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Die verzauberten Quelljungfern

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03.03.21 21:45
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Eine mystische Geschichte über die Kohnsteinschwinde.

Ich weiß nicht, ob ich euch schon einmal die Geschichte von Ponoro, dem Herrn unterm Berge, erzählt habe. Doch immer, wenn es Frühling wird, dann erinnere ich mich wieder an seine bösen Taten. Also hört schön zu und lauscht der Geschichte über “Die verzauberten Quelljungfern”.

Jeder kennt die kleinen zierlichen Libellen, die flink von Halm zu Halm sausen und dann grazil ihre Flügel in der Sonne glitzern lassen. Unter ihnen leben auch Quelljungfern, die von einem uralten Zauber umgeben sind. Einst waren es lieblich anzuschauende Mädchen. Streiften sie jedoch unbekümmert durch die Wälder am Hagelberge, konnte es passieren, dass ihnen der böse Zauberer Ponoro auflauerte und sie in Quelljungfern verzauberte. 

Nur durch die Liebe eines Burschen konnte dieser Zauber wieder gebrochen werden. Kam den Liebenden jedoch der Zauberer auf die Schliche, dann wurde auch der Jüngling in eine grazile Libelle verzaubert. Darum fliegen sie auch heute noch an den Seeufern von Halm zu Halm und suchen die Liebe des Lebens. Der alte böse Zauberer konnte jedoch für immer unter den Berg verbannt werden und davon möchte ich euch in meiner Geschichte erzählen.

Vor sehr sehr vielen Jahren lebte der Schafhirte Hannes in dem kleinen Dörfchen Scharfenhagen. Er war jung und sehnte sich nach einer hübschen Frau und einer frohen Kinder- schar. Ihm gehörte, zusammen mit seinem ältesten Bruder, eine stattliche Herde Schafe und gemeinsam zogen sie mit ihr über die Wiesen und Wege der heimischen Gemarkung und hatten auch so alle Hände voll zu tun.

An einem lauen Frühlingsabend sah Hannes nachts ein Leuchten an der Tränke beim Rosengarten und er ging neugierig und doch bedächtig zu der Stelle, wo er das Leuchten gesehen hatte. Plötzlich war es wieder dunkel, nur der Mond schien, und er musste aufpassen, dass er nicht ins Wasser fiel. Schon hatte er sich im Schwarzdorn verfangen, stolperte und landete im kalten Wasser. Wut entbrannt rappelte er sich auf und wollte sich gerade die nassen Kleider ausziehen, da hörte er ein leises Kichern. Eine zarte Mädchen- stimme rief seinen Namen: „Hannes komm her und tanz mit mir.“ Hannes erschrak und rief: „Wer ruft mich aus der Dunkelheit? Komm hervor und zeige dich im Mondenschein!“

Er traute seinen Augen kaum, ein Mädchen wohlwollend geformt und mit goldgelb schimmernden Locken trat vor ihn. Ihre Augen funkelten wie Sterne im Mondlicht und ihre zarte Stimme nannte abermals seinen Namen. Hannes spürte sein Herz klopfen. Er nahm all seinen Mut zusammen und fragte, was sie von ihm wolle.

„Ich bin Serina, eine verwunschene Quelljungfer. Vor vielen Jahren lebte ich mit Mutter, Vater und meinen beiden Schwestern unweit der Hagelbergschwinde. Eines Tages kam Ponoro, der Herr vom Hagelberg, vorbei und wollte unser Haus kaufen, aber wo hätten wir wohnen sollen. Da die Eltern nicht einwilligten drohte er, uns werde ein Unheil geschehen. In der Nacht, als alle fest schliefen, fing die Erde an zu beben. Unsere Eltern liefen schreiend aus dem Haus und auch wir Kinder wollten fliehen, aber die Tür war plötzlich versperrt und so versanken wir mit in die Tiefe.“

Hannes hörte dem lieblich anzuschauenden Mädchen ungläubig zu und war hin und her gerissen von seinen Gefühlen. Serina bemerkte seine Blicke und sie fühlte sich wohl in seiner Nähe. Gerne hätte sie ihm noch mehr erzählt und ihm durchs Haar gestrichen, aber der Morgen dämmerte und sie verschwand vor seinen Augen ohne auch noch einen Abschiedsgruß sagen zu können.

