Storys > Kurzgeschichten > Science Fiction > Eine Episode aus dem Leben des Leutnant Erlenhoff

Eine Episode aus dem Leben des Leutnant Erlenhoff

8
6.11.2018 19:11
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Klack! Klack! Klack! Klack. Das Geräusch genagelter Sohlen auf Beton. Gleichmäßig. Hart. Autoritär. Es hallt durch die Gänge. Verlagert sich in einen der spärlich beleuchteten Wohnstollen. Verstummt.

Die Stahltür zu Stube C-1420 öffnet sich. Ein junger Mann in Uniform tritt ein. Er schließt die Tür hinter sich und bleibt regungslos stehen. Mit geschlossenen Augen genießt er die Stille. Für einen Moment. Dann gibt er sich einen Ruck. Schnallt ab, legt das Koppel mit der Pistolentasche auf den Leichtmetall-Schreibtisch, bevor er sich auf den Rand seiner Feldpritsche setzt.

Langsam nimmt er seine Schirmmütze ab. Betrachtet sie. Versinkt in Gedanken.

Es war nicht immer leicht für ihn. Seine Kindheit war von Entbehrungen geprägt, die das Leben unter dem Ewigen Eis mit sich brachten. An die NSLJ kann er sich vage erinnern. Beim RAD schuftete er bis über die Leistungsgrenzen hinaus in den Stollen und das Militär prügelte ihm Gehorsam ein. Seine Erfüllung fand er schließlich bei den Panzertauchern. Jenen Unerschrockenen an vorderster Front, die den Boden der Tiefsee nach Manganknollen absuchen, versunkene Schiffe und deren Ladungen aufspüren oder Bodenschätze lokalisieren. Harte, ehrliche Arbeit in unwirklichen Umgebungen, die Disziplin und absolutes Vertrauen in die Kameraden einfordert. An den regelmäßigen Reservistenübungen nahm er nicht teil, sondern besuchte wesentlich anspruchsvollere Lehrgänge des Ersatzheeres. Dieses Engagement erfreute die Wehrmacht und belohnte es. Im letzten Jahr erhielt er die Beförderung zum Oberfeldwebel der Reserve.

Der Gestellungsbefehl traf ihn unvorbereitet. Doch folgte er ohne Murren dem Ruf des Vaterlandes. Ein Versorgungs-U-Boot setzte ihn vor drei Tagen hier ab. Die Ernennung zum Leutnant der Reserve erfolgte auf dem Fuße. In Anerkennung bisher erbrachter Leistungen, hieß es.

Er legt die Schirmmütze zur Seite und holt sein Soldbuch hervor. Blättert darin. Wolfhard Erlenhoff. Leutnant der Reserve. Zugführer. Mechanisierte Infanterie.

Die Kommandierung kann er nachvollziehen. Mit Schreitern kennt er sich aus. Sie basieren auf der Technologie der Panzertaucher. Diese ist ihm bestens bekannt. Anfang der 1950er Jahre, noch als die Lebensgrundlage in den Höhlen unter dem Eis der Antarktis geschaffen wurde, begann die Entwicklung mechanischer Außenskelette. Bereits jene frühen Stützstrukturen befähigten den durchschnittlichen Arbeiter, ein Vielfaches seines Körpergewichtes zu heben und transportieren. Leistungsfähigere Versionen entstanden. Größere Exemplare. Für neue Einsatzgebiete. Voll gepanzert und luftdicht. In der Lage, dem gigantischen Druck in 6.000 Metern Tiefe standzuhalten. Militärische Abarten fanden Einzug in die Heeresbewaffnung. Seitdem bilden die bis zu drei Meter hohen und mit modularen Waffensystemen ausgerüsteten Schreiter die schwere Komponente der neu geschaffenen mechanisierten Infanterie.

Deren Einsatzdoktrinen erlernte er während der Lehrgänge. Ebenso die Führung kleiner taktischer Einheiten. Das Verhalten als Truppführer gegenüber Vorgesetzten und Untergebenen. In der Theorie besitzt er gutes Wissen.

Menschenführung. Mit der richtigen Interpretation und Umsetzung dieses Begriffes steht und fällt eine Einheit. Als Panzertaucher war Wolfhard zwingend auf eine funktionierende Gemeinschaft angewiesen. Aus diesem Grunde fühlt er sich nicht völlig unvorbereitet ins kalte Wasser geworfen. Doch hat er wirklich das Zeug, drei Unteroffiziere und zwölf Mannschaften durch militärische Konflikte zu führen?

Wolfhard zweifelt.

Er setzt sich an den Schreibtisch. Ein schlichtes, funktionales Ding aus Leichtmetall. Der Stuhl weist ähnliche Wesenszüge auf. Vermutlich soll er gar nicht bequem sein!

Vor ihm liegen die Stammrollen der Soldaten seines Zuges. 15 Akten. Fein säuberlich gegen den rechten Rand des Schreibtisches ausgerichtet. 15 Schicksale, die sich mit dem seinen vereinen. Ob er will oder nicht.

Er nimmt die oberste Akte. Schlägt sie auf. Liest.

Ulrich Viebert. Berufsunteroffizier. Oberfeldwebel. Führer des Zugtrupps. Der einzige Soldat mit Kampferfahrung.

