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Garvin Lakes

65
12.5.2018 9:19
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
Workaholic

Warnungen
Dieses Buch...
1. enthält schlechten Humor
2. enthält naive Entscheidungen
3. enthält eine mega Klischees
4kann sich sehr lang ziehen
5enthält mehrere Teile

1. Schlechter Humor
Ich habe so gut wie null Humor, also seid nicht allzu böse, wenn manche Witze echt schlecht sind. Das passiert jeden Mal!

2. Naive Entscheidung
In diesem Buch kann es sein, dass die Charaktere einige schlechte und naive Entscheidungen, also bitte meckert nicht immer rum, wenn ihr eine Entscheidung nicht nachvollziehen könnt. Das kommt im richtigen Leben schließlich auch immer wieder mal vor.

3. Klischees
Das Buch wird sicher Klischees enthalten, wer sowas also nicht mag, sollte das Buch lieber nicht lesen.

4. Lang ziehen
Ich versuche das Buch nicht zu schnell voranzutreiben, da ich diese Bücher hasse, die so einen Aufbau haben:
1. Kapitel: Verliebt auf den ersten Blick
2. Kapitel: erstes Date
3. Kapitel: die Charaktere kommen zusammen 
4. Kapitel: Schwangerschaft
5. Kapitel: Hochzeit
6. Kapitel: 1. Kind
7. Kapitel: Ende
Ja ja, das war ein bisschen übertrieben, aber so ähnlich läuft es oft ab. Das regt mich immer tierisch auf. In diesem Buch werden die Charaktere ein normales Alltagsleben haben und alles wird etwas längern dauern. Hoffe das ist nicht schlimm!

5. Mehrere Teile
Dieses Buch ist ein Sammelband, was heißt, dass alle Teile, die ich eventuell schreibe, hier zu finden sind. Also braucht ihr nicht immer nach dem neuen Teil suchen, sondern könnt einfach hier weiter lesen. Hoffentlich stört das nicht, aber für mich ist es so einfach praktischer!

Das laute Rauschen der Blätter, der umliegenden Bäume, wird vom ohrenbetäubenden Brausen der Autos über den High Way übertönt. An diesem Tag verurteile ich meinen guten Geruchssinn mal wieder dafür alles um mich herum wahrnehmen zu können. Der Geruch des Motoröls steigt mir in die Nase und sorgt dafür, dass ich diese rümpfe. Die staubige Abendluft füllt meine Lungen angenehm und das helle Licht des Halbmondes scheint auf unsere kleine Gruppe hinab. Der Weg vor uns wird von den großen, roten Leuchtröhren, die auf einer Tafel am Ortseingang angebracht wurden, erhellt. Ich lese nun schon zum gefühlt ein tausendsten Mal die Worte, die darauf geschrieben stehen. Ein großer Teil wird von den Worten "Seven-Eleven Bar" geschmückt. Die Buchstaben bestehen aus roten Leuchtröhren, abgesehen von dem "S", welches in einem dunklen Lila erstrahlt. Darunter steht in weißer Schrift auf blauem Grund "Garvin Lakes". Darauf folgt ein Pfeil, der anzeigt, wie lange es noch dauert, bis man in den Ort gelangt, zu dem die Bar gehört. Ich war so oft hier, dass ich genau weiß, wie viele Kilometer es noch sind. Zu meinem Leidwesen wissen die meisten Leute nicht mehr, dass es die Bar gibt, auf die wir gerade zu laufen. Als wir vor der Bar stehen bleiben, werfe ich einen Blick durch eine Fensterscheibe. Glücklicherweise ist sie nicht sonderlich voll. Mit einem Winken bedeute ich meinen Begleitern, dass sie mir folgen sollen, was sie auch auf der Stelle tun. Es erleichtert mich, dass sie immer noch auf meine Befehle hören, egal wie sehr ich sie schon enttäuscht habe. Sie sind mir immer treu und genau das schätze ich so an ihnen.

Als ich die Bar betrete und dem Kellner mit einer Handbewegung zu verstehen gebe, dass ich das übliche will, überkommt mich das beruhigende Gefühl endlich zu Hause angekommen zu sein. Dieser Ort war einfach schon immer sowas sie ein zweites Zuhause für mich und auch für meine Freunde. Wie gewohnt quetschen wir uns zusammen an den Tisch, den wir standardmäßig immer zu dieser Zeit im Monat belegen. Sobald wir uns gesetzt haben, kommt ein anderer Kellner zu uns und gibt uns das Essen, was ich soeben für alle bestellt habe. Glücklicherweise hat keiner meiner Begleiter irgendwelche besonderen Vorlieben, sondern bestellen immer das Gleiche, was so gut wie jeder hier angestellte weiß. Langsam ziehe ich meine Lederjacke aus und lege sie hinter mich, bevor ich nach dem ersten Zwiebelring greife. Als ich gerade die Sitzung eröffnen will, erklingt jedoch erneut die Glocke über der Tür und mein Kopf wendet sich zur Quelle des Geräusches. Sofort zucke ich geschockt zusammen und mache auch die anderen mit einigen Worten auf die neuen Gäste aufmerksam. Auch meine Freunde wirken geschockt vom Anblick der Menschen in der Tür. Ihre Waffen leuchten im schummerigen Licht. Mein Berater Andrew schafft es sich, als Erstes wieder zusammen zu reißen. Aus dem Augenwinkel sehe ich wie seine sonst so dunkelblauen Augen aufleuchten und wende meinen Blick ihm zu. Wenige Sekunden später ist in den Augen der anderen genau dasselbe Phänomen zusammen und jeder von uns weiß genau, was gleich geschehen wird. Mit flinken Fingern ziehe ich mein Klappmesser aus der Seitentasche meiner schwarzen Lederjacke und lasse es mit einer Bewegung des Daumens aufschnappen. Das Geräusch klingt in meinen Ohren mehrfach und metallen wieder. Die Aufregung sorgt dafür, dass sich die Haare an meinen Armen aufstellen und sofort ein kalter Schauer darauf folgt. Das Surren des Pfeiles, der mit hoher Geschwindigkeit auf mich zu rast, gibt mir den Adrenalinkick, den ich gebraucht habe und sorgt dafür, dass mein angeborener Schutzmechanismus aktiviert wird. Diese Momente sind einfach die Besten.

Wie die meisten anderen Teenager werde ich am Morgen anstelle von einem lauten Wecker, von der ohrenbetäubenden Stimme meiner Mutter aus dem Schlaf gerissen. Die erste Information, die sich in diesen frühen Morgenstunden in mein Gehirn schleicht, ist die, dass ich sofort aufstehen muss, um vor meinem Bruder ins Bad zu gelangen. Schließlich findet der Streit um das Badezimmer so gut wie jeden Morgen statt und es ist für mich fast zu einem richtigen Instinkt geworden, nachdem mich meine Mutter geweckt hat, so schnell es geht das Bett zu verlassen, durch den Flur zu rennen und mich im Bad einzuschließen. Langsam öffne ich die Augen und werfe meinen müden Blick an die weiße Decke. Innerlich habe ich das Gefühl, dass ich es heute schaffen werde, vor meinem Bruder Ryder ins sichere Badezimmer zu gelangen, obwohl er ein Footballspieler ist und dadurch eine ausgezeichnete Ausdauer hat. Energiegeladen schiebe ich die Decke zur Seite und blicke zu meinem Bruder, um zusehen, ob er auch schon wach ist. Zu meiner Enttäuschung ist er das leider schon. In diesem Moment fährt er sich mit der rechten Hand durch das schwarze Haar, welches sich so sehr von meinem eigenen braunen unterscheidet. Das einzige Merkmal, in dem wir uns wirklich ähnlich sind, sind unsere strahlend grünen Augen, die für unsere Familie so typisch sind und auf die ich ziemlich stolz bin, da grün ja die seltenste Augenfarbe auf der Welt ist. "Guten Morgen, Ryder!", grüßte ich ein wenig provokant und springt mit einem verspielten Grinsen auf den rosafarbenen Lippen aus dem Bett. Er nimmt sich gar nicht die Zeit mich zu grüßen, sondern springt stattdessen ebenfalls auf und läuft zu seinem Schrank, um sich Kleidung zu schnappen. Zu seinem Nachtteil nimmt er sich dabei aber viel mehr Zeit als ich, wodurch ich die weißen Schranktüren einige Sekunden früher zuschlage und mit einem Stapel Kleidung im Arm auf den Flur hinaus renne. Als ich fast in der Mitte des langen Flures im zweiten Stock unseres Hauses angekommen bin, vernehme ich die lauten Schritte von Ryder hinter mir und lege noch einen Zahn zu. Er darf nicht wieder eher da sein, denn wenn er schneller ist, verliere ich viel zu viel Zeit, weil er fast eine halbe Stunde im Bad braucht, während ich nach fünfzehn Minuten fertig bin. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es sogar in zehn.

Mit einem hämischen Grinsen im Gesicht, werfe ich die Tür auf und schaue zu meinem Bruder, der gerade an der Tür ankommt, als ich schon hindurchgeschlüpft bin: "Vielleicht beim nächsten Mal, Kleiner!" Mit diesen Worten schlage ich die Tür zu und drehe den metallenen Schlüssel im Schloss herum. Von Ryder ist nur noch ein leises "Ich bin aber älter als du" zu hören. Das muss er mir leider immer wieder unter die Nase reiben, obwohl es nur elf Monate sind, die zwischen uns liegen. Sagen wir einfach meine Eltern waren ziemlich produktiv.

Schnell stelle ich mich vors Waschbecken und drehe mit mein der rechten Hand das Radio an. Schließlich hilft morgens nichts besser als ordentliche Musik und zwischendurch werden auch noch Nachrichten, was grundsätzlich nicht schlecht ist. Sofort ertönt der Beat von "Hypnotic" und automatisch beginne ich mich dazu zu bewegen, während ich mich Gesicht wasche und mir meine frische Kleidung anziehe. Gestern Abend habe ich zum Glück auf meine Wetterapp geschaut, weshalb ich nun genau weiß wie warm es heute werden soll. Leider bin ich ein Mensch, der nicht nach draußen geht, ohne zu wissen, wie warm es werden soll.

Da es heute relativ warm werden soll, habe ich mich für ein hellblaues T-Shirt entschieden, welches locker sitzt und etwas längere Ärmel hat. Es ist eines meiner Lieblinge. Dazu ziehe ich eine blaue Jeanshose an. Zum Glück habe ich momentan nicht meine Tage, sonst würde ich echt lieber eine Schwarze anziehen. Dann öffne ich eine kleine Schranktür und nehme eines meiner weißen Haargummis heraus und überlege erst meine langen braunen Haare zu einem Zopf zu binden, doch dann entscheide ich mich dagegen und schüttele mein Haar einmal locker durch. So wird es auch gehen. Mit dem Schminken halte ich mich ebenfalls nicht lange auf. So wichtig ist mir das nicht und ich weiß, dass Ryder wütend sein wird, wenn ich noch länger brauche, da es nun schon der zweite Song ist, was mir sagt, dass bereits sechs Minuten um sind. Ich zähle gerne in Songs. Schnell trage ich ein wenig Wimperntusche und pinkfarbenen Lipgloss auf. Ich hasse Mädchen, die komplett mit Schminke voll geklatscht in die Schule kommen. Das wirkt so billig. Zum Glück bin ich nicht die Einzige mit dieser Auffassung. Meine Freundin Morgan, mit der ich schon seit dem Kindergarten befreundet bin, stimmt mir in diesem und einigen anderen Punkten voll zu.

Als ich das moderne, aus schwarzen und weißen Steinen bestehende, Badezimmer wieder verlasse, steht Ryder immer noch vor der Tür und wirkt wütend: "Noch langsamer geht es echt nicht, oder?" Ich schaue auf die Uhr, die im Flur hängt: "Hey, das waren nur sieben Minuten. Du brauchst meistens fast viermal so lange." Er geht sich mit der rechten Hand erneut durch die Haare und sagt dann zwinkernd:"Ich muss ja auch gut aussehen, schließlich bin ich der einzige Beliebte in unser Familie." Ich verdrehe die Augen: "Jaja!" Zwar weiß ich, dass er es nicht ernst meint, aber trotzdem tut es weh. Damit wir nicht weiter darüber reden müssen, schiebe ich ihn ins Bad und schließe die Tür hinter ihm. Er weiß genau, dass ich mich freiwillig dazu entschieden habe nicht beliebt sein zu wollen. Das sorgt dafür, dass ich nicht nur auf mein Äußeres reduziert werde und mich auch auf die Schule konzentrieren kann. Schließlich ist das mein letztes Schuljahr und ich will einen guten Abschluss machen, um später meinen Traumjob machen zu können.

Schon seit ich fünf Jahre alt bin, ist es mein Traum Psychologin zu werden und habe bisher immer daran festgehalten. Leider muss ich dafür ein verdammt gutes Abitur machen und da habe ich keine Zeit habe mich ständig auf etwas anderes zu konzentrieren. Außerdem gefällt es mir so, wie ich mich anziehe und ich würde mich echt ungern für andere verändern.

Weiterhin etwas verletzt meinen Gedanken nachhängend, wandere ich zurück in mein Zimmer und packt meine Tasche für den heutigen Schultag. Heute habe ich einen ziemlich langen Schultag, weshalb der graue Rucksack ziemlich schwer ist, als ich ihn die Treppe hinuntertrage. Das gibt sicher eine ordentliche Verspannung! Am Treppenabsatz angekommen, schaue ich mich um. Dann laufe ich, mittlerweile wieder gut gelaunt, in die Küche, die genau ans Wohnzimmer angrenzt. Beide Räume wurden nicht mal von einer Wand getrennt. Stattdessen kann man vom Waschbecken in der Küche direkt auf den Fernseher schauen, was ziemlich praktisch sein kann.

Der wunderbare Geruch von frisch gebackenen Brötchen steigt mir in die Nase und ich folge dem Weg, den mir meine Nase vorgibt. Vor dem Ofen steht meine Mom und am Tisch sitzt meine kleine Schwester Alyssa. Und wenn ich kleiner sage, meine ich es auch so. Schließlich geht sie noch in die Grundschule, was wahrscheinlich auch besser ist, da ich garantiert nicht mit zwei Geschwistern auf eine Schule gehen will. Mit meinen Bruder auf eine Schule zu gehen ist schon anstrengend genug, obwohl er die meiste Zeit über ziemlich cool ist.

"Guten Morgen", grüße ich meine Familie und wuschele meiner Schwester durchs Haar, welche mich glücklich angrinst, wobei ihre große Zahnlücke zum Vorschein kommt. Sie hat zu mir genauso wenig Ähnlichkeit wie zu Ryder. Ihr schulterlanges blondes Haar fällt offen über ihre Schultern. Zwei Strähnen hat sie mit pinkfarbenen Haarklammern an ihrem Kopf festgeklemmt. Damit sieht sie echt süß aus. Eine Sache hat sie aber wenigstens von mir geerbt. Sie ist verdammt klug und macht unsere Eltern immer wieder total stolz. Auch Mom begrüßt mich fröhlich und reicht mir ein, mit Ei und Salat belegtes, Brötchen. Dankbar nehme ich es entgegen: "Danke Mom!" Es dauert sowieso noch ein bisschen länger, bis mein Bruder fertig ist, also habe ich sicher Zeit noch etwas zu essen, bevor wir losmüssen. Mein Handy ziehe ich unterdessen aus der Hosentasche und checke meine Nachrichten.

Als Ryder endlich die Treppe nach unten gesprintet kommt, ist es bereits ziemlich spät und wir müssen uns echt beeilen. Ich tippe nur auf meine Uhr, während meine Mutter ihn ermahnt: "Wir ja mal Zeit, Ryder. Mach beim nächsten Mal nicht so lange." Alyssa und ich springen gleichzeitig von unseren Stühlen auf, um sich unsere Schuhe und Jacken zu holen, während Mom sich die Autoschlüssel schnappt. Dann springen wir ins Auto und meine Mutter startet den Motor. Schließlich wollen wir nicht zu spät kommen.

Auf dem Weg lassen wir noch kurz Alyssa an ihrer Schule raus und fahren dann weiter unsere Schule der "Delaware High School", die jeder Teenager in unserer Kleinstadt besucht. Gerade als ich aussteigen will, hält meine Mom mich am Handgelenk fest: "Katy?" "Ja?", frage ich überrascht. Es sieht ihr nicht ähnlich mich aufzuhalten, wenn wir bereits spät dran sind. „Könntest du heute nach der Schule vielleicht Alyssa von Marissa abholen?", bittet sie mich: "Ich muss nämlich heute etwas länger arbeiten und dein Dad hat ja sowieso erst ganz spät Feierabend." "Natürlich", lächele ich. Ich hatte zwar nicht gewusst, dass meine Schwester sich wieder mit ihrer besten Freundin Marissa vertragen hat, nachdem sie einen riesigen Streit gehabt hatten, aber das ist wahrscheinlich auch nicht so wichtig. Sie vertragen sich sowieso immer wieder nach spätestens einer Woche und mittlerweile Blicke ich echt nicht mehr durch.

Nachdem meine Mom sich mit einer Umarmung von mir verabschiedet hat, schließe ich die Tür hinter mir und warte noch kurz, bis Mom das Auto wieder gestartet und sich auf zur Arbeit gemacht hat. Dann wandert mein Blick weiter zum riesigen Schulgebäude vor mir und ein beklemmendes Gefühl überkommt mich.

Als es zur Mittagspause klingelt, beende ich noch den Satz, den ich gerade geschrieben habe, und beginne dann langsam meine Sachen zusammen zu packen, während alle um mich herum beim Klang des Geräusches aufspringen und in die Cafeteria hetzen. Sobald ich all meine Sachen ordentlich eingesammelt habe, mache auch ich mich gemächlich auf in die Cafeteria. Auf dem Weg dorthin, mache ich aber noch einen kurzen Halt an meinem Spind, um meine Bücher zu verstauen und mein Geld zu holen. Erst als mir der Geruch des Essens in der Mensa in die Nase steigt, merke ich, wie hungrig ich bin. Schnell stelle ich mich in die Schlange an und fange an darauf zu warten, dass ich dran bin.

Nach kurzer Zeit stellt sich ein Mitschüler hinter mich und fragt dämlich: "Ist das hier das Ende der Schlange?" Was ist das denn für eine Frage? Sieht er etwas irgendwo anders noch eine Reihe von Menschen irgendwo warten: "Nein, wir alle verkehrt herum. Du bist dran!" Leider fällt er darauf rein, da er einer der Menschen ist, der alles glaubt, was man sagt, um selbst nicht denken zu müssen. Das weiß jeder hier in der Schule! "Okay, danke", erwidert er und läuft einfach an mir vorbei zur Theke, wo das Essen ausgeteilt wird. Ich schlage mir eine Hand vor die Stirn. War ja klar! Logisch denkende Menschen sind so selten. Trotzdem folge ich ihm in meinem Blick, um die Reaktionen der anderen gut sehen zu können. Diese folgen sofort. Einige der Leute in der Schlange beginnen ihn leicht zu boxen, während andere ihm wüste Beschimpfungen an den Kopf werfen, was ich ziemlich heftig finde. Nun fühle ich mich doch schuldig, weil ich ihn auf die falsche Spur gelenkt habe. Ich wusste ja, dass er nicht unbedingt der Klügste ist.

Nervös beginne ich auf meiner Lippe herumzukauen und will gerade einschreiten, da tippt mir jemand auf die Schulter, wodurch ich erschrocken herumfahre und die Person hinter mir überrascht anblicke. Dann ändert sich mein Blick jedoch, da ich erkenne, wer mich da angetippt hat. Es ist mein unorganisierter Bruder Ryder. Wieso unorganisiert? Na ja, ich wette, dass er schon wieder sein Geld vergessen hat, weil er so lange gebraucht hat, um sich fertig zu machen. Jedenfalls ist es schon manchmal so und dann fragt er mich in der Mittagspause immer, ob er sich von mir etwas leihen kann. Weit voraus ahnend, ziehe ich einen 5 Dollar Schein aus meiner Hosentasche und halte ihn vor Ryders Nase. Dieser will sofort danach greifen, doch ich ziehe ihn schnell weg und verlange: "Hey, du bekommst mein Geld nur, wenn du versprichst morgen früh darauf zu achten, dass du selbst welches mitnimmst. Ich kann dir nicht ständig was leihen." Er legt eine Hand an seine Brust und hebt die andere zum Schwur: "Ich verspreche, dass ich morgen darauf achten werde." Das bringt mich wieder zum Lachen und ich stecke ihm das Geld in die Tasche: "Gut, hier hast du es." "Danke, Sis", erwidert er fröhlich und stellt sich hinter mir an. Egal wie oft wir miteinander streiten, ist es schön einen Bruder zu haben und ich würde ihn niemals eintauschen.

Als ich endlich daran bin, lächele ich die schwarzhaarige, etwas dickliche Cafeteriafrau freundlich an, doch sie blafft nur:"Spaghetti oder Fischstäbchen?" Ich will sie grüßen, doch sie fragt erneut, woraufhin ich antworte:"Spaghetti!" Die Frau greift nach ihrer riesigen Suppenkelle und einer riesigen Zange. Mit der Zange greift sie mehrmals in einen Topf mit Nudeln und zieht einige Spaghetti heraus. Diese klatscht sie auf meinen Teller. Darauf folgt dann auch sofort die rote Soße, die irgendwie ziemlich merkwürdig und so gar nicht wie Tomatensoße aussieht. Ohne einen weiteren Kommentar nehme ich den Teller und lege das Geld genau passend auf den Tresen.

Mit meinem blauen Tablett in der Hand, steuere ich auf einen Getränkeautomaten zu und krame umständlich ein Zweieurostück aus meiner Tasche. Umständlich versuche ich mit einem angestrengten Blick im Gesicht versuche ich mein Tablett irgendwie auf meinem Oberarm zu positionieren und mit beiden Händen die Knöpfe des Automaten zu drücken, was leider total schief geht. Zwar schaffe ich es die Münze hineinzuschieben, doch die Tasten kann ich nicht mehr drücken, bevor das Tablett vom meinem Arm fällt. Doch es landet nicht, wie erwartet, auf dem dreckigen Cafeteriaboden, sondern in den Händen einer anderen Person. Verwirrt hebe ich den Kopf und blicke zu meinem Retter: "Oh Gott, danke Kyle. Wie kann es sein, dass du mich immer wieder rettest?" Auf seinen Lippen entsteht ein freundliches Lächeln, welches in mir einen Schauer der Freude verursacht. Ich liebe dieses Lächeln. Es ist so typisch für meinen Freund und total ehrlich. Um ihm das Tablett möglichst schneller wieder abnehmen zu können, drücke ich auf den Knopf für grünen Tee, nachdem ich einen Becher unter die Düse, aus der das heiße Getränk strömt, gestellt habe. Dann nehme ich es ihm endlich ab und packe den, nun vollen, Becher darauf. "Kommst du mir nach draußen?", frage ich, dann ein wenig gestresst von all den Sachen, mit denen ich gerade balanciere und laufe, mit ihm im Schlepptau, über die Flure nach draußen, ohne seine Antwort überhaupt abzuwarten. Ich bin mehr als froh darüber, dass er mir einfach hinterherläuft, ohne dass ich ihn lange darum bitten muss. Mit dem Fuß stoße ich die großen Türen auf und nehme dann, sobald ich draußen bin, einen kräftigen Atemzug. Ich liebe den Sommer. Einige der grünen Blätter segeln von den Bäumen hinunter und landen auf den grauen Steinen. All das Grüne um mich herum erweckt die Energie in mir und sorgt dafür, dass ich sofort den Drang verspüre mich irgendwohin zu setzen und nicht mehr rein zu gehen. Selbstsicher laufe ich auf den Tisch zu, an dem wir in jeder Pause sitzen. Mittlerweile setzt sich kein anderer mehr dahin, weil er weiß, dass es unser Tisch und die meisten Leute wollen sich mit mir keinen Tisch teilen, also hat sich die Möglichkeit für so gut wie alle bereits erledigt. Die meisten wissen aber auch nicht, dass es mich überhaupt gibt, obwohl ich schon seit sechs Jahren mit ihnen in den gleichen Kurs gehe. Gleichzeitig stellen Kyle und ich das Tablett auf der blauen Tischplatte ab und setzen uns. Zwar sind es nur billige Tisch, aber sitzen kann man daran trotzdem. "Wie war die Spanischstunde?", fragt mich Kyle interessiert, als ich mir gerade einige Spaghetti in den Mund schieben will. "Ganz gut", erwidere ich kauend. Zum Glück kann ich das auch ohne, dass zu schmatzen und allen ganz deutlich zu zeigen, was ich esse. Das ist nämlich ziemlich widerlich und mir wird immer schlecht, wenn ich den Leuten dabei zusehen muss, wie sie ihr Essen außerhalb ihres Mundes laut schmatzend verspeisen.

Morgan höre ich schon von weitem, als sie, mit ihrem Rucksack über der Schulter, herbeigelaufen kommt. Als ich sie ansehe, weiß ich genau, wieso sie sich so sehr beeilt. "Hast du etwa die sechste Stunde geschwänzt?", frage ich vorwurfsvoll. Sie weicht meiner Frage einfach aus: "Solltest du nicht lieber deinen Tee trinken? Sonst dehydrierst du." Ich verdrehe die Augen, freue mich aber trotzdem darüber, dass sie mir wenigstens zuhört. Schließlich sage ich oft genug, dass ich süchtig nach grünem Tee bin und dass mein Körper zu sechzig Prozent aus Wasser und zu vierzig Prozent aus grünem Tee. Es ist fast schon sowas wie eine Sucht. Ich bleibe jedoch beharrlich: "Versuch nicht vom Thema abzulenken. Du hast geschwänzt, oder?"

Doch sie antwortet auch dieses Mal nicht, sondern deutet nur auf etwas am Eingang der Schule. Überrascht folgen Kyle und ich ihrem Blick. Sofort entflieht ein genervtes Stöhnen meiner Kehle, welches meine momentane Gefühlswelt perfekt beschreibt.