Die Sonne stieg langsam hinter den Bäumen hervor. Hannes ging nach Hause und kümmerte sich um seine Schafe. Den ganzen Vormittag sprach er kein Wort und auch zur Mittagsstunde kam keine Silbe über seine Lippen. Träumend pfiff er nach seinen Hütehunden und trieb die blökende Schafherde zur nächsten Weide. Er hörte noch seine Brüder nach ihm rufen, aber er wollte alleine sein und ging zügig voran.

Konrad und Jonas, die Brüder von Hannes, waren verwundert und nahmen sich vor das Bruderherz am Abend zur Rede zu stellen. Es gab viel zu tun und so verging für alle der arbeitsreiche Tag sehr schnell. Doch einer der drei Brüder sehnte sich nach der Nacht. Ob wohl das Mädchen wieder nach ihm rief und er ihr durch das Haar streichen konnte? „Aufwachen Hannes!“ Keine zarte Stimme, nein, der barsche Ton von Konrad, dem ältesten Bruder, weckte Hannes endgültig aus dem Traum. „Wo bist du mit deinen Gedanken? Die Schafe müssen zur Tränke und du stehst da und träumst in den Tag hinein!“

Ach Konrad, wenn du wüstest, dachte Hannes. Gemeinsam trieben sie die Schafe den Berg hinab zur Tränke. Ein langer Weg und so erkundigte sich Konrad gleich nach dem Befinden seines Bruders. Er sei am Morgen so ruhig und verträumt von dannen gezogen und als Bruder mache er sich Sorgen um ihn. Doch Hannes erzählte, er hätte keinen Schlaf gefun- den und wäre nur müde gewesen. Soll er seinen Brüdern von dem Mädchen erzählen? Ich warte ab, ob sie wieder an der Tränke erscheint.

Auf einem nahe gelegenen Hügel stand ein Glockenhaus und direkt daran vorbei führte der Totenweg zum Nachbardorf Hornungen.

An einem Sommertag in der Frühe läuteten die Glocken aus traurigem Anlass. Eine Beerdigung war in dem kleinen Dörfchen Scharfenhagen nicht möglich und so wurden die Toten über den Berg zum Friedhof im Nachbardorf getragen. Die Glocke wurde von Jonas, dem zweitältesten der drei Brüder, geläutet. Er kümmerte sich um die Seelen der umliegenden Höfe und war ein guter Kirchendiener.

Während der Beerdigung waren Hannes und Konrad im Dorf geblieben, denn die Schafe wollten versorgt sein und so verging der Vormittag recht zügig. Gegen Mittag war wieder die Glocke zu hören, aber es gab keinen Grund dafür. Die trauernden Bauern waren wieder bei der täglichen Arbeit und Jonas war auf dem Weg zum Bauernmarkt in Wiedemoos. 

Also liefen seine Brüder auf den Leutenberg um zu sehen, wer dort sein Unwesen trieb. Kein Mensch weit und breit, aber eine grimmige Stimme rief: „Wehe, wenn du das Mädchen küsst!“ Erschrocken wichen beide zurück und ein eiskalter Schauer lief ihnen den Rücken herunter.

Jetzt nahm sich Hannes ein Herz und erzählte Konrad von dem Mädchen, welches ihm an der Tränke erschienen war. Doch dieser wurde ganz bleich im Gesicht und er fing an zu schluchzen und mit zitternder Stimme brachte er nur einen Satz hervor: „Mein Mädchen heißt Diana. Sie hatte kupferrote Zöpfe als sie mir erschien und auch sie ist eine verzauberte Quelljungfer.“ Schweigen übermannte beide und sie beschlossen, ihren Bruder Jonas in ihr Geheimnis einzuweihen.

Besorgt sah er seine Brüder an. Viele Geschichten hatte er schon gehört, aber seine Brüder wollten sich wohl lustig über ihn machen. „Geht lieber zu den Schafen. Jagd nicht euren Träumen nach, sondern werbt um Mädchen aus Fleisch und Blut.“ Seine Worte klangen hart, aber hatte er nicht Recht? Mutter und Vater waren vor langer Zeit durch Krankheit verstorben und als junge Männer führten sie den Haushalt mehr schlecht als recht. Es war in den letzten Jahren nicht einfach gewesen, aber man half sich in dem kleinen Dörfchen.

