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Reise zum letzten Paradies

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01.11.22 18:04
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Das Boot schaukelt auf den kleinen Wellen, die leise gegen den Rumpf klatschen. Die Gezeiten haben sich beruhigt und mich hierher geführt, an den vereinbarten Treffpunkt mitten auf dem Meer. Um mich herum nur tiefes grünschwarzes Wasser, das eine bezaubernde Melodie spielt. Voller Erwartung hole ich das Segel ein. Der Augenblick des Glücks ist nahe, ganz nahe. Ich fühle es. Denn in mir beginnt der Freudentaumel zu kribbeln, der mich unweigerlich berauscht, wenn ich an dich denke. Ich schließe die Augen, horche. Eine leichte Brise weht mir die Haare aus dem Gesicht, kräuselt an der Nase entlang zum Kinn und schlängelt sich den Hals hinab über meine Brust. Noch ruhen die Schmetterlinge und bewegen wohlig die zarten Flügel. Auf und zu. Auf und zu. Jetzt fliegen sie. Ein bunter Schwarm, der meinen Körper vom Scheitel bis zur Sohle mit dem innigen Gefühl der Zuneigung durchflutet. 

„Ich bin gleich bei dir!" Ich hoffe, der Wind trägt meine Worte über die weite See zu dir hin. Ich schlage die Augen auf. Allmählich umhüllt mich die Nacht wie eine Sommerdecke. Ich lege mich auf den Rücken und blicke immer wieder hinauf, damit ich das Rendezvous auf keinen Fall verpasse. Über mir spannt sich ein samtweicher Baldachin, bestickt mit unzähligen Sternen. Da sehe ich den Delphin neben dem Schwan durch den Himmel schwimmen und versinke in den Erinnerungen, die mich beglücken. Wir beide im Meer, nur wir beide. Du der wunderschöne Schwan, ich der Delphin. Seite an Seite gleiten wir in der Dünung durch den unendlichen Ozean aus Träumen und finden das Paradies, das uns alleine gehört. Ein verbotener Ort für eine verbotene Liebe. 

Nichts zu sehen. Noch nicht. Ich tauche die linke Hand ins kühle Wasser und warte so geduldig wie möglich, warte auf meinen Stern, der mich in den allergeheimsten Winkel der Erde führt. Tief verborgen liegt die Lagune hinter einem wahren Labyrinth aus neun Inseln, die sich wie schillernde Edelsteine um die Bucht schmiegen. Niemand kennt den Kurs durch diesen Archipel von monumentaler Schönheit, das seine Farben im Wechselspiel des Lichts ändert. Fieberhaft suchen jetzt meine Augen das ganze Firmament ab. Die Freude schüttelt mich, bin noch immer aufgeregt wie vor der ersten Begegnung. Ich setze mich auf und morse mit den Fingern drei Worte auf die Ruderpinne. Ich-liebe-dich. 

Im nächsten Moment laufe ich durch das Boot, vom Heck zum Bug und wieder zurück. Unablässig. Wachsam. Beflügelt. Irgendwann bleibe ich stehen und lehne mich an den Mast aus bester Eiche, lege den Kopf in den Nacken und spüre das Herz jubeln. Es überschlägt sich beinahe. Mein Stern ist da! Strahlend schön zwinkert er zu mir hinab. Das fröhliche Funkeln gleicht deinem Lächeln und entzündet in mir wieder das helle Licht, das meine Seele ausleuchtet. Sogleich lasse ich mich achtern nieder, greife nach der Pinne und folge dir, meinem Stern, der mich durch den Irrgarten aus Inseln und Strömungen führt, hin zur Lagune, wo ich dich in die Arme schließen kann.

