sah sie, das Alya Anstalten machte zu ihr zu kommen und sie konnte sich schon denken, was sie sagen würde.

„Versteck dich Tikki“, hauchte sie ihrer Freundin zu und schloss unauffällig die Tasche.

„Bevor du etwas sagst“, begann Marinette ohne sich umzudrehen. „Vergiss es!“ Sie klang resolut, denn sie würde sich nicht noch einmal blamieren, indem sie versuchte locker zu sein.

„Hallo Marinette, was soll ich vergessen?“, antwortete die Person hinter ihr perplex.

Marinette gefror das Blut in den Adern. Sie zog ihre Schultern hoch bis an die Ohren und ihre Hand mit dem Bowleglas zitterte gefährlich. Sie drehte sich wie in Zeitlupe zu Adrien um. Der stand etwas unschlüssig hinter ihr und Alya spähte ihm über die Schulter. Eine Hand hatte sie vor den Mund gehalten, der zweifellos zu einem breiten Grinsen verzogen war, denn ihre Augen verrieten ihr, dass sie sich gerade köstlich amüsierte.

„Äh nichts, du sollst nichts vergessen …öhm …, weil ich dich nicht vergessen kann, ich meine …das war nicht …also ich dachte …vergiss das bitte ganz schnell, … Bowle?“, sagte sie verlegen und viel zu schnell, hielt ihm aber tapfer das Glas hin.

Adrien schaute etwas verwundert und den Kopf hielt er leicht schräg. „Oh, danke.“ Er nahm es ihr ab und als sich ihre Hände berührten war es, als würde Marinette ein Stromschlag durchlaufen. Fast wie an dem Tag im Regen, als er ihr seinen Schirm angeboten hatte. Ihre Fingerspitzen kribbelten dort, wo seine Hand sie flüchtig berührt hatten. Unfähig sich zu bewegen, sah sie zu, wie er trank. Dann realisierte sie wie bescheuert sie aussehen musste und goss sich selbst auch ein Glas ein.

Nino legte eine neue Platte auf und spielte nun einen Song, den Marinette nur zu gut kannte. Es war Jagged Stones erste Single von dem Album, für das sie das Cover entworfen hatte. Sie entspannte etwas und wippte sachte mit. Sie hatte es bisher noch nie geschafft sich diesem Lied zu entziehen.

Adrien hatte das Glas geleert und seine Augen strahlten, als er lauschte. „Ich liebe dieses Lied“, sagte er wohl mehr zu sich selbst als zu ihr. Auch sein Kopf nickte vor und zurück.

„Ich auch“, gestand sie und spürte wie sich ihr Puls normalisierte und ihre Laune besser wurde.

Er wusste, das Jagged auch ihr Lieblingskünstler war. Das war etwas, das sie gemeinsam hatten. Und es war nicht das Einzige, wenn er genauer darüber nachdachte.



„Marinette und ich nehmen an dem Ultimate Mecha Strike III Turnier teil“, erzählte er gerade Marinettes Eltern. Der Vater hatte den riesigen Arm um seine zierliche Frau gelegt, die ihrer Tochter sehr ähnlich sah. Die beiden wirkten wirklich sehr nett.

„Wie schön!“, sagt ihr Vater begeistert und nahm eine alberne Siegespose ein. „Nun sie hatte ja auch einen guten Lehrer. Tom den Großen! Bujaa!“

„Marinette hat uns gar nichts von dem Turnier erzählt“, warf ihre Mutter ein.

„Wir haben es erst heute erfahren.“

„Ihr seid ein Team, ja? Das überrascht mich nicht, Marinette redet ja dauernd von dir“, erwiderte sie mit einem verschmitzten Grinsen.

Überrascht riss er die Augen auf. Hatte er sich gerade verhört? Allem Anschein nach nicht, denn es ertönte ein vorwurfsvolles: „Maman!“ Marinette kam gerade die schmale, weiße Treppe aus dem oberen Stockwerk herunter. Sie kicherte nervös. „Komm doch rauf Adrien.“ Sie drehte sich um und ging vor in ihr Zimmer. Mit einem höflichen: „War nett sie kennenzulernen“ in Richtung ihrer Eltern folgte er ihr.

Der Raum hatte einen verwinkelten Grundriss und viele Dinge darin waren rosa. Ein typisches Mädchenzimmer. Eine weitere Treppe führte hinauf zu einer Bettstatt. Um eine Zimmerecke verlief ein Schreibtisch. Auf dem Bildschirm des Computers entdeckter er bereits das Startbild des Spiels und zwei Kontroller lagen auf dem Tisch bereit. Sie setzten sich davor und er griff nach einem davon. Ebendiesen wollte auch Marinette nehmen und als sich ihre Hände berührten, zogen sie sie zeitgleich und verlegen wieder zurück. Der zweite Anlauf verlief genauso, bis sie es schließlich schafften, sich vorlehnten und starr geradeaus auf den Monitor blickten. Er versuchte etwas Smalltalk, denn für ein paar Minuten herrschte peinliches Schweigen. „Deine Eltern sind sehr nett.“

„Oh, ja sind sie, aber manchmal …“ Sie lehnte sich etwas zurück und wollte gerade fortfahren, als sie an Adriens Rücken vorbeischaute und Tikki entdeckte, die sich mit einem gerahmten Foto von Adrien abmühte, welches sie vergessen hatten zu verstecken. Panisch entfuhr ihr ein erstickter Schrei und sie schnappte sich das Bild, um es mit einer zügigen Bewegung hinter sich zu werfen und so zu tun als kratze sie sich nur am Kopf.

„Manchmal was?“, fragte Adrien verwundert und wandte sich vom Bildschirm ab um sie anzuschauen. Doch sie wurden abgelenkt, als Marinettes Vater in der Bodenklappe erschien, ein Tablett mit frischen Croissants in der Hand. Adriens Augen leuchteten, als er das sah, denn das Gebäck duftete herrlich. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Doch Marinette schickte ihren Vater energisch hinaus. Es war ihr sichtlich peinlich und sie seufzte.

„Manchmal sind meine Eltern ganz schön neugierig“, beendete sie ihren angefangenen Satz. Er lächelte, aber innerlich war er niedergeschlagen. Sowas kannte er von zu Hause nicht. Im Gegenteil, sein Vater interessierte es nicht was er so trieb, solange er seine vorgeschriebenen Termine einhielt.

Sie trainierten eine Weile und so sehr er sich auch anstrengte, sie gewann jedes Mal mit Leichtigkeit. Es war frustrierend, aber als er sie darauf ansprach, ruderte sie verzweifelt zurück und versuchte ihr Talent herunterzuspielen. Doch dann tat sie etwas, was ihn verblüfft hatte. Sie gestand ihm peinlich berührt, dass einfach nur Glück hatte und zeigte ihm ein selbstgemachtes Perlenarmband, ihren Glücksbringer. Sie bot ihm sogar lächelnd an, es selbst zu probieren. Er war von dieser Geste so überrumpelt, dass es einfach nur sprachlos entgegen nahm. Dann platzten Marinettes Eltern zum insgesamt dritten Mal herein. Und diesmal traute er sich nach einer Pause zu fragen, denn Marinettes Mutter hatte ihnen eine Quiche gebacken und er hatte wirklich Hunger bekommen bei all den leckeren Düften, die das Haus durchströmten. Er wusste natürlich, dass sie eine Bäckerei im Erdgeschoss betrieben, aber der Geruch machte alles so gemütlich und familiär. Er fühlte sich ziemlich wohl hier und wünschte sich insgeheim, dass es zu Hause auch so sein könnte.

Sie saßen im Park auf einer Bank und das war das beste Essen, das er seit langem genossen hatte. Marinette wirkte abwesend, sie hatte ihr Stück Quiche nicht angerührt und entschuldigte sich fast unentwegt für ihre Eltern. Aber er fand, dass es dazu keinen Grund gab. Denn er beneidete sie dafür. Ihre Eltern waren nur neugierig und interessiert an ihrem Leben. Was sollte schlimm daran sein? Sie liebten sie. Frisch gestärkt und mit dem guten Gefühl, das ihm das Perlenarmband in seiner Hand vermittelte, wollten sie das Training fortsetzen. Doch auf einmal erschien ein riesiger Roboter und griff sie an. Adrien schwante Böses. Nachdem der Angreifer sein großes, grünes Auge auf sie gerichtet hatte und einen Laserstrahl abfeuerte, von dem sie gesehen hatten, dass er Menschen absorbierte, stieß Adrien Marinette von der Bank auf den Boden und warf sich schützend über sie. Sie wurde rot und rührte sich nicht. Sie blickte ihn nur mit ihren blauen Augen an, das schwarze Haar leicht zerzaust von dem Sturz. Zwischen ihren Gesichtern war nur eine Hand breit Platz und er zog mit jedem Atemzug ihren süßen Duft ein. Frischgebackene Kekse, Karamell und Vanille. Sie roch nach Geborgenheit und auch er spürte, wie ihm ein Hauch von Röte in die Wangen stieg.




Er musste unwillkürlich an das Gespräch mit Plagg denken. Sie war das einzige Mädchen, welches er kannte, das Ladybug so ähnlich sah. Es war verblüffend, aber nicht zu übersehen, jetzt wo er so lange darüber nachgedacht hatte. Aber das war sicherlich nur ein dummer Zufall. Er sah sie jeden Tag in der Schule und er betrachtete sie nicht nur als Mitschülerin, sondern auch als eine Art Freundin. Aber jetzt durchströmte ihn ein seltsames Gefühl. Eine ungekannte Sympathie überkam ihn. Er lächelte warm, blickte sie gut gelaunt an und seine Augen strahlten, als er fragte: „Hast du Lust zu tanzen?“ Und bevor sie etwas antworten konnte, hatte er ihr das Glas abgenommen und zog sie sacht an der Hand zu den andern, die sich begeistert zu der Musik bewegten.

Alya klappte die Kinnlade herunter und sie stieß Nino abwesend in die Seite. Er, eine Hand am Mischpult und mit der anderen die Kopfhörer an seinem Ohr haltend, blickte verwirrt auf. Alya deutete nur stumm auf ihre Gäste. Nun sah auch Nino, was sie meinte und lächelte breit. Adrien und Marinette tanzten einander gegenüber und was noch besser war, sie unterhielten sich hin und wieder kurz miteinander.

Es war gar nicht so schlimm wie Marinette gedacht hatte. Sie war verblüfft. Mit der Musik von ihrem Lieblingskünstler war sie vertraut, sie kannte sich damit aus und fühlte sich sicher. Und darüber hinaus hatte sie auch kein Problem zu sprechen, nicht einmal mit Adrien. Es war leicht. Warum fiel es ihr sonst so schwer? Weil sie sonst nicht wusste, worüber sie mit ihm sprechen sollte? Weil sie ohne die Musik nichts hatte, was sie beruhigte oder entspannte in seiner Gegenwart? Sie wusste es nicht. Unsicher wurde sie nun nur noch, wenn er sich nah zu ihr herüber beugte um neben ihrem Ohr etwas zu ihr zu sagen. In diesen Momenten stand die Zeit für sie still und ging erst weiter, als sich Adrien wieder zurück lehnte. Sie sprachen über alles Mögliche: die besten Lieder, die Alben und seine Konzerte. Die Zeit hatten sie völlig vergessen und bemerkten auch nicht das nach drei Liedern des Künstlers wieder andere Musik gespielt wurde, bis plötzlich alles um sie herum langsamer und gediegener tanzte und sich Paare bildeten. Sogar Nino verließ sein Pult und schnappte sich Alya, die kurz mit den Augen rollte, dann aber etwas zögerlich ihre Arme auf seine Schultern legte und lächelte.

Adrien sah sich etwas verhalten um, alle hatten sich schon zusammengefunden. Er beobachtete kurz, was sie taten und ging dann langsam auf Marinette zu. Mit jedem Zentimeter, den er an Abstand verlor, wurden ihre Augen immer größer. Etwas zögerlich legte er seine Hände an ihre Taille und spürte wie sie unter seiner Berührung kurz zusammenzuckte. Marinette atmete tief durch und verschränkte ihre Hände zaghaft in seinem Nacken. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, aber sie sagte sich, sie hatte es geschafft mit ihm zu reden, sie hatte mit ihm getanzt und nun würde sie auch das überstehen. Hatte sie das nicht immer gewollt? Ihm nahe sein? Ihr Herz drohte abzuheben, so schnell pochte es. Ausnahmsweise, fühlte sie sich einmal mutig und abenteuerlustig, ein Gefühl , das sie sonst nur als Ladybug kannte. Sie musste grinsen, als sie sich vorstellte, wie sie sich als Ladybug in dieser Situation verhalten würde. Sie wäre als Marinette furchtbar gern so selbstbewusst, aber das schaffte sie nur selten. Abgelenkt von ihren Gedanken wäre sie beinahe gestolpert, als sich ihr Fuß in einer Teppichkante verfing. Doch da sie die Arme beide um Adriens Nacken geschlungen hatte, konnte sie sich nicht richtig abfangen. Sie lehnte sich mit dem Kopf an seine Schulter und ihr Griff wurde reflexartig etwas enger. In der Hoffnung, dass er den Fehltritt nicht bemerkt hatte, versuchte sie es so natürlich wie möglich aussehen zu lassen, schloss die Augen und verfluchte ihre eigene Tollpatschigkeit.

Überrascht von diesem Vorstoß weiteten sich Adriens Augen. Sie hatte ihn ohne Vorwarnung enger an sich gezogen und nun lag ihr Kopf an seiner Brust. Erst wusste er nicht recht, was er tun sollte. Aber es fühlte sich sehr gut an, wie sie sich an ihn drückte. Auch er umschlang sie nun fester und drückte seine Nase in ihr Haar. Den süßen Duft, den er einatmete, löste bei ihm ein Gefühl von Wärme und Sicherheit aus. Er konnte es sich nicht erklären, aber so hatte er noch nie empfunden. Es war eine Art Zuneigung, eine Verbindung, unmöglich zu beschreiben. Nie zu vor war er ihr so nah gewesen. Sie, die kleine, tollpatschige Marinette, die immer stammelte und stotterte, wenn sie mit ihm sprach. Jetzt in diesem Moment war sie so anders, er erkannte sie fast gar nicht wieder.

Die letzten Töne des Liedes klangen aus und Nino ergriff wieder das Mikrofon. „Leute, wer möchte, dass Alya jetzt ihre Geschenke auspackt?“

Nur langsam lösten sich die Paare voneinander, gaben dann aber Kund, dass sie einverstanden waren. Alya setzte sich auf das Sofa und einer nach dem anderen holte sein Geschenk und überreichte es ihr zum Auspacken. Marinette setzte sich in Alyas Nähe und beobachtete sie lächelnd. Sie zitterte zum Glück nicht mehr so heftig. Nachdem sie sich von Adriens warmen Körper gelöst hatte, fühlte sich die Luft um sie herum furchtbar kalt an.

Als Alya alle Geschenke ausgepackt und sich bedankt hatte, stand Adrien etwas unschlüssig vor ihr und reichte ihr den Umschlag, den er die ganze Zeit mit sich herumgetragen hatte. Überrascht sah Alya ihn an, als hätte sie von ihm nichts erwartet. Sie zog den Gutschein heraus und quietschte vor Freude. „Vielen Dank! Da wollte ich schon immer mal einkaufen gehen.“ Erfreut lächelte Adrien sie an.

Marinette spähte herüber und war etwas neidisch auf Alya. Sie verehrte Gabriel Agreste und hätte diesen Gutschein auch toll gefunden. Ihre Freundin stupste sie überschwänglich an: „Du musst unbedingt mitkommen und mir beim Aussuchen helfen!“, sagte Alya glücklich. Freudestahlend trug sie das Geschenk zu ihrem Tisch: „Ich lege ihn gleich neben deine Tasche, da finde ich bestimmt etwas Passendes, um sie demnächst auszuführen.“

Neugierig beäugte Adrien den Tisch. Die Tasche war ihm vorher schon aufgefallen, aber er hätte nicht gedacht, dass es eine war die Marinette gemacht hatte. Natürlich wusste er, dass sie Kleidung entwarf und herstellte. Aber fertige Arbeiten hatte er bisher nur eine gesehen. Es juckte ihn immer in der Nase, wenn er an die federbesetzte Melone dachte, die Marinette im Zuge eines Wettbewerbes designt und gefertigt hatte. Er ging hinüber und betrachtete sie eingehend. Sie war sehr schön und hätte auch von einem großen Modehaus sein können. Ja, sie könnte sogar seinem Vater das Wasser reichen.

Plagg lugte aus seinem Hemd heraus und schaute ihn skeptisch an. „Sag mal Adrien, was war denn das eben?“

„Was meinst du?“, flüsterte er, tat so, als wisse er nicht, wovon er sprach und versuchte sich so hinzustellen, dass niemand auf den Gedanken kam, er führe Selbstgespräche.

„Gerade beim dem Tanz hattest du einen Herzschlag wie ein Presslufthammer. Und dabei war es nicht Ladybug, mit der du getanzt hast.“ Er wackelte frech mit den Augenbrauen und grinste verschwörerisch.

Genervt verdrehte er die Augen. „Sie ist nur eine Freundin.“

„Das hast du schon mal gesagt. Aber ich glaub dir das nicht wirklich, weil du es nicht mal selbst glaubst.“

Elender Besserwisser. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger schob er den kleinen Kwami wieder zurück in sein Hemd, ohne darauf zu antworten.

Alle zuckten zusammen, als ein durchdringendes Klingeln die Stille durchbrach. Auch Adrien war kurz abgelenkt und schaute zur Tür.

Mit einem verwunderten: „Wer das bloß ist?“, ging Ayla unter den Blicken aller zur Wohnungstür und öffnete sie.

Dort stand allerdings niemand, also wollte sie hinunter zur Haustür gehen und nachsehen. „Ich bin gleich wieder da“, sagte sie noch bevor sie die Tür hinter sich offen ließ.

Sie war nur wenige Sekunden weggewesen, als ein lautes Krachen die gespannte Stille durchbrach. Entsetzt quiekten einige der Mädchen, vorne dran Myléne, die schon immer die Ängstlichste war. Sie drückte sich hilfesuchend an Ivan, der die gigantischen Pranken um sie legte. Rose und Juleka hatten sich an die Hand genommen und schauten sich unsicher um. Selbst der mutige Kim blickte erschrocken drein. Die anderen standen mehr oder weniger paralysiert da. Bis auf Nino der nun ebenfalls durch die Tür verschwand.

Marinette, die sich unheimliche Sorgen um Alya machte, schlich sich hinüber zur Balkontür, in der Hoffnung niemand würde ihr Fehlen bemerken. Ein Glück verdeckten große, schwere Vorhänge den Blick nach draußen. Sie schloss die Tür leise hinter sich. Sie spähte vorsichtig über den Rand des Geländers und wusste instinktiv, dass da etwas im Busch war. Ein Blick in ihre Tasche verriet, dass auch Tikki alarmiert war. „Was ist hier los?“, fragte sie besorgt.

„Ich vermute, es ist nichts Gutes. Wir müssen nach Alya sehen. Tikki verwandel mich.“ Es war jedes Mal ein berauschendes Gefühl, wenn Tikki in ihren Ohrringen verschwand und sie sich verfärbten. Innerhalb weniger Sekunden schloss sich der enge, rote Anzug mit den schwarzen Punkten um ihren Körper und eine passende Maske verschleierte ihre Identität. Ihre Waffe, ein Jojo, schlang sich griffbereit um ihre Hüfte. Die Kraft die sie verspürte, wenn sie Ladybug wurde, war phänomenal und verlieh ihr nicht nur Stärke und Schnelligkeit, sondern brachte auch andere Eigenschaften zum Vorschein. Mut und Kreativität zeichneten jetzt ihren Kampfstil und ihre Persönlichkeit aus. Sie sprang mit Leichtigkeit auf das steinerne Geländer des Balkons und schaute hinunter.

 

 

 

Von ihrem Aussichtspunkt aus sah Ladybug eine Limousine auf der Straße stehen. Sie kam ihr vage bekannt vor. Die Person, die breitbeinig auf ihrem Dach stand, konnte sie allerdings nicht erkennen, denn dafür war es zu dunkel. Auf der gegenüberliegenden Seite, unter dem Balkon auf dem sie saß, direkt unter dem Schein einer Laterne, sah sie einen riesenhaften Kerl, gebaut wie ein Schrank, der eine seltsame Hautfarbe angenommen hatte, ein ziemlich grelles violett, der sich auf dem Boden krümmte und den Bauch hielt, als hätte er schreckliche Krämpfe. Unmittelbar daneben stand ein Auto, dass sie sofort erkannte. Mit diesem Wagen wurde Adrien immer chauffiert. Auf der anderen Seite des Autos entdeckte sie eine verstörte Chloé, die am Boden lag und abwehrend die Hände hob, während sie versuchte von der Angreiferin weg zu robben und Schutz in der Nähe der Hauswand zu finden. Alya und Nino klammerten sich eng aneinander und drückten sich geduckt in den Hauseingang. Das Szenario war so abstrus, dass sie nur den Kopf schütteln konnte. Die Puzzelteile wollten einfach noch nicht an ihren Platz fallen. Aber eines wusste sie sicher. Hier wurde sie gebraucht. Ladybug ahnte, dass es sich bei dem Unruhestifter auf dem Autodach erneut um eine akumatisierte Person handelte, die höchstwahrscheinlich wegen Chloé verwandelt worden war. Sie wäre ja nicht die Erste, die Rache an ihr nehmen wollte, um ein Unrecht zu sühnen, welches sie oder ihr Vater ihr angetan hatten. Sie seufzte tief. Anders ließ sich die Szene vor ihr wirklich nicht interpretieren.

Die Unbekannte sprang nun von dem Dach, überquerte die Straße und lief langsam auf die verängstigte Chloé zu. Nun konnte Ladybug mehr von ihr erkennen. Es war eine Frau. Durch ihre überwiegend schwarzen Haare zogen sich violette Strähnen und sie standen spitz in alle Richtungen ab. Sie trug eine schwarze Kopfbedeckung, die einer Haube glich, wie es Krankenhauspersonal normalerweise trug. Ihre Haut schimmerte in einem ungesunden grün, die Augen und der Mund waren dramatisch und dunkel verfärbt. Der zierliche Körper steckte in einem ärmellosen schwarzen Kittel, der knapp oberhalb der Knie endete. Um den Hals schlang sich ein dünner Strick, eine Kette vielleicht? Es war schwer zu erkennen, da es sich farblich kaum von ihrer Kleidung abhob. Es war nur etwas Silbriges an den Enden zu erahnen, die auf ihrer Brust ruhten. Sie trug schwarze Stiefel und lange schwarze Handschuhe, die bis über die Ellenbogen reichten. Aber anstelle von Händen hatte sie pistolenartige Gebilde, geladen mit langen, spitzen Nadeln, mehrere Zentimeter lang und bedrohlich, die sie auf Chloé gerichtet hielt. Gerade als Ladybug herunterspringen wollte um einzugreifen, bemerkte sie jemanden, der hinter ihr die Balkontür öffnete. Ihr Herz machte einen Satz, als sie erkannte, wer es war. Mit geweiteten Augen trat Adrien heraus auf den Balkon. Ladybug hielt inne und ihr stockte erschrocken der Atem, als sie den Blick unverwandt auf ihn gerichtet hielt. Unbewusst klammerten sich ihre Finger fester um die Kante des Balkongeländers auf dem sie hockte, als fürchtete ihr Körper das Gleichgewicht zu verlieren.

„Ladybug“, hauchte er überrascht und ein zartes Lächeln umspielte seine Lippen. Sie war hier? Er spürte, wie ihm die Knie weich wurden und wie das Blut in seinen Ohren rauschte. Seine Wangen brannten und selbst ohne einen Spiegel vor sich, war ihm klar, dass er errötete. Als Cat Noir, konnte er seine Gefühle hinter flotten Sprüchen verstecken, aber als Adrien gelang ihm das nicht so gut. Ihm war ganz flau im Magen und er wusste nicht so Recht, was er sagen sollte.

„Tut mir leid“, sagte Ladybug aufrichtig bedauernd. Ihr Atem ging rasch vor Aufregung und dem Adrenalin, das ihr Körper, in Aussicht auf den Kampf, bereits durch ihre Adern pumpte. Ihren Wangen glühten. „Ich hab jetzt keine Zeit. Geh bitte zurück und sag den Bewohnern in diesem Haus, ich kümmere mich um die Unruhe auf der Straße. Sie sollen alle drin bleiben!“, schloss sie nervös aber bestimmt und sprang vom Balkon. Adrien stürzte ein paar Schritte nach vorn und starrte mit leuchtenden Augen auf die Stelle, wo sie eben noch gestanden hatte.

Plagg schlüpfte aus seinem Hemd und sah ihn erwartungsvoll an. „Was wird denn das?“

„Woher wusste sie, dass genau hier Gefahr im Verzug war?“ Adrien schien ihn gar nicht zu beachten. Sein Blick war leicht glasig und er schien abwesend.

„Was ist los mit dir? Helfen wir ihr nicht?“ Normalerweise hatte Plagg wenig Lust zu kämpfen, aber heute musste er Adrien zur Abwechslung mal in den Hintern treten. Dieser dachte nach und beschloss unsicher und mit zittriger Stimme: „Wir tun was sie gesagt hat und kümmern uns erst um die anderen, dann stoßen wir zu ihr.“

Plagg war nicht wohl bei dem Gedanken. Jede Minute war meist kostbar, wenn es darum ging einen Bösewicht zu bekämpfen und konnte somit das Zünglein auf der Waage für Erfolg oder Misserfolg sein. Aber er wusste auch, dass er nichts tun konnte, solange Adrien die Verwandlung nicht beschwor.

Während Adrien in die Wohnung zurückkehrte, war Ladybug auf der Straße gelandet, direkt zwischen den Kontrahenten. Sie richtete sich auf und sprach den neuen Bösewicht sofort drohend an. „Halt! Keinen Schritt weiter!“

„Ladybug, endlich!“, rief Alya glücklich und zückte wie immer ihr Handy, um ja nichts zu verpassen und neues Material für ihren Blog zu gewinnen.

„Oh, du willst der kleinen Göre wohl helfen? Ich würde mir die Mühe sparen. Sie hat es nicht verdient!“ Gehässig blickte die neue Schurkin zu Chloé, die Waffen nach wie vor auf sie gerichtet. Und auf einmal, ohne Vorwarnung, feuerte sie los. Die Pfeile, die sie abschoss, hatten entfernt Ähnlichkeit mit Blasrohrpfeilen. Sie bestanden aus einer Nadel, einem schmalen Zylinder, der Flüssigkeiten in verschiedenen Farben enthielt und einem federbesetzten Ende. Ladybug wich ihnen mit ein paar gekonnten Sprüngen aus, schlug ein Rad mit nur einem Arm, mit dem anderen packte sie Chloé mitten in der Bewegung und verfrachtete sie hinter das Auto, das am Straßenrand parkte. Die immer im Wechsel ihrer Hände abgefeuerten Pfeile blieben zitternd im Asphalt der Straße stecken.

„Rette mich Ladybug! Ich habe ihr nichts getan.“ Chloé rüttelte ungeduldig am Arm ihrer Retterin herum und sah sie panisch an. Die blanke Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. Dass sie unschuldig sein sollte, bezweifelte Ladybug doch stark, auch wenn sie noch nicht wusste, was genau zwischen ihnen vorgefallen war. „Darüber reden wir nachher. Bleib hier!“ Die Heldin streckte sich ein wenig, um durch die Scheiben des Autos zu spähen, es war gefährlich den Gegner länger aus den Augen zu lassen. Doch die akumatisierte Frau war verschwunden und das konnte nichts Gutes bedeuten.

„Hier bin ich.“ Eine dunkle Gestalt stand plötzlich auf dem Dach des Autos, hinter dem sie sich versteckten und schaute zu ihnen hinunter. Ladybug stieß im Bruchteil einer Sekunde intuitiv und unsanft die Tochter des Bürgermeisters unter das Auto und sprang selbst in die entgegengesetzte Richtung, um mit dem dadurch gewonnen Abstand ihr Jojo abfeuern zu können. Ihre Gegnerin war damit erst mal von ihrem Opfer abgelenkt, blickte jedoch grimmig zu ihrer Gegnerin und feuerte gnadenlos weiter. Aber Ladybug blieb, solange sie diese beschäftigte, keine Zeit mehr über sie herauszufinden. Sie hatte auch noch keine Ahnung wer sie war und vor allem wo der Akuma stecken könnte. Wo blieb dieser verdammte Cat Noir? Es würde schwer, sie alleine zu besiegen.

„Gib auf Ladybug. Ich bin Black Nurse und in mir wirst du deine Meisterin finden.“ Die Frau grinste böse und attackierte sie unbarmherzig.

„Träum weiter.“ Entschlossen wich Ladybug den Angriffen aus und wehrte sich verbissen. Langsam aber stetig versuchte sie die Gefahrenquelle von den anderen wegzulocken. Aber immer wieder wandte sich der Feind um und beschoss das Auto, unter dem ein leises Wimmern zu vernehmen war. Und wieder musste Ladybug zurückkehren, um mit Hilfe des schnell kreisenden Jojos als Schutzschild, die Pfeile abzuwehren. Es war ein Teufelskreis, aus dem sie nicht wusste, wie sie herauskommen sollte. Sie kam nicht nah genug heran, um sie aus dem Verkehr zu ziehen, geschweige denn ihre Freunde und Chloé aus der Gefahrenzone zu bringen.

Adrien, der sich kurz nach Ladybugs Absprung dazu entschlossen hatte, als Cat Noir erst mal die anderen in Sicherheit zu bringen, trat nun aus der Haustür. Direkt neben ihm hockten Alya und Nino und dann sah er erst bedauernd zu seinem Bodyguard, der sich immer noch über den Boden rollte und erkannte dann geschockt in welcher Notlage seine Lady war. Mist, er hatte zu viel Zeit vergeudet.

„Gott sei Dank, da bist du ja. Ladybug braucht deine Hilfe!“, sagte Nino ängstlich und hielt leicht aus der Puste Ayla fest, damit sie sich nicht zu weit ins Getümmel stürzte.

Wurde aber auch Zeit, dass ihr Partner auftauchte, dachte sie erleichtert. Ladybug hatte gehört was Nino gesagt hatte und war nur einen Moment abgelenkt. Ihr Jojo wurde dabei nur geringfügig langsamer. Black Nurse bemerkte das allerdings sofort und erhöhte augenblicklich, mit einem fiesen Lächeln im Gesicht, die Frequenz ihrer Angriffe.

Und dann passierte es. Zwei der Pfeile trafen. Zuerst ein Querschläger der Chloés Bein erwischte, das unter dem Auto hervor geschaut hatte. Augenblicklich entleerte sich der Inhalt des Pfeils und es breitete sich von der Einstichstelle eine grässliche, grüne Farbe langsam über ihren ganzen Körper aus. Zu hören war auf einmal ein entsetzliches Würgen und Stöhnen. Mit einem unmissverständlichen Platschen hörte man, wie sich das Mädchen geräuschvoll erbrach. Angewidert verzogen die anderen Anwesenden das Gesicht. Die Angreiferin aber war überglücklich. „Siehst du? So fühlt es sich an, wenn man richtig Krank ist.“ Sie genoss sichtlich Chloés Leiden.

Der zweite Pfeil hatte Ladybug am linken Oberarm getroffen. Von dem Stich ausgehend spürte sie ein widerliches Gefühl, das vergleichbar damit war, wenn einem von zu langen Sitzen das Bein einschlief. Ihre Augen wurden groß und plötzlich verschwamm ihre Sicht. Erst das linke, dann das rechte Auge. Alles um sie herum wurde langsam aber stetig immer unschärfer. Sie erschrak und versuchte standhaft ihre Abwehr aufrecht zu erhalten.

Cat Noir hätte sich am liebsten geohrfeigt. Das war allein seine Schuld. „Ich komme My Lady“, presste er panisch hervor. Er sprang ihr bei und mit seinem wild kreisenden Stab gelang es ihm, die heransausenden Pfeile in Schach zu halten. Ladybug, die verzweifelt erkannte, dass der Pfeil in ihrem Arm im Begriff war ihr das Augenlicht zu nehmen, ließ nun im Schutz von Cat Noir, ihr Jojo sinken und zog mit der unversehrten rechten Hand schnell den Pfeil heraus. Sie untersuchte kurz mit den Fingerkuppen den Einstich. Zum Glück hatte sie den Auslöser entfernt, denn augenblicklich stoppte die Verwandlung. Sie war nicht vollkommen erblindet, sondern erkannte schemenhafte Umrisse und verschwommene Farben. Trotzdem hätte sie am liebsten vor Wut laut geschrien, das durfte doch jetzt nicht wahr sein.

„Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit, um mich mit euch zu beschäftigen. Es gibt da noch jemanden, den ich besuchen möchte. Hier bin ich erst mal fertig.“ Mit einem zufriedenen Blick auf die giftgrün angelaufene Chloé, die sich unter dem Auto hervor gekämpft hatte und immer noch widerliche Geräusche von sich gab, beendete Black Nurse den Angriff und sprang mit großen Sätzen davon.

Sie hatte sich noch nicht weit entfernt, da hörte sie in ihrem Kopf eine Stimme, die ungehalten brüllte: „Was soll das werden? Ich will ihre Miraculous! Kehr sofort um!“ Sie hatte sie erst einmal gehört, wusste aber, wem sie gehörte.

Auch wenn ihr der Befehl einen Schauer über den Rücken jagte, antwortete sie gelassen: „Keine Sorge, ich habe einen Plan. Sie werden zu mir kommen.“ Black Nurse war zuversichtlich, dass sie ihre Aufgabe zur vollen Zufriedenheit ausführen würde. Ladybug war getroffen, das waren gute Voraussetzungen.      

„Das will ich dir auch geraten haben.“, erwiderte die Stimme düster. Ein stechender Schmerz durchfuhr Black Nurse Körper. Das war eine Warnung… eine Warnung die ihr bedeuten sollte, bloß nicht zu versagen.


***



„Wo warst du so lange?“, fragte Ladybug etwas unwirsch und blickte in die Richtung, von der sie annahm, das dort Cat Noir stand. Mit seinem schwarzen Outfit hob er sich nicht wirklich in der Dunkelheit ab. Sie war wütend auf sich selbst, weil sie nicht aufgepasst hatte. Cat Noir, totenbleich und schuldbewusst, stand mit gesenktem Kopf da. „Verzeih mir“, krächzte er mit brüchiger Stimme. Selbst seine schwarzen Katzenohren hingen etwas herab.

„Ladybug, geht es dir gut?“ Alya stürzte, nun da die Gefahr vorbei war, besorgt auf sie zu, Nino im Schlepptau.

„Es geht schon.“ Sie antwortete schon etwas freundlicher auf die Frage des Mädchens, das fiel Cat Noir sofort auf und er schämte sich. Warum war er nicht sofort zu ihr gegangen? Dann wäre das alles nicht passiert. Aber er hatte gezögert …viel zu lange gezögert, weil er nicht wusste, wie er ihr gegenübertreten sollte, nachdem er erfahren hatte, dass sie ihn mit einem Kuss von Dark Cupids Bann befreit hatte. Und jetzt war sie wütend auf ihn. Den Blick gesenkt, stand er einfach da und wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. Hätte ihm doch Plagg bloß nie erzählt, was damals in Kampf gegen Dark Cupid geschehen war. Dann hätte es heute kein Problem gegeben und er wäre sofort zur Stelle gewesen. Andererseits, wollte er wirklich auf dieses Wissen verzichten? War es denn nicht der einzige Strohhalm, an den er sich im Moment klammern konnte?

„Aber der Pfeil!“, rief Alya bestürzt und begann die Wunde an ihrem Arm zu untersuchen. „Ich hab gesehen, dass du getroffen wurdest.“ Eine graue Färbung hatte sich über die linke Gesichtshälfte der Heldin ausgebreitet. Dort wo der Kampfanzug die Haut bedeckte, sah man davon nichts, aber in ihrem Gesicht wurde es deutlich. Selbst ihre Augen wurden von einem schwachen grauen Schleier überlagert. Sie blickte Alya auch nicht direkt an, wie man es normalerweise tat, wenn man sich mit jemandem unterhielt, sondern ihren Kopf hielt sie unbestimmt in eine Richtung und neigte ihr eher das Ohr zu, um zu hören, was sie sagte. Da erkannte das Mädchen was mit ihr passiert war. „Oh Gott Ladybug, hat sie dich geblendet?“

„Nicht ganz“, gab sie kleinlaut zu und bemühte sich Alya direkt anzuschauen und zu verbergen wie es um sie stand, sie durfte keine Schwäche zeigen. „Es ist nicht schlimm. Mir geht es gut. Wenn wir den Akuma haben, ist alles wieder normal. Das hat jetzt oberste Priorität.“

„Oh mein Gott, Chloé!“ Ein Mädchen stürmte aus dem Auto, auf dem Black Nurse zu Beginn gestanden hatte und eilte auf die Gruppe zu. Sie hob das grün-verfärbte Mädchen auf und versuchte etwas angeekelt ihr Gesicht nicht zu berühren, hielt ihr aber treu den Oberkörper aufrecht und die Haare aus dem Weg, wenn eine neue Übelkeitswelle sie überkam.

„Sabrina!“, riefen Alya und Nino im Chor.

„Was habt ihr hier überhaupt gemacht?“, fragte nun Alya vorwurfsvoll und schaute misstrauisch zu den beiden Mädchen, die Hände in die Hüften gestemmt.

„Das würde mich auch interessieren. Warum war Black Nurse hinter euch her?“, ergänze Ladybug in einem ziemlich barschen Tonfall.

Chloé konnte nicht antworten, aber Sabrina gestand von Ladybugs Anwesenheit eingeschüchtert und verlegen: „Wir hatten gehört, dass hier eine Party ohne uns stattfinden soll und Adrien hier sein würde. Chloé konnte den Gedanken nicht ertragen, dass er den Abend allein mit euch verbringen muss und wollte ihn abholen.“

Ladybug rollte genervt mit den Augen. So war das also.

„Wie bitte?“ Alya stand fassungslos da, die Kinnlade heruntergeklappt, Nino knapp hinter ihr, den Kopf ungläubig schüttelnd. Nur Cat Noirs Miene war undurchdringlich, steif stand er da und bewegte sich nicht. Seine Gedanken waren ganz woanders.

„Das erklärt aber nicht, warum sie dich angegriffen hat“, sagte Ladybug ungeduldig. Sie wollte die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. „Was ist heute passiert? Und lasst nichts aus!“

Sabrina begann zu erzählen. Von ihrem Schultag, Chloés Sportunfall und das sie beschlossen hatten her zu fahren, nachdem sie von der Party erfahren hatten. Im ersten Moment war nichts Ungewöhnliches dabei gewesen, was eine Verwandlung durch einen Akuma erklärt hätte. Ladybug überlegte Fieberhaft. Sie nannte sich selbst Black Nurse und ihr Outfit erst …eine Ärztin oder eine Schwester? Dann fiel der Groschen. „War Chloé nach dem Unfall bei der Schulkrankenschwester gewesen?“, fragte Ladybug, obwohl sie die Antwort schon zu kennen fürchtete.

„Ja“, antwortete Sabrina etwas abschätzig. Plötzlich regte sich Chloés Körper und sie versuchte zwischen dem Würgen etwas herauszubringen. Aus dem undeutlichen und unverständlichen Genuschel, stetig unterbrochen von gequältem Stöhnen, destillierte Ladybug das Wort: „Inkompetent“. Irgendetwas musste zwischen ihr und Schwester Lucie passiert sein.

„Sag bloß, sie ist wegen der da suspendiert worden?“, fragte Alya und deutete wütend mit einer Handbewegung auf die sich windende Blondine am Boden. „Uncool!“, ergänzte Nino mit verschränkten Armen.

Ladybug spitzte die Ohren und redete leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen. „Suspendiert soso. Da haben wir Motiv und Täterin gefunden. Das heißt unter Garantie, das auch der Bürgermeister in Gefahr ist.“ Das war so typisch. Sie konnte langsam nicht mehr zählen in wie viele Fälle Chloé oder ihr Vater verwickelt gewesen waren. Besser gesagt, an wie vielen Akumatisierungen die beiden schuld waren.

Chat Noir, der dem Gespräch mehr abwesend als aktiv gelauscht hatte, fügte tonlos nun doch etwas hinzu: „Und der Schuldirektor wahrscheinlich auch.“

„Das macht es nicht einfacher, denn wir haben nicht viel Zeit herauszufinden, wo sie zuerst hingeht“, überlegte seine Partnerin angestrengt. „Wir sollten uns aufteilen“, beschloss sie an Cat Noir gewandt.

„Nein!“, sagte dieser bestimmt, fuhr herum, packte sie an den Schultern und schaute sie aus traurigen, grünen Katzenaugen an. „Ich lasse nicht zu, dass du allein gegen sie kämpfst.“

„Aber wenn wir uns falsch entscheiden …“, begann sie.

„Aber nur gemeinsam können wir es schaffen. Wir müssen das Risiko eingehen. Mal davon abgesehen, dass du nicht gerade in der Lage bist, allein gegen sie zu kämpfen“, unterbrach er Ladybug, fest entschlossen sie zu beschützen.

Sie nickte wiederwillig, der Gedanke behagte ihr nicht sehr. „Ihr kümmert euch um die Beiden“, sagte sie zu Nino und Alya. „Geht rein und bleibt da. Keiner verlässt die Wohnung. Wir müssen los.“

„Viel Glück“, wünschten ihnen die Freunde und verschwanden mit der kränkelnden Chloé im Hauseingang, dicht gefolgt von Sabrina.

Ladybug wandte sich an Cat Noir und fragte: „Wohin?“

Er überlegte einen Moment: „Der Bürgermeister. Er hat den Direktor dazu gedrängt. Zu ihm wird sie als Nächstes gehen.“

„Wie du meinst. Hoffen wir, dass wir nicht zu spät kommen“, sagte Ladybug und nahm ihr Jojo in die Hand um damit über die Dächer davon zu fliegen, wie sie es sonst immer tat. Ungeschickt warf sie es aus. Es flog ein paar Meter und fiel dann klappernd zu Boden. Unschlüssig stand sie da und überlegte, wie sie es am besten anstellen sollte. Im Licht der Laterne hatte sie weitestgehend sehen können, was sie tat, aber außerhalb des Lichtes, sah sie so gut wie nichts.

„Warte, lass mich dir helfen.“ Cat Noir zückte seinen Stab, bückte sich vor sie und bot ihr seinen Rücken an.

„Muss das sein?“, fragte sie mit wehleidiger Stimme. Sie fand es furchtbar so hilflos zu sein. Mit einem leisen Stöhnen kletterte sie schließlich ungeschickt auf seinen Rücken, umklammerte ihn mit beiden Armen und verschränkte die Hände vor seiner Brust. Dabei klingelte sacht das Glöckchen an seiner Jacke, als sie es streifte. Augenblicklich fuhr der silberne Stab aus, hob sie in die Lüfte und sie flogen durch die Nacht.

Es war ihr unangenehm. Sie hasste diese Hilflosigkeit. Und etwas nahm sie es Chat Noir schon übel, dass er erst so spät aufgetaucht war. Andererseits war sie es ja von ihm gewöhnt. Aber Schuld war sie selbst an ihrer Situation, weil sie sich hatte ablenken lassen. Wie sie so durch das nächtliche Paris flogen, unterbrochen nur in regelmäßigen Abständen, in denen Cat Noir seinen Stab neu am Boden aufsetzte, wunderte sie sich, dass er so still war. Normalerweise wäre schon lange ein dummer Spruch, ein Katzenwitz, ein Flirtversuch oder dergleichen gekommen, aber nichts. Absolute Stille, bis auf das leise -Klonk-, wenn der Stab am Boden aufschlug. Das war unheimlich.

„Bist du sicher, dass du nichts abbekommen hast?“, fragte sie so beiläufig wie möglich. „Einen Pfeil, der dir den Humor genommen hat oder so.“ Sie versuche es etwas witzig rüber zu bringen, in der Hoffnung ihn damit aufzumuntern. Er verzog keine Miene und antwortete nur knapp: „Nein.“

Was war los mit ihm? Hatte sie ihn vorhin zu schroff angefahren? Schuldbewusst beschloss sie, dass es wahrscheinlich besser war, das vor dem Kampf auszudiskutieren. Andernfalls könnte es Probleme geben. „Kätzchen, was ist los?“, fragte sie vorsichtig.

„Es liegt nicht an dir“, sagte der Kater mit brüchiger Stimme. Obwohl… natürlich war er geknickt ihretwegen. Er war verwirrt wegen des Kusses, an den er sich nicht erinnern konnte, schuldbewusst wegen dem daraus resultierenden Zuspätkommen zum Kampf, weil er sich zu viele Gedanken gemacht hatte und der daraus folgenden Verwundung von Ladybug, der Frau, die er liebte und eigentlich beschützen wollte. Verdammtes Gefühlschaos. Früher hatte er mal geglaubt, das beträfe nur Frauen und keine Männer. Aber das alles konnte er ihr natürlich so nicht sagen. Er konnte sie nicht darauf ansprechen. Sie ging davon aus, dass er sich nicht erinnerte, was unter der Verwandlung von Dark Cupids Pfeil passiert war. Und sie empfand ja auch nichts für ihn. Warum interessierte es sie überhaupt wie es ihm ging? Wahrscheinlich war es nur eine Anstandsfrage gewesen, mutmaßte er traurig.

Die nachfolgende Stille war für Ladybug unerträglich. Der Tag versprach langsam eine Katastrophe zu werden. Schicksalsergeben hatte sie den Kopf auf seine Schulter gebettet und die Augen geschlossen, dabei spürte sie sein weiches Haar an ihrer Wange. Sie betete stumm, dass wenn das alles vorbei war, er wieder der Alte sein würde und seine üblichen Späße machte. Normalerweise nervte er sie damit, aber heute stellte sie fest, dass es ihr irgendwie fehlte. Mehr als sie je zugegeben hätte. Es gehörte zu ihren Kämpfen dazu, zu ihm. Es war ihr nie so bewusst gewesen wie jetzt, wie sehr sie ihn eigentlich brauchte und mochte.

„Wir sind da“, sagte er leise und drehte den Kopf leicht zu ihr. Sie blickte langsam auf. Er landete auf dem Rand eines Gebäudes gegenüber des Hotels, das Chloés Vater gehörte. Es war prunkvoll und hell erleuchtet, sowohl durch die großen Fenster, als auch durch zahlreiche Scheinwerfer, die die Fassade in Szene setzten. Und schon von ihrem Aussichtspunkt aus wussten die beiden Helden, dass sie zu spät waren.

 

 

 

Cat Noir versuchte zunächst aufmerksam das komplette Ausmaß und die Gesamtsituation zu erfassen. Das Bild, welches sich dem Helden bot, hatte er so nicht erwartet. Sie hatten in all der Zeit, in der sie schon zusammen kämpften, einiges gesehen. Aber Black Nurse`s Stil hatte es in sich. Sie stand aufrecht, geradezu erhaben und mit überschäumender Selbstsicherheit im Rahmen eines großen Fensters im dritten Stock des Hotels. Das schwarze Gitter, das normalerweise bei jedem der Zimmer als schmaler Balkon diente, war herausgerissen worden und lag achtlos auf der Straße. Die Schurkin balancierte leicht und geschmeidig, fast wie ein Akrobat, auf einem langen Brett - einer großen Tischplatte, wie Cat Noir vermutete. Diese war im Inneren des Zimmers mit einem riesigen, massiven Kleiderschrank beschwert, sodass eine Art Planke entstand, wie man sie in Piratenfilmen klischeehafterweise immer zu sehen bekam. Am anderen Ende der Planke, das in gefährlicher Höhe über der Straße leicht schwankte und bei jeder Bewegung der darauf befindlichen Person bebte, stand der Bürgermeister und zitterte selbst wie Espenlaub, wirkte stark desorientiert und lief Schlangenlinien.

Black Nurse kam hinter ihm langsam und bedrohlich näher, die Waffen unverwandt auf ihn gerichtet, ein triumphierendes Lächeln auf den dunklen Lippen. „Bürger von Paris, wo bleiben nun eure Helden? Ich glaube, lange schafft es Bürgermeister Bourgeois nicht mehr, sich zu halten.“ Sie lachte ausgelassen und machte eine dramatische Pause bevor sie düsterer, aber wesentlich lauter mit schwindender Geduld weitersprach. „Ladybug und Cat Noir, wenn ihr mich hört, gebt mir eure Miraculous und ich lasse ihn gehen“, verkündete sie und blickte sich aufmerksam um, als rechnete sie jeden Moment mit einem Angriff.

Der Bürgermeister drehte und wendete sich währenddessen immer wieder verwirrt um und knickte auch des Öfteren ein. Offenbar wurde auch er von einem Pfeil getroffen. Es schien, als hätte er keinen Gleichgewichtssinn mehr. Mit seinen scharfen Katzenaugen erkannte Cat Noir, dass auch seine Haut seltsam verfärbt war, ebenso wie bei Chloé und teilweise bei seiner Lady. Seine leuchtete in einem unheimlichen Gelbton. Das bestätigte schließlich seinen Verdacht. Entweder mochte Black Nurse große, dramatische Auftritte oder es war eine Falle mit dem Bürgermeister als Köder. Doch er hatte noch keine wirkliche Vorstellung, wie diese genau aussehen sollte. Beunruhigt ließ Cat Noir den Blick schweifen. Sein Atem ging etwas rascher und er spannte jeden Muskel an.

Unten auf der Straße hatte sich derweil schon eine beachtliche Menschenmenge gebildet. Die Presse, allgegenwärtig und sensationslüstern, war in der ersten Reihe vertreten, ihre Kameras gespannt auf die Szene gerichtet. Aufgeregt rufende Feuerwehrleute und geschäftige Rettungssanitäter rannten, wie aufgescheuchte Ameisen, hin und her und versuchten zwischen all den Leuten ein Sprungtuch aufzubauen für den Fall, dass der Bürgermeister abstürzte. Abgeschirmt und ergänzt wurde das Geschehen nur noch durch ein paar Polizisten, die Absperrungen errichteten, um die Zivilisten und Reporter von den helfenden Instanzen fern zu halten. Damit hatten sie alle Hände voll zu tun.

„Was ist los?“, frage Ladybug, die sich noch auf Cat Noirs Rücken befand und dessen Hals umklammert hielt, etwas unsicher. So sehr sich anfangs alles in ihr gesträubt hatte, sich von ihm tragen zu lassen, einfach weil sie sich an eine gewisse Unabhängigkeit gewöhnt hatte, so sehr wollte sie sich jetzt nicht von ihm entfernen. Als fürchtete sie ihn gänzlich zu verlieren, sobald sie losließ. Die Ereignisse des Abends verunsicherten sie gerade auf mehreren Ebenen. Das Gefühl nur eingeschränkt sehen und entsprechend handeln zu können, war ärgerlich und vordergründig hinderlich, würde aber hoffentlich nur von kurzer Dauer sein und wieder behoben, sobald der Kampf vorbei war. Das frostige Verhältnis zwischen ihr und ihrem Partner war da ein anderes Kaliber und diese Sorge fraß sich tiefer hinter ihre Fassade, als sie es je für möglich gehalten hätte. Geschweige denn, dass sie sich das je in diesem Maß eingestanden hätte. Sie musste sich stark konzentrieren um den Schauer zu unterdrücken, der ihren Körper durchfahren wollte. Unbewusst krallten sich ihre Finger dabei in Cat Noirs Brust. Sie war Ladybug, die kampferprobte Heldin von Paris und durfte jetzt nicht die Nerven verlieren. Nach wie vor war es die Hoffnung, dass nach dem Kampf alles wieder gut sein würde, das, was sie aufrecht hielt.

Angestrengt kniff sie die Augen etwas zusammen, um möglichst genau sehen zu können, aber das nützte nicht viel. Die Fenster des Hotelzimmers leuchteten zwar hell, aber sie konnte auf diese Entfernung die dunklen Silhouetten der zwei Gestalten im Fensterrahmen nur erahnen. Erneut verfluchte sie gedanklich ihren aktuellen Zustand. Das würde eine ihrer größten Herausforderungen werden.  

„Sie hat den Bürgermeister in ihrer Gewalt und lässt ihn wortwörtlich über die Planke gehen“, erklärte Cat Noir leise und knapp, den Blick unverwandt auf das Geschehen gerichtet. Sein Tonfall war trotz der aktuell ziemlich ungünstigen Lage neutral und gefasst. Was war nur los mit ihm? Wenn ihr Cat Noir auf dem Weg zum Hotel schon seltsam kalt vorgekommen war, dann setzte er dem nun immer weiter die Krone auf.

„Oh nein“, entfuhr es Ladybug. Und damit meinte sie einerseits das Szenario vor sich, andererseits passte das auch ziemlich gut zu dem Gefühlschaos und der Verwirrung in ihrem inneren. Konzentrier dich, Marinette. Erst die Mission beenden, danach alles andere auf die Reihe bekommen. Sie seufzte kaum hörbar. Auch wenn sie nicht alle Entscheidungen des Bürgermeisters guthieß, hatte das, was Black Nurse mit ihm vorhatte, niemand verdient. „Und nun?“, fragte sie besorgt und vorsichtig, um beim Thema zu bleiben, während es in ihrem Gehirn bereits arbeitete.

„Wir brauchen einen Plan“, sagte Cat Noir ernst und schaute sie nun an. Sie war es meist, die die rettenden Ideen hatte. „Und zwar schnell.“ Seine Augen, die bei jedem bisherigen Kampf erwartungsvoll geglüht hatten und Ladybug normalerweise aufmerksam und frech verfolgten, waren heute matt, glanzlos und die Augenlieder schwerer als sonst. Sein Mund, nicht zu einem überheblichen und spöttischen Lächeln verzogen, war schmallippig und zusammengepresst. Panisch versuchte Ladybug, die vor ihr liegende Situation zu analysieren und eine Lösung zu finden, aber ihr fiel nichts ein. Es war auch nicht sehr hilfreich, dass Cat Noir stumm wie eine Statue blieb und sie beobachtete. Sie konnte sich nicht konzentrieren, zu sehr drehte sich alles in ihrem Kopf.

Ein Raunen ging plötzlich durch die Menge unten auf der Straße und Rufe wurden laut. Sofort war Cat Noir alarmiert. „Mist, sie haben uns entdeckt. Das wars mit dem Überraschungseffekt“, stellte der Kater nüchtern fest. Nun kniete er sich vorsichtig auf den Boden, damit seine Partnerin von seinem Rücken absteigen konnte. Ladybug vermochte nicht zu sagen warum, aber die Beunruhigung und Sorge über sein Verhalten an diesem Abend, wich langsam aber stetig einem aufsteigenden Unbehagen, einer seltsamen Ungeduld und gewissermaßen war sie auch langsam genervt. Alles was sie im Moment wollte, war das hier schnell und erfolgreich hinter sich bringen, um Schwester Lucie von dem Akuma zu befreien und selbst wieder die Alte zu werden. War das zu viel verlangt? Wenn er so weitermachte wie bisher, würde sie ihn hierlassen. Das war ja nicht zum Aushalten. In den bisherigen Kämpfen war sie es gewohnt, dass sie sich zum Teil Wortlos verständigen konnten und er sich aktiv beteiligte. Sie konnten sich normalerweise auch zusammen beratschlagen und er brachte sich ebenso sehr ein wie sie. Heute wirkte er steif und kalt, wie eine Marionette. Sie erwischte sich dabei, wie sie in ihren Gedanken das Wort -distanziert- verwendete und sie bekam eine Gänsehaut dabei.

Mit einem gequälten Blick in die Richtung ihres Partners beschloss Ladybug, dass es keinen Sinn hatte hier herumzustehen und abzuwarten, bis womöglich der Bürgermeister noch in die Tiefe stürzte. Und so sagte sie etwas ruppiger als sie eigentlich wollte: „Los jetzt, der Plan muss dann eben von selbst kommen. Wir können nicht länger warten. Ich greife sie an und lenke sie ab, während du den Bürgermeister rettest.“ Sie trat einen Schritt näher an die Kante und blickte angestrengt hinüber zu dem weit geöffneten Fenster. Ungeschickt warf sie das Jojo aus, aber nicht weit genug. Die Heldin fluchte genervt und stampfte wütend mit dem Fuß auf. Mit Schmackes und angestautem Zorn schleuderte sie das Jojo erneut und es wickelte sich um das steinerne Geländer, welches die Dachterrasse des Hotels umlief. Zufrieden aber vorsichtig prüfte sie, ob es sicher verankert war, indem sie daran zog und bevor Cat Noir noch etwas sagen oder sie gar aufhalten konnte, stürzte sie los. Mit einem Anflug von Panik schwang sie sich hinüber und landete glücklicherweise auf einem Sims direkt oberhalb des Fensters. Sie schwankte ein wenig, war aber erleichtert ohne nennenswerte Blessuren angekommen zu sein. Nur ihre Hände waren, beim Versuch den Schwung abzufangen, etwas heftiger an der Hauswand aufgeschlagen. Augenblicklich zog sich das Seil wieder zusammen. Sie löste es aber noch nicht von dem Geländer, sondern stieß sich mit den Füßen an der Wand ab, gab wieder mehr Seil dazu und schwang sich durch das unter ihr liegende Fenster herein um Black Nurse wie ein Pendel in das Innere des Zimmers zu kicken. Aber die Gegnerin war verschwunden und der Stoß ging ins Leere.

Ladybug stand, das Jojo griffbereit in der Hand, unschlüssig im Rahmen des weit geöffneten Fensters. Jeder Muskel ihres Körpers war angespannt und kampfbereit. Die Arme hatte sie ein wenig abgespreizt und versuchte den verängstigten Mann hinter ihr mit ihrem Körper so gut es ging abzuschirmen. Suchend blickte sie sich um. Im hellen Licht, das mehrere Lampen warfen, hoffte sie, dass sie die dunkel gekleidete Black Nurse würde erkennen können. Sie spürte die Vibrationen auf der Tischplatte, die von den zittrigen Stehversuchen des Bürgermeisters herrührten, an ihren Füßen. Das verstärkte das mulmige Gefühl, das in ihrem Bauch herrschte. „Wir helfen ihnen Monsieur le Maire, halten sie noch einen Moment durch“, raunte sie ihm so laut sie sich traute zu. Es war ihr Suspekt, dass die Gegnerin ihr einfach so das Feld überlies und verschwand. Nun da Chloés Vater seinen Pfeil kassiert hatte, ebenso wie seine Tochter, war sie da doch noch aufgebrochen um den Schuldirektor zur Rechenschaft zu ziehen?  Oder versteckte sie sich im Zimmer und wartete nur darauf, dass sie hereinkam?

Zur selben Zeit hörte sie hinter sich, wie Cat Noirs Stab aufschlug und der Kater mit einem kaum vernehmbaren Keuchen landete. Er packte den Bürgermeister, der einen erleichtert klingenden Laut von sich gab und wollte wieder mit ihm verschwinden. Doch bevor er abspringen konnte, spürten er und Ladybug, wie sie langsam den Halt verloren. Die Platte auf der sie standen, begann zu kippen. Nun hörte Ladybug auch das Geräusch von Holz, das auf Holz rieb. Der Kleiderschrank, der vorher den Tisch beschwert hatte, rutschte seitlich von diesem herunter und ehe es sich die beiden Helden versahen, glitten sie auf der entstehenden Schräge aus. Ladybug versuchte noch mit den Armen zu rudern um das Gleichgewicht wiederzubekommen. Aber es war unmöglich sich auf der polierten Tischplatte festzuhalten. So fielen sie in die Tiefe. Ein ebenso höhnisches wie triumphierendes Lachen begleitete ihren Sturz und mit einem letzten Blick nach oben sah Ladybug die Silhouette eines Kopfes aus dem Fenster schauen. Black Nurse musste sich tatsächlich versteckt gehalten haben, um sie in diese Falle zu locken. Nun streckte sie beide Arme über die Kante und Ladybug nahm entfernt wahr, wie Black Nurse erneut aus ihren Waffen mit leisen Klickgeräuschen ihre gefahrbringenden Pfeile abfeuerte. Verzweifelt und aus Angst erneut getroffen zu werden, warf sie das Jojo hinauf zu dem Tisch, der kurz nach ihnen über den Fensterrahmen geglitten war und senkrecht durch die Luft rauschte. Die Schnur umschloss die Tischplatte und mit einem Ruck daran, drehte sie ihn so, dass er in die Waagerechte ging und als Schutzschild fungierte. Die Pfeile kamen ploppend in dem Holz auf, während die Gegnerin einen wütenden Schrei ausstieß, der zwischen den Gebäuden wiederhallte.

 


***



„Ist sie Wahnsinnig?“ Nino blickte fassungslos auf Rose und Juleka, die ihm gerade offenbart hatten, dass Alya verschwunden war. Er brauchte nicht fragen, warum oder wohin. Das war offensichtlich. Aber konnte man denn nicht einmal für fünf Minuten auf die Toilette gehen, ohne dass sie sich gleich wieder in Lebensgefahr brachte?

Rose schaute etwas eingeschüchtert nach Ninos Ausbruch und Juleka, die wie immer ein wenig unbeteiligt wirkte, antwortete nicht sofort. „Was hätten wir denn bitte machen sollen?“, mischte sich Alix plötzlich ein. Diese lümmelte mit verschränkten Armen auf dem Sofa und schaute ihn leicht vorwurfsvoll an. Sie würde die Schuld dafür nicht auf sich nehmen, genauso wenig wie die beiden anderen. „Du weißt doch am besten wie sie drauf ist. Hättest sie halt nicht allein lassen dürfen.“ Frech grinsend zwinkerte sie ihm zu.

An Ninos rechtem Augenwinkel zuckte es einen Moment, als er mit heruntergeklappter Kinnlade seine Klassenkameradin anstarrte. Seine Arme hatte er leicht ausgebreitet. Mit den Fingerkuppen fuhr er mehrmals rasch über Daumen und Handballen, als wolle er jeden Moment etwas sagen, blieb aber stattdessen für ein paar Sekunden stumm.

„Bin ich ihr Babysitter?“, platzte er nun doch heraus. Er hatte die Anspielung von Alix durchaus verstanden. Da aber zwischen ihm und Alya offiziell nichts lief, -noch nicht- wie er in Gedanken gern und auch etwas sehnsüchtig hinzufügte, wollte er, auch in Alyas Interesse, die Gerüchteküche ein wenig im Zaum halten.

Juleka trat auf ihn zu, legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter und lächelte mild. „Sie macht das doch öfter, ihr passiert schon nichts“, sagte sie mit ihrer ruhigen und sanften Stimme. Da musste er ihr Recht geben, aber Alya war auch gern nah dran, wenn es um ihre Heldin ging. Und das war noch untertrieben, am liebsten war sie mittendrin. Ihm war noch lebhaft in Erinnerung, wie sie einmal beinahe von einem Schurken geopfert worden wäre, um eine ägyptische Prinzessin wiederzuerwecken. Selbst als sie der Bösewicht über die Schulter geworfen hatte, filmte sie für ihren Blog, als würde sie das jeden Tag machen. Schicksalsergeben hob er die Hände und ließ sie sofort wieder sinken. Tun konnte er gerade sowieso nichts dagegen. In seinem Magen breitete sich ein seltsam flaues Gefühl aus. Auch war ihm ein bisschen schlecht bei dem Gedanken, was ihr alles zustoßen konnte. Er sorgte sich wirklich um sie und das zog seine Schultern herunter, als wären sie aus Blei. Die Arme schlang er schließlich um den Körper damit er sich selbst etwas beruhigen konnte.

Ein schauriges, würgendes Geräusch unterbrach die entstandene Stille. Es drang aus dem Badezimmer. „Ist schon gut Chloé, es ist bald vorbei.“ Gedämpft hörten sie Sabrinas Worte, die von dem charakteristischen Platschen ergänzt wurden, dass sie schon die ganze Zeit, mit mehr oder weniger kurzen Unterbrechungen, hörten.

Okay, vielleicht kam Ninos Übelkeit von dieser ununterbrochenen Geräuschkulisse aus dem Nebenraum. Er versuchte seinen Sorgen herunterzuschlucken und setzte sich auf das Sofa, den Kopf auf die Hände gestützt. Abwarten war angesagt, so schwer es ihm fiel. Plötzlich schlich sich ein Gedanke in sein Bewusstsein, verwirrt schaute er sich im Zimmer um. Wo war eigentlich Adrien abgeblieben? Seit sie in die Wohnung zurückgekehrt waren, hatte er ihn nicht mehr gesehen.

 


***



Alya sah schon von weitem, wo sich der Kampf abspielte. Erwartungsfroh und aufgeregt, trat sie noch etwas heftiger in die Pedale ihres Fahrrades, um nicht noch mehr zu verpassen. Schnell lehnte sie den Drahtesel an eine Hauswand und versuchte sich mit gezücktem Handy durch die Massen zu schieben. Teilweise ohne Rücksicht auf Verluste nahm sie auch Rempeln und Schubsen in Kauf, um einen besseren Platz zu ergattern und tatsächlich stand sie direkt an einer der Absperrungen, welche die Polizei errichtet hatte. Sie strahlte vor Freude. Das war genau ihr Ding. Sie öffnete die Videofunktion ihres Smartphone und begann, wie die anderen nach oben zu schauen.  Dabei stockte ihr der Atem. Gerade noch sah sie wie Cat Noir, der noch eine weitere Person im Arm hielt und Ladybug von einer Art Brett abrutschten, das ihnen unmittelbar nachfolgte. Sie schloss sich den panischen Ausrufen der Zuschauer an und betete, dass die beiden schnell eine Lösung aus dem Hut zauberten.