Dort steht niemand geringeres als Ashley Walsh. Ihr langes blondes Haar fällt ihr in Wellen über die Schultern und in ihren hautengen Sachen zieht sie die Blicke von fast allen auf sich. Glücklicherweise gehörte ich normalerweise zu den Wenigen, die ihren Blick abwenden und weiter essen können, doch heute ist es anders. Dieses Mal ist ihr Cameron Ross, ihr fester Freund, auf den Fersen, was auch nichts Ungewöhnliches ist. Das Einzige ungewöhnlich ist, dass Cameron mehrere Briefumschläge in der Hand hält, die er sofort an alle zu verteilen beginnt. Es wundert mich, dass er das tatsächlich tut. Er ist der beliebteste Junge an der Schule und nebenbei noch Footballspieler. Fast könnte er einer dieser typischen Bad Boys aus den Büchern sein, die alle Teenager so gerne lesen. Sein blondes, strubbliges Haar fällt ihm in die Stirn und sicher würde einige Leute verdammt viel dafür geben ihm hindurch zu fahren. Aus dem Augenwinkel sehe ich bereits die ganzen Mädchen, die sich nach ihm verzehren und ihren Blick von ihm nicht abwenden können. Langsam gehen Cameron und Ashley alle Tisch ab und reichen jedem, hier draußen sitzenden, Schüler einen Briefumschlag.

Bei unserem Tisch bleibt Ashley stehen und schaut uns argwöhnisch an. Ich fühle mich fast wie in einem Zoo, in dem ich das Tier und sie die Besucherin ist. Unsere Blicke treffen sich und ich beginne die Zähne aufeinander zu pressen. Kann sie bitte einfach woanders hingucken? "Ist was?", fragt Morgan an meiner Stelle und spricht damit genau das aus, was ich gerade gedacht habe. Als sie jedoch nicht antwortet, haben Kyle, Morgan und ich einfach nur unsere Augenbrauen. Meine Finger schließen sich um den, mit Tee gefüllten, Pappbecher und ich beginne weiter zu trinken. Das Schweigen geht einfach so weiter, bis Cameron ebenfalls an unseren Tisch kommt und seinen Arm um seine Freundin legt: "Komm schon Baby, gib ihnen die Einladungen!" Mit einem genervten Seufzen nimmt sie zwei Einladungen und schleudert sie vor Morgan und Kyle auf den Tisch. Diese schauen das Paar überrascht an. Dass ich keine Einladung bekomme, war zwar schon klar, aber trotzdem verletzt es mich zu ein wenig. Man konnte es aber voraussehen, wenn man die Vergangenheit von Cameron und mir kennt.

Schon seit unserer Geburt sind wir Nachbarn und haben uns in den ersten Jahren auch ziemlich gut verstanden, aber etwas im Alter von zehn Jahren, kam Ashley in unsere Klasse und von da an veränderte sich alles. Er begann nur noch mit ihr befreundet sein zu wollen und dafür zu tun, was immer sie wollte, egal wie sehr er mich damit verletzte. In der Middle School ging es dann mit dem wirklichen Mobbing los und in der High School hat er kein Wort mehr mit mir gewechselt, was mehr oder weniger schade ist.

Ermahnend stößt Cameron Ashley leicht in die Rippen, woraufhin sie zu meiner Überraschung, ebenfalls einen Umschlag vor mich hin legt, was sie aber nicht schafft, ohne ihre Nase zu rümpfen, als sie unsere Blicke treffen. Meine Augenbrauen wandern fragend in die Höhe und auf meiner Stirn entstehen Falten. Verwunderung macht sich in mir breit: "Was ist das?" "Das sind Einladungen zur Party, die ich zu meinem achtzehnten Geburtstag feiere. Die ganze Schule ist eingeladen", erklärt er sofort, als er meinen Blick bemerkt. Genervt verdrehe ich die Augen. Das wird er so oder so wieder als Chance nutzen, um mich vor allen bloß zu stellen, was ich echt nicht brauche, weshalb ich die Einladung in die Hand nehme und in den Müll, der sich nur wenige Meter von uns entfernt befindet, werfe. Gerade als ich jedoch zum Wurf ausholen will, greift Morgan nach meinem Arm und hält mich auf: "Warte kurz, Katy. Sicher, dass du nicht doch hingehen willst. Das würde sicher lustig werden." "Nein", erwidere ich einfach sofort. Mein Entschluss, der eigentlich total feststand, gerät jedoch ins Wanken, als ich Cameron enttäuschten und auch ein wenig betrübten Blick sehe. Er wirkt als würde ihn mit meiner Aktion aus irgendeinem Grund verletzt haben. "Überleg es dir doch wenigstens", bettelt Morgan: "Du weißt, dass ich nicht gerne allein auf Partys gehe." Nun doch grinsend, verdrehe ich die Augen: "Na gut, ich überlege es mir, aber ich kann nichts versprechen." Nicht nur Morgan, sondern auch Cameron, strahlt vor sich hin. Mein Magen zieht sich jedoch bei dem Gedanken an die Party unangenehm zusammen und am liebsten würde ich sofort weglaufen.

Als die Schule endlich zu Ende ist, werde ich von der Flut aus Schülern durch die Gänge der Schule zur Tür hinausgerissen. Die ganz vorne stoßen die Türen auf und führen den Strom weiter nach draußen. Von dort aus teilen sich alle auf und verschwinden in verschiedene Richtungen. Die meisten von ihnen betreten einfach den großen, gelben Bus, um, so schnell es geht, in eine der Vorstädte zu gelangen. Ich hingegen überquere den weißen Zebrastreifen und mache mich auf den Weg zu Marissa, Alyssas bester Freundin, weil ich meine Schwester dort abholen soll. Mein Blick wandert über die Straße hinweg und beobachte alle Details. Ich bin ein Mensch, der automatisch immer ganz genau auf seine Umgebung achtet und fast alle Details bemerkt. Das saftige grüne Gras zwischen den eng angelegten Steinen auf der Straße, bemerke ich sofort und auch die Kaugummireste auf dem grünen Stein fällt mir auf und erst recht die grünen, von den Bäumen segelnden, Blätter sehe ich sofort. Viele Menschen leben einfach schon zu lange hier, um zu sehen, wie schön unsere Kleinstadt ist. Bei mir war es nie so. Ich habe immer versucht den Blick für die schönen, kleinen Dinge im Leben zu behalten und bekomme es auch ziemlich gut hin, wenn ich gerade nicht im Stress bin, den mein Abi momentan verursacht. Vollkommen in Gedanken versuchen, höre ich erst beim zweiten Teil die Stimme der Person, die meinen Namen laut über die ganze Straße schreit: "Hey Katy, warte auf mich!" Ich fahre überrascht herum und suche mit dem Blick nach der Person, die mich gerade gerufen hat. Als sie auf mich zugelaufen kommt, erkenne ich, wer mich da gerufen hat. Es ist meine beste Freundin Morgan, die heute mit ziemlicher Sicherheit geschwänzt hat, es aber nicht zugeben will. Sofort bleibe ich stehen und warte auf sie. Neben mir angekommen fragt sie: "Wohin gehst du? Das ist nicht der Weg zu dir nach Hause." "Ja, ich weiß, aber Mom hat mich darum gebeten Alyssa von einer Freundin abzuholen." "Ach so, okay. Kann ich mitkommen?", fragt sie interessiert. Ich nicke glücklich. Immer wieder bin ich froh darüber, dass wir befreundet sind und es nie wirklich komisch zwischen uns wird. "Sicher", erwidere ich und krame in meinen Taschen nach etwas Essbarem, bis ich fündig werde:"Schokoriegel?" Sie nickt und nimmt den Riegel an, den ich ihr hingehalten habe: "Klar gerne. Bei welcher Freundin ist deine Schwester?" "Marissa", erwidere ich. Sofort verdreht die Schwarzhaarige ihre nussbraunen Augen und stöhnt genervt auf. "Was findet sie nur an der?", fragt Morgan genervt und öffnet das Papier des Riegels, bevor sie hineinbeißt. "Keine Ahnung. Frag sie doch." Sie bricht in Gelächter aus:"Ne, lieber nicht." Lachend öffne ich dann auch meine eigene Schokolade und beiße hinein. Langsam beginne ich auf der bitteren Masse herumzukauen und genieße den Geschmack, bis Morgan eher auf ein eher ungutes Thema zurückkommt: "Gehst du jetzt eigentlich zur Party, oder nicht?" "Ich werde es mir überlegen", antworte ich sofort und schaue auf den Boden, damit sie nicht weiter fragt, doch scheinbar versteht sie den Wink nicht. "Gehst du heute mir shoppen. Wir brauchen neue Kleider", erwidert sie deshalb gut gelaunt und legt mir einen Arm um die Schultern. "Ich habe nicht gesagt, dass ich auf die Party gehe", beteure ich erneut. "Ich weiß, aber mit zum Shoppen kommst du trotzdem, oder?" "Natürlich", erwidere ich grinsend und lege den Kopf zur Seite: "Das tue ich doch immer." Als ich die Worte jedoch ausspreche, verspüre ich ein unangenehmes Ziehen im Magen. Das was ich gesagt habe, habe ich nämlich nicht wirklich so gemeint und stattdessen keine große Lust habe shoppen zu gehen, schließlich weiß ich, dass Morgan nicht locker lassen wird, bis ich ja gesagt habe. In diesem Moment kommen wir an Marissas Haus an und Morgan lässt endlich locker, als ich mit meinem Finger sanft auf den Klingelknopf drücke. Innerlich ist mir jedoch bewusst, dass sie mich trotzdem nicht in Ruhe lassen wird, bis ich zustimme mit ihr zu kommen. Das hier ist nur die Ruhe vor dem Sturm!

Als es am Samstagmorgen an unserer Haustür klingelt, stehe ich langsam auf und gehe zur Quelle des Geräusches, um die Tür öffnen zu können. Wer klingelt zu so einer frühen Stunde bei mir? Es ist ja nicht mal neun Uhr morgens und ich stehe echt ungern um diese Uhrzeit auf. Der einzige Grund warum ich jetzt wach bin, ist das Ryder mich am Morgen lautstark geweckt hat. Zum Glück bin ich angezogen, da es echt peinlich wäre in dem Giraffen Onesie, den ich bis vorhin noch getragen habe, zur Tür zu gehen. Stattdessen trage ich ein weißes Sommerkleid und habe meine Haare mit einem weißen Haargummi zu einem Pferdeschwanz gebunden, der mein Gesicht irgendwie schmaler wirken lässt. Unsicher drehe ich den Türgriff herum und reiße die Tür auf.

Dort, vor meiner Tür, steht Morgan mit einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen: "Guten Morgen, Katy." Ich reibe mir kurz die Augen, bis diese sich an das gleißende Sonnenlicht gewöhnt haben. "Was machst du hier?", frage ich leise und blinzele mehrmals. "Ich hole dich ab, um mit dir shoppen zu gehen. Was sonst?", fragt sie verwirrt. Ein ernüchtertes Stöhnen entflieht meiner Kehle: "Oh Gott, wieso willst du so früh am Morgen Kleidung kaufen gehen?" "Erstens kannst du neun Uhr nicht froh nennen und zweitens sind die Läden morgens viel leerer, wodurch die Schlangen nicht zu lang und die besten Sachen nicht vergriffen sind", ein begeisterter Gesichtsausdruck erscheint auf ihrem Gesicht. Da ich weiß, dass sie nicht locker lassen wird, greife ich nach meinem Haustürschlüssel, der rechts neben mir am Schlüsselbrett hängt und streife meine Jacke über, damit ich nicht friere. Dann husche ich für eine Sekunde wieder komplett ins Haus, um nach meinem Handy und meinem Portmonee zu suchen und es dann einzustecken. Als ich dann auch meine weißen Ballerinas angezogen habe, husche ich nach draußen und schließe die Tür hinter mir ab: "Also ich bin fertig!" Meine Freundin beginnt wie wild zu grinsen und mit ihrer Freude steckt sie auch mich an. Energiegeladen streckt sie ihre Hand nach mir aus und ich lege meine eigenen in ihre. Der Wind bläst sanft und wirbelt die losen Strähnen, die sich aus meinem Zopf gelöst haben, durcheinander. Gemeinsam steigen wir in Morgans Auto. Während sie den Motor startet, ziehe ich mein Handy wieder aus der Tasche und tippe eine schnelle Nachricht an meine Mutter, die erklärt, wo ich bin, da ich weiß, dass meine Eltern noch nicht aufgestanden sind, was ich durchaus verstehen kann. Wieso muss Morgan nur so eine Frühaufsteherin sein, wenn am Morgen eine Shoppingtour ansteht. Ich wünschte, sie wäre auch mal so pünktlich, wenn sie am Morgen zur Schule muss. Sonst ist sie nämlich weder pünktlich noch eine Frühaufsteherin.

In der riesigen, dreistöckigen Mall, die so gar nicht in die kleine Stadt passt, schaue ich mich um und checke nochmal meine Nachrichten, um nachzusehen, ob Mom schon gesehen hat, was ich geschrieben habe. "Was wollen wir uns zuerst schnappen?", fragt sie ehrgeizig und reibt die Hände aneinander. Wenn Shopping eine olympische Disziplin wäre, würde sie ganz klar den ersten Platz belegen. Das kann mir jeder bestätigen, der mit ihr wenigstens in den Supermarkt gegangen ist. Immer wenn sie einen Laden betritt, in dem man was kaufen kann, ist sie wie hypnotisiert und gar nicht mehr das Mädchen, welches man sonst kennt. "Ich denke, zuerst sollten wir für dich ein Kleid besorgen", rate ich ihr an, da ich genau weiß, dass es das ist, was sie hören will. Um das zu wissen, muss man mindestens dreimal mit ihr shoppen gewesen sein. Erst holt sie sich immer ein Kleid oder auch ein Oberteil mit einem Rock oder einer Hose. Dann geht es weiter zu den Schuhen, damit sie auch ja zu Kleid passen und das letzte, was sie will, ist dann vielleicht noch eine Tasche. Aber die kauft sie nur manchmal. "Stimmt, du kennst mich so gut", erkennt sie an und zieht mich mit sich in den ersten Kleidungsladen, den sie finden kann.

Dort angekommen sucht sie sich zahlreiche Kleider heraus, die sie mir alle reicht, damit ich sie für sie trage. Komplett beladen wandern wir dann weiter zu einer Umkleidekabine, woraufhin sie mir die Kleider abnimmt, nachdem wir angekommen sind, und sich hinter dem Vorhang versteckt. Einige Zentimeter entfernt setze ich mich auf einen Stuhl, der extra für die Kunden hingestellt wurde, und warte auf ihn. Mehrmals kommt sie nach draußen, um mir das Kleid zu zeigen und sich meine Meinung einzuholen. Als sie nach einer langen "Anprobier-Saison" wieder in ihrer normalen Kleidung aus der Umkleide hinaustritt und mich forschend ansieht:"Okay, ich glaube, dass ich jetzt vier und fünfzehn wirklich nehme." "Das ist eine gute Nachricht", erwidere ich augenzwinkernd und werfe einen Blick in die Kabine: "Welche denn?" Sie zeigt mir zwei schwarze, ein schwarz-weiß gestreiftes und ein weißes Kleid hervor. "Jetzt suchen wir was für dich raus", erwidert sie grinsend und schaut sich um: "In Schwarz siehst du sicher super aus." Ich verdrehe die Augen, da ich wenig Lust darauf habe ebenfalls etwas anzuprobieren. Mit Sicherheit werde ich sowieso nicht hingehen, aber das kann ich ihr nicht sagen, sonst wird sie nur mit mir diskutieren und jetzt habe ich darauf echt wenig Lust: "Muss das sein?" "Ja, muss es", sie geht zu einer Kleiderstange und zieht ein schwarzes Kleid hervor, welches sie mir reicht:"Probier das hier an!"Genervt schaue ich mich nach einer Ausrede um, um es nicht anprobieren zu müssen, doch der Versuch schlägt fehl. Als ich jedoch nichts finde, nehme ich dir das Kleidungsstück aus der Hand. Damit verschwinde ich dann in eine der freien Kabinen.

Langsam ziehe ich das Kleid, welches ich gerade noch getragen habe, über den Kopf und falte es auf dem kleinen Schemel, aus hellem Holz, zusammen. Für einen kurzen Moment mustere ich mich in einem der drei Spiegel. Eigentlich bin ich nicht hässlich, aber ich versuche nicht mich perfekt in Szene zu setzen und stehe nicht lange vor dem Spiegel, um andere glücklich zu machen. Lieber bin ich selbst glücklich und fühle mich wohl, was, wenn ich genauer darüber nachdenke, ein ziemlich selbstsüchtiger Gedanke ist, aber ich habe mich eben noch nie für andere verstellt. Nicht einmal für die Liebe wie viele es tun. Stattdessen setze ich mehr Wert auf Intelligenz und Wissen, als auf teure Kleidung und Beliebtheit. Trotzdem gehe ich hin öfters mit Morgan in die Mall, wenn sie mich darum bittet. Als Morgan mich bereits zu fragen beginnt, warum das alles so lange dauert, öffne ich den Reißverschluss des schwarzen Kleides und schlüpfe hinein. Fast wirkt es, als könnte Morgan in die Zukunft schauen, als sie genau im richtigen Moment den Vorhang zur Seite schiebt und mir ein Paar schwarze High Heels in die Hand drückt: "Die passen perfekt zu dem Kleid. Würdest du sie mal anprobieren? Für mich?" Ich komme ihrer Bitte nach und ersetze meine weißen Ballerinas durch die Heels, welche tatsächlich sehr gut zum Kleid passen. Mit einer sanften Handbewegung zieht sie dann, ohne meinen Protest zu beachten, das Haargummi aus meinen Haaren, woraufhin sich meine hellbraune Mähne über meine Schulter ergießt. "Wow, du siehst einfach perfekt aus", gibt sie nach einer kurzen Überlegung zu und verschwindet dann zurück in ihre Kabine. Über die Wand hinweg ruft sie: "Kauf es." "Was?" "Das Kleid! Kaufe es. Es passt dir wie angegossen."

Als wir nach einer gefühlten Stunde endlich unsere Einkäufe bezahlt haben, steigen wir zurück in ihr Auto und schaue auf mein Handy und hoffe, dass sie nicht wieder mit der Party anfängt. Meine Hoffnungen werden sofort enttäuscht. "Also gehst du jetzt hin?" "Wohin?", frage ich scheinheilig. Um zu wissen, dass sie gerade den Kopf schief legt und mich prüfend anblickt, weiß ich auch ohne sie ansehen zu müssen: "Du weißt genau wohin." "Stimmt", gebe ich zu: "Und ich habe meine Meinung nach wie vor nicht geändert. Ich werde es mir überlegen!" "Wenn du sagst, dass du es dir überlegst und so lange daran fest hältst, heißt das immer "Nein" und das wissen wir beide nur zu gut", sie wirkt beleidigt, als ich den Kopf hebe und sie anblicke. "Stimmt nicht", sage ich, denke dabei aber "Ja, stimmt, aber das würde ich nie zugeben". Sie verdreht nur die Augen. Um nicht weiter diskutieren zu müssen, was ich heute schon ausreichend getan habe, schaue ich konsequent aus dem Fenster und versuche meine Gedanken zu ordnen. Das war ein merkwürdiger Tag und er wird noch merkwürdiger werden, wenn ich mich doch dazu entscheiden sollte zur Party zu gehen. Leider ist dieser einer der Tage, an denen ich unentschlossener bin als sonst.

Unsicher betrachte ich mich im Spiegel. Das Schwarz passt ausgesprochen gut zu meinen hellbraunen Haaren, doch trotzdem fühle ich mich nicht sonderlich wohl hier. Es passt einfach nicht richtig zu mir, sondern ist eher etwas für Morgan. Meine Haare fallen offen über meine Schulter so wie Morgan es mir geraten hat und auch die hohen Schuhe, in denen ich gerade noch so laufen kann, habe ich angezogen, doch wirklich ich selbst bin ich darin nicht. Diese Unschlüssigkeit, die ich schon den ganzen Tag eine große Last für mich und hat mich noch nicht losgelassen. In meinem Zimmer ist es kalt. Ich habe wohl vergessen die Heizung aufzudrehen, was ich nun ziemlich bereue. Vielleicht sollte ich mich einfach im Schlafanzug aufs Sofa setzen und mir einen Film ansehen. So könnte ich all diese unangenehmen Sachen, die mich vielleicht erwarten, wenn ich zur Party gehe, einfach umgehen.

Mit einem lauten Geräusch fliegt die Tür auf und ich zucke zusammen. Mein Blick fliegt zur Tür und ich blicke den Eindringling unsicher an: "Kannst du beim nächsten Mal bitte klopfen, bevor du ins Zimmer stürmst?" "Nein, das ist schließlich auch mein Zimmer", erwidert er: "Ich kann rein kommen, wann ich will. Schließlich ist das auch mein Zimmer", merkt mein Bruder an und mustert mich dann kurz: "Du gehst also zur Party?" Ich verdrehe die Augen. Wieso denkt jeder das sofort? "Nein, wahrscheinlich nicht", erwidere ich und laufe, leicht wankend, weiter zu meinem Bett, wo ich mich einfach drauf fallen lasse. "Wahrscheinlich?", fragt er genauer nach und lässt sich neben mich aufs Bett fallen. "Ich habe mich noch nicht entschieden", gebe ich kleinlaut zu. Er legt seinen Arm um meine Schulter und zieht mich grinsend an sich: "Bitte komm mit. Morgan, Kyle und ich würden uns freuen und Cameron hätte dich sicher nicht eingeladen, wenn du unerwünscht wärst. Du hast doch eine Einladung, oder?" Vorwurfsvoll lege ich den Kopf schief: "Natürlich, habe ich eine." Um mir nicht noch die Füße zu brechen, ziehe ich schnell die Schuhe aus und laufe barfuß zu unserem hellen Schreibtisch, auf dem ich die Einladung abgelegt habe.

Ich reiche ihm das Papier und er beginnt es zu lesen: "Genau das habe ich auch bekommen." Da bin ich ja froh. Dann wurde ich wenigstens schonmal nicht verarscht. "Du gehst hin, oder?", fragt ich interessiert und lege den Kopf ein wenig schief. "Natürlich. Ryder und ich sind Freunde und Team Kollegen, als ich es sowas wie meine Pflicht hinzugehen, oder?", merkt er an und reicht mir die Einladung wieder. Nachdenklich nehme ich ihn entgegen: "Ja, wahrscheinlich schon. Schließlich würde ich das ja auch für Morgan oder Kyle tun." "Die beiden gehen auch hin, oder?", er lässt sich in mein Bett sinken. "Kyle hat mir vorhin eine Nachricht geschickt, in der er schreibt, dass er kommt, Morgan hat momentan kein anderes Thema", erkläre ich grinsend und setze mich wieder neben ihn. "Perfekt, dann lass uns eine Vereinbarung treffen", ich bin überrascht von der Energie, die in seinen Worten mitschwingt. Fragend lege ich den Kopf schief:"Was meinst du?" "Komm für eine Stunde mit nach drüben auf die Party", erklärt er. Ich überlege kurz. Wenn ich zustimme, hätte ich vielleicht eine schöne Zeit mit meinen Freunden oder alles läuft schief und ich werde total gedemütigt. Trotzdem ist die Vorstellung viel zu verlockend und ein ungewohnter Übermut steigt in meinem Innersten auf, den ich nicht abschütteln kann. "Einverstanden", ich verschränke die Arme nachdenklich vor der Brust: "Aber nach einer Stunde darf ich wieder gehen, wenn ich will." Er streckt mir seine Hand zum Schwur hin: "Einverstanden!"

Grinsend reicht er mir mein Paar Schuhe und ich zwänge schnell meine Füße hinein. Dann streckt er mir seinen Arm entgegen, in dem ich mich einharke und von ihm die Treppe hinuntergeführt werde, um nicht zu fallen. Unten angekommen legt er mir eine Jacke über die Schulter und geleitet mich dann durch die Kälte hindurch zum Haus meines Nachbarn Cameron. Doch obwohl ich diese Entscheidung getroffen habe, bin ich mir doch nicht sicher, ob es die Richtige war. Stattdessen hat sich in meinem Kopf eine leise Stimme eingenistet, die mir sagt, dass dieser Abend mich enttäuschen wird.

Die Tür wird aufgerissen und ein Mädchen mit schwarzem Haar, mehr als knapper Kleidung und roten Augen. Hat sie etwa gekifft? Wenn hier Drogen im Spiel sind, bin ich sofort wieder weg und verbringe meine Zeit lieber mit cleanen Leuten. "Hallo, können wir rein kommen?", frage ich und reiche ihr meine Einladung. Schalend lachend reißt sie die Tür auf und hält uns einen Stempel hin. Ich blicke stirnrunzelnd zu Ryder herüber, welcher dem Mädchen meine Hand hinhält, woraufhin sie den hölzernen Stempel feste auf meinen Handrücken aufdrückt. Ein schwarzer Abdruck in der Form eines Wolfskopfes bleibt zurück. Am liebsten hätte ich gefragt, warum man mir ausgerechnet den Kopf eines Wolfes auf die Hand druckt, aber vorher zieht mich Ryder mit sich ins Haus hinein. Als wir drinnen sind, nimmt er mir, fast wie ein richtiger Gentleman, meine Jacke ab. "Wehe du kiffst", zische ich meinem Bruder zu. Er sieht mich misstrauisch an: "Denkst du wirklich, dass ich das tun würde?" "Ja, wir beide wissen wie gerne du neue Sachen ausprobierst", stichele ich leicht. "Na gut, ich verspreche, dass ich keinerlei Drogen anrühren werde. Egal in welcher Form", verspricht er und macht zum Schwur eine besondere Geste. Er weiß zwar, dass es mir nur um seine Gesundheit geht, aber trotzdem hasst er es, wenn ich ihn dazu anstifte mir versprechen zu geben, da er sie dann auch hält. Mein Bruder kann nämlich oft sehr aufbrausend oder auch rücksichtslos sein, besonders am Morgen, und auch nerven kann er, aber trotzdem hält er seine Versprechen, egal wie schwer es ihm auch fällt. Er sagt immer, dass sein Wort für ihn das Wichtigste ist und dass er geistig verwirrt sein muss, wenn er es bricht. Anfangs habe ich ihm das nie geglaubt, aber mittlerweile glaube ich ihm, wenn er etwas verspricht, da er sein Wort über all die achtzehn Jahre, die er schon lebt, noch nie gebrochen hat.

Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken herausgerissen: "Wollen wir uns etwas zu trinken besorgen?" "Sicher", erkläre ich und folge meinem Bruder, der sich hier perfekt auskennt, in die Küche. In der Küche angekommen treffen wir auch sofort auf den Grund dafür, dass mein Bruder sich hier auskennt. "Claire", ruft mein Bruder fröhlich und läuft seine Freundin zu. Sie hat ihr blondes Haar zu einem hohen Zopf gebunden, der ihr ausgezeichnet steht und ihre strahlend grünen Augen nur noch weiter hervorhebt. Zu meiner Freude ist auch sie, genau wie ich, eines der Mädchen, welche sich nicht stundenlang vor dem Spiegel fertig machen muss, um sich schön oder selbstbewusst zu fühlen. Aus diesem Grund war sie mir schon immer sympathisch, obwohl sie die Zwillingsschwester von Cameron ist, der so viel anders ist als das Mädchen. Als sie beginnen sich zu küssen, wende ich mich lieber der Bohle zu, weil sie sowieso nicht aufhöre werden, egal was sie tun. Mit einer großen Schöpfkelle befülle ich einen roten Becher und nehme einige Schlucke, bis ich bemerke, dass es voll von Alkohol ist, weshalb ich das Gesicht verziehe. Den Becher drücke ich der nächstbesten Person in die Hand, die an mir vorbeiläuft und mache mich dann auf den Weg ins Wohnzimmer, um nach meinen Freunden zu suchen. Ein wenig geschafft von all der lauten Musik und den Leuten um mich herum, lasse ich mich auf das große, schwarze Stoffsofa fallen.

Als ich bereits für einige Zeit dort sitze, sehe ich Morgan, die aus der Küche auf mich zukommt. Sie trägt ein schwarzes Kleid mit weißem Kragen, welches zu ihren schwarzen Haaren sehr gut passt. Ihre blauen Augen kommen richtig gut zur Geltung und im Gegensatz zu mir weiß sie wie man perfekt auf ihren Schuhen läuft. Entspannt lässt sie sich neben mich fallen und grinst mich fröhlich an: "Du bist tatsächlich gekommen! Was ist geschehen? Hat dich jemand hypnotisiert?" Grinsend verdrehe ich, gespielt wütend, die Augen, sage dann aber ganz ernst die Wahrheit: "Ich habe eine Verabredung mit meinem Bruder. Nach mindestens einer Stunde darf ich wieder gehen, wenn ich will." "War ja klar, dass du nicht freiwillig hergekommen bist", gibt sie zu und reicht mir einen Becher, den ich zwar erst in die Hand nehme, dann aber lieber wieder auf dem Couchtisch abstelle: "Ich bin froh, dass du hier bist. Ganz allein wäre ich nicht gerne hier." "Kyle ist auch irgendwo hier, aber ich weiß nicht genau wo", sie schaut sich um und steht auf: "Ich werde mal nach ihm suchen gehen, okay?" "Sicher", ich lege den Kopf auf die Lehne und starre an die Decke. Das ist so viel langweiliger als gedacht. Was finden alle nur an solchen Partys? Wahrscheinlich ist es für die anderen lustiger als für mich, weil ich nicht oft auf Partys gehe und ehrlich gesagt auch keine Ahnung habe, was man auf einer richtigen Party so macht abgesehen vom Trinken oder Rummachen, da ich auf beides wenig Lust habe. Mittlerweile bin ich fest entschlossen hier zu verschwinden, wenn die Stunde vorbei ist.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, die ich auf dem Sofa verbracht habe, blicke ich erneut durch die Runde. Überall machen irgendwelche rum und auf der Treppe befindet sich das Ende einer Schlange, die ihrem Beginn im Badezimmer hat. Für einige der Anstehenden scheint es jedoch schon zu spät zu sein, was ich daran sehe, dass gelber Schleim, der wohl Kotze zu sein scheint, langsam die Treppe hinunterfließt. Bei dem Anblick wird mir total schlecht, weshalb ich schnell wegblicke. Mein nächster Blick trifft jedoch nicht unbedingt ein besseres Ziel. Dort stehen Morgan und ihr Arbeitskollege aus dem Subway, den sie eigentlich total nervig findet, in einer Ecke und knutschen. Sofort erscheinen Falten der Überraschung auf meiner Stirn. Was ist denn da los? Gestern hat sie sich bei mir noch darüber ausgelassen, dass wie nervig er es findet, dass sie auf ihn steht und wie widerlich sie ihn findet und tauschen sie ihren Speichel miteinander aus.

Endlich zeigt mir die Uhr, auf die ich bis gerade noch gestarrt habe, dass die Stunde endlich zu Ende ist. Gerade als ich aufstehen will, beginnen alle laut zu grölen. Den Blicken der anderen folgend, sehe ich, dass Cameron und Ashley sich vor alle küssen. Ich verstehe nicht, was daran so besonders ist, wenn man bedenkt, dass das so gut wie alle hier tun. Augenrollen schnappe ich mir meine Jacke von der Garderobe. Dann reiße ich die Tür auf und werfe mir die Jacke über die Schultern, als ich merke, wie kalt es draußen mittlerweile geworden ist. Die Party war ein totaler Reinfall und mittlerweile frage ich mich echt, warum mein Nachbar mich eingeladen hat.

Umständlich beginne ich den Reißverschluss meines Kleides mit zwei Fingern zu öffnen. Nach kurzer Zeit und mehreren Verkrümmungen, habe ich es geschafft den Reißverschluss komplett aufzuziehen und steige dann aus dem Kleid heraus. Meine Schuhe folgen sofort. Mit nackten Füßen husche ich über den Holzboden in meinem Zimmer zu meinen Schubladen. Heraus ziehe ich ein paar dicke Socken und einen warmen Schlafanzug. Alles ziehe ich schnell an, da es in meinem Zimmer nach wie vor kalt ist. In diesen warmen Sachen eingekleidet, stapfe ich mit meiner warmen Decke im Arm die Treppe hinunter, bis ins Wohnzimmer. Jetzt werde ich mir noch einen schönen Abend machen ganz ohne die Leute auf der Party.

Unten angekommen, werfe ich die Decke schonmal aufs Sofa und gehe dann weiter zur Heizung, von der aus man auf das Haus der Familie Ross blicken kann. Scheinbar ist die Party noch in vollem Gang. Im Garten, nur wenige Meter von unserem Zaun entfernt, liegen überall verstreut mehrere Leute und schlafen auf dem Rasen oder trinken aus großen Vodkaflaschen. Augen verdrehend wende ich mich ab und gehe stattdessen lieber in die Küche, um mir etwas zu Essen zu holen. Schließlich bin ich noch im Wachstum und da ist es ganz wichtig viel zu essen. Jedenfalls ist das immer das, was ich meinen Eltern sage, wenn sie fragen, warum ich ständig so viel Hunger habe.

Meine Finger schließen sich um den Griff des Kühlschranks und ich öffne die Tür. Der Kühlschrank ist fast leer. Scheinbar waren Mom und Dad nicht einkaufen. Ich drehe mich zum Tisch um und greife nach einem kleinen, bunten Zettelblock und einem Stift. Darauf schreibe ich eine Erinnerung für jeden im Haushalt, das bald wieder eingekauft werden muss. Den blauen Post-It Zettel klebe ich an die Tür des Kühlschrankes. Dann öffne ich das Eisfach, um nachzuschauen, ob wir noch etwas Eis haben. Wenigstens haben wir davon noch ein bisschen. Langsam ziehe ich einen Hocker vor das Regal, in dem sich die Schüsseln für Eis befinden, und versuche dabei möglichst leise zu sein, weil meine Schwester und meine Eltern bereits schlafen. Schließlich ist es schon nach ein Uhr und eigentlich würde ich auch schon lange im Bett schlafen, wenn ich heute nicht zur Party gegangen wäre.

Das Schokoladeneis führe ich mit einem großen metallenen Löffel in die Schüssel und stelle dann die Packung wieder weg, doch etwas Kaltes reicht mir noch nicht. Deshalb mache ich mir noch einen Kakao mit Streuseln und lasse mich dann mit beiden Sachen in der Hand aus Sofa sinken. So lässt es sich doch leben. Endlich habe ich das Gefühl wirklich glücklich zu sein und mich einfach mal entspannen zu können. In letzter Zeit hat die Schule mich so gestresst, dass ein entspanntes Wochenende Gold wert ist. Ausnahmsweise muss ich am Wochenende mal keine Referate vorbereiten oder Hausaufgaben machen, sondern einfach ein ruhiges, entspanntes Wochenende verbringen. Bevor ich mich jedoch meinem Eis zuwende, gehe ich auf den DVD-Player zu und lege eine DVD ein. Darauf steht in silbernen Lettern "Sex and the City" und darunter "Staffel 1". Mit der Fernbedienung in der Hand starte ich die erste Folge und decke mich mit meiner grauen Decke zu. Immer wieder nehme ich abwechselnd einen Schluck Kakao und esse dann einen Löffel Eis, doch ich kann mich nicht richtig auf die Serie konzentrieren.

Stattdessen sind meine Gedanken fast ununterbrochen bei meinem Nachbarn Cameron Ross, den ich schon seit ich denken kann, kenne. Ich habe mich schon oft gefragt, wie unsere Beziehung so kippen konnte, wenn man bedenkt, dass wir früher sehr gut befreundet waren und so gut wie jede freie Minute miteinander verbracht haben. Als wir jedoch in die Middle School kamen, kamen wir mit Ashley zusammen. Bereits von Anfang an, hat er für das Mädchen geschwärmt, was mich anfangs nicht gestört hat, aber als er dann begonnen hat sich gegen mich zu wenden und sich immer weiter von mir zu entfernen, hat unsere Freundschaft immer mehr gelitten, bis er angefangen hat mich, auf Ashleys Wunsch hin, zu mobben und mit mir auf der High School kein einziges Wort mehr mit mir zu sprechen. Wahrscheinlich wusste er bis gestern gar nicht, dass es mich gibt. Die Erinnerung an unsere Vergangenheit macht mich total traurig. Wie konnte es nur so kommen? Schon so oft habe ich mich gefragt wie es wäre, wenn wir Ashley nie getroffen hätten. Wäre es dann anders gekommen oder hätte er mich trotzdem irgendwann so behandelt?

Mein Kakao und auch das Eis sind bereits leer, als es an der Tür klingelt. Verwundert runzele ich die Stirn. Wer kann das denn nur sein? Überrascht befreie ich mich und stehe vom Sofa auf. Langsam schlurfe ich zur Tür und öffne die Tür, um nachzusehen, wer davor steht. "Morgan? Was tust du hier?", frage ich total überrascht: "Wieso bist und nicht auf Camerons Party?" "Ich habe mir Sorgen gemacht. Du warst plötzlich weg", erklärt sie wehmütig und schaut mich besorgt an. Ich schaue mich draußen um, ob noch jemand vor der Tür steht. Als das nicht der Fall ist, ziehe ich sie zu mir ins Haus: "Komm erst mal rein." Morgan kommt meiner Bitte nach und setzt sich zu mir aufs Sofa. "Also? Wieso bist du gegangen?", fragt sie nachdenklich: "Ist irgendwas passiert? Wurdest du belästigt?" Schnell versuche ich sie zu beruhigen: "Nein, nein. Alles gut. Die Stunde war nur noch vorbei und ich hatte keine Lust mehr. Partys sind nichts für mich." Überraschenderweise nimmt sie mich in den Arm: "Ich hab mir richtige Sorgen gemacht. Geh nie wieder, ohne mir vorher Bescheid zu sagen." Meine Überraschung kann ich kaum verstecken. Ihr Verhalten ist einfach zu untypisch für sie, was wohl ein Zeichen dafür ist, dass sie wirkliche Angst um mich hatte. Um sie ein wenig zu beruhigen, verspreche ich es: "Ich verspreche es. Tut mir leid, dass ich einfach gegangen bin. Mach ich nicht noch mal." "Danke", sie schmiegt zufrieden an mich. Mein Kopf fällt auf ihre Schulter und jetzt erst merke ich, wie müde ich eigentlich bin. Langsam wird mir schwarz vor Augen und ich schlafe, mit einer tiefen Befriedigung in meinem Inneren, ein.

Am nächsten Morgen laufe ich mit meinen Schulsachen im Arm über den Schulflur, bis ich an meinem Spind stehen bleibe, um mich auf das nächste Fach vorzubereiten. Eigentlich hatte ich erwartet, dass heute alle normal oder wenigstens gut drauf sind, schließlich wurde der Captain des Football Teams gestern achtzehn, aber weit gefehlt, denn genau das Gegenteil ist der Fall. Jeder, dem ich heute Morgen über den Weg gelaufen bin, war mies gelaunt und war noch unfreundlicher als sonst. Vielleicht hätte ich ja doch auf der Party bleiben sollen. Dann wüsste ich jetzt, welche Laus den Schüler hier über die Leber gelaufen ist. Ich selbst scheine die Einzige zu sein, die einigermaßen gut gelaunt ist. Schließlich ist das der Ort, an dem mein Gehirn neuen Stoff bekommt. Wieso sollte ich also schlecht gelaunt sein?

Als ich endlich meinen Spind neu sortiert habe – ich hasse es, wenn er unordentlich ist – nehme ich meine Thermoskanne, die mit grünem Tee befüllt ist – womit auch sonst -, heraus und laufe weiter zu in die Mensa, wo Morgan und Kyle wahrscheinlich schon auf mich warten. Beschwingt laufe ich über die Flure und schaue mich dann um. Zu meiner Überraschung sind meine beiden Freunde leider noch nicht zu sehen. Sind sie etwa noch im Unterricht? Vielleicht muss Morgan wieder nachsitzen. Möglichst ist es auf jeden Fall, wenn ich bedenke, dass es schon öfter mal vorkam. Ein wenig verwundert stelle ich mich an und suche mit dem Blick weiterhin die Menschenmenge ab, da sehe ich meinen Bruder, wie in so gut wie jeder Pause, erneut herannahen.

"Katy", bei mir angekommen, legt er seine Hände auf meine Schulter und flüstert: "Hast du Geld dabei?" Instinktiv verdrehe ich die Augen und fast will ich "Nein" sagen, aber dann kommt mir eine Idee: "Ja und du kannst auch welches haben, wenn du mir erzählst, was hier los ist." "Wie meinst du das? Hier ist nichts los", meint er scheinheilig, weicht meinem Blick aber aus, was für mich das Zeichen ist, dass er etwas weiß, was ich nicht weiß. "Ach komm schon, Ryder. Dann bekommst du auch mein Geld", bettle ich und halte ihm mein Portmonee hin, um ihn ein wenig zu beeinflussen. Er schnappt danach, doch ich ziehe es schnell weg: "Erst will ich antworten." Er seufzt nachdenklich: "Na gut, ich gebe dir antworten." Ein zufriedenes Grinsen schleicht sich auf meine Lippen. Das läuft ja besser als gedacht: "Also, was haben alle?" Er beginnt mir alles, was ich wissen will, ins Ohr zu flüstern: "Gestern auf der Party haben sich Cameron und Ashley getrennt." "Echt?", frage ich ungläubig: "Wer hat sich von wem getrennt?" "Ich habe schon zu viel gesagt", erwidert er, nimmt sich fünf Dollar aus dem Portmonee und nehme dann vor mir reiß aus.

Weil ich gerne nach wie vor mehr Infos gehabt hätte, trete ich der Lunchlady missmutig gegenüber und kaufe ein Stück Pizza, welches sie mir einfach auf den Teller klatscht. Ich reiche ihr das Geld und sie gibt mir das Wechselgeld. Dann lasse ich mich auf irgendeinen Platz in der Mensa fallen. Hier habe ich keinen besonderen Platz, an dem ich immer sitze. Der leckere Geruch der Salamipizza steigt mir in die Nase und das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Leider esse ich nicht oft Pizza, weshalb es mich immer total glücklich macht, wenn es wieder mal welche in der Schule gibt. Pizza ist für mich sowas wie Schokolade für andere Leute. Sie macht mich einfach glücklich. Genüsslich beiße ich in den fettigen Teig hinein und genieße den Geschmack.

Als ich mich jedoch weniger auf mein Essen und wieder mehr auf meine Umgebung konzentriere, fällt mir Cameron auf, der im Eingang des riesigen Raumes steht und unglücklich drein blickt, doch als sein Blick auf meinen trifft, verändert sich sein Gesichtsausdruck plötzlich. Ich hätte erwartet, dass er mich angewidert anblickt und dann weiter geht, aber stattdessen heben sich seine Mundwinkel und seine Augen scheinen regelrecht zu leuchten. Wie gebannt starrt er mich an, fast so als wäre ich ein leckerer Cookie, den er am liebsten vernaschen würde. Verwirrt blicke ich ihn an. Sehe ich beim Pizzaessen so komisch aus, dass man nicht wegsehen kann oder habe ich irgendwas an mir? Langsam blicke ich an mir herunter und schaue nach, ob ich komisch aussehe. Als ich jedoch nichts Merkwürdiges sehe, drehe ich mich um, da er möglicherweise auch an mir vorbeischaut und stattdessen Ashley so gruselig anstarrt, wie er es gerade tut. Irgendwann reicht es mir dann aber komplett und ich winke mit der rechten Hand vor meinem Gesicht herum, weil es so scheint, als würde er sich in einer Trance befinden, aus der man ihn erst wecken muss. Sofort schaut er weg und geht schnell an mir vorbei und stellt sich in die Schlange. Sein glückliches Lächeln bleibt aber auf seinen Lippen. Das war gerade echt merkwürdig!

So schnell es geht, esse ich weiter, um fertig zu sein, wenn Cameron sein Essen bekommen hat, damit es nicht nochmal so eine merkwürdige Begegnung gibt. Bevor ich jedoch halb fertig bin, lässt sich jemand neben mich auf den Stuhl fallen. Schon ahnend, wer es ist, drehe ich mich langsam zu der Person neben mir. Es ist – wie ich es erwartet hatte – mein Nachbar Cameron. Genervt verdrehe ich die Augen: "Was willst du, Cameron?" "Essen", erwidert er lächelnd: "Mit dir." Verwirrt nehme ich einen Schluck aus meiner Thermoskanne. Das ist das Einzige, was mir in dieser Situation helfen kann: "Wieso?" "Weil ich Hunger habe und mit dir reden möchte", erwidert er und beginnt entspannt seine Spaghetti mit Tomatensoße zu verspeisen: "Also, wie geht's dir?" Verwirrt blicke ich ihn an und verspüre das Gefühl mich zu kneifen. Schließlich könnte das hier auch ein Traum sein, aus dem ich jeden Moment aufwachen werde. Als ich das jedoch getan habe und nichts geschieht, antworte ich ihm kurz:"Gut!" Dann nehme ich jedoch meine Chance: "Ich habe gehört, dass Ashley sich von dir getrennt hat, stimmt das?" Zwar hat Ryder nicht gesagt, wer von beiden sich vom jeweils anderen getrennt hat, aber wenn es hilft, kann ich die Wahrheit auch ein wenig verdrehen. Sofort wirkt er total entrüstet: "Was? Nein, garantiert nicht. Ich habe mich von ihr getrennt." "Das würde ich jetzt auch sagen", stichele ich weiter. "Nein, wirklich", sagt er und versucht dabei überzeugend zu klingen: "Es hat einfach nicht mehr gepasst." "Jaja", grinse ich, verspüre aber innerlich eine tiefe Befriedigung, weil ich ihn heute endlich mal in Verlegenheit bringt und er nicht mich. Schnell versucht er sich aber raus zu reden: "Du warst nicht auf der Party, oder?" "Doch, war ich schon", erkläre ich. "Ich habe dich aber gar nicht gesehen", er wirkt misstrauisch. Ich beiße mir unsicher auf die Lippe: "Ich weiß. Ich ...bin nach einer Stunde wieder verschwunden." "Wieso?", er klingt total enttäuscht. "Ich bin einfach kein Partymensch", gebe ich zu und fühle mich fast so, als wären wir befreundet, doch dann erinnere ich mich wieder an das, was passiert ist: "Ich muss dann jetzt auch gehen." "Warte", er hält mich sanft am Handgelenk fest. Fest, aber nicht so fest, dass er mir weh tut: "Hast du Lust mit mir essen zu gehen?" Sofort erstarre ich und weiche seinem sanften, freundlichen Blick aus.

Hat er etwa vergessen, was er getan hat? Das kann ich ihm doch nicht einfach so verzeihen. Was man einmal erlebt hat, kann man nicht einfach so wieder vergessen. Ich will nicht mit ihm ausgehen, aber das kann ich ihm doch auch nicht einfach so sagen. Das hier ist gerade eine total miese Situation. Ich bin kein Mensch, der jemandem gerne einen Korb gibt.

Plötzlich vernehme ich jedoch die Stimme von Kyle und Morgan und hebe den Kopf. Erleichtert sehe ich zu wie sie bei mir ankommen und mich fragend ansehen. "Hey, wir haben dich schon gesucht", erwidert Morgan. Dann nehme ich wahr, wie Kyle seinen Arm um meine Schultern legt. Camerons Augen verengen sich und er lässt mich los. Hilfe suchend schaue ich Morgan an. Diese scheint genau zu verstehen, dass ich ihre Hilfe brauche: "Katy? Ich brauche unbedingt deine Hilfe. Komm schnell!" Dankbar atme ich auf und folge meiner Freundin ins Schulgebäude, nachdem ich meinem Nachbarn ein leises "Entschuldigung, aber ich muss jetzt los!" zurufe. Da hat, mich meine Freundin noch gerade so davor gerettet dem beliebtesten Jungen der Schule einen Korb geben zu müssen.

Entspannt laufe ich die Straße entlang. Zwar ist die Wärme ein wenig erdrückend, wodurch das Atmen mir ein wenig erschwert wird, doch sobald ich durch die Tür des Subway laufe, umfängt mich eine erleichternde Kälte. Die Last meines Rucksacks ist schwer, weshalb ich schnell auf eine Sitzbank fallen lasse und meinen Rucksack neben mir abstelle. Mein Blick wandert durch das laute Restaurant. Überall leuchten helle Tafeln auf und ich habe das Gefühl, dass mein Gehirn von allen Seiten bestrahlt wird, was mehr als anstrengend ist. Auch die Lärmkulisse ist nicht sonderlich erholsam. Mein Blick geht weiter zur Theke, wo Morgan steht und die Gäste bedient. Höflich winke ich meiner Freundin zu und sie winkt zurück, bedeutet mir dann aber, dass ich noch kurz warten muss, weil sie noch keine Pause machen kann. Dazu braucht sie nur eine Bewegung, die sie jedes Mal macht. Deshalb nehme ich mir aus meinem Rucksack meine Bücher und einen Zettel und beginne Hausaufgaben zu machen.

Als endlich Morgans Pause anfängt, quetscht sich meine Freundin neben mich auf die Bank und schaut auf meine Hausaufgaben: "Das lässt du mich doch später abschreiben, oder?" Spielerisch verdrehe ich die Augen: "Natürlich!" Schnell packe ich meine Sachen weg und schaue in die Speisekarte: "Kann ich bei dir auch noch was bestellen, wenn du gerade Pause machst? Als Freundschaftsbonus oder so?" "Wenn meine Pause zu Ende ist, bist du die Erste, die ich bediene", erwidert sie grinsend und nimmt mir die Karte aus der Hand: "Jetzt aber mal ein anderes Thema." "Welches denn?", frage ich ganz scheinheilig, obwohl ich ziemlich sicher weiß welches sie meint. "Dein Essen mit Cameron heute Mittag", erwidert sie zwinkernd. Mir entweicht ein leises, ungeplantes: "Oh Gott, nein bitte nicht." Verwundert blickt sie mich an und bricht dann in schallendes Gelächter aus, welches dafür sorgt, dass sich einige Leute an den benachbarten Tisch zu und umdrehen. Halb erstickend japst sie:"Was war das denn?" Schnell halte ich ihr den Mund zu, muss mir aber mein eigenes Lachen ebenfalls stark verkneifen:"Kurzschlussreaktion! Sorry!" Allmählich beruhigt sie sich wieder und ich nehme meine Hand von ihren Lippen: "Also, was war das da in der Mensa?" "Da bin ich mir selbst nicht sicher. Ich habe mich einfach nur hingesetzt und Pizza gegessen", meine Gedanken wandern zu der Pizza und ihr leckerer Geruch steigt mir wieder in die Nase. "Du liebst Pizza", sagt sie ganz beiläufig. Sie kennt mich einfach zu gut, denke ich nur. "Ja, das tue ich", pflichte ich ihr bei und erzähle dann weiter: "Auf jeden Fall ist mir dann irgendwann Cameron aufgefallen, der am Eingang der Cafeteria stand. Erst war er richtig schlecht drauf, aber als er mich gesehen hat, hat er merkwürdig zu grinsen begonnen. Das war richtig cringy." "Sag nicht 'cringy'", mahnt sie: "Allein das Wort ist schon Cringe pur." Erneut muss ich mich zusammenreißen, um durch plötzliches Gelächter nicht auch noch den letzten Menschen in diesem Restaurant auf uns aufmerksam zu machen. Schnell spreche ich weiter: "Dann ist er an mir vorbeigegangen und hat sich etwas zu essen gekauft. Ich hatte aber irgendwie schon so eine Vermutung, dass er heute irgendwas will, also habe ich mich beeilt, um fertig zu werden, damit er gar nicht erst die Chance bekommt, mir fiese Bemerkungen gegen den Kopf zu werfen." Bei dem Gedanken daran, was er schon alles zu mir gesagt hat, wird mein Magen schwer und ich verspüre das Bedürfnis mich bei der Erinnerung daran sofort unter meiner Bettdecke zu verstecken. "Wieso saßt du dann mit ihm noch am Tisch, als wir gekommen sind?" "Er war zu schnell und hat sich einfach neben mich gesetzt. Dann hat er mit Small Talk angefangen und mich kurz bevor ihr gekommen seid noch gefragt, ob...", ich verstumme schnell. "Was hat er dich gefragt?", fragt sie neugierig und misstrauisch zugleich. "Er wollte mit mir etwas essen gehen", murmele ich leise. Sie scheint es jedoch ganz klar verstanden zu haben: "Ein Date?" Sofort hat sie es erfasst: "Ja, ein Date." "Was hast du gesagt?" "Noch gar nichts. Glücklicherweise habt ihr mich gerettet, also musste ich nichts sagen!" "Und was hättest du gesagt, wenn wir nicht gekommen wären?", fragt sie neugierig weiter. "Ich bin mir nicht sicher. Wahrscheinlich 'Nein', wenn man bedenkt, was er alles getan hat", erwidert sie nachdenklich, wendet sich aber nicht von mi ab. "Das heißt, du hättest ihm einen Korb gegeben", stellt sie, laut denkend, fest: "Aber was wäre gewesen, wenn das, was zwischen euch passt ist, nie geschehen wäre?" "Ich bin mir nicht sicher", gebe ich ehrlich zu, versuche dann aber lieber vom Thema abzulenken: "Aber jetzt mal ein anderes Thema. Was war das auf der Party mit deinem Kollegen?" Ich deute mit einem Finger auf einen Jungen hinter der Theke, der gerade Bestellungen aufnimmt. "Dan?", fragt sie überrascht: "Was soll da gewesen sein?" "Versuch meiner Frage nicht auszuweichen. Ich habe euch doch gesehen." Betreten blickt meine Freundin weg und weicht mir aus, doch, entgegen meiner Erwartungen, antwortet sie dann doch: "Ich mag ihn, Katy." Glücklich überrascht schaue ich sie grinsend an: "Das ist super. Wieso hast du es mir nicht sofort erzählt?" "Das ist ganz und gar nicht super. Alle denken, dass ich ihn hasse, aber so ist es nicht", erklärt sie grinsend. "Ach das wird schon. Ihr seid perfekt für einander", erwidere ich glücklich und schlinge meine Arme um sie.

