Storys > Romane > Fantasy > Hey Samy - In Liebe, deine Lilith

Hey Samy - In Liebe, deine Lilith

41
12.7.2019 20:52
12 Ab 12 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
Homosexualität
In Arbeit

2 Charaktere

Lilith

Lilith ist eine kleine Hexe, die nicht nur ihr können des fünften Elements erlernen will, auch will sie die Welt und die Geschöpfe in ihnen begegnen. Sie ist vorlaut, frech, liebt Tiere und ist verrückt nach Abenteuern.

Samantha (Samy)

Samantha ist eine ruhige und vorsichtige Person. Sie hört stets auf Regeln und ist christlich aktiv.

Hey, Samy.

 

Ich weiß, du hasst es so genannt zu werden. Ich weiß ... Aber erinnert es mich an unsere alten Zeiten.

Und ich weiß, es ist lange her. Sehr lange. Zu lange. Ich musste mal wieder an dich denken und habe mir sofort Feder und Papier geschnappt.

Du hast jedes Recht sauer auf mich zu sein, Samy. Ich hätte mich eher bei dir melden sollen. Bitte sei sauer auf mich. Ich bin es auch.

Ich vermisse dich so unbeschreiblich sehr. Und ich vermisse unsere kleinen Abenteuer. Du auch? Ich wünschte so sehr, ich könnte die Zeit anhalten, zurückspulen und einfach nochmal alles mit dir erleben; und jede einzelne Sekunde umso mehr genießen. Was mir jetzt noch bleibt, sind die Erinnerungen. Weißt du, oftmals schreibe ich sie auf, um sie nicht vergessen zu können. Ich schätze, auch ich werde irgendwann alt, grau und vergesslich.

Ich will dich und uns nicht vergessen. Weder die guten noch die schlechten Zeiten. Genau diese Momente machen unsere innige Freundschaft aus, nicht wahr?

Erinnerst du dich auch noch an unsere kleinen Abenteuer? Ich muss schmunzeln, wenn ich an unsere ersten Begegnungen denke. Lass mich dir noch einmal alles erzählen ...

 

Ich durchsuchte damals (vor ewigen Jahrzehnten) einige Felder, um Steine und alte Muscheln und Schneckenhäuser zu finden. Wie ein kleines Wiesel lief ich als unerfahrene Junghexe durch frisch blühende Gräser. Die Luft roch nach spätem Sommer. Die Sonne strahlte rot auf die vereinzelten Wege zwischen den Ernten. In meiner Unzufriedenheit nicht zu finden, wonach ich suchte, setzte ich mich zwischen das Grün. 

            Ich lauschte auf, als ich Schritte in der Ferne hörte. (Meine Ohren waren zu dieser Zeit wesentlich besser als heute). Die tapsenden Schritte kamen näher und wenige Zeit verging, bis ein Mädchen an mir vorbeilief. Verzweifelt sah dieses umher (Das bist du, Samy!) Mein Interesse war geweckt. Das Mädchen sah ziemlich zurückhaltend aus. Zumindest ihr Erscheinungsbild. Ihr Haar war zu einem strafen Zopf gebunden, keine Haut war bis zum Hals zu sehen (und das bei dieser Hitze). Ihren Hals schmückte etwas Silbernes, was kurzzeitig die Sonne reflektierte. Leider war für mich nicht erkennbar, was der Anhänger darstellen sollte. 

Meine Nase rümpfend, stand ich auf, um ihren Schritten zu folgen. In ihrer Verzweiflung merkte das unbekannte Mädchen nicht, dass sie einen kleinen Verfolger hatte. 

„Kann man dir helfen?", grinste ich und fasste ihr auf die bedeckte Schulter. Wie ein junges Reh schreckte sie auf. Ihr Kettenanhänger weilte sofort in einer ihrer Hände. Mit verängstigten Augen sah sie mich an. 

„T-tut mir leid.", piepste sie mit scheinbar immer noch rasendem Herzen. "Ja ... Ich habe mich verlaufen."

Das Lächeln, welches sie auf ihren Lippen trug, war so unschuldig und sanft wie ich es zuvor noch nie gesehen hatte. 

            „Verlaufen?" Ich stützte breit grinsend meine Arme in die Taille und erwiderte mit glühender Selbstverständnis: „Zum Glück hast du jetzt mich Hexe an deiner Seite. Ich werde dir helfen, deinen Weg nach Hause zu finden." 

Sie stutzte misstrauisch, doch nickte. Ein prüfender Blick musterte mich von Kopf bis Fuß, bevor wir den Weg gemeinsam fortführten. 

Die Sonne verabschiedete sich bereits langsam und wir schwiegen. Ich, weil ich überlegte; sie, weil sie schüchtern zu sein schien. Zumindest schmückte eine Art der Angst und Sorge ihren Blick. Eine Brise frischen Windes ließ die Felder und Bäume neben uns tänzeln und folgte uns auf unserem Pfad. Vögel versteckten sich in den Wäldern, die hinter uns lagen. 

            „Und du bist wirklich eine ... Hexe?", fragte sie nach einigen schweigenden Minuten. Dort lag also das Problem. 

            „Japs. Eine waschechte Junghexe. Meine Mama meint immer, eines Tagen werde ich einer der Besten sein." 

            „Oh ... Aber sind Hexen nicht Helfer des Teufels?" 

Ich lachte sofortig laut auf. Amüsiert schüttelte ich den Kopf. „Weißt du, wir Hexen haben nichts mit dem Christentum zu tun." Ich linste kurzzeitig zu ihren Kettenanhänger. Ein Kreuz - natürlich. 

„Ich denke, euch christlichen Menschen fehlt es einfach an Magie."

Sie rümpfte beleidigt die Nase. „Magie?"

            „Ja, Magie ... Zauber, Natur ... Liebe. Versteh mich nicht falsch. Ihr habt eure Götter und wir unsere. Doch ist, unseren Glauben verbrennen zu wollen, nicht gerade die Lösung. Oder?"

Ich schmunzelte breit, denn überlegte sie schweigend. Worüber sie wohl so grübelte? Was wollte sie wohl kontern? Plante sie bereits mich in ihrem Dorf zu verraten, damit ich als nächstes zur Hexenverbrennung anstehen durfte? 

„Wie heißt du?" 

Ehrliches Interesse? Mit gehobener Augenbraue sah ich sie an, doch warm lächelnd antwortete ich: „Lilith."

Ihr Lächeln war ebenso warm, als sie murmelte: "Samantha."

Ein wirklich schöner Name. Äußerst christlich, dennoch schön, dachte ich. 

            „Lass mich dich Samy nennen." 

„Was? Nein!", schmollte sie leicht aufgebracht. Konnte ich da etwa Gefühle aus dem schüchternen Ding herauskitzeln? 

„Wieso? Samy klingt super.", lachte ich eindeutig zu amüsiert, weswegen sie sich umso mehr aufregte. Ich lachte so sehr auf, dass auch sie sich ein Kichern verkneifen musste. 

             Die Sonne verschwand hinter dem Wald des Horizonts. Wenige Sterne gesellten sich zu uns. Samantha fragte mich, ob ich auch aus der Nähe sei und was man genau unter einer Hexe verstand. Stolz erklärte ich, dass wir Hexen die Natur als unseren Herrn und Freund ansahen. Wir lebten selten in Dörfern oder Gesellschaften. Meist lebte eine Familie in ihrem Waldhaus, das für die meisten Wesen unentdeckt blieb. Kaum sahen Menschen oder andere Lebewesen unsere Rasse. Noch seltener lebten Hexen mit Tieren oder anderen Rassen wie Gnomen oder Halblingen zusammen. Oder gar zwischen Menschenmengen; mit ihnen in ihren Dörfern. Diese mutigen Hexen gaben sich als Menschen aus und waren auch schwer von Menschen zu unterscheiden. Hexen, die sich tatsächlich unter das Menschenvolk trauten, bekamen von uns Versteckten größten Respekt und Anerkennung für deren Mut und Geschick. Denn die Angst erkannt zu werden, war für viele unserer Art zu groß. Zwar gehörte unsere Rasse eher zu Einzelgängern, doch galten wir stets als offene, freundliche liebevolle Geschöpfe (die meisten zumindest).

Unsere Rasse konnte dem Menschen sein Unwissen und seine Angst vor dem Unbekannten nicht übelnehmen. Dennoch gab es wenige Hexen, die mordeten und rächten - diese litten an Liebeskummer oder Krankheiten; sie litten an Schmerz. Von jedem Volk gab es Ausnahmen und andere, erklärten mir meine Eltern stets.

Wir Hexen gehörten zu den Wesen, die alles und jedes Geschöpf, das von der Natur geformt wurde, schätzten - alles trug etwas Heiliges und Schätzenswertes in sich. Somit mieden wir Hexen unsere Feinde. Manchmal mieden wir das Aufeinandertreffen mit unserem Feind so sehr, dass wir uns in Ferne und unbekannte Orte zurückzogen. Es gab mehr als nur einen geheimen Platz, in welchem viele unserer Art lebten und keine andere Rasse wusste davon (Zumindest wussten sie nicht, wo diese Orte waren. Ein mehr oder weniger unausgesprochenes Gesetz war, nicht zu verraten, wo sich diese Orte befanden.)

             Im Allgemeinen war zu sagen, dass Hexen Freunde und Liebende der Natur waren. Das Gerücht der Zusammenarbeit von Hexen und Dämonen, der Vergleich dieser beiden unterschiedlichen Lebewesen und die Bindung, das zwischen uns und den Helfern des Teufels verbreitet wurde, stimmte nicht. Im Laufe der Jahrhunderte schrieben sich solche Fantasien zusammen. Wer es sich wirklich ausgedacht hatte, war längst vergessen.

             Unsere wirklichen Götter und Herren stuften sich in Wichtigkeit ein. Zu den obersten und wichtigsten gehörten die Sonne, der Mond und die fünf Elemente des Lebens. Der Mond war unsere Mutter, unsere Königin und die Oberste der Gottheiten. Neben ihr, ihr Kind und Geliebter, die Sonne. Unser Vater und König.

Die unbeschreibliche Liebe des Mondes und der Sonne war unsere Inspiration. Sie gaben uns Leben und Schutz. Und auch sich selbst; sie halfen und liebten sich so sehr, dass sie Tag und Nacht formten. Die Sonne ließ jede Nacht seine Frau für ihn strahlen, wie es der Mond täglich für seinen Mann tat. Sie gaben sich Kraft. Wie auch uns. Wir lernten unglaublich viel von ihnen und würden niemals auslernen. Ebenso wie von allen anderen Gottheiten. Überall in der Natur waren Götter und Heiliges. Alles brauchte Liebe und alles gab Kraft. 

             Magie war ein großes Merkmal unserer Rasse. "Hexen-" oder "Teufelswerk" hieß es oftmals aus dem Menschenmund. Die Zauberei war nur ein verstecktes Element der Natur. Menschen hatten nicht genug Liebe und Geduld im Herzen, um sie wahrnehmen und verstehen zu können. Anstatt es (kennen) zu lernen, verteufelten sie das fünfte Element. Dies zeugte von fehlendem Wissen, Willen und fehlender Liebe. 

            Menschen waren äußerst unwissende Wesen in unseren Augen. Sie glaubten, sie seien die höchste aller Rassen (neben ihrer Gottheit) und neben ihnen gäbe es lediglich uns Hexen, Vampire und Werwölfe. Doch gab es auf diesem Planeten noch so viel unentdecktes Land und so viele unentdeckte Lebewesen. 

             Ich weiß, dass wir sie noch kennenlernen würden und unzähliges dazu lernen sollten. Doch denke ich, dass wir immer noch allerlei entdecken könnten, würden wir unsere Suche fortführen. 

             Die Welt, die zu diesem Zeitpunkt noch vor uns lag, war so unbeschreiblich riesig. All die Dinge, die es noch zu erkunden und lernen gab - wer hätte es erahnen können? 

             Samantha wirkte so fasziniert von alledem, was ich ihr erzählte. Ihre Augen leuchteten ebenso hell wie die Sterne, die über uns schwebten. 

             Ich schreckte auf, als jemand Samantha in der Ferne rief. Kleine rote Punkte rückten näher an uns heran. 

             Erneut hüpfte Samantha wie ein junges Reh auf und ich verkrauchte mich im schützenden Feld. Wirr und ängstlich sah sie umher, um nach mir zu suchen. Die Dunkelheit erschwerte uns ziemlich die Sicht. 

             Zwei Männer mit brennenden Fackeln rannten auf Samantha zu, umarmten sie. Erleichterung? - Wahrscheinlich. Nach kurzem, aufgeregtem Gerede, gingen sie gemeinsam in Richtung ihrer Heimat. Samantha drehte sich kurz um und unsere Blicke trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde. Schief grinsend schnaubte ich: „Bis zum nächsten Mal, Samy."

             Der Sternenhimmel war klar und die Nacht erfrischend kühl. Wenige Grillen zirpten melodisch im Gras. Summend ging auch ich nach Hause. 

 

Am nächsten Tag führte mein Bauchgefühl mich zu den Feldern des Vortages. Ein gewisses Interesse lauerte auf meinen Schultern. Würde ich Samantha wiedersehen? Hinter ihrem schüchternen Sein schien etwas zu schlummern, das nach Freiheit und Wissen suchte. Ich überlegte, ob Samantha auch so sehr über mich grübeln würde wie ich über sie.

             Wie auch am Vortag wieselte ich durch die Ernten. Diesen Tag wurde ich fündiger. Flache Steine landeten in meinem Lederbeutel, der an dem Seil um meiner Taille hing. Die Sonne stand hoch und strahlte noch intensiver als die letzten Tage. Vereinzelte Schweißperlen liefen über meine in Falten gelegte Stirn. Ich brauchte noch etliche Steine. In meiner Tasche klirrte es noch zu leise. Seufzend krauchte ich weiter durch die einzelnen Pflanzen. 

             „Kann man dir helfen?" 

             Ich schreckte, einen Schrei unterdrückend, auf. Weiterhin vollkommen unter Schock stehend, sah ich die lachende Person an, die mir zuvor auf die Schulter getippt hatte. 

             „Mir ist nicht mehr zu helfen!", lachte ich wesentlich erleichterter als ich Samantha erkannte. „Musst du mir so einen Schrecken einjagen?!"

             Sie bestätigte es mit leicht schiefem Lächeln und der Ausrede, dass ich nun wüsste, wie es ihr am Vorabend ging. Alles Ausreden, dachte ich mir. Ihre Hilfe annehmend, krochen wir gemeinsam weiter über die Böden. Ich fragte mich, ob sie nochmals hier war, weil sie sich erneut verlaufen hatte oder, weil sie darauf gehofft hatte, mich wieder zu sehen. Vielleicht ein wenig von beidem. Zu zweit zu suchen war auf jeden Fall spaßiger und erfolgreicher als sich allein durch den Dreck zu quälen. Der Erfolg war sogar um einiges gewachsen. Unzählige flache und glatte Steine, ein paar leere Schneckenhäuser und eine Muschel füllten meine Taschen. Sie klimperten so schön bei jedem Schritt. Grinsend hüpfte ich im Kreis, um den Geräuschen zu lauschen. Samantha musterte mich mit schiefem Blick hinter Maissträngen. 

             „Du ... Du hattest gestern von anderen Wesen gesprochen. Anderen als Menschen, Tieren und Hexen. Kannst du mir mehr darüber erzählen?" 

             Ich stoppte mein Getänzel und sah Samantha mit grinsenden Lippen an. Sie wollte mehr hören. Deswegen kam sie nochmals hierher. Hierher zu mir. 

             „Klar." 

             Ich führte Samantha den Weg in Richtung des Waldes des Horizonts entlang. Wieso sollte ich nur erzählen, wenn sie es selbst hätte sehen können? Zwar war uns beiden noch etliches enthalten (vor allem, weil wir Kinder waren), doch waren viele Verstecke bereits für uns Winzlinge erreichbar. Verstecke, so offensichtlich, dass man sie übersah. Samantha verstand, was ich ihr zu sagen versuchte, doch war ihre Fantasie und Sicht so eingeschränkt; so vorgegeben. 

             Samantha wuchs in diesem einzigen Dorf auf, in dem sie zu dem Zeitpunkt wohnte, erfuhr ich. Täglich hatte sie die gleichen Gesichter um sich. Tag für Tag hörte sie dieselben Meinungen und den einen (ihrer Meinung nach) richtigen Glauben. Wie sollte sie auch offen für Neues sein? Ich konnte ihre Blindheit verstehen. Und vielleicht schenkte ich ihr deswegen auch mein Vertrauen. 

             Ich führte sie zu meinem Heim; zu meiner Hütte. Etwas auffunkelndes in mir sagte mir, dass ich ihr vertrauen konnte. (Und ich bin bis heute dankbar, dass ich meinem Bauchgefühl gefolgt bin).

             Unser Weg führte uns in den Wald. Er blühte und duftete nach Salbei. Bienen und Hummeln summten. Zwischen den Stämmen der vielen Bäume, wurde es angenehm kühl. Auf unserem Pfad über umgeknickte Bäume, erzählte ich Samantha einiges über Feen.

Kleine, schöne Wesen und gerade einmal handgroß. Die Kleidung von Feen passte sich den vier Jahreszeiten an. Ihre Körper waren so schön wie ein sommerlicher Sonnenuntergang und ihr Charisma ebenso so feurig. Sie waren gesegnet mit Flügeln. Winzige, dünne, Schmetterlings ähnliche Flügel, die aus ihren Rücken ragten. Sie liebten Tiere und die Natur. Feen waren eine Art Helfer der Natur. Durch ihr zartes Erscheinungsbild, waren sie in der Lage sich als Blüten oder Käfer zu verstecken, sollten sie sich bedroht fühlen. 