Auf der Straße war mittlerweile reger Tumult ausgebrochen. Die bereitgehaltenen Sprungtücher wurden straff gespannt und die Polizisten hatten alle Hände voll zu tun, die Schaulustigen auf Abstand zu halten. Ungläubige „Ahs“ und „Ohs“ schwirrten durch die Luft, vermischt mit vereinzelten Schreien und Ausrufen einiger mitfiebernder Bürger von Paris. Einige hielten fassungslos die Hände vors Gesicht oder vor Schreck den Atem an. Ein kleines Mädchen schluchzte und weinte aus Angst um die beiden Helden.

Für Cat Noir schien in diesem Moment des freien Falls die Zeit langsamer zu vergehen. Das Blut rauschte in seinen Ohren und das Geräusch verschmolz mit dem Zischen der Luft um ihn herum, welche er rasch durchschnitt. Er hatte es geahnt. Das ungute Gefühl konnte er bis zum Schluss nicht abschütteln und dennoch waren sie mitten in die Falle getappt und Black Nurse auf den Leim gegangen. Was zum Teufel war heute nur los? Er war absolut nicht er selbst und alles lief so furchtbar schief. Grimmig ballte er die Fäuste, während seine Augen schmal wurden.  Hochkonzentriert richtete er seine volle Aufmerksamkeit voll und ganz auf die Lösung des Problems. Langsam musste es bergauf gehen, noch tiefer konnten sie ja schließlich nicht sinken. Der Bürgermeister zitterte heftig in seinem Arm und hatte die Augen weit aufgerissen. „Halten sie sich an mir fest!“, rief er eilig Monsieur Bourgeois zu. Dieser gehorchte und umklammerte fest die Taille des Helden. Cat Noir nahm seinen silbernen Kampfstab in beide Hände und wirbelte ihn über seinem Kopf, wie beim Propeller eines Hubschraubers. Er verlangsamte so erheblich ihre Geschwindigkeit unmittelbar bevor sie auf einem der Sprungtücher landeten. Mit einem schnellen Blick wurde er gewahr, das Ladybug einen Sekundenbruchteil nach ihnen landen würde. Das Jojo hatte sich verheddert und hing immer noch an dem Tisch, der ebenfalls kurze Zeit später aufkommen würde und wahrscheinlich dabei seine Lady traf und auch die Menschen, die das Sprungtuch zu ihrer Rettung aufhielten. Er sprang, sobald er das Tuch berührt hatte, sofort wieder auf, den Schwung des Tuches dabei ausnutzend. Der Bürgermeister blieb verdutzt zurück, während Cat Noir mit einem Salto neben den Helfern auf dem Boden landete. Er rief ein barsches „Weg da!“ zu den Helfern, die das zweite Sprungtuch für seine Lady aufgespannt hatten und flog mit Hilfe des Stabes förmlich zu der Stelle, wo sie aufschlagen würde. Die Feuerwehrleute gehorchten ihm augenblicklich, als sie verstanden, dass ihnen durch den Tisch Gefahr drohte. Ladybug landete in den Armen ihres Partners und mit einem Satz war er schon wieder in der Luft, um dem massiven Holztisch auszuweichen, der auf dem Boden zerschellte. Um die entsprechende Geschwindigkeit zu erreichen, hatte er einen enormen Schwung aufgebracht, der ihn jetzt beim Aufkommen auf dem Boden von den Füßen riss und stürzten lies. Die beiden Helden rollten über den Boden und blieben schließlich ein paar Meter entfernt liegen, während Trümmer und Splitter des Tisches auf sie prasselten.

Bis auf ein paar Schrammen und Kratzer, waren beide unverletzt. Ladybug blinzelte überrascht, aber schaute Cat Noir dann doch dankbar an. Als ein Pfeil direkt neben ihr im Asphalt aufschlug, genau an der Stelle, an der ein Sekundenbruchteil vorher ihr Kopf gewesen war, zuckte sie erschrocken zusammen.  Black Nurse versuchte offenbar immer noch, sie zu treffen. Sie rappelten sich auf und gingen nah an der Hauswand des Hotels in Deckung. Ein Glück, dass eine Markise sie davor schützte von Black Nurse gesehen zu werden, weswegen sie den Beschuss einstellte. „Das war eine Falle“, fluchte Cat Noir schwer atmend und hatte Mühe seine Wut zurückzuhalten. Er schlug mit der Faust gegen die Wand, der er sein Gesicht zugewandt hatte. Ladybug, die sich schnell ein paar Holzsplitter vom Kampfanzug geklopft hatte, wollte ihm die Hand auf die Schulter legen, hielt aber kurz zu vor in der Bewegung inne. Das war wahrscheinlich keine gute Idee. „Das wird auch nicht die letzte gewesen sein“, sagte sie schließlich leise, fast schon traurig und rollte dann ihr Jojo wieder auf, um kampfbereit zu sein. „Wir sind doch auch nur Menschen.“ Was auch immer heute mit dem sonst übermütigen und fröhlichen Kater los war, er war nicht hundert Prozent er selbst.

Sie spürten augenblicklich wie die Stimmung der Schaulustigen kippte und erleichterte Ausrufe ertönten, ebenso wie Applaus für die gelungene Rettung aus dieser brenzligen Situation. Die beiden Helden teilten dieses Aufatmen nicht mit den Bürgern, denn sie wussten, dass es gerade erst begonnen hatte. Die Polizisten hatten bereits angefangen den Radius der Gefahrenzone zu erweitern und die Leute zurückzudrängen. Ihnen war der Beschuss nicht entgangen und es sollte keine Zivilopfer geben.

„Cat?“, fragte Ladybug sachte. Der Angesprochene drehte sich zu ihr herum und schaute sie aus unendlich traurigen Augen an, sodass sie fast erschrak. So hatte er sie noch nie angeschaut. Sie biss sich auf die Unterlippe und sprach schließlich etwas steif aber bestimmt weiter. „Wir müssen wieder hinauf. Ich schlage vor wir versuchen es von zwei Seiten. Ich geh durch das Hotel, im Licht kann ich besser sehen. Du kommst von außen durch das Fenster und dann nehmen wir sie in die Zange.“ Nach diesem Fehlschlag war sie umso motivierter diesen Fall so schnell wie möglich abzuschließen, mittlerweile auch um dieser bedrückenden Stimmung zu entfliehen, die undurchdringlich wirkte und wie eine unsichtbare Wand zwischen ihnen stand.  Cat Noir nickte ihr knapp zu und sammelte sich kurz. „Viel Glück“, rief er, als er loslief. Er schlich leise wie ein Schatten an der Wand entlang. Ladybug vermutete, dass er die nächstgelegene Regenrinne erklimmen würde um sich in Position zu bringen. Auch sie wählte den Weg entlang an der Hauswand, nur in die entgegengesetzte Richtung. Sie durchschritt den Haupteingang und stürmte zu den Aufzügen im Foyer. Mittlerweile kannte sie sich in dem Hotel ziemlich gut aus und brauchte nicht lange um die richtige Tür zu finden. Sie begegnete niemandem unterwegs. Sicher hatte sich das Personal in den Zimmern eingeschlossen oder war auf die Straßen geflüchtet.

Sie lauschte einen Moment an der Tür, hinter der sie Black Nurse vermutete. Doch sie vernahm kein Geräusch und keine Stimme. Sie atmete einmal tief durch und ruckartig drückte sie die Klinke hinunter um in das Zimmer zu stürmen. Erschrocken verharrte sie im Rahmen der Tür, eine Hand noch am Griff. Selbst mit ihrer verschwommenen Sicht war die Szene eindeutig und ließ keinen Zweifel.

„Da ist sie ja endlich. Du hast zwar jetzt den Bürgermeister, aber ich habe schon mein erstes Miraculous. Und deins bekomme ich auch noch.“ Black Nurse stand mit einem breiten, gehässigen Lächeln vor dem nach wie vor geöffneten Fenster und hielt mit dem linken Arm Cat Noir im Schwitzkasten. Er war auf ein Knie hinab gesunken, den Kopf schuldbewusst gesenkt, während sie die Mündung der Waffe an ihrer anderen Hand an seine Schläfe presste.

Dieser verdammte Idiot – Das war Ladybugs erster Gedanke, nachdem ihr Gehirn die Situation verarbeitet hatte. Zwischenzeitlich hätte sie sich gern kräftig in den Arm gekniffen, um zu überprüfen, dass sie wirklich wach und bei Bewusstsein war. Sie hätte ja auch genauso gut erneut von einem Pfeil getroffen worden und nun träumen oder gar fantasieren können. Vielleicht hatte sie sich auch bei dem Sturz in die Tiefe den Kopf angeschlagen und lag eigentlich noch bewusstlos unten auf der Straße. Aber nein, es fühle sich alles real an und sie bildete sich das nicht nur ein. Aber warum zum Teufel hatte Cat Noir nicht gewartet bis sie da war, um Black Nurse von zwei Seiten anzugreifen, wie es der Plan gewesen war? Der Plan, dem er noch vor wenigen Minuten zugestimmt hatte. Am liebsten hätte sie fassungslos mit dem Kopf geschüttelt oder sich mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen, aber sie war unfähig sich zu rühren. Sie war gänzlich zur Statue erstarrt, da sie fürchtete, nur eine falsche Bewegung könnte dazu führen, dass Black Nurse abdrückte und ihren Partner außer Gefecht setzen würde. Auf welche grausige Art auch immer. Sie wartete einige Herzschläge ab, um sich zu überlegen, wie sie ihn befreien konnte.

Er hatte es schon wieder versaut. Selbst halb blind hatte sich seine Lady selbstlos in den Kampf gestürzt und gab sich alle Mühe. Derweil plagte Cat Noir das schlechte Gewissen. Er hätte nicht erwartet, dass dieser Tag noch übler werden würde. Aber anscheinend hatte er grade einen echten Lauf, was das anging. Auch wenn alle Welt behauptete schwarze Katzen würden Unglück bringen, hatte er das bisher in seiner Heldenlaufbahn nie so empfunden. Im Gegenteil, bisher hatten sie mit der ein oder anderen Portion Glück ihre Gegner immer besiegen können. Oder lag das nur an ihr? War das Glück verschwunden, weil sich zwischen ihm und seiner Lady eine Schlucht aufgetan hatte, die sie bisher nicht überbrückt hatten? Sein spontaner Einfall, vor ihr in das Zimmer zu platzen, um die Schurkin zu besiegen, war anscheinend keine gute Idee gewesen. Doch er hätte es heute einfach nicht mehr ertragen, zu sehen wie Black Nurse seine Lady verletzte. Erst getroffen von einem Pfeil und dann fast erschlagen von einem gigantischen Tisch. Doch er hatte die Gegnerin ziemlich unterschätzt. Es war offensichtlich, dass sie mit seinem Angriff gerechnet hatte. Er musste versuchen, selbst hier wieder herauszukommen. Diese Bürde konnte er Ladybug nicht auch noch auferlegen. Während Black Nurse ihre volle Aufmerksamkeit auf Ladybug gelenkt hatte, mit einem siegessicheren Ausdruck auf dem Gesicht, gelang es ihm unbemerkt seinen Kampfstab von seinem Rücken zu lösen. Er hielt ihn senkrecht in der Hand, so tief es ihm seine Körperhaltung erlaubte, darum bemüht, dass er nicht entdeckte wurde und sich so wenig und langsam wie möglich bewegte. Ladybug, die noch keine Idee hatte, wie sie ihren Partner befreien konnte, versuchte Zeit zu schinden, in dem sie mit der Gegnerin sprach. Das kam ihm zu Gute, so war diese weiterhin abgelenkt und das Überraschungsmoment auf seiner Seite.

„Du wirst keines unserer Miraculous bekommen, Black Nurse. Dafür werde ich sorgen“, sagte Ladybug drohend und ging leicht in die Knie. Ihr Körper war bis aufs Äußerste angespannt, bereit sofort zu reagieren, sobald sie angegriffen würde. Es stimmte was man sagte, stellte sie fest. Wenn einem ein Sinn genommen wird, schärfen sich die anderen. Sie vertraute nun so viel mehr auf ihr Gehör und vor allem aber auf ihre Instinkte. Ihr Blick huschte nervös umher, eifrig bemüht ihr so viele Hinweise wie möglich zu liefern. Sie versuchte für den Notfall eine Schutzmöglichkeit auszumachen. Das Einzige was neben ihr an der Wand stand, war allerdings ein hölzerner Raumteiler, in charakteristischer Ziehharmonikaform. So einen hatte sie zuhause auch. Der war perfekt, um dahinter in Deckung zu gehen.

Die Zeit, in der Black Nurse als Antwort auf das von ihr Gesagte wie eine Wahnsinnige lachte, nutzte Cat Noir. Er ließ plötzlich seinen Kampfstab ausfahren, sodass das eine Ende auf den Boden stieß und das andere die auf ihn gerichtete Waffe nach oben wegdrückte, fort von seinem Kopf. Er duckte sich unter ihrem Griff heraus, den sie erschrocken gelockert hatte und verpasste ihr einen Hieb mit seinem Stab, bevor er hinter einem Bücherregal Schutz suchte.

Black Nurse schrie vor Wut auf und begann blindlings das Feuer zu eröffnen, mit Ladybug als Ziel. Die Heldin allerdings, erleichtert über den Ausgang dieser Zwickmühle, hatte ihre Chance genutzt und war beiseite gesprungen. Allerdings trafen die Pfeile bereits in der Wand zwischen Tür und dem Raumteiler auf, sodass sie, ihren eigentlichen Plan über den Haufen werfend, in die andere Richtung auswich und hinter einem gigantischen Sofa in der Mitte des Raumes in Deckung ging.

„Nun ist das Team also wieder komplett, ja? Das wird euch gar nichts nützen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit“, sagte die Schurkin mit höhnischer Stimme in Ladybugs unmittelbarer Nähe. Sie schnaufte wie ein wildgewordenes Nashorn. Von wegen, dachte das Mädchen und krabbelte ein Stück um die Couch herum, um den Abstand zu ihr zu vergrößern, hielt sich aber geduckt und nah am Boden.

„Träum weiter!“, presste Cat Noir grimmig hervor, während er aus seinem Versteck kam, den silbernen Stab als Schutzschild in stetiger Bewegung vor dem Körper kreisend. Er schaute immer wieder kurz zu Ladybug hinüber, ohne Black Nurse lange aus den Augen zu lassen. Jetzt war es wichtig, dass er ihr Zeit verschaffte, den Akuma zu finden und ihren Glücksbringer zu benutzen. Eine andere Chance hatten sie nicht.

Black Nurse warf den Kopf zurück und lachte kurz schrill auf, bevor sie sich sammelte und schwer atmend die Arme etwas ausschüttelte, wie ein gerade in den Ring gestiegener Boxer. Sie drehte den Kopf erst in die eine, dann in die andere Richtung, als würde sie eine Verspannung im Hals lösen wollen, winkelte die Ellenbogen etwas an und hob schussbereit die zu Waffen gewordenen Hände. „Du hast keine Chance. Der nächste Pfeil ist für dich.“

Ladybug, die die kurze Zeit des Verschnaufens im Schutz ihres Versteckes genutzt hatte, begann hektisch zu grübeln. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Black Nurse vor sich, so wie sie sie noch mit voller Sehkraft das erste Mal betrachtet hatte. Sie musste wissen wo der Akuma steckte, bevor es zum Showdown mit Cat Noir kommen würde. Ihre verwandelten Hände waren es sicherlich nicht, mutmaßte sie. Die Kleidung war sehr eng und knapp. Soweit sie das beobachtet hatte auch weitestgehend schmucklos. Die Haube vielleicht? Sie war typisch für eine Schwester oder … Moment … der Gegenstand um ihren Hals. Bisher hatte sie ihn nicht identifizieren können, aber Schwester Lucie hatte da immer ihr Stethoskop getragen. Das könnte es sein und würde auch zu Black Nurse passen, denn das trug jeder Arzt und jede Krankenschwester fast immer bei sich. Da war der Akuma drin, das sagte ihr der Instinkt. Aber wie sollte die Heldin es ihr abnehmen? Sie schoss so schnell, dass man keinen Meter an sie heran kam.

Der Kater beobachtete von seiner Position aus intensiv den Ausdruck auf Ladybugs Gesicht. Sie war tief in ihre Gedanken versunken gewesen. Ob sie schon eine Idee hatte? Diesen Moment nutzte die Gegnerin natürlich, um ihn zu attackieren, in der Hoffnung ihn genauso kalt zu erwischen wie vorhin Ladybug auf der Straße. Doch Cat Noir hatte sich vorgenommen heute keinen Fehler mehr zu begehen, reagierte blitzschnell und wich ihr mit flinken Sprüngen durch das Zimmer aus. Eine Spur, aus in der Wand steckenden Pfeilen, markierte dabei seinen Weg hinter ihm. Er versteckte sich kurz hinter dem dunklen, hölzernen Raumteiler. Doch als mit mehreren ploppenden Geräuschen auch in dem dünnen Holz Pfeile steckten und er auf seiner Seite die durchgedrungenen Nadeln entdeckte, floh er weiter. Jetzt hieß es nicht nachlassen, dachte Cat Noir verbissen.

Ladybug konnte nichts tun, außer zu hoffen, dass er schnell genug war. Sie war erleichtert, als sie hörte, dass die Pfeile nur dumpf in der Wand oder in der Einrichtung aufschlugen. Ebenso verriet ihr Black Nurse wütendes Gekreische, dass sie ihn noch nicht erwischt hatte.

„Du kannst dich nicht ewig vor mir verstecken. Halt still, es tut auch gar nicht weh!“, sagte die Schurkin mit einem bösen Lächeln auf den Lippen und schoss erbarmungslos weiter.

Den Moment, in dem sie sich mit Cat Noir beschäftigte und Black Nurse Aufmerksamkeit voll und ganz ihm galt, nutzte Ladybug. „Glücksbringer“, rief sie und warf dabei ihr Jojo in die Luft. Einen Sekundenbruchteil später, hatte sie ein großes, elastisches Stofftuch in der Hand. Sie untersuchte es mit den Händen und hielt es sich nah ans Gesicht um es zu identifizieren. Was war das denn, ein Bettlaken? Passend in einem Hotel, aber was sollte sie damit? Es hatte dieselbe Farbe wie ihr Anzug, inklusive der schwarzen Punkte, so wie eigentlich jeder verwandelte Glücksbringer, den sie erhielt. „Und jetzt?“, flüsterte sie etwas verärgert und leicht panisch. Der Glücksbringer war auf den ersten Blick wenig hilfreich, das waren sie nie. Ruckartig atmete sie einmal durch die Nase aus, dann schaute sie sich um. Alles war so verschwommen, dass machte es nicht gerade einfacher. Sie dachte an das offene Fenster, durch das sie beim ersten Anlauf hereingekommen war. Was hatte sie noch zur Verfügung? Den Glücksbringer und das Jojo, das sie immer noch in der Hand hielt. Da kam ihr eine Idee. Entschlossen spannte sie das Betttuch zwischen dem Fensterrahmen auf und machte sich auf den Weg zur entgegengesetzten Wand, an der der Raumteiler stand. Sie betete inständig, dass die angespannte Stimmung zwischen ihr und ihrem Partner den Plan jetzt nicht zum Scheitern verdammte. „Cat Noir, ihre Hände!“, rief sie hektisch und mehr brauchte sie zum Glück nicht zu sagen. Der Kater reagierte sofort. Er schlug bei seiner Flucht durch den Raum einen schnellen Haken und Black Nurse blieb verwundert stehen um zu sehen, was er tat. „Was zum …?“, kreischte sie überrascht. Blitzschnell aktivierte er seine Superkraft, den Kataklysmus, und stieß sich mit seinem Stab vom Boden ab, machte einen Satz durch die Luft und war im nu über der Gegnerin. Diese streckte grinsend ihre Arme nach oben, um den Beschuss fortzusetzen. Jetzt hatte er sich selbst ins Aus geschossen, dachte sie zufrieden.

„Das war ein großer Fehler“, knurrte Black Nurse, doch die Schnur von Ladybugs Jojo wickelte sich auf einmal um ihre nach oben gerichteten Arme und die Pistolenförmigen Hände schlugen klappernd aneinander, als sich das Seil straffzog. Erschrocken weiteten sich ihre Augen. Im selben Moment schlug Cat Noir mit seiner rechten Hand gegen die Waffen und diese rieselten als Staub zu Boden, zurück blieben zwei ganz normale menschliche Hände. Cat Noir rollte sich bei der Landung ab und kam in hockender Haltung zum Stehen, auf ein Knie gestützt. Noch in der Bewegung verharrend, verfärbte sich seine Haut dunkelblau und er kippte leblos zur Seite. In seiner Brust steckte ein Pfeil.

Währenddessen war Black Nurse weiter in Bewegung, gezogen von Ladybugs Jojo. Die Heldin schleuderte sie mit den gefesselten Armen durch den Raum, direkt auf das aufgespannte Bettlaken im Fensterrahmen zu. Da es in demselben rot wie ihr Anzug leuchtete, war es einfach in dem hell gestrichenen Raum auszumachen. Das Jojo löste sich und ehe Black Nurse etwas unternehmen konnte, wurde sie von dem elastischen Tuch umfangen und zurückgeschleudert. Genau auf Ladybug zu, die die gewonnene Zeit nutze und lässig den Raumteiler neben der Tür so umdrehte, dass Black Nurse Bekanntschaft mit den Nadeln ihrer eigenen Pfeile machte, die noch in dem Holz steckten. Ihr Körper nahm sofort mehrere verschiedene Farben an. Sie war augenblicklich bewusstlos geworden und regte sich nicht, ob von den Medikamenten oder dem Aufprall, war schwer zu sagen. Ladybug sah erleichtert, dass ihr Plan aufgegangen war, nahm ihr das Stethoskop ab, schmiss es auf den Boden und trat es mit aller Gewalt in zwei Teile.

Das Mädchen atmete einmal tief durch, als sie den kleinen schwarzen Schmetterling entdeckte, der sich unschuldig flatternd aus dem Staub machen wollte. „Deine dunklen Zeiten sind vorbei.“ Sie aktivierte ihr Jojo in dem sie es antippte. Daraufhin teilte sich die obere Hälfte in der Mitte und ein helles Leuchten ging von ihm aus. Sie schwang es vor sich hin und her: „Gleich musst du nicht mehr böse sein!“, prophezeite sie dem kleinen Insekt. Zum Glück hob sich das Tier mit seinen violett schimmernden Flügeln und den raschen Bewegungen gut von der Umgebung ab und sie konnte in dem hell erleuchteten Raum sehen in welche Richtung er sich bewegte. Sie warf ihre Waffe aus und der Akuma wurde vom Licht eingefangen, das Jojo schloss sich um ihn herum, er konnte nicht mehr entkommen. „Hab dich!“, rief Ladybug triumphierend. Zurück in ihrer Hand, tippte sie erneut auf die Oberfläche ihrer Waffe und diese öffnete sich bereitwillig. Aus dem hellen Licht im Inneren des Jojos entschwebte ein ebenso weißes, reines Wesen in die Lüfte. „Tschüss, kleiner Schmetterling“, verabschiedete sich das Mädchen glücklich und unglaublich erleichtert. Ihr Körper entspannte sich merklich. Es war geschafft. Fast hätte sie es nicht mehr für möglich gehalten, aber es war zu Ende. Sie drehte sich grinsend um, in der Erwartung die Fäuste mit Cat Noir zusammenzuschlagen, wie sie es immer taten. Doch er stand nicht hinter ihr. Panisch schweifte ihr Blick durch das Zimmer. Bis sie auf dem Boden etwas Dunkles ausmachen konnte. Er lag in der Mitte des Raumes, grotesk verfärbt von den Medikamenten, die Black Nurse verschossen hatte, regungslos.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus, während ihr Angst die Kehle zuschnürte. Entsetzt stürzte sie zu ihm hinüber, sank neben ihm auf die Knie und schüttelte ihn, sodass das Glöckchen an seiner Jacke leise klingelte. Aber er kam nicht zu sich. Nein, nein, nein, dachte sie verzweifelt. Sie tastete verwirrt über seinen Körper und fand den Pfeil, zog ihn heraus, obwohl sie wusste, dass es nun nichts mehr half und drehte Cat Noir auf den Rücken. Panisch legte sie ihren Kopf auf seine Brust. Sie hörte einen gleichmäßigen Herzschlag und spürte, wie sich seine Brust leicht hob und senkte. Gott sei Dank, er atmete. Ein Schlafmittel vermutete sie. Ein paar Freudentränen konnte sie sich einfach nicht verkneifen. Sie lehnte sich erleichtert etwas zurück, während ihr Körper nach wie vor leicht zitterte. „Gleich geht es dir wieder gut…Versprochen…Gib mir nur eine Sekunde“, sagte sie leise schluchzend zu ihm. Ladybug atmete ein paar Mal tief durch, um sich zu beruhigen und die rasant in ihr aufgestiegene Panik niederzuringen. Für einen Moment hatte sie tatsächlich geglaubt er wäre tot. Sie hätte sich es nie verziehen, wenn ihm etwas zugestoßen wäre. Nicht nach diesem Tag, nach dem so viel unausgesprochen zwischen ihnen stand. Sie konnte und wollte sich nicht vorstellen, wie es ohne ihn wäre.

„Tut mir leid, dass ich dich so angeschnauzt habe“, fuhr sie entschuldigend fort. Auch wenn sie wusste, dass er sie nicht hören konnte, hatte sie das Bedürfnis, es ihm jetzt zu sagen. „Ich hoffe, wenn du wieder aufwachst, ist alles wieder in Ordnung. Du hast mir heute echt gefehlt… ich meine deine Art… ich meine…“, sie brach erschöpft ab, ihre Stimme versagte ihr den Dienst. Ein Piepsen an ihrem Ohr verriet ihr, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten.

Sie hielt noch einen Moment inne, um sich zu sammeln. „Okay, dann suchen wir dir mal einen Ort, an dem du dich in Ruhe zurückverwandeln kannst. Dann muss ich auch wirklich los. Ich bin noch auf eine Party eingeladen.“ Sie lächelte schwach über ihren halbherzigen Witz und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht, bevor sie aufstand und das Tuch vom Fenster entfernte, um es in die Luft zu werfen: „Miraculous Ladybug!“, rief sie dabei und ein riesiger Schwarm von abertausend kleinen, magischen Marienkäfern schoss in die Luft, teilte sich dann in mehrere Gruppen, die in alle Himmelsrichtungen ausschwirrten und das verwüstete Zimmer wieder herrichteten. Ein Schwarm umkreiste auch sie selbst. Sie war erleichtert, als sie alles wieder gestochen scharf sehen konnte. Es war jedes Mal wieder ihr kleines persönliches Wunder, wenn der Glücksbringer nach getaner Arbeit alles wieder in den Ursprungszustand zurücksetzte. Sie sah immer gern dabei zu und es schien als wäre diese Magie ansteckend, in Form von Glück, dass ihren Körper durchströmte, erwärmte und für einen Moment jegliche Sorgen von ihr zu nehmen schien. Jetzt würde alles gut werden.

Sie griff dem immer noch bewusstlosen, aber nicht mehr blau gefärbten, Cat Noir unter die Arme und schleifte ihn in ein angrenzendes Zimmer. Dort kritzelte sie etwas auf einen kleinen Zettel und legte ihn in seine schlaffe Hand. Sie verschloss das Zimmer mit einem letzten Blick auf den schlafenden Kater und hing ein „Bitte nicht stören“-Schild des Hotels an die Klinke. „Gern geschehen“, flüsterte sie grinsend und ging anschließend kurz zu der zurückverwandelten Schwester Lucie, die soeben zu sich kam.

„Ladybug?“, fragte diese verwundert. „Was tust du hier?“ Verwirrt schaute sie sich um. „Was tue ich hier?“

„Es ist alles gut. Bleiben Sie hier, ich schicke ihnen jemanden“, sagte Ladybug freundlich, während ihr Ohrring zum letzten Mal piepte. Eine Minute noch. Sie schlüpfte rasch durch die Tür und wies den erstbesten Hotelmitarbeiter an, der Frau im Zimmer zu helfen, bevor sie im Treppenhaus verschwand. Gerade noch rechtzeitig. Sie verwandelte sich zurück und Tikki flog aus ihren Ohrringen direkt auf ihre Hand. Der kleine Kwami war völlig fertig. „Gut gemacht“, sagte sie matt und abgekämpft, trotzallem mit einem breiten Grinsen und hielt ihr das kleine Ärmchen hin. Marinette musste lachen und tippte sacht, nicht ohne einen wehmütigen Stich im Herzen verspürend, mit der Fingerspitze dagegen. „Du auch.“

Während sie die Treppen hinunter stieg, sorgfältig darauf bedacht, dass sie niemand sehen konnte, fragte Tikki leise: „Sag mal, Cat Noir ist ja ganz scharf drauf zu wissen, wer du wirklich bist. Weil er verknallt in dich ist. Aber willst du es denn gar nicht wissen?“ Marinette war klar worauf sie anspielte. Er hatte seine Kraft fast zur selben Zeit wie sie aktiviert und hätte sich kurz nach ihr zurückverwandelt. Wäre sie dageblieben, hätte sie seine wahre Identität erfahren.  

Ja warum eigentlich nicht? Sie überlegte kurz. „Weist du Tikki. Ich mag ihn… wirklich. Mal mehr und mal weniger.“ Sie lächelte in sich hinein, als sie an ihn dachte. „Aber er ist mehr ein liebgewonnener, guter Freund als jemand, in den ich mich verlieben könnte. Er ist nun mal nicht Adrien“, schloss sie mit bemüht fester Stimme, konnte aber, zu ihrer eigenen Überraschung, ein winziges Gefühl des Bedauerns nicht unterdrücken. Sie kannte Cat Noir schon so lange, sie hatten so viel schon gemeinsam erlebt und durchgestanden. Nun ertappte Marinette sich dabei, wie sie an ihr erstes Treffen zurück dachte. Das war von ihrer Sicht betrachtet ganz schön peinlich gewesen. Sie wollte zeitgleich im Boden versinken und herzhaft darüber lachen. Cat Noir mit wildem, ungestümen Temperament und Tatendrang, der von einer Dummheit in die andere stürzte und von ihr gebremst und zur Vernunft gebracht werden musste. Und sie selbst unsicher und tollpatschig, viel mehr Marinette und noch nicht wirklich die Ladybug, die sie jetzt war.


„Okay, ich habe Superkräfte und außerdem noch dieses komische Jojo.“ Die soeben zum ersten Mal verwandelte Ladybug stand immer noch ein wenig ungläubig, ob es nicht doch ein Traum war, und unschlüssig auf der kleinen Terrasse über der Bäckerei und warf halbherzig, weniger mit dem Ziel irgendetwas zu treffen, das Jojo von sich. Unerwartet wickelte es sich um eine Statue an einem mehrere hundert Meter entferntem Gebäude und beim lustlosen Versuch es wieder zu lösen, wurde sie mit übermenschlicher Kraft vom Boden weggeschleudert und hob ab. Sie flog in einem hohen Bogen durch die Luft und riss dabei den verdutzen schwarzen Kater von den Beinen, der seinen silbernen Stab zwischen zwei Gebäuden aufgespannt hatte und gerade in Katzenmanier darüber balancierte. Das Jojo verhedderte sich am Stab, der Faden wickelte sich um diesen und die beiden ungeübten Superhelden. Wie beim Bungeejumping schwangen die zwei nun kopfüber, Bauch an Bauch, nur wenige Meter über einer Straße. Das fing ja gut an. Wo war die Reset-Taste, wenn man sie mal brauchte?

„Was für eine nette Begrüßung, du bist bestimmt die Partnerin, die mein Kwami erwähnt hat.“ Er plapperte, nachdem sie sich befreit hatten, aufgeregt und gut gelaunt vor sich hin, mit einer für Ladybug unerklärlichen Selbstverständlichkeit. „Ich bin …“ Er überlegte kurz. Das war die Gelegenheit für einen coolen Superheldennamen. „Cat Noir. Ja, das klingt gut. Und du?“

Anschließend hätte sie sich fast verplappert, denn sie war im Begriff gewesen ihm ihren wahren Namen zu verraten. „Ich bin Ma …Ma…“, begann sie stotternd und kämpfte nebenbei mit dem verhedderten Jojo. Wenn sich dieses nicht im selben Moment gelöst hätte und schwungvoll auf dem Kopf des Katers gelandet wäre. „Ich bin Mega-Tollpatschig …“, schloss sie nüchtern und auch ein wenig niedergeschlagen. Warum tat sich nie ein Erdboden zum darin versinken auf, wenn man mal einen brauchte.