Als ich am Nachmittag zurück nach Hause komme, laufe ich kurz in die Küche, um den anderen mitzuteilen, dass ich wieder da bin: "Mom. Dad. Ich bin wieder da." Keiner antwortet mir! Stirnrunzelnd werfe ich einen verwunderten Blick auf die Uhr neben dem Kühlschrank. Sofort fällt mir wieder ein, dass meine Eltern ja gar nicht da sind, weil sie noch arbeiten müssen. Prüfungsweise frage ich laut, ob jemand da ist, erhalte jedoch keine Antwort. Dann bin ich also allein. Gut zu wissen.

Nachdem ich fast den ganzen Tag mit Morgan verbracht habe, bin ich ziemlich kaputt und lasse mich auf mein Bett fallen, nachdem ich meinen Rucksack in eine Ecke geworfen und meine Jacke, sowie wie meine Schuhe, ausgezogen habe. Mein Handy hatte ich heute Morgen zu Hause vergessen, weshalb ich jetzt zum ersten Mal darauf blicke, um nachzusehen, ob ich neue Nachrichten bekommen habe. Als ich sehe, dass Kyle mich angeschrieben hat, macht mein Herz einen kurzen Satz. Schnell werfe ich einen Blick auf den Text und automatisch wandert eine meiner Augenbrauen in die Höhe. In der Nachricht fragt er mich, ob ich Lust habe mit ihm auf den Schulball zu gehen.

Der Schulball! Ein lautes, genervtes Seufzen entflieht meiner Kehle. Daran hatte ich ja gar nicht mehr gedacht. Schon am Samstag, also in fünf Tagen, wird der all jährige Homecoming Ball stattfinden, der jedes Mal dafür sorgt, dass ich einen mehr als miesen Tag habe. Jedes Jahr habe ich entweder kein Date oder eines mit einem Kerl, der mich gar nicht wirklich mag. Zum Glück wird dieses Homecoming mein Letztes sein, wenn man bedenkt, dass ich am Ende dieses Schuljahres hoffentlich mein Abitur in der Tasche habe.

Ein Bild des letzten Balles bildet sich in meinem Kopf. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es dieses Mal wahrscheinlich wieder so laufen, wenn ich nicht mit Kyle hingehe. Ich sehe Mädchen in glamourösen, funkelnden Kleider und aufgebauschtem Haar. Jedes von ihnen trägt hohe Schuhe, die ich mit Sicherheit schon nach wenigen Sekunden wieder ausziehen würde, weil sie mir einfach zu hoch und schmerzhaft sind. Mich selbst sehe ich an der Snackbar mit einem roten Becher, der mit Bohle gefüllt ist, in der Hand und nehme hin und wieder einen Schluck.

Wenn ich jedoch mit Kyle hingehen würde, wäre ich selbst endlich mal in einer anderen Situation. Dann würde ich anstatt zu Hause zu sitzen und Eis zu essen, etwas Spaß mit meinen Freunden haben können und einfach einen schönen Ball haben, ohne mir irgendwelche Gedanken darüber machen zu müssen, was die anderen denken. Es wäre einfach eine schöne Zeit. Bei dem Gedanken breitet sie eine Welle von Glück sich in mir aus, die nicht abflauen zu scheint.

Ohne lange zu überlegen, antworte ich meinem besten Freund mit flinken Fingern und stimme seiner Einladung zu. Wir werden einfach gemeinsam als Freunde hingehen! Ganz ungezwungen! So muss ich mir keine Gedanken darüber machen, ob mich ein Junge nun fragt oder nicht und ich muss mir auch nicht die ganzen Lästereien und Gerüchte nicht antun. Für einen kurzen Moment versinke ich in meinen Fantasien davon, was wohl geschehen wird.

Von einem lauten Scheppern werde ich aber wieder in die Realität zurückgeholt. Erschrocken blicke ich auf die Uhr und genau in diesem Moment fällt mir auf, dass es wohl Ryder sein muss, der gerade von seiner Sauftour früher zurückgekommen ist. Schnell und mit einem stark klopfenden Herzen hechte ich, in der Hoffnung, dass meinem Bruder nichts geschehen ist, aus meinem Zimmer und die Treppenstufen hinab.

Am Treppenabsatz angekommen, erstarre sofort. Mein Bruder liegt auf dem Boden. Ein wenig Speichel läuft aus seinem Mund und er hält seine Augen fest geschlossen. Sofort sehe ich, dass er ohnmächtig ist, weshalb ich auf ihn zu stürze und meine Finger an seine Halsschlagader presse. Ein Schauer überkommt mich, also ich merke, dass sein Puls viel zu schnell ist. Was ist mit ihm nur geschehen? Meine Finger wandern weiter zu seinen Schultern und ich beginne in, erst sanft und dann etwas kräftiger, zu schütteln. Doch leider wirkt auch das nicht, weshalb ich zu härteren Methoden greifen muss. Ich hole schnell aus und verpasse ihm, dann feste eine Ohrfeige ins Gesicht. Sobald meine Hand sich von seiner Wange wieder gelöst hat, erwacht er laut atmend wieder auf und erhebt sich mit seinen starken, vom Football gut trainierten, Armen vom Boden. Ein Grinsen schleicht sich auf meine Lippen. Das funktioniert eben immer. Sein Blick wirkt jedoch nach wie vor vernebelt und es wirkt, als würde er mich gar nicht richtig ansehen, als ich frage: "Hast du wieder zu viel getrunken?" "Kann sein", erwidert er mit einem dümmlichen Lächeln auf den Lippen, welches dazu führt, dass ich ihm am liebsten noch eine Ohrfeige verpasst hätte. Als sein Ton jedoch weich wird und er mich freundlich ansieht, werde ich jedoch wieder weich: "Katy? Ich fühl mich nicht so gut." Wieso hat er diesen Welpenblick nur so gut drauf? Vorsichtig lege ich meine Hände an sein Gesicht: "Was ist passiert?" "Ich habe ein bisschen was getrunken", lallt er. Wenn ich ihn so ansehe, ist das die Untertreibung des Jahrhunderts. Als ich ihm jedoch gerade hoch helfen will, wirkt es, als wäre er für einen kurzen Moment klar. Es wirkt so, als würde ihn der Alkohol kurz aus seinen Fängen befreien und dann fügt er etwas hinzu: "Und dann war da noch etwas. Etwas großes schwarzes. Es hat mich angegriffen." Erschrocken halte ich den Atem an und blicke ihn verwirrt an. "Was hat dich angegriffen?", harke ich nach, doch er scheint wieder in seinen früheren Rausch zurückgefallen zu sein, was ihn dazu verleitet erneut nur sinnloses Zeug von sich zu geben. Nach wie vor wissbegierig, lege ich seinen Arm um meine Schultern und umfasse seine Taille mit meiner rechten Hand, um ihn zu stützen. Vorsichtig helfe ich meinem Bruder auf diesem Weg die Treppe hinauf, bis wir oben kommen. Dort bleibe ich stehen und schnappe für einen kurzen Moment nach Luft. Er hat echt zugelegt. Dann führe ich ihn weiter in unser Zimmer, wo ich ihn erleichtert aufs Bett fallen lasse. Dafür schuldet Ryder mir eine Rückenmassage.

Mit flinken Fingern decke ich Ryder zu und lass mich dann auf mein eigenes Bett fallen. Verkrampft versuche ich mich zu entspannen, schlage jedoch fehl, denn da ist ein Gedanke, der mich nicht loslässt. Wurde Ryder wirklich von etwas angegriffen oder hat der Alkohol einfach nur seine Vorstellungskraft angeheizt? Und wenn mehr als die Getränke, die er innerhalb von wenigen Stunden in sich hinein gekippt hat, dahinter stecken und er wirklich angegriffen wurde, sind meine Familie und vielleicht auch die ganze Kleinstadt in Gefahr. Bei dem Gedanken beschleunigt sich mein Atem und es wirkt fast so, als würde mir das Herz aus der Brust herausspringen.

Als die Haustür ins Schloss fällt und meine Mom mich kurz darauf nach unten ruft, schiebe ich meine schwarzen Kopfhörer von den Ohren. Glücklicherweise habe ich so gute Ohren, dass ich meine Eltern auch hören kann, wenn ich dabei Musik höre. Andernfalls hätte ich jetzt ein ziemliches Problem, das sie sicher nach oben kommen und nach mir sehen würden. Dann würden sie sehen, dass Ryder schläft und sie würden sofort eins und zwei zusammenzählen, was für ihn zu Hausarrest führen würde, da meine Eltern etwas dagegen haben, dass er so lange trinkt, bis er nicht mehr alleine in sein Zimmer gehen kann. Die Regel ist, dass er wenigstens alleine hoch in sein eigenes Zimmer gehen können muss, was schon eine ziemlich entspannte Regel ist. Schnell lege ich mein Handy neben mich und stehe auf, damit meine Eltern nicht hoch kommen. Mit einem letzten Blick auf meinen ruhig schlafenden Bruder, verlasse ich das Zimmer und läuft langsam die Treppe hinunter.

In der Küche steht meine Mutter, die aus einer Tüte mehrere kleine Packungen herausholt und auf den Tisch stellt. Alyssa, die am Esstisch sitzt, hält ihren weißen Stoffhasen mit den bunten Punkten in der Hand, den sie schon hat, seit sie ein Baby ist. Als sie ihren Hasen, Schnuffel - meiner Meinung nach ziemlich unkreativ -, einmal nicht rechtzeitig zum Schlafen gefunden hat, hat sie uns alle so lange wach gehalten, bis unsere Eltern Schnuffel endlich in einem Wäschekorb gefunden haben. Damals war sie zwar vier, aber ihren Hasen liebt sie immer noch.

Mein Dad sitzt neben meiner Schwester und liest Zeitung. Das tut er eigentlich nur am Sonntag, weshalb wohl irgendwas besonderes sein muss. Sonntags liest er nämlich auch nur, um sich vor den endlos langen Gesprächen am Frühstückstisch zu drücken, was ich nur zu gut verstehen kann.

"Ihr wart wohl beim Chinesen", stelle ich fest: "Was habt ihr mir mitgebracht?" "Gebratenen Nudel", erwidert meine Mom und schiebt mir einen, noch geschlossene, Verpackung herüber. Ich nehme sie grinsend entgegen und schnappe mir eine weiße Plastikgabel vom Tisch. Dann lasse ich mich entspannt auf einen Stuhl fallen und blicke zu meiner Mom, die sich nun auch gesetzt hat und zu essen beginnt. "Wie war es auf der Arbeit?", frage ich, um die Stille zu brechen und eine Unterhaltung zu beginnen. "Gut", antwortet mein Vater abwesend, woraufhin meine Mutter nur nickt. Dann lenkt sie jedoch plötzlich das Thema ganz konkret auf etwas anderes, was bei mir für ziemliches Misstrauen sorgt: "Wie war es eigentlich auf der Party von Cameron?" "Nicht so der Hammer. Ich bin nach einer Stunde wieder verschwunden, weil mir einfach irgendwann langweilig wurde", meine Eltern waren früher sehr gut mit der Familie Ross befreundet, doch mit der Zeit ist der Kontakt verloren. Trotzdem weiß ich aber, dass meine Eltern gerne mehr Zeit mit den Eltern von Cameron verbringen würden. Das betonen sie oft genug. "Wie kann sowas langweilig sein?", fragt Alyssa überrascht und blickt mich mit großen Augen an: "Eine Party ist doch sicher das Größte. Ich freue mich schon auf meine Erste." Ihre Stimme klingt fast ein wenig verträumt und ich weiß, dass sie mich am liebsten begleitet hätte. Ihre Begeisterung ist wahrscheinlich der Ursprung von Ryders spektakulären Erzählungen, bei denen er jedes Mal die Wahrheit und seine eigene Fantasie kräftig vermischt. "Da waren einfach zu viele Leute und die Treppe war voller Kotze", erkläre ich Alyssa grinsend, um sie auf den Boden der Realität zurückzuholen. Daraufhin verzieht meine Schwester ihr Gesicht und widmet sich wieder ihrem Reis. "War Claire auch da?", säuselt meine Mom. "Ja, sie hat aber die meiste Zeit mit Ryder verbracht", teilnahmslos zucke ich mit den Schultern. Wieso sind sie heute so neugierig? Als meine Mutter meinem Vater einen auffordernden Blick zuwirft, versteckt er sich noch tiefer hinter der Zeitung und fragt leise: "Und wie ist Claire zu dir so?" Nun werde ich doch wieder aufmerksam. Ihr heutiges Verhalten ist echt merkwürdig, wenn man bedenkt, dass die beidem Claire viel länger kennen, als ich und auch mehr Zeit mit ihr verbringen. Zwar reden Claire und ich hin und wieder miteinander, doch wirklich befreundet waren wir nie. "Nett", antworte ich knapp und schiebe meine Gabel erneut in den Mund:"Sie ist das freundliche Rosskind." Geschockt starrt meine Mutter mich an: "Katy! Sag sowas nicht. Beide Kinder sind gleich nett." Ich verdrehe die Augen:"Mom, du weißt, was Cameron mir angetan hat. Ich kenne deine Definition von 'nett' nicht, aber das was Cameron gemacht hat, war definitiv etwas nicht 'nett'." Meine Stimme bebt und ich versuche mich zu beherrschen, um nicht in Tränen auszubrechen.

Daraufhin ist meine Mutter sofort still, doch dann berichtet sie mir etwas mehr als schreckliches: "Claire?" "Ja?", frage ich leise. Ich registriere, dass meine Mutter schon wieder Hilfe suchend zu meinem Vater schaut, doch dieser schüttelt nur kurzen den Kopf und schaut dann wieder auf das Papier in seinen Händen zurück. "Dein Dad und ich haben...", beginnt sie, doch mein Vater unterbricht sie nun doch schnell: "Nein, eure Mom hat." Daraufhin verdreht meine Mutter ihre Augen und schaut woanders hin:"Ja gut, ich habe ...die ganze Familie Ross am Freitag zu uns eingeladen, damit wir einen gemeinsamen Spieleabend verbringen können."

Geschockt blicke ich sie an. Mein Herz schlägt schnell und meine Kehle fühlt sich wie ausgetrocknet an. Wie können meine Eltern mir das nur antun? Innerlich blute ich bei dem Gedanken an das, was der Nachbarsjunge mir zugefügt hat. Hätte ich gewusst, was später aus unsere Freundschaft wird, hätte ich niemals mit ihm ein einziges Wort gewechselt. Mein Blick trieft vor Vorwürfen, als sich meine Augen mit Tränen füllen, die wenige Sekunden später ungebremst meine Wangen hinunterlaufen. Eigentlich bin ich kein Mensch, der schnell aus der Fassung gerät oder sogar losweint, aber das ist einfach mein wunder Punkt und das sollen meine Eltern besser als jeder andere wissen. Schließlich haben sie fast alles miterlebt. Wie kommen sie also auf die Idee diese Familie einfach einzuladen.

Als meine Trauer sich endlich in erlösende Wut verwandelt, springe ich vom Stuhl auf und pfeffere die, mittlerweile leere, Nudelverpackung in den Mülleimer, der nur wenige Zentimeter von mir entfernt steht. Es fühlt sich an, als würde mein ganzer Kopf brennen. Mit festen Schritten und einem gereckten Kinn stampfe ich die Treppe hinauf. Es wirkt, als würden tausende von Feuerameisen über meine Haut laufen und diese in Brand setzen, während meine Gliedmaßen unsicher zittern. Mit einem festen Schwang schlage ich die Tür hinter mir zu, als ich in mein Zimmer verschwinde. In meinem Kopf hat sich ein Gedanke wie Feuer in den Boden eingebrannt. Ich werde nicht zulassen, dass Cameron so viel Macht über mich bekommt. Er soll nicht die Chance bekommen mich durch seine Worte zu Boden zu bringen.

Als ich am Morgen aufwache, ist ein lautes Würgen zu hören. Überrascht stehe ich auf und bemerkte, dass mein Bruder nicht in seinem Bett liegt. Meine Decke schlinge ich um meine Schultern und starre auf meinen Wecker. Es ist gerade einmal sechs Uhr morgens. In den warmen Stoff eingewickelt, husche ich in meine weichen, grauen Hundehausschuhe und blicke in den Flur hinein. Leicht fröstelnd folge ich dem Geräusch, welches mich direkt ins Badezimmer führt.

Die hell brennende Lampe schickt sein Licht durch den ganzen Raum und ermöglicht mir den Blick auf meinen Bruder, der über der Toilettenschüssel hängt und sich erbricht. Der stechende Geruch steigt mir in die Nase und fast muss ich selbst mich ebenfalls übergeben.

Besorgt blicke ich auf meinen Bruder hinunter, der schrecklich aussieht. Sein Gesicht ist kreidebleich und seine Wangenknochen treten stark hervor, während sein schwarzes Haar ihm in die Augen fällt. Er klammert sich so feste an die Toilettenschüssel, dass seine Fingerknöchel bereits weiß hervortreten. Mein Bruder zittert stark und es wirkt, als würde erfrieren, doch gleichzeitig läuft ihm auch der Schweiß von der Stirn. Der Anblick erschüttert mich und sofort reagiere ich, in dem ich die Decke von meinen eigenen Schultern befreie und über die meines Bruders lege. Überrascht wendet er seinen Kopf mir zu und versucht mich dankbar anzusehen, wirkt dabei aber eher müde und gebrochen. Schnell knie ich mich neben ihm und streichle ihm sanft über den Rücken. Wie lange sitzt er hier im Badezimmer schon auf dem kalten Boden und bricht seinen Mageninhalt aus? "Du sollst doch nicht so viel trinken, Ry", ich klinge besorgter als erwartet, was ihn dazu verleitet seinen Kopf zu senken. "Ich weiß", murmelt er, schaffe es aber die Toilette loszulassen und seine Finger stattdessen um meine Arme zu schließen. "Schon gut", sanft ziehe ich ihn näher an mich, um ihm ein wenig Schutz zu geben, den er in diesen Situationen so dringend braucht: "Hast du wieder Migräne?" Er nickt niedergeschlagen. "Komm ich bringe dich ins Bett zurück", biete ich an und helfe ihm auf die Füße, als er nicht protestiert. Mit ihm an meiner Seite laufe ich langsam zurück in unser gemeinsames Zimmer.

Mein Bruder hat schon, seit er ein kleines Kind ist, mit starker Migräne zu kämpfen. Nachdem er sich jedoch im letzten Jahr hat brutal einrenken lassen, ging es ihm eigentlich besser. Wenn er jedoch trinkt, wird alles wieder auf null gesetzt und nichts steht der Migräne tatsächlich im weg, da er nicht mehr bei klarem Bewusstsein ist und sich nicht mehr darauf konzentrieren kann, was er so viele Jahre trainiert hat. Wenn er sich nämlich stark genug konzentriert, kann er der Migräne entgehen, doch mit Alkohol intus, ist das ziemlich schwierig.

Als ich ihn sanft aufs Bett fallen lassen, wird mir klar, dass ich heute alleine in die Schule gehen muss, weil Ryder auf keinem Fall in der Verfassung ist. Sein Blick wirkt trüb, als ich ihm meine Decke abnehme und mit seiner eigenen Decke zudecke. Sein Anblick ist kläglich. Glücklicherweise weiß ich, was nun zu tun ist, wenn ich bedenke, wie oft ich ihm bei Migräne schon seine Sachen geben musste.

Da ich weiß wie schlecht es ihm gerade geht, husche ich so schnell und so leise es geht die Treppe hinunter, um einen Eimer aus der Abstellkammer zu holen, damit er sich darein übergeben kann und nicht wieder ins Bad laufen muss. Als ich die Tür zur Kammer öffne, versuche ich, ohne das Licht anzumachen, nach dem Eimer zu tasten, doch das ist mein mehr als großer Fehler. Nach wenigen kleinen Schritten stoße ich mir den großen Zeh an einem kleinen Holzregal und stoße einen leisen Schmerzensschrei aus. Schnell schnappe ich mir den Eimer und verlasse die Kammer sofort wieder. Damit meine Eltern nicht wach werden, wenn ich hier noch weiter im Dunklen herum tappe.

Mit speziellen Tropfen und dem Eimer in den Händen renne ich wieder die Treppe hinauf, bis ich in meinem Zimmer ankomme. Heute entgeht mir echt zu viel Schlaf. Den Eimer stelle ich neben das Bett meines Bruders und reiche ihm dann die Tropfen, falls er sie schon nehmen will. Müde blinzelnd, streckt er seine Hand nach mir aus und flüstert schmerz verzehrt: "Kannst du das Licht ausmachen?" "Natürlich, du Vampir", erwidere ich, weiß aber wie ernst es ihm damit ist, da das Licht, laut seiner Aussage, dazu beträgt, dass seine Kopfschmerzen noch schlimmer werden. Nachdem ich mir schnell meine Kleidung aus dem Schrank geholt habe, betätige ich den Lichtschalter also und husche mit meinem Handy in der Hand aus dem Zimmer, um meinem Mitbewohner ein wenig Ruhe zu gönnen. Dann husche ich weiter ins Badezimmer, um mich dort zuzuziehen. Mittlerweile ist schon eine dreiviertel Stunde vergangen und langsam wird es Zeit, dass ich mich fertig mache, sonst komme ich noch zu spät.

Ein Blick auf die digitale Zeitanzeige auf meinem Handy, zeigt mir, dass es bereits viertel nach sieben ist, als ich mein Frühstück beende. Heute habe ich endlich mal eine Chance darauf nicht zu spät zu kommen. Auch meine restliche Familie ist nun wach, was mir erst auffällt, als Mom mit einem verwunderten Blick die Treppe hinunter geschlurft kommt: "Schläft Ryder etwa noch?" "Ja, ich habe ihm heute Morgen etwa gegen sechs Uhr brechend im Bad gefunden. Scheinbar hat er mal wieder Migräne!", das Detail mit dem Alkohol habe ich aus meiner Erklärung lieber erst mal herausgelassen. "Echt? Hat er seine Tropfen?" "Ja, ich habe sie ihm gebracht", sie legt ihre Hände auf meine Schultern: "Tut mir leid, dass wir...äh, dass ich dich gestern so überrumpelt habe." Scheinbar hat sie mit meinem Dad darüber geredet, dass das alles ihre Schuld ist und dass er damit nichts zu tun hat, was sie scheinbar akzeptiert zu haben scheint. "Schon gut", erwidere ich und nehme noch einen Bissen von meinem grünen Apfel. "Kannst du bitte versuchen wenigstens zu Claire und ihren Eltern nett zu sein, wenn sie hier sind?" Nett ist die kleine Schwester von Scheiße, denke ich mir, nicke aber trotzdem.

Als ich endlich aufgegessen habe - es ist etwa halb acht - klingelt es an der Tür. Überrascht stehe ich von meinem Stuhl auf und schlurfe zum Eingang. Wer kann das nur sein? Morgan läuft dienstags nie mit mir, weil ihre Kurse heute später anfangen und andere Freunde habe ich eigentlich nicht. Verwundert reiße ich die Tür auf, schlage sie aber sofort wieder zu, als ich sehe, wer auf der anderen Seite wartet. Dort, vor meiner Haustür, steht Cameron Ross. Zwar konnte ich nur einen kurzen Blick auf ihn erhaschen, doch das reicht mir, da ich ein sehr gutes, fast fotografisches, Gedächtnis habe. Mein Nachbar trägt seinen blau-schwarzen Rucksack, den er schon seit der Middle School hat, auf dem Rücken und trägt darunter die weiß-blaue Jacke, die jeder Junge bekommt, der in einem Schulteam ist. Da wir nicht viele Teams haben - wir sind eine ziemliche Loserschule -, haben nur die Mitglieder des Football- und des Schachteams solche Jacke. Wenn man dann auch noch bedenkt, dass die Mitglieder des Schachteams zu stolz sind, um die gleichen Jacken zu tragen wie die Footballspieler - das Football und das Schachteam verachten einander - sind diese Jacken zu so etwas wie das Markenzeichen aller Footballer.

"Du solltest losgehen, Schatz. Sonst kommst du noch zu spät", ruft meine Mutter aus der Küche. Ich verdrehe die Augen. Wieso muss sie immer die Fragen stellen, die gerade am unpassendsten sind? Von meiner Mutter gedrängt, greife ich nach meinem bereits gepackten Rucksack und streife mir dann meine Jacke, sowie meine Schuhe, über. Dann wandert meine Hand zum Türgriff und ich atme noch einmal tief durch. Der Gedanke daran, was ich mir vorgenommen habe, tritt in mein Gehirn zurück. Langsam lasse ich meine Schultern zurückfallen, um ein wenig selbstsicherer und entspannter zu wirken. Ehrlich gesagt tue ich das aber, um mich selbst anstelle von jemand anderem zu beruhigen. Kurz nehme ich noch einen kurzen Atemzug und nehme dann all meinen Mut zusammen. Angespannt öffne ich die Tür vor mir und schaue in Camerons verwirrtes Gesicht. "Hey", grüßt er sofort. "Hey", erwidere, um nicht unhöflich zu sein. Trotzdem laufe ich schnell an ihm vorbei und verlasse unser Grundstück. "Warte doch auf mich", ruft mein Nachbar mir hinter und wenige Sekunden später sind seine Schritte auf dem Beton der Einfahrt zu hören: "Ich will mit dir zur Schule gehen." Was will er? Nein, das kann er vergessen. Auf keinen Fall halte ich den ganzen Schulweg aus, ohne ihm mindestens eine Beleidigung an den Kopf zu werfen oder schreiend wegzulaufen.