 

„Harris, wir haben ein Problem. 2411 und 817 fehlen. Sie stecken weder in den Zellen noch lungern sie in Sektor sieben herum. Habe alles gescannt.“

„Du willst sagen, sie haben …“

„… das Gebäude verlassen, ja.“

„So eine Scheiße, Frank. Schon wieder. Wie konnte das passieren?“

„Sah alles easy aus.“

„Das wird Mr Cunnings gar nicht schmecken. Okay. Ich trommle die Truppe zusammen. Nimm du die Hunde mit. Wir treffen uns in fünf Minuten am Gate drei.“

„Sie treiben sich bestimmt wieder auf der Insel herum. Das bedeutet allerdings Endstation. Schließlich sind sie keine Vögel oder Maulwürfe, um den Elektrozaun zu überwinden.“

„Beschwöre nichts Unmögliches herauf, Frank. Sie sind keine gewöhnlichen Bewohner, sie sind Auserwählte.“

Die Sonne wärmt mir den Rücken, als ich das Boot behutsam durch die heimliche Passage manövriere. Die türkisfarbene See und die bewachsenen Dünen rauben mir immer wieder aufs Neue den Atem. Und über den Bäumen wölbt sich ein wunderschöner Regenbogen. Du kommst aus dem Wald gelaufen. Es sieht aus, als kämest du geradewegs aus dem Regenbogen auf mich zu. Du winkst freudig. Ich winke zurück. Und schon schabt der Kiel über den Sand. Ich hüpfe aus dem Boot. Du fällst mir um den Hals, küsst mich leidenschaftlich. Deine Lippen sind sanft und weich. Sie schmecken nach Marmelade aus zuckersüßen Aprikosen. Deine Zunge umspielt die meine, hält vibrierend inne und erkundet meinen Mund. Finger streicheln mir über die Wange, kraulen die Haare in meinem Nacken. Du nimmst mein Gesicht in die Hände. Ich streiche dir eine Locke hinter das linke Ohr. Deine Augen leuchten und bringen die Flecken darin zum Tanzen. Da sind sie, die neun Inseln, die von Dünen gesäumte Lagune, das türkisfarbene Meer. In deinen Augen liegt der geheimnisvolle Archipel. Ich küsse deinen Hals. Du duftest nach einer blühenden Heide im Frühling.

Ich sehe uns wie wir damals Hand in Hand über den bunten Teppich aus Blumen rannten, immer weiter, barfüßig, ohne Proviant, bloß die Kleider aus dem Schlaf am Leib, weg von dem Haus des falschen Lächelns, weg von den Stimmen, die uns letztlich doch eingeholt und getrennt hatten. Wir dürfen keine Liebe für einander empfinden. 

Doch hier an diesem Stand, den niemand kennt, liegen wir uns in den Armen, Herz an Herz gelehnt und lassen uns von der Liebe davontragen wie Blätter im Wind. Vielleicht für einen ganzen Tag. Dabei verstoßen wir gegen das höchste Gebot der Reinheit.

Sie kommen im Morgengrauen. Die Meute ausdrucksloser Gestalten, in weiße Mäntel gehüllt, huscht heran wie flüchtiger Nebel. Ich sehe sie gerade noch. Das Gesicht verdecken sie hinter einer Maske. Wie immer. Bloß die Augen stechen hervor, unergründlich und scharf. Du gehst am Ufer entlang, die Füße im Wasser. Ich will dich warnen, doch mir versagt die Stimme, denn ich spüre die Blicke der Meute, wie einer Sense gleich über den Strand fegt. Ich drücke mich in den Sand. Du fällst der Meute in die Hände.

 

„2411 ist vollständig sediert, Harris.“

„Okay. Zurück mit ihr und wartet in Sektor sieben auf uns. Frank, wir suchen 817. Er kann noch nicht weit sein.“

 

