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The Dark Essence

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12.08.20 15:45
12 Ab 12 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
Bisexualität
In Arbeit

Sie nannte sich Jinx. Jeder nannte sie Jinx. Angeblich, weil ständig etwas um sie herumschleicht, etwas, das niemand sieht und dennoch spürt, wie ein kalter Schauer, der einem über den Rücken läuft, als hätte sie einen Fluch auf sich, der ihr Unglück bringt, bei allem was sie tat, überall wo sie war. Vielleicht lag es auch an ihrem Aussehen. An ihrer dreckigen, abgetragenen Kleidung, an ihrer zerschlissenen Jeans, die sie manchmal sogar von Hand reinigen musste - wenn das Geld mal wieder knapp wurde - zuhause am Waschbecken. Aber vor allem lag es an ihren Haaren. Diese silbrigen, kurzen Strähnen, die ihr im Gesicht hingen.

 Oder sie hatten alle bloss ihren eigentlichen Namen vergessen, den sie wie ein dunkles Geheimnis hütete. Schon lange nicht mehr, hatte sie ihn jemanden sagen hören. Sie war Jinx. Einfach nur Jinx, seit ihrer Kindheit. Nicht mal mehr ihre eigene Mutter, erinnerte sich, wie das Mädchen mit dem silbernen Haar früher genannt wurde. Doch vermutlich nur, weil ihre Mutter verrückt war.

 Sie hörte Stimmen, die kein anderer hörte, sie sah Dinge. Schlimme Dinge. Sie sagte, sie sah Sachen, die früher passierten. Vor Jahren. Jahrhunderten. Deshalb ging sie nie aus der Wohnung, selbst wenn sie wollte, Jinx würde sie nicht lassen.

 Es gingen Gerüchte herum, Jinx sollte ihre Mutter ermordet haben, da sie ja nie jemand sah. Jinx sollte ihr mit einem Messer die Kehle aufgeschlitzt haben und ihre Leiche dann neben der Kirche im Gras, nahe einer Seitengasse, vergruben habe. Was sich auch als Grund verpuppte, warum es dort immer so stank. Jedoch sollte man sich solche Geschichten gewöhnt sein, wenn man in so einem kranken kleinen Dorf wohnte, wie Jinx es eben tat. Doch diese Story verschwand nicht nach ein paar Wochen oder Monaten wieder und wurde durch eine neue ersetzt, sie blieb beständig, weil sie von diesem seltsamen Mädchen stammte, das niemand richtig kannte.

 Doch dieser jungen Frau war es inzwischen ziemlich egal, was andere Leute hinter ihrem Rücken erzählten. Sie hatte sich mit den seltsamen Blicken vertraut gemacht, die sie abkriegte, während sie durch die Gänge ihrer Schule ging oder in einem Laden anhielt, um Nahrung einzukaufen oder sonst kleine Sachen für den Haushalt. Sie war ihr eigenes Schild geworden. Das war das einzig wichtige, was sie an diesem verdammten Ort gelernt hatte; du kannst nur mit dir selbst überleben.

 Deshalb versuchte sie ihr Bestes, um die anderen Leute zu ignorieren. Noch ist sie aber an diesen Ort festgebunden. Ihre Mutter brauchte sie, um zu überleben, auch wenn Jinx sich nichts Sehnlicheres wünschte, als abzuhauen und nie wieder zurückzukehren. Sie hielt den Wellen stand, die auf sie niederrasten, die ihr den Atem verschlugen. Sie hatte gelernt, unter Wasser zu atmen und strampelte nicht, sondern bewahrte Innere Ruhe, wenn die Brandung sie mal wieder zum Meeresgrund hinunterzog.

 

Verschlafen rieb Jinx sich die Augen, während sie das Regal mit den nötigen Lebensmitteln füllte.

 Ihr Arbeitspartner kam mal wieder zu spät, wie jeden Abend. Er sollte schon längst hier sein und seine Schicht übernehmen. Sie musste mindestens immer ein oder zwei Stunden mehr arbeiten, als eigentlich geplant. Einmal kam er sogar erst zehn Minuten vor der Schliessung der Tankstelle und das war um ein Uhr morgens. Sie wurde nicht einmal für ihre Überstunden bezahlt, obwohl sie das Geld so dringend brauchte.