             Zu meiner Verwunderung, kannte Samantha Feen nicht. Sie fand meine Beschreibung äußerst surreal. Ich schmunzelte. Wegen ihres Unwissens fühlte ich mich wie ein Märchenerzähler. Und bei jeder neu erzählten Geschichte, leuchteten ihre Augen mit glühender Neugier auf. 

             Vor meiner Hütte (oder dem, was man sehen konnte) blieben wir stehen. Neugierig fragte ich Samantha, warum sie mir eigentlich gedankenlos folgte und mir alle meiner Worte glaubte. Ihre Antwort war ebenso simpel, schlicht wie auch ehrlich: „Ich schätze, eine Mischung aus Neugier, Dummheit und Vertrauen ..." 

             Zufrieden nickte ich. Auf die Wurzel, die vor uns den Boden verknoteten, sehend, berührte ich einen der Bäume, aus denen diese mündeten. Seine sprießenden Äste hoben sich und die Wurzeln entknoteten sich. Sie legten eine Kluft frei und versanken sich in dieser. Ein Sonnenhut, der aus der Tiefe zu uns auf linste, hob sich langsam und unter ihm wuchs eine Hütte in die Höhe. Die Hütte wurde von den Wurzeln an die Oberfläche des Waldes gehoben. 

             Verschiedenfarbige Blumen schmückten die kleine Waldhütte. Schmuck, wie Ketten und Kristalle, hing von den Wänden und dem Dach. Ein Vogel lugte aus einem Vogelnest, das auf einem Dachbalken platziert war. 

       Stolz grinsend sah ich zu Samantha, die mit offenstehendem Mund vor dem Hüttchen stand. Unverständlich flüsterte sie etwas, bevor sie stumm nach hinten umkippte. 

             "Samy?"

             Glücklicher Weise kam Samantha nach nur wenigen Minuten wieder zu sich. Schwerfällig hatte ich sie in meine Hütte gezogen, bevor sie von den Waldinsekten bekrabbelt werden konnte. Ihr zuvor ohnmächtiger Körper, lag auf dem Boden meines Flurs. Um ihre zuckenden Zehen schnurrte mein kleiner Straßentiger. 

             "Red, hör auf.", lachte ich dem Kater zu, der mich mit schräg angelegten Kopf musterte. 

             Samanthas Augen öffneten sich. Ihr Herz begann sofort einen Marathon zu laufen und mit ängstlich aufgerissenen Augen blubberte sie wirr: „Was zum-"

             „Teufel? Darf man das in eurer Religion überhaupt sagen?" Meine Augenbraue hob sich, während ich auf das silberne Kreuz um Samanthas Hals zeigte. Sie ignorierte meine Worte und erschrak vor dem Ginger farbenen Vierbeiner, der sich um ihre Füße schlängelte. Etwas zu hektisch und eifrig, stellte Samantha sich auf und linste durch die Räume, die sie von ihrem Standpunkt aus sehen konnte.

             Ich zuckte abwertend mit den Achselns. „Ja, ich weiß. Sieht von außen kleiner aus als es ist. Ist ein Raumzauber."

             Erneute Ignoranz. Orientierungslos flitzte sie tonlos durch die Stuben. Wenige Sekunden schenkte sie Dingen aus dem Haus beim vorbeitippeln Beachtung. Sie rannte an unserem Gewürz- und Bücherschränken vorbei. Aus Hektik fielen ihr Steine und Kristalle von diesen herunter. Meine Stirn legte sich in Falten und ich folgte ihr langsam. 

             In meinem Zimmer traf ich auf Samantha. Ein Falke stand auf meinem Fensterbrett und starrte sie mit schrägen Kopf und blinzelnden Augen an. Zitternd wandte sie den Blick von dem Tier zu meiner Raumdecke. Dort erblickte sie einem Sternenbild des Universums. Ansammlungen von Sternen und verschieden farbene Planeten bewegten sich langsam im Kreis. 

             Ich deutete auf das Sternenbild. Vorsichtig sagte ich: „Portalzauber." 

             Erfolglos versuchte Samantha etwas zu stottern. Sie entschied sich dann einfach dafür, auf den Greifvogel zu zeigen. 

             „Munin. Mein Haustier."

             „Haustier?! Was soll das bitte sein?! Und allgemein ... Das Ganze ... Ich dachte, du erzählst nur Märchen!"

             „Märchen?", lachte ich spöttisch. „Wieso bist du mir dann gefolgt? Was hast du erwartet?"

             „Kein Haus, das von Wurzeln aus dem Boden gehoben wird!" Sie fuhr sich über den leicht gelösten Zopf und murmelte zu sich selbst: „Ich werde noch verrückt ... Was stand unten in den Schränken? In den Gläsern? Leichen?"

             Ich schnaubte amüsiert und verschränkte die Arme ineinander. „Keine Ahnung? Meinst du die Spinnenbeine, das Schlangengift, die Mottenflügel und so?" 

             Apathisch schnappte Samantha nach Luft. ’Oh Gott’ nuschelnd lief sie im Kreis.

             „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr auch das nicht sagen d-"

             „Lass mich gehen." Ihre roten, gläsernen Augen starrten mich flehend an. Ich stutzte. Die Türen standen offen. Niemand hielt sie fest. Sie konnte gehen. 

             Kurze Stille hüllte den Raum ein. Ohne, dass ich etwas von mir geben musste, lief sie mit schnellem Schritt an mir vorbei. Das einzige, was ich hörte, war die plauzende Haustür, als sie ging. Zumindest fand sie dieses Mal den Weg nach draußen. 

             „Schau, dass sie es nach Hause schafft." 

             Ich stand wie angewurzelt in meinem Raum und beobachtete im Seitenwinkel, wie mein Vogel aus dem Fenster flog.

 

Tage und Nächte vergingen. Von Samantha hörte ich nichts mehr. Mit einem Funken Hoffnung ging ich Tag für Tag erneut zu den Feldern. Dort sucht ich erneut nach Steinen - und hoffte auf ihr Wiederkommen. Keine Spur von ihr. Die vergangenen Tage waren langweilig; ohne großes Geschehen.  Um die zu langsam vergehende Zeit totzuschlagen, bemalte ich gefundene Schätze meines Gürtelbeutels. Mein Zimmer wurde zu einem Lager bemalter Schneckenhäuser und Steine. 

             Red saß schnurrend auf meinem Schoß. Meine Finger fuhren sanft durch sein rotglühendes Fell. Es glich einem warmen Sonnenuntergang. Genießend rollte er sich über meine Beine und stieß seine Stirn liebevoll gegen mich. 

            „Okay ... Was ist los?"

             Fragend sah ich von dem kleinen Tiger auf. „Was soll los sein?", erwiderte ich und beobachtete, wie silberner Schmuck in Haar geflochten wurde. 

            „Seit einigen Tagen bist du so still und in Gedanken. Du erzählst kaum noch, was du alles draußen findest." 

             Ich zuckte unaufmerksam mit den Achseln. 

            „Liebeskummer?"

            „Nein, Paps."

Seufzen und darauf Stille folgte. „Lass mich dir helfen.“ 

            Der Kater sprang auf den Boden. Helfend flocht ich den Bart meines Vaters. Die einzelnen Stränge waren kraus und braun wie Schokolade. Das struppige Haar flocht sich nicht besonders einfach. Auf die Strähnen steckte ich Perlen und Schmuck. Der amüsiert prüfende Blick meines Vaters verfolgte jede meiner Bewegungen. Ich linste kurzzeitig zu ihm auf, doch wich seinem aufdringlichen Blick wenig später versucht aus. Die Uhr tickte. Nervosität krabbelte meinen Rücken auf. Die Uhr schien lauter und penetranter zu klacken: Tick-Tack, Tick-Tack. Auf jede einzelne Strähne starrend, flocht ich versucht konzentriert weiter. Stille. 

             „Argh! Okay!", rief ich kapitulierend aus und ließ aufgebracht von seinem Bart ab. Paps grinste mich stumm an. In seinen Falten erkannte ich meine frechen Gesichtszüge. 

            „Ich habe ein Mädchen kennengelernt. Sie ist ein Mensch und wohnt in dem Dorf am Ende des Feldweges." 

            Die Geschichte, wie ich sie kennenlernte, wie wir uns wiedertrafen und wie wir uns am selben Tag stritten und sie vor unserem Haus wegrannte, wurde mit vielen Themenwechseln heruntergeblubbert. Verletzt bemerkte ich, dass ich Samantha gerne als Freundin behalten hätte. Es war ein zugegeben unschönes Gefühl, nach so kurzer Zeit jemanden zu verlieren (oder sogar zu verscheuchen), den man irgendwie liebgewonnen hatte. Ich fühlte mich grausam. 

             Ich ließ die Schultern hängen. Red kuschelte sich mautzend an mich. Mehr oder weniger gezwungen lächelnd, streichelte ich das Ginger farbene Tier und murmelte: „Ich glaube, ich habe ihr Angst gemacht." 

            Die Augen meines Paps weilten auf mir, bevor er mir aufmunternd durch die Strähnen strubbelte. 

             „Was willst du jetzt machen?" 

             Sein Lächeln war warm. Die Perlen in seinem Bart klirrten, weswegen ich aufsah. Ich stellte fest, dass ich sie gerne noch einmal sehen und mit ihr reden würde. Er nickte verstehend, schwieg allerdings. Ich stutzte - keine Reaktion? Keinen Tadel, dass Menschen gefährlich waren? Keinen Ärger, weil ich Samantha einfach zu unseren geheimen und vertrauten vier Wänden führte? Keinerlei Erinnerung daran, dass sie mich verraten könnte? Auch kein Abtun mit: ’Vergiss sie. ’? 

             „Was soll ich nur tun, Paps?"

             „Was du auch immer für richtig hältst.", zwinkerte er mir zu. Verstehend nickte ich seinen Rat ab. 

             „Kannst du mir bei etwas helfen, Paps?"

             Nach einer eindeutig ruhigeren Nacht begann ein neuer, erfrischender Tag. Einige Vögel zwitscherten. Der angenehme Geruch von Salbei stieg durch meine Fenster in meinen Raum. Während meine Mutter noch schlief, waren mein Vater und ich schon lange aus den Federn. Mir am Vorabend einen Plan skizzierend, setzten wir unsere Mission ’Samantha als Freundin zu gewinnen’ am heutigen Tag um (Zumindest versuchten wir es). In mir wuchs der Funken der Hoffnung, dass, sollten Samantha und ich reden können, mehr Verständnis entstand und ihre Angst schwinden würde. Wie ich Samantha bereits erklärte, war ich als Hexe vielleicht kein sanftes, doch liebevolles Wesen. Irgendetwas in mir wollte Samantha unbedingt als Freundin gewinnen. Und vielleicht war es eine gute Sache, eher seinem Bauchgefühl als seinen Sorgen zu folgen. 

            Amüsiert betrachtete mein Vater mich, als er meine sonst so zerzausten Haare richtete. Ein leises Schmunzeln schlich ihm über die Lippen. Sofort stieg mir die Röte ins Gesicht. Nervös lachend, versteckte ich die glühende Röte hinter meinen Händen. 

            „Lach mich bitte nicht aus."

            „Mach ich nicht. Du siehst süß aus."

            Unzufriedenes Murren schlich mir aus der Kehle. Unwohl strich ich über die Falten des knielangen, schwarzen Kleides. Es ähnelte dem, welches Samantha immer trug. Meine Haare waren schmucklos zusammengebunden (und sogar gekämmt!). Festes Schuhwerk wurde von meinen Füßen getragen und jegliche Kristalle und Steine abgelegt. 

            „Wie können Menschenmädchen nur so herumlaufen?“ Übertrieben kratzte ich mich überall und stöhnte: „Das ist so unbequem!"

            „Jetzt hab dich nicht so.“, schmunzelte Paps, weswegen ich ihm kurz einen genervt Blick zuwarf – doch hatte er recht. Einen Rückzieher durfte ich mir keines Wegs erlauben (und vor allem nicht wegen den schrecklichen Klamotten).

             Einen kleinen Kristall versteckte ich in meinem Kleid, bevor ich mich auf den Weg machte. Mein Falke flog besorgt über mir, während ich dem Pfad aus unserem Wald, durch die Felder und in Richtung Dorf folgte. Ich hatte noch nie die Gelegenheit gehabt, in ein Menschendorf zu gehen. In unserer Büchersammlung fand ich oftmals Bücher über die menschliche Rasse. Studien über sie.

Meine Eltern schrieben viele unserer Bücher, auch die der Studien über unzählige Wesen. Sie reisten und entdeckten Unbekanntes und kamen sie wieder nach Hause, erzählten sie alles über ihre Abenteuer und Entdeckungen. Aufgrund ihrer häufigen Reisen hatten sie Kontakte verschiedenster Arten: in jeglichen Rassen, Orten und Altersklassen.

            Es gab nur wenige Wesen, denen ich in meinen jungen Jahren begegnen konnte und durfte. Mein Wissen zu den meisten Lebewesen erlangte ich aus Büchern oder Erzählungen. Meine Eltern meinten, ich solle geduldig sein. Die Geheimnisse unserer Welt würden noch vor mir liegen und ich würde sie baldig lüften dürfen – doch noch sollte ich wie ein Küken geduldig im Nest warten.

Ich vertraute ihnen. Ungeduldig beobachtete ich stets das Sternenbild meiner Decke und malte mir die Abenteuer aus, die noch auf mich warten würden. Ich konnte es kaum erwarten und die Aufregung krabbelte wie tausend Schmetterlinge in meinem Bauch. Umso mehr freute ich mich endlich Menschen genauer erforschen zu können (erforschen klang cooler als anstarren).

            Summend lief ich den bekannten Weg entlang. Über mir glitt mein treuer Gefährte. In der Ferne konnte ich bereits Häuser erkennen. Ein äußerst ungewohntes Bild für mich. Mehrere Häuser, die gesammelt an der Oberfläche und fern von jeglichen Wäldern standen. Neben dem werdenden Dorfweg grasten eingezäunte Ochsen. Grinsend wank ich ihnen zu und wünschte ihnen einen angenehmen Morgen. Stutzend beäugte mich ein Bursche, der neben den Tieren stand, da ich nicht ihm, sondern seinen Ochsen zurief.

            Gesammelte Häuser türmten sich links und rechts von mir. Pflanzen wurden neben diesen von arbeitenden Menschen geerntet. Fleißige Rasse, dachte ich mir.

            Gespannt beobachtete ich sie beim Vorbeilaufen. Menschen in Jung und Alt kreuzten meinem Weg, arbeiteten und sammelten sich in den Gassen des Dorfes. Ihr Dorf war, meiner Meinung nach, groß. Sicherlich gab es noch größere Dörfer (später nannten wir diese größeren Dörfer Städte) - Zurück zu meinem Weg ins Dorf. (Ich weiß schon, ich schweife zu schnell ab.) Der Duft frischen Brotes schwebte in der Luft. Interessiert folgte ich dem reizenden Geruch. Fasziniert beäugte ich, wie Menschen hinter Verkaufstischen standen. Sie verkauften Dinge aller Art: frisch eingerollte Fische, geschlachtetes Fleisch, farbenfrohe Blumen, warm riechendes Gebäck und einige Schritte von uns entfernt, stand ein Wagen bepackt mit Hölzern.

Mir meine Mission zurück in die Gedanken rufend, nahm ich ein paar frisch leuchtende Blumen des Standes. Zum Dank legte ich einige Schneckenhäuser, die ich auf meinem Weg fand, auf den Holztisch. Schließlich wollte ich mich für die großzügige Gabe bedanken.

Gedankenversunken folgte ich meinen unbekannten Weg, während hinter mir der Verkäufer empört knurrend aufstand, nachdem er die Bezahlung betrachtet hatte. Er empfand sie scheinbar weniger großzügig als ich. Zu meinem Glück wurde er bereits von einem neuen Käufer abgelenkt, der willig war, ihm den gängigen Preis für seine Ware zu zahlen.

            Es waren unzählige Menschen unterwegs. Ich konnte kaum erkennen, wo mich meine Füße hinführten. Ich kletterte auf ein paar Fässer, die an einem Haus gestapelt wurden. Damit konnte ich leicht über die Köpfe linsen.

            Auf meinen Lippen zeichnete sich ein Lächeln. Im Zentrum war ein Brunnen, an welchem Wasser in Eimern aufgezogen wurde. Und wer zog die alten Teile hoch? – natürlich meine gesuchte Samantha.

            Mein Lächeln formte sich zu einem vorfreudigen Grinsen. Ich versuchte mich wie ein Wiesel durch die Menge zu drängeln und an den Brunnen zu gelangen. In meinem Kopf spielten sich bereits tausende Szenarien ab. Samantha und ich würden aufeinandertreffen und uns erleichtert in die Arme schließen. Sie würde sich freuen, dass ich den Mut zusammen gefasste habe und mich in ein Menschendorf traute. (Obwohl - sicher wussten Menschen nicht einmal, wie viel Angst sich in Wirklichkeit hinter der Fassade einer Hexe verbergen konnte).

            Ich huschte zwischen Beine und Kleider. Überall, wo ich entlangwuselte, hörte und sah man Menschen aufschrecken. Einige fluchten. In meiner Aufgeregtheit achtete ich kaum auf die Worte dieser. Mein Herz sprang mir beinahe aus der Brust.

            „Samy!“, rief ich freudig aus, als ich das Ende der Menge erreichte. Ich stolperte halb, doch fing mich Samantha auf. In einer mehr oder weniger ungewollten (doch natürlich zuvor berechneten) Umarmung gelandet, genoss ich den mir bekannten Duft. Alles würde wieder in Ordnung sein.

            „Was machst du hier?“

            Die Umarmung löste sich so schnell wie sie entstand. Samanthas entsetztes (beinahe schon ängstliches) Gesicht musterte mich.