Sie nehmen dich von mir fort, tragen dich im tiefsten Schlaf hoch über den gesichtslosen Köpfen davon und lösen sich allmählich hinter einem trüben Vorhang auf. Ich bleibe willenlos am Boden liegen, so als wäre ich festgebunden und angepflockt. Nach einer Ewigkeit sprenge ich die Fesseln und reiße mich endlich hoch. Ich muss weg. Bevor sie mich holen und verwandeln. Ich spurte los. So schnell es geht. Zurück zum Boot. Doch was passiert mit dir? Meine Beine stehen still, der Kopf dreht sich in die entgegengesetzte Richtung, dorthin wo Hände dich hingetragen haben. Was tun sie dir wieder an? Sie bestrafen dich, meinetwegen! Das darf nicht sein. Nein, nein, nein. Das geht ganz und gar nicht. Ich muss dich retten! Jetzt! Heute! Die Zeit ist günstig. Ich renne über den Strand, die Augen stur auf die Fußspuren geheftet, die um die Insel führen und plötzlich enden. Ich hebe den Kopf. Da ist nichts, außer undurchdringliches Dickicht. Kein Weg zu sehen, nicht die geringste Öffnung, durch die sie hätten schlüpfen können. Ich ruckele und zerre an den Lianen und Ästen, versuche mit aller Gewalt, mich hindurchzuzwängen. Nichts zu machen. Ich bekomme kaum zwei Finger hinein. Es ist eine grüne Mauer. 

Tränen kullern mir über die Wangen. Ich falle auf die Knie, zittere und suche im Sand verzweifelt nach einem Gegenstand, den ich als Stemmeisen verwenden könnte. Nichts. Aus Wut werfe ich so lange Sand gegen das Dickicht, bis mir die Arme schmerzen und mir die Stimme versagt. Ich kann nur noch flüstern. Also flüstere ich unaufhörlich deinen Namen. In diesem Augenblick geschieht etwas Seltsames. Die Sonne bricht durch die Wolken und vertreibt die dunklen Gedanken aus meinem Gemüt. Ich spüre, wie die Kraft in mir wächst. Und im Sand schrammen die Finger über einen metallischen Gegenstand. Eisen. Voller Hoffnung grabe ich danach, tiefer und immer tiefer. Dann glänzt die Sonne darauf. Ja, ja, ja, eine Brechstange. Schon leicht angerostet, aber nicht zerfressen. Ich rappele mich hoch und wiege das Teil in der Hand. Ziemlich schwer. Gut so. Damit schlage ich eine Bresche, bahne mir meinen Weg. Ich komme! 

Gerade als ich zum ersten Hieb ansetze, weicht das Grün wie ein Tor zur Seite. Mir fällt das Eisen aus der Hand. Vor mir erstreckt sich ein endloses weit verzweigtes Sumpfgebiet, das von unzähligen Wasserwegen durchzogen ist. Ich brauche mein Boot. Erneut sinkt mir der Mut. Wie bringe ich das Boot hierher? Dann sehe ich dein Gesicht deutlich vor mir. Es gibt einen Weg. Und ich finde ihn. Du kannst dich auf mich verlassen.

Denk nach! Denk nach! Der Wald. Ich nehme den Weg durch den Wald, auch wenn dieser weiter ist. Ich hebe die Eisenstange auf. Ja, und im Wald kann ich meine Verfolger leicht abschütteln. Genau. Die Gestalten in Weiß kann ich dort in die Irre führen. Sie werden mich niemals finden. Und wenn sie aufgeben, dann sind wir längst weg. 

Ich eile zurück zum Strand. Auf der Höhe des Boots stoppe ich meinen Schritt, verharre einige Augenblicke an der Stelle, wo wir uns geliebt haben, und stürme energisch auf die Bäume zu. Ich meide die Waldwege und schlag mir mit der Brechstange einen Weg durchs Unterholz. Hier komme ich viel langsamer voran. Ist aber sicherer. Dornen kratzen über meine Hände. Doch das Eisen lasse ich nicht los. Zweige peitschen mir ins Gesicht und die nackten Füße sinken immer wieder im Morast ein. Hin und wieder stolpere ich über Wurzeln, die im schwindenden Licht kaum zu sehen sind. 