"Warte auf mich", ruft Cameron mir hinterher und wenig später läuft er im Gleichschritt neben mir her. Leise knirsche ich mit den Zähnen und versuche mich zu beherrschen. "Wieso läufst du mir hinterher?" "Hab ich doch schon gesagt. Ich will mit dir zusammen zur Schule gehen", erklärt er fröhlich. Seine Freude überrascht und verwirrt mich. Ist er vielleicht immer noch betrunken oder steht unter Drogeneinfluss? "Und wieso?", frage ich beharrlich weiter. "Weil wir Nachbarn sind und weil ich gerne Zeit mit dir verbringen", er blickt zu Boden. Verwundert runzle ich die Stirn: "Seit wann das denn?" Auf diese Frage scheint er keine Antwort zu wissen, weshalb er schweigt. War ja klar! Wahrscheinlich will er nicht zugeben, dass er sich augenscheinlich erst seit gestern für mich zu interessieren scheint und mich davor wie Dreck behandelt hat.

Lange laufen wir nur still nebeneinander her und ich versuche mein ganzes Unbehagen zu überspielen."Haben deine Eltern dir schon erzählt, dass sie uns am Freitag zu euch eingeladen haben?", fragt er dann leise, versucht dabei aber selbstsicher zu klingen. "Ja", ich weiche seinem eindringlichen Blick aus, den er ununterbrochen auf mich gerichtet hält. "Du wirkst nicht sehr begeistert", er klingt niedergeschlagen. Ich bleibe jedoch trotzdem knall hart: "Bin ich auch nicht". Mein Mitleid hat er nicht verdient. Trotzdem baut sich aber ein mieses Gefühl in mir auf. Hoffentlich schaffe ich es zur Schule, bevor ich einknicke. "Katy? Du hast meine Frage gestern in der Mittagspause gar nicht beantwortet", murmelt er niedergeschlagen. Nun treffen sich unsere Blicke doch wieder, als ich zu ihm herüberblicke: "Äh, ja stimmt. Das habe ich nicht getan. Was war die Frage nochmal?" Zwar erinnere ich mich genau an seine Worte, doch ich will hören, dass er seine Meinung nicht geändert hat. "Ich habe gefragt, ob du mit mir essen gehen willst. Am Donnerstag!", erklärt er, obwohl die Information über das Datum neu ist: "Also, willst du?" Mit einem schlechten Gefühl in der Brust schüttle ich langsam den Kopf und versuche es möglichst schonend zu sagen: "Ich ...äh ...muss mich am Donnerstag auf den Ball vorbereiten." Bei der Erwähnung des Tanzes wandelt sich sein Gesichtsausdruck plötzlich sofort. Hat er etwa vergessen, dass er Ball am Samstag stattfindet? Geschockt blicke ich ihn an: "Du hast es vergessen?" "Ja", erwidert er sofort: "Mit wem gehst du hin?" "Das geht dich nichts an", erwidere ich lauter als gewollt. "Ah okay, du hast gar kein Date oder du gehst mit deiner besten Freundin zusammen hin, Kat", stichelt er grinsend. Entweder macht er das, um mich zu ärgern oder er glaubt das wirklich, aber der Spitzname "Kat" macht es eindeutig. In unseren Kindertag hat er mich immer so genannt und später hat er ihn genutzt, um mich wütend zu machen. So sehr ich auch versuche nicht wütend zu werden und ihm zu sagen, dass ich mit Kyle hingehe, da mir klar ist, dass er mich dafür auslachen wird, so sehr ärgert es mich auch ihm nichts entgegnen zu können. So gut es geht, versuche ich mich zu beruhigen, doch mein Herz schlägt wütend gegen meine Brust und meine Hände ballen sich zu Fäusten zusammen. Es scheint, als würden sowohl er als auch ich in alte Muster zurückfallen. Mein Atem geht flacher und ich beschleunige meinen Schritt: "Du wirst am Samstag ja sehen, für wen ich dich abserviert habe."

Mit diesen Worten laufe ich vor ihm weg und versuche mein kleines, naives Herz zu beruhigen. Wenigstens für eine Sekunde hatte ich ihm geglaubt, dass er sich geändert hat und schon wieder wurde ich enttäuscht. Das wird nicht noch einmal geschehen. Wäre unsere Vergangenheit nicht gewesen, hatte ich ihm vielleicht nicht mal einen Korb gegeben, aber seine Reaktion auf meine Absage hat sein altes selbst wieder hervorgetan, mit dem ich nichts zu tun haben möchte.

Als es zur dritten Stunde klingelt, sitze ich bereits auf meinem Platz in Raum 203, in dem der Matheunterricht stattfindet. Vorher hatte ich zwei Stunden Geschichte und bin mittlerweile ziemlich gelangweilt. Unsere Geschichtslehrerin ist so langweilig, dass ich jedes Mal fast einschlafe. Glücklicherweise bin ich nicht die Einzige, die der Meinung ist. Es gibt sogar Schüler, die in ihrem Unterricht wirklich einschlafen und deshalb den ganzen Unterrichtsstoff verpassen. Unser Mathelehrer gestaltet die Stunden bei ihm viel interessanter und seit ich diesen Lehrer habe, ist Mathe für viele fast sowas wie ein Lieblingsfach. Ich selbst würde Mathe nicht sofort als mein Lieblingsfach bezeichnen, aber gerne mache ich es schon.

Der Klassenraum ist abgesehen von mir und dem Lehrer komplett leer. So mache ich es immer. Ich hasse es zu spät kommen und bin deshalb immer überpünktlich. Daran haben sich auch die Lehrer mittlerweile gewöhnt und lassen mich schon direkt nach dem Klingeln rein, obwohl ich die Einzige bin. Heute habe ich mich aber nach hinten gesetzt, um nicht aufzufallen.

Mittlerweile habe ich mich wieder beruhigt und es geschafft meine Gedanken weg von meinem Nachbarn zu lenken, doch als auch er in die Klasse kommt, spüre ich seine Anwesenheit, ohne ihn überhaupt ansehen zu müssen. Es wirkt ein wenig so, als würde von ihm eine strahlende Wärme ausgehen und auf meiner Haut wie Feuer brennen. Ich spüre genau, wie er langsam durch den Klassenraum läuft und sich dann langsam neben mich auf den einzigen Stuhl fallen lässt.

Vorsichtig blicke zu ihm, durch meine braunen Haare hindurch, herüber. Er hat nur einen Collegeblock und sein Etui dabei. Schon früher ist mir aufgefallen, dass er immer nur diese beiden Sachen mit hat, während ich selbst immer mehrere Bücher mitschleppen muss. Wie kann er damit durchkommen? "Hey", grüßt er mich freundlich. Diesen Ton kann er sich gerne auch sparen. "Hey", erwidere ich. Nachdem ich geantwortet habe, bereite ich mich auf eine seiner Sticheleien vor, doch das geschieht nicht. Stattdessen überrascht er mich: "Tut mir leid, dass ich vorhin so gemein zu dir war. Ich bin in ein altes Muster zurückgefallen." Mir fällt die Kinnlade hinunter und ich kann nicht anders, als zu fragen: "Alles gut bei dir? Hast du irgendwas genommen?" "Nein, ich bin bei klarem Verstand", meine Frage scheint ihn beleidigt zu haben: "Nimmst du meine Entschuldigung denn an?"

Das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich sollte ich so nicht fühlen, aber seine Entschuldigung berührt mich. Es wirkt, als hätte er seine schlechten Angewohnheiten abgelegt und wäre nun eine neue Person. Seit seinem achtzehnten Geburtstag scheint es, als hätte er einen Neuanfang begonnen und würde nun versuchen unsere alte Freundschaft wieder zu beleben. Sollte ich ihm vielleicht eine Chance geben? Schließlich verdient jeder eine zweite Chance!

Aus dem Augenwinkel bemerke ich wie sich einige von Camerons Freunden und Footballkollegen zu uns umdrehen und mit den Augenbrauen zu wackeln oder zu pfeifen beginnen.

So gut es geht, versuche ich sie jedoch zu ignorieren und einfach auszublenden, da ich gerade eine wichtige Entscheidung treffen muss. Cameron scheint seine Freunde, aber nicht ignorieren zu können und wirft jedem von ihnen deshalb böse Blicke zu, woraufhin sie sich sofort wieder nach vorne drehen.

Fast habe ich die Entscheidung getroffen ihm zu vertrauen und zu verzeihen, aber als ich ihm in die Augen sehe, fällt mir wieder alles ein, was er die Jahre über getan hat. Ich erinnere mich an all die Stunden, die ich weinend in meinem Bett verbracht habe und in denen ich keine Person sehen wollte. Will ich das wirklich nochmal?

Ich will gerade antworten, da beginnt der Lehrer zu sprechen: "Bitte schlagt das Buch auf Seite einhundert zwei auf und löst die Aufgaben fünfzehn bis dreiundzwanzig mit eurem Sitznachbarn." Dann wendet der Erwachsene sich wieder dem Buch zu und beginnt die Aufgaben selbst zu lösen.

"Sieht so aus als wären wir Partner", erwidert er und fragt: "Können wir uns dein Buch teilen?" Still reiche ich ihm mein Buch und schaue weg. Hoffentlich schaffe ich es meine Antwort noch länger heraus zu zögern. "Wie lautet deine Antwort jetzt? Verzeihst du mir oder nicht?", fragt er vorsichtig und hebt seinen Blick dabei konsequent nicht vom Buch. Da ich selbst noch keine Entscheidung getroffen habe, antworte ich: "Ich weiß es nicht. Gib mir etwas Bedenkzeit?" Sein Gesichtsausdruck zeigt mir, dass es nicht die Antwort ist, die er sich gewünscht hatte, aber trotzdem akzeptiert er, was ich einfordere: "Du bekommst natürlich so viel Zeit, wie du willst."

Als wir mit den Aufgaben fast fertig sind, stellt er mir eine weitere Frage: "Sagst du mir nun mit wem du zum Ball gehst. Wenn nicht, ist das aber nicht schlimm. Schließlich geht mich das nichts an." "Stimmt es geht dich nichts an", mein Ton ist knall hart. Er schaut mich verletzt an, scheint aber zu akzeptieren, was ich gesagt habe, bis ich noch etwas hinzufüge: "Aber trotzdem werde ich es dir sagen." Sofort hellt sich seine Miene auf und bei dem Anblick, breche ich fast in Gelächter aus. Es wirkt, als hätte er gerade die beste Nachricht auf den ganzen Planeten erhalten. "Ich gehe mit Kyle Davenport hin!" "Wer ist das denn?", fragt er verwundert.

Erst jetzt fällt mir wieder ein, dass ich Kyle erst kennen gelernt habe, als ich auf die Middle School gekommen bin. Zu dem Zeitpunkt waren Cameron und ich nicht mehr befreundet, also kann es sein, dass er und Kyle noch nie ein Wort gewechselt haben. Gesehen haben sie einander wahrscheinlich schon, aber mit Sicherheit wusste Cameron nicht, dass er gerade mit Kyle reden. Früher hat ihm ja schon der kleinste Kontakt mit meinen Freunden oder mir gereicht.

"Mein bester Freund", murmele ich, an der Rückseite meines Stiftes kauend. "Echt?", fragt er verwundert: "Wer geht mit seinem besten Freund auf einen Ball?" "Es war seine Idee", rechtfertige ich: "Und mit Kyle hinzugehen ist meilenweit besser als am Samstag allein zu Hause auf dem Sofa zu sitzen und Eis in mich hinein zu stopfen." "Wärst du nicht lieber mit mir auf den Ball gegangen? Das wäre doch sicher viel besser für uns beide", bietet er an. Verwundert blicke ich ihn an und schüttele hysterisch den Kopf: "Vergiss es! Ich möchte nicht mit dir, sondern mit Kyle hingehen." Schnell öffne ich mein Heft und blicke auf die Aufgaben im Buch: "Und mit dir in einem Team arbeiten möchte ich auch nicht länger. Du machst einfach die ersten und ich die letzten vier Aufgaben."

Wieso muss er immer wieder alles zerstören? Wir hätten einfach still hier sitzen und gemeinsam die Aufgaben machen können, aber er musste ja wieder mit dem Ball anfangen und ich war so dumm darauf einzugehen.

Immer wieder versucht Cameron sich in dieser Woche mit mir zu unterhalten und mehr über mich herauszufinden, aber ich habe wenig Lust darauf mit ihm zu reden. Trotzdem lässt mein Nachbar nicht locker, sondern versucht sich immer wieder bei mir zu entschuldigen.

Als dann endlich das Wochenende beginnt, bin ich mehr als erleichtert darüber mich ausruhen zu können und ein bisschen Zeit ohne Cameron zu haben, der mich in den letzten Tagen echt nicht mehr in Ruhe lässt.

Über Mittag hat sich die Temperatur drastisch erhöht, weshalb ich die Schalosien in meinem Zimmer hinuntergelassen habe und mich umziehen musste. Nun trage ich ein weißes Kleid, welches schön luftig ist. Es gibt ja viele Leute, die nicht gerne Kleider tragen, aber ich gehöre auf keinen Fall dazu. Das Licht der Sonne fällt genau in mein Gesicht und ich muss mein Gesicht von den Strahlen abschirmen.

Mein Bruder liegt auf seinem Bett und schreibt schon seit etwa einer halben Stunde mit Claire. Ich frage mich echt, ob die beiden nichts Besseres zu tun haben. Als mein Handy jedoch meldet, dass ich eine Nachricht bekommen habe, fällt mir auf, dass ich auch nicht besser bin. Schließlich schreibe ich schon ziemlich lange am Stück mit Morgan, mit der ich heute leider keinen einzigen Kurs hatte.

Heute ist ihr Hauptthema der Ball! Nachdem ich ihr erzählt habe, dass ich mit Kyle hingehe, ist Morgan vor Freude fast ausgerastet und hat mich den ganzen Tag voll gequatscht. Nun weiß ich genau, was ich am auf dem Ball tun sollte und was nicht, obwohl das meiste davon ziemlicher Mist ist. Sie scheint vergessen zu haben, dass auch ich schonmal auf einem Ball war und keine Balljungfrau bin. Scheinbar hat sie aber in der letzten Stunde wirklich Angst bekommen, dass ich morgen kneifen und Kyle doch noch absagen werde. Zwar verspüre ich bei dem Gedanken gleichzeitig Panik und Aufregung, doch absagen und meinen besten Freund enttäuschen würde ich nie. Er vertraut mir und ich vertraue ihm. Außerdem gehen wir ja auch nur als Freunde zum Ball, also verstehe ich nicht, warum ich mir Sorgen machen sollte.

Die Stimme meiner Mutter reißt mich aus meinem Gedanken: "Katy! Ryder! Kommt ihr nach unten? Gleich kommen die Nachbarn."

Mein Bruder springt sofort aus dem Bett und will das Zimmer verlassen, doch dann dreht er sich zum mir um und schaut mich vorwurfsvoll an, als er weiß, dass ich nicht runter kommen werde, wenn er mich jetzt nicht antreibt: "Komm schon, Katy. Das wird schon nicht so schlimm." Ich beiße mir auf die Lippe: "Woher willst du das wissen. Kannst du etwa in die Zukunft schauen?" "Nein", gibt er zerknirscht zu: "Wir sind aber doch alle bei dir, falls etwas sein sollte." "Jaja, ich weiß", murre ich und steht seufzend aus meinem Bett auf, als er mir die Hand hinhält, um mir aufzuhelfen. Schnell schalte ich mein Handy auf stumm und gehe dann zusammen mit Ryder nach unten.

Zwar fühle ich mich nach wie vor unbehaglich, versuche aber trotzdem für meine Eltern - besonders für meine Mutter- gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Für einen kurzen Moment denke ich darüber nach, was Ryder gesagt hat und glaube sogar kurz, dass es möglicherweise doch nicht so schlimm wird wie ich gedacht habe.

Als es jedoch an der Tür klingelt und kurz darauf Familie Ross in unser Haus, in mein Gebiet, eintritt, werfe ich diese Einstellung über den Haufen und bekomme doch Panik. Auch Ryder scheint das zu merken und legt deshalb seinen Arm sanft um mich. Damit versucht er mich zu beschützen und mir etwas Sicherheit zu geben. Sofort durchströmt mich eine angenehme Wärme und das Gefühl von Schutz, ja fast von Unverwundbarkeit. Dann fällt mir Cameron auf, der mich aus seinen braunen Augen sanft, fast liebevoll, anblickt und mein Herz damit dazu bringt schneller zu schlagen.

Tut mir leid, dass es schon wieder so kurz ist (war nicht so geplant), aber so bleibt es einfach etwas spannender!

Nachdem wir alle uns begrüßt haben, geleiten meine Eltern alle Mitglieder der beiden Familien zum Esstisch, wo wir spielen werden. Mein Vater beobachtet Cameron ununterbrochen und misstrauisch. Dabei wirkt er fast wie ein Raubtier, welches seine Beute erst studiert, bevor es ihr die Kehle zerfetzt. Ob er das meinetwegen tut? Schließlich hat er, noch stärker als Mom, miterlebt, was dieser Junge in den letzten Jahren für eine Wirkung auf mich hatte.
Bedächtig lässt mein Vater sich gegen über von meinem blonden Nachbarn auf seinen Stuhl sinken und stütze sich mit beiden Ellenbogen auf der Glasplatte ab. Schnell setze ich mich neben meinen Vater, damit er keine Dummheiten macht. Neben Cameron lässt Claire sich nieder und daneben meine kleine Schwester Alyssa, die sowas wie ein Fan von Ryders Freundin ist. Sie verbringen viel Zeit miteinander und meine Schwester scheint unsere Nachbarin wirklich zu bewundern, was mich mindestens ein wenig verletzt, wenn ich darüber nachdenke, dass sie Claire ihrer eigenen Schwester vorzieht. Nachvollziehen kann ich es aber schon. Schließlich ist Claire eine echt freundliche, herzensgute Person. Wäre ich an Alyssas Stelle, wäre Claire wahrscheinlich auch mein Vorbild. Außerdem ist es besser, wenn sie einer verantwortungsbewussten Person vertraut, als einer total leichtsinnigen. Sie könnte zum Beispiel auch Ryders Spaß am Alkohol trinken übernehmen und das wäre auf jeden Fall schlimmer.
“Also? Was wollen wir spielen“, fragt meine Mutter ungewöhnlich hoher Stimme. Als mein Vater und mein Bruder gleichzeitig ihre Augenbrauen neben, als sie die Veränderung bemerken, muss ich mir echt auf die Zunge beißen, um nicht sofort in wildes Gelächter auszubrechen. “Monopoly“, ruft Alyssa und schaut begeistert in die Runde. Ihre Augen glitzern verspielt.
Manchmal wünsche ich mir die gleiche Lebensfreude, wie meine Schwester empfinden zu können. Sie sieht in allem das Gute und versucht Situationen, die eigentlich ausweglos zu sein scheinen, in etwas Positives zu verwandeln. Hin und wieder erinnert sie mich an mein sechsjähriges Selbst, bevor ich in die Schule gekommen bin.
“Ja, Monopoly klingt doch gut“, pflichte ich meiner kleinen Schwester bei. Dankbar wirft sie mir ein freudiges Lächeln zu und flüstert lautlos:“Danke, Katy.“ Auf den Wunsch hin, steht meine Mutter auf und geht zu dem Schrank, in dem wir die Spiele aufbewahren und wirft einen Blick in den Karton des Spieles:“Wir müssten, dann aber zweier Teams bilden, weil die Kinder fast alle Figuren verloren haben.“ Bei der Erwähnung der Figuren blicken Alyssa, Ryder, Claire und ich einander geschockt an und als dann noch das Wort ‘verloren‘ fällt, entflieht Ryders Kehle ein leises Lachen, welches Alyssa und ich mit einem Husten zu kaschieren versuchen. Claire hingegen schafft es sich zu beherrschen und wirft uns nur einen warnenden Blick zu, während Cameron, der keine Ahnung hat, was mit den Figuren geschehen ist, nur verwirrt in die Runde blickt. Wir hingegen wissen genau, was passiert ist.
Im letzten Jahr haben wir vier nämlich zum ersten und auch zum letzten Mal gemeinsam Monopoly gespielt. Wir hatten bereits eine Stunde gespielt, da haben Ryder und Alyssa angefangen sich zu streiten, weil er, mal wieder, geschummelt hatte. Er wollte es aber nicht eingeben und hat versucht seine Schwester zu verarschen, aber das hat sie nicht mit gemacht. Deshalb hat sie einfach seine Spielfigur genommen und irgendwo hingeworfen. Das wollte er nicht mit sich machen lassen, weshalb er ihre Figur genommen und diese ebenfalls weggeworfen hat. Daraufhin haben sie angefangen sich gegenseitig mit den übrigen Figuren abzuwerfen, bis nur noch vier übrig waren. Diese vier haben den Krieg, aber auch nur überlebt, weil Claire und ich uns entschieden haben dazwischen zu gehen. Nach einigen Stunden haben sie sich dann auch wieder vertragen, aber die Figuren haben wir bis heute nicht wieder gefunden. Meine persönliche Vermutung ist, aber dass die Hundefigur an der Wand hinter dem Kühlschrank liegt. Da wir aber einfach gehofft haben das Spiel nie wieder spielen zu müssen, haben wir uns nie die Mühe gemacht den Kühlschrank, während unsere Eltern bei der Arbeit sind, wegzuschieben. Wieso Alyssa heute ausgerechnet dieses Spiel spielen möchte, ist mir nicht klar.
Meine Mutter kommt mit dem Spiel in der Hand zu unserer bunten Runde zurück und zeigt uns die vier kleinen, schimmernden Figuren in ihrer Hand: “Wir müssen also vier zweiter Teams gründen, damit jeder mitspielen kann.“ “Ich glaube, du hast dich da verrechnet, Mom“, merkt Ryder an: “Wir sind neun Leute und keine acht.“ Verwundert beginnt meine Mutter erneut durchzuzählen und stimmt meinem Bruder dann zu: “Oh stimmt, dann können wir das Spiel nicht spielen.“ Ryder hingegen scheint das partout nicht zu wollen und erhebt deshalb Einwand: “Nein, schon gut. Ich setze einfach dieses Spiel aus. Ich mag das Spiel sowieso nicht.“ “Was? Nein, du kannst doch nicht einfach aussetzen“, erwidere ich ein wenig geschockt und starre meinen Bruder verwundert an. Ich weiß genau, dass er dieses Spiel liebt. Wieso lügt er also? Der Boden wird mir ruckartig unter dem Boden weggerissen. Er hatte mir doch versprochen, dass er für mich da ist.
Mein Bruder scheint meine Angst zu bemerken und verschränkt deshalb seine Finger in meinen. Fast habe ich mich wieder beruhigt, als meine Mom verkündet: “Perfekt, dann machen wir mal die Gruppen. Also ich würde sagen, dass die Erwachsenen mit ihren verheirateten Partner arbeiten.“ Alle anderen Erwachsenen stimmen ihr zu. “Dann mache ich mit Claire“, erklärt nun auch meine kleine Schwester und schlingt ihre Arme um die Blondine. Als mir klar wird mit wem ich selbst dann eine Gruppe bilden muss, schießt der Schock wie ein Pfeil in mich hinein und bohrt sich durch meine Adern bis in mein Herz hinein. “Dann sind wir wohl ein Team“, Cameron zwinkert mir grinsend zu. Mom klatscht in die Hände: “Perfekt! Dann können wir ja anfangen.“
Schleichend langsam verstreicht die Zeit, während wir spielen. Für mich ist es die reinste Qual. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte mich in meinem Zimmer verkrochen. Immer wieder blicke ich zu meinem Bruder herüber, der mir einen aufmunternden Blick zurückwirft. Meiner Familie zuliebe spiele ich weiter und wenn ich ehrlich bin, wäre es gar nicht so schlimm, wenn da nicht diese ständigen Fragen wären. Gerade eben wurde mir von Mrs. Ross schon wieder eine gestellt: “An welchen außerschulischen Aktivitäten nehmt ihr eigentlich teil, Ryder und Katy?“ Natürlich entgeht es mir nicht wie ihr Ehemann, der mit solchen Fragen viel vorsichtiger ist, sie sanft in die Rippen knufft und ihr einen warnen Blick zuwirft, was Claires Mom jedoch nicht aus der Fassung bringen kann. Schon immer war sie eine sehr selbstbewusste Frau und das scheint sich über die Jahre nicht geändert zu haben. “Ich spiele Football“, erklärt mein Bruder schnell: “Cameron und ich sind zusammen in einer Mannschaft.“ “Ach stimmt ja“, sie lächelt glücklich: “Und du Katherine?“
Als Mrs. Ross meinen richtigen Namen ausspricht, zucke ich überrascht zusammen. Nicht sonderlich oft höre ich meinen richtigen Namen. Meine Eltern nutzen ihn nur, wenn sie wütend sind, und sonst höre ich ihn nur bei fremden Leuten, die mich nicht gut genug kennen, um mich bei meinem Spitznamen zu nennen, oder bei meinen Großeltern, die generell etwas gegen die Verkürzung von Namen haben, weshalb sie auch die Namen meiner Geschwister nicht mögen. Sie sind ihnen so modern, obwohl ich nicht verstehe, was daran modern sein soll. Haben sie etwa gedacht, dass meine Eltern ihre Kinder Ingeborg, Hildegard und Reiner nennen, oder was?
So gut es geht, versuche ich meine Stimme sicher klingen zu lassen: “Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht gehe ich ja zur Schülerzeitung!“ “Wie wäre es denn mit Cheerleading? Du bist doch sehr beweglich?“, fragt Claire sofort und erinnert mich daran, dass es diese Möglichkeit auch noch gibt: “Du hast mir mal erzählt, dass du das mal versuchen willst.“
Ein Kloß bildet sich in meiner Kehle. Sie hat Recht! Das habe ich schon oft gesagt und wenn ich ehrlich bin, würde ich es immer noch gerne versuchen, aber da gibt es ein mehr oder weniger großes Problem. Ashley ist Captain des Cheerleaderteams. Wenn man genau darüber nachdenkt, ist das ein totales Klischee. Ich weiß! Zwar teilt sie sich den Posten mit Claire, aber trotzdem würde Ashley niemals zulassen, dass ich einen Platz in ihrer Liga der Zicken einnehme. Das hat sie mir schon in der achten Klasse klar gemacht, als ich es zum ersten Mal versucht habe. Damals war sie noch alleiniger Captain an der Middle School, aber heute wird es sicher nicht anders laufen.
Die Blondine scheint noch weitere Argumente zu haben: “Ach komm schon, Katy. Versuchen kannst du es doch und in Collegebewerbungen kommt es immer gut. Das ist deine letzte Chance!“ Ich beiße mir nachdenklich auf die Lippe. Recht hat sie ja schon. Das ist mein letztes Jahr an der High School und auf dem College gibt es keine Schulclubs mehr. Die Idee von mir in der Cheerleaderuniform unserer Schule wächst in jeder Sekunde weiter. “Vielleicht“, beginne ich: “Könnte ich es ja mal versuchen.“ Claire, Ryder und zu meiner Überraschung auch Cameron blicken mich fröhlich an. “Perfekt!“, erwidert Claire zufrieden: “Frag doch Morgan, ob sie auch mitmachen will. Dann bist du nicht so allein in unserem Team.“ “Vorausgesetzt wird schaffen es überhaupt rein“, lenke ich ein. “Sicher schafft ihr das. Ich habe eure Konkurrenten schon gesehen und die sind wirklich nicht der Hammer“, gibt sie grinsend zu. Es freut mich, dass sie mir Mut macht und gut zu spricht. Sicher werde ich meine Entscheidung nicht bereuen und wen Morgan an meiner Seite ist, schaffe ich das Vortanzen sicher.
Der restliche Abend verläuft entspannt und es wundert mich echt, dass Cameron es schafft den ganzen Abend keinen unangebrachten Kommentar auf uns loszulassen. Es wirkt fast, als wäre er tatsächlich ein neuer Mensch und als wir dann auch noch gemeinsam gewinnen, frage ich mich echt, ob er doch eine zweite Chance verdient hat. Den ganzen Abend blickt er mich ununterbrochen an und lächelt freundlich. Also entweder hat er sich verändert oder er steht doch unter Drogen! Jedenfalls wirkt er seit seinem achtzehnten Geburtstag ein wenig berauscht, wenn er in meiner Nähe ist.