 Auch wenn sie sich beschweren würde, sie konnte nichts dagegen tun. Ihr Chef tauchte nie auf und wenn, würde er sie der Lüge bezichtigen, falls sie ihm von davon erzählen würde. Jeder im Dorf und alle die ein wenig Ausserhalb wohnten, kannten ihren Ruf. So würde sie ihren Nebenjob in der Tankstelle verlieren, dies hätte schwere Folgen für ihr Leben.

 So kam sie jeden Tag erschöpft nachhause und musste sich auch noch mit einer aufgelösten Mutter rumschlagen, die schon den ganzen Abend mit weit aufgerissenen Augen im Bett lag. Am Morgen ging sie mit dunklen Ringen unter ihren Augen zur Schule.

Das war ihr Leben. Eine ewige Routine aus zusammengewürfelten Ereignissen. Jinx wünschte sich nichts anderes, als von diesem Dorf zu fliehen, doch sie war darin verflochten und konnte sich nicht losbinden.

 Sie setzte sich wieder hinter die Theke und legte ihre Füsse darauf. Gerade, als ihr die Augen zufielen, hörte sie Schritte, die sich ihr näherten. Hastig schlug sie die Lider auf und ihre Augen erkannten eine Gestalt, in schwarzer Kleidung gehüllt. Ihr Gesicht konnte sie nicht erkennen, denn es war vollständig in einer Kapuze verborgen.

 Während Jinx ihre Beine wieder von der Theke nahm, blickte sie flüchtig auf das Messer, welches auf der Ablage unter der Kasse versteckt war. Sie hatte es immer für alle Fälle dabei. Manchmal kam sie sich ziemlich paranoid vor, doch in einer Tankstelle um zehn Uhr abends begegnet man einem Haufen seltsamer Leute.

 Jinx wurde aus ihren Gedanken gerissen, als die Gestalt mit einer tiefen Stimme zu ihr sprach: »Zigarette.«

 Jinx räusperte sich und liess ihre Augen wieder zu dem Messer schweifen. Sie unterdrückte den Drang, es in die Hand zu nehmen. Fast konnte sie den kalten, eisernen Griff des Messers auf ihrer Handfläche spüren. Doch sie riss sich zusammen und fragte stattdessen: »Welche Sorte?«

 »Marlboro«, erwiderte der Mann kurz angebunden.

 Nach einem Jahr in dieser verdammten Tankstelle, wusste Jinx genau wo die Marlboro Päckchen sind, deshalb drehte sie der Gestalt nicht den Rücken zu, sondern griff einfach nach einem roten Päckchen und schob es ihm über die Theke zu.

 »Das macht 7 Pfund.« Ihre Stimme klang gelassen, sie hatte gelernt sich zu beherrschen, ihre echten Gefühle hinter einer eisernen Wand zu verbergen. Doch irgendetwas an diesem Typ liess sie erschaudern.

 Eine Hand kam aus dem Umhang hervor, schnappte sich die Zigaretten und liess einen Haufen Münzen auf den Tisch klappern. Noch während sie das Geld zählte, zog sich der Mann auch schon zurück. Eine winzig kleine Bewegung mit dem Kopf und eine Strähne war unter der Kapuze sichtbar geworden. Sie glitzerte auffälligen im grellen Licht der Lampen. Sie war silbern.

 

Jinx war gerade dabei, das Geld in der Kasse mit dem Kassenzettel zu vergleichen, weil es schon fünfzehn Minuten vor Schluss war, da ging die Tür auf und ihr Arbeitskollege ist endlich angekommen. Schade, seinen Rekord hatte er nicht gebrochen.

 Er könnte sie auch einfach alles selber machen lassen, wenn er schon den ganzen Abend nicht auftaucht und sie Überstunden machen lässt. Vielleicht will er einfach noch ein paar Schokoriegel für seine Sammlung klauen, denn so wie er aussieht, könnte man meinen er verdrückte jeden Tag fünfzig Riegel auf einmal.

