Max und Sophie saßen auf einer morschen Bank im Stadtpark. Vor ihnen stand der trockene Brunnen, um den sich Unkraut und leere Flaschen sammelten. „Früher war hier was los“, sagte Sophie. „Sagen jedenfalls alle.“ Max stieß mit dem Schuh gegen einen losen Stein. „Ja. Und dieselben Leute erzählen seit Jahren, dass jemand etwas tun müsste.“ „Vielleicht haben sie recht.“ „Vielleicht warten sie nur darauf, dass es jemand anderes macht.“ Sophie lächelte. „Du bist heute wieder voller Menschenliebe.“ Ein paar Tage später hingen die ersten Plakate. Einladung zum offenen Treffen. Zwölf Leute kamen. Beim zweiten Treffen waren es acht. Beim dritten fünfzehn. Manche wollten Blumen pflanzen, manche einen Spielplatz, manche ein Nachbarschaftsfest. Andere redeten schon nach einer Viertelstunde über die Stadtverwaltung, über Bürgerbeteiligung und darüber, wer hier eigentlich über was bestimmt. Nach dem Treffen saßen Max und Sophie noch lange auf ihren Stühlen. „Interessant“, sagte Max. „Alle haben Meinungen. Aber die Arbeit machen am Ende dieselben vier oder fünf.“ Sophie schob die Kaffeetasse zur Seite. „Noch.“ „Was heißt noch?“ „Noch sind wir am Anfang.“ „Genau darum geht es doch. Am Anfang passiert immer alles durch wenige.“ Sophie sah ihn an. „Und deshalb sollen die wenigen auch entscheiden?“ „Wenn sie die einzigen sind, die etwas auf die Beine stellen, warum nicht?“ „Weil Einsatz und Weisheit nicht dasselbe sind.“ Max lachte kurz. „Das klingt wie aus einem Buch.“ „Kann sein. Macht es nicht falsch.“ Mit der Zeit wurde aus den Treffen etwas Größeres. Es kamen mehr Leute. Der Park wurde sauber gemacht. Beete entstanden. Im Sommer gab es Konzerte, im Herbst Diskussionen. Irgendwann sprach niemand mehr nur über den Park. Es ging um das Viertel, um die Stadt, um Schulen, Mieten und die Frage, warum vieles so blieb, wie es war. An einem Abend zog sich eine Versammlung bis kurz vor Mitternacht. Als sie endlich vorbei war, gingen Max und Sophie nebeneinander über den Kiesweg. „Vier Stunden Gerede“, sagte Max. „Und was wurde beschlossen?“ „Nicht viel.“ „Gar nichts.“ Sophie seufzte. „Vielleicht brauchen Menschen Zeit.“ „Nein. Irgendwann braucht es jemanden, der entscheidet.“ „Das sagen Leute erstaunlich oft über sich selbst.“ Max blieb stehen. „Und andere halten endlose Diskussionen für eine Tugend.“ „Nein“, sagte Sophie. „Ich halte es nur für gefährlich, wenn jemand glaubt, er müsse für alle denken.“ „Und ich halte es für gefährlich, wenn niemand denkt und alle nur abstimmen.“ Sie gingen weiter, ohne das Thema zu beenden. Im nächsten Jahr war der Park kaum wiederzuerkennen. Neue Bäume standen dort, wo früher Gestrüpp gewesen war. Familien kamen am Wochenende, Jugendliche spielten auf der Wiese Fußball, ältere Leute saßen auf den Bänken. Die Gruppe war inzwischen groß geworden. So groß, dass sie sich in Lager teilte. Einige wollten klare Führung, andere offene Abstimmungen. Manche scharten sich um Max, andere um Sophie. Eines Abends fand auf der großen Wiese eine Versammlung statt. Hunderte Menschen waren gekommen. Überall wurde geredet. Auf kleinen Bühnen, an Stehtischen, auf Decken im Gras. Max verschränkte die Arme und sah über die Menge. „Erinnerst du dich an die erste Bank?“ Sophie nickte. „Damals waren wir fast allein.“ „Und jetzt sind sie alle da.“ „Ja.“ „Also hatten wir recht.“ Sophie schwieg kurz. „Wer ist wir?“ Max sah sie an. „Du weißt genau, was ich meine.“ „Nein“, sagte sie. „Ich glaube nicht.“ Aus der Menge rief jemand seinen Namen. Ein paar Meter weiter wurde Sophie zu einer Gesprächsrunde gewunken. „Weißt du“, sagte Max, „manchmal denke ich, die meisten Menschen wollen gar nicht entscheiden. Sie wollen nur, dass jemand die Richtung vorgibt.“ Sophie blickte über die Wiese. „Und manchmal denke ich, die meisten Menschen wollen einfach nicht von den Falschen geführt werden.“ „Und wer sind die Falschen?“ „Genau das ist die Frage.“ Wieder rief jemand nach Max. Diesmal lauter. Er machte einen Schritt rückwärts. Sophie ebenfalls. Für einen Moment schien es, als würde einer von beiden noch etwas sagen. Dann drehte sich Max um und ging los. Sophie blieb stehen, bis er in der Menge verschwunden war. Erst dann ging auch sie. Der Park war voller Menschen. Einige suchten Führung. Andere Mitbestimmung. Die meisten wahrscheinlich irgendetwas dazwischen. Was daraus werden würde, wusste niemand. Vielleicht nicht einmal Max und Sophie. Nur eines war sicher: Mit dem verwilderten Park von damals hatte das alles längst nichts mehr zu tun.
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