 

„Lass die Hunde los, Frank.“

„Bist du sicher? Mr Cunnings sagt, wir sollten sie nie von der Leine lassen. Sie könnten –“

„Tu was ich dir sage. Schließlich sind wir deinetwegen hier draußen. Wir müssen nur schnell genug den Hunden folgen.“

„Du bist der Chef.“

„Und verliere gerade eine Menge Kies. Scheiße! Hatte heute Abend verdammt gute Karten. So eine Glückssträhne kommt nie wieder. Scheiße!“

 

Hunde bellen in meinem Rücken. Noch weit entfernt, gefährlich. Hastig werfe ich einen Blick über die Schulter und pralle gegen einen Baum. Zum Glück. Denn einen Schritt weiter klafft der Abgrund. Eine schroffe Schlucht. Endstation? Fieberhaft suche ich nach einem Weg. Nirgends eine Brücke zu sehen. Dann entdecke ich etwa zwei Manneslängen unter mir den Baum, der von drüben in die Schlucht gestürzt ist und sich auf dieser Seite verkeilt hat. Das Bellen der Hunde rückt näher. Mir bleibt keine Wahl. Ich klettere vorsichtig in die Schlucht, taste mich mit den Füßen nach Halt suchend voran und kralle meine Finger in Ritzen fest. Ich bin froh, Schuhe und Socken am Strand vergessen zu haben. Der Schweiß läuft mir in die Augen. Stück um Stück kämpfe ich mich dem Baum entgegen. 

Dann spüre ich die Borke, die unter meinen Zehen sofort wegbricht. Ich stürze ab, am Baum vorbei. Die Fingernägel kratzen über den Stein. Im allerletzten Moment bekomme ich ein Büschel zu fassen und klammere mich daran, während die andere Hand eine Spalte findet. 

Allmählich bekomme ich sicheren Stand unter die Füße und presse mich an den Fels. Mir schwindelt etwas. Ich atme rasch. In meinen Ohren rauscht ein Meer, in dem Hunde toben. Ich schaue nach oben. Da ist der Baum, zum Greifen nahe. Mir zittern die Beine. 

„Du musst weiter! Los!“, schreit mir jemand zu. Die Stimme kenne ich. Sie gehört mir. Ich folge meiner Stimme und steige langsam aufwärts, bis ich auf dem Baum sitzen kann und sauge die frische Luft ein. Dann drehe ich mich. Sind kaum Äste da, die sich mir widerspenstig entgegenstellen. Auf dem Hintern rutsche ich über den Stamm auf die andere Seite. Dort ziehe ich mich an den Wurzeln hoch und laufe weiter. Am Rand einer Lichtung sehe ich sie, die Birke. Strahlend schön ragt sie in die Nacht. Hier an deinem Baum ruhe ich mich etwas aus, rolle mich ein und schaue hinauf. Der Mond hängt wie ein angeknabberter Schnitz Orange im Himmel. Mir fallen die Lider zu. Kaum schwebe ich in den Tunnel, rieche ich Rasierwasser. Old Spice. Der Duft meines Vaters. 

 

„Sag mal, Harris, weißt du, was in Birchwood vor sich geht? Ich meine, mit 2411 und 817?“

„Keinen blassen Schimmer. Ist mir ehrlich gesagt auch ziemlich egal, solange die Kohle stimmt.“

„Hast recht. Geht uns nichts an. Trotzdem seltsam. Ich meine, das Projekt.“

„Halt die Klappe, Frank.“

 

„Dad, bist du da? Bitte lass mich nicht allein!“ Die Tür krachte zu. Damals. In der kleinen Hütte. Finsternis schnürte mich fest. Mich fröstelte die Stille. Plötzlich grelles Licht, das mich erschreckte. Ein Stich in die Schulter entzündete ein Feuer, das sich in einem gewaltigen Flächenbrand in mir ausbreitete und mich auszulöschen begann. In meinem Kopf wütete ein Farbengewitter und vor meinen Augen explodierten unzählige Sterne. Der Himmel stürzte auf mich ein. 