 Sein massiger Körper schlängelt sich durch die Regale hindurch zu mir.

 »Nett, dass du auch mal kommst«, brummte Jinx, zog sich aber schon ihre Jacke über, versteckte heimlich das Messer darunter und rannte um die Theke herum. Sie wusste, dass Tom sie hasste, einfach, weil alle anderen es auch taten. Also überraschte es sie nicht, als er ihr nur einen kurzen verächtlichen Blick zuwarf und sich dann selbst hinter die Theke stellte.

 Sie seufzte theatralisch und schwang die Tür nach draussen auf. »Es ist auch schön dich wiederzusehen, Tom.« Dann machte sie sich nachhause auf.

 Während Jinx die dunklen Strassen von Timesbury entlanglief, musste sie unwillkürlich an den Mann denken. Mit seiner silbernen Strähne. Ist er so wie sie? Aber sie hatte ihn hier noch nie zuvor gesehen. Sie kannte niemand anderen mit der gleichen Haarfarbe wie sie, mal abgesehen von älteren Leuten oder gefärbten Haaren. Vielleicht war es auch bloss jemand, der sich über sie lustig machen wollte.

 In ihrer Schule gab es eine Gruppe, die sich an Halloween silberne Perücken gekauft hatten und sich als Jinx ausgaben. Es gab immer Leute, die sich über sie lustig machten.

 Doch ein Gefühl sagte ihr, dass dies kein Spass war. 

 Mit grossen Schritten, das Messer immer griffbereit, folgte sie den Wegen, die ihr auch jetzt noch im Dunkeln der Nacht, so vertraut waren. Sie hasste es. Die ungewollte Vertrautheit mit diesem elenden Dorf in England. In ihren siebzehn Lebensjahren war sie noch nie wo anders gewesen, nicht einmal für den Urlaub. Sie konnten es sich ja nicht einmal leisten.

 Neben dem Geld von der Tankstelle, welches sie verdiente, arbeitet ihre Mutter auch noch von zu Hause aus. Naja, selten arbeitete wirklich ihre Mutter. Meistens war es Jinx, die ihre Arbeiten erledigte.

 

Sie las sich Manuskripte von noch unbekannten Schriftstellern durch, rezensierte sie oder korrigierte sie und schickte sie wieder zurück nach London in einen Verlag, woher sie gekommen waren, sobald sie fertig war.

 Lilian hatte sich diesen Job vor dem schrecklichen Ereignis, welches Jinx zu verdrängen versuchte, ergattert. Zusammen mit diesem Geld und dem Geld welches Jinx in der Tankstelle verdiente, kamen sie noch knapp durch den Tag. Doch sie wusste, was ihnen schwante. Meistens konnte Jinx die Manuskripte nicht rechtzeitig abgeben, deshalb standen sie kurz vor der Kündigung. Und wenn dies geschieht, wüsste sie nicht, wie sie weiterhin überleben sollten.

Heute hätte sie eigentlich eine wichtige Rezension abgeben sollen, doch es war ihre letzte Schulwoche vor den Sommerferien und sie musste jede Nacht arbeiten.

 Wenigstens musste sie danach nicht mehr in diese Schule zurück. Sie war fertig mit der High-School und ein halber Schritt näher an ihrem Ziel, endlich von hier zu verschwinden.

 Sie bog in eine kleine Seitengasse ein, in der es noch dunkler war als auf den Hauptstrassen und näherte sich einer Tür, die zu ihrer Wohnung führt.

 Das Haus teilten sie sich mit einem Mann, den sie nie sah. Wenn Jinx zur Schule aufbrach, war er schon lange weg, zur Arbeit, nahm sie an und wenn Jinx von der Tankstelle nach Hause kam, hatte er sich schon längst in seiner Wohnung eingeschlossen.