Erneut stehe ich in einem Kleid vor dem Spiegel und betrachte mich selbst unsicher. Dieses Mal ist mein Kleid komplett schwarz und reicht bis zum Boden. Meine Schuhe sind an diesem Abend um einiges tiefer, was mehr als praktisch ist, wenn man nicht sonderlich gut darin ist auf hohen Schuhen zu laufen. Nervös zuppele ich immer wieder an meinem Kleid herum und versuche alle Falten glatt zu streichen. “Hör auf ständig am Kleid herumzuziehen, das wird sonst zur Angewohnheit“, ermahnt Morgan, die auf meinem Bett sitzt und immer wieder von ihrem Handy hoch schaut, um mir zu sagen, dass ich mein Kleid nicht immer anfassen soll. Ich weiß eigentlich selbst, dass ich das nicht ständig machen sollte, aber ich fühle mich in diesem Kleid nicht einfach richtig wohl. “Meine Haare sind zu fest zusammen gebunden, mein Kleid ist so lang, dass ich bei fast jedem Schritt hinfalle und ich sehe total albern aus“, erkläre ich ehrlich. Entrüstet springt Morgan von meinem weichen Bett auf und legt ihren Arm um meine Schultern: “Quatsch! Du siehst wie eine Prinzessin aus.“ “Ach ja und wo ist dann meine Krone?“, frage ich sarkastisch. “Werde Ballkönigin und du bekommst eine“, erinnert sie mich. Stimmt, das hatte ich schon fast wieder vergessen. Es gibt ja diese Tradition, dass es immer einen Ballkönig und eine Ballkönigin geben muss. Das ist zwar eine total oberflächliche Angewohnheit, da immer nur nach der Schönheit und weder nach der Intelligenz noch nach der Persönlichkeit bewertet wird. “Die Wahl gewinnt Ashley doch immer“, gebe ich kleinlaut zu bedenken. Morgan nickt zustimmend. Das kann selbst sei nicht leugnen. “Kann ich Kyle nicht doch absagen?“, frage ich nachdenklich: “Er würde es sicher verstehen.“ “Ja, das würde er“, gibt sie zu und lässt mich aber nicht los: “Aber das wirst du nicht absagen. Du wirst auf diesen Ball gehen, Katy. Abzusagen passt nicht zu dir.“ Verdammt, sie hat Recht. Aus mir spricht in diesem Moment lediglich die Panik und ich werde Kyle schon nicht enttäuscht. “Ja, stimmt. Außerdem ist das ja sowieso kein Date“, erkläre ich und versuche total selbstsicher zu klingen und schaffe es auch recht passabel. Als ihrem Mund jedoch ein leises “Wer’s glaubt“ entflieht, schafft sie es mich aus der Fassung zu bringen. Überrascht schaue ich sie an: “Wie meinst du das?“ Sie muss grinsen:“Du hast doch nicht wirklich gedacht, dass er mit dir nur als Freundin hingehen will, oder?“ “Äh …doch! Was hätte ich denn sonst denken sollen?“ “Also er denkt, dass es ein Date ist“, erklärt sie lachend. Geschockt starre ich meine beste Freundin an. Das kann doch nicht ihr ernst sein. “Du verarschst mich doch!“, ich spreche genau das aus, was ich in diesem Moment denke. “Nö, was hätte ich denn davon?“, fragt sie schulterzuckend und ich erkenne, dass das, was sie da von sich gibt, total logisch ist: “Ich habe auch schon einen Shippingnamen für euch. Was findest du besser? Kylety oder Kaly?“ Kläglich versuche ich meine Stimme möglichst normal klingen zu lassen und mich nicht aufzuregen, als ich antworte: “Du hast Shippingnamen für Kyle und mich? Denkst du nicht, dass das ein wenig merkwürdig ist?“ “Nein, für Cameron und dich habe ich auch einen. Ihr heißt zusammen Rossmann!“ Meine erste Reaktion ist Schock darüber, dass sie denkt, dass ich jemals etwas mit Cameron haben würde. Dann ich nochmal über den Namen und frage: “Ist Rossmann nicht so ein Drogeriemarkt?“ Morgan zieht belustigt eine Augenbraue hoch und entscheidet sich dann, mich nicht zu fragen, wieso genau das, das ist, was mich stört: “Keine Ahnung! Kann sein.“ Nun muss ich doch grinsen. Es gibt auf der Welt keine besser Freundin als Morgan, auch wenn ich sie dafür, dass sie einen gemeinsamen Namen für Cameron und mich hat, mindestens einen Tag ignorieren sollte. “Ach komm schon. Als ob du nicht gerne mit Cameron hingegangen wärst, wenn eure gemeinsame Vergangenheit nicht wäre und wenn Kyle dich nicht vorher gefragt hätte“, kritisch blickt sie mich an. Sofort beginne ich alles zu leugnen, doch in meinem Gehirn schreit eine nervige Stimme ganz laut “Ja“.
“Katy! Morgan! Kommt runter oder wir fahren ohne euch“, ruft Ryder in diesem Moment von unter und rettet mich davor weiter mit Morgan über Cameron zu reden. “Ja, wir kommen sofort“, brülle ich zurück. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Morgan kurz zusammen zuckt. Das ist komisch, weil sie eigentlich schon daran gewöhnt sein müsste, dass weder Ryder noch ich selbst zum jeweils anderen gehen, um ihm die Antwort mitzuteilen. Stattdessen brüllen wir einfach so laut es geht durchs ganze Haus und hoffen, dass der andere uns irgendwie verstanden hat. Manchmal kommen da echt merkwürdige Sachen bei raus, aber meistens funktioniert dieser Kommunikationsweg tadellos.
“Komm schnell, sonst macht Ryder noch erst“, grinse ich und öffne Morgan die Tür, welche daraufhin sofort hindurch schlüpft. Ich selbst schalte noch kurz das Licht aus und folge ihr dann nach unten. Das wird, wie Morgan es nenne würde, „eine unvergessliche Nacht“! Sie neigt aber auch dazu alles zu dramatisieren.

Bereits von weitem kann ich die laute Musik der Schule hören. Freudige Erregung brodelt in mir auf und ein leichtes Flattern entsteht in meinem Magen. Nun bin ich, entgegen meiner Erwartungen, doch ziemlich aufgeregt und auch ein wenig Vorfreude ist zu spüren. Wenigen Meter später lenkt meine Mutter das Auto auf den kleinen Parkplatz neben dem riesigen High School Gebäude. Mit der Hilfe meiner Mutter und meines Bruders steigen Morgan und ich aus dem Auto aus, was sich mit einem engen, langen Kleid ziemlich schwer gestaltet, weshalb ich über die Hilfe ziemlich froh bin. Nachdem meine Mutter mich mehrmals in den Arm genommen hat und mir gesagt hat, wie sehr sie sich für mich freut und sich wünscht, dass ich glücklich bin, bittet sie Ryder, Morgan und mich uns aufzustellen, damit sie uns fotografieren kann.
Als das Blitzgewitter endet, erblicke ich Kyle, der unsicher an der Straße vor der Schule wartet. Er sieht ein wenig verloren aus, aber trotzdem sehr gut. Seine schwarzen Haare hat er ordentlich gekämmt, weshalb sie im Licht der Straßenlaternen ein wenig glänzen und der schwarze Anzug steht ihm mehr als gut. Sein Anblick erzeugt in mir ein leichtes Kribbeln und ich fühle mich, als würden eine Milliarde von Feuerarmeisen auf meiner Haut herumlaufen und alles in Brand setzen. “Das waren jetzt aber mal genug Fotos, Mom“, erinnert Ryder meine Mom: “Claire vermisst uns sicher schon.“ “Ja, da hast du recht, Schatz“, erwidert meine Mutter leise schniefend. Ihr scheint das alles ziemlich nahezugehen, obwohl es gar nicht ihr Ball ist. Mein Mom drückt meinen Bruder und mich noch kurz und steigt dann zurück ins Auto. Langsam lässt sie den Motor an und lenkt das Auto dann mit einem Blick auf uns zurück vom Parkplatz herunter. Wir alle winken wie wild hinter ihr her.
Schnell greife ich nach den Händen meiner Partner und ziehe sie mit mir über den Parkplatz bis hin zum Eingang der Schule. Auf dem Weg dorthin löst Ryder sich als erster aus unserer Kette und stößt zu Claire, die mit Cameron zusammen auf meinen Bruder gewartet hat. Cameron sehe ich nur aus dem Augenwinkel und schaue mit Absicht nicht genauer hin. Dann würde er sich nur wieder einbilden, dass ich doch lieber mit ihm hingehen oder sogar mit mir reden will, was ich mir lieber echt spare.
Wenige Schritte später trennt sich auch Morgan von mir und geht zu ihrem Date herüber. Es ist ihr Kollege aus der Bar, zu dem sie nun doch stehen will, was ihr aber schon in den ersten Tag nach der Party nicht sonderlich gut gelungen ist. Trotzdem habe ich ihr immer wieder gut zugeredet und ich glaube, dass sie mittlerweile ziemlich glücklich mit ihrer Entscheidung ist.
Dann wende ich mich mit meinen Gedanken jedoch wieder Kyle zu und gehe weiter zu meinem besten Freund. In seinen Augen liegt etwas Niedergeschlagenes und Ängstliches, doch als er mich erblickt, hellt sich meine Miene auf und ein breites Lächeln erscheint auf seinen schmalen Lippen. “Hey, Katy“, grüßt er und kommt auf mich zu: “Ich dachte schon, du kommst nicht mehr.“ Als er vor mir stehen bleibt, werde ich rot: “Tut mir leid, dass ich dich habe warten lassen. Meine Mom hat ein wenig geklammert.“ Er grinst fröhlich: “Meine Mom konnte ich glücklicherweise schon früh abschütteln.“ “Ich weiß gar nicht, was alle Eltern haben. Es ist ja schließlich nicht einmal unser Abschlussball.“ Er seufzt: “Aber der letzte Homecoming Ball unserem Leben, also ist es schon sowas wie ein Abschied von einer gewohnten Veranstaltung, die wir bereits oft erlebt haben.“ Ich erkenne, dass er recht hat und erst jetzt wird mir klar, dass das hier wirklich mein letzter Homecoming Ball ist. Dann folgt nur noch der Abiball und darauf folgt die Zeugnisvergabe. Angst vor meiner Zukunft habe ich auf jeden Fall. Schließlich habe ich mich noch für kein College und auch keine Fachrichtung entschieden. Es gibt so viele Colleges, auf die ich gerne gehen würde und was genau ich studieren will. “Ja, da hast du wohl recht“, erwidere ich nachdenklich und schaue Kyle dann dabei zu wie er in seiner Anzugtasche herumkramt, bis er eine schwarze Schatulle findet und herauszieht. “Ich habe dir etwas mitgebracht“, verkündet er stolz und öffnet das Kästchen.
Darin befindet sich ein kleines Blumengesteck, bestehend aus pink-weißen Rosen und kleinen, grünen Farnen, welches man sich um die Hand binden kann. Traditionell bringen viele Jungen ihren Dates solche Gestecke mit und stecken sie ihren Partnerinnen dann an. Ich selbst finde, die Idee wunderschön, aber leider tut das nicht jeder und das hier ist mein erstes Mal, dass ich so etwas bekomme. Aufregung macht sich in mir breit und ich bekomme zum ersten Mal das Gefühl, dass dieser Ball vielleicht doch anders ablaufen wird. Gespannt sehe ich meinem besten Freund zu, als er das Geschenk aus der Verpackung, die er wieder in seiner Tasche verstaut, nimmt und sanft nach meiner Hand greift. Willig reiche ich sie ihm und sehe dabei zu, wie er das Band, mit dem man die Dekoration befestigen kann, an meinem Handgelenk befestigt.
Glücklich lächelnd schaue ich wieder zu Kyle auf: “Wow, danke. Das ist wunderschön.“ “Echt?“, fragt er freudig überrascht. Bestätigend nicke ich: “Klar, ich habe sowas noch nie bekommen.“ “Wirklich? Das wusste ich gar nicht“, erwidert er überrascht: “Du warst aber doch schon auf einem Ball, oder?“ “Schon ein paar Mal, aber noch nie habe ich so ein Geschenk bekommen“, gebe ich zu und werde rot: “Das ist der erste Ball, auf dem ich mit jemandem bin, den ich gerne mag und der mit mir auch wirklich hingehen wollte. Die anderen wollten nur nicht allein gehen oder jemand anderen eifersüchtig machen.“
Um mich von dem Thema abzulenken, reicht er mir seine Hand: “Die anderen Typen waren eben Idioten, wenn sie so zu dir waren. Vielleicht sollten wir jetzt aber rein gehen, sonst ist der Ball vorbei bevor wir mindestens einmal getanzt haben.“ Die Hand ergreifend, nicke ich und steige mit Kyle, Hand in Hand, die Treppen hinauf: “Das halte ich für eine sehr gute Idee. Ich sollte einfach nicht mehr an die vergangenen Bälle, sondern an den Gegenwärtigen denken.“ Kyles Augen strahlen regelrecht, als er mich im Licht der Kerzen, die auf der Treppe aufgestellt wurden, anblickt. Der Anblick bringt mich zwar zu einem sanften Lächeln, doch meiner Gefühle bin ich mir in diesem Moment nicht sicher. Kein leichtes Kribbeln ist zu spüren und auch mein Herz schlägt nur ein wenig schneller. Meine Gedanken spucken total durcheinander in meinem Kopf umher und ich frage mich, was dieses Treffen, welches Kyle scheinbar als Date sieht, zu bedeuten hat, als wir durch die hohen Türen treten.
Unsicher drehe ich mich ein letztes Mal um. Mein Blick, der mich scheinbar ziemlich verloren erscheinen lässt, fällt auf Cameron, der ebenfalls einen Anzug trägt und mich sanft anblickt. Das flackernde Licht der Laternen und das weiße Mondlicht spiegeln sich in Camerons braunen Augen wider.
Als er meinen Blick bemerkt, wird sein eigener plötzlich weich und überrascht. Für einen kurzen Moment blickt er zu Kyle und in seine Augen tritt für wenige Sekunden ein dunkler Ausdruck, den ich nicht deuten kann, doch trotzdem jagt es mir einen Schauer über den Rücken.
Schnell drehe ich mich wieder zu Kyle und gemeinsam schreiten wir durch die Schule, doch die Gänsehaut, die sich auf meiner Haut ausgebreitet hat, will mich nicht loslassen und Camerons Blick hat sie wie ein Brandzeichen in mein Gehirn eingebrannt.

Das bunte Licht der Scheinwerfer, welches den ganzen Raum erleuchtet, bringt mich zum Blinzeln und ich brauche erst einen kurzen Moment, um mich an die lauten Stimmen der Schüler um mich herum und das blitzartige Licht zu gewöhnen. Unter dem warmen Licht beginne ich leicht zu schwitzen, was irgendwie peinlich ist, weshalb ich meine Hände schnell an meiner Jacke abwische, die Kyle mir einen Moment später, wie ein richtiger Gentleman, abnimmt und mit seiner eigenen an der Garderobe abgibt.

Während er weg ist, nehme ich mir Zeit, um die Leute um mich herum zu betrachten. Tatsächlich ist so gut wie alles hier so wie in meiner Vorstellung. Alle Leute in der Aula haben sich herausgeputzt und versuchen sich perfekt zu benehmen. Keiner will sich etwas Peinliches leisten und somit den Leuten als die Person, die den Homecoming Ball 2018 zerstört hat, in Erinnerung bleiben.

Dann fällt mein Blick auf Morgan, die schon vor uns rein gegangen ist und nun am Buffet steht, weshalb ich Kyle schnell sage, dass ich eben ans Buffet gehe, um mich kurz mit Morgan zu unterhalten. Ich muss ihr unbedingt erzählen, dass Cameron mich vorhin so merkwürdig angesehen hat. Sicher weiß sie, was das zu bedeuten hat. Schließlich ist sie sowas um einiges besser als ich selbst. Er ist damit einverstanden und begibt sich dann zu DJ-Pult, um sich wahrscheinlich einen Song zu wünschen.

Morgan schenkt sich gerade etwas Erdbeerbohle ein, als ich zu ihr stoße und ihr meinen Becher hinhalte. Sofort versteht sie, was ich von ihr will und gießt mir ebenfalls ein bisschen der roten Flüssigkeit ein. “Danke“, erwidere ich. “Gerne“, gemeinsam drehen wir uns dann wieder zur Tanzfläche herum und betrachten die Leute: “Und? Hatte ich Recht? Denkt er, dass es ein Date ist?“ Unsicher zucke ich mit den Schultern und trinke einen Schluck: “Ja, glaub schon. Jedenfalls hat er mir etwas geschenkt.“ “Oh, was denn?“, fragt sie sofort interessiert. Ihre Augen leuchten ein wenig. Ich hebe meinen Arm soweit nach oben, dass sie genau auf das wunderschöne Blumengesteck schauen kann: “Blumen!“ Interessiert dreht sie meine Hände immer wieder von der eine zur anderen Seite: “Schick! Er hat Sinn für das schön.“ Sofort stimme ich zu: “Ja, stimmt. Er ist der Erste, der mir sowas geschenkt hat.“ “Das ist schon ziemlich süß“, erwidert Morgan grinsend: “Ich hatte also recht mit dem Date.“ “Ja, hattest du, aber deshalb bin ich nicht zu dir gekommen“, gebe ich zu: “Ich muss dir etwas ganz anderes erzählen.“ Überrascht sieht sie mich an: “Du machst mir Angst, Katy. Ist was Schlimmes passiert?“ Mit einem nervösen Blick durch den Raum antworte ich: “Nein, alles gut. Ich wollte nur fragen, ob dir auch schon aufgefallen ist, dass Cameron sich heute echt komisch benimmt.“ “Ne, wieso? Was ist mit ihm?“ “Als ich vorhin mit Kyle in die Schule hereingegangen bin, habe ich gesehen wie Cameron mich ganz komisch angeguckt hat und als der dann Kyle angesehen hat, schien es plötzlich so, als würde er im nächsten Moment auf ihn losgehen“, schildere ich. Morgan bricht in Gelächter aus: “Was ist nur los mit dir? Sonst kannst du sowas doch viel besser deuten als ich. Man, Katy, Cameron hat dich gefragt, ob du mit ihm zum Ball gehst und du hast ihm wegen Kyle abgesagt.“ “Na und?“, frage ich unsicher. “Er ist eifersüchtig“, erklärt Morgan und endlich fällt auch bei mir der Groschen.

Tatsächlich könnte es sein, dass mein Nachbar eifersüchtig auf meinen besten Freund ist. Aber wieso? Schließlich ist es ja nicht so, dass er auf mich steht. Dann hätte er mich all die Jahre nicht so behandelt.

“Denkst du wirklich?“, frage ich mit leicht zitternder Stimme, doch bevor sie antworten kann, gesellt sich Morgans Date, Dan, zu uns hinzu. “Willst du tanzen, Morgan?“, fragt er die Schwarzhaarige und sie willigt ein, ohne auf meine Frage zu antworten, doch bevor er sie mit sich zieht, ruft sie mir noch zu: “Vergiss Cameron und habe einfach einen schönen Abend mit Kyle.“

Ihre Worte machen mir Mut, weshalb ich kurze tief Luft hole und meinen Becher irgendwo abstelle. Dann gehe ich langsam auf Kyle zu, der ganz verloren am Rand steht und suchend durch die Menge blickt.

Als unsere Blicke sich treffen, heben sich seine Mundwinkel und wir gehen langsam aufeinander zu. Plötzlich wird ein neues Lied gespielt, welches das Tanzfieber in mir weckt. Zwar bin ich keine perfekte Tänzerin, aber es sieht auch nicht total peinlich aus, wenn ich die Hüften schwinge und langsam tanzen kann ich auf jeden Fall. Die weichen Klänge des langsamen Songs animieren mich dazu meine Hände auf die Schultern meines besten Freundes zu legen. Er lässt seine Hände zu meiner Taille gleiten und langsam beginnen wir uns, im Takt mit den anderen Leuten um uns herum, zu bewegen. Für einen Moment vergesse ich die Zeit, lausche nur der Musik und spüre Kyle, doch dann werde ich wieder aus dem Moment herausgerissen.

Das Lied geht zu Ende und eine Hand legt sich auf meine Schulter. Überrascht zucke ich zusammen und winde mich aus Kyles Griff, um mich umzudrehen und der Person hinter mir in die Augen zu blicken, doch sobald ich diese erblicke, will ich mich sofort wieder umdrehen.

Dort steht Cameron. Auf seinen Lippen ist ein breites Grinsen zusehen, welches sich bis in seine Augen ausbreitet und erleuchtet. In seinen Armen liegt ein anderes Mädchen mit roten Haaren und grünen Augen, welches ich noch nie mit ihm gesehen habe.“Guten Abend, Kat“, grüßt Cameron freundlich, bringt mich mit dem Namen aber fast wieder zur Weißglut.

Gerade als ich antworten will, werde ich vom DJ unterbrochen: “Los Leute! Jetzt werden die Partner getauscht.“ Dann startet er einen neuen Song und fordert die Leute mit einigen Handbewegungen dazu auf zu tauschen.

Überrascht löse ich mich von Kyle und sehe Cameron an, der dem DJ verschmitzt zu zwinkert und sich dann ebenfalls mir zu wendet: “Also es scheint so, als wären wir nun Tanzpartner, Kat.“ “Hör auf mich so zu nennen“, ermahne ich und drehe mich dann wieder zu Kyle um.

Sanft greife ich nach seiner Hand und ziehe ich ein wenig von Cameron weg um ihm etwas in Ohr zu flüstern: “Was hältst du davon?“ Er sieht zwar nicht begeistert aus, streicht mit dann jedoch einen meiner braunen Strähnen aus dem Gesicht und antwortet: “Ich denke, du solltest Cameron diesen Tanz schenken. Den restlichen Abend gehörst du ja mir.“ Als er sagt, dass ich ihm gehöre, zucke ich kurz unsicher zusammen. Scheinbar empfindet er viel mehr für mich als ich für ihn. Zwar hat es mir gefallen mit ihm zu tanzen, aber mein Blut bringt er wieder in Wallungen, noch habe ich das Gefühl, dass mein Herzschlag sich stark verändert. Unsicher nicke ich und vertraue Kyle einfach mal, obwohl ich wenig Lust darauf habe mit Cameron zu tanzen, aber ist ja nur ein Tanz. Was soll da schon passieren:“Okay, dann sehen wir uns nach dem Tanz wieder.“ Sanft lächelt er und begibt sich dann zu der Rothaarigen.

Nun sind Cameron und ich ganz alleine. Wir beide blicken einander tief in die Augen, bis er mir eine Hand reicht, welche ich, mit einem unbehaglichen Gefühl in der Brust, ergreife. Sanft zieht er mich zu sich und positioniert seine Hände an genau den richtigen Stellen. Seine Berührungen bringen mich dazu, dass meine Konzentration ein wenig schwindet. Meine Hände lege ich auf seine Schultern und vergesse für einen Moment alles um mich herum. Mein Atem geht schneller und plötzlich fühlt sich meine Brust viel zu klein für mein stark schlagendes Herz an. Meine ganze Haut prickelt und als Cameron mich ein wenig näher an sich zieht, wehre ich mich nicht. Es fühlt sich so an, als wäre ich hypnotisiert und könnte niemals etwas anderes tun als mit meinem Nachbarn, der mir so viel angetan hat, zu tanzen. In diesen Sekunden wirkt es fast so, als hätte ich alles vergessen, was er getan hat. “Und mit wem tanzt du jetzt lieber?“, Camerons Stimme ist tief und jagt mir erneut einen Schauer über den Rücken. Am liebsten würde ich ihn bitten weiter zu sprechen, um weiterhin dieser Stimme lauschen zu können, doch er ist ganz einfach still und sieht mich einfach nur, auf meine Antwort wartend, an. Kurz versuche ich den Kloß, der sich in meinem Hals gebildet hat, herunterzuschlucken, antworte aber nicht, weil ich selbst die Antwort auf seine Frage nicht weiß. Zwar habe ich gerne mit Kyle getanzt, aber mit Cameron zu tanzen ist ganz anders.

Ich will ihn bitten mich loszulassen, doch mein Mund ist wie ausgetrocknet und die Worte weigern meine Kehle zu verlassen. Mit aller Kraft versuche ich mich wieder zu konzentrieren und in die Realität zurückzukehren, doch stattdessen spüre ich nichts als Cameron. Seine Wärme wird auf mich projiziert und ich spüre seine Präsenz ganz klar. Leise beginne ich zu stottern und versuche ein klares Wort hinzubekommen und fast bekomme ich es hin, da ertönt ein lauter Knall und ich innerhalb von wenigen Sekunden zurück in die harte Realität gebracht.