Es wurde Herbst und auf den Feldern wurde die Ernte eingebracht. Den beiden Brüdern war nie wieder eine der Jungfern erschienen und so verblassten die Erinnerungen und als das Erntedankfest vor der Tür stand, waren auch die letzten Träume verflogen. Jonas stand auf dem Leutenberg und genoss den aufkommenden Abendwind. Die Geschichten seiner Brüder hatte auch er längst vergessen, als ihn eine liebliche Frauenstimme beim Namen rief. Ein mächtiger Schreck fuhr ihm in die Glieder und nur langsam drehte er sich um. Niemand war zu sehen, doch ein schwacher Schimmer nahe der Tränke machte ihn neugierig. Er lief hin und gerade als er die Gestalt ansprechen wollte, sagte sie zu ihm: „Ich bin Jelena und meine Schwestern sind ganz traurig, weil sie sich nach deinen Brüdern sehnen.“

Die Stille der Nacht brach herein, aber zwei Wesen standen sich fragend gegenüber. Würde Jonas einen Weg finden die Schwestern zu befreien? Könnten sich die Träume der Geschwister doch noch erfüllen? Jonas bat die Quelljungfer am nächsten Abend wieder zu erscheinen, doch die erzählte dann unter Tränen, warum ihre Schwestern nie wieder zur Tränke kamen.

Der alte Ponoro hatte die drei Schwestern in sein Reich unter den Hagelberg geholt. Als sie älter wurden, gab er jeder einen einzigen Wunsch frei. So wählten sie, für einen Tag an die Erdoberfläche treten zu können, um dort einen Bräutigam zu suchen. Da der Zauberer wusste, dass diese Burschen niemals unter die Erde gelangen könnten, gab er den Wünschen nach. Es gab für die jungen Leute nur eine Möglichkeit sich wieder in die Arme zu schließen, sie mussten den Zauber brechen.

Der Morgen dämmerte und Jonas versprach der traurigen Jelena, dass sie sich bald wieder sehen würden. Ein erster Sonnenstrahl berührt ihr langes dunkelbraunes Haar. Ein leicht gehauchter Kuss und schon war auch die dritte Schwester wieder entschwunden. Als Jonas zur Besinnung kam, sah er seine Brüder auf sich zu kommen. Von Weitem hatten sie beobachtet, wie auch dem zweifelndem Bruder eine Jungfer erschienen war. Ohne ein Wort gingen sie langsam ins Dorf und dachten gemeinsam darüber nach, wie sie den Zauber brechen könnten.

An langen Winterabenden erzählten die Alten oft von einem Haus am Hagelberg, dass eines nachts von der Erde verschlungen wurde. Mutter und Vater starben vor Gram, weil die Töchter für immer verschwunden waren. Den Jüngsten wurde die Geschichte vom Zauberer erzählt, der den Berg hütete und ungehorsame Kinder zu sich holte. Der Zauberer, erzählen die Alten, wird jedoch eines Tages besiegt.

Ein mächtiges Heer muss zur Hagelbergschwinde geführt werden. Die vielen Füße müssen dort so lange stampfen, bis die Erde unter ihnen zu beben beginnt. Dann wird der Zauberer Ponoro aus seinem Reich herauf steigen und darum flehen, sein Reich nicht zu zerstören. Als Gegenleistung muss er sogleich alle Gefangenen frei lassen und den Zauber von ihnen nehmen. So alle frei sind, wird er vor Wut laut grollen, sodass sein Reich über ihm zusammenbricht und er seine Macht verliert. Jedes Jahr, wenn die Schmelzwasser in den Berg fließen, wird man ihn unten im Berg grollen hören.

Jetzt wissen die drei Brüder, was sie zu tun haben. Geschwind nehmen sie ihre Hütestöcke, rufen die Hunde heran und machen sich auf, die Schafherde – ihr Heer – zum Hagelberg zu führen. Gemeinsam rufen sie: „Ponoro, Herr vom Hagelberg, mächtiger Zauberer, zeige dich!“ Doch nichts passiert. Die Schafe werden immer nervöser, denn der Talkessel, in dem sie stehen, fängt an zu beben.

