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... daß jemand auf mich wartet.

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22.05.20 11:15
Fertiggestellt

Immer an diesem Bahnhof habe ich das Gefühl,dass jemand auf mich wartet.

Ich werde schon unruhig beim Einfahren des Zuges. Nicht etwa so, dass ich Herzklopfen bekomme aber ein kleines unwohnliches Gefühl mit einer Mischung sehnlichster Erwartungen, dieses typische Gefühl dass man weder als positiv noch als negativ einordnen kann.

Der Ablauf ist jedes mal derselbe:

Der Zug wird beim Annähern an den Bahnhof immer langsamer und die nun erkennbare Landschaft zieht an mir vorbei und hüllt mich in ihre Welt ein. Eine Welt in der ich der Fremdkörper bin. Die Welt dieser Stadt und die Welt, das Zuhause der Person, die am Bahnsteig auf mich wartet.

Das langsame Bremsen des Zuges wird spürbar, die Entschleunigung endet in einem apprupten Ruck, der mich gefühlstechnisch von meiner an mir vorbeigleisenden Zugwelt in die Realität befördert.

 

Jetzt habe ich Herzklopfen und ich bin aufgeregt. Es ist gut mit nur noch einem Hauch von Unbestimmtheit, dass man automatisch als negativ deutet weil alles, was man nicht einordnen kann, immer nicht gut ist, da man mit unbestimmten Dingen nicht umgehen kann.
Die Türe des Zuges öffnet sich und es ist nun für mich möglich physisch in diese Welt einzusteigen, Schritt für Schritt, ich muss nur einen Fuß vor den anderen setzten - einfach nicht wahr ?
Meine Schritte auf dem Bahnsteig fühlen sich ganz anders an, als diese im Zug. Viel bestimmter, bewusster, vielleicht auch unfreier, da man nur der eigenen Bewegung ausgesetzt ist und nicht der "Bewegungskombination" aus eigenen Schritten und dem fahrenden Zug. Diese Mischung fühlt sich, da man sie nicht so häufig erlebt, unecht und magisch an.
Klaren Schrittes gehe ich den Bahnsteig entlang, ich studiere die Gesichter der Personen, die mir begegnen. Nimmt jemand Blickkontakt zu mir auf ? Kommt mir jemand bekannt vor oder baut sich zu irgendeiner Person eine Spannung auf, sodass man davon ausgehen könnte es handle sich um die Person, die auf mich wartet.
Der Bahnsteig leert sich, ohne dass meine Erwartung erfüllt worden wäre. Ich schaue auf die große, schwarz umrandete, analoge Uhr 5 nach 8. Ich gebe vor auf dem Bahnsteig herumzuschlendern um kein allzu deutliches Warten zu signalisieren.
5 vor 8 vielleicht hat mich mein Gefühl getäuscht und da ist niemand der auf mich wartet.

 

Ein weiterer Zug, diesmal in entgegengesetzter Richtung, fährt in den Bahnhof ein. Da durch das Warten der Zauber der Reise, der, der unterschiedlichen Bewegungsarten, sowie die angebliche Welt des Wartenden verflogen ist, beschließe ich dem Wink des Zuges zu folgen und es ein anderes mal erneut zu versuchen


Das andere Mal:

Dieselbe Reise, meine Schritte innerhalb des Zuges, die Entschleunigung der Geschwindigkeit, der Ruck der mich von der wunderbaren Zugwelt in die Realität katapultiert. Die Türen, die mir eine neue Welt eröffnen. Meine Schritte auf dem Bahnsteig. Die große schwarze Uhr, wieder 5 nach 8, Niemand.

Das Laufen auf dem Bahnsteig hoch und runter, die Aufmerksamkeit übertriebener Weise auf irgendetwas gelenkt, dass niemand das sinnlose Warten erkennt.

5 vor 8 ich ziehe mich aus dieser Welt zurück und beschließe beim nächsten Besuch ein Teil von Ihr zu werden.

 

Der nächste Besuch:

Wieder meine Schritte im Zug, die Entschleunigung, der gnadelose Ruck und das zerreißen der Zugwelt, die Türen, die schwarze Uhr 5 nach 8, ich denke, dass ich auch ein bisschen die Initiative ergreifen muss und getraue mir, mich ein bisschen weiter von meiner letzten Warteposition zu entfernen und die Allee der Bahnsteige entlang zu schlendern. Durch eine höhere Anzahl an Begegnungen steigern sich meine Chancen der Person, dem Menschen zu begegnen, der auf mich wartet.

5 vor 8, niemals den Mut verlieren.

Zug, Schritte, Ruck, Realität, Türen, Bahnsteig, Uhr, 5 nach 8, entlang schlendern, viele Bahnsteige.

Vielleicht ist es schwieriger als gedacht und man begegnet sich nicht, sondern man muss suchen. Zögernd gestatte ich mir einen vorsichtigen Blick hinter eine Reklametafel, sehr darauf bedacht, nicht von jemand anderen wahrgenommen zu werden, der eben nicht die Person ist die auf mich wartet. Das Falsche könnte das Richtige erschrecken.
5 vor 8, mein Rückzug steht an wieder ein enttäuschendes Ergebnis.

Endlosschleife, Zug, Ruck, Realität, Türen, Uhr 5 nach 8, Bahnsteig eins, Bahnsteig zwei, Bahnsteig drei, Bahnsteig vier, entlanglaufen, nach der Reihe umschauen, hinter der Reklametafel, unter der Parkbank. 5 vor 8, meine Zeit ist abgelaufen.

5 nach 8, Panik ergreift mich,  Allee der Bahnsteige entlanglaufen 1,2,3,4, ..... ,  Reklametafel, Parkbank, ich werde ungeduldig, 50 Minuten, ich muss sie Nutzen, es gibt nicht unendlich viel Zeit und nicht unendlich viele Versuche.

Ich beeile mich, vor lauter Eile werfe ich aus Versehen den Mülleimer um, unter den ich unauffällig schauen wollte. Auch hinter der Absperrung lässt sich nichts finden, vielleicht habe ich auch die Wichtigkeit des Menschen da vorne falsch interpretiert, ich renne hin und betrachte Ihn noch einmal aus der Nähe.

Nein, es war richtig "Er ist falsch und gehört hier nicht hin",  schreie ich laut. Ich schaue mich nochmals um - alles starrt mich an - Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus, denn ich weiß nun, ich war nicht falsch ich habe gewusst dass Die auf mich warten .

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Autor

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Statistik

Sätze:29
Wörter:863
Zeichen:5.248

Kurzbeschreibung

Eine Reise zu einer unbekannten wartenden Person.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Ironie auch in den Genres Mystery, Nachdenkliches gelistet.