Geschockt drehen Cameron und ich uns dorthin, wo das Geräusch herkam, doch nichts ist zu sehen. Geschockt starre ich Cameron an: “Was war das?“ “Ich habe da so einen Vermutung“, ruft Cameron mir über den entstandenen Lärm hinweg zu. Er hat eine Vermutung? Was soll das heißen? “Komm schnell“, schnell greift Cameron nach meiner Hand und will mich dann mit sich ziehen, doch ich verspüre sofort das Bedürfnis nachzusehen, ob es Kyle und Morgan gut geht. Nervös blicke ich umher, doch mein Nachbar zieht mich schnell an sich und dreht mich Gesicht zu sich: “Jetzt hör mir mal zu, Katy. Ich will dich in Sicherheit bringen, aber dafür musst du mir vertrauen.“ Zwar höre ich, was er sagt, doch es ist mir egal. Stattdessen schaue ich weiter durch die, mittlerweile in Panik geratenen, Menge. Erneut schlägt mein Herz wieder schneller, doch dieses Mal liebt es an keiner anderen Person, sondern an diesem Knall.

Gerade als ich Morgan in dem Gewirr entdeckt habe, explodiert plötzlich die Tür und die riesigen Flügeltüren fliegen auseinander. Eine leichte Druckwelle wirft uns nach hinten und ich lande mit dem Kopf auf dem Boden. Für wenige Sekunden wird alles um mich herum schwarz und die Realität schwindet. Das Einzige, was ich fühle, sind Camerons Arme, die sich um mich schließen, als ich auf dem Boden aufschlage. 

Kurz nachdem die Welle mich erwischt hat, komme ich auf dem Fußboden wieder zu mir. Camerons Arme spüre ich nicht mehr um mich, weshalb ich langsam den Kopf hebe und mich umsehe. Einige Tische, hinter denen sich die meisten Schüler verstecken, wurden umgeworfen und fast das ganze Essen liegt auf dem Boden verstreut. Ängstlich schaue ich mich nach Cameron um. Hoffentlich ist ihm nichts passiert! Hast du das gerade wirklich gedacht, Schätzchen, fragt mich eine leise in meinem Kopf, die ich jedoch einfach ignoriere.
Dann entdecke ich meinen Nachbarn endlich. Er steht ganz heroisch neben seiner Schwester, die kurz einige Worte mit Ryder wechselt. Mein Blick geht weiter in Camerons Hand, in der er eine Whiskyflasche hält, die er irgendwie dazu gebracht hat zu brennen. Sowas habe ich schonmal in einem Film gesehen. Scheinbar hat er die Flasche zu einer Art Bombe umfunktioniert, wenn man es wirklich so nennen kann. Der Raum, in dem wir alle uns befinden, sieht miserabel aus und langsam beginne ich mich echt zu fragen, was hier passiert ist. Schließlich war ich ja nur wenige Sekunden abwesend. Wie ist das hier so schnell eskaliert.
Langsam erhebe ich mich vom Boden und setze mich auf. Die neue Position erleichtert mir dann auch den Blick auf die vier Leute, die in der Tür stehen. Ich runzele die Stirn und erschaudere beim Anblick der Waffen in ihren Händen. Sie halten Jagdmesser in den Händen und tragen dicke Jacken, die man von Jägern kennt. Ein Schock durchzuckt mich und ich versuche über den Boden nach hinten zu rutschen, bis ich mit dem Rücken gegen einen anderen Tisch stoße. Das Geräusch sorgt dafür, dass Cameron auf mich aufmerksam wird und Ryder anstößt. Dieser dreht sich ebenfalls zu mir um, während Claire und Cameron sich in eine Kampfposition begeben. Wieso tauchen diese Leute hier auf und was haben Cameron und Claire damit zu tun? Schließlich sind die Beiden, die einzigen, die sich nicht irgendwie in Sicherheit bringen.
Ryder kniet sich vor mich und flüstert: “Geht es dir gut, Sis?“ “Ja, mein Kopf tut nur ein bisschen weh“, gebe ich zu und halte mir den Kopf leicht: “Was ist hier los?“ “Bitte vertrau mir jetzt einfach nur“, bittet er mich und nimmt meine Hand, um mich nach oben zu ziehen: “Ich verspreche, dass ich es dir später erklären werde, okay?“ Zustimmend nicke ich, da ich weiß, dass er immer sein Wort hält. Schnell streckt er mir seine Hand hin, die ich dann schnell ergreife, damit er mich auf die Füße ziehen kann.
Gerade als ich wieder einigermaßen auf meinen Füßen stehe, bohren sich einige Pfeile nur wenige Zentimeter von mir entfernt in das Holz des Tisches hinter mir. Meiner Kehle entfährt ein leiser Schrei, den ich nicht zu unterdrücken vermag. Erneut beschleunigt sich mein Herzschlag und mein ganzer Körper beginnt wie wild zu zittern. Oh, man. Wärst du nur nicht zum Ball gegangen, Schätzchen. “Jetzt komm“, bittet er etwas lauter, als er es wahrscheinlich beabsichtigt hat: “Du musst hier weg.“ “Wieso?“, frage ich mit zitternder Stimme. “Weil es wichtig ist, Katy“, ruft er nun: “Wir müssen hier sofort weg!“ In seinen Augen sehe ich, wie ernst es ihm damit ist. Sein Griff hat sich so fest um meinen Arm geschlossen, dass sicher in wenigen Tagen vielleicht blaue Flecken bilden werden, doch das interessiert mich nicht. Ich muss endlich wissen, was hier los ist. “Aber …aber was ist mit Cameron und Claire und all den anderen?“, frage ich verwirrt und beginne mich nun auch nach Morgan und Kyle umzusehen, was ich eigentlich schon viel eher hätte tun sollen. Schließlich sind sie meine besten Freunde und ich frage mich, wieso ich überhaupt zuerst an Cameron gedacht habe, als ich wieder zu mir gekommen bin. Mein Bruder legt seine Hände an meine Wangen und schaut mich eindringlich an: “Es geht ihnen gut, Katy! Das Wichtigste ist gerade, dass ich dich hier wegbringe. Cameron will es so und ich bin seiner Meinung, also los jetzt!“ Ein paar Tränen sammeln sich in meinen Augen und ich versuche mich darauf zu konzentrieren hier nicht auf der Stelle zusammen zu brechen. Mein Widerstand bricht in sich zusammen und ich gebe meinem Bruder nach, der mich mit sich zu einer Tür zieht, die tiefer in das Schulgebäude hinein führt. Auf dem durch die Gänge komme ich mir vor wie ein nasser Sack, den mein Bruder hinter sich her schleifen muss, weil er sich von allein nicht bewegen kann. Das alles hier geht für mein, noch ziemlich benebeltes, Gehirn viel zu schnell und ich versuche einen klaren Kopf zu bekommen, doch das ist viel schwerer als gedacht, wenn schwere Schritte hinter einem zu hören sind, die zu einer schwerbewaffneten, erwachsenen Person mit dicker Kleidung gehören. Eigentlich sollte ich mich nicht umdrehen, um nicht weiter in Panik zu geraten, doch trotzdem tue ich es und sehe einen großen bewaffneten Mann, der hinter uns her hetzt. Sein Blick ist dunkel und blutrünstig. Es ist der eines Mörders!

Hektisch zehrt mich Ryder weiter durch die Gänge der Schule, bis ich bereits ganz außer Atem bin. Ich weiß nicht, wann wir stehen bleiben, aber das ist in diesem Moment gar nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass ich genau weiß, wo wir sind, als wir stehen bleiben.
Ryder stoppt seinen Sprint durch das Schulgebäude zwischen dem Mathe- und dem Biologieraum. Genau dort, wo sich sein Spind befindet. Gerade als ich wieder ein bisschen zu Atem gekommen bin, höre ich wieder die Schritte, die mit jeder Sekunde lauter werden. “Beeil dich bitte, damit, was auch immer du vorhast, liebster Bruder“, bettele ich leise und schaue nervös durch den Gang. Nach wie vor habe ich keine Ahnung, was hier los ist und Ryder weigert sich immer noch mir irgendwelche Informationen zuzuspielen, was momentan aber auch nicht das Wichtigste ist. Für mich ist es gerade nur wichtig, dass alle Leute, die auf diesem Ball waren, wieder unbeschadet aus dieser verzwickten Situation herauskommen und dass am Montag wieder alles so ist, wie es vorher war, aber das ist sicher nur Wunschdenken. Wahrscheinlich wird nichts mehr so sein, wie es war. Besonders nicht dann, wenn jemandem etwas passieren sollte.
Von einem leisen Zischen, welches ich nur dank meines guten Gehörs wahrnehme, werde ich aus meinen Gedanken gerissen und sehe im nächsten Moment etwas silbrig schimmerndes auf mich zu fliegen. Innerhalb von wenigen Millisekunden bewegt sich die Information weiter in mein Gehirn und ich erkenne endlich den Gegenstand und schaffe es gerade noch aus dem Weg zu springen, bevor das Messer sich in einen der Spinde hinter mir bohrt. Überrascht und geschockt blicke ich zu Ryder, der begonnen hat an seinem Zahlencode herumzudrehen und mich nun besorgt anblickt: “Ja, geht es dir gut?“ “Ja, geht schon“, erwidere ich, schaue dann aber ein wenig niedergeschlagen auf mein Kleid: “Mein Kleid kann ich danach aber wegwerfen.“ Es ist halb zerrissen, was total schade ist, weil das Kleid total schön war. Endlich reißt Ryder sein Schließfach auf und kramt darin herum, während die Schritte immer lauter werden: “Hauptsache dir geht es gut. Jetzt müssen wir hier aber weg, bevor diese Arschlöcher uns noch erwischen.“ Arschlöcher? Was ist mit meinem Bruder los? So redet er doch sonst nie. Vielleicht erwecken besondere Situationen bei ihm, aber auch einfach nur ein besonderes Verhalten. Das Geräusch der Stiefel unseres Verfolgers klingen immer wieder in meinen Ohren wieder und sind bald fast das Einzige, was ich höre, während ich zusehe wie Ryder etwas Großes aus dem Spind herauszieht. Ich muss zweimal hinsehen, bis ich realisiere, dass er da gerade eine Armbrust aus seinem Schrank geholt hat. “Wieso hast du hier in der Schule eine Waffe, Ryder? Hast du etwa damit gerechnet?“, spreche ich laut das aus, was ich denke. Anstatt zu antworten, schiebt er sich einfach einen Köcher, der mit mehreren Pfeilen gespickt ist, über die Schulter und schlägt die metallene Spindtür zu. “Ich werde dir später alles erklären, Katy, aber jetzt gerade hast du dir echt einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht, um Fragen zu stellen. Du weißt, dass ich niemals etwas tun würde, was nicht gut für dich ist, also vertrau mir und mach was ich sage“, einerseits klingt er sanft und verständnisvoll, doch andererseits ist seine Stimme laut und auch ermahnend. Sofort nicke ich: “Du hast ja Recht. Ich werde meine Fragen später stellen. Also los. Bring uns hier raus!“
Schnell spannt er einen Pfeil in die Waffe ein und zieht mich um eine Ecke, sodass unser Angreifer nicht sehen kann, wo wir uns verstecken, während wir ihn ganz deutlich sehen können.
Er trägt dunkelgrün-braune Kleidung und eine lange, weiße Narbe zieht sich quer über sein Gesicht. Ein langer Waffengürtel, in dem mehrere glitzernde Jagdmesser stecken, spannt sich quer über seinen Körper. Sein Anblick bringt meinen ganzen Körper zum Zittern und ich frage mich, was das für ein Mensch ist. Seine Aufmachung erinnert mich stark an einen Jäger, der auf der Jagd nach seiner Beute ist. Wahrscheinlich ist es für ihn aber auch genau das. Eine Jagd, auf der er alle Opfer in Kauf nimmt, egal wie viele es sind.
Mit der Befürchtung, dass ich etwas sagen oder irgendwelche anderen Geräusche von mir geben würde, hält Ryder mir den Mund zu. Ich mache mit meinen Fingern ein “Okay“ – Zeichen und bedeute ihm damit, dass ich nichts tun werde, was uns in Schwierigkeiten bringt. Deshalb nimmt er seine Hand von meinem Mund und richtet stattdessen seine Waffe auf den Mann. Tief in mir hoffe, ich, dass er weiß wie man sowas bedient, obwohl es falsch ist, sich zu wünschen, dass mein Bruder weiß, wie man jemanden konkret anschießt. Er schließt sein rechtes Auge, um zu zielen, und schaut lässt seine Hand dann weiter zum Abzug gleiten. Gerade als der Gegner stehen bleibt, drückt er ab und der Pfeil saust zischend auf den riesenhaften Mann zu. Dieser merkt es zu spät, weshalb er keine Zeit mehr hat in Deckung zu gehen wird. Als ein lauter Schrei und ein leises Knacken ertönen, weiß ich ohne überhaupt hinzusehen, dass sich der Pfeil in sein Knie gebohrt hat. Dann überwinde ich mich doch hinzusehen und starre auf den Mann, der am Boden kniet. Blut schießt aus seiner Wunde und bereitet sich in Sekundenschnelle auf dem Boden aus.
Mit der Situation komplett überfordert, folge ich Ryder einfach wortlos ohne irgendetwas von mir zu geben oder mich zu wehren. Ich will dem Mann helfen, obwohl ich weiß, dass er böse ist und es vielleicht auch nicht verdient hat, aber Ryder zieht mich so schnell mit sich, dass ich mich nicht einmal mehr umdrehen will.
Erneut weiß ich nicht wie lange wir durch die Gänge hetzen, doch irgendwann kommen wir an eine Tür, über der ein grünes Schild hängt, welches darauf hindeutet, dass dies ein Notausgang ist. Ohne lange zu überlegen, drückt mein Bruder die Klinke hinunter und stößt die Tür auf. Zu meiner Überraschung befindet sich dahinter kein neuer Raum, sondern ein Weg zum Wald, welcher sich in hinter unsere Schule befindet und die ganze Stadt umschließt. “Woher weißt du, dass wir hierher mussten?“, frage ich in der Hoffnung wenigstens dieses Mal eine Antwort zu erhalten, obwohl ich mich bereits für eine neue Ablehnung wappne. Entgegen meiner Erwartungen, antwortet er überraschenderweise, als er mich über den Weg zum Waldrand führt: “Ich nehme diesen Weg manchmal, wenn ich in den Wald will.“ “Und warum willst du in den Wald?“, nun hat er mich neugierig gemacht. “Entspann dich, Katy! Deine restlichen Fragen beantworte ich dir später. Das hier war nur eine Ausnahme!“
Verspielt verdrehe ich die Augen, als wir am Rand des Waldes ankommen, doch er wird wieder ernst und legt eine Hand auf meine Schulter: “Ich muss mich jetzt von dir verabschieden, Schwesterherz.“ Es fühlt sich an, als hätte mir jemand seine Faust in die Magengrube gerammt: “Was? Wie meinst du das?“ “Ich werde hier am Waldrand bleiben und dich von hier aus beschützen, während du weiter gehst“, erklärt er sanft und lächelt mich aufmunternd an. Ich selbst will davon jedoch rein gar nichts hören: “Vergiss es! Ich gehe hier ohne dich nicht weg.“ Ein wenig genervt seufzt er:“Du musst es tun. Später, wenn Cameron, Claire und ich dir alles erklärt haben, wirst du es verstehen, aber jetzt musst du mir einfach …“ “… Vertrauen“, beende ich schnell seinen Satz: “Weißt du eigentlich wie oft du das heute schon gesagt hat. Irgendwann reicht es auch mal. Sag mir einfach, was los ist.“ “Nein, das kann ich nicht. Dann nur Cameron tun“, erwidert er und klingt nun ein leicht verzweifelt. Na toll, wieso hat ausgerechnet Cameron die Antworten auf meine Fragen? Das ist unfair! Tja, Karma is a Bitch, Schätzchen!
Als er mich jedoch flehend anblickt und mir zeigt, wie ernst es ihm ist, akzeptiere ich, dass es für meinen Bruder sehr wichtig ist und dass es scheinbar sein muss, obwohl ich nicht sicher weiß wieso. Deshalb seufze ich ein wenig lauter als gewollt und ziehe den Jungen dann in eine kurze, liebevolle Umarmung, um ihm zu zeigen, wie sehr ich ihn liebe und wie viel er mir bedeutet, egal wie oft wir uns streiten. Leise flüstere ich in sein Ohr: “Pass auf dich auf, ja?“ “Ich verspreche es“, flüstert er zurück: “Und du weißt ja, dass ich meine Versprechen nie breche.“ Seine Worte lösen in mir eine tiefe Befriedigung aus und sorgen dafür, dass ich mich gleich viel sicherer fühle, als wir uns voneinander lösen: “Na gut, was soll ich also tun?“ “Lauf einfach immer weiter nach Norden in den Wald hinein und bleib dann irgendwann stehen, wenn du denkst, dass du weit genug drinnen bist. Wir werden dich schon finden. Mach dir da keine Sorgen“, erklärt er mir und versucht dabei sachlich zu wirken, doch seine Stimme zittert kaum merklich. “In Ordnung“, erwidere ich, um es ihm ein wenig leichter zu machen: “Wir sehen uns dann später.“ Doch insgeheim denke ich mir nur:“Wehe ich verhungere im Wald, weil ihr mich nicht abholt!“, sage es aber nicht, um den Moment nicht zu zerstören. Dann drehe ich mich um, nachdem ich noch einmal tief Luft geholt habe und laufe, bestärkt durch meinen Bruder, in den Wald hinein ohne mich nochmal umzudrehen, weil ich dann wahrscheinlich stehen geblieben und bei meinem Bruder geblieben wäre. Es fühlt sich falsch an ihn hier alleine zu lassen, aber ich hoffe einfach tief in mir, dass er recht hat und dass es das Beste für mich ist, obwohl ich nicht sicher bin, ob es das wirklich ist. Hoffentlich wird Cameron mich wirklich finden und nach Hause bringen, sonst spreche ich kein Wort mehr mit ihm.

Das Leuchten der Sterne erhellt meine Umgebung. Der Baumstumpf, auf dem ich sitze, fühlt sich unter meinem Po hart und nass an. Am liebsten würde ich mich irgendwo anders hinsetzen, aber sonst bleibt mir nur der Boden und da ist ein Baumstumpf doch irgendwie besser. Je mehr Zeit vergangen ist, desto kälter ist es geworden und nun zittere ich regelrecht. Hoffentlich kommen mich Cameron oder mein Bruder bald holen, sonst erfriere ich hier noch. Außerdem hat es leicht zu nieseln begonnen, weshalb meine Kleidung bereits ein wenig feucht ist. Meine Arme und Beine zittern vor Kälte leicht und Zähne klappern.
Wenn ich im Nachhinein genauer über die ganze Situation nachdenke, hätte ich auf jeden Fall zu Hause bleiben sollen. Zwar hätte ich dann nicht mit Cameron tanzen können, was zugegebenermaßen schön war, aber ich würde hier jetzt auch nicht sitzen und mir Sorgen um all die Leute machen, die ich so sehr liebe und auf keinen Fall verlieren will. Bei dem Gedanken daran wie es Morgan, Kyle und all den anderen gerade gehen muss und in welcher Situation sie sich befinden, wird mir total schlecht und ich fühle mich mies, weil ich sie im Stich gelassen habe.
Eine meiner Hände halte ich auf meinen Oberarm gepresst, der seit dem Angriff unerträglich stark schmerzt. Wenn ich die Schmerzen mal einschätze, könnte er geprellt oder verstaucht sein. Einen blauen Fleck wird es aber auf jeden Fall geben. Auch mein Kopf tut weh, nachdem ich auf dem Boden gelandet bin, doch all diese Schmerzen sind mir erst aufgefallen, als das Adrenalin meinen Körper nicht mehr durchströmte und meine Atmung sich verlangsamte.
Am liebsten würde ich einfach aufstehen und irgendwie durch den Wald nach Hause gehen, aber ich habe es meinem Bruder versprochen und er wird sich nur noch mehr Sorgen machen, wenn ich plötzlich verschwunden bin. Zwar habe ich keine Ahnung wie sie mich hier, tief im Wald, finden wollen – schließlich hat ja keiner von ihnen irgendeinen besonders starken Geruchssinn -, aber ich vertraue darauf, dass sie das schon irgendwie schaffen werden. Sonst hätte Ryder mich auch sicher nicht hierhergeschickt, wenn er Angst haben müsste mich zu verlieren.
Plötzlich höre ich ein leises Knacken vor mir und hebe ruckartig meinen Kopf. Was war das? Unsicher blicke ich umher und suche nach der Quelle des Geräusches, doch es ist nichts zu sehen. Ängstlich stehe ich auf, um gegebenenfalls abhauen zu können.
Auf das Knacken folgt dann auf einmal ein lautes Knurren und schneller als ich gucken kann, springt etwas Schwarzes, wie vom Blitz getroffen, auf mich zu. Schreiend taumele ich nach hinten, bis ich mit den Füßen gegen den Stumpf stoße und zitternd stehen bleibe. Ängstlich schaue ich auf das Dingen vor mir, welche ich nun besser erkennen kann.
Vor mir steht auf allen vieren ein riesiger, bedrohlich knurrender Wolf. Seine braunen Augen leuchten gefährlich und seine Pfoten hat er nur wenige Zentimeter vor mir in den Boden gestemmt. Die weißen Zähne hat er gefletscht und ein wenig Spucke läuft ihm aus dem Mond.
So gut ich kann, versuche ich mein, viel zu schnell schlagendes, Herz zu beruhigen und leiser zu atmen, damit meine Angst nicht allzu offensichtlich ist. Langsam beginne ich mich wirklich wie die verängstigte Beute zu fühlen und würde am liebsten reiß ausnehmen.
Gerade als ich mir einen Plan zu machen beginne, um zu flüchten, verwandelt sich innerhalb von einer Sekunde in etwas ganz anderes. Mir stockt der Atem, als ich erkenne, dass der Wolf, der gerade noch vor mir stand, sich in einen Menschen verwandelt hat.
Ein lauter Schreckensschrei entflieht meiner Kehle und ich taumele nach hinten, als ich realisiere, dass sich dieser Wolf gerade in einen tatsächlichen Menschen verwandelt hat, und falle über den Baumstumpf hinter mir.
Mit dem Rücken zuerst schlage ich auf dem Boden auf. Durch den Aufprall wird all die Luft, die sich gerade in meiner Lunge befunden hat, aus meiner Brust herausgepresst und ich beginne wie wild nach Luft zu ringen. Wahrscheinlich sehe ich gerade total bescheuert aus, aber das ist mir in diesem Moment egal. Wahrscheinlich liege ich noch ohnmächtig auf dem Boden in der Schule und träume all das hier nur. Es muss ein Traum sein! Meine Augen halte ich fest zusammen gekniffen und wage mich nicht sie zu öffnen. Auf keinen Fall will ich der Person, die dort vor mir steht, in die Augen blicken.
“Beruhig dich bitte, Kat“, ertönt eine sanfte Stimme, die mir mehr als gut bekannt ist. Langsam öffne ich nun doch ein Auge nach dem anderen und blicke geradewegs in Camerons Gesicht, welcher sich besorgt über mich gebeugt hat. Seine Haare sind zerzaust und seine Anzugjacke ist an einer Stelle zerrissen und mit Blut beschmiert. Ist das etwa sein Blut? Vorsichtig streckt er seine Hand aus, um mir vom Boden aufzuhelfen, doch ich zucke zurück und versuche ohne seine Hilfe aufzustehen, doch meine Knochen sind erschöpft und ich kann nicht genug Kraft aufbauen, um mich selbst zu erheben. “Ach komm schon, Kat. Lass dir von mir helfen“, er hält mir seine Hand weiterhin hilfsbereit hin. Da ich selbst weiß, dass ich Hilfe brauche, lege ich meine eigenen, zitternde Hand in seine, woraufhin er mich zu sich hoch zieht.
Als ich endlich wieder auf meinen Füßen stehe, finde ich endlich auch meine Stimme wieder: “Bitte, sag mir, dass ich träume.“ Er muss grinsen: “Ich zweifle zwar nicht daran, dass du von mir träumst, aber das hier ist die Realität, Kat.“ Erneut stehe ich kurz vor einer Panikattacke: “Das heißt …das heißt, dass da gerade wirklich ein Wolf war?“ Vorsichtig nickt der Junge vor mir: “Ja, aber das war nicht irgendein Wolf. Ich war es, Kat.“ Mein Atem stockt. Also war er es wirklich? “Wie kann das möglich sein?“, frage ich fast flüsternd. “Bitte, beruhig dich, Katy“, sanft legt er eine Hand an mein Gesicht und streicht mir mit der Anderen eine Strähne aus dem Gesicht: “Ich werde dir alles erklären, aber jetzt müssen wir erst mal hier weg.“
Seine Bitte ignorierend, drehe ich mich um und will durch den Wald vor ihm weglaufen, aber so schnell er kann, stoppt er meine Flucht. Sanft packt er mein Handgelenk und zieht mich, schneller als ich gucken kann, an sich. Ich beginne ihn, so fest ich kann, mit meinen Fäusten zu boxen, doch er lacht nur, was mich noch verzweifelter macht. Seine Brust drückt sich gegen meine und ich kann sein laut schlagendes Herz hören. Das Geräusch beruhigt mich und sorgt wenigstens dafür, dass mein Fluchtinstinkt, der in diesem Moment sehr stark ist, ein wenig nachlässt. Auch meine Verzweiflung wird mit der Zeit immer kleiner. “Bitte bleib hier, Kat“, er klingt fast bettelnd: “Ich werde dir nichts tun. Vertrau mir!“
Nachdenklich lehne ich mich ein wenig gegen den Arm, den er um meine Taille gelegt hat, um mich an sich zu ziehen: “Na gut, ich höre dir zu, aber du musst versprechen, dass du ehrlich zu mir bist.“ “In Ordnung, kann ich dich jetzt loslassen oder rennst du sofort wieder weg?“ Ein wenig beleidigt sehe ich ihn an: “Nein, werde ich nicht. Ich bleibe hier.“ Einige Sekunden blickt er mich nachdenklich und sanft zugleich an, lässt mich dann aber doch los.
Tief atmend lasse ich mich zurück auf den Baumstamm fallen und stütze meinen Kopf auf die Hände: “Dann fang mal an.“

Cameron lässt sich vor mir auf die Knie fallen und legt seine Hände auf meine eigenen Knie. Mit seinen tiefgründigen braunen Augen, mustert er mich: "Okay, wo fange ich an?" "Am besten am Anfang", schlage ich sarkastisch vor. Ein wenig beleidigt verdreht er grinsend die Augen: "Das habe ich mir wohl gedacht." "Okay, dann fang damit an, dass du gerade noch ein Wolf und jetzt plötzlich ein Mensch bist", schlage ich erneut vor und meine es dieses Mal ganz ehrlich. "Was denkst du denn, was ich bin?", fragt er interessiert und lässt sich dann schwerfällig auf den Boden fallen. "Keine Ahnung! Ein Werwolf?", spaße ich grinsend, doch als er nicht zu lachen beginnt, sondern ernst drein blickt, schaue ich fragend: "Ist was?" "Na ja, du scheinst sehr gut im Raten zu sein", setzt er an. "Du bist ein Werwolf?", frage ich ein wenig geschockt. Still nickt er. Eigentlich hätte ich mir das schon denken können, aber wahrscheinlich wollte ich das einfach nicht wahr haben. "Genau", erwidert er und sieht mich fragend an: "Das muss für dich jetzt ein wenig viel auf einmal sein, aber bitte hör mir erst zu Ende zu."