„Nicht so schlimm, ich übe auch noch.“ Hatte er grinsend erwidert bevor ein Beben die Straße unter ihnen ins Schwanken gebracht hatte. Nur wenige Straßen weiter, stürzte krachend ein Haus ein. Sofort machte sich Cat Noir auf den Weg.

„Was machst du denn da?“, fragte sie panisch.

Auf dem Dach eines Hauses angekommen, blickte er sich noch einmal zu ihr um: „Paris retten, was sonst?“, rief er enthusiastisch und mit dem Tonfall, als wäre es das normalste auf der Welt, bevor er verschwand.

Na toll, er ging anscheinen wirklich in der Aufgabe auf und schien wie geboren dafür, während sie sich furchtbar deplatziert fühlte. Konnte sie nicht endlich aufwachen? Sie erinnerte sich an die Worte des kleinen roten Wesens: „Vertraue dir.“ Na gut, sagte sie sich schicksalsergeben. Ein Versuch. Sie warf erneut das Jojo aus und flog über die Dächer davon, nicht ohne dabei noch einmal ängstlich zu schreien. Daran würde sie sich nie gewöhnen.

Adrien lief aufgeregt und freudig angesichts des neuen Schultages, für dessen Erlaubnis er lange gekämpft und die er eben erst erhalten hatte, den Gang zum Klassenzimmer entlang. Es war alles noch sehr neu für ihn. Nicht das erste Mal, aber er war diesen Flur noch nicht oft entlanggegangen.

Die Tür des Klassenzimmers geriet in sein Blickfeld. Sie stand weit offen und eine ihm bekannte Stimme schrie wütend: „Ihr habt euch wohl im Platz geirrt. Na los, weg da!“ Es war eindeutig Chloé. Er ging unbeirrt noch ein paar Schritte weiter, bis seiner Freundin aus Kindertagen eine selbstbewusste, helle Stimme im gelassenen Tonfall antwortete: „Das Böse kann nur triumphieren, wenn keiner etwas dagegen unternimmt.“

Er blieb einen Moment verdutzt stehen und lauschte der Auseinandersetzung, die aus dem Inneren des Zimmers drang, denn er wusste, mit wem Chloé gerade sprach. Es versetzte ihm einen Stich und bremste seine Vorfreude ein wenig.

Etwas belustigt und herablassend, in einem genervten Tonfall, erwiderte die Tochter des Bürgermeisters: „Was soll denn das bedeuten?“

„Das bedeutet, ich lass mir von dir nichts befehlen Chloé und das gilt auch für die anderen hier. Also mach nicht so ein Theater, setzt dich. Na los!“

Diese energische Ansprache wurde von dem Gelächter der ganzen Klasse begleitet. Adrien konnte sich lebhaft vorstellen, wie seine alte Freundin vor Wut zu kochen begann. Zu oft hatte er das schon selbst miterlebt. Mit einem verschmitzten Lächeln betrat er schließlich das Zimmer und grinste noch breiter, als er sah, dass hinter seinem und Ninos Tischreihe nun Marinette und Alya saßen. Chloé und Sabrina hatten sich auf die Plätze verzogen, auf denen am Vortag das Kaugummi-Komplott Anlass für Streit gegeben hatte. Gut gelaunt begrüßte er seinen neuen Kumpel und wollte auch freundlich und ein wenig versöhnlich in Marinettes Richtung winken. Aber sie drehte sich mit einem Ruck entschlossen von ihm weg. Mit demselben Sturkopf, mit dem sie sich soeben ihren Platz zurückerobert hatte, ignorierte sie ihn jetzt hartnäckig. Ihm entfuhr ein leiser Seufzer, bevor er sich neben Nino auf die Bank fallen ließ. Er war ja selber daran schuld, weil er Chloé in Schutz genommen hatte.

   

„Adrien! Ich hab Hunger!“, plärrte Plagg laut in unmittelbarer Nähe seines Ohres. Daraufhin stöhnte der Junge schwach und begann sich minimal zu regen. Sein Körper fühlte sich merkwürdig taub an, bis auf eine Stelle direkt auf der Brust. Da gab es einen Punkt, der fühlte sich an, als hätte jemand mit Hammer und Meißel darauf eingedroschen. In seinem Kopf hämmerte und pochte es ebenfalls unerbittlich. Solche Kopfschmerzen hatte er noch nie gehabt. War er tot und in seiner persönlichen Hölle gelandet? Das würde erklären, warum dieser verdammte, schwarze Kwami schon wieder seine Nerven strapazierte. Oder schlief er einfach nur? Schließlich hatte er einen merkwürdigen Traum gehabt. Er war in der Schule gewesen. Da waren Chloé und Nino, auch Marinette hatte er reden hören. Sie hatte sich gegen Chloé behauptet und war ungewöhnlich selbstbewusst gewesen. Halt…er stutzte verwundert. Das war nicht wirklich ein Traum. Nein, das war real. Eine Erinnerung an einen Tag, der schon lange zurück lag.

Es war nicht seine erste Begegnung mit der dunkelhaarigen Klassenkameradin gewesen, denn diese war wegen Chloés Kaugummi, den sie auf Marinettes Schulbank deponiert hatte, äußerst mies gelaufen. Und das nur, weil er Angst hatte, seine bis dato einzige Freundin zu verpfeifen. Hätte er vorher gewusst, dass er am Ende dieses Tages gleich mehrere neue Freundschaften schließen würde, dann hätte er die Sache gleich klargestellt. Seither war Nino sein bester Kumpel und er war unglaublich froh darüber. Einen Freund wie ihn hatte er vorher noch nie gehabt. Außerdem war es der Tag, nachdem er und seine geliebte Ladybug ihren ersten Kampf gefochten hatten. Wenn er an die Anfänge seines Lebens als Superheld zurückdachte, schien es, als bildete sich ein Glücksballon in seinem Inneren, oder waren es doch Schmetterlinge im Bauch? Immerhin hatte er dadurch die clevere Heldin Ladybug kennengelernt, für die er seitdem schwärmte. Er stutze einen Moment über seine eigenen Gedanken. Da gab es etwas, dass ihm vorher nie aufgefallen war. Beide Mädchen, Marinette und Ladybug, waren innerhalb kürzester Zeit in sein Leben getreten. Beide konnte er mit einem guten Gefühl als „Freundin“ bezeichnen. Erst Ladybug, die nahezu schüchtern und unsicher ihren ersten Kampf bestritt und ihn tollpatschig mit ihrem Jojo am Kopf traf, dann Marinette, die ihn anfangs energisch mit Ablehnung strafte. Aber danach war alles irgendwie anders gewesen. Ladybug hatte sich herausgemacht, phänomenal gekämpft und eine bewegende Ansprache vor dem Eiffelturm gehalten, während Marinette stotternd unter dem Vordach der Schule stand, nachdem er sich bei ihr für den Vorfall am ersten Schultag entschuldigt hatte. Den Schirm, den er ihr als indirektes Friedensangebot reichte, über sich zusammen klappend, ebenso schusselig, wie er sie seither kennen gelernt hatte. Ein schwaches Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

Er schaffte es zu blinzeln und schlug schließlich die Augen auf. Das Licht der Deckenlampen blendete ihn und er schirmte seine Augen mit der Hand ab. Alles drehte sich. In seinem Kopf herrschte Chaos. Was war passiert und vor allem, wo war er? Es fiel ihm schwer sich zu erinnern, denn sein Kopf brummte immer noch gnadenlos und er begann, sich die Schläfen zu massieren.

„Soll ich es dir Buchstabieren! K-Ä-S-E!“ Plagg tauchte in seinem Blickfeld auf und schaute ihn vorwurfsvoll an. Das konnte er wirklich gut. Die kleinen Ärmchen hatte er vor der Brust verschränkt und die giftgrünen Augen funkelten angriffslustig. Moment mal, warum war er nicht in seinem Ring, hatte er nicht gekämpft? Panisch schaute Adrien sich um und betastete hecktisch seinen Körper, der nicht mehr in dem schwarzen Kampfanzug, sondern in seiner Alltagskleidung steckte. Warum war er schon zurückverwandelt? Okay, er lag auf einem Sofa, allein, in einem luxuriös eingerichteten Hotelzimmer. Langsam kehrte seine Erinnerung zurück. Natürlich, er hatte den Kataklysmus eingesetzt und musste sich somit zwangsläufig zurückverwandelt haben. Er richtete sich vorsichtig auf und stützte sich dabei an der Rückenlehne ab. Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr. Etwas fiel zu Boden. Dann erkannte er, dass es ein zusammengefaltetes Blatt Papier war, das neben dem Sofa lag. Neugierig und auch etwas verwundert faltete er es auf und las.


Wurdest von einem Schlafmittel umgehauen.

Keine Zeit mehr. Akuma gefangen.

Schlaf gut, Dornröschen.

   

Darunter war schwungvoll ein Marienkäfer gemalt.

„Ich weiß, von wem der ist“, sagte Plagg mit seiner nervigsten Besserwisserstimme. Er schwebte neugierig um seinen Schützling herum und grinste frech. Adrien verdrehte die Augen und antwortete trocken: „Das ist ja auch wirklich nicht schwer.“

„Ich versteh euch beide nicht. Sie hätte nicht lang warten brauchen und schon hätte sie herausgefunden, wer du bist.“ Plagg war schon wieder in Höchstform. Er konnte es einfach nicht lassen, ihm jede Offensichtlichkeit förmlich ins Gesicht zu spucken, kaum, dass er die Möglichkeit dazu hatte. „Aber nein, sie verfrachtet dich hierher und verschwindet“, erläuterte der Kwami fassungslos, als verstünde er die Welt nicht mehr und als müsse jeder so neugierig sein, wie er selbst.

„Weil ich es damals auch nicht getan habe. Ganz einfach. Das nennt man Vertrauen“, sagte Adrien überlegen und verschränkte die Arme vor der Brust. Plagg tat es ihm gleich, allerdings übertrieben theatralisch, inklusive des genervten Augenrollens, während er in einem abwertenden Singsang: „Das nennt man Vertrauen“ echote.

Plötzlich hatte Adrien realisiert, was Plagg nebenbei noch erwähnt hatte und er blinzelte verwundert. „Was hat sie? Mich hier rein gebracht?“ Es fiel ihm doch schwer sich das vorzustellen. Obwohl, wenn sie verwandelt waren, hatten sie doch erhebliche Fähigkeiten zur Verfügung. Etwas beschämt erinnerte er sich an den Kampf gegen Dark Cupid, bei dem Ladybug ihn mit beiden Händen gepackt und auf den verwandelten Kim geschleudert hatte. Möglich war es ihr also.

„Jep“, meinte Plagg, der sich wieder eingekriegt hatte knapp und flog ihm auf die Schulter.

„Sag bloß, du weißt auch diesmal was passiert ist?“ Adrien staunte nicht schlecht. Sein Kwami packte in letzter Zeit Fähigkeiten aus, von denen er nichts geahnt hatte. Obwohl er sich in den vergangenen Tagen erstaunlich interessiert an ihm und seinem Leben gezeigt hatte. Das musste er ihm nun doch zugestehen.

„Nicht so deutlich wie bei Dark Cupids Pfeil, aber ein paar Ausschnitte sind hängen geblieben“, gab er mit einer Spur Selbstzufriedenheit zurück.

„Was war los, nachdem ich getroffen wurde?“ Natürlich war er jetzt neugierig, denn mittlerweile hasste er diese Blackoutmomente. Allerdingt hasste er es nahezu ebenso sehr, Plagg alle interessanten Informationen aus der Nase ziehen zu müssen. Das konnte jetzt länger dauern.

„Komm schon, ich hab echt ein tierisches Loch im Bauch“, stöhnte Plagg genervt im Ton eines quengeligen Kleinkindes. Wie ein nasser Sack hing er mit ausgestreckten Ärmchen über der Schulter seines menschlichen Partners.

„Bitte und ich sorge dafür, dass du so viel Käse essen kannst, bis du platzt.“ Adrien wusste, wie er ihn Ködern konnte. Es war zwar nicht ganz fair und grenzte an Erpressung, aber der Kwami spielte ja auch nicht immer mit sauberen Mitteln.

Plagg ergab sich erstaunlich schnell und erwachte prompt aus seinem gespielten Koma. „Naaa gut. Aber nur die Kurzfassung. Ladybug hat Black Nurse gegen das Brett geschleudert hinter dem du dich vorhin kurz versteckt hast. Das in dem noch ein paar ihrer Pfeile steckten. Danach war sie von ihren eigenen Medikamenten ausgeknockt und deine Traumfrau…“, er setzte mit den Pfoten Gänsefüßchen in die Luft, „…konnte den Akuma fangen. Dann war sie ganz schön geschockt, hat wahrscheinlich gedacht du bist tot oder so. Sie hat fast geheult. Warte …“ Er hielt einen Moment inne. „…doch sie hat geheult. Danach hat sie noch mit dir geredet, warum eigentlich? Du hast ja geschlafen.“ Adrien sah ihm an wie er über Sinn und Unsinn dieser Aktion nachdachte, bevor der Kwami fortfuhr. „Egal, sie hat wie immer die Schäden beseitigt und ist los. Und jetzt bitte, gib mir was zu essen!“ Theatralisch rutschte er von seiner Schulter herunter und sank vor dem Jungen auf den Boden. Plagg dachte eben nur an das eine. Und er selbst hatte eigentlich auch nur eines, an das er dachte - Ladybug.

„Sie war traurig?“, fragte er ehrlich betroffen und berührt, die Sorgen seines Partners überhörend. Er war ihr also doch nicht egal. Dieses Wissen und ihre Notiz waren eine unglaubliche Erleichterung für ihn und sein unfassbar schlechtes Gewissen, welches ihn den ganzen Abend sowohl gequält als auch behindert hatte. Sie hatten es geschafft und sie war nicht sauer auf ihn. Er hatte sich solche Vorwürfe gemacht und schämte sich ein wenig dafür, dass er so wortkarg gewesen war und für sein dummes, unüberlegtes Verhalten. Idiot - schalt er sich selbst. Glücklich nahm er sich vor, das beim nächsten Einsatz unbedingt noch einmal mit ihr zu klären. Wüsste er doch nur, wer sie wirklich war, dann könnte er es gleich tun. Aber zumindest würde er sich jetzt nicht permanent Sorgen und Gedanken darüber machen.

Abrupt riss ihn Plagg aus seinen Überlegungen. „Wenn wir uns beeilen, können wir nochmal bei Alya vorbei. Noch ist nicht Mitternacht und dort gibt es Essen!“, bettelte der kleine Kwami hoffnungsvoll. Diesmal drangen auch die anderen Worte zu dem Jungen durch. Er hatte Recht. Adrien warf einen Blick auf die Uhr. Wenn er sich beeilte, blieb ihm noch eine gute Stunde. Er machte sich auf den Weg, die Notiz drückte er dabei noch einmal liebevoll an die Brust und verstaute sie dann zusammengefaltet in der Tasche seines Hemdes.
 


***



Tikki schaute das Mädchen erwartungsvoll an, während Marinettes Augen gedankenverloren in eine andere Richtung blickten. Sie war mit ihren Gedanken ganz woanders, das erkannte ihre kleine Freundin sofort. So richtig hatte sie ihre Frage noch nicht beantwortet. Vielleicht wusste sie nicht wie? Oder sie wusste selbst noch nicht, was sie eigentlich wollte.

„Es ist einfach besser so“, schloss sie nach ein paar Minuten Grübelei. Und ihr Kwami, der sie immer noch aufmerksam musterte, fragte nicht noch einmal nach.

Nachdem Marinette das Treppenhaus verlassen hatte, war Tikki wieder in ihre kleine Tasche geschlüpft, um sich auszuruhen und ihren Energiespeicher aufzuladen. Das Mädchen sprintete währenddessen schnell zu Alyas Wohnung, blieb aber unschlüssig vor der Tür stehen und atmete ein paar Mal tief durch, um ihren Puls wieder etwas herunter zu fahren. Ohje, eins hatte sie nicht bedacht. Sie tippte sich nachdenklich mit den Fingern an die Stirn. Was um Himmels willen sollte sie sagen, wo sie die ganze Zeit gewesen war? Langsam gingen ihr wirklich die Ausreden aus. Gerade Alya war chronisch misstrauisch und hinterfragte auch mal eine schwache Geschichte. Vielleicht könnte sie sagen, sie sei von einem Pfeil getroffen worden und von Ladybug gerettet? Ja vielleicht. Marinette war zu geschafft, um länger darüber nachzudenken, ließ schicksalsergeben die Hände sinken, zuckte mit den Schultern und beschloss, es darauf ankommen zu lassen.

Sie stapfte die Treppen hoch. Hoffentlich war den anderen nichts passiert und hoffentlich hatte sich Chloé, die mittlerweile wieder auf den Beinen sein musste, nicht zu sehr an Adrien rangeschmissen. Das wäre jetzt noch der Höhepunkt des Abends. Dann würde sie sich gar nicht die Mühe machen und gleich auf dem Absatz umdrehen. Dieses Mädchen ertrug sie heute einfach nicht mehr. Sie klopfte an die Tür und Alya öffnete sie.

„Wo warst du so lange?“, fragte ihre Freundin prompt und stürzte auf sie zu, um sie erleichtert in den Arm zu nehmen. Kurz darauf ließ sie sie abrupt los und hielt ihr vorwurfsvoll eine Standpauke. „Ich hab mir verdammt nochmal Sorgen um dich gemacht!“ Ihr Tonfall war scharf, aber zwischen der Sorge klang deutlich auch die Erleichterung heraus.

Schuldbewusst senkte Marinette leicht den Kopf und blickte immer wieder verstohlen zu ihren Füßen hinunter. „Ich hatte vom Balkon aus nach unten geschaut, um zu sehen was los ist und mich hat so ein blöder Pfeil getroffen. Dabei wäre ich fast abgestürzt, aber Ladybug hat mich noch gerettet. Bin vorhin erst auf dem Dach aufgewacht, also geh ich davon aus, sie war mal wieder erfolgreich.“ Sie redete immer schneller und gestikulierte viel mit den Händen, damit Alya nicht so genau auf ihre Story achten konnte. Das Alibi war ganz und gar nicht perfekt. Sie flehte inständig, dass ihre Freundin sie nicht gleich über die Details löchern würde und somit auffliegen könnte, dass alles nur eine Schwindelei war. Fast sofort bereute sie es, sich nicht doch ein paar mehr Gedanken darüber gemacht zu haben, als sie in das Gesicht ihrer besten Freundin blickte.

„Auf dem Dach?“ Etwas ungläubig schaute Alya sie an, eine Augenbraue hochgezogen. Einerseits klang es nach etwas, dass Marinette typischerweise passieren würde, andererseits aber auch nicht. Skeptisch wollte sie nachhaken, kam aber nicht dazu. „Geht es den anderen gut?“, fragte Marinette hastig um sie abzulenken. Ihr war der Zweifel in Alyas Miene nicht entgangen. Es funktionierte glücklicherweise tatsächlich. Auch wenn Alya kurz verwirrt dreinblickte, setzte sie schließlich ein schiefes Lächeln auf und unterdrückte einen Lachanfall. „Ja, alle sind wohl auf. Aber du glaubst es nicht, Chloé hat die ganze Zeit nur gekotzt. Auch wegen einem dieser Pfeile. Verdammt heftiges Zeug war das. Als es ihr wieder gut ging, ist sie wie wild durch die Wohnung getigert und hat Adrien gesucht, aber ihn nicht gefunden. Und naja, danach ist sie mit Sabrina im Schlepptau abgezogen.“ Glucksend beendete Alya ihren Report und grinste noch  breiter.

Für Marinette war es eine Erleichterung zu hören, dass die Tochter des Bürgermeisters gegangen war. Aber das auch Adrien schon weg war, dämpfte die Euphorie des gewonnen Kampfes und die Freude über die Abwesenheit ihrer Klassenkameradin doch erheblich. Und da war noch diese andere Sorge, die seit dem Verlassen des Hotels an ihr nagte.

Alya sah sofort die Veränderung in der Mimik ihrer Freundin. Augenblicklich schwang ihre Stimme von einem begeisterten Erzählton stark um und wurde etwas leiser und einfühlsamer. Sie konnte sich schon denken was gerade im Kopf ihrer Freundin vorging. „Tut mir echt leid. Vielleicht musste er schon gehen, du weißt ja wie sein Vater ist. Sobald ihm Gefahr droht, würde er seinen Sohn doch am liebsten einmauern.“

„Ja wahrscheinlich.“ Mehr bekam Marinette nicht über die Lippen, außer einem schwachen Lächeln, um ihre Freundin nicht zu beunruhigen. Ihr Mund war trocken und ihre Glieder wurden bleischwer. Die kleine Hoffnung ihren Schwarm heute noch einmal zu sehen, die sie sich eisern bewahrt hatte, war nun verflogen, ebenso wie die Wirkung des Adrenalins in ihrem Körper. Zurück blieb Erschöpfung und die anhaltende Angst um Cat Noir, die partout nicht verschwinden wollte. „Da war ja ganz schön was los hier“, ergänzte sie noch mühsam, um nicht zu lange zu schweigen.

Plötzlich änderte sich Alyas Tonfall erneut ein wenig, ihre Augen leuchteten und ihre Stimme überschlug sich fast, als sie weiter sprach. „Das kannst du aber laut sagen. Und ich hab tolle neue Aufnahmen für meinen Blog gemacht. Ich muss dir unbedingt das Video zeigen, dass ich aufgenommen habe. Ladybug und Cat Noir, wie sie aus dem obersten Stock des Hotels fallen. Das war mega knapp gewesen.“ Sie hielt kurz inne und beobachtete Marinette eindringlich. „Die zeig ich dir vielleicht lieber morgen, oder? Du siehst ziemlich geschafft aus.“ Alya unterdrückte ihre Begeisterung aus Rücksicht auf ihre Freundin. Es war nicht zu übersehen, dass sie ganz schön fertig war.

„Moment, was?“, fragte Marinette plötzlich etwas munterer und ehrlich verwirrt darüber, woher Alya das schon wieder wusste und wie zum Teufel sie das gefilmt hatte? Hatte sie ihr als Ladybug nicht gesagt, sie soll die Wohnung nicht verlassen?

Nino erschien hinter Alya in der Tür und legte lässig den angewinkelten Ellenbogen auf ihrer Schulter ab. „Was denkst du denn Marinette? Als ob ich Alya hier hätte halten können, wenn Ladybug da draußen einen Kampf bestreitet. Nicht einmal wenn sie selbst ihr sagt, dass sie in der Wohnung bleiben soll. Du weißt ja, wie sie ist.“

Sie verdrehte genervt die Augen. „Du hast dir völlig umsonst Sorgen gemacht. Es ist gar nichts passiert. Nachdem Ladybug und Cat Noir zurück in das Hotel gegangen sind, haben wir unten auf der Straße nichts mehr von dem Kampf mitbekommen. Erst als wie immer der ganze Schaden begann sich aufzuräumen, war klar, dass alles vorbei war und ich bin wieder nach Hause gefahren.“ Leise murmelnd fügte sie noch hinzu. „In das Hotel hat uns die Polizei leider nicht gelassen.“ Sie zog kurz eine kleine Schnute, lachte aber dann. Nino neben ihr schüttelte nur ungläubig den Kopf.

Hilflos sackte Marinette ein wenig in sich zusammen. Natürlich hatte ihre beste Freundin mal wieder nicht auf sie gehört und musste dabei sein. Stimmt eigentlich, was hatte sie erwartet? Da konnte sie nur von Glück reden, dass sie noch ein paar Minuten im Hotel verbracht hatte, um sich um Cat Noir zu kümmern. Sonst hätte tatsächlich die Gefahr bestanden, dass Alya sie entdeckt hätte. Sie wollte gerade etwas erwidern, als Adrien die Treppe heraufgestürzt kam. Mit großen Augen schaute sie ihn an und als auch er seine Freunde bemerkte, wurde er auf der Treppe immer langsamer und blieb schließlich stehen. Verdutzt schaute er zu Nino und den beiden Mädchen, während er sich verlegen am Hinterkopf kratzte.

„Man Alter, ich hab dich gesucht!“, rief Nino, der einen schnellen Schritt auf Adrien zu machte, während er ihn fragend und mit großen Augen anschaute. Alya war sprachlos und wirkte ebenso überrascht ihn zu sehen. Sie hatte eindeutig nicht mit seiner Rückkehr gerechnet. Derweil spürte Marinette bereits, wie ihre Wangen zu glühen begannen. Konnte sie wirklich so viel Glück haben? Gerade noch war ihr das Herz in die Hose gerutscht, weil sie sich völlig umsonst beeilt hatte, um noch einmal herzukommen und nun stand er tatsächlich im Treppenhaus.

„Äh …“, begann Adrien unsicher. Unangenehm spürte er die Blicke seiner Freunde auf sich ruhen. „Tut mir leid, dass ihr euch Sorgen gemacht habt. Also… Mein Vater hat angerufen. Ihr wisst ja wie er ist. Er wollte, dass ich sofort nach Hause komme, weil anscheinend wieder ein Bösewicht gesichtet wurde. Ich bin kurz nach euch beiden rausgegangen und irgendwie im Hinterhof gelandet. Es hat ewig gedauert ihn abzuwimmeln. Habt ihr davon gehört? Es wurde wieder jemand verwandelt.“ Es klang so furchtbar unglaubwürdig, dass mussten sie doch merken, dachte er panisch. Hatte dieses Haus überhaupt einen Hinterhof? Mist, die Story hätte er sich vorher zurechtlegen sollen. Er hätte jedoch nicht damit gerechnet hier gleich alle versammelt zu sehen. Ehrlichgesagt, hatte er sich gar keine Gedanken darüber gemacht oder zumindest gehofft sich halbwegs unbemerkt zurückschleichen zu können. Aber es blieb nur einige Sekunden still und dann sagte Nino überraschend verständnisvoll: „Ja, sicher kein Problem und ja allerdings, das haben wir. Zum Glück ist dir nichts passiert.“ Keine Spur von Zweifel oder Unglauben.

„ Das hätte auch anders ausgehen können. Wir hatten live und in Farbe einen Showdown vor unserem Haus“, ergänzte Alya dramatisch und doch mit einer Spur Stolz in der Stimme. Darüber hätte Marinette am liebsten den Kopf geschüttelt. In einen Kampf verwickelt zu werden, war ganz und gar nicht so großartig, wie Alya das immer empfand.

Froh darüber, dass sein wackeliges Pseudoalibi nicht weiter beleuchtet wurde, ging Adrien auf das Thema ein. „Wirklich?“, brachte er erstaunt hervor, während er sein Glück kaum fassen konnte. Sie hatten es ihm tatsächlich abgenommen.

„Ja, das war ziemlich krass. Aber kommt erst mal wieder rein. Dann erzählen wir euch alles“, schlug Alya vor, die es kaum erwarten konnte mit ihren Neuigkeiten herauszuplatzen, und hielt den anderen die Tür zur Wohnung auf.

Während Alya, Nino und Marinette schon hinein gingen, blieb Adrien noch kurz stehen. An diesem Bild war etwas seltsam gewesen. Warum standen seine Freunde in, beziehungsweise vor der Tür? Plagg bemerkte sein Zögern und spähte neugierig aus seinem Hemd heraus. „Was ist los? Warum folgen wir ihnen nicht nach drinnen zu dem leckeren Essen?“, fragte er verwundert und etwas wehleidig.

„Ich weiß nicht warum, aber war das nicht eben komisch?“, erwiderte er leise. Er schaute immer noch verwundert auf die Stelle, wo eben seine Freunde gestanden hatten. Alya und Nino in der Tür, Marinette ihnen gegenüber. Und da durchzuckte ihn die Erkenntnis, was genau ihm seltsam vorgekommen war. Es hatte so ausgesehen, als ob Marinette ebenfalls gerade erst zurückgekommen war. Warum sonst befanden sich alle vor der Tür und nicht in der Wohnung. Aber wo sollte sie denn gewesen sein? Als er sich verwandelt und dafür gesorgt hatte, dass seine Klassenkammeraden in der Wohnung blieben, war sie doch noch… halt… hatte er sie da tatsächlich gesehen? Es waren ja doch ein paar Leute dagewesen und seine Aufmerksamkeit darum ziemlich gefordert. Angestrengt versuchte er die Szene zu rekonstruieren, aber es gelang ihm nicht wirklich. Sie hatten miteinander getanzt, danach war die Geschenkübergabe und im Anschluss daran hatte das Chaos schon seinen Lauf genommen. Seit dem Moment, da er auf dem Balkon mit Ladybug gesprochen hatte, verschwamm alles. Als ob sein Gehirn beschlossen hätte von da an Unwichtiges herauszufiltern und ohne Umschweife zu löschen. So sehr er sich auch anstrengte, er konnte nicht sagen ob sie Anwesend war und wenn nicht, wo seine Klassenkameradin zu dem Zeitpunkt gewesen war. Eine schwache Gänsehaut, die er sich nicht so recht erklären konnte, überzog seine Unterarme und den Nacken, dicht gefolgt von einem seltsamen Gefühl, welches sich in seiner Magengrube ausbreitete.

Einen Sekundenbruchteil später machte es auch bei seinem kleinen Kwami „Klick“. Wie es dazu kam, wusste er nicht. Ob es der schnellere Herzschlag seines Freundes war, den er, versteckt unter seiner Jacke, deutlich spüren konnte? Oder hatten sie in letzter Zeit einfach zu häufig über dieses Thema gesprochen? Er konnte es nicht sagen, aber er hatte trotz dem nahenden Hungerkoma eine Idee und er schaute ihn verwundert an. „Oh, denkst du etwa, was ich denke?“

Ungläubig schüttelte Adrien den Kopf. „Ich kann es mir nicht vorstellen, aber erklären kann ich es mir auch nicht.“

 


***



Alya und Nino überschlugen sich fast, als sie von den Vorkommnissen erzählten und die anderen lauschten gespannt. Marinette saß unschlüssig in einer Ecke, direkt neben dem mit Geschenken überladenen Tisch und hörte nur mit einem Ohr zu, während sie an die Ereignisse zurück dachte. Ob es klug gewesen war Cat Noir allein zurückzulassen? Wie es ihm wohl ging? Es war unerträglich, aber was hätte sie denn tun sollen, sich zurückverwandeln und warten? Das konnte sie doch nicht machen. Sie durften einfach nicht wissen, wer der andere war. Frustriert über dieses Dilemma knabberte sie an ihrer Unterlippe, während sie sich verwirrt durch die Haare fuhr. Sie war schon ein wenig neugierig, hatte aber auch unglaubliche Angst. Was wäre, wenn sie ihn aus dem normalen Leben kannte? Das könnte, nein das würde, alles einfach alles verändern. Zudem plagte sie ein furchtbar schlechtes Gewissen. Er war meistens derjenige, der bei den Kämpfen etwas abbekam. Diesmal war sie zwar auch nicht verschont geblieben, ebenso wie damals im Kampf gegen den Pixelator, aber Cat Noir zog viel öfter den Kürzeren. Bei dieser Auseinandersetzung ja schließlich auch und das meist bei dem Versuch sie zu beschützen, dagegen kam sie sogar ziemlich glimpflich davon.

Da sie in der Ecke, in der sie sich befand, weitestgehend unbeobachtet blieb und die anderen abgelenkt waren, öffnete Tikki die Umhängetasche einen Spalt breit und blickte besorgt, mit großen traurigen Augen, zu ihrer Freundin auf. „Alles ok bei dir?“

Marinette zuckte, wie vom Blitz getroffen, zusammen: „Was machst du denn? Wenn dich jemand sieht“, flüsterte sie panisch und schirmte dabei hecktisch den kleinen, roten Kwamikopf, der aus der Tasche ragte, mit ihren Händen ab.

„Ich hab mir Sorgen gemacht“, sagte sie entschuldigend und etwas kleinlaut, während sie ein wenig in ihr Versteck zurücksank. „Du bist so still und nachdenklich.“

Marinette versicherte sich mit einem kurzen Blick über die Schulter, dass sie unbeobachtet war und wandte sich dann ihrer Tasche zu. Sie lächelte schwach, war aber dankbar darüber, dass Tikki sich um sie kümmerte. „Brauchst du nicht. Mir geht es gut.“ Das stimmte nur halb. Sie war einerseits müde und machte sich aber andererseits solche Sorgen und Gedanken, dass sie sich irgendwie noch nicht dazu entschließen konnte nach Hause zu gehen.

„Geht es dir gut?“, fragte auf einmal vorsichtig eine weitere besorgte Stimme hinter ihr.