Es riecht nach verbrannter Erde. Sogleich mischt sich der Geruch mit Moder, Harz und Beeren. Und an den Ausläufern meines Bewusstseins ist noch was anderes … feucht, kalt – eine Hundeschnauze, die an mir schnuppert! Ich reiße die Augen auf. Doch da ist kein Hund. Meine Gedanken sind leer, ausgekippt. Ich wische mir mit der Hand über das schweißnasse Gesicht. Dabei fällt mir eine Schnecke in den Schoss. Sie zieht sich zusammen. Ich starre sie an, in der Hoffnung, mich zu erinnern. Wie lange war ich weg? Drei Monate? Zwanzig Jahre? Eine Minute? 

 

„Habe gehört, man fand 817 an der Küste in einer Bretterbude. Er soll verwahrlost gewesen sein.“

„Gerüchte, Frank, nichts weiter als Gerüchte.“

„Das habe ich mir gleich gedacht, als sie ihn brachten.“

„Was willst du damit sagen?“

„817 war ein gewöhnlicher Junge.“

„Glaubst du. Er hat um sich geschlagen wie ein wildes Tier und gebissen. Schau her, du kannst die Wunde immer noch sehen.“

„Aber Harris, der Bengel zitterte vor Angst. Womöglich hat ihn seine Familie im Stich gelassen.“

„Die Hunde laufen zu weit vor. Lass sie nicht aus den Augen.“

 

Smith. So hieß mein Vater. John Smith. Wir zogen von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, der Küste entlang. Ich jedoch drückte beharrlich meine Handkanten in Halbmonden ans Fensterglas, legte die Stirn an die Finger und späte in der Morgendämmerung nach meinem Vater. Er brachte immer Fische mit, zum Frühstück. Die haben mich angestarrt, als wollten sie mir die Schuld geben, dass Mutter uns verlassen hat, um in den Himmel einzuziehen. Wie hat sie mich genannt? Vater sagte bloß Junge zu mir. Verdammt noch mal, Junge, räum endlich diesen Saustall auf! Lass mich in Frieden, Junge. Junge, bring mir mal ein Bier. Geh mir aus den Augen, Junge! Mutter redete mich anders an. Aber wie, wie? Eines Tages brachte Vater keine Fische mehr. Und irgendwann kam da dieser Mann mit Hut. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Er setzte sich an den Tisch und legte einen dicken Stapel bunter Bilder von der Königin in den Teller. Es war Geld. Vater schnappte sich das Bündel und ging. Der Mann leuchtete mir in die Augen. 

Die Dunkelheit um mich herum zerschneiden Lichtkegel. Sie sind mir auf den Fersen! Mit zwei Fingern klaube ich die Schnecke aus den Falten meines Hemdes und lege sie behutsam ins Moos. Machs gut, mein Freund. Vielleicht sehen wir uns wieder. Ich wuchte mich hoch, umarme die Birke, küsse dich auf die Stirn und nehme die Beine in Hand. Zwischen den Bäumen schimmert die Hölle. Hell erleuchtet steht sie da, durch und durch in loderndes Ziegelrot getaucht, hart und unerbittlich. Ein Moloch aus geschichtetem Backstein. 

 

„Hast du dich nie gefragt, warum der Junge in Sektor sieben untergebracht ist, weg von den andern?“

„Hör mir gut zu, Frank. Wir erledigen hier einen Job. Du weißt genau, was das heißt. Wir arbeiten nach Anweisung. Dazu gehört auch das Einfangen von Entlaufenen. Denn sie sind nicht in der Lage, außerhalb von Birchwood zu existieren. Sagt Mr Cunnings. Und der weiß, wovon er spricht. Glaub mir.“

„Aber was ist mit dem Projekt?“

„Und wir werden nicht dafür bezahlt, Fragen zu stellen. Klar?!“

„Na ja, 817 wirkt so … so entrückt.“

„Deswegen ist er in Birchwood.“ 

 

Ich bin schon ganz nahe dran und kauere mich in die Böschung, damit mich niemand sieht. An einer Distel glitzert ein Silberstück. Ich strecke mich danach aus, greife zu. In meiner Hand liegt dein Amulett. Ein fünfzackiger Stern in einem Kreis – der Drudenfuß an einem Lederband. 