            „Du musst ganz schnell hier verschw-“

            „Eine Hexe!“

            Die Menge begann aufzuschreien. Die Menschen bewegten sich hektisch. Samantha und ich zuckten zusammen. Angsterfüllt starrten wir zu der riesigen Bewegung. Sätze wie: „Verbrennt sie!“ oder „Teufelswerk“ wurden aus jeglichen Richtungen gebrüllt. Wegen des Menschenstroms wurden wir umhergeschubst. Das Wasser, welches Samantha zuvor noch an die Oberfläche gehoben hatte, wurde unbeachtet umgestoßen.

Laute Stimmen, Flüche und Gekreische ertönten durcheinander von allen Seiten. Meine Hände begannen zu zittern. Wurde ich erkannt? War ich leichtfüßig in meine eigene Verbrennung gelaufen? Ich fühlte mich taub und kraftlos. Verzweifelt sah ich zu Samantha und bemerkte, dass sie beschützend meine Hand hielt. Ich schluckte, ich versuchte klarer zu denken - ich musste mich beruhigen.

Bevor ich meinen Körper überhaupt davon überzeugen konnte, wurde ich am Kleid nach hinten gezogen. Ich kniff die Augen in Schock versetzt zusammen. Mein Herz drohte mir in die Hose zu rutschen. (Schon klar, früher gab es noch keine Hosen).

„Sieh nicht hin.“, wurde mir ins Ohr geflüstert. Finger legten sich beruhigend über meine verkrampften Augenlider. Die Menge wurde leiser. Das Gebrüll der Menschen erstickte. Mein Körper entspannte sich langsam. Vollkommene Stille kehrte ein. Ich fasste auf die Hand, die auf meinen Augen weilte und schwieg.

Die Hand löste sich. Die Menschenmenge war verschwunden. Zu meiner Verwunderung, fand ich mich in einem Häuschen wieder. Vor mir saß eine ältere Frau, auf ihrem Schoß Munin. Mit gehobener Augenbraue sah ich zu meinem geflügelten Freund.

„Dein Freund hat mir erzählt, dass du noch nie hier warst.“, sprach die Frau. Ihr faltiges Lächeln war ruhig. Die zitternden Finger fuhren durch Munins Federn. „Zum Glück kam er zu mir geflogen und sagte mir, wo du bist. Sonst hättest du dir wohl noch ins Kleidchen gemacht, hmm?“ Das weise Erscheinungsbild der Unbekannten schwand, als sie ein freches Grinsen bei der Vorstellung aufsetzte.

Schmollend erwiderte ich: „Das stimmt nicht.“ (Und wie es stimmte).

Sie schmunzelte und schüttelte den Kopf.

„Sind Sie etwa eine Hexe?“

Kurzzeitig linste die Frau zu Samantha. Ich hatte gar nicht wahrgenommen. Meine Lippen formten sich zu einem schüchternen Lächeln.

„Genau wie du.“

„Richtig … Wie haben die Menschen mich erkannt?“, fragte ich interessiert, dabei mein Rennen durch die Menschenmenge bewusst verdrängend.

„Haben sie nicht. Mal wieder glauben die Menschen eine Hexe erkannt zu haben. Das arme Mädchen war allerdings ein Mensch.“

„Das arme Mädchen? Bedeutet das …“

Meine Gedanken mussten nicht weiter ausgesprochen werden.  So töteten Menschen ihre eigene Rasse. Menschen dachten scheinbar tatsächlich, dass sie die höchsten und intelligentesten Lebewesen unseres Planeten waren. Amüsiert schnaubte ich.

Der Gedanke über das unschuldige Mädchen, welches verbrannt wurde, verdrehte mir den Magen. Wie glaubten die Menschen, eine Hexe erkennen zu können? (Vermutlich an Haarfarben oder solch Schwachsinn). Eine zu Tode verurteilte Hexe wäre ebenso unschuldig wie das Mädchen. Wie mir schien, mussten wir anderen Wesen uns nicht mehr lange vor dieser unwissenden Rasse verstecken. Es würde nur eine Frage der Zeit sein, bis Menschen sich selbst bekriegen und töten würden. Angst machte unsere Herzen krank.

Nachdem Samantha und ich unserer neuen Bekanntschaft einige Zeit gelauscht hatten und mehr über ihr Leben in dem Menschendorf lernten, verabschiedeten wir uns dankend. Samantha folgte mir auf meinem Weg zurück zu meiner Waldhütte. Mein geflügelter Gefährte glitt erneut über mir.

 Gespannt hörte ich ihr zu. Sie erzählte einige Geschichten ihres Dorfes und wie verrückt manche Nachbarn zu seien schienen. Sie beichtete mir, dass sie sich für ihre Reaktion schämte. Diese für sie neuen Dinge, die sie den Tag sah, hatten ihr Angst gemacht. Sie war sich unsicher, was sie alles nicht wusste; was sie im Leben noch begegnen würde – und ich verstand sie.

Meine Hütte weilte bereits an der Oberfläche. Als hätte meine Familie es ahnen können, öffneten sie uns die Tür. Ein Teeservice schwebte wie ein Vogel zwischen den Schultern meiner Eltern. Der Krug goss warm dampfenden Tee in die Tasse.

„Tee?“

Jahre und Jahre vergingen. Wir wurden größer, erwachsener und lernten vieles dazu. Die Freundschaft zwischen Samantha und mir wurde innig. In der vergangenen Zeit erlebten wir Tag für Tag neue Abenteuer. (Sehr aufregende für Kinder, versteht sich). Das Interesse für unsere Welt wuchs mit jedem gemeinsamen Jahr. Wir lernten Karten, Schriften und Sternenbilder zu lesen. Während Samantha sich mit Pflanzenkunde auseinandersetzte, beschäftigte ich mich mit Zaubersprüchen. Mein damals noch unwissendes Ich, begann an einem sogenannten „Book of Shadows“ zu arbeiten. Ein Sammelwerk aus Zaubersprüchen, Ritualen und allem Wissenswerten, was eine Hexe brauchte und anzuwenden versuchte.

            Samantha nahm oftmals an meinen Lehrstunden der Magie teil. Ihre Neugier zwang sie, meinen Eltern zuhören. Faszination zeichnete sich in ihrem Gesicht, lernte ich neue Methoden, um das fünfte Element beherrschen zu können. Sie selbst versuchte nie einen der Sprüche oder Segen, die sie kennenlernte.

            Wir studierten über Tiere und Wesen. Samantha erlernte den Umgang mit Instrumenten und der Sprache der Musik und ich verbesserte mein Können in der Kunst der Malerei.

            Samantha und ich wuchsen zu einem umschlagbaren Team zusammen auf. In den vielen Jahren wurde sie zu einem Teil meiner Familie. Sie gehörte zu uns. Ihre Eltern lernte ich nicht kennen. Wir mieden das Risiko, dass ich als Hexe erkannt werden könnte. Selten schlich ich mich nachts, wenn der Mond am Himmel hell schien, in das Menschendorf. Ihre Familie schlief zu der Zeit. Ich kletterte zu ihrem Fenster auf. Wir redeten bis sie einschlief, sollten Albträume sie heimsuchen.

            Die Dorfhexe wurde baldig unser Freund. Sie besuchte oft die Waldhütte meiner Eltern. Wir aßen gemeinsam und redeten über alte Geschichten. Sie erzählte uns von ihrem langen Leben, ihrer ersten Liebe und die Veränderungen der Menschen in den letzten Jahrzehnten. Sie erzählte über die Kriege ferner Länder; Monster und Biester, denen sie begegnete; verbotene Schriften und Bücher, die sie fand (und gelegentlich auch las). Wir erfuhren einiges über in Scherben zerfallene und dazugewonnenen Freundschaften, verfluchte Wesen und lebende Bäume.

Samantha und ich lauschten jeder ihrer Erzählungen gespannt. Wir malten uns die

Geschichten aus. Oft sprachen wir noch Tage darüber und erzählten und verglichen unsere Vorstellungen. Wir stellten uns selbst in den Abenteuern vor und spielten mit Stöcken, die zu Schwertern umfunktioniert wurden, Kämpfe gegen Ritter, Dämonen und Bestien nach. Gleich eines Abenteuers, sprangen wir über Bäche, bestiegen Hügel und hüpften über am Boden liegende Baumstämme. In unseren Köpfen spielten sich alle Geschichten ab und wir standen als Helden in ihnen.

            Die vergangenen Jahreszeiten hinterließen schwere Schäden in menschlichen Dörfern. Auch wenn Ernten sich vermehrten und die Tierhaltung sich erweiterte, erkrankten unzählige Pflanzen, Tiere und Menschen. Die Temperaturen der Jahreszeiten veränderten sich.

Sommer wurden heißer und Winter kälter. Die Winde des Herbstes pusteten stärker und zerstörten Felder. Die Menschen arbeiteten härter, um Schäden, die ihnen die Natur hinterließ, zu beseitigen.

Neue Krankheiten flogen in der Luft umher. Junge Menschen starben neben alten. Erkältungen und Fieber griffen ihre Körper an. Die Entwicklung von Medizin war zu langsam, weswegen sie elendig litten.

Die Verbrennung von Hexen war ein bestehendes Gesetz. Wir Hexen konnten unserer Nachbarsrasse nicht helfen. Wenn die Belohnung zur Heilung der Krankheiten der Tod war, drehten wir den Menschen lieber den Rücken zu und ließen sie an ihrem Unwissen und ihrer Feindseligkeit untergehen.

Samantha stimmte uns zu. Sie war Christin, folgte der Bibel (zumindest den Teilen, die ihr übermittelt wurden. Die Schriften waren nicht in unserer Sprache) und betete ihren Gott an. Sie akzeptierte, dass meine Familie und ich nicht denselben Glauben folgten; dass wir andere Götter und Arten der Gebete hatten. Eine äußerst vernünftige Art der Denkensweise.

Sie verstand und akzeptierte, dass wir ihrem Volk weder helfen konnten noch wollten. Im Stillen hofften wir, dass ihre Familie und sie selbst von den Viren verschont blieben. Angst saß uns allen im Nacken. Jeder betete seinen Gott an, bat um seine Gnade und dankte ihm für Schutz.

 

Eichhörnchen flitzten über farbenfrohe Böden. Frischer Wind wirbelte goldene und rote Blätter auf. Sie tanzten wie Verliebte und verschwanden zwischen den Bäumen. Der Himmel strahlte blau hinter dunklen Wolken. Wankende Äste der Wälder wurden Tag für Tag nackter. Nur wenige Blätter klammerten sich noch an ihre Zweige.

            Ein neuer Herbst besuchte unser Dorf. Neue Ernten würden gesät werden. Tiere suchten sich bereits Proviant für den nächsten kalten Winter. Sie begannen, sich ein dickes Winterfell anzufuttern. Wildschweine zogen aus Maisfeldern zurück in Wälder. Die Hitze des heißen Sommers verschwand weiter in andere Länder.

            Ich liebte den Herbst. Alle Farben der Natur wurden so elegant. Kleine Tiere huschten zwischen den feurigen Farben umher. Am liebsten beobachtete ich Igel, die schnüffelnd watschelten (ihre Stacheln sahen weniger gefährlich als flauschig aus). Manchmal machten es sich Eichhörnchen und Vögel auf meinem Fensterbrett bequem. Pflanzen wuchsen wild auf diesem. Es ähnelte einem Baum - umso interessanter für die kleinen Geschöpfe.

             Munin liebte den Herbst ebenso sehr wie ich. Ich beobachtete auf meinem Spaziergang durch die Wälder den Falken durch kahle Äste gleiten. Er genoss die erschwerte Flugbahn, die ihm die Äste boten. Sonnenstrahlen leuchteten zwischen sie. Munins braune Federn glühten auf. Seine Schatten fielen auf mich herab. Amüsiert beobachtete ich diese über den Boden huschen.

            „Flieg bloß nicht gegen einen Baum, Munin.“, grinste ich.

            Ich suchte in den Wäldern nach Pilzen. Die letzten Nächte waren feucht, dafür die Tage angenehm warm. Perfektes Klima für wachsende Pilze. Ich benötigte sie für die Küche und einige Rituale, die ich neu erlernte. Noch war es früh. Tau glänzte an den Pflanzen und tropfte zu Boden.

            Ich trug einen Stoffumhang wie einen Rucksack um meine Schultern geschwungen.  In diesem lagen bereits einige Schätze verborgen. Der Stoffbeutel war ein altes, umfunktioniertes Kleid. Zu unserer Zeit waren Stoffe teuer und schwer zu erlangen. Auf dem Dorfmarkt sammelten sich selten Verkäufer, die anderes als Gebäck, Fleisch und Blumen anboten. Wir mussten sparen. Kartoffelsäcke wurden zu Kleidern und zu klein werdende Kleider zu Rucksäcken und Taschen. In unserem Zeitalter waren wir gezwungen das Nähen von Stoffen zu erlernen – oder wir mussten ohne Schutz leben und im Winter erfrieren.

            Zu dieser Zeit unserer Geschichte, waren Frauen niedriger gestellt als Männer. Unsere Hauptrolle befand sich in der Küche oder Nähstube. Eine äußerst deprimierende Einschätzung unseres Geschlechts, dachte ich mir. Meist lernten wir von Älteren, da es sogenannte Schulen noch nicht gab. Die Themen, die uns gelehrt wurden, trennten sich in Geschlechter.

            Männer arbeiteten auf Feldern und pflegten Tiere. Sie waren für Kampf, Arbeit und Krieg geschaffen. Ihre Körper waren muskulös und fetthaltig. Männer waren kräftig und groß. Sollte uns ein Krieg erreichen, würden Männer in diesen ziehen und uns und ihr Land und Gut verteidigen müssen.

            Frauen waren zierlich, klein und schwach. Sie lernten die Familie zu verpflegen. Ich war der Meinung, dass sie das schlauere Geschlecht waren. Frauen schwiegen und in meinen Augen, war Schweigen oftmals das Weiseste, was man machen konnte. Selten mussten auch sie auf die Felder. Ein Mann allein (egal, wie stark und männlich er auch sein mag), konnte keine hunderten Meter Feld allein pflegen können. Frau und meist Kinder des Mannes halfen bei der Ernte.

            Ein minderes System der Arbeit war somit vorhanden. Die Emanzipation des weiblichen Geschlechts folgte dieser schroffen Idee des Miteinanderlebens (doch dazu später.)

            Der kühle Morgen verging schnell und ich wurde äußerst fündig. Munin flog über mir in Richtung Dorf. Samantha wollte uns beiden zur Mittagszeit entgegenkommen. Zu dieser Zeit sollten wir beide unsere Aufgaben erfolgreich erledigt haben.

            Dieses Mal würde ich sie in unserem Schneckenrennen besiegen. Ein Spiel, welches wir jeden Herbst an den feuchten Tagen spielten. In der Feuchtigkeit des Herbstes trauten sich nicht nur Igel, Eichhörnchen und Hirsche durch Wälder. Kleine Wanderer, wie Schnecken und Frösche versteckten sich unter Blättern. Vielleicht wussten sie bereits von unserem Vorhaben und versteckten sich deswegen von Jahr zu Jahr besser (vielleicht wurden wir auch einfach nur älter und unkreativer beim Suchen – man weiß es nicht.)

            Jeder schnappte sich ein Tier, dass er als würdig für das Rennen ansah. Ein Strecke vorgegeben und mit Steinen eingegrenzt - das erste Tier, welchem am Ziel eintraf, war der Sieger (und damit sein Besitzer). Ein simples Spiel. Der Verlierer bekam eine kleine Strafe. Nichts Gefährliches – der Verlierer schuldete dem Gewinner dann einen Goldtaler oder andere Kleinigkeiten. Manchmal spielten auch Dorfkinder mit. Sie feuerten die gegeneinander antretenden Tieren freudig und voller Elan an. Ein Anblick, der Samantha und mich jedes einzige Mal zum Lächeln gebracht hat.

            Die Kinder des Dorfes waren unschuldig. Jung, mit reinem Herzen. Während die älteren Generationen grimmig fremde Lebewesen jagten und an Arbeit und Ignoranz umkippten, waren ihre Kinder neugierig. Ihnen wurde beigebracht, dass Hexen böse und schlecht waren, blutige Mörder (die Erwachsenen des Dorfes erzählten den Kindern Gruselgeschichten über Hexen, Vampire und Werwölfe), vor denen man Angst haben sollte. Wegen all dieser Geschichten verschwiegen wir den unschuldigen Seelen, dass es Hexen in ihrer Umgebung gab. Die Stunden, in denen wir spielten, war auch ich ein Mensch. Eine unschöne Vorstellung, doch eine Möglichkeit auch mit anderen Menschen außer Samantha Spaß haben zu können.

            Kinder waren so faszinierende Geschöpfe. Neugier und Freude glänzte in ihren runden Augen. Die Wangen so rosa wie Blumen und ihr Lächeln ehrlich. Sie kannten keine Gefahren und ihr Unwissen schütze sie und ließ sie frei leben. Diese Vorstellung erwärmte mein Herz. Auch wir waren einige Jahre zuvor so unschuldig. Ich schmunzelte leicht über einige Erinnerungen.

            In der Ferne war die Silhouette einer Frau zu erkennen. Es war Samantha, die in meine Richtung lief. Kastanien, die am Boden lagen, wurden von mir aufgehoben, während wir uns näherten (man weiß ja nie, was man noch alles brauchen könnte).

            Samanthas Mundwinkel sanken und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, als ich ihr Gesicht besser sehen konnte. Unwohl legte ich den Kopf schief.

            „Ist alles okay? Hat dein Vater schon wied-.“

            „Nein.“, unterbrach sie mich mit fester Stimme. Leiser wiederholte sie: „Nein.“

            „Nein? Geht`s dir nicht gut? Fühlst du dich krank?“

            Sie schüttelte den Kopf stumm. Gemeinsam bewegten wir uns zu meiner Hütte. Bedacht schwieg ich, als Samantha mir auf dem Weg erzählte, dass sie sich um ihre Eltern sorgte. Sie hatte seit einiger Zeit beobachten können, dass ihre Eltern schwächer wirkten. Sie husteten, Haut wurde blass und ihre Stimmen kratzig. Sie wurden müder und ihre Augen trüb. Ich zuckte mit dem Mund. Samantha hatte zuvor mit der Dorfhexe gesprochen, erzählte sie mir. Diese verweigerte ihre Möglichkeit Samantha und den Eltern zu helfen.