Sie erschrak erneut, währenddessen schloss sich die Tasche an ihrer linken Hüfte lautlos. Sie drehte sich um, Adrien war an ihrer Seite erschienen. „J-Jaa … schon. U-und bei d-dir?“ Mist da war es wieder, das nervöse Stottern, inklusive des noch nervöseren leisen Lachens im Anschluss. Insgeheim hatte sie ja doch ein bisschen gehofft, dass es nach diesem Abend verflogen wäre, aber andererseits … wäre das wohl zu schön um wahr zu sein. Ihr Herz schlug schon allein bei Klang seiner Stimme automatisch schneller, pumpte Unmengen Blut durch ihren Körper und schien dadurch die Gedanken in ihrem Kopf durcheinanderzuwirbeln, sodass sie als Buchstabengrütze aus ihrem Mund purzelten.

„Alles in Ordnung, ich habe nur gefragt, weil du so abwesend dagesessen hast.“ Er zögerte nur einen Moment, bevor er sich neben sie setzte, sodass sich ihre Ellenbogen leicht berührten. Augenblicklich konnte sie das Glühen im Gesicht spüren, was ihr ankündigte, dass sie errötete. Nervös begann sie die verschwitzten Hände in ihrem Schoß zu kneten. Sie überlegte panisch, was sie sagen sollte, aber da sprach Adrien schon weiter. „Ich fand den Abend wirklich cool. Von der kleinen Unterbrechung mal abgesehen“, sagte er munter und lächelte freundlich.

Kurz vergaß Marinette alles um sich herum und betrachtete nur schmachtend den Jungen vor sich. Geschah das gerade wirklich? Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie behaupten sie träume gerade. „Ja das stimmt. Nino kann das echt gut … mit der Musik, mein ich.“ Reiß dich zusammen Marinette. Rede ganz normal mit ihm, so wie vorhin. Dieser kleine Funken Vernunft schrie sie förmlich in ihrem eigenen Kopf an, aber sie knickte unter dem Blick seiner unfassbar grünen Augen ein. Wie war es möglich so gut auszusehen? Sie bemerkte, dass sie ihn anstarrte und bemühte sich auch woanders hinzuschauen. Zu einem der Geschenke auf dem Tisch…grüne Augen… ihre eigenen Hände…wieder seine Augen … verdammt. Abwesend legte sie ihre Unterarme auf den Tisch und begann mit dem ersten, was ihr in die Finger kam, ihre leicht zitternden Hände zu beschäftigen.

„Keine Frage, er wird sicher mal ein richtig guter DJ“, erwiderte Adrien. Unwillkürlich dachte er an den Tanz mit ihr zurück und ihm wurde ganz warm. Seine Gefühle verwirrten ihn. Er war sich sicher, dass er Ladybug liebte, aber dieses Mädchen war bisher so unerreichbar für ihn, wie es für Cat Noir unwahrscheinlich war heute Abend noch Hawk Moth zu schnappen. Mit einem verstohlenen Seitenblick betrachtete er Marinette. Ebenso hübsch wie seine Lady, mit glühenden Wangen und himmelblauen Augen. Er mochte sie, keine Frage, aber wie sehr, konnte er nicht definieren, da immer, wenn er darüber nachdachte, sich das Bild der maskierten Heldin in seinem Kopf verfestigte. Unumstößlich, wie ein aus Stein gehauenes Denkmal. Das Gespräch mit Plagg kam ihm wieder in den Sinn und die Tatsache, dass sie in der Zeit in der der Kampf stattgefunden hatte, niemand sich erinnern konnte sie gesehen zu haben. Nino hatte ihm vorhin, als er sich nach ihr erkundigt hatte, mit einem breiten Grinsen im Gesicht erzählt, wo sie ihrer eigenen Aussage nach gewesen war. Wie konnte er sich nur vergewissern, ob Plagg mit seinem, wahrscheinlich damals aus Jux geäußerten Verdacht, tatsächlich Recht hatte? Und aus unerfindlichen Gründen sprach mittlerweile das ein oder andere wirklich für diese Theorie, ob er es wahrhaben wollte oder nicht.

Leicht neigte er den Kopf nach vorn und berührte seinen Nacken. Das tat er sehr häufig, wenn er unsicher war, stellte Marinette fest. Und auch das war er ziemlich oft. Nervös und manchmal auch etwas schüchtern. Aber warum nur? Er war der Sohn eines der berühmtesten Männer des Landes, außerdem ein begehrtes Model und hatte alles, was er wollte. Und doch wirkte er ebenso oft, wie er selbstbewusst und gut gelaunt schien auch verletzlich und erschreckend sensibel. So wie an diesem Tag vor der Schule, als er sich bei ihr entschuldigt hatte. Er hatte gesagt, dass er noch nie auf einer Schule war und vorher keine Freunde gehabt hatte. Sie stieß einen kaum hörbaren Seufzer aus. Gern wüsste sie, was in ihm vorging, aber ihn danach fragen, würde sie nicht können. Warum sollte er ausgerechnet ihr sein Herz ausschütten? Auch wenn er immer den Eindruck erweckte, dass alles in bester Ordnung war, so war sie sich sicher, dass es in ihm arbeitete.

Während sie ihren Gedanken nachhing, bemerkte sie nicht, wie sie an der Tasche herumgebastelte, die sie Alya geschenkt hatte. An einer Naht hatte sie einen Faden entdeckt, den sie gedankenverloren entfernt hatte und ihn nun zwischen den Fingerspitzen drehte. Ein loses Ende, herausgerissen aus seiner ursprünglichen Ordnung. Was konnte sie Adrien jetzt antworten? Sie war eine Weile versunken gewesen, hatte den Gesprächsfaden verloren.  Sie seufzte kaum hörbar. Noch ein loses Ende und deswegen hatte sie schon ein paar Minuten geschwiegen. Ebenso schien auch er abwesend zu sein. Er blickte etwas steif zu einem Punkt an der Wand.

Plötzlich, während sie immer noch fieberhaft nach einer Antwort suchte, begann er wieder zu sprechen. „Ich hab gehört du wurdest von Ladybug gerettet?“, bemerkte er so beiläufig wie möglich. In seinem Inneren herrscht derweil furchtbares Chaos. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und er konnte ihre Antwort kaum erwarten. Hoffentlich war das jetzt nicht zu offensichtlich gewesen. Was er sich jetzt von dieser Antwort erwartete, konnte er nicht benennen. Aber er musste es einfach ansprechen.

Sie erstarrte erschrocken und panisch begann es in ihrem Gehirn zu arbeiten. Warum fragte er sie jetzt ausgerechnet danach?  Und woher wusste er davon? Als sie es erzählt hatte, war nur Alya anwesend gewesen. Vielleicht hatte es Nino mit angehört? Fieberhaft überlegte sie, was sie nun sagen sollte. Oder sollte sie ihm gar nicht antworten? Sie war nicht darauf gefasst gewesen, dass ausgerechnet er mit ihr darüber sprechen wollte. Die berechtigte Sorge sich zu verplappert, hemmte ihre Möglichkeit ihm zu Antworten erheblich und  am liebsten hätte sie ganz darauf verzichtet. Aber andererseits würde es verdächtig aussehen, wenn sie gerade diese Frage nicht beantwortete. Ihr kam eine Idee, um so schnell wie möglich dieser Situation zu entkommen und die war zum Glück noch nicht einmal gelogen.

„Ja, das ist wahr. Ich kann wirklich froh sein, dass sie da war.“ Soweit zum ersten Teil, unverbindlich und nichtssagend. Sie war zufrieden mit sich. Und jetzt hieß es schnell verschwinden, bevor er nachfragen konnte. „Tut mir leid, ich muss nach Hause. Ich bin wirklich schon spät dran. Wir sehen uns in der Schule“, rief sie hastig, aber auch etwas bedauernd und war schon aufgesprungen und davongeeilt.

Perplex schaute Adrien ihr nach. Er war etwas überrumpelt. Und mit der Antwort ließ sich auch nicht viel anfangen. Dann wandte er den Blick auf den Faden, den sie auf dem Tisch hatte liegen lassen und er betrachtete die Tasche, die sie für Ayla gemacht hatte. Neugierig strich er über die verschiedenen Stoffe. Seine Bewegung stockte verwundert, als er den Wollstoff erreichte.

 


***



Überrascht sah Alya zu, wie Adrien ihr ein flüchtiges: „Gute Nacht und Danke für die Einladung!“ zurief, Nino im vorbeigehen mit der Faust gegen den Oberarm knuffte, während er mit einem „Bis Morgen“ aus der Wohnung verschwand. Sie blinzelte verwundert. Nino, der näher an der Tür gestanden hatte, kam zu ihr herüber. Auch ihm stand das Fragezeichen förmlich auf die Stirn geschrieben. Alya vollführte eine ausladende Geste mit der Hand und murmelte mit einer Spur Sarkasmus: „Gern geschehen.“

„Was war das denn?“, fragte Nino zögerlich. Das war wieder einer der Momente mit Adrien aus denen er einfach nicht schlau wurde.

Sie schüttelte den Kopf und rückte sich dann ihre Brille zurecht. „Ich hab keine Ahnung.“ Einen Moment beäugte sie skeptisch den Tisch, an dem Marinette und er bis vor wenigen Augenblicken noch gesessen hatten. Was war da bloß passiert? Ob sie Marinette anrufen und fragen sollte? Das hatte wahrscheinlich auch noch bis morgen in der Schule Zeit. Sie war ziemlich Müde gewesen.

Es dauerte nicht lange und auch die anderen Mitschüler verabschiedeten sich. Alya betrachtete das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einmal war es schade, dass ihre Party so rüde unterbrochen worden war und sie gar nicht richtig in Schwung kommen konnte. Andererseits war es immer cool für sie ihre Heldin in Aktion zu sehen und neues Material für ihren Blog zu gewinnen. Sie seufzte und begann damit wenigstens ein bisschen aufzuräumen, bevor ihre Eltern morgen zurückkommen würden. Nino war der Einzige, der noch in der Wohnung war, da er sein Equipment noch zusammenpacken wollte. Während er sorgfältig Kabel aufrollte und in Kisten verstaute, begann Alya Teller und Gläser wegzuräumen und die Reste des Essens in den Kühlschrank zu stellen. Eine Weile verrichteten sie stumm ihre Arbeit, bis Nino plötzlich schüchtern zu Sprechen anhob. „Bist du mir noch böse wegen Adrien?“ Ihm war Alyas Reaktion vorhin nicht entgangen. Er nahm an, dass er sich damit wohl etwas zu viel herausgenommen hatte. Obwohl er es definitiv nur gut gemeint hatte.

Verwundert blickte Alya an der offenen Kühlschranktür vorbei zu ihm hinüber. Er stand verlegen neben seinem Mischpult, in dem mittlerweile keine Kabel mehr steckten und das darauf wartete in seine Box gepackt zu werden.

Sie musste ein Kichern unterdrücken. War das tatsächlich seine größte Sorge in diesem Moment? „Mach dir darüber keine Gedanken ok?“, erwiderte sie lächelnd. „Ich hätte ihn selbst einladen sollen. Er schien sich wirklich gefreut zu haben.“ Das Strahlen auf Ninos Gesicht verriet ihr, dass er erleichtert über ihre Worte war. Anscheinend hatte in das ziemlich beschäftigt.

„Sein Vater ist ziemlich schwierig“, meinte Nino etwas betrübt. Musste er schließlich jedes Mal an seinen Versuch zurückdenken ihn zu einer Party für Adrien zu überreden.

„Und überfürsorglich und streng und erstaunlich oft abwesend...“ Für jede Eigenschaft, die sie aufzählte, tippte sie der Reihe nach einen Finger ihrer linken Hand an. „Ja ich weiß.“ Diese übertriebene Art konnte sie nicht nachvollziehen, aber ändern würde es daran auch nichts. Ein schwaches Piepen drang aus dem Badezimmer und forderte ihre Aufmerksamkeit. „Ohje, die Waschmaschine hab ich ja total vergessen!“ Sie schnappte sich einen Wäschekorb und räumte das Gerät leer. Danach marschierte sie Richtung Tür. „Ich häng die nur schnell auf den Wäscheboden.“ Sie beschloss das lieber gleich noch zu erledigen, bevor sie wieder eine Standpauke von ihrer Mutter kassieren würde.

„Ist gut. Ich brauch noch zehn Minuten“, antwortet Nino und fuhr ungerührt mit seiner Arbeit fort.

Erstaunlich schnell war Alya wieder zurück mit einem seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht.

„Was ist denn?“, fragte Nino verwirrt, auch etwas besorgt und ging sofort ein paar Schritte auf sie zu.

„Ich musste nur gerade an Marinette denken. Sie sagte sie käme vom Dach. Ich bin gerade an der Tür vorbeigegangen, die auf unser Hausdach führt und weißt du was? Sie ist abgeschlossen.“

Nino erkannte sofort, wie es in ihrem Gehirn zu arbeiten begann, hob aber beschwichtigend die Hände. „Komm schon, dafür kann es auch eine logische Erklärung geben. Habt ihr einen Hauswart? Vielleicht hat er abgeschlossen? Oder hat die Tür vielleicht ein Schloss, dass sich von außen öffnen lässt, aber nicht von Innen?“

Sie schüttelte energisch den Kopf. Ein ungläubiger Ausdruck trat auf ihr Gesicht, ihre Stirn legte sich in Falten und ihre Augen wurden immer größer. „Nicht das ich wüsste. Und das bedeutet, Marinette hat uns angelogen…“

Den schwachen Seufzer konnte sich Nino nicht verkneifen. Es ging schon wieder los. „Erinnerst du dich an die Sache mit Chloé? Da hattest du auch keine eindeutigen Beweise und…“ Sofort merkte er, dass er etwas Falsches gesagt hatte und unterbrach augenblicklich seine Ausführungen, denn Alya verschränkte die Arme und schaute ihn beleidigt an. Er konnte von Glück reden, dass Blicke nicht töten konnten. An dieses Fiasko wollte sie anscheinend ungern erinnert werden, denn es ging mit ihrer eigenen Verwandlung in Lady Wifi einher.

„Das hier ist was ganz anderes.“ Mit einem vorwurfsvollen Blick ging Alya einen Schritt auf ihn zu. Sie zog einen Schmollmund und nuschelte dann so überzeugend wie möglich: „Chloé hatte ein Ladybug-Kostüm und das passende Jojo in ihrem Spind. Das war doch offensichtlich, oder?“ Mittlerweile schämte sie sich ein wenig für diesen voreiligen und etwas peinlichen Verdacht. Aber man durfte eben niemanden aus seinen Ermittlungen streichen, wenn man nicht eindeutig einen Gegenbeweis hatte. Und so unrealistisch es ihr mittlerweile erschien, damals war es plausibel gewesen. Mal davon abgesehen, dass Chloé mittlerweile auch schon akumatisiert worden war und somit definitiv als Ladybug wegfiel. Damals zu der Zeit, von der Nino sprach, war es allerdings nicht auszuschließen gewesen. Zumindest bis sie, kurz nachdem sie Chloé die Maske abgenommen hatte, von der echten Ladybug überrascht worden war. Doch auch hier hatte sie keine Chance gehabt zu erfahren, welche Identität die Heldin verbarg, obwohl sie ziemlich nah dran gewesen war.



Ladybug war nur einen Moment zu langsam gewesen. Ungünstigerweise hatte sie sich in eine Ecke manövriert und mit zwei gezielten Schüssen war es Lady Wifi gelungen, ihre Hände mit Schlosssymbolen, die ihr Handy verschoss, an der Wand zu verankern. Erfreut sah sie zu, wie die Heldin erfolglos versuchte, sich den Fesseln zu entziehen. Gleich war es soweit. Sie würde erfahren, wer sie wirklich war und es gleichzeitig noch allen zeigen können. Die Wahrheit kam einfach immer ans Licht.

Mit einem grimmigen Blick beäugte Ladybug die Schurkin, die immer näher kam. Auf ihrem Gesicht war ein zufriedenes Lächeln erschienen. In einer Hand hielt sie ihr Handy, das zu ihrer Waffe geworden war. Die andere erhob sie, um schwungvoll über das Smartphone zu wischen. Ein großes Kamerasymbol erschien neben ihr in der Luft. Verzweifelt versuchte Ladybug zu entkommen, denn sie wusste, was dieses Symbol konnte. Erschrocken erkannte sie ihre aussichtslose Situation. Jetzt hatte sie nur noch eine Hoffnung. Aber Cat Noir würde nicht durch die Tür kommen können, da sie ebenfalls mit einem Schlosssymbol von Lady Wifi versiegelt war.

„Wer ist Ladybug? Ist sie eine Superheldin oder eine völlig Durchgedrehte? Wie können wir einem Mädchen vertrauen, von dem wir nicht wissen, wer sie wirklich ist?“, rief Lady Wifi inbrünstig in Richtung der Kamera und wandte sich dann der gefesselten Ladybug zu. Sie packte sie unter dem Kinn und hielt ihr Gesicht ins Licht. „Wir haben ein Recht auf die Wahrheit.“

Sie wollte ihr nun die Maske mit einem Schwung vom Gesicht ziehen, so wie sie es vor wenigen Augenblicken bei Chloé getan hatte, aber so sehr sie auch zog, sie löste sich keinen Millimeter. „Wieso geht die denn nicht ab?“, brüllte sie wütend.

„Ähm…das ist so eine Art Magie…“, begann Ladybug zögerlich zu erklären, als plötzlich die Klappe des Lastenaufzuges aufsprang und Cat Noir hereingeplatzt kam.

„Deine Zeit ist abgelaufen, Lady Wifi.“ Seinen silbernen Kampfstab schwingend, betrat er kampfbereit den Raum.

„Oh, wie romantisch“, setzte die verwandelte Alya übertrieben theatralisch an, „Der Kater kommt zur Rettung seiner Liebsten.“

„Ich bin nicht seine Liebste, klar?“, erwiderte Ladybug, die noch immer außer Gefecht gesetzt an der Wand stand, prompt und etwas genervt.

„Darüber sollten wir noch einmal sprechen“, kam es von dem frechen Kater und er zwinkerte ihr selbstbewusst und schelmisch zu. Doch bevor er sich es versah, eröffnete Lady Wifi das Feuer und katapultierte ihn in die angrenzende Kühlkammer.


   

Es frustrierte sie, dass es Hawk Moth möglich gewesen war, sie zu verwandeln, wo sie doch eigentlich mit jedem Kampf ihrer Heldin mitfieberte und auch mitbekommen hatte, warum einige von ihnen verwandelt worden waren. Aber am meisten ärgerte sie, dass sie es selbst mit besonderen Kräften nicht geschafft hatte, Ladybug zu enttarnen. Mittlerweile wusste sie, wie sie ihre wahre Identität hätte erfahren können. Hätte sie ihr die Ohrringe abgenommen, dann hätte sie sich zurückverwandelt. Nun ja von einem Fehlschlag lässt sich ein wahrer Journalist nicht abbringen. Irgendwann und irgendwie würde sie erfahren, wer ihre Heldin in Wirklichkeit war und diese Spur, die sie gerade entdeckt hatte, war unglaublich und eventuell die Chance, auf die sie gewartet hatte.

„Denk doch mal nach? Marinette war nicht hier, als Ladybug gekämpft hat.“ Aufgeregt redete sie sich in Rage und wurde immer innbrünstiger. Darüber vergaß sie sogar ihre verschränkten Hände und begann stattdessen, wild mit ihnen zu gestikulieren und auszuholen. Plötzlich erstarrte sie, da ihr ein neuer Gedanke gekommen war. Ungläubig sprach sie weiter. „Und weißt du noch, als wir in dem Käfig im Zoo eingesperrt waren?“

Natürlich wusste er das. Bei der Erinnerung wurde Nino leicht rot, was seine dunkle Haut glücklicherweise weitestgehend kaschierte und er fasste sich verlegen an den Hinterkopf, um sein Basecap etwas nach vorn in die Stirn zu schieben, damit es Alya auch definitiv nicht mitbekam. Aber darüber brauchte er sich eigentlich keine Sorgen zu machen, denn sie begann bereits aufgeregt auf und ab zu laufen und ihn dabei völlig zu ignorieren.

„Da war sie auch auf einmal verschwunden, unmittelbar vor dem Kampf und tauchte erst danach wieder auf.“ Jetzt wo sie einmal darüber nachdachte, fielen ihr immer mehr solcher Momente ein und sie wurde immer aufgeregter.

„Aber Alya, meinst du nicht du hättest gemerkt, wenn ausgerechnet deine beste Freundin Ladybug wäre?“, fragte Nino in einem letzten Versuch ein Gegenargument zu finden. Er wollte ungern, dass Alya sich wieder in eine fixe Idee verrannte und dann unsanft auf der Nase landete. Zumindest sollte sie diesmal etwas ausführlicher recherchieren, als damals bei Chloé.

Abrupt wandte sie sich ihm wieder zu. „Sollte man annehmen oder?“, erwiderte sie belustigt, aber keineswegs beeindruckt oder gar drauf und dran den Einwand ernst zu nehmen. Sie hatte ein breites Lächeln im Gesicht. „Ich muss das einfach rausfinden. Das wäre ja der Wahnsinn“, rief sie mehrere Oktaven höher als gewöhnlich und drückte ihre Handflächen an die Wangen.

Spätestens jetzt sah Nino ein, dass er keine Chance mehr haben würde, sie von ihrer Idee abzubringen. „Und wie hast du vor, das herauszufinden?“, begann er matt in einem etwas leiernden Tonfall. Er konnte sich für diese Theorie nicht wirklich erwärmen. Marinette war einfach nicht der Typ Superheldin. Aber er war sicher, dass Alya das ziemlich schnell selbst herausfinden würde und dann die Idee verwerfen konnte, so wie bisher mit allen ihren Verdächtigten.

„Hm…“ Alya überlegte kurz. „Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht. Aber da fällt mir schon noch was ein.“ Ohne Umschweife schien es in ihrem Gehirn bereits zu arbeiten, denn sie begann nachdenklich an einem Daumennagel zu kauen.

Ihre Überzeugung in allen Ehren, dachte Nino. Er beschloss, dass es verschenkte Energie war und mit einem Blick auf die Uhr entschied er, dass er jetzt auch langsam nach Hause gehen sollte.

Ein erneutes Piepen unterbrach den kurzen Moment der Stille. Diesen Ton kannte Nino. Es war Alyas Handy, das ihr so mitteilte, dass es Neuigkeiten in den Nachrichten gab. Rasch zog sie es hervor und tippte hektisch darauf herum. Sie war immer sehr ungeduldig, wenn es um Neuigkeiten zu ihrer Lieblingsheldin ging, aber gerade schien sich das noch um ein vielfaches gesteigert zu haben. Zumindest empfand Nino das so. Sie zog plötzlich rasch Luft durch die Nase ein und ein Strahlen breitete sich über ihr Gesicht aus. Nun hatte sie ihn tatsächlich doch etwas neugierig gemacht. „Was gibt es denn?“, fragte er beiläufig.

„Das ist der Hammer!“, rief sie erneut in einer viel zu hohen Stimmlage, sodass es fast schon in den Ohren wehtat und drückte ihm ihr Handy ins Gesicht.  „Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir.“ Nun verstand er ihre Aufregung.
 


***



Zuhause angekommen, verschwendete Adrien wirklich keine Zeit. Sein Vater war sicher schon im Bett oder arbeitete. Kaum, dass sein Bodyguard den Wagen geparkt hatte, riss er die Autotür auf und flog  förmlich ins Haus. Nathalie war nirgends zu sehen. Umso besser, dachte er sich und hastete eilig in sein Zimmer, von dort aus in sein Bad und nahm den Schal von seiner Kommode. Der Verdacht, den er hegte, seit er Alyas Wohnung verlassen hatte, wurde soeben bestätigt. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals und seine Fingerspitzen kribbelten. Es war die gleiche Farbe, die gleiche Wolle, nur das Muster war ein wenig anders. Aber das änderte nichts daran, dass dieser Schal aus demselben Material war, aus dem auch der Stoff an Alyas Tasche gefertigt war. Die Tasche, die Marinette für sie gemacht hatte. Konnte das denn Zufall sein? Aber den Schal hatte er von seinem Vater bekommen. Hatte er ihn vielleicht bei Marinette in Auftrag gegeben, weil sie den Wettbewerb mit ihrem Hut gewonnen hatte? Adrien war komplett verunsichert. Auf so viele Fragen, die sich im Moment in seinem Kopf drehten, würde er doch nie eine Antwort finden können. Vor allem, da es nicht weniger, sondern immer mehr zu werden schienen. Was war nur los? Bisher hatte er sich nicht viele Gedanken um seine Mitschülerin Marinette gemacht. Zumindest nicht mehr als nötig. Aber seit sein Kwami diesen Verdacht geäußert hatte, schien alles aus dem Ruder zu laufen und in seinem Kopf jegliche Ordnung zunichte zu machen.

Verdammt nochmal, er hätte gern Gewissheit. Was den Schal anging, sollte das doch noch das Einfachste sein. Aber wen sollte er fragen? Nathalie? Sie hatte ihm das Geschenk überreicht. Seinen Vater oder gar Marinette selbst? Er ließ den Schal langsam sinken. Dann drückte er einmal seine die Handfläche gegen die Stirn, ließ sie einen Moment da, denn die Kühle seiner Hand tat seinem verzweifelt pochenden Kopf gut und fuhr sich dann einmal komplett durch die Haare, um die Hand im Nacken liegen zu lassen.

Komm runter Adrien, versuchte er sich zu beruhigen. Mal ehrlich, warum sollte Marinette ihm einen Schal schenken? Kopfschüttelnd entschied er, dass es wahrscheinlich einfach Zufall war, dass derselbe Stoff verwendet wurde. Immerhin war sein Vater Marinettes Vorbild. Warum sollte sie also nicht einen seiner Stoffe benutzen? Es war albern und er machte sich wahrscheinlich mal wieder zu viele Gedanken. Er war schlicht und einfach überrascht gewesen, als er die Ähnlichkeit zwischen der Tasche und seinem heißgeliebten Schal bemerkt hatte. Und bezüglich aller anderen Unklarheiten hatte er in seiner aktuellen Verfassung sowieso keine Chance, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Mit einem nicht abstellbaren flauen Gefühl in der Magengegend legte er den Schal zurück an seinen Platz. Eindeutig hatte er sich heute viel zu viele Gedanken gemacht. Erst über den Kuss, dann über Ladybug und den Kampf, Marinette und nun der Schal. Er fand, es war durchaus auch nicht unwahrscheinlich, dass er noch ein wenig verwirrt von Black Nurses Schlafmittel war. Eine Dusche und eine Mütze Schlaf würde ihm helfen, wieder klar zu denken.

„Du hast mir Käse versprochen!“ Plagg war aus Adriens Hemd geschlüpft und schwebte direkt neben dem Gesicht des Jungen, das Maul geöffnet und mit dem kurzen Ärmchen deutete er immer wieder in seinen aufgesperrten Rachen.

„Ja, schon klar.“ Adrien war immer noch etwas abgelenkt. Schnell öffnete er den Schrank, in dem nach wie vor massive Unordnung herrschte, nahm ein Käserad vom Stapel und legte es auf dem Schreibtisch ab. Mit einem Seufzer der Ratlosigkeit, den er nicht unterdrücken konnte, streifte er sein Hemd ab und steuerte auf das Bad zu. In seinen Gedanken sah es gerade ebenso chaotisch aus wie im Inneren des Schrankes.

„Nur einer… willst du mich eigentlich verarschen?“, beschwerte sich der Kwami lautstark und ballte die kleinen Pfoten zu Fäusten.

Adrien warf das Hemd nach ihm und mit einem abwesenden „Jetzt nicht Plagg!“ schloss er die Tür hinter sich. Wenige Augenblicke später hörte man das Rauschen des Wassers aus der Duschbrause. Das war jetzt genau das Richtige. Das warme Wasser war eine Wohltat und er genoss es, als könne er damit alle Gedanken und Fragen hinunterspülen.

Plagg war indessen sauer. Er schüttelte das Hemd ab und seine kleinen Antennen zuckten unheilverkündend, die schon geballte Faust drohend Richtung Badezimmertür erhoben. „Na warte!“ In einem Anflug von unbändiger Wut sauste er wie ein kleiner, schwarzer Orkan durch das Zimmer, um hier und da etwas Chaos zu hinterlassen. Er räumte das Bücherregal ab und zerfetzte ein paar Kissen, sodass der Kunststoffinhalt sich im ganzen Zimmer verteilte, als hätte es gerade geschneit. Auch über den Schreibtisch flog er, sodass Papier, Stifte, Bücher und allerlei Kleinkram Bekanntschaft mit dem Boden machten und das Durcheinander vervollständigten. Dabei schnaubte er wie eine Dampflock und ließ sich schließlich nach mehreren Runden durch das Zimmer erschöpft auf der Tischkante nieder, um nun wenigstens etwas von dem Käse zu essen. Er schaute zufrieden auf die Unordnung, die er angerichtete hatte, hinunter. Es gab nicht mehr viel, was noch an seinem ursprünglichen Platz stand. Plötzlich hielt er erschrocken in der Kaubewegung inne und fast wäre ihm der angesabberte Käse aus dem offenen Maul gefallen.

Adrien rubbelte sich die nassen Haare mit einem Handtuch trocken, ein weiteres um die Hüften geschlungen. Er fühlte sich erfrischt und entspannt, fast wie neu geboren. Einfach herrlich. Gerade wollte er kehrt machen und in sein Zimmer zurückgehen, als er Plaggs Stimme vernahm.

„Ach du Scheiße!“

Sofort war Adrien hellhörig. Was war nun wieder passiert? Vielleicht ein Angriff? „Was ist los?“, rief er alarmiert. So schnell er konnte riss er die Badezimmertür auf und schlitterte mit nackten Füßen zum Schreibtisch hinüber, eine Hand am Handtuch, um es nicht zu verlieren. Er hatte keine Zeit damit verschwendet, sich wieder etwas überzuziehen. Sein Brustkorb hob und senkte sich hecktisch, die Augen hatte er weit aufgerissen, während seine Haare wirr vom Kopf abstanden. Entsetzt betrachtete er die Unordnung auf dem Fußboden. Er brauchte einen Moment, um sich einen Überblick zu verschaffen und zu begreifen, dass hier keine Gefahr drohte. Zumindest nicht für ihn selbst, für Plagg sah die Sache allerdings ganz anders aus.

„Dein Ernst?“, stieß Adrien sauer hervor. Schon holte er Luft, um sich ausführlich zu beschweren, als er den Kwami, oder besser gesagt, den Ursprung allen Übels, entdeckte. Dieser schwebte neben dem Tisch, wenige Zentimeter über dem Boden. Unter ihm lag aufgeklappt die rosa Valentinskarte, die eigentlich auf dem Schreibtisch gelegen hatte, dort wo Plagg sie liegen gelassen hatte, nachdem seine Untersuchungen erneut ins Leere gelaufen waren und direkt daneben eine CD. Die hatte Adrien schon fast wieder vergessen. Auch sie hatte auf dem Tisch gelegen.

Plagg schaute ihn mit riesengroßen, grünen Augen an. Erstaunt, aber kaum hörbar kichernd. Da war sie schon wieder, die entsicherte Handgranate. Er hielt ein angebissenes Stück Käse in der einen Pfote und mit der anderen deutete er auf die beiden Gegenstände. Adrien nahm mit einem seltsamen kribbelnden Gefühl in den Händen zaghaft die CD hoch und betrachtete sie. Es war das neue Album von Jagged Stone. Vorn drauf war der Künstler selbst, mit seiner Gitarre und in cooler Pose, in schummriges Licht getaucht, durch einen gigantischen Mond im Hintergrund. Quer über das Cover zog sich eine Signatur. Wenige Sekunden später fiel klappernd die CD auf den Boden, dicht gefolgt von dem Handtuch.

Plagg war besorgt und das kam wirklich nicht häufig vor. Im Gegenteil, es gab nicht viel, was ihn wirklich und wahrhaftig interessierte. Abgesehen von Käse und wie man sich welchen beschaffte. Aber es beunruhigte ihn schon ein wenig, dass Adrien splitterfasernackt in seinem Zimmer stand und sich nicht rührte. Das Handtuch, welches er sich nach dem Duschen umgebunden hatte, lag achtlos auf dem Boden, daneben die CD, die er überwältigt fallen gelassen hatte. Die Signatur auf der CD und die Schrift auf der Karte stammten, mit ziemlich überzeugender Wahrscheinlichkeit, vom selben Autor.

„Ma-Ma-Marinette …“, stotterte Adrien plötzlich ein paar Oktaven höher als sonst und mit deutlich herauszuhörendem Unglauben. Er sackte auf die Knie, den Blick immer noch starr geradeaus. Es schien, als hätte alles um sich herum vergessen.