Du hast mir erzählt, das Amulett habe dir Gwydyon ap Llewelyn geschenkt, ein Hohepriester aus Wales. Und er besitze Zauberkraft. Im Steinkreis Bryn Cader Faner, der wie eine mächtige Krone auf dem Hügel thront, nahm er dich in seinen Coven auf. Du bist eine Wicca, ein weiser Mensch. 

Du hast gesagt, auch ich könne die Magie nutzen, weil ich reinen Herzens sei. Das versuche ich jetzt, um dich zu finden und zu retten. Und er soll mir den Weg zeigen. Wie ging das Ritual wieder? Ich muss den Drudenfuß reiben bis er warm ist und dazu den Wunsch leise vom Kopf zum Herzen führen, den Stern leicht anpusten und drehen lassen. 

Stille. Die Geräusche der Nacht lösen sich auf. Besonders das Bellen der Hunde. Der Stern pendelt aus, steht still und glänzt im schwachen Mondlicht.

„Schnell, Frank. Da vorne ist er. Hast du Kapuze und Jacke dabei.“

„Natürlich. Hier.“

„Okay. Du kommst von hinten. Ich lenke ihn ab. Dann mal los. He, Adan. Was machst du da am Teich? Du holst dir noch den Tod in den dünnen Klamotten. Ach, ich sehe, du meditierst. Störe dich wirklich nur ungern. Aber du weißt, Mr Cunnings sieht es nicht gerne, wenn du hier draußen allein umherläufst. Also, komm rein, Alter. Eve wartet auf dich. Jetzt, Frank!“

 

Die Welt um mich herum verändert sich. Ein magischer Schleier hüllt mich ein, entzieht meine Gestalt den Blicken der Verfolger.

 

„Ich funke Mr Cunnings an. Harris, hier. Wir haben ihn, Sir.“

„Endlich. Bringt ihn zurück. Wenn ihr das könnt.“

„Ja, Sir.“

 

Beinahe lautlos gleite ich hinein und schwimme im Meer aus Blüten, steige aus den Fluten und lege den Kopf in den Nacken. Hoch oben pulsieren die Farben des Regenbogens hinter Glas. Dort bist du gefangen. Ich klettere am Rosenspalier den schier endlosen Turm hoch, drücke den Drudenfuß gegen das schmutzige Fenster, das sogleich zerfließt. Du liegst reglos da, eingraben in eine Decke aus Eis. Ich muss dich wärmen. 

 

„Los, los! Macht schon! Auf die Pritsche mit ihm. Und rein da.“

„Sollen wir ihn anschließen, Sir?“

„Ja, verdammt. Warum spazieren die beiden immer wieder aus dem Haus und vergnügen sich auf der Insel?“

„Sir, wir haben die Sicherheitsmaßnahmen in Sektor sieben erhöht. Nach den Anweisungen von Doktor Thornton.“

„Anscheinend nicht hoch genug. Wo zum Teufel steckt Edgar eigentlich?“

„Doktor Thornton ist nach London gefahren, Sir. Ich dachte, Sie wüssten das.“

„Würde ich sonst fragen? Warum bin ich der Letzte in Birchwood, der das erfährt? Schon gut, ich bin ja nur der Leiter der Anstalt. Geben Sie ihm was.“

„Er ist schon ruhig, Sir.“

„Geben Sie ihm trotzdem was. Und rufen Sie Doktor Thornton an.“

 

Du magst den Klang der Musik. Ich sehe es. Du lächelst. Ich spiele weiter am Klavier. Die Melodie erzählt von der Liebe, die ich für dich empfinde. Diese Liebe ist wie ein Schmetterlingsflug auf einer Sommerbrise voller Blütenduft. Wir fliegen. Am Horizont mischt sich das Blaulila des Heidekrauts mit dem leuchtenden Gelb des Ginsters und dem satten Grün des Waldes. Leise, kaum wahrnehmbar hörst du die Schafe blöken. Ganz sanft rauschen die Wogen des Meeres und tragen die Lieder der Seefahrer. Ich liebe dich. Du bist mein Stern, der mich aus der Irre führt. Du bist der Sonnenschein in meinem Universum. In deinen Augen liegt das letzte Paradies, das meine Heimat ist.