Ihre Eltern wurden krank – so wie die Menschen, die wenig später starben. Die Angst der Dorfhexe, verbrannt zu werden, war größer als ihr Mitleid mit ihrer jungen Freundin.

            Samantha akzeptierte die Antwort der Hexe – doch umklammerte sie Sorge und Trauer. Was sollte sie als unerfahrener Mensch machen? Weder konnte sie Magie anwenden noch hatte sie medizinisches Wissen. Außer zu warten und ihren Gott anzubeten, konnte Samantha nichts tun.

            Mir schien es, als würde Samantha den Glauben in ihre Gottheit verlieren (oder vergessen). Sie sollte vor dem Altar knien und Gebete verschiedenster Art murmeln, um den Gott um Gnade zu bieten (oder ihm für seine Entscheidung zu danken). Möglicherweise war die Erkrankung Samanthas Eltern ein Test ihres Gottes. Er hätte testen können, ob Samantha auch in diesen schweren und hoffnungslosen Zeiten an ihn glaubte; und wo war sie, um Hilfe nach zu fragen – bei den Helfern des Teufels natürlich.

            Das wird wohl kein Schneckenrennen mehr geben, schlich es mir durch den Kopf. Ich musterte Samantha, während sie erzählte. Ihr Zopf war ungewohnt locker gebunden und unter ihren Augen zeichneten sich dunkle Augenringe. Scheinbar waren nicht nur ihre Eltern müde und erschöpft.

            „Hey … Wir bekommen das schon irgendwie wieder hin.“, lächelte ich versucht aufmunternd und stupste sie mit dem Ellenbogen in den Arm.

            Samantha schnaubte leise und nickte, um wenigstens eine Art der Zustimmung von sich zu geben.

            „Vielleicht haben meine Eltern ja eine Idee, was man deinen geben könnte, damit sie wieder ein bisschen aufgepäppelt werden. Trink du erstmal in Ruhe einen Tee und ich versuche mit ihnen zu reden.“

            Und dazu kam es auch. Während Samantha abwesend an unserem Tisch saß und sich von dem schwebenden Teeservice Tee eingießen ließ (und das heiße Zeug immer wieder wie Schnaps hinter kippte), versuchte ich mit meinen Eltern zu reden. Mehr oder weniger erfolglos.

            Meine Mutter setzte sich unzufrieden seufzend neben Samantha und trank mit Tee. Mein Vater lief mit mir im Essensraum in Kreisen. Ich erklärte ihm die vorliegende Situation - er schwieg; ich erinnerte ihn daran, wie wichtig uns allen Samanthas Wohlsein war, da sie schließlich zu unserer Familie gehörte und meine beste Freundin war - er schwieg. So hatte ich mir das Gespräch mit meiner Familie nicht vorgestellt. Wir konnte Samantha nicht mit diesem Schicksal allein lassen.

            „Bitte, Paps. Vielleicht werden sie sterben ...“, bettelte ich. Samantha trank einen kräftigen Schluck aus der fein verzierten Tasse und ließ sie sich noch einmal vollgießen.

            „Sollen sie wirklich an dem gleichen Schicksal wie die anderen Dorfbewohner erleiden?“

            Samantha schnaubte und murmelte genervt lächelnd, bevor sie ihre Lippen an die Tasse drückte: „Besonders emphatisch bist du nicht, huh?“

            Schmollend entschuldigte ich mich bei ihr. Mit bleibendem Schmollmund sah ich meinem Vater entgegen. Er tauschte Blicke mit meiner Mutter aus. Auch diese bettelte ich an, doch wich sie lediglich meinem Blick aus. Der getigerte Kater sprang auf den Tisch und maunzte kurz.

            „Seht ihr! Selbst Red will, dass ihr Samy helft.“

            Meine Überredungskünste waren in diesem Alter eindeutig verbesserungswürdig. Das war mir bewusst. Alle meine Versuche, meine Eltern von der Hilfe zu überzeugen, scheiterten kläglich (verständlicher Weise).

            „Ich verstehe …, dass ihr meinen Eltern nicht helfen wollt. Wir sind Menschen - sie sind Menschen. Und nicht jeder Mensch ist Hexen so offen gegenübergestellt wie ich … das weiß ich nur zu gut. Sie könnten euch für eure Hilfe verraten. Ihr könntet als Dank sterben … einfach so. Nicht nur, wärt ihr dann nicht mehr unter uns, auch würden Lilith und ich die Schuld an eurem Tod tragen. Wer könnte uns das je verzeihen? Könnten wir uns das je verzeihen?“ Samanthas Blick fiel auf mich. „Ich denke nicht.“

            Alle Augen richteten sich auf Samantha. Ihre wurden rot und gläsern.

            „Ich kann es euch nicht übelnehmen, dass ihr meinen Eltern nicht helft … Das kann ich einfach nicht. Und kann ich es auch Evelyn nicht übelnehmen, dass sie mir nicht helfen will … nicht helfen kann. Die Leute in meinem Dorf sind egoistisch – ich will nicht so dumm und egoistisch sein. Ich danke euch schon für so vieles … Das einzige, worum ich euch noch bitte, ist, dass ihr für mich da seid, wenn ich später allein sein sollte.“

            Ich war beeindruckt. Samanthas bemitleidenswertes Gesicht. Ihre rote Nase. Die gläsernen Augen. Die betrübenden Worte. Es schien zu wirken. Ihre Worte waren gut überlegt und ihre Stimmenlage ließ uns mitfühlen. Ich war mir unsicher, ob sie super intelligent war oder ob ihre Worte ihren wahren Gefühlen und Gedanken entsprachen. Unwichtig, was es nun war, dass sie mit Leichtigkeit meine Eltern so berührte – es funktionierte.

            Ihre Herzen wurden schwach. Mitfühlend lächelnd, strich meine Mutter Samantha über die Wange.

            „Mal schauen, was wir tun können.“

 

Nacht um Nacht verschlimmerten die Symptome sich. Samanthas Eltern rangen hustend um Luft. Atmeten sie, hörte man, wie verletzt ihre Rachen waren. Aus den Nasen lief Flüssigkeit.

            Samantha litt mit ihnen und mit Samantha litt ich. Das arme Mädchen sorgte sich um ihre Eltern und half ihnen, wo sie konnte. Samantha ignorierte, dass, auch wenn sie nicht infiziert war, selbst sie unter der Krankheit der Eltern litt. Es war ein schrecklicher Anblick. Sie entschied die gesamten Tage zu Hause zu bleiben. Ging ich nachts in das Dorf, um sie zu besuchen, schloss sie alle Fenster. Sie hatte keine Zeit, um mit mir zu reden. Lieber wechselte sie die nass geschwitzten Kleider ihrer Familie und legte ihnen kalte Stoffe auf die Stirn.

            Samantha und ich konnten es kaum erwarten, bis meine Eltern das Haus so umfunktioniert hatten, dass Samanthas erkrankte Eltern in dieses gehen konnten. Unsere Hütte stand nun näher an dem Feldweg. Es sah aus wie jedes andere dörfliche Haus. Schmuck, Kristalle und Gewürze wurden versteckt. Die Tiere weilten abwartend im Wald und jegliche Portale und andere für Menschen ungewöhnliche Dinge, wurden aus dem Haus entfernt. Wir wohnten wie ganz einfache Menschen.

            Samantha führte ihre Eltern zu meinen. Mir selbst wurde verboten, mich in der Nähe aufzuhalten. An mich könnten die Erwachsenen sich erinnern. Sollte etwas passieren, war ich geschützt. Also lief ich für lange Zeit gelangweilt durch den Wald. An meiner Seite meine Tiere.

            Der Kater schlang sich schnurrend an einigen Stämmen entlang. Der Greifvogel genoss die frische Brise über den Astspitzen. Die Winde wurden über die Herbsttage stärker. Die Bäume immer kahler. Während meines Spaziergangs, verschwand die Sonne hinter abgelegen Bergen.

            Als Kind habe ich mich gefragt, was hinter unseren Wäldern hätte liegen können. Im Horizont habe ich Bergspitzen gesehen, sonst nur Wald. Ich hatte mir damals gewünscht, dass ich Flügel gehabt hätte. Ich wäre zu gern ein Vogel gewesen. Ein Vogel mit farbenfrohen Federn; breiten Flügeln, die mich überall hingetragen hätten. Sie hätten mich über die größten Gewässer, die weitesten Wälder und höchsten Berge gleiten gelassen. Ich hätte den frischen Wind zwischen jeder einzelnen Feder kitzeln spüren können und ihn genüsslich durch meine Lungen atmen können.

            Der Wunsch blieb allerdings unerfüllt. Ich war eine Hexe. Meine Anatomie glich der des Menschen. Ich habe keine Zaubersprüche gekannt, die mir Flügel hätten verleihen können oder mich fliegen hätten lassen können. Ich war dazu gezwungen, mich weiterhin mit Füßen fortzubewegen. Für Riesen so langsam wie eine Schnecke (welch deprimierender Gedanke).

            Ich habe mir zu diesem Moment so sehr gewünscht, dass ich endlich alt genug gewesen wäre, um durch fremde Länder reisen zu dürfen. Meine Zeit als Junghexe ist bereits abgelaufen gewesen. Ich bin erwachsen gewesen (vielleicht etwas naiv und unerfahren – aber erwachsen).

            In mir baute sich leichte Wut auf. Ich wollte frei sein. Ich wollte reisen können. Und wollte ich unbedingt mehr lernen. Meine Eltern verschwanden immer wieder auf Reisen (früher passte Munin noch auf mich auf), und nahmen sie so viel Neues mit. Auch ich wollte endlich eine wandernde Hexe sein.

            Die nächsten Tage vergingen ruhig. Samantha kümmerte sich weiter um ihre Familie. Sie bedankte sich und berichtete uns Tag für Tag, wie der Zustand ihrer Eltern sich wieder verbesserte. Wir alle waren beruhigt. Die Winde des Herbstes beruhigten sich ebenfalls wieder. Endlich schien wieder alles in gewohnter Ordnung gewesen zu sein. (Und da wir wissen, dass es bei uns beiden gar nicht möglich ist, dass alles super verläuft:)

            Ich saß (an dem einen unvergesslichen Tag) an dem Tisch meines Hauses. Die Einrichtung war wieder normal. Es ist ein gutes Gefühl gewesen, wieder in gewohnten Zimmern leben zu können. Meine Eltern waren mir am Tisch gegenüber gewesen. Sie hatten einige Kleinigkeiten in Stofftaschen gepackt. Es war wieder so weit gewesen. Misstrauisch hatte ich ihren sich fühlenden Rucksack beobachtet.

            „Und ihr seid euch sicher, dass ich nicht mitkommen kann?“

            Zeitgleich verdrehten sich ihre Augen. Mir war klar, was das zu bedeuten hatte. Schmollend sah ich ihnen entgegen. Ich hatte darauf gehofft, sie noch überreden zu können. Der Gedanke mit ihnen zusammen unseren Planeten entdecken zu können, gefiel mir zugegeben sehr.

            „Du hast noch Zeit, Lilith.“

            Natürlich, Mutter. Wie lange noch? Bis ich einige staubige, alte Hexe bin?

            „Eines Tages wirst du das alles noch erleben können, aber de- …“

            „Der Tag ist noch nicht heute … Schon klar. Das sagt ihr mir schon seit 16 ätzenden Jahren.“ Genervt verdrehte auch ich die Augen. (Klar zu sehen, von wem ich es hatte.)

            „Richtig. Du bist noch zu jung.“

            „Zu jung? Bis wann soll ich denn warten – bis ich die 100 Jahre erreiche?“ Meine Tonlage stieg an die Decke. Wütend verschränkte ich die Arme und wich dem Blick der beiden aus. Erst viele Jahre später ist mir aufgefallen, wie unreif mein vorgelegtes Verhalten gewesen war. Dafür aber meines Alters gemessen.

            „Bestenfalls.“ Auch meinen Eltern entglitt die ruhige Miene. Der Streit maximierte sich, während beide Seiten versuchten, ihre Meinung im lauten Ton als die richtige klarzustellen. Ununterbrochen fauchte ich meine Familie an, dass ich es satthätte wie ein Tier an dieses Haus gebunden zu sein. Das Leben im Dorf sei langweilig und ich wollte nicht mehr nur Bücher lesen können. Ich wollte lebend vor mir sehen, was die Bücher und Zeichnungen beschrieben; und wollte ich Karten zeichnen und Geheimnisse lüften, so wie es uns die Dorfhexe erzählte.

            Meine Eltern plädierten auf der Meinung, dass hier mein jetziges zu Haus sei. Der richtige Moment für meine erste Abreise würde noch kommen. Ich sollte geduldig sein.

            Aufgebracht schlug ich auf die Holzplatte, als sie Samantha als Argument des Bleibens nannten. Ich dürfe meine Freundin nicht im Stich lassen, schmissen sie mir an den Kopf.

            „Wollt ihr mir etwas auch noch unterstellen, dass ich meine Freunde einfach sitzen lasse?“ Ich schrie bereits. Meine Augen hielten mit Mühe Tränen der Wut zurück. Ich fühlte mich schlecht. Würde ich damit Samantha tatsächlich im Stich lassen? Ich hatte vor, nach meiner Abreise, wiederzukommen. Oder hieß das, dass sie glaubten, dass ich nie mehr wiederkehren würde.

            Meine Wut ballte sich zu etwas Ganzen. Die Tränen kämpften sich durch meine Wimpern und liefen meinen glühenden Wangen entlang.

            „Ich hasse euch.“, fauchte ich ihnen entgegen. Sie schwiegen. Ihre Aufgebrachtheit baute sich langsam ab, als sie den entstandenen Streit realisierten. Bevor sie etwas sagen konnten, knurrte ich, aus der Haustür gehend: „Verbrennt auf eurer Reise.“ Schluchzend lief ich in die dämmernden Wälder. Die Äste der Bäume erschwerten mir meine Sicht. Ich versuchte sie aus meinem Gesicht zu drücken, während ich über die zu Boden gefallenen Blätter stampfte. Sollen sie doch verschwinden und am bestem nie mehr wiederkommen, murmelte ich zu mir selbst. Mein junges und naives Ich war der festen Entschlossenheit, dass es ihre Familie nicht brauchte. Die, die ihr alles gelehrt hatten. Die, die sie am meisten geliebten hatten und immer für sie zur Stelle gewesen waren.

            Hätte ich damals gewusst, auf was dieser Streit hinausläuft, hätte ich vielleicht viele Dinge nicht gesagt (oder gedacht). Ich wäre besser mit meinen Liebenden umgegangen – aber ich bin es nicht.

            Ich hörte Munin über mir flattern. Schluchzend rief ich ihm auf, dass er mich in Frieden lassen solle. In meiner Verzweiflung rannte ich blind in den Wald. Der Vogel würde mich schon irgendwann in Ruhe lassen.

            Ich wollte nicht nach Hause – doch wollte ich auch nicht allein sein. Um genau zu sein, wusste ich nicht, was ich wollte. Ich rannte einfach in die Dunkelheit. Einige Tiere erschraken und versuchten vor meinem Rennen zu flüchten. Meine Tränen tropften auf den Waldboden. Mir war bewusst, dass ich dem Falken nicht entkommen hätte können. Munins Augen waren scharf. Seine Flügel waren schnell. Sie flogen ihn mit Leichtigkeit über die Baumkronen des Waldes und mich hinweg.

            Lange konnten meine Beine mich mit dieser Geschwindigkeit nicht tragen. Nach wenigen Minuten gab ich meinen schnellen Schritt auf. Hechelnd lief ich weiter. Letzte Tränen wischte ich mir aus dem Gesicht. Mein rasendes Herz versuchte sich ebenfalls wieder zu beruhigen. Dunkelheit nahm mir die Sicht. Mein Herz schaffte nicht, sich zu beruhigen. Ich empfand Angst. Ich wusste nicht, wo ich war. Unzufrieden fiel mir auf, dass der Greifvogel nicht mehr über mir flog. Schlussendlich war ich doch vollkommen allein. War es nicht das, was ich von meinem beflügelten Begleiter wollte? Ich war mir nicht mehr sicher. Wobei ich mir sicher war, ist, dass der düstere Wald mich nicht willkommen geheißen hat. Äste griffen immer wieder nach meinem krausen Haar und zogen an ihnen. Etwas kleines wuselte an meinen Füßen vorbei, weswegen ich quietschend aufschreckte.

            Ich hatte mich verlaufen. Durch die nackten Äste konnte ich einige Sterne sehen, die mich auf meinem Weg begleiteten. Die Dämmerung wurde zur Nacht. Wie lange ich bereits unterwegs war, war mir nicht bewusst.

            Ich versuchte meinen Körper zu beruhigen und mich auf meine Sinne zu konzentrieren. Vielleicht könnte ich an den Sternen lesen, wohin ich musste. Ich schloss meine Lider und versuchte erstmals einige Male ruhig durchzuatmen. Irgendwann würde ich mich beruhigen müssen. Die Panik brachte mich auch nicht aus dem Labyrinth der Dunkelheit heraus.

            In der Sekunde der Beruhigung, riss ich meine Augen wieder auf. Mein Name wurde in der Ferne gerufen. Nicht von meinen Eltern und nicht von der Dorfhexe – von Samantha! Erschrocken sah ich auf, als Munin über mir vorbei huschte. Das schien nichts Gutes zu bedeuten.

            Ich lief dem Rufen entgegen. Einige Male schrie auch ich zurück und folgte Munin, der mir scheinbar den Weg versuchte zu weisen.