 Jinx trat durch die offene Tür, sie war nie abgeschlossen und stolperte prompt über den hohen Absatz, konnte ihr Gleichgewicht aber gerade noch abfangen. Sie wird es nie lernen. Ohne irgendeinen weiteren Laut zu erzeugen, stieg sie die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung. Diesmal musste sie die Tür aufschliessen.

Der Korridor in den sie trat, war dunkel und beengt. Sie kämpfte sich durch, bis zur Schlafzimmertür. Ruhig lauschte sie und vernahm den leisen, gleichmässigen Atem ihrer Mutter. Erleichtert schnaufte Jinx durch. Keine Selbstgespräche, keine Schreie. Es war eine stille Nacht.

 Am Ende des Ganges war das Wohnzimmer, mit einer kleinen roten Couch, auf der sie schlief, einem zerlöcherten Teppich und Stapeln von Büchern auf dem Boden. Am Ende des Raumes befindet sich ein alter Computer, welcher Jinx auf dem Markt für wenig Geld hatte erbeuten können.

 Sie liess ihre Jacke zu Boden fallen und setzte sich an den Computer. Diese Rezension musste heute Abend noch fertigwerden, damit Jinx sie morgen früh abschicken kann. Es war ihr egal, ob sie nun keinen Schlaf bekommen werden würde, denn morgen war ihr letzter Schultag. Doch während sie die Worte auf dem weissen Bildschirm eintippte, in der Hoffnung, es würde irgendetwas Gutes daraus werden, spürte sie wie ihre Lider trüber wurden.

Sie musste wirklich Geld sparen für eine Kaffeemaschine. Jinx versuchte die Augen offen zu behalten, dennoch wollten sie ihr nicht gehorchen. Langsam fiel sie in einen so tiefen Schlaf, wie sie es schon lange nicht mehr erlebt hatte.

 Jinx träumte wirres Zeug. Von silbernen Haarschöpfen, welche in dunklen Gassen verschwanden. Gestalten die um Feuer tanzen, die sich darin bewegten als wären sie eins mit dem Element. Sie hasste Feuer. Es umhüllte sie, verschlang sie bis nichts mehr von ihr übrig war als ein Haufen Asche. Die Asche wurde von einem Luftzug weggehaucht über fremde Wälder bis hin zu einem strömenden Fluss. Die Wellen trugen sie weiter, bis sie wieder ausgespült wurde auf das Land. Die Asche verschmolz mit der Erde und daraus wuchs ein kräftiger, mächtiger Baum mit einem Stamm voller Risse, Blätter raschelten, als spielten sie eine Melodie. Ein Lied von tausend Jahren, von jungen und alten Stimmen. Ein Lied, welches Angst und zu gleich Hoffnung schöpfte.

Die Schatten erheben sich von ihrem langwährenden Schlaf,

sie flüstern, sie züngeln und tanzen umher.

Das Licht, das Licht es beginnt zu schwinden,

wenn der Fürst es wagt sich aus seinen Fesseln zu binden.

Die von zwölf, die von Silber,

bald nun wiederkehret, mit Hunger, Blut und Schmerz

Kämpfet ihr! Kämpfet um der Seele Willen.

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nadjaxmccarthys Profilbild nadjaxmccarthy

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Kurzbeschreibung

Sie nannte sich Jinx. Jeder nannte sie Jinx. Angeblich, weil ständig etwas um sie herumschleicht, etwas, das niemand sieht und dennoch spürt, wie ein kalter Schauer, der einem über den Rücken läuft, als hätte sie einen Fluch auf sich, der ihr Unglück bringt, bei allem was sie tat, überall wo sie war. Vielleicht lag es auch an ihrem Aussehen. An ihrer dreckigen, abgetragenen Kleidung, an ihrer zerschlissenen Jeans, die sie manchmal sogar von Hand reinigen musste - wenn das Geld mal wieder knapp wurde - zuhause am Waschbecken. Aber vor allem lag es an ihren Haaren. Diese silbrigen, kurzen Strähnen, die ihr im Gesicht hingen.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch in den Genres Abenteuer, Science Fiction und gelistet.