Er hat Recht. Das ist gerade schon ein bisschen viel, aber ich habe mir vorgenommen bis zum Ende zuzuhören und mit dem, was ich mir vorgenommen habe, werde ich jetzt nicht brechen. "In Ordnung. Weiter", bitte ich. So schnell es geht, will ich alles erfahren. Fast wie ein Pflaster, welches viel weniger weh tut, wenn man es schnell abzieht, als wenn man lange wartet: "Ich will alles wissen!"

Für einen kurzen Moment scheint er ein wenig überrascht zu sein, da er wahrscheinlich nicht damit gerechnet hat, aber dann lächelt er mich dankbar an: "Claire, meine Zwillingsschwester, ist auch ein Werwolf."

Ich schlucke. Sie ist also auch halb Mensch und halb Wolf. In den ersten Sekunden will die Information erst gar nicht in meinen Kopf hinein. Schon mein ganzes Leben lang, sind meine Nachbarn Werwölfe und ich habe es nie mitbekommen. Wie konnte ich das nicht merken? Schließlich waren Cameron und ich ja früher ziemlich gut befreundet. "Weiß Ryder, dass seine Freundin ein halber Wolf ist?", frage ich, obwohl ich mir die Antwort schon denken kann. "Ja, Claire hat es ihm sofort gesagt, als sie zusammen gekommen sind. Seitdem hilft er uns schon lange bei Sachen, die das Rudel betreffen und ist mittlerweile sowas wie ein Freund des Rudels geworden", erklärt er langsam, damit ich auch alles höre, was er sagt. Damit hatte ich schon gerechnet, denn es erklärt auch, weshalb Ryder mich aus der Schule gebracht hat und rechtfertigt wenigstens ein Stück weit, dass er eine Armbrust in seinem Spind hat, obwohl ich mir nicht sicher bin, wie ich das finden soll. "Wieso hast du mich nie eingeweiht?", frage ich ein wenig atemlos. Er hätte so viele Jahre Zeit gehabt, um mir all das zu erzählen. Dann hätte auch ich ihnen helfen können und vielleicht wären wir nie in die Situation geraten, in der wir jetzt sind: "Weiß Ashley es auch?" Fast entfährt ihm ein lautes Lachen: "Ja, aber es war nicht nötig es ihr zu erzählen." "Wie meinst du das?", ich verstehe nur Bahnhof. "Auch Ashley ist ein Werwolf, aber darum geht es nicht. Sie ist Geschichte", seine Worte erschrecken mich. Wie kann er so schnell sowas sagen? Schließlich ist es noch nicht lange her, dass sie noch ein glückliches, wenn auch fieses, Paar waren. "Wieso? Was ist geschehen, dass ihr nicht mehr zusammen seid?", stelle ich die Frage, die mir auf der Zunge brennt.

Er lässt seinen Kopf seufzend in den Nacken fallen: "Weißt du, Katy, für jeden Werwolf gibt es nur einen Menschen, der ihn glücklich machen kann. Wir nennen sowas Mate! Ein Werwolf kann seine Mate finden, sobald er achtzehn ist." Als er aufhört zu sprechen, fällt bei mir der Groschen. Deshalb hat er diese Party veranstaltet. Er hat einfach alle Leute auf der Schule eingeladen in der Hoffnung, dass seine Mate unter den Gästen ist. Mit Ashley hat er dann Schluss gemacht, weil er gemerkt hat, dass sie nicht seine Mate ist. "Das heißt, Ashley war es nicht, sonst wärst du jetzt noch mit ihr zusammen", theoretisiere ich: "Aber wer ist dann deine Mate?"

Grinsend verdreht er seine Augen: "Denk nach, Kat. Es ist doch mehr als offensichtlich!" Unsicher schaue ich ihn an: "Nein, ist es nicht. Raus mit der Sprache!" "Oh man, Katy! Du bist meine Mate", lacht er ohne seinen Blick von mir abzuwenden: "Wir sind für einander bestimmt und ich liebe dich!" Ich kann mich nicht zurückhalten und breche sofort in schallendes Gelächter aus: "Das glaube ich dir nicht." Geschockt starrt er mich an: "Was? Wieso nicht." "Du hast mich so lange so mies behandelt und jetzt meinst du, dass du mich liebst? Niemand kann sich so schnell verlieben."

Zwar ergibt es Sinn, wenn man bedenkt, wie komisch er sich immer benommen hat, aber trotzdem glaube ich nicht, dass er sich plötzlich in mich verliebt haben kann.

"Doch, Kat", bestätigt er: "Deshalb sind heute auch diese Sachen auf dem Ball passiert." Geschockt starre ich ihn an: "Was? Wie kann ich daran schuld sein?" "Also, du bist nicht direkt schuld", versucht er mich zu beruhigen: "Sagen wir einfach, dass diese Leute hinter dir her sind, weil du eben meine Mate bist, aber den Rest werde ich die erklären, wenn du wieder in Sicherheit bist. Erst mal müssen wir hier weg, sonst war alles um sonst."

Trotzig verschränke ich meine Arme vor der Brust: "Nein, ich will erst alles wissen. Und zwar sofort, Cameron!"Ohne etwas zu erwidern, verdreht er einfach nur die Augen und geht auf mich zu. Bevor ich mich wehren kann, schließen sich seine starken Arme um mich. Sanft drückt er mich an seine Brust und hebt mich dann langsam hoch. Sofort protestiere ich: "Hey, lass mich runter. Wir sind hier noch nicht fertig!" "Wir können ja später auch noch weiter reden, aber jetzt bringe ich dich erst in Sicherheit", erklärt er, während ich so fest ich kann mit den Beinen wackle, um mich von ihm zu befreien: "Ich will nicht, dass du verletzt wirst." Seine Worte sorgen dafür, dass ich mich ein wenig beruhige und aufhöre mich gegen ihn zu wehren. Er scheint sich wirklich um mich zu sorgen, was mich echt wundert. Zwar ist es mir unangenehm, dass er mich im Brautstile herumträgt, aber meine Vernunft trägt zu und überschattet die Fragen, die sich in meinem Kopf gesammelt habe.

Unsicher lehne ich meinen Kopf an seine Brust und lege meinen Arm um ihn: "Wieso bin ich dir auf einmal so wichtig?" Sanft lächelt er mich an: "Du bist meine Mate. Ich liebe dich!" Seine Worte bringen mein Herz dazu schneller zu schlagen. "Wie kannst du mich so plötzlich lieben?", frage ich verwirrt, weil diese Info einfach nicht in meinen Kopf hinein will, dass er, wie er denkt, plötzlich so viel für mich empfindet. "Schon als wir klein waren, hatte ich für dich mehr Gefühle, als für eine normale Freundin, aber dann bin ich mit Ashley zusammen gekommen, weil alle davon ausgegangen sind, dass sie meine Mate ist." "Oh, also hast du sie nicht geliebt?", frage ich vorsichtig. "Am Anfang nicht, aber irgendwann dann schon und sie hat mich beeinflusst, weil sie wusste, dass ich dich noch mag", gibt er zu. "Es fällt mir schwer das zu glauben. Keiner fängt an jemand anderen so zu mobben, wie du es getan hast, nur weil er beeinflusst wurde", zweifle ich. Er nickt: "Ja, da hast du Recht. Irgendwann habe ich tatsächlich geglaubt, dass du all das bist, was Ashley und ich über dich gesagt haben." "Wieso glaubst du das jetzt nicht mehr?", ich klinge skeptischer als gewollt. "Du bist meine ganz persönliche Droge, Kat. Nur mit dir kann ich glücklich sein", sagt er verträumt: "Und ich liebe dich!"

Sanft lässt mein Nachbar mich, gegen meinen Willen, auf das moosgrüne Sofa im Wohnzimmer seines Hauses fallen. Zwar hatte ich ihn darum gebeten mich einfach nur nach Hause zu bringen, aber er hat nicht auf mich gehört, sondern darauf bestanden, dass ich mit zu ihm komme, damit ich mich bei ihm ausruhe, bis ich nachgeben habe. Er musste mir aber versprechen, dass ich wenigstens meine Eltern anrufen kann. Zwar weiß ich, dass er recht damit hat, dass ich lieber mit zu ihm kommen sollte, da meine Eltern sicher unangenehme Fragen stellen würde, aber trotzdem möchte ich nicht, dass meine Eltern und mein besonderes mein Bruder sich Sorgen machen.
Auf dem weichen Sofa zu liegen, ist viel besser als auf im Wald auf irgendwelchen Baumstämmen zu sitzen. Cameron lässt mich los und hockt sich vor mich: “Hast du hunger?“ Kurz überlege ich und merke, dass ich tatsächlich hungrig bin. Erschöpft lasse ich meinen Kopf in eines der schwarzen Kissen fallen und seufze laut: “Ja, einen Bärenhunger.“ “Gut, dann mache ich dir eben etwas zu essen. Bitte bleib liegen“, schnell verschwindet er in die Küche, die direkt an das Wohnzimmer anschließt. “Wo ist das Telefon?“, frage ich laut, doch er antwortet nicht. Genervt verdrehe ich die Augen und mache mich mit den Augen selbst auf die Suche nach dem Telefon, da ich mein Handy zu Hause gelassen habe, was im Nachhinein eine echt blöde Idee war.
Fast will ich aufgeben, da sehe ich das Telefon auf einem kleinen Tisch, der etwa eine Armlänge von dem Sofa, auf dem ich mich gerade befinde, entfernt ist. Ehrgeizig strecke ich meine Hand aus, um an das Telefon zu gelangen und schaffe es auch fast geschafft, da stelle ich fest, dass mein Arm zu kurz ist. Verzweifelt versuche ich mich zu strecken, um auch die letzten paar Millimeter zu überwinden, doch ich bin einfach zu klein. Oh man, mein Leben hasst mich echt. “Was machst du da?“, fragt Cameron. Erschrocken fahre ich herum und blicke ihn überrascht an. “Wow, du guckst gerade wie ein Auto“, stellt er grinsend fest und stößt sich vom Türrahmen ab, an den er sich bis gerade gelehnt hat. In der Hand hält er einen Teller mit einem Sandwich, welches zugegebenermaßen ziemlich lecker aussieht, darauf. Schnell versuche ich mein Gesicht irgendwie wieder normal zu machen und setze mich wieder normal hin: “Ist das für mich?“ “Nein“, sagt er knapp und kommt dann auf mich zu. Ich schmolle ein bisschen, weil ich dachte, dass er mir etwas machen wollte. Er stellt den Teller auf dem Couchtisch vor uns und hebt dann meine Beine hoch, um sich auch hinzusetzen. Dann lässt er meine Beine wieder fallen und nimmt sich denn Teller. Doch anstatt sich das Brot wirklich in den Mund zu schieben, gibt er den Teller an mich weiter: “Das war nur ein Scherz. Natürlich habe ich das für dich gemacht, Kat.“ Ich kann nicht anders, als zu grinsen. Wie schafft er es immer wieder mich aus der Fassung zu bringen? Beim ihm ist bald echt schon ein Talent!
“Kannst du eigentlich nur Sandwiches oder auch richtige Sachen?“, frage ich, um ihn ein bisschen zu necken. Beleidigt blickt er mich an und tut mir sogar fast leid. Sein schmollender Blick bringt mich erneut zum Lachen, weshalb ich schnell zu essen beginne, um mein Lachen zu unterdrücken und meinen Hunger zu stillen. “War nur ein Scherz“, nuschele ich aber dann: “Sandwiches sind klasse.“ Er beginne aus seiner vollen Unterlippe herumzukauen und ich wende schnell den Blick ab, damit es nicht so aussieht, als würde ich seine Lippen anstarren. Schließlich weiß ich echt nicht, was er darein interpretieren würde.
“Willst du Milch?“, fragt er. Als ich ihn wieder aufsehe, fällt mir sein verschmitztes Grinsen aus. “Wenn du dir dieses gruselige Grinsen aus dem Gesicht wischst, nehme ich gerne welche“, sage ich deshalb und grinse ihn frech an, weil ich weiß, dass ihn das zur Weißglut bringen wird. Diese kleinen Neckereien sind einfach wunderbar und erinnern mich an unsere Vergangenheit. Schließlich tun wir das schon seit wir Kinder sind.
Ich erinnere mich sogar an ein Video von uns als Kleinkinder, da lagen wir auf unserer Spieldecke und ich ihn mit seiner eigenen Rassel auf den Kopf haue. Das schauen Ryder und ich uns sogar manchmal immer noch an – spätestens an Weihnachten – und mit sechzehn haben Morgan und ich daraus zusammen ein Gif gemacht, welches wir uns immer schicken, wenn der jeweils andere traurig ist, weil man einfach lachen muss, wenn man das sieht. Traurig sein ist nicht mehr möglich, wenn man sich das angesehen hat.
Sofort hört er auf zu grinsen: “Okay, die Milch ist im Kühlschrank und die Gläser stehen in dem Schrank über dem Herd.“ Sprachlos sehe ich ihn an: “Du hast mir doch Milch angeboten. Wieso muss ich dann losgehen?“ “Guck, ich weiß auch wie man ärgert“, grinst er und steht dann auf, um in der Küche zu verschwinden. Grinsend drehe ich die Augen. Auch ohne seine kleine Demonstration hätte ich gewusst, dass er perfekt weiß, wie man andere Leute ärgert. Das habe ich ja lange genug zu spüre bekommen.
Nachdem ich den Geräuschen, die mein Nachbar verursacht hat, gelauscht habe, kommt er mit einem Glas Milch zurück zu mir. Er reicht es mir und setzt sich dann wieder hin: “Wie geht’s dir eigentlich, nachdem du all das erfahren hast?“ Kurz überlege ich: “Ehrlich gesagt habe ich das alles noch gar nicht realisiert. Wahrscheinlich werde ich morgen eine Panikattacke bekommen.“ “Wahrscheinlich“, erwidert er nickend: “Willst du deine Eltern jetzt anrufen oder noch ein bisschen warten.“ “Kann ich ihnen mit meinem Handy schreiben? Ich habe wenig Lust darauf, dass meine Mom mich anschreit, weil ich nicht rechtzeitig zu Hause war“, gebe ich zu und schaue ihn flehend an. “Klar“, er zückt sein Handy und reicht es mir dann.
Mit flinken Fingern tippe ich die Nummer und dann die Nachricht ein. Ich überlege nicht lange, weil ich dann wahrscheinlich irgendwas Dummes schreiben und mich dann in die Situation verstricken würde.
Als ich fertig bin, gebe ich es ihm zurück: “Kann ich wenigstens kurz zu mir rüber gehen und mir neue Sachen holen gehen, wenn du unbedingt darauf bestehst, dass ich hier bleibe.“ “Nein, du kannst meine oder die meiner Schwester haben“, sagt er stattdessen und sieht mich mahnend an. Ich verdrehe die Augen, willige dann aber ein, um keinen Streit vom Zaun zu brechen: “Willst du dann auch, dass ich hier schlafe?“ “Ja, auf jeden Fall“, erklärt er: “Das ist sicherer für dich, während das Rudel unsere Feinde bekämpft. Ich will einfach kein Risiko eingehen, wenn es um dich geht.“ Von seinen Worten überrascht, fange ich keinen Streit an, sondern stehe vom Sofa auf:“Okay, dann gib mir mal die Sachen, die ich anziehen kann.“ Zufrieden lächelnd steht er auf und verschwindet die Treppe hinauf. Kopfschüttelnd folge ich ihm. Was hat mir das Schicksal da nur für eine schwierige Aufgabe gegeben?

Mit einem schwarzen T-Shirt, welches Cameron gehört und mir viel zu lang ist, und einer kurzen Schlafhose in der gleichen Farbe, die eigentlich Claire gehört. Meine Füße habe ich nur mit Socken bekleidet, die gar nicht dazu passen. Die Sachen, die ich auf dem Ball getragen habe, habe ich in Camerons Zimmer gelassen, obwohl ich mein Kleid sowieso sofort in die Tonne kloppen konnte.
Unsicher komme ich die Treppe hinunter und entdecke Cameron, der auf dem Sofa sitzt und an seinem Handy herum hantiert. Interessiert steige ich langsam weiter die Treppe hinunter, um ihn nicht zu stören und bleibe dann am Treppenabsatz stehen. Mit meinem Ellenbogen stütze ich mich auf das Geländer und betrachte den Wolfsjungen.
Verbissen tippt er auf dem Display herum und flucht hin und wieder laut, was mich zum Lachen bringt, weil manche der Flüche einfach lächerlich klingen. Irgendwie süß ist er aber schon. Nein, Schätzchen. Diese Gedanken sind falsch!
Langsam und so leise ich kann, gehe ich auf ihn zu und stütze mich rechts und links von seinen Schultern ab. Als er nichts merkt, weil er so sehr auf sein Handy konzentrier ist, lehne ich mich mit dem Kopf über seine Schulter bis zu seinem Ohr und erschrecke ihn: “Buh!“ Er erschreckt sich so sehr, dass er fast sein Handy fallen lässt und schaut mich dann verärgert an: “Oh man, Kat. Was sollte das denn?“ Ich grinse belustigt über seine Reaktion und erwidere nichts. Sanft spüre ich seinen Atem auf meinem Gesicht und erst jetzt fällt mir auf, wie nah unsere Gesichter in diesem Moment aneinander sind. Auch Cameron scheint es gemerkt zu haben, denn er bewegt sein Gehirn immer weiter zu meinem. Genau in dem Moment, in dem seine Stirn fast meine berührt, zucke ich zurück und gehe ums Sofa herum, um mich dann, genau neben Cameron darauf fallen lassen. Entspannt lege ich meine Beine wieder um seinen Schoß und lasse den Kopf in den Nacken fallen:“Und? Wie steht mir dein Shirt?“ “Gut“, sagt er und legt sein Handy auf den Tisch. Für einen kurzen Moment betrachtet er mich nachdenklich und zieht dann sanft an meinen Socken:“Wehe du stinkst meine Socken voll, Kat.“ “Ach, wenn du die getragen hast, sind die ja schon einiges gewöhnt“, necke ich amüsiert.
Kaum merke ich, wie mein Ärmel nach oben rutscht, doch Cameron bemerkt es sofort und schaut mich verwundert an: “Was hast du da an der Schulter, Kat?“ Nun bemerke ich es auch und schiebe den Ärmel schnell nach unten: “Was meinst du? Da ist nichts?“ Natürlich habe auch ich den großen lilafarbenen Fleck, der sich auf meiner Schulter ausbreitet, gesehen als ich vorhin in den Spiegel geschaut habe, aber ich hatte trotzdem gehofft, dass Cameron es nicht sieht, sodass ich mich, wenn ich wieder zu Hause bin, selbst darum kümmern kann. Wenn er mich, wie er sagt, nämlich wirklich liebt, wird er mich nicht einfach abwarten lassen, bis alles wieder verheilt ist, sondern total durchdrehen. Zwar schmerzt meine Schulter fürchterlich, aber eine Schmerztablette wird mir wenigstens für heute die Schmerzen nehmen, bis ich dann morgen zum Arzt gehe. Doch Cameron scheint das nicht einfach hinnehmen zu wollen.
Sanft zieht er mich auf seinen Schoß und sieht mir tief in die Augen:“Ich erkenne es, wenn du lügst, Kat.“ Mein Herz beginnt schneller zu schlagen und ich versuche mich von ihm runter zu bewegen, doch er legt seine Hände an meine Hüften, um mich auf sich zu halten. Wegen all des Körperkontaktes beginne ich leicht zu schwitzen. Merkt er nicht, wie unangenehm mir das ist? Ohne seinen Blick von meinem Gesicht abzuwenden, legt er eine Hand an mein Handgelenk und lässt seine Finger dann meinen Arm hinauf gleiten. Sofort bekomme ich eine Gänsehaut. Dann ist er bei meinem Ärmel angekommen und schiebt ihn nach oben, bis meine ganze Schulter frei liegt. Vorsichtig bewegt er seine Finger auf die große lilane Stelle und wartet meine Reaktion ab. Ich zucke vor Schmerzen zusammen und stoße einen leisen Fluch aus. Nun wendet er seinen Blick doch von meinem Gesicht ab und widmet sich nun meiner Schulter. Bei dem Anblick verengen sich seine Augen und ich sehe genau, dass er gerade am liebsten ausrasten würde. “Das sieht gar nicht gut aus, Kat“, stellt er fest und versucht dabei so neutral wie möglich zu klingen, doch ich sehe, wie sehr ihm, das zu schaffen macht. “Ich weiß“, gebe ich zu: “Ich wollte heute eine Tablette nehmen und morgen dann zum Arzt gehen.“ Kurz überlegt er: “Ich glaube, ich habe da eine viel schnellere Lösung. Geh mal von mir runter!“ Erleichtert darüber, dass ich endlich wieder auf dem normalen Sofa sitzen darf, lasse ich mich auf den grünen Stoff zurückfallen und folge mit meinen Blicken Cameron, der schon wieder in die Küche verschwindet. Heute scheint das echt sein Liebling Ort zu sein!
Automatisch runzele ich die Stirn, als ich mit welchen Gegenständen in den Händen er zurückkommt, sage aber nichts, weil ich zu neugierig darauf bin, was er vorhat. Ich sehe zu wie er sich vor mir auf die Knie fallen lässt und den Ärmel erneut nach oben rollt, um wieder eine gute Sicht auf meine Schulter zu erhalten. Seine Hilfsmittelchen hat er auf dem Tisch abgestellt und wirkt fast wie ein Arzt, als er meine Haut nun ganz fachmännisch beäugt. Ohne seinen Blick zu heben und mir ins Gesicht zu schauen, nimmt er ein Glas mit einem widerlich riechenden, grünen Gemisch vom Tisch und recht es mir:“Trink das bitte.“ Skeptisch rieche ich einmal daran, bereue es aber sofort und würde meine Tat am liebsten rückgängig machen. So etwas Schreckliches habe ich noch nie zuvor gerochen. “Ich will das nicht trinken“, murre ich und halte mir die Nase zu. Genervt starrt er mich an: “Los jetzt, runter damit!“ Hin- und hergerissen kaue ich auf meiner Lippe herum und überlege, was ich jetzt tun soll. Letztendlich komme ich zu dem Entschluss, dass Cameron mich, wahrscheinlich, nicht vergiften, sondern mir nur helfen will – was ich stark hoffe -, weshalb ich mir die Nase zuhalte und das Gesöff in mich hinein kippe. Im ersten Moment schmeckt es gar nicht so schlecht, doch als ich gerade denke, dass es doch ganz erträglich ist, beginnt es scheußlich zu schmecken und mir fällt fast das Glas aus der Hand, weshalb ich es schnell absetze. Cameron blickt mich vorwurfsvoll an: “Hab dich nicht so. So schlecht schmeckt es schon nicht.“ Er hat ja gut reden. Wahrscheinlich hat er selbst das noch nie getrunken, sondern irgendwelche besonderen Werwolfheilungskräfte, die ihm das hier ersparen. Doch als der Schmerz in meiner Schulter plötzlich nach lässt, bin ich dankbar darüber, dass ich das Getränk getrunken habe. Überrascht werfe ich einen Blick auf meine Schulter und bemerke, dass der schreckliche lila Farbton durch ein weniger leuchtendes gelb-grün ersetzt wurde. Es wirkt, als wäre eine Woche vergangen in der ein blauer Fleck einfach nur Scheiße aussieht und durch das Endstadium eines Blutergusses ersetzt worden. Zum Test drücke ich vorsichtig auf meine Schulter. Schmerzen tut es zwar trotzdem noch, doch viel abgeschwächter als noch einige Sekunden zuvor. Wie verzaubert starre ich Cameron an und wahrscheinlich steht mein Mund sperrangelweit offen, doch das ist in diesem Moment das, was mich am wenigsten interessiert. Der Junge hat bereits begonnen sanft etwas Salbe aufzutragen und einen Verband um die, ein Stück weit verheilte, Verletzung herumzuwickeln. “Wow, ich will mehr haben“, bettele ich, doch Cameron sieht mich ernst an: “Vergiss es. Trink noch ein Glas mehr und du musst automatisch kotzen. Frag deinen Bruder!“ Betreten blicke ich ihn an: “Na gut, dann halt nicht. Aber danke trotzdem.“ Urplötzlich und total unbewusst beginne ich laut zu gähnen. “Müde, Kat?“, fragt er und streichelt meine Wange sanft, was mir irgendwie unangenehm ist. “Ja“, gähne ich erneut und stehe von der Couch auf. “Willst du heute in meinem Bett schlafen?“, fragt er und fügt dann noch hinzu: “Ich schlafe auch hier auf dem Sofa, wenn du das willst.“ Kurz denke ich über sein Angebot nach, bis ich dann erkenne, dass es vernünftig und dass ich mich darauf einlassen sollte: “Das klingt tatsächlich gut.“ “Gut, dann bringe ich dich eben nach oben“, er reicht mir seine Hand, welche ich grinsend ergreife. Macht er jetzt etwa einen auf Gentleman?

Autorennotiz

Ein Buch, welches mir persönlich sehr wichtig ist!

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Autor

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Statistik

Kapitel:27
Sätze:1.835
Wörter:32.183
Zeichen:183.302

Kurzbeschreibung

Katy Freeman lebt schon schon ihr ganzes Leben lang in der kleinen Stadt Garvin Lakes. Sie ist eine gute Schülerin und führt eigentlich ein ganz normales Leben, doch nach einer Party zum 18. Geburtstag ihres Klassenkameraden Cameron verändert für sie alles. Doch als wäre das nicht schon genug, gelangt sie ins Visier von Werwolfjägern, die ihr nach dem Leben trachten. Kommt sie da heil wieder raus oder stürzt alles um sie herum zusammen? Und was hat ihr langjähriger Nachbar Cameron damit zu tun? Start: 22.04.18

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch in den Genres Liebe, Action, Mystery und Freundschaft gelistet.