Vor etwa zwei Jahren beendete ein weltumfassender elektromagnetischer Puls das Zeitalter der Hochtechnologie. Die öffentliche Ordnung sämtlicher hoch industrialisierter Staaten brach zusammen. Industriezweige, politische Systeme, ganze Nationen kollabierten und lösten sich auf. Bestehende militärische Konflikte wurden durch den allgemeinen Kampf um verbliebene Ressourcen abgelöst. Der technologische Vorsprung der Ersten Welt gegenüber dem Reich zerbrach. Eine neue Epoche brach an und Neuschwabenland war gewillt, eine führende Rolle in der Welt einzunehmen.

Auf Reichsgebiet liegende und von ihren Betreibern verlassene Forschungs- und Radarstationen wurden besetzt. Zurückgelassene Ausrüstung, Technologien und Informationen gesammelt, analysiert und ausgewertet. Während der groß angelegten amphibischen Landungsoperation gegen die Falkland-Inseln kämpfte die Wehrmacht zum ersten Male mit offenem Visier. Obgleich bereits kurz nach dem Ausfall der meisten elektronischen Geräte und dem Zusammenbruch der Versorgung der größte Teil der Zivilbevölkerung evakuiert wurde, blieb der Militärstützpunkt intakt. Die Kämpfe gegen die britische Marine-Infanterie waren kurz, hart und siegreich. Viebert nahm mit seiner damaligen Einheit an jenen Gefechten teil. Zeichnete sich durch umsichtiges Verhalten und hervorragende Kenntnisse der Schreitertechnologie im Einsatz aus. Ebenso zeigt er Einfühlungsvermögen und Geduld bei der Weitergabe seines reichen Erfahrungsschatzes an Untergebene., Wolfhard ist froh, Viebert in seinem Zug zu wissen.

Bei Ratmar Lotze, Reservist, Feldwebel der Reserve und Führer des ersten Gefechts-Halbzuges ist er sich weniger sicher. Lotze entstammt einer erzkonservativen Familie. Vater mit hohem Rang bei der SS, Mutter beim SS-Helferinnenkorps. Er selbst Student an der Hans-Kammler-Universität. Grundwehrdienst in der Waffen-SS wurde er nun zum Heer eingezogen. Irgend etwas muss vorgefallen sein. Jedoch schweigen sich die Akten aus.

Wolfhards Standpunkt zur SS ist zwiegespalten. Selbstverständlich ist diese alte Organisation fest im Machtgefüge des Reiches verankert. Vermutlich wäre der Traum des Neuanfangs ohne die Leistungen und Opfer der SS im Eise der Antarktis erfroren und vergessen. So unbestritten und anerkennenswert ihre Dienste auch waren und sind, bleiben sie bei ihren Zielen und Idealen altmodisch und rückständig. Die SS möchte Vergangenes wieder aufleben lassen. Verlorenes neu errichten. Sie verweigert sich konsequent neuen Ideen und Konzepten, bekämpft sie gar, wo immer sie die Möglichkeit hat.

Für Wolfhard ist Ratmar ein SS-Lümmel. Ein Emporkömmling. Jemand, der mit seinem Leben etwas vor hat. Emsig und ohne Rücksicht vorwärts strebt. Hoher Ehrgeiz! Wenig Einsicht. Hart seinen Untergebenen gegenüber, jedoch gerecht. Ein Talent, seine Leute selbst für risikoreiche Aufgaben zu begeistern, ist klar erkennbar. Ist dies für den Zug von Vorteil?

Raskild Ott, Reservistin und Feldwebel der Reserve führt den zweiten Gefechts-Halbzug. Eine fabelhafte und lebenslustige junge Frau mit tiefem technischen Verständnis. Wolfhard ist sich sicher, dass für sie der schönste Ort auf Erden nur hinter den Kontrollen eines Schreiters sein kann.

Dies kommt nicht von ungefähr. Raskild arbeitet für die Heimskringla-Werke. Prüft von den Fließbändern kommende Serien-Schreiter vor der Abnahme durch das Heer. Testet Modifikationen und Prototypen. Tüftelt selbst an technischen Verbesserungen. Ein von Ott gesteuerter Schreiter bewegt sich wie kein Zweiter. Sie verschmilzt mit ihm und erreicht das perfekte Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine.

Raskild ist herrlich spritzig und unkonventionell. Ihre Leute vergöttern sie. Sobald mit härteren Bandagen gekämpft wird, kann das problematisch werden. Wolfhard wird sie im Auge behalten, um rechtzeitig reagieren zu können. Bis dahin möchte er von ihrer Erfahrung und technischen Kompetenz profitieren und die Schlagkraft seines Zuges verbessern.

Nachdenklich legt Wolfhard seine Hände auf die Akten. All diese Veränderungen! Etwas Großes bahnt sich an. Das Reich wird sich verändern. Die ganze Welt. Er, Wolfgang Erlenhoff, ist Teil davon. Wie auch jene Männer und Frauen seine Zukunft formen werden.

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

Dhyanis Profilbild Dhyani

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Sätze:120
Wörter:1.242
Zeichen:8.249

Kurzbeschreibung

Die "zivilisierte" Welt ist nach einem Krieg und einem weltweit wirkenden Elektromagnetischen Puls untergegangen. Etwa zeitgleich erwacht am Ende der Welt eine neue Macht, an die niemand mehr glaubte.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Science Fiction auch im Genre Krieg gelistet.

Ähnliche Storys