„Eindeutig“, erwiderte der Kwami, der erstaunlich schnell seine Stimme wiedergefunden hatte und nur ein wenig überrumpelt von der eigenen Entdeckung war.  „Sie hat das Gedicht geschrieben. Scheint so, als steht sie auf dich.“

„Ab-abe-aber …“ In Adriens Kopf herrschte eine seltsame Mischung aus Orkan und Wackelpudding. Eine Flut von Erinnerungen durchströmte ihn, aneinandergereihte Bilder schienen ihn einzukreisen und liefen dann wie ein Film vor seinem inneren Auge ab. Dort vermischten sie sich und gingen ineinander über. Die stotternde Marinette, die ihn verlegen anstarrte, Marinette, wie sie in seiner Nähe errötete, Marinette, wie sie sich beim Tanz eng an ihn schmiegte… alles ergab mit einem Schlag Sinn. Sie war verknallt in ihn und verhielt sich eben wie ein verliebtes Mädchen. Warum hatte er das so lange nicht gesehen? War er denn wirklich so blind gewesen?

Plagg hatte die Stirn in Falten gelegt. „Das erklärt natürlich auch, warum sie ihr Zimmer mit Fotos von dir tapeziert hat“, erläuterte der kleine Kater plötzlich wieder mit nüchternem Tonfall. Die schlechte Laune hatte er über seinen Fund vollkommen vergessen. Die neue Erkenntnis kam auch für ihn etwas überraschend.

„Hä?“ Er hatte es wieder geschafft. Der Kwami hatte einen Satz in den Raum geworfen, der Adrien mit der Wucht einer Abrissbirne traf. Ebenso fühlte sich sein Kopf auch gerade an. Als wäre ein Schwerlasttransport über ihn gerollt.

„Na, als wir in ihrem Zimmer waren. Als diese kleine Göre, wie hieß sie nochmal? Puppeteer oder so, dich mit einer Puppe kontrolliert hat. Wir haben doch versucht sie vor ihr aus Marinettes Zimmer zu holen. Weißt du das nicht mehr?“ Plagg sagte das etwas genervt, in einer Art und Weise, als müsste das doch jeder wissen.

An was konnte sich dieser verdammte Mistkerl alles erinnern? Das war ja nicht zu fassen. Das faulste, nervigste und verfressenste Wesen des Planeten, das regelmäßig mit dem Einfühlungsvermögen eines Vorschlaghammers zu Werke ging, hatte ein Gedächtnis jenseits von Gut und Böse.

„Ich hab nicht drauf geachtet…“, stotterte Adrien. „Aber warte mal…“ Er zermarterte sich das Hirn und runzelte die Stirn. Ihm war nun doch etwas eingefallen. „Nein, da sind keine Fotos. Ich war doch in ihrem Zimmer, als wir für das Turnier trainiert haben.“ Adrien erinnerte sich nun deutlich. Er hatte sich in ihrem Zimmer gründlich umgeblickt.

„Bist du so doof oder tust du nur so?“, sagte Plagg abschätzig, als wäre es das offensichtlichste auf der ganzen Welt. Langsam taute er wieder etwas auf und fiel zurück in seine alten Gewohnheiten. „Also ob sie die hängen lassen würde, wenn sie weiß, dass du kommst. Aber als Cat Noir bist du einfach hereingeplatzt.“

Die Logik war niederschmetternd. Er blickte sich verwirrt und nachdenklich um. Schließlich blieb er an der Karte hängen. „Aber mein Gedicht? Ich hatte es doch weggeworfen.“

„Adrien!“, sagte Plagg sofort, bevor der Junge weiter ausholen konnte, in einem nervigen Singsang und tippte ihm gegen die Stirn. „In einen Mülleimer… in der Schule!“

„Oh …“

„Ja genau - oh.“

„Ich bin so ein Idiot!“, rief er händeringend und mit einer deutlichen Spur Verzweiflung in der Stimme.

„Aber ein Liebenswerter“, stimmte Plagg breit grinsend zu und setzte sich auf seine Schulter.

„Eins noch Plagg“, sagte Adrien, die Neckerei des kleinen Katers dabei völlig ignorierend. „Ich hab es für Ladybug geschrieben. Warum antwortet Marinette dann darauf?“ Das war für ihn ein Rätsel. Sie konnte sich doch gar nicht angesprochen fühlen. Komplett übermannt von seinen Gefühlen für Marinette, die er nicht so recht deuten konnte, hatte er auf jede Antwort seines Freundes augenblicklich drei neue Fragen im Kopf. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Konnte das wirklich wahr sein oder träumte er immer noch? Vielleicht auch schon wieder. Er hielt seinen Kopf mit beiden Händen, bevor er zu zerspringen drohte.

Plagg dachte tatsächlich eine Sekunde lang nach, bevor er zu Adriens Hemd schwebte, das zerknüllt auf dem Boden lag. Aus der Brusttasche war ein Zettel herausgerutscht. Er warf ihn Adrien hin und grinste noch breiter. „Darum!“

Adrien sah etwas verwundert auf das Papier und faltete es mit zitternden Händen auf. Die Notiz von Ladybug? Was sollte er jetzt damit? Er las sie noch einmal und er wurde erst blass, dann deutete er ein Kopfschütteln an, verdrehte aber unmittelbar danach die weit aufgerissenen Augen und fiel nach hinten um.
 


***



„Gerade noch rechtzeitig“, schnaufte Marinette leicht außer Atem. Sie war gesprintet, um noch pünktlich Zuhause zu sein. Ihre Mutter tarnte ihr Warten meistens dadurch, dass sie vorgab, im Wohnzimmer eingeschlafen zu sein. Marinette öffnete langsam die Tür und betrat vorsichtig die Wohnung. Aber es war egal wie leise sie war, denn just in diesem Moment räkelte sich ihre Mutter auf dem Sofa, angestrahlt vom Schein des Fernsehers. „So spät schon?“, murmelte sie dann meistens scheinheilig, so wie auch dieses Mal. „Ja. Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken“, erwiderte das Mädchen dann, auch wenn sie genau wusste, dass ihre Mutter nicht wirklich geschlafen hatte, sondern sich vergewisserte, dass ihre Tochter pünktlich zur verabredeten Zeit nach Hause kam. Sie wünschte ihrer Mutter rasch eine gute Nacht und huschte schnell die schmale Treppe hinauf. In ihrem Zimmer angelangt flog Tikki aus ihrer Tasche und streckte sich ausgiebig. Sie hatte nach dem Kampf einen Keks verspeist, den Marinette unauffällig in die Tasche geschmuggelt hatte, war frisch und ausgeruht. Etwas was man von ihrer Freundin nicht sagen konnte. Marinette atmete schwer und ließ den Kopf etwas sinken. „Das war knapp gewesen“, sagte sie leise.

„Und ungewöhnlich“, ergänzte Tikki nachdenklich.

„Oh-ja!“, antwortete Marinette übertrieben betont. Sie bedauerte es sehr, dass sie nicht länger hatte bleiben können, gerade wo sie allein mit Adrien gesprochen hatte, ohne sich groß zu blamieren. Von der Nachgrübelei mal abgesehen, war es doch unerwartet für sie gewesen. Aber seine Frage hatte sie völlig verunsichert.

Alya hatte ihr außerdem noch verwunderte Blicke zugeworfen, weil sie sich diese Chance entgehen ließ. Darüber würde sie ihre Freundin sicher noch einmal ausfragen. Sie seufzte, denn sie konnte es sich als Ladybug nicht leisten, Hausarrest zu bekommen, weil sie die Ausgangszeiten ignorierte. Es war so schon schwer Privat- und Heldenleben unter einen Hut zu bringen. Wobei es in dem Fall ihre Rettung gewesen war, denn somit hatte sie mit dem Vorwand Adriens Frage halbwegs elegant ausweichen können.

Sie legte sich erschöpft auf das Sofa in ihrem Zimmer und schaute an die Decke. Es gab einen Gedanken in ihrem Kopf, den sie sorgfältig zurückgedrängt hatte, der aber mit resoluter Beharrlichkeit versuchte, sich ihre Aufmerksamkeit zurückzuholen. Sie ließ es zu, dass er wieder vortrat und ihre Stimmung sank noch ein Stück tiefer, sofern das überhaupt noch möglich war.

-Ging es Cat Noir gut?-

Es war nicht zu fassen, dass sie das so nah an sich heranließ. Was war nur los mit ihr? Sonst gab es so ziemlich nichts in ihrem Leben, was sie über Adrien gestellt hätte, aber heute Abend hatte der Gedanke an den Kater dominiert und das war noch nie vorgekommen.
 


***



Nachdem Plagg sich ein paar Minuten vor Lachen über diesen Anblick auf dem Boden gewälzt hatte, beschloss er schließlich, doch etwas zu unternehmen. Diesmal bedurfte es härterer Bandagen um Adrien wieder zu Bewusstsein zu bekommen. Anstoßen und kneifen hatte schon mal nicht funktioniert. Plagg flog zu der Wasserflasche auf dem Tisch. Zum Glück war sie nur etwa ein Drittel gefüllt, sonst hätte er sie unmöglich transportieren können. Er drehte den Verschluss ab. Mit einem fiesen Grinsen und nicht ganz unerheblicher Genugtuung goss er den Inhalt schwungvoll über Adriens nackten Oberkörper und sein Gesicht.

Prustend und spuckend kam dieser zu sich.

„Guten Morgen der Herr, gut geschlafen?“, sagte der Kwami sarkastisch und mit bester Laune, erfreut darüber, dass sein Plan aufgegangen war.

„Witzbold.“ Adrien richtete den Oberkörper auf, griff nach dem Handtuch neben sich und wischte damit Gesicht und Haar trocken. „Ich hatte einen seltsamen Traum", sagte er etwas verwirrt mit einem ungläubigen Tonfall in der Stimme, während er sich Hals und Schultern mit dem Handtuch abtupfte.

„Wenn ich dir sage, dass es kein Traum war, wirst du dann nochmal ohnmächtig? Dann hol bitte noch etwas Wasser. Ich hab keins mehr.“ Pragmatisch und nervtötend wie immer fiel Plaggs Antwort aus und er deutete auf die leere Flasche auf dem Boden.

Adrien stockte in der Bewegung und riss die Augen auf. „Verdammt nochmal, Marinette ist wirklich Ladybug …!“ Vergleichbar mit der Unerbittlichkeit eines Schlagbohrers drang die Erkenntnis unausweichlich in sein Hirn, wurde dort unter Hochleistung verarbeitet und brannte sich glühend heiß ein. Unmöglich es zu vergessen, geschweige denn zu verdrängen. Es ergab erschreckend viel Sinn und war die Antwort auf so ziemlich alle Fragen. Nie hatte er die beiden zur selben Zeit am selben Ort gesehen, sie verschwand mindestens genauso oft wie er, die Ähnlichkeiten: Haare, Augen, Figur, die Stimme, der Duft … als hätte jede Zelle ihres Körpers ihm entgegengerufen, wer sie in Wirklichkeit war. Jetzt war er sich sicher und konnte es auch nicht mehr abstreiten, er war ein Idiot. Ein blinder, ignoranter Vollidiot.

„Ich hab dir ja gesagt, es sind die, von denen man es am wenigsten erwartet.“ Der Kwami genoss das Gefühl, recht zu haben in vollen Zügen, und es Adrien unter die Nase zu reiben, war einfach göttlich. So richtig ernsthaft hatte er Marinette nie in Betracht gezogen, aber ausgeschlossen auch nicht.

„Aber Plagg, weißt du was das heißt?“, fragte Adrien auf einmal sehr aufgeregt. „Marinette liebt mich! Sie hat mir das Gedicht geschrieben und alles und ich habe sie immer nur als Mitschülerin, als Freundin gesehen und in dieser Hinsicht ignoriert, weil ich Ladybug liebe…“, rief er inbrünstig „…aber es ist ein und dieselbe Person. Und das heißt Ladybug … liebt mich auch“, endete er immer leiser werdend. Seine Augen leuchteten bei dieser Erkenntnis.

„Halleluja!“, rief Plagg überschwänglich mit zur Decke erhobenen Pfoten. Dann ließ er sie abrupt wieder sinken und ergänzte deutlich weniger enthusiastisch „Und jetzt?“

„Naja, ich kenne nun unser Dilemma, aber sie nicht. Mit Sicherheit lässt sie Cat Noir jedes Mal eiskalt abblitzen, weil sie mich als Adrien liebt. Zumindest könnte ich mir das so vorstellen. Schließlich war es bei mir mit ihr ja nicht wirklich anders. Das heißt, ich muss es ihr sagen!“ Das war die logische Schlussfolgerung, wenn er wollte, dass es für sie beide noch ein Happy End gab.

Ohje, es ihr sagen… das war viel einfacher gesagt als getan. In Gestalt von Cat Noir konnte er ganz anders sein. Wo Adrien höflich und zuvorkommen, ruhig und sensibel rüber kam, war Cat Noir ein flirtender Draufgänger. Ihn hatte es umgehauen, als er eben die Wahrheit herausgefunden hatte, aber Marinette? Was würde sie tun? Er konnte doch nicht einfach als Adrien zu ihr gehen und sagen -Hallo, ich bin Cat Noir.- Oder sollte er es ihr zeigen? Seine Knie waren immer noch weich wie Gummi und er schaffte es noch nicht, aufzustehen. Genauso wenig würde er es schaffen, mit ihr zu reden. Morgen sah er sie in der Schule, doch da würde er erst Recht nicht mit ihr sprechen können. Aber er musste, und zwar am besten sofort. Leider war es weit nach Mitternacht und er durfte nicht mehr raus. Fieberhaft begann er zu überlegen.

„Du kannst nicht, aber Cat Noir kann“, sagte Plagg, als ob er seine Gedanken gelesen hätte, abenteuerlustig neben seinem Ohr und grinste breit. Nun lächelte Adrien. Als Cat Noir war er mutig und verwegen. Davon abgesehen fiel Marinette es ohnehin leichter, mit seinem Helden-Ich zu reden.



An der Seine angekommen war er überrascht, wie gut Marinette ihre Sache machte. Sie gab sich die größte Mühe, den Evillustrator bei Laune zu halten, und sich nicht anmerken zu lassen, dass sie wusste, dass der Held hinter ihnen auf dem Schiff auf der Lauer lag. Soviel Talent hätte er ihr gar nicht zugetraut. Sie setzte sich seitlich auf die Bank und ließ eine Hand nach hinten baumeln, mit der sie ihm bedeutete noch zu warten, aber sich bereit zu halten. Mit der anderen Griff sie nach dem Stift und bot dem Evillustrator an etwas für ihn zu malen. Schlaues Mädchen. Aber leider bemerkte dieser, was sie vorhatte, und forderte den Stift zurück. Da sprang sie auf. „Cat Noir!“

Er hatte auf das Zeichen gewartet und mit dem ausgefahrenen Kampfstab hinderte er den Schurken daran, von der Bank aufzustehen. Dieser wurde wütend und bedachte Marinette mit ein paar miesen Beleidigungen. Dann kickte er den Stab mit dem Fuß nach oben. Das Ende streifte dabei Marinettes Hand und sie ließ erschrocken den Stift fallen. Der Evillustrator fing ihn auf und sprang auf eine Laterne, wo er eilig zu zeichnen begann.

Cat Noir versuchte, ihm zu folgen, doch aus dem nichts erschien ein würfelförmiger Glaskasten, der nach unten geöffnet war, über ihm und mitten im Sprung fing der Würfel ihn auf und zog ihn mit sich nach unten. Er fiel wie ein Stein zu Boden und begrub auch Marinette unter sich. Beide waren nun unter dem Glas gefangen. Der Evillustrator zeichnete, oder vielmehr löschte, ein Loch in das Boot und verschwand.

Der Kater versuchte, mit seinem Stab den Kasten aufzuhebeln, doch vergeblich. „Stell den Stab hin und lass ihn ausfahren“, sagte Marinette ruhig und bedachte ihn mit einem selbstbewussten, fast schon überlegenen Blick von der Seite.

„Tolle Idee“, rief er begeistert, tat was sie vorgeschlagen hatte und setzte den Stab auf den Boden auf. Den freien Arm legte er um ihre Taille, um sie zu tragen. Doch sie entwand sich ihm und legte ihm selbst die Arme um den Hals. Das funktionierte allerdings nicht lange, denn als sie in der Luft waren, kippten sie zur Seite und der Glaskasten fiel von ihnen herunter. Der Stab schlug auf ein Brückengeländer auf und Cat Noir ließ ihn los. Mit beiden Armen fing er Marinette auf und setzte sie wohlbehalten auf den Boden ab.

„So, ich muss jetzt los, als Superheld hat man viel zu tun. Ich muss jungen Mädchen helfen, Möchtegern-Künstler aufhalten und noch viel mehr. Du kannst mir später danken“, sagte der Kater frech und verschwand seinen Stab schwingend in der Dunkelheit.

   


Verdammt, je länger er wusste, dass sie es war, umso mehr fielen ihm die Parallelen auf. Sie hatte einen genauso kühlen Kopf bewahrt, wie Ladybug es immer tat. Sie war an diesem Tag ganz anders gewesen als in der Schule. Wurde sie durch ihre Gefühle zu ihm einfach nur gehemmt?

„Wollen wir nicht los?“, meinte Plagg mit ungewöhnlichem Tatendrang. Er schaute seinen Partner keck an und wackelte mit den Augenbrauen. „Wenn du noch länger wartest, überleg ich es mir vielleicht noch anders.“

Diese Aussage zog sofort und Adrien richtete sich selbstbewusst auf. „Also Gut, Plagg verwan …“

„Warte!“, brüllte der kleine Kwami energisch und prustete dann laut los. „Willst du dir nicht erst etwas anziehen?“

Adriens Gesicht und Ohren färbten sich dunkelrot und er erwiderte kleinlaut, während er beschämt an sich herunter blickte: „Vielleicht.“

„Ich mein ja nur. Stell dir vor mir geht der Saft aus und du verwandelst dich vor ihr zurück.“ Er lachte aus vollem Halse und stellte sich die Situation bildlich vor. Beinahe an seinem Anfall erstickend, plumpste Plagg nach unten und rollte sich dort hin und her. Schließlich blieb er liegen und hämmerte mit den kleinen Fäusten auf den Boden, während er nicht aufhören konnte zu lachen.

Adrien, der sich gerade dasselbe vorstellte, nahm sich wortlos frische Klamotten aus dem Schrank und zog sich an. Das würde er mit Sicherheit nicht riskieren.

„Dann brauch ich aber noch einen kleinen Snack. Das war ein langer Tag heute. Und um sicherzugehen, dass ich durchhalte, solltest du nicht geizig sein.“ Plagg beruhigte sich wieder und sah ihn erwartungsvoll an. Er war ja so durchschaubar.

Adrien bemühte sich, durch die Entnahme eines weiteren Käses aus dem Schrank nicht noch mehr Krempel herausfallen zu lassen. Er musste dringend aufräumen, aber er konnte nicht verhindern, dass sich eine Sache trotzdem löste und ihm vor die Füße fiel. Erstaunt riss er die Augen auf. Es war ein rosa Band, auf das verschiedene Perlen geknüpft waren. Er erkannte es. Das war der Glücksbringer, den Marinette ihm für das Spieleturnier gegeben hatte. Eine verrückte Welt. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Ladybug konnte mit ihrem magischen Glücksbinger bisher jede Situation meistern, aber bei Marinette war es offensichtlich das genaue Gegenteil. Er nahm noch einen weiteren Käse heraus, nur um sicherzugehen und wartete mit dem Armband in der Hand darauf, das Plagg fertig wurde. Eine gewisse Ungeduld und Nervosität hatte in gepackt. Gleich würde er ihr wieder gegenüber stehen. Gerade als Plagg die letzte Käseecke schwungvoll in sein Maul katapultierte, rief Adrien auch schon: „Verwandel mich!“

Der kleine Kwami wurde in den silbernen Ring an seiner Hand gesaugt. Dabei waren seine letzten Worte ein freches: „Hau rein!“  Sofort färbte sich das Schmuckstück schwarz, ebenso wie der Kampfanzug, der sich eng an seinen Körper schmiegte und die Maske, die über seinen Augen erschien. Die Katzenohren und der Gürtel, der den Schwanz darstellte, komplettierten sein Outfit.

Normalerweise spürte er mit der Verwandlung wie sein Selbstbewusstsein wuchs. Nicht weil Plagg dafür sorgte, aber weil er als Cat Noir ungezwungener war. Nicht der perfekte Sohn, nicht das Model, wohlerzogen und höflich, sondern wild, frei, frech und direkt. Aber heute war alles anders. Er stand zwar aufrecht, mit durchgedrücktem Rücken, aber innerlich fühlte er sich nach wie vor wie Adrien, außerstande mit der Frau zu sprechen, für die er so viel empfand. Gerade kam er sich saublöd vor. Die Idee, ihr verwandelt entgegenzutreten, die er eben noch für genial befunden hatte, kam ihm auf einmal lächerlich vor. Was sollte er ihr denn sagen, wenn er jetzt zu ihr ging? Sie würde sich doch wundern, wenn er einfach bei ihr im Zimmer stehen würde. Erst jetzt bemerkte er, dass er in der Hand noch immer das Armband hielt. Er blickte es liebevoll an. Das hatte Marinette gemacht, es war ihr Glücksbringer bei dem Computerspiel gewesen. Heute würde es hoffentlich ihm in der Liebe helfen. War das kitschig? Ja, definitiv. Trotzdem strich er zärtlich mit der Hand darüber und steckte es dann in die Tasche seiner Jacke, ein zartes Lächeln auf den Lippen.

Schwungvoll öffnete Cat Noir das Fenster. Die Nachtluft war erstaunlich mild. Eine sanfte Brise kam auf, strich ihm über das erhitzte Gesicht und klärte seine Gedanken. Er nahm einen tiefen Atemzug und mit Hilfe seines silbernen Kampfstabes machte er sich auf den Weg, dabei schwang er sich elegant über die Dächer von Paris. Gleich würde er auf ihrer kleinen Dachterrasse landen und an das Fenster klopfen, welches zu ihrem Zimmer führte. Daraufhin würde sie herauskommen und sie würden die ganze Nacht reden. Wenn dann der richtige Augenblick gekommen war, würde er ihr offenbaren, was er herausgefunden hatte. So nahm der Plan in seinem Kopf Gestalt an. Das klang alles so locker, leicht und einfach, aber als Marinettes Haus in Sichtweit kam, wurden ihm die Knie weich und sein Puls raste. Es brannte Licht in ihrem Zimmer, sie war also noch wach. Er landete lautlos auf der kleinen Dachterrasse.

„Scheiße, was mach ich hier eigentlich?“, flüsterte er panisch nach ein paar Minuten unschlüssigem Verharren und begann, unruhig auf und ab zu laufen. Sein Plan beinhaltete keinen glaubwürdigen Vorwand, warum er Marinette besuchte. Was sollte er ihr erzählen, wenn sie fragte, was er bei ihr machte? Verzweifelt dachte er nach und streifte im Gehen versehentlich einen der kleinen Blumentöpfe, die auf der niedrigen Mauer standen, welche auf einer Seite die Terrasse abgrenzte. Dieser wackelte gefährlich, doch bevor er danach greifen konnte, um schlimmeres zu verhindern, war er schon umgefallen und über die Kante gerollt. Der Junge sah ihn in Zeitlupe fallen und kniff automatisch die Augen zu, als ob er das Unglück damit verhindern könnte.

Mit einem dumpfen Schlag und einem klirrenden Geräusch zerschellte der Tontopf auf dem Boden. Cat Noir zuckte ertappt zusammen. Mist, soviel zur katzenhaften Anmut. Fieberhaft überlegte er, ob er verschwinden sollte, aber er konnte nicht einfach so gehen. Etwas hielt ihn fest, zog ihn zu sich wie ein Magnet. Er war ja nicht ohne Grund da. Außerdem war er sich nicht sicher, ob er, wenn er jetzt ginge, dann überhaupt den Mumm haben würde, ein zweites Mal herzukommen. Bevor er allerdings auch nur irgendetwas tun konnte, öffnete sich, wie zu erwarten, vorsichtig das kleine Fenster im Boden und Marinette streckte den Kopf soweit heraus, dass sie gerade so über den Rand spähen konnte. In ihren Augen sah er Angst, bis es in Erkennen und Erleichterung umschlug. Er erstarrte und blickte entschuldigend zu ihr hinunter, eine Hand am Hinterkopf.

„Cat Noir?“, sagte sie ziemlich ungläubig, mit unverkennbarer Verwunderung in der Stimme und mit vor Überraschung weit geöffneten Augen, während sie noch ein Stückchen weiter aus der Luke schaute.

„Verzeih mir, ich habe bei der Landung versehentlich deinen Blumentopf zerdeppert.“ Er schaute sie schuldbewusst an und deutete verlegen lächelnd auf die Überreste.

Sie betrachtete kurz den angerichteten Schaden. „Ist nicht so schlimm. Das ist mir auch schon passiert.“ Sie tauchte noch einmal ab und kam wenig später mit einem Kehrblech und einem Handbesen zurück.  Rasch hatte sie Scherben und Erde zusammengefegt und legte das Blech neben dem Fenster ab. Peinlich berührt stand Cat Noir neben ihr. „Das hätte ich doch auch machen können“, sagte er beklommen. Es war ihm unangenehm, dass er ihr Umstände gemacht hatte.

Marinette lächelte. „Mach dir keine Gedanken.“ Sie sah ihn nachdenklich an und wirkte etwas verunsichert. Ihre Schultern hatte sie leicht hochgezogen und so richtig schien sie nicht zu wissen wohin mit ihren Händen. In einem Moment knetete sie ihre Finger und im nächsten drückte sie Arme und Hände eng an den Körper.

Auch Cat Noir wusste nun nicht so recht wie er weiter vorgehen sollte. Er sah verstohlen hinunter zu seinen Füßen und drehte eine Schuhspitze auf dem Boden hin und her.

„Also, was machst du hier?“, fragte Marinette schließlich. Ihre Stimme klang freundlich, doch er konnte schwören, noch etwas anderes herauszuhören. Einen schwachen Klang, der nicht ganz dazu passte. Eine Spur Erleichterung vielleicht? War sie froh, dass keine Gefahr drohte? Das es -nur- er war und kein Feind? Er wusste es nicht so recht zu deuten. Und natürlich hatte sie die Frage gestellt, vor der er sich so gefürchtet hatte. Was machte er hier eigentlich? Unsicher stolperte er ein paar Schritte zurück und hätte um ein Haar den nächsten Topf von der Mauer gefegt, wenn Marinette nicht mit schnellem Schritt auf ihn zugetreten wäre, um die Tonschale festzuhalten und ihm das Schicksal des anderen zu ersparen. Sanft lächelnd stellte sie die Blumen beiseite und setzte sich auf den einzigen Stuhl auf dem Balkon. Sie zog die Beine hoch und lehnte sich nach vorn, den Kopf auf die Arme gestützt, welche auf den angewinkelten Knien ruhten. Erwartungsvoll blickte sie ihn an. Er stand immer noch wie versteinert an die kleine Mauer gedrängt da, fast wie ein in die Enge getriebenes Tier, und überlegte fieberhaft.

„Nun?“, fragte sie neugierig und versuchte nicht zu ungeduldig zu klingen, obwohl sie es innerlich kaum noch aushielt.

Seine Kehle war staubtrocken, weshalb er angestrengt schluckte. Er zwang seinen Mund zu einem verlegenen Lächeln. Ok, er schaffte es nicht, normal mit ihr zu reden. Also blieb ihm nur eine Wahl. Auf Teufel-komm-raus den Romeo geben, wie er es normalerweise tat, wenn er Cat Noir war. Die Schultern straffend, atmete einmal tief durch und ging mit erstaunlich festem Schritt zu ihr hinüber, lehnte sich locker mit dem Ellenbogen an der Rücklehne des Stuhles an, auf dem sie saß und blickte keck zu ihr hinunter. „Brauche ich einen Grund, ein hübsches Mädchen zu besuchen?“ Er nahm eine ihrer Hände in seine und hauchte ihrem Handrücken einen Kuss auf.

Die Verwandlung, die damit über Marinette kam, war gigantisch, zumindest in seinen Augen. Von einer Sekunde auf die andere wurde aus dem schüchternen, freundlichen Mädchen, dass nicht so recht wusste, was es von dem nächtlichen Besuch halten sollte, eine über dieses Niveau erhaben schauende Frau. Und da hatte er einen weiteren unumstößlichen Beweis für seine Theorie. Ihre Augenbrauen schossen nach oben und die Mundwinkel zuckten, sie gluckste und angestrengt versuchte sie nicht laut loszulachen. Sie entzog ihm zwar ihre Hand, gab aber ihre eingeigelte Sitzposition auf und setzte sich etwas lockerer hin, den Kopf immer noch erhoben. „Ok, der war nicht schlecht“, sagte sie auf einmal selbstsicher und gut gelaunt, mit unterdrücktem Kichern, während sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. „Und jetzt die Wahrheit.“

„Das war kein Witz“, erwiderte er mit gespieltem Ernst und verschränkte beleidigt die Arme. Schlagartig fühlte er sich wohl, da er diese Art Schlagabtausch kannte und mochte.

Der Blick mit dem sie ihn bedachte, war unerbittlich. Eine Augenbraue war immer noch hochgezogen und ein schiefes Lächeln hatte das breite Grinsen ersetzt.

Ein paar Sekunden schaffte Cat Noir es, seine Haltung beizubehalten, dann knickte er unter diesem Anblick ein. Er hatte eine Idee. „Na gut, ich fand es an der Zeit, mich bei dir zu bedanken. Dein Einsatz vor kurzem beim Kampf gegen den Evillustrator war sagenhaft und ich hab auch nicht vergessen, dass du mich gerettet hast, als Antibug mich an meinen eigenen Stab gefesselt hatte.“ Übertrieben elegant verbeugte er sich vor ihr. „Also vielen Dank dafür.“ Sie musste erneut über seine Eskapaden lachen.

Betont lässig setzte sich der Kater ihr gegenüber auf eine weiße, hölzerne Kiste, die am Fußende des Liegestuhls stand, auf dem sie saß, lehnte sich mit dem Rücken an die Mauer hinter ihm und zwinkerte ihr verführerisch zu.

Alle Müdigkeit und alles was sie nach unten gezogen hatte, war auf einmal wie weggeblasen. Marinette war einfach nur froh, dass es ihm gut ging und alles beim Alten war. Die ganze Zeit hatte sie sich solche schrecklichen Sorgen gemacht. Und plötzlich stand er auf ihrem Balkon und machte seine Witze, als wäre nie etwas gewesen. Nach dem Kampf heute und dieser quälenden Ungewissheit ertrug sie seinen Blödsinn sogar mit dem entsprechenden Humor. Warum er nochmal genau zu ihr gekommen war, spielte da nur eine nebensächliche Rolle. Sie war irgendwie einfach nur glücklich, ihn zu sehen. Vor allem war er genauso, wie sie ihn kannte, albern und in Flirtlaune. Den Tag, von dem er eben gesprochen hatte, war ihr noch lebhaft in Erinnerung. Und damals hatte sie sich insgeheim ganz schön lustig über ihn gemacht.


„Ich bin Cat Noir“, sagte er charmant und ging vor ihr auf die Knie, um sie mit einem Handkuss zu begrüßen. Sie entzog sich ihm jedoch energisch und sagte schnell: „Ich weiß, wer du bist. Du rettest Leute und solche Sachen." Marinette stand in der Eingangstür ihres Wohnhauses und musste sich das Lachen verkneifen. Sie fand es unglaublich amüsant, als sie selbst mit ihm zu reden. Es war ungewohnt, aber es versprach, lustig zu werden. „Hallo, ich bin Marinette.“ Sie winkte kurz. „Was machst du hier?“, fragte sie betont unschuldig, obwohl sie ihn ja selbst als Ladybug hergeschickt hatte.

Überheblich warf er sich in die Brust. „Das Date mit dem Typen, der Geburtstag hat, ist eine schlechte Idee.“ Er winkelte den Arm an, betrachtete ganz nebenbei das Spiel seiner Muskeln und hampelte noch ein wenig herum. „Keine Sorge, ich werd auf dich aufpassen.“ Der Tonfall, mit dem er das sagte, war noch nervtötender als sonst. Hinter seinem Rücken schnitt Marinette ein paar Grimassen, erwiderte aber, als er sich wieder zu ihr umdrehte, prompt und mit aller Beherrschung, die sie aufbringen konnte: „Das beruhigt mich wirklich sehr.“

Plötzlich streckte er den Arm aus und lehnte sich gegen den Türrahmen, mit dem Gesicht kam er nah zu ihr heran und sagte mit tiefer Stimme: „Aber ich werde etwas Hilfe brauchen. Interesse?“

Sie hätte am liebsten die Augen verdreht, wie sie es sonst immer tat, aber sie riss sich zusammen und versuchte ihn auf dem falschen Fuß zu erwischen. „Was ist mit Ladybug? Ich dachte, ihr seid ein Team.“

„Sie muss etwas anderes erledigen. Das heißt, du könntest meine Ladybug sein“, kam prompt die Antwort.