Hannes, Jonas und Konrad können es kaum glauben, doch auf einmal steht der Zauberer vor ihnen und verspricht alle verzauberten Menschen frei zu lassen. Es sind unzählige Kinder und Erwachsene, die jahrelang unter der Erde dienen mussten und nun wieder ins Leben treten. Und dann fangen die Augen der drei Burschen an zu leuchten, als ihre Bräute Serina, Jelena und Diana hervor treten und strahlend vor Glück auf sie zu gehen.

Listig verschwindet der alte Ponoro im Berg, aber die Schafe haben mit ihren Hufen ganze Arbeit geleistet und der Talkessel stürzt in lautem Getöse in sich zusammen. Wie aus der Ferne hört man den Zauberer nach wütend grollen, doch dann kehrt Stille ein. Ein leichter Wind weht leise Stimmen zum Dorf.

Welche Freude! Weinend und jubelnd können die Menschen ihr Glück nicht fassen. Und mittendrin drei frisch verliebte Brautpaare. Ein großes Fest wird gefeiert. Drei Tage und drei Nächte lang sind alle auf den Beinen und auch aus den Nachbardörfern kommen die Leute zum Gratulieren und können die Geschichte nicht glauben. Als jedoch im darauf folgenden Frühjahr zur Schneeschmelze der Berg anfängt wieder zu grollen, da beschließen die Bewohner von Scharfenhagen, ins benachbarte Wiedemoos zu ziehen.

Über die Jahrhunderte geriet die Geschichte von den drei Brüdern und  ihren hübschen Quelljungfern in Vergessenheit. Wer jedoch zur Frühjahrs-schmelze an der Hagelbergschwinde lauscht, der kann den Zauberer  Ponoro auch heute noch grollen hören.

Autorennotiz

Die Aufzeichnungen in der Ortschronik von Woffleben haben mich zu dieser Geschichte inspiriert. Dort steht, dass die Bewohner von Scharfenhagen um 1500 ihre elf Häuser verlassen haben und nach Woffleben gezogen sind. Ein Grund dafür wird nicht angegeben.

Die Figuren sind frei erfunden, jedoch die Örtlichkeiten gibt es teils heute noch.

- Scharfenhagen – existierte um 1480 zwischen Hörningen und Woffleben
- Hornungen – Name für Hörningen um 1360
- Wiedemoos – durch Woffleben fließt die Wieda; bei uns wächst viel Moos, da der Ort in der Zorgeau liegt und es hier immer recht feucht ist

- Leutenberg und Glockenhaus gab es damals, das ist überliefert
- Hagelbergschwinde – aus Hagel wurde im Laufe der Zeit Hagen und unweit vom Hagenberg findet man die Kohnsteinschwinde; daraus leitete ich den Namen ab
- Hagenberg und Rosengarten sind Flurstücke in Woffleben

Quelljungfern – sind eine Libellenart, zauberhafte Flugkünstler
Zauberer Ponoro – Ponor bezeichnet die Schwinden-Öffnung in einen verkarstenden Berg

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Simon Am 28.05.2021 um 14:50 Uhr
Prima zu lesen - klassisch schön geschriebenes Märchen ohne Moral odr ähliches unnötig. :O)

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HarzWusels Profilbild HarzWusel

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Sätze:108
Wörter:2.131
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Kurzbeschreibung

Warum das kleine Harzdörfchen Scharfenhagen einst verlassen wurde, ist nicht genau überliefert. Über die Harzregion an sich gibt es jedoch so viele Mythen und Sagen, dass sich meine Heimat-Geschichte durchaus so zugetragen haben könnte. # Die Geschichte gewann bei einem Schreibwettbewerb am 13. Juli 2013 einen Sonderpreis. Nachzulesen ist sie im Buch zum Wettbewerb „Märchenhaft! Wer schreibt phantastische Geschichten?“ auf Seite 57, herausgegeben durch das gleichnamige Projekt des Städtenetz SEHN. #

Kategorisierung

Diese Story wird neben Natur auch in den Genres Fantasy, Heimat und gelistet.