            „Lilith, dein Haus!“, hörte ich hinter einigen Bäumen.

            Mein Haus? Verwirrt versuchte ich an Samantha zu gelangen und verschnellerte meinen Schritt. Erneut lauschte ich auf.

            „Lilith, dein Haus – es brennt!“, hechelte Samantha, als sie mich erleichtert in die Arme schlang. Ich verstand nicht, was sie von mir wollte. Mich aus der Umarmung lösend, sah ich in der Dunkelheit ihr besorgtes Gesicht an. Wenn ich es in dem fehlenden Licht richtig erkannte, liefen über ihre Wangen ebenfalls Tränenspuren.

            „Es … brennt?“, wiederholte ich. Meine Kehle trocknete aus, als ich die Worte realisierte.

            Munin flog wie ein Blitz über den Baumkronen. Samantha und ich rannten so schnell wir konnten. Die Äste versuchten wieder nach mir zu krallen, doch schlug ich sie dieses Mal von mir. Mein Kopf war leer und keine Träne wagte es sich noch über mein Gesicht zu laufen.

            Die Luft des Waldes wurde stickig. Eichhörnchen und andere kleine Waldgeschöpfe rannten panisch an uns vorbei. Zwischen den Pflanzen wurde der Rauch in der Luft dicker. Er brannte in den Augen. Der Himmel glühte rot, als wir unser Ziel erreichten.

            Meine Lunge drohte zu platzen und mein Herz raste in meiner Kehle. Meine aufgerissenen Augen beobachtete, wie Feuerzungen aus meiner Hütte schlugen. Die Äste der nebenliegenden Bäume fingen ebenfalls Feuer. Hustend versuchte ich mich dem Haus zu nähern.

            „Mom, Dad!“, schrie ich, doch das heiße Knistern des brennenden Hauses war zu laut. Die Hitze war beißend und schlug gegen meine Haut. Der Rauch des Feuers breitete sich aus und nahm mir die Sicht. Erneut schrie ich nach meinen Eltern. Ich trat näher an das Haus. Ich hörte Schreie – ich hörte meine Eltern in dem Haus.

            Ich schrie ebenfalls auf. Die Hitze ignorierend, wollte ich zu dem Haus rennen. Irgendwie musste ich ihnen da raushelfen. Das hatten sie nicht verdient! Das hatten sie nicht verdient …

            Ich kämpfte auf meinen Weg gegen die Flamen an, doch wurde ich zurückgezogen. Mein Körper schrie und schlug um sich. Ich versuchte mich aus den klammernden Händen zu kämpfen. Man mussten ihnen aus dem Feuer helfen - Ich musste ihnen helfen. Ihre Schreie verstummten, als eine Holzleiste zu Boden fiel.

            Meine Gliedmaßen schlugen wild um sich. Die Hitze glühten so stark, dass ich tränend die Augen zusammenkniff. Das konnte nicht passiert sein. Das konnte nicht echt sein.

            Ich wurde weiter zurückgezogen. Die Hitze war so stechend und der Rauch so erstickend, dass ich schwach auf die Knie fiel. Schweigend starrte ich das Feuer an.

Ich sah nicht meine Bücher, die im Feuer erstickten. Der Schmuck, all die Kristalle und Gewürze waren mir egal. Ich vergaß über meine Bilder, meine Klamotten und alles, was sich in dem Haus über Jahre angesammelt hatte. Alles, was es in meinem Haus zu finden gab, wurde von mir vergessen – nur meine Eltern nicht. In meinem Kopf wiederholte sich unser Streit. So sollen wir auseinander gegangen sein? Wir konnten uns nie wiedersehen?

            Mein Mund war leicht geöffnet. Wegen der Hitze waren meine Lippen vollkommen trocken. Etwas Ruß sammelte sich auf meiner Haut. Vor mit landete ein Blatt, dass an einem Ende von Feuer geküsst wurde. Auf dieses starrend, stammelte ich leise: „Ich … Idiot.“

            Jubelnde Stimmen wurden immer lauter. Sie zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Vermutlich standen dort Menschen, die ihren Sieg feierten. Endlich haben sie wieder Hexen verbrennen können. Meine immer noch heiß glühenden Augen sahen in die Richtung und bevor ich einen Gedanken ansetzen konnte, wurde ich erneut zurückgehalten.

            „Nein … Denk dran, sie sind unwissend.“

            Ich sah trüb zu der Stimme auf. Es war die alte Dorfhexe und neben ihr Samantha, die mich ängstlich ansah. Leise murmelte sie eine Entschuldigung. Sie hatte Angst – vor mir? Waren es ihre Eltern, die das hier angerichtet hatten? Nachdem sie von meiner Familie geheilt wurden, kamen sie hierher und töteten sie? Gab sich Samantha jetzt die Schuld?

            Ich sah mit versuchtem Lächeln zu ihr auf und krächzte: „Vielleicht hatten meine Eltern doch recht.“

            Sie nickte. Im Licht der Flammen konnte ich sehen, dass auch sie weinte. Wir schlossen uns in die Arme. Jetzt hatten wir nur noch uns. Auch wenn ich den Anblick des brennenden Hauses nicht mehr aus meinem Kopf bekam (und noch weniger die Stimmen meiner Eltern) und auch, wenn ich Samanthas Eltern am liebsten in die Flamen geschubst hätte, war ich erleichtert, dass es zumindest ihr gut ging.

            „Es ist nicht deine Schuld.“

            Samantha schluchzte und auch ich musste mich zurückhalten nicht vollkommen zusammenzubrechen. Sie trug keine Schuld. Meinen Eltern war bewusst, worauf sie sich einließen. So viel Verstand schrieb ich ihnen schon zu. Sie hätten bei ihrem Nein bleiben können. Sie haben es uns zu Liebe gemacht.

            Evelyn strich uns beiden beruhigend über den Kopf und murmelte, zu den Menschen sehend: „Die Angst ist wohl immer noch die tödlichste aller Krankheiten.“

            Wie schon so oft, behielt die alte Hexe recht.

 

Das Haus und all meine Erinnerung in diesem, brannten mehrere Stunden. Samantha und ich weilten über Nacht bei Evelyn, die uns beruhigenden Tee gekocht hatte. Wie eine Mutter versuchte sie uns mit alten Geschichten aufzumuntern. Sie erzählte über alte Königreiche und versteckte Drachen. Ich lauschte ihr, doch meine Gedanken schwirrten durcheinander in meinem Kopf.

            Die Morgendämmerung begrüßte uns. Das Dorf hatte sich wieder beruhigt. Munin und Red konnten sich am Vorabend aus dem Feuer retten. Erschöpft schlafend lagen sie auf dem Bett der Dorfhexe. Sicherlich mussten auch sie ihren Schock erst einmal verarbeiten.

            Samantha, die Dorfhexe und ich liefen wieder in Richtung der Wälder. Das Feuer war erstickt gewesen und wir hatten noch eine letzte Aufgabe. Meine Eltern konnten nicht für sich selbst beten, bevor der Todesgott sie nahm – also würden wir für sie beten.

            Der Anblick war erschütternd. Wir standen zusammen vor den Aschen des Hauses. Der Boden war schwarz. Die Wände meines Hauses konnten das brennende Dach nicht mehr tragen und waren zusammen gebrochen gewesen. Es war still – zu still. Der dünne Duft von Verbrennung lag noch immer in der morgendlichen Luft. Angewidert verzog ich das Gesicht.

            Mein Herz fühlte sich schwer an. Leere sammelte sich meinem Körper. Ich sah von den Aschen zu Samantha, die schweigend die Reste meines Hauses ansah. Ihre Mundwinkel hingen tief und ihre Augen waren trüb.

            „Lasst uns für sie beten.“, lächelte die Dorfhexe, die aus einem Beutel Steine und Kristalle auspackte. Wir verteilten sie auf dem Waldboden.

Steine symbolisierten das Element der Erde. Kerzen standen für Feuer und Wasserschalen für Wasser. Um auch das Element der Luft zu deuten, legten wir Federn dazu. Es sollte ein Altar entstehen. Ein Ort, in welchem eine Hexe betete. So, wie nun auch wir es getan hatten:

 

Nimm sie nun, nimm sie nun

Um den Sommerländern zu begegnen

Im Namen der Erde, des Windes, des Feuers und Regens

Sind sie auf dem Weg,

Wir werden nicht vergessen

 

Nimm sie nun auf die Erde

Aus welcher wir gedeihen und wachsen

Sie sollen auf die andere Seite

Habt keine Angst

Wir werden nicht vergessen

 

Blut meines Blutes

Knochen meines Knochens

Fleisch meines Fleisches

Wir erhalten euch am Leben

Ihr werdet weiterleben

In unseren Herzen

Habt keine Angst

Wir werden nicht vergessen

 

Stille kehrte wieder ein. Aufkommende Winde stießen die Federn, und mit ihnen, einige Blätter davon. Der Rauch der Räucherstäbchen umschlang die Aschen des Hauses.

            „Es tut mir leid.“, flüsterte ich bitter zu den Resten des Hauses.

            Samantha selbst betete nicht zu ihrem Gott. Sie kannte die Todesgebete einer Hexe und sprach sie selbst mit. Dünn lächelnd sah sich zu ihr.

            „Ich schätze, unsere Zeit, um endlich die Welt zu entdecken, ist gekommen.“ Samantha stupste mich mit dem Ellenbogen an, als sie dies müde grinste. Verwundert musterte ich sie.

            „Unsere Zeit?“

            „Du dachtest doch wohl nicht, dass ich hier auf dich warte. Ohne mich überlebst du da draußen doch gar nicht.“

            Ich schnaubte, amüsiert den Kopf schüttelnd. Und hier, meine liebe Samy, begannen nun unsere ganz eigenen Abenteuer.

 

Laut dem Rat der Dorfhexe, sollten wir den Wegen in den Norden folgen. Der Wind begleitete uns und in ihm glitt unser beflügelter Freund. Wir schritten, an meinem langsam vergessen werdendem Heim vorbei, in die Wälder. Unser Proviant war mager. Lediglich wenige Goldtaler, etwas Wasser, abgefüllt in kleine Säcke, und ein paar Portionen Essen füllte unsere Taschen. Mehr habe ich unserem Gepäck nicht zulegen können. Mein gesamter Besitz war in dem Vorabend in Flammen aufgegangen. Papiere, Farben, Kristalle, Schmuck und auch meine Erinnerungen nahm unsere Erde wieder in sich auf. Ich war allein. Samantha war der letzte Teil meiner Familie, der mir noch geblieben war.

                Ich versuchte sie mehrmalig darauf anzusprechen, warum sie sich dazu entschied, mir auf meiner Reise zu folgen. Nein, eher mich auf unserer Reise zu begleiten. Lachend tat sie es stets damit ab, dass ich ohne sie vermutlich von Feen gefangen genommen werden würde. Wir schmunzelten beide darüber. Zwar bezweifelte ich, dass Feen (die friedlichen Helfer der Natur) über mich herfallen würden, doch mit einem kleinen Punkt behielt sie Recht: Ich brauchte sie an meiner Seite. Ich traute mich nie, ihr zu sagen, wie dankbar ich für ihr Mitgefühl war; wie dankbar ich dafür war, dass sie stets an meiner Seite lief.

                Eine unangenehme Vorahnung sagte mir allerdings, dass sie mir nicht nur gefolgt war, um bei mir zu sein. Sie mied ihre Familie. Es schien, als wollte Samantha ihre Eltern nie mehr sehen (vielleicht, weil sie sich für sie schämte oder die Enttäuschung zu groß war). Ich hatte geglaubt, dass Samantha sich von ihren Eltern mehr Vernunft gewünscht hätte. Möglicher Weise war ihr Zorn wegen des Verlusts zu groß. Meine Eltern hatten auch Samantha viel bedeutet. Nach all den gemeinsamen Jahren, die wir zusammen verbracht hatten, war die gewachsene Liebe zu meinen Eltern verständlich. Somit konnte auch Samantha nichts zu unserem Proviant beitragen.

Hier liefen wir nun. Eine uns unbekannte Strecke, kein Ziel vor den Augen und kaum Nahrung, um die Tage zu überleben. Wir hatten nur noch uns – und natürlich den Vogel über unserem Kopf, der uns gerne mal ein paar Häppchen aus den Taschen klaute.

Die Erinnerungen jener Nacht stiegen uns oft in die Köpfe; besonders nachts, wenn alles dunkel war und die Stille über uns wachte. Jede Nacht wurde für mich unerträglicher. Ich träumte von den Flammen und der Hitze, die mir ins Gesicht geschlagen hatten. Wurde ich endlich von meinen Alpträumen erlöst, entschied ich mich dazu wach zu bleiben. Lieber beobachtete ich den ruhigen Schlaf Samanthas, die hell leuchtenden Sterne und den Mond, der stets schützend über mich weilte.

Die Dorfhexe lehrte uns, seitdem wir Knirpse waren, dass wir uns Geschichten aus früheren Zeiten und Fantasien erzählen sollten, sollten wir Angst empfinden und uns allein gelassen fühlen. Sie lehrte uns, dass alles, was wir dazu gewinnen und auch verlieren würden, einen Grund hätte. Die Gottheiten wussten, was sie uns gaben und nahmen.

 So versuchten Samantha und ich unseren Zorn und unsere Trauer zu vergessen. Wir folgten dem Rat der alten Dame. Tag und Nacht, beim Laufen, beim Essen und zum Einschlafen schwärmten wir über Abenteuer, die uns bevorstehen würden. Wir erinnerten uns an alte Dummheiten aus unserer Kindheit - und wir lachten. Wir lachten über die Momente, in denen wir uns über Kleinigkeiten wie zwei wilde Ochsen stritten. Wir lachten über die Probleme, die wir meinen Eltern bereitet hatten. Wir lachten über die Streiche, die wir anderen Dorfkindern gespielt hatten. Und wie wir lachten, so weinten wir. Wir waren allein und hatten nur noch uns. Ein sowohl erleichterndes als auch beängstigendes Gefühl. Die Angst, dass wir uns eines Tages verlieren könnten, war groß. (Und so wurden wir nur noch bessere und engere Freunde).

Die Dummheiten von früher änderten sich scheinbar noch immer nicht. Ein Heuwagen fuhr an uns vorbei. Uns beiden kam dieselbe Idee. Ohne weiteres Diskutieren, sprangen wir dem Reiter auf seine mit Heu bedeckte Karre. Wir blieben unbemerkt. Das getrocknete Gras war nicht bequem, doch besser als weitere Meilen zu Fuß gehen zu müssen. Grinsend legten wir uns zwischen die Halme und sahen in den klaren Himmel. Munin flog mit ausgebreiteten Flügeln einige Meter über uns.

„Hoffen wir mal, dass wir bald in einem Dorf ankommen.“

„Mh hmm … Etwas Essen wäre nicht schlecht.“, schnaubte Samantha lächelnd und strich sich über den knurrenden Magen. Ich schmunzelte und stimmte ihr zu.

Der Wagen fuhr uns einige Stunden über fremde Wege. Kahle Bäume türmten sich ab und links und rechts von uns. Grinsend wank ich ihren nackten Ästen zurück, worauf Samantha nur mit dem Kopf schütteln konnte. Die Sonne begann sich langsam wieder zu senken. In der Ferne konnten wir Hausspitzen sehen. Ein kleines Dorf – klein war relativ, denn waren es bei weitem mehr Häuser als in Samanthas Dorf. Unwohlsein krabbelte mir wie eine Spinne den Rücken hinauf. Mehr Häuser bedeutete mehr Menschen. Während Samantha erleichtert über die Erkenntnis, dass wir uns endlich einem Dorf näherten, aufatmete, legte ich die Stirn in Falten. Ich habe jahrelang überlebt neben Menschen zu wohnen, da werde ich es jetzt wohl schaffen können, durch ein einfaches Dorf durchzulaufen, dachte ich mir. Zwar schwanden die Sorgen nicht, doch reichte mein kleiner Gedankenappell, um mir genug Mut zu machen. Zumindest genug, um nicht aus dem Wagen herauszuspringen und wieder in meine Heimat zurück zu rennen.

Das Dorf rückte näher an uns heran. Bevor wir uns noch selbst verraten würden, sprangen wir aus unserer Fahrgelegenheit und liefen die restliche Strecke. Diese wenigen Meter konnten uns unsere Füße noch tragen.

Wenn meine Augen mich nicht getäuscht hatten, war das Dorf von Wasser umgeben. Samantha und mir war solch eine Art von Dorf vollkommen fremd. Sie selbst hatte lediglich von Wald umgeben gewohnt. Alle Waren, die aus Gewässern stammten, wurden von fahrenden Verkäufern zu uns gebracht. Die einzigen Gewässer, die in unserer Nähe waren, sind kleine Bäche gewesen. Seen und Flüsse waren so weit außerhalb, dass unsere Familien uns verbaten zu ihnen zu gehen und dort zu spielen. Umso aufregender war es, in dieses Dorf gehen zu können.

Um uns herum baute sich eine Landschaft aus Wäldern, Gewässern und Gebirgen auf. Die Bergspitzen ragten stolz über uns. Rote Strahlen glühten auf uns herab. Unwohl musterte ich das purpurne Licht. In diesem erkannte ich die Feuerzungen, die mich nachts heimsuchten.

Als wir im Dorf eintraten, verschwand der rote Feuerball im Westen hinter den Bergspitzen. Kalter Schatten fiel auf die Häuser, zwischen denen wir standen. Zu unserer Verwunderungen, erkannten wir in der Dunkelheit, dass das Dorf nicht nur am Wasser lag – es war auf dem Wasser. Wie ein Boot schwamm es auf Hölzern. Zwischen den Gebäuden bestanden die Straßen aus Stegen und zwischen ihnen ruhten Wasserstraßen. Das Wasser war tief grün (in dem fehlendem Licht sogar schwarz). Schwache Wellen peitschten gegen das uns an der Oberfläche haltende Holz. Die Luft war feucht und roch frisch.