So war das also. Setz ihm ein anderes Mädchen vor die Nase und unser Romeo wird untreu. „Was? Ich und Cat Noir, wir kämpfen gegen das Böse? Was soll ich tun?“, rief sie mit ihrer besten Fangirlstimme. Sie musste zugeben, es machte ziemlichen Spaß, ihn zu verarschen.

Und er ging voll darauf ein: „Versuch einfach, ihm seinen Zeichenstift wegzunehmen. Den Rest erledige ich, Chérie.“ Und mit einem koketten Blick zum Abschied sprang er davon. Nun konnte sie ihr Lachen nicht mehr zurückhalten.

   

Die Erinnerung an diese belustigende Szene schien sich auf ihrem Gesicht widerzuspiegeln und Cat Noir hob schicksalsergeben die Hände. „Ok, du hälst mich für einen Katz-anova ohne Rückgrat, hab ich Recht?“ Insgeheim versetzte es ihm einen winzigen Stich ins Herz, dass Marinette ihn für eine Lachnummer hielt. Aber da war er wohl selbst schuld, denn anders gab er sich in seiner verwandelten Form ja nicht. Allerdings bereute er das auch nicht. Immerhin war diese Seite auch ein Teil von ihm. Plötzlich schlich sich eine Erinnerung in sein Bewusstsein. Nach dem Kampf gegen den Evillustrator hatte er Marinette bewusst gefragt, was sie von Cat Noir hielt. Ihre Antwort war wie zu erwarten von Gestammel und Gestotter durchsetzt gewesen und damals hatte er viel davon unbewusst ausgeblendet. Schlussendlich hatte sie mehr oder weniger gesagt, dass sie Cat Noir gut fand, aber mittlerweile wusste er auch den Rest zu deuten. Überwältigt von dieser Entdeckung grinste er in sich hinein und es wappnete ihn gegen ihre Antwort.

Mit unverändertem Schalk in der Stimme sagte sie grinsend „Vielleicht“, während sie ihn mit Unschuldsmiene musterte, um seine Reaktion nicht zu verpassen.

Das machte es nun doch nicht gerade leicht für ihn. Er wusste nicht, wie er anfangen sollte ihr zu erklären, was er herausgefunden hatte. Und gerade jetzt, da sie so unvergleichlich auf ihn reagierte, ebenso wie seine Ladybug. Unentschlossen verschränkte er die Arme im Nacken und betrachtete sie. Wie sie da saß und ihn überlegen ansah. Das Mondlicht schmeichelte ihren blauen Augen und ihre Wangen glühten leicht, so strahlend schön wie seine Lady.

Plötzlich veränderte sich ihre Miene. „Entschuldige, ich wollte dich nicht kränken“, sagte sie in einem versöhnlicheren Tonfall. Sie hatte das Gefühl, es etwas übertrieben zu haben. Und noch einmal wollte sie ihn nicht so harsch von sich stoßen, auch wenn sie ihm gerade als Marinette und nicht als Ladybug gegenüber saß. Immerhin würde sie jetzt ruhig schlafen können, nun da sie wusste, dass es ihm gut ging. Und dafür war sie sehr dankbar.

Das überraschte ihn. Sie hatte sich gerade wirklich für ihre Neckerei entschuldigt, was sie als Ladybug sonst nie tat. Als ob es eine Einladung gewesen wäre, kam er auf den Liegestuhl gekrabbelt und hockte sich, die Arme auf den angewinkelten Knien abgelegt, direkt vor sie. Er neigte sich zu ihr hinüber, mit einem breiten Lächeln im Gesicht und hauchte frech: „Keine Sorge.“ Sein Gesicht war nur noch eine Hand breit vor dem ihren entfernt. Marinette zuckte nicht zusammen und auch der selbstbewusste Gesichtsausdruck änderte sich nicht, aber es bildete sich ein schwacher rosa Schimmer auf ihren Wangen bevor sie energisch und mit einem leisen „Tse …“ die Hand ausstreckte und seinen Kopf von sich weg schob.

Er lächelte trotzdem glückselig, als er sich auf die Kiste zurücksinken ließ, denn das war Ladybug, so wie er sie kannte.
 


***



Die Erkenntnis fraß sich, ätzend wie Säure, in sein Bewusstsein und er ballte frustriert die Fäuste. Erneut war es seinem erwählten Diener nicht gelungen, den beiden Helden Ladybug und Cat Noir die Miraculous zu entreißen, die er so dringend brauchte. In seinem Herzen war es so finster wie der Raum um ihn herum. Wütend auf sich selbst und seine zahlreichen misslungenen Versuche an die Gegenstände zu kommen, fuhr er sich hektisch durch die kurzen Haare und zerstörte die normalerweise perfekt sitzende Frisur. Einzelne Strähnen fielen in das schweißnasse Gesicht und seine Augen waren, ohne etwas Bestimmtes zu sehen, weit aufgerissen und starr auf den Boden gerichtet. Seine Kiefer schmerzten, als er angespannt die Zähne zusammenpresste.

„Meister?“, fragte eine zittrige, hohe Stimme leise und vorsichtig, als deren Besitzer zaghaft näher schwebte.

„Was willst du?“, erwiderte der Mann abweisend und kalt. Bedrohlich hallten seine Worte durch den fast leeren, großen Raum.

Zögerlich kam die schüchterne Antwort: „Warum seid ihr so außer Euch?“

Der Mann zog scharf die Luft ein und aus. Er atmete hastig, um die aufsteigende Wut niederzuringen. „Was soll schon los sein?“, rief er dann und richtete sich ein wenig auf, um das kleine, fliederfarbene Wesen mit den großen, runden Augen anzuschauen. „Immer und immer wieder funken mir diese beiden dazwischen. Was haben wir bisher geschafft? Nichts! Nicht mal einen der beiden Miraculous haben wir bekommen.“

Diesmal traute sich das kleine Wesen mit den geschwungenen Flügeln, die stark an einen Schmetterling erinnerten, nicht ihm zu antworten. Es schaute den verzweifelten Mann vor sich traurig an.

Dieser griff gedankenverloren an seinen Hals und entfernte die ovale Brosche von seinem Hemdkragen. Mit einem kaum wahrnehmbaren Klicken klappte er das Schmuckstück auf. Im Inneren befand sich das Portrait einer wunderschönen, blonden Frau. Sie lächelte warm und ihre grünen Augen blickten munter und freundlich in die Kamera. Augenblicklich glätteten sich seine harten Gesichtszüge und wurden weich. Äußerst liebevoll strich er mit der Fingerkuppe über den Rand des Bildes. In diesem Augenblick war er ein anderer Mensch.

„Was soll ich nur tun?“, sprach er mit der Stimme eines gebrochenen Mannes und sank auf die Knie nieder. Es schien fast so, als richte er die Worte direkt an die Frau auf dem Foto. Als erhoffe er sich eine Antwort. „Wenn es wirklich wahr ist, dann muss ich ihn retten. Ich darf ihn nicht auch noch verlieren.“ Kurz verschwamm das Bild seiner Frau vor seinen Augen und für den Bruchteil einer Sekunde trat das Bild eines Jungen an ihre Stelle. Genauso blond, mit demselben schmalen Gesicht und den ebenso strahlenden grünen Augen, die er so sehr vermisste. Adrien sein Sohn, den er doch beschützen musste. Aber die Frau auf dem Bild konnte ihm nicht antworten.

Cat Noir fühlte sich leicht und frei wie noch nie zuvor in seinem Leben. Die Nacht war noch angenehmer geworden als er gedacht hätte. Beschwingt flog er förmlich von Dach zu Dach, schlug Räder, vollführte Saltos und Rollen bis er durch das extra dafür offen gelassene Fenster zurück in sein Zimmer schlüpfte. Er löste die Verwandlung und Plagg wurde aus seinem Ring geschleudert. Der Kwami stöhnte gotterbärmlich auf und sank theatralisch auf den Boden, wo er reglos liegen blieb. Das hatte Adrien erwartet und stellte ihm gleich zwei Käseräder bereit. Zur Abwechslung war ihm der Gestank mal völlig egal. Plagg, plötzlich wieder auferstanden, stürzte sich auf den Käse und fraß sich hindurch, wie eine Made in einen Apfel. Adrien tanzte derweil förmlich durch den Raum und ließ sich glücklich mit dem Bauch voran auf sein Bett plumpsen. Er hatte schon von Anfang an gewusst, dass diese Verwandlung in Cat Noir für ihn eine tolle Sache war, aber er hätte nie gedacht, dass sich dieses Glücksgefühl noch steigern ließ. Marinette und er hatten noch eine ganze Weile geplaudert, über den einen oder anderen Kampf von Ladybug und ihm gegen die Bösewichte Hawk Moths und auch ganz banale Sachen wie die Schule. Ganz normal, ohne Stottern ihrerseits und ohne blöde Sprüche seinerseits.

Abgelenkt von seinen Gedanken merkte er erst nicht, wie sich ein mit Käse verschmierter Plagg vor ihm aufbaute, eine Augenbraue fragend nach oben gezogen, die kleinen Ärmchen in die nicht vorhandene Taille gestemmt und mit zuckendem Schwanz. „Sag mal, worüber hatten wir nochmal gesprochen, bevor du dich verwandelt hast?“

Adrien lachte ausgelassen und antwortete wie aus der Pistole geschossen und gut gelaunt: „Das es besser wäre, mir etwas anzuziehen?“ Er zog schwungvoll ein Kissen zu sich heran und stützte die verschränkten Arme darauf. Anschließend legte er den Kopf schief und schaute Plagg mit ungetrübter, ausgelassener Laune an.

Der Kwami lachte nicht, sondern schaute weiter nachdenklich und erwiderte mit vor Sarkasmus triefender Stimme: „Und du sagst immer, ich nerve dich.“

Adrien rollte mit den Augen und wandte sich verlegen aus der Affäre. „Ja, ich weiß, was du mir sagen willst. Aber es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt.“

„Das behauptest du.“ Er deutete vorwurfsvoll mit seiner kleinen Pfote auf Adriens Nase. „Du hättest es ihr jederzeit sagen können.“

„Plagg, das ist nicht so einfach, wie du denkst.“ Schuldbewusst zog Adrien eine Schnute und das Strahlen auf seinem Gesicht nahm langsam ab, der Kopf fiel auf seine von dem Kissen gestützten Arme.

„Hatten wir das Thema heute nicht schon? Bist du nicht deshalb als Cat Noir zu ihr gegangen?“ Der kleine, schwarze Kater flog noch ein Stück näher an ihn heran und setzte sich direkt vor ihm hin.

Adrien konnte Plaggs Einwände durchaus verstehen, denn er missbrauchte ja dafür schließlich seine Kraft und nach dem, was er erfahren hatte, musste er es ihr irgendwann und irgendwie sagen.

„Komm schon, versau mir jetzt bitte diesen Moment nicht. Ich hab den Abend mit Marinette wirklich genossen. Sowohl den Teil, bei dem ich noch nicht wusste, wer sie wirklich ist, als auch den mit dem Wissen“, sagte er etwas wehleidig und schaute Plagg bittend an. Er dachte zurück an den Tanz und die Röte stieg ihm in die Wangen, während ihm wohlig warm wurde. Hätte er da schon gewusst, wer sie wirklich war, dann hätte er sie womöglich nie mehr losgelassen. „Und außerdem hab ich versprochen, mal wieder vorbeizuschauen. Dann sag ich ihr alles!“ Es war eine Ausrede und eine Miese noch dazu. Ja, natürlich hätte er es ihr gleich sagen sollen. Aber es gab da einen Gedanken, der ihn behinderte. Marinette liebte ihn als Adrien, wobei sie Cat Noir nicht sonderlich gut leiden konnte. Das verwirrte ihn, fühlte er sich als schwarzer Kater doch viel mehr wie er selbst. Was, wenn sie es nicht würde akzeptieren können, dass diese Seite zu ihm gehörte, zu Adrien? Ein bisschen hatte er Angst davor, obwohl es wahrscheinlich lächerlich war. Denn immerhin stelle auch Ladybug eine Seite an Marinette dar, die er vorher nicht in ihr gesehen hätte. Rätselraten brachte da jetzt aber nicht viel. Es gab nur einen möglichen Weg und das wusste er.

„Dein Optimismus in allen Ehren...“ Plagg schaute ihn von oben herab an, dann wurde seine Miene weicher. „Na gut, ich nehm dich beim Wort!“, sagte der Kwami und deutete dann grinsend auf die leeren Schachteln auf dem Schreibtisch. „Ich bin fertig mit der Vorspeise, wo bleibt der Hauptgang?“

Adrien seufzte ergeben, stand träge auf und ging zum Schrank. „Memo an mich selbst: Eine Käserei kaufen. Wird auf Dauer wahrscheinlich billiger.“
 


***



„Ich versteh dich nicht, Marinette.“ Sobald das Mädchen die Treppe heruntergekommen war, kam Tikki herbeigeflogen und schaute sie mit großen Augen an. Hatte sie etwa gelauscht? Marinette war sich nicht sicher.

„Was denn?“, fragte das Mädchen unschuldig und setzte sich im Schneidersitz auf ihr Sofa. Gedankenverloren spielte sie mit einer Haarsträhne. Ihr Blick galt abwesend der Decke, die Gedanken kreisten in alle Richtungen, nur nicht zu dem Gespräch, welches sie gerade führte.

„Ich dachte, du magst Adrien?“, kam es sofort von dem kleinen Kwami, der nicht zur Ruhe kommend vor Marinette auf und nieder schwebte.

„Tu ich doch auch“, erwiderte sie mechanisch, versunken in ihren eigenen Überlegungen, während sie ihre Zöpfe löste, die Haare mit den Fingern auflockerte und schließlich zu einer Bürste auf ihrer Kommode griff.

„Und warum flirtest du dann mit Cat Noir?“, fragte Tikki prompt. Den schwachen Vorwurf konnte man deutlich heraushören. Sie hatte also doch gelauscht.

Auf einmal hatte der Kwami ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. „Hab ich gar nicht!“, rief Marinette etwas empört. „Wir haben uns unterhalten. Er hat geflirtet, aber da er das ja immer tut, ist das wohl nicht relevant für dich“, verteidigte sie sich entschlossen. Sie hatte schließlich nichts getan. Er war aufdringlich, wie immer, gewesen und sie hatte ihn, wie üblich, abblitzen lassen. Worauf wollte Tikki bloß hinaus?

Ihre Freundin schüttelte langsam den Kopf. „Du hast gar nicht mitbekommen, wie anders er sich verhalten hat, oder?“

„Nein, wie denn?“ Nun war sie doch interessiert daran, was ihrer Freundin aufgefallen war, auch wenn sie es ihr schon ein klein wenig übel nahm, dass sie ihr nachspioniert hatte.

„Ich weiß auch nicht, wie ich es beschreiben soll. Er wirkte nervös und unsicher.“ Tikki verschränkte die Arme und stützte mit einer Hand ihr Kinn. Sie überlegte angestrengt. „Sonst will er immer gleich mit dem Kopf durch die Wand. Man könnte ihn heute fast als zurückhaltend beschreiben.“ Der Kwami schwebte immer noch in der Luft, aber so wie ihre Gedanken kreisten, schwankte auch ihre Flugbahn.

„Naja, er sagte, er wäre gekommen, um sich für meine Hilfe zu bedanken.“ Marinette gluckste kurz bei der Erinnerung daran wofür. Ob das wirklich der wahre Grund war, würde ihr wohl ein Rätsel bleiben. „Vielleicht war er deswegen so?“, sagte sie während sie sich aus ihrer Kleidung schälte und nach ihrem Pyjama griff.

„Mh …möglich“, meinte der Kwami schulterzuckend. „Worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist dein Verhalten ihm gegenüber.“ Jetzt grinste sie vielsagend, flog zu ihr und tippte sie an der Nasenspitze an, gerade als sich ihr Kopf durch das Schlafshirt geschoben hatte. Marinette zuckte überrascht zusammen und zwinkerte verblüfft. „Spann mich nicht auf die Folter. Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“

Hektisch zog sie den Saum des Shirts herunter und zupfte es mit der einen Hand zurecht, während sie mit der anderen ihre Haare aus dem Halsausschnitt strich. Vielleicht wusste sie es doch, aber das würde sie nicht so schnell zugeben. Die Röte, die ihr unwillkürlich in die Wangen stieg, verriet sie jedoch und jeglicher Versuch, es vor ihrer kleinen Freundin zu verstecken, scheiterte.

„Ich hab dich noch nie so mit ihm sprechen hören, weder als Ladybug, noch als Marinette.“ Tikki schaute ihre Freundin verschmitzt von der Seite an, das Lächeln dabei immer breiter werdend.

Jetzt stutze Marinette. Ihr Kwami hatte eine gute Beobachtungsgabe. Es stimmte, sie war heute weitaus freundlicher und vor allem gnädiger mit ihm gewesen als sonst. Na gut, dass mochte daran liegen, dass sie sich als Marinette noch nie länger als fünf Minuten mit ihm unterhalten hatte. Andererseits war es nicht unerheblich, dass sie sich heute Abend fast ununterbrochen Sorgen um ihn gemacht hatte. Vielleicht hatte er sie schlicht und einfach überrumpelt, denn einfach auf ihrem Dach zu erscheinen, nur um mit ihr zu plaudern, hatte er vorher noch nie getan. Seine Worte kamen ihr in den Sinn. - Ok, du hälst mich für einen Katz-anova ohne Rückgrat, hab ich Recht?- Genau so hatte sie vor diesem Tag über ihn gedacht, aber heute hatte sich alles ein wenig geändert. Es war ein seltsames Gefühl. Wieder begannen ihre Wangen zu glühen. „Nein, ich weiß nicht was du meinst“, sagte sie schließlich, krabbelte rasch die Treppe hinauf und kroch schnell unter die Bettdecke. „Gute Nacht!“

„Dir auch eine gute Nacht.“ Tikki war es nicht entgangen, wie Marinette ins Grübeln gekommen war. Sie würde sich einfach überraschen lassen, was passieren würde, wenn er das nächste Mal erschien, denn das er das tun würde, stand für sie außer Frage.
 


***



Der nächste Morgen brach an, doch wie üblich strafte Marinette ihren Wecker mit Ignoranz. Tikki, die befürchten musste, dass ihr Schützling wieder zu spät kommen würde, wenn sie jetzt nicht aufstand, beschloss einzugreifen. „Marinette! Aufstehen! Die Schule fängt gleich an.“

Als Antwort bekam sie ein unverständliches Gemurmel, das unter der Bettdecke hervordrang. Klar war es spät geworden letzte Nacht, aber daran war Marinette selbst schuld gewesen. Sie hätte ja nicht so lange draußen bei Cat Noir sitzen müssen.

Erneut klingelte ihr Handy, aber diesmal war es nicht der Wecker, sondern ein eingehender Anruf. Mit einer Hand tastete sie nach dem aufgeregt piepsenden und vibrierenden Telefon, nahm den Anruf entgegen und hielt es sich schließlich ans Ohr. „Bist du schon aufnahmefähig?“, ertönte die aufgeregte Stimme von Alya an ihrem Ohr. In dem Zustand hielt sie sich nicht mit Begrüßungsfloskeln auf.

„Nein“, sagte Marinette verschlafen und gähnte herzhaft.

„Dann komm in die Puschen! Ich hab unglaubliche Neuigkeiten, da fällst du aus den Latschen!“, sprach sie energisch und ein Tuten verriet, dass sie schon aufgelegt hatte. Mühsam zog sich Marinette hoch und blinzelte in die hellen Lichtstrahlen, die durch das Dachfenster über ihr hereinfielen. In aller Seelenruhe stand sie auf, zog sich an und ging hinunter zum Frühstück. Ihre Mutter schaute sie verdutzt an. „Marinette, ich dachte du bist schon los?“, sagte sie mit einem Blick auf die Küchenuhr.

Das Mädchen folgte ihrem Blick und riss panisch die Augen auf. Sie schnappte sich ein belegtes Brötchen vom Tisch und verschwand durch die Tür. Danach rannte sie wie um ihr Leben, denn es waren nur noch fünf Minuten bis zum Stundenbeginn. Direkt vor dem Schultor streifte sie ausversehen ein brünettes Mädchen mit einer getönten Sonnenbrille, das in eine Zeitung vertieft schien, besser gesagt, sie regelrecht wütend anstarrte, während ihre Hände sie fest umklammerten, sodass das Papier sich stark kräuselte. Marinette drehte sich schuldbewusst um und entschuldigte sich flüchtig. Dabei kam sie ihr durchaus bekannt vor, aber sie wusste nicht wirklich woher. Da sie es eilig hatte, dachte sich nicht weiter darüber nach und rannte weiter.

Sie schlitterte den Gang entlang, blieb abrupt vor der Tür zum Klassenzimmer stehen, atmete kurz durch und betrat den Raum. Nochmal Glück gehabt, noch kein Lehrer in Sicht. Erleichtert atmete sie aus. Ihr erster Blick galt wie immer der vordersten Bankreihe. Doch bis auf Nino, der mit den Kopfhörern auf den Ohren gedankenverloren mit dem Kopf nickte, war sie leer.  Wo war Adrien? Abgelenkt von ihrem nächtlichen Besucher, hatte sie sich noch gar keine Gedanken darüber gemacht, wie er wohl heute mit ihr umgehen würde. Nach dem Tanz und noch viel wichtiger nach dem Gespräch auf Alyas Feier. Ihre Aufmerksamkeit wurde schlagartig auf etwas anderes gelenkt. Sie entdeckte Alya, die ihr aufgeregt winkte und setzte sich rasch zu ihr. Jetzt da sie einige Sekunden verschnaufen konnte, beschloss sie, an diesem Abend definitiv zeitiger ins Bett zu gehen. Diese Hektik am Morgen war eindeutig kein Zustand mehr.

„Was ist los? Du klangst am Telefon als ginge es um Leben und Tod“, fragte Marinette etwas belustigt, als sie begann, ihre Schulsachen aus ihrer Tasche auf den Tisch zu räumen. „Ist auf deiner Feier noch was passiert? Ich dachte, die anderen wären dann auch nach Hause gegangen.“ Kurz überlegte sie, ob sie ihre Freundin auch nach Adrien fragen sollte, doch sie beschloss das später zu tun, wenn sie in der Pause etwas abseits und ungestört plaudern konnten.

„Sind sie ja auch, es ist ja immerhin Schule heute. Nein, darum geht es nicht. Aber das hier…“, hektisch wühlte Alya in ihrer Tasche, „… glaubst du mir nie. Das wird mein großer Durchbruch. Schau!“ Alya hielt ihr aufgekratzt ihr Handy vor die Nase und hüpfte fast wie ein Flummi auf ihrem Platz herum. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie strahlte bis über beide Ohren. Sie hatte die Seite ihres Ladybug-Blogs aufgerufen. Es war ihr neuester Beitrag mit einem dazugehörigen Foto. Marinettes Augen wurden groß, als sie das Bild betrachtete und den Artikel las, der direkt darunter stand. Ihre Augenbrauen schossen nach oben und einer ihrer Mundwinkel zuckte. Das Alya immer gleich voreilige Schlüsse zog, wusste sie ja bereits, aber das ging eindeutig zu weit.

Die letzte Doppelstunde des Tages war schon so gut wie vorbei. Die Klasse war in einen dämmrigen, halbschlafähnlichen Zustand gefallen und wartete ungeduldig auf das erlösende Klingeln der Schulglocke. Es war absolut still, bis auf die eifrige Stimme von Madame Bustier. Die Lehrerin hatte sich der Tafel zugewandt und erläuterte gerade die Zusammenhänge in Shakespeares Sommernachtstraum. Ihre volle Aufmerksamkeit galt ihrer Übersicht und ihren Erklärungen, während sie schwungvoll hier und da eine Notiz an ihrem Tafelbild ergänzte. Sobald sie die Grundlagen erläutert hatte, fuhr sie die Jalousien herunter und dunkelte das Klassenzimmer ab, um ein Video mit den wichtigsten Szenen aus der Theateraufführung abzuspielen. Nicht sehr förderlich für die schon fast weggetretenen Schüler, aber genau diesen Moment nutze Nino aus, der schon seit einiger Zeit mehr Interesse an seinem Banknachbarn als an dem Tafelbild zeigte.

„Hey Adrien, warum grinst du denn so?“, flüsterte er neugierig, aber auch ein bisschen scheinheilig, während er sich im Schutz der Dunkelheit etwas zu ihm hinüberbeugte. Ahnte er doch schon, warum sein Kumpel so ein seliges Lächeln aufgesetzt hatte. Ihm waren auch die verstohlenen Blicke nicht entgangen, die Adrien bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bot, der Bankreihe hinter ihnen zuwarf. Innerlich beglückwünschte Nino sich zu seinem Coup und fand, dass es die kleine Auseinandersetzung mit Alya definitiv wieder aufwog.

Adrien verspannte sich sofort und versuchte daraufhin betont lässig zu antworten. „Ich weiß nicht, was du meinst.“ Allerdings hatte ihn ein schwacher rosa Schimmer um die Nase herum und seine Augen, welche nervös hin und her blickten, verraten. Langsam und beiläufig stützte er seinen Ellenbogen auf den Tisch auf und legte seine Hand in den Nacken. Er tat so, als würde er noch etwas in sein Heft notieren und hoffte insgeheim, dass sein Kumpel es dabei belassen würde.

Nino seufzte leise, während er ihn mit hochgezogener Augenbraue beobachtete. Adrien war ein ganz schön harter Brocken. Einer plötzlichen Eingebung folgend, zückte er sein Handy und zeigte ihm mit einem breiten Grinsen im Gesicht und unterdrücktem Lachen Alyas neuesten Ladybugblog-Eintrag. „Hey, wenn selbst Cat Noir es endlich geschafft hat, bei Ladybug zu landen, dann schaffst du das erst Recht bei einem Mädchen.“

Der Witz verfehlte allerdings seine Wirkung. „Danke Nino, aber ich brauch keine Flirttipps von Cat Noir.“ Angestrengt versuchte Adrien den Lachanfall zu unterdrücken, der sich anbahnen wollte. Fassungslos über diese Ironie fuhr er sich mit einer Hand über Stirn und Haare. Nur einen Sekundenbruchteil später riss er verwundert die Augen auf und seinem Kumpel das Handy aus der Hand. Zu tief in seine eigenen Gedanken vertieft, hatte er zu spät realisiert, was sein bester Freund ihm gerade vor die Nase gehalten hatte.
 


***



Entsetzt starrte Adrien auf das Bild, welches im von allen dreien seiner Computerbildschirme entgegenblickte. Er saß an seinem Schreibtisch, hatte den Kopf auf die Hände gestützt, die Ellenbogen ruhten auf der Schreibtischplatte und er massierte sich mit den Fingerspitzen die Schläfen, um sich zu beruhigen.

„Ich finde es gut getroffen“, meinte Plagg schmatzend und schwebte entspannt mit einem Stück Käse in den Pfoten neben Adriens Kopf.

„Eigentlich sollte ich mich ja darüber freuen, aber wenn ich daran denke, was sie davon halten wird, kommt mir alles hoch“, erklärte der Junge niedergeschlagen und verbarg das Gesicht in den Händen. Er zermarterte sich schon die ganze Zeit den Kopf, wie er da wieder rauskommen sollte.

„Ich wiederhole mich nur ungern, aber wenn du ihr die Wahrheit gesagt hättest, dann wäre es gar nicht so schlimm und es gäbe jetzt kein Problem“, erwiderte Plagg nüchtern, verschlang das letzte Stück Käse mit einem Happs und leckte sich genüsslich die verbliebenen Krümel von den Pfoten.

„Ich weiß …“, sagte Adrien kleinlaut und auch etwas wehleidig. Es wurmte ihn ja selbst, dass er es nicht fertig gebracht hatte, aber das hier änderte einiges. Ihm mochte es nichts ausmachen, aber er konnte sich lebhaft vorstellen, wie Marinette darauf reagieren würde.

Das Bild zeigte ihn selbst, oder besser gesagt sein Alter Ego Cat Noir, wie er die angeschlagene Ladybug auf dem Rücken trug. Sie hatte den Kopf auf seine Schulter gelegt, die Augen geschlossen und beide Arme um ihn geschlungen. Es muss gemacht worden sein, als sie gerade auf dem Dach landeten und er ihr sagen wollte, dass sie am Hotel angekommen waren, kurz vor ihrem Kampf gegen Black Nurse. Er hatte den Kopf leicht gedreht und sie, trotz oder vielleicht auch wegen seiner Gefühlslage in diesem Moment, mit einem sorgenvollen Blick bedacht, den der Artikelverfasser als zärtlich interpretiert hatte.

Als Titel prangte in fettgedruckten Lettern: „Das Heldenpaar von Paris“. In dem Text wurde ausführlich darüber spekuliert, seit wann die Partnerschaft zu einer Beziehung geworden wäre und ob man demnächst wohl mit einer Heldenhochzeit rechnen könne. Er verfluchte Alya und ihre Ladybugbesessenheit, inklusive ihrer miserablen Kombinationsgabe, die sich wohl jetzt auch auf Cat Noir ausdehnen würde und alles, was mit ihnen Beiden zusammenhing. Es schockte ihn ebenso, wie damals ihre Vermutung, Chloé wäre Ladybug. Doch nun wusste er ja glücklicherweise von Alyas Schlampigkeit im Bezug auf die Beweisführungen. Ehrlich, wenn sie wirklich Journalistin werden wollte, dann würde ihr das irgendwann den Hals brechen. Aber er konnte ja schlecht zu ihr hingehen und sagen, dass sie den Artikel widerrufen sollte. Damit würde er sich unweigerlich outen, somit war das schon mal keine Option. Es war wichtig, dass er das mit Ladybug besprach und zwar umgehend. Beziehungsweise würde er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und Marinette besuchen, um ihr endlich sein Geheimnis zu offenbaren und zu beratschlagen, wie sie gemeinsam der Situation Herr würden.

Adrien war heute mehrere Stunden später in die Schule gegangen, wegen einem wichtigen Fotoshooting. Aus diesem Grund hatte er Marinette nur in dem letzten Kurs bei Madame Bustier gesehen. Sie wirkte etwas nervös und nachdenklich, hatte auch nicht viel gesagt. Eigentlich hatte sie nur dagesessen und abwesend Richtung Fenster gestarrt. Er hoffte, er würde vielleicht auch erfahren, warum das der Fall gewesen war. Sie war sicherlich die Erste gewesen, der Alya es gezeigt hatte und er mutmaßte, dass sie das nicht kalt gelassen haben konnte. Möglicherweise konnte sie mit einem Außenstehenden besser darüber sprechen, ungezwungen und ehrlich. Vielleicht so wie letzte Nacht mit ihm? Er lächelte in sich hinein und sprach sich selbst allen Mut zu, den er aufbringen konnte.

Ungeduldig wartete Adrien, bis die Dunkelheit hereinbrach, und hielt derweil Plagg mit Käse bei Laune. Ihm war nach nichts zu Mute, weder Hausaufgaben noch andere Zerstreuungen in seinem riesigen Zimmer. So stromerte er ziellos von einer Ecke in die Andere, warf einen sehnsüchtigen Blick auf das Bild, welches immer noch seinen Computerbildschirm erhellte oder lag auf seinem Bett und starrte Löcher in die Luft, während er seinen Gedanken nachhing. Als es soweit war, verwandelte er sich zügig und machte sich auf den Weg zu seiner Lady.
 


***



„Das ist furchtbar!“ Marinette tigerte unruhig auf und ab, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Der Tag war eine einzige Katastrophe gewesen. Immerhin war sie gerade so pünktlich zum Unterricht gekommen, aber dafür war ab dem Zeitpunkt, als Alya ihr das Bild gezeigt hatte,  ihre Freude darüber und über den positiven Gesundheitszustand eines gewissen Katers wie weggeblasen. Stattdessen drehten sich von da an alle ihre Gedanken und Sorgen nur noch um dieses verfluchte Bild. An einen halbwegs normalen Schultag war nicht mehr zu denken gewesen. Chronisch abgelenkt und ununterbrochen darüber nachgrübelnd war es ein Wunder, dass ihre Lehrerin sie nicht wegen mangelnder Aufmerksamkeit zum Direktor geschickt hatte. Sie vergaß darüber sogar komplett Adrien anzuhimmeln, wie sie es sonst immer getan hatte. Im Gegenteil, sie hatte ihn die ganze Zeit so gut wie aus ihrem Gehirn verbannt. Ihr war nur am Rande aufgefallen, dass er sowieso den halben Tag gefehlt hatte. Das lag aber nur daran, dass sie in einem lichten Moment aufgeschnappt hatte, wie Alya mit Nino über seinen Verbleib gesprochen hatte.

Tikki saß derweil auf dem Tisch vor dem Computer und betrachtete immer noch eingehend das Foto. Sie schien es irgendwie gar nicht so zu stören wie Marinette. „Hast du von Alya etwas anderes erwartet?“, meinte sie schließlich schlicht und drehte sich zu ihrer Freundin um, blieb aber entspannt wo sie war.