 

„Alle Mann raus hier! Sofort!“

„Edgar, beruhige dich.“

„Ich soll mich beruhigen?!“

„Er ist wieder da. Beide sind wieder –“

„Du begreifst nicht, was auf dem Spiel steht, Bertram.“

„Dann erkläre es mir. Immerhin bin ich der Direktor.“

„Mach die Tür zu. Die Objekte sind ungeeignet.“

„Du hast sie aus ausgesucht.“

„Ich weiß, dass ich sie ausgesucht habe. Beide hatten die besten Voraussetzungen für das New Human Project. Zwei Kinder, die niemand vermisste und früh nach Birchwood kamen. Und, sie haben eine kognitive Behinderung mit einer herausragenden Fähigkeit. Sie denken in Bildern, in die sie sich hineinversetzen. Ich würde sagen, sie leben in diesen Bildern. Savants, Inselbegabte.“

„Ich weiß, was Savants sind.“

„Nun ja, die Konstellation machte sie für das Projekt zu den perfekten Objekten. Letztlich haben wir uns getäuscht.“

„Aber sie haben doch gut auf die Behandlung angesprochen.“

„Anfänglich ja. Wir haben sie immer wieder neuen visuellen Anreizen ausgesetzt, gekoppelt mit Botschaften. Doch gerade diese Konditionierung hat wohl andere Areale im Gehirn angesprochen. Sie sind aufeinander zu gegangen und haben Berührungen zugelassen. Das hätte nicht passieren dürfen.“

„Du hast mir versichert, sie würden keine Probleme machen und keinerlei Emotionen mehr entwickeln. Sie würden gefügige Menschen, Prototypen einer neuen Gesellschaft, die sich anhand von Implantaten steuern und kontrollieren lassen.“

„Wir haben die Implantate noch nicht eingesetzt.“

„Was?“

„Das Projekt liegt auf Eis. London hat die Gelder gestrichen.“

„Nach fünfzehn Jahren. Einfach so?“

„Einfach so.“

„Und, was geschieht nun mit den beiden?“

„Adan und Eve, die ersten neuen Menschen. Sie müssen weg.“

„Wie stellst du dir das vor?“

„Ganz einfach, Vertreibung aus dem Paradies.“

„Dafür reicht ein Apfel nicht.“

„Kommt auf den Apfel an. Wir haben in Sektor B eine, sagen wir, eine Art Müllverbrennungsanlage installiert.“

„Ihr habt was?“

„Eine reine Vorsichtsmaßnahme. Das Projekt gibt es offiziell nicht, weißt du doch.“

„Ich bin immer der Letzte, der etwas erfährt in Birchwood.“

„Nimm es nicht persönlich. Bringen wir sie runter.“

 

Du erwachst. Die Träume hängen noch an deinen Wimpern. Feine Fältchen spielen um deinen Mund. Ich küsse dich. Du schlägst die Augen auf und lächelst mich an, wie nur du mich anlächelst. Wunderschön. Ich reiche dir meine Hand. Du nimmst sie. Deine Finger streicheln über meine. Ich führe dich zum Boot. 

 

„Schalten Sie ein, Harris.“

„Ja, Doktor Thornton.“

„Na dann, gute Reise.“

 

Du legst deinen Kopf an meine Schulter. Wir steigen ein und fahren zur Lagune, zum letzten Paradies. Der Regenbogen spannt sich von dir zu mir. Du bewohnst mein Herz. 

Für immer.

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Autor

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Kapitel: 5
Sätze: 480
Wörter: 3.914
Zeichen: 22.047

Kurzbeschreibung

Zwei Kinder wachsen in einer Anstalt auf. Sie tragen Nummern. Sie leben getrennt von anderen Kindern. Sie sind Opfer eines geheimen Versuchsprojekts. Doch sie reissen aus, was aussichtslos ist.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Science Fiction auch in den Genres Drama und Mystery gelistet.