„An Fisch wird es uns hier sicherlich nicht mangeln.“, scherzte ich zu Samantha, nachdem ich von dem Wasser aufsah.

Unzufrieden murrte sie mich an. Fisch war nicht wirklich einer unserer liebsten Speisen – sicherlich besser als nichts. „Das wird Munin sicherlich gefallen.“

Ich grinste breit und wuschelte diesem über den flauschigen Kopf, nachdem er sich zu uns auf den Boden gesellt hatte.

Die Wellen schlugen höher und ertränkten meine Füße. Ich sprang quietschend auf, denn war das Wasser (wie vorherzusehen) kalt wie Eis. Hinter mir hörte ich ein mir bekanntes Kichern, welches sich hinter hervorgehaltener Hand versteckte. Ich streckte Samantha amüsiert die Zunge entgegen.

Der Geruch verrotteten Fisches kroch uns in die Nasen. Angewidert hielt sich Samantha ihre zu. Fragend hob ich meinen Arm und steckte meine unter meine Achsel, um an mir zu schnuppern.

„Wärst du es, hätte ich mich schon viel früher beschwert.“

Schulterzuckend erwiderte ich: „Ich habe seit gefühlten Monden kein frisches Bad mehr gehabt.  Es hätte ja sein können …“

Meine Aufmerksamkeit wurde wieder auf das Wasser gelenkt. Die Wellen peitschten unregelmäßiger. Der Wind war lediglich sanft. Verwirrt lief ich an das Ende eines Steges, der zum offenen Wasser zeigte. Das Gewässer schien weit hinaus zu gehen. Ich hatte noch nie einen See gesehen.

„Sind Gewässer immer so stürmisch?“, fragte ich Samantha, die ebenfalls zu dem tiefen Grün starrte.

Ich legte den Kopf fragend schief. Eine Silhouette war in der Ferne erkennbar. Vermutlich ein Mensch – im Wasser? Ich versuchte näher an den Rand des Steges zu treten, um die Person besser erkennen zu können. Mit dieser Entfernung sah es nur wie kleiner Schatten aus.

„Seid ihr denn bescheuert? Macht euch dort weg!“

Eine tiefe Stimme (sie hätte von einem Bären stammen können), rief uns entgegen, vom Wasser zu verschwinden. Vor Schreck fiel ich beinahe ins Nass. Wir sahen zur Geräuschquelle. Uns wurde bewusst, dass das gesamte Dorf wie verlassen stehen gelassen wurde. Keine Seele, außer uns, war noch draußen zu sehen. Der Mann rief uns von einem leicht entferntem Haus zu. Sein Kopf linste aus einem Fenster. Unwohl tippelten wir von dem stürmenden Wasser weg. Das Haus, aus dem der Mann gelinst hatte, öffnete eine Tür. Eine Frau mit rosaglühenden Wangen streckte uns erleichtert die Arme entgegen und zog uns einfach in ihr Heim. Sichtlich beruhigt, tadelte sie uns, dass wir im Hause bleiben sollten und nicht wie dumme Burschen am gefährlichen Wasser spielen sollten. Samantha und ich sahen uns im Augenwinkel fragend an, während der Appell drohte gar nicht mehr aufzuhören.

„Wir danken Ihnen für Ihre Höflichkeit.“, unterbrach Samantha die pummelige, rotbackige Dame. Sie schwieg für wenige Sekunden. Sofort zog sie uns wieder gleich einer erleichterten Mutter mit sich. Der Raum, in dem wir landeten, war eine große Bar. Eine Einrichtung, die uns beiden vollkommen fremd war. Kerzen leuchteten wie Glühwürmchen im gesamten Raum. Eine lange Theke war am Ende des Zimmers mit sitzenden Menschen überfüllt. Einige Leute saßen an Tischen überall verteilt (manche von ihnen lagen bereits laut schnarchend unter den Tischen). Die Blicke einiger fielen auf uns. Kurz wurden wir gemustert. Schon waren wir wieder uninteressant.

Nuschelnd flüsterte ich zu Samantha, die alles mit gehobener Augenbraue beäugte: „Was zum …“

„… Teufel?“, fügte sie ebenso verwirrt hinzu.

Lächelnd schob uns die Dame an einen Tisch und schon landeten wir auf unserem Hintern. Uns gegenüber saß ein alter Mann. Sein Bart war grau, kraus und ungepflegt. Tiefe Falten schmückten sein Gesicht. Müde starrte er in seinen Becher.

Ein Teller mit köstlichem Mahl wurde uns vor die Nasen gestellt. Der warme Geruch von frischem Fisch kräuselte in der Luft. Wir bedankten uns eifrig und begannen das Essen in uns zu schlingen als hätten wir tausende Monde nichts mehr gegessen.

„Ihr seid nicht von hier.“, grummelte der Mann, der endlich seinen Blick aus dem Becher erhoben hatte. Kauend schüttelte ich den Kopf.

Mit vollen Wangen erwiderte ich: „Wir sind einige Tage gereist, bevor wir hier angekommen sind.“

Er hob eine buschige Augenbraue. Den Becher auf den Tisch hauend, feixte er: „Ihr … Reisende? Wo sind eure Eltern, Kinder?“

Beleidigt verzog ich den fettig glänzenden Mund. Um von dem Thema abzulenken, fragte ich interessiert: „Wieso durften wir nicht an das Wasser?“

Samantha schwieg bedacht und aß weiter, während sie die Bar und alle, die in ihr saßen, musterte. Einige Köpfe drehten sich in unsere Richtung. Augen musterten uns. Unwohl stoppte ich mein Kauen.

„Vertraut uns Großen mal.“, grummelte der Mann in seinen Bart.

Prüfend kniff ich die Lider leicht zusammen. Schweigend nickte ich es ab. Wie die Alten meinen, schwirrte es in meinem leicht aufgewühlten Kopf. Wir sahen auf, als man uns fragte, wie viele Taler wir für ein Zimmer und das Essen hatten. Ich schluckte leicht – wieso hatte uns niemand gesagt, dass das Essen etwas kostet?!

Samantha packte einen kleinen Beutel aus. Sie lehrte den Inhalt. Auf dem Tisch rollten drei Goldtaler und eine alte Muschel. Verlegen grinsten wir die Barfrau an.

Wer umherreisen und essen kann, kann auch arbeiten, wurde uns gesagt – und so begannen wir zu arbeiten. Samantha und ich durften bei der Barfrau schlafen und essen und halfen den Fischern am Tag beim Arbeiten. Mit Netzen wurden Fische aus den Gewässern gezogen. Sie wurden aufgeschnitten, in Papier eingerollt und verkauft. Unser Verdientes wurde die Zahlung an die Barfrau und bereits nach wenigen Tagen, lernten wir alle Menschen im Dorf kennen. Die Leute waren nett. Ein äußerst fröhliches Volk. Die Kinder spielten mit uns, wenn wir vom Arbeiten befreit waren. Wir zeigten ihnen unsere Schneckenrennen und sie uns Himmel und Hölle.

Samantha und ich waren anfangs von dem Namen des Spieles sehr verwirrt. Zeit verging und auch wir lernten das Spiel genauer kennen. Die Tage, die wir mit dem Fischerdorf verbrachten, waren zugeben spaßig. Weitere Hexen begegneten wir nicht. Die Angst, erkannt zu werden, saß mir täglich wie ein Insekt im Nacken. Natürlich wurde die Sorge mit jedem vergangenen Tag schwächer, doch ging sie nie vollkommen.

Samantha und ich lernten auch Menschen in unserem Alter kennen. Wir teilten unsere Interessen. Einer der Dorfjungen (wenn ich mich recht erinnere, war sein Name Erik), brachte mir manchmal Papier und Farbe mit. Ich war ihm wirklich sehr dankbar. Er liebte es mir beim Malen zuzusehen. Dafür, dass er mit Material zum Zeichnen schenkte, sollte ich ihm ab und an Bilder, die ich gezeichnet hatte, schenken. An einem Tag sollte ich seine kranke Mutter malen, die sich über das Geschenk so sehr freute, dass es mir das Herz erwärmte.

Auch wenn die Wochen, in denen wir im Dorf akzeptiert wurden, sehr erfüllend waren, blieben einige Geheimnisse ungelüftet. Die Älteren des Dorfes verschwiegen uns, warum sie sich und uns junge Generation jede Nacht von dem Wasser wegsperrten. Sobald die Sonne im Westen hinter den Bergspitzen versteckt gewesen war, mussten alle in ihre Häuser. Diese Ungewissheit störte mich sichtlich mehr als Samantha. Sie wollte zwar wissen, wieso wir uns in der Nacht zu verstecken schienen, doch akzeptierte das Schweigen der Alten.

„Sie werden schon wissen, warum sie es für sich behalten wollen.“, sagte Samantha stets. Eine Antwort, die mir äußerst missfiel. Ich fragte die Kinder unseren Alters, ob sie wüssten, was nachts in diesem Dorf zu geschehen schien. Mehr als Achselzucken bekam ich nie als Antwort.

Eines Tages sollte das Geheimnis auf unangenehme Art und Weise gelüftet werden. Wie jeden Abend, waren alle Arbeiten erledigt. Fisch wurde gefangen, eingelegt und verkauft. Es wurde gemeinsam gegessen und Geschichten erzählt. Wie jeden Tag, gab es einen, der sich mit dem Bier übernahm und unter den Tischen schlief. Und wie jeden Abend, bekam ich von Erik ein Blatt geschenkt. Gemeinsam mit Samantha saßen wir an einem Tisch und wie ich es damals Samantha erzählte, erzählte ich nun ihm einige Geschichten über Geschöpfe, die meine Eltern schon gesehen hatten. Begeistert schwärmten Samantha und ich von den Dingen, denen wir noch begegnen wollten. Er hatte sich gewünscht, das Dorf verlassen zu können und mit uns reisen zu können.

„Apropos, wie geht`s deiner Mutter?“, fragte Samantha mit ehrlichem Interesse.

„Schlechter. Ich glaube, sie hat nicht mehr lange.“

Eriks Blick senkte sich. Den Schmerz, den wir aus seiner Stimme hörten, kannten Samantha und ich nur zu gut. Wissend linsten wir uns kurz an. Das Gefühl, Angst um einen Geliebten zu haben oder diesen zu verlieren, war wohl mehr oder weniger unser Wissensgebiet.

Aufmunternd lächelnd klopfte ich Erik auf die Schulter: „Deine Mutter ist stark, sie wird das schaffen.“

Ich hätte ihr vermutlich helfen können. Es waren einige Wochen seit meinem letzten Zauberspruch und Unterricht vergangen. Ich war leicht aus der Übung. Mit etwas Ausprobieren hätte ich vermutlich einen kleinen Heilungszauber hinbekommen. Allerdings hatte die Erfahrung mit meinen Eltern mich gelehrt, dass Mitleid den Tod als Dank bringen kann. Ich verschwieg Erik mein Können. Leider konnte ich ihn lediglich zusammen mit seiner Mutter leiden lassen.

Versucht lächelnd erhob der Junge sich von unserem Tisch und nickte: „Du hast Recht, Lilith.“

„Natürlich habe ich das.“, zwinkerte ich ihm zu.

Wir beobachteten, wie er sich von unserem Tisch entfernte. Erst einige Zeit später fragte Samantha mich, wo Erik überhaupt hingegangen war. Ich wusste es ebenso wenig wie sie. Fragend sahen wir uns in der Bar um. Es war bereits Abend. Wir durften nicht mehr aus den Türen. Irgendetwas in mir sagte mir, dass genau das Gesetz nun gebrochen wurde.

„Lass uns draußen nach ihm suchen.“

Samantha und ich waren durch die gesamte Bar gelaufen. Nirgends war eine Spur von ihm zu sehen. Unsicher schüttelte Samantha den Kopf.

„Er weiß doch, dass wir nicht mehr raus dürfen.“

„Siehst du ihn irgendwo hier?“

„Vielleicht liegt er ja mit besoffen unter einem Tisch.“, versuchte sie nervös zu Scherzen.

Amüsiert hob ich eine Braue. Erik trank nie Alkohol. Möglich war es, dass er sich zum ersten Mal an dem Gesöff probiert hatte und an den ersten Schlucken elendig unter gegangen war. War ich mir allerdings sicher, dass, sollte Erik betrunken unter den Tischen schlafen, wir bereits über den armen Jungen gestolpert wären.

„Dann geh ich halt allein.“

„Was? Nein! Du gehst da nicht einfach raus, wenn die Alten uns das …“

„Verbieten? Ich lasse mir nichts von alten Säcken aufbrummen.“, schnaubte ich amüsiert und hüpfte provokant in Richtung des Ausgangs. Samantha, so überfordert sie stets mit mir provokant aufgedrehten Ding war, folgte mir hastig nach kurzer Uneinigkeit mit sich selbst.

Wir überprüften, ob Ältere uns sehen würden, doch waren diese eher mit ihren leerer werdenden Biertassen beschäftigt.

Mein Puls schien etwas zu steigen, als ich die Tür öffnete. In den Wochen, in denen wir hier gearbeitet hatten und allen Regeln gehorsam folgen mussten, fehlte es mir an Aufregung und Abenteuer. Umso aufregender war es, seit Langem endlich wieder Regeln zu brechen (Gott, war ich ein Rebell). Samantha wiederum war vollkommen mit dem Regelbruch überfordert. Ihr innerer Konflikt ging auf mich über. Meckernd tadelte ich sie, dass sie locker bleiben sollte.

Munin kreiste über der Bar. In den Wochen, in denen wir in dem Fischerdorf gearbeitet hatten, flog er über einige Gebiete. Ab und an besuchte er uns und wir warfen ihm einige Fische zu (der Knirps brauchte schließlich auch Nahrung).

Schwarze Wellen schlugen aufgeregt auf die Holzwege und machte unsere Füße nass. Die Tür hinter uns schließend, verstummten die lauten Stimmen der Dorfbewohner. Der unangenehme Geruch von fauligem Fisch kitzelte uns sofortig in den Nasen. Es war alles genauso wie an dem Tag, an dem wir im Dorf angereist waren. Diese Nacht stand der Mond über uns und schien hell herab. Lächelnd musterte ich sein weißes Gesicht, bevor ich mich mehr zu dem stürmenden Wasser bewegte.

"Was hast du vor, Lilith?", fragte Samantha.

Sie selbst blieb weiter am Haus stehen. Ich befürchtete, dass sie sich sicherer in der Nähe der Erwachsenen fühlte. Wenn sie sich vor etwas im Dunkeln versteckten, konnten auch sie uns nicht helfen, sollte uns etwas passieren (Ich meine, man hätte der Gefahr auch nicht in die offene Falle laufen müssen, aber ignorieren wir mal diesen Fakt).

"Erik ist verschwunden. Vermutlich ist er rausgegangen. Wenn wir uns immer von dem Wasser fernhalten sollen und dort (scheinbar) etwas Gefährliches ist, wo wird er wohl sein, deiner Meinung nach?"

Samantha verzog die Lippen. Sie verstand. Grübelnd sah sie noch einmal zu der Schutzmöglichkeit, folgte mir dann dennoch.

"Keine Sorge. Sollte etwas passieren, wird uns Munin schon helfen.", versuchte ich sie zu beruhigen, während wir gemeinsam auf das offene Wasser zuliefen.

"Oh ja, der Vogel wird sicherlich selbst den Teufel besiegen können."

"Hey! Unterschätze unseren alten Freund nicht.", zwinkerte ich ihr im Dunkeln zu. Ich hörte sie Seufzen. Genaustens konnte ich mir vorstellen, wie sie wie schon so oft, die Augen verdrehte und folglich den Kopf schüttelte. Ich kenne dich doch, Samy, dachte ich mir, halb grinsend.

Eine leichte Brise pfiff uns entgegen. Der widerliche Geruch verstärkte sich. Es ähnelte einem fauligen und abgestandenem Duft. Samantha würgte hinter hervorgehaltener Hand leise. Das sagte wohl genug über diesen natürlich unglaublich lieblichen Duft aus. Wir folgten den nassen Leisten. Am Rand des Stegs angekommen, starrten wir in das dunkle Nass. Die Wellen peitschten höher als wir es je gesehen hatten. Sie reichten beinahe zu unseren Gesichtern hoch. Kalte Tropfen trafen uns. Haare auf unserer frierenden Haut stellten sich auf.

Samantha schreckte auf. Eine Hand mit langen, ungepflegten Fingernägeln krallte sich in das Holz, auf dem Samantha sich befand. Verwirrt musterte ich die Hand, die zu einem langen Arm wuchs. Glänzende Schuppen schmückten die glitschige, nasse Haut. Samantha und ich traten einige Schritte zurück, als ein zweiter Arm aus dem Wasser ragte. Die Arme stützten sich mit den Ellen auf dem Holz. Schultern prangten hervor. Ein Oberkörper versuchte sich aufzustemmen und eine hässliche Fratze sah uns entgegen.

Samantha schrie auf. Mit zitternden Fingern versuchte sie mich von dem Vieh wegzuziehen. Auch mir überkam eine ekelhafte Angst. Ich versuchte mich zu beruhigen. Ich musste keine Angst haben.

"Du bist eine Seehexe, nicht?", fragte ich mit versucht fester Stimme. Das Geschöpf, das aus den Wellen ragte, starrte uns mit großen, dunklen Augen an. "Ich bin auch eine Hexe." Ich brauchte keine Angst haben. Auch sie war eine Hexe - so wie ich. Auch sie wollte Frieden - so wie ich. Und auch sie fürchtete sich - so wie ich.

Ich schluckte und hielt Samanthas Hand fest in meiner. Ruhiger ansetzend, doch mit noch immer schwankender Stimme, bat ich: "Lass uns friedlich reden."

Die Seehexe starrte mich weiter stumm an. Ihre zuvor fauchenden Lippen schlossen sich. Ihr kalter Blick musterte mich und Samanth genaustens. Leise etwas zischend verschwand sie wieder unter dem Gewässer. Die Wellen beruhigten sich wieder und der Gestank alten Fisches schwand aus der Luft.

Zeit verging. Erik war nicht auffindbar. Samantha und ich waren uns sicher, dass er sich bei den Seehexen aufhalten musste. Wer würde schon von einer Sekunde auf die andere spurlos verschwinden? Ich fragte mich im Stillen oft, wieso die Hexe Samantha und mich verschont hatte. Vielleicht weil auch ich eine Hexe war; vielleicht wollte sie auch, dass wir ihr eines Tages helfen würden. Samantha machte sich täglich Gedanken über den verschwundenen Jungen. Sie hatte die gesamte Zeit gegrübelt, ob er bereits Tod war oder ob es noch eine Möglichkeit gab, ihn zu uns zu holen.

In der Zeit, in der Erik verschwunden blieb, kümmerten wir uns um seine Mutter. Sie lag todeskrank im Bett. Die Mutter war eine wirklich liebenswerte Person. Sie wusste, dass ihr Sohn verschwunden war. Obwohl sie trauerte, versuchte sie für uns ein warmes Lächeln auf den Lippen zu behalten. Möglicher Weise, um nicht vollkommen zu verzweifeln und in einer unendlichen Dunkelheit zu versinken.

Eines Tages zeichnete ich ihr eine Seehexe. Ich erinnerte mich an den Seetang und die Ranken, die Haar und ihren Schmuck formten; an die dunklen schwarzen Augen und dem verglichen zu uns verformten Gesicht. Lange Krallen und nackten Körper, bedeckt mit schimmernden Schuppen, versuchte ich ebenfalls zu zeichnen.

Samantha beobachtete schweigend mein Zeichnen und nickte die Erinnerung ab. Wir zeigten es der Mutter und fragten sie, ob sie solche Kreaturen jemals gesehen hatte. Sie schwieg einige Stunden darüber und verneinte es. Es schien, als wolle auch sie uns verschweigen, was sie wusste und was sich hinter der Seehexe zu verbergen schien. Ihr Schweigen brach sie schneller als Samantha und ich dachten.

"Hört zu, Kinder. Wir Erwachsenen versuchen euch junge Hüpfer vor solchen verstörenden Geschichten zu schützen. Nur habe ich aus irgendeinem Grund das Gefühl, dass ihr beide eh macht, was ihr wollt."

Samantha zeigte auf mich, während ich verlegen grinste.

Die Mutter schüttelte den Kopf und sprach weiter: "Ihr seid diesen Kreaturen bereits begegnet, nicht? Seid vorsichtig. Es sind gefährliche Biester, die Menschen mit in ihr Wasser ziehen. Wir wissen nicht, was sie dann mit uns machen oder warum sie es machen. Sie kommen nur nachts aus dem Wasser und suchen nach Opfern. Vermutlich ist Erik das Gleiche passiert." Sie hauchte den letzten Satz abschweifend. Ihre Mundwinkel sanken.

"Ich bezweifle, dass diese Kreaturen ohne Grund so handeln, wie sie es tun.", murmelte Samantha. Ihr Blick traf auf mich und ich nickte es ab.

Samantha setzte sich warm lächelnd an den Rand des Bettes, in welchem die schwache Mutter lag. Ehrlich meinte sie: "Wir werden Ihren Sohn wiederfinden. Versprochen."

Oh, Samy, gib keine Versprechen, die du nicht halten kannst, zischte es mir durch den Kopf. Unwohl rieb ich mir den Arm. Dennoch stimmte ich ihr zu. Damit hatten wir uns wohl eine Aufgabe gemacht.

Und so warteten wir auf den nächsten Abend. Wieder schlichen wir uns aus der Präsenz der Erwachsenen. Sie hatten wieder ihre typischen Erledigungen abzuschließen (sich bis zum nächsten Kater volllaufen lassen). Unauffällig flohen wir aus der Bar und gingen zum Wasser. Über uns strahlten einige Sterne. Die Seehexe würde bald wiederauftauchen.

"Der Winter rückt näher.", flüsterte Samantha in die Stille, in der wir auf unseren kleinen Besuch warteten. Die Wellen schlugen bereits wieder und der reizende Geruch verstärkte sich.

"Du hast Recht. Eigentlich hatte ich vor bald weiter zu reisen. Wir können nicht ewig in diesem Dorf bleiben."

"Willst du etwa im Schnee weiterlaufen?"

"Wer spricht vom Laufen?", grinste ich breit. Das Dorf besaß einige Pferde. Bewusst verwarf ich den Gedanken, dass weder Samantha noch ich reiten konnten. Mit gehobener Augenbraue sah sie mich skeptisch an. Unser Blickkontakt unterbrach, als sich die Hexe wieder erhob (natürlich wieder mit großer Show und viel Wasser).

"Was willst du haben, damit wir unseren Freund zurückbekommen?"

Meine Stimme war fester und wesentlich sicherer als bei unserem ersten Treffen. Samantha schwieg wie immer bedacht und ließ mich mit meinem Artgenossen sprechen. Sie würde ihr schlaues Köpfchen später noch beweisen können.

Das Zischen, was die Wasserhexe von sich gab, ließ uns zusammenfahren. Ich hatte mit einer mir ähnlicheren Ausdrucksweise gerechnet: "Unssser Fisssch."

Bevor ich dazu kam, genauer zu erfragen, was unssser Fisssch genau war, verschwand sie wieder im kalten Nass. Das Wasser beruhigte sich. Fragend sahen Samantha und ich uns an. Zumindest bedeutete es, dass Erik noch am Leben war.

Wir grübelten lang. All die Wochen, in denen wir in diesem Dorf gelebt hatten, hatten wir auch hier gearbeitet. Wir hatten viele Fische aus dem Gewässer gefangen und verkauft. Samantha und ich drohten zu verzweifeln. Wie sollten wir es schaffen, den gesamten verkauften Fisch wieder einzutreiben? Vermutlich war der meiste bereits verputzt, verdaut und ... ja. Die Haare standen und zu Berge (mir noch mehr als sonst schon). Erik schien noch am Leben zu sein und jetzt konnten wir ihn nicht einmal retten. Uns schmerzten bereits die Schädel vom zu vielen Nachdenken. Wir trauten uns nicht, Eriks Mutter von unserem minderen Erfolg zu erzählen. Sie würde ebenso verzweifeln wie wir es getan hatten.

Auch Munin versuchte uns auf seine Art zu helfen. Er flog zwischen, über und unter uns. Ab und an kreischte er und flatterte uns vor die Nasen. Sein Verhalten würde uns auch nicht helfen. Lediglich vom Denken und Verzweifeln ablenken. Wahrscheinlich hatten wir nicht mehr viel Zeit, um Erik vom Tod zu bewahren.

"Munin!", keifte ich das Tier genervt an. Sein Aufmerksamkeitskomplex ging mir dezent auf die Nerven. Samantha meckerte mich sofort wegen meines unfreundlichen Verhaltens an und beobachtete den Vogel genaustens.

"Er will uns etwas zeigen.", meinte sie. Ihre Augen leuchteten freudig auf. Hastig folgte sie dem Tier und wie ein Tollpatsch trottete ich den beiden fragend hinterher. Was sollte der Vogel schon groß außer Futter zeigen wollen. Ich blieb stehen und auch meine Augen leuchteten kurzzeitig verstehend auf. Futter bedeutete Fisch. Vielleicht wollte die Hexe nicht alle Fische. Sie wollte einen bestimmten Fisch.

Ich rannte meinen Freunden hinterher. Samantha und ich begannen gefangene Fische anzusehen. Wenn der Zorn so lange über dem Dorf weilte, muss der Fisch älter sein. Keine frisch gefangenen Fische - wir ließen von den frischen ab und folgten weiter dem Vogel.

Er glitt über einige Hausspitzen. Ab und an kreiste er über ihnen. Schlussendlich blieb er auf einem Dach sitzen. Seine runden Augen starrten uns gespannt an.

"Danke, alter Freund.", rief ich dem Tier freudig auf. Ohne Samanthas scharfem Auge, wäre es mir niemals aufgefallen.

Seitdem die Seehexe den Fisch von uns verlangte, waren wieder einige Tage vergangen. Es war wieder Nacht, als wir vor dem Haus standen. Wir warteten so lange, damit wir ungestört hinein gehen konnten. Mit Räuberleiter kletterten wir durch eines der Fenster und robbten uns im Dunkeln durch die Zimmer. Der Besitzer des Dorfes war zu unserem Pech nicht mit in der Bar, wie alle anderen. Er lag in seinem Bett. Sein Schnarchen drohte alle Wände zum Wackeln zu bringen. Samantha und ich tippelten so leise wir konnten durch sein Heim und suchten. Ein so lange tot seiender Fisch wäre uns sicherlich sofort am Geruch aufgefallen. Das Tier musste noch leben.

"Wasserquellen.", flüsterte ich zu Samantha.

Sie nickte es ab. Wo könnte man Wasser anstauen, grübelte ich. Mein Blick fiel auf einige Biertassen, die auf einem Tisch standen. Ich wollte es nicht glauben - leider konnte ich es mir denken. Ich schlich zeitgleich mit Samantha zu den Behältern. Stumm starrten wir hinein. Eine kleine Bewegung in der Flüssigkeit. Das war er. Wir waren uns einfach sicher. Unser Bauchgefühl würde uns auch dieses Mal nicht täuschen.

Der Mann, bei dem zu Hause nach dem Fisch suchten, war jener Mann, der uns auslachte, weil wir ihm sagten, dass wir Reisende waren. Eine äußerst unfreundliche Seele.

Den Behälter geschnappt und aus dem Haus gemacht, ließen wir die Tür zu laut zu fallen. Bevor uns der Besitzer des Hauses hätte sehen können, rannten wir so schnell wir konnten davon.

Lachend rief Samantha: "Wir haben es geschafft!"

Ebenso froh nickte ich ihr zu. Wir landeten wieder an unserem alten Treffpunkt. Während wir auf die Seehexe warteten, schielten wir in die Tasse. Die Bewegung im Glas sah zu uns auf.

"Er ist ... wunderschön.", murmelte Samantha mit wärmer werdenden Wangen. Eine kleine Galaxie schwamm in dem Wasser. Der Fisch trug winzige Sterne als Schmuck. Farbenfrohe Wolken zogen sich über sein Schuppenkleid.

"Er sieht aus wie das Portal meines Zimmers.", flüsterte ich. Meine Augen wurden gläsern. Mit zitternden Lippen sah ich lächelnd zu Samantha auf. Mitfühlend lächelte sie mich an.

Die Seehexe schien nicht auftauchen zu wollen. Wir liefen zu dem Wasser. Vorsichtig ließen wir den Fisch hinein. In Kreisen schwamm er fröhlich umher. Samantha und ich begannen erleichtert zu grinsen. Endlich war das kleine Tier wieder frei. Er genoss den gewonnen Platz, in dem er wieder schwimmen konnte.

"Pass gut auf dich auf.", wank Samantha ihm zu.

Das Wasser blieb ruhig. Wir beobachteten, wie eine Person zu uns aufschwamm. Statt einer Angst einflößenden Seehexe, schaute eine attraktive Frau zu uns auf. Ihre Haare bestanden aus Meerespflanzen. Ihre Haut war weiß. Feine Muster zogen sich über Schuppen. Mit goldenen Augen sah sie uns an. Ihre Stimme war liebevoll, als sie sprach: „Wir danken dir, kleine Hexe. Und auch dir, Menschenmädchen. Viele Monde haben wir darauf gewartet, dass man uns unseren Freund wiederbringt."

Der winzige Himmelsfisch kreiselte aufgeregt um die Frau umher. Hinter der Frau schwammen mehrere weitere Frauen und auch Männer auf. Alle verneigten sich einmal kurz dankend und brachten je einen Menschen zurück an die Oberfläche.

"Zum Dank, geben wir euch auch eure Freunde wieder."

 

Bereits nach weniger Zeit erholten die wieder gefundenen Menschen sich von ihrem Gefängnis des Tiefen des Sees. Erik konnte sich wieder um seine Mutter kümmern, die sich tausendfach bei uns bedankt hatte.

Nachdem alle Vermissten wiederaufgetaucht waren, trauten die Menschen des Dorfes sich wieder, auch nachts zwischen den Häusern zu laufen. Ob sie sich nochmals mit den Dorfhexen zerstritten, wussten wir nicht. Was wir aber wussten, ist dass wir um zwei Pferde, etwas Gold und Geschenke der Seehexen reicher geworden waren. Der Winter stand uns bevor. Dass wir allerdings so schnell in neue Probleme gerieten würden, war uns noch nicht im Klaren, als wir versuchten auf die Pferde zu kommen, um weiter zu reisten.

Winde wurden kälter. Die letzten Blätter fielen von den Bäumen. Auf unserem Weg beobachteten wir, wie einzelne trockene Blätter in der Luft glitten. Die Pferde, die uns von dem Fischerdorf geschenkt wurden, waren starke Wesen. Ihre Muskeln waren fest und ihre Schritte schnell.

„Könnten wir doch nur reiten.“, seufzte ich verzweifelt.

                Neben den Pferden laufend, linste ich über dessen Schulter zu Samantha. Sie sah wenig begeistert auf den Weg, der uns in Richtung Norden führen würde. Unsere Begleittiere waren stolze Geschöpfe. Ihre Schultern hoch und breit. Das Fell glänzte bei jedem Sonnenstrahl leuchtend auf. Mein schwarzes Pferd glänzte feuerrot im Sonnenlicht. Lächelnd strich ich über das kurze, verdreckte Fell.

                „Entschuldigt, dass wir solche Idioten sind.“

                Samantha schmunzelte über meine Aussage. Unsere Versuche das Tier zu reiten, scheiterten stets kläglich. Wenn sie uns nicht von ihrer Wirbelsäule herabtraten, waren unsere Oberschenkel nicht fest genug an dem Körper des Tieren gedrückt. Unkontrolliert wurden wir dann auf dem Rücken des Tieres durchgeschüttelt. Schlimmstenfalls verletzten wir die Pferde mit unserem Unwissen. Wir mussten uns damit abfinden, dass die Tiere schlicht neben uns liefen und wir dazu gezwungen waren, zu Fuß unsere Reise fortzuführen. Unser Weg ins Unbekannte wurde weiterhin langsam bestritten.

                Die kälter gewordenen Winde, begannen in den Nächten unsere Haut zu beißen. Kuschelnd versuchten wir uns aufzuwärmen. Früh wurde aus Tau dünner Frost. Der Winter würde uns bald einholen. Proviant, teilten wir mit unsere Tieren. Wir freundeten uns schnell mit den Vierbeinern an. Munin hatte seine Schwierigkeiten, die für ihn riesigen Bestien, zu akzeptieren. Um ihn aufzumuntern, bekam er ab und an einige Häppchen Fisch.

                Manche Tage versuchten wir Fisch mit unseren bloßen Händen zu fangen. Uns fehlte die Geschicklichkeit eines Bärs und die Weisheit ein Eule. Meist scheiterten wir kläglich. Munin fiel es umso leichter, die beschuppten Wasserwesen zu schnappen. Samantha und ich gaben uns oftmals mit kleinen Beeren und Nüssen zufrieden. Sie wuchsen am Wegrand und zwischen einigen Bäumen. Es hatte nicht unseren Hunger stillen können (meist knurrten unsere Mägen zwischen unsere Gespräche und blubberte, während wir versuchten einzuschlafen). Tag für Tag wurden wir schwächer und hungriger. Mit Wasser versuchten wir uns abzulenken und zumindest leicht unsere Mägen zu füllen. Obwohl wir weder satt noch ausgeschlafen waren, machte unsere Reise uns glücklich. Die frische Natur weckte uns täglich und zauberte uns mit ihrer Schönheit stets ein Lächeln auf die Lippen.

                Nachts betete ich meine Gottheiten an. Ich dankte ihnen für unsere Gesundheit. Ich dankte ihnen für ihre Unterstützung und den Schutz, den sie uns baten. Samantha konnte ich immer weniger beten sehen. Immer seltener kniete sie sich ins feuchte Gras und meditierte. Mit geschlossenen Augen und halbgeschlossenen Lippen würde sie leise Gebete murmeln. Schweigend beobachtete ich sie und ihre Ruhe. Ihre Entspannung ging meist auf mich über.

                Schließlich gingen auch herbstliche Blumen ein. Die letzten Igel und Eichhörnchen verschwanden in die Wärme. Immer weniger Vögel flogen zwischen Wolken. Insekten verabschiedeten sich von uns und verkrochen sich in ihre Verstecke.

Der Regen der letzten Tage verwandelte sich in kleine, weiße Flocken. Ich liebte sie beobachten zu können. Wie kleine Feen, tanzten sie in der Luft. Sie schmälzten, berührten sie den Boden oder meine warme Haut. Wie schön der Winter auch sein mochte, die Kälte wurde unerträglich.

Selten schritten Samantha und ich durch kleine Dörfer. Wir blieben nicht lange. Uns überkamen stets unwohle Gefühle. In einem der Dörfer platzten wir in eine Hexenvebrennung rein. Samantha hielt mich damals davon ab, dazwischen zu gehen. Eine arme, hilflose Dame wurde an Brettern festgenagelt und vor unseren Augen angezündet. Ihre Schreie fuhren mir unter die Haut. Das einzige, was uns übrigblieb, war mit gesenkten Köpfen weiterzureisen. Etwas vom Dorf entfernt, betete ich für sie. Ich betete, damit sie mit offenen Händen in unsere Erde aufgenommen werden konnte. Nächtlich begann ich für alle meine Schwestern und Brüder zu beten. Für die Hexen, die starben und niemanden mehr hatten, der für sie beten würde. Samantha beobachtete mich dabei, weigerte sich allerdings mit mir zu beten.

                Ein anderes Dorf hatte einen riesigen Hirsch gefangen. Sein Geweih war unglaublich. In den blassen Knochen waren Musterungen hineingeschnitzt und auf den Abzweigungen wuchsen kleine, farbenfrohe Pflanzen. Bevor er getötet wurde, sah er rufend wie ein Ochse, zu uns. Der Jäger, der ihn gejagt hatte, behielt sein Geweih. Vermutlich würde er sich eine Waffe aus ihm formen.

                „Das kann nur Folgen mit sich bringen.“, hatte Samantha zu mir geflüstert, als uns dazu entschieden, weiterzuziehen.

                Ich stimmte ihr zu. Der Hirsch sah nicht wie ein gewöhnlicher aus. Er war riesiger als jedes Pferd, das ich jemals gesehen hatte. Sein Geweih glich einem Baum. Ein Baum mit farbenfrohen und leuchteten Blumen, auf dem kleine Tiere spielen würden.

                In dem letzten Dorf, dem wir begegneten, kauften wir Proviant und Stoffe, um uns vor der Kälte des Winters schützen zu können. Die Wasser wurden zu eisig, um aus ihnen Fische fangen zu können. Beeren und Früchte froren zu und Pflanzen gingen frierend ein. Wir kauften uns einen Umhang, der uns viel zu groß war. In der Nacht schliefen wir eingerollt in dem Stoff und wärmend schliefen wir zwischen unseren Armen. Die Nächte drohten noch kühler zu werden. Sogar Munin legte sich nachts zu uns. Seine Federn waren weich und schenkten uns etwas Wärme.

                Dörfer, die wir später sahen, wurden immer abschreckender. Manche waren auf Inseln, umgeben von einem Graben. So konnte man nicht zu den Häusern gelangen. Andere Dörfer waren umgeben von Holzpfählen. Die Köpfe der Hölzer waren spitz und beängstigend. Meile für Meile wurden es weniger Häuser, die uns begegneten.

                „Scheinbar sind Menschen hier nicht gerne gesehen.“, grübelte Samantha.

Und wie Recht sie behielt. Wir entfernten uns aus dem Gebiet der Menschen. An unserer Seite strömte ein Fluss. Das Rauschen des eisigen Wassers war laut und rhythmisch. Am anderen Ufer war ein tiefer, schwarzer Wald. Seine Bäume waren gesund. Sie wuchsen weit in die Höhe. Obwohl der Winter immer näher rückte, waren die Stämme mit Blumen geschmückt und kleine Vögel, huschten wie Blitze zwischen den Ästen umher.

                „Der Wald dort drüben ist schön, nicht?“, lächelte ich breit zu Samantha, die es sofortig abnickte. Wir beobachteten schon länger die Schönheit der Natur. Ich hatte mir gewünscht, dass ich Blätter und Farbe im letzten Dorf gekauft hätte. Ich hätte mich liebend gern, an das Ufer des Flusses gesetzt und den Wald gezeichnet.

                Auch wenn ich kein Zeichenmaterial dabeihatte, und ich keine Möglichkeit hatte, die Bäume des Waldes zu zeichnen, entschieden wir uns stehen zu bleiben. Die Pferde brauchten Futter und Wasser. An dem strömenden Wasser ließen wir uns nieder. Die Pferde bekamen einige getrocknete Gräser. Während auch Samantha aß und trank, beobachtete ich weiter die kleinen beflügelten Tiere. Ich hob eine Braue, als die Äste der Bäume begannen sich zu bewegen. Mein Finger tippte auf Samanthas Schulter. Hufen kamen zwischen den Wurzeln hervor gelaufen.

                „Schau, Samy, noch so ein Hirsch.“

                Sein Geweih war noch gigantischer als der des gejagten. Sein Fell war so weiß, wie es der Schnee bald hätte sein würden. Die Muster zeichneten sich von dem Geweih bis zu seinen Schultern. Samantha und ich schwiegen, damit wir ihn nicht verscheuchen. Seelenruhig trank er aus dem Fluss. Wenige der Vögel flogen zwischen seinen Äste und um seinen Kopf herum.

                Er erschrak. Kleine Pfeile wurden auf ihn gefeuert. Einer durchbohrte seine muskulöse Schulter. Sein Aufschrei hallte im Wald wieder. Vögel flohen verängstigt zwischen die Nadelbäume.

                „Nein.“, flüsterte ich mit aufgerissenen Augen. Auch unsere Pferde schreckten auf und drohten zu fliehen. An dem dünnen Geschirr, dass an ihren Mäulern befestigt war, hielt ich sie auf. Samy rief lauthals zu weit entfernten Menschen: „Hört auf!“

                Sie jagten den Vierbeiner. Stolpernd hetzte er in den Wald. Weitere Pfeile wurden nach ihm gefeuert. Die Bäume schützen das Tier.

                „Er ist verletzt. Wir müssen ihm nach.“, zischte ich. Die Pferde zogen angsterfüllt an den Geschirren und versuchten zu befreien. Mit all der Kraft, die mir noch übriggeblieben war, versuchte ich sie festzuhalten.

                „Munin!“, rief Samantha unserem Begleiter auf. Dieser schoss direkt zu den Menschen. Er zischte zwischen sie. Die Pferde, auf denen sie saßen, versuchten ängstlich auszureißen. Einige Jäger fielen zu Boden.

                Die Augen unserer Pferde waren noch schwärzer und runder als sonst. Ihre Körper beruhigten sich langsam wieder. Ich reichte Samantha ihr Pferd. Irgendwie mussten wir über die Strömung kommen. Das einzige, was uns blieb, war zu reiten. Ich lenkte mein Pferd zu dem Wasser. Leicht widerwillig lief es hinein. Meine Füße und Waden wurden nass. Sie fühlten sich wie Eis an. Zitternd kniff ich die Augen zusammen. Die Pferde stolperten leicht und auch sie froren.

                Das Glück war auf unserer Seite. Die Strömung war sanft genug, um das andere Ufer erreichen zu können. (Zwar mit leichtem Stolpern und Schwierigkeiten, doch wurden wir zumindest nicht vom Fluss weggespült.)

                „Danke.“, lächelte ich meinem Vierbeiner zu und klopfte diesem auf den Hals.

                Samantha und ich sprangen mit zitternden Beinen von den uns tragenden Tieren. Die Menschen schossen nun auch uns Pfeile hinterher. Bevor wir getroffen werden würden, verschwanden wir mit unserem Vogel an der Seite zwischen den Stämmen. Auf unserem Weg zwischen den Wald, hätte ich schwören können, dass die Bäume uns den Weg gewiesen hatten. Ihre Ästen bewegten sich. Wir folgten dem Weg, der uns geformt wurde.

                Das verletzte Tier musste in unserer Nähe sein. Mit solch einer tiefen Verletzung hätte man kaum weit rennen können. Das nasse Kalt unserer Beine erschwerte uns das Rennen.

                „Samy?“, rief ich auf. Äste umschlangen meinen Körper. Sie nahmen mir die Sicht. Mein Mund wurde verdeckt und meine Gliedmaßen im festen Griff gehalten. Panisch versuchte ich mich zu befreien. Die Dorfhexe hatte uns damals von lebenden Bäumen erzählt. Soweit ich mich erinnern konnte, waren sie feindselige Beschützer der Natur. Super.

 

Ich war mir unsicher, wie lange ich in dem Holzkäfig reiste. Sicher war ich mir, dass sich der Baum, in dessen Ästen ich gefangen war, bewegte. Der Boden schien unter mit zu beben. Lediglich durch meine Nase konnte ich frische Luft des Waldes einatmen. Meine Glieder begannen zu schmerzen. Wegen dem zu engen Griff der Bäume konnte ich sie nicht bewegen. Mein Kopf war leer. Ich hatte schon lange aufgegeben zu kämpfen. Der Versuch, mich zu befreien, wurde vergessen. Ich schnaubte entrüstet. Platzangst umklammerte meinen Körper – was hätte ich allerdings anderes tun sollen als abzuwarten.

                Ich wurde abgesetzt und saß (immer noch gefesselt) auf dem kalten Boden. Abwartend hielt ich meine Augen geschlossen. Die Ranken, die mich umschlungen hatten, lösten sich langsam. Vorsichtig meine Augen öffnend, sah ich auf. Ein Baum stand vor mir. Wie ein Mensch stand er auf seinen Wurzeln, die zu Beinen geformt waren. Seine Äste schlangen sich zu Armen zusammen. Aus seiner Baumkrone ragte ein Gesicht. Sehr kantig, doch waren seine Augen freundlich. Sein Mund stand leicht offen. Ich musterte das grünlich braune Holz. Rosa farbene Blüten wurden wie Schmuck am gesamten Körper getragen.

                Ich lächelte erleichtert auf, als Samantha neben mir abgesetzt wurde.

                „Du bist wunderschön.“, sagte ich ehrlich zu dem Baum. Erst sah er mich verwirrt an. Lächelnd deutete er eine dankende Verbeugung an, weswegen ich noch breiter lächelte.

                „Lilith! Es geht dir gut.“, atmete Samantha erleichtert auf, als sie mich neben sich erkannte. Unseren Göttern dankend, schlossen wir uns in die Arme und atmeten einige Male beruhigter auf. Wie es schien, wollten die Bäume des Waldes uns nicht angreifen. Neugierig standen sie uns. Ihre freundlichen Augen musterten uns. Zwischen ihren blühenden Ästen leuchteten kleine Lichter. Wie Glühwürmchen flogen sie langsam durch die Luft. Farben wie Gelb, Grün und Rosa flogen umher. Fasziniert beobachteten wir ihren Flug.

                „So, so. Du bist also eine Hexe, huh?“, eines des grünen Lichter flog vor meine Nase. In dem Licht war eine kleine Frau zu sehen. Feine Flügel ragten aus ihrem Rücken. Ihre Hände waren in die Taille gestützt.

                „In der Tat. Und du eine … Fee?“, schmunzelte ich über den frechen Ton des kleinen Lichts.

                „Gut erkannt, Hexenmädchen. Was führt euch beide in unseren Wald?“

                Ich hielt der Fee eine Hand hin. Sie setzte sich auf meinen Handballen und verschränkte mit gehobener Augenbraue ihre Arme. Samantha beäugte interessiert das Geschöpf auf meiner Hand.

                 „Wir haben einen Hirsch gesehen, der von Jägern angeschossen wurde. Wir wollten ihm helfen.“

                „Ich verstehe … Wie ist dein Name, Hexenmädchen?“

                „Lilith. Und das ist Samy.“

                „Ja, ja. So viel wollte ich gar nicht wissen.“, meckerte das Licht genervt. Interessiert hinterfragte es: „Du könntest ihm wirklich helfen?“

                Samantha und ich nickten beide. Alle Lichter sammelten sich um uns. Sie und die Bäume deuteten uns den Weg. Wo sich unsere Pferde aufhielten, wussten wir nicht. Auch Munin war nirgends zu sehen. Wir hofften sehr, dass es ihnen gut ging.

                Unser Weg führte uns weiter an winkende Bäume vorbei. Breit lächelnd wanken Samantha und ich ihnen zurück. Tiere wie farbenfrohe Füchse und Vögel versteckten sich zwischen den Stämmen der Bäume. Wenige winzige Vögel flogen zu uns. Sie drehten Kreise um unsere Körper. Sie hinterließen eine Spur aus Licht und Funken hinter sich. Kichernd folgte Samantha sich um sich selbst drehend den Vögeln, die durch ihr langes Haar flogen. Schon längere Zeit trug sie ihr Haar offen. Den strafen Zopf, den sie im Dorf stets getragen hatte, schmückte sie immer seltener. Ihre Haare gaben ihr Wärme in der Kälte des Winters. Als ich über dies nachdachte, fiel mir auf, dass wir von keiner Kälte umgeben waren. Ein liebliche, beinahe mütterliche Wärme und Liebe umgab den Wald.

                „Ihnen fehlt es eindeutig nicht an Liebe.“, murmelte ich zu mir selbst, während ich alle Geschöpfe des Waldes ansah. All die Tiere und Pflanzen waren freundlich. Selten waren Geschöpfe schüchtern, doch keines feindselig. Ein Vogel machte es sich in meinem krausen Haar bequem. Die ungeordneten Wellen waren wohl das perfekte Nest für den Flieger.

                Umso näher wir dem Hirsch zu kommen schienen, desto mehr Geschöpfe folgten uns. Wirr beobachtete ich die Ansammlung. Was bedeutete der Hirsch diesem Wald? Oder fühlten sie mit jedem Tier, dass sie verlieren könnten, so mit?

                Auf einer Lichtung sammelten sich Sonnenstrahlen. Das Grün des Grases leuchtete wie Sterne auf (ich war sehr verwirrt, dass das Grün zu dieser Jahreszeit überhaupt noch wuchs). Die Lichtung war nur wenige Meter groß. Um den Sonnenstrahlen herum, war alles dunkel. Moos wuchs an den Stämmen und Felsen. Zwischen ihnen lag ein Mensch.

                Samantha legte verwirrt den Kopf schief – ich verstand.

                „Es ist der Hirsch.“

                Mit vorsichtigen Schritten gingen wir auf den verletzten zu. Kleine Feen sammelten sich um seinen nackten Körper. Lächelnd kniete ich mich herab und strich ihm seine langen, silbernen Haare aus dem Gesicht. Sein Geweih war noch immer nicht verschwunden.

                Keuchend sah er auf. „Du bist das Mädchen des Flusses … Ihr wart zu zweit …“

                Samantha sah über meine Schulter zu ihm. Wir erklärten ihm, dass wir ihm helfen würden. Und wie wir es versprachen, so taten wir es. Der Pfeil, der durch seine Schulter ging, wurde abgebrochen; die Wunde verarztet. Die Geschöpfe des Waldes versammelten sich um uns und beobachteten mitleidig den Hirschen.

 

In den Tagen, in denen die Wunde verheilen musste, wurden wir dankend von den Waldbewohnern aufgenommen. In Mitten des Waldes befand sich ein Dorf. Zum ersten Mal waren wir nicht in einem Menschendorf zu Besuch. Die Hütten waren mit dickem Moos bedeckt. Die Bewohner waren äußerst freundlich. Sie alle schienen eine Unterart der Gestaltswandler gewesen zu sein. Tiere, die sich zu einem Geschöpf, ähnlich eines Menschen, verwandeln konnten. In dem Dorf, in dem wir aufgenommen wurden, worden zuvor Munin und die Pferde gebracht. Scheinbar war geplant, dass wir Besucher werden würden. Freudig hatte ich Munin in die Arme geschlossen gehabt. Angst, dass die Menschen mir nun auch ihn genommen hatten, verflog sekundenschnell. Die Dorfbewohner gaben unseren Tieren, alles, was sie benötigten. Später erfuhren wir, dass unser verletzter Hirsch der Herrscher des Volkes war.

                Wir lernten ihn als liebenswürdigen Herrn kennen. Er liebte Kinder. Manchmal, wenn seine Pflichten ihm nicht folgten, spielte er mit den Kindern seines Volkes. Wir hofften Nacht für Nacht, dass die Wunden des herrschenden Hirsches bald wieder verheilen würden.

                Die Bewohner des Waldes versorgten uns mit Nahrung und Kleidung, damit wir den tiefen Winter überleben konnten. In der Zeit, in der wir mit den Waldgeschöpfen lebten, lernten wir viel über Rassen, die uns im Wald begegneten. Und zwischen ihnen lernten Fnipper kennen. Sie war die kleine, grüne Fee. Fnipper hatte für ihre Größe ein wirklich großes Mundwerk. Umso mehr mochten Samantha und ich das kleine Licht. Wir lernten reiten. Anstatt uns gut zuzureden, meckerte Fnipper uns stets voll. Wir nahmen es mit Humor. Die winzige Fee wurde ein wirklich guter Freund. Sie lehrte uns alles, was wir wissen mussten und gab uns all das Proviant, dass wir gebraucht hatten. Leider konnte sie uns auf unserer weiteren Reise nicht weiterbegleiten. Sie hatte ihre Pflichten hier, in diesem Wald, an der Seite ihres Königs.

                Ihm ging es nach nur wenigen Wochen wieder gut genug, um vor die Menge treten zu können. Er bedankte sich persönlich bei uns. Zum Dank schenkte er mir ein selbst angefertigtes Buch. Zu diesem wurden mir Farben geschenkt.

                Der Abend unserer Verabschiedung rückte näher. Die Zeit, Weiterzureisen, rückte mit jedem vergangenen Tag näher heran. Der Winter wurde kälter und weißer. Samantha und ich wollten allerdings weiterziehen, um die Natur auch im Winter kennenlernen zu dürfen. Zum Abschied versammelte das gesamte Dorf sich zu einem Fest. Der Herrscher am Kopf eines langen Tisches und wir als Freunde an den Seiten mit ihm. Er verkündete, dass er für Samantha ebenfalls ein Dankesgeschenk hätte. Gespannt lauschten wir dem Hirsch in seiner menschlichen Form.

                „Dich, meine Schönheit, werde ich zu meiner Frau nehmen.“

                Samanthas Augen weiteten sich und ich hustete meinen Salat verwirrt aus: „Was!?“

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

LilithPhenexs Profilbild LilithPhenex

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Kapitel:4
Sätze:1.891
Wörter:20.009
Zeichen:121.948

Kurzbeschreibung

Samantha und Lilith teilen eine ewige innige Freundschaft. Viele Jahrzehnte voller Abenteuer, Dramen und kämpfe gegen Gnome, Riesen und DRachen sind bereits vergangen. In einem Brief schreibt Lilith ihrer Freundin, welche Abenteuer, sie tatsächlich schon überlebt haben. Lest rein und lernt die Geschichten von den Freundinnin kennen.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch in den Genres Abenteuer, Reise, Vermischtes und Freundschaft gelistet.

Ähnliche Storys