„Natürlich nicht, aber sie hat das Foto noch nicht einmal selbst gemacht, denn sie kam ja erst später zu dem Kampf am Hotel dazu. Sie hat es in den Spätnachrichten gesehen, auf ihrem Blog verlinkt und dazu diesen fürchterlichen Artikel verfasst.“ Kurz war das Mädchen stehengeblieben, um Tikki anzuschauen und wütend nach Beherrschung ringend tief ein- und auszuatmen, doch das beruhigte sie ganz und gar nicht und sie begann von neuem auf und ab zu laufen. „Ich glaub es einfach nicht und ich kann nichts dagegen tun!“ Mit jeder Silbe, die sie aussprach, nahm ihre Stimme eine neue, höhere Tonlage an. Hilflos hob sie die Arme, um sie kurz darauf wieder sinken zu lassen. Schlussendlich verbarg sie ihr erhitztes Gesicht in der Kühle ihrer Handflächen und ließ sich auf das rosa Sofa in ihrem Zimmer fallen.

„Ganz einfach, wenn du und Cat Noir wieder im Einsatz seid, klärt ihr das auf. Es ist fast immer die Presse oder Alya selbst anwesend. Ihr gebt ein kurzes Interview und fertig.“ Tikki war wie immer die Vernunft in Person und hatte damit einen deutlich klareren Kopf als ihre Freundin, für die mit Erscheinen des Bildes eine Welt zusammen gebrochen war.

Marinette dachte kurz nach. Dann schlug sie mit der geballten, rechten Faust auf ihre linke ausgestreckte Handfläche. „Du hast Recht! Ich bin Ladybug und muss damit vernünftig umgehen. Solche Schlagzeilen kann ich nicht gebrauchen. Vor allem, da sie definitiv nicht der Wahrheit entsprechen. Danke Tikki.“ Schon etwas beruhigter ging sie zu ihrem Kwami und nahm sie in den Arm.

Tikki lächelte glücklich und schaute zu ihr auf. „Auf mich kannst du dich immer verlassen, das weißt du doch.“

Marinette strahlte sie selig an. „Ja, das weiß ich. Danke.“ Langsam gelang es ihr auch, etwas sich zu beruhigen und den rasenden Puls herunterfahren zu lassen. Auch ihre Gesichtszüge entspannten sich merklich, jetzt da sie zumindest den Ansatz einer Idee hatte, um mit der ungeliebten und vor allem unerwarteten Situation umzugehen.

Ein sachtes Klopfen, das über ihnen ertönte, ließ beide plötzlich hochschrecken.

„Das kommt vom Dach“, stellte Tikki grinsend fest. Es versetzte sie jedoch nicht in Angst, denn sie ahnte schon, wer da oben sein Unwesen trieb.

„Dann kann es nur einer sein“, bestätige Marinette den Gedanken des Kwamis und ein kleines Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Tikki zwinkerte ihr verschmitzt zu. „Lass deinen Romeo mal nicht länger warten.“

Marinette verdrehte die Augen. „Hör schon auf.“ Sie setzte Tikki zurück auf den Tisch und legte noch einen Keks aus einem Glas, das auf ihrem Schreibtisch stand, auf einen Teller und stellte ihn daneben.

„Dann schauen wir mal, was der Kater von dem Artikel hält“, flüsterte sie glucksend. Sie setzte ihr Pokerface auf, das sie immer in Gegenwart von Cat Noir überkam, bevor sie die Leiter zu ihrer Bettstatt und dem Fenster zur Dachterrasse erklomm.
 


***



Eigentlich hatte er gedacht, dass er den Anblick würde ertragen können, wenn es einmal soweit wäre, aber der junge Mann hatte sich getäuscht. Die Schlagzeile war durch die Stadt gegangen wie keine Zweite, seit sie auf dieser Seite im Internet aufgetaucht war. Nirgendwo konnte man hingehen, denn das Bild, welches ihm wie ein Dolch im Herzen war, hing an jeder Säule und prangte auf jeder Zeitschrift. So schnell er konnte hatte er sich abgewendet und den Heimweg angetreten, nur um es nicht länger vor Augen haben zu müssen. Er vergrub das Gesicht in den Händen und sank auf die Knie, gerade dass er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Der Boden war kalt, staubig und mit kleinen Steinchen übersät.

Nein, es war ganz und gar nicht okay für ihn. Er hatte gelogen und nie aufgehört sie zu lieben, das wurde ihm jetzt erst richtig bewusst. War es nicht immer so? Erkannte man seine wahren Gefühle nicht immer erst dann, wenn es wirklich zu spät war? Mit aller Frustration und mit aufsteigender Wut schlug er immer und immer wieder mit den Fäusten auf den Betonboden unter ihm. Seine Hände schmerzten und die Steinbröckchen bohrten sich mit jedem Schlag unerbittlich tiefer in seine Haut. Unaufhaltsam stieg die Eifersucht in ihm auf und nagte an seiner Selbstbeherrschung, während ein Schluchzen seinen Körper erbeben ließ und seine Tränen in den Staub fielen.
 


***



Er war sich durchaus im Klaren, dass er nicht der perfekte Vater war. Schon gar nicht seit dem unglücklichen Tag, an dem seine geliebte Frau verschwunden war. Es war unerträglich seinen Sohn jeden Tag vor sich zu sehen, fast als würde sie ihn ansehen. Er war ihr Ebenbild in Aussehen und Charakter und erinnerte ihn täglich an seinen Verlust. Aus schierer Verzweiflung hatte er eine Mauer der Einsamkeit um sich gezogen, damit er seine Gefühle beherrschen konnte, denn nur so würde es ihm gelingen, alles wieder in Ordnung zu bringen.

Dennoch, die Angst seinen Sohn auch noch zu verlieren, hatte sich so in ihm festgesetzt, dass es unmöglich schien, davon loszukommen. Und nun hatte er etwas erfahren, das alles veränderte. Auch wenn es nur ein äußerst schwacher Verdacht war, für den es bisher keinerlei eindeutigen Beweis gab, durfte er es doch nicht völlig ignorieren.


Ein scharfer Wind wehte ihm um Gesicht und Körper. Erstaunt blinzelte er, denn direkt vor sich sah er nur den strahlenden, blauen Himmel und einige der höchsten Gebäude der Stadt. Erschrocken zuckte der Mann zusammen als er nach unten blickte und bemerkte, dass er auf der Kante eines Wolkenkratzers stand, nur Zentimeter vom tödlichen Absturz entfernt. Langsam ging er ein paar Schritte zurück und fragte sich verwirrt, wie zum Teufel er hier hinauf gekommen war. Er konnte sich partout nicht daran erinnern. Plötzlich hörte er hinter sich, wie die kompakte Stahltür, die zum Treppenhaus führte, aufgerissen wurde und sah, als er sich umwandte, dass Cat Noir gefolgt von Ladybug herauf gestürmt kam.

„Ihr Flug fällt leider aus, Monsieur“, sagte Cat Noir selbstsicher und baute sich vor ihm auf.

„Du?“, fragte Gabriel Agreste überrascht. Der gefasste Ausdruck auf seinem Gesicht änderte sich jedoch nicht. Das Letzte, was er noch wusste, war, dass die beiden Helden in seinem Haus versucht hatten, ihn vor Simon Says zu beschützen.

„Sie bevorzugen Ladybug? Das kann ich ihnen nicht verübeln.“ Noch während Cat Noir das gut gelaunt und frech sagte, legte er schwungvoll den rechten Arm um Ladybugs Schulter.

Plötzlich forderte ein durchdringendes Piepsen ihre Aufmerksamkeit. Erschrocken schnappte sich Ladybug seine Hand, um nachzusehen wie viel Zeit ihm noch blieb. „Cat Noir, dein Ring! Du gehst jetzt wohl lieber.“

Fasziniert bemerkte Gabriel Agreste wie Ladybug panisch zu ihrem Partner aufblickte. Dieser sah das jedoch locker: „Wie die Katze auf dem heißen Blechdach. Also bis demnächst, Monsieur Agreste.“ Cat Noir streckte seine behandschuhte Hand aus und nur eine Sekunde später ergriff Gabriel sie, um sie zu schütteln. Bevor er aber losließ, beäugte er interessiert den schwarzen Siegelring am Finger des Helden, auf dem die grüne Katzenpfote nur noch mit einem Punkt blinkte.

Dieser bemerkte es und entzog sich ihm. Er war nur einen kurzen Augenblick verunsichert, bevor er eine schwungvolle Verbeugung vor Ladybug machte und mit einem verführerischen „Bis bald, My Lady.“ verschwand.

   

Mit jedem Tag, an dem es ihm nicht gelang, Adrien aus dieser Misere herauszuholen, zermürbte es ihn mehr und mehr tief in seinem Inneren. Somit war zu seinem ursprünglichen Ziel und seinem Plan eine weitere Variable hinzugekommen. Ein Problem, welches so schnell wie möglich zu beheben war. Ihm war es auch schon vorher nicht gelungen, die Miraculous zu bekommen, wie sollte es ihm nun, mit seinem vor kurzem erlangten Wissen, möglich sein? Andererseits durfte es ihn auch nicht behindern. Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit dafür? Verschwindend gering, beschloss er. Es musste getan werden, so oder so.

Er steckte sich entschlossen die Brosche wieder an und mit einer zügigen Bewegung wischte er sich eine Träne aus dem Augenwinkel, bevor er aufstand. Hoffnungsvoll hob auch der kleine Kwami den Blick, als er die Regung seines Herrn bemerkte.

„Nooroo, es gibt Arbeit für uns.“ Seine Stimme war fest und hatte einen seltsamen düsteren Klang. Ein Schauer durchfuhr den Angesprochenen und er ahnte, dass das, was jetzt folgte, nichts Gutes sein konnte. So entschlossen und selbstsicher hatte er seinen Herrn schon lange nicht mehr gesehen.

Der Mann genoss für einen Moment die Macht, die ihn nach der Verwandlung durchströmte, spürte, wie sie sich kribbelnd in seinem ganzen Körper ausbreitete. Von seinem Hals ausgehend, wo an seinem Hemd die Brosche angesteckt war, die ihm seine Kräfte verlieh, durch jede Ader, jedes Gefäß und jede noch so kleine Kapillare. Jetzt wurde es Zeit, es zu Ende zu bringen. So schloss er die Augen, atmete tief durch die Nase ein und begann mit der Suche nach einem geeigneten Kandidaten. Er spürte und tastete sich durch jeden Winkel von Paris. Suchte nach Empfindungen, die es lohnten verstärkt und unterstützt zu werden. Und überraschenderweise hatte er erstaunliches Glück. Der Fokus seiner Aufmerksamkeit änderte sich abrupt. Er spürte plötzlich neue Gefühlsregungen und sehr starke Emotionen. Und sie waren genau nach seinem Geschmack. Ein Gefühl welches ihm verriet, dass es jemanden gab, den er verwandeln konnte, erfasste ihn und er konnte sich eines triumphierenden Lächelns nicht verwehren.

Artig wartete Cat Noir auf der weißen Holzkiste, die am Fußende des Liegestuhls auf der kleinen Dachterrasse stand. Genau dort, wo er das letzte Mal schon gesessen hatte. Er sprang aber augenblicklich auf, als er Marinette entdeckte, die sich durch die Fensteröffnung nach draußen schob, um sie mit einer formvollendeten Verbeugung zu begrüßen. „Guten Abend Mademoiselle.“ Seinen Kopf hob er dabei, um sie nicht aus den Augen zu lassen, während sein Körper noch in der Bewegung verharrte. Ein charmantes Lächeln erschien auf seinen Lippen.

Schon allein mit dieser Geste zauberte er ein breites Grinsen auf ihr Gesicht. Soviel zum gefassten Gesichtsausdruck. Heute hatte sie wirklich nicht lange durchgehalten.

Zu seiner großen Überraschung spielte Marinette mit und knickste vor ihm. „Ebenfalls einen guten Abend, Monsieur.“ Dann ließ sie sich lachend auf den Stuhl fallen und blickte ihn an, als er es ihr gleich tat und wieder auf seiner Kiste Platz nahm.

„Ich hätte nicht gedacht, dich schon so schnell wieder auf meiner Terrasse zu sehen. Bist du jetzt unter die Streuner gegangen?“, fragte Marinette keck und strahlte immer noch amüsiert über das ganze Gesicht. Sie hatte unglaublichen Gefallen an diesen Gesprächen gefunden, obwohl sie nie gedacht hätte, dass solche Unterhaltungen mit diesem überheblichen Kater überhaupt möglich wären.

Er freute sich trotz der Neckerei und sein Gesicht leuchtete. „Solange, bis mich Mademoiselle wegschickt.“ Marinette antwortete darauf nicht, aber er war sich sicher, dass sie das nicht so ohne weiteres tun würde und das hob seine Laune in ungeahnte Höhen. Doch wie konnte er jetzt das heikle Thema ansprechen, ohne einen Herzinfarkt zu riskieren? Bevor er allerdings dazu kam, sich Gedanken zu machen, begann Marinette zu sprechen.

„Was sagt denn deine Lady dazu, dass du nachts andere Mädchen besuchst?“, fragte sie in ruhigem lauernden Tonfall, die Heiterkeit immer noch im Gesicht.

Touché. Sie war ihm tatsächlich zuvorgekommen. Es hieß jetzt äußerste Vorsicht walten lassen und sie nicht überrumpeln. Darum wartete Cat Noir einen Moment ab, ehe er weitersprach. „Du hast den Artikel gelesen?“, fragte er schließlich in einem beiläufigen, fast unschuldigen Tonfall, während er sich bemühte, entspannt zu wirken.

„Wer in Paris hat das nicht?“, erwiderte sie leichthin und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Es interessierte sie brennend, was der Kater zu dem Thema zu sagen hatte. Unmöglich, dass ihn das kalt ließ.

„Mir fällt keiner ein“, meinte er verschmitzt grinsend, wurde dann aber eine Spur ernster. Er beugte sich etwas vor und stützte sich mit den Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab. „Allerdings kann ich dir versichern, dass nicht alles wahr ist, was in den Medien so verbreitet wird. Die übertreiben und spekulieren doch andauernd.“ Er versuchte es so klingen zu lassen, als würde es ihn nicht betreffen, neutral und allgemein formuliert in einem legeren Tonfall, als gäbe es solche Zeitungsenten jeden Tag. Um das zu erreichen, blickte er sie nicht direkt an, sondern betrachtete einen Punkt am anderen Ende der Terrasse und beobachtete sie nur vorsichtig aus dem Augenwinkel.

„Das ist mir klar“, antwortete sie prompt. „Die Verfasserin hält nicht viel von der exakten Beweisführung“, ergänzte sie etwas leiser und mit einer Spur Sarkasmus. Etwas unglücklich dachte sie dabei an Alya und ihre eigene Reaktion auf den Artikel, während sie kaum hörbar seufzte.

Erleichtert entspannte er sich, lehnte sich wieder zurück an die Wand und schlug ein Bein über das andere, die Arme im Nacken verschränkt.

Die sofortige Änderung seiner Körperhaltung war so deutlich und auffällig, dass es Marinette unmöglich entgehen konnte. Sie wusste genug über Körpersprache, um den Wandel zu bemerken. Er hatte sich Sorgen darüber gemacht, was sie denken würde, wenn sie das Bild sah. Das spürte sie. Steckte womöglich doch mehr hinter seinen Besuchen? Verwirrt war sie schon das erste Mal gewesen, als er aus heiterem Himmel aufgetaucht war. Und heute schon wieder. Es beschäftigte ihn doch etwas. Wenn sie nur wüsste, was?

Sie starrte ihn unverhohlen an und nahm jedes Detail in sich auf. Merkwürdig, er kam ihr in manchen Augenblicken so vertraut vor und das war es, wovor sie sich fürchtete. Kannte sie ihn wirklich aus ihrem wahren Leben? Ihr schoss die Röte ins Gesicht, als sie an das eine Mal dachte, als Alya ihr, mit ebensolcher Begeisterung wie heute Morgen, ihr Handy ins Gesicht gedrückt hatte. Diesmal hatte sie ein Foto von Adrien bearbeitet, ihm eine schwarze Maske und ebensolche Klamotten verpasst, zusammen mit den Katzenohren von Cat Noir. Sie hatte damals den Gedanken vehement abgestritten und im Anschluss sofort wieder verworfen. Warum kam er genau jetzt zurück? Auf einmal betrachtete sie den draufgängerischen Kater mit anderen Augen. Bei seinen beiden Besuchen schimmerte durch seine selbstbewusste und manchmal auch selbstüberschätzte Fassade eine gewisse Sensibilität und Verletzlichkeit, die sie vorher nicht bemerkt hatte.

Jetzt Adrien, sag es ihr! Schrie sein Herz förmlich in die entstandene Pause hinein. Aber er schluckte nur schwer und bemühte sich, seine lockere Haltung zu bewahren, denn sein Verstand hatte noch Zweifel und das zerriss ihn innerlich. Sich zu Hause vorzustellen, wie er es ihr sagen würde, war bedeutend einfacher gewesen, als es jetzt wirklich tun zu wollen. Auf einmal wurde er abgelenkt. Marinette beugte sich vor und rutschte zu ihm herüber. Sie drehte sich, sodass sie nun in ähnlicher Pose neben ihm saß, die Beine über den Stuhl baumeln lies und sich ebenfalls an die Wand anlehnte. Ihr Blick war nach oben gerichtet und sie betrachtete die Sterne.

Es trennten sie nur ein paar Zentimeter und die Luft dazwischen schien zu flimmern. Er versuchte, ihrem Blick nach oben zu folgen. Zu sehen, was sie sah. Getrieben von unbändiger Neugier schweifte sein Blick jedoch in regelmäßigen Abständen zu ihr hinüber. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sie einfach nur so dasaß und den Nachthimmel betrachtete. Die Sterne spiegelten sich in ihren Augen, ein zarter rosa Hauch lag auf ihren Wangen und die Mundwinkel umspielte ein schwaches, zufriedenes Lächeln.

Cat Noir wusste nicht, was er tun sollte. In seinem Kopf ging es drunter und drüber, hin- und hergerissen zwischen den Augenblick genießen und ihr endlich reinen Wein einschenken. Sein Atem beschleunigte sich und es fiel ihm zunehmend schwerer, ruhig sitzen zu bleiben.

Marinette dagegen war die Ruhe selbst, zumindest äußerlich, in ihren Gedanken ging es nicht weniger rasant zu. Sie verglich immer noch das von Alya aus Jux erstellte Bild von Adrien als Cat Noir und den Jungen neben ihr, dem realen Helden von Paris, den sie nun schon so lange kannte, außer von dieser Seite, die er ihr gestern und heute erst begonnen hatte zu offenbaren. Eines hatten die beiden durchaus gemeinsam, fand sie frustriert, sie wurde aus keinem von beiden Schlau. Sie wusste nicht, was in Adriens hübschen Kopf so vor sich ging. Was er dachte, vor allem über sie, und wie er so tickte. Er war für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Cat Noir dagegen war ein anderes Kaliber. Aber seit seinem ersten Besuch gestern und auch jetzt wusste sie nicht, was er wollte und was das hier werden sollte. Sie konnte, so nah neben ihm, die Nervosität, die ihn durchfuhr, förmlich spüren, konnte sich diese aber nicht erklären. Normalerweise konnte sie in ihm lesen, wie in einem offenen Buch, aber die Betonung lag eindeutig auf -normalerweise-. Aktuell wusste sie gar nicht mehr, was sie davon halten sollte. Sie erkannte jedoch, dass Tikki vollkommen Recht gehabt hatte. Er war anders als sonst.

Die Minuten verstrichen, ohne dass einer der beiden etwas gesagt oder getan hatte. Sie saßen einfach nebeneinander, den Blick nach oben gerichtet. Je mehr Zeit verstrich, umso heller erschienen die Sterne, da nach und nach die Lichter der Stadt um sie herum erloschen. In regelmäßigen Abständen beobachtete einer den anderen, aber nur heimlich von der Seite, um schnell wieder wegzuschauen. Jegliches Zeitgefühl war verloren gegangen, beide steckten in einem Moment des Genießens fest und hatten Angst, ihn durch ein unüberlegtes Wort oder eine unbedachte Handlung zu zerstören.

Eine Sternschnuppe durchfuhr den nachtschwarzen Himmel und überstrahlte alle Sterne, die sie auf ihrem Weg passierte. Cat Noir deutete zaghaft mit der Hand nach oben und drehte den Kopf nur ein klein wenig zu dem Mädchen neben ihm. „Du kannst dir was wünschen?“, sagte er leise und sanft.

Sie hatte sich ihm ebenfalls leicht zugewandt und lächelte etwas verlegen. „Du aber auch. Sternschnuppen sind für alle da.“

Typisch Marinette, dachte er und es begann in seiner Magengrube zu kribbeln. „Gleichzeitig?“, fragte Cat Noir, wobei er das Wort beim Sprechen fast verschluckte.

„Gleichzeitig“, antwortete sie, wandte sich der Sternschnuppe zu und schloss die Augen, selig lächelnd. Cat Noir betrachtete sie in dem Moment intensiv. Abgelenkt schweiften seine Gedanken weiter. Es gab etwas, dass er sich wünschte, mehr als alles andere. Aber davon wusste er, dass es sich nicht erfüllen würde. Wegen eines Aberglaubens würde seine Mutter nicht zurückkommen. Ein anderer Wunsch materealisierte sich in seinem Kopf. Dieser schien nicht so weit entfernt wie der Erste, aber dennoch unerreichbar. Würde er es je schaffen, Marinette seine wahren Gefühle zu offenbaren? Gerade jetzt wo sie so vertraut miteinander umgingen und er die Wahrheit kannte, sollte es doch irgendwie möglich sein. Er schloss nun doch kurz die Augen und wünschte sich den Mut und das Selbstbewusstsein seines Helden-Ichs in geballter Ladung. Als er seine Augen öffnete, schluckte er schwer. Mit einem Blick zur Seite stellte er fest, dass Marinette noch immer die Augen geschlossen hielt. Was sie sich wohl wünschte?

Babumm-babumm… sein Herz schlug förmlich Purzelbäume und Saltos ins seiner Brust, angespornt durch eine halbe Million Schmetterlinge in seinem Bauch, welche eine wilde Party mit seinen Hormonen feierten. Hinter der Heldenmaske steckte nun einmal nur ein Teenager mit der Gefühlswelt so groß wie ein Ozean und so klar wie Milchglas. Seine rechte Hand ballte sich für einen Moment zur Faust. Dann gab er sich einen Ruck, hob zögerlich seine zitternde Hand und legte sie schnell, aber durchaus sanft, unter Marinettes Kinn, um ihren Kopf sachte in seine Richtung zu drehen. Sie entzog sich ihm nicht und folgte der Bewegung, die er vorgab, ohne zu zögern. Dadurch angespornt beugte er sich ein wenig vor. Bevor sie auch nur in irgendeiner Form reagieren konnte, überbrückte er, als wäre es ganz selbstverständlich, die verbliebenen Zentimeter, die ihre Gesichter noch voneinander entfernt waren und drückte seine Lippen auf ihre. Im selben Moment schloss er die Augen und genoss einfach den so lang ersehnten Augenblick.

Der Kuss dauerte nicht lange, kam ihm aber vor wie die Unendlichkeit, die Erfüllung seiner Sehnsüchte und noch viel mehr. So oft hatte er das schon tun wollen, aber es sich nicht getraut. Häufig war auch der Kampf wichtiger gewesen oder die Zeit knapp. Ob er nun den Mut dazu aufbringen konnte der Sternschnuppe wegen oder seinem Versprechen Plagg gegenüber, vermochte er nicht zu sagen, aber es fühlte sich richtig an… und verdammt gut. Mittlerweile war es ihm aber auch völlig egal, es war alles egal. Es zählten nur noch dieser Moment, sie beide und der Kuss. Er bereute es keine Sekunde. Glücklich zog er ihren süßen Duft ein, dem meist das ein oder andere Aroma aus der Bäckerei anhing. Heute war es Zimt. Ihre Lippen waren so angenehm weich und warm. Er deutete es als gutes Zeichen, dass sie sich ihm immer noch nicht entzog. Jedoch stieg jäh etwas Sorge in ihm auf. Was, wenn sie es doch nicht wollte, aber zu überrumpelt war, um ihn von sich zu stoßen? Nein, nicht seine Ladybug, wenn ihr etwas nicht passte, dann machte sie das auch deutlich.

Überrascht stellte er fest, dass sie sogar damit begann, den Kuss zu erwidern. Ihre Lippen drängten sanft gegen seine. Das war unbeschreiblich. Schließlich löste er sich zögerlich und nicht ohne Bedauern von ihr. Er sah, dass sie ihre Augen nach wie vor geschlossen hatte, aber ihre Wangen glühten karmesinrot und perplex atmete sie durch die leicht geöffneten Lippen aus.

Cat Noir geschockt über sein eigenes Handeln, wich nur eine Spur zurück. Das war ein gewaltiger Vorstoß gewesen. Ob er zu weit gegangen war? Aber er hatte eindeutig das Knistern zwischen ihnen gespürt, die unerklärliche Verbundenheit und dann konnte er einfach nicht anders. Unsicher, was er jetzt tun sollte, verharrte er noch einen Moment. Dann durchschnitt ein leises Piepen die Stille. Oh nein, sein Ring! Aber er hatte doch seine Kräfte gar nicht eingesetzt. Hatte er Plagg mit seinen ungewohnt häufigen Streifzügen überfordert? Jetzt war es an ihm, sich zu entscheiden. Hierbleiben und ihr sein Geheimnis einfach zeigen? Damit wäre ja alles klar, eindeutiger könnte er es Marinette gar nicht beweisen. Und er müsste noch nicht einmal etwas sagen. Die Hand, mit der er Marinettes Kinn berührt hatte, hielt er nach wie vor in der Luft. Sie zitterte, sein ganzer Körper bebte, bis ihn ein Ruck durchfuhr. Er hatte seine Entscheidung gefällt. Dann hauchte er ein schwaches: „Bis morgen, Chérie.“ in Marinettes Ohr und verschwand leise, bis auf ein sachtes Klingeln des Glöckchens an seiner Jacke, dennoch schnell und unauffällig wie ein Schatten, von der Terrasse.

Das Bild hatte sich für immer in sein Gedächtnis eingebrannt. Marinette wie sie selig lächelnd neben ihm saß, die Augen immer noch geschlossen. Es tat ihm aber auch in der Seele weh, dass er ihr nicht gleich alles erzählt hatte. Er verfluchte seine Feigheit. Worauf wartete er denn bitte? Wusste er doch, was sie für ihn empfand. Aber er fürchtete sich. Er fürchtete sich davor, ob sie es ertragen konnte, dass Adrien und Cat Noir ein und dieselbe Person waren. Hätte er doch noch etwas mehr Zeit gehabt, dann hätte er es ihr wenigstens noch erklären können. Die erhebliche Bedenken sie zu überfordern, wenn er ihr jetzt noch sein Geheimnis offenbaren würde, bohrten sich wie Nadeln in seine Haut. Den Kuss würden sie beide erst mal verarbeiten müssen. Aber ein Anfang war gemacht und mit diesem Gedanken beschwichtige er sein schlechtes Gewissen.

Cat Noir, beflügelt und überglücklich über den Kuss, aber zur selben Zeit auch etwas enttäuscht von sich selbst, hatte gerade die ersten, wenigen Gebäude überquert, als er kurz innehalten musste. Er wandte sich noch einmal um und blickte in die Richtung, aus der er soeben gekommen war. Erneut piepte sein Ring, aber die Zeit musste er sich jetzt einfach noch nehmen. In der Ferne vermochte er noch die Lichterkette auszumachen, die Marinettes Terrasse schwach, aber dafür stimmungsvoll, erleuchtete.  Ihr Gesichtsausdruck war ihm immer noch vor Augen, während ihm das Ausmaß seines Handelns richtig bewusst wurde.

Soeben hatte er Ladybug geküsst. Das Mädchen seiner Träume, seine Partnerin und Seelenverwandte. Nach wie vor unruhig und übermütig schlug sein Herz den Rhythmus seiner Gefühle, wobei seine Gedanken sich nun, nachdem die kühler werdende Abendluft sein erhitztes Gesicht langsam abkühlte, darum drehten, wie es jetzt weitergehen sollte. Hätte er doch bleiben und darüber reden können. Ein wenig schämte er sich dafür, jetzt einfach abzuhauen. Aber das war wohl das, was man eine klassische Übersprungshandlung nannte. Eigentlich war der Kuss schon eine gewesen, ein Reflex oder besser ein Bedürfnis, was aus seinem Innersten einfach hervorgebrochen war und sein Handeln übernommen hatte. Er bereute es nicht, ganz im Gegenteil, er würde es jederzeit wieder tun. Nie hätte er gedacht, dass es sich so anfühlen würde. Das hatte alle seine Erwartungen bei weitem übertroffen. Für den Moment machte es keinen Sinn, weiter über die Zukunft nachzudenken. Sein Plan sah sowieso einen erneuten Besuch bei Marinette vor. Dann würde er mit ihr sprechen und ihr seine Identität offenbaren. Auch wenn er sie damit erst mal schockte, konnte er ihr auf diese Weise endlich seine aufrichtigen Gefühle gestehen und nebenbei auch über das Foto sprechen. Aber das würde alles später werden.

Unwillkürlich schweiften seine Gedanken zu Plagg, der ihm diese Chance ermöglicht hatte. Er hatte sich heute eine Extraportion Käse verdient, ein großes Lob und Dankbarkeit. Einfach etwas Wertschätzung, das, was er ihm viel zu selten zukommen ließ. Auch wenn er heute etwas länger hätte durchhalten können. Bei seinem letzten Gedanken entfuhr ihm ein schwermütiger Seufzer. Er zückte er seinen Kampfstab um seinen Heimweg fortzusetzen, bevor es zu spät war, da drangen auf einmal leise Worte an sein Ohr. Erst wollte er sie ignorieren, immerhin blieben ihm kaum mehr als ein paar Minuten. Es waren sicherlich nur ein paar Spaziergänger oder Jugendliche auf dem Heimweg von einer Feier oder aus einem Club. Doch dann ließ der Mann, der gesprochen hatte, einen Satz verlauten ließ, der dem Helden den Atem raubte.

„Du bedeutest mir alles, Ladybug…“

Ladybug? Seine Lady? Erschrocken setzte sein Herz einen Schlag aus, ehe er sich besann. Das war absolut unmöglich. Er hatte den eindeutigen Beweis dafür, dass Marinette die Heldin von Paris war und diese saß auf ihrer Terrasse, dort, wo er sie vor wenigen Sekunden noch zurückgelassen hatte. Ein seltsames Gefühl breitete sich in seinem Körper aus, der gerade von einer Gänsehaut überzogen wurde, während sich seine Nackenhaare aufstellten. Nein, nein, nein – lief als einziger Gedanke in Dauerschleife in seinem Kopf ab. Die aufsteigende Panik, die ihm die Kehle zuzuschnüren drohte, hatte ihn auch fast gänzlich gelähmt. Der verbliebene Funken Vernunft in ihm, riet der Sache nachzugehen, bevor er voreilige Schlüsse zog und wurde so zu seinem Hoffnungsschimmer.

Steif ging er die wenigen Schritte zu der Kante des Hauses und blickte über eine niedrige Mauer. Das Haus war nicht hoch, es hatte nur zwei Stockwerke. Die Gasse, die es vom nächsten Haus trennte, war schmal, eine Einbahnstraße ohne Parkmöglichkeiten, beidseitig von einem nicht sehr breiten Fußweg gesäumt. Die Laternen waren schon erloschen. Es war spät, aber der Mond stand kurz vor der Vollendung und schien hell auf die Szene unter ihm. Seine Katzenaugen taten ihr übriges. Er fluchte leise, da eine Markise die Sicht auf den Sprecher zu verdecken schien. Doch er hatte Glück und eine Person trat unter ihr hervor. Es war ein junger, dunkelhaariger Mann, der ausgelassen lachte, während er eine zierliche, zweite Person, gekleidet in einen roten, enganliegenden Bodysuit, mit schwarzen, charakteristischen Punkten, an der Hand mitzog. Diese lachte ebenfalls, ihre zu zwei Zöpfen gebundenen, schwarzen Haare wippten sachte auf und ab, ehe sie sich dem Mann in die Arme warf und ihn küsste.

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Autor

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Kapitel:17
Sätze:3.827
Wörter:54.550
Zeichen:319.070

Kurzbeschreibung

Jeder, der die Serie Miraculous kennt, weiß um das Dilemma von Marinette und Adrien, sowie Ladybug und Cat Noir. Aber logisch betrachtet, wäre die Sache doch ganz einfach, oder?

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Liebe und